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Dieses Thema hat 215 Antworten
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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 648

05.09.2018 22:29
#201 RE: Story von Karo Zitat · antworten

PATIENTEN


November 3.4 – Patient Brune


Zusammen mit Carsten Stern nahm er einen Mann auf, der nach einem ordentlichen Stromschlag über ein Krampfgefühl in der Brust klagte. Im Moment waren die Vitalwerte stabil, das 12-Kanal-EKG zeigte keinerlei Auffälligkeiten und der Patient hatte keine Atemnot.

Aber wenn Marc vor etwas Respekt hatte, dann waren es Elektrounfälle und so nahm er die körperliche Untersuchung von Herz und Lunge sowie die Suche nach Strommarken penibelst genau.
Alles in allem hatte der Familienvater Glück gehabt, man konnte von einem leichten Stromunfall sprechen. Er hatte keinerlei Verbrennungen davongetragen, die Laborwerte waren weitestgehend unauffällig. Lediglich die Muskel- und Herzenzyme lagen leicht außerhalb der Norm, sodass Volker Brune zur Beobachtung mit EKG-Monitoring auf die Intensivstation gebracht wurde. Vorsorglich erhielt er intravenöse Volumengabe durch Natriumchlorid-Infusionslösung.

Zum Unfall hatte Marc von Volker Brune erfahren, dass er eine neue Lichterkette ausprobieren wollte, die anscheint nicht sehr gut isoliert gewesen war. So wie er den Unfallhergang beschrieb, deutete alles auf einen Fertigungsmangel hin, dem Geschädigten konnte man kein Fehlverhalten nachsagen. Schwester Sabine war voll des Mitgefühls. „Das ist ja schrecklich. Es gibt ja wirklich dumme Stromunfälle, aber wenn man eine neue Lichterkette kauft, dann geht man ja nicht davon aus, dass es einen gleich umlegt."

„Bei Kerzen kennt man jedenfalls die Gefahren. Natürlich sind auch bei elektrischen Lichterketten Sicherheitshinweise zu beachten. Aber generell sind Kerzen wohl gefährlicher.“ Marc nickte.

„Naja... wie viele Kerzenopfer haben wir gerade hier und wie viele durch elektrische Lichterketten?“

„Wie meinen Sie die Frage, Sabine?“

„Die sechs Patienten, die nach der Weihnachtsfeier eingeliefert wurden? Das war ebenfalls eine Lichterkette der Auslöser, dass der Partyraum plötzlich in Flammen stand. Herr Zündorf, der einzige, der noch unser Gast ist, hat erzählt, dass es wohl recht lange gedauert hat, bis die Sicherung rausgeflogen ist. Da brannten schon Vorhänge und Teppich und schnell waren auch andere Sachen in Flammen aufgegangen.“
„Altbau?“
„Hä?“ Sabine sah den Chirurgen verständnislos an und Marc lachte.
„Moderne Häuser haben elektrische Schaltkreise, die sofort reagieren und die Sicherungen quasi sofort rausfliegen. Da mangelt es in älteren Häusern dran. Die Statistiken weisen mehr schwere Stromunfälle in Haushalten in Altbauten auf als in Neubauten. Meistens ist da auch viel mehr Holz verbaut, sodass Feuer natürlich viel mehr Angriffsfläche findet. Das Ungeheuer der Feuerwehr sind Altbauten mit Holztreppenhäusern, also Geländer und Stufen. Da bekommen sie nur die wenigsten heile raus.“

„Aha.“ Sabine dachte eine Weile schweigend nach.

„Letztes Jahr hatten wir im Schwesternwohnheim auch noch Kerzen an unserem Baum, doch für dieses Jahr hat die Oberschwester das verboten. Sie fürchtete immer, dass sie irgendwann mal nach Hause kommt und das Heim liegt in Schutt und Asche. Sie hat extra eine Lichterkette besorgt. Mit so Flacker-LEDs, dass es ein bisschen echter aussieht. Ich hoffe, sie lässt uns wenigstens den Adventskranz mit richtigen Kerzen.“

„Besser als echte Nilpferde.“

„Wenigstens hat Doktor Gummersbach nichts gegen echte Kerzen.“
„Ich hätte da eher auf Laser getippt.“
„Hä?“

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 648

05.09.2018 22:34
#202 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.5 – Daniela Brune – Cholonka


Am Abend meldete die Empfangsdame eine Frau Daniela Brune an, deren Mann am Nachmittag eingeliefert wurde. Sie fragte, ob es möglich sei, den Ehemann zu sehen, da sie es vorher nicht geschafft hätte, jemanden für die Kinder zu organisieren.

Der Chirurg machte sich also auf den Weg, die besorgte Ehefrau am Empfang abzuholen. Dort erlebte er eine Überraschung.

„Doktor Meier? – Marc?“

(„Entschuldigung?“)

„Äh, ja?“
„Wir haben zusammen Abi gemacht – Daniela. Daniela Cholonka.“
„Kann sein?“ Marc war sich seiner Erinnerung nicht sicher.
„Nicht schlimm, ist ja auch schon einiges her. Wir hatten Französisch und Bio zusammen.“

(„Diese Kombination kam durchaus häufiger...“)

Marc grinste. „Komm mit, es ist zwar eigentlich keine Besuchszeit mehr, schon gar nicht auf der ITS, aber sehen willst Du Deinen Mann bestimmt.“
„Ja, ich musste erst einen Freiwilligen finden, der jetzt bei den Kindern ist. Intensivstation? Wie geht es Volker?“
„So wie es aussieht hat er Glück gehabt. Er ist vorrangig zur Beobachtung auf der Intensivstation. Falls es zu verspäteten Herzproblemen kommt. Stromunfälle sind unberechenbar.“

Marc brachte die sportliche Frau zu ihrem Ehemann. Der schlief bereits. Die Abendschwester nahm die Tasche mit frischer Wäsche und Hygieneartikeln in Empfang. Der Chirurg empfahl, die Tasche zur Seite zu stellen, es wäre zu erwarten, dass Herr Brune am nächsten Morgen schon auf die Normalstation verlegt würde. Bald darauf verabschiedete sich Daniela Brune wieder, sie wollte die Geduld ihres Bruders als Babysitter nicht zulange strapazieren.

„Mein Bruder Dennis war der ewige Sieger bei den Schwimmmeisterschaften. Vielleicht kannst Du Dich da dran erinnern?“
„Dass es einen konkurrenzlosen Schwimmer an unserer Schule gab, daran kann ich mich erinnern. Aber Namen...? Da muss ich passen.“
„Vermutlich hast Du wichtigere Dinge im Kopf als Schulkameraden? Leitender Oberarzt? Was heißt das?“
„Ist ein Titel.“
„Ach nee...“ Daniela grinste den überaus attraktiven und bescheidenen Arzt an.
„Stellvertreter vom Chefarzt.“
„Oh.“ Sie war definitv beeindruckt. Wer hätte gedacht, dass aus dem obercoolen sexiest Arsch alive ein so netter und wie es schien überaus erfolgreicher Mediziner werden würde. Sexy war (sein Arsch) er genauso wie vor 14 Jahren.

„Komm gut nach Hause. Wenn alles so bleibt, dann wird Dein Mann morgen gegen Mittag auf die Normalstation verlegt. Wahrscheinlich kannst Du ihn dann übermorgen Abend schon wieder nach Hause holen. Ich möchte ihn nur mindestens 48 Stunden hier behalten.“

„Danke. Bis morgen.“ Kurz darauf war sie in der dunklen Novembernacht verschwunden.

Marc sah noch eine Weile in die Dunkelheit. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Aber eigentlich interessierte ihn das auch nicht.

Karo Offline

PJler:


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12.09.2018 13:30
#203 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.6 – Nachtschicht – Tagesrevue


Er wollte versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Aber so einfach ging das heute Nacht nicht. Immer wieder kam ihm seine Wohnung in den Sinn. Mehdi hatte ganze Arbeit geleistet. Sein Arbeitszimmer hatte sich in ein – zugegeben – schönes Kinderzimmer verwandelt. Die Möbel, die Marc bezahlt hatte, gefielen ihm sogar und er war sich sicher, dass Mehdi ausgesucht hatte, was Gretchen gefallen könnte. Gretchen...

(„Der Brief!“)

Marc sprang auf! Es war Zufall gewesen, dass er den Brief gesehen hatte. Im Bett unter dem Kopfkissen. Natürlich geöffnet und gelesen, zerknüllt und wieder glatt gestrichen. Er grinste. Mehdi hatte offensichtlich nicht gefallen, was Gretchen geschrieben hatte. Ihm, Marc, geschrieben hatte. Doch Mehdi konnte sich wohl nicht von dem Brief trennen. Schlief auf ihm.

Seine Freundin. Sie war also schwanger. Von Mehdi. Daran gab es keinen Zweifel, Marc hatte das Ultraschallbild lange angesehen. Es thronte im Wohnzimmer in einem Bilderrahmen auf einem altargleichen Sockel. Kleine Kuscheltiere, Babyschuhe und Rosenblüten. Nun ohne Babyschuhe. Die hatte er mitgenommen.

Das Datum des Briefs hatte alles erklärt. Sie hatte den Brief aus Koudougou abgeschickt. Als sie bereits wusste, dass sie schwanger war, aber noch davon auszugehen schien, dass er, Marc, der Vater sei. Anders konnte sie sich die Hinweise in ihrem Brief nicht erklären. Es war kein typischer Gretchen-Brief gewesen. Er hatte eine (frohe) Botschaft enthalten.

Als Mehdi dann abgereist war wusste sie demnach schon, wer das Kind gezeugt hatte. Wie es Gretchen wohl mit diesem Wissen ging? War sie wirklich ohne Zweifel? Gretchen war die erste, die unsicher war und aus dieser Unsicherheit heraus Dummheiten machte.

(„Ich muss sie anrufen. Unbedingt!“)

Bestimmt fragte sie sich immer wieder, ob Marc den Brief überhaupt bekommen hatte. Was Mehdi ihm erzählt hatte. Und vor allem: Wie ging es ihm selbst damit. Bestimmt fühlte sie sich schlecht und schuldig.

(„Ich muss sie anrufen. Solange und immer wieder, bis wir gesprochen haben. Koste es, was es wolle!“)

Er dachte an das Kinderzimmer. Wenn andere sein Geld rausschmeißen konnten, dann er schon lange.
Die Wohnung war ein Schock gewesen. Mehdi hatte ihn ausgelöscht. Doch Cedric und wohl auch Thilo und dessen Kumpel hatten sich gut um seine Sachen gekümmert und diese in Sicherheit gebracht. Cedric war mit ihm zu Elke gefahren und er hatte sich davon überzeugen können.

(„Mutter...“)

Er hatte überhaupt keine Ahnung, was er noch von ihr glauben sollte. Er war verschwunden und sie sagte wichtige Termine ab. Cedric hatte gesagt, sie sei furchtbar besorgt und fertig gewesen. Trotzdem fuhr sie mit diesem Kegelclub in die Schweiz. Da bot er ihr unfreiwillig eine Chance das Ding zu umgehen und was machte sie? Fuhr einfach.

Du bist eben nicht wichtig. Raff es endlich.
Nein. Da muss was anderes hinter stecken. Lern doch endlich, dass oft was ganz anderes dahinter steckt.


Es war egal.
Es war anders gekommen.

Als hätte Elke gespürt, dass er gerade in ihrer Wohnung war, ging sein Handy.

„Meier?“ – „Ja, damit musste ich rechnen. Ist gut, bis morgen.“

„Das war kein Notfall?“ Cedric sah Marcs Mienenspiel, konnte es aber nicht deuten.
„Wie man es nimmt – meine Mutter kommt morgen nach Berlin.“

Nach dem Telefonat hatte er mit seinem Anwalt Doktor Falk gesprochen und ihm die Situation mit Doktor Kaan geschildert. „Ich werde erstmal bei meiner Mutter bleiben, aber ich möchte so schnell wie möglich eine Lösung haben.“ Am einfachsten war es, Mehdi einen Mietvertrag aufzudrücken.
Der Anwalt war zuversichtlich. „Machen Sie sich keine Sorgen, Doktor Meier, ich kümmere mich darum.“

Cedric hätte fast den Motor abgewürgt. „Du willst zu Deiner Mutter ziehen?“
„Hab ich eine andere Wahl?“

Jetzt, in der Stille seines Büros, fiel ihm der Brief wieder ein. Er hatte ihn schon gefühlte tausend Male gelesen. Vermutlich konnte er deswegen so gelassen bleiben.

(„Machen wir die 1001.“)

Grinsend faltete er die rosa beschriebenen Seiten auseinander.

