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Dieses Thema hat 192 Antworten
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Karo Offline

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Beiträge: 499

14.07.2018 23:19
#176 RE: Story von Karo Zitat · antworten

RÜGEN


November 2.23 – Marc auf Rügen 4


„Hm.“ Marc stellte die Tasse auf den Wohnzimmertisch und lief die Treppe nach oben. Dort stand er eine Weile vor dem Bücherregal. Seine sensiblen Fingerspitzen fuhren über Bücherrücken, Titel und Autoren.

„Ja!“ Da war das Buch, was er in jenem Jahr – seinem letzten Weihnachten bei den Großeltern geschenkt bekommen hatte. Das Titelbild – der vitruvianische Mensch – hatte ihn von jeher fasziniert.

„Darf ich das mitnehmen?“
„Natürlich, Marc. Es gehört Dir.“
„Ich bringe es wieder – es gehört hier hin.“
„Dann wirst Du fahren?“
„Ich habe wohl keine Wahl.“ Marc seufzte. „Vermutlich kann ich hier nicht mal ins Internet?“
„Was hältst Du von mir? Die Buchungen für die Ferienwohnung laufen fast alle über das Internet. Ich bin alt, aber nicht von gestern!“ Sie lachte über sein verblüfftes Gesicht. „Komm!“

Natürlich war der PC langsam und stellte Marc vor eine Geduldsprobe. Doch zwanzig Minuten später hatte er einen Flug nach Zürich gebucht. Er verabredete sich mit Ella in Hamburg, dass er sein Telefon vor dem Abflug noch zurückbekäme. Zum Schluß ließ er Professor Neuroth ausrichten, dass er am nächsten Tag in Zürich landen würde – von seiner Seite gäbe es keine Einwände gegen eine OP.

Natürlich wusste er, dass eine telefonische Meinung bei seiner Mutter kaum Eindruck machen würde.

Und seine Klamotten bestimmt noch weniger. Während sich die Großmutter für ein Nickerchen auf die Couch legte, ging Marc erneut ins Dorf und kaufte sich vernünftige Kleidung. Natürlich alles entsprechend teuer, aber sicherlich müsste er in Zürich ein Vielfaches dafür ausgeben.

Karo Offline

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Beiträge: 499

14.07.2018 23:24
#177 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 2.24 – Lebenszeichen von Marc


„Herr Professor! Um Gottes willen! Herr Professor Haase!“ Sabine brüllte jeder Person im Umkreis von einem Kilometer einen Tinnitus in mindestens ein Ohr. „Doktor Meier – er ist am Leben!“
„Sabine, nehmen Sie sich vielleicht eine Valium?“ Doktor Stier nahm den Hörer ans Ohr.

„Marc – Marc, wie geht es Dir?“
„Hier ist Giovanni di Lorenzo von der Polizei. Wir haben die Information bekommen, dass Ihr vermisster Kollege auf Rügen ist, Beamte vor Ort kümmern sich um Weiteres.“
„Wie geht es ihm?“
„Ich kann Ihnen keine weitere Auskunft geben. Aber allzu viele Sorgen müssen Sie sich wohl nicht mehr machen.“
„Haben Sie eine Adresse? Ich könnte sofort hinfahren!“
„Sie hören wieder von mir.“

„Aufgelegt. Was soll das denn?“ Der Oberarzt sah perplex den Hörer an.
„Soll ich übernehmen?“ Sabine hielt erwartungsvoll die gestreckte Hand Richtung Telefon.
„Natürlich, wozu sind Sie sonst da?“ Die neue Kollegin eilte herein und knallte ihr drei Akten in die Hand.
„Äh...“
„Nicht äh, sondern anfangen.“
„Aber...“
„Die Buchstaben des „Aber“ sind gleichzeitig die ersten Buchstaben des Wortes "arbeiten". Also arbeiten Sie. Die wichtigen Dinge überlassen Sie uns anderen!“
„Ach, Sie kochen also von jetzt an den Kaffee?“ Doktor Maria Hassmann tauchte in der Tür auf und bedachte die neue Chirurgin mit einem abschätzenden Blick.
„Wovon träumen Sie nachts?“
„Von Salami-Brötchen mit Nutella, Lindenblütentee mit einer Olive...“
„Gerne auch Blaubeer-Muffins mit Ketchup.“ Der österreichische Assistenzarzt betrat ebenfalls den Stationsraum.
"Tagsüber allerdings auch!"
„Sie sind ja pervers.“ Doktor Brickmann sah nun ihrerseits die Neurologin mit einem prüfenden Blick an.
„Nein, nur schwanger. Maurice, wir müssen uns beeilen, Melanie pünktlich abzuholen.“

