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Dieses Thema hat 36 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | 2
Lorelei Offline

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Beiträge: 7.453

09.06.2016 16:15
Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Hey ihr Lieben, die ihr auch ganz verrückt darauf seid, ab heute die alten Doctor’s Diary-Folgen noch mal im TV mitzuverfolgen!

So wie RTL mit unserer Lieblingsserie möchte auch ich noch mal zurückschauen, was damals alles passiert ist. Deshalb habe ich den Anfang meiner Mammutgeschichte noch einmal neu aufgerollt. Ich weiß nicht, wie weit wir kommen werden, aber ich fand’s schön, noch mal in den alten Texten zu stöbern und sie zu verfeinern. Und je nachdem wie ich Lust und Laune habe, mache ich mit der Überarbeitung weiter. Zur Begleitung der Serie in den nächsten Wochen reicht es auf jeden Fall schon mal. Und darüber hinaus, mal schauen. Wer die Story kennt, der weiß, dass es direkt am Ende der 2. Staffel mit dem Cliffi in der Kirche weitergeht. Wer sie erst neu entdeckt, dem wünsche ich erst einmal herzlich Willkommen in unserer verrückten DD-Welt. Habt viel Spaß und vielleicht lesen wir uns ja mal auf meiner Kommiseite (Kommentare zur Story von Lorelei (330)). Ich würde mich über jedwedes Feedback natürlich sehr freuen.

Liebe Grüße, eure Lorelei




Eine Hochzeit und noch mehr Katastrophen!

https://www.youtube.com/watch?v=MqhfRUxB40w


„Und so frage ich Sie, Margarethe Haase, wollen Sie den hier anwesenden Alexis von Buren zu Ihrem angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, bis dass der Tod Sie scheidet, dann antworten Sie bitte mit „Ja, ich will“. Ich schaute ihm tief in die Augen, drückte seine Hände, die meine hielten, und sagte es einfach, ohne groß zu überlegen: „Ja, ich will!“ Und es fühlte sich gut an. Ich war glücklich. Er war der Richtige. Und dann küssten wir uns. Was für ein Kuss! Ich habe jetzt noch weiche Knie, wenn ich daran zurückdenke. Ich stand so kurz davor, endlich den Traum vom perfekten Glück zu erreichen. Doch dann..., ich hatte noch gar nicht richtig begriffen, dass ich jetzt tatsächlich verheiratet war, brach plötzlich alles über mir zusammen: Ich hörte meine Mutter panisch rufen, ‚Gretchen, dein Vater ist zusammengebrochen!’ Ich drehte mich zu ihr um, erstarrte vor lähmender Angst, die nach meinem Herzen griff, und dann lief plötzlich alles wie in Zeitlupe ab. ... Ich rannte zu meinem Vater, der zwischen den geschmückten Holzbänken ohnmächtig auf dem kalten Kirchenfußboden lag. Ich hörte, wie im Hintergrund plötzlich die Pieper meiner geladenen Kollegen ansprangen. Ein seltsames Summen, das so gar nicht in diese romantische Situation passte. Wir waren ja in einer Kirche, alles war für eine Hochzeit geschmückt. Meine Hochzeit! Mit Alexis von Buren, einem schnuckeligen Millionär, der in den letzten dreieinhalb Monaten mein Herz im Sturm erobert hatte. Und dabei hatte ich doch immer gedacht, dass jemand ganz anderes für immer in meinem Herzen festsitzen würde: MARC MEIER! Meine alte und ewige Jugendliebe und jetzt mein despotischer Chef und Sklaventreiber. Ich habe eigentlich immer ihn gesehen, wenn ich in meinen Träumen zum Traualtar geschritten bin. Aber heute war es kein Traum. Ich hatte heute tatsächlich einen anderen geheiratet. Vor seinen Augen! Ich habe genau gemerkt, dass er am Eingang der Kirche gestanden hat. Ich habe seine Blicke wie Stecknadeln auf meiner Haut gespürt. Er sah gut aus in seinem lässigen schwarzen Anzug. Den könnte er ruhig häufiger tragen. Er wirkte angespannt. Irgendwie nachdenklich. Vielleicht sogar ein bisschen traurig. Wegen mir? Zumindest bildete ich mir das ein. Für einen kurzen Augenblick hatte ich sogar noch die Hoffnung gehabt, dass er während der Zeremonie dazwischenrufen würde: „TUE ES NICHT, GRETCHEN! Er ist der Falsche! Ich sollte an seiner Stelle stehen!“ Aber nichts dergleichen war geschehen. Marc würde sich niemals ändern. Nicht für mich! Er will mich nicht! Ich muss aufhören, davon zu träumen. Deshalb ist ein klarer Schnitt genau das Richtige! Marc ist nicht mehr Teil meines Lebens. Meine Zukunft gehört jetzt einzig und allein Alexis. Bei ihm bin ich mir sicher, dass er mich aufrichtig liebt und mich niemals verletzen würde. ... Doch jetzt hatte sich der eigentlich schönste Tag in meinem Leben in einen wahren Alptraum verwandelt. Eben noch auf Wolke Sieben stand ich nun am Abgrund. Ich wurde erbarmungslos in die Tiefe gezogen. Ein tiefer schwarzer Schlund verschluckte meine gesamte Welt. Mit einem Atemschlag hatte sich meine Traumhochzeit in eine Katastrophe verwandelt, deren Ausmaße ich jetzt noch nicht überblicken konnte. Ich musste handeln und schaltete auf Autopilot. ... Ich erreichte meinen Vater und kontrollierte seine Vitalzeichen. Sein Puls war kaum messbar. Ich hatte ihn noch nie so gesehen. So schwach und verletzlich. Er war ohnmächtig, bleich wie eine Wand und Blut lief aus seiner Nase. Oh Gott, das konnte nur Eines bedeuten. ... Bitte nicht! Nein, das darf nicht sein. ... PAPA!!!!!


Sie hat es tatsächlich getan! Sie hat diesen Flachwichser ohne zu zucken geheiratet! Wie konnte sie nur? ... Marc Meier lief völlig durcheinander und stinkwütend durch die Straßen Berlins, ohne wirklich ein Ziel vor Augen zu haben, und fuhr sich immer wieder mit beiden Händen durch seine perfekt frisierten Haare. ... Warum hat sie das getan? Um mir eins auszuwischen? Um es mir endlich heimzuzahlen für all die Gemeinheiten, die Urzeiten zurücklagen? Oder liebt sie diese Gelddruckmaschine mit den hässlichen Segelohren und dem Charme einer Amöbe etwa wirklich? ... Marc schüttelte den Kopf. ... Niemals! Nein, das kann nicht sein! ... Dieser Gedanke war für ihn einfach unvorstellbar. ... Sie kannte ihn wie lange? Drei Tage? Mir war sie ihr halbes Leben lang nachgerannt, obwohl sie genau wusste, dass sie niemals eine Chance bekommen würde. Diese bescheuerte Hochzeit ist doch völlig überstürzt. Gestern küsst sie mich noch und heute will sie davon nichts mehr wissen? ... Ziellos irrte der Oberarzt weiter durch die Stadt und versuchte die Gedanken abzuschütteln, die sich in sein Hirn fraßen wie ein fleischfressendes Bakterium und es immer weicher werden ließen. ... Warum glaubt sie mir nicht, dass ich es ehrlich mit ihr meine? Mann, ich könnte mich ohrfeigen! Warum habe ich nur mit ihrer Freundin...? Von wegen Freundin! Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr! Diese Bitch! Wenn das hässliche Singvögelchen mir noch mal in die Quere kommt, bring ich sie um! Ich reiße ihr alle Federn aus und ich tue der Menschheit sicherlich sogar noch einen Gefallen damit. ... Scheiße eh!!! ... Diese verdammten Bilder gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wie Haasenzahn da steht in diesem Wahnsinnskleid und diese Karikatur von einem Mann anstrahlt, so wie sie mich immer angesehen hat, wenn sie dachte, ich merke es nicht. ... “Ja, ich will!“ Immer wieder hörte er diese drei Worte, die sich wie Giftpfeile in seinen oberen Thorax bohrten. Er hielt sich die Ohren zu, weil er das Echo nicht mehr ertragen konnte. ... Sch...!!!! Ich konnte mir dieses schreckliche Schauspiel nicht mehr länger mitansehen und bin einfach gegangen. Ohne ein Wort. Es tat einfach zu weh. Oh Mann, so beschissen habe ich mich noch nie gefühlt. So muss sie sich wohl gefühlt haben, als ich Gabi damals diesen verfluchten erzwungenen Antrag gemacht habe. Damit fing die ganze Scheiße doch erst an. Wenn ich nicht so feige gewesen wäre, zu dem zu stehen, was ich getan hatte, dann... dann wären wir vielleicht... Marc griff sich an seinen dröhnenden Kopf und schüttelte ihn ... Ich verdammter Idiot! ... und ging dann weiter planlos durch den Park, wo er vor lauter Wut auf sich selbst einen überquellenden Papierkorb umschmiss, der am Wegesrand gestanden hatte. Eine alte Dame, die dies von ihrer Parkbank aus beobachtet hatte, sah dem jungen Mann erbost hinterher und deutete mit ihrem Gehstock auf ihn: „Sie Rowdy, Sie!“ Marc hatte sie gar nicht wahrgenommen und ging weiter geradeaus. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles drehte sich nur noch um SIE. Wie in einem Karussell, das niemals stillstand.

Alles Mögliche schoss ihm durch den Kopf: Wie sie vor fast einem Jahr plötzlich im Fahrstuhl vor ihm gestanden hatte. Wie ein Flashback, der ihn mit einem Mal in die Vergangenheit katapultiert hatte, an die er schon ewig nicht mehr gedacht hatte. Er hatte sie natürlich sofort wiedererkannt. Schließlich gab es dieses besondere Mädchen nur einmal auf der Welt: Haasenzahn! Sie sah toll aus. Kein Vergleich mehr zu dem hässlichen Entlein von damals in der Schule, wo er sie immer zum Spaß fertiggemacht hatte. Das wollte er sich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht eingestehen und so behandelte er sie eben so, wie er es immer schon zu tun gepflegt hatte. Dennoch hatte sie ihn irgendwie beeindruckt mit ihrem Können im OP, ihrem Umgang mit den Patienten, ihrer Schlagfertigkeit, einfach mit ihrer ganzen Art, die er so bei noch keiner Frau erlebt hatte. Es faszinierte ihn. Sie faszinierte ihn. Er wusste auch nicht warum, aber er liebte die Spielchen mit ihr. Das machte ihn irgendwie an. Er war ausgeglichener, wenn er sich mal wieder mit Dr. Margarethe Haase angelegt hatte. Es war offensichtlich gewesen, dass sie immer noch auf ihn stand. So schnell, wie ihr Herz geschlagen hatte, als er Gretchen zum ersten Mal berührt hatte, nachdem er nach dem kleinen Zusammenprall mit Mehdis Schrottkarre aufgewacht war und sie zum ersten Mal richtig angesehen hatte. Diese Augen! Wie sie ihn fokussiert hatten. ... Dann sah er plötzlich den Kuss im Fahrstuhl vor sich, nachdem er ihr gesagt hatte, dass sie sich doch einfach nehmen sollte, was sie wollte, wenn sie denn endlich wüsste, was sie wollte. Irgendwie war er beeindruckt gewesen. Sie konnte auch anders! Das reizte ihn. Ungemein! Er wollte sie ins Bett kriegen. Mehr denn je. Wenn sie sich nur nicht so geziert hätte und auf ihren spießigen Prinzipien beharrt hätte. Sex nur mit Liebe, tzz... Sie hätten so gut miteinander auskommen können. ... Aber ich hab’s vermasseln, wollte mir nicht eingestehen, dass da doch mehr war, dass ich Gefühle für sie hatte. Marc Meier und Gefühle, das geht gar nicht! ... Und so stürzte er sich wieder in die Sache mit Gabi. Der größten Fehler seines Lebens! ... Dass Haasenzahn dann etwas mit Mehdi angefangen hat, das... Gut, ich war sie endlich los, das wollte ich ja auch, aber irgendwie war ich schon eifersüchtig auf ihn. Auf das, was sie hatten. Ihr Glück, das sie nicht verhehlten. ... Glück, ein Gefühl, das er noch nie gekannt hatte, geschweige denn es je verstanden hätte. ... Und dann kam der Moment, nach dem plötzlich alles anders war als zuvor:

Als ihr Herz plötzlich aufgehört hatte zu schlagen, setzte meins auch aus. Ich wollte sie nicht verlieren. Sie war mir zu wichtig geworden. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, was mich die ganze Zeit schon so sehr an ihr gestört hatte: Ich war in sie verliebt! Das war offensichtlich. Und sie empfand das gleiche. Das habe ich bei unserem Dornröschenkuss gemerkt, der eigentlich total albern, aber doch auch so schön war. Ein flüchtiger Moment, der dein ganzes Leben auf den Kopf stellen konnte. Zu kurz! Viel zu kurz, um wirklich greifbar zu sein! Denn dann kam die Sache mit der fiesen Erpresserin und alles ging den Bach runter. Ich wusste, Haasenzahn würde mir nie wieder vertrauen, und machte wieder auf Oberarsch, um es ihr (und mir) leichter zu machen, aber ich kam einfach nicht von ihr los. Jedes Mal, wenn ich sie sah, setzte mein Verstand aus. Wie konnte mir das nur passieren? Ausgerechnet mir! Marc Meier! Einer einzigen Frau verfallen, das war doch lächerlich. Monogamie, die pure Utopie! Aber jedes Mal, wenn ich sie sah, wollte ich sie einfach nur greifen und küssen und nie wieder damit aufhören. ... Der Kuss auf dem Flur, als unsere alte Schulfreundin Susanne uns, warum auch immer, mit ihrem Handy knipsen wollte. ... Und dann, als sie Tage später in so einer unwirklichen Situation im Brautkleid vor mir stand. Ich war hin und weg. Geradezu von ihrer Schönheit geblendet. Ich hätte sie auf der Stelle geheiratet! Und das sogar, obwohl ich so etwas Verbindliches eigentlich nie auf dem Plan hatte. ... Als sie dann bei mir eingebrochen ist und in der Dusche vor mir stand, so verletzt und verzweifelt, nass wie ein begossener Pudel und dennoch so verdammt süß und verführerisch. Wahnsinn! Sie war so nah. Endlich greifbar. Ich konnte mich nicht beherrschen. Ich wollte sie und sie mich auch. Das habe ich in ihren Augen gelesen. Dieses tiefe Blau konnte einen wirklich hypnotisieren. ... Sch...!!! Ich habe alles falsch gemacht! Ich hätte ihr die ganze Geschichte mit dem Unfall schon viel früher beichten sollen. Aber ich war zu feige, mein verdammter Stolz, zugeben zu müssen, dass ich einen Fehler begangen hatte. War ja klar, dass sie das alles irgendwann selbst herausfinden würde. Haasenzahn war doch nicht dumm. An dem Punkt hatte ich sie endgültig verloren. Sie hatte gegen ihre Prinzipien gehandelt und für mich vor der Polizei gelogen. Das würde sie mir niemals verzeihen. Seit diesem Tag machte sie komplett dicht und warf sich auch noch diesem schleimigen Börsenheini an den Hals. Wenn ich den sehe, fliegen bei mir alle Sicherungen durch. Was will sie mit so einem? Die passen doch überhaupt nicht zusammen. Das müsste sie doch merken? Und jetzt ist sie mit dem auch noch ver... ver... Er konnte es nicht aussprechen. Zu tief saß der Schmerz, der sich durch seine Eingeweide fraß. ... Ach, was nützt jetzt diese ganze Grübelei? Es ist vorbei. Endgültig! Das ist gut so. Sei froh, dass du sie endlich los bist, Meier. Ich mache mich doch nicht noch mehr zum Trottel und renne ihr nach! Nee, niemals! Soll sie doch glücklich werden mit dem Geldfuzzy! Ich bin es jedenfalls. Mein Job ist mein Leben. Das war immer schon mein Credo und wird es auch immer bleiben. Den Rang wird mir keine Frau ablaufen! Keine! ... dachte er und ging mit geballten Fäusten zurück zu seinem Wagen, der im absoluten Halteverbot vor der Parkanlage stand.

Mit einem Mal verdunkelte sich jedoch der Himmel über ihm. Blitze zuckten am Horizont. Sturm kam auf, so als ob sich etwas Schlimmes zusammenbrauen würde. Es fing an, stark zu regnen, aber Marc merkte es nicht. Immer wieder gingen seine Gedanken zurück zu Gretchen. Der Kuss vorgestern auf dem Polterabend. Er wusste, das war seine letzte Chance. Oder hätte er doch auf Mehdi hören sollen und es ihr einfach sagen? Diese beschissenen drei Worte, die jede Frau schwach werden ließen, die ihm aber noch nie etwas bedeutet hatten. Aber er bekam einfach nicht die Zähne auseinander. Er wusste nicht, warum. Und gestern, als er es in einem letzten verzweifelten Versuch doch noch tun wollte, war es zu spät gewesen. Die Bitch war ihm zuvorgekommen. Dabei hatte Gretchen doch die ganze Nacht über ihn nachgedacht. Sie hatte also doch gezweifelt. Sie war sich nicht so sicher gewesen, wie sie es allen vorgespielt hatte. ... Sie hätte vielleicht... Und ich Idiot hab alles kaputt gemacht! ... Die verpasste Chance, seine allerletzte Chance, nagte an seinem Ego. ... Mann Meier, hör endlich auf, in Selbstmitleid zu baden! Bist du ein Mann oder eine Memme? Sie ist VERHEIRATET! Punkt! Vergiss sie! Ein für alle Mal! ... Doch Marc konnte es nicht. Es ging nicht. Er versuchte, sie sich mit aller Gewalt aus dem Herzen zu reißen. Doch Gretchen Haase hielt sein Herz besetzt. Fensterplatz, VIP-Lounge. Das war doch völlig irre. ... Wie es wohl geworden wäre, wenn wir...? Nein, verdammt! Ich bin nun mal kein Beziehungsmensch. Das wäre nie gut gegangen mit uns. Ich hätte ihre rosaroten Traumvorstellungen nie erfüllen können. Irgendwann hätten wir uns gehasst und das wäre, glaube ich, viel schlimmer als die Situation, wie sie jetzt ist. Ich muss mich damit abfinden. Gretchen Haase ist passé! Schluss! Aus! Finito! Für immer!

Plötzlich klingelte sein Handy und riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Er zog es aus seiner Hosentasche, blickte aufs Display und verleierte die Augen, nachdem er den Anrufer identifiziert hatte, der einfach nicht nachgeben wollte und auf Dauernerven gedrückt hatte. ... Och nee, Mehdi! Der will jetzt nicht ernsthaft wissen, ob sie..., ob ich sie... Nee, das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen. ... Marc drückte seinen Wieder-Irgendwie-Freund entschieden weg, steckte sein Handy wieder ein, trat an seinen Wagen heran und zog den nassen Strafzettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ohne ihn zu lesen, zerknüllte er ihn und warf ihn achtlos neben seinen alten Volvo, bevor er in diesen einstieg.


Mist, Mist, Mist! Er geht nicht ran. Wenn man einmal deine Hilfe braucht, Meier! ... Dr. Kaan war der Verzweiflung nahe und blickte sich hilflos in dem Patientenzimmer um, in dem er sich seit geraumer Zeit befand. Was sollte er denn jetzt nur tun? Er hatte sich noch nie in solch einer Situation befunden, in der wirklich jede Minute zählte, wenn es stimmte, was er vermutete. Der beunruhigte Gynäkologe zog ein weiteres Mal tief Luft in seine Lungen ein, konzentrierte sich darauf, nicht jeden Moment durchzudrehen, und setzte versiert die Reanimation bei seiner Patientin Gundis fort, während der verpeilte Assistenzarzt, der ihn zu Hilfe gerufen hatte, zunehmend in Panik verfiel und Schwester Ingeborg auch keine Lebenszeichen mehr zeigte. Nicht gut! Gar nicht gut! Das lief hier eindeutig aus dem Ruder.

Mehdi: Schwester Ingeborg, können Sie mich hören?
Knechtelsdorfer: Woas is denn mit dor? Dos sin do die gleuchen Symptome wie bei dor Patientin? Is das ansteckend? Scheiße, i hob sie angefasst! Muss i jetzt... Eh, i hob echt schiss, Dr. Kaan.
Mehdi: Hey, bleiben Sie bitte ruhig, Dr. Knechtelsdorfer! Kümmern Sie sich weiter um die beiden Patientinnen! Ich muss die Gyn abriegeln. Keiner darf mehr hier rein oder raus. Verstanden?
Knechtelsdorfer: Und wos is mit mir? Bin i jetzt o scho infiziert?
Mehdi: Das... werden wir dann sehen. Ich muss telefonieren.

Dr. Kaan rappelte sich vom Fußboden auf und lief im Eilschritt aus dem Zimmer, während er bereits sein Telefon an sein Ohr drückte. - „Hallo? Elisabethkrankenhaus Berlin hier! Dr. Kaan. Wir haben hier einen „Code Red“ auf der Gynäkologischen Station! Irgendein nicht bestimmter Virus bei einer meiner Patientinnen, die gerade frisch entbunden hat und vor einigen Tagen aus Afrika zurückgekehrt ist. Bitte kommen Sie sofort! Ich glaube, es ist...

Mehdi beschrieb minutiös die aktuelle Lage, folgte aufmerksam den dargelegten Sicherheitsanweisungen und legte anschließend auf. Er atmete tief durch, um seinen rasenden Puls zu beruhigen, gab der diensthabenden Stationsschwester Anweisungen, wie mit den nicht betroffenen Patientinnen vorgegangen werden sollte und sperrte dann die Türen zur Gyn ab, damit niemand mehr herein- und herauskommen konnte, und schnappte sich erneut sein Handy. Allein war er vollkommen überfordert mit der Situation. Alle waren schließlich gerade auf Gretchens Hochzeit, allen voran sein Chef und die weiteren Verantwortlichen des Elisabethkrankenhauses. Er brauchte IHN jetzt hier, komme, was wolle!


„Geht das denn nicht schneller? Gordon, mach doch was! Das ist mein Vater, der hier auf der Trage liegt. Ihr Chef wohlgemerkt! Es zählt jede Minute!“ ... Wir saßen im Krankenwagen. Mama heulte die ganze Zeit. ‚Was ist denn nur mit ihm? Wieso wacht er denn nicht wieder auf`, immer wieder fragte sie mich dasselbe. Aber was sollte ich ihr denn antworten? ... „Mama, bitte, beruhige dich! Wir sind ja gleich da!“ Jochen unterstützte mich, wo er nur konnte, aber ich konnte die Angst in seinen Augen lesen, als er mich immer wieder fragend anblickte und allmählich verstand. Mein kleiner Bruder hatte zwar erst vor wenigen Wochen mit seinem Medizinstudium begonnen, aber er erkannte den Ernst der Lage sofort. ... Ich konnte Mama und Jochen nicht die Wahrheit sagen. Wenn meine Befürchtung stimmte, dann... Oh Gott, ich weiß nicht, ob ich das verkraften könnte. Papa, bitte, halte durch! ... “Wir sind da!“ Gretchen sprang, ohne zu zögern, aus dem Krankenwagen und schob nun zusammen mit Gordon ihren Vater in die Notaufnahme des Elisabethkrankenhauses.


Marc Meier saß derweil unschlüssig am Steuer seines in die Jahre gekommenen weißen Volvokombis. Er umklammerte mit einer Hand das Lenkrad, mit der anderen hielt er sich am Zündschlüssel fest, aber er wusste nicht, wohin er jetzt sollte. Er fühlte sich so leer. Er wusste nichts mehr mit sich anzufangen. In genau dem Moment setzte der „Knight-Rider“-Klingelton seines Mobiltelefons wieder zum Dauerkonzert an. ... Schon wieder Mehdi! Eh, der gibt keine Ruhe, die Heulsuse. Na warte! Dem stopfe ich jetzt das Maul. ... Wütend zog er das Handy aus seiner Hosentasche, drückte auf den grünen Hörer und schrie unvermittelt ins Telefon, um seinem Ärger Luft zu machen...

Marc: WAS IST? Was macht du denn für einen Terror, Kaan? Ich weiß, es ist schwer für dich, mir geht’s ja auch beschissen, aber wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen. Sie hat den Wichser tatsächlich geheiratet! Komm damit klar und nerv mich nicht!
Mehdi (aufgeregt versucht er sich Gehör zu verschaffen): Das ist mir scheißegal. Marc, ich brauche dich jetzt hier!
Marc (verwundert): Bitte? Seit wann ist dir Haasenzahn so egal? Das fällt dir ausgerechnet heute ein? Und was soll das heißen, du brauchst mich? Soll ich dir jetzt das Patschehändchen halten und dir die Rotztüten reichen, oder was? Nee, vergiss es! Geh zu deinem Therapeuten!
Mehdi (versucht ihn aufzuhalten, sofort wiederaufzulegen): Es ist ernst, Marc! Wir haben hier ein Problem... Also, ich glaube, hier ist... ähm... Wie soll ich sagen...?
Marc (tippt ungeduldig auf das Armaturenbrett): WAS? Eh, spuck es endlich aus! Hab nicht ewig Zeit.
Mehdi: Okay, stell dir „Apocalypse Now“ vor und multipliziere es mal drei, dann kannst du annähernd verstehen, was hier im EKH gerade los ist.
Marc (starrt konsterniert aus dem Seitenfenster seines Autos): Bitte was? Eh, was soll der Scheiß? Sie hat nur geheiratet! Mehr nicht! Krieg dich wieder ein, du Memme! Das werden wir schon irgendwie überleben! Hey, sie ist nur ne Frau.
Mehdi: Das vielleicht schon, aber nicht die Epidemie!
Marc (runzelt verwirrt die Stirn): Bitte? Spinnst du jetzt völlig? Was denn für eine bescheuerte Epidemie? Mehdi, ich habe dir schon einmal gesagt, keine Horrorfilme mehr nach Mitternacht! Oder hast du wieder heimlich von deinen Happy-Pillen genascht? Lass den Scheiß, verdammt noch mal! Das bringt doch nix.
Mehdi (wird angesichts der bedrohlichen Notlage laut): Das ist mein voller Ernst, Marc! Hier ist die Hölle los! Ich habe schon die Behörden informiert. Das Robert-Koch-Institut ist unterwegs. Uns rennt die Zeit davon. Ich brauch dich hier wirklich. Wenn sich das herumspricht, haben wir hier eine Massenpanik, die nicht mehr kontrollierbar ist.
Marc: Was? Ich versteh nur Bahnhof!
Mehdi: Eine Patientin von mir ist vorhin zusammengebrochen. Ihr lief Blut aus der Nase und den Ohren. Ich konnte sie zwar reanimieren, aber sie zeigt nur noch ganz schwache Vitalzeichen. Sie wird es nicht schaffen! Das Virus ist schon viel zu weit fortgeschritten. Also wenn mich nicht alles täuscht, könnte das auf Ebola oder Denguefieber hindeuten. Schwester Ingeborg ist eben auch schon zusammengeklappt. Sie weist exakt dieselben Symptome auf. Sie hatte am engsten Kontakt zu der Patientin. Marc, es ist ernst! Die Frau war erst seit zwei Tagen hier auf Station und jetzt... Verstehst du? Ich habe die Gyn schon abgeriegelt. Die werden hier eine Quarantänestation aufbauen, vorerst, wenn nicht noch mehr... Scheiße, jetzt ist der Knechtelsdorfer umgekippt. ... Maurice, hey! Aufwachen! Hey, ich brauche hier Hilfe. Drei Tragen, schnell!
Marc (kann das alles nicht glauben): Das kann doch nicht wahr sein! Wir sind hier in Deutschland, wie kann denn hier Ebola ausbrechen? Das ist völlig unmöglich. Du musst dich irren?
Mehdi (nachdem die Patienten von Männern in Schutzanzügen abgeholt worden sind, konzentriert er sich wieder auf das Telefonat mit Marc): Gundis kam vor drei Tagen von einem Hilfsprojekt in Afrika zurück und hat hier vorgestern entbunden! Ohne Komplikationen. Es gab bis eben überhaupt keine Anzeichen, dass etwas nicht mit ihr stimmen könnte. Sie klang ein bisschen erkältet, mehr nicht. Ihrem Baby geht’s übrigens gut. Die Blutuntersuchungen laufen aber noch. Noch kann eine Ansteckung nicht ausgeschlossen werden. Aber was mir mehr Sorgen bereitet, ist die extrem kurze Inkubationszeit. Ingeborg ist erst seit gestern als Vertretung auf der Gyn. Dein Assistenzarzt erst seit heute Morgen. Der ist zum Glück gerade wieder zu sich gekommen, klagt aber über starke Schmerzen im Abdomen und Schüttelfrost. Mein letzter Unikurs in Virologie ist Jahre her. Mann, ich weiß nicht, was ich machen soll. Hilf mir!
Marc (begreift allmählich die Ausmaße u. ist völlig sprachlos): Oh...
Mehdi (verfällt plötzlich in akuter Panik): Scheiße, Scheiße, scheiße! Das darf nicht wahr sein. Gretchen!
Marc (schreit ins Telefon, als er Gretchens Namen hört): WAS IST LOS, VERDAMMT?

Mehdi: Komm sofort her! Gretchen hat ... eingeliefert! ... Marc, bist du noch dran?

Doch Marc hörte seinen aufgeregten Freund nicht mehr. Er hatte nur Gretchens Namen verstanden und war sofort aufs Gaspedal gesprungen. Sein Handy hatte er achtlos auf den Beifahrersitz geworfen. Seine Gedanken fuhren Achterbahn, während er eine rote Ampel nach der anderen passierte und jegliche Verkehrsregel außer Acht ließ. ... Oh Gott, wenn ihr etwas passiert, dann... Das würde ich nicht überleben. ... Auf schnellstem Wege fuhr der Chirurg zum Elisabethkrankenhaus am anderen Ende der Stadt.

Lorelei Offline

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10.06.2016 17:18
#2 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Genau dort im Berliner Elisabethkrankenhaus war Gretchen soeben mit ihrem Vater in der Notaufnahme eingetroffen. ... Hä? Niemand hier? Wieso ist denn hier keiner? ... Die panische Assistenzärztin blickte sich hektisch um. Auch die Gänge, in die sie um Hilfe rufend lief, waren allesamt leer. ... Endzeitstimmung! Oh Gott, sind wir etwa schon die letzten Überlebenden? ... Doch ehe sie sich wieder sammeln konnte, kam plötzlich eine ihr unbekannte Person in einem gelben Schutzanzug um die Ecke gelaufen und sprach die aufgeregte junge Frau im Brautkleid an, die hier so fehl am Platz wirkte. - „Tut mir leid, aber Sie können hier nicht bleiben. Die Notaufnahme ist geschlossen. Das Krankenhaus steht unter Quarantäne. Versuchen Sie es bitte in der Charité oder im Nordstadtkrankenhaus.“ - „Was? Sind Sie verrückt geworden! Ich habe hier einen Patienten und der muss dringend versorgt werden. Sofort! Und wieso Quarantäne? Gibt es etwa noch mehr Fälle?“ Der Mann in Gelb guckte sie nun alarmiert an. - „Woher wissen Sie das?“ Gretchen schaltete schnell und sah ihr Gegenüber mit blankem Entsetzen an. Ebenso wie Jochen und Bärbel, die sich mit zitternden Händen an Franz’ Barre festklammerten. - „Was ist hier passiert? Ich heiße Dr. Margarethe Haa... ähm ... von Buren, ich bin Assistenzärztin hier in der Chirurgie! Sie können mit mir reden.“ Der fremde Mann trat näher heran. - „Hören Sie, mein Name ist Prof. Dr. Ulrich Schmidt. Ich komme vom Tropeninstitut Berlin. Bitte, Sie müssen jetzt gehen! Hier besteht höchste Ansteckungsgefahr!“ Gretchen blickte auf ihren leichenblassen Vater, der dalag, als würde er lediglich schlafen, und augenblicklich sammelten sich Tränen in ihren Augen. - „Aber er hat doch auch...“ Erst jetzt sah sich der Mediziner vom Tropeninstitut den Patienten auf der Trage genauer an. Er schien dieselben Symptome aufzuweisen wie die anderen. Es bestand Lebensgefahr, schlussfolgerte er sofort. - „Ok, sofort mitkommen! Wann sind die ersten Symptome aufgetreten?“ Im Eilschritt lief die Familie Haase dem Professor hinterher, der sich die Trage geschnappt hatte und diese hektisch durch die Schleuse schob, die den Eingangsbereich vom Rest des Krankenhauses trennte.

Gretchen: Etwa vor einer halben Stunde. Erst Nasenbluten, dann ist er plötzlich ohne Vorwarnung zusammengebrochen, ganz schwacher Puls...
Schmidt (schlussfolgert nachdenklich, während der Fahrstuhl nach oben fährt): Also dieselben Symptome wie bei den anderen.
Gretchen (wird plötzlich ganz blass u. muss sich an der Glaswand festhalten): Den anderen? Wie viele sind betroffen?
Schmidt: Zwei Frauen und ein Mann. Mit wem hatte er noch Kontakt? Es muss einen Zusammenhang geben. Er wäre der erste Patient von außerhalb. Die Situation wäre dann nicht mehr zu überblicken.
Gretchen: Wir waren auf einer Hochzeit. Meiner Hochzeit, wie Sie vielleicht sehen können. ... (deutet auf ihr blutverschmiertes Hochzeitskleid) ... Er ist mein Vater und er ist der Leiter des Elisabethkrankenhauses, Prof. Dr. Franz Haase. Er hat bis kurz vor der Trauung noch hier gearbeitet. Und er hatte, soweit ich weiß, nur Kontakt mit den anderen Gästen. Sie sind noch alle in der Kirche. Ich habe schon die Behörden informiert und...

Wie aufs Stichwort klingelte in dem Moment das Telefon vom Professor. Er nahm sofort ab, während Kollegen in gelben Schutzanzügen die Neuankömmlinge im dritten Stockwerk „willkommen“ hießen, nachdem sich die Fahrstuhltüren dort geöffnet hatten.

Schmidt: Ok, St. Michaeliskirche, verstanden. Team zusammenstellen! Ich kümmere mich um die Klinik. Melden Sie sich, wenn Sie neuere Angaben machen können! ... (nachdem er aufgelegt hat, wendet er sich mit Sorgenmiene wieder Gretchen zu) ... Also, mein Kollege hat gerade Ihre Angaben bestätigt, Frau Dr. von Buren. Das Gelände wird weiträumig abgeriegelt. Ihre Gäste bleiben vorerst in der Kirche in Quarantäne, bis wir Genaueres wissen über den Virus. Sie werden später ebenfalls hierher ins Elisabethkrankenhaus gebracht und isoliert. Kommen Sie bitte mit auf die gynäkologische Station!
Gretchen (irritiert folgt sie dem Mann über die Gänge): Die Gyn? Aber wieso auf die Gyn?
Schmidt: Dort ist der Virus erstmals aufgetreten.

Gretchen schaute den Mediziner bestürzt an und konnte nicht glauben, was er soeben gesagt hatte. Ein schlimmer Verdacht machte sich in ihr breit und lähmte sie noch zusätzlich zu der Angst, die sie bereits um ihren Vater hatte. ... Zwei Frauen und ein Mann! Oh Gott, Mehdi! Er war nicht in der Kirche! Nein, nein, nein! Bitte nicht er auch noch! ... Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und begann leise zu weinen. Erst als Jochen zaghaft eine Hand auf ihre Schulter legte, schaute sie wieder auf und lief weiter der Trage mit ihrem Vater hinterher, die eilig über die menschenleeren Krankenhausgänge geschoben wurde.

Als sie die provisorisch eingerichtete Quarantänestation auf der Gyn erreichten, bemerkte Gretchen erst das ganze Ausmaß der Katastrophe: dutzende Männer und Frauen in gelber Schutzkleidung, die eilig durcheinanderliefen, Schutzfolien, Absperrbänder, Desinfektionsspender, wohin man nur sah. Prof. Dr. Schmidt sprach sie erneut an und rüttelte sie damit auf. - „Frau Dr. von Buren, da wir davon ausgehen müssen, dass auch Sie Kontakt mit dem Erreger hatten, müssen wir Sie, Ihren Bruder und Ihre Mutter ebenfalls in Quarantäne nehmen. Bitte haben Sie Verständnis! Es dient Ihrer aller Sicherheit, bis wir wissen, worum es sich hier genau handelt.“ Gretchen nickte ihm nur stumm zu, denn sie konnte das alles immer noch nicht begreifen. Wie ferngesteuert folgte sie ihm, Bärbel, Jochen und der Trage mit ihrem Vater durch die Schleuse in die hermetisch abgeriegelte Station, die für unbestimmte Zeit ihr neues Zuhause werden würde.


Mehdi stand gerade am anderen Ende des Flurs und konnte nicht glauben, was er sah: Gretchen im Brautkleid! Wunderschön wie eine Prinzessin und gleichzeitig so unendlich verzweifelt. Sie kam weinend mit einer Trage auf ihn zu gelaufen, auf der ihr leichenblasser Vater lag. Der entsetzte Frauenarzt ließ fast sein Handy fallen und konnte nur noch fassungslos schreien, als er die Zusammenhänge sofort richtig deutete... - „Scheiße, Scheiße, scheiße! Das darf nicht wahr sein. Gretchen!!!“ ... Aufgeregt griff er wieder zu seinem Mobiltelefon. - „Komm sofort her! Gretchen hat gerade ihren Vater eingeliefert. Der Professor zeigt dieselben Symptome wie die Erstinfektion.“ Doch von seinem Freund kam keinerlei Reaktion zurück. - „Marc bist du noch dran?“

Derweil hatte Gretchen zu ihrem befreundeten Kollegen aufgeschlossen und fiel ihm nun vor Erleichterung in die Arme. - „Mehdi, Gott sei dank, du bist ok. Ich dachte schon... Was zum Teufel ist hier denn los? Was ist das für eine Infektion?“ Der Angesprochene steckte sein Telefon wieder ein, drückte erleichtert Gretchens schweißnasse Hände, ließ sie nicht mehr los und erzählte ihr behutsam alles, was passiert war. Gemeinsam schoben sie dann Prof. Haase in eines der vorbereiteten provisorischen Quarantänezimmer, wo bereits Dr. Knechtelsdorfer und Schwester Ingeborg bewusstlos in ihren Betten lagen. Ein weiteres Bett im hinteren Teil des Raumes war abgedeckt worden. Geschockt fragte die junge Ärztin sofort bei ihrem besten Freund nach, wer das sei. - „Ist sie...?“ Mehdi stockte der Atem und er bemühte sich, nicht in Tränen auszubrechen und stark zu bleiben. Schließlich lag dort eine seiner langjährigsten Freundinnen, deren eben erst geborenes Kind jetzt ohne ihre Mutter aufwachsen musste. Das Schicksal konnte so erbarmungslos und grausam sein. - „Ja, gerade eben. Wir konnten nichts mehr für sie tun. Sie muss innerhalb von Minuten innerlich verblutet sein, aber Näheres wird uns erst die Obduktion sagen können.“ Gretchen musste sich an dem ebenso verzweifelten Oberarzt stützen und brach in Tränen aus, verfiel aber im nächsten Moment schon wieder in planlosen Aktionismus und wollte gleich das gesamte Ruder übernehmen. - „Oh Gott, mein Vater! ... Wir müssen...“ Wie in Trance machte sie ihre Abläufe. Blutabnehmen, EKG, ... Sie versuchte zu funktionieren, aber wie sollte das in solch einer Ausnahmesituation gehen, wenn das Liebste, was sie besaß, regungslos und blass vor ihr lag.

Mehdi nahm der verzweifelten Tochter vorsichtig die medizinischen Gerätschaften aus der Hand und schob sie in Richtung eines Stuhls, auf den er sie sanft, aber bestimmt niederdrückte. - „Hey Gretchen, setz dich erst mal hin! Ich mach das schon.“ Doch Gretchen konnte nicht stillsitzen. Ihr Vater rang tatsächlich mit dem Tod! Die Vorstellung, dass sie ihn tatsächlich verlieren könnte, ließ sie schier verzweifeln. Das alles war so surreal. Er war doch ihr starker unerschütterlicher Held, zu dem sie immer schon aufgesehen hatte. Wie konnte das dann passieren? Warum? Wieso ausgerechnet er? Unzählige Bilder aus ihrer Kindheit schossen ihr durch den Kopf und der Tränenschleier vor ihren Augen wurde immer dichter und dichter. Mehdi, der ihr so gerne helfen wollen würde, tippte ihr vorsichtig an die Schulter und sprach sie mit einfühlsamer Stimme an. - „Gretchen, wir müssen dir jetzt auch Blut abnehmen. Du weißt, wieso.“ Franz’ Tochter ließ das Prozedere ohne Worte über sich ergehen. Sie spürte die Nadel nicht einmal. Sie stand unter Schock. Auch Dr. Kaan war verzweifelt. Er wusste nicht, wie er seiner besten Freundin helfen oder sie trösten könnte. - „Gretchen, deine Mutter fragt nach dir. Vielleicht gehst du besser zu ihr und Jochen? Wir kümmern uns schon um Prof. Haase. Er ist in guten Händen. Vertrau mir!“ Die weinende Braut nickte ihrem besten Freund stumm zu, raffte ihr weißes Kleid hoch und verließ anschließend das Zimmer. Mehdi sah ihr nachdenklich hinterher, ehe er sich wieder seinen drei Patienten widmete.

Wie ein Geist schwebte Gretchen in ihrem weißen Brautkleid durch die Gänge der Station, die wie ausgestorben wirkte. Ihre Gedanken kreisten. Sie suchte nach Antworten, die ihr aber niemand geben wollte und konnte. Alles lief wie in einem Film ab. Immer wieder sah sie das schreckliche Bild vor sich, wie ihr Papa nach dem Jawort plötzlich in der Kirche zusammengesackt war, und spürte erneut, wie hilflos sie sich dabei gefühlt hatte. Sie wollte ihn nicht verlieren. Dann hätte auch ihr eigenes Leben keinen Sinn mehr. In ihren Gedanken gefangen bemerkte sie jedoch plötzlich einen hellen Schatten vor sich. Ein Licht in all dem Dunkel, das sie umgab. Wie in Zeitlupe hob sich ihr Kopf. Einer Vorahnung folgend. Sie schob ihren mit kunstvoller Spitze verzierten Brautschleier über ihr zerzaustes blondes Haar und ließ ihn achtlos zu Boden sinken. Denn da stand er plötzlich. Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht: Marc Meier! Wie ein Ritter in goldener Rüstung! Und in den Satteltaschen seines weißen Schimmels befand sich bestimmt ein Heilmittel, damit der Albtraum endlich ein Ende fand und sie alle glücklich und gesund und zufrieden weiterleben konnten. Gretchen fiel ihrem verdatterten Oberarzt spontan um den Hals, der die wunderschöne Braut mit großen Augen ungläubig gemustert hatte, und klammerte sich an ihn wie an einen Rettungsanker. Marc war so überrumpelt von ihrem intensiven Gefühlsausbruch, dass er im ersten Moment nicht gleich verstand, was überhaupt in sie gefahren war. Er war nur heilfroh, dass es ihr gut ging. Nach Mehdis Anruf hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet, was ja auch, nachdem Gretchen angefangen hatte, hektisch auf ihn einzureden, durchaus stimmte. Mit weinerlich brüchiger Stimme flehte sie ihn regelrecht an...

Gretchen: Bitte hilf ihm! Er darf nicht sterben. Das verkrafte ich nicht.
Marc (sprachlos): Wer? Etwa...?
Gretchen (sieht ihn eindringlich u. voller Angst an): Mein Vater, Marc! Es ist mein Vater.
Marc (greift sich sichtlich geschockt an den Kopf): Der Professor? Oh Gott, ich dachte schon...
Sie lebt! Oh Gott, danke! Sie ist verheiratet, aber scheißegal, sie lebt!
Gretchen: Marc, bitte mach was!

Verzweifelt klammerte sich Gretchen an den Kragen seines dunklen Sakkos und flehte ihre ehemals große Liebe aus ihren vom Weinen rot umrandeten Augen an, welche ihr Strahlen, das Marc so sehr an ihr faszinierte, endgültig verloren hatten. Ohne seinen Blick von ihr abzuwenden, nahm er zärtlich ihre eiskalte Hand und drückte diese sanft und ermutigend. Er würde alles geben, um sie wieder strahlen zu sehen. Und zusammen betraten sie nun das Zimmer von Franz Haase, wo der begnadete Chirurg, der schon vieles in seiner noch jungen, aber überwältigenden Karriere gesehen hatte, plötzlich fassungslos den Tatsachen gegenüberstand, die bei weitem seine Vorstellungen übertrafen.


Die Chancen standen miserabel für den Professor. Immer wieder setzte sein Herz aus und er musste unter Aufopferung sämtlicher Kräfte reanimiert werden. Doch er kämpfte wie ein Löwe ums Überleben. Denn er wollte seine Lieben nicht alleine lassen. Das schien allen Beteiligten, die für ihren Vorgesetzten da waren, bewusst zu sein. Und trotz seiner inneren Stärke stand es schlecht um Gretchens Vater. Dr. Meier und Dr. Kaan taten alles, was sie konnten. Franz’ Tochter stand währenddessen nur stumm und tatenlos daneben. Sie wirkte wie betäubt. Beide Männer machten sich Sorgen um die immer blasser werdende Frau in weiß. Kein Kind, selbst wenn es hauptberuflich als Arzt tätig war, sollte so etwas bei seinen Eltern miterleben müssen. - „Gretchen, vielleicht ist es besser, wenn du dich etwas hinlegst. Wir kümmern uns schon um ihn!“ - „Nein, ich will bei ihm bleiben! Er braucht mich.“ Gretchens flehende blaue Augen überzeugten die beiden Ärzte in den gelben unförmigen Schutzanzügen letztendlich. Sie hätten ihr eh niemals etwas abschlagen können. Dazu hatten sie sie viel zu gern. - „Gut, dann bleib du bei deinem Vater. Ich kümmere mich um Knechtelsdorfer. Dessen Kreislauf dreht gerade Achterbahnen. Das müssen wir in den Griff kriegen. Mehdi, was ist mit Schwester Ingeborg?“ - „Sieht schlecht aus. Ich glaube, sie... sie wird es wahrscheinlich nicht schaffen. Ich krieg die Blutungen einfach nicht unter Kontrolle.“ - „In den OP mit ihr! Wir holen alles raus, was geht. Wegen dem Scheiß hier nippelt mir kein Mitarbeiter ab.“ Die drei befreundeten Ärzte kämpften als Team verbissen um das Leben ihrer Patienten. Die ganzen Konflikte, Missverständnisse und unausgesprochenen Gefühle der letzten Zeit waren Nebensache geworden. Alles, was zählte, war das Leben. Denn das war das kostbarste Gut, das es auf dieser Welt gab.


Unterdessen brach im Elisabethkrankenhaus allmählich Unruhe aus. Die Nachricht vom Ausbruch eines unbekannten Virus hatte sich wie ein Lauffeuer auf den Stationen verbreitet. Patienten, Ärzte, Angehörige, Pflegepersonal, alle liefen chaotisch durcheinander. Es war schwer, dabei einen Überblick zu behalten. Männer in Schutzanzügen sperrten das Krankenhausgelände ab, doch die Pressemeute stand bereits mit ihren Kameras sensationslustig vor der Tür. Prof. Schmidt vom Tropeninstitut Berlin, der mit den Kollegen vom Robert-Koch-Institut die Leitung des Kommandos übernommen hatte, versuchte, sie zu beschwichtigen. - „Ja, es ist richtig, wir haben hier vier Verdachtsfälle. Noch wissen wir nicht, um was es sich genau handelt, die Patienten sind isoliert, die Untersuchungen laufen. Ich kann Ihnen im Moment noch nichts Weiteres sagen. Entschuldigen Sie mich bitte.“ Dass eine Patientin bereits verstorben war, verschwieg der Tropenmediziner wohlwissendlich, um eine Panik in der deutschen Hauptstadt zu verhindern. Er versuchte, dem Chaos Herr zu werden, was angesichts der Ausmaße des Geländes und der Hysterie der Angestellten, die mit einer echten Pandemie bislang keinerlei Erfahrung hatten, keine leichte Aufgabe war. Die nicht betroffenen Abteilungen wurden evakuiert, die transportfähigen Patienten auf andere Krankenhäuser verlegt und die Notaufnahme des EKH würde bis auf weiteres geschlossen bleiben.


Die Gyn war isoliert und glich einem Science-Fiction-Film. ... So musste sich ET also gefühlt haben, als die Men in Black ihn... dachte Marc mit einem Mal angesichts des Chaos um ihn herum und schüttelte im nächsten Moment seinen dröhnenden Kopf. ... Nein, ernst bleiben! Konzentrier dich, Meier! ... Er saß im Labor der Klinik und versuchte, unter dem Mikroskop herauszufinden, um welchen Virenstamm es sich genau handelte. Keine leichte Angelegenheit, denn Realität und Fachbuchwissen schienen auf den ersten Blick nicht kompatibel zu sein. ... Was für eine Scheiße ist das hier? Es muss doch irgendetwas geben, fluchte der Oberarzt vor sich hin und steckte seine Nase in das nächste Buch, das er aus dem riesigen Stapel Fachliteratur herausgezogen hatte, den die Laboranten auf seine forsche Anweisung hin angeschleppt hatten. Gretchen war derweil am Bett ihres Vaters sitzen geblieben und hielt seine Hand. Mehdi stand mit Sorgenmiene hinter ihr und traute sich kaum, die apathisch wirkende Frau anzusprechen. - „Gretchen, du musst in das andere Zimmer gehen. Du, dein Bruder und deine Mutter, ihr seid noch nicht infiziert. Gretchen, das ist sicherer. Bitte, glaub mir!“ Doch Franz’ Tochter schüttelte nur mit dem Kopf. Sie konnte ihren Vater jetzt nicht alleine lassen. - „Nein, ich bleibe hier. Er braucht mich! Wenn er meine Nähe spürt, dann... dann...“ Tränen liefen ihr über das Gesicht und ließen ihre Stimme versiegen. Ihr verzweifelter Anblick brach Mehdi fast das Herz. Er wünschte sich so sehr, mehr tun zu können. - „Schon ok! Ich lass euch erst mal allein. Wenn was ist, ich bin bei Marc im Labor.“ Sanft strich er seiner Freundin, die immer noch ihr Brautkleid trug, mit seiner Handschuhhand über die nackte Schulter und verließ dann das Patientenzimmer, um auf dem schnellsten Wege ins Labor zu kommen. Vielleicht hatte Marc ja bereits die rettende Idee entdeckt. Sie alle brauchten jetzt Hoffnung.

Mehdi: Und? Weißt du schon mehr?
Marc (fährt sich erschöpft übers Gesicht, knipst einmal die Augen zu u. linst dann wieder durchs Mikroskop, bis er plötzlich etwas entdeckt): Nein, nur noch eine Probe. ... Warte! ... Scheiße!

...stieß er plötzlich voller Entsetzen aus und griff zum Telefonhörer. - „Prof. Schmidt? Ich habe die Ergebnisse.“ Während sich Dr. Meier aufgeregt mit dem Tropenmediziner beriet, trat Mehdi an das Mikroskop heran und schaute durch die Linse. Dann fiel sein Blick auf die aufgeschlagenen Bücher, die vor ihm lagen, und er verglich die Bilder. - „Scheiße“, brachte auch er nur noch mühsam über seine bebenden Lippen und hielt sich fassungslos die Hand vor den Mund. Sein Anfangsverdacht, den er bis eben noch mit jedem Funken Hoffnung, den er mühsam hatte zusammentragen können, weit von sich geschoben hatte, hatte sich tatsächlich bestätigt.

Schmidt: Ich höre.
Marc: Es ist eindeutig der Ebolaerreger! Eine besonders aggressive Form, leicht mutiert und, wie wir schon vermutet haben, hoch infektiös.
Schmidt: Ok, ich bin sofort bei Ihnen!

Scheiße! Wie soll ich ihr das nur beibringen? ... Dein Vater... wird... sterben! ... Das verkraftet sie nicht.

Mehdi dachte in dem Moment genau dasselbe und musste sich am Tisch abstützen. Plötzlich erinnerte er sich daran, warum er eigentlich hierhergekommen war, und stupste Marc an der Schulter an, der resignierend auf seinem Stuhl zusammengesunken war. Jetzt zählte jede Minute.

Mehdi: Marc, ich habe hier die Blutproben von Gretchen, Jochen und ihrer Mutter.
Marc (erwacht aus seiner Lethargie u. reißt sie ihm förmlich aus der Hand): Warum sagst du das denn nicht gleich? Her damit!

Mit zitternden Fingern begann er, die Proben zu untersuchen, und machte sich bereits auf das Schlimmste gefasst. Ebenso wie Mehdi, der sich einen Stuhl herangezogen hatte und Marc mit gefalteten Händen unruhig bei seiner Arbeit beobachtete.

Mehdi: Und?
Marc (hält den Atem an u. atmet nach einem quälendlangen Moment der Stille erleichtert aus): Ähm... sieht ganz ok aus. Vorerst! Aber die Inkubationszeit ist noch nicht rum. Also falls sie doch...

Marc konnte das, was nicht sein durfte, nicht in Worte fassen, doch Mehdi verstand seinen Freund sofort mit nur einem Blick in seine sorgenvollen Augen, die aufgewühlt hin und her huschten, und nickte, um Fassung ringend, leicht mit dem Kopf.

Marc: Wir stecken die restliche Familie Haase erst einmal in ein Quarantänezimmer und müssen abwarten. Alle halbe Stunde ein neues Blutbild.
Mehdi (hält mit seiner Sorge nicht vor dem Tor): Wir werden sie aber nicht vom Bett ihres Vaters wegbekommen.
Marc (schaut fassungslos auf): Was? Sie ist immer noch bei ihm? Bist du wahnsinnig! Wie konntest du das zulassen, verdammt noch mal?

Sofort sprang Marc von seinem Platz auf und rannte wehenden Kittels aus dem Labor. In dem Moment kam gerade Prof. Schmidt um die Ecke und wäre beinahe mit dem jungen Kollegen zusammengestoßen. - „Ich wollte mir die Ergebnisse... Hallo? ... Dr. Meier...?“ Doch dieser war bereits im Fahrstuhl verschwunden.


Keine Minute später schaute der aufgescheuchte Chirurg durch die Glastür des Quarantänezimmers. Er sah Gretchens Verzweiflung und sein eigenes Herz verkrampfte sich schmerzhaft. Eine verstohlene Träne lief unbemerkt seine Wange hinab. ... Ok, Meier, ganz professionell! ... Das sagt sich so leicht. ... Er blieb noch einen Moment stehen und trat dann leise in das Zimmer. Flüsternd sprach er die Frau in weiß an, die am Bett ihres geliebten Vaters und seines hochgeschätzten Mentors saß. Seine Stimme war belegt und er musste sich räuspern.

Marc: Gretchen, ich... muss mit dir reden.
Gretchen (dreht sich überrascht herum, weil sie ihn nicht hereinkommen gehört hat, u. sieht ihm hoffnungsvoll in die Augen): Marc, hast du die Werte?

Seiner Souveränität beraubt schaute Dr. Meier zu Boden, er schluckte und trat dann vorsichtig an das Bett heran. Sein Blick richtete sich auf den bewusstlosen Professor, dessen Leben am seidenen Faden hing. So konnte er ihren hoffenden blauen Ozeanen zumindest für den Moment entkommen. Doch Gretchen hatte es sofort in seinen Augen gelesen, kurz bevor diese sich beschämt von ihr abgewandt hatten. Es war also doch das, was sie vermutet hatte. ... Es ist Ebola! ... Ein Todesurteil, wusste sie, denn es gab kein Heilmittel für diese erbarmungslose Krankheit. Er würde den Kampf verlieren. Dieser Gedanke riss ihr nun endgültig den Boden unter den Füßen weg. Marc hatte sich noch nie so hilflos gefühlt. Er wusste nicht, wie er der Frau, die ihm alles auf der Welt bedeutete, jetzt beistehen sollte.

Marc: Gretchen, ich...
Gretchen: Sag es nicht, bitte!

Gretchen flehte ihr Gegenüber an und begann hemmungslos zu weinen. Sie wollte, nein, sie konnte es nicht hören. Alle Dämme brachen, nachdem sie jeglicher Hoffnung beraubt worden war. Marc sagte nichts und wollte die weinende Frau gerade tröstend in den Arm nehmen, als plötzlich Mehdi hektisch die Zimmertür aufriss und ungestüm hereingepoltert kam.

Mehdi: Marc, es geht los.
Marc (völlig irritiert starrt er ihn an): Was?
Mehdi (atemlos): Vor der Tür stehen etwa zwanzig Krankenwagen. Sie bringen die Leute aus der Kirche!
Marc (richtet sich schockiert auf): Ach du scheiße!

Auch Gretchen, die mit ihren Gedanken ganz bei ihrem geliebten Vater weilte und sich hilfesuchend über ihn gebeugt hatte, um ihn nicht mehr loszulassen, schreckte hoch und sah die beiden Ärzte entsetzt an. Ihre Gäste! Wie hatte sie die denn vergessen können? Ihnen musste geholfen werden! Sofort! Bevor es auch um sie so schlimm stand und ihnen nicht mehr geholfen werden konnte.

Gretchen: Nein!
Mehdi (tritt vorsichtig an sie heran u. legt eine Hand auf ihre, welche immer noch die ihres Vaters gedrückt hält): Wir brauchen jede helfende Hand. Gretchen, auch wenn es dir schwerfällt, wir können im Moment nicht mehr für deinen Vater tun, als abzuwarten. ... Wir brauchen auch dich, so leid mir das tut.
Marc (ist gegenteiliger Meinung u. tut diese auch sofort lautstark kund): Jetzt lass sie doch, Mann! Siehst du nicht, dass sie...
Gretchen (hebt beschwichtigend die Hand): Lass, Marc! Du hast Recht, Mehdi. Mein Vater hätte in dieser Situation genau das Gleiche getan. Los, lasst uns keine Zeit verlieren!

Gretchen gab ihrem geschwächten Vater noch einen kleinen Kuss auf die Wange, streichelte diese sanft mit dem Daumen und blickte ihm dabei zärtlich ins Gesicht, das nichts mehr hatte von dem starken und gesunden Mann in seinen besten Jahren, den sie über alles liebte. Eingefallen, grau, fahl war es und sie musste sich stark zusammenreißen, nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen. Sie musste jetzt stark bleiben. Für ihn. Sie guckte noch einmal auf die Monitore, an denen er angeschlossen war, die schwache Werte anzeigten, die aber immer noch bedeuteten, dass er am Leben war, was das Wichtigste war im Moment, und griff dann beherzt nach dem Schutzanzug, den Mehdi ihr mit einem scheuen Lächeln hinhielt.

Ihre eigene Scheu hatte sie angesichts der akuten Notsituation komplett vergessen, als sie sich unter den ungläubigen Blicken ihrer beiden Exfreunde noch im Quarantäneraum ihres Brautkleides entledigte, welches sie ihrem Vater anschließend aufs Bett legte, damit er hier zumindest etwas von ihr hatte, solange sie im Dienst war und nicht bei ihm sein konnte. Marc und Mehdi wussten im ersten Moment gar nicht, wo sie hingucken sollten, als Gretchen plötzlich nur noch in einer sexy blütenweißen Korsage-Kombination vor ihnen stand. Die atemberaubend schöne Braut registrierte deren verlegene Gesichter gar nicht, die sie der Höflichkeit halber hastig von ihr, ihrem wohlgeformten Po und dem blauen Strumpfband aus Spitze abgewandt hatten, als sie schnell in den gelben unförmigen Schutzanzug schlüpfte, ohne sich darin zu verheddern. Dann folgte sie den beiden Oberärzten, die sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, auch schon zum Eingang des Elisabethkrankenhauses, wo bereits die Hölle los war.

Marc: Na dann, auf in den Kampf!


Was die drei dann dort sahen, übertraf bei Weitem ihre kühnsten Erwartungen. Immer mehr Patienten wurden eingeliefert, die planlos umherliefen und überhaupt nicht wussten, wie ihnen geschah. Es herrschte heilloses Chaos, weil niemand ihre Fragen beantworten konnte oder wollte. Das aufgeregte Stimmenwirrwarr im Foyer war ohrenbetäubend. Auf den Gängen standen überall Betten bereit, die die akuten Fälle aufnehmen sollten, von denen bislang zum Glück noch keine weiteren aufgetreten waren. Dennoch betraten immer mehr Menschen die Klinik und suchten dort Hilfe. Ärzte und Krankenschwestern in Schutzanzügen rannten durcheinander. Prof. Schmidt vom Tropeninstitut Berlin, der versuchte, alles zu koordinieren und damit sichtlich überfordert schien, war heilfroh, die drei hiesigen Ärzte zu sehen, die ihm nun mit großen ungläubigen Augen entgegenkamen.

Schmidt: Da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ergebnisse ins Institut geschickt, Dr. Meier. Meine Leute kümmern sich um ein entsprechendes Gegenmittel. Wir sind da bereits an einer vielversprechenden Studie dran, müssen aber erst die Einzelheiten der jeweiligen Fälle überprüfen. Auch wenn es eilt, wir dürfen hier nichts überstürzen. Das Mittel ist schließlich noch nie im Akutfall angewendet worden und ist eigentlich noch in der Probephase. Aber keine Sorge! Wir kriegen das hin. Erst einmal müssen wir hier wieder Herr der Lage werden, bevor noch eine Massenpanik ausbricht. Außerdem müssen sämtliche Personen getestet werden, die in den vergangenen Stunden Kontakt mit Prof. Haase oder der verstorbenen Patientin hatten. Vorher darf keiner mehr hier raus. Das gilt auch für das Personal. Die Polizei hat die Ausgänge verriegelt.
Marc (tauscht beunruhigte Blicke mit seinen beiden Freunden aus): Schon klar, Prof. Schmidt. Wie gehen wir vor?
Schmidt (wendet sich nun der Ärztin zu, die verunsichert zwischen Dr. Kaan und Dr. Meier steht): Okay, das sind Ihre Hochzeitsgäste, Frau Dr. von Buren. Sie kennen sie. Also wäre es das Beste, wenn Sie sie in drei Gruppen einteilen würden, die uns die Arbeit erleichtern würden. Gruppe 1: unmittelbarer Kontakt mit der Erstinfektion, Gruppe 2: geringer Kontakt, Gruppe 3: kein Kontakt. Alles andere besprechen wir dann. Die Zimmer für die Blutentnahmen und die Quarantäneräume sind in Vorbereitung. Dr. Meier, Dr. Kaan, Sie kommen mit mir mit!
Gretchen (versucht ruhig zu bleiben): Ja, Prof. Schmidt, mach ich.

Nachdem sich Prof. Schmidt, Dr. Kaan und Dr. Meier etwas entfernt hatten und mit den anderen Kollegen und dem Pflegepersonal das weitere Vorgehen besprachen, machte sich auch Gretchen an die Arbeit. Sie atmete noch einmal tief durch und lief dann durch die Menschenmenge und versuchte, sich in dem lärmenden Chaos einen Überblick zu verschaffen, was gar nicht so einfach war, da plötzlich alle, die sie unter dem Schutzanzug erkannten, aufgeregt auf sie zugestürmt kamen. Beschwichtigend hob sie ihre Arme, um ihre Hochzeitsgäste hinzuhalten, bis einigermaßen Ruhe eingekehrt war, damit sie sich erklären konnte. Doch da stürmte plötzlich ihr frischgebackener Ehemann Alexis von Buren auf sie zu und fiel ihr erleichtert um den Hals und ließ sie nicht mehr los.

Alexis: Sternchen, da bist du ja! Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Die haben uns nicht eher aus der Kirche gelassen. Alles in Ordnung mit dir? Bist du ok? Was ist mit deinem Vater?
Gretchen (überrumpelt u. überfordert, da sie seit dem Jawort nicht eine Sekunde an ihren Ehemann gedacht hat): Schon gut, Alexis. Meine Werte sind ok. Aber meinem Vater, dem... (stockt u. verkrampft ihre Finger um das Klemmbrett, das sie in ihren Händen hält) ... geht es gar nicht gut. Es ist schlimm, wirklich sehr, sehr schlimm. Deshalb muss ich hier jetzt auch meine Arbeit machen. Du siehst ja, was hier los ist. Es kann nämlich sein, dass ihr euch ebenfalls angesteckt habt. Kannst du mir bitte beantworten, ob du heute schon näher mit meinem Vater zu tun hattest?
Alexis (schaut seine Frau irritiert an, weil sie so kühl u. distanziert reagiert): Nein, ich habe ihn erst in der Kirche gesehen, als du mit ihm auf mich zugeschritten gekommen bist. Du sahst so schön aus, Gretchen.
Gretchen (weicht einer weiteren Umarmung ihres Mannes aus, der sie verliebt anlächelt): Gut, dann... gehörst du in Gruppe 3. Kein Kontakt mit der Erstinfektion. Ich gehe davon aus, dass das für deine Schwester und deine Mutter ebenfalls gilt. Geht ihr bitte mit Dr. Rössel mit! Euch wird gleich Blut abgenommen. Nur zur Kontrolle, ob nicht doch was sein sollte. Wir dürfen nichts ausschließen. Und danach werdet ihr auf eins der Zimmer aufgeteilt. Wir müssen leider alle, ohne Ausnahme, hier im Elisabethkrankenhaus in der Quarantäne bleiben. So lautet der Pandemieplan. Tut mir leid.
Alexis (merklich geschockt, dass er seine Hochzeitsnacht ausgerechnet im Krankenhaus verbringen muss): Aber ich...
Gretchen (zischt ihn unbeherrscht an): Alexis, tue bitte das, was ich dir sage!

Alexis zuckte angesichts der gestrengen Worte seiner frischangetrauten Gattin zusammen. So harsch hatte er Gretchen nämlich noch nie erlebt. Klar, die Situation war schlimm, das erkannte sogar er als medizinischer Laie. Aber musste sie trotzdem so kühl und distanziert reagieren? Warum ließ sie nicht zu, dass er ihr beistand? Er war doch ihr Mann. Es war schließlich noch keine drei Stunden her, dass sie sich vor Gott versprochen hatten, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten. So in Gedanken versunken bemerkte Gretchens Ehemann nicht gleich die Person, die sich von hinten an die Familie von Buren herangeschlichen hatte. Marc konnte sein schadenfrohes Grinsen einfach nicht verbergen. ... Ich muss schon sagen, sie hat das Arschloch ganz schön unter dem Pantoffel. Gefällt mir. ... Alexis funkelte den ihm verhassten Chirurgen daraufhin böse an, von dem er ganz genau wusste, dass er immer noch hinter Gretchen her war, und ließ sich dann widerwillig zusammen mit seiner Schwester und seiner „Mutter“ von Dr. Rössel in eins der Zimmer führen, die für die Blutentnahmen vorgesehen waren. Gretchen hatte sich in der Zwischenzeit bereits auf das nächste Grüppchen konzentriert, das nervös im Foyer des EKH umherblickte und nicht weiterwusste.

Gretchen: Ok, weiter im Plan! Sabine, Gigi, Gabi, ihr gehört in Gruppe 1. Ihr hattet heute definitiv Kontakt zu meinem Vater. Das weiß ich. Ihr geht bitte zusammen mit Mehdi und Marc mit.
Sabine: Was heißt denn das jetzt Gruppe 1, Frau Doktor?
Marc: Tja, Sie werden mal am eigenen Leib herausfinden, wie sich ET im Zelt gefühlt hat, Schwester Sabine.

Unbemerkt hatte sich Marc zu den Frauen gesellt und griente diese nun übertrieben fröhlich an. Sabine war aber auch zum Schießen komisch, nicht nur wegen ihres seltsamen Aufzuges mit dem riesigen weißen Hut, mit dem sie überall aneckte, sondern vor allem, weil er gleich gemerkt hatte, wie sie sofort auf ihn angesprungen war. Gretchen guckte ihren unpassend albernen Oberarzt dafür natürlich sofort tadelnd an und drohte ihm nun mit ihrem riesigen gelben Handschuhzeigefinger, ehe sie sich wieder fürsorglich um die verängstigte Stationsschwester kümmerte.

Gretchen: Marc, das ist jetzt wirklich nicht die Zeit zum Scherzen! Es ist Ernst! Tödlicher Ernst! ... Sabine, das muss nichts heißen, die Einteilung dient allein der Sicherheit. Aber Sie waren mit meinem Vater zusammen, als ihr mich mit der Limousine in der Villa abgeholt habt. Sie hatten engen Kontakt zu ihm. Es kann also sein, dass Sie...
Sabine (reißt panisch die Augen auf u. fällt ihrer Chefin sofort ins Wort): ...dass ich infiziert bin!
Marc (kleinlaut): Das nenne ich mal eine Blitzmerkerin. Vielleicht wird aus Ihnen ja doch noch eine einigermaßen passable Krankenschwester, Schwester Sabine.
Sabine (sieht aufgeregt zwischen allen Beteiligten hin und her): Aber... aber ich will noch nicht sterben! Ich habe doch noch so viel vor. Heiraten. Also... erst einen netten Freund finden, dann heiraten, Kinder kriegen. Ich war doch letzte Woche erst bei der Wahrsagerin und die hat mit keinem Wort erwähnt, dass ich bald dem lieben Herrgott gegenüberstehen werde. Sie hat doch bloß etwas von einem großen Unbekannten in einem gelben Anzug erzählt, der...