Karo Offline

PJler:


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12.09.2018 13:44
#204 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Lieber Marc, liebster Marc! Vor allem – mein Marc,

unser Ausflug nach Koudougou gibt mir die Gelegenheit, Dir diesen Brief zu schicken. Wie lange er unterwegs sein wird weiß ich nicht, vielleicht kommt er auch gar nicht an...?

Morgen am 23. Oktober bringen wir Habiba zu Professor Inyesse, dem Chef des Krankenhauses. Martin hat es geschafft, der Schwester von Naiya dort eine Praktikumsstelle zu verschaffen. Ich freue mich sehr, wieder mal in die Stadt zu kommen.

Noch mehr als auf eine zuverlässige Post hoffe ich auf eine Telefonverbindung – ich möchte so gerne wieder Deine Stimme hören. Dein Lachen, den kleinen Unterton, mit dem Du mich so liebevoll auf den Arm nehmen kannst. Ich vermisse Dich sehr aber trotzdem bin ich glücklich. Du hast mir Dein Herz dagelassen.

Und noch so viel mehr!
Es fühlt sich gut an aber ich habe auch Angst.
Vor dem, was kommen wird.

Ich stecke in einem Dilemma.

Darf man gegen seine Überzeugung und gegen seine Art handeln, nur weil es keine andere Möglichkeit gibt?
Es gibt so viel, das ich Dir sagen möchte.
Aber ich möchte Dir dabei in die Augen sehen. Deine Augen verraten so viel. Ich glaube, dass es stimmt, dass die Augen der Spiegel der Seele sind.

Mehdis Augen sind nur noch schwarz.
Keine Ahnung, was mit ihm passiert ist, vielleicht hat er eine Giftpflanze verspeist. Er ist nicht mehr so, wie ich ihn kenne – wie wir ihn kennen.

Ich muss Gina glauben. Mehdi ist mit anderen Vorstellungen nach Afrika gekommen. Ihm ging es wohl mehr um mich als um Afrika. Nachdem Du abgereist bist, bat er Gina um einen Zimmerwechsel. Gina zu mir und ich zu ihm. Damit er für mich da sein und mich trösten kann. Gina ist dann einfach zu mir gezogen, natürlich war er sauer.
Gina sagt auch, dass sie für ihn nur ein Alibi war – dass er aber eigentlich mich wollte. Glaubst Du, Mehdi ist zu sowas in der Lage? Ausgerechnet Mehdi?

Gina gegenüber hat Mehdi nicht gut über Dich gesprochen. Dass Du bald wieder in alte Verhaltensmuster fallen würdest. Er bräuchte nur zu warten.

Ganz ehrlich, Marc. Genau davor habe ich am meisten Angst. Und auch sowas würde ich Dir lieber persönlich sagen, dass Du meine Augen sehen kannst. Dass ich nicht an Dir oder uns zweifle. Aber mein Herz hat Angst, wieder verletzt zu werden. Mein Verstand ist sich sicher, dass es nicht so passieren wird. Denn so wie ich Gretchen Haase bin, bist Du Marc Meier.
Im Grunde sind Papa und ich uns zu 100% einig: Er vertraut Dir und ich tue es auch. Wenn nicht sogar mehr als 100%. Egal, wie Du willst, das man Dich wahrnimmt, Du bist ehrlich und hast eine treue Seele.
Ich glaube, mein Unterbewusstsein hat das damals direkt erkannt.
Auf der 5. Stufe des oberen Treppenteils zwischen dem ersten und zweiten Stock. Ich hatte das Gefühl, Dich zu kennen, zu erkennen. Vielleicht waren es unsere Seelen, die sich damals verbunden haben. Nun sind unsere Herzen gefolgt.
Das ist es, was meine Gefühle für Dich ausmachen. Sie kommen ganz tief aus mir raus.
Ganz tief in mir liegt unsere Liebe und sie ist sicher.

Gut, vielleicht helfen drei Flaschen Wein darüber hinweg aber ohne diese wäre ich nie mit Mehdi im Bett gelandet. Ha, Gina ist ähnlich drauf wie Du – früher! Was Sex angeht. Ein bisschen bin ich froh, dass sie so gnadenlos alles angesprochen hat. Dass ich mal einfach aus der Situation heraus gehandelt habe – einfach mit jemandem zu schlafen weil mir in dem Moment danach war. Egal, ob mit oder ohne Alkohol.
Nein, eigentlich sagte sie, ohne Alkohol und mit einem anderen Mann hätte ich mehr davon gehabt. Gina sagt, Mehdi kann nicht ... ähm, vögeln. Aber ich sei nun mal Gretchen Haase und das wäre schon sehr Gretchen-unlike gewesen. Soll ich stolz darauf sein?

Nein, ich bin es nicht. Aber ich muss mich dafür nicht schämen, das habe ich verstanden. Ich fand diesen Verrat Dir gegenüber furchtbar. Aber wir waren nicht zusammen – man konnte nicht mal davon ausgehen, dass das passieren würde. Auch wenn ich es mir so sehr gewünscht habe.
Ein One Night Stand? Sowas macht Gretchen nicht. Dabei tun das alle, warum also nicht auch Gretchen Haase. Auch wenn sie erst ihre verstaubte Moralvorstellung aus dem verklemmten Gretchen-Weltbild in drei Flaschen Wein ertränken muss. Ich habe niemanden betrogen!
Nicht Alexis (Frank) und nicht Dich.
Mein Absturz mit Mehdi – egal, ob von ihm provoziert oder nicht – hat nichts mit uns zu tun.
Ich werde nicht länger darüber nachdenken. Es ist einfach unwichtig.

Mehdi sieht das natürlich anders und es bereitet mir wirklich Sorgen, dass er bei Dir wohnt. Ich glaube, dass ich Gina und Roula Recht geben muss: Er ist grenzenlos eifersüchtig und neidisch auf Dich.
Pass einfach auf Dich auf, ja?
Versprich mir, dass Du nicht an uns zweifelst. Alles andere würde mich verzweifeln lassen.

Egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen (es sind 6000 – ich weiß es mittlerweile!), ich glaube an uns so wie ich es die ganzen Jahre getan habe. Damals in der Schule, wie heute im EKH. Und jetzt eben Afrika.
Ich liebe Dich, Marc Meier!
Und diese Liebe wird Früchte tragen, da bin ich sicher!

Für immer, Dein Gretchen!

P.S. Klingt das zu kitschig? Für immer Dein...? Egal. Das ist, wie ich fühle.
P.P.S Was hast Du mit der SMS gemeint? Das mit dem entschuldigen? Weder mein Kopf noch mein Herz meinen, dass noch was offen oder ungeklärt ist?

Karo Offline

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12.09.2018 13:47
#205 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.8 – Nachtschicht – Tagesrevue 2


Um 21 Uhr hatte Marc den Assistenzarzt schlafen geschickt, im Notfall würde er ihn wecken lassen. Direkt am Morgen um 8 Uhr ging es mit geplanten Operationen los, die Assistenzärzte waren bis zum Mittag fest Doktor Amsel und Doktor Schattmann zugeteilt. Er wollte nicht riskieren, dass Doktor Knechtelsdörfer wegen Schlafmangel unkonzentriert war.

Gina würde am Vormittag zwei Schilddrüsen operieren. Das war in London ihr Spezialgebiet gewesen und Marc war froh, eine fähige Operateurin auf diesem Gebiet zu haben. Natürlich konnte er das auch, aber er mochte diese Disziplin nicht. Und ja – er hatte sich mit Doktor Amsel arrangiert. Sie konnten mittlerweile sogar vernünftige Gespräche führen. Nichts Persönliches, soweit ging die Sympathie nicht, aber vor allem beruflich waren sie ein professionelles Team. Überhaupt funktionierte die neue Konstellation sehr zufriedenstellend. Amsel, Rössel und Schattmann für die meisten OPs zu planen, hielt ihm den Rücken frei. Nicht zu vergessen Doktor Stier. Der war in der Zeit, als Marc verschwunden war, nach vorn geprescht und hatte überrascht festgestellt, dass es ihm gut damit ging. Probeweise hatten sie seine Stundenzahl hochgezogen. Er schien gut damit zurechtzukommen.
Dadurch dass der Professor wieder da war – auch wenn er dem Wunsch seiner Frau nicht hatte entgehen können und nun auf Mallorca weilte, hatte Marc nur noch wenig mit dem lästigen Schriftkram zu tun.
Aber da war die neue Kollegin. Marc hatte vom ersten Tag an eine Abneigung gegen Doktor Brickmann entwickelt, die Zusammenarbeit führte nicht zu einer Entspannung zwischen den beiden Chirurgen.

Marc sah sich die folgenden Tage in der OP-Planung an. Er selbst war nur zweimal fest eingeplant, nun mit der Knochenentzündung ein drittes Mal.

(„Was soll ich noch hier, wenn erst der Professor wieder voll da ist? Dann bin ich ja fast überflüssig.“)

(„Mist, Mist, Mist! Wir brauchen eine ausgelastete Notaufnahme, sonst bringt das alles nichts!“)


Marc erledigte zügig alle anfallenden Briefe, die er heute selbst schreiben musste. Er stellte allerdings fest, dass er gelernt hatte, diese ungeliebte Tätigkeit einfach durchzuziehen und sich nicht erst lange darüber aufregte.

(„Vielleicht hat der Professor doch Recht gehabt und man gewöhnt sich mit der Zeit daran.“)

Trotzdem... er bevorzugte den OP-Tisch. Einen Schreibtisch konnte man zwischendurch zwar ganz gut anderweitig benutzen, aber dafür fehlte ihm gerade die Frau. Die war 6000 Kilometer weiter südlich mit ihrem Tagebuch beschäftigt.

Karo Offline

PJler:


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19.09.2018 21:21
#206 RE: Story von Karo Zitat · antworten

♥♥♥
Liebes Tagebuch,

sag mir, was ich tun soll. Ich sitze jetzt hier und starre das Telefon an. Von alleine wird es nicht wählen, aber ich kann das nicht. Mein Geist ist willig, der Körper nicht. Es wäre so einfach, ihn jetzt anzurufen.

Ich habe Angst davor, was mich erwartet. Was ist in der Zwischenzeit mit ihm geschehen. Was hat Mehdi gesagt, hat er überhaupt was gesagt und hat Marc meinen Brief bekommen? Wenn ja, hat er ihn verstanden?
Oder will er einfach gar nichts mehr mit mir zu tun haben?

Statt zum Telefon greife ich immer wieder zu dem jüngsten Bild meines Kindes. Doktor Yves, wie Professor Inyesse genannt wird, hat mir wieder erlaubt, sein Ultraschallgerät zu benutzen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich einen Jungen haben werde.

Mein Baby, meine Freude: Ich zähle die 15. Schwangerschaftswoche und ich fühle mich wohl. Ob es gut, ist, dass ich immer nachlese, was in der aktuellen Woche mit ihm passiert? Jetzt ist es schon ein Fötus und ich fange an, an mich zu glauben. Für den Moment ist alles gut. Bald habe ich meine eigenen Zweifel von mir als Werdende Mutter hoffentlich hinter mir. Ich möchte mich so gerne einfach nur auf das Baby freuen. Theoretisch bewegt es sich schon, ich kann es nicht erwarten, das auch zu fühlen. Bisher habe ich es nur gesehen, aber ich möchte es endlich fühlen!!! Aber vermutlich muss ich damit noch ein paar Wochen warten. Ich bilde mir ein, dass mein Bauch anfängt zu wachsen. Vielleicht sind das aber auch nur Schwielen am Bauch, weil ich oft abends meinen Bauch streichle. Ich kann das stundenlang. Mit meinem Baby kuscheln.

Aber ich werde vergesslich. Was genau weiß ich nicht mehr, aber mir ist es schon öfter aufgefallen. Und Roula auch. Sie hat gelacht, das hätte sie schon häufiger von Schwangeren gehört.
Apropos Roula:
Ich habe sie ein weiteres Mal operiert und ich bilde mir ein, dass sie gute Chancen hat, irgendwann Mutter zu werden. Das Problem ist nicht nur, dass bei ihr alles zu verwachsen und vernarbt ist, dann könnte man auch glatt über eine künstliche Befruchtung nachdenken. Ob sowas für einen christlichen Mann wie Martin überhaupt in Frage käme? Am Sex dürfte es nicht mehr scheitern, allerdings wird Roula dabei nie wirklich diese Lust spüren. Dazu bleibt zu viel gefühlloses Narbengewebe. Ich kann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht beurteilen, wie weit auch ihre inneren Organe betroffen sind. Die vielen Infektionen und Entzündungen durch die Verletzungen, Vergewaltigungen und vor allem auch durch den Urin- und Menstruationsblutstau können einfach überall ihre Spuren hinterlassen haben. Immerhin bekommt sie regelmäßig ihre Tage und soweit ich das beurteilen kann, ist die Gebärmutter in Ordnung. Vielleicht kann ich später dann mit einem der neuen Ultraschallgeräte mehr sehen?

