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Dieses Thema hat 8 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Lorelei Offline

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Beiträge: 7.453

23.12.2012 00:15
Loreleis Weihnachtsgeschichte Zitat · antworten

ÜBERRASCHUNG!!!

Euer Schneckchen hat sich dieses Jahr etwas ganz Besonderes für euch ausgedacht. Es hat in der Zeit, als ihr Schneckenhäuschen eingeschneit war, eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, die euch hoffentlich über die Feiertage sehr viel Freude machen wird. Das ist mein Dankeschön für eure Treue. Wenn ihr euch in irgendeiner Weise dazu äußern wollt, dann könnt ihr das wie immer auf der Kommiseite zu meiner Fortsetzungsstory tun (Kommentare zur Story von Lorelei (292)). Ich wollte dafür nicht extra ein neues Türchen aufmachen. Also viel Spaß mit dem ersten Teil von Loreleis Weihnachtsgeschichte und...


GBPicsOnline.com - 4. Advent Bilder

..., wünscht euch eure Lorelei.




All I want for Christmas is you!

Es war Weihnachten. Heiligabend um genau zu sein. Der Himmel über der Hauptstadt hatte sich bereits seit den Mittagsstunden immer mehr zugezogen und nun tanzten begleitet vom eisigen Ostwind auch schon die ersten dicken flauschigen Schneeflocken über den dunklen Asphalt. Das blond gelockte Mädchen, das gerade gemächlichen Schrittes die Straße überquerte, zog ihren dicken selbst gestrickten rosaroten Schal noch fester um ihren Hals und breitete plötzlich ihre Arme aus und schaute wie Hanns Guck-in-die-Luft mit strahlenden Augen gen Himmel, wo Frau Holle gerade die weißen Daunenbetten kräftig ausschüttelte. Die federleichte Pracht kitzelte ihr Gesicht und sie konnte gar nicht anders, als sich jauchzend im Kreis zu drehen und mit ihren Händen so viele Schneeflocken wie möglich aufzufangen, um anschließend deren faszinierende Sternchenform genauer unter die Lupe zu nehmen. Da ihr aber dafür die sprichwörtliche Lupe fehlte, musste in dem Fall ihre dicke rosaumrandete Hornbrille als Ersatz herhalte, deren Gläser schon ganz nass geworden waren. Sie setzte sie ab, hielt sie ganz nah an ihre Handinnenfläche, auf der die kleinen Eiskristalle bereits zu schmelzen begonnen hatten, und steckte sie anschließend in ihre pinke Umhängetasche. Dann breitete sie ihre Arme erneut aus und drehte sich wieder und wieder um ihre eigene Achse.

Der blonde Wirbelwind mit dem lieblichen Namen Gretchen Haase liebte den Moment einfach, wenn der erste Schnee des Winters fiel und gerade heute war dieses Naturereignis ganz besonders schön. Schnee in der heiligen Nacht, das war magisch und versprach Glück. In einer solchen Nacht war alles möglich. Wünsche konnten wahr werden. Und so tanzte das überglückliche Mädchen noch eine weitere Runde ausgelassen mit ausgebreiteten Armen im Kreis, bis sie plötzlich quietschende Reifen hinter sich wahrnahm und abrupt aufhörte und sich herumdrehte. Upps, dachte die Dreizehnjährige und wurde prompt rot im Gesicht. Sie hatte mitten auf der Zufahrt zum Parkplatz getanzt und es stauten sich bereits die ersten Autos bis zur Hauptstraße vor. Hektisch zog sie ihre Brille wieder aus ihrer Tasche und setzte sie auf ihre rote Nase. Eine Autoscheibe wurde neben ihr herunter gelassen und schon hörte sie den ersten genervten Familienvater, dem der Weihnachtstrubel offenbar zu viel geworden war, meckern: „Wird’s bald, Goldlöcken! Auch mit viel Übung wird aus dir sicherlich keine Primaballerina mehr. Also lass es einfach und geh Schokolade naschen!“ Gretchen sprang sofort zur Seite und das Auto brauste an ihr vorbei. Auf der Rückbank des weißen Golfs konnte sie ein blondes Mädchen grinsen sehen. Na toll! Susanne! Ausgerechnet die! Dann weiß es gleich die ganze Schule und ich bin wieder die Lachnummer. Prima gemacht, Gretchen! Liebes Tagebuch, heute steht mir mal wieder der schlimmste Tag meines Lebens bevor. Ist ja nichts Neues! Meld dich einfach, wenn du irgendwo ein großes Erdloch für mich gefunden hast, in dem ich mich verkriechen kann.

Mit sinkendem Mut trottete Gretchen langsam die Stufen zum Eingang der Schulaula empor. Ihre anfängliche Begeisterung für die diesjährige Weihnachtsaufführung ihrer Schule hatte sich mittlerweile komplett gelegt. Gleich würde sie wieder den ewigen Spöttern ins Gesicht sehen müssen, die dem dicken Mauerblümchen mit der hässlichen Nerdbrille nichts zutrauten und ganz besonders nicht, heute den Hauptpart zu singen. Nämlich das Abschlusslied der Veranstaltung, das sie seit Monaten geprobt hatte, womit sie ihren Bruder vergrault und ihre Mutter durch die Endlosschleife fast in den Wahnsinn getrieben hatte, womit sie aber, was man dazu sagen musste, sogar die harte Frau Behrenbusch, die für den kreativen Tanz- und Musicalpart der Veranstaltung verantwortlich war, zum Weinen gebracht hatte. Sie und ihre Klassenlehrerin Frau Schneider hielten große Stücke auf sie und waren davon überzeugt, dass sie das hinreißend machen würde. Gretchen war ja selbst stolz darauf, dass ihr heute diese ehrenvolle Aufgabe zugetragen wurde. Ja, wenn nur nicht ihre Selbstzweifel wären, die von den neidischen Mitschülern und allen voran von Susanne Krupp, der sie diesen Part vor der Nase weggeschnappt hatte, nur noch mehr geschürt wurden. Alle erwarteten von ihr, dass sie das heute so richtig versauen würde.

Aber nein, sprach Gretchen sich selbst Mut zu, sie würde sich jetzt nicht hängen lassen. Nicht heute und in Zukunft auch nicht! Sie würde das hinbekommen und sie würde toll sein. Die Worte ihres Vaters kamen ihr plötzlich wieder in ihren Sinn: „Lass die anderen doch reden, Kälbchen. Vertrau auf dich selbst! Wahre Stärke kommt von innen und du bist die stärkste Person, die ich kenne.“ Damit hatte er nicht auf ihre viel zu große Konfektionsgröße für eine Dreizehnjährige angespielt, auch wenn sie das manchmal glaubte, wenn er sie nämlich am Frühstückstisch mal wieder wegen ihrer fünften Nutellastulle neckte, sondern er hatte ihre Heldentat vom Sommer gemeint, als sie Pfarrer Thies im Wald gerettet hatte, nachdem dieser von irgendwelchen Hobbyjägern angeschossen worden war. Gretchen erinnerte sich noch ganz genau daran, wie stolz ihr Vater auf sie gewesen war, als er sich anschließend im Krankenhaus um die Schrottkugeln gekümmert hatte. Und er hatte Recht. Seit diesem Nachmittag im August fühlte sie sich tatsächlich stärker, selbstbewusster, mutiger. Sie traute sich mehr zu. Auch in der Schule. Deshalb hatte sie sich auch als Erste gemeldet, als es um die diesjährige Weihnachtsveranstaltung ging, während der für Not leidende Kinder in Berliner Problembezirken gesammelt werden sollte. Und nun stand sie tatsächlich hier. Vor der großen Glastür, die in die Aula führte, wo sie in wenigen Minuten als „Christkind“ auf der Bühne stehen und singen würde. Und plötzlich war ihr Strahlelächeln wieder da. Schließlich freute sie sich wirklich sehr auf ihren Auftritt. Sie drehte sich noch einmal um und schaute zum Himmel hoch, aus dem es immer dichter anfing zu schneien. Der Parkplatz und die angrenzenden Wiesen um den Schulhof waren schon von einer hauchdünnen Schneeschicht bedeckt. Gretchen schloss ihre Augen und ließ sich noch einmal von den federweichen Flocken im Gesicht kitzeln.

Dumpf hörte sie, wie unterhalb der Treppe eine Autotür zugeschlagen wurde und ein Wagen mit quietschenden Reifen davonfuhr. Den Blick immer noch nach oben gerichtet, merkte Gretchen-Guck-in-die-Luft aber nicht, wie jemand immer näher kam und mit gerunzelter Stirn schließlich vor ihr stehen blieb. Der großgewachsene schlanke Junge mit der schwarzen Lederjacke über seinem dunkelblauen Kapuzenpullover schob seine Sonnenbrille etwas nach unten, um das seltsame Mädchen mit den ausgebreiteten Armen einen Moment genauer unter die Lupe zu nehmen. Er konnte sich trotz seiner ansonsten ausdruckslosen Mimik ein kleines Grinsen nicht verkneifen, nachdem er sie mit gekonntem Körperscanblick ausführlich gemustert hatte. Der dicke Feld- und Wiesenhaase wollte wohl fliegen lernen, dem albernen Outfit mit Flügeln nach zu urteilen. Er schüttelte verwirrt den Kopf, rückte seine Sonnenbrille wieder zurecht, damit niemand das Veilchen an seinem linken Auge mitbekam, schupste den goldgelockten Weihnachtsengel rempelnd zur Seite und riss die Tür zur Aula auf, aus der ihm schon nerviges Weihnachtsgedudel und das Gelächter der Mitschüler und Eltern entgegen schallte, das er mit einem genervten Stöhnen kommentierte. Er hasste diese Veranstaltungen wie die Pest und er hätte alles dafür gegeben, heute nicht hier sein zu müssen. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Die Liste seiner Fehlstunden war einfach zu lang, um noch mal einen Verweis zu riskieren. Und zumindest war es hier wenigstens besser als zuhause.

Gretchen schaute dem Rüpel, der sie unsanft angerempelt und aus ihren verträumten Gedanken gerissen hatte, mit großen Augen hinterher. Marc Meier! Der süßeste, faszinierendste, geheimnisvollste, sexieste und gleichzeitig aber auch fieseste Junge der ganzen Schule. Warum musste er immer so gemein sein, fragte sie sich traurig. Konnte er nicht einmal nett sein? Nur ein einziges Mal! Gerade heute an diesem friedlichen und besinnlichen Festtag. Seufzend folgte das Mädchen ihm durch die zurückschwenkende Tür. Ihr steter Blick klebte immer noch an der attraktiven Rückseite dieses Rotzbengels, der aussah wie David Hasselhoff in jung und der sich gerade zu seiner Clique an Bewunderern gestellt hatte und gelangweilt dem Gelaber über letzte Proben und Weihnachtswünsche folgte. Natürlich musste sich auch Susanne Krupp dazugesellen, die gerade tuschelnd und kichernd mit ihren Mädels an ihr vorbeigelaufen war, stellte Gretchen eifersüchtig fest. Dabei war sie mindestens genauso verknallt in Marc wie sie selbst. Eigentlich waren sie ja Leidensgenossinnen, denn auch die hübsche Blondine mit der coolen Dauerwelle à la Jennifer Grey würdigte er keines Blickes. Na wenigstens etwas, dachte sich Gretchen erleichtert und verschwand auf ein Zeichen von Frau Schneider hin mit den anderen Mitwirkenden der Weihnachtsshow hinter dem roten Vorhang auf der Bühne.

Die blonde Biologie- und Mathelehrerin gab letzte Instruktionen, da die Weihnachtsaufführung schon in zehn Minuten mit dem Auftritt des Schulchors beginnen würde, zu dem auch Gretchen gehörte. Nachdem sie noch einmal auf der Toilette verschwunden war, um sich hübsch zu machen und ein letztes Mal ihr Goldengel-Kostüm zu überprüfen, stellten sich alle auf ihren Plätzen auf. Gretchen schaute sich noch einmal suchend um. Marc stritt mal wieder in einer Ecke trotzig mit Frau Behrenbusch, da er als Strafe, weil er mit einer Zigarette auf dem Schulklo erwischt worden war, als Bühnentechniker agieren sollte, worauf er offenbar so gar keinen Bock hatte. Widerwillig ergab er sich aber seinem Schicksal und griff nach den Seilen für den Vorhang, weil selbst er vor der strengen Sport- und Deutschlehrerin einen Heidenrespekt hatte. Ihre Blicke trafen sich kurz. Viel zu kurz, für Gretchens Geschmack, die ihren beschleunigten Herzschlag kaum kontrollieren konnte. Aber da hatte sich auch schon der Vorhang gehoben und vom grellen Bühnenlicht geblendet begann sie zusammen mit dem Chor das erste einstimmende Weihnachtslied zu singen.



Es folgten weitere Lieder, ein Gitarrensolo des allseits beliebten Musiklehrers, dem eine Karriere als Studiomusiker leider verwehrt geblieben war, der aber dafür den Musikunterricht an ihrer Schule sehr lebendig gestaltete, und dann stand das Krippenspiel auf dem Programm. Eine dieser modernen peppigeren sozialkritischen Produktionen, die mit Susanne und Karsten in den Hauptrollen vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Vom Seitenrand der Bühne aus beobachtete Gretchen sichtlich amüsiert und mitwippend diese Musicalversion und die Reaktionen der Eltern und Verwandten. Irgendwo in der Mitte des Saals hatte sie auch ihre eigene Familie entdeckt. Ihre Mutter hing gebannt an den schauspielernden und singenden Kindern, während Klein-Jochen nur gelangweilt auf seinem Stuhl gähnte. Ihren Vater hatte sie vorhin zwar noch kurz gesehen, aber jetzt konnte sie ihn nicht entdecken. Sein Platz war leer. Vermutlich hatte er mal wieder zu einem Notfall in die Klinik gemusst. Das war letztes Jahr und die Jahre zuvor auch schon so gewesen. Um die Feiertage herum passierten nun mal immer die meisten Unfälle, sagte der passionierte Unfallchirurg immer vertröstend. Und so wurde stillschweigend akzeptiert, dass ihr Vater immer erst sehr spät am Heiligabend zu ihnen stieß. Hoffentlich würde sich das ändern, wenn er im nächsten Jahr den Chefarztposten im Elisabethkrankenhaus übernehmen würde? Gretchen hätte ihren Papa jetzt wirklich gerne bei sich gehabt. Mit ihm fühlte sie sich immer sicher. Ja, sie war wirklich ein Papa-Kind. Das war ja auch nichts, wofür man sich schämen musste. Schließlich war er einer der besten Chirurgen des Landes und sie platzte fast vor Stolz deswegen. Gab es etwas Cooleres als den Arztberuf? Gretchen war sich sicher, dass sie ihrem Vater irgendwann, wenn sie erwachsen war, nacheifern würde. Dr. Gretchen Haase, das klang doch super. Fast so toll wie Gretchen Meier! Aber das war eine Episode ihres zukünftigen Lebens, die wohl niemals Wirklichkeit werden würde.

Gretchen war noch völlig in ihren Gedanken versunken, als sie plötzlich am Arm angestupst wurde. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte sich fragend herum und blickte nun direkt in ein faszinierendes smaragdgrünes Augenpaar, das sie sichtlich genervt anblinzelte, was allen anderen Umstehenden natürlich auffiel. Allen außer ihr! Aber Gretchen Haase war nun mal, was ihren Prinzen auf dem weißen Schimmel betraf, sehr naiv in ihrer Auffassungsgabe. „Marc“, hauchte sie nur. Mehr brachte das bis über beide Ohren verliebte Mädchen nicht über ihre bebenden Lippen. Viel zu sehr war sie von der Tatsache verwirrt, dass der Junge ihrer Träume plötzlich zum Greifen nah für sie war. Wie er dastand. Mit den Händen in den Taschen seiner zerschlissenen Jeans, dem leicht zerzausten Haar, dass ihm so süß in die Stirn fiel, und der coolen Sonnenbrille. Richtig verwegen! Und er hatte sie angefasst! Marc Meier hatte sie berührt! Wenn ihre beste Freundin Steffi jetzt in ihrer Nähe gewesen wäre und nicht als verkleideter Tannenbaum irgendwo in den Kulissen gestanden hätte, hätten sie beide vermutlich deswegen laut aufgekreischt und wild im Kreis getanzt.

Aufgeregt begann Gretchens Herz wie wild zu klopfen, als Marc dann tatsächlich auch noch ihre Hand packte und sie plump hinter sich her zog. „Wo bringst du mich hin“, fragte sie mit bebender Stimme und mit durch die riesigen Gläser ihrer rosaroten Brille verklärtem Blick, als sie in der Mitte der Bühne direkt hinter dem weinroten Vorhang, der gerade wieder zugefallen war, stehen blieben und er sie ruppig auf den Platz mit dem deutlich sichtbaren Stern platzierte, der auf die Bühnenbretter geklebt worden war. Marc kuckte sie mit gerunzelter Stirn verständnislos durch die Sonnenbrillengläser an. „Äh... du bist jetzt dran“, antwortete er kleinlaut und wandte sich um. „Was“, fragte Gretchen verwirrt nach, die nicht gleich verstand, was er von ihr gewollt hatte, und noch von einer romantischen Entführung auf einen Ponyhof träumte, aber da war der Märchenheld ihrer Träume auch schon weitergegangen und hatte ihr nur noch ein gemurmeltes „Viel Glück“ zugeflüstert und zog im nächsten Moment an den dicken Seilen an der Seite der Bühne. Der Vorhang ging wieder auf und plötzlich fand sich das blond gelockte „Christkind“ im Lichtkegel des Scheinwerferlichts wieder und starrte wie ein scheues Reh auf die vielen Leute im Publikum, die verstummt waren und nun gespannt zu dem Goldengel nach oben auf die Bühne schauten.........

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.453

24.12.2012 14:50
#2 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte Zitat · antworten

Gretchen war wie erstarrt. Sie war doch auf ihren Auftritt noch gar nicht vorbereitet. Sie brachte keinen Ton heraus und schaute über ihre Schulter hilfesuchend zurück nach hinten. Direkt zu Marc und ihrer Klassenlehrerin, die ihr mittels verschiedener verrückter Handzeichen verzweifelt zu verdeutlichen versuchte, dass sie jetzt zu singen beginnen sollte. Doch Gretchen rührte sich einfach nicht. Auch nicht als das Tuscheln im Publikum lauter wurde und ein nicht gerade unauffälliges „Margarethe, nun sing doch, mein Kind!“ ihrer aufgeregten Mutter zu ihr herüber geschwappt kam und die Clique um Susanne Krupp hinter ihr anfing zu lachen und spöttisch zu lästern. Wie gelähmt blickte sie mit offenem Mund zu Marc, der das Dilemma schließlich nicht mehr länger mit ansehen konnte und entschlossen zurück auf die Bühne zu Gretchen marschierte. Er stellte sich vor sie hin, zog seine Sonnenbrille etwas herunter und sah sie eindringlich aus zusammengekniffenen Augen an, während er sich mit seiner freien Hand am Mikrofon zu schaffen machte. Gretchen verfolgte atemlos jede einzelne seiner Bewegungen, die für sie überhaupt keinen Sinn ergaben, aber sie beruhigte sich merklich beim Blick in seine dunkelgrünen stechenden Augen. So nah hatte sie ihm noch nie gestanden, dachte sie mit flatterndem Herzen und sog den leichten Duft von Zigaretten, Pfefferminzkaugummi und Marc tief in sich auf.

Marc hatte inzwischen den Mikrofonständer wieder losgelassen und zog seine Schutzbrille rasch wieder hoch und drehte sich schulterzuckend zum Publikum um. „Sorry, die vermaledeite Technik“, sagte er betont lässig und grinste mit seinem unwiderstehlichen Strahlelächeln in die Menge, was seine Wirkung bei den vor allem weiblichen Anwesenden natürlich nicht verfehlte. Dann wandte er sich wieder herum und flüsterte Gretchen noch etwas ins Ohr, was ihr eine Gänsehaut sondergleichen bescherte, ehe er mit den Händen in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke zurück an den Bühnenrand schlurfte, wo Frau Schneider kurz vorm finalen Nervenzusammenbruch stand, der nur dadurch verhindert wurde, dass plötzlich eine engelsgleiche Stimme den Raum erfüllte, die auch den coolen Macho von der Schule noch einmal herumfahren ließ.



Gretchen sang. Und wie sie sang! Das schüchterne Mädchen mit den Engelslocken ließ alle Neider und Spötter verstummen. Gretchen sang. Sie sang für sich, fürs Publikum und die sie begleitende Schülerband. Und sie sang für Marc, so wie er es sich gerade von ihr gewünscht hatte. „Sing für mich!“, hatte er ihr zugeraunt. Sie hatte seine gänsehautauslösende Stimme immer noch im Ohr, als der letzte Ton ihres Lieblingsweihnachtsliedes verklungen war und nach einer atemlosen Pause der Applaus einsetzte. Ein tosender Applaus, der jeden von den Sesseln riss. Selbst ihre Intimfeindin Susanne nickte ihrer Mitschülerin anerkennend zu, als die Mitwirkenden des Weihnachtsprogramm auf die Bühne stürmten und sie umarmten, bevor sie sich alle vor ihren Eltern, Verwandten und Lehrern verbeugten, die stolz wie Oskar zur Bühne hoch schauten und immer noch klatschten. Nur einer fehlte in der Menge der Umjubelten. Gretchen, die überglücklich wegen ihres sensationellen Erfolges war, drehte sich nach allen Richtungen suchend um, aber sie konnte Marc nirgendwo erkennen. Und ehe sie ihn suchen und sich bei ihm für seine heldenhafte Unterstützung bedanken konnte, war sie auch schon von ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder umringt.

Bärbel Haase hatte Tränen der Rührung in den Augen, als sie ihre Tochter in den Arm nahm und zitternd an sich drückte. „Gretchen, mein Mädchen“, sagte sie immer wieder voller Stolz, bis sie sich endlich beruhigt hatte und ihren Goldengel aus glasigen Augen anschaute. „Dein Vater wäre so stolz auf dich, mein Kind. Leider hat die Klinik angerufen und du kennst ihn ja, er kann nicht still sitzen, wenn er dort nicht nach dem Rechten schauen kann. Aber ich hab alles auf Video. Jochen hat gefilmt. Du hast doch alles aufgenommen, oder?“, fragte die Rothaarige aufgeregt ihren Jüngsten, der gelangweilt mit dem Kopf nickte und ihr gähnend den Camcorder überreichte. „Danke Mama“, erwiderte Gretchen leise. Ihr war es peinlich, so im Mittelpunkt zu stehen und eigentlich müsste sie ja noch nach hinten hinter die Bühne. „Mama, ich bin doch im Team fürs Aufräumen eingeteilt. Das kann noch etwas dauern“, sprach sie schließlich. „Kein Problem, Margarethe, geh nur. Wir fahren in der Zwischenzeit ins Krankenhaus rüber und holen deinen Vater ab. Auf dem Rückweg nehmen wir dich dann mit.“ „Okay“, erwiderte Gretchen sichtlich erleichtert und beobachtete noch, wie Jochen und ihre Mutter zum Ausgang liefen, dem einen oder anderen befreundeten Elternpaar ein schönes Weihnachtsfest wünschten und anschließend die Aula durch die große Glastür verließen. Dann drehte sie sich um, sprintete hinter die Bühne und half nun ihrer besten Freundin Steffi beim Abbau der Kulissen, die sie jedoch erst einmal kräftig umarmte und mit ihr fröhlich im Kreis herum hüpfte, um ihr so auf ihre ganz eigene Weise zu ihrem großen Erfolg zu beglückwünschen.

Nach etwa einer halben Stunde waren sie fertig mit ihrer Arbeit. Die meisten Kinder hatten das Gymnasium bereits mit ihren Eltern verlassen und waren auf dem Nachhauseweg. So auch Steffi, Susanne und Karsten. Nur Frau Behrenbusch und ihre Lebensgefährtin wuselten noch in einer Ecke herum und verstauten die Kostüme. Die Lehrerin bedankte sich herzlich bei Gretchen für ihre tatkräftige Unterstützung und wünschte ihr und ihren Eltern noch schöne Weihnachtsferien, was ihre Schülerin artig erwiderte, bevor sie sich auch zum Gehen fertig machte. Gretchen hatte beschlossen, im Foyer auf ihre Eltern und ihren Bruder zu warten, die bestimmt gleich auftauchen würden. Denn das Elisabethkrankenhaus war ja auch nur einen Katzensprung von hier entfernt. Von ihrem Erfolgserlebnis beschwingt flitzte Gretchen summend durch die langen dunklen Flure ihrer Schule, um in ihrem Klassenzimmer ihre Sachen zu holen. Es war bereits dunkel draußen geworden und auch das Schulhaus war nach dem Ende der Aufführung nur noch spärlich beleuchtet. Sie schlüpfte schnell in ihren rosa Anorak und zog ihre Tasche aus ihrem Spind, als sie plötzlich ein Geräusch hinter sich bemerkte.

Gretchen zuckte erschrocken zusammen und drehte sich ängstlich und auf alles gefasst herum. Darauf, was sie jetzt sah, war sie jedoch nicht gefasst gewesen. Da war ER, stellte sie überrascht fest. Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen, als sie Marc Meier in einer dunklen Ecke am Boden neben den Spinds sitzen sah, den Kaputzenpulli tief über den Kopf gezogen und mit dem Gameboy vor der Nase. „Marc, was machst du hier“, fragte sie atemlos und wenig einfallsreich. Er hob noch nicht einmal seinen Blick und schien konzentriert weiterzuspielen, so als ob sonst niemand weiter in dem Raum wäre, der noch nach Zimt, Räucherstäbchen und Plätzchen roch, die sie gestern zusammen mit ihrer Klassenlehrerin zur Verköstigung des Publikums gebacken hatten. Sie trat mutig einen Schritt näher zu ihm heran und blickte mit zusammengepressten Lippen zu ihm herab. „Sind deine Eltern auch noch nicht da, um dich abzuholen? Wollen wir gemeinsam warten?“ Doch Marc reagierte weder auf sie, noch auf ihre schüchterne Frage. Gretchen wusste nicht, was sie sonst noch tun sollte und beschloss, sich spontan neben ihn zu setzen. Dieser Tag hatte ihr schließlich Glück gebracht. Und wenn sich einem die Chance bot, dann sollte man sie nutzen. Gerade was diesen süßen Jungen betraf. Sein ganzes Auftreten heute hatte schon irgendetwas Verwegenes. Total verführerisch und sexy!

