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Nachteule Offline

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Beiträge: 193

15.06.2017 21:55
Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Hallo, ihr Lieben

Ja! Endlich kommt ihr in den Genuss, hier meine oftmals erwähnte Geschichte über Gretchen Haase und ihre Lieblingsmenschen zu lesen, die ich bereits anderswo veröffentlicht habe und die bereits mehr als 30 Kapitel umfasst. Die Anfänge dieser Story dämmerten lange auf meiner Festplatte vor sich hin, ehe ich sie im letzten Herbst wieder reaktiviert habe. Es war der Wunsch einiger unserer treuesten FF-Leser, dass ich mein Werk auch mal hier veröffentliche. Und das tue ich hiermit . Gleichzeitig kann ich die Gelegenheit nutzen, sie ein wenig zu überarbeiten, wobei ich natürlich den eigentlichen Inhalt nicht verändern werde. Aber ein wenig dran schleifen sollte doch erlaubt sein oder ?

Bevor ihr zu lesen anfangt, möchte ich noch etwas zur Story erklären: sie beginnt, mal angesehen von Gretchens "Flucht" aus Köln, komplett neu und verläuft recht frei von den Handlungen der gezeigten Serie, wobei ich mich hin und wieder an Begebenheiten des Originals bediene und auch ab und zu welche von Boras Redewendungen "klaue" . Ansonsten entspringt die Handlung komplett meiner Fantasie. Nur die Charaktere lasse ich so, wie sie sind. Und manchmal tauchen auch neue Personen auf, die für den Verlauf der Handlung wichtig sind. So gibt es für Gretchen eine beste Freundin, die auf den Namen "Claudia" hört und für sie mit der Zeit noch ganz besonders wichtig werden wird (ich mag Gigi nicht, deswegen weiß ich bisher nicht, ob ich sie überhaupt jemals auftauchen lasse ).

Darum geht es inhaltlich:

Die junge Allgemeinmedizinerin Gretchen Haase kehrt nach ihrer geplatzten Hochzeit zu ihren Eltern nach Berlin zurück und beginnt, sehr zur Freude ihres Vaters, in dessem Krankenhaus ihre Ausbildung zur Chirurgin. In der Klinik lernt sie den charmanten, alleinerziehenden Gynäkologen, Dr. Mehdi Kaan, kennen, der ihr gehörig den Kopf verdreht und bald ihr neuer fester Freund wird. Als sie allerdings nach mehr als zehn Jahren durch Zufall ihre alte Jugendliebe, Marc Meier, der inzwischen Oberarzt der Chirurgie an der Charité geworden ist, wiedertrifft, gerät ihr Gefühlsleben völlig durcheinander. Denn, obwohl beide inzwischen in festen Beziehungen sind, lässt Marc nichts unversucht, Gretchen ganz für sich zu gewinnen. Sie ist hin und her gerissen zwischen den beiden Männern ihres Herzens und muss schließlich eine Entscheidung treffen. Wird sie sich für Marc oder doch für Mehdi entscheiden? Oder für keinen von beiden? Noch ist alles offen.




Und hier kommt das erste Kapitel Viel Spaß beim Lesen!





Kapitel 1 – Abschied von einem Traum

Ihr Herz war schwer, als sie den Intercityexpress von Köln nach Berlin bestieg. Ihr Gesicht war klatschnass von den vielen Tränen, die sie in den letzten eineinhalb Stunden vergossen hatte. Sie spürte die zahlreichen Blicke der anderen Passanten, als sie vorüberlief, das verständnislose Kopfschütteln, aber auch die Verwunderung Einzelner, die wahrscheinlich glaubten, hier würde gerade eine Szene für eine dieser Kölner Nachmittags-Soaps gedreht. Schließlich war es ungewöhnlich, dass eine junge Frau am helllichten Tag in einem wallenden Brautkleid über die Gänge und Bahnsteige des Hauptbahnhofes lief, obwohl der Karneval längst vorüber war. Es konnte sich also nur um eine Schauspielerin handeln, die gerade auf dem Weg zum Set war. In der Rheinmetropole war letzteres weniger ungewöhnlich, nannte man sich mit vor Stolz erhobener Brust nicht umsonst „die Medienhauptstadt Deutschlands“ okay, nach Hamburg, aber dort war Gretchen ja auch noch nie gewesen.

Dr. Margarethe Haase war es egal. Für sie zählten im Moment nur sie selbst und der gewaltige Schmerz in ihrer Brust. Sieben Jahre lang hatte sie geglaubt, Peter, der charmante Kinderarzt, sei der Mann ihres Lebens. Kennengelernt hatte sie ihn während des Medizinstudiums in einem Anatomiekurs. Schon kurze Zeit später wurden sie ein Paar und zogen auch schon bald zusammen. Vor einen halben Jahr dann hatte Peter Gretchen gefragt, ob sie seine Frau werden wolle, ganz romantisch, bei einem Sparziergang entlang des Rheins im Mondschein. Gretchen hatte bejaht, überglücklich, und sich schon am nächsten Tag in die Vorbereitungen für die Hochzeit gestürzt. Je näher der Tag kam, umso aufgeregter war sie. Und in einer Woche hätte es soweit sein sollen. Hätte! Denn Peter zog es vor wenigen Stunden noch vor, die Abwesenheit seiner Verlobten, die gerade ihr Brautkleid aus dem Brautmodengeschäft abholte, zu nutzen, um mit seiner Arzthelferin ein kurzes Stelldichein in seinem Sprechzimmer zu haben, jedoch nicht kurz genug, als dass Gretchen davon nichts mitbekommen hätte. Und so ertappte sie ihren Bräutigam in Spe in flagranti mit diesem Flittchen. Kreischend, fluchend und brüllend verließ die angehende Braut die zukünftige Gemeinschaftspraxis, rannte hoch zu ihrer und Peters gemeinsamer Wohnung im ersten Stock und packte eilig ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen, um den Verlobten, ihre vier Wände und schließlich die Stadt zu verlassen.

Und nun saß sie hier, wie ein gefallener Schwan, einsam in einem Abteil des ICE Richtung Osten und weinte bittere Tränen um ihre verlorene Chance, noch vor ihrem dreißigsten Geburtstag verheiratet zu sein. Gut, das würde sie nun nicht mehr erleben, denn Peter würde sie nicht einmal mehr geschenkt zurücknehmen, und wenn er der letzte Mensch auf Erden wäre. Noch einmal ließ sie die gemeinsamen Jahre Revue passieren, von ihrer ersten Begegnung über das erste Date, den ersten Kuss, den ersten Sex bis zu ihrem Einzug in ihre schöne gemeinsame Altbauwohnung in Mühlheim. Für Gretchen war das alles wie die Erfüllung eines langgehegten Traumes gewesen. Schon als kleines pummeliges Mädchen mit Brille und Zahnspange hatte sie davon geträumt, mit dreißig Jahren schlank, schön, verheiratet, erfolgreich im Beruf und sogar Mutter zu sein. Was hatte sich davon erfüllt? Nicht viel, um ehrlich zu sein. Wie gesagt, mit der Hochzeit bis zum dreißigsten Geburtstag würde es nichts mehr werden. Schlank war sie auch nicht gerade. Aber immerhin hatte sie sich, um in ihr Prinzessinnen-Brautkleid in Größe vierzig zu passen, auf drei Kilo Übergewicht heruntergehungert. Das war immerhin fast schlank. Schön fand sie sich schon, vor allem ihre blauen Augen, mit denen sie schließlich auch Peter um den Verstand gebracht hatte. Ihre prallen Brüste waren auch nicht von schlechten Eltern, dachte sie stolz. Ihre Nase war okay, ebenso ihr blondgelocktes Haar, das sich leider nicht immer einfach frisieren ließ. Ihr Mund? Na ja! Das jahrelange Tragen einer festen Zahnspange hatte ihr zwar während der Schulzeit einige Hänseleien ihrer Mitschüler eingebrockt, allen voran der „Coole von der Schule“, Marc Meier. Aber immerhin stimmte sein Spitzname „Hasenzahn“ nicht mehr so ganz. Ihre oberen Schneidezähne standen kaum noch merklich vor. Sie fand sich optisch ganz passabel. Allerdings, wenn sie daran dachte, dass sie in der nächsten Zeit wegen der Enttäuschung ihres bisherigen Liebeslebens wohl wieder ihren Schokoladenkonsum vermehren würde, waren die Extrapfunde sicher bald wieder auf den Hüften.

Im Laufe der mehrstündigen Zugfahrt trockneten Gretchens Tränen allmählich. Jetzt war sie nur noch wütend auf Peter und seine Schickse. Sollten sie doch glücklich werden miteinander! Sie würde jetzt das machen, wofür sie jahrelang studiert hatte – Karriere als Ärztin. Genau! Ab jetzt stand für sie ihr Beruf im absoluten Mittelpunkt. Wenn sie daran dachte, was sie für Peter alles diesbezüglich in Kauf genommen hatte! Vor drei Jahren hatte sie die Approbation erhalten. Danach arbeitete sie zwei Jahre lang als Assistenzärztin auf der unfallchirurgischen Station eines Kölner Krankenhauses, promovierte mit einer Doktorarbeit über die Transplantation verschiedener Fellfarben bei Ratten und wollte ursprünglich ihren Facharzt in der Chirurgie machen. Doch Peter bettelte und flehte, dass sie bei ihm in die Praxis einsteigen sollte. Gretchen stellte jedoch die Bedingung, sich erst einmal Praxiserfahrung als Angestellte auf Zeit eines Allgemeinarztes anzueignen. Schließlich hatte sie keinerlei Erfahrungen im Führen einer Arztpraxis. Peter fand die Idee gut und betrieb die Kinderarztpraxis in Mühlheim zunächst alleine. Nach der Hochzeit sollte Gretchen offiziell mit einsteigen. Alles war so gut durchdacht gewesen. Die Praxis lief gut. Gretchen würde sich quasi ins gemachte Nest setzen und damit einen bequemen Weg gehen können.

Aus der Traum! Okay, es war Peters Traum. Gretchen wollte eigentlich immer noch lieber Fachärztin und Chirurgin werden. Jetzt plötzlich bot sich ihr diese Chance erneut. Das würde sie sich nicht mehr kaputtmachen lassen!
Mit ihrem neuen Vorhaben und mit neuem Mut kam Gretchen in Berlin an. Auch hier wurde die merkwürdig gekleidete Blondine mit erstaunten Blicken und mit Kopfschütteln bedacht. Doch mit stolz geschwellter Brust bestieg sie ein Taxi und ließ sich zu ihrem Elternhaus fahren. Dort angekommen, trug sie ächzend ihre beiden Koffer die lange Treppe zur Eingangstür hinauf, stellte ihr Gepäck auf dem Podest davor ab und klingelte. Sie wartete, niemand öffnete. Sie klingelte erneut. Wieder keine Reaktion.

Das gibt’s doch nicht, dachte sie. Jemand muss doch zu Hause sein!

Sie klingelte ein drittes Mal. Diesmal klingelte sie Sturm.






Nachteule Kommiecke





Nachteule Offline

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15.06.2017 22:36
#2 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 2 – Die Rückkehr

„Ja, ja“, hörte sie von innen eine helle, wohlbekannte Stimme. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Zum einen freute sie sich auf das Wiedersehen mit ihrer Mutter, zum anderen fürchtete sie deren enttäuschtes Gerede, sobald sie erführe, dass die Tochter soeben den Verlobten verlassen hatte.

Die Tür öffnete sich.
„Margarethe!“ Der Blick der kleinen rothaarigen Frau war zunächst nur erstaunt und wanderte über die weißbekleidete Gestalt ihrer Tochter hinweg.
„Kind, was machst du denn hier? Solltest du nicht in Köln sein?“
„Mama“, sagte Gretchen nur und breitete die Arme aus, in der Hoffnung, diese Geste würde sogleich von der Mutter erwidert. Die Augen der jungen Ärztin begannen zu schimmern. Doch Bärbel Haase dachte nicht daran, ihre Älteste in den Arm zu nehmen. Dazu war sie viel zu überrumpelt von deren plötzlichem Auftauchen.
„Hast du Peter auch mitgebracht?“ fragte die Professorenehefrau stattdessen vorfreudig und blickte über den Vorgarten hinweg zur Straße hinunter.
„Nein“, antwortete Gretchen spitz. „Und den werde ich auch nie wieder mitbringen.“
„Aber Margarethe“, mahnte die Mutter. „Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Hattet ihr einen Streit? Na, darüber kann man doch reden! Wenn ich daran denke, wie viele Probleme dein Vater und ich bislang hatten…! Wir haben auch immer alles geschafft. Und überhaupt, warum hast du dein Brautkleid an?“
„Darf ich nicht erstmal reinkommen, Mama?“ fragte Gretchen, um den Redefluss ihrer Mutter zu unterbrechen.
„Äh… natürlich, Kind“, nickte Bärbel Haase. Kopfschüttelnd sah sie zu, wie ihre Tochter ihre beiden Koffer ins Haus und schließlich die Treppe hinauf verfrachtete.
„Ich bin dann mal in der Küche und bereite das Abendessen vor“, rief Frau Professor Haase nach oben. „Dein Vater wird sicher auch bald kommen. Ach herrjeh, wie bringe ich ihm das nun wieder bei?“ Den letzten Satz sprach sie mehr zu sich selbst, als zu Gretchen.

Diese hatte derweil ihr Zimmer erreicht. Sie öffnete die weißgestrichene Holztür, an dem noch immer das selbstgemalte Schild mit ihrem Namen hing, und hielt kurz inne. Das war ihr früheres Märchenreich, ein Mädchentraum in Rosa, Pink und Weiß. Es hatte sich nichts verändert, seit Gretchen das letzte Mal hier drinnen gewesen war. Eine ganze Weile war das schon her. Vier Jahre, um genau zu sein. Sehr oft hatte Gretchen im vergangenen Jahrzehnt ihre Familie daheim nicht besucht. Und jedes Mal, wenn sie Peter mitbrachte, hatten sie sich ein Hotelzimmer genommen, um wenigstens für einige Stunden für sich sein zu können und nicht ständig das Stören von Gretchens Mutter fürchten zu müssen. Aber nun war Peter nicht da. Und Gretchen würde vorerst hierbleiben, in ihrem alten Zimmer, in ihrem alten Zuhause.
Die blonde Ärztin durchwanderte den zwölf Quadratmeter großen Raum und strich gedankenverloren über die weiße Kommode und die Schreibtischplatte. Emotional berührt betrachtete sie die alten Bilder und Fotos an den Wänden und auf dem Regal an der Wand gegenüber ihres Bettes. Die Tapeten mit dem Schmetterlingsmuster, das verschnörkelte Himmelbett, der Nachtisch in Form eines Pferdekopfes… all das war noch immer Dasselbe, was Gretchen vor über zehn Jahren hier zurückgelassen hatte. Schließlich kniete sie vor dem Bett hin und griff unterhalb der Tagesdecke, die frisch gewaschen roch, unter das Bett. Natürlich hatte Bärbel Haase es sich nicht nehmen lassen, das ehemalige Kinderzimmer ihrer Ältesten weiterhin zu pflegen und zu hegen, auch wenn der Raum so lange nicht mehr genutzt wurde. Gretchen zog eine bunte Kiste unter dem Bett hervor, die mit einem Vorhängeschloss verriegelt war. Und sie wusste noch genau, wo sie den Schlüssel dazu finden konnte. Sie zerrte den weißen Holzstuhl, der immer noch neben ihrer Kommode stand, zum Fenster und kletterte auf die Sitzplatte. Dann zog sie von der Vorhangstange einen der seitlichen Zierknöpfe herunter und fischte einen kleinen, metallenen Schlüssel daraus hervor, der vorsichtshalber mit Tesafilm befestigt worden war. Sie löste den Klebestreifen vom Schlüssel, steckte den Zierknopf wieder an die Vorhangstange und kletterte vom Stuhl, lief wieder zum Bett, setzte sich auf die Tagesdecke, hob die Kiste neben sich und öffnete das Schloss. Beim Öffnen der Kiste offenbarte sich dessen prachtvoller Inhalt in Form zahlreicher rosa- und pinkfarbener Tagebücher. Dies war Gretchen Haase ganz persönlicher, wertvollster Schatz, ein Sammelsurium all ihrer Kindheits- und Jugendgedanken und die Niederschriften ihrer Träume und Erlebnisse aus ihren ersten neunzehn Lebensjahren. Okay, genaugenommen aus elf Lebensjahren, denn mit dem Schreiben von Tagebüchern hatte Gretchen im zarten Alter von acht Jahren begonnen.

Ehe die Blondine sich über ihre schriftlichen Erinnerungen hermachen konnte, hörte sie von der Treppe her die Rufe ihrer Mutter. Schnell klappte sie die Kiste wieder zu und schob sie zurück unter ihr Bett.
„Ich komme gleich, Mama“, rief die Neunundzwanzigjährige und verließ seufzend ihr Zimmer. Sie lief die Treppe herunter, gerade, als ihr Vater das Haus betrat. Erstaunt, aber gleichzeitig erfreut blickte er auf seine Tochter.
„Kälbchen“, rief er ihr glücklich entgegen.
„Papa“, rief die Blonde dem älteren Herrn zu. Beide flogen sich regelrecht in die Arme und drückten und herzten sich ausgiebig.
„Lass dich mal ansehen“, sagte Professor Franz Haase stolz und schob Gretchen ein Stückchen von sich, um seinen Blick in Gänze über sie schweifen zu lassen. Aus Stolz würde dann aber wieder einmal mehr ein überraschter Gesichtsausdruck.
„Was hast du denn da an, Kälbchen?“ fragte Franz Haase verdutzt. „Ist das dein Hochzeitskleid?“
Gretchen nickte und sah beschämt auf sich herunter. Sie hatte ganz vergessen, sich etwas anderes anzuziehen, als sie oben in ihrem alten und wieder gegenwärtigen Zimmer gewesen war.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte der Vater skeptisch und zog die Stirn kraus. In dem Moment kam Bärbel Haase aus der Küche in die Diele gelaufen.
„Hallo, Liebling“, sagte sie beiläufig, um im gleichen Atemzug hinzuzufügen: „Sie hat sich getrennt, Franz.“
„Bitte?“ fragte Professor Haase noch verdutzter. „Ohne uns vorher zu fragen?“
„Ja gut“, nickte Gretchen ergeben. „Ich hab mich getrennt. Weil… weil Peter… er hat…“ Sofort kullerten wieder die Tränen bei der jungen Ärztin. „Er hat mich betrogen.“
„Er hat was?“ Aus Bärbel Haases Gesicht entwich jegliche Farbe. „Franz, sag doch mal was!“
„Dieser Mistkerl“, entfuhr es dem Professor. „Na warte, der kann was erleben! Wo ist das Telefon?“
„Papa“, rief Gretchen entsetzt. „Du kannst ihn doch nicht anrufen! Ich will das nicht. Ich will überhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben.“
„Franz“, versuchte Bärbel Haase zu schlichten. „Denk an dein Herz! Du solltest dich nicht so aufregen!“

Doch alles Flehen nützte nichts. Franz Haase hatte das Telefon bereits in der Hand und verzog sich ins Musikzimmer, von wo aus in der nächsten halben Stunde heftiges Gebrüll und Gefluche zu hören war. Als Franz Haase schließlich wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte, saßen seine Frau und seine Tochter nebeneinander auf einem der gelben Kordsofas und hielten sich gebannt an den Händen. Ehrfürchtig sahen sie zu dem Ehemann und Vater auf, dessen Gesichtsausdruck noch immer ernst, aber weniger zornig war, da er sich seine ganze Rage von der Seele geredet hatte.

„Kälbchen“, wandte sich der Chirurg an seine Tochter, „dieser Kerl ist wirklich der weltgrößte Idiot, der herumläuft. Aber ich bin ihm auch sehr dankbar, denn besser, er zeigt sein wahres Gesicht jetzt, als dass dich irgendwann, wenn ihr eventuell sogar Kinder habt, betrügt und verletzt.“
„War’s das denn jetzt?“ fragte Bärbel Haase unsicher.
„Ich habe ihm absolutes Hausverbot erteilt“, nickte Professor Haase. „Und ich habe ihn gewarnt, nicht einmal ansatzweise zu versuchen, Kontakt mit Kälbchen aufzunehmen, schon gar nicht telefonisch. So“, er klatschte in die Hände. „Und nachdem das geklärt ist, sollten wir einen Neustart machen, ohne Peter. Nur du, Bärbel, ich und die Kinder. Was gibt es zu essen? Wir haben nämlich was zu feiern.“
„Zu feiern, Franz, nach all dem, was passiert ist?“ fragte die Ehefrau verwirrt.
Der Professor nickte.
„Wir feiern die Rückkehr unserer Tochter, mein Butterböhnchen.“
Er ging auf seine Frau und seine Tochter zu, kniete sich vor das Sofa und umarmte seine beiden Frauen. Als er sich von ihnen löste, drückte er ihnen nacheinander einen Kuss auf die Stirn. Dann erhob er sich wieder.
„Ich gehe in den Keller hinunter und suche uns einen schönen Rotwein heraus. Ihr könnt solange den Tisch decken. Oder, nee, Kälbchen, DU gehst dich erst umziehen!“
Sprach es und verließ das Zimmer.
Eine halbe Stunde später kam auch der Sohn der Familie, Gretchens sechs Jahre jüngerer Bruder Jochen, nach Hause und freute sich über den scheinbaren Besuch seiner Schwester.
„Na, du hast hoffentlich nicht Muffensausen bekommen vor dem großen Tag“, grinste der Medizinstudent im dritten Semester.
„Wo denkst du hin“, antwortete Gretchen trocken. „Ich habe den Arsch verlassen.“
Das saß. Jochen sah seine Schwester zunächst verstört an. Doch schnell begriff er die Situation und brach erneut in ein fettes Grinsen aus.
„Nee, ne?“ freute er sich. „Du hast dem Idioten endlich Fersengeld gegeben? Wurde auch mal Zeit, Schwesterherz!“
„Jochen“, mahnte die Mutter empört.
„Wieso?“ Der Dreiundzwanzigjährige sah seine Schwester von der Seite herausfordernd an. „Der doofe Sack hat dich doch sowieso nicht verdient.“
„Er hat mich betrogen“, sprudelte es aus Gretchen heraus, womit sie augenblicklich einen betroffenen Blick ihres Bruders erntete.
„Oh“, meinte er nur.
„Mit Sandra, seiner MTA“, erklärte Gretchen weiter.
„Ging das schon länger?“ fragte Jochen. „Also, gewundert hätte mich das bei DEM nicht.“
„Jochen“, mahnte Bärbel Haase erneut.
„Schon okay, Mama“, zwinkerte Gretchen der Mutter zu. „Jochen hat ja Recht. Peter ist ein richtiger Arsch. Aber davon lasse ich mich nicht umhauen. Ich habe Pläne. Papa, ich möchte nämlich gerne meinen Facharzt in der Chirurgie beenden.“
„Kälbchen!“ Franz Haase war sichtlich erfreut über diese Aussage seiner Ältesten. „Bei uns im Elisabethkrankenhaus?“
„Wenn ihr einen Platz frei habt“, nickte Gretchen. „Warum nicht?“
„Nun ja“, erklärte der Professor. „In zwei Wochen wird im Team von Dr. Rössel eine Assistentenstelle frei. Also, wenn du dann noch Interesse hast, könnten wir drüber reden.“
„Klar“, freute sich Gretchen. „Ich kenne Dr. Rössel ja noch von früher, als ich bei euch neben der Schule auf Station gearbeitet habe. Ich würde gerne dort anfangen.“
„Dann willkommen im Team, Dr. Haase“, sagte der Professor und zwinkerte seiner Tochter zufrieden zu. Endlich dachte das Kind mal daran, Karriere zu machen und nicht den nächstbesten Kerl zu ehelichen. Dazu hatte Margarethe wahrlich noch Zeit. Sie war schließlich noch keine dreißig Jahre alt.




Nachteule Offline

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24.06.2017 13:54
#3 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 3 – Dr. Haases erste Schicht

Zwei Wochen später wurde aus der promovierten Allgemeinärztin Gretchen Haase einer der beiden Assistenzärzte von Professor Rössel, dem leitenden Oberarzt der Allgemeinchirurgie am Elisabethkrankenhaus.

Gretchen war vor ihrer ersten Schicht selbstverständlich sehr aufgeregt. Sie fuhr zusammen mit ihrem Vater zur Arbeit, zu ihrem Entsetzen mit dem Rad. Doch Professor Haase hielt es für wichtig, sich körperlich zu betätigen. Da Gretchen kein eigenes Auto besaß, hatte sie kaum eine andere Wahl, um zeitig in die Klinik zu kommen.

„Na, aufgeregt?“ grinste Professor Haase seine Tochter an, als sie gemeinsam zum Eingang schritten.
„Total“, nickte Gretchen und presste ihre pinkfarbene Tasche ein wenig fester an ihre Hüfte.
Es war Jahre her, seit sie das Krankenhaus zum letzten Mal betreten hatte. Neugierig sah sie sich in der riesigen, verglasten Eingangshalle um.
„Wow“, staunte sie. „Das ist ja richtig modern geworden hier.“
Stolz nickte der Professor.
„Wir haben vor zwei, drei Jahren groß umgebaut und kernsaniert“, gab er freudig Auskunft. Er brachte seine Tochter zum Fahrstuhl und begleitete sie anschließend auf die Chirurgie im dritten Geschoss, wo er sie freudestrahlend seinem Kollegen, Dr. Rössel, überließ.
„Na, die Margarethe“, lachte der Oberarzt freundlich. „Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du noch ein junges Märchen aus der Oberstufe. Und jetzt bist du eine richtige junge Dame geworden.“
„Sie machen mich ganz verlegen, Dr. Rössel“, stammelte Gretchen und senkte schüchtern den Blick.
„Aber, aber, Dr. Haase“, grinste ihr neuer Chef. „Ich mache Sie jetzt am besten mit Ihren neuen Kollegen bekannt. Bitte kommen Sie!“ Er schob sie vor sich her zum Stationszimmer, wo er sie den anwesenden Schwestern vorstellte. Gretchen wurde freundlich von allen begrüßt. Doch vor allem eine Mitarbeiterin hatte es ihr angetan, Schwester Sabine.

Hach, die ist ja richtig niedlich, wie die so von unten herauf schaut, dachte Gretchen verzückt. Ich glaube, ich werde mich gut mir ihr verstehen.

Gretchens erster Arbeitstag verging wie im Flug. Sie durfte sogleich bei einer Leistenbruch-OP anwesend sein und sogar die Haken halten, was sie ungemein freute, da es ja ihr erster richtiger Arbeitseinsatz hier war. Nach dem Ende ihrer Schicht machte sie sich auf den Weg in den Verwaltungstrakt, um ihren Vater abzuholen und mit ihm zusammen nach Hause zu radeln. Dabei musste sie jedoch die Säuglingsstation durchqueren. Gretchen wusste auch nicht genau, was es war. Aber Babys hatten sie schon immer magisch angezogen. Und so blieb sie am Schaufenster stehen und betrachtete die zumeist schlafenden kleinen Wesen, die so friedfertig wirkten.

„Hallo“, sagte plötzlich jemand hinter ihr. Sie zuckte kurz zusammen, dann drehte sie sich langsam um und blickte in ein paar wunderschöne braune Augen.
„Hallo“, brachte sie nur krächzend heraus.
„Dr. Mehdi Kaan“, stellte der attraktive Arzt mit dem dunklen Lockenschopf sich vor und zeigte dabei auf sein Namensschild. „Oberarzt der Gynäkologie“, fügte er lächelnd hinzu.
„Dr. Margarethe Haase, Chirurgie… also… Assistenz, von Dr. Rössel, meine ich“, stotterte sie verlegen.
„Ach!“ Die Augenbrauen des Gynäkologen hoben sich überrascht. „Dann sind Sie die Tochter des Professors?“
„Äh… ja“, meinte Gretchen leicht überrollt. „Woher wissen Sie…?“
„Ach“, wiegelte Dr. Kaan ab. „Kliniktratsch. Neuigkeiten bleiben hier selten lange verborgen.“
„Achso“, lachte Gretchen und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne.
Mein Gott, hat die schöne Augen, dachte Dr. Kaan und verlor sich hoffnungslos in selbige.
Ist der aber sympathisch, dachte Gretchen und lächelte verträumt. Im nächsten Moment schrillten jedoch ihre innerlichen Alarmglocken.

Keine Männer mehr, Gretchen, schalt sie sich innerlich. Du wolltest Karriere machen.
„Ich muss dann auch mal wieder“, stammelte sie schüchtern. „Also, mein… Vater… wartet schon.“
„Ja dann“, sagte Mehdi Kaan verstehend. „Einen schönen Feierabend. Und wir sehen uns bestimmt die nächsten Tage mal wieder.“ Er hielt Gretchen seine ausgestreckte Hand hin, die sie sogleich entgegennahm und zaghaft schüttelte.
„Das denke ich auch“, erwiderte Gretchen lächelnd. „Ihnen auch einen schönen Abend, Dr. Kaan. Auf Wiedersehen.“ Schon spurtete sie davon.
„Na, Kälbchen, schon Freundschaft mit den Kollegen geschlossen?“ zwinkerte Professor Haase seiner Tochter entgegen, als sie ihn vor seiner bereits abgeschlossenen Bürotür antraf.
„Auf unserer Station ist es sehr harmonisch“, erklärte Gretchen. „Ich denke, ich werde gut mit den anderen Ärzten und den Schwestern auskommen.“
„Das freut deinen alten Herrn aber“, grinste Franz Haase und hielt der jungen Ärztin seinen Arm hin, damit sie sich bei ihm unterhakte.

Auf dem Weg zu ihren Fahrrädern berichtete Gretchen ihrem Vater von ihrer ersten Schicht, von den Patienten, die sie inzwischen kennengelernt hatte und von der OP, bei der sie anwesend gewesen war.

„Na siehste“, meinte der Professor zufrieden. „Dann war dein erster Arbeitstag ja recht erfolgreich. Und, meinst du, Rössel kann dir den Arbeitsvertrag aufsetzen?“
„Meinst du ehrlich, ich kann ganz im EKH anfangen?“ Gretchen wäre vor Freude fast in die Luft gesprungen.
„Kälbchen, du gehörst hierher. Du bist viel mehr als eine Allgemeinärztin. Ich denke, du könntest keine bessere Entscheidung treffen.“
„Das denke ich auch“, sagte Gretchen und drückte ihren Kopf liebevoll an die Schulter ihres Vaters.

Von heute an war sie Assistenzärztin im Elisabethkrankenhaus in Berlin-Zehlendorf. Und wenn es klappte und die Berliner Ärztekammer ihre bereits in Köln absolvierten zwei Jahre der Facharztausbildung anerkannte, würde es nicht mehr lange dauern, bis sie endlich eine richtige Chirurgin wäre. Sie würde Karriere machen und sich vielleicht eines Tages auch ihren Traum von der großen Liebe und einer eigenen Familie erfüllen.

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Nachteule Offline

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24.06.2017 13:57
#4 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 4 – Das erste Date mit Dr. Kaan

Die ersten Wochen als Assistenzärztin im Team von Dr. Rössel verliefen für Gretchen recht gut. Mit den Kollegen verstand sie sich einigermaßen blendend. Natürlich gab es einige, mit denen sie weniger zu tun hatte als mit den anderen. Aber nie hatte sie das Gefühl, dass man in ihr nur das Professorentöchterchen sah. Sie war eine Mitarbeiterin wie alle anderen.
Dr. Kaan begegnete sie oft in der Cafeteria. Sie mochte ihn von Tag zu Tag mehr. Er war nicht nur äußerst sympathisch und nett, man konnte sich auch über alle möglichen Dinge mit ihm unterhalten. Gretchen hatte das Gefühl, sie würde ihren Kollegen schon viel länger kennen, so groß war das Vertrauen zu ihm inzwischen. Aber dennoch gab es etwas, was sie stutzig machte. Es gab da eine gewisse Traurigkeit in seinem Blick, die sie nicht verstehen konnte. Was war es nur? Gretchen Haase wäre nicht Gretchen Haase, wenn sie nicht vorsichtig nachhaken würde.

„Na, Dr. Kaan“, fragte Gretchen eines Mittags, als sie den Dunkelhaarigen wie fast jeden Tag in der Cafeteria traf und sich fast schon selbstverständlich an seinen Tisch setzte. „Wieder zahlreiche Kinder glücklich auf die Welt geholt?“
„Heute waren es drei“, erklärte der Gynäkologe lächelnd. „Und bei Ihnen, Dr. Haase? Wieder eine OP erfolgreich bewältigt?“
„Ach, zwei Blinddärme, nicht der Rede wert, Dr. Kaan“, wiegelte Gretchen mit einer leichten Handgeste ab.
„Mehdi“, sagte Dr. Kaan freundschaftlich und hielt Gretchen seine Hand hin.
„Bitte?“ fragte diese ein wenig verdutzt.
„Na, ich denke, wir könnten mal zum Du übergehen“, erklärte der smarte Frauenarzt.
„Das finde ich aber auch“, stimmte die Blondine lachend zu und erwiderte den Handdruck.
„Gretchen“, sagte sie und lächelte.
„Ein sehr… hm… schöner Name für eine schöne Frau“, säuselte Dr. Kaan.
„Danke“, flüsterte Gretchen verlegen und senkte den Blick.
„Und“, fragte Mehdi schließlich. „Hast du heute Abend noch was Besonderes vor?“
War das jetzt eine Einladung zu einem Date?
„Wieso?“ fragte Gretchen vorsichtig.
„Na, wir könnten doch mal was trinken gehen zusammen“, schlug der Lockenköpfige vor.
„Warum eigentlich nicht?“ meinte die Blondine und lächelte erneut.
„Okay, ich hole dich um acht Uhr bei dir zu Hause ab“, sagte Mehdi. „Abgemacht?“
„Gerne“, strahlte Gretchen.

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„Wer ist denn dieser Dr. Laan?“ fragte Bärbel Haase fünf Stunden später, während Gretchen sich im Bad im ersten Stock für den Ausgehabend zurecht machte.
„Er heißt Dr. Kaan, Mama“, rief Gretchen gereizt. Ihre Mutter wollte wieder einmal alles ganz genau wissen. „Er ist der Oberarzt auf der Gynäkologie und Halbperser.“
„Hat der denn überhaupt eine Arbeitserlaubnis? So eine Blue Card oder wie das heißt?“
„Er hat einen deutschen Pass, Mama, wenn du das meinst“, antwortete Gretchen.
„Sein Vater ist Deutscher, seine Mutter kommt aus dem Iran. Geboren wurde er hier in Berlin. Und aufgewachsen ist er hier auch.“
„Du weißt aber schon eine ganze Menge über ihn“, grinste Bärbel Haase und steckte ihren Kopf zur Badezimmertür herein, während Gretchen sich gerade die Fingernägel lackierte. „Na, hoffentlich ist er nicht nur so nett, wie du ihn beschreibst, sondern sieht auch noch gut aus. Wäre gut für deine tollen Gene, Margarethe.“
„Mama!“ Gretchen verdrehte die Augen. „Dass du immer gleich an sowas denkst, wenn ich mal mit einem netten Kollegen was trinken gehe!“
„Du wirst nicht jünger, Kind“, mahnte die Mutter ernsthaft. „Irgendwann ist deine biologische Uhr mal abgelaufen. Und du weißt, wie sehr dein Vater und ich uns ein Enkelkind wünschen.“
„Jochen ist ja auch noch da“, wehrte Gretchen ab. Sie hatte auf das leidige Familienthema keine große Lust, vor allem nicht heute Abend.
„Jochen ist noch Student, Margarethe. Bis der mal eine Familie ernähren kann, wird das noch Jahre dauern. Und Männer müssen sich ja nicht so beeilen wie wir Frauen.“
„Du bist unmöglich, Mama“, grinste Gretchen und gab ihrer Mutter einen liebevollen Wangenkuss.

Wenige Minuten später klingelte es an der Haustür. Gretchen beeilte sich, diese zu öffnen. Als Mehdi sie erblickte, blieb sein Mund vor Staunen offen stehen.
„Du, du bist… wunderschön“, stammelte er.
„Danke“, sagte Gretchen und errötete leicht.
Tatsächlich sah sie unwiderstehlich aus in ihrem knielangen petrolblauen Kleid mit Wasserfall-Ausschnitt. Ihre Haare hatte sie seitlich mit Spangen locker zurückgebunden. Passend zu dem Kleid trug sie einen blauen Lidschatten, einen knallroten Lippenstift und silberfarbene Peeptoes.
Nachdem Mehdi sich wieder einigermaßen gefangen hatte, geleitete er Gretchen zu seinem schwarzen Mercedes-Kombi und hielt ihr galant die Beifahrertür auf, ließ sie einsteigen und begab sich dann selbst auf den Fahrersitz seines Autos, startete den Motor und fuhr mit seiner blonden Prinzessin davon.
Aus dem Fenster des Musikzimmers hatte Bärbel Haase alles genauestens beobachtet. Sie war dermaßen gerührt, dass Margarethe einen so gut aussehenden Verehrer abbekommen hatte, dass ihr Tränen in den Augen standen. Araber hin oder her, dieser Mann war definitiv ein Traum von einem Schwiegersohn. Und er war Arzt – immerhin.

Kurze Zeit später kamen Mehdi und seine hübsche Begleiterin in Friedrichshain an. Mehdi führte Gretchen am Arm in ein schickes Lokal im Kiez. Die blonde Ärztin war beeindruckt. Sie war seit Jahren nicht mehr in dieser Gegend gewesen und kannte das angesagte, aber noch junge Café dementsprechend nicht. Der Frauenarzt suchte den beiden einen ruhigen Tisch aus. Gretchen rutschte auf die rote Kunstlederbank, während Mehdi sich ihr gegenüber auf einen Stuhl setzte, um seine Angebetete direkt ansehen zu können. Und er sah sie gerne an, blickte ihr verliebt in die blauen Augen und begann zu träumen.
Er träumte davon, mit Gretchen über den Wolken zu fliegen, mit ihr über Wiesen zu rollen oder in einem kleinen Fischerboot über den Wannsee zu rudern. Kurzum, er war für einen Moment weggetreten.

„Mehdi?“ riss Gretchen ihren Begleiter aus seinen Gedanken.
Ertappt sah dieser hoch.
„Äh… ja?“ fragte er verdutzt.
„Kann ich Ihnen etwas bringen?“ fragte neben ihm ein Kellner.
„Oh…“, meinte Mehdi. Es war ihm unübersehbar peinlich, dass er mit den Gedanken soeben abgedriftet war. „Ich hätte gerne ein alkoholfreies Bier. Und du, Gretchen?“
„Einen Gingerale bitte“, sagte diese.
„Gerne“, bestätigte der Kellner. „Kommt sofort.“ Dann verschwand er vorerst wieder.
„Hey“, meinte Gretchen nun an Mehdi gewandt. „Wo warst du gerade in deinen Gedanken?“
„Nirgends und doch hier“, antwortete Mehdi ruhig und hoffte, dabei geheimnisvoll zu klingen. Er grinste Gretchen breit entgegen. Sie sollte auf keinen Fall Verdacht schöpfen. Er wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und ihr sagen, dass er sich in sie verliebt hatte. Nach seiner letzten beziehungstechnischen Erfahrung, wollte er es jetzt langsam angehen lassen. In den wenigen Wochen, die er Gretchen erst kannte, war sie ihm zu einem der wichtigsten Menschen in seinem Leben geworden. Er wollte sie nicht gleich schon wieder vergraulen. Er war doch nicht der Meier, mit dem er zusammen studiert und während des Studiums auch eine Weile zusammengewohnt hatte. Marc Meier, mit dem er sich ab und zu zum Squash spielen verabredete, hatte noch nie etwas anbrennen lassen, wenn es um Frauen ging. Mehdi hingegen glaubte an die große Liebe. Wenn, dann wollte er etwas Festes, Verbindliches. Und Gretchen schien genau die Richtige für ihn zu sein. Nein! Sie WAR die Richtige für ihn.

Die Getränke wurden gebracht, und die beiden Ärzte bestellten sich noch einen kleinen Imbiss. Bis das Essen an den Tisch kam, unterhielten sich Gretchen und Mehdi locker über ihre Arbeit. Gretchen erzählte ihrem Kollegen, wie sie in Köln ihr exzellentes Studium absolviert und was sie danach gemacht hatte. Sie sparte auch nicht daran, Peter zu erwähnen. Auf Mehdis vorsichtige Frage, warum sie nicht mehr mit ihm zusammen war, antwortete sie lapidar:
„Es hat halt nicht mehr gepasst. Da muss man kurz vor der Hochzeit stehen, um das zu erkennen.“
„Oder bereits verheiratet sein“, nickte Mehdi verstehend. Überrascht blickte Gretchen ihn an.
„Warst du… ich meine, bist du…?“
Sie stellte die Frage nicht zu Ende, als die Mehdis plötzlichen, traurigen Blick bemerkte.
„Entschuldige“, meinte sie leise. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
„Schon okay“, sagte Mehdi. „Jeder hat halt sein kleines Päckchen zu tragen. Meines ist meine Exfrau. Ja, ich war bis vor kurzem verheiratet. Anna ist Tänzerin, hat ein Engagement in New York erhalten. Und… und wir haben eine kleine Tochter zusammen. Lilly lebt bei mir.“
„Oh“, brachte Gretchen überrascht hervor. „Das wusste ich nicht.“
„Tja“, meinte Mehdi abwehrend. „So etwas passiert halt im Leben. Niemand ist davor gefeit.“

Gretchen wusste nicht so recht, was sie auf diese Aussage antworten sollte. Glücklicherweise wurde gerade das Essen an ihren Tisch herangetragen. Somit war das Gespräch erst einmal unterbrochen. Sie machten sich sogleich über das Essen her und stellten fest, dass sie ihre Vorliebe für Pasta gemeinsam hatten. So erhielt der Abend gesprächstechnisch eine Wendung, denn Mehdi interessierte sich brennend für Gretchens Hobbys, wollte alles wissen über ihre Lieblingslieder, Lieblingsbücher und Lieblingsfilme.

„Hey, ich stehe auch auf Komödien“, lachte Mehdi, nachdem Gretchen ihm erklärt hatte, dass sie Sex and the City sowie die Bridget-Jones-Filme total gerne ansehe und diese sogar auf DVD besitze.
„Du magst Robbie Williams?“ fragte Mehdi kurze Zeit später ungläubig. „Der hat doch eine Schmalzlocke. Aber seine Lieder sind gut.“
„Ich könnte dich genauso fragen, was du an Rihanna attraktiv findest“, lachte Gretchen. „Aber ihre Musik ist auch nicht schlecht.“
„Sag isch ja“, nuschelte Mehdi zwischen zwei Happen Pasta. „Kommt nischt auf dasch Ausschehen an, schondern auf die Mufik.“
„Mit vollem Mund spricht man nicht“, mahnte die Blondine lehrerinnenhaft und grinste ihren Begleiter amüsiert an.
„Stimmt“, sagte Mehdi ebenfalls grinsend und zwinkerte ihr zu.

Es wurde ein schöner Abend. Nach dem Essen machten die beiden Kollegen aus dem EKH einen Verdauungsspaziergang durch den Boxhagener Park und liefen dann noch ein wenig die Simon-Dach-Straße entlang. Auf dem Kiez ging es hoch her. Es waren an diesem Abend viele Leute unterwegs. Plötzlich jedoch stoppte Mehdi.

Oh nein, dachte er erschrocken. Nicht dieser Idiot! Nur schnell weg hier. Hab keinen Bock auf seine dummen Sprüche.

Wortlos zerrte er die verdutzte Gretchen in einen versteckten Hauseingang.
„Was soll das, Mehdi?“ fragte sie perplex.
Mehdi jedoch drückte ihr einfach den Mund auf die Lippen. Gretchen war überrumpelt, zugleich aber auch positiv überrascht. Mehdi war ein unglaublich guter Küsser. So viel besser als Peter, stellte sie mit Genugtuung fest. Gretchen ließ sich völlig fallen. Der Kuss dauerte lange, war zunächst sanft und vorsichtig, wurde dann aber forscher und leidenschaftlicher. Mehdi schob seine Hände über Gretchens Rücken. Beide begannen heftiger zu atmen. Wenn Mehdi sie jetzt hier an Ort und Stelle genommen hätte, Gretchen hätte wohl nichts dagegen gehabt. Verdattert ertappte sie sich bei diesem unkeuschen Gedanken. Aber es gefiel ihr, heimlich so verrucht zu sein. Musste ja keiner wissen. Es blieb ihr kleines, inneres und schmutziges Geheimnis.

Mehdi löste sich von Gretchen und sah sie lächelnd an. Gretchen lächelte zurück. Man könnte sagen, in diesem Moment war beiden klar, dass es mehr zwischen ihnen gab als das einfache Gefühl, Kollegen oder gar Freunde zu sein, so sehr klopften beider Herzen.

Er ist der Richtige,
dachte Gretchen bei sich.
Ich bin verliebt, erkannte Mehdi.

Beide strahlten über beide Ohren, als sie sich erneut in die Augen blickten.
Erst allmählich traute Mehdi sich, Gretchen wieder aus der Nische zu ziehen. Gott sei Dank, Marc Meier und seine scheinbare neue Flamme waren von der Bildfläche verschwunden. Mehdi wusste nicht, warum, aber er hatte kein Bedürfnis danach, dass sein ehemaliger Kommilitone ihn mit dieser hübschen blonden Frau entdeckte. Womöglich lag der Grund darin, dass Marc ihm schon einmal eine Frau ausgespannt hatte, in die Mehdi bis über beide Ohren verliebt war. Er hatte es lange nicht verwunden, dass sie ihn wegen diesem Machoarsch verließ und Marc wochenlang hinterherrannte, obwohl er es ohnehin nicht ernst mit ihr meinte und in ihr nur eine willige Affäre sah. Noch einmal würde Mehdi das nicht zulassen, vor allem nicht bei diesem engelhaften Wesen namens Gretchen Haase.

Als Mehdi Gretchen eine Stunde später vor ihrem Elternhaus absetzte, zog sie ihn, ehe sie aus dem Auto stieg, noch einmal zu sich heran und wiederholte ihrerseits den unglaublichen Kuss. Erst nach Minuten lösten sie sich wieder voneinander. Gretchen stieg aus dem Wagen und blickte Mehdi noch einmal lächelnd an.
„Danke für den schönen Abend“, sagte sie leise. „Wir können den ja mal wiederholen. Gute Nacht, Mehdi.“
„Gute Nacht, Gretchen“, erwiderte Mehdi ebenfalls lächelnd und ließ den Motor wieder an. Er fuhr jedoch erst los, als Gretchen in der Villa ihrer Eltern verschwunden war.

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27.06.2017 18:26
#5 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 5 – Dr. Meier ist (k)ein Traumtänzer

Ein paar Stunden früher vor dem Eingang einer Szene-Bar im Simon-Dach-Kiez:

Die brünette und äußerst schlanke junge Frau in dem mehrfarbig glitzernden, sexy Cocktailkleid, hängte sich dem attraktiven Dunkelhaarigen stürmisch an den Hals und kicherte angeschickert.
„Och komm, Marci“, säuselte sie ihm ins Ohr. „Ich will noch in diesen angesagten Club, in dem wir letzte Woche waren. Die spielen so geile Musik da. Bitte, Marci!“
„Nenn mich nicht ‚Marci‘“, brummelte der Schönling. „Außerdem hätte ich eine ganz andere Idee, wie wir die Nacht zu Ende bringen könnten“, grinste er anzüglich.
„Büdde, Marc“, bettelte die Braunhaarige. „Erst tanzen wir, und danach kannst du mit mir machen, was du willst.“
„Alles?“ griente der Angesprochene erwartungsvoll.
„Ja klar“, nickte die Mittzwanzigerin.
„Okay“, sagte Marc. „Aber nur einen Tanz.“
Seine Begleiterin schon die Unterlippe vor und sah ihn flehentlich an.
„Ach, Gabi“, seufzte er. „Wie kann ich diesem Blick widerstehen? Gut, zwei Tänze. Aber dann bin ich dran.“
„Supi“, freute sich die junge Frau und küsste ihren Begleiter überschwänglich auf den Mund.