Fritz kommt in der ersten Dezemberwoche, momentan ist er Dauergast bei den Zollbehörden, dass da nichts schief laufen kann. Es handelt sich ja nicht einfach nur um eine „ordnungsgemäß gekaufte Medikamentenlieferung“. Es muss alles deklariert und gekennzeichnet sein, für jede Ware gibt es eine eigene Zollnummer...

Ein eigenes Ultraschallgerät. Ich glaube, ich werde meinem Baby jeden Tag „Hallo“ sagen.

Mit meiner immerwährenden Frage, auf die es einfach keine einfache Antwort gibt, ende ich nun. Danke, dass Du mir zuhörst.

Bis bald,
Gretchen

Karo Offline

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19.09.2018 21:28
#207 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.10 – So sind wir hier nicht!


Bevor Marc tiefer in Erinnerungen oder Träumen versinken konnte, meldete sich sein Pieper. Er sah schnell auf die Uhr – Knechtelsdörfer hatte jetzt vier Stunden Schlaf. Nein, er wollte erst sehen, was rein kam, bevor er ihn weckte.

Es war verdammt kalt, nachts um ein Uhr in Berlin. Marc erwartete den RTW alleine. Entsprechend überrascht war Gordon Tolkien, Maurice hatte doch gesagt, dass er Nachtschicht hätte. Auf seine Frage nach dem Österreicher bekam er die überraschende Antwort, dass der Assistenzarzt schliefe. Dem Leitenden Oberarzt waren ausgeruhte Mitarbeiter im OP wichtiger und im Notfall könne er den Kollegen immer noch wecken. Gordon freute sich mit seinem Kumpel, doch er selbst fand diese Situation doof. Er hatte seinen Rettungs-Kollegen mühsam überredet, ins EKH zu fahren, da sie hier sicherlich einen guten Kaffee bekommen würden.

„Was haben wir hier?“
„Herr Müngersdorf ist beim Verlassen der Kneipe die zwei Stufen heruntergefallen. Er ist stark alkoholisiert, was unserer Meinung nach schwerer wiegt als die Verletzungen, die der Sturz bewirkt hat. Abschürfungen an Händen, Knien und im Gesicht, kein Verdacht auf Frakturen, aber Prellungen in Schulter, Handgelenken und das rechte Knie schmerzt.“

(„Ob ich Knechtelsdörfer doch wecken soll? Das ist ja...“)

„Haben Sie ihm irgendwas gegeben?“
„Nein.“
„Gut, schaffen Sie ihn in die zwei.“

Er sah wie der zweite Sanitäter seine kalten Hände anhauchte, um sie ein wenig zu wärmen.

„Wenn Sie nicht direkt wieder los müssen, dann fragen Sie Frau Trick am Empfang nach einem Kaffee. Sie hat immer welchen da!“
„Das wäre wunderbar, vielen Dank Doktor Meier! Kommen Sie denn mit dem alleine klar?“
„Ja, Schwester Renate ist gleich da, das geht schon.“

(„Ungerne!“)

Viel hatten sie mit dem Eingelieferten nicht zu tun, die Verletzungen beschränkten sich in der Tat auf das vermutete Ausmaß. Der Patient war ein friedlicher Besoffener, der bald seinen Rausch ausschlief und kaum mitbekam, was man mit ihm anstellte. Marc schickte eine Blutprobe ins Labor, reinigte die Schürfwunden und kühlte die geprellten Körperteile. Die Schwester hatte schließlich das Vergnügen, den Mann so gut es ging zu waschen und ihm frische Klamotten anzuziehen, wobei sie sich auf ein OP-Hemdchen beschränkte, da der Alkoholisierte einfach nur ein nasser, schwerer Sack war.

Am Empfang traf er die beiden Sanitäter, die sich bei der Empfangsdame aufwärmten. Frau Trick hatte sogar noch ein paar belegte Brötchen aufgetrieben, nicht frisch aber für die Sanis glichen sie einem Festessen.

„Bekommen Sie im KatHo nichts zu essen?“
„Ehrlichgesagt sind wir hier her gefahren, weil ich hoffte, Maurice versorgt uns mit einem Kaffee.“
„Das beantwortet nicht meine Frage und warum haben Sie nicht einfach gefragt?“
„Keine Ahnung... nein, die Leitstelle ist zwar sehr modern eingerichtet aber Komfort gibt es nur für den Leitstellenmitarbeiter. Es ist einfach nicht genug Platz für alle und so warten wir in der Regel im Wagen auf die Einsätze.“
„Auch jetzt im Winter? In der Nacht?“ Marc sah Gordon entsetzt an.
„Ja.“
„Und dann werden Sie nicht mal versorgt?“
„Doch aber nur gegen Bezahlung!“
„Das ist ja nicht zu glauben!“
„Das ist leider die Wahrheit.“
„Ich dachte, mit dem Umzug würde alles besser, moderner?“ Er konnte sich diese Spitze nicht verkneifen.
„Ich wüsste nicht für wen, außer für die Notärzte und die Innendienstmitarbeiter. Da ist ja nicht mal genug Platz, dass die RTWs geschützt stehen können. Nur einer passt in die Durchfahrt, der zweite oder jeder weitere muss draußen warten.“
„Wo – draußen?“
„Auf der Straße. Die Einfahrt muss ja frei bleiben...!“

„Also wissen Sie was?“ Nun mischte sich die Empfangsdame ein. „Wenn es für Doktor Meier und den Herrn Professor in Ordnung ist, dann halte ich jetzt immer Verpflegung hier bereit, zumindest zu den Zeiten, wo unsere Cafeteria geschlossen ist. Das ist ja unmenschlich! So sind wir hier nicht!“

„Nein, da habe ich absolut nichts dagegen, Frau Trick. Da stehe ich sogar voll und ganz hinter! Lassen Sie die Kosten über die Cafeteria laufen, die sollen die Verpflegung mit in der Planung einkalkulieren. Wenn die Probleme mit dem Budget haben sollten, dann Meldung an mich! Gute Nacht zusammen!“

Marc beeilte sich in sein Büro zu kommen!

(„Nein, so sind wir hier nicht!“)

Wenn es so einfach war, die Notaufnahme auszulasten, dann sollten die Sanitäter so viel Kaffee und Brötchen haben, wie sie wollten. Das würde sogar Bernd Ullstein so sehen, falls das Versorgungsbudget nicht ausreichen würde.

(„Wenn die Auslastung der Notaufnahme an Kaffee hängt, dann koche ich den höchstpersönlich!“)

Kurz darauf war eine kurze Info per Mail an Bernd Ullstein unterwegs. Er versprach eine ausführlichere Ausarbeitung in den nächsten Tagen. Marc sah auf die Uhr. Hinlegen lohnte sich nicht mehr, dann wäre er bestimmt müder als wenn er jetzt wach bliebe.

(„Fangen wir direkt an!“)

Es ging doch nichts über eine neue Herausforderung!

Karo Offline

PJler:


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19.09.2018 21:45
#208 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 3.11 – Anamnese für die Cafeteria


Noch besser war es, gleich von Anfang an gute Argumente zu finden. Die StaBe hatte ja sowieso angekündigt, eingestaubte Strukturen ändern zu wollen, warum nicht gleich bei der Cafeteria anfangen. Sie brauchten ein Konzept, dass für die Klinik sinnvoll war, nicht für die Verwaltung.

Du hast keine Ahnung davon!
Vom Kochen bisher auch nicht und das klappt doch auch hervorragend!


Aber Marcs Gehirn hatte Feuer gefangen. Er näherte sich dem unbekannten Terrain auf medizinischem Weg.

(„Am Anfang steht immer eine gute Anamnese. Was haben wir, was wollen wir, was ist gut, was ist nicht gut.“)

Er vermied bewusst das Wort „schlecht“.
Der Interimschef durchdachte die Versorgung der Mitarbeiter, die auf den Stationen immer auf Wasser, Schorle, Kaffee und Tee zugreifen konnten. Außerdem stand immer frisches Obst zur Verfügung. Marc wusste von seiner eigenen Station, dass es fast immer zu viel war und einiges faul oder schimmelig wurde. Ob das auf den anderen Stationen ebenso war?

(„Das lässt sich ja leicht herausfinden!“)

Und wie verhielt es sich mit dem Obst in der Cafeteria? Wurde dort auch so viel entsorgt? Was geschah mit dem übriggebliebenen Essen des Tages? Marc suchte sich die interne Mailadresse der verantwortlichen Dame heraus und schrieb ihr eine Notiz, dass er sie diese Woche sprechen wollte. Dabei erklärte er kurz die Situation, die sich heute Nacht zufällig ergeben hatte.

Auch wenn er die gegenwärtigen Abläufe der Cafeteria nicht kannte, so konnte er sich dennoch überlegen, was ihm sinnvoll und nicht erstrebenswert schien. Zu deftig, zu einfach und wenig Abwechslung. Außerdem selten richtig heiß.
Ihm fiel das Essen in der Universität ein. Er hatte das Mensaessen verabscheut. Es war praktisch gewesen, das in jedem Fall. Ohne die Mittagspause hätte er seine Vorlesungen nicht durchgestanden. Im Gegensatz zu den meisten Kommilitonen hatte er kaum Freistunden oder Pausen zwischen den Seminaren. Er startete um 8 Uhr und war selten vor 18 Uhr zu Hause.

(„Deswegen war ich auch einfach schneller!“)

Eine Mahlzeit - je nach Schicht - musste den Mitarbeitern täglich zur Verfügung stehen. Er dachte an Gretchen. Bei ihr würde es garantiert funktionieren - Motivation durch Essen.

Er konzentrierte sich wieder auf sein Thema. Vielleicht sollte er hier auch die Meinung der Mitarbeiter einholen, schließlich waren die es, am meisten Nutzen davon hatten. Das Angebot war klassisch – Vollkost, Schonkost, Vegetarisch. Bei Nachtisch oder Kuchen gab es oft eine Alternative für Diabetiker, die meist unangerührt blieb, da die meisten Betroffenen sich doch eher ihre Mahlzeiten mitbrachten. Aber was war mit den übrigen – neumodischen – Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten?

Wenn nicht ein Krankenhaus, wer dann sollte darauf Rücksicht nehmen? Wer sonst konnte Vorbild sein? Von Schulen und Kindergärten verlangte man das mittlerweile ja auch. Wie weit ging die Verantwortung gegenüber den Lebensmitteln?

Stooop! Du bist Arzt, ein erfolgreicher obendrein. Was willst Du Dich um Lebensmittel kümmern?

(„Weil ich von diesen Mitteln lebe!“)


Seit Marc gelegentlich kochte, hatte er sich durchaus mit dem Thema beschäftigt. Dabei war es Zufall gewesen...


***
Nachdem der erste Braten überraschend gut gelungen war, wollte er es nochmal versuchen. Übung... Und so hatte er mehr oder weniger geduldig in der langen Schlange an der Fleischtheke gestanden und den mehr oder weniger nervigen Gesprächen zugehört. Kurz bevor er endlich an der Reihe war, wollte es eine Frau überaus genau wissen, die Rouladen sollten schließlich etwas Besonderes werden.

(„Rouladen? Wie lange hast Du die nicht mehr gegessen...“)

Marc spitzte also die Ohren und erfuhr, welche Unterschiede es in der Aufzucht und Haltung gab. Am Ende entschied sich die Frau für das Angebotsfleisch, alles andere wäre Wucher. Ob es überhaupt Leute gäbe, die das zahlen würden.

Ungefragt bejahte Marc und orderte trotzig 4 Rinderrouladen vom Biohof in Brandenburg. Er war sich sicher, dass er sich diese Arbeit nicht so schnell wieder machen würde aber freute sich, dass noch zwei Fleischrollen im Gefrierschrank lagen. Ob es tatsächlich am Biosiegel gelegen hatte, dass sie ihm ausgezeichnet geschmeckt hatten?


***
Marc starrte in die Luft. Hatte er jemals hinterfragt, woher die Lebensmittel des Krankenhauses kamen? Kaufen und Wegwerfen war eine Sache. Aber wenn man schon über die Quantität nachdachte, wäre es nicht an der Zeit, auch über die Qualität nachzudenken?

Ihm fiel das Café Sonne ein, die sich mit ihren Produkten umgestellt hatten. Sowohl die Rohstoffe als auch die „fertigen“ Lebensmittel kauften sie regional und unter ökologischen Aspekten ein. Frau Böhm hatte ihm erzählt, dass sie ein- bis zweimal pro Woche auf dem Wochenmarkt Salat und Gemüse einkaufte. Es war nach ihrer Auskunft nicht mal so viel teurer, wenn man auf Angebote achtete. Der Weg dahin war natürlich umständlicher als einfach im Großmarkt zu kaufen oder zu bestellen.