Schüchtern schaute Gretchen zur Seite und erkannte, wie „Super Mario“ über den kleinen Bildschirm flitzte. Ohne groß darüber nachzudenken, begann das Mädchen drauflos zu plappern. „Ich hab ja auch einen Gameboy. Den hab ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen. Leider hat mein tollpatschiger Bruder ihn kaputt gemacht. Aber ich war richtig gut.“ Nun schaute Marc doch von seinem Spiel auf und schaute skeptisch mit hochgezogener Augenbraue zur Seite. Er sieht mich an, jubilierte das verliebte Mädchen innerlich. Glücklich über seine Reaktion strahlte sie ihn mit ihrem schönsten Zahnpastalächeln an, was ihn nur noch misstrauischer dreinblicken ließ. „Kannst du durch deine Sonnenbrille überhaupt etwas sehen? Wieso trägst du die überhaupt? Es ist doch schon dunkel draußen und wir haben Winter“, plapperte Gretchen munter weiter und deutete auf die dunklen Gläser auf seiner Nase und provozierte damit, dass Marc sich ruppig von ihr abwandte und sogar laut wurde. „Scheiße, wegen dir hab ich das Spiel verloren, verdammt“, polterte er ungehalten los, „kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen und deine ach so tolle Familie vollquatschen oder von mir aus den dicken Weihnachtsmann, aber glaub mir, selbst der interessiert sich nicht für dein doofes Gequatsche.“

Getroffen richtete sich Gretchen auf, die mit diesem Meierschen Ausbruch überhaupt nicht gerechnet hatte, und blitzte den Rüpel von oben herab an. „Wieso musst du nur immer so gemein sein? Ich hab dir doch überhaupt nichts getan.“ „Du nervst, das reicht“, konterte er wütend und wandte seinen Blick wieder seinem Gameboy zu. „Nein, du nervst“, gab Gretchen gekränkt zurück, „und ich blöde Kuh wollte mich auch noch bei dir bedanken für vorhin. Tzz... weißt du was, ich wünsche mir, dass du heute nichts zu Weihnachten bekommst. Absolut gar nichts. Böse Kinder wie du haben nämlich keine Geschenke verdient!“ „Ich will auch gar nichts“, gab Marc trotzig von sich, rappelte sich auf, schnappte sich seinen Rucksack von der Schulbank und ließ Gretchen in dem Klassenzimmer zurück, während er leise noch etwas zu sich selbst sagte, als er die Tür hinter sich zuknallte, „...außer dass es endlich aufhört“.

„MARGARETHE“, hörte die verdatterte Gretchen plötzlich ihre Mutter auf dem Flur rufen. Noch immer verwirrt folgte sie Marc aus dem Zimmer. Dieser schien überrascht zu sein, dass noch so viele Menschen im Schulhaus unterwegs waren und ließ sich resignierend in ein Gespräch mit Frau Behrenbusch, seiner Hasslehrerin, verwickeln. Gretchen wollte zu ihrer Mutter und ihrem Vater aufschließen, die am anderen Ende des Flurs standen und ihr hektisch zuwinkten. Sie strafte Marc mit Missachtung, als sie hocherhobenen Hauptes an ihm und Frau Behrenbusch vorbeimarschierte, hörte aber die Lehrerin noch sagen, dass man seine Eltern nicht erreichen könne. Am Ausgang angekommen, drehte sie sich noch einmal um und blickte Marc verwundert an. Was war denn mit seinen Eltern? Und wieso kam ihr Marc auf einmal so verloren vor? Komisch, dachte sie nachdenklich, wurde aber im selben Augenblick von ihrem Vater abgelenkt, der sie nun fest in den Arm nahm und an sich drückte. „Wir sind so stolz auf dich, Kälbchen.“ „Papa“, sagte Gretchen verlegen, die diesen albernen Spitznamen überhaupt nicht mochte, und sog den Duft von Krankenhaus und Desinfektionsmittel tief in sich auf, den sie immer so sehr an ihrem Vater liebte.

Dieser schaute über ihre Schulter hinweg zu Frau Behrenbusch und dem Jungen mit der schwarzen Lederjacke, mit dem sie im Gespräch vertieft war. „Wer ist das“, fragte Dr. Franz Haase interessiert. „Das ist nur Marc“, sagte Gretchen kleinlaut, die dieses leidige Kapitel ab heute und für immer endgültig für beendet erklären wollte. Zum fünfundfünfzigsten Mal in den letzten beiden Jahren wohlgemerkt, seitdem sie sich kannten. „Marc“, hakte Franz neugierig nach. Gretchens Vater schien nachzudenken. „Marc Meier“, erklärte ihm Gretchen wenig enthusiastisch, die diesen gemeinen Kerl einfach nur vergessen wollte. Aber man ließ sie einfach nicht. Die Lehrerin und der Schüler hatten mittlerweile zu Familie Haase aufgeschlossen. Frau Behrenbusch reichte dem bekannten Chirurgen ihre Hand. Er nickte ihr freundlich zu und bedankte sich für die wunderbare Weihnachtsveranstaltung, für die er als leitender Oberarzt der Chirurgie im Elisabethkrankenhaus eine großzügige Spende abgegeben hatte. Dann musterte er Marc, dem dies offenbar überhaupt nicht zu gefallen schien. Er verschränkte abweisend seine Arme und wandte sein Gesicht ab. Gretchen tat es ihm trotzig gleich. Sie wollte einfach nur noch weg und nichts mehr mit ihm zu tun haben. Sie wollte zu ihrem kleinen Bruder nach draußen gehen, der mit Schneebällen die Turnhalle beschmiss, und hielt die Türklinke bereits in der Hand, als sie plötzlich ihren Vater etwas sagen hörte, das ihr Herz für einen Moment aussetzen ließ. „Marc, was hältst du davon, wenn du heute mit zu uns kommst?“ Gretchens und Marcs Blicke trafen sich entsetzt in der Fensterscheibe...........



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Ihr Lieben, ich wünsche euch allen einen schönen und besinnlichen Heiligabend und natürlich einen fleißigen Weihnachtsmann. Ein Teil meiner kleinen Weihnachtsstory ist noch offen. Den gibt es entweder morgen oder erst am 2. Weihnachtsfeiertag.

Liebe Grüße,

eure Lorelei

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.453

26.12.2012 09:43
#3 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte Zitat · antworten

Und so kam es, dass eine reichliche dreiviertel Stunde später tatsächlich Marc Meier, der Marc Meier, der sie immer ärgerte und mit Papierkugeln und blöden Sprüchen bewarf, am reichlich gedeckten Esstisch der Familie Haase saß und gerne noch einen Nachschlag von der Frau des Hauses entgegennahm, die sich mal wieder mit ihrem Festessen selbst übertroffen hatte, während er ansonsten still auf seinem Stuhl saß und immer noch die Sonnenbrille auf der Nase trug. Er saß Gretchen direkt gegenüber, was diese ziemlich nervös machte. So nervös, dass sie sogar vergaß zu essen und immer wieder von ihrer Übermutter dazu animiert werden musste. Aber sie konnte sich nun mal nicht auf so etwas Nebensächliches wie den deliziösen Weihnachtsbraten ihrer Mutter konzentrieren, wenn Marc Meier direkt vor ihrer Nase saß. Der übrigens eine sehr süße Nase hatte, die neuerdings eine kleine Schramme zierte, die ihr früher noch nie aufgefallen war. Aber wann hatte sie auch schon Gelegenheit, den tollsten Jungen der Schule so unverblümt aus nächster Nähe beobachten zu können? Diese Wahrscheinlichkeit war nahezu ausgeschlossen. Genauso ausgeschlossen wie die Tatsache, dass Marc Meier am Weihnachtsabend bei ihnen zuhause mit am Tisch saß und fast den ganzen Gänsebraten ihrer Mutter inklusive Rotkohl und Klöße auffutterte, als hätte es bei ihm zuhause seit Tagen nichts zu essen gegeben. Wenn sie nicht bei Tisch gesessen hätten, hätte sie laut aufgekreischt und wäre tanzend um den Weihnachtsbaum gehüpft. Das war doch verrückt. Gerade noch hatte sie ihn zum Teufel gejagt und jetzt war sie im Himmel. Gab es Weihnachtsmann und Christkind vielleicht doch? Oder wie ließ es sich sonst erklären, dass ihr geheimster Wunsch tatsächlich wahr geworden war, den sie vorhin vor dreihundert Menschen in der Aula ihrer Schule singend geäußert hatte.

Alles, was ich mir zu Weihnachten wünsche, das bist du, schoss es Gretchen wieder und wieder durch den Kopf und sie musste unweigerlich lächeln, was offenbar verstörend auf ihren Überraschungsgast wirkte, denn er senkte sofort wieder seinen Blick und stocherte konzentriert in seiner Schokoladenmousseschale herum, die ihm Bärbel Haase gerade als Nachtisch serviert hatte. Hatte Marc sie etwa beobachtet? Nein, das war ausgeschlossen. Der doch nicht. Der interessierte sich doch für nichts und niemanden außer sich selbst. Außerdem war er gemein. Er hatte sie beleidigt. Zum hundertausendsten Mal. Was wohl mit seinen Eltern war, fragte sie sich plötzlich. Wieso hatte sie das Gefühl, sich Sorgen machen zu müssen? Komisch! Gretchen schüttelte verwirrt den Kopf und beschloss, sich abzulenken und räumte erst einmal zusammen mit ihrer Mutter den Tisch ab. Als die beiden aus der Küche zurückkamen, waren die Jungs bereits in die Stube weitergewandert und saßen jeder auf einem der ockergelben Sessel in der Nähe des geschmückten Weihnachtsbaumes. Jochen hatte es natürlich nicht lassen können und hatte die Bescherung wortwörtlich in die Hand genommen. Er hatte sich eins der Geschenke geschnappt, die unter der edlen Nordmanntanne gelegen hatten, und hielt schon mit einem breiten Lausbubengrinsen das zerrissene Papier in seinen Händen. Selbst ein warnender Blick seines Vaters hatte den Siebenjährigen nicht davon abhalten können und da Bärbel ihren Kindern eh nichts abschlagen konnte, fand die Bescherung nun tatsächlich statt. In gewohnter besinnlicher Stimmung. Wie jedes Jahr. Nur mit einem klitzekleinen Unterschied. Sie wurden diesmal mit Argusaugen dabei beobachtet. Aber nicht vom Weihnachtsmann, auf dessen Darstellung ihr Vater dieses Jahr verzichtet hatte, weil auch Klein-Jochen mittlerweile aus dem Alter herausgewachsen war, in dem man noch an den Weihnachtsmann glaubte.

Zwischen buntem Geschenkpapier, roten Schleifen, gestreiften Socken, Modeschmuck, einer Modelleisenbahn und der Kinderausgabe eines Medizinlexikons, das Gretchen sich sehnlich von ihrem Vater gewünscht hatte, saß nun auch die Tochter des Hauses im Schneidersitz auf dem Teppich. Immer wieder schaute sie verstohlen zur gelben Cordcouch rüber, auf der Marc saß und teilnahmslos das seltsame Schauspiel beobachtete, das die Familie Haase vor ihm gerade nahezu zelebrierte. Im Hintergrund liefen die Weihnachtsklassiker von Dean Martin, die ihr Vater so sehr liebte, als Gretchen sich nach einigem Zögern von ihrem Platz erhob und sich mit einem der Geschenke, auf denen ihr Name geschrieben stand, zu Marc hinbewegte. Sie setzte sich mutig neben ihn. Er rückte sofort von ihr ab zur anderen Ecke des Sofas und vergrub sein Gesicht abwehrend unter seinem marineblauen Kaputzenpulli, die Hände tief in den Kängurutaschen vergraben. Das eingeschüchterte Mädchen zögerte erst, weil sie nicht wusste, ob sie sich damit komplett vor ihm blamieren würde, aber dann reichte sie ihm das Geschenk doch. „Hier für dich!“

Marc schaute Gretchen misstrauisch an, die daraufhin verlegen ihren Blick senkte. Irgendwie wurde er nicht schlau aus dieser seltsamen Göre mit der hässlichen Zahnspange, an der noch ein Blättchen Rotkraut hing, und den viel zu großen Brillengläsern, die ihm immer wie eine Klette hinterherlief, ihn beschimpfte, wenn sie genug Chuzpe dazu hatte, was sich noch niemand vor ihr getraut hatte, aber doch meistens jeden Scheiß mit sich machen ließ, um zur Erheiterung der Klasse zu dienen. Und was sollte die Aktion jetzt schon wieder? Reichte es nicht schon, dass er hier, wer weiß wie lange noch, in der Familienhölle festsaß und von der irren Haasenmutter mit der hysterischen Lache und dem Einfühlungsvermögen eines Mähdreschers gemästet wurde? Haasenzahn, kam es ihm plötzlich in den Sinn, als er seine nervige Mitschülerin, die ihn mit großen blauen Glubschaugen anstarrte, als ob sie direkt in seinen Kopf hineinsehen könnte, einen Moment länger als nötig musterte. Ja, das wäre doch der passende Spitzname für die kleine Nervensäge mit dem Überbiss und dem schlechten Klamottengeschmack. Rosa Pullunder, rosa Hose, die etwas zu eng auf den Hüften saß, und rosa Puschelhausschuhe. Ein Albtraum! Wie dieser rosa Hase mit der Batterie auf dem Rücken, der stundenlang durch die Prärie sämtlicher Fernsehsender rannte, immer genau dann, wenn der Held seiner Lieblingsserie mit einer Knarre bedroht wurde. Bei dem blöden Hasenvieh konnte man aber nirgendwo den Ausschaltknopf finden. Das konnte man bei Haasenzahn auch nie, wenn sie einen wieder stundenlang wegen irgendeinem Scheiß voll quatschte.

Gretchen lief sofort rot an, als sie Marcs musternde Blicke auf sich gerichtet wahrnahm, während sie nervös herumstammelte, dass es ihr leid täte, was sie vorhin gesagt hatte. „Jeder hat heute verdient, beschenkt zu werden.“ „Ich nicht“, murmelte Marc ganz leise, so dass selbst Gretchen es nicht hören konnte. „Außerdem steht da dein Name darauf“, sprach er schließlich etwas lauter, um den ekelhaft rührseligen Moment zu beenden, und schob das Geschenk wieder zu ihr rüber. „Egal! Das ist nichts Besonderes. Nur Schweizer Schokolade. Meine Lieblingsschokolade. Die bringt mir mein Vater immer mit, wenn er in der Schweiz auf Seminar ist. Nimm ruhig! Sie gehört dir“ Skeptisch begutachtete der Junge die rosa Schachtel, die Gretchen ihm entschlossen mit Rehäugleinblick hinhielt und nahm sie schließlich des guten Friedens willen augenrollend an und zog die rote Schleife ab, um reinschauen zu können. „Ich hoffe, du verhungerst jetzt nicht, Haasenzahn“, sagte Marc mit ironischem Unterton in der Stimme. Und Gretchen dachte, auch ein klitzekleines Lächeln bei ihm erkannt zu haben. Sie nahm sein Dankeschön à la Meier natürlich liebend gerne an und blickte ihn glücklich mit Strahleaugen an, als er eine der Pralinen genüsslich in seinen Mund schob und den Daumen hob, während irgendjemand hinter ihr fragte, „Monopoly oder Mensch ärgere dich nicht?“


Das war eines der schönsten Weihnachtsfeste, an das sich Gretchen erinnern konnte. Ihr erstes Weihnachten mit Marc! „Mensch ärgere dich nicht“, antwortete ihre Mutter schließlich etwas zu enthusiastisch. Auch kein Wunder, denn schließlich war Bärbel Haase die ungeschlagene Berliner Meisterin im „Mensch ärgere dich nicht“-Spielen. „Boah, nicht schon wieder, Mama, das haben wir doch schon letztes Jahr bis zum Erbrechen gespielt“, nölte Jochen wenig begeistert. „Das waren ja auch ganz andere Umstände, mein Sohn, im Krankenhaus hatten sie nun mal nur dieses eine Spiel“, erwiderte die Haasen-Mutter trotzig und ging entschlossen zur blumig verzierten Holztruhe, einem alten Erbstück von Gretchens verstorbenen Großeltern, in dem sich die Gesellschaftsspiele befanden. „Ja, und was für Umstände! Diese Umstände sabbern mir gerade meine neues Hemd voll. Boah, es ist wirklich voll ekelig, was da so alles aus so einem kleinen Menschen rauskommt. Ich dachte, das hört mit den Jahren mal auf“, meckerte Gretchens Bruder weiter und wischte der kleinen blonden Sabberkönigin, die wild strampelnd auf seinem Schoss saß und unterhalten werden wollte, mit einem Kosmetiktuch die kleine Schnute sauber, an der noch die Reste des soeben verspeisten Weihnachtsmahls klebten. „Du warst auch mal so klein wie deine Nichte, Jochen“, sagte Bärbel mit einem rührseligen Blick in Richtung ihres jüngsten Sohnes und ihrer einjährigen Enkelin. „Ist er das nicht immer noch“, erwiderte der frisch pensionierte Prof. Haase sichtlich amüsiert mit ironischem Unterton in der Stimme und bekam dafür nun den von Jochens Schwager und Chefarzt abgeguckten tödlichen Ameisenblick seines Sohnes ab, der dazu noch eine beleidigte Schnute zog und damit die Familienrunde am Esstisch zum herzhaften Auflachen brachte.

Etwas abseits stand derweil Gretchen neben dem in Gold- und Rottönen geschmückten prächtigen Weihnachtsbaum und beobachtete gerührt die Szenerie, die sich ihr gerade darbot. Eigentlich war es wie immer. Ein besinnliches Weihnachtsfest im Kreise all ihrer Lieben und Freunde. Nur mit dem klitzekleinen Unterschied, dass sie diesmal zum ersten Mal selbst die große Verantwortung als Gastgeberin innehatte. Gastgeberin in ihrem neuen Heim, einem schnuckeligen Einfamilienhaus am Stadtrand von Berlin, in dem sie jetzt seit einem knappen dreiviertel Jahr lebte. Zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann, Marc Meier, den sie nun hinter sich spürte. Seine Hand strich sanft ihren Arm entlang und griff nach ihrer Hand, deren Finger er mit seinen verschränkte, während er sein Kinn auf ihrer Schulter niederließ und einen Moment mit ihr zusammen Wange an Wange die besinnliche Stimmung inklusive des üblichen Haasschen Chaos genoss, dem er nun das vierte Jahr in Folge beiwohnen durfte. Und er tat es gern. Er hatte diese Familienabende lieben gelernt. Dabei war es eigentlich schon das fünfte Weihnachtsfest, das er zusammen mit seiner Traumfrau verbrachte, auch wenn er damals noch nicht mal im Traum geahnt hätte, dass ausgerechnet das dicke Mädchen mit der Pralinenschachtel einmal seine Frau werden würde.

Und jetzt waren sie schon seit dreieinhalb Jahren glücklich verheiratet. Verrückt, wenn man bedachte, wie unglücklich er sich damals gefühlt hatte, als gerade alles über ihm zusammengebrochen war. Er hatte Gretchen erst nach vielen Jahren erzählt, warum er an jenem Heiligabend vor mittlerweile fünfundzwanzig Jahren mehr oder weniger gezwungenermaßen bei ihrer Familie verbracht hatte. Sein Blick huschte zum Esstisch zurück, wo seine Mutter, die Bestsellerautorin Elke Fisher, lachend das Kommando übernommen hatte und scherzend zusammen mit dem Ehepaar Gummersbach und seiner Schwiegermutter die Figuren für das Mensch-ärgere-dich-Spiel aufbaute. Er war so dankbar für diese zweite Chance. Allen voran war er Franz dankbar, der seine Mutter an jenem Abend gerettet hatte. Und ein anderer Haase hatte derweil ihn gerettet. Auf jede erdenkliche Art und Weise. Auch wenn sie dafür einen ziemlich langen Anlauf gebraucht hatten.

Marc lächelte, als er an all die verrückten, lustigen, aber auch tragischen und schicksalhaften Erlebnisse ihres gemeinsamen Lebens zurückdachte, und verschränkte seine Arme nur noch fester um Gretchens Bauch, unter dem seine geübten Chirurgenhände schon die kleine Wölbung ertasten konnten, von der alle anderen hier im Raum noch nichts wussten. Heute würden sie die Bombe platzen lassen. Aber noch war Zeit. Zärtlich strichen Marcs verliebte Blicke Gretchens wunderschönes Engelsgesicht entlang. Er liebte den schimmernden Glanz in ihren Augen, der um die Weihnachtszeit immer besonders deutlich hervortrat, vor allem wenn es wie heute frisch geschneit hatte. Seine Süße hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, noch vor dem Abendessen mit den Kleinen noch einmal rauszugehen, um mit ihnen die ersten Schneeflocken des Winters einzufangen. Wenn er pures Glück beschreiben sollte, dann wäre es genau dieser Moment. Seine drei hüpfenden Hasen im verschneiten Garten.

Marcs Nase strich Gretchens grazilen Hals empor, was ein wohliges Seufzen bei ihr auslöste, wanderte weiter nach oben und kitzelte ihr süßes Ohr, an dessen Ohrläppchen er anschließend zärtlich knabberte, bis er ihr schließlich etwas leise zuraunte, was ihr erneut eine Gänsehaut bescherte. Genauso wie damals auf der Bühne in der Schulaula. „Sing für mich!“ Gretchens Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment einen Dauerlauf zu starten. Sie drehte sich zu ihrem Mann herum und schaute ihm tief in seine faszinierenden grünen Augen mit den verschmitzten Sprenkeln, die immer dann auftraten, wenn er etwas ausheckte, bevor sie ihm einen sanften Kuss als Antwort auf die Lippen drückte, aus dem er natürlich erst einmal eine längere gefühlvolle Knutscherei machen musste. Als der Macho sein Mädchen endlich grinsend losgelassen hatte, lächelte Gretchen ihn strahlend an. „Aber nur wenn du mich dazu begleitest.“ Marc lachte nur und klaute seiner Frau aus der Pralinenschachtel, die offen auf dem Klavier neben ihm gelegen hatte und mit der er sich jedes Jahr aufs Neue revanchierte, eines dieser kleinen köstlichen Herzen aus Schweizer Schokolade, das er triumphierend hochhielt und sich dann in seinen Mund schob.

„Ich hab eine bessere Idee. Pass auf! Maxchen, wo hast du die Trommel, die dir der Weihnachtsmann heute mitgebracht hat“, wandte der Familienvater sich plötzlich an seinen kleinen Sohn, der gerade in der Spielecke neben dem Klavier mit Lilly und der zweijährigen Lea Kaan spielte. Deren Vater hatte das Geschenk für sein Patenkind gleich entdeckt, reichte es seiner Frau Gabi, die es wiederum mit einem Augenzwinkern dem kleinen Max Meier überreichte, der gleich ein wildes Trommelsolo einlegte, das sich gewaschen hatte. Gretchen lachte auf und strich ihrem kleinen Engel über seine dunkelblonden Haare, woraufhin er sie mit seinen großen dunkelgrünen Augen strahlend anlächelte, so dass ihr das Herz aufging. Marc gesellte sich zu ihnen, nahm Jochen die quengelige Marlene ab, die heute ein Jahr alt geworden war und unbedingt auch mit ihrem großen Bruder trommeln wollte. Marc setzte sich hinter Max, platzierte seine Jüngste davor, legte ihre kleinen Fingerchen auf die von Max, der die Drumsticks festumschlossen hielt, und legte wiederum seine Hände auf die seiner beiden Kinder, denen er anschließend jeweils einen kleinen Kuss aufs Haar drückte. Auf ein Zeichen von ihm hin begann Gretchen zu singen und alles war plötzlich mucksmäuschenstill in dem festlich erleuchteten Weihnachtszimmer. Wie damals in der Schulaula, als Marc Meier sich in Gretchen Haases Stimme verliebt hatte und alles seinen Anfang genommen hatte.





The End

Lorelei Offline

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25.12.2013 09:49
#4 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2013 Zitat · antworten

Überraschung 2.0!

Da dieser Thread schon besteht, dachte ich mir, ich nutze ihn gleich noch einmal. Es ist platzsparend und ich rufe meine alte Weihnachtsgeschichte von 2012 auch noch einmal in Erinnerung. Noch ist der Adventskalender da, für den ich an der Stelle noch einmal den heben möchte, weil dieses Jahr wirklich etwas Tolles zu Stande gekommen ist, wofür ich Greta und Elli herzlich danken möchte , aber ich stelle meine 2. Adventsstory gleich schon online, damit nichts verloren geht. Viel Spaß damit und habt noch eine schöne besinnliche Zeit mit euren Lieben.





GBPicsOnline.de - Weihnachtslandschaft GB Pics


Die Weihnachtsüberraschung

„Dad, muss das wirklich sein? Das ist megapeinlich. Wenn die jemand sieht! Ich kann mich doch nirgendwo mehr blicken lassen. Meinst du nicht, wir sind langsam zu alt für diesen ganzen Scheiß“, fragte der dunkelblonde Junge mit der wilden Stirnlocke im Gesicht und den beiden tief in seine Jeanshosentaschen vergrabenen Händen in seiner gewohnt unverblümten Art sichtlich genervt sein großes Ebenbild und blickte mit seinen stahlblauen Augen skeptisch die hoch gewachsene Zweieinhalbmetertanne empor, die fast den gesamten Wohnbereich der Familienvilla einnahm, so dass man die Sofalandschaft, auf der er jetzt am liebsten gechillt und durch das Festtagsprogramm gezappt hätte anstatt hier niedere Hausarbeiten erledigen zu müssen, mühsam in Richtung Esszimmer hatte wuchten müssen, wo bereits alles für das große Heiligabendessen vorbereitet worden war. Der gutaussehende Herr mittleren Alters, der direkt neben seiner jüngeren Version auf der Leiter hin und her balancierte und gerade erschöpft das letzte Lämpchen der Lichterkette erfolgreich festgemacht hatte, schaute ebenso unmotiviert auf das monströse Ungetüm vor sich, das ihn Tage seines Lebens gekostet hatte, um es überhaupt erst hierher nach Wannsee zu transportieren und, ohne die Terrasse zertrümmern zu müssen, irgendwie durch die breite Fensterfront hereinzubekommen. Von möglichen Kratzern und sonstigen Schäden im festlich geschmückten Haus mal ganz abzusehen, welches sie seit nunmehr sechzehn Jahren bewohnten, nachdem sie es in einer Hauruckaktion damals im Tausch mit ihrem Luxusappartement in Mitte von seinen Eltern übernommen hatten, es umgebaut und erst im vorigen Sommer komplett neu renoviert hatten. Aber was tat man nicht alles für die Liebe seines Lebens: Die perfektionistische Queen of Kitschweihnachtswonderland schlechthin. Da hatte man(n) nämlich gar nichts mehr zu melden. Aber wann hatte er das je bei dieser Wahnsinnsfrau, die ihn wie keine andere zur Weißglut treiben konnte, aber die er immer noch so abgöttisch liebte wie seit dem ersten Tag ihrer nicht ganz unkomplizierten Beziehung.

