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manney Offline

PJler:


Beiträge: 718

08.10.2018 19:04
manney's OneShots Zitat · antworten

Disclaimer
Ich borge mir nur die Charaktere, sonst nichts. Idee, Entwurf und fertige Geschichte gehören mir.



Zehn Jahre danach!

Der Flur ihrer Wohnung war nur spärlich beleuchtet. An der Wand über der weiß gebeizten Kiefernkommode strahlte eine beleuchtete Magnet-Pinnwand mit allerhand Notizen, Erinnerungen an Termine und der neusten Postkarte ihrer Mutter.

Aber es war stetig der einmalige Duft des Potpourri, der ihn mit einem Gefühl von Heimkommen überrumpelte.
„Gretchen?“, rief er in die Wohnung hinein, schloss hinter sich die Tür und zog sich gehorsam die Schuhe aus. Die neusanierte Altbauwohnung mit den hohen Decken, bodenlangen Fenstern und der schicken Dachterrasse war zwar durchgehend gefliest, die Blonde Ärztin beharrte allerdings trotzdem darauf, dass jeder, der ihr Domizil betrat, die Schuhe am Eingang auszuziehen hatte.
Jeder, sogar Marc Meier, seines Zeichens Freund der Eigentümerin dieser Wohnung.
Routiniert legte er den Schlüssel auf der Kommode neben ihren Abreißkalender ab, hängte seinen dicken Wintermantel an die Garderobe und marschierte ins geräumige Wohnzimmer, das wiederum bis in die letzte Ecke durch Lampen ausgeleuchtet wurde und die späte Dunkelheit von Draußen relativierte.
Gretchen saß - wie immer - am Esstisch, tief in Gedanken versunken vor ihrem Laptop, Kopfhörer in den Ohren und hackte mit einer Leichtigkeit Worte in das Gerät ohne sich von ihrer Umgebung ablenken zu lassen.
Der dunkelbraune Tisch war, ebenfalls wie immer, vollbepackt mit Büchern, Magazinen, Akten, Heftern und losen Zetteln. Unmittelbar daneben ragten zwei große Thermoskannen hervor, die sicher keinen Kaffee mehr beinhalteten und dem Essteller, der gefährlich auf einem der Bücherstapel balancierte, nach zu urteilen, war Gretchen seit dem Mittagessen nicht mehr aufgestanden.
Marc seufzte.
Obwohl er schon mindestens dreißig Sekunden im Türrahmen des Wohnzimmers gestanden und sie in ihrem Arbeitseifer beobachtet hatte, schaute sie nicht einmal vom Bildschirm auf.
Die einzige Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, gab es von ihrem Kater, der, nachdem er einen Katzenbuckel gemacht hatte, vom Sofa sprang und Marc um die Beine schlich.
Füttere mich, oder ich beiß dir liebevoll in den Zeh, hieß das.
Blödes Vieh.
Wenn er nun ein Einbrecher gewesen wäre, hätte dieser blöde, affige Kater sein Frauchen nicht mal verteidigt! Stattdessen schnurrte er, mauzte und schlug den Weg gen Flur in die Küche ein.
Es war der Moment in dem seine Freundin endlich bemerkt hatte, dass jemand die Wohnung betreten hatte. Sie entledigte sich der weißen Ohrstöpsel: „Huch. Hallo, Schatz!“, strahlte sie ihn an.
Das war alles.
Kein erschrecktes Zusammenfahren, dass er seit geraumer Zeit unbemerkt in ihrer Wohnung war oder ein Erschauern, dass sie schon wieder ganz tief in ihre Habilitationsschrift eingetaucht war.
Nur ein freundliches Lächeln, ihr liebster Kosename und ein Augenaufschlag ihrer dunkel gerahmten Wimpern, der durch die Gläser ihrer großen Lesebrille nur noch verführerischer wirkte.
Marc schluckte schwer.
Warum war er doch gleich hier her gekommen?
Warum war er wutentbrannt aus seiner eigenen Wohnung gestürmt und zu ihr gefahren, obwohl er genau wusste, dass sie an einem weiteren Aufsatz fürs Ärzteblatt saß?
Warum hatte sie diese schrecklich-schöne Angewohnheit, mit einem simplen Lächeln all seinen aufgestauten Ärger verpuffen zu lassen?
Er stieß sich vom Rahmen ab, ging auf sie zu und gab ihr einen kurzen Begrüßungsschmatzer auf die Lippen. Sein Körper verlangte eigentlich nach einem intensiveren Kuss, aber die ungünstige Haltung, er weit nach vorn gebeugt und sie den Kopf in den Nacken geschlagen, verhinderten Marcs bestreben ihr die Brille vom Gesicht zu reißen und ihren Mund wund zu küssen.
„Na…“, machte er, traute seiner Stimme nicht mehr zu, ohne sich zu räuspern.
„Schön, dass du da bist…“, Gretchen lehnte ihre Stirn an seinen harten Bauch, als er sich wieder gerade hingestellt hatte, auf ihren Bildschirm guckend.
Marc legte seine linke Hand auf ihren Scheitel, streichelte zärtlich über die goldene Flut an lockigen Haaren, die sie mit einer Spange am Hinterkopf hochgesteckt hatte.
Er liebte sie.
Aber Szenen, wie diese, in der sie alles um sich herum vergas, waren in den letzten zwei Jahren immer häufiger geworden.
„Nicht nur schön, dass ich da bin, sondern auch schön, dass ich‘s nur bin, Hasenzahn. Stell dir mal vor, ich wäre ein Einbrecher gewesen. Du hast mich minutenlang nicht bemerkt, obwohl ich laut nach dir gerufen hatte!“
„Was?“, irritiert blickte sie zu ihm hoch.
„Du solltest dir eine Alarmanlage zulegen. Oder einen Hund-“
Gretchen verrollte die Augen, als er sich von ihr wegdrehte, das Geschirr einsammelte und in die Küche ging.
„Monchichi bleibt! Egal wie oft du mir von den Vorzügen sabbernder, bei schlechtem Wetter stinkender, bärenartiger Hunde vorschwärmst, Marc“, rief sie ihm hinterher.
„Der blöde Kater ist mir nur um die Beine geschwänzelt und hat geschnurrt, bevor du mich überhaupt bemerkt hast, Gretchen!“, sie hörte das Poltern des Porzellans in der Spüle
Oh-oh.
Das war also die Einleitung für eines dieser Gespräche.
Es ging weder um ihre Sicherheit in ihren eigenen vier Wänden noch um Marcs konstante Ablehnung ihres Katers gegenüber sondern um ihre… Habilitation.
Gretchen stöhnte gequält.