Einen Großteil des Mehls bauten sie selber an, von daher konnten sie meistens auf einwandfreies Korn zurückgreifen. Das Getreide wurde von den Betreibern eines Gestüts geerntet, dafür überließen sie dem Pferdebetrieb das Stroh für die Einstreu.

„Eine Win-Win-Situation, Doktor Meier!“

Ihm war schon aufgefallen, dass die Brötchen oft unterschiedlich schmeckten oder aussahen. „Wir betreiben ein Handwerk, Doktor Meier, keine Aufbackstation.“ Der Preis bewies das, aber die Kunden zahlten den Mehrwert gerne. Davon hatte er sich schon oft genug überzeugen können. Gut, vielleicht wohnten in seinem Viertel auch vorrangig Menschen, die nicht auf den letzten Cent achten mussten, aber trotzdem war das Café Sonne selten leer.

(„Nächste Woche werde ich einfach mal mit Herrn Ullstein dort auf einen Kaffee vorbei fahren!“)

Es klopfte und Marc erschrak.
„Ja bitte?“
„Doktor Meier, warum wecken Sie mich denn nicht?“ In der Tür stand ein verschlafener Assistenzarzt.
„Was, wieso?“ Der Chirurg stellte erschreckt fest, dass es bereits halb vier war. „Oh... ich habe wohl die Zeit vergessen.“
„Sie können doch nicht immer nur arbeiten?“
„Aber wenn die Ideen zu einem kommen, kann man sie auch nicht vor der Tür verhungern lassen.“

Marc speicherte sein erstes Konzept und sah den Österreicher fest an. „Apropos... verhungern lassen... Ihr Kumpel von der Rettung war hier.“
„Es gab einen Notfall?“
„Naja... eher einen Umfall. Ein Besoffener, der beim Verlassen der Kneipe die Stufe übersehen hat. Abschürfungen und Hämatome... ich sah keinen Grund, Sie zu wecken. Aber Herr Tolkien hat sie vermisst, haben Sie die Jungs schon öfter mit Kaffee versorgt?“

Maurice begann plötzlich zu schwitzen. Hatte Gordon etwa etwas gesagt? Jetzt würde Doktor Meier ihm die Ohren langziehen, die Leviten lesen und wenn er großes Pech hatte, sogar die OP entziehen.
„Äh, ja, also schon. Also manchmal... wissen Sie Herr Doktor, es wird ja jetzt kalt und...“
„Knechtelsdörfer!“ Marc brachte den offensichtlich gestressten Arzt zum Schweigen. „Herr Tolkien und sein Kollege bringen die Notfälle hierhin, weil sie auf einen Kaffee hoffen.“
„Also das tut mir sehr leid, dass ich...“
„Doktor Knechtelsdörfer! Ist Ihnen bewusst, was Sie damit angerichtet haben?“ Marc hatte ein wenig Spaß dabei, den Assistenzarzt aufzuziehen. Maurice war total überfordert. Der Chef schnauzte ihn an aber grinste gleichzeitig?
„Ich verstehe gerade gar nichts mehr...“

„Das merke ich. Seit die Leitstelle im Katharinen Hospital untergebracht ist befürchte ich einen Einbruch der Zahlen in der Notaufnahme. Die macht immerhin gut fünfzig Prozent unserer Aufnahme aus. Normalerweise würde man davon ausgehen, dass die Rettung lieber direkt „nach Hause“ fährt. Aber dank Ihres „Coffeeshops“ kommen die hier hin.“

Der Begriff „Coffeeshop“ löste bei Maurice erneut heftiges Herzflattern aus. Was hatte Gordon bloß alles erzählt. Nicht, dass er gleich mit einem Verfahren wegen Cannabis-Anbau und Vertrieb in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde.
„Begreifen Sie das, Knechtelsdörfer! Wegen einem Kaffee. Ab sofort wird am Empfang bei Frau Trick immer Verpflegung für die Mitarbeiter des Rettungsdienstes parat stehen. Brötchen gegen Patienten.“

Allmählich drang die Nachricht in die österreichischen Gehirnwindungen vor, dass Doktor Meier gerade nicht vorhatte, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. „Sie sind also nicht erbost über mein eigenmächtiges Handeln?“
„Nein, Doktor Knechtelsdörfer. Absolut nicht. Ausnahmsweise!“
„Jetzt bin ich aber froh! Oh Gott...“
„Es ist gut, dass Ihnen das gelegentlich auffällt...“

(„...dass ich Gott bin!“)

Grinsend stand der Leitende Oberarzt auf. „Schlafen Sie weiter, Doktor Knechtelsdörfer. Sie haben morgen ja mehrere OPs im Plan.“
„Hä? Ich dachte die wurden gestrichen?“
„Bitte?“
„Äh, also ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Doktor Brickmann...“
„Ich will nichts hören!“ Marc unterbrach den Kollegen und wendete sich dem Computer zu.
„Ich bringe sie um!“
„Das geht aber gegen Ihren Eid, Doktor Meier!“
„Wir klären das morgen früh. Sie – jetzt schlafen. Morgen operieren. Gute Nacht!“

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10.10.2018 22:09
#209 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 4.1 – Winter-Weihnachtsgraus


So schön die Novembersonne über die Jahreszeit hinweg getäuscht hatte, umso ungemütlicher wurde das Novemberende. Am drohenden Weihnachten kam nun niemand mehr vorbei. Waren es bisher hauptsächlich Süßigkeiten gewesen, die die bevorstehende „Jahreszeit“ ankündigten, begann nun das exzessive Buhlen um Kunden.

Als hätte die plötzliche Schlechtwetterfront alleine nicht schon gereicht, brachte sie neben naß-kaltem Winterwetter auch den alljährlichen Vorweihnachtskaufrausch mit sich. Schon seit längerem versperrten Ständer mit Geschenkpackungen von Ferrero Küsschen, Mon Cherie oder Raffaello. Weihnachtsmänner in allen Größen, lila oder gold mit Glöckchen, oder sogar mit bunten Smarties, jeder verdammte Konzern warb gnadenlos um die Gunst der Käuferschar.
In den Supermärkten türmten sich die Mehltütenhaufen, man stritt sich um das letzte Paket Zucker oder füllte den Einkaufswagen bis oben hin mit Lebkuchen.

Für Marc begann nun die härteste Zeit des Jahres. Er hasste Weihnachten und diese Kitschlastige und Glitzer-Blinklicht-Lametta verseuchte Adventszeit. Zurück aus Zürich, hatte er einsehen müssen, dass Sabine seine Abwesenheit genutzt hatte, um ungehindert die Weihnachtsdekoration aus der Mottenkiste zu holen. Im Stationszimmer fand er Massen an selbstgebackenen Plätzchen, die betongleich zwischen den Zähnen brachen, wenn nicht sogar der eine oder andere Zahn zuerst barst.

In diesem Jahr kam niemand um diese LED-Blinklichterketten herum, zumindest nicht, wer etwas auf sich zählte.

Jeden Tag wurde es heller, denn die Straßen wurden von einer stetig steigenden Zahl von Lichterketten und anderen Leuchtelementen illuminiert. Schon von weitem sah er, dass nun auch das Katharinen-Hospital im kaltweißen Lichterglanz lag. Eine Vielzahl von hässlichen Nikolausfiguren kletterte die Fassade empor.

(„Das würde ich niemals zulassen!“)

(„Korrigiere: Das werde ich niemals zulassen!“)

(„Ich muss den Professor fragen, wie er das in den Jahren davor geregelt hat.“)


Marc konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, aus diesem ganzen Quatsch hatte er sich freiwillig herausgehalten.

In seinem Rückspiegel tauchte in weiter Entfernung ein Rettungswagen auf. Marc sah, dass der in die Einfahrt des Katharinen-Hospitals blinkte – und dann doch geradeaus in Richtung Elisabeth-Krankenhaus weiterfuhr.

Unter den Rettungssanitätern hatte sich sehr schnell herumgesprochen, dass es im EKH immer einen frischen Kaffee gab, meistens auch noch belegte Brötchen oder Obst. Auch der Kuchen, der am Tag übrig blieb, wanderte an den Empfang.

Sabine hatte den Vorschlag gemacht, doch den Raum hinter dem Empfangstresen zu nutzen, sonst hätte man diesen ja fast umsonst schön hergerichtet. Seit dem Besuch der StaBe war er nicht mehr betreten worden. Der Konferenzraumcharakter ließ sich schnell vertreiben. Ein Sofa war schnell gefunden, die kalten Kunststofftische wurden zusammengeschoben und unter einer Tischdecke versteckt, ein paar Blumen sorgten für ein wenig Frische. Marc hatte Sabine einen Stick mit Fotos aus Sanssouci gegeben, die sie abzog und in passenden Rahmen an die Wände nagelte.

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10.10.2018 22:14
#210 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 4.2 – Patientin Schneverdingen


Kurz nach dem RTW kam Marc in der Notaufnahme an. Carsten Stern hatte den Patienten schon übernommen.

„Guten Morgen, Herr Stern. Was haben wir hier?“

„Guten Morgen Doktor Meier.“

Das war nicht sie Stimme des Assistenzarztes. Er sah sich die Patientin genau an. „Frau Schneverdingen, guten Morgen. Was ist passiert?“
„Ich bin ausgerutscht, als ich mit Wolfi vor die Tür wollte.“
„Dass die weisen Damen nie auf die Ratschläge junger Männer achten möchten. Frau Schneverdingen, ich hatte Sie doch gewarnt!“
„Machen Sie sich nur lustig, Doktor Meier.“
„Hm. Später.“ Er nahm das Protokoll des Notarztes. „Sturz unter Beteiligung des rechten Knies und beider Handgelenke. Lassen Sie mal sehen.“

Marc untersuchte die Arme und Hände und machte verschiedene Funktionstests. Dann forderte er den Assistenzarzt auf, das gleiche noch einmal zu tun.

„Vertrauen Sie sich nicht, Doktor Meier?“ Diesmal war es die Seniorin, die den Arzt auf den Arm nahm.
„Genau, Frau Schneverdingen. Ihm auch nicht. Deswegen möchte ich die Handgelenke röntgen, Herr Stern, das Knie ebenfalls. In zwei Ebenen. Bis gleich.“

***
„Frau Schneverdingen, Sie haben nichts gebrochen nur ordentlich überdehnte Bänder. Das ist schmerzhaft und langwierig, ich kann Sie also theoretisch nach Hause lassen. Praktisch wird das problematisch, da Sie Ihre Gelenke schonen müssen. Heißt auf direkt: Nicht belasten. Ich kann Ihnen keine Gehstützen geben, dafür bräuchten Sie Ihre Hände. Sie werden mindestens zwei Wochen Ruhe und Hilfe benötigen. Können Sie das irgendwie gewährleisten?“

„Was meinen Sie genau mit Hilfe?“ Die Frau ahnte nichts Gutes, auch wenn sie das Ausmaß Ihrer Verletzungen noch nicht vollständig abschätzen konnte.

„Sie dürfen im Bett liegen, auf dem Sofa sitzen oder liegen, auch ein Stuhl ist okay. Alles andere geht nicht. Laufen nicht, da das Knie absolut nicht belastet werden darf. Ihre Handgelenke werden erstmal mit Schienen ruhig gestellt, die kleinste Kraftanstrengung stört die schnelle Heilung. Im Grunde sollten Sie momentan nicht mal einen Stift halten.
„Und wie soll ich dann essen?“
„Ich kann schlecht verlangen, dass Sie sich füttern lassen, das allerdings wäre der Optimalzustand.“
Die Seniorin schnaubte. „Für wen?“
„Für Ihren Körper. Wohnen Sie alleine und haben Sie eventuell jemanden, der sich um Wolfi kümmern kann?“
„Ja und vielleicht. Ich kann die Familie über mir fragen, ob sie den Hund versorgen können. Die haben Wolfi gelegentlich genommen, wenn ich übers Wochenende zu meiner Tochter gefahren bin. Eine nette Familie. Kann ich telefonieren?“
„Natürlich. Ich nehme Sie erstmal hier auf. Wir benachrichtigen den medizinischen Dienst, mit denen können Sie Unterstützung für zu Hause besprechen.“
„Medizinischer Dienst? Das klingt, als sei ich ein Pflegefall.“
„Ohne Ihnen nahe treten zu wollen. Im Moment sind Sie ein Pflegefall, Frau Schneverdingen.“
„Haben Sie das von Professor Haase gelernt?“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen?“
„Ihre direkte Aussage. Aber irgendwie sind Sie dabei noch charmant. Wie der Professor.“

„Von Professor Haase habe ich schon eine Menge gelernt, aber das ist meine eigene Art. Ich schicke Ihnen gleich eine Schwester vorbei, die kann Ihnen beim Telefonieren behilflich sein. Wir sehen uns später wieder, Frau Schneverdingen.“

Die Patientin war gerade aus der Notaufnahme weg, da rollte der nächste Rettungswagen herein.

