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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Sassi Offline

Alter Ha(a)ser:


Beiträge: 1.128

23.06.2018 17:17
Sassis OneShot zum 10jährigen Zitat · Antworten

Hallo!

Ich weiss gar nicht mehr, ob ich's noch kann (oder ob mich noch jemand kennt), aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen, zum 10jährigen DD-Jubiläum ein bisschen Marc und Gretchen zu feiern (auch wenn die Geschichte absolut nix mit irgendeiner Art von Jubiläum zu tun hat..). Es sind heute nämlich genau 10 Jahre, seit Marc und Gretchen (und Mehdi und alle anderen) das erste Mal bei RTL ausgestrahlt wurden. Ich bin zwar schon ne zeitlang nur noch sporadisch mal hier um rein zu gucken, aber ich hab so viele tolle Erinnerungen an die Zeit im DD-fandom.

Ich hoff, der threadtitel ist okay, wenn nicht, einfach Bescheid sagen, dann änder ich das gerne.

Spielt so in S2, ist aber AU: Nachdem Franklexis Gretchen bei ihrem Hausbesuch abserviert, ergibt sich da weiter nichts. Und Mehdi und Anna sind noch zusammen.


Wenn mir jemand dazu einen Kommentar hinterlassen möchte... hier geht's lang

In diesem Sinne, (hoffentlich) viel Spaß beim Lesen!



Marc saß im Schwesternzimmer und blätterte in einer Autozeitschrift. Die erste OP des Tages schon hinter sich gebracht, schlug er nun ein paar Minuten Zeit tot, bevor der nächste Eingriff anstand. Das ganze Vorgeplänkel sparte er sich nämlich gerne; ihm war es am liebsten, wenn die Patienten schon im Land der Narkose urlaubten, wenn er den OP betrat. Ausserdem hatte er vorhin mit Knechtelsdorfer als Assi und Sabine als Schwester auf ziemlich leeren Magen den Operationstag eröffnet, und nach so einer Tortur für sein Gehirn und seine Ohren hatte er sich eine kleine Pause zur Entspannung verdient. Die Füße auf dem nächstbesten Stuhl hochgelegt versuchte er, alles um sich herum auszublenden. Wenn es Zeit war für den nächsten Geniestreich mit dem Skalpell würde man ihn schon anpiepen. Bis dahin schaute er sich erstmal die neuesten Sportwagen an; der Volvo wurde ja auch nicht jünger.

"Entschuldigung?", erklang eine männliche Stimme aus der Richtung der Anmeldung.

Marc fühlte sich sowas von überhaupt nicht angesprochen und schaute deswegen auch nicht von seinem Magazin hoch. Irgendeine Schwester lief bestimmt auf dem Gang rum oder war auf dem Weg. Klang jedenfalls nicht nach einem Notfall.

"Hallo? Können Sie mir helfen? Ich suche eine Frau Margarete Haase. Oder wahrscheinlich eher Gretchen Haase? Sie ist Ärztin hier?"

Reflexartig schoss Marcs Kopf jetzt doch nach oben und rechts. Leicht über den Tresen gebeugt, schaute ein, ihm unbekannter, geschätzt Mitt-bis Enddreissiger erwartungsvoll in seine Richtung. Braune Haare, schlecht rasiert, Typ Buchhalter. Hmm. Was hatte Hasenzahn jetzt wieder ausgefressen?

"Die is' grade nicht da", was, auch wenn's wahr war, genau dieselbe Antwort war, die er gegeben hätte, säße sie neben ihm.

"Und wann kommt sie wieder?"

"Keine Ahnung, das kann bei der länger dauern", zuckte er mit den Schultern.

"Schade...ich hab jetzt nicht die Zeit, lange zu warten...hmm..Würden Sie ihr bitte ausrichten, sie möge mich anrufen? Ich bin beruflich in Berlin und würde sie gerne zum Essen einladen und bin unter der Nummer hier zu erreichen."

Der Typ schnappte sich eine der Visitenkarten eines Taxiunternehmens, die zum Mitnehmen auf der Anmeldung standen, drehte sie um und kritzelte eine Zahlenfolge darauf.

"Und Sie sind...?"

"Oh. Verzeihung, das hab' ich jetzt ganz vergessen. Winkelmann. Doktor Peter Winkelmann."

Marc betrachtete den Mann vor ihm nochmal genau. Nein. Er hatte den Typen wirklich noch nie gesehen. Dennoch klingelte irgendwas bei ihm, nachdem er sich vorgestellt hatte. Er kam nur nicht dahinter, was. Bevor er nachfragen konnte, beziehungsweise sich überlegen, ob er das überhaupt wollte, nahm ihm sein Piepser die Entscheidung ab.

"Ich laß' Sie dann auch weiterarbeiten; geht hier ja zu wie im Taubenschlag."

Doktor Winkelmann lachte kurz auf.

"Da lob ich mir meine Praxis, da ist es nicht ganz so hektisch. Einen schönen und erfolgreichen Tag wünsche ich noch, Herr Kollege."
Er klopfte zweimal mit der flachen Hand auf die Karte auf dem Anmeldetresen und wandte sich zum Gehen.

"Vergessen Sie nicht, es ihr auszurichten."

Marc ersparte sich einen Kommentar, zumal Winkelmann sich auch schon auf den Weg den Gang runter gemacht hatte. Er stand nun doch auf, schnappte sich das Telefon und rief die Nummer, die ihn angepiepst hatte, zurück.

"Meier; was liegt an?"

"Ist er weg?", kam Gretchens Stimme in einem dezent gebrüllten Flüstern aus dem Hörer.

"Hasenzahn?" fragte er verwundert nach.

"Ist er weg?" wiederholte sie nochmal mit Nachdruck.

"Wie? Du weißt, dass hier einer steht und mit dir reden will? Und wieso kommst du dann nicht her? Ist das ein Geldeintreiber oder was? Du, ich bin nicht deine Sekretärin!"

"Psst! Verrat ihm doch nicht, dass ich hier am Apparat bin!" zischte Gretchen zurück. Marc verdrehte die Augen.

"Ganz locker, ich bin nicht bescheuert. Der Typ ist wieder weg."

"Gut!" seufzte sie erleichtert auf. "Ich mach mich dann auf den Weg zum OP, bis gleich."

Bevor er noch was sagen konnte, machte es schon klick in der Leitung.

*

Bei der OP herrschte von Gretchens Seite aus, für sie wahrlich untypisches, Schweigen. Da sie demnach wohl keine Anstalten machen würde, über den Besucher zu reden, er aber trotzdem irgendwie neugierig war, machte es sich Marc schließlich zur Aufgabe, mal ganz dezent das Thema anzuschneiden.

"Und? Sagst du mir noch irgendwann, was das für ein Mann war?"

Oder eben was für Marc Meier dezent bedeutete..

Gretchen antwortete für einen langen Augenblick nicht, bevor sie doch schließlich leise murmelte.

"Das war Peter."

"Ja ich weiß, Winkelmann. Seinen Namen hat er schon gesagt, aber ich krieg ihn nicht eingeordnet."

"Peter", wiederholte sie nochmal etwas lauter und warf ihm einen Blick zu, den er genausowenig wie den Namen einordnen konnte.

"Peter. Peter Wer? Peter Alexander war's jedenfalls nicht."

Gretchen zog hörbar die Luft ein und zischte ihn an.

"Na, Peter! Peter, mein Ex-Verlobter, Peter!"

Marc zog die Augenbrauen hoch. Dass er auch den Kiefer kurz runterklappte, war hinter dem Mundschutz nicht wirklich zu sehen.

"Der?! Den wolltest du heiraten? Sag mal, warst du blau oder auf anderen Drogen oder sowas?"

"Wieso?", fragte Gretchen überrascht.

"Guck gefälligst nicht mich an, sondern in den Patienten! Na, weil der Kerl ne Lusche ist, das sieht man auf drei Meter. Sieht aus wie ne Lusche, redet wie ne Lusche und tut wie ne Lusche."

"So luschig kann er nicht sein, wenn er es schafft, eine Arzthelferin aufzureißen, obwohl die weiß, dass er verlobt ist. "

"So ne eigene Praxis kann auch ne Lusche attraktiv machen", erklärte er ihr salbungsvoll.

"Er war..", begann Gretchen laut, wurde dann aber schnell wieder leiser, "..keine Lusche, okay? Er war völlig...normal eben. Sonst hätte ich ihn doch auch nicht heiraten wollen."

"Komm, so heiratsgeil wie du bist, braucht einer doch nicht mehr als mal vage anfragen, ob du 'nen Kaffee trinken gehen willst, bevor du schon anfängst die Sitzordnung für die Hochzeitsfeier auszuhämmern... Spitze betonen."

"Ich bin überhaupt nicht heiratsg...wütig!", erwiderte Gretchen heftig, atmete tief durch und tat, was Marc ihr aufgetragen hatte. Der operierte inzwischen ganz ruhig weiter.

"Ach? Und wie war das, als diese Susanne Krupp hier aufgetaucht ist? Da hast du auch gleich behauptet, dass du kurz vor der Eheschließung stehst. Und auch noch mit mir. Wenn Mehdi nicht noch verheiratet wäre, hättest du ihm nach noch zwei Wochen Affäre bestimmt auch nen Antrag abgenötigt... Saug mal ab hier."

"Das war keine Affäre!"

"Nicht aufregen, absaugen."

Gretchen nahm sich den Sauger und bemühte sich, ihre Hände ruhig zu halten.

"Ich habe keine Affären. Das war eine Beziehung! Wundert mich nicht, dass du den Unterschied nicht kennst."

"Wenigstens muss ich mir nichts schönreden, aber das konntest du schon in der Schule ausgezeichnet. Hast dir ja auch eingeredet, dass deine Karottenjeans schick sind und die Spange nicht stört.. ob sie nun im Koma lag oder nicht, Fakt ist, Mehdi war und ist immer noch verheiratet. So, alles dicht! Nochmal durchspülen und dann kannste zumachen. Ich muss mich mal kratzen."