Genauer gesagt ging es um das Zeit-Management in ihrer Beziehung, das durch ihren ambitionierten Weg zur Professur eindeutig in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Um der Situation den Ernst zu nehmen versuchte sie es also mit einer schlagfertigen Anspielung:
„Wenn du willst, dass ich dir beim nächsten Mal, wenn du kommst, auch um die Beine schwänzele und schnurre, musst du vorher anrufen!“
Marc kam genauso gefrustet aus der Küche zurück, ohne Gretchens schelmische Bemerkung mit seinem hübschen Grübchenlachen zu würdigen.
„Wenn ich angerufen hätte, hättest du mich unter Garantie abgewimmelt, Hasenzahn!“, er ließ sich erschöpft vor Wut auf Gretchen bequemes Sofa plumpsen. Dass das gute Stück eigentlich aus kaltem, grauweißen Glattleder gefertigt war, konnte man unter dem Haufen an bunten Kissen, weichen Decken und kleinen Kuscheltieren, die als Katzenspielzeug dienten, nur vage erkennen.
Missmutig gestand sie sich ein, dass er sogar Recht hatte.
In einer perfekten Welt wäre es natürlich möglich gewesen, Privatleben und Karriere unter einem Hut so gut zu verknüpfen, dass ihre Beziehung zu Marc in jeder Hinsicht erfüllt gewesen wäre und ihre Schriftsätze wie durch Zauberhand von allein geschrieben worden wären.
Dem war aber nicht so.
Nach ihrer erfolgreich abgeschlossenen Facharztausbildung vor fünf Jahren war ihr ziemlich schnell klar geworden, dass sie, trotzdem sie immer davon geträumt hatte Chirurgin zu werden (und letztlich auch zu sein), für das eintönige Operationsleben nicht gemacht war. Während Marc den lieben langen Tag nichts anderes machen wollte als Menschen aufzuschneiden, versuchte Gretchen sich (nachdem Dr. Rössel den leitenden Oberarztposten an Marc abgetreten hatte) als Oberärztin der Unfallchirurgie zu etablieren.
Es misslang ihr kläglich – und nicht, weil sie nicht gut genug war, sondern weil sie nach einem Jahr merkte, dass ihr das Ausbilden einiger Pjler und ihrer Assistenzärzte mehr zusagte, als die eigentlichen Operationen.
Sie wollte Forschen – und nicht wie die meisten ihrer geschätzten Freunde und Kollegen der Vita wegen – um die medizinische Wissenschaft und den Ehrgeiz junger, aufstrebender Medizinstudenten voranzutreiben.
Ihr Marc, ihr Freund seit nunmehr sechs Jahren, hatte sie tatkräftig unterstützt, damit sie auf eine Professur hinarbeiten konnte: Weniger Stunden im Krankenhaus, öfter an der Uni Lesungen sowie auf Kongressen und Symposien Reden halten, Forschen, Publizieren und natürlich die Qualitätspromotion ablegen. Dieser Mann an ihrer Seite hatte damals erkannt, wie wichtig ihr das Lehren war und benahm sich dafür jetzt wie ein kleines, bockiges Kind, weil ihr Privatleben, ihr gemeinsames Privatleben, nur noch in Momentaufnahmen stattfand.
Gretchen seufzte, setzte die Brille ab und fuhr mit Zeigefinger und Daumen ihrer linken Hand über ihr Stirnbein den Augenbrauen nach.
Es war nicht fair ihn mit einem bockigen Kind zu vergleichen, schallt sie sich in Gedanken selbst.
Marc war in den letzten zwei Jahren ein Musterbeispiel an Verständnis gewesen, hatte jeden noch so unhöflichen Seitenhieb, den man ihr entgegen gebracht hatte, mit wenigen, dafür nachdrücklichen, Worten ausgehebelt und hatte im Gegenzug nichts verlangt – und, wie Gretchen unrühmlich feststellte, auch nichts bekommen.
Abrupt stand sie auf, stellte sich hinter die Couch und umarmte Marc umständlich von hinten: „Bald bin ich fertig. Dann hab ich… dann haben wir wieder mehr Zeit füreinander!“
Marc schnaubte verächtlich: „Ich kann nicht glauben, dass ich mit deinem Laptop konkurriere, Hasenzahn!“
Die Blonde kicherte, schnupperte dabei bewusst seinen ganz besonderen Marc-Duft ein, gemischt mit seinem momentan bevorzugten Rasierwasser.
„Du konkurrierst doch nicht mit meinem Laptop, Marc!… Obwohl-“, flüsterte sie mädchenhaft:
„Das Gerät hat schon eine Menge Vorzüge, wenn ich so darüber nachdenke!“
„Bitte“, spie er entsetzt, löste sich aus der Umarmung, sprang auf und drehte sich zu ihr um.
Ihre Augen sprühten vor Vergnügen, als sie laienhaft darum bemüht war ihre Mundwinkel nicht zu einem breiten Grinsen zu verziehen.
„Ja, wirklich. Der Laptop kann Internet, und Kalkulationen machen, er erinnert mich an meinen Kontostand und alle wichtigen Termine!“
„Hmpf. Ich denke nicht, dass dein ach so feiner Laptop dich nachts wärmt!“, er musste selbst über diese blöde Unterhaltung lachen.
Wütend war er hier angekommen und war nur noch wütender geworden, weil er Gretchen nicht direkt davon erzählen konnte, warum er wütend war, sondern sie wieder an ihrem Laptop gesessen hatte und um sich herum nichts mitzukriegen schien. Und dennoch schaffte sie es mit ihrem freundlichen Wesen seine Frustration komplett verschwinden zu lassen; wenn sie ihn anschaute, als ob er der wertvollste Mensch auf Erden war, und er ihre volle Aufmerksamkeit genoss, waren große zu lösende Probleme oder Streitgespräche nur noch nebensächlich klein.
„Oh, ich weiß ja nicht. Wenn ich zum Beispiel Bruce Vertue im Internet auf meinem Laptop suche, wird mir ganz schön warm!“
Marc starrte Gretchen fassungslos an.
Da stand dieses blonde Luder mit hochroten Wangen vor ihm, in einem weißen Wollpullover, braunem Nadelstreifen-Blazer und dazu passendem Minirock, in bestrumpften Beinen und wartete darauf, dass er eine weitere verbale Attacke startete. Ein Kontra auf einen Pornodarsteller bringen, wenn er selbst zu einem wurde, wenn er nur daran dachte ihr diese biedere Klamotte vom Körper zu reißen.
In Windeseile griff er über das Sofa hinweg nach Gretchen, zog sie über die Rückenlehne aufs Sofa um sie endlich so zu küssen, wie er es schon die ganze Zeit gewollt hatte. Ausdauernd, unzüchtig und mit vollem Körpereinsatz.

