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Dieses Thema hat 85 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
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Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

30.04.2017 03:06
Story von Karo Zitat · antworten

Liebe Choconussa, liebe Melli84.

Vielleicht kann ich für etwas Zerstreuung bei euch sorgen - ich springe dann einfach mal ein :-)

Ich bin sehr gespannt und etwas aufgeregt...

Meine Fortsetzung beginnt da, wo die 3. Staffel endet. Viel Spaß!



September 1.1 - Tagebuch 1

♥♥♥

Liebes Tagebuch,


ich sitze nun tatsächlich im Flieger nach Ouagadougou.

Aber das ist auch das einzige, das der Planung entspricht. Du erinnerst Dich noch, was der Plan war? Endlich mal etwas alleine schaffen? Raus aus dem Trott, zu mir selbst und einen Sinn finden, weg von Berlin und besonders weit weg von Marc.

Und was ist nun? Genau dieser Marc sitzt neben mir in der Reihe und schläft. Ja, ich rede tatsächlich von Doktor Marc Meier, Oberarsch am EKH und Obermacho von Berlin.

Ich saß schon mal mit Marc Meier in einem Flugzeug und das war definitiv nicht so entspannt, wie es heute der Fall ist.

Mit der Theatergruppe der Schule hatten wir den ersten Preis beim Berliner Schultheater-Wettbewerb geschafft und die Belohnung war ein Wochenende in München inklusive eines Theaterbesuchs von „Der Zauberer von Oz“. Das war unser Siegerstück gewesen. Natürlich hatte Marc die Hauptrolle als Zauberer gespielt und Konstanze Heinrich verdankte die weibliche Hauptrolle als Dorothy natürlich auch wieder einer großzügigen, elterlichen Spende, während ich die Rolle als Vogelscheuche zugedacht bekam.

Meine Mutter war der Meinung, die Rolle als Vogelscheuche auf der Suche nach Verstand wäre mir auf den Leib geschrieben. Ich denke, sie bezog das auf das Ende, als die Vogelscheuche vom Magier zu seinem Nachfolger ernannt wird – aufgrund ihres Verstandes, versteht sich.

Natürlich fiel ich auch wieder einer der typischen Meier-Attacken zum Opfer. Ich war mit Susanne Leibfried und Konstanze Heinrich in eine Reihe platziert worden. Um vor den beiden nicht zurückzustecken hatte ich – ganz weltmännisch – einen Tomatensaft bestellt. Und natürlich fiel er – ganz gretchenweltmännisch – aus meiner Hand. Direkt in den Schoß von Konstanze. Natürlich war das Geschrei groß und ich wieder der ungeschickte Tollpatsch.
Die Stewardessen waren wirklich nett und bemüht, den Schaden soweit wie möglich zu begrenzen. Sie rieben und rubbelten an Konstanze herum, dass diese vor Ärger das ganze Wochenende nicht mit mir geredet hat. Und natürlich bekam ich auf meine Frage nach einem Ersatzgetränk den freundlichen Hinweis „Besser nicht“.
Auf einmal hielt mir jemand einen Becher entgegen.
„Tomatensaft?“ Ich hätte Marc umarmen können, mein Retter. Er hatte doch eine nette Seite, wie ich es immer vermutet hatte. Doch die Farbe wechselte schnell. Von rosarotem Marc-ist-doch-nett-Traum zum Tomatenroten-Scheiße-ist-das-scharf-Alptraum. Das letzte wohl nicht nur für mich, sondern auch für Konstanze und Susanne, die den Tomatensaftregen abbekamen.
Der obercoole Marc hatte das rote Getränk mit einem Extraschuss Tabasco würzen lassen. Vor Schreck und Schmerz schickte ich den Rest des Becherinhalts auf die Reise – den armen Mann vor mir ereilte das gleiche Schicksal wie Konstanze und Susanne. Allerdings schien es mir, dass er sich sehr gerne von der hübschen Stewardess an Brust und Bauch herumrubbeln ließ. Jedenfalls war er nicht böse, als er merkte, dass Marc Meier mir einen üblen Streich gespielt hatte.

Der Zufall wollte es, dass der junge Mann sonntags im gleichen Flugzeug zurück nach Berlin saß. Allerdings saß er dieses Mal direkt neben mir, nur der Gang trennte uns. Und auch die eine Stewardess war die gleiche wie vom Hinflug. Natürlich war sie nicht erfreut, mich wiederzusehen, jedoch sehr erfreut, den jungen Mann erneut zu treffen. Mit dem Gang als Sicherheitszone zwischen uns unterhielten wir uns den ganzen Flug sehr gut. Er war mir tatsächlich nicht böse, ganz im Gegenteil – die hübsche Stewardess hatte sich abends noch mit ihm verabredet und auch in Berlin würden Annett und er sich wieder treffen.

Er hieß Thilo, war Anfang – Mitte zwanzig und studierte Journalismus. Anlässlich des Münchener Turnfestes hatte er einen Artikel über die damals überaus erfolgreiche Berliner Turngruppe „Börlin Görls“ verfasst. Ein paar Tage später erschien nicht nur Thilo in der Theater AG sondern auch ein Bericht über den Erfolg unserer Gruppe und dem Wochenende in München.

Ich sollte übrigens noch erwähnen, dass der Rückflug ohne besondere Vorkommnisse vorbeiging. Marc Meier hatte sich in München wohl etwas verausgabt, denn er schlief während des ganzen Flugs friedlich vor sich hin.

Genau wie jetzt. Der Unterschied ist nur, dass wir auf dem Hinweg sind. Marc geht tatsächlich mit mir nach Afrika. Mein Vater war natürlich nicht erfreut, dass mal eben drei Ärzte seines Krankenhauses weg sind und er spontan zwei Vertretungsärzte einarbeiten muss. Der Dritte ist ja Mehdi. Oder eher gesagt, der erste. Mehdi und Gina sind schon vor zwei Tagen in Ouagadougou angekommen und warten dort auf uns.
Mehdis Vertretung schien mir aber sehr unkompliziert zu sein. Er kennt Sarah aus seiner Zeit in der Charité, wo sie schon als Oberärztin gearbeitet hat. Sie bleibt bis Ende Dezember und geht dann direkt in den Schwangerschaftsurlaub.
Und Marcs Ersatz... nun ja... Papa war sehr froh, eine Koryphäe wie Doktor Stier ans EKH zu bekommen, sodass er sich sogar auf eine halbe Stelle eingelassen hat. Der Starchirurg knabbert immer noch am Tod seiner Schwester und ist nicht voll belastbar. Gut, dass die Stelle vom Rössel, der Anfang nächsten Jahres in Rente geht, schon länger ausgeschrieben ist. Da wären interessante Kandidaten bei. Die Absprache zwischen Papa und Marc, dass er ihn notfalls zurückruft, ist auch nur fair. Ich glaube, dass Papa zwar sehr überrascht aber noch mehr erfreut war, dass Marc mitfliegt.

Hm, traut er mir das nicht zu oder freut er sich für mich? Überhaupt... und nun komme ich wieder zum Anfang des heutigen Eintrags...

Der Plan war ALLEINE nach Afrika zu gehen.

Nun sind wir aber zu viert. Marc, Mehdi und ich und – nun ja, Gigi. Was auch immer sie in Afrika will. Schön, dass sie sich um mich sorgt, aber Gigi und Afrika? Die passt ja noch weniger nach Afrika als ich. Ich habe ja selbst noch Zweifel, worauf ich mich eingelassen habe.

Nein, Gretchen. Falsch. Du bist gespannt, worauf Du Dich eingelassen hast und welchen Herausforderungen Du Dich stellen wirst. Das klingt doch positiv.

Wie gut, dass Marc friedlich schläft. Er würde mich bestimmt immer wieder aufziehen. Obwohl er das auf recht charmante und liebevolle Art hinkriegt. Ob Marc sich auch noch an den Tabasco-Flug erinnert? Müsste ich mal ausprobieren. Wenn die nochmal Getränke verteilen, bestelle ich mir mal einen Tomatensaft.

Bis später.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

30.04.2017 03:17
#2 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA

September 1.2 – Flug nach Ouagadougou 1

~*~
Gretchen klappte das Tagebuch zu und verstaute es in ihrer Handtasche. Anschließend kletterte sie ungeschickt über den über zwei Sitze liegenden Marc und landete stolpernd im Flugzeuggang.

(„Wie gut, dass wir eine Reihe für uns haben, über zwei Personen zu klettern wäre extrem peinlich geworden.“)

„Hoppla“, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken. „Mann oh Mann, so eine schöne Frau fällt einem nicht alle Tage in die Arme.“
Gretchens Wangen nahmen spontan eine zartrosa Färbung an. „Entschuldigung, ich bin wohl etwas steif vom Sitzen.“
„Nichts passiert, es ist alles gut“, versuchte der sportliche Mitreisende Gretchen zu beruhigen. Er nahm seinen Sitz ein, direkt in der Reihe vor dem Berliner Ärztepaar. „Aber wenn es Sie möchten, können Sie uns gleich gerne einen Sekt ausgeben. Oder einen Tomatensaft, das bestellt man doch im Flugzeug, nicht?“
„Nein, besser nicht.“ Marc war wach geworden und versuchte sich aufzurichten. „Das kann böse Folgen haben...“
„Marc!“

(„Das beantwortet meine Frage – er erinnert sich.“)

Gretchen spürte die Hitze in ihrem Gesicht. Mit einem bösen Blick auf den frech Grinsenden entfernte sie sich zu den Waschräumen in den hinteren Teil des Flugzeugs. Der Mann vor Marc fing plötzlich an zu lachen. „Sie werden es nicht glauben, das ist mir wirklich mal passiert. Oh Mann ich werde das nie vergessen... Ich musste für ein Wochenende nach München und in dem Flieger saß eine Theatergruppe, die irgendeinen Preis gewonnen hatte. Ich habe über die später auch einen kleinen Artikel geschrieben. Oh Mann, das ist lange her, da hatte ich noch den größten Teil des Studiums vor mir.“

Marc musterte seinen Gesprächspartner erstaunt: „Oh Mann – Ich glaube das tatsächlich nicht... wenn die Geschichte so weitergeht, wie ich es gerade vermute, dann... ähm ... die hübsche Stewardess?“
Nun war es Marcs Vordermann, der ungläubig guckte. „Was meinen Sie bitte?“
„Sie waren für irgendeine Sportveranstaltung in München, stimmt´s? Und aufgrund der Tomatensaftattacke einer etwas tollpatschigen Mitreisenden sind Sie der attraktiven Stewardess näher gekommen?“
„Oh. Oh Mann...“
„Den Rückflug haben wir auch gemeinsam angetreten, allerdings ohne „Tomatina“.“ Marc zeichnete mit den Händen Gänsefüßchen in die Luft.
„Sie hatten auch etwas abgekriegt? Ich dachte, das wären außer mir nur die beiden Mädchen gewesen, die neben der kleinen Blonden...“ und dann verstand der sympathische Fremde. „Oh Mann! Das war SIE? Wie hieß denn das Mädchen noch gleich? Gretel oder so?“

„Gretchen. Margarete Haase. – Ich war der Übeltäter, der den Tomatensaft mit ordentlich Tabasco drin bestellt hat.“ Fügte dann liebevoll hinzu: „Aber das würde sie heute noch genauso hinkriegen, auch ohne Tabasco.“
„Marc!“ Gretchen war zurückgekommen und schnappte das Ende des letzten Satzes auf. „Du hast doch nicht...“
Um die Augen des Fremden waren nun zahlreiche Lachfältchen zu erkennen: „Hallo Gretchen, das ist doch ein schöner Zufall, dass wir uns ausgerechnet in einem Flugzeug wieder treffen.“
Erwartungsvoll beobachtete der erfreute Mann eine gerade sehr irritierte Ärztin, die ihrem Freund einen fragenden Blick zuwarf. Bei Gretchen machte es nach ein paar Sekunden „klick“. „Hä? Nee, das glaube ich jetzt nicht... Thilo?“

(„Verrückt – ist der jetzt aus meinem Tagebuch gesprungen?“)

„Ja, Gretchen – darf ich das überhaupt noch sagen? Oh Mann, das müsste jetzt 18 Jahre her sein, denn mit Annett bin ich dieses Jahr 15 Jahre verheiratet. Du oder besser ihr erinnert Euch an sie?“
„Du hast die hübsche Stewardess geheiratet?“ Gretchen kam aus dem Staunen nicht heraus.
„Ja, der Tomatensaft war mein Glück. Danke dafür. Vielleicht sollte ich uns was zu trinken organisieren. Auf den Zufall müssen wir anstoßen. Moment mal, bin gleich wieder da.“ Mit diesen Worten machte sich der Journalist auf die Suche nach einer Stewardess.

Marc konnte es nicht lassen, sich ein bisschen lustig zu machen: „Oh Mann, ich hoffe, er holt was Farbloses.“
Gretchen, die angesichts der Situation keinen Ärger verspürte, konterte frech: „Du kannst ja reinrutschen.“ Sie wies auf den Fensterplatz in ihrer Reihe. „Ich werde mich derweil mit einem netten Menschen unterhalten.“ Lächelnd drehte sie sich dem Journalist zu, der mit drei Gläsern Sekt balancierend wieder zurückkam.

„Gut, dass es gerade ruhig ist, jetzt wäre ein Luftloch blöd.“

„Garantiert ohne Tabasco.“ Die stilvollen Sektgläser aus Kunststoff hinterließen ein kratzendes Geräusch, als die drei miteinander anstießen. „Auf ein überraschendes Wiedersehen mit meiner Glücksbringerin und ihrem – Freund? Mann? Also, ihr seid doch...?“

„Freund ist schon richtig“ Gretchens blaue Augen fingen sofort an zu strahlen, was auch Marc augenblicklich ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte.

(„Klingt ungewohnt, aber nicht schlecht.“)

Der junge Chirurg hielt dem Gegenüber seine Hand entgegen.
„So, dann... ich bin Marc.“
„Thilo“
Gretchen konnte es immer noch nicht fassen. In ihrem Kopf wirbelten jetzt gefühlte tausend Fragen durcheinander. Marc ahnte, dass gleich eine Flut davon auf den neuen, alten Bekannten einstürzen würde: „Noch wäre Zeit zu fliehen...“
„Bitte?“
„Wenn sich die vielen Fragen in diesem hübschen Lockenköpfchen“, er nickte mit verschmitztem Grinsen in Gretchens Richtung, „zu vollständigen Sätzen sortiert haben, dann wirst Du vor Ende des Fluges keine ruhige Sekunde mehr haben.“
„Und Du verziehst Dich mal schnell in die stille Ecke und überdenkst Deine frechen Äußerungen.“ Gretchen war gut gelaunt.

„Guter Vorschlag. Ihr redet, ich schlafe. Mal sehen für wen die verbleibende Flugzeit schneller rum ist.“ Marc schob sich an Gretchen vorbei in die Sitzreihe und nahm wie geheißen am Fenster den Sitz ein. Auf der Suche nach einer halbwegs bequemen Körperhaltung stießen seine Füße auf Gretchens Handtasche. Er hatte noch nicht annähernd mit seiner freien Hand danach gegriffen, da vernahm er auch schon die Stimme seiner Freundin.
„Marc Meier! Wehe Dir!“

„Hasenzahn, da ich später nicht so elegant aus der Reihe plumpsen möchte wie Du eben, wäre es vielleicht möglich, diesen Kram hier aus dem Fußraum woanders hinzutun?“

Gretchen krabbelte ungeschickt – wie auch sonst – in die Sitzreihe und versuchte ihre Tasche zu sich zu ziehen. Doch die hatte sich mit einer der vielen Ösen und Laschen unter dem Vordersitz verhakt. „Halt mal bitte“, Gretchen drückte ihrem Freund ihr Sektglas in die Hand und versuchte, sich irgendwie tief genug in den engen Fußraum zu hangeln. Marc beobachtete ihr Tun ohne Anstalten zu machen, ihr zu helfen. Es war einfach zu schön.

(„Gretchen Haase in Hochform! Wie sie leibt und lebt. Und liebt. Man muss sie einfach lieben.)

Er musste unwillkürlich grinsen, als er die ungelenken Verrenkungen sah. Gretchen, die ahnte, dass Marc gerade sichtlich Freude an ihrer Aktion haben musste, begann zu schimpfen. „Wäre es im Rahmen des Möglichen für den Herrn Doktor, entweder Platz zu machen oder zu helfen? Du kommst da besser dran, Marc.“
„Ich habe die Hände voll, Hasenzahn.“ Der Angesprochene genoss noch einmal das Bild, welches sich ihm bot und sein Blick traf den von Thilo, auf dessen Gesicht erneut die Lachfältchen das Kommando übernommen hatten. Marc reichte dem rothaarigen Beobachter die beiden Plastikgläser und streckte seinen langen Arm nach unten. Schnell hatten seine geschickten Finger die Tasche befreit und Gretchen tauchte wieder zwischen den Reihen auf. Ihre Haare hatten etwas gelitten und ihr Gesicht war knallrot, wobei Marc sicher war, dass es weniger die Kopfüberhaltung gewesen war.

(„Peinlich! Und Marc genießt natürlich wieder... na der kann noch was erleben.“)

Mit einer ruckartigen Bewegung zog Gretchen ihre Tasche nach oben. Diese war nicht verschlossen und Marc packte sich blitzschnell Gretchens Halstuch, das aus der Öffnung heraushing.
„Sag mal...?“
„Finderlohn. Der ist jetzt mir. Zumindestens für die restliche Flugzeit.“
Gretchens Ärger war in dem Moment wie weggeblasen, als sie sah, wie dieser attraktive Mann an ihrem Tuch roch und sich dann damit an die Wand kuschelte.

(„Hm, ich liebe ihren Geruch!“)

(„Gott, der ist so süß!“)

Gretchen fuhr sich ein paar Mal durch ihre langen blonden Haare. Sie bemerkte Thilos Blick, der immer noch zwischen Marc und ihr hin und her ging. „Oh Mann, ihr kennt euch schon so lange und seid so verliebt wie am ersten Tag!?“
„War das eine Frage?“
„Wenn Du antwortest, war es eine. Ansonsten wäre es ja eher eine Feststellung.“
„Ah.“

(„Oh Mann...“)

Nach einer Pause: „Wir kennen uns zwar schon lange und auch sehr gut, aber wir sind noch nicht solange zusammen. Bis vor ein paar Tagen war er sogar noch mein Chef!“
„Oh. Oh Mann! Und jetzt? Ich meine, was treibt euch nach Afrika?“
„Ich werde eine Weile in einer Mission arbeiten. Der vorgesehene Arzt ist ausgefallen und ich habe mich spontan entschieden, ihn zu vertreten.“
„Du bist Ärztin? Oh Mann!“
„Ja. Marc war mein Oberarzt. Er kommt für eine Weile mit, solange es im Krankenhaus ohne ihn geht. Ich hoffe, dass mein Vater ihn nicht zu schnell zurück ruft.“
„Er war Dein Chef und Dein Vater ist seiner?“ Thilo musste lachen. „Oh Mann, ein Familienbetreib also?“
Gretchen stimmte in das Lachen ein: „Meine Mutter ist auch dort beschäftigt, als Krankenschwester.“
„Gelegentlich!“ Kam es vom Fenstersitzplatz.
„Pssst – bist Du still?“
„Oh Mann. Hattest Du nicht auch noch einen kleineren Bruder?“
„Ja. Aber der hat mit Medizin nichts am Hut, falls das Deine Frage gewesen wäre. Er hatte das zwischendurch zwar mal ins Auge gefasst, aber er ist jetzt wieder zu Jura zurückgekehrt.“
„Ist doch praktisch, steht man nicht eh als Arzt immer mit einem Bein im Knast? Ich meine, irgendwo mal gelesen oder gehört zu haben, dass jeder Eingriff im Grunde als Körperverletzung ausgelegt werden kann. Oh Mann!“
„Ja ungefähr so stimmt das wohl. Deswegen hat man ja so viel Anderes drumherum, mal vom Papierkram abgesehen. Ich glaube, das Drumherum war Auslöser, dass ich spontan hier im Flugzeug sitze. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass meine Arbeit Sinn macht. Ich denke, Afrika beziehungsweise diese Mission ist ein Ort, wo man sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann – den Menschen zu helfen.“
Thilo sah Gretchen offen an. „Du liebst was Du tust, oder?“
„Ja. – Und Du? Du hast tatsächlich diese Stewardess geheiratet? Und Du bist Journalist? Fliegst Du beruflich nach Afrika? Hast Du...“

„Moment, Moment... Oh Mann, wenn Du mich weiter mit Fragen bombardierst, habe ich die ersten Antworten schon wieder vergessen.
Ja, Annett und ich sind seit fünfzehn Jahren verheiratet. Mann oh Mann! Solange wir „nur“ eine Beziehung hatten, war es schwierig, weil sie halt ständig unterwegs war und ich wurde auch viel herumgeschickt. Ich hatte ja Journalismus und Fotografie/Fotojournalismus kombiniert und da ich flexibel war, hatte ich immer neben dem Studium gute Jobs zu erledigen. Musste man nicht zwei Leute schicken oder teure Bildrechte kaufen. Dass wir geheiratet haben hatte einfach den Hintergrund, dass es für uns alles viel günstiger war. Vor allem hatte sie als verheiratete Frau einen besser geregelten Freizeit- und Urlaubsplan. Dadurch wurde unsere Beziehung auch viel ruhiger und erfüllter. Durch unsere Jobs haben wir uns jahrelang die Welt ansehen können. Oh Mann, vor fünf Jahren haben wir dann Zwillinge adoptiert. Felix und Marie sind gerade eingeschult worden.“

Thilo musste erstmal Luft holen. Er zog ein Smartphone aus seiner Tasche und suchte eine Weile. Dann reichte er das Gerät an Gretchen. Vom Display grinsten sie zwei Kinder und zwei riesige Schultüten an. Auch die Betrachterin musste unwillkürlich grinsen. Beiden Kindern fehlten die oberen Schneidezähne. Aber auch ohne diese Gemeinsamkeit wären sie sich sehr ähnlich gewesen.
„Was für ein super Bild.“ Gretchen gab ihm das Telefon zurück.
Thilo fuhr mit dem Zeigefinger ein paar Mal über das Display, dann drehte er ihr das Handy erneut zu.
„Alle Mann zusammen? Ihr vier seht toll zusammen aus.“
„Oh Mann, eigentlich sind wir fünf, aber das wird man erst in ein paar Monaten sehen.“ Thilo packte das Telefon wieder weg.
„Oh, ich gratuliere.“
„Oh Mann, das war eine Überraschung für uns.“ Er zwinkerte Gretchen freudestrahlend zu.
„Und jetzt reist Du alleine um die Welt?“ In Gretchens Stimme klang echtes Interesse, keine Neugier.
„Naja, weniger. Ich bin mittlerweile leitender Redakteur bei einer großen Berliner Tageszeitung. Da muss ich nicht mehr oft weg. Aber manchmal mache ich noch freiberuflich Fotoreportagen nebenbei, meistens für so Naturzeitungen. Im Sommer hatten wir auf dem Afrikafestival in Berlin einige interessante Künstler und Projekte dabei. Oh Mann, eine Gruppe kam aus Burkina Faso und jetzt bin ich auf dem Weg dorthin. Natürlich nutze ich die Gelegenheit, auch so ein bisschen durch das Land zu fahren.“

„Vielleicht kreuzen sich ja unsere Wege nochmal? Die Mission liegt östlich von Ouagadougou, von der Entfernung nicht so weit, aber Fritz, also der Arzt, den ich vertrete, meinte, man benötigt für die knapp 100 km wohl gut fünf bis sechs Stunden – wenn nichts dazwischen kommt. Nur bis Koudougou gibt’s sowas wie eine halbwegs befestigte Straße. Von dort aus geht es in südlicher Richtung, nur noch über Sand- und Schotterpisten.“

„Mal sehen, wie heißt der Ort wo ich euch finden kann?“
„Also die Mission heißt Sanssouci. Aufgebaut hat sie ein deutscher Pfarrer, ähm, Martin Bedougou. Das Waisenhaus scheint nicht unbekannt zu sein, da die Kinder dort die Chance haben, zur Schule zu gehen und auch ein paar von ihnen erfolgreich an Universitäten studieren.“
„Ich werde sehen, ob ich Dich finde. Oh Mann. Ist Koudougou nicht sogar sowas wie das Medizinische Zentrum von Burkina Faso?“
„Pfff... bis vor ein paar Tagen wusste ich nicht mal, dass es dieses Land gibt, geschweige denn wo es liegt oder die Hauptstadt heißt!“
„Oh Mann, so spontan?“
„Sogar noch spontaner. Ich hatte den Flug eigentlich vor zwei Tagen gebucht. Aber dann hat Marc kurzerhand entschieden mitzugehen und in so kurzer Zeit einen Oberarzt für die Chirurgie zu organisieren, war schon heftig.“
„Sind Oberärzte nicht mindestens Mitte Dreißig?“
„Das kommt drauf an...“ In Gretchens Stimme klang ein wenig Stolz mit. „Marc hat halt das Studium und die ganzen Stationen schnell durchgezogen. Mein Vater kannte und schätzte ihn und seine Arbeitsweise schon und hatte den Mut, einem 28jährigen die Stelle als Oberarzt zu geben. Marc war der jüngste Oberarzt in Deutschland.“
„Oh Mann – Dann ist er gut?“
„Ich denke ja. Ich bin froh, dass ich seine Assistenzärztin bin. War.“

Thilo beobachtete seine hübsche Gesprächspartnerin, die mit dem letzten Satz in ihren Gedanken versunken war. („Sie ist total verliebt in ihn!“)

***
Die Unterhaltung war dann auch erst einmal für eine Weile beendet, da die Stewardessen die Fluggäste mit Getränken und Snacks versorgten. Gretchen bestellte sich einen Kaffee und ein Mineralwasser. Sie bekam außerdem eine kleine Menukarte ausgehändigt, da in absehbarer Zeit auch die Verteilung des Mittagessens beginnen würde. Ob sie Marc wecken sollte? Sie entschied sich schnell dagegen und kuschelte sich stattdessen vorsichtig an ihren Liebsten.
„Sind wir schon da?“ nuschelte Marc durch das Tuch. Er hatte sein Gesicht fast vollständig in seine Trophäe vergraben.
„Nein, aber ich hätte hier einen Kaffee und ein Wasser anzubieten. Außerdem fangen sie irgendwann demnächst an, das Mittagessen auszuteilen.“
„Hm, ist gut.“ Der Arzt veränderte seine Sitzposition soweit, dass Gretchen sich besser an ihn kuscheln konnte. Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich.

(„Der schläft doch noch zu 90%?“)

Gretchen war angesichts der unterbewussten Handlung ihres Schatzes gerührt. Sie konnte seine freie Hand erwischen und führte diese an ihre Lippen. Der Bewegungsradius war sehr eingeschränkt, sodass sie nur zärtlich die Handinnenflächen küssen konnte. Mit einem Mal war Marc hellwach. Diese zarten und liebevollen Berührungen auf der feinfühligen Chirurgenhand waren das Beste was er je wahrnehmen durfte. Niemals vorher hatte er so etwas gespürt. Ohne sich zu bewegen gab er sich völlig dem Genuss dieser neuen, wundervollen Erfahrung hin.

(„Oder ist der doch schon wach und tut nur so? Seine Atmung ist anders als eben. Guck mal einer an... Marc Meier genießt Zärtlichkeiten. Meine Zärtlichkeiten!“)

Gretchen wurde mit diesem Gedanken richtig warm ums Herz. Sie schmiegte ihre Wange in den Handteller. Nun war es Marc, der bei ihr Gänsehautschauer auslöste. Fast unmerklich fuhr er mit seinem Daumen über Gretchens Wangenknochen. Immer wieder, ganz langsam. Sie war dann diejenige, die diesem innigen Moment ein Ende bereitete, da ihre Körperhaltung auf Dauer nicht ganz so gut auszuhalten war. Sie richtete sich gerade auf und streckte und dehnte ihre Wirbelsäule in alle Richtungen. Ein grünes Augenpaar nahm jede ihrer Bewegungen wahr.
„Geht’s wieder?“
„Hm, ja. Aber allmählich wird´s lang.“
Das grüne Augenpaar richtete seine Sinne auf das Handgelenk der dazugehörigen Person. „Es ist nur noch eine gute Stunde.“
„Ja. Und angesichts der Reisezeit, die bereits hinter uns liegt, ist das doch nur noch ein Klacks.“
„Wenn Du es so siehst...“ Marc grinste. Er war eher der Meinung, dass es überraschend schnell ging, von Berlin nach Ouagadougou zu fliegen. Keine zehn Stunden, trotz Aufenthalt in Paris. Genaugenommen waren es nicht mal neun Stunden, aber da er ja Gepäck aufgeben musste, waren sie pünktlich zwei Stunden vor Abflug in Tegel gewesen. Er war auch nicht sicher, was sie morgen bei der Überlandfahrt nach Sanssouci erwartete. Das war bestimmt anstrengender, als sich hier im engen aber komfortablen Flugzeug aufzuhalten.Auch Doktor Meier richtete sich nun auf und seine Rückenwirbel in Reih und Glied. Er griff nach dem Kaffeebecher. „Bah, der ist ja kalt.“
„Mittlerweile schon. Aber kalter Kaffee macht schön.“
„Ach, das ist Dein Trick?“
„Was?“ Zwei blaue Augen strahlten ihn an.

(„Findet er das wirklich?“)

(„Sie glaubt wirklich nicht, dass ich sie schön finde. Vielleicht habe ich wirklich zu viele Essenswitze auf ihre Kosten gemacht? Aber ich mag das, wenn sie sich aufregt...“)

„Hör mal Hasenzahn. Ich weiß, dass ich Dich oft wegen Deinem Essverhalten speziell Deinem Schokoladenkonsum aufgezogen habe.... Das macht mir einfach Spaß, weil Du so vorsehbar reagierst. Aber das heißt nicht, dass Du nicht eine wunderschöne Frau bist. Und das finde ich nicht erst seit ein paar Tagen.“ Sein Blick fing den von Gretchen ein. „Du bist kein Modeltyp und egal, was Du anstellst, Du wirst nie einer sein. Du hast eine sehr weibliche Figur. Und mir gefällt das deutlich besser als diese Hungerhaken. Außerdem – Deine Waffen liegen woanders. Deine Augen sind der Wahnsinn und wer in diesem Blau erst ertrunken ist, wird auf gar nichts anderes mehr achten! Und wer doch meint, noch tiefer blicken zu müssen, der bleibt an Deinem großen Herz hängen und wird die Wärme, die davon ausstrahlt, genießen. Ich für meinen Teil“ – nun konnte Marc es doch nicht lassen – „Ich werfe auch durchaus gerne mal einen Blick auf Deinen Hintern. Ich mag das nämlich, wenn was dran ist. Und an Deinem Hintern hängt eben eine tolle Frau dran. Du. Die mir hoffentlich jetzt keine scheuert, sondern mich ihre sinnlichen Lippen küssen lässt.“
Marc war sich nicht ganz sicher, ob Gretchen seine Worte in den richtigen Hals kriegen würde. Aber das war wohl diesmal der Fall, denn kaum hatte er diese Bitte geäußert, da spürte er auch schon ihre weichen, vollen Lippen auf seinen.

(„Marc Meier übt sich im Komplimente machen. Obwohl... für Marc Meier-Verhältnisse war das ja schon sowas wie eine Liebeserklärung...)“

***
Um sie herum begann ein hektisches Treiben. Die Stewardessen schoben ihre Wagen durch den Gang und verteilten die kleinen Essenspäckchen. Marc und Gretchen studierten schnell die Menukarte.

„Klingt echt, als würden sie gleich edel eindecken...“
„Klar! Prinzessin, was nehmen Sie?“

(„Bestimmt die Pasta“)

„Was ist denn das für eine Frage? Pasta. Und Du? Hm ich schätze die Hühnerbrust.“
„Jepp.“

(„Gut, dann wäre das auch entschieden! Eh egal... Schwein mit Reis und Gemüse, Hühnchen mit Reis und Gemüse... nun eben das Hühnchen.“)

(„Ha! Ich kenne ihn eben, meinen Marc. Jawohl. Jetzt ist er wirklich und in echt mein Marc.“)

Ein paar Minuten später versuchten sie ihr Essen aus den Aluminiumschalen zu fischen. Marc hatte charmanterweise und ganz Gentleman die Schale für Gretchen geöffnet, nachdem er bei seiner Portion festgestellt hatte, dass sich der Deckel nur sehr schwer abziehen ließ.

(„Das kann ja fast nur schief gehen... und ich möchte nicht in Pasta baden!“)

„Warten Sie, wertes Fräulein. Der Am-Platz-Service ist inklusive. Sie brauchen gleich nur noch los zu schaufeln.“

(„Der will mich doch verarschen... aber vermutlich hätte ich nur die Nudeln überall verteilt, so wie er schon mit der Schweißnaht kämpfen musste...“)

„Sehr zuvorkommend, mein Herr. Würden Sie mir dann auch bitte die Serviette in den Ausschnitt hängen?“

Marc verschluckte sich umgehend an einem Stückchen Huhn.

(„Ich habe mich doch verhört?“)

„Bitte?“ hustete er.

„Deine Reaktion zeigt mir, dass Du mich schon ganz richtig verstanden hast, Schatz!“ Zwei ozeanblaue Augen funkeln ihn an. „Natürlich kann ich das auch alleine, aber der angepriesene Am-Platz-Service ist das dann nicht...“ Gretchen griff nach ihrer Papierserviette und schüttelte diese auseinander. Während sie ganz langsam die Kante um den Ausschnitt ihrer Bluse faltete, zog sie diesen noch ein ganzes Stück tiefer nach unten und legte so einen großen Teil ihres Dekolletés frei. Dabei ging – war es Zufall? – auch noch der oberste Knopf auf und Marc musste für einen Moment die Augen schließen und seine Fassung wiederfinden.

(„Guck mal einer an... da sitzt er und sagt gar nichts mehr. Ich kann Marc Meier durcheinander bringen! Jippieh“)

„Was ist denn, Marc? Ist die Brust nicht gut?“
„Brust?“ Marc schielte verwirrt in Gretchens Ausschnitt.
„Du hattest doch die Hühnchenbrust, oder?“ Mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen widmete Gretchen sich wieder ihrer Pasta.

(„Strike!“)

(„Wow, Hasenzahn... da steckt ja ein richtiges Luder in Dir...“)

Still widmeten sie sich wieder ihren Aluminiumschalen. Gretchen warf einen kleinen Seitenblick auf ihren Freund und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich nahm der Chirurg das wahr. „Du weißt schon, dass das nach Vergeltung schreit?“
„Ich kenne Dich schon länger, Marc. Das war reiner Eigennutz. Oder besser Eigenschutz. Also sind wir quitt, würde ich sagen.“

(„Sie hat das durchschaut?!“)
(„Durchschaut, mein Lieber, durchschaut!“)

Die beiden Verliebten schauten sich geradewegs in die Augen, beiden lag ein kleines Lächeln in den Mundwinkeln.

***
„Ich bin fertig, Hasenzahn, Du kannst abräumen.“

(„Bitte? Der will noch mehr?“)

Gretchen leistete ohne Murren Folge. Marc hatte mit Empörung gerechnet, dass Gretchen jetzt gar nichts sagte, ließ ihn nichts Gutes ahnen.

(„Na warte, Freundchen...“)

Mit einer Hand versuchte sie das kleine Tischchen an dem freien Platz zu ihrer Linken aus dem Sitz zu lösen. In ihrer Rechten balancierte sie die zusammengeräumten Tabletts. Marc sah mehrfach den ganzen Müll schon auf seinem Schoß liegen, doch er war nicht sicher, ob Gretchen das nicht doch extra machte.

(„Sie spielt doch mit mir?“)

Der kleine Tisch gab plötzlich seinen Widerwillen auf und klappte herunter. Gretchen erschrak – oder spielte sie nur? – und schon versank eines der beiden Messer zwischen Marcs Beinen.
„Oh, Entschuldigung! Warte“ – Ihr Blick hielt den von Marc gefangen und hinderte ihn daran, selbst nach dem Utensil zu greifen. Gezielt und sicher stellte sie die Tabletts auf dem Tischchen ab ohne dabei hinsehen zu müssen.

(„Scheiße... sie spielt tatsächlich! – Geil!“)

„Das war natürlich keine Absicht, Schatz! Gott sei Dank sind diese Messer so stumpf, dass sie nichts verletzen könnten. Es ist doch wirklich nichts passiert, oder?“ Mit einem provozierenden Augenaufschlag legte Gretchen ihre Hand sachte auf Marcs Schoß. Liebevoll strich sie mehrfach über den Bereich. Mit Genugtuung nahm sie wahr, wie Marc scharf einatmete und dann seinen Atem anhielt.