Marc trat vom Tisch zurück und ging Richtung OP-Vorraum.

"Ach ja, hab ich beinahe vergessen: Dein Peter will heute abend mit dir essen gehen, wo er doch schonmal in der Stadt ist. Du sollst ihn anrufen, er hat seine Nummer dagelassen. Soll ich dann schon mal zwei Wochen Urlaub eintragen für dich nächsten Monat, weil du in den Flitterwochen sein wirst?"

"Du bist doch so ein...Blödmann!"

Er antwortete zwar nicht mehr mit Worten, sondern verließ den OP, aber seine Lache hörte man durch die geschlossene Tür.

***

Gretchen hatte sich nach dem Ende der Operation, über einen Umweg durch das Stationszimmer, wo sie die Visitenkarte eingesackt hatte, erstmal auf die Damentoilette zurückgezogen. Sie musste nachdenken. Sollte sie Peter anrufen? Ihn wiederzusehen war nun nicht gerade etwas, das sie wirklich wollte. Sie war zwar wahrlich über ihn hinweg, aber das hieß nicht, dass sie einen ganzen Abend mit ihm verbringen wollte. Andererseits, das wusste sie noch aus ihrer gemeinsamen Zeit, konnte er ganz schön hartnäckig sein und würde, wenn sie sich gar nicht meldete, womöglich wieder bei ihr Zuhause aufkreuzen, und wenn er dann erstmal auf ihre Mutter traf..

Vielleicht würde sie ihn anrufen und absagen. Ja. Sich auf Dienst oder bevorstehende OPs, für die sie sich vorbereiten musste, rausreden. Das war eine glaubhafte Geschichte. Nur sich kurz melden und mit gespieltem Bedauern so was wie 'Leider, leider...vielleicht nächstes Mal' sagen und hoffen, dass er nicht lange genug in Berlin war, um flexibel sein zu können und ihr einen anderen Abend anzubieten.

Irgendwie war sie allerdings schon neugierig, wieso er sich überhaupt gemeldet hatte. Nach ihrem letzten Aufeinandertreffen hatte sie eigentlich gedacht, er hätte kapiert, dass er sich bei ihr nie wieder blicken lassen brauchte. Wahrscheinlich hatte ihn die nächste Arzthelferin sitzengelassen, er hatte eine kleine Krise und bemerkt, was er da eigentlich an ihr verloren hatte. Und auch, wenn sie lieber auf einer Rasierklinge in einen Pool voller Zitronensaft schlittern würde oder sich mitten auf den Alexanderplatz stellen und mit einem Megaphon ihr wahres Gewicht in die Menge schreien, als ihn zurückzunehmen...sich mal umgarnen lassen und ihm dann deutlich zu verstehen geben, wie viel besser es ihr ohne ihn ging..das hatte was. Es mal ordentlich reinreiben. Gut, das war jetzt normalerweise nichts, das ihr lag weil sie es eigentlich nie tat, aber wenn einer so ein Benehmen verdient hatte dann Peter, der Verräter. Der glaubte wohl, sie als sichere Bank zu haben. Pfft!

Das Problem dabei war nur, dass, wenn man es genau nahm, es nicht so vieles gab, dass sie ihm reinreiben konnte. Sie war Single, wohnte bei ihren Eltern, und war Assistenzärztin, also ganz am unteren Ende der Karriereleiter. Okay, das waren alles keine Dinge, für die man sich schämen musste, und mit der Zeit würden sich die auch alle noch ändern, ganz bestimmt, aber wirklich angeben konnte man damit halt auch nicht.

Gretchen saß mit angezogenen Beinen auf einer zugeklappten Toilette und kaute auf ihrer Unterlippe rum. Es sei denn..nein. Das würde nur schiefgehen, solche Dinge gingen bei ihr immer schief. Sie hatte nunmal kein Talent zum Schwindeln. Dann wiederrum hatte es ja erst vor kurzem schonmal geklappt, total unvorbereitet, bei Gabi und der Polizei. Dieses Mal hätte sie sogar Zeit, sich eine passende Story auszudenken und überhaupt war sie doch in der Theater-AG gewesen. Die Assistenzärztin würde sie nicht wegflunkern können, Peter war ja immerhin hier im EKH gewesen; das minimierte positiv betrachtet allerdings auch schon die Chancen, dass ein Schwindeln aufflog. Ihre Wohnsituation ging ihn schonmal gar nichts an, blieb der Singlestatus übrig. Konnte sie das machen? Sich Peter gegenübersetzen und einfach behaupten, sie wäre wieder vergeben, total glücklich und zufrieden mit jemandem, der ja so viel besser war als er? Einfach dreist lügen?

Hmm. Lügen, so wie Peter es getan hatte, wenn er behauptete, noch Steuersachen für die Praxis machen zu müssen. Oder dass er zum Golfen ging und stattdessen aber bei der Arzthelferin eingelocht hatte. Der hatte es doch gar nicht verdient, dass man ihm die Wahrheit sagte! Lügen war falsch, aber jede Regel hatte ihre Ausnahme und ein Abend mit Peter Winkelmann war der perfekte Grund, mal nicht nach den Regeln zu spielen.

Gretchen malte sich das Szenario mal im Kopf aus. Sie würde natürlich perfekt frisiert und geschminkt sein, das verstand sich von selbst. Dann dazu vielleicht das rote Kleid, das sie bei der Leinenhochzeit ihrer Eltern getragen hatte. Rot stand ihr nunmal fantastisch, und falls es beim Anziehen eng wurde, konnte sie sich ja wieder einnähen. Sie würde gut gelaunt, charmant und souverän mit ihm Konversation machen und ihm so zeigen, was er sich für ein Eigentor geschossen hatte, als er Margarete Haase betrogen hatte. Denn, das war mal ganz klar: Er würde sie trotzdem nicht wiederbekommen. So nötig hatte sie es garantiert nicht. Am Ende des Abends würde sie zwar alleine nach Hause gehen, aber mit dem guten Gefühl im Bauch, das letzte Wort gehabt zu haben. War doch bestimmt auch gut fürs Selbstbewusstsein, so langfristig. Also nicht das Schwindeln und schönerzählen ihres Lebens, sondern ihn abblitzen zu lassen. Mit Mehdi hatte es nicht geklappt, aus Marc und ihr war, unter anderem wegen Gabi, nichts geworden und dieser blöde, blöde Millionär von Buren hatte sie unverschämterweise als tageslichtuntauglich eingestuft. Einen kleinen Egoschub hatte sie sich nach all diesen Enttäuschungen doch nun wirklich verdient.

Sie zog die Visitenkarte und ihr Handy aus der Kitteltasche. Bevor sie es sich wieder ausreden konnte, wählte sie die angegebene Handynummer. Es klingelte dreimal, bevor abgenommen wurde.

"Hallo?"

"Hallo Peter, hier ist Gretchen. Man hat mir gesagt, dass du im Elisabethkrankenhaus warst und mich sprechen wolltest?"

"Gretchen! Hallo! Du, das stimmt, ich war heute morgen da und wollte dich besuchen. Ich bin für ein paar Vorträge in Berlin und dachte mir, wir könnten uns doch nochmal sehen. Der alten Zeiten wegen."

"Aha. Der alten Zeiten wegen" wiederholte Gretchen trocken.

"Ja, weißt du, ich find' das nicht gut, wie wir miteinander verblieben sind. Ich würd' gern nochmal mit dir reden und so."

Und so? Was hieß 'und so' denn bitte? Für eine Absolution zu Kreuze kriechen oder doch ein neuerlicher Versuch, wieder generell angekrochen zu kommen? War ja im Grunde egal. Erstere würde er nicht wirklich kriegen und zweiteres würde sie nicht zulassen.

"Woran hattest du denn gedacht?", fragte sie stattdessen.

"Essen gehen? In der Klinik war total die Hektik, da hast du doch sicher Hunger nach einem langen Arbeitstag."

War das eine verdeckte Anspielung auf ihr Gewicht gewesen?! Dass er damit vollstens Recht hatte, und sie nach der Schicht definitiv ein Loch im Magen haben würde, mal völlig aussen vor gelassen.

"Ich arbeite bis sechs, wenn dir das nicht zu spät ist?"

Damit war die erste Lüge schon erzählt, und es war ganz leicht gewesen. Sie arbeitete nämlich nur bis 13 Uhr. Die fünf Stunden bis sechs würde sie benötigen, um sich in 'unwiderstehlich' zu verwandeln.

"Das passt doch. Reservier ich für sieben, wenn dir das recht ist. Bei einem Italiener? Genaue Adresse schick ich per SMS, hab ja jetzt deine Nummer."

"Okay."

"Super! Wir freuen uns!"

Moment mal...

"Äh...warte mal: Wir?", hakte Gretchen nach.

"Oh, hab ich nicht erwähnt? Meine Verlobte ist mit mir nach Berlin gefahren", erklärte Peter nonchalant.

Seine was? Seine was?! Woher hatte der denn bitteschön schon wieder eine Verlobte? Doch nicht etwa diese Arzthelferin! Und überhaupt: Wer ging denn mit der Ex-Verlobten essen und brachte das aktuelle Modell mit? Dieser Mann war doch wirklich unglaublich und das nicht im positiven Sinne. Gretchen drängte sich ein Gedanke auf, der ihr nun so überhaupt nicht gefiel. Was wenn Peter ihr zeigen wollte, dass es ihm ohne sie besser ging? Dass er, so schwer vorstellbar das auch war, jemanden gefunden hatte, der besser war als sie? Also nicht, dass sie sich jetzt auf ein Podest stellen wollte, dass sie beileibe nicht perfekt war, wussste sie schon selber, aber Betrüger hatten doch keine tollen Frauen verdient, deswegen hätte es für Peter nach ihr ja eigentlich nur noch bergab gehen sollen, wenn das Karma ein kleines bisschen aufgepasst hatte. Was jetzt? Aus der Nummer kam sie nun nicht mehr raus. Jetzt war's zu spät, um abzusagen. Das würde der doch sofort durchschauen und da--

"Apropos: Bringst du auch jemanden mit?", unterbrach Peter ihre Gedanken, "Ich frag' nur wegen der Reservierung."