Plötzlich stockte Sabine mitten in ihrem Satz und sie schaute mit immer größer werdenden Augen auf ihren freundlich grinsenden Oberarzt, der einen gelben Schutzanzug anhatte. Und mit einem Mal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen...

Sabine: Oh!
Marc (seine Geduldsschwelle ist nun endgültig überschritten u. er treibt seine begriffsstutzigen Kolleginnen an): Jep! Genug gefachsimpelt! Sabine, Sie halten den ganzen Verkehr auf! Mitkommen! ZZ... Ziemlich zügig! Und ihr auch! Hopp!
Gabi (verschränkt abweisend die Arme u. zickt ihre verhasste Exaffäre an): Mit dir gehe ich ganz bestimmt nirgendwohin, Marc. Ich will in eine andere Gruppe.
Marc (funkelt die zickige Krankenschwester gehässig an u. mustert dabei ihr kurzes sexy Kleid gespielt interessiert): Oh wie schade! Dabei war das doch immer dein Plan.
Gretchen (mit den Nerven allmählich am Ende ruft sie die Streitparteien zur Vernunft auf): Das geht so nicht! Bitte! Könnt ihr euch nicht einmal zusammenreißen? Es geht hier um unser aller Leben, auch um Ihres, Schwester Gabi. Sie haben heute Morgen auf der Gyn gearbeitet und hatten womöglich Kontakt zu der Patientin, Schwester Ingeborg und Dr. Knechtelsdorfer.
Gabi (sieht ihre verhasste Kollegin plötzlich beunruhigt an): Was ist denn mit denen? Ich dachte, es geht nur um Ihren Vater?
Gretchen (beugt sich im Vertrauen heran): Sie sind ebenfalls infiziert. Wir gehen davon aus, dass die Quelle der Infektion die Patientin auf der Gyn war. Unter uns gesprochen, und das sage ich wirklich nur, damit ihr endlich versteht, wie ernst das alles hier ist. Patientin 0 ist bereits verstorben. Und Ingeborg und mein Vater sind dem Exitus sehr nahe. Also bitte folgt den Anweisungen der Ärzte! Ich habe nicht die Kraft, zu diskutieren.
Sabine (legt ihrer sehr geschätzten Lieblingsärztin mitfühlend eine Hand auf den Arm): Ja, Frau Doktor. Wo müssen wir hin?
Gabi (hält sich schockiert die Hand vor den Mund u. versteht langsam das ganze Ausmaß): Okay!?
Gigi (schaut ebenso betroffen drein, als sie ihre beste Freundin leicht antippt): Kann ich euch irgendwie helfen, Gretchen?
Marc (blickt abschätzig auf Gretchens hinterhältige Freundin, die sich scheinheilig anbiedert): Du ganz bestimmt nicht! Kinderkrankenschwestern äh... -ärztinnen sind hier weniger gefragt. Also verzieh dich hinter deine dreitausend Schichten Leinen und Baumwollunterröcke!

Marc sah seine ungekrönte Erzfeindin Nummer eins mit hasserfüllter Miene an. ... Schlampe! ... Gina blickte ebenso wutentbrannt zurück. ... Wichser! ... Dann machte sich der Chirurg zusammen mit den ihm bereitwillig folgenden Krankenschwestern auf den Weg in das nächste Behandlungszimmer, um ihnen mit großem Vergnügen eine dicke Nadel in den Arm zu jagen. Dr. Amsel rief dem unverschämten Machooberarsch noch etwas hinterher, aber Gretchen unterband ihre Freundin noch rechtzeitig, bevor der Streit der beiden Kindsköpfe noch eskaliert wäre. Sie hatte nicht einmal die Kraft zu hinterfragen, warum die beiden sich so sehr anzickten. Vor zwei Tagen am See hatten sie sich doch noch verdächtig gut verstanden und hatten sogar miteinander geschlafen. Aber daran verschwendete die Assistenzärztin keinen Gedanken. Ihre Gedanken galten jetzt allein ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Kollegen.

Gigi: Ich bin keine Kinderärztin, du A...
Gretchen: Gigi, das ist wirklich lieb von dir, aber du bist jetzt als Patientin hier und ehe wir nicht deine Werte haben, könntest du hier eh nichts ausrichten. Am besten wäre mir geholfen, wenn du dich um die anderen Hochzeitsgäste kümmerst, sie beruhigst und ihnen gut zusprichst, damit sie nicht in Panik geraten. Wir schaffen das hier schon.

Gina nickte ihrer besten Freundin verständnisvoll zu, drückte sie noch einmal innig, soweit das mit dem Schutzanzug möglich war, den Gretchen anhatte, und folgte dann Dr. Meier mehr oder weniger bereitwillig in den Behandlungsraum, wo sie von Dr. Kaan in Empfang genommen wurde. ... Ok, das wäre erst einmal geschafft. Was nun? ... Die völlig erschöpfte Ärztin wischte sich den Schweiß von der Stirn, setzte ihre Haube wieder auf und schaute sich um. Alles schien so surreal hier zu sein. Eben noch hatte sie in der Kirche gestanden und den Mann ihrer Träume geheiratet. Und jetzt rang ihr Vater mit dem Tod! Was für ein schreckliches Omen für ihre Zukunft war das denn bitteschön? Womit hatte sie das verdient? Das sollte doch eigentlich der schönste Tag in ihrem Leben werden. Jetzt würde es womöglich sogar ihr letzter sein, dachte Gretchen völlig verzweifelt und den Tränen nahe, ehe sie sich nach einem kurzen Verschnaufmoment, um sich zu sammeln, der Patienten der Gruppe 2 annahm, die sie zur Untersuchung auf Station brachte. Alles würde schon gut werden, hoffte sie inständig und schickte ein Stoßgebet zu Gott, der doch bitte über sie alle wachen sollte.

Lorelei Offline

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15.06.2016 16:14
#3 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Das Berliner Elisabethkrankenhaus stand nun also unter strikter Quarantäne und ein Wettlauf gegen die Zeit begann. Mehdi, Marc und Gretchen kämpfen mit vereinten Kräften verbissen um das Leben ihrer Patienten und versuchten, mögliche Ansteckungen einzudämmen. Die in Gruppe 2 und 1 einsortierten Personen wurden isoliert, da man kein Risiko eingehen wollte. Bei Gruppe 3 konnte nach ein paar Stunden Entwarnung gegeben werden. Der überwiegende Teil von Gretchens Hochzeitsgästen durfte somit nach Hause. So auch Alexis, aber der wollte nicht. Er wollte seiner Frau in dieser Ausnahmesituation beistehen. Aber Gretchen schickte ihn einfach weg. Sie hätte sich eh nicht auf ihn konzentrieren können. Ihrem Vater ging es nämlich weiterhin sehr schlecht. Verzweifelt versuchten Marc und Gretchen, ihn stabil zu halten, bis das Gegenmittel endlich eintreffen würde, an dem im Robert-Koch-Institut bereits angestrengt gearbeitet wurde. Mehdi kümmerte sich derweil um die anderen Infizierten, um die es nicht viel besser stand als um Gretchens Vater. Ihr Fieber stieg stetig weiter an. Er wusste sich bald keinen Rat mehr. Es war ernst, sehr, sehr ernst und er war mit seinen Kräften zum ersten Mal in seiner Dienstlaufbahn am Ende.

Marc und Gretchen waren gerade im Labor, um die neusten Blutproben zu untersuchen, als ein leichenblasser Mehdi dazukam und ihnen mit brüchiger Stimme mitteilte, dass Schwester Ingeborg soeben verstorben sei. Man hatte nichts mehr für die junge Lernschwester tun können. Durch ihre Vorerkrankung - sie litt seit frühster Kindheit unter schlimmem Asthma - war ihr Immunsystem zu geschwächt gewesen, um gegen den aggressiven Virus ankämpfen zu können. Gretchen sah ihren niedergeschlagenen Freund voller Entsetzen an, der sich am Türrahmen abstützen musste, weil er immer noch nicht fassen konnte, was hier gerade passierte. Der empathische Frauenarzt fühlte sich verantwortlich, weil er nicht eher festgestellt hatte, dass etwas mit seiner Patientin Gundis nicht gestimmt hatte. Wenn er eher reagiert hätte, vielleicht könnte Ingeborg, deren ganzes Leben noch vor ihr gestanden hatte, noch leben und der Professor und Dr. Knechtelsdorfer hätten sich nicht ebenfalls angesteckt. Was war, wenn sie es auch nicht schaffen würden, fragte er sich voller Verzweiflung und war den Tränen nahe. - „Oh nein, das ist ja schrecklich. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch mein...“ Dr. Meier, der ebenso betroffen dreinblickte, legte seiner panisch werdenden Assistenzärztin tröstend den Arm um die Schulter und versuchte, ihr Mut zuzusprechen. - „Noch ist es nicht zu spät, Gretchen! Die kommen gleich mit den Antikörpern, da bin ich mir ganz sicher. Ich ähm... wir werden alles unternehmen, damit dein Dad stabil bleibt und uns bald wieder durch das Krankenhaus hetzen kann. Versprochen!“ Ein kleines Lächeln schlich sich nach Marcs ermunternden Worten auf Gretchens Lippen, als sie ihn ansah. Da war sie wieder, diese alte Vertrautheit, die sie in den letzten Monaten so vermisst hatte. - „Wir sind schon ein Super-Team, nicht“, murmelte ihr Oberarzt noch unbedarft hinterher, ehe er, von seinen eigenen Gefühlen überfordert, seinen Blick wieder auf das Mikroskop richtete, vor dem er saß. ... Das hat er noch nie zu mir gesagt, stellte Gretchen bewegt fest und konnte nicht mehr damit aufhören, Marc anzuschauen, der es auch nicht lassen konnte, immer wieder kurz verstohlen zu ihr rüberzublicken.

Mehdi war die Annäherung seiner beiden Freunde nicht verborgen geblieben. Er fühlte sich unwohl, ihnen dabei zuzusehen. Beschämt murmelte er etwas in seinen Dreitagebart und drehte sich um. - „Ich... wollte nicht stören. Ich muss dann auch wieder hoch.“ Er wollte gerade gehen, als er plötzlich merkte, wie ihm schummrig wurde. Er musste sich am Türrahmen festhalten, an dem er eine Sekunde später kraftlos herunterrutschte. Auch Gretchen hatte das bemerkt und sprang besorgt von ihrem Platz auf. Marc blickte ihr irritiert hinterher. - „Mehdi, alles ok mit dir? Du siehst ganz blass aus!“ Der Angesprochene erwiderte nichts darauf. Marc registrierte noch, wie Mehdi sich fassungslos an die Nase griff und plötzlich Blut an seinen Fingern kleben hatte. Dann sackte er auch schon zusammen und lag nun regungslos in der Tür. Marc sprang alarmiert von seinem Stuhl auf und rannte zu seinem Freund, während Gretchen, die ebenso geschalten hatte, plötzlich anfing panisch zu schreien. - „MEEEEDDHHIII!!!“ Sie stürzte sich getrieben von ihrer Angst auf ihren ohnmächtigen Exfreund, doch Marc schupste sie unsanft zur Seite, um Mehdis medizinische Versorgung selbst in die Hand zu nehmen.

Gretchen (redet völlig verzweifelt u. paralysiert auf ihren besten Freund ein): Nein, nicht du auch noch! Das verkrafte ich nicht. Bleib bei mir, Mehdi! Bitte, komm zu dir! Mehdi?
Marc: Geh weg von ihm! Du steckst dich an. Ich mach das schon! Alter, hey, mach keinen Scheiß!

Hastig schnappte sich Dr. Meier eine Liege vom Gang und mit Hilfe eines der Mitarbeiter vom Robert-Koch-Institut hievte er seinen bewusstlosen Freund darauf und brachte ihn anschließend auf schnellstem Wege in den OP-Trakt nach nebenan. Gretchen sah ihnen noch hilflos hinterher und brach dann weinend im Labor zusammen. ... Das ist ein Albtraum! Ja, das kann nur ein Albtraum sein. Wach auf, Gretchen! Wach endlich auf! Dann ist alles wieder gut und alle leben glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit. ... Doch es war kein Traum, es war bittere Realität, was hier an diesem Tage im Elisabethkrankenhaus mitten in Berlin passierte. Im OP ging es mittlerweile um Leben und Tod. - „Herzstillstand! ... Sch...! ... Defi! ... Aufladen! ... Alle wegtreten! ... Nichts! Fuck! ... Noch mal! ... Bitte nicht, Mehdi! Alter, verdammt, ich brauche dich doch hier in diesem Irrenhaus! Wer soll mir denn sonst in den Arsch treten, wenn ich mal wieder alles verkacke? ... Komm schon, verdammt noch mal!“ Marc schrie seinen besten und einzigen Freund während seiner Wiederbelebung immer wieder an. Aus Angst, aus Wut, aus Verzweiflung, aber auch aus der Hoffnung heraus, er könnte ihn dort, wo er sich gerade befand, hören. - „Aufladen! ... Wegtreten!“ ... Marc setzte die Paddels erneut an. Mehdis Oberkörper bäumte sich unter den Stromstößen auf. Plötzlich Stille. Sämtliche anwesende Personen hielten den Atem an und hofften und beteten. Einige hatten Tränen in den Augen, denn Dr. Kaan war schließlich einer der beliebtesten Kollegen hier im Haus. Und da war es endlich. Dieses leise, erleichternde, konstante Piepen der Monitore. - „Gott sei Dank! Eh, Alter, mach nie wieder so einen Scheiß!“, spie Marc Mehdi seine ganze Anspannung entgegen und sackte im nächsten Moment erschöpft neben dem OP-Tisch in die Knie. Er hatte es geschafft. Gerade noch so.

Kurz darauf brachte der Oberarzt seinen Patienten auf die Quarantänestation. Mehdi war zwar wieder einigermaßen stabil, aber immer noch ziemlich geschwächt. Der Virus hatte ihm ganz schön zugesetzt und Marc wusste, dass das erst der Anfang gewesen sein könnte. Er blieb einen Moment bei ihm am Bett sitzen, hielt es aber nicht lange aus, seinen Kumpel so geschwächt und hilflos zu sehen, und verließ das Zimmer schnell wieder. Er ging ein Stück weit den Gang seiner Station entlang und rutschte dann hinter einer Ecke an der Wand zu Boden und hielt sich seine Hände vors Gesicht. ... Das ist ein Albtraum. Das kann nicht sein. So ein Baum von einem Kerl kippt doch nicht einfach um wie ein Fähnchen im Wind. Das kann nicht in echt passieren. Wieso muss heute alles aufeinander kommen? Was läuft hier eigentlich, fragte er sich immer wieder und schüttelte ratlos den Kopf.

Gretchen, die vor lauter Angst um ihren Freund rastlos durch das Krankenhaus gelaufen war, kam gerade vom anderen Ende des Korridors auf ihn zu. Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie ihren Vorgesetzten wie ein Häufchen Elend am Boden sitzen sah, und setzte sich mit bangem Blick und einem dicken Kloß im Hals zu ihm. Aus lauter Furcht, was Marc ihr gleich antworten würde, traute sie sich kaum, nach Mehdis Zustand zu fragen. - „Bitte sag nicht, dass er...?“ Sie begann unvermittelt zu weinen und vergrub ihr blasses Gesicht in ihren Knien, um die sie ihre Arme geschlungen hatte. Nun schaute auch Marc auf, der die Anwesenheit seiner Assistenzärztin erst jetzt registriert hatte. - „Hey, ganz ruhig! Ich habe ihn wieder aus dem Reich der Zombies geholt.“ - „Maaarc!“, protestierte Gretchen vehement gegen seine unmögliche Wortwahl und legte all ihre Sorge und Verzweiflung in ihre Faust, die sie ihm nun wütend in den Oberkörper rammte. Marc krümmte sich, ignorierte aber den Schmerz, der belebend auf seinen gesamten Körper ausstrahlte, und lachte schwach auf. - „Ok, tut mir leid! Mir ist auch nicht wirklich zum Lachen zumute. Man hat nicht jeden Tag seinen besten Freund auf dem Tisch liegen. Das war verdammt knapp. Aber er ist erst einmal stabil und schläft jetzt.“ - „Danke!“, flüsterte Gretchen nur wahnsinnig erleichtert und lehnte ihren dröhnenden Kopf gegen die Wand hinter sich. Auch Dr. Meier schloss seine Augen und hing nun seinen Gedanken nach. - „Hmm...“

So saßen die beiden eine Weile einfach nur da. Keiner sagte ein Wort oder traute sich, den anderen auch nur anzusehen. Doch plötzlich, als hätte sich bei beiden ein Schalter umgelegt, drehten sie sich gleichzeitig zueinander um und schauten sich nun lange und intensiv an. Gretchen bemerkte, dass auch Marc feuchte Augen bekommen hatte. Ihm ging das alles also auch ganz schön zu Herzen. So hatte sie ihren taffen Chef und ehemaligen unnahbaren Schulkameraden noch nie gesehen. Irgendwie sanft, verletzlich, menschlich. Spontan griff sie nach seiner Hand, die auf dem Fußboden neben ihrer lag, und hielt diese fest. Marc blickte Gretchen erst überrascht an und wischte ihr dann mit seinem Daumen eine verirrte Träne von der Wange. Er ließ seine Hand an ihrer Wange verharren, lächelte leicht und verlor sich in ihren glasigen blauen Augen, die ihn unentwegt taxierten. Sie wussten beide nicht, wie ihnen gerade geschah. Sie waren sich plötzlich wieder so nah. Doch keiner von beiden traute sich, einen Schritt weiterzugehen und das einzufordern, wonach beide sich doch so sehr sehnten. Sie hielten sich einfach nur fest, gaben sich gegenseitig Halt, schenkten sich Kraft, um das alles, was um sie herum passierte, durchzustehen. Irgendwann umarmte Marc Gretchen dann doch zaghaft und sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Alles brach aus ihr heraus, als er sie zärtlich gegen seine Brust drückte und über ihren Rücken strich. Die Sorge um ihren todkranken Vater und Mehdi ließ sie schier verzweifeln. Marc versuchte, so gut es ging, sie zu beruhigen und ihr ein Freund zu sein. Mehr stand ihm schließlich auch nicht mehr zu. Das wurde ihm in diesem Moment einmal mehr vor Augen geführt.

Marc: Hey, ganz ruhig! Wir bekommen das schon wieder hin.
Gretchen (blickt hoffend in seinen dunkelgrünen Augen hin u. her u. glaubt ihm): Wirklich?
Marc (lächelt ermutigend u. könnte sich im nächsten Moment eine Ohrfeige geben wegen seiner großen Klappe): Klar! Gott hat heute einfach nur einen beschissenen Tag. ... Upps, nee, das klang jetzt nicht gut. Meier, du taktloses Arschloch! ... Du, Gretchen, sorry, das wollte ich nicht sagen. Ich bin einfach nicht gut in so was.

Doch Gretchen reagierte nicht auf Marcs Entschuldigung. Er hielt sie immer noch im Arm und schaute mit liebevollem Blick zu ihr herab. ... Oh! Sie ist eingeschlafen! ... Wie schön sie doch ist. ... Alter, was ist los mit dir? Was säuselst du denn da wie ein verknallter Trottel? Das passt jetzt echt gar nicht. Du steckst mitten in einer Pandemie. Reiß dich verdammt noch mal zusammen! ... Marc lächelte die blonde Schönheit an und hätte ihn jemand dabei beobachtet, hätte dieser jemand sicherlich sofort vermutet, der junge Mann im blauen OP-Dress sei verliebt. Marc wollte gerade seinem inneren Impuls folgen, Gretchen über ihr goldenes seidigweiches Haar zu streichen, als es ihm plötzlich auffiel. Er hob seine Hand von ihrer schwitzigen Wange und erstarrte. Da klebte Blut an seinen Fingern! Blut, das aus ihrer Nase rann, registrierte er schockiert und sein Herz begann augenblicklich zu rasen. - „Scheiße, Gretchen, hey, tue mir das nicht an! Nicht du auch noch!“ Ohne weiter darüber nachzudenken, dass auch er sich anstecken könnte, sprang er auf, hob sie auf seine Arme und rannte mit ihr über die Station. Es kam ihm vor, als würde dies alles wie in Zeitlupe ablaufen. Der begnadete Chirurg konnte sie zwar rasch stabilisieren, aber Gretchens Werte waren überhaupt nicht gut. Die Monitore spielten völlig verrückt. Und die Zeit drängte. ... Verdammt, wo bleiben die mit den Antikörpern? Irgendwas stimmt hier doch nicht, stellte er voller Verzweiflung fest. Bei Gretchen schienen die Symptome noch gravierender zu sein als bei den anderen Betroffenen. Ihr Fieber war innerhalb von Minuten gefährlich gestiegen. Hoffentlich hatte sie noch keine inneren Blutungen, fragte er sich gerade, als ihn ein schriller Piepton aus den Gedanken riss. ... Kammerflimmern. ... Nulllinie! ... NEIN!!! ... Du lässt mich hier nicht allein zurück! Verstanden? Wir haben noch was zu klären, Fräulein. Vergiss das nicht!

Marc Meier kämpfte verzweifelt und mit dicken Tränen in den Augen um das Leben der Frau, die ihm alles auf der Welt bedeutete. - „Noch mal aufladen! ... Los, machen Sie schon! Worauf warten sie noch, verdammt?“ - „Dr. Meier, es ist zu spät! Sie ist...“, versuchte sein Kollege, ihm begreiflich zu machen, was er selbst nicht begreifen wollte, aber Marc wollte es nicht hören und stieß ihn ruppig beiseite. - „Einen Scheiß ist sie. Rössel, verdammt, aufladen, habe ich gesagt! ... Dann mach ich es eben selbst, Sie Feigling!“ Er riss den Defi an sich und legte die Paddels erneut an. - „Wegtreten!“ Der geschwächte Frauenkörper bäumte sich erneut auf. Ohne erkennbare Verbesserung. Immer noch Nulllinie, stellte Marc mit Blick auf die Monitore wie gelähmt vor Schock fest. Unter den bestürzten Blicken seiner Mitarbeiter schmiss er den Defi in die Ecke und setzte zur Herzdruckmassage an. Immer und immer wieder im Wechsel mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Aller Ansteckungsgefahren zum Trotz. ... Nein, nein, nein! ... Bitte, lieber Gott, mach was! ... Nimm von mir aus mich, aber nicht sie! ... Die Welt braucht sie doch noch. ... Bitte, ich fleh dich an! ... Doch nichts geschah. Das zierliche Wesen unter seinen Händen rührte sich nicht mehr.

Kraftlos sackte der verzweifelte Oberarzt schließlich neben ihrem Bett zusammen. Sein älterer Kollege und väterlicher Freund beugte sich über ihn und wollte ihm helfen, obwohl er selbst wie alle anderen Anwesenden auch völlig geschockt von dem Ergebnis ihrer verzweifelten Bemühungen war, aber Marc schüttelte ihn, heftig um sich schlagend, ab und ergab sich nun ganz seiner Trauer und seinen Tränen. Er hatte den Kampf verloren. Die Frau, die er über alles liebte, war nicht mehr da. Nur noch eine Hülle lag dort, die ihr Strahlen für immer verloren hatte. Gretchen, sein Gretchen, Haasenzahn war tot! ... Und ich Feigling hab ihr noch nicht einmal gesagt, dass ich sie liebe! Gott, ist das jetzt die Strafe für mein beschissenes Verhalten ihr gegenüber oder was soll das? Warum nimmst du sie mir weg? Gib sie mir zurück! Und wenn nicht mir, dann wenigstens ihrem Mann, Mehdi, ihren Eltern, Jochen, Sabine. ... Die ganze Verzweiflung brach aus Marc heraus und er krümmte sich vor unerträglichem Schmerz am Boden. Vor nicht einmal zwanzig Minuten hatte er Gretchen Haase noch glücklich in den Armen gehalten, hätte sie fast geküsst und ihr gesagt, was er ihr schon vor zwei Tagen hatte sagen wollen. Und jetzt sollte das alles mit einem Wimpernschlag vorbei sein? Wie sollte er ohne sie weiterleben können? Er wollte nicht mehr.

Lorelei Offline

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16.06.2016 16:05
#4 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Marcs Herzschlag verlangsamte sich. Kurz bevor es ganz stehen blieb, sprang jedoch plötzlich die Tür auf und Prof. Schmidt vom Tropeninstitut erschien aufgeregt im Zimmer. Seine Neuigkeiten wirkten wie ein Defibrillator auf den verzweifelten Chirurgen, der langsam erst seinen Kopf hob, dann seinen ganzen Körper aufrichtete, der von neuen Kräften durchgeschüttelt wurde. Und von der Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren war.

Schmidt: Die Antikörper sind da. Wir haben den richtigen Stammerreger gefunden und sofort... (er sieht Gretchen leblos auf dem Bett liegen u. schaut fassungslos in die ermatteten Gesichter der Kollegen) ... Oh! Das ist doch... die Frau Dr. von Buren! Ist sie etwa...?
Marc (schreit ihn an, als er die mitleidigen Blicke bemerkt, die sich von allen Seiten wie Messerstiche in ihn bohren): NEIN, ist sie NICHT! Geben Sie schon her!

Marc riss seinem perplexen Kollegen das rettende Serum aus der Hand und spritzte es Gretchen sofort direkt in die Vene. Dann setzte er sich zu ihr aufs Bett, nahm ihre Hand, drückte sie gegen sein wild schlagendes Herz und blickte seine große Liebe hoffnungsvoll an. Er ignorierte dabei die mahnenden Worte des Professors, während er Gretchen und die Apparaturen nicht mehr aus den Augen ließ. Doch nichts geschah. Nur die ermahnende Stimme von Prof. Schmidt durchbrach die bedrückende Stille und die Anspannung, die in dem Raum herrschte. Doch keiner achtete mehr auf ihn. Alle blickten voller Hoffnung auf die beliebte Kollegin. Allen voran Dr. Marc Meier.

Schmidt: Aber Dr. Meier, sie ist tot. Wir müssen die anderen... So hören Sie doch!
Bitte, verdammt, wach auf! Wach auf, Haasenzahn! Ich mach alles, was du willst. Ich hör auf mit den blöden Sprüchen und der Verarsche. Ich bring dir jeden Tag Schokolade mit. Von mir aus akzeptiere ich auch, dass du mit diesem Vollidioten verheiratet bist und mir immer in die Arbeit reinpfuschst. Aber bitte wach endlich auf, verdammt!
Schmidt: Dr. Meier, so seien Sie doch vernünftig! Es ist zu spät. Das Virus hat sich schon...
Marc: Nein, es ist nie zu spät! Das ist mir jetzt erst klargeworden.

...reagierte Marc plötzlich mit der kühnen Entschlossenheit eines Prinzen aus dem Märchen. Er richtete sich auf, beugte sich über sein Dornröschen und küsste sie ganz sachte und gefühlvoll auf den kühlen Mund. Liebevoll strich er seiner schlafenden Prinzessin über die Stirn und flüsterte ihr leise das ins Ohr, was sie sich schon immer in ihren rosaroten Träumen erhofft hatte, von ihm zu hören, und was er ihr schon längst hätte sagen sollen. - „Bitte, geh nicht, Gretchen! Ich liebe dich doch! Ich weiß, dass du das weißt. Ich geb’s zu! Von jetzt an geb ich’s zu, wenn du mir doch nur endlich wieder Kontra gibst. Ja?“ Und wie von Zauberhand sprangen mit einem Mal die Apparate wieder an. Ein langer tiefer Atemzug war zu hören. Ein geschwächter Körper bäumte sich unter den ungläubigen Blicken der Belegschaft auf und sank zurück in die Kissen. Ein schwaches, aber doch deutlich vernehmbares Husten erlöste schließlich den Mann, der sich verzweifelt über sie gebeugt hatte. ... Oh, Gott, verdammt, sie lebt! ... Dann brach er erschöpft neben ihrem Bett zusammen. Die Hände vor sein schweißnasses Gesicht geschlagen. Marc Meier hatte Gretchen Haase zurück ins Leben geholt!


Was in der Zwischenzeit geschah....

Währenddessen war Alexis, oder wie er eigentlich mit richtigem Namen hieß, Frank, mit seiner Schwester und seiner „Mutter“ in die Villa von Buren zurückgekehrt. Gretchen hatte ihn einfach am Traualtar stehen gelassen und war mit ihrem Vater in die Klinik geeilt. Er und die restliche Hochzeitsgesellschaft hatten noch stundenlang in der Kirche ausharren müssen, ohne dass man ihnen sagen wollte, was da eigentlich genau los gewesen war. Sicherheitsmaßnahme der Polizei. ... Quarantäne - so ein Scheiß! ... Er hatte sich Sorgen gemacht. Gretchens Vater hatte wirklich übel ausgesehen. Er hatte doch einfach nur zu seiner frisch angetrauten Frau gewollt, um ihr beizustehen, wie es sich für einen guten Ehemann und Schwiegersohn gehörte. Aber man hatte sie nicht gehen lassen. Als sie dann endlich nach Stunden ins Elisabethkrankenhaus gebracht worden waren, war er heilfroh gewesen, sein Sternchen gesund und munter zu sehen. Er hatte sie doch nur umarmen wollen. Aber Gretchen hatte ihn gleich angepammt, er solle sie doch bitte in Ruhe lassen, denn sie müsse sich jetzt in erster Linie um die Patienten kümmern. Sie hatte ihn vorgeführt. Und das vor den Augen dieses Oberarschs! ... Ich habe sein dämliches Grinsen genau gesehen. Dieser Wichser! Ich könnte dem jedes Mal eine reinhauen, wenn ich ihn sehe. Hoffentlich erwischt ihn der Virus! Dann wäre wenigstens endlich Schluss mit dem Scheißtheater und sie würde sich endlich ganz auf mich einlassen. ... Irgendwie spürte Frank instinktiv, dass Gretchen die Sache mit ihrem Oberarzt noch nicht ganz abgeschlossen hatte. Und das machte ihn wütend und traurig zugleich. Niemand fühlte sich gern als zweite Wahl. Als lediglich hinnehmbare Alternative für das, was man nicht haben konnte. Er wollte sich nicht so fühlen. Er wollte ihr ja vertrauen. Aber das Herz und vor allem der Kopf waren nun mal miese Verräter.

Er hätte Gretchen gerne noch einmal gesehen, sie umarmt und geküsst, ihr Mut gemacht. Aber es hatte wohl einen weiteren Notfall gegeben und sie war beschäftigt gewesen, als sie abends dann nach Hause gedurft hatten. ... Entwarnung! Super! Und was bringt mir das? Jetzt verbringe ich unsere Hochzeitsnacht alleine! Gibt es etwas Deprimierenderes als das? ... Ein sentimentaler Blick aus dem Fenster verriet ihm, ja! Seinen Hochzeitstag hatte er sich jedenfalls ganz anders vorgestellt. Die prunkvolle Hochzeitsgala im Garten der Villa war abgesagt worden. Es war still. Unerträglich still. Der Wind fegte über die geschmückten weißen Tische im Garten, auf denen noch die Gläser standen. Zum Anstoßen auf ein Fest, das es nicht geben würde. Das es niemals geben würde, weil es seine Braut immer an diesen schlimmen Schicksalsschlag erinnern würde, falls ihr Vater das wirklich nicht überleben sollte. Gretchens Freundin aus London hatte ihm nichts vormachen können. Die Aussichten standen wirklich schlecht. Er würde so gerne etwas tun. Aber weil die Klinik weiterhin strikt unter Quarantäne stand, durfte er auch nicht mehr zu Gretchen zurück. Außerdem stand dort auch viel zu viel Polizei herum. Nicht dass er noch durch Zufall erkannt wurde. Er konnte kein Risiko eingehen. Nicht jetzt.

Sichtlich frustriert wartete Frank Muffke also auf eine Nachricht von seiner Braut, aber nichts passierte. Er war allein. Mal wieder. Wie fast den Hauptteil seines bisherigen Lebens. Na ja fast. Mechthild von Buren, die fiese Hexe, die ihn erpresste, nutzte natürlich geschickt die Gunst der Stunde und musste ihn an ihre Abmachung vom Polterabend erinnern, aber er reagierte nicht auf ihre anzüglichen Sprüche und wich ihren eindeutigen Annäherungsversuchen aus. - „Na, komm schon, wir müssen doch ausnutzen, dass deine Frau gerade verhindert ist!“ - „Eh, haben Sie sie noch alle! Da sterben gerade Menschen! Und Sie wollen nur...!“ - „Du solltest ruhig etwas netter zu deiner „Mutter“ sein, mein Lieber!“ - „Ich sollte gar nichts!“ Wütend ließ er die Alte einfach im Flur stehen und schloss sich in der Bibliothek ein, wo er hoffentlich eine Weile vor ihr sicher war. Doch sie rief ihm noch etwas hinterher, was ihn bis ins Mark erschaudern ließ. - „Wir haben eine Abmachung, Kleiner, vergiss das nicht!“ Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Frank ahnte, dass das nicht gut ausgehen würde. Er hätte schon in dem Moment abhauen sollen, als sie ihn als Betrüger enttarnt hatte. Aber da war immer noch Gretchen und seine Liebe zu ihr war einfach größer als seine Angst vor dem endgültigen Abgrund, der ihn bereits mit einer Schlinge am Fuß in die Tiefe zerrte.

- „Fuck! Warum hat es sie nicht erwischt“, fragte er leise vor sich hin, als er sich aufs Kanapee warf und die Hände vor sein Gesicht schlug. - „Wen?“ Erschrocken drehte er sich um. - „Ach du bist es, Lissy! Ich dachte schon, die Alte ist wieder...“ Er verstummte, aber seine Schwester sah ihm deutlich an, dass ihn etwas schwer belastete. Sie hatte die ganze Zeit schon so ein komisches Gefühl im Bauch gehabt. Frank verhielt sich seit zwei Tagen ziemlich seltsam. Nicht so wie man es von einem glücklichen Bräutigam vermuten würde. Seit dem Polterabend war er unruhig, irgendwie getrieben. Das war mehr als nur die üblichen kalten Füße vor einer Hochzeit. Von der Entschlossenheit, endlich sesshaft zu werden und mit seiner Traumfrau in ein glückliches neues Leben zu starten, war nicht mehr viel übriggeblieben. Aber er hatte es doch unbedingt so gewollt. Und trotz all der Zweifel, die Lissy hegte und nicht für sich behalten hatte, war auch sie froh, endlich mal nicht in eine neue Identität flüchten zu müssen. Trotz all des Luxus und der Annehmlichkeiten hatte sie dieses Leben so satt. Sie wollte auch endlich mal wieder sie selbst sein und sich vielleicht auch mal wieder auf jemanden einlassen so wie ihr Bruder, den sie lange nicht so glücklich gesehen hatte. Oder lag es nur an diesem verrückten Tag, der überhaupt nicht so verlaufen war, wie man es minutiös geplant hatte? Sie hatte ja selber ein ungutes Gefühl bei der Sache gehabt. Nicht nur weil da immer die Angst im Hinterkopf war, doch noch entdeckt zu werden. Sie hatten heute viel zu viel Polizei um sich gehabt. Vielleicht war das Risiko doch zu hoch, ein stinknormales Leben führen zu wollen? Sie waren mit ihrem unsteten Lebenslauf nun mal Weiten von der Normalität einer Gretchen Haase entfernt. Vielleicht war das jetzt der Moment, doch noch einen Schlussstrich zu ziehen und einigermaßen glimpflich aus der Sache herauszukommen? Wenn Frank doch nur nicht so verdammt liebeskrank wäre! Sie setzte sich zu ihm aufs Sofa und legte ihre Hand aufmunternd auf seinen Oberschenkel.

Lissy: Was ist los mit dir, Frank? Ich sehe doch, dass irgendetwas nicht stimmt. Ist es wegen dem Virus? Machst du dir Sorgen? Hey, deine Braut ist tough! Die packt das schon! Ihr Dad auch. Und wenn das alles überstanden ist, dann könnt ihr auch bald eure Hochzeitsnacht nachholen. Läuft ja nicht weg.
Frank (sieht sie seufzend an u. kann nicht mehr an sich halten): Das ist es nicht nur. Ich... Wir... wir stecken tief in der Scheiße, Lissy!
Lissy (schaut ihm betroffen in die Augen): Was? Was meinst du damit? Hat sie etwa herausgefunden, dass du nicht der bist, den du vorgibst? Aber sie hat dich doch geheiratet!
Frank (blickt sie eindringlich an): Nicht sie!
Lissy (verständnislos starrt sie in sein leichenblasses Gesicht): Wer dann? Doch nicht etwa die alte blinde Kuh?
Frank (resigniert): Doch! Sie ist gar nicht so blind, wie wir alle gedacht haben, Lissy. Sie weiß es! Und ich glaube mittlerweile, die hat noch mehr Dreck am Stecken als wir beide zusammen.

Geschockt weiteten sich Lissys Augen, als Frank begann, ihr alles zu erzählen. Und er ließ kein Detail aus. Fassungslos sprang seine entsetzte Schwester daraufhin von ihrem Platz auf. Unruhig lief sie in der Bibliothek hin und her und hielt sich ihren Bauch, in dem es mächtig rumorte. Sie stand kurz davor, sich übergeben zu müssen.

Lissy: Die will bitte was als Gegenleistung für ihr Schweigen von dir? Das glaube ich jetzt nicht! Das ist doch krank!

Doch ein Blick in Franks versteinertes Gesicht genügte, um zu erkennen, dass er sie tatsächlich nicht angeflunkert hatte. So etwas konnte sich wirklich keiner ausgedacht haben. Auch nicht der weltbeste Lügenbaron. Und Lügen waren nun mal seit Jahren ihr Geschäft. Lissys Bruder war völlig fertig und hing sprichwörtlich in den Seilen. Er stand kurz vorm Knock-Out. Er wusste wirklich nicht mehr weiter. Hinzu kam noch das schlechte Gewissen seiner Braut gegenüber. Frank kamen zunehmend Zweifel, ob er das falsche Spiel aufrechterhalten und Gretchen ein Leben lang belügen oder ob er ihr endlich die ganze Wahrheit sagen sollte. Denn mit seinen Gefühlen für sie hatte er nie gelogen. Die schöne Blondine hatte ihn vom ersten Moment an gepackt. Dieser magische Moment auf dieser bescheuerten Party, der sie erst Leben eingehaucht hatte. Mit ihrem Gesang. Ihren Worten. Ihrer ganzen natürlichen, offenen Art. Er hatte noch nie so jemanden getroffen. Ja, er war verzaubert gewesen und er wollte Cinderella unbedingt wiedersehen. Auch wenn sie dann im Tageslicht nicht das war, was er erwartet hatte, und er sie ziemlich unverschämt abgekanzelt hatte, hatte sie sich doch irgendwie immer mehr in seine Gedanken geschlichen. Vor allem in der Zeit, als er gedacht hatte, er würde sich an nichts mehr erinnern können. Was hätte er dafür gegeben, dass dieser Zustand für immer angehalten hätte. Wenn er einfach vergessen könnte, wer er in Wirklichkeit war und was er in der Vergangenheit alles getan hatte. Er hatte dieses ewige Versteckspiel so satt und wollte endlich wieder der sein, der er wirklich war, der er durch sie fast schon wieder geworden war. Vielleicht würde sie verstehen, dass er nur durch einen dummen Zufall in die Rolle des Alexis von Buren geschlüpft war. Gretchen war doch jemand, der große Geschichten liebte, schrieb sie doch täglich ihre eigene in ihr Tagebuch.

Frank: Ich muss es Gretchen sagen! Es geht nicht anders.
Lissy (ist damit überhaupt nicht einverstanden): Und das fällt dir jetzt ein, Frank? Wir hätten schon viel eher hier abhauen sollen. Wir müssen gehen, ehe wir noch mehr in diese Sache verstrickt werden.
Frank (sieht sie flehend an): Ich kann nicht ohne sie!
Lissy (schüttelt verständnislos mit dem Kopf): Ach, und da ziehst du es lieber vor, die Alte zu vögeln? Frank, mehr betrügen geht echt nicht! Das musst doch selbst du verstehen?
Frank (lässt deprimiert die Schultern hängen): Scheiße... Du hast ja Recht!
Lissy: Frank, ich hatte immer Recht. Ich wusste von Anfang an, dass diese Sache nicht gut ausgehen würde.

Frank sprang unvermittelt vom Sofa auf und lief nun unruhig im Zimmer auf und ab und überlegte dabei hin und her, aber er wusste einfach nicht, wie er aus der Sache wieder unbeschadet herauskommen sollte. Die ganze Geschichte lief so langsam völlig aus dem Ruder. Das sah seine Schwester genauso, die ihm nun zur Beruhigung ihre Hand auf die Schulter legte. Er sah sie an. Hilflos. Verloren. So verzweifelt hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Auch nicht als sie damals zusammen aus dem Heim abgehauen waren und einige Wochen auf der Straße hatten leben müssen.

Lissy: Scheiße Frank, wir stehen kurz davor, dass alles auffliegt. Willst du das? Wir müssen hier weg! Die verrückte Alte wird ihre Klappe nicht ewig halten, da bin ich mir sicher. Vor allem nicht, wenn du sie nicht ranlässt.
Frank: Ich kann hier nicht weg! Verstehst du das denn nicht? Ich habe gerade geheiratet! Ich bin glücklich! Zum ersten Mal in meinem Leben!
Lissy (schüttelt fassungslos den Kopf): Selbsttäuschung ist auch eine Täuschung, Frank! Blick der Wahrheit ins Gesicht! Du bist ein Betrüger! Du kannst dieses Leben nicht weiterführen! Die Hochzeit war eine Schnapsidee! Ein Betrüger wird sesshaft. Tzz... Du glaubst echt noch an Märchen, Frank!
Frank (sieht sie aus traurigen Augen Verständnis suchend an): Ich will sie nicht verlieren!
Lissy: Frank, wenn du so weitermachst, wirst du sie auf jeden Fall verlieren. Also vergiss sie, pack deine Sachen und wir verschwinden hier! Genug Kohle abgezweigt haben wir ja schon.

In dem Moment, als Lissy ihrem Bruder eindringlich ins Gewissen redete und er ihr langsam kopfnickend zustimmte, weil es einfach keinen anderen Ausweg mehr gab, klingelte sein Handy. Verstört zog er es aus seiner Jackettasche und legte es an sein Ohr.

Frank: Wer? ... Schwester Sabine? ... Können Sie mal etwas langsamer sprechen? Hallo? Ich verstehe Sie nicht. ... (aus dem genervten Gesichtsausdruck wird in Sekundenschnelle ein völlig schockierter) ... Was ist mit Gretchen? ... Nein!!!

Frank ließ sein Handy zu Boden fallen und musste sich am Sofa abstützen. Beunruhigt schaute ihn seine Schwester an. Sie musste ihn schütteln, aber er reagierte nicht auf sie. Irgendetwas musste passiert sein, schaltete Lissy sofort und griff alarmiert nach seinem Handy und sprach hinein.

Lissy: Was ist los? ... Hallo? Ich bin seine Schwester. Was ist...? ... Nein!

In dem Moment wachte Frank aus seiner Schockstarre auf. Er blickte seine Schwester aus weit aufgerissenen ängstlichen Augen an, guckte auf das Handy in ihrer Hand, riss es ihr weg und rannte im nächsten Augenblick auch schon zur Tür, die er nun hastig aufschloss.

Frank: Ich muss sofort ins Krankenhaus!
Lissy (versucht, ihn aufzuhalten): Warte! Frank? Du darfst nicht zu ihr!
Frank (bleibt abrupt in der Tür stehen u. ballt seine Hände zu Fäusten): Was? Das ist doch auf seinem Mist gewachsen? Dieser elende Mistkerl! Er hat nicht das Recht dazu. ICH bin ihr Mann, nicht er!
Lissy (sieht ihn erst verstört an u. versucht ihn dann eindringlich zu beruhigen): Das Krankenhaus steht unter Quarantäne! Die lassen niemanden rein! Dort steht alles voller Polizei, Frank! Sei doch bitte einmal vernünftig!
Frank (klammert sich verzweifelt an den Türrahmen, stößt sich im nächsten Moment entschlossen daran ab u. sprintet zum Ausgang der Villa): Aber... wenn sie... stirbt und ich ihr noch nicht gesagt habe, wer ich wirklich bin, dann... Nein, ich fahr da jetzt hin! Ich muss einfach!
Lissy: Frank! Du kannst ihr jetzt nicht helfen! Bitte, du musst dich beruhigen!

Lissy eilte ihrem völlig verzweifelten Bruder nach draußen nach und holte ihn schließlich in der Einfahrt vor einem seiner Luxusautos ein, in das er gerade einsteigen wollte. Sie hielt ihn an der Schulter fest und versuchte, ihm ein letztes Mal nachdrücklich ins Gewissen zu reden. Diesmal mit Erfolg. Voller Angst und Sorge um seine große Liebe blickte Frank seiner Schwester in die mitfühlenden Augen und sackte dann weinend in ihren Armen zusammen. Alles beobachtet von zwei wachsamen Augen hinter einem der oberen Fenster der Von-Buren-Villa.



Gabi Kragenow hatte indes ihre Chance während des allgemeinen Chaos, das im EKH herrschte, genutzt - sie war nach der Auswertung ihrer Bluttests den Glücklichen der Gruppe 3 zugeordnet worden, die nicht direkt vom Virus betroffen waren und demzufolge noch am Abend aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten - und hatte Alexis von Buren eine kleine Botschaft zugesteckt, die hoffentlich zu ihrem Vorteil dienen würde. Die Hochzeit allein war der rachsüchtigen Krankenschwester nämlich einfach noch nicht Genugtuung genug. Sie wollte auch etwas für sich abhaben von dem großen „Glückskuchen“ ihrer ewigen Erzfeindin, die doch tatsächlich, blond und naiv wie sie war, auf den falschen Millionär hereingefallen war und ihn geheiratet hatte. Marcs versteinertes Gesicht beim Jawort von „Dickie“ war Gold wert gewesen. Nun wollte sie auch etwas vergolden. Ihr eigenes Konto nämlich, das tief in den roten Zahlen steckte, seitdem sie von ihrem Verlobten wegen eben jener naiven Blondine sitzen gelassen worden war, die er am Ende auch nicht gekriegt hatte.

Lieber... Ich weiß noch nicht einmal Ihren richtigen Namen! Aber das tut auch nichts zur Sache. Ich weiß, was Sie getan haben! Sie sind NICHT Alexis von Buren! Eine Million Euro oder ich sage Ihrer Frau alles. Auch das mit Ihrer netten kleinen Übereinkunft mit Ihrer „Mutter“. Und die Polizei interessiert sich sicherlich auch ganz brennend dafür, was ich hinter der Wand in Ihrer Bibliothek gefunden habe. Ich melde mich später noch einmal bei Ihnen wegen der Details zur Geldübergabe. Und versuchen Sie nicht, mich übers Ohr zu hauen. Die Beweise sind sicher hinterlegt.

Eine Freundin, die es nur gut mit Ihnen meint und Ihrem Glück mit Dr. Haase nicht im Weg stehen möchte.


Dass sie mit ihrem Erpressungsbrief unbeabsichtigt verraten hatte, dass sie wohl unter den Polterabendgästen gewesen sein musste, merkte Schwester Gabi zu diesem Zeitpunkt noch nicht, als sie sich mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht in ihr schmales Bett im Schwesternwohnheim legte, in welchem sie hoffentlich nicht mehr lange weit unter ihren Ansprüchen hausen musste. Denn nicht Alexis von Buren hielt nun den kleinen gefalteten Zettel in seinen Händen - er war viel zu sehr mit seinen Selbstzweifeln und der Sorge um Gretchen beschäftigt gewesen, als dass er irgendetwas bemerkt hätte -, sondern seine „Frau Mama“ hatte ihn entgegengenommen. Die alte „blinde“ Dame hatte nämlich in der allgemeinen Aufbruchshektik in der Klinik zufällig eine stark geschminkte brünette Frau im kurzen Secondhanddesignerkleid dabei beobachtet, wie sie verdächtig um ihren „Sohn“ herumgeschlichen war und ihn als Versehen getarnt angerempelt hatte, um ihm etwas in die linke Jackettasche zu schmuggeln, und wie diese dann schnell in einem Nebentrakt des EKH verschwunden war. Während der kurzen Fahrt im Taxi nach Hause in die Familienvilla hatte sich Mechthild von Buren geschickt an ihren falschen Sohn herangeschmiegt, der viel zu sehr in Gedanken gewesen war, um ihr Manöver zu durchschauen, und hatte den Zettel geschickt aus seiner Jackentasche herausgeangelt.

Nun stand sie hier am Fenster des Zimmers, in dem sie vor zwei Tagen mit dem Betrüger, der die Identität ihres einzigen Kindes angenommen hatte, ein nettes kleines Arrangement geschlossen hatte, und schaute auf den gutaussehenden Mann im Bräutigamanzug herab, der vermutlich aus Angst um sein naives Blondchen in der Einfahrt zusammengebrochen war. Ein finsteres Grinsen legte sich auf ihre faltigen Mundwinkel, als sie sich umdrehte, um das Frauenporträt an der Wand in Augenschein zu nehmen. Nur sie wusste von dem Geheimgang, der sich dahinter verbarg und welches schreckliche Geheimnis er noch darin versteckt hielt. Schließlich hatte sie in der Vergangenheit sehr viel Zeit dort verbracht, um ihren verhassten Sohn, der sie im Altersheim unter Medikamenten kaltstellen wollte, bei seinen Geschäften auszuspionieren und auf den perfekten Moment zu warten, der vor fast einem Dreivierteljahr endlich eingetreten war. Es durfte niemand wissen! Sie musste mehr über die Erpresserin herausfinden und würde dabei nur ein einziges Ziel verfolgen, wenn sie in Alexis’ Namen auf deren Bedingungen eingehen würde: Die lästige Mitwisserin musste ausgeschaltet werden! Um jeden Preis!

Denn, was keiner ahnte, in Wahrheit hatte nicht Frank Muffke, sondern Mechthild von Buren ihren eigenen Sohn auf dem Gewissen. Sie hatte ihn heimtückisch vergiftet und in dem noch aus Kriegszeiten stammenden Geheimgang hinter der Wand eingemauert. Danach hatte sie sich wieder seelenruhig in die Seniorenresidenz begeben und hatte zur Tarnung ihrer schrecklichen Tat dort ihre ihr zugedachte Rolle perfekt gespielt, um wieder auf den perfekten Zeitpunkt zu warten, der wiederum sehr überraschend eingetreten war, als plötzlich diese charmante Ärztin im Seniorenstift aufgetaucht war und ihr von Dingen über ihren Sohn berichtet hatte, die doch eigentlich nicht hatten sein können. Das hatte sie neugierig gemacht, sehr, sehr neugierig, erinnerte sich die jung gebliebene Zweiundachtzigjährige mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht und schenkte sich ein Glas Sherry ein, das sie nun genüsslich ihre trockene Kehle hinuntergleiten ließ.

Lorelei Offline

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23.06.2016 16:11
#5 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Zwei Tage später...

Gretchen Haase war immer noch nicht wiederaufgewacht und sie litt zudem unter hohem Fieber, doch sie lebte. Ihr Oberarzt wachte Tag und Nacht an ihrem Bett auf der Intensivstation. Er überwachte akribisch die Monitore, um jede mögliche Veränderung ihres Zustands zu registrieren, um möglicherweise sofort eingreifen zu können, und hielt stundenlang ihre zarte blasse Hand in seinen Händen. Ihm war egal, was die anderen über ihn dachten. Er wusste, dass er von seinem Personal beobachtet wurde und dass über ihn getratscht wurde, dass sich nur so die Balken dieses altehrwürdigen Krankenhauses bogen. Er wollte doch einfach nur bei ihr sein. Für sie da sein. Wollte, dass sie seine Anwesenheit spürte, um sie zu animieren, zurückzukehren. Marc flüsterte ihr leise immer wieder zu, dass er sie nicht verlieren wollte, dass man sie doch hier brauchte und dass er sie liebte. In der Hoffnung, sie würde es hören und zu ihm zurückkehren und endlich aufwachen. Der besorgte Chirurg ahnte ja nicht, dass seine liebste Assistenzärztin diese Worte tatsächlich hören konnte, aber sie dachte in dem Dämmerzustand, in dem sie rastlos umherirrte, es sei lediglich ein Traum. Ein alberner Traum, der sie schon seit ihrer frühen Jugend immer wieder verfolgt hatte. Ohne dass er jemals real geworden wäre.

Traum und Realität verschwammen vor ihren bleiernen Augen. Gretchen träumte. Sie träumte intensiv. Intensiver denn je. Was wäre gewesen, wenn ihre Hochzeit ganz anders verlaufen wäre? Anstatt ihres Bräutigams Alexis von Buren erblickte sie plötzlich Marc Meier vorm geschmückten Traualtar. Sein erwartungsvolles Grübchenlächeln verzauberte sie, nahm sie immer mehr ein, zog sie unweigerlich an. Auf dem endlos erscheinenden Weg durch die Bankreihen der Kirche sah sie unentwegt Bilder aus der Vergangenheit neben sich aufblitzen: vom Schulhof, von seinen Streichen und Demütigungen, den zerstochenen Fahrradreifen, den Wasserballons, dem Leberwurstbrot, ihrem geglückten Wiederbelebungsversuch, als er an einem Schokoriegel zu ersticken drohte, und dem spontanen Kuss im Garten, den sie noch nie so richtig einzuordnen verstand. Dann erschien ihr überraschendes Wiedersehen mit Marc im Fahrstuhl Jahre später. Sein intensiver Blick, als sie ihn verarztet hatte. Ihr erster richtiger Kuss im Aufzug, als sie sich einmal im Leben das genommen hatte, was sie gewollt hatte. Sie spürte es wieder. Die Leidenschaft, die entbrannt war, als sie am Boden eines Behandlungszimmers gelegen hatten und beide doch etwas gänzlich Anderes vom anderen erwartet hatten. Die Ernüchterung danach. Und dann als nächstes der Stromschlag, der alles zwischen ihnen irgendwie verändert hatte, der gefühlvolle Dornröschenkuss, nachdem diesmal er sie gerettet hatte und nicht umgekehrt, und die geplatzten Hoffnungen danach, als er sich definitiv gegen sie und für Gabi entschieden hatte. Dann der sentimentale Kuss vor ihrer gemeinsamen Schulfreundin Susanne, ein Abschied, ja, und ein Nichtloslassenkönnen, und der leidenschaftliche Kuss unter der Dusche, als sie sich nicht kriegen durften, aber einander dennoch so sehr begehrten, dass es richtig wehtat. Schließlich der zarte, ja fast schüchterne letzte Kuss am Polterabend, der sie mehr zum Zweifeln gebracht hatte, als sie sich hatte eingestehen wollen, weil sie instinktiv gespürt hatte, dass er eine Bedeutung in sich trug, die Marc nicht anders in Worte zu fassen wusste. Gefolgt von seinem traurigen, aber doch gefassten Blick, als sie im Brautkleid stolz an ihm vorbei in die Kirche geschritten war, wo ein anderer auf sie gewartet hatte, der diese Dinge sehr wohl aufrichtig in Worte fassen konnte. Hatte sie etwa den Falschen geheiratet? Wollte dieser Traum ihr das sagen? Nein, sie war sich doch so sicher gewesen. Immer wieder tauchten auch Bilder von Alexis vor ihrem inneren Auge auf, der jedoch immer mehr in den Hintergrund rückte und schließlich vom Nebel umhüllt im Schatten stehen blieb, bis sein Gesicht nicht mehr zu erkennen war. Sie konnte sich das nicht erklären. Es schien fast so wie die Andeutung eines dunklen Geheimnisses. Was war nur los mit ihr? Warum konnte sie nicht aufwachen? Ihr ging es doch wieder gut. Den Umständen entsprechend gut, wie man so schön im Medizinerlatein zu sagen pflegte. Sie spürte es doch.

Aber immer mehr verworrene Bilder quälten Gretchen während ihres Fiebertraums, der nicht enden wollte. Stöhnend wälzte sie sich unruhig in ihrem Bett hin und her, doch Marc hielt ihre Hand mit festem Griff und kühlte ihre Stirn, um das zarte Wesen zu beruhigen. Er würde Haasenzahn nicht loslassen. Nicht noch einmal. Und seine bloße Anwesenheit wirkte wirklich beruhigend auf seine Patientin. Gretchen schlief tatsächlich ruhiger. Der Traumwirrwarr verschwand für den Moment. Und auch ihr Fieber sank, wenn auch nur langsam und nicht ganz so, dass man schon von Entwarnung sprechen konnte, wie Dr. Meier Gretchens Bruder mitteilte, der stündlich zwischen dem Krankenbett seines Vaters, wo seine Mutter ausharrte, und dem seiner Schwester hin und her flitzte. Doch aufwachen wollte Dornröschen Haase trotzdem nicht. Die schöne Blonde schien in ihrer Lieblingsrolle gefangen zu sein. Ob nur ein tapferer Märchenprinz sie würde wachküssen können?


Das Berliner Elisabethkrankenhaus war jedenfalls noch einmal gerade so am Rande einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Das Gegenmittel hatte bei den meisten Patienten gut angeschlagen. Mehdi Kaan, Dr. Knechtelsdorfer und Prof. Haase waren mittlerweile aus dem Koma erwacht und wiesen keine Erreger mehr auf, die ihr Immunsystem in ein absolutes Durcheinander stürzen konnten. Die restlichen isolierten Hochzeitsgäste und Klinikmitarbeiter konnten schon recht bald aus der Quarantäne entlassen werden. So durfte Bärbel Haase auch ohne Schutzanzug am Bett ihres Mannes sitzen bleiben. Ihre Panik hatte sich mittlerweile gelegt. Sie hatte tagelang nicht schlafen können. Aus Angst, ihr würde ihre gesamte Familie genommen. Sie hatte in ihrer Sorge und Seelenpein ihrem schlafenden Mann sogar ihre Affäre und die gestohlene Rentenkasse gebeichtet. Was die Hausfrau und Mutter nicht ahnte, Franz hatte alles mitangehört und kochte innerlich, als er seine Gattin in einem ruhigen Moment mit seinem Wissen konfrontierte. Eine schwere Ehekrise schien sich bei den Haases anzubahnen und Jochen versuchte, so gut es ging, zu vermitteln, auch wenn der Gedanke an das, was seine Mutter getan hatte, ihn schwer schlucken ließ. Schließlich gab es Wichtigeres und das stellte er ihnen eindrucksvoll klar. Es stand um seine große Schwester immer noch nicht gut und deshalb verschoben seine Eltern ihre Streitigkeiten auch vorerst. Denn auch sie teilten die Ängste ihres Jüngsten.

Nur bei Gretchen schien das Antiserum nicht so schnell zu wirken wie bei den anderen Patienten. Sie blieb noch immer ohne Bewusstsein. Dr. Meier war mit seinem Latein langsam am Ende. Er wusste nicht mehr weiter und verschlang Unmengen an Fachliteratur, wenn er nicht gerade mit offizieller Erlaubnis von Gretchens Bruder, der ganz genau wusste, was seiner Großen guttat, jede freie Minute an ihrem Bett verbrachte und ihre Hand hielt. Einmal hatte er ihr sogar aus einem ganz besonders kitschigen Roman seiner Mutter vorgelesen, den er von Sabines Schreibtisch geklaut hatte. Doch Gretchen schien ihn nicht zu hören. Sie war wieder ins Träumen verfallen und schien ferner denn je. Traumhafte Märchensequenzen erschienen ihr, in denen Marc Meier immer wieder als tapferer Prinz im schillernden Kostüm auftauchte, aber immer wieder von einem fiesen schwarzen Ritter aufgehalten wurde, der sich ihm kampfbereit in den Weg stellte. Ein ganz anderes Bild von Alexis, das Gretchen so bislang noch nicht kannte und das ihr Angst machte. Als sie während eines erneuten Fieberanfalls plötzlich laut Alexis’ Namen ausrief, erkannte Marc endlich, was seiner Herzdame wirklich gefehlt hatte. Also sprang er widerwillig über seinen Schatten und beorderte persönlich Alexis von Buren ins Krankenhaus, der ihn schließlich an Gretchens Krankenbett ablösen sollte. Sie tauschten böse Blicke aus, als sie sich an der Tür ihres Zimmers begegneten und kurz in die Augen schauten. Beide zeigten offenkundig ihre gegenteilige Eifersucht. Aber das war im Moment unwichtig. Alles, was zählte, war Gretchen. Und für sie würden beide alles tun, sogar einen vorläufigen Scheinfrieden schließen.

Verzweifelt und enttäuscht, dass die schöne blonde Nervensäge ihn allen Anschein nach tatsächlich nicht mehr liebte und er augenscheinlich völlig fehl am Platz war, ließ Marc die beiden frischgebackenen Eheleute allein auf der Intensivstation zurück und verschanzte sich in seinem Büro, wo er traurig aus dem Fenster in den Krankenhauspark schaute, der sich nach der Aufhebung der Quarantäne wieder mit Menschen füllte, die glücklich ihre Angehörigen in die Arme schlossen, und seiner verpassten Chance nachtrauerte. Der verletzte Oberarzt glaubte wirklich, Haasenzahn endgültig verloren zu haben. Wie hatte es nur so weit kommen können, fragte er sich aufgewühlt und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar. Er und Gefühle, pah, nein, das würde er nicht noch einmal zulassen, schwor er sich kopfschüttelnd. Marc Meier machte wieder dicht und baute eine riesige innere Mauer auf, die niemand mehr überwinden sollte. Ganz besonders nicht dieser blonde furchtbar nervige Wirbelwind, der an allen Ecken und Enden seiner Station schmerzlich fehlte, wie ihm seine Stationsschwester leise gestand, die schüchtern zur Tür hereinguckte, weil sie sich nach dem plötzlichen Auftauchen des Millionärs Sorgen um ihren betrübten Oberarzt gemacht hatte. Doch Dr. Meier registrierte Schwester Sabine nicht einmal. Also zog sie sich demütig wieder zurück und nahm treu ihren Bewachungsposten vor dem Zimmer ihrer Lieblingsärztin wieder ein, den sie in den letzten acht Tagen nicht einmal verlassen hatte.

Auch Alexis/ Frank war vom Zustand seiner Angetrauten schwer erschüttert. Blass und ausgemergelt sah sie aus. Ohne ihr Strahlen sah sie wie jemand ganz anderes aus. Wie jemand, den er gar nicht kannte. Ruhelos saß er an ihrem Bett und drückte zärtlich die eiskalten Hände der Ohnmächtigen. Doch ohne Reaktion. In seiner Verzweiflung wollte er ihr sogar endlich sein großes Geheimnis gestehen, doch im selben Moment, als er seinen Wortfindungsprozess beendet hatte, schlug Gretchen plötzlich ihre Augen auf und starrte ihn voller Furcht und Verwirrung an. Glücklich, dass seine Frau endlich wiederaufgewacht war, schloss er sie in seine Arme und hielt sie einfach nur fest. Und auch Gretchen, die noch ziemlich durcheinander und geschwächt war, schien glücklich zu sein, glaubte sie doch, dass ihr frischgebackener Ehemann die ganze Zeit an ihrer Seite gesessen hatte. Sie hatte seine Hand und seine Wärme immer gespürt, auch wenn sie nicht verstand, was überhaupt mit ihr passiert war. Dass es eigentlich Marc gewesen war, der ihr nicht von der Seite gewichen war, ahnte Gretchen zu diesem Zeitpunkt nicht. Und Alexis’ Geständnis, das blieb aus. Er vergaß es ganz und gar in seiner überschwänglichen Freude, die er mit unzähligen Küssen zum Ausdruck brachte, welche das erwachte Dornröschen jedoch sichtlich überforderten. Sie konnte sich nicht erklären, warum das so war.

Ihre sonderbaren Träume hatten die geschwächte Ärztin verwirrt, aber da sie glaubte, Alexis habe ihr die ganze Zeit treu beigestanden, verdrängte sie ihre immer noch bestehenden Zweifel und die Unsicherheit schnell wieder, die sich unbemerkt während ihres langen Dornröschenschlafs eingeschlichen hatten. ... Er ist der Richtige! Marc hätte das nie gemacht! Marc? Warum denn jetzt Marc? Wie komme ich denn jetzt auf den? Nein, ich werde nicht noch einmal an Marc Meier denken! Diese Phase ist endgültig vorbei! Ich bin eine glücklich verheiratete Frau mit einem Mann an meiner Seite, der mich wirklich liebt und in guten wie in schlechten Zeiten zu mir steht, genauso wie wir es uns vor Gott geschworen haben. ... Mit diesem beruhigenden Gedanken im Kopf schlief Gretchen schließlich friedlich an der Seite ihres Mannes ein, der frech zu ihr ins Krankenbett gekrochen war und bereits vor einigen Minuten vor Erschöpfung eingenickt war.

Dass Gretchen Haase endlich wiederaufgewacht war, verbreitete sich in der Zwischenzeit dank Schwester Sabine, die die Szene durch das kleine Flurfenster aufgeregt mitverfolgt hatte, wie ein Lauffeuer im Elisabethkrankenhaus. Man muss nicht zusätzlich erwähnen, dass sie, noch bevor sie die Familie von Dr. Haase informierte, als erstes zu Dr. Meier gerannt war, der seltsam gefasst auf die guten Neuigkeiten reagiert hatte. Aber woher hätte die hibbelige Krankenschwester auch ahnen können, welche Gefühlsstürme gerade in ihrem Vorgesetzten tobten. Sie war ja selber völlig aus dem Häuschen, dass ihre sehr geschätzte Kollegin über dem Berg war. Jetzt würde endlich alles gut werden.


Nach ein paar Tagen ging es der Patientin Haase wieder sichtlich besser. Sie hatte richtig Farbe bekommen und einen gesunden Appetit. Und mit jedem Tag mehr, an dem sie sich besser fühlte, wurde sie furchtbar ungeduldig. Sie nervte Schwester Sabine und ganz besonders Dr. Meier unentwegt damit, endlich entlassen zu werden und wieder arbeiten zu dürfen. Sie fühlte sich fit, zwar noch nicht ganz wieder auf dem Damm, was nach einer überstandenen Ebolaerkrankung nicht sonderlich verwunderlich war, aber sie wollte nicht mehr den liebenlangen Tag unnütz im Bett herumliegen und Däumchen drehen, während anderswo im EKH richtige Patienten Hilfe benötigten. Irritiert bemerkte sie dabei das zurückhaltende Verhalten ihres Oberarztes ihr gegenüber, der keinerlei spitze Bemerkungen zu ihrem provokanten Benehmen abgab und sich ungewöhnlich professionell und distanziert verhielt. Er hatte sich in den letzten Tagen - außer bei der Visite - nicht bei ihr blicken lassen und das ärgerte sie insgeheim.

Schon komisch irgendwie, aber egal! Was soll ich mir ausgerechnet über ihn den Kopf zerbrechen? Er tut es ja wegen mir anscheinend auch nicht. Warum auch? Ich habe jetzt mein eigenes Leben und da gehört Marc Meier ganz bestimmt nicht dazu! Jawohl! Ich kümmere mich jetzt erst einmal darum, hier endlich rauszukommen.

Irgendwann hatte Gretchen ihre behandelnden Ärzte schließlich soweit weichgekocht und sie wurde auch dank der Intervention ihres Vaters, bei dem ihr Bettelblick schon immer gut funktioniert hatte, vorzeitig entlassen. Jetzt wollte sie als viel, viel bessere Reha-Alternative erst einmal mit Alexis ihre verpassten Flitterwochen nachholen. Aber trotz der Euphorie spürte Gretchen schon, dass irgendetwas nicht stimmte und sich verändert hatte. Sie wusste nur noch nicht, was es genau war, was sie so störte und unsicher werden ließ. Aber ihr Mann und ihre Eltern hatten schon Recht, jetzt ging es erst einmal hauptsächlich darum, wieder richtig gesund zu werden und sich von den Strapazen der Quarantäne zu erholen. Und das tat sie auch. Mitten im Paradies. Auf den Malediven, wo sie schon immer einmal hingewollt hatte. Ihr frischgebackener Ehemann war eben jemand, der ihre Träume tatsächlich wahrmachen konnte und das kostete sie mit großem Vergnügen aus, auch wenn ein kleiner bis mittelgroßer Teil ihres Herzens nicht mit in den Privatjet von Alexis gestiegen war und immer noch in Berlin verweilte.

Marc Meier lenkte sich nach Gretchens Entlassung so gut es eben ging mit Arbeit ab, mit viel, viel Arbeit, und ließ die arme Schwester Sabine an seinem schroffen Befehlston schier verzweifeln. Nichts konnte man ihm momentan mehr recht machen. Tapfer biss die friedliebende Krankenschwester ihre Zähne zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich ahnte sie, was der Grund für seine ganz besonders „gute“ Laune war: seine abwesende Assistenzärztin, die einen anderen geheiratet hatte und nicht ihn. Das alte Obermacho-Arschloch, für den nur er selbst zählte und sonst nichts und niemand, war wieder da, nein, eigentlich war es ja nie weg gewesen.