Und irgendwie weckte es auch stets seinen männlichen Stolz, möglichst die perfekteste und größte Tanne aller Tannen Berlins zu organisieren, die dem Exemplar an seiner Arbeitsstätte, dem nur wenige Kilometer entfernten Elisabethkrankenhaus, das er seit der Übernahme von seinem Mentor und Schwiegervater seit nunmehr fast fünfzehn Jahren erfolgreich als Chefarzt leitete, in nichts nachstand. Das Strahlen in den Augen seiner Frau und seiner Kinder und der Neid seiner Kollegen und seines allerbesten Kumpels war diese Schufterei auf jeden Fall wert. Und es war mittlerweile schon fast zu einer kleine Tradition im Hause Meier geworden, am Wochenende vor den Weihnachtstagen mit seinem alten Herrn, Gretchens Vater, ihrem Bruder und seinem Sohn durch die Baumplantagen im Brandenburgischen zu marschieren, ob es nun stürmte und schneite oder auch nicht, und den Baum der Bäume mit seinen eigenen Händen zu fällen. Auch eine Art, sich fit zu halten. Denn man sah dem attraktiven Endvierziger, mal abgesehen von den grauen Härchen, die seinen Schopf immer mehr einzunehmen versuchten, nun wirklich noch nicht an, dass er nächstes Jahr schon die Angst einflößende Fünfziggrenze überschreiten würde. Eine Zahl, die schon manchen Mann in die Mitlife Crisis geführt hatte und die der renommierte Chefarzt und Chirurgengott Prof. Dr. Marc Meier weit von sich schob. Ebenso wie das wahre Alter seiner fast erwachsenen Kinder, die er gerade an Tagen wie diesen um die besinnliche Weihnachtszeit herum immer noch als kleine freche Steppkes um den Baum herum toben sah, die sich, wenn Weihnachtsmann Jochen mit der Rute gegen die Fenster klopfte, mit ihren kleinen Fingerchen immer an den Rocksaum ihrer wunderschönen Mutter klammerten, hinter der sie sich solange vor dem unlustigen Rauschebart versteckt hielten, bis ihre leuchtenden Augen den Berg an Geschenken entdeckten, die er mit einem breiten Haase-Lächeln unter seinem schief angeklebten Bart aus seinem schweren Jutesack hervorzauberte.

Augenblicke wie diese hatten sich fest in sein in manchen Kollegenaugen so hartes Herz gebrannt, das erst mit dem Auftauchen einer kleinen dicken rosa bebrillten nervigen Blondine auf dem Schulhof so richtig zu schlagen begonnen hatte, und bestätigten einmal mehr, dass es nichts Schöneres auf der Welt gab als die eigene Familie und die Liebe, die man von ihr zurückbekam. So war auch der Heiligabend immer noch sehr präsent, als die beiden achtjährigen Frechdachse ihren Weihnachtsonkel schließlich vor der versammelten Mannschaft enttarnt hatten, als dieser nämlich seinen Turnschuhfuß verräterisch über die Türschwelle geschoben hatte und sie sich daraufhin über diesen Hochverrat an der Kinderfront gar nicht mehr eingekriegt hatten und nie wieder Weihnachten hatten feiern wollen. Diese Geschichte war eines der Highlights, welches jedes Weihnachtsfest sehr zum Unwillen eines gewissen Herrn Haase Juniors, seines Zeichens Doktor der Kindermedizin in der Klinik seines Schwagers, mit großer Begeisterung erzählt wurde. Seitdem war es auch zu einer unausgesprochenen Familientradition geworden, dass der mittlerweile vierfache Familienvater immer noch jedes Jahr im Weihnachtsmannkostüm und mit quietschgrünen Turnschuhen die alljährliche Party seiner Schwester stürmte, die mal mehr, mal weniger immer irgendwie im Chaos endete. Denn auch wenn Marcs eigene Kinder mittlerweile zu kleinen Erwachsenen herangereift waren, was er sich immer noch nicht eingestehen wollte, auch wenn Gretchen ihn immer wieder mit einem spitzbübischen Lächeln darauf hinwies, so war das Kinderlachen im Hause Meier dank ihres großen Freundes- und Familienkreises immer noch sehr präsent zu hören und erhellte sämtliche Herzen.

Wer hätte denn auch gedacht, dass der Kaan auf seine alten Tage hin noch einmal ein Golden Goal schießen würde, wo Lilly und Lenny doch schon längst aus dem Gröbsten raus waren und sogar bereits im praktischen Jahr des Medizinstudiums steckten bzw. in zwei Jahren das Abitur anstrebten so wie Marcs eigene Kinder. Aber Klein-Leonie war so ein Goldschatz. Man musste sie und ihre unwiderstehlichen haselnussbraunen Kulleraugen einfach lieben, auch wenn zwei Drittel der Gene aus dem Hause Kragenow abstammten. Aber wäre dem nicht so gewesen, dann hätte man Gretchens Patenkind wohl „Dickie“ taufen müssen. Diesen Spitznamen musste dafür nun dank Marcs bissigem Humor Leonies Papa tragen, der während Gabis nicht ganz unkomplizierter Schwangerschaft fast so viel zugelegt hatte wie die werdende Mama selbst. Marc würde sich jedenfalls heute Abend einen riesigen Spaß daraus machen, wenn Mehdi anstatt der Gans nur einen gemischten Salat serviert bekommen würde. Der Frauenarzt hatte zwar durch den Stress mit der dauerquäkenden Nachzüglerin schon wieder gut Kalorien abgebaut, aber um sich mit dem stellvertretenden Chefarzt und Leiter der gynäkologischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses im Sommer nach dem Ende von dessen Elternzeit wieder auf dem Golfplatz zeigen zu können, musste der Babyspeck laut Aussage seines Chefs und Sklaventreibers schon noch runter.

„Dad“, riss ihn sein Sohn plötzlich wieder aus seinen amüsanten Gedankengängen. „Bei dem riesen Teil fällt doch bestimmt gar nicht auf, wenn wir die seltenhässlichen Dinger einfach verschwinden lassen würden“, schlug der Teeny im Nachsatz noch vor und blickte hoffnungsvoll zu seinem Vater auf der Leiter empor, der daraufhin, wie jedes Mal, wenn sein verschlagener Sohnemann auf besonders dumme Gedanken kam oder viel zu spät und auch noch in fremder Damenbegleitung vom Clubbing heimgekommen war, sein bekanntes Meier-Pokerface aufsetzte, als er zu ihm herunterschaute und gleichzeitig mit einem Kopfnicken in Richtung Küche deutete, wo seine Zauberfee und deren ebenso bezaubernde Miniversion gerade mit knallrosa Schürzen bekleidet wie Duracellhäschen herumwuselten, als gäbe es kein Morgen mehr. Man muss nicht dazusagen, dass der äußerst deliziöse Geruch, der in dem Moment vom Backofen zu ihm herüberströmte, den glücklichen Familienvater fast von der Leiter hätte stolpern lassen. Ja, kaum zu glauben, aber wahr, aber im Laufe der Jahre hatten sich tatsächlich doch noch überraschenderweise ein paar wenige, aber durchaus entscheidende Gene von Bärbel Haase bei deren Tochter durchgesetzt. „Hatten wir die Diskussion nicht schon letztes Jahr, Marlon?“ „Ja, aber...“, versuchte sein Sprössling dem mürrisch entgegenzuhalten, hatte aber gegen den Meierschen Ameisenblick, den er in manchen Situationen mittlerweile auch bestens zu kopieren wusste, überhaupt keine Chance und hielt die beiden Kristallkugeln schließlich kampflos hoch, die er und seine Schwester vor elf Jahren im Kindergarten bunt und sehr kunstfrei bemalt hatten und die seitdem immer die Spitze des heimischen Weihnachtsbaumes verschandelten.

„Braver Junge! Du weißt doch, wie sehr deine Mama daran hängt. Sei froh, dass sie das Sch-Wort nicht gehört hat, dann wären deine letzten Zigaretten jetzt auch noch einkassiert worden“, reagierte Marc resolut auf die Schmollschnute seines Sohnes, die der seines blonden Goldengels in nichts nachstand. „Es ist trotzdem peinlich, Papa“, grummelte Marlon resignierend und ließ sich rückwärts in den Sessel vor dem prasselnden Kamin fallen, um nun das Prachtexemplar von einem Weihnachtsbaum misstrauisch in Augenschein zu nehmen, das sein Vater weiterhin mit dunkelroten und goldenen Kugeln und kitschigen Figuren bestückte, so dass er bald fast wie aus einem Musterkatalog entsprungen aussah. Es dauerte nicht lange, bis der Zauber auch den mürrischen Sechszehnjährigen erfasste und das nicht nur, weil sich eine hübsche schlanke Blondine jetzt zu ihm in den Sessel quetschte, um das Kunstwerk, das ihr Bruder und ihr Vater gerade geschmückt hatten, zu bewundern. „Eh“, motzte Marlon, als Marlene ihm auch noch dreist durch die perfekt gestylten Haare wuschelte, so wie sie es immer tat, wenn sie ihren Bruder ärgern wollte. Kleine Schwestern konnten echt die Pest sein, dachte dieser schmollend, selbst wenn sie nur zweieinhalb Minuten jünger waren als man selbst und man daher eine gewisse Verantwortung trug. Genau in diesen wenigen Sekunden muss nämlich etwas Entscheidendes bei der Geburt schief gelaufen sein. Denn für ihn gab es keine plausible Erklärung dafür, warum seine Zwillingsschwester so unsäglich liebenswürdig geworden war, dass man gar nicht anders konnte, als sie zu mögen. Obwohl sie in seinen Augen absolut uncool war und immer hässliche Klamotten auftrug, war sie sehr beliebt in der Schule. Sie war sogar Klassensprecherin und leitete eigenverantwortlich einen Sanitätskurs sowie eine Nachhilfegruppe für jüngere Schüler, was er als unsäglich streberhaft empfand.

Aber das Allerschlimmste war, dass sein best Buddy seit neuestem unsterblich in sie verknallt war. Dabei kannte er Leni doch auch schon seit dem Windelalter an und ihm müsste doch daher eigentlich klar sein, was er sich damit eingebrockt hatte. Hatte man sie nämlich erst einmal an der Backe, wurde man sie nicht mehr so schnell los. Es war Marlon wirklich ein Rätsel, wie das passieren konnte und vor allem, warum er es nicht hatte verhindern können. Das war doch ein echter Verrat an der Männerfront. Jedes Mal kam der Würgereiz hoch, wenn er die beiden zusammen auf dem Schulhof beobachten musste, der nebenbei bemerkt derselbe war, auf dem sich bereits ihre Eltern vor vielen, vielen Jahren begegnet waren und sich das Leben unnötig schwer gemacht hatten. Dieses ekelhafte Glückstrallalla, was die beiden veranstalteten, war unerträglich nervtötend und peinlich. Nur um die beiden Traumtänzer zu ärgern, würde er es am liebsten ihren Eltern stecken. Dad würde ausrasten, so viel war klar. So sehr wie er seinen Unschuldsengel vergötterte und in den Himmel hob, nur weil sie sich jetzt schon aktiv für seinen und Mamas Job interessierte, während er selbst eher eine Karriere als Jungschauspieler anstrebte, um bei den Mädels noch mehr zu punkten, als er es eh bereits tat. Aber da war etwas, was ihn immer davon abgehalten hatte, es doch zu tun, und das lag nicht nur am unantastbaren Brocodex, den er ein Jahr zuvor mit Lenny geschlossen hatte, bevor der Blitz in jenem verhängnisvollen Sommer eingeschlagen hatte und sein bester Freund sein Spatzenhirn an der Haustür abgegeben hatte.

Ja, es waren Momente wie diese hier, wenn er und Lenchen miteinander kabbelten, sich im Sessel aneinander anlehnten, zusammen schwiegen, grinsend glucksten und sich blind miteinander verständigen konnten. Damit konnten sie ihre Eltern immer besonders gut zur Weißglut treiben. In derselben Geheimsprache deutete Marlon jetzt auch zur Terrassentür, wo hinter Marcs Rücken gerade ein Schatten hektisch gewinkt hatte. Glückstrahlend sprang die hübsche Sechszehnjährige daraufhin auf, drückte ihrem verblüfften Zwillingsbruder einen feuchten Schmatzer auf die Wange, knuffte noch einmal kräftig hinein und verschwand, noch bevor er dagegen protestieren konnte, schnell wie der Wirbelwind durch die Hintertür nach draußen zu ihrem heimlichen Besucher, der ihr persönlich sein Weihnachtsgeschenk überreichen wollte. Marlon konnte nur angewidert die Augen verdrehen, als er der bis über beide Ohren Verliebten hinterher schaute. Liebe und dieses ganze Kitschgedöns würde er wohl nie verstehen. Das war doch etwas für Weichspüler und Turnbeutelvergesser und nichts für wahre Männer so wie ihn. Ihm würde so etwas jedenfalls niemals passieren.

So in Gedanken vertieft merkte der sehr von sich selbst überzeugte junge Mann auch nicht gleich, wie plötzlich seine Frau Mama hinter ihm auftauchte, ihre Arme locker um seine breiten Schultern legte und mit strahlenden himmelblauen Augen auf den riesigen geschmückten Baum deutete. „Marc, Marlon, ihr habt das wieder wunderbar hinbekommen und ihr habt sogar an die Kristallkugeln gedacht. Wie schön! Danke! Ihr zwei seid so süß. Deckst du jetzt bitte noch schnell den Tisch zu Ende, mein Liebling. Ich glaube, die ersten Gäste trudeln gerade ein. Ich muss mich noch rasch umziehen.“ „Och Mama“, nölte es auch schon wie aufs Stichwort vom Sessel zu ihr hoch, aber gegen den bezaubernden Augenaufschlag seiner Mutter und den gleichzeitigen herausfordernden Ameisenblick seines Vaters, der gerade von der Leiter abgestiegen war, diese weggestellt hatte und nun breit grinsend auf seine Ehefrau zugeschritten kam und diese sogleich in seine starken Arme zog, konnte er nicht viel auswirken. Außerdem wollte er nicht unbedingt Zeuge ihrer Turteleien werden. Dann könnte er den Gänsebraten nämlich gleich vergessen und müsste den Rest des Weihnachtsabends reihernd auf der Toilette verbringen.

Es war echt unfassbar, wie peinlich Eltern sein konnten. In dem Alter konnten sie immer noch nicht die Finger voneinander lassen und mussten ständig und überall miteinander schmusen und wer weiß was sonst noch tun, worüber Marlon nicht einmal unter Folter länger als nötig nachdenken wollte. „Ich helfe dir beim Umziehen, Haasenzahn“, flüsterte Marc auch schon verheißungsvoll lächelnd in Gretchens Ohr, zog mit seinen Zähnen kurz an ihrem empfindsamen Ohrläppchen und legte seine Chirurgenhand geübt an ihren properen Po und schob die mädchenhaft kichernde Oberärztin schnell die Treppe hoch ins Obergeschoss, wo die beiden für die nächsten dreißig Minuten auch verschwanden, während unten nach und nach die geladenen Gäste für das gemeinsame Weihnachtsfest eintrudelten. Erst die Kaans mit der kleinen Leonie auf Lillys Arm. Gefolgt von den überpünktlichen Gummersbachs mit ihrem Sohn Anton, dem Klassenkameraden der Meier-Kinder, der dem Begriff „Nerd“ eine ganz neue Dimension gab und den bis auf seine Streberschwester niemand so richtig leiden konnte, weil er äußerst spooky und sehr eigen war, und Marlons Großeltern, den Haases, die ihren überrumpelten Enkel erst einmal in eine dicke peinliche Vier-Arm-Umarmung zogen, die sehr zum Unwillen des coolen Teenagers auch noch von den Hassmanns und ihren drei Töchtern beobachtet wurde, denen Marlon doch heute besondere Aufmerksamkeit hatte schenken wollen, der sich jetzt endlich aus dem Klammeraffengriff seiner glückstrahlenden Oma befreien konnte, um auf sehr charmante Weise nun Sarah, Sissi und Sophie Hassmann zu begrüßen. Während ihr Enkel sich überlegte, welcher der hübschen Damen er diesmal schöne Augen machen würde, widmeten sich Franz und Bärbel Haase erst einmal ihrem jüngsten Sohn, der gerade ziemlich abgehetzt mitsamt seiner Großfamilie aus dem Schneegestöber hereinspaziert gekommen war und noch den Sack mit den Geschenken und dem Weihnachtsmannkostüm vor den Kindern verstecken wollte und deshalb etwas ratlos hin und herblickte. Geübt übernahm jetzt die alte Haasenmutter den Job der Empfangsdame und Hauptorganisatorin, da sich die eigentliche Gastgeberin und deren Mann immer noch nicht hatten blicken lassen, was natürlich nichts Neues war. Ganz zum Schluss erschienen schließlich auch noch die Bestsellerautorin Elke Fisher und ihr Mann Olivier, die sofort von Sabine und Günni Gummersbach in Beschlag genommen wurden, da ihr großes Idol in den letzten Wochen nach Jahren der Abstinenz ein grandioses Comeback mit einer Neuauflage von „Dr. Rogelt, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen“ gefeiert hatte, das zum Leidwesen von Marcs genervter Mutter unbedingt ausführlich besprochen werden musste.

Durch den Krach und das wilde Geschnatter im Untergeschoss alarmiert, stürzten schließlich auch Marc und Gretchen Meier holprig die Treppe hinunter und richteten sich unterwegs ihre Kleidung und ihre Frisuren, die etwas durcheinander geraten waren, was natürlich bei allen Anwesenden für schallendes Gelächter sorgte, denn man war mit den Jahren schon so Einiges gewohnt von den beiden ewigen Turteltäubchen. Mit glühenden Wangen begrüßte Gretchen auf bekannt herzliche Art ihre Gäste und verschwand anschließend mit ihrer Mutter, ihrer Schwägerin Chantal und ihrer besten Freundin Sabine in der Küche, um sich dort um das Festmahl zu kümmern, das gleich aufgetischt werden sollte. Marc verteilte derweil die Plätze, denn es war doch recht eng geworden bei der Meute an geladenen Gästen und dem riesigen Baum, für den er natürlich ein Lob nach dem anderen kassierte, was, ebenso wie die leuchtenden Strahleaugen seiner Nichten und Neffen, eine recht gute Entschädigung für den ganzen Stress darstellte, den dieses riesige Familienfest zwangsläufig mit sich brachte, das auf Gretchens innigen Wunsch hin nach einer Phase schlimmer Krankheit und großer Ungewissheit seitdem jedes Jahr bei ihnen zuhause stattfand. Als der Gastgeber von seinem unliebsamen Kollegen Cedric Stier und dessen uncharmanter Lebensgefährtin Maria Hassmann darauf hingewiesen wurde, dass noch zwei Personen am Tisch fehlen würden, schaute er sich suchend im Zimmer um. Tatsächlich vermisste er noch seine Jüngste und seinen Patensohn, der für ihn mehr als nur ein Patenkind war. Marc hatte ihm schließlich nicht nur auf die Welt geholfen, sondern er war ebenso wie seine Schwestern und ihr Vater mittlerweile ein echtes Familienmitglied geworden, für den seine Türen für Rat und Tat immer weit offen standen. Komisch, dachte Marc nur und ging schulterzuckend zum Fenster, um die Festtagsbeleuchtung im Garten einzuschalten, die er in der ganzen Hektik vergessen hatte einzuschalten. Als das erledigt war und sich die Ohs und Ahs gelegt hatten, wollte er sich gerade umdrehen, als er seinen Augen nicht traute.

Im hinteren Bereich der weitläufigen Terrasse, die in den tief verschneiten Garten führte, wo er über dem Rosenbogen für Gretchen einen Mistelzweig angebracht hatte, mit dem er sie später noch überraschen wollte, wenn er die nervige Meute endlich rausgeschmissen hatte, da standen zwei sehr bekannte Gesichter doch recht nah beieinander. Viel zu nah für seinen Geschmack. Langsam schwoll die Halsschlagader des Familienvaters gefährlich an. Das markante Gesicht wurde immer röter und röter und der Blick finsterer, je länger er versuchte, das Bild einzuordnen, das sich ihm dort unter dem Mistelzweig bot und das in seine väterlich naive Sinneswelt so überhaupt nicht hineinzupassen schien. Schließlich hielt er es nicht mehr länger aus und riss schwungvoll die Terrassentür auf und brüllte in Chefarztlautstärke in Richtung Rhododendrenbusch, hinter dem sich die beiden Schatten leider nicht mehr rechtzeitig hatten verstecken können: „MARLENE MEIER, LENNY KAAN, IN MEIN BÜRO! SOFORT! ABER ZZ! ZIEMLICH ZÜGIG!“ Dann drehte er sich um, knallte die Glastür so fest zu, dass man fast befürchtet hätte, sie würde jeden Moment in tausend Teile zerspringen, und warf Mehdi im Anschluss einen vernichtenden Blick zu, der überhaupt nicht verstand, was jetzt schon wieder in seinen leicht reizbaren Kumpel gefahren war, sich aus jahrzehntelanger Erfahrung davon aber nicht weiter aus der Ruhe bringen ließ und seine jüngste Tochter Leonie weiter wickelte und dabei mit Grimassen bespaßte. Der süße Spatz hatte nämlich sehr großen Gefallen an dem bunt leuchtenden Baum gefunden, unter dem sie lag, und zappelte sehr zum Vergnügen ihrer großen Schwester Lilly, die durch ihr Studium leider nur wenig Zeit mit der Kleinen verbringen konnte, wild mit ihren kleinen Beinchen.

Wutschnaubend marschierte Prof. Meier jetzt an eben jenem geschmückten Weihnachtsbaum vorbei, dessen Kugeln durch den Windzug, den er dabei erzeugte, laut gegeneinander schepperten, was Leonie Kaan vergnügt aufquieken und noch mehr zappeln ließ, die sich erst dank der helfenden Hand von Mehdis geliebter Ehefrau Gabi wieder beruhigen konnte, sodass die Windel, die der Halbperser nach dem dritten Anlauf immer noch in den Händen hielt, doch noch den Halt bekam, welcher für deren Funktionstüchtigkeit zwingend erforderlich war. Marc stürmte an der langen Tafel mit den langen Gesichtern seiner Freunde und Verwandten vorbei und verschwand anschließend nach einem weiteren Türknall in seinem Arbeitszimmer, aus dem man nach einer kurzen Pause einen schrillen Schrei hören konnte. Verwundert steckte Gretchen daraufhin ihren Lockenkopf aus der Küche ins Wohnzimmer. „Was ist denn passiert“, fragte sie verwundert und schaute in die perplexe Runde. Trocken antwortete ihr nun ihr Sohn Marlon, während er amüsiert beobachtete, wie seine im selben Farbton wie ihr rotes Kleid angelaufene Schwester und sein bester Freund mit gesenkten Häuptern eilig am verdutzten Weihnachtsmann vorbei zur Haustür hereinstolperten: „Papa hat die Weihnachtsüberraschung entdeckt.“ „Was“, reagierte Gretchen sichtlich geschockt und wurde plötzlich ganz blass im Gesicht. „Aber wie... wie konnte er denn... den... den Test finden? Ich hab ihn doch in meinem Tagebuchversteck... versteckt. Davon wollte ich ihm doch erst heute Nacht erzählen, wenn alle... weg... sind“, murmelte Marcs Frau gedankenverloren vor sich hin und ließ ihre verdutzten Gäste allein im Wohnzimmer zurück, während sie den beiden ertappten Kindern zum Schafott folgte.........



In diesem Sinne wünsche ich euch fröhliche Weihnachtsfeiertage, ihr Lieben, die hoffentlich weniger turbulent bei euch ausfallen werden als im Hause Meier-Haase. Mit diesem kleinen Ausblick in eine mögliche Zukunft unserer Lieblinge (eventuelle Ähnlichkeiten mit bekannten Figuren, Handlungen und Paarungen meiner FF sind ganz und gar (nicht) zufällig ) möchte ich mich ganz herzlich bei all meinen treuen Lesern und Kommentatorinnen da draußen bedanken. Ihr verrückten Hühner seid ne Wucht und ich hoffe, euer Weihnachtsmann wird ganz, ganz fleißig sein. Ihr habt es euch verdient. Ansonsten schicke ich euch eben Jochen mit seinem Jutesack vorbei.