Der Kuss blieb nicht unerwidert, sondern wurde beiderseitig intensiviert. Gabi schloss genießerisch die Augen und wuselte mit ihren Händen in Marcs zuvor perfekt gestylten Haaren herum. Marc öffnete während des Kusses kurz die Augen. Allerdings wurde er dann stutzig und schob Gabi abrupt von sich, die natürlich erst einmal verdutzt aufsah und schon protestieren wollte wegen der etwas ruppigen Behandlung ihres Oberarztes. Doch Marcs Aufmerksamkeit war längst woanders.

War das nicht Mehdi?
dachte der junge Chirurg verwundert. Mehdi Kaan? Hier im Kiez, mit einer augenscheinlich weiblichen Begleitung?

Marc hatte gerade noch so aus den Augenwinkeln gesehen, wie sein alter Kumpel und ehemaliger WG-Mitbewohner in etwa dreißig Metern Entfernung an ihm vorbeihuschte, an seiner Hand eine heiße Blondine, mit welcher er in irgendeinem Hauseingang verschwunden war.

Na sieh mal einer an, lachte sich der junge Doktor in Fäustchen. Unser Frauenversteher hat ein Date. Wurde ja auch mal Zeit! Der hat wahrlich lange genug um seine Ex getrauert und mir mit seinen depressiven Verstimmungen in den Ohren gelegen.

„Marc?“ wurde der debil vor sich hin grinsende Braunhaarige aus seinen Gedanken gerissen. „Was ist denn los?“
„Nix, Gabi“, antwortete Marc abwiegelnd. „Du wolltest doch tanzen oder? Na los, komm schon!“ Er nahm seine Affäre oder was auch immer an die Hand und zog sie mit sich die Straße entlang zu einem der Szene-Clubs der Stadt, wo ein bekannter DJ an diesen Abend auflegen sollte. Gabi hüpfte wie ein kleines Kind auf ihren High Heels herum, als sie die Ankündigung des heutigen Stargastes auf dem Aufsteller neben dem Clubeingang las. Marc verdrehte entnervt die Augen. Aber was tat er nicht alles, um sein heißes Betthäschen bei Laune zu halten!

Gabi an ihrem Handgelenk hinter sich herziehend, und das nicht gerade sanft, steuerte Dr. Marc Meier zunächst einmal die Bar an. Er brauchte etwas Aufbauendes, bevor er sich auf der Tanzfläche zum Affen machte. Er bestellte sich einen Biermix, während seine Begleiterin sich für ein trendiges Cocktailgetränk entschied, was er augenrollend zur Kenntnis nahm, als sie zufrieden ihr kitschig geschmücktes Glas mit einer blutroten Flüssigkeit entgegennahm und letztere genießerisch langsam durch den dünnen schwarzen Strohhalm aufsaugte. Dabei strahlte sie, die Augen auf den bekannten Stargast-DJ am Mischpult gerichtet und wippte verträumt auf ihrem Barhocker sitzend, die schlanken, langen Beine lasziv übereinandergeschlagen, im Takt der Musik. Gabis Anblick war das, was Dr. Meier in diesem Augenblick dafür entschädigte, dass er durch die abartig laute Musik und das elendige Stimmengewirr um sich herum fast einen Hörsturz bekam und durch das ewige Flackern der Scheinwerfer beinahe blind wurde. Er war kein Disco-Typ, zog es lieber vor, in coolen Bars abzuhängen, in denen die Lautstärke ein wenig gedämmter war und bestenfalls rockige Klänge ertönten. Gabi allerdings war ein richtiges Disco-Mäuschen, liebte es, zu House oder R’n‘B abzutanzen. So gesehen passten sie nicht zusammen, aber sie harmonisierten dafür im Bett.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass Gabi von einigen ihrer sogenannten „Freundinnen“ im Vorbeilaufen erkannt und stürmisch umarmt wurde. Und natürlich gab die Krankenschwester sofort mit ihrem attraktiven Begleiter an. Die jungen Frauen musterten Marc unverhohlen. Er grinste aufgesetzt, aber innerlich fühlte er sich wie eine Schaufensterpuppe, die gerade für ihr angesagtes Outfit bewundert wurde. Doch das Drama war für ihn längst nicht zu Ende, als kaum eine Minute später Gabis derzeitiges Lieblingslied angespielt wurde, eine schnelle Dance-Nummer, zu der sie unbedingt tanzen wollte. Ungeduldig zog sie Marc mit sich. Nun, er hatte ihr versprochen, mit ihr zu tanzen, also würde er das auch tun.





Das Bild, das sie manchem aufmerksamen Beobachter nun geboten haben mochten, war sensationell. Die hübsche Brünette verausgabte sich vor lauter Motivation und Begeisterung regelrecht auf der Tanzfläche, während ihr Begleiter lustlos die Arme anwinkelte und wieder ausstreckte und sonstige komische Verrenkungen mit seinem eigentlich auch bekleidet recht ansehnlichen Körper anstellte, was nur im Entferntesten nach Tanzen aussah. Es war ja nicht so, dass Dr. Marc Meier kein Rhythmusgefühl besaß, im Gegenteil! Als Kind hatte er jahrelang zwangsweise Klavierunterricht erhalten und sich dabei gar nicht so unbegabt angestellt. Und mit fünfzehn Jahren hatte seine Mutter ihn zum Tanzkurs angemeldet. Selbst dort stellte der Junge sich als äußerst begabt heraus. Marc dachte nicht gerne über diese Zeit nach, denn es war ihm vor seinen Kumpels ziemlich peinlich gewesen, dass er einmal in der Woche Wiener Walzer oder Rumba übte, noch dazu mit einer Tanzpartnerin, die er eigentlich allen verheimlichen wollte – Gretchen Haase.


(Rückblick, Sommer 1993 in einer Tanzschule in Berlin-Mitte)


„Hey Marc“, grinste ihm das moppelige Zahnspangen-Mädchen mit der riesigen Brille freudig entgegen, nachdem er die Vorhalle des Tanzsaales betreten hatte, in dem gleich die erste Jugend-Tanzstunde beginnen sollte. Mit Erleichterung stellte Marc fest, dass er, außer Gretchen „Haasenzahn“ Haase, keinen der anderen Tanzschüler kannte. Wenigstens blieb ihm damit der größte Spott seiner Schul- und Fußballfreunde erspart, die ja nicht erfahren mussten, womit er diesen Teil seiner Freizeit verbrachte und vor allem, mit wem.

Augenrollend setzte der Jugendliche sich, in einigen Metern Entfernung, auf eine Bank und sah überall hin, nur nicht zu dem peinlichen rosa Schweinchen dort drüben, das ihn offen anhimmelte und ihn nicht aus den Augen ließ. Ihre permanenten Blicke machten ihn nervös. Krampfhaft versuchte er, unter den attraktiveren Tanzschülerinnen eine mögliche feste Tanzpartnerin auszumachen. Zu seinem Entsetzen musste er aber kurze Zeit später, als die Tanzpaare zu Beginn der ersten Lehrstunde eingeteilt wurden, feststellen, dass fast alle Mädchen bereits einen festen Partner an ihrer Seite hatten, alle, außer – Haasenzahn. Also blieben nur sie beide übrig. Marc hatte keine Wahl. Er würde fünf Wochen lang jeweils eine Stunde mit dieser rosa-pinken Tüllkugel durch den Tanzsaal schlurfen müssen, ja, schlurfen, denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Gretchen Haase ein Leichtfuß war. Sie war ja schon im Sportunterricht eine Niete, wie ihm zu Ohren gekommen war. Wieso sollte das beim Tanzen anders sein?

Widerwillig nahm Marc am Rand des Tanzsaales neben Gretchen Platz und hörte nur mit einem Ohr zu, was der Tanzlehrer zu den Jugendlichen sagte. Als dieser seine Einstiegsrede beendet und die Tanzschüler aufgefordert hatte, sie aufzustellen, bekam Marc davon nichts mit, so sehr war er in seinen Gedanken vertieft.

„Marc“, flüsterte Gretchen lispelnd. „Du musst aufstehen.“
„Hä?“ fragte der Junge verdutzt.
„Du musst dich mir gegenüber hinstellen“, erklärte Gretchen ruhig. „So wie die anderen Jungs das machen.“
„Oh Mann“, murrte der Braunhaarige und tat widerwillig, was von ihm verlangt wurde. „Und nun?“
„Psst“, machte Gretchen. „Der Tanzlehrer erklärt doch schon, wie’s weitergeht.“

Nachdem die Tanzpaare sich jeweils gegenübergestellt hatten, wurden die Jungen nun dazu angehalten, sich formvollendet und altmodisch vor den „Damen“ zu verbeugen und deren Kopfnicken abzuwarten, womit letztere signalisierten, dass sie mit den „Herren“ zu tanzen bereit waren. Gretchen und einige andere Mädchen kicherten dabei vor Vergnügen. Im folgenden Schritt ging es um die richtige Tanzhaltung, die bei einzelnen Paaren, auch bei Gretchen und Marc, vom Tanzlehrer nachkorrigiert werden musste. Danach erklärte er die Vorgehensweise der Schrittfolgen des Wiener Walzers. Marc wurde nervös. Was, wenn er Gretchen ständig auf die Füße trat? Sie würde quieken wie ein Schwein, nach welchem sie in ihrem Outfit ohnehin schon aussah. Wie peinlich wäre das für ihn? Könnte er nicht einfach durch ein Loch im Fußboden verschwinden? Nervös sah er Gretchen an. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Und plötzlich erkannte er, dass hinter dieser riesigen, hässlichen Brille zwei strahlende, blaue Augen auf ihn gerichtet waren, blau wie das Meer, in das er augenblicklich eintauchte. Er war so sehr versunken, dass er nicht einmal mitbekam, wie ihn die beginnende Musik zum Schweben brachte. Der Tanzlehrer war innerlich gerührt, als er das ungleiche Tanzpaar so perfekt harmonisieren sah. Das dicke Mädchen und der schlaksige Junge schienen wie füreinander geschaffen. Ihre Tanzschritte saßen wie eine eins, okay, wie eine zwei. Sie waren ja noch Anfänger, da wollte man mal nicht übertreiben mit der gedachten Benotung. Die beiden schwebten förmlich über das Parkett. Doch plötzlich erwachte Marc. Was machte er hier eigentlich? Und vor allem, mit WEM machte er das?

„Au!“ schrie Gretchen mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. „Du bist mir voll auf den Fuß getreten.“
„Ja, entschuldige“, maulte der Teenager genervt. „Was kann ich denn dafür, wenn du mir deine Quadratlatschen in den Weg schiebst?“
„Ach, nun bin ich Schuld oder was?“ verteidigte sich das blonde Mädchen lautstark.
„Du bist ja sowieso viel zu fett zum Tanzen“, keifte Marc zurück.
„Bin ich nicht“, murrte Gretchen beleidigt. „Außerdem verwächst dich das, sagt meine Mutter.“
„Wer’s glaubt“, lachte Marc ihr frech ins Gesicht.
Die beiden stritten heftig weiter. Unschöne Worte fielen auf beiden Seiten. Der Tanzlehrer bahnte sich einen Weg durch den sich bereits gebildeten Kreis der anderen Tanzschüler, welche die Szenerie belustigt beobachteten, und zerrte die Streithähne auseinander.
„Ich denke, für euch beide ist die Tanzstunde für heute beendet“, erklärte der leicht Grauhaarige.
„Bitte?“ fragte Gretchen ungläubig und sah den Tanzlehrer entsetzt an.
„Gerne“, grinste Marc und machte sich sofort mit seiner aufgesetzten Coolness aus dem Staub, froh, diesem unnötigen Theater vorerst entkommen zu sein.

Leider hatte er bei seiner Mutter kein Glück, als er sie bat, keine Tanzstunden mehr nehmen zu müssen. In der folgenden Woche musste er also wieder dorthin. Und wieder saß Gretchen in der Vorhalle und wartete. Sie würdigte ihn, wie auch während der letzten Tage auf dem Schulhof, keines Blickes. Das gefiel ihm nicht. Einen Marc Meier ignorierte man nicht einfach so. Also baute er sich direkt vor Gretchen auf und sprach sie an, um im nächsten Augenblick ungewöhnlich kleinlaut zu wirken.

„Gretchen, äh… wegen letzter Woche“, begann er und suchte nach Worten. Er wusste, dass er sich jetzt zum Affen machte. Aber er hatte keine Wahl. Weder er noch Gretchen hatten andere Tanzpartner bekommen. Sie würden also noch einmal miteinander tanzen müssen. Und diesmal hatte er keine Lust, Haasenzahn zu verärgern. Warum, wusste er auch nicht. Vielleicht, weil sie ihm innerlich ziemlich leid tat. Und daran war er zumindest nicht unschuldig.
„Du weißt schon“, meinte er schließlich und setzte sich neben sie auf die Bank, „dass du heute wieder mit mir Vorlieb nehmen musst auf dem Parkett.“
„Leider“, seufzte sie. „Meine Füße tun mir jetzt schon leid.“
„Hey“, echauffierte Marc sich leicht. „Das war keine Absicht letzte Woche. Das war ein Versehen.“
„Ach“, lachte Gretchen auf. „Seit wann macht Marc Meier so etwas ohne Absicht? Du wolltest mich doch nur mal wieder damit treffen.“

„Wollte ich nicht.“
„Wolltest du wohl.“
„Aus“, rief die Stimme des Tanzlehrers dazwischen. „Wenn ihr zwei nicht augenblicklich mit eurer Streiterei aufhört, dann werde ich euch zwangsweise neuen Tanzpartnern zuteilen. Und ich denke, dass diejenigen, die das neben euch betrifft, darüber nicht erfreut sein werden.“
Erschrocken sahen sowohl Gretchen als auch Marc den älteren Mann an. Keiner von beiden wollte, dass zwei andere Jugendliche wegen ihnen leiden mussten, indem man sie und ihren jeweils angestammten Tanzpartner entzweite.
„Ich erwarte von euch“, sagte der Tanzlehrer streng, „dass ihr euch jetzt vertragt und entschuldigt, damit dieser Unsinn zwischen euch ein Ende hat.“
Es war ausgerechnet Marc, der den ersten Schritt ging und Gretchen seine ausgestreckte Hand hinhielt.
„Entschuldigung“, murmelte er.
„Okay“, nickte Gretchen verlegen. „Entschuldigung auch von mir.“
„Gut“, meinte der Tanzlehrer. „Dann hätten wir das ja geklärt.“ Er klatschte mehrmals in die Hände. „Auf geht’s liebe Kinder.“ Brav folgten ihm die zwölf Tanzpaare in den Tanzsaal und nahmen dort sofort Position auf.

Erstaunlicherweise klappte zwischen Gretchen und Marc während der übrigen Tanzstunden alles einigermaßen ohne Zwischenfälle. Sie harmonisierten wieder. Marc musste zugeben, es machte ihm sogar Spaß, mit Haasenzahn zu tanzen. Sie stellte sich überraschenderweise recht gut an auf dem Parkett. Und die Schulkameraden wussten zu seiner Erleichterung nichts von seinem wöchentlichen Kurzzeithobby, bis – ja – bis sein Kumpel Sebastian ausgerechnet in der letzten Tanzstunde für den erkrankten Tanzpartner seiner Cousine Betty einsprang. Und trotz allen Flehens bei Sebastian, konnte dieser den Mund nicht halten und verriet Marc bei den anderen Kumpels.

„Na, du Traumtänzer“, lachte ihm sein Klassenkamerad Volker am nächsten Morgen entgegen. „Gestern noch fett Party gemacht mit der dicken Haase?“
„Ich gebe dir gleich ein paar aufs Maul, Volker“, rief Marc erbost und funkelte seinen Mitschüler gefährlich an. „Wehe, das macht die Runde, klar?!“

Die letzte Warnung kam allerdings zu spät. In den nächsten Wochen war das „Traumtanzpaar“ Marc Meier und Gretchen Haase das Gesprächsthema Nummer eins auf dem Schulhof des Gymnasiums am Wannsee. Selbst die Kumpels im Fußballverein, dem Marc angehörte, zogen ihn mit seinem tänzerischen Ausflug in die Arme des dicken Haasen auf. Marc war sauer, richtig sauer, so sauer, dass sein berüchtigter Ameisenblick wieder zum Vorschein kam. Es wurde Zeit, dass wieder die alte Ordnung in seinem Umkreis hergestellt wurde. Er wusste, dass das nur funktionieren konnte, wenn er Haasenzahn öffentlich bloßstellte.

Es fiel Marc Meier nicht leicht, sich einen Streich auszudenken, den er Haasenzahn noch nicht gespielt hatte. Und eigentlich wollte er sie nicht mehr wirklich ärgern. Aber es ging darum, seinen guten Ruf wiederherzustellen. Warum er dabei auf die „grandiose“ Idee kam, lediglich ihren Fahrradsattel zu lockern und ihr das Ventil ihres Vorderreifens zu mopsen, konnte er sich auch nicht erklären. Dass aber Haasenzahn ihr Fahrrad nach der Schule vier Kilometer fluchend und zeternd nach Hause schieben musste und schon nach ein paar Metern den Sattel dabei in der Hand hielt, war es die Sache Wert, um wenigstens durch den Versuch, ihr eins auszuwischen, wieder den alten Respekt seiner Kumpels zurückzuerhalten. Marc Meier war eben der „Coole von der Schule“ und kein Traumtänzer.


(Rückblick Ende)


Marc war froh, als Gabi endlich genug vom Tanzen hatte und strahlend und glücklich auf ihn zu stolziert kam.
„Können wir denn jetzt gehen und zum angenehmeren Teil der Nacht kommen?“ fragte er ungeduldig.
Spontan drückte Gabi ihm einen Kuss auf die Wange.
„Gut“, raunte sie ihm ins Ohr. „Ich bin nämlich ziemlich groggy vom Tanzen. Lass uns ein Taxi nehmen und zu dir fahren, okay?“
„Schon bestellt“, grinste Marc breit über sein Gesicht und zerrte seine Gespielin hinter sich her nach draußen, froh, dem Discolärm für heute entkommen zu sein und voller Vorfreude auf ein bisschen Bettensport. Ähm… nur ein bisschen? Aber doch nicht mit dem unersättlichen Dr. Meier!

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29.06.2017 21:26
#6 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 6 – Konkurrentinnen

Am Montagmorgen kam ein gut gelaunter Dr. Kaan im Elisabethkrankenhaus an. Berauscht von dem wunderbaren Date am Wochenende, hüpfte er im Erdgeschoss in den Aufzug und schenkte den Personen, die gerade heraustraten, ein strahlendes Lächeln. Es war eine Freude, Dr. Mehdi Kaan an diesem Morgen zu begegnen.
Im ersten Stock hielt der Aufzug, aus den Boxen in den oberen Ecken der Stahlwände wurde gerade passenderweise ein Gute-Laune-Song gespielt.





Die Aufzugstüren öffneten sich, und die Sonne ging endgültig auf für den smarten Gynäkologen, als er direkt in Gretchen Haases strahlende blaue Augen blickte.
„Hi“, sagte Mehdi schüchtern.
„Hi, Mehdi“, erwiderte Gretchen lächelnd.

Schweigen. Verlegene, verstohlene Blickwechsel. Gegenseitiges scheues Anlächeln. Es lang schon ein gewisses Knistern in der Luft, das beider Herzen wild zum Klopfen brachte.
Schließlich raffte sich Gretchen auf, um ein lockeres Gespräch mit dem gutaussehenden Oberarzt zu beginnen.

„Wie war es gestern mit Lilly im Zoo?“ fragte sie, um der Luft um sie herum die die merkliche Anspannung zu nehmen, wenigstens zu lindern.
Mehdi atmete erleichtert durch, als er, der stolze Vater, von seinem und Lillys gemeinsamen Sonntagsausflug berichten konnte. Jetzt, wo das Thema einmal angeschnitten war, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus.
„Sehr gut. Sie war wie immer nicht zu bändigen“, lachte der Frauenarzt. „Sie rannte mal hierhin, mal dahin, wie Kinder eben sind in dem Alter. Und wie sie es am liebsten mag, war sie die meiste Zeit im Streichelgehege bei den Ziegen und Kaninchen.“
Gretchen nickte versonnen und stellte sich bildlich vor, wie viel Vergnügen Vater und Tochter zusammen im Zoo gehabt haben mochten. Und sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie es unheimlich süß fand, mit wie viel Liebe Mehdi von seiner Lilly erzählte.
„Klingt, als wenn ihr wirklich eine Menge Spaß hattet“, meinte sie, nachdem ihr Gegenüber seinen letzten Satz beendet hatte. Sie schenkte Mehdi ein zauberhaftes Lächeln.
„Klar, haben wir doch immer“, nickte Mehdi und lächelte zurück. „Und? Was liegt heute so an? Wieder ein paar Leben retten?“
„Ich stehe gleich mit dem Rössel im OP“, erklärte die angehende Chirurgin. „Mal wieder ein Blinddarm. Seit ich hier angefangen habe, war ich schon bei so vielen Blinddarm-OPs dabei, dass ich das Gefühl habe, hier nichts anderes zu sehen zu bekommen.“
„Kannst ja mal bei mir auf der Gyn aushelfen, wenn du Abwechslung suchst“, lachte Mehdi.
„Das wäre doch mal ein Angebot“, erwiderte Gretchen und stimmte in sein heiteres Lachen ein. Von der zu Anfang noch recht befangenen Stimmung war kaum noch etwas zu merken.
Ein paar Sekunden später erreichte der Aufzug die dritte Etage. Gemeinsam stiegen Gretchen und Mehdi aus. Die Allgemeinchirurgie und die Gynäkologie lagen direkt nebeneinander. Allerdings musste Mehdi rechts abbiegen, während Gretchen nach links lief.
„Sehen wir uns heute Mittag in der Cafeteria?“ fragte Mehdi und sah Gretchen dabei tief in die Augen, was sie wiederum heimlich schlucken ließ. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken bei diesem intensiven, aber sanftmütigen Blick. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Gretchen?“ fragte Mehdi nun leicht besorgt, da sie sekundenlang nicht geantwortet, sondern ihn stattdessen fast regungslos angesehen hatte.
„Bitte?“, fragte sie schließlich irritiert.
„Ich halte dir heute Mittag liebend gerne einen Platz an meinem Tisch frei“, lächelte Mehdi.
„Oh“, brachte Gretchen lediglich hervor.
Mehdi sah sie erschrocken an.
„Ich…“, stammelte er nun sichtlich betroffen. „Ich wollte dich nicht überrumpeln. Also, wenn dir das zu schnell geht…“
„Gerne“, unterbrach ihn Gretchen plötzlich. „Ich meine… also… klar darfst du mir einen Tisch an deinem Platz freihalten… äh… einen Platz an deinem Tisch, meinte ich.“ Sie lachte verlegen über ihren kleinen Satzfehler.
„Super“, sagte Mehdi zufrieden. „Ich mache um halb eins Pause. Und du?“
„Auch halb eins“, antwortete Gretchen.
„Dann sehen wir uns also nachher“, nickte Mehdi. „Ich freue mich. Aber jetzt“, er sah kurz auf seine silberne Armbanduhr, „muss ich leider in die Sprechstunde. Bis später, Gretchen.“
„Bis später, Mehdi.“
Gretchens Herz klopfte wieder wild in ihrer Brust. Sie stand inmitten des Stationsganges und sah Mehdi verträumt hinterher, bis er am Ende des Flurs um die Ecke gebogen war und sie ihn nicht mehr sehen konnte. Wäre einer Lernschwester, die gerade mit einem Frühstückstablett aus einem der Patientenzimmer gekommen war, nicht eine Tasse laut zu Boden gekracht und in tausend Scherben zersprungen, Frau Dr. Haase hätte sicher den lieben langen Tag so herumgestanden und sich ihren Gedanken hingegeben. Erschrocken fuhr ihr Kopf nach oben und suchte nach dem Ort des Unglücks. Verlegen sah Schwester Sibylle sie an und hockte sich auf den Boden, um den größten Teil der Scherben aufzusammeln, während Dr. Rössel hinter der jungen Braunhaarigen aus dem Patientenzimmer trat und sie kopfschüttelnd ansah. Er wies eine andere Schwester an, einen Besen, eine Schaufel und einen Lappen zu holen und zwängte sich dann an Schwester Sibylle vorbei, um nun langsam zu Dr. Haase zu stoßen, die ihn mit einem Verlegenheitslächeln begrüßte.
„Gut geschlafen, meine Liebe?“ fragte der Oberarzt, den Gretchen durch ihren Vater schon seit Jahren kannte und der ihr daher recht vertraut war.
„Tief und fest und vor allem lange“, kicherte Gretchen mädchenhaft.
„Das ist gut“, grinste Dr. Rössel. „Umso ausgeschlafener du bist, umso besser kann ich dich in zehn Minuten im OP gebrauchen. Wir sehen uns gleich.“ Schon war der Doktor auf und davon.
Oje, die OP, schoss es Gretchen durch den Kopf. Schleunigst lief sie ins Schwesternzimmer. Wenigstens ihren Morgenkaffee wollte sie sich noch gönnen. Sie gab sich fünf Minuten. Hoffentlich war Schwester Sabine nicht in Plauderlaune!
„Frau Doktor“, rief diese im nächsten Moment freudig heraus, als sie die junge Ärztin erblickte. „Einen schönen guten Morgen. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee einschenken?“
„Guten Morgen, Schwester Sabine“, sagte Gretchen leicht irritiert. „Natürlich dürfen Sie das. Aber heute so förmlich?“
„Na, weil Sie’s doch sind, Frau Doktor.“
„Äh… ja. Danke, Sabine“, stammelte die Assistentin von Dr. Rössel irritiert. „Ist sonst noch was?“ fragte sie, als sie den intensiven Blick der kleinen Stationsschwester, der auf sie gerichtet war, bemerkte.
„Ihre Aura ist heute sehr, sehr schön“, lächelte Sabine verträumt.
„Wie… äh… muss ich das jetzt verstehen?“
„Sie strahlen von innen heraus, Frau Doktor“, erklärte die Krankenschwester. „Man merkt förmlich, dass Sie ein wundervolles Wochenende gehabt haben.“
„Oh!“ Gretchens Blick steckte voller Verwunderung.
„Nun ja“, fuhr Schwester Sabine mit ihrer Erklärung fort. „Ich habe ja am Freitag Ihr Horoskop gelesen. Und darin stand, dass Ihnen Zeiten des großen Glücks bevorstehen.“
„Sie lesen mein Horoskop?“ Nun glaubte Gretchen wirklich, dass Sabine nicht von dieser Welt war. Sie hatte es schon in ihrer ersten Arbeitswoche gemerkt, dass mit der kleinen, dunkelblonden Frau etwas nicht normal war.
„Ich bin quasi Expertin für Astrologie“, lächelte die Schwester schüchtern. „Wenn ich mehr Zeit hätte, also, wenn ich mich nicht noch um meine Mutter kümmern müsste, die vor einigen Jahren einen Schlaganfall hatte und seitdem hauptsächlich im Rollstuhl sitzt, dann würde ich selbst Horoskope schreiben.“
„Na, dann ist es ja gut, dass andere das schon für Sie tun“, lachte Gretchen und bedachte zunächst gar nicht, dass das wahrscheinlich zynisch klingen mochte. Aber zum Glück bemerkte Sabine nichts davon.
„Was lesen Sie denn da, Sabine?“ fragte Gretchen im nächsten Moment neugierig und beugte sich zum Schreibtisch vor, um das bunte Buch in die Hand zu nehmen, das auf Sabines Platz lag.
„Oh“, antwortete Sabine freudig und verfiel sogleich in einen Schwärm-Modus. „Das ist das Buch ‚Dr. Rogelt auf den Flügeln der ewigen Liebe‘, also Band 28 der ‚Dr. Rogelt‘ - Saga. Die Autorin heißt Elke Fisher. Sie ist einfach fantastisch. Wissen Sie, ihr Sohn ist auch Chirurg. Er hat hier seine Assistenzzeit verbracht.“
„Ich wusste gar nicht, dass hier mal ein Dr. Fischer gearbeitet hat“, sagte Gretchen leichthin und legte das Buch wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück. Mit Liebesschmonzetten wollte sie sich dann doch nicht befassen.
„Oh nein, er heißt nicht ‚Fischer‘“, erklärte Sabine wissend. „Sein Name ist Dr. Meier, Dr. Marc-Olivier Meier.“
Gretchen, die sich gerade einen Keks vom Tablett genommen hatte, verschluckte sich augenblicklich, als sie diesen Namen hörte.
„Frau Doktor, alles in Ordnung?“ fragte Sabine besorgt und sprang ihrer Kollegin hilfsbereit zur Seite.
„Schon okay“, antwortete Gretchen noch leicht benommen und räusperte sich ein letztes Mal. „Wie war das? Er heißt Marc Meier?“
„Oh ja“, nickte Sabine und lächelte leicht bei der Erinnerung an den energiegeladenen jungen Chirurgen.
„Er gehörte eindeutig zu den besten Assistenzen, die hier jemals gearbeitet haben, außer Ihnen natürlich, Frau Doktor“, fügte sie sogleich schleimerisch hinzu.
„Und was macht er jetzt?“ Gretchen hatte die Frage bereits gestellt, als sie bemerkte, dass sie wahrscheinlich zu neugierig klang. Aber schließlich war Marc Meier derjenige, für den sie einen Großteil ihrer Schulzeit geschwärmt hatte, obwohl er sie damals immer nur ärgerte und drangsalierte und damit ihre gesamte Jugendzeit zu einer einzigen Qual machte.
„Sie wollen aber alles genau wissen, was, Frau Doktor?“ kicherte die Krankenschwester. „Also, nach der Facharztprüfung arbeitete er noch einige Monate als Stationsarzt hier. Dann bekam er jedoch ein ganz tolles Angebot von der Charité und leitet dort heute die Unfallchirurgie. Es heißt, er ist derzeit der jüngste Oberarzt in ganz Deutschland.“
„Im Ernst?“ Gretchen war beeindruckt. Niemals hätte sie gedacht, dass Marc Meier einmal eine so erfolgreiche Karriere machen würde. Sicher, er war nie dumm gewesen, aber sehr faul und nachlässig. Die neunte Klasse hatte er sogar wiederholen müssen und war seither nur ein Schuljahr weiter als Gretchen gewesen. Da er in seiner besonders rebellischen Phase, die von der Unterstufe bis zur zwölften Klasse andauerte, auch nicht viel davon gehalten hatte, seine Hausaufgaben zu machen, hatte Gretchen diese oft für ihn erledigt, freiwillig, eine Art unentgeltliche Dienstleistung, die Marc nur zu gerne in Anspruch nahm. Allerdings reduzierte er dann auch die Streiche, die er Gretchen spielte, aber ganz hörte er bis zu seinem Abitur nicht damit auf.
Gretchen seufzte leise.
„Marc, also Dr. Meier und ich gingen zusammen zur Schule“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Im Ernst?“ freute sich Schwester Sabine.
„Ja, wir besuchten zusammen das Gymnasium am Wannsee. Er war eine Klasse über mir und der beliebteste Junge der Schule. Er sah schon als Teenager umwerfend aus.“
„Waren Sie in Ihn verliebt?“ fragte Sabine ungeniert.
„Hm“, machte Gretchen träumerisch. „Welches Mädchen in der Schule war das nicht? Er sah aus wie David Hasselhoff in jung. Neben ihm verblassten die anderen Jungs regelrecht.“
„Mochte er Sie denn auch?“
„Ich weiß es nicht, Sabine“, sagte die Blonde schulterzuckend. „Wir waren zusammen in der Tanzschule. Aber mehr war da nicht. Er hat mich meistens geärgert. Na ja, ich war ja auch jünger als er“, winkte sie mit einem aufgesetzten Lachen ab. „Da macht das Ärgern natürlich noch mehr Spaß.“
„Eigentlich schade, dass er nicht mehr hier arbeitet“, sinnierte Sabine. „Wer weiß, vielleicht hätte er sich unsterblich in Sie verliebt und Sie sich in Ihn und…“,
„Sabine, Sie faseln“, unterbrach Gretchen die Krankenschwester forsch. „Ich sollte jetzt sowieso mal zu Dr. Rössel gehen. Der wartet schon im OP auf mich. Und ich stehe hier immer noch rum und halte Sie ebenfalls von Ihren Aufgaben ab.“
„Ach, macht doch nichts, Frau Doktor“, winkte Sabine locker ab. „Ich fand unser Gespräch wie immer sehr nett.“
„Hm“, sagte Gretchen nur und machte, dass sie vorerst aus Sabines Dunstkreis kam.
Nachdem die blonde Ärztin das Stationszimmer verlassen hatte, saß Sabine noch eine Weile träumend an ihrem Schreibtisch. Ach, der Herr Dr. Meier und die Frau Doktor Haase wären bestimmt ein so tolles Paar gewesen. Hach!


Dr. Kaan hatte heute keinen einfachen Arbeitstag. Schon gleich zu Beginn seiner Schicht musste er in den Kreißsaal, um eine leicht panische Erstgebärende von ihrem Kind, einer Tochter, zu entbinden. Um halb elf Uhr stand dann ein Kaiserschnitt auf dem Plan, Drillinge. Gerne hätte Mehdi Gretchen jetzt an seiner Seite gehabt, aber die stand ja wieder einmal im anderen OP zusammen mit Dr. Rössel.
Um halb eins konnte Mehdi dann endlich seine Mittagspause beginnen. Guten Mutes ging er in die Cafeteria. Und tatsächlich – Gretchen hatte Wort gehalten und wartete bereits auf ihn. Sein Herz schlug bei ihrem Anblick sofort Purzelbäume. Doch zu seiner Ernüchterung musste er feststellen, dass sie nicht alleine an ihrem Tisch saß. Ihr gegenüber hatte Dr. Maria Hassmann Platz genommen und lächelte sogleich ihr Flirtlächeln, als Dr. Kaan die Cafeteria betrat und auf die beiden Kolleginnen zukam. Er seufzte innerlich auf. Na toll, dann würde es mit der erhofften Zweisamkeit am Tisch nichts werden. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel. Freundlich begrüßte er die zwei Ärztinnen und stellte sich abwartend an eine Tischecke.
„Dr. Kaan“, sagte Gretchen betont förmlich. „Setzen Sie sich doch!“
„Oh, ich möchte Sie beide nicht bei Ihrer Plauderei stören“, wehrte Mehdi verlegen ab.
„Ach, Sie stören doch nie“, grinste Dr. Hassmann und schob den Stuhl neben sich bedeutungsvoll zurück.
Mehdi warf Gretchen einen verstohlenen Blick zu und setzte sich einfach neben die attraktive Neurochirurgin, die Gretchen sogleich ein triumphierendes Lächeln schenkte. Gretchen schluckte schwer. Sie war innerlich ziemlich enttäuscht, dass Mehdi sich neben die Hassmann gesetzt hatte und nicht neben sie. Und die dumme Kuh sah sie auch noch so siegessicher an! Was zur Hölle wollte die von Mehdi?
„Und wie war Ihr Wochenende so, Dr. Kaan?“ fragte Dr. Hassmann mit gespieltem Interesse.
„Schön“, antwortete der Frauenarzt schlicht und sah Gretchen heimlich aus den Augenwinkeln an. Dabei lächelte er sie vielsagend an. Gretchen erwiderte seinen Blick und sein Lächeln verstohlen. Dennoch blieb dies der Kollegin nicht verborgen.
Na sieh mal einer an, dachte die Neurologin eingeschnappt. Dieses kleine Luder und der Kaan! Na warte, Blondie! Diesen Schnuckel hier nimmst du mir nicht weg, so wahr ich Dr. Maria Hassmann bin!
„Haben Sie am nächsten Wochenende schon etwas vor?“ fragte die Brünette ohne Umschweife und warf Mehdi ihr schönstes Lächeln zu.
„Äh…“, stotterte Mehdi und sah Gretchen dabei verlegen an. „Ich… meine Tochter… Familienfeier“, brachte er nur hervor.
„Schade“, sagte Dr. Hassmann und ließ augenblicklich ihr Lächeln sterben. „Na, dann vielleicht ein nächstes Mal.“ Sie blickte auf die Wanduhr über der Eingangstür der Cafeteria und machte Anstalten, sich zu erheben. „So, ich muss dann auch schon wieder auf meine Station. Haase, ich sehe Sie in einer halben Stunde im OP.“
„Wieso?“ fragte die jüngere Ärztin irritiert.
„Weil Ihr Vater mich gebeten hat, dass Sie in Zukunft auch in meine Abteilung reinschnuppern“, erklärte die schlanke Braunhaarige trocken. „Ist mit Rössel auch abgesprochen. Heute ist eine gute Gelegenheit dazu. Entfernung eines Aneurysmas im Gehirn. Und da mein zweiter Assi leider ausgefallen ist…“
„Okay, ich bin pünktlich“, unterbrach Gretchen die Oberärztin aufgeregt. Eine Operation an einem Gehirn – das Blut der jungen Assistenzärztin kochte kurzzeitig über.
„Na dann, bis später“, säuselte Dr. Hassmann mit einem aufgesetzten Lächeln und verschwand.
„Oje“, seufzte Dr. Kaan erleichtert, als seine dunkelhaarige Kollegin nicht mehr zu sehen war. „Ich dachte, die lässt uns heute nicht mehr in Ruhe.“
„Hm“, nickte Gretchen und lächelte.
„Gehirn-OP also“, lächelte Mehdi zurück. „Das ist für eine angehende Chirurgin sicher ein ganz besonderer Eingriff. Bist sicher tierisch aufgeregt, was?“
„Schon“, sagte Gretchen und wurde plötzlich nachdenklich. „Aber ich darf bestimmt sowieso nur die Haken halten. Die Hassmann kann mich doch in Wirklichkeit gar nicht leiden. Ich denke, sie hat mich nur deswegen heute eingeteilt, weil sie scharf auf den Stuhl meines Vaters ist.“
„Wieso glaubst du das?“ Mehdi sah sie ungläubig an. „Ich meine, dass sie dich nicht leiden kann.“
„Ihre Blicke“, antwortete Gretchen leise. „Und ihre bissigen Kommentare. Sie hält mich doch für ein verträumtes kleines Gänselieschen, das alleine nichts gebacken bekommt. Sie behandelt mich ständig wie ein zwölfjähriges Mädchen. Die nimmt mich gar nicht ernst. Neulich erst habe ich gehört, wie sie zu Schwester Gisela sagte, dass ich meinen Job doch sowieso nur bekommen hätte, weil ich die Tochter vom Chef bin und aus mir eh nie eine richtige Chirurgin wird, weil mir dazu einfach der Biss fehlen würde. Sie hat einfach nicht aufgehört, über mich zu lästern, obwohl sie längt gemerkt hatte, dass ich direkt dabei stand. Das war so… so erniedrigend und demütigend.“
Mehdi hatte Gretchen während der ganzen Zeit, die sie ihren Frust über Dr. Hassmann herausließ, betroffen angesehen und legte, als sie den letzten Satz beendet hatte, seine große, warme Hand liebevoll auf ihre. Dabei sah er ihr wiederum tief in die Augen. Sofort beruhigte Gretchen sich etwas und erwiderte seinen intensiven Blick. Langsam hoben sich die Mundwinkel beider zu einem atemberaubenden Lächeln. Ihre Herzen klopften wild und wilder. Schmetterlinge begannen in beider Bäuche heftig mit den Flügeln zu schlagen. Im Nu vergaßen beide alles um sich herum und sahen nur noch sich. Gretchen konnte es nicht verhehlen. Sie hatte sich unsterblich in diesen sanftmütigen Menschen verliebt. Und Mehdi ging es nicht anders. Wie gerne hätten sie sich jetzt geküsst! Aber noch rechtzeitig fiel beiden ein, dass sie nicht alleine in der Cafeteria saßen. Verschämt blickte Gretchen zur Seite. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass anscheinend niemand der ebenfalls Anwesenden bemerkt hatte, dass Dr. Haase und Dr. Kaan bereits seit Minuten Händchen haltend an ihrem Tisch saßen.
„Mehdi“, flüsterte Gretchen verlegen. „Ich muss mich auf die OP vorbereiten.“
„Schade“, sagte Mehdi leicht enttäuscht. „Ich hätte meine Pause gerne mit dir zusammen beendet. Aber ich kann verstehen, dass du dir vor Dr. Hassmann keine Blöße geben willst. Das ist absolut lobenswert. Lass sie nicht warten und zeig ihr, was in dir steckt, nämlich eine unwahrscheinlich wunderbare Ärztin und wirklich gute Chirurgin.“ Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. Gretchen taten seine Worte gut. Er glaubte an sie. Gab es ein schöneres Kompliment aus dem Mund des Mannes, in den sie sich verliebt hatte? Beseelt lächelte sie ihn an und stand von ihrem Stuhl auf.
„Sehen wir uns später noch?“ fragte sie leise.
„Bestimmt“, nickte Dr. Kaan und lächelte sie ebenfalls an.
Gretchen verließ die Cafeteria und zerrte von dem unglaublich guten Gefühl in ihrer Bauchgegend. Vergessen war ihre kurzzeitige Betrübnis und ihre Unsicherheit wegen Dr. Hassmann. Das, was Mehdi soeben zu ihr gesagt hatte, beflügelte sie ungemein und gab ihr neuen Mut, um sich der Herausforderung zu stellen, Dr. Hassmann im OP zu assistieren. Sie würde es der brünetten Zimtzicke schon zeigen! Mehdi hatte ihr ja gesagt, dass er sie in ihrem Beruf als gut, nein, sogar als wunderbar befand. Sie würde gleich selbstsicher zu der Gehirn-OP erscheinen und sich von der Oberärztin nicht unterbuttern lassen.


Die Atmosphäre im OP-Saal von Dr. Hassmann und ihrem Team war erstaunlich entspannt. Ruhig und routiniert waren die Handgriffe der Neurochirurgin. Im Hintergrund ließ sie eine CD von Nora Jones laufen, genau die richtige Musik, um im OP entspannt arbeiten zu können.





Erstaunt war Gretchen auch darüber, dass sie nicht nur Haken halten durfte, sondern unter Anleitung der leitenden Oberärztin auch selbst Hand anlegen am Kopf des Patienten. Mit stoischer Ruhe erklärte Dr. Hassmann ihr die richtigen Schnitte und Handgriffe. Präzise ging Gretchen zu Werke.
„Hier noch etwas mehr reingehen“, sagte Dr. Hassmann unter ihrem Mundschutz. Gretchen tat, wie befohlen.
„Sehr gut“, lobte die Chirurgin. Nach einer kurzen Atempause begann sie dann ein Gespräch mit ihrer Kurzzeitassistentin.
„Na, Dr. Kaan hat es Ihnen wohl angetan“, stellte Dr. Hassmann trocken fest. Gretchen konnte keine Spur von Zynismus oder gar Eifersucht erkennen.
„Er ist… nett“, erwiderte Gretchen knapp.
„Nur nett?“ Aus den Augenwinkeln betrachtete die Brünette ihre junge Kollegin und schmunzelte dabei unbemerkt in sich hinein.
„Äh…“, brachte Gretchen nur nervös hervor.
„Also, ich habe ja das Gefühl, dass Sie ganz dicke miteinander sind neuerdings, zumindest eine von Ihnen“, grinste die Neurochirurgin anzüglich.
„Wie kommen Sie darauf?“ fragte Gretchen harmlos.
„Na, das sieht doch ein Blinder“, erklärte Maria Hassmann. „Sie sind total verschossen in Dr. Kaan.“
Gretchen spürte, dass sie rot im Gesicht wurde und war froh über die Maske, die dies verbarg.
„Also“, bohrte die Kollegin weiter. „Was läuft da zwischen Ihnen?“
„Wir sind gute Kollegen“, lenkte Gretchen ab und hoffte, dass das Verhör durch die Oberärztin damit beendet war. War es aber nicht.
„Das behaupten Sie“, meine Dr. Hassmann und werkelte unbeirrt am Gehirn ihres Patienten weiter. „Haase, denken Sie, ich habe keine Augen im Kopf? Es ist doch offensichtlich, dass Sie so kurz nach der Trennung von Ihrem Ex wieder auf Männerfang sind.“
„Bitte?“ Gretchen hätte fast den Haken fallengelassen, denn sie in der Hand hielt. „Bin ich bestimmt nicht.“
„Halten Sie den Haken gerade, Haase“, sagte Dr. Hassmann. „Im Übrigen glaube ich nicht, dass Sie die Richtige für Dr. Kaan sind.“
„Und wieso nicht?“
„Weil er eine Partnerin an seiner Seite braucht, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, gerade, wo er die schlimme Depression überstanden hat. Sie wissen doch davon?“
„Er hat es mir erzählt, ja“, nickte Gretchen.
„Sie haben es nicht mitbekommen, Frau Kollegin, wie schlecht es ihm ging, nachdem seine damalige Frau ihn und das Kind einfach im Stich gelassen hat, um eine ach so große Tänzerinnenkarriere zu machen. Es hat ihn sehr mitgenommen.“
„Und was hat das jetzt konkret mit mir zu tun?“
„Haase, Sie sind doch selbst viel zu verweichlicht“, erklärte die Brünette. „Und ich glaube kaum, dass Sie mit Dr. Kaans Stimmungsschwankungen dauerhaft zurechtkämen. Irgendwann würde es Ihnen zu viel werden und Sie die Biege machen. Und der arme Mehdi? Es würde ihn nur noch mehr herunterreißen, wenn er noch einmal verlassen werden würde.“
„So etwas trauen Sie mir zu, Dr. Hassmann?“ Gretchen starrte ungläubig auf die Kollegin neben sich.
„Sie haben schon einmal einen Mann verlassen, Kindchen“, erinnerte sie die Neurochirurgin wissend.
„Das hat aber nicht im Geringsten etwas mit Dr. Kaan zu tun“, wehrte Gretchen ab. „Und ich hatte auch meine Gründe für diesen Schritt. Außerdem bin ich nicht Ihr ‚Kindchen‘.“
„Interessiert mich alles eh nicht“, erwiderte Maria Hassmann schnippisch. „Ich sage Ihnen nur eines – lassen Sie die Finger von Dr. Kaan!“
„OP ist so gut wie beendet“, fügte sie im nächsten Atemzug hinzu. „Wir schließen jetzt die Schädeldecke. Danke für Ihre gute Mitarbeit, Dr. Haase. Ich hoffe, Sie konnten wirklich etwas lernen heute.“
„Natürlich“, grinste Gretchen teuflisch. „Von der besten Neurochirurgin doch immer.“
„Na sehen Sie“, grinste Dr. Hassmann zurück. „So will ich das hören.“

Aber für Gretchen war das vorherige Gespräch noch längst nicht beendet. Sie kochte innerlich. Wie konnte diese… diese spindeldürre, drahtige Person sich überhaupt anmaßen, ihr in ihre – vielleicht baldige – Beziehung mit Mehdi rein zu fuhrwerken? Und so nutzte sie die Zweisamkeit mit der Oberärztin der Neurochirurgie im Waschraum, um noch einmal Klartext zu reden.
„Auch wenn es Ihnen nicht passt, Dr. Hassmann“, sagte Gretchen. „Ich mag Mehdi wirklich sehr. Und ich denke, ihm geht es nicht anders. Und im Übrigen hatten wir am Wochenende ein wirklich schönes Date. Wir haben uns sogar geküsst.“
Pah, das saß! Gretchen sah zufrieden, wie Dr. Hassmanns Mimik plötzlich entgleiste und ihr Gesicht aschfahl wurde.
„Äh… wie war das?“ fragte sie schließlich ungläubig.
„Wir haben uns geküsst“, wiederholte Gretchen genüsslich. „Und wir duzen uns jetzt, falls es Sie interessiert.“
Ehe Maria Hassmann wieder zu Atem gekommen war, verließ Gretchen vergnügt den Waschraum. Sie war stolz auf sich, dass es ihr gelungen war, die sonst so taffe Konkurrentin sprachlos zu machen. Diese indes stand noch immer im Waschraum des OPs und spürte, dass ihr in Bezug auf Dr. Kaan sämtliche Fälle davon schwammen.
Das kann nicht sein, dachte sie enttäuscht. Die haben doch nicht wirklich…! Na warte, Haase! Diese Tour werde ich dir vermasseln. So wahr ich Maria Hassmann heiße.