Der Professor erholte sich währenddessen zu Hause von seiner schweren Erkrankung. Auf seine alten Tage hin dauerte es eben mit der Genesung und er musste sich, auch wegen seines schwachen Herzens, noch etwas länger schonen. Franz Haase hatte deshalb seinem fähigsten Oberarzt vorübergehend die Geschäftsführung des Elisabethkrankenhauses überlassen, der damit sichtlich überfordert war, aber es sich niemals anmerken lassen würde. Schließlich visierte er diese - wenn auch nur kurzzeitige - Beförderung schon lange und auch für längerfristig an. Nur leider waren Computer und Papierkram noch nie so sein Ding gewesen. Aber wozu hatte er denn Schwester Sabine, die doch gerne bereitwillig ein paar Überstunden mehr machte, wenn es ihn mal wieder in den OP zog, um endlich wieder Messer zu wetzen. Nirgendwo sonst konnte er seine brodelnden Gefühle besser im Zaum halten.

Bärbel Haase hatte ihrem genesenden Mann in der Zwischenzeit unter Tränen von ihrer Affäre in Indien und deren fatalen Konsequenzen für ihre finanzielle Sicherheit im Alter erzählt. Es bahnte sich eine schwere Ehekrise bei den Haases an. Doch da auch Franz kein Kind von Traurigkeit gewesen war - dazu musste Bärbel ihren tobenden Gatten nur an seine eigenen drei Affären erinnern, die doch auch nur dazu gedient hatten, sich noch einmal Bestätigung zu holen -, versöhnte er sich schnell wieder mit seiner geliebten Frau. Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hatten schließlich beide gelehrt, dass es Wichtigeres im Leben gab. Nämlich dass sie sich hatten. Ihre Familie und ihre Liebe standen über allem. Doch das schlechte Gewissen nagte noch immer an Gretchens Mutter. Es war schließlich ihre Schuld gewesen, dass sie blauäugig ihre gemeinsame Rente verzockt hatte. Jetzt lag es eben an ihr, das verschwundene Geld zu ersetzen. Und deshalb blieb sie ihrem heimlichen Nebenverdienst treu, den sie Franz weiterhin vorenthielt. Das Hanfplantagengeschäft florierte prächtig. Bald würde sie die Zweihundertfünfzigtausend Euro zurückverdient haben. Dann könnte sie endlich einen Schlussstrich unter diese dunkle Episode ziehen und glücklich ihrem Lebensabend mit Franz entgegensehen.

Auch Mehdi Kaan hatte die Virusepidemie zum Nachdenken gebracht. Während seiner zweiwöchigen Reha, zu der er und Dr. Knechtelsdorfer vom Professor verdonnert worden waren, hatte er viel Zeit für sich gehabt. Er hatte viel über sein gescheitertes bisheriges Leben sinniert. Er stand am Scheidepunkt. Das war seine wichtigste Erkenntnis. Er war alleine. Seine absolute Traumfrau war jetzt verheiratet. Zwar mit dem falschen Mann, was sie hoffentlich noch merken würde, aber es gab nun keine Chance mehr, sie zurückzuerobern, denn er wusste, dass sie ihn nie so lieben würde, wie sie Marc Meier liebte, wenn sie sich das endlich eingestehen würde. Seine Noch-Ehefrau hatte sich als ehemalige Edelprostituierte entpuppt, die mit seinem Kind abgehauen war. Ja, er war felsenfest davon überzeugt, dass Lilly seine eigene Tochter war, auch wenn Anna in ihrer Verzweiflung vielleicht etwas Gegenteiliges behauptet hatte. Er liebte seine Lillymaus über alles und würde alles dafür tun, um sie zu finden und zu sich zurückzuholen. Er hatte sogar mit Marcs Hilfe einen Detektiv eingeschaltet und hoffte jeden Tag auf Neuigkeiten von seiner Familie. Seine alte Wohnung hatte er verkaufen müssen, um die Schulden seiner Frau bei deren Zuhälter zu begleichen. Er war nicht nur obdachlos, sondern auch pleite. All seine Ersparnisse waren weg. Aber trotz dieser äußerst trüben Aussichten würde er die Hoffnung nicht aufgeben. Diesmal nicht. Denn er war stärker, als er von sich gedacht hatte. Die schwere Krankheit hatte seinen Lebensmut wieder geweckt. Er hatte beschlossen, sein Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen. Keine Tabletten mehr! Und keine Fressanfälle! Und vor allem nicht gleich wieder verlieben!

Da er mittellos war und sich alleine keine eigene Wohnung leisten konnte und Oberschwester Stefanie ihm vor seiner Kur schon angedroht hatte, ihn endgültig aus dem Schwesternwohnheim zu werfen, würde er vorerst bei Marc unterkommen. Er hatte dessen Angebot gerne angenommen, jetzt wo sie wieder offiziell miteinander befreundet waren. Geteiltes Liebesleid war schließlich halbes Liebesleid! In ihrer neuen Männer-WG konnten sie sich erst einmal gegenseitig im Selbstmitleid suhlen. Wegen ihr. Wegen der Einen. Wegen Gretchen von Buren, ehem. Haase. Mehdi kam nicht umhin, zu schaudern, als er daran zurückdachte, dass sie tatsächlich diesen zwielichtigen Millionär geheiratet hatte, den sie kaum kannte. Irgendetwas an ihm hatte ihn schon immer gestört und das war nicht die Tatsache, dass er es im Gegensatz zu ihm und Marc geschafft hatte, sie für sich zu begeistern. Er würde seinen dicken Hintern darauf verwetten, dass da noch was war, was keiner ahnte. Und er würde es schon noch herausfinden.

Lorelei Offline

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24.06.2016 14:00
#6 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Gretchen kehrte schließlich nach drei Wochen glücklich und mit neuen Kräften aus ihrem Honeymoon zurück. Alle Sorgen und Zweifel an ihrer übereilten Hochzeit, die unter keinem guten Stern gestanden hatte, waren wie weggeblasen. Sie blickte optimistisch und hoffnungsfroh in ihre Zukunft mit Alexis von Buren. Endlich hatte sie das, wovon sie schon immer geträumt hatte: sie war verheiratet mit einem charmanten und gutaussehenden Mann, der zudem noch Millionär war und der sie über alles liebte und auf Händen trug, wie er mehrfach während ihrer wunderschönen Hochzeitsreise eindrucksvoll bewiesen hatte. Dementsprechend gut gelaunt nahm Dr. Gretchen von Buren nun auch ihren Dienst im Elisabethkrankenhaus wieder auf und wurde von allen, bis auf einen, herzlich willkommen geheißen.

Anscheinend hatte sich dort in ihrer Abwesenheit nicht viel verändert. Schwester Sabine war dieselbe verpeilte Krankenschwester mit Astrotick wie immer, die gerne mal die Patientenmappen irgendwo im Haus verlegte, dafür aber ungefragt ihre Tarotkarten auf den Tisch legte. Der wieder genesene Dr. Kaan strotzte nur so vor neuer Energie und bezirzte gewohnt charmant seine Patientinnen. Und Dr. Knechtelsdorfer konnte man den Neid auf seine zurückgekehrte Kollegin bereits an der Nasenspitze ablesen. Ihr Vater, der vor einigen Tagen auch wieder gesund und munter seinen Dienst angetreten hatte, war glücklich und stolz, sein Kälbchen im Kreis seiner Familie wiederbegrüßen zu dürfen. Und Dr. Meier, ja, der war derselbe arrogante und selbstverliebte Macho-(Ober-)-Arsch geblieben, der Gretchen mit seinen üblichen Sprüchen sofort wieder zur Weißglut trieb. Dass das alles nur seine Taktik war, um mit der ganzen Situation zurechtzukommen, dass sie jetzt verheiratet und dementsprechend unantastbar war, ließ sich Marc natürlich nicht anmerken. Nur in unbeobachteten Momenten schaute er seiner Assistenz traurig hinterher, was Sabine, die ihren Chef mit Argusaugen verfolgte, natürlich erfreut zur Kenntnis nahm. Für sie war die Schlacht um das Herz der schönen Ärztin nämlich noch längst nicht geschlagen.

Auch Mehdi Kaan versuchte derweil so gut es ging, mit der neuen Situation klarzukommen, und spielte den guten und verständnisvollen Freund, auch wenn es ihm schwerfiel, auf diese Nebenrolle in ihrem Leben reduziert zu sein, und er des Öfteren noch in wilde Tagträume versank, in denen er mit Gretchen glücklich zusammen war und ihre gemeinsamen Kinder und seine Lillymaus vergnügt um sie beide herumhüpften. Er litt still in sich hinein und versuchte, seine große Liebe endlich zu vergessen. Er hatte sogar Marcs Ratschlag befolgt, der sich das Elend nicht mehr länger hatte mitansehen können, sich doch auch mal mit anderen Frauen zu treffen, als ständig wie ein Waschlappen verlorenen Hoffnungen nachzutrauern. Doch ein spontanes Date mit seiner Kollegin Hassmann wurde zu einem peinlichen Reinfall. Er hätte einfach nicht auf den Meier hören sollen. Er hatte krampfhaft versucht, cool zu wirken, um nicht mehr als Weichei rüberzukommen, hatte überzogen auf Macho gemacht, was eher lustig und sehr, sehr peinlich gewesen war, als erfolgsgekrönt zu sein. Er hatte schnell gemerkt, dass das einfach nicht seine Art war, und hatte sich bei Maria für sein sonderbares Verhalten entschuldigt. Die taffe Ärztin hatte es zum Glück locker gesehen. Und so blieb er wieder allein. Vielleicht war es auch einfach noch zu früh gewesen, sich wieder auf jemanden einzulassen, wenn man immer noch viel zu sehr an der Einen hing, die allein durch ihre natürliche und herzliche Art die Stationen des Elisabethkrankenhauses zum Strahlen brachte. Man konnte nicht anders, als in sie dauerverliebt zu sein. Und wenn Marc ehrlich zu sich selbst wäre, dann würde er sich das auch endlich eingestehen. Aber wann hörte der Ignorant schon mal auf ihn? Eher würden die Polkappen schmelzen.

Lorelei Offline

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30.06.2016 14:29
#7 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Zunächst schien Gretchen tatsächlich glücklich mit Alexis zu sein. ... Endlich eine funktionierende Beziehung, jubilierte sie immer und überall und nervte damit all ihre Kollegen, allen voran Marc, Mehdi und Frau Dr. Hassmann, wie toll und erfüllend doch das Eheleben sei. Ja, sie glaubte das wirklich. Sie dachte auch ab und an über Kinder nach und ob jetzt vielleicht der Moment dafür gekommen wäre. Ihre Mutter wünschte sich doch nichts sehnlicher als endlich ein Enkelkind, das sie betüddeln und verwöhnen konnte. Sie wollte so gerne eine junge Oma sein, lag sie Gretchen ständig in den Ohren. Dass sie ihre Tochter damit zusätzlich unter Druck setzte, kam Bärbel in ihrer mütterlichen Euphorie, dass ihre Große endlich alles richtigmachte, nicht in den Sinn. Doch wenn Gretchen in ruhigen Momenten einmal ihre rosarote Ehebrille ablegte, unter der alles wunderschön und vollkommen aussah, wurden ihr einige Dinge ihres ach so perfekten Lebens immer mehr gewahr, welche sie zunehmend stutzig machten.

Durch das sonderbare Verhalten ihres Ehemannes, den übrigens immer mehr das schlechte Gewissen wegen seiner nie endenden Lügenmärchen plagte, wurde sie immer unsicherer und auch unglücklicher. Alexis sagte öfters kurzfristig Verabredungen ab oder verschwand einfach von einem Moment auf den anderen. Er zog sich oft für Stunden in die Bibliothek zurück. Sie hatte keine Ahnung, was er eigentlich machte und womit er wirklich sein Geld verdiente. Kannte sie ihn überhaupt? Was wusste sie denn schon großartig von ihm? Wieso stellte sie sich erst jetzt diese grundsätzlichen Fragen? Sie wusste es nicht. Und dann diese ständigen Anrufe, nach denen er immer verschwand und sie für Ewigkeiten alleine in der riesigen Villa ließ, in der sie sich einfach nicht heimisch fühlen wollte. Gretchen konnte sich keinen Reim darauf machen, wieso sich Alexis ihr gegenüber auf einmal so distanziert verhielt und ihr im nächsten Augenblick, wenn er dann doch einmal für sie da war, immer wieder in großen Gesten seine Liebe schwor. Das machte sie kirre. Sie wollte nicht zweifeln, tat es aber doch immer mehr.

In solchen verstörenden Momenten, in denen sie sich trotz Alexis’ Anwesenheit furchtbar alleine fühlte, dachte Gretchen auch wieder verstärkt an Marc Meier und alte Tagträume schlichen sich still und heimlich in ihre Gedanken und eroberten ihr kummergeplagtes Herz, was sie lediglich ihrem Tagebuch anvertraute. Ihrem einzigen Vertrauten. An wen hätte sie sich denn auch wenden sollen, wenn man bereits nach nicht einmal zwei Monaten seine nach außen hin doch so glückliche Ehe in Frage stellte? Jeder hätte sie doch für verrückt erklärt. Allen voran ihre Mutter. Und Marc, mit dem der Umgang in der Klinik immer noch schwierig war. Die alte Lockerheit, die trotz all der Differenzen immer zwischen ihnen bestanden hatte, wollte sich einfach nicht wiedereinstellen. Es war wirklich zum Verrücktwerden.

Und dann brachte eine einzige Begegnung mit Marc Gretchen von Buren völlig aus dem Gleichgewicht: Eines Abends stand die junge Assistenzärztin nach einer anstrengenden elfstündigen Schicht zusammen mit ihrem Oberarzt im Fahrstuhl, als dieser plötzlich unerwartet stecken blieb. Dabei hasste sie doch enge Räume. Dachte sie doch dann immer, die Wände würden sich auf sie zu bewegen und sie irgendwann erbarmungslos zerquetschen. Eine schreckliche und albtraumhafte Vorstellung, die sie fast lähmte. Krampfhaft hielt sie sich mit beiden Armen an der Stahlwand fest. Aber sie durfte keine Angst zeigen. Schon gar nicht vor Marc Meier! Sie konnte sich seine gehässigen Sprüche nämlich schon denken. Er hätte sie dann monatelang damit aufgezogen. So viel war klar. Sie kannte schließlich ihren Pappenheimer, seit sie elf Jahre alt war.

Nein, keine Panik! Gretchen, bleib stark! Lass es dir nicht anmerken! Es ist nur ein streikender Aufzug. Das passiert täglich überall auf der Welt und da passiert auch nichts. Na ja, dann ist man ja auch nicht alleine mit Marc Meier eingesperrt und kann ihm nicht ausweichen. Hilfe!

Doch auch Marc war unsicher. Wochenlang war er seiner Assistenz, so gut er konnte, aus dem Weg gegangen und dann brachte eine kurze Begegnung mit ihr ihn gleich wieder so aus dem Takt? Nein, ganz bestimmt nicht! Er würde sich nicht die Blöße geben, dass er insgeheim glücklich darüber war, hier mit ihr festzusitzen und wenigstens ein bisschen Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Er würde cool bleiben. Cool wie immer. Was war schon dabei? Das hier war doch nur Haasenzahn. Er kannte sie schließlich schon sein halbes Leben. Die beiden Ärzte rührten sich also nicht vom Fleck. Beide trauten sich nicht, etwas zu sagen. Sie schauten sich nicht einmal an. Jeder stand in seiner Ecke des Fahrstuhls und hatte mit unsichtbaren Linien sein Terrain abgesteckt. Aus Sekunden wurden Minuten, aus Minuten eine Stunde und noch immer keinerlei Reaktion von den beiden. Und auch nicht von außen. Gretchen wurde zunehmend nervöser. Zwar hatte sie mittlerweile gecheckt, dass die Wände sich tatsächlich nicht auf sie zu bewegten, aber die Enge des winzigen Stahlraumes machte ihr dennoch immer mehr zu schaffen. Genauso die furchtbare Stille, die hier drin herrschte. Immer wieder hämmerte sie auf den roten Hilferufknopf ein, aber niemand da draußen meldete sich. Es war schon spät. Beide hatten Spätdienst gehabt. Wahrscheinlich war keiner mehr von der Technik im Haus. ... Super-Timing, dachte die verzweifelte Assistenzärztin resignierend und setzte sich schließlich auf ihre vier Buchstaben auf den kalten Fußboden des Fahrstuhls und kramte nun in ihrer rosafarbenen Umhängetasche.

Gott sei Dank! Ein Schokoriegel ist noch da. Wir werden nicht verhungern und elendig sterben. ... Wir? Wieso denn jetzt wir? ... Ich werde nicht verhungern. Mir doch egal, was er macht. Er redet ja nicht einmal mit mir. Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Marc Meier ist mir total egal. Auch wenn er mir direkt gegenübersitzt und ohne Ende nervt. Kann er nicht endlich damit aufhören?

Marc hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls hingesetzt und lehnte mit dem Rücken an der kühlen Spiegelwand. Ihm war furchtbar langweilig. Und wenn er schon nicht mit seiner Assistenzärztin Konversation oder was auch immer, was man in beengten abgeschlossenen Räumen miteinander machen konnte, betreiben konnte, spielte er eben mit seinem Schlüsselbund. Klick. Klack. Klick. Klack. Immer hin und her. Und immer wieder lugte er dabei auch heimlich zu Gretchen in die andere Ecke rüber. Und jedes Mal, wenn sie ebenfalls aufblickte, guckte er schnell wieder weg, damit sie ihn nicht beim Anstarren ertappte. Als Gretchen nun mit einem glücklichen Seufzen einen Schokoriegel aus ihrer Tasche herausholte, konnte er sich aber nicht mehr zurückhalten. Er musste schmunzeln. Das registrierte auch Gretchen, die sich insgeheim darüber ärgerte, dass er sie ertappt hatte. ... Na toll, jetzt sitzen wir hier fest und ich kann nur ans Essen denken! Was denkt er denn jetzt von mir? Er kommt mir bestimmt gleich mit einem blöden Spruch! ... Aber nein, nichts dergleichen geschah. Marc sagte noch immer kein Wort und klimperte lediglich weiter lustlos mit seinem Schlüsselbund herum. Klick. Klack. Klick. Klack. Und das machte die junge Ärztin wahnsinnig.

Oh Gott, was für eine blöde Situation. Irgendeiner von uns muss doch jetzt endlich mal etwas sagen!

Und so brach Gretchen schließlich aus der Not heraus etwas unbeholfen das bedrückende Schweigen, das seit über einer Stunde im Aufzug herrschte. - „Sieht ganz so aus, als ob wir hier die ganze Nacht festsitzen werden. Also, falls du Hunger hast und mich ganz lieb fragst, bin ich eventuell dazu bereit, zu teilen, und gebe ich dir vielleicht auch ein Stück von dem Schokoriegel ab.“ - „Schon, gut, Haasenzahn, lass nur! Ich habe schon schlimmere Sachen überlebt. Du kannst den ganzen Riegel haben. Ich bin heute mal großzügig.“ Das klang zwar alles noch etwas verkrampft, aber die quälende Stille war endlich Vergangenheit. Beide lächelten sich im Halbdunkeln an. - „Gut, wer nicht will, der hat schon“, konterte Gretchen selbstbewusst und schob sich den Schokoriegel genüsslich in den Mund. ... Mhm! Und nun? Worüber sollen wir denn reden? Hm, vielleicht die Arbeit? Ja, Arbeit ist immer gut. - „Die Blinddarm-OP heute war ganz schön knapp. Wie konnten sie ihm in der Charité sagen, dass es nur eine leichte Magenverstimmung ist?“ - „Tja, er hätte eben gleich zu den Besten gehen sollen!“ Wieder entstand eine längere Schweigepause. ... Nein, Arbeit ist doch kein gutes Thema. Nächster Versuch! - „Und wie läuft es so mit dir und Mehdi, also, ich meine in eurer WG.“ - „Was sonst?“ Beide mussten lachen und ihr anfangs noch recht schleppendes Gespräch kam allmählich in Fahrt. - „Läuft ganz gut. Er räumt auf, putzt, wäscht die Wäsche, kocht. Zwar nicht unbedingt auf Sterneniveau, aber für den großen Hunger reicht’s. Keine Haushälterin wäre besser!“ - „Lass ihn das bloß nicht hören, Marc. Sonst bist du ihn schneller wieder los, wie du ihn bei dir aufgenommen hast. Übrigens finde ich es richtig, richtig gut, dass du ihn nicht im Stich lässt.“ - „Nee, nee, Mehdi ist schon der Beste. Mit keinem kann man besser ein Bierchen zischen und...“ - „Und über Frauen reden?“ - „Was hast du denn für eine verquere Meinung von uns Männern, hm? Frauen quatschen! Wir trinken unser Bierchen, gucken Fußball und schweigen. Das ist die einzig wahre Kommunikation.“ - „Ach?“ - „Jep! Das ist so eine Evolutionssache, weißte. Wir wissen auch ohne große Worte, was der andere gerade denkt!“ - „Ach so, aber Mehdi mag doch eigentlich gar keinen Fußball.“ Jetzt mussten beide lachen. - „Aber er ist lernfähig. Ich ziehe ihn mir schon noch als richtigen Mann heran. Irgendwer muss ihm schließlich wieder auf die Beine helfen. Sonst wird das doch nie was.“ Und das Eis war endgültig gebrochen.

Die halbe Nacht redeten Marc und Gretchen über dies und das und alles und jeden. Die alte Vertrautheit hatte sich endlich wiedereingestellt und wurde von beiden sehr genossen. Diese Unbeschwertheit tat beiden gut. ... Warum haben wir das nicht schon viel früher hinbekommen, fragte sich Gretchen nachdenklich. Sie wollte gerade noch etwas sagen, als sie merkte, dass Marc neben ihr eingeschlafen war. ... Wie süß und unschuldig er aussieht, wenn er schläft. ... Stopp, Gretchen! Du findest Marc Meier nicht süß, du findest überhaupt keine anderen Männer süß, du bist verheiratet! ... Doch diese Erkenntnis traf sie wie ein eiskalter Regenschauer. Sie hatte sich so wohl mit Marc gefühlt, dass sie diese Tatsache komplett verdrängt hatte. Wie konnte sie nur? Rasch zog sie sich in ihre Ecke des Aufzuges zurück, lehnte sich an die Wand und versuchte, diesen Gedanken beiseitezuschieben und ebenfalls ein bisschen Schlaf zu finden. Doch sie konnte es nicht. Sie war noch viel zu aufgekratzt. Und immer wieder sah sie verstohlen zu Marc rüber. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm wenden.

Und plötzlich, als hätte sie ihn angesprochen, öffnete er die Augen und schaute sie direkt mit seinen dunkelgrünen Smaragden an. Sie bekam sofort eine Gänsehaut, die sich über ihren gesamten Körper legte. Es knisterte gewaltig in dem kleinen Raum. Gretchen konnte es richtig körperlich spüren. ... Warum ist es denn plötzlich so warm hier? Ging doch eigentlich bis eben. ... Und Marc ging es nicht anders. Er konnte nicht anders. Haasenzahn zog ihn wie magisch an. Er rückte immer näher an sie heran und auch Gretchen kam ihm näher, als sie eigentlich gewollt hatte. Es war wie Magie. Zwei Pole, die sich unweigerlich anzogen. Dagegen war man machtlos. Es passierte ganz automatisch. Als hätte jemand die Kontrolle über ihre Körper übernommen. Sie schauten sich an, verloren sich in ihren intensiven Blicken. Ihre Köpfe kamen sich immer näher. Gretchen schloss ganz instinktiv ihre Augen. ... Nur diesen einen Kuss, flüsterte sie erwartungsvoll zu sich selbst. Sie konnte schon Marcs warmen prickelnden Atem auf ihren Lippen spüren, als es plötzlich einen Ruck durch die Kabine gab. Der Fahrstuhl bewegte sich wieder! Ausgerechnet jetzt! Beide zogen, wie von der Tarantel gestochen, erschrocken ihre Köpfe zurück und sprangen sofort auf. Gerade noch rechtzeitig. Denn die Türen gingen mit einem Mal auf und vor ihnen standen ausgerechnet Schwester Sabine und Dr. Kaan, die sie anstarrten, als wären sie Aliens.

Mehdi war wie vor den Kopf gestoßen und schaute perplex von einer Partei zur anderen. Er spürte sofort, dass hier etwas gelaufen war. So ertappt, wie seine beiden Freunde gerade guckten. - „Was macht ihr hier?“, platzte es stockend aus ihm heraus und er versuchte angestrengt, seine plötzlich aufgetretene idiotische Eifersucht zu verdrängen. Doch keine Reaktion kam von den beiden. Gretchen hob schnell ihre Tasche vom Fußboden auf und verschwand fast schon im Spurt aus der Tür und ließ einen verdutzten Dr. Meier zurück. ... Was war das denn eben, fragte dieser sich und blickte ihr verwirrt nach. Sabine, die ebenfalls eins und eins zusammengezählt hatte, wollte gerade etwas sagen, da rauschte plötzlich auch der Oberarzt aus dem Aufzug an ihnen vorbei. Mehdi und Sabine schauten sich an und dann ihm hinterher, wie er hastig um die nächste Ecke verschwand. Dort blieb Marc abrupt stehen und stützte sich atemlos mit beiden Händen an der Wand ab. ... So eine verdammte Scheiße, murmelte er nur, schüttelte den Kopf und wählte den Hinterausgang, um so schnell wie möglich diesem verfluchten Krankenhaus zu entkommen. Gretchen war derweil bereits längst aus der Klinik gestürmt und lief kopflos über die Wiese des Krankenhausparks. ... Nein, das darf nicht sein! Ich kann doch nicht etwa immer noch... Sie schüttelte entschieden den Kopf. ... Nein, nein, das war nur ein flüchtiger Moment, mehr nicht. Eine dumme Sentimentalität. Ich darf mich nicht noch einmal so vergessen, schalt sie sich selbst und blieb an der Bushaltestelle stehen, um den nächsten Bus nach Hause abzupassen. Sie musste wieder dringend mehr Zeit mit ihrem Mann verbringen. Dann würden sich ihre Probleme schon von selbst lösen. Mit diesem Gedanken im Kopf stieg sie schließlich in den Bus ein, der gerade wie aufs Stichwort angefahren gekommen war. Den weißen Volvo, der diesen im selben Augenblick rasant überholte, nahm Gretchen nicht mehr wahr.

Lorelei Offline

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06.07.2016 15:46
#8 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Einige Tage später...

In der Zwischenzeit war Alexis’ „Mutter“ zum Schein auf den Erpresserbrief eingegangen, da sie dringend herausfinden wollte, wer genau dahintersteckte und wie viel diese dreiste Person tatsächlich wusste. Gewieft wie sie war, hatte sie sich schon einen Plan zurechtgelegt, wie sie dieses „Problem“ geschickt beiseiteschaffen würde. Erpresserin Gabi Kragenow ahnte derweil von nichts. Sie schien blindlings in ihr Verderben zu laufen. Die geldgierige Krankenschwester träumte schon davon, Berlin und vor allem dieses nervige Krankenhaus endlich hinter sich lassen zu können, um als reiche Jetsetterin durch Saint Tropez und Mailand zu stolzieren. ... Marc würde noch Augen machen, redete sie sich genügend Mut zu und machte sich arglos auf den Weg in eine abgesicherte Zukunft. Doch auch Frank hatte durch eine Unachtsamkeit seiner Mitwisserin mittlerweile von der Erpressung Wind bekommen und spionierte Mechthild von Buren heimlich hinterher, die sich an diesem frühen Nachmittag mit einer Pistole in der Handtasche zum vereinbarten Übergabeort aufgemacht hatte. Mit genügend Sicherheitsabstand, um nicht aufzufallen, folgte er der alten Dame, die es, wie er wusste, faustdick hinter den Ohren hatte, in seinem dunklen Maserati.


Währenddessen war Gretchen, noch immer verwirrt von der Nacht mit Marc im Fahrstuhl, sauer, stinksauer, um genau zu sein, weil Alexis, ihr Ehemann, mal wieder mit einer fadenscheinigen Ausrede am Telefon ihre gemeinsame Verabredung abgesagt hatte, auf die sie sich schon so sehr gefreut hatte. ... Ich gebe mir hier solche Mühe, die perfekte Ehefrau zu sein, und überhaupt kein Entgegenkommen von meinem Mann. Liebt er mich denn nicht mehr? Was läuft denn hier seit unseren Flitterwochen schief? Da waren wir noch so glücklich und unbeschwert gewesen. Ich will das wiederhaben. ... Zunehmend kamen ihr immer mehr Zweifel, dass irgendetwas in ihrer Ehe gewaltig nicht stimmte und dass es nicht nur an ihr liegen konnte, dass dem so war. Denn von ihrem Aufeinandertreffen mit Marc Meier in jener Nacht vor ein paar Tagen hatte sie schließlich niemandem etwas erzählt. Und da war ja auch nichts weiter gewesen als dieser eine unscheinbare Moment, als die Zeit für eine Mikrosekunde stillgestanden hatte. ... Liegt es an mir? Oder hat er etwa eine Affäre? So oft, wie er immer verschwindet. Vielleicht mit seiner Assistentin? Die hängen doch ständig zusammen! Mit ihr verbringt er viel mehr Zeit als mit mir, seiner Ehefrau! ... Das glaubte die völlig verunsicherte Assistenzärztin zumindest zunächst noch.

Als sie, nachdem sie den Hörer wiederaufgelegt hatte, bitter enttäuscht und gekränkt wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf ihrem Platz im Stationszimmer saß, ohne wirklich darauf zu achten, was sie da eigentlich gerade in das Formular am PC eintippte, hatte Gretchen nicht mehr länger an sich halten können, nachdem Schwester Sabine sie vorsichtig auf ihren offensichtlichen Kummer angesprochen hatte. Endlich hatte sie jemanden gefunden, mit dem sie offen reden konnte, dem sie sich anvertrauen konnte und der sie nicht wegen ihrer dummen Unsicherheiten gleich verurteilen würde. Und so besprach Dr. von Buren ihre Beziehungsprobleme eben mit ihrer Kollegin, die immer mehr zu einer guten Freundin wurde, was Sabine auch an diesem Tag wieder eindrucksvoll mit ihrem überdimensional großen verständnisvollen Herzen bewies.

Dr. Meier, der zufällig am Schwesternzimmer vorbeigekommen war, war darauf aufmerksam geworden, wie die beiden Frauen bei einer heißen Tasse Tee und selbstgebackenem Schokokuchen geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten, und kam nicht umhin, ein wenig an der Tür zu lauschen. Augenblicklich erhellte sich seine finstere Miene, als er mitbekam, was da genau vor sich ging. Und er freute sich wie ein kleines Kind an Weihnachten darüber, dass es bei Haasenzahn in ihrer ach so tollen Ehe anscheinend doch nicht so prickelnd lief, wie sie immer vor aller Welt behauptete. Bei der nächsten OP würde er seiner Assistenz mal ganz subtil auf den Zahn fühlen, beschloss er insgeheim, legte die bearbeiteten Aktenmappen, die er mit sich getragen hatte, leise auf die Anmeldung und schlich vergnügt grinsend zurück in sein Büro. Sabine und Gretchen hatten in der Zwischenzeit in aller Heimlichkeit beschlossen, dem Millionärsgatten hinterher zu spionieren, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Denn dass Alexis von Buren etwas vor seiner Frau zu verbergen hatte, das war mittlerweile beiden klargeworden.


Und so fuhren die beiden Freundinnen gleich nach dem Ende ihrer Schicht gemeinsam zur Villa von Buren, wo sie durch Sabines Tollpatschigkeit tatsächlich auf verschiedene überraschende Puzzleteile stießen, die das Rätsel um Gretchens Mann nur noch größer machten. Da die Assistenzärztin wusste, dass Alexis nicht vor dem späten Abend wieder nach Hause kommen würde, hatten sie ihre Suche nach Hinweisen in der Bibliothek begonnen, wo sich ihr Gatte immer gerne für Stunden verbarrikadierte, um zu arbeiten oder was auch immer zu tun. Die ungeschickte Krankenschwester war mit ihrer Handtasche aus Versehen an einer kleinen weißen Marmorstatue hängen geblieben und zu ihrer beiden Überraschung hatte sich plötzlich an der Bücherwand eine Tür aufgetan, welche in einen Geheimgang führte. - „Eine Geheimtür? Das ist ja wie im Gruselkabinett“, sagte Sabine nur völlig verblüfft, die tapsig direkt hinter Gretchen herlief, die sich als Erste in die dunkle Kammer gewagt hatte, jedoch nach dem ersten Meter schon abrupt wieder stehen geblieben war, weil ihr etwas den Weg versperrt hatte.

In dem geheimen Raum hinter der Bibliothek fanden sie aber nicht wie Schwester Gabi damals während des Polterabends die Leiche vom echten Alexis von Buren, der dort heimtückisch in die Wand eingemauert worden war. - Diese hatte Gretchens „Schwiegermutter“ bereits vorausschauend woanders entsorgt, gleich nachdem sie der Erpressung auf die Spur gekommen war. - Dafür stießen die beiden unfreiwilligen Misses Marples aber auf eine Reihe von falschen Pässen, welche in einer kleinen Tabakkiste unter einem Bündel Geldscheinen verschiedener Währungen verpackt auf einem staubigen Sekretär gelegen hatten. ... George Clinton, Jacques Sarkozy, Enrique Martin, Jason Bourne, Walter Steinmüller, Frank Muffke, Francesco Tutti... Was hat das alles zu bedeuten? Warum ist da überall Alexis’ Passbild drauf, fragte sich Gretchen bestürzt, die nicht begreifen konnte und wollte, was hier gespielt wurde, und von der ebenso schockierten Sabine, die die gefälschten Dokumente mitsamt dem Kästchen vorsichtshalber zur Beweissicherung an sich genommen hatte, wieder aus dem gruseligen Gang herausgeführt wurde, weil sie in der staubigen Kammer kaum noch Luft bekommen hatten.

Verunsichert von ihrer seltsamen Entdeckung stellten sie nun die gesamte Bibliothek auf den Kopf und durchsuchten, nachdem sie dort nicht weiter fündig geworden waren, als nächstes die Privaträume von Alexis‘ Mutter, die sich in letzter Zeit auch ziemlich seltsam verhalten hatte. Irgendwie wurde Gretchen das Gefühl nicht los, dass Mechthild gar nicht so blind war, wie sie immer vorgab. Warum hätte sie sonst die weiteren Untersuchungen im Krankenhaus immer wieder verschieben sollen, die doch lediglich der Verbesserung ihres allgemeinen Gesundheitszustands dienen sollten? Doch den beiden Spürnasen fiel nichts Verdächtiges weiter auf. Na ja, gut, für eine blinde Frau hatte sie verdächtig viele Zeitschriften hier, aber wahrscheinlich las Alexis ihr abends immer daraus vor. Schließlich verbrachten die beiden, seitdem sie sich wieder versöhnt hatten, auch viel Zeit miteinander, dachte Gretchen nur völlig arglos, als sie und Sabine den Raum wieder verließen und sich neugierig dem nächsten Zimmer zuwandten. Dem von Alexis‘ Schwester nämlich, die schon seit Tagen ausgeflogen war. Aus diesem Mädchen war Gretchen nämlich auch noch nicht richtig schlau geworden. Lissy schaute sie immer so komisch an, wenn sie dachte, sie würde es nicht merken. Irgendwie missbilligend und vorwurfsvoll. Auch wenn sich Gretchen nicht vorstellen konnte, warum sie sie nicht leiden konnte. Sie war doch immer nett zu der Neunzehnjährigen gewesen, wollte ihr eine Schwester sein, auch wenn die verzogene Teenygöre manchmal echt anstrengend sein konnte.


Etwa zur gleichen Zeit blickte die arglose Gabi Kragenow, die sich mit einem Baseball-Käppi und einem grauen Regenmantel verkleidet hatte, auf dem Spielplatz hinter einem verlassenen Mietshaus in Neukölln, wo sie für Punkt halb drei Uhr nachmittags verabredet gewesen war, nicht wie erhofft in einen Koffer randvoll mit Geldscheinen, sondern unvermittelt in den Lauf einer geladenen Pistole, die direkt auf ihren Kopf gerichtet wurde. Gelähmt vor Schock traute sie sich kaum aufzuschauen. Gabis Verblüffung hätte nicht größer sein können, als sie hinter der Waffe die biestige alte Frau von Buren erkannte, die sie sehr entschlossen bedrohte und offenbar überhaupt nicht so blind war, wie alle von ihr glaubten. Hinter ihrer fiesen triumphierenden Maske tauchte aber plötzlich auch deren falscher Sohn Alexis auf, der, ebenso geschockt von dem Gesehenen, den Überraschungsmoment nutzte, um Mechthild zunächst zu überwältigen. Doch bei der Rangelei mit der irren Alten stürzte Gabi unglücklich und blieb bewusstlos neben ihrem Roller am Boden liegen, was auch den Angreifer, der eigentlich den Helden spielen wollte, sichtlich bestürzte. Mechthild überzeugte den immer panischer werdenden Mann, der unkontrolliert mit der eroberten Waffe in der Luft herumfuchtelte, dass die brünette Frau zumindest erst einmal von hier verschwinden musste, bevor noch jemand auf sie aufmerksam wurde und unangenehme Fragen stellte. Dann würden sie weitersehen. Aus reiner Überforderung stimmte Frank dem schließlich widerwillig zu und sie legten die bewusstlose Krankenschwester in den Kofferraum von Mechthilds Wagen und fuhren zusammen zurück zur Villa, wo sie die Erpresserin erst einmal im Geheimgang der Bibliothek verstecken wollten, bis sie genau wussten, was sie mit ihr machen würden, um sie zum Schweigen zu bringen. Denn dass Gabi Kragenow eindeutig zu viel wusste und gesehen hatte, das war auch dem hilflosen Frank mittlerweile bitter bewusst geworden.


In der Zwischenzeit durchstöberten Gretchen und Schwester Sabine noch immer die Villa von Buren und waren mittlerweile wieder am Ausgangspunkt ihrer Suche, der Bibliothek im Erdgeschoss, angelangt, als sie plötzlich einen Wagen über den Kies in der Einfahrt rollen hörten. Schnell versteckten sie sich hinter einem der Vorhänge und beobachten von dort aus voller Bestürzung, wie Mutter und Sohn einen größeren Gegenstand in den Geheimgang schleppten, den die beiden vorhin erst durch Zufall entdeckt hatten. Weder Gretchen, noch Sabine konnten durch den blickdichten schweren Gardinenstoff erkennen, um was es sich genau handelte. Sie konnten sich nicht rühren. Schließlich wollten sie nicht entdeckt werden. Sie hörten nur, wie Frau von Buren in einem erschreckend schroffen Ton, den Gretchen bei der alten Dame noch nie zuvor erlebt hatte, zu Alexis sagte, dass er gefälligst die Klappe halten sollte, sonst würde sie zur Polizei gehen und ihn als alleinigen Schuldigen dastehen lassen. Frank, der immer noch völlig bestürzt von den Erlebnissen war, sah zu, dass er so schnell wie möglich wieder Land gewann. Er musste wieder einen klaren Kopf kriegen, wenn er je wieder Gretchen in die Augen blicken wollte, mit der er ja eigentlich jetzt verabredet gewesen wäre. Auch die skrupellose Alte verließ kurz darauf das Zimmer. Und so konnten die unfreiwilligen Hobbyschnüfflerinnen wieder aus ihrem Versteck hervortreten. Ihre Gesichter waren blass. Zitternd hielten sie sich an den Händen wie kleine verängstigte Kinder. Sie waren geschockt und verstanden nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Sie schauten sich an, berieten sich stumm und beschlossen, im Geheimgang nachzuschauen. Denn eher würde ihnen das keine Ruhe mehr lassen.

Auch Frank ließ das alles keine Ruhe. Er war völlig verzweifelt und wusste nicht mehr ein noch aus. Er rannte die Treppe empor, nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal, und schloss sich, als er im Obergeschoss angelangt war, im Badezimmer ein, wo er seinen Kopf unter den eiskalten Strahl des Wasserhahns hielt. Er hatte endgültig begriffen, dass mit Mechthild nicht zu spaßen war. Sie war es, die ihren eigenen Sohn auf dem Gewissen hatte. Dessen war er sich mittlerweile sicher, auch wenn ihm noch das letzte Beweisstück fehlte. Sie würde vor nichts zurückschrecken. Das hatte ihm ihre letzte Aktion deutlich gezeigt. Und er hatte sich nun zu ihrem Mittäter gemacht. Sie hatte ihn endgültig in der Hand. Es gab anscheinend keinen Ausweg mehr. Oder doch? Er zog seinen Kopf zurück, drehte den Wasserhahn zu und trocknete sein Gesicht und seine Haare mit einem Handtuch ab, wobei sein Blick auf das Regal mit Gretchens Schönheitsutensilien fiel. Was wäre, wenn er mit seiner Schwester und seiner Frau abhauen würde? Hatte er noch eine andere Wahl als die Flucht? Nein! Frau von Buren würde ihn niemals ungeschoren davonkommen lassen. Zumal sie schon sauer genug war, weil er sich bislang noch nicht an ihr ekelhaftes Tête-à-Tête-Arrangement gehalten hatte. Frank beschloss, endlich reinen Tisch zu machen und zog sein Handy aus der Hosentasche, um Gretchen anzurufen.

Seine Frau wollte gerade eine Etage tiefer den Hebel der Marmorstatue umdrehen, um den geheimen Raum in der Bibliothek zu öffnen, als es unvermittelt in ihrer Handtasche zu klingeln begann. ... Sch...! Ausgerechnet jetzt! Panisch wühlte sie in ihrer geräumigen Umhängetasche und holte hektisch ihr Mobiltelefon hervor. In der Hoffnung, dass ihre Schwiegermutter das verräterische Klingeln nicht gehört hatte, ging sie notgedrungen ran. Am anderen Ende der Leitung war ausgerechnet Alexis, die letzte Person auf Erden, mit der sie jetzt hatte reden wollen. Er klang aufgewühlt und wollte sich bei ihr dafür entschuldigen, dass er vorhin so kurzfristig ihr Date abgesagt hatte. Er wollte sich für heute Abend nun doch mit ihr verabreden, so wie sie es ausgemacht hatten, worauf Gretchen jedoch in ihrer akuten Notlage nun überhaupt keine Lust hatte. Sie blickte in ihrer Ratlosigkeit Sabine an, die aufgeregt die Lage checkte, ob sie auch wirklich nicht gehört worden waren, was zu ihrem großen Glück der Fall war. Gretchen hatte keine andere Wahl. Sie sagte Alexis schließlich zu, um ihn wieder abzuwimmeln. Bevor er noch etwas erwidern konnte, hatte sie schon wieder aufgelegt, ihr Handy weggepackt und ruckele nun vorsichtig an dem Arm der Statue. Sie wollte keine Zeit mehr verlieren. Sabine und Gretchen verschwanden geschwind im Geheimgang, dessen Tür sich direkt hinter ihnen wieder schloss.

Vorsichtig tastete sich die Krankenschwester an der Wand entlang, um sich in der völligen Dunkelheit zu orientieren, denn sie hatte vorhin während ihres ersten Besuches hier gesehen, dass irgendwo eine Halterung für eine Lampe angebracht war. Als sie diese gefunden hatte, drehte sie die Glühbirne so weit, bis das Licht anging. Es dauerte einen Moment, bis sich Gretchens und Sabines Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Als sich die Zwei arglos in dem schmalen staubigen Gang umdrehten, erstarrten sie plötzlich. Völlig überraschend waren sie auf eine gefesselte und geknebelte Gabi Kragenow gestoßen, deren Überraschung auch nicht größer hätte sein können, wie ihre weit aufgerissenen schockierten Augen verrieten, die sie angsterfüllt um Hilfe anflehten. Die geschockte Assistenzärztin wollte ihrer Kollegin gerade das Pflaster vom Mund abziehen, um dem Rätsel ihrer Anwesenheit auf den Grund zu gehen, als die drei Frauen panisch registrierten, wie Mechthild von Buren erneut die Bibliothek betrat. Diese dachte, sie hätte ein Geräusch hier drin gehört und schaute sich suchend um. Geistesgegenwärtig hatte Sabine das Licht wieder abgedreht. Die drei Frauen rührten sich nicht vor lauter Angst, entdeckt zu werden, und hielten die Luft an. Als die Alte nichts Verdächtiges entdecken konnte, außer bei einem kurzen Blick durch das geöffnete Fenster einen im roten Ferrari mit quietschenden Reifen davonbrausenden Betrüger, um den sie sich später noch kümmern würde, zückte sie ihr Telefon und begann, mit einem Komplizen zu telefonieren. - „Wie erwartet, brauche ich erneut Ihre Dienste. Hier ist etwas, was ohne großes Aufsehen beseitigt werden muss. ... Ja, genau, dasselbe Prozedere wie mit der Fracht neulich. Was sie letztendlich mit ihr machen, tangiert mich nicht. Je weniger ich weiß, umso besser. ... Gut! Sie kennen den Treffpunkt. Bis gleich“ Die Drei im Versteck schauten sich voller Entsetzen an und konnten nicht glauben, was sie soeben gehört hatten. Mechthild verließ das Zimmer wieder in schnellen Stöckelschuhschritten und man hörte sie kurz darauf mit ihrem Wagen davonfahren.

Als sie endlich weg war, passierte alles ganz schnell. Die drei Damen lösten sich aus ihrer Schockstarre. Sabine befreite Gabi aus ihrer misslichen Lage und Gretchen checkte mutig die Situation im Haus, welches die Drei kurz drauf panisch hinter sich ließen. Es blieb keine Zeit für erklärende Antworten auf ihre drängenden Fragen. Als Beweise hatten sie immer noch die gefälschten Pässe, welche Sabine sicher in ihrer Handtasche verwahrt hatte. Die drei Frauen liefen aneinander gestützt von dem Grundstück am See weg, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her. Sie blickten nicht zurück. Erst nach ein paar Kilometern hielt Gretchen endlich an. Sie konnte nicht mehr und ließ sich kraftlos in den Seitengraben des Waldweges fallen, den sie entlanggerannt waren. Sie konnte nicht fassen, was in den letzten Minuten passiert war. Wen hatte sie da bloß geheiratet? In was war sie da nur hineingeraten, ohne dass sie etwas geahnt hatte? Sie fühlte sich plötzlich so, als würde sie die Hauptrolle in einem schlechten Sonntagabendtatort spielen und diese Rolle gefiel ihr ganz und gar nicht.

Auch Schwester Sabine war völlig außer Atem. Trotzdem hatte sie noch Kraft für zwei, um ihre Kollegin Gabi endlich zur Rede zu stellen. - „Was ist hier überhaupt los, Gabi? Was hat das zu bedeuten? Wieso haben die zwei dich eingesperrt? Was hast du mit denen zu tun?“ Schwester Gabi, die noch völlig unter Schock stand und sich mit Atemnot zitternd neben Gretchen ins hohe Gras hatte fallen lassen, gestand den beiden stockend alles, was sie wusste. Dass sie damals auf Gretchens Polterabend diesen geheimen Gang gefunden hatte, dass sie von dort aus ein seltsames Gespräch zwischen Gretchens Verlobten und seiner angeblichen Mutter angehört hatte, bei dem herausgekommen war, dass er gar nicht Alexis von Buren war, dass sie in diesem düsteren Gang auf eine eingemauerte Leiche gestoßen war - vermutlich den echten Alexis von Buren - und dass sie versucht hatte, den falschen Millionär mit ihrem Wissen zu erpressen, aber dass dies jedoch völlig nach hinten losgegangen war. Denn plötzlich hatte die alte, gar nicht so blinde Frau von Buren mit einer Waffe vor ihr gestanden und der Betrüger hatte sie nach einem Gerangel mit seiner irren „Mutter“ in die Villa entführt, wo sie vermutlich auch nicht sonderlich zimperlich mit ihr umgegangen wären, wenn Sabine und Gretchen sie nicht zufällig gefunden hätten.

Gretchen hatte Gabis monotonen Worten ganz genau gelauscht und war geschockt. Mehr als geschockt. Sie war völlig entsetzt. Und die Gedanken in ihrem Kopf fuhren regelrecht Achterbahn, dass ihr davon fast schon schwindelig wurde. Hatte sie etwa einen Betrüger und Mörder geheiratet? Das konnte nicht sein! Alexis’ Charakter war doch ein ganz anderer. Oder etwa nicht? Das Bild, das Gabi ihr von ihrem Gatten gezeichnet hatte, passte überhaupt nicht zu dem Bild, das sie von ihm hatte. Dem einfühlsamen Mann, der sie auf Händen getragen hatte. Hatte er ihr nur etwas vorgespielt? Jetzt verstand sie auch endlich die Zeichen in ihren Fieberträumen. Ihr Unterbewusstsein hatte ihr eine Warnung nach der anderen geschickt und sie hatte sie ignoriert. Alexis hatte tatsächlich ein dunkles Geheimnis! Er war nicht der, der er vorgegeben hatte zu sein. Aber die ganze Tragweite erkannte Gretchen erst jetzt und es erschütterte sie zutiefst. Wie hatte sie nur so naiv sein können? Mein Gott, sie hatte ihn geheiratet! Einen total Fremden, von dem sie rein gar nichts wusste. Einen offensichtlichen Verbrecher!

Was nun? Was sollte sie jetzt tun? Die Polizei rufen? Wer sollte ihnen denn diese hanebüchene Geschichte glauben? Ohne richtige Beweise. Die Leiche war weg. Ob die gefälschten Pässe ausreichen würden? Und die Entführung von Gabi? Nach der Sache damals auf dem Polizeirevier, als Gretchen Marc mutig vom Verdacht der Fahrerflucht und der fahrlässigen Tötung rausgehauen hatte, glaubte der verwirrten Krankenschwester, die dies behauptet hatte, doch niemand mehr irgendetwas. Und jetzt stand Schwester Gabi auch noch total neben sich. Und nicht nur sie! Die Drei standen zitternd mitten im Grunewald, allein, ohne Auto, ohne Plan. Und jetzt begann es auch noch zu regnen. Das ganze Universum schien sich gegen sie verschworen zu haben, dachte Gretchen nur und ließ ihren verzweifelten Tränen freien Lauf.

Nachdem sie einigermaßen wieder Herr ihrer Gedanken geworden war, entschloss sich Gretchen schließlich in Absprache mit Sabine dazu, jemanden anzurufen, der ihr zwar auch nicht glauben würde, aber der ihr bestimmt helfen würde, wenn er erst mitbekam, dass sie tatsächlich in Not waren. Mit zittrigen Fingern wählte die aufgewühlte Assistenzärztin seine Nummer, um nach nur wenigen Sekunden frustriert festzustellen, dass sie hier im Wald kein Netz hatte. Fluchend stapfte sie unter den ungläubigen Blicken ihrer Begleiterinnen mit weit ausgestrecktem Arm eine kleine Anhöhe in der Nähe empor, in der Hoffnung, dort wäre der Handyempfang günstiger. Und diesmal blieb das Glück auf Gretchens Seite. Hastig drückte sie die Wahlwiederholung und nach nur zwei Klingeltönen nahm er bereits ab. Ihr Prinz in weißer Rüstung. - „Ähm... du, Marc, ähm... wir sind da in so eine blöde Situation geraten. Kannst du uns vielleicht bitte abholen? Wir stehen mitten im Grunewald, ich glaube in der Nähe von...“, teilte sie ihrem Oberarzt stotternd die wichtigsten Fakten mit.

Als Dr. Meier registrierte, wer da am anderen Ende der Leitung war und ihn bei wichtiger Aktenarbeit nervte, reagierte er ziemlich gereizt. Seit der Sache im Fahrstuhl waren er und Gretchen sich mehr schlecht als recht aus dem Weg gegangen und hatten kaum und wenn nur beruflich miteinander geredet. Und dann sollte ausgerechnet er ihr jetzt aus der Klemme helfen? Wobei überhaupt? ... Nein, danke, soll sich doch ihr ach so toller Mann um sie kümmern. ... Das war nicht mehr seine Baustelle, entschied er klipp und klar und machte das auch mehr als deutlich. – „Sag mal, hast du den Arsch offen?“ ... Ich mach mich doch für sie nicht zum Honk! ... Der gefrustete Chirurg wollte gerade wiederauflegen, als er unerwartet Sabines Kreischstimme im Hintergrund vernahm. - „Herr Doktor, aber es geht doch um Leben und Tod!“ Dann folgte ein schriller Schrei... und das Telefonat brach abrupt ab.

Gabi hatte die beiden Frauen nämlich unsanft hinter ein Gebüsch gezerrt, als sie den Wagen von Frau von Buren um die Kurve fahren und in rasanter Geschwindigkeit auf sie zukommen gesehen hatte. Gretchen war gestolpert, hatte dabei ihr Handy verloren und war ein paar Meter den abschüssigen Abhang hinuntergepurzelt. Daher der Schrei, den Gabi ruppig mit ihrer Hand unterband, nachdem sie sich in Panik mit ihrem gesamten Körper auf sie geworfen hatte und ihr nun grob den Mund zuhielt. In der Hoffnung, dass sie weder gesehen, noch gehört worden waren, harrten die Drei nun in ihrem Versteck aus, bis der silberfarbene Mercedes ihre Position passiert hatte.

Dr. Meier war derweil verwirrt in seinem Sessel in der Klinik sitzen geblieben. Er hielt sein Telefon noch in der rechten Hand. Irgendetwas stimmte da doch nicht, das verrieten ihm seine juckende Narbe auf der Nase und sein gesunder Menschenverstand. Verarsche klang anders. Damit kannte er sich schließlich aus. Das war echte Panik gewesen, die er aus Gretchens Stimme herausgehört hatte. Und dann der Schrei, der ihn bis ins Mark erschüttert hatte. Er musste der Sache nachgehen. Sofort! Nichts hielt ihn mehr. Er sprang auf und stürmte aus seinem Büro. Direkt in Mehdis Arme, der gerade zufällig zu ihm gewollt hatte. Denn er war mit seinem Freund zu einem Feierabendbierchen verabredet. Marc erzählte dem Halbperser aufgeregt von dem seltsamen Telefonat, das er soeben geführt hatte, und dass Gretchen anscheinend Hilfe bräuchte. Da gab es auch für den verliebten Frauenarzt kein Halten mehr. Keine zwei Minuten später verließen die beiden Oberärzte in Marcs Volvo-Kombi mit quietschenden Reifen den Krankenhausparkplatz und machten sich auf die Suche nach ihrer Herzdame, die bekanntlich die Fettnäpfe dieser Welt nur so anzog.

Lorelei Offline

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08.07.2016 17:11
#9 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Währenddessen bereitete Alexis von Buren alias Frank Muffke alles für seine Flucht ins Ausland vor. Er hatte „sein“ Konto geplündert und sich drei Flugtickets und einen neuen, unauffälligen Mietwagen besorgt, und er hatte seiner Schwester Bescheid gesagt, sie solle doch heimlich aus der Villa ein paar Sachen für sich und Gretchen zusammenpacken und vor allem an die gefälschten Pässe denken. - „Wir müssen hier weg. Unverzüglich! Mechthild wird zu gefährlich für uns. Aber sei bitte vorsichtig, Lissy! Die Alte ist zu allem fähig. Lass dich nicht erwischen! Wir treffen uns punkt 20 Uhr im Restaurant. Ich werde Gretchen alles sagen.“ Frank war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass seine geliebte „Ehefrau“ ihm überallhin folgen würde, wenn sie erst einmal alles wusste. Er ahnte ja nicht, wie tief sie mittlerweile bereits in seine Geschichte verwickelt worden war.


In der Zwischenzeit hatten Marc und Mehdi die Stelle im Wald erreicht, die Gretchen aufgeregt am Telefon beschrieben hatte, doch von den Frauen war keine Spur. Erst nach einer Weile entdeckten sie Schwester Sabine, die panisch hinter einem Gebüsch wie eine Verrückte mit den Armen wedelte. ... Was zur Hölle wird das jetzt für eine Geschichte, fragte sich Marc bei ihrem seltsamen Anblick und schaute in das ebenso ratlose Gesicht seines Freundes. Erst als die beiden näherkamen, sahen sie, dass Gretchen verletzt zu sein schien. Sie hatte sich bei dem Sturz den Knöchel verstaucht. Gabi saß wie paralysiert an einen Baumstumpf gelehnt daneben und zitterte wie Espenlaub. - „Was ist hier passiert“, versuchte Dr. Kaan die Nerven zu behalten, während selbige bei Dr. Meier blank standen. Doch keine der drei Frauen konnte etwas Erklärendes dazu beisteuern. Zu tief saß noch der Schock des gerade Erlebten. Marc hob Gretchen behutsam hoch und Mehdi tat es ihm mit Gabi gleich. Sie brachten die beiden zu Marcs Wagen. Schwester Sabine folgte ihnen auf dem Fuße, wobei sie immer wieder hysterisch etwas wiederholte. - „Wir müssen hier weg! Wir müssen hier weg! Wir müssen hier weg!“ Marc war zunehmend genervt von ihrem monotonen Gesang und hakte barsch nach, was die ganze Scheiße hier denn sollte. - „Ja, doch, verdammt! Ist der Beelzebub persönlich hinter euch her, oder was soll das?“ - „So ähnlich“, murmelte Sabine nur geistesabwesend und drängte ihren Oberarzt zum Aufbruch, dem dieser auch sofort ohne gewohnte Widerworte Folge leistete, als es immer mehr zu regnen begann. Die ganze Fahrt über zurück in die Innenstadt herrschte bis auf das quietschende Geräusch des Scheibenwischers Totenstille in dem Fahrzeug. Gretchen fing leise auf dem Rücksitz an zu wimmern und auch Gabi wurde immer wieder von heftigen Schluchzern durchgeschüttelt. Nur Sabine in der Mitte blieb aufmerksam. Sie hielt die Hände ihrer beiden Kolleginnen gedrückt und sah sich immer wieder panisch um, ob ihnen auch niemand folgte.


Zur gleichen Zeit hatte Franks Schwester das Nötigste in der Villa zusammengesucht. Nur die Pässe hatte sie nicht im Versteck gefunden. Als sie noch einmal nachsehen wollte, hörte sie jedoch plötzlich draußen vorm Fenster eine Autotür zuschlagen. Die Hexe war zurück und sie war nicht allein! Geistesgegenwärtig versteckte sich Lissy auf dem Balkon der Bibliothek, als die beiden unvermittelt das Zimmer betraten. - „Lassen Sie sie verschwinden! Was mit ihr passiert, ist mir egal, Hauptsache, Sie hinterlassen keine Spuren.“ Lissy, die alles mitangehört hatte, riss entsetzt ihre Augen auf und geriet in Panik. Sie schaute über die Balkonbalustrade nach unten auf das frisch angelegte Blumenbeet. Hatte sie eine andere Wahl? ... Okay, das könnte gehen. Ihr bliebt nicht viel Zeit zum Überlegen. Die Neunzehnjährige schmiss die gepackte Reisetasche über das Geländer. Und mit einem beherzten Sprung sprang sie hinterher. Sie landete zum Glück weich auf den Stiefmütterchen. Franks Schwester schnappte sich die Tasche, schaute noch einmal hoch zum Balkon, um sich zu vergewissern, dass sie nicht gesehen worden war, und rannte schließlich los zu ihrem Wagen, den sie vorsorglich ein paar Straßen weiter geparkt hatte.

Mechthilds Handlanger verschwand derweil hinter der Tür, die in den Geheimgang führte, den die alte Dame mit einem triumphierenden Lächeln auf ihren runzligen Lippen für ihn geöffnet hatte, und kam ohne Umschweife wieder zurück. - „Sie ist weg!“ - „Wie weg? Was reden Sie denn da? Lassen Sie mich das machen!“ Die aufgebrachte Alte stieß den Tölpel unsanft beiseite und wollte sich selbst ein Bild machen. Sie reagierte geschockt, als sie das Geheimzimmer ebenfalls leer vorfand. ... Wie kann das sein, fragte sie sich beunruhigt und schaltete sofort. - „Frank! Dir werde ich es heimzahlen! Jetzt ist ein für allemal Schluss mit dem Schmierentheater! Wer nicht spurt, muss eben fühlen!“ Beim Verlassen des Wandverstecks fiel Mechthilds hasserfüllter Blick plötzlich auf einen lilafarbenen Schal, der an einem alten rostigen Nagel an der Wand hängen geblieben war. ... Moment! Den kenne ich doch! Er wird doch nicht so dumm gewesen sein und ihr alles gesagt haben?


In der Zwischenzeit hatten Dr. Meier und die anderen das Elisabethkrankenhaus erreicht. In der Notaufnahme versorgte Marc liebevoll Gretchens verletzten Knöchel, der zum Glück tatsächlich nur verstaucht war, wie sich seine Erstdiagnose bestätigte. Jedes Mal, wenn er sie vorsichtig mit seinen Fingern berührte, blickten sie sich tief in die Augen. Gretchen konnte dabei nur daran denken, wie naiv und blind sie doch gewesen war. Dort stand ihr Traummann, immer schon, und sie hatte, weil er sie nicht gewollt hatte, einen Betrüger und mutmaßlichen Mörder geheiratet! Ihre anfängliche tiefe Verzweiflung wandelte sich plötzlich in unbändige Wut um. Sie konnte nicht mehr an sich halten und sprang unvermittelt auf, hatte dabei jedoch ganz vergessen, dass ihr Knöchel verstaucht war, und fiel prompt unsanft von der Liege. Marc musste schmunzeln, als er ihr wieder aufhalf. Da war sie wieder, sein tollpatschiger Haasenzahn, den er so lange vermisst hatte. Im gleichen Moment, wie er seinen Gefühlen freien Lauf ließ, besann er sich jedoch auch schon wieder - er wollte ja keine Gefühle mehr zulassen - und fragte die peinlich berührte Unglücksfee in einem recht schroffen Tonfall, was die Scheiße im Wald gerade sollte. - „Du hältst mich und Mehdi von unserem hart verdienten Feierabend ab und schickst uns in die verdammte Pampa, um drei völlig hysterische Weiber einzufangen! Also, ich stelle mir unter angenehmer Freizeitgestaltung etwas Anderes vor. Also mach endlich deine Klappe auf und erkläre uns das! Aber in kurzen, verständlichen Sätzen, ja! Damit wir nicht noch bis morgen früh hier rumhängen müssen.“

Gretchen zuckte erschrocken zusammen. Sie war auf diese heftige Reaktion ihrer einstigen Jugendliebe nicht gefasst gewesen. Hatte Marc sie nicht gerade erst heldenhaft aus dem Wald vor der bösen Hexe gerettet? Und jetzt verwandelte sich der tapfere Prinz schon wieder in einen stinkigen Frosch? War das fair? Zumindest Mehdi, ihr guter alter Freund, stand noch auf ihrer Seite und fuhr Marc nach seiner uncharmanten Ansage sauer an. - „Spinnst du, Marc! Merkst du nicht, dass die Drei unter Schock stehen? Wenn sie sich beruhigt haben, werden sie uns schon sagen, was genau passiert ist. Also komm mal wieder runter von deinem hohen Ross, ja!“ Das hatte erst einmal gesessen. Der eingeschnappte Chirurg hielt tatsächlich brav seine Klappe, drehte sich von seinem vorlauten Freund und Kollegen weg, der gerade Gabi untersuchte, und begutachtete noch einmal fachmännisch den Verband um Gretchens Knöchel, als plötzlich das Handy in ihrer rosafarbenen Umhängetasche zu klingeln begann, welche sie zitternd auf ihrem Schoß umklammert hielt. Mit einem verlegenen Lächeln wandte sich Gretchen von ihrem behandelnden Arzt ab und nahm den Anruf arglos entgegen. - „Sternchen, ich hatte vorhin ganz vergessen, dir zu sagen, dass wir uns 20 Uhr in unserem Restaurant treffen werden. Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen! Ich liebe dich.“ Gretchens Blick erstarrte zu Eis, als sie den Anrufer blitzschnell identifiziert hatte. Sie zitterte am ganzen Leib, als die bleierne Gewissheit ihren Verstand erreichte. Das war Alexis Stimme am Telefon! Gretchen wusste überhaupt nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Am liebsten wäre es ihr gewesen, sie hätte nie wieder etwas mit diesem Verbrecher zu tun gehabt, der ihr heute auf die wohl schlimmste Weise das Herz gebrochen hatte. Aber sie hatte nun mal den Anruf entgegengenommen und hörte nun seinen aufgeregten Atem im Hörer. Sie brachte nur ein krächzendes „Gut, geht klar, Alex...is!“ heraus, drückte hastig die rote Hörertaste und ließ ihr Telefon anschließend zu Boden fallen, wo es in zwei Teile zerbarst.

Auch Marc und Mehdi blieb Gretchens sonderbare Reaktion nicht verborgen. ... Scheint ja nicht gerade die große Liebe zu sein, dachten beide gleichzeitig und verspürten eine gewisse Genugtuung, die ihre Herzen aufhüpfen ließ. Sie bückten sich nach dem Telefon. Marc schob den herausgefallenen Akku mit Mehdis Hilfe wieder fachgerecht in die Einfassung. Das Handy funktionierte noch, stellten beide zufrieden fest, nachdem es wiedereingerastet war. Und da machte es mit einem Mal „klick“. Die beiden Männer schauten sich an, sprangen auf und schrieen plötzlich beide zeitgleich los. - „Was hat das Schwein dir angetan?“ Doch Gretchen reagierte nicht. Ihr liefen immer wieder die Bilder vom Nachmittag durch den Kopf, vermischt mit Bildern, als sie noch geglaubt hatte, mit ihrem Alexis glücklich zu sein. Aber er war nicht ihr Alexis! Sie wusste nicht, wer dieser Mann war! Sie schüttelte den Kopf, der immer schwerer auf ihren Schultern lastete, und murmelte nur leise vor sich hin. - „Das kann nicht sein! Das darf einfach nicht sein! Was hat er getan? Wie kann er mir das nur antun?“

Jetzt war das Maß für Gretchens Oberarzt endgültig voll. Marc wurde immer ungehaltener. Er schüttelte die gedankenverlorene Blondine energisch an den Schultern und blickte ihr nachdrücklich in die blauen Augen, die sich immer mehr mit Tränen füllten. Gretchen konnte nicht mehr. Ihr wurde alles zu viel. Ihre Beine knickten weg und sie fiel direkt in Marcs Arme und begann bitterlich an seiner Schulter zu weinen. Marc hatte so viele Fragen, aber er ließ sie gewähren und strich ihr tröstend immer wieder über den Rücken, während er sie behutsam an sich drückte, um ihr den Halt zu geben, den sie gesucht hatte.

Mehdi war in der Zwischenzeit damit beschäftigt, Schwester Gabi aus ihrer anhaltenden Lethargie zu holen, welche ihn zunehmend beunruhigte, weil er die taffe Krankenschwester, die nie um einen kessen Spruch verlegen war, noch nie so erlebt hatte. Er hatte ihr ein Beruhigungsmittel gegeben und sie gedrängt, sich hinzulegen, dem sie auch brav gefolgt war, ohne aber die warme Hand ihres Oberarztes loslassen zu wollen, was er mit einem sanften Lächeln zugelassen hatte. Auch sie begann leise zu weinen und faselte im Halbschlaf etwas von einer Pistole, einer Leiche, einer Erpressung und einer garstigen alten Hexe, die ihr nach dem Leben trachtete. Der beunruhigte Halbperser konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Sabine lief derweil wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Notaufnahme hin und her. Sie war schließlich diejenige, die als Erste die quälende Stille durchbrach. - „Wir müssen die Polizei rufen!“ Dieser Ausruf war wie ein Weckruf für Gretchen, die sofort aus ihrer Trance erwachte. Sie hatte die Umarmung mit Marc genossen. Diese Vertrautheit hatte ihr lange gefehlt, aber sie durfte sich nicht daran festhalten. Jetzt galt es vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren, um das Richtige zu tun.

Gretchen: Nein, das geht nicht!
Sabine (sieht sie eindringlich an): Aber er hat ihn umgebracht!

Marc und Mehdi trauten ihren Ohren kaum und rissen entsetzt ihre Augen auf und starrten die beiden sich streitenden Frauen völlig fassungslos an. Gretchen hatte immer noch einen Funken Hoffnung, dass etwas Gutes in Alexis, oder wie auch immer ihr Mann mit wirklichem Namen hieß, steckte. Jemand, der einem schwerkranken Jungen seine Niere spendete, konnte nicht wirklich böse sein. Wie konnte sie ihn dann einfach so ans Messer liefern? Sie brauchte Antworten, bevor sie entschied, was danach passieren würde.

Gretchen: Aber das wissen wir doch gar nicht genau.

Jetzt wachte auch Gabi endlich aus ihrem bleiernen Schutzschlaf auf und stellte sich sehr entschlossen vor ihre beiden, in ihren Augen, naiven Kolleginnen.

Gabi: Bist du bescheuert? Ich habe die Leiche gesehen. Sie war in die Wand eingemauert. Ich habe gehört, was die beiden beredet haben. Sie haben mich mit einer Waffe bedroht, niedergeschlagen und entführt. Und das Telefonat vorhin? Ihr habt es doch auch gehört. Die Alte wollte mich beseitigen lassen, so wie sie es vermutlich auch mit ihrem echten Sohn getan hat.

Die beiden anwesenden Ärzte verstanden immer noch kein Wort und aus dem Impulsiveren der beiden platzte dieser Unmut schließlich ungefiltert heraus.

Marc: Sagt mal, habt ihr nen schlechten Krimi gesehen, oder was? Wollt ihr uns verarschen?
Sabine (kleinlaut auf ihre bekannt trockene Art): Schön wär’s, Dr. Meier, aber das ist leider bittere Realität! Alexis von Buren ist nicht Alexis von Buren! Er ist ein Betrüger und... vermutlich ein Mörder! Und ich werde jetzt die Polizei rufen!
Mehdi / Marc (geschockt wie aus einem Mund): Was? Ist das euer Ernst? Gretchen, verdammt, jetzt sag du doch auch mal was dazu!