Liebe Weihnachtsgrüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr,

eure Lorelei



PS:

Falls ihr euch zu meiner kleinen Geschichte äußern möchtet, könnt ihr das wie gewohnt auf meiner Kommiseite tun: Kommentare zur Story von Lorelei (312)

Lorelei Offline

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28.12.2014 09:39
#5 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2014 Zitat · antworten

Loreleis Doctor’s-Diary-Weihnachtsspecial 2014

Ihr Lieben,
damit auch in diesem Jahr nichts verloren geht, stelle ich meine Weihnachtsgeschichte aus dem Adventskalender wieder hier online. Ich hoffe, ihr habt Freude daran. Ich wünsche euch einen guten Start ins Jahr 2015.

eure Lorelei




„Aufstehen, Traumfrau, aufstehen!“, säuselte die liebliche Stimme verschmitzt gegen ihr rechtes Ohr, bevor zärtlich an selbigem geknabbert wurde. Ein leiser wohliger Seufzer entwich ihren zu einem bezaubernden Lächeln geformten roséroten Lippen, als sich, von der heißen Atemluft animiert, ihre Nackenhärchen langsam aufstellten, aber ihre Lider, hinter denen sich die blausten Augensterne, die er je gesehen hatte, verbargen, blieben immer noch stoisch heruntergeklappt. Die aufregende Blondine in seinem Bett wollte die in rosa Watte gehüllte Traumwelt einfach noch nicht verlassen und wich deshalb geschickt seinen erneuten neckischen Weckversuchen aus, welche unter anderen Umständen durchaus ihre Lebensgeister herausgefordert hätten. Er war aber auch ein Schlitzohr, dieser unmögliche Mann, mit dem sie nach intensiven langjährigem Studium gekonnt umzugehen wusste. Sie kickte den nackten Adonis, der mit seinen Reizen überhaupt nicht geizte und sie damit furchtbar nervte, daher gekonnt aus dem gemeinsamen Himmelbett und zog die rot-weiße Bettdecke mit den aufgestickten Rentieren, die sich gegenseitig neckten, einfach über ihren wilden Lockenkopf, um weiterhin in aller Ruhe Winterschlaf halten zu können.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete sich der Verstoßene auf dem flauschig weißen Bettvorleger wieder auf, auf dem er nicht zum ersten Mal unsanft mit seinem knackigen Hinterteil gelandet war, wenn Madame mal wieder ihre fünf Minuten hatte. Er stützte sich mit seinen muskulösen Armen am Bettrahmen ab, sodass sein Bizeps besonders gut zur Geltung kam, und blickte grinsend zu seiner unverschämt süßen Traumfrau herab, die ihrem Namen mal wieder alle Ehre machte. Deutlich vernahm er das leise Schnarchen der ewigen Träumerin, welches sie immer vehement von sich wies, wenn er sie damit aufzog, dass es vielmehr dem Röhren einer Hirschkuh glich, unter der furchtbaren Biberbettwäsche mit den albernen Rentieren, die er dem weltgrößten Weihnachtsfan auch dieses Jahr zum fünften Mal in Folge nicht hatte ausreden können. Er hatte zu allen Registern gegriffen, hatte sich sogar vom ersten Advent an bis zum Nikolaustag geweigert, im gemeinsamen Schlafzimmer zu nächtigen, weil er, O-Ton Dr. Marc Olivier Meier, „nicht mit hunderten hässlichen rotnäsigen Elchen das Bett teilen wollte, mit blonden rotwangigen schnarchenden Ha(a)sen ja, aber ganz bestimmt nicht mit Dingen, die er liebend gern als Braten im diesjährigen Weihnachtsmenü von Bärbel Haase vorfinden wollte“. Er hatte tapfer durchgehalten, unterstützt von seinen vierjährigen Zwillingen, die ganz selig waren, dass ihr Papa so viel Zeit mit ihnen verbrachte und sogar bei ihnen mit im Kinderzimmer schlief. Marlon und Marlene hatten so viel Spaß daran, auf ihm herumzuturnen. Genauso sehr, wie er Spaß daran hatte, die beiden aufgeweckten Flitzpiepen, die ihrer Mama so ähnlich waren, zu kitzeln und, sowohl wortwörtlich, als auch im übertragenen Sinne, auf den Arm zu nehmen.

Doch dann am frühen Nachmittag des 6. Dezembers war der Held im weißen Kittel doch, schneller als gewollt, eingeknickt, als er nach einer anstrengenden OP, die dem frisch designierten Chefarzt des Berliner Elisabethkrankenhauses alles von seinem großen Können abverlangt hatte, in seinem Büro eine Sms von seiner heiß und innig geliebten Ehefrau erhalten hatte. Eine Sms, die lediglich eine Bilddatei enthielt, mit ihr in der Hauptrolle, in eben jene hässlichkitschige Bettwäsche eingemummelt, mit lediglich einer Nikolausmütze auf dem blonden Schopf und langen sexy Beinen in roten Stiefeln, die neckisch unter der Weihnachtsmotivbettdecke hervorblitzten. Schwester Sabine wunderte sich vermutlich immer noch, warum es Dr. Meier am Nikolaustag plötzlich so eilig gehabt hatte und wieso er noch im blauen OP-Outfit aus der Klinik herausgestürmt war und sie und ihren Gatten Günni beim Spaziergang über den Parkplatz fast über den Haufen gefahren hätte, als er sich mit quietschenden Reifen auf und davon gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte der Herr Doktor einfach vergessen, am Vorabend seine Nikolausstiefel zu putzen und vor die Tür zu stellen. Er hatte ja schon frühmorgens in den OP gemusst und hatte diesen bis vor wenigen Minuten nicht wieder verlassen, hatte die aufmerksame Krankenschwester und treue Seele des Elisabethkrankenhauses geschlussfolgert, während sie sich verliebt bei ihrem Mann untergehakt hatte. Die Familie Gummersbach war nämlich gerade auf dem Weg in die Kita gewesen, wo ihr Sohnemann schon ungeduldig auf sie gewartet hatte, der sich auch schon riesig auf die Überraschungen gefreut hatte, die der heilige Nikolaus für den fast Fünfjährigen bereitgehalten hatte.

Ja, sein Haasenzahn war schon eine Freche. Völlig durchgeknallt, aber auch wahnsinnig süß und hinreißend, dachte ein bis über beide Ohren verliebter Dr. Meier, während er sein schlafendes Dornröschen mit zärtlichen Blicken betrachtete. Sexy, verführerisch, unberechenbar, verpeilt, tollpatschig, naiv, kindisch, herzlich, gutmütig, wahnsinnig schlau und einfach unvergleichlich. Sie machte ihn unheimlich glücklich und das schon seit über fünf Jahren und er war dem Universum da oben unendlich dankbar dafür, dass es ihm ein zweites Mal diesen Engel auf Erden geschickt hatte, der sein gesamtes Leben im Handumdrehen einmal von Links auf Rechts umgekrempelt hatte. Damals, zu Schulzeiten, hätte er vermutlich jedem den Vogel gezeigt, der behauptet hätte, er würde irgendwann einmal mit der kleinen, dicken, blonden Nervensäge mit der windschiefen Nerdbrille, der scheußlichen Zahnspange, der hässlichen Vogelnestfrisur und dem unmöglichen Tick für alles, was rosa war, verheiratet sein. Und doch war es passiert. Zwanzig Jahre später hatte er sich Hals über Kopf in sie verliebt, aber vielleicht war er es auch damals schon ein klitzekleines bisschen gewesen, hatte es nur nicht gemerkt, weil es viel mehr Spaß gemacht hatte, Haasenzahn zu veralbern und zu verarschen. Sie hatte ihn nicht nur in der sechsten Klasse das Leben gerettet, als er fast an einem Schokoriegel erstickt wäre, sondern auf jede erdenkliche Weise, wie jemand von jemandem, dem man wirklich am Herzen lag, gerettet werden konnte. Sie hatte ihm mit ihrer ganzen einzigartigen Art gezeigt, was wirklich wichtig war. Nicht Job, Karriere, Ruhm, viel Geld, tolle schnelle Autos und teure Appartements, nach denen er Zeit seines Lebens gestrebt hatte. Sondern genau das hier. Am Weihnachtsmorgen am Bett seiner Liebsten zu sitzen und sie einfach nur anzusehen und dieses Glück wertzuschätzen. Denn man bekam in der Tat so viel mehr zurück.

Immer noch fasziniert von dem, was er alles mit Gretchen Haase, nunmehr Meier, erlebt hatte, schob er ihre Bettdecke ein Stückchen nach unten, um ihr in ihr liebreizendes Gesicht blicken zu können. Ihre Wangenknochen zierte ein niedliches Rosa, das mal heller und mal dunkler leuchtete. Sein Goldengel schlief wieder tief und fest und träumte vermutlich gerade wieder den schlimmsten Kitsch, den ein menschliches Hirn nur zusammenspinnen konnte. Und so beschloss er, den weltgrößten Morgenmuffel noch ein bisschen weiterschlafen zu lassen, bevor das Gemeckere, dass sie schon viel zu spät dran waren, wieder losging. Schließlich stand heute der anstrengendste Tag des Jahres an. Heiligabend und seine nervigen, aber auch schönen Verpflichtungen. Als Familienvater, Ehemann, Chef, Sohn und Freund. Er beobachtete noch eine Weile, wie sich Gretchens Nasenflügel im Schlaf kräuselten und wie immer mal wieder ein unverständliches Grunzen aus ihrem süßen Mund gemurmelt kam. Er konnte einfach nicht widerstehen und streifte diesen kurz. „Du schuldest mir noch einen Kuss unter dem Mistelzweig“, wisperte Gretchen urplötzlich ganz verschlafen, nachdem Marc seine weichen Lippen wieder von ihren gelöst hatte. Eine Augenbraue wanderte irritiert nach oben, als er sie fragend ansah, aber da hatte sich das murmelnde Häschen auch schon wieder auf die andere Seite gedreht und malträtierte ihr Kopfkissen, das sie mit ihren umschlingenden Armen zerknautschte. Sie träumte! Typisch! Vergnügt grinsend wandte sich Marc um, schnappte sich seinen dunklen Anzug, den er später noch bei der Weihnachtsfeier in der Klinik tragen würde, und ließ die schlafende Schönheit alleine mit den hundert Rentieren um sie herum. Die Kinder mussten schließlich auch noch geweckt und präsentierfähig gemacht werden. Eine hoch komplizierte Aufgabe für echte Männer, die dank ihres Chirurgenjobs sehr viel Geduld übrig hatten.

Ein Geräusch an der Tür holte Gretchen schließlich aus ihrem tiefen REM-Schlaf zurück ins Hier und Jetzt. Gefolgt von einem lauten „Aufstehen, Traumfrau, aufstehen!“, das urplötzlich direkt neben ihrem Ohr ertönte. “Nicht schon wieder“, murmelte die junge Dame verschlafen in ihr zerknautschtes Kopfkissen und wedelte wild mit den Armen in der Luft herum, bis sie das nervige Ungetüm endlich getroffen hatte, das nun scheppernd von ihrem Pferdekopfnachtschränkchen heruntersegelte. „Na prima, jetzt hab ich ihn kaputtgemacht“. Nun endgültig hellwach rollte sich Gretchen auf die Seite und blickte von ihrem Prinzessinnenbett mit der knalligroten Weihnachtsmannbettwäsche herunter auf den ausgelatschten und ausgefransten Bettvorleger, auf welchem ihr extravaganter Wecker gelandet war, den sie letztes Jahr zu Weihnachten von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, weil er unbedingt das angeschlagene Selbstbewusstsein der ewigen Morgenmuffelin aufwerten wollte. Ihr Papa konnte so lieb sein, dachte sie gerührt, aber er ahnte ja auch nicht, dass es ganz anderer Dinge bedurfte, um ihr Selbstwertgefühl noch zu retten, das irgendwo zwischen Klassenzimmer und Schulhof unauffindbar verloren gegangen war.

„Weihnachten“, schoss es plötzlich ganz unvermittelt durch Gretchens durcheinandergeratene Hirnsynapsen. Ihre blauen Augen weiteten sich und begannen augenblicklich zu strahlen wie der Weihnachtsstern, der heute Abend noch am Firmament auftauchen würde. Sie sprang sofort aus ihrem Bett und hastete stolpernd zum Fenster, wo sie schnell die Gardinen beiseite schob. Ihr Strahlen wurde noch größer und leuchtender, als sie entdeckte, dass es in der vergangenen Nacht angefangen hatte zu schneien. Ihr zweitgrößter Wunsch hatte sich erfüllt. Weiße Weihnachten. In Berlin eigentlich eine Rarität, die laut ihrer Oma nur alle zehn bis zwanzig Jahre passierte. Konnte es noch perfekter werden, fragte sich Gretchen überglücklich und öffnete jauchzend das Fenster, um mit ihren Fingern Schneeflocken auffangen zu können, die in dicken Wattebäuschchen zu Boden segelten und die Welt in Windeseile in eine weiße Traumwelt verwandelten, wie sie sie sich nicht schöner hätte erträumen können. Das machte sie genau eine Minute lang, bis das Schneehäschen vor Kälte schlotterte und schnell das Fenster wieder zuknallte. Der dünne rosafarbene Weihnachtsbaummotivpyjama war dann doch die falsche Kleiderwahl für einen eisigen Tag wie diesen. Im Augenwinkel bemerkte sie noch, wie ihr Vater mit einigen Schwierigkeiten fluchend einen riesigen Tannenbaum durch das enge Gartentor bugsierte, dann war sie auch schon zu ihrem Kleiderschrank geeilt, den sie im nächsten Moment stürmisch aufriss und nach ihren Möglichkeiten akribisch durchforstete. Rosa Strumpfhosen, ihr rosa Lieblingsrollkragenpullover und das ärmellose lilafarbene Überkleid aus dickem Cord waren genau das Richtige für diesen festlichen Anlass. Sie wollte für ihre Familie und für die Kollegen ihres Vaters ganz besonders hübsch aussehen.

Sie hatte gerade ihre Sachen angezogen und ihre widerspenstige blonde Mähne mit einer Bürste gebändigt, als es auch schon wie aufs Stichwort aus dem Untergeschoss der Villa Haase ungeduldig zu ihr herauftönte. „Margarethe, Kind, so beeile dich doch! Wir müssen gleich los in die Klinik. Die Weihnachtsfeier.“ „Ja, Mama, ich bin so gut wie unterwegs“, erwiderte Gretchen aufgeregt durch den kleinen Türspalt, den sie geöffnet hatte, und sog dabei den verführerischen Duft frisch gebackener Plätzchen, vermischt mit leckeren Bratengerüchen für das abendliche Familienessen, ein, der ihr den Mund schon ganz wässrig machte. Sie strich sich noch einmal über ihre lockigen Haare, die sie heute offen trug und die ganz besonders schön seidig glänzten, schob sich ihre rot umrahmte Brille auf die Nase und kontrollierte vorm Wandspiegel noch ihre Zahnspange nach Essensresten, denn sie hatte letzte Nacht mal wieder gesündigt und einen ganzen Schokoweihnachtsmann verputzt, den sie heimlich aus Jochens Nikolausvorrat stibitzt hatte, weil sie ihren eigenen schon vor Wochen aufgebraucht hatte. Sie hatte die Nervennahrung einfach gebraucht. In den ersten Tagen der Weihnachtsferien war sie immer ganz besonders hibbelig, auch weil sie gleichzeitig bedeuteten, einen ganz bestimmten niedlichen Jungen aus ihrer Schule endloslange zweieinhalb Wochen nicht sehen zu können. Das verträumte Mädchen verwarf den millionsten Gedanken an ihn, schlüpfte in ihre knallroten Winterstiefel, setzte vorsichtig ihre gleichfarbigen Ohrenschützer auf, ohne dabei ihre hübsche Frisur ruinieren zu wollen, und warf sich im Gehen aus der Kinderzimmertür ihren roten Mantel und den Schal über. Schneller noch als ihr achtjähriger Bruder war sie die Treppe hinuntergeeilt, hatte noch vor ihrem Vater, der ihr mit breiter Brust den Blick ins Wohnzimmer versperrte, wo er soeben den Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt hatte, die Haustür aufgerissen und hatte die drei Eingangsstufen mit Schwung genommen, um so schnell wie möglich in den tief verschneiten Garten zu gelangen.

Mit lächelndem Gesicht beobachtete ihr alter Herr, wie der blonde Wirbelwind die Arme weit ausstreckte und eine Runde nach der nächsten durch den Vorgarten tanzte und jauchzend gen Himmel blickte, aus dem es leise und sanft dicke Wattewölkchen herunterrieselte, die trotz Brille kitzelnd an ihren langen Wimpern hängen blieben. An Weihnachten würde sie immer Kind bleiben, dachte Franz Haase bewegt, der nicht wahrhaben wollte, dass aus seinem schüchternen kleinen Mädchen so langsam eine junge bildhübsche Dame wurde, als sich Bärbel an seinem Arm unterhakte und ihn verliebt von der Seite anlächelte. Ihr Jüngster, Jochen, trödelte natürlich mal wieder, aber die Familie des leitenden Chefarztes schaffte es noch rechtzeitig zur alljährlichen Weihnachtsfeier ins Elisabethkrankenhaus, die traditionell am frühen Nachmittag des Heiligen Abends zusammen mit den Mitarbeitern und den Patienten, die leider nicht mit ihren Familien zuhause feiern konnten, begangen wurde. Der frisch designierte Professor hatte noch einiges zu erledigen, bis es losging. Seine Frau und sein Sohn waren bereits mit dem Fahrstuhl nach oben in die Cafeteria im 7. Stock gefahren, wo von den Schwestern, allen voran von der forschen neuen Oberschwester Stefanie, alles liebevoll dekoriert und vorbereitet worden war. Die passionierte Hausfrau und Mutter Bärbel Haase stellte ihre selbstgemachten Mandelplätzchen zum restlichen Buffet, das reichlich aufgedeckt worden war, und probte im Anschluss mit dem Mitarbeiterweihnachtschor noch das eine oder andere Weihnachtslied, ehe sie sich den Mitstreitern des Krippenspiels zuwandte, welches sie geschrieben und in Eigenregie seit Monaten mit den Kollegen ihres Mannes für diesen Tag einstudiert hatte. Jochen hatte sich längst in die Spielecke verkrümelt, wo er mit den erkrankten Kindern spielte und diese ein bisschen von ihrem Schicksal ablenkte, ausgerechnet an Weihnachten im Krankenhaus bleiben zu müssen.

Gretchen hatte derweil beschlossen, noch ein bisschen durch die romantische Winterlandschaft im Krankenhauspark zu spazieren. Sie liebte den Moment, wenn der erste Schnee gefallen war. Die Luft roch so anders. Alles wurde stiller in der Hauptstadt. Besinnlicher. Friedvoller. Als wäre man plötzlich in einer ganz anderen Welt. Einer Welt, in der alles möglich schien. Wahrscheinlich liebte sie auch deshalb die Weihnachtszeit so sehr. Diesen ganz besonderen Zauber. Auch weil ihr viel beschäftigter Vater dann ganz besonders viel Zeit für seine Kinder bereithielt. Und während Tochter Haase mit einem ihrer Lieblingsweihnachtslieder auf den Lippen verträumt umherschweifte, hatte sie natürlich ganz die Zeit vergessen. Erst als sie den Posaunenchor mit den Instrumenten in die Klinik laufen sah, schaute sie erschrocken auf ihre rosa Armbanduhr und eilte sogleich los. Sie hatte den Eingang schon fast erreicht, als ihr einer ihrer roten Handschuhe aus der Hand rutschte. Sie bückte sich danach und wurde im selben Augenblick unsanft von der zurückschwingenden Glastür erwischt. Prompt landete sie auf ihrem properen Popo, den sie sich nun rieb. „Au, kannst du nicht aufpassen, du Idiot“, meckerte Gretchen die zwei Füße an, die vor ihr zum Stehen gekommen waren. „Pass doch selber auf! Dein dicker Arsch blockiert den ganzen Ausgang, du doofe Kuh“, kam es unfreundlich, aber doch irgendwie vertraut zurück.

Gretchen zuckte wie vom Blitz getroffen zusammen. Diese Stimme kannte sie doch. Und auch die gelben Chucks, die so gar nicht zum aktuellen Winterwetter passen wollten. Hastig rappelte sie sich auf, klopfte sich den Schnee von ihrer Kleidung und blickte in ein ebenso überraschtes Gesicht, das sie zwar seltsamerweise nur verschwommen erkennen konnte, aber das sich längst in ihr Herz eingebrannt hatte und dieses soeben mit gewaltigen Defischlägen wieder zum Leben erweckte. Ihre Brille, wo war eigentlich ihre Brille abgeblieben? Aber diese Frage war nur zweitrangig im Moment. „Marc? Was machst du denn hier“, platzte es aus dem jungen Mädchen ungestüm heraus. Ebenso verblüfft, sie zu sehen, starrte auch der coole Junge in der schwarzen Lederjacke seine Mitschülerin an, die heute ganz anders aussah als sonst. Hatte sie schon immer so blaue Augen gehabt, fragte er sich irritiert, während er mit beiden Händen seine Jacke zuhielt, da es doch recht frisch hier draußen geworden war. Die Leuchtkraft ihrer Augen war ihm noch nie aufgefallen. Aber wie auch, sie versteckte sie ja auch immer hinter ihrem hässlichen Nasenfahrrad, das er gerade auf der untersten Treppenstufe im Schnee entdeckte. Es musste wohl im hohen Bogen da runtergesegelt sein, als er sie mit der Tür erwischt hatte. Er konnte sich ein schelmisches Grinsen nicht verdrücken. Gretchen Haase, ein Tollpatsch wie immer. „Haasenzahn? Äh... Und... was machst du hier?“ „Ich hab zuerst gefragt“, kam es prompt zurück und nicht nur Gretchen war überrascht, wie schlagfertig sie dabei gewesen war, da sie doch sonst nie einen verständlichen Satz vor dem Helden all ihrer sehnsüchtigsten Träume über die Lippen brachte.

Einen Augenblick lang musterte Marc Meier argwöhnisch sein vorlautes Gegenüber, das ihn mit sonderbarem Zahnspangenlächeln penetrant anlächelte, dann zuckte er mit den Schultern, lehnte sich lässig mit dem Rücken gegen die Glastür und zückte eine Packung Zigaretten aus seiner Jackentasche. Einen der Glimmstängel zündete er sich wie selbstverständlich an und nahm anschließend einen tiefen Zug davon. „Was geht’s dich an?“ Gretchen wollte eigentlich näher kommen, aber der penetrante Zigarettenrauch, den er ihr mit herausfordernder Miene demonstrativ entgegenhauchte, widerte sie an. Also blieb sie vorerst auf Sicherheitsabstand am Treppengeländer stehen, das sie mit ihren zittrigen Händen aufgeregt umklammert hielt, und schaute ihren Schwarm einfach nur an, wie sie es immer gerne tat, wenn sie meistens unbeobachtet war. „Du weißt aber schon, dass Rauchen tödlich sein kann“, sagte sie plötzlich und Marcs niedliche Grübchen kamen unweigerlich zum Vorschein, während er sich gewohnt überheblich vor Miss Neunmalklug aufplusterte. „Uah! Jetzt krieg ich aber Angst. Dann zück doch deinen rosa Katzenblock und schreib der Zigarettenlobby einen bösen Brief. Vielleicht drucken sie ja irgendwann den Hinweis drauf.“ „Wäre eine Idee wert“, konterte das gutmütige Mädchen lächelnd.

Marc blieb misstrauisch wie immer, wenn Gretchen so nett zu ihm war, obwohl er es nicht war. „Also, was machst du hier? Müsstest du jetzt nicht mit deinem dicken Hintern unter einer noch fetteren Tanne hocken und deine pinken Barbiegeschenke auspacken?“ „Marc, aus dem Barbiealter bin ich nun wirklich lange heraus“, erwiderte Gretchen trotzig und versuchte, sich ihre Kränkung nicht anmerken zu lassen. So dick war ihr Hintern doch gar nicht, oder doch? Eigentlich gefiel sie sich in ihrem Kleid und dem roten Wintermantel, der ihr bis knapp zu ihren Knien reichte. Die verunsicherte Dreizehnjährige versuchte, möglichst unauffällig einen Blick darauf zu werfen, musste aber daran scheitern, weil ihr Kopf sich nicht so weit herumdrehen ließ. Außerdem guckte Marc sie so komisch an, als sie ziemlich bizarr um ihre eigene Achse tänzelte und dabei auf der obersten Treppenstufe fast das Gleichgewicht verlor, wenn das Treppengeländer nicht gewesen wäre. „Ach, und wieso ziehst du dich dann genauso an“, zwinkerte der Fünfzehnjährige ihr frech zu und musterte sie, während er cool an seiner Zigarette zog, noch einmal akribisch von Kopf bis Fuß, sodass Gretchen unter seinen eindringlichen Blicken ganz rot im Gesicht wurde. Verlegen strich sie sich über ihre glühende Wange. „Gefällt’s dir?“ „Nein“, kam es ein bisschen zu überzeugend aus seinem Mund geschossen. Enttäuscht war Gretchen schon, aber sie kannte Marcs Art mittlerweile. Sie hatte ihn schließlich schon seit zweieinhalb Jahren auf dem Schulhof eingehend studiert. Ein Teil von ihr ahnte, dass hinter seinen ständigen Beleidigungen mehr stecken musste. Niemand schoss sich so auf einen ein, wenn da nicht doch mehr war. Und dass sie ihm nun ausgerechnet heute an ihrem Lieblingstag begegnete, war doch schon fast schicksalhaft. Das hatte eine Bedeutung. Vielleicht würde ihr größter Weihnachtswunsch ja doch noch in Erfüllung gehen. Am Heiligabend konnte schließlich alles passieren.

„Bist du auch zur Weihnachtsfeier eingeladen?“ Marc guckte sein blondes Gegenüber an wie ein Postauto, während er seine aufgerauchte Kippe zu ihren Füßen auf den Boden warf und diese mit seinem Turnschuh ausdrückte. „Weihnachtsfeier? Was für eine Weihnachtsfeier? Meine Mutter liegt hier im Krankenhaus.“ Bestürzt hielt sich Gretchen eine Hand vor den Mund und trat näher an ihren Schulkameraden heran, der ihre plötzliche Annäherung argwöhnisch verfolgt hatte. „Oh nein, das ist ja schrecklich. Was ist denn nur passiert?“ Mit einer lockeren Armbewegung tat er es als Nichtigkeit ab, obwohl seine dunkelgrünen Augen Gretchen etwas anderes verrieten, und blickte Richtung schneebedeckte Bäume, um die kristallblauen Sterne nicht länger ansehen zu müssen, die ihn irgendwie hypnotisierten. „Sie hatte Jahrestag.“ Gretchen stutzte. „Oh, was wird denn gefeiert, also, außer Weihnachten?“ „Die Trennung von meinem Dad, da dreht sie jedes Jahr durch“, antwortete Marc cool. Zu cool für ihren Geschmack. Schüchtern rückte Gretchen noch näher an ihren Schwarm heran, bis sie neben ihm, Schulter an Schulter, an der Glaseingangstür lehnte. „Hat sie sich...?“ Perplex wandte Marc ihr sein winterblasses Gesicht zu. „Quatsch! Sie denkt nur, sie müsste unbedingt etwas kompensieren und das perfekte aller perfekten Weihnachtsfeste für ihren einzigen Sohn organisieren. Sie hat eine Rauchvergiftung. Sie hat heute Nacht versucht, Plätzchen zu backen und hatte dabei, während der Ofen lief, die geniale Idee für ihren neusten Roman. ‚Dr. Rogelt und der Zauber in der Weihnachtsbäckerei.’ Pff! Sie denkt, sie sei Schriftstellerin, weißt du. Und naja, die Feuerwehr hat mich geweckt, da lag sie wohl schon ein paar Minuten ohnmächtig neben der Schreibmaschine in der verrauchten Küche.“ „Oh, wie furchtbar! Und dir, geht’s dir gut, Marc?“ Verstört nahm Marc wahr, wie Gretchen besorgt ihre Hand auf seine Schulter legte. Die übertriebene Fürsorge seiner nervigen Mitschülerin kam ihm spanisch vor. Also rückte er ein paar Zentimeter von ihr ab. „Ich bin ja nicht aus Zucker.“ Für mich schon, zum Anbeißen süß, wie ein schokoladenüberzogener Weihnachtsmann, nur eben in Marc-Form und ohne Zipfelmütze, dachte Gretchen verträumt und guckte ihren Schwarm ganz verklärt von der Seite an, bis sie merkte, dass sich seine Augenbrauen misstrauisch nach oben schoben. Hatte sie ihn etwa gerade ungeniert angestarrt? Wie peinlich!

