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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 857

07.12.2018 21:35
#226 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.18 – Marc und Sabine


Marc kam langsam zu sich, er brauchte ein paar Minuten, bis er wieder ganz sicher war, wo er war. In seinem Büro im Elisabeth-Krankenhaus in Berlin. Genaugenommen fand er sich vor seiner schicken Ledercouch auf dem kalten Linoleumboden seines Büros wieder.
Er setzte sich auf und starrte in die Luft. Kamen sie also wieder regelmäßig? Wie viele Jahre hatte er keine Alpträume mehr gehabt?
Der Mediziner stand vorsichtig auf und streckte nach und nach alle Knochen. Die Uhr an der Wand gegenüber zeigte 5:30 Uhr. Spät genug, um nicht mehr ans Schlafen zu denken.
Er nahm sein Telefon und rief im Stationszimmer der Chirurgie an. Wehe Sabine, dass sie noch keinen Kaffee fertig hatte.

„Chirurgie, Schwester Sabine.“
„Ja, Meier! Sabine, bringen Sie mir einen Kaffee und ein Käsebrötchen!“

Sabine war angesichts der harten Stimme ihres Chefs überrascht. Das klang gerade sehr nach dem „alten Meier“. „Äh, Ja, Doktor Meier, wird erledigt. Ist alles in Ordnung, Doktor Meier?“
„Sabine! Zackzack, nicht quatschen!“
„Ja, Doktor Meier, sofort!“

Sabine hörte quasi durch das Telefon, dass Doktor Meier den Hörer heftig auf die Station geknallt hatte. Irritiert sah sie auf ihr eigenes Telefon.
Was war denn jetzt los? Das war definitiv der „alte Doktor Meier“.

Während sie das Käsebrötchen schmierte, lief schnell nochmal ein frischer Kaffee durch. Wenn der Oberarzt schlecht gelaunt war, dann war zwei Minuten mehr Wartezeit das kleinere Übel gegenüber „kaltem“ Kaffee.
Vermutlich war er eh in Kürze da und schimpfte, weil alles viel zu lange dauerte.

Sie hatte diesen Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da ertönte ein Signal und machte darauf aufmerksam, dass jemand die Schwesternklingel betätigt hatte. Sabine ließ pflichtbewusst alles stehen und liegen und eilte in das Zimmer von Sandra Osterhase. Dem Mädchen ging es offensichtlich gar nicht gut. Sie saß aufrecht im Bett, keuchte und rang nach Luft. Ihre Hautfarbe war sehr blass.

„Sabine!“ Doktor Meier war – wie Sabine es befürchtet hatte – schlecht gelaunt und ungeduldig. Doch jetzt kam er wie gerufen!

„Doktor Meier, Zimmer 4!“

Sofort war er frei von aller Ungeduld und allen Alpträumen. Doktor med. Marc Meier war wieder in seinem Element, das ihm Sicherheit gab. Die Diagnose eines Lungenödems war nach der Vorgeschichte und den Beschwerden der Patientin nicht schwer. Er brauchte nicht mal sein Stethoskop, um die rasselnden Geräusche zu hören, die aus der Lunge kamen.

Marc gab ihr Medikamente, die das Atmen erleichterten und die Panik nahmen. Über eine Nasenbrille wurde Sandra mit Sauerstoff versorgt.
Eine deutliche Blaufärbung von Haut und Schleimhäuten deutete auf eine sehr eingeschränkte Sauerstoffsättigung hin. Marc fand es sicherer, Sandra auf der Intensivstation konsequent überwachen zu lassen, bevor weitere Organe versagen konnten und bis die Diuretika das Wasser aus dem Gewebe ausgeschwemmt hatten.
Nachdem Sandra sicher auf der ITS angekommen war, machte Sabine sich daran, das Patientenzimmer wieder aufzuräumen und so den Frühputzern, wie sie die morgendlichen Reinigungsfrauen nannte, das Feld zu bereiten.

Sie war fast fertig, als sie auf etwas trat, das mit einem knirschenden Geräusch unter ihr nachgab. Sie bückte sich und erschrak – Doktor Meier!
Nicht nur, dass sie gerade sein Namensschild zertreten hatte – es warteten ja noch Kaffee und Käsebrötchen auf den Chirurgen. Oder besser gesagt – der Chirurg wartete immer noch auf sein Frühstück!
Sabine beendete schnell die Arbeit in dem Zimmer und eilte dann zurück ins Stationszimmer. Doch zu ihrer Überraschung saß der gefürchtete Oberarzt entspannt an dem runden Tisch und kaute auf dem Käsebrötchen. Eine Tasse Kaffee hatte ebenfalls den Weg zu ihm gefunden.
Sabine schaute ihn unsicher an. „Guten Appetit, Doktor Meier!“
„Danke, Sabine, nach der Hektik ist der frische Kaffee Gold wert.“

Sabine wurde noch unsicherer. War der jetzt wieder friedlich? Mit Doktor Meier stimmte definitiv irgendwas nicht. Sie legte sein Namensschild vor ihn auf den Tisch. „Das haben sie wohl eben in der 4 verloren, Gott sei Dank bin ich draufgetreten, sonst hätten wir es wohl so bald nicht gefunden.“
„Aber Sabine, wollen Sie mir gerade mitteilen, dass sie auf mich stehen?“
Sabine kicherte. „Ganz bestimmt nicht, Doktor Meier! Äh, ich meine... also...“ angesichts ihres verlegenen Gestotters musste Marc lachen.

„Ist schon gut, Sabine.“ Dann war er einen Moment in sich gekehrt. „Tut mir Leid, wegen vorhin. Ich... ich habe schlecht geträumt.“
„Schon gut, Doktor Meier! Ja, Träume können einen ganz schön...“ sie suchte nach dem richtigen Ausdruck.
„...umhauen?“ Der Arzt konnte helfen.

„Ja, so ist es. Ich hatte schlimme Alpträume, nachdem mein Vater gestorben war. Dann nochmal eine Phase nach dem Selbstmordversuch. Von der Sorte, dass ich mich teilweise geweigert habe, schlafen zu gehen. Ich habe es damals geschafft, 9 Tage nicht zu schlafen.
Ich war vollgestopft mit Koffeintabletten und anderen Aufputschmitteln. In der Schule bin ich dann zusammengebrochen und kam für ein paar Wochen in die Psychiatrie. Meine Mutter hat gerne erzählt, dass ich nach dem Tod meines Vaters Stimmen gehört habe und deswegen weggesperrt wurde. Ich habe aber nur eine Stimme gehört – seine.
Der Arzt damals fand das nicht besonders besorgniserregend, das wäre eine ganz normale Reaktion in der Trauerphase. Nach dem Aufenthalt dort waren die Alpträume weitestgehend weg und ich wieder in einem gesunden Wach-Schlaf-Rhythmus.“
Marc hatte ihr aufmerksam zugehört. Nachdenklich biss er wieder in sein Brötchen. „Hm, Alpträume kommen nicht einfach so. Ich habe da auch meine Erfahrungen mit. Ist aber lange her – dachte ich.“
„Zirka fünf Prozent der Deutschen leiden unter regelmäßigen Alpträumen. Die Top Drei der Alpträume: Sturz in die Tiefe, Flucht und Gelähmtsein in einer gefährlichen Situation“, wusste Sabine. „Den Sturz kenne ich nicht, aber was ich schon auf der Flucht war...“, sie grinste.
„Ich nehme dann drei für einen.“ Marc wurde ironisch.
„Hä?“ Sabine schaute ihn verständnislos an, doch dann verstand sie seine Bemerkung. „Oh!“ Ihr Blick zeigte Anteilnahme.
Marc nickte, zögerte. Als er weiter sprach, schien es Sabine, dass seine Stimme von weit her käme. „Meine Kindheit bestand aus alledem. Regelmäßig.“

(„Hat aber niemanden interessiert!“)

„Und was haben Sie dagegen gemacht?“

Marc warf Sabine einen Blick zu, der eindeutig war. Die Antwort würde er schuldig bleiben.

(„Ameisenhaufen in die Luft gesprengt...“)

Die Krankenschwester sprach weiter. „Als ich im Sommer plötzlich wieder Alpträume bekam habe ich mich versucht zu erinnern, wie ich es damals geschafft habe, mit den Träumen umzugehen. In dem Krankenhaus, wo ich als Jugendliche damals war, hatten sie einen Psychologen, der auf Träume spezialisiert war. Mit ihm hatte ich einen guten Berater an meiner Seite.“

Sie sah Marc unsicher an, ob sie zu viel redete. Doch er hörte aufmerksam zu und sie fuhr fort:
„Alpträume vergessen oder wegschieben zu wollen, ist zwar verständlich, aber nicht sehr hilfreich. Das hatte ich ja ausreichend versucht.
Doch gar nicht zu schlafen war verständlicherweise auch keine Lösung. Während der Alptraumphasen wurde ich nachts geweckt. Die erste Hilfe hieß sozusagen nicht nicht schlafen sondern weniger. Alpträume treten meistens in der zweiten Schlafphase auf.

Die Forscher gehen davon aus, dass sensible und kreative Menschen eine höhere Veranlagung für Alpträume haben und so sollten wir uns in dieser Zeit, also wenn wir die zweite Schlafphase ausließen, kreativ betätigen. An den Ergebnissen konnten die Psychologen erkennen, wo unsere Probleme lagen. Neben Stress kann auch Veranlagung chronische Alpträume begünstigen. Prüfungen, Traumata, auch Medikamente. Meistens bekamen wir eine Aufgabe, uns mit bestimmten Träumen auseinanderzusetzen. Kleinere Kinder sollten malen, wir größeren mussten schreiben.
Statt verdrängen und vergessen erzählten wir von unseren Träumen. Ich fand es immer schön, mir einen neuen Traum auszudenken. Den musste man dann mehrmals am Tag für 15 – 20 Minuten aktiv träumen, damit der ins Unterbewusstsein dringt. Es funktioniert tatsächlich nach einiger Zeit. Die Alpträume laufen nach dem eigenen Drehbuch ab und verlieren so ihren Schrecken.
Bei Verfolgungsträumen habe ich mich meistens für eine aktive Bewältigungsstrategie entschieden, wobei ich den Verfolger zur Rede gestellt habe. Man verliert das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit.“
Sabine musste erstmal einen Schluck Wasser trinken. So viel redete sie selten. Doch noch war sie nicht fertig.
„Auch heute sind Schreibübungen meine Allzweckwaffe – egal, was mich gerade quält. Auf meinem Nachttisch liegen Block und Stift, in meiner Handtasche habe ich auch immer was dabei. Wenn ich schlecht oder nicht schlafen kann, dann schreibe ich Dinge auf, die mir den Schlaf rauben. Damit wechseln sie aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein auf und meine Seele hat das Gefühl, gehört zu werden. Diese innere Haltung der Akzeptanz verändert viel.
Ich habe mit Aconitum D12 auch ein homöopathisches Mittel gefunden, das mir hilft, nach einem furchtbaren Traum oder sogar Todesangst, wieder zur Ruhe zu kommen.“

In dem Moment, wo sie von Ruhe sprach, war es mit der Ruhe vorbei, denn die morgendliche Reinigungskraft kam mit ihren Utensilien hereingepoltert.

„Gutähn Morgähn!“ Ihr Akzent verriet ihre Herkunft aus einem der Balkanstaaten. Ihr Gruß war für Marc und Sabine Aufforderung, ihr Gespräch zu beenden und sich während der Reinigungsarbeit aus dem Raum zurückzuziehen.

Während Sabine sich zu ihrer morgendlichen Kontrollrunde aufmachte, schlug Doktor Meier den Weg zu seinem Büro ein. Er war von Sabines Bericht irgendwie beeindruckt. Nie hätte er gedacht, dass Sabine sich so zusammenhängend zu solch komplexen Themen äußern konnte.

Was hatte Sabine erwähnt? Aconitum D12? Es dauerte nicht lange und der überzeugte Schulmediziner war im Worldwideweb in der Homöopathie abgetaucht. Es war ruhig an diesem Morgen und Marc blieb ungestört. Hatte er ursprünglich nur nach Informationen über das von Sabine erwähnte Präparat gesucht, las er sich bald in das komplexe Thema Alpträume und Traumdeutung ein.

(„Schlafhygiene – wie soll das jemand in unserem Beruf anstellen?“)

Marc schüttelte den Kopf.
Das was Sabine ihm erzählt hatte wurde weitestgehend als Therapie empfohlen – aktive Traumbewältigung.

(„Einen Traum auszudenken – darauf können nur Psychopathen – äh Psychologen kommen. Pfff... ein normaler Mensch hat wohl kaum Zeit dazu, sich sowas auszudenken. So ein Quatsch.“)

Trotzdem suchte er weiter, vielleicht fand er ja brauchbare Literatur zu dem Thema. Er stieß immer wieder auf den Diplom-Psychologen Professor Doktor Ingo Mayer, der gerade ein weiteres, vielbeachtetes Buch zum Thema Alpträume herausgegeben hatte. Die Bücher schienen ein breites Publikum anzusprechen, viele Kommentare dankten dem Professor für einfache und doch hilfreiche Tricks, den Alpträumen Herr zu werden.

(„Was soll´s?!“)

Der Chirurg hatte das noch nicht zu Ende gedacht, da war das Buch schon im Warenkorb gelandet.

Hatte Gretchen nicht etwas geschrieben, dass sie auch häufiger träumte? Marc dachte einen Moment nach – Delfine. Wenn er also schon dabei war...

Karo Offline

PJler:


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12.12.2018 01:14
#227 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Für Jacky


„Nein! Nein! Und nochmals nein!“ Professor Haase schlug mit der Faust auf den Tisch. „So einer kommt mir nicht ins Haus!“ Wütend fegte er die Papiere, die seine Frau ihm vorgelegt hatte vom Schreibtisch.
„Er könnte unser Problem mit der Chirurgie lösen!“
„Wir haben kein Problem!“
„Dann sage ich es anders. Du bist das Problem. Wir brauchen jemand, der die Station leiten kann.“
„Und da kommst Du ausgerechnet auf meinen Bruder?“

Doktor Ljudmila Temelova holte tief Luft und ermahnte sich selbst, ruhig zu bleiben. „Zugegeben, Dein Bruder hat ihn ausgebildet. Und außer der Klitsche kennt er kaum etwas. Aber er muss was drauf haben, einfach so wird man nicht so jung Oberarzt.“
„Mein Bruder kann sich nichts anderes leisten?“
„Doppelt gut, er könnte durchaus eine günstige Lösung sein. Wir wollten ja eh am Personal anfangen zu sparen.“ Sie ging zur Tür, drehte sich aber nochmal um. „Wido muss viel von ihm halten, wenn er extra nach Berlin fährt, um ihn nach Zürich zu locken.“

Hans Haase schnaubte. „Auch ein Neuroth kann sich irren. Pfff... hofiert einen, den mein unfähiger Bruder ausgebildet hat? Wollt ihr alle unseren Ruf ruinieren?“

„Er hofiert einen, der spontan in der Lage war, die Klinikleitung zu übernehmen als Dein Bruder krank wurde?"
"Pfff... diese Klitsche könnte selbst ein Assi leiten!"
"Lies, was ich Dir ausgedruckt habe. Wir reden nach meiner nächsten Patientin weiter. Einer von uns muss ja Geld verdienen!“

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 857

13.12.2018 23:21
#228 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.19 – Das Problem alleinstehender Senioren


Nach morgendlicher Stationsübergabe und Visite hatte Marc Feierabend. Sein Weg führte ihn in das Zimmer seiner Mutter. Nachdem sie aus der Schweiz zurückgekommen war, hatte er seine Sachen bei Cedric abgeholt und war wieder in sein Jugendzimmer gezogen. Unter anderem deswegen musste er wohl mit ihr sprechen, bevor sie nach Hause konnte.

Marc hatte in der Nacht nicht mehr geschlafen, zu viele Gedanken waren ihm durch den Kopf gegangen. Er hatte den Entlassungsbericht für Ilse Porz geschrieben – die Patientin wurde nahtlos in eine Rehamaßnahme übernommen, sodass der Familie Zeit blieb, die spätere Hilfe zu organisieren.
Anders sah es im Fall Krämer aus. Sabine hatte die Tochter mittlerweile erreicht, doch die war sehr unwillig, sich in der hektischen Vorweihnachtszeit auch noch um die Mutter kümmern zu müssen. Sie wollte aber ihre Geschwister benachrichtigen. Marc tat die sympathische Dame Leid, doch er hatte auch keine Ahnung, wie er ihr helfen konnte. Er dachte an eine weitere Patientin, deren Wunsch und Streben nach Unabhängigkeit vorerst einen heftigen Einschnitt verkraften musste – Elke Fisher.