Doch die Worte der Wahrheit, die Sabine ungeschönt ausgesprochen hatte, trafen Gretchen wie ein Schlag mitten ins Gesicht. ... Das ist kein böser Traum! Das ist wahr! Sie hat Recht! ... Unvermittelt schossen ihr die Tränen wieder in die Augen. Sie zitterte und konnte nichts mehr sagen. Der Schock der Gewissheit saß einfach zu tief. Und während Gretchen mit ihrem Schicksal haderte, berichtete Sabine nun in knappen präzisen Sätzen aufgeregt die ganze Geschichte. Die beiden Männer konnten und wollten nicht glauben, was sie da zu hören bekamen. Während Mehdi sich erschüttert neben Gabi auf die Liege setzen musste, wurde Marc immer wütender und ungehaltener. - „Ich bring den Kerl um!“ Der aufgebrachte Oberarzt wollte schon aus dem Zimmer stürmen, um seinen Worten Taten folgen zu lassen, als Gretchen sich ihm plötzlich in den Weg stellte und ihn am Arm festhielt. - „Nein, Marc, bitte, nicht!“ Er drehte sich zu ihr um und war erschüttert von dem, was er in ihren schimmernden blauen Augen lesen konnte. - „Willst du ihn etwa davonkommen lassen? Sag bloß, du liebst den immer noch? Nach all dem, was jetzt hier herausgekommen ist? Bist du doof?“ Verzweiflung und Wut schwangen in seiner Stimme mit. Und auch große Sorge. Gretchen sah Marc tief in die Augen und versuchte ihm zu erklären, was sie sich selbst auch nicht erklären konnte.

Gretchen: Ich muss ihm die Chance geben, mir alles selbst zu sagen.
Marc (schüttelt entschieden den Kopf u. versucht, sie wach zu rütteln): Du willst dich mit ihm treffen? Aber das ist Selbstmord, Gretchen! Du weißt doch gar nicht, wer er wirklich ist und zu was er noch alles fähig ist. Ich lasse dich nicht zu ihm und wenn ich dich hier einsperren muss. Vergiss es!
Gretchen (sieht ihn eindringlich an): Marc, bitte! Ich habe mit ihm gelebt. Er ist kein schlechter Mensch. Das glaube ich einfach nicht. Er liebt mich. Dessen bin ich mir sicher. Noch nie hat mich jemand so sehr geliebt wie er (Marc und auch Mehdi verspürten einen heftigen Schmerz, der sich tief in ihre Herzen bohrte, als sie dies sehr überzeugend darlegte.), das habe ich gespürt. Das kann nicht alles gelogen gewesen sein. Das weiß ich einfach.
Marc (will das alles gar nicht hören): Von dem netten Motelbesitzer Norman Bates glaubten auch alle, dass er kein schlechter Kerl sei.
Gretchen: Marc, jetzt werde nicht zynisch!
Gabi (mischt sich nun auch ungefragt ein): Ey, wie naiv bist du eigentlich, Gretchen? Er hat ihr doch geholfen, als sie mich in den Kofferraum gehievt und in die Villa gebracht haben.
Marc (blickt Gabi verwirrt an): Was hast du eigentlich mit der ganzen Scheiße zu tun, Gabi?
Mehdi (horcht irritiert auf): Wer hat ihm geholfen?
Sabine (kleinlaut): Die böse Stiefmutter!
Gabi (rollt entnervt mit den Augen): Wenn schon, dann Schwiegermutter! Das ist kein Märchen, Sabine, das passiert verdammt noch mal in echt.

Mehdi (zählt so langsam die Puzzleteile zusammen u. bekommt immer mehr ein mulmiges Gefühl): Okay, wir müssen einen klaren Kopf behalten und uns jetzt genau überlegen, was wir machen. Gretchen, ich weiß, du willst das nicht hören, aber wir werden nicht umhinkommen, die Polizei einschalten zu müssen. Das, was ihr erzählt habt, das ist kein Kavaliersdelikt. Es geht hier um Mord und Entführung und wer weiß, was sonst noch. Marc hat Recht. Wir haben keine Ahnung, wer diese Leute in Wirklichkeit sind. Und wir wissen nicht, wie dein Mann reagieren wird, wenn er bemerkt, dass du sein Geheimnis kennst.
Sabine (platzt mit unverhohlener Begeisterung dazwischen): Ein Undercovereinsatz! Das habe ich in Band 25 von „Dr. Rogelt. Liebe in Gefahr“ gelesen. Da hat er Moniquwe aus den Fängen einer...
Marc (brüllt sie unbeherrscht an): Sabine, halten Sie die Klappe, verdammt!
Sabine (zuckt erschrocken zusammen u. duckt sich): Oh, Entschuldigung, das war nur so ein Gedanke.
Marc (zynisch): Wenn Sie’s schon nicht können, dann belassen Sie lieber denen das Denken, die sich wirklich damit auskennen.
Gretchen (geht dazwischen): Nein, warte, Sabine, das ist eigentlich gar keine schlechte Idee!
Marc (fährt ihr entsetzt über den Mund): Bitte was? Spinnst du?
Gretchen (hat plötzlich einen Plan vor Augen): Nein, ehrlich. Ich bin doch in einer Stunde mit ihm verabredet. Ich werde ihm vorspielen, dass ich nichts weiß und ihm irgendwie ein Geständnis entlocken.
Marc (hebt seine Arme, um sein ausdrückliches Veto auszudrücken): Nee, nee, nee! Haasenzahn, das klappt nie! Du bist die schlechteste Schauspielerin, die ich kenne. Das würden die dir nicht mal bei „Verbotene Liebe“ abnehmen.
Gretchen (guckt ihn finster an): MAAARC! Nein, ernsthaft, das ist die einzige Möglichkeit. Er vertraut mir. Er hat mir ja auch abgenommen, dass auf dem Polterabend nichts zwischen uns war.
Mehdi (schaut perplex zwischen den beiden Parteien hin und her): Was?
Marc (guckt sie an wie ein Postauto u. ist im ersten Moment völlig sprachlos): Bitte?
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme): War ja klar, dass du den Kuss wieder vergessen hast. Hatte ja auch keinerlei Bedeutung weiter. Stimmt ja auch. Aber egal, weiter im Plan!

Das saß erst mal. Von dem eingeschnappten Chirurgen kam keine Reaktion mehr. Insgeheim war er sauer, dass Gretchen so über ihn dachte. Natürlich hatte er den Kuss nicht vergessen. Wie hätte er das je gekonnt? Schließlich hatte er alles hineingelegt, was ihm an Gefühlen möglich war, um sie noch umzustimmen, aber sie hatte ja nicht gewollt. Selber Schuld! Damit hatte sie sich selbst in die Scheiße geritten, wie sich heute mehr als eindrucksvoll herausgestellt hatte. Aber diese Blöße wollte er sich nicht geben. Nicht vor ihr, wo sie gerade offenbar bereit war, Amok zu laufen. Bitte, sollte sie doch machen! Ihm doch egal!

Mehdi (beobachtet Marcs kindische Reaktion kopfschüttelnd u. verfeinert nebenbei Gretchens Undercoverplan): Ok, wir machen das so, Gretchen, aber nur unter einer Bedingung. Ich sitze ebenfalls mit im Restaurant und sobald er überreagieren sollte, dann greife ich ein. Ich lasse dich nicht alleine.
Marc (schreckt schockiert auf): Was? Spinnst du? Nur weil du einmal eine halbe Stunde Karatetraining hattest, willst du hier plötzlich gleich den Helden spielen? Das ist ja wohl mein Part!
Alle im Raum: Wieso?
Gretchen (nimmt Marc ins Kreuzverhör): Das würde mich jetzt aber auch interessieren.
Marc (schaut ertappt zu Boden u. druckst ungewohnt herum): Naja, weil..., ja, weil... Ähm...
Gretchen (hat ihn in der Hand, aber nicht die Zeit, es auszukosten): Kommt da noch was nach? Also das dauert mir jetzt alles viel zu lange. Ich muss gleich im Restaurant sein. Ich brauche noch etwas Anderes zum Anziehen. ... (schaut an ihren völlig verschmutzten Klamotten herunter) ... So kann ich ja schlecht hingehen. Alexis denkt sonst noch, ich bin aus irgendeinem Erdloch gekrochen und ich mache mich erst recht vor ihm verdächtig. Also Mehdi, am besten wir fahren zusammen zum Restaurant. Wir parken etwas abseits und du gehst etwas eher rein. Ich war mit meinem Ma... mit Alexis schon öfters dort. Da gibt es so einen Tisch gleich neben der Garderobe, von großen Topfpflanzen verdeckt. Dort kann man sich gut verstecken und alles beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Ich gehe jetzt schnell in die Umkleide und ziehe mich um. Wir treffen uns in einer Viertelstunde an deinem Wagen.

Und schon war die sehr entschlossen wirkende Assistenzärztin zur Tür hinaus, ohne dass ihr direkter Vorgesetzter noch etwas dazu hätte sagen können. Im Gegensatz zu dem perplexen Oberarzt war Schwester Sabine die Begeisterung über dieses Abenteuer deutlich anzusehen.

Sabine: Ein echter Krimi! Wie aufregend!
Marc (ignoriert das aufgeregte Huhn u. hält seinen Kumpel auf): Mehdi, ich komm mit. Das klappt doch sonst nie.
Mehdi (erkennt die ehrliche Sorge in seinen Augen, muss ihn aber trotzdem aus Selbstschutz abwimmeln): Nein, Marc, heute bin ich es, der ihr mal den Hintern rettet. Du würdest doch eh keine fünf Minuten stillsitzen können und gleich auf ihn losgehen, sobald er reinkommt. Nein, Marc, das ist mir zu riskant. Denk bitte einmal an Gretchen, ja!
Marc (knirscht missmutig mit den Zähnen): Gut, du hast ja Recht, aber... Mann, ich könnte doch im Auto bleiben und das Restaurant von draußen beobachten. Falls er abhauen sollte?
Mehdi (klopft ihm anerkennend auf die Schulter): Nein, das ist mir immer noch zu riskant. Du bleibst bitte hier und hältst die Stellung! Gabi ist noch nicht ganz klar im Kopf. Es wäre besser, wenn jemand bei ihr bleibt.
Marc: Die ist doch nie ganz klar im Kopf!
Gabi (blickt sauer auf): Ey, das habe ich gehört, du Arschloch! Auf deine Hilfe kann ich sehr wohl verzichten.

Als Marc sich zu Gabi umwandte, um seiner zickigen Ex noch einmal ordentlich die Meinung zu geigen, nutzte Mehdi die günstige Gelegenheit und stahl sich heimlich davon. Gretchen wartete bereits umgezogen an seinem Wagen auf dem Parkplatz, als er in schnellen Schritten die Klinik verließ. Der gutmütige Gynäkologe fragte noch einmal nachdrücklich nach, ob sie das, was sie vorhatten, auch wirklich durchziehen wollte. - „Ja! Ich will, nein, ich brauche endlich Klarheit!“ Mehdi hatte Verständnis für seine aufgewühlte Freundin, die plötzlich so viel durchzustehen hatte, wobei er sie natürlich tatkräftig und ohne Hintergedanken unterstützen würde. Sie stiegen in das Auto und machten sich mit einem stetig steigenden mulmigen Gefühl im Bauch auf den Weg zu einem Abenteuer, das beide nie gewollt hatten. Dr. Meier war den beiden noch bis zum Ausgang der Notaufnahme gefolgt, aber als er auf dem Parkplatz ankam, war Mehdis Mercedes schon davongefahren. ... Scheiße, murmelte Marc nur frustriert vor sich hin. Das bekam auch Schwester Sabine mit, die plötzlich wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht war. Sie hielt mit ihrem unguten Gefühl nicht vor dem Tor. - „Wir sollten vielleicht doch die Polizei informieren, Dr. Meier? Nur zur Sicherheit!“ Doch die weisen Worte von Sabine hörte Marc schon gar nicht mehr, denn er rannte bereits wie in Trance auf seinen weißen Volvo zu, um dem Himmelfahrtskommando zu folgen.

Lorelei Offline

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14.07.2016 15:51
#10 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Unterdessen saß Frank bereits wie auf heißen Kohlen in seiner Mietlimousine vor dem Restaurant, wo er sich gleich mit seiner Frau treffen wollte, und überlegte angestrengt, was er Gretchen alles sagen wollte, um sich ihr zu erklären. Er probte seine Rede immer und immer wieder und klang dabei nicht gerade überzeugend. Aber wie übermittelte man auch der Frau, die man über alles liebte, dass man nicht derjenige war, der man behauptet hatte zu sein? Vielleicht sollte er sich in diesem Punkt noch zurückhalten, um sie nicht gleich schon innerhalb der ersten Minute zu verlieren? - „Gretchen, also, du weißt, dass ich dich über alles liebe. Das, was ich dir jetzt sagen möchte, hat überhaupt nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun. ... Scheiße, das klingt alles viel zu pathetisch und schwülstig. So eine Klischeekacke nimmt sie dir doch niemals ab. Sie ist ja nicht dumm. Sie merkt doch sofort, dass da was nicht stimmt. Oder vielleicht so? ... Sternchen, ich muss für ein paar Monate... eigentlich ja Jahre, aber das kann ich ihr ja irgendwann mal bei Gelegenheit genauer erklären, wenn wir fort sind... geschäftlich ins Ausland und ich möchte, dass du mich begleitest. Ich weiß, das ist viel verlangt, aber ich kann nun mal ohne dich nicht leben. Vor dir war ich nur ein halber Mensch. Irgendetwas hatte mir immer gefehlt. Ich habe mich eigentlich immer allein gefühlt und ich will das alles nicht mehr. Ich will mit dir zusammen sein. Für immer. Ich liebe dich." ... Ja, das ist es. So mache ich es!

Frank hatte endlich den treffenden Ton gefunden, den er anschlagen musste, um Gretchen und vor allem sich selbst von seinen eigenwilligen Plänen zu überzeugen, als plötzlich unvermittelt die Autotür aufgerissen wurde. Er zuckte erschrocken zusammen. - „Mensch, du hast mich vielleicht erschreckt. Ich dachte schon, es ist die alte Schreckschraube. Hast du alles bekommen, Lissy?“ - „Ja. Fast!“ - „Wie meinst du das?“ Beunruhigt blickte er in das leicht verlegene Gesicht seiner kleinen Schwester, die sich erschöpft mit ihrer Reisetasche auf dem Beifahrersitz breitmachte. - „Naja, ich habe unsere Pässe nicht gefunden und dann kam die alte Hexe plötzlich mit so einem Schrank von Typen wieder rein und ich musste vom Balkon springen, um irgendwie da wegzukommen, bevor sie mich entdeckt hätten. Du meintest ja, dass sie...“ Sichtlich bestürzt beugte er sich nach vorn und legte seine Hand auf Lissys Schulter, um sie und sich zu beruhigen. - „Schon gut, Lissy, ich bin froh, dass du heil hier angekommen bist!“ - „Und was machen wir jetzt? Wenn die die Polizei einschaltet, dann haben die unsere Namen und Fotos. Alle! Dann kommen wir hier nicht mehr weg.“ - „Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass ich es Gretchen heute noch sagen muss und... ach scheiße!“

Frank lehnte sich in seinem Sitz zurück und hielt sich verzweifelt die Hände vors Gesicht. Lissy lehnte sich tröstend an seine Seite. - „Du tust das Richtige, Frank!“ Hoffend blickte er seine mitfühlende Schwester an. - „Meinst du? Ich habe nur Angst, dass sie mir nicht verzeiht und nicht mitkommen will. Dann wäre mir alles egal!“ - „Sag das bitte nicht! Wir kriegen das schon irgendwie hin. Hauptsache, wir halten wie immer zusammen“, versuchte Lissy ihrem niedergeschlagenen Bruder mehr schlecht als recht Mut zu machen, obwohl sie im Gegensatz zu dem ewigen Träumer schon längst nicht mehr an ein Happy End glaubte und lieber sofort die Biege machen würde, als jetzt auch noch diese Ärztin, die keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, mit in ihre Geschichte hineinzuziehen. Aber er war nun mal verliebt. Ohne Gretchen würde er nirgendwohin gehen. So viel war klar. Dafür musste sie ihm nur in sein verzweifeltes Gesicht blicken. Gegen diesen Welpenblick hatte sie schon als kleines Mädchen nichts ausrichten können. Aber wenigstens sie musste einen klaren Kopf behalten. - „Frank, es ist gleich 20 Uhr! Gretchen müsste gleich da sein. Du musst jetzt rein, wenn du das wirklich durchziehen möchtest. Ich warte hier auf euch. Dann fahren wir sofort zum Privatflugplatz an der Stadtgrenze. Der Jet ist schon startklar, wurde mir eben am Telefon bestätigt.“


In der Zwischenzeit waren auch Gretchen und ihr Kompagnon Mehdi am Nobelrestaurant angelangt. Noch saßen sie im Auto, das sie etwas abseits in einer Nebenstraße am Straßenrand geparkt hatten, und zögerten hinaus, was doch unausweichlich war.

Mehdi: Willst du das jetzt wirklich durchziehen, Gretchen? Noch können wir zurück und die Polizei rufen.
Gretchen (hektisch u. nervös rutscht sie auf dem Beifahrersitz hin u. her u. sieht ihren mitfühlenden Unterstützer nach einigem Überlegen schließlich ziemlich entschlossen an): Nein, ich kann nicht. Wir ziehen das jetzt durch. Ich muss das tun. Geh du bitte schon einmal vor, Mehdi! Alexis wird bestimmt gleich da sein. Er ist immer sehr pünktlich.

Mehdi drückte Gretchen noch einmal aufmunternd die schweißige Hand, nickte ihr liebevoll zu und stieg dann aus dem Mercedes. Auf dem Weg zum Restaurant, den er eher gemächlich beschritt, weil auch er ziemlich nervös war, drehte er sich noch einmal um und Gretchen lächelte ihm zuversichtlich entgegen. Das machte auch ihm Mut und er brachte die letzten Meter bis zum Eingang des noblen Restaurants schließlich hinter sich. Doch innerlich starb Gretchen schon fast vor lauter Aufregung und Angst vor dem, was sie wohl dort drin gleich erwarten würde. Sie traf sich schließlich mit einem Mann, der zwar ihr Ehemann war, aber über den sie rein gar nichts wusste. Was war, wenn er wirklich gefährlich war?

Als der Halbperser aus ihrem Blickfeld verschwunden war, hielt auch sie nichts mehr auf ihrem Platz. Gretchen stieg ebenfalls aus und lief nun hibbelig vor dem dunkelgrünen Wagen hin und her. ... Hoffentlich geht nichts schief, sprach sie sich den nötigen Mut zu, den sie noch für ihren irrsinnigen Plan gebraucht hatte. Sie wollte gerade losmarschieren und Mehdi ins Restaurant folgen, als sie plötzlich ein leises Pfeifen hinter sich hörte. Von der aufsteigenden Angst wie gelähmt, drehte sie sich nur ganz langsam wie in Zeitlupe herum. ... Oh mein Gott, er hat mich gesehen! Jetzt ist alles aus! ... Sie kniff ihre Augen für eine Millisekunde ängstlich zusammen, öffnete sie langsam wieder und erkannte im schummrigen Licht der hereinbrechenden Abenddämmerung zu ihrer eigenen Überraschung, wer da plötzlich wie selbstverständlich in ziemlich lässiger Pose an Mehdis Mercedes gelehnt vor ihr stand. Es war... Marc Meier!

Gretchen: Marc!? Spinnst du? Was machst du hier? Wir waren uns doch einig, dass...
Marc (fällt ihr frech ins Wort): Ihr wart euch einig. Ich habe da ganz andere Pläne.
Gretchen (schaut sich beunruhigt um, ob sie auch ja nicht gesehen werden): Wie meinst du das? Du kannst nicht mit ins Restaurant!
Marc (reagiert patzig auf ihre unnötigen Vorwürfe): Ja, das ist mir schon klar, Haasenzahn. Aber irgendjemand muss doch das Restaurant bewachen, falls er abhauen will.
Gretchen (schüttelt ungläubig ihren Lockenkopf): Marc, du hast wohl zu viel „Alarm für Cobra 11“ geschaut. Du bist nicht Semir Gerkan. Ist dir das klar? Das passiert hier in echt!
Marc (kommt ihr noch einen Schritt näher u. blickt sie ziemlich entschlossen an): Ja, das weiß ich. Aber ist dir das auch klar?
Gretchen (kann ihre Verunsicherung, die auch von seiner Nähe herrührt, nicht verheimlichen): Ähm... ja, natürlich! Okay, ähm... also, dann... bitte, bitte bleib hier! Und mach ja nichts Unüberlegtes!
Marc (ignoriert den tadelnden Nachsatz wohlwissendlich u. schaut sich in der direkten Umgebung um): Hey, jetzt unterschätzt du mich aber. Ich werde mich dann mal dahinten positionieren. Von dort habe ich einen guten Blick auf das Restaurant und die Limousine.
Gretchen (reißt entsetzt ihre Augen auf u. schaut sich panisch um): Die Limousine? Oh Gott, er ist schon da! Was ist, wenn er Mehdi gesehen hat? Wir sind aufgeflogen! Oh nein! Oh nein!

Gretchen begann überzureagieren und hektisch und unkoordiniert herumzuspringen. Sie konnte nur von Marc aufgehalten werden, der sie zärtlich in seine Arme zog, um sie mit leiser Säuselstimme zu beruhigen...

Marc: Hey, keine Panik! Reg dich ab! Du musst keine Angst haben. Ich bin da. Alles wird gut!
Gretchen (schmiegt sich unmerklich in seine Umarmung): Woher weißt du das?
Marc (blickt ihr tief in die Augen): Am Ende von Märchen siegt doch immer das Gute über das Böse. Oder etwa nicht?

Gretchen sah Marc plötzlich mit ganz anderen Augen. Er war ihr plötzlich wieder so nah. So vertraut. Wie damals nach dem Stromschlag, als plötzlich alles ganz anders gewesen war. Auf einmal hatte sie wieder diese klare Stimme im Kopf, die sie während ihrer Fieberträume immer wieder gehört hatte. - „Ich will dich nicht verlieren. Bleib bei mir! Ich liebe dich doch.“ Und schlagartig wurde Gretchen bewusst, dass dies Marcs Worte gewesen waren. Es war immer Marc gewesen! Er war bei ihr gewesen. Die ganze Zeit. Er hatte über sie gewacht. Wie hatte sie nur so blind sein können? Er liebte sie wirklich! Marc Meier liebte Gretchen Haase! Dessen war sie sich nun sicherer denn je. Deshalb fand sie auch die nötige Courage, jetzt Alexis entgegenzutreten. Denn ihr Held, ihre große Liebe, die sie so lange nicht hatte zulassen wollen, war ganz in der Nähe, um notfalls einzugreifen. So sicher und geborgen, wie sie sich gerade in Marcs Armen fühlte, konnte sie alles schaffen. Sie würde es überstehen. Also löste sie sich langsam wieder aus seiner Umarmung, lächelte Marc zuversichtlich an und ließ ihn schließlich nach einem letzten tiefen Blick in seine dunkelgrün schimmernden Augen stehen, während sie sich entschlossenen Schrittes zum Restaurant aufmachte, um einem leidigen Kapitel ihres Lebens ein Ende zu setzen. Sie würde mit Alexis Schluss machen, egal, was er ihr sagen würde, um die seltsame Situation aufzuklären. Dass sie die ganze Zeit an ihm gezweifelt hatte, lag nicht an dem, was sie heute herausgefunden hatte. Nein, das lag einzig und allein an der Tatsache, dass sie einfach nicht zusammengehörten. Er war nicht der Richtige. Sie gehörte zu Marc und zu niemandem sonst.

Marc, noch ganz bewegt von dem nahen Moment eben, schaute der tapferen Blondine lange verträumt hinterher, bis ihm einfiel, dass er ja auch noch eine Aufgabe in diesem bizarren Abenteuerspiel hatte. Er vertrieb die wild aufflatternden Schmetterlinge in seinem Bauch, welche die Umarmung mit Gretchen ausgelöst hatte, und positionierte sich hinter einem der mächtigen Alleenbäume in direkter Nachbarschaft zu der schwarzen Limousine, deren Türen sich gerade öffneten. Er beobachtete, wie der falsche Millionär und seine angebliche Schwester ausstiegen und noch kurz etwas miteinander besprachen. Arschlexis, wie er ihn in Gedanken missbilligend nannte, wirkte sichtlich nervös. Das fiel auch Dr. Meier auf und beunruhigte ihn zugleich. ... Was hat der Mistkerl nur vor, grübelte er angestrengt, während er sich zusammenriss, nicht sofort auf ihn einzuschlagen, und stattdessen das hellerleuchtete Gasthaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Augenschein nahm.

Lorelei Offline

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15.07.2016 13:17
#11 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Gretchen hatte das Restaurant mittlerweile betreten und schaute sich nun suchend darin um. Alexis war noch nicht da, wie sie beruhigend feststellte. Das gab ihr noch einen Moment, um durchzuschnaufen. Doch wo war Mehdi? Sie entdeckte ihren heimlichen Komplizen sofort genau dort, wo sie ihn hingelotst hatte, in der Nähe der Garderobe, hinter den dekorativen exotischen Pflanzen, durch die sie der charmante Halbperser jetzt anlächelte. Mehdis aufrichtiger Blick machte ihr Mut. Sie lächelte zaghaft zurück, als ein Kellner sie freundlich begrüßte und ihr einen Tisch am Fenster zuwies. Deshalb sah sie Alexis auch gleich schon über die Straße kommen. Keine zwei Minuten, nachdem sie das Berliner In-Lokal betreten hatte. ... Komisch! Er bringt seine Schwester mit. Wenn sie überhaupt seine Schwester ist. Vielleicht haben die beiden mich die ganze Zeit betrogen und hinter meinem Rücken gelacht, wie dumm, blond und naiv ich doch gewesen bin. Wie konnte ich nur auf den da reinfallen? Und was will er überhaupt von mir? ... Gretchen wurde immer ungehaltener und zerknüllte wütend ihre Papierserviette, um sich daran abzureagieren, ohne dabei unter den anderen Gästen sonderlich aufzufallen, die sich zahlreich in dem Lokal eingefunden hatten und nicht ahnten, was hier gleich passieren würde. Gretchen wusste es ja auch nicht. Als die aufgewühlte Ärztin das Geschwisterpaar zur Tür hereinkommen sah, versuchte sie, sich zu beruhigen und sie freundlich wie immer anzulächeln. Aber es fiel ihr merklich schwer. All die Gefühle, die sie geglaubt hatte, für Alexis zu empfinden, hatten sich merklich abgekühlt.

Okay, Alexis von Buren, oder wie auch immer du heißt, ich mache dich fertig! Damit du dich genauso fühlen kannst wie ich mich jetzt. Genauso erbärmlich und allein. Obwohl, allein bin ich nicht. Alle meine Freunde sind auf meiner Seite. Ich brauche keine Angst zu haben. Ich bin stark. Ich schaffe das.

Frank strahlte derweil über das ganze Gesicht, als er seine große Liebe am Fenstertisch entdeckte, und begrüßte sie im gewohnt herzlichen Ton. Doch die Schönheit wich seinem überschwänglichen Kuss überfordert aus, was ihn kurz irritierte. Aber da er Gretchen heute Mittag versetzt hatte, konnte er das schon verstehen. Sie war sauer. Das merkte er auch an dem sonderbaren Tonfall ihrer sonst so lieblichen Stimme.

Gretchen: Alexis, schön, du hast deine Schwester mitgebracht. Das ist ja ein richtiges kleines Familienessen. Hätte ich meinen Eltern und deiner „Mutter“ auch Bescheid geben sollen? Was ist denn der Anlass? Habe ich unser Fünfeinhalbmonatiges verpasst?
Alexis (reagiert perplex auf ihre patzige Begrüßung): Ähm, nee, du, nicht nötig, ich habe eigentlich nur mit euch beiden etwas zu besprechen.
Gretchen (lehnt sich mit verschränkten Armen auf ihrem Stuhl zurück): Ok, dann schieß mal los! ... (Bei diesen Worten musste sie kurz stocken und sich wieder sammeln.) ... Was brennt dir auf dem Herzen, Alexis?
Alexis (schaut sich überfordert im Gastraum um): Wollen wir nicht erst einmal etwas essen? Herr Ober, wir hätten gerne die Weinkarte.
Gretchen (lässt sich nicht ablenken, denn sie will endlich Antworten): Warum reden wir nicht gleich? Nach deinem Anruf war ich so neugierig.

Frank geriet zunehmend ins Schwitzen, als Gretchen ihn immer mehr bedrängte, endlich zur Sache zu kommen. Wieso war sie denn ausgerechnet heute so redselig? In den vergangenen Tagen hatte sie noch abwesend auf ihn gewirkt und war mit ihren Gedanken ständig in den Wolken gewesen. Lissy, die sichtlich unwohl auf ihrem Stuhl herumrutschte und sich dezent im Hintergrund hielt, versuchte, ihren nervösen Bruder zu beruhigen und legte ihre Hand auf sein Bein. Das fiel auch Gretchen auf. Sie schlussfolgerte sofort... Also doch! Er hat eine Affäre mit ihr! Sie ist nicht seine Schwester! Wie viele Geheimnisse hat er denn noch vor mir? Du Lügner, Betrüger, Mörder, Heiratsschwindler! ... und lächelte gequält. Die Haltung zu wahren, fiel der betrogenen Ehefrau immer schwerer. Als der Ober dann den Wein brachte, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Obwohl sie sonst eher zurückhaltend war, was alkoholische Getränke betraf, nahm sie ihr Weinglas und leerte es in einem Zug. Frank und Lissy beobachteten die weinselige Frau sichtlich irritiert dabei. ... Okay, sie ist verstimmt wegen heute Mittag. Ich muss sie erst mal ruhig stimmen, dann kann ich ihr alles sagen.

Mehdi beobachtete die ganze Szene derweil aus sicherer Entfernung und er merkte auf den ersten Blick, wie es in Gretchen immer mehr zu brodeln begann. Sie geriet allmählich auf 180. Das war nicht gut. Gar nicht gut. ... Bleib bloß ruhig, Gretchen, verrate dich bitte nicht, nicht, bevor wir herausgefunden haben, was wir wissen wollen, flüsterte er seiner besten Freundin mantramäßig in Gedanken zu und stocherte weiter mit einer Gabel in seinem Salat herum, den er sich zur Tarnung bestellt hatte. Er war neben einem Glas Leitungswasser das Einzige auf der Karte gewesen, das er sich in dem Luxusschuppen hier hatte leisten können.

Währenddessen wurde ein paar Tische weiter rege diskutiert oder zumindest versuchte man, endlich richtig miteinander ins Gespräch zu kommen...

Alexis: Ok, du bist immer noch sauer? Es tut mir leid, dass ich heute Mittag verhindert war. Ein Geschäftstermin, der plötzlich noch reingekommen ist.
Ja, ja, von wegen Geschäftstermin! Oder ist das tatsächlich Teil deines Geschäfts? Du wolltest Gabi um die Ecke bringen, du Verbrecher!
Gretchen (lässt sich nichts anmerken, aber fordert ihn auf andere Weise heraus): Ja, ich bin sauer, vor allem, weil ich wegen dir extra zeitiger Schluss gemacht und meine Patienten vernachlässigt habe und dafür auch noch eine Standpauke von meinem Oberarzt kassiert habe.
Mann, ich kann ja richtig lügen! Und das ohne rot zu werden! Hätte ich vielleicht schon früher mal ausprobieren sollen? Siehst du, dazu hast du mich erst gebracht, Alexis. Du machst mich auch zu einem schlechten Menschen!
Alexis (das schlechte Gewissen nagt an ihm): Es tut mir wirklich leid! Wie kann ich das wiedergutmachen, hm, Sternchen?
Indem du mir endlich die Wahrheit sagst, du hinterhältiger Kerl!
Gretchen (gespielt säuselnd u. wimpernklimpernd beugt sie sich leicht über den Tisch): Weiß nicht? Was hättest du denn anzubieten, Schatz?

Frank geriet immer mehr ins Schwitzen, je mehr Gretchen ihn mit ihrer charmanten Art drängte. Sie war so lieb und arglos. Wie konnte er ihr das jetzt noch antun, sie in seine Geschichte mitreinzuziehen? Das mit seinem Geständnis rückte dadurch immer mehr in weite Ferne. Das registrierte auch seine beunruhigte Schwester, die ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte und ihm nun eine goldene Brücke bauen wollte.

Lissy: Na, wie wäre es denn mit einer Reise? Ihr zwei seid immer so gestresst von eurer Arbeit. Ihr müsst mal abschalten. Relaxen.

Lissy zwinkerte ihrem Bruder vielsagend zu, der den Wink mit dem Zaunpfahl natürlich sofort verstanden hatte. Gretchen dagegen weniger. ... Hä? Was wird das denn jetzt? Er will mit mir verreisen? Oh Gott, er will doch nicht etwa...? Er will mich verschleppen, getarnt als zweite Flitterwochen, damit keiner Verdacht schöpft, oder? Hilfe, ich muss hier weg! Mehdi! ... Die immer panischer werdende Assistenzärztin riskierte einen kurzen verstohlenen Blick nach hinten. Mehdi war alarmiert, dass etwas nicht stimmte. Wenn sie ihn noch einmal kontaktierte, würde er eingreifen. Er wusste zwar noch nicht wie, aber er würde das schon irgendwie hinbekommen. Gretchen hakte inzwischen vorsichtig bei ihrem Gegenüber nach und ließ auch dessen Schwester nicht aus den Augen, die sie die ganze Zeit so komisch anschaute, als würde sie ahnen, dass sie Bescheid wusste.

Gretchen: Eine Reise?
Alexis (lächelt zuversichtlich): Ja, zweite Flitterwochen wären doch schön. Ich muss eh demnächst für längere Zeit ins Ausland. Komm doch einfach mit?
Puh, das wäre geschafft. Es ist endlich raus.
Also doch! ... Moment! ... Was hat er gesagt?

Gretchen (wird argwöhnisch): Was heißt, längere Zeit?
Alexis (gerät erneut ins Straucheln u. sucht Unterstützung bei seiner Schwester, die mal wieder nur die Augen verdreht): Naja, so ein paar Monate könnten es schon werden. Eine sehr komplizierte Fusion.
Gretchen (schluckt u. kann sich kaum noch beherrschen): Monate? Und das sagst du mir einfach so nebenbei zwischen Vorspeise und Hauptgericht? Und was mache ich mit meinem Job? Ich kann doch meine Patienten nicht so lange alleine lassen? Wie stellst du dir das vor, Alexis?
Alexis (hat mit so einer heftigen Reaktion nicht gerechnet u. wird kleinlaut): Du hast doch jetzt dein Examen in der Tasche. Jede Klinik auf der Welt würde dich mit Kusshand nehmen.
Wie bitte? Der hat sie doch nicht mehr alle?
Gretchen (lehnt sich mit verschränkten Armen auf ihrem Stuhl zurück u. bockt): Das klingt ja fast so, als möchtest du für immer weg?
Alexis (fühlt sich ertappt, aber geht in die Offensive): Also, ähm, naja, wir leben doch in einer globalisierten Welt. Die Welt ist ein Dorf. Heute Berlin, morgen Rio, übermorgen Tokio,... Wir sind doch jung, lass uns etwas von der Welt sehen!
Was wird das denn jetzt? Also Entführung klingt irgendwie anders? Er will mich bei sich haben? Wieso? Ich muss anders nachhaken!
Gretchen: Ja, das klingt ja alles schön und gut, aber du hast mir nie gesagt, dass du aus Berlin weg möchtest. Mein ganzes Leben ist hier. Meine Familie, meine Freunde, mein Job ... Und vor allem Marc! Ganz schlechter Gedanke, Gretchen, ganz schlecht! ... Ich fühle mich hier wohl und bin zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist. Kennst du mich so schlecht? Ich bin keine Jetsetterin, die nach Belieben um die Welt reist und Geld ausgibt. Das bin einfach nicht ich. Und ich kann hier nicht einfach so weg, nur, weil der feine Herr mal wieder eine seiner Launen hat.
Okay, scheiße, sie wird sauer. So wird sie niemals mitkommen. Was mache ich denn jetzt?
Alexis (versucht, sie zu umschmeicheln): Gretchen, ich will dich zu nichts zwingen. ... Will ich eigentlich schon irgendwie! ... Das war nur so eine Idee. Wir können auch ein anderes Mal darüber reden.

Bist du doof? ... Franks Schwester konnte nach seinem peinlichen Gestammel nicht mehr länger an sich halten und rammte wütend ihren Fuß gegen sein Schienbein. Er zuckte vor Schmerz zusammen und blickte wie erstarrt zur Seite, wo ihn ein eiskalter Blick traf. ... Wir haben keine Zeit, du Idiot! ... Das wusste auch Frank zur Genüge, doch in diesem Moment hatte er einfach nicht mehr weitergewusst, was er Gretchen noch hätte sagen können, um sie zu überzeugen. Gut, dass jetzt erst einmal das Essen kam. Damit konnte er Zeit gewinnen, um sich eine neue Strategie zurechtzulegen.

Nachdem der Kellner wieder gegangen war, starrte Gretchen zögerlich auf den Teller mit ihrem Essen. – „Okay, dann lass uns erst mal essen. Dann sehen wir weiter.“ Doch der Appetit war der jungen Frau schon längst vergangen. Ihre Gedanken kreisten wie auf einem Karussell, das immer schneller fuhr, wodurch sie nicht mehr herunterkam. Was wollte Alexis ihr denn damit sagen? Dass er mit ihr abhauen wollte? Unsinn! Welcher Betrüger floh denn schon mit seinem Opfer? ... Naja, Bankräuber nehmen ja auch Geiseln mit, als Schutzschild vor der Polizei. Oh Gott! Er wird doch nicht...? Wie komme ich hier nur wieder weg? Ich will hier weg! Ich kann das nicht mehr. ... Doch Gretchen konnte sich nicht bewegen. Sie traute sich nicht, zu fliehen. Sie hatte das nun mal so gewollt, sie wollte Antworten, also musste sie das jetzt auch aussitzen.

Nachdem Gretchen nicht noch mal reagiert hatte, wurde Mehdi im Hintergrund zunehmend unruhig. Warum machte sie denn nichts, fragte er sich und schob vorsichtig zwei große Palmenblätter zur Seite, um besser sehen zu können. Sie redeten ja nicht einmal mehr miteinander. Was war da nur los? Nervös stocherte er in seinem Salat und behielt seine Freundin und das verbrecherische Geschwisterpaar weiterhin beharrlich im Auge. Auch draußen vor der Tür wurde Marc auf seinem Beobachtungsposten immer nervöser. ... Warum dauert das denn alles so lange? Das war doch eine Scheißidee! Mehdi, ich reiß dir den Kopf ab, wenn das schiefgeht!

Am Tisch beobachtete derweil Frank mit zunehmender Sorge, dass seine Frau ungewohnt ruhig geworden war und kaum etwas aß, was so gar nicht ihre Art war. Vorsichtig hakte er bei ihr nach und legte dabei seine Hand sanft über ihre, die sie nun erschrocken wegzog, was seine Beunruhigung nur noch mehr schürte.

Alexis: Sternchen, was ist los? Du lässt doch sonst kein Essen stehen.

Was los sein soll? Hallo? Soll das ein Witz sein? Du bist ein Lügner und Betrüger, ein Mörder und wer weiß was noch! Ich habe Angst um mein Leben, da kann man auch mal auf ein Essen verzichten, oder nicht?

Gretchen: Nichts! Nur kein Appetit!

...redete sich Gretchen bemüht freundlich heraus, um ihr Gegenüber weiterhin in Sicherheit zu wiegen. Frank gab sich damit zufrieden. Lissy wurde dagegen immer nervöser, weil ihr feiger Bruder einfach nicht mit der Sprache herausrücken wollte. Sie hielt die glühenden Kohlen unter ihrem Hintern nicht mehr aus, legte ihre Serviette zur Seite und wagte sich aus ihrer Deckung. Wenn er es nicht hinbekam, dann musste sie eben ran. Genau deswegen hatte sie sich ja auch im letzten Moment dazu entschlossen, ihn ins Restaurant zu begleiten. Sie hatte geahnt, dass er hier in Schwierigkeiten geraten würde.

Lissy: Bruderherz, kann ich dich mal kurz unter vier Augen sprechen?

Gretchen blickte irritiert von ihrem noch unberührten Teller auf, auch weil ihr Mann mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf Lissys drängendes Anliegen reagierte, aus dem sie einfach nicht schlau wurde. ... Was soll das denn jetzt?

Alexis: Okay? Ähm... Gretchen, Darling, entschuldigst du uns einen Moment?
Gretchen (macht gute Miene zum bösen Spiel): Natürlich.

Die Geschwister standen auf und gingen in Richtung der Toiletten. Gretchen schaute ihnen verunsichert hinterher. Was sollte sie nur tun? Wie konnte sie Alexis endlich sein Geheimnis entlocken? Wieso war er so komisch? Ahnte er etwa, dass sie Bescheid wusste? Ratlos blickte sie zu Mehdi hinter, der auch nur mit den Schultern zucken konnte und sich schnell wieder hinter der Getränkekarte versteckte, damit er von dem Verbrecherpaar nicht entdeckt wurde. Dieses beriet sich nämlich gerade ganz in seiner Nähe...

Lissy (drängt ihren Bruder in die Ecke): Frank, bitte, wenn du es ihr nicht bald sagst und ewig hier herumdruckst wie ein Anfänger, dann haue ich alleine ab. Ohne euch. Die Alte wird doch merken, dass etwas nicht stimmt, wenn wir alle nicht zuhause sind. Und nach der Sache mit der Krankenschwester heute Nachmittag wird sie nicht lange zögern und uns ebenfalls suchen gehen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie uns erwischt. Wir müssen aufbrechen. Jetzt! Ich flehe dich an. Komm endlich aus dem Knick!
Frank (fährt sich nervös durch seine Haare u. schaut immer wieder verstohlen in Richtung von Gretchens Tisch, wo seine Frau gerade das nächste Weinglas auf ex austrinkt): Ja, ich weiß, Lissy, aber was soll ich denn machen? Gretchen ist jetzt schon so komisch und...
Lissy (fährt ihm scharf über den Mund): Naja, auch kein Wunder bei deiner seltsamen Geschichte von Globalisierung und Weltreise. Das glaubt dir doch kein Mensch. Auch nicht die naivste Blondine der Welt.
Frank: Rede nicht so über Gretchen! Sie ist meine Frau.
Lissy (verdreht theatralisch die Augen): Auf dem Papier, Frank! Papier, das nicht viel mehr wert ist als das der Klorollen hier auf der Toilette. Wenn du jetzt nicht endlich die Klappe aufmachst, dann sag ich es ihr.
Frank (funkelt sie eingeschnappt an): Okay, ja! Jetzt nerv nicht, Lissy! Ich krieg das schon hin. Lass uns zurück zum Tisch gehen!

Während Frank und Lissy Muffke das endlich geklärt hatte, lief Marc draußen vor dem Restaurant unruhig auf und ab und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Je länger er warten musste, ohne dass etwas passierte, umso mehr kam er zu dem Schluss, dass das hier alles völlig aus dem Ruder lief. Das da drin war doch ein Himmelfahrtskommando. Angeführt von lauter Amateuren. ... Ich muss da jetzt rein. Irgendwas ist schiefgelaufen. Haasenzahn wäre doch sonst schon längst wieder hier. ... Marcs Entschluss stand fest. Er hatte zwar keinen konkreten Plan, wie er Gretchen da rauslotsen könnte, aber er würde das ab jetzt selbst in die Hand nehmen.

Der entschlossene Hobbydetektiv wollte gerade sein Versteck verlassen, als ein auffälliger Sportwagen mit quietschenden Reifen direkt hinter der Limousine von Gretchens ominösen Göttergatten einparkte. Marc zögerte und blieb sicherheitshalber hinter der großen Eiche stehen und beobachtete von dort aus, wie eine alte Frau im schicken Kostüm aus dem Cabrio stieg, die ihm irgendwie bekannt vorkam, wie diese durch die abgedunkelten Limousinenscheiben linste und dann mit einem selbst ihm angsteinflößenden Blick aufschaute und irgendetwas murmelnd in Richtung des Restaurants sagte. - „Das hätte ich mir ja auch gleich denken können. Hier seid ihr! Du bist wirklich der schlechteste Betrüger, den es gibt, Frank Muffke! Aber das wirst du nicht mehr lange sein.“ Die alte Dame fackelte nicht lange und lief nun in einem für ihr Alter ungewöhnlichen Tempo zum Restauranteingang rüber.

- „Scheiße!“, entfuhr es Marc und er schmiss seine halb aufgerauchte Kippe achtlos auf die Straße. Erst jetzt hatte er erschrocken erkannt, dass es die alte Frau von Buren war, die nun ihrem falschen Sohn und dessen Familie ihre Aufwartung machte. Nicht gut, gar nicht gut, dachte Marc in Panik, dem plötzlich wieder Sabines hanebüchene Geschichte eingefallen war. Wenn es stimmte, was sie ihm heute alles erzählt hatte, dann ging von der alten Gewitterhexe noch viel mehr Gefahr aus als von ihrem ominösen Sohnemann. Sofort griff er nach seinem Handy und wollte Gretchen warnen, aber da war es schon zu spät. Mechthild von Buren hatte das Lokal bereits betreten. – „Dann eben Mehdi!“ Marc hämmerte flink eine andere Nummer in sein Telefon. – „Alter, sieh zu, dass ihr da rauskommt! Jetzt!“ Doch ehe sich der Halbperser darüber wundern konnte, woher sein Freund das wusste, hatte auch er den neuen Gast erkannt. Sein Herz setzte für einen Moment aus, bevor es zum Dauerlauf ansetzte, als er beobachtete, was als nächstes passierte.

Lorelei Offline

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21.07.2016 13:12
#12 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Mechthild von Buren ging geradewegs auf den Tisch am Fenster zu, an dem Gretchen gerade ganz alleine saß und unaufmerksam in ihrem Essen herumstocherte. Die junge Ärztin war so mit ihren Gedanken beschäftigt, wie sie ihren Möchtegerngatten auffliegen lassen könnte, dass sie gar nicht gleich bemerkte, wer sich nun neben sie setzte. Erst als ihre „Schwiegermutter“ sagte, dass es ganz schön frisch heute sei, und ihr über den Tisch ihr lilafarbenes Halstuch reichte, registrierte Gretchen sie und erschrak fürchterlich, denn sie hatte sofort erkannt, dass Alexis‘ Mutter wusste, dass sie die Wahrheit kannte und dass nur sie es gewesen sein konnte, die Gabi aus ihrem dunklen Verlies befreit hatte. Dass sie dort ihren Schal verloren hatte, bemerkte Gretchen nämlich erst jetzt und griff sich ängstlich an ihren Hals, der sich ihr gerade von innen zuschnürte.

In dem Moment, als Frau von Buren das Restaurant betreten hatte, hatten auch Frank und Lissy sie entdeckt. Sie schreckten zurück und versteckten sich hinter dem Türrahmen, der zu den Waschräumen führte. Die Geschwister sahen sich in Panik an. Was sollten sie jetzt tun? Gretchen war in höchster Gefahr.

Auch Mehdi und Marc beratschlagten sich aufgeregt am Telefon, was sie nun als nächstes unternehmen sollten. - „Scheiße, Mehdi, mach was! Ich habe ein ungutes Gefühl mit der Alten. Die führt was im Schilde. Das habe ich an ihrem irren Blick gesehen. Weißt du was, ich komm rein!“ – „Maaarc?“

Gretchen hatte sich derweil wieder einigermaßen gefangen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Gespielt arglos begrüßte sie ihre „Schwiegermutter“, die ihr gespielt freundlich zunickte. Die eingeschüchterte Assistenzärztin versuchte, ihre Angst zu verbergen und sich so locker und normal zu verhalten wie sonst auch immer, was in einer Situation wie dieser nahezu unmöglich schien. Ihre Augen verrieten sie, die suchend umherblickten und Mechthilds starrem Blick immer wieder auswichen.

Gretchen: Schwiegermama? Wie schön! Du bist auch hier. Ich dachte, Alexis hätte vergessen, dir Bescheid zu geben.
Mechthild (lässt sie keine Sekunde aus den Augen): Das hat er in der Tat, meine Liebe.
Gretchen (räuspert sich umständlich): Und du bringst mir meinen Schal mit. Danke! Wie aufmerksam von dir! Und ich dachte schon, ich hätte ihn irgendwo liegen gelassen.
Mechthild (ihre Augen beginnen böse zu funkeln): Das hast du auch, mein Kind. Und weißt du auch, wo ich ihn gefunden habe?

Gretchen schluckte und zuckte zusammen. ... Oh Gott, sie weiß es! Dieser Blick! Sie wird mich umbringen! Wo zum Teufel steckt nur Alexis? Oder war das sein hinterhältiger Plan? Er lockt mich arglos hierher und seine Mutter erledigt die Drecksarbeit? Dieser feige Mistkerl! Er kann sich nicht mal selber die Hände schmutzig machen. Oh Gott, was rede ich denn da? Hilfe! Mehdi! Marc! Helft mir!

Frank ließ seine große Liebe nicht aus den Augen. In seinem Kopf ratterte alles durcheinander. Er wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits, mussten er und Lissy sofort fliehen. Denn Frau von Buren würde sie nicht einfach so davonkommen lassen. Andererseits, konnte er die Frau, die er über alles liebte, auch nicht mit dieser Irren alleine lassen. Er wusste ja, zu was Mechthild alles im Stande war. Dass sie Zeugen gerne von der Schippe springen ließ. Er musste handeln und zwar jetzt!

Das dachten sich auch Marc und Mehdi. Sie hatten einträchtig beschlossen, nicht mehr länger die Hufe still stehen zu lassen und wollten eingreifen. Der Halbperser stand entschlossen von seinem Platz auf, während Marc draußen gleichzeitig mutig sein Versteck verließ. Mit schnellen Schritten ging der Oberarzt auf das Restaurant zu und auch Frank im Gastraum näherte sich langsam Gretchens Tisch.

Dort wurde der Gesprächston gerade schärfer. Mechthild zeigte ihrer „Schwiegertochter“ nun unverhohlen ihr wahres Gesicht, was Gretchen sichtlich erschaudern ließ. Der verängstigten Ärztin fiel es immer schwerer, sich noch verstellen und die Ahnungslose spielen zu können.

Mechthild: Gretchen, jetzt tue doch nicht so! Ich weiß, dass du mit meinem angeblichen Sohn unter einer Decke steckst. Aber nicht mit mir!
Gretchen: Wie bitte? Ich weiß nicht, wovon du redest, Mechthild.
Mechthild (funkelt sie finster an): Ja, ja, mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Das nehme ich dir nicht mehr ab, Gretchen. So naiv bist du nicht. Du hast diese erpresserische Krankenschwester befreit. Dein Halstuch lag im Geheimgang der Bibliothek. Also, sag mir nicht, dass du nichts weißt. Und jetzt sitzt du hier, tust so arglos, spielst die naive, dauerlächelnde Blondine und planst nebenbei mit diesem Betrüger eure Flucht. Ich werde das nicht zulassen. Die Beweise werden alle auf ihn deuten, dafür werde ich sorgen. Ihr werdet euch nirgendwo sicher fühlen können.
Gretchen (blickt sie sichtlich schockiert an, aber bewahrt Contenance, als sie sich dann doch nach kurzem Zögern offenbart): Wir planen hier gar nichts. Und überhaupt... Ich werde nirgendwo mit ihm hingehen. Alexis ist ja sogar jetzt noch zu feige, mir ins Gesicht zu sagen, dass er mich die ganze Zeit angelogen und betrogen hat. Wahrscheinlich ist er schon längst über alle Berge. Also lass mich bitte in Ruhe! Ich habe damit überhaupt nichts zu tun und will es auch nicht.

Frank - immer noch versteckt hinter einer Palme - schreckte zurück, nachdem er den Worten seiner Angebeteten gelauscht hatte. Fassungslos starrte er in Lissys ebenso schockiertes Gesicht. Gretchen wusste also alles, die ganze Zeit, und hat sich nichts anmerken lassen! Das war das Ende. Er hatte sie verloren, resignierte er.

Frau von Buren wurde derweil immer ungehaltener. – „Er heißt nicht Alexis! Aber das scheinst du ja bereits zu wissen.“ Gretchen wurde immer unruhiger und blickte sich flehend um. Wo blieben nur ihre Retter? Deshalb war sie auch unaufmerksam und bemerkte nicht gleich die unmittelbare Gefahr. Denn Mechthild bedrohte sie nun unverhohlen. – „Und deshalb glaube ich dir kein Wort, Kindchen. Ich habe eine Waffe in meiner Tasche und ich werde nicht zögern, sie auch zu benutzen. Du wirst jetzt langsam mit mir zusammen das Lokal verlassen. Dann werden wir mal sehen, wie dein Frank darauf reagieren wird. Denn niemand legt sich ungefragt mit Mechthild von Buren an. Niemand!“, schrie sie ihrem entsetzten Gegenüber ihren Hass entgegen.

Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und packte Gretchen grob am Arm, um sie hochzuziehen. Natürlich ohne Aufsehen zu erregen. Die anderen Gäste im Lokal bekamen von alldem nichts mit. Gretchen war wie gelähmt vor Angst. Ihr blieb keine andere Wahl, als Mechthild zu folgen. ... Hilfe! Wo bleibt denn nur Mehdi? Mach doch endlich was! ... Doch in dem Moment ging alles plötzlich ganz schnell. Bevor Mehdi überhaupt reagieren konnte, kam Frank aus seinem Versteck hervorgeschossen und stellte sich der alten Hexe in den Weg. - „Lass sie los! Gretchen hat mit der ganzen Geschichte nichts zu tun. Du willst mich? Also, hier bin ich! Bringen wir es endlich hinter uns!“

Gretchen blickte überrascht auf ihren „Mann“, der sich zur Bestürzung seiner schockierten Schwester, die von Dr. Kaan zurückgehalten wurde, mutig zwischen sie und Mechthild geschoben hatte. ... Er ist noch da? Aber... ich dachte... Entschlossen schaute Frank seiner großen Liebe in die vor Angst geweiteten Augen. Der Moment der Wahrheit war endlich gekommen, auch wenn der Zeitpunkt dafür mehr als ungünstig gewählt war.

Frank: Gretchen, ich liebe dich, das musst du mir glauben. Ich wollte dir immer die Wahrheit sagen. Immer. Aber irgendwann war der passende Moment vorbei, wenn es den überhaupt je gegeben hat. Ja, ich war feige. Ich habe dich angelogen. Die ganze Zeit. Ich habe dir etwas vorgemacht. Aber nicht, weil ich mir irgendeinen Spaß mit dir erlauben wollte. Ich bin da so reingerutscht. Genauso zufällig und unerwartet, wie wir uns begegnet sind. Ich bin nicht der tolle Millionär Alexis von Buren. Mein richtiger Name ist Frank Muffke. Mit Doppel-F. Um dir die Umstände zu erklären, wie meine Schwester und ich in diese ganze Geschichte hineingeraten sind, fehlt mir hier die Zeit. Aber eins musst du mir glauben, Sternchen, mit meinen Gefühlen für dich war ich immer ehrlich. Ich habe mich in dich verliebt. Du hast mich bezaubert. Vom ersten Moment an. Du hast mich dazu gebracht, ein besserer Mensch werden zu wollen. Ich war endlich wieder ich.
Gretchen (will etwas dazu sagen, aber wird von Mechthild wieder am Arm gepackt u. von Frank weggezogen): Und was ist mit mir? Du hast mein Märchen kaputtgemacht, du Idiot.
Frank (rückt den beiden hinterher, die fast den Ausgang erreicht haben, u. stellt sich ihnen in den Weg): Ich weiß und ich wünschte, ich könnte es wieder rückgängig machen. Es tut mir unendlich leid. Ich habe dich nie in Gefahr bringen wollen. Ich habe dich immer geliebt und ich werde dich immer lieben, egal was heute noch passieren wird.

Frank und Gretchen schauten sich tief in die Augen, während Mechthild nur Verachtung für die beiden übrighatte und das rührige Schauspiel endlich ein für alle Mal zu Ende bringen wollte.

Mechthild: Oh, wie rührend! Der arme Schwindler hat ein Gewissen. Das wird dir nichts nützen, mein Lieber. Ich habe die Villa so präpariert, dass alle Hinweise darauf deuten, dass du meinen Sohn umgebracht und seine Identität gestohlen hast. In diesem Moment durchsucht die Kripo bereits das Haus und wird auf ein paar interessante Indizien stoßen. Ein anonymer Anrufer hat ihnen nämlich einen Tipp gegeben. Bei deiner Flucht sind dir ein paar entscheidende Fehler unterlaufen, Frank. Du hast die Tür zum Geheimgang offengelassen. Die Kripo wird dort die Leiche meines Sohnes finden. Mit deinen Fingerabdrücken darauf. Was man mittlerweile mit der heutigen Technik so alles bewerkstelligen kann? Faszinierend! Dabei habt ihr euch doch nie kennengelernt. Aber das wird dir niemand beweisen können. So wie man mir auch nichts nachweisen werden wird. Ich bin nur eine arme, alte, blinde, betrogene Frau. Ich habe in den letzten Wochen meine Medikamente nicht genommen. Bin daher etwas verwirrt. Wie hätte ich da erkennen können, dass der Mann, der mit seiner Braut in meinem Haus lebt, nicht mein Sohn ist?

...offenbarte die alte Dame nun ihren finsteren Plan und lachte dabei über das ganze Gesicht. Es war ein höhnisches Lachen. Angsteinflößend. Triumphal. Denn sie wusste, damit hatte sie den Gauner endgültig in der Hand. Und sie hielt ja auch noch Gretchen in ihrer Gewalt. Und die war sichtlich schockiert. Irgendwie glaubte sie Frank, dass er nur durch widrige Umstände in diese ganze irre Geschichte hineingeraten war, aus der es nun keinen Ausweg mehr gab. Sie spürte, dass er es ehrlich meinte, als er gesagt hatte, dass er sie liebte und ihr nie etwas Böses gewollt hatte. Aber wie konnte sie ihm jetzt noch helfen? Sie war es doch, die festgehalten und mit einer Pistole bedroht wurde. Mit Tränen in den Augen rief sie ihm zu, dass sie ihm verzieh, und forderte ihn auf, zu gehen. Doch Frank Muffke rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt den Ausgang immer noch versperrt. Er würde sie jetzt nicht im Stich lassen. Diesmal würde er alles richtigmachen. Für sie! Die Liebe seines Lebens!

Gretchen: Hau ab! Du musst fliehen! Ich komm schon irgendwie klar.
Frank (schüttelt entschieden den Kopf): Nicht ohne dich, Gretchen!
Gretchen (weint immer mehr u. drängt ihn zu gehen): Ich kann nicht. Bitte geh! Die Polizei kann jeden Moment hier sein.
Hoffe ich. Marc oder Mehdi werden doch etwas unternommen haben, oder?
Frank (versucht, vergeblich an sie heranzukommen): Ich geh nicht ohne dich!
Mechthild (lässt den Möchtegernhelden nicht zu ihrer Geisel u. zieht die Pistole aus ihrer Handtasche, mit der sie nun auch unverhohlen auf ihn zielt): Hier geht niemand irgendwohin! Habt ihr verstanden? Ich habe eine Pistole, wie du sehen kannst. Ich muss mich schützen. Schließlich bin ich einem Betrüger und Mörder aufgesessen. Und in meinem Alter, mit meiner zittrigen Hand kann sich leicht ein Schuss lösen. Notwehr, wenn du verstehst. Aber dummerweise stand das Blondchen im Weg.

Diese unverhohlene, gegen seine Geliebte gerichtete Drohung war das Zeichen für Frank, nicht mehr länger zu zögern. Zum Entsetzen seiner kleinen Schwester rannte er auf die irre Geiselnehmerin zu, die damit nicht gerechnet hatte. Er schupste Gretchen unsanft zur Seite, die von Mehdi und Lissy aufgefangen wurde, die wohl geahnt hatten, was er vorhatte, und ihm zu Hilfe geeilt waren. Es kam zu einem heftigen Gerangel. Frank wollte der Alten die Waffe entreißen. Diese hielt sie entschlossen fest. Dabei löste sich plötzlich ein Schuss. Und allesamt sanken zu Boden. Panik brach aus. Die Gäste, die bis eben nicht geahnt hatten, was in der Nische am Fenster vor sich gegangen war, sprangen hektisch durcheinander, stießen Tische und Stühle um und stürmten kopflos aus dem Lokal. Zurück blieben nur zwei entsetzte Kellner mit ihren Tabletts, von denen langsam die gefüllten Gläser herunterrutschten, und die Küchenmannschaft, die, durch die sonderbaren Geräusche im Gastraum aufgerüttelt, aus der Schwenktür hinausschauten und nun völlig fassungslos auf die fünf Personen am Boden blickten, die sich nicht mehr rührten.

Lorelei Offline

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22.07.2016 13:35
#13 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Zur selben Zeit vor dem Restaurant

Nachdem sich Marc mit Mehdi am Telefon hektisch beraten hatte, wollte er gerade über die Straße zum Restaurant stürmen, um ihm zu Hilfe zu eilen, wurde aber plötzlich von mehreren Männern in Schwarz daran gehindert, die mit einem Mal wie aus dem Nichts von allen Seiten herbeigeeilt waren. Er wehrte sich heftig gegen den Polizeigriff, mit dem er festgehalten und unsanft zu Boden gedrückt wurde. - „Ey, was soll das? Ich muss da rein, verdammt noch mal! Meine Freundin ist in Gefahr.“ - „Eben drum, Herr...?“ – „Meier. Dr. Marc Meier.“ - „Deswegen sind wir hier, Dr. Meier.“ Erst jetzt erkannte der irritierte Chirurg, dass es bewaffnete SEK-Beamte waren, die um das Berliner In-Lokal in Stellung gingen. Man ließ ihn los, nachdem klargeworden war, dass der Oberarzt keine kopflose Aktion mehr vorhatte. - „Wir haben einen Anruf aus dem Elisabethkrankenhaus erhalten mit dem Hinweis, dass hier möglicherweise gerade eine Geiselnahme oder Ähnliches stattfinden könnte. Unsere Datenbank ist bei einem der genannten Täternamen angesprungen.“ - „Gott sei Dank, Schwester Sabine!“, murmelte Marc nur völlig erleichtert und hielt sich die Hand vor den Mund. ... Dass ich das mal sagen würde. Gut, hat ja keiner weiter gehört! - „Na dann machen Sie doch endlich was! Die sind da schon viel zu lange drin“, pöbelte Dr. Meier ungehalten, als er bemerkte, wie untätig die Beamten um ihn herumstanden und das Gasthaus lediglich observierten. Im selben Moment fiel im Inneren des Hauses plötzlich ein Schuss und er wurde von dem leitenden Kommissar, der seine Pistole aus dem Holster zog, aus Sicherheitsgründen hinter den geparkten Autos zu Boden gerissen.

Doch Marc, bei dem das Herz für eine Sekunde ausgesetzt hatte, rappelte sich sofort wieder hoch und stieß den Polizisten, der ihn festhielt, unsanft zur Seite. - „Neeeeeeeiiiiinnnnnn!!! Haasenzahn?“, schrie er vor lähmender Angst und rannte von dem Adrenalinstoß angetrieben, der seinen Körper durchzuckt hatte, wie in Zeitlupe zum Restauranteingang, aus dem nun zahlreiche Gäste panisch herausströmten und ihm den Weg versperrten. Mühsam verschaffte er sich Zugang zu dem Lokal und schubste die verängstigten Menschen barsch zur Seite. Als kein weiterer Schuss fiel, stürmten auch die Beamten mit gezückten Pistolen den Gastraum, in dem sich Dr. Meier bereits beunruhigt nach allen Seiten umblickte und schließlich erstarrte. Sein Gretchen, dieser Alexis und Frau von Buren lagen bewegungslos am Boden. Alles war voller Blut. So viel Blut! Eine riesige Hand griff nach seinem Herzen und drückte es schmerzhaft zusammen, sodass er nicht gleich alle Eindrücke auf einmal realisieren konnte. Mehdi kontrollierte gerade die Vitalzeichen der am Boden liegenden Personen. Marc hörte nur seine vertraute sonore Stimme und sein Herz blieb abrupt stehen. - „Sie ist tot!“

Marc wollte es nicht hören. Er konnte es nicht glauben. Er packte seinen Freund an den Schultern, schüttelte ihn mit aller Kraft, die er noch im Stande war, aufzubringen, und schrie ihn voller Verzweiflung und Schmerz an. Mehdi verstand gar nicht gleich, was mit ihm gerade geschah, weil er aus Pietätsgründen ein Tischtuch über den Leichnam gelegt hatte. – „Nein! Das kann nicht sein! Das darf nicht sein! Ich liebe dich doch! Gretchen!!!“ Dann sank der verzweifelte Mann zu Boden und brach in Embryohaltung neben der schönen Ärztin zusammen. In dem Moment schlug Gretchen ihre müden Augen wieder auf und richtete sich abrupt auf. – „Was hast du gerade gesagt?“ Für Marc war der Klang ihrer lieblichen, einzigartigen Stimme wie eine Erlösung. Ein Stromstoß erfasste seinen schockgelähmten Körper und er öffnete seine tränennassen Augen und hielt sich fassungslos die Hand vors Gesicht. Ihm war schlecht. Das Blut rauschte nur so in seinen Ohren. Sein Verstand trieb ein fieses Spiel mit ihm. Sie war lebendig? Aber wer lag dann unter der hässlichen geblümten Tischdecke? Es war ihm egal, denn plötzlich erfasste ihn eine unbändige Wut. Er sprang mit einem Satz auf und packte Mehdi grob am Schlafittchen, der überhaupt nicht verstand, wieso Marc auf einmal so sauer auf ihn war. Er hatte doch nur erste Hilfe geleistet und egal, was gerade Furchtbares passiert war, auch die Tote hatte den nötigen Respekt verdient, vor Schaulustigen geschützt zu sein, ehe die Polizei diese Aufgabe übernahm. Aber beim Blick in Marcs geschocktes Gesicht realisierte der Halbperser, was in dem völlig verstörten Chirurgen in den letzten Minuten vorgegangen sein musste. Ihm würde es vermutlich ähnlich mies gehen. Denn das war wirklich knapp gewesen und auch er war heilfroh, dass Gretchen nichts passiert war. Bis auf den ersten Schock, der sie ihre Augen für einen Moment hatte schließen lassen.

Marc: Was? Gretchen? Oh Gott, scheiße, Mehdi, ey, wie kannst du sagen, dass sie tot ist?
Mehdi (schaut perplex zu Gretchen u. dann Marc in die vor Angst geröteten Augen): Ähm, ich hatte nicht sie gemeint, du Idiot! Frau von Buren, sie...

Jetzt hatte es auch Dr. Meier endlich kapiert und er beugte sich zu Gretchen herunter, um ihr aufzuhelfen. Dankbar ergriff sie seine Hand. Denn sie zitterte am ganzen Leib. Mehdi legte ihr liebevoll seine Jacke um die Schultern.

Marc: Alles ok?
Gretchen (fasst sich an ihr Herz u. traut sich nicht zur Seite zu schauen): Den Umständen entsprechend. Man wird ja nicht jeden Tag als Geisel genommen und fast erschossen. Ihr hättet ruhig auch mal eher eingreifen können.

Erst als sie es ausgesprochen hatte, fiel es ihr auf und sie drehte sich abrupt herum, musste aber von Marc und Mehdi gehalten werden, weil sie leicht schwankte. Der Kreislauf.

Gretchen: Was ist mit Alexis?
Mehdi: Streifschuss am Bein. Fleischwunde. Muss genäht werden. Ich habe schon einen Krankenwagen gerufen.

Unter den fassungslosen Blicken der beiden Oberärzte wollte Gretchen schon zu dem Mann gehen, der mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Wand lehnte und von seiner besorgten Schwester und einem Kellner versorgt wurde, aber der Einsatzleiter des SEK, der mit seinen Kollegen den Rundgang durch die Räumlichkeiten beendet hatte, hielt die aufgeregte Blondine von ihrem Vorhaben ab.

SEK: Ok, junge Dame? Was ist hier genau passiert?
Marc (stellt sich schützend vor Gretchen): Ey, die Frau steht unter Schock. Können Sie das nicht später machen?
SEK (blickt Marc entschieden an u. dann zu dem verletzten Frank rüber, der Gretchens Blicken schuldbewusst ausweicht): Dr. Meier, es gibt eine Tote, einen Verletzten und jede Menge aufgebrachte Menschen um uns herum. Je eher wir wissen, was hier los war, desto eher können wir den Schuldigen zur Verantwortung ziehen.
Marc (fährt ihn ungehalten an u. deutet auf Alexis): Ja, dann machen Sie doch Ihre verdammte Arbeit! Das kann doch nicht so schwer sein. Da sitzt das Arschloch doch. Bringen Sie ihn endlich hinter schwedische Gardinen und schmeißen sie den Schlüssel weg!
Mehdi (versucht, seinen aufgebrachten Kumpel zu beruhigen): Marc!
Marc (gestikuliert wild mit seinen Armen in der Luft herum): Ja, ist doch wahr.
Gretchen (weiß selber nicht, was sie gerade tut): Er hat mit der Sache nichts zu tun, Herr Kommissar.
Marc (traut seinen Ohren kaum, schiebt Mehdi zur Seite u. zieht Gretchen im Flüsterton zu sich heran): Was? Spinnst du? Natürlich ist er für die ganze Scheiße hier und für noch viel mehr verantwortlich.
SEK: Wie meinen Sie das?