„Hasenzahn...“

(„Oh Gott, Hasenzahn, was machst Du mit mir?“)

„Ich sehe – spüre schon, dass alles noch dran und wohlauf ist... aber das Messer entfernen wir trotzdem mal aus der Gefahrenzone, ok?“ Und schon machte sich die kleine Hand zwischen Marcs Oberschenkeln auf die Suche nach dem Besteckteil. Gretchen sah Marc unverwandt an und beobachtete zufrieden seine Reaktion. Der junge Mann hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich einzig und allein darauf, seine Mitte unter Kontrolle zu halten.
„Hasenzahn?“
„Was denn Marc?“
„Hattest Du schon mal Sex auf einer Flugzeugtoilette?“
Hastig zog Gretchen ihre Hand zurück. „Bitte?“
„Danke!“ Marc atmete auf.
„Was? Ich kapier gar nichts.“
„Das war eine einfache Frage.“
„Nein.“
„Wie nein? Ich habe nur gefragt...“
„Nein war die Antwort.“
„Ich weiß.“
„Warum fragst Du dann?“
„Nur so.“
„Du willst jetzt aber nicht wirklich...?“
„Nee, ich dachte eher an Dich, so wie Du Hand angelegt hast?“

(„Ich? Sex auf einem öffentlichen Klo?“)

„Was denkst Du von mir?“
„Das muss ich allerdings erst neu überdenken.“
„Glaubst Du wirklich, ich würde ... ähm... Du weißt schon...?“
„Du fasst mich in aller Öffentlichkeit unsittlich an, da kann es doch sein, dass Du jetzt vielleicht vö ...“
„Kein weiteres Wort!“
„Im Übrigen... öffentliche Toiletten sind das Ekelhafteste was es gibt. Ich habe nichts gegen spontanen Sex, da wo man gerade ist, aber diese eine Örtlichkeit? Niemals! Nur, dass Du das weißt.“

(„Wer zuletzt lacht...“)

Marc richtete sich auf und gab Gretchen einen liebevollen Kuss, der von ihr auf der Stelle erwidert wurde. Seine Stimme klang zärtlich: „Auch ich kenne Dich schon ein Weilchen und ich bin mir ziemlich sicher, dass Deine sexuellen Erfahrungen lediglich indoor sind.“

(„Obwohl man eher von non existent reden könnte.“)

(„Das war nett ausgedrückt – ob er sehr enttäuscht ist?“)

„Marc?!“
„Das war nicht böse gemeint. Oder liege ich falsch?“
„Nein.“ Gretchens Antwort kam leise.

(„Sie schämt sich?“)

Marc beschloss seine Freundin nicht länger zu quälen. Er zog sie fest in seine Arme und eine Weile küssten sie sich, um sich dann in den glücklichen Augen des Anderen zu verlieren, um dann erneut mit ihren Lippen zu verschmelzen.

(„Dass ich küssen kann, das weiß ich!“)

„Ich bin im Himmel!“ Gretchen seufzte wohlig und kuschelte sich an ihren Freund.
„Das ist der Sinn eines Flugzeugs!“
„Du bist blöd.“
„Nein, verliebt...“ Marc stockte.

(„Habe ich das gerade gesagt?“)
(„Hat er das gerade gesagt?“)

Gretchen registrierte Marcs Anspannung. „Das muss Dir jetzt nicht unangenehm sein, Marc. Ob Du es sagst oder nicht, ich weiß eh, wie es Dir geht. So wie es gerade aus Dir raus kam, so komplett unbewusst und von ganz tief innen, es tut gut, das zu hören. Das war wunderschön.“
Allmählich entspannte sich der sonst so rationale Arzt wieder und fuhr mit seiner neuesten Lieblingsbeschäftigung fort.

(„Ich kann von diesen Lippen gar nicht genug bekommen. Aber dass sie wahnsinnig gut küssen kann, das weiß ich ja nicht erst seit gestern, äh, vorgestern.“)

Sie tauchen erst aus ihrer Welt auf, als die kleinen Wagen wieder durch die Gänge rumpelten und die Stewardessen die Tabletts einsammelten. Marc warf einen Blick auf seine Uhr. Für eine halbe Stunde würde es sich kaum noch lohnen, nochmals die Augen zu schließen. Schade. Die letzten Tage waren extrem ereignisreich und anstrengend gewesen. Und die Nächte nicht weniger. Er hatte definitiv noch ein Schlafdefizit. Konnte der Pilot nicht noch eine Extrarunde um die Sahara drehen? Im Internet hatte er gelesen, dass die Flüge meistens verspätet in Ouagadougou ankämen. Böse wäre er nicht, wenigstens noch ein Stündchen. In dem Moment meldete sich eine Stimme aus dem Cockpit.

„Mesdames et Monsieurs, je suis désolée...“

Und nach der französischen Durchsage, die Marc zu seiner Überraschung fast komplett verstanden hatte, auch nochmal auf Englisch. „Ladies and Gentlemen, unfortunately we have a delay...“

Gretchen stöhnte gleichfalls mit den übrigen Passagieren auf. Eine Stunde Verspätung? Als wäre der Flug so schon nicht lang genug. Nur Marc stieß innerlich Jubelrufe aus. „Gretchen, die letzten Tage hängen mir noch sehr nach. Du hast doch bestimmt noch was, was Du Deinem rosa Freund erzählen willst?! Ich würde gerne noch was schlafen...?“

(„Der fragt mich jetzt nicht wirklich?“)

„Natürlich Marc. Schlaf gut!“ Sie gab ihrem Freund einen Kuss.

(„Hat der jetzt tatsächlich ein schlechtes Gewissen? Oh Mann, er ist so süß. Also wenn er nicht gerade frech ist. Obwohl auch das Freche irgendwie süß ist. Mein Marc!“)

Die glücklich verliebte Frau entschied, dass sie tatsächlich noch ein paar Sachen hatte, die sie ihrem Tagebuch mitteilen konnte. Falls sie in der Lage war, das mit Worten zu beschreiben, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte. Mit ihm. Ihrer Jugendliebe und ihrer einzigen großen Liebe. Marc Meier!

Karo Offline

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06.05.2017 16:54
#3 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 1.3 - Tagebuch 2

♥♥♥

Liebes Tagebuch,

mein Leben lang erträgst Du geduldig, wie ich von Marc träume. Wie oft schon habe ich von unserem „ersten Mal“ geschrieben. Nun – es war da. Ganz plötzlich und unerwartet, natürlich total anders und logisch, tausendmal besser.

Ich hatte mich schon von Marc verabschiedet, nicht persönlich, aber das hätte ich auch nicht geschafft. Er hätte mich doch noch von dem Vorhaben, nach Afrika zu gehen, abhalten können. Nein, ich hatte ihm einen Brief geschrieben und Sabine zur Aufbewahrung gegeben. Natürlich – und glücklicherweise – hat sie sich verplappert und Marc hat sie genötigt, ihr den Brief schon auszuhändigen, obwohl ich noch nicht weg war.

Und dann stand er plötzlich zu Hause vor der Tür, als ich versuchte zu packen und meine Mutter allerlei unnütze Dinge für unbedingt erforderlich einpacken wollte. Selbst eine Mikrowelle schleppte sie an.

„Du kannst nicht einfach abhauen.“

Genau diesen Satz hatte ich gefürchtet und ich wusste, dass er die Macht hätte, mich aufzuhalten. Doch dann geschah etwas, womit ich nie im Leben gerechnet hätte.

Marc Meier kapitulierte. Vor seinen Gefühlen, vor seiner Angst. Vor mir? Er versprach gar nichts und hielt doch alles. Diese letzten Stunden gehörten nur uns. Für mich berührte der Himmel die Erde. Es war nur jetzt. Kein gestern, kein morgen. Gretchen Haase und Marc Meier. Nur wir beide. Nein, eigentlich waren wir eins. Zwischendurch natürlich noch mehr, Du weißt schon, was ich meine – Punkt, Punkt, Punkt...

Ich glaube, ich kann das alles nicht in Worte fassen. Nicht, weil es mir unangenehm wäre sondern weil es keine Worte dafür gibt. Das war einfach nur fühlen, ihn, mich, uns. Da waren so viele Gefühle, seine unglaublich gefühlvollen Berührungen, wohlfühlen und fallen lassen. Ich habe das noch nie so erlebt, mein Kopf war einfach ausgeschaltet und es gab kein richtig oder falsch, keine Zweifel.

Auch als ich mich dann still verabschiedet habe, war alles irgendwie richtig. Afrika war richtig. Ich hatte keine Zweifel mehr, zu gehen und mich der Herausforderung zu stellen.

Dann saß ich im Flieger und es gab kein Zurück mehr! Dachte ich. Doch plötzlich war ich nicht mehr Herr der Situation. Mehdi stand auf einmal im Gang und strahlte mich an. „Ich wollte schon immer mal weg.“
Und weiß der Teufel, was sie geritten hat, auch Gigi kam in den Flieger gehetzt. „Ich lasse Dich bestimmt nicht allein...“

Das war zu viel des Guten...

Da wir noch an der Schleuse hingen folgte ich meinem Fluchtinstinkt und verließ den Flieger. Ich glaube, die haben mich alle gehasst, aber das war egal. Ich musste raus.
Und was tut Gretchen, um ihre Nerven zu beruhigen? Erstmal musste dringend Schokolade her und da ich sowieso nicht gefrühstückt hatte...
Ich suchte mir einen freien Platz, um erstmal in Ruhe meine Beute zu vernichten und da saß er – Marc Meier.
Wollte er mich doch aufhalten?
Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nur ein kleines „Hallo“ bekam ich gekrächzt. Als er seinen Kopf hob, wusste ich die Antwort. Er wollte zu mir und wenn es Afrika bedeutete.

Jetzt, wo ich das hier so schreibe fällt mir auf, wie irrsinnig das ist. 20 Jahre laufe ich Marc hinterher und dann ist es auf einmal andersrum. Sogar bis nach Afrika.

Ich weiß nicht, wie lange wir da standen und uns einfach nur geküsst haben. Hatte ich schon mal erwähnt, dass Marcs Küsse einem den Boden unter den Füßen wegziehen können? Dass sie einem den Himmel auf die Erde holen? Dass es kein gestern und kein morgen mehr gibt? So ein Kuss war auch das. Wir sind dann erstmal zu ihm gefahren und er hat mir erzählt, dass er beim Aufwachen wusste, was er wollte. (Ich will es nur noch mal schreiben: Er wollte, nein er will mich!)
Er ist kurzerhand zur Klinik, seinen Pass holen, Urlaubsantrag abgeben und los. Kein Koffer, nichts. Nur Marc. Auf dem Weg zu mir.

Nur so ein Carol Beer-Verschnitt konnte Marc daran hindern, quasi ohne alles, in den Flieger zu steigen. Gott sei Dank! Sonst wäre er da und ich hier gewesen...

Marc war süß. Er hat auf die Schnelle für ein kleines, feines Frühstück gesorgt.
„Warum bist Du nicht geflogen?“
„Ist zu viel passiert. Und ich meine gerade nicht uns...“
„Du sprichst in Rätseln?“
„Mehdi und Gina tauchten plötzlich auf.“
„Wie, wo?“
„Im Flieger.“
„Mehdi?“
„Ja. Er hätte immer schon mal nach Afrika gewollt.“
„Und die andere? Hat´s Ziel verwechselt?“
„Wieso?“
„Die gehört dahin, wo der Pfeffer wächst...“

Ich musste lachen.
„Naja... zumindest bin ich sicher, dass Gina noch weniger nach Afrika passt als ich.“
„Wieso solltest Du nicht nach Afrika passen?“
„Die Hitze, wilde Tiere, keine komfortablen Badezimmer...“
„Ja, ich habe ehrlich gesagt auch meine Zweifel, Du bist halt Gretchen Haase. Obwohl... naja... ich glaube schon, dass es genau richtig für Dich ist. Du als Ärztin mit dem Herz auf dem richtigen Fleck? Es gibt keinen passenderen Ort für Dich als da. Du willst den Menschen einfach nur helfen. Das andere... ok, Du wirst Dich den Umständen anpassen müssen. An Mut fehlt es Dir nicht – denk nur an die Sache mit den Menschenversuchen. Wenn Du von etwas überzeugt bist, lässt Du Dich von nichts aufhalten. Wenn Du erstmal gesehen hast, was Du alles tun kannst. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Du bist schneller zu Hause als Sabine das Wort Horoskop aussprechen kann oder Du wirst brillieren. Top oder Flop.“
„Du wolltest mich tatsächlich nicht aufhalten?“
„Nein. Hast Du gedacht, ich würde Dich aus dem Flieger holen?“
„Ich war erst sicher, als Du mich angesehen hast.“
„Niemand kennt mich so gut wie Du.“
„Du wolltest mit mir mitgehen?“
„Ja. Heute Nacht, das war etwas, was ich noch nie erlebt habe. Alles andere war ausgeschaltet. Nur Du und ich. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt. So sicher. So... geborgen.“
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Dann lass mich reden. – Gretchen, ich wollte mit Dir gehen um bei Dir zu sein. Es hat nichts damit zu tun, dass ich Dir dieses Abenteuer nicht zutraue.“
„Und wie stellst Du Dir das vor? Ich meine, ich gehe nicht für ein Wochenende weg...?“
„Keine Ahnung.“
„Dann sollten wir uns ins Krankenhaus aufmachen und mit meinem Vater reden? Wie hast Du das überhaupt geregelt? Oder vermissen sie Dich da schon?“
„Nein. Dein Vater weiß, dass ich Dir folgen wollte. Ob er es ernst genommen hat, weiß ich nicht.“

Nun ja, mein Vater war sehr irritiert, als wir beide im Krankenhaus auftauchten. Erstens, ich noch da, zweitens Marc Meier tatsächlich vorerst weg. Für einen Monat maximal, obwohl mit Urlaub und Überstunden hätte Marc das restliche Jahr blau machen können.
Für mich gab es sogar schon Ersatz. Ob ich darüber glücklich war, so leicht ersetzbar zu sein? Egal. In dieser Woche noch würde ein neuer Assistenzarzt anfangen, den einzuarbeiten, da musste Doktor Rössel dann eben noch durch – ging ja eh im Februar in Rente.
Aber deswegen hatte mein Vater ein offenes Bewerbungsverfahren laufen, da konnte vielleicht einer auch spontan zum mehrwöchigen Probearbeiten antanzen. Das war übrigens Marcs Gedanke und ich fand den gar nicht schlecht. Ich glaube, da hat er Papa auf eine Idee gebracht, die sich auch für zukünftige Einstellungen nutzen ließe.
Mein Vater konnte es wirklich nicht glauben, dass Marc das mit mir ernst zu meinen schien. Aber ich vermute, er hätte eher selbst Doppelschichten gemacht, bevor er uns diese Chance verbaut hätte.

Ich bin noch schnell bei Sabine vorbei und sie war sehr geknickt, dass Marc Meier mich wohl doch noch aufgehalten hatte, weil sie ihm schon den Brief gegeben hatte. Was bekam sie dann für Kulleraugen, als ich ihr dankend um den Hals gefallen bin.
„Aber Frau Doktor, Sie wollten doch nach Afrika!“
„Und ich wollte Marc. Schon immer.“
„Aha? Und jetzt?
„Und jetzt? Bekomme ich beides, Sabine. Doktor Meier und ich fliegen gemeinsam.“
„Oh... dann hatten Ihre Sterne doch Recht!“
„Meine Sterne?“
„Ihr Horoskop, Frau Doktor.“
„Ach, Sabine...“
„Nein, nein, Frau Doktor. Da steht auch was zu Doktor Meier drin.“
„In meinem Horoskop?“
„Sehen Sie!“

„Der September ist für die Stierfrau ein guter Monat, einen Plan zu verfolgen. Sie weiß, was sie will, und wenn sie auf etwas aus ist, lässt sie sich davon nicht abbringen. Sie verlässt sich auf ihre Gefühle und sie weiß, dass sie ihrer Intuition vertrauen muss, um die Wahrheit zu entdecken. Doch da sie von Natur aus konservativ ist, ersehnt sich die Stierfrau einen zuverlässigen Mann, der ihr zur Seite steht.
Als logische Ergänzung für im April geborenen Stierfrauen gilt der Waagemann, während die Stierfrauen des Mai sich nach dem willensstarken Löwemann umsehen sollten, denn willensschwache Männer ziehen sie nicht an.“ Sabine betonte den letzten Satz.

„Sabine???“
Sie sind doch im Mai geborene Stierin?
„Ja, aber...“
„Und Doktor Meier ist doch Löwe, stimmt´s?“

„Genau.“ Marc stand in der Tür. „Kommst Du?“
„Ja. Danke nochmal, Sabine. Mal sehen, wann ich Sie wieder sehe.“

„Alles Gute Frau Doktor, Herr Doktor. Ich freue mich für Sie beide.“

Dann waren wir wieder in Marcs Wohnung. Als erstes regelten wir das mit den Flügen und Marc packte seinen Koffer. Seltsam, dass ein Mann mit so wenig Klamotten auskommt. Also nicht dass Marc wenig Kleidung hätte. Ehrlichgesagt war ich überrascht, wie viel da in seinem Schrank hängt. Aber beim Packen war er wieder der rationale und logische Marc. Der war dann aber auch mit Zuklappen des Koffers wieder weg. Oh Gott, hoffentlich ist der nicht im Gepäck gelandet? Ich möchte momentan nämlich nur den gefühlvollen und sensiblen Marc um mich haben.

Liebes Tagebuch,
Du glaubst gar nicht, wie feinfühlig und zärtlich Marc Meier sein kann. Das war einfach nur der Wahnsinn. Sowas habe ich noch nie erlebt. Nicht mal annähernd. In der Nacht vorher hatten wir schon mehrmals miteinander geschlafen und ich hatte arge Bedenken, dass ich heute sitzen könnte. Wäre bei dem Flugmarathon ganz übel gewesen.
Ich meine, wenn ich mich daran erinnere, dass es mit Peter maximal zweimal ging? Das dritte Mal wäre schon währenddessen und bestimmt am nächsten Tag eine Tortur gewesen.
Und ich kann es kaum sagen... Marc hat es jedes Mal geschafft, dass ich auch... Peter war das total egal. Hauptsache er war fertig.

Und wie nutzten wir wohl jetzt unsere verbleibende Zeit? Es war früher Nachmittag und wir gingen ins Bett. Es war wieder so wunderbar wie in der Nacht davor. Oder fast noch besser, weil wir uns langsam an den anderen gewöhnten und uns kennenlernten. Also, unsere Körper. Und wir beide wurden sicherer mit uns.

Irgendwann beschlossen wir, nochmal in Ruhe schön essen zu gehen. Quasi als erstes richtiges Date. Das war Marcs Idee und ich fand es einfach nur süß. Das will Marc übrigens nicht hören. Er sei nicht süß und das S-Wort steht nun auf der Verbotsliste. Also seiner. Aber hier kann ich ja eh schreiben, was ich will.
Marc ist süß!!!!!!!

Ich hatte allerdings nichts Frisches zum Anziehen und mir graute etwas bei dem Gedanken, auch noch am nächsten Tag in den gleichen Klamotten stecken zu müssen. Wir wagten uns nochmal zu meinen Eltern und ich fand noch etwas in meinem Kleiderschrank. Ich hatte allerdings keine vernünftige Unterwäsche mehr.

Marc meinte zwar, ich könnte ja ohne gehen, aber das macht Gretchen Haase nun mal nicht. Mama wollte mir was von sich geben... oder wir könnten zum Essen bleiben und sie würde schnell noch waschen. Nein! Das wollten weder Marc noch ich.

Also war unser Date etwas ausgiebiger... erst Unterwäsche kaufen... also allein DAS war ein Erlebnis. Ich wollte nur schnell zum nächsten C&A, doch er hatte ganz andere Vorstellungen. Alleine wäre ich bestimmt schnell fertig gewesen, aber nicht mit Marc Meier.

Ich muss sagen, er wusste was er mir brachte. Die Verkäuferin hat sich glaube ich sofort in ihn verliebt. Ich habe dann die Vorauswahl getroffen und Marc durfte aussuchen, was er an mir öfter sehen wollte.
„Nichts“ – natürlich, wie konnte ich das vergessen...
Aber Marc wäre nicht Marc, wenn es nicht statt „Oder“ auch ein „Und“ geben würde. Er mochte das schwarze Spitzenset sehr aber fand auch das zart geblümte passend für mich. Die Spitze ist nun mit in seinen Koffer gewandert und die Blümchen an meinen Körper.

Wir sind dann in das Steakhaus in der Nebenstraße gegangen, das war zum einen nah und praktisch und zum anderen der Glücksgriff schlechthin. Nicht nur, dass das Essen wirklich gut war, nein, wir stolperten in der Tür über Cedric Stier. Du weißt schon, den mit der Bumswette.

Der hatte seine Oberarztstelle im NSK ja gekündigt, nachdem er mit dem Tod seiner Schwester nicht klargekommen war. Nun wusste er nichts so recht mit sich anzufangen. Marc hat ihn geradewegs gefragt, ob für ihn nicht ein ruhigeres Krankenhaus besser wäre und keine zehn Minuten später hatte er schon meinen Vater angerufen.

Und nun darf ich nochmal laut „Jippieh“ rufen. Doktor Stier hat für einen befristeten Vertrag bis Ende Dezember für eine halbe Stelle unterschrieben. Sprich Marc hat wenigstens halbwegs gleichwertigen Ersatz gefunden.

Ja und den Rest kannst Du Dir denken. Ich meine, Marc hat nicht umsonst ein ordentliches Schlafdefizit... auch unsere zweite Nacht war wunderbar. Marc hatte vorgeschlagen, die letzte Gelegenheit zu einem Vollbad zu nutzen. Wie Recht er wieder hatte und welche Hintergedanken... Ich hatte so viel Sex innerhalb von 24 Stunden wie früher nicht in zwei – ach vier – Wochen! Wundern tut´s mich immer noch, dass das so total anders ist als früher.
Aber einfach tausendmal besser!

Ein gutes Schlusswort, finde ich. Bald sollten wir nun aber wirklich da sein. Jetzt gucke ich mir nochmal die Notizen von Fritz an und dann hat diese Fliegerei hoffentlich auch ein Ende.

Bis bald!

Karo Offline

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06.05.2017 17:12
#4 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 1.4 – Flug nach Ouagadougou 2


Gretchen verstaute zum zweiten Mal das Tagebuch in ihrer Handtasche. Gleichzeitig nahm sie ein paar Notizzettel zur Hand und kuschelte sich an Marc. Sie blätterte in den wenigen Informationen, die Fritz ihr mitgegeben hatte.
„Na, kannst Du die nicht schon auswendig?“ Marc war wach geworden.
„Schön wär´s. Bald sind wir da und mein Kopf ist total leer.“
„Was, nicht mal Schokolade drin?“
„Du hast mir ja keine gekauft?“ Sie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Ob Mehdi und Gigi uns abholen? Die müssten sich doch da schon auskennen.“
„Und Du wolltest alleine nach Afrika?“
„Warum glauben eigentlich immer alle, dass ich das nicht kann?“
„Gretchen, ich glaube nicht, dass Du nichts kannst. Ich habe Dir da vorhin schon was zu gesagt. Ich glaube, diese Aktion kam einfach für alle total überraschend. Normalerweise wird man monatelang auf so einen Aufenthalt und die Bedingungen vorbereitet. Aber – und jetzt würde mir Sabine um den Hals springen – das ist der Stier in Dir. Immer mit dem Kopf voran durch die Wand.“
„Ja, danke, Marc. Halt einfach besser die Klappe. Manchmal bist Du so ein Arsch! Du kannst froh sein, dass wir mit dem Flugzeug fahren. Äh, wollte sagen, wenn wir mit dem Auto fliegen würden…“

Marc fing an zu lachen. „Jetzt reg Dich nicht auf. Du siehst doch wohin das führt. Auto fliegen, Flugzeug fahren… Selbst dass Du alle erforderlichen Impfungen hast, ist reiner Zufall. Im Grunde hast Du keine Ahnung, was auf Dich zukommt. Du sprichst allenfalls Französisch, wenn Du Dir ein Croissant bestellen möchtest.“
„Maaarc!!!“
„Ist doch so. Wie läuft das, wenn wir ankommen? Wo müssen wir hin und vor allem, wie kommen wir dahin? Was weißt Du über das Projekt?“

Gretchen war genervt. Gerade noch war sie im 7. Himmel und nun war sie schon vor der Landung wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

(„Leider hat er nicht mal Unrecht...“)

„Wir sind in einem Hotel untergebracht, das nicht weit vom Flughafen weg ist. Mehdi und Gina müssten wir dort auch wieder treffen. Dort holt uns ein Christian ab. Der ist in der Mission als Entwicklungshelfer tätig. Falls Mehdi sich mit diesem Pfarrer noch nicht in Verbindung gesetzt haben sollte, müssen wir uns bei denen melden.“
Marc forderte sie weiter: „Und wenn die da irgendwo im Busch sitzen, haben die dann Telefon? Oder müssen wir das Trommeln auch noch schnell lernen?“
Fast musste Gretchen lachen aber das wollte sie ihrem Freund nicht zugestehen. „Du bist so blöd. Also, ich habe eine Telefonnummer, aber es gibt nicht immer eine Verbindung. Über Funk kann man die einfacher erreichen, man muss nur in eine Funkstation gehen. Naja und die Krankenstation von Fritz befindet sich auf diesem Missionsgelände. Das hieß wie ein französisches Schloss. Hab den Namen jetzt nicht parat. Versailles war es nicht.“
Marc seufzte: „Sanssouci.“

(„Warum weiß er nur immer alles?“)

Gretchen wurde bockig. „Keine Ahnung. Vielleicht.“
Marc klärte sie auf. „Auf Französisch „Ohne Sorge“ und das Schloss Sanssouci in Potsdam wird als das preußische Versailles bezeichnet.“
Gretchen ging sein Wissen auf den Keks. Außerdem schwante ihr bereits Böses.

(„Schnell weg von dem Thema...“)

„Ja, Mr. Klugscheißer, ich bin blond und dumm. Kannst Du jetzt jemanden anderen belehren und mich in Ruhe lassen?“
Doch Marc ließ sich nicht zum Schweigen bringen. „Entschuldige bitte Gretchen, das hat nichts mit Klugscheißen zu tun. Das gehört zur Allgemeinbildung, besonders, da es bei uns um die Ecke liegt und soweit ich weiß, waren wir sogar mit der Schule da.“

(„Nein... bitte nicht...“)

Nach einer kleinen Pause, in der er Gretchens Mimik genau beobachtete und nun wusste, warum sie so schnell von dem Thema weg wollte, fuhr er fort: „Ja, ich erinnere mich. Das war zum 30jährigen Bestehen des Gymnasiums. Da gab es einen kompletten Schulausflug dahin.“ Marc begann angesichts der alten Bilder in seinem Kopf zu grinsen. „Und hattest Du da nicht…“

(„Oh Gott… Der Sturz in den Brunnen… daran will ich mich gar nicht mehr erinnern…“)

„Nein hatte ich nicht. Und ich kann mich auch nicht erinnern!“

(„Nee, peinlich“)

(„Und wie sie kann... Sie weiß genau wovon ich spreche. Hach Gott, das würde sie heute auch noch hinkriegen…“)

„Entschuldige Gretchen, aber das sind so Dinger, die konnten und können fast nur Dir passieren.“
Diese Erinnerung empfand Gretchen als so peinlich, dass sie fast angefangen hätte zu heulen. „Marc, Du bist gemein.“ Ihre Stimme nahm einen leicht aggressiven Unterton an.

(„Sie fühlt sich in die Ecke gedrängt.“)

„Und ja. Ich bin sehr froh darüber, dass Du hier neben mir sitzt. Mit Dir fühle ich mich sicherer. Aber das heißt nicht, dass ich das nicht auch alleine auf die Reihe gekriegt hätte.
Und – Dass Mehdi und Gina einfach so auftauchen, damit hab ich nicht gerechnet.
Und – ich weiß auch nicht, ob ich sie da in dieser Mission haben will. Mehdi geht ja noch, aber Gigi in Afrika? Sie hat ja schon bei uns behauptet, unsere Einrichtung käme vom Flohmarkt.“

„Bitte? Was kommt vom Flohmarkt?“

„Unsere Krankenhauseinrichtung. Speziell bezog sie das auf einen Tropf. Und als sie die OP-Naht von Pfarrer Thies gesehen hat, ist sie auch vom Glauben abgefallen. Warum wir das immer noch nähen und nicht klammern, tackern, kleben… was weiß ich...“
„Na da sollte man ja vielleicht mal einen Nähkurs bei den Kinderärzten in Hannover machen… Wenn die da so gut Bescheid wissen. Wobei... macht man Handarbeiten nicht im Kindergarten?“
„Hä? Wieso Hannover? Gigi ist Chirurgin. Sie hat in Harvard studiert und ist in London Oberärztin.“ Dann musste Gretchen lachen. „Hat sie Dir etwa auch die Kindermedizinernummer erzählt?“

(„Die hässliche Brillenschlange ist Chirurgin? Harvard? Oberärztin?“)

Marc war verwirrt: „Kindermedizin in Hannover, ja…“
Gretchen grinste: „Dann wollte sie Dich in der Tat aufreißen. Sie meint, Männer hätten Angst vor erfolgreichen Karrierefrauen mit was in der Birne.“
Marc verstand für seine sonstige Rechenleistung zu wenig. „Hä? Ich dachte, ihr hättet euch beim Studium kennengelernt? Und Gretchen, Du weißt, ich halte viel von Dir als Ärztin.“

(„Aber Harvard?“)

Gretchen sah ihn streng und herausfordernd an.

„Ehm, auch als Ärztin.“

(„Puh, grad nochmal die Kurve gekriegt. Gretchens Blick gerade...!“)
(„Glück gehabt, Freundchen, grad nochmal die Kurve gekriegt“)

„Aber in Köln hast Du schon studiert...?“
„Ja, da haben wir uns kennengelernt. Sie war ein paar Jahre weiter als ich und quasi mein Wegweiser. Gigi hat das Grundstudium in Köln gemacht und bekam dann ein Fellowship in Harvard.“
Marc konnte seine böse Ironie nicht zurückhalten. „Hatte sie was mit einem Professor, dass der sie weggelobt hat?“
Gretchen musste lachen. „Kann ich Dir nicht sagen. Sie hat zwar zwischendurch erst gewechselt, aber wenn sie nicht gut gewesen wäre, hätte sie dort sicherlich kein Stipendium bekommen.“
„Pfff…“ Marc rollte mit den Augen.
Gretchen fuhr fort: „Allerdings hatte sie dann in Harvard was mit diesem Jerome. Er war der Sohn von einem Professor für Psychologie und um den zu beeindrucken, hat sie dann ein paar Psychologiekurse besucht. Keine Ahnung, ob das was mit ihrem schnellen und guten Abschluss zu tun hatte. Im Grunde hat Gigi sich einige Jahre Assistenzzeit gespart, deswegen war sie auch mit 31 schon Oberärztin.“

Marc richtete sich auf und sah Gretchen ernst an: „Jetzt warte mal… die Brillenschlange…“
„Maarc!!!“
„Ja, was denn… also, die intrigante Brillenschlange stellt sich als sowas Tolles dar und ist trotzdem kotzhaft eifersüchtig auf Dich. Das muss man sich mal begreiflich machen… da hat jemand, also sie – zugegeben – einen guten Abschluss an einer Top-Uni, bekommt einen ordentlichen Job in London.
Und so eine „tolle Frau“ ist furchtbar eifersüchtig und neidisch auf die ungeschickte, tollpatschige Freundin aus Studienzeiten…? Ich glaub das ja kaum…“
Gretchen protestierte: „Das ist doch Quatsch, Marc. Worauf sollte Gigi denn eifersüchtig sein? Auf mich? Und um was bitteschön soll sie mich beneiden? Dass ich mit 30 nochmal die Fachrichtung gewechselt und quasi die Assistenzzeit nochmal neu angefangen habe?“

„Gretchen… denk mal an den Polterabend. OK, ich war da auch nicht ganz nett, aber sie hat mich doch bloßgestellt, weil ich sie habe abblitzen lassen.
Ja, der Plan war ein anderer, und ich gebe zu, das war von mir auch scheiße. Aber bis heute waren die Freundinnen oder Frauen meiner Freunde immer tabu. Und bevor Du irgendwas fragen willst – nein, ich hatte nichts mit Mehdis Frau. Also vorher schon, ja. Bevor sie sich kannten. Aber dann nicht mehr.
Und sie, also die Hexe, wusste ja von Deiner Besessen…“

„Jaaa?“

„Äh… von Deinen Gefü… also dass Du mich magst. Auch wenn Du diesen Lackaffen heiraten wolltest.“ Er schüttelte sich. „Hm, nee, Gretchen. Die weiß so gut, dass sie Dir nicht das Wasser reichen kann. Da kannst Du – und das meine ich jetzt nicht als Angriff auf Dich – noch zwanzigmal mehr Problemzonen haben und beim kleinsten Anlass in Tränen ausbrechen…“
Marc sah Gretchen unsicher an, doch sie hörte nur ruhig zu. „In dem Moment, wo Du einem Menschen Dein bezauberndes Strahlen schenkst, liegt Dir die Welt zu Füßen. Und das versteht sie nicht. Dass Deine Wirkung auf andere einfach ganz natürlich aus Dir raus kommt. Und nebenbei gesagt – vielleicht bist Du nicht die ehrgeizigste Assistenzärztin, die die Welt bisher gesehen hat. Aber Du bist garantiert mit Abstand eine der besten, die ich erlebt habe.“
Die attraktive Ärztin neben Marc war gerührt. „Marc…“
Dieser zog seine Freundin wieder ganz nah zu sich heran. „Und Du bist das widersprüchlichste, launischste, faszinierendste, warmherzigste und liebevollste Wesen, das ich kenne.“

Sie küssten sich eine Weile, dann sah Gretchen wieder in die grünen Augen. „Du bist die ganze Zeit schon so charmant unverschämt, dass ich fast Spaß dran habe…“
Marc lachte und die junge Frau fuhr fort: „Weil es nicht verletzend ist Marc. Wir haben beide einen gehörigen Knall. Wir kennen uns zu lange, um die Angriffsfläche des anderen nicht zu kennen. Es fühlt sich gut an, wenn Du nicht drauf haust, sondern über diese Angriffsfläche streichst.“
Der Schalk saß dem Chirurgen im Nacken und mit seiner Hand fuhr er unter Gretchens Pulli, strich zärtlich über ihr Hüftgold und den Bauch und grinste sie herausfordernd an: „So?“
Bevor sie irgendwas erwidern konnte, verschloss er ihre Lippen mit seinen eigenen. Dann ergriff Marc wieder das Wort: „Und nur fürs Protokoll… Ich komme nicht mit Dir hierher weil ich denke, dass Du es alleine nicht schaffst – im Gegenteil...
Du warst mutig genug, Dich mit mir meiner Angst zu stellen und mit mir das Neuland meiner Gefühlswelt zu erkunden. Ich hab damit keinerlei Erfahrung, ich kann das nicht einschätzen und auch noch nicht damit umgehen. Diese mir unbekannten Gefühle verunsichern mich total. Andererseits fühle mich bei Dir sehr sicher und sehr wohl. Ich möchte nicht einfach am Rande des Neulands stehenbleiben sondern einfach noch ein Stückchen mehr kennenlernen.
Und ich denke, da ist es nur sinnvoll und fair, wenn ich mit Dir Dein Neuland betrete. Wenn wir beide etwas sicherer geworden sind, dann werde ich nach Hause fahren. Mein Ziel ist definitiv nicht der Afrikanische Busch. Meine Motivation für Afrika bist Du.“ Er holte einmal tief Luft. „Sind Wir!“ Er flüsterte es zaghaft.

Angesichts dieser Worte war Gretchen sprachlos. Sie konnte ihm lediglich ernst und liebevoll in die Augen sehen und ihm einfach nur zuhören. Dann fand sie ihre Sprache wieder: „Marc? Das war mit Abstand die schönste Liebeserklärung, die ich bisher gehört habe. Und das, obwohl das Gefühlsterrain noch Neuland für Dich ist.“ Diesmal war es Gretchen, die Marc mit einem atemberaubenden Kuss den Mund verschloss. Eine Weile ließen sie sich von ihren Gefühlen treiben. Marcs Hand lag immer noch ruhig unter Gretchens Pulli.

***
Die friedliche Stimmung wurde jäh unterbrochen, als die Passagiere durch die Lautsprecher informiert wurden, dass in Kürze der Landeanflug auf Ouagadougou beginnen würde.