Ein paar Stockwerke höher, in der Cafeteria des Krankenhauses, freute sich währenddessen ein dunkelhaariger Gynäkologe, als sich eine junge, blonde Assistenzärztin, noch immer bekleidet mit einem grünen OP-Hemd, an seinen Tisch setzte und ihm ihr schönstes Lächeln schenkte. In diesem Augenblick war für beide die Welt in allerbester Ordnung. Gretchen setzte sich Mehdi gegenüber. Beide sahen sich verliebt in die Augen und hielten sich an den Händen. Gretchen blendete den Disput mit ihrer Kollegin einfach aus. Sie genoss die Nähe zu Mehdi, und er schien ihre, seinem Blick nach zu urteilen, mindestens genauso zu genießen. Es knisterte erneut gewaltig. Zwei Herzen klopften schneller und schneller. Sie schwiegen, aber es war ein angenehmes Schweigen, bis Mehdi schließlich das erste Wort dieser Begegnung sprach.
„Kommst du am übernächsten Freitag mit mir auf den Ärzteball?“ fragte er und sah Gretchen erwartungsvoll an. Diese konnte nicht glauben, was er sie gerade gefragt hatte.
„Du meinst… du willst wirklich… mit mir… dahin?“ stotterte sie aufgeregt. Mehdi nickte.
„Ich möchte mit der schönsten und aufregendsten Frau der Welt dort hingehen“, sagte er leise und strich Gretchen über die zierlichen Finger.
„Oh, Mehdi“, flüsterte diese heiser. „Ich… ich gehe gerne mit dir.“
„Das ist toll“, freute sich der Gynäkologe ehrlich und lächelte verliebt. „Ich freue mich schon so auf den Abend.“
„Ich mich auch“, hauchte Gretchen.
Während das frisch verliebte Ärztepaar sich weiterhin tief in die Augen sah und sich anlächelte, stand Dr. Hassmann vor der Glastür zur Cafeteria und kochte innerlich vor Wut. Diesem blonden Gift würde sie es schon zeigen, sagte sie sich. Mehdi Kaan würde dieser Moppel ihr nicht wegschnappen. Sie brauchte einen Plan, einen guten. Gretchen Haase würde sich noch umgucken. Diesem naiven Professorentöchterchen würde das Lachen noch vergehen.

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Nachteule Offline

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29.06.2017 21:29
#7 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 7 – Vorfreude

Eine Woche später


„Gehen Sie auch zum Ärzteball, Frau Doktor?“ fragte Schwester Sabine mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen und linste zu der blonden Assistenzärztin herüber, die im Stationszimmer am runden Tisch saß, Schokokekse futterte und in der aktuellen InTouch blätterte.
„Hm“, nuschelte dir Angesprochene mit vollem Mund. „Und Sie? Gehen Sie auch hin?“
„Ja“, kicherte die dunkelblonde Stationsschwester verlegen. „Mich… mich hat nämlich jemand gefragt.“
„Nein!“ Gretchen machte große Augen. „Na, wer ist denn der Glückliche?“
Sabine wurde im nächsten Moment knallrot, was ihre Kollegin heimlich ganz niedlich fand. Schüchtern sah die verhinderte Hobbyastrologin auf ihre weißen Krankenhaussandalen.
„Es… also, es ist der… der Dr. Fu… Dr. Fuchs aus der Radiologie.“
„Na hallo“, lachte Gretchen überrascht auf. „Dr. Fuchs also. Der ist doch ganz patent.“
„Finden Sie?“ Sabine strahlte sogleich über das ganze Gesicht.
Oh, da ist ja jemand verliebt, dachte Gretchen amüsiert.
„Ich freue mich ehrlich für Sie“, sagte sie anerkennend zu der Stationsschwester.
„Im Ernst?“ Sabine lächelte befreit auf.
„Natürlich“, nickte Gretchen. „Sie werden ganz bestimmt eines der Top-Paare des Abends abgeben.“
„Oh danke, Frau Doktor“, rief Sabine gerührt aus und fiel der angehenden Chirurgin übermütig um den Hals. Gretchen war dies ein wenig unangenehm. Nicht, dass noch jemand dachte, sie und Schwester Sabine wären jetzt dicke Freundinnen, was definitiv nicht so war. Sie waren… ja was eigentlich? Gute Kolleginnen auf jeden Fall. Sicher, sie mochten sich. Aber sie waren einfach zu grundverschieden, um über das gute Arbeitsverhältnis hinauszugehen.
„Mit wem gehen Sie denn?“ fragte Sabine, als sie ihre Umarmung schließlich gelöst hatte.
„Das ist noch mein kleines Geheimnis“, grinste Gretchen in sich hinein. Aber Sabine hatte längst einen Verdacht und ließ nicht locker, hierfür eine Bestätigung zu erhalten.
„Es ist Dr. Kaan, nicht?“ platzte sie unvermittelt heraus.
„Woher wissen Sie…?“ Gretchen sah die Esoterikliebhaberin verdutzt an.
„Frau Doktor“, erklärte diese. „Das sieht doch ein Blinder, dass Sie und der Herr Dr. Kaan sich inzwischen sehr nah gekommen sind.“
„Oh“, brachte Gretchen nur hervor. Sie war so entsetzt, dass es ihr die Sprache verschlug.
Gossipklitsche, echt, dachte sie betroffen.
„Sie geben sicher auch ein ganz tolles Paar ab“, plapperte Sabine weiter. „Dr. Kaan ist ja sowas von attraktiv! Und Sie sind eine bildschöne Frau, blond und blauäugig. Das ist ein guter Kontrast zum dunklen Typ des Doktors.“
„Aha“, machte Gretchen nur.
„Wissen Sie, was in Ihrem Wochenhoroskop steht?“ fuhr die kurzgewachsene Dunkelblonde unbekümmert fort.
„Na?“ fragte die Assistenzärztin schulterzuckend.
„Warten Sie“, meinte Sabine und begann, in einer der Schreibtischschubladen vor sich zu kramen. „Ah, hier hab ich’s. Ich habe die Horoskope aus meiner Lieblingszeitschrift, „Der Goldene Abendstern“ herauskopiert. Sie sind Wassermann, nicht? Dann stehen die Sterne gut für Sie, Frau Doktor. Hier steht: ‚In der Liebe könnte es für Sie zum Ende der Woche nicht besser stehen‘. Ist das nicht romantisch?“
„Hm“, nickte Gretchen skeptisch. Innerlich verdrehte sie die Augen. Wie konnte man nur so abergläubisch sein und an Horoskope glauben? Okay, als Teenager hatte Gretchen ja noch an das Bravo-Liebesorakel geglaubt. „Wenn der Wind sich dreht, erlebst du dein erstes Mal.“ Als der Wind sich drehte, erlebte Gretchen wirklich ein erstes Mal. Zum ersten Mal hatte sie sich auf ein unter einem Stuhlkissen verstecktes Furzkissen gesetzt und war damit dank Marc Meier wieder einmal zum Gespött zahlreicher Mitschüler geworden.
„Frau Doktor?“ Hektisch redete Sabine auf die kurzzeitig weggetretene Ärztin ein.
„Äh… ja, Sabine?“ fragte Gretchen verwirrt und erwachte aus ihrer Erinnerung an turbulente Schulzeiten mit Marc Meier.
„Ihr Pieper, Frau Doktor“, wies Sabine sie auf das schrille Piepen aus der Tasche ihres Arztkittels hin. Sofort zog Gretchen ihren Notfallpieper daraus hervor und warf einen kurzen Blick darauf.
„Ich muss zur Notaufnahme“, sagte sie schnell und erhob sich von ihrem Stuhl, um wenig später mit hoher Geschwindigkeit aus dem Stationszimmer in Richtung Aufzug zu rennen.


„Das Kleid steht dir ausgezeichnet, Margarethe“, sagte Bärbel Haase begeistert und betrachtete ihre Tochter in der in Gold und Silber glänzenden, knielangen Robe mit den Spagettiträgern zufrieden.
„Sehe ich darin nicht dick aus?“ fragte Gretchen skeptisch und betrachte sich von allen Seiten kritisch in dem bodenlangen Spiegel vor sich.
„Ach was“, winkte ihre Mutter ab. „Es streckt dich. Sieh doch mal genauer hin! Außerdem hast du darin ein wirklich tolles Dekolletee. Das wird die attraktiven, ungebundenen jungen Männer definitiv von allem anderen ablenken.“
„Mama!“ Gretchen verdrehte die Augen. „Wir gehen auf den Ärzteball, zu keiner Verkupplungsshow.“
„Ja, ja“, maulte Bärbel Haase kurz auf. „Ich hab schon kapiert. Du hast dich schon auf den Dr. Laan festgelegt.“
„Dr. Kaan, Mama“, berichtigte Gretchen sie. „Und festgelegt habe ich mich auf niemanden. Wie oft denn noch? Nach der Sache mit Peter brauche ich eine Weile Abstand von… von Beziehungen und so.“
„Denk daran, Margarethe“, hörte Bärbel mit ihrem Bedrängen nicht auf. „Du bist fast dreißig. Es wird für dich nicht leichter, endlich den passenden Mann fürs Leben zu finden.“
„Mama, gut jetzt!“ echauffierte sich Gretchen. „Sonst gehe ich gleich nach Hause, ohne ein Kleid gekauft zu haben. Und dann muss ich wohl in dem schrecklichsten Fummel zum Ball gehen, den ich in meinem alten Kleiderschrank finden kann. Und du bist schuld daran, wenn ich Dr. Kaan so bis auf alle Knochen blamiere.“
Abwehrend hob Bärbel die Arme in die Luft.
„Schon gut, schon gut“, sagte sie. „Du musst ihn ja nicht gleich heiraten! Also, was ist jetzt mit dem Kleid?“
„Weiß nicht“, meinte Gretchen schulterzuckend. „Irgendwie sitzt das an der Seite ganz schön stramm. Nicht, dass am Ende die Naht noch platzt.“
„Dann nimm es eine Nummer größer“, seufzte Bärbel.
„Haben Sie das Kleid, das meine Tochter trägt, auch etwas größer?“ fragte sie eine in diesem Augenblick an ihr vorbeiflitzende Verkäuferin, die sich sogleich umdrehte und Gretchen intensiv musterte.
„Tut mir leid“, sagte die dunkelhaarige Mittvierzigerin. „Das Modell ist ein Einzelstück.“
„Schade“, sagte Bärbel enttäuscht. „Na, Kind, dann müssen wir wohl was anderes für dich finden.“
Nach zig weiteren Anproben in diversen Boutiquen, fiel endlich die Entscheidung. Gretchen hatte ihr Traumkleid für den Ballabend gefunden, ein bodenlanger, himmelblauer und schulterfreier Dress, der im Taillenbereich geschickt gerafft war und damit die kleinen Speckpölsterchen kaschierte, die die junge Ärztin zu ihrem Leidwesen nicht loswurde. Als sie sich jedoch im Spiegel in diesem tollen Kleid ansah, war sie selbst überrascht.
„Das ist es“, rief sie beinahe atemlos aus.
„Es ist wunderschön“, bestätigte Bärbel und wischte sich gerührt eine Träne aus den Augenwinkeln. „Dr. Laan wird Augen machen, mein Kind.“
„Kaan, Mama, er heißt Dr. Kaan.“ Gretchen verdrehte wieder einmal die Augen. Dann besah sie sich ein letztes Mal verträumt im Spiegel und lief zurück in die Ankleidekabine, um sich wieder in ihren normalen Freizeitdress zu begeben. Bevor sie wieder zu ihrer Mutter zurückkehrte, hielt sie kurz inne und strich gedankenverloren über den weichen Stoff des Ballkleides. Sie würde wie eine Prinzessin aussehen auf dem Ball, mit Mehdi als ihren Prinzen an ihrer Seite. Sie konnte es kaum erwarten. Was er wohl sagen würde, wenn er sie in diesem schicken Fummel zum ersten Mal sah?


Der Berliner Ärzteball war in jedem Jahr ein Highlight erster Güte. Kaum jemand, der in und um die Hauptstadt herum im medizinischen Bereich Rang und Namen hatte, ließ sich dieses Spektakel entgehen, das wie immer im großen Festsaal eines renommierten Berliner Hotels vonstattenging. Schon lange zuvor begangen die Vorbereitungen für den Ball. Und auch die Geladenen machten sich frühzeitig Gedanken, nicht nur über perfekte Begleitungen oder die richtige Kleidung. In der Krankenhauskantine des EKH grübelten manche auch über die Anwesenheit einiger Kollegen oder ehemaliger Mitarbeiter, die man lange nicht mehr gesehen, geschweige denn von ihnen gehört hatte.
„Ob der Meier wohl in diesem Jahr auch mal mit von der Partei ist?“ fragte Schwester Renate aus der Unfallchirurgie.
„Ich glaube kaum“, sagte Mehdi am Nebentisch, an dem er mit Gretchen, Sabine und Dr. Hassmann zu Mittag aß.
„Woher wollen Sie das denn wissen?“ fragte Schwester Renate skeptisch. „Sagen Sie nur, Sie spielen immer noch Squash miteinander!“
„Japp“, antwortete Mehdi knapp und erntete dafür einen überraschten Blick von Gretchen.
„Ihr, also Marc… äh… Dr. Meier und du, ihr spielt Squash?“ fragte sie ihren Ballbegleiter leise.
„Hin und wieder“, nickte Mehdi, blickte aber im nächsten Moment fragend auf seine Kollegin.
„Du kennst Marc, also, Dr. Meier?“
„Äh…“, stotterte Gretchen verlegen und biss sich ertappt auf die Unterlippe. „Quasi.“
„Und woher, wenn ich fragen darf?“ Mehdis Gesichtsausdruck verriet sein großes Staunen.
Unterdessen sah Maria Hassmann gespannt auf die beiden Kollegen ihr gegenüber. Das hörte sich ja ziemlich interessant an. Das moppelige blonde Fräulein und der berüchtigte Jungchirurg, von dem die Neurologin schon einiges gehört hatte, zumal er frauentechnisch scheinbar nichts anbrennen ließ und hier im Krankenhaus auch Jahre nach seinem Wechsel an die Charité noch Schmachtblicke bei einigen der Krankenschwestern verursachte, die ihn hier am EKH miterlebt hatten.
„Na, die Frau Doktor und der Herr Doktor Meier waren doch zusammen auf der Schule“, mischte sich Sabine wissend dazwischen.
„Ach“, meinte Dr. Hassmann interessiert. „Eine alte Jugendliebe, was?“ Anzüglich grinsend zwinkerte sie ihrer Konkurrentin in Bezug auf Dr. Kaan zu. Letztere merkte, dass sie rot wurde und sah verlegen auf ihren Mittagsteller, der mit einer verlockenden Portion Lasagne gefüllt war, in der Gretchen nun nervös zu stochern begann.
„Du und Meier?“ Mehdi sah seine Tischnachbarin verdutzt an.
„Quatsch“, murmelte Gretchen und vermied es, ihren Blick wieder zu heben. „Wir waren zusammen auf dem Gymnasium, ja“, erklärte sie. „Aber wir waren nie zusammen. Er hat mich sowieso immer nur geärgert.“
„Soso“, schmunzelte Dr. Hassmann. „Dabei heißt es doch immer so schön, was sich liebt, das neckt sich.“
„Dr. Hassmann“, verteidigte sich Gretchen. „Kinder ärgern sich gerne gegenseitig. Das hat doch nichts mit Liebe zu tun.“ Dabei wusste sie innerlich, dass es in ihrem Fall anders gewesen war. Ja, sie hatte Marc geliebt, acht Jahre lang, hatte alles ertragen, was er mit ihr gemacht und was er zu ihr gesagt hatte, immer in der Hoffnung, er hätte das alles getan, weil er ebenfalls Gefühle für sie gehabt hatte und diese nicht preisgeben wollte oder konnte.
„Ja, ja“, meinte Dr. Hassmann trocken und wandte sich dann wieder interessiert Mehdi zu. „Und, kommt der Meier nun zum Ball oder nicht?“
„Ich glaube kaum“, schüttelte Mehdi den Kopf. „Er erzählte mir neulich, dass er an dem Tag wohl einen Gastvortrag auf dem Ärztesymposium in Dresden hat.“
„Schade“, sagte Maria Hassmann enttäuscht. „Ich hätte diesen überall ach so vergötterten Kollegen von der Charité gerne einmal persönlich getroffen. Wäre bestimmt interessant gewesen, mit ihm ein wenig über die… na ja, Arbeit zu plaudern. Tja, vielleicht ein anderes Mal.“
„Ich bin schon gespannt, was du am Freitag trägst“, säuselte Mehdi Minuten später, als er gemeinsam mit Gretchen die Kantine verließ.
„Lass dich überraschen“, sagte Gretchen augenzwinkernd.
„Du wirst sicher atemberaubend aussehen“, sinnierte der Gynäkologe träumerisch.
„Ich werde mein Bestes geben, um dich nicht zu enttäuschen“, erwiderte Gretchen und sah ihren Kollegen tief in die dunklen Augen. Er erwiderte ihren Blick. Sekundenlang standen sie sich gegenüber und sagten nichts. Erst Schwester Sabines Geplapper holte sie in die Realität zurück.
„Frau Doktor, die Visite wartet“, sagte die Krankenschwester ruhig und blickte verstohlen zwischen den ertappt ihre gegenseitige Blicke voneinander lösenden Kollegen hin und her.
„Okay“, meinte Gretchen. „Wir sollten Dr. Rössel nicht warten lassen. Das mag er nämlich nicht so gerne. Also dann“, wandte sie sich noch einmal zu Mehdi und schenkte ihm ein leichtes Lächeln, das er auf der Stelle erwiderte.
„Also dann“, erwiderte Mehdi. „Ich muss sowieso jetzt in den Kreißsaal und nach Frau Becher sehen. Ich glaube zwar nicht, dass sie ihr Kind schon in den nächsten Stunden bekommt, aber sicher ist sicher.“
„Tschüss, Dr. Kaan“, sagte Gretchen verständnisvoll.
„Tschüss, Dr. Haase“, sagte Mehdi und streckte leicht seine Hand aus, um Gretchens zarte Finger zum Abschied leicht zu berühren.


Der Freitag kam. Im EKH sprach man, abgesehen von den beruflichen Aufgaben, kaum noch über etwas anderes als über den jährlichen Ärzteball, der heute Abend stattfinden sollte. Von großem Interesse war unter der weiblichen Kollegenschaft die Frage, wer mit wem zum Ball ging. Natürlich wurde unter vorgehaltener Hand darüber gemunkelt, dass Dr. Kaans Begleitung niemand Geringere als die Tochter des Professors war. Zwar hielten sich beide über ihre Verabredung bedeckt, aber irgendwo hatte es eine undichte Quelle gegeben. Gretchen merkte die interessierten Blicke und das Getuschel der Kolleginnen und Kollegen, wenn sie an ihnen vorbeilief und fragte sich einmal mehr, warum sich anscheinend jedermann so genau auf sie und den Gynäkologen fixiert hatte. Gab es denn keine interessanteren potentiellen Pärchen in diesem Krankenhaus? Was war mit Schwester Sabine und Dr. Fuchs? Aber dann bekam Gretchen mit, dass auch über diese beiden gesprochen wurde. Sie konnte nur den Kopf schütteln über diese Art der Krankenhaus-Sensationspresse. Was sie anging, sie freute sich ehrlich für die skurrile Krankenschwester, dass sie einen so netten und höflichen Begleiter für den Ball abbekommen hatte. Sabine hatte es doch nicht verdient, zu Hause mit ihrem Schicksal zu hadern. Dieses glanzvolle Fest sollte auch ihr gehören und sie aus ihrem weniger schönen Alltagstrott herausholen, zumal sie ansonsten wohl den ganzen Abend mit ihrer kranken Mutter hätte zubringen müssen. Sabine hatte Gretchen neulich nämlich erzählt, dass ihre Frau Mama ein ganz schöner Drachen sein konnte und Sabine froh war, überhaupt auf den Ball gehen zu können. Zum Glück würde am Abend eine ihrer Cousinen für sie einspringen und sich um die hilfsbedürftige Mutter kümmern.
In der Villa Haase unweit des EKH herrschte allerding weniger gute Stimmung. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass Franz Haase das Kostüm, das seine Frau sich für den Ball gekauft hatte, abfällig als „Gardine“ bezeichnet hatte. Bärbel war natürlich zutiefst geknickt und wollte sogar das Fest bereits sausen lassen, als es Gretchen schließlich gelang, ihre Mutter mit liebevollen Worten wieder aufzurichten. Außerdem gab sie ihr den Rat, doch einfach das „kleine Schwarze“ anzuziehen, dass sie sich eigentlich für ihre Leinenhochzeit in ein paar Wochen gekauft hatte. Okay, dann musste sie sich für diesen Anlass ein weiteres Kleid zulegen. Hauptsache, Franz gefiel der Look seiner Frau heute Abend. Auf jeden Fall würde es ihn umhauen, wenn er seine Tochter in ihrem schönen himmelblauen Ballkleid erblickte, das so gut zu ihren strahlenden Augen passte. Und Dr. Kaan würden selbige auch herausfallen. Da war sich die stolze Professorengattin mehr als sicher.
Gretchen hatte am Nachmittag noch Schicht. Sie würde frühestens zwei Stunden vor dem Beginn des Balls aus dem Krankenhaus kommen. Und ausgerechnet heute gab es mehrere Notfälle auf der Chirurgischen Station. Da mussten Knochenbrüche geschient, Kopfverbände gelegt und zwei Blinddärme notoperiert werden. Nervös blickte Gretchen zum Ende der zweiten OP auf die Wanduhr im Operationssaal. Sie lagen noch gut in der Zeit. Hoffentlich kamen nicht noch mehr solche Zwischenfälle in die Klinik! Gretchen wollte Mehdi ungern versetzen, zumal sie sich so auf den Abend mit ihm freute und darauf, ihr tolles neues Kleid vorzuführen.
Erleichtert verließ Gretchen um kurz nach siebzehn Uhr hinter Dr. Rössel den OP und begab sich in den Waschraum. Dort entledigte sie sich dem schmutzigen OP-Kittel und dem Mundschutz und desinfizierte ihre Arme und Hände gründlich. Zufrieden lief sie im Anschluss zurück auf ihre Station. Sie ging ins Schwesternzimmer, in dem es ebenso ruhig war wie auf den Gängen der Chirurgie. Sie wollte sich gerade zur Umkleide begeben, als sie ein dringendes Bedürfnis verspürte. Also machte sie sich zunächst auf den Weg zur Damentoilette, wo sie überraschenderweise auf Dr. Hassmann traf.
„Na, aufgeregt“, fragte diese sie übertrieben freundlich.
„Und sowas von“, antwortete Gretchen und lachte kurz auf. „Wissen Sie, Feste im Allgemeinen faszinieren mich einfach, seit ich ein kleines Mädchen war. Die Musik, die vielen Leute, die schönen Kleider der Frauen… Hach, es ist einfach wie im Märchen.“
„Klar“, murrte Dr. Hassmann augenrollend. „Wenn man Kitsch liebt und all den verweichlichten Krimskrams.“
„Sagen Sie“, bohrte Gretchen verständnislos nach. „Wie wird man eigentlich so?“
„Was meinen Sie?“ fragte Dr. Hassmann irritiert.
„Ich meine, so verbittert und kaltherzig?“ antwortete Gretchen.
„Werte Kollegin“, erklärte die Neurologin. „Wenn Sie alleinerziehend wären und nebenbei mit großer Verantwortung eine ganze Krankenstation zu leiten hätten, wenn Sie abends nach Hause kämen und Alkohol der einzige Freund wäre, der sie wärmt, dann wüssten Sie, dass das Leben kein Ponyschlecken ist. Das ganze Gerede von Märchenprinzen, all das rosarote Schöngetue, da kann ich mir sowas von gar nichts von kaufen, weder für mich, noch für meine Tochter. Sie sollten auch mal anfangen, der Realität ins Auge zu sehen! Täte Ihnen wirklich ganz gut, wenn Sie mal von Ihrem hohen Ross herunterkämen, Sie Professorentöchterchen, Sie! Mir wurde nie etwas geschenkt, im Gegensatz zu Ihnen. Als ich mitten im Studium schwanger war, haben mir meine Eltern den Geldhahn zugedreht und gemeint, ich solle mein Leben endlich alleine in den Griff bekommen. Stattdessen habe ich mich vom Vater meiner Tochter breitschlagen lassen, ihn in einer ziemlich beschissenen Zeremonie zu ehelichen, damit er mich noch vor der Geburt mit dem nächstbesten Weibsstück betrügen konnte. Nach der Scheidung habe ich die Kleine und mich fast alleine durchgebracht. Das ist das wirkliche Leben, Frau Dr. Haase. Nicht jeder hat eine so behütende Familie hinter sich stehen wie Sie.“
Gretchen sah die Kollegin die ganze Zeit über betroffen an. Sie hatte zuvor nicht gewusst, wie schwer das Leben für die geschiedene Oberärztin eigentlich war. Ja, sie hatte sogar etwas Mitleid mit ihr und war froh, nicht in ihrer Haut zu stecken.
„Es tut mir leid für Sie, Maria“, flüsterte die Assistenzärztin tief bewegt.
„Ach, hören Sie auf mit Ihrer Heuchelei“, motzte die Neurochirurgin sie unwirsch an.
„Ich heuchle nicht“, erwiderte Gretchen betroffen. „Ich meine es wirklich so.“
„Na und?“ knurrte die Kollegin. „Und überhaupt, ich wüsste nicht, wann ich Ihnen erlaubt hätte, mich beim Vornamen zu nennen. So, und nun muss ich nach Hause und mich umziehen, bevor mein Begleiter bei mir vor verschlossenen Türen steht. Man sieht sich.“ Weg war sie.
Gretchen atmete einmal tief durch. Irgendwie konnte sie Dr. Hassmann und ihre Art verstehen. Wahrscheinlich wurde man so, wenn man ein derart problematisches Leben führte.
Die junge auszubildende Chirurgin erinnerte sich im nächsten Moment daran, dass sie ja eigentlich einem dringenden Bedürfnis nachzugehen trachtete. Also schloss sie sich in einer der Toilettenkabinen ein. Erleichtert machte sie sich ein paar Minuten später und nach dem obligatorischen Händewaschen daran, die Tür des Waschraumes zu öffnen, doch es ging nicht. So sehr Gretchen auch drückte und zerrte und rüttelte, sie saß fest. Die Tür zum Gang war verschlossen.

Oje, dachte die Blonde, ob ich hier wohl rechtzeitig herauskomme? Ob ich hier überhaupt wieder herauskomme? Hilfe!

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Nachteule Offline

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29.06.2017 21:31
#8 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 8 – Eingesperrt

„Hilfeee!!!“
Verzweifelt rief die junge Ärztin durch die blau gestrichene Tür hindurch nach einem Retter, der sie aus ihrer misslichen Lage befreite.
Warum musste ich mir auch die Toilette aussuchen, die gerade am Ballabend am wenigsten frequentiert wird, schalt sie sich innerlich. Oje, der Ball! Wenn ich nicht augenblicklich hier rauskomme, wird Mehdi ohne mich dorthin gehen müssen. Menno! Der wird sowas von enttäuscht sein! Der denkt doch, ich bin nicht zuverlässig. Dann brauche ich mir keine Hoffnungen mehr machen, dass aus uns noch was wird. Gretchen Haase, warum bist du nur so ein unverbesserlicher Tollpatsch?!
Erst nach gefühlten Stunden hörte sie endlich tapsende Schritte auf dem Stationsflur. Jemand rüttelte an der Türklinke. Vergeblich.
„Hallo?“ rief Gretchen, hoffend, die Person auf der anderen Seite der Tür wäre noch da.
„Ja?“ erklang ein dünnes Stimmchen, das unverkennbar zu einer der treuesten Seelen der Station gehörte.
„Sabine?“
„Frau Doktor?“
„Ja, ich bin’s, Sabine.“
Gott sei Dank, dachte Gretchen erleichtert.
„Warum haben Sie sich denn eingeschlossen, Frau Doktor?“ fragte die kleine Krankenschwester verdutzt.
„Ich habe mich nicht selbst eingeschlossen, Sabine“, antwortete Gretchen. „Jemand muss mich eingeschlossen haben.“
„Jemand, Frau Doktor?“
„Keine Ahnung. Sabine, bitte holen Sie mich hier raus!“
„Es steckt kein Schlüssel im Türschloss.“
„Oh nein! Und nun?“
Sabine dachte kurz nach. Plötzlich erinnerte sie sich an eine Szene aus einem ihrer Lieblingsbücher und brach in ein erfreutes Grinsen aus, das Gretchen von der anderen Seite der Tür natürlich nicht sehen konnte.
„Frau Doktor, ich bin gleich wieder da“, sagte die Stationsschwester hektisch. „Bitte laufen Sie nicht weg!“
„Haha, Sabine“, knurrte Gretchen augenrollend.
„Genau das hatte ich nämlich gerade vor“, fügte sie zynisch hinzu.
Es dauerte Minuten, ehe Sabine wieder umgekehrt war.
„Ich bin wieder da“, rief die fröhliche Krankenschwester durch die Damentoilettentür hindurch.
„Mensch, Sabine, wo waren Sie nur so lange?“ fragte Gretchen ungeduldig.
„Ich musste erst einmal den Dr.-Rogelt, Band 27 ‚Das Verlies in der Wäschekammer‘ suchen. In Kapitel zwölf hat nämlich der Dr. Rogelt die Schwester Monikwä aus dem Abstellraum befreit, nachdem die eifersüchtige Schwester Kordula sie vorher hinterhältig dort eingeschlossen und den Schlüssel in den Restmüllbehälter geworfen hatte. Den hat Dr. Rogelt dort einer inneren Eingebung folgend aufgefunden und konnte so die Tür öffnen.“
„Ja und?“ fragte Gretchen drängend. „Haben Sie den Schlüssel dieser Tür nun auch im Restmüll gefunden?“
„Äh, nein“, sagte Sabine kleinlaut. „Leider nicht. Ich habe wirklich überall nachgesehen. Aber der Schlüssel ist und bleibt verschwunden. Aber mir ist dann noch eingefallen“, plapperte die Elke-Fisher-Fanatikerin munter weiter, „nämlich Dr. Rogelt, Band 34 ‚Ein Spind voller Geheimnisse‘. Darin ist ganz genau beschrieben, wie man ein herkömmliches Türschloss knacken kann.“
„Ja und wie geht das nun, Sabine? Ich will nämlich nicht ewig hier festsitzen.“
„Haben Sie eine Haarnadel im Haar, Frau Doktor?“ fragte Sabine wichtig.
„Äh… ja“, antwortete die angehende Chirurgin vorsichtig.
„Ziehen Sie sie bitte heraus“, sagte Sabine. „Ich erkläre Ihnen dann genau, wie Sie die Nadel einsetzen müssen, um das Türschloss zu öffnen.“
„Meinen Sie, dass ich das kann?“ fragte Gretchen unsicher. „Ich habe doch zwei linke Hände bei sowas.“
„Na“, meinte die Schwester gutherzig. „Dann schieben Sie Ihre Haarnadel einfach unter dem Türspalt hindurch! Ich übernehme dann das Türknacken.“
Gretchen befolgte Sabines Anweisung, auch, wenn sie zunächst skeptisch war, zog sich aber dann seufzend eine ihrer Haarnadeln aus ihrer Frisur und schob das gebogene Metallstück unter der Tür hindurch nach draußen. Sekunden später hörte sie ein klackendes Geräusch am Türschloss. Und plötzlich sprang die Tür auf. Endlich war Gretchen wieder frei. Voller Erleichterung und Dankbarkeit fiel sie der Krankenschwester um den Hals.
„Danke, Sabine“, nuschelte sie in deren Halsbeuge. „Vielen, vielen Dank! Was hätte ich nur gemacht, wenn Sie nicht vorbeigekommen wären?“
„Nicht auszudenken, Frau Doktor“, sagte Sabine, nachdem die Ärztin sie wieder losgelassen hatte. „Wie konnte das nur passieren? Und das am Abend des großen Balls.“
„Keine Ahnung“, meinte Gretchen schulterzuckend. „Ich habe einen leisen Verdacht, dass es Absicht war.“
Erschrocken sah Sabine sie an.
„Sie meinen, dass jemand Sie bewusst eingeschlossen hat? Aber wer sollte das gewesen sein und vor allem, warum hat derjenige das getan?“
„Jemand, der oder die mir den Abend mit Dr. Kaan nicht gönnt“, knurrte Gretchen. Innerlich ahnte sie bereits, wer in ihr eine berechtigte Konkurrenz um die Gunst des Frauenarztes sah und fähig war, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen. Doch vorerst sagte sie nichts weiter.
Sabines Augen leuchteten plötzlich sehnsüchtig auf. „Aus Eifersucht? Das ist ja fast wie in Dr. Rogelt, Band 19 ‚Eifersucht aus Leidenschaft‘, als Schwester Monikwä und Schwester Annedore um Renée gekämpft haben. Schwester Annedore hat Schwester Monikwä schließlich in ihren Spind gesperrt, damit sie freie Bahn bei Dr. Rogelt hatte. Aber Renée hat die Lunte rechtzeitig gerochen und Monikwä aus ihrer misslichen Lage befreit. Dann haben sie sich ganz lange und leidenschaftlich geküsst und…“,
„Wie spät ist es eigentlich, Sabine?“ unterbrach Gretchen die Groschenromanbegeisterte Krankenschwester schnell, da sie nun wirklich keine dieser Geschichten hören wollte, für die sie sich selbst nicht im Geringsten begeistern konnte.
Sabine sah schnell auf ihre zierliche goldene Armbanduhr, die sie am linken Handgelenk trug.
„Oje, müssen Sie sich nicht längst auf den Weg nach Hause gemacht haben?“
„Ja, normalerweise schon“, nickte Gretchen ergeben. „Mein Begleiter wartet sicher schon dort auf mich. Ich hoffe, ich erwische ihn noch, bevor er enttäuscht das Weite sucht.“
„Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, Frau Doktor“, sagte Sabine liebenswürdig.
„Was ist mit Ihnen?“ fragte Gretchen, bevor sie das Feld verließ, ihre Kollegin.
„Ach“, meinte diese nur. „Ich wohne ja quasi um die Ecke. Aber Sie haben einen etwas längeren Weg vor sich. Also sollten Sie sich jetzt wirklich beeilen, wenn Sie sich noch umziehen möchten!“
„Mach ich, Sabine. Und nochmal danke.“ Damit war Gretchen auf und davon. Die kleine Stationsschwester lächelte zufrieden. Mit ihrem uneigennützigen Einsatz hatte sie der Frau Doktor Haase den Ballabend gerettet.
„Gretchen, wo hast du so lange gesteckt?“ Mehdi Kaan war sichtlich erleichtert, als seine Angebetete zwanzig Minuten zu spät in ihrem Elternhaus eintraf, wo er die ganze Zeit ungeduldig auf dem gelben Kordsofa im Wohnzimmer auf sie gewartet hatte.
„Deine Eltern sind schon längst losgefahren.“
„Tut mir so leid, Mehdi“, sagte Gretchen schuldbewusst und biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Ich Tollpatsch habe mich auf der Damentoilette eingesperrt und musste erst warten, bis Schwester Sabine mich befreit.“
„Oje“, schmunzelte Mehdi. „Du bist aber auch ein kleiner Tollpatsch, Gretchen Haase.“
„Na ja“, verlegen lächelnd sah Gretchen ihren Verehrer von unten her an. „So was Dummes passiert echt immer nur mir.“
„Na, jetzt bist du ja hier“, lächelte Mehdi sie an und streckte seine Hände zu ihr aus, die Gretchen ohne zu zögern entgegen nahm. Mehdi streichelte ihr mit seinen Daumen über ihre Handrücken. Gretchen genoss diese Zärtlichkeit sehr. Ihr Herz begann hart zu klopfen. Doch so sehr Mehdi diese Berührung ebenfalls genoss, so war ihm doch bewusst, dass die beiden ein wichtiges Date auf dem Ärzteball hatten.
„Möchtest du dich nicht umziehen?“ fragte der smarte Gynäkologe seine Herzdame schließlich.
„Ich denke, das wäre eine gute Idee“, nickte Gretchen. „Ich habe mir extra ein schönes Kleid für diesen Abend gekauft.“
„Dann wäre es doch schade, wenn du es heute Abend nicht auf dem Ball vorführen könntest“, sagte Mehdi sanft. „Und ich keinen Grund hätte, mit der schönsten Ärztin des EKH anzugeben.“
Gretchens Herz machte einen kleinen Hüpfer, nachdem er den letzten Satz ausgesprochen hatte.
„Du findest mich schön?“ fragte sie leise.
„Wunderschön“, bestätigte Mehdi mit einem Nicken. Dann trat er zu seiner offensichtlichen Traumfrau heran, zog sie in seine Arme und küsste sie erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher, so, dass sie sich fast in ihrem Kuss verloren.

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Nachteule Offline

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01.07.2017 19:51
#9 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 9 – Liebesglück versus Liebesleid

Mühsam öffnete Gretchen Haase erst ein Auge, dann das andere. Für einen Moment war sie irritiert. Das hier war definitiv nicht ihr rosafarbenes Mädchenzimmer. Und auch nicht ihr gemeinsames Schlafzimmer mit Peter in Köln. Es war also kein einfacher Albtraum gewesen, dass er sie betrogen und sie ihn verlassen hatte. Schlagartig begannen ihre Denksynapsen zu arbeiten. Sie war seit gut eineinhalb Monaten von Peter getrennt, nachdem sie ihn in eindeutiger Position, mit seiner Sprechstundenhilfe auf dem entblößten Schoß sitzend, in der nun nicht mehr zukünftigen Kinderarztpraxis ertappt hatte. Danach hatte sie die Flucht nach Berlin angetreten, zurück in den Schoss ihrer sie liebenden Familie, war von ihrem Vater als Assistenzärztin für Chirurgie am Elisabethkrankenhaus eingestellt worden und bereitete sich nun endlich wieder auf ihren Facharzt vor. Und sie hatte Dr. Kaan kennengelernt, den gutaussehenden, einfühlsamen gynäkologischen Oberarzt des Klinikums. Plötzlich dämmerte es ihr. Der Ärzteball, der intensive Kuss, danach ein zweiter und ein dritter… Es war durchaus eine Menge Alkohol geflossen, aber Gretchens trunkener Zustand war weniger durch ein Zuviel aus hochprozentigen Flüssigkeiten entstanden, als durch das Gefühl, sich tatsächlich wieder verliebt zu haben. Mehdi, also Dr. Kaan, hatte sie schließlich mit zu sich nach Hause genommen, wo sie sich ihrer Leidenschaft erst richtig hingaben. Vergessen war Gretchens Panik, als sie wenige Stunden vor dem Ball in der Krankenhaustoilette eingesperrt gewesen war. Der Ball war einfach ein Traum gewesen. Von überall her erhielt sie Komplimente für ihr schönes blaues Abendkleid, wodurch Mehdis Brust nur stolzgeschwellter geworden war, war er doch der Begleiter dieser attraktiven jungen Ärztin gewesen. Sie hatte sich vor Tanzaufforderungen nicht retten können, hatte aber doch die meiste Zeit nur mit Mehdi getanzt. Sie war sich vorgekommen, als schwebte sie auf Wolken. Sie war so liebestrunken gewesen, dass ihr der neidvolle Kommentar ihrer Kollegin und Kontrahentin um Mehdis Herz, Dr. Maria Hassmann, nichts ausgemacht, sondern ihr Glücksgefühl nur erhöht hatte.

„Eins zu null für Sie, Haase. Sie haben sich den wohl begehrenswertesten Fisch des Krankenhauses gefangen, wie auch immer Sie das angestellt haben, bei dieser astreinen, ähm… barocken Figur."
„Alles wohlproportioniert, liebe Kollegin. Nicht so drahtig und mikroskopisch klein, wie bei manch anderen Damen“, hatte Gretchen schlagfertig gekontert und der Neurologin ihr süßestes Lächeln geschenkt, woraufhin letztere sich eingeschnappt umgedreht und Gretchens Dunstkreis für den gesamten restlichen Abend gemieden hatte.

Gretchen fühlte sich so leicht und glücklich, dass sie auch großzügig darüber hinwegsah, dass ihre scheinbar betrunkene Mutter begonnen hatte, von der Bühne der Unterhaltungsband aus schnulzige Schlager zu trällern, sehr zum Amüsement der illustren Gästeschar und sehr zur Peinlichkeit von Professor Haase und seinem Sohn Jochen, der sich schleunigst mitsamt seiner neuen Freundin verdrückte. Noch konnte Gretchen nicht ahnen, was der Anlass für ihre Mutter gewesen war, sich so doll zu betrinken und die Kontrolle über ihre Handlungen zu verlieren. Aber es gab bestimmt einen triftigen Grund, und den würde Gretchen sicherlich bald erfahren.
Doch im Moment lebte sie nur im Hier und Jetzt. Sie drehte sich erwartungsvoll in dem gemütlichen breiten Bett um und musste erkennen, dass die andere Betthälfte zwar benutzt, aber leer und abgekühlt war. Von außerhalb des geräumigen, in gedeckten Creme- und Brauntönen gehaltenen Schlafraumes hörte die Ärztin ein Rumoren und mehrere Stimmen, hohe wie tiefe. Sie erkannte nur die ihres neuen Traumprinzen. Auf die anderen konnte sie sich keinen Reim machen. Dann wurde es wieder ruhiger. Die Stimmen verhallten. Eine Tür, vermutlich die der Wohnung, wurde lautstark geschlossen. Gretchen atmete einmal tief durch. Zeit, aufzustehen! Sie drehte sich wieder auf ihre rechte Seite und angelte nach ihrem BH, der neben ihr auf dem Fußboden lag. Sie hing halb von der Matratze und bemerkte nicht, dass sie nicht mehr alleine war.

„Bist du jetzt Papis neue Freundin?“ hörte sie neben sich ein zartes Stimmchen. Erschrocken kletterte Gretchen wieder aufs Bett zurück und zog sich die bunte Decke über ihre nackte Brust. Als sie einen Blick nach links wagte, sah sie in das süßeste Kindergesicht, das sie je gesehen hatte. Graue Augen musterten sie freundlich, aber intensiv.
„Du bist schön“, sagte das kleine Mädchen neben ihr und erwärmte augenblicklich ihr Herz. „Du hast ganz tolle Haare, wie ein Engel.“
„Hrrhrrm“, räusperte Gretchen sich verunsichert. Normalerweise konnte sie gut mit Kindern umgehen. Aber in dieser Situation fühlte sie sich leicht überfahren. „Danke“, hauchte sie daher lediglich.
„Heiratest du meinen Papi?“ Wieder stellte das kleine Mädchen eine Frage, die Gretchen ihr weder beantworten konnte noch wollte.
„Mal sehen“, sagte sie daher und hoffte, der kleine, niedliche Wirbelwind würde endlich das Weite suchen, damit sie sich problemlos ins Bad verziehen, sich frischmachen und anziehen konnte. Doch das Kind dachte nicht daran und musterte die letztnächtliche Bettnachbarin ihres Papis eingehend.
„Meine Mama ist in Amerika“, erzählte die Kleine ungeniert. „Sie hat uns verlassen, weil sie ganz viel Geld als Tänzerin verdienen möchte und deshalb keine Zeit mehr für uns hat.“
Es wurde Gretchen ganz unbehaglich ums Herz, als Mehdis Tochter ihr diese traurige Begebenheit mitteilte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Wie musste sich ein Kind fühlen, das von Vater oder Mutter regelrecht im Stich gelassen worden war? Am liebsten hätte sie das dunkelblonde Mädchen mit den neugierigen, aber dennoch melancholisch dreinblickenden Augen in den Arm genommen, wäre nicht plötzlich Mehdi ins Schlafzimmer gekommen.
„Na, ausgeschlafen?“ fragte er Gretchen auf die freundlichste Art und Weise, zu der ein Mann wie er fähig war. Nachdem er Gretchens Lächeln und ihr Kopfnicken als Antwort aufgefangen hatte, wandte er sich, ganz der treusorgende Herr Papa, an seine kleine Tochter. „Lilly, was machst du denn hier? Ich habe dir doch gesagt, du sollst in dein Zimmer gehen und deine Jacke sowie deine Schuhe dort ordentlich wegpacken und nicht mitten in den Flur werfen, wo jeder drüber stolpern kann.“
Die Angesprochene rollte kurz mit den Augen, kletterte dann aber schleunigst vom Bett und verließ das Zimmer. Erleichtert atmeten sowohl Mehdi, als auch Gretchen, die sich noch immer unter der bunten Decke verborgen hielt, auf.
„Ihr habt euch also schon kennengelernt“, stellte Mehdi freundlich fest. „Das eben war Lilly, sieben Jahre alt, ein absoluter Naseweis und meine Tochter.“ Er begann vor lauter Stolz von einem Ohr zum anderen zu grinsen, wie Gretchen amüsiert feststellte.
„Goldig“, erwiderte sie mit einem Kopfnicken.
„Meine Eltern haben sie gerade hergebracht“, glaubte Mehdi Lillys plötzliches Auftauchen erklären zu müssen. „Sie kümmern sich ganz rührend um sie, seit Anna…“, hier brach er ab. Die Sache mit seiner gescheiterten Ehe schien ihm immer noch eine Menge auszumachen. „Lilly geht in die erste Klasse“, lenkte er schließlich von Thema ab. „Im Moment ist sie Klassenbeste.“
„Das ist gut“, sagte Gretchen lächelnd. „Ich habe schon gemerkt, wie pfiffig sie ist.“
„Nicht wahr?“ Mehdi platzte fast vor lauter Vaterstolz. Gretchen fand das wirklich sehr rührend. Was wollte eine Frau, die mit dem Thema „Mutter werden“ noch längst nicht abgeschlossen hatte, mehr, als einen Mann an ihrer Seite, der Kinder mindestens genauso liebte wie sie und hervorragend mit ihnen umgehen konnte? Ja, Mehdi war ein Mann, mit dem Gretchen Haase eine Familie gründen könnte. Früher oder später. Wahrscheinlich später, denn Gretchen hatte nicht vor, ihren Facharzt sausen zu lassen. Da konnte ihre Mutter sie noch so sehr bedrängen. Gretchen hatte nicht jahrelang studiert, um danach nichts aus ihrer aufwendigen Ausbildung zu machen, so wie Bärbel Haase es selbst getan hatte, als sie kurz vor ihrer Hochzeit mit dem jungen Chirurgen, Dr. Franz Haase, ihre Ausbildung als Krankenschwester abbrach und dadurch zur Hausfrau auf Lebenszeit wurde.