Die unbedacht geäußerten Worte des aufgebrachten Mediziners ließen auch den leitenden Ermittler aufhorchen. Er wechselte vielsagende Blicke mit seinen Kollegen, während Gretchen ihre Hand auf Marcs Schulter legte und ihren ungehaltenen Oberarzt mit einem bösen Blick in die Schranken wies. ... Halt die Klappe, Marc! Bitte! Ich weiß, was ich tue. ... Frank hatte sich derweil von seiner Schwester aufhelfen lassen und humpelte auf seine große Liebe zu, die ihn offenbar gerade begann zu verteidigen, was er überhaupt nicht verdient hatte.

Frank: Gretchen, nein! Du musst das nicht tun!
Gretchen (schaut ihm besorgt in die Augen): Doch, ich muss das tun. Das bin ich dir schuldig. Du hast mir gerade das Leben gerettet. Und jetzt rette ich deines.
Marc (glaubt sich gerade im falschen Film u. geht den Gauner wütend an): Was? Halt dich von ihr fern oder ich vergesse mich!
SEK (stellt sich dem aufgebrachten Oberarzt in den Weg, winkt einen Kollegen heran u. widmet sich dann wieder der jungen Frau, die offenbar eine Aussage machen möchte): Dr. Meier! Beruhigen Sie sich! Lassen Sie uns unsere Arbeit machen! Frank Muffke, so lautet doch Ihr richtiger Name, nicht? Sie sind vorläufig festgenommen. Und Frau Doktor Haase, können wir uns jetzt unterhalten?
Franz (ignoriert seinen ewigen Konkurrenten um Gretchens Herz u. hängt gefesselt an Gretchens ziemlich entschlossenen Blick, während er von einem Beamten festgenommen u. in einen Nebenraum geführt wird): Du bist mir überhaupt nichts schuldig, Sternchen.

Gretchen lächelte nur vielsagend. Sie wandte sich ab und nickte dem Polizisten zu, mit dem sie sich nun an einen der freien Tische setzte, um ihm detailliert ihre Sicht der Ereignisse zu schildern. Marc schaute seiner Kollegin nur völlig entgeistert hinterher und suchte mittels Blickkontakt Rat bei seinem besten Freund, der auch nur mit den Schultern zucken konnte und dann einem anderen Beamten zur Befragung an einen anderen Tisch folgte, wo bereits die Aussagen der Angestellten des Restaurants aufgenommen wurden.

Ich fasse es nicht. Der bescheißt und entführt sie und sie gibt ihm noch ein Alibi!?! Haasenzahn hat sie doch nicht mehr alle. Sie hat doch was auf den Kopf gekriegt. Sobald wir alleine sind, mach ich von ihrem Dickschädel ein CT.

Nachdem die ersten Befragungen sich schnell erledigt hatten, kümmerte sich Mehdi wieder um den verletzten Frank, dessen Schusswunde erneut zu bluten begonnen hatte, und brachte ihn anschließend in Begleitung eines Polizeibeamten zum Krankenwagen, der bereits vor dem Restaurant wartete. Marc, der alles stillschweigend und grummelnd beobachtet hatte, nachdem auch er einige Angaben gemacht hatte, war immer noch hochgradig geladen und ging ihnen schließlich nach. Als die Trage von dem Rettungsassistenten in den Wagen gehievt wurde, sprang er ebenfalls hinterher und packte den perplexen Patienten am Kragen seines weißen Designerhemdes und zog ihn ruppig von der Barre hoch. Gordon, Franks Schwester und der Polizist wollten eingreifen, aber Mehdi beruhigte sie mit eindringlicher Stimme. Und so wartete man nun ungeduldig vor dem RTW, bis Dr. Meier mit Gretchens Nicht-mehr-Mann fertig war.

Marc: Ich mach dich fertig, wenn du auch nur einmal wieder in ihre Nähe kommst. Hast du verstanden, du Gauner? Ich weiß nicht, was sie gerade vorhat und wieso sie dich Schwein in Schutz nimmt, aber ich packe aus, wenn du sie nicht in Ruhe lässt! Das schwöre ich dir.
Frank (reagiert ungewöhnlich gelassen auf die verdiente Ansage): Passen Sie gut auf sie auf! Sie ist etwas ganz Besonderes. Gretchen ist eine wunderbare Frau, die es verdient hat, jeden Tag auf Händen getragen zu werden. Ich hatte sie nicht verdient. Sie im Übrigen auch nicht, aber wir wissen beide, sie hat nun mal unverständlicherweise einen Narren an Ihnen gefressen. Mir war von Anfang an klar, dass sie mich nicht so liebt wie ich sie, aber die wenige Zeit, die wir zusammen verbringen durften, war die schönste Zeit in meinem Leben. Jetzt liegt es an Ihnen, sie glücklich zu machen.

Marc war sichtlich überrascht und überrumpelt von Franks ungewohnt versöhnlichen Worten und so ließ er ihn schließlich wieder los und Mehdi übernahm seinen Platz. Er nickte ihm zu und sein Freund stieg, ohne zu murren, wieder aus dem RTW. Die Wagentüren wurden geschlossen und der irritierte Oberarzt konnte nur noch dem abfahrenden Krankenwagen und dem Begleitpolizeiwagen hinterhersehen. Er blieb auf der Terrasse des Restaurants stehen, in dem es mittlerweile nur so vor Beamten und Leuten von der Spurensicherung wimmelte, und zündete sich eine Zigarette an. Er schüttelte den Kopf, während er den Rauch in den sternenklaren Nachthimmel blies. - „Was für ein Penner!“

Aber Recht hat er schon irgendwie. Wenn ich sie nicht hätte gehen lassen, wäre sie gar nicht erst in diese ganze Scheiße hineingeraten. Aber wer hätte denn auch ahnen können, dass das arrogante Arschloch ein verdammter Verbrecher ist? Obwohl, geheuer war mir der schleimige Kerl noch nie. Wie der sich angezogen hat und dieses ganze neureiche Getue. Pff! Die Amnesie damals hat er vermutlich auch nur vorgespielt, um Haasenzahn ins Bett zu kriegen. Pflegefälle waren doch schon immer ihr Ding.

Nach etwa einer halben Stunde verließ auch Gretchen endlich das abgeriegelte Berliner In-Lokal, das es heute Abend mit einer ziemlich irren Geschichte unrühmlich in die Hauptstadtnachrichten geschafft hatte. Sie bemerkte Marc auf der Terrasse, der anscheinend mit sich selbst Gespräche führte und gar nicht gleich registrierte, wie sie langsam näherkam und sich schließlich zu ihm gesellte.

Gretchen: Führst du neuerdings Selbstgespräche? Ich dachte immer, nur ich hätte diese alberne Angewohnheit.
Marc (zuckt ertappt zusammen, schmeißt die Kippe achtlos über die Balustrade u. vergräbt seine Hände tief in seinen Manteltaschen): Nee, ich... ich habe nur äh... eine Notiz auf mein Handy gesprochen, was ich morgen noch alles erledigen muss. OPs und so ein Kram.
Gretchen (nickt wissend): Ach so? Aber du hast doch gar kein Handy in der Hand.
Marc (kneift die Augen zusammen u. ärgert sich über sich selbst): Hab ich gerade eingesteckt.
Gretchen (grient ihn von der Seite an): Kann ich es mal sehen?
Marc (wirbelt den Kopf herum u. schaut sie ungläubig an): Ey, du willst jetzt nicht ernsthaft mein Telefon sehen, Haasenzahn?

Er hat Haasenzahn gesagt! Danke! Das beruhigt mich irgendwie. Was für ein Abend! Ich kann das alles immer noch nicht glauben.

Gretchen (schüttelt den Kopf u. starrt wieder gedankenverloren geradeaus): Eigentlich nicht.
Marc (hat keine Ahnung, was er mit ihr reden soll u. guckt auch geradeaus auf das Nachbargrundstück, wo sich einige Schaulustige u. Vertreter der Presse versammelt haben, um das Treiben der Polizei im Restaurant zu beobachten): Hm!
Gretchen (ist ebenso unsicher, wie sie mit ihm umgehen soll u. zögert, ihn zu fragen): Duuu, Marc?
Marc (dreht sich wieder zu ihr herum u. blickt ihr direkt in die Augen): Ja? Ist was? Ist dir ähm... kalt? Soll ich...?
Gretchen (lächelt schüchtern u. lässt sich von ihm unbeholfen den blauen Kurzmantel um die Schultern legen): Ein bisschen. Kannst du... also, könntest du mich bitte nach Hause fahren? Ich bin auf einmal so schrecklich müde.
Marc (lächelt u. ist froh, endlich etwas tun zu können): Gerne! Komm!
Gretchen (will gerade nach seiner Hand greifen, aber hält plötzlich inne; Tränen schießen ihr unvermittelt in die Augen): Moment! Eigentlich habe ich ja jetzt gar kein Zuhause mehr. In der Villa ist die Polizei und ehrlich gesagt, hat es sich dort auch nie nach einem Zuhause angefühlt. Und zu meinen Eltern kann ich im Moment auch nicht. Oh Gott, meine Eltern! Die würden nur zu viele Fragen stellen. Das pack ich im Moment nicht.
Marc (räuspert sich umständlich): Willst du... ähm... vielleicht... mit... zu mir?
Gretchen (schaut ihm lange in die nervös hin und her huschenden Augen): Hm! Wenn ich darf? Nur die eine Nacht. Ich... ich kann jetzt nicht alleine sein.

Ohne ein weiteres Wort der Verständigung gingen die beiden zu Marcs Wagen, stiegen ein und fuhren los. Nach ein paar Minuten unangenehmen Schweigens versuchte der von der Situation sichtlich überforderte Chirurg, ein Gespräch in Gang zu setzen und stellte sich dabei ziemlich unbeholfen an. Denn als er wieder an die Geschehnisse der letzten Stunden zurückdachte, kam auch die Wut wieder hoch. - „Und ähm... was hast du den Bullen jetzt für eine Geschichte aufgetischt? Also, dass du das Arschloch jetzt auch noch in Schutz nimmst, das... Gretchen? Hey? Hörst du mir überhaupt zu?“ An einer Ampelkreuzung schaute Marc verunsichert zur Seite. Er musste lächeln. Denn Gretchen war mittlerweile eingeschlafen. Auf ihre beiden betenden Hände gestützt lehnte das bildhübsche, ihm zugewandte Gesicht am Beifahrersitz. Sie sah hinreißend aus. Mit ihren langen Wimpern. Den geschwungenen, erdbeerroten Lippen. Ihrem makellosen, elfengleichen Teint, den einige wenige Sommersprossen zierten, die er alle auswendig kannte. Unschuldig. Als könnte sie kein Wässerchen trüben. Als wäre vorhin nie etwas passiert. Aber dann hörte Marc in Gedanken wieder den Schuss und zuckte zusammen. Er wandte sich ab und versuchte, sich wieder auf den Verkehr zu konzentrieren.

Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt erreichten sie schließlich seine Wohnung an der Spree, aber das bekam Marcs besonderer Fahrgast schon gar nicht mehr mit. Haasenzahn war in einen tiefen, wohl verdienten Schlaf gefallen. Sie musste die Dinge, die geschehen waren, erst einmal verarbeiten. Das war selbst dem ungehobelten Klotz Marc Meier klar, als er lautlos die Autotür öffnete. Er hob seine kostbare Fracht vorsichtig vom Sitz, schloss den Volvo ab und trug sie in seine Erdgeschosswohnung. Sanft legte er sie auf sein Bett, zog ihr die Pumps aus und deckte sie liebevoll zu. Er konnte sie jetzt nicht alleine lassen und hockte sich neben das ungewöhnlich rund geformte Bett und schaute das wunderschöne Dornröschen lange Zeit einfach nur an. Erst zögerte er, dann strich er mit seiner Hand sanft über ihr goldenes, samtig weiches Haar, das ihr Gesicht wie in einem Gemälde umrahmte, dann wurde er mutiger und streichelte über ihre leicht gerötete Wange. Ihre süßen Lippen kräuselten sich zu einem zarten Lächeln, doch Gretchen Haase schlief weiter tief und fest den Schlaf der Gerechten.

Der verliebte Chirurg lächelte und hörte nicht auf, sie zu betrachten und ihrem rhythmischen Atem zu lauschen. Erst nach über einer Stunde rührte er sich wieder, als er das vertraute Piepen seines Handys im Nebenzimmer bemerkte. Er stand auf, streckte seine verspannten Glieder, rückte Gretchens Decke noch einmal liebevoll zurecht und ging dann ins Nebenzimmer. Die Schlafzimmertür ließ er nur angelehnt, falls etwas sein sollte und seine Assistenzärztin ihn bräuchte. Er zog sein Handy aus seiner Jackentasche und schaute aufs Display. Mehdi hatte ihm eine Sms geschrieben und gefragt, ob Gretchen und er okay seien. Er antwortete ihm schnell und legte sich dann auch endlich schlafen. Im Wohnzimmer. Auf der Couch. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Marcs Gedanken kreisten unentwegt um das Erlebte und darum, was das alles jetzt zu bedeuten hatte. Er blieb hellwach. Fast die ganze Nacht. Er musste schließlich den Schatz, der in seinem Schlafzimmer friedlich ruhte, beschützen. Und diesmal würde er richtig aufpassen, damit die ungekrönte Chaosqueen nicht unbedacht in das nächste Fettnäpfchen latschte, das bestimmt schon irgendwo auf sie lauerte.

Lorelei Offline

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28.07.2016 14:27
#14 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Am nächsten Morgen wachte Gretchen Haase als Erste auf. Sie fühlte sich, als hätte sie Jahre nicht geschlafen, und wusste im ersten Moment nicht, wo sie eigentlich gerade war. Nur schemenhaft rückten die Ereignisse des vergangenen Tages wieder in ihre Erinnerung und plötzlich saß sie hellwach im Bett, von dem sie gar nicht wusste, wie sie überhaupt hineingekommen war. Aber damit würde sie sich später noch beschäftigen. ... Oh Gott, war das alles nur ein Traum? Ein fieser, böser Traum? Das war alles so absurd und surreal. Das konnte nur ein Traum gewesen sein. Aber wieso fühlt er sich dann so echt an? Warum tut es so verdammt weh? ... Die irritierte junge Frau blickte sich in dem ihr sonderbar bekannt vorkommenden Zimmer um und bemerkte erschrocken das Blut auf ihrem geblümten Sommerkleid. Sofort spürte sie ihr Herz wieder rasen. Wie gestern, als der Schuss gefallen war. Nein, das war kein böser Albtraum, musste sich Gretchen letztlich schmerzlich eingestehen, es war bittere Realität gewesen. Sie sah ihr Leben in einem riesigen Scherbenhaufen: Sie hatte Hals über Kopf einen Betrüger geheiratet, der sie zwar so liebte, wie sie es sich immer von einem Mann gewünscht hatte, der ihr aber eine falsche Identität vorgespielt hatte. Monatelang. Ihr Aschenputtelmärchen, das so wunderschön und aufregend begonnen hatte, war eine einzige Lüge gewesen. Nichts davon war echt. Alexis, oder Frank, wie auch immer, hätte ihr vermutlich nie etwas gesagt, wenn das gestern nicht alles passiert wäre. Augenblicklich schossen Gretchen die Tränen in die Augen und sie schlug sich die Hände vors Gesicht.

Durch Gretchens heftiges Schluchzen und Wimmern wurde auch Marc im Wohnzimmer aufgeschreckt, der irgendwann gegen Morgen todmüde auf seiner Couch eingenickt war. Sofort sprang er auf, stolperte ungelenk über seine wild im Raum verteilten Klamotten, rappelte sich schimpfend wieder auf und rannte, wie von der Tarantel gestochen, ins angrenzende Schlafzimmer, wo er das heulende Elend in einem erbärmlichen Zustand vorfand. Besorgt ging er neben dem Bett in die Knie und fragte vorsichtig nach, ob denn alles mit ihr in Ordnung sei. Von heftigem Schluckauf begleitet, sah die blonde Ärztin schließlich auf und schüttelte aufgewühlt den Kopf. Sie konnte sich nicht beruhigen. Es ging einfach nicht. Nicht einmal Marcs äußerst leckerer Anblick, nur in schwarze Boxershorts gekleidet, über die er jetzt schnell anstandshalber eine Jeanshose und sein marineblaues M-Shirt zog, konnte sie von ihrem Kummer ablenken. Es brach förmlich aus ihr heraus...

Gretchen: Nichts ist in Ordnung, Marc. Mein ganzes Leben liegt in Trümmern. Warum muss ich auch immer an solche Typen geraten? Habe ich irgendetwas an mir, dass sie anzieht wie das Licht die Motten? Erst Peter, der mich vor unserer Hochzeit mit der zwanzigjährigen Sprechstundenhilfe betrogen hat, weil er sich noch irgendwas beweisen wollte. Pff! Beweisen? Was auch immer Männer damit meinen? Dann Mehdi, bei dem ich mich immer sicher gefühlt habe, der mich dann aber für eine Edelprostituierte verlassen hat. Gut, das wusste er damals noch nicht, aber trotzdem hat er sein Pflichtbewusstsein seiner gelähmten Frau gegenüber vor unsere junge Liebe gestellt. Und dann kamst...

Abrupt hörte Gretchen auf, zu sprechen, denn sie hatte die immer größer werdenden dunkelgrünen Augen registriert, die sie gespannt im Ameisenblickmodus taxierten, ehe deren Besitzer auf seine bekannt „liebenswürdige“ Art ihren Worten zuvorkam...

Marc: Na, was kommt jetzt? Was habe ich alles getan und verbrochen? Dich betrogen, immer wieder weggestoßen, ausgelacht, beleidigt, schikaniert, gedemütigt und tausendmal verletzt? Lass dich ruhig aus! Ich bin ganz Ohr.
Gretchen (senkt beschämt ihren hochroten Kopf): Marc, das wollte ich nicht sagen.
Marc (zeigt mit dem Finger auf sie, bevor er sich kraftlos neben sie auf die Bettkante setzt): Hast du aber gedacht! Und vielleicht hast du damit ja auch Recht.
Gretchen (überrascht von seiner Selbsterkenntnis): Ich wollte eigentlich nur zusammenfassend sagen, dass mein bisheriges Leben ein Epos des Scheiterns ist.
Marc (grinst amüsiert): Du kannst ja mal meiner Mutter schreiben. Die ist immer auf der Suche nach neuem Stoff. Und nach dem Krimi gestern hör ich bei ihr schon wieder die Tasten tippen. Dr. Rogelt. Das Leben ist eine Baustelle oder vielmehr ein gewaltiges Epos des Scheiterns. Oder so?
Gretchen (muss auch kurz darüber schmunzeln, aber dann kommen die Bilder von gestern wieder hoch, die sie augenblicklich erschaudern lassen): Marc, kann man mit dir denn überhaupt kein ernsthaftes Gespräch führen? Ich schütte dir hier gerade mein Herz aus und du kannst nur Witze darüber machen.
Marc (lenkt geknickt ein): Okay, tut mir leid! Aber steigerst du dich da nicht schon wieder in was rein? So viel Scheitern ist das doch gar nicht. Immerhin bist du Ärztin geworden. Etwas hast du also richtiggemacht. Und überhaupt, sind, wenn schon, die anderen Schuld. Nicht du!
Gretchen (schaut ihn ungläubig von der Seite an): Wow, habe ich gerade richtig gehört? Marc Meier entschuldigt sich? Das war jetzt richtig lieb. Danke!
Marc (verdreht genervt die Augen): Ja, kannst mir ja einen Stempel ins Bienchenheft dafür geben!
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht nach Witzen zumute): Marc, du tust es schon wieder!
Marc (der Klügere gibt nach): Okay, ich halte ja schon die Klappe. Willst du Frühstück? Ich habe zwar nichts da, außer ein letztes Hanuta, aber ich könnte rüber in die kleine Bäckerei gehen und...
Gretchen (hält ihn auf u. legt ihre Hand an seinen Oberschenkel): Wie hast du das gerade gemeint, als du sagtest, dass ich vielleicht Recht habe?
Marc (guckt irritiert auf die radioaktive Hand, von der aus sich eine Hitzewelle ausbreitet, die ihm den Schweiß auf die Stirn treibt): Ähm... ich habe keinen Schimmer, was du meinst?
Gretchen (lässt die Hand wieder los u. sieht ihn nachdrücklich von der Seite an): Maaarc!
Marc (rollt genervt mit den Augen u. dreht sich zu ihr um): Ja, WAS? Was willst du denn noch hören? Dass ich ein Arsch bin, war, das weißt du ja schon, seitdem wir uns einen gemeinsamen Schulhof geteilt haben. Ein Macho, der sich hinter dieser oberflächlichen Fassade nur versteckt, um bloß keine bescheuerten Gefühle zeigen zu müssen. Ach ja, ich vergaß, Marc Meier ist ja gar nicht zu Gefühlen fähig. Der ist ja nur ein emotionsloser, unsensibler Chirurgenroboter.
Gretchen (kann sich ihr Grinsen nicht verkneifen): Mensch, Marc, du könntest durchaus auch als Psychologe durchgehen. Perfekte Psychoanalyse!
Marc (sein Blick verfinstert sich, als er den Spott in ihren himmelblauen Augen erkennt): Gretchen, ich versuche hier gerade ein ernsthaftes Gespräch zu führen, was du ja unbedingt wolltest, und jetzt wirfst du die Witzekanone an, oder was soll das?
Gretchen (lacht u. klimpert entschuldigend mit ihren langen Wimpern): Ich habe ja auch vom Meister gelernt.
Marc: Na prima, aber wenigstens kannst du wieder lachen, Haasenzahn. Diagnose, absoluter Tiefpunkt überwunden.

...seufzte Marc und schüttelte den Kopf, aber er freute sich auch, dass sie nach dem ganzen Irrsinn, der gestern passiert war, wieder heiter sein konnte. Das alte Gretchen, mit der man ungeniert flachsen konnte, ohne sich zurücknehmen zu müssen, war immer noch da. Und das ließ sein Herz deutlich höher schlagen, was ihn irritierte, aber nicht störte. Auch er lächelte jetzt verschmitzt in ihre Richtung. Und für einen kurzen Moment sagten beide gar nichts mehr und schauten sich einfach nur noch tief in die Augen. Ein spürbares Knistern lag in der Luft. Und dieses schürte auch gleich wieder Verunsicherung. Auf beiden Seiten. Es war schließlich Gretchen, die den intensiven Blickwechsel abbrach und der Stille ein Ende setzte und Marc damit ziemlich aus dem Konzept brachte.

Gretchen: Marc, du hast da gestern etwas gesagt, als ich am Boden lag. Hast du das ernst gemeint?
Scheiße! Mein bescheuertes und völlig unnötiges, peinliches Liebesgeständnis! Was für eine Scheiße ist da bloß in mich gefahren? Wo kam das her?
Marc (würde sich für diese Dummheit am liebsten selbst ohrfeigen): Was meinst du?
Gretchen (spürt seine Verunsicherung u. hakt weiter vorsichtig nach): Als du dachtest, ich sei tot. Ich würde es jetzt gerne noch mal hören.
Wie bitte? Mann, wieso war sie nicht ohnmächtig oder betäubt und unter Beruhigungsmittel gesetzt? Und wieso hat Mehdi, der Arsch, mich nicht aufgehalten? War ja klar, dass Haasenzahn mich damit festnageln würde.
Marc (versucht, sich ungeschickt herauszureden): Äh... nichts, also, da war... nichts und du warst ja auch noch benommen und... unter Schock. Da können einem die Sinne schon mal Streiche spielen. Ähm... ja, also, was ist jetzt mit Frühstück? Ich glaube, ich habe auch ein bisschen Hunger.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort u. hält ihn weiter in der Falle): Marc?
Marc (fühlt sich merklich unwohl neben ihr u. springt vom Bett auf, bevor sie nach seiner Hand greifen kann): Gretchen, müssen wir wirklich jetzt darüber reden? Es ist früh am Morgen, ich hatte noch keinen Kaffee und keine Zigarette und ich habe auch noch nicht geduscht. Willst du zuerst ins Bad? Dann besorg ich währenddessen erst mal Brötchen oder willst du lieber Schokohörnchen? Nach dem ganzen Chaos gestern bist du bestimmt unterzuckert. Fünf Stück sind doch die Norm bei dir, oder?
Wieso... wieso kann er es immer noch nicht zugeben? Ich spüre doch, dass ich ihm etwas bedeute. Er hatte Angst um mich.
Gretchen (taxiert den sich windenden Mann, der jedem ihrer durchbohrenden Blicke überfordert ausweicht): Marc? Du weichst mir schon wieder aus.
Marc (in seiner Hilflosigkeit hat er nur eine Wahl, die Flucht nach vorn, raus aus dem Zimmer, aber sofort): Ich bin dann gleich wieder da. Handtücher sind in dem Regal neben der Badtür. Du kommst zurecht? Na, klar, ich vergaß, du warst ja auch schon mal hier. Ich würde dir aber empfehlen, diesmal die Klamotten vorher auszuziehen.
Gretchen (schreit ihm hinterher, als er schon fast zur Tür hinaus ist): MARC! Wenn du jetzt gehst, dann bin ich weg.

Fuck!

Marc (kehrt reumütig zurück u. schaut verunsichert wieder zur Tür herein): Okay? Gretchen, was willst du denn noch von mir hören, hm? Dass ich ein verdammter Idiot bin, der die Zähne einfach nicht auseinanderkriegt? Ich bin ein Mann, wir haben es nun mal nicht so mit Reden und dem ganzen Gefühlsgedöns und so. Wir handeln lieber.
Gretchen (bleibt auf dem Bett sitzen u. schaut ihn mit großen verständnislosen Augen an): Handeln?
Marc (verdreht genervt die Augen, weil sie’s nicht verstehen will): Na, ich meine, also...
Gretchen (enttäuscht, weil er es immer noch nicht zugeben kann, was doch offensichtlich ist): Wenn es dir so schwerfällt, es mir zu sagen, dann kann es dir ja auch nicht so wichtig sein.
Marc (schmeißt frustriert die Arme in die Luft u. starrt sie ungläubig an): Gretchen, du machst mich wahnsinnig, weißt du das eigentlich?
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor der Brust): Oh ja, das ist es, was Frauen hören wollen. Dass man wahnsinnig ist. Danke auch, du Idiot!
Marc (fährt sich verzweifelt mit den Händen durch die Haare u. pampt die vorlaute Göre an): Kannst du nicht einmal deine Quasselschnute halten, wenn ich dir etwas zu sagen habe? Geht das?
Gretchen (reagiert zickig auf seine harsche Ansage): Bis jetzt kam ja auch noch nichts Brauchbares aus deinem Mund.
Marc (stöhnt entnervt auf): Boah, Haasenzahn! Soll das ewig so weitergehen mit uns? Ich habe da echt keinen Bock mehr drauf, wenn du alles immer gleich in den falschen Hals kriegst.
Gretchen (lenkt schmollend ein u. schenkt ihm dann doch ihre ganze Aufmerksamkeit): Schon gut, Marc, ich halte ja schon meinen Mund. Also, was willst du mir denn nun sagen?

Marc zögerte einen langen Moment, dann gab er sich schließlich einen Ruck und trat doch wieder ins Zimmer. Er ging am Bett vorbei, ohne Gretchen anzusehen, und lehnte sich mit dem Rücken an den Fensterrahmen, an dem er sich nun mit beiden Händen festhielt, bevor er langsam und mit Bedacht begann zu sprechen. Ehrlich gesagt, wusste er nicht so richtig, wo und wie er anfangen sollte. Aber als er sich dann doch traute, Gretchen direkt anzusehen, die ihn mit ihren wunderschönen himmelblauen Augen gespannt fixiert hatte, sprudelten die Worte ganz von alleine.

Marc: Okay, ähm... das mit uns... das..., das weißt du ja selber, ist ziemlich blöd gelaufen. Gelinde ausgedrückt. ... Hat er gerade ‚uns‘ gesagt? Es gibt ein Uns! Juhu! Gretchen, raste jetzt bitte nicht aus! Männer wie ihn kann man auf nichts festnageln. Das muss... unter Umständen... nichts bedeuten. Könnte aber? Oh, ja, ich habe ihn fast soweit! Yippie! Sag, dass du mich liebst! ... Aber du musst zugeben, wir haben beide Fehler gemacht. Ja, ich habe gelogen. Die Geschichte mit Gabi, ich wollte ja mit dir reden, ich hatte sie auch schon rausgeschmissen und hätte zur Not auch die beruflichen Konsequenzen getragen, aber du hast mir ja nicht zuhören wollen. Ich habe so viel versucht. Du hast alles abgeblockt. Und dann stehst du plötzlich in meinem Büro und willst Sex, um über mich hinwegzukommen. Hallo? Was sollte das? Anderen wirfst du vor, etwas beweisen zu müssen. Und selber ziehst du dieselbe Scheiße ab. Mann, ich war echt entt... sauer. Deshalb habe ich dich rausgeschmissen. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte. Zumindest nicht so. Auf so eine billige Tour. Das hast du nämlich nicht verdient. Aber ehe wir das richtig klären konnten, hattest du plötzlich schon etwas mit diesem irren Geldheini angefangen, hast ihn auch gleich noch, mir nichts, dir nichts, vom Fleck weg geheiratet. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich habe dich nicht wiedererkannt. Weißt du, bei mir stellst du dich so an und den Möchtegernmillionär heiratest du schon nach einer Woche, betrunken in Las Vegas! Aber wahrscheinlich war das der bequemere Weg. Ich weiß es nicht. Ich meine, was hätte ich denn machen sollen? Ich habe doch gekämpft. Auf meine Art! Mensch, Gretchen, du kennst mich doch, mehr ist echt nicht drin. Ich habe dir sogar einen Antrag gemacht. Aus freien Stücken. Gut, das ist vielleicht jetzt nicht so gut gelaufen wegen Mehdi, der auch penetrant an dir klebt wie ein ausgeleierter Kaugummi. Aber ich habe Initiative gezeigt. Das kannst du mir nicht vorwerfen. Du kannst mir nicht vorwerfen, ich hätte dir nicht gezeigt, dass ich... Ähm... Also, ich war schon bereit. Deshalb habe ich dich ja auch auf dem Polterabend geküsst. Ich dachte, du verstehst, was ich dir damit sagen wollte.

Gretchen hatte ihrem Gegenüber mit immer größer werdenden Augen zugehört und konnte nicht glauben, was Marc da eben alles gesagt hatte. Sie hatte das alles schließlich ganz anders wahrgenommen. Und da war immer noch diese eine Sache, die sie ihm nicht verzeihen konnte. Die sie auch ihr nicht hatte verzeihen können, weshalb sie mittlerweile keine BFFs mehr waren.

Gretchen: Aber du hast mit Gigi geschlafen!
Marc (verdreht genervt die Augen u. die alte Wut auf seine verrückte Intimfeindin kommt wieder hoch): Och nee, jetzt komm nicht schon wieder mit dieser Geschichte!
Gretchen (immer noch verletzt deswegen): Wie soll ich dir denn glauben, wenn du in einem Moment mich küsst und dann im nächsten mit meiner besten Freundin in die Kiste springst.
Marc (versucht, nicht gleich zu explodieren, weil sie ihm immer noch nicht glaubt): Verdammte Scheiße, ich habe nicht mit dem hässlichen Singvogel geschlafen. Wie oft soll ich dir das denn noch sagen? Ja, ich wollte dich eifersüchtig machen, das gebe ich zu, und wir haben auch ein bisschen rumgemacht im See. Aber...
Gretchen (horcht irritiert auf): Rumgemacht?
Marc (würde sich am liebsten selbst ohrfeigen, weil er überhaupt etwas zu seiner Verteidigung gesagt hat): Also nur Küsse und ein bisschen Fummeln. Wirklich! Ich konnte einfach nicht mehr. Nein, ich wollte nicht mehr. Weil... Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht. Ich wollte dir das nicht antun. Dass diese blöde, hinterfotzige Kuh dann behauptet hat, wir hätten gepoppt, also... Ne schöne beste Freundin hast du da, Haasenzahn! Da ist Schwester Gabi ein Lamm dagegen.
Gretchen (schaut ihn mit großen ungläubigen Augen an): Du hast nur an mich gedacht?
Marc (schließt die Augen, damit sie nicht noch tiefer in ihn reingucken kann): Verdammt, ja! Und wenn du wenigstens einmal deine schokoumnebelte Rübe da oben einschalten würdest und richtig bis drei zählst, dann müsste dir doch klar sein, was ich dir im Fahrstuhl wirklich sagen wollte.

Er...? Oh mein Gott! Wie konnte ich nur so bescheuert sein und Gigi mehr glauben als ihm?

Gretchen (bleibt immer noch unsicher): Aber wieso hast du dann nicht die Hochzeit gestürmt, mich entführt und wir wären zusammen in den Sonnenuntergang geritten?
Marc (reißt abrupt die Augen wieder auf u. starrt sie fassungslos an): Was? Gretchen, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ey, sehe ich aus wie Richard Gere, der eine durchgeknallte Julia Roberts auf nem stinkenden Gaul verfolgt? Wir sind hier nicht bei Rosamunde Pilcher, Haasenzahn.
Also, die Vorstellung an sich hat schon was. Das wäre wirklich romantisch. Hach... Moment! Was hat er gesagt?
Gretchen (wacht schneller als gewollt wieder aus ihrem Tagtraum auf): Durchgeknallt! Du nennst mich durchgeknallt?
Marc (lacht): Nee, also Julia Roberts ist durchgeknallt. Du nicht! Obwohl... Manchmal...
Gretchen (funkelt ihn angesäuert an): Maaarc!
Marc (schmeißt frustriert die Arme in die Luft u. guckt sie verständnislos an): Aber hey, woher hätte ich denn auch ahnen sollen, dass du mitgekommen wärst, also, theoretisch, wenn ich etwas vorgehabt hätte? Du hattest mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Chance mehr habe und ich dich in Ruhe lassen soll.
Gretchen (blickt ihn hoffend an): Also, hattest du dir doch überlegt, vielleicht die Hochzeit zu sprengen?
Marc (senkt seinen Blick u. schüttelt den Kopf, weil allein der Gedanke daran, der ihm nicht zum ersten Mal gekommen ist, völlig albern ist): Das spielt doch jetzt keine Rolle mehr.
Gretchen (leise flüsternd): Für mich schon. Also, ja oder nein?

Himmel, Herrgott, nochmal! Was wird das hier? Das Jüngste Gericht?

Marc (sieht sie ungläubig an): Das ist jetzt nicht dein Ernst?
Gretchen (durchbohrt ihn mit ihren Blicken): Ja oder nein, Marc?
Marc (zögert erst, dann gibt er sich geheimnisvoll): Vielleicht?
Gretchen (schaut ihm tief in die Augen): Und warum hast du es dann nicht gemacht?
Marc (hält ihrem intensiven Blick stand, bis ihm wieder einfällt, wie er sich in der Kirche gefühlt hat, als sie tatsächlich „Ja“ gesagt hat): Gretchen, jetzt reicht es aber langsam! Irgendwann kommt einfach der Moment, in dem man weiß, dass man verloren hat. Und da mache ich dir ganz bestimmt nicht deinen romantischen Traum von einer Märchenhochzeit kaputt.
Gretchen (hängt gebannt an seinen ehrlichen Augen u. flüstert): Danke!
Danke? Habe ich jetzt wirklich ‚danke‘ gesagt? Oh Gott, wie peinlich! Gretchen, Marc hält dich doch jetzt für total durchgeknallt. Danke, dass du mich einen Lügner und Betrüger hast heiraten lassen! Oh Mann, Gretchen, dass geht echt gar nicht.
Marc (weiß nicht, was er darauf erwidern soll, u. wagt den Schritt nach vorn): Okay? Ähm... ich glaube, diese Unterhaltung kommt so langsam vom Weg ab. Ähm... Du solltest erst mal duschen gehen und ich besorge uns währenddessen was zum Frühstück. Ich will ja nicht, dass du noch vor Unterzuckerung umklappst, hm.
Gretchen (ebenso verunsichert stimmt sie ihm zu): Okay, Marc, dann... bis gleich!

Gretchen hatte dagegen auch nichts mehr einzuwenden, denn sie musste das alles erst einmal sacken lassen, und ging ins angrenzende Badezimmer, um sich frisch zu machen. Während sie duschte, gingen ihr immer wieder Marcs Worte durch den Kopf. So offen und ehrlich hatten sie noch nie miteinander gesprochen. ... War das jetzt eine Liebeserklärung? Was soll ich nur davon halten? Will er mich? Will er mich nicht? Das ist so verwirrend. Wieso kann er nicht einfach die magischen drei Worte sagen? Ich kann das doch auch. Moment! Habe ich ihm das überhaupt schon mal gesagt? ... Die verunsicherte Ärztin überlegte angestrengt und hielt plötzlich den Atem an. ... Nein, habe ich nicht! Das kann doch nicht sein? Wie kann ich von ihm erwarten, dass er mir das sagt, wenn ich selbst nicht dazu fähig bin? In meinem Tagebuch habe ich es tausendmal aufgeschrieben, aber wirklich gesagt habe ich es noch nie - weder zu Mehdi, noch zu Alexis, ähm... Frank, und auch nicht zu Marc! ... Gretchen war sichtlich geschockt von dieser Erkenntnis. Wie im Automodus trocknete sie sich ab, zog sich wieder an und setzte sich ins Wohnzimmer auf die Couch.

Nach einer Weile kam Marc mit einer großen Brötchentüte bewaffnet zurück in seine Wohnung und fand eine recht nachdenkliche Gretchen auf seinem Sofa vor, was ihn nicht sonderlich wunderte, denn er hatte ihr schließlich so einiges zum Denken mitgegeben. Sie bemerkte gar nicht, dass er wieder zurückgekehrt war, so sehr war sie in ihre Gedanken vertieft. Der kurze Gang nach draußen hatte Marc jedenfalls gutgetan. Er war zwar immer noch verunsichert, weil er gerade sein Innerstes nach außen gekrempelt hatte, was er noch nie zuvor getan hatte und schon gar nicht für eine Frau, aber es fühlte sich gut an, Haasenzahn in seiner Wohnung zu wissen. Beschwingt ging er in die Küche nach nebenan, um Kaffee zu machen und ein kleines Frühstück vorzubereiten. ... Soll ich ihr das jetzt einfach so sagen? ‚Ähm... du, Gretchen, du... hast übrigens gestern richtig gehört. Ja, ich habe es gesagt. Du kannst also schon mal deinen rosa Katzenblock zücken und es dir aufschreiben, denn ich werde es ganz bestimmt nicht noch mal wiederholen. Ja, Marc Meier lii...' Plötzlich hielt der verliebte Oberarzt jedoch inne, denn er hatte gehört, wie eine Tür ins Schloss gefallen war. Mit einem zunehmend mulmigen Gefühl im Bauch trat er aus der Küche und schaute ins Wohnzimmer nebenan. – „Haasenzahn?“ Doch Gretchen war nicht mehr da. Sie war gegangen. Ohne ein Wort. Marc fasste sich verwundert an die Stirn und blickte sich noch einmal um, ob er sich nicht getäuscht hatte. Aber das Häschen war tatsächlich davongehoppelt. ... Was war das denn jetzt schon wieder für eine bescheuerte Aktion? Wieso haut sie ab, ohne ein Wort zu sagen? Was habe ich denn jetzt schon wieder verbockt? Nein, ich habe nichts verbockt. Diesmal nicht! Sie ist diejenige, die immer gleich hysterisch wird. Aber wieso? Ich dachte, wir haben jetzt endlich alles geklärt? ... Dr. Meier konnte nicht ruhig in seiner Wohnung sitzen bleiben. Er wollte Gewissheit und sich nicht noch mal von ihr verarschen lassen. Er rannte der jungen Frau nach draußen hinterher, doch als er an der Straße ankam und in jede Richtung schaute, war Gretchen Haase bereits verschwunden.

Lorelei Offline

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04.08.2016 13:58
#15 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Gretchen selbst wusste nicht, wieso sie gegangen war. Sie hatte einfach nicht mehr länger in Marcs Wohnung bleiben können. Sie hatte es nicht mehr länger ausgehalten. Sie hätte nicht den Mut gehabt, Marc noch einmal in die Augen blicken zu müssen. Sie war so durcheinander und verwirrt. In diesem labilen Zustand war es besser, Marc nicht zu begegnen, weil sie nicht sicher war, was dann vielleicht passieren würde. Deshalb zog sie es nun vor, lieber ziellos durch die Straßen Berlins zu laufen. Alle möglichen Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie eine Straßenschlucht nach der nächsten passierte: der ganze gestrige Tag mit seinem dramatischen Ausgang, all die Stationen ihrer Hals-über-Kopf-Beziehung mit „Alexis“, Marcs Worte vorhin und ihre bittere Erkenntnis danach. Alles war so wirr und undurchsichtig, passte nicht ins Bild, das sie sich von der Welt gemacht hatte. Wann war es passiert, dass sie falsch abgebogen war? Sie wusste es nicht. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Gretchen hatte nicht mal gemerkt, dass ihr planloser Weg durch die Hauptstadt sie direkt zum Elisabethkrankenhaus geführt hatte. Erst als jemand ihren Namen rief, wachte die zerstreute Assistenzärztin aus ihrer Trance auf und schaute sich um. Es war Mehdi, der aus einem Seitenausgang des EKH mit Sorgenmiene eilig sie zu gelaufen kam.

Mehdi: Gretchen! ... Ist alles in Ordnung? Geht’s dir gut? Du bist ganz blass. Der gestrige Tag muss...
Gretchen (senkt seufzend ihren Blick): Schon gut, Mehdi, es geht mir gut, aber ich will nicht darüber reden.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Okay, das kann ich verstehen. Du, deine Eltern suchen dich. Sie machen sich große Sorgen, nachdem die Polizei auch bei ihnen war. Wo warst du denn die ganze Nacht?
Gretchen: Bei Marc.
Mehdi (seine Augen weiten sich überrascht): Oh, verstehe!
Das hat er mir aber am Telefon nicht verraten, der Hund. Aber wieso ist er jetzt nicht bei ihr? Sie sollte jetzt nicht alleine sein.
Gretchen (Tränen schießen ihr unvermittelt in die Augen): Nein, gar nichts verstehst du, Mehdi. Mein Leben ist ein einziger Scherbenhaufen.
Mehdi (lächelt schwermütig u. legt seine Hand aufmunternd auf ihre Schulter): Tja, damit kenne ich mich eigentlich ganz gut aus. Also, wenn du irgendwann reden willst, ich bin immer für dich da.
Gretchen (erwidert sein aufrichtiges Lächeln): Danke! Weißt du, im Moment wäre ich einfach nur froh, wenn du mich einfach nur in den Arm nehmen könntest.

Mehdi tat ihr diesen Gefallen natürlich liebend gern. Und beiden tat es gut, sich gegenseitig Halt zu schenken. Gretchen hatte sich schon immer wohl und geborgen in den starken Armen des charmanten Halbpersers gefühlt. Hier bei ihm konnte ihr nichts passieren. Er verstand sie blind, ohne lange nachfragen zu müssen. Und auch Mehdi genoss Gretchens Nähe sehr. Beide schlossen für einen Moment die Augen und hielten sich einfach nur fest. Ohne daran zu denken, was jeder für sich in der Vergangenheit alles verloren hatte.


Dr. Meier hatte sich derweil schon gedacht, wo er das flüchtige Häschen wohl am ehesten finden könnte. Und sein guter Riecher hatte ihn auch diesmal nicht getäuscht. Doch was er dann im Park vor dem Elisabethkrankenhaus zu sehen bekam, gefiel dem stolzen Oberarzt ganz und gar nicht: Haasenzahn in den Armen seines angeblich wieder besten Freundes! Was sollte das denn schon wieder? ... Versteh einer die Frauen! Da macht man ihr ein Liebesgeständnis, äh... es sollte zumindest so was in der Art werden, man kotzt alles raus, um den dämlichen Missverständnissen der letzten Monate endlich einen Riegel vorzuschieben und was tut sie? Madame rennt gleich wieder heulend zum Nächstbesten! Ich habe es so satt. Ihr könnt mich alle mal! ... Marc machte, noch bevor er seinen Stammparkplatz erreicht hatte, eine Kehrtwende und fuhr wütend wieder vom Gelände des Elisabethkrankenhaues herunter. Mehdi und Gretchen hatten ihren heimlichen Beobachter gar nicht bemerkt. Erst nach einigen Minuten lösten sich die beiden Freunde wieder voneinander und lächelten sich mit einem leicht beklommenen Gefühl wieder an.

Mehdi: Wieder alles gut?
Gretchen (spürt tatsächlich ein wenig Erleichterung u. kann wieder klar denken): Ja, danke, geht schon! Du, Mehdi, wie geht’s eigentlich Alexis ähm... Frank?
Mehdi (seine Augen weiten sich misstrauisch): Das fragst du jetzt nicht ernsthaft?
Gretchen (weicht seinem forschenden Blick aus u. sieht die Krankenhausfassade hoch): Doch. Er ist ähm... war schließlich mein Ehemann. Wir haben zusammen gelebt, wollten uns eine Zukunft aufbauen, und ich glaube, ich muss mich mit ihm aussprechen. Ich habe noch so viele Fragen. Ich verstehe das alles nicht.
Mehdi (hat ein ungutes Gefühl dabei): Hat er gestern nicht schon genug gesagt und getan, Gretchen?
Gretchen (legt ihre Hand beruhigend auf die Schulter ihres skeptischen Beschützers): Ich möchte ihn trotzdem sehen. Bitte Mehdi! Wer weiß, ob ich je wieder die Gelegenheit dazu bekommen werde?
Mehdi (hadert mit sich u. fährt sich mit einer Hand über den Dreitagebart): Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber er hat ausdrücklich gewünscht, dass du nicht zu ihm gelassen wirst.
Gretchen (sichtlich getroffen): Bitte was? Das soll er mir, wenn schon, selber ins Gesicht sagen, dieser Idiot!

Gretchen drehte sich abrupt herum und ließ Mehdi einfach stehen, noch bevor dieser sie hätte aufhalten können, und betrat mit schnellen Schritten das Krankenhausgebäude. Als sie auf der chirurgischen Station angekommen war, rannte ihr jedoch schon Schwester Sabine wie ein aufgescheuchtes Huhn entgegen und umarmte sie stürmisch und ihrem Arbeitsverhältnis unangemessen.

Sabine: Oh, Frau Doktor, Frau Doktor, was bin ich froh, dass es Ihnen gut geht.
Gretchen (überrumpelt von ihrer herzlichen Art schiebt sie die aufdringliche Schwester vorsichtig von sich weg): Ja, danke, Sabine. Ähm... Auf welchem Zimmer liegt er?
Sabine (begriffsstutzig wie eh u. je): Wer?
Gretchen (lässt sich ihre Ungeduld nicht anmerken): Na, wer wohl? Mein Mann! (Bei dem Wort wird ihr plötzlich ganz anders u. sie fasst sich an ihr Herz, das aufgeregt schlägt.)
Sabine (fassungslos starrt sie ihre Vorgesetzte an u. lässt sie nicht am Stationszimmer vorbei): Sie wollen zu ihm? Aber er hat Sie betrogen und belogen, fast umgebracht und...
Gretchen (will das alles gar nicht hören u. drängt sie in die Ecke): Ja, Sabine, aber er hat mir auch das Leben gerettet. Und ich muss jetzt mit ihm reden. Also, wo ist er? Bitte!
Sabine (schaut sich um, ob auch keiner sie beobachtet u. zuhört, u. flüstert): Zimmer 310. Aber die Polizei kommt in einer halben Stunde und holt ihn ab?
Gretchen (fasst sich schockiert an ihr immer schneller schlagendes Herz): Was? Aber ich habe denen doch gesagt, dass er nichts damit zu tun hat.
Sabine (ihre Augen erscheinen jetzt tellergroß): Sie haben was getan? Aber er ist ein Verbrecher!
Gretchen (lässt sich ihren Entschluss nicht ausreden): Ja, vielleicht, aber er liebt mich!
Sabine (wird stutzig): Ach so?

Und ehe die verpeilte Krankenschwester weiter darüber nachdenken konnte, was das alles zu bedeuten hatte, war Dr. Haase auch schon flink an ihr vorbeigeschwebt. Auch Mehdi, der gerade die Umkleide im Nebenzimmer erreicht hatte, hatte Gretchens Worte mitbekommen und fühlte sich merklich unwohl. Auch weil Schwester Sabine plötzlich auf ihre ganz subtile Art anfing, ihn löchern zu wollen, um herauszufinden, was denn nun genau gestern Abend im Restaurant passiert war, doch Dr. Kaan reagierte nicht auf die neugierigen Fragen der übereifrigen Stationsschwester. Er warf sich schnell seinen Kittel über, knallte seinen Spind zu und ging traurig zurück zum Aufzug. Er wurde im Kreißsaal erwartet.

Gretchen hatte inzwischen das Zimmer von Frank Muffke erreicht. Es war auch nicht schwer zu übersehen. Denn es war das einzige Zimmer im ganzen Krankenhaus, vor dem ein uniformierter Polizist saß und gemütlich Zeitung las. Die dicke Schlagzeile auf der Titelseite, „Tragödie im Berliner In-Lokal. Verwirrte Greisin tot, Millionärsbetrüger entlarvt“, ließ die Assistenzärztin in zivil kurz in ihrem Vorhaben zögern. Zumal der Beamte nun auch grimmig zu ihr aufschaute und sich ihr in den Weg stellte. - „Sie dürfen hier nicht rein!“ - Aber Gretchen fing sich schnell wieder. - „Ich bin seine behandelnde Ärztin. Ich bin nur schon umgezogen, weil meine Schicht gleich endet. Ich will nur schnell noch mal seinen Verband kontrollieren, bevor er dann... ähm... von Ihren Kollegen abgeholt wird.“ Der Polizist, der sich wieder gesetzt hatte und nun nicht mehr ganz so angsteinflößend auf Gretchen wirkte, glaubte ihr und nickte der attraktiven Ärztin freundlich zu, bevor er sich wieder der Sportseite widmete. - „Okay? Dann gehen Sie ruhig rein.“ Gretchen holte tief Luft und betrat schließlich das Zimmer. Frank lag mit dem Gesicht zum Fenster in seinem Bett. Er hatte gar nicht bemerkt, dass jemand in sein Zimmer gekommen war. Nachdenklich blickte er auf die sich im Wind hin und her wogenden hohen Birken vor dem Fenster und trauerte seinem Gretchen nach. Leise murmelte er etwas vor sich hin. - „Ich bin so ein Idiot, so ein verdammter Idiot!“ Das bekam auch seine Angebetete mit, die eigentlich vorgehabt hatte, ihn anzuschreien und mit Vorwürfen zu bombardieren, aber sich jetzt ein kleines Lächeln nicht verkneifen konnte. Der ganze Ärger und Kummer der letzten Stunden war mit einem Mal wie weggeblasen. Die Situation war aber auch zu verworren.

Gretchen: Das kannst du laut sagen, mein Lieber!
Frank (dreht sich überrascht herum): Sternchen! Was machst du denn hier? Ich hatte doch der Schwester gesagt, dass ich...

Er schaute seiner großen Liebe in die himmelblauen Augen, die ihn intensiv musterten, und verstummte augenblicklich. Sie schauten sich einen Moment lang einfach nur an, dann zog sich Gretchen einen Stuhl ans Bett heran. Sie musste das jetzt klären. Sonst würde sie das auf ewig beschäftigen.

Gretchen: Okay, Frank Muffke, du hast zwanzig Minuten Zeit, mir alles zu erklären. In einer halben Stunde kommt die Polizei und will dich mit aufs Präsidium nehmen. Dann wäre es wohl besser, wenn du hier verschwunden bist.
Frank (starrt sie mit großen erstaunten Augen an u. richtet sich unter Schmerzen im Bett auf): Gretchen, warum machst du das? Das habe ich nicht verdient. Ich werde dazu stehen, was ich in der Vergangenheit getan habe.
Gretchen (sieht ihn ganz ruhig an): Ich mache das, weil du mich liebst.
Frank (senkt beschämt seinen Blick u. schaut dann traurig wieder auf): Gab es wenigstens einen Moment, in dem du meine Gefühle auch erwidert hast?
Gretchen (hält seinem fragenden Blick stand): Als ich „ja“ gesagt habe. Ich wollte das mit uns.
Das Märchen sollte weitergehen. Alle guten Märchen enden mit einer Hochzeit als Happy End. Ist das so naiv gedacht? Im Nachhinein gesehen vielleicht schon? Aber ich halte daran fest.
Frank (kann sich nicht von ihren wunderschönen blauen Augen lösen): Wirklich?
Gretchen (muss blinzeln u. der Moment ist dahin): Wollen wir jetzt eine Endlosdiskussion führen, wer wann wen wie viel geliebt hat? Oder sagst du mir jetzt endlich die ganze Wahrheit? Das bist du mir schuldig, A... Frank.
Frank (seufzt schwermütig u. lehnt sich mühsam ans Bettende zurück): Ja, das bin ich wohl. Aber vielleicht sollte ich mich auch erst einmal richtig vorstellen. Das ist irgendwie untergegangen, als ich sturzbesoffen fast tatsächlich untergegangen wäre. Im See vor unserer Haustür. Mein Name ist Frank Muffke und ich bin ein professioneller Betrüger...

Frank war überraschend gefasst und klar, als er Gretchen aus seinem Leben berichtete. Er ließ dabei kein Detail aus. Den frühen Tod seiner Eltern. Plötzlich war er alleine für seine kleine Schwester da gewesen, die man ins Heim abschieben wollte. Er holte sie schnell wieder da raus, natürlich mit Lug und Trug, sonst hätte das Jugendamt Lissy niemals gehen gelassen. Er brach die Schule ab und hielt sich und seine Schwester mit kleinen Nebenjobs über Wasser, bis er irgendwann jemanden kennenlernte, mit dem er einige kleine krumme Dinger abgezogen hat, nichts Weltbewegendes oder Gefährliches, aber doch schon von einigem Kaliber, und der ihn dann, als sie beim letzten Mal fast dabei aufgeflogen wären, mit falschen Papieren versorgen konnte. So wurde über Umwege aus dem armen Schlucker aus der ostdeutschen Provinz ein Eliteinternatabiturient mit Einserabi, dann ein diplomierter BWLer, der sich bestens auf den Finanzmärkten der Welt auskannte, ein perfekter Täuschungskünstler, der in jede Rolle schlüpfen konnte, die sich ihm nur bot. Eines Tages lernte er dabei auch Alexis von Buren kennen, dem er während der Finanzkrise mit seinem Talent ein lukratives Geschäft einbrachte. Zum Dank hatte der ihn und seine Schwester dann in seine Villa nach Berlin eingeladen. Als sie dort jedoch eintrafen, erwartete sie niemand. Die Tür stand jedoch offen. Also gingen sie arglos rein und schauten nach dem Rechten, doch von Alexis von Buren war keine Spur. Auf seinem Schreibtisch lag lediglich eine Notiz an seine Angestellten, dass er eine Auszeit bräuchte und erst mal für zwei oder drei Jahre untertauchen würde. Frank und Lissy hatten sich dabei nichts weiter gedacht. Die Villa gefiel ihnen. Sie entschlossen, zu bleiben. Und so war er in eine neue Rolle geschlüpft und hatte eben Alexis‘ Identität, inklusive seiner Geschäfte, übernommen. Keiner wusste, dass der echte Alexis mit unbekanntem Ziel aus Berlin verschwunden war. Er hatte vorher schon immer ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Er hatte keine Familie, keine Freunde. Kaum jemand kannte sein wahres Gesicht und das nutzte Frank für seine Zwecke aus. Er wusste zu diesem Zeitpunkt schließlich auch noch nicht, dass der echte Millionär von seiner eigenen Mutter umgebracht worden war und sehr wohl noch im Haus ‚anwesend‘ war. Das hatte Frank erst gestern herausgefunden. Es war ein angenehmes, sorgenfreies Leben als Multimillionär. Tolle Partys, teure Autos, attraktive Frauen, viele Reisen, Geld im Übermaß. Aber irgendetwas hatte ihm trotz all des Luxus immer gefehlt...

Frank: ...bis du dann in mein Leben geflattert kamst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die riesige Biene und ich sage jetzt extra nicht ‚dick‘. Plötzlich war alles anders. Ich wollte dieses Leben nicht mehr. Die ständigen Lügen und Betrügereien und die ständige Gefahr, aufzufliegen. Ich fühlte mich seit langem wieder als mich selbst.
Gretchen (hat ihm ruhig u. mit leichtem Wehmut zugehört): Aber du hast nie etwas gesagt?
Frank (schämt sich mittlerweile dafür): Nein, und das tut mir auch wahnsinnig leid. Ich war zu feige. Die Angst, dich zu verlieren, war einfach größer. Ich war glücklich. Zum ersten Mal in meinem Leben. Dass du dich für mich entschieden hattest und nicht mehr ewig dem Meier hinterhergelaufen bist, hat mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt gemacht. Und ich habe alles um mich herum vergessen, auch, dass ich eigentlich jemand anderes war. Alles war perfekt. Alles sollte so bleiben. Tja, und dann tauchte plötzlich die Mutter von Alexis auf und brachte alles durcheinander. Sie wusste, dass ich nicht derjenige war, der ich behauptet hatte zu sein. Ihre Forderungen, die... Ich geriet in Panik, war kurz davor, mit Lissy abzuhauen. Aber da warst immer noch du. Ich habe dich geliebt. Ich konnte nicht gehen. Nicht ohne dich.
Gretchen (bringt so langsam Verständnis für ihn auf): Hätte ich sie doch bloß nicht für dich gefunden. Wenn ich gewusst hätte, dass sie so...
Frank (legt seine Hand auf ihre): Mach dir keine Vorwürfe, Sternchen! Niemand hätte das vorhersehen können. Die Geschichte wäre früher oder später auch irgendwie anders aufgeflogen. Solche Sachen fliegen immer auf. Berufsrisiko.
Gretchen (schaut ihn scharf von der Seite an): Aber ihr habt doch gemeinsame Sache gemacht? Du und Mechthild? Die Entführung von Gabi!
Frank (fasst sich an den Kopf u. schüttelt ihn): Das alles ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Ich habe erst ziemlich spät mitbekommen, was sie vorhat. Ich wollte sie aufhalten und bin ihr hinterher. Schwester Gabi hat mich erpresst, musst du wissen. Sie hat die einbetonierte Leiche vom echten Alexis gefunden und wollte dir und der Polizei alles sagen, wenn sie nicht eine Million Euro Schweigegeld von mir erhält. Mechthild wollte sie ausschalten. Das musste ich verhindern. Ich bin ein Betrüger, ja, aber kein Mörder! Ich würde niemals jemandem etwas antun. Niemals! Leider ist dann alles irgendwie schiefgelaufen und ich musste ihr bei der Entführung helfen. Ich hätte Frau Kragenow später noch irgendwie da rausgeholt, aber dann... Tja, den Rest kennst du ja.
Gretchen (wippt nachdenklich auf ihrem Stuhl hin und her u. hält ihren Blick gesenkt): Hm!
Frank (sieht sie vorsichtig von der Seite an u. tippt auf etwas, das auf seinem Nachtschränkchen liegt): Gretchen, ich habe hier einen Brief für dich, da steht noch einmal alles drin. Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass du hier auftauchen würdest. Ich habe dich wohl schon wieder unterschätzt. Mal wieder. Du findest darin auch die Annullierungsunterlagen für unsere Ehe. Da ich nicht derjenige bin, für den ich mich ausgegeben habe, ist unsere Ehe ohnehin ungültig. Leider. Du musst nur noch unterschreiben, dann ist es wieder so, als wäre nie etwas gewesen. Gretchen, du musst mir glauben, ich wollte mit dir mein Leben teilen, mit dir Kinder kriegen, Berge besteigen, alt werden. Aber es sollte wohl nicht sein. Scharlatane haben keine lange Halbwertzeit. Das Schicksal kann man nicht überlisten. Auch wenn ich’s versucht habe. Ich liebe dich. Ich will nur, dass du glücklich bist.
Gretchen (sichtlich gerührt von seinen aufrichtigen Worten nimmt sie seinen Brief entgegen u. drückt ihn an ihr Herz): Frank...
Frank (lässt sie nicht ausreden u. bleibt weiter gefasst, auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt): Nein, warte, ich muss das noch zu Ende bringen. Weißt du, ich habe gestern etwas begriffen. Er liebt dich wirklich, auch wenn er es dir vielleicht nicht oft gezeigt hat oder eher das Gegenteil davon getan hat. Er liebt dich mehr, als ich es je könnte, und ich gebe zu, dafür hasse ich ihn noch mehr, als ich es eh schon immer getan habe. Er ist nun mal ein feiges Arschloch, das den Arsch einfach nicht hochkriegt. Vielleicht musst du ihm noch ein paar Mal gegen das Schienbein treten, was er auf jeden Fall verdient hätte. Ich würde es ja selber für dich übernehmen, wenn mein Bein nicht so durchlöchert wäre. Und dass du ihn genauso liebst, wusste ich sofort, als ich euch beide zusammen gesehen habe. Lauft nicht vor euren Gefühlen davon! Nutzt die Zeit, die ihr habt! Sie ist manchmal kürzer, als man denkt. Glaub mir, ich spreche da aus Erfahrung. Deshalb habe ich auch jede Minute mit dir genossen. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen, Sternchen.

Gretchen wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Leise fing sie an zu weinen und wollte Frank zum Gehen drängen. Denn die halbe Stunde war schon längst überschritten.

Gretchen: Alexis, entschuldige, Frank, du musst jetzt gehen, sie kommen dich gleich holen.
Frank (bleibt entschlossen liegen): Nein, Gretchen, ich bin schon zu lange weggelaufen. Ich muss endlich dazu stehen, was ich getan habe.
Gretchen (bittet ihn nachdrücklich): Aber die Beweise sind erdrückend. Sie werden dich wegen Mordes anklagen. Mechthild hat doch gesagt, dass sie...
Frank: Tja, ich war aber auch nicht so dumm, wie die Alte vielleicht geglaubt hat. Ich habe bei jedem Gespräch mit ihr ein Tonband mitlaufen lassen. Die Bänder hat meine Schwester der Polizei zugespielt. Und im Restaurant gibt es Zeugen. Mein Anwalt meint, es wird hauptsächlich nur um die Betrügereien gehen. Zumindest um die, die man mir nachweisen kann. Also, wahrscheinlich so vier bis fünf Jahre, wenn überhaupt. Das mit Frau von Buren war Notwehr, das kann schließlich jeder im Restaurant bezeugen, und an der Leiche von Alexis hat man auch Haare von seiner Mutter gefunden.
Gretchen (sichtlich erstaunt): Woher weißt du das alles?
Frank (lächelt geheimnisvoll): Schwindler haben überall ihre Ohren, Sternchen. Und du solltest jetzt gehen, die Polizei wird gleich da sein. Sonst kommen die noch auf dumme Gedanken, wenn sie dich hier bei mir sehen.
Gretchen: Und was ist mit Lissy? Wer kümmert sich jetzt um sie?
Frank: Meine Schwester ist untergetaucht. Niemand weiß, dass sie hier war. Sie ist gerne das Phantom. Sie kommt schon zurecht.
Gretchen (sieht ihm mit hoffnungsvollem Blick in die Augen): Und du willst wirklich nicht fliehen? Ich könnte den Beamten vor der Tür ablenken. Das hat schon einmal geklappt.
Frank (lächelt wehmütig): Gestern wollte ich das noch. Aber nur mit dir! Aber heute ist mir klargeworden, dass ein Leben auf der Flucht weder für dich, noch für mich in Frage kommt. Man kann nicht immer nur den einfachsten Weg wählen und vor der Realität weglaufen. Manchmal muss man sich auch dem Leben stellen, Gretchen!

Gretchen dachte darüber nach. Er hatte Recht. Wie Recht er doch hatte! Wieder schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte und wollte ihn nicht im Stich lassen. Frank, der ihre Gedanken förmlich lesen konnte, legte seine Hand an ihre Wange und wischte ihr sanft die heißen Tränen mit dem Daumen weg. Gretchen lächelte ihn wieder an. Mit Wehmut. Weil sie wusste, dass es nun endgültig vorbei sein würde.

Frank: Gretchen, es ist lieb von dir, dass du mir helfen willst. Das zeigt mir, dass ich dir doch nicht ganz egal bin.
Gretchen: Frank, du bist mir nicht egal. Ich...
Frank: Sssht! Sag nichts! Es war ein schöner Traum, fast ein bisschen wie im Märchen, an das ich immer wieder gern zurückdenken werde. Und jetzt geh! Bitte! Es wird Zeit.

...drängte Frank seine ehemalige Braut behutsam und mit sichtlich schwerem Herzen und drückte ein letztes Mal ihre zarte kleine Hand an seine Lippen. Langsam erhob sich Gretchen von ihrem Platz, nickte ihrem einstigen Bräutigam traurig zu und ging zur Tür, wo sie sich noch einmal zu ihm umdrehte. - „Ich verzeihe dir!“, flüsterte sie bewegt und warf ihm noch eine Kusshand zu. Dann schenkte sie ihm ihr schönstes Lächeln zum Abschied und verließ das Zimmer mit schwerem Herzen. Mit Tränen in den Augen lief sie langsam den langen Gang der Station hinunter. Polizeibeamte kamen ihr entgegen. Sie wich ihnen mit gesenktem Kopf aus und betrat schließlich am Ende des Flurs das Schwesternzimmer und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen und fing bitterlich an zu weinen. Schwester Sabine, die an der Anmeldung gesessen und alles beobachtet hatte, versuchte besorgt, ihre Lieblingskollegin aufzufangen, aber Dr. Haase ließ niemanden mehr an sich heran. Die tieftraurige Ärztin hatte eine Schutzmauer hochgezogen, über die sie nur noch einmal hinwegblickte. In diesem Moment wurde Frank in Handschellen am Stationszimmer vorbeigeführt. Gretchen versuchte, aufzustehen, um wenigstens noch einen letzten Blick von ihm zu erhaschen, doch dazu fehlte ihr leider die Kraft. Er war endgültig weg und sie brach weinend zusammen. Alles fiel in diesem Moment über ihr zusammen. Ihr ganzes Kartenhaus. Die verpasste Chance mit Marc, ihre viel zu schnelle und völlig unüberlegte Heirat mit einem mysteriösen Unbekannten, sein Verrat, die Geiselnahme und deren blutiger Ausgang, das klärende Gespräch mit Frank eben und die nicht geäußerten Gefühle Marc gegenüber. Sie war völlig am Ende ihrer Kräfte. Ihr Mann war aus ihrem Leben verschwunden, genauso schnell und unerwartet wie er darin aufgetaucht war. Sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen.

Lorelei Offline

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05.08.2016 13:53
#16 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Schwester Sabine war sehr besorgt. So verzweifelt und völlig mutlos hatte sie ihre sehr geschätzte Frau Doktor noch nie gesehen. Sie musste ihr helfen. Sie fühlte sich für sie verantwortlich. Schließlich hatte sie ihr auch schon so oft aus der Patsche geholfen, wenn sie bei ihrer Arbeit mal wieder alles falsch gemacht hatte und ein fürchterliches Donnerwetter von ihrem despotischen Chef gedroht hatte. Und so versuchte die fürsorgliche Krankenschwester das, was, wie sie wusste, bei Dr. Haase am ehesten etwas bewirken würde: Sie versuchte, Dr. Meier anzurufen. Aber leider hatte der sein Handy ausgeschaltet und war nicht zu erreichen. Auch nicht nach mehrmaligen Versuchen, wie Sabine ernüchtert feststellen musste. Warum musste ihr Oberarzt auch ausgerechnet heute frei haben?

Der Gesuchte war indessen ziellos durch die Straßenschluchten Berlins gefahren, nachdem er vorhin seine holde Angebetete sehr vertraut zusammen mit seinem Kumpel Mehdi gesehen hatte. Er war so wütend, stinkwütend, aber auch enttäuscht. Warum stieß sie ihn schon wieder von sich weg? Sie waren sich heute Morgen doch so nahe gewesen. Er hatte ihr alles gesagt, was ihm in den letzten Monaten schwer auf der Seele gelegen hatte. Und sie hatte sich ihm gegenüber doch auch geöffnet. Als ob er nicht verstehen würde, dass sie nach der ganzen Scheiße gestern völlig von der Rolle war. Er wollte doch nur für sie da sein. Nachdem er Haasenzahn gestern Abend fast verloren hätte, war er endlich bereit für das Abenteuer Beziehung gewesen. Bis eben war er noch ganz sicher gewesen, dass er das wirklich wollte. Und sie auch. Sonst hätte er auch niemals Dinge zugegeben, die er noch nie vor jemandem zugegeben hatte. Aber jetzt? Jetzt warf sie sich wieder diesem weichgespülten Frauenversteher an den Hals. Was wollte sie denn noch von dem? Wenn sie lieber mit Mehdi zusammen sein wollte, dann hätte sie ihm das auch gleich sagen können. Jetzt hatte er vor ihr blankgezogen. Seelisch, nicht körperlich, aber dazu hätte er sich vielleicht auch noch hinreißen lassen, so emotional aufgeladen wie er heute Morgen gewesen war, wenn ihm das hysterische Häschen nicht davongehoppelt wäre. Diesen peinlichen Seelenstriptease hätte er sich echt sparen können, fluchte der frustrierte Mann und schlug gegen das Lenkrad, was an der Ampelkreuzung, an der er gerade stand, ein Hupkonzert auslöste. Deshalb hörte er auch nicht das wiederholte Handyklingeln in seiner Jackentasche.