„Übrigens, wir sind vorhin abgeschweift…“ Gretchen kam zum Ursprungsthema zurück. Marc wusste erst gar nicht, worauf seine Liebste hinaus wollte und blickte sie fragend an.
„Das Hotel Soleil liegt ganz in der Nähe von Zentralem Markt und der Kathedrale. Also können wir uns, falls das Hotelshuttle nicht kommt, für die circa zwei Kilometer vom Flughafen zum Hotel ein Taxi nehmen. Der Flughafen liegt nämlich auch ganz zentral, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Allerdings gehe ich davon aus, dass Mehdi und Gina dafür sorgen, dass wir abgeholt werden. Wenn sie nicht selber kommen. Zufrieden Doktor Meier?“
Doktor Meier lachte: „Hasenzahn, ich bin begeistert!“

Damit beendeten die beiden Frischverliebten ihr Gespräch. Gretchen hatte in ihren Notizen noch einen weiteren Hinweis auf die Lage von Sanssouci gefunden. Schnell schrieb sie die Wegbeschreibung ab:

Von Koudougou folgt man der N14 Richtung Dedougou für ca. 30 Kilometer. Man überquert den Mouhoun River und biegt direkt dahinter nach Süden ab (vielleicht findet man das verrottete Holzschild nach Boromo) auf eine unbefestigte Sandpiste. Man fährt unweigerlich auf Sanssouci zu.

Sie rutschte wieder auf den Gangplatz und lehnte sich um den Sitz herum in die vordere Reihe. „Thilo? Also falls Du es einrichten kannst, das hier kann ich Dir noch zu Sanssouci geben. Es würde mich freuen.“
„Oh, danke. Ich fände das auch toll. Oh Mann! Ich werde es in jedem Fall versuchen. Ansonsten sieht man sich vielleicht irgendwann mal in Berlin?“
„Ja klar. Ich weiß nur nicht so genau, wie lange ich hier sein werde. Über das Elisabeth-Krankenhaus sind Marc und ich aber immer irgendwie zu kriegen.“
„Fein. Bestimmt erinnert sich Annett auch noch an diesen Flug.“

„Wehe, wenn nicht!“ Gretchen war mittlerweile mit der alten Geschichte versöhnt.
Die Stewardess platzte in die Unterhaltung und forderte die Reisenden auf, sich anzuschnallen und Thilo zwinkerte Gretchen zu. „Jetzt haben wir es ja fast geschafft. Wobei... für Euch geht es ja noch weiter. Oh Mann, fast würde ich sagen, der anstrengendste Teil liegt noch vor euch.“
„Meinst Du?“ Gretchen klang nun wenig erfreut.
„Oh Mann ja... fahrt ihr gleich noch weiter?“
„Nein, wir haben eine Übernachtung hier. Wir treffen auch heute schon einen Sozialarbeiter von Sanssouci und morgen geht’s dann zum endgültigen Ziel.“
„Oh Mann, dann könnt ihr euch ja ausruhen. Ihr werdet bestimmt so früh fahren, dass es noch halbwegs angenehm von den Temperaturen her ist.“
„Ich schätze, das erfahren wir alles heute noch. Da Fritz, also der, den ich vertrete, fleißig war, haben wir noch einiges an Material, das abgeholt werden muss. Naja. Wir sind jetzt hier und werden sehen, was uns erwartet.“
„In jedem Fall seid ihr in einem sehr armen, ursprünglichen Land. Ich mag es, oh Mann! Die Menschen sind fein. So viele Ethnien und sehr wenig Unfrieden. Sie helfen sich gegenseitig, auch wenn sie selbst nichts haben. Sie akzeptieren die anderen, auch wenn sie ganz andere Lebensarten haben. Oh Mann! Da kann sich manch ein anderer Staat, der sich Demokratie schimpft, eine dicke Scheibe von abschneiden. Ich glaube, auch ihr werdet dieses Land mögen. So, ich muss mich anschnallen, auch wenn es unhöflich ist, einer netten Dame den Rücken zuzudrehen. Alles Gute Gretchen, für euch beide natürlich.“
„Danke, Thilo! Dir auch!“

Gretchen schnallte sich schnell wieder ab und rutschte auf den mittleren Sitz, neben Marc. Nachdem sie den Gurt wieder vorschriftsmäßig geschlossen hatte, ergriff die junge Frau die feine Männerhand. Keiner von beiden sprach, nur ihre Augen kommunizierten miteinander.

Karo Offline

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09.05.2017 20:34
#5 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben.

Morgen geht mein Urlaub zu Ende und zur Feier des Tages bekommt ihr nochmal ein wenig Futter. Hatte ich etwas von Afrika gesagt...? Ähm, da muss Professor Haase vorher noch etwas klarstellen.

Aber dann... ja, dann...

Viel Spaß!



BERLIN

September 1.5 – Cafeteria


In der Cafeteria des Elisabethkrankenhauses hatten dieses Mal ungewöhnlich viele Kollegen die Einladung zur Mitarbeiterversammlung angenommen. Es war schon sehr seltsam, dass spontan drei Ärzte ein Krankenhaus verließen. Viele Gerüchte kursierten in den Krankenhausfluren. Vor allem das spontane Verschwinden des Professorenlieblings Doktor Meier warf viele Fragen auf. Hatte es damit zu tun, dass der Oberarzt einen Mann verprügelt hatte? Einige behaupteten, er hätte ich wegen der Tochter des Professors geprügelt, bestimmt war das kein Patient gewesen, sondern Doktor Kaan, der ja auch Interesse an der beliebten Assistenzärztin gehabt hatte. Waren beide rausgeflogen? Und wo war Doktor Haase selbst? Ob diese hysterisch veranlagte Person tatsächlich nach Afrika gegangen war? Das war die offizielle Begründung und dieser seltsame Patient mit dem Fisch in der Blase hatte das ja auch soweit bestätigt.

Professor Haase erschien nun und musste angesichts der großen Menge seiner Mitarbeiter, die ihn erwartungsvoll anblickte, schmunzeln. Neugieriges Volk. Der Flurfunk war ihm natürlich auch zu Ohren gekommen und er hatte sich dieses Mal wirklich gut überlegt, was er wie sagen sollte. Aber warum wer nun nicht mehr da war, ging niemanden etwas an. Außerdem gab es genug neue Mitarbeiter vorzustellen, da würde sich seine Belegschaft schnell ablenken lassen.

Der Klinikchef trat nun vor die Anwesenden und sofort war es mucksmäuschenstill.


◊◊◊

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie ich an Ihrem zahlreichen Erscheinen sehe, möchten Sie sich die Gelegenheit zu einem Sektchen nicht nehmen lassen. Ich möchte Ihnen offiziell unsere neuen Kollegen vorstellen, wie jedes Jahr um diese Zeit dürfen wir ja unsere Nachwuchsriege begrüßen.

Da möchte ich mit unserem Nesthäkchen anfangen, die meisten haben sie bestimmt schon Singen oder Trällern gehört – bereits Mitte August hat Lorelei Freitag ihre Stelle als Lernschwester auf der Station der Chirurgie angetreten. Schwester Lorelei, ich möchte Sie nun offiziell noch einmal herzlich am Elisabeth-Krankenhaus willkommen heißen. Ich hoffe, dass Sie sich bereits gut eingelebt haben und gut mit Schwester Sabine zurechtkommen. Falls doch einmal der Schuh drücken sollte, Oberschwester Stephanie ist natürlich auch jederzeit für Sie ansprechbar.

Leider haben uns letzte Woche spontan drei Ärzte Richtung Afrika verlassen und ich kann mich nur glücklich schätzen, dass umgehend Ersatz bereitsteht. Vielen Dank und herzlich Willkommen an die drei neuen Gesichter, die ich Ihnen kurz vorstellen darf:

Frau Doktor Sarah Hundt wird bei uns als Oberärztin auf der Gynäkologie für Doktor Kaan einspringen, der erst im Dezember wieder zur Verfügung stehen wird. Doktor Hundt war bereits des Öfteren Vertretungsärztin an der Charité und ich freue mich sehr, dass Sie uns nun für ein paar Monate unterstützen werden. Vielen Dank, Frau Doktor Hundt, für Ihre spontane Zusage.

Doktor Cedric Stier – er wird Doktor Meier als Oberarzt der Chirurgie vertreten – kommt vom Nordstadt-Krankenhaus und ist Fachmann auf dem Gebiet der Kardiologie und der Organtransplantation. Vielen Dank Doktor Stier, dass Sie uns so kurzfristig unterstützen.

Mehr noch als der Abgang von Doktor Meier schmerzt mich persönlich, dass meine Tochter Doktor Margarete Haase ebenso dem Ruf Afrikas gefolgt ist. Die freigewordene Assistenzstelle konnte jedoch ebenso schnell neu belegt werden. Carsten Stern wird die 2. Assistenz auf der Chirurgie übernehmen. Auch an Sie ein Herzliches Willkommen und einen guten Einstieg bei uns im Elisabeth-Krankenhaus.
Herr Stern hat sein praktisches Jahr auf der unfallchirurgischen Station der Universitätsklinik in Leipzig absolviert und ein sehr gutes drittes Staatsexamen abgelegt. Nun arbeitet er an seiner Dissertation und da möchte ich Sie – Doktor Stier, bitten, dem Kollegen jede Unterstützung zukommen zu lassen.

Doktor Knechtelsdörfer rutscht natürlich auf die Position des ersten Assistenzarztes und wird ab sofort im Team von Doktor Rössel arbeiten.Soweit zu den Personalien. Ich weiß, dass ich mich – wie immer – auf Sie alle verlassen kann und den neuen Kollegen helfen werden, sich schnell wohl zu fühlen.

Und natürlich gibt es auch wieder Nachrichten von Amors Front.
Ich freue mich, dass der Pfeil wieder 4 Kollegen getroffen hat. Dieses Mal – und Sie werden mir sicherlich Recht geben – haben sich eher zwei ungewöhnliche Paare gefunden: Doktor Hassmann und Doktor Knechtelsdörfer und Schwester Sabine und Doktor Gummersbach. Alles Gute für Sie vier. Sie wissen ja, dass wir uns in diesem kleinen familiären Team immer mit den Kollegen freuen und gerne mit einem Sektchen auf die neuen Paare anstoßen.

Prost, liebe Kolleginnen und Kollegen!


***
Der Professor hob sein Glas und prostete seinen Mitarbeitern zu. Er sah in viele überraschte – enttäuschte? Gesichter. Hier und da hörte er Getuschel. Schwester Sabine und der Pathologe?
Ja, die Oberärztin und der chaotische Assistenzarzt, das hatten die meisten schon mitbekommen. Aber was war jetzt mit Doktor Haase und Doktor Meier? Und was machte Doktor Kaan als Dritter in Afrika? Hatte Schwester Sabine nicht gesagt, dass nur Doktor Haase und Doktor Meier...?
Nun ja, der Professor war natürlich zu integer, um viele Worte zu seinen Mitarbeitern, oder besser Ex-Mitarbeitern zu verlieren, besonders, wenn es um seine Tochter ging.
Doktor Kaan war bestimmt gut in Afrika. Er hatte bestimmt in der Türkei auch schon viel Leid gesehen. Türkei? Kam der nicht aus Indien? Nein, Iran, oder war es doch Irak? Egal, also der war bestimmt gut dort in einer Hilfsorganisation. Aber die Tochter vom Professor? Klar, sie hatte ein gutes Herz, immer ein nettes Wort für die Patienten. Aber war sie nicht zu hysterisch? Psssst, nicht so laut, wenn der Professor das hört?
Und Doktor Meier? Was – wenn nicht ein richtiger Kunstfehler – trieb den nach Afrika? Der passte da doch überhaupt nicht hin? Obwohl, als Sklaventreiber vielleicht? Waren hier nicht mehr genug Weiber, die er noch nicht im Bett hatte? Pah, der denkt doch eh nur an seine Karriere und dicke Autos. Wieso fährt der eigentlich so einen alten Volvo? Hatte der Geldprobleme? Vielleicht ein Spieler? Ja, mit Frauen vielleicht...

Dem Klinikchef schwirrten die Gesprächsfetzen im Kopf herum. Jaja, sein kleines Krankenhaus und der Flurfunk. Aber niemanden ging es etwas an, dass Doktor Meier tatsächlich wegen seiner Tochter um Urlaub gebeten hatte. Das wollte er Gretchen, nein eigentlich beiden nicht antun. Das war eine Sache zwischen den beiden.
Professor Haase verließ die Cafeteria. In seinem Büro wartete beileibe genug Arbeit.

Karo Offline

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13.05.2017 18:46
#6 RE: Story von Karo Zitat · antworten

So, der Flieger ist gelandet und auf geht´s in Gretchens Abenteuer. Viel Spaß in Burkina Faso.



AFRIKA

September 1.8 – Ouagadougou


*Ankunft in Ouagadougou*

Burkina Fasos Hauptstadt empfing Gretchen und Marc mit dem typischen feucht-warmen Klima der späten Regenzeit. Das Flughafenshuttle brachte sie den kurzen Weg zum Hotel, einem einfachen Bau, in einer unasphaltierten Nebenstraße gelegen. Ein kleines Mäuerchen umgab so etwas wie eine Terrasse, wo man an staubigen (weißen) Plastiktischen auf staubigen (bunten) Plastikstühlen Platz nehmen konnte. Über dem Eingangsbereich hing eine gelbe Plastikplane herunter, sie war wohl einmal als Baldachin gedacht gewesen.
Die beiden Deutschen hatten gerade eingecheckt, da war auch schon Mehdi zur Stelle. Herzlich: „Gretchen, hast Du es doch noch geschafft.“ Kühl: „Hallo Marc.“

(„Na, da freut sich ja einer ganz besonders... tut mir leid, Alter. Aber der Meier ist immer für eine Überraschung gut!“)

Gretchen freute sich, den Halbperser zu sehen. „Hallo Mehdi, schön Dich zu sehen.“
„Hallo Mehdi.“ Marc sah sich um.
„Suchst Du Gina?“ Mehdi kannte seinen Freund gut. „Die kommt nicht aus dem klimatisierten Zimmer raus, wenn es nicht sein muss. Gretchen, Deine Koffer sind schon in eurem Zimmer. Wir haben uns das definitiv bessere Zimmer angemaßt, da wir nicht sicher waren, ob wir überhaupt mit Dir rechnen können.“ Er führte die Ankömmlinge eine schiefe, schmale Treppe nach oben. „Hier ist für Dich reserviert.“ Er zeigte auf eine dünne Kunststofftür in einer undefinierbaren Farbe. „Naja, für euch. Aber dass Marc mitkommt habe ich bis eben nicht glauben können.“ Seiner Stimme war nicht genau zu entnehmen, ob er sich freute oder nicht.

Marc schloss die Zimmertür auf und grinste. Damit hatte niemand gerechnet, am wenigsten wohl er selbst. Mit Gretchen tauschte er einen intensiven und liebevollen Blick, den Mehdi natürlich wahrnahm. „Aber es ist schön, euch zusammen hier zu sehen. Ich finde es toll, dass wir zusammen hier sind.“

Das war für Gretchen dann das Stichwort, einmal genauer nachzuhaken. „Irgendwie ist das seltsam… da will man mal was alleine schaffen und schon ist das ganze Team des EKH in Afrika… da hätte ich gerne noch plausible Erklärungen von Dir, Mehdi. Und von Gina auch.“
„Ach und bei Marc ist das was anderes?“
„Mein lieber Mehdi. Marc und ich haben gerade zehn Stunden zusammen in einem Flugzeug verbracht. Du kannst mir glauben, dass das geklärt ist.“

(„Die 48 Stunden vorher erwähne ich jetzt mal besser nicht...")

Gretchen schaute wieder verliebt zu Marc und auch dieser Blick entging dem Gynäkologen natürlich nicht. „Ah ja…“

„Ah, meine Koffer. Super!“ Gretchen klatschte erfreut in die Hände.

Ihr Freund war baff, angesichts der Menge an rosa und pinken Gepäckstücken. „Sag mal bist Du zu Hause ausgezogen? Wie viele Koffer sind das denn?“
„Die Anzahl ist angesichts der Farbe egal... es war ein Vergnügen für mich, mehrere rosa und pinke Koffer vom Kofferband zu fischen.“ Mehdi versuchte es mit Ironie. Natürlich hatte die Besitzerin der Koffer auch ein wichtiges Argument für ihre Farbwahl: „Aber sie sind nicht zu verwechseln. Und das ist doch das Wichtigste. Andere machen sich farbige Geschenkbänder an die Koffer, dass sie die wiedererkennen…“
Der schwarzhaarige Freund beschwichtigte: „Gretchen, ist ja gut. Wollt ihr erstmal ankommen und euch etwas frisch machen? Dann könnten wir uns um 14:30 Uhr an der Bar treffen und ich sage euch, wie es weiter geht.“
Marc sah irritiert auf seine Armbanduhr. „Hä? 14:30? Ach Zeitverschiebung…“
Gretchen konnte diese Vorlage natürlich nicht ungenutzt lassen und zog ihn auf. „Hast Du denn Deine Uhr noch nicht umgestellt? Marc, Schatz, die sind hier 2 Stunden zurück, also ist heute unser Tag mal zwei Stunden länger.“
„Für diese Kleinigkeiten habe ich Dich doch, Hasenzahn. Aber sag mal… können wir uns die zwei Stunden auch für später aufheben? Ich hätte da so ´ne Idee…“
Gretchen ließ sich nicht ärgern und Mehdi zuckte angesichts des offensichtlichen Glücks seiner beiden besten Freunde zusammen. „Ich lasse euch das mal alleine besprechen. Wir sehen uns dann um… also in ¾ Stunde unten.“ Er schloss die Tür von außen. Er lauschte einen Augenblick, doch nichts war zu hören. Dann zog er sich in das Zimmer schräg gegenüber zurück.


*Mehdi und Gina*

„Na, ist Gretchen angekommen?“ Gina lag schlapp auf dem Bett und drehte nur den Kopf, als der attraktive Mann herein kam. Diesem zog sich erstmal alles zusammen. „Mann, ist das kalt hier, spinnst Du?“ Er stellte die Klimaanlage wärmer. „Ja, sie und Marc. Er ist tatsächlich auch hier.“
Die Chirurgin schnaufte: „Oh nee, auf den leg ich echt keinen Wert. Was will er denn hier? Er soll Gretchen endlich in Ruhe lassen. Und Du lass die Finger von dem Regler.“
„Upps, zu spät!“ Mehdi setzte sich auf den Bettrand. „Und ich glaube nicht, dass Gretchen will, dass Marc sie in Ruhe lässt. Die beiden scheinen es wirklich versuchen zu wollen. Naja, bei Gretchen gab es diesbezüglich ja leider weniger Zweifel. Aber dass Marc die Kurve noch rechtzeitig gekriegt hat…“ Er schüttelte den Kopf, denn er hatte direkt wieder diese glücklichen und verliebten Blicke vor Augen.

Gina hatte definitiv keine Lust auf Frieden mit Marc. „Leider, Du sagst es. Er bricht ihr wieder das Herz und sie sitzt alleine in einem fremden Land rum?“
„Das war die Ausgangssituation. Wir treffen uns übrigens um halb drei an der Bar und besprechen alles Weitere.“
Gina protestierte: „Ich gehe nirgendwohin. Hier lässt sich die AC wenigstens noch kalt stellen. Unten ist es trotz Klimaanlage viel zu warm.“
Mehdi schüttelte den Kopf. Diese Diskussion hatten sie schon mehrfach geführt. „An Deiner Stelle solltest Du Dich hier an das andere Klima anpassen, wenn wir morgen erst in die Savanne fahren, dann musst Du es eh aushalten. Vor allem beginnt nächsten Monat die Trockenzeit und da wird es dann deutlich unangenehmer. Oder wolltest Du nur kurz Urlaub machen?“
„Ich lege mich da nicht fest, wie lange ich bleibe. Eigentlich nett, dass Dir Gretchens Vater spontan drei Monate Urlaub geben konnte.“
„Überstunden sind ja nun mal genug da. Und da Sarah so prompt zur Verfügung stand, mich solange zu vertreten...? Warum sollte er dann nicht zustimmen?“
„Ja ist ja gut. Wenn es danach ginge, könnte ich bis zum Sankt Nimmerleinstag bleiben...“ Gina sprach mehr zu sich selbst, doch Mehdi hatte ihre Worte gehört. Er war überrascht. „Wieso? Wie lange kannst Du denn Überstunden abfeiern?“
„Gar nicht. Bin quasi arbeitslos.“
„Wie? Warum?“
Die blonde Ärztin setzte sich auf. „Ich hatte in London nur einen befristeten Vertrag für eine Elternzeit. Mein Vertrag ist ausgelaufen. Nicht spektakulär aber irgendwie doch unerwartet. Naja, mal sehen, was ich jetzt mache. Ich dachte, ich begleite Gretchen und denke in Ruhe nach, bevor ich mir Hals über Kopf was Neues suche, was ich eigentlich nicht will. Hatte mit verschiedenen Weiterbildungen geliebäugelt. Vielleicht bin ich bald schlauer. Ich habe ja hier Zeit.“
„Aha. Und wie willst Du da was recherchieren? Internet oder so könnte wohl schwierig werden. Aber insgesamt klingt das doch gar nicht so unvernünftig und planlos. Willst Du nicht doch mitkommen und bei unserem Tagesplan mitmachen?“ Mehdi wollte ungern alleine mit den beiden Verliebten den Tag verbringen.
Gina hatte trotz genereller schlechter Laune ein Lächeln für ihren gutaussehenden Zimmernachbarn übrig. „Netter Versuch, aber lass mal. Mach Dir keine Sorgen, dass ich die Temperaturen nicht verkrafte. Ich war mit Jerome ja auch in Dubai im Urlaub. Und das junge Glück möchte ich mir solange es geht ersparen. Sag´ mal, auf was hast Du die Klimaanlage eingestellt?“
Mehdi – ganz der Verführer: „Auf einen heißen Kuss?“
„Da habe ich nichts gegen, Doktor Kaan.“ Sie zog Mehdi zu sich herunter. Dieses durchaus attraktive Exemplar von Mann war ihr bei Gretchens Hochzeit gar nicht aufgefallen. Wie auch, da war sie auf Marc fixiert gewesen. Doch an den wollte sie jetzt überhaupt nicht denken.


*Hotelbar*

Als das frischverliebte Ärztepaar händchenhaltend zum verabredeten Zeitpunkt in die Hotelbar kam, saß Mehdi bereits an der Ecke des Bartresens. Er hatte eine geöffnete Flasche Bier vor sich. Gretchen deutete auf die Bierflasche. „Hallo Mehdi – bist Du schon länger hier?“
„Hm, ungefähr eine Viertelstunde.“
„Und wo ist Gigi? Kommt die nicht?“
Mehdi grinste: „Sie akklimatisiert sich lieber oben bei 20°C.“
Die blonde Frau lachte. „Naja, das hat sich ja auch bald von alleine erledigt. Ist das okay wenn ich gerade mal hochgehe und wenigstens „Hallo“ sage?“
„Klar, Marc und ich kommen auch alleine zurecht.“ Er stellte Marc eine Flasche Bier hin, die der Barkeeper auf einen Wink Mehdis bereitgestellt hatte. „Hier ist schon mal die erste Lektion und meiner Meinung auch die wichtigste: Immer nur aus originalverschlossenen Flaschen beziehungsweise Dosen trinken. Gretchen, was möchtest Du denn haben?“ Die Ärztin war schon auf dem Weg zur Treppe. „Erstmal bitte ein Wasser. Bin gleich wieder da!“
Ihre Bewegungen waren schwungvoll, fast schien ihr das afrikanische Wetter wenig ausmachen. Sie trug einen langen, luftigen Rock, der beschwingt um ihre Beine tanzte. Als Gretchen die Stufen hochging, folgten ihr zwei männliche Augenpaare. Das eine geheimnisvoll und grün, das andere exotisch dunkelbraun. Die Farben mochten unterschiedlich sein, aber die Gefühle, die darin zu sehen waren, waren gleich. Fast.
Der Gynäkologe musste endlich seine Fragen loswerden: „Was zum Teufel ist in den letzten 48 Stunden passiert, Marc? Ich erkenne euch nicht wieder?“
„Ich konnte sie einfach nicht gehen lassen. Im Grunde habe ich nur Deinen Rat befolgt, auf mein Herz zu hören. Das erstaunliche ist, dass es mir gerade gut damit geht. Es ist neu und fremd und irritierend, aber gut.“
„Und Du hast die verständnisvollste Partnerin an Deiner Seite. Ihr steht euch gut, Marc. Gretchen strahlt noch mehr als sonst und auch Du wirkst entspannt. Ich freue mich total für euch!“ Er hätte sich gerne übergeben und hoffte, Marcs wacher Verstand würde die Lüge nicht bemerken. Sein Plan war ein ganz anderer gewesen...


***
„Die Schreckschraube ist also tatsächlich hier?“
„Ihr hattet einen blöden Start Marc, aber eigentlich hast Du daran auch ein bisschen Schuld. Denk an den Polterabend. Gina ist definitiv eine tolle Frau, schön, nicht dumm, erfolgreich…“ Wen wollte er überzeugen? „Gut, sie stellt sich gerade ein bisschen mit dem Wetter an, aber Gretchen hat schon Recht, das erledigt sich von alleine.“
Marc konnte seine Meinung nicht verbergen: „Hoffentlich schnell…“ Doch dann grinste er Mehdi an: „Oder seid ihr…?“
Mehdi richtete sich zu seiner vollen Größe auf und nickte. „Jepp…“ Diese Situation konnte nicht perfekter sein.

„Weißt Du, Mehdi, ich weiß dass ich das direkt mit ihr verbockt habe, aber wenn Du mich fragst, gönnt sie Gretchen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Sie ist einfach eine neidische Kuh. Und ich frage mich wirklich, warum sie hier ist. Aber gut, wenn ihr beide Spaß habt… habe ich Dir ja immer schon zu geraten.“ Er grinste seinen sonst eher konservativen Freund an. „Solange es bei Spaß bleibt und Du nicht spontan an Heiraten und Familienplanung denkst…“

(„Doch, aber mit einer anderen Frau...“)

„Nee Du, erstmal nicht, aber Du weißt, dass ich nicht so der perfekte Typ für eine lockere Geschichte bin.“
Marc provozierte den ruhigen Kumpel: „Du meinst eine unverbindliche Fickbeziehung? Würde Dir aber mal gut tun.“
„Marc…“
Der Chirurg lachte angesichts des Ausrufs. „Jetzt hast Du fast wie Gretchen geklungen. Nur, dass sie das „a“ länger zieht. Mehdi, mach was Du meinst. Begeistert bin ich gerade nicht von Deiner Wahl, aber solange ihr beide euch einig seid… Prost! – Pfui Teufel, was ist das?“
„Hirsebier. Willkommen in Afrika!“


*Gretchen und Gina*

Gretchen erreichte das Zimmer der Freundin und klopfte. Gina öffnete die Tür und fiel ihrer Freundin um den Hals. Aus dem Inneren folgte ihr ein eiskalter Wind. „Gretchen! Wie schön, dass Du da bist!“
„Ja Gina, danke auch für die nette Begrüßung als wir angekommen sind. Sag mal, spinnst Du? Hier ist es ja total kalt!“
„Wie soll man das hier denn sonst aushalten? Bist Du jetzt sauer, dass ich mit Dir hier hingekommen bin? Also das finde ich jetzt ungerecht.“
Gretchen war etwas irritiert. Normalerweise war sie diejenige mit den unlogischen Gedankengängen, während Gigi schon immer besser rational denken konnte. „Ähm, Gigi, das hier ist Afrika und da ist es nun mal etwas wärmer als bei uns. Wie möchtest Du denn die nächste Zeit überstehen, wenn wir im Land unterwegs sind?“

„Mensch, komm erstmal rein. Sonst ist gleich die schöne kühle Luft weg! Damit nervt Mehdi auch…“
Gretchen wollte die Studienkollegin nicht so einfach davon kommen lassen. „Ich finde es ja echt nett, dass ihr euch alle Sorgen macht, dass ich alleine nicht klar komme, aber eine richtige Begrüßung hätte ich schon erwartet. Und warum bist Du jetzt nicht mit unten?“
Gina war entsetzt: „Gretchen, hast Du die Bar gesehen? Da holt man sich doch bestimmt wer weiß was, wenn man aus den Gläsern trinkt.“
„Ja, deswegen steht ja auch in allen Touristeninformationen, dass man nur verschlossene Getränkebehälter kaufen soll. Warum bist Du nochmal mitgeflogen? Weil Du dachtest, ich komme nicht klar? Ich glaube, man muss sich gerade mehr Sorgen um Dich machen. Bewegst Du jetzt Deinen Hintern mit nach unten?“

Gina wehrte ab. „Nee, Du, lass mal. Ich gehe später mit, wenn dieser Typ – äh, Christian kommt. Hat Mehdi euch bestimmt schon erzählt.“
„Nein, hat er nicht, aber Marc und er warten unten. Ich gehe jetzt auch wieder. Hier friert man sich ja den Arsch ab. Also später, ja?“
„Ja, wenn es dann kühler ist…“
Gretchen war enttäuscht und hatte keine Lust, sich zurückzuhalten: „Pfff… viel Spaß am Nordpol.“
Gina verstand gar nichts. „Ich weiß jetzt wirklich nicht, warum Du sauer bist?!“
Die Antwort fiel frostig aus: „Erkläre ich Dir vielleicht, wenn Dein Gehirn wieder aufgetaut ist. Bis später.“


*Hotelbar*

Gretchen kehrte zu den Freunden zurück. Die beiden hatten gerade erkannt, dass sie nach fast zehn Jahren nun aus purem Zufall heraus wieder einmal zusammen Urlaub machten. Während ihrer Studienzeit waren sie öfter zusammen unterwegs gewesen. Sie hatten offensichtlich viel Spaß bei ihrer Unterhaltung und es freute die Assistenzärztin, dass die beiden so gelöst miteinander umgingen. Mehdi bemerkte sie zu erst. „Na? Hast Du Dir Frostbeulen geholt?“
„Die spinnt ja… wie hältst Du das in dem Zimmer aus?“
„Och… das geht schon… man darf halt nicht aufhören, sich zu bewegen.“
Marc prustete los, als die blauen Augen immer größer wurden. „Was? Nee, das ist jetzt nicht Dein Ernst? Mehdi, bist Du verrückt?“
„Tja, Gretchen, Du wolltest ja nicht. Hast Dir ja lieber schnell den hier noch eingepackt.“ Er platzierte seine Hand kraftvoll auf Marcs Schulter. „Wer nicht will, der hat schon.“
„Jaja, ich sag nichts.“ Sie griff nach der Wasserflasche.

(„Mehdi und Gigi? Das passt ja gar nicht. Das ist ja schlimmer als Hassmann und Knechtelsdörfer. Wie hießen die Insekten, wo die Weibchen die Männchen nach der Paarung auffressen?“)

Mit diesem Gedanken stellte sie die Wasserflasche wieder ab und griff nach Marcs Bier. „Prost! – Bah, was ist das?“
„Hirsebier... mein Hirsebier.“ Marc entwendete ihr wieder die Bierflasche.
„Ehrlichgesagt – auch wenn ich mir noch überlege, warum ihr hier seid – also speziell Mehdi und Gigi.“ Sie schmiegte sich an Marc und legte ihren Arm um seine Taille. „Bei Dir weiß ich es ja – ich freue mich, dass ihr da seid.“
Auch Marc legte einen Arm um Gretchen und sah sie fragend an: „Bequemt sich Madame denn jetzt auch hierhin oder bleiben wir unter uns?“

(„Mehdi und Gina… oh Mann, die verspeist den doch wie eine Gottesanbeterin.“)

(„Oh je, Meier... jetzt klingst Du schon wie dieser Schreiberling.“)


Gretchen schüttelte ihre blonden Locken. „Nee und ja.“

(„Ha! Gottesanbeterin!“)

„Die Gottes…“ Sie hustete. „Gott, jetzt hängt mir Dein Hirsebier im Hals... also die Schneekönigin bleibt oben. Vielleicht beehrt sie uns später, wenn dieser Christian kommt. Jetzt erzähl mal, Mehdi. Du hast also jemanden in der Mission erreicht.“

(„Hatte die gerade den gleichen Gedanken wie ich? Schneekönigin… die hat doch erst was anderes sagen wollen. Und jetzt schnell versuchen abzulenken. Haha, das bringt nur diese Frau!“)

Marc zog Gretchen an sich und schmunzelte heimlich in ihre Lockenpracht. Mehdi schien nichts bemerkt zu haben, er versuchte, seine Antipathie für das Glück der Freunde zu unterdrücken. Schnell klärte er sie über das Erreichte auf.
„Ja. War gar nicht so schwer, oder ich hatte Glück. Der Pfarrer war sehr überrascht und wie es mir schien, auch nicht sehr begeistert, dass Fritz nicht kommen kann und dafür Ersatz geschickt hat. Aber mit dem Platz dort brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Am späten Nachmittag oder frühen Abend wird ein Mitarbeiter hier ankommen. Christian ist als Entwicklungshelfer in der Mission. Er übernachtet auch hier in dem Hotel. Heute Abend werden wir ihn also irgendwann treffen. Je nachdem wann er ankommt, spätestens morgen sollen wir noch verschiedene Sachen erledigen und besorgen, zum Beispiel einheimisches Geld tauschen, weil wir ja mit den Kreditkarten nicht so weit kommen werden. Wir sollen uns auch mit neuen und ausreichend SIM-Karten eindecken. Dann müssen wir wohl auch noch zu irgendeinem Meldebüro oder so. Aber das kann uns Christian dann genauer sagen.
Anscheinend hat Fritz auch was aus Deutschland geschickt, was wir noch abholen müssen.“ Er nahm einen langen Schluck aus seiner Hirsebierflasche. „Seid ihr beide denn fit? Wir könnten einmal über den Markt gehen und die Kathedrale ansehen. Gina wollte nicht vor die Tür, zu dreckig und gefährlich… Alleine wollte ich das aber auch nicht wagen. Wenn ihr aber noch was ausruhen wollt…?“
Gretchen war viel zu neugierig auf dieses Land. „Also ich bin viel zu aufgeregt und aufgedreht, um nichts zu tun. Ich wäre für Touri-Programm.“
Marc stimmte zu. „Dann lasst uns gehen. Wer weiß, was wir demnächst so an Kultur geboten kriegen. In zehn Minuten?“


*Hotelzimmer*

Die drei leerten ihre Flaschen und stiegen die durchgetretene Treppe hoch. Marc zog Gretchen ins Hotelzimmer und schloss die Tür. „Gretchen Haase… wolltest Du eben tatsächlich Deine Freundin als Gottesanbeterin bezeichnen?“ Er amüsierte sich angesichts ihrer panischen Gesichtszüge.

(„Scheiße, haben die das mitgekriegt?“)

„Meinst Du Mehdi hat das mitgekriegt? Das wäre mir jetzt sehr unangenehm…“
Marc beruhigte sie, konnte sich jedoch noch nicht ganz zusammenreißen. „Ich glaube nicht. Ich hatte nur den gleichen Gedanken, deswegen ist es mir wohl aufgefallen.“ Er prustete wieder los: „Ich hoffe nur, dass er sich auch mal auf Neuland traut und mal einfach nur eine Fickbeziehung hat. Alles andere wäre eine Katastrophe.“
„Maarc! Auch wenn ich gerade wirklich sauer auf Gigi bin und mir das mit den beiden absolut nicht vorstellen kann… sie ist immer noch meine Freundin. Also sei ein bisschen nett, okay?“
„Kann ich nicht garantieren. Du weißt, ich übe gerade. Und erstmal bei Dir. Am liebsten bei Dir.“ Zur Bestätigung küsste er sie liebevoll und hielt sie eine Weile im Arm. Dann verschwand die gut gelaunte Berlinerin kurz im Bad und Marc sortierte Papiere aus der Geldbörse. „Was meinst Du, sollte man mitnehmen? Pass und etwas Geld? Wir hätten am Flughafen Euros eintauschen sollen, fällt mir da so ein.“
„Ich habe Dollar da, Marc. Aber die nehmen wohl beides. Geld ist Geld und Euro und Dollar haben die lieber als ihre eigene Währung. Muss man nur mit dem Kurs aufpassen und besonders dann mit dem Wechselgeld, was wohl eher die lokale Währung sein wird.“
„Und Du weißt nicht auch zufällig den Wechselkurs? Wie heißt das Geld überhaupt?“
„Du meinst die Voodoo-Taler?“ Gretchen grinste als Marc mit den Augen rollte. „Hm, Marc, ich habe es nicht so mit Zahlen und rechnen könnte ich das eh nicht. Also…“ Sie kramte in ihrer Handtasche, zog ein gefaltetes DIN A 4 Blatt heraus und Marc musste staunend anerkennen, dass Gretchen gar nicht so unvorbereitet war, wie man vermuten würde.
„Hier habe ich eine Umrechnungstabelle für den Westafrikanischen Franc, dass man wenigstens ungefähr weiß, wie arg die einen übers Ohr hauen.“ Gretchen hielt ihm das Papier entgegen und fing an zu lachen, als sie Marcs ungläubigen Blick sah. „Wie Du siehst, lieber Marc, Deine Freundin ist nicht ganz unvorbereitet.“

(„Deine Freundin...“)
(„Meine Freundin...“)

Er grinste, doch hatte keine Lust, seine Freundin nun übermäßig zu loben und lenkte schnell ab. „Na komm, lass uns mal aufbrechen. Und auch wenn Mehdi jetzt mit Gottesanbeterinnen balzt, lass uns nicht ganz so sehr demonstrieren, wie gut es uns gerade geht, okay?“
„Ja“, stimmte Gretchen zu. „Wie ist das denn hier generell? Nicht, dass ich verhaftet oder gesteinigt werde, wenn ich Dich mal in der Öffentlichkeit anfasse?“
„Und das wäre nicht mal unanständig…“ Aber Marc war ebenso ratlos. „Also lieber mal etwas Zurückhaltung. Obwohl ich nicht glaube, dass hier indische Verhältnisse herrschen.“

Er schloss das Zimmer gerade ab, als Mehdi gegenüber aus dem Zimmer trat. Marc schauderte unter der Kaltluftfront, die aus dem Zimmer quoll. „Mein Gott, Mehdi, wollt ihr euch den Tod holen, wenn ihr es da drinnen so kalt habt? Und dann immer wieder raus ins Warme?“
Eine Stimme drang zu ihnen. „Deswegen bleibe ich ja auch hier drin. Das ist ungefährlich.“
Marc erkannte die Stimme der ungeliebten Frau. „Hallo Gina, (nicht) schön Dich zu hören. Ist Deine hässliche Brille so vereist, dass Du den Weg nicht mal zu einer Begrüßung zur Tür findest?“
Gretchen war viel zu gut gelaunt, um schlechte Stimmung aufkommen zu lassen. Auch wenn Marc Recht hatte. „Kommt Jungs, lasst sie in Ruhe und uns gehen.“


***
Als die drei von ihrem Ausflug zurückkamen, war Christian bereits im Hotel eingetroffen. Der Rezeptionist überreichte ihnen eine Nachricht von dem Sozialarbeiter, dass dieser um 20 Uhr in der Hotelbar auf sie warten würde, dann würde er sie schon mal mit afrikanischem Essen bekannt machen.