"Ja natürlich!", platzte es aus Gretchen heraus, bevor sie sich selber Einhalt gebieten konnte.

"Alles klar, dann sehen wir uns heute abend. Ich freu mich, Gretchen. Bis dann!"

"Mh-Hm", war alles, was sie noch rausbrachte. Nachdem Peter das Gespräch beendet hatte, blieb sie noch eine Weile so sitzen, wie sie war, das Handy ans Ohr gepresst und die Augen groß. Was hatte sie sich denn jetzt wieder für ein Ei gelegt! Nicht nur, dass sie jetzt mit Peter und der zukünftigen Frau Winkelmann essen würde, nein sie hatte auch noch ihren imaginären Freund, von dem sie eigentlich nur hatte erzählen wollen, miteingeladen. Was sollte sie denn jetzt machen? Viel zu früh hingehen, eins von den Jacketts ihres Vaters über die Stuhllehne hängen und wenn Peter dann auftauchte behaupten, ihr neuer Partner hatte mal schnell weg gemusst? Alleine hingehen und ihn mit einem Notfall entschuldigen? Das waren alles leicht zu durchschauende Schnapsideen. Genauso wie der ganze Plan eine bekloppte Idee gewesen war. Peter war ja offensichtlich nicht verlassen und in einer Krise. Klasse. Es kam echt nie etwas gutes bei rum, wenn sie mal was spontanes machte. Da hatte sie ihm einmal zeigen wollen, dass sie nicht mehr dieselbe wie früher war, dass ihr Leben nach Peter viel besser war, was ja unabhängig von allem sogar stimmte, nur eben mehr so im kleinen Rahmen, und jetzt würde sie sofort als Schwindlerin entlarvt werden und bemitleidet, weil sie offensichtlich so verzweifelt war, dass sie einen Freund erfinden musste.

Das Szenario, dass sie jetzt vom heutigen Abend im Kopf hatte, war irgendwie plötzlich gar nicht mehr so toll. In ihrer Vorstellung waren ihre Haare schlaff und leblos, ihr Makeup fing an zu zerlaufen, das Kleid ließ sie aussehen wie eine Presswurst, und Peter lachte sie aus. Zusammen mit seiner perfekt geschminkt und frisierten Verlobten.

Gretchen seufzte tief. Jetzt brauchte sie erstmal Schokolade. Würde zwar angesichts dieser Katastrophe auch nichts retten, aber tröstete. Sie steckte ihr Handy und die Karte wieder weg, und machte sich auf den Weg zur Cafeteria, um dort so ziemlich alles zu kaufen, was einen Mindestkakaoanteil von 50% hatte.

***

In der Cafeteria angekommen, sah die ganze Situation wenigstens schon ein klitzekleines bisschen besser aus, denn Gretchen hatte im Aufzug einen waschechten Geistesblitz gehabt. Im Grunde war es eine total naheliegende Lösung; vielleicht war sie ihr deswegen so schnell eingefallen. Darum verschob sie die Schokolade auch erstmal auf später, ging schnurstracks, ohne genauer hinzugucken, am Verkaufsbereich vorbei und steuerte nach einem flüchtigen Blick über die Besucher der Cafeteria einen kleinen Zweiertisch im hinteren Drittel an, an dem die Person, die ihr jetzt helfen konnte, sass und gerade, so wie es aussah, im Akkordtempo Grießpudding in den Mund schaufelte.

"Mehdi, ich muss ganz dringend mit dir reden!", platzte sie ohne weitere Vorrede raus, sobald sie ihn erreicht hatte. Der angesprochene Gynäkologe ließ den Löffel mit Pudding auf halbem Weg zur Futterluke in der Luft stehen und schaute zu ihr hoch.

"Notfall?", fragte er alarmiert und schob mit der freien Hand schon mal das Tablett weg.

Hmm. Fangfrage. Irgendwie war's ja schon einer, aber nicht auf die Art, die er wohl meinte, weswegen Gretchen schnell zur Entwarnung den Kopf schüttelte.

"Dann setz' dich erstmal", erwiderte Mehdi gelassen, zog sein Tablett wieder an den Platz direkt vor ihm und führte den Puddinglöffel die restliche Strecke zum Mund, während Gretchen seiner Aufforderung Folge leistete und sich ihm gegenüber setzte.

"Wasch gibtsch?"

"Ja...also...ich muss dich um einen riesenriesengroßen Gefallen bitten", fing sie an und verknotete ihre Finger nervös ineinander. Mehdi warf einen kurzen Blick auf ihre hektischen Hände und fragte mit vollem Mund nach.

"Hascht du wieder ein Ampudad verlor'n?"

"Was? Nein. Und das war nicht ich, sondern...ist ja auch egal. Jedenfalls..äh..glaubst du, Anna leiht dich mir für einen Abend aus? Ich brauch heute abend einfach ganz dringend einen Mann."

Nachdem sie einfach so zur Sache gekommen war, passierten zwei Dinge relativ zeitnahe. Erstens verschluckte sich Mehdi dermaßen, dass er puterrot anlief und abwechselnd hustete und nach Luft japste, während ihm die Tränen über die Wangen liefen und zweitens, gerade als sie ihm auf den Rücken klopfen wollte, erklang hinter Gretchen eine ihr wohlbekannte und, zumindest jetzt gerade, ziemlich unerwünschte Stimme.

"Herzlichen Glückwunsch, Hasenzahn. Jetzt hast du ihn kaputtgemacht."

Marc stellte, total unbeeindruckt von Mehdis Hustenanfall, sein Tablett ab, zog sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran und fing an, in aller Seelenruhe zu essen. Gretchen war mittlerweile aufgesprungen und funkelte ihn finster an, während sie Mehdi mit der einen Hand ein paar Mal fest auf den Rücken haute und ihm mit der anderen ein Glas Wasser hinhielt, dass er sich auch schnappte und mit großen Schlucken leerte.

"Geht...geht schon wieder", presste er hervor.

"Sicher?" hakte Gretchen nach.

"Er kann reden, er kann atmen..isch wäre versucht, seiner Selbschtdiagnose zuzuschtimmen", nuschelte Marc seinerseits mit vollem Mund.

"Schluck du lieber runter, sonst passiert dir noch dasselbe", meinte Gretchen warnend und sah Mehdi nochmal prüfend an.

"Das denk' ich nicht. Ich kaue mein Essen nämlich und inhaliere es nicht einfach, so wie ihr beiden."

Als Beweis schob er eine vollbeladene Gabel zwischen die Lippen und kaute ostentativ auf seiner Mahlzeit rum.

"Wie hastn das grade gemeint? Ausleihen?", brachte Mehdi sich wieder ein. Gretchen hob abwiegelnd die Hände. Also vor Marc wollte sie das ungern besprechen. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was der für Kommentare und Sprüche raushauen würde.

"Och...war jetzt gar nicht soo wichtig, weißt du, ich...wir reden da einfach später drüber, hmm?"

"Klang aber, als ob es wichtig wäre." beharrte Mehdi.

"Was ausleihen?" fragte Marc zeitgleich.

Gretchen sah vom einem zum anderen und wieder zurück. Beide schauten sie mit Neugier an.

"Äh...ich schau nachher mal bei dir auf Station vorbei und--"

"Du gehst nach der Pause auf meine Station und schreibst deine Berichte. Ich hab keinen Bock, Mademoiselle ständig am Quartalsende hinterherrennen zu müssen, weil die Dokumentation unvollständig ist", unterbrach Marc und fuchtelte mit seiner Gabel in der Luft herum.

"Ja-ha, ist ja gut", rollte Gretchen mit den Augen. Was hatte der nur immer mit seinem Papierkram? Quartalsende war doch noch mindestens zwei Wochen hin.

"Also? Wofür genau willst du mich denn ausgeliehen haben? Sachen schleppen? Was zusammenbauen? Ich kann dir schon helfen, kein Thema."

Marc unterdrückte glucksend ein Auflachen.

"Sagt der Mann, der ohne meine Hilfe nicht mal ein einfaches Bücherregal zusammenkriegt."

Jetzt warf Mehdi Marc einen bösen Blick zu.

"Das war nur, weil du bei deinem Umzug mein Werkzeug ausgeliehen und dann nie wieder zurückgegeben hast und das weißt du auch!"

"Ist ja gut; zweifelt keiner an, dass du ein Mann bist.", meinte Marc lapidar und fügte leiser hinzu, "Zumindest phänotypisch."

Über seinen eigenen Spruch schmunzelnd lud er sich die nächste Ladung Rührei auf die Gabel, bevor sein Kopf plötzlich hochsauste und er die Augen zusammenkniff.

"Moment mal! Du willst dir Mehdi ausleihen?! Wozu genau?"

Gretchen seufzte. Jetzt würde er garantiert keine Ruhe geben, bis er wusste, worum es ging. Es waren zwar nur noch circa drei Stunden bis zu ihrem Dienstende, aber die konnten sich ziehen wie Kaugummi, wenn Marc in der Stimmung war, sie zu nerven. Ausserdem konnte sie praktisch schon sehen, wie das verdorbene Hirn ihres Oberarztes anfing, in Gefilde zu denken, die nunmal absolut nicht zutreffend waren.

"Ich brauch ihn als Begleitung", gebot sie etwaigen schmutzigen Gedanken Einhalt, in der äusserst dünnen Hoffnung, er würde eins und eins nicht zusammenzählen können.

"Doch nicht etwa für das Essen mit der Lusche?"

Leider war Marc in Mathe schon immer gut gewesen. Ohne auf ihre Bestätigung zu warten, redete er weiter.

"Traust dich nicht alleine hin oder was?"

"Doch natürlich!"

"Wer ist 'ne Lusche?", wollte Mehdi wissen, wurde aber ignoriert.