Die Operation war nicht nur sehr gut gelaufen, auch das Bein heilte mustergültig. Trotzdem würde Elke Geduld brauchen, ausgerechnet die Eigenschaft, die nicht zu ihren Stärken gehörte. Eine Reha lehnte sie konsequent ab, das war ihrer Meinung nach eine Zumutung – und einer Unterbringung in einem Altersheim gleichbedeutend.
Die Pflegebeauftragte des Krankenhauses war in dieser Woche häufig auf Marcs Station unterwegs, sie suchte jetzt nach einer ambulanten Rehastelle für Marcs Mutter. Das allerdings brachte wieder das Problem, dass Elke zu Hause Hilfe benötigen würde.
Energisch stand Marc auf. Er hatte eine Entscheidung getroffen, vermutlich zum Missfallen der Mutter. Aber es ging nicht anders, das würde Elke einsehen müssen.

„Hast Du endlich Feierabend?“ Elke strahlte ihren Sohn an und Marc wurde misstrauisch.
„Was ist los?“
„Was soll denn sein?“ Elke reckte ihr Kinn in die Luft.
„Du und gute Laune vor 12 Uhr mittags?“
„Was Du immer hast...“
„...Recht?“
„Von mir aus. Du hast Recht, ich meine Ruhe.“
„Auch das nicht. Mutter hör zu...“ Marc erklärte Elke mit Bedacht, welchen Plan er sich ausgedacht hatte, um Elke eine ambulante Reha zu ermöglichen. Wie vermutet, war seine Mutter alles andere als begeistert. „Marc – unter keinen Umständen! Ich kann das von Dir nicht verlangen. Es muss eine andere Lösung geben!“
„Das wäre die stationäre Reha.“
„Nur wenn ich tot bin.“
„Du hast die Wahl – zwischen dieser Lösung und einer stationären Reha.“
„Sagt wer?“
„Ich. Und dass ich Recht habe, hast Du ja eben schon akzeptiert.“
„Marc... ich...“
„Mutter! Wir können Dir sicherlich auch eine Polin engagieren.“
„Jetzt wirst Du geschmacklos!“
„Deswegen hast Du auch nur die Wahl zwischen zwei Lösungen. Du kannst das später auch nochmal mit Frau Lindemann besprechen. Sie wird sich wohl im Lauf des Tages wegen einer passenden Praxis melden. Du hast noch ein paar Tage Zeit – diese Woche bleibst Du in jedem Fall noch hier. Lass das sacken und denk später nochmal drüber nach.“
„Hm... und da soll man vor 12 keine schlechte Laune haben. Dabei hat der Tag so gut angefangen.“
„Seit wann findest Du Aufstehen gut?“
„Kommt drauf an, wer einen weckt.“
„Hat Doktor Knechtelsdörfer Dich wachgeküsst oder wie soll ich das verstehen?“ Marc sah zweifelnd seine Mutter an. An Alkohol konnte sie hier nicht dran gekommen sein. Obwohl... zuzutrauen war ihr alles.
„Ich soll Dich von Professor Neuroth grüßen. Sein Angebot besteht in veränderter Form weiterhin – er will heute Abend mit Dir Essen gehen.“
„Er will was?“
„Er hat vorhin angerufen und wollte wissen, wie es mir geht.“ Elke lächelte ihren Sohn selbstgefällig an. „Aber leider vermute ich, dass er mich benutzen wollte, um an Dich heranzutreten. Was ist das für ein Angebot?“
„Er will mich in Zürich in seinem Team.“
„Und?“
„Ich bin nicht sicher.“
„Was bietet er Dir?“
„Das ist eine Uniklinik, Mutter. Jede Menge Patienten mit unterschiedlichsten Diagnosen und verdammt interessante und große Operationen.“
„Um einen Marc Meier zu ködern braucht es aber schon etwas mehr!“ Elke sprach wie aus der Pistole geschossen und Marc lachte.

„Ich glaube, Du hast ihn sehr beeindruckt. Er hat immer wieder nach Dir gefragt. Er ist in Hamburg und macht den Rückweg über Berlin. Wegen Dir.“

„Weißt Du, Professor Neuroth ist die Nummer eins weltweit unter den Chirurgen. Ich wäre bescheuert, sein Angebot abzulehnen. Aber...“
„Aber? Marc! Dann unterhalte Dich mit ihm, hör Dir sein neues Angebot an und denk dann bitte ganz rational darüber nach. Willst Du ein Leben lang in diesem Kasten kleben? Und das meine ich jetzt nicht mal abwertend. Aber wo ist der Marc, der die Welt erobern will? Es wäre schade, wenn Du den schon begraben würdest, nur weil Du vielleicht denkst, dass es hier ohne Dich nicht geht.“
„Du klingst fast wie Professor Haase.“
„Er weiß davon?“
„Nein. Aber er sagt mir immer wieder, dass er mich niemals aufhalten würde.“
„Ein gescheiter Mann!“ Elke seufzte theatralisch. „Ist er immer noch im Urlaub?“
„Ja, Mallorca.“
„Ach ja, das Thema der spontan verschwundenen Söhne...“
„Ja. Ich verschwinde jetzt auch. Mach´s gut, Mutter. Ruf mich an, wenn was ist, ansonsten bin ich am Nachmittag wieder da.“
„Das Angebot, Marc!“
„Deins auch, Mutter!“
„Marc? Bestell dem Professor bitte Grüße, ich würde mich über seinen Besuch freuen!“

(„Ganz bestimmt...“)

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 857

13.12.2018 23:33
#229 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.20 – Marc und Gretchen telefonieren


Marc hatte Hunger und wenig Lust, jetzt schon zu kochen.

(„Du solltest Dich da eigentlich mehr drum bemühen!“)

Er inspizierte den Kühlschrank, der erwartungsgemäß nicht mehr allzu viel hergab.

(„Einkaufen ist genauso lästig.“)

Warum auch immer – Marc griff das dicke Nutellaglas und biss bald darauf zufrieden in ein dick mit Schokocreme bestrichenes Brötchen. Sofort waren seine Gedanken wieder bei einer blond gelockten Ärztin. Er grinste und ergriff sein Smartphone. Vielleicht kam es an, wahrscheinlich nicht.


Ein paar Minuten später schrak Gretchen aus ihrer Dokumentation hoch. Ein selten gewordener Klingelton informierte über die Ankunft einer SMS.

(„Sogar eine MMS!“)

Sekunden später:

(„Dieser Arsch!“)

Lachend sah sie auf das angebissene Nutellabrötchen.

„Das nenne ich eine bessere Hälfte!“

„Einladung zum Frühstück?“

„So billig bin ich nicht zu haben.“

„Na gut, Du bekommst ein ganzes Brötchen!“

„Schon besser.“

„Du willst zwei?“

„Auf zwei Beinen steht es sich einfach besser.“

„Du isst ja auch für zwei. Wie geht es Dir, Prinzessin?“

(„Er weiß also Bescheid?!“)

„Sehr gut, Marc. Auch wenn meine bessere Hälfte sehr weit weg ist.“


„Meine auch.“

(„Ob ich versuchen soll...?“)


Schnell holte sich Marc das Haustelefon von der Station. Ein Versuch war es Wert...


Gretchen erschrak, als sich der Klingelton ihres Handys spontan veränderte – und unaufhörlich klingelte.

(„Ist das jetzt...?“)

„Marc?“
„Mit wem telefonierst Du denn sonst noch so?“
„Oh Gott, Marc!“
„Gut, dass Du es weißt.“
Gretchen lachte. „Das kostet ein Vermögen!“
„Ist billiger, als Dir ein Ticket zu kaufen. Außerdem zahlt es meine Mutter.“
„Aber das ist nur hören. Ticket hieße sehen! Wieso Deine Mutter?“
„Ich wohne bei ihr. Über das andere denke ich ernsthaft nach.“
„Was?“
„Dir ein Ticket zu schicken.“
„Und das andere? Dass Du bei ihr wohnst?“
„Ich bin wohnungslos, nachdem Mehdi mich aus meiner Wohnung ausgezogen hat.“
„Wie... ausgezogen?“
„Er hat die Wohnung für euch drei kindgerecht eingerichtet. Naja, mein Anwalt hat das geklärt, Mehdi blieb nicht viel übrig als die Wohnung zu mieten.“
„Mehdi hat was...?“
„Die Wohnung offiziell gemietet.“
„Das meine ich nicht.“
„Das andere ist egal. Mittlerweile. Aber er hat mich durch die Hölle geschickt.“
„Er? Oder – ich?“
„Hast Du denn weniger Hölle gehabt?“
„Vermutlich nicht. Marc, es...“
„Sag jetzt nicht, es tut Dir Leid.“
„Aber...“
„Gretchen, ich bin nicht glücklich über diese Situation, aber das sind Dinge, die passieren. Du musst Dich vor niemandem rechtfertigen. Ich habe sehr wohl zwischen den Zeilen in Deinem Brief lesen können. Quäl Dich nicht. Ich kann Dir nicht versprechen, dass ich das kann, aber ich will es versuchen.“

Er hörte, dass Gretchen weinte. Sie schluchzte. „Danke, Marc.“
Einen Moment schwiegen beide, aber die Stille war nicht unangenehm.

(„Komm nach Hause!“)

Wollte er ihr gerne sagen. Doch wo war „Zuhause“?

„Fritz und der Container sind schon abreisebereit.“
„Ich weiß, Marc.“ Gretchen verstand durchaus die Frage, die hinter dieser Information steckte. „Wir sind sehr gespannt, was er alles mitbringt. Und vor allem freut sich Martin, dass es noch vor Weihnachten klappt.“

(„Dann sind es 23 Wochen!“)

(„Ich will es endlich spüren.“)


„Sabine hat jetzt schon mit dem furchtbaren Dekorieren angefangen.“
„Schon? Am Sonntag ist der erste Advent! Die ersten Lebkuchen müssten in den Supermarktregalen doch schon schimmelig sein!“ Gretchen lachte. „Wenn ich hier etwas nicht vermisse, dann ist es Schokolade. Und selbstgebackene Plätzchen wären toll.“
„Ich weiß leider nicht, wann Deine Eltern von Mallorca zurückkommen, diese Bestellung könnte zu knapp für Fritz werden.“
„Wieso Mallorca?“
„Dein Bruder ist spontan dahin abgehauen.“
„Jochen?“
„Hast Du noch einen?“
„Haha.“
„Seine Freundin ist schwanger und in Panik zu ihren Eltern zurück gegangen. Da sie dort bleiben will, hat er beschlossen, ebenfalls dort zu bleiben. Deine Mutter hat Deinen Vater zu der Reise genötigt, bevor er wieder im Krankenhaus einsteigen konnte.“ Marc lachte.
„Jochen wird Vater? Das ist ja ein lustiger Zufall, dass...“
„Ein Zufall? So neben der Spur wie die beiden waren wohl eher ein Unfall...“
„Von mir aus auch. Mama muss völlig aus dem Häuschen sein.“

(„Ob sie auch spontan zu mir käme?“)

„Wie geht es Papa?“
„Gut. Man wird ihn nur zwingen müssen, es langsam angehen zu lassen.“
„Da musst Du Dich halt mit Mama arrangieren. Wenn Mama überhaupt daran denkt, nach Hause zu fahren. Sie ist bestimmt überglücklich, dass sie Oma wird.“
„Doppelt Oma, sogar.“

(„Was? Sie weiß davon?“)

„Wie meinst Du das? Marc, wer weiß davon?“

„Alle, denen Mehdi es erzählt hat. Er hat das Ultraschallbild sogar freudestrahlend meiner Mutter unter die Nase gehalten.“ Marc lachte leise. „Sie weiß, dass ich... das zwischen uns nichts anders ist.“

„Marc, Du machst mich glücklich.“

„Auch Dein Vater weiß von Deiner Schwangerschaft. Ich glaube, Deine Mutter eher nicht.“

„Sie wird im Dreieck springen. Zwei gescheiterte Ehen und jetzt das.“

„Naja, dass es so gelaufen ist, das ist dumm. Aber ehrlichgesagt bin ich sehr froh, dass es nicht andersherum ist. Hm. Ist Deine Ehe mit diesem Lackaffen wirklich annulliert?“
„Ja. Die Person, die ich offiziell geheiratet habe, existiert ja nicht.“
„Nicht mehr.“
„Erinnere mich bitte nicht daran...“
„Ich bin froh darüber, Gretchen.“
„Das kann ich jetzt auch sagen. Aber trotzdem war es schrecklich.“
„Wie heißt es so schön? Alle guten Dinge sind drei...“

(„Marc Meier, Du begibst Dich gerade auf sehr dünnes Eis!“)

„Marc... meinst Du, wir kommen bis dahin?“
„Gretchen. Wir haben es bis nach Afrika geschafft!“ Marc lachte, wurde aber gleich wieder ernst. „Ja, Prinzessin, ich bin mir sicher, dass wir bis dahin kommen. Nur möchte ich mich nicht auf einen Zeitraum festlegen – nach 19 Jahren Vorspiel. Ähm, naja... Du weißt, was ich meine.“
Gretchen lachte herzlich. „Dann bin ich auf den Hauptakt gespannt, Marc!“
„Ich auch. Prinzessin.“
„Den machen wir dann zu dritt, ja?“ Ihre Stimme klang hoffnungsvoll aufgeregt.
„Ja, so sieht es wohl aus.“ Er konnte sich genau die Farbe ihrer Augen vorstellen. So wie ihre Stimme klang, leuchtete auch das Blau.
Marc hatte einen spontanen Einfall. „Meine Mutter hat zwar gesagt, dass ich von ihrem Telefon anrufen soll, aber ich denke, sie wird mir trotzdem den Kopf waschen.“
„Ist sie nicht zu jung um Oma zu werden?“ Gretchen lachte nun laut. Und auch Marc prustete fröhlich ins Telefon.
„Sie hat gerade andere Probleme. Mutter ist beim Skifahren gestürzt. Ein einfacher Bruch, aber sie braucht trotzdem erstmal Hilfe.“
„Genau das, was ihr beide ungerne annehmt.“
„Ja. Deswegen ist es praktisch, dass ich gerade wohnungslos bin. Auch wenn es nicht mein unbedingter Wunsch ist, in meinem Jugendzimmer zu wohnen.“
„Du kannst auch meins haben, wenn Du Papa fragst.“ Gretchen lachte. „Wenn Du rosa magst...“
Er lachte. „Oh, vielen Dank. Du weißt schon, wie Du mich glücklich machen kannst...! Übrigens – Deine Nummer zwei, der Meisterschwimmer – wie hieß er noch?“
„Dennis? Dennis Cholonka.“
„Ja, genau der. Der stand auf Dich.“
„Was? Wie kommst Du auf sowas?“
„Hat mir seine Schwester gesagt. An die ich mich ohne Deine Hilfe nicht erinnert hätte. Ihr Mann war im EKH.“
„Und dann redet ihr über mich?“
„Das war Zufall. Ihr Bruder musste als Babysitter einspringen und deswegen kamen wir über ihn auf Dich. Sie hat mir nicht glauben wollen, dass Du meine Freundin bist, bis ich ihr Bilder von uns gezeigt habe.“

„DU HAST WAS?“

(„Er nennt mich seine Freundin und zeigt Bilder von uns? Marc Meier, nie mehr werde ich an Dir zweifeln!!!“)

„War das falsch?“ Marcs Stimme klang eingeschüchtert.
„Nein! Nein! Das ist toll! Marc Du sagst, ich bin Deine Freundin?“ Gretchens glückliche Stimme überschlug sich fast und Marc atmete auf.
„Das bist Du doch, oder? Meine Freundin. Meine erste Freundin, um es genau zu sagen.“
„Und die andere, Nina? War das nicht Deine Freundin?“
„Nicht so. Ich hätte sie nie als solche bezeichnet.“
„Ich liebe Dich, Marc!“
„Ich liebe Dich, Gretchen. Pass auf euch auf, hörst Du?“
„Ich gebe mir Mühe. Aber gerade erscheint mir das kinderleicht! Danke Marc. Vielleicht bis bald mal wieder!“
„Ja, das wäre schön!“
Marc legte auf und dachte einen Moment nach.

(„Gut! Ich tu´s!“)

Er griff sein Smartphone, Jacke, Schlüssel und Geldbörse und verließ schwungvoll die Wohnung.

Karo Offline

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13.12.2018 23:38
#230 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.21 – Begegnung im Supermarkt


Der Chirurg hatte plötzlich eine spontane Eingebung und so lenkte er seinen Wagen zu einem großen Shopping Center. Sein Ziel war ein gut sortiertes Geschäft für Schreibwaren und Bürobedarf. Marc ließ sich lange Zeit bei der Auswahl, er hatte eh genug davon. Ein paar Mal kam er sich mit zwei jungen Frauen mit einem Zwillings-Kinderwagen in die Quere. Er dachte an Sascha Nussbaum und die Zwillingsjungen, mit denen er wider Erwarten viel Spaß beim Enten füttern gehabt hatte.

(„Zählen Zwillinge eigentlich unter das Kriterium der Effizienz? Mit einfachem Aufwand das Doppelte erreichen.“)

Er könnte die Mutter ja mal fragen. Er grinste bei der Idee und einer der Jungen winkte und grinste zurück. Zufällig standen die beiden Freundinnen dann vor ihm an der Kasse. Die Mutter der Zwillinge hatte mehrere Bewerbungsmappen und einen 10er Pack Versandtaschen in der Hand.