Ihr Rumknutschen hatte länger gedauert als eingangs von ihm beabsichtigt, hatte dafür aber auch leider nicht zu hemmungslosem Sex auf der Couch geführt, denn Gretchen war nach einer Weile zu immer zärtlicheren Gesten übergegangen, hatte gefragt wie sein Tag war, küsste ihn unentwegt im Gesicht und schob seine wandernden Hände rigoros von ihrem Po höher an ihre Taille.
„Du versaust die Stimmung Hasenzahn“, grollte er und erinnerte sich an das Schreiben, weswegen er überhaupt erst so grantig war.
„Es tut mir wirklich leid, dass wir momentan so selten Zeit für einander finden. Aber wenn ich schon den Abend heute Sausen und Arbeit Arbeit sein lasse, dann will ich mich wenigstens mit dir unterhalten bevor du mich wie ein Kaninchen durchrammelst.“
Seine liebenswerten Grübchen blitzen auf: „Das Häschen will also gerammelt werden?“
Die Blonde verzog das Gesicht zu einer tadelnden Grimasse: „Natürlich hast du nur diesen Teil meines Satzes verstanden. Komm schon, Marc“, sie seufzte setzte sich rittlings auf seinen Bauch und wartete, dass er erzählte, warum er überhaupt vorbeigekommen war, obwohl sie ihm heute Mittag noch gesagt hatte, dass sie am Abend keine Zeit haben würde.
„Arbeit war gut, neue Schwesternschülerin hat hübsche Beine aber leider Kopf wie ein Sieb, Mehdi hat heute Drillinge ohne Kaiserschnitt auf die Welt gebracht und die OP‘s waren aufwendig“, der braunhaarige Oberarzt schluckte schwer, als Gretchen ihn mit ihrem alles durchdringenden Blick anschaute.
„Und dein Tag?“, fragte er.
Gretchen hätte Marc natürlich auch von ihrem Tag erzählen können: Vom ständig bellenden Nachbarhund, von dem Streit mit der Besitzerin vorgenannten Hundes und von ihren Zweifeln, ob ihre gesamte Habilitation nicht absolut lächerlich war. Allerdings kannte sie ihren Freund zu gut um nicht zu bemerken, dass sein Seitenblick, Schlucken und Gegenfrage ein Ablenkungsmanöver seinerseits war.
„Was ist los, Marc?“, fragte sie also noch einmal und erntete abrupt ein bekümmerndes Seufzen:
„Mein Vermieter hat mir gekündigt!“
„Was“, krächzte Gretchen wenig damenhaft.
„Das heißt „bitte“ oder „wie bitte“, Hasenzahn und nicht „waaas“!“, polterte er.
Sex mit Gretchen wäre ein viel angenehmerer Zeitvertreib gewesen, als diese Diskussion!
„Die schmeißen dich tatsächlich aus deiner Wohnung? Geht das überhaupt noch, du wohnst dort doch… mindestens zehn Jahre“, sie rekapitulierte diese äußerst vage Zahl nur deshalb, weil Marc die Wohnung bereits vor ihrer Rückkehr nach Berlin bezogen hatte.
„Vierzehn Jahre und neun Monate“, seufzte er kläglich, setzt sich ebenfalls auf, schubste Gretchen sanft von seinem Schoß und stand dann abrupt auf.
„Und komm mir jetzt nicht mit „ich hab dir ja gesagt, dass in eine Immobilie investieren sinniger ist, als Miete zahlen“, Hasenzahn“, unwirsch fuhr er sich durch seine Haare.