"Na scheinbar trauste dich nicht. Du Schisser", grinste Marc und fügte dann noch an, "-in."

"Ich brauch eben jemanden, der mitgeht, weil..weil..och manno! Peter bringt seine Neue mit und ich will vor ihm nicht die Loserin sein, die immer noch alleine ist nachdem er mich betrogen hat!"

Der Tag war sowieso schon im Eimer. Gretchen ließ sich schwerfällig zurück auf ihren Stuhl sinken und erzählte einfach alles. Mehdi musste sie ja sowieso eine Erklärung geben, wenn sie seine Hilfe wollte und Marc hatte sowieso schon genug Material, sie aufzuziehen, da kam's darauf doch nun auch nicht mehr an. Ausserdem wollte sie die Anzahl an Lügen dann doch so gering wie möglich halten. Bis jetzt war das mit dem Flunkern nämlich noch nicht sehr gut gelaufen. Als sie fertig war, sah sie vorsichtig hoch. Wider Erwarten grinste Marc sie nicht an, bereit den ersten von vielen Sprüchen rauszuhauen. Hätte sie sich festlegen müssen, hätte sie gesagt, dass er sogar ein klein bisschen eingeschnappt aussah.

"Und wieso willst du da Mehdi fragen?" wollte er wissen.

"Was?" kam von Gretchen die verdatterte Gegenfrage.

"Na, du willst doch Eindruck schinden bei dem Typen oder nicht? Ich mach ja wohl um einiges mehr her als so ein schnöder Frauenarzt."

"Hey!", warf besagter Frauenarzt empört ein.

"Stimmt doch! Ich seh besser aus, ich stöber nicht ständig in wildfremden Frauen rum, bin generell einfach interessanter.."

"Eingebildeter auf jeden Fall.." grummelte Mehdi und aß seinen Pudding weiter.

"..und neige nicht zum Akkordfressen." schloß Marc seine Aufzählung mit einem Seitenblick zu seiner Rechten auf seinen Nicht-immer-aber-immer-mal-wieder-Kumpel und einem selbstgefälligen Lächeln.

"Ich habe heute schon drei Kinder auf die Welt geholt, ich brauch Substanz!"

"Genau. Du hast ja auch den anstrengenden Teil bei der Sache, nicht wahr? Ist ja nicht so, dass die Schwangeren arbeiten und du im Grunde nur auffangen musst."

Mehdi ignorierte den Seitenhieb auf seine Arbeitsleistung souverän. Er wusste bestimmt, was er täglich leistete und es gab hunderte von Frauen in Berlin, die ihm das jederzeit gerne bestätigen würden.

"Gretchen braucht aber jemanden, der sie nicht vorführt oder noch mit Absicht ins Fettnäpfchen wirft.", führte er stattdessen an, wieso er besser geeignet war.

"Bitte?! Ich werd' ja wohl--", fing Marc an, wurde jedoch von Gretchen unterbrochen.

"Mehdi und ich haben schon Erfahrung mit sowas. Wir haben schonmal so getan, als ob. Für seine Eltern."

Mehdi setzte nun seinerseits ein selbstgefälliges Lächeln auf und nickte bestätigend.

"Stimmt. Meine Mutter denkt heute noch, wir hätten uns tatsächlich so kennengelernt. Klar helf ich dir Gretchen. Anna versteht das sicher."

Mehdi schenkte ihr ein Lächeln, das Gretchen dankbar erwiderte. Erste Krise schien gottseidank abgewendet.

"Macht was ihr wollt. Ist mir sowieso egal."

Marc zückte sein Handy und strich mit dem Finger über den Touchscreen, während er anfing, mit der anderen Hand den Rest seines Frühstücks zu verspachteln. Er wirkte völlig desinteressiert ob der Tatsache, dass er nicht alleine am Tisch sass. Gretchen betrachtete ihn einen langen Augenblick, bevor sie sich wieder Mehdi widmete. Um Marc und seine Stimmungsschwankungen konnte sie sich heute beim besten Willen nicht auch noch kümmern.

*

Den ganzen Nachmittag, den Gretchen damit verbrachte, erst ihrer Mutter zu verklickern, dass sie zwar ausgehen würde, es aber kein Date war, danach ein dringend nötiges Entspannungsbad zu nehmen und sich dann zurecht zu machen, kreisten ihre Gedanken logischerweise um den vor ihr liegenden Abend. Was alles schief gehen könnte, was sie wohl zu erwarten hatte, was sie sagen würde und sollte. Sie war mittlerweile doch sehr froh, Mehdi dabei zu haben; mit einem guten Freund auf ihrer Seite würde es bestimmt leichter gehen. Dass das ganze Schwindelspiel schon mal mit ihm geklappt hatte, gab ihr auch ein wenig Beruhigung. Mehdis Eltern kannten ihn mindestens so gut wie Peter Gretchen kannte, und Mehdi hatte es erfolgreich geschafft, seinen Eltern eine Beziehung mit ihr vorzugaukeln. Gut, damals war auch dieses gewisse Knistern zwischen ihnen gewesen, was sicher geholfen hatte, aber gute Freunde waren sie jetzt ja auch immer noch.

Sie überlegte sich immer noch alle paar Minuten, was sie eigentlich geritten hatte, Peter zuzusagen. Im Grunde hatte sie diese Spielchen doch gar nicht nötig. Peter war Vergangenheit, und was der von ihr dachte oder nicht, konnte ihr doch herzlich egal sein. Je näher der Zeitpunkt rückte, zu dem Mehdi sie abholen wollte, desto mehr war Gretchen versucht, die ganze Sache einfach abzublasen. Aber dann, als die Klingel Punkt halb sieben erklang, war's zu spät.

Gretchen eilte zur Tür um einem eventuellen Öffnen ihrer Mutter zuvorzukommen.

"Hallo Me---Marc?!"

Sie blinzelte verwirrt. Marc Meier stand in einem, wie sie zugeben musste, perfekt sitzenden dunklen Anzug vor ihr und warf ihr sein typisches Grinsen entgegen.

"Können wir dann? Ich park' in zweiter Reihe.", meinte er lässig ohne irgendeine Form der Begrüßung. Gretchen bewegte sich kein Stück.

"Was machst du denn jetzt hier? Wo ist Mehdi?"

"Mehdi kann nicht."

"Was soll das heißen? Ich hab vorhin noch mit ihm telefoniert, da hat er nichts gesagt."

"Da hatte er auch noch kein blaues Auge." erklärte Marc lapidar mit Achselzucken.

"Ein blaues---Was hast du gemacht?"

"Gar nichts."

"Maarc!"

"Der Idiot ist vor seinen offenen Medikamentenschrank gelaufen und jetzt die nächsten Tage nicht präsentierfähig!"

Gretchen stemmte die Hand, die nicht auf der Türklinke lag, gegen die Hüfte und sah ihn streng an.

"Hattest du was damit zu tun?"

"Also echt jetzt Hasenzahn. Ich hab endlich Feierabend und spring hier aus reiner Güte ein, tu dir ergo einen Riesengefallen, damit du nicht dumm dastehst vor deinem Vollpfosten von Ex, hetz nach der Arbeit nach Hause, schmeiß mich in die Klamotte hier, ras' zu dir rüber und du machst mich dann blöde von der Seite an? Weißt du, ein einfaches 'Danke Marc' hätte gereicht."

Er sah wirklich von der Unterstellung beleidigt aus, was dazu führte, dass Gretchen ihr Misstrauen gleich unangenehm wurde. Zerknirscht sah sie zu Boden.

"Tut mir leid."

"Ja, ja. Und weiter?"

"Weiter?", fragte sie nach und sah ihn wieder an. Marc deutete auf sich selbst, zupfte sein Revers zurecht und sah sie auffordernd an.

"Und...danke Marc?"

"Geht doch. Also, ich weiß von Mehdi, wo wir hinmüssen. Können wir jetzt endlich los? Ich hab keinen Bock, nen Strafzettel zu kassieren."

"Ich brauch nur schnell meine Tasche."

Gretchen drehte sich um und lief zur Garderobe, wo sie ihre Handtasche und eine Stola bereits zwischengeparkt hatte. Das fing ja schonmal super an. Also wenn super von jetzt an das Gegenteil von dem bedeutete, was es normalerweise bedeutete. Ihr war sowieso schon mulmig gewesen, den Abend mit Mehdi durchzuziehen; mit Marc verdoppelte sich dieses Gefühl doch gleich nochmal. Mehdi wusste sie einzuschätzen, der war definitiv auf ihrer Seite; Marc war irgendwie eine wild card. Der hatte es ja beinahe schon zu seinem Lieblingshobby erkoren, sie ab und an doof aus der Wäsche gucken zu lassen. Mit einem Blick nach oben gen Himmelreich und einem Stoßgebet, dass er heute abend dazu nicht in der Stimmung sein würde, schnappte sie sich ihre Sachen und hoffte einfach mal das beste.

Als sie aus der Haustüre trat, war von Marc nichts mehr zu sehen. Verdutzt schaute Gretchen nach links und rechts, bis sie ein langgezogenes Hupen auf ihn aufmerksam machte. Er saß mit glimmender Kippe im Mundwinkel in seinem schon ordentlich vernebelten Auto und bedeutete ihr mit einer kreisenden Handbewegung, sich endlich mal zu beeilen. Ja. Fing wirklich super an, der Abend. Superblöde.

"Musst du mich so zuqualmen?", fragte sie, als sie sich auf dem Beifahrersitz platziert hatte und Marc losgefahren war.

"Im Restaurant darf ich ja nicht. Mach halt das Fenster runter, wenn's dich so stört."

Klar, das könnte sie machen. Wenn sie wollte, dass ihre ziemlich perfekt frisierten Locken komplett durcheinanderkamen. Zum Räucherfilet mutieren wollte Gretchen allerdings auch nicht, weswegen sie, als ihre Augen anfingen zu brennen, das Fenster als Kompromiss wenigstens ein stückweit runter ließ. Also falls Marc ihren aufmerksamen Lebenspartner spielen wollte, musste er aber noch besser werden. Und zwar schnellstens.