„Ich verstehe Dich nicht, Ina. Einerseits kündigst Du Deinen Job weil er zu stressig ist und jetzt willst Du Dich doch wieder bewerben?“

„Nicht mein Job ist zu stressig, sondern mein Arbeitgeber. Weißt Du, Kai verdient im Grunde genug, dass wir uns eine andere Wohnung leisten können. Aber da wir über meinen Job die Wohnung im Katharinenhaus sehr günstig mieten konnten, habe ich immer noch die Zähne zusammenbeißen können. Aber die ProVida will das Haus jetzt verkaufen. Dann brauche ich aber den Job da auch nicht mehr.“

„Dann wohnt ihr teurer aber verdient weniger?“

„Nicht wirklich. Wir sparen dadurch die Babysitter. Ich denke auch, dass es für die beiden besser ist, wenn sie dann nicht ständig fremdbetreut werden.“

„Aber wie willst Du das machen? Du hast als Krankenschwester halt scheiß Arbeitszeiten und unregelmäßige Dienste, das kann woanders ja nicht so großartig anders sein?“

„Das mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten weiß ich und das kann ich alles planen, wenn ich es vorher weiß und mich auf Dienstpläne verlassen kann. Außerdem – warum soll es nicht woanders besser sein? Weiß Du, ich bin gerne Krankenschwester und ich glaube, es schadet nicht, auch mal anderen Input zu haben als Brei, Schnuller und Windeln. Ich habe den Vorteil, dass ich ohne Druck suchen und meine Vorstellungen vertreten kann. Wenn ja, dann ja, wenn nein, dann nein.“

„Du könntest doch bestimmt auch sowas finden wie Ulla, als Night Audit im Hotel oder so. Dann gehst Du arbeiten, wenn die Kinder schlafen. Kai ist dann zu Hause wenn was sein sollte.“

„Dann setze ich mich aber lieber nachts in ein Krankenhaus, wobei ich ja nichts gegen Tagesschichten habe. Ich muss es nur alles organisieren können.“

„Entschuldigen Sie, wenn ich mitgehört habe – Sie sind Krankenschwester?“

„Äh, ja?“ Die blonde Frau sah den attraktiven Mann, der in der Kassenschlange hinter ihnen stand, perplex an. Dann erkannten Sie sich.

„Ach Sie. Der einzige Lichtblick, als meine Mutter bei Ihnen zu Gast sein durfte. Schwester Ina, nicht? Dann überlegen Sie sich doch mal, wie viele Stunden sie arbeiten wollen und welche Zeiten sie bevorzugen? Ich gebe Ihnen meine Karte und Sie dürfen mich morgen ab 13 Uhr anrufen, vorher bin ich nicht wieder im Dienst.“ Marc übergab der Zwillingsmutter eine Visitenkarte. „Ich bin Doktor Marc Meier, Leitender Oberarzt am Elisabeth-Krankenhaus.“

Die Krankenschwester war immer noch etwas verwirrt. „Wieso... Meier? Nicht Fisher? Elisabeth-Krankenhaus? Aber warum war dann Ihre Mutter... ach... ach so!“ Jetzt verstand die Frau. Sie lachte. „Sie wollten mal spionieren, wie es läuft...?“

Auch Marc lachte. Er war sich sicher, dass die Krankenschwester ihn nicht verraten würde.

„Ina, Du bist dran!“ Die Freundin stupste sie an.

Nachdem sie ihre Waren bezahlt hatte, drehte sich die Krankenschwester nochmal zu Marc um und nickte ihm freundlich zu. „Auf Wiedersehen – Herr Fisher!“

(„Ist der nicht ein bisschen jung, um Leitender Oberarzt zu sein?“)

Karo Offline

PJler:


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20.12.2018 21:09
#231 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.22 – Brand im Wohnheim 1


Der Nachmittag des ersten Advents wurde für die Belegschaft des Elisabeth-Krankenhauses ein schwarzer Nachmittag. Dabei hatte dieser Tag sehr entspannt angefangen. Oberschwester Stefanie war gutgelaunt wie selten zuvor – eine Woche Urlaub und die Ankündigung, dass neue Pflegestellen besetzt werden durften, lösten in ihr ein Hochgefühl aus.
So hatte sie eigenhändig Plätzchen gebacken und sich endlich um die weihnachtliche Dekoration des Wohnheims gekümmert. Wozu hatte sie sonst diese neue Lichterkette besorgt, wenn man sie nicht nutzte. Um Stolperunfälle zu vermeiden zog sie das Kabel unter dem Teppich durch, der perfekte Standort für den Weihnachtsbaum wäre nur mit einer Steckdose noch perfekter gewesen. Gott sei Dank war das Kabel lang genug.

Marc hatte ihrer Bitte entsprochen und den Dienstplan etwas verändert – immer den Professor im Hinterkopf, der viel auf solche gemeinsamen Stunden zählte. Das Team war nicht umsonst wie eine Familie!
So war es für ein paar Stündchen möglich, dass bis auf Sabine, die lieber Überstunden aufbauen wollte, alle Bewohner des Schwesternheims für einen Adventskaffee Zeit hatten. Angesichts der entspannten Oberschwester war die Laune bei den Teilnehmern der Kaffeerunde ausgesprochen ausgelassen und fröhlich.

Leider bemerkte deswegen auch niemand, dass es unter dem Teppich zu einem Kabelbrand kam.

Plötzlich stand der Teppich in Flammen! Niemand war in der Lage sofort zu reagieren – wo kam das Feuer auf einmal her? Doch genau dieser Schockmoment wurde den Bewohnern zum Verhängnis. Schnell griff das Feuer auf die Vorhänge über.
Stefanie Brinckmann fand als erste aus der Schockstarre zu sich. „Alle raus hier!“ Kein Widerspruch, keine Argumente, dass man dieses und jenes tun sollte, halfen – die Oberschwester tat das einzig Richtige in dieser Situation und brachte ihre Mitarbeiter aus der Gefahrenzone. Die herbeigerufene Feuerwehr konnte den Brand relativ schnell löschen, doch der Schaden war immens. Die Flammen hatten sich zügig auf die Schlafräume ausgebreitet.

Erstmal fand man sich in der Kantine des Elisabeth-Krankenhauses ein, sowohl Marc als auch Bernd Ullstein, der sofort in sein Auto gesprungen war, überzeugten sich persönlich, dass bei ihren Mitarbeitern kein gesundheitlicher Schaden vorlag. Dem konsequenten Handeln von Oberschwester Stefanie war zu verdanken, dass nicht einer auch nur eine Rauchvergiftung erlitten hatte, nur leichte Beruhigungsmittel wurden gegen den Schock verteilt.

Während der Leitende Oberarzt sich mit der Polizei und der Feuerwehr unterhielt, suchte der StaBe-Mitarbeiter bereits nach Lösungen, wo und wie man die Kollegen unterbringen konnte. Einige kamen bei Freunden oder Verwandten unter, Gabi quartierte sich bei ihrer Schwester ein und Sabine zog kurzerhand zu Doktor Gummersbach. Nur die Oberschwester und drei Pflegeschülerinnen hatten keine Möglichkeit, irgendwo unter zu kommen.
Gina Amsel stellte entschlossen die alten Kinderzimmer von Gretchen und Jochen als Übergangslösung zur Verfügung und die Oberschwester bekam ein Patientenzimmer im Elisabeth-Krankenhaus.

Die Feuerwehr teilte mit, dass das Feuer gelöscht sei und das Gebäude nun 24 Stunden mit einer Wärmebildkamera beobachtet würde, um einen erneuten Ausbruch eines Feuers durch zu große Hitze zu verhindern. Alles andere wäre zum aktuellen Zeitpunkt nicht abzuschätzen.

Karo Offline

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20.12.2018 21:13
#232 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.23 – Marc und Professor Haase


Die Nachricht vom Brand des Wohnheims trieb Professor Haase umgehend nach Berlin zurück – leider, musste er sich selbst eingestehen. Die Temperaturen um 20 Grad bei Sonne und die ruhigen Tagesabläufe bekamen seinem Gesundheitszustand ausgezeichnet. Jochen hatte ihnen eine kleine Ferienwohnung besorgt, natürlich mit einigem Sicherheitsabstand, aber schön am Strand gelegen und Fuß nah zum Zentrum der kleinen Stadt San Telmo.

Nun war Professor Haase wieder im Einsatz. Sein Leitender Oberarzt hatte ihm in kurzer Zeit alle Geschehnisse mitgeteilt. Der Chefarzt war sichtlich beeindruckt. „Doktor Meier, einerseits bin ich hochzufrieden, dass Sie meine Erwartungen nicht enttäuscht haben und ich mich komplett auf Sie verlassen kann. Andererseits...“ Der Professor verstummte, er war nicht sicher, ob es fair war, offen zuzugeben, dass Marc so gut ohne ihn zurechtgekommen war.

„Andererseits – Ihr Baby?“ Marc kannte seinen Chef einfach lange genug. „Ich hatte Glück, dass es kaum Probleme und genug Patienten gab. Wie es aussieht sind defekte Lichterketten in den Handel gekommen und die bescheren uns manch einen Notfall.

Sie erinnern sich an unser erstes Gespräch wegen unserem Nachbarn? Ich war so frei bei den Rettungsstellen die Info zu verbreiten, dass ab sofort Notärzte und Rettungssanitäter berechtigt sind, unsere Cafeteria als Mitarbeiter zu besuchen. Klappt gut – ich glaube, dass kaum ein Notfall im KatHo landet.“
Marc grinste, wurde allerdings sofort wieder Ernst. „Jetzt hat sich nur das Problem ergeben, dass wir kaum genug Pflegekräfte haben, den Patienten gerecht zu werden. Das hat schon einige Beschwerden gebracht. Ich hoffe, die StaBe folgt meiner Bitte, schnell zu handeln. Bernd Ullstein sieht das ähnlich. Das Wetter wird zusehends schlechter und die Stürze durch rutschiges Laub sind nicht zu unterschätzen. Nächste Woche soll es auch erstmals richtig kalt werden.“

„Doktor Meier – es ist auch so schon richtig kalt. Auf Mallorca ist es jetzt noch um die 20°C. Ich kann meinen Sohn irgendwie verstehen...
Naja... das hier ist Berlin – Ich halte da ein Auge drauf, Doktor Meier, denn wenn wir schon die Notärzte ködern, wäre es blöd, die Patienten wegen mangelnder Kapazität umzuleiten.“ Der Professor lachte. „Sonst noch was, Doktor Meier?“

„Personelles, Herr Professor. – Sabine Vögler wurde an der Wannsee-Akademie aufgenommen, ab Februar kann sie in den laufenden Kurs einsteigen, wegen ihrer langjährigen Erfahrung. Wir müssen also sehen, dass wir uns bald um Ersatz kümmern. Wenn Schwester Sabine den Schulblockplan hat, werden wir ihren Arbeitsplan darauf abstimmen. Mal sehen, für wie viele Stunden wir sie einplanen können.“
„Die Chirurgie ohne Schwester Sabine. Das wird ganz schön ungewohnt. Wie Sie sagen müssen wir uns sehr beeilen, damit wir den Ersatz noch entsprechend einarbeiten können.“

„Hm, ich habe schon überlegt, dann zeitweise Schwester Eva und Schwester Gabi mit rüber zu ziehen, auch wenn Doktor Hundt dann wohl protestieren wird. Frau Zickler ist auf mich zugekommen, sie würde gerne ab Januar die Stundenzahl aufstocken.“
„Das ist die Kollegin, deren Mann vor kurzem gestorben ist?“
„Ja. Bernd Ullstein fand eine Vertragsveränderung eine gute Sache – wirkt sich positiv auf die Stunden aus und sieht bei der StaBe nicht nach Neueinstellung aus und die offenen Stellen bleiben bestehen. Ich hatte gehofft, dass sich noch eine Krankenschwester meldet, die mir quasi auf der Straße über den Weg gelaufen ist. Mal sehen... Die Oberschwester hat den Auftrag, einen Personalplan für das kommende Jahr erstellen – möglichst zügig, dass wir keine größere Lücke zu erwarten haben.“
„Die Oberschwester wird begeistert sein.“
„Pfff, ist sie doch immer!“ Marc winkte ab und der Professor lachte.

„Dann habe ich noch eine positive Nachricht von Frau Schwan: Fritz ist es gelungen, dem Logistikunternehmen einen Sonderpreis abzuschwatzen. Die berechnen nur den Containertransport über Land, sprich hier in Berlin und von Ouaga nach Sanssouci. Die Luftfracht verhandeln wir selbst mit den Fluggesellschaften. Thilo, Fritz und ich haben übermorgen einen Termin bei Fragistik, die uns ein Angebot machen sollen.“

„Ich habe die neuen Listen schon überflogen. Die Berichte von Herrn Langohr scheinen echt Gold wert zu sein, was da alles so gespendet wird.“

„Wobei auch einiges an Müll dabei ist. Gut, dass wir einige Praktikanten hatten, die das Sortieren übernehmen konnten. Apropos – da ist noch eine Bewerbung für ein Praktisches Jahr gekommen. Habe ich Ihnen auch auf den Schreibtisch gelegt.“

„Ich hoffe, dass ich den Stapel bis zum nächsten Urlaub abgearbeitet habe!“
„Äh, bitte?“
Der Professor prustete, als er das verdutzte Gesicht des Kollegen sah. „Meine Frau und ich haben ins Auge gefasst, den Container zu begleiten und Gretchen über Weihnachten zu besuchen.“
„Bitte?“
„Sie haben ja alles im Griff, also warum soll ich mich nicht mal zurücklehnen? Das sagen Sie mir doch immer.“

„Sind Sie auf den Geschmack gekommen, Herr Professor?“ Marc lachte. „Dann müssen wir uns ranhalten...“ Marc zählte die offenen Themen auf seinem geistigen Merkzettel auf. „Die Radiologie und die Möglichkeiten, die sich aus einer Modernisierung ergeben könnten, ebenso die Gyn mit Hundt und Kaan, Personal und zu guter Letzt, die Cafeteria...“

Professor Haase griente: „Sie machen mich Urlaubsreif...“

Karo Offline

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20.12.2018 21:19
#233 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.24 – Brand im Wohnheim 2


Am Abend des folgenden Tages zog sich die Feuerwehr aus der Überwachung zurück, das Haus war soweit abgekühlt, dass es zu keinen Folgebränden kommen konnte. Das Grundstück war polizeilich gesperrt, erst am Dienstag würden Statiker Zutritt erhalten, das Wohnheim auf gründlichste zu überprüfen.

Professor Haase war angesichts der Solidarität seiner Mitarbeiter gerührt, das Kollegium hatte im Verlauf des Montags gesammelt, sodass für die Brandopfer wenigstens das Nötigste gekauft werden konnte und auch einiges an Kleidung, besonders warme Jacken und Schuhe, wechselte unentgeltlich den Besitzer.

Auch die StaBe gab ihre Zusage, dass man sich schnellstmöglich um eine neue Unterbringungsmöglichkeit kümmern wolle, selbst wenn die Aussicht auf eine weitere Nutzung des Wohnheims anbieten würde, könnte es nicht im Interesse der StaBe sein, die Mitarbeiter in einer Ruine unterzubringen. Bernd Ullstein verhandelte bereits mit mehreren Hotels.

Der Brand des Wohnheims geschah in der letzten Phase der überaus erfolgreichen Spendenaktion für Sanssouci. Thilo hatte seit Marcs Rückkehr wöchentlich über die Mission und deren Bewohner berichtet, hatte die Berliner Ärzte vorgestellt, die sich praktisch vor Ort und in Berlin um sinnvolle Hilfe bemühten. Natürlich standen medizinische Geräte und Produkte ganz oben auf der Liste, doch es hatten sich auch viele Firmen und Privatpersonen erkundigt, womit sie diese Aktion unterstützen könnten. Neben einer beachtlichen Summe an Spendengeldern hatten sie eine außerordentliche Menge an Sachspenden zusammengetragen.
Marc und Fritz hatten sich sogar entscheiden müssen, welche Dinge sie vorerst zurücklassen mussten – der Container war bestellt und an der Größe konnte man nun nichts mehr ändern. Ohne Frage ging das komplette medizinische Equipment nach Afrika, außerdem Kleidung und Schulmaterial. Ein Berliner Möbelhaus spendete 200 Moskitonetze, ein Internat hatte alte Schulmöbel angeboten, die teilweise instand gesetzt werden mussten, aber das war egal – Fritz nahm gerne auch beschädigtes Mobiliar, wozu bildeten sie in Sanssouci Schreiner aus. Allerdings nahmen sie nur einen geringen Teil dieser Möbel mit, hauptsächlich die guten Teile, damit man gleich für Fotodokumentationen sorgen konnte. Das war der Tipp von Thilo gewesen, der den Container begleiten würde. Die Berliner waren nun mit Sicherheit auch gespannt, was mit ihrem Engagement umgesetzt würde.