In diesem Moment hatte Marc etwas von einem Raubtier, das auf- und abging, verwundet und nicht wusste, was es machen sollte. Seine letzten barschen Worte waren keineswegs böse gemeint, das wusste Gretchen.
„Geht das überhaupt so einfach? Es gibt doch sicherlich Mietschutz-Gesetze, die-“
„Der Vollpfosten hat Eigennutzung beantragt, Hasenzahn. Pah, dass ich nicht lache. Eigennutzung für wen denn? Seine siebzehnjährige Tochter etwa? Oder eine seiner zwei Affären? Gar als Abfindung seiner Ex-Ehefrau?“, er stapfte zurück in den Flur um den blöden Schrieb seines Vermieters aus seiner Jackentasche zu holen und ihn Gretchen demonstrativ zu zeigen.
„Das ist meine Wohnung, Herrgott nochmal!“
Das war Marcs erste eigene Wohnung, die er nach seiner wilden WG-Zeit bezogen hatte, auch dies wusste Gretchen natürlich. Und sie wusste, dass, obwohl Marc an wenigen Materiellen Dingen wirklich hing, sein Unmut über die Kündigung besonders ausgeprägt war, weil er nun seinen damals gut durchdachten Entschluss, nicht gemeinsam mit Gretchen eine Wohnung oder Haus zu finanzieren, in einem anderen Licht betrachtete.
„Und am meisten ärgert es mich, dass du mal wieder recht hattest“, schnaubte er verächtlich.
Sie waren gemeinsam durch Höhen und schlimme Krisen in ihrer Beziehung gegangen und obwohl Marc sich gegen ein gemeinsames zusammenwohnen entschieden hatte, war ihre Beziehung dadurch nicht weniger eng geworden, dachte er. Das Tuscheln von Kollegen oder Gretchens sogenannten Freunden, die hinterrücks über ihre unkonventionelle Lebenssituation schlecht redeten, waren Marc egal gewesen.
Gretchen hatte anfangs unter den überheblichen oder bemitleidenswerten Kommentaren gelitten, nicht aber, dass Marc noch nicht, oder nicht mehr, bereit war mit ihr eine konventionellere Beziehung einzugehen.
Er konnte sie nie verstehen: andere Frauen hätten sich von ihm abgewandt – ihm zum Teufel gejagt. Aber ausgerechnet die einstige Klette Gretchen Haase hatte seinen Wunsch nach Raum und Zeit, die er brauchte, respektiert. Wofür er ihr einerseits dankbar war und sich andererseits unendlich schuldig fühlte, nicht so emotional stützend gewesen zu sein, wie es Mehdi zustande gebracht hatte.
Seine blonde Freundin klopfte neben sich auf den freien Sitzplatz und bat ihn stumm sich wieder neben sie zu setzen.
Mit einem erschöpften Seufzen ließ er sich erneut mit verschränkten Armen vor der Brust auf die Couch nieder.
„D-… du musst dich nicht genötigt fühlen bei mir einzuziehen! Wir sind glücklich. So wie es jetzt ist, ist es gut“, sie biss sich auf die Lippe. Es war so lange her gewesen, dass sie über ihre Wohnsituation geredet hatten und Gretchen wäre nie auf die Idee gekommen, Marc jemals zu überreden, seine Meinung zu ändern.
Hätte sie ein spießiges Haus, Garten und Garage in Wannensee mit Marc und Monchichi geliebt? Absolut!
Aber wie lange wäre das wohl gut gegangen, wenn Marc sich eingeengt und irgendwann unglücklich gefühlt hätte?
Unterschiedliche Wohnungen waren für ein Paar, dass schon so lange zusammen war, wie sie beide, keineswegs „normal“ oder zukunftsweisend. Aber Gretchen war zufrieden, weil es den Menschen glücklich machte, den sie am meisten auf der Welt liebte, auch wenn er ein arrogantes Arschloch sein konnte.
Marc stöhnte erneut, sagte aber noch nichts.
Er hasste es, dass sie so verständnisvoll war und hätte sich entweder lieber mit ihr über Unwesentliches gestritten oder Sex gehabt. Aber ihr aufmunterndes Lächeln und liebevolles Streicheln seines Nackens machten ihn nur noch mehr wütend – wozu er rational betrachtet überhaupt keinen Grund hatte. Aber es überdeckte die Tatsache, dass er auf sich selbst am aller meisten wütend war.
„Ich fühle mich auch nicht genötigt bei dir einziehen zu müssen, Hasenzahn! Ich verdiene gutes Geld und kann mir jede Wohnung in Berlin mieten oder kaufen, die ich möchte“, sagte er also unüberlegt barsch und bereute seine Worte augenblicklich, als Gretchen ihre Hand von seinem Nacken wegzog, als ob sie ihn gerade geschlagen hätte.
Völliger Quatsch.
Er war doch gerade das Schwein, weil ihn seine Unfähigkeit, seine Gefühle in Worte zu fassen, - wie immer - übermannte.
Ich möchte mir die Gelegenheit kein zweites Mal entgehen lassen mit dir und deinem blöden Kater zusammenzuziehen, sollte es eigentlich heißen. Nur wie konnte er ihr das erklären, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass es so, wie es jetzt war, gut war?
Wie konnte er ihr vermitteln, dass er sie zusehends vermisste, wenn er morgens nicht neben ihr aufwachte und abends nicht in ihre gemütliche Wohnung zurückkehrte, wenn es für sie jetzt gut war?
„Es… tut mir leid“, murmelte sie. Er hatte ja keine Ahnung, wie leid ihr so, so viele Dinge taten.