Gretchens Mutter lebte ausschließlich für ihre Familie. Sie schmiss den Haushalt, hatte sich jahrelang der Erziehung ihrer beiden inzwischen erwachsenen und doch noch so unselbständigen Kinder gewidmet und ihrem Franz die schmutzigen Socken gewaschen. Sie hatte allen dreien ihre vollständige Aufmerksamkeit und Liebe angedeihen lassen, fast bis zur kompletten Selbstaufgabe. Und was war der Dank dafür? Jochen lebte in den Tag hinein, wusste mit bald Mitte zwanzig immer noch nicht so recht, was er eigentlich machen wollte, studieren oder sich doch lieber von den Eltern aushalten zu lassen. Gretchen, die eigentlich längst unter der Haube und möglicherweise schon schwanger hätte sein sollen, entwickelte sich zu einem regelrechten Karrierebiest. Tzz, die „moderne Frau von heute“! „Karriere vor Kind!“ Ja, ja, Franz unterstützte die Pläne seiner Tochter und war auch noch stolz auf das, was sie tagtäglich leistete, in einem Männerberuf! Zu ihren Zeiten, da war sich Bärbel Haase mit sich selbst einig, waren die Geschlechterrollen noch klar geregelt. Der Mann verdiente das Geld, damit es zu Hause ordentlich was auf den Tisch gab, und die Frau kümmerte sich um das Heim und die Familie, wie es die Evolution seit Jahrmillionen vorgesehen hatte. Bärbel hatte sich an diese Spielregeln gehalten. Und nun spürte sie wieder einmal nichts als mentale Fußtritte, von ihren Kindern, aber noch mehr von ihrem Mann.

Er hatte sie betrogen, wieder einmal. Schon zum dritten Mal hatte er eine Affäre. Bärbel hatte am Nachmittag vor dem Ball die verdächtigen Lippenstiftspuren auf seinem ansonsten weißen Oberhemdkragen entdeckt und die verräterischen Parfümschwaden daran gerochen. Dieser elende Mistkerl! Da rackerte sie sich von früh bis spät für ihn ab, damit er ein gemütliches Heim und ein nahrhaftes und leckeres Essen auf dem Teller vor sich hatte, und er ließ sich in die Arme einer anderen Frau fallen. Bärbel wusste augenblicklich, dass sie herausfinden musste, um wen es sich dabei handelte. Sie würde ihre Konkurrentin aufsuchen und sie angemessen dafür bezahlen, für immer aus Franz Haases Leben zu verschwinden. Bei ihren beiden Vorgängerinnen hatte das ja auch bestens geklappt. Bärbel würde nicht eher ruhen, bis sie Franz wieder ganz für sich zurückgewonnen hatte. Und dann würde sie ihn verwöhnen und lieben, bis er nicht mehr ansatzweise das Gefühl hätte, sich seine Attraktivitätsbestätigung bei einer anderen Frau holen zu müssen. Denn er war IHR Ehemann. Sie würde ihn niemals aufgeben.


Nachteule Offline

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04.07.2017 22:02
#10 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten


Kapitel 10 – Bei Muttern


Liebes Tagebuch!

Mir geht es wunderbar. Ich habe mich verliebt! Es ist schon lange her, dass ich dir das geschrieben habe, etwas mehr als sieben Jahre schon. Aber es stimmt. Mehdi ist ein ganz toller Mensch, gutaussehend, klar, aber auch wahnsinnig einfühlsam und charmant. Ich fühle mich bei ihm geborgen wie nie und geliebt, wie von sonst niemandem auf dieser Welt. Wir sind uns irgendwie schon ähnlich, können uns beide gut in andere Menschen reinversetzen, was für den Arztberuf auch sehr wichtig ist. Aber auch privat haben wir viel gemeinsam. Mehdi ist mindestens ebenso ein Romantiker wie ich. Bevor wir nach dem gelungenen Ärzteball mit dem Taxi zu ihm nach Hause fuhren, haben wir uns zusammen den Sternenhimmel angesehen und dabei sogar eine Sternschnuppe entdeckt. „Du darfst dir was wünschen“, meinte Mehdi zu mir. „Du dir aber auch“, erwiderte ich ihm. Ich weiß nicht, was er sich gewünscht hat, mein Wunsch war jedenfalls Glück, Zufriedenheit und ganz viel Liebe. Das mit der Liebe ist ja schon ansatzweise in Erfüllung gegangen, zufrieden bin ich auch. Glücklich? Irgendwie schon. Aber ich muss gestehen, nach der Geschichte mit Peter, die ja noch nicht ganz so lange her ist, bin ich natürlich etwas vorsichtig. Ich will mir die Beziehung zu Mehdi ganz langsam aufbauen, um nichts falsch zu machen. Liebe ist so kostbar und kann furchtbar schnell zerbrechen. Das haben wir beide erlebt, Mehdi mit seiner Exfrau und ich mit Peter. Wir sind beide gebrannte Kinder in diesem Bereich. Wieder eine Gemeinsamkeit. Hach!
Wenn ich könnte, würde ich schnell zu Mehdi ziehen. Ich denke, seine süße Tochter Lilly hätte nichts dagegen. Sie hat mich ja sogar schon gefragt, ob ich ihren Papa jetzt heirate. Wie süß! Aber wie gesagt, ich will da nichts überstürzen. Aber zu durchdenken wäre so ein Umzug schon. Hier in meinem Elternhaus ist nämlich nichts wie sonst. Mama verhält sich ganz komisch, und Papa ist kaum noch zu Hause. Ich glaube, er hat die letzte Nacht sogar in seinem Büro im Krankenhaus verbracht. Jedenfalls ist er bisher nicht hier aufgetaucht, was ganz untypisch für ihn ist, wo er doch auf ein gemeinsames Frühstück mit der Familie immer so viel Wert legt. Irgendwas ist da im Busch! Vielleicht haben Mama und Papa sich gestritten! Mama hat sich auf dem Ball ja auch irgendwie daneben benommen. Ich habe nicht viel davon mitbekommen, war ja anderweitig beschäftigt *grins*. Aber Jochen hat gemeint, dass Papa ziemlich sauer war. Hm… schon komisch! Die einen erleben ihr Liebesglück, die anderen ihr Liebeleid. Warum können nicht alle Menschen einfach glücklich sein?



Seufzend schloss Gretchen ihr Tagebuch und legte ihren rosafarbenen Lillifee-Bleistift auf ihren Nachttisch, bevor sie sich daran machte, sich von ihrem Bett zu bewegen und nach unten ins Wohnzimmer zu gehen. Wie immer war ihre Mutter schwer mit Hausarbeit beschäftigt. Gerade wischte sie die Fliesenböden im Erdgeschoss. Der Duft von Apfelessenz strömte durch das gesamte Haus und vermischte sich im Wohnzimmer mit dem Geruch von frischer Möbelpolitur, so wie Gretchen es kannte und zugegebenermaßen auch mochte. Das war eben der Duft ihres Zuhauses, ihrer Familie.
„Mama!“ rief sie. „Wo bist du gerade?“
„In der Küche, Margarethe“, kam es gedämpft hinter der Tür der Arbeitsküche hervor. „Warte, ich wische noch den Boden, dann komme ich gleich zu dir.“
„Okay, Mama!“ Gretchen drehte sich auf dem Absatz um und setzte sich auf eines der gelben Kordsofas. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie hatte das Gefühl, dass die Stimme ihrer Mutter gerade anders geklungen hatte als sonst, verzweifelter, sorgenvoller.






Unterdessen betrat ein junger, gutaussehender Chirurg die Terrasse einer modernen, fast vollständig verglasten Villa am westlichen Stadtrand Berlins. Seine Mutter hatte am Telefon so komisch geklungen. Natürlich hatte sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, wollte ihn ja auch nur daran erinnern, dass er am Freitag zum üblichen Brunch bei ihr vorbei sah. Pflichten, die er als Sohn zwar brav übernahm, was er aber ganz bestimmt nicht gerne tat. Seine Mutter war eine totale Nervensäge, das war sie immer schon. Ihre Welt drehte sich vor allem um sie selbst. Sie empfand sich als absolute Nummer eins, als „Königin der Welt“. Danach kam ihre - unverständlicherweise – preisgekrönte Dr.-Rogelt-Romanreihe, die kitschigste und unlogischste, die Marc sich vorstellen konnte. Danach gab es lange Zeit nichts, und erst dann folgte ihr einziger Sohn. Als Mutter sah sie es als ihre Pflicht an, dass sie Marc regelmäßig, also einmal in der Woche, zum Essen einlud. Das geschah normalerweise am Freitag. Ebenfalls einmal in der Woche, nämlich am Mittwoch, telefonierten sie miteinander, wobei Elke in der Regel Marc anrief. Sie achtete dabei genauestens auf die Uhrzeit. Beginn und Ende des Gesprächs waren penibel aufeinander abgestimmt. Daher konnte Marc sich immer darauf einstellen, wann sein Handy mittwochs klingelte und er sich Zeit zu nehmen hatte für seine Erzeugerin. Wenn er zu dieser Zeit jedoch im OP stand, was auch mal vorkam, war er derjenige, der seine Mutter schon vorher anrief, damit sie ihn nicht vergeblich zu erreichen versuchte. Hinterher wäre sie mit Sicherheit, vorgeblich aus Sorge um ihren Sohn, mit großer Theatralik im Krankenhaus aufgetaucht, nur um zu sehen, was mit Marc los war. Damit trieb sie diesen dann allerdings dazu, ihr zynische Antworten zu geben oder ihr sogar manche Beleidigung an den Kopf zu werfen, die sie wiederum mit vorgeblichen Schwäche- oder Ohnmachtsanfällen beantwortete. Hauptsache, Elke Fisher stand im Mittelpunkt des Geschehens. Wie Marc es hasste, wenn sie solche Auftritte an seiner Arbeitsstätte hinlegte. Und deshalb versuchte er diese Situationen von vorneherein zu unterbinden, wie es ihm nur möglich war.

Marc hatte am Telefon die Nervosität seiner Mutter bemerkt und zog daraus seine Schlüsse. Schließlich näherte sich der Jahrestag seit dem Auszug seines Vaters zum einundzwanzigsten Mal. Die bittere Niederlage, die Elke durch das Scheitern ihrer Ehe erlitten hatte, hing ihr auch nach all den Jahren noch nach. Natürlich wusste sie, dass sie alles andere als unschuldig gewesen war, dass Reinhard Meier sie einst mit dem gemeinsamen Sohn alleine in Berlin zurückgelassen hatte. Sie war ihm nie eine gute Ehefrau gewesen, so wie sie Marc eigentlich auch keine gute Mutter war. Schon immer galt sie als oberflächlich, zickig und egozentrisch, eine richtige Diva halt. Bereits als junge Frau hatte sie sich für Literatur und besonders für das Schreiben begeistern können, doch das angestrebte und begonnene Germanistikstudium befriedigte sie nicht. Sie gab es schon nach einem Semester auf und stürzte sich, vor allem wegen der finanziellen Absicherung, in die Ehe mit dem jungen Juristen, von dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits im sechsten Monat schwanger war. Noch vor Marcs Geburt begann sie mit dem Verfassen von Kurzgeschichten, die sie bei einer größeren Westberliner Tageszeitung veröffentlichen durfte. Damit hatte sie tatsächlich so etwas wie Erfolg. Schließlich begann sie mit ihrem ersten Groschenroman, der aber noch gar nichts mit ihrem späteren Held, Dr. Rogelt, zu tun hatte. Diesen ließ sie erst entstehen, als ihre Ehe frisch gescheitert war. Anfangs sollte der Protagonist ein erfolgreicher Anwalt sein, so wie ihr Exmann. Aus diesem Grund gab sie Dr. Rogelt auch den Vornamen „René“, wegen der Ähnlichkeit zu „Reinhard“. Als sie aber eines Tages eine Wiederholung der „Schwarzwaldklinik“ im Fernsehen verfolgte, fühlte sie sich inspiriert, ihren Romanhelden zu einem großartigen Chirurgen zu machen. Zu dem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass ihr damals zwölfjähriger Sohn ebenfalls erste Gedanken an eine medizinische Karriere in sich trug, nachdem er wegen eines Beinbruchs eine Weile im Elisabethkrankenhaus gelegen und mit steigendem Interesse die Arbeit der dortigen Ärzte beobachtet hatte. Dass Marc also ebenfalls Chirurg wurde, hatte nichts mit dem Helden aus Elkes Groschenromanen zu tun, aber nun konnte sie vom medizinischen Wissen ihres Sohnes profitieren und Dr. Rogelt realistischer darstellen, wenn auch die Hintergrundgeschichten immer noch absurd waren, wie Marc fand. Und das sprach er auch vor seiner Mutter immer wieder unverblümt aus.
Als Marc das Haus seiner Ahnherrin durch die auf ungewöhnliche Weise sperrangelweit geöffnete Terrassentür betrat, war weder von seiner Mutter, noch von deren Assistentin Isabelle etwas zu sehen. Komisch!
„Mutter!“ rief Marc laut. Seine klare Männerstimme hallte durch das große, bis zum Dach offene Wohnzimmer.
„Komme gleich“, hörte er die übertrieben betonende, raue Stimme seiner Mutter aus dem Dachgeschoss erklingen. Das Klappern von Damenschuhabsätzen ertönte wenig später von der Steintreppe her.
„Marc-Olivier“, rief Elke Fisher mit übertriebener Freundlichkeit und zeigte dabei die gesamte Reihe ihrer strahlenden, künstlichen Zähne. „Das ist ja eine… äh… Überraschung. Aber es ist noch nicht Freitag oder?“
„Nein, Mutter“, schüttelte Marc den Kopf. „Ist es nicht. Es ist immer noch Mittwoch. Und… ähm… nenne mich bitte nicht so!“
„Aber Olivier!“
„Mutter, bitte!“
„Ol… Marc, was tust du denn überhaupt heute schon hier? Ich habe gerade überhaupt keine Zeit für dich.“
Kopfnickend musterte Marc seine Mutter, die am helllichten Tag als Oberbekleidung nichts Weiteres als einen seidenen Morgenmantel im japanischen Stil trug.
„Aus der Badewanne kann ich dich kaum geholt haben, was?“ grinste der junge Oberarzt diabolisch. „Du bist staubtrocken. Oder kommst du gerade aus den Federn? Bist du krank?“
Irritiert sah Elke ihren Sohn an.
„Äh… ja… also“, stammelte sie unsicher. „Ich habe… hatte… die ganze Zeit so einen kratzenden Hals. Und ich war sehr müde. Deshalb habe ich mich etwas hingelegt. Und ich möchte gerne wieder in mein Bett zurück. Mir geht es immer noch nicht ganz so gut. Sei so lieb, Marc, und fahr wieder nach Hause! Wir sehen uns dann wie immer am Freitagabend zum Essen.“
„Mutter, ich bin Arzt“, sagte Marc augenrollend. „Ich kann deinen Hals untersuchen und dir gegebenenfalls ein Rezept ausstellen für ein hilfreiches Medikament. Ich habe meine Tasche im Auto. Warte, ich hole sie schnell.“
„Nicht nötig, mein Sohn“, wehrte Elke schnell ab. Nervös trippelte sie dabei mit ihren Schuhen auf dem blankgeputzten Fliesenboden herum. „Außerdem habe ich mir schon einen heißen Tee mit Zitrone gemacht. Der hilft mir in so einer Situation immer am besten.“
„Mutter“, Marc musterte sie eingehend, während er sprach. „Ich habe Grund zur Annahme, dass du mich irgendwie loswerden willst. Also, was ist hier wirklich los?“
„Marc, es ist nichts“, versuchte Elke die angespannte Situation zu verharmlosen. „Mir ist wirklich etwas schwindelig. Ich möchte gerne in mein Bett zurück.“ Demonstrativ hielt sie sich den Rücken ihrer rechten Hand an die Stirn und nahm einen leidenden Gesichtsausdruck an. Marc trat näher an sie heran, bis er dicht genug vor ihr stand. Dann befühlte er ihre Stirn ebenfalls.
„Fieber hast du schon mal keines“, stellte der Mediziner fest.
„Das habe ich auch nie behauptet, Ol… Marc“, erwiderte Elke mit Nachdruck.
„Warte mal kurz, Mutter!“ Marc lief schnell in die offene Küche und kam mit einem Kaffeelöffel zurück. Dann zückte er seinen Schlüsselanhänger, an dem eine Mini-Taschenlampe befestigt war.
„Mund auf!“ befahl er der Erfolgsautorin.
„Marc, bitte!“
„Mund auf!“ Der junge Arzt ließ nicht locker. Elke gehorchte widerwillig. Marc schob ihr den Löffel mit der flachen Seite nach unten zwischen den Kauleisten hindurch und drückte damit ihre Zunge leicht nach unten, während er mit der Taschenlampe in den Rachen leuchtete.
„Und nun sag ‚Ah‘!“
„Marc, muff daff feim?“
„Komm schon, Mutter!“
„Aaaaah!“
„Nichts geschwollen, nichts gerötet“, diagnostizierte der Zweiunddreißigjährige. „Du hast nichts. Also nochmal – was ist hier los?“
„Doch, Marc“, klagte Elke munter weiter. „Mir ist die ganze Zeit total schwindelig. Und vorhin war mir auch tatsächlich ziemlich heiß. Keine Ahnung, warum ich dann keine erhöhte Temperatur habe. Und schlimmes Herzklopfen hatte ich heute auch schon.“
Marc nickte verstehend.
„Ich weiß schon, woher das kommt“, murmelte er in seinen kaum vorhandenen Dreitagebart. „Warum gibst du es nicht einfach zu, dass du Herrenbesuch oben hast?“
„Bitte?“ Gekünstelt begann Elke zu lachen. „Aber Marc-Olivier, wie kommst du darauf?“
„Mutter, sag bitte nicht das böse O-Wort!“ mahnte der Chirurg. „Außerdem hast du ständig irgendwelche Affären. Mir soll’s Recht sein. Dann bist du wenigstens fürs Erste abgelenkt und belästigst mich nicht in der Klinik.“
„Marc!“ Verzweifelt sah Elke ihren Sohn hinterher, der sich gerade auf den Weg zum Ausgang machte. „Bitte! Ich wollte es dir früher oder später schon noch sagen, dass es da wieder jemanden für mich gibt.“
„Lass stecken, Mutter“, rief Marc ihr vom Eingangspodest aus zu. „Du bist mir keine Rechenschaft schuldig. Es ist dein Leben. Ich wünsche dir noch viel Spaß. Bis Freitag.“ Kurz darauf saß er in seinem Auto und fuhr davon, während Elke die Haustür hinter ihm geschlossen hatte und nun doch erleichtert und mit erwartungsvoller Fröhlichkeit im Eiltempo wieder die Treppenstufen ins Dachgeschoss erklomm, wo sie bereits sehnsüchtig zwischen den Laken ihres japanischen Futonbettes erwartet wurde.



Nachteule Offline

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13.07.2017 21:26
#11 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 11 – Die Begegnung


Gretchen hatte permanent auf ihre Mutter eingeredet. Irgendeine Laus musste dieser doch über die Leber gelaufen sein! Doch Bärbel blieb eisern und verschwieg ihrer Tochter vorerst ihre Eheprobleme.
„Hab halt schlecht geschlafen“, benutzte sie als Ausrede für Tiefpunk-Laune. „Es ist wirklich nichts, Margarethe. Vielleicht war der Ball einfach etwas zu heftig für mich alte Frau. Ich hätte doch lieber nicht so viel Wein trinken sollen.“
Wenn es nur daran gelegen hätte, sagte sich Gretchen in Gedanken. Sie kannte ihre Mutter eben zu gut. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass Bärbel mit enormen Sorgen belastet war, die sie gerade mit sich selbst ausmachte. Früher oder später würde sie reden. So machte sie es immer. Und schließlich würde Gretchen wieder als ihr Kummerkasten herhalten müssen. Aber die Tochter tat es gerne, wenn es ihrer Mutter half.

Da Gretchen heute ihren freien Tag hatte, nutzte sie die Gelegenheit, um ein wenig durch die Stadt zu laufen. Shopping konnte einfach nicht schaden. Sie hatte Bärbel vorgeschlagen, doch mitzukommen. Aber diese hatte kopfschüttelnd abgelehnt und gemeint, sie habe noch so vieles im Haus zu erledigen, das in letzter Zeit einfach liegengeblieben sei. Also schnappte Gretchen sich ihr Fahrrad und fuhr los. Ihr Weg führte sie direkt in eine der begehrtesten Einkaufsstraßen der Innenstadt. Dort gab es ein paar tolle Boutiquen, die Gretchen prompt aufsuchte. Sie erstand sogar ein paar richtig gute Oberteile, die nicht einmal so teuer waren, sowie ein schickes paar Schuhe zu halben Preis. Zufrieden schlenderte sie die Straße entlang, in jeder Hand eine prall gefüllte Einkaufstasche. Als sie jedoch an einem Brautmodengeschäft vorbeikam, hielt sie kurz inne. Wie magisch zog sie das schöne Kleid im Schaufenster an. Sie konnte den Blick nicht davon abwenden, auch wenn vor ihrem geistigen Auge wieder die schmerzlichen Sekunden präsent wurden, in denen sie vor wenigen Wochen hatte erkennen müssen, dass Peter nicht der Prinz war, für den sie ihn sieben Jahre gehalten hatte. Gretchen wusste hinterher nicht, wieso, aber ihre Füße trugen sie wie selbstverständlich in den Laden. Eine Minute oder auch zwei stand sie direkt vor dem prachtvollen Kleid, das sie im Schaufenster betrachtet hatte und befühlte es ehrfürchtig und vorsichtig zugleich.
„Kann ich Ihnen helfen?“ hörte sie kurz darauf eine freundliche Frauenstimme hinter sich. Gretchen dreht sich um und sah in das sympathische Gesicht einer Mittvierzigerin, augenscheinlich eine Verkäuferin in diesem Geschäft.
„Ähm…“, machte Gretchen unsicher. „Das ist wirklich ein schönes Kleid.“
„Nicht wahr“, nickte die Verkäuferin. „Möchte Sie es anprobieren? Es dürfte sogar Ihrer Konfessionsgröße entsprechen.“
„Gerne“, hörte Gretchen sich sagen. Sollte sie es wirklich wagen? Ach was! Sie würde das Kleid ja nur anprobieren und nicht gleich kaufen. Es konnte also nichts schaden, es wenigstens zu versuchen.
Die Verkäuferin, wahrscheinlich in der Annahme, die hübsche Blonde würde tatsächlich bald heiraten, war sehr darum bemüht, ihre potentielle Kundin zufriedenzustellen. Vorsichtig holte sie das Kleid aus dem Schaufenster, während sie euphorisch von der Hochzeit ihrer Schwester vor einigen Wochen erzählte, die ein ähnliches Kleid getragen habe und darin aussah wie eine Prinzessin. Sie schwärmte regelrecht von der guten Verarbeitung und Qualität des Stoffes, rühmte die aufwendigen Stickereien und hatte auch gleich einige Ratschläge für die Hochzeitsfeier parat. Sie führte Gretchen in eine der Umkleidekabinen und reichte ihr das Wallekleid hinein. Zögerlich entkleidete sich Gretchen hinter dem Vorhang. Was tat sie hier eigentlich? Aber nun, wo dieser weiße Tüll- und Seidentraum ihr direkt vor der Nase hing, konnte sie nicht anders. Sie wollte das Kleid anziehen, unbedingt.
Währenddessen betrat eine weitere Kundin das Brautmodengeschäft und herrschte die Verkäuferin patzig an. Diese wurde sogleich hektisch, war sie doch für die Kundenbedienung heute alleine zuständig.
„Kragenow“, hörte Gretchen eine herrische Stimme aus dem Verkaufsraum. „Ich habe einen Termin zur Anprobe. Und ich sage gleich, dass ich es nicht mag, wenn man mich zu lange warten lässt.“
„Sehr wohl, Frau Kragenow“, meinte die Verkäuferin unterwürfig. „Ich habe Ihr Kleid bereits zur Anprobe vorbereitet. Wenn Sie mir bitte folgen möchten!“
Unterdessen war Gretchen in „ihr“ Kleid geschlüpft. Erstaunlicherweise passte es wie angegossen. Allerdings kam sie nicht an den Reißverschluss heran. Wo war denn nur die Verkäuferin? Es dauerte Minuten, bis diese wieder von sich hören ließ.
„Haben Sie das Kleid schon an?“ fragte sie die junge Ärztin, die geduldig hinter dem Vorhang ihrer Umkleidekabine gewartet und gar nicht mehr daran gedacht hatte, das Kleid eventuell wieder auszuziehen und schleunigst das Weite zu suchen. Gretchen besah sich in dem engen, dunklen Raum derweil im Spiegel und war fasziniert. Das Kleid war wirklich ein Traum. Sie fühlte sich so wohl darin. Es war um ein Vielfaches schöner als das Kleid, das Peter ihr gekauft und das sie nach ihrer Rückkehr nach Berlin im Garten ihrer Eltern wütend vernichtet hatte. Auch die Verkäuferin nickte anerkennend.
„Es ist wie gemacht für Sie“, erklärte diese. „Warten Sie, ich helfe Ihnen mit dem Reißverschluss.“
Nachdem die Robe perfekt saß, traute sich Gretchen endlich aus der Umkleidekabine. Nun konnte sie sich in einem der großen Spiegel im Verkaufsraum betrachten. Sie fühlte sich im Nu wie eine Prinzessin aus einem ihrer Kleinmädchenträume und drehte sich beschwingt ein paar Mal um ihre eigene Achse, während die Verkäuferin sich wieder an die in Hintergrund motzende andere Kundin kümmerte. Gretchen glaubte sich zunächst unbeobachtet. Fast zu spät bemerkte sie den attraktiven jungen Mann, der auf einem der Wartesessel saß und sie grinsend ansah. Beschämt hielt Gretchen inne und sah zu Boden. Verstohlen wagte sie dann doch einen Blick zu dem dunkelhaarigen Mann, der ihr irgendwie bekannt vorkam. Mit seinen grünen Augen musterte er sie intensiv. Er wollte gerade ansetzen, sie anzusprechen, als seine Verlobte durch den Laden stampfte wie ein aufgescheuchtes Huhn, das man in mehrere Lagen Tüll gewickelt hatte.
„Und, was sagst du jetzt dazu?“ fragte sie ihn ungehalten.
„Was kostet denn der Scheiß?“ fragte er die Verkäuferin unverschämt. Diese wollte gerade antworten, als die Brünette ihr zuvorkam.
„Also irgendwie ist das noch nicht das Richtige für mich. Ich fühle mich nicht wohl in dem Teil. Und es ist mir auch zu einfach. Nicht das Gelbe vom Ei, würde ich sagen.“ Dann fiel ihr Blick auf Gretchen. Sie musterte sie skeptisch und zeigte dann mit dem Finger auf sie. „Sowas, was die Dicke da anhat, das soll es sein“, erklärte die Kundin unfreundlich.
„Na hören Sie mal“, echauffierte Gretchen sich. „Ich lasse mich nicht von Ihnen beleidigen.“
„Gabi, lass gut sein“, fuhr der junge Mann dazwischen. „Entschuldigen Sie“, wandte er sich erklärend an die Blonde. „Meine Verlobte ist etwas nervös wegen der Hochzeit, wie es aussieht.“
„Schon okay“, sagte Gretchen nur. „Ich wollte das Kleid sowie nicht kaufen.“ Sie stapfte wieder zur Umkleide zurück, während die Verkäuferin ihr ungläubig hinterher sah und glaubte, Frau Kragenow sei mit ihrer unverschämten Art schuld daran, dass ihr wahrscheinlich ein gutes Geschäft durch die Lappen ging. Also versuchte sie mit Worten zu schlichten.
„Ich kann Ihnen einen Rabatt auf das Kleid geben“, bot sie Gretchen unvermittelt an. Doch die Ärztin schüttelte den Kopf.
„Es war eben keine gute Idee, ein Brautkleid anzuprobieren“, flüsterte Gretchen betreten. „Ich hätte gar nicht erst in diesen Laden eintreten sollen.“
„Gefällt Ihnen denn das Kleid nicht?“ versuchte die Verkäuferin es weiter, während Gabi Kragenow im Hintergrund weiter herumkeifte. „Wir haben auch andere, noch schönere Modelle.“
„Nein danke“, antwortete Gretchen nachdrücklich. „Ich weiß sowieso nicht, was mich da eben geritten hat. Ich werde in nächster Zukunft nicht heiraten. Ich habe meinen Verlobten gerade erst verlassen. Es tut mir leid um das schöne Kleid.“ Damit drückte Gretchen, die wieder ihr eigenes Outfit trug, der verdutzten Verkäuferin die Traumrobe in die Hände und rannte schleunigst aus dem Geschäft.
Kurz darauf dämmerte es dem jungen Mann, woher er die Blondine kannte.
„Gretchen Haase“, murmelte er und sah ihr erstaunt durch das Schaufenster hinterher.

In jenem Augenblick fiel es auch der angehenden Chirurgin wie Schuppen von den Augen.
„Moment mal“, flüsterte sie sich selbst zu und verlangsamte ihre Schritte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, und das bestimmt nicht nur, weil sie eben so schnell gerannt war. „Das war doch…! Ja, er war es, ganz bestimmt. Marc! Marc Meier! Ich habe ihn tatsächlich wiedergetroffen. Und er sieht immer noch verdammt gut aus. Oh, Gretchen, jetzt keine Gefühlsduseleien! Du bist frisch in einer festen Beziehung, und du bist glücklich – mit Mehdi. Marc ist Vergangenheit. Er hat dich immer übelst gequält. Und du wirst ihn sowieso nie wiedersehen“, sprach sie zu sich selbst und stieg auf ihr Fahrrad, um den Heimweg anzutreten. Unterwegs musste sie immer wieder an Marc denken, wie er sie angesehen und angegrinst hatte. Amüsiert, ja, aber keineswegs spöttisch. Ob er sie auch erkannt hatte? Wohl kaum. Gretchen hatte sich schließlich verändert. Sie war nicht mehr das unsichere, pummelige Mädchen aus der Schule, das mit der großen Brille und der hässlichen Zahnspange.

Das sagte sich auch Marc, der ebenso wenig aufhören konnte, an Gretchen zu denken, wie sie an ihn. Wie lange hatte er sie nicht mehr gesehen? Es mussten wohl mehr als zehn Jahre vergangen sein. Hübsch war sie geworden, definitiv. Soweit er wusste, war sie ebenfalls Ärztin, den Berichten ehemaliger Mitschüler zufolge jedoch im allgemeinmedizinischen Bereich. Aber Moment mal, lebte sie nicht irgendwo im Westen? Düsseldorf oder Köln? Dennoch war er sich zu hundert Prozent sicher, dass es sich bei der jungen blonden Frau eben um „seinen“ Haasenzahn gehandelt hatte. Unwillkürlich musste er wieder grinsen. Sie war zurück. Und vielleicht würden sie sich eines Tages noch einmal begegnen. Berlin war ja schließlich nicht unendlich groß. Früher oder später würden sie sich wieder über den Weg laufen, vielleicht auf einer Ärztetagung.
Wenn er bloß nicht in dieser Klemme stecken würde! Das wurde ihm zum gefühlten hundertsten Mal an diesem Tag bewusst, als Gabi erneut zeternd und motzend aus ihrer Umkleidekabine kam und das x-te Brautkleid trug, um sich dann wieder und wieder dagegen zu entscheiden. Wieso musste er auch ausgerechnet mit der Nichte seines Chefs eine Affäre beginnen? Er hatte einfach wieder zu sehr mit dem „kleinen“ Meier gedacht. Gabi war eine Kanone im Bett, so weit, so gut. Aber menschlich war sie zum Abgewöhnen. Sie war fordernd und egoistisch, ähnlich wie seine Mutter, aber doch auf eine ganz andere Art und Weise, regelrecht biestig und unverschämt. Natürlich war Elke nicht begeistert gewesen, als Marc ihr vor wenigen Wochen gebeichtet hatte, dass er Gabi heiraten würde. Als Antwort auf ihr „Warum“, hatte er ihr simpel erklärt, dass er in Gabi die Frau seines Lebens gefunden hätte. Ob sie ihm das abgekauft hatte? Wohl kaum. Und Elke hatte Recht. Marc liebte Gabi nicht. Aber eine Ehe mit ihr einzugehen, würde ihm berufliche Vorteile verschaffen. Nur deshalb hatte er sich auf dieses „Geschäft“ eingelassen. Noch dazu setzte der Klinikdirektor ihn enorm unter Druck. Sollte Marc seiner Nichte wehtun, wäre er die längste Zeit leitender Oberarzt der Unfallchirurgie an der Charité gewesen. Was sollte der junge Mediziner also anderes machen, als Gabi zu heiraten, wenn er seine Karriere nicht gefährden wollte?

Das Leben konnte so ungerecht sein. Noch vor wenigen Monaten war alles so einfach für ihn gewesen. Dass er eine besondere Wirkung auf Frauen hatte, war ihm mehr als bewusst. Sie wollten ihn und er nahm sie sich, wann immer er die Lust dazu verspürte. Die Liste seiner One-Night-Stands war lang. Er ging nicht damit hausieren, das hatte er nicht nötig. Was andere über ihn dachten, war ihm im Grunde egal. Und eigentlich hatte auch Gabi nur ein Name dieser ellenlangen Liste seiner Affären sein sollen. Aber nun war es anders. Und er fühlte sich total unbehaglich deswegen. Nicht selten dachte er darüber nach, die Charité und überhaupt Berlin zu verlassen. Das war seine letzte Chance, um aus dieser unangenehmen Angelegenheit herauszukommen. Er musste es nur noch wagen, den letzten Schritt zu tun. Doch sein Karrierebewusstsein hinderte ihn daran. Er hatte einen wunderbaren Job, verdiente eine Menge Geld, gehörte noch dazu zu den besten Chirurgen Berlins und leitete sogar eine Station an einem der wichtigsten und größten Krankenhäuser Deutschlands.
„Ich finde einfach nicht das Richtige“, maulte Gabi vor ihm herum. „Marc! Sag doch mal was und penn nicht ständig herum!“
Irritiert erwachte er aus seinen Gedankengängen und sah seine Verlobte fragend an.
„Lass uns in ein anderes Geschäft gehen“, schlug diese vor. „Dieser Laden hier hat nicht das zu bieten, was einer zukünftigen DOKTORENEHEFRAU würdig ist.“ Sie zerrte ihren baldigen Bräutigam gewaltsam von seinem Sessel und schließlich aus dem Brautmodengeschäft nach draußen. Die Verkäuferin blieb verdutzt zurück und dachte, ob es für sie nicht besser gewesen wäre, wenn sie heute Morgen ihr Bett einfach nicht verlassen hätte. Zwei verpatzte Verkaufsgeschäfte, dazu zahlreiche verbale Beleidigungen dieser dunkelhaarigen Zicke eben – es war definitiv nicht ihr Tag.




Nachteule Offline

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16.07.2017 00:26
#12 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 12 – Durcheinander


Ein paar Tage später

Der Shoppingtag hatte Gretchen gutgetan. Vor allem aber zerrte sie von dieser besonderen Begegnung. Sie war sich immer noch sicher, dass es Marc Meier gewesen war, der sie im Brautmodengeschäft beobachtet und der sich dann wegen seiner unhöflichen Verlobten bei ihr entschuldigt hatte. Immer und immer wieder sah sie sein Lächeln vor sich und spürte, wie doll ihr Herz jedes Mal zu klopfen begann und sich ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Unterleib breitmachte. Bis ihr dann plötzlich bewusst wurde, dass sie ja seit kurzem wieder einen festen Freund hatte, den sie von ganzem Herzen liebte. Das tat sie doch oder? Wenn sie an Mehdi dachte, vollführten die Schmetterlinge in ihrem Bauch eine regelrechte Polonaise. War es denn möglich, dass sie zwei Männer zugleich lieben konnte? Hatte sie denn jemals aufgehört, große Gefühle für Marc zu haben? Selbst in der Zeit, als sie mit Peter zusammen war, konnte sie ihre große Jugendliebe nicht vergessen. Im Grunde genommen hatte sie immer ein heimliches Doppelleben geführt. In der Öffentlichkeit war sie Peters Freundin und später seine Verlobte. In stillen Stunden jedoch sah sie sich in ihren Träumen oft als Marcs Braut. Selbst während der Hochzeitsvorbereitungen für die Zeremonie mit Peter war er in ihrem Geiste zugegen gewesen. Sie hatte versucht, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, was ihr aber nicht gelang. Erst in der Zeit nach der Trennung von Peter verschwendete sie zunächst kaum Gedanken mehr an Marc, dachte tagelang sogar überhaupt nicht an ihn, weil sie zu sehr mit ihrem Schmerz durch Peters Betrug beschäftigt gewesen war, bis Schwester Sabine ihn dann in einem Gespräch wieder erwähnte. Doch auch danach schien es, als wenn Gretchen sich innerlich weiter von demjenigen entfernte, der sie während der gemeinsamen Schulzeit so oft gedemütigt hatte, denn jetzt konzentrierte sie sich ausschließlich auf Mehdi. Es war doch gerade so schön zwischen ihnen! Sie liebten sich und zeigten das inzwischen auch ganz offen, sowohl in der Klinik, als auch unterwegs. Und mit Mehdis kleiner Tochter verstand Gretchen sich von Tag zu Tag besser.

Auf einmal war er wieder da. Mit einem wunderschönen Lächeln und einer ausgesprochenen Nettigkeit schlich sich Marc Meier wieder in Gretchens Herz und brachte Verwirrung mit sich. Gretchen wusste nicht mehr, was gut und falsch war. Einerseits genoss sie das doppelte Herzklopfen, andererseits regte sich in ihr das schlechte Gewissen gegenüber Mehdi. Sie hatte das ungute Gefühl, ihn zu hintergehen. Das hatte er nicht verdient! Er war so ein herzensguter und ehrlicher Mensch. Er hatte es verdient, dass er glücklich war.
Kann ich Mehdi denn überhaupt glücklich machen, wenn ich nach ein paar Wochen Beziehung schon anfange, ihn mental zu betrügen? dachte sie betrübt, als sie nach Ende ihrer Frühschicht zu Hause nachdenklich auf der Kante ihres Bettes saß, das Kinn auf die Handflächen und die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt. Wird er nicht irgendwann merken, dass mich etwas nervös macht, ER mich nervös macht? Ich muss Marc vergessen, für immer! So kann das jedenfalls nicht weitergehen! Aber wie soll ich das denn anstellen? Ich brauche Ablenkung, auf jeden Fall. Vielleicht sollte ich Mehdi vorschlagen, dass wir an unserem gemeinsamen freien Wochenende demnächst zusammen mit Lilly wegfahren. Vielleicht können wir ein kleines Ferienhäuschen an einem idyllischen See mieten oder einen Freizeitpark besuchen. Das würde Lilly sicher gefallen. Und ich könnte ja schon einmal üben, wie das ist, eine eigene Familie zu haben. Genauso machen wir das! Ich muss Mehdi das nur irgendwie beibringen.

Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Gretchen konnte gerade so richtig erleben, was es hieß, einen Gynäkologen zum Freund zu haben, vor allem in einer Zeit, in der so viele Berliner Kinder geboren wurden, wie schon lange nicht mehr. Mehdi war im Dauerstress. Somit hatte er weder für Gretchen noch für seine Tochter richtig viel Zeit. Dazu kam, dass Mehdi in dieser Woche Spätdienst und Gretchen fast durchgehend Nacht- und Frühschicht hatte. Das bedeutete, dass, wenn Mehdi sich in den Feierabend verabschiedete, sofern nicht eine unverhoffte Geburt dazwischen kam, betrat Gretchen das Krankenhaus gerade erst zum Arbeitsbeginn und umgekehrt. Zwar sahen sie sich, so wie sie es abgemacht hatten, jedes Mal zwischen den Stationsgängen der dritten Etage, doch blieb ihnen nur wenig Zeit für Gespräche oder das ein oder andere verliebte Küsschen. Ja, der Beruf eines Mediziners forderte durchaus seine Opfer, leider zu Ungunsten der Menschen, die einem am wichtigsten waren.
Bärbel bekam, trotz ihrer eigenen Sorgen und Probleme, mit, dass Gretchen gegenwärtig ein wenig neben der Spur war. Ihre Tochter ließ das durch ihre ständigen Stimmungsschwankungen und ihre zeitweise gedankliche Abwesenheit durchblicken. Im Nu regte sich in der fürsorglichen Mutter ein bestimmter Verdacht, der ihr derzeit etwas aus den Fugen geratenes Herz ein wenig erwärmte. An einem von Gretchens freien Nachmittagen brachte die Chirurgengattin dann ihre Vermutung auch gleich einmal zur Sprache.
„Sag mal, Margarethe, du bist im Moment ein wenig durcheinander, kann das sein?“ begann sie vorsichtig nachzuforschen. Gretchen sah sie irritiert an.
„Wie meinst du das?“ fragte sie leicht unsicher.
„Na, eine Mutter merkt halt, wenn ihr Kind etwas innerlich bewegt“, antwortete Bärbel.
„Alles in Ordnung“, versuchte Gretchen abzuwiegeln. Doch Bärbel glaubte ihr nicht.
„Na komm, Kind“, fuhr sie unbeirrt fort. „Ich sehe es dir an deiner Nasenspitze an. Und weißt du was? Ich denke, ich kann dir sagen, was mit dir los ist.“
„Da ist nichts“, meinte Gretchen und versuchte dabei, ihre Unsicherheit zu überspielen. „Es ist doch nur so, dass ich Mehdi schrecklich vermisse. Wir sehen uns im Moment ja kaum, weil wir verschiedene Schichten haben und er außerdem ständig im Kreißsaal feststeckt.“
„Das ist es nicht wirklich“, mutmaßte Bärbel. „Margarethe, es ist doch eindeutig.“
„Was meinst du, Mama?“ Mit beinahe schreckgeweiteten Augen sah Gretchen ihre Mutter an, die ihr euphorisch entgegengrinste. Sie ahnt doch hoffentlich nicht, dass ich Marc quasi „wiedergefunden“ habe beziehungsweise er mich oder wir uns gegenseitig, dachte die angehende Chirurgin verwirrt.
„Na“, antwortete Bärbel und lachte glückselig auf. „Dass du schwanger bist, mein Kind.“
„Ich bin… was?“ Gretchens Kiefer klappte auf. Ungläubig sah sie die rotblonde ältere Frau nun an. „Mama, das ist doch absurd!“
„Aber wieso denn, Margarethe?“ Bärbel trat auf ihre Tochter zu und umarmte sie spontan. „Ich freue mich ja so auf das Baby.“
„Welches Baby?“ Gretchen wurde immer verwirrter. Scheinbar hatte ihre Mutter sich auf den Gedanken, Großmutter zu werden, im Nullkommanichts so festgeschossen, dass sie, was Gretchen anging, nichts anderes als Erklärung für deren momentane Stimmungslage gelten ließ. „Mama, ich bin definitiv NICHT schwanger. Das kann auch gar nicht sein. Mehdi und ich sind ja noch nicht so lange zusammen.“
„Du musst dich erst einmal an den Gedanken gewöhnen“, meinte Bärbel verstehend. „Am Anfang ist man immer erst durcheinander, wegen den Hormonen. Aber dann überwiegt die Freude auf das, was auf einen zukommt in ein paar Monaten. Du wirst schon sehen, bald bist du die glücklichste werdende Mama auf der Welt.“
„Das ist Unsinn“, wehrte Gretchen ab. „Ich bin nicht schwanger, weil das nicht sein kann. Ich wüsste es. Und überhaupt, verhüten Mehdi und ich. Und von Peter bin ich auch schon lange genug getrennt. Es wird also kein Baby geben, im Moment jedenfalls nicht. Und nicht, solange ich meinen Facharzt nicht in der Tasche habe.“
„Margarethe, du wirst nicht jünger“, gab Bärbel zu bedenken. „In ein paar Monaten wirst du dreißig.“ Liebevoll rubbelte sie ihrer Tochter über beide Oberarme und drückte sie dann fest an sich. „Rede doch mal mit deinem Mehdi, damit er dich mal gründlich untersucht! Und wenn du schwanger bist, dann feiern wir das richtig. Ach, ich werde eine überglückliche Oma sein.“
„Du bist unverbesserlich“, grinste nun Gretchen und schüttelte dabei den Kopf.