Dienstagnachmittag erhielt Professor Haase die Nachricht, dass das Gebäude nicht mehr zu bewohnen sei. Die Feuerwehr räumte nach und nach die Zimmer aus, alles was noch zu gebrauchen war, landete vorerst im Keller des Elisabeth-Krankenhauses.

Alle Mitarbeiter des Krankenhauses hielten den geschädigten Kollegen den Rücken frei, dass diese sich erstmal um ihr Hab und Gut, oder das was davon übrig war, kümmern konnten. Einer, der sich unermüdlich um die betroffenen Mitarbeiter kümmerte war Doktor Marc Meier. Praktisch konnte er wenig tun, aber er und Bernd Ullstein standen in ständigem Kontakt, da schnellstens eine neue Wohnmöglichkeit gefunden werden sollte. Die Hotels verlangten zu hohe Preise – sie fürchteten um ihr Weihnachtsgeschäft. Man suchte erstmal eine größere – WG-taugliche Wohnung, die man vorübergehend anmieten konnte, doch die in Frage kommenden Objekte lagen alle zu weit vom Krankenhaus entfernt.

Fand man Marc nicht im Krankenhausdienst konnte man davon ausgehen, dass er entweder die Makler mit seinen Anrufen in den Wahnsinn trieb oder er auf Besichtigungstour war.


Schließlich wurde es dem Professor zu bunt und er schickte Marc energisch nach Hause. „Doktor Meier, ich will Sie frühestens morgen hier wieder sehen. Bevor Sie irgendetwas sagen wollen – das ist eine Anweisung. Nur von mir selbst zu widerrufen“
„Herr Professor...“ Marc sah den Chefarzt entsetzt an.
„Doktor Meier!“ Die Strenge in der Stimme des alten Chirurgen ließ keinen weiteren Einwand zu und kurz darauf beobachtete der Professor, wie der Leitende Oberarzt missmutig in sein Auto stieg.

***
Nachdem der Professor ihn so energisch in den Feierabend geschickt hatte, wusste Marc spontan nicht, was er mit der freien Zeit anfangen sollte. Seit seine Mutter wieder zu Hause war, hatte er wenig Ruhe. Sie war mit der Gesamtsituation unzufrieden. Noch war sie zur Reha, meistens war sie am frühen Abend zurück. Jetzt wanderte er ziellos durch die Zimmer. Sein zielloser Rundgang endete vor dem einzelnen lilafarbenen Schmetterling. Wie auch immer der es geschafft hatte, zu überleben. Er hatte diesen noch aus der Wohnung geholt und in seinem Jugendzimmer aufgehängt.
Der Schmetterling erinnerte Marc immer an die peinliche Szene, in die sie irgendwie rein gerutscht waren. Nein, er hatte sie beide darein manövriert. Warum hatte er sich darauf eingelassen? Immerhin hatten sie bei Professor Liebenburg besucht, um ein Missverständnis aufzuklären. Wie hatte Gretchen es gesagt?

(„Eine Lehrstunde im Fach „Wie reite ich mich tiefer in die Scheiße“?“)

Besser hätte er es auch nicht ausdrücken können.

Er schob die Erinnerung daran zur Seite, das löste sein Problem gerade wenig. Was sollte er mit der Zeit anfangen, das war die Frage.

Kannst ja wieder eine der peinlichen Papierkugeln produzieren.
Halt die Klappe, das wird noch was.
Träumer...

(„Träumer?“)


Seine Mutter hatte gesagt, sein Vater sei ein Träumer gewesen.

Der Luftschlösser gebaut und auch sonst wenig hingekriegt hat.
Das und ein guter Mensch. Ein guter Vater. Er war gerne Vater, so hat es die Mutter gesagt.


Marc dachte oft über diese wenigen Worte nach. Er war sich sicher, dass Elke ehrlich gewesen war. Irgendwie hatte sie in Zürich verstanden, dass es wichtig für Marc war, etwas von seinem Vater zu erfahren.

(„Träumer.“)

(„Alpträumer!“)


Marc beschloss, sich dem Buch von Professor Mayer anzunehmen. Es lag seit geraumer Zeit unberührt auf seinem Schreibtisch. Nur in dem Haus wollte er nicht bleiben. Einige Zeit später saß er mit der Lektüre und einem Kaffee in der sonnigen Atmosphäre seines Lieblingscafés. Die Bedienung war sehr erfreut, den jungen Mediziner wieder zu sehen.

„Doktor Meier, Sie waren lange nicht da. Ich habe das von dem Brand im Wohnheim gelesen. Eine schreckliche Sache. Diese Lichterketten scheinen dieses Jahr viel Schaden anzurichten.“
„Das stimmt Frau Böhm. Halten Sie sich an echte Kerzen, da weiß man, dass man sich vorsehen muss.“

Karo Offline

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20.12.2018 21:25
#234 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 4.25 – Personalien und Pläne


Ina Grimbart erhörte Marcs Hoffen und noch in den letzten Novembertagen hatte sie ein Vorstellungsgespräch bei Doktor Meier, der sich in Ruhe mit der potentiellen Kollegin hinsetzte und ihre Vorstellungen durchsprach. Er hatte sich außerdem viel Zeit genommen, ihr das Elisabeth-Krankenhaus zu zeigen. Ina war überrascht, dass hier eine sehr hohe Belegungsdichte war, bei Ihnen drüben im Katharinen-Hospital hatten sie kaum Notfallaufnahmen. Marc hatte diese Feststellung nur grinsend zur Kenntnis genommen.

(„Das war der Plan, schön zu hören, dass er aufgeht.“)

Professor Haase hatte nur kurz Zeit, sich der Krankenschwester vorzustellen, er war nur dafür von der Uni vorbeigekommen, wo er den ganzen Tag in Gesprächen war.

(„Der kommt jetzt nicht extra wegen mir? Ich hätte auch nochmal vorbeikommen können...“)

„Frau Grimbart, als wir an der Kasse gewartet haben, da erwähnten Sie, dass Ihr Wohnheim verkauft werden soll?“
„Ja, so stand es in dem Schreiben von ProVida. Spätestens Ende Januar sollten wir alle raus sein, falls der neue Besitzer was anderes mit dem Kasten vorhat.“
„Der „Kasten“ ist doch am Kehlicher Weg, oder?“
„Ja. Von hier können Sie hinfallen.“

Marc nickte und sah den Professor fragend an. Der hatte verstanden und nickte. Kurz darauf verabschiedete sich der Chefarzt auch schon wieder. „Frau Grimbart, es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Klären Sie alles mit Doktor Meier, dann melden wir uns bei Ihnen. Vielen Dank und bis vielleicht bald.“

Am Morgen des Folgetags bat Marc noch Frau Zickler zu einem Gespräch. Ja, sie sei ehrlich interessiert, ihre Stunden aufzustocken. Bis vor zwei Monaten hatte die Mitarbeiterin ihren Mann gepflegt, mittlerweile war sie verwitwet und sah keinen Grund, warum sie nicht wieder voll arbeiten sollte. Angesichts der momentanen Not der Kollegen war Frau Zickler sogar bereit, ihre Stunden ab dem nächsten Ersten – also diese Woche noch – aufzustocken.

Bernd Ullstein hatte zwar die Zusage gegeben, dass eine Vollzeitstelle jederzeit ab sofort besetzt werden könnte, doch das sofort wirklich sofort bedeuten würde, kam für ihn dann überraschend. Den neuen Arbeitsvertrag für Frau Zickler, gültig bereits ab 1. Dezember, würde er in der kommenden Woche mitbringen. Er mailte nur schnell eine Bestätigung für Frau Zickler, dass ihr neuer Vertrag ab 1.12. gelten würde.

Bernd Ullstein wurde weiterhin über den Verkauf des Wohnheims informiert.

(„Das wäre in der Tat eine perfekte Lösung!“)

Mit dem Verantwortlichen der ProVida vereinbarte er einen Besichtigungstermin, eine Objektbeschreibung erhielt er sofort per Mail, die er gleich an die StaBe-Chefs weiterleitete. Das abgebrannte Wohnheim war gut versichert gewesen, sodass die StaBe nicht kleinlich sein würde. Die Akte war außerdem bei den Anwälten auf dem Tisch, die Schadenersatzforderungen an den Lichterkettenhersteller waren mittlerweile immens.

Der Leitende Oberarzt und Bernd Ullstein waren zu einem guten Gespann geworden. Sie beherrschten zwei völlig unterschiedliche Gebiete, die offensichtlich nichts miteinander zu tun hatten. Und doch abhängig von einander waren. Professor Haase musste feststellen, dass Marc seinen Auftrag, für die StaBe ein Konzept für die Neuorientierung des EKH zu erstellen, sehr ernst nahm. Und wenn er ehrlich war – es gefiel ihm. Weniger, weil es Veränderungen bedeutete, mehr, weil es zeigte, wie sehr der “Junge, Wilde“ gereift war. Sogar so sehr dass...

***
„Neuanschaffungen? Wozu? Unsere Geräte arbeiten einwandfrei. Wozu ersetzen?“
„Nicht ersetzen. Ergänzen!“
„Doktor Meier, wir kämpfen ständig um mehr Personal – wozu sollen wir die StaBe zusätzlich mit einer Neuanschaffung belästigen? Damit setzen wir uns dem gleichen Druck aus wie das KatHo.“
„Sie sollten mich besser kennen...“
Der Chefarzt seufzte. „Also... ich höre?“

„Herr Professor, Sie wissen so gut wie ich, dass unsere Radiologie dringend Überholungsbedarf hat. Ja, Mensch und Technik sind ein Team aber irgendwann werden wir Probleme bekommen – Ersatzteile, Updates... daran wird es mangeln. Vor allem – wir bilden hier zukünftige Mediziner aus – mit Technik der Vergangenheit. Selbst Herr Stern hat bereits mit anderen Geräten gearbeitet, von Doktor Amsel ganz zu schweigen. Wissen Sie – ich glaube tatsächlich, dass sie mehr machen könnte, mit anderen Grundlagen.“
„Doktor Meier...“ Professor Haase glaubte seinen Ohren nicht. Hatte sein leitender Oberarzt gerade ein Lob über die Chirurgin geäußert?
„Herr Professor – wenn wir uns über Potential der Abteilungen unterhalten... die Chirurgie hat viel davon. Wir haben Doktor Stier an Land gezogen, mit unseren Kapazitäten brauchen wir allerdings nicht annähernd an größere Transplantationen zu denken. Das ist Ressourcenverschwendung. Und ich behaupte, mit einer entsprechenden Investition ließe sich einiges an Geld abgreifen, das bisher die Charité einstreicht.
Die wenigen Schilddrüsen, die Doktor Amsel hier operiert hat, das war Spitzenarbeit. Ich weiß, dass Sie ihr nahegelegt haben, mir die Blinddärme vom Leib zu halten...“ Marc grinste. „Aber da bin ich wieder bei personeller Ressourcenverschwendung. Das kann ein Schattmann genauso. Aber um mehr aus Stier und Amsel rauszuholen, brauchen wir andere Grundlagen. Und ich meine zusätzlich, nicht ersetzend. So läuft die gewohnte Diagnostik wie bisher und sichert uns die problemlose Abwicklung. Wenn wir irgendwann gezwungen sind, die alten Geräte abzuschaffen, dann haben wir uns schon längst mit der neuen Technik vertraut gemacht.

Übrigens haben sich Doktor Fuchs und Doktor Amsel schon auf ein Gerät geeinigt. Nicht die allerneueste Technik, aber solide und bereits vielfach erprobt und bewährt. Zufällig hat die Charité so ein Ding zu verkaufen. Da verschiedene StaBe-Kliniken mit diesen Geräten ausgestattet sind, könnte man zu Trainingszwecken Personal ausleihen oder entsenden.“

Er reichte dem Professor mehrere Papiere. „Das ist eine Einschätzung. Die Zahlen habe ich von Herrn Ullstein.“
„Der hatte nichts gegen Investitionen?“
„Der hat nichts gegen Überlegungen, was man wie optimieren könnte. Die Theorie ist eins, letztendlich sind es Zahlen, die entscheiden.“
„Sie arbeiten gut zusammen, nicht?“
„Ich bin froh, dass ich ihn jederzeit ansprechen kann.“
„Hm. Umgekehrt genauso – was ist das?“

Weitere Papiere wechselten die Chirurgenhand.

„Potential hat die Gyn. Sie haben die Zahlen gesehen, die Doktor Hundt erarbeitet?“
„Ich war auf Mallorca, nicht hinterm Mond...?“
„Mit Doktor Kaan und Doktor Hundt könnten wir das Angebot deutlich ausweiten. Ich meine nicht nur Fachkompetenz. Auch menschlich sind beide grundlegend anders und sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Außerdem...“

Er berichtete dem Chefarzt, dass bereits mehrfach afrikanisch stämmige Frauen nach Doktor Kaan gefragt hätten. „Das ist eine nicht bedachte Reaktion auf unsere Berichte. Doktor Hundt ist der Meinung, dass man sich dauerhaft auf diese Kundschaft einrichten sollte. Entsprechend enthält die Einschätzung in ihren Händen einen Umbau- beziehungsweise Renovierungsvorschlag.
Richten wir uns auf Personen mit einem anderen kulturellen Hintergrund ein, muss unweigerlich das Konzept der Cafeteria überdacht werden...“

„Stopp... Doktor Meier... Sie regen hier wer weiß was an und verpissen sich dann in die Schweiz? Ich will keine Veränderungen!“ Franz Haase war hin und her gerissen. Zum einen lehnte er alles ab, was anders war. Zum anderen aber... die Vorschläge seines Leitenden Oberarztes hatten nicht nur Hand und Fuß sondern auch Zahlen. Um die hatte Bernd Ullstein sich gekümmert und dass der selten mit Variablen rechnete, war mittlerweile bekannt.
„Ob mit mir oder ohne mich – die StaBe will Veränderungen. Sie können nur versuchen, diese zu lenken.“
„Das habe ich verstanden. Und mit Ihnen hätte ich keine Bedenken. Aber ich bin dafür nicht der Richtige...“
„Herr Professor, ohne Ihnen nahe treten zu wollen. Ihre Kraft reicht nur noch zum Mitschwimmen, aber nicht mehr zum Kämpfen.“
„Und auch nicht zum Verändern. Basta! Nehmen Sie Ihre Papiere und dann raus hier!“
„Oh, das sind Ihre. Ich habe das Konzept ja im Kopf.“ Marc verließ grinsend das Professorenbüro. Er wusste, dass das Thema den Professor wütend machte. Allerdings kannte er den alten Mann ebenso gut, wie umgekehrt. Marc hatte den zwischendurch anerkennenden Ton wohl herausgehört.

***
Professor Franz Haase war erschüttert gewesen, als Marc ihm mitgeteilt hatte, das Elisabeth-Krankenhaus zum Jahreswechsel zu verlassen. Sein schlimmster Alptraum wurde nun wahr. Ausgerechnet jetzt, wo der Leitende Oberarzt so viel ins Rollen gebracht hatte. Die Konzepte, die Marc und Bernd Ullstein austüftelten, waren gut. Doch nur eine gute Idee taugte nichts. Es brauchte auch einen, der diese umsetzte. Er war zu alt dafür. Mit Marc an seiner Seite hätte er überhaupt keine Bedenken. Nun war dieser dem Ruf des Schweizer Kollegen gefolgt und niemand war da, dem er so ein Projekt zutraute. Am wenigsten sich selbst. Selten hatte er sich so alleine gefühlt.

Als er später versuchte, seine Sorgen bei Gina zu platzieren, schüttelte sie entschieden den Kopf. „Franz, auch wenn Marc geht. Du hast ein Team. Alleine bist Du nicht!“
„Aber Gina, es ist niemand da, der dieses Konzept umsetzen könnte.“
„Doch, Franz. Allein die Radiologie hat über dreißig Mitarbeiter.“
„Aber...“
„Franz. Die Ideen sind da. Die Leute sind da. Ums Geld kümmern sich andere. Im Grunde brauchen wir Marc nur, um alles in Worte zu fassen.“
„Du bist froh, dass er geht?“
„Kann ich nicht sagen. Wenn ich sage, nicht von ihm profitiert zu haben, dann wäre es gelogen. Aber brauchen...? Nee, ich kann es wirklich nicht sagen.“

Karo Offline

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28.12.2018 11:42
#235 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 1.1 - Cafeteria


Verehrte Kollegen,

ich begrüße Sie zur Dezemberausgabe unserer Cafeteria-Meetings, heute bin ich nicht alleine:

Herzlich Willkommen zurück, Professor Haase!

Ich werde mich heute kurz fassen, Ihnen lediglich ein paar Veränderungen mitteilen und dann das Wort an unseren Chefarzt übergeben.
Sie sind hoffentlich alle darüber im Bilde, dass wir seit knapp zwei Wochen einen Raum für die Rettungssanitäter eingerichtet haben, in dem wir Snacks und Getränke bereithalten. Ein besonderer Dank geht an Frau Trick und die Damen des Empfangs, die sich um diesen Service kümmern.