Im Zimmer angekommen streckte sich Gretchen lang aufs Bett und betrachtete die Nachricht. „Klingt doch nett, aber gut, dass wir eben schon eine Kleinigkeit gegessen haben. Bis 20 Uhr wäre mir das jetzt wohl zu lang.“
Marc antwortete darauf natürlich mit Belustigung. „Willkommen in Afrika – hier ist hungern doch an der Tagesordnung?“
„Haha!“
„Das sind nur knappe zwei Stunden, Gretchen.“
„Aber Marc, hast Du in Mathe denn nicht aufgepasst? Hunger verdoppelt den Zeitfaktor.“
„Doch, Gretchen, ich habe aufgepasst, denn ich weiß, wie man den Zeitfaktor verkürzen kann.“ Er warf ich neben die geschaffte, aber zufriedene Frau und legte den Arm um Gretchen, seine Hand rutschte tiefer und blieb einen Moment auf ihrem Po liegen.
Gretchen lachte. „Also, mit „X“ und „Y“ in allen Ebenen habe ich immer Probleme gehabt.“
Marc hatte bereits sein Gesicht an ihrem Hals verborgen. Er nuschelte: „Nimm mehr „X“ dazu... mit XX und XY in einer Ebene klappt das bestimmt.“
Gretchen flüsterte Marc verliebt ins Ohr: „Ich glaube, das ist mir gerade zu theoretisch...“
„Hm... praktisch ist das auch leichter zu veranschaulichen.“ Marc zögerte nicht und während sie sich küssten, wanderte seine Hand zielstrebig unter Gretchens Oberteil.


*Maquis Agoussou*

Christian führte sie in ein typisch burkinisches Maquis, eine junge Frau begrüßte ihn herzlich.

(„Oh je, die ist ja schwärzer als schwarz!“)

(„Wie man wohl bei so einer Hautfarbe die Venen findet?“)

„Amina ist in Sanssouci groß geworden, ihre Mutter brachte sie zu uns als sie elf Jahre alt wurde.“
„Wie – einfach so ausgesetzt?“ Gretchen war entsetzt und sofort voll Mitgefühl für das arme Geschöpf. Das sich scheinbar nicht als armes Geschöpf fühlte. „Meine Mutter wollte verhindern, dass ich mit einem Freund meines Vaters verheiratet werde.“ Sie sprach mit starkem Akzent aber grammatikalisch einwandfrei. Sie lachte über die überraschten Gesichter. „In Sanssouci konnte ich die Schule besuchen. Neben Schreiben und Rechnen lernen die Kinder Französisch und Deutsch. Pflicht sind auch Religion, Landes- und Erdkunde, Landwirtschaft und Viehzucht. Technik, Handwerk, Handarbeit, Kunst... jeder kann sich suchen, was ihm liegt. Wichtig ist, ausreichend Fähigkeiten zu besitzen, wenn man das Abschlusszeugnis erhält.“
Christian grinste. „Nicht so bescheiden – Amina war das erste Mädchen, die ein Stipendium für das beste Gymnasium hier in Ouagadougou bekommen hat.“

(„So ´ne schwarze Haut ist echt praktisch – keiner sieht, wenn Du rot wirst!“)

Der Sozialarbeiter machte eine ausladende Handbewegung. „Das Maquis Agoussou hat sie letztes Jahr eröffnet.“
Amina lachte und zeigte blitzweiße Zähne. „Agoussou ist der Name meiner Familie. Als Zeichen des Respekts.“

Christian redete viel und erklärte gut. Gretchen hörte ihm aufmerksam zu, ihr Gehirn hatte auf Input geschaltet. „Ehrlichgesagt – Fritz hat die Mission als Lepradorf und Waisenhaus bezeichnet. Die Informationen, die von Frau Schwan angekommen sind, haben etwas ganz anderes dargestellt?“
Der Sozialarbeiter lachte. „Fritz übertreibt ganz gerne. Als Martin vor 25 Jahren erstmals nach Burkina Faso kam begleitete er ein Lepra-Projekt der Diakonie. Jahre später kam er zurück um zu bleiben. Er suchte eine geeignete Stelle und baute dort Sanssouci auf.“
„Finde eine geeignete Stelle in der Wüste... Sand hier wie da.“ Gina trug einen immensen Strohhut und rückte ständig ihre mondäne Sonnenbrille zurecht. Man hätte sie ohne weiteres in Cannes aussetzen können.

„Finde einen anderen Aggregatzustand von Eis?“ Marc spielte herausfordernd auf die Zimmertemperatur in Ginas Zimmer an. „Nein – nicht Dein Gehirn, denn dann wärst Du von alleine auf Wasser gekommen.“ Christian nickte, Gina stänkerte gegen Marc. Ein Weilchen ging es zwischen den Chirurgen hin und her.

Gretchen tat das einzig richtige – sie ignorierte die zwei Streithähne und fuhr fort, Christian auszufragen. Dem war das nur Recht, Gretchen hatte ihm auf Anhieb gefallen. Dumm nur, dass dieser Schöngefönte offensichtlich ihr Freund war. Bei den anderen beiden war er nicht sicher, die wirkten nicht sehr vertraut und schon gar nicht verliebt. Daran gab es bei Marc und Gretchen keinen Zweifel, sie mehr als er. Aber bestimmt zeigte so ein Schleimer seine Gefühle nicht.
Obwohl Christian eine spontane Abneigung gegen Marc hegte musste er sich eingestehen, dass drei der Vier wirklich okay waren. Was allerdings diese blonde Zimtzicke in Afrika wollte... egal, ihm gefiel vor allem Gretchen. Natürlich hatte sie schnell ihr Geschick für Fettnäpfchen und Tollpatschigkeit gezeigt, doch ihre fröhliche Neugier war wirklich erfrischend.
Der Ruhepol saß ihm gegenüber. Mehdi redete eigentlich nur, um die beiden Streithähne zu beschwichtigen. Christian sollte es egal sein. So konnte er sich die meiste Zeit mit der schönen Ärztin unterhalten, die Fritz geschickt – und somit seine geheimen Wünsche nach „Frischfleisch“ erfüllt hatte. Dumm nur, dass sie ein Gefolge mitbrachte.


***
„Knoblauch-Hühnchen, Spieße, Reis und Couscous.“ Die Köchin stellte verschiedene Platten auf den Tisch. „Das Gemüse kommt gleich.“
„Wer soll denn das alles essen?“ Gretchen sah sich alles sehr genau an. „Und was bitte ist das?“
„Ein typisch Burkinisches Gericht. Viel Soße, wenig anderes.“ Christian lachte und zeigte auf dieses und jenes. „Okraschoten, Baobabblätter, Auberginen, Maniok und Süßkartoffeln. Das ist Lammfleisch.“

„Das ist scharf!“ Gretchen hustete und griff nach ihrem Wasserglas. Hustete mehr. Sie war knallrot angelaufen. Marc grinste, wortlos reichte er ihr den Reis. „Hast Du vorhin nicht schon festgestellt, dass das Essen hier ungewohnt scharf ist?“
„Bei so vielen Eindrücken kann man das schon mal vergessen.“ Auch Mehdi grinste. Ihm machte die Schärfe nichts aus, seine persischen Verwandten nutzten Chili wie Gretchen Kakaopulver.
„Genau. Mehdi versteht mich!“ Gretchen bekam wieder Luft, ihre Augen tränten. „Gib´s zu – Du hast das extra gemacht.“
„Wer – ich?“
„Wer – sonst? Du hast schon vor 18 Jahren versucht, mich mit Tabasco zu vergiften...“
Marc kam ganz dicht an seine Freundin heran. „Hasenzahn – um Dich fertig zu machen, habe andere Waffen... ganz scharfe Waffen!“
Die Reaktionen waren eindeutig. Mehdi und Gina schimpften und Gretchen errötete erneut, was Marc mit einem frechen und zufriedenen Grinsen quittierte.

Später signalisierte der Sozialarbeiter nach Sanssouci: „Fritz´ Ersatz ist echt scharf. Leider wird sie von zwei Bodyguards eskortiert. Aber die drei sind okay. Was die Vierte hier will weiß ich nicht. Insgesamt eine explosive Mischung.“


*Sanssouci*

Die Frau des Pfarrers schüttelte lachend ihren kraushaarigen Kopf. „Wir brauchen dringend einen Arzt hier und der guckt nur, ob es was für´s Bett gibt!“
Martin Bedougou konnte sich nicht so ausgelassen freuen wie seine Frau. „Was das wohl werden wird? Meint sie, das Land sei so unsicher, dass sie sich zwei Wachleute mitbringt? Und was meint er mit explosive Mischung?“
„Klingt für mich eher so als wollten beide Typen was von ihr, was der Vierten nicht passt. Spannungen vorprogrammiert. Aber warten wir es ab...“
„Wir brauchen nicht noch einen Reinfall. Es ist das Ende der Regenzeit und...“
„Ja, ich weiß. Wir brauchen dringend einen Arzt wegen der ganzen Fehlgeburten. Morgen sind wir schlauer.“


*Maquis Agoussou*

Zum Schluß servierte Amina Früchte. „Oh mein Gott, das ist gut!“ Gretchen hatte noch nie so gute Ananas und Bananen gegessen. „Und erst die Mango...“
„Das was man in Deutschland unter diesem Namen verkauft hat nichts mit der Frucht hier zu tun.“ Christian pflichtete ihr bei. „Im Grunde ist es eine Frechheit, ihnen den gleichen Namen zu geben.“
„Absolut respektlos – Marc, Du musst unbedingt davon probieren.“ Schmatzte Gretchen und versuchte ungeschickt zu verhindern, dass der Mangosaft ihr von den Lippen tropfte. Marc rettete schnell und küsste ihr die Tropfen von den Lippen. „Hm... stimmt. Davon will ich unbedingt mehr!“
„Ist es denn zu fassen...“ Mehdi stieß Marc seinen Ellbogen in die Seite. „Meier, benimm Dich!“
„Pfff... der weiß doch gar nicht, wie das geschrieben wird.“ Giftete Gina und zuppelte wieder an ihrer Sonnenbrille herum.
„Immerhin kann ich Kinderärztin und Hannover schreiben.“
„Marc, ist gut jetzt! Gina, meinst Du nicht, dass Du die allmählich absetzen kannst? Es ist schon dunkel.“
„Ich möchte mir manches Elend einfach nicht ansehen müssen!“

(„Da hat sie Recht. Das Elend, die beiden zusammen zu sehen, möchte ich auch nicht sehen!“)

„Wie lange hat Amina überhaupt geöffnet?“
„Solange die Gäste es wollen.“ Der Sozialarbeiter lachte. „Man kommt zusammen und isst, singt, redet... so wie es die Burkinabe seit jeher machen – traditionell unter einem Baobab. In den Städten haben sich daraus diese Maquis entwickelt. Wenn es also etwas typisch Burkinisches gibt, dann sind es diese „Draußen-Treffpunkte“, nur eben ohne Baobab. Außerdem – Geld wird dann verdient wenn es vor der Tür steht. Öffnungszeiten können sich hier die wenigsten leisten!“
Gretchen war zunehmend von der jungen Afrikanerin beeindruckt. Natürlich erwischte sie wieder ein Fettnäpfchen, als sie Christian nach Aminas Alter fragte. Die Afrikanerin lachte und antwortete selbst. „Ich bin 23 – ich spreche nicht nur, ich verstehe auch. Jeder, der in Sanssouci zur Schule gegangen ist, kann Deutsch.“ Natürlich bestand Amina darauf, die Gäste einzuladen. Der Ärztin mit den goldenen Locken schenkte sie außerdem noch zwei dicke Mangos. „Das kann ich doch nicht annehmen...?“
„Du musst sogar. Herzlich Willkommen in Burkina Faso. Ich hoffe, Du wirst dieses Land mögen!“
„Danke. Burkina Fasos Früchte mag ich schon mal!“
„Ist jetzt nicht verwunderlich – Du magst alles Essbare!“ Marc lächelte charmant, während seine frechen Worte ihre Wirkung nicht verfehlten.
„Ma-arc!“ Erst war sie empört. Dann schob sich Gretchen ganz nah an ihn heran und flüsterte ihm leise ins Ohr. „Und Du bist mein Nachtisch!“ Auch ihre Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht!
Trotz zentimeterdicker Schwitzschicht bekam Marc eine Gänsehaut, während Mehdi am liebsten aus der Haut gefahren wäre. Gina zischte irgendwas Unverständliches und Christian: „Also falls Du mal Hunger auf eine ordentliche Portion haben solltest...“ Grinsend ließ er seine Muskeln spielen.
„Hast Du schlechte Sylvester Stallone – Kopie mal in den Spiegel geschaut? Was will eine Frau wie meine Freundin mit einem aufgepumpten Fahrradreifen wie Dir?“

„Ach, hast Du mir früher deswegen die Reifen zerstochen?“

Unbeeindruckt setzte der Muskelmann noch einen drauf: „Ich meine, Du hast doch keine Diät nötig, vor allem nicht, wenn es um richtige Männer geht!“

„War Rocky noch Mensch oder schon Maschine?“
„Keine Sorge – diesen Zweikampf beherrsche ich!“
„Dann stell Dich mal schön hinten an – das Ende der Schlange ist bei Mehdi!“
Gina schlug sich auf die Seite ihres neuen Bettgefährten. „Du bist doch sonst immer so schlau, Doktor Superhirn. Schon mitgekriegt, dass Mehdi und ich...“
„Ja – leider. Aber für Dich korrigiere ich mich natürlich gerne: Mehdi ist nicht das Ende der Schlange sondern die Schlange ist sein Ende!“
„Spinnst Du?“ Diesmal fuhr Mehdi aus der Haut! „Was denkst Du, wer Du bist?“
„Ich bin Marc Meier – das weiß ich sogar.“ Und dann lächelte er plötzlich und man sah ihm an, dass er seine Feststellung genoss. „Wichtiger ist, dass ich Gretchens Freund bin!“

(„Oh Gott, ist der süß!“)

(„Das hat der jetzt nicht in aller Ruhe gesagt. – Scheiße, hat er wirklich!“)

(„Und es hat mir nichts ausgemacht, das auszusprechen!“)

(„Auch wenn er vorher wirklich ekelhaft war. Das war richtig süß!“)


„Hasenzahn – wag es nicht, das auszusprechen!“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Aber gedacht!“
„Gar nicht!“
„Ich kenne Dich schon länger. Wenn Du so debil lächelst, dann hat das maximal zwei Gründe: Mich oder Schokolade!“

„Arsch!“

Hochexplosiv! Christian lachte und führte die Neuankömmlinge zurück ins Hotel. „Also Jungs und Mädels – macht keinen Unsinn. Außer, Du hast noch Lust, mich zu besuchen.“ Er zwinkerte Gretchen zu. „Ansonsten schnell schlafen gehen – wir treffen uns um 6 Uhr zum Frühstücken. Bevor wir uns auf den Weg machen, haben wir noch einiges zu erledigen und mittags erwartet uns Yves in Koudougou. Bis morgen.“ Und mit einem Blick auf die Uhr. „Naja, bis später!“


*Hotelzimmer*

„Der erinnert mich ein bisschen an Jean-Claude van Damme in Harte Ziele. Nur ein bisschen besser gekleidet.“ Gretchen sah dem Mittdreißiger hinterher, was Marc natürlich missfiel. „Mich nennst Du Arsch und auf seinen glotzt Du?“

(„Guck mal einer an – der ist eifersüchtig?!“)

„Also, ein Hingucker ist das schon! Und nur nochmal für´s Protokoll: Ich mag aufgepumpte Fahrradreifen!“

(„Voll süß, wie pikiert der jetzt guckt!“)

„Warum bin ich nochmal hier?“
„Weil Du endlich eingesehen hast, dass Du mich liebst und nicht ohne mich sein kannst!“
Marc grinste. „Wie wahr – ich werde Dich jetzt lieben. Dann hast Du diesen Mister Universum der Langhaaraffen sofort wieder vergessen.“
„Wenn Du Glück hast bis zum Frühstück.“ Gretchen sah auf ihre Uhr. „Oh je – hat der wirklich 6 Uhr gesagt?“
Marc seufzte. Zum Schlafen blieben keine vier Stunden mehr. „Gut, dann verschieben wir das Vögeln eben.“
„Ma-arc!“
„Nicht? Also ich muss nicht schlafen...“
„Meine Empörung betraf Deine vulgäre Wortwahl.“
„Vögeln nennst Du vulgär?“ Kopfschüttelnd zog er sich sein Hemd aus. „Was hättest Du denn gerne?“
„Liebe. Und das hier.“ Die blonde Schönheit strich zart über Marcs Brust und Bauch.
„Tu Dir keinen Zwang an, Hasenzahn. Bediene Dich wann immer und so oft Du willst...“

(„Äh... was soll ich denn jetzt machen? Der will jetzt nicht, dass ich die Initiative...?“)






September 1.9 – Koudougou


„Ich bin doch kein Stück Vieh, das man verladen kann!“ Gina protestierte. Niemals würde sie auf der Ladefläche eines Pick Ups Platz nehmen. Christian grinste völlig unbeeindruckt. „Mein Job ist es, Gretchen wohlbehalten nach Sanssouci zu bringen. Also sitzt sie mit vorne.“
„Aber hier können doch zwei sitzen?“ Gretchen zeigte auf die breite Beifahrerbank.
„Genau – der Platz an Deiner Seite gehört mir.“ Sprach´s und schon saß ein begnadeter Chirurg im Führerhäuschen.

(„Oh Gott, er ist so...“)

„Und nein, ich bin nicht süß!“
„Du bist so ein Arsch!“ Gina schnaubte. „Süß... dass ich nicht lache. Wer hat denn gesagt, Du wärst süß?“ Es war wie immer. Gina keifte und zuppelte an ihrer Sonnenbrille. Mehdi sagte nichts aber jeder wusste auch so, was er dachte.

Der zickenden Harvard-Absolventin blieb schließlich nichts anderes übrig, als es sich auf der Ladefläche bequem zu machen. „Ich sitze in der prallen Sonne – soll ich einen Sonnenstich bekommen?“
„Auf einen Stich mehr oder weniger kommt´s bei Dir auch nicht mehr an!“
Umgehend boxte Gretchen ihren Freund in die Seite. „Autsch!“
„Bist Du still?“
„Warum boxt Du mich?“
„Du sollst nicht so frech sein!“
„Warum zierst Du Dich jetzt – heute Nacht hatte ich den Eindruck, Du magst es?“
„Ma-arc!“

(„Oh nee...!“)

„Oh nee. Bitte keine Details!“
„Gina – Marc. Aus!“

Spätestens als sich der LKW in Bewegung setzte war nicht mehr an ein Gespräch zu denken. Nur manchmal hörten sie Gina fluchen. „Ich dachte, wie fahren eine bessere Landstraße? Das ist nicht mal eine Straße.“ Beim nächsten Schlagloch. „Fährst Du mit Absicht über den Randstreifen?“
Der Fahrer informierte Marc und Gretchen - glucksend. „Keine Sorge, Koudougou haben wir bald erreicht. Auf der Weiterfahrt später wird sie nicht mehr viel sagen – dann lernt sie Schotterpiste kennen!“

„Ist Koudougou wirklich das medizinische Zentrum von Burkina Faso?“ Gretchens Fragen nahmen kein Ende.
„Oh, das weiß ich nicht. Frag doch Yves, das ist der Leiter des dortigen Krankenhauses.“


***
Professor Doktor med. Yves Inyesse beantwortete nicht nur bereitwillig Gretchens Fragenkatalog, er führte die Besucher auch gerne durch sein Krankenhaus. Stolz erzählte er, dass es die einzige Universitätsklinik sei, nur in Koudougou könnte man Medizin studieren. „In Burkina Faso gibt es drei Universitäten. Ouagadougou, Koudougou und Bobo-Dioulasso. Wir nehmen uns gegenseitig keine Studenten weg sondern ergänzen uns einfach sehr gut. Natürlich gibt es auch gute Kliniken in den anderen Städten, aber nur wir bilden Mediziner aus.“
Während des Rundgangs kamen sie an einem Zimmer vorbei, in der eine schreiende Frau offensichtlich ein Kind gebar. Mehdi erkannte es von der Tür aus. „Zwillinge?“
„Ja, woher...“ Er sprach ins Leere, denn Mehdi stand nicht mehr neben ihm, sondern war schon bei der Frau. „Gretchen, los – das können wir doch!“


Auch im Hause Inyesse lernten sie die burkinische Gastfreundschaft kennen und mussten zum Mittagessen bleiben. Der Gastgeber öffnete sogar eine Flasche Wein. „Willkommen in Burkina Faso! Auf eure erste Geburt. Und dann gleich Zwillinge!“ Gretchen freute sich besonders über die reiche Obstauswahl.
Als sie abfuhren musste Marc seine Freundin natürlich aufziehen. „Na da hast Du ja schnell eine Ersatzdroge für Deine Schokosucht gefunden...“ Er hatte mit Protest gerechnet, doch Gretchen gab ihm einen liebevollen Kuss. „Dich?“

(„So, mein Lieber... jetzt kontere mal!“)

„Hasenzahn, einverstanden.“
„Prinzessin bitteschön.“
„Ja, genau...“ Er schnaubte verächtlich doch seine tanzenden Grübchen verrieten ihn.

Von Koudougou aus ging es noch eine Weile über die Nationalstraße nach Westen. Sie kamen an einigen kleinen Industrieanlagen vorbei.
„Wer heute Arbeit sucht ist in der Hauptstadt falsch. Seit die Universität 2005 gegründet wurde sind viele junge Leute in die Stadt gekommen. Dass sich hier auch ein paar Fabriken angesiedelt haben, die Karitébutter oder Baumwolle verarbeiten, liegt vermutlich auch an der einzigen Bahntrasse in Burkina Faso, die hier entlang geht. In einer der Textilfabriken kann man immer Arbeit finden.“
„Ich dachte, die Arbeitslosigkeit wäre generell hoch?“
„Ja, aber das liegt nicht an mangelnder Arbeit. Die Burkinabe sind hauptsächlich Krieger und Nomaden. Sie wollen nicht in die Stadt. Viehzucht ist was sie von klein auf lernen. Sie wollen nicht Bäcker, Schneider oder Verkäufer sein. Schon gar nicht in einer Fabrik arbeiten. Eher gehen sie auf den Markt, aber da wollen die meisten hin. Der Markt von Koudougou ist ein recht moderner Komplex, sicherlich wird es mal die Chance geben, dorthin zu kommen.“ Christian lachte herzlich. „Du wirst bestimmt einiges vom Land sehen.“
„Wie lange bist Du schon hier?“
„Fast zehn Jahre. Ich war Sozialarbeiter in der Diakonie. Für eine Projektreise fehlte noch ein Reiseleiter, da bin ich spontan eingesprungen. Es war Liebe auf den ersten Blick – und so bin ich einfach geblieben.“

(„Einfach!“)

„Das klingt gut – hast Du gehört, Marc?“
„Ich bin nicht taub. Trotzdem verstehe ich nicht, was Du mir sagen willst?“
„Du hast Dich auch auf den ersten Blick in mich verliebt.“
„Ja, genau!“ War das ein Anflug leichter Ironie? Gretchen schmunzelte und stellte dann sachlich fest: „Das heißt, Du bleibst einfach bei mir!“
„Hier? Glaube ich nicht.“
„Nee – bei mir. Als mein Freund.“
„Ach so.“

(„Oh, kein Protest?“)

„Was wäre so schlimm an hier?“ Das wollte der Entwicklungshelfer nun doch genauer wissen.
„Ganz ehrlich, mittlerweile bin ich sehr gespannt, was uns erwartet. Aber ich bin nur wegen ihr hier. Für mich wäre das nichts.“
„Nur zu eurer Info – Martin ist wirklich ein toller Kerl. Aber Sanssouci ist sein Lebenswerk. Entsprechend behutsam sollte man seine Worte wählen, wenn man nichts damit zu tun haben will oder es einem nicht zusagt. Deswegen musste der letzte Arzt gehen. Ich habe keine Ahnung davon, aber meiner Meinung war es ein guter Mediziner. Nur eben nicht anpassungsfähig. Das muss man hier sein. Offen und anpassungsfähig.“

„Das Schöne an Gretchen ist, dass sie jeden überraschen kann. Am meisten sich selbst!“ Marcs Feststellung war frei von jeglicher Wertung und als er Gretchen anlächelte, lief es ihr siedend heiß den Rücken herunter. Die Nacht war definitiv kürzer als kurz gewesen. Nach anfänglichem Zögern hatte sie sich bedient. Wie und so oft sie wollte.

Karo Offline

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13.05.2017 21:42
#7 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Jetzt musste ich lachen, deswegen kommt direkt noch ein Nachschlag - es passt so schön zu den heutigen Kommentaren. Liebe Grüße


September 1.10 – Tagebuch 3


Liebes Tagebuch,

nun sind wir in Sanssouci angekommen und ich habe nicht so viel Zeit. Aber ein paar Sätze müssen jetzt einfach sein...

Keine Zeit und vor allen Dingen – keine Ahnung. Ich weiß wirklich nicht, wie Marc das immer macht... es ist mir aber eigentlich egal. Mit Marc ist es einfach wunderschön.
Da ist die Seite, die ich schon immer bei ihm vermutet habe. Nein, ich war mir sicher. Die Leinenhochzeit meiner Eltern... plötzlich war er da, als ich am dringendsten jemanden brauchte. Die Diätpillengeschichte... da war er mein Retter. Ebenso hat er mich davor bewahrt, Testperson in der Schlaganfallforschung zu werden. Hat Maria wirklich was mit Knechtelsdörfer? Oh je... wie soll ich es hier nur ohne den Krankenhausklatsch aushalten...?
Hm, vermutlich zerreißen sie sich gerade über uns drei die Mäuler. Nicht, dass die denken, ich habe was mit beiden??? Oh je... denn das tut Gretchen Haase nicht.

Obwohl ich bei einigem überzeugt war, es nicht zu tun. Da bin ich wieder bei der Anfangsfrage...
Aber darüber muss ich wohl ein anderes Mal nachdenken. Und warum kommt mir neuerdings Peter immer wieder in den Kopf? Meine Gegenwart ist gut – ich brauche keine Vergangenheit!

Gleich zeigt Martin uns Sanssouci. Über den muss ich auch nachdenken. Er ist nett und höflich aber er lehnt uns ab. Marc findet ein bisschen Distanziertheit in Ordnung, schließlich kennt er uns nicht. Ich sage, er lehnt uns ab. Das spüre ich!
Bis später!

Karo Offline

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16.05.2017 23:12
#8 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Ich wünsche euch einen schönen Mittwoch ;-) LG Karo



AFRIKA

September 1.11 – Der erste Eindruck

In der Gemeinschaftsküche des Wohnhauses ging es heiß her. „Und wie diese kleinen Ungeheuer einen anstarren, als wollten sie einen gleich auffressen!“
„Die Wahl fiele hoffentlich auf Dich?“
„Marc, Gina. Stopp!“ Gretchen war sichtlich genervt.
„Als erstes wäre Gretchen dran, die hat am meisten auf den Rippen!“
„Danke, Gina. Nur Du vergisst, dass ich definitiv die besseren Beschützer hätte...?“
„Du redest jetzt aber nicht von diesem Supermacho? Der ist doch gar nicht in der Lage, auf Dich aufzupassen!“

„Für den Fall bin ich ja noch da.“ Christian zwinkerte Gretchen zu.
„Immerhin hast Du begriffen, wer die Nummer eins bei ihr ist!“ Marc zog Gretchen an sich und hauchte einen Kuss auf ihr Haar. Unmerklich sog er ihren Duft in seine Lungen.
Christian hielt dagegen: „Ich habe lediglich begriffen, dass Du nicht ewig hier sein wirst. Die Zeit spielt für mich!“

(„Oh nee... nicht noch so einen Testosteronbullen! Gretchen gehört zu mir!“)

(„Und es kommt Marc gar nicht in den Sinn, dass ich ihr gefährlich werden könnte? Oder eher ihm? Warte ab, Meier! Du unterschätzt mich zum letzten Mal!“)



***
Martin hatte den Ankömmlingen das Missionsgelände gezeigt und sich dann schnell in sein Büro zurückgezogen, während Roula sich um ihren kleinen Garten kümmerte. Dort war schon ein junges Mädchen fleißig, denn noch war das Wetter so, dass alles wachsen konnte. Habiba hatte natürlich schon einen neugierigen Blick auf die Weißen geworfen und wartete seit dem ungeduldig, dass ihr die Pfarrersfrau mehr sagen würde. Doch die schüttelte nur den Kopf und machte sich ebenfalls an die Arbeit.
„Sagst Du mir wenigstens, wer von denen der Doktor ist?“
„Fritz hat uns die Frau mit den langen blonden Locken geschickt. Der große dunkle Mann hat sich ihr angeschlossen – er ist ein Geschenk Gottes.“
„Warum?“
„Er kennt sich mit Frauenleiden aus. In Koudougou hat er sofort Zwillinge geholt.“
„Eine männliche Hebamme?“
Roula lachte. „In Deutschland sagen sie dazu Frauenarzt.“
„Und das dürfen Männer einfach so machen?“
„Ja.“
„Und die Frau mit den goldenen Haaren?“
„Ist auch Ärztin. Aber allgemein.“
„Also darf sie Frauen und Männer behandeln? Ein komisches Land!“

***
Vor allem eine komische Gruppe. Roula hatte sich im Hintergrund gehalten und alle sehr genau beobachtet. Natürlich ging ihre Sympathie sofort mit dem freundlichen Halbperser. Ein Frauenarzt war gerade im Moment einfach – ein Geschenk Gottes. In der Regenzeit musste jeder im Land arbeiten, Männer, Frauen, Kinder. Auf Krankheiten oder Schwangerschaften wurde da keine Rücksicht genommen, eine Fehlgeburt in Kauf genommen. Verlor eine Frau ihr Kind, war es natürlich die Schuld der Frau und meistens wurde sie zu einem Heiler geschickt. Die, die Glück hatten, landeten in Sanssouci. Roula war Heilerin. Die Landbevölkerung wusste dies. In der Mission war sie „nur“ die Krankenschwester. Sie akzeptierte es als Brückenschlag zu den Ärzten, die in der Krankenstation arbeiteten. In der Regel ließen die sich wenig auf die Traditionelle Afrikanische Medizin ein.

Besonders hatte sie die Frau unter die Lupe genommen, die auf unbestimmte Zeit bleiben würde – mindestens bis Fritz wieder einsatzfähig sei. Nicht vor Dezember hatte sie gesagt, als sie erzählt hatte, wie sie Fritz kennengelernt hatte. „Er war überzeugt, der Pfeil in seiner Brust stammte von einem Amazonasindianer.“
„Und das hast Du geglaubt?“ Martin hatte sie kopfschüttelnd aufgeklärt. „Fritz war im Frühjahr am Amazonas. Seit Juni sammelt er Spenden in Berlin und sollte jetzt eigentlich wieder hier sein. Vermutlich stammt der Pfeil sogar aus Südamerika. Er wird im Suff dumm gefallen sein und sich dabei mit dem Ding verletzt haben.“
„Hm, seine Sekretärin sagte, er hätte sich mit Alkohol betäubt, um den Pfeil herauszuziehen.“
„Seine Sekretärin? Du meinst aber nicht Renate? Renate Schwan? Das ist meine Schwester!“ Immer noch oder schon wieder kopfschüttelnd hatte er sie zu den Kindern geführt.

***
„Oh je... da bekommt man ja Angst. Wie die einen anglotzen?“
„Gigi, das sind Kinder!“ Gretchen war empört.
„Ja – vor allem ganz schön viele... und so schwarz!“
„Warum bist Du mit nach Afrika gekommen? Du dachtest, ich komme alleine nicht zurecht?“ Mit dieser Frage hatte Gretchen spontan mindestens 1000 Punkte auf der Skala des Pfarrers gutgemacht. Sympathisch war sie, keine Frage. Ihr Lachen war ehrlich und ansteckend. Trotzdem war Martin nicht überzeugt, ob Doktor Gretchen Haase wirklich richtig in Afrika wäre. Zu naiv und gutgläubig.

„Zurzeit sind nur wenige Kinder hier. Im Grunde nur die, die keine Familien mehr haben. Alle anderen gehen vor der Regenzeit zurück, weil sie als Arbeiter gebraucht werden. Wir hoffen jedes Jahr, dass sie wieder her kommen dürfen. In Burkina Faso gibt es zwar mittlerweile Schulpflicht, aber die Nomaden kümmert das wenig. Sie leben von Viehzucht und Landwirtschaft. Werden die Hände gebraucht, ist Schulbildung zweitrangig.“

Die Kinder sangen Ihnen ein Willkommenslied. Mehdi und Gretchen waren begeistert, Gina rollte mit den Augen. Marc hielt sich die meiste Zeit still im Hintergrund. Zwar drückte er Gretchen hier und da einen liebevollen Spruch, aber wenn er sich am Gespräch beteiligte, war es eher eine Frage an den Hausherrn. Denn auch wenn Marc der Überzeugung war, hier nichts verloren zu haben, er war beeindruckt von dem, was Martin Bedougou mit einfachsten Mitteln geschaffen hatte.

Umgekehrt erkannte Martin schnell den wachen Geist, der sich hinter den wenigen aber gezielten Fragen verbarg. Sicherlich, der Frauenarzt war Gold wert. Auch Gretchen würde ihnen irgendwie helfen können. Aber seine Sympathie ging eindeutig mit dem zurückhaltenden Mann. Der Pfarrer freute sich auf das eine oder andere Gespräch, welches er mit diesem intelligenten Mann, der nichts von sich preisgab, führen würde.
Doch – etwas war offensichtlich. Es zeigte sich immer dann, wenn er die Vertretungsärztin ansah. Oder sie ihn. Marc war wegen ihr hier. Bestimmt war es nicht einfach, jemanden für eine Weile fort zu lassen, wenn man schon lange zusammen war. Und die Art, wie die beiden wortlos miteinander kommunizieren konnten, deutete darauf hin, dass sie schon eine sehr lange Zeit zusammen waren.

Bei den Kindern war noch etwas Seltsames passiert. Während die Kinder sangen und tanzten, löste sich ein Junge aus der Gruppe. Er stand still, sah prüfend von einem zum anderen. Als sein Blick auf Marc fiel, lächelte er. Da alle das bunte Treiben beobachteten, fiel es kaum einem auf. Nur Martin hatte es gesehen. Zufrieden nickte er dem Jungen zu.


***
Gretchen wurde das Gespräch in der Küche zu anstrengend. Sollten sie sich gegenseitig angiften. Wegen ihr oder nicht wegen ihr. Wortlos stand sie auf und verließ die Küche, vielleicht hätte Roula Zeit, ihr die Krankenstation zu zeigen. Falls sie die Pfarrersfrau finden würde. Eine rothaarige Jugendliche lief ihr über den Weg. Sie schätzte sie auf achtzehn, höchstens zwanzig Jahre alt.