„Äh, wieso gehen Sie?“ Die Chirurgin sah nun den Assistenzarzt an.
„Weil ich Feierabend habe und...“
„Haben Sie nicht. Ich habe vorhin die Pläne geändert.“
„Das ist jetzt aber blöd, weil ich was vorhabe.“ Der Österreicher starrte die Neue entgeistert an. Maria bestätigte ihn: „Wir haben etwas vor!“
„Dann müssen Sie das ändern!“

„Stopp!“ Cedric hatte sich die ganze Zeit zurückgehalten und die Kollegen beobachtet. „Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Planänderung notwendig war? Warum haben Sie den Einsatzplan verändert?“
„Die Notaufnahme muss doch besetzt sein!“
„Eben. Was machen Sie also hier, Doktor Brickmann?“

Cedric löste erst das Problem mit dem geänderten–doch–nicht–geänderten Einsatzplan, dann holte er den Professor aus einer OP. Dieser war von Elke Fisher befugt, Neuigkeiten von Doktor Marc Meier zu erfahren.

„Doktor Meier ist auf Rügen? Was macht er denn dort?“
„Das werden unsere dortigen Kollegen herausfinden. Ich melde mich wieder bei Ihnen, Herr Professor.“

Doch die Beamten der Rügener Polizei kamen zu spät. Als sie bei Elfriede Fischer an der Haustüre klingelten war Marc bereits abgereist. Sie konnte den Polizisten nur mitteilen, dass ihr Enkel, Doktor Marc Meier zu seiner Mutter nach Zürich wollte, da die sich beim Skifahren ein Bein gebrochen hatte.

Immerhin konnte der Professor diese Nachricht an Elke weitergeben. „Marc ist wohlbehalten aufgetaucht und bereits auf dem Weg zu Dir nach Zürich!“
„Das weiß ich bereits.“
"Bitte?" Franz Haase war fassungslos. „Elke, Du weißt von...“
„Danke, Franz!“
„Die Haare sollen Dir ergrauen!“ Er spie ins Telefon. Doch dann, deutlich ruhiger: „Elke, geh behutsam mit ihm um. Du weißt nicht, was er durchgemacht hat.“
„Darf ich Dich daran erinnern, dass Marc mein Sohn ist?“
„Gerade deswegen!“

Karo Offline

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Beiträge: 499

25.07.2018 17:59
#178 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.25 – Vor der OP


„Guten Morgen zusammen.“ Professor Neuroth betrat den Konferenzraum. „Wir haben heute einen Gast, ich darf Ihnen Doktor Marc Meier vorstellen, er ist der Sohn von Elke Fisher.“ Er wies Marc wortlos einen Platz zu. „Doktor Sprüngli bitte informieren Sie uns über die Verletzung.“

Auf dem großen Flatscreen erschienen die Röntgenbilder eines Unterschenkelbruchs. Ein junger Mann stand auf, nannte und zeigte die sichtbaren Fakten.
„Frau Fisher hat eine Unterschenkelfraktur, eine typische Skischuhrand-Fraktur. Dabei bricht in der Regel nur das Scheinbein knapp oberhalb des stabilen Skischuhs. Hier handelt es sich jedoch um eine Fraktur von Tibia und Fibula.“

Er wechselte die Bilder.