"Und?", fing er an, nachdem er seine Zigarette endlich fertig geraucht und im Aschenbecher ausgedrückt hatte.

"Was?"

"Na, was muss ich über den Abend wissen? Was für 'ne Story willst du Luschi und seiner Musch...äääh..ich meine seiner Freundin.. verkaufen, falls er fragt? Sollte ich schon auch kennen, damit ich mitspielen kann."

Gretchen sah aus dem Fenster. So genau, en detail, war sie sich da jetzt selber noch nicht sicher. Sie hatte immerhin auch mit Mehdis Erscheinen gerechnet, und da hätte es dieselbe Story getan, die sie seinerzeit schon dessen Eltern verkauft hatten. War sozusagen erfolgserprobt. Marc bei den weight watchers kennengelernt zu haben, schied eher aus. Eine Mitgliedschaft dort würde der nichtmal unter Folter vortäuschen.

"Ich..weiß nicht. Hast du 'ne Idee?"

"Halt es so einfach wie möglich wäre mein Tipp. Kann man weniger vermasseln, wenn man so nahe wie möglich bei der Wahrheit bleibt."

"Mit der Wahrheit darüber, wie wir beide uns kennengelernt haben, kann man aber keinen Eindruck machen."

"Och wieso? War doch ein denkwürdiger Tag...seitdem hab ich Leberwurst nie wieder mit denselben Augen gesehen."

Gretchen kniff ihre Augen zusammen und bedachte Marc mit einem Seitenblick. Das war vor knapp 20 Jahren nicht komisch gewesen und war es auch heute noch nicht. Jedenfalls nicht von ihrer Seite aus. Als er ihren Blick mitbekam, gebot Marc seinem Schmunzeln Einhalt.

"Okay, fein. Lassen wir sämtliche Leberwurstbrotanekdoten mal aussen vor. Leider. Nicht nahe an der Wahrheit, aber ganz simpel: Wir haben uns an deinem ersten Arbeitstag kennengelernt...ich hab dich angegraben, du bist dann gleich mit zu mir nach Hause gekommen und da haben wir heftig ge--"

"Ich würde niemals einfach so mit Irgendjemandem quasi sofort nach dem ersten Kennenlernen nach Hause gehen!"

"Ja, dann sag du halt, was und wie!"

"Hmm...das mit dem ersten Arbeitstag-Kennenlernen geht ja. Aber ich bin selbstverständlich nicht mit dir nach Hause oder sonstwohin gegangen. Vielmehr wollte ich nach der Enttäuschung mit Peter zuerst gar nichts mehr mit Männern am Hut haben, weswegen du gezwungen warst, hartnäckig und erfindungsreich zu sein. Irgendwann hab ich mich schließlich deiner erbarmt un--"

"Du dich meiner? Äh...andersrum isses vielleicht realistischer, ne?", warf Marc ein, aber Gretchen ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und träumte ihr Szenario weiter.

"--Und bin doch noch mit dir ausgegangen. Es war früher Sommer und wir waren nach einem romantischen Picknick während der Abenddämmerung im Park spazieren, als plötzlich ein Platzregen--"

"Bist du sicher, dass das gerade nicht die Handlung von irgendsoeinem dämlichen Hugh Grant-Film ist?"

"Marc! Jetzt unterbrich mich nicht ständig, wenn ich mir hier was ausdenken soll!"

"Ein bisschen glaubhaft sollte es aber schon noch bleiben. Bevor du mich für ein Picknick in irgendeinen versifften Park kriegst, müsstest du mich nämlich erstmal lobotomisieren und die OP kannst du noch gar nicht."

"Peter weiß aber nicht, dass du keinen romantischen Knochen im Leib hast, dahingehend jedoch wohl, dass ich sehr romantisch bin."

"Ey, das ist eine freiwillige Entscheidung. Spart viel Zeit, wenn man nicht Süßholz raspeln muss, weil die Frauen auch ohne das alles mit mir nach Hause gehen."

"Meine Story glaubt er jedenfalls viel leichter als dein Hirngespinst, weil er mich im Gegensatz zu dir gut kennt!"

Jetzt warf Marc Gretchen, während er an der Ampel auf grün wartete, einen langen Blick zu den sie nicht ganz entschlüsseln konnte. Dann seufzte er tief und ergeben.

"Naja, geht ja drum, dass du gut dastehst hier. Fein, dann hab ich mich eben in der Geschichte zum eierlosen Horst gemacht. Aber ich verkauf ihm das nicht, das machst du. Ich nick' halt dann einfach dümmlich."

"In Ordnung."

War wahrscheinlich sogar besser so, wenn sie den Großteil des Redens übernahm solange es um irgendwas anderes als Medizin ging.

"Und nach diesem imaginären unrealistischen Date haben wir dann aber gefälligst gebumst!"

"Imaginär meinst du?"

"Na offensichtlich."

"Davon würde ich Peter auf keinen Fall erzählen."

"Mir egal, solange ich's denken darf."

Gretchen vermied es, Marc eine definitive Antwort darauf zu geben, was er denken durfte und was nicht. Momentan war's bestimmt besser, ihn freundlich gestimmt zu halten. Ausserdem waren Gedanken frei, wie man so schön sagte und sie hatte selber ja nun auch schon die ein oder andere Phantasie darüber unterhalten, wie so ein erstes Mal mit Marc Meier aussehen könnte. Die Variante in der BRAVO war da nur ein Szenario von vielen gewesen..

Sie feilten noch ein ein paar Details der Story über ihre erfundene Beziehung, und dann parkte Marc auch schon vor dem Restaurant ein. Gekonnt rückwärts seitwärts, wie Gretchen neidvoll feststellte.

"Bringen wir's hinter uns."

Marc stieg prompt aus und Gretchen blieb erstmal sitzen. Nicht weil sie in einem Anflug von utopischer Hoffnung erwartete, Marc würde ihr die Tür öffnen oder sowas, sondern weil sie nochmal durchatmen musste. So ganz tief. Sie klappte die Sonnenblende runter und prüfte mit einem letzten Blick, wie sie aussah. Haare und Schminke waren noch im Topzustand, aber als souverän oder gar entspannt hätte sie ihren Gesichtsausdruck nicht charakterisiert. Sie wollte sich eine kleine Ansprache halten, so was in der Art von 'Reiss dich zusammen, Haase, sind nur so zwei Stunden, es war deine Idee, jetzt zieh's durch, los geht's!', aber was rauskam, war ein gemurmeltes "Kann ja nur schiefgehen."

"Äh...heute noch, Hasenzahn?", kam es von Marc auf der anderen Seite der Tür, gepaart mit einem Klopfen gegen die Scheibe.

Gretchen klappte die Blende wieder hoch und stieg aus. Mit klopfendem Herzen ging sie auf das Restaurant zu.

Marc öffnete mit der rechten Hand die Tür, und legte seine linke auf ihren Rücken, um sie sanft hinein zu schieben. Irgendwie gab ihr diese Berührung etwas Ruhe. Noch mehr Ruhe kam über sie, als Marc seine Hand wegnahm, nur um damit ihre rechte zu greifen und einmal zu drücken.
Sie musste sich nicht lange umsehen, bevor sie ihren ehemaligen Verlobten und seine Neue erkannte. Showtime.

Sassi Offline

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23.06.2018 17:17
#2 RE: Sassis OneShot zum 10jährigen Zitat · Antworten

"Gretchen!"

Peter erhob sich mit einem breiten Lächeln, kam auf sie zu und bevor sie es sich versah, wurde Gretchen schwupps von ihm umarmt und auf die Wange geküsst, während sie etwas steif dastand und verdattert immer noch Marcs Hand hielt. Das war jetzt keine Begrüßung, wie man sie sich von einem, zumindest was ihre Seite anging, nicht gerade wirklich freundschaftlich getrenntem Ex vorstellen würde. Peter, der vielleicht oder auch nicht bemerkt hatte, dass es recht einseitig war, rückte wieder von ihr ab, hielt sie aber immer noch an den Schultern.

"Lass dich mal angucken! Du hast dich ja überhaupt nicht verändert!"

Na danke auch. Mal von allen innerlichen Veränderungen abgesehen, hatte sie immerhin seit der Trennung siebendreiviertel Kilo abgenommen, von denen erst vier wieder drauf waren. Und sie hatte die letzten paar Stunden im Bad gepinselt, geschmiert und gepudert wie ein Weltmeister und sah somit doch ziemlich anders aus als bei der letzten Begegnung mit Peter, als sie müde und abgeschlafft vom Dienst nach Hause gekommen war. Wenn sich hier einer nicht verändert hatte, dann er. Selber Haarschnitt, selbe Bartstoppeln und das Jackett, das sie ihm mal gekauft hatte, weil der Mann alleine nicht einkaufen konnte. Aber gut. Positiv betrachtet hieß es schonmal, das sie sich nicht verschlechtert hatte. War das auch ein Kompliment oder nicht?

Bevor sie sich da nährere Gedanken zu machen konnte, machte Marc sich bemerkbar, indem er sich dezent räusperte. Peters Blick fiel auf ihn und er ließ endlich Gretchens Schultern wieder los.

"Sie sind doch..", fing er einigermaßen überrascht an.

"Marc Meier, hallo", stellte eben der sich vor und hielt Peter seine freie Hand hin.

"Aus dem Krankenhaus, nicht wahr?", hakte der nach,während sie sich die Hände schüttelten.

"Genau."

"Ach, dann seid ihr Kollegen?"

"Also genaugenommen bin ich ihr--", fing Marc an, aber Gretchen fiel ihm ins Wort. Den Oberarzt konnte er doch ausgerechnet jetzt bitteschön mal steckenlassen. Ging ja gut los, die Sache.

"Genaugenommen ist er nicht nur ein Kollege, sondern eben auch...mehr. Nicht wahr..Schatz?"

"Richtig..äh...Liebes. Setzen wir uns dann?"