Auch dieser Verletzte war auf rutschigem Laub ausgerutscht. Er hatte weniger Glück gehabt, denn er war einem Fahrradfahrer vor den Vorderreifen gefallen. Dieser hatte nicht mehr ausweichen können und war über den Arm des Mannes gefahren und anschließend selbst gestürzt. Ein weiterer RTW brachte auch diesen Mann herein.

Da Doktor Knechtelsdörfer heute Doktor Schattmann zugeteilt war, hatte Marc mit Carsten Stern alle Hände voll zu tun. Doktor Brickmann hatte ihren freien Tag und war sicherheitshalber telefonisch nicht zu erreichen. Der Oberarzt rief die PJlerin Monika Geier in die Notaufnahme. Unter seiner Aufsicht durfte sie Blut abnehmen oder andere Hilfstätigkeiten verrichten.
Marc versuchte, der jungen Frau, die seit Monatsanfang auf der ´Inneren` eingesetzt war, ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Die Studentin hatte jedoch Probleme, die Fragen des Arztes zu beantworten, während sie gleichzeitig Blut abnehmen oder Verbände anlegen sollte.

„Das Fach Multitasking haben Sie nicht belegt, oder?“ Er hatte sich das eine Weile angesehen. „Haben Sie im Alltag auch Schwierigkeiten, zwei Dinge gleichzeitig zu tun?“
„Ich möchte mich konzentrieren, Doktor Meier!“ Das klang wie eine Zurechtweisung.
„Das hoffe ich, Frau Geier. Trotzdem sollten Sie diese Fähigkeit trainieren. Haben Sie vor Ihrem Praktischen Jahr schon Erfahrung in der Praxis sammeln können?“
Sie beendete die Aufgabe, dann erst antwortete die Praktikantin. Vermutlich wusste sie noch nicht, dass genau solche Situationen den Leitenden Oberarzt verärgerten.

(„Wir sprechen uns noch!“)

Später sah er sie mit Mehdi das Krankenhaus verlassen. Sie hatte sich bei dem Halbperser eingehakt und flirtete ihn an.

(„Na wundervoll...!“)

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10.10.2018 22:19
#211 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 4.3 – Personalnot am Frühstückstablett


Am nächsten Morgen gab es ein neues Problem. Über Nacht hatte die Patientenzahl zugenommen, dem gegenüber standen zwei Krankmeldungen von Krankenschwestern. Marc zog Schwester Gabi von der Gyn ab, weder sie selbst noch Doktor Hundt waren begeistert davon, fügten sich aber der Anweisung. „Tut mir Leid, aber Gabi ist einfach schneller als Schwester Eva. Es geht erstmal nur darum, das Frühstück an die Patienten verteilt zu bekommen.“
Nur Mehdi ging auf Konfrontation. „Warum sind wir immer die Gelackmeierten? Warum holst Du nicht mal jemanden von der Onkologie oder Inneren?“
„Da übernehmen bereits Frau Geier beziehungsweise die Oberschwester diese Aufgabe – jeweils alleine. Verstärkung kommt erst um 8 Uhr.“
„Trotzdem es sind immer...“
„Mehdi – akzeptier es einfach. Das ist nichts, was zur Diskussion steht.“ Damit ließ Marc den Oberarzt stehen.

Nur Sabine freute sich. „Schön, mal wieder mehr Worte als „Hallo“ und Tschüss“ zu wechseln. Manchmal sehe ich mir Fotos an, um zu wissen, wie Du aussiehst.“
„Du spinnst ja.“
„Nein, wirklich. Früher hast Du ja wenigstens noch Deine Pausen hier verbracht oder die Berichte hier bei uns geschrieben.“
„Ja, das stimmt. Aber ich kann ja schlecht Frau Doktor Hundt an den Empfang setzen.“
„Hat Doktor Kaan ja auch gemacht.“
„Macht er aber nicht mehr. Ich glaube die Frau Doktor ist immer geschaffter, als sie zugibt. Nee, eher soll sie sich mal mit ihrer Kugel zurückziehen.“
„Du magst sie mittlerweile?“
„Ja. Sie arbeitet halt komplett anders als Doktor Kaan. Da geht alles viel schneller. Auch die Geburten. Ich war ja anfangs echt verwundert, dass sie so kompromisslos die Entbindungen durchpeitscht.“
„Wie – durchpeitscht?“
„Kein Kind braucht länger als nötig, um auf die Welt zu kommen. Abwarten? Ist nicht. Wenn die Wehen anfangen und der Prozess ins Stocken gerät, dann geht´s an den Wehentropf. Und nicht zu sparsam. Da ist nichts mit abwarten, ob es wirkt. Und auch wenn es danach besser geht... der Wehentropf bleibt dann dran. Genauso wie sie nichts vom „Geburtserlebnis“ hält. Sie empfiehlt jeder Schwangeren die PDA.“
„Aber eine Geburt ist doch etwas Erlebenswertes.“
„Sie bekommt das fünfte Kind. Sie sagt nein. Diese Schmerzen muss keine Frau ertragen, bloß weil es schon immer so war oder weil das dazu gehört. Schnell und schmerzlos. Da haben alle mehr von. Die Frau ist nicht so fertig, schreit uns nicht die Ohren voll und ich meine, auch die Babys sind fitter. Ist ja nicht so, als sei das für die ein Zuckerschlecken.“
„Hm... ich weiß nicht.“
„Sie setzt ja auch die PDA noch, wenn die Geburt schon läuft.“
„Und wenn es dann doch schneller geht?“
„Dann hat die Frau hinterher Ruhe, oder man spart die Lokalanästhesie, wenn man nähen muss.“
„Apropos... ich... ähm... – Entschuldigung? Was machen Sie da?“

Gerade nahm sich ein Patient ein Tablett vom Wagen. „Ich kann mir schon selbst helfen.“

„Warten Sie bitte? Wer sind Sie? Die Frühstücke sind nicht alle gleich.“ Sabine sah auf einen Blick, dass der Mann ein normale Portion erwischt hatte. „Und Sie sind?“
„Hungrig. Seit gestern habe ich nichts mehr gegessen.“

„Es ist erstaunlich, dass Sie noch aufrecht stehen können.“ Doktor Meier stand plötzlich im Gang. „Das hier ist kein Buffet.“

„Ja, leider. Dann würde ich bestimmt eher satt.“ Der Patient verschwand mit seiner Beute in einem Zimmer. Sabine strich die Nummer pflichtbewusst von ihrer Liste.

„Buffet ist nicht die schlechteste Variante. Frau Doktor Hundt hat das bei uns eingeführt, unsere „Gäste“ sind ja im seltensten Fall bettlägerig. Die gehen zum Essen in den Aufenthaltsraum. Nehmen sich Geschirr, stellen es auf den Wagen. Die Küche liefert und holt wieder ab. Das hier...“ Gabi zeigte auf den Tablettwagen „Gibt es nur noch für Ausnahmefälle.“
Marc sah die Krankenschwester nachdenklich an. „Gabi, Du bist die Beste!“ Schon war der Leitende Oberarzt im Treppenhaus.

„Das hast Du im Bett auch immer zu mir gesagt!“ Mit ein bisschen Wehmut sah sie dem Chirurgen hinterher.

Sabine riss entsetzt die Augen auf. „Gaaabi!“

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21.10.2018 12:20
#212 RE: Story von Karo Zitat · antworten

November 4.4 - Brief an Marc


Hallo Marc,

ich hasse es, Dinge zu schreiben, die ich sagen möchte. Aber es lässt mir keine Ruhe. Ich kann nicht einfach abwarten. Das ist mir viel zu ungewiss...
Leider weiß ich nicht, ob dieser (und der andere) Dich erreichen werden (erreicht hat).
Ich hoffe nicht, dass Du nun aus allen Wolken fällst:

Ich bin schwanger, Marc.

Wie sehr wünschte ich, Dir das persönlich zu sagen. Genauso wie ich nie per SMS Schluss machen würde. Und wenn Du jetzt geschockt bist, dann muss ich noch eins drauf setzen. Aber auch das kann ich Dir nicht verschweigen.

Marc, Mehdi ist der Vater von dem Kind. Meinem Kind. Oder doch unserem Kind? Du und ich, sind wir in diesem Moment noch ein wir?
Das ist irgendwie komisch. Selbst wenn wir beide kein Wir mehr sein sollten, dann bin ich trotzdem noch ein Wir. Das Kind und ich.

Nur um eins klar zu stellen: Mehdi mag der Erzeuger sein, als Vater kommt er nicht in Frage!

Ich bin nun in der 13. Woche schwanger. Ich habe ein neues Ultraschallbild – das erste hat Mehdi mir entwendet. Ich warte sehnsüchtig darauf, die ersten Bewegungen zu fühlen. Lange kann es nicht mehr dauern. Es ist zu früh, etwas genaues zu sagen, aber ich glaube, dass es ein Junge sein wird. Ich weiß, was Du jetzt sagen würdest.
Immerhin, mein Bauch ist schon dicker geworden. Ob man es sieht, weiß ich nicht, aber ich merke es an meinen Hosen.
(Bitte spar Dir jeglichen unnötigen Kommentar über meinen Bauch!“)

Das Baby macht mich glücklich. Auch wenn es mich gleichzeitig verzweifeln lässt. Ich wünschte so sehr, es wäre von Dir. Ich vermisse Dich furchtbar. Gott sei Dank ist hier immer genug zu tun: Das Ende der Regenzeit bedeutet, dass die Leute ihre Felder liegenlassen und mit den Monate alten Verletzungen und wochenlang verschleppten Krankheiten zu uns kommen. Es hagelt nur so an Früh- und Fehlgeburten. Ein bisschen macht mir das Angst.

Ich erwarte ein Baby und muss so viele tote Babys sehen. Die Hauptursache liegt allerdings in diesem barbarischen Beschneidungsritual.

Marc – Roula hat mir ihre Geschichte erzählt. Es ist furchtbar. Du warst schockiert dass ich 8 Jahre eine Beziehung mit schlechtem Sex hatte. Ja – das weiß ich jetzt auch! Aber Roula und Martin sind seit 10 Jahren ein Paar, seit 8 Jahren ein Ehepaar. Sie hatten noch nie Sex.
Roula hatte den Mut, mich um Rat zu fragen, nachdem sie gesehen hat, dass wir fast immer etwas für die Frauen tun können. Marc, das zu sehen... ich musste mich übergeben. Gott sei Dank ist Roula nicht böse geworden.

Aber was rede ich? Ich möchte wissen wie es Dir geht. Ich träume in letzter Zeit recht wirr, meistens tauchst Du dann auf einem weißen Pferd auf. Oder wir schwimmen mit Delfinen. An wirkliche Zusammenhänge kann ich mich nicht erinnern. Haha, frag doch mal Sabine. Mit sowas kennt sie sich doch bestimmt aus.

Ach, da kommt ja auch Emma nach Hause. Als hätte sie darauf gewartet, dass Du abreist – 2 Tage später ist sie hier herein spaziert und ich wurde sie nicht mehr los. Nun hat sie eine Schlafkiste und tagsüber scharrt sie mit den anderen Hühnern im Hof. Komisches Huhn.
Die Kinder nennen mich La mére de poule. Hühnermutter. Ich bin froh, dass Emma ein Huhn und kein Rabe ist. Wie wäre das denn? Gretchen Haase, die Rabenmutter.


Jetzt lachte Marc laut auf. Rabenmutter. Alles, nur das nicht.

(„Wenn jemand eine wunderbare Mutter sein wird, dann Gretchen.“)

Er zuckte zusammen. Hatte er das gerade gedacht?

(„Äh, Meier – wenn Du an Gretchen als Mutter denkst...“)

Er starrte eine Weile in die Luft.

(„Dann werden es auch meine Kinder sein!“)

Es ist nicht von Dir!
Wichtiger ist, dass sie es mit Dir haben will!


Überleg mal, was ich hier für einen Stand in Afrika hätte... 30, unverheiratet, ohne Kinder. Ich würde in Ouaga in einem Asyl für „Pensionnaires“ leben. Hier heiraten die Mädchen meistens zwischen 15 und 17. Mit 15 war ich allerdings in den gleichen Typen verliebt wie heute. Mit 17 auch, aber da er die Schule verließ... das war ganz schön schlimm damals.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein würde, ohne Dich in dieser Schule zu sein. Ich habe selbst Deine Gemeinheiten vermisst. Ich weiß sogar noch, dass Du damals mit Daniela Cholonka zum Abiball gegangen bist. Naja und dann mit Katharina Hauschild in der Garderobe verschwunden...