(„Die kenne ich doch?“)

Wie sollte sie hier jemanden kennen? Gretchen nahm sich vor, noch mehr Wasser zu trinken. Immerhin konnte ihr das Mädchen sagen, wo sie Roula finden würde. „Immer dem Gesang nach. Wenn Roula ihre Kräuter pflegt, dann singt sie!“

***
Roula zeigte ihr nicht die Krankenstation, das konnte warten. „Die Kranken kommen erst, wenn die Regenzeit vorbei ist. Oder nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Bis dahin wird Krankheit ignoriert – zugunsten allem, was wächst und gedeiht.“
„Aha. Was wächst und gedeiht denn hier? Also, nicht, dass ich Petersilie von Schnittlauch unterscheiden könnte...“
„Wichtig ist nicht, was da wächst, sondern dass es wächst. Dafür wäre wiederum wichtig, die Erde aufzulockern.“
„Auf Deine Verantwortung...“ Gretchen lachte und griff nach der kleinen Hacke, die Roula ihr hinhielt. „Und bitte, bitte... erzähle das niemals meiner Mutter!“
„Wieso?“
„Es hat mich Jahre gekostet, sie davon zu überzeugen, dass ich zu ungeschickt für sowas bin.“
„Jahre? Das sieht man eigentlich sofort...“ Die kraushaarige Schwarze und die blondgelockte Weiße lachten gemeinsam.



*Roula und Martin*

„Was hältst Du von ihr?“
„Sie wird zurechtkommen. Vielleicht muss man ihr öfter mal auf die Sprünge helfen aber sie macht, was notwendig ist. Vor der Gartenarbeit hat sie sich nicht gescheut – geschickt ist sie vielleicht nicht, aber sie hat Humor.“
Roula war Heilerin. Sie konnte Menschen auf den ersten Blick durchschauen. „Sie wird uns helfen können. Gib ihr Zeit.“
„Ich hoffe, dass Du Recht hast.“
„In Afrika brauchen Dinge Zeit, das weißt Du selbst! Natürlich konnte uns nichts Besseres passieren, dass sie einen wie Mehdi mitbringt. Vielleicht können wir mit ihm mehr Schwangeren das Leben retten – oder den Babys.“
„Yves war total begeistert, er hatte mit mindestens einem toten Zwilling gerechnet.“
„Er ist wegen ihr hier.“
„Wegen dieser... Zicke?“
„Nein. Die explosive Mischung – erinnerst Du Dich? Mehdi ist wegen Gretchen hier.“
„Verstehe ich nicht – Marc doch auch?“
„Gretchen hat erzählt, dass Marc erst vor zwei Tagen entschieden hat, mit zu gehen. Glücklicherweise hätte er so spontan Urlaub haben können. Mehdi dachte sich wohl, hier mit ihr alleine zu sein.“
Martin lachte. „So ein Idiot. Sogar ein Blinder erkennt, dass da niemand zwischen die beiden kommt. Hat Gretchen gesagt, was Marc macht?“
„Nein. Allerdings interessiert er mich auch weniger. Mit ihr müssen wir auskommen.“
„Ich werde ihn selbst fragen...“
„Das ist mir schon aufgefallen.“
„Was?“
„Dass er Dich beeindruckt.“
„Wie er redet. Seine Wortgewandtheit...“
„Du meinst er ist Politiker?“
„Nee... dafür ist er viel zu ehrlich. Und zu still.“
„Sie sind schon sehr unterschiedlich, oder? Sie so lebhaft und offen, er introvertiert?“
„Still ist Mehdi auch. Aber Marc ist Kopfmensch. Gretchen ist zwar viel lebhafter als Mehdi, aber sie leben beide mit dem Herz. Das war bei den Kindern zu sehen, als sie gesungen haben.“
„Hast Du Ephraim gesehen?“
„Natürlich...“
Eine Weile hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Dann nahm der Pfarrer wieder das Gespräch auf. „Und die Vierte?“
„Keine Ahnung. Christian sagte übrigens, dass Gretchen auch nicht weiß, warum sie hier ist. Das hat sich wohl auch erst spontan entschieden.“
„Ich dachte, sie wäre mit Mehdi...?“
„Ist sie sein Alibi? Dass Marc nicht merkt, warum er hier ist?“
„Na das kann ja heiter werden...“
Roula lachte. „Langweilig ist es hier doch nie. Vor allem, weil Christian auch gerne mitmischen würde...“

Karo Offline

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Beiträge: 172

21.05.2017 13:42
#9 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo Ihr Lieben ,

nun geht es weiter. Zum Verständnis der Kapitel: Die Kapitel haben Titel, die mir als "Sortierungshilfe" dienen. Einmal den Monat, klar. Die Zahl dahinter ist einmal die Woche (jeder Monat hat nur knallhart 4 Wochen) , dann die Kapitelnummer. September 2.1 heißt also 1. Kapitel in der 2. Septemberwoche. Im folgenden Fall ist es ein Tagebucheintrag - der 4. insgesamt. Ist aber mehr für mich interessant als für euch, die nur lesen sollen. Bei einer Schauplatzänderung steht immer der Ort oben drüber. Afrika, Berlin...

Liebe Grüße und viel Spaß mit dem Nachschub.
Karo


September 2.1 – Tagebuch 4

♥♥♥

Liebes Tagebuch,

was habe ich mir da nur eingebrockt.
Bis vor ein paar Tagen dachte ich, dass ich die Hauptperson in meinem eigenen Drehbuch spiele. Gretchen Haase ist „Gretchen Haase in Allein in Afrika“.

Der Titel würde sich einreihen in die bildgewaltigen Kinoepen „Jenseits von Afrika“ oder „Ich träumte von Afrika“. Aber das ist auch irgendwie schon alles. Nie habe ich von Afrika geträumt und bin doch hier. Allein schon gar nicht! Ja, ich bin mit einem Mann hier. Doch es handelt sich weder um meinen Ehemann, noch musste ich ihm folgen. Marc Meier ist mir gefolgt. Spielt er also die eigentliche Hauptrolle?

Hier in Sanssouci ist in jedem Fall Martin Bedougou der „Regisseur“. Vermutlich schreibt er auch das Drehbuch. Wir sind wohl eher sowas wie ein Improvisationstheater. Musical wäre mir lieber. Ich glaube, wenn ich Ale...Frank wegen irgendwas vermisse, dann wegen unserer Karaoke-Abende. Das würde Marc niemals machen. Nicht mal für mich. Obwohl... im Moment überrascht er mich immer wieder. Aber ich ihn wohl auch...

Martin ist der Freund von Fritz und er hält nicht hinter den Berg, dass wir eher unwillkommen sind. Zumindest wir Frauen. Gina und Gretchen. Mit Marc und Mehdi kann er sich wohl anfreunden. Ich behaupte jetzt mal, dass es am Buchstaben liegt, mit denen die drei Vornamen anfangen.Das goldene M sozusagen.

Oh ja, was würde ich dafür geben.
Liebes Tagebuch, Du weißt, dass ich nie ein Fast Food Fan war. Die Gretchen Haase-Food-World bestand aus Schokolade. Meistens Vollmilch – sahnig und cremig. Manchmal auch mit einer harten Nuss, die zu knacken war. Oder bitter-süß bis zart-herb, die Zartbitterschokolade. Auch als Eis oder Pudding.

Pudding gab es hier heute auch – eine Frechheit, das Pudding zu nennen: Brotpudding. Altes Brot und Kuchen (allein das ist Definitionssache) in sehr, sehr süßer Sahne eingelegt, mit Ei verquirlt und gebacken. Süßer Matsch. Es gibt entweder scharf oder süß – aber immer mit dem Prädikat ungenießbar. Der Tabasco-Tomatensaft damals war Babynahrung dagegen.

„Matsch“ gibt’s auch am Morgen – ich beschwere mich nie wieder über Haferbrei. Also den von meiner Mutter. Hier gibt es „Tô“. Das klingt exotisch – und nach Tod. Dahinter verbirgt sich geschmackloser Getreidebrei aus Maismehl. Wo ist das Getreide? Ist Mais Getreide? Marc meinte, dass es vielleicht der Mais ist, den wir in Deutschland zur Viehmast verwenden. Eben kein süßer Gemüsemais, sondern stärkehaltiges Viehfutter. Kommt geschmacklich vielleicht hin.

Da war das Essen in Ouagadougou echt ein Gourmetgericht. Und das war schon gewöhnungsbedürftig. Christian hatte doch gesagt, dass das Essen in Afrika zwar recht einseitig aber durchaus akzeptabel sei. Diese zwei heutigen Mahlzeiten könnten glatt als Mutprobe im Dschungelcamp gereicht werden. Moment mal – Wollen die uns testen?
Ich meine, wir haben doch jede Menge Lebensmittel mitgebracht, die bei diesen Temperaturen bestimmt nicht so haltbar sind. Und in Roulas Kräutergarten wächst sicherlich genug, um Essen schmackhaft zu machen. Ob die selbst die guten Sachen essen und uns den kargen, ungenießbaren Fraß angedeihen? Dass wir mal so richtig entbehren müssen? Das „Hiersein“ verdienen? Nach einer Woche hier habe ich eins: Hunger!

Marc drückt mir deswegen einen Spruch nach dem anderen... hätte ich nicht nach Afrika gehen sollen... hier sei es normal.

Dürfen die das überhaupt? Ich meine wir sind hier in einer christlichen Mission. Ich bin lange genug regelmäßig in die Kirche gegangen um zu wissen, dass vor Gott alle gleich sind.

Aber vermutlich bin ich dann selbst schuld... typisch Gretchen: Was machen gläubige Christen vor dem Essen? Sie beten und danken. Ich hab’s natürlich glatt vergessen. War mir erst peinlich. Mittlerweile denke ich, dass es für so einen Fraß kein Amen braucht.

Gut. Dann werde ich euch mal zeigen, wer Gretchen Haase ist. So einfach lasse ich mich nicht abschieben. Und ich lasse mich nicht über mit anderen über einen Kamm scheren. Im Gegenteil! Ich werde ihn (er)leben – meinen Traum von Afrika!


Bis bald, Gretchen

Karo Offline

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21.05.2017 13:57
#10 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 2.2 – Ehepaar Haase


In der Annahme, seine Frau schliefe schon seit geraumer Zeit, schlich sich Franz leise in das Schlafzimmer. Doch Bärbel hatte sich mehrere Kissen in den Rücken gestopft und war in den aktuellsten Band der Doktor Rogelt-Serie von Elke Fisher vertieft. „Hast Du bis jetzt noch gearbeitet? Franz, wie soll das bitte in den nächsten Wochen funktionieren?“ Bärbel sah ihren müden Mann streng über die Lesebrille hinweg an. „Irgendwas musst Du Dir überlegen, Koryphäe hin oder her, Doktor Stier ist meiner Meinung nach fehl am Platze.“
„Das hatten wir doch schon. Dass Doktor Stier kein Ersatz für Doktor Meier sein kann, meine ich. Ich wäre komplett bescheuert, wenn ich davon ausgegangen wäre, dass es funktioniert.“
„Warum bist Du dann überhaupt darauf eingegangen?“
„Die Kinder sollen nicht ständig grübeln, ob hier alles glatt läuft. Gretchen wird sich weniger um die Klinik sorgen als um uns, aber Doktor Meier weiß sehr wohl, dass es für mich Höchstarbeit bedeutet, ihn so lange im Urlaub zu wissen.“
„Warum hast Du überhaupt eingewilligt?“
„Bärbel, es steht ihm zu. Dass Doktor Meier bisher nie wochenlang im Urlaub war, ist sehr praktisch für mich gewesen. Ich glaube sogar, dass er noch nie seinen ganzen Jahresurlaub, geschweige denn seine Überstunden eingefordert hat. Meistens mal eine Woche, für ein Seminar oder eine Fortbildung. Aber sonst? Der perfekte Angestellte.“
„Was Du nicht sagst.“ Fast grunzte sie.
„Bärbel!!!“
„Ja, ich weiß... wenn es um Doktor Meier geht bist Du genauso festgefahren wie Deine Tochter.“
Der Professor prustete. „Ich habe nie einen Zusammenhang zwischen dem Marc Meier aus Gretchens Jugend und dem Mediziner Doktor Meier vermutet. Ich habe es erst verstanden, als die beiden sich im EKH wieder getroffen haben.“

Bärbel setzte die Brille ab und legte diese mit dem Buch zur Seite. Auf ihrem Nachtkästchen standen mehrere Familienfotos. Gretchen mit Brille und Zahnspange. Gretchen mit Zahnspange und Brille. Gretchen in einem roten Kleid zwischen ihren Eltern. Sie seufzte: „Das hässliche Entlein verwandelt sich zum schönen Schwan. Aber egal ob Ente oder Schwan, sie fehlt mir. Auch wenn es mit ihr immer irgendwie chaotisch ist, ihr Lachen füllt das Haus und die Wärme ihres großen Herzens wärmt jeden, der hier eintritt. Sie ist so ein wunderbarer Mensch, wenn sie nur etwas schlanker wäre, hätte es vielleicht auch mit dem Millionär funktioniert.“
„Der hat sie gar nicht verdient, dieser Betrüger. Mir ist Doktor Meier lieber, der ist wenigstens ehrlich und gibt nicht vor, irgendetwas zu sein, was er nicht ist.“
„Stimmt. Dafür ist er viel zu überzeugt von sich. Doktor Meier ist der Beste!“
„Ist er ja auch. Schon als Assistenzarzt hatte er mehr drauf, als alle anderen. Seine Station läuft, man kann sich einfach auf ihn verlassen. Es wäre schön, wenn das mit den beiden hält.“
„Hoffst Du das für Gretchen oder für Dich?“ Die Stimme der Ehefrau ließ keinen Platz für Zweifel, dass sie nämlich sehr wohl Zweifel hatte, ob das alles so richtig war.
„Wieso?“
„Ach komm... Ihr Haases mit eurer Familientradition. Da würde er doch voll reinpassen und Du würdest Deinen Bruder mit einem Schwiegersohn wie Doktor Meier regelrecht ausstechen. Was haben sie nicht gespottet – ‚Gretchen und Allgemeinmedizin‘, ‚Reicht es nicht mehr für Chirurgie? – Selbst schuld, warum heiratest Du auch eine Krankenschwester‘ – Du hast das doch nicht vergessen?“
„Nein, das habe ich nicht vergessen. Wie könnte ich! Aber Du weißt, dass mir die Meinung meiner Familie immer egal war, wenn es um unsere Kinder ging. Gretchen hat zwar einiges abbekommen, aber Jochen mit seinem Jurastudium bot viel mehr Angriffsfläche. Naja, es kann ja nicht jeder fünf Töchter auf Chirurgie trimmen!“
„Du hast ja auch nur eine!“
„Genau. Und die ist perfekt so wie sie ist. – Auch Doktor Meier hat das wohl verstanden!“
„Franz! Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass Du völlig losgelöst von den Hamburgern und ihrer Meinungen lebst? Warum hat Gretchen denn den Namen?“
„Weil sie ihn sich ausgesucht hat?“ Der Professor lächelte selig als er an den Tag zurück dachte, als sie sich endlich für einen Namen entschieden hatten. Margarete oder Hannah – sie hatten tagelang keine Entscheidung treffen können. „Wir haben diesen Namen in der Wahl gehabt, weil die erste Margarete ihren Weg gegangen ist. Gegen jede fremde Meinung und gegen jedes Hindernis. Nichts anderes macht Gretchen. Sie geht ihren Weg, so wie wir es von Anfang an für sie gewünscht haben! Egal, was dabei Haase-Meinung ist!“
„Und trotzdem bietet sich jetzt plötzlich wieder der Weg zum Haase-Thron!“
„Ich weiß nicht, was Du jetzt meinst?“ Der Professor schnitt eine Grimasse. „Du denkst da wohl mehr dran als ich!“
„Mach Dich nicht lächerlich, Franz! Gretchen hat mit ihren Männern bisher kein Glück gehabt. Der Millionär, der hätte was sein können!“
„Sie war bestimmt einfach nur zu dick!“
„Pfff...“ Bärbel prustete entrüstet. „Wer weiß, als was Doktor Meier sich entpuppt!“
„Bestimmt nicht als Heiratsschwindler. Das war schon eine krasse Nummer. Obwohl ich ihm, also diesem Alexis – Frank, durchaus glaube, dass er es ernst mit Gretchen gemeint hat.“
„Für einen Heiratsschwindler ist sie ja auch gerade das typische Opfer... sie hat ja noch nie richtig Geld verdient. Sie ist schon 30, weder Mann noch Karriere. Und jetzt Afrika...“
„Gretchen ist eine gute Ärztin, sicherlich nicht die fleißigste, aber fachlich kann man ihr nichts vorwerfen. Im Gegenteil, mit ihrer Empathie ist sie bei den Patienten sehr beliebt, der krasse Gegenpol zu Doktor Meier.“ Der grauhaarige Mann seufzte tief. „Gerade jetzt bräuchten wir beide hier.“

„Ist es wegen des Katharinen-Hospitals? Es bereitet Dir viele Sorgen, stimmt´s?“
„Natürlich. Da wurde ordentlich Geld investiert und alles ist auf dem neuesten Stand. Egal ob das Personal die moderne Technik bedienen kann oder nicht, sie werden erstmal Zulauf haben. Gott sei Dank will die StaBe erstmal abwarten, ob und was passiert. Ich hoffe nur, dass wir schnell genug reagieren können, wenn es dann doch eng werden sollte.“
„Hm. Was ist denn mit eurem Superchirurgen?“
„Bärbel. Doktor Stier ist genaugenommen krank. Er kann Doktor Meier nicht annähernd ersetzen, da haben wir eben schon drüber gesprochen. Aber hätte ich ihm Urlaub verweigern sollen? Er hat noch nie um etwas gebeten. Ich bin mir sicher, dass er fast nie seinen ganzen Urlaub genommen hat. Immer war – und ist er da, wenn man ihn braucht! Nein, auf Doktor Meier lasse ich nichts kommen und dem reicht auch keiner das Wasser!“
„Bis er Gretchen weh tut.“
„Ich glaube, dass sie quitt sind.“
„Ja. Jetzt! Aber in ein paar Wochen? Dann betrügt er sie doch wieder.“
„Nein, Bärbel. Er ist schon lange in sie verknallt, davon bin ich überzeugt. Mit ihrer Millionärshochzeit hat sie ihm richtig wehgetan.“
„Pfff... als würde er bei Dir sein Herz ausschütten.“
„Das nicht gerade.“ Der Professor lachte. „Aber ich kenne ihn lange genug. Und ich bin der Meinung, dass er absolut ehrlich ist. Es war zu merken, dass er da richtig gelitten hat.“
„Aber seine ganzen Affären, Franz, das ist doch nicht normal?“
„Bärbel! Sein Leben besteht nur aus Arbeit. Bisher zumindestens. Für mehr als Affären ist da kein Platz.“
„Na das ist ja wunderbar.“
„Nein, hör mir mal zu. Ich kenne Doktor Meier seit der Uni, besser seit er vor zehn Jahren hier sein erstes Praktikum gemacht hat. Er war ehrgeizig, wollte zeigen, was er kann. Seine Karriere war und ist ihm wichtig. An der Uni habe ich ihn beobachten können, er war immer korrekt und zuverlässig. Als Assistenzarzt habe ich ihm schon viel zugetraut und ihn viel machen lassen. Dieses Vertrauen hat er nie missbraucht, und immer die Erwartungen erfüllt. Dass er zwischenmenschlich Defizite hat, das liegt auf der Hand. Das heißt aber nicht, dass er schlecht ist. Er hat nie auf jemanden Rücksicht nehmen müssen. Guck Dir sein seltsames Verhältnis zu seiner Mutter an. Ich glaube nicht, dass Elke je viel für ihren Sohn da war. Er hat sein Ding gemacht, nichts anderes.“
„Ein emotionaler Krüppel für unser Gretchen? Ich weiß nicht...“
„Wenn jemand auf ihn Rücksicht nehmen kann, dann ist es unsere Tochter mit ihrem großen Herz.“
„Bis er es endgültig bricht. Und ich nie mehr Oma werde!“

Wieder seufzte der Chirurg. „Jochen ist ja auch noch da.“
„Ja... aber der ist noch klein.“
„26?!“
„Und unser Sohn nimmt es auch nicht so ernst mit seinen Beziehungen. Als er Ostern seine Freundin mitbringen wollte hieß sie plötzlich nicht mehr Tanja sondern Daria. Und dann fliegt er mit seiner neuen spanischen Freundin nach Mallorca zu ihren Eltern und wir wissen nichts davon.“
„Was spricht denn dagegen, sich ein wenig umzuschauen?“
„Naja – nichts, außer, dass ich gerne Oma wäre, solange ich fit bin. Aber Gretchen ist jetzt 30... da fängt die Uhr bald an zu ticken.“
„Apropos... die Uhr tickt dem Weckerklingeln entgegen. Gute Nacht Bärbel.“
„Gute Nacht Franz.“
„Bärbel – mach Dir keine Sorgen wegen Gretchen. Solange sie mit dem was sie tut glücklich ist, ist doch alles gut. Und wenn es Afrika ist, dann ist es Afrika.“
„Du hast ja nicht mal versucht, sie abzuhalten.“
„Nein, Bärbel. Gretchen ist 30 – wie Du eben selbst gesagt hast – Alt genug, selbst ihren Weg zu wählen. So wie wir es von Anfang an wollten. Wenn sie einen Sinn sucht, in dem was sie tut, dann wird sie den bestimmt dort finden. Ihr gutes Herz wird ihr über viele Widrigkeiten hinweghelfen.“
„Ich wünsche es ihr, Franz. So wie mir ein paar Enkelchen. Gute Nacht.“
„Hmmmpf.“


***
Professor Doktor Franz Haase lag noch eine Weile wach und dachte über das Gespräch mit seiner Frau nach. Sie hatte nicht Unrecht – Doktor Meier würde tatsächlich perfekt in die Familie Haase passen, aus der er sich seit mehreren Jahrzehnten herauszuziehen versuchte. Er selbst hatte sich der Tradition gebeugt und war Chirurg geworden, wie auch seine jüngeren Brüder Hans und Heinz. Während Hans seit jeher in Konkurrenz zu dem älteren Bruder gestanden hatte und jede Möglichkeit genutzt hatte, ihn auszustechen, hatte Heinz, der Jüngste, ebenso nach dem Studium das Weite gesucht, um nicht ständig mit den Geschwistern verglichen zu werden.
Was hatte es für Aufruhr gesorgt, als er, Franz, plötzlich eine Ehefrau mitbrachte, die nicht vorher vom Familienrat für gut befunden worden war. Keine Ärztin, sondern eine Krankenschwester!
Hans dagegen hatte sein Medizinerblut mit einer hochgelobten Chirurgin vermischt – da ihre Familie sehr wohlhabend war, wurde großzügig über die russische Herkunft hinweggesehen.
Die fünf Töchter konnten in jedem Fall als gelungen betrachtet werden. Das galt zumindest für die vier erwachsenen Mädchen, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Schlank und hochgewachsen, mit anmutigen Bewegungen. Lange und glatte, blonde Haare. Sie kleideten sich immer sehr schick, waren stets zurechtgemacht. Gretchen dagegen wirkte immer etwas unbeholfen und plump. Doch sein natürliches, fröhliches Gretchen mit dem eigenen Dickkopf war ihm tausendmal lieber als die formvollendeten Nichten. Nur Natalie, das Nesthäkchen, schien irgendwie aus der Art geschlagen zu sein.
Als er vor wenigen Tagen mit seiner Mutter telefoniert hatte, wusste sie wieder einige Geschichten über das Mädchen zu erzählen. Die Dreizehnjährige probierte gerade wieder einen neuen Stil aus – schwarz. Inklusive Haare färben, was seine Mutter besonders schlimm fand.

Gretchen hatte in ihrer Pubertät auch so einige Stilwandlungen durchgemacht, allerdings hatte sie ihre Haare nur einmal wirklich anders getragen. Henna Rot – als sie auf der Esoterikwelle geritten war. Lächelnd schlief der Professor ein.

Karo Offline

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21.05.2017 14:13
#11 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI

September 2.3 – Marc und Gretchen


„Gretchen, bitte vertrau´ Dir mehr in Deinen Entscheidungen. Vor allem, wenn Du sie bereits getroffen hast. Ich bin medizinisch gar nicht hier!“ Marc ließ sich rücklings auf die alte Matratze fallen und seufzte. Er wusste, dass die blonde Ärztin keine Ruhe geben würde, bis er sich zu ihrer Frage geäußert hatte. Seine Antwort hätte ihr weder gefallen noch geholfen. Busch-Medizin. Er war Chirurg!
„Aber Marc, was hätte ich denn Deiner Meinung nach tun sollen. Oder tun können.“
„Prinzessin – das einzige, was Du tun kannst – solltest – ist die Klappe zu halten und Dich hierhin“ – er klopfte mit der Hand auf die leere Bettseite neben sich – „bewegen. Du bist bei mir, also privat! Du kannst es nun eh nicht mehr ändern.“
„Du meinst also, es war falsch? Ich wusste es. Ich hätte...“
„Hasenzahn!“ Marc wurde laut. „So war das jetzt nicht gemeint. Ich denke allerdings, dass Du Benoit nun einfach mal vergessen solltest. Du hast Dich für diese Naturmittelchen entschieden, dann nimm das jetzt auch so hin. Du weißt, dass ich da absolut der Falsche bin. Ich glaube nicht an diesen Hokus Pokus. Allerdings gebe ich zu Bedenken, dass eine rein medikamentöse Therapie nur dann sinnvoll wäre, wenn die Medikamente auch gewissenhaft eingenommen werden. Und da habe ich bei den Menschen hier so meine Zweifel.“
„Also doch richtig?“
„Was meint denn Roula?“ Er versuchte abzulenken.
„Roula findet meine Toleranz gegenüber der traditionellen Medizin sehr gut. Sie meint, dass mir das einen besseren Zugang zu den Menschen hier bringt, die alle wenig für die „moderne, westliche Medizin“ übrig haben.“

(„Vor allem haben sie da kein Geld für übrig!“)

„Na dann ist doch alles gut.“ Marc versuchte es mit beschwichtigenden Worten. „Du bist eine gute Ärztin, Gretchen, und mit dem Naturzeugs wirst Du Dich bald gut auskennen. Also hör mit Deinen Selbstzweifeln auf.“

„Als ich in Köln studiert habe, da hat meine Kusine eine Zeitlang auch da gewohnt. Sie ist Diätassistentin und hat in Bonn und Köln an den Paracelsusschulen unterrichtet und studiert.“
„In dieser Reihenfolge?“ Marc wollte seine Freundin aufziehen.
„Hä?“
„Erst unterrichtet und dann studiert?“
„Ach so. Um genau zu sein – gleichzeitig. Sie hat dieses Diätdings gelehrt und selbst eine Ausbildung zur Naturheilpraktikerin gemacht.“ Gretchen kicherte. „Peter konnte sie von Anfang an nicht leiden. Aber nach diversen Selbstversuchen war Andrea für ihn ein rotes Tuch.“
„Was für Selbstversuche?“
„Hm, Wirkungsweisen und Dosierung von verschiedenen Sachen.“
„Sachen?“
„Naja... was man halt so ausprobiert...“

(„Bitte? Sie meint doch etwa nicht...?“)

Die blonde Ärztin stand immer noch im Raum. Der Chirurg beobachtete, wie ihr Erinnerungen durch den Kopf gingen und dass sie immer wieder verschmitzt grinsen musste.
„Was probiert man denn als Student so?“ Seine Hand forderte Gretchen erneut auf, neben ihm Platz zu nehmen.
„Welche Kräuter man wie verabreichen kann, beispielsweise.“
„Also sowas wie eine Teezeremonie?“
„Hm, so könnte man es auch bezeichnen. Mit ordentlich Schuss im Tee. Also eigentlich nur Schuss...“
„Ihr habt Schnaps destilliert?“
„Hm... alles... destilliert, gebrannt, verbrannt, geraucht...“ Das Blau ihrer Augen leuchtete aufgeregt. „Wobei die Versuche mit den Kräutern echt noch harmlos waren...“
„Was denn noch?“
„Ach... alles was die Natur so angeboten hat...“ Sie war nicht sicher, ob sie fortfahren sollte. Marc würde sie bestimmt auslachen.

(„Aber woher sollte ich denn wissen, dass Andrea mit Pilzen Rauschpilze meinte, nachdem wir mit Gräsern, Blättern oder Baumrinde experimentiert hatten.“)

„Und im Sommer habt ihr Insekten gegrillt?“ Er liebte es, sie aufzuziehen. Doch sie ließ sich nicht ärgern. „Was denkst Du von uns? Wir haben nur mal Extrakt aus Insektenhüllen hergestellt.“
„Äh, ist das jetzt Dein Ernst?“
„Ja. Also sie hat das gemacht und mir leider nicht vorher verraten, woraus sie das gebraut hat.“
„Aber gesagt hat sie es Dir dann doch?“
„Hm. Schon. Sie hat es bitter bereut, weil ich ihr die ganze Wohnung vollgekotzt habe. Wobei sie eher böse war, dass sie nun nicht erfahren konnte, ob das wirklich ohne Nebenwirkungen war. Also außer Ekelkotzerei.“
Marc lag mittlerweile auf dem Rücken und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Habt ihr nie was Giftiges erwischt?“

(„Sie müsste doch eigentlich mehrfach gestorben sein, wegen hypochondrischer Sterbeanfälle...“)

Gretchen krabbelte neben Marc auf das Bett und legte sich auf die Seite, den Kopf stützte sie in die angewinkelten Hände. „Was glaubst Du, wie oft ich schon das Licht am Ende des Tunnels gesehen habe.“ Sie rutschte etwas höher, dass sie ihrem Freund in die Augen sehen konnte. „Einmal hat Peter uns gefunden, nachdem wir es wohl etwas übertrieben hatten. Ich weiß gar nicht mehr, was sie da angeschleppt hatte.“

(„Hoffentlich fragt er nicht nach. Gretchen Haase wegen Rauschmittelvergiftung im Krankenhaus...“)

„In jedem Fall kam er nach Hause und wir tanzten („nackt!“) durch das Wohnzimmer. Da Andrea der Meinung war, dass wir im Sommer von Köln nach Berlin wandern sollten, hatten wir vor, den Sonnengott um besseres Wetter zu bitten.“
„Da könntest Du Dich hier auch an Roula wenden, die kann Dir bestimmt sowas zeigen. Obwohl – die haben bestimmt eher den Regentanz im Repertoire.“
Die blonde Ärztin kicherte. „Den konnten wir selber – die Wanderung fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.“ („Gott sei Dank!“) „Und der ganze Sommer gleich mit.“
„Habt ihr nackt getanzt, oder wie? Na Gott sei Dank hast Du nicht den Befruchtungstanz erwischt. Das wäre Dir ohne weiteres zuzutrauen.“ Marc zog seine Lieblingsärztin liebevoll auf, dann stützte er sich hoch und gab Gretchen einen langen, zärtlichen Kuss.

„Sei nicht so frech, Marc Meier!“
„Und galt das als Experiment als gelungen? Ich meine, dass ihr den Sonnentanz mit dem Regentanz verwechselt habt, kann ja mal passieren.“ Er fing an zu prusten.
„Wir hielten es angesichts des Wetters für ratsam, nicht mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis an die Öffentlichkeit zu gehen. Naja, wobei...“ Schnell brach sie ab, doch Marc war manchmal einfach zu schnell im Kopf.

„Wobei?“

(„Nein!!! Peinlich!“)

„Nix.“
„Äh, Gretchen, ich kenne Dein „Nix“!“
„Naja, Peter hat uns wohl fassungslos eine Weile beobachtet, wusste nicht, was er tun sollte. Dann sind wir beide umgekippt. Anstatt sich darauf zu besinnen, dass er selbst Arzt ist, hat er den Notarzt gerufen. Andrea und ich waren dann erstmal ein paar Tage im Krankenhaus. Sie hatte noch schlimmere Halluzinationen als ich. Hm, ist manchmal von Vorteil, wenn man etwas feige ist und sich verhalten an Experimenten und Selbstversuchen beteiligt.“ Sie kicherte vor sich hin.
„Was hattet ihr denn erwischt? LSD oder was?“ Marc hatte diese Frage eher beiläufig gestellt, doch als seine Freundin nun verlegen schluckte und trotz der Bräune die Hautfarbe rötlich erschien, war ihm klar, ins Schwarze getroffen zu haben. „Gretchen Haase – Du hast Drogen genommen?“
„Sie hatte was von Pilzen gesagt.“
„Magic Mushrooms?“ Erst starrte er die verlegen dreinschauende Frau neben sich an, dann brach Marc in schallendes Gelächter aus. „Nach Gräsern, Blättern und Rinden hast Du Dir nichts gedacht, als sie mit Pilzen ankam?“ Marc bekam fast keine Luft. „Gretchen Haase und ein Drogendelikt? Ich kann nicht mehr!“

(„Genau das hatte ich befürchtet. Arsch!“)

„Ja, Marc, sooo lustig ist das jetzt auch nicht.“
„Doch Gretchen, ist es!“ Er bekam sich schwer wieder unter Kontrolle. „Wobei diese Eigenversuche ja mittlerweile in Versammlungen vorgenommen werden. Ich habe da mal was gelesen, dass ein ganzes Seminar von Naturheilkundlern im Krankenhaus gelandet ist, weil sie es mit Rauschmitteln übertrieben haben. Deine Kusine lebt nicht zufällig in Niedersachsen?“

„Hamburg.“ Gretchen grinste schon wieder. Gott sei Dank konnte sie Marc nie lange böse sein. Zumindest hier in Afrika gelang ihr das gut. Marc war schließlich nur für sie hier.
„Mich würde eher interessieren, wie Du auf die Idee kamst, von Köln nach Berlin zu wandern?“
„Gar nicht. Das war Andreas Plan. Obwohl – eigentlich war das der Plan ihres damaligen Freundes. Das war so ein Ökofreak, der auf jeden Fortschritt verzichtete. Ich glaube, sie hat die Beziehung beendet, als er von ihr verlangte, dass sie ihre Wäsche mit der Hand wäscht.“
„Ahhh, wie romantisch. Ein zweisamer Abend am Rheinufer, man beobachtet den Sonnenuntergang und schrubbt nebeneinander die Wäsche über ein Waschbrett. Später zündet man Kerzen an – oder besser ein Lagerfeuer und trocknet die Wäsche direkt. Schön.“
Gretchen gluckste, doch plötzlich sah sie Marc auffordernd an. „Warum hast Du eigentlich noch Wäsche über Deinem Waschbrett („Bauch“)?“

„Du möchtest jetzt noch Wäsche machen?“
„Nee. Nur weg machen.“ Die blonde Frau schob ihre Hand unter Marcs T-Shirt und strich sachte über seine Haut. Sofort spannten Marcs Muskeln an und gleichzeitig stellten sich seine Härchen auf. Mehrere Atemzüge kamen stoßweise.
Er setzte sich auf, dass seine Freundin ihm das Shirt über den Kopf ziehen konnte. Wenige Augenblicke sank der Chirurg zurück in die Kissen, schloss seine Augen und überließ seinen muskulösen Oberkörper den Lippen einer wunderbaren Frau.

(„Wer hätte das je gedacht, dass ich einfach so komplett abschalten kann...“)

Karo Offline

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21.05.2017 14:23
#12 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 1

Marc Meier war ein Kontrollmensch. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Das hatte er von seinem Vater gelernt. Zeit seines Lebens hatte er an diesem Leitsatz festgehalten. Damit war er immer gut gefahren. Es verhinderte einfach böse Überraschungen und oder ihre Folgen.
Vor allem hatte das für ihn immer beim Sex gegolten. Seine Partnerinnen konnten ihm bereits 1000mal versichert haben, dass sie die Pille nähmen oder sonst wie zuverlässig verhüteten, auch beim tausendundersten Mal hatte er zum Kondom gegriffen. Seinen Kondomen!
Deswegen war er auch immer sicher gewesen, dass Gabi nicht von ihm schwanger gewesen war. Dass sie es darauf angelegt hatte, war ihm klar gewesen. Ihre Versuche, ihn mit zerstochenen Gummis zum Vater zu machen, waren einfach zu plump gewesen. Und vergeblich.

Er hatte gerne mit Frauen geschlafen, egal, ob einmal oder öfter. Er hatte nie lange gezögert, wenn sich die Gelegenheit ergab. Naja, so ganz stimmte das nicht – die Gelegenheit musste schon attraktiv sein und ihn optisch reizen. Einfach nur willig war ihm zu billig. Er war Jäger, nicht Gejagter. Und schon gar nicht Opfer. Zumindest wenn man alles was Verantwortung bedeutete ablehnte.