Während Peter sich wieder an den Tisch begab und setzte, warf Gretchen Marc einen fragenden Blick zu. Als Antwort zuckte er nur mit den Schultern. Naja, zwar als Kosename äußerst unkreativ, aber immerhin hatte er nichts davon gesagt, ihr Chef zu sein. Sie gingen die wenigen Schritte bis zum Tisch, an dem Peters Verlobte sass und geduldig wartete. Gottseidank war es nicht ihre ehemalige Arzthelferin, weil Gretchen immer noch nicht sicher war, wie sie darauf reagiert hätte. Sie hatte kinnlanges braunes Haar, braune Augen, ein bildhübsches Gesicht und diesen Restaurantbesuch scheinbar dringend nötig, weil sie aussah, als hätte sie das letzte Mal circa letzten Winter eine vollwertige Mahlzeit zu sich genommen. Marc machte Anstalten, sich auf den erstbesten Stuhl zu setzen, weswegen Gretchen sich nun gezwungen sah, sich ihrerseits zu räuspern und ihn mit Nachdruck anzugucken.

"Oh. Stimmt ja", meinte er leise, als er kapiert hatte, was sie wollte, und tat so, als hätte er von Anfang an nichts anderes gewollt, als ihr den Stuhl zurechtzurücken. Peter führte die Vorstellungen fort.

"Und das ist meine Verlobte, Irina Strecker. Schnäuzelchen, das sind Gretchen und Marc."

Da Irina anscheinend immer noch nicht vorhatte, sich von ihrem Stuhl zu erheben, hielt Gretchen es für in Ordnung, auch sitzenzubleiben und ihr lediglich über den Tisch hinweg die Hand zu geben. Auch Marc hielt ihr die Hand zum Schütteln hin und bedachte Irina mit seinem charmantesten Lächeln. Konnte eventuell auch ein Lachen über ihren Kosenamen sein. Im Verhältnis zu Schnäuzelchen stand er nämlich mit einem einfachen Liebes gar nicht mal so schlecht da. Der Kellner kam, brachte ihnen die Speisekarten und Gretchen warf sofort einen Blick hinein. Immerhin hatte sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen vor lauter Schufterei, stressen und stylen.

"Puh, ist wirklich eine große Auswahl, da weiß ich ja gar nicht, was ich nehmen soll."

"Laut Restaurantbewertung machen die hier extragroße Portionen. Als ich das gelesen hab, wusste ich, dass das der genau richtige Laden für jemanden wie dich ist."

Gretchen sah über den Rand ihrer Karte in das lächelnde Gesicht von Peter. Was hatte die Auswahl der Gerichte denn bitte mit der Portionsgröße zu tun? Also das war jetzt ganz sicher eine negative Anspielung auf ihr Gewicht gewesen. Arsch!

Und offensichtlich war sie nicht die Einzige, die diese Bemerkung so aufgefasst hatte. Als sie zu Marc rüber schaute, sah sie, dass er die Augen leicht zusammengekniffen hatte und Peter mit diesem quasi Ameisenblick-light fixierte, so als wollte er ihm sagen: Alles klar, jetzt weiss ich, mit wem ich es zu tun habe.

Er sagte allerdings nichts, entspannte seine Gesichtszüge, nahm seine eigene Karte wieder hoch und studierte sie ausgiebig, bis der Kellner wiederkam, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Marc wartete geduldig, bis er als letzter drankam.

"Übrigens: Danke für die Einladung, äh.. Peter. Ich hab' verdammten Hunger. Du warst ja heute morgen selber in unserer Klinik und hast gesehen, was da so los ist."

Sprach's und bestellte sich für sowohl Vor- als auch Hauptspeise das teuerste, was er bei seinem Studium der Karte gefunden hatte, wie Gretchen bei einem Kontrollblick in ihre eigene feststellte.

"Schade, dass ich fahren muss. Zu dem Kalbsfilet würde der 2012er Flaccianello echt gut passen."

Vor allem preislich, weil eine Flasche über 60 Euro kostete. Gretchen musste sich ein Lächeln verkneifen. Die wild card war heute abend, so wie's aussah, wohl auf ihrer Seite. Sie selbst beließ es bei ihrer geplanten Bestellung, einem Salat als Vorspeise und einem Fischgericht als Hauptgang. Sie war ja immer noch dreidreiviertel Kilo im Minus und das durfte gerne noch ein Weilchen so bleiben.

Während sie nun auf ihr Essen warteten, ließ sich der small talk nicht mehr vermeiden.

"Na, dann erzähl doch mal Gretchen! Wie geht es dir so?", fing Peter an.

"Gut? Äh.. ich meine: Gut. Ja. Fantastisch!"

"Und deinen Eltern? Jochen?"

"Och, denen geht's eigentlich wie immer. Und Jochen studiert jetzt Medizin in Tübingen. Scheint ihm auch ganz gut zu gefallen. Wie geht es deiner Familie?"

"Vater ist momentan überglücklich, weil er der neue Kassenwart im Kleintierzüchterverein geworden ist. Mutti weigert sich immer noch, beizutreten. Was das angeht, ist also alles beim alten."

"Das freut mich für die beiden", nickte Gretchen. Sie hatte Peters Eltern eigentlich immer gemocht; die konnten ja auch nichts für einen Sohn, der mit Arzthelferinnen fremdging, und es freute sie ehrlich, dass Herr und Frau Winkelmann anscheinend keine Krisen wie, noch bis vor kurzem, ihre eigenen Eltern hatten.

Es entstand eine Pause, weil keiner sich berufen fühlte, die Unterhaltung weiterzuführen.

"Und Irina? Was machst du so?", sprach Gretchen schließlich ihre Irgendwie-Nachfolgerin (denn wer konnte schon sagen, wer da noch in der Zwischenzeit gewesen war) an, um sie in das Gespräch zu integrieren. Natürlich auch, weil man sich beim Reden normalerweise anguckte und ein Abchecken dann gleich viel weniger ins Auge fiel. Und solange über jemand anderen gesprochen wurde, musste auch nicht gelogen werden.

"Pharmareferentin", kam als knappe Antwort.

"Ah", machte Gretchen und nahm einen großen Schluck von ihrem Wasser. Offensichtlich war Irina keine große Konversationsmacherin.

"So haben wir uns auch kennengelernt. Sie kam in die Praxis, um mir ein neues Medikament anzudrehen. Das hab ich genommen, und ihre Telefonnummer auch."

Peter nahm Irinas Hand in seine und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken, bevor er weitersprach.

"Die Praxis läuft übrigens hervorragend. Total entspanntes Arbeiten. Nicht so wie früher."

"Was war denn früher bitte unentspannt? Immerhin bist du jetzt alleine mit allen Patienten, das würde ich doch als viel unentspannter einstufen."

"Es ist jetzt eine pädiatrische Facharztpraxis; keine erwachsenen Patienten mehr. Macht mehr Sinn, wo ich doch Kinderarzt bin. Wozu den Facharzt machen, wenn man dann doch nur auf Allgemeinmediziner macht. Ihr kennt euch auch von der Arbeit, ja?"

"Mh-hm", machte Gretchen und nickte heftig. Irgendwie war das in der Theorie viel leichter gewesen. Ihr kam es so vor, als würde Peter sie bestimmt mit einem Blick durchschauen können. Warum auch nicht? Immerhin waren sie jahrelang zusammengewesen, und wenn einer wusste, dass sie keine gute Schwindlerin war, dann doch er. Wieso war sie nochmal auf den Gedanken gekommen, dass das hier eine gute Idee sein könnte? Es würde sich sicher nur noch um Augenblicke handeln, bis Peter bemerken musste, wie rot sie gerade in der Wangengegend war und auf den Wein konnte sie das nicht schieben; sie trank ja Wasser.

"Ich hab sie das erste Mal gesehen, als sie eine Patientin in den Aufzug geschoben hat.", kam es plötzlich von ihrer rechten Seite. Gretchen sah einigermaßen überrascht zu Marc und warf ihm ein dankbares Lächeln zu, weil er eingesprungen war.

"Ja, genau! An meinem ersten Tag.", führte sie weiter aus.

"Zuerst hab ich sie für 'ne Schwester gehalten, weil sie nen komischen Kittel anhatte und die Patientin sie auch noch so angesprochen hat, aber dann hat sie sich doch als potentielle neue Kollegin entpuppt."

"Schön", lächelte Peter, es wirkte allerdings nicht ganz echt. Aber vielleicht interpretierte sie da jetzt nur was rein. Gab ja keinen Grund für ihn, ihr da was nicht zu gönnen.

"War auch gut so; der Patientin hat sie am selben Tag noch das Leben gerettet. Mit nem präkordialen Faustschlag. Hat bei mir Eindruck hinterlassen. Und das schafft nicht jeder."

"Und da machst du jetzt also deinen Facharzt?"

"Genau", bestätigte Gretchen.

"Aber Chirurgie? Und nochmal ganz von vorne? Lohnt sich das denn? Wenn du erstmal Kinder hast..."

"Es spricht nichts dagegen, Kinder und Karriere unter einen Hut zu kriegen. Andere schaffen das schließlich auch. Ausserdem bin ich noch nicht mal dreißig. Du wirst doch auch nicht die Praxis schließen, wenn du Kinder bekommst."

"Nein, natürlich nicht. Ich kann dich mir nur schlecht mit einem Skalpell in der Hand vorstellen."

"Die meiste Zeit halte ich auch nur die Haken oder sauge ab."

"Ja, in Krankenhäusern gibt es eben diese gewisse Hackordnung", meinte Peter gönnerhaft, "Da muss man sich hochdienen. Ich lob mir das eigenständige Arbeiten in der Praxis."

"Dafür sehen wir die interessanteren Fälle. Und wenn irgendwas ist, überweist ihr Praxistypen doch eh an uns weiter."

"Naja...ganz so einfach machen wir es uns dann doch nicht."