(„Daniela Cholonka? Oh Mann... toll Meier! Und Danke Gretchen...!“)

Nach Hause bist Du alleine, aber mit einer dicken Nase. Einer der wenigen Typen, die sich getraut haben, Dir mal aufs Maul zu geben war Danielas Bruder. Dennis, der Meisterschwimmer. Der stand bei mir an zweiter Stelle, sehr weit weg von Dir, aber irgendwie immer mein 2. Fester Freund. Der erste warst Du. Und wenn es nach mir geht, dann bist Du auch definitiv der letzte feste Freund. Mein letzter fester Freund!

Ich liebe Dich, Marc! Von ganzem Herzen.
Gretchen.
Nein.


(„NEIN???“)

Marcs Herz fing wild und aufgeregt an zu pochen. Doch es nahm schnell wieder einen positiven Rhythmus an. Gretchen hatte sich korrigiert.

Dein Gretchen!

P.S. Marc – willst Du der Vater meines Babys sein?

Karo Offline

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21.10.2018 12:29
#213 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 4.5 – Von der Unfähigkeit einen Brief zu schreiben


Sie hatte verschiedene Herzchen gemalt, natürlich in rosa. Marc folgte einem unbewussten Impuls und roch am Brief. Fast meinte er, Gretchen zu riechen.

(„Ich liebe Dich auch Gretchen. Mehr als alles andere in meinem Leben!“)

„Ja, Gretchen. Ich will der Vater Deiner Kinder sein!“

(„Von diesem und allen weiteren!“)

Wieder meldeten sich zwei Stimmen zu Wort. Doch im Moment schien es so, als habe die eine Stimme nicht so richtig was zu melden.

Schreib ihr das. Am besten sofort. Eine bessere Grundlage gibt es nicht.
Pah... Schreiben. Das hast Du noch nie getan.
Du befindest Dich bereits auf einem neuen Weg. Nun geh ihn weiter. Schritt für Schritt.
Man kann auch rückwärts gehen.
Ja. Das stimmt. Solange das vor größer ist, als das zurück, ist auch das Zurück kein Problem. Tu es einfach. So wie Du ihr Bild aus dem Versteck geholt hast. Nimm ein buntes Blatt Papier.
Wie wäre es mit rosa? Die Weicheinummer wäre dann perfekt.

(„Da müsste doch noch grünes Papier sein!“)

Siehste?!



Mein Gretchen,

Dein Brief macht mich glücklich. Dieser und auch der davor. Ja, ich habe beide erhalten. Den ersten nur durch Zufall und viel zu spät. Der Postweg dauert ungefähr zwei Wochen, deshalb solltest Du allmählich wissen, ob ein Mädchen oder - ein richtiges Kind.

Mein Brief bringt mich gerade zur Verzweiflung. Und das hat in letzter Zeit nicht mal Knechtelsdörfer geschafft...

Ich habe Dir so viel zu sagen, aber im Grunde benötige ich dafür keine Worte. So wie vor ein paar Wochen - Monaten, als ich Dir die Antwort auf Deinen Abschiedsbrief persönlich gebracht – gezeigt habe.

Sieh mir meine Unfähigkeit nach, ich habe vor ungefähr 20 Jahren den letzten Brief geschrieben.

Gretchen, ich weiß, wie glücklich Du in Afrika bist. Du hast das gefunden, was Deiner Arbeit einen Sinn gibt. Das habe ich gesehen und eins weiß ich sicher. Ich werde auf Dich warten, egal wie lange oder wo. Ja, Prinzessin. Bei mir wird immer und überall ein Platz für Dich frei sein. Für Dich und das Kind. Es kann am wenigsten dafür. Ich möchte für euch da sein. Aber ich befürchte, dass ich Deine Hilfe brauchen werde.

Ich habe keine Ahnung wie das geht. Ich habe im Grunde nicht mal Ahnung von einer Beziehung. Nun also ein Kind. Ich mag Herausforderungen – ob ich das später immer noch so sage? Gretchen, Du weißt, dass... hm, naja, ich habe keine Ahnung wie man als Vater sein muss, kann, will.
Ich weiß, was ich nicht will, wie ich nicht sein will. Aber das wird wohl nicht reichen. Ja, ich möchte dieses Kind mit Dir großziehen.
Aber dieser Wunsch – und ich meine es so wie ich es sage – bringt mich sehr nah an ein Thema heran, das ich lange verdrängt habe. Ich bitte Dich jetzt schon – weit im Voraus – um Verständnis und um Verzeihung für mögliche Kurzschlussreaktionen. Sollte ich irgendwann mal spurlos verschwunden sein – vermutlich findest Du mich auf Rügen. Dort ist das einzige Zuhause, was ich als Kind hatte. Nur bei meinen Großeltern hatte ich eine glückliche und unbeschwerte Zeit.

Der Skiunfall meiner Mutter hatte ein Gutes: Wir haben gesprochen. So viel wie unser ganzes Leben nicht. Sie weiß von dem Kind. Was sie davon hält, weiß ich nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Doch, eigentlich ist es das. Da meine Eltern versagt haben, war ich froh, dass es meine Großeltern gab. Ich wünsche unserem Kind – unseren Kindern, dass sie ebenso tolle Großeltern haben werden. Naja, bei Deinen Eltern zweifle ich da weniger.

Du hattest schon immer einen Hang zu romantischen Träumereien – mein „weißes Ross“ hat 80 PS und man reitet darin, nicht darauf. Ich verspreche Dir hiermit hoch und heilig, dass Du den Unterschied kennenlernen wirst!

Mit Delfinen schwimmen? Habe ich noch nie drüber nachgedacht...

Ich weiß nicht, was schlimmer ist – eine Beziehung ohne Sex oder mit schlechtem Sex.

Irgendwie ist das komisch. Bisher hatte ich immer Sex ohne Beziehung, momentan habe ich eine Beziehung ohne Sex. Gezwungenermaßen. Aber dazu passt ja auch Vater zu werden, ohne der Vater zu sein.


(„Scheiße, Meier, sowas kannst Du nicht schreiben...“)

Du kannst nicht und Du brauchst nicht!
Das wird schon. Sie weiß jedes Wort von Dir zu schätzen.
Gretchen Haase verschätzt sich schon mal öfter.
Lass sie daraus.
Pfff... Hühnermutter. Eher selbst ein gackerndes Huhn. Komm... ritsch ratsch, dann hast Du es versucht und bist gescheitert.
Gescheitert!!!
Gescheitert, Meier!
Das kommt, wenn man die gewohnten Pfade verlässt...

Das wird schon. Wie war Dein Plan? Schritt für Schritt.
Der nächste Schritt wäre das Foto im Büro wieder zu verstecken. Am besten ganz tief in der Tonne. Das im Wohnzimmer kannst Du gleich mit entsorgen.

(„Schritt 2!“)


Marc zerknüllte das grüne Blatt und warf es in Basketballermanier in Richtung Papierkorb.

(„Daneben. Das ging früher auch besser. Naja, egal!“)

Er roch nochmal an Gretchens Brief. Nein, das war doch nur Einbildung? Wunschtraum. Ihren Duft riechen. Marc schloss die Augen und tauchte sein Gesicht in eine blonde Lockenpracht. Er tauchte ein in seine Erinnerungen. Martin und Roula hatten ihnen ein bisschen von dem afrikanischen Binnenland gezeigt

Karo Offline

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30.10.2018 17:08
#214 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


November 4.6 – Erinnerungen MM


(September) Die Gegend um Sanssouci war aufgrund der Nähe zum Mouhoun relativ grün. Safané, eine aus vielen Einzeldörfern bestehende Gemeinde, lag westlich von ihrer Mission und war entweder mit einem Umweg über die geteerte Nationalstraße oder quer durch den Busch über Schotterpisten zu erreichen. Martin hatte für die Hinfahrt die unbequeme Trasse gewählt, damit er den beiden Besuchern etwas von dem Land zeigen konnte. Zurück hatten Sie einiges an Ladung aufgenommen, sodass die Teerstraße schneller und sicherer war.

Er stand hinter ihr und hatte die Arme fest um Gretchen geschlungen, seine Stirn an ihren Hinterkopf gelehnt. Etwa 2 Meter vor ihnen fiel das Plateau etwa 50 – 60 Meter steil ab. Das hier war einer der schönsten Plätze, die sie gesehen hatten. Vor ihnen lag die weite Flussebene, die Sicht ging an guten Tagen bis hin zu den Bergen.

(„In Deutschland würde man es gerade mal als Hügel bezeichnen.“)

„Burkina Faso ist ein flaches Land, die Differenz zwischen der höchsten und der niedrigsten Ebene beträgt keine 600 Meter. Die weiteste Fläche liegt auf 250 bis 350 Metern über Normalnull. Unser Mount Everest heißt Ténakourou und liegt im äußersten Südwesten des Landes. Für euch ist er mit seinen 749 Metern eher ein Hügel. Sanssouci liegt wegen seiner Nähe zum Fluss eher niedriger als das normale Niveau, deswegen erscheinen uns die weichen Kuppen von hier aus schon wie Berge.

Zwischen Bobo und Banfora erstreckt sich eine 150 Meter hohe Steilwand, die Falaise de Banfora. Von diesen Sandsteinfelsen fällt der Fluss Comoé in die Ebene hinab und bildet eins der wichtigsten touristischen Ziele in Burkina Faso. Die Cascades de Banfora oder auch Cascades de Karfiguéla. Allein der Weg dorthin ist zur passenden Jahreszeit traumhaft – durch Zuckerrohrfelder und eine Allee alter Mango- und Kapokbäume.

Wenn man Glück hat findet man die Früchte reif vor, das ist ein Schlaraffenland aus süßen Mangos. Sie sind nicht mit euren Importmangos zu vergleichen. Hier sind die Früchte süß und fast faserfrei. Außerdem wächst dort der Kapokbaum. Er liefert Fasern, die man gut als Füll-, Polster oder Isoliermaterial verwenden kann. Die Samen sind reich an fettigem Öl, sodass Seife oder Speiseöl daraus gewonnen wird.“

„Das Öl hat auch eine antibakterielle Wirkung. Die Seife, die wir zur Wundversorgung in der Krankenstation benutzen, haben wir auch aus Kapok hergestellt. Sogar aus dem von der Allee.“ Roula lachte. „Wenn man die Allee befahren will, muss man einen kleinen Betrag an die Gemeinde zahlen. Je nach Wachstum erhält man einen oder mehrere Körbe, die man sich mit allem vollpflücken darf.“

Jetzt war es Martin, der herzhaft lachte.
„Man zahlt umgerechnet vielleicht 5 Euro für das „Wegegeld“. Wenn man es drauf anlegt, dann kann man dafür bestimmt 100 Mangos sammeln. In Deutschland zahlt man mindestens 1,50 Euro für eine Frucht, wenn nicht mehr. Hier sind es dann 5 ct. Auch wenn man mit 100 Mangos nichts anfangen kann, da die fast sofort gegessen werden müssen.“

„Meine Mutter hatte mal eine Phase, da wollte sie mehr Exotik in ihrem Leben haben. Ich glaube zwischen den Kiwi-, Pfirsich und Orangenbäumchen waren auch zwei Mangobäumchen. Überlebt hat nichts.“

(„Auch nicht der langschwänzige Lover aus Tunesien!“)

„Echt? Das wundert mich jetzt aber irgendwie – nicht.“ Gretchen sah ihren Freund schelmig an. Der zog seine freche Freundin noch ein bisschen fester an sich heran und lachte in ihre Locken.
Martin und Roula beobachteten die beiden und lächelten sich an. Roula erklärte weiter und auch wenn weder Gretchen noch Marc Anstalten machten, ihre innige Position zu verändern, so hörten sie doch aufmerksam zu.

„Bei entsprechender Pflege wachsen die Bäume sehr schnell, pro Jahr zwischen 100 und 150 cm. Sie blühen schon ab dem ersten Jahr, doch auf den Plantagen werden die Blüten entfernt, damit sie den Bäumchen keine Kraft entziehen. Erst im dritten Jahr darf ein Baum Früchte tragen. Die erste Ernte wird an die 50 Mangos bringen, die volle Ernte erreicht man im oder ab dem 5. Jahr, rund 10-mal mehr Früchte.

In Burkina Faso ist die Mangopflanzung gerade bei Kleinbauern beliebt, da sie nur geringe Investitionen erfordert. Am Anfang steht oder stand meistens ein Mikrokredit, mittlerweile gibt es Prämien für Kleinbauern. So eine Art Subventionierung im Kampf gegen die Desertifikation. Im Kampf gegen die Verwüstung des Landes und den landwirtschaftlichen Flächen, durch die die Ausbreitung der Sahara, sind Bäume ein guter Schutzfaktor. Dazu gehören in Burkina Faso auch die Mangobäume, welche hier neu kultiviert worden sind. Das schnelle Wachstum ist also doppelt günstig. Hier werden Mangos häufig als Dry Fruits angeboten. Wegen des großen Angebots an Mangos und langer, beschwerlicher Transportwege werden die Früchte getrocknet. Entlang der Bahntrasse gibt es Sammelstellen, wo die Kleinbauern ihre Früchte abliefern können.