(„Verhütung ist auch Verantwortung. Besonders dann, wenn man keine Verantwortung für eine Familie übernehmen möchte.“)

Das hatten sie nie verstanden. Sie – die Frauen, die mehr erwartet hatten als guten Sex mit ihm zu haben.
Mit den wenigsten war er nur einmal im Bett gewesen. Die fünf Finger einer Hand reichten aus, um seine One Night Stands zu zählen. Die meisten hatten sich mehr von ihm erhofft und blieben länger. Allerdings verzogen sie sich von selbst, wenn sie merkten, dass Marc es ernst meinte – mit der unkomplizierten Bettbeziehung. Die meisten dieser Affären endeten ähnlich:

„Ich habe noch keinen Mann kennengelernt, der Verhütung so ernst nimmt wie Du.“
„Dann kannst Du Dich ja jetzt beglückwünschen.“
„Warum?“
„Dass Du siehst, dass Verhütung wohl Männersache ist!“
War dieses Gespräch erst gestartet, dann konnte Marc im Grunde gleich die Wohnungstür öffnen – spätestens am nächsten Morgen waren die Damen verschwunden.
„Ich würde Dich aber gerne richtig spüren.“
„Das glaube ich Dir aufs Wort.“
„Was heißt das jetzt?“
„Wie immer – nein!“
„Aber...!“
„Es gibt kein Aber! Schon gar nicht, wenn der folgende Satz „Ich nehme doch die Pille“ heißt. Aber es gibt genug unangenehme Folgen und ich rede nicht allein von einer Schwangerschaft.“

Dann gab es die einen, die nicht verstanden, was er meinte.
„Ich hänge Dir schon kein Kind an!“
„Es gibt noch genug anderes...“
„Hä?“
„Bakterien, Virusinfektionen...“
„Ich habe kein Aids.“
„Hast Du ´nen Test gemacht?“
„Nein, wieso. Du?“
„Ich bin Arzt, ich muss regelmäßig Tests machen.“

Diejenigen, die seine Kommentare verstanden, waren dann spätestens bei dieser Frage wieder im gleichen Fahrwasser:
„Warum sollte ich Aids haben?“
„Es muss ja nicht direkt Aids sein. Gonokokken, Pilze, es gibt eine große Bandbreite an sexuell übertragbaren Krankheiten.“
„Hältst Du mich für eine Schlampe?“ Beleidigt waren sie alle.
Meistens musste Marc an dieser Stelle lachen, Frauen waren doch irgendwie alle gleich. Beschwerten sich, wenn sich die Männer nicht um Verhütung kümmerten und wenn Mann es dann doch tat, war es auch nicht richtig.
„Zum Vögeln gehören immer zwei!“

(„Manchmal – naja, eher selten – auch drei!“)

Aber er hütete sich, das auszusprechen. Zweimal war er spontan mit zwei Frauen im Bett gelandet, beim ersten Mal hatte er es wirklich ausprobieren wollen. Bei der zweiten Gelegenheit war er überrumpelt worden, als plötzlich die Mitbewohnerin seiner Gespielin aufgetaucht war. Von seiner Seite aus hätte es keiner zweiten Sexpartnerin bedurft. Da bevorzugte er das
klassische 1-1. Ein Dreier mit einem zweiten Mann kam für Marc Meier nicht mal gedanklich in Frage. Er konnte und wollte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er eventuell von einem anderen Mann angefasst wurde – im harmlosesten Fall.

Dann gab es noch den Meier-Dreier: Ihm kam Nina in den Sinn. Mit dieser Frau hatte er drei Jahre das Bett geteilt. Sie als Daueraffäre zu bezeichnen wäre gemein, dafür hatte Marc sie viel zu sehr in sein Leben hinein gelassen, mehr als sonst jemanden vorher. Trotzdem war es für ihn nie eine Beziehung gewesen, für sie leider schon. Sie hatte irgendwann akzeptiert, dass Verhütung Meiersache war. Ohne nervende Fragen, ohne beleidigt zu sein. Er war halt so. Sie mochte ihn so, wie er war. Auch als sie kapiert hatte, dass er nicht an eine gemeinsame Zukunft dachte, blieb sie bei ihm. Immer auf das Wunder hoffend, dass Marc sich doch eines Tages für sie entscheiden würde.

Es hatte Nina wirklich sehr verletzt, dass er immer wieder mit anderen Frauen geschlafen hatte. Als sie ihn dann endgültig aufgab, hatte Marc ehrlich sowas wie ein schlechtes Gewissen. Nicht, weil er sie immer wieder betrogen hatte, sondern weil Nina die einzige Person gewesen war, die ihn einfach so wollte wie er war. Die ihn so akzeptierte, wie er war. Mit seinen Macken. Die ihn schätzte – und liebte.
Weil er ehrlich war. Er hatte Nina nie eine heile Beziehung vorgegaukelt. Er hatte ihr nichts verheimlicht, auch nicht, dass er immer wieder mit anderen Frauen schlief. Natürlich hatten sie deswegen gestritten. Sie machte trotzdem weiter – mit ihm. Und er – mit anderen. Sie hatte diese Konstellation „Meier-Dreier“ genannt.

Sie war irgendwann gegangen. Obwohl sie ihn liebte, aber sie würde es nicht mehr aushalten. Sie trennten sich friedlich und ehrlich, wünschten sich alles Gute und meinten es auch so.

Als er feststellte, dass er sie vermisste, war er überrascht. Dann wütend. Genau das war es doch, was er nicht wollte. Was er immer gefürchtet hatte. Er bemerkte, dass er sich bei ihr sicher gefühlt hatte. Trotzig vögelte er gegen den Gedanken an, sie zurückzuholen. Er war schließlich Marc Meier.

Vor einem Jahr war sie plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert worden, nachdem sie sich zwei Finger im Laubhäcksler geschreddert hatte. Als er schon mit seiner persönlichen Gretchenfrage beschäftigt war.

Nina war immer noch verletzt, das hatte er zu spüren bekommen. Es war ihm tatsächlich unangenehm gewesen, ihren Geburtstag nicht mehr zu wissen. Vor allem, da er ja auf der Patientenakte vorne drauf stand. Marc hoffte für sie, dass sie einen guten Ehemann bekommen hatte. Nina hatte es definitiv verdient, glücklich zu sein. Sie war ein guter Mensch.

Karo Offline

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21.05.2017 14:30
#13 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI

September 2.4 – Marc und Gretchen


*Zwiegespräch*

Als Gretchen mit ihren Lippen Marcs Haut zum Glühen brachte, musste er mit aller Macht gegen seine Panik angehen. Ratio war konsequent gegen jedes Fallenlassen.

Nicht abschalten, Doktor Meier, wer weiß, was sie dann mit Dir anstellt. Wenn Du Dich einer Frau überlässt, dann nur für den kurzen Moment, wo sich ihr Kopf in Deinem Schoß und ihr Mund an Deinem besten Stück befindet!

Doch mittlerweile hatte seine Vernunft einen Gegenspieler bekommen. Marc fühlte mittlerweile und er fühlte sich meistens sehr wohl dabei. So wie jetzt.

Du hast Dich aus dem Bauch heraus für sie entschieden und ich sehe nicht, dass Du es bisher bereut hast. Vertrau ihr – und vor allem – Dir selbst. Schalt uns ab und gib Dich einfach Deinen Empfindungen hin.
Wie uns abschalten. Untersteh Dich. Wir haben uns ein Leben lang gut verstanden und waren uns einig. Was ist das jetzt für ein Zirkus mit Herz und Gefühl?

Als hätte Gretchen den Disput in Marc gespürt, beendete sie die Liebkosungen auf Marcs Bauch und forderte nun seine Lippen auf, sich aktiv zu beteiligen. Der Chirurg tat wie ihm geheißen – schaltete seine inneren Stimmen ab und erwiderte die leidenschaftlichen Küsse seiner schönen Freundin.


*Marc und Gretchen*

Das erste was er wahr nahm war das Geräusch des Regens. Nach der Intensität des Prasselns musste der Niederschlag förmlich zu Boden geschleudert werden. Er lag regungslos und belauschte die Tropfen, die hart auf das Dach aufschlugen. Je wacher seine Sinne wurden, umso feinere Töne drangen in sein Ohr. Ein zartes Atemgeräusch. Sie lag, ihm den Rücken zugewandt, neben ihm und die Wärme ihres Körpers übertrug sich auf seinen nackten Körper.
Er rutschte vorsichtig etwas näher an sie heran und vergrub sein Gesicht in ihren blonden Locken. Der einzigartige Duft ihrer Haare löste eine Folge von heftigen Atemzügen aus. Ganz tief wollte er ihr liebliches Aroma in sich hereinziehen. Sein linker Arm legte sich in einer zärtlichen Umarmung um ihren Oberkörper, seine Hand streichelte ganz sanft über die feine Haut ihres Bauches. Sie seufzte leise und er pustete ihr sanft in ihre Halsbeuge.
Das Kitzeln des Luftzuges ließ sie erschaudern und sie schmiegte sich stärker in seine Umarmung. Er fühlte, wie ihre weichen Pobacken sich gegen seinen Unterleib drückten. Er registrierte auch ihre kurze Anspannung, als sie bemerkte, dass sie ihre Pobacken unbewusst an seinem nackten Schoß gerieben hatte.

(„Oh Gott, nicht, dass er jetzt denkt, ich will das von...“)

„Schhhhht.“ Die Umarmung des muskulösen Männerarms ließ ihr keine Gelegenheit, sich wieder von ihm zurückzuziehen. Er blieb ganz ruhig hinter ihr liegen, nur seine feinfühlige Chirurgenhand streichelte sie beruhigend. Zarte Küsse landeten auf heller Haut, nur wenige Millimeter neben dem Ansatz der blonden Locken. Die junge Frau tauschte ihre anfängliche Aufgeregtheit gegen aufkeimende Erregtheit. Die feste Umarmung gab ihr die Sicherheit die sie brauchte. Mittlerweile war auch sie hellwach. Die Nähe des Geliebten vermittelte Vertrauen, seine Berührungen löste Herzklopfen aus. Sie liebte diesen Mann, in dessen Umarmung sie sich gerade befand schon ihr Leben lang. Nun war er hier, bei ihr. Im Moment hinter ihr. Bevor die junge Frau sich bewusst war, was ihr Körper vorhatte zu tun, begann sie erneut, ihre Pobacken an seinem Körper zu reiben. Ein zufriedenes Brummen erklang leise an ihrem Ohr.

(„Gretchen, jetzt reizt Du ihn auch noch. Was ist, wenn er mich tatsächlich von... Oh Gott, Gretchen, Du kannst es nicht mal denken. Nein, ich möchte auch gar nicht daran denken. Nein! Niemals!“)

Er ließ sie eine Weile sicherer werden, dann veränderte der junge Mann seine Position. Seine rechte Hand fand den Weg unter ihrem Oberkörper hindurch und ruhte nun liebevoll auf ihrem Bauch, während die Linke zärtlich ihren Oberschenkel streichelte.
Behutsam fing er an, ihre Brüste zu streicheln, vorsichtig, immer darauf bedacht, die junge Frau nicht zu verschrecken. Immer wieder hauchte er zarte Küsse in ihre Halsbeuge, mit der Zunge leckte er sich hinter ihr Ohr und knabberte dann sachte an ihrem Ohrläppchen.
Wohlige Schauer durchfluteten ihren Körper, als die erfahrenen Männerhände immer mehr Haut zum Glühen brachten. Als ein erstes erregtes Stöhnen aus ihrer Kehle drang, lächelte der Mann und zog seine wunderschöne Freundin noch fester an sich heran. Schließlich drehte sie auf den Rücken und schon versank der verliebte Oberarzt im unendlichen Leuchten ihrer blauen Augen.
Gretchen streckte ihm erwartungsvoll ihre weichen Lippen entgegen. Er folgte der Aufforderung und küsste sich Millimeter um Millimeter zu ihrem sehnsuchtsvoll geöffneten Mund.

Karo Offline

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21.05.2017 14:38
#14 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 2.5 – Krankenstation


Gretchen hatte keine Wahl. In der Krankenstation waren zwei Patienten stationär aufgenommen worden, um die sie sich kümmern musste. Bei diesem Regen war es auch für Gretchen ein „Muss“, denn gegen diese Regenfälle hatte sie keinerlei Chance. Ob Schirm, Regenjacke oder Gummistiefel, die Nässe kam von allen Seiten gleichzeitig angekrochen.
„Soll ich Martin nach dem Autoschlüssel fragen, dann fahre ich Dich rüber?“
„Das dauert aber was.“
Marc trat ganz nah hinter seine schöne Freundin und küsste ihre Schläfe. „Ich warte doch eh auf Dich. Da ist es egal, ob dort oder hier.“
Gretchen wurde angesichts seiner Worte warm ums Herz. Sie drehte sich um, schlang ihre Arme um seinen Körper und legte ihren Kopf in seine Halsbeuge. „Du machst mich glücklich!“
„Ich weiß nicht wie das geht, wenn dann geschieht das wohl eher zufällig.“
„Du bist vielleicht ein Naturtalent?“
„Ich? Im Glücklich machen? Du bist die erste, die das so sieht!“
„Na das reicht ja auch!“ Sie forderte einen Kuss, den er breitwillig gab.

„Und?“
„Was und?“
„Soll ich Dich nun rüber fahren?“
„Da sage ich nicht nein. Selbst wenn es genauso nass wäre – ich habe Dich dann ein paar Minuten mehr von diesem Tag und Du wartest ein bisschen weniger. Das klingt doch nach einem guten Team!“
„Ja, da hast Du Recht!“

Doch noch wollten sie die vergangene Nacht nicht loslassen. Noch einmal trafen sich ihre Lippen, ihre Zungen spielten kurz miteinander. Ein tiefer Blick. In ihre blauen Augen. In seine grünen Augen. Hand in Hand verließen sie das Schlafzimmer.

Natürlich hatte Martin nichts dagegen, dass sie mit dem kleinen Jeep zur Krankenstation rüber fuhren, wo Jenny bereits nach den beiden Patienten gesehen und ihnen ein Frühstück gebracht hatte.


*Krankenstation*

„Guten Morgen Jenny! Bist Du schon fleißig?“ Gretchen wies auf die frisch gewaschenen Verbandsrollen.
„Hm, ich hatte weder Lust hier herum zu sitzen noch durch den Regen zu laufen. Ich sehe, Du auch nicht, aber Du warst kreativer.“ Sie meinte den Jeep.
„Das war Marcs Idee.“
„Ich möchte auch einen Marc!“ Die Jugendliche lachte. „Naja, vielleicht nicht gerade hier und jetzt! Aber vielleicht kann mich einer im Mai vom Flughafen abholen.“
Gretchen stimmte in das Lachen mit ein.
„Ob Martin da was ausrichten kann? Der hat doch einen guten Draht nach oben?“ Die Rothaarige lachte immer noch.
„Wie geht es denn den beiden Patienten?“
„Ich glaube ganz gut. Die Wunden habe ich aber nicht angerührt.“
„Hast Du Fieber gemessen?“
„Ja, wie gestern.“
„Bei wem?“ Der jüngere Patient hatte gestern Abend erhöhte Temperatur gehabt und Gretchen hatte ihm eine recht hohe Dosis Paracetamol gegeben, dass er gut über die Nacht kommen würde. Er war in eine Glasscherbe getreten und mit der blutenden Wunde durch den Matsch zu ihnen gelaufen – barfuß natürlich.
Gretchen war sich nicht ganz sicher, ob das Fieber tatsächlich mit der Entzündung des Fußes zu tun hatte, denn dem jungen Mann war entweder heiß oder kalter Schweiß stand ihm im Gesicht. Ihrem Bauchgefühl folgend hatte Gretchen Roula zu Rate gezogen. Diese war zwar sicher, dass das Fieber mit der Fußwunde zusammenhing, doch sie beriet die deutsche Ärztin, was im Falle einer Malaria zu tun sei. In der kurzen Zeit, die Gretchen in der Mission weilte, hatte sie schon mehrfach aus dem Bauch richtig gelegen. Ihrer Intuition folgend, hatte sie dem Patienten direkt Malariamedikamente verabreicht.

Mit Roula, der Ehefrau von Martin Bedougou, hatte sie vereinbart, dass sie zum Ausschluss einer Malaria über mindestens 24 Stunden alle sechs Stunden Blut abnehmen würden. Der Blutausstrich war nun zweimal unauffällig gewesen. Laut der Dokumentation hatte er bis jetzt über keine weiteren Krankheitsanzeichen geklagt, die auf eine Malaria hin deuten würden. Allerdings würden diese Symptome auch gut durch das Paracetamol suppressiert.
Die Deutsche nahm direkt eine weitere Blutprobe und untersuchte diese gewissenhaft unter dem Mikroskop auf Malariaerreger. Auch diese Probe war unauffällig. Weiterhin versorgte sie die entzündete Schnittwunde, sie befürchtete, dass sie den Fuß doch operieren musste, zu stark war das veränderte Gewebe.

Die Schnittverletzungen des älteren Mannes – Gretchen tippte auf ein Messer – heilten so gut wie es unter den hiesigen Bedingungen möglich war. Auch hier hatten sich die Wunden entzündet, aber insgesamt gab der Gesundheitszustand des Mossi-Kriegers keinen Grund zur Sorge.

Nachdem die Ärztin ihre Behandlungen penibelst in die jeweiligen Karteikarten eingetragen hatte besprach sie sich mit der jungen Deutschen.
„Du kannst wirklich hier bleiben?“
„Ja, es sind zu wenige Kinder drüben im Hort, da brauchen sie mich noch nicht. Ich hoffe, Martin hat Recht und die kommen in den nächsten Tagen wieder vermehrt hier an.“
„Bei dem Regen?“
„Da fragt hier keiner, Gretchen.“ Jenny lachte. Die blonde Frau dachte noch sehr deutsch. „Wenn Du nächstes Jahr noch hier bist, dann siehst Du auch anders. Vielleicht wirst Du nicht durch die Fluten hüpfen und „Singing in the Rain“ trällern, aber Du wirst den Regen zu schätzen wissen.“

Gretchen musste herzhaft lachen. Sie sah sich im Anzug mit einem Regenschirm durch den Niederschlag tanzen, bestimmt würden einige Kinder sich zu einem Regenschirm-Ballett hinreißen lassen und für sie eine grandiose Backgroundshow demonstrieren. Dann fiel ihr wieder die Regentanz-Geschichte mit ihrer Kusine Andrea ein.
„Oh Jenny, das lassen wir lieber. Allenfalls singe ich Karaoke und das meistens auch nur wenn ich genug getrunken habe.“
„Das würde ich schon gerne einmal sehen. Ich spreche mit Martin.“
„Warum?“
„Wegen des Alkohols.“
„Hä?“ Gretchen verstand nichts. Konnte sie auch nicht, denn bisher hatte sich der Hausherr gegenüber den Ankömmlingen sehr verschlossen verhalten.


*Martin Bedougou*

Martin Bedougou hatte ein einziges Hobby, dem er sich so oft widmete, wie es seine knappe Zeit zuließ. Er brannte Schnaps. Aus und mit allem, was er in die Finger bekommen konnte. Seine Frau Roula prophezeite ihm immer wieder, dass er sich mit dem Zeug irgendwann vergiften würde, aber der Pfarrer ließ sich nicht beeindrucken. Allerdings gab er insgeheim seiner Frau Recht, dass außer dem Zuckerrohrschnaps nichts wirklich brauchbar erschien. Und so hatte er nichts dagegen einzuwenden, dass die Krankenschwester die hochprozentigen Flüssigkeiten als Desinfektionsmittel in der Krankenstation verwendete.


*Jenny*

„Martin brennt Schnaps?“ Die Ärztin schüttelte ihre blonden Locken und lachte.
„Ja, das meiste bringt Roula dann her. Die Tinktur, die Du eben für den Scherbenfuß verwendet hast, hat sie aus einem solchen Alkoholzeug hergestellt. Was für Pflanzenextrakt da drin ist, musst Du sie fragen.“
„Ich traue mich oft gar nichts mehr zu fragen, sie müsste schon Löcher im Bauch haben – nach nicht mal zwei Wochen.“
„Oh, glaube mir – Roula schätzt Deine Fragen. Sie wird Dir keine Antworten verweigern, weil Du Dir alles so genau aufschreibst und Dich auf die traditionellen Mittel einlässt.“
„Ich kann nicht mal eine Eiche von einer Buche unterscheiden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mir das alles zu notieren.“
„Das ist schon mehr als Dein Vorgänger getan hat. Den interessierte das alles überhaupt nicht. Deswegen haben sie ihn auch weggeschickt. Ich meine, er ist schließlich Arzt und muss doch gucken, wie er den Menschen helfen kann.“
„Hm. Also der klassische Mediziner, so wie ich es auch bin, kommt während Studium und Beruf weniger mit Naturmitteln in Berührung als mit industrieller Medizin.“
„Und Naturheilpraktiker sind keine Ärzte?“
„Nein, sie gehören zu den Gesundheitsberufen, aber eben alternativ. Meine Kusine ist Naturheilpraktikerin und ich habe während meines Studiums viel Zeit mit ihr verbracht.“

(„Komisch – monatelang denke ich nicht an Andrea und heute erzähle ich schon zum zweiten Mal von ihr.“)

„Sie hat sich alles aufgemalt und ich dachte, vielleicht ist es nicht das Schlechteste. Natürlich geht es mir mit der modernen Medizin besser, denn das habe ich jahrelang gelernt und danach gearbeitet. Aber so wie ich das nach der kurzen Zeit beurteilen kann – auf Lieferungen muss ich lange warten, oder?“
„Ja. Und dann ist es Glückssache, was geliefert wird. Das was ihr jetzt mitgebracht habt ist schon eine große Menge. Es wird schneller verbraucht sein, als Du denkst. Wenn ihr erstmal unterwegs gewesen seid...“
„Also ganz ehrlich? Eine größere Menge könnte man hier ja auch kaum lagern, bei dem Klima hält sich doch kaum was wirklich lange. Und wer kann es sich leisten?“
„So wie ich das sehe wirst Du Dich mit Roula gut verstehen. Und wenn Du sie hast, dann legt auch Martin seine Zurückhaltung ab.“
„Zurückhaltung ist gut. Ablehnung trifft es wohl eher.“
„Er hatte sich auf Fritz gefreut.“
„Ja, aber der ist nun mal krank. Er hat sich schnell erholt, ja, aber bis er wieder in tropischen Klimaregionen herumturnen kann dauert es noch ein wenig. Gott sei Dank hat er das eingesehen.“
„Wie ist er?“
„Fritz?“
„Ja. Martin bekommt leuchtende Augen, wenn er von ihm erzählt, aber ich bin ja auch erst seit Mai hier.“
„Da war Fritz am Amazonas unterwegs. Aber - mal zu Dir. Wie kommst ausgerechnet Du hierhin?“

„Wartet Dein Freund nicht draußen?“ Jenny versuchte abzulenken, blieb allerdings erfolglos.
„Ja, aber das macht nichts. Mich würde es wirklich sehr interessieren, was mit Dir in der Zwischenzeit passiert ist. Ich meine, vom Schule schwänzenden Klau-Girl nach Afrika in eine christliche Mission zu kommen – oh.“ Gretchen hielt spontan inne. „Sozialstunden?“

„Oh Gott, nee.“ Die rothaarige Jugendliche kicherte. „Gut, dass Martin das nicht gehört hat.“ Sie blickte die blonde Ärztin offen an. „Ich überbrücke hier die Zeit bis ich eine Ausbildung anfangen kann. Nachdem Du meiner Tante ins Gewissen geredet hast, hat sie sich tatsächlich mehr um mich gekümmert und ich habe es sogar zu einem passablen Realschulabschluss geschafft. Da ich überhaupt keine Vorstellung hatte, was ich machen will, hat meine Tante mir zugesagt, dass sie mich ein weiteres Jahr komplett unterstützt, wenn ich ernsthaft auf die Suche gehe. Nicht rumhänge oder sonstigen Mist baue. Aber ich habe meine Lektion gelernt, das kannst Du mir glauben. Mir ist es immer noch sehr unangenehm, Deine Tasche geklaut zu haben. Wo Du es eigentlich nur nett mit mir gemeint hast. Tut mir wirklich leid!“ Sie sah Gretchen mit entwaffnender Ehrlichkeit fest in die Augen.
„Es ist vergeben und verziehen, Jenny. Vor allem, da Du daraus gelernt hast.“

„Danke, Gretchen.“ Die beiden Frauen tauschten ein Lächeln. „Anfangs wusste ich nicht, wie ich diese Suche gestalten sollte. Ich habe dann Praktika gemacht, unter anderem in einem evangelischen Kindergarten. Dort kam ich super zurecht und die haben mir eine Ausbildungsstelle angeboten, allerdings erst im nächsten Jahr.
Für dieses Jahr waren alle Plätze schon vergeben. Hier ein freiwilliges soziales Jahr zu machen war auch der Vorschlag von der Kita-Leiterin. So bin ich in Sanssouci gelandet. Was mir aber fast am meisten Freude bereitet, dass ich hier so nebenbei Französisch lerne. Mit den Kindern macht das Spaß und die sind so glücklich, wenn sie mir ein neues Wort beibringen konnten. Obwohl die meisten ja selbst erst hier diese Sprache lernen.“
„Ja, ich muss gestehen, das macht mir mehr Schwierigkeiten, als die ganzen Pflanzen und ihre Verwendungen.“
„Wie lange wirst Du bleiben?“
„Oh, keine Ahnung. Ich bin ja nur vertretungsweise für Fritz da, aber irgendwie habe ich schon mit einem Jahr geliebäugelt. Ich weiß es aber nicht.“
„Wann kann Fritz denn wieder reisen?“
„Nicht vor November oder Dezember.“
„Naja, dann kannst Du ja vielleicht dem deutschen Winter entgehen. Das freut mich am meisten.“
„Wie wird es wohl sein, Weihnachten bei über 30°C in der Wüste.“


***
„Savanne. Die Wüste ist woanders.“ Roula Bedougou war unbemerkt in die kleine Station eingetreten. Ihre Stimme klang streng. „Wir sind zwar gefährdet, zur Wüste zu werden, aber noch sind wir davon entfernt.“
Die afrikanische Krankenschwester nahm die Karteikarten der beiden Patienten in die Hand. „Rechnest Du noch mit einer Malariainfektion?“
„Eher nicht, aber ich möchte das mindestens 24 Stunden durchziehen. Ich wage es nicht, ihn zu operieren, solange ich nicht weiß, ob sein Immunsystem nicht zusätzlich angegriffen ist.“
„Operieren? Den Fuß?“
„Die Wundinfektion ist extrem stark.“
„Meinst Du nicht, die Wundreinigung reicht?“
„Es wird auf eine chirurgische Reinigung hinauslaufen.“
Roula sah Gretchen fragend an. „Du meinst er hat eine Blutvergiftung?“
„Nein, dann wäre das Fieber höher. Aber ich befürchte, es wird dazu kommen, wenn wir die Wunde nicht operieren.“
„Wie operiert man denn eine Wunde? Das ist doch quasi schon offen?“ Jenny sah die Ärztin fragend an.

„Du hast ja gesehen, dass wir versuchen, die Wunde so gut wie möglich zu reinigen und zu desinfizieren. Da er mit der Wunde aber sehr weit gelaufen ist – und da ist der Matsch schon fast egal – werden Bakterien und Pilze eingedrungen sein. Die sorgen für eine Entzündung. Breitet diese sich aus, so wie es bei dem Mann der Fall ist, kann das einmal direkt an der Wunde sein, aber die Infektion kann sich auch über die Blut- und Lymphgefäße ausbreiten. Um das zu verhindern muss man alles entzündete Gewebe wegschneiden.“
„Dann wird die Wunde vergrößert?“
„Ja.“
„Wie groß?“
„Im schlimmsten Fall kann so eine Wundinfektion zur Amputation führen. Wenn erst Muskel- oder Nervengewebe betroffen sind... deswegen bleibt es dabei. Von den Wunden lässt Du die Finger. Und nach jedem Patientenkontakt ist es wichtig, Dir richtig gut die Hände zu waschen und zu desinfizieren.“
„Und Du glaubst, dass Du den Fuß amputieren musst?“
„Ich hoffe es nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist größer als die Hoffnung.“
„Warum wartest Du dann?“
„Weil ich erst eine Malariainfektion ausschließen möchte. Die wiegt medizinisch schwerer als der Fuß. Auch im Falle einer Amputation.“
„Wie unterscheidet man das?“
„Das eine ist sichtbar, das andere nicht. Welcher Gegner ist gefährlicher?“
„Der Unsichtbare. Klar.“


***
„Wer außer meiner Freundin ist unsichtbar?“ Marc betrat zögernd die kleine Krankenstation. „Ich hatte schon befürchtet, dass Du aus Gewohnheit zu Fuß zurückgegangen bist.“
Jenny lachte. „Nee, aber ein Fuß war unser Thema. Oder eher ein Nicht-Fuß.“
„Muss ich das verstehen?“
„Der eine wird wohl seinen Fuß verlieren.“
„Eine Amputation?“
„Wenn wir nicht einen Löwen finden, der den Fuß abknabbern möchte... ja, Marc! Eine Amputation.“ Gretchen brauste umgehend auf, sie befürchtete die üblichen Sticheleien des Oberarztes. Doch der sah sie nur ruhig an. „Ich habe nichts gesagt, Gretchen.“ Er zog sie an sich. „Und werde ich auch nicht. Das hier ist Dein Ding, ich habe Urlaub.“ Sein Blick fiel auf einige Zettel. „Was ist das?“ Er nahm die Zeichnungen zur Hand.
„Irgendwie muss ich mir die ganzen Pflanzen ja merken.“
„Das ist gut.“
„Ich kann nicht zeichnen.“ Sie zog ihm die Blätter aus der Hand und klappte ihren Hefter zu.
„Erstens, doch, finde ich schon. Zweitens meinte ich nicht die Qualität der Zeichnungen sondern Deine ganze Dokumentation.“ Er war sich nicht sicher, wie Gretchen auf seine Meinung gestimmt war. „Hasenzahn...“

„Hasenzahn?“
„Hasenzahn?“


Jenny und Roula lachten. Marc und Gretchen ließen es unerklärt.

„Ich bin hier weder Dein Chef noch Dein Ausbilder. Geht das vielleicht irgendwann in Dein hübsches Köpfchen rein?“
„Es fühlt sich aber immer noch so an.“
Marc schnaufte. „Du bist hier im medizinischen Niemandsland, Gretchen. Nichts von dem, was Du hier tust, wird Dir irgendwie weiterhelfen, wenn es um irgendwelche Facharztkataloge geht. Deswegen bin ich raus.
Ich kann Dir nur einen Rat geben: Trotzdem alles dokumentieren, auch wenn es nirgendwo Beachtung finden wird. Diese Erfahrungen machst Du ja trotzdem.“
Dann lachte er. „Diese Zeichnungen kannst Du ja später mal Deiner Kusine zeigen.“ Ein zärtlicher Kuss landete auf Gretchens Lippen, bevor sie etwas erwidern konnte.

„Die Naturheilpraktikerin?“ Jenny stellte diese Frage und Roula blickte erstaunt von einem zum anderen. „Naturheilkunde?“
„Ja, meine Kusine ist Naturheilpraktikerin. Wir haben zur gleichen Zeit studiert und eine Weile zusammen gewohnt. Sie hat das früher so gemacht, also mit den Zeichnungen.“ Irgendwie hatte Gretchen das Gefühl, dass die Afrikanerin sie gerade mit völlig anderen Augen sah.

(„Siehste mal. Regentanz – kann ich.“)

Karo Offline

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24.05.2017 10:45
#15 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben,

bevor ich gleich mein Fahrrad aus der Werkstatt hole und dann erstmal kräftig in die Pedale trete, gibts jetzt schon den Wochenmittenachschlag. Ich wünsche euch einen schönen Feiertag morgen, eventuell sogar ein tolles verlängertes Wochenende. Liebe Grüße,
Karo


BERLIN


Sept 2.6 – Professor Haase


Frau Schneverdingen kam ausschließlich zu ihm, wenn es um ihre jährliche Kontrolluntersuchung ging. Professor Haase hatte vor fünfzehn Jahren bei ihr einen Tumor entdeckt und entfernt, der sie jahrelang gequält, aber von anderen Ärzten nicht entdeckt worden war.
„Alles Gute für Sie Frau Schneverdingen. Auf Wiedersehen.“
„Vielen Dank, Herr Professor, bis zum nächsten Jahr!“

(„Ja, mal sehen!“)

Franz Haase hatte angefangen, anfangen müssen, sich mit einer Realität auseinanderzusetzen, die er wirklich lange nicht wahrhaben wollte. Sein Herz meldete sich zurück. Sogar so massiv, dass er den Herzspezialisten Doktor Stier um Rat gefragt hatte. Dieser hatte sich bei einem befreundeten Kardiologen in die Praxis eingeladen, um den Professor dort ausführlich zu untersuchen.
Er bescheinigte dem Chefarzt zwar ein starkes, gut trainiertes Herz, doch dieses zeigte definitiv Spuren eines langen, stressigen Arbeitslebens.
Doktor Stier stellte den Klinikchef medikamentös ein, aber er hatte sich unmissverständlich ausgedrückt – der Professor musste kürzer treten. Vor allem empfahl er eine Reha, als er jedoch die Mimik des Professors sah hatte Cedric eingelenkt: „Es könnte ja auch ein Urlaub sein!“

(„Urlaub... jetzt?“)

Professor Haase erinnerte sich natürlich auch an seinen ersten Herzinfarkt, vor gut einem Jahr. Er hatte sehr großes Glück gehabt und den Anfall selbst heruntergespielt.
Nach dem Affenvirus hatte er seine alte Fitness nicht zurück erlangt. Zwar fuhr er immer noch so oft es ging mit dem Fahrrad zur Klinik, aber die Strecke brachte ihn mittlerweile doch arg aus der Puste. Alkohol verkniff er sich nun komplett, sehr zum Leidwesen seiner Frau. Bärbel und er hatten gerne mal einen gemütlichen Weinabend zelebriert.
Natürlich hatte Bärbel Verständnis für ihren Mann, sie war schließlich Krankenschwester. Allerdings gab sie Franz auch umgehend und unmissverständlich zu verstehen, dass er Doktor Meier zurückholen musste. Seit dieser in Afrika weilte und durch einen Teilzeit-Chirurgen ersetzt worden war, hatte sich das Arbeitspensum ihres Ehemannes logischerweise vermehrt, auch wenn Doktor Hassmann überraschend auf seiner Matte gestanden und ihm Unterstützung angeboten hatte. Seitdem beobachtete der Professor die Neurochirurgin genauer. Sie machte einen verdammt guten Job! Jetzt, ohne dass Doktor Meier alle in den Schatten stellte, war es auch sichtbar.

Und Bärbel fragte auch, ob es nicht generell besser sei, über einen vorzeitigen Ruhestand nachzudenken. Davon wollte Franz Haase allerdings nichts wissen. Wer sollte denn die Klinik übernehmen?
„Das wäre die Sache der StaBe. Etwas können die ja auch noch machen...“

Bärbel war es auch, die den Anstoß gab, sich erneut mit der StaBe in Verbindung zu setzen und über die Möglichkeiten eines Stellvertreters zu sprechen. Wenigstens das. Wobei auch diese Idee erstmal auf Abneigung stieß. Seit fast 20 Jahren leitete der Professor die Klinik nun im Alleingang, er würde sich schwer tun mit einem Leitenden Oberarzt.

Er wusste, dass einige seiner Angestellten ihn den „Alten Haase“ nannten. Sie hatten Recht.
Professor Doktor Franz Haase fühlte sich mit einem Mal sehr alt. Er war alt. 61 Jahre. Bis heute hatte er immer noch gedacht, dass er frühestens mit 63 in Rente gehen würde – eher später. Seine Mutter hatte die familieneigene Klinik an seinen Bruder Hans übergeben, als sie schon an die 70 Jahre zählte.
Nun war bei ihm mit einem Mal die Luft raus. Er fühlte sich nicht nur alt. Er fühlte sich schwach. Vor allem zu schwach, um sich mit Zukunftsplänen auseinanderzusetzen.

(„Bärbel hat Recht – dafür ist die StaBe da!“)

Er sah auf den Kalender an der Wand. Immerhin würde Doktor Meier in zwei Wochen wieder da sein und wieder einiges an Arbeit übernehmen. Irgendwie würde – ja musste – es gehen!

(„Hans würde sich in Grund und Boden lästern, wenn ich mit 61 in Rente gehe – aus welchem Grund auch immer!“)




September 2.7 – Elke Fisher


Elke Fisher betrat das Elisabeth-Hospital. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihr Spiegelbild in der Glastür. Nein, sie sah definitiv nicht so aus, als sei sie gestern 50 Jahre alt geworden. Sie sah nicht mal annähernd wie 50 aus. Das war jedoch kein Grund für ihren Sohn, den verhassten Geburtstag zu ignorieren. Das stand nur ihr selbst zu. Dummerweise hatte sie in diesem Jahr keinen Liebhaber, normalerweise verbrachte sie ihren Ehrentag mit einem Mann im Bett.
Doch das war kein Grund für ihren Sohn, nicht zu gratulieren. Sie konnte nur für ihn hoffen, dass er eine plausible Begründung hatte.