Ein paar Tage später musste Gretchen ihre Mutter jedoch enttäuschen.
„Mama, ich muss dir was sagen“, erklärte sie mit ernster Miene.
„Ja, was denn, Kind?“ fragte Bärbel erstaunt und ließ ihren Putzlappen, mit dem sie gerade die oberen Fensterrahmen bearbeitet hatte, zurück in den Wassereimer sinken.
„Ich… ich habe meine Regel bekommen“, flüsterte Gretchen und erwartete, dass ihre Mutter nun entweder enttäuscht wäre oder Ausflüchte suchte, um ihrer Tochter weiterhin ein Kind in den Bauch zu reden. Doch es kam ganz anders. Bärbel stieg von ihrer kleinen Trittleiter herunter und nahm Gretchen in den Arm.
„Das ist schon okay“, meinte sie mit beruhigender Stimme. „Wenn es jetzt nicht geklappt hat, dann eben zu einem späteren Zeitpunkt. Manchmal brauchen Paare eben einige Zeit zum Üben. Bei deinem Vater und mir hat es auch nicht so schnell geklappt, wie wir es geplant hatten. Als du geboren wurdest, waren wir immerhin schon fünf Jahre verheiratet.“
„Ich weiß, Mama“, sagte Gretchen leise. „Aber das ist es eigentlich auch nicht, warum ich so durcheinander bin im Moment.“
„Ja, aber was dann?“ bohrte Bärbel nach. „Du weißt, du kannst über alles mit mir reden.“
Gretchen schluckte einmal und seufzte tief, ehe sie allen Mut zusammennahm, um sich ihrer Mutter anzuvertrauen.
„Mama, was ich dir jetzt sage“, begann sie mit ihrer Erklärung, „muss unbedingt unter uns bleiben, okay?“
„Ist es denn so schlimm?“ fragte Bärbel irritiert und ließ Gretchen los, um sie direkt ansehen zu können. Die blonde Ärztin zuckte ratlos mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich meine, es ist ja nur in meinem Kopf. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich Mehdi damit Unrecht tue.“
„Du sprichst in Rätseln, Margarethe“, meine Bärbel und nahm Gretchens Hände in ihre. Sanft massierte sie deren Handrücken mit beiden Daumen. „Aber ich verspreche dir, dass ich für dich da bin, egal, was es ist.“
„Okay“, fuhr Gretchen fort und atmete erneut tief ein und aus. „Ich habe Marc Meier wiedergetroffen.“
Bärbels Augen weiteten sich, nachdem sie diese Neuigkeit erfahren hatte.
„Marc Meier?“ fragte sie entsetzt. „Etwa der Marc Meier, der dir in der Schule immer so wehgetan hat?“
Gretchen nickte.
„Genau der.“
„War er etwa wieder… gemein zu dir?“
„Nein“, antwortete Gretchen und konnte nicht verhindern, dass sich augenblicklich ein Lächeln auf ihr Gesicht stahl. „Im Gegenteil. Er war wahnsinnig nett zu mir und hat sich dafür entschuldigt, dass seine Verlobte mich in dem Br… na, in der Boutique halt, so dumm angepöbelt hat.“
„Marc Meier hat eine Verlobte?“ lachte Bärbel auf. „Na, welche Dame fällt denn auf diesen uncharmanten Schnösel herein? Bei dem dreht sich die Welt doch sowieso nur um sich selbst. Hat man ja gesehen, als der noch Assistenzarzt deines Vaters war. Nachdem Dr. Meier die Klinik gewechselt hat, sollen sämtliche Mitarbeiter im Elisabeth seinen Abgang gefeiert haben.“
„Mama!“ Entsetzt sah Gretchen ihre Mutter an. „Rede bitte nicht so über ihn! Menschen können sich ändern.“
„Marc Meier wird sich NIE ändern, mein Kind“, erwiderte Bärbel mit Nachdruck. „Aber, Margarethe, ich hoffe, dass du dich nicht wieder hoffnungslos in ihn verguckt hast, wo du doch jetzt mit Dr. Laan zusammen bist!“
„Dr. Kaan, Mama“, verdrehte Gretchen entnervt die Augen. „Und was Marc angeht – ich weiß es einfach nicht. Ich meine, ich hatte ihn schon so gut wie vergessen. Und dann taucht er plötzlich wieder auf und ist auch noch so höflich wie nie zu mir.“
„Hat er DICH denn auch wiedererkannt?“ fragte Bärbel ahnend. „Immerhin warst du für ihn ja nie mehr als ‚das pummelige Mädchen mit der Riesenbrille und der hässlichen Zahnspange‘, wie du mal in dein Tagebuch geschrieben hast. Damit hat er dich doch auch immer aufgezogen, bis zum Schluss.“
„Du hast meine Tagebücher gelesen?“ kam es von einem schockierten Gretchen. „Mama, sowas tut man doch nicht! Das grenzt wirklich an einem Vertrauensbruch zwischen Tochter und Mutter.“
„Na ja“, meinte Bärbel entschuldigend. „Nicht alle. Die Kiste unter deinem Bett…“,
Bitte was? dachte Gretchen entsetzt. Die hat echt versucht, meine geheime Truhe durchzuschnüffeln?
„… die habe ich nicht aufbekommen“, redete Bärbel weiter. „Hast den Schlüssel ja echt gut versteckt.“ Sie grinste dabei, ehe sie mit ihrer Erklärung fortfuhr. „Du warst ja so lange in Köln, da habe ich gedacht, dass es dir mit diesen Büchern nicht mehr so wichtig ist, jetzt, wo du ja quasi erwachsen bist und über dieser Schreiberei stehst.“
„Ich habe da meine geheimsten Gedanken reingeschrieben“, empörte sich Gretchen.
„Ich weiß“, seufzte Bärbel. „Ich hab’s ja gelesen.“
„Und das ist schlimm, richtig schlimm“, ergänzte Gretchen und lief zur Couch, um sich dort wie ein nasser Sack Kartoffeln draufplumpsen zu lassen. „Wie konntest du nur?!“
„Es tut mir leid“, kam von der rothaarigen Hausfrau, die nun ebenfalls zur Couch schritt, sich neben Gretchen hinsetzte und erneut deren Hände in ihre nahm. „Ich verspreche dir, dass ich das nie wieder machen werde.“
„Das hoffe ich auch“, sagte Gretchen und drückte nun ihrerseits sanft die Hände ihrer Mutter.
„Bist du mir noch böse?“ fragte Bärbel vorsichtig und sah Gretchen von der Seite her gebannt an.
Diese schüttelte den Kopf.
„Diesmal nicht“, antwortete sie und lächelte leicht. „Wenn du es wirklich nicht wieder machst.“
„Ich hab’s dir ja schon versprochen“, erinnerte Bärbel sie.
Eine Weile saßen die beiden Haase-Frauen einträchtig nebeneinander auf dem Sofa und verloren kein Wort mehr über Gretchens Begegnung mit Marc und Bärbels Tagebuchschnüffelei, bis Bärbel plötzlich aufsprang und ihre Tochter aus blitzenden Augen ansah.
„So“, meinte sie energisch. „Und nun machen wir uns einen richtig schönen Mutter-Tochter-Tag in der Stadt, damit wir beide auf andere Gedanken kommen. Ich hätte mal wieder Lust, mit dir zusammen in ein schickes Café zu gehen. Was meinst du?“ Erwartungsvoll blickte sie die Ärztin an.
„Okay“, meinte diese nur. Eigentlich war ihr heute weniger zu einem erneuten Stadtbummel zumute. Aber da sie wusste, dass auch Bärbel eine solche Ablenkung guttun würde, sagte sie mit einem aufrichtigen Lächeln zu.
„Na, dann lass uns schnell was Schickes anziehen“, schlug Bärbel vor. „Und danach machen wir die Straßen von Mitte unsicher.“
„Das werden wir sicher“, lachte Gretchen, stand ebenfalls vom Sofa auf und lief Sekunden später die Treppe hoch in ihr Zimmer, um sich in ein passendes „Stadtoutfit“ zu werfen.




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16.07.2017 00:30
#13 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 13 – Stadtbummel mit Mama


Gretchen wusste gar nicht mehr, wie anstrengend so ein Shoppingtrip mit ihrer Mutter sein konnte. Während sie zusammen durch das KaDeWe liefen, zerrte Bärbel ihre Tochter immer wieder in eines der kleinen Geschäfte oder blieb interessiert an einem Verkaufsstand stehen. In den Modeläden wollte sie ihrer Tochter dann auch gleich wieder das ein oder andere Kleidungsstück andrehen, das ihrer Meinung nach gut zu Margarethe passen würde.
Na toll, dachte Gretchen, als Bärbel ihr begeistert ein geblümtes Kleid mit weißen Spitzenkragen vor den Oberkörper hielt. Darin sehe ich bestimmt aus wie eine alte Oma. So ein altmodisches Teil!
„Nee, Mama, echt nicht“, schüttelte Gretchen mit verzogener Miene den Kopf.
„Aber wieso denn?“ fragte Bärbel irritiert. „Das ist doch so ein schickes Teil. Und das kommt gerade wieder in Mode, glaub mir.“
„Darin sehe ich bestimmt total fett aus“, versuchte Gretchen abzuwehren. Doch Bärbel hörte nicht auf, sie zu bedrängen.
„Nun zieh es doch mal an“, meinte die Rothaarige. „Außerdem kaschieren Blumen kleine Pölsterchen so schön.“
„Boah“, maulte Gretchen, nahm ihrer Mutter dann aber ergebend das Kleid aus der Hand und lief in eine Umkleidekabine, wo sie sich das „gute“ Stück dann überzog. Es war ziemlich eng und passte Gretchen zu gerade. Und wie sie befürchtet hatte, sah sie darin aus wie eine Presswurst. Das musste dann auch Bärbel einsehen, als sie einen Blick hinter den Vorhang der Kabine warf.
„Na ja“, seufzte sie. „Der Schnitt ist vielleicht nicht so optimal.“ Aber dann lächelte sie ihre Tochter an und kniff ihr leicht in die Wange. „Dann gehen wir eben woanders hin. Wir finden sicher noch was Schönes für dich. Dann kannst du deinem Dr. Laan so richtig die Augen verdrehen.“
„Dr. KAAN, Mama, wie oft denn noch?“ regte Gretchen sich auf und zog den Vorhang wieder vollständig zu, um sich endlich aus diesen blöden Kleid herausschälen und ihre eigenen Klamotten wieder anziehen zu können.

Kurze Zeit später waren sie wieder im Lichthof des riesigen Kaufhauses und erkundeten weiter die kleinen Läden. Hier und da leisteten sie sich auch etwas, etwa Dekoartikel, gut duftende Cremes und Seifen oder Modeartikel. Wieder einmal brachte Gretchen auf diese Weise einen beträchtlichen Teil ihres Monatslohns unter die Leute. Aber okay, sie wohnte immer noch bei ihren Eltern und bezahlte keine Miete. DIESEN Spaß konnte sie sich zwischendurch einfach mal erlauben, weil es ihr gut tat.
An den Auslagen eines Buchladens blieb Bärbel stehen und betrachtete skeptisch die in großer Aufmachung dargebotene, fünfundzwanzigteilige Sonderedition einer erfolgreichen Romanserie.
„Tzz“, machte Bärbel und schüttelte abwertend den Kopf. ‚Dr. Rogelt – Liebe ist die beste Medizin‘. Was für ein bekloppter Titel für ein sogenanntes Bestseller-Werk. Oder hier – ‚Dr. Rogelt im Schatten der Leidenschaft‘. Hört sich so langweilig an, wie es sich wahrscheinlich auch liest.“
Gretchen bekam gar nicht mit, worüber sich ihre Mutter gerade aufregte, denn sie war bereits in die Abteilung mit den medizinischen Fachbüchern verschwunden, auf der Suche nach Schnäppchen oder Neuheiten. Es konnte ja nicht schaden, die eigene Ärztebibliothek ein wenig zu erweitern, auch wenn sie sich im Grunde jedes gute Fachbuch von ihrem Vater ausleihen konnte, um sich für ihre nächste Facharztzwischenprüfung fortzubilden. Sie wurde auch schnell fündig und ergatterte zwei Neuausgaben fachchirurgischer Bücher, die sie am Abend ihrem Vater stolz vor die Nase halten würde. Sie wusste, es würde ihn freuen, dass sie ihr Geld „sinnvoll“ anlegte. Ihm lag schließlich eine Menge daran, dass aus ihr einmal eine der besten Chirurginnen überhaupt würde. Und Lesen war eine der Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen.
Inzwischen war Bärbel einen Auslagentisch weitergelaufen. Historienromane interessierten sie weit mehr als der Schund dieser Autorin namens „Elke Fisher“, welche ihr am Nebentisch von sämtlichen Buchrücken, Aufstellern und Plakaten entgegengrinste. Deren ausgedachte Medizinerromanzen, die man sich in ähnlicher Form auch als Serie auf Super-RTL oder im öffentlich rechtlichen Fernsehen ansehen konnte, waren ihr als realer Arztfrau einfach zu unwirklich. Da konnte Frau Fisher auch im Klappentext noch so sehr behaupten, ihre Geschichten seien allesamt „inspiriert von wahren Begebenheiten“. Genauso stand es auf fast jedem dieser Groschenromane, was Bärbel wiederum kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm.

Nach gut eineinhalb Stunden Shoppingwahn im KaDeWe fanden sich Mutter und Tochter Haase auf der Passauer Straße wieder. Da Bärbel Parkhäuser hasste, hatte sie ihr Auto ein Stückchen weiter unter freiem Himmel abgestellt. Auf dem Rückweg dorthin zog sie Gretchen spontan in ein kleines, schnuckeliges Café, wie es die beiden Frauen zu Hause bereits abgesprochen hatten. Sie suchten sich einen Zweiertisch direkt am Fenster. Bärbel bestellte sich einen Latte Macchiato und Gretchen, selbstverständlich, eine heiße Schokolade. Froh, nach der vielen Herumrennerei endlich den Füßen ein wenig Ruhe können zu können, saßen die Rothaarige und die Blondine an ihrem gemeinsamen Tisch und genossen ihre Getränke. Gesprochen wurde dabei wenig.
Bärbel sah gedankenverloren aus dem Fenster und schlürfte dabei die warme Flüssigkeit aus ihrem Becher, während Gretchen sinnvergessen die Getränkekarte hoch- und runterstudierte. Das Café war etwa zur Hälfte besucht. Hier und da drangen Stimmen an ihre Ohren, Gespräche, Gelächter, das Klappern von Schuhabsätzen und Geschirr. Schließlich kehrte Bärbel kurzfristig wieder ins Hier und Jetzt zurück und sprach Gretchen an.
„Ich fand das sehr schön gerade mit dir“, sagte die liebenswürdige Mutter und lächelte ihre Tochter zufrieden an. Dabei schob sie ihre Hand über den kleinen Tisch und strich behutsam über die ihrer Tochter, mit der die junge Ärztin den Griff ihrer Tasse festhielt, welche sie gerade wieder zum Mund geführt hatte. Gretchen lächelte zurück. Ja, das war es, abgesehen von den Blasen, die sie sich an den Füßen eingefangen hatte. Aber dies war es wert, wenn sich ihre Mutter nach dem ausgiebigen Shopping besser fühlte.
„Wir sollten das mal wieder öfter machen“, setzte Bärbel hinzu. „Nur du und ich. Einkaufen, Kino, Theater… ach, ich hätte Lust, mir mal wieder mit dir ein Musical anzusehen, so wie vor ein paar Jahren, als du uns in den Semesterferien besucht hast, weißt du noch?“
„Hmm“, nickte Gretchen und setzte die Tasse ab. „Das war auch wirklich schön. Wenn du möchtest, suche ich mal das aktuelle Programm raus.“
„Das würdest du tun?“ freute sich Bärbel aufrichtig.
„Klar“, meinte Gretchen nur und hob die Tasse wieder an, um den Rest ihrer Schokolade auszutrinken.
Bärbel wagte erneut einen Blick nach draußen. Es war viel los an diesem Tag, für eine pulsierende Großstadt und Metropole wie Berlin nichts Außergewöhnliches. Doch plötzlich stieß die Arztgattin einen leisen Schrei aus. Erschrocken sah Gretchen ihre Mutter an.
„Was ist denn, Mama?“ fragte sie.
„Oh, Gretchen“, jammerte Bärbel statt einer Antwort. Plötzlich sprang sie von ihrem Stuhl auf, knallte eilig einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch, schnappte sich ihre Tüten und Taschen, sowie ihre Jacke und rannte aus dem Café. Gretchen folgte ihr ebenso eilig. Was war denn plötzlich in ihre Mutter gefahren?
„Mama, warte doch mal“, rief die angehende Chirurgin. „Was hast du denn so plötzlich?“
Auf einmal blieb Bärbel stehen, und Gretchen hätte sie fast deswegen angerempelt.
„Boah, Mama“, motzte die Neunundzwanzigjährige. „Also echt jetzt mal! Sag mir sofort, was los ist!“
Doch Bärbel, die inzwischen ganz weiß im Gesicht geworden war, deutete nur mit einem Finger auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo gerade ein Pärchen einen dunklen Sportwagen mit heruntergelassenem Verdeck bestiegen hatte.
„D… da“, stotterte Bärbel nun. „D… da ist dein Vater. Mit einer anderen Frau.“
Nun sah auch Gretchen ihn, gerade, als der schwarze Porsche an ihnen vorbeisauste.
„Mama“, rief Gretchen geschockt aus. „Aber wieso ist er denn mit dieser Frau unterwegs? Kennst du sie?“
Bärbel nickte stumm und kämpfte mit den Tränen.
„Diese Frau kennen eine Menge Menschen. Und dein Vater ist derjenige, der mit ihr ins Bett steigt.“
„Bitte?“ Gretchen glaubte, sich verhört zu haben. „Hast du gerade gemeint, dass Papa wieder eine Affäre hat?“ Doch Bärbel antwortete nicht, sondern stand völlig erstarrt am Straßenrand. „Nee, ne? Du weißt das schon länger? Und WER ist diese Frau? Die mach ich fertig, das schwöre ich dir.“
„Es ist Elke Fisher, die Romanautorin“, sagte Bärbel mit zitternder Stimme.
Gretchens Augen weiteten sich. Sie konnte nicht glauben, was ihre Mutter ihr eben gesagt hatte. IHR Vater hatte eine Affäre mir MARCS Mutter? Gretchen war fassungslos.




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22.07.2017 14:48
#14 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 14 – Hobbydetektivinnen




Als der dunkle Porsche an ihnen vorbeibrauste, konnten sich Gretchen und Bärbel gerade noch hinter zwei riesigen Pappaufstellern eines mondänen Restaurants verstecken, indem sie sich dahinter hockten. Nachdem die Staubwolke des Sportwagens sich wieder verzogen hatte, eilten Mutter und Tochter zu ihrem Auto und stiegen schnell ein. Bärbel startete den Motor und gab Gas.





„Da vorne fahren sie“, berichtete Gretchen aufgeregt und zeigte mit dem Finger geradeaus. Bärbel nahm konzentriert die Verfolgung auf. In diesem Moment dachte sie nicht mehr darüber nach, was sie tat. Sie war wütend und teilte ihre Wut offensichtlich mit ihrer Tochter. An einer Ampel schlossen sie zu den Verfolgten auf. Allerdings blieben sie weit genug auf Abstand, so dass Franz bei einem Blick in den Außenspiegel den Wagen seiner Frau hoffentlich nicht bemerkte, zumal noch einige Autos zwischen ihnen waren.
„Wie kann er nur?“ fragte Gretchen enttäuscht. Sicher wusste sie, dass ihr Vater bereits zwei Affären gehabt hatte. Aber davon hatte sie stets erst erfahren, als es bereits Geschichte war. Diesmal jedoch war sie direkte Augenzeugin des Ehebruchs und damit mittendrin im Familiendrama ihrer Eltern.
„War ich ihm denn so eine schlechte Ehefrau?“ fragte Bärbel hingegen zweifelnd, als sie vor einer roten Ampel stehenbleiben mussten, was dem Sportflitzer von Bärbels Nebenbuhlerin einen kleinen Abstandsvorteil einbrachte, weshalb die beiden Haasefrauen die Verfolgungsjagd dennoch nicht aufgaben. Dafür waren sie bereits viel zu sehr gefangen in den Geschehnissen.
„Ich sage dir, Margarethe, ich habe mich immer bemüht, ihm eine gute, fürsorgliche und verständnisvolle Frau zu sein, vor allem, was seinen stressigen Beruf angeht. Ich habe ihm immer den Rücken offengehalten, wenn er wieder Extraschichten geschoben hat, habe immer dafür gesorgt, dass er stets ein nahrhaftes, leckeres Essen vor sich auf dem Teller bekommt und seine guten Hemden und Socken regelmäßig gewaschen werden. Nie habe ich mich beklagt, wenn sein Krankenhaus ihm wieder wichtiger war als die Familie. ‚Das ist das Los einer Chirurgenfrau‘ habe ich mir immer gesagt. Und dann das! Erst betrügt er mich mit so einer Verkäuferin, dann mit 'ner Restaurantbesitzerin und nun mit dieser Schundromanautorin. Was hat diese Frau, was ICH nicht habe, hm? Kannst du mir das erklären? Die ist doch mindestens so alt wie ich. Ich meine… ich *schluchz* könnte ja noch verstehen, *schluchz*, wenn sie zehn Jahre jünger wäre.“ Bärbel kamen die Tränen, und sie fuhr langsamer, weil sie durch den Tränenschleier in ihren Augen weniger von der Straße erkennen konnte.
„Ach, Mama“, seufzte Gretchen. „Ich verstehe die Männer einfach nicht. Ich meine, ich hätte von Peter auch nie gedacht, dass er mich so hintergeht. Ich bin nur froh, dass Mehdi so ganz anders ist. Der würde mir das sicher nie antun.“
„Dein Gynäkologe scheint wirklich ein Traummann zu sein. Eigentlich wollte ich ja, dass du ihn und seine kleine Tochter am Sonntag zum Essen mitbringst. Aber im Moment glaube ich, dass das keine gute Idee wäre.“
„Wir verschieben das einfach, okay?“ meinte Gretchen und tätschelte ihrer Mutter die rechte Hand, die sie krampfhaft um das Lenkrad geschlossen hielt. Allmählich beruhigte Bärbel sich wieder, da sie spürte, dass ihre Tochter hinter ihr stand und sie immer unterstützen würde.

Mittlerweile hatten die beiden Haase-Frauen den schwarzen Porsche von Elke Fisher wieder gesichtet und nahmen ihre Verfolgungsfahrt wieder auf. Allmählich verließen sie das Kernstadtgebiet und erreichten schließlich eine noble Villengegend. Einige hundert Meter vor ihnen bog der Sportwagen plötzlich links in eine Hauseinfahrt ab. Dort musste es sein, das Anwesen der Autorin. Bärbel fuhr wieder langsamer und stoppte schließlich ein paar hundert Meter vorher am Straßenrand. Es war einfach zu riskant, dass Franz sie doch noch bemerkte.
„Komm, steig aus und folge mir dann langsam“, meinte Bärbel im Flüsterton und kletterte vorsichtig aus ihrem Auto, wobei sie sich mehrfach verstohlen umblickte. Bewaffnet mit Seidenschal auf den Schultern und einer Sonnenbrille, pirschte sie sich agentenmäßig voran. Gretchen folgte ihr augenrollend.
„Mama“, stöhnte die Blonde. „Meinst du nicht, dass die Leute hier komisch gucken, wenn du so auffällig durch die Gegend schleichst?“
„Margarethe“, erwiderte Bärbel scharf, aber immer noch flüsternd. „Willst du, dass dein Vater gleich was merkt, bevor wir ihn auf frischer Tat erwischen können? Also, sei jetzt still und verhalte dich ruhig!“ Sie schlich sich weiter zum Anwesen von Elke Fisher vor und drückte sich, dort angekommen, an der hohen Buchsbaumhecke entlang. Als Gretchen den nahezu kahlen Vorgarten der Glaskasten-Villa bemerkte, überkamen sie leichte Zweifel.
„Also, ich weiß ja nicht“, murmelte sie. „Die sehen uns doch spätestens, wenn wir an den Fenstern vorbeilaufen, soviel Glas wie hier ist.“
„Psst“, machte Bärbel und legte demonstrativ ihren Zeigefinger an den Mund. „Bei deinem Geplapper merken die irgendwann auch so, dass wir hier sind.“
„Ist ja gut“, grollte Gretchen, beschloss dann aber, dass es jetzt tatsächlich besser wäre zu schweigen.
Die beiden Frauen hatten inzwischen die Zuwegung zum Eingang des Hauses erreicht und tapsten eilig darüber hinweg. Der Hauseingang lag in einer kleinen Nische, in die sie sich ungesehen zwängen konnten.
„Und nun?“ fragte Gretchen ratlos. „Sollen wir etwa klingeln?“
„Bist du des Wahnsinns, Kind?“ fragte Bärbel entsetzt zurück.
„Ja, aber wir können hier ja auch nicht seelenruhig warten, bis jemand uns die Tür öffnet und uns einfach mal zum ‚Hallo‘ sagen reinbittet.“
„Ich weiß, was wir machen“, schlug Bärbel vor. „Wir schleichen uns um das Haus herum bis zu einer Hintertür oder versuchen, bis zur Terrasse vorzudringen.“
„Ja und dann?“ Gretchen war mehr und mehr skeptisch, dass das, was sie und ihre Mutter da taten, das Richtige war. Sie hatte ein mulmiges Gefühl bei der Sache, denn sie wollte bestimmt nicht als auf frischer Tat ertappte Einbrecherin im Gefängnis landen.
„Jetzt komm schon“, drängelte Bärbel voller Tatendrang. Sie schlichen also weiter um das Haus herum und waren fast auf der Terrasse angekommen, als sie plötzlich von hinten angesprochen wurden.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ wurden sie gefragt. Gretchen lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie die Stimme hörte.




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22.07.2017 14:57
#15 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 15 – Ertappt


„Können Sie mir sagen, was Sie hier machen?“ fragte die Stimme in Gretchens und Bärbels Rücken weiter. Gretchen wagte nicht, sich umzudrehen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Wie konnte sie auch nur so blöd sein und sich auf diese Sache einlassen, fragte sie sich verzweifelt. Währenddessen fand Bärbel ihre Fassung wieder und setzte ihr absolut harmlosestes Lächeln auf. Sie wandte sich zu der Person hinter sich um und begann zu reden.
„Ach, wissen Sie, diese Glashäuser sind wirklich verwirrend. Wo ist denn nur die Eingangstür…?“
Als sie sich umdrehte, verstummte sie im Nu und starrte erstaunt auf die nun vor ihr stehende Person. Doch ihr Gegenüber beachtete sie kaum, sondern blickte auf die junge Frau vor sich, die immer noch mit dem Rücken zu ihm stand.
„Hasenzahn?“ fragte er. Langsam wagte auch Gretchen, sich umzudrehen.
„Mensch“, plapperte sie mit einem Unschuldslächeln drauflos. „Marc Meier! Tja, so ein Zufall aber auch.“
„Hm“, meinte der Angesprochene mit einem amüsierten Augenzwinkern. „Das finde ich aber auch.“
Inzwischen dämmerte es auch Bärbel. „Nein“, sagte sie. „Sie sind Dr. Meier? Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt. Ihre Frisur ist so anders, seit Sie das letzte Mal bei meinem Mann und mir zu Hause waren.“
„Stimmt“, nickte Marc. „Das ist ja jetzt auch schon ein paar Jährchen her, nicht, Frau Professor Haase?“ Dann wandte er sich an Gretchen, die sich allmählich wieder gefasst hatte und ungläubig von einem zum anderen sah.
„Wow, Hasenzahn! Du hast dich aber auch ganz schön verändert. Bist ja richtig schlank geworden!“
„Danke“, erwiderte Gretchen verlegen und räusperte sich.
Danke??? Wieso bedanke ich mich dafür, dass Marc sein Augenmerk gleich mal wieder auf meine Figur gelegt hat? Obwohl, hat er mir gerade wirklich ein Kompliment gemacht? Marc Meier hat ehrlich gesagt, ich wäre schlank geworden? Yippie! Ich glaube, ich bin im Himmel. Das ist das Schönste, was ich je aus seinem Mund gehört habe. Na ja, bis jetzt.
„Bist jetzt Allgemeinärztin, wie ich gehört habe?“ setzte der attraktive Oberarzt den Smalltalk fort.
„Nee“, antwortete Gretchen, die allmählich wieder zu sich gekommen war, wahrheitsgemäß. „Nicht mehr. Ich mache jetzt meinen Facharzt für Allgemeinchirurgie im Elisabethkrankenhaus.“
„Na, dann hast du ja doch noch den richtigen Pfad eingeschlagen was?“ grinste er ihr frech ins Gesicht. „Also ich sag dir, nur wir Chirurgen sind richtige Ärzte.“
„Und du machst Karriere in der Charité, hat mir jemand erzählt?“
„Japp“, antwortete Marc stolz. „Ich bin dort sogar leitender Oberarzt der Unfallchirurgie.“
„Klingt toll“, gab Gretchen lächelnd zu. Neben ihr geriet Bärbel Haase innerlich ins Schwärmen. Zwar wusste sie, dass Marc Meier einst derjenige gewesen war, der Gretchen in der Schule jahrelang das Leben schwer gemacht hatte, doch Menschen konnten sich ändern. Sie waren damals doch nocht Kinder gewesen! Und Dr. Meier sah nicht nur unverschämt gut aus, er hatte zudem eine sehr gute und aussichtsreiche Position in einem der wichtigsten deutschen Krankenhäuser inne. Ein Schwiegermuttertraum, hach! Wenn Gretchen nicht schon mit diesem attraktiven Südländer zusammen und Dr. Meier nicht der Sohn dieser komischen, überkandidelten Frau wäre! Ja, Bärbel Haase wusste recht gut Bescheid über die familiären Umstände ihrer derzeitigen Kontrahentin.
„Aber eine Frage haben Sie mir noch nicht beantwortet“, meinte Marc schließlich zu Bärbel gewandt. „Was Sie genau hier machen?“
„Das wüsste ich auch gerne“, hörten sie plötzlich eine raue und dunkle Frauenstimme neben sich.
„Tag, Mutter“, begrüßte Marc seine Erzeugerin knapp. „Ich denke, dein Besuch hat sich ein wenig im Garten verirrt.“ Er zwinkerte Gretchen dabei kurz zu, was sie augenblicklich erröten ließ. Er schaffte es einfach immer noch, sie zu verwirren.
Elke Fisher, wieder einmal schlicht bekleidet mit einem bunten, seidenen Morgenmantel im fernöstlichen Stil, sah verdutzt aus der Wäsche.
„Besuch? Ich erwarte niemanden.“
„Elke?“ hörten sie eine Sekunde später eine, allen wohlbekannte, männliche Stimme durch das Haus rufen. „Kommst du? Mir wird schon ganz kalt ohne dich.“
„Ähm… sofort“, rief Elke zurück, lachte nervös und hatte es plötzlich ziemlich eilig. „Sie entschuldigen mich bitte! Ich habe zu tun. Mein Sohn begleitet Sie sicher gerne wieder zurück zum Auto.“ Sie wollte sich schon wieder abwenden, doch Bärbel war schneller und drängte sich an der Autorin vorbei ins Haus. „Na hören Sie mal“, meinte die selbsternannte Erfolgsautorin empört. „Wer hat Ihnen erlaubt, einfach so in mein Haus einzudringen?“
„Ich bin Bärbel Haase“, motzte die Rothaarige daraufhin. „Und ich habe alles Recht der Welt, in Ihr Haus einzutreten, wenn SIE mit MEINEM Mann schlafen.“
„Bitte was?!“ quiekte Marc verdutzt auf und sah der Reihe nach mit offenem Mund von einer Dame zur anderen. „Mutter, du hast… der Professor… ihr…?“ Jetzt verschlug es IHM regelrecht die Sprache. Elke hingegen grinste ihn breit an.
„Der Herr Professor war so freundlich, mir bei der Bekämpfung meiner Wechseljahre zu helfen“, erklärte sie süffisant.
„Wo ist er?“ rief Bärbel aufgebracht und rauschte durch das Wohnzimmer. „Franz Haase, wo steckst du?“
„Butterböhnchen?“ kam es plötzlich von oben, und der halbnackte Professor lugte verdattert über die Brüstung der Galerie über dem Wohnzimmer nach unten.
„Papa!“ rief Gretchen entsetzt aus. „Das darf doch alles nicht sein! Was machst du bei dieser… dieser Frau hier im Haus?“
„Kälbchen?“
„Nenn mich nicht ‚Kälbchen‘, Papa!“ Gretchen war den Tränen nahe. Ihre Mutter hatte also Recht gehabt. Er HATTE ein Verhältnis mit Elke Fisher, Missverständnisse ausgeschlossen.
„Was hat das hier zu bedeuten?“ mischte sich nun auch Marc wieder ein. Unterdessen eilte Elke Fisher der schimpfenden Bärbel nach, die gerade im Begriff war, die Treppe nach oben zu steigen.
„Was das zu bedeuten hat?“ fragte Gretchen weinerlich. „Deine Mutter schläft mit meinem Vater.“ Den letzten Satz brüllte sie ihm regelrecht entgegen, als ob er Schuld an der Situation wäre. Marc fasste sich an den Hals und fand zunächst keine Worte mehr. Inzwischen hatte Gretchen sich in einem der Loungesessel auf der großflächigen Terrasse sinken lassen und weinte hemmungslos. Marc setzte sich ihr gegenüber, immer noch fassungslos und nach den passenden Worten suchend.
„Gretchen, ich… es tut mir leid“, brachte er schließlich leise hervor. „Ich wusste das nicht, das musst du mir glauben.“ Als Gretchen nicht reagierte, sondern stattdessen weiter Sturzbäche heulte, griff er in seine Jackentasche und zog ein weißes Taschentuch hervor.
„Hier“, meinte er freundlich. „Ist noch unbenutzt.“ Dabei lächelte er sie erneut an. Sie nahm das Taschentuch an und erwiderte dieses Lächeln unter Tränen.
„Danke“, sagte sie noch einmal.
„Schon okay“, winkte Marc ab. Eine Weile saßen sie schweigend da, während Gretchen sich ihre Tränen trocknete und Marc sie verstohlen dabei beobachtete. Er wollte gerade etwas zu ihr sagen, als aus dem Inneren des Hauses immer lauteres Gebrüll und Gezanke ertönte.
„Franz“, rief Bärbel. „Ich bin verdammt enttäuscht von dir. Ich habe dir bisher alle deine Affären verziehen. Aber diesmal verstehe ich dich einfach nicht. Was findest du an dieser… dieser… alten Person?“
„Ich bin nicht alt, Frau Haase“, wehrte sich Elke lautstark. „Und in MEINEM Haus lasse ich mich schon gar nicht beleidigen, erst Recht nicht von Ihnen, Sie… Sie HAUSMÜTTERCHEN!“
„Hausmütterchen? Sie… Sie ARZTROMANAUTORIN, Sie!“
„Meine Romane haben wenigstens Klasse und Format“, grinste Elke selbstsicher. „Sie können ja nichts anderes, als putzen und kochen. Wie LANGWEILIG!“
„Klasse und Format?“ lachte Bärbel hämisch auf. „Das ist doch ein Witz! Ihre Romane sind nicht einmal ein Viertel von dem Geld wert, das sie kosten.“
„Haben Sie überhaupt schon mal einen davon gelesen?“ verteidigte sich Elke. „Dann wüssten Sie, was wahre Literaturkunst ist.“
„Ihre Romane sind weit entfernt von jeglicher Art von anspruchsvoller Kunst“, keifte Bärbel. „Wer sowas liest, gehört in die geschlossene Anstalt, jawohl!“
„Was erlauben Sie sich eigentlich, Sie… LITERATURBANAUSIN?“
Nun wurde es Franz allmählich zu bunt. Nervös stand er zwischen den beiden Frauen und sah zunächst minutenlang von einer zu anderen. Doch allmählich platzte ihm die Hutschnur bei all dem Gezeter und den Beleidigungen, die um seinen Kopf herum flogen.
„Jetzt ist aber mal gut“, brüllte er dazwischen. Sowohl Elke als auch Bärbel zuckten augenblicklich zusammen bei dem plötzlichen Geschrei des Mannes, den sie beide begehrten. „Bärbel, ich denke, es ist das Beste, wenn du mit Gretchen zusammen wieder nach Hause fährst.“
„Und was ist mir dir?“ fragte Bärbel konfus. „Du willst doch nicht bei dieser seltsamen Person bleiben?!“
„Franz, ich bitte dich“, mischte sich Elke ein. „Du kannst doch nicht wieder in dieses langweilige Haus zurückkehren, wo wir beide doch in der letzten Zeit so viel Spaß zusammen hatten.“
„Elke, sei mal kurz still bitte“, bat Franz mit bemüht ruhiger Stimme. „Natürlich bleibe ich hier.“
„Franz?“ Bärbel sah ihn entsetzt an. „Das ist nicht dein Ernst oder? Heißt das, du willst… mich verlassen? Nach all den Jahren, die ich immer für dich da war, für dich gekocht, geputzt und gewaschen habe? In denen ich deine Kinder großgezogen und deine ständigen Überstunden und dann auch noch deine Affären hingenommen habe?“
„Butterböhnchen“, Franz war hin und hergerissen und wusste nicht, was falsch oder richtig war.
„Es hat sich ausgebutterböhnchent“, schrie Bärbel ihm mit zitternder Stimme entgegen. „Von nun an reden nur noch unsere Scheidungsanwälte miteinander.“ Aufgebracht rannte sie die Treppe runter, quer durch das Wohnzimmer und zurück auf die Terrasse, wo Marc und Gretchen sich immer noch gegenübersaßen und sich augenblicklich verwirrte Blicke zuwarfen. „Margarethe, komm, wir fahren! Wir haben in diesem… drittklassigen ETABLISSEMENT nichts mehr zu suchen.“ Sie streckte ihre Hand nach ihrer Tochter aus, zog diese aus dem Sessel und schließlich mit sich zurück zum Auto. Im Laufen drehte Gretchen sich noch einmal mit einem entschuldigenden Blick zu Marc um. Als er ihr erneut zulächelte und ihr dabei auch noch kurz zuzwinkerte, machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer.

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29.07.2017 23:50
#16 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 16 – Ablenkungen


Seitdem Bärbel und Gretchen Franz Haase in eindeutiger Situation in Elke Fishers Haus ertappt hatten, war die Stimmung in seiner Familie am Boden. Bärbel redete wenig und war stattdessen einem wahren Putzmarathon verfallen. Dazu verbreitete sie überall schlechte Laune mit ihrer Schweigsamkeit und ihrem grimmigen Aussehen. Sowohl Gretchen als auch ihr Bruder Jochen versuchten ihrer Mutter, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen, da sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten. Im Krankenhaus liefen beide wiederum ihrem Vater über den Weg, der immer wieder versuchte, ein klärendes Gespräch mit Tochter und Sohn zu führen. Doch vor allem Gretchen wich ihm permanent aus. Wenn er glaubte, er könnte endlich in Ruhe mit ihr reden, suchte sie Ausflüchte oder hatte wegen eines Notfalls oder einer OP keine Zeit. Sie konnte einfach nicht mit ihm über das Geschehene sprechen, da sie viel zu enttäuscht über ihn und sein Verhalten war. Wie konnte er ihrer Mutter das nur antun?

Auch Mehdi entging nicht, dass Gretchen innerlich etwas ziemlich umtrieb. Er beschloss, sie bei nächstbester Gelegenheit darauf anzusprechen. Diese kam, als bei an einem Mittwoch endlich einmal zur gleichen Zeit ihre Mittagspause wahrnehmen konnten und sich dazu in der Cafeteria trafen. Gretchen saß alleine an einem der Tische im seitlichen Bereich des Speiseraumes und stocherte gedankenverloren in ihrem Kartoffelsalat herum. Mehdi holte sich seine Essensportion an der Ausgabetheke ab und kam mit seinem Tablett schnurstracks auf seine Freundin zu, um sich ungefragt zu ihr zu setzen.
„Na“, meinte er knapp, aber freundlich.
„Na“, kam es mit einem matten Unterton von Gretchen. Sie sah ihn kurz an und lächelte gequält.
„Endlich muss ich mal meine Mittagspause nicht übereiligen Babys opfern“, stimmte Mehdi in einen Smalltalk ein. „Der Babyboom in der Stadt nimmt echt Rekordmaße an.“
„Hmhm“, erwiderte Gretchen nur und rührte weiterhin abwesend in ihrem Essen herum.
„Sag mal, Maus“, begann Mehdi vorsichtig nach der Ursache für Gretchens scheinbar verlorengegangene Redebereitschaft zu forschen. „Bedrückt dich irgendetwas?“
„Warum?“ fragte Gretchen und sah ihren Freund erstaunt an.
„Du plapperst mir ja geradezu die Ohren voll“, antwortete Mehdi ironisch.
„Ach, ich weiß auch nicht“, seufzte Gretchen. „Irgendwie läuft zu Hause im Moment einiges schief. Meine Eltern haben eine ziemliche Krise. Papa schläft im Moment woanders und Mama hat permanent schlechte Laune.“ Die wahren Hintergründe des Haasechen Ehekrachs verschwieg sie Mehdi vorerst, denn schließlich waren die beiden nicht alleine in der Cafeteria. Offene Ohren gab es zu den schlechtesten Zeitpunkten. Und Gretchen wusste sehr gut, wie schnell die krankenhausinterne „Presse“ arbeitete. Da ihr Vater der Chef des Klinikums war, stünde es ihm ganz und gar nicht gut zu Gesicht, wenn hier jeder über seine Seitensprünge Bescheid wüsste.
„Das renkt sich wieder ein, hm“, meinte Mehdi und strich Gretchen liebevoll über ihren Handrücken. Dabei schenkte er ihr erneut ein liebe- und verständnisvolles Lächeln, und sie konnte nicht anders, als es zu erwidern.
„Na siehste“, sagte der Gynäkologe. „Jetzt lachst du schon wieder. Alles halb so wild oder?“
„Och“, zuckte Gretchen mit den Schultern. „Vielleicht hast du ja Recht und es ist mal wieder nur so eine Phase zwischen den beiden.“ Dabei wusste sie, dass es dieses Mal äußerst ernst um die Ehe ihrer Eltern stand, zumal auch die beiden Kinder inzwischen mittendrin waren im begonnenen Rosenkrieg. Scheinbar war Bärbel diesmal machtlos gegen die neue Geliebte ihres Mannes. Eines war klar – mit Geld war Elke Fisher nicht zu vertreiben, denn davon hatte sie selbst genug.
„Weißt du was?“ schlug Mehdi wenig später vor. „Heute Abend gehen wir Zwei mal wieder richtig schick essen. Ich lade dich ein.“
„Ach, Mehdi“, maulte Gretchen. „Das ist ja wirklich lieb gemeint von dir. Aber du hast mich bisher immer eingeladen. Wenn, dann bin ich mal dran. Wie wäre es mit Kino? Wir könnten ja diese neue Komödie mit Till Schweiger ansehen, in der er einen trotteligen Ritter aus dem Mittelalter spielt.“
„Klingt nicht übel“, nickte Mehdi. „Lustig kommt bei mir immer gut. Okay, dann lass uns heute ins Kino gehen!“
„Super“, strahlte Gretchen ihn nun an. „Holst du mich um sieben Uhr ab?“
„Klar!“
„Ich freu mich!“
„Ich mich auch.“




Marc hatte heute Spätschicht. Und das war auch gut so, denn er hatte in der letzten Nacht, wie auch in den Nächten zuvor nur schlecht geschlafen. Ihm ging einfach nicht mehr aus dem Kopf, wie verzweifelt Gretchen vor ein paar Tagen auf der Terrasse seiner Mutter gesessen und sich die Augen ausgeheult hatte. Und das Schlimmste war, dass er sich Vorwürfe machte, obwohl er eigentlich gar nicht Schuld daran war, dass seine Mutter sich ausgerechnet Gretchens Vater als Affäre ausgesucht hatte. Aber was das Treiben von Elke Fisher anging, fühlte er sich einfach schuldig. Denn eines wusste er: seine Mutter war nie darüber hinweggekommen, dass sein Vater die Familie vor Jahren verlassen hatte. Ebenso wusste er, dass Reinhard Meier an Elkes Seite nie glücklich gewesen war. Und das war der Knackpunkt an der ganzen Angelegenheit. Hätte Marc sich nicht irgendwann angekündigt, hätten seine Eltern wohl nie geheiratet und eine Ehe führen müssen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Also sah er sich als Auslöser für all die familiären Probleme, für das Scheitern der elterlichen Ehe, für die vielen unbefriedigenden Affären seiner Mutter und nun für die Tränen, die Gretchen vor seinen Augen vergossen hatte, weil es nun ihre Eltern erwischt hatte und Elke ihre Familie zerstörte. Er war ein Mistkerl, immer schon. Er hatte Gretchen in der Schule geärgert, wo er nur konnte. Aber nicht, weil er sie wirklich blöd fand oder so, sondern, weil sie etwas an sich hatte, das ihn magisch anzog, etwas, das ihm eine Zeit lang wirklich Angst bereitete. Sie brachte sein Herz zum Klopfen. Und er hatte nie begriffen, warum das so gewesen war. Und nun begann es wieder. Er hatte sie in den letzten paar Wochen zweimal gesehen und konnte nicht mehr aufhören, an sie zu denken, von dem komischen Gefühl in seinem Bauch ganz zu schweigen.

Schwester Gabi machte sich am Nachmittag ernsthafte Sorgen um ihren Verlobten, der völlig neben der Spur war und eine mehr als grauenvolle Laune hatte. Eigentlich war es nicht ungewöhnlich, dass Dr. Meier sein Personal anschnauzte oder wie ein Sklaventreiber zu Höchstleistungen antrieb. Zu den Patienten war er in der Regel sehr direkt, schreckte auch nicht davor zurück, ihnen offen zu sagen, wie es vielleicht um sie stand, während andere Mediziner ihnen die Wahrheit wohl schonender beigebracht hätten. Auch Gabi selbst hatte immer wieder unter seinen Launen zu leiden. Aber sie liebte ihn, und darum stand sie drüber, wenn er sie beleidigte, was ihn aber oft nur anspornte, um noch gemeiner zu werden. Er fühlte sich Gabi in gewisser Weise überlegen. Einzig gegen die Tatsache, dass zu einem großen Teil von ihr seine Karriere abhing, konnte er sich nicht wehren. Sie war nun einmal die Lieblingsnichte seines Chefs. Das hatte auch seine Vorteile, jedenfalls beruflich.
„Marc?“ Auf leisen Sohlen betrat Gabi das Büro ihres Zukünftigen, der emsig mit der Bearbeitung von Papierkram beschäftigt war.
„Was willst du?“ fragte er unfreundlich.
„Ich dachte, ich könnte dir die nächsten, sagen wir mal, dreißig Minuten ein wenig versüßen“, hauchte sie verführerisch und schritt aufreizend zu ihm hin.
„Gabi“, murrte er. „Ich habe zu tun, siehst du das nicht?“
„Du brauchst aber mal eine Pause“, erwiderte sie und platzierte sich mit einem lasziven Beinüberschlag auf seiner Schreibtischplatte, so dass er eine perfekte Aussicht auf ihre schlanken, langen Beine bekam.
„Gabi, wann ich eine Pause brauche, das bestimme ich immer noch selbst“, wehrte er ab, klang jedoch schon viel weniger unfreundlich, als noch eine Minute zuvor.
„Und, was denkst du?“ fragte sie. „Ist der Zeitpunkt jetzt günstig?“ Dabei überschlug sie ihre Beine jetzt anders herum und wirkte dabei ungemein sexy.
Auf Marcs Gesicht erschien jetzt ein anzügliches Grinsen.
„Wenn du mich so fragst“, antwortete er. „Warum eigentlich nicht? Ich kann mich sowieso nicht richtig auf den Müll hier vor mir konzentrieren. Ein bisschen Ablenkung wäre nicht schlecht.“
Gabi beugte sich zu ihm vor und präsentierte ihm auf diese Weise ihr aufregendes Dekolletee. Sie schob ihren Zeigefinger unter sein Kinn und presste ihm ihre weichen Lippen auf seinen Mund. Als sie ihre Zunge der seinen zum Spielen darbot, war er nicht abgeneigt, darauf einzusteigen. Sie küssten sich lustvoll und entledigten sich schließlich ihrer Kleider, torkelten gemeinsam zur Couch gegenüber dem Schreibtisch und schliefen miteinander. Als Gabi sich anschließend zufrieden an ihren Verlobten kuscheln wollte, schob er sie jedoch gewaltsam von sich weg.
„Hey“, meinte Gabi empört. „Pass doch auf! Du tust mir doch weh!“
„Geh einfach, Gabi“, bat Marc sie.
„Sag mal“, erwiderte Gabi und sah ihn ungläubig an. „Was ist denn auf einmal los mit dir? Hat dir der Sex nicht gefallen? Dann sag es mir bitte ehrlich!“
„War okay“, antwortete Marc lapidar.
„Okay?“ Gabi konnte nicht glauben, was sie da gerade hörte. „WAR OKAY? Boah, du bist so ein unsensibler Arsch, Marc Meier!“
„Ja und?“ meinte Marc unbeeindruckt. „Das weiß ich schon längst. Und es interessiert mich nicht.“
„Du bist echt mal wieder unausstehlich, Marc“, schimpfte Gabi enttäuscht. „Und ich blöde Kuh hab ehrlich gedacht, ich tue dir was Gutes, wenn wir jetzt miteinander schlafen.“
„Ich hab dich nicht drum gebeten“, maulte der Chirurg.
„Aber du hast doch mitgemacht“, warf Gabi ein. „Das ist ja so typisch für euch Männer. Den Stängel mal eben reinstecken, ein bisschen Spaß haben, wieder rausziehen und dann bloß nicht zugeben, dass es toll war. Das kotzt mich echt an!“
„Dann geh doch endlich und heul dich in irgend ‚ner Ecke aus“, kam es von Marc. Gabi fiel ihm schon wieder auf die Nerven, wie so oft. Warum hatte er sich bloß darauf eingelassen, sich mit ihr zu verloben? Seitdem rückte sie ihm noch mehr auf die Pelle. Er hatte keine Lust mehr darauf. Er liebte sie eben nicht. Eingeschnappt zog Gabi sich daraufhin wieder an und verließ schnellstens das Büro des Oberarztes. Für den Rest des Tages würdigte sie ihn, zu seiner Erleichterung übrigens, keines Blickes mehr.