Ich brauche Ihnen nicht von unserer dünnen Personaldecke erzählen, besonders das Pflegepersonal muss sich zurzeit eher vier- als zweiteilen. Vor kurzem haben wir auf der Chirurgie die Verpflegung der Patienten verändert. Auf der Gynäkologie funktioniert es schon länger problemlos, die Mahlzeiten als Buffet anzubieten.
Nach ein paar Umstellungsschwierigkeiten funktioniert das Prinzip nun auch auf der Chirurgie. Für die bettlägerigen Patienten erfolgt die Verteilung nach wie vor im gewohnten Stil, aber wir konnten den Aufwand um mehr als 50 Prozent für das Pflegepersonal reduzieren. Um die Buffets kümmern sich die Mitarbeiter der Küche – vielen Dank an Frau Schmitz für Ihre produktive Unterstützung.
Machen Sie sich bitte in den Teams einfach mal Gedanken, was gut oder nicht gut läuft und vielleicht haben Sie ja auch Vorschläge, was man verändern könnte. Der Vorschlag, auf der Chirurgie die Essensvergabe umzustellen, kam von einer Mitarbeiterin.

Im Zuge dessen wollen wir überlegen, die Versorgung von Patienten und Mitarbeitern generell umzustellen. Ich bitte Sie, sich im Intranet diesbezüglich zahlreich zu informieren und zu beteiligen. Je mehr Ideen, Vorschläge und Anregungen von Ihrer Seite kommen umso besser können wir arbeiten. Natürlich ist auch konstruktive Kritik erwünscht.

Frau Schmitz wird nach und nach – oder hat schon begonnen, mit den anderen Stationen gemeinsam zu überlegen, ob eine Umstellung auf Buffetform sinnvoll ist oder welche Alternativen es noch gibt, um das Pflegepersonal zu entlasten.

Zu meiner eigenen Entlastung wird nun Professor Haase die Gelegenheit haben, ein paar Worte an Sie zu richten. Ich weiß, dass er darauf brennt – und Sie vermutlich nicht weniger. Bitte, Herr Professor.



Mit einem zufriedenen Lächeln zog sich Marc an den Rand der kleinen Fläche zurück und überließ dem Chefarzt den Platz. Der Professor sah seine Mitarbeiter an. Seine Augen strahlten glücklich. Marcs Lächeln blieb. So war es richtig. So war es vertraut.


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit diesem Zusammensein möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen allen für die letzten Wochen bedanken. Ich bin sehr stolz auf Sie alle! Es ist mir eine Freude, zu sehen, dass Sie alle so kompromisslos für einander da sind und für einander einstehen. Situationen wie der Wohnheimbrand fordern uns alle und ich bin froh, ein Teil dieses Teams zu sein. Auch wenn ich in den letzten arbeitsreichen Wochen am wenigsten dazu getan habe. Hinter uns liegen sehr anstrengende Tage, weitere werden folgen. Wie jedes Jahr halten die alleinstehenden Kollegen den Mitarbeitern mit eigener Familie, besonders denen mit Kindern, die Weihnachtstage frei. Das ist nicht selbstverständlich!

Sie wissen, dass ich in ein paar Tagen nach Afrika aufbreche, um einen großen Teil der Spenden für Sanssouci persönlich an sein Bestimmungsziel zu bringen. Ich werde erst nach Weihnachten wieder da sein. Dann werden einige von Ihnen ihren wohlverdienten Urlaub angetreten haben. Ich möchte also jetzt die Gelegenheit nutzen, Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen.
Natürlich werden wir unsere Tradition fortführen und für die Kollegen die an den Feiertagen im Einsatz sind, hier alles so festlich wie möglich zu gestalten. In Absprache mit Doktor Meier wird sich vorrangig Schwester Sabine darum kümmern.

Damit bin ich auch schon beim nächsten Thema – Personelles. Während meiner erneuten Abwesenheit wird weiterhin Doktor Marc Meier als Leitender Oberarzt das Krankenhaus lenken. Diese Personalie mag von dem einem oder anderen in Frage gestellt werden – eine eigene Meinung ist Ihr gutes Recht. Allerdings ist diese Tatsache nicht diskussionswürdig.

Ich weiß, dass Sie schon länger wieder da sind, aber trotzdem – Willkommen zurück im kalten Deutschen Winter, Doktor Kaan. Genießen Sie diesen Monat, wo sie auf der Gynäkologie mit zwei Ärzten sein werden. Doktor Hundt wird bis zum Beginn Ihres Schwangerschaftsurlaubs noch die Station unterstützen.

Ein besonderes Dankeschön geht an unsere Frau Zickler, die ihre Stundenzahl früher als gewünscht aufgestockt hat, das heißt für die nächsten zwei Monate haben wir in der Pflege 20 Stunden mehr Personal. Unsere Dankbarkeit und Freude möchte ich mit diesem Blumengruß ausdrücken. Es war Frau Zicklers eigener Wunsch, ihre Stundenzahl hochzusetzen wir sind dieser Bitte gerne nachgekommen.

Weiterhin wird noch eine zusätzliche Teilzeitstelle eingerichtet, die StaBe hat bereits bis zu 30 Stunden freigegeben. Nächste Woche wird eine Kollegin vom Katharinen-Hospital zum Probearbeiten kommen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich nochmal herzlich bei Doktor Brickmann bedanken. Dass Sie es einrichten konnte, schon vier Wochen früher Ihre neue Stelle antreten und uns entsprechend zu unterstützen, ist nicht alltäglich. Vielen Dank, Frau Kollegin.

Leider – und das bedauere ich sehr, habe ich auch einen Abgang zu verkünden.

Doktor Marc Meier wird im Januar eine neue Stelle bei Professor Neuroth an der Uniklinik in Zürich antreten.

Ein Raunen ging durch die Reihen und unterbrach den Professor.

„Unser Leitender Oberarzt bekommt dort nicht nur eine deutlich interessantere Stellung geboten sondern auch einen Platz in einer langfristigen Forschungsreihe. Ich freue mich sehr über Ihre Chance, Doktor Meier, auf internationalem Spitzenniveau zu arbeiten. Doch eines verspreche ich Ihnen unter Zeugenschaft des Kollegiums: Solange ich hier Chefarzt bin, wird immer ein Platz für Sie frei sein! Oder frei gemacht. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre berufliche Zukunft, Doktor Meier!

Wir haben nun nicht nur eine Oberarztstelle, sondern auch die Position des Leitenden Oberarztes neu zu vergeben. In Absprache mit der StaBe soll jedoch die Besetzung des Oberarztpostens Vorrang haben. Herr Ullstein wird in den nächsten Tagen hier anwesend sein, das Planungsgespräch für das kommende Jahr steht an.

Um noch einmal auf unser Wohnheim zurückzukommen, es könnte sich eine kurzfristige Lösung unseres Problems ergeben. Ich bitte Sie, sich auch diesbezüglich regelmäßig über unsere Internetplattform zu informieren.
Sie sehen also, dass wir versuchen, so bald wie möglich eine neue Wohnmöglichkeit für Sie zu finden.

Eine weitere – eigentlich für heute die letzte – Bitte habe ich noch:
Für die Kollegen, die bereits jetzt Urlaubswünsche für das kommende Jahr haben, bitte ich diese zeitnah bei Doktor Meier einzureichen.
Da wir besonders in der Pflege etwas jonglieren müssen, wäre es für uns einfach eine Planungserleichterung. Also besonders für mich, wenn Doktor Meier damit noch starten könnte, bevor er sich neuen Aufgaben stellt.

Vielen Dank an Sie alle! Ich wünsche Ihnen allen ein friedliches Weihnachtsfest und für diejenigen, die ich erst im nächsten Jahr wiedersehe – einen guten Rutsch in ein gesundes Neues Jahr!

Prost!

Karo Offline

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28.12.2018 11:47
#236 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Dezember 1.2 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

nun zähle ich die 20. Woche!

Und ich kann es spüren. Ich bin glücklich. Jeder Purzelbaum zeigt, dass es ihm gut geht. Allmählich muss ich mir wirklich Gedanken machen, was ich tun will.
Marcs Hinweis, dass Fritz kommt, war nicht misszuverstehen.

Und er weiß, dass ich zu zweit bin. Er hat so reagiert, wie es nicht besser möglich war. Ich liebe ihn immer mehr – wo wird das enden?
Nein... nicht enden. Dann ist es eben unendliche Liebe!

Liebes Tagebuch – Marc und ich haben telefoniert. Erst waren es nur ein paar SMS und die Übertragung war echt gut. Marc hat das einzig richtige getan und angerufen. Es muss seine Mutter ein Vermögen gekostet haben. Aber es tat gut, seine Stimme zu hören. Das Telefonat hat mir deutlich gemacht, dass ich doch sehr weit weg bin. Ich glaube, da ist viel passiert. Mit Papa, mit Jochen, mit Marc, Elke ist verunfallt... und Mehdi passiert auch. Eigentlich habe ich keine Wahl – ich muss nach Hause. Zu Marc. Ihm zeigen, dass nicht nur er meine Eskapaden aushalten muss. Ich will auch für ihn da sein.

Er hat mir erzählt, dass mein Bruder Vater wird. Mama ist ganz aus dem Häuschen, Oma zu werden – wenn sie wüsste...
Naja, lassen wir ihr noch ein bisschen Ruhe, zweiteilen kann sie sich später. Aber Jochen auf Mallorca? Sein Studium war ihm ja schon immer eher zweitwichtig. Höflich ausgedrückt. Ich glaube, er hat immer schon lieber in der Bar gearbeitet. Kann ich mir zwar jetzt auch nicht so vorstellen, aber Jochen in Justitias Robe? Noch weniger.
Nur... dass er sich traut, eine Frau zu schwängern, die ich nicht abgesegnet habe? Mein kleiner Bruder wagt sich allerhand. Ich werde bei passender Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen. Irgendwann. Bald?

Eigentlich gibt es nur ein wichtiges Gespräch. Das mit Marc. Auge in Auge. Auch wenn erstmal alles geklärt scheint, das kurze Telefonat beruhigt mein Herz, aber es bleibt viel offen.

Roula fragte mich, was ich lieber möchte. Ein Mädchen oder einen Jungen – aber das ist mir so furchtbar wurscht. Ich möchte ein Kind. Dieses Kind. Gesund. Ich fühle aber, dass es ein Junge wird. Roula hat mich wieder so intensiv angesehen. Sie sagt auch, es wird ein Junge. Die Afrikanerinnen sind einfach unerschütterliche Optimisten. Realisten auch. Schließt sich das aus?

Es geht nun recht deutlich auf Weihnachten zu. Komisch ist das. Es wird heißer und heißer und entgegen Martins Aussage, dass bald die Mücken verschwinden, werden die eher immer mehr. Im Container sollen 200 neue Moskitonetze sein – ich hätte gerne zwei zum doppelt nehmen.

Pfui Gretchen. Aber ich werde immer mehr gestochen als die anderen. Roula sagt, das ist meine helle Haut. Obwohl ich echt richtig Farbe bekommen habe. Ob Marc das stören würde? Außen schön Teint Solaire und innen Berliner Weiße... naja hm... und ganz innen... ganz heiß.

Es ist verrückt – mir fehlt Marc und mir fehlt tatsächlich Sex. Was heißt fehlt... ich würde nur einfach gerne wieder mit ihm schlafen. Gretchen Haase, wer hätte das gedacht, dass Du einfach so nach Sex verlangen könntest. Aber es geht nicht nur um Sex. Ich möchte Sex mit Marc. Nur mit Marc!

Ich hatte neulich schon wieder so einen unanständigen Traum. Wir sind mit Delfinen geschwommen und bis auf einen sind plötzlich alle weggeschwommen. Der letzte Delfin wurde zum Stein, an dem Marc und ich uns geliebt haben. - Ob ich mich jemals traue, an einem öffentlichen Ort Sex zu haben?

Ich glaube, da muss ich auf die Zukunft verweisen. Marc tut mir bestimmt diesen Gefallen – ein schöner Schlussgedanke!
Bis bald!

Karo Offline

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28.12.2018 11:51
#237 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 1.3 – Marc und Professor Haase


„Wann sagten Sie, kommt Frau Grimbart?“ Professor Haase, Bernd Ullstein und Marc saßen zusammen im Chefarztbüro. Am nächsten Morgen würde Frau Schwan das Ehepaar Haase und Fritz zum Flughafen bringen. Der Container war bereits unterwegs, eigentlich schon da, der LKW wartete nur auf die Landung der drei Leute.
„Nächste Woche. Ihr Mann kann sich spontan Urlaub nehmen, dass sie völlig unabhängig sein kann.“
„Und Sie haben die Dame an der Supermarktkasse angesprochen?“
„Ja, so ungefähr. Erinnern Sie sich an den Bericht, als ich meine Mutter ins KatHo gebracht hatte? Die Krankenschwester war die einzige, die eine gute Note bekam. An der Kasse hatte ich unweigerlich das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin mithören müssen. Als ich Frau Grimbart dann angesprochen hatte, merkte ich, wer sie war.“
„Und sie hat Sie auch wieder erkannt?“
„Natürlich.“ Marc grinste. „Allerdings dachte sie, ich hieße Fisher.“
Der Professor schnaubte. „Das konnten Sie ja Gott sei Dank aufklären.“
„Ja, in der Tat.“
„Wie geht es überhaupt Ihrer Mutter?“
„Sie leidet ganz furchtbar. Mehr darunter, dass sie meine Hilfe benötigt, als unter der Verletzung selber. Gott sei Dank ist sie ehrgeizig genug, wieder selbstständig zu sein, bevor ich weg bin. Mit mir im Haus musste sie sich arrangieren, da sie nicht in eine stationäre Reha wollte.“

Franz Haase lachte herzhaft. „Das hätte ich gerne gesehen. Aber – wie mit Ihnen im Haus?“
Bernd Ullstein sah erstaunt aus seinen Papieren hoch: „Das haben Sie nicht mitbekommen? Doktor Meier wohnt zurzeit bei seiner Mutter?“
„Nicht im Ernst! Und Sie leben noch?“ Der Professor riss die Augen auf.
„Wie gesagt, wir haben uns arrangiert.“

(„Wo soll ich denn sonst hin – außer in Gretchens rosa Prinzessinnenzimmer!“)

„Mit Doktor Kaan wäre es jetzt wohl eher noch ungemütlicher geworden, nachdem er einen Mietvertrag unterschreiben musste.“ Marc grinste, als er an das Gespräch mit dem Gynäkologen dachte.


***
Wutentbrannt stürzte Mehdi in sein Büro. Mit dem Schreiben von Doktor Falk in der Hand.
„Du willst mich vor die Tür setzen?“
„Das kannst Du selbst entscheiden. Um eine Wohnung in Zürich mieten zu können, muss ich diese vermieten. Zwei kann und will ich nicht zahlen. Du kannst also wählen. Ausziehen oder Mietvertrag unterschreiben.“
„Das ist aber kein Freundschaftspreis.“ Mehdi tippte auf den festgeschriebenen Übernahmepreis für die Einrichtung inklusive Geschirr und Stoffwaren. Nur das runde Bett und den Kickertisch nahm Marc mit.
„Wir sind keine Freunde.“
Am Ende hatte Mehdi unterschrieben. Marc vermutete, eher aus Bequemlichkeit, aber das war ihm egal. Das vergangene Wochenende hatte er damit verbracht, seine Sachen im Keller der Mutter zu sortieren und einzupacken. Er nahm nur wenig mit nach Zürich. Kleidung, natürlich. Viele seiner Bücher und die wenigen Dinge, die ihn an Gretchen erinnerten. Die Zeichnung des Baobabs, verschiedene Fotografien und Bilder und den lilafarbenen Schmetterling.


***
Bald verabschiedete sich Bernd Ullstein, er hatte heute einen zweiten Termin mit dem Makler des Mietshauses. Heute sollte ein Architekt prüfen, ob sich das Gebäude in ihrem Sinne umbauen ließe. Dann musste ein Finanzierungsplan her, doch wie es aussah konnten Sie ab Februar neuen Wohnraum für die Mitarbeiter anbieten.

Als sie alleine waren holte Marc eine große Tasche hinter dem Schreibtisch hervor. „Herr Professor, würden Sie das für Gretchen mitnehmen?“
Er zeigte auf eine Metallkiste. „Die darf sie sofort haben. Das andere – eingepackte – ist erst für Weihnachten.“

Professor Haase sah den verlegen wirkenden Chirurgen an. „Natürlich Doktor Meier. Ich habe auch schon eine Kleinigkeit von Schwester Sabine zu Hause liegen. Da wird Gretchen sich freuen.“ Er tippte auf die Metallkiste. „Plätzchen? Meine Frau war schon traurig, dass einfach keine Zeit zum Backen war.“
„Ich hatte genug, als Sie mich nach Hause geschickt haben.“
„Die sind selbst gebacken?“ Der Professor riss die Augen auf. „Wirklich?“
„Unter anderem. Naja, die meisten. Nur die Lebkuchen sind aus dem Café Sonne.“
„Jetzt bin ich überrascht!“
„Ehrlichgesagt – das war ich auch. Und stellen Sie sich das Gesicht meiner Mutter vor, als ihre Küche tatsächlich zum Herstellen von essbaren Produkten missbraucht wurde.“
Marc lachte als er sich an Elkes Reaktion erinnerte.