Marc öffnete den Mund, um nochmal zu antworten, aber der Kellner kam mit den Vorspeisen, und bis sie alle vier ihre Teller vor sich stehen hatten, war der Augenblick wohl vorbei, weil er das Thema nicht mehr aufgriff. Das Gespräch drehte sich wieder um irgendwelche Belanglosigkeiten, was Gretchen einigermassen entspannte.

"Und? Wohnt ihr schon zusammen?", wechselte Peter irgendwann das Thema aus heiterem Himmel.

"Äh...nein? Ich meine: Nein, tun wir nicht."

"Hatte ich mir gedacht."

"Wie bitte?"

"Marc weiß sicher, was ich meine, nicht wahr?"

"Nee, weiß er nicht. Vielleicht willst du das ein wenig ausführen?"

"Also...", Peter lachte etwas gekünstelt, nachdem Marc ihm nicht einfach zugestimmt hatte, "Gretchen kann schon..ein bisschen detailverliebt sein."

"Das ist auch ganz praktisch, wenn sie mit dem Laser auf ein Gefäß zielen muss, würd ich sagen."

"Naja.."

"Nix naja. Du kannst ja deine Pflaster gerne schief auf verschrammte Kinderknie kleben, bei uns geht's um Millimeter."

"Es war nicht meine Absicht, despektierlich über die Chirurgie zu sprechen. Wenn da was falsch rüber kam, tut's mir leid. Ich bin sicher, dass ihr täglich anspruchvollste Arbeit leistet."

Über die Chirurgie vielleicht nicht, aber so langsam drängte sich Gretchen doch der Verdacht auf, dass Peter ein wenig darauf abzielte, sie klein zu reden. Nicht konstant, nicht so, dass es eklatant auffiel, aber immer mal wieder so aus der Hüfte geschossen, nachdem er sie zuerst mit smalltalk in Sicherheit gewogen hatte. Und dieses System zog er weiter durch, bis die Hauptspeisen vor ihnen standen.

"Die Lasagne ist ganz gut, aber die von Irina ist noch besser. Sie kocht wahnsinnig gerne; jetzt wird die Küche, die so teuer war, endlich mal benutzt."

Irgendwie konnte Gretchen sich nicht vorstellen, dass Irina gerne kochte. Essen schien sie jedenfalls nicht sehr zu mögen, so wie sie in ihrer Pasta stocherte. Aber vielleicht lag das ja auch daran, dass das Gericht ihrem Anspruch als Superköchin nicht gerecht wurde. War auch nicht soo wichtig jetzt, da stand was anderes im Raum, das Gretchen klar stellen musste.

"Soweit ich mich erinnere, wolltest du die Designerküche haben."

"So eine Wohnung ist auch immer eine Visitenkarte."

"Ich hatte nicht vor, Patienten in unserer Wohnung zu empfangen."

"Ich auch nicht, aber wie willst du Professionalität nach aussen ausstrahlen, wenn dein direktes Umfeld unprofessionell ist?"

"Wir haben sowieso fast nie Zuhause gegessen."

"Ja, weil wir beide nicht kochen können. Obwohl..Irina bringt mir das ein oder andere bei. Gibt wohl doch noch Hoffnung für mich."

"Der Peter liebt das. Wir gehen nur selten weg, am liebsten bleiben wir Zuhause", bekräftigte Irina. "Er ist eigentlich so häuslich, er hat es nur nie gewusst."

"Aha."

"Wenn man alles daheim hat, wieso woandershin gehen?"

Okay. Nachricht angekommen. Irina war toll und perfekt und so grandios, dass Peter keine Arzthelferinnen mehr nötig hatte. Und dass er die nötig gehabt hatte, war wohl anscheinend auch gar nicht seine Schuld gewesen. Riesenarsch!

"Schön für euch. Ich muss mal zur Toilette", entschuldigte sich Gretchen, und stand auf, um genau da hin zu gehen. Sie betrachtete sich im Spiegel. Immerhin sah sie noch besser aus, als sie sich fühlte. Gretchen war so was von froh, dass der Abend beinahe hinter ihr lag. Es war definitiv eine Lektion gewesen. Wenn sie das nächste Mal einen Anflug von 'sei mal spontan' bekam, würde sie auf jeden Fall nochmal darüber nachdenken. Und sich dann dagegen entscheiden.

Als sie die Toilette verliess, prallte sie beinahe gegen Marc, der direkt vor der Tür stand.

"Marc! Was soll das?"

"Wollt ich dich auch gerade fragen. Was soll das? Der Typ knallt dir eine verdeckte Beleidigung nach der anderen vor die Füße und du nimmst das mehr oder weniger einfach so hin? Mit mir legst du dich jeden Tag an und vor dem lauwarmen Schluck Wasser gibst du die Duckmaus! Wieso?"

"Ist ja nicht so, als hätte er dreist gelogen", sagte Gretchen und sah zu Boden. Der Grund, warum Peters Spitzen sie getroffen hatten, war ja, dass er eigentlich nur einen grellen Scheinwerfer auf sie gehalten hatte, der alle Schwächen und Unzulänglichkeiten betonte.

"Ja und, verdammtnochmal? Dieser Peter versucht doch nur dir einen reinzudrücken, weil du ihn nicht mehr haben willst. Kommt hierher mit seiner...was für ein bescheuertes Wort ist Schnäuzelchen denn bitte übrigens?...seiner zickigen Irina und versucht, dir dein Leben madig zu machen, der Arsch. Der hätte doch niemals die Courage einfach nochmal ganz von vorne anzufangen so wie du. Nee du. Der weiss genau, dass er als Mensch im Vergleich mit dir abstinkt und wirft verbale Bomben, damit du es nicht auch erkennst und er sich als Gewinner fühlen darf. Aber du lässt den gefälligst nicht gewinnen, ist das klar?"

"Du hast doch selber gesagt, dass ich beziehungswütig bin."

"Naja...da du ja momentan keine hast, kann man das wohl vorerst als unbestätigte These abhaken."

"Und kochen kann ich wirklich nicht besonders."

Marc zuckte mit den Schultern.

"Bleibt die Lieferessenindustrie schon mal länger am Leben."

"Und Assi werd ich auch noch mindestens 2 Jahre sein, bevor der Facharzt durch ist."

"Wir waren alle mal Assistenz, der einzige Unterschied ist, dass du's jetzt bist und Peter vor ein paar Jahren war. Wichtig ist das Ergebnis, und wenn du den Facharzt erstmal hast, kratzt das keine Sau mehr, ob du mit 25 oder 29 die Weiterbildung gemacht hast. Als du heute morgen aufgestanden bist, fandest du dich doch ganz gut, oder?"

"..Ja?"

"Also. Dann hör auf dich und nicht auf so nen Sack. Vergiss mal mich, vergiss ihn: Keiner kennt dich besser als Du."

Da war was dran. Und dass es von Marc kam, machte es noch eindrucksvoller. Der war nun wirklich nicht als jemand bekannt, der sich verbog, nur um andere zufrieden zu machen. Ja, Gretchen kannte sich wirklich am besten von allen. Und ja, die meiste Zeit war sie eigentlich mit dem Menschen zufrieden, der sie war. Jetzt mal von so Kleinigkeiten wie Gewicht und oder spontanen Schnapsideen abgesehen.

"Du hast Recht."

"Darf ich jetzt also bitte endlich gemein zu dem Typen sein?"

Gretchen dachte einen Augenblick lang nach. Es wäre so einfach, Marc so richtig auf Peter los zu lassen; niemand wusste besser als sie, wie gut Marc Meiers Sprüche treffen konnten..

"Nein", beschloss sie schlussendlich jedoch.

"Nein? Gretchen, der is--"

"Den Triumph, dass ich mich auf sein Niveau runterlasse, den kriegt er nicht. Ich geh da jetzt wieder raus, sag ihm die Meinung, aber ohne gemein zu sein, und dann möchte ich nach Hause."

Gretchen ging zurück an den Tisch, ohne sich zu setzen. Sie nahm ihre Stola von der Stuhllehne und legte sie sich um. Dann wand sie sich ihrem Ex-Verlobten zu.

"Peter, ich glaube, wir wissen beide, wieso du mich zu diesem Essen eingeladen hast. Und wenn's dir gut geht, und du glücklich bist, dann Glückwunsch dazu. Das mit uns ist sehr unschön zuende gegangen, du hast mich sehr verletzt, aber ich bin nicht so nachtragend, dass ich dir kein gutes Leben gönnen kann. Wenn ich mir mein Leben jetzt anschaue, und sehe, was ich alles mache und erreiche, dann kann ich das nicht sein. Weil mir mein Leben, so wie es jetzt ist, gefällt und ich die Chance, Chirurgin zu sein, selbstständig zu sein und auf mich vertrauen zu müssen, nie ergriffen hätte, wenn du mich nicht gezwungen hättest, alles auf den Kopf zu stellen und umzukrempeln. Ich werd nicht sagen, dass ich dir dankbar bin, das geht nicht, immerhin hast du mich betrogen und mir damit, auch wenn's nur vorübergehend war, das Herz gebrochen, aber ich..hab meinen Frieden gemacht mit dir, mit uns und mit der Vergangenheit. Und ich wünsch dir, dass du das irgendwann auch schaffst, ohne dass du noch ein Jahr später den Drang verspürst, gegen eine Expartnerin nachzutreten, die dir nichts getan hat, ausser dir die Konsequenzen aufzuzeigen, nachdem du die Beziehung ruiniert hast. Ich hab vielleicht keine eigene Praxis, keine Designerküche oder gar ne eigene Wohnung, aber ich bin ich und ich bin glücklich."

"Also--", setzte Peter an, aber Gretchen unterbrach ihn einfach. Was immer er ihr noch mitteilen wollte, es war nicht wichtig.

"Wenn du das nächste Mal in Berlin bist, bitte ruf mich nicht mehr an, ich denke, es ist wirklich alles gesagt, was wir uns je zu sagen haben könnten. Danke für das Essen, aber wir gehen jetzt. Auf Nachtisch hab ich nun echt keinen Appetit mehr, egal wie gross die Portionen hier sind. Lebwohl."