Marc genoss es, als er nach Feierabend endlich einmal in eine sturmfreie Wohnung zurückkehrte, da Gabi es vorzog, die Nacht bei einer Freundin zu verbringen, wie sie ihm zuvor in einer knappen SMS mitgeteilt hatte. Zufrieden holte er sich ein kühles Bier aus dem Eisschrank, fläzte sich auf die Couch und sah sich einen Actionfilm im Fernsehen an. Irgendwann schlief er dabei ein und begann zu Träumen. Im Schlaf sah er ständig ihr Gesicht. Sie lächelte ihn mit ihrem zuckersüßen Mund an und ihre blauen Augen strahlten dabei. Ihre blonden Locken wurden vom Wind zerzaust, als sie sich ihm immer mehr näherte. Irgendwann stand sie direkt vor ihm. Er konnte sie riechen, spürte ihren warmen Atem auf seiner Haut und konnte sich der Verlockung ihrer kirschroten Lippen nicht mehr erwehren. Sie begannen sich zu küssen, erst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher. Er spürte sein Herz ebenso schnell schlagen wie ihres. Im Schlaf wälzte sich Marc unruhig auf der Couch hin und her. Dabei hielt er eines der Sofakissen fest in seinen Armen.
„Oh, Gretchen“, murmelte er kurz, ehe er vom Sofa fiel und sich dabei seinen Kopf am Couchtisch heftig anstieß. Der aufkommende Schmerz machte ihm bewusst, dass er nur geträumt hatte. Aber es war ein schöner Traum gewesen.





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05.08.2017 17:07
#17 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 17 – Partystimmung


Einige Wochen waren inzwischen vergangen. Bärbel Haase hatte tatsächlich ernst gemacht und einen Scheidungsanwalt beauftragt. Franz Haase war mittlerweile gänzlich aus der Villa ausgezogen. Er wohnte jetzt bei seiner Elke, die allerdings darauf bestand, dass er vorzugsweise im Gästezimmer schlafen sollte, da sie einfach einen zu leichten Schlaf habe und gerne zwischendurch auch mal ungestört nächtigen wollte. Franz schnarchte ihr nämlich zu laut. Das konnte sie nur schwer ertragen.
Marc indes hatte sich damit abgefunden, dass ihm im Haus seiner Mutter öfter mal sein ehemaliger Chef und Mentor begegnete. Die beiden Chirurgen verstanden sich eigentlich ganz gut, wenn auch ihre Gespräche sich vornämlich auf ihren gemeinsamen Beruf und das Golfspiel beschränkten.
Was Gretchen anging, hatte Marc seit der letzten Begegnung in Elkes Villa nichts mehr von ihr gehört. Er wagte es auch nicht, den Professor auf dessen Tochter anzusprechen, denn scheinbar hatte dieser selbst nur sporadisch Kontakt zu seiner Familie. Dabei hätte Marc zu gerne gewusst, wie es „Hasenzahn“ gerade ging.

Es war an einem Donnerstag, als Marc eine SMS von seinem Squashkumpel Mehdi erreichte.

Hey, Marc! Hast du nicht Lust, am Samstag gegen 19 Uhr zu meiner Geburtstagsparty zu kommen? Wenn ja, ruf mich bitte an. Dann nenne ich dir die Fakten. Gruß von Mehdi.

Marc überlegte ein wenig. Klar, er hatte schon Lust, mal wieder feiern zu gehen. Aber wenn, dann ohne Gabi, die ihn tierisch nervte. Vielleicht hatte Mehdi ja ein paar hübsche Mädels eingeladen, ein paar süße Krankenschwestern aus dem Elisabethkrankenhaus. Marc stand wirklich der Sinn nach Abwechslung. Da er Gabi nicht liebte, hatte er auch kein Problem damit, am Samstagabend irgendeine willige Tussi aufzureißen und sich ein wenig Spaß nebenher zu verschaffen. Gebongt! Er wählte also Mehdis Handynummer, um ihm zuzusagen.
„Klasse“, meinte sein Gesprächspartner erleichtert und nannte ihm daraufhin die Partylocation. Da es Mehdis fünfunddreißigster Geburtstag war, sollte dieser auch gebührend gefeiert werden. „Und dann kann ich dir ja auch endlich meine Freundin zeigen. Ich glaube, ihr kennt euch von früher“, plapperte Mehdi ahnungslos daher. „Aber ich verrate dir nicht, woher und WER sie ist. Das bleibt bis Samstag mein Geheimnis.“
„Mehdi, das ist doch albern“, sagte Marc ernst, denn er fand solche geheimnistuerischen Spielchen einfach nur sinnlos und blöd. Mehdi aber freute sich wie ein Kind über die bevorstehende Überraschung für seinen Kumpel und feixte in den Handylautsprecher.
„Du wirst Augen machen, wenn du sie siehst“, lachte der halbe Perser. „Ich glaube, gegen sie verblasst deine Krankenschwester. Apropos, deine Holde ist auch eingeladen. Keine Frage.“
Marc holte tief Luft, ehe er etwas darauf erwiderte. Schließlich hatte er weiterhin nicht vor, Gabi zu Mehdis Party mitzubringen. „Ähm… die muss am Wochenende durchgehend arbeiten“, log der Oberarztkollege drauf los. „Samstag Spätschicht und bis Sonntag dann zusätzlich Nachtdienst.“
„Schade“, meinte Mehdi ein wenig enttäuscht. „Wäre sicher lustig gewesen, wir zwei mit unseren beiden Süßen. Tja, kann man nichts machen. Also, wir sehen uns dann am Samstag.“
„Machen wir“, erwiderte Marc. „Ähm, Mehdi, soll ich noch was mitbringen, also Getränke oder so?“
„Brauchst du nicht“, antwortete der Frauenarzt. „Wir haben schon alles organisiert. Weißt du, meine Liebste ist ein richtiges Organisationstalent, wenn sie auch in anderen Bereichen oft etwas planlos ist. Aber Partys ausrichten kann sie definitiv.“
„Was das angeht, ist sie ja ein richtiger Glücksgriff“, stimmte Marc ihm zu.
„Das ist sie wirklich“, schwärmte Mehdi verliebt. „Und sie ist wirklich die süßeste, liebenswerteste Person, die man sich vorstellen kann, außer Lilly natürlich.“
„Natürlich“, nickte Marc und grinste in sich hinein. Mehdi war wirklich dermaßen weichgespült! Auf die Freundin, die den Warmduscher schon seit Wochen aushielt, war der Chirurg ehrlich gespannt.




Aus seiner Gästeliste machte Mehdi ein ziemliches Geheimnis. Gretchen verstand das gar nicht. Aber er ließ sie immerhin wissen, wie viele Personen bislang zugesagt hatten. Anders hätte sie die Party wohl kaum organisieren können. Sie legte sich wirklich mächtig ins Zeug, damit Mehdi einen der schönsten Geburtstage seines Lebens feiern konnte. Dass auch Lilly für ein paar Stunden dabei sein durfte, war selbstverständlich, schließlich war es das Fest für ihren heißgeliebten Papa. Schon seit Tagen war sie damit beschäftigt, ihm ein Geschenk zu basteln.
„Was machst du denn da Schönes?“ fragte Gretchen die Tochter ihres Freundes am Freitag vor der Party. Sie hatte Lilly kurzerhand mit in ihr Elternhaus genommen, da die Kleine große Angst davor hatte, dass Mehdi die gebastelte Überraschung schon vor seinem Ehrentag sah. Gretchen hatte über Lillys Bedenken wissend geschmunzelt, da sie sich durch sie an ihre eigene Kindheit erinnert fühlte, als sie selbst noch zu jedem Geburtstag und zu jedem Weihnachtsfest für ihre Eltern gemalt und gebastelt und die selbsterstellten Geschenke dann mühevoll versteckt hatte, damit die Überraschung, auf die Gretchen sich selbst am meisten gefreut hatte, nicht im Vorfeld verdorben wurde.
„Einen riesigen, bunten Kalender“, erklärte die Siebenjährige stolz. „Da ist jeder Monat drauf. Guck!“ Sie hielt Gretchen ihr halbfertiges Werk zum Begutachten hin und war positiv überrascht. Auf zwölf Blättern hatte Lilly in absoluter Fleißarbeit eine Liste aus Wochentagen und Zahlen aufgeklebt, die sie allesamt aus alten Zeitschriften ausgeschnitten hatte. Über die Wochentage klebte sie bunte Bildchen, passend zu den jeweiligen Jahreszeiten.
„Da wird der Papa sich aber freuen“, sagte Gretchen anerkennend und erntete dafür ein strahlendes Lächeln von ihrer kleinen Gesellschafterin. „So einen tollen Kalender hat bestimmt sonst keiner.“
„Den kann Papa ganz gut in sein Sprechzimmer im Krankenhaus hinhängen, dann können seine Patientinnen den auch alle sehen.“
„Gute Idee“, pflichtete Gretchen dem dunkelblonden Mädchen bei.
Mit Feuereifer machte sich Lilly daran, den Kalender fertigzustellen. Am frühen Abend, als Gretchen sie wieder nach Hause bringen wollte, konnte sie die Freundin ihres Vaters dazu überreden, das selbstgebastelte Geschenk bei den Haases zu lassen, damit Mehdi es auch garantiert nicht vorher zu sehen bekam. Lachend stimmte Gretchen zu und versprach, den Kalender am nächsten Morgen zu Lilly nach Hause zu bringen, damit sie Mehdi noch vor dem Frühstück damit überraschen konnte.
Am nächsten Morgen war Mehdi hin und weg, als seine beiden Frauen ihn nicht nur mit einem schönen Frühstück, sondern auch mit ihren Geschenken überraschten. Nachdem er Lillys Kalender eingehend betrachtet und sich über Gretchens Kinokarten und die schöne, silberne Armbanduhr gefreut hatte, knuddelte er beide liebevoll und dankbar. Nach den schlimmen Erfahrungen mit seiner gescheiterten Ehe war Mehdi an diesem Tag endlich mal wieder richtig glücklich. Und er hatte das Gefühl, dass dieses Glück ewig andauern könnte.




Pünktlich um neunzehn Uhr fuhr ein weißer Volvo auf den Parkplatz vor der kleinen Gaststätte am Großen Wannsee vor. Marc war es unter schwierigsten Bedingungen gelungen, Gabi abzuschütteln. Obwohl er ihr vehement hatte weismachen wollen, dass er sich an diesem Abend mit seinen Squash- und Golffreunden zu einem Männerabend verabredet hätte, wollte sie unbedingt mitkommen. Es war, als ahnte sie, dass Marc ihr nicht die Wahrheit sagte. Letztlich hatte er es aber doch geschafft, sie zu überzeugen. Erleichtert hatte er sich eine Dusche gegönnt, sich gründlich rasiert, seine Haare zu einem James-Dean-Look frisiert und sich in ein schlichtes Sakko geworfen, das ihm perfekt stand. Ein Klatscher seines Lieblings-Aftershaves ins Gesicht machte ihn ausgehfertig. Gabi blieb grollend auf der Couch zurück. Aber das interessierte ihn herzlich wenig. Er wollte heute Abend seinen Spaß haben, feiern und mit hübschen Frauen flirten, die er hoffentlich auf Mehdis Party finden würde.
Während der Fahrt zur Gaststätte hatte Marc die ganze Zeit darüber nachgedacht, welche Dame Mehdis Herz erobert haben mochte. Der Gynäkologe machte ja ein großes Geheimnis daraus. Alles, was Marc wusste, war, dass sie ebenfalls im Elisabethkrankenhaus arbeitete und Marc sie von früher her kannte. War es eine der Krankenschwestern, die zu seiner Zeit schon am EKH tätig gewesen waren? Möglicherweise Schwester Ingrid oder Schwester Doris? Die passten Marcs Meinung nach sehr gut zu dem verweichlichten Frauendoktor. Oder war es am Ende gar Oberschwester Stefanie? Oje! Bei dem Gedanken schüttelte es Marc leicht. Schwester Stefanie, die normalerweise auf jeden Akademiker schimpfte, weil sie selbst nie in den Genuss eines Studiums hatte kommen dürfen, hätte er selbst niemals auch nur mit der Kneifzange angefasst. Und dass Mehdi so verblendet war, sich auf diese eher unsympathische Person einzulassen, konnte er sich auch nicht vorstellen.

„Da bist du ja“, rief Mehdi ihm entgegen, als Marc gerade die Gaststätte betrat.
„Alles Gute, Kumpel“, raunte er dem Halbperser zu und umarmte ihn freundschaftlich. „Hier, dein Geschenk. Ist nichts Spektakuläres, aber ich hoffe, es gefällt dir trotzdem.“
Mehdi nahm das flache Päckchen, das Marc ihm in die Hand gedrückt hatte, an sich. „Danke, Mann“, sagte er ehrlich und schob seinen einstigen Studienkollegen in den Gastraum, in dem sich schon allerhand Gäste tummelten. Im Hintergrund spielte eine Band seichte Popsongs.
„Hat alles meine Freundin organisiert“, berichtete Mehdi stolz. „Möchtest du was trinken?“
„Ein Bier“, antwortete Marc und ließ seinen Blick durch den Raum streifen. Er kannte nur wenige der hier Versammelten. Die, die er kannte, begrüßte er kurz mit einem Kopfnicken. Dann stellte er sich in eine Ecke und trank sein Bier aus. „Wo ist denn deine Holde?“ fragte er Mehdi, als dieser sich kurz zu ihm gesellte.
„Die hat noch was zu Hause vergessen“, erklärte Mehdi und hob seine Bierflasche an, um mit Marc anzustoßen. „Sollte aber in ein paar Minuten wieder da sein.“
„Bin ja schon gespannt, wen du mir da gleich vorstellst“, grinste Marc.
„Das darfst du auch, mein Lieber“, sagte Mehdi und hob stolz die Brust an. „Wenn du sie siehst, fallen dir die Augen aus.“
„Ich hoffe nicht, dass es Schwester Stefanie ist“, scherzte Marc.
„Ach was“, erwiderte Mehdi und sah seinen Freund entsetzt an. „Wie kommst du denn auf die?“
„Na, es muss ja eine sein, die ich kenne“, erklärte Marc trocken und genehmigte sich einen weiteren Schluck aus seiner Bierflasche. „Und die im Elisabeth arbeitet.“
„Aber bestimmt nicht unsere zickige Oberschwester“, lachte Mehdi kopfschüttelnd. „Nein, meine Freundin ist ein wahrer Engel. Ich bin wirklich glücklich mit ihr.“
„Das freut mich, Mehdi“, nickte Marc und legte seinem Kumpel seine Hand auf die Schulter. „Das freut mich wirklich für dich, nach allem, was du erlebt hast.“
„Diesmal bin ich mir wirklich sicher, dass sie die Richtige für mich ist“, sagte der Gynäkologe tief überzeugt. „Und Lilly mag sie auch sehr.“
In dem Moment ging die Pendeltür zum Gastraum auf und man konnte Lillys fröhliche Stimme vernehmen. „Papa, da sind wir wieder“, rief das süße Mädchen freudig und rannte direkt auf das Geburtstagskind zu, das von einem Ohr zum anderen grinste.
„Komm mit, Marc“, forderte Mehdi seinen Kumpel auf. „Jetzt stelle ich dir meine Freundin vor.“ Gemeinsam gingen sie zur Verbindungstür zwischen Windfang und Gastraum. Schemenhaft konnte man durch das geriffelte Türglas erkennen, dass dahinter eine Person emsig damit beschäftigt war, Körbe und Taschen auf dem Boden abzustellen und sich von Halstuch und Mantel zu befreien. Mehdi öffnete die Tür vorsichtig und steckte den Kopf hindurch. „Kommst du, Maus?“ fragte er. „Ich habe hier jemanden, den du irgendwie schon von früher kennst und der dich gerne begrüßen möchte.“
„Bin in ein paar Sekunden da“, erwiderte die junge Frau und hängte ihren Mantel am Garderobenhaken auf. „Hilfst du mir denn schon mal mit den Körben hier?“ Mehdi nickte und machte sich gleich an die Arbeit. Gemeinsam schafften sie all das, was Gretchen von zu Hause mitgebracht hatte, in den Gastraum.
„Marc, das ist meine Freundin“, sagte Mehdi sichtlich stolz, als Gretchen hinter ihm in den großen Raum trat. Marc wurde auf einmal ganz anders zumute. Seine Gesichtszüge entgleisten förmlich und sein Herzschlag erhöhte sich augenblicklich. Sein Puls raste und sein Hals war ganz trocken. Er hatte das Gefühl, als zöge es ihm den Boden unter den Füßen weg.
„Hasenzahn“, raunte er leise.




Nachteule Offline

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05.08.2017 17:08
#18 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 18 – Herzprobleme


In letzter Minute fand Marc Halt im Türrahmen, ehe es ihn sprichwörtlich aus den Socken gehauen hätte, die Frau, die seit Tagen in seinem Kopf herumgeisterte, so plötzlich wiederzusehen.
„Hallo, Marc“, erwiderte Gretchen, die genauso überrascht dreinsah wie er, sich aber schnell fing und ihm lächelnd die Hand hinstreckte, die er zaghaft entgegennahm. Sie zu berühren, und wenn es nur für wenige Sekunden war, kam ihm vor, als hätte man ihm einen Stromschlag verpasst, der sich aber dennoch angenehm durch seinen Körper zog.
„Na, das ist doch eine Überraschung, was?“ grinste Mehdi neben ihm ahnungslos und stupste seinen Lieblingssquashpartner mit dem Ellenbogen in die Seite, nicht zu fest, aber fest genug, dass Marc augenblicklich wieder im Hier und Jetzt ankam.
„Total“, krächzte dieser nur heiser und presste sich schnell seine Bierflasche an den Mund, um einen ordentlichen Zug des herben Getränks zu sich zu nehmen. Das kühle Bier tat ihm gut. Schnell wandte er sich vom Gastgeber und dessen Freundin ab. Mehdi sollte keinesfalls merken, dass Gretchens Anwesenheit seinen Kumpel ziemlich aus dem Konzept brachte.
Marc hätte alles dafür gegeben, um zu erfahren, was gerade in Gretchens Kopf vorging. Er hatte nicht vergessen, dass sie während der gemeinsamen Schulzeit eine seiner größten Verehrerinnen gewesen war, auch wenn ihn das damals ziemlich nervte. Wie hätte er ahnen können, dass sie sich zu so einer heißen Braut entwickeln würde? Er beneidete Mehdi heimlich für dessen neues Glück.
Die folgenden Stunden vergingen anders, als Marc es sich im Vorfeld ausgemalt hatte. Zwar flirtete er tatsächlich mit den hübschen Krankenschwestern aus dem Elisabethkrankenhaus, die Mehdi ebenfalls eingeladen hatte, doch mehr kam dabei nicht heraus. Er unterhielt sich nett mit ihnen und schenkte ihnen auch das ein oder andere unwiderstehliche Grübchenlächeln. Doch seine wahre Aufmerksamkeit galt ausschließlich Gretchen, der er immer wieder verstohlene Blicke zuwarf.

Gretchen hatte an diesem Abend regelrechte Hummeln im Hintern. Wenn sie nicht gemeinsam mit Mehdi in der Runde stand, sich demonstrativ verliebt lächelnd an ihn presste und er dabei besitzergreifend und stolz zugleich seinen Arm um ihre Taille schlang, rannte sie herum und achtete darauf, dass immer genügend Getränke, sauberes Geschirr und ausreichend unbenutzte Servietten auf den Tischen des Büffets vorhanden waren. Oder sie betüddelte Lilly, bis diese irgendwann so müde war, dass ihre Großeltern mit ihr nach Hause fuhren. Marc beobachtete Gretchen die meiste Zeit genau bei ihrem Tun und amüsierte sich still darüber. Er erinnerte sich an die wenigen Begebenheiten, zu denen Professor Haase ihn, damals noch als Assistenzarzt in der Facharztausbildung, zum Essen in die Haase-Villa einlud. Frau Haase war damals genauso gewesen wie Gretchen, immer bemüht, dass alles perfekt war und sich jedermann wohl fühlte. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte der junge Arzt und schmunzelte. Wieder trafen sich sein Blick und der Gretchens. Sie lächelte leicht. Er lächelte zurück und erhob spontan seine Bierflasche, um ihr zuzuprosten, woraufhin er ein leichtes Kopfnicken von ihr erntete.
„Du leitest also eine ganze chirurgische Abteilung?“ fragte Schwester Ingeborg interessiert und fixierte Marc mit einem intensiven Blick. Doch Marc achtete gar nicht mehr auf das Gespräch mit der bereits leicht angetrunkenen Krankenschwester aus Mehdis gynäkologischer Abteilung. Gretchen war nämlich gerade zur Tür heraus und Marc wollte die Gelegenheit nutzen, wenigstens einmal kurz mit ihr sprechen zu können, alleine. Er blickte sich zu Mehdi um. Der war gerade mit einem anderen jungen Mann, den Marc nicht kannte, tief in ein Gespräch verwickelt und bekam nicht einmal mit, dass Gretchen nach draußen gegangen war.
„Entschuldige mal“, sagte Marc zu Schwester Ingeborg und ließ sie einfach stehen. Er stahl sich so schnell er konnte aus der Gaststätte und trat nach draußen. Im ersten Moment, als er das Gebäude verlassen hatte, bereute er es, bei den kühlen Novembertemperaturen keine Jacke übergezogen zu haben, denn er stand nur in seinem hellblauen Hemd da. Aber im nächsten Moment dachte er gar nicht mehr an die Kälte um ihn herum. Denn dort hinten stand sie, Gretchen, an einen Zaun gelehnt, mit dem Rücken zu ihm und schien abwesend in die Luft zu starren. Sie hatte sich eine dunkelrosa Strickjacke übergezogen und hielt sich ihre Oberarme mit den Händen umklammert, als habe sie Angst, die Jacke könnte jeden Augenblick herunterfallen. Langsam trat Marc zu ihr. Er wusste nicht recht, was er zu ihr sagen sollte, aber er wollte etwas sagen. Er entschied sich für das Naheliegendste. Ein lockerer Smalltalk zum Einstieg, so konnte es doch funktionieren oder?
„Der Himmel ist ziemlich klar heute“, sagte er also und bemerkte, dass Gretchen bei seinen Worten kurz aufzuckte, da sie sich anscheinend immer noch allein gewähnt hatte.
„Hmm“, meinte sie lediglich und zog ihre Strickjacke etwas enger an sich.
„Gretchen“, Marc suchte nach weiteren Worten. Aber er musste einfach mit ihr darüber reden, was ihm auf der Seele lag. Dies war die beste Gelegenheit dafür. „Es tut mir leid, was da neulich im Haus meiner Mutter passiert ist.“
„Du kannst ja nichts dafür“, erwiderte Gretchen leise.
„Es ist aber trotzdem nicht schön, dass dein Vater und meine Mutter…“, er stockte. Er wollte es nicht so direkt aussprechen, jedenfalls nicht vor Gretchen.
„Nein, es ist absolut nicht schön“, sagte Gretchen mit ernster Stimme. „Aber sie sind erwachsen. Es hat sich so ergeben, auch wenn ich meinem Vater dafür die Augen auskratzen könnte. Er hat meiner Mutter sehr wehgetan. Das ist nicht mehr wiedergutzumachen.“
„Meine Mutter ist schuld“, flüsterte Marc betroffen und sah zu Boden. Daraufhin drehte sich Gretchen zu ihm um und sah ihn eindringlich an. Er bemerkte es und erwiderte zaghaft ihren Blick.
„Es gehören immer zwei zu so einer Affäre, Marc“, sagte Gretchen. „Mein Vater findet deine Mutter attraktiv, sonst hätte er sich nie auf diese Sache eingelassen. Und…“, diesmal stockte auch sie. „Und vielleicht“, sprach sie leise weiter, „hat er sich sogar ernsthaft in sie verliebt. Denn sonst würde er um meine Mutter kämpfen, wenn er sie wirklich noch lieben würde.“ Am Ende des letzten Satzes wurde Gretchens Stimme brüchig und Marc konnte sehen, dass sich bereits erste Tränen den Weg über ihre Wangen bahnten. Es tat ihm weh, dies zu sehen. Vorsichtig hob er seine Hand und strich ihr die Tränen aus dem Gesicht. Wortlos ließ sie dies geschehen und sah ihm dabei erneut tief in die Augen, die im fahlen Licht der wenige Meter entfernt stehenden Straßenlaterne fast schwarz wirkten.
Gretchen konnte nicht sagen, was es in diesem Moment war, das sie alles andere um sich herum vergessen ließ, Mehdi, Lilly, die Party, ihre Eltern, Marcs Mutter, das Krankenhaus – einfach alles. Sie sah nur Marc vor sich und spürte noch immer seine Hand an ihrer Wange. Ihr Herz schlug kräftig in ihrer Brust. Sie konnte nichts dagegen machen, dass ihre Füße sich leicht aufstellten und ihr Kopf seinem immer näher kam. Sie spürte seinen warmen Atem, der leicht nach Tabak roch, was sie aber nicht zu stören schien. Ihre Augen hielten sich noch immer an seine geheftet. Er legte wie automatisch seine Hände auf ihre Hüften und zog sie dichter zu sich. Ihre Lippen kamen sich näher und näher, bis sie sich schließlich leicht berührten.
Es war nur ein kurzer Kuss, und dennoch bedeutete er in diesem Augenblick für die beiden jungen Ärzte so viel. Marc fühlte sich für ein paar Sekunden, als sitze er auf einer federleichten Wolke, die ihn sanft durch den nächtlichen Himmel trug. Ein lautes Klatschen und ein stechender Schmerz in seinem Gesicht holten ihn im nächsten Augenblick wieder in die Realität zurück. Er sah nur noch lange blonde Haare, die sich von ihm entfernten und sich zugleich der Gaststätte näherten, in welcher Mehdis Geburtstagparty in vollem Gange war.
Zunächst wusste Marc nicht, ob er sich wieder zu der Feiergesellschaft begeben sollte, denn er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er sich Mehdi gegenüber verhalten sollte. Er hatte seine Freundin geküsst, nicht irgendeine Frau, sondern Hasenzahn! Marc hatte ein schlechtes Gewissen, wenngleich der kurze Kuss ihn eigentlich glücklich machte. Aber Marc war Realist genug, um zu wissen, dass dies eine einmalige Sache gewesen war. Gretchen war nicht frei und er ebenso wenig. Sie hätten niemals eine Chance, so sehr er sich das auch wünschte. Es zerriss ihm fast das Herz, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Zögerlich ging er zur Party zurück. Gretchen stand wieder bei Mehdi und ließ sich von ihm umarmen. Als sie Marc erneut erblickte, warf sie ihm einen warnenden Blick zu, der ihm regelrecht die Kehle zuschnürte. Er wusste sich nicht anders zu helfen, als sich eine weitere Flasche Bier zu genehmigen und danach noch eine und noch eine. Irgendwann war er so betrunken, dass Mehdi auf ihn zukam, um ihn zu stützen und damit vor dem Hinfallen zu bewahren.
„Ich lasse dir am besten ein Taxi kommen“, sagte der Halbperser zu seinem Freund und hatte prompt sein Handy am Ohr, um einen Wagen zu rufen. „Gretchen, hilf mir mal“, raunte er wenig später seiner Freundin zu. „Ich denke, ich gehe mit ihm schon mal raus, bevor das Taxi kommt. Aber ich schaffe es nicht, ihn alleine aufrecht zu halten.“ Gretchen verrollte genervt die Augen.
„Wenn’s sein muss“, seufzte sie und kam Mehdi zur Hilfe. Gemeinsam schafften sie den im betrunkenen Zustand doppelt so schwer scheinenden Chirurgen nach draußen.
„Haschenschahn“, lallte Marc, während sie gemeinsam auf das Taxi warteten. „Dasch isch viel schu kalt hier drauschen für disch. Du muscht wieder reingehen, klar?!“
„Lass das mal Mehdis und meine Sorge sein“, ächzte Gretchen unter seinem Gewicht, das durch sein Schwanken nur schwer zu halten war.
„Da kommt das Taxi“, sagte Mehdi daraufhin zu beider Erleichterung. Gemeinsam mit dem Taxifahrer setzte er Marc auf den Rücksitz des Wagens, nannte dem Fahrer die Adresse seines Freundes und sah dem Auto nach, bis es in der Ferne verschwunden war. Kopfschüttelnd lief Mehdi hinter Gretchen her zurück in die Gaststätte. „Tut mir leid, Maus“, meinte er zu seiner Freundin, deren Laune scheinbar einen vorläufigen Tiefpunkt erhalten hatte. Er ahnte nicht, dass Gretchen ihm gegenüber ein ziemlich schlechtes Gewissen hatte. Und das nicht nur wegen des Kusses mit Marc. Auch wenn sie ihm im Affekt eine Backpfeife verpasst hatte, ließ sie das Gefühl, das der Kuss in ihr ausgelöst hatte, nicht los. MARC ließ sie nicht los. Sie merkte, dass er sich wieder klammheimlich in ihr Herz geschlichen hatte. Und das machte ihr Angst, Angst, Mehdi zu verlieren, den sie schließlich liebte, der ihr so viel Geborgenheit gab und der ihre Liebe so intensiv erwiderte. Das alles konnte sie nicht aufgeben. Gretchen war verzweifelt. Was machte das Schicksal nur mit ihr?





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21.08.2017 15:20
#19 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 19 – Familienplanung


Marc erwachte durch ein Rumpeln in seiner Wohnung. Sein Kopf dröhnte und der Lärm, den Gabi im Wohnzimmer nebenan veranstaltete, tat sein Übriges. „Boah, Gabi, sei mal ruhig“, motzte der Chirurg und erhob sich schwerfällig aus seinem Bett. Er taumelte, nur in Boxershorts gekleidet, an seiner Verlobten vorbei und warf sich in der offenen Küche eine Kopfschmerztablette ein, die er mit einem großzügigen Schluck Leitungswasser herunterschluckte. Der bittere Geschmack des Medikaments ekelte ihn an, doch tapfer ertrug er es, denn wie hieß es so schön? Je bitterer die Pille, desto besser die Wirkung. Als er sich Richtung Couch begab, grinste Gabi ihn an.
„Muss ja ziemlich heftig gewesen sein gestern, so ein saures Gesicht, wie du ziehst“, lachte sie.
„Gabi, halt die Klappe“, maulte Marc.
„Nana“, erwiderte die Brünette. „Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich heute Nacht den Taxifahrer bezahlt und ihm geholfen habe, dich in die Wohnung hochzukriegen. Du warst total weg und hast ständig was von ‚Hasenzahn‘ oder so gemurmelt. Hab ich nicht ganz kapiert. War das ein Spiel, das ihr gespielt habt, du und deine Kumpels?“
„Äh… genau“, lautete Marcs knappe Antwort. Sollte Gabi doch glauben, was sie wollte. Wenn nur endlich diese blöden Kopfschmerzen verschwinden würden!
Stöhnend ließ Marc sich auf das freistehende Sofa fallen und schloss gequält die Augen. Gabi nutzte die Gunst der Stunde und schritt von hinten auf ihn zu. Zunächst merkte er es nicht, aber dann spürte er ihre knetenden Hände in seinem Nacken. Es tat so gut, als sie ihn massierte, doch er wollte es nicht einsehen. Schließlich hegte er keinerlei Gefühle für Gabi, auch, wenn er immer noch mit ihr verlobt war. Es reichte ihm. Er griff nach ihren Handgelenken und hielt sie fest.
„Marc, was machst du denn?“ fragte Gabi hinter ihm verblüfft.
„Lass das einfach“, motzte ihr Verlobter und ließ nicht locker.
„Ich will dir doch nur helfen.“ Gabi verstand die Welt nicht mehr.
„Ich will aber nicht, dass du mir hilft“, kam es patzig von Marc. „Lass mich in Ruhe! Du nervst!“ Er löste seinen Handgriff von Gabis Unterarmknöcheln und erhob sich, so schnell er konnte, vom Sofa, rannte in den Flur, schnappte sich dort seine Jacke und hastete aus der Wohnung. Fassungslos sah Gabi ihm hinterher. Sie hatte Tränen in den Augen. Sie liebte diesen Mann doch so sehr. Aber er wurde Tag für Tag gemeiner zu ihr. Ob die Hochzeit eine so gute Idee war? Vor der Verlobung war doch alles so gut zwischen ihnen gewesen. Sie waren ein paar Mal ausgegangen, hatten regelmäßig miteinander geschlafen und sich auch während der Arbeitszeit einigermaßen gut verstanden, was bei einem so unnahbaren Mann wie Marc Meier schon ein Wunder war. Doch seit ein paar Wochen war alles anders. Marc schien ihre permanente Anwesenheit in seiner Wohnung, die eigentlich bald ihr gemeinsames Zuhause werden sollte, immer mehr zu stören. Ihr wurde immer klarer, dass er sich ihr entzog. Sie hatten keinen Sex mehr, gingen nicht mehr miteinander aus, redeten nicht mehr als nötig miteinander, verbrachten überhaupt die Nächte in getrennten Räumen. Denn Marc zog es vor, auf dem Sofa zu nächtigen, während sich Gabi in seinem Bett breitmachte. Sie fühlte sich zunehmend einsamer. Wie sollte das nur werden, wenn sie tatsächlich verheiratet waren? Würde Marc sie dann überhaupt noch ansehen?
Doch Gabi wäre nicht Gabi gewesen, hätte sie sich den Tatsachen einfach geschlagen gegeben. Bisher hatte sie immer alles bekommen, was sie wollte. Und sie wollte Marc. Also beschloss sie, nachdem sie eine Weile grübelnd auf der Couch gesessen hatte, um ihren Traummann zu kämpfen. Er würde es noch verstehen, dass er sie begehrte. Wenn Gabi nur wüsste, wie sie es anstellen sollte, ihn endgültig für sich zu gewinnen! Sie brauchte einen Plan, einen guten, denn sie wusste nur zu gut, wie stur Dr. Meier sein konnte. Doch so sehr sie nachdachte, ihr fiel nichts ein, von dessen Erfolg sie überzeugt war. Seufzend ließ sie sich auf die Sofalehne zurückfallen und stellte den Fernseher an. Sie zappte sich durch die Programme und blieb schließlich auf irgendeiner Doku-Soap auf ihrem Lieblingssender RTL hängen. Interessiert sah sie sich auf dem Bildschirm an, wie vehement eine junge Frau um ihre große Liebe kämpfte und letzten Endes dabei erfolgreich war, indem sie ihm mitteilte, dass sie schwanger war. Das war es! Wenn Gabi ein Kind von Marc erwartete, würde er sie ganz sicher nicht im Stich lassen, denn eine Familie war es doch, die ihm fehlte. Und wenn sie so darüber nachdachte, konnte es ganz gut möglich sein, dass die Umsetzung ihres Vorhabens bereits begonnen hatte. Sie war seit einigen Tagen überfällig. Gabi lächelte in sich hinein und legte wie automatisch ihre Hand auf ihren sehr flachen Bauch. Sicher war sie schwanger. Sie und Marc würden ein Kind haben. Er würde keine andere Wahl haben, als sie tatsächlich zu heiraten. Dafür würde ihr Patenonkel schon sorgen. Denn von diesem hing schließlich Marcs weitere berufliche Karriere im Krankenhaus ab. Gabi lobte sich innerlich für ihren grandiosen Einfall und streichelte weiter zufrieden ihren Bauch.




Am nächsten Tag nutzte Gretchen Haase die letzten Stunden vor Beginn der Spätschicht, um ein wenig einkaufen zu gehen und alltägliche Dinge zu besorgen, die Frau in der Regel so benötigte. Ihre Lieblingsdrogerie befand sich nicht weit weg von Mehdis Wohnung, und so beschloss sie, nach dem Einkauf noch einen Abstecher zu ihm zu machen. Zwar war Mehdi bereits seit einigen Stunden im Krankenhaus, aber Gretchen hatte ohnehin vor, einige wichtige Sachen in seinem Badezimmer unterzubringen, um nicht jedes Mal, wenn sie nicht wusste, ob sie die Nacht bei ihm oder zu Hause bei ihren Eltern verbringen würde, für alle Fälle mit einer prall gefüllten Umhängetasche herumzulaufen. Sie wusste, dass Mehdi sicher nichts dagegen hätte, wenn sie sich in seiner Wohnung ein klitzekleines bisschen häuslich einrichten würde. Er war einer der gutmütigsten Menschen, die sie kannte und würde bestimmt nicht mit ihr schimpfen oder sie hochkantig aus der Wohnung werfen, nur weil sie ihr eigenes Waschgel in seiner Dusche abstellte oder auf einer eigenen Zahnbürste bestand. Das gehörte nun einmal zu einer Beziehung, wenn man auch mal die eine oder andere Nacht miteinander verbrachte. Überhaupt hoffte Gretchen seit einiger Zeit darauf, dass Mehdi ihr endlich anbieten würde zu ihm zu ziehen. Ob Lilly wohl ein Problem damit hätte? Sie würden sie natürlich fragen, ob sie einverstanden war. Lilly war Mehdi am allerwichtigsten. Er würde niemals etwas über ihren Kopf hinweg entscheiden, das wusste Gretchen und fand das eigentlich ganz süß. Mehdi war nicht nur ein toller Freund, er war bestimmt auch der weltbeste Papa, genauso, wie es auf dem T-Shirt gedruckt stand, dass Mehdi nach seinen Erzählungen vor einigen Jahren von Lilly und Anna zusammen zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, kurz bevor seine Exfrau sich für ihre Karriere und gegen die Familie entschied.
Gretchen stöberte durch die Regale und packte hier und dort etwas in ihren Tragekorb, der an ihrem Handgelenk immer schwerer wurde. An einem Regal mit Hygieneartikeln stieß sie plötzlich mit einer dunkelhaarigen Frau zusammen.
„Entschuldigung“, murmelte die Blonde und wollte sich schnell davonstehlen, als die Brünette sich genervt zu ihr umdrehte. Gretchen stockte. Sie kannte dieses Gesicht, die großen grüngrauen Augen, die sie jetzt vorwurfsvoll anstarrten.
„Kannste nicht aufpassen, du Walross?“ keifte Gretchens Gegenüber und bückte sich nach dem Gegenstand, der ihr bei der Anrempelei aus der Hand gefallen war. Sogleich fiel Gretchen ein, woher sie diese unfreundliche Person kannte. Das war doch Marcs Verlobte, die sie im Brautmodengeschäft vor ein paar Wochen beleidigt hatte. Gretchen kniff die Augen leicht zusammen, atmete einmal tief durch und ging zum Konterangriff über.
„Walrosse sind sehr nette Tiere“, sagte sie selbstbewusst und hob ihr Kinn demonstrativ an. „Im Gegensatz zu kläffenden Promenadenmischungen mit Überzüchtungserscheinungen.“
Gabi bemerkte den kleinen Seitenhieb der Blondine vor ihr und griff sich eingeschnappt den Schwangerschaftstest, den sie hatte auf den Boden fallen lassen. In dem Augenblick erkannte Gretchen diesen Gegenstand und schielte verblüfft darauf.
„Was?“ fragte Gabi zynisch. „Noch nie einen B-Test gesehen?“
„Sie sind…?“ Gretchen traute sich gar nicht weiterzusprechen. Zu erstaunt war sie, gleichzeitig aber auch ziemlich erschrocken. War es möglich, dass Marc Meier Vater wurde? Für einen kleinen Moment zog sich bei diesem Gedanken Gretchens Magen zusammen. Doch schon eine Sekunde später hatte sie sich wieder im Griff. Ihr konnte doch egal sein, was in Marcs Leben passierte. Seit über zehn Jahren interessierte er sie doch kein Stück mehr. Und jetzt war sie ja auch glücklich mit Mehdi zusammen. Nein, Marc Meier war ihr wirklich egal. Es störte sie nicht, dass er mit dieser Schlange zusammen war, sie heiraten und bald vielleicht sogar ein Kind mit ihr haben würde.
„Das geht dich einen feuchten Kehricht an“, schnauzte die Braunhaarige Gretchen entgegen, stellte sich wieder aufrecht hin und stampfte anschließend ohne ein weiteres Wort in Richtung Kasse davon.




Ein paar Stunden später saß Gabi Kragenow abwartend auf dem Rand der Badewanne ihres Verlobten und hielt nervös den Teststreifen in der Hand, der ihr in wenigen Augenblicken präsentieren sollte, ob sich ihr Plan mit dem Kind bereits in der Umsetzung befand oder sie noch daran feilen musste, damit er aufging. Letzteres hoffte sie keineswegs. Sie musste jetzt einfach schwanger sein! Lange traute sie sich nicht, den Streifen anzusehen. Schließlich, nach endlosen Sekunden, tat sie es doch.
„Dann halt nicht“, seufzte sie enttäuscht auf und warf den Test achtlos in den Abfalleimer. Okay, so würde sie eben noch zwei Wochen warten und Marc dann nach allen Regeln der Kunst verführen und zwar so, dass ihr Vorhaben schlicht und ergreifend von Erfolg gekrönt sein müsste. Sie würden so guten Sex haben wie noch nie. Marc würde nicht genug von ihr bekommen können und es wieder und wieder mit ihr tun. Und sie würde einfach mal „die Pille vergessen“. Er musste es ja vorher gar nicht erst wissen. Vielleicht fand er Gabis Idee doch nicht so gut. Aber wenn es erst einmal so weit war, würde er den Gedanken lieben, Vater zu werden und endlich eine richtige Familie zu haben, eine Familie mit Gabi. Sie grinste bei der Vorstellung in sich hinein, stand vom Wannenrand auf und ging in die Küche, um sich einen starken Kaffee zu kochen und sich auf der Terrasse eine beruhigende Zigarette zu gönnen. Wenigstens durfte sie jetzt noch guten Gewissens rauchen. Wenn das Kind erst einmal unterwegs war, wäre dieses Laster für sie auf jeden Fall passé. Und Marc würde sie auch noch davon abbringen. Schließlich würde er bald eine besondere Verantwortung haben.





Nachteule Offline

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16.09.2017 18:54
#20 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 20 – Filmriss


Wochen vergingen. Inzwischen war es Ende Januar und Gabi hatte am Morgen wieder einmal enttäuscht erkennen müssen, dass sie ein weiteres Mal nicht schwanger geworden war. Sie war frustriert. Es würde weiterhin keinen Grund geben, Marc zu einem verantwortungsvollen Partner zu machen. Er entglitt ihr immer mehr und ging auch nicht auf Gabis Drängen ein, beim Standesamt endlich das Aufgebot zu bestellen. Gegenüber ihrem Onkel, seinem Chef, legte er regelmäßig eine Schleimspur ab und betonte, wie glücklich er doch mit Gabi sei. Aber kaum war der Professor außer Sicht- und Hörweite, kam wieder der richtige Marc zum Vorschein, der es vorzog, mit Gabi zu streiten und sie sogar wegen Nichtigkeiten zu beschimpfen. Gabi wurde immer verzweifelter. Warum konnte dieser Mann sie nicht so lieben wie sie ihn? Sie bemühte sich wirklich, ihm wenig Grund zum Aufregen zu geben. So zum Beispiel schlief sie immer seltener mit ihm und nächtigte nicht mehr ständig in seiner Wohnung, da sie glaubte, dass ein wenig Abstand helfen und er sich irgendwann nach ihrer Nähe sehnen und dann doch bei ihr angekrochen kommen würde. Sie stellte sich vor, wie er vor ihr kniete und sie bat, endlich wieder zu ihm in die Wohnung zu kommen, doch in der Realität tat sich diesbezüglich nichts.
Marc hingegen hatte andere Sorgen, als sich Gedanken um seine ungeliebte Verlobte zu machen. Seine Mutter hatte Professor Haase aus dem Haus geworfen und war seither wieder einmal mehr ein nervliches Bündel. Angeblich habe die Chemie nicht gestimmt, meinte die selbsternannte Erfolgsautorin. Franz Haase war wohl wieder zu seiner Familie zurückgekehrt und plante, dem Getuschel der Berliner Ärzteschaft zufolge, mit seiner Frau eine längere Reise zu machen. Eigentlich gab Marc nichts auf die Gerüchteküche seiner Kollegen, doch beim Thema „Haase“ war er doch mehr als aufmerksam, nicht nur, weil der Professor und seine Mutter für ein paar Wochen eine Affäre gehabt hatten. Vielmehr musste Marc an die Tochter seines Ex-Chefs denken. Seit Mehdis Geburtstag vor mehr als zwei Monaten hatte der Chirurg weder Kontakt zu ihr noch zu seinem einstigen Lieblingssquashkumpel gehabt. Mehdi ging ihm inzwischen am Allerwertesten vorbei, hatte der doch das Glück, Hasenzahn seine Freundin nennen zu können. Dabei wäre Marc am liebsten an seiner Stelle gewesen. Es ärgerte ihn, dass er vor ein paar Jahren der Karriere wegen das Elisabethkrankenhaus verlassen hatte. Wäre er dort geblieben, wäre sicher jetzt ER Gretchens Vorgesetzter. Er könnte sie täglich sehen, mit ihr operieren und ihr alles beibringen, was sie für ihre Facharztausbildung brauchte. Und vielleicht hätten sie auch privat ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Marc verlor sich in diesem Tagtraum und wurde schließlich unsanft von Schwester Barbara in die Realität geholt. Die resolute Stationsschwester platzte nach kurzem Klopfen an Marcs Bürotür lautstark in den Raum und polterte sofort mit ihrer unangenehmen Stimme los.
„Sie sollen zum Professor kommen. Sofort“, teilte sie im Befehlston mit. Marc verdrehte die Augen.
„Ja, ja“, maulte er. „Ich habe es kapiert, Schwester Barbara. Ich gehe sofort zu ihm.“ Die Schwester stand noch immer schräg neben ihm und beäugte ihn misstrauisch, wie sie es eigentlich immer und bei jeder anderen Person in ihrer Gegenwart tat. „Was ist?“ fragte Marc genervt. „Raus hier, sofort!“
„Sie können mich mal“, knurrte die Angesprochene, drehte sich wieder um und stolzierte hocherhobenen Hauptes aus dem Büro ihres unmittelbaren Vorgesetzten.
„Lieber nicht“, murmelte Marc zu sich selbst. „Sonst könnte ich mir gleich die Kugel geben.“ Er seufzte und machte sich dann auf den Weg zu seinem Chef.