Die besorgte Krankenschwester hatte mittlerweile aufgegeben, ihren Vorgesetzten erreichen zu wollen. Sie rollte mit ihrem Drehstuhl zu der weinenden Ärztin heran, aber diese reagierte nicht auf ihre hilflosen Bemühungen. Gretchen saß immer noch wie ein Häufchen Elend vor ihrem Schreibtisch und guckte völlig apathisch in den sich immer dunkler verfärbenden Himmel. Sabine wusste nicht, wie sie sie hätte beruhigen können. Also folgte sie wieder ihrem Instinkt und wählte eine andere Telefonnummer, die, wie sie wusste, vielleicht sogar noch besser funktionieren könnte. Und die schlaue Schwester behielt Recht. Ihr Gesprächspartner ging sofort nach dem ersten Klingeln ran.

Mehdi: Kaan hier! Was gibt’s?
Sabine: Herr Doktor, kommen Sie bitte schnell, die Frau Dr. Haase ist...

Mehr musste Sabine gar nicht sagen. Mehdi hatte schon beim Namen ‚Haase‘ den Hörer fallen gelassen und war, einer dunklen Vorahnung folgend, aus seinem Büro gestürmt. Dabei rannte er fast Schwester Gabi über den Haufen, die eigentlich zu ihm gewollt hatte, um noch einmal über das Erlebte von gestern zu sprechen. Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, weil sie jedes Mal, wenn sie die Augen geschlossen hatte, die verrückte Alte von Buren gesehen hatte, wie diese sie mit einer Pistole bedrohte und dann in die Dunkelheit sperrte. Und nachdem, was sie vorhin von der Oberschwester und ihren lästerhaften Kolleginnen in der Morgenbesprechung aufgeschnappt hatte, was gestern noch alles passiert war, wie diverse Medien und der Flurfunk berichteten, war die Angst wieder zurückgekehrt. Ihre Kehle hatte sich zugeschnürt und ihr Herz hörte nicht mehr auf, völlig außer Takt zu schlagen. Sie hatte nicht wohin gewusst mit ihren Gedanken und Gefühlen und war ganz automatisch in der Gyn bei Dr. Kaan gelandet. Aber der hatte sie gar nicht wahrgenommen und war an ihr vorbeigerannt und jetzt im Schwesternzimmer verschwunden, wo er atemlos vor Schwester Sabine zum Stehen kam.

Mehdi: Schwester Sabine, was ist mit ihr?
Sabine: Sie hört einfach nicht auf zu weinen, Dr. Kaan. Vor ein paar Minuten hat die Polizei den Herrn von Buren, ach nein, der heißt doch, wie heißt der noch gleich, egal, abgeführt. Und da ist sie zusammengeklappt. Sie wollte ja noch unbedingt mit ihm reden. Wie sie noch mit dem Verbrecher reden konnte, nachdem, was er ihr alles angetan hat.
Mehdi (rollt die aufgeregte Stationsschwester mitsamt ihrem Stuhl zur Seite, um an Gretchen heranzukommen): Sabine! Nicht faseln, Fakten! ... Hey, Gretchen, was ist mit dir?
Sabine (rutscht hektisch von ihrem Sessel herunter u. stellt sich wild gestikulierend neben den Oberarzt): Ja, ähm... ich habe versucht, den Dr. Meier zu erreichen, aber da ging nur die Mailbox ran. Also, habe ich Sie gerufen. Was hat sie denn?
Mehdi (hat sich vor Gretchens Stuhl hingekniet u. hält ihre eiskalte Hand; mit der anderen Hand kontrolliert er ihren Puls u. ihre Pupillenreaktion): Schon gut, Schwester Sabine. Sie haben alles richtiggemacht. Und den Meier, den brauchen wir jetzt nicht. Sieht mir nach einem Nervenzusammenbruch aus, infolge des Schocks von gestern. Dieser von Buren war vermutlich der Auslöser. Ich habe schon mit sowas gerechnet. Sie war die ganze Zeit so tapfer. Aber nicht jeder kann alles aushalten. Das war einfach zu viel für sie. Ich werde ihr ein Beruhigungsmittel spritzen. Bereiten Sie ihr bitte ein Zimmer vor! Sie bleibt zur Beobachtung hier, auch über Nacht. Vielleicht informiere ich auch noch einen Psychologen.
Sabine (bereitet pflichtbewusst die Spritze vor): Einen Psychologen?
Mehdi (versucht, einen Zugang zu Gretchen zu bekommen, aber sie bleibt völlig apathisch u. lässt ihn machen): Ich glaube, sie muss unbedingt mit jemandem reden, Sabine. Sie ist am Ende ihrer Kräfte und wenn sie das alles nicht richtig verarbeitet, sondern verdrängt... Sie verdrängt ja gerne Tatsachen... kann daraus leicht eine Depression werden. Ich kenn mich damit aus.
Sabine (hält plötzlich inne, nachdem sie ihm die Spritze gereicht hat, u. starrt ihn mit großen Augen an): Sie?
Mehdi (wendet sich ertappt von ihr ab u. räuspert sich): Ähm... Schwester Sabine, was ist mit dem Zimmer? Ein schönes, ruhiges, vielleicht mit Blick auf den See, auf jeden Fall dort, wo sie ein bisschen zur Ruhe kommen kann.
Sabine (nickt ihm pflichtbewusst zu u. macht sich an die Arbeit): Wird erledigt, Herr Doktor.
Mehdi: Danke, Schwester Sabine! Sie sind ein Schatz.

Nachdem die sich geschmeichelt fühlende Stationsschwester gegangen war, beugte sich Mehdi über seine Patientin und strich ihr liebevoll über ihr seidig weiches Haar. Kurz schaute sie ihn an und er lächelte aufmunternd. – „Das ist doch in deinem Sinne, oder Gretchen? Hey, es wird alles wieder gut. Jetzt wird alles gut. Das verspreche ich dir. Hörst du? Im Moment ist es schlimm, das weiß ich aus eigener Erfahrung, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es anfängt, besser zu werden. Ganz bestimmt! Ich gebe dir jetzt eine Beruhigungsspritze und dann bleibst du über Nacht hier. Ich sage deinen Eltern Bescheid, wo du bist. Okay? ... Soll ich ähm... Marc auch herbestellen, damit er sich keine Sorgen macht?“, schlug der hilfsbereite Halbperser noch zögerlich vor, aber Gretchen sagte immer noch nichts. Sie schaute nur starr auf den hellen Laminatboden des Stationszimmers und umklammerte immer noch Franks Brief. Ihre Augen hatten keine Tränen mehr. Sie nahm gar nicht wahr, wie Mehdi sie auf den Arm hob und in ein freies Zimmer trug. - „Gretchen, ich bin immer für dich da! Ich liebe dich doch!“ flüsterte er ihr noch leise zu, nachdem er sie liebevoll zugedeckt hatte. Doch auch darauf erwiderte Gretchen nichts. Ihre Augen fielen von ganz alleine zu und sie schlief schließlich dank des Narkotikums recht schnell ein.

Mehdi blieb noch einen Moment an ihrer Bettkante sitzen. Er hatte zwar mittlerweile Dienstschluss, aber er wollte seine Freundin jetzt nicht alleine lassen. Erst als Sabine ins Zimmer kam und ihm sagte, dass sie ein Auge auf die Frau Doktor werfen würde, war er einigermaßen beruhigt und beschloss, doch nach Hause zu gehen. Nach dem Chaos gestern war er noch nicht wieder dort gewesen. Er brauchte dringend eine Dusche und eine Mütze Schlaf. Er könnte jetzt eh nichts weiter ausrichten. Seine Patientin würde jetzt erst einmal sehr lange schlafen. Er rief noch schnell Gretchens Eltern an, die sich riesige Sorgen um ihre Tochter gemacht hatten, und versuchte, diese so gut es ging, zu beruhigen, damit sie nicht noch extra herkamen, weil Gretchen jetzt eh erst einmal eine ganze Weile schlafen würde. Dann ging er schnell in sein Büro, holte seine Jacke und verließ das Zimmer auch sofort wieder. Er hatte gar nicht wahrgenommen, dass dort jemand auf ihn warten könnte. Und die gedankenverlorene Krankenschwester hatte nicht schnell genug reagiert. Als sie ihrem Chef auf den Flur der Station hinterhereilte, war er bereits im Fahrstuhl verschwunden. Resignierend ließ sie sich auf einer der Wartebänke nieder, zog ihre Beine an ihren Körper und schlang ihre Arme um ihre Knie. Auch an ihr hatten die gestrigen Ereignisse ihre Spuren hinterlassen. Eigentlich war sie immer taff und niemand konnte ihr etwas anhaben, aber Schwester Gabi wirkte völlig desillusioniert. Sie konnte und wollte jetzt nicht alleine sein. Sie hatte niemanden, mit dem sie sonst über alles reden könnte. Und irgendwie fühlte sie sich Mehdi verbunden. Nicht erst seit gestern, als er sie aus dem Wald gerettet hatte, sondern schon seit der Zeit, als sie ihr Kind unter dramatischen Umständen verloren hatte. Sie wusste, dass nur er sie verstehen würde. Doch Dr. Kaan hatte das Krankenhaus bereits verlassen und war zu seiner und Marcs Wohnung gefahren.


In der Zwischenzeit war auch Marc in die gemeinsame Wohnung zurückgekehrt. Er hatte sich ein Bier aus dem Kühlschrank geholt und sich auf die Couch fallen lassen und den Fernseher eingeschaltet, aber das Programm interessierte ihn nicht. Es plätscherte so nebenher, während er die ganze Zeit über Gretchen nachdachte. Und je länger seine Gedanken um diese eine furchtbar nervige und unberechenbare Frau kreisten, umso wütender wurde er. Wie hatte er es nur zulassen können, dass er - Marc Meier - ihr seine Gefühle offenbart hatte? Nee, das würde ihm nicht noch einmal passieren. Er war so in Gedanken vertieft und ärgerte sich über sich selbst, dass er gar nicht mitbekam, wie sein Mitbewohner nach Hause kam. Auch Mehdi war viel zu sehr mit seiner Sorge und seinen wiederaufkeimenden Gefühlen für Gretchen beschäftigt, dass er Marc gar nicht wahrgenommen hatte. ... Sie scheint diesen Alexis, Frank, oder wie auch immer, wirklich sehr geliebt zu haben. Sonst wäre sie nicht so zusammengebrochen. Was ist, wenn sie... wenn sie sich etwas antun will? Sie ist so labil. Damals nach der geplatzten Hochzeit mit diesem, wie hieß er doch gleich, Peter, wollte sie doch auch von der Brücke springen. ... Dieser Gedanke ließ dem sensiblen Halbperser keine Ruhe mehr. Er machte auf der Schwelle kehrt und verließ die Wohnung sofort wieder. Erst als die Tür zuknallte, wachte Marc aus seinen durcheinander wirbelnden Gedanken auf. - „Mehdi?“ Doch niemand war in der halbabgedunkelten Wohnung zu sehen.

Mehdi fuhr zurück in die Klinik und wachte die ganze Nacht an Gretchens Bett. Er hielt ihre Hand und streichelte immer wieder sanft darüber. - „Ich pass auf dich auf. Ich lass dich nicht allein. Wir schaffen das. Du schaffst das.“ Mit diesen beruhigenden Worten auf den Lippen schlief auch er irgendwann, von der Müdigkeit übermannt, ein.

Lorelei Offline

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11.08.2016 16:48
#17 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Nach einer schlaflosen Nacht musste auch Dr. Marc Meier zwangsläufig wieder zurück in die Klinik. Er hatte Frühschicht. Leider. Und mit dementsprechend extrem miesepetriger Morgenmuffellaune verließ er gerade den Fahrstuhl im dritten Stock und begab sich ohne Umwege direkt ins Schwesternzimmer, um die Unterlagen für die anstehende Visite zu holen, auf die er heute nicht wirklich Lust hatte, weil diese bedeutete, dass er sozial interagieren musste, worauf er noch weniger Bock hatte. An der Anmeldung angekommen, wartete jedoch bereits eine aufgescheuchte Schwester Sabine auf ihn, was er an einem so frühen Morgen ohne ein ausreichend hohes Koffeinniveau überhaupt nicht ertragen konnte. Dementsprechend maulte er auch gereizt zurück, nachdem sie ihn unerwartet überschwänglich und absolut indiskutabel mit ihrer ekelhaften Friede-Freude-Eierkuchen-Laune begrüßt hatte, und wollte sofort wieder das Weite suchen, nachdem er sich die Aktenmappen vom Tresen geschnappt hatte. Aber das hysterische Huhn versperrte ihm unverschämterweise den Rettungsweg.

Sabine: Ach, Herr Doktor Meier, da sind Sie ja endlich!
Marc (wundert sich über ihre dreiste Anmaßung, denn ein kurzer Check seiner teuren Armbanduhr verrät ihm, dass er nicht zu spät ist, im Gegenteil, er ist eher zu früh dran): Es ist kurz vor sieben Uhr morgens und Sie scheuchen hier herum wie ein Huhn auf Speed! Wo sind die Unterlagen? Ist der Knechtelsdorfer noch nicht da? Also wenn der noch einmal zu spät zur Visite erscheint, fliegt er, aber hochkant und zwar nicht von diesem Dach. Der ist ja zu gar nichts zu gebrauchen.
Oje, oje! Hat der Herr Meier wieder eine Laune! Aber müsste er nicht besser gelaunt sein, jetzt wo die Frau Doktor endlich frei für ihn ist. ... Oh Gott, die Frau Doktor! Das habe ich ja ganz vergessen. Das muss ich ihm ja noch sagen!
Sabine (zuckt eingeschüchtert zusammen u. stammelt unsicher): Ähm... Herr Dr. Meier? Ich... ich muss Ihnen noch...
Marc (lässt die stotternde Krankenschwester gar nicht erst ausreden u. lässt sie verloren auf dem Gang der Station stehen): Sie müssen gar nichts. Außer mir einen anständigen Kaffee zukommen zu lassen. Extrastark. Ich muss jetzt zur Visite.
Sabine: Aber... Aber... Die Frau Doktor... Sie...

Aber bevor Schwester Sabine den Mut aufgebracht hatte, ihm zu gestehen, was gestern passiert war, hatte der gereizte Oberarzt das Stationszimmer der Chirurgie bereits wieder verlassen. Dr. Meier hatte die Morgenvisite schnell hinter sich gebracht, weil er sie gleich selbst übernommen hatte, ohne auch nur eine Frage seiner Schützlinge zu beachten, die sich heute angesichts seiner extrem destruktiven Laune lieber nicht trauten, auch nur einen Mucks von sich zu geben. Ihm fehlte nur noch ein Zimmer, dann hätte er erst einmal seine Ruhe, bevor er dann den Rest des Tages im OP verbringen würde. Wie bei den Patienten zuvor, schaute er nur kurz in die Unterlagen, während er die nächste Tür bereits öffnete. Doch was er dann sah, als er von den Papieren aufschaute, darauf war er nicht gefasst gewesen. Er stockte abrupt. Zu abrupt für seine hinterherschlurfenden Kollegen, die nun dominoeffektmäßig gegen ihren despotischen Chef stolperten und hastig wieder zur Tür zurückwichen, was dieser jedoch gar nicht mitbekam, weil er auf etwas ganz Anderes fokussiert war. ... Haasenzahn? Was...? Der völlig irritierte Chirurg schaute noch einmal in seine Unterlagen. ... Tatsächlich! Margarethe Haase, Ärztin, 30 Jahre, 62,5 Kilo, Narkotikum i. F. v. akutem Nervenzusammenbruch. ... Höchstalarmiert blickte er zu Gretchens Bett und bekam direkt den nächsten Schlag in die Magengrube. Sie war nicht alleine! Mehdi saß bzw. schlief auf einem Stuhl ganz nah an ihrem Bett, sein verwuschelter Kopf lag neben ihrer goldenen Lockenmähne und er hielt immer noch ihre Hand fest in seiner. Was für eine Scheiße war das denn hier, fragte sich Marc völlig perplex, bevor die Worte ganz von alleine aus seinem Mund purzelten, was schließlich auch seinen befreundeten Kollegen aus der Gyn auf den Plan rief, der ertappt aus seinem Schlaf hochschreckte und sich über seine müden Augen wischte, ehe er die anwesende Belegschaft mit einem verlegenen Lächeln begrüßte, die sich höflich zurückhielt, sich aber bereits ihren Teil dachte und sich vielsagende Blicke zuwarf, die ein Kündigungsgrund gewesen wären, wenn Dr. Meier diese bemerkt hätte.

Marc: Kaan, verdammte Scheiße, kannst du mir verraten, was das hier soll?
Mehdi: Marc?
Marc (sein Blick verfinstert sich zu einem bedrohlichen Ameisenblick): Ich warte, Kollege.

Marcs fordernde Blicke bohrten sich wie Giftpfeile in Mehdis Haut. Da erst merkte der Halbperser, dass er noch immer Gretchens Hand in seiner hielt. Er zog sie sofort zurück, sprang auf und streckte erst einmal seine verspannten Glieder, bevor er sich dem eifersüchtigen Gockel zuwandte. Dessen Stimmungslage war offensichtlich. Nicht nur für ihn als Hauptgrund für seine mäßig gute Laune.

Mehdi: Ähm... Du.... Marc, das ist jetzt nicht so, wie es aussieht. Obwohl, wieso verteidige ich mich eigentlich? Ich habe das gleiche Recht hier zu sein wie du auch.

Und sofort schlich sich ein breites zufriedenes Grinsen auf die geschwungenen Lippen des charmanten Oberarztes, das von seinem Chirurgenkollegen jedoch nicht erwidert wurde. In Marcs Gehirnwindungen prallten nämlich gerade die verschiedensten Informationen aufeinander, die alle irgendwie nicht zusammenpassen wollten. Die gespannten Kollegen im Hintergrund hielten den Atem an, als Marc dann mit ausgestrecktem Zeigefinger langsam auf seinen fröhlich grinsenden Kumpel zukam.

Marc: Warst du... etwa... die ganze Nacht... hier?
Mehdi (sein verschmitztes Grinselächeln wird noch breiter): Ja, was dagegen?

Marcs Mundwinkel klappten nach Mehdis selbstbewusstem Konter ungläubig herunter. Das konnte doch alles nicht wahr sein? Was zum Teufel passierte hier gerade? Er drehte sich um, bemerkte die amüsierten Gesichter seiner Belegschaft, die fast schon applaudieren wollte, und schupste die Meute unsanft aus dem Zimmer. Er brauchte keine lästigen Zuschauer, wenn er den Frauenarzt als nächstes umbringen würde.

Marc: RAUS! Die Visite ist beendet. Sucht euch gefälligst was zu tun! Aber zz, ZIEMLICH ZÜGIG! ... Und nun zu dir, du... du... Pappnase, wieso sollte ich?
Mehdi (verschränkt vergnügt seine muskulösen Arme vor seiner Brust u. hält Marcs Ameisenblick selbstbewusst stand): Pappnase?
Marc (würde ihn am liebsten killen, aber reißt sich zusammen, weil er vor dem Vollidioten keine Blöße zeigen möchte): Ey, hörst du verdammt noch mal auf damit! Du hättest gestern wenigstens etwas sagen können.
Mehdi (sein amüsierter Blick wird milder): Du warst nicht zu erreichen.
Marc (lässt diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen): Bitte was? Ey, ich war zuhause, du Arschloch. Du warst doch auch da. Ich habe doch die Tür gehört. Aber anstatt einen Ton zu sagen, bist du gleich wieder abgerauscht.
Mehdi (kramt vergeblich in seinen Erinnerungen): Echt? Ich habe dich ehrlich nicht gesehen, Mann. Sorry!
Marc (spielt erfolgreich die beleidige Leberwurst): Das merkt man. Du hast ja eh immer nur Augen für...
Mehdi (folgt Marcs angespanntem Blick, der auf der Schlafenden ruht): Was wird das jetzt hier, Marc? Eine Eifersuchtsszene, oder was? Meinst du, das ist angebracht angesichts...
Marc (geht sofort hoch wie eine Rakete): Eifersüchtig? Ich? Auf was denn bitteschön?
Mehdi (grinst wissend): Äh... Ich weiß nicht. Verrat du’s mir! Auf mich vielleicht? Weil ich im Gegensatz zu dir Verständnis zeige.
Marc (zeigt ihm den Vogel u. greift sich dann das Klemmbrett an Gretchens Bett, um es akribisch zu studieren): Du spinnst doch! Das wird mir jetzt echt zu albern hier.
Mehdi (beobachtet ihn forschend u. stellt sich dann neben ihn ans Bettende): Mir auch! Und, willst du gar nicht wissen, was gestern los war?
Marc (will sich vor ihm ganz bestimmt nicht seine Unsicherheit anmerken lassen): Äh... ja, natürlich, klar! Aber du quatscht mir hier ja auch ständig dazwischen und unterstellst mir irgendwelchen Scheiß. Also, hier steht, sie hatte einen Nervenzusammenbruch. Wer hat sie erstversorgt?
Mehdi (lächelt): Ich.
Marc (fühlt sich so langsam richtig veräppelt u. grummelt in sich hinein): War ja klar. Du spielst ja neuerdings ständig den Helden.
Mehdi (kann es nicht lassen, es dem eifersüchtigen Gockel genüsslich unter die Nase zu reiben): Neidisch?
Marc (funkelt ihn böse von der Seite an): Och Mehdi, hör endlich auf mit dem Scheiß! Bin ich froh, dass heute keine Assis weiter da sind und sich diesen Mist hier anhören müssen.
Mehdi (kann das Provozieren nicht lassen): Ja, in der Tat, das wäre ganz schön peinlich für dich geworden.
Marc (blickt irritiert von dem Klemmbrett auf u. schaut zu dem Dornröschen u. dann wieder zu Mehdi): Bitte?

Mehdi (merkt, dass Marcs Schmerzgrenze überreizt ist, u. wird wieder ernster): Okay, Schluss mit den Scherzen, Marc! Denn das hier ist wirklich nicht lustig. Gretchen ist gestern im Schwesternzimmer zusammengebrochen. Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gespritzt, sonst hätte sie sich wahrscheinlich gar nicht beruhigen können. Die ganze Geschichte mit diesem von Buren oder Muffke, wie auch immer, hat ihr mehr zugesetzt, als sie vielleicht nach außen zugeben mag. Ich denke, sie sollte sich vielleicht professionelle Hilfe suchen. Ich habe schon mal bei Dr. von Hirschhausen nachgefragt. Er schaut sie sich heute Nachmittag mal an.
Marc (starrt ihn mit großen ungläubigen Augen an): Haasenzahn braucht doch keinen Psychodoc! Ja, sie hat ihre tausend Neurosen und sie reagiert in der Regel kopflos und heiratet den Nächstbesten, der ihr über den Weg stolpert, aber das heißt doch nicht, dass sie da oben ein paar lockere Schrauben hat.
Mehdi (schaut mitfühlend auf die Schlafende herab): Sie ist am Ende ihrer Kräfte, Marc. Du hast sie nicht gesehen. Ich weiß, wie das ist, wenn alles plötzlich über einem zusammenbricht und man keinen Ausweg mehr sieht.
Marc (schaut ihm merklich alarmiert in die besorgten Augen): Aber das lässt sich doch überhaupt nicht vergleichen, Mehdi! Sie springt schon nicht gleich von der nächsten Brücke, nur, weil dieser Idiot jetzt hinter schwedischen Gardinen versauert.
Mehdi (hat sofort das Bild vom letzten Jahr vor Augen, als er Gretchen unter sehr seltsamen Umständen kennengelernt hat): Weiß man’s? Sie hat diesen Kerl wirklich geliebt, Marc.
Marc (will das gar nicht hören): Glaubst du? Also mir hat sie da etwas ganz Anderes erzählt.
Mehdi: Marc, du hast sie gestern nicht erlebt. Dieser leere Blick. Diese unendliche Traurigkeit. Sie hat noch einmal mit ihm gesprochen, bevor er von der Polizei abgeholt wurde.
Marc (sichtlich empört packt er Mehdi am Kragen seines Kittels): Was? Aber wie konntest du sie zu ihm lassen? Bist du bescheuert?
Mehdi (weiß ganz genau, wie Marc sich gerade fühlt): Du kennst doch Gretchen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann sie keiner aufhalten.
Marc (zischt ihn zynisch an u. lässt seinen Blick wieder über die Schlafende schweifen): Ich hätte es mal mit Fesseln oder Knebeln versucht.
Mehdi (findet diese Vorstellung auch amüsant, aber bleibt ernst): Marc!
Marc (versucht angestrengt seine unterschiedlichen Gedanken u. Gefühle zu sortieren): Und, ähm... weißt du, was sie mit dem Betrüger bequatscht hat? Will sie jetzt bei ihm bleiben oder was? Besucht sie ihn jetzt jede Woche im Knast und backt ihm einen Kuchen mit Feile drin, damit er sich einen Tunnel in den Westen buddeln kann?
Mehdi (guckt ihn mit ernster Miene an): Sag mal, was ist denn los mit dir?
Marc (wendet sich ertappt ab u. hängt das Klemmbrett wieder ans Bett): Äh... nichts!
Mehdi (nickt wissend u. legt den Finger direkt in die offene Wunde): Aha! Und das soll ich dir jetzt glauben? Du bist doch nur angepisst, weil sie sich bei mir ausgeheult hat und nicht bei dir.

Das hatte erst einmal gesessen. Marc, der sich natürlich ungern in die Karten blicken ließ, wollte nicht mehr ewig weiter diskutieren. Er hatte genug gehört und gesehen. Sollten die beiden doch glücklich und dick zusammen werden. Ihm doch egal!

Marc: Gut, anscheinend weißt du ja über alles besser Bescheid. Sie ist deine Patientin. Dann kann ich ja gehen.
Mehdi: Ja, das wäre der erste vernünftige Vorschlag von dir heute Morgen. Ich wäre gerne noch etwas mit ihr allein.
Marc (giftet eingeschnappt zurück): Du kannst mich mal!

Eins zu null für Mehdi Kaan. Der zufriedene Halbperser kostete diesen kleinen Triumpf genüsslich aus. Er liebte es nämlich, Marc mit seiner Eifersucht zu provozieren. Jetzt, wo er sie nicht mehr länger vor sich selbst und anderen hinter seiner Mauer aus Zynismus und Selbstbeschiss verbergen konnte. Er grinste Marc nur fröhlich an, der daraufhin wütend aus dem Zimmer rauschen wollte. Doch in dem selben Moment, als er sich mit einem ausgestreckten Mittelfinger von seinem Arschlochfreund verabschieden wollte, raschelte es verdächtig im Hintergrund. - „Wo bin ich? Mehdi? Marc? Seid ihr das?“ Dornröschen war aufgewacht! Hektisch drehten sich die beiden Ärzte wieder zu ihr herum und scharrten sich nun jeweils um eine der Kopfseiten ihres Bettes. Die Erleichterung war beiden Männern anzusehen, während ihre gemeinsame Patientin müde ihre Augen öffnete.

Marc: Gretchen, du bist wach?
Mehdi: Wie fühlst du dich?
Gretchen (noch etwas benommen schaut sie abwechselnd von einer Seite zur anderen, was nicht gerade angenehm für ihren Kreislauf ist): Naja, geht so, denke ich. Wie lange habe ich denn geschlafen?
Mehdi: Knapp siebzehn Stunden!
Gretchen (richtet sich schockiert auf u. muss sich im nächsten Moment wieder hinlegen, weil sich alles um sie herum dreht): Was? So lange? Was mache ich überhaupt hier? Wieso bin ich hier?
Marc (drängelt sich vor Mehdi, der es ihr gerade erklären will): Du hattest einen kleinen Nervenzusammenbruch, nichts Weltbewegendes. Aber die Mädels hier waren alle ein bisschen hysterisch.
Gretchen (versucht sich angestrengt zu erinnern): Oh!
Was ist denn passiert?
Mehdi: Schwester Sabine war zum Glück in dem Moment bei dir. Weißt du noch, als die Polizei...
Alexis! Nein! Sie haben ihn wirklich mitgenommen.

Plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da. Aber anstatt gleich wieder vor Verzweiflung in Tränen auszubrechen, war die junge Assistenzärztin mit einem Mal ganz klar und gefasst, was von den beiden bis über beide Ohren in sie verliebten Männern skeptisch beäugt wurde.

Gretchen: Ach ja, sie haben meinen Mann abgeholt.
Marc (zuckt gequält zusammen, ebenso wie Mehdi): Deinen Mann?
Gretchen (merkt erst jetzt, was sie gesagt hat): Ähm... ja, also, nein, nicht mehr, ich meine, Frank.
Marc (schaut sie leicht verstört an): Frank?
Gretchen (wirkt auf beide Ärzte noch ein bisschen durcheinander): Ja, Alexis heißt eigentlich Frank Muffke.
Marc (kann sich ein vergnügtes Aufzucken seiner Grübchen nicht verkneifen): Müssen wird dich jetzt etwa Gretchen Muffke nennen? Frau Dr. Muffke, in den OP, bitte! Haha!

Marc hatte die angespannte Situation doch bloß auflockern wollen. Er wollte lustig wirken, aber damit war er bei seinen beiden Freunden offenbar an der falschen Adresse, denn sowohl Mehdi, als auch Gretchen schauten ihn nur vorwurfsvoll von der Seite an. Aber er blieb cool, schließlich war er sich keiner Schuld bewusst. Schuld hatte allein dieser falsche Fuffziger, der Haasenzahn das Herz gebrochen hatte.

Mehdi: Noch nie etwas von Taktgefühl gehört, Marc?
Gretchen (legt ihre Hand beruhigend über die von Mehdi, was Marc überhaupt nicht gut aufnimmt): Mehdi, lass ihn bitte! Er hat ja Recht.
Mehdi (blickt irritiert von der einen Seite zur anderen, von wo aus ihm ein triumphales Meiergrinsen entgegenspringt, für das er nur ein Kopfschütteln übrighat): Was?
Gretchen: Eigentlich müsste man wirklich darüber lachen. So eine Geschichte kann ja auch nur mir passieren. Das naive, dumme Blondchen verliebt sich in einen Betrüger. Oh Gott, ich sehe mich schon in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.

Gretchen fasste sich gespielt theatralisch an ihre Lippen. Marc blickte verwirrt zu Mehdi und dieser zurück zu seiner Patientin. Und synchron schoben sich die drei Münder nach oben. Alle drei mussten darüber schmunzeln. Das alles war so absurd, aber doch auch erschreckend real.

Marc: Bei deinem Schultheatertalent würde ich von der Schauspielerei eher abraten. Aber der Neubauer würde man diese Rolle bestimmt abnehmen. Habt ihr nicht eine Konfektionsgröße?
Gretchen (verdreht theatralisch die Augen): Haha!
Mehdi (versucht, wieder etwas Ernsthaftigkeit ins Gespräch zu bringen): Und jetzt? Was hast du jetzt vor, Gretchen?
Gretchen (zuckt unschlüssig mit den Schultern, bis plötzlich alles aus ihr herausbricht): Na, was wohl? Die Ehe annullieren lassen, meine Sachen aus der Villa holen... Oh Gott, ich muss da wieder hin. Wenn ich daran denke, wird mir ganz anders. Ich weiß nicht, ob ich das packe. Ob ich die beiden fragen soll, ob sie mich... Nein, besser nicht! Das wäre wohl unangebracht angesichts ihrer... ihrer... ja, was eigentlich? Wo war ich noch mal? Ach ja! ..., wieder bei meinen Eltern einziehen, mir ihre blöden Kommentare und Vorwürfe anhören, dass sie ja immer gewusst haben, dass mit Alexander etwas nicht stimmen konnte. Ja, wenn ihr das alle gewusst habt, wieso hat mich dann niemand vor ihm gewarnt, hm? Weil ihr genauso fasziniert von ihm ward wie ich. Besonders meine Mutter, die nie kapiert hat, dass er gar nicht Alexander geheißen hat. Und ich werde still vor mich hin leiden, einen Schokopudding nach dem anderen verputzen und immer dicker werden, bis mich kein Mann mehr attraktiv findet. Ist vielleicht auch besser so. Ich habe nämlich echt die Schnauze voll von Männern! Wisst ihr was, ich werde jetzt Karriere machen. Ja, genau, die Arbeit mit meinen Patienten macht mich glücklich. Wer braucht schon Männer? Also, ich nicht! Ich kann nämlich sehr wohl alleine sein und auch mal etwas alleine schaffen. Pah!

Gretchen hatte sich richtig in Rage geredet und gestikulierte wild mit ihren Armen in der Luft herum. Mehdi und Marc schauten sich derweil nur an und waren sprachlos angesichts dieses hysterischen Haasschen Ausbruchs, der genauso schnell wieder abgeklungen war, wie er aufgekommen war. Und jetzt wollte ‚Madame Tobsuchtsanfall‘ tatsächlich ihre hübschen Füße aus dem Bett schwingen. Aber nicht mit Dr. Kaan und Dr. Meier!

Gretchen: Entschuldigung, ich war... Ich weiß auch nicht. Das war wohl mal überfällig. Ähm... okay, wie lange soll ich noch hierbleiben? Mir geht’s gut. Das könnt ihr mir wirklich glauben. Ich geh jetzt.
Mehdi (will sie nicht gehen lassen u. schiebt sie zurück zum Bett): Ähm... du, Gretchen, eigentlich wollte heute Nachmittag noch Dr. von Hirschhausen nach dir schauen.
Gretchen (setzt sich irritiert zurück auf die Bettkante u. lässt ihre Beine herunterbaumeln): Wieso das denn? Ich brauche doch keinen Psychologen!
Marc (besserwisserisch): Das habe ich Mehdi auch schon gesagt.
Mehdi (wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, ehe er sich wieder fürsorglich seiner Patientin annimmt): Nach der ganzen Geschichte wäre es vielleicht besser, wenn du dich mal mit ihm unterhalten würdest. Er kann dir Strategien aufzeigen, wie du das alles besser verarbeiten kannst.
Marc: Ey Mehdi, echt jetzt, Haasenzahn hat zwar manchmal ihre neurotischen fünf Minuten, aber deshalb muss sie doch nicht gleich auf die Couch. Zumindest nicht auf seine.
Meine wäre noch frei.
Gretchen (empört zischt sie Marc zu, ehe sie bei Mehdi um Verständnis ringt): Maaarc! Mehdi, das ist echt lieb von dir, dass du dir Sorgen machst und so, aber ich komme schon alleine damit klar.
Mehdi (kann seine Sorgenmiene nicht ablegen): Aber es wäre vielleicht besser, wenn du...
Gretchen (legt ihren Finger an seine Lippen, um ihn zu stoppen): Kein aber und kein vielleicht! Wieso denkt eigentlich jeder, er wüsste besser über mich Bescheid? Es geht mir gut. Ich komme klar. Und ich gehe jetzt. Marc, gibst du mir bitte meine Entlassungspapiere!
Marc (zwinkert ihr fröhlich zu u. grient dann triumphal in Mehdis Richtung): Ich sage Schwester Sabine Bescheid. ... Siehst du, ich hab’s dir doch gesagt, Mann.
Gretchen (sichtlich beruhigt atmet sie durch): Gut! Danke! Dann kann ich ja auch morgen wieder arbeiten kommen.
Mehdi (merklich frustriert, wie hier über seinen Kopf hinweg entschieden wird): Wie bitte? Du willst morgen schon wieder arbeiten? Marc, sag doch auch mal was dazu!
Marc (verschränkt amüsiert seine Arme vor seiner Brust): Ey, ich habe doch gesagt, sie ist deine Patientin.
Gretchen (schaut ungläubig von dem einen zum anderen u. wieder zurück): Bitte was?
Bin ich jetzt ihr Spielball, den sie sich hin- und herwerfen, wie’s ihnen gefällt?
Mehdi (es ist zum Haare raufen mit den beiden): Das, ja, aber sie ist auch deine Assistenzärztin. Kannst du das verantworten?
Marc (zögert dann doch u. schaut misstrauisch zu seiner besten Assistenz, die ihn angesäuert anfunkelt): Naja, also, wenn sie sich fit fühlt, dann spricht eigentlich nichts dagegen. Ablenkung tut ihr bestimmt gut. Und wenn man Chirurgin werden will, muss man nun mal andere Maßstäbe ansetzen und die Backen zusammenkneifen.
Gretchen (eingeschnappt verschränkt sie ihre Arme vor ihrer Brust): Ich brauche keine Ablenkung. Mir geht’s gut. Das könnt ihr mir glauben.
Marc (äfft sie vorlaut nach): Die Schallplatte hat einen Sprung, Haasenzahn.
Mehdi (setzt sich zu seiner Patientin auf die Bettkante u. sieht sie eindringlich von der Seite an): Und das meinst du jetzt auch wirklich, Gretchen? Vor mir, uns, musst du dich nicht verstellen. Also mir ging es damals ähnlich wie dir, als meine Frau den Unfall hatte und im Koma lag. Ich habe mir auch ständig eingeredet, dass alles in bester Ordnung sei. Das war es aber nicht. Wenn ich nicht...
Gretchen (fällt ihm prompt ins Wort): Mehdi! Das war doch eine ganz andere Situation. Und hör auf, mich ständig mit Anna zu vergleichen!

Das hatte erst mal gesessen. Mehdi war verletzt und drehte sich von Gretchen weg, um sie im nächsten Moment wieder scharf von der Seite anzugehen.

Mehdi: Das tue ich doch gar nicht. Und was war das dann letztes Jahr auf der Brücke? Da standest du auch vor einem Scherbenhaufen und wolltest...
Gretchen (unterbricht ihn erneut u. schüttelt entschieden ihr Lockenköpfchen): Mehdi, ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich gar nicht springen wollte.
Marc (reißt schockiert die Augen auf): Was? Das glaube ich jetzt nicht. Haasenzahn war die Irre, die du aus dem Wasser gezogen hast?
Gretchen (wirft Marc einen wütenden Blick zu): Negativ! Ich habe IHN aus dem Wasser gezogen und nicht er mich! Und ich war nicht irre, klar!
Mehdi: Aber du bist gesprungen!
Gretchen (verdreht genervt die Augen): Ja, aber auch nur, weil du ins Wasser gefallen bist. Ich bin Ärztin. Ich habe mich dazu verpflichtet, anderen zu helfen. Und du musst zugeben, dass du nicht gerade ein begnadeter Schwimmer bist.

Marc konnte sich sein Lachen nicht mehr länger verkneifen. Das Bild, das gerade in seinem Kopfkino entstand, war einfach zu albern. Hier kamen ja Dinge auf den Tisch, von denen er noch gar nichts gehört hatte. In amüsierter Erwartung, was da noch so alles folgen würde, verschränkte er seine Arme vor seiner Brust und lehnte sich lässig gegen das Bettgestell.

Gretchen: Marc, hör auf zu lachen! Das war nicht lustig. Das Wasser war verdammt kalt.
Mehdi (springt vom Bett auf u. will gehen, weil ihm das jetzt alles zu blöd wird): Du redest dich immer heraus, oder, Gretchen? Gut, du willst dir also nicht helfen lassen! Bitte! Aber dann komm nicht an, wenn du doch eine Schulter zum Ausheulen brauchst. Ich habe es nämlich echt satt, immer nur dein Seelentröster zu sein.
Tja, Kaan, es ist vorbei. Für sie wirst du immer nur ihre beste Freundin bleiben.
Gretchen (gekränkt von seiner heftigen Ansage stellt sie sich ihm in den Weg): Mehdi, bitte, jetzt sei doch nicht gleich wieder beleidigt! So war das doch gar nicht gemeint. Ich bin froh, dass du mir geholfen hast. Ich wollte doch nur klarstellen, dass es mir gut geht. Ich bin nicht irgendwie seelisch gefährdet. Und es ist alles geklärt.
Marc (mischt sich nun auch wieder interessiert ein): Was ist alles geklärt?
Mehdi (lässt sich dann doch dazu hinreißen, zu bleiben): Das würde mich auch interessieren.
Gretchen (fühlt sich dann doch von den beiden in die Enge getrieben u. antwortet nur zögerlich mit gesenktem Kopf): Naja, also, ich habe mich mit Frank ausgesprochen und ihm verziehen. Alles ist gut.
Marc (reißt schockiert den Kopf hoch): Du hast bitte was?
Gretchen: Ja, das habe ich. Ich wusste immer, dass er im Kern ein guter Mensch ist, sonst hätte ich mich ja auch nicht in ihn verliebt.
Das glaube ich jetzt nicht.
Marc (löst sich vom Bettgestell u. kommt mit Ameisenblick auf die holde Blonde zu, die sich am liebsten hinter Mehdi versteckt hätte, wenn dieser nicht auch so skeptisch dreinblicken würde): Man kann dich belügen, betrügen, entführen und umbringen und du würdest immer noch den Papst um Vergebung für ihn bitten, stimmt’s?
Gretchen: Maaarc! Jetzt wirst du ungerecht.
Marc (funkelt sie an): Ungerecht? Ich? Es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit, dass dieser Typ nicht schon längst hinter schwedischen Gardinen hockt und dort versauert. Tut er doch jetzt, oder?
Gretchen (sieht ihn eindringlich an): Marc, bitte!
Marc (fühlt sich merklich unwohl u. das ärgert ihn am meisten): Und ähm... bist du es immer noch, also ähm..., bist du immer noch in ihn ver..., ver...dingst ähm... verliebt?
Gretchen (blickt ihm ernst in die Augen): Ich weiß nicht, was dich das jetzt angeht, Marc.
Marc (in ihm kocht es allmählich): Bitte? Aber gestern, da...?

Marc konnte seine brodelnden Gefühle kaum noch im Zaum halten, während Mehdi gespannt die Ohren spitzte. Also doch, er hatte es gewusst. Sie war bei ihm gewesen nach den Vorkommnissen in dem Restaurant. Irgendetwas musste in der Nacht zwischen den beiden vorgefallen sein. Nur was? Was hatte Marc schon wieder verbockt, anstatt endlich alles klar zu machen, was ihm wiederum endgültig das Herz brechen würde?

Gretchen: Marc, ich glaube nicht, dass hier der richtige Ort und die richtige Zeit ist, um das jetzt zu besprechen.
Marc (lässt sich nicht länger hinhalten): Doch! Du schuldest mir eine Erklärung.
Gretchen (schaut ihn mit großen ungläubigen blauen Augen an u. muss sich wieder setzen): Bitte was? Ich schulde dir was?
Marc (fixiert die eingeschüchterte junge Dame im Patientenbett mit seinem stechend scharfen Ameisenblick): Äh... ja! Aber so was von! Du bist gestern Vormittag einfach ohne ein Wort abgehauen. Unsere Unterhaltung war noch nicht beendet.
Gretchen (sieht schuldbewusst zu ihm hoch, aber kann im Moment nicht darüber reden): Marc, bitte!
Marc (zieht sich einen Stuhl heran, schwingt seine Beine um die Lehne u. pampt Gretchen ungehalten weiter an): Ich habe gesagt, unsere Unterhaltung war noch nicht beendet, Fräulein. Das gilt auch für jetzt. Weißt du, du wirfst mir immer vor, dass ich dir nicht zuhören würde und jetzt machst du das gleiche mit mir? Was soll das? Findest du das fair?

Oje! Er ist richtig sauer, oder? Aber was soll ich denn machen?

Mehdi: Okay ähm... Leute, wenn ihr beide allein sein wollt, ähm... es ist schon spät. Gleich fängt mein Dienst an. Ich muss wieder ein paar Frauen an die Unterwäsche. Gretchen, es tut mir leid, falls ich überreagiert haben sollte. Das wollte ich nicht. Die Geschichte steckt uns allen noch in den Knochen. Also, mein Angebot steht, wenn noch was ist, du kannst mich jederzeit anrufen. Tag und Nacht. Auch hier im Büro. Ich bin immer für dich da. Ich bin dann mal weg, ja? Marc?

Dr. Kaan, der von Natur aus, aber auch von Berufs wegen neugierig war, hätte natürlich schon noch gerne Mäuschen gespielt, um in Erfahrung zu bringen, worum es in diesem ominösen Gespräch eigentlich gegangen war, aber so viel Taktgefühl besaß er dann doch, dass das hier nur eine Angelegenheit zwischen den beiden war. Er wollte nicht wieder zwischen die Fronten geraten. Also hatte er sich geknickt dazu entschlossen, kurzerhand das Zimmer zu verlassen, und machte sich auf den Weg in die Gyn. Seine beiden Freunde hatten gar nicht mitbekommen, dass der Halbperser mittlerweile gegangen war. So vertieft waren sie in ihr Streitgespräch, das sich immer mehr hochschaukelte, weil die Gefühle blank lagen.

Gretchen (will sich Marc erklären, aber findet nicht die richtigen Worte): Marc, ich...
Marc (lässt ihr gar keine Zeit zum Luftholen): Wieso ziehst du dich immer gleich zurück, wenn ich einen Schritt auf dich zugehe?
Mach ich das?
Gretchen (sieht ihm nachdrücklich in die Augen): Vielleicht weil ich gerade nicht die Kraft dafür habe, Marc. Ich will mich nicht schon wieder streiten. Es ist so viel passiert. Ich muss erst einmal über alles nachdenken.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor seinem Oberkörper u. wippt ungeduldig auf dem Stuhl hin u. her): Bei ihm hast du nicht so viel nachgedacht. Nein, du hast das Segelohr gleich geheiratet! Und jetzt verzeihst du ihm die ganze Scheiße auch noch? Du hättest mir ja auch gleich sagen können, dass du ihn noch liebst.
Gretchen (versucht den aufgebrachten Mann zu beschwichtigen u. kommt auf ihn zu): Marc, das ist alles ganz anders. Du verstehst das nicht. Ich...
Marc (weicht ihr aus, springt auf u. geht zum Fenster, von wo aus er einen wunderschönen Blick auf den Park hat): Ich verstehe so vieles nicht, Gretchen. Anstatt zu reden, was du ja immer von mir verlangt hast, rennst du gleich los und wirfst dich Mehdi an den Hals.
Gretchen (sieht ihn mit großen Augen an): Das habe ich nicht! Wie kommst du darauf?
Marc (wirbelt wütend wieder zu ihr herum, woraufhin Gretchen, die ganz dicht hinter ihm gestanden hat, erschrocken zurückweicht): Ach, red doch keinen Scheiß, Haasenzahn! Ich habe euch doch gesehen. Gestern vorm Krankenhaus. Und dann pennt der Penner auch gleich noch hier an deinem Bett. Hattet ihr eine schöne Nacht?
Gretchen (blickt sich suchend um u. merkt jetzt erst irritiert, dass der befreundete Gynäkologe gar nicht mehr im Raum ist): Mehdi hat hier geschlafen?
Marc: Okay, mir reicht es jetzt langsam. Die anderen sind dir anscheinend wichtiger als ich. Wenn du weißt, was du willst, kannst du dich ja gerne melden. Aber ich weiß nicht, ob ich dann noch will. Ich habe nämlich echt die Schnauze voll. Visite beendet! Du kannst von mir aus gehen, aber wage es nicht, hier morgen wieder auf der Matte zu stehen! Du bist ab sofort krankgeschrieben. Keine Widerrede! Wie man sich selbst entlässt, weißt du ja. Den Papierkram kannst du auch gleich noch selber übernehmen. Tschüssikovski!

Marc hatte genug gehört und gesehen. Es war zum Haare raufen mit dieser völlig unberechenbaren Frau, die immer vollkommen konträr zu dem handelte, was man eigentlich vermutet hätte. Was hatte er gedacht, bei ihr zu erreichen? Er würde bei Haasenzahn nie weiterkommen und er hatte auch gar keine Lust mehr dazu, sich noch komplett zum Vollidioten abstempeln zu lassen. Diese Rolle konnte Kaan gerne übernehmen, so oft wie der immer an Gretchens Rockzipfel hing und auch gelassen wurde. Wütend rauschte der Oberarzt aus dem Zimmer und ließ eine verdatterte Gretchen Haase zurück, die nun absolut gar nichts mehr verstand. Die aufkommenden Tränen unterdrückend, flüsterte sie leise in Richtung Tür, die mit ordentlichem Schwung zugefallen war...

Es tut mir leid, Marc! Aber ich kann im Moment nicht. Es geht nicht. Es ist viel zu viel passiert, womit ich erst einmal klarkommen muss. Ich weiß nicht, ob ich jetzt die Kraft für eine solch chaotische Beziehung hätte oder was auch immer das mit uns ist. Oh Gott, hoffentlich habe ich ihn jetzt nicht für immer vergrault. Das wollte ich wirklich nicht. Ach Menno! Warum muss das mit uns auch immer so kompliziert sein?

Vielleicht weil sie es sich kompliziert redete? Dr. Meier rauschte jedenfalls ungehalten den langen Gang seiner Station hinunter. Jeder, der ihm entgegenkam und den Ameisenblick in seinem wutroten Gesicht registrierte, wich aus Sicherheitsgründen in einen anderen Korridor aus oder versteckte sich in einem der Patientenzimmer, an denen man gerade zufällig vorbeigegangen war, nur um bloß nicht von dem bösen Wolf angeraunzt zu werden. Doch Schwester Sabine, die mal wieder völlig arglos mit einem verträumten Lämmchenlächeln in einem Roman ihrer Lieblingsautorin stöberte, konnte nicht mehr rechtzeitig das Unheil abwehren, das nun ohne Vorwarnung auf sie niederprasselte. Stinksauer stapfte der sichtlich geladene Chirurg am Schwesternzimmer vorbei, warf der Stationsschwester im Vorbeigehen mit einem finsteren Blick die Unterlagen der Visite auf die Durchreiche, wodurch sie aufschreckte und sofort ängstlich hochfuhr... Oje, oje, oje! Was ist denn mit dem Herrn Doktor los? ..., und lief dann zu seinem Büro weiter. Er riss die Tür auf und schlug sie mit Schmackes hinter sich zu, sodass manch einer im EKH sogar eine leichte Vibration der Wände verspüren konnte. ... Die dumme Sau spielt sich wieder auf. Was will sie eigentlich von mir, hä? Was soll ich denn noch alles machen, damit sie’s endlich rafft? Nee, echt, ey, es reicht langsam!

Gretchen hatte in der Zwischenzeit ihre wenigen Habseligkeiten zusammengepackt und schaute nun noch schnell im Schwesternzimmer vorbei, um nach ihren Entlassungspapieren zu schauen. Schwester Sabine war heilfroh, ihre sehr verehrte Lieblingskollegin wieder auf den Beinen zu sehen, und zeigte ihr das auch ungeniert und mit überfordernder Herzlichkeit.

Sabine: Frau Doktor, wie schön! Geht es Ihnen wieder besser?
Gretchen (lächelt sie freundlich an, aber kann ihr Lächeln nicht lange halten, weil sie sich immer wieder ängstlich nach Marc umschaut): Naja, den Umständen entsprechend, danke, Schwester Sabine. Sind meine Papiere fertig?
Sabine (sucht hektisch auf ihrem Schreibtisch u. dann im Fach von Dr. Haase): Oh! Ähm... Moment! Der Herr Dr. Meier hat gar nicht gesagt, dass Sie heute schon entlassen werden! Was war denn mit dem los? Der ist hier vorhin wie eine Windböe vorbeigerauscht, hat die Papiere hingeschmissen und hat sich anschließend in seinem Büro verschanzt.

Oh, Mist, Mist, Mist! Ich bin so eine blöde Kuh! Warum habe ich ihm nicht einfach gesagt, dass ich mit ihm zusammen sein will? Nur mit ihm. Nicht mit Mehdi. Und auch nicht mit Frank. Oder mit sonst wem. Er weiß doch, dass ich ihm schon vor langer Zeit mein Herz geschenkt habe. Er soll es ja auch behalten. Nur ich brauche noch Zeit.

Gretchen (wird ein bisschen rot im Gesicht, wischt sich ertappt über die Wange u. redet sich unbeholfen heraus): Ähm... weiß nicht! Was soll denn mit ihm sein? Er... er ist doch meistens schlecht gelaunt. Dr. Meier eben! Das ist sein Normalzustand.
Sabine (bleibt misstrauisch u. lässt ihre Kollegin nicht aus den Augen): Ach so? War er denn nicht bei Ihnen?
Gretchen (schluckt ertappt u. ihr wird immer wärmer zumute): Ähm... ja, schon.
Sabine (blickt sie gespannt an): Und?
Gretchen (sucht dringend nach der richtigen Ablenkung): Sabine, was ist denn nun mit meiner Entlassung?
Sabine (reagiert hektisch, als sie ihren Schreibtisch auf den Kopf stellt, u. findet schließlich den richtigen Ausdruck): Ach ja! ... Hier, bitteschön, Frau Doktor! Wollen Sie noch einen Kaffee? Oder besser einen Tee? Lavendel-Mandel. Der beruhigt. Und wir könnten ein bisschen reden? Ich würde so gerne wissen, was vorgestern im Restaurant...
Oh, oh! Sabine ist in Plauderlaune! Das schaffe ich jetzt nicht. Tut mir leid.
Gretchen (unterschreibt ihre Entlassung u. wendet sich schnell zum Gehen ab): Danke, Sabine, ein anderes Mal. Ich will nur noch nach Hause. Meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen, wo ich bleibe.
Sabine (macht ein ganz besonders betroffenes Gesicht u. drückt ihr zum Abschied liebevoll die Hände): Das kann ich verstehen. Der Professor hat heute Morgen schon zweimal angerufen, aber da haben Sie noch geschlafen. Dann, ja, gute Besserung, Frau Doktor!
Gretchen: Danke! Auf Wiedersehen!

Gretchen verabschiedete sich rasch von ihrer neugierigen Kollegin, bevor diese erneut in den Interviewmodus schalten konnte, guckte auf dem Flur der Station noch einmal seufzend in Richtung des Büros ihres direkten Vorgesetzten und stieg dann, als nichts passierte, in den Aufzug. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Glaswand und schloss erschöpft ihre Augen. In ihrem Kopf rauschten die Gedanken nur so hin und her wie in einer Hochgeschwindigkeitsachterbahn. ... Warum habe ich nur wieder alles kaputtgemacht? Er liebt mich doch! Denke ich zumindest. Oder? ... Dieser Gedanke ließ die junge Ärztin auch nicht los, als sie das Krankenhaus schließlich verließ und in Richtung Parkgelände lief. Sie hatte die Person, die am Rande des Parkplatzes auf sie wartete, gar nicht bemerkt. Erst als diese sie ansprach, hob Gretchen ihr verwirrtes Lockenköpfchen und endlich konnte man ihr auch ein kleines Lächeln entlocken. Franz Haase breitete seine Arme aus und seine Tochter stürzte sich direkt schluchzend hinein.

Franz: Ach, Kälbchen, was machst du bloß für Sachen?
Gretchen (schluchzt gegen seinen grauen Parkakragen): Die machen andere mit mir, nicht ich. Ich kann doch nichts dafür, dass alles wieder...
Franz (streichelt ihr liebevoll über die zerzauste Lockenmähne): Ssshh! Ich weiß, mein Schatz. Du siehst blass aus. Willst du nicht doch lieber noch einen Tag länger hierbleiben?
Gretchen (hat sich wieder einigermaßen gefangen u. wischt die Tränen hastig mit ihrer Hand weg): Nein, bitte, ich will nur noch nach Hause in mein Bett.
Franz (nickt zufrieden u. führt sie Arm in Arm zum Familienwagen): Deine Mutter hat es schon für dich frisch überzogen. Na komm, dann steig ein! Mama und Jochen warten sicherlich schon auf uns.
Gretchen (lässt sich von ihm die Autotür aufhalten u. plumpst erschöpft auf den Beifahrersitz): Aber bitte keine weiteren Fragen! Das pack ich heute nicht! Vielleicht auch nie. Das alles war so... so verrückt.
Franz (setzt sich ans Steuer seines Wagens u. legt kurz beruhigend seine Hand über die seiner Tochter): Schon gut, Kälbchen. Ich rede mit deiner Mutter. Sie wird dich schon in Ruhe lassen. Dass sie dich in Watte packt und dich ordentlich verwöhnt, das werde ich wohl aber nicht verhindern können.
Gretchen (lehnt sich lächelnd seitlich an ihn): Danke Papa! Hat sie Pudding gemacht?
Franz: Ich befürchte, wir werden uns monatelang davon ernähren können. Sie hat für eine ganze Kompanie gekocht.

Franz steckte Gretchen mit seinem verschmitzten Lächeln an und startete anschließend den Wagen. Marc stand derweil am gekippten Fenster seines Büros im dritten Stock, rauchte gerade seine zweite Zigarette hintereinander und schaute traurig auf den Parkplatz hinab. Er hatte das Auto vom Professor natürlich gleich erkannt. Gretchen war in dem Moment eingestiegen. Auch sie blickte noch einmal zum Bürofenster ihres Oberarztes hoch. Sie hatte Marc sofort entdeckt. Er sah sie direkt an. Und beide dachten gleichzeitig dasselbe, als der VW sich schließlich langsam in Bewegung setzte und vom Krankenhausgelände herunterfuhr. ... Warum ist das nur so schwierig mit uns? Warum können wir nicht einfach glücklich sein?

Lorelei Offline

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18.08.2016 17:30
#18 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Einige Zeit war seit den turbulenten Ereignissen vergangen, die zum plötzlichen Ende der sehr kurzweiligen Ehe von Dr. Margarethe Haase geführt hatten. Der unfreiwillige Neu-Single versuchte, so gut es eben ging, die Geschehnisse zu verarbeiten. Gretchen hatte nach ihrem Zusammenbruch in der Klinik einige Tage frei genommen, die sie zuhause, in ihre rosafarbene Kuscheldecke gewickelt, in ihrem alten Jugendzimmer mit der kitschigen Tauben-Tapete verbracht hatte, wo ihr jedoch allmählich die Decke auf den Kopf zu fallen drohte. Sie konnte das Gedankenkarussell einfach nicht abstellen, welches sich auch zunehmend um eine ganz bestimmte Person drehte, die sie mit ihrem Verhalten gekränkt hatte, und hatte deshalb spontan beschlossen, wegzufahren. An die Ostsee. Ihrem Sehnsuchtsort seit Kindertagen. Dort hoffte sie, endlich einen klaren Kopf zu bekommen und wieder zu sich zu finden.

Doch ihre hyperbesorgte Übermutter, die seit dem Drama im Restaurant nicht von ihrer Seite gewichen war und sie wie in ihren alten Kindertagen ohne Ende betüddelt und umsorgt hatte, war natürlich überhaupt nicht davon begeistert, dass ihre Tochter, der in den letzten Tagen so viel zugemutet worden war, ganz alleine, ohne Begleitung, verreisen wollte.

Bärbel: Gretchen, ich halte das für keine gute Idee, dass du allein nach Rügen fahren möchtest. Alleine, also, wie sieht das denn aus?
Gretchen (dreht sich augenrollend aus der Bauchposition in die Rückenlage u. sieht ihre Mutter, die sich zu ihr auf die Bettkante gesetzt hat, unwirsch von der Seite an): Das tun Singles gewöhnlich, Mama! ... (Bei dem Wort ‚Single‘ muss sie kurz schlucken.)
Bärbel: Aber Margarethe... Du bist immer noch verheiratet und überhaupt...
Gretchen (muss sich sehr zurückhalten, nicht die Kontenance zu verlieren): Mama, wie oft denn noch, ich bin und war NIE verheiratet. Die Ehe ist ungültig, weil Alexis... (Bei seinem Namen wird ihr ganz anders.) ...nicht Alexis ist, sondern Frank... und ich möchte eigentlich auch gar nicht mehr darüber reden.
Bärbel (wirft theatralisch ihre Hände in die Luft): Du wolltest ja die ganze Zeit nicht mit uns sprechen. Woher sollen wir dann denn wissen, dass...
Gretchen (blickt ihr genervt in die Augen u. deutet mit ausgestrecktem Arm zum Fenster): Es stand doch auch genug in der Berliner Presse. Oder hast du die ganzen Reporter vergessen, die in den vergangenen beiden Wochen in unserem Vorgarten gecampt haben? Du hast denen doch sogar jeden Morgen Kaffee vorbeigebracht, weil sie dir leidgetan haben bei dem Monsunregen über der Hauptstadt, der übrigens genau zu meinem Gemütstief gepasst hat. Danke noch mal Tief Horst! Da war sogar einer von CNN darunter. Alexis, ähm... Frank soll ja angeblich auch etwas mit dieser Lehman-Bank-Sache letztes Jahr zu tun haben, du weißt schon, Bankencrash, Finanzkrise und so. Einer der Reporter ist immer noch da unten, weil er sich so wohl und aufgehoben bei uns fühlt. Er hofft vermutlich immer noch auf seinen großen Durchbruch als Boulevardreporter für Sat1 mit einer Exklusivgeschichte à la „Junge, etwas korpulente Ärztetochter aus Berlin fällt auf Millionenbetrüger herein und wird beinahe Opfer seiner schwarzen Witwe“. ... Äh... nein, Mutter oder Schwiegermutter? Ich hätte vielleicht doch als Studium generale Journalistik belegen sollen und nicht Ethnologie. Okay, das ist eine andere Geschichte. Wo war ich noch mal? Ach ja! ... Er hätte vielleicht mal eher ins Internet schauen sollen. Da war schon keine zwei Minuten nach dem Schuss ein Foto der toten Irren bei Spacebook. Von einem Augenzeugen. Ich glaube, es war der trottelige Kellner, der kaum einen Teller halten konnte, dafür aber, was das Zeug hielt, live getwittert hat. Hat, glaube ich, einen Preis für seine Sonderreportage von der BILD-Zeitung bekommen. Und RTL verhandelt gerade über die Filmrechte an der verrückten Story, die fast so viel Aufmerksamkeit erreicht hat wie die Onkel-Dagobert-Geschichte in den Neunzigern.

Wer wohl meinen Part spielen wird? Also, ich wäre ja für Angelina Jolie. Oder doch lieber Jennifer Aniston? Vom Kummerbarometer her würde es ja passen. Und George Clooney spielt Frank. Er hat doch in diesem einen Film - wie hieß der noch gleich, war auf jeden Fall eine Zahl drin, hm, egal - diesen Betrüger gespielt. Würde ja irgendwie passen. Ach nee, der hat, glaube ich, Kasinos ausgeräumt zusammen mit Brad Pitt. Oh ja, Brad Pitt übernimmt dann die Rolle von Marc. Hach... Ich in den Armen von Brad Pitt. ... *träum* ... *seufz* ... Obwohl, hat der nicht auch gerade Stress mit seiner Alten, hm? Mieses Karma. Oje, was spinne ich mir denn jetzt schon wieder zusammen? Ich bin definitiv urlaubsreif! Mama kann also gar nichts mehr dagegen haben.

Bärbel: Kind, was soll das denn jetzt? Warum bist du denn jetzt auf einmal so zynisch? Das ist doch gar nicht deine Art.
Gretchen (springt mit Elan vom Bett auf u. will sich an ihr vorbeischlängeln): Vielleicht, weil ich zur Tür hinaus möchte, was du vielleicht an meinen beiden gepackten Koffern erkennen könntest, die bereits seit einer Dreiviertelstunde abreisebereit neben der Tür stehen.
Bärbel (sieht ihr mit Sorgenmiene in die Augen): Du willst also immer noch fahren?
Gretchen (aus dem bittenden Blick wird ein fordernder): Ja, verdammt, Mama!
Bärbel (lässt sie immer noch nicht vorbei): Also, Margarethe, ich weiß nicht. Woher kommt denn auf einmal dieser Aktionismus? Vielleicht hatte dieser Doktor Laan doch Recht. Du solltest mit einem Psychologen sprechen. Du hast dich tagelang in deinem Zimmer eingeschlossen, Celine Dion rauf und runter gehört und kaum etwas gegessen. Du siehst schon ganz mager aus.
Gretchen (ist kurz davor, vor lauter Frust aufzugeben, u. setzt sich auf einen ihrer Koffer): Mama, ich bin kein psychologischer Pflegefall, ich bin nur getrennt. Und wie oft denn noch, er heißt Kaan!
Bärbel (verständnislos): Bitte?
Gretchen: Dr. Mehdi Kaan!
Bärbel (lächelt sie ganz plötzlich auf eine seltsame Art u. Weise an): Das weiß ich doch. Übrigens hat er vorhin schon wieder für dich angerufen, zum sechsten Mal heute. Warum schaltest du denn dein Handy nicht wieder ein? Er macht sich doch solche Sorgen um dich. Vielleicht solltest du doch mal mit ihm reden? Er wirkt doch sehr kompetent.
Gretchen (es ist zum Haare raufen mit ihrer Mutter): Mama, ich habe dir gesagt, ich will mit niemandem sprechen. Und so wie du dich gerade anhörst, klingt das ja fast so, als würdest du dir schon wieder einen neuen Schwiegersohn aussuchen.

Hm...? Mehdi hat nur sechs Mal angerufen? Seltsam. Er lässt nach. Gestern waren es noch elf Mal und letzte Woche zwanzig Mal, die fünf Mal abgezogen, die er persönlich vor der Tür gestanden hat und Papa ihn abwimmeln musste. Hat er mich etwa schon vergessen? Alle haben mich vergessen! Keiner liebt mich! Außer die Berliner Boulevardpresse im Sommerloch. ... Gretchen, hör auf, dich selbst zu bemitleiden und sieh zu, dass du dich endlich aus dem Haus schleichen kannst! Du musst definitiv hier weg.

Bärbel (lächelt sie auf die verschlagene Haase-Art an): Ja, einer muss sich doch darum kümmern, dass du wieder glücklich wirst. Und er ist doch ein sehr gutaussehender und charmanter junger Mann. Er mag dich.
Gretchen (funkelt sie ungehalten an): Mamaaa! Ich habe echt genug jetzt! Ich will weder, dass man mich zum Seelenklempner schickt, noch, dass man mich verkuppelt. Verstanden? Ein Mann ist das Letzte, was ich jetzt in dieser Situation gebrauchen kann. Ich will einfach nur meine Ruhe haben. Kannst du das denn nicht verstehen?
Bärbel (beugt sich zu ihr vor u. greift nach ihrer Hand, die sie nun liebevoll drückt): Gretchen, Schatz, du bist unglücklich. Denkst du, ich schaue mir das Häuflein Elend noch länger an. Ich will dir doch nur helfen.
Gretchen (hat ja auch Verständnis dafür, aber ihr wird das alles einfach zu viel): Helfen? Jeder will mir nur helfen. Das ist ja auch lieb von dir, aber ich muss das alleine schaffen. Ich muss mal raus hier, sonst fällt mir noch die Decke auf den Kopf. Rügen ist genau das Richtige für mich.
Bärbel (fühlt sich sichtlich unwohl bei dem Gedanken): Aber gleich verreisen? Ich würde dich ja gerne begleiten, aber ich kann Papa auch nicht so lange alleine lassen. Sonst hält er sich wieder nicht an die Auflagen seines Arztes und fängt zu früh wieder an, sich in der Klinik zu übernehmen. Wie beim letzten Mal nach eurer schlimmen Erkrankung. Du kannst doch auch wieder arbeiten gehen, wenn du dich unbedingt ablenken möchtest. Das hat dir doch sonst immer gutgetan, anderen Menschen zu helfen. Du bist so eine gute Ärztin.
Gretchen (schaut sie mit großen ungläubigen Augen an): Bist du krank? Das kommt jetzt nicht echt von dir, oder? Ich dachte, ich gehör an den Herd!
Bärbel (tadelnd): Margarethe, was soll denn dieser Ton jetzt schon wieder? Hast du vergessen, dass ich jetzt auch vollberufstätig bin.
Gretchen (verdreht genervt ihre Augen): Mama, du hilfst halbtags in der Onkologie aus und schenkst den Patienten Tee ein, mehr nicht! Mittags bist du doch eh schon wieder zu Hause und betüddelst Papa.
Bärbel (verschränkt beleidigt ihre Arme vor ihrer Brust): Also, wirklich, Gretchen! Du weißt doch gar nicht, was im Krankenhaus gerade los ist. Die sind völlig unterbesetzt und müssen Doppelschichten schieben, seitdem du und Papa weg seid. Gestern ist doch der Herr Dr. Knechtelsdorfer tatsächlich im OP eingeschlafen, seine Hand steckte noch im Bauch des Patienten und...
Gretchen: Mama, du weißt doch, dass mich der Krankenhaustratsch nicht interessiert. Außerdem ist er kein richtiger Doktor, er hat doch noch nicht einmal die Zwischenprüfung geschafft.
Bärbel: Seit wann das denn? Du schreist doch immer, wir sollen ruhig sein und ziehst den Telefonstecker raus, wenn die Frauke Ludowig kommt.
Gretchen: Das mag ja auch sein, aber... Mama, es reicht jetzt.
Bärbel (klatscht geschäftig in ihre Hände): Genau! Du solltest wieder arbeiten gehen. Unter Leute kommen. Die brauchen dich doch dort. Der Doktor Meier ist völlig überfordert. ... Hach... Er braucht mich! ... *seufz* ... Schwester Sabine hat mir erzählt, dass er seit drei Tagen in seinem Büro übernachtet. Sie hat ihn letzte Nacht gesehen, er war über seinen Unterlagen eingeschlafen. ... Wie süß! ... Gretchen, hör auf, über Marc nachzudenken! Du wolltest erst einmal keine Männer mehr in deinem Leben, also, zieh das jetzt auch konsequent durch! ... Dass der Papa ihm während seiner Reha-Maßnahme den Chefsessel überlassen hat, kann ich ja gar nicht verstehen. Er ist doch gerade mal dreißig und dann so viel Verantwortung.
Gretchen (kleinlaut): Dreiunddreißig!