„Frau Fisher, wie schön Sie hier zu sehen!“

Das war doch die Stimme von dieser geistig umnachteten Krankenschwester.

(„Ignorieren. Ich habe sie einfach nicht gehört!“)

Doch am Fahrstuhl holte sie die Banalität auf zwei Beinen ein.

Unausweichlich.

„Herzlichen Glückwunsch nachträglich zu ihrem Geburtstag, Frau Fisher! Sie sehen toll aus – und gar nicht wie 50!“

Unbarmherzig.

„Pfff, danke. Jetzt sind Sie schon weiter als mein Sohn. Wo finde ich ihn?“ Man selbst besaß ja Manieren.
„In Afrika.“

Unverschämt.

„Bitte?“

„Äh, Frau Fisher, Doktor Meier ist doch seit Ende August mit Doktor Haase in Afrika.“ Sabine begann zu schwitzen. Die Mutter des Oberarztes war doch normalerweise nicht vergesslich, aber gerade hatte sie einen Gesichtsausdruck, als wäre sie gerade vom Mond zurückgekehrt.

„Das Lepradorf?“

„Lepradorf?“ Die Erfolgsautorin riss entsetzt die Augen auf. Auch sie begann zu schwitzen.

„Entschuldigung Frau Fisher, ich habe gerade den Eindruck, als hörten Sie das zum ersten Mal?“
„Und das ist definitiv einmal mehr, als ich sowas hören möchte.“ Mit Elkes Zurückhaltung war es nun vorbei. Was bildete sich diese Person eigentlich ein, wer sie war? „Schwester Sabine, ich verbitte mir solch diffamierende Äußerungen. Ich finde Ihre Scherze weder lustig noch unterhaltsam. Wo bitte finde ich also meinen Sohn?“

„Was ist denn hier für ein Geschrei? Wir sind hier in einem Krankenhaus, das ist kein Jahrmarkt!“ Professor Haase war auf seiner Runde durch die Stationen auf die erregten Stimmen aufmerksam geworden. „Elke! Was machst Du denn hier? Brauchst Du anlässlich Deines neuen Lebensjahres neue Medikamente gegen Depressionen und Wechseljahre? Ist es gestattet zu gratulieren? Normalerweise strafst Du doch jeden mit... – Ach, so ist das?“ Der Blick des Professors ging zwischen der großen, dunkelhaarigen und der kleinen, blonden Frau hin und her. Sabine grinste ihn verhalten an.

„Du bist genauso ungehobelt, wie mein Sohn, Franz Haase. Ich darf meinen Geburtstag ignorieren, aber wenn andere das tun, ist das unhöflich. Also?“
„Na dann gratuliere ich Dir doch gerne nachträglich zum Geburtstag! Alles Gute für Dich, Happy Birthday!“
Der Professor hielt ihr förmlich die Hand hin, die sie pikiert ansah. „Franz! Jetzt spinn nicht rum! Vor einem Jahr hast Du mir zum Geburtstag mehrere Orgasmen geschenkt!“

„Äh...“ Sabine murmelte irgendwas von Arbeit und zog sich schnell zurück.
„Jeder irrt sich mal.“ Der Professor hatte sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen. „Also, was willst Du wirklich hier?“
„Entschuldige bitte, dass eine Mutter ihrem Sohn den Kopf waschen will, weil er ihren Geburtstag ignoriert!“
„Du bist zu früh, ich erwarte Deinen Sohn erst in zwei Wochen aus Afrika zurück.“
„Was habt ihr denn immer mit Afrika?“
„Elke? Dein Sohn, meine Tochter und Doktor Kaan sind seit Ende August in Burkina Faso in einer Krankenstation.“ Er sah wie die schlanke Frau unter ihrer Bräune blass wurde.
„Du hast keine Ahnung davon?“

Die Romanautorin schüttelte den Kopf. Fast verzweifelt setzte sie dreimal an, etwas zu sagen, doch ihr Gehirn war leer. Die energische Professorenhand schob sie in das nahegelegene Stationszimmer. „Setz Dich erstmal hin. Kaffee?“
„Egal. Hauptsache es ist mit Alkohol!“
„An Deiner Stelle würde ich den Kaffee nehmen, mit Alkohol kann ich Dir gerade nur Desinfektionsmittel anbieten.“
„Wir hätten noch einen Sekt im Kühlschrank, Herr Professor.“ Sabine wollte gerne helfen.
„Sekt? Sind wir hier auf der Kinderstation?“ Elke trank einen Schluck Kaffee. Desinfektionsmittel wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen, dann wäre dieses furchtbar gefräßige Gefühl des Schmerzes schnell bekämpft. Das hatte immer funktioniert. Schmerz mit Gegenschmerz zu betäuben. Oder Alkohol.
„Elke, ganz ehrlich, dass Du und Dein Sohn eine spezielle Verbindung habt, das ist ja nichts Neues. Aber ich bin ehrlich gerade nicht weniger schockiert als Du. Er hat Dir wirklich nicht gesagt, dass er mit nach Afrika geht?“

Die Romanautorin saß zusammengesunken und völlig in sich gekehrt auf dem Stuhl und starrte vor sich hin. Der Professor war irritiert, wenn auch nicht überrascht. Wenn Gretchen so mir nichts Dir nichts das Land verlassen hätte, dann hätte ihm das sicherlich das Herz gebrochen. Prompt fühlte er einen Stich in besagtem Organ.
Allerdings hätte er nicht gedacht, dass Elke Fisher in der Lage war, ihre Kontrolle fallenzulassen. Dass sie – die den perfekten Auftritt liebte, ja brauchte – so völlig inszenierungslos ihre Gefühle zeigte. Für ihre Verhältnisse. Es dauerte auch nur eine – vielleicht zwei Minuten, dann war die perfekte Mimik zurück. „Zwei Wochen, hast Du gesagt, Franz?“ Die aufrechte Haltung war wieder da.
„Ja, er ist ab Oktober wieder im Dienst.“ Ein durchdringendes Geräusch bereitete dem Gespräche in Ende. Der Professor wurde von seinem Pieper gezwungen, sich zu verabschieden.
„Dann soll er sich bitte bei mir melden!“

Oder vielleicht auch nicht! Vielleicht war es besser, auch ihn weitestgehend aus ihrem Leben zu streichen. Elke Fisher hatte mit der Zeit alle Menschen ausradiert, die nicht gut für sie waren. Gut, das war besonders ihre Karriere. Ihre Romane. Sie liebte die Lesungen, die sie weit durchs Land brachten. Sie wohnte in schicken Hotels, reiste in komfortablen Autos, traf interessante Menschen – und natürlich auch viele einfachgestrickte Hausfrauen, banale Persönlichkeiten wie diese Krankenschwester, aber für die schrieb sie ja gerade ihre Romane. Das war die Schicht, die ihren eigenen Wohlstand sicherte.
Plötzlich zuckte ein Gedanke ihren wachen Geist.

(„Entschuldigen? Ich mich?“)

Aber vielleicht musste sie in den sauren Apfel beißen, denn über diese Krankenschwester konnte sie eventuell erfahren, was mit ihrem Sohn los war? Dass er so sang- und klanglos abhaute. Hatte Franz wirklich gesagt, dass er mit Gretchen Haase und Doktor Kaan in Afrika war? Das ließ sich ja eigentlich schnell herausfinden. Elke Fisher stand auf und richtete ihr Erscheinungsbild. Die Krankenschwester saß in ihrer verdrehten Lieblingsposition auf dem Bürostuhl.

„Schwester Sabine? Bitte entschuldigen Sie meine unüberlegten Äußerungen von vorhin.“

Die Angesprochene glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Elke Fisher, ihre hochbewunderte Lieblingsautorin ihrer heißgeliebten Lieblingsromane entschuldigte sich bei ihr? „Ja, Frau Fisher, ist schon vergessen. Aber danke trotzdem.“ Sie sah zu ihrem Idol hoch. „Ist noch was?“

„Hm, ja, ich schätze, dass es auch für meine Vorsorgeuntersuchung wieder Zeit wird. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich vielleicht einen Termin für nächste Woche bei Doktor Kaan ausmachen?“
„Doktor Kaan ist nicht da, er kommt erst im Dezember aus Afrika zurück. Ich kann aber gerne nachsehen, ob Doktor Hundt Sie reinschieben kann? Nächste Woche, sagten Sie?“ Sie rollte an den PC und hatte kurz darauf die gewünschte Seite gefunden.
„Doktor Hundt? Ich hoffe, der bellt nicht?“ Ein abschätziger Blick.
„Nein, Frau Fisher, Frau Doktor Hundt bellt nicht, sie beißt direkt! So, Termin – hm, nur am Mittwochvormittag um – äh, neun Uhr.“
„Vormittag? Neun Uhr ist ja mitten in der Nacht!“ Elke verzog angewidert das Gesicht.
„Ansonsten erst im November oder ich mache einen Vermerk, dass Sie angerufen werden, wenn einer vorher absagt. Was aber so gut wie nie vorkommt. Doktor Hundt hat immer viel zu tun!“
„Dann eben am Mittwoch. Um 9 Uhr in aller Herrgottsfrühe!“ Sie nickte der eifrig tippenden Krankenschwester zum Gruß in den Rücken und verließ die Station.
„Danke und Auf Wiedersehen hätten es auch getan!“ Sabine sah sich um, doch die Mutter ihres Lieblingsarztes war nicht mehr zu sehen.

***
Lorelei kam summend mit einem Stapel Akten zur Tür herein. „Was sagst Du?“
„Nichts. Frau Fisher war gerade hier und ist grußlos abgerauscht. Typisch halt.“
„Aha, Frau Fisher ist wer?“
„Also Lore! Frau Fisher ist die bekannte Autorin der...“
„Sabine, nicht Doktor Rogelt!“
„Doch, genau die! Sabine ignorierte den dezenten Hinweis der Auszubildenden und strahlte sie an. „Außerdem ist sie auch die Mutter von Doktor Meier!“
„Das als Begründung hätte mir gereicht. Ich bin schon sehr gespannt, nachdem was Du immer so erzählst.“

„Ja, unsere Sabine erzählt gerne viel.“ Doktor Maria Hassmann hatte jetzt Feierabend und betrat das Stationszimmer. „Können Sie mir sagen, wo Doktor Knechtelsdörfer ist?“
„Der Doktor Knechtelsdörfer...“ Sabine dehnte jedes Wort übermäßig lang.
„Also nein! Danke und Auf Wiedersehen!“ Die Neurochirurgin hatte sich in Windeseile umgezogen und verließ zügig das Zimmer. Die beiden Krankenschwestern sahen ihr hinterher und sich dann an. Sabine grinste und zeigte auf den Monitor. Die Untersuchung bei Doktor Hundt in 10 Minuten war wohl die Ursache für die Gereiztheit der Oberärztin.

Karo Offline

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28.05.2017 23:21
#16 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben, viel Spaß mit den neuen Kapiteln. LG Karo


KOUDOUGOU


September 2.8 – Marc und Gigi


„Du warst gut!“ Gigis Lob überraschte Marc.
„Als könntest Du das beurteilen...“ Der Chirurg schnaubte verächtlich.
„Ich meine das ernst!“

(„Sieh mal an, die Gottesanbeterin betet Gott an!“)

„Ich auch. Aber gut war ich erst, wenn er überlebt!“
„Ich gehe fest davon aus.“ Die blonde Chirurgin nahm seinen verwunderten Blick wahr. „Ich meine das ernst, Marc. Er ist stabil und die OP ist gut gelaufen – besser ging es unter diesen desolaten Umständen nicht.“

„Wie meinen Sie das?“ Doktor Yves Inyesse, der Chef des Krankenhauses, war unbemerkt an die beiden Chirurgen herangetreten.

„Naja, wir sind andere Arbeitsumstände gewöhnt.“
Marc schnaubte verächtlich. „Du vielleicht. In Berlin verwenden wir gerne Flohmarktartikel...“ Er drehte sich ruckartig zu Gretchens Freundin um. „Diese Einrichtung hier ist einfach und definitiv nicht die Modernste. Aber auch die sollte man beherrschen können.“
„Aber die modernen Geräte werden ja nicht umsonst entwickelt.“
„Nee, da hast Du Recht. Umsonst sind sie definitiv nicht – ganz im Gegenteil. Man muss viel Geld dafür ausgeben, aber letztendlich weiß man nicht, was man bekommt. Außerdem bringt Dir das modernste Gerät nichts, wenn niemand damit umgehen kann. Man lernt nicht umsonst auch noch die altbewährten Methoden kennen!“
„In Harvard lehren sie nur auf dem neuesten Stand.“
„Dann frage ich mich, ob die Harvardabsolventen so gut sind wie ihr Ruf?“
„Ist das eine Herausforderung?“
„Wenn Du Dich traust – ich meine als Kinderärztin aus Hannover?“
„Hm... das war dumm, oder? Aber ich dachte immer, dass...“

Er drehte sich von Gigi weg, dem Afrikaner zu. „Doktor Inyesse, verzeihen Sie mir unser Eindringen in den OP.“ Marc setzte sein charmantes Lächeln auf. „Aber es bestand höchste Lebensgefahr für den Mann.“
„Das haben mir meine Mitarbeiter bereits berichtet. Und ich muss der Kollegin zustimmen – Sie waren wirklich gut. Sie haben Erfahrung mit der Anleitung von Lernärzten?“
„Ja.“ Mehr sagte Marc nicht, er war nicht sicher, ob der Chefarzt in deutschen Medizinerhierarchien kundig war.

„Verrückt. Da ist man nur zwei Tage nicht da – meine Schwester hat geheiratet, wissen Sie, und dann ausgerechnet passiert so ein Unfall. Als meine Studenten mich anriefen, dass sie Hilfe von Sanssouci angefordert hätten, rechnete ich allerdings eher mit der Lady Doc?“
„Die ist heute früh mit Martin und Roula ins Land gefahren.“

(„Und diesem Langhaarprimaten! Boah, wenn der nur einen Finger... ganz ruhig. Das würde Gretchen nicht zulassen!“)

Weißt Du´s?
Ja!
Und wenn doch...?


„Sind Sie alleine hergefahren?“ Nun war der Mediziner doch sehr überrascht.
„Nein aber wir haben Domenic zurückgeschickt, da Christian mit auf dieser Safari ist.“

Er wird seine Gelegenheit suchen.
Er wird keine Gelegenheit finden.
Wer suchet der findet... frag mal Martin.
Vertrauen! Frag mal Gretchen.
Vögeln. Frag mal Gina.


„Wie kommen Sie denn dann zurück?“
„Domenic wird uns morgen holen, außer wir melden das Gegenteil. Gibt es hier in der Nähe ein Hotel, dass Doktor Amsel ein Zimmer bekommt? Ich würde gerne hier bleiben bis er außer Gefahr ist.“ Er deutete auf den Frischoperierten.

Das Holzstück hatte kaum größere Blutbahnen verletzt, dafür hatte es Teile des Dünn- und Dickdarms erwischt, nun hatte der Mann einen Teil des Verdauungstraktes eingebüßt, doch seine Chancen standen definitv gut. Das einzige, was Marc wirklich befürchtete war eine Entzündung, im schlimmsten Fall eine Sepsis. Er war sich fast sicher, dass die benutzten Geräte nicht so steril gewesen waren, wie sie es hätten sein sollen.

„Die OP ist doch gut verlaufen?“ Doktor Inyesse hatte die beiden fremden Ärzte noch im OP aufgesucht und nicht aus den Augen gelassen.
„Doktor Inyesse, ich misstraue nicht der Operation. Aber – bitte verzeihen Sie mir diese Frage – kann es sein, dass weder der OP noch die Instrumente so steril waren wie sie es hätten sein sollen?“

Der Krankenhauschef seufzte nur, für Marc war das Antwort genug. „Woran liegt das?“
„Das Personal nimmt vieles nicht so genau. Sie wissen es aber oft einfach nicht besser. Ich bin hier momentan der einzige Arzt, alle sind zur Regenzeit aufs Land zu ihren Familien gegangen. Der junge Mann, der Sie im OP unterstützt hat, ist ein Student. Zwar einer der besten und kurz vor seiner Prüfung, aber eben kein Arzt. Die Studenten decken den Plan rund um die Uhr ab, tagsüber bin ich meistens auch hier. Den nächsten studierten Arzt finden Sie, außer in Sanssouci, in Ouagadougou.

Die Krankenstationen auf dem Land sind meistens unter der Obhut eines gut ausgebildeten Pflegers oder einer Krankenschwester. Ärzte weilen nur von Zeit zu Zeit dort und stimmen sich mit dem Personal ab. Mediziner sind in Burkina Faso nicht so anerkannt. Medizin oder eher Heilung ist meistens eine Sache von Glaube, Riten und Traditionen. Manchmal wird sogar geopfert. Auf einen Arzt der westlichen Medizin kommen ungefähr 200 Heiler.
Hierhin bekommen wir meistens nur die wirklich hoffnungslosen Fälle. Viele sterben, weil sie einfach zu spät hergebracht werden. Das hilft unserem Ruf und der Akzeptanz dann auch nicht wirklich weiter.“

„Hm, ja, in Sanssouci wird noch viel den Naturmittelchen gearbeitet. Ich bin Vertreter der klassischen Schulmedizin, für mich ist das alles Hokus Pokus. Aber ich sehe natürlich auch einfach den Vorteil, dass diese Produkte für die Menschen hier erschwinglicher sind, als gängige Medikamente. Außerdem ist ihre Verfügbarkeit natürlich deutlich konstanter.“

„In jedem Fall. Aber gerade Sanssouci hat eine hohe Akzeptanz unter den Einheimischen. Fritz ist sehr beliebt und auch Roula hat natürlich viel dazu beigetragen. Martin nicht weniger, aber der arbeitet ja an anderen Projekten.“

„Die fast noch wichtiger sind. Er hat mir erzählt, dass er fast jedes Jahr ein bis zwei seiner Abgänger auf der Universität unterbringen kann.“

„Ja. Er ist mächtig stolz darauf!“ Doktor Inyesse lachte. „Kommen Sie, sicherlich wird meine Frau einverstanden sein, wenn Sie unsere Gäste sind. Falls Sie nicht auf ein Hotel bestehen?“ Mit dieser Frage wandte sich der Chefarzt direkt an Gina.

(„Er schätzt sie gut ein.“)

Marc grinste erst, dann blitzte er die Ärztin warnend an.
Gina verstand. „Nein, wir nehmen gerne die Einladung an, wenn es für Ihre Frau keine Umstände bereitet.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte keine Begeisterung, doch sie wollte nicht unhöflich sein. Der Klinikchef war ein kultivierter Mann mit Manieren. Sie hatten Frau und Heim bereits kennengelernt und die lieferten keinen Grund zur Sorge.


***
„Was ist denn in Dich gefahren?“ Marc konnte sich die Frage einfach nicht länger verkneifen. Sie lagen nebeneinander auf dem großen Doppelbett, wo normalerweise die drei kleinen Mädchen von Yves schliefen. Die mussten heute Nacht bei den beiden Jungs im Zimmer schlafen.
„Was meinst Du?“
„Du bist doch sonst nicht so zugänglich. Und schon gar nicht den Burkinern gegenüber. Zu dreckig, zu ungehobelt, zu krank?“
„Du tust ja auch nichts?“ Da hatte Gina nicht mal Unrecht.
„Ich bin nur aus einem Grund hier. Was anderes habe ich nie behauptet.“
„Ich auch nicht. Wer konnte ahnen, dass alle hinter ihr her laufen?“ Da hatte sie wieder etwas Wahres gesagt.
„Hm, da hast Du wohl Recht. Aber wenn Mehdi und ich nicht aufgetaucht wären, wäre es dann anders gewesen?“
„Wie meinst Du das?“
„Wärst Du weniger „gegen alles“ gewesen? Du hast Dich vom ersten Moment nicht im Geringsten bemüht, auf Land und Leute zuzugehen. Erst war es das Hotel, dann euer Zimmer in Sanssouci, wo Du nur für das Notwendigste den Fuß vor setzt. Ich meine, was hast Du Dir dabei gedacht, als Du Gretchen begleiten wolltest?“
„Gar nichts. Ich habe ja nichts mehr.“
„Braucht Hannover keine Kinderärzte mehr?“ Er musste sie wieder damit herausfordern.
„Das werde ich jetzt auf ewig hören?“
„Vermutlich.“
„Irgendwie werde ich es schaffen, Dir das Gegenteil zu beweisen.“
„Was?“
„Dass Harvardabsolventen so gut sind, wie ihr Ruf.“
Marc setzte sich auf und hielt ihr die Hand hin. „Angenommen.“
„Top, die Wette gilt!“ Gigi schlug ein. „Irgendwie werde ich es Dir beweisen!“
„Ich kann es kaum erwarten.“

Eine Weile schwiegen die beiden Chirurgen in der ausgewaschenen hellgrünen Krankenhauskleidung.
„Gina? Du wirst Gretchen nicht erzählen, dass wir hier in einem Bett gelegen haben, verstanden? Das werde ich lieber selber machen.“
„Sollte sie das überhaupt erfahren? Ich meine, wir hatten das Thema schon mal – irgendwie...“
„Weißt Du, Du kannst mir nachsagen was Du willst. Aber wenn ich etwas nie getan habe, dann ist es zu lügen. Deswegen nehme ich Dir Deine Lüge besonders übel. Also tu´ mir den Gefallen und halt die Klappe.“
„Hm. Versprochen. Gute Nacht, Marc.“
„Nacht.“

Du willst jetzt nicht nichts tun?!
Doch – nichts ist gut!
Was bist Du für ein Chirurg?


(„Offensichtlich der Beste – sogar in Afrika! Da kann Harvard nicht mithalten!“)

Karo Offline

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28.05.2017 23:27
#17 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 3.1 – Tagebuch 5

♥♥♥

Liebes Tagebuch,

er hat es gesagt. Den Satz, den ich mir schon immer von Marc gewünscht habe. Ganz leise kamen ihm die Worte über die Lippen.

„Gretchen, ich liebe Dich!“

Die berühmten drei Worte. Gut, eigentlich waren das vier aber ich habe aufgehört, alles zu zählen. Die Stromausfälle, die Geburten, die Reifenpannen, selbst den „Hasenzahn“ lohnt es nicht mehr zu zählen. Seit der Sache im Flieger nennt Marc mich fast nur noch Prinzessin – wenn wir alleine sind.

Wie eine Prinzessin fühle ich mich gerade auch – anfangs dachte ich, das Leben hier wäre einfach und komfortlos. Zurück von der ersten Medical Safari weiß ich jetzt, dass Sanssouci wirklich königlichen Komfort bietet. Anstrengende und aufregende Tage liegen hinter mir, aber das zählt angesichts der letzten Nacht nicht.

„Gretchen, ich liebe Dich!“

Ich konnte nicht reagieren, die Worte hielten mich gefesselt. Dann haben wir uns geküsst, die Worte hallten nach und nun liegen sie in meiner Seele. Er meint es ernst. Ich glaube, Marc hat das noch nie zu jemandem gesagt. Als wir das dritte Mal miteinander geschlafen haben, erlebten wir dann tatsächlich ein erstes Mal – jawohl.
Mit mir hat ein so erfahrener Mann wie Marc Meier ein Erstes Mal erlebt.

Im Gegensatz zu mir hatte er aber schon von „Le Petit Morte“ gehört.

Ich habe keine Zweifel mehr, heute Nacht habe ich jegliche Kontrolle fallen gelassen. Es ist einfach so passiert: Le Petit Morte – eine kurze Bewusstlosigkeit nach oder durch den Orgasmus. Er war total überrascht und irgendwie beeindruckt.

Liebes Tagebuch,

ich habe Dir so viel von den fünf Tagen zu erzählen. Aber das gehört nicht hier hin. Dieser Eintrag ist nur für Marc und mich bestimmt.

„Gretchen, ich liebe Dich!“

Seine Worte waren wie ein Schlüssel – jetzt sind wir wirklich zusammen.

Am Ende dieses Eintrags steht also ein Anfang.
Gretchen Haase und Marc Meier!

Der beste Schlusssatz meines Lebens!

Bis bald.

Karo Offline

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28.05.2017 23:38
#18 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI

September 3.2 – Marc und Mehdi


*Mehdi*

Mehdi ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen. Den Rest konnte Gretchen alleine machen. Die blonde Ärztin war mittlerweile zu einer gewandten Geburtshelferin geworden, neun Geburten innerhalb der letzten Woche. Fast schien es so, als wollten alle Babys diese wasserreiche ergo Nahrungsmittelreiche Zeit zu nutzen, um auf die Welt zu kommen. Was allerdings aussah wie ein kluger Schachzug der Natur – im Tierreich funktionierte das schließlich sehr gut – war den Menschen in Sanssouci sehr bewusst, dass die Geburten eine Folge der arbeitsreichen Regenzeit war. Nur eins der Babys war zur rechten Zeit gekommen, alle anderen viel zu früh.
Gretchen war allerdings zu der Überzeugung gekommen, dass dies sehr wohl ein kluger Schachzug der Natur war – da die meisten Frauen beschnitten waren, würde ein normalgroßes Kind zu größeren Problemen führen als ein kleineres verfrühtes Baby. „Sterben werden eh einige...“
Mit dieser Aussage hatte sie übrigens alle überrascht, ausgerechnet Mehdi fasste es als einziger in Worte: „Und warum heulst Du jetzt nicht?“

Dass Mehdi in Sanssouci war empfand Gretchen als Glücksfall. Allerdings schien es ihr, dass Mehdi nicht Mehdi war. Nicht so, wie sie ihn aus Berlin kannte. Marc vermutete, dass es am Sex mit der Giftschlange läge. Irgendwann müsste sich ihr Gift ja übertragen.
Natürlich verteidigte die Ärztin ihre beiden Freunde, vor allem aber den Frauenarzt. Der Gynäkologe wies Gretchen bei Kaiserschnitten an, zeigte ihr, wie sie bei den verschiedensten Beschneidungsformen vorgehen musste und vor allem nahm er ihr mit seiner ruhigen, besonnen Art die Scheu vor diesem für Gretchen peinlichen Thema. Anfangs war es ihr furchtbar unangenehm und sie musste manchen Spruch über sich ergehen lassen, wenn sich ihr Gesicht wieder vor Scham mit einem leichten oder kräftigen Rotton überzogen hatte. Ja, auch Mehdi war in der Lage, ihr Sprüche zu drücken, nicht in der Qualität, die sie von Marc kannte. Aber immerhin...

Natürlich war ihr das Thema der Genitalverstümmelung geläufig, doch die erste wirkliche Konfrontation mit einem Opfer hatte Gretchen in arge Probleme gebracht. Dabei war ihr geringstes Problem, dass sie sich spontan übergeben musste. Sie hatte schlicht und einfach überhaupt keine Ahnung, was sie tun sollte. Jetzt, nach knapp drei Wochen in Afrika, sah das ganz anders aus. Gretchen lernte schnell und vor allem – sie wurde mutiger.

Mehdi lächelte. Er arbeitete gerne so intensiv mit der Ärztin zusammen. Der Untersuchungsraum war ihre Gemeinsamkeit. Ungestört sogar, denn Marc hielt sich konsequent aus der Krankenstation heraus. Er hatte lediglich und nur auf Gretchens unnachgiebiges Drängen bei der chirurgischen Wundreinigung assistiert.

Bei der Arbeit verstanden sie sich wortlos. Ein Blick genügte. Vor allem von ihr, um die Schmetterlinge in seinem Bauch durcheinander fliegen zu lassen. Mehdi fand Gretchens Lächeln ganz besonders wundervoll, wenn sie ein Neugeborenes im Arm hielt. Egal wie sie zusammen arbeiteten, immer war sie diejenige, die das Baby im Arm hatte und es dann an die Mutter weitergab.
Gretchen scherzte gerne, dass sie nie erwartet hätte, in Afrika ihren Facharzt in Geburtshilfe zu machen. „Du bist eine wundervolle Ärztin Gretchen. Vielleicht solltest Du tatsächlich darüber nachdenken. Ich würde Dich jederzeit auf die Gyn nehmen.“
„Facharzt in Geburtshilfe – ja. Aber Gynäkologie? Ich? Vergiss das, Mehdi.“

Aber Mehdi vergaß nicht. Wie konnte er. Wenn Gretchen später irgendwann wieder in Deutschland war, würde er sie nochmals fragen, ob sie nicht zu ihm auf die Gyn wechseln wollte. Gretchen und Chirurgie, das passte einfach nicht. Genauso wenig wie Gretchen und Chirurg. Das passte auch nicht.

Aber Gretchen und Gyn? Eher unwahrscheinlich – dafür würde Marc schon sorgen.

***
Marc! Allein dieser Name bereitete Mehdi Kopfschmerzen und Übelkeit. Gretchen hatte ihn gebeten, während der ersten Überlandtour für Marc da zu sein. Er jedoch hatte sich in der Krankenstation verschanzt und wenig Zeit für Marc erübrigen können. Wollen. Sollte Marc ruhig ein bisschen leiden. So wie er selbst auch wegen Marc litt.

Seit er in Koudougou im OP gestanden hatte, fiel es dem Oberarzt schwer, hier zu sein. Marc vermisste die Herausforderungen des Krankenhausalltags. Er war Chirurg, durch und durch. Zusätzlich machte ihm Gretchens Abwesenheit arge Schwierigkeiten. In den wenigen Tagen, war sein Freund durch die Hölle gegangen. Mehdi fühlte sich deswegen schlecht. Aber er gönnte es Marc!

Vielleicht käme der so schneller wieder zu der Überzeugung, dass das Beziehungsding nichts für ihn sei.

(„Je eher umso besser.“)

***
Mehdi erkannte den Chirurgen nicht wieder.
Zum einen hatte er ihn nie wirklich mit einer Frau beobachten können – er hatte wohl einige der Frauen gesehen, aber meistens morgens, wenn diese die WG verließen. Noch nie hatte er den Kollegen so hoffnungslos verliebt gesehen – und noch weniger so verloren, als das Liebste nicht in seiner Nähe war. Auch wenn es nur ein paar Tage waren. Endlich spürte auch Marc einmal, wie es war...
Wie es ihm seit langem ging. Wie er litt. Gretchen gehörte zu ihm und Marc hatte sie ihm weggenommen. Im Grunde war es ja nichts neues, vor Anna hatte der feine Herr Chirurg auch nicht halt gemacht. Gute Freunde teilten eben viel – selbst die Ehefrauen und das Kind.

Es konnte nicht anders sein! Mehdi war mittlerweile überzeugt davon, dass Anna gewusst hatte von Marc schwanger zu sein.
„Sie ist nicht Dein Kind!“ Der Satz, den sie ihm am Bahnhof zurückgelassen hatte. Natürlich! Marc. Anna wusste es. Frauen wussten sowas. Deswegen hatte sie auch immer wieder den Weg zu Marc gefunden – es ging ums Geld. Schweigegeld? Er musste davon ausgehen, dass auch Marc von seiner Vaterschaft wusste. Deswegen hatte Anna ihn so spontan heiraten wollen. Ihn, den gutmütigen Idioten, den man lebenslang verarschen konnte. Sollten sie alle zum Teufel gehen. Marc, Anna, Lilly.

Nun hatte Marc ihm wieder dazwischen gefunkt.
Er war auf dem richtigen Weg gewesen, Gretchen zu zeigen, dass er für sie da war. Als sich ihr Ehemann als Betrüger herausstellte, hatte sie an seiner Schulter Trost gesucht. Und Marc? Beschäftigt, an seiner Karriere zu basteln. Washington. Weit genug weg von Berlin und Gretchen.
Nun Afrika. Sie beide, Gretchen und er. Weit genug weg von Marc Meier.
Irrglaube. Sabine, diese dumme Pute hatte alles verbockt.

Er dachte an den Alkoholinitiierten One Night Stand mit Gretchen. Sie hatte ihm einen Filmriss vorgespielt. Wie wütend Marc geworden war, als er beiläufig im Aufzug die gemeinsame Nacht erwähnte. Sehenswert. Für Gretchen war es nicht so gut gelaufen, gefesselt in der Patho mit einem gemalten Penis auf der Wange. Mehdi grinste. „...und – sie hat ihn in den Mund genommen.“ Eine glatte Lüge.
Auch Gina war eine Lüge. Eine attraktive sicherlich. Aber weder sie noch er waren verliebt. Diese Frau würde viel besser zu Marc passen – erfolgreiche Karrierefrau, forsch im Bett. Was nicht zu seinem Nachteil war, aber sein Herz schlug nun mal für eine romantische, zurückhaltende Frau.

Genau diese rief ihn jetzt zurück in den Untersuchungsraum. „Kannst Du gerade fertig machen? Ich muss mal...“
Sekunden später hörte der Halbperser Würdegeräusche.
„Gretchen, ist alles in Ordnung?“

„Sie hat sich doch hoffentlich nicht mit dem Magen-Darm-Zeug angesteckt? Naja, wundern bräuchte man sich nicht.“ In der letzten Woche hatten viele Menschen, vor allem Kinder, unter anhaltendem Brechdurchfall gelitten. Jenny, die Praktikantin, hatte die Krankenstation betreten. „Ich sollte von Martin fragen, wie lange ihr noch braucht? Er wollte mit dem Barbeque auf euch warten.“

In Sanssouci organisierten sie jeden Monat eine große Geburtstagsparty für alle, die im besagten Monat ihren Ehrentag feierten. Während der Regenzeit fielen diese Feste aus beziehungsweise wurden verschoben. Heute sollte eine große Party stattfinden. Die Burkinabe feierten sehr gerne! Christian hatte von der Medical Safari mehrere gut genährte Hühner mitgebracht, die nun darauf warteten, über der Feuerstelle gegrillt zu werden.

„Ich bin glaube ich raus.“ Eine blasse Ärztin stand in der Tür.
„Wie lange geht das schon?“ Mehdi schob Gretchen auf den Stuhl und sah sie prüfend an. „Jenny hat Recht, nicht, dass Du Dich angesteckt hast.“
„Glaube ich nicht.“
„Erde an Gretchen – glaube ich nicht?“
„Nein, eine Woche seit dem letzten Fall. Das hätte schneller gehen müssen.“
„Was ist es dann?“
„Was weiß ich denn? Vielleicht hätte ich Roulas Warnung vor den Mangos ernster nehmen sollen. Oder ich habe was Falsches gegessen. Bei den Temperaturen ist es ja kein Wunder, wenn was schlecht wird. Ich möchte mich gerne hinlegen.“ Sie sah Mehdi bittend an und er nickte.
„Leg Dich einfach auf eins der Betten, ich mache hier fertig. Dann können wir später zusammen... “
„Ich bevorzuge meine Hängematte. Danke, Mehdi.“

(„Diese Scheiß-Hängematte!“)

Mehdi brummte etwas Unverständliches in Gretchens Rücken. Vermutlich wartete Marc dort schon auf sie und wenn er später nach getaner Arbeit – Gretchens Arbeit – zum Haus käme, hätten die beiden schon eine schöne, kuschelige Zeit dort verbracht. Immer wieder Marc. Konnte der nicht einfach seine Sachen packen und verschwinden? Seit wann konnten Ärzte so einfach vier Wochen Urlaub nehmen? Er selbst war zwar auch für drei Monate weg, aber immerhin hatte er Ersatz organisiert. Aber da unterschied er sich eben einfach von Typen wie Marc Meier.


*Marc und Mehdi*

Zugegeben – er hatte den Kollegen noch nie so hoffnungslos verliebt gesehen. Trotzdem fand er es ungerecht, dass es wieder Marc war, der die Nase vorn hatte. Egal, was Marc machte, es wurde gut. Selbst das Nichtstun hier nahm man ihm nicht übel. Faulenzen, schnitzen oder Fußball spielen.
Er konnte nur hoffen, dass sich die Sache zwischen Marc und Gretchen in absehbarer Zeit von alleine regeln würde. Was würde mit Marc geschehen, wenn dieser in spätestens zwei Wochen zurück nach Berlin musste? Marc würde durchdrehen. Hier waren es nur ein paar Tage gewesen, in denen er fast die Kontrolle verloren hatte. In Berlin wäre es eine unbestimmt lange Zeit. Es gab zwei Möglichkeiten: Rückfall in alte Muster oder die Psychiatrie. Da würde der feine Herr Chirurg so schnell nicht rauskommen! Vielleicht würde er aber auch nur den Grunewald verschnitzen...

Ausgerechnet einer der Jungen hatte es geschafft, Marc aus seiner Verzweiflung zu holen. Ephraim hatte sich mit seinem Schnitzmesser in die Hand geschnitten und Marc hatte das weinende Kind in der Küche des Missionshauses gefunden. Die Wunde war schnell versorgt und Marc hatte dem Jungen verschiedene Schnitztechniken gezeigt, damit er sich nicht so leicht verletzen konnte.