Gretchen räusperte sich verlegen, ging etwas auf Abstand und folgte ihrer inneren Eingebung, die ihr leise etwas zuflüsterte. „Das heißt, du bist heute ganz allein an Weihnachten? Dann... dann komm doch mit hoch in die Cafeteria. Da ist es warm, es gibt etwas Leckeres zu essen und ein nettes Unterhaltungsprogramm dazu. Die Schwestern und mein Vater, also der Chefarzt, haben da wirklich etwas Schönes organisiert für die, die heute auch nicht nach Hause zu ihren Lieben können.“ Marc guckte dem aufgeschlossenen blondgelockten Mädchen immer noch verstört ins Gesicht und versuchte, angestrengt herauszubekommen, wieso es ihm dieses Angebot machte, das durchaus eine Überlegung wert war, wenn er nicht den ganzen Abend neben seiner hysterischen Mutter im Krankenzimmer hocken und sich ihre bescheuerten Geschichten anhören wollte. Und Gretchen wurde immer unruhiger, je länger er sie musterte, ohne etwas zu sagen. Sie hatte nämlich in der Zwischenzeit bemerkt, dass sie mit Marc direkt unter einem Mistelzweig gelandet war, der über dem Klinikeingang angebracht worden war. Der irritierte Fünfzehnjährige folgte Gretchens Blick nach oben, sah sie an, bemerkte die erwartungsvollen kristallblauen Augen, mit denen Haasenzahn ihn fokussiert hatte, zögerte und trat dann einen Schritt auf sie zu. Gretchen hielt den Atem an, als ihr größter Schwarm vor David Hasselhoff und Patrick Swayze plötzlich so nah vor ihr stand und sie so seltsam anguckte. Doch dann wandte er sich plötzlich grinsend ab und ging lässig die Treppe hinunter. Auf der untersten Stufe angekommen, blieb er jedoch stehen und hob etwas vom Boden auf. Sie konnte nicht erkennen, was es war, da sie nun mal ohne Brille blind wie ein Fisch war.

Doch als sich bereits die Enttäuschung einstellte, dass sie doch nicht das bekommen würde, was sie sich sehnlichst vom Weihnachtsmann gewünscht hatte, kam Marc Meier unerwartet zurück zu ihr. Er blieb direkt vor seiner Schulkameradin stehen, die ihn mit großen leuchtenden Augen gespannt anblickte und ihren Herzschlag kaum noch kontrollieren konnte. So nah war sie Marc noch nie gewesen. Und jetzt beugte er sich auch noch zu ihr vor. Wollte er sie etwa......? Gretchens Herz setzte aus. Ihre weichen Knie ebenfalls. Auch ihre Augen versagten nun komplett und spielten ihr Streiche. Sie konnte ja die ganze Zeit schon kaum noch etwas erkennen ohne ihre Brille. Aber was machte er denn jetzt? Atemlos registrierte Gretchen, wie Marc ihr die roten plüschigen Ohrenschützer abnahm und dann mit stoischer Ruhe, als hätte er noch nie etwas anderes getan, links und rechts von ihrem Ohr widerspenstige Haarsträhnen beiseite strich. Ein Schauer durchzuckte sie und ihren gesamten Körper. Von der Haarspitze bis zum kleinen Zeh. Sie war wie elektrisiert. Statisch aufgeladen. Hing gefesselt an seinem intensiven Blick, mit dem er ihr in die Augen sah. Er würde es wirklich tun, dachte Gretchen nur panisch und doch gleichzeitig auch unendlich glücklich. Es würde tatsächlich passieren. Der Heiligabend übte seine besondere Magie auf sie aus. Sie hatte sich das schon so lange gewünscht und unzählige Male in den verschiedensten Facetten von diesem Moment geträumt, wenn sie sich das erste Mal richtig küssen würden und nicht nur wegen einer Lebensrettungsmaßnahme wie in der 6. Klasse. Aber keiner ihrer romantisch verklärten Träume glich diesem jenen Augenblick.

Ganz automatisch schlossen sich ihre Augen und sie beugte sich ihrem Gegenüber erwartungsvoll entgegen. Gretchen wartete mit wild pochendem Herzen. Doch es passierte...... nichts. Nichts außer, dass Marc ihr ungeschickt ihre Brille wieder auf die Nase schob und dabei nicht gerade zärtlich vorging. Und als sie ihre Augen öffnete und ihre windschiefe Brille wieder gerade rückte, die zum Glück dank des weichen Schnees bei dem Sturz nichts abbekommen hatte, war ihr Prinz verschwunden. „Und was ist mit meinem Kuss unter dem Mistelzweig“, fragte sich Gretchen verwirrt, als sie sich suchend umblickte und gleichzeitig die Tür hinter ihr aufging und ihr Vater vor ihr stehen blieb und ihr durch seinen kitzligen angeklebten weißen Rauschebart ein kleines Küsschen auf die kalte Wange drückte. „Kälbchen, kommst du?“ „Ja“, erwiderte sie merklich enttäuscht und folgte dem Haasschen Weihnachtsmann sichtlich durcheinander in die heiligen Hallen.

„Ich hab gehört, ich schulde dir noch was, Haasenzahn“, wisperte Marc plötzlich dem verträumten Gretchen zärtlich gegen den roten plüschigen Ohrenschützer, nachdem er sie Arm in Arm die Treppe zum Eingang des Elisabethkrankenhauses emporgeführt hatte. Es war frostig kalt an diesem 24. Dezember und es schneite seit Stunden ununterbrochen in Berlin. Das letzte Mal hatte es vor zweiundzwanzig Jahren so sehr geschneit, erinnerte sich Marc, als wäre es gestern gewesen, und schmunzelte, während er Gretchens Hände wärmte und liebevoll in sie hineinpustete, damit die Eisklumpen endlich auftauten. Er hatte erst seinen Kumpel Mehdi mit seiner Familie vorbeigelassen, anschließend Dr. Hassmann mit ihren drei Mädchen und ihrem Dauerlebensgefährten, den er ausnahmsweise, weil Weihnachten war, auch mal gegrüßt hatte, und schließlich Dr. Gummersbach und Schwester Sabine, die nach einer endlos langen nervigen herzlichen Begrüßungszeremonie zusammen mit ihrem Sohn die Klinik betreten hatten. Auch ihre gemeinsamen Kinder waren bereits mit ihren Großeltern und Onkel Jochen, der als frisch gebackener Assistenzarzt heute als Einziger der Familie Meier-Haase Dienst schieben musste, zur alljährlichen Weihnachtsfeier reingegangen.

Verwundert blickte Gretchen ihren sonderbar nachdenklich wirkenden Ehemann an, weil sie im Gegensatz zu den anderen noch immer vor dem Haupteingang des EKH standen. „Marc, mir ist kalt und wir sind schon viel zu spät dran. Du bist der Chef. Du eröffnest doch unser gemütliches Beisammensein mit den Kollegen und den Patienten.“ Aus seinen Gedanken gerissen, grinste Marc sein ungeduldiges Mädchen an und schob zärtlich ihr Kinn etwas nach oben, damit Gretchen endlich zum Glasvorbau hochblickte, an dem etwas Verdächtiges im eisigen Wind hin und her baumelte. „Eben. Ohne mich geht da noch gar nichts los, Haasenzahn. Außerdem wollte ich vorher noch etwas einlösen.“ „Was denn? Spielst du jetzt doch an Papas Stelle den Weihnachtsmann“, fragte Gretchen unwissend, der man aber die Neugier schon von ihrer süßen roten Nasenspitze ablesen konnte, die er jetzt frech anstupste. „Nicht in diesem Leben. Schon mal nach oben geguckt?“ Gretchens Augen weiteten sich ungläubig, als sie entdeckte, was ihr Herzbube gemeint hatte. „Ein Mistelzweig! Wo kommt der denn her? Gestern, als Bine und ich die Klinik geschmückt haben, hing der da noch nicht.“ „Ach“, tat Dr. Meier ganz unwissend, während seine bessere Hälfte immer mehr ins Schwärmen geriet. „Marc, das... das ist ja wie damals. Erinnerst du dich?“ „Nicht ganz, Haasenzahn! Etwas Entscheidendes hat da noch gefehlt.“ Damals, als er sich feige unter der Treppe versteckt hatte, weil ihm die Chuzpe gefehlt hatte, Haasenzahn einfach einen kleinen Kuss zu stehlen, hätte er sich niemals erträumen können, dass genau diese Aktivität einmal zu seiner allerliebsten zählen würde. Stürmisch zog Marc seine überrumpelte Herzdame in die Arme, sodass ihr ganz schwindelig wurde, umfasste zärtlich ihr bildschönes leicht gerötetes Gesicht und gab ihr einen Kuss, der ihr sämtliche Sinne raubte. Gretchens Knie wurden weich wie Pudding und sie presste sich haltsuchend an Marcs dunkelblauen Kurzmantel. Dann küsste sie die Liebe ihres Lebens leidenschaftlich zurück. „Stimmt, das hat mir damals noch zum Glücklichsein gefehlt. Fröhliche Weihnachten, Marc.“ „Dir auch ein schönes Fest, Haasenzahn.“

Lorelei Offline

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24.12.2015 13:49
#6 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2015 Zitat · antworten

Loreleis Weihnachtsmärchen 2015


Hohoho!

Draußen vom Walde, da komm ich her, ich muss euch sagen es weihnachtet sehr.
Ja, kaum zu glauben, aber wahr, es ist schon wieder soweit. Die Knospen an den Sträuchern und Bäumen sprießen, der Pollen kribbelt in der Nase und die Wiesen liegen in einem saftigen Grün. Ostern klopft an die Tür! Nein, natürlich nicht, auch wenn es sich so anfühlt. Und was wäre Weihnachten ohne eine puderzuckerbestäubte Weihnachtsgeschichte, die in unserem rosaroten DD-Universum spielt. Mit den üblichen Verdächtigen versteht sich. Ich hoffe, ihr habt Spaß an der kleinen Geschichte in mehreren Teilen, die weder mit der Fortsetzungsphantasie, noch mit den vorangegangenen Weihnachtsmärchen im Zusammenhang steht.

Dieses ist der erste Streich und der zweite folgt… Äh… Da muss ich noch einmal beim Weihnachtsmann nachfragen. Oder beim Christkind?
Ich wünsche euch jedenfalls erst einmal ein fröhliches Weihnachtsfest und eine entspannte Zeit mit euren Lieben. Danke für eure Treue. Und falls wir uns nicht noch mal hier lesen sollten (für Feedback für die Weihnachtsgeschichte steht euch meine reguläre Kommiseite zur Verfügung ), auch an der Stelle schon einmal einen guten Rutsch und viel Glück fürs neue Jahr 2016.

Fühlt euch gedrückt!

Euer Weihnachtsschneckchen



Es war mal wieder einer dieser Tage, der sich wie Kaugummi hinzog auf der Station. So richtige Weihnachtstimmung war auch im Berliner Elisabethkrankenhaus noch nicht aufgekommen. Obwohl ein riesiger festlich geschmückter Christbaum den Eingangsbereich der Klinik zierte und dort die Patienten und ihre Angehörigen zum Verweilen einlud. Das Wetter über der Hauptstadt war einfach schlecht. Der Himmel grau in grau. Es nieselte die ganze Zeit. Und nach Schnee roch es noch lange nicht. Selbst der größte Optimist hatte bei fünfzehn Grad Celsius die Hoffnung auf weiße Weihnachten schon längst aufgegeben. Diese äußerst trüben Aussichten legten sich aufs Gemüt. Auf das der Patienten, die leider einsehen mussten, dass sie das Krankenhaus über die Feiertage nicht verlassen durften. Und auch auf das des sehr bemühten Klinikpersonals, das an dieser Tatsache auch nichts ändern konnte. Selbst die sonst so fröhlich aufgelegte Dr. Gretchen Haase, die gute Seele der Station und der größte Weihnachtsfan in der westlichen Hemisphäre, schob den Winterblues und das schon seit Tagen.

Gretchens Eltern hatten sich in einen spontanen Weihnachtsurlaub in den Süden verabschiedet und hatten nicht eine Sekunde daran gedacht, zu fragen, ob ihre einzige Tochter vielleicht auch Lust hätte, mitzukommen. Klar hätte sie sich darüber gefreut, einmal aus Berlin herauszukommen. Seit sie ihre Ausbildung zur Chirurgin im letzten Herbst begonnen hatte, hatte sie nicht länger als drei Tage hintereinander frei gehabt. Aber dann hatte Gretchen daran gedacht, wie sie sich als fünftes Rad am Wagen fühlen würde, während ihre Eltern nach den ganzen Streitigkeiten der letzten Zeit neben ihr ungeniert turteln und ihre sechsunddreißig Jahre währende Liebe zelebrieren würden. Und so hatte sie das wieder frischverliebte Ehepaar ziehen lassen, ohne noch einmal etwas zu sagen. Dann eben nur Weihnachten zu zweit mit ihrem kleinen Bruder. Auch gut! Sie hätten sich bestimmt eine schöne Zeit zusammen in der Villa gemacht. Aber bevor sie ihn darauf ansprechen konnte, hatte sich Jochen schon mit Unifreunden zum Skifahren in den Schwarzwald verabredet.

Na toll, alle hatten sie alleine gelassen. Und so war der Widerstand nicht allzu groß gewesen. Sie hatte sich breitschlagen lassen, an den Feiertagen den Dienst einiger Kollegen zu übernehmen. Ihre Familie war nicht da. Sie selbst hatte ja noch keine eigene gegründet, zu der sie in vorfreudiger Stimmung nach Hause hätte fahren können. Also hatte sie keine andere Wahl gehabt, als mit ihrem blonden Lockenköpfchen zu nicken und den letzten Rest an Fröhlichkeit für eines ihrer breiten Strahlelächeln aufzubrauchen, mit welchem sie immer alle um sich herum verzauberte. Und es war ja auch nicht so, als würde sie es nicht gerne tun. Sie liebte schließlich ihren Job und sie war hoch motiviert, ihre noch zwei weitere Jahre andauernde Assistenzzeit über alle Hürden und Turbulenzen hinweg zu meistern. Egal, was andere, und einer ganz besonders, davon hielten. Und wenn die übereifrige Ärztin daran dachte, wie glücklich ihre Kollegen jetzt waren, wenn sie zuhause in die leuchtenden Augen ihrer Kinder blicken konnten, wenn der Weihnachtsmann mit großem Getöse an die Wohnzimmertür pochte, dann bewegte das auch ihr Herz. Irgendwo da draußen hinter beleuchteten Fenstern fand das Fest der Liebe tatsächlich statt. Und ganz so schlimm war es ja auch nicht hier im Krankenhaus. Gut, Marc Meiers Name stand ebenfalls im Dienstplan, wie sie heute Morgen schockiert hatte feststellen müssen. Aber die Klinik ihres Vaters war groß genug. Man konnte sich hier gut aus dem Weg gehen. Und sie würde sich von diesem Egomanen garantiert nicht mit seiner dauermiesepetrigen Stimmung anstecken lassen. Der Grinch im weißen, sexy anliegenden Arztkittel konnte bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Hatte sie gerade ‚sexy‘ gedacht? Nein! Dr. Meier war überhaupt nicht sexy und auch gar nicht anziehend. Er wollte mit ihr nichts zu tun haben, also würde sie auch nichts mit ihm zu tun haben wollen. Pff! Wer war er denn schon? Dr. Marc ‚Stinkstiefel‘ Meier. Misanthrop. Nervensäge. Egozentriker vor dem Herrn. Oberarsch. Macho.

GRRR!!! Jetzt hatte sie ihr Tagebuch schon wieder mit seinem Namen verschandelt, stellte Gretchen frustriert fest, als sie auf die letzte Seite herabblickte. Damit wollte sie doch aufhören. Sie würde damit aufhören! Oberster Vorsatz für das neue Jahr: Erwähne nie wieder seinen Namen! Es sei denn, er steht auf dem OP-Plan und dein Name steht daneben, weil er dein Ausbilder ist und du etwas von ihm lernen sollst. Menno! Wieso musste ausgerechnet ihr das passieren, dass ihr schlimmster Albtraum aus der Schule jetzt ihr Oberarzt war? Nein! Schluss! Aus! Du denkst nicht mehr an ihn! 2016 wird meierfrei! Also jedenfalls außerhalb der Notaufnahme. Verbanne endlich all seine Erinnerungstücke, die du während eurer gemeinsamen Schulzeit und das ganze letzte Jahr über während deines ersten Assistenzjahres unter seiner Fuchtel stibitzt hast. Ganz besonders die 45 Liebesbriefe, die du ihm nie geschickt hast und die er unter keinen Umständen jemals in die Finger kriegen soll. Ansonsten müsstest du heimlich in sein Büro einbrechen und sie dir zurückholen. Und du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als du alleine mit ihm in einem Zimmer warst. Das in deinem Kopf sind reine Fantasien. Die haben absolut nichts mit der Realität zu tun. In der Realität interessiert er sich nicht die Bohne für dich. Er spielt nur mit dir. Er will dich nicht. Das hat er dir mehr als deutlich schon hunderte Male verklickert. Sein unvergleichlicher Charme, sein bezauberndes Lächeln, seine niedlichen Grübchen, du bist immun dagegen, Gretchen Haase. Haben wir uns verstanden? Du wirst dich nicht wieder in ihn verlieben, egal ob er dich, warum auch immer, im OP oder wenn er sich unbeobachtet fühlt, manchmal länger anschaut als gewöhnlich. Das hat nichts zu bedeuten. Er heckt vermutlich nur den nächsten Streich aus, mit dem er dich vor aller Welt bloßstellen könnte. So wie er es immer getan hat, seitdem du dreizehn Jahre alt warst. Aber du bist jetzt erwachsen. Du bist Ärztin. Bald Chirurgin. Eine sehr, sehr gute Unfall- und Allgemeinchirurgin. Du brauchst keinen Marc Meier, um dich gut zu fühlen. Du bist gut. Du bist stark. Du wirst dich durchbeißen. Und falls du doch einmal aus nicht nachvollziehbaren Gründen schwach werden solltest, dann hast du immer noch Schwester Sabine, die dich rechtzeitig wieder auf die richtige Spur bringen wird. Egal, ob sie mit ihrer angelesenen Astrologieschlauheit behauptet, Marc würde etwas an mir liegen. Klar, deshalb verarscht er dich ja auch ständig. Was sich liebt, das neckt sich. Pff! Manchmal ist Sabine doch sehr naiv für ihr Alter. Dabei ist sie ein Jahr älter als ich und müsste es besser wissen. Sie leidet doch auch unter ihm, so wie er sie immer ungerecht schikaniert. Sie sollte sich auch mal wehren.

Ja, die liebe Sabine? Wo steckte die eigentlich? Wollten wir uns nicht hier im Stationszimmer treffen und von ihren selbstgebackenen Plätzchen naschen, bevor Mehdi die in die Finger bekommt. Ach ja, der war ja gar nicht mehr im Haus. Er ist mit seiner Tochter Lilly bei seinen Eltern und feiert Weihnachten. Hat der es gut! Das hättest du jetzt auch haben können, Gretchen, wenn du ihn nicht abserviert hättest, weil er so ein toller und herzensguter Mensch ist. Weil er sogar seiner Frau verziehen hat, was sie ihm angetan hat, und ihr geholfen hat, als es ihr schlecht ging und sie nach ihrem dreizehnmonatigen Koma noch im Rollstuhl saß. Mehdi Kaan hat das Herz wirklich am rechten Fleck. Manch einer sollte sich von ihm eine Scheibe abschneiden. Schade, dass aus ihm und Anna dann doch nichts mehr geworden ist. Es war halt doch zu viel zerbrochen. Aber jetzt sind die beiden gute Freunde. So wie Mehdi und ich. Es war so lieb von ihm, als er mich gefragt hat, ob ich nicht mit ihm und seiner Familie Weihnachten feiern möchte, aber da ich nicht wollte, dass noch mal Missverständnisse mit seinen Eltern entstehen, als wir für kurze Zeit ein Paar gespielt hatten und dann auch für ein paar glückliche Tage tatsächlich eines gewesen waren, und ich den Kollegen nun mal schon zugesagt habe, dass ich für sie einspringen würde, hatte sich diese wunderbare Alternative schnell zerschlagen. Ich glaube, er war mir auch nicht böse deswegen. Denn so konnte er die Gelegenheit beim Schopfe packen und Schwester Gabi fragen. Die ist heute nämlich auch alleine. Ich glaube, er hat ein Auge auf sie geworfen. Und sie auf ihn. Zumindest verhält sie sich ziemlich auffällig, wenn er im Raum ist und kichert die ganze Zeit so albern wie ein frisch verliebter Teeny. Ist das nicht süß? Es fühlt sich zwar ein bisschen komisch an, ausgerechnet die beiden zusammen zu sehen, wenn man bedenkt, dass sie der Grund war, warum aus mir und Marc nie etwas geworden ist. Aber jeder hat ein bisschen Liebe verdient. Und damit ist sie bei Mehdi auf jeden Fall gut aufgehoben. Er hat so viel Liebe zu geben. Ich wünsche den beiden alles Gute. Die zwei haben auch endlich ein bisschen Glück verdient.

Irgendwie liegt gerade irgendetwas in der Luft hier im Elisabethkrankenhaus und damit meine ich nicht die üblichen Desinfektionsgerüche, die immer so penetrant in der Nase kribbeln. Ob es an Weihnachten liegt? Dr. Hassmann datet einen angesehenen und sehr attraktiven Kollegen aus dem Nordstadtkrankenhaus, der neulich auch mit mir intensiv geflirtet hat, als er sie hier abgeholt hat. Also wenn sie mich fragen würde, er ist ein Aufschneider. Ein charmanter Aufschneider, aber die charmanten sind ja bekanntlich immer die gefährlichsten. Aber egal, das ist Marias Sache. Solange sie mich nicht noch einmal zu einem stinklangweiligen Doppeldate zwingt. Die Oberschwester scheint auch irgendwie verliebt oder sie ist schon beflügelt von der Aussicht, dass sie über den Jahreswechsel eine Safari in Afrika machen wird. Ich bin ja überhaupt nicht neidisch. Vorsicht Ironie im Landeanflug! Und selbst unsere schüchterne Stationsschwester Sabine hat ein Auge auf den neuen Pathologen geworfen. Klar, das wird es sein! Dort wird sie vermutlich gerade stecken. Sie hat mich ja auch schon seit Wochen damit genervt, was sie dem skurrilen Mediziner schenken soll, der mir, ehrlich gesagt, ziemlich unheimlich ist. Ich werde unsere erste Begegnung nie vergessen, wie ich in die menschenleere Pathologie komme, ein Klopfen aus den Leichenfächern höre, mir fast in die Hose mache vor Angst und dann kommt der da herausgekrabbelt wie eine umgekippte Schildkröte, als wäre es die natürlichste Übung der Welt. Also er und Sabine passen wirklich gut zusammen. Sie haben beide etwas Verwirrendes an sich. Als seien sie nicht von dieser Welt. Tja, und nun schleicht Sabine schon seit Tagen vor dem Fahrstuhl herum und hat sich bislang noch nicht getraut, in den Keller zu fahren. Vielleicht hat sie ja jetzt endlich ihre Aufregung überwunden und die beiden werden jetzt gerade, wo ich darüber schreibe, ein Paar. Ich würde es ihr so sehr wünschen. Sabine ist so ein herzensguter und lieber Mensch. Und sie ist immer für jeden da. Sie soll auch endlich mal etwas zurückbekommen. Selbst wenn es ein Trekkie namens Günni Gummersbach vom Planeten Absurdistan ist.


Ja, es schien tatsächlich etwas in der Luft zu liegen im Berliner Elisabethkrankenhaus. Das spürten alle. Nicht nur Gretchen Haase, deren Antennen schon immer bei so etwas angeschlagen hatten. Es war wie Magie. Oder vielleicht doch ein Hauch von Weihnacht? Schließlich schreiben wir heute den 24. Dezember. An diesem magischen Datum konnte alles passieren. Erwarte das Unerwartete! Das hatte heute erst in ihrem Horoskop gestanden, das Sabine ihr vorhin feierlich vorgelesen hatte. Selbst Dr. Marc Olivier Meier, der sich in seinem Büro verschanzt hatte und unter Skalpellandrohung nicht gestört werden wollte, wurde dem gewahr. Wenn auch nur in mikroskopisch kleiner Dosis. Er ließ es nicht an sich heran. Er wollte nichts mitbekommen von dieser ekelhaften Heile-Welt-Stimmung, die Weihnachten zwangsläufig mit sich brachte und alle ganz ekelhaft gefühlsduselig machte. Das war einfach nicht seine Welt. Seit seiner Teenagerzeit hatten er und seine Mutter eine stille Übereinkunft, dass diese drei Tage übertriebene und geheuchelte Fröhlichkeit für sie ausfielen. Sie zog sich zu dieser Zeit meist in ein Luxushotel auf Sylt zurück, um dort zu schreiben. Die Tage um den Jahreswechsel waren für Elke Fisher meist die produktivsten. Weil die egozentrische Autorin dann entgegen ihrer Art ganz besonders sentimental wurde und die Kitschideen für „Dr. Rogelt. Der Arzt, dem die Frauen vertrauen“, ganz von alleine sprossen. Und er schob wie immer Dienst. Es machte ihm nichts aus, da er eh die meiste Zeit seiner Freizeit in der Klinik verbrachte. Es war nicht nur Gewohnheit, sondern Berufung. Eigentlich war Weihnachten der perfekte Zeitpunkt zum Arbeiten. Das Personal im Haus war reduziert. Jeder hatte seine klar gefassten Aufgaben. Also konnte ihm keiner aufs Schwein gehen. Er konnte ungestört die Unterlagen durchackern, die über das Jahr liegen geblieben waren. Quasi eine Inventur seines Büros. Wann hatte er schon dafür Zeit? Und dann, wenn er damit fertig war, war es meist schon dunkel geworden und die für ihn spannendste Zeit begann.