Mist! Hatte er nicht vorgestern Geburtstag? Ich sollte ihm vielleicht eine SMS schicken: ‚Alles Liebe von deiner durchgeknallten Fast-Freundin, die sich nicht entscheiden kann und lieber in ihr Kopfkissen heult, anstatt wild und ungezügelt mit dir im EKH rumzuknutschen.‘ Oh Gott, nein, lieber nicht, sonst denkt er wieder, ich will etwas von ihm und kommt noch hierher und will „reden“ oder „küssen“. Naja, eigentlich will ich schon, aber... nicht jetzt. Das würde mich nur noch mehr durcheinanderbringen. Gretchen, hör auf zu grübeln! Mama guckt schon ganz komisch. Nicht dass sie noch merkt, dass ich... Nein, stopp, Gretchen, Konzentration!

Bärbel (beobachtet sie misstrauisch): Woher weißt du das denn so genau?
Mist! Sie hat doch etwas gemerkt! Rausreden, Gretchen, rausreden!
Gretchen: Schon vergessen? Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er war zwei Klassen über mir.
Und ich habe doch jedes Jahr seinen Geburtstag gefeiert. Gut, bei mir zu Hause, allein in meinem Zimmer. Ich war ja nie eingeladen auf seine tollen Partys, aber trotzdem habe ich immer an ihn gedacht, hab mich hübsch angezogen und ihm sogar jedes Jahr ein Geschenk besorgt. Sogar letztes Jahr noch, zwei Wochen vor Peters und meiner Hochzeit habe ich... Oh Mann, ist das auch schon wieder ein Jahr her? Hilfe! Wo ist nur die Zeit geblieben? ... Gretchen, hör auf, nachzudenken! Du kommst komplett vom Weg ab. Ob er wohl sauer ist, weil ich ihm nicht gratuliert habe? Ich kann ihm ja bei Gelegenheit eins der neunzehn Geschenke geben, die noch auf unserem Dachboden liegen und einstauben.
Bärbel (zunehmend beunruhigt): Gretchen, bist du noch da?
Ups! Zu lange nachgedacht.
Gretchen (räuspert sich ertappt u. versucht, nicht rot zu werden): Ähm... ja, natürlich.
Ich glaube, jetzt sollte ich so langsam mal hier abhauen! Gute Idee!
Gretchen (schnappt sich prompt ihr Gepäck u. schiebt sich an Bärbel vorbei): Mama, ich fahr dann jetzt.
Bärbel (seufzt theatralisch auf u. lässt sie schließlich ziehen): Gut, Reisende soll man nicht aufhalten. Aber versprich mir, Margarethe, dass du jeden Tag anrufst und uns schreibst. Damit wir wissen, dass es dir gut geht. Und grübele bitte nicht so viel, geh auch mal aus! Lern Leute kennen!
Gretchen (verdreht angesichts dieses subtilen Hinweises die Augen): Ja, mach ich. Ich bin dann mal weg.

Ehe sie es sich noch einmal anders überlegen konnte, stolperte Gretchen schnell mit ihren beiden schweren Koffern die Treppe hinunter und öffnete die Haustür der Villa Haase. Davor am Zaun wartete bereits seit einer geschlagenen Stunde das bestellte Taxi, das sie zum Hauptbahnhof bringen sollte. ... Gut, ich bin mal wieder viel zu spät dran, Berliner Taxifahrer können mich jetzt noch weniger leiden und werden unsere Straße ab sofort bis in alle Ewigkeit meiden. Und ich, ich nehme einfach einen Zug später. Hauptsache, ich komme hier weg! ... Durch das Gepolter an der Tür wurde auch Prof. Haase auf den Plan gerufen, der mit einer Zeitung bewaffnet aus dem Wohnzimmer kam und fragend zu seiner Frau an der Treppe schaute, die ein sichtlich betroffenes Gesicht machte.

Franz: Ist sie schon weg? Ich wollte mich doch noch von ihr verabschieden.
Bärbel (traurig): Ich konnte sie nicht aufhalten, leider! Das Mädchen ist so durcheinander.
Franz (verständnisvoll): Warte nur ab, Butterböhnchen! Die Reise wird ihr schon gut tun. Sie braucht die Ablenkung. Du wirst sehen, in zwei Wochen kommt ein rundum erneuertes Kälbchen zurück.

...machte Franz mit einem überzeugenden Lächeln seiner Frau Mut und zog sie anschließend tröstend in den Arm. Zusammen gingen sie zur Haustür und schauten hinaus auf die Straße, wo sie das Taxi mit ihrer gemeinsamen Tochter, die ihren Eltern noch kurz, aber sichtlich fröhlicher zuwinkte, davonfahren sahen.

Lorelei Offline

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19.08.2016 16:23
#19 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Was in der Zwischenzeit geschah...

Dr. Meier und Dr. Kaan waren in den vergangenen beiden Wochen gewohnt ihrer täglichen Arbeit nachgegangen und hatten versucht, möglichst nicht jede Minute an eine ganz bestimmte hübsche blonde junge Kollegin zu denken, die beiden wahnsinnig den Kopf verdreht hatte, was ihnen jedoch sichtlich schwerfiel, denn das Objekt ihrer Begierde hatte sich seit jenem Morgen im Krankenzimmer bei keinem der beiden mehr gemeldet und das fuchste zumindest einen der beiden Männer tierisch, was er wiederum an Schwester Sabine ausließ, die darum betete, dass die Frau Doktor möglichst bald zurückkehren möge, um dem Gefühlschaos auf der Station endlich ein Ende zu setzen. Der andere Oberarzt machte sich dagegen zunehmend Sorgen, weil es ungewöhnlich für die schöne lebensfrohe Assistenzärztin war, überhaupt nichts mehr von sich hören zu lassen.

In der Klinik und zu Hause in ihrer gemeinsamen WG versuchten die beiden Freunde, sich möglichst aus dem Weg zu gehen. Es wurde nicht viel geredet, wenn es nicht gerade einen gemeinsamen Patientenfall zu besprechen gab oder der übliche Krankenhaussmalltalk abgehandelt wurde, der keinen von beiden wirklich interessierte. Die Stimmung war irgendwie anders. Gedrückt. Angespannt. Man beobachtete sich. Analysierte. War misstrauischer geworden. Sie sahen sich wieder mehr als Konkurrenten im Kampf um Gretchens Herz, was ihrer Freundschaft nicht besonders guttat. Mehdi hatte schon darüber nachgedacht, ob er nicht besser wieder bei Marc ausziehen sollte, um zumindest irgendetwas noch zu retten, was sie beide verband. Aber seine finanzielle Lage ließ ihm keine andere Wahl, wenn er nicht wieder bei der Oberschwester zu Kreuze kriechen wollte. Er musste bei Marc bleiben. Er war schließlich immer noch sein bester Freund. Obwohl sie beide dieselbe Frau liebten. Und so arrangierten sich Mehdi und Marc, so gut es eben ging.

Prof. Haase war zurzeit immer noch krankgeschrieben und ließ sich zu Hause von seiner Ehefrau ordentlich betüddeln, die sich jedoch auch immer noch heimlich dem Hanfplantagengeschäft widmete. ... Irgendwer muss sich ja schließlich auch um unsere Finanzen kümmern, wenn wir im Alter über die Runden kommen wollen. ... Franz genoss die gemeinsame Zeit mit seiner Frau sehr, die sie beide wieder einander näherbrachte. Nachdem sie ihm die Sache mit der Affäre in Indien und den gestohlenen Goldbarren gestanden hatte und sie sich endgültig ausgesprochen hatten, waren sie sich so nah wie seit Jahren nicht mehr. Gut, er hatte sein Butterböhnchen zwei quälend lange Wochen zappeln lassen, hatte mit Scheidung gedroht und sie war sogar für kurze Zeit ins Schwesternwohnheim gezogen, aber die Sehnsucht nacheinander war einfach größer gewesen, größer noch als der Geschirrberg in ihrer gemeinsamen Küche, wo sie sich mittlerweile in die Hausarbeit hineinteilten und sogar richtig Spaß dabei hatten. Und als dann die Geschichte mit ihrer geliebten Margarethe und dem falschen Millionär passiert war, hatte er seine Frau einfach geschnappt und zurück in die Villa geholt. Allein wäre er schließlich mit dem heulenden Elend niemals klargekommen. Und familiärer Zusammenhalt war nun mal wichtiger als alles andere, was man in der Vergangenheit vielleicht falsch gemacht hatte.

Das Ehepaar Haase war wieder glücklich. Sehr, sehr glücklich und verliebt sogar. Sehr zum Leidwesen ihrer beiden Kinder, die schockiert beobachten mussten, was zwischen ihren Erziehungsberechtigten vor sich ging. Das ständige Geturtel ihrer Eltern war nicht nur Jochen so gehörig auf die Nerven gegangen, dass er gleich ganz das Weite gesucht hatte. ... Kann man hier nicht einmal in Ruhe trauern und sein Leben bedauern? Nein, überall nur glückliche Paare! ... Ein weiterer Grund, um wegzufahren, hatte sich auch seine Schwester gedacht und spontan ihre Sachen gepackt. ... Gut, ihre gemeinsame Altersvorsorge war weg, aber Hauptsache, sie waren wieder glücklich vereint, dachte derweil Gretchens Mutter. Deshalb ging Bärbel Haase jetzt auch nur noch halbtags in die Klinik. Komischerweise vermisste Prof. Haase seine Arbeit dagegen überhaupt nicht, wenn sein Butterböhnchen bei ihm war, was ihn sehr nachdenklich stimmte.

Vielleicht sollte ich doch in zwei Jahren meinen Ruhestand antreten? Eigentlich wollte ich ja noch nicht. So ein alter Ha(a)se bin ich schließlich auch noch nicht und meine grauen Zellen und meine Chirurgenhände sind noch topfit. Aber nach der ganzen Virussache und dem Drama um unsere Tochter erkennt man eben, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Mal sehen, wie sich der Meier in meiner Abwesenheit so schlägt. Vielleicht ist er ja doch der geeignete Kandidat für meine Nachfolge. Oder um es zumindest etwas ruhiger angehen zu lassen. Und solange er sich von unserer Tochter fernhält, ist doch eigentlich alles in Butter.

Dr. Marc Olivier Meier hatte seit der Quarantäne provisorisch die Stellvertretung von Prof. Haase als Chefarzt und Leiter des Elisabethkrankenhauses übernommen. Deshalb hatte er in den vergangenen Tagen meist sehr viel zu tun gehabt. Ohne Ende Papierkram, OP-Planungen, Streitigkeiten mit der Verwaltung und der Oberschwester, das Übliche halt neben seiner normalen Routine auf Station und im OP. Eigentlich war Aktenhockerei ja ganz und gar nicht seine Stärke, denn den Kampf gegen den Computer verlor er regelmäßig. Aber wozu gab es denn Schwester Sabine? Sie bekam natürlich immer als Erste seine schlechte Laune ab, die ein Dauerzustand geworden war. Dass der Grund für seine miese Stimmung die Abwesenheit von Dr. Haase war, hatte Sabine sofort gemerkt. Als sie nämlich für ihn eines Nachts seine Berichte geschrieben hatte, war sie auf einen ungekennzeichneten Ordner mit Fotos gestoßen. Alles nur Bilder von der Frau Doktor in Großaufnahme! ... Also doch! Ich habe es immer gewusst! Er liebt sie! Hach... Wie René und seine Monique! ... Bei Gelegenheit würde sie ihrem Oberarzt mal auf den Zahn fühlen, hatte die romantikverliebte Krankenschwester beschlossen. Aber nur, wenn Dr. Meier mal wieder einen guten Tag erwischt hatte. Also wahrscheinlich nie!

Marc selbst war eigentlich ganz froh über die viele Arbeit, die ihm der Professor aufgehalst hatte. Nicht nur weil er dadurch ohne viel Zutun eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter emporgeklettert war. ... Muss ich wenigstens nicht so oft an sie... Hey! Was soll das denn jetzt, Meier? Du denkst doch nicht ernsthaft an...? Nee, ganz bestimmt nicht, also echt jetzt! ... Der verwirrte Chirurg schüttelte entschieden seinen Kopf und machte sich wieder an seine Arbeit, die irgendwie gar nicht mehr enden wollte. Da jetzt auch noch der Dienstplan in seinen Arbeitsbereich fiel, konnte er seinen Schichten jedoch extra so legen, dass er Mehdi weder in der Klinik, noch zu Hause über den Weg laufen musste. Er konnte seinen Freund momentan einfach nicht ertragen, obwohl er der einzige Freund war, denn er hatte. Weil er durch den liebeskranken Vollidioten ganz automatisch wieder an SIE erinnert wurde und das wollte er nicht befördern.

Mehdi ging es da auch nicht anders. Er ging seinem Kumpel und Kollegen bewusst aus dem Weg, obwohl er doch schon gerne gewusst hätte, was noch zwischen den beiden vorgefallen war, nachdem er Gretchens Krankenzimmer verlassen hatte. Aber dann hatte er zufällig in einer Unterhaltung zwischen Schwester Sabine und Oberschwester Stefanie mitbekommen, dass Dr. Meier wohl ziemlich ungehalten aus ihrem Zimmer gestürmt und schimpfend durch die Flure zum OP-Bereich gestampft war. Bei der anschließenden OP musste er dann wohl auch sehr ausfallend zu Schwester Sabine gewesen sein. Diese war daraufhin heulend aus dem OP gestürmt und hatte sich den Rest des Tages auf der Toilette eingeschlossen, wo die Oberschwester sie schließlich ausfindig gemacht hatte. ... ‚Wie Sie das nur mit diesem Wombat aushalten? Ich hätte längst die Station gewechselt. Scheiß Ärzte, kotzen mich an!‘ ... Mehdi war daraufhin wieder etwas beruhigt gewesen, auch wenn er immer noch nicht mehr in Erfahrung gebracht hatte, außer einem vagen Gefühl. ... Gut, er hat es wieder vermasselt, der Idiot! Ich werde später mal bei ihr anrufen. Vielleicht braucht sie ja jetzt eine Schulter zum Ausheulen? Mist, das wollte ich ja nicht mehr. Mehdi, reiß dich zusammen und lass es dir nicht anmerken! Ihr seid nur Freunde. Verständnisvolle Freunde.

Aber sein Unterbewusstsein hatte ihn dann doch wieder überlistet und er hatte noch am selben Abend versucht, sie zu erreichen. Und die darauffolgenden Tage ebenfalls, aber sie hatte sich immer abwimmeln lassen. Eines Tages hatte er es nicht mehr ausgehalten und war seinem mulmigen Gefühl gefolgt und einfach zu ihr nach Hause gefahren, aber ihr Vater hatte an der Tür mit grimmiger Miene gemeint, sie sei nicht da. Weight-Watchers-Treffen! ... ‚Ach so? Ich dachte, das sei erst nächste Woche?‘ ... Und so war er wieder gegangen. Mehdi hatte es dann in den nächsten vier Tagen noch ein paar Mal probiert, sie zu erwischen, aber jedes Mal ohne Erfolg. Gretchen wollte ihn nicht sprechen. Es war offensichtlich. Einer der Reporter vorm Haus der Haases hatte ihn sogar noch vorgewarnt. ... ‚Die gibt keine Interviews. Ich hab’s auch schon versucht, aber keine Chance. Ich stehe schon seit zwei Wochen hier. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Frau Prof. Haase hat gerade frischen vorbeigebracht.‘ ... Aber Mehdi war schon wieder gegangen. Geknickt und resigniert. Er wusste auch nicht, warum gerade jetzt, aber dieses Mal hatte er es endlich kapiert.

Gut, ich habe verstanden. Sie will in Ruhe gelassen werden. Akzeptier das! Sie will nicht mit dir reden. Dann lass ich es eben! Soll sie doch selber sehen, wie sie damit fertig wird. ... Oh, Mehdi, jetzt spiele nicht die beleidigte Leberwurst! Gretchen meint das bestimmt nicht so. Sie macht das mit sich aus. Das hast du doch damals auch so gemacht. Bis Marc dich irgendwann aus deinem mentalen Mäuseloch ausgebuddelt und erst zum Golfen und dann, als du dich dabei als völlig talentfrei erwiesen hast, zum Squash geschleift hat. Gib ihr die Zeit, die sie braucht! Gut, aber einmal rufe ich noch an. Nur, um zu schauen, ob es ihr wirklich gut geht.

Marc und Mehdi hatten also beide auf ihre Weise versucht, irgendwie mit der angespannten Situation zurechtzukommen. Während Mehdi den direkten Weg gesucht hatte - erst einmal als guter „Freund“ Präsenz und Verständnis zeigen: Anrufe (Sehr viele Anrufe!!!), SMSen (Lieber nicht zu viele, das hat damals bei unserem Nicht-Kuss schon nicht geklappt, aber trotzdem, einen Versuch ist es wert.), fünf Mal täglich Gruscheln bei Ärzte-VZ (Gleich mal schauen, ob sie Marc in ihrer Freundschaftsliste hat. ... Gut, hat sie nicht! Marc ist nämlich nicht bei Ärzte-VZ! Und bei Spacebook? Nein, auch nicht, aber hey, da gibt es verschiedene Gruppen, mal sehen. Hm... „Selbsthilfegruppe Marc-Meier-Opfer“, „Verliebt in Marc Meier!“, „Marc Meier ist das größte Arschloch, das es gibt, aber ich komme trotzdem nicht von ihm los!“ ... Herrje, dieser Idiot! ... Oh! Gretchen ist bei allen dreien Mitglied! Kein gutes Zeichen!) und Hausbesuche -, hatte Marc die altbewährte Selbstbeschiss-Taktik gewählt, Gefühle komplett zu ignorieren (Marc Meier kennt keine Gefühle! Pah! Ihr könnt mich alle mal!) und stattdessen zu arbeiten. Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten (Das kann ich schließlich am besten, naja, neben der anderen Sache. Hähä! Oh Gott, wie lange ist das eigentlich schon her, dass ich das letzte Mal Sex hatte? Ach, du Scheiße! Seit ich Schlampengabi nicht geschwängert habe! Ich muss mich dringend untersuchen lassen. Das ist doch echt nicht mehr normal, ey. Abreagieren! Genau! Sofort! Ein paar Bälle gegen die Wand hauen. Das wär’s jetzt. Aber mit wem als Gegner? Soll ich den Vollhonk doch fragen? Der hängt eh wie ein Schluck Wasser in der Kurve vor seinem Laptop und der Süßigkeitenschale. Und bevor der mir noch einen Frustfutterbauch ansetzt und ich mich gar nicht mehr mit ihm sehen lassen kann... Okay, einer sollte ja mal anfangen. Auf geht’s!).

Die Selbstbeschiss-hält-dich-oben-Taktik hatte die ersten beiden Tage auch ganz gut funktioniert, aber dann hatte Dr. Meier sich doch dabei erwischt, wie er während einer OP öfters nach rechts geschaut hatte und dann war ihm plötzlich unbedacht ein „Haasenzahn, kannst du hier mal anständig absaugen!“ entflutscht. Dr. Knechtelsdorfer, der direkt neben seinem Oberarzt gestanden hatte, hatte ihn daraufhin mit merklich irritierter Miene angestarrt. - „Oarbor Herr Dr. Maiiir, i bin gar ni die Frau Doktor.“ ... Hm, komisch seit wann hat die denn so nen bescheuerten Dialekt drauf, will die mich verarschen, hatte Dr. Meier nur verwirrt gedacht und immer noch nicht realisiert, was eigentlich los war. - „Na, wird das heute noch was? So langsam müssen die Abläufe doch klar sein, verdammt noch mal.“ Daraufhin hatte es im OP-Saal kein Halten mehr gegeben. Dr. Rössel war als Erster in amüsiertes Gelächter ausgebrochen und auch Schwester Sabine konnte sich ebenso wie der Anästhesist und die OP-Schwestern ein kleines Kichern nicht länger verkneifen. - „Herr Dr. Meier, vermissen Sie die Frau Doktor?“ Da erst war es Marc wie Schuppen von den Augen gefallen. Er hatte sich gerade vor seiner Mannschaft komplett blamiert und vor allen die Hosen runtergelassen. ... Scheiße! ... Sichtlich entsetzt hatte er aufgeblickt und in die umstehenden Gesichter geschaut, die ihn angestarrt hatten, als hätte er nicht mehr alle medizinischen Werkzeuge beisammen. Das hatte er nicht auf sich sitzen lassen können.

Um sich keine Blöße geben zu müssen, hatte er erst einmal erfolgreich Schwester Sabine angeschnauzt, die daraufhin völlig fertig aus dem OP gerannt war. Er hatte keinem der anwesenden Ärzte und Schwestern mehr in die Augen geschaut, stur auf den Patienten gestarrt und versucht, konzentriert weiterzuarbeiten, was ihm letztlich auch gelungen war. Zum Glück hatte man dank der vorzüglich geschnittenen OP-Kittel nicht gemerkt, dass er rot angelaufen war. Das war ihm noch nie passiert! Ihm war ja sonst nie etwas peinlich. Er hatte sich selbst das damit erklärt, dass es im OP scheißewarm gewesen war und er wegen der letzten Nachtschichten eh etwas angeschlagen gewesen war. Nach Abschluss der geglückten OP hatte er sich dann schnell aus dem Staub gemacht. Er war fast schon aus dem Saal gerannt. Er hatte die OP-Sachen in die Tonne geschmissen und war aus dem OP-Bereich gestürmt, flink den Gang runter, ab in den Fahrstuhl und dann hoch in die dritte Etage, wo er sich für die nächsten zwei Stunden in sein Büro eingeschlossen hatte und niemanden mehr hatte sehen wollen. ... Scheiße, was war das denn eben? Ok, wo ist der Dienstplan? Ich muss mir dringend ein neues OP-Team zusammenstellen. Am besten ich schmeiße gleich alle raus. Das geht so echt nicht mehr weiter. ... Doch als er gemerkt hatte, wie irrational er sich gerade verhalten hatte, hatte er den Stift fallen gelassen, sich umgedreht und nachdenklich zum Fenster hinausgeschaut. ... Was hat sie nur aus dir gemacht, Meier? Trottel vom Dienst war doch eigentlich ihr Job. ... Er vermisste sie und das war jetzt auch ihm endlich schmerzlich klargeworden. ... Vielleicht sollte ich sie doch anrufen und fragen, wie’s ihr geht? ... Nee, kommt gar nicht in Frage! Ich renn doch keiner Frau hinterher. Bin ich Mehdi oder was? Nee, nee, Haasenzahn muss sich schon bei mir melden und sich entschuldigen! Dann entscheide ich. Ich weiß zwar noch nicht was, aber hier geht es mir schließlich ums Prinzip. ... Wild entschlossen hatte er sich anschließend wieder zum Schreibtisch herumgedreht und hatte eine Akte von seinem Stapel gezogen, um den noch ausstehenden OP-Bericht fertigzuschreiben. Irgendwann war er dann vor Erschöpfung darüber eingeschlafen......

Lorelei Offline

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25.08.2016 13:05
#20 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

https://www.youtube.com/watch?v=HG7I4oniOyA


Es ist Nacht. Tiefdunkle Nacht. Nur vereinzelte Sterne glitzern am Firmament. Meeresrauschen ist in der Ferne zu hören. Die Gischt bricht sich an den vorgelagerten Kreidefelsen. Der Mond schlängelt sich langsam über den Horizont und spiegelt sich im glasklaren Wasser, das leichte Wellen gegen den Strand schlägt. Leise trägt der laue Seewind ein bekanntes Lied heran, das Erinnerungen weckt. Schöne Erinnerungen. Vertrautheit. Sehnsüchte. Ganz langsam schreitet Marc die abendlich beleuchtete Strandpromenade entlang. Kein weiterer Mensch ist zu sehen. Doch plötzlich taucht in der Nähe ein Schatten auf. Eine Silhouette, die ihm seltsam bekannt vorkommt. Er lächelt, als er erkennt, wer da an das Geländer gelehnt steht und verträumt auf den feinkörnigen Sandstrand, die verlassenen Strandkörbe und das ruhige Meer schaut. Eine leichte Brise weht der bildschönen Frau eine Strähne ihres goldschimmernden Haares ins Gesicht. Sie wird davon gekitzelt. Sie ignoriert es erst, dann streicht sie sich mit ihren geschmeidigen Fingern durch ihr wildes ungebändigtes Lockenmeer. Er betrachtet das Fabelwesen einfach nur einen Moment lang und ist einmal mehr verzaubert.

Endlich ist der Moment gekommen. Ich werde es ihr sagen. Jetzt! Dieses eine Mal wirst du mir nicht mehr davonhoppeln, Haasenzahn. Die Zeit der Missverständnisse und unausgesprochenen Gedanken ist endgültig vorbei. Ab jetzt gibt es nur noch dich und mich. Und diesen Moment.

Entschlossen, aber mit Bedacht geht er weiter auf sie zu. Langsam. Mit geschmeidigen Schritten. Seinen marineblauen Kurzmantel hat er ausgezogen und über die Schulter geworfen und hält ihn lässig nur mit dem kleinen Finger fest. ... Die Schönheit am Meer nimmt Schritte hinter sich wahr. Langsam dreht sie sich in deren Richtung um. Der Wind nimmt zu und plustert ihr knielanges, lila geblümtes Sommerkleid etwas auf und weht ihr die langen Locken ins Gesicht. Sie kämpft erfolgreich dagegen an. Und jetzt sieht auch sie ihn endlich. Sie hat den Mann in der dunklen Anzughose und dem hellblauen Hemd sofort erkannt. Sie ist völlig baff und beginnt, über das ganze Gesicht zu strahlen. ER ist hier! ... Der attraktive Chirurg strahlt mit ihr um die Wette und kommt Schritt für Schritt näher. ... Auch sie löst sich nun von dem Geländer und geht langsam auf ihn zu. In Zeitlupe. Als würde sie wie eine Fee über den Boden schweben. Sie ist barfuß und trägt ihre Riemchensandalen locker zwischen ihren Fingern.

Dann stehen sie sich endlich gegenüber. Sie steht vor ihm und schaut ihm tief bewegt in die dunkelgrünen Augen, die das Funkeln des Mondes über ihnen angenommen haben. Er ist ihr plötzlich wieder ganz nah. Nur Millimeter trennen sie noch voneinander. Doch die beiden rühren sich nicht vom Fleck. Sie schauen sich einfach nur lange und intensiv in die Augen, als könnten sie nicht glauben, dass es jetzt nach so vielen Jahren endlich passieren würde. Es ist mucksmäuschenstill um sie herum, nur das ferne Meeresrauschen ist zu hören, bis auch der Engel endlich seine glasklare liebliche Stimme erhebt, die sein Herz deutlich höher schlagen lässt. - „Marc, ich warte schon so lange auf dich!“ Er bekommt eine Gänsehaut, als seine Hand liebevoll durch Gretchens samtweiches Haar streift und sich anschließend vorsichtig um ihre leicht gerötete Wange legt. ... Sie lächelt, verliebt und glücklich, und nimmt seine Hand, drückt diese sanft und schaut ihm dabei tief in die Augen, die sich in ihren verlieren. ... Ihre Köpfe nähern sich ganz automatisch einander an. Gretchen schließt ihre Augen. Marc tut es ihr gleich. Ein Automatismus. Ein Gefühl. Sehnsucht. Leise flüsternd nähert er sich ihren süßen Lippen, die sich so sehr nach seinen sehnen. Er spürt ihren warmen Atem bereits prickelnd auf seiner Haut und sein Herz schlägt daraufhin gleich ein paar Takte schneller als sonst. Er liebt diese Frau. Und sie liebt ihn.

- „Gretchen, ich...“ - „Marc?“, flüstert sie. - „Gretchen, ich..., ich war..., ich bin...“ - „MARC!“ - „Ja?“, erwidert er verwirrt, als sie ohne jeglichen Grund immer nachdrücklicher wird. - „MAAARC!!!“ - „Mensch, kannst du mich nicht einmal ausreden lassen, verdammt noch mal!“ - „MAAAARC!!!“, wird der Ton immer schärfer. Auf beiden Seiten. - „Herrje, WAAAAS, Haasenzahn?“ - „MARC OLIVIER!!!“ Abrupt schlug Marc seine Augen auf und wäre fast vom Stuhl gekippt, als er völlig fassungslos registrierte, wer ihm plötzlich mit sichtlich empörter Miene gegenüberstand. Das war definitiv nicht seine nervige Assistenzärztin, sondern der Inbegriff von „nervtötend“ schlechthin. - „Mutter? Äh... Was zum Teufel machst du hier am Strand?“ Nun reagierte auch Elke Fisher leicht verwirrt. - „Strand, wovon redest du, mein Junge? Bist du krank? Hast du Fieber? Du arbeitest eindeutig zu viel. Sieh dich doch mal an! Wie ein Lump haust du hier in deinem Büro und rufst nie zurück. Habe ich dich so erzogen?“

Marc blickte sich hastig um. Er war immer noch mehr als verwirrt, aber erkannte allmählich, dass er sich noch immer in seinem Sprechzimmer im Elisabethkrankenhaus befand. Die Ernüchterung traf ihn mit schmerzhafter Wucht. Er hatte alles nur geträumt! Er war weder an einer Strandpromenade, noch war Haasenzahn in greifbarer Nähe. Stattdessen musste er sich nun mit seiner überkandidelten Mutter auseinandersetzen. Frustriert ließ er seinen Kopf auf die Schreibtischplatte fallen und versuchte krampfhaft, sich zurückzuträumen. Aber das Stimmorgan seiner Erzeugerin war einfach stärker und schallte schmerzhaft in seinen Ohren nach. - „MAAARC OLIVIER!!! Bist du endlich wach? Und was faselst du überhaupt die ganze Zeit von deiner komischen Assistenzärztin?“ Marc war sofort wieder hellwach und schreckte ertappt hoch. ... Nicht auch noch vor ihr!

Marc (wiegelt hastig ab): Was? Habe ich nicht! Und überhaupt, was machst du hier? Hast du schon wieder Vorsorge? Mehdi ist aber heute nicht da. Glaub ich? Ich bin mir nicht sicher.
Elke (beobachtet merklich irritiert ihren verwirrt wirkenden Jungen): Wir waren verabredet, Marc Olivier, schon vergessen?
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf): Boah, nenn mich nicht so! ... Wieso? War das heute?
Elke (wird sofort theatralisch): Natürlich! Heute war doch die Präsentation meines neuen Erfolgsromans, „Dr. Rogelt lebt! Liebe auf 3500 Metern“, Band 49.
Marc (verdreht genervt die Augen u. sortiert seine von seiner Schlafattacke zerknitterten Unterlagen auf dem Schreibtisch in die Ablage, um sich abzulenken): Du schreibst Schmonzetten für alte frustrierte Jungfern, Mutter, keine Romane. Und von Erfolg will ich gar nicht erst sprechen.
Elke (in ihrer Autorinnenehre gekränkt empört sie sich natürlich sofort u. lautstark): Marc Olivier, ich muss doch sehr bitten!
Marc (reibt sich das Klingeln aus den Ohren u. wirkt sichtlich gereizt): Mutter, wie oft denn noch, nenn mich nicht Olivier!
Elke (mustert ihn misstrauisch): Was bist du denn heute so gereizt? Das muss ja ein schlimmer Alptraum gewesen sein.

In der Tat! Und was für einer! Oh Gott, ich hätte letzte Woche nicht diesen Scheiß-Mädchenfilm mit Mehdi schauen sollen! Kein Wunder, dass man dadurch total verweichlicht.

Marc (in leichter Erklärungsnot sortiert er weiterhin seinen Arbeitsplatz): Äh... ja, nein, ich... weiß nicht mehr. Ähm... Wann sollen wir los? Bin gleich fertig.
Elke (blickt beunruhigt auf ihren zerstreuten Sohn herab u. lässt sich schließlich ihm gegenüber in den Sessel fallen): Marc, es ist 23.30 Uhr. Die Veranstaltung ist schon lange vorbei. Nachdem ich dich nicht erreicht habe, bin ich notgedrungen alleine hin.
Gott sei Dank! Das hätte ich heute nicht mehr ertragen, höchstens mit einer Flasche Wodka intus.
Marc (fährt sich erleichtert über seinen Brustkorb u. macht es sich an seinem Schreibtisch wieder bequem): Gut, dann kann ich ja weiterschlafen! Nacht!
Elke (schaut ihm ungläubig dabei zu, wie er die Arme verschränkt u. seinen Kopf darauf bettet): Marc O..., du könntest ruhig mal etwas mehr Engagement zeigen! Schließlich stammen Teile aus meinem Meisterwerk aus deiner Feder.
Marc (schlägt prompt die Augen wieder auf u. sieht sie verschlagen über den Schreibtisch hinweg an): Hör ich da richtig? Du gibst freiwillig zu, dass du dir mal hast helfen lassen? Wow, wo ist der Kalender? Das muss ich mir rot anstreichen. Das kann ich später noch meinen Kindern erzählen. ... (stockt plötzlich abrupt bei diesem Gedanken. ... Kinder? What the F...? Was denn für Kinder? ... Oh Gott, Meier, nie wieder Frauenfilme mit Mehdi! Wenn du das nächste Mal einen auf Gutwetter machen willst, dann bestehe auf Squash und lass dich nicht von dem Mädchen bequatschen. Sonst wirst du wirklich noch eine von ihnen.)
Elke (reagiert eingeschnappt): Maaarc!
Marc (zieht sie genüsslich auf u. genießt diesen kleinen Triumph): Mutter, ich höre! ‚Danke lieber Marc, dass du mir mal wieder den Arsch äh... dieses knochige Etwas, das du den Arsch schlechthin bezeichnest, ähm... meine Karriere gerettet hast! Wie so oft. Danke, mein Sohn! Ich bin so stolz auf dich.‘
Elke (etwas irritiert von seinem Zynismus, denn Dankbarkeit hat Marc von ihr noch nie erwartet): Ähm...
Marc (sieht sie nachdrücklich an): Kommt da noch was nach? Wenn dir nichts mehr einfällt, womit du mich nerven kannst, dann kannst du ja jetzt auch endlich gehen. Tschüssikovski!

Elke (fackelt nicht lange): Marc, weswegen ich eigentlich hier bin...
Marc (lehnt sich genervt in seinen Chefsessel zurück): War ja klar! Du kommst doch eh immer nur dann vorbei, wenn du etwas von mir willst. Was ist es diesmal? Die Antwort lautet so oder so, nein! Das war das letzte Mal, dass ich dich aus deinem kreativen Loch gezogen habe. Du bezahlst doch ein Heidengeld für deinen Mentalguru, dann soll er sich doch um deine Krisen kümmern. Nicht mein Problem.
Elke (überhört wohlwissentlich seine Kritik u. lehnt sich, um Aufmerksamkeit haschend, zum Schreibtisch rüber): Marc, kannst du mir die Nummer von deiner dicken Assistenzärztin geben?
Marc (sitzt augenblicklich wieder kerzengerade in seinem Sessel u. glaubt, sich verhört zu haben): Bitte was? Was willst du denn von der? Und im Übrigen bin ich der Einzige, der sie ‚dick‘ nennen darf! Verstanden?
Elke (lässt sich in ihrem Tatendrang nicht stoppen): Naja, dir fehlt wohl die Objektivität, was dieses nervige kleine Ding betrifft.
Marc (im ersten Moment sprachlos): Äh...
Elke: Aber egal, darum geht es auch gar nicht. Ich habe nämlich die Geschichte von diesem Millionärsbetrüger und dem Mord in der Zeitung gelesen und da kam mir eine geniale Idee für ein neues Buch. Vielleicht sogar auch für eine neue Reihe. Ich will endlich weg von Dr. Rogelt. Er erinnert mich so an deinen Vater. Aber du kennst doch Renate, der Verlag hat einen Narren an diesem arroganten Mistkerl gefressen. Ich muss ihnen etwas bieten. Und vielleicht ist die Grundidee gar nicht mal so schlecht. Eine korpulente Hauptprotagonistin hatte ich auch noch nicht vor meinem geistigen Auge und die Leser identifizieren sich doch mit Personen, die noch mehr Probleme haben als sie selbst.
Marc (springt empört auf u. beugt sich bedrohlich über den Schreibtisch zu ihr rüber): Eh, das ist jetzt nicht dein Ernst, Mutter? Du kannst doch nicht Gretchens Horrormärchen für einen deiner billigen Groschenromane verbockmisten?
Elke (funkelt ihn böse an): Krimi, mein Junge, Krimi! Oder Abenteuerroman, je nachdem. Das ist genau die Art von Genre, welche die Menschen gerade in diesen Zeiten lesen wollen.
Marc (fährt sich frustriert durch die Haare u. beginnt planlos durch sein Zimmer zu laufen): Mutter, gib es zu, ich bin bei der Geburt vertauscht worden, oder? Ich kann nicht glauben, dass wir beide vom selben Genpool abstammen.
Elke (beleidigt): Marc Olivier, jetzt werde bitte nicht ausfällig! Ich weiß gar nicht, was du überhaupt hast. Ich stelle dem Mädchen ein paar Fragen und recherchiere ein bisschen hier im Krankenhaus und in der Villa von Buren. Mehr brauche ich nicht, um kreativ zu sein.
Marc (deutet mit ausgestrecktem Arm unmissverständlich zur Tür): Mutter, du verlässt jetzt augenblicklich mein Büro!

Elke (irritiert): Marc, was hast du denn auf einmal?
Marc (ihm platzt gleich die Hutschnur): Eh, raffst du es nicht? Ich finde es unmöglich, wie du dich am Leid anderer aufgeilen möchtest. Alles nur für den Profit und dafür, dass dein Name endlich wieder vor den „Feuchtgebieten“ in den Bestsellerlisten steht!
Elke: Naja, es hat ja auch ewig gedauert, bis die endlich trockengelegt worden sind. Aber die Zeiten sind jetzt vorbei. Elke Fisher is back! At it’s best!
Marc (lässt seinen ganzen Groll u. Unmut ungefiltert heraus): Mutter! Du kotzt mich an!
Elke (echauffiert sich augenblicklich): Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir?
Marc (bleibt neben ihrem Sessel stehen u. verschränkt kühl seine Arme vor seiner Brust): Ich hätte das schon vor Jahren so machen sollen. Die Schonfrist ist vorbei. Du raffst es ja anscheinend nicht anders in deiner verdrehten verqueren Welt, wo sich alles nur um dich dreht. Andere sind dir doch schnurzpiepegal. Allen voran ich. Nur wegen dir bin ich so... so...
Elke (kann ihm nicht wirklich folgen): Bist du was?
Marc (ist mit seinen Gedanken plötzlich ganz woanders): Nur wegen dir kann ich nicht...
Elke (wird immer ungeduldiger): Ja, was denn nun?
Marc (resigniert schließlich u. lässt sich der Länge nach auf sein Sofa in der Ecke fallen): Ach vergiss es!
Elke (steht auf u. folgt ihm in die kleine Sitzecke): Gibst du mir nun ihre Nummer oder nicht? Ich will ungern ihren Vater fragen. Du weißt schon, warum.
Marc (schaut frustriert auf): Ein für alle Mal, nein! Du lässt Gretchen in Ruhe, hast du verstanden! Sie hat schon viel zu viel durchgemacht in den letzten Wochen, um sich jetzt auch noch mit meiner durchgeknallten Mutter auseinandersetzen zu müssen.
Elke (blickt beleidigt auf ihn herab, bis ihr plötzlich etwas Entscheidendes auffällt): Marc Olivier? So wie du sie verteidigst, könnte man ja fast meinen, dass du...
Marc (hat schon keine Kraft mehr, sich zu verstellen): Und wenn schon, das geht dich gar nichts an!
Elke (ihr Mütter-Warn-Modus wird aktiviert): Du denkst doch nicht wirklich ernsthaft darüber nach, ob du mit ihr...?
Marc (deutet kraftlos zur Tür): Mutter, hau endlich ab, ja! Ich brauche meinen Schlaf, um morgen wieder fit im OP stehen zu können. Der heutige Tag war schon die reinste Katastrophe. Das soll sich nicht noch mal wiederholen.

Denn dann müsste ich kündigen und mir einen neuen Job suchen. Auf irgendeiner Insel in der Südsee, wo mich keiner kennt.

Elke (mustert ihn argwöhnisch, aber auch mütterlich besorgt): Marc, diese Person ist doch überhaupt nicht deine Liga. Sie ist ja fast schlimmer noch als dieses hinterhältige, erpresserische Biest, das du einmal aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen heiraten wolltest. Warum fällst du nur immer auf solche Frauen herein? Dein Vater war genauso! Außerdem hatte mich diese dilettantische Ärztin einmal fast schon auf dem Gewissen!
Marc (muss unweigerlich darüber schmunzeln): Schade, dass es nicht geklappt hat! Aber beim nächsten Mal helfe ich ihr gerne dabei nach.
Elke (empört): Maaarc!!! Also wirklich, ich will doch nur dein Bestes.
Marc (wirft diesen Spielball gekonnt zurück): Ach, tatsächlich? Ja, dann, das Beste wäre, wenn du hier endlich verschwinden würdest!
Elke (lässt sich nicht so einfach rausschmeißen): Marc, wir haben noch immer nicht geklärt, worüber ich denn dann sonst schreiben soll?

Oh Mann, ich werde die anscheinend niemals los. Gott, ich habe dich noch nie um etwas gebeten, aber mach irgendwas, damit sie endlich hier abhaut und mich ein für alle Mal in Ruhe lässt. Erdbeben, Komet, Windhose, Literaturnobelpreis oder wenigstens Schwester Sabine! Die kommt doch sonst immer ungefragt in den unmöglichsten Situationen hereingeschneit. Warum nicht jetzt? Biiiiitte!!!! Ich werde sonst noch wahnsinnig. ... Marc starrte gebannt auf die Tür, aber nichts passierte. Leider. Der Aktionismus des Mutterdrachens war einfach durch nichts zu stoppen.

Elke (blickt ihn entschieden an): Marc, ich rede mit dir.
Marc (verschränkt bockig seinen Arme u. ignoriert sie): Ich will aber nicht mit dir reden.
Elke: Als Kind warst du nie so bockig.
Marc (zynisch): Ja, damals hast du mich wenigstens immer mit Geld bestochen, damit ich raus zum Spielen gehe, damit du dann Zeit für deine tausend Liebhaber hattest. Hey, das ist es doch! Wie wäre es denn damit? Schreib doch einen Ratgeber, „Sex im Alter“. Verkauft sich bestimmt gut. Sex sells. Und du kennst dich ja bestens damit aus, ne.

Marc wusste, dass diese Provokation nah an der Grenze war, aber um Elke Fisher loszuwerden, musste man nun mal zu harten Bandagen greifen. Mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen schaute er zu der empörten Autorin hoch, die nun genauso reagierte, wie er es vorausgesehen hatte. Elke drehte sich auf der Stelle um, drückte ihre Handtasche an ihre Brust und rauschte wütend aus seinem Büro. ... Endlich, seufzte ihr Sohn erleichtert auf und schloss seine Augen. Aber es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, da klopfte es erneut an seiner Tür und er fuhr stinksauer hoch. Diese Frau war doch wirklich eine Plage!

Marc: Eh, das darf doch nicht wahr sein! Was denn noch?

Die Tür öffnete sich langsam, aber anstatt seiner Mutter schaute jetzt Schwester Sabine vorsichtig herein und sprach den gereizten Oberarzt mit ängstlicher Stimme an...

Sabine: Herr Dr. Meier,...
Och nee, nicht die auch noch!
Marc: Jetzt kommen Sie? Hätten Sie nicht schon eher auftauchen können?
Sabine (schaut ihn verwundert an): Haben Sie mich denn erwartet, Herr Doktor?
Marc (stöhnt genervt auf u. streckt seine müden Glieder auf dem Sofa): Ich nicht, aber meine Mutter.
Sabine (strahlt plötzlich wie ein Honigkuchenpferd über das ganze Gesicht): Oh, Frau Fisher war da?
Marc (verdreht die Augen): Jep, das ist ihr Name.
Sabine (wird hibbelig): Oh, heute war doch die Präsentation von ihrem neuen Roman. Wir haben ihre Leseprobe schon im Fanforum diskutiert. Die Geschichte geht wirklich ans Herz. Ich wäre so gerne bei der Vorstellung dabei gewesen, wo ich doch fast an der Vorlage mitgeschrieben hätte. Aber gut, nachdem Sie alles umgeschrieben hatten, war eigentlich nicht mehr viel davon übrig, aber trotzdem, der Grundtenor ist und bleibt die Liebe. Hach... Naja, ich hatte halt Dienst.
Marc (fährt die schwärmerische Krankenschwester ungehalten an): Was zum Teufel wollen Sie hier, Schwester Sabine?
Sabine (zuckt zusammen): Äh... ja, Notfall, Unfall auf der A9. Schockraum 2.
Marc (springt auf u. nimmt sich seinen Kittel vom Kleiderständer): Gut, bin gleich da. Bereiten Sie schon einmal alles vor! Inklusive einer Kanne starken Kaffees. Und Schwester Sabine, zum Mitschreiben fürs nächste Mal, meine Mutter kommt hier nicht noch einmal unangemeldet in mein Büro geschwebt. Ist das klar?
Sabine (eingeschüchtert): Ähm...
Marc (sein schroffer Ton wird deutlicher): OB DAS KLAR IST?
Sabine (zuckt erneut zusammen u. wird immer kleiner vor ihrem strengen Oberarzt): Jawohl, Herr Dr. Meier.

Zitternd drehte sich die eingeschüchterte Krankenschwester auf der Türschwelle um und verließ auf flinken Füßen das Büro ihres Obertyrannen. Dieser atmete noch einmal tief durch, schwang sich in seinen weißen Kittel und folgte Sabine anschließend in die Notaufnahme, wo die richtige Ablenkung für sein verwirrtes Gemüt auf ihn wartete, welche ihn die halbe Nacht beschäftigen würde.

Lorelei Offline

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01.09.2016 16:42
#21 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Rügen - Gretchen

Unterdessen stieg etwa 350 Kilometer Luftlinie nördlich von Berlin entfernt eine junge blonde Dame in einem hübschen figurbetonten Sommerkleid aus dem Zug und atmete erst einmal vor Erleichterung tief durch, während die anderen Passagiere ihr genervt meckernd auf dem Bahnsteig ausweichen mussten. ... Endlich da! Ich dachte schon, ich komme hier nie an, nachdem ich beinahe den falschen Zug erwischt hätte. Hach... Wie schön! Die Meeresluft, hm..., da fühle ich mich gleich wesentlich besser. Schon komisch, früher habe ich die Rügenurlaube mit meinen Eltern immer gehasst. Nicht wegen der peinlichen Familienspiele und den blöden Radtouren um die gesamte Insel, sondern Rügen bedeutete immer vier Wochen Trennung von Marc. Ja, gut, wir waren nicht zusammen, für ihn existierte ich ja nicht einmal, aber in Berlin konnte ich wenigstens immer an seinem Haus vorbeifahren und schauen, was er gerade so machte. Marc ist anscheinend nie weggefahren. Ob er deshalb so geworden ist, wie er ist, weil er nie in den Urlaub fahren durfte? Naja, bei der Mutter wäre ich auch nicht freiwillig mitgefahren. Hm... Was ist eigentlich mit seinem Vater? Das weiß ich gar nicht. Hat er nie erzählt. Gut, warum auch, wir waren ja nicht befreundet. Würde mich aber trotzdem interessieren. Werde bei Gelegenheit mal ganz subtil bei ihm nachhaken. Seine Mutter war, glaube ich, nur selten da. Oder saß sie damals schon am Schreibtisch, um ihre ersten Romane zu verfassen? Ich weiß es nicht. Man hat sie jedenfalls nie gesehen. Marc spielte immer alleine draußen im Garten. Oh Gott, er war einsam! Vielleicht hätte ich doch mal bei ihm klingeln sollen?

Einmal hätte ich es fast getan. Mein Finger lag schon auf dem Klingelknopf, da wurde plötzlich mit Schwung die Tür aufgerissen und ER stand direkt vor mir mit seinen großen ungläubigen Funkelaugen, die einen unweigerlich in den Bann ziehen konnten, und musterte mich argwöhnisch von oben bis unten. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wie konnte jemand nur so gut aussehen? Diese verwuschelten Haare, die Grübchen, die enge Jeans, eben David Hasselhoff in jung! - „Was willst du denn hier?“ Mein Hals war wie zugeschnürt. Ich brachte keinen klaren Satz zusammen. Er schaute mich immer noch an, durchbohrte mich regelrecht mit seinen misstrauischen Blicken. Oh Gott, Marc Meier nahm mich tatsächlich wahr! Ich war im Himmel! Für ungefähr 83 Sekunden. Aber ich konnte immer noch nichts sagen und sah bestimmt ziemlich bescheuert aus mit meinem weit heruntergeklappten Mund. Hoffentlich habe ich nicht gesabbert. - „Och nee, du bist eine von diesen Sektenheinis, den Zeugen Jehovas, nicht? Du bist echt arm dran. Keine Geburtstagsfeiern, kein Weihnachten und anscheinend bringen die euch nicht mal das Sprechen bei. Hier nimm! Das kannst du bestimmt eher gebrauchen als ich. Aber lass dich nicht damit erwischen! Nicht dass dir noch Prügel drohen oder die dich abziehen oder was auch immer die da mit euch machen. Sieh zu, dass du da rauskommst! Das wahre Leben ist zwar auch überwiegend beschissen, aber immer noch besser, als in solchen hässlichen Retroklamotten rumlaufen zu müssen.“ Marc drückte mir etwas in die Hand, schlängelte sich dann geschmeidig an mir vorbei, schnappte sich sein Fahrrad und fuhr davon. Nur ich blieb zurück, sprachlos und mit zitternden Knien. Ich schaute ihm lange hinterher, auch als er schon längst hinter der nächsten Straßenecke verschwunden war, und hatte nun einen Zwanzigmarkschein in der Hand. Das Geld liegt noch heute in meiner Spardose in meinem Zimmer. Mist, den hätte ich vielleicht mal umtauschen sollen. Wir haben ja jetzt den Euro. Aber egal, Hauptsache er hat mir etwas geschenkt. Marc hat sich Sorgen um mich gemacht. Das war doch schon ein bisschen wie Liebe. Naja, auf dem Schulhof hat er mich dann nicht mehr erkannt. War vielleicht auch besser so. Wenn die anderen gedacht hätten, ich sei bei den Zeugen, wäre meine Schulzeit garantiert die Hölle geworden.

Gretchen wachte unvermittelt wieder aus ihren Gedanken auf und schüttelte den Kopf. ... Ich bin keine fünf Minuten auf der Insel und denke schon wieder nur an ihn! Hört das denn nie auf? Dabei bin ich doch extra hierher gekommen, um mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Ich wollte nachdenken, über das, was passiert ist und was vielleicht noch passieren könnte. Aber nein, Marc Meier spukt schon wieder durch meine Gedanken und blockiert all meine Synapsen. Jetzt ist aber Schluss! ... Es war bereits zehn Minuten vor Mitternacht, als sie schließlich den Bahnhof verließ. Höchste Zeit, ins Hotel zu kommen. ... Menno! Kein Taxi in der Nähe. Gut, dann eben zu Fuß. Ich muss zusehen, dass ich das Hotel finde. Hotel Riviera. Denen fällt auch kein originellerer Name ein, oder? Ähm... Wohin muss ich noch mal?

Nach einer Dreiviertelstunde verwirrender Suche durch den ganzen Ort, der bereits die Bürgersteige hochgeklappt hatte, während welcher sie nicht nur eine neue Tierart, eine Mischung aus kläffendem Hund und flinkem Marder, entdeckt hatte, sondern auch auf der Flucht vor eben jenem Ungetüm zwei Räder an einem ihrer Koffer verloren hatte, fand Dr. Haase ihre Drei-Sterne-Bleibe dann auch endlich. Sie lag genau, wie im Prospekt beschrieben, gegenüber vom Bahnhof! ... Typisch Gretchen Haase, Orientierungssinn gleich null. Gut, dass ich nicht das Auto genommen habe, dann wäre ich vermutlich in Bayern gelandet. ... Gretchen musste den Portier aus dem Bett klingen. Es war ja mittlerweile bereits ein Uhr nachts, als sie an die geschlossene Eingangstür des unscheinbaren Hotels hämmerte, und sie hatte ihre Ankunft eigentlich für 16 Uhr nachmittags angekündigt. Grimmig öffnete ein Mitdreißiger im verwaschenen Schlafanzug ihr die Tür, musterte sie abfällig, gab ihr die Schlüssel und zeigte ihr wortlos, wo sich ihr Zimmer befand und verschwand dann auch schnell wieder. ... Na toll, der hat mir nicht einmal mit den Koffern geholfen. Das kann ja ein spannender Urlaub werden. Hoffentlich spuckt er mir morgen früh nicht in den Kaffee, weil er sauer auf mich ist, weil ich ihn um den Schlaf gebracht habe. ... Gretchen öffnete die Tür, betrat, ihre beiden Koffer mühsam hinter sich herzerrend, das Zimmer und fiel, ohne sich weiter umzublicken, todmüde auf ihr Bett. Sie schlief sofort ein.



Berlin - Marc

Nach überstandener OP hatte Dr. Meier beschlossen, doch lieber nach Hause zu fahren. Er hatte die letzten drei Tage Doppelschichten geschoben und brauchte dringend neue Klamotten und etwas Schlaf. ... Scheißegal, ob Mehdi da ist, ich muss hier aus dem Irrenhaus raus. Hier kommt man nur auf bescheuerte Gedanken. Der Rössel hat mich die ganze Zeit so blöde von der Seite angeschaut und musste immer wieder grinsen. Hätte dem fast eine reingeballert, wenn ich nicht gerade mit meinen talentierten Händen zwischen den Gedärmen meiner Patientin herumgewühlt hätte. Hätte seine dreckige Visage sogar ein bisschen aufgewertet. Arsch! Am besten ich bleibe morgen gleich ganz zu Hause. Dann bleiben mir wenigstens die dummen Kommentare erspart. Vorhin im Fahrstuhl hat die olle Hassmann es doch tatsächlich gewagt, mich auch so blöde von der Seite anzumachen. Wenn sie wenigstens scharf wäre, dann hätte ich sie vielleicht eventuell mit nach Hause nehmen können, aber ihr nervtötender Emanzenmachismo geht mir so was von auf den Keks. Frustrierte Kuh! Kein Wunder, dass die keinen abkriegt. - „Na, Dr. Meier? Sie können es wohl kaum noch erwarten, dass unser blondes Prinzesschen wieder da ist und ihnen ungefragt in die OP quatscht, nicht? Wie die es immer wieder schafft, dass sämtliche Männer hier im Haus ihr nachlaufen! Schon erstaunlich!“ ... Hab nicht auf sie reagiert. Hab so getan, als ob ich ne SMS gekriegt hätte. Hm... Sie hat sich immer noch nicht gemeldet. Ob ich vielleicht doch...? Meier, du tust es schon wieder! ... War ein langer Tag! ... Der sichtlich erschöpft wirkende Chirurg marschierte schnurstracks zu seinem Auto, stieg ein und fuhr mit quietschenden Reifen vom Krankenhausgelände, ohne weiter auf die Kollegin aus der Neurologie zu achten, die direkt neben ihm ihren Wagen bestiegen hatte und ihm noch einmal zum Abschied amüsiert grinsend zugewinkt hatte. ... Was sie wohl gerade macht? Warum ist die Ampel denn so lange rot? Mann, das dauert wieder! Sie hätte mir ja wenigstens eine SMS zum Geburtstag schicken können! Nicht mal das bin ich ihr wert. Naja, woher soll Haasenzahn das auch wissen? Hat mir schließlich die letzten Jahre auch nicht gratuliert. Na endlich, grün! Nichts wie weg hier! ... Marc trat wieder aufs Gas und schoss über die Kreuzung. Direkt in eine Radarkontrolle!

Na super! Der Tag erobert so langsam die Top Five der beschissensten Tage meines Lebens: Platz 5, heute!!!; Platz 4, der Heiratsantrag an Gabi und all der Mist, der danach kam; Platz 3, der Tag, an dem ich Haasenzahn beinahe meine Liebe gestanden hätte; Platz 2, Gretchen heiratet den Flachwichser; Platz 1, als ich dachte, sie wäre tot. Oh Mann, in den letzten Wochen hat sich die Liste ganz schön verändert oder habe ich mich verändert? Nee, ich bin immer noch derselbe! Naja, bis vor kurzem waren die ersten fünf Plätze eigentlich nur von meiner Mutter und meinem Va... Erzeuger besetzt. Hä? Wieso denke ich denn jetzt an den?

- „Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte!“ Marc war immer noch in Gedanken versunken und hatte das Klopfen an der Fahrertür erst gar nicht registriert. - „Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte“, schallte es nun deutlich lauter und autoritärer zu ihm herein. Verwirrt schaute er schließlich auf und konnte sich ein leichtes Augenrollen nicht verkneifen. Dann kurbelte er endlich die Scheibe herunter und reichte seine Papiere dem Beamten, der sie nun kritisch beäugte. - „Ja, geht klar, hier!“ - „Wir waren wohl ein bisschen zu schnell unterwegs, wa?“ - „Ähm... kann sein!“ - „Haben Sie etwas getrunken?“ Der Verkehrspolizist musterte Marc argwöhnisch, nachdem er seine Papiere gecheckt hatte, woraufhin dieser gewohnt gereizt reagierte. - „Nee!“ - Steigen Sie bitte mal aus, Herr... Meier“, reagierte nun auch der Mann in der grünen Polizeiuniform entsprechend auf den unhöflichen Fahrer, dessen Arroganz ihm deutlich gegen den Stich ging. ... Och, nee! Jetzt? Das kann doch alles nicht wahr sein! Gott, wieso immer ich? ... Widerwillig folgte Dr. Meier der Polizeianweisung, jedoch nicht ohne seinen Charme spielen zu lassen. - „Hören Sie, guter Mann, ich bin Arzt, ich wurde zu einem Notfall gerufen und...“ ... Oh ja! Ich bin mein eigener Notfall! Kaum Chancen auf Rettung! ... Der Polizist schaute noch einmal auf Marcs Papiere, bemerkte dann den Aufkleber vom Elisabethkrankenhaus an der anderen Seite der Frontscheibe und hielt ihm die Dokumente schließlich grimmig wieder hin. - „Ja, warum sagen Sie uns dat denn nicht gleich? Wir haben auch noch wat Anderes zu tun. Hier Ihre Papiere und gute Weiterfahrt!“ Marc nickte dem Beamten müde zu, stieg wieder in den Volvo ein und fuhr schließlich in gemäßigter Geschwindigkeit nach Hause, wo ihn mal wieder niemand erwartete. Es war ruhig in seiner Wohnung. Anscheinend schlief sein Mitbewohner bereits. ... Gut, muss ich mir wenigstens von ihm nicht auch noch einen Spruch reindrücken lassen. ... Aber zu früh gefreut! Plötzlich ging das Licht der Leselampe an. Mehdi war auf der Couch eingeschlafen und war durch Marcs Gepolter an der Tür wieder wach geworden. Müde streckte er seine Glieder und rappelte sich gähnend vom Sofa hoch.

Mehdi: Ey, Meier, geht’s auch etwas leiser!
Marc: Sorry, wusste nicht, dass du...
Mehdi (kommt gähnend auf ihn zu): Mann, siehst du scheiße aus! Der Bürostuhl ist wohl mit der Zeit zu unbequem geworden, was?
Marc (schmeißt wütend seine Schuhe in Richtung Garderobe u. raunzt seinen Kumpel an): Mehdi, ich habe echt keinen Bock jetzt auf dein blödes Gelaber. Ich will nur noch pennen. Nacht!
Mehdi (schaut ihm schmunzelnd hinterher, wie er in seinem Schlafzimmer verschwinden will): Tja, die Selbstbeschiss-Taktik funktioniert wohl doch nicht so gut, wie du dachtest, hm?
Marc (bleibt mitten im Flur stehen u. dreht sich langsam zu dem Provokateur wieder um): Was?
Mehdi (lehnt triumphierend grinsend mit der Schulter an der Wand): Der OP-Tratsch.
Marc (fährt sich frustriert durch die Haare u. zwängt sich an ihm vorbei in die Küche, um sich ein Beruhigungsbierchen aus dem Kühlschrank zu holen): Hä? Mehdi, was willst du eigentlich von mir?
Mehdi (bleibt im Türrahmen stehen u. beobachtet ihn): Der Knechtelsdorfer hat da ein paar interessante Sachen von eurer OP heute Nachmittag erzählt.

Ich schmeiß ihn raus! Jetzt aber wirklich!

Marc (bleibt vor der geöffneten Kühlschranktür stehen u. versucht, sich nichts anmerken zu lassen): Seit wann interessierst du dich denn für Gallenstein-OPs? Willst du jetzt doch noch ein richtiger Arzt werden? Glückwunsch zu dieser weisen Entscheidung!
Mehdi (nickt anerkennend in Marcs Richtung, dann wird sein Blick plötzlich ernster, als er sich redebereit an den Küchentisch setzt): Marc, jetzt aber mal im Ernst! Man kann vor seinen Gefühlen nicht wegrennen. Verdrängen funktioniert nicht. Das habe ich monatelang versucht. Es geht nicht. Sie schlagen mit einer gewaltigen Welle zurück und dir geht’s dann noch beschissener als vorher.
Marc (knallt die Kühlschranktür zu u. setzt sich mit Bierflasche bewaffnet dem Klugscheißer gegenüber an den Tisch): Vielen Dank für die Psychoanalyse, Dr. Freud!
Mehdi (grinst): Gern geschehen!

Ich poliere dir gleich die Fresse, wenn du nicht endlich damit aufhörst, Mann!

Marc (nimmt einen langen Zug aus seiner Flasche u. schaut seinen Freund dann ungehalten an): Mehdi, was soll ich dir sagen, hä? Dass ich sie liebe? Dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht? Dass ich sie vermisse? Dass es mich rasend macht, nicht zu wissen, was mit ihr ist? Geht’s dir damit besser?
Mehdi (überrascht, aber auch getroffen von seiner Ehrlichkeit): Nein! Aber dir vielleicht!
Marc (trinkt noch einen weiteren Schluck u. stellt die Flasche dann mit Schmackes auf den Küchentisch): Och Mehdi, hör auf mit dem Scheiß! Sie will nicht und basta! Was gibt es daran nicht zu verstehen, hä?
Mehdi (ist dann doch für einen kurzen Moment baff): Moment! Sie will nicht? Und du hast sie da nicht eventuell missverstanden?
Marc (fährt ihn gereizt an u. will aufstehen): Mehdi! Das reicht mir jetzt echt! Ich geh pennen.
Mehdi: Aber wie hast du es denn dann wieder verbockt?
Marc (lässt sich dann doch wieder auf den Stuhl fallen u. klärt die falschen Verdächtigungen): Boah, wie oft denn noch? Ich habe überhaupt nichts getan. Ich habe ihr lediglich bestätigt, was sie immer hören wollte und sich in ihrem schokovernebelten Hirn eingebildet hat.
Mehdi (seine Augen werden tellergroß u. die Neugier ist geweckt): Wirklich? Du hast es wirklich gesagt?

Das kann ich gar nicht glauben. Er meint es wirklich ernst.

Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme): Willst du es noch schriftlich? Mann, Alter, ich will da wirklich nicht mehr darüber reden. Ich habe mir den Mund fusselig geredet. Ich habe echt die Schnauze voll von den Weibern.
Mehdi (ist ehrlich beeindruckt): Ich fass es nicht, Marc Meier steht tatsächlich zu seinen Gefühlen! Dass ich das noch erleben darf! Ja, dann ist ja jetzt alles in Butter.
Marc (schaut seinen besten Freund an, als hätte er nicht mehr alle Tassen beisammen): Bitte? Sag mal, hast du mir nicht richtig zugehört oder bist du schon im Schokodelirium? Sie will nicht! Und überhaupt, macht dir das gar nichts aus? Du bist ihr doch selbst gerade eben noch hinterhergedackelt. Ich dachte, ihr..., naja... Ich habe euch doch auf dem Parkplatz gesehen neulich und dann hast du bei ihr im Zimmer geschlafen und...
Mehdi (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Bist du mir deshalb die ganze Zeit aus dem Weg gegangen?
Marc (weicht Mehdis eindringlichen Blicken mit einem Schluck aus seiner Bierflasche aus): Naja, vielleicht?

Oh Mann, Meier, du Vollpfosten! Er ist so verliebt, dass er gar nichts mehr mitbekommt.

Mehdi (streicht sich milde lächelnd über seinen Dreitagebart): Hör zu, Marc! Du weißt ganz genau, wie es um mich steht. Ja, ich liebe Gretchen. Sie ist die Frau, mit der ich mir alles vorstellen könnte. Ich war vom ersten Moment an von ihr fasziniert und das hat nie aufgehört. Ich habe daraus nie ein Geheimnis gemacht. Ich kann nichts dagegen tun. Die Gefühle sind einfach da. Und dir geht’s doch auch nicht anders. Sie ist etwas ganz Besonderes. Ein Mensch, wie man ihn selten in seinem Leben trifft. Natürlich will man ihn festhalten. Aber mir ist in den letzten Tagen so Einiges klargeworden. Ich habe mich die ganze Zeit für sie zum Trottel gemacht. Das ganze Krankenhaus lacht schon über mich, aber das war mir egal. Ich habe gedacht, wenn ich mich anstrenge und kämpfe, ihr zeige, dass ich immer für sie da bin und sie sich auf mich verlassen kann, dass sie mich dann irgendwann auch so lieben kann wie ich sie. Aber sie liebt mich nicht. Das hat sie nie. Vielleicht ein bisschen, für eine Momentaufnahme, damals, als wir uns beide gegenseitig gebraucht haben. Das war eine wirklich schöne und unvergessliche Zeit. Und die Betonung liegt auf „war“, denn es ist vorbei. Das weiß ich jetzt. Nur hier drin ... (deutet mit einem wehmütigen Blick auf sein Herz) ... ist das noch nicht richtig angekommen. Gretchen geht mir aus dem Weg. Ich habe sie tausendmal angerufen in den vergangenen Tagen, aber von ihr kam keinerlei Reaktion. Ich habe begriffen, dass sie nicht...
Marc (fällt ihm ins Wort): Bei mir hat sie sich auch nicht gemeldet.

Mehdi (macht dasselbe betroffen nachdenkliche Gesicht wie Marc): Ehrlich? ... Gut, wo war ich? ... Ach so! ... Ich war doch nie mehr als nur ein guter Freund für sie. Das habe ich jetzt kapiert und akzeptiert. Vielleicht war sie mal einen Moment lang in mich verliebt, das wäre wirklich schön zu wissen, aber in ihrem Herzen schlug doch immer nur ein Name, gegen den niemand ankommt. Dein Name, Marc! Damit muss ich klarkommen. Das ist mein Problem. Nicht deins und auch nicht das von Gretchen. Neulich auf dem Parkplatz, da war nichts. Das kannst du mir ruhig glauben. Sie war völlig durcheinander, als ich sie fand, und brauchte eine Schulter zum Festhalten. Tja, ich bin irgendwie immer gerade dann in der Nähe, wenn sie unglücklich ist. Das ist mein Schicksal, für sie da zu sein. Als Freund. Als guter Freund. Und das dann am nächsten Morgen in ihrem Patientenzimmer, das... Dass du das nicht gemerkt hast? Ich wollte dich doch nur provozieren. Tut mir leid! Da bin ich vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen. Ich will nicht auf dich eifersüchtig sein. Dazu mag ich dich viel zu gerne. Hör zu, Marc! Was ich eigentlich damit sagen will, ich stehe euch nicht mehr im Weg. Das stand ich eigentlich nie. Sie hat immer nur dich gesehen. Die ganze Zeit.
Marc (hat ihm nachdenklich zugehört u. hängt nun wie ein Schluck Wasser in der Kurve am Küchentisch): Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?
Mehdi (zuckt mit den Schultern u. lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück, nachdem er endlich alles rausgelassen hat): Ich weiß es nicht! Auf die Zeichen achten!
Marc (runzelt verwirrt die Stirn): Was denn für Zeichen?
Mehdi (lächelt geheimnisvoll): Das wirst du dann schon sehen.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf u. lässt sich vom Schalk packen): Zeichen? Tzz... Ey, Mehdi, du arbeitest viel zu viel mit Frauen. Das macht dich seltsam. Vielleicht wollen dich Frauen deshalb nur als Freund? Also, ich kann dir immer noch nen richtigen coolen Job in der Chirurgie besorgen. Hey, dann wäre ich ja dein Chef.

Ja, klar? Yippie! Das ist mein großer Traum, immer schon gewesen. Ich bin so froh, dass wir das endlich geklärt haben und wieder normal miteinander umgehen können. Ich will nicht, dass Gretchen immer noch zwischen uns steht.