Karo Offline

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28.12.2018 11:53
#238 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 1.4 – Marc und Elke backen Plätzchen 1


„Marc um Himmels Willen, was tust Du da?“
„Wonach sieht es denn aus?“
„Du verwüstest diesen Raum.“

Marc sah sich um. Nur die Arbeitsplatte war etwas durcheinander, aber weder hatte es einen Feinstaubangriff aus dem Mehlbeutel gegeben noch war der Backofen explodiert.
„Das nennt sich backen, Mutter. Und dieser Raum ist eine Küche. Eine sehr dürftig ausgestattete Küche, wenn ich mir diesen Hinweis erlauben darf.“
„Das ist alles unnützes Zeug, was soll ich damit?“

Elke zeigte auf unzählige Plätzchenförmchen. Dann sah sie das Nudelholz. „Wenn die Küche nachher nicht wieder wie geleckt ist, versohle ich Dir damit den Allerwertesten!“

Marc sah starr vor Schreck auf das Holzutensil.

„Oh Gott, Marc. Es tut mir Leid...“

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28.12.2018 11:54
#239 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 18


René war heute mit seinen Kumpels im Stadion, eine gute Gelegenheit für Elke mit Marc Weihnachtsplätzchen zu backen. Bis der Vater vom Fußball zurückkam, würde die Küche längst wieder sauber sein.

Der sechsjährige Sohn hatte viel Spaß dabei, die kleinen Ausstecher in den Teig zu drücken. Immer wieder landete auch ein Stück Teig im kauenden Mund des glücklichen Kindes. Elke ermahnte ihn immer wieder, nicht zu viel Teig zu essen.
„Dir wird sonst schlecht. Roher Teig macht Bauchweh, Marc.“
„Das ist aber lecker.“
„Gebacken auch.“
„Aber nicht so.“

Elkes Plan ging leider nicht auf. Da Hertha heute die bisher schlechteste Leistung der Saison ablieferte hatten die Kumpels beschlossen, in der Halbzeit lieber in eine Kneipe zu gehen. Das war wärmer als im zugigen Stadion zu frieren. Entsprechend früh und betrunken kam René nach Hause, gerade als die Mutter das vorletzte Blech in den Ofen schob.
„Wie sieht es denn hier aus?“
„Wir backen Weihnachtsplätzchen. René, ist was passiert, dass Du schon zurück bist?“
Patsch. Eine schallende Ohrfeige traf Elkes Wange.
„Was...?“
„Mach diese Schweinerei sofort weg.“ Er wischte mit der Hand über den ausgerollten Teig vor Marc. Die bereits ausgestochenen Plätzchen waren damit kaputt.
„Wir sind gleich fertig, Papa. Möchtest Du welche probieren?“ Marc zeigte auf den Stapel abgebackener Plätzchen. Dann griff er zu der Teigrolle, um den Rest Teig erneut glatt zu walzen.
„Aufräumen sage ich!“ René riss seinem Sohn das Werkzeug aus der Hand und knallte es auf die Arbeitsplatte. Vermutlich war es nicht mal Absicht gewesen, aber Marcs Finger lagen genau an der Stelle, wo das Nudelholz herunterdonnerte.
Als Marc aufschrie und sich vor Schmerzen krümmte, brannte bei René eine weitere Sicherung durch. „Aufräumen, sage ich. Und Ruhe!“
Ein weiterer Schlag mit der Teigrolle fuhr auf Marc herunter, der Hieb quer auf den Rücken streckte ihn zu Boden, wo er nach Luft ringend liegen blieb.

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28.12.2018 11:55
#240 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dez 1.5 – Marc und Elke backen Plätzchen 2


Elke legte ihre Hand auf Marcs Schulter. „Tut mir Leid, Marc. Ich gehe besser wieder.“
„Der Teig schmeckt gut, Du solltest ihn probieren.“ Er hielt Elke einen Krümel hin, erwartete jedoch nicht, dass sie zugreifen würde.

„Du hast Recht – gar nicht schlecht.“ Sie pulte ein weiteres Stückchen von der Teigkugel und Marc lachte. „He, nur nicht zu viel. Du bekommst Bauchweh davon!“
„Wozu habe ich einen Arzt als Familie?“

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06.01.2019 15:56
#241 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 1.6 – Zwiegespräch


Später lag Marc in seinem früheren Zimmer auf dem Bett und starrte an die Decke. Ihm war nicht gut, aber niemals würde er zugeben, dass er zu viel rohen Teig gegessen hatte. Ohne an den Zuckerguss zu denken. Rosa Zuckerguss.
Elke hatte der Schlag getroffen, als Marc begann, einen Teil der Plätzchen zu verzieren. „Diese Frau tut Dir nicht gut. Sieh, was sie aus Dir gemacht hat.“
Natürlich konnte Marc nicht nichts sagen und es kam wieder zu einem Streit. „Fehlt nur, dass Du auch kitschige Briefe schreibst.“
„Ich sage ja auch nichts gegen Deine Bücher. Und die triefen vor Kitsch!“
„Das ist, was die Leute wollen!“

(„Eben!“)

Er rollte sich auf die Seite und lächelte zufrieden. Gretchen würde die Plätzchen mögen.

Das Thema Brief haben wir ja auch durch, oder? In wie vielen Versuchen hat es nicht geklappt. Lass das Papier ruhen, den Wald leben.
Wer nicht wagt der nicht gewinnt. Ich wäre für einen erneuten Versuch. Alle Glocken Roms würden für Gretchen in Sanssouci schlagen, wenn sie zu Weihnachten einen Brief von Dir bekommen würde.
Weihnachten war noch nie unser Ding.
Plätzchen backen auch nicht. Und die sind gut geworden.
Meint wer?
Das Bauchweh.
Viel mehr braucht es auch nicht, um Blondchen zu beeindrucken. Brot und Spiele – Keks und Liebesbrief. Wie originell.


Marc rollte sich auf die andere Seite und griff nach dem Buch von Professor Mayer. Kurz darauf legte er es wieder weg. Sein Magen beanspruchte 99 Prozent seines Blutes – konzentrieren war damit unmöglich. Er wälzte sich auf die andere Seite und tastete nach einer dunkelblauen Metallkiste, auf der sich reliefartig eine vielstrahlige Sonne emporhob. Er schob den Deckel zur Seite und tauchte seine Hand in eine beachtliche Anzahl von Briefen. Gretchens Briefe. Zwischen den immer wieder gelesenen Zeilen fand seine Hand Ruhe, als er einschlief. Als er hinabtauchte in die Welt seines Unterbewusstseins, das ihn mittlerweile kaum noch zur Ruhe kommen ließ. Das kühle Papier mit den Herzerwärmenden Inhalten fühlte sich gut an. Ein letzter (halber) Gedanke, bevor er einschlief.

(„Vielleicht sollte ich doch...“)

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06.01.2019 16:06
#242 RE: Story von Karo Zitat · antworten

DELFINTRAUM


Gretchen kämpfte mit sich, Marc hatte nicht Unrecht. Kein Mensch war unterwegs, der ganze Strand gehörte ihnen. Aber an einem öffentlichen Strand nackt baden? Außerdem wurde es schon dunkel. Was wenn sie abgetrieben oder nicht mehr zurückfinden würden. Wenn sie gerettet würden... ohne Kleidung.
Andererseits... ihre schützende Ferienwohnung war einfach zu weit weg. Zumindest für jetzt. Für die Lust, die sie beide auf einander hatten. Vor allem, da Marc schon...
„Was tust Du da?“
„Hasenzahn. Ich gehe jetzt darein. Lieber mit Dir, aber zur Not auch alleine.“ So wie Gott ihn geschaffen hatte, war der Chirurg schon auf dem Weg ins Wasser. Sie sah seinen muskulösen Rücken, die schmale Hüfte und die knackigen Pobacken. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen und sie verspürte ein verlangendes Ziehen in ihrer Leistengegend.
„Gretchen!“ Marc stand bis zum Bauchnabel im Wasser, manchmal mehr, manchmal weniger.

(„Oh Gott, wenn uns jemand sieht! Ihn.“)

[tanne]Er zeigte aufs Wasser hinaus. „Delfine! Sie laden uns ein, mit ihnen zu schwimmen.“

Gretchen zögerte immer noch, doch ihr Herz klopfte aufgeregt. Schon als Kind hatte sie sich gewünscht, mit Delfinen zu schwimmen. Sie sah sich um, der Strand war so menschenleer wie vorher. Als sie nur noch ihre Unterwäsche trug fühlte sie den Puls heftig in ihrem Hals. Sie sah an sich herab. Sie könnte doch auch...

„Untersteh Dich, Hasenzahn. Das haben wir gestern erst gekauft!“ Natürlich ahnte der wartende Mediziner, was seiner Freundin durch den Kopf ging. „Soll ich Dir helfen kommen?“
„Marc!“

(„Fehlt noch, dass sein Geschrei Menschen anlockt! Also... Augen zu und durch!“)

Marc war sich nachher nicht mehr sicher, wie Gretchen es innerhalb einer Millisekunde geschafft hatte, ohne zu stürzen aus der Unterwäsche und ins Meer zu steigen.

„Geht doch!“ Natürlich blieb Gretchen unter Wasser, doch er musste sie nicht sehen. Ihm reichte das Wissen, das die Frau, die als einzige in der Lage war, ihm die Sinne zu rauben, sich wieder einen Schritt weiter gewagt hatte.
„Wo willst Du hin?“
Gretchen hatte sich ein ganzes Stück von ihm entfernt.
„Zu den Delfinen, Marc.“
„Die sind ziemlich weit draußen, Gretchen, ich weiß nicht, ob das so geschickt ist, es wird schon dunkel. Du weißt nicht, wie die Strömung da ist.“
Doch Gretchen, eben noch Schiß-Haase, ließ sich nicht beirren.
„Hasenzahn!“
„Komm halt mit, Marc. Das macht bestimmt Spaß!“

Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig. Gretchen behielt Recht und es war ein herrlicher Badespaß. Die Delfine zeigten ihr ganzes Können und verwandelten sich in die unterschiedlichsten Wesen und Tiere.
Entgegen Marcs Befürchtung wurde es auch nicht weiter dunkel. Als hätte jemand die Zeit für sie angehalten, blieb die Sonne zu einem Drittel über dem Horizont stehen. Die Farben des Sonnenuntergangs tauchten die kleine, einsame Bucht in ein rosé-orangefarbenes Licht.

(„Was für ein Kitsch – und ich fühle mich auch noch wohl dabei!“)

„Marc, hör auf zu grübeln.“ Gretchen zog sich an ihren Freund heran und umschlang seinen Hals. „Es ist einfach nur herrlich. Genieß es!“
„Nichts anderes tue ich gerade Prinzessin.“
„Das ist einfach perfekt!“
„Ist es nicht. Es gäbe allerdings eine Kleinigkeit, die das ganze perfekt machen würde.“
Gretchen brauchte sein süffisantes Grinsen nicht sehen. Seine Stimme ließ keine Zweifel offen, was ihm gerade durch den Kopf spukte. Sie sah sich um. Selbst wenn sie wollte...

(„Ich glaube, ich würde es sogar tun...“)

„Geht das beim Schwimmen überhaupt?“
„Wir müssten schon zu den Felsen...“
„Das ist am Strand!“ Diese Feststellung war gleich einem Nein.
„Ich sage doch – nichts ist perfekt.“

Um sie herum wurde es still. Nur noch ein Delfin schwamm um sie herum.
„Was ist denn nun los?“ Gretchen und Marc wunderten sich über die kleine Felseninsel, die das letzte Licht der Sonne reflektierte. Der einzelne Delfin rief nach ihnen. Dann wurde auch er zu Stein. „Komm!“ Marc schwamm los und zog seine Freundin hinter sich her.
Sie hatten wieder Boden unter den Füßen. Das Wasser ging Marc nicht mal bis unter den Bauchnabel und obwohl das Wasser nicht kalt war bekam Gretchen eine Gänsehaut. In der gleichen Sekunde schluckte auch Marc trocken – Gretchen stand vor ihm, die Wassertropfen auf ihrer hellen Haut glitzerten wie Tausende kleine Diamanten. Sein Blick wanderte über ihren Bauchnabel nach oben – ihre blonden Haare erschienen nass viel länger zu sein und verdeckten Gretchens volle Brüste. War das hier eine Meerjungfrau?

(„Wenn dann meine – allerdings nicht! Jungfrau.“)

Wieder erschien ein frivoles Lächeln auf seinen Lippen. Sein Blick wanderte weiter hinauf, über den schlanken Hals, die unwiderstehlichen roten Lippen. Sie sahen sich in die Augen, ihre Augenfarbe glich dem tiefen Blau des Meeres.

(„Bist Du sicher?“)

Weiter konnte er nicht denken, denn ihr Kuss raubte ihm den Verstand. Sie wollte ihn. Ohne Zweifel, jetzt und hier.

Karo Offline

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06.01.2019 16:08
#243 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA

Dezember 1.8 – Aufgewacht

Ihr eigenes, heftig klopfendes Herz ließ sie wachwerden. Sie brauchte einen Moment, um aus dem orange-rosé farbenen Traum herauszukommen. Wieder ein Delfintraum – vor allem: Wieder ein Sextraum. Solche Träume dürften eigentlich nur aufhören, wenn die Wirklichkeit sich nicht so enttäuschend anfühlte. Sie war in Afrika. Weder Meer, noch Marc. Und damit auch weder Delfine noch Sex.

(„Scheiß auf das Meer und die Delfine... Marc und Sex wäre jetzt schön!“)

Allmählich wurde sie sich selbst unheimlich... wie oft hatte sie jetzt schon von Sex geträumt?
Gretchen griff nach ihrem Tagebuch.

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06.01.2019 16:11
#244 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Dezember 1.9 - Tagebuch

Liebes Tagebuch,

„Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören.“ Mit diesem Satz kündigte Mama früher immer an, dass das Ende bevorstand. Bei was auch immer, aber er war gleichbedeutend mit „Keine Diskussion, jetzt!“ Ich fand den Satz schon als Kind kacke.
Später noch mehr, denn auch Peter hat das immer gesagt. Vor allem, wenn er fertig war und ich nicht, oder sogar kurz davor... was selten genug vorkam. „Wenn es am schönsten ist...“ Und schon war Gretchen brav und diskutierte nicht. Im Bett schon gar nicht. Mit Peter konnte man auch nicht wirklich reden – über Sex schon gar nicht. Sicherlich nichts, was ich mir gewünscht hätte – aber mit Marc geht es. Reden und auch über Sex. Und mit Marc macht Sex Spaß.

Im Nachhinein bin ich nicht mal sicher, ob Peter Spaß am Sex hatte – korrigiere: Spaß am Sex mit mir. Als ich ihn mit der Arzthelferin gesehen habe, das war so anders als bei uns. So einen Gesichtsausdruck hatte er nie. Ich glaube, das Schlimme war nicht, dass er mit einer anderen Frau gevögelt hat, sondern dass er Spaß dabei hatte. Genossen hat...
Was war ich für ihn? Die Pflicht zu Hause und die Kür tanzt man draußen?
Was hat er in mir gesehen? Das verklemmte Frauchen, dem man schnell ein paar Kinder verpasst und die dann zufrieden auf glückliche Familie macht? Im Grunde hat er es gesagt... „Ich bin 36, ich kann doch nicht wieder von vorne anfangen!“

Ich hätte ihm den Satz sagen sollen: „Wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören!“
Aber vermutlich hätte er es nicht verstanden. Einen Gretchen-Witz versteht nicht jeder. Naja, meistens nur ich.

Ja, ich hatte einen Plan. Mit 30 wollte ich verheiratet sein und als Ärztin Karriere machen. Peng!
Das 1-2-3-Prinzip: 1 annullierte Ehe, 2 verbrannte Brautkleider und 3 Fehlgeburten. Da ich Gretchen Haase bin, darf es ohne „null“ natürlich nicht gehen: 0 Ahnung von Sex.