Er wollte schreien, sie schütteln mit ihr Streiten, bis sie verstand, dass ihr nichts, aber rein gar nichts leid zu tun hatte, konnte sich aber selbst nicht dazu aufraffen. Denn es hätte bedeutet, dass er sich selbst eingestehen hätte müssen, dass er Gretchen, dass er ihre wunderschöne Beziehung zueinander, schon vor langer, langer Zeit durch seine emotionale Distanz allein gelassen hatte.
Dass er in der schlimmsten Stunde, die sie beide zu bewältigen hatten, nicht für sie da war, weil ihn seine eigene Seele so quälte.
„Ich muss hier raus“, brummte er, fuhr sich durch seine Haare und verschwand dann aus der Wohnung.
Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, erhob sich Gretchen schwerfällig vom Sofa. Sie ging im Flur an der Kommode vorbei, auf der immer noch Marcs Wohnungsschlüssel lag, in die Küche, wusch ihr Geschirr ab, kraulte ihren Kater gedankenverloren hinterm Ohr und stellte beim Rückweg ins Wohnzimmer fest, dass sie ihren Abreißkalender seit Tagen nicht mehr aktualisiert hatte.
Anfang des Jahres hatte Gretchen in großen Buchstaben „Zehn Jahre zurück in Berlin“ auf die Seite dieses 22. Februartages geschrieben.
Zehn Jahre, seit sie Marc nach der Schulzeit wiedergetroffen hatte.
Zehn Jahre voller Hoffnung, Träume, Schmerz und Liebe.
Zehn Jahre und ausgerechnet heute hatten sie es nicht geschafft die Erinnerung an eine verpasste Zukunft zu unterdrücken.