Wenn die Kinder dieser Welt ungeduldig das Christkind oder den Weihnachtsmann erwarteten, dann stieg auch seine Laune in höhere Sphären. Aber aus ganz anderen Gründen als die Aussicht auf viele Geschenke. Dieser Tag war ein Geschenk an sich, so empfand es zumindest Deutschlands jüngster und talentiertester Chirurg. Denn an Heiligabend kamen statistisch gesehen die meisten Notfälle in den kürzesten Abständen rein. Diverse Verkehrsunfälle, weil man viel zu spät dran gewesen war für das Familienfest, weil man gerast war und dabei die überfrorenen Straßen unterschätzt hatte. Das fiel zwar dieses Jahr aus, aber Unfälle würde es trotzdem geben, weil an diesen Tagen jeder auf kurz oder lang durchdrehte und Fehler machte. Dann gab es Frakturen und Fleischwunden in einem riesigen Spektrum, die Dr. Meier mit wenigen Handgriffen wieder zusammenflicken durfte. Es war wie an einem Buffet und man musste nur noch zugreifen. Deshalb konnte er auch überhaupt nicht nachvollziehen, dass selbst seine härtesten Konkurrenten, wie die Hassmann zum Beispiel, an diesem Tag lieber zuhause blieben. Tja, Pech gehabt, umso mehr blieb für ihn übrig. Hier und da Rauchvergiftungen, weil einem die Wohnung unter dem Hintern weggebrannt ist, weil man idiotischerweise echte Kerzen auf den ausgedorrten Christbaum gesetzt hatte. Dementsprechend auch Brandwunden, die jede Körperstelle betreffen konnten. Abgeschnittene Gliedmaßen, weil man beim Anschneiden der Weihnachtsgans danebengehauen hatte. Hämatome, blaue Augen, Stichwunden oder Bratpfannenabdrücke, weil die liebe Familie sich dann doch nicht so liebhatte, wie sie allen und sich selbst vorgespielt hatte. Vergiftungen, Sodbrennen und Magenverstimmungen, weil man doch zu übermütig bei der Essenszubereitung gewesen war. Der Beste war man doch nicht in der Küche, nein, das war er hier im OP, dachte zumindest Dr. Meier. Dann noch verschluckte Gegenstände, vor allem bei Kindern, die die Kleinteile in den Geschenken zum Fressen gernhatten. Herzinfarkte. Alkoholleichen. Verunglückte Selbstmordversuche. Und diese Liste konnte man noch wahllos weiterführen. Marc Meier hatte an den Feiertagen schon alles gesehen. Und er freute sich schon diabolisch darauf, wieder eine neue Skurrilität zu entdecken.

Deshalb verwunderte es den zynischen Oberarzt auch nicht sonderlich, als es kurz nach sechs Uhr abends an seiner Bürotür hartnäckig klopfte. Er schaute nicht von seinen Papieren auf, als die Tür knarzend geöffnet wurde und jemand wortlos hereinkam. An den schlurfenden Schritten erkannte er den Übeltäter sofort. Oder genauer gesagt, die Übeltäterin. - „Geht’s schon los, Schwester Sabine? Komme gleich. Nur noch die eine Unterschrift und ich bin hier durch.“ Dass die verpeilte Stationsschwester nicht gleich antwortete, wunderte Marc zwar, aber er war es gewohnt, dass sie vor ihm kuschte, weil sie Angst vor ihm hatte. Devotes Personal, das gleich ausführte, was man ihm auftrug, war ihm eh viel lieber als die Widerspenstigen à la Haasenzahn. Haasenzahn? Wie kam er denn jetzt auf die? Margarethe Haase gehörte definitiv nicht in seine Gedanken. Heute nicht. Morgen nicht. Und überhaupt nicht. Leider würde es sich wohl nicht vermeiden lassen, ihr zu begegnen, da sie heute auch für die Notaufnahme eingeteilt war. Aber er würde es ignorieren. Heute war Heiligabend. Sie würden sehr viel zu tun bekommen. Und war die kratzbürstige Assistenzärztin beschäftigt, konnte sie ihn auch nicht nerven mit ihrem sympathischen Dauerlächeln, den riesigen blauen hypnotischen Augen und den großen Brüsten, die sie doch ganz bestimmt immer mit Absicht in viel zu enge Kittel zwängte. Diese Frau war die reinste Provokation.

Gott, reiß dich zusammen, Meier! Du denkst nicht an sie! Reine Zeitverschwendung! Geh Wunder vollbringen!

Marc schüttelte den Kopf, um das engelsgleiche Gesicht aus seinen Gedanken zu verbannen, legte den Stift beiseite und die letzte bearbeitete Akte auf den bereits vorsortierten Stapel. Damit die strohdoofe Krankenschwester auch gleich kapierte, wo was hingehörte, wenn sie sie später einsortierte. Dann streckte er sich einmal kurz, um seine Muskeln zu lockern, sprang anschließend mit Elan von seinem Sessel auf und schwang sich elegant wie ein männliches Supermodel den Arztkittel über seinen athletischen Körper. Als er sich im nächsten Moment umdrehte, stutzte er jedoch. Irgendwie sah die Vögler heute merkwürdig aus. Sehr, sehr merkwürdig! Was sollte das denn mit dem kurzen Rock und den weißen kniehohen Stiefeln? Wollte sie ihn etwa anmachen? So? Gott, bewahre, dann würde er lieber freiwillig sofort ins Koma fallen wollen. Von dem Anblick bekam man ja Augenkrebs. Er fuhr sich einmal mit seiner Hand über sein Gesicht, um wieder vollends wach zu werden. Dann vergewisserte er sich erneut. An dem skurrilen Bild in seinem Büro hatte sich nichts geändert. Sabines weißer Rollkragenpullover trug auf und machte sie furchtbar blass und die angeklebten Engelsflügel und der Heiligenschein, den sie als Haarreif auf ihrem kurzen Bob gesetzt hatte, wirkten einfach nur albern und schrecklich schräg. Was sollte das zum Teufel? War heute schon Fasching? Oder stand der Gummersbach etwa auf so was? Marc schauderte es bei dem Gedanken und er kniff die Augen zusammen. Günni war doch eher ein Kandidat für schwarze Kutten und Sensen.

Was immer es war, es hatte hier jedenfalls nichts zu suchen und das machte er der verhuschten Krankenschwester auch unmissverständlich deutlich, die ihn mit ihren riesigen blau leuchtenden Glubschaugen anstarrte, als wäre er der Heiland persönlich, und noch immer keinen Ton herausgebracht hatte und stattdessen ein unheimliches Dauerlächeln aufgelegt hatte. - „Schwester Sabine, haben Sie Tomaten auf den Ohren und den Augen, umziehen, aber dalli!“, fuhr er sie scharf an, als er lässig um seinen Schreibtisch herumlief und zum Aufbruch in die Notaufnahme drängte. Doch die blonde Frau sah ihn nur bedröppelt an. - „Was? Hier?“ - „Äh… neiiin!?“, erwiderte Dr. Meier verwirrt, fand aber recht schnell zu seinem gewohnten Oberarztton zurück, mit dem er sie nun ungehalten anherrschte. - „Ich will ja, ehrlich gesagt, überhaupt nicht wissen, was in Ihren Weihnachtsplätzchen für halluzinogene Substanzen drin waren, die Sie zu so einem gewagten Aufzug animiert haben, aber in dem albernen Kostüm betreten Sie mir nicht die Notaufnahme! Haben wir uns verstanden, Schwester Sabine?“ Die Erscheinung in strahlendem Waschmittelwerbungsweiß zuckte nach der Meierschen Ansage, die sich gewaschen hatte, kurz zusammen, rührte sich aber immer noch nicht vom Fleck und versperrte dem herrischen Chirurgen den Weg zur Tür. - „Werter Herr, aber ich bin nicht Schwester Sabine“, sagte sie dann plötzlich mit ungewöhnlich kraftvoller Stimme, die ihm eine Gänsehaut bescherte. Der bedröppelte Oberarzt blieb abrupt vor ihr stehen und starrte sie an, als sei sie jetzt völlig verrückt geworden. Er zeigte ihr demonstrativ den Vogel, als er sich wieder gefangen hatte. - „Bitte? Und wer sind Sie dann? Das Christkind? Seien Sie nicht albern, Sabine! Die Show wäre vielleicht auf der Weihnachtsfeier letzte Woche bei den hackedichten Kollegen ganz nett angekommen, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein mit dem Scheiß. Wir sind hier verdammt noch mal in einem Krankenhaus. Wir haben Verantwortung, uns und den Patienten gegenüber. Also haben Sie sich hier auch dementsprechend zu verhalten. Sonst halten die Patienten Sie noch für komplett plemplem, was zwar an und für sich stimmt, aber ganz gewiss nicht im Sinne des guten Rufes unseres Hauses wäre. Also Abmarsch! Zack! Zack! Und nehmen Sie den Papierkram mit!“

Völlig unbeeindruckt trat die blonde Frau einen Schritt auf den sich echauffierenden Arzt zu und legte ihm ihre Hand beruhigend auf den Unterarm. Ein seltsames Gefühl strömte daraufhin, begleitet von einer Gänsehaut, von der von ihr berührten Stelle durch seinen Körper. Marc wich sofort überfordert zurück und setzte die Waffe ein, vor der schon in der Schule jeder gekuscht hatte, wenn ihm sein Leben lieb gewesen war: den Ameisenblick. - „Hey, Finger weg! Was fällt Ihnen ein, mich einfach so anzutatschen? Wenn das jemand darf, dann höchstens Haasenzahn, aber Sie … Sie… Wollen Sie eine Abmahnung kassieren? Bitte, die ist schnell geschrieben.“ Doch sein Gegenüber ließ sich nicht beirren und lächelte den wütenden Mann immer noch leicht verklärt an. - „Fürchte dich nicht, Marc, denn ich bin gekommen, um dir den richtigen Weg zu weisen.“ - „Äh… wie bitte? In die Notaufnahme? Den Weg kenne ich wie meine Westentasche. Ich bin hier schließlich Oberarzt! Sind Sie… betrunken? Sie haben doch zu lange am Glühwein geschnüffelt, Sabine? Wenn Sie nichts vertragen, dann sollten Sie das lassen, verdammt noch mal! Das mit der Abmahnung, das ähm… lassen wir mal, wenn Sie jetzt endlich mit diesem albernen Theater aufhören. Die Notaufnahme wartet. Lassen Sie uns endlich aufbrechen!“, gab Marc entnervt das Rumgeeiere auf und deutete einladend zur Tür, welche die verrückte Sabine immer noch mit ihrer sonderbaren Erscheinung versperrte. Sie lächelte, nickte eifrig mit ihrem Wackel-Dackel-Heiligenschein und breitete plötzlich ihre Kostümflügel aus, als Marc an ihr vorbeistürmen wollte, und kräuselte dabei einmal verdächtig ihre Stupsnase. - „Gerne. Ich habe nur auf dein Zeichen gewartet.“ - „Äh… Hallo? Seit wann duzen Sie mich eigentlich so penetrant, Schwester Sabine?“, frug der irritierte Chirurg arglos in die Dunkelheit, die ihn mit einem Mal umgab, und registrierte erst im letzten Moment, dass Sabine ihn plötzlich am Kragen seines Kittels gepackt hatte und forsch gegen ihren Busen drückte. Oh Gott! Und ehe sein Verstand erfassen konnte, was nicht zu erfassen war, verschwand er ganz unter ihren mächtigen federweichen Engelsschwingen, die ihn komplett umhüllten. Ihm wurde schwindelig und er fiel in eine kurze Ohnmacht............

Lorelei Offline

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25.12.2015 16:41
#7 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2015 Zitat · antworten

Als Marc Meier seine Augen nach einem kurzen Moment der Verwirrung wieder aufschlug, konnte er nicht glauben, was er sah. Er stand nicht mehr in seinem wohlig warmen, modern eingerichteten Oberarztbüro, sondern mitten auf einem verschneiten Schulhof. Wie konnte das denn sein? Auf seiner Wetter-App hatte doch heute Morgen noch gestanden, dass es fast fünfzehn Grad Celsius werden sollten. Wie konnte es da jetzt schneien? Und dann in solchen Mengen, dass die dicken Flocken nervig an seinen langen Wimpern hängen blieben. Der völlig fassungslose Mann schüttelte sich, um wieder richtig zu sich zu kommen, merkte dann jedoch, dass er immer noch seinen Arztkittel anhatte, aber überhaupt nicht fror. Obwohl er offensichtlich im Freien stand. Das war doch verrückt. Wie war er hier hingekommen? Und wo war er überhaupt? Marc konnte sich nicht daran erinnern, das Elisabethkrankenhaus verlassen zu haben. Er kniff die Augen zusammen, versuchte, sich zu konzentrieren, und öffnete sie wieder. Er war immer noch da. Nur der Schneefall wurde weniger. Marc drehte sich hektisch nach allen Richtungen um, um im nächsten Moment überrascht zu verharren. War das da vorne nicht seine alte Schule? Er rieb sich über seine ungläubigen Augen. Das Bild verschwand nicht. Im Gegenteil, es wurde klarer. Das war eindeutig seine Schule. Und… Moment! Da hinten hinter den Büschen am Spielplatz war das nicht der dicke Hintern von Haasenzahn? Nicht die bildhübsche, kurvige, süße äh… scharfe Haasenzahn von seiner Station, sondern das dicke, kleine, hässliche Vierauge aus der Unterstufe, das ihm die ganze Schulzeit über wie ein lästiger Kaugummi an der Schuhsohle hinterhergedackelt war und das gerade vor einer Schwarmsalve Schneebälle Schutz gesucht hatte, welche eine Clique von Schülern mit Schmackes in ihre Richtung schmissen.

Nee, oder? War das nicht seine alte Clique? Ja, tatsächlich! Marc erkannte sie sofort wieder. Karsten, Torben, Stefan, Lukas, Philipp und die beiden Susannes, mit denen er gleichzeitig in der Zehnten gegangen war, bis sie dann nach einem Zickenkrieg in den Schulferien in der Oberstufe nicht mehr seine Freundinnen sein wollten. Krass! Was hatte das zu bedeuten? Wie war das möglich? Träumte er etwa? Waren das Halluzinationen? Aber wieso wirkten sie dann so echt? Es musste doch eine rationale Erklärung dafür geben. Deshalb reagierte der perplexe Mediziner auch eher irrational. Er zwickte sich einmal kräftig in den Arm, schaute mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf, aber seine ehemaligen Schulkameraden waren immer noch da und hatten ihrem Gelächter nach zu urteilen sichtlich Spaß. Merklich verwirrt von dem, was er sah, blickte Marc zur Seite auf der Suche nach Antworten. Doch der Möchtegern-Sabine-Engel, der ihn auf unerklärliche Weise hierhergeführt hatte, schien auf dem Weg hierhin seine vorlaute Klappe verloren zu haben. Sie lächelte nur selig vor sich hin und bedeutete ihm mit vorgerecktem Kinn, erneut zum Spielplatz zu gucken. Marc öffnete seinen Mund, wollte etwas erwidern, aber es kam nichts aus ihm heraus. Außer sprachloses Erstaunen. Er wirkte wie ferngesteuert, als er sich wieder der Gruppe Schüler zuwandte, die das Schulklingeln ignorierten und weiter erbarmungslos ihre Schneebälle in hohen Bögen hinter den Strauch schmissen, hinter welchem sich Gretchen Haase ängstlich versteckt hielt, die sie auch ein paar Mal getroffen hatten, wofür sie sich lautstark feierten.

Marc schaute noch einmal genauer hin und erstarrte, als er sich selbst ebenfalls unter den Schneeballwerfern entdeckte, wie er jeden einzelnen Treffer begeistert mitzählte und sich mit seinen Freunden abklatschte. Er hatte sich an seiner schwarzen Lederjacke erkannt, die er trotz Eiseskälte auch im Winter immer getragen hatte, weil er darin einfach hammermäßig cool ausgesehen hatte und, was keiner wusste, sie die einzige Erinnerung an seinen Erzeuger gewesen war, die dieser ihm vermacht hatte, als er noch ganz klein gewesen war. Wie war das möglich, dass er sich selbst hier als pubertierenden Fünfzehnjährigen sah? Er wollte Sabine fragen, aber wieder passierte etwas auf dem Schulhof, was seine Aufmerksamkeit weckte. Eine Lehrerin - war das etwa die Schneider - erschien wie aus dem Nichts krakeelend auf der Bildfläche und scheuchte die maulende Angriffsmeute zurück ins Schulgebäude. Marc erinnerte sich schlagartig, dass er diese Szene tatsächlich einmal genauso erlebt hatte. Es war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien gewesen. Das Weihnachten, als er zum ersten Mal ohne… Marc schluckte. Er wollte die Erinnerung nicht weiter heraufbeschwören. Aber es war wie bei einem Autounfall. Man wollte weggucken. Aber es ging einfach nicht. Die Sensationslust war einfach größer als die Vernunft. Völlig gebannt beobachtete der Oberarzt nun, was als nächstes passierte.

Der fünfzehnjährige Marc trödelte als Letzter langsam seinen Klassenkameraden hinterher und wollte auch gerade die Schulpforte durchschreiten, nachdem alle schon hineingegangen waren, als er sich noch einmal aus Gründen, die er sich nicht erklären konnte, umdrehte und in Richtung schneebedeckte Büsche blickte. Er wusste wirklich nicht warum, aber er zögerte mit einem Mal, trat einen Schritt über die Schwelle, bemerkte, wie sich im Gebäude seine Klassenzimmertür schloss, kniff die Augen zusammen und drehte sich plötzlich wieder um und ging entschlossen wieder hinaus. Mit großen Schritten lief er quer über den Hof und blieb schließlich vor den eingeschneiten Fliederbüschen stehen. Er vergrub seine Hände tief in seinen Jackentaschen, weil er jetzt erst bemerkt hatte, wie arschkalt es eigentlich war, und sprach das versteckte Schneehäschen leise an, das sich immer noch nicht herausgetraut hatte, obwohl es mittlerweile allein auf weiter Flur gewesen war. Der erwachsene Marc konnte nicht genau verstehen, was sein junges Ebenbild nun sagte. Er sah Sabine an. Die nickte nur ermutigend. Und so trat er langsam, begleitet von ihr, näher heran und vernahm schon bald die ihm so vertrauten Stimmen, von denen eine seltsamerweise ihm gehörte. Sie klang nur jünger, aber nicht minder zynisch, wie er es von sich gewohnt war.

„Boah Haasenzahn, jetzt stell dich nicht so an und komm da raus!“
„Nein! Du stellst mir doch bloß wieder eine Falle“, kam es trotzig hinter dem Strauch hervorgeflüstert. Die beiden Marcs, jung wie alt, verdrehten die Augen. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so nervig und stur sein?
„Ein anderes Mal vielleicht. Wenn du jetzt nicht mit da reingehst, bekommen wir beide Ärger mit der Schneider, die dich garantiert bei der Behrenbusch verpetzen wird. Die war vorhin schon auf hundertachtzig. Ich weiß überhaupt nicht, wieso die sich heute so aufregt. Heute ist der letzte Schultag. Wir machen doch eh nichts mehr, außer diesen bescheuerten, stinklangweiligen tschechischen Weihnachtsfilm zu glotzen wie jedes Jahr. Sie ist wahrscheinlich die Einzige, die nicht in Lichtgeschwindigkeit von hier weg will, weil zuhause keiner auf sie wartet. Deshalb quält sie uns alle mit ihrem furchtbaren Kitsch, den schrecklichen Liedern und den staubtrockenen Keksen, mit denen sie vermutlich zuhause auch ihre drei Hamster füttert. Darauf kann ich echt verzichten.“
„Du würdest dich echt für mich einsetzen? Das wäre ja mal ganz was Neues“, konterte das eingeschüchterte Mädchen frustriert und rappelte sich langsam hinter dem schneeweißen Fliederbusch auf. Sie zitterte wie Espenlaub, als sie den Schnee abschüttelte, der dank der Schneeballsalven überall an ihren Sachen klebte. Dabei bewegte sie sich nicht gerade elegant. Der junge Marc und auch der ältere Marc mussten beide schmunzeln. Zumal Gretchen knallrot anlief, als sie bemerkte, wie sie plötzlich von ihrem frechen Schulkameraden intensiv in Augenschein genommen wurde. Es war jedes Mal das gleiche Schema. Kein Wunder, dass jeder an der Schule wusste, dass Haasenzahn total in ihn verschossen war, was an und für sich natürlich total verständlich war, schließlich war er ein ziemlich geiler Typ. Aber wieso kapierte sie nicht endlich, dass von seiner Seite aus absolut und überhaupt kein Interesse bestand? Außer sie zu ärgern. Das machte immer eine Mordsgaudi.

„Ja, ja, nur zu! Mach dich nur lustig über den blöden Schneehasen! Das habt ihr doch eh schon die ganze Zeit getan“, warf Gretchen ihren ganzen angestauten Frust über ihm ab und fühlte sich einfach nur noch schlecht.
„Schneehaase? Hm… das gefällt mir!“, erwiderte der Fünfzehnjährige grinsend und zeigte dabei seine ausgeprägten Grübchen, die seit jeher eine besondere Wirkung auf die Siebtklässlerin ausübten. Nur nicht nervös werden, redete sie sich aufgeregt ein und konzentrierte sich auf ihre Wut, die sich während der gesamten Hofpause in ihr angestaut hatte, als Marcs Clique ihr heimtückisch mit Schneebällen aufgelauert hatte. Wild gestikulierend baute sich Gretchen vor ihrem einen Kopf größeren Gegenüber auf, das seine Hände lässig in den Taschen seiner Lederjacke vergraben hatte. Mist, wieso sah er darin auch immer so süß aus? Nicht ablenken lassen, Gretchen!
„Acht gegen einen. Das war echt unfair, Marc. Ja, kommt, lasst uns doch mal eine echte Hasenjagd veranstalten. Sonst kommen wir heute bei dem langweiligen Schulfernsehen gar nicht mehr auf unsere Kosten. Das war ja auch so witzig. War es nicht, Marc! Mir ist verdammt kalt. Ich bin komplett durchnässt und ich habe noch bis halb drei Schule. Wegen dir muss ich wahrscheinlich über Weihnachten krank im Bett liegen. Vielen Dank aber auch.“
„Sind wir dann auch mal fertig mit Meckern, du Kratzbürste? Dass du auch überhaupt keinen Spaß vertragen kannst“, konterte Marc amüsiert auf ihren ungewohnten Ausbruch. Das aufbrausende Verhalten von Haasenzahn hatte schon etwas. Vor allem weil sie sofort wieder hochging wie eine Rakete. Aber das schadenfrohe Lachen würde dem Sprücheklopfer gleich im Hals stecken bleiben.
„Spaß? Das nennst du Spaß? Andere zu schikanieren und zu demütigen, nur weil sie schwächer und nicht so selbstbewusst sind wie du selbst. Wenn dir das Spaß macht, dann musst du echt ein armes Leben haben, Marc Meier. Aber ich stehe da drüber. Du kannst mich mal!“

Gretchen Haase hatte gesprochen und sie hatte sich ausgesprochen gut dabei gefühlt. Sie ließ den bedröppelten Schuljungen einfach stehen und lief wütend auf die Schultür zu, wobei sie ungeschickt die Treppenstufen hochstolperte, sich aber noch rechtzeitig mit ihren Fäustlingen abfangen konnte. Der junge Marc wirkte für den Moment wie erstarrt. Seinem älteren Spiegelbild ging es genauso. Dem war nämlich schlagartig klargeworden, warum er so reagiert hatte. Es war das erste Weihnachten ohne seinen Vater gewesen. Das hatte ihn damals komplett aus der Bahn geworfen. Er hatte nie wohin gewusst mit seiner Wut und seiner Enttäuschung, weil sich seine Eltern getrennt hatten. Der Fünfzehnjährige ballte seine Hände zu Fäusten, drehte sich um, legte einen kleinen Spurt ein und schnitt Gretchen, kurz bevor sie nach der Türklinke greifen konnte, den Weg ab. – „Du… du…“ Seine dunkelgrünen Augen blitzten das blondgelockte Mädchen in dem rosafarbenen Wintermantel stinksauer an, aber dann auf einmal passierte etwas mit ihm, mit dem er nicht gerechnet hatte. Er war auf einmal ganz ruhig.

Genervt blickte Gretchen ihr verstummtes Gegenüber an. - „Was, Marc, was? Eine neue Gemeinheit? Bitte, nur zu! Ich habe ein dickes Fell. Und bevor du das wieder als Steilvorlage nimmst, ja, ich bin dick, aber ich bin wenigstens glücklich. Pah!“ Doch Marc hatte nicht vorgehabt, ihr erneut eins reinzuwürgen, auch wenn er es bis vor zehn Sekunden noch vorgehabt hatte, weil sie tief in sein Innerstes geblickt und ihn vor sich selbst bloßgestellt hatte. Er wusste nicht, wieso, aber er kam ihr jetzt ganz nah und streckte plötzlich seine Hand aus. Gretchen, die damit nicht gerechnet hatte, wich überfordert zurück, aber durch die geschlossene Tür hinter sich konnte sie ihm nicht entkommen. Instinktiv schloss sie ihre Augen. Seine Hand fühlte sich ganz warm an, als sie ihre kalte Wange für einen kurzen Moment streifte.