„Wie Sie sehen handelt es sich um einen geschlossenen, wenig verschobenen Bruch. Da es bisher keine Hinweise auf eine zusätzliche Weichteilverletzung gibt, wäre eine konservative Behandlung mit einer mehrwöchigen, vermutlich zweimonatigen Ruhigstellung in Gips, möglich. Wir raten jedoch immer zu einer Operation, da diese die Behandlungsdauer deutlich kürzer ausfällt. Außerdem ist das Bein bereits nach wenigen Tagen leicht belastbar.“

„Erlauben Sie mir eine Frage?“ Marc meldete sich zu Wort. „Was bezeichnen Sie als wenig verschobenen Bruch?“ Er unterteilte nur in verschobenen oder glatten Bruch.

Ein Arzt ihm schräg gegenüber antwortete statt dem jungen Mediziner, der vermutlich ein Assistenzarzt war.

„Wir haben hier sehr viel mit diesen Ski-Unfällen zu tun. In einer Forschungsreihe haben wir versucht – und versuchen es immer noch – unterschiedliche Verletzungs- beziehungsweise Bruchgrade zu ermitteln. In anderen Kliniken werden Sie die übliche Einteilung verschoben und glatt finden. Aber wir haben festgestellt, dass Knochen, die nur bis zu einem gewissen Grad verschoben sind, genauso stabil heilen, wie glatte Brüche, also nicht verschobene Brüche. Allerdings hat heute kaum jemand Zeit, einen Bruch konservativ auszukurieren. Dazu kommt der stark behindernde Oberschenkelgips, der vier bis sechs Wochen getragen werden muss, bevor nur ein Unterschenkelgips für weitere zwei Wochen die Fraktur schient. Eine häufige Komplikation von geschlossenen Unterschenkelfrakturen ist das Kompartmentsyndrom. Schon allein aus diesem Grund ist eine Operation das Mittel der Wahl. Praktischer ist natürlich auch die kürzere Heilungsdauer.“

Marc hob beschwichtigend die Hände. „Mich müssen Sie von einer OP nicht überzeugen. Es hat mich nur interessiert.“

Professor Neuroth lachte. „Die Überzeugungsarbeit bei Ihrer Mutter müssen wohl Sie leisten, Doktor Meier. Doktor Nussbaum ist unser Spezialist für Unfallchirurgie, speziell Sportverletzungen und auch der behandelnde Arzt Ihrer Mutter.“

„Bei einer Operation würden wir den Bruch nageln. Es ist insofern ein einfacher Bruch, da lediglich der Schaft gebrochen ist und keine gelenknahen Teile betroffen sind. Außerdem sind bisher keine Sensibilitätsstörungen oder Lähmungserscheinungen aufgetreten. Wie Sie auf diesen Bildern sehen können, sind keine Muskeln, Bänder oder Sehnen betroffen. Natürlich ist der Bruchbereich geschwollen und es hat sich hier und hier ein Hämatom gebildet. Da es häufig zum Kompartmentsyndrom kommen kann, kontrollieren wir unter anderem engmaschig die Durchblutung des Beins.“

„So wie ich das sehe, wäre eine OP gestern besser gewesen als heute.“ Er hatte die unterschiedlichen Bild-Entstehungsdaten gesehen.
Der Spezialist nickte anerkennend Zustimmung. „In der Tat. Aber Ihre Mutter bestand auf Ihre Meinung, Doktor Meier. Sobald sie ihre Einwilligung gibt, kann es losgehen.“

„Dann wetzen Sie schon mal Ihr Skalpell, Doktor Nussbaum. Vielen Dank.“ Marc stand auf und verließ die Medizinerrunde.

Professor Neuroth hatte ihm erklärt, dass Besprechungen in dieser Art mehrfach, im besten Fall an drei Tagen pro Woche stattfanden. In großen Kliniken seien diese den Fachbereich übergreifenden Besprechungen üblich. Marc kannte dieses Prozedere noch von der Charité und auch in Freiburg war so beraten worden.

(„Im Elisabeth-Krankenhaus laufen wir immer noch hinter den anderen Kollegen her oder fragen erst gar nicht.“)

Er klopfte an die Zimmertür seiner Mutter und trat ein. „Guten Morgen Mutter, ich wollte Dich zur Operation abholen.“

„Marc!“
Endlich! Ihr Sohn war da. Sie ließ die Freude darüber, ihren Sohn zu sehen, nicht weiter zu.
„Warum kommst Du erst jetzt?“
Ihr fielen Franz´ Worte ein. „Marc – wo warst Du?“ Ihre Stimme brach ab.