Solaire ist mittlerweile der größte Trockenfruchtexporteur des Landes – entstanden aus einem Mikrokredit. Die Gründerin der Firma – Solaire Boudin – hat ihre Herkunft nie vergessen und bezahlt die Ware der Bauern mit fairen Preisen.
Einen Teil des Gewinns, den Solaire mit dem Export der Trockenfrüchte erzielt, gibt sie selbst als zinslose Mikrokredite an kleine Bauern weiter oder fördert landwirtschaftliche Projekte. Ihr ehrgeizigstes Vorhaben ist allerdings möglichst viele Sammelstellen einzurichten, dass die Bauern nicht tage- oder wochenlang unterwegs sind, um die Waren abzugeben. Wenn die LKWs in regelmäßigen Abständen durchs Land fahren sind Solaires Mitarbeiter immer gern gesehene Gäste in Sanssouci.“

„Aprospros – wir sollten langsam sehen, dass wir weiter kommen, ich wäre vor Einbruch der Dunkelheit gerne dort!“ Martin löste die entspannte Runde ungerne auf, doch die Vorstellung, noch im Dunkeln auf den unbefestigten Buschtrassen unterwegs zu sein, behagte ihm noch weniger. Einen Un- oder gar Überfall riskierte man besser nicht.

Sie hatten in Safané einen wundervollen Tage verbracht, nicht, dass sie sonst ihrer Liebe keinen Freiraum gaben aber es war etwas anderes. Hier waren sie wirklich nur sie beide. Gretchen und Marc.

Das Paar hatte viel Zeit in dem – man konnte es fast schon modern nennen – Marktkomplex verbracht, wo sie keine Bedenken hatten, landestypische Speisen und Früchte zu probieren. Sie kamen mit den Menschen ins Gespräch und eh sie sich versahen, besuchten sie eine Fabrik zur Herstellung von Karitébutter und eine Baumwollfabrik.

„Marc, das sind die Nüsse, die bei uns auch an den großen Bäumen wachsen. Hast Du schon mal mitgekriegt, dass die genutzt werden?“

Später hatte sie Roula darauf angesprochen.
„Ja, die Nüsse fallen später einfach von den Bäumen, dass wir sie nur aufsammeln brauchen. Meistens schaffen wir es gar nicht, alle zu verarbeiten.

Wir nutzen sie hier nur für uns, die Butter kann man essen oder als Kosmetik verwenden. Die Verarbeitung ist sehr zeit- und arbeitsintensiv, aber die Nüsse reifen zu einer guten Zeit. Reis oder andere Getreide sind noch nicht reif zur Ernte, auch die Früchte, die wir anbauen haben noch viel Zeit vor sich.
Wir hatten mal überlegt, die Nüsse oder die Butter zu verkaufen, aber dafür sind es zu wenig. Da die Butter bis zu vier Jahren haltbar ist, sind wir weitestgehend unabhängig. Wenn wir wirklich mal viel hatten, dann hat Fritz die Butter mitgenommen und an treue Spender verteilt, sozusagen als Dankeschön. Das kam immer sehr gut an.

Hier in Afrika wird die Karité- oder Sheabutter auch als das „Weiße Gold der Frauen“ bezeichnet. Der Karitébaum gilt als heilig – er übersteht dank seiner dicken Borke sogar Feuer – die Nüsse, manchmal bezeichnet man sie auch als Karitémandeln, dürfen nur von Frauen gesammelt und verarbeitet werden. Hier ist es ein Privileg der älteren Mädchen. Sie gelten offiziell noch nicht als Frau, das sind sie erst, wenn sie Ehefrau sind. Aber sie lernen von den Älteren, wie die Nüsse verarbeitet werden. Ein Teil steht ihnen als Lohn und Dank zu. Die meisten bringen ihre Produkte dann zu den Familien und ich bezweifle, dass dort großartig nachgefragt wird. Dazu braucht man solche Lebensmittel zu dringend.

Bei euch erhaltet ihr Sheabutter in vielen Kosmetikartikeln. Leider wird die Sheabutter für den Export meistens raffiniert, wodurch Farbstoff und Geruch verloren gehen.“

Roula zeigte Gretchen und Marc die Fässer, in denen sie das Pflanzenfett aufbewahrten. Hier wechselten die Farben von leicht gelblich, elfenbeinfarben oder grün-gelblich, die Gerüche würde sie als fettig und aromatisch, teilweise sogar fruchtig oder nussig beschreiben. Auch dunkle Butter fand sie vor.

„Diese „schwarze Butter“ erhalten wir, indem die Kerne der Nüsse geröstet werden. Dadurch bekommt man einen intensiven aromatischen, fast rauchigen Geruch. Diese Butter findet hauptsächlich in der Küche Verwendung. Sheabutter wird aber auch als Ersatzfett für Kakaobutter oder als Zutat für biologische Brühwürfel eingesetzt.“

„Das heiß, so wie es hier lagert, könnte man das wirklich essen?“

„Das tust Du jeden Tag, Gretchen.“ Roula lachte und auch Gretchen grinste über ihre unbedarfte Frage.

„Ja, hab nicht nachgedacht. Eigentlich logisch.“

„Ja, das ist mein Gretchen.“ Marc zog sie natürlich mit liebevollen Sticheleien auf.

Karo Offline

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14.11.2018 00:41
#215 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hamburg


November 4.7 – Neuroth/Temelova


Der gute Ruf der Privatklinik Alsterpark war weit über die Stadtgrenzen Hamburgs bekannt. Herzstücke des Hauses waren die Klinik für plastische Chirurgie und die kleine aber feine Transplantationsklinik. Immer wieder bekamen sie höchste Bewertungen und wer Wert darauf legte, konnte sich im Eingangsbereich über die vielen Zertifikate und Gütesiegel informieren. Für jeden Arzt war es eine Ehre, hier einen lukrativen Arbeitsvertrag zu erhalten.

Älteste und traditionsreichste Abteilung war jedoch die 1810 gegründete Orthopädie. Vor ein paar Jahren hatte dieser Teil der Klinik ihr 200jähriges Jubiläum gefeiert. Der damalige Chefarzt der Orthopädie- und Unfallchirugischen Station, Professor Doktor Wido Neuroth, hatte kurz darauf eine Professur in Zürich angenommen und war in seine Heimatstadt zurückgekehrt.

Nun war er für ein wichtiges Symposium in Hamburg und freute sich auf die Gelegenheit, seine ehemalige Arbeitsstätte zu besuchen. Bestimmt hatte sich nur wenig verändert. Er war gespannt, welche Kollegen er noch kennen würde. Ganz besonders hoffte er, den Kardiochirurgen Professor Doktor Jakob Korte anzutreffen. Mit ihm hatte er viele gemeinsame Jahre in diesem Haus verbracht, doch mit der Zeit war der Kontakt abgerissen.

Mit Doktor Ljudmila Temelova, Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie sowie für Plastische Chirurgie stand er glücklicherweise nach wie vor in Kontakt, sie besuchten häufig gemeinsam Chirurgische Symposien.
Ihr Ehemann, der leitende Chefarzt der Klinik, lag ihm nicht unbedingt und so hatte er sich nur mit Ljudmila zum Abendessen verabredet. Vorher wollte er einen Streifzug durch seine berufliche Vergangenheit machen.

Als er am Abend das Foyer der Klinik betrat, war das – oder wohl eher die einzige Vertraute, die Empfangsdame Gerda Kleist.
„Herr Doktor Neuroth – ajeh, ich meine natürlich Herr Professor Neuroth, gut sehen Sie aus – was verschlägt Sie nach Hamburg? Haben Sie Sehnsucht nach Fischbrötchen?“ Sie erinnerte sich gut an seine Vorliebe für Fisch, den es in Hamburg natürlich tausendmal frischer gab als daheim bei ihm in Zürich.
„Frau Kleist, wie schön direkt ein vertrautes Gesicht zu sehen, ich hätte sonst gedacht, ich hätte mich im Gebäude geirrt!“
„Ja, hier ist ordentlich was passiert in den letzten Jahren. In jeder Beziehung.“ Sie beobachtete aufmerksam, wie der Chirurg den Klinikwegweiser betrachtete.
„Da ist ja kaum noch ein bekannter Name dabei?“ Er war sichtlich bestürzt. Natürlich war er schon einige Jahre weg, aber dass er keinen der leitenden Ärzte mehr kannte hatte er nicht erwartet.
„Sehr schade, ich hatte gehofft, den einen oder anderen noch wiederzutreffen.“
„Professor Korte ist vor einiger Zeit nach Berlin gegangen, da ist er jetzt Chefarzt der Kardiologie in einem größeren Krankenhaus. Sein Wechsel war sehr spontan, wenn ich mich nicht täusche wurde er abgeworben, weil der dortige Kardiologe Burn Out hatte.“
„Berlin? Aber nicht an der Charité, oder?“
„Nein, Professor Neuroth, das hätte ich mir merken können. Letzte Woche erst hat der Oberarzt vom Transplantationszentrum, Doktor Rotholz gekündigt. Der dritte jetzt, der innerhalb der Probezeit die Segel streicht.“
„Wer ist denn dort der Stations-Chef?“ Professor Neuroth wusste die Antwort eigentlich schon, bevor er sie hörte.
„Na unser leitender Chefarzt selbst. Aus Mangel an Personal musste jetzt sogar Frau Doktor Temelova die Chirurgische Leitung übernehmen...“
Wido grinste. Ljudmila interessierte sich seit langem nur noch für die Plastische Chirurgie.
„Auch an Chirurgen fehlt es hier seit Monaten, besonders ein Oberarzt. Übrigens ist jetzt auch die älteste Tochter von Doktor Temelova als Assistenzärztin hier. Also ich weiß ja nicht, ob das so gut ist, wenn man die Ausbildung im Familienunternehmen macht.“
„Hm, das ist mittlerweile nicht unüblich. Heutzutage brauchen Sie Vitamin B und diese Klinik hat eben einen sehr guten Ruf!“

„Ja, aber man muss doch auch mal über den Tellerrand hinaus schauen. Man muss sich doch umsehen in der Welt.“
„Frau Kleist, da haben Sie nicht Unrecht. Ich werde mich hier noch ein wenig umsehen. Würden Sie Frau Doktor Temelova – Ljudmila Temelova – ausrichten, dass ich bereits hier bin?“
„Natürlich Professor Neuroth! Einen schönen Tag für Sie.“
„Für Sie auch Frau Kleist, später einen schönen Feierabend.“
Der Schweizer Gast verabschiedete sich mit einem kräftigen Händedruck und schlenderte durch die Klinikgänge. „Nobel geht die Welt zugrunde!“ – Er stand vor einem Gebäude, das er definitiv noch nicht kannte.

Fachzentrum für Plastische Chirurgie
Ästhetische Chirurgie
Rekonstruktive Chirurgie
Leitung Dr. Ljudmila Temelova


(„Ah ja, da hat bestimmt der ‚Russische Hochadel‘ tief in die Tasche gegriffen.“)

Doktor Ljudmila Temelova entstammte einer sehr reichen Russischen Familie. Die Kollegin hatte ihm einmal erzählt, dass es Gas und vor allem auch Glück gewesen waren, denen ihr Großvater das Geld verdankte. Vermutlich sicherte das Geld auch den guten Ruf der Privatklinik. Spätestens alle 10 Jahre wurde das Medizinische Gerät modernisiert, alle zwei Jahre sämtliche Stationen renoviert. In den Gängen wurde Kunst präsentiert, dass manch ein Museum neidisch werden konnte.
Die Aufenthaltsbereiche waren mit Ledersesseln und Möbeln aus Walnuss- oder Kirschbaumholz ausgestattet, Kaffeevollautomaten oder andere Getränke standen überall und jederzeit zur Verfügung.
Der Einrichtung nach zu urteilen hatte sich Ljudmila vollständig auf zahlungskräftige Privatkunden eingestellt. Nasen, Brüste, Fettabsaugen – ein Wellnesswochenende für gelangweilte Geldgattinnen.

Ob sich die Familie vorstellen konnte, wie der Klinikalltag in der „richtigen Welt“ funktionierte – oder eben nicht funktionierte?

Für dieses Thema war er nach Hamburg gekommen. Bei dem Symposium ging es vor allem darum, wie die Zukunft im Gesundheitswesen aussehen würde.
Professor Doktor Wido Neuroth von der Medizinischen Fakultät der Freien Universität Zürich leitete eine internationale Forschungsgruppe zu diesem Thema. Diese Studie würde im Januar beginnen und momentan war er im deutschsprachigen Raum unterwegs, um weitere geeignete Teilnehmer zu rekrutieren. Einen Besonderen würde er morgen noch in Berlin aufsuchen.