Bei irgendeinem Zusammensein letzte Woche fragte Jenny, wie alt wir nochmal sein möchten. Ich möchte nicht noch einmal jünger sein. Gerade jetzt hat mein Leben so viel zu bieten. Hier in Afrika fühle ich mich wohl. Ich habe keinen Facharzt, aber das ist unwichtig. Auch der Doktortitel ist hier nichts wert. Meine tägliche Arbeit macht Sinn und mich zufrieden. Ich weiß endlich was guter Sex ist. Ich sehne mich nach Sex. So sehr, dass ich davon träume. Und ich habe den Mann, den ich schon immer wollte. Eigentlich war das der Plan, sozusagen der frühpubertäre Gretchen-Haase-Plan:

Seit ich Marc Meier im Treppenhaus des Gymnasiums gesehen habe. Irgendwann würden wir uns lieben, heiraten, Kinder kriegen.
Ich gebe zu, ein bisschen naiv war das schon. Aber er geht auf – irgendwie. Wir lieben uns und wir kriegen ein Kind. Gut, dass es jetzt nicht seins ist... dumm gelaufen. Aber er nimmt es an. Und das mit dem Heiraten... aufgeschoben.
Angesichts der Realität ist es nicht wichtig. Marc ist wichtig. Unser Kind ist wichtig. Meine Arbeit hier ist wichtig. Guter Sex ist wichtig!

Es ist schlimm genug, dass ich von Sex träumen muss, um welchen zu haben. Aber warum muss ausgerechnet hier wieder dieser Scheiß-Spruch gelten: „Wenns am schönsten ist...“

Hochverehrtes Unterbewusstsein.
Ich schätze die Bereitstellung solcher Träume sehr. Doch bitte frustriere mich nicht mit einem Traum(a) vom Coitus Interruptus. Kann man bei einer Frau überhaupt so sagen oder betrifft das nur den Mann? Peter war immer fertig, wo ich blieb war egal.
Doch das war Peter. Jetzt ist Marc. Und der ließe niemals zu, dass ich leer ausgehe.
Wenn Du mir etwas zu sagen hast, dann mach es so, dass ich es verstehe. Ich bin schließlich Gretchen Haase. Dass ich jetzt mehr über Sex weiß, heißt nicht, dass ich mehr vom Leben verstehe. Dass ich mehr über Sex weiß... Gretchen, Gretchen... nur ein paar Wochen mit Marc und Du denkst an fast nichts anderes mehr.

Vor allem nicht an Peter!
Ich dachte, mit Marc hätte ich das Thema endgültig hinter mir gelassen. Oder sagen wir so... mit Marc habe ich das hinter mir gelassen.
Warum schickst Du mir jetzt ganz heftig meine Vergangenheit ins Bewusstsein. Liegt es an der Schwangerschaft? Denke ich deswegen so oft an die Zeit vor ein paar Jahren? Ja, ich habe Angst, dass ich auch dieses Kind verlieren könnte. Immer noch. Obwohl ich lange drüber bin, über die Wochen der Fehlgeburten. Ich genieße meinen wachsenden Bauch. Ja, er wächst, ich kann es nicht nur an den Hosen spüren, ich sehe es jetzt auch. Ich liebe meinen Bauch! Er fühlt sich gut an. Mit allem Leben darin. Ich fühle mich gut. Das ist der Unterschied. Ich leide nicht mehr unter den Hormonveränderungen. Mir ist weder übel noch plagt mich sonst was. Also lass mich in Ruhe.

Ich möchte im „jetzt“ leben. Und was machst Du? Wegen Dir ist das Leben in Köln und mit Peter wieder so schrecklich präsent. Wobei ich wirklich selten an Peter denke. Er, als mein Ex-Verlobter spielt keine Rolle mehr. Eher meine Rolle an seiner Seite. Er war mein Leben, ich habe ihn geliebt und wollte mit ihm alt werden.

Ich kann über mich selbst nur den Kopf schütteln... wie naiv ich rückblickend war. Mit Peter war es nicht wundervoll und es lag auch nicht an mir oder an Sex allgemein...

Warum träume ich also von Marc, wenn Du doch Peter meinst?


Ich bin Gretchen Haase. Ich setze mich nicht mit Vergangenem auseinander. Ist viel zu unbequem. Vielleicht sind wir da unterschiedlicher Auffassung aber bitte akzeptiere meine Meinung. Peter ist Vergangenheit. Für ihn ist kein Platz in meinem Leben. Und in meinem Kopf auch nicht.

Was soll ich mit ihm, wenn nicht mal Marc da ist? Obwohl... irgendwie ist er ja schon da. Nicht in aber durch meinem Bauch.

Das ist die Gegenwart. Und unsere Zukunft. Marc. Ich. Unser Kind.

Daran will ich denken!
Gretchen

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06.01.2019 16:16
#245 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 1.10 – Gretchen denkt nach


Die Bucht im Traum glich denen der Umgebung von Andratx. Dort hatten Peters Eltern eine Finca und entsprechend oft waren Peter und sie dort gewesen. Sie war gerne dort gewesen. Nach der Trennung von Peter hatte sie nie wieder an die Finca auf Mallorca gedacht. Auch nicht an seine Eltern. Oder Köln. Mit einem Mal bekam Gretchen ein schlechtes Gewissen. Sie war gegangen ohne sich umzusehen. Kurzschlusshandlung, okay. Aber sonst? In Berlin zu bleiben war einfach gewesen. Der Weg ohne den geringsten Widerstand. Sie hatte das Buch „Köln“ zugeklappt. Mit allen Menschen – allen Freunden. Vor allem Jo. Und Doktor Carstensen.

Sie hatte Marc von Andrea erzählt. Danach hatte sich erstmals ein Gedanke gemeldet. Was ist wohl mit den anderen. Weiter daran zu denken hatte sie sich verboten. Mit Gewalt hatte sie das Buch wieder verschlossen, doch heute hatte ihr Unterbewusstsein ihr erneut ein Schnippchen schlagen können.
Ihre Flucht aus Köln war über 18 Monate her, doch allein durch das Kind in ihrem Bauch war die Vergangenheit präsent, ob sie wollte oder nicht. Ihr Leben war anders, der Vater des Kindes war ein anderer, doch die Angst war die gleiche. Sie war die gleiche. Nur mit gutem Sex.

Gretchen grinste.

Aber noch immer glaubte sie an die große Liebe, Prinzen und Schlösser. Sie war in Afrika, also nicht mehr so ganz weltfremd. Erwachsener? Wohl kaum. Das änderte auch das Kind in ihr nicht. Was konnte sie ihrem Bauch bieten? Tränen und Schokolade. Keinen Facharzt und so gerade einen Doktortitel.
Sie brauchte Marc. Das Kind brauchte Marc. Es gab keine andere Möglichkeit, er, der viel mehr wusste, hatte dem Kind folglich viel mehr zu bieten. Würde es ein Mädchen könnte sie die ersten Jahre mit Barbiepuppen und rosa Kleidchen mithalten.

Aber Roula war sich sicher, dass es ein Junge würde. Ohne die Bilder zu sehen. Sie selbst ahnte das Gleiche.
Sie dachte an ihre Kindheit. Sie war vier Jahre alt gewesen, als Jochen zur Welt kam. Gretchen liebte ihren Bruder, keine Frage. Sie zweifelte auch nicht daran, dass sie wichtig für ihn war. Sie hatten immer zusammengehalten, sich 100prozentig vertraut. Doch sie hatten nie miteinander gespielt. Sie hatte ihre rosa Mädchenwelt, seine Jungenwelt bestand anfangs aus Bauklötzen und Autos, später aus Fußbällen und Skateboards, ganz später aus Fußbällen, Mädchen und wieder Autos.

(„Wie Marc!“)

Gretchen kicherte und im nächsten Moment klingelte auch ihr Wecker.
Bevor sie aufstand griff sie schnell erneut zum Tagebuch.

Liebes Tagebuch, hochverehrtes Unterbewusstsein.

Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören! Wie wahr. Ich danke für die Anregungen, doch leider muss ich eine tiefgründige Beschäftigung mit meiner Vergangenheit ablehnen. Ich habe einfach keine Zeit. Ich muss den Menschen hier helfen.

Mit freundlichen Grüßen,
Gretchen – mein Name ist Haase!

P.S. Wenn ich hier fertig bin, braucht mich mein Kind!


Doch ihr Unterbewusstsein akzeptierte nicht. Eine leise Frage rumorte weiter

Wie willst Du Dich um andere kümmern, wenn Du Dich nicht mal um Dich selbst kümmern kannst?

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13.01.2019 16:32
#246 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 1.11 – Gretchen und Roula


In der Krankenstation war nicht viel zu tun. Sie hatten mehrere Betten mit Malariapatienten belegt, um die sich in der Hauptsache die Verwandten kümmerten. Unter den großen Baobabs standen mehrere Zelte, in denen die mitgereisten Familienmitglieder wohnten.
Ein alter, fast kahlköpfiger Mann trat gerade aus einem der Zelte. Ihre Blicke kreuzten sich, er grinste und zeigte nur noch ein paar einzelne Exemplare an Zähnen. Er hob die Hand und sein dürrer Zeigefinger wies in ihre Richtung.

Gretchen drehte sich weg. „Er ist mir unheimlich.“
„Er ist ein traditioneller Heiler. Er bittet Loco um Unterstützung und dass seine Medizin wirkt. Nach dem Ritual wird Loco ein Baum oder eine Blume gepflanzt.“
„Und wer ist jetzt Loco?“
„In der Voodoo-Religion ist er der Patron aller Heilmittel, die aus Pflanzen hergestellt werden und somit auch der Schützer der Ärzte und Heiler, die mit Pflanzenmedizin arbeiten. Außerdem kümmert er sich um körperliche Gesundheit. Voodoo kennt nur einen Gott, „Bondieu“, also Guter Gott. Er ist jedoch so gewaltig, dass kein Gläubiger sich direkt an ihn wenden kann. Als Vermittler gibt es die Loa. Sie sind göttliche Geistwesen, in deren Macht es steht, Dinge zu verändern.“

„Dann ist Loco so ein Loa?“ Gretchen verstand schnell.

„Ja, genau.“ Roula lachte.

Eine Weile beobachtete sie Gretchen, die immer wieder gähnte. „Hast Du schlecht geschlafen?“
„Nein, nicht mal. Ich habe sogar eigentlich sehr gut geträumt, von Marc und mir. Wir waren mit Delfinen schwimmen.“
„Du träumst öfter von Delfinen, stimmts?“
„Ja, aber es ist neu, dass Marc dabei war.“
„Was bedeuten solche Träume?“
„Pfff... keine Ahnung?“
„Ich werde Martin fragen. Sowas weiß er vielleicht.“
„Über diesen Traum habe ich schon genug gegrübelt. Davon habe ich echt Kopfschmerzen bekommen. Es war zwar Marc, jedoch der Ort gehörte zu Peter und mir. Aber das ist Vergangenheit!“
„Wer grübelt kann nicht schlafen. Und ohne Vergangenheit keine Zukunft. Willst Du Dich nicht lieber was hinlegen? Du siehst echt sehr blass aus...“
„Hm, vielleicht hast Du Recht. Guckst Du auf die Patienten?“
„Natürlich.“

In ihrem Zimmer kuschelte Gretchen sich fest in ihre Bettdecke.

(„Nochmal so einen Traum mit einem richtigen Ende bitte!“)

Es dauerte nicht lange, da war sie eingeschlafen.

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13.01.2019 16:37
#247 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

Dezember 1.12 – instabiler Beckenbruch


Jemand schüttelte ihn. „Doktor Meier...?“
„W-was? Sabine, wie kommen Sie hierhin?“ Er sah sich um – sein Büro? Wie zum Teufel kam er so plötzlich nach Berlin?
„Äh... ich bin vom Stationszimmer den Gang entlang, habe den Fahrstuhl...“
„Ja – ja ist schon gut. Aber was machen Sie hier?“
„Ihnen beim Schlafen zusehen.“
Marc sah die Krankenschwester prüfend an und rückte spontan ein Stückchen weg von ihr. Zuzutrauen war es ihr auf jeden Fall. Kurz vergewisserte er sich, dass er angezogen war.
„Sie haben nicht auf den Pieper und das Telefon reagiert. Zwei RTWs sind angekündigt, Autounfall. Doktor Stier ist schon unterwegs und Herr Stern steht in der Notaufnahme bereit.“
„Und sonst?“
„Wie, Doktor Meier? Und sonst?“
„Vergessen Sie es, Sabine. Ich komme.“ Hoffentlich keine Schwerverletzten, dann wären sie zu dritt zu wenig. Er flog gedanklich über den Einsatzplan. Zur Not musste der Arzt von der Inneren aushelfen.
Doch seine Sorgen waren schnell vergessen, Doktor Stier und der Assistenzarzt kümmerten sich schon um den ersten Patienten, während eine blonde Chirurgin gerade den Zweiten in Empfang nahm.
„Doktor Amsel, welch eine Freude...“
„Hättest Du selbst nicht gedacht, dass Du Dich mal freuen würdest, mich zu sehen, was? Oder ist Dir Doktor Brickmann lieber – wo ist sie? Ich dachte, sie hätte den Hintergrunddienst?“
Marc zuckte mit den Achseln und sah Sabine an.
„Ich habe ihr auf die Mailbox gesprochen.“
„Einmal?“
„Ja, das reicht doch zum Anhören. Wenn sie will, kann sie es ja mehrfach abspielen...“
Zwei Ärzte stöhnten und Marc schloss kurz die Augen.

Ihren Patienten hatte es schlimm erwischt. Neben einem Bauchtrauma – Milz und Lunge waren arg in Mitleidenschaft gezogen, diagnostizierte Marc einen instabilen Beckenbruch mit ausgedehnten Blutungen.
„Das Bauchtrauma muss warten, ohne einen Fixateur externa haben wir keine Chance. Er sah den Anästhesisten an. „Ich hoffe, Sie können ihn halbwegs stabil halten. Sabine, fordern Sie noch mehr Blutkonserven an. Und quatschen Sie der Brickmann nochmal aufs Band – dann rufen Sie Doktor Schattmann, Knechtelsdörfer und Doktor Hassmann an. Ich bin mir sicher, beide sind später noch ein Fall für die Neurologie. Abmarsch!“

„Hältst Du das tatsächlich für notwendig, die ganze Kompanie anzufordern?“ Gina war sicher, dass dieses Unfallopfer nicht überleben würde und die medizinischen Fakten gaben ihr Recht.
„Wenn der drüben so zugerichtet ist wie dieser hier, werden sie einen dritten Mann brauchen. Und wir einen Assistenten.“

Fünf Stunden später waren beide Unfallopfer halbwegs stabilisiert und auf der Intensivstation. Ihre Überlebenschancen waren durch die Notoperationen nur ein Mü besser geworden. Marc sprach kurz mit den Polizisten, die sich um den Unfallhergang kümmern sollten.
„Meine Herren, sagen Sie Schwester Sabine, wie ich Sie erreichen kann.“
„Wann glauben Sie, werden die beiden Herren ansprechbar sein?“
„Darüber mache ich mir Gedanken, wenn sie die nächsten 24 Stunden schaffen. Guten Tag.“ Damit ließ Marc die Beamten stehen. Die Operation hatte ihn Kraft gekostet. Er sah auf die Uhr.

(„Hunger!“)

In der Cafeteria traf er Doktor Stier und einen der Assistenzärzte. „Ihr seht auch nicht weniger geschafft aus als wir...“
„Hat die Polizei Dir gesagt, was passiert ist?“
„Ich habe nicht gefragt. Ist auch egal... haben sich mal wieder zwei zu Brei gefahren.“
„Das trifft es ganz gut... wir hatten überlegt, ob die Organe ´Reise nach Jerusalem` gespielt haben – jedes hat irgendwo versucht, einen Platz zu bekommen...“
Marc grinste. „Herr Stern, Sie und Doktor Knechtelsdörfer sollten sich schon mal mit einem instabilen Beckenbruch beschäftigen. Falls er es schafft, haben wir in den nächsten Tagen einiges zu tun...“
„Instabiler Beckenbruch?“
„Fällt Ihnen dazu spontan etwas ein?“
„Der arme Mann... auf ihn kommt ganz schön was zu.“
„Vielleicht! Und für Sie beide wird es nicht weniger anstrengend werden. Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus.“
„Fixateur externe?“
„Zum Beispiel. Haben Sie damit bereits Erfahrung?“
„Nur bei einem offenen Bruch beziehungsweise einem Trümmerbruch. Radiustrümmerfraktur mit Verplattung und Fixateur externe.“
„Das ist immerhin etwas. Das hier wird eine Nummer größer, vielleicht. Dazu werden wir Sie beide brauchen.“
„Wir?“
„Doktor Amsel, eventuell noch Doktor Schattmann.“
„Du nimmst Gina mit rein?“ Cedric war überrascht.
„Warum nicht?“ Marc blickte den Kollegen seinerseits fragend an. „Sie kennt den Sachverhalt.“
„Ist Doktor Brickmann nicht trotzdem die Bessere?“
„Gerade sie? Nein! Ich weiß auch, dass Gina alles andere als Knochen besser kann, aber das ist kein Grund.“ Marc grinste sein Meier-Grinsen. „Ich bin ja da.“

(„Gretchen hat auch gerne einen Bogen um Knochen gemacht.“)

„Träumst Du schon wieder, Meier?“

(„Mist!“)

Cedric kannte ihn einfach zu gut.

„Stimmt es, dass Professor Haase Dich nach Zürich gezwungen hat?“
„Bitte?“
„Naja...“
„Diese Entscheidung ist nicht leicht gewesen. Aber das habe ich für mich alleine entschieden.“
„Früher hättest Du nicht mal mit der Wimper gezuckt.“
„Früher... jetzt ist es was anderes.“
„Wegen Gretchen?“
„Gretchen, der Professor, meine Mutter... wobei die ja wild darauf ist, wieder alleine klar zu kommen.“
„Marc Meier denkt zuerst an andere?“ Cedric lachte verhalten. Es klang freundlich und der Leitende Oberarzt schmunzelte.
„Ja, wer hätte das gedacht.“

Sie hatten die Anwesenheit des Assistenzarztes vergessen. „Ich bedaure sehr, dass Sie Berlin verlassen, Doktor Meier!“

Karo Offline

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13.01.2019 16:40
#248 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 2.1 - Gretchens Eltern zu Besuch 1


„Roula, der nächste kann kommen?“

„Das waren schon alle.“ Die kraushaarige Krankenschwester blickte zur Tür hinaus. Gretchen sah auf ihre Uhr. Es war erst früher Nachmittag.

„Das ist aber sehr ungewöhnlich.“ Die Ärztin warf einen prüfenden Blick in das kleine Wartezimmer. „Wir haben doch informiert, dass wir jetzt dann nochmal ein paar Tage unterwegs sein werden?“

„Ja haben wir. Und es hat sich niemand versteckt und ich habe keinen übersehen“, Roula tat beleidigt, doch innerlich grinste sie. In der Tat war es ungewöhnlich, dass nicht eine lange Schlange Patienten in und vor der Ambulanz warteten. Besonders vor und nach ihren Medical Safaris war viel zu tun.

„Dann können wir aber schon einige Sachen einpacken und bereitstellen. Platz für den Nachschub haben wir ja mittlerweile genug“ und schon hing der Arztkittel auf dem Haken.

Während die Krankenschwester die Instrumente reinigte und sortierte, wanderten ihre Gedanken zurück. Roula schüttelte ihren Kopf und grinste, als sie daran dachte, wie die deutsche Chirurgin vor ein paar Monaten hier angekommen war. Niemand hier hatte ihr mehr als einen Monat gegeben. Doch Gretchen hatte sich nicht nur nach Afrika gekämpft sondern auch dem Leben hier gestellt. Der Grund waren Gretchens großes Herz und ihr Mitgefühl für die Menschen hier.

„Bis morgen sollte auch Christian mit dem LKW wieder da sein. Dann können wir fast sofort los. Ob Eugenie´s Baby schon so weit ist?“
Gretchen war wieder hereingekommen und setzte sich auf den kleinen Hocker. Sie blätterte ein paar Akten durch.

Roula beobachtete die konzentrierte Ärztin und musste erneut grinsen. Schnell huschte sie aus dem Zimmer. Wenn die Lady Doc wüsste…

Christian war unterwegs um Fritz und die Spenden aus Ouagadougou abzuholen. Mit dabei war wieder der nette Redakteur einer Berliner Tageszeitung, der schon öfter über Gretchens Engagement in der Mission Sanssouci berichtet hatte. Und eine große Überraschung wartete auf Gretchen, denn der Container wurde von ihren Eltern begleitet.

Roula freute sich selbst sehr, dass die Überraschung geklappt hatte. Gretchen war mittlerweile eine sehr gute Freundin geworden. Die Afrikanerin wusste, dass Gretchen sich hier sehr wohl fühlte, weil sie gebraucht wurde. Aber so wie die Deutsche von ihren Eltern und von ihrem Leben in Berlin erzählte musste sie sie furchtbar vermissen.

Professor Haase und seine Frau würden über Weihnachten bleiben und direkt am 27. Dezember wieder abreisen. Roula war sehr gespannt, Gretchens Eltern kennen zu lernen. Sie wusste von Fotos, wie die Eltern der Ärztin aussahen und sie hatte bereits viele Geschichten des Professorenehepaares gehört. Nun gab es die beiden also bald live und in Farbe!

Karo Offline

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13.01.2019 16:46
#249 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 2.2 – Gretchens Eltern zu Besuch 2


In der Mission von Pfarrer Martin war der Teufel los. Eine große Menge Kinder in jedem Alter rannte kreuz und quer durcheinander. Eben war der LKW mit Spenden aus Deutschland angekommen. Um genauer zu sein, aus Berlin. Neben der Beifahrertür stand Professor Haase, der seiner Frau Bärbel half, aus dem Wagen zu krabbeln. Doch angesichts der lebendigen Kindertraube um sie herum, wagte sich Bärbel Haase nicht aus dem Fahrerhaus.

„Das sind Kinder Bärbel, die tun nichts.“
„Ja, die wollen bestimmt nur spielen. Und eh Du Dich versiehst, haben sie Dir ins Bein gebissen. Die haben doch bestimmt Tollwut.“
„Ja, wenn man Glück hat, dann haben sie auch NUR Tollwut!“

Auf den ironischen Konter des Professors hin, klappte Bärbel entschlossen die Autotür wieder zu. Verzweifelt versuchte sie, die Fensterscheibe noch ein wenig hochzukurbeln. Langsam bewegte sich die Kurbel und mit einem Knackten kurz etwas schneller - sie hatte die Kurbel abgebrochen.

Professor Franz Haase sah sich derweil etwas unsicher und mehr neugierig um. Gerade sprang der junge Berliner Redakteur Thilo Langohr schwungvoll von der Ladefläche, auf der er die Fahrt verbracht hatte. „Herr Professor, die Kiste.“ Thilo kannte dieses Willkommensprozedere bereits und so wartete als äußerstes Ladegut ein Karton mit Süßigkeiten für die Kinder.

In dem Moment kam Gretchen, vom Trubel angelockt, um den Transporter herum.

„Papa!? Was machst DU denn hier?“
„Kälbchen!“
Vater und Tochter lagen sich in den Armen. Über die Schulter des Vaters winkte Gretchen Thilo zu. Den Redakteur aus Berlin hatte sie erwartet, ihren Vater nicht.

„Was machst Du hier?“
„Wir wollten Dich überraschen und …“
WIR?!“
„Deine Mutter ist auch da, wenn sie noch nicht an Tollwut gestorben ist.“ Er zeigte nach vorne, wo Bärbel gerade ungeschickt versuchte, ihren Kopf durch das halbgeöffnete Fenster zu schieben. Ein paar Kinder beäugten die rotblonde Frau, die auf dem Sitz kniete und hektische Bewegungen machte, voller Neugier.

„Margarete! Deine Mutter ist hier.“ Sie versuchte die Kinder mit Handbewegungen zum Rückzug aufzumuntern. „Kusch... kusch...“

Gretchen sprang leichtfüßig nach vorne und zog die Tür auf – und ihre Mutter, die immer noch mit dem Fenster beschäftigt war – gleich kopfüber mit hinaus. Während die Kinder sich an der komischen Frau erfreuten wendeten sie sich der Kiste mit den Leckereien zu.
Gretchen fing ihre Mutter lachend auf und nahm sie in die Arme „Mama!“

„Wer sind Sie und was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?“ Bärbel Haase drückte ihre Tochter einmal fest an sich und dann eine Armlänge weit weg. „Margarete, hast Du die ganze Zeit nichts gegessen?“

Vor ihr stand definitiv ihre Tochter, mit dem einmaligen Strahlen in den blauen Augen und den unverkennbaren blonden Locken. Gretchen war gereift, wenn nicht sogar erwachsen geworden.

Während sich die Kinder mit ihrer Naschbeute zurückzogen, kamen drei weitere Personen aus Richtung der Häuser.
„Ihr seid ja schon da!“ Erfreut begrüßte Pfarrer Martin seinen lange ersehnten Freund Fritz. Dann drehte er sich zu der Ärztin, die immer noch im Arm ihrer Eltern lag. Um genau zu sein, im Arm ihres Vaters. Gretchens Mutter war damit beschäftigt, den Körper ihrer Tochter abzutasten.

Er grinste über das ganze Gesicht. „Na, die Überraschung ist uns also geglückt. Herzlich Willkommen, Professor Haase. Frau Professor.“ Er winkte Gretchens Mutter zu, die ihre Tochter immer noch an sämtlichen Körperstellen abtastete, unbeirrt von den Bemühungen der jungen Frau, sich diesem Prüfungsprozedere zu entziehen.

„Haben sie ihr nichts zu essen gegeben?“ Bärbel wandte sich wieder ihrer Tochter zu, die ihre Mutter nur anstarrte.

(„Okay...? Ich hätte gedacht, sie bemerkt als erstes, dass ich zu zweit bin...“)

„Völlig abgemagert. Aber Hauptsache, die Wilden hier bekommen alles was sie brauchen.“

„Mama, jetzt lass mich doch mal los… MAMA…“

Auch Christian beobachtete das Ganze, lässig und abwartend lehnte er am LKW.

„Denk gar nicht dran. Dir würde sie sofort eine scheuern“ Roula wusste, woran er dachte. Wie viele der Männer in Sanssouci wäre auch der Sozialarbeiter von einer engeren Verbindung zu der attraktiven Ärztin nicht abgeneigt. Die Schwangerschaft änderte das nicht...

Aber auch sie amüsierte sich über die Szene. Ja, die Frau Doktor hatte ihre Eltern sehr gut beschrieben.

Karo Offline

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20.01.2019 00:39
#250 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Dezember 2.3 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

Als wäre schon Weihnachten. Nein: Es ist Weihnachten!
Als wäre der Container nicht schon Grund zur Freude genug, standen Mama und Papa plötzlich in Sanssouci. Und jetzt halt Dich fest – sie bleiben über Weihnachten! Es ist einfach toll. Ich hoffe, dass sie – vor allem Papa – mit den Temperaturen zurechtkommen wobei die noch erträglich sind. Aber ich habe mich wohl auch einfach daran gewöhnt.
Papa ist total neugierig. Alles was wir hier machen, will er wissen. Mama ist etwas ängstlicher und zurückhaltender. Schon wie sie angekommen sind traute sie sich nicht aus dem Auto. Und das waren nur Kinder, die sich da neugierig um den LKW drängten. Ein Bild für Götter! Natürlich fahren wir erst in ein paar Tagen ins Land – Papa will auf jeden Fall mit, Mama überlegt noch. Aber da sind es dann keine Kinder mehr, die sich um das Auto drängen, dann werden es Erwachsene sein, die meistens sogar sichtbar krank und verwahrlost sind.
Aber eigentlich muss Mama mit! Martin und Roula werden beide mitkommen, denn sie sagen, dass ich bisher nicht so viel von dem gesehen habe, was Burkina Faso zu bieten hat. Da Fritz und Jenny in Sanssouci bleiben, können wir uns Zeit lassen.

Papa hat erzählt, dass das Wohnheim abgebrannt ist und Gina kurzerhand drei Schwesternschülerinnen bei ihnen einquartiert hat. Mamas Befürchtung, dass sie in der Abwesenheit das Haus zerlegen, teile ich weniger, aber ich bezweifle, dass ich mich im Haus meines Chefs wirklich wohl fühlen würde. Schon gar nicht im rosaroten Märchenzimmer seiner Tochter. Aber sie sitzen immerhin nicht auf der Straße.

Aprospros rosa-rot und Prinzessin und so... Ich möchte nochmal auf Weihnachten zurückkommen. Genaugenommen möchte ich mir Weihnachten auf der Zunge zergehen lassen – in Form von richtig guten Weihnachtsplätzchen. Ich bin fast vom Glauben abgefallen als Papa mir eine große Dose selbstgebackener Plätzchen überreicht hat. Natürlich dachte ich, dass Mama... aber die wusste gar nicht worum es ging. Papa hatte richtig Spaß!.

Liebes Tagebuch,
er ist wahnsinnhammermegasupersüß! Ich rede von Marc – wem sonst. Marc hat tatsächlich diese Plätzchen für mich gebacken. Vor allem rosa Herzen, Krönchen mit Glitzerdekor und zuckergussweiße Pferde. Und zwei Babyfüße. Ich liebe ihn so sehr! Ja – Liebe geht durch den Magen! Außerdem hat er mir ein paar Lebkuchen geschickt, die wirklich gut sind. Die hat er allerdings in einer Bäckerei gekauft – damit ich weiß, was ihm schmeckt. Total süß!
Fast noch besser als die Plätzchen war der Brief. Ich glaube, dass es Marc wirklich angestrengt hat, diesen Brief zu schreiben.
Außerdem hat er versprochen, dass er nochmal versucht anzurufen. Bevor er nach Zürich geht. Ich bin fast vom Stuhl gefallen.
Marc geht ab Januar nach Zürich an die Universitätsklinik. Seine Zeilen sind voller Begeisterung für die Stadt und Professor Neuroth. Er scheint dort gewesen zu sein um sich umzusehen. Ich kann mir nicht vorstellen, wann das gewesen sein soll, aber woher auch. Plötzlich kommt mir die Entfernung sehr groß vor. Ich meine, so einen Schritt entscheidet man ja nicht von heute auf morgen – und ich erfahre jetzt davon, wo schon alles entschieden ist.
Natürlich hat er Recht. Er kann nicht sein Leben lang am Elisabeth-Krankenhaus bleiben. Dafür ist Marc zu gut. Er wollte ja auch schon nach Washington. Nun ist es eben Zürich. Im Grunde die bessere Entscheidung, da kommt man von Berlin aus schneller hin als nach Amerika. Marc hat nicht nur diese neue Stelle sondern auch einen Platz in einem Forschungsprojekt. Papa hat ein bisschen von der Forschungsstudie erzählt, für die Marc tatsächlich aus Berlin weggeht. Das Reizvollste ist die Möglichkeit zu habilitieren. Ich hatte den Eindruck, dass Papa ein bisschen wehmütig klang. Bestimmt hätte er selbst gerne Marcs Habilitation begleitet.
Tja, mal allgemein: Berlin ohne Marc? Elisabeth-Krankenhaus ohne Marc? Nein, ich bleibe hier! Papa kann sich das auch schwer vorstellen. Er erzählt mit so einer Begeisterung von seinem Stellvertreter, dass Roula mich schon gefragt hat, wer von uns Marc mehr liebt.

Ich habe das erst abgewiegelt, aber bei längerem Drübernachdenken geht es gar nicht anders – Papa liebt Marc wirklich! Natürlich anders als ich es tue, aber mein Freund wird meinem Vater genauso fehlen wie mir. Ja, Marc fehlt mir. Besonders dann, wenn ich darüber nachdenke, dass sein Kind in meinem Bauch wächst. Ja, es ist sein Kind. Er mag nicht der Erzeuger sein, aber er ist der Vater. Ich weiß jetzt noch weniger, was ich machen soll.
Ich habe Roula von den drei Fehlgeburten erzählt und sie versteht, dass ich deswegen abwarten will. Warum allen davon erzählen und am Ende... nein Gretchen Haase! Du denkst jetzt nicht daran, dass Du dieses Kind verlieren könntest. Es wächst und gedeiht und Dir selber geht es so gut wie selten zuvor.

Papa sagt, Marc arbeitet sich kaputt. Damit er mich weniger vermisst?
Aber er macht seine Sache als Papas Stellvertreter wohl wirklich gut, sodass er ihn jetzt ein weiteres Mal ohne Sorgen alleine lässt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – mit 32 ist Marc Leitender Oberarzt. Ich bin sehr stolz! Mein Marc! Vater meines Bauches!

Aprospros Bauch – mein Brüderchen, der ja ebenfalls schwanger ist, also seine Freundin. bleibt auf Mallorca. Papa hat erzählt, dass ich den Ort, wo Jochen nun lebt, sehr gut kenne – San Telmo! Ausgerechnet! In Andratx hatten Peters Eltern doch die schöne Finca, wo ich so gerne war.
Peter – das ist so lange her und doch so aktuell. Wie soll man das jetzt sagen? Von ihm waren die drei Fehlgeburten?
Ich wünsche mir so sehr, dass mit Marcs Baby alles gut geht. Wie schön, dass wir mit den Spenden nun auch ein vernünftiges Ultraschallgerät bekommen. Das erste Bild gehört meinem Baby. Marcs Baby. Unserem Baby.
Ich möchte gerne mal alleine mit Papa reden. Mich interessiert wirklich, wie Marc auf Zürich kommt. Aber alleine sein ist hier wirklich schwierig. In Sanssouci ist man nicht alleine. Nie! „Emma“ hat nun in ihrer Holzkiste Nachwuchs bekommen. Sie ist ein verrücktes Huhn. Aber stubenrein, das ist sehr von Vorteil. Die kleine Hühnermutter. In ein paar Monaten bin ich dann dran – dann sogar eine richtige Mutter.

Ein sehr schöner Gedanke, der mich glücklich macht!

Bis bald! Jetzt möchte ich erstmal wieder Zeit mit den Eltern verbringen.

P.S. Schwangere sollen ja essen... die Plätzchen sind wirklich gut gelungen

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