„Ich war schon bei Professor Neuroth und Doktor Nussbaum. Sie bereiten schon die OP vor.“ Er legte den Aufklärungsbogen auf das Tablett-Tischchen.
„Wie geht es Dir?“ Er zog sich einen Stuhl an das Bett heran. Elke rutschte so gut es ging ein wenig zur Seite, als Marc sich auf die Bettkante setzte. Der Stuhl war für seine Füße da.
„Marc-Olivier!“
„Möchtest Du, dass ich bleibe?“ Er sah sie an.
„Natürlich. Bist Du auch für eine Operation?“
„Ja unbedingt. Ehrlichgesagt wäre gestern besser gewesen als heute, aber das lassen wir mal undiskutiert. Wie geht es Dir? Schmerzen oder irgendein Druck im Bein? Kribbeln oder Taubheitsgefühl?“
„Nein, Marc. Sie fragen mich das ständig.“
„Das hat einen Grund. Diesen Bruch nicht zu operieren birgt ein größeres Risiko, als es die OP darstellt.“
„Das haben die auch gesagt. Aber warum hat man einen Arzt in der Familie.“
„Du willst das in Berlin operieren lassen?“ Marc hatte mir allem gerechnet aber nicht mit so einer Idee. „Deine Loyalität in allen Ehren, aber das ist eine Schnapsidee.“
Elke schien wirklich enttäuscht zu sein. Marc zügelte sein Temperament und nickte vorsichtig auf das Formular. „Sollen wir das zusammen durchgehen?“
„Meinetwegen. Aber...“
„Aber?“
„Wirst Du bei der OP dabei sein?“
„Ich denke nicht, dass das geht.“
„Ich möchte wenigstens das!“
„Gut, ich werde den Professor fragen.“ Er würde einen Teufel tun. Aber Hauptsache, Elke kam in den OP. Er griff nach dem Klemmbrett. „Hast Du einen Stift griffbereit?“
Die ersten Fragen füllte Marc aus, ohne mit Elke Rücksprache zu halten. „Was tust Du da?“
„Deine persönlichen Daten bekommen ich gerade noch hin. Oh warte mal – bist Du männlich oder weiblich?“ Er grinste seine Mutter frech an und mit einem Mal lachte Elke.
„So warst Du schon als Kind. Frech und charmant. Es war nicht möglich, Dir lange böse zu sein.“
„Äh hm ja.“ Marc war so überrascht, dass er stotterte.

(„Reiß Dich zusammen, Meier!“)

„Also pass auf...“

Karo Offline

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Beiträge: 499

25.07.2018 19:54
#179 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.26 – Marc bei Elke


Professor Neuroth hatte nichts dagegen, dass Marc bei der Operation anwesend war, solange es der Patientin Recht war und kein Ärger von Seiten der Berliner Klinikleitung zu erwarten war. Als Marc grinsend und ohne zu zögern fragte, ob er eine Einverständniserklärung unterschreiben sollte, war der Chefarzt jedoch irritiert.
„Das müsste eigentlich der Chefarzt Ihres Krankenhauses unterschreiben.“
„Professor Haase ist in der Reha und es dauert auch noch ein Weilchen, bis er wieder da ist.“
„Es wird doch eine Vertretung geben, die das unterschreiben darf?“
„Ja. Wenn Sie mir sagen, wo... dann ist das sofort erledigt.“
Es dauerte noch einen Augenblick, bis der Schweizer Professor verstand. „Ach so. Sie?“ Er sah Marc nachdenklich an. „Über Ihre Mutter gerechnet können Sie doch allerhöchstens 33 oder 34 Jahre alt sein? Oder sie hat sie sehr, sehr jung bekommen. Oder...“
„Oder?“ Marc grinste nur noch breiter.
„Adoptiert?“
„Nein. Noch jünger. 32.“
„Oh. Professor Haase ist Ihr Chef?“
„Ja, wieso...?“ Marc kam diese Frage komisch vor. Zumindest, wie der Chefarzt nachfragte...
„Hm, ich habe in Hamburg