Dieses Projekt richtete sich zwar vorrangig an Mediziner im Krankenhausalltag, war aber mit Absicht auch anderen Sparten offen gehalten. Er hatte es so angelegt, dass alle Bereiche der Medizin eingeladen waren, sich zu beteiligen. Die Zukunft ging ja schließlich alle an. Das Symposium war sowas wie eine Bewerbersichtung. Interessanterweise war bei einer dieser Veranstaltungen eine Bewerberin aus einem Gesundheitsfachberuf, also keine Medizinerin, dabei gewesen. Er fand es mutig von der Heilpraktikerin, sich unter die Schar der Ärzte zu begeben. Er hatte sie in jedem Fall auf seiner Liste für ein weiteres Gespräch. In vorherigen Veranstaltungen hatte er schon ein paar Physiotherapeuten begrüßen dürfen, aber insgesamt bedauerte er sehr, dass sich doch vorrangig Chirurgen angesprochen fühlten.
Wo waren die ganzen Pflegeberufe, quasi die Basis des Gesundheitswesens? Die Allgemeinmediziner? Die Hebammen und Alternativen Therapeuten? Interessierten sich wirklich vorrangig nur Ärzte für diese Studie? Wenn ja – warum?
Ging es dem Gesundheitswesen gar nicht so schlecht, wie gedacht? Oder hatten diejenigen mit dem höchsten Einkommen einfach auch die größeren Zukunftsbedenken? Hatten sie trotz aller Hektik im Alltag mehr Zeit, sich mit solchen Themen und Fragen auseinanderzusetzen?

„Wido – wie schön, Du bist da!“ Doktor Temelova riss ihn aus seinen Gedanken.
„Ljudmila, die Freude ist ganz auf meiner Seite!“ Fast hätte er sie nicht erkannt.

(„Legt sie sich unter ihr eigenes Messer?“)

„Was sagst Du zu unserem neuesten Bereich? Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, die Klinik zu modernisieren. Gleichzeitig haben wir uns vollständig von der unrentablen Onkologie getrennt, die Orthopädie wurde weiter eingeschränkt – ich hätte sie ja mit abgestoßen aber da war nicht mit meinem Göttergatten zu reden.“
„Verständlich, der traditionsreichste Fachbereich in eurer Klinik.“
„Ja, Wido, aber man muss ja sehen, wo man bleibt und sich gegen die normalen Krankenhäuser abgrenzen. Heute meint ja jeder Medizinstudent, er wäre zum Chirurgen geboren.“
„Frau Kleist hat erzählt, dass Larissa jetzt auch ihre chirurgische Ausbildung macht?“ Er grinste sie provozierend an.
„He, jede Frechheit musst Du später extra wieder gut machen! Aber ich dachte jetzt eher an meine Nichte. Völlig talentfrei aber Assistenzärztin der Chirurgie.“
„Dann kannst Du ja froh sein, dass Deine Töchter alle hochtalentiert sind!“
„Noch eine Unverschämtheit? Der Abend wird Dich ganz schön was kosten, mein Lieber!“ Sie sah ihn herausfordernd an.

(„Vor allem wohl Kraft, aber) – „Davon war auszugehen!“ Er grinste süffisant.
„Ich habe noch ein bisschen zu tun, treffen wir uns um 19 Uhr im ´Vier Jahreszeiten`?“
Das Restaurant des gleichnamigen Hotels konnte zurzeit mit den meisten Sternen für seine Küche in Hamburg aufwarten. Sie war dort gerne Gast, scheute sich jedoch immer, mit ihrem Ehemann dorthin zu gehen. Natürlich war er in der Lage, sich angemessen zu benehmen aber er passte eben nicht dorthin. Ihr Mann war definitiv mehr ein Biergarten-Typ.
Sie warf dem Besucher noch einen erwartungsfrohen Blick zu, dann eilte Doktor Ljudmila Temelova wieder davon.

Karo Offline

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14.11.2018 00:49
#216 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 4.8 – Das singende Vögelchen


Marc sah auf die Uhr. Die Visite hatte heute länger gedauert als gedacht, er vermisste einen Entlassungsbericht und mehrere Untersuchungsergebnisse. Verschiedene Berichte waren dilettantisch und lückenhaft.

„SABINE, mitkommen!“ Er führte sie in sein Büro.

„J-ja, Doktor Meier.“ Dass der Vormittag nicht zur Zufriedenheit ihres Chefs gewesen war, wusste sie auch so. Er hätte nicht mal ihren Namen bellen müssen.
„Sabine, ist in Ihrem Hirn wenigstens die Ankunft meiner Mutter gespeichert? Sie bekommt eine Suite, ist das klar?“
„Eine Suite? Wo haben wir denn...“
„Dann machen Sie eine!“ Marc haute mit der Faust auf den Tisch. „Und wenn Sie nochmal so Berichte abheften, egal von wem, dann gibt es eine Abmahnung. Rufen Sie Herrn Brune an, ich will ihn nochmal sehen. Nur zur Sicherheit.“
„Aber, wie soll ich denn...“ Ihr Blick fiel auf einen grünen Papierklumpen. Als der Chirurg ihr kurz den Rücken zudrehte, verschwand auch dieses zerknüllte Papier in ihrer Kitteltasche. Sie grinste. Doktor Meier würde ihr vermutlich die Ohren lang ziehen und noch viel Schlimmeres mit ihr veranstalten. Nicht nur, dass sie nun Einblick in das Seelenleben des Chirurgen hatte, sie würde diese wundervollen Zeilen für die Frau Doktor aufbewahren!

„Ist mir egal. Denken Sie sich etwas aus! Und nun raus, die Suite putzen. Schicken Sie mir das singende Vögelchen zu Frau Porz.“
„Natürlich, Doktor Meier. Sofort, Doktor...“
„RAUS!“

Bei der Patientin mit der operierten Knochenentzündung war er wieder Profi, doch der erfahrenen Dame konnte er nichts vor machen. „Geht es Ihnen nicht gut? Sie machen sich bestimmt Sorgen um Ihre Mutter, nicht wahr?“
„Bitte?“
„Es tut mir Leid, Herr Doktor. Ich habe vielleicht ein wenig zu viel gefragt, wo Sie sind. Ich kann unerbittlich sein.“ Die Dame legte Marc beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Sie wollten mir eben irgendetwas sagen, als ich Sie unterbrochen habe.“
„Ja, ich möchte nochmal diverse Untersuchungen machen. Gleich kommt das rothaarige Singvögelchen und bringt Sie runter in die Radiologie.“
„Schon wieder?“
„Ja, es tut mir Leid, aber da gab es eine Panne beim Speichern der Daten.“

(„Eine Panne in der Arbeitsweise eines Assistenzarztes!“)

„Ja, wenn man nicht alles selber macht, nicht wahr?“ Die Patientin lächelte Marc an. „Aber mir ist sowieso am liebsten, wenn Sie das machen. Ganz ehrlich, Doktor Meier. Hätte ich ohne Sie noch mein Bein?“
„Heute vielleicht schon. Aber irgendwann wäre es wohl... naja, das hätte böse ausgehen können.“
„Ich stehe wohl sehr in Ihrer Schuld?“
„Nein, Frau Porz. Ich bin Arzt, das ist mein Job. Ich bin froh, dass wir uns getroffen haben.“
„Ich auch. Ich habe viel über Ihr Projekt in Afrika gelesen. Wenn ich wieder fit bin, dann werde ich sehen, was ich für Sie tun kann. Das verspreche ich Ihnen!“

(„Jaja, das glaube ich erst, wenn es soweit ist.“)

„Dann bin ich gespannt, Frau Porz.“ Marc sah auf die Uhr. Wo zum Teufel blieb diese Hilfskraft?
Als hätte sie die Ungeduld gespürt, klopfte es und eine blonde, weißbekittelte Frau trat ein.

(„Was will die denn hier?“)

„Entschuldigung, ich stand im OP als Schwester Sabine...“

Marc ließ Kopf und Schultern fallen. „Arbeiten hier eigentlich nur Blinde, Taube und Lahme? Ich meinte die Lernschwester... egal. Dann bringen Sie Frau Porz runter in die Radiologie. Das sollten Sie ja noch hinkriegen.“

„Du lässt mich nicht aus dem OP holen, dass...“

„Vor den Patienten „Sie“. Und nun los, Radiologie! Frau Porz, wir sehen uns unten.“


***
Der Heilungsprozess von Frau Porz war vorbildlich. „Ich denke, dass wir uns über eine Reha unterhalten können. Die Physio bekommt Ihnen ja in jedem Fall gut.“
„Eine Reha? Muss das sein?“
„Frau Porz, mit der Reha umgehen Sie für eine gewisse Zeit ein Pflegefall zu sein. Ihrer Kartei entnehme ich, dass Ihr Sohn in Rostock wohnt. Wen gäbe es außerdem, der sich um Sie kümmern kann?“
„Pflegefall?“ Die ältere Dame sah Marc entsetzt an. „Ich? Aber es heilt doch gut? Das sagten Sie doch eben.“
„Ja, Frau Porz, aber vorübergehend sind Sie auf Hilfe angewiesen. Natürlich haben Sie einen Anspruch, über die Krankenkasse versorgt zu werden, aber das hilft Ihnen zum aktuellen Zeitpunkt nicht weiter. In der Reha sind Sie versorgt, pflegerisch und therapeutisch. Ich schicke Ihnen später die zuständige Mitarbeiterin, die kann Ihnen mehr über die unterschiedlichen Möglichkeiten sagen.“
„Vorübergehend? Ganz sicher?“
„Ja. Wenn Sie weiterhin brav und tapfer sind, dann ja.“
„Ich bin ja nicht mehr die Jüngste und da passiert es ja schon, dass ein dummer Zufall spätreichende Folgen hat.“
„Frau Porz, in der Tat, Sie sind nicht mehr die Jüngste und bei Ihnen ist nicht alles glatt gegangen. Trotzdem halte ich Ihre völlige Genesung für möglich. Allerdings wird es Zeit und entsprechend Geduld brauchen.“

„Danke für Ihre Ehrlichkeit, Doktor Meier.“

Eine Pflegeschülerin brachte Frau Porz wieder auf die Station.

„Was sollte das? Wolltest Du mir zeigen, dass Du die Macht hast, mich für so einen Scheiß aus dem OP zu holen?“
„Ich habe gar nichts. Sabine sollte diese Trällertussi zu Frau Porz schicken.“
„Trällertussi. Vielleicht solltest Du Dir angewöhnen, die Leute beim Namen zu nennen. Oli...!“
Niemand außer Gretchen durfte ihn auf diese Art zurechtweisen, schon gar nicht diese Brillenschlange: „RAUS!“
„Blödmann!“



***
„SABINE!!!“
Schnell verschwand ein grüner Zettel in ihrem Kittel. „Ich... Ich habe den Herrn Brune nicht erreicht, aber auf dem Anrufbeantworter habe ich Ihre Nachricht ausgerichtet.“
„Warum lassen Sie Doktor Amsel aus dem OP holen, um eine Patientin zur Untersuchung zu fahren?“
„Aber Herr Doktor, das war doch Ihr Wunsch.“
Marcs Augen verengten sich zu schmalen, drohenden Schlitzen.
„Sie meinten nicht Doktor Amsel? Aber Sie sagten doch das „singende Vögelchen“? Und die Amsel ist doch der Singvogel schlechthin...?“
„Die Trällertante, Sabine. Ihren rothaarigen Schatten.“
„Dann sagen Sie das doch auch, wenn Sie Frau Freitag meinen.“ Als das Telefon klingelte zuckte Sabine zusammen. „Das Telefon klingelt.“
„Und was machen wir da, Sabine?“
„Drangehen?“
„Dann in Herrgotts Namen gehen Sie dran.“ Diese Frau war sowas von geistesgestört...
„Ja... der steht neben mir. Für Sie.“ Sie hielt Marc den Hörer hin. „Wer?“ Fragte er lautlos, doch sie zuckte die Schultern.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Das weiß ich bereits. – Meier?“

Nach dem Telefonat warf er Sabine das Mobilteil auf den Platz. „Auflegen!“
„Was?“
„Die Schallplatte. – Den Hörer natürlich.“

Er musste hier raus. „Sabine, hier einmal für Eichhörnchen zum Nachtanzen. Ich bin in der Notaufnahme und Sie melden sich erst bei mir, wenn meine Mutter ankommt.“
„Ach ja, Ihre Mutter. Soll ich Blumen besorgen?“
„Es reicht, wenn das Zimmer fertig ist.“
„Jetzt doch ein Zimmer? Ich dachte, es sollte die Suite...“

„Aaahhhhh!“

(„Was mache ich hier?!“)

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