Professor Schiller wirkte äußerlich recht streng mit seinen buschigen, eulenhaften Augenbrauen und der zerfurchten Stirn. Aber eigentlich hatte er einen guten Kern. Er mochte Dr. Meier und war Franz Haase noch heute dankbar dafür, dass er ihm einst den talentierten jungen Mann ohne weiteres überlassen hatte, um sich mit ihm einen der besten Jungchirurgen des Landes ins Haus zu holen. Mit zweiunddreißig Jahren hatte Marc bereits eine beachtliche Karriere hinter sich und Professor Schiller würde nur zu gerne sehen, wenn sein geliebtes Patenkind Gabriele, die Tochter seines früh verstorbenen Halbbruders Ottmar, auch offiziell die Frau an der Seite seines möglichen Nachfolgers auf dem Chefsessel des Klinikums werden würde. Der Professor und seine Frau hatten leider nie das Glück gehabt, eigene Kinder zu bekommen. Gabi und ihre Schwester Christina wurden zu deren Ersatz, gingen bei Onkel und Tante ein und aus und profitierten sehr von deren Zuneigung. Man konnte fast sagen, die Zuwendungen der „Ersatzeltern“ hatten die beiden jungen Frauen ein wenig verwöhnt. Aber ganz umsonst lief das natürlich auch nicht ab. Onkel Ferdinand bestand darauf, dass die Mädels beide eine gute Ausbildung bekamen. Leider waren weder Gabi noch Tina mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz gesegnet. Gabi hatte nur mit Mühe den Hauptschulabschluss geschafft, wobei die ein Jahr jüngere Tina sich wenigstens etwas mehr angestrengt hatte und trotzdem eine Lehre nach der anderen abbrach, weil sie unbedingt Sängerin werden wollte. Sehr zum Bedauern des Onkels. Aber wenigstens Gabi hatte ihm die Freude gemacht, den Beruf der Krankenschwester zu erlernen. Und nun stand sie kurz vor der Hochzeit mit diesem wunderbaren Chirurgen. Onkel Ferdinand war mehr als zufrieden. Das ließ er auch seinen begabtesten Oberarzt spüren. Freundlich bat er ihn, sich ihm gegenüber auf einen der Besucherstühle zu setzen.
„Dr. Meier!“ Der Professor befand es weiterhin als richtig, beruflich einen gesunden Abstand zu seinem angeheirateten Neffen in Spe zu bewahren, der guten Etikette wegen. „Ich habe Sie hierhergebeten, weil es eine Anfrage vom Fortbildungszentrum der Greifswalder Universitätsklinik gegeben hat. Denen ist leider für längere Zeit ein Referent ausgefallen. Man hat mich gebeten, einen Ersatz zu beschaffen. Und da habe ich an Sie gedacht.“
„Ich soll also dort referieren?“ fragte Marc erstaunt. Der Professor nickte.
„Es handelt sich um eine Reihe von Fortbildungsangeboten für angehende Chirurgen aus der gesamten Bundesrepublik. Ich finde, dass Sie mit Ihrem großartigen Wissen und Ihrer Genauigkeit optimal geeignet sind für diese Aufgabe.“
„Danke, Herr Professor“, stammelte Marc, dem Lobhudelei im Allgemeinen etwas unangenehm war. „Wann soll es denn losgehen?“
„In etwa zwei Wochen beginnt der erste Block der Veranstaltungen“, erklärte Ferdinand Schiller. „Er dauert vier Tage. Im April findet der zweite Teil statt. Aber wahrscheinlich wird dann der erkrankte Kollege längst wieder fit sein und die Aufgaben selbst übernehmen können. Ich würde Sie nur ungern so häufig missen wollen hier in der Charité.“ Der Professor lächelte. Marc lächelte zurück. Vielleicht war es gar nicht so verkehrt, wenn er mal ein paar Tage aus Berlin herauskam und für vier Tage den großen Lehrmeister heraushängen lassen konnte. Vier Tage, in denen er vor Gabi sicher war. Was könnte ihm im Moment Besseres passieren?
„Einverstanden“, nickte Marc. „Sie können in Greifswald anrufen und denen sagen, dass ich mit von der Partie bin.“
„Sehr schön“, grinste der Professor zufrieden. „Ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann.“
„Immer wieder gerne“, sagte Marc und verabschiedete sich von seinem Chef, um danach gutgelaunt auf seine Station zurückzukehren.




Die zwei Wochen gingen schnell vorüber. An einem Montagmorgen Anfang Februar brauste Marc in seinem BMW über die Autobahn Richtung Norden. Er war noch nie in Greifswald gewesen. Auf dem Weg zum Hotel musste er durch die Innenstadt und staunte über ihre Schönheit. Die Zeugnisse der glorreichen Hansezeit waren hier noch sichtbar. Traditionelle Bauten der Backsteingotik wechselten sich mit klassizistischen oder auch modernen Gebäuden ab. Auf den Straßen und Plätzen ging es so viel friedlicher zu als in Berlin, wo der Puls der Zeit ständig tobte und niemals zur Ruhe kam. Marc war zuversichtlich, dass ihm die vier Tage in unmittelbarer Nähe zur Ostsee gefallen würden, trotz der immer noch sehr winterlichen Temperaturen. Aber wenigstens konnte er sich von seinen Problemen zu Hause, vor allem mit der klammernden Gabi und der klagenden Elke entziehen und von den betrübenden Gedanken an Hasenzahn, die er Tag für Tag mehr vermisste, als ihm lieb war.
Das Hotel befand sich am Rande der Altstadt. Marc checkte ein und ließ sich vom Pagen, der sein Gepäck vor ihm her trug, zu seinem Zimmer geleiten. Als er in dem sauberen, hellen Raum alleine war, ließ er sich erst einmal auf das gemütliche, breite Bett fallen und atmete tief durch. Die Fahrt von Berlin war zwar nicht lang gewesen, er fühlte sich dennoch etwas müde und beschloss, erst einmal eine Weile vor sich hin zu dösen. Morgen früh wurde er an der Universität erwartet. Die Zeit bis dahin würde er für sich nutzen. Vielleicht könnte er am Abend ausgehen. Ihm stand der Sinn nach sympathischer weiblicher Gesellschaft. Soviel er wusste, wimmelte es in der Stadt nur so von Studentinnen. Die ein oder andere ansehnliche Person würde schon darunter sein, um ihm den Abend zu versüßen.
Nachdem Marc ein kurzes Nickerchen gemacht und sich anschließend geduscht hatte, setzte er sein Vorhaben in die Tat um und verließ das Hotel in Richtung Innenstadt. Inzwischen war es draußen bereits dunkel geworden, und Greifswald leuchtete einladend. Viele junge, fröhliche Leute kamen Marc auf dem Marktplatz, den er inzwischen erreicht hatte, entgegen. Ihre gute Laune steckte den Chirurgen an. Er fühlte sich wie befreit, ein Gefühl, das er seit Wochen nicht mehr gekannt hatte. Euphorisch steuerte er eine kleine Kneipe an. Sie war gut besucht, wie er feststellte. Er fand einen freien Hocker an der Bar und bestellte sich ein Bier. Mit dem Getränk in der Hand ließ er den Blick schweifen, hoffte, möglichst schnell eine passende Gespielin für die kommende Nacht zu finden. Dort drüben entdeckte er zwei junge Frauen, die ausgelassen lachten. Eine von ihnen saß mit dem Rücken zu ihm. Sie hatte lange blonde Locken, genauso wie Hasenzahn, kam ihm in den Sinn. Entschlossen rutschte er vom Stuhl und hoffte, bei einer dieser Damen, die anscheinend ohne männliche Begleitung hier waren, Glück zu haben und mit ihr den Abend verbringen zu können.
„Hi“, sagte er laut hinter dem Rücken der Blonden, welche, genau wie ihre Begleiterin, sofort ihr ansteckendes Lachen einstellte. Erstaunt drehte sie sich zu ihm um. Seine Knie wurden weich, als er sie erkannte. Er hatte ein Déjà-Vu. Es war wie damals, an Mehdis Geburtstag. Und spätestens jetzt glaubte er daran, dass es so etwas wie Schicksalsbegegnungen gab.
„Marc!“ Ungläubig starrte Gretchen ihn an. Dann brach sie, da sie bereits ziemlich angeheitert war, in lautes Gelächter aus. Verwirrt sah Marc ihr in die Augen. Er verstand nicht, was sie denn so zum Lachen brachte.
„Was ist so komisch?“ fragte er mit ernster Miene.
„Das hier“, kicherte Gretchen wie ein junges Mädchen. „Da fahre ich… haha… zu einer Fortbildung nach Greifswald, und dann läufst ausgerechnet DU mir über den Weg. Das… hihi… ist das… haha… das Komische daran. Es ist schließlich schon das dritte… ne, das vierte Mal, dass wir uns zufällig treffen. Muss… hicks… muss wohl zwischen uns immer so ablaufen mit der Zufälligkeit… hihi.“
Ihre Begleiterin, die die ganze Zeit staunend zwischen Gretchen und dem attraktiven Dunkelhaarigen hin und her gesehen hatte, wollte nun endlich eine Aufklärung.
„Wer iss’n das, Gretchen?“ lallte sie nicht weniger amüsiert.
„Dassis mein… ich meine… hicks… dassis Marc Meier. Marc, dassis Claudia, meine Kommi… Kommilitonin aus dem Facharztseminar.“
„Nett“, grinste Marc und nickte zu Claudia hinüber. Diese streckte ihm, ebenfalls grinsend, die Hand hin.
„Freut mich, M… Marc Meier… hicks“, erwiderte die Rothaarige benebelt.
„Boah!“ Marc verzog amüsiert das Gesicht. „Wie lange sitzt ihr denn hier schon, dass ihr bereits jetzt zu seid?“
„Wir sind nich zu, mein lieber Marc“, lallte Gretchen. „Nur ein kleines Bisschen beschwipst.“ Dabei zeigte sie mit Zeigefinger und Daumen eine ungefähre Mengenangabe in die Luft.
„Sicher“, nickte Marc belustigt.
„Komm, Marc Meier“, hickste Claudia und zeigte auf den leeren Stuhl am Tisch. „Setz dich doch zu uns und erzähl uns mal, was du hier machst.“
„Okay“, sagte Marc und warf einen unsicheren Seitenblick auf Gretchen.
„Ja komm, Marci, setz dich zu uns“, drängelte auch diese. „Warum bisse denn nun hier, hm? Kannste deiner alten Freundin Hasenzahn ja wohl erzählen.“
„Ich referiere ab morgen auf der Fortbildung“, erklärte Marc knapp und dachte sich, dass die beiden Frauen neben ihm ohnehin nur noch wenig aufnahmefähig waren.
„Aha“, sagte Gretchen. „Is doch toll! Kenne ich wenigstens einen von euch Oberlehrern da.“ Sie grinste ihn an, während ihre blauen Augen ihn unwiderstehlich anfunkelten.
Im Laufe des Abends ging es weiter feuchtfröhlich zu zwischen den Dreien. Irgendwann verlor auch Marc seine Nüchternheit. Zusammen mit Gretchen und Claudia torkelte er zu später Stunde durch die Innenstadt und bekam gar nicht mehr so wirklich mit, wohin die beiden Kolleginnen ihn mitzogen. Schließlich befanden sie sich, soviel ließ ihn sein Dämmerzustand noch erkennen, in einer gemütlichen kleinen Ferienwohnung. Gretchen zog ihn mit sich in Wohnzimmer, stieß ihn eher unsanft aufs Sofa und bediente ihn aus der Minibar mit einer weiteren Flasche Bier, während Claudia die Segel strich und in einem der Nebenzimmer verschwand. Marc und Gretchen waren nun unter sich und genossen jeweils eine weitere Flasche Bier an diesem Abend, dessen weiterer Verlauf beiden jedoch schleierhaft blieb.
Das große Erwachen kam am nächsten Morgen, als irgendein Piepen Gretchen unsanft aus ihrem Schlaf weckte. Stöhnend wegen ihres Brummschädels kroch sie unter der Bettdecke hervor und langte nach dem nervigen Reisewecker, der auf dem Nachttisch neben ihr stand. Sie drückte den Stummschaltknopf und ließ sich erst einmal wieder ins Kissen zurückfallen. Allmählich begriff sie, dass sie nicht zu Hause war. Und auf einmal merkte sie, dass auf der Betthälfte neben ihr eine weitere Person lag, welche ebenfalls langsam ins Bewusstsein zurückkehrte. Gretchen konnte sich keinen Reim drauf machen, wer das war. Sie hatte einen regelrechten Filmriss, was den gestrigen Abend anging. Der Mensch neben ihr lag mit dem Rücken zu ihr. Seine Haare waren kurz und braun, seine leicht entblößten Schultern muskulös und männlich. Moment, war er etwa nackt? Gretchen bekam ein leicht mulmiges Gefühl. Hatte sie etwa…? Vorsichtig zog sie ihre Decke vor und betrachtete ihren Körper. Oh Gott, sie hatte ja selbst nichts mehr an! Ach du grüne Neune! Sie hatte Mehdi betrogen. In diesem Moment drehte sich der Typ neben ihr um.
„Morgen, Hasenzahn“, grinste er ihr entgegen und blinzelte leicht wegen der Flut aus Sonnenlichtstrahlen, die durch das Fenster an Gretchens Seite in das Zimmer drangen.
„Marc!“ rief die Blonde erschrocken aus. „Was machst du in meinem Bett?“
Er grinste noch immer. Scheinbar fand er die ganze Situation ziemlich erheiternd, im Gegensatz zu Gretchen, die ihn nur noch entsetzter ansah. „Haben wir etwa miteinander…?“
„Was denkst du?“ blieb ihr Marc eine eindeutige Antwort schuldig.
„Ich weiß es nicht“, stammelte Gretchen. „Ich kann mich an den gestrigen Abend kaum erinnern. Wie… wie kommst du überhaupt hierher?“
„Du weißt echt nichts mehr?“ fragte Marc amüsiert. Gretchen schüttelte den Kopf. „Okay“, fuhr er fort. „Ich habe dich und deine Freundin… ähm… Cornelia…“,
„Claudia“, berichtigte Gretchen ihn.
„Okay, Claudia. Auf jeden Fall habe ich euch gestern Abend in einer Kneipe aufgegabelt. Ihr hattet schon ziemlich was intus und wolltet unbedingt, dass ich mit euch anstoße. Und irgendwann war ich auch recht voll und bin mit euch nach Hause gegangen. Tja, und als Claudia dann in ihrem Zimmer war, haben wir zwei uns noch ein bisschen weiteramüsiert.“
„Mit… du weißt schon, was?“ Gretchen war aber auch sowas von verklemmt! Marc lachte innerlich darüber. Aber er musste zugeben, dass es ihn durchaus antörnte, dass sie immer noch so prüde war wie damals in der Schule. Er fand, dass es zu ihr besser passte, als wenn sie geradeheraus und direkt gewesen wäre, so wie er selbst.
„Sex?“ Er war ein Mann, er konnte das aussprechen, was Gretchen sich nicht traute, auch nur in seiner Gegenwart zu denken, obwohl sie in der vergangenen Nacht alles andere als verklemmt gewesen war, dem Alkohol sei Dank. „Ich würde es so nennen. Ja“, bestätigte er nickend.
„Ach du heilige Sch…!“ Weiter kam Gretchen nicht, denn ihr wurde schlagartig übel. Eilig kletterte sie aus dem Bett, hüllte sich dabei in ihre Bettdecke und rannte mitsamt dieser ins nebenliegende Bad. Grinsend beobachtete Marc sie dabei und schüttelte belustigt den Kopf. Das eben war eindeutig sein Hasenzahn gewesen. Mit klarem Kopf konnte sie sich ihm nicht einmal nackt zeigen. Dabei hatte er vor ein paar Stunden doch genug von ihr zu sehen bekommen. Und er konnte nicht sagen, dass ihm ihr Anblick, nackt, wie Gott sie schuf, nicht gefallen hatte.
Als Gretchen, Marc und Claudia wenig später gemeinsam am Frühstückstisch saßen, war die Stimmung äußerst verhalten. Gretchen saß stumm auf ihrem Platz und knabberte weggetreten an ihrem Brötchen, während Claudia und Marc sich bemühten, die Atmosphäre mit etwas lockerem Smalltalk anzuheben. Schließlich erhob sich Marc und verabschiedete sich vorerst höflich von den beiden Ärztinnen. Vor der ersten Vorlesung wollte er noch schnell zurück in sein Hotel und sich frische Klamotten anziehen. Schließlich wollte er während seines allerersten Lehrauftrags einen guten Eindruck bei seinen Hörern machen und zugleich ihren Respekt gewinnen. Er sah das Ganze als Vorgeschmack auf seine Habilitation an, an die er sich im Laufe der nächsten Jahre wagen wollte. Er konnte sich durchaus vorstellen, irgendwann als Dozent an einer der Berliner Hochschulen tätig zu werden und sich gleichzeitig intensiver seinen Forschungen zu widmen, für die er im Moment eher wenig Zeit hatte, da sein Beruf ihn zu sehr einspannte.
Beschwingt durch die vergangene Nacht, die er zusammen mit seiner Traumfrau verbracht hatte, verließ er nach einer guten Stunde das Hotel wieder und kam pünktlich auf dem Campus an. Als er das Auditorium, in dem die Vorlesung stattfand, betrat, verstummte das zuvor herrschende Gemurmel und Gerede sogleich, und zahlreiche gespannte Augenpaare waren im Nu auf ihn gerichtet, während er nach vorne zum Pult ging. Er ließ seinen Blick durch den Hörsaal gleiten und fand Gretchen und Claudia irgendwo in der Mitte sitzen. Gretchen wich seinem Blick allerdings aus. Kein Wunder! In ihr nagte das schlechte Gewissen. Schließlich war sie mit Mehdi zusammen. Sie hatte ihn betrogen. Und das Schlimmste daran, es war mit Marc Meier passiert, dem Mann, der so lange ihre Gefühlswelt beherrscht hatte wie kein anderer. Und noch schlimmer: sie konnte sich nicht einmal daran erinnern. Dabei hatte sie sich ihr erstes Mal mit Marc immer anders vorgestellt – romantisch und sinnlich, aber bestimmt nicht geprägt durch einen Filmriss. Sie hatte die Kontrolle verloren. Sie war sogar völlig nackt neben ihm im Bett aufgewacht. Ach du Schande, er hatte alles von ihr gesehen, jedes Pfund, das zu viel auf ihren Hüften lag, jedes zusätzliche Stück Schokolade, das sie sich in der letzten Zeit einverleibt hatte. Was dachte Marc denn jetzt von ihr? Aber eines war schon mal klar: geschockt war er anscheinend nicht gewesen, eher amüsiert. Gretchen würde es nicht ertragen, wenn Marc sich in Zukunft wieder über ihre Speckröllchen lustig machen würde, so wie früher in der Schule. Sie hoffte, dass die Tage hier in Greifswald möglichst schnell vorübergehen würden und sie ihn in Berlin nie mehr wiedersehen müsste.




Nachteule Offline

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20.09.2017 14:40
#21 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 21 – Das Geständnis


„Claudia, das ist nicht dein Ernst!“ Enttäuscht blickte Gretchen auf ihre Freundin und ließ die Gabel sinken, mit der sie sich in der geräumigen Mensa der Greifswalder Uni gerade den Rest ihres Kartoffelgratins hatte einverleiben wollen. „Du kannst mich doch heute Abend nicht in dieser fremden Stadt alleine lassen!“
„Mensch, Gretchen!“ Claudia rollte genervt mit den Augen. „Was sollte ich denn machen? Viktor hat mich so lieb gefragt, ob ich mit ihm ausgehen möchte. Da konnte ich doch schlecht ‚Nein‘ sagen!“
„Super, echt“, kam es von der beleidigten Blonden. „So hab ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Abserviert von meiner lieben Freundin für diesen… diesen…“,
„Diesen unglaublich toll aussehenden, charmanten Brad-Pitt-Doppelgänger, meinst du?“ Claudia grinste belustigt. „Na komm, gönn mir doch auch mal meinen Spaß! Schließlich hast du den letzte Nacht ja schon mit dem Dr. Meier gehabt, nicht?“ Sie schubste Gretchen freundschaftlich an den Oberarm und zwinkerte anzüglich.
„Äh…“, machte Gretchen verdutzt. „Wieso ‚Spaß‘?“
„Na hallo“, lachte die Rothaarige. „Ihr ward ja nicht gerade leise.“
„Oh!“ Gretchen errötete und sah verlegen nach unten. „Ehrlich?“ fragte sie leise und verunsichert.
„Ähm… ja“, antwortete Claudia amüsiert. „Aber ich muss sagen, ich hab dich ja schon ein bisschen beneidet. Marc ist ja auch ein echtes Schnuckelchen. Und er steht total auf dich.“
„Quatsch!“
„Doch, Gretchen! Und du auch… immer noch.“
„Also… Claudia! Was denkst du eigentlich von mir? Ich bin in festen Händen. Moment…!“ Gretchen stutzte. „Wieso ‚immer noch‘?“
„Hey“, grinste die Kommilitonin. „Denkst du, ich weiß nicht, dass dieser Marc auch der Marc ist, von dem du mir im Studium so oft erzählt hast und in den du fast deine gesamte Schulzeit über verliebt warst und an den du später, als du schon mit Peter zusammen warst, trotzdem noch so viel gedacht hast?“
„Wie… wie kommst du denn darauf?“
„Er nennt dich ‚Hasenzahn‘.“
„Ja und?“
„Es gab in deiner Jugend nur einen, der dich so genannt hat. Marc Meier!“
„Claudia!“ Eindringlich sah Gretchen ihre Freundin an. „Ich bitte dich, dass du nie, aber wirklich nie jemanden sagst, was in dieser Nacht zwischen Marc und mir gelaufen ist. Wir waren ja auch betrunken. Ich kann mich nicht mal an Details erinnern.“
„Keine Sorge“, beschwichtigte Claudia. „Von mir erfährt keiner was. Und was deinen Mehdi angeht, liegt es ganz bei dir, was du aus der Geschichte mit Marc machst. Ich meine, er muss ja gar nicht mal erfahren, dass seine besoffene Freundin einen One-Night-Stand mit ihrem ehemaligen und irgendwie Immer-noch-Schwarm hatte. Passiert einer ganzen Menge Frauen, glaub mir!“
„Mehdi, oh Gott!“ Erschrocken hielt sich Gretchen die Hand vor den Mund. „Der darf es wirklich nie erfahren! Ich muss mit Marc reden, weil die beiden sich nämlich ziemlich gut kennen und ab und zu Squash spielen. Was, wenn Marc sich verquatscht, versehentlich?“
„Ja, ich würde auch sagen, rede mit ihm“, stimmte Claudia nickend zu und grinste noch breiter. „Und dann genießt ihr die restliche Zeit, die ihr noch zusammen habt, bevor du wieder bei deinem Freund in Berlin bist!“
„Claudia!“ Gretchen konnte nicht glauben, welchen Vorschlag ihre Freundin ihr gerade gemacht hatte. Sie meinte doch nicht ernsthaft, dass Gretchen Mehdi nochmal betrügen sollte und dann nochmal mit Marc! Doch Claudia lachte ihre Bedenken nur weg.
„Solange du vermeidest, dass du ungewollt schwanger wirst, darfst du auch mal eine Weile ein böses Mädchen sein, bevor der Ernst des Lebens dich wieder zurückholt.“
Gretchen schüttelte verständnislos den Kopf. So durchtrieben hatte sie Claudia bisher nicht gekannt. Dennoch ließen ihre Worte die junge Ärztin nicht los. Vielleicht sollte sie die Zeit wirklich nutzen, um mit Marc zu reden und ihm klarzumachen, dass aus ihnen niemals etwas werden könnte, falls er das überhaupt wirklich wollte, und dass es noch nicht einmal eine Affäre zwischen ihnen geben würde. Sie gehörte zu Mehdi und Marc zu seiner Verlobten, wenngleich Gretchen nicht wusste, was er eigentlich von dieser unverschämten Frau wollte, mit der sie selbst inzwischen schon zweimal unsanft zusammengeprallt war. Aber das, so sagte Gretchen sich, ging sie nichts an. Es war Marcs Leben und es sollte seines bleiben.
Es dauerte nicht lange, bis sich die Gelegenheit zu diesem Gespräch ergab. Nämlich, als Dr. Marc Meier sich ungefragt zu den beiden Freundinnen setzte, die sich gerade über den Nachtisch hermachten. Er selbst hatte sich einen Chefsalat vom Büffet geholt, dazu ein alkoholfreies Bier. Er lächelte, als er Gretchens verstohlenen Blick bemerkte, der auf ihn gerichtet war, obwohl sie krampfhaft versuchte, ihm möglichst wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Claudia entging dies ebenfalls nicht. Sie zwinkerte Marc kurz zu, dann stellte sie ihre inzwischen geleerte Puddingschüssel auf ihr Tablett und erhob sich, um die beiden alleine zu lassen. Entsetzt sah Gretchen auf und zu ihrer Freundin hinüber.
„Wo gehst du denn jetzt hin?“ fragte sie hilflos.
„Ähm… zur Toilette“, antwortete Claudia. „Und danach wollte ich noch schnell in die medizinische Fachbibliothek. Ich denke, dass ich noch eine Weile dort bleibe, falls du mich später suchst.“ Damit war sie auch schon verschwunden und hinterließ eine verlegene, blondgelockte Ärztin, der es sichtlich unangenehm war, alleine mit ihrem ehemaligen Schwarm am Tisch zu sitzen. Dieser bemerkte Gretchens Nervosität durchaus und grinste schelmisch.
„Schmeckt der Pudding besser, wenn er löchrig ist?“ fragte er belustigt und zeigte kurz auf die halbkugelförmige Glasschüssel vor seiner Kollegin, in der sie abwesend mit ihrem Löffel herumstocherte.
„Wie?“ schreckte Gretchen aus ihren Gedanken auf, in denen sie Claudia gerade den Hals umgedreht hatte, sie einfach so ins kalte Wasser zu werfen und den Rettungsring mitzunehmen!
„Ähm… Gretchen!“ Da war er wieder, Marcs intensiver Blick aus seinen funkelnden grünen Augen und die ungewöhnliche Sanftheit in seiner Stimme, die Gretchen schon vor dem Haus seiner Mutter aufgefallen war. Sofort entbrannte in ihrem Inneren ein harter Kampf darum, ja nicht schwach zu werden. Denk an Mehdi, denk an Mehdi, redete sie sich mantramäßig ein. Doch es gestaltete sich als immer schwieriger, Marc nicht in seine schönen Augen zu sehen. Schließlich gab sie nach und erwiderte seinen Blick, der voller Hingabe war.
„Was wolltest du mir sagen?“ flüsterte Gretchen ergeben.
„Die letzte Nacht“, begann Marc und dämpfte seine Stimme ebenso. „Es… es war wirklich… wow! Ich habe sowas noch nie erlebt. In all den Jahren nicht, in denen ich…“,
„Marc, bitte“, plapperte Gretchen nervös drauf los. „Du weißt, dass ich mit Mehdi zusammen bin. Wir sind glücklich zusammen. Mit Lilly komme ich auch gut zurecht. Ich bin zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig glücklich. Das möchte ich nicht mit einem One-Night-Stand kaputtmachen, verstehst du?“
Marc sah sie immer noch intensiv an, doch sein Blick verwandelte sich in den Ausdruck einer tiefen Enttäuschung. Gretchen fühlte sich augenblicklich schlecht, als sie dies bemerkte. Was ist denn jetzt mit ihm? Ob es ihm wohl doch mehr bedeutet hat, dass wir…? dachte sie entsetzt. Das kann doch gar nicht sein! Marc Meier verliebt sich nicht, schon gar nicht in MICH.
„Es ist nicht so, dass ich dich nicht immer noch sehr mag“, erklärte sie daher schnell. „So wie damals in der Schule wird es aber nie mehr werden, also, bei mir… nicht, dass ich dir ständig hinterhergerannt bin oder so.“ Sie kicherte verlegen.
„Ich war damals sehr gemein zu dir, das tut mir… ähm… ziemlich… ja… leid halt“, entgegnete Marc stotternd, ungeachtet ihrer zuletzt ausgesprochenen Worte. „Ich wusste einfach nicht, wie ich mit dir umgehen sollte. Ich glaube, ich habe dich damals tief in meinem Innersten schon… also… Dings… äh… geliebt und war deshalb so zu dir.“
„Du hast… mich… geliebt?“ fragte Gretchen mit großen Augen und bekam sogleich starkes Herzklopfen. So viele Jahre hatte sie auf dieses Geständnis gehofft und nie zu glauben gewagt, es jemals zu hören zu bekommen. Und ausgerechnet, als Marc Meier bereit war, ihr das zu sagen, was sie sich als Teenager immer erträumt hatte, wollte sie es nicht mehr wissen. Sie konnte es nicht zulassen, dass sie Marcs Worte so sehr berührten. Sie liebte doch Mehdi! Warum machte ihr das Leben diese Dinge nur so kompliziert?
„Ich habe es selbst erst kürzlich begriffen, wieviel du mir… chrrhm… bedeutest“, fuhr Marc, sich räuspernd, fort. „Seitdem ich dich in dem Brautmodengeschäft gesehen habe, in diesem tollen Kleid und wusste, dass du es bist, kann ich nur noch an dich denken. Als ich dich und deine Mutter dann vor dem Haus meiner Mutter traf und du so verzweifelt warst wegen der ganzen Situation mit unseren Eltern, da hätte ich dich am liebsten in… also… in den Arm genommen und dich getröstet.“
„Warum hast du es denn nicht getan?“ hörte Gretchen sich fragen und schalt sich einen Sekundenbruchteil später, dass es doch richtig war, dass er sich letzten Endes zurückgehalten hatte, an jenem schicksalsträchtigen Tag, der fast ihre Familie kaputtgemacht hätte.
„Weil ich…“, brachte Marc nur hervor und stockte, denn er wusste die Antwort darauf selbst nicht. „Keine Ahnung“, zuckte er mit den Schultern. „Irgendwie war die ganze Sache mit deinem Vater und meiner Mutter für mich genauso schockierend wie für dich. Ich war verwirrt.“
„Hättest du mich denn getröstet, wenn du nicht geschockt gewesen wärst?“
„Ich weiß nicht“, lautete die knappe Antwort. „Ich meine, ich habe keine Erfahrung im… also im Trösten und so.“
Gretchen nickte und brachte sogar ein leichtes Lächeln hervor.
„Stimmt“, sagte sie sarkastisch. „Zwischenmenschlich warst du früher schon ein Windei.“
„Ich war ein Idiot“, stimmte Marc schmunzelnd zu.
„Immerhin“, griente die Berliner Ärztin. „Selbsterkenntnis ist tatsächlich ein Schritt zur Besserung. So gesehen besteht Hoffnung, dass du wirklich reifer geworden bist.“
„Vielleicht“, grinste der Chirurg zurück. Dann wurde er wieder ernst und schenkte Gretchen erneut einen seiner eindringlichen Blicke, die sie innerlich verwirrten. „Ich möchte dich nicht bedrängen, Gretchen“, sagte er leise. „Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich wirklich sehr mag und das nicht einfach nur so dahingesagt ist von mir. Und was ich über die letzte Nacht gesagt habe, ist mein vollkommener Ernst.“
„Marc!“ Es wurde Gretchen mittlerweile immer unangenehmer, mit ihrem Gegenüber über diese Sache zu sprechen. Sie musste es jetzt ein für alle Mal klären. Sie konnte nicht anders, auch wenn es sie innerlich positiv berührte, dass Marc ihr nach all den Jahren endlich Dinge sagte, die sie sich in früheren Zeiten so sehr von ihm gewünscht hatte. „Vergiss die Nacht bitte! Und versprich mir, dass du Mehdi nie, aber wirklich nie etwas davon sagst. Es würde ihm das Herz brechen, zu wissen, dass… also, dass ich… mit dir… du weißt schon was.“
Marc nickte nur stumm und sah sie dabei so traurig an, dass sie sich innerlich bereits wieder wie ein abgrundtief schlechter Mensch fühlte. Aber sie spürte, dass es richtig gewesen war, jedenfalls redete sie es sich ein. Der Oberarzt erhob sich schließlich von seinem Stuhl.
„Ich werde heute Abend nach Berlin zurückfahren“, flüsterte er. „Nach der Nachmittagsvorlesung ist mein Lehrauftrag hier beendet. Ab morgen bekommt ihr einen anderen Dozenten. Ach, und Gretchen“, sagte er dann noch, bevor er sich zum Gehen umwandte. „Ich würde mich trotzdem freuen, wenn du dich mal bei mir melden würdest. Ich erwarte nichts von dir, aber es wäre halt schön. Vielleicht, um einfach mal zu reden oder so oder wenn du einen Rat für deinen Facharzt brauchst.“ Sein Lächeln wirkte gezwungen, während er sprach. Er holte seine Brieftasche aus seiner Jackentasche, zog ein Visitenkärtchen daraus hervor und legte es vor Gretchen auf den Tisch. „Und wenn es nur eine knappe E-Mail ist“, fügte er leise hinzu und ging. Verdutzt starrte Gretchen auf das kleine, rechteckige Kärtchen mit dem Logo der Charité drauf. War das sein Ernst gewesen? Er wollte trotz allem den Kontakt zu ihr behalten? Gretchen widerstand den Drang, die Visitenkarte einfach in den nächsten Abfalleimer zu werfen. Stattdessen steckte sie sie ein und wagte es sogar zu lächeln. Vielleicht war es ja möglich, dass sie und Marc Meier so etwas wie Freunde werden könnten. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, wollte sie ihn gerne wiedersehen. Am liebsten noch heute, nach der Vorlesung, ehe er nach Hause zurückfuhr. Auf einmal bekamen ihre Augen ein besonderes Leuchten. Schleunigst erhob sie sich von ihrem Platz und rannte aus der Mensa, direkt hinter Marc her, den sie glücklicherweise vor dem Auditorium abfangen konnte.
„Marc!“ rief sie ihm zu. „Dr. Meier!“ Abrupt bliebt er stehen und drehte sich zu ihr um. Sein Blick verriet seine Überraschung, aber er lächelte, als er sie angelaufen kommen sah, völlig abgehetzt und außer Atem, aber mit einem unbeschreiblich schönen Strahlen im Gesicht. Erwartungsvoll sah er sie an, als sie vor ihm stehen blieb und sich erst einmal sammeln musste, ehe sie die Möglichkeit fand zu sprechen.
„Marc, bevor du nach Hause fährst“, keuchte sie. „Möchte… möchte ich gerne, dass wir heute Abend noch was zusammen machen. Also nur, wenn du willst. Wir könnten in Kino gehen oder an der Ostsee spazieren gehen, uns einen Club suchen und tanzen, was du möchtest.“
„Okay“, grinste Marc und ließ dabei sein gesamtes Areal an Grübchen spielen. Gretchen merkte, wie erfreut er über ihren Vorschlag war, sorgte aber zugleich für einen Dämpfer.
„Wir gehen aber als Freunde aus“, setzte sie hinzu. „Nicht mehr und nicht weniger.“
„Okay“, wiederholte Marc.
„Gut“, sagte Gretchen und hielt ihm die ausgestreckte Hand hin. „Abgemacht?“
„Abgemacht“, erwiderte Marc amüsiert und schlug ein.




Nachteule Offline

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20.09.2017 14:41
#22 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 22 – Lebewohl!


Liebes Tagebuch!

Heute Abend gehe ich tatsächlich mit Marc Meier aus. Eigentlich wollte ich ihn mir aus dem Kopf schlagen, das will ich auch immer noch, aber nicht, ohne mich richtig von ihm zu verabschieden. Er möchte ja eigentlich, dass wir weiter den Kontakt zueinander halten. Aber einfach so, ohne Hintergedanken? Bei Marc? In den letzten Stunden habe ich nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht richtig wäre. Ein Abschied für immer wäre wohl das Beste. Wer weiß, ob ich nicht letzten Endes wieder schwach werden würde! Aber noch ist es nicht zu spät. Noch bin ich nicht mit Haut und Haaren verloren. Ich kann diese Sache mit Marc und dem One-Night-Stand immer noch hinter mir lassen und mich wieder ganz auf Mehdi und unsere Beziehung konzentrieren. Aber dazu muss ich alles mit Marc klären, was mir wegen ihm auf der Seele liegt. Er sagte mir, dass er Gefühle für mich hat, die wahrscheinlich schon da waren, als er mich in der Schule aufs Äußerste gequält und gepeinigt hat – und ich ihn trotzdem all die Jahre über geliebt habe wie niemanden sonst.
Inzwischen sind so viele Jahre ins Land gegangen. Es ist viel passiert in meinem Leben, genauso wie in Marcs. So dumm wie damals werde ich aber nie wieder sein, ich verspreche es dir. Nie wieder lasse ich mich von einem Marc Meier verarschen, und wenn er mir noch so oft seine Liebe gesteht. Ich kann ihm einfach nicht vertrauen. Ich meine, er ist verlobt, da kann er mir doch sowas nicht einfach sagen! Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass er mit mir spielt. Einmal den „dicken Hasen“ flachlegen, das naive Gretchen eine Weile bezirzen und vielleicht noch mal im Bett nachlegen – schon steht die Trophäe, die noch fehlt, neben den anderen im Glasschrank. Genau so wird es wohl sein. Ich fehle ihm noch in seiner persönlichen Tussi-Sammlung. Er meint es nicht ernst mit mir. Ein Marc Meier benutzt Frauen nur, wahrscheinlich auch seine Verlobte. Obwohl sie eine ziemliche Zicke ist, wie ich nach ein paar Begegnungen mit ihr weiß, tut sie mir leid, denn sie weiß ja gar nicht, was letzte Nacht zwischen mir und Marc passiert ist. Und ich denke, er wird es nicht für wichtig genug halten, sie davon in Kenntnis zu setzen.
Es klingelt an der Wohnungstür. Claudia und Viktor sind schon vor ein paar Minuten gegangen. Es wird dann wohl Marc sein. Also dann – auf geht’s! Mission „Lebe Wohl, Marc Meier!“ wartet.





Gretchen atmete einmal tief durch und legte ihr Tagebuch weg. Beherzten Schrittes und mit gestrafften Schultern ging sie zur Tür, holte noch einmal tief Luft und setzte ein harmloses Lächeln auf, als sie Marc die Tür öffnete. Dieser war hin und weg von ihrem Anblick, obwohl sie sich ihrer Meinung nach nicht besonders in Schale geworfen hatte. Ihr geblümtes Kleid war schlicht. Darüber trug sie eine dunkelgraue Wolljacke in angesagter Häkeloptik. Sie war lediglich dezent geschminkt und trug wenig Schmuck. Ihre gelockten Haare hatte sie schlicht mit jeweils einer Haarklammer an den Seiten festgesteckt, damit es ihr nicht ins Gesicht fallen konnte. Sie empfand sich optisch nicht unbedingt als Highlight – und doch war Dr. Meier überwältigt von ihrem Anblick.
„Wow!“ Marc Meier fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er Gretchen in ihrer Natürlichkeit erblickte. Sie war von seiner Reaktion deutlich überrascht und spürte innerlich, wie unsicher sie gerade wurde. Dabei hatte sie sich so fest vorgenommen, an diesem Abend stark zu sein und Marc ein für alle Mal klarzumachen, dass sie für ihn nicht zu haben war. Stattdessen suchte sie nach einem Gesprächsfaden für den Anfang. Vergeblich. Also lächelte sie ihn schüchtern an, während er erwartungsfroh im Türrahmen stand.
„Du siehst hinreißend aus“, säuselte er, noch immer von ihrem Anblickt berauscht und trieb damit Gretchens Verlegenheit nur noch mehr in die Höhe. Ihre Wangen nahmen einen süßen rosanen Farbton an. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, aus Angst, augenblicklich wieder schwach zu werden. Wahrscheinlich, so zwang sie sich zu denken, waren das Gesäusel und die Komplimente nichts weiter als seine übliche Masche, um sie erneut als sein Betthäschen klar zu machen. Aber diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Na los, Gretchen! Wo bleibt dein Selbstbewusstsein? Du hast einen Plan, also zieh ihn einfach durch!

„Wo gehen wir heute Abend denn hin?“ fragte Gretchen nach einem weiteren tiefen, Mut machenden Atemzug, mit harmloser Mäuschenstimme. „Wir hatten ja abgemacht, dass du bestimmst.“
„Ich dachte an Essen gehen“, erklärte Marc locker. „Ein Dozent aus der Uni hier hat mir einen Tipp gegeben für ein gutes Lokal in der Altstadt.“
„Na, das klingt doch gut“, meinte Gretchen und war froh, sich endlich wieder gefangen zu haben. Sie wusste, es würde schwer werden, Marc Meier zu widerstehen. Aber es ging nicht anders. Sie musste es durchziehen. Für Mehdi und für Marcs Verlobte, vor allem aber für sich selbst, um nicht wieder nur enttäuscht zu werden, so wie damals in der Schule.
„Na komm“, sagte Marc sanft und signalisierte Gretchen mit einer simplen Kopfgeste, dass sie sich auf den Weg machen sollten. Gretchen schnappte sich ihren Mantel und schlüpfte hinein, denn draußen war es heute Abend richtig kalt. Marc bot ihr seinen Arm an. Nach einigem Zögern und einer weiteren Aufforderung ihres Ex-Schwarmes, hakte sie sich bei ihm unter und ließ sich von ihm die wenigen hundert Meter zum Restaurant geleiten.
Es war ein schnuckeliges kleines Lokal, in das sie einkehrten. Ein Kellner wies ihnen freundlich einen etwas sichtgeschützten kleinen Tisch zu, wahrscheinlich in der Annahme, sie seien ein frischverliebtes Paar. Was Marc anging, hatte der Ober gar nicht einmal Unrecht, während Gretchen innerlich immer noch mit ihrem Gefühlschaos, das sie eigentlich hatte vermeiden wollen, kämpfte. Ahnungslos zündete der schmalgesichtige Mittvierziger die kleine weiße Kerze auf dem Tisch an und verbreitete damit eine leicht romantische Atmosphäre. Er teilte die Speisekarten aus und nahm zunächst die Getränkebestellungen auf. Die beiden Ärzte verzichteten auf jeglichen Alkohol – Gretchen, um ihre Selbstkontrolle zu behalten, Marc, da er auf jeden Fall noch heute Abend nach Berlin zurückfahren würde, um am nächsten Tag pünktlich zum Dienst an der Charité antreten zu können, wie es von vorneherein geplant gewesen war.
Zunächst hingen beiden ihren Gedanken nach. Sie sprachen erst wieder, als der Ober mit den Getränken an den Tisch kam. Marc erhob sein Glas mit dem alkoholfreien Bier und prostete Gretchen zu, die es ihm mit ihrem Orangensaft gleichtat. Bis das Essen gebracht wurde, dauerte es noch ein bisschen. Die perfekte Gelegenheit für etwas Smalltalk, wie Gretchen fand.
„Und?“ fragte sie betont locker. „Wie hat dir dein kurzfristiger Dozentenjob denn gefallen?“
„Gut“, antwortete Marc und nahm noch einen Schluck von seinem Bier. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht über die Bühne gehen würde.“
„Warst schon nervös am Anfang was?“ fragte Gretchen weiter und grinste dabei.
„War nicht der Rede wert“, wiegelte der Chirurg mit einer fahrigen Handgeste ab.
„Kein bisschen Lampenfieber?“ bohrte die Ärztin weiter nach.
„Doch“, gab Marc unumwunden zu. „Klar. Hat doch jeder bei sowas, selbst wenn er noch so selbstbewusst ist.“
„So wie du“, lachte Gretchen.
„So wie ich“, fiel Marc in ihr Lachen ein. „Aber das war schnell wieder weg.“
„Sicher“, nickte Gretchen skeptisch. „Hat man ja gemerkt. Aber ehrlich – du warst in deiner… ähm… ‚Rolle‘ wirklich gut.“
„Danke“, grinste der Doktor augenzwinkernd. „So ein Kompliment hört man gerne und am liebsten von so einer... ähm… tollen Frau wie dir.“ Seine Grübchen im Gesicht begannen zu tanzen. Sie waren einfach unwiderstehlich. Gretchen konnte nicht wegsehen.
Er tat es schon wieder! Die junge Ärztin war nicht überrascht, dass Marc die Gelegenheit nutzte und zum Flirtangriff überging. Zum Glück kam in diesem Augenblick das Essen. Gretchen war dem Kellner überaus dankbar für die passende Unterbrechung. Die Lasagne vor ihr duftete verführerisch. Und erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie eigentlich war, nachdem sie das letzte Mal vor etlichen Stunden gegessen hatte. Marc quittierte es mit einem amüsierten Grinsen, wie sie sich sogleich auf die dampfende Speise vor sich stürzte. Sie hatte sich nicht geändert, in all den Jahren nicht. Essen gehörte anscheinend immer noch zu den Dingen, die ihr am wichtigsten waren. Still schenkte er ihr ein Kompliment dafür, dass sie dennoch nicht inzwischen auseinandergegangen war wie ein Hefeteig. Im Gegenteil! In der letzten Nacht hatte er ein wunderschönes, perfekt gebautes Gretchen in seinen Armen gehalten, warm und weich, aber keineswegs dick. Ein wahrer Engel wie aus einem Rubens-Gemälde… genauso sah er sie. Auch wenn er wenig von bildender Kunst verstand, aber Rubens war eindeutig sein Lieblingsmaler.