a/n:

2999 Worte

okay, also das wäre mein Challenge Beitrag fürs DD-Fanforum gewesen, der sich auf max. 3000 Worte beschränkt hat (erst im Nachhinein wurde die Wortzahl auf 4000 heraufgesetzt).
Die erste „Version“ dieser Geschichte war rund neunhundert Worte länger und es wurde nicht nur angedeutet, welche Probleme Marc und Gretchen und ihre Beziehung zueinander belastet, sondern ich habe sie explizit aufgeschrieben. Das war nicht einfach, weil ich so etwas noch nie geschrieben habe, aber da ich mich von Mai bis Juli (und in der Zeit ist diese Story hier entstanden) in einer sehr depressiven Phase befunden habe, war meine Idee Gretchen und Marc nicht mit einem Happy End davonkommen zu lassen, stärker als der Wunsch etwas lustiges, glückliches zu schreiben.
Ich werde hier auch nicht mehr aufschreiben, um was es genau ging. vielleicht wissen aufmerksame Leserinnen ja auch so, was ich versucht habe zu umschreiben.
Was ich eigentlich hiermit bezwecken wollte, war zu zeigen, dass egal wie gut und toll eine Beziehung läuft und man sogar eine gesunde Streitkultur mit seinem Partner pflegt etwas grundlegendes kaputt ist, wenn man sich nicht über die wirklich wichtigen Dinge, das seelische Innenleben, unterhält oder streitet.
Ob so eine Szene jemals in DD stattgefunden hätte, wage ich zu bezweifeln. Schon klar.
Aber wenn ich schon mal die Möglichkeit hatte ein was wäre „zehn Jahre später“ zu schreiben, dann auch etwas einmaliges, womit nicht gleich jeder gerechnet hätte.

lg
manney


PS: vielen, vielen Dank für zehn Jahre Doctor‘s Diary. Ich hab hier im rosaroten Forum ganz tolle Menschen kennengelernt, die, obwohl man mit vielen kaum oder keinen Kontakt mehr hat, einen bleibenden Eindruck in meinem Leben hinterlassen haben. Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Greta, Andie91, MarcieMarc, und Lilia ohne euch, wäre dieses Fandom nur halb so schön.

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