„Du… du hast da noch was“, flüsterte Marc plötzlich mit merklich belegter Stimme. - „Was?“ Gretchens Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie war vollkommen benebelt von seiner unerwarteten Nähe, seinem Geruch, seiner Wärme, und sie schwankte leicht. Auch der dreiunddreißigjährige Marc hielt den Atem an, als er diesen sonderbaren Moment aus wenigen Metern Entfernung beobachtete, den er komplett aus seiner Erinnerung gestrichen hatte. Aber jetzt wusste der Oberarzt wieder jedes einzelne Wort, noch bevor es der jüngere Marc ausgesprochen hatte.
„Sah aus wie verklebter Puderzucker von den Plätzchen, die du und Steffi heute Morgen unaufhörlich in euch reingestopft habt. Aber war dann doch bloß ein Schneekristall. Steht dir aber.“
„Was?“ Gretchen blickte Marc gebannt in die smaragdgrünen Augen, die sie unaufhörlich fixierten, und vergaß dabei jegliches Zeit- und Raumgefühl. Er lächelte. Es schien nichts Aufgesetztes dahinterzustecken. Und konnte das sein, dass seine Hand immer noch ihre Wange berührte?
„Wusstest du eigentlich, dass eine einzelne Schneeflocke aus hunderttausend Kristallen besteht?“
„Was?“ Gretchen konnte nichts Schlaues erwidern. Denn sie hatte komplett das Denken eingestellt. Sie fühlte nur noch. Ihr Herz explodierte gleich. Und ihr wurde warm. Schrecklich warm. Der Hintergrund verschwamm. Sie sah nur noch ihn. Marc Meier, der ihr so nah wie noch nie zuvor war. Dessen Gesicht sie zum ersten Mal ganz aus nächster Nähe studieren konnte. Diese Grübchen… Wahnsinn! Und so gefesselt wie die verliebte Dreizehnjährige gerade war, bemerkte sie auch nicht gleich, wie hinter ihr plötzlich die Tür aufsprang. Sie schwebte. Ja, sie schwebte. Nein, sie stolperte, aber Marc würde sie bestimmt auffangen. Aber es war nicht Marc Meier, dem sie rücklings in die Arme taumelte. Es war Frau Schneider, die ungläubig von dem einen Pappenheimer zur anderen schaute.

„Marc Meier. Gretchen Haase. Braucht ihr eine Extraeinladung? Die Stunde hat vor zehn Minuten begonnen. Frau Behrenbusch sucht schon nach dir. Und wegen euch dürfen eure Klassenkameraden heute am letzten Schultag alle zehn Minuten länger in der Schule bleiben. Rein! Aber zackig!“

Und ehe das verträumte Mädchen registrieren konnte, dass der Moment mit ihrer großen Liebe längst vorbei war, hatte sich Marc schon an ihr und Frau Schneider vorbeigeschlängelt und war ohne ein weiteres Wort in seinem Klassenzimmer verschwunden. Seufzend öffnete Gretchen wieder ihre Augen und sie musste enttäuscht feststellen, dass Marc Meier schon wieder meilenweit entfernt schien. Der Zukunfts-Marc hatte das alles aus nächster Nähe verfolgt. Er hatte als Einziger registriert, dass Gretchens Augen glasig geworden waren. Irgendein Impuls, den er sich nicht erklären konnte, hätte ihn fast zu ihr hingeführt. Er hatte sie trösten wollen. Er war damals ein Idiot gewesen. Aber Jugendliche in dem Alter waren nun mal so. Und Jungs, die sich verraten und verlassen fühlten, erst recht. Aber augenscheinlich konnte Haasenzahn ihn nicht sehen. Denn als sie sich unvermittelt zu ihm umwandte, blickte sie durch ihn durch wie durch einen Seidenschleier. Sie wischte sich hastig über ihre Augen und murmelte, dass er ein Idiot sei, ein mieser, gemeiner, hinterhältiger Hund ohne Herz und Gewissen, und dass sie ihn endlich vergessen wollte.

„Ich muss mich endlich entlieben, damit so was nicht noch mal passiert und er mich verwirrt. Mein Vorsatz fürs neue Jahr, kein Marc Meier mehr! Nie, nie mehr! Schluss! Aus! Vorbei! Meierfrei!“ Und mit diesem Gedanken im Kopf marschierte sie entschlossen durch den dreiunddreißigjährigen Marc hindurch, der erschrocken zur Seite gesprungen war, und betrat hinter der nun mitfühlend dreinblickenden Lehrerin das Schulgebäude. – „Gretchen, irgendwann wird er dich respektieren. Im Leben wird einem nichts geschenkt. Man muss sich auf sich selbst konzentrieren. Du hast die Macht. Du musst einfach selbstbewusster werden. Dann können dir Jungs wie er nichts mehr anhaben. Glaub mir, ich spreche da aus Erfahrung. Jungs in dem Alter sind nämlich noch nicht so weit wie wir jungen Frauen.“ Gretchen nickte ihrer Lieblingslehrerin lächelnd zu und betrat dann mit einer Entschuldigung auf den Lippen ihr Klassenzimmer.

Marc geriet derweil draußen völlig außer sich. Haasenzahn war durch ihn durchgelaufen, als sei er Luft gewesen. Das konnte nicht sein. Das war doch gar nicht möglich. Weder physikalisch, noch überhaupt. Er klopfte mit seinen zitternden Händen panisch seinen Körper ab. Alles war beim Alten. Er existierte. Er war da. Aber wieso zum Teufel war es nicht mehr 2015, sondern 1998? Die Erklärung dafür lieferte ihm nun Sabine, die wie aus dem Nichts wieder neben ihm erschienen war und ihre Hand beruhigend an seine Schulter gelegt hatte. Er zuckte zusammen, weil er plötzlich eine nie gekannte Kälte durch seine Adern fließen spürte. Was war das? Welche Scheiße lief hier ab, verdammt nochmal?

„Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht, Marc,“ offenbarte sich Sabine ihm nun endlich. Der studierte Mediziner vernahm zwar ihre Worte, aber das hieß nicht zwangsläufig, dass er sie auch verstanden hatte. - „Was?“ - „Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht“, wiederholte sie ihre gerade erst getätigte Aussage und Marc fasste sich an seinen Kopf. Er hatte kein Fieber. - „Das habe ich schon verstanden, aber...“ - „Na, du hast doch nach einer Erklärung gefragt“, erwiderte das Engelswesen schmunzelnd und der verwirrte Mann raufte sich die Haare. - „Also angesichts Ihrer anhaltenden Begriffsstutzigkeit, können Sie nicht mehr leugnen, dass Sie Sabine Vögler sind“, konterte er scharfzüngig, weil er sich beruhigen und wieder zu seiner alten Stärke zurückfinden wollte. Sein Herz raste und überholte fast seinen Verstand. Das alles war doch vollkommen surreal. Doch das geisterhafte Wesen lachte nur. - „Ein Geist kann jede menschliche Form annehmen, die er wünscht, und ich habe mich für deine Vertraute entschieden, Marc, um es dir leichter zu machen.“ - „Bitte? Pff! Seit wann sind die verrückte Esotante und ich vertraut miteinander?“ - „Seitdem du mit ihr mehr Zeit verbringst als mit jedem anderen menschlichen Wesen.“

Jetzt stutzte Dr. Meier dann doch. Unter einem ganz besonders schrägen Gesichtspunkt hatte sie schon recht. Im EKH hatte er am meisten mit Schwester Sabine zu tun. Sie war ja auch immer zur Stelle, wenn er sie zu sich zitierte. Manchmal hatte er sogar die Vermutung, sie lauerte ihm extra auf. Wie eine Spionin der untergegangenen DDR. Auf irgendeiner irren Mission. Aber darum ging es doch jetzt auch gar nicht. - „Also ähm… hast du nicht gerade etwas von einer Erklärung gefaselt? Was ist das hier für eine schräge Marty-McFly-Zurück-in-die-Zukunfts-Geschichte?“ Der Sabine-Geist lächelte nur geheimnisvoll und deutete noch einmal auf das Schulgebäude, in dem die junge Gretchen und sein jüngeres Alter Ego vor wenigen Minuten verschwunden waren. - „Ich glaube, du hast schon verstanden, was die Botschaft sein soll, Marc. Aber bevor wir, wie du wünschst, in die Zukunft reisen werden, geht es erst einmal zurück zur gegenwärtigen Weihnacht.“ - „Was?“, wollte Marc noch irritiert nachhaken, aber da hatte das Engelswesen schon ohne Vorwarnung seine mächtigen Flügel wieder um ihn geschwungen und erdrückte ihn fast mit seinem Körper. Und dann wurde es erneut finster um ihn herum.................

Lorelei Offline

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27.12.2015 09:23
#8 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2015 Zitat · antworten

Hustend riss sich der übertölpelte Chirurg von seiner geheimnisvollen Reisebegleitung los, nachdem sie ihr nächstes Ziel erreicht hatten. Die lästigen Plüschfedern von Sabines Engelskostüm hatten ihn schrecklich gekitzelt und an der Nase gekribbelt. Und die Nähe zu ihr war ihm einfach unheimlich. Deshalb wollte er schnell Abstand zwischen sich und dem geisthaften Wesen schaffen. Dieses Mal war Marc während der Transformation nicht ohnmächtig geworden. Sein Verstand war hellwach geblieben, aber begreifen, was mit ihm heute passierte, konnte er immer noch nicht. Wo war er jetzt gelandet? Vorsichtig knipste er seine Augen wieder auf und stutzte. Er war wieder im Elisabethkrankenhaus. Na, Gott sei Dank! Der Spuk hatte ein Ende. Das war sein Terrain. Jedoch waren sie nicht in sein Büro zurückgekehrt. Er war auf irgendeiner Station, die er im ersten Moment nicht gleich identifizieren konnte. Die Nachtbeleuchtung war angeknipst. Deshalb war es unheimlich düster auf dem endlos langen Flur. Nur von einem der Patientenzimmer ging ein schwacher Lichtstrahl aus. Das Lachen, das durch die nur angelehnte blaue Tür hinaus auf den menschenleeren Gang schallte, das hätte er unter tausenden sofort wiedererkannt. Das war Haasenzahn, stellte Marc überrascht fest und blickte vergewissernd zur Seite. Sabine hatte wieder ihr Zahnpastawerbungslächeln aufgesetzt und nickte bestätigend in Richtung der Tür, die ihn nun wie magisch anzog.

Wie auf Kommando bewegten sich Marcs Füße und blieben vor dem mit blauen Jalousien verhangenen Zimmerfenster stehen. Der Klang von Gretchens lieblicher Stimme wurde lauter, jedoch war er nicht mehr so fröhlich wie noch eine Minute zuvor. Sie schien bedrückt zu sein und wirkte ungewohnt ernst. Langsam wagte er sich noch den letzten Schritt vor, bis er den Türspalt erreicht hatte, durch den er vorsichtig in den Raum lugen konnte. An den bunten Bildern, welche die Wände zierten, erkannte der Oberarzt endlich, wo er sich gerade befand. Das war die Kinderstation. Und an den vielen Apparaten und Schläuchen und dem typischen Chemo-Geruch, dass es die onkologische Abteilung war. Dr. Meier musste schwer schlucken. Das war echt zu viel. Auch für den sonst so taffen und unnahbaren Chirurgen, für den Patienten einfach nur Patienten waren und keine Menschen mit Background. Mitfühlend legte Sabine ihre Hand an Marcs Schulter. Diesmal fühlte es sich für ihn nicht seltsam an. Er war sogar ein wenig erleichtert, dass er die Last dieser Situation nicht alleine tragen musste. Zumal Gretchen im Zimmer nun auch wieder zu sprechen begann.

„Hey, mein Großer, kein Trübsal blasen! Du bist doch ein großer Kämpfer. Ich weiß, es ist schwer, ausgerechnet an Weihnachten hier liegen zu müssen und nicht nach Hause zu deinen Lieben zu dürfen. Und ich weiß auch, dass wir, die Schwestern und Ärzte, dir deine Eltern und Großeltern heute Abend nicht ersetzen können. Auch wenn wir uns sehr bemühen, dass ihr es hier ganz besonders guthabt. Hey, der Weihnachtsmann war doch vorhin auch schon da und hat einen riesigen Berg an Geschenken dagelassen. Ich weiß, dein größter Wunsch hat sich nicht erfüllt. Das liegt leider auch nicht in seiner Macht. Aber sieh es doch mal so, nur die tapfersten aller Kinder erleben so ein besonderes Weihnachten. Alle Aufmerksamkeit gilt dir und deinen Freunden hier auf Station. Und siehst du, ich habe mich auch extra in Schale geworfen mit der Weihnachtsmütze. Hey! War das etwa ein Lächeln? Erwischt! Wir haben dich alle furchtbar lieb, Leo. Heute hat es vielleicht nicht geklappt, aber wenn du weiter so toll durchhältst und Lebensmut verbreitest für deine Leidensgenossen, dann bin ich mir sicher, dass dein größter Wunsch wahr werden wird. Vielleicht noch nicht morgen und auch nicht nächsten Monat. Aber ganz, ganz bald. Das nächste große Fest werdet ihr alle zusammenfeiern können. Das verspreche ich dir, auch wenn es mir als Assistenzärztin nicht zusteht, Versprechen abzugeben. Aber heute ist ein besonderer Tag. Heute ist Heiligabend. Da ist alles möglich. So und jetzt wird geschlafen, mein Freund. Damit du morgen fit bist für den Familienwahnsinn. Ich habe sogar munkeln gehört, dass der Weihnachtsmann noch einmal vorbeigucken könnte. Aber psst! Das ist ein Geheimnis.“

Dr. Haase beugte sich über das Bett und drückte den kleinen Patienten liebevoll an sich, der seine Tränen längst vergessen und sich stürmisch an sie geklammert hatte, dann deckte sie ihn zu und schaute noch einmal auf seine Werte an den Monitoren. Dass die herzensgute Assistenzärztin Tränchen in den Augen hatte, konnte nur Marc von der Tür aus erkennen. Er fühlte sich seltsam beklommen. Er beschwerte sich über Nichtigkeiten wie die seltsame Reise, die ihm heute widerfuhr, und hier kämpfte ein kleiner Junge um sein Leben. Wie beschissen ungerecht war das denn? Überfordert wich er zurück und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand neben der Tür. – „Wird er es schaffen?“, fragte er das weißgekleidete Wesen neben sich, obwohl es völlig irrational war, denn er glaubte nicht an Geister oder Engel. Er wusste auch nicht, was er sich davon erhoffte. So was wie Hoffnung? Doch Sabine verharrte in Schweigen. Denn im selben Moment vernahm er wieder Gretchens leise einfühlsame Stimme, jedoch ganz dicht neben sich. – „Du schaffst das!“, flüsterte sie, als würde sie zu ihm sprechen und nicht mit dem Jungen, und schloss dann geräuschlos die Tür des Patientenzimmers. Trotz ihrer Betroffenheit leuchteten ihre glasklaren Augen voller Zuversicht, die sich wie eine warme Welle auch auf sein Herz ausbreitete. Als er aufschaute, erkannte er auch, dass Sabine nun leicht mit dem Kopf nickte. Marc atmete erleichtert aus, nur um im nächsten Moment erschrocken zurückzuweichen. Die blondgelockte Assistenzärztin schwebte nämlich gerade durch ihn hindurch, blieb kurz stehen, als hätte sie etwas bemerkt, drehte sich um, schüttelte den Kopf und lief dann weiter den Gang vor. Ihre Augen hatten sich auf ihren Pieper gerichtet, den sie aus ihrer Kitteltasche gezogen hatte.

Marc wirkte wie erstarrt. Sein Herz vermochte sich nicht zu beruhigen. Das war das Unheimlichste, was er je erlebt hatte, und das jetzt schon zum zweiten Mal. - „Und jetzt?“, fragte er sein Gegenüber, während er Dr. Haase gedankenverloren hinterherblickte, bis sie im Fahrstuhl verschwunden war. Sabine antwortete ohne Umschweife mit ihrer geheimnisvollen monotonen Stimme, die ihm durch Mark und Bein ging. – „Mir scheint, du bist bereit für den nächsten Weg, Marc.“ Überfordert blickte er das Engelswesen an, das ihn ermutigend anlächelte und seine Schwingen bereits einladend ausgebreitet hatte. Doch der überrumpelte Chirurg zögerte. – „Können wir nicht hier bleiben? Ich hab’s kapiert. Mehr Mitgefühl für meine Patienten und äh… Kollegen.“ – „Gemach, gemach, mein lieber Marc! Deine Erkenntnis ist gut. Ein erster Schritt. Aber erst der Blick in die Zukunft wird zeigen, ob du endlich weißt, was du wirklich willst.“ – „Äh… Bitte? Ey, ich habe dir doch gerade gesagt, was ich will“, erwiderte der Oberarzt trotzig und verschränkte abweisend seine Arme vor seinem Körper. Er würde dieses Spiel hier nicht weiter mitspielen.

Doch der gutmütige Sabine-Engel ließ sich nicht erbarmen. – „Das wird nicht diskutiert.“ – „Ach? Auf einmal kratzbürstig und gar nicht mehr devot. Das gefällt dem Dr. Meier aber gar nicht. Du hast Sabine echt nicht richtig studiert. Du gleichst ihr kein Stück. Und die Klamotten erst.“ – „Das ist auch nicht dienlich für meine Aufgabe.“ – „Die da wäre?“ – „Das weißt du ganz genau. Das habe ich schon zu Beginn unserer Reise gesagt und die ist hier noch nicht zu Ende.“ Marc ließ den Kopf hängen. Mit der Verrückten war echt nicht zu verhandeln. - „Boah, von mir aus, wenn’s denn sein muss. Aber können wir nicht wenigstens neu aushandeln, wie wir dahinkommen, wo auch immer du mich, warum auch immer, hinbringen willst? Doc-Brown-mäßig im DeLorean wäre doch viel cooler. Und du kämst mir dann auch nicht mehr zu nahe. Das ist echt unangebracht, wenn man unser Dienstverhältnis betrachtet“, schlug der Schelm mit seinem typischen Meier-Grinsen vor, aber Sabine schüttelte nur ihren blonden Schopf, sodass ihr Heiligenschein leicht ins Wanken geriet. – „Nähe, mein lieber Marc, genau das ist dein Problem“, stellte sie altklug fest und ließ nicht mehr mit sich diskutieren. Augenrollend ergab sich der grummelnde Oberarzt seinem Schicksal und er kuschelte sich widerwillig unter ihren Engelsflügeln an Sabine. – „Aber antatschen ist nicht! Ich habe genau gemerkt, was du die letzten beiden Male schon versucht hast. Und wohin geht es diesmal? Ich wäre ja für Stockholm, wenn mir in ein paar Jahren der Medizinnobelpreis verliehen wird.“ Der Sabine-Geist lachte nur herzhaft und zog den vorlauten Mediziner mit Schwung unter seine Schwingen. – „Nein, dir wird leider nicht die Gunst der Stunde zuteilwerden. Aber jetzt verstehe ich endlich, was man meinte, als man mir sagte, du hättest Humor.“

„Ääähhh… Was man von dir überhaupt nicht behaupten kann, Sabine.“ Die Reise durch Raum und Zeit ließ die Meierschen Widerworte wie ein Windhauch im unendlichen Universum verhallen und so erreichten die beiden nur wenige Millisekunden später ihr Ziel: den Heiligen Abend im Jahre 2016. Irritiert blickte sich Marc um, nachdem er sich hastig von Sabine und den plüschigen Flügelfedern befreit hatte. Er hatte keine Ahnung, wo sie sich gerade befanden und die irre Tante war auch nicht gerade auskunftsfreudig, so verklärt wie die sich im Kreis drehte und den Vollmond anstarrte, der sich gerade über den Horizont erhob. Es war schon finster. Weihnachtsbeleuchtungen flackerten im Wind und spiegelten sich auf der hauchdünnen Schneeschicht, die Wege und Grundstücke bepuderzuckert hatte. – „Wo sind wir denn jetzt gelandet? Am Arsch der Welt? Sieht zumindest so aus.“ Marc blickte die ruhige Seitenstraße hinunter, an der ein paar Autos geparkt waren. Das eine oder andere kam ihm sogar bekannt vor. Er stutzte. Das war doch Mehdis Mercedes, der zwischen einem schwarzen Jaguar und einem quietschorangen Cabrio eingeklemmt war. Hey, Moment! War das nicht das hässlichste Auto der Welt, mit dem Gretchens nervige Mutter auf Schwiegersohnsuche oder Gretchen selbst immer herumgurkten?

Er blickte durch das Seitenfenster in das Innere des Wagens. Am Rückspiegel baumelte eine rosafarbene Girlandenkette aus Plastikblüten und ein kitschiger Stofftierkälbchenanhänger und auf dem Beifahrersitz lag ein Paar rosa Handschuhe, die ihm ziemlich bekannt vorkamen. Das waren doch die, die Mehdi ihr neulich bei der Weihnachtsfeier im EKH geschenkt hatte. Ihn hatte der Halbperser noch mit in den Laden geschleift, um ihm beim Aussuchen zu helfen. Als ob er ihn dabei gebraucht hätte. Das war doch reine Schikane von dem Vollidioten gewesen. Eine Provokation, was auch immer er sich davon erhofft hatte. Mehdi hatte nämlich beim Weihnachtswichteln ihren Namen gezogen und natürlich das – O-Ton Haasenzahn – perfekte Geschenk verschenkt. Weichei! Aber was hatte das hier zu bedeuten? Warum waren die beiden hier an dieser seltsamen Adresse? Marc blickte auf das Klingelschild am Zaun, vor dem die Autos parkten. Hä? Da stand tatsächlich ‚Kaan‘ auf dem Schild. Marc blickte über das Gartentor hinweg zu dem hellbeleuchteten Einfamilienhaus, über dessen Eingang ein roter Herrnhuter Stern im Wind hin und her baumelte. Wohnte Mehdi etwa hier? Seit wann konnte der sich denn wieder ein Haus leisten? Letztes Jahr hatte der doch noch knietief in den Schulden seiner Ex gesteckt und einem mit seinem furchtbar unglücklichen Leben die Ohren vollgejammert.

Der Forschungsdrang ging mit Dr. Meier durch. Er musste dem nachgehen. Deshalb öffnete er auch ohne Umschweife das weißgestrichene Gartentor und folgte dem kleinen Schneetrampelpfad, der zu dem zweistöckigen Haus führte, an dessen Fenstern abwechselnd Schwibbögen oder Weihnachtssterne leuchteten. Er hörte Stimmen von Innen und lief eilig um das Wohnhaus herum. Er ging an einer roten Schaukel und einem schneebedeckten Trampolin vorbei und erreichte schließlich eine große Terrasse, von wo aus er in das riesige, gemütlich eingerichtete Wohnzimmer blicken konnte. Da war wirklich sein Freund Mehdi. Und nicht nur er. Die halbe Belegschaft des EKH war auch da und saß an einer kitschig gedeckten langen Tafel. Die Hassmann mit ihrer Tochter. Und war das neben dem Mädchen nicht dieser arrogante Drecksack aus dem Nordstadtkrankenhaus, der sich immer als der größte und beste Chirurg Berlins aufspielte? Dieser Dr. Cedric Stier unterhielt sich gerade angeregt mit Dr. Gummersbach, der immer wieder lächelnd zu Schwester Sabine blickte, die neben ihm saß und seine Hand hielt. Oh Gott! Das doppelte Lottchen! Marcs Kopf schoss ruckartig herum und wechselte dann abwechselnd zwischen der Möchtegern-Sabine und der echten hin und her. Das war wirklich spooky. Aber noch gruseliger wurde es, als hinter dem wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum Lilly hervorhüpfte, begleitet von einer strahlenden Gretchen, die ein Baby im Arm hielt. Marc stockte der Atem und sein Herzschlag setzte für einen Moment aus, als sich seine Assistenzärztin dem gutaussehenden Halbperser zuwandte und ihre Hand an dessen Arm legte. Das… das konnte nicht sein.

Geschockt wandte er sich zu dem Geist der zukünftigen Weihnacht um, doch dieser reagierte nicht und blickte unberührt durch das Terrassenfenster ins Innere des Einfamilienhauses. Für Marc war dieser Anblick kaum zu ertragen. – „Jetzt sag doch was, verdammte Scheiße, Sabine! Das passiert doch nicht wirklich? Die Zwei hatten doch miteinander abgeschlossen. Mehdi hat mir doch versprochen, dass er nicht noch mal was versuchen würde.“ Marcs dunkelgrüne Augen flehten das Engelswesen regelrecht an. Das berührte Sabine dann doch. – „Eigentlich steht es mir nicht zu, etwas zu sagen. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben worden, Marc. Das solltest du wissen. Und ein jeder ist seines eigenen Schicksals Schmied.“ – „Gott, Bine, echt, jetzt höre mit dieser Esoschiene auf und rede Tacheles!“ Doch Beschimpfungen hatten bei ihr noch nie etwas bewirkt. Im Gegenteil. Sabine blieb stumm. Stattdessen kräuselte sie zweimal ihre Nase und Marc und sie fanden sich im nächsten Moment im Inneren des Hauses wieder. In einer stillen Ecke hinter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum, unter dem reichlich Geschenke versteckt waren, die besonders Lillys Interesse geweckt hatten. Doch das süße Mädchen mit den zwei Zöpfen und dem hinreißenden Festtagskleidchen, das immer wieder nach dem einen oder anderen Geschenk griff und es schüttelte, konnte die beiden nicht sehen. Marc Meier konnte dafür umso besser zuhören. Gretchen und Mehdi standen nämlich nicht weit von ihm entfernt auf der anderen Seite des Christbaumes. Beide blickten sie gebannt auf das Baby in Gretchens Armen und Marcs Herz verkrampfte sich immer mehr, weil so viel Liebe in ihrem Blick lag...................