Das Essen war eine Weile perfekt dazu geeignet, um wenig bis gar nicht zu reden. Gretchen hätte im Moment auch nicht gewusst, was sie hätte Marc sagen sollen, nachdem er schon wieder signalisiert hatte, dass er sie keineswegs nur als eine einfache Bekannte oder bestenfalls gute Freundin anzusehen gedachte. Doch irgendwann waren auch die italienischen Speisen vertilgt und die Getränke ausgetrunken. Nach minutenlangem Anstarren seitens Marcs empfand Gretchen den Zeitpunkt als geeignet, um zu zahlen und das Restaurant zu verlassen. Da Marc nicht mehr viel Zeit bis zur Rückfahrt hatte, wollte sie mit ihm noch etwas spazieren gehen und ihm dabei sagen, was sie ihm zu sagen hatte. Es musste einfach raus! Doch allmählich schwand Gretchens Mut. Und daran waren vor allem Marcs Blicke Schuld, die sie verwirrten. Sie konnte nichts dafür, aber sie musste sich eingestehen, dass er sie keinesfalls so ansah wie ein bloßes Sexobjekt. In seinen Augen konnte sie so viel mehr lesen, als sie lesen wollte. Sie erkannte darin all seine Sehnsucht und Zuneigung zu ihr. War es möglich, dass er ihr doch nichts vormachte, sondern in seinem mehr oder weniger erfolgten Liebesgeständnis am Nachmittag ein nicht unbedeutender Funken Ehrlichkeit steckte? Diese Erkenntnis traf sie tief. Das hier lief ganz anders ab, als sie es sich vorgenommen hatte. Marc Meier hatte wirklich Gefühle für sie. Sie konnte es spüren. Es zerriss sie innerlich fast. Sie wollte nicht, dass es so war. Sie hätte es akzeptieren können, hätte er sie nur ins Bett bekommen wollen. Aber so funktionierte das nicht. Sie merkte, dass ihr eine Großteil ihrer Kontrollfäden bereits zwischen den Fingern hindurchgerutscht waren. Sie konnte die Liebe nicht aufhalten. Sie war bereits in vollem Umfang da. Und das nicht nur zwischen Gretchen und Mehdi, sondern ganz besonders zwischen ihr und Marc.
Es gab nur noch eine Möglichkeit für die blonde Ärztin, diesen Gefühlswirrwarr zu beenden. Doch mit dem Fortschreiten der Zeit fiel es ihr zunehmend schwerer, Marc tatsächlich endgültig von sich zu stoßen, denn je weiter sie nebeneinander herliefen, je lebendiger und freudiger Marc ihr von seinem Studium und seiner Assistenzzeit an der Seite ihres Vaters erzählte, umso mehr verlor sie sich in seiner Gegenwart, in seiner schönen Stimme. Sie spürte, dass sie drauf und dran war, schwach zu werden, denn sie fühlte sich unglaublich wohl in seiner unmittelbaren Nähe, wohler, als sie sich bei Mehdi, bei Peter je gefühlt hatte. Sie versuchte krampfhaft, sich auf das Rauschen der nahen Ostsee zu konzentrieren, doch es gelang ihr nicht. Wie gebannt hörte sie Marcs Erzählungen zu. Sie ließ ihn reden und schwieg selbst die ganze Zeit. Schließlich kamen sie vor der Ferienwohnung an. Gretchen fühlte den Kloß, der sich in ihrer Kehle bildete, immer deutlicher. Jetzt war der Punkt gekommen, den sie Stunden zuvor geplant hatte. Ursprünglich hätte sie jetzt ihre Mission zu Ende bringen wollen, um Marc ein für alle Mal aus ihrem Leben zu verbannen. Doch sie konnte es nicht. Sie konnte nicht in Zukunft auf ihn verzichten. Genauso wenig konnte oder wollte sie Mehdi aufgeben, bei dem sie sich sicher fühlte. Gretchen war total verwirrt. Sie wusste nicht mehr, was richtig oder falsch war. Doch jetzt musste sie sich entscheiden. Ein Leben mit oder komplett ohne Marc?
Gretchen Haase war ein sehr gefühlsbetonter Mensch. Ihre Flucht aus Köln hatte sie spontan und aus dem Bauch heraus angetreten, nachdem Peter sie so sehr enttäuscht hatte. Sie hatte ihrem Kopf gar keine Chance gelassen, über den Seitensprung nachzudenken, Peter vielleicht alles erklären zu lassen. Gretchen Haase handelte selten aus der Vernunft heraus, vor allem in Liebesdingen. Und so war es auch diesmal. Ihr Kopf streikte, während ihr Herz umso deutlicher in ihr arbeitete. Als Marc sich zu ihr vorbeugte, um sie voller Hingabe und leidenschaftlich zu küssen, ließ sie es geschehen. Ungeachtet dessen, dass er eigentlich in einer halben Stunde in sein Auto steigen und nach Berlin zurückfahren sollte, zog sie ihn mit sich in die Ferienwohnung, die bislang noch verlassen gewesen war – Claudia und Viktor waren anscheinend immer noch zusammen unterwegs – und küsste ihren Kollegen ebenfalls stürmisch. Ungeduldig zerrte sie an seinem Mantel und befreite ihn daraus, während er dasselbe bei ihr veranstaltete. Vier Hände strichen fahrig über zwei erhitzte Körper, fanden Knöpfe an Kleidungsstücken und nestelten und zerrten verlangend daran herum. Weiche und warme Lippen trafen sich, zwei Zungen machten eine prickelnde Bekanntschaft miteinander, Finger eroberten den Körper des Gegenübers. Die Luft um zwei junge Berliner Ärzte brannte und knisterte förmlich voller Erotik. Sie fanden den Weg in die Küche. Marc drängt Gretchen gegen den Esstisch, benetzte ihren Hals mit feurigen Küssen und ließ seine Hände nach dem Reißverschluss ihres Kleides tasten, den er schließlich fand und umgehend nach unten riss. Gretchen saß inzwischen auf der Tischplatte. Bereitwillig spreizte sie ihre Beine auseinander und ließ Marc so noch näher an sie herankommen. Sie umschloss seine noch eingepackten Pobacken mit ihren Unterschenkeln und drückte ihn weiter zu sich heran. Sie fühlte in ihrem Schritt, dass er inzwischen mehr als erregt war. Es heizte sie nur noch weiter an und raubte ihr jeglichen Rest rationalen Denkens. Marc schob ihr rückseitig geöffnetes Kleid über ihre linke Schulter und küsste ihre befreite Haut dort ausgiebig.
Es war eine einfache, nicht einmal besonders hübsche Porzellanschüssel, die Gretchen mit einem lauten Krachen in die Realität zurückholte. Das leidenschaftliche Pärchen hatte beim stürmischen, wilden Küssen nicht auf das zerbrechliche Stück geachtet, das auf der Tischplatte gestanden hatte und schließlich immer weiter und immer gefährlicher an den Rand geschoben worden war. Mit dem lautstarken Knall endete Gretchens zeitweise seelische Umnachtung, wie sie es später lapidar ihrem Tagebuch mitteilen würde. Mit aller Kraft drängte sie Marc von sich weg, entzog sich somit seinen Berührungen und ließ ihn verdattert aufblicken.
„Marc, das geht so nicht“, murrte sie. „Wir dürfen das nicht schon wieder machen!“
„Wieso?“ Perplex sah Marc sie an, direkt in ihre blauen Augen, die bereits wässrig flimmerten.
„Ich… ich…“ Es fiel ihr schwer, ihre Worte zu einem verständlichen Satz zusammenzufassen.
„Aber du wolltest das gerade genauso wie ich, Gretchen“, sagte Marc nachdrücklich. „Du kannst mir nichts vormachen, egal, was du dir jetzt für Ausreden einfallen lässt.“
„Wie oft denn noch?“ schrie Gretchen ihm entgegen. „Ich bin in einer festen Beziehung, Marc. Und du genauso. Du wirst bald heiraten.“
„Ich liebe Gabi aber nicht“, entgegnete Marc.
„Und warum willst du sie dann heiraten? Ich verstehe das nicht.“
„Weil… Ach, das kannst du auch nicht verstehen.“ Marc drehte sich von Gretchen weg und lief zum Fenster. Seine Hand legte sich, wie so oft, wenn er innerlich aufgewühlt war, an seinen Hals, genau dort, wo er seinen rasenden Puls fühlen konnte. Er hatte das Bedürfnis, Gretchen die Wahrheit über seine bevorstehende Hochzeit zu sagen, doch er brachte es nicht über sich. Sie würde seine Gründe dafür kaum nachvollziehen können.
„Was spielst du für ein Spiel mit Gabi?“ fragte Gretchen stattdessen, als habe sie ihn durchschaut.
„Ich spiele nicht, Gretchen“, erwiderte Marc mit einer Stimme, in der plötzlich eine ganze Menge Verzweiflung lag, die Gretchen schlucken ließ, als sie es bemerkte. „Ich spiele mit niemandem, das kannst du mir glauben.“
„Erzähle mir doch, was dich bedrückt“, bat die Ärztin und versuchte, so verständnisvoll wie möglich zu klingen. Vor allem lag ihr daran, Marc zu verstehen, wie er dachte, wie er handelte und warum er tat, was er tat.
„Was soll mich denn bitte bedrücken?“ fragte Marc stattdessen gehässig. „Das einzige, was mich bedrückt, bist du, Gretchen. Du bedrückst mich, weil ich dich verdammt noch mal liebe und du mit diesem… diesem Frauenklempner zusammen bist. Weil du… mir… uns keine Chance gibst.“ Die letzten Worte kamen nur gebrochen aus seinem Mund. Wieder wandte sich Marc ab, damit Gretchen nicht sah, dass ihm tatsächlich Tränen über die Wangen liefen. Nur schwache Männer weinten, aber nicht Marc Meier! Nie gab er sich diese Blöße, und das würde er jetzt auch nicht tun. Also schritt er eilig aus der Küche in den Flur, schnappte sich dort seinen Mantel und nahm sich nicht einmal Zeit, sich diesen anzuziehen, da hatte er bereits die Wohnungstür geöffnet, bereit zu gehen. Ungläubig stand Gretchen im Türrahmen zur Küche und durchbohrte den aufbrechenden Marc fast mit ihrem verstörten Blick.
„War es das?“ hörte sie sich jämmerlich fragen.
„Ich denke schon“, lautete Marcs schwache Antwort. Das Vorhaben war gekippt. Es hatte sich umgekehrt. So war es nicht von Gretchen geplant gewesen. Und stattdessen war es Marc, der sagte:
„Lebewohl, Hasenzahn!“
Er hatte sich nicht noch einmal zu ihr umgedreht, ehe er ging. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, brach Gretchen weinend im Flur zusammen. Das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte einem Menschen das Herz gebrochen. Doch es war nicht irgendjemand, es war Marc, der Mann, den sie tief in ihrem Herzen immer noch liebte.




Nachteule Offline

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24.09.2017 00:29
#23 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 23 – Herz oder Kopf


Als Claudia weit nach Mitternacht gemeinsam mit ihrem Verehrer und Begleiter des letzten Abends in die Ferienwohnung zurückkam, war sie ausgelassen und fröhlich. Der genossene Alkohol tat ein Übriges und ließ die hübsche Rothaarige ein paar Mal amüsiert auflachen. Eine tiefe, männliche Stimme fiel in das durchaus erfrischende Lachen ein. Doch als die junge Ärztin am Schlafzimmer ihrer Freundin vorbeikam, horchte sie verdutzt auf. Das klang verdächtig nach einem Schluchzen und Schniefen, was da aus der kleinen Kammer an ihr Ohr drang. Claudia gab Viktor ein Zeichen, bitte leise zu sein und sich schon einmal ins Wohnzimmer zu begeben, während sie selbst zaghaft und ohne vorher anzuklopfen Gretchens Zimmertür öffnete.
Die Blondine gab ein jämmerliches Bild ab, wie sie dort mit über und über nassem Gesicht auf ihrem Bett lag. Auf dem Boden neben ihrem Bett und auf ihrem Nachtschrank türmten sich Berge von benutzten Papiertaschentüchern. Vorsichtig näherte sich Claudia ihrer erbärmlich schluchzenden Freundin und setzte sich neben sie auf die Matratze. Tröstend strich sie Gretchen über den Rücken.
„Was ist denn passiert?“ fragte Claudia und versuchte, so verständnisvoll wie möglich zu klingen.
„Er… er ist gegangen“, presste Gretchen heiser zwischen ihren Schluchzern hervor. „Er ist einfach abgehauen, als ich… als ich ihm gesagt habe, dass…“ Sie brach an dieser Stelle ab, denn der Kloß in ihrem Hals schwoll zu einer unnatürlichen Größe an und erschwerte ihr das Weitersprechen.
„Och, Süße!“ Claudia hielt es für sinnvoll, nicht weiter nachzuhaken und nahm Gretchen in ihre Arme, drückte sie fest an sich und wog sie beruhigend hin und her wie ein kleines, weinendes Kind. Allmählich versiegten die Tränen. Gretchen hörte auf zu weinen und war schließlich auch bereit, Claudia zu erzählen, wie der Abend mit Marc verlaufen war. Sie ließ kaum ein Detail aus, und Claudia unterbrach sie nicht, sondern hörte schweigend zu. Ab und zu nickte sie verstehend, wenn Gretchen zu ihr hochsah. Doch als die Blonde dann zu dem Vorfall in der Küche der Ferienwohnung kam, konnte Claudia es kaum glauben.
„Du hast ihn weggestoßen, nur wegen so einer blöden Porzellanschüssel?“ fragte sie perplex.
„Ich habe ihn nicht weggestoßen“, verteidigte Gretchen sich. „Jedenfalls nicht so richtig. Okay, ich habe ihn schon irgendwie weggeschubst, aber nicht so fest, so dass es wehtut und…“,
„Gretchen, du lenkst ab“, zwinkerte Claudia ihr zu. „Was ist dann passiert, nachdem du ihn ‚abgeblockt‘ hast?“ Die Rothaarige erhob betonend zwei Finger in die Luft und deutete eine Art „Gänsefüßchen“ an. Gretchen holte tief Luft, ehe sie weitererzählte.
„Dann habe ich ihm gesagt, dass wir das… also… Punkt-Punkt-Punkt… nicht schon wieder machen dürfen, wegen Mehdi und Marcs Verlobter und so. Ich habe ihm klargemacht, dass mir Mehdi sehr wichtig ist und ich ihn liebe. Ich habe Marc anschließend an Gabi, seine Verlobte, erinnert. Was er dann sagte, war wirklich sehr seltsam. Ich meine, wenn man jemanden heiratet, dann doch, weil man diesen Jemand liebt. Marc sagte aber, dass er Gabi NICHT liebt. Ich kann das einfach nicht verstehen und habe ihm das auch versucht zu verklickern. Darüber sind wir dann irgendwie in Streit geraten. Marc hat mir vorgeworfen, dass ich ihn – Achtung, Zitat! – ‚bedrücke‘ und mir dann ein Liebesgeständnis gemacht. Verstehst du, Claudia? Marc Meier gesteht Gretchen Haase, ausgerechnet dem unbeliebten Pummelchen vom Schulhof, dass er sie liebt. Ich wusste in dem Moment nicht mehr, was ich sagen oder denken soll. Aber es war ja eh schon alles zu spät. Marc hat mir zu verstehen gegeben, dass er es nicht mehr ertragen kann, dass ich mit Mehdi zusammen bin und ihn nicht mehr will. Und dann hat er mir ‚Lebewohl‘ gesagt und ist abgehauen. Danach bin ich dann heulend im Flur zusammengebrochen und hab da eine ziemliche Zeit rumgesessen.“ Sie machte eine Pause und starrte gedankenverloren vor sich hin, während Claudia ihr weiter beruhigend über den Rücken strich.
„Weißt du“, fuhr Gretchen nach einer Schweigeminute fort. „Ich weiß einfach nicht, warum ich da im Flur gesessen habe. Ich hätte viel eher hinter ihm herrennen und ihn aufhalten sollen. Jetzt ist es zu spät. Er ist bestimmt schon fast wieder in Berlin angekommen. Er wird ab morgen wieder seinen normalen Alltag leben und sich gemeinsam mit seiner Verlobten, die er eigentlich gar nicht liebt, auf eine Hochzeit vorbereiten, die er eigentlich nicht will. Und ich sitze hier und heule ihm und meiner verpassten Chance hinterher. Und weißt du warum? Weil ich ihn immer noch liebe. Claudia, ich kann Marc Meier nicht vergessen. Seit mehr als fünfzehn Jahren liebe ich ihn. Ich habe nie damit aufgehört. Selbst, als ich mit Peter zusammen war, nicht. Das Schlimmste aber ist, dass ich auch große Gefühle für Mehdi habe. Er ist so lieb zu mir und tut so viel, um mich glücklich zu machen. Ich kann ihn nicht verletzen. Das hat er nicht verdient. Ich bin so eine Idiotin, Claudia. Mehdi trägt mich quasi auf Händen, aber ich denke ständig an Marc. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll.“
„Finde es heraus, Gretchen“, sagte Claudia sanft, aber bestimmt.
„Aber wie?“ fragte Gretchen verzweifelt. „Wie soll ich wissen, was das Richtige ist?“
„Hör auf dein Herz. Es wird dir schon sagen, was du zu tun hast.“
„Genau da liegt das Problem“, erklärte Gretchen schulterzuckend. „Mein Herz sagt, ich solle um Marc kämpfen. Aber mein Verstand sagt, dass genau das falsch ist, weil ich ja gar nicht weiß, ob Marc immer noch der unverbesserliche Macho ist wie früher in der Schule. Ich habe ihn doch erst ein paar Mal wiedergesehen. Er war so anders als früher, so… so nett und zuvorkommend. Aber wie wüsste ich, dass es nur eine Phase ist und er mich früher oder später wieder verletzen würde? Mein Verstand sagt mir, dass ich bei Mehdi besser aufgehoben bin. Bei ihm weiß ich, wie ich dran bin, bei Marc nicht. Ich meine, dass Marc eine Frau heiratet, ohne dass bei ihm Gefühle im Spiel sind, zeigt doch, dass da irgendwas nicht stimmt. Wer weiß, warum er sich auf diese Hochzeit einlässt. Vielleicht erpresst sie ihn ja. Oder sie ist schwanger und er fühlt sich verantwortlich.“
„Um das herauszufinden, solltest du nochmal mit ihm reden“, schlug Claudia vor. Gretchen schüttelte den Kopf.
„Das wäre keine gute Idee“, lehnte sie den Vorschlag ihrer Freundin ab.
„Dann heißt das, dein Verstand hat bereits über dein Herz gesiegt?“ fragte Claudia unverständig. „Oh, Gretchen! Dann hatte Marc Recht damit, dass du ihm keine Chance lässt. Und weißt du was? Mehdi tust du damit garantiert keinen Gefallen. Irgendwann wird dich das alles einholen. Du wirst bereuen, dass du Marc aufgegeben hast und Mehdi dann erst recht verletzen oder dir für den Rest deines Lebens Vorwürfe und dich selbst unglücklich machen. Bist du dir sicher, dass du das willst?“
„Ich kann lernen, für alle Zeiten auf Marc zu verzichten, schließlich habe ich ihn über zehn Jahre nicht gesehen, geschweige irgendwas über ihn gehört.“
„Aber an ihn gedacht hast du doch“, sagte Claudia und sah Gretchen dabei eindringlich an. „Du hast doch selbst gesagt, dass du ihn nicht vergessen kannst. Wie soll das denn in Zukunft aussehen? Willst du dir für immer einreden, dass es Marc Meier eigentlich nie in deinem Leben gegeben hat, nur, damit du Mehdi nicht wehtun musst? Was ist denn das für eine Liebe, Gretchen? Wenn dein Mehdi wirklich so ein guter Kerl ist, wie du immer sagst, hat er dann nicht eine Frau an seiner Seite verdient, die ehrlich zu ihm ist und ihn, und nur wirklich IHN, von ganzen Herzen liebt? Dafür bist du eindeutig die Falsche, Margarethe Haase. Früher oder später wird die Realität dich einholen. Spätestens, wenn du Marc, wenn auch nur per Zufall, wieder über den Weg läufst, da dein geliebter Frauenarzt und er ja wohl auch sowas wie Kumpels sind, bricht dein mühsam aufgebautes Kartenhaus wieder in sich zusammen. Dann geht das wieder von vorne los, dass du dich fragst, ob du das Richtige getan hast und es überhaupt jemals schaffst, Marc Meier für alle Zeiten aus deinem Leben und vor allem aus deinem Herzen zu verbannen. Wenn du mich fragst, dann steuerst du gerade auf eine völlig falsche Entscheidung zu. Denk mal drüber nach!“ Damit erhob sich Claudia und verließ das Zimmer, während Gretchen rücklings zurück auf ihr Bett fiel und überlegte, ob ihre Freundin nicht vielleicht doch Recht hatte. War es Mehdi gegenüber wirklich fair, wenn sie versuchte, ihm zuliebe Marc vergessen zu wollen? Was, wenn ihr das nicht gelang? War es Mehdi gegenüber fair, ihm vorzumachen, dass er der wichtigste Mensch in ihrem Leben war, wenn in ihrem Hinterkopf immer noch Marc herumspukte? War Mehdi nicht schon genug gestraft damit, dass ihn seine Exfrau für ihre Karriere verlassen hatte? Und genau da lag das Problem. Würde Mehdi eine erneute Niederlage in einer Beziehung verkraften? Gretchen wusste, dass die Trennung von Anna ihm sehr zugesetzt hatte und er sehr lange gebraucht hatte, um einigermaßen darüber hinweg zu kommen. Eine erneute zerbrochene Liebe würde er mit Sicherheit nicht überstehen.
Wenn sie doch nur wüsste, wie sie sich entscheiden sollte! Warum war es nur so schwer, Herz und Kopf miteinander in Einklang zu bringen? Die vielen Gedanken und mentalen Unsicherheiten raubten Gretchen den Schlaf. Doch als eine nahe Kirchturmuhr draußen bereits die fünfte Stunde des Tages ankündigte, ergab sich auch Gretchen Haase endlich dem Drängen des Sandmännchens und schlummerte erschöpft vom vielen Weinen und Denken ein.




Nachteule Offline

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30.09.2017 16:52
#24 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 24 – Nägel mit Köpfen


Am Berliner Hauptbahnhof tigerte am späten Donnerstagnachmittag ein dunkelhaariger Mittdreißiger aufgeregt am Bahnsteig hin und her. Der Intercity aus Greifswald wurde an der Anzeigetafel bereits angekündigt. In fünf Minuten sollte er einlaufen und Dr. Mehdi Kaan endlich wieder zu einem über und über glücklichen Menschen werden lassen.
Er hatte sich sehr einsam gefühlt in den letzten drei Tagen und Nächten in der stillen Steglitzer Wohnung, jetzt, wo nicht nur seine Freundin im Zuge ihrer Weiterbildung fortgewesen, sondern auch seine Tochter Lilly zum ersten Mal in ihrem jungen Leben auf einer Klassenfahrt war. Seit der Trennung von Anna hatte Mehdi nicht mehr so viel Zeit alleine zu Hause verbracht. Seine Lilly war zwar hin und wieder bei seinen Eltern, aber auch dies stets nur für ein, zwei Nächte. Ein einziges Mal war er mit der Kleinen für eine Woche nach New York geflogen, damit sie ihre Mutter wiedersehen konnte. Aber nie war er so lange von seinem Mädchen getrennt gewesen wie in dieser einen Woche. Mal angesehen von seinem blonden Engel. Die letzten Nächte vor ihrer Abreise hatte Gretchen in seinen Armen gelegen. Er hatte ihre Nähe genossen und sie nur schwer loslassen können. Aber er wusste, dass es für ihre Ausbildung gut war, wenn sie von nun an regelmäßig an solchen Fortbildungen teilnahm. Auch wenn es ihm schwer fiel, aber Mehdi konnte sich damit arrangieren, weil er wusste, dass er seine Liebste sicherlich nie sehr lange würde entbehren müssen.




Dr. Marc Meier stocherte zur gleichen Zeit lustlos in dem Gemansche aus Fleisch, Käse, Nudeln und Gemüse herum, das im Aushang der Krankenhauskantine als Tagesgericht zu einem stolzen Preis von mehr als fünf Euro angeboten wurde. Dass das Kantinenessen selten schmeckte, hatte ihm bisher wenig ausgemacht. Er war ohnehin nicht der große Esser und begnügte sich vor allem morgens selten mit mehr als einem Becher Kaffee und einer Zigarette. Aber heute schmeckte er den „Fraß“ vor sich regelrecht und befand, dass die unleckere Mischung auf seinem Teller eindeutig zu seiner Tagesstimmung passte – schlecht und fad. Seit zwei Tagen war er wieder zurück in Berlin. Seitdem hatte sich seine Laune kaum gebessert. In herrischer Manier scheuchte der junge Oberarzt sein Personal über die Gänge der Station, zeigte beim Umgang mit den Patienten wenig Feingefühl und machte im OP seine Assistenten zur Schnecke. Am meisten nervte ihn sein dauerhaftes Anhängsel. Aus irgendwelchen Gründen hatte es sich Gabi zur Aufgabe gemacht, ihrem Verlobten stimmungsmäßig auf die Sprünge zu helfen – und erntete genau das Gegenteil.
„Hau ab!“ Das war der einzige Satz gewesen, den Marc an diesem Morgen zu ihr gesagt hatte, nachdem sie sich von hinten lautlos wie eine Katze an ihn herangeschlichen und ihm einen feuchten Kuss auf seine nackte Schulter gedrückt hatte. Sein Tonfall dabei hatte sie erschrocken zurückweichen lassen. Beim besten Willen, sie konnte sich einfach nicht erklären, was in diesen Mann gefahren war, den sie nun einmal mehr als alles und jeden anderen liebte und den sie in ein paar Wochen heiraten wollte. Es musste etwas in Greifswald passiert sein, mutmaßte Gabi. Sie hatte zwar keinen blassen Schimmer, was es war, aber sie würde es herausfinden. Das nahm sie sich fest vor. Nur, wo ansetzen?




Quietschend fuhr der IC aus Greifswald in den Berliner Hauptbahnhof ein und hielt schließlich nach mehreren hundert Metern am Bahnsteig Zwei. Während Gretchen sich in ihrem Abteil emotional von ihrer besten Freundin Claudia verabschiedete, die nach Köln weiterfuhr, sah Mehdi sich erwartungsvoll unter den Aussteigenden um. Sein Herz klopfte immer heftiger. Und dann… ! Endlich erblickte er sie, seine blonde Traumfrau.
„Gretchen!“ rief er überglücklich. Die Angesprochene hob ihren Kopf in die Richtung des ihr wohlbekannten Rufers. In ihrem Gesicht machte sich eine riesige Freude breit. Mit ausgebreiteten Armen lief ihr Freund auf sie zu, während sie ihren Koffer neben sich abstellte und es ihm gleichtat. Sekunden später lag das Pärchen sich glücklich in den Armen. Der Blondschopf wurde vom verliebten Halbperser einige Male euphorisch im Kreis geschwungen, ehe der smarte Gynäkologe seine Freundin wieder auf die eigenen Füße stellte und sie bei der Hand nahm, um mit ihr Richtung Ausgang zu laufen.
„Wie war es denn so in Greifswald?“ fragte Mehdi auf dem Weg zu seinem Auto interessiert.
„Die Stadt ist schön“, erklärte Gretchen. „Und die anderen Ärzte und die Dozenten waren sehr nett.“
In ihrer grenzenlosen Wiedersehensfreude verdrängte Gretchen vorläufig und mit großem Erfolg das betrübende Wiedersehen mit Marc Meier. Er hatte in ihrem Gedanken gerade nichts zu suchen. Der Augenblick gehörte nur Mehdi und ihr. Sie war wieder bei ihrem Freund, der sie bedingungslos liebte und sie wohl wirklich sehr vermisst hatte, was sie bei seiner festen Umarmung zu ihrer Begrüßung am Bahnsteig mehr als deutlich hatte merken können.




In einer stylischen Charlottenburger Altbauwohnung ging es ein paar Stunden später weniger harmonisch zu. Mit tränenüberströmtem Gesicht hockte sich Gabi Kragenow vor dem wirren Haufen ihrer vielen, zumeist recht teuren Kleidungsstücke. Wie hatte er ihr das nur antun können? Gabis kurzfristig glückliche Welt war wieder einmal innerhalb von Sekunden in sich zusammengefallen, als Marc ihr rücksichtslos vor den Kopf geworfen hatte, dass er sie nicht liebe und sie sich endlich vom Acker machen solle.
„Nimm das zurück“, hatte es Gabi mit einer ernsten Drohung versucht, „wenn dir deine Karriere lieb ist.“ Doch Marc war auf diesen Zug nicht mehr aufgesprungen.
„Ist mir doch egal, ob du gleich heulend zu deinem geliebten Patenonkel rennst und ihm erzählst, was für ein Arsch ich doch bin“, hatte er sie angefaucht. „Ich habe sowieso vor zu kündigen, weil ich Berlin nämlich verlassen werde.“ In seinem Gesicht hatte Gabi erschrocken den Ernst seiner Worte gesehen. „Und du“, er hatte den Zeigefinger erhoben und ihn anschließend ausgestreckt auf seine „Zwangsverlobte“ gerichtet, die ihn immer erschrockener angeblickt hatte. „Du packst sofort deine jämmerliche Habe und verlässt augenblicklich MEINE Wohnung. Ist das klar?“ Als Gabi nicht sofort parierte, war Marc an ihren Kleiderschrank gegangen und hatte zornig alle ihre Blusen, T-Shirts, Hosen und Röcke von der Kleiderstange und aus den Regalen gerissen und achtlos auf den Fußboden geworfen. Danach war er wütend und mit einem lauten Knallen der Wohnungstür abgerauscht.
Heftig schluchzend packte Gabi ihre Tasche. Noch nie hatte sie Marc so gesehen, noch nie hatte sie ihn so zornig erlebt. Sie wusste nicht, warum er so reagiert hatte. Sie fühlte sich zu Unrecht mies behandelt und schwor sich, ehe sie das Ärzteappartement seufzend verließ, dass Marc nicht ungeschoren davonkommen würde. Sie würde ihm zuvorkommen und ihn bei ihrem Onkel schlechtmachen, jawohl! Marcs Medizinerkarriere sollte darunter leiden, dass er sie so schlecht behandelt hatte. Gabi wollte nichts weiter als Rache, dafür, dass er ihr das Herz gebrochen hatte.




Marc Meier kam seiner Nicht-mehr-Verlobten allerdings zuvor. Sein erster Weg führte ihn direkt in die Hauptverwaltung der Charité zum Büro seines Chefs. Marc wollte jetzt ernsthaft Nägel mit Köpfen machen. Er konnte es nicht mehr länger ertragen, kurz vor der Hochzeit mit einer Frau zu stehen, die er absolut nicht liebte, die ihn nur noch nervte und die zufälligerweise die Tochter seines Klinikdirektors war. Auch wenn er den Fortlauf seiner bisher vielversprechenden Karriere riskierte, war er sich sicher wie nie. Er könnte auch woanders einen Neuanfang schaffen, ohne Gabi, ohne die ungewollte Hochzeit, einfach ohne all diese Lügen. Und vielleicht würde er es schaffen, den blonden Engel aus seinen Gedanken zu vertreiben, der sich dort mittlerweile nahezu häuslich eingerichtet hatte. Obwohl Marc diesen Engel eigentlich gar nicht loslassen wollte. War es aber für sie und ihn denn nicht eventuell das Beste, wenn er woanders lebte und arbeitete und sie sich nicht mehr über den Weg laufen müssten, weil sie ihn doch sowieso nicht mehr wollte? Das jedenfalls sagte ihm der letzte Rest seines noch vorhandenen Verstandes, während sein Herz ihm genau das Gegenteil einzubläuen versuchte.
Professor Schiller war überrascht, als sein bester Oberarzt ihn um ein ernstes Gespräch bat, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Der ältere Herr bat seinen jungen Kollegen, sich ihm gegenüber auf einen der Besucherstühle zu setzen und blickte ihn erwartungsvoll an. Es fiel Marc nicht leicht, seinem bisherigen Chef zu sagen, was er zu sagen hatte. Mit einem tiefen Atemzug begann Marc, sein Anliegen vorzutragen.
„Herr Professor, ich möchte, dass Sie wissen, dass ich Sie sehr schätze und immer schon geschätzt habe, seit wir uns kennen“, begann er mit größter Vorsicht, während er in seinem Kopf bereits die nächsten Sätze vorformulierte, um das loszuwerden, weshalb er hier war.
„Als ich in Greifswald war, ist mir einiges klargeworden“, fuhr Marc fort und sah, wie der Professor ihn gebannt ansah. „Ich… es… es ist nicht leicht für mich, aber ich denke, in Anbetracht der Dinge wäre es klüger, wenn ich die Klinik unverzüglich verlasse und bis zum Ende meiner Kündigungsfrist meinen gesamten Jahresurlaub in Anspruch nehme.“
„Bitte?“ Professor Schiller glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Sie möchten kündigen? Wieso?“
Betreten nickte Marc. Er sah das Entsetzen und die Enttäuschung gleichermaßen im Gesicht seines Gegenübers und rang innerlich mit seinem schlechten Gewissen dem Professor gegenüber.
„Ich muss Ihnen ein Geständnis machen“, erklärte Marc nach einigen schweigsamen Sekunden mit belegter Stimme. „Ich…“, er machte erneut eine kurze Pause, um sich zu sammeln. „Ich liebe Ihre Nichte Gabi nicht. Ich habe mich nur auf diese Verlobung eingelassen, weil es meiner Karriere nützte. Aber inzwischen weiß ich, dass das nicht richtig war von mir. Und bevor es zu spät ist, beende ich das hier lieber, um Gabi nicht noch größeren emotionalen Schaden zuzufügen.“
Wieder herrschte Stille im Raum, gespenstige Stille. Unsicher sah Marc zu dem Professor, in dessen Gesicht sich ein undefinierbares Minenspiel abzeichnete. Regelrecht wartete der junge Chirurg auf irgendeine Reaktion, ein Geschrei, ein Gezeter, bitterste Vorwürfe, aber es kam nichts. Minutenlang. Marc rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Wenn der ältere Mann ihm gegenüber doch wenigstens irgendeine Reaktion zeigen würde! Nichts war schlimmer als dieses Schweigen.
Endlich, nach etlichen Minuten des in sich Verharrens öffnete Professor Schiller seinen Mund, um etwas zu sagen. Angespannt blickte Marc zu ihm hinüber.
„Sie haben mich wirklich enttäuscht, Meier“, brachte der Klinikchef mit einer gewissen Strenge und Ernsthaftigkeit in seiner Stimme hervor. „Ich dachte, Ihnen liegt wirklich etwas an meiner Nichte. Aber Sie sind, beziehungsweise waren ebenso karrierefixiert wie viele unserer Kollegen und wären mit Sicherheit für den Ruhm Ihres Berufes über Leichen gegangen, wenn Sie nicht rechtzeitig erkannt hätten, dass Sie sich auf einem falschen Weg befanden. Und das wiederum rechne ich Ihnen hoch an, dass Sie die Reife erlangt haben und noch dazu den Mut, sich diesem Fehler zu stellen und ehrlich mir als Ihren Chef gegenüber zu sein. Ich würde Sie ungern gehen lassen, Meier, gerade wegen der guten Arbeit, die Sie bisher hier geleistet haben. Aber ich überlasse Ihnen die Entscheidung. Wenn Sie denken, dass Sie aus privaten Gründen, Sie wissen, was ich meine, nicht mehr mit ganzem Herzblut Ihre Aufgaben an der Charité bewältigen können, gebe ich Sie frei. Sie erhalten von mir dann ein exzellentes Zeugnis für Ihren weiteren Karriereweg.“
Er machte eine kleine Pause und fuhr dann in autoritärer Stimmlage fort. „In jedem Fall erwarte ich aber, dass Sie meiner Nichte in Zukunft aus dem Weg gehen, um ihr weiteren Kummer zu ersparen, und sei es durch Ihren bloßen Anblick. Sicherlich haben Sie ihr mit der Trennung das Herz gebrochen, und es wird dauern, bis es heilt. Ich kenne Gabriele viel zu gut. Sie hat es in ihrem Leben nie leicht gehabt und hat in der Vergangenheit mit Männern kein Glück gefunden. Sie wird wegen Ihnen noch lange leiden. Aber sie wird darüber hinwegkommen.“ Er rang sich ein schwaches Lächeln ab und zwinkerte dem sichtlich überraschten Marc nun tatsächlich aufmunternd zu. „Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, was Meier“, war der Ältere nun bereits wieder zum Scherzen aufgelegt. Marc war erleichtert. Er hatte sich das Gespräch mit dem Professor sehr viel schwieriger vorgestellt. Doch nun hatte er ein anderes Problem. Der Professor hatte ihm freigestellt, die Charité zu verlassen oder aber zu bleiben. Marc war sich nicht sicher, was er diesbezüglich wollte. Er wusste, er müsste diese Angelegenheit erst einmal überschlafen, um eine befriedigende Entscheidung für sich zu treffen.
Der Zufall jedoch kam Marc zu Hilfe, als er wenige Stunden später in der Krankenhauscafeteria das wöchentliche Ärzteblatt aufschlug und ihm eine interessante Stellenanzeige ins Auge schoss.



„Wir suchen zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen leitenden Oberarzt (m/w) für Chirurgie mit dem Schwerpunkt Unfall- und Allgemeinchirurgie“



stand dort in großen, blauen Lettern geschrieben. Marc überflog den Rest der Anzeige und blieb am Jobanbieter hängen. Das war doch nicht möglich, dachte sich der dunkelhaarige Mediziner verblüfft. Die Stellenanzeige stammte vom Elisabethkrankenhaus, dem Klinikum in Zehlendorf, an dem Marc seine Facharztausbildung gemacht hatte und das Hasenzahns Vater leitete. Plötzlich erhellte sich seine Mimik. Es war, als hätte sich vor ihm gerade eine ewig verschlossene Tür geöffnet. Er wusste genau, was er jetzt zu tun hatte. Er, Marc Meier, hörte endlich auf sein Herz.




Nachteule Offline

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30.09.2017 16:53
#25 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 25 – Eine neue Chance


Marc warf einen prüfenden Blick in den langen Spiegel im Flur und befand sich für ganz passabel gekleidet. Er trug einen dunkelbeigen Designer-Anzug über einem tadellosen, schneeweißen Hemd und eine glänzende, silbergraue Krawatte um den Hals. Eigentlich mochte er das Tragen von Krawatten nicht. Aber sie war dem Zweck entsprechend notwendig. Also riss er sich zusammen und duldete das leicht unangenehme Gefühl einer zugeschnürten Kehle. Er hatte eine Mission. Und zur Erfüllung dieser biss er gerne in den sauren Apfel. Schließlich ging es um seine Zukunft und das Nutzen seiner wahrscheinlich letzten Chance, um seinem Herzen Befriedigung zu geben. Denn dieses hatte ihm in den letzten Tagen seit seiner Rückkehr aus Greifswald immer wieder klargemacht, dass er mit seinem bisherigen Leben nicht fortfahren konnte. Es tat zu weh, immer an Sie, an die Eine, denken zu müssen, ohne eine Hoffnung auf Linderung seiner inneren Schmerzen zu haben.
Er hatte den Entschluss gefasst, um sie zu kämpfen. Als er vor wenigen Tagen die Stellenanzeige des Elisabethkrankenhauses in der Zeitung entdeckt hatte, wusste er, dass er es wenigstens versuchen musste, diesen Job zu bekommen. Er wollte es wegen Gretchen. Es war die einzige Möglichkeit, die er noch sah, um den Kampf um sie, um ihr Herz, erfolgreich ausfechten zu können. Wenn er ihr Chef werden würde, könnte sie sich ihm zwangsläufig nicht entziehen. Sie würde erkennen, dass er sich geändert hatte, dass er fähig war, sich auf eine einzige Frau einzulassen, nicht aufgrund einer Affäre, sondern, weil echte Liebe im Spiel war. Für Marc war dieses Gefühl neu. Doch instinktiv wusste er, dass es schöner werden konnte, wenn diese Liebe erwidert würde. Er würde Gretchen beweisen, dass er es aufrichtig mit ihr meinte, würde sie erkennen lassen, dass sie zu IHM, nicht zu Mehdi gehörte.

Mehdi! Er war Marcs größtes Problem. Aus irgendwelchen Gründen mochte Marc den Warmduscher seit gemeinsamen Studienzeiten. Marc hatte vor einiger Zeit am Rande mitbekommen, wie schlecht es seinem Squash-Kumpel nach der Trennung von Anna ergangen war. Nachdem Marc vor mehreren Monaten erfahren hatte, dass sich Mehdi wieder verliebt hatte und es diesmal scheinbar die Richtige war, hatte sich der Chirurg wirklich für den Gynäkologen gefreut. Wie hätte Marc ahnen können, dass Mehdi ausgerechnet mit Hasenzahn zusammengekommen war und Marc sich wenig später ebenso in diese bezaubernde Frau verlieben könnte? Er wünschte sich, es wäre nicht so gekommen, wegen Mehdi. Das war das einzige, vor dem ihm graute, dass er und Gretchen Mehdi wehtun müssten, wenn es Marc tatsächlich gelänge, Gretchen für sich zu gewinnen. Aber hieß es denn nicht, gegen die wahre Liebe wäre man machtlos? Ach was! Mehdi würde es schon überstehen. Er musste einfach. Er war ein intelligenter und herzensguter Mensch. Er würde irgendwann verstehen, dass weder Marc noch Gretchen anders gekonnt hatten, dass sie einfach zusammengehörten. Mehdi musste es einfach verstehen! Er musste!!!

Mit diesen Gedanken hatte Marc sich aufgerafft und den Telefonhörer in die Hand genommen, um die Nummer seines ehemaligen Mentors und Chefs zu wählen. Er hatte sich vorgenommen, sich persönlich bei Professor Haase um die ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Die pikante Sache um die Affäre von Gretchens Vater mit Marcs Mutter schwieg er beabsichtigt aus. Es war in dieser Situation nicht angebracht, etwas darüber zu erwähnen. Und auch Professor Haase war professionell genug, es nicht einmal im kleinsten Detail zu erwähnen. Kein Wort über Elke Fisher, keines über die Affäre. Es war ein rein berufliches Gespräch zwischen den beiden Chirurgen. Natürlich freute sich der Klinikchef über die unerwartete Bewerbung seines einstigen Schützlings und talentiertesten ehemaligen Assistenzarztes, war aber zugleich verwundert über dessen Intension, sich für den ausgeschriebenen Posten am EKH zu bewerben. Ehe Marc jedoch seine Beweggründe dafür darlegen konnte, verabredete man auf Veranlassung des Professors einen Gesprächstermin in dessen Chefarztbüro. Erfreut sagte Marc zu, und beiderseits zufrieden beendeten er und Professor Haase das Telefongespräch.
Und nun war es soweit. In einer halben Stunde hatte Marc im EKH zu sein. Das müsste zu schaffen sein, sagte er sich, wenn er mit dem Auto die Avus nutzte und die Stadt damit umfuhr.
Marc war schon aufgeregt, als er zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder das Elisabethkrankenhaus betrat. Noch immer, so stellte er augenblicklich fest, war ihm das alles vertraut. Der gläserne Eingang, die große Eingangshalle, der Gang zu den Fahrstühlen – automatisch wusste er, wohin er gehen musste. Sekunden später stand er in einem der Aufzüge und fuhr hinauf in den fünften Stock. Ab und an hielt der Fahrstuhl auf den Zwischenetagen. Menschen stiegen hinzu und wieder aus. Marc hoffte, dass ihm auf dem Weg in die Chefetage kein bekanntes Gesicht begegnen würde und bereute, nicht einfach die Hintertreppe genommen zu haben. Konditionell hätte es ihm nichts ausgemacht, so viele Stufen zu bewältigen. Er hatte sich schlicht von der früheren Routine leiten lassen.

Wenig später stand Marc unerkannt und ungesehen vor der Tür des Professors und klopfte an. Mit einem deutlichen „Herein!“ wurde er in das edel ausgestattete Chefarztbüro gebeten. Hier, so stellte Marc fast schon zufrieden fest, hatte sich ebenfalls nichts geändert. Die schweren Nussholzmöbel glänzten und rochen nach frischer Politur. Vor dem riesigen Schreibtisch, an dem Professor Haase mit erwartungsvollem, aber durchaus freundlich gesinntem Blick saß, standen zwei antike Besucherstühle mit grüngoldweißgestreiften Sitzpolstern. Der Professor bedeutete Marc, sich auf einem der Stühle niederzulassen, nachdem der junge Arzt dem älteren freundlich und höflich die Hand gereicht hatte. Gebannt saß Marc nun seinem ehemaligen und vielleicht bald Wieder-Chef gegenüber und ließ diesen das Gespräch eröffnen.
„Ich war durchaus erstaunt über Ihre Bewerbung, Meier“, begann Professor Haase mit großer Ehrlichkeit. „Zumal Sie eine glanzvolle Karriere in der Charité hingelegt haben, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß. Ja, Meier, ich habe Ihren Werdegang in den letzten Jahren nachverfolgt. Schließlich waren Sie einmal mein bester Assistenzarzt. Mit Bedauern habe ich Sie damals ziehen lassen, damit aus Ihnen noch etwas viel Größeres werden kann, so wie Ihr Talent es verdient hat. Darum bin ich auch erstaunt, warum Sie danach trachten, an Ihre ehemalige Wirkungsstätte zurückzukehren. Sie wissen, wir sind sehr viel kleiner und unbedeutender als die Charité. Also, Meier, warum wollen Sie wieder zurück, hm?“
Marc hatte im Vorfeld mit dieser Frage gerechnet und sich längst eine plausible Erklärung zurechtgelegt. Unmöglich konnte er Professor Haase sagen, dass seine Bewerbung vor allem der Tatsache zu verdanken war, dass er sich in Gretchen verliebt hatte und die Möglichkeit nutzen wollte, um durch die tägliche Zusammenarbeit ihr Herz zurück zu erobern.
„Ob Sie es glauben oder nicht“, sagte Marc schließlich ohne mit der Wimper zu zucken, „ich verspüre Heimweh nach der Krankenhausfamilie im EKH.“
Der Professor sah ihn groß an. Mit einer solchen Antwort hatte er nicht gerechnet. Aber es erfreute ihn innerlich, dass seine Klinik Marc weiterhin am Herzen zu liegen schien.
„Wie gesagt, karrieretechnisch kann unser bescheidenes Krankenhaus Ihnen nicht so viel bieten wie die Charité“, merkte Franz Haase an. „Aber ich freue mich, dass wir anscheinend, was das Menschliche angeht, auch dem größten Klinikum der Stadt, ach, was sage ich – einem der bedeutendsten medizinischen Zentren Deutschlands etwas voraushaben. Dennoch, ganz überzeugt bin ich von Ihren Absichten immer noch nicht.“
Marc unterdrückte innerlich ein Seufzen. Es war klar, dass der Professor eine solche Antwort nicht ausschließlich gelten lassen würde. Ja, er setzte eine große Karriere als Top-Chirurg aufs Spiel, ja, er würde weit weniger verdienen, aber es gab einen großen Grund, ans Elisabethkrankenhaus zurückzukehren – Gretchen. Wegen ihr würde er einen solchen Rückschritt wagen, würde die Einbußen in Kauf nehmen, nur wegen ihr. Weil er sie liebte und für immer mit ihr zusammen sein wollte.
„Herr Professor“, erklärte Marc mit Nachdruck. „Die Zeit in der Charité hat mich tatsächlich vorangebracht. Ich habe dort viel gelernt. Aber ich habe auch viel dort vermisst. Und das schließt in der Tat die Menschlichkeit ein, das Familiäre, wie ich Ihnen gerade schon erklärt habe. In der Charité bin ich einer von vielen Oberärzten. Aber im Elisabethkrankenhaus würde ich wieder Dr. Marc Meier sein, ein Chirurg mit einem Namen, den die Kollegen nicht erst umständlich von meinem Namensschild am Kittel ablesen müssten. Ich habe einmal gedacht, es wäre nicht wichtig, dass die Arbeitsatmosphäre familiär ist. Ich habe mir nichts daraus gemacht, wenn mich nicht jeder Kollege mit Namen kannte, geschweige denn mein Gesicht mit meiner Station in Verbindung brachte. Aber mit der Zeit fehlte mir dieses Persönliche. Und darum möchte ich wieder ans EKH zurück.“ Es war sensationell, wie diese Worte nur aus Marc heraussprudelten. Er war selbst verblüfft darüber, wie leicht es ging und wie einleuchtend es noch dazu klang, so sehr, dass er es sich selbst schon glaubte. Professor Haase schien ebenfalls überzeugt. Er lächelte. Marc erwiderte das Lächeln, innerlich noch immer leicht unsicher, aber äußerlich vollkommen souverän, was die Überzeugung seines Gegenübers zusätzlich verstärkte.
„Dann sage ich doch, herzlich willkommen zurück in der großen Familie hier am EKH“, sagte Franz Haase ein Weilchen später freundlich und begeistert zugleich, während er sich langsam von seinem Stuhl erhob und Marc seine ausgestreckte Hand entgegenhielt. Dieser erwiderte Professor Haases Handdruck und bedankte sich aufrichtig.
„Ach, Meier“, ergänzte Franz Haase schließlich, als Marc im Begriff war, sich von ihm zu verabschieden. „Sie werden in Zukunft die Facharztausbildung meiner Tochter Margarethe betreuen. Sie ist nämlich auch Ärztin und arbeitet daran, hoffentlich recht bald eine gute Chirurgin zu werden.“ Es schwang Stolz mit in der Stimme des fast Sechzigjährigen, wie Marc mit einem innerlichen Schmunzeln zur Kenntnis nahm. Um sich keinesfalls selbst zu verraten, setzte der Autorinnensohn ein überraschtes Gesicht auf.
„Ach, tatsächlich?“ fragte er gespielt.
„Sie kennen sie bereits“, fuhr Professor Haase fort. „Leider war Ihr letztes Zusammentreffen etwas unglücklich, als Sie beide… nun ja… im Haus Ihrer Mutter.“
Marc spürte, dass dem Älteren diese Angelegenheit unangenehm war und winkte ab.
„Herr Professor“, sagte Marc ruhig. „Was da zwischen Ihnen und meiner Mutter war, das ist Ihrer beider Privatangelegenheit. Ich finde, das, was geschehen ist, sollte beruflich weder zwischen Ihnen und mir, noch zwischen mir und Ihrer Tochter stehen.“
„Recht so“, nickte Franz Haase. „Man sollte Beruf und Privatleben strickt trennen. Ich freue mich auf unsere gute Zusammenarbeit, Meier.“

Wenige Augenblicke später hatte Marc das Büro des Professors wieder verlassen und genehmigte sich ein leises Jubeln mit ausgestreckter Faust. Das war ja wunderbar gelaufen! Der erste Teil seiner Mission „Gretchen Haases Herz zurückgewinnen“ war erfolgreich verlaufen. Zugleich war etwas passiert, was Marc nicht eingeplant hatte. Während seiner Erklärung für seine Bewerbung war ihm bewusst geworden, dass er den Professor nicht ansatzweise angelogen hatte. Er hatte es wirklich vermisst, das Familiäre, das Persönliche, das Menschliche, das das Elisabethkrankenhaus so sehr von der Charité unterschied. Und er war sich plötzlich sicher, dass er einfach hierher gehörte, hier, an das kleine Krankenhaus, an Gretchens Seite, für immer.




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