***
„Woher weißt Du wie man schnitzt?“
„Ich bin Chirurg, Messer kann ich.“ Marc hatte mit den Achseln gezuckt, Mehdi war nicht überzeugt. Besonders nicht, als Marc anfing, mit Ephraim zusammen kleine Figuren zu schnitzen. Am Ende lernte der Bube das Schachspielen.
Erst war es nur Ephraim, der Zugang zu Marc fand. Der Waisenjunge lernte sehr schnell, das selbstgeschnitzte Schachspiel zu spielen. „Kannst Du auch Fußball spielen?“
„Natürlich. Jeder kann Fußball spielen – irgendwie.“
„Ich meine nicht irgendwie. Kannst Du es gut?“
„Die Frage lässt sich nur auf dem Fußballfeld klären, meinst Du nicht?“

Und so hatten sie ein paar Bälle gekickt. Erst nur zu zweit, aber es kamen immer mehr Jungs dazu und am Tag, bevor die Ärztin zurück erwartet wurde, spielte auch Mehdi mit. Gretchen sollte ihm nicht vorwerfen können, er hätte sich nicht um Marc gekümmert.

Der Halbperser wunderte sich immer mehr über den Chirurgen. Schließlich war er der sanfte Menschenfreund, Marc der sozialinkompatible Chirurg. Vor allem Pädophob! Trotzdem schienen diese Kinder einfach auf Marc zu fliegen. Den arroganten Arsch Doktor Marc Meier! Gut, er war hier definitiv anders. Aber hatte er nicht immer gedacht, dass gerade Kinder intuitiv sehr gut zwischen Gut und Böse entscheiden können?

Er schalt sich selbst: „Mehdi Kaan, Marc war niemals böse.“ Nur egoistisch, egozentrisch, ein Narziss.
Vor allem völlig desinteressiert, was Kinder anging. Wie hatte er ihn anbetteln müssen, dass er Lillys Patenonkel wurde. Obwohl – Lilly hatte Marc angehimmelt. Der Chirurg war tatsächlich mehrfach als Babysitter eingesprungen und Lilly war immer total begeistert gewesen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte Marc jede Woche Babysitter spielen dürfen. Wenn Frauen spürten, wer der Vater ihres Kindes ist, ob dann Kinder auch spüren konnten, wer ihr Vater war?

***
Marc kam angerannt. „Mehdi, was ist? Schon kaputt?“
„Was ist hier passiert?“
„Wir haben gerade das 5:1 gemacht und wenn Du nicht losläufst, dann folgt gleich das Sechste!“
„Das habe ich nicht gemeint.“
„Mehdi, zum Quatschen ist das hier der falsche Ort. Schreib Dir Deine Fragen auf für später – oder wann anders.“ Marc zögerte. Mehdi war in der Lage, ihn annähernd zu durchschauen. Wie damals, als er bereits hoffnungslos in Gretchen verknallt gewesen war und sie diesen Lackaffen heiraten wollte.

Im nächsten Moment unterbrach ein kraftvoll getretener Ball diesen Gedanken, traf seine linke Gesichtshälfte und warf ihn zu Boden.
„Oh Gott, Marc. Ist alles okay?“ Mehdi stürzte zu ihm. „Das tut mir Leid.“
Marc setzte sich auf und rieb sich das Gesicht. Die linke Seite brannte höllisch. „Das war Dein Schuss? Alle Achtung, aus Dir kann glatt noch was werden. Also weitermachen.“
Er sprang auf und schnappte den verblüfften Mit- und Gegenspielern den Ball weg. Einen kurzen Sprint weiter versenkte er den Ball zum angekündigten 6:1.

***
Später am Nachmittag trafen sich die Freunde auf der Veranda des Wohnhauses, Marc fand keine Gelegenheit mehr, Mehdis Fragen aus dem Weg zu gehen. Wie der Chirurg es vermutet – ja befürchtet – hatte, stellte Mehdi genau die Fragen, vor deren Antwort er sich scheute.
„Ich dachte immer, dass Du Kinder nicht leiden kannst.“
„Warum?“
„Nein, Meier. Gegenfragen gelten nicht. Aber lass es mich anders ausdrücken. Warum interessieren Dich plötzlich Kinder?“
„Irgendwie muss ich die Tage ja rum kriegen.“
„Hm.“
„Wie „hm“?
„So „hm“ halt.“
Marc wurde ungeduldig. „Oh Mehdi, wenn Du eine Frage hast, dann stell sie aber eiere hier nicht rum. Klar?“
„Wie musste ich Dich anbetteln, wenn wir niemanden für Lilly hatten und dann war es immer toll.“
„Habe ich das jemals gesagt?“ Der entsetzte Gesichtsausdruck brachte Mehdi dann doch zum Schmunzeln. „Nein, aber Lilly. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hättest Du jede Woche einmal Babysitter spielen dürfen.“
„Gott bewahre!“
„Ephraim kommt auch immer zu Dir.“
„Na und?“
„Tu nicht so.“
„Was willst Du von mir?“
„Du hast Spaß mit den Kindern, Marc!“
„Ohhh...Mehdi! Ephraim. Ok. Dass mit dem Schnitzen war Zufall und er hat eine schnelle Auffassungsgabe. Er ist schlau! Und dass die Kinder dazugekommen sind, das war ebenfalls Zufall. Aber mit Teams spielt sich Fußball einfach besser.“
„Genau. Deswegen muss ich morgen gleich wieder spielen!“
„Bei Deinem Schusspotential solltest Du das Training nicht schleifen lassen.“ Marc grinste.
„Marc! Ich meine das ernst. Auch wenn ich nie wirklich darüber nachgedacht habe. Aber Du kannst mit Kindern. Sie spüren, wer es gut mit ihnen meint. Du warst nie unser Nr. 1 – Babysitter, Lillys schon.“
Ein Lächeln huschte über jedes der Arztgesichter. Mehr beim Vater, zurückhaltender beim Patenonkel. Doch es entging Mehdi nicht.

(„Er weiß es ganz sicher!“)

„Und der kleine Junge im Krankenhaus? Mit der Armschlinge?“
„Pascal?“ Marcs Hände zitterten plötzlich ganz leicht und er legte sie schnell in den Schoß.
„Hieß er so? Mit der häuslichen Gewalt?“ War Marc gerade unmerklich zusammengezuckt? Mehdi beobachtete jede noch so kleine Regung an dem mittlerweile angespannten Chirurgen.
„Ja. Pascal.“
„Der mochte Dich auch.“
„Weil ich seinem Vater aufs Maul gehauen habe?“
„Was hast Du?“
Marc grunzte eine Antwort.
„Marc!“
„Ja habe ich. Bevor ich zum Flughafen bin tauchte Pascal mit seiner Mutter auf. Sie hatte weniger abbekommen, Prellungen, Hämatome. Aber Pascals Nase war gebrochen. Als der Vater kam und auch noch dumme Sprüche klopfte, da konnte ich nicht anders.“
„Hm. Auch wenn es eher nicht so aussieht – war das ein Ausdruck von Empathie?“
„Ich? Quatsch!“
„Marc Meier – ich kenne Dich lange genug um mich sehr zu wundern. Aber es steht Dir gut.“
„Was?“
„Gefühle, Marc! Gefühle.“
„Pfff...“
Mehdi musste herzhaft lachen. Doch hinter dem freundlichen Gesicht versteckte sich ein bösartiger Gedanke.

(„Genau das, was Du nicht hören willst!“)

***
Marc hatte sich in den knapp drei Wochen, die sie jetzt hier waren, vollkommen verändert. Aber er schien immer noch er selbst zu sein. Wo war dieser nette, zurückhaltende Mann all die Jahre gewesen? Mit dem karrierebewussten Oberarzt hatte dieser Marc wenig zu tun. Sein Freund war in jeglicher Hinsicht konsequent und erfolgreich – als Arzt und besonders im Zurückhalten jeglicher Gefühle.

***
Plötzlich fiel Mehdi etwas ein. „Weißt Du, wie Anna mich überzeugt hat, dass Du Taufpate sein solltest?“ Setzte er noch einen oben drauf.
„Wie kommst Du da jetzt drauf?“
„Ach Marc. Als Lilly geboren wurde musste ich Dich zwingen, sie wenigstens anzusehen. Ich war einfach so glücklich und so stolz... und Dich schien meine Tochter überhaupt nicht zu interessieren.“ Mehdi schwieg und versank in Erinnerungen.
Marc war nicht sicher, worauf sein Freund hinaus wollte. Wie ein verspäteter Vorwurf klang das nicht!
Mehdi fing wieder an zu reden. „Bis ich sie Dir einfach in die Hand gedrückt habe. Ohne zu fragen, ob Du sie halten willst. Dabei war sie quengelig und schlecht gelaunt.“ Der Vater lachte. „Du warst total überrumpelt und etwas nervös, aber wie sie in Deinem Arm lag, war sie plötzlich still und guckte Dich nur an. So wie Du sie. Und ich weiß bis heute, dass Dein Gesicht mit einem Mal sehr weich war. Zärtlich. Als wäre eine Maske gefallen. Du hast sie angelächelt. Dann bist Du wieder zu Dir gekommen und Du hast sie mir zurückgegeben. „Gut gemacht!“ war das einzige, was Du gesagt hast. Ein riesen Lob, für Deine Verhältnisse.“

(„Eigenlob. Und verhöhnt hast Du mich!“)

Eine Weile saßen die Freunde zusammen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Beide reisten in die Vergangenheit, zu der Geburt eines Mädchens. Dass Marcs Reise viel weiter zurückging, als seine eigene, konnte Mehdi nicht annähernd ahnen.

Karo Offline

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28.05.2017 23:44
#19 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 2

Marc war vier Jahre alt, als seine Schwester Carina geboren wurde. Endlich war er ein großer Bruder! Wie sein bester Freund Volker, mit dem er in die Bärengruppe des Kindergartens ging. Volker war ein Jahr älter und sollte bereits in die Vorschulgruppe gehen. Doch aus einem unerfindlichen Grund hatten die Erwachsenen das wohl vergessen. Aber Marc war nicht böse darum – die anderen Kinder waren einfach komisch. Volker konnte nicht viel, aber er war eben ein großer Bruder!

Oft geschah es, dass Volkers Mutter Marc mit nach Hause nahm, wo ihn Elke erst abends abholte. Marc war gerne bei Volker. Zu Hause durfte man kaum etwas. Zumindestens nichts was Lärm machte oder sonst wie seinen Vater störte. Manchmal war der mehrere Tage weg, dann war es seiner Mutter egal, was er anstellte. Aber das geschah eher selten. Meistens lernte sein Vater und dabei war Lärm einfach störend.
Für René waren Lärm und Kinder gleichbedeutend. Beides nervte.
Dann kam Carina zur Welt und sein Vater war nur noch gereizt. Marc vermutete, dass ein zweites Kind einfach doppelten Lärm bedeutete.

Dabei war Carina ein friedliches Baby. Marc mochte sein Schwesterchen vom ersten Tag an und er versuchte sich so gut es ging, um das Baby zu kümmern. Elke erkannte erstaunt, wie geschickt der Vierjährige mit der Schwester umging und so durfte er Carina so oft die Flasche geben, wie es ging. Natürlich saß Elke daneben und passte auf. Sie war stolz auf ihren Jungen, dass er ein so guter großer Bruder war. Und Marc war glücklich, wenn seine Mutter ihn lobte.
Der Vater dagegen schimpfte immer mit Elke, wenn sie Marc gewähren ließ. „Eines Tages bringt er sie um, so ungeschickt wie er ist.“
„Ich bin doch nicht ungeschickt, oder Mama?“
„Nein, Marc, alles ist gut.“
„Mach Dir nur selbst was vor. Irgendwann fällt sie ihm hin!“
„Sie fällt mir nicht hin, nicht wahr, Mama? Du passt doch auch auf!“
„Ja, Marc. Ich passe auf euch beide...“

Das Baby landete hart im Schoß der Mutter und Marc wurde sehr unsanft am Arm von der Couch gezogen.
„Aua! Papa!“
„Hör auf, ständig zu widersprechen!“
„Papa! Mama!“ Marc wurde schmerzhaft die Treppe heraufgezerrt, mehrfach stolperte er und schlug hart auf die Holzstufen auf. Er schmeckte Blut.
„Aua!“
„Das musst Du Dir früher überlegen. Du bleibst jetzt in Deinem Zimmer. Ich will heute nichts mehr von Dir sehen oder hören.“
„Aber...“
Ein heftiger Schlag traf Marcs Lippe, nun fühlte und sah er auch Blut. Ihm stiegen Tränen in die Augen.
„Ich will vor allem keine Tränen sehen. Das bist Du selbst schuld!“
Es tat höllisch weh. Alles tat ihm höllisch weh, doch er unterdrückte mit aller Macht seine Tränen. Er blieb einfach auf dem Fußboden liegen, da wo René ihn hingeschleudert hatte.
„Weder Abendessen noch Gute Nacht-Geschichte.“
„Ja.“ Marc schluchzte.
„Das hast Du Dir selbst zuzuschreiben. Hörst Du?“
„Ja!“
„Du bist eine Zumutung!“
Die Tür fiel zu, doch Marc wartete bis er das Geräusch des Schlüssels hörte. Erst dann war er sicher.

Karo Offline

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28.05.2017 23:50
#20 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 3.3 – Ehepaar Haase 2


Das beleuchtete Display des Weckers zeigte 1:42 Uhr und die Bettseite ihres Mannes war unbenutzt. Sie knipste ihre Nachttischlampe an.
„Das gibt’s doch nicht. Will der sich kaputt machen?“ Bärbel Haase zog sich energisch ihren Morgenmantel über und verließ das Schlafzimmer. Sie musste nicht lange suchen – ihr Göttergatte brütete in seinem Arbeitszimmer über verschiedenen Akten.
„Franz?“
„Gleich, Bärbel.“ Er rieb sich mit einer Hand über das Gesicht.
Sie hörte seine Erschöpfung. „Das hast Du vor zwei Stunden auch schon gesagt.“ Die rothaarige Frau beobachtete Ihren Mann, der in seine Arbeit vertieft war und keine Notiz mehr von ihr nahm. Nach einer Weile räusperte sie sich und der Professor blickte erschreckt auf.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich das Loch im Einsatzplan stopfen soll.“
„So wie sonst auch?“
„Doktor Meier ist im Urlaub!?“
Bärbel stöhnte. „Dann muss Doktor Rössel eben nochmal ran, er kann sich ja ab Februar ausruhen. Er war doch immer flexibel.“
„Er arbeitet schon fast am Maximum. Ich wollte aber gerade ihn nicht mehr über die Maßen beanspruchen, irgendwie muss ich die Überstunden ja wieder abgelten. Im November und Dezember kommen eh immer noch mehr dazu.“
„Du kannst auch komplett in die Klinik ziehen.“
„Bärbel!“
„Ja was denn Franz. Egal ob Du da oder hier bist, ich sehe Dich eh nicht mehr. Dann arbeite lieber da, wenn Du zusammenklappst ist vielleicht auch jemand in der Nähe.“
„Haha.“ Der Professor fand das gar nicht komisch. Sein Herz zeigte ihm nicht zum ersten Mal deutliche Signale, dass es Zeit wurde, kürzer zu treten. Bisher hatte er dieses aber gegenüber seiner Frau nicht erwähnt.
„Was sagt denn der Ullstein? Du hast doch mit ihm gesprochen?“
Bernd Ullstein war sein Ansprechpartner bei der StaBe, dem Klinikverbund, dem das Elisabeth-Krankenhaus angehörte. „Er sieht unsere Lücke aber kann sich auch spontan auch keine Lösung aus den Rippen schneiden. Er wollte sich allerdings erkundigen, ob ein neuer Arzt schon früher bei uns anfangen kann.“
„Doch jemand neues?“
„Das habe ich doch gesagt – dass der oder die, die Doktor Rössel ersetzen wird, schon früher hier anfangen soll. Dass er/sie eingearbeitet ist, wenn Rössel geht. Aber da reden wir über Dezember oder im schlechteren Fall sogar erst über Januar.“ Er seufzte. „In zwei Wochen ist der Meier ja wieder da, ich hoffe, dass er gut erholt ist.“
„Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was er so in seinem Urlaub treibt. Oder mit unserer Tochter.“
„Bärbel!“
„Kommst Du jetzt? Du hast Dein Problem in den letzten Stunden nicht gelöst, also spar Dir die nächsten Stunden zugunsten von etwas Schlaf.“
Der Chefarzt wusste, dass seine Frau diesmal nicht nachgeben würde und so legte er die Mappen zur Seite, schaltete den Computer aus und folgte Bärbel ins Schlafzimmer. In dem Moment, wo er sich auf der Matratze ausgestreckt hatte, war er bereits eingeschlafen. Im Gegensatz zu der Krankenschwester, die keine Ruhe fand. Lange wälzte sie sich hin und her, dann entschied sie, dass sie sich dem Problem ihres Mannes annehmen musste. Erneut verließ sie das Schlafzimmer und betrat das Arbeitszimmer des Chefarztes. Bärbel nahm sich die Einsatzpläne vor.


***
Zwei Stunden später war sie der Meinung, einen vernünftigen Lösungsansatz gefunden zu haben. Warum sollte es allein Sache der Chirurgie sein, die Notaufnahme abzudecken? Auch die anderen Ärzte sollten ihrer Meinung in der Lage sein, einen Patienten zu untersuchen. Sollte diese Hassmann doch mal zeigen, wie gut sie wirklich war. Oder dieser Anästhesist, der meistens unsichtbar war und sich sowieso aus allem heraushielt. Sie sah sich die Einsatzpläne der letzten Monate an. Franz hatte nicht gelogen – Doktor Meier mochte sein wie er wollte, er arbeitete mehr als jeder andere.

(„Und trotzdem kommt der immer wieder auf dumme Gedanken...“)

Warum war die Stelle von Frau Doktor Ingersen, die sich seit sechs Monaten im Mutterschutz befand, nicht neu besetzt worden? Das konnte Franz doch nicht entfallen sein? Bärbel schüttelte den Kopf. Ihr Mann war viel zu gewissenhaft als dass ihm das entgangen war. Das konnte fast nur bedeuten, dass die StaBe Personal einsparen wollte. Sie musste morgen ein ernsthaftes Wort mit ihrem Mann sprechen. Da war sie schon stolz auf Franz, der immer wieder Wege gefunden hatte, angedrohten Sparmaßnahmen aus dem Weg zu gehen. Das EKH war nie ein Großverdiener gewesen, aber es schrieb konstant Zahlen oberhalb einer schwarzen Null. Selbst der Anbau hatte sich kostenmäßig gelohnt. Oder reichte dieses Argument nun nicht mehr aus? Oder – schlimmer noch – sprach Franz nicht mehr mit ihr?

Bärbel musste sich eingestehen, dass sie tatsächlich weniger – viel weniger – miteinander redeten, als es früher gewesen war. Früher... wann war das gewesen? Vor Franz´ Affäre mit Elke Fisher? Oder nach ihrer Selbstverwirklichung in Indien? Oder nach ihrer eigenen Affäre? Aber da sollte Franz sich nicht so anstellen. Er hatte schließlich drei außereheliche Beziehungen gehabt. Wobei die nicht die Rücklagen für die Rente geklaut hatten.

Was hatte Gretchen gesagt?

„Ich möchte, dass ihr wieder ein Team werdet, bis ich wiederkomme.“

„Ach Gretchen. Wie sollen wir das denn machen? Dein Vater hat ja nie Zeit!“
Sie hörte die ermahnende Stimme ihrer Tochter.

„Zum Reden braucht ihr Mut, Zeit ist keine Ausrede.“

Gut. Sie würde mit Franz reden. Über das Krankenhaus. Über die Affären. Seine und ihre. Über die gestohlene Rente. Wobei sie die ja mit dem gefundenen Geld ersetzt hatte. Glaubte er das vielleicht nicht? Arbeitete er deswegen so viel? Hatten sie seitdem nochmal über ihre Zukunft gesprochen? Ihre gemeinsamen Wünsche? Zwei – drei Jahre trennten sie noch von dieser Zeit. Wie ging es Franz mit dem Gedanken, „alt“ zu sein?

Mit tausend neuen Fragen im Kopf sank Bärbels Kopf auf die Tischplatte und sie selbst in einen traumlosen Schlaf.

Karo Offline

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31.05.2017 09:42
#21 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo zusammen, schon wieder Wochenmitte...


BERLIN

September 3.4 – Professor Haase 4


Wieder griff sich Professor Haase an seine schmerzende Brust. Das Herz raste. „Ahhh...“ Er versuchte sich aufzurichten, doch zwei kräftige Hände drückten ihn auf die Liege zurück.
„Ihre Pumpe geht ordentlich, Herr Professor, bleiben Sie liegen!“ Cedric Stier sah auf den Chefarzt herunter, der gar nicht voll bei Bewusstsein schien. Um den Schmerz in der Brust loszuwerden zog und zerrte der alte Mann an den Elektroden, die an seiner Brust klebten.
„Mir ist schlecht.“ Im nächsten Moment übergab sich der Professor.
„Ahhh...“ Während er die Beatmungsmaske wegriss richtete Cedric den Mann auf und hängte ihn kopfüber von der Liege, dass nichts in die Luftröhre zurück fließen konnte. Doch es war zu spät – der Professor rang bereits nach Luft.
„Scheiße! Stern! Sabine!“

Karo Offline

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31.05.2017 09:45
#22 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 3

„Marc, ich habe Deine Eltern angerufen, dass sie Dich holen sollen. Du bist krank.“
„Nein! Ich bin nicht krank. Nicht nach Hause!“ Der Vierjährige riss entsetzt die Augen auf. „Mir geht es schon wieder gut.“ Wie zum Beweis nahm er seine Hände hoch, mit denen er gerade noch seinen schmerzenden Bauch festgehalten hatte. „Siehst Du?“
Im nächsten Moment krümmte er sich unter einem weiteren Krampfanfall zusammen. „Ahhh...“ Und dann: „Ich will nicht krank sein.“ Ihm kamen die Tränen. „Und kein Heulibold.“
„Da kannst Du gar nichts für, Marc. Das passiert einfach. Besonders bei so einem hartnäckigen Virus. Schau, Volker ist schon seit einer Woche nicht da. Seit gestern fehlen Jan und Lutz und Maja wurde auch von ihrer Mutter abgeholt.“
„Mama kann mich doch später holen. Wenns ihr besser geht.“
„Hat sie auch den Virus? Dann solltet ihr mit dem Baby aufpassen, für die ist das gar nicht gut.“
„Wohl. Carina ist gut.“
Frau Schnippel lachte. „Ja, dass Du Deine Schwester magst, weiß ich wohl. Ich meine auch nicht, dass sie nicht gut ist sondern dass so ein Magen-Darm-Virus für Babys gefährlich werden kann. Gefährlich ist nicht gut. Oder was meinst Du?“
„Nein, gefährlich mag ich nicht. Dann muss ich auf Carina aufpassen.“ Der Knirps redete entschlossen.
„Das ist schön, wenn Du für Deine Schwester da bist. Aber bleib heute und morgen weg von ihr, nicht, dass sie auch krank wird.“
„Ich füttere sie doch so gerne. Wenn sie an der Flasche saugt, dann schmatzt sie so lustig. Ich darf das nicht.“
„Als Baby darf man vieles, was später nicht mehr gerne gesehen wird. Fällt Dir dazu was ein außer schmatzen?“ Die Kindergärtnerin unterhielt sich gerne mit dem Jungen, der für sein Alter über eine überdurchschnittliche Sprache verfügte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Marc seine Eltern durchaus mit logischen Argumenten in den Wahnsinn treiben konnte.
„Puuupsen!“ Das Kind lachte. „Obwohl auch Papa jedes Mal schimpft, wenn Carina puuupst. Manchmal reibe ich ihr extra den Bauch, weil ich das lustig finde, wie sie guckt, wenn sie puuupst.“ Jetzt lachte auch die Kindergärtnerin. Sie konnte sich das Szenario gut vorstellen und so wie ihr Schützling das Wort betonte, genoss er jeden einzelnen Buchstaben.
„Und immerzu soll sie einen Bauer machen. Bei mir heißt das rülpsen und das gibt Strafe.“
„Strafe?“
„Wer rülpst ist mit dem Essen fertig und geht ins Bett.“
„Du musst dann ins Bett?“
„Ja. Wie das Baby. Nur Babys dürfen rülpsen.“
„Wegen einem Rülpser schimpft man allenfalls. Das passiert auch Erwachsenen. Dann sagt man „Entschuldigung bitte“ und alles ist gut.“
„Nein.“ Bestimmt schüttelte das Kind seinen Kopf.
„Wenn Dir das nochmal passiert, dann entschuldige Dich einfach.“
„Papa entschuldigt sich nie. Dabei rülpst der ganz viel, immer wenn er was getrunken hat.“
Elvira Schnippel sah auf die Uhr. Elke Fischer ließ sich viel Zeit.
„Wie, was getrunken?“ Mist, jetzt hatte sie nicht richtig zugehört. „Dein Vater trinkt?“
„Ja, ganz viel. Er sagt, das ist gesund. Ich mag aber das Wasser nicht, das knistert so im Bauch.“ Automatisch griff Marc sich wieder an seinen schmerzenden Bauch. „Da rumpelt es ganz schön doll.“ Er zog und zerrte an seinem Pulli, um das unangenehme Gefühl loszuwerden.

Karo Offline

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31.05.2017 09:49
#23 RE: Story von Karo Zitat · antworten

@Nachteule - Dein Vorschlag war gut, aber leider zu spät das Kapitel ist für Dich!


SANSSOUCI


September 3.5 – Marc besoffen 1


„Endlich geschafft!“ Mehdi streckte seinen Rücken und seine Arme in alle Richtungen. Er war mittlerweile überzeugt, dass sich alle Schwangeren dieser Erde zusammengetan hatten, um ihre Kinder ausgerechnet jetzt zu bekommen. Gretchen hatte sich in den letzten Tagen mehrfach übergeben und blieb der Krankenstation fern. Nicht, dass er sie brauchte. Medizinisch gesehen. Bei der Arbeit hatte er sie ganz für sich. Außerdem machte es mit ihr einfach mehr Spaß. Und – mit ihr war er von der lästigen Dokumentation befreit. Damit nahm Gretchen es sehr genau. Schon als sie auf Medical Safari gefahren war, hatte er ihr hoch und heilig versprechen müssen, alles genau so sorgfältig aufzuschreiben, wie sie es selbst tat:

***
„Wofür? Es bringt doch nichts?“
„Ich möchte es so.“
„Warum Gretchen?“
„Mehdi, in der Zeit, wo wir hier diskutieren, könntest Du schon fast fertig sein. Ob es etwas bringt oder nicht kann Dir egal sein. Ich möchte das so!“
„Du hast Dir zu viel bei Marcs seltsamen Führungsqualitäten abgeguckt.“
„Immerhin hat er welche.“
„Pfff... schimpfen und delegieren?“
„Genau. Schwester Mehdi, ich möchte einen ordentlichen Bericht haben. Vorgestern. Also ZZ!“ Sie hatte ihn angegrinst und er zwei lästige Sachen an der Backe kleben gehabt. Dokumentationen und Marc.
Dem ging es mittlerweile sehr schlecht und Mehdi hoffte, dass die kleine Delegation bald wieder in Sanssouci wäre.

***
„Entschuldige Marc, ich musste noch diesen bescheuerten Bericht schreiben.“ Entsetzt blickte er auf die zwei Personen am Küchentisch. „Marc?“
„Ischt alles gut, Mehdi. Die Berischte ßind wischtich. Das ßage ich Hasenzahn auch immer wieder. Aber ßie hat dasch kapiert.“
„Was habt ihr in den zwei Stunden gemacht?“ Wie es aussah hatte sich der Lehrer dem Mediziner angenommen.
„Schiesste doch.“ Marc prostete ihm zu. „Karammbaa! Komm, dasch muscht Du probieren.“ Marc nuschelte unverständliches Zeug, nur ein paar Wortfetzen konnte der Gynäkologe heraushören.
„... Medikamententests... wissenschaftliche Kräuterverköstigung ... Selbstversuche ... Regentanz ... Martin... Schnapsbrennerei...“
Domenic, der Lehrer, stand wackelig auf und stolperte aus der Küche. „Muss noch zur Schule.“
„Wo will er denn hin?“ Marc sah dem Afrikaner aus glasigen Augen hinterher. „War doch grad so gemüschtlich...“ Der Kopf sank schwer auf seine Brust.

„Kleine Mädchen verführen?“ Mehdi spielte auf die zweite Frau des Lehrers an. Gerade 18 geworden war sie bereits zum dritten Mal schwanger.
„Mit Schnaps kann man nüscht früh genug anfangen.“ Marc lachte vor sich hin.
„Bei Deiner reichhaltigen Erfahrung mit Kindern...“ Mehdi wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Hatte er Marc jemals so gesehen? Es musste sehr lange her sein.
„Du hast Düsch ja einfach ßo verpischt.“
„Eine Frau hat ein Kind gekriegt?!“
„War nicht von mir.“ Marc lachte wieder. „Weischtu noch, Mehdi? Deine Antwort, wenn isch nett gefragt hab, wie viele Babys Du geholt hascht... so viele, wie Du gemacht hascht.“ Er lachte wieder. „Ganschön langweilisch bei Dir. Hab noch nie ein Kind gemacht. Dafür binnisch ßu schlau.“
„Vor allem bist Du besoffen. Du stinkst schrecklich. Sag mal, was habt ihr denn getrunken?“
„Karammbaa!“
„Du mich auch.“
„Nein, muschtDu echt probieren. Warte...“ Der Chirurg griff nach einer Flasche. „Mischt, leer.“ Eine zweite wurde missmutig angesehen. „Sch... hm, schuldigung, sagt mannisch. Auch leer.“ Er warf die Flasche über seine Schulter, sie zerbrach krachend an der Wand.
„Geschieht ihrrescht.“
„Und Dir morgen. Soll ich Dich ins Bett bringen?“
„Nein. Mehdi. Mir gehtsch gut, ßehr gut.“
„Mal sehen wie lange noch.“
„Waschbischt Du denn so mies drauf? Das liegt doch nischt nur an den Berischten für Gretchen? Das musch einfach sein. Hapich ihr immer wieder gesagscht.“
„Sowas kann sie sich ja nur bei Dir abgeguckt haben...“
„Türlisch, sie lernt beim Besten. Für mein Gretchen nur das Beschte.“
„So besoffen und so arrogant... ich könnte kotzen.“
„Ischon lange.“ Gesagt, getan – Marc lehnte sich an die Tischkante und ließ sich die Getränke vom Nachmittag nochmal durch den Kopf gehen. Mehdi sah fassungslos zu. Das mussten mindestens zehn Liter sein, die da auf den Küchenboden herunterplatschten.
„Na toll. Und ich bin der Dumme, der Deine Kotze wegmachen kann!“
„Ich war´s nicht.“ Marc sah ihn panisch an. Einen Moment schien er klar zu sein. Dann sprang er auf und versteckte sich hinter der Tür.
„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“
„Domenic, wasch´n fürne Frage.“ Völlig fertig rutschte der Arzt an der Wand zu Boden. „Isch war es nischt.“

Karo Offline

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31.05.2017 09:53
#24 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 4

„Mir ist schlecht.“ Im nächsten Moment übergab sich Marc auf den Fußboden des Büros. Die Kindergärtnerin hielt das Kind fest und strich ihm immer wieder beruhigend über den Rücken. „Geht es wieder?“
Als der Brechanfall nachließ und Marc sah, was er angerichtet hatte riss er sich von der Erzieherin los und versteckte sich mit angstvoll aufgerissenen Augen schnell hinter der Tür.
„Marc?“
Er machte sich noch kleiner, war gar nicht da.
„Marc? Was machst Du denn da?“
„Ich war das nicht.“ Das Kind weinte. „Ich bin nicht schlimm.“
„Du bist krank, nicht schlimm. Wer soll das denn sonst gewesen sein, Marc. Auch das passiert, wie ungewolltes Rülpsen und Pupsen.“
„Ich bin nicht schlimm. Ich war das nicht. Ich habe auch nicht gepupst.“
„Nein, das hast Du nicht. Das stimmt. Komm mal her, Marc.“
„Nein. Ich bin nicht da.“
Fast musste sie über den Trotz lachen. „Wo bist Du denn?“
„Mama hat mich schon geholt.“
In dem Moment klopfte es an der Tür und eine andere Erzieherin führte Marcs Mutter in das Büro. Diese sah sofort die Bescherung. „War das mein Sohn? Das tut mir Leid.“
„Es ist alles gut, Frau Meier. Marc geht es wie vielen anderen Kindern heute gar nicht gut. Marc, Deine Mutter ist da.“
Der Vierjährige saß mucksmäuschenstill hinter der Tür. Warum hatte seine Mutter direkt gewusst, dass er das gewesen war? War er wirklich so schlimm?
„Soll ich das wegmachen?“ Seine Mutter klang hektisch.
„Quatsch, bringen Sie Ihren Jungen mal nach Hause und ich kümmer mich hier drum. Marc, jetzt ist es gut mit dem Verstecken.“
„Du findest mich eh nicht.“
„Wie kannst Du verstecken spielen, wenn Du hier alles vollgekotzt hast?“ Elke fischte sich ihren Sohn hinter der Tür hervor. „Na toll, da hängt ja noch was auf Deinem Pulli. Frau Schnippel, ich bin etwas in Eile. Carina scheint auch nicht ganz wohlauf zu sein, deswegen habe ich keine Zeit. Ich weiß sie ungern mit meinem Mann alleine zu Hause, der ist da nicht so... geschickt. Los, Marc, einmal in den Waschraum und dann ab nach Hause!“ Zur Kindergärtnerin gewandt: „Danke, Frau Schnippel.“
Sie schob ihren Sohn in den gegenüberliegenden Raum und säuberte den Jungen eiligst. Zu Hause waren Vater und Tochter alleine, das konnte nicht gut gehen...

***
Der vierjährige Marc konnte kaum mit den langen Schritten der Mutter mithalten. Trotzdem redete er die ganze Zeit. „Was hat Carina denn?“
„Marc, das weiß ich nicht. Sie kann es ja nicht sagen.“
„Sie hat Hunger. Wenn wir zu Hause sind, darf ich sie dann direkt füttern?“
„Sie will nichts essen. Sie spuckt alles nur aus.“
„Bei mir nicht, wetten?“
„Wetten, Du gehst zuerst in die Badewanne?“
„Aber Mama...“ Normalerweise wurde nur abends gebadet. „Muss ich dann auch ins Bett?“
Elke stoppte und nahm ihren Jungen auf den Arm. „Marc, Dir geht es nicht gut, wie Du eben eindrucksvoll gezeigt hast. Sei heute mal ein ganz besonders großer Junge und kümmer Dich um Dich selbst, ja? Du kannst solange zu Carina, während ich Dir das Badewasser einlasse. Wenn Du sauber bist, möchte ich, dass Du im Bett bleibst. Ich bringe Dir später etwas Zwieback und Salzstangen zum Knabbern. Carina weint die ganze Zeit, vermutlich bekommt sie schon Zähnchen.
Dass Dein Vater etwas gereizt ist, kannst Du Dir vorstellen. Es war schon zu viel verlangt, dass er gerade auf sie achtgeben soll, während ich Dich hole.“
„Darf ich mehr Salzstangen als Zwieback?“ Die Kinderaugen leuchteten und Mutter und Sohn lachten sich an.
„Ja, da drücke ich dann mal ein Auge zu. Geh nur René aus dem Weg, hörst Du?“
„Ist gut, Mami.“ Marc umschlang den Hals seiner Mutter und drückte sein Gesicht in ihr duftendes, langes Haar. „Du hast schöne Haare, Mami.“

„Und Du machst ganz tolle Komplimente, mein Sohn.“

„Sind wir bald da? Ich möchte Salzstangen.“
„Ich möchte BITTE Salzstangen.“
„Und für danke auch.“ Marc gluckste an Elkes Ohr. Sie lächelte. Kein anderes Kind in seinem Alter konnte so geschickt mit Worten umgehen. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn!

Als seine Mutter ihn ganz feste an sich drückte, war Marc glücklich. Er hatte die tollste Mutter der ganzen Welt. Die Schwester war natürlich auch richtig toll. Nur der Vater – mit dem war irgendwas nicht richtig. Aber das sagte er besser nicht. Nicht mal zu seiner Mutter. „Ich hab Dich lieb, Mami.“

Karo Offline

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31.05.2017 09:55
#25 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI


September 3.6 – Marc besoffen 2


„Mehdi?“
Der Angesprochene schnaufte eine Antwort, während er versuchte, einen nassen Sack Marc Meier die Treppe zu den Schlafräumen hoch zu buchsieren.
„Ischhab Dich lieb, Mehdi.“
„Und ich sollte Dich auf der Stelle fallen lassen. Ich bin wieder der Dumme. Ich hasse Dich!“
„Pfff... das ist nischt komisch. Mehdi, sowasch sagt mannisch. Mit Dir ischt wohl wasnisch rischtig. Aber ich habDisch trotzdem lieb.“

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