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Karo Offline

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Beiträge: 570

05.09.2018 22:29
#201 RE: Story von Karo Zitat · antworten

PATIENTEN


November 3.4 – Patient Brune


Zusammen mit Carsten Stern nahm er einen Mann auf, der nach einem ordentlichen Stromschlag über ein Krampfgefühl in der Brust klagte. Im Moment waren die Vitalwerte stabil, das 12-Kanal-EKG zeigte keinerlei Auffälligkeiten und der Patient hatte keine Atemnot.

Aber wenn Marc vor etwas Respekt hatte, dann waren es Elektrounfälle und so nahm er die körperliche Untersuchung von Herz und Lunge sowie die Suche nach Strommarken penibelst genau.
Alles in allem hatte der Familienvater Glück gehabt, man konnte von einem leichten Stromunfall sprechen. Er hatte keinerlei Verbrennungen davongetragen, die Laborwerte waren weitestgehend unauffällig. Lediglich die Muskel- und Herzenzyme lagen leicht außerhalb der Norm, sodass Volker Brune zur Beobachtung mit EKG-Monitoring auf die Intensivstation gebracht wurde. Vorsorglich erhielt er intravenöse Volumengabe durch Natriumchlorid-Infusionslösung.

Zum Unfall hatte Marc von Volker Brune erfahren, dass er eine neue Lichterkette ausprobieren wollte, die anscheint nicht sehr gut isoliert gewesen war. So wie er den Unfallhergang beschrieb, deutete alles auf einen Fertigungsmangel hin, dem Geschädigten konnte man kein Fehlverhalten nachsagen. Schwester Sabine war voll des Mitgefühls. „Das ist ja schrecklich. Es gibt ja wirklich dumme Stromunfälle, aber wenn man eine neue Lichterkette kauft, dann geht man ja nicht davon aus, dass es einen gleich umlegt."

„Bei Kerzen kennt man jedenfalls die Gefahren. Natürlich sind auch bei elektrischen Lichterketten Sicherheitshinweise zu beachten. Aber generell sind Kerzen wohl gefährlicher.“ Marc nickte.

„Naja... wie viele Kerzenopfer haben wir gerade hier und wie viele durch elektrische Lichterketten?“

„Wie meinen Sie die Frage, Sabine?“

„Die sechs Patienten, die nach der Weihnachtsfeier eingeliefert wurden? Das war ebenfalls eine Lichterkette der Auslöser, dass der Partyraum plötzlich in Flammen stand. Herr Zündorf, der einzige, der noch unser Gast ist, hat erzählt, dass es wohl recht lange gedauert hat, bis die Sicherung rausgeflogen ist. Da brannten schon Vorhänge und Teppich und schnell waren auch andere Sachen in Flammen aufgegangen.“
„Altbau?“
„Hä?“ Sabine sah den Chirurgen verständnislos an und Marc lachte.
„Moderne Häuser haben elektrische Schaltkreise, die sofort reagieren und die Sicherungen quasi sofort rausfliegen. Da mangelt es in älteren Häusern dran. Die Statistiken weisen mehr schwere Stromunfälle in Haushalten in Altbauten auf als in Neubauten. Meistens ist da auch viel mehr Holz verbaut, sodass Feuer natürlich viel mehr Angriffsfläche findet. Das Ungeheuer der Feuerwehr sind Altbauten mit Holztreppenhäusern, also Geländer und Stufen. Da bekommen sie nur die wenigsten heile raus.“

„Aha.“ Sabine dachte eine Weile schweigend nach.

„Letztes Jahr hatten wir im Schwesternwohnheim auch noch Kerzen an unserem Baum, doch für dieses Jahr hat die Oberschwester das verboten. Sie fürchtete immer, dass sie irgendwann mal nach Hause kommt und das Heim liegt in Schutt und Asche. Sie hat extra eine Lichterkette besorgt. Mit so Flacker-LEDs, dass es ein bisschen echter aussieht. Ich hoffe, sie lässt uns wenigstens den Adventskranz mit richtigen Kerzen.“

„Besser als echte Nilpferde.“

„Wenigstens hat Doktor Gummersbach nichts gegen echte Kerzen.“
„Ich hätte da eher auf Laser getippt.“
„Hä?“

Karo Offline

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Beiträge: 570

05.09.2018 22:34
#202 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.5 – Daniela Brune – Cholonka


Am Abend meldete die Empfangsdame eine Frau Daniela Brune an, deren Mann am Nachmittag eingeliefert wurde. Sie fragte, ob es möglich sei, den Ehemann zu sehen, da sie es vorher nicht geschafft hätte, jemanden für die Kinder zu organisieren.

Der Chirurg machte sich also auf den Weg, die besorgte Ehefrau am Empfang abzuholen. Dort erlebte er eine Überraschung.