Lorelei Offline

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29.12.2015 10:38
#9 RE: Loreleis Weihnachtsgeschichte 2015 Zitat · antworten

„Ist er nicht süß und total brav“, konnte die blonde Ärztin ihre Begeisterung nicht verhehlen. Und auch Mehdi war stolz wie Oskar und hielt dem Säugling seinen kleinen Finger hin, der kraftvoll von dem Patschehändchen umklammert wurde. Marcs Augen weiteten sich ungläubig. Glänzte an Mehdis Ringfinger etwa ein Ehering? – „Das liegt nur an seiner hübschen Begleitung, Gretchen. Er kann auch manchmal ziemlich kratzbürstig sein, wenn er besonders nachts seinen Willen haben will. - „Den er auch immer sofort bekommt, weil der Papa viel zu nachsichtig ist“, erwiderte plötzlich eine andere, vertraute Stimme aus dem Nebenzimmer. Marc traute seinen Augen kaum, als auf einmal Schwester Gabi mit bekleckerter Küchenschürze bewaffnet zu den beiden herantrat, Mehdi auf eine ganz seltsame Weise angriente und dann von Gretchen das Baby übernahm, das fröhlich quietschend seine kleinen Arme in die Höhe reckte. Derselbe Ring, den er eben noch an Mehdis Hand entdeckt hatte, zierte auch Gabis Finger, jedoch mit einem kleinen glitzernden Steinchen in der Mitte, stellte Marc irritiert fest, als Gabi das Kind an sich drückte und Mehdi einen kleinen Schmatzer auf die Grinselippen gab. – „So, ich übernehme dann mal wieder von der Patentante. Die Küchenkrise ist überwunden. Dank deiner Mutter und deinem Vater, Mehdi. Die behalten den Braten im Auge. Denn jetzt kriegt erst einmal dieser kleine Herr hier seine Raubtierfütterung und dann seid ihr alle dran. Und ja, es ist eine Drohung. Ich weiß nämlich nicht, ob die Weihnachtsgans gelungen ist. Wenn eine Gans eine Gans macht, ist das so eine Sache. Aber es sind ja genug Mediziner anwesend, die dann wissen, was zu tun ist.“ Und schon war Gabi auch schon wieder im Nebenzimmer verschwunden. Gretchen und Mehdi blickten der fröhlichen Krankenschwester grinsend hinterher. – „Es ist nicht zu leugnen, Mehdi, deine Frau geht in ihrer neuen Aufgabe vollends auf.“

Seine Frau? Marc standen die Augen quer im Kopf und er musste sich an Sabine festhalten. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Wie blöd konnte man(n) eigentlich sein, auf so eine wie die hereinzufallen? Hatte der Idiot denn gar nichts aus seiner Geschichte mit ihr gelernt? Obwohl, Mehdi hatte sich in letzter Zeit ziemlich seltsam aufgeführt, wenn die nervige Ziege in der Nähe gewesen war. Wieso hatte er ihn nie darauf angesprochen? Und warum hatte sein Kumpel ihm nichts gesagt? Er blickte seine blonde Reisegefährtin an. Sabine schaute auf eine seltsam hypnotische Art und Weise zurück und zuckte mit den Schultern. Hatte sie vorhin nicht gesagt, die Zukunft sei noch nicht geschrieben worden? Sabine lächelte wie zur Bestätigung. Äh… Konnte sie etwa auch seine Gedanken lesen? Er musste aufhören, hier herum zu spinnen, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich Haasenzahn. Wenn sie nicht mit ihm, sondern er mit ihr, dann… Marc rauchte der Schädel, als er das alles zu erfassen versuchte. In dem Moment begannen seine Freunde auch wieder miteinander zu sprechen.

„Und bei dir, was gibt’s bei dir Neues, Gretchen?“ Mehdi schenkte seiner besten Freundin und sich einen Becher Glühwein ein und sie betraten anschließend Arm in Arm die verschneite Terrasse. – „Das Übliche. Viel Arbeit. Endspurt in der Assistenzarztausbildung.“ – „Das weiß ich doch alles, Gretchen. Wie geht es dir wirklich? Jenseits deines geliebten Elisabethkrankenhauses?“ Gretchen schien sich noch drücken zu wollen, aber dank des heißen Glühweins taute sie langsam auf. Bei Mehdi fühlte sie sich immer wohl und sie konnte ihm alles anvertrauen, was sie bewegte. Keiner verstand sie so wie er. – „Ehrlich gesagt, erstaunlich gut. Mein erstes Jahr ganz alleine ohne Beziehungsstress und ständige Missverständnisse, die einen vom Wesentlichen ablenken. Ich habe immer Angst gehabt, etwas alleine schaffen zu müssen. Aber ich finde, das hat mich erst richtig stark gemacht.“ – „Gut zu wissen, Gretchen“, lächelte Mehdi die schöne Blonde an. - „Und man sieht’s dir auch an, dass du glücklich bist.“ - „Das bin ich, Mehdi. Weißt du, ich habe mir immer diesen Druck gemacht, es allen recht machen zu wollen. Dabei geht es doch eigentlich darum, was ich will und wie ich mir mein Leben vorstelle.“ – „Und wie stellst du dir dein Leben vor“, konnte Gretchens bester Freund diese Steilvorlage nicht ungenutzt lassen. Gretchen grinste und stupste ihn mit ihrer Schulter an. – „Naja, du kennst mich doch. Trotz alledem wäre es schon schön, wenn da auch jemand wäre, zu dem ich nach Hause kommen könnte. Ich bin echt neidisch auf euch.“ Mehdi schmunzelte und zog das sentimentale Häschen noch enger zu sich heran, weil es langsam kalt wurde auf der verschneiten Terrasse. – „Ich werde die nächsten zwanzig Jahre daran arbeiten müssen, den Kredit abzuzahlen.“ – „Ach Mehdi, du oller Romantiker, so meine ich das doch gar nicht.“ – „Na dann, worauf wartest du dann noch? Berlin ist bekanntlich die Hauptstadt der Singles.“ – „Haha, du Klugscheißer! Du musst ja auch nicht mehr suchen. Weißt du, ich lasse es einfach langsam angehen. Ich werde mich von Mama nicht mehr unter Druck setzen lassen. Es ist doch egal, ob ich jetzt einunddreißig bin oder Anfang vierzig. Wenn’s passiert, dann passiert’s.“ – „Der magische Moment?“, hakte Mehdi verträumt nach und dachte daran, wie zwischen ihm und Gabi mit einem Mal der Blitz eingeschlagen hatte.

Ein Jahr war das jetzt her und seitdem hatte sich sein Leben um hundertachtzig Grad komplett ins Positive verwandelt. Man durfte einfach niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Schicksal nicht doch noch etwas mit einem vorhatte. Gretchen sah dem sympathischen Gynäkologen lange in die verträumten kastanienbraunen Augen und ahnte, was er gerade dachte. Er hatte so recht. – „Ich habe das Träumen nicht verlernt, wenn du das meinst, Mehdi?“ Der Halbperser nickte und schenkte Gretchen sein charmantestes Lächeln, als sie noch einmal mit ihren halbleeren Glühweinbechern demonstrativ miteinander anstießen. Doch dann veränderte sich plötzlich etwas in Mehdis Mimik. – „Hast du etwas von ihm gehört?“, wechselte seine Stimmlage auf einmal in einen ernsten Tonfall und auch Marc spitzte daraufhin sein Lauscher. Er stand mittlerweile dicht hinter den beiden an der Terrassentür. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Vielleicht fand er jetzt Antworten auf die Fragen, die durch sein Hirn rauschten wie die Wagen einer Achterbahn. Wieso war er nicht eingeladen? Mehdi hatte ihn doch jedes Jahr gefragt und er hatte jedes Jahr abgelehnt, weil Weihnachten einfach nicht seins gewesen war.

Auch Gretchens Gesichtsausdruck veränderte sich. - „Ach Mehdi, wir wollten doch mit dem Thema nicht mehr anfangen.“ – „Och, ich dachte nur“, zuckte Mehdi schuldbewusst mit den Schultern und konzentrierte sich wieder auf den letzten Schluck Glühwein. Auch Gretchen nippte betont unauffällig an ihrer Tasse und schaute dann doch wieder zur Seite. – „Hast du denn etwas von ihm gehört?“ Mehdi schüttelte beklommen den Kopf. - „Du weißt doch, wie er ist. Das Zwischenmenschliche ist noch nie seins gewesen.“ Gretchen nickte leicht mit dem Kopf und ihr Blick schweifte für den Hauch einer Sekunde in die Ferne. – „Ich dachte, wenigstens zu dir hält er Kontakt. Du warst doch sein bester Freund.“ – „Tja, ein Forschungsstipendium einer großen amerikanischen Klinik, an der er sich so richtig austoben kann, ist wohl spannenderer als so ein spießiges Familienleben in Berlin. Wahrscheinlich ist er schon längst Chefarzt und hat uns vergessen“, witzelte Mehdi, obwohl ihm überhaupt nicht zum Scherzen zumute war, und legte seinen Arm locker um Gretchens Schulter. – „Komm, lass uns wieder reingehen zu den anderen! Es wird echt kalt heute Nacht.“

Und ehe sich Marc versah und begreifen konnte, was in den letzten zwölf Monaten wohl vorgefallen sein könnte, war der Halbperser zusammen mit Gretchen durch ihn hindurchgelaufen und hatte ihm die Terrassentür ins Gesicht geknallt. Auch wenn Marc nichts davon gespürt hatte, so taumelte er doch. Er wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Er existierte nicht mehr. Weder für seine Freunde, noch für seine Kollegen. Er war nur noch eine Randnotiz, die bald ganz vergessen sein würde. Er hatte sich noch nie so einsam und erbärmlich gefühlt wie jetzt in diesem Augenblick. Der Sabine-Engel fühlte mit ihm und bedachte ihn mit einem tröstenden Blick. Doch Marc wollte seinen Trost nicht hören. Er wollte gar nichts mehr hören. Er wollte nur noch weg. – „Marc, es ist deine Entscheidung, wie du dein Leben gestalten möchtest, aber ist es wirklich das, was du suchst? Die Wärme einer Familie und Freundschaft kann dir niemand ersetzen. Nicht der tollste Job der Welt.“ Marc sah Sabine an, dann blickte er wieder durch die Fensterscheibe und beobachtete gedankenverloren, wie Mehdi mit großem Tamtam den Weihnachtbraten zum Tisch brachte, wie die Augen aller Gäste strahlten, wie alle lachten und miteinander scherzten, sich umarmten und über Belanglosigkeiten schwatzen. Er spürte die Wärme nahezu körperlich. Und auch die Sehnsucht, dazugehören zu wollen. Dennoch konnte er sich nicht dazu überwinden, wieder hineinzugehen. Stattdessen starrte er apathisch zu der gedeckten Tafel und blieb mit seinen Blicken an einem Gemälde im Hintergrund hängen, auf dem er sich selbst seltsamerweise erkennen konnte. Das Bild bewegte sich. Es zeigte ihn im OP bei einem gewagten Eingriff. Aber die Augen hinter der blauen OP-Maske wirkten seltsam leer und verloren. Er konnte nicht mehr anders, er musste wegsehen.

Und so bemerkte er zufällig im Augenwinkel, wie Gretchen plötzlich von ihrem Platz aufstand. Es hatte an der Tür geläutet. Mehdi alberte gerade mit Lilly und hatte sie gebeten, die Tür zu öffnen, weil er noch einen alten Freund aus Studientagen erwartete, den er vor ein paar Tagen nach langer Zeit zufällig in der Stadt wiedergetroffen hatte, wie er seiner Familie und seinen Kollegen gerade erklärte. Die Tür sprang auf und ein attraktiver Mitdreißiger mit Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf stand plötzlich im Raum. Gretchen wirkte überrascht, sie lachte. Der gutaussehende Fremde lachte ebenfalls. Flirteten die beiden etwa miteinander? Oder warum dauerte das so lange, fragte sich der heimliche Beobachter am Fenster eifersüchtig. Und dann sah er es. Gretchen blickte den jungen Mann auf ihre unverwechselbare Art und Weise an, so wie sie ihn immer angesehen hatte, wenn sie dachte, niemand bekam es mit. Marcs Herz bekam einen Knacks. Er konnte nicht mehr länger hinsehen, wie sie sich vor dem Kerl zum Affen machte und ihm kichernd und tollpatschig, wie sie nun mal war, aus dem Mantel half. Und der Typ fand es auch noch charmant. Da war er also der magische Moment, den sie sich immer erträumt hatte. Haasenzahn hatte das Schicksal beim Schopfe gepackt. Würde er das auch hinbekommen?

Aber ehe er darüber nachdenken konnte, war das Bild mit einem Mal weg, als hätte jemand Fernseher und Licht gleichzeitig ausgeschaltet. Marc schreckte unvermittelt auf und stieß mit seinem Kopf gegen etwas Hartes. Der Schrei, der daraufhin folgte, war seltsamerweise zweistimmig. Eine Stimme war seiner Kehle entwichen. Die andere gehörte zu Sabine, die erschrocken zurückwich und dabei sämtliche Papiere von seinem Schreibtisch fegte. Er war wieder in seinem Büro! Nicht nur sein Kopf schmerzte. Auch sein Nacken war ganz hart geworden. Er hatte also doch geschlafen, schlussfolgerte der verwirrte Chirurg und rappelte sich langsam aus seinem Sessel auf, um Schwester Sabine beim Einsammeln der Papiere zu helfen. – „Es tut mir so leid, Dr. Meier. Ich… ich wollte doch nur die Akten mitnehmen. Ich wollte Sie wirklich nicht wecken.“ Als die letzte Akte aufgehoben war und in Sabines Armen lag, blickte er die ängstliche Krankenschwester mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an, die daraufhin feuerrot im Gesicht wurde. – „Du hast dich umgezogen. Gut! Das passt eindeutig besser zu dir.“ – „Wie bitte? Ich habe den Kittel doch schon den ganzen Tag an. Seit der Junge in der Sieben sich heute Morgen übergehen hat. Geht es Ihnen nicht gut, Dr. Meier?“, stutzte Sabine und blickte verwirrt an sich herunter. Und war das möglich, hatte ihr Chef sie gerade geduzt? Was war denn los mit ihm? Er war ganz blass.

Marc schüttelte den Kopf und versuchte, wieder einen klaren Gedanken zu finden. Das alles hatte also nie stattgefunden. Er hatte nur geträumt. Oder doch nicht? Wieso hatte er dann den süßlichen Geruch von Gretchens Parfum, vermischt mit Glühweinduft, in der Nase, den er vorhin, also, nein, nächstes Jahr, in Mehdis Haus gerochen hatte? Drehte er jetzt doch noch durch? Das war doch verrückt. - „Schwester Sabine, wo steckt Haasenzahn eigentlich im Moment?“, kam es plötzlich pfeilschnell aus seinem Mund geschossen. Sabine zuckte zusammen, weil ihr Oberarzt erst eine Weile geschwiegen hatte und ganz weit weg zu sein schien. – „Die Frau Doktor war vorhin für eine Stunde in der Pädiatrie. Jetzt müsste sie wieder im Stationszimmer sein. Es ist heute ein ungewöhnlich ruhiger Abend in der Notaufnahme, müssen Sie wissen. Als läge ein Schutzzauber über der Hauptstadt. Äh… Dr. Meier?“ Doch noch bevor die eifrige Schwester zu Ende gesprochen hatte, war Dr. Meier aus dem Zimmer gestürmt. Sabine blickte ihm irritiert hinterher. – „Also irgendetwas Seltsames geht hier vor sich.“

„Du, Haasenzahn, ich habe gerade etwas echt Schräges erlebt. Du kennst dich doch aus mit der Deutung von Tagträumen? Können wir… reden?“, betrat ein sichtlich zerzauster, aber dennoch entschlossen wirkender Oberarzt das Schwesternzimmer an der Kreuzung dreier menschenleerer Klinikgänge und blieb abrupt im Türrahmen stehen. – „Nein, können wir nicht! Dornröschen pennt mal wieder! Na super! Da stelle ich mich einmal darauf ein, mit der Nervensäge zu quatschen und sie verpennt alles.“ Kopfschüttelnd trat Marc trotzdem näher und betrachtete die schöne Schlafende am Schreibtisch. Haasenzahn sah so unschuldig und süß aus, wenn sie ihre vorlaute Klappe mal nicht überanstrengte. Selbst die alberne Weihnachtsmannmütze änderte nichts an dem Gesamteindruck. Sie war ein Engel. Er hatte sie eigentlich gar nicht verdient. Sie waren doch grundverschieden und trotzdem zog es ihn immer und immer wieder zu ihr hin. Er konnte sich das nicht erklären. Aber er konnte sich ja auch nicht erklären, was in den letzten drei Stunden passiert war.

Moment! Was war denn das? Marc beugte sich noch weiter über die Schlafende. Gretchens Kopf lag auf ihren gefalteten Händen auf ihrem Schreibtisch und darunter blitzte ihr aufgeschlagenes Tagebuch hervor. Das erste, was er lesen konnte, war sein Name. Und das nicht nur einmal. Mal war er fett durchgestrichen, dann wieder mit Herzchen verziert. Die Herzen dominierten. Also war es doch noch nicht zu spät? Die gegenwärtige Weihnacht hielt noch an, es war eine Stunde vor Mitternacht, und er hatte sein Schicksal in der Hand. Es war zum Greifen nahe. Wollte er das wirklich? Marc fackelte nicht lange. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dicht vor das schlafende Häschen. Vorsichtig zog er Gretchen die alberne rote Mütze vom Kopf und strich ihr dann ihre goldenen Locken aus dem Gesicht, um sich den Weg zu ihren süßen Lippen frei zu bahnen. Dann, ohne noch einmal darüber nachzudenken, küsste er sie ganz zart und sachte auf den Mund, der sich daraufhin leicht zu einem Lächeln kräuselte. Es fühlte sich unvergleichlich schön an. Zumal der Kuss nach einigen Sekunden auch erwidert wurde. – „Marc“, hauchte der Engel seinen Namen und eine Gänsehaut breitete sich auf seinem gesamten Körper aus. Dieses Gefühl berauschte ihn regelrecht. Deshalb wurde Marc mutiger und er legte einen Zahn zu und intensivierte den Kuss, der Gretchen zurück in die Realität holte.

Ganz langsam öffnete die verschlafene Ärztin ihre himmelblauen Augen. Noch ließ sie den Kuss zu. Doch als Dr. Haase allmählich wieder richtig wach wurde und erkannte, was gerade mit ihr passierte, übernahm ihr Instinkt ihr Handeln. Die saftige Ohrfeige, die kurz darauf scharlachrot an der Wange von Dr. Meier prangte, schallte bis raus auf den Flur der Station. Ruckartig fuhr Marc mit seinem Drehstuhl zurück und hielt sich seine schmerzende Backe. – „Na, war ja auch irgendwie zu erwarten gewesen. Mann, hast du einen Schlag bei Männern, Haasenzahn. Schon mal daran gedacht, Profiboxerin zu werden?“ – „Marc, was soll das?“, schmetterte die Assistenzärztin dem unverschämten Sprücheklopfer wütend entgegen. Doch das gute Gefühl, das ihn immer noch beflügelte, machte den verliebten Oberarzt übermütig. Grinsend rollte er mit seinem Drehstuhl wieder näher heran und kesselte Gretchen vor ihrem Schreibtisch ein, sodass sie nicht abhauen konnte, bevor er mit ihr fertig war. – „Schon vergessen? Ich habe dir doch noch einen Dornröschenkuss geschuldet. Hat funktioniert.“

„Was?“ Mit großen verwirrten Augen starrte Gretchen ihren offenbar durchgeknallten Vorgesetzten an. – „Gretchen, ich wollte dir nur etwas sagen.“ – „Ach? Eine neue Gemeinheit? Geschenkt, Marc, ich kenne schon jede Variante von dir, also behalte sie für dich. … Moment! Du nennst mich nie, Gretchen, außer es… ist ernst“, stockte Dr. Haase abrupt mitten in ihrer Meckertirade und guckte ihr Gegenüber verwundert an, dessen Gesicht überhaupt keinen Hauch von Ironie und Schelm ausstrahlte, wie sie es sonst von Marc Meier gewohnt war. Was passierte hier eigentlich gerade? Eben noch dieser seltsame Traum und dann hockte er plötzlich leibhaftig vor ihr. Mit dem Blick eines fünfzehnjährigen Teenagers in den Augen, der sich nicht anders auszudrücken vermochte. Marcs nervös dahingestammelte Worte kamen nur gedämpft bei ihr an. – „Es ist ernst, Gretchen. Hör mal! Ich weiß nicht, wie ich… Ähm… Also… es ist so, ich habe nämlich vergessen, dir dein Geschenk zu geben.“ – „Du… hast ein Geschenk für mich?“ Die Aufregung und auch die Verwirrung standen Gretchen deutlich ins Gesicht geschrieben.

Marc lächelte, als er endlich die Aufmerksamkeit geschenkt bekam, die er gesucht hatte. Er überlegte kurz, schaute sich suchend um, stand dann, einer Eingebung folgend, auf und klaute etwas silbernes und goldenes Lametta von dem Weihnachtsstrauß, der die Anmeldung zierte, und warf sich dieses locker über die Schultern und ins Haar. Die irritierte Assistenzärztin schaute ihm mit offenem Mund dabei zu und verstand nun gar nichts mehr. – „Und was willst du mir schenken, wenn ich fragen darf?“ Das war genau die Frage, auf die Marc die ganze Zeit gewartet hatte. Verschmitzt grinsend kam er auf die bildhübsche Assistenzärztin zu und griff nach ihrer zarten kleinen Hand, sodass sie von ihrem Platz aufstehen musste. Gebannt blickte Gretchen dem verschlagenen Charmeur in seine grünen Smaragdaugen, die sie so seltsam anfunkelten, dass sie für einen kurzen Moment glaubte, er könnte es tatsächlich ernst meinen.

„Mich!“

„Was?“ Die Überraschung hätte nicht größer sein können. Gretchen konnte kaum glauben, was er gerade gesagt hatte und sank überfordert auf ihren Stuhl zurück. Erde an Gretchen! Hatte Marc tatsächlich gerade gemeint, er würde sich ihr schenken wollen? Was hatte das zu bedeuten? Machte er sich etwa schon wieder einen Spaß mit ihr und sie verstand die Pointe nicht? Und dass in genau dem Moment das Alarmsignal der Notaufnahme losging, diente auch nicht gerade als Denkhilfe. Marc hätte sich am liebsten die Haare gerauft. Den ganzen Abend über passierte nichts außer dieser seltsamen Traumreise, aber genau dann, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte, wurden sie anderweitig gebraucht. – „Mist! Perfektes Timing! Ähm… Du… Vorschlag, Haasenzahn, was hältst du davon, wenn wir uns nach unserer Schicht hier wieder treffen, das klären, von mir aus darfst du dann auch das Geschenk auspacken, und dann, naja äh…, bevor Mehdi wieder nervt, dass wir viel zu selten was zusammen machen, könnten wir dann ja gemeinsam zu ihm zum Weihnachtsfrühstück gehen? Das hat er dich doch auch gefragt, oder?“ Es dauerte einen Moment, bis Gretchens Verstand realisiert hatte, was gerade geschehen war, glauben konnte sie es trotzdem noch nicht. - „Gerne, sehr, sehr gerne, Marc“, lächelte Gretchen, die ihr Glück kaum fassen konnte, Marc vorsichtig an und folgte ihm anschließend aus dem Zimmer.

Ohne dass er es ankündigte, griff er auf dem Flur spontan nach ihrer Hand und ließ sie bis zu den Fahrstühlen nicht mehr los. Gretchen fühlte sich wie im Himmel, nur dass dieser hier stahlgrau war und extrem nach Fahrstuhlmief roch. Marc drängte die verträumte Blondine gegen die nächste Spiegelwand und blickte ihr nun tief in die Augen, ohne dabei etwas zu sagen. Aber das musste er auch nicht. Da lag so eine Ehrlichkeit und Wärme in seinem Blick. Und da dämmerte es Gretchen so langsam. – „Warum jetzt auf einmal? Du hast mich das ganze Jahr ignoriert“, hauchte sie leise und hörte ihr Herz schneller schlagen. Marc lächelte nur und legte seine Hand an ihre Wange. Sie erschauderte bei der Berührung, doch sie genoss sie sehr. Marc konnte so zärtlich sein, wenn er wollte. – „Na ja äh… Weiß nicht. Es ist doch Weihnachten. Sagt man da nicht, da kann alles passieren?“ – „Ich dachte, du hältst nichts von Weihnachten?“, konterte Gretchen und hielt seinem intensiven Blick stand. – „Es kommt darauf an, mit wem man es verbringt.“ Gretchen lächelte und legte ihre Hand auf seine, die sich tief in ihre Wange eingebrannt hatte. – „Ehrlich? Du würdest mir doch sagen, wenn du wieder irgendetwas planst?“ Marc grinste nur. – „Du stellst eindeutig zu viele Fragen, Haasenzahn. Jetzt stell ich dir mal eine. Hast du gewusst, dass eine einzelne Schneeflocke aus hunderttausend Kristallen besteht?“ Gretchen starrte ihr Gegenüber an, als würde sie gerade ein Déjà-Vu erleben. Der Fahrstuhl rauschte währenddessen weiter Station für Station nach unten ins Erdgeschoss. - „Du, Marc, ich habe vorhin etwas ganz Seltsames geträumt.“ Jetzt schaute auch Marc sein Gegenüber ganz verdattert an. Konnte das sein? Aber bevor er genauer nachfragen konnte, machte es ‚pling‘ und die Fahrstuhltür sprang auf.

Zur gleichen Zeit trat eine Erscheinung ganz in Weiß aus ihrem Versteck hervor und schwebte lächelnd aus der Tür des Schwesternzimmers. Kaum war sie im Flur der Chirurgie verschwunden, erschien die echte Schwester Sabine auf der Matte. Sie drehte sich um, blickte auf den Gang zurück, als hätte sie dort jemanden gesehen, rieb sich die Augen, schüttelte dann den Kopf und brachte die Akten von Dr. Meier an ihren Platz. Nur die kleine weiße Feder, die auf Gretchens Tagebuch lag, ließ sie kurz in ihrem Arbeitseifer innehalten. Sabine betrachtete sie einen Moment lang im Schein der Schreibtischlampe, legte sie dann vorsichtig zwischen die Tagebuchseiten und brachte das Buch mit den Geheimnissen ihrer Lieblingsärztin anschließend zu deren Spind in die Umkleide, bevor noch jemand in Versuchung geriet, heimlich darin zu schmökern. Dann machte auch sie sich auf den Weg in die Notaufnahme, wo sie überraschend über ein knutschendes Liebespaar stolperte. Dieses Mal entschied sich die weise Krankenschwester, nicht einzugreifen, bevor der Dr. Meier für die Frau Doktor gefährlich werden konnte. Denn etwas Entscheidendes schien sich verändert zu haben, so zärtlich wie er seine Assistenzärztin im Arm hielt. Und was war das? War das etwa Lametta in seinen Haaren? Vorsichtig schlich die schmunzelnde Frau an dem Paar vorbei und schloss die Tür zur Notaufnahme wieder hinter sich, wo es offensichtlich einen Fehlalarm gegeben hatte. Ja, es lag tatsächlich etwas in der Luft im Berliner Elisabethkrankenhaus. Die Magie der Weihnachtsnacht hatte die umherirrenden Königskinder endlich zusammengeführt. Sabine war happy und stolz, weil auch sie heute einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Glück weitergekommen war. Dr. Gummersbach würde sie nämlich morgen früh zum Weihnachtsfrühstück bei Dr. Kaan begleiten. Sie hatte sich endlich getraut, ihn zu fragen.



Ende



Ihr Lieben ,
ich hoffe, ihr hattet Spaß an dieser kleinen verzauberten Geschichte. Ich danke für eure Aufmerksamkeit und wünsche euch einen guten Start ins neue Jahr. Ich hoffe, wir sehen uns auch 2016 gesund und munter an bekannter Stelle wieder.

Eure Lorelei

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