Sprach's, nahm ihre Handtasche und ging los. Marc konnte es sich anscheinend allerdings nicht nehmen lassen, das allerletzte Wort zu haben. Während Gretchen Richtung Ausgang marschierte, konnte sie deutlich seine Stimme hören.

"Hey, äh.. Schnäuzelchen: Bei der Lusche musste vorsichtig sein, der steckt sein winziges Thermometer gern mal wo hin, wo's nicht hingehört. Weiss ja nicht, was du sonst an Medis vertickst, aber vielleicht investierst du mal lieber in Penicillin. Nur so'n Tipp."

*

Als sie losfuhren, herrschte Stille. Gretchen hing ihren Gedanken nach. Marc fummelte mit dem Radio rum, aber irgendwann drückte er doch wieder auf 'ausschalten'.

"Alles okay mit dir?"

"Mh-hm. Geht schon. So schlimm war's auch wieder nicht, nur unangenehm."

"Also so ein bisschen wie Zahnstein entfernen, was? Na, dann kannste ohne ja ab jetzt wieder strahlend lächeln."

"Auf solche Vergleiche kommst auch nur du", meinte Gretchen mit einem klitzekleinen Schmunzeln.

"Dass du auf ihn reingefallen bist, wollen wir dir gar mal nicht vorhalten. Sowas ist schon ganz anderen passiert. Aber dass du so lange bei dem geblieben bist, das versteh ich nicht."

Gretchen seufzte.

"Er war..einfach anders..oder...ich hab ihn nicht anders wahrgenommen? Ich weiss auch nicht. Vielleicht war ich auch anders."

"Glaub ich nicht. Du hast dich nicht so dramatisch verändert seit der Schulzeit."

"Na danke auch."

Marc schüttelte leicht den Kopf.

"Ich mein das nicht als was Schlechtes. Klar haste dich optisch verändert, in ein paar Jahren kommen auch die Falten und die Schwerkraft schlägt so richtig zu, aber ich meinte mehr so dein Wertesystem."

Gretchen wusste nicht so recht, wie sie darauf antworten sollte. Der Schlussteil war ja nett gewesen, aber die Spitzen davor hatten nun wirklich kein danke verdient. Eher 'ne Retourkutsche.

"Du bist älter als ich, also bist du auch den Falten näher."

"Männer werden mit Falten nur interessanter", kam es postwendend von Marc, als er vor Gretchens Haus parkte.

"Red dir das nur weiter ein", gab Gretchen zurück, während sie sich schonmal einen etwas älteren, an den Schläfen ergrauten Marc mit ein paar Lachfalten vorstellte. In seinem Fall würde das wahrscheinlich sogar stimmen. Verdammt.

"Tja, dann sollte ich wohl doch mehr für den Facharzt machen, wenn meine romantische Zukunft so düster aussieht und es von nun an nur noch bergab geht. Ist ja jetzt schon nicht so, dass die Männer Schlange stehen, um bei mir zu landen."

"Also, ich wär bereit, es zu riskieren."

Gretchens Kopf schoss zur Seite, um Marc anzustarren.

"Was?"

"Das wollte ich dir eigentlich schon sagen, als ich dich das letzte Mal nach Hause gefahren hab, aber dann hast du mir ja einen Umschlag voller Asche und ne ziemliche Attitüde vor den Latz geknallt."

"Was?"

"Gretchen...ich.."

Marc brach ab. Er sah sie einen Moment lang unsicher an, holte tief Luft und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war sein Blick entschlossen.

"Okay, so sieht's aus: Ich will dich. Und zwar nicht nur für eine Nacht oder zwei. Ich will alles. Ob's funktioniert oder ob es komplett in die Binsen geht, wird die Zeit zeigen, aber ich will, dass wir's versuchen. Weil es ist, wie ich neulich gesagt habe: Man gehört dahin, wohin man sich sehnt. Und deswegen..deswegen gehör ich zu dir."

"Was?", fragte Gretchen nochmal verdattert nach und widerstand so gerade noch dem Zwang, sich schnell zu kneifen. Kam ja nicht jeden Tag vor, dass man hörte, was man schon immer hören wollte. Besonders nicht nach einem Tag wie dem heutigen. Da konnte das eigene Gehirn einen schonmal im Stich lassen und sich auf einen Gesamtwortschatz von 1 reduzieren.

"Kann man ja nicht zulassen, dass du wieder an so eine Flachpfeife wie diesen Peter gerätst. Und hey: Ich werd dich bestimmt niemals Schnäuzelchen nennen."

"Meinst du das ernst?", fragte sie mit klopfendem Herzen.

"Dass ich dir keinen bescheuerten Kosenamen verpasse? Sicher. Ist nicht mein Stil", grinste er.

"Marc."

Er rollte mit den Augen und zwinkerte ihr zu, bevor er wieder seriös wurde.

"Ja. Ich mein's ernst, Gretchen. Die Frage, die noch bleibt, ist, ob du das auch noch willst."

"Was?"

"Naja, da war die Sache mit den verbrannten Briefen.. und nachdem Gabi weg war, hast du auch nichts gesagt.."

"Du aber auch nicht."

"Ich wollte ja, aber dann warst du so...enttäuscht..von mir und dass du wegen mir gelogen hast und..irgendwie hat mich das Gefühl beschlichen, dass du nicht sehr positiv reagiert hättest, wenn ich was gesagt hätte."

"Da hast du Recht; ich war enttäuscht."

"Und bist du's immer noch?"

"Nein, bin ich nicht."

Gretchen hatte wirklich lange Nächte damit zugebracht, die komplette Gabi-Situation in allen Nuancen zu beleuchten. War er gut mit der Sache umgegangen? Nein. Aber es war wohl kaum eine Lage, auf die man sich irgendwie vorbereiten konnte. Marc hatte, auch wenn er es niemals zugeben würde, so richtig Angst gehabt. Und was das Lügen bei der Polizei anging, hatte er sie nicht dazu angestiftet; tatsächlich hatte er sie noch aufhalten wollen, als sie losgefahren war.

"Und...könntest du dir vorstellen...?"

Gretchen nickte. Auf Marcs Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus. Er rutschte auf seinem Sitz näher und schob eine Hand in Gretchens Nacken, während sein Gesicht sich dem ihren näherte. Gretchens Herz fing an, noch schneller zu klopfen. Dann allerdings hielt er inne.

"Warte. Steig mal aus", meinte er, nahm seine Hand wieder weg und öffnete seine Tür.

"Wieso das denn jetzt?", fragte Gretchen verdattert.

"Wenn wir das jetzt schon richtig angehen, dann küss ich dich nicht so quasi zwischen Tür und Angel, während mir die Handbremse auf die Leber drückt."

Sie stiegen beide aus, gingen um den Wagen herum und trafen sich vor dem Kofferraum wieder. Marc räusperte sich irgendwie nervös und Gretchen hatte den komischen Impuls, von einer Stelle auf die andere zu treten.

"Das ist jetzt irgendwie...unromantisch", stellte sie fest.

Marc öffnete den Mund, um ein Gegenargument zu bringen, dachte dann einen Augenblick kurz nach, schloss ihn wieder und nickte.

"Ja..so auf Kommando ist doof, ne?"

"Schon.."

"Vielleicht...setzen wir uns doch noch ein wenig in euren Garten, hmm?"

"Okay!"

Das war, auch wenn Marc das wahrscheinlich gar nicht mehr wusste, wiederrum total romantisch, weil ihr Garten der Ort war, an dem er ihr das erste Mal einen Kuss aufgedrückt hatte, damals im Sommer, als sie ein Teenie gewesen war. Gretchen drehte sich Richtung Gartenpforte und wollte vorausgehen. Weiter als einen Schritt kam sie nicht. Marc schnappte sie sich am Handgelenk und zog sie mit Schwung wieder auf ihn zu. Die freie Hand legte er an ihre Wange, bevor er ihr Handgelenk losließ und die andere auch nach oben führte, um sie auf die andere Wange zu legen.

"Reingefallen!", flüsterte er lächelnd und zwinkerte ihr schnell zu, bevor sein Gesicht dem ihren näherkam und das letzte was Gretchen noch sah bevor sich ihre Augen wie von selber schlossen war, dass seine es auch taten.

Es war nicht der erste Kuss, den sie mit Marc teilte, aber bei weitem der Beste. Und da dem hier ohne jeden Zweifel noch viele folgen konnten, liess sich absolut anfügen: Bis jetzt.

"Jetzt können wir uns in den Garten setzen", meinte Marc, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, und nahm Gretchen an der Hand, um sie genau dorthin zu führen.

"Ich hab also keinen romantischen Knochen im Leib? Ja genau. Am Arsch!"

Gretchen konnte nicht anders als zu kichern bei seiner Wortwahl. Sein romantischer Knochen war wohl eher gut versteckt, aber als Chirurgin war sie ja bestens geeignet, den im Lauf der Zeit zu entdecken und freizulegen.

Sie setzten sich auf die Bank im Garten. Küssten sich wieder. Und dann nochmal. Einfach so. Gretchen kuschelte sich an Marcs Seite und sein Arm legte sich um ihre Schultern. Es war nicht Frühsommer im Park, es fiel auch kein leichter, warmer Regen, aber es fühlte sich besser an als jede Phantasie, die sie je gehabt hatte.

"Du Gretchen?"

"Ja?"

"Äh...also nochmal, was diesen kleinen Unfall von Mehdi mit dem Medikamentenschrank angeht..."

ENDE


Ob Marc nun wirklich was damit zu tun hatte oder ob er einfach nochmal klarstellen will, dass er unschuldig war...das dürft ihr selber entscheiden. Ich persönlich könnte mir ein Mittelding vorstellen, und zwar dass Marc Mehdi einfach so lange genervt und zugelabert hat, bis der unachtsam wurde und in seinen Schrank latschte :D

Happy anniversary, Doctor's Diary!

GLG und danke fürs Lesen,
Sandra/Sassi :)

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