Beide Männer fingen synchron an zu lachten. Mehdi stand von seinem Platz auf, ging um den schmalen Tisch herum und klopfte Marc freundschaftlich auf die Schulter. - „Ich geh jetzt schlafen. Das solltest du besser auch tun, mein Freund, wenn du Gretchen nicht erschrecken willst, wenn ihr euch das nächste Mal seht.“ - „Ja, ja, verzieh dich, Kaan! Nacht! Und ähm... danke fürs Zuhören und... du weißt schon!“ Marc lächelte seinen Kumpel aufrichtig an. Dieser erwiderte sein Lächeln mit einem fröhlichen Augenzwinkern. - „Gar nichts für! Gute Nacht! Grübele nicht mehr so viel! Alles wird gut. Du wirst schon sehen. Sie wartet nur auf dich.“ Marc war davon zwar noch nicht ganz so überzeugt wie sein wieder bester Freund, aber irgendwie fühlte er sich deutlich erleichtert. Als wäre ein ganzer Berg von seinen Schultern abgetragen worden. Die Freundschaft mit Mehdi war gekittet. Und er hatte diesmal nicht den Schwanz eingezogen. ES war endlich ausgesprochen. Er wusste ganz klar, was er wollte: Gretchen! Sein Gretchen! Und dieses Mal würde er schneller sein, bevor wieder irgendein Idiot daherkam und ihm Haasenzahn direkt vor der Nase wegschnappte. Er war bereit und wollte nicht mehr länger auf ihre Entscheidung warten oder was auch immer sie daran hinderte, ihr heißes Hinterteil wieder in die Klinik zu schwingen. Er würde um sie kämpfen und ihr zeigen, dass er es ehrlich mit ihr meinte. Aber damit würde er erst morgen anfangen. Kurz nachdem Mehdi in sein WG-Zimmer gegangen war, legte sich auch Marc schlafen. Er fiel direkt in einen tiefen, traumlosen, erholsamen Schlaf.

Lorelei Offline

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08.09.2016 12:31
#22 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Rügen am nächsten Morgen

Ein neuer Morgen, ein neuer Tag, ein neues Leben! Mit diesem Gedanken wachte Dr. Margarethe Haase am späten Vormittag extrem euphorisch in ihrem Hotelzimmer auf. ... Endlich mal wieder richtig durchgeschlafen. Ohne verstörende Geräusche von nebenan. Oder Endlosgrübeleien. Keine Albträume von bösen Hexen und falschen Prinzen. Ich habe nicht einmal an Marc gedacht. Naja, gut, nur ein bisschen, ein klitzekleines Bisschen. Die Selbsttherapie zeigt erste Erfolge. Juhu! ... Lächelnd setzte sich die Rügenurlauberin in ihrem erstaunlich gemütlichen Bett auf, wuschelte durch ihre lange Lockenmähne und blinzelte zum Fenster hin, durch das die Spätsommersonne bereits kraftvoll ihre warmen Strahlen verteilte. Davon angelockt, stand sie schließlich auf, drückte ungeduldig die schmale Glastür auf und hüpfte fröhlich auf den kleinen Balkon, um hinaus aufs Meer schauen zu können. An das gusseiserne Balkongeländer gelehnt seufzte Gretchen zufrieden auf. Es war tatsächlich der Beginn eines perfekten Tages, der einfach nur super werden würde. Das hatte die Dreißigjährige einfach im Gefühl.

Hm... Was mache ich denn heute Schönes als erstes? ... Ja, Frühstück! Das ist die Idee! Ich bin total unterzuckert. Ich habe mindestens seit gestern Mittag nichts mehr gegessen. Schon komisch, da muss man erst betrogen und fast entführt werden, damit die Sommerdiät endlich wirkt. Ich habe doch bestimmt abgenommen während der letzten Wochen? Gleich mal schauen, ob der süße Bikini vom letzten Jahr noch passt. ... Nanu? ... Hektisch begann Gretchen in ihrem Koffer zu kramen. Aber ohne Erfolg! ... Menno! Wo ist dieser verflixte...? Mist! Vergessen! Ich hätte doch eine Liste schreiben sollen, so wie früher, wie Mama immer vor jeder Reise gesagt hat. ‚Planung ist das A und O, Margarethe.‘ Ja, prima, und was habe ich jetzt davon? Also doch nichts mit Strandtag heute! Daran ist allein Mama schuld. Hätte sie mich gestern nicht so genervt, als ich gepackt habe, dann wäre ich nicht so abgelenkt gewesen und hätte... Nein, Gretchen, so fängst du gar nicht erst an! Du lässt keine schlechten Gedanken zu! Schlechtes Karma ist Gift für dich! Keine Aufregung, nur Entspannung pur! Das wird dein Credo für die nächsten Tage sein. Also, hopp!

Dessen ungeachtet durchwühlte Gretchen aber gleich noch ein zweites Mal ihre beiden Koffer, nur um sicher zu gehen, und warf schließlich den gesamten Inhalt auf ihr großes leeres Doppelbett. ... Überblick verschaffen! Hm...? Ach, nein, das Buch von Hirschhausens Glücksdingens habe ich auch vergessen. Das hatte mir doch Schwester Sabine empfohlen. Nun werde ich nie erfahren, wie ich glücklich werde. Toller Urlaub, echt, Gretchen! Das fängt ja wirklich prima an. Du und spontan, läuft bei dir! ... Leise aufseufzend schaute sie noch einmal auf den Klamottenberg auf ihrem Bett, resignierte für einen kurzen Moment und entdeckte dann doch einen kleinen Glücksbringer zwischen all ihren angehäuften Sachen, der ihr ein Lächeln auf die enttäuschten Mundwinkel zauberte: einen Schokoriegel, den sie sich natürlich sofort zu Gemüte führte (sie hatte vorsorglich ein paar Packungen ihrer Lieblingsdroge mitgenommen. ... Man weiß schließlich nie, alte Pfadfinderinnenregel!), während sie weiterüberlegte. ... Und was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Tag? Wandern? Bäh! Ganz bestimmt nicht! Das habe ich schon mit Papa damals immer gehasst. Radtour? Äh... dieselbe Argumentation wie zuvor. Gretchen, ich bitte dich, das kannst du besser. Na gut, vielleicht... shoppen gehen? Ja, genau das macht eine Frau doch glücklich. Dafür hätte der Hirschhausen auch nicht extra ein Buch schreiben müssen. Es wird hier doch wohl ein paar Läden geben, wo ich mir einen schicken neuen Bikini besorgen kann, mit dem ich Eindruck schinden kann? Aber bei wem? Äh... egal! Ja, das mache ich so. ... Mit neu gewonnenem Elan machte sich Gretchen noch schnell im Badezimmer frisch und wollte anschließend frühstücken gehen, bevor sie danach in den niedlichen kleinen Fischerort aufbrechen würde, den sie noch aus Kindertagen kannte...


Eine halbe Stunde später

Nerven an Gretchen! Der Horror hat einen Namen. Ich habe doch tatsächlich das Frühstück verpasst! Ja, gut, es war bereits halb eins am Mittag, aber man ist doch schließlich im Urlaub. Da hat man einen anderen Rhythmus. Deshalb ist bei mir mittags erst Frühstückszeit. Habe das auch dem Typen am Empfang versucht zu erklären. Der hat mich nur blöd angeschaut mit seinen riesigen treudoofen Augen. Es war der gleiche junge Mann von gestern Abend. Ich habe ihn erst nicht gleich wiedererkannt. Er hatte den Benjamin-Blümchen-Schlafanzug nicht mehr an. Aber sein Rezeptionistenanzug Marke ‚Sheldon Cooper‘ steht ihm auch nicht besser. Er hat mich nur so komisch angegrinst und gesagt, dass die Frühstückszeit von 7 bis 11 Uhr sei, aber er mir noch einen Kaffee aus seiner Thermoskanne anbieten könne. Habe wegen möglicher Rachegedanken wegen letzter Nacht dankend abgelehnt.

Und jetzt sitze ich wieder hier, in meinem Hotelzimmer, und mein Magen knurrt lauter als die Klimaanlage. Auch kein Wunder, denn die funktioniert nicht einmal. Toll! Wieso habe ich mir eigentlich Halbpension ausgesucht? Ich werde hier noch verhungern, wenn ich vorher nicht schon längst geschmolzen bin. Naja, das wiederum hätte wenigstens etwas Gutes, denn dann passe ich in meinen alten Bikini, wenn ich wieder nach Hause komme. Werde jetzt erst einmal in der Stadt etwas essen gehen, dann einen Bikini kaufen und später vielleicht doch noch an den Strand gehen. Ich muss dringend entspannen, bevor die nächste Katastrophe an meine Tür klopft. Ich kann sie schon hören. Ach nein, das ist der Lift direkt gegenüber von meinem Zimmer.



Drei Stunden später...

...war Gretchen bereits wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt. Vollkommen desillusioniert und resigniert. Lustlos schmiss sie sich auf ihr Bett und vergrub ihr Gesicht gleich ganz unter ihrem Kopfkissen. Denn das war mit Abstand der schlimmste Urlaub aller Zeiten. ... Na toll, Shoppen ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Ja, ich weiß, das hier ist nicht gerade Berlin, Kurfürstendamm, aber trotzdem... Habe gefühlte 200 Bikinis anprobiert. Gut, es waren in Wirklichkeit nur fünf, aber der Aufwand, um da reinzukommen, hatte sich tatsächlich so angefühlt. Wieder einmal musste ich feststellen, dass ich einen ganz komischen Körper habe. Für mich gibt es nichts Passendes mehr zum Anziehen! Also nein wirklich, die haben hier nur geschätzt bis Größe 38, das gibt es doch nicht. Und dann erst die Modelle. Ich glaube, die stammten noch aus der Vorwendezeit. An der Wand in der Umkleide hing tatsächlich ein Plakat von der Wahl der Miss DDR 1988. Ich glaube, die Gewinnerin (es war wohl die Verkäuferin mit der Dauerwelle!) hatte darauf denselben Bikini an wie ich. Bin dann schnell wieder raus aus dem Geschäft. Also nix gegen die DDR. Die hatten es schon nicht leicht. Bei der Bademodenkollektion ist es aber auch kein Wunder, dass die alle zum FKK gegangen sind. Das wäre ja überhaupt nichts für mich. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich prüde bin, ich bin schon sehr aufgeschlossen und modern, aber das liegt eher an meinem Trauma:

Es war, glaube ich, unser dritter Ostseeurlaub. Ich war gerade dreizehn geworden, stand also kurz vor der Pubertät. Naja, eigentlich war ich schon mitten drin. Ich steckte gerade in meiner Elternrebellionsphase. Ich wollte einfach nicht mit. Mit den Eltern zu verreisen, war so was von uncool und ich war ja eigentlich schon alt genug, um alleine klar zu kommen. Bei einem medizinischen Notfall hätte ich mich zu versorgen gewusst, argumentierte ich, wurde aber nicht wirklich ernst genommen, obwohl Papa immer darauf bestanden hatte, mit uns zu üben. Es war der Sommer nach dem Jahr, in dem Marc sich so rührend um mich gekümmert hatte. Ich hatte seinen Zwanzigmarkschein in einem Rahmen über mein Bett gehängt wie eine Trophäe. Peinlich, ich weiß, aber ich konnte nicht anders. Wir hätten ihn ja auch zusammen ausgeben können. Ich musste ständig an ihn denken. Ich wollte den Sommer mit ihm verbringen und nicht mit einer Horde unzivilisierter Großstädter an der Ostsee. Gut, er wusste noch nichts von seinem Glück, aber ich hatte mir fest geschworen, dass ich dieses Mal bei ihm klingeln würde, um zu fragen, ob wir vielleicht mal zusammen ins Kino gehen könnten, oder so. Ich habe meine Rede wochenlang geübt: - „Hey Marc, na, wie geht’s? Ich war zufällig in der Nähe. Du, was machst du denn heute so? Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht mit ins Kino gehen möchtest! ‚Star Wars‘ in der Retrospektive!“ (Männerfilm funktioniert immer gut!) Er wäre bestimmt gerührt gewesen, dass ich gemerkt habe, dass er einsam ist und hätte bestimmt ja gesagt, da bin ich mir sicher. In meiner Phantasie hätten wir dann im Kino wild rumgeknutscht und hach...

Aber nein, meine Eltern wollten ja unbedingt schon wieder an die blöde, blöde Ostsee! Sie haben mich ausgetrickst! Papa hatte eines Tages gemeint, ob ich ihn in den Ferien nicht mal wieder in der Klinik besuchen möchte. Ich spielte damals schon mit dem Gedanken, Ärztin zu werden und deshalb war ich natürlich hellauf begeistert von dieser Idee. Eine Aufbesserung meines medizinischen Wissens hätte bei der nächsten Familiendiskussion bestimmt gefruchtet. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Gut, ich hatte mich schon gewundert, warum meine Mutter und Jochen auch mit im Wagen saßen, aber dachte mir nichts weiter dabei. Familienausflug eben. Das hat Papa früher öfters spontan mit uns gemacht, als er noch nicht Oberarzt und dann Chefarzt war. Aber als wir dann zur Autobahn abbogen und nicht zum Stadtring, hatte ich erste Zweifel. Und die waren gerechtfertigt.

Ich war stinksauer. Ich hatte mir geschworen, den ganzen Urlaub über kein Wort mehr mit Mama und Papa zu wechseln. Ich wollte auch an den doofen Ausflügen nicht teilnehmen, mit denen sie meinen siebenjährigen Rotzlöffelbruder bespaßten. Ich blieb also die meiste Zeit auf meinem Zimmer (Es ist übrigens dasselbe, in dem ich jetzt gerade sitze! Hihi!) und schmollte. Und dachte dabei die ganze Zeit nur an Marc, der wohl wieder den ganzen Sommer allein in seinem Garten verbrachte, der Arme! Naja, ganz so allein ist er dann wohl doch nicht gewesen. Habe nach den Ferien erfahren, dass er jede Woche eine Poolparty für die ganze Schule geschmissen hat, zumindest für die, die nicht mit ihren Eltern verreist waren. Noch heute erinnern sich alle an jenen legendären Sommer. Na toll und ich saß die ganze Zeit auf Rügen fest! Habe später auch noch über vier Ecken herum erfahren, dass er wohl mit Susanne Leibfried rumgemacht hat. Im Kino! Ey, das wäre ja wohl mein Platz gewesen!

Naja, nach fünf Tagen pubertärer Abschottung war mir furchtbar langweilig geworden und ich kroch dann doch aus meinem selbstgewählten Erdloch hervor und begann, den Ort zu erkunden, der eigentlich doch ganz schön war. Eigentlich hatte ich nur einen ruhigen Platz gesucht, wo ich die letzten zwanzig Pop-Rocky-Sommerromane lesen konnte, die ich eingepackt hatte. Ich lief also über den Strand an den ganzen Touris vorbei, die ja alle so viel Spaß hatten, kam an eine Absperrung, über die ich mich nicht weiter wunderte, und stieg unelegant über das gezogene Band, denn ich hatte gesehen, dass ein paar Meter weiter eine kleine abgelegene Bucht war. Dort setzte ich mich schließlich hin und packte meine Bücher aus.

Ich saß schon eine Weile da, als mich plötzlich jemand von hinten unvermittelt ansprach. - „Was machst du hier?“ Leicht genervt von der ungebetenen Störung antwortete ich patzig. - „Lesen, sieht man doch!“ Ich drehte mich nicht um und las einfach weiter, weil es gerade so irre spannend war und wenigstens die unscheinbare Barbara in dem Heft ihren Traumprinzen abbekommen hatte. Ich war sogar ein bisschen neidisch auf sie, nicht nur wegen ihren wilden, goldglänzenden Locken, und träumte mich direkt in die Geschichte hinein, in der ich dann anstatt Thomas Marc Meier abbekam. Ich fühlte mich wie im Himmel, aber leider ließ man mich nicht weiterträumen. - „Wenn du hierbleiben willst, musst du dich aber ausziehen!“ - „Bitte was? Hast du sie noch alle?“ Jetzt schaute ich dann doch auf und drehte mich wütend zu der unmöglichen Person um. Und da erkannte ich erst mein Dilemma:

Ich war unbemerkt am FKK-Strand gelandet! HILFE!!! Und vor mir stand ein etwa fünfzehnjähriger pickliger und schlaksiger Möchtegernmacho, der sich wohl für den Allergrößten hielt und mich dämlich von oben herab angrinste. Wobei das mit der Größe bei ihm nicht ganz so stimmte. Äh... Ja, mein Gott, wo sollte ich auch sonst hinschauen? Ich war eine angehende Medizinerin. So ein Anblick sollte mich also nicht schocken. Aber ich war trotzdem schockiert. Ehrlich entsetzt. Ich wollte gerade panisch meine Sachen zusammenpacken und schnell das Weite suchen, da meldete sich der Tarzan für Arme erneut zu Wort. - „Hey, das muss dir nicht peinlich sein, für jeden gibt es ein erstes Mal!“ - „Ganz bestimmt nicht mit dir!“, konterte ich kess und war selber überrascht von meiner ungewohnten Schlagfertigkeit. Ich drehte mich um und rannte los, blieb dabei aber leider unglücklich mit meinem kleinen Zeh in der Schlaufe meiner Tasche hängen und legte mich prompt lang in den Sand.

Seine dreckige Lache war meilenweit zu hören und sie verfolgt mich heute noch manchmal in meinen Albträumen. Tja, natürlich hatte ich jetzt die Aufmerksamkeit auf meiner Seite! Immer mehr Leute - alle nackt!!! Naja, auch kein Wunder, ich befand mich schließlich auf einem FKK-Strand! - kamen auf mich zu. Ich machte die Augen zu. Ich wollte schließlich nicht blind werden. Und sich totzustellen, funktionierte doch im Fernsehen immer bestens. Aber anscheinend nicht bei mir. Denn plötzlich hörte ich eine mir nur allzu vertraute Stimme und hätte mir danach am liebsten ein Loch in den Sand gegraben, um für immer darin zu verschwinden. - „Margarethe, was machst du denn hier?“ Das darf doch jetzt wohl nicht wahr sein! Meine Mutter und mein Vater am FKK-Strand! So wie Gott sie geschaffen hatte und wie Kinder ihre Eltern besser nicht sehen sollten! Aber Jochen schien seinen Spaß gehabt zu haben. Brauchte drei Jahre Therapie und endlos viel Schokolade, bis ich dieses Bild wieder vergessen hatte! Den Typen, er hieß, glaube ich, Ingo, habe ich später noch einmal wiedergesehen. Unfreiwillig. Er wohnte ausgerechnet auch bei uns im Hotel. Er grinste mich jedes Mal beim Frühstück immer so dreckig von der Seite an. Ich bekam Ausschlag davon und verwandelte mich wieder in den Teenagervampir, der sich in seinem Zimmer abschottete. Am letzten Abend wollte er mir dann auch noch seine Überraschungseierfigurensammlung zeigen. Habe dankend abgelehnt, ich hatte schließlich schon genug gesehen. Das war dann erst einmal für eine ganze Weile unser letzter Ostseeurlaub gewesen.


Naja, ich bin mal wieder abgeschweift. Aber hier erinnert mich eben jeder Ort an meine Kindheit. Wahrscheinlich habe ich ihn deshalb ausgesucht, um endlich einen klaren Kopf zu bekommen und mit allem abzuschließen. Tja, das mit dem Strand wird heute wahrscheinlich nichts mehr. Pah! Strand wird eh überschätzt. Und bevor ich mir von quengelnden Kindern einen Frisbee an den Kopf werfen lasse oder von einem fünfzigjährigen Möchtegerngigolo schief angegafft und als potentielles Kurschattenopfer auserkoren werde, lasse ich das eben gleich ganz. Strand ist eh ungesund. UV-Strahlen, Hautkrebs und so. Nein, danke! Ich bin Ärztin. Ich habe schon viel Schlimmes gesehen.

Oh... mein... Gott! Jetzt ist es mir aufgefallen! Hilfe! Das dreckige Grinsen... Der irre Blick... Der Typ am Empfang, das ist das Kind vom FKK-Strand damals! Hoffentlich hat er mich nicht erkannt! Werde mir morgen gleich als Erstes ein neues Hotel suchen!

Lorelei Offline

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15.09.2016 12:44
#23 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Berlin am selben Morgen

Ey, was... was soll das? Was ist das denn? Nee! Mann, ich will noch pennen, verdammte Scheiße noch mal! ... Marc fuchtelte erst müde, dann immer wilder mit seinen Armen in der Luft herum, als würde er Schattenboxen oder nervige Mücken wegschlagen wollen. Aber ohne merklichen Erfolg. Sonnenstrahlen tanzten stoisch auf seinem Gesicht herum und versuchten, ihn wach zu kitzeln. Der morgenmuffelige Oberarzt drehte sich von einer Seite auf die andere und zog sich schließlich die Bettdecke ganz über den Kopf, um dem Unausweichlichen wenigstens noch für fünf Minuten entkommen zu können. ... Noch schlafen... schlafen, schlafen, schlafen! ... Und tatsächlich nickte er auch leicht wieder ein. Erneut stand er vor einem weiten weißen Sandstrand und sah SIE bildschön und sinnlich am Geländer stehen und funkelnde Sterne beobachten, aber er rührte sich seltsamerweise nicht von der Stelle. Wie festgetackert stand er da und wusste nicht, was mit ihm auf einmal los war. ... Hä? Wieso zum Geier laufe ich denn nicht los? Meier, los jetzt! Zack, zack! Schnapp sie dir endlich! ... Aber nichts passierte. Er konnte sich nicht bewegen. - „Marc“, kam es plötzlich aus der Ferne gerufen. ... Ja, ich mach ja schon. ... - „Meier?“ Die vertraute Stimme kam näher. ... Halt die Klappe, du blödes Gewissen! Du nervst, echt, ey! ... Aber es hörte nicht auf, ihn zu piesacken. - „Meiiieeer“, wurde der Ton immer fordernder. Doch der Angesprochene rührte sich nicht. Stattdessen begann er, intensiv mit seinem Kopfkissen zu kuscheln. ... Hach, Gretchen! ... - „Mhm... Gretchen!“, lächelte der Schlafende verliebt und kuschelte gleich noch mehr mit seinem dunkelgrünen Satinkopfkissen, das er nun heftig schraubstockartig umarmte.

Marcs heimlichem Beobachter, der sich vor wenigen Sekunden auf leisen Sohlen in dessen Schlafzimmer geschlichen hatte, blieb derweil der Mund offen stehen und er konnte sich bald sein Lachen nicht mehr länger verkneifen. Das Bild, das ihm sein wieder bester Freund gerade bot, war einfach für die Götter! ... Gretchen, mhm... Aber so langsam wurde es Marcs Mitbewohner dann doch zu bunt und er wurde immer ungehaltener und ungeduldiger. - „MEIIIIIERLEIIIN! Soll ich noch mit dem Wasserschlauch kommen oder wann gedenkst du mal aufzustehen, hä? Es ist schon weit nach Mittag.“ Der vertraute Klang von Mehdis tiefer sonorer Stimme riss Marc direkt von dem imaginären Strand weg. Er schlug abrupt die Augen auf und traute selbigen nun kaum. Wie konnte jemand nur so fies sein? Dabei hatte er doch gedacht, Mehdi sei wieder sein bester Buddykumpel. - „Och, nee, scheiße, Mehdi! Ey, hast du ein Rad ab? Ich habe ne 72-Stunden-Schicht hinter mir. Ich will pennen, verdammt noch mal! Zieh Leine! Aber zieh vorher die Scheiß-Jalousien wieder runter, du Quälgeist!“

Doch sein Arbeitskollege und bester Freund gab sich völlig unbeeindruckt, als er sich mit verschränkten Armen amüsiert grinsend vor dessen Bett aufbaute, das von der Mittagssonne nun gänzlich eingenommen wurde. - „Ach so? Ja dann... Und ich dachte, du wolltest etwas ganz Anderes? Na dann! Dann werde ich mich wohl um Gretchen kümmern müssen“, stichelte der Halbperser erfolgreich. Denn schlagartig war Marc Meier wieder hellwach und auf hundertachtzig. Und Mehdi grinste nur zufrieden, als er sich nun rotzfrech und todesmutig auf die Bettkante neben seinen bis über beide Ohren hoffnungslos verknallten Kumpel setzte, der ihm seinen Zeigefinger bedrohlich unter die Nase hielt. ... Hab ich’s doch gewusst, dass genau das bei ihm wirken würde! Ich sollte diese Methode patentieren lassen. ... - „Ey, spinnst du! Mein Baby gehört verdammt noch mal zu mir, verstanden, du... du Knalltüte“, konterte der beleidigte Chirurg wenig schlagfertig und sprang angesäuert aus dem Bett, um im nächsten Moment stinkwütend ins angrenzende Badezimmer zu stapfen. Mehdi kam gerade noch dazu, dem nur in eine weiße Boxershorts gekleideten Mann hinterher zu rufen, „Ich mach dann schon mal Kaffee“, da knallte die Tür auch schon mit ordentlichem Schmackes zu.

Kurz darauf saßen die beiden Freunde in vertrauter Eintracht am gedeckten Küchentisch. Doch Marc war überhaupt nicht nach einem nicht gerade sehr nahrhaften verspäteten Frühstück à la Kaan. Er wirkte nachdenklich und rührte immer wieder andächtig mit seinem Löffel in der Kaffeetasse herum, während Mehdi mittlerweile sein fünftes Nutellabrötchen verdrückte und sein ungewohnt lakonisches Gegenüber argwöhnisch beobachtete und sich seinen Teil dabei dachte.

Mehdi: Und? Schon bis China vorgestoßen?
Marc (schaut unwirsch vom Tassenrand auf): Was?
Mehdi (lacht, als er merkt, dass er nun Marcs ungeteilte Aufmerksamkeit hat, u. kommt direkt auf den Punkt): Was hast du nun vor?
Marc (wiegelt überfordert ab u. greift sich dann doch eine Semmel, in die er direkt hineinbeißt, damit er nicht weiter sinnlos um den heißen Brei herumreden muss): Hm? Keine Ahnung! Was sollte ich denn vorhaben?
Mehdi (rollt theatralisch mit den Augen, denn er hat seinen besten Freund längst durchschaut): Marc, du wirst doch wohl einen Plan haben?

Doch Mehdis Freund blieb stur wie eh und je und ließ sich nicht in die Karten blicken. Er zuckte kurz unbeeindruckt mit den Schultern und rührte dann weiter in seinem Kaffee herum, bis er dann doch beschloss, dass es wohl besser wäre, ihn auch zu trinken, bevor er noch kalt wurde. Koffein half schließlich beim Denken. Mehdi übte sich derweil in Geduld. Obwohl es ihm angesichts der Tragweite der Angelegenheit sichtlich schwerfiel und er Marc am liebsten einen heftigen Arschtritt verpasst hätte, damit er endlich über den Schatten seines überdimensional vergrößerten Egos sprang. Er musste anders herangehen. Subtiler. Und er hatte auch schon eine Idee mit neunundneunzigprozentiger Erfolgsgarantie. Aus jahrelanger Erfahrung und durch Beobachtungsstudien auf diversen Krankenhausfluren wusste Dr. Kaan, wie man mit Chirurgen von Marcs Kaliber umgehen musste.

Mehdi: Marc Meier, unser jüngster und talentiertester Chirurgengott Berlins, nein, ganz Deutschlands, der wirklich jede haben könnte, wenn er nur einmal mit dem Finger schnipst, weiß nicht, wie man eine Frau erobert? Dass ich das noch erleben darf. Wow! Mann, wo ist dein Kampfgeist geblieben? Das klang doch gestern Abend alles noch ganz anders.
Marc (setzt beleidigt zum Ameisenblick an, der jedoch Mehdi überhaupt nichts anhaben kann): Du kannst mich mal, du Arschloch! Was würdest du denn an meiner Stelle tun, hä? Außer mit irgendwelchen bescheuerten kryptischen Zeichen um dich zu werfen.
Mehdi (lacht u. legt noch eine weitere kleine Stichelei oben drauf): Dr. Meier fragt tatsächlich MICH - wie nennst du mich noch gleich, Weichei, Turnbeutelvergesser, Warmduscher - um Rat, wie man eine Frau zurückerobert? Warte, ich muss meinen Kalender holen und den Tag rot anstreichen. Den feiern wir ab jetzt jedes Jahr.
Marc (ihm ist überhaupt nicht nach Witzen zumute u. das zeigt er Mehdi auch ziemlich deutlich, indem er unter dem Tisch mit seinem Fuß dessen Schienbein hart antippt): Hey, hör auf mit dem Scheiß, Kai Pflaume für Arme, und gib mir wenigstens ein paar konstruktive Tipps! Du hältst dich doch neuerdings für den Frauenversteher schlechthin. Also zeig mal, was du wirklich draufhast, mein Freund!
Mehdi (kostet dieses Triumphgefühl genüsslich aus): Danke, welch eine Ehre! Werde mir das Diplom dann im Büro an die Wand hängen. Damit auch jede(r) im Haus mitbekommt, dass ich jetzt deinen Job übernommen habe.
Marc (funkelt den Spaßvogel gereizt an): Komm, hör auf mit den Plattitüden! Es geht hier schließlich um Gretchen!

Und prompt hörte Mehdi tatsächlich auf zu lachen. Sein vergnügtes Grinsen war ihm buchstäblich im Hals stecken geblieben. Denn dieser Stich mitten ins Herz saß tief. Er schluckte und musste tief durchatmen, damit Marc nichts von seinem Gefühlsdilemma mitbekam, denn das war an der Stelle nun wirklich nicht angebracht. ... Was mache ich hier eigentlich? Ich helfe Marc, meine absolute Traumfrau zu erobern! Bin ich jetzt komplett verrückt geworden? Oh Gott, Mehdi, du hast echt eine selbstmasochistische Ader! Im Mittelalter hätte man keine Streckbank zum Foltern gebraucht, nein, man hätte mir einfach nur Marc und Gretchen hinstellen müssen. ... Er schloss die Augen, um diesen absurden Gedanken abzuschütteln, was sein Gegenüber verwundert beobachtete. ... Nein, hör auf mit den Gedanken! Er ist dein bester Freund! Und Gretchen, sie hat es verdient, endlich glücklich zu sein. Wenn es unbedingt mit ihm sein soll, dann muss es eben mit ihm sein. Also reiß dich endlich zusammen und sei ein wahrer Freund!

Marc (klopft vorsichtig auf die Tischplatte): Äh... Mehdi? Irgendwer zuhause?
Mehdi (schaut langsam mit einem schwachen Lächeln wieder auf): Ja!?!
Marc (fixiert den verstummten Freund weiterhin argwöhnisch): Ja, und? Kommt da noch was? Oder muss ich erst Erika Berger anrufen?
Mehdi (muss jetzt doch schmunzeln u. ist wieder ganz da): Wohl eher Dr. Sommer!
Marc (hebt für den Spruch anerkennend sein Kinn u. verdreht anschließend die Augen): Haha! Du bist mir eine echte Hilfe, Mann!
Mehdi (das verschmitzte Kaan-Grinsen ist wieder da): Immer wieder gern!
Marc (blitzt ihn eingeschnappt an, wird dann aber schnell wieder ernst, weil es ihm ernst ist): Ja, was denn nun? Was soll ich machen?
Mehdi (lehnt sich auf seinem Stuhl zurück u. guckt wohlwollend zu dem verzweifelten jungen Mann rüber, dessen Gefühlschaos er deutlich nachvollziehen kann): Ganz einfach. Fahr zu ihr hin und sag ihr genau das, was du mir heute Nacht gesagt hast.
Marc (schaut ihn mit ungläubig geweiteten Augen an): Das ist alles? Das ist die große Kaansche Weisheit? Da hätte ich auch selber draufkommen können!
Mehdi (stimmt ihm augenzwinkernd zu): Eben!
Marc (funkelt den Klugscheißer an u. schüttelt schließlich augenrollend seinen Kopf): Du bist echt dein Geld wert, was du mir nicht zur Miete beisteuerst.
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht): Du wusstest doch von Anfang an, dass das mit uns beiden klappen würde.

Marc kam nicht umhin, mit in das ansteckende Lachen seines Mitbewohners einzusteigen. Doch schnell senkten sich seine Mundwinkel auch schon wieder zu einem eher nachdenklichen Gesichtsausdruck. Mehdi kostete es sehr viele seelische, wie auch tatsächliche Anstrengungen, um seinen niedergeschlagenen Kumpel wieder zu motivieren. Er hatte Marc noch nie so unsicher und durcheinander erlebt, aber das zeigte ihm auch, wie ernst ihm das mit Gretchen tatsächlich war. Und das war auch der Hauptgrund, warum Mehdi seine eigenen Gefühle deswegen hintenanstellte.

Marc: Und was ist, wenn sie mich immer noch nicht sehen will? Sie hält uns doch nicht ohne Grund außen vor.
Mehdi: Nicht entmutigen lassen! Hartnäckig bleiben! Präsenz und Verständnis zeigen! Anrufen, Smsen, Gruscheln...
Marc (schaut ihn an wie ein Postauto): Bitte was?
Mehdi (wirkt etwas verlegen, aber bleibt überzeugt): Das ist so eine Internetsache.
Marc (hebt skeptisch eine Augenbraue): Ah ja!?! Und das mag sie?
Mehdi (räuspert sich u. schiebt sich zur Ablenkung den Rest seines Nutellabrötchens in den Mund): Ich denke schon. Ach und lies dir mal ihre Gruppen durch! Ist ganz interessant und aufschlussreich.
Marc (hat keinen blassen Schimmer, wovon Mehdi da überhaupt redet): Hä? Was? Was denn für bescheuerte Gruppen?
Mehdi (lacht): Ach egal!
Marc (mustert ihn misstrauisch): Ich will dir ja nicht reinreden, Mehdi, aber deine Taktik hat bei ihr doch bisher nicht so wirklich funktioniert, oder?
Mehdi (wird leicht melancholisch): Naja, das liegt vielleicht daran, dass ich für sie einfach nicht der Richtige war.
Marc (denkt angestrengt darüber nach u. wird plötzlich von einem Ruck erfasst, der ihn abrupt aufspringen u. planlos in der Küche herumlaufen lässt): Okay, ähm... vielleicht hast du ja Recht. Ich fahr am besten erst mal zu ihr und sehe dann weiter.
Mehdi (überrascht von Marcs plötzlichem Aktionismus kann er damit nur mit einem frechen Spruch umgehen): Und wenn sie dir die Tür nicht aufmacht oder ihren Vater vorschickt, kannst du ja immer noch zu ihrem Balkon hochklettern und einen auf Romeo machen.
Marc (klappt ungläubig die Kinnlade herunter u. muss dann selber darüber lachen): Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Das erinnert mich an so ein bescheuertes Theaterstück in der Schule. Ist ganz blöd gelaufen.

Marc schüttelte es regelrecht bei dem Gedanken, wozu ihn seine kulturbeflissene Mutter damals alles gezwungen hatte, nur um aus ihm einen kultivierten jungen Mann zu machen, der er gar nicht sein wollte, aber vor allem um einem weiteren drohenden Schulverweis gerade noch so aus dem Weg zu gehen. Zum Glück war der Pappbalkon schon in der Generalprobe aufgrund baulicher Defizite, manipuliertem Leim und mangelnder Schwerkraft zusammengeklappt, bevor er sich vor Haasenzahn und allen anderen zum Affen gemacht hätte. Und es tat ihm ja auch ein klitzekleines bisschen leid, dass sich ‚Julia‘ Haase bei dem Sturz den Ringfinger gebrochen hatte und dass die Zweitbesetzung ihr dann auch noch die Rolle ihres Lebens direkt vor der Nase weggeschnappt hatte, weil sie den Aufführungsabend in der Notaufnahme hatte verbringen müssen. Ebenso wie er, der die Pappwand dooferweise direkt an die Rübe gekriegt hatte. ... Gehirnerschütterung. Pah! Pipikram! Aber erkläre das erst mal einer Mutter, die allein schon beim Stichwort „Krankenhaus“ einen hysterischen Anfall bekommt und jeden verklagen will, der ihrem hochbegabten Sohn auch nur zu nahekommt. ... Mehdi ergötzte sich derweil an Marcs verdutztem Gesichtsausdruck und lachte sich allein schon bei der Vorstellung schlapp, wie sein Egomanenfreund sich schauspielerisch verausgabte.

Mehdi: Du hast Theater gespielt?
Marc (droht ihm): Wehe! Wenn du das jemandem erzählst, bist du tot!
Mehdi (genießt es sichtlich, etwas gegen den coolen Macho in der Hand zu haben): Ich weiß nicht, ob ich mich zurückhalten kann. Also, wenn du mir das nächste Mal einen blöden frauenfeindlichen Spruch reindrücken möchtest, dann denke immer an diesen Moment zurück, Meierlein!
Marc (muss sich sehr zusammenreißen, nicht gleich doch noch auf ihn loszugehen, aber er hat schließlich etwas ganz Anderes im Sinn): Hör auf mit dem Scheiß! Ich muss los!
Mehdi (nickt ihm zufrieden hinterher): Na dann, auf in den Kampf!

https://www.youtube.com/watch?v=92cwKCU8Z5c

Marc verschwand schnurstracks in seinem Zimmer, während ein nachdenklicher Mehdi Kaan in der Küche zurückblieb. Wehmütig erinnerte sich der Halbperser an seine gemeinsame Zeit mit Gretchen Haase. An ihre erste skurrile Begegnung auf der Glienicker Brücke und den unfreiwilligen Schwimmkurs in der eiskalten Havel mit anschließender noch seltsamerer Beziehungsrahmendiskussion. Dann nur einen Tag später im Krankenhaus hatten sie sich schon wiedergesehen. Es hatte ihn vollkommen unvorbereitet getroffen. Er hatte sich vom ersten Moment an zu ihr hingezogen gefühlt, obwohl er immer noch sehr an Anna gehangen hatte und nicht loslassen wollte. Gretchens süße, verpeilte, tollpatschige und offen ehrliche Art hatten ihn sofort fasziniert. Er konnte sich ihr nicht entziehen. Das gemeinsame Treffen mit seinen Eltern war dann der Wendepunkt gewesen. Dass sie bei dem Theater überhaupt mitgespielt hatte, da war es endgültig um ihn geschehen gewesen. Er hatte mit ihr zusammen sein wollen, hatte sogar akzeptiert, dass sie sich anfangs noch geziert hatte. Eben wegen Anna. Und all der Probleme um sie beide herum. Inklusive Marc Meier, der sich wie ein Hornochse aufgeführt hatte. Gretchen hatte einfach ein großes Herz. Und in genau dieses hatte er sich Hals über Kopf verliebt. Dann endlich ihr erster Kuss auf dem Ärzteball. Alles war perfekt gewesen. ... Ich habe immer noch jeden Tag dieses Lied im Kopf. ... Und dann die stürmische Nacht danach! Der absolute Wahnsinn! ... Diese Hammerfrau wollte tatsächlich mich. Und ich wollte sie nie wieder loslassen. Ich wollte mit ihr einen Neustart wagen. Ich war wirklich bereit. Ich war endlich über die Vergangenheit hinweg. Und wir wären wirklich eine tolle Familie geworden. Lilly hat sie so gemocht. ... Mehdi lief eine einzelne Träne übers Gesicht. ... Aber es sollte wohl einfach nicht sein! Es war eine traumhaft schöne Zeit, aber leider viel zu kurz. Vielleicht war es einfach nicht die richtige Zeit oder der richtige Ort? Nein, das stimmt nicht. Wir waren einfach nicht füreinander bestimmt! ... Ob er sich je wieder so verlieben könnte? Mehdi wusste es nicht. Im Moment konnte er sich das nicht vorstellen.

Während Mehdi so tief in Gedanken versunken war und seiner großen Liebe nachtrauerte, kam Marc unvermittelt zurück in die Küche gestürmt und schaute seinen Freund am Frühstückstisch ungeduldig an...

Marc: Du sitzt ja immer noch hier! Hast du nicht seit fünf Minuten Dienst?
Mehdi (schaut entsetzt auf die Uhr u. springt unbeholfen vom Küchentisch auf): Scheiße, schon so spät? Und ausgerechnet heute kommt deine Mutter zur Vorsorge.
Marc (grinst schadenfroh): Na, dann viel Spaß bei der Höhlenforschung!
Mehdi (grinst provokativ zurück): Naja, ich könnte ja argumentieren, dass ich noch einen dringenden Notfall zu versorgen hatte.
Marc (setzt zum Ameisenblick an, aber wirkt dann plötzlich doch sehr nervös): Wehe! ... Und was meinst du? Geht das so?

Marc deutete in einer nicht gerade sehr lässig wirkenden Handbewegung an sich herunter. Mehdi verstand nicht gleich, was sein Mitbewohner ihm damit sagen wollte, aber schaute sich den ungewohnt verunsichert wirkenden Mann dann doch noch mal etwas genauer an und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Marc war von der Sohle seines Designerschuhs bis zur gestylten Haarspitze so dermaßen verknallt, dass es fast sogar ein bisschen süß wirkte. Der unbeholfene Marc Meier war gar nicht mal so unsympathisch.

Mehdi: Sag mal, ich will mich ja eigentlich nicht mehr bei euch, ähm dir..., einmischen, aber hast du ein Vorstellungsgespräch bei der Bank, oder so was?
Marc: Hä? Was stimmt denn an dem Outfit nicht?

Habe ich gerade Outfit gesagt? Nee, jetzt, oder? In Gegenwart von Mehdi entwickle ich mich noch völlig zur Frau! Geht gar nicht! Wir müssen mal wieder einen zünftigen Männerabend veranstalten. Und endlich mit diesem Gefühlsscheiß aufhören. Das hält ja keiner aus.

Dr. Meier stand in einem noblen dunkelgrauen Anzug und mit Krawatte vor seinem besten Freund, der überhaupt nicht so reagierte, wie er es von ihm erwartet hatte. Davon verunsichert betrachtete er sich noch einmal von Kopf bis Fuß im Garderobenspiegel, aber er konnte nichts an sich aussetzen. Er sah doch ziemlich lässig aus. Aber wieso fragte er auch jemanden um Rat, der den lieben langen Tag wie der letzte Penner herumlief? Mehdi hatte doch keine Ahnung. Er schlief schließlich nicht mit Frauen, sondern redete nur mit ihnen. Das war eher ein monoperspektivischer Ansatz. Er sah dagegen das große Ganze. Er sah nämlich schon deutlich vor sich, wie Haasenzahn auf ihn reagieren würde.

Marc: Ist doch ok so? Frauen stehen doch auf heiße Typen in Anzügen. Das kommt gleich nach Arztkitteln und Uniformen.
Mehdi (kann sich sein Schmunzeln nicht verkneifen): Ja, das kann ja sein, dass du das mal in einer der vielen Frauenzeitschriften, die unter deinem Bett liegen, gelesen hast, aber...
Marc (wehrt sich): Eh, die gehören mir nicht! Die müssen noch von Zicken-Gabi übriggeblieben sein. Also, was stimmt jetzt an dem Anzug nicht?
Mehdi (stellt sich hinter ihn u. betrachtet ihn ausführlich im Spiegel): Naja, das sieht alles irgendwie steif aus, eben nicht Marc-Meier-mäßig! Oder willst du Gretchen gleich heiraten?
Marc (schaut ihn verständnislos an): Bitte?
Mehdi (lacht): Dachte ich mir. Und außerdem fehlt noch irgendetwas.
Marc (stöhnt entnervt auf): Was denn, du Möchtegernexperte, der du ja so viele Dates in letzter Zeit hattest?

Mehdi kommentierte diese Meiersche Stichelei nicht und verschwand stattdessen kurz in seinem Zimmer und kam mit einer roten Rose bewaffnet zurück, die er seinem verdutzten Kumpel direkt in die Hand drückte, der damit jedoch überhaupt nichts anzufangen wusste.

Mehdi: Lass die Krawatte weg und nimm lieber die!
Marc: Ey, Mehdi, das ist jetzt nicht dein Ernst? Wir sind doch hier nicht bei „Herzblatt“ oder „Nur die Liebe zählt“. Das geht gar nicht und ist seit Urzeiten abgesetzt. Du willst mich doch verarschen?
Mehdi: Wie käme ich denn dazu, mein Freund?

Mehdi schaute seinen bockigen besten Freund mit einem leichten Hauch von Ironie in den Augen wohlwollend von der Seite an. Marc Meier stand jetzt im Anzug und mit Rose in der Hand im Flur seiner Junggesellenwohnung und fühlte sich eher erbärmlich als wohl. Das spürte auch der Halbperser, der nicht mehr länger an sich halten konnte und plötzlich doch laut losprustete. Sehr zum Missfallen seines eingeschnappten Kumpels, der ihn nun bedrohlich mit Ameisenblick anfunkelte.

Marc: Ich habe nicht vergessen, was du an Gretchens Polterabend besoffen gesagt hast.
Mehdi (nickt wissend): Soso?
Er hat Schiss, dass ich das Ruder doch noch herumreißen könnte. Ich wünschte, es wäre so. Aber du hast es doch in der Hand, Marc. Du musst nur noch geradeaus segeln.
Marc (reagiert gereizt): Boah, Kai Pflaume, womit willst du mich jetzt noch demütigen, hä? Lass dich ruhig aus! Du kommst ja immer zu kurz. Ich stehe da drüber.
Mehdi (lacht sich kaputt u. braucht einen Moment, um sich zu beruhigen): Gut! Ähm... Ist schon in Ordnung so, Marc. Bleib locker! Wenn ich nicht wüsste, dass du das bist, könnte man glatt meinen, jemand anderes steht vor mir.

Mehdi zog sein Handy aus der Hosentasche und machte prompt ein Beweisfoto für die Ewigkeit. ... Das glaubt mir sonst niemand. Haha! Und außerdem, wer weiß, wofür das später noch mal nützlich sein könnte? Falls er es versauen sollte, was durchaus möglich wäre angesichts der kläglichen Versuche zuvor, kann ich damit immer noch eine Anzeige für ihn im Internet aufgeben. Also, falls Gretchen ihn irgendwann loswerden möchte und er noch verzweifelter ist als jetzt. ... Mensch Mehdi, du kannst ja richtig fies sein! ... Hält einen oben. ... Marc schaute den dreisten Spaßvogel nur grimmig von der Seite an, damit er das endlich sein ließ, dem sein Grinsefreund schließlich auch nachkam. Der Oberarzt schlüpfte aus seinem Jackett und pfefferte es zurück an den Kleiderhaken der Garderobe. Anschließend lockerte er den Knoten seiner bescheuerten Krawatte, die ihm die Luftzufuhr abgeschnürt hatte, und öffnete die obersten Knöpfe seines blauen Designerhemds. Das war doch alles albern. Er wollte sich schließlich gut fühlen, wenn er sich Haasenzahn endlich vorknöpfte, und nicht wie der letzte Hampelmann. Den Job konnte Mehdi gerne behalten, der seinem sichtlich nervösen Freund nun wohlwollend via Garderobenspiegel zunickte.

Marc: Gut, ähm... Sakko und Schlips lasse ich weg. Bin ja nicht der Bachelor.
Mehdi (lacht): Wirklich nicht? Ich dachte eigentlich schon!
Marc (funkelt ihn an u. bohrt seinen Zeigefinger bedrohlich in seinen Oberkörper): Mehdi, halt die Fresse oder es setzt was!
Mehdi (kapituliert mit erhobenen Händen): Ok, ok, es wird schon klappen. Sie wird dir um den Hals fallen und ihr könnt dann zusammen in den Sonnenuntergang reiten.
Marc (schaut ihn an wie ein Postauto u. schüttelt schließlich den Kopf): Mehdi, also für dich wirklich keine Frauenfilme mehr! Du hast eine vollkommen falsche Vorstellung davon, wie so was in der Realität abläuft.
Mehdi: Tja, und wenn sie immer noch nein sagt, dann kann ich es ja noch mal versuchen.

Provokativ grinste Mehdi Marc an. Dieser wirkte für einen kurzen Moment tatsächlich leicht verunsichert, aber fing sich schnell wieder und marschierte selbstbewusst zur Wohnungstür. - „Ganz bestimmt nicht, du Pflaume!“ Als er die Klinke schon herunterdrückte, um zu gehen, drehte er sich noch einmal zu seinem besten Freund um und sah ihm aufrichtig in die Augen. - „Ach, Mehdi? Ähm...“ Mehdi lachte nur und nickte ihm wissend zu. - „Keine Ursache! Du musst dich nicht extra bedanken. Meine Tipps kamen von Herzen.“ Marc klappte den Mund auf wie ein Karpfen, sagte erst nichts und zeigte ihm schließlich den Vogel. - „Könntest du mich vielleicht heute in der Klinik vertreten? Ich muss das erst klären, bevor ich...“ Der freundliche Frauenarzt kam ihm direkt zuvor. - „Keine Sorge, geht schon klar! Du hast ja gemeint, ich solle mal in einen richtigen Beruf reinschnuppern.“ Der überraschte Chirurg nickte seinem Kollegen von der Gyn anerkennend von der Tür aus zu. - „Richtig!“ - „Warte mal! Du hast noch was vergessen.“ Mehdi drehte sich suchend um und nahm die Rose von der Flurkommode, wo Marc sie absichtlich liegen gelassen hatte, und reichte sie seinem Freund und Kollegen. Dr. Meier nahm sie wie den heiligen Gral entgegen und blickte dem Halbperser noch einmal verunsichert in die treuen rehbraunen Augen.

Marc: Soll ich die wirklich...? Ist das nicht zu peinlich?
Mehdi: Marc, mein Freund, hast du denn gar nichts von mir gelernt, hm? Das ist das wichtigste Utensil zur Eroberung der Frau, die einem wirklich am Herzen liegt. Glaub mir! Das wirkt tausendmal besser, als sie ständig zu foppen. Wobei der Effekt von „Was sich liebt, das neckt sich“ auch nicht zu unterschätzen wäre. Du machst das schon. Ich glaub an dich. Euch.

Marc guckte noch einmal skeptisch auf das stachelige Grünzeug in seiner Hand und schüttelte schmunzelnd den Kopf, als er Mehdi zum Abschied noch kurz zunickte, bevor er anschließend mit einem lauten Seufzer die Tür hinter sich zuzog.

Okay, jetzt oder nie! Davonhoppeln ist nicht! Diesmal nicht, Haasenzahn! Jetzt bist du fällig!

Lorelei Offline

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22.09.2016 16:35
#24 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Zurück auf der Insel Rügen

Korrektur: Werde mir heute noch ein schickes neues Hotelzimmer suchen müssen. Ich halte es hier nämlich keine Sekunde länger mehr aus. Bin nämlich enttarnt worden. Aber ich bin ja noch nie gut im Verstecken spielen gewesen. Mein Brüderchen war dagegen ein ungekrönter Weltmeister darin. Ich war immer neidisch auf ihn, wie er das früher immer hinbekommen hat, obwohl er unter den Nachbarskindern stets der jüngste geblieben ist. Wahrscheinlich lag es genau daran. Oder er war doch gerissener, als wir alle immer gedacht haben. Er ist jedenfalls immer übersehen worden. Er ist ja auch ziemlich klein und unscheinbar, aber als Baby da war er richtig, richtig süß. Einmal haben meine Freundinnen und ich ihn erst am nächsten Morgen wiedergefunden. Zusammengerollt wie ein Kaninchen schlafend unter der Hollywoodschaukel bei uns im Garten. Zum Glück haben Mama und Papa das nach dem Ärzteball damals nicht mitbekommen. Dann wäre ich meinen ersten richtigen Job als Babysitterin nämlich ziemlich schnell wieder losgeworden.

Apropos loswerden. Bin extra zeitig nach unten gegangen, um das Abendessen noch zu erwischen und ein Desaster wie heute Morgen beim Frühstück zu vermeiden. Habe mich extra ganz weit hinten hingesetzt, damit mich der Irre vom Empfang nicht sehen konnte. Leider habe ich dabei nicht bedacht, dass das Büffet direkt neben der Rezeption aufgebaut war. Ich habe einfach kein Glück, seitdem ich auf dieser verflixten Insel bin. Naja, was soll’s? Habe mich dann nach einer halben Stunde Überlegen doch getraut. Mein knurrender Magen war mein Antriebsmotor, aber das ist ja auch nichts Neues. Und es war gerade keiner an der Anmeldung, sodass ich es riskieren konnte, mir den Bauch vollzuschlagen. Also, ich muss schon sagen, das Essen hier ist gar nicht mal so schlecht. Ein Lob an die Küche. Beim Rausschleichen hatte ich dann leider weniger Glück. Ich bin IHM direkt in die Arme gelaufen.

Das Pech klebt mir einfach an den Hacken, seitdem ich wieder Single bin. Es ist so furchtbar. Als würde auf meiner Stirn ein Zettel mit der Aufschrift kleben, ‚verzweifelte Ärztin sucht...‘. Ich bin aber nicht auf der Suche! Wieso kapiert das denn keiner? - „Na, so stürmisch unterwegs, junge Dame?“ Wollte gar nicht mit dem reden, aber jetzt versuchte er, mir hartnäckig ein Gespräch aufzudrängen. - „Schon so zeitig hier? Angst, etwas zu verpassen? Also, das Abendessen bieten wir neuerdings open end an. Für Gäste, die spät angereist sind.“ - „Ah ja“, erwiderte ich stockend. Wollte er mir damit irgendetwas sagen? - „Was haben wir denn heute noch Schönes vor?“ Wir? Also, wir schon mal gar nicht! Schaute ihn völlig perplex an, was ihn wohl animierte, seinen Monolog fortzuführen. Was sollte das denn werden? Wollte er etwa mit mir flirten? - „So ganz alleine hier?“ Nee, du stehst mir ja im Weg, du Idiot! Blickte mich hilfesuchend um, aber es war noch kein weiterer Gast im Restaurant, der für mich den Helden hätte spielen können. Dieses Hotel war wie verhext! Nirgendwo gab es Helden, wenn man mal dringend welche brauchte. - „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Haben wir uns schon einmal getroffen? Eigentlich vergesse ich nie ein so hübsches Gesicht.“ Hiiilfe! Er flirtete doch mit mir! Bloß weg hier, Gretchen! Ich nahm die Beine in die Hand und ließ ihn einfach ohne Antwort stehen und bin schnell zum Hotel raus. Zwei Straßen weiter bin ich gleich ins nächste Hotel rein und habe direkt nach einem freien Zimmer gefragt...



Eine Stunde später

Juhu! Sitze gerade in meinem neuen Hotelzimmer, das so viel besser ist als das alte, auch wenn es einrichtungstechnisch fast genauso aussieht. Mann, hat der Ingo vielleicht blöd geguckt, als ich plötzlich bei ihm ausgecheckt habe. Aber ich hätte besser in bar bezahlen sollen, denn als er auf meine EC-Karte geschaut hat, schrie der plötzlich auf: - „Also doch, ich kenn dich doch! Du bist das pummlige Mädchen vom FKK-Strand damals!“ Hat der gerade ‚pummelig‘ gesagt? Werde diesen Saftladen verklagen. Wegen Diskriminierung am Urlaubsplatz usw. Die ganze Lobby hatte nämlich mitgehört. Mir war das so unendlich peinlich. Mein Kopf hat gestrahlt wie eine Rakete auf dem Weg in den Orbit. Und genauso schnell bin ich da auch wieder weg. Ich habe mir meine Karte und meine beiden Koffer geschnappt und bin, ohne mich noch einmal umzuschauen, rausgerannt. Ich hätte nie gedacht, dass man mit zwei Riesentrolleys so schnell laufen konnte. Selbst mit diesen beiden schweren Koffern hätte ich bei den Bundesjugendspielen noch den ersten Platz gewonnen. Ich fühlte mich stark und selbstbewusst. Endlich hatte ich mich mal durchgesetzt. Von wegen ich würde nicht alleine klarkommen. Pah! Gretchen Haase ist tough und das bleibt sie auch. Ab jetzt würde mein Traumurlaub so richtig losgehen. Juhu!

So, und nachdem ich mich hier jetzt häuslich eingerichtet habe, ist es an der Zeit, dass ich mich mal bei meinen Eltern melde. Mama wird immer so schnell unruhig, wenn sie mich nicht vierundzwanzig Stunden um sich hat. Oh, es klingelt...


Gretchen: Hallo Mama, ich bin’s!
Bärbel (wirkt am anderen Ende der Leitung schwer beschäftigt, denn es sind Küchengeräusche im Hintergrund zu hören, aber im nächsten Moment ist sie ganz für ihre geliebte Tochter da): Margarethe? Bist du das?
Gretchen (schmunzelt): Äh...ja? Oder kennst du noch jemanden außer Jochen, der dich am Telefon Mama nennt?
Bärbel (seufzt erleichtert auf): Liebes, endlich! Bist du auch gut angekommen? Du wolltest dich doch gleich melden. Papa war ganz unruhig, als du gestern nicht gleich angerufen hast.
Gretchen (auch wenn die mütterlichen Vorwürfe nerven, sie freut sich, ihre Stimme zu hören): Ja, Mama! Alles ist gut. Ich musste nur erst einmal ankommen.
Bärbel: Und das Hotel? Ist es immer noch so schön wie damals? Hach... was haben wir dort für schöne Urlaube verbracht. Weißt du noch?
Gretchen (fährt sich mit einer Hand nervös am Hals entlang, während sie mit dem Hörer am Ohr in ihrem neuen Zimmer auf- u. abläuft): Ähm... ja, also nein, ich ähm... habe das Hotel wechseln müssen. Da waren mir zu viele dreckige Kakerlaken und so.
Bärbel (überrascht u. leicht verstört): Oh? Und... wie ist das Wetter?
Gretchen (schiebt die bodenlangen Gardinen beiseite u. schaut verträumt aus dem Fenster): Schön!
Bärbel: Kannst du auch in ganzen Sätzen sprechen, Margarethe?
Gretchen (und schon ist die Schwärmerei wieder dahin u. sie rollt mit den Augen): Mama, ich wollte mich eigentlich nur kurz melden, um zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Kannst du mir bitte den Papa mal geben! Ich möchte ihm auch gerne hallo sagen.
Bärbel: Der ist im Krankenhaus.
Gretchen (horcht verwundert auf): Was? Ist alles in Ordnung?
Bärbel (man hört aus ihrer Stimme heraus, dass ihr das nicht gefällt): Ja, ja, er wollte nur kurz nach dem Rechten sehen, aber ist schon seit Stunden unterwegs.
Gretchen (ahnt, was das bedeutet): Tja, Papa hält es eben auch nicht lange zuhause aus.
Bärbel (verstimmt): Margarethe! Franz hat mir versprochen, es ruhiger angehen zu lassen.
Gretchen: Mama, du kennst ihn doch. Wenn er erst einmal wieder Klinikluft geschnuppert hat, kommt er nicht mehr so schnell nach Hause.
Bärbel (will das gar nicht hören u. lenkt geschickt vom Thema ab): Und du? Wann kommst du denn wieder? Du hältst es doch auch nicht lange ohne die Klinik aus. Da bist du wie dein Vater.
Gretchen (trotzig): Mama, ich bin noch keine vierundzwanzig Stunden hier!
Bärbel (seufzt wehmütig): Du fehlst uns halt hier. Und wir machen uns doch Sorgen.
Gretchen (beruhigt sie): Müsst ihr nicht, Mama. Mir geht es schon viel, viel besser. Die Seeluft tut mir gut. Ich muss dann auch mal wieder Schluss machen. Ich will noch unbedingt raus ans Meer. Den Sonnenuntergang beobachten.
Bärbel (lässt sie schweren Herzens ziehen): Gut, dann... noch viel Spaß, mein Schatz! Und zieh dir bitte etwas Warmes an! Es soll nachts schon ziemlich kalt werden. Und melde dich bitte bald wieder, ja?
Gretchen (lächelt u. legt schließlich auf): Mach ich! Versprochen!

Ach Mama! Ich habe dich auch lieb. So, und jetzt? Ach, ja, auf ans Meer! Ich habe vorhin bei meiner überstürzten Flucht aus dem Hotel des Grauens eine schöne Stelle zum Nachdenken entdeckt. Einen einsamen Felsen am Meer. Hat schon richtig was Symbolträchtiges irgendwie. Da geh ich jetzt hin. Denn dafür bin ich schließlich hierhergekommen.

Lorelei Offline

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05.10.2016 16:06
#25 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Einige Stunden zuvor mitten in Berlin

Seit einer geschlagenen Stunde saß Marc Meier nun schon in seinem weißen Volvo-Kombi vor der Villa Haase und rührte sich nicht vom Fleck. So langsam fiel der unbekannte Wagen in der Straße auf. Einige Nachbarn guckten schon skeptisch zu ihm rüber. Aber der Fahrer konnte sich immer noch nicht überwinden, auszusteigen, und das fuchste ihn tierisch. ... Mensch, beweg endlich deinen Arsch und geh da jetzt rein! Das kann doch nicht so schwer sein, verdammt noch mal! ... Der unschlüssige Oberarzt atmete noch einmal tief durch, zog den Zündschlüssel ab und stieg schließlich doch aus. Nachdem er nach einigem Zögern die Gartenpforte geöffnet hatte, sah er zu einem der Fenster im oberen Stockwerk der Familienvilla hoch... Nichts zu sehen! Aber was hätte ich da auch sehen sollen? Dass sie nackt am Fenster posiert und auf mich wartet? Blödsinn, Meier! Reiß dich zusammen! Und stell sie dir jetzt bloß nicht nackt vor. Das würde extrem kontraproduktiv wirken. ...und ging dann langsam auf die Haustür zu. Er zögerte, als sein Finger bereits zitternd über der Türklingel schwebte. ... Okay, Marc Meier, du hast es so gewollt. Stunde der Wahrheit! Du klingelst jetzt und sagst ihr, was du zu sagen hast. Ja, äh... was denn eigentlich? ... Aber es gab kein Zurück mehr. Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen und klingelte. Keine fünf Sekunden später wurde die Haustür mit Schwung aufgerissen und er bekam direkt etwas zu hören, das nachhaltig in seinen Ohren nachhallte...

Bärbel: Ja, was ist denn noch? Ich habe Ihnen doch schon hundert Mal gesagt, dass wir keine Interviews geben. Irgendwann muss diese leidige Geschichte doch auch mal vorbei sein. Gehen Sie endlich nach Hause!
Marc (zögerlich): Ähm... Frau Prof. Haase, ich...

Marc war sicherheitshalber einen Schritt zurückgewichen, als die resolute Frau des Hauses mit einem Scheuerhader bewaffnet in der Tür stehen geblieben war und irgendetwas Unzusammenhängendes von sich gab, das seine Aufnahmefähigkeiten direkt überforderte. Doch erst nachdem er vorsichtig auf sich aufmerksam gemacht hatte, erkannte auch Bärbel Haase, wer sich an ihrer Türklingel zu schaffen gemacht hatte, und war im ersten Moment sichtlich erstaunt. Doch schnell fand sie zu ihrer alten Schärfe wieder zurück und ihr Mutterschutzinstinkt wurde aktiviert. Sehr zum Leidwesen von Dr. Meier, der sich sehr schnell wünschte, gar nicht erst hierhergekommen zu sein.

Bärbel: Sie? Sie! Was wollen Sie hier?
Marc (versucht möglichst cool zu bleiben): Ist sie da?
Bärbel (schmeißt ihm unvermittelt ihren Scheuerhader direkt vor die Füße u. verschränkt abweisend die Arme vor ihrem Körper): Ich wüsste nicht, was Sie das angehen sollte?
Marc (hat mit einer so harten Gegenwehr nicht gerechnet): Ich muss sie...
Bärbel (fällt ihm prompt ins Wort): Sie müssen gar nichts, Herr Dr. Meier, außer zu gehen. Schönen Tag noch!

Gretchens Mutter wollte gerade dem unsympathischen Oberarzt, der ihrer Tochter schon mehr als einmal das Herz gebrochen hatte, die Tür vor der Nase zuschmeißen, aber da hatte er bereits seinen Fuß zwischen die Tür geschoben, die durch den zusammengeknüllten Wischlappen eh nicht zugegangen wäre. Bärbel reagierte dementsprechend ungehalten auf den dreisten jungen Mann, der ihre Vorbehalte durch dieses unverschämte Vorgehen nur noch mehr bestätigte.

Bärbel: Was erlauben Sie sich? Gehen Sie! Aber sofort!
Marc (versucht die aufgebrachte Frau ruhig zu stimmen u. wedelt ungelenk mit der roten Rose vor ihrem Gesicht herum): Bitte, Frau Haase, ich muss sie unbedingt sprechen.
Bärbel (versperrt ihm weiterhin den Zugang zu ihrem Haus): Sie will niemanden sehen. Und Sie schon einmal gar nicht!
Marc (nutzt einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit, um sich an der Frau des Hauses vorbeizudrängeln): Das soll sie mir, wenn schon, selber sagen. Wo muss ich hin?
Bärbel (überrumpelt u. überfordert läuft sie dem unverschämten Eindringling hinterher u. versperrt ihm noch rechtzeitig den Weg zur Treppe): Sagen Sie mal, sind Sie verrückt geworden? Das ist Hausfriedensbruch!
Marc (lacht laut auf u. schaut angespannt die Flurtreppe hoch): Verrückt ist, glaube ich, genau das richtige Wort. Ich bin ver...
Bärbel (fällt ihm barsch ins Wort): Verlassen Sie SOFORT mein Haus oder ich rufe die Polizei! Wenn mein Mann davon erfährt, wissen Sie, was Sie zu erwarten haben. Ich werde dafür sorgen, dass er Sie endlich rausschmeißt.

Scheiße! So wie die drauf ist, würde sie das sogar hinbekommen. Aber scheiß drauf, ich muss das jetzt in aller Konsequenz durchziehen. Sonst drehe ich wirklich noch durch.

Marc (gibt sich unbeeindruckt u. sieht Gretchens Mutter eindringlich in die Augen, welche Gretchens Augen gar nicht mal so unähnlich sind, während er versucht, seinen unwiderstehlichen Charme spielen zu lassen): Bitte, ich will doch nur eine Minute mit ihr reden, dann bin ich auch gleich wieder weg.
Bärbel (spürt etwas in seinem durchdringenden Blick, das ihr ganz u. gar nicht gefällt, u. handelt dementsprechend): Margarethe ist nicht da!
Marc (schaut sich suchend um): Nicht?
Bärbel (fährt wieder ihre alten Geschütze auf): Denken Sie jetzt etwa, ich würde Sie anlügen?
Marc (schüttelt überfordert den Kopf): Nein, das habe ich nicht so gemeint, Frau Haase. Wo ist sie denn jetzt? Wo kann ich sie finden? Bitte!
Bärbel (stemmt ihre in gelben Latexhandschuhen steckenden Hände in die Hüfte): Das geht Sie gar nichts an.
Marc (merklich enttäuscht weiß er im ersten Moment nicht, was er jetzt tun soll): Okay, ähm... Wenn das so ist, dann... Es tut mir leid, falls ich Sie belästigt und vom Putz... ähm... von was auch immer abgehalten haben sollte.
Bärbel (irritiert davon, dass der ungehobelte Kerl sich tatsächlich entschuldigt): Schon gut! Gehen Sie endlich!
Marc (dreht sich in der Tür noch einmal zu Gretchens Mutter um): Frau Haase?
Bärbel (reagiert gereizt): Ja, was denn noch?
Marc (holt etwas hinter seinem Rücken hervor u. reicht es ihr mit unsicherer Hand): Können Sie ihr die hier bitte geben und ihr ausrichten, dass ich immer noch weiß, was ich will.
Bärbel (zynisch): Na, herzlichen Glückwunsch!

Bärbel Haase schaute ungläubig auf die einzelne Rose, die Dr. Meier ihr mit einem seltsam ehrlichen Blick gegeben hatte, zögerte eine halbe Sekunde, weil sie doch von seiner Beharrlichkeit ein klitzekleines Bisschen angetan gewesen war, und schmiss dann mit Schmackes die Tür vor seiner Nase zu. Sie drehte sich um, ging langsam zurück in die Küche, schüttelte immer wieder den Kopf und öffnete dann den Mülleimer, um die rote Rose, die bereits verdächtig ihren Kopf hängen ließ, darin verschwinden zu lassen. Ein wehmütiger Blick auf eins der Familienfotos im Wohnzimmer bekräftigte ihre Entscheidung. ... Ich lasse es nicht noch einmal zu, dass sie so sehr verletzt wird.

Marc Meier war derweil wie bestellt und nicht abgeholt auf der obersten Treppenstufe stehen geblieben. ... Scheiße! Irgendwie habe ich gerade ein Déjà-Vu! Ob sie wirklich nicht da ist? Vor Mehdi hat sie sich doch auch immer wieder verleugnen lassen, hat er zumindest gemeint. ... Noch einmal wanderte sein nachdenklicher Blick hoch zu Gretchens Fenster. ... Hm? Noch immer nichts zu sehen. Ob ich vielleicht doch den Balkon...? Was geht denn bei dir ab, Meier? Nee, ganz, ganz blöde Idee! Kaans Drehbuch gehört definitiv in die Tonne. Am Ende bin ich noch mit dem Drachen allein im Haus. Der verspeist mich doch zu Mittag. Lieber nicht! Und wo steckt sie dann jetzt? ... Ratlos stieg er in seinen am Wegesrand geparkten Wagen und fuhr nach kurzem Überlegen los. ... Vielleicht ist sie ja in der Klinik? Da zieht es sie doch immer hin, wenn sie nicht weiterweiß.

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