„Doktor Meier? – Marc?“

(„Entschuldigung?“)

„Äh, ja?“
„Wir haben zusammen Abi gemacht – Daniela. Daniela Cholonka.“
„Kann sein?“ Marc war sich seiner Erinnerung nicht sicher.
„Nicht schlimm, ist ja auch schon einiges her. Wir hatten Französisch und Bio zusammen.“

(„Diese Kombination kam durchaus häufiger...“)

Marc grinste. „Komm mit, es ist zwar eigentlich keine Besuchszeit mehr, schon gar nicht auf der ITS, aber sehen willst Du Deinen Mann bestimmt.“
„Ja, ich musste erst einen Freiwilligen finden, der jetzt bei den Kindern ist. Intensivstation? Wie geht es Volker?“
„So wie es aussieht hat er Glück gehabt. Er ist vorrangig zur Beobachtung auf der Intensivstation. Falls es zu verspäteten Herzproblemen kommt. Stromunfälle sind unberechenbar.“

Marc brachte die sportliche Frau zu ihrem Ehemann. Der schlief bereits. Die Abendschwester nahm die Tasche mit frischer Wäsche und Hygieneartikeln in Empfang. Der Chirurg empfahl, die Tasche zur Seite zu stellen, es wäre zu erwarten, dass Herr Brune am nächsten Morgen schon auf die Normalstation verlegt würde. Bald darauf verabschiedete sich Daniela Brune wieder, sie wollte die Geduld ihres Bruders als Babysitter nicht zulange strapazieren.

„Mein Bruder Dennis war der ewige Sieger bei den Schwimmmeisterschaften. Vielleicht kannst Du Dich da dran erinnern?“
„Dass es einen konkurrenzlosen Schwimmer an unserer Schule gab, daran kann ich mich erinnern. Aber Namen...? Da muss ich passen.“
„Vermutlich hast Du wichtigere Dinge im Kopf als Schulkameraden? Leitender Oberarzt? Was heißt das?“
„Ist ein Titel.“
„Ach nee...“ Daniela grinste den überaus attraktiven und bescheidenen Arzt an.
„Stellvertreter vom Chefarzt.“
„Oh.“ Sie war definitv beeindruckt. Wer hätte gedacht, dass aus dem obercoolen sexiest Arsch alive ein so netter und wie es schien überaus erfolgreicher Mediziner werden würde. Sexy war (sein Arsch) er genauso wie vor 14 Jahren.

„Komm gut nach Hause. Wenn alles so bleibt, dann wird Dein Mann morgen gegen Mittag auf die Normalstation verlegt. Wahrscheinlich kannst Du ihn dann übermorgen Abend schon wieder nach Hause holen. Ich möchte ihn nur mindestens 48 Stunden hier behalten.“

„Danke. Bis morgen.“ Kurz darauf war sie in der dunklen Novembernacht verschwunden.

Marc sah noch eine Weile in die Dunkelheit. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Aber eigentlich interessierte ihn das auch nicht.

Karo Offline

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Beiträge: 570

12.09.2018 13:30
#203 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.6 – Nachtschicht – Tagesrevue


Er wollte versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Aber so einfach ging das heute Nacht nicht. Immer wieder kam ihm seine Wohnung in den Sinn. Mehdi hatte ganze Arbeit geleistet. Sein Arbeitszimmer hatte sich in ein – zugegeben – schönes Kinderzimmer verwandelt. Die Möbel, die Marc bezahlt hatte, gefielen ihm sogar und er war sich sicher, dass Mehdi ausgesucht hatte, was Gretchen gefallen könnte. Gretchen...

(„Der Brief!“)

Marc sprang auf! Es war Zufall gewesen, dass er den Brief gesehen hatte. Im Bett unter dem Kopfkissen. Natürlich geöffnet und gelesen, zerknüllt und wieder glatt gestrichen. Er grinste. Mehdi hatte offensichtlich nicht gefallen, was Gretchen geschrieben hatte. Ihm, Marc, geschrieben hatte. Doch Mehdi konnte sich wohl nicht von dem Brief trennen. Schlief auf ihm.

Seine Freundin. Sie war also schwanger. Von Mehdi. Daran gab es keinen Zweifel, Marc hatte das Ultraschallbild lange angesehen. Es thronte im Wohnzimmer in einem Bilderrahmen auf einem altargleichen Sockel. Kleine Kuscheltiere, Babyschuhe und Rosenblüten. Nun ohne Babyschuhe. Die hatte er mitgenommen.

Das Datum des Briefs hatte alles erklärt. Sie hatte den Brief aus Koudougou abgeschickt. Als sie bereits wusste, dass sie schwanger war, aber noch davon auszugehen schien, dass er, Marc, der Vater sei. Anders konnte sie sich die Hinweise in ihrem Brief nicht erklären. Es war kein typischer Gretchen-Brief gewesen. Er hatte eine (frohe) Botschaft enthalten.

Als Mehdi dann abgereist war wusste sie demnach schon, wer das Kind gezeugt hatte. Wie es Gretchen wohl mit diesem Wissen ging? War sie wirklich ohne Zweifel? Gretchen war die erste, die unsicher war und aus dieser Unsicherheit heraus Dummheiten machte.

(„Ich muss sie anrufen. Unbedingt!“)

Bestimmt fragte sie sich immer wieder, ob Marc den Brief überhaupt bekommen hatte. Was Mehdi ihm erzählt hatte. Und vor allem: Wie ging es ihm selbst damit. Bestimmt fühlte sie sich schlecht und schuldig.

(„Ich muss sie anrufen. Solange und immer wieder, bis wir gesprochen haben. Koste es, was es wolle!“)

Er dachte an das Kinderzimmer. Wenn andere sein Geld rausschmeißen konnten, dann er schon lange.
Die Wohnung war ein Schock gewesen. Mehdi hatte ihn ausgelöscht. Doch Cedric und wohl auch Thilo und dessen Kumpel hatten sich gut um seine Sachen gekümmert und diese in Sicherheit gebracht. Cedric war mit ihm zu Elke gefahren und er hatte sich davon überzeugen können.

(„Mutter...“)

Er hatte überhaupt keine Ahnung, was er noch von ihr glauben sollte. Er war verschwunden und sie sagte wichtige Termine ab. Cedric hatte gesagt, sie sei furchtbar besorgt und fertig gewesen. Trotzdem fuhr sie mit diesem Kegelclub in die Schweiz. Da bot er ihr unfreiwillig eine Chance das Ding zu umgehen und was machte sie? Fuhr einfach.

Du bist eben nicht wichtig. Raff es endlich.
Nein. Da muss was anderes hinter stecken. Lern doch endlich, dass oft was ganz anderes dahinter steckt.


Es war egal.
Es war anders gekommen.

Als hätte Elke gespürt, dass er gerade in ihrer Wohnung war, ging sein Handy.

„Meier?“ – „Ja, damit musste ich rechnen. Ist gut, bis morgen.“

„Das war kein Notfall?“ Cedric sah Marcs Mienenspiel, konnte es aber nicht deuten.
„Wie man es nimmt – meine Mutter kommt morgen nach Berlin.“

Nach dem Telefonat hatte er mit seinem Anwalt Doktor Falk gesprochen und ihm die Situation mit Doktor Kaan geschildert. „Ich werde erstmal bei meiner Mutter bleiben, aber ich möchte so schnell wie möglich eine Lösung haben.“ Am einfachsten war es, Mehdi einen Mietvertrag aufzudrücken.
Der Anwalt war zuversichtlich. „Machen Sie sich keine Sorgen, Doktor Meier, ich kümmere mich darum.“

Cedric hätte fast den Motor abgewürgt. „Du willst zu Deiner Mutter ziehen?“
„Hab ich eine andere Wahl?“

Jetzt, in der Stille seines Büros, fiel ihm der Brief wieder ein. Er hatte ihn schon gefühlte tausend Male gelesen. Vermutlich konnte er deswegen so gelassen bleiben.

(„Machen wir die 1001.“)

Grinsend faltete er die rosa beschriebenen Seiten auseinander.

Karo Offline

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12.09.2018 13:44
#204 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Lieber Marc, liebster Marc! Vor allem – mein Marc,

unser Ausflug nach Koudougou gibt mir die Gelegenheit, Dir diesen Brief zu schicken. Wie lange er unterwegs sein wird weiß ich nicht, vielleicht kommt er auch gar nicht an...?

Morgen am 23. Oktober bringen wir Habiba zu Professor Inyesse, dem Chef des Krankenhauses. Martin hat es geschafft, der Schwester von Naiya dort eine Praktikumsstelle zu verschaffen. Ich freue mich sehr, wieder mal in die Stadt zu kommen.

Noch mehr als auf eine zuverlässige Post hoffe ich auf eine Telefonverbindung – ich möchte so gerne wieder Deine Stimme hören. Dein Lachen, den kleinen Unterton, mit dem Du mich so liebevoll auf den Arm nehmen kannst. Ich vermisse Dich sehr aber trotzdem bin ich glücklich. Du hast mir Dein Herz dagelassen.

Und noch so viel mehr!
Es fühlt sich gut an aber ich habe auch Angst.
Vor dem, was kommen wird.

Ich stecke in einem Dilemma.

Darf man gegen seine Überzeugung und gegen seine Art handeln, nur weil es keine andere Möglichkeit gibt?
Es gibt so viel, das ich Dir sagen möchte.
Aber ich möchte Dir dabei in die Augen sehen. Deine Augen verraten so viel. Ich glaube, dass es stimmt, dass die Augen der Spiegel der Seele sind.

Mehdis Augen sind nur noch schwarz.
Keine Ahnung, was mit ihm passiert ist, vielleicht hat er eine Giftpflanze verspeist. Er ist nicht mehr so, wie ich ihn kenne – wie wir ihn kennen.

Ich muss Gina glauben. Mehdi ist mit anderen Vorstellungen nach Afrika gekommen. Ihm ging es wohl mehr um mich als um Afrika. Nachdem Du abgereist bist, bat er Gina um einen Zimmerwechsel. Gina zu mir und ich zu ihm. Damit er für mich da sein und mich trösten kann. Gina ist dann einfach zu mir gezogen, natürlich war er sauer.
Gina sagt auch, dass sie für ihn nur ein Alibi war – dass er aber eigentlich mich wollte. Glaubst Du, Mehdi ist zu sowas in der Lage? Ausgerechnet Mehdi?

Gina gegenüber hat Mehdi nicht gut über Dich gesprochen. Dass Du bald wieder in alte Verhaltensmuster fallen würdest. Er bräuchte nur zu warten.

Ganz ehrlich, Marc. Genau davor habe ich am meisten Angst. Und auch sowas würde ich Dir lieber persönlich sagen, dass Du meine Augen sehen kannst. Dass ich nicht an Dir oder uns zweifle. Aber mein Herz hat Angst, wieder verletzt zu werden. Mein Verstand ist sich sicher, dass es nicht so passieren wird. Denn so wie ich Gretchen Haase bin, bist Du Marc Meier.
Im Grunde sind Papa und ich uns zu 100% einig: Er vertraut Dir und ich tue es auch. Wenn nicht sogar mehr als 100%. Egal, wie Du willst, das man Dich wahrnimmt, Du bist ehrlich und hast eine treue Seele.
Ich glaube, mein Unterbewusstsein hat das damals direkt erkannt.
Auf der 5. Stufe des oberen Treppenteils zwischen dem ersten und zweiten Stock. Ich hatte das Gefühl, Dich zu kennen, zu erkennen. Vielleicht waren es unsere Seelen, die sich damals verbunden haben. Nun sind unsere Herzen gefolgt.
Das ist es, was meine Gefühle für Dich ausmachen. Sie kommen ganz tief aus mir raus.
Ganz tief in mir liegt unsere Liebe und sie ist sicher.

Gut, vielleicht helfen drei Flaschen Wein darüber hinweg aber ohne diese wäre ich nie mit Mehdi im Bett gelandet. Ha, Gina ist ähnlich drauf wie Du – früher! Was Sex angeht. Ein bisschen bin ich froh, dass sie so gnadenlos alles angesprochen hat. Dass ich mal einfach aus der Situation heraus gehandelt habe – einfach mit jemandem zu schlafen weil mir in dem Moment danach war. Egal, ob mit oder ohne Alkohol.
Nein, eigentlich sagte sie, ohne Alkohol und mit einem anderen Mann hätte ich mehr davon gehabt. Gina sagt, Mehdi kann nicht ... ähm, vögeln. Aber ich sei nun mal Gretchen Haase und das wäre schon sehr Gretchen-unlike gewesen. Soll ich stolz darauf sein?

Nein, ich bin es nicht. Aber ich muss mich dafür nicht schämen, das habe ich verstanden. Ich fand diesen Verrat Dir gegenüber furchtbar. Aber wir waren nicht zusammen – man konnte nicht mal davon ausgehen, dass das passieren würde. Auch wenn ich es mir so sehr gewünscht habe.
Ein One Night Stand? Sowas macht Gretchen nicht. Dabei tun das alle, warum also nicht auch Gretchen Haase. Auch wenn sie erst ihre verstaubte Moralvorstellung aus dem verklemmten Gretchen-Weltbild in drei Flaschen Wein ertränken muss. Ich habe niemanden betrogen!
Nicht Alexis (Frank) und nicht Dich.
Mein Absturz mit Mehdi – egal, ob von ihm provoziert oder nicht – hat nichts mit uns zu tun.
Ich werde nicht länger darüber nachdenken. Es ist einfach unwichtig.

Mehdi sieht das natürlich anders und es bereitet mir wirklich Sorgen, dass er bei Dir wohnt. Ich glaube, dass ich Gina und Roula Recht geben muss: Er ist grenzenlos eifersüchtig und neidisch auf Dich.
Pass einfach auf Dich auf, ja?
Versprich mir, dass Du nicht an uns zweifelst. Alles andere würde mich verzweifeln lassen.

Egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen (es sind 6000 – ich weiß es mittlerweile!), ich glaube an uns so wie ich es die ganzen Jahre getan habe. Damals in der Schule, wie heute im EKH. Und jetzt eben Afrika.
Ich liebe Dich, Marc Meier!
Und diese Liebe wird Früchte tragen, da bin ich sicher!

Für immer, Dein Gretchen!

P.S. Klingt das zu kitschig? Für immer Dein...? Egal. Das ist, wie ich fühle.
P.P.S Was hast Du mit der SMS gemeint? Das mit dem entschuldigen? Weder mein Kopf noch mein Herz meinen, dass noch was offen oder ungeklärt ist?

Karo Offline

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12.09.2018 13:47
#205 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.8 – Nachtschicht – Tagesrevue 2


Um 21 Uhr hatte Marc den Assistenzarzt schlafen geschickt, im Notfall würde er ihn wecken lassen. Direkt am Morgen um 8 Uhr ging es mit geplanten Operationen los, die Assistenzärzte waren bis zum Mittag fest Doktor Amsel und Doktor Schattmann zugeteilt. Er wollte nicht riskieren, dass Doktor Knechtelsdörfer wegen Schlafmangel unkonzentriert war.

Gina würde am Vormittag zwei Schilddrüsen operieren. Das war in London ihr Spezialgebiet gewesen und Marc war froh, eine fähige Operateurin auf diesem Gebiet zu haben. Natürlich konnte er das auch, aber er mochte diese Disziplin nicht. Und ja – er hatte sich mit Doktor Amsel arrangiert. Sie konnten mittlerweile sogar vernünftige Gespräche führen. Nichts Persönliches, soweit ging die Sympathie nicht, aber vor allem beruflich waren sie ein professionelles Team. Überhaupt funktionierte die neue Konstellation sehr zufriedenstellend. Amsel, Rössel und Schattmann für die meisten OPs zu planen, hielt ihm den Rücken frei. Nicht zu vergessen Doktor Stier. Der war in der Zeit, als Marc verschwunden war, nach vorn geprescht und hatte überrascht festgestellt, dass es ihm gut damit ging. Probeweise hatten sie seine Stundenzahl hochgezogen. Er schien gut damit zurechtzukommen.
Dadurch dass der Professor wieder da war – auch wenn er dem Wunsch seiner Frau nicht hatte entgehen können und nun auf Mallorca weilte, hatte Marc nur noch wenig mit dem lästigen Schriftkram zu tun.
Aber da war die neue Kollegin. Marc hatte vom ersten Tag an eine Abneigung gegen Doktor Brickmann entwickelt, die Zusammenarbeit führte nicht zu einer Entspannung zwischen den beiden Chirurgen.

Marc sah sich die folgenden Tage in der OP-Planung an. Er selbst war nur zweimal fest eingeplant, nun mit der Knochenentzündung ein drittes Mal.

(„Was soll ich noch hier, wenn erst der Professor wieder voll da ist? Dann bin ich ja fast überflüssig.“)

(„Mist, Mist, Mist! Wir brauchen eine ausgelastete Notaufnahme, sonst bringt das alles nichts!“)


Marc erledigte zügig alle anfallenden Briefe, die er heute selbst schreiben musste. Er stellte allerdings fest, dass er gelernt hatte, diese ungeliebte Tätigkeit einfach durchzuziehen und sich nicht erst lange darüber aufregte.

(„Vielleicht hat der Professor doch Recht gehabt und man gewöhnt sich mit der Zeit daran.“)

Trotzdem... er bevorzugte den OP-Tisch. Einen Schreibtisch konnte man zwischendurch zwar ganz gut anderweitig benutzen, aber dafür fehlte ihm gerade die Frau. Die war 6000 Kilometer weiter südlich mit ihrem Tagebuch beschäftigt.

Karo Offline

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19.09.2018 21:21
#206 RE: Story von Karo Zitat · antworten

♥♥♥
Liebes Tagebuch,

sag mir, was ich tun soll. Ich sitze jetzt hier und starre das Telefon an. Von alleine wird es nicht wählen, aber ich kann das nicht. Mein Geist ist willig, der Körper nicht. Es wäre so einfach, ihn jetzt anzurufen.

Ich habe Angst davor, was mich erwartet. Was ist in der Zwischenzeit mit ihm geschehen. Was hat Mehdi gesagt, hat er überhaupt was gesagt und hat Marc meinen Brief bekommen? Wenn ja, hat er ihn verstanden?
Oder will er einfach gar nichts mehr mit mir zu tun haben?

Statt zum Telefon greife ich immer wieder zu dem jüngsten Bild meines Kindes. Doktor Yves, wie Professor Inyesse genannt wird, hat mir wieder erlaubt, sein Ultraschallgerät zu benutzen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich einen Jungen haben werde.

Mein Baby, meine Freude: Ich zähle die 15. Schwangerschaftswoche und ich fühle mich wohl. Ob es gut, ist, dass ich immer nachlese, was in der aktuellen Woche mit ihm passiert? Jetzt ist es schon ein Fötus und ich fange an, an mich zu glauben. Für den Moment ist alles gut. Bald habe ich meine eigenen Zweifel von mir als Werdende Mutter hoffentlich hinter mir. Ich möchte mich so gerne einfach nur auf das Baby freuen. Theoretisch bewegt es sich schon, ich kann es nicht erwarten, das auch zu fühlen. Bisher habe ich es nur gesehen, aber ich möchte es endlich fühlen!!! Aber vermutlich muss ich damit noch ein paar Wochen warten. Ich bilde mir ein, dass mein Bauch anfängt zu wachsen. Vielleicht sind das aber auch nur Schwielen am Bauch, weil ich oft abends meinen Bauch streichle. Ich kann das stundenlang. Mit meinem Baby kuscheln.

Aber ich werde vergesslich. Was genau weiß ich nicht mehr, aber mir ist es schon öfter aufgefallen. Und Roula auch. Sie hat gelacht, das hätte sie schon häufiger von Schwangeren gehört.
Apropos Roula:
Ich habe sie ein weiteres Mal operiert und ich bilde mir ein, dass sie gute Chancen hat, irgendwann Mutter zu werden. Das Problem ist nicht nur, dass bei ihr alles zu verwachsen und vernarbt ist, dann könnte man auch glatt über eine künstliche Befruchtung nachdenken. Ob sowas für einen christlichen Mann wie Martin überhaupt in Frage käme? Am Sex dürfte es nicht mehr scheitern, allerdings wird Roula dabei nie wirklich diese Lust spüren. Dazu bleibt zu viel gefühlloses Narbengewebe. Ich kann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht beurteilen, wie weit auch ihre inneren Organe betroffen sind. Die vielen Infektionen und Entzündungen durch die Verletzungen, Vergewaltigungen und vor allem auch durch den Urin- und Menstruationsblutstau können einfach überall ihre Spuren hinterlassen haben. Immerhin bekommt sie regelmäßig ihre Tage und soweit ich das beurteilen kann, ist die Gebärmutter in Ordnung. Vielleicht kann ich später dann mit einem der neuen Ultraschallgeräte mehr sehen?

Fritz kommt in der ersten Dezemberwoche, momentan ist er Dauergast bei den Zollbehörden, dass da nichts schief laufen kann. Es handelt sich ja nicht einfach nur um eine „ordnungsgemäß gekaufte Medikamentenlieferung“. Es muss alles deklariert und gekennzeichnet sein, für jede Ware gibt es eine eigene Zollnummer...

Ein eigenes Ultraschallgerät. Ich glaube, ich werde meinem Baby jeden Tag „Hallo“ sagen.

Mit meiner immerwährenden Frage, auf die es einfach keine einfache Antwort gibt, ende ich nun. Danke, dass Du mir zuhörst.

Bis bald,
Gretchen

Karo Offline

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19.09.2018 21:28
#207 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.10 – So sind wir hier nicht!


Bevor Marc tiefer in Erinnerungen oder Träumen versinken konnte, meldete sich sein Pieper. Er sah schnell auf die Uhr – Knechtelsdörfer hatte jetzt vier Stunden Schlaf. Nein, er wollte erst sehen, was rein kam, bevor er ihn weckte.

Es war verdammt kalt, nachts um ein Uhr in Berlin. Marc erwartete den RTW alleine. Entsprechend überrascht war Gordon Tolkien, Maurice hatte doch gesagt, dass er Nachtschicht hätte. Auf seine Frage nach dem Österreicher bekam er die überraschende Antwort, dass der Assistenzarzt schliefe. Dem Leitenden Oberarzt waren ausgeruhte Mitarbeiter im OP wichtiger und im Notfall könne er den Kollegen immer noch wecken. Gordon freute sich mit seinem Kumpel, doch er selbst fand diese Situation doof. Er hatte seinen Rettungs-Kollegen mühsam überredet, ins EKH zu fahren, da sie hier sicherlich einen guten Kaffee bekommen würden.

„Was haben wir hier?“
„Herr Müngersdorf ist beim Verlassen der Kneipe die zwei Stufen heruntergefallen. Er ist stark alkoholisiert, was unserer Meinung nach schwerer wiegt als die Verletzungen, die der Sturz bewirkt hat. Abschürfungen an Händen, Knien und im Gesicht, kein Verdacht auf Frakturen, aber Prellungen in Schulter, Handgelenken und das rechte Knie schmerzt.“

(„Ob ich Knechtelsdörfer doch wecken soll? Das ist ja...“)

„Haben Sie ihm irgendwas gegeben?“
„Nein.“
„Gut, schaffen Sie ihn in die zwei.“

Er sah wie der zweite Sanitäter seine kalten Hände anhauchte, um sie ein wenig zu wärmen.

„Wenn Sie nicht direkt wieder los müssen, dann fragen Sie Frau Trick am Empfang nach einem Kaffee. Sie hat immer welchen da!“
„Das wäre wunderbar, vielen Dank Doktor Meier! Kommen Sie denn mit dem alleine klar?“
„Ja, Schwester Renate ist gleich da, das geht schon.“

(„Ungerne!“)

Viel hatten sie mit dem Eingelieferten nicht zu tun, die Verletzungen beschränkten sich in der Tat auf das vermutete Ausmaß. Der Patient war ein friedlicher Besoffener, der bald seinen Rausch ausschlief und kaum mitbekam, was man mit ihm anstellte. Marc schickte eine Blutprobe ins Labor, reinigte die Schürfwunden und kühlte die geprellten Körperteile. Die Schwester hatte schließlich das Vergnügen, den Mann so gut es ging zu waschen und ihm frische Klamotten anzuziehen, wobei sie sich auf ein OP-Hemdchen beschränkte, da der Alkoholisierte einfach nur ein nasser, schwerer Sack war.

Am Empfang traf er die beiden Sanitäter, die sich bei der Empfangsdame aufwärmten. Frau Trick hatte sogar noch ein paar belegte Brötchen aufgetrieben, nicht frisch aber für die Sanis glichen sie einem Festessen.

„Bekommen Sie im KatHo nichts zu essen?“
„Ehrlichgesagt sind wir hier her gefahren, weil ich hoffte, Maurice versorgt uns mit einem Kaffee.“
„Das beantwortet nicht meine Frage und warum haben Sie nicht einfach gefragt?“
„Keine Ahnung... nein, die Leitstelle ist zwar sehr modern eingerichtet aber Komfort gibt es nur für den Leitstellenmitarbeiter. Es ist einfach nicht genug Platz für alle und so warten wir in der Regel im Wagen auf die Einsätze.“
„Auch jetzt im Winter? In der Nacht?“ Marc sah Gordon entsetzt an.
„Ja.“
„Und dann werden Sie nicht mal versorgt?“
„Doch aber nur gegen Bezahlung!“
„Das ist ja nicht zu glauben!“
„Das ist leider die Wahrheit.“
„Ich dachte, mit dem Umzug würde alles besser, moderner?“ Er konnte sich diese Spitze nicht verkneifen.
„Ich wüsste nicht für wen, außer für die Notärzte und die Innendienstmitarbeiter. Da ist ja nicht mal genug Platz, dass die RTWs geschützt stehen können. Nur einer passt in die Durchfahrt, der zweite oder jeder weitere muss draußen warten.“
„Wo – draußen?“
„Auf der Straße. Die Einfahrt muss ja frei bleiben...!“

„Also wissen Sie was?“ Nun mischte sich die Empfangsdame ein. „Wenn es für Doktor Meier und den Herrn Professor in Ordnung ist, dann halte ich jetzt immer Verpflegung hier bereit, zumindest zu den Zeiten, wo unsere Cafeteria geschlossen ist. Das ist ja unmenschlich! So sind wir hier nicht!“

„Nein, da habe ich absolut nichts dagegen, Frau Trick. Da stehe ich sogar voll und ganz hinter! Lassen Sie die Kosten über die Cafeteria laufen, die sollen die Verpflegung mit in der Planung einkalkulieren. Wenn die Probleme mit dem Budget haben sollten, dann Meldung an mich! Gute Nacht zusammen!“

Marc beeilte sich in sein Büro zu kommen!

(„Nein, so sind wir hier nicht!“)

Wenn es so einfach war, die Notaufnahme auszulasten, dann sollten die Sanitäter so viel Kaffee und Brötchen haben, wie sie wollten. Das würde sogar Bernd Ullstein so sehen, falls das Versorgungsbudget nicht ausreichen würde.

(„Wenn die Auslastung der Notaufnahme an Kaffee hängt, dann koche ich den höchstpersönlich!“)

Kurz darauf war eine kurze Info per Mail an Bernd Ullstein unterwegs. Er versprach eine ausführlichere Ausarbeitung in den nächsten Tagen. Marc sah auf die Uhr. Hinlegen lohnte sich nicht mehr, dann wäre er bestimmt müder als wenn er jetzt wach bliebe.

(„Fangen wir direkt an!“)

Es ging doch nichts über eine neue Herausforderung!

Karo Offline

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19.09.2018 21:45
#208 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.11 – Anamnese für die Cafeteria


Noch besser war es, gleich von Anfang an gute Argumente zu finden. Die StaBe hatte ja sowieso angekündigt, eingestaubte Strukturen ändern zu wollen, warum nicht gleich bei der Cafeteria anfangen. Sie brauchten ein Konzept, dass für die Klinik sinnvoll war, nicht für die Verwaltung.

Du hast keine Ahnung davon!
Vom Kochen bisher auch nicht und das klappt doch auch hervorragend!


Aber Marcs Gehirn hatte Feuer gefangen. Er näherte sich dem unbekannten Terrain auf medizinischem Weg.

(„Am Anfang steht immer eine gute Anamnese. Was haben wir, was wollen wir, was ist gut, was ist nicht gut.“)

Er vermied bewusst das Wort „schlecht“.
Der Interimschef durchdachte die Versorgung der Mitarbeiter, die auf den Stationen immer auf Wasser, Schorle, Kaffee und Tee zugreifen konnten. Außerdem stand immer frisches Obst zur Verfügung. Marc wusste von seiner eigenen Station, dass es fast immer zu viel war und einiges faul oder schimmelig wurde. Ob das auf den anderen Stationen ebenso war?

(„Das lässt sich ja leicht herausfinden!“)

Und wie verhielt es sich mit dem Obst in der Cafeteria? Wurde dort auch so viel entsorgt? Was geschah mit dem übriggebliebenen Essen des Tages? Marc suchte sich die interne Mailadresse der verantwortlichen Dame heraus und schrieb ihr eine Notiz, dass er sie diese Woche sprechen wollte. Dabei erklärte er kurz die Situation, die sich heute Nacht zufällig ergeben hatte.

Auch wenn er die gegenwärtigen Abläufe der Cafeteria nicht kannte, so konnte er sich dennoch überlegen, was ihm sinnvoll und nicht erstrebenswert schien. Zu deftig, zu einfach und wenig Abwechslung. Außerdem selten richtig heiß.
Ihm fiel das Essen in der Universität ein. Er hatte das Mensaessen verabscheut. Es war praktisch gewesen, das in jedem Fall. Ohne die Mittagspause hätte er seine Vorlesungen nicht durchgestanden. Im Gegensatz zu den meisten Kommilitonen hatte er kaum Freistunden oder Pausen zwischen den Seminaren. Er startete um 8 Uhr und war selten vor 18 Uhr zu Hause.

(„Deswegen war ich auch einfach schneller!“)

Eine Mahlzeit - je nach Schicht - musste den Mitarbeitern täglich zur Verfügung stehen. Er dachte an Gretchen. Bei ihr würde es garantiert funktionieren - Motivation durch Essen.

Er konzentrierte sich wieder auf sein Thema. Vielleicht sollte er hier auch die Meinung der Mitarbeiter einholen, schließlich waren die es, am meisten Nutzen davon hatten. Das Angebot war klassisch – Vollkost, Schonkost, Vegetarisch. Bei Nachtisch oder Kuchen gab es oft eine Alternative für Diabetiker, die meist unangerührt blieb, da die meisten Betroffenen sich doch eher ihre Mahlzeiten mitbrachten. Aber was war mit den übrigen – neumodischen – Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten?

Wenn nicht ein Krankenhaus, wer dann sollte darauf Rücksicht nehmen? Wer sonst konnte Vorbild sein? Von Schulen und Kindergärten verlangte man das mittlerweile ja auch. Wie weit ging die Verantwortung gegenüber den Lebensmitteln?

Stooop! Du bist Arzt, ein erfolgreicher obendrein. Was willst Du Dich um Lebensmittel kümmern?

(„Weil ich von diesen Mitteln lebe!“)


Seit Marc gelegentlich kochte, hatte er sich durchaus mit dem Thema beschäftigt. Dabei war es Zufall gewesen...


***
Nachdem der erste Braten überraschend gut gelungen war, wollte er es nochmal versuchen. Übung... Und so hatte er mehr oder weniger geduldig in der langen Schlange an der Fleischtheke gestanden und den mehr oder weniger nervigen Gesprächen zugehört. Kurz bevor er endlich an der Reihe war, wollte es eine Frau überaus genau wissen, die Rouladen sollten schließlich etwas Besonderes werden.

(„Rouladen? Wie lange hast Du die nicht mehr gegessen...“)

Marc spitzte also die Ohren und erfuhr, welche Unterschiede es in der Aufzucht und Haltung gab. Am Ende entschied sich die Frau für das Angebotsfleisch, alles andere wäre Wucher. Ob es überhaupt Leute gäbe, die das zahlen würden.

Ungefragt bejahte Marc und orderte trotzig 4 Rinderrouladen vom Biohof in Brandenburg. Er war sich sicher, dass er sich diese Arbeit nicht so schnell wieder machen würde aber freute sich, dass noch zwei Fleischrollen im Gefrierschrank lagen. Ob es tatsächlich am Biosiegel gelegen hatte, dass sie ihm ausgezeichnet geschmeckt hatten?


***
Marc starrte in die Luft. Hatte er jemals hinterfragt, woher die Lebensmittel des Krankenhauses kamen? Kaufen und Wegwerfen war eine Sache. Aber wenn man schon über die Quantität nachdachte, wäre es nicht an der Zeit, auch über die Qualität nachzudenken?

Ihm fiel das Café Sonne ein, die sich mit ihren Produkten umgestellt hatten. Sowohl die Rohstoffe als auch die „fertigen“ Lebensmittel kauften sie regional und unter ökologischen Aspekten ein. Frau Böhm hatte ihm erzählt, dass sie ein- bis zweimal pro Woche auf dem Wochenmarkt Salat und Gemüse einkaufte. Es war nach ihrer Auskunft nicht mal so viel teurer, wenn man auf Angebote achtete. Der Weg dahin war natürlich umständlicher als einfach im Großmarkt zu kaufen oder zu bestellen.

Einen Großteil des Mehls bauten sie selber an, von daher konnten sie meistens auf einwandfreies Korn zurückgreifen. Das Getreide wurde von den Betreibern eines Gestüts geerntet, dafür überließen sie dem Pferdebetrieb das Stroh für die Einstreu.

„Eine Win-Win-Situation, Doktor Meier!“

Ihm war schon aufgefallen, dass die Brötchen oft unterschiedlich schmeckten oder aussahen. „Wir betreiben ein Handwerk, Doktor Meier, keine Aufbackstation.“ Der Preis bewies das, aber die Kunden zahlten den Mehrwert gerne. Davon hatte er sich schon oft genug überzeugen können. Gut, vielleicht wohnten in seinem Viertel auch vorrangig Menschen, die nicht auf den letzten Cent achten mussten, aber trotzdem war das Café Sonne selten leer.

(„Nächste Woche werde ich einfach mal mit Herrn Ullstein dort auf einen Kaffee vorbei fahren!“)

Es klopfte und Marc erschrak.
„Ja bitte?“
„Doktor Meier, warum wecken Sie mich denn nicht?“ In der Tür stand ein verschlafener Assistenzarzt.
„Was, wieso?“ Der Chirurg stellte erschreckt fest, dass es bereits halb vier war. „Oh... ich habe wohl die Zeit vergessen.“
„Sie können doch nicht immer nur arbeiten?“
„Aber wenn die Ideen zu einem kommen, kann man sie auch nicht vor der Tür verhungern lassen.“

Marc speicherte sein erstes Konzept und sah den Österreicher fest an. „Apropos... verhungern lassen... Ihr Kumpel von der Rettung war hier.“
„Es gab einen Notfall?“
„Naja... eher einen Umfall. Ein Besoffener, der beim Verlassen der Kneipe die Stufe übersehen hat. Abschürfungen und Hämatome... ich sah keinen Grund, Sie zu wecken. Aber Herr Tolkien hat sie vermisst, haben Sie die Jungs schon öfter mit Kaffee versorgt?“

Maurice begann plötzlich zu schwitzen. Hatte Gordon etwa etwas gesagt? Jetzt würde Doktor Meier ihm die Ohren langziehen, die Leviten lesen und wenn er großes Pech hatte, sogar die OP entziehen.
„Äh, ja, also schon. Also manchmal... wissen Sie Herr Doktor, es wird ja jetzt kalt und...“
„Knechtelsdörfer!“ Marc brachte den offensichtlich gestressten Arzt zum Schweigen. „Herr Tolkien und sein Kollege bringen die Notfälle hierhin, weil sie auf einen Kaffee hoffen.“
„Also das tut mir sehr leid, dass ich...“
„Doktor Knechtelsdörfer! Ist Ihnen bewusst, was Sie damit angerichtet haben?“ Marc hatte ein wenig Spaß dabei, den Assistenzarzt aufzuziehen. Maurice war total überfordert. Der Chef schnauzte ihn an aber grinste gleichzeitig?
„Ich verstehe gerade gar nichts mehr...“

„Das merke ich. Seit die Leitstelle im Katharinen Hospital untergebracht ist befürchte ich einen Einbruch der Zahlen in der Notaufnahme. Die macht immerhin gut fünfzig Prozent unserer Aufnahme aus. Normalerweise würde man davon ausgehen, dass die Rettung lieber direkt „nach Hause“ fährt. Aber dank Ihres „Coffeeshops“ kommen die hier hin.“

Der Begriff „Coffeeshop“ löste bei Maurice erneut heftiges Herzflattern aus. Was hatte Gordon bloß alles erzählt. Nicht, dass er gleich mit einem Verfahren wegen Cannabis-Anbau und Vertrieb in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde.
„Begreifen Sie das, Knechtelsdörfer! Wegen einem Kaffee. Ab sofort wird am Empfang bei Frau Trick immer Verpflegung für die Mitarbeiter des Rettungsdienstes parat stehen. Brötchen gegen Patienten.“

Allmählich drang die Nachricht in die österreichischen Gehirnwindungen vor, dass Doktor Meier gerade nicht vorhatte, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Sie sind also nicht erbost über mein eigenmächtiges Handeln?“
„Nein, Doktor Knechtelsdörfer. Absolut nicht. Ausnahmsweise!“
„Jetzt bin ich aber froh! Oh Gott...“
„Es ist gut, dass Ihnen das gelegentlich auffällt...“

(„...dass ich Gott bin!“)

Grinsend stand der Leitende Oberarzt auf. „Schlafen Sie weiter, Doktor Knechtelsdörfer. Sie haben morgen ja mehrere OPs im Plan.“
„Hä? Ich dachte die wurden gestrichen?“
„Bitte?“
„Äh, also ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Doktor Brickmann...“
„Ich will nichts hören!“ Marc unterbrach den Kollegen und wendete sich dem Computer zu.
„Ich bringe sie um!“
„Das geht aber gegen Ihren Eid, Doktor Meier!“
„Wir klären das morgen früh. Sie – jetzt schlafen. Morgen operieren. Gute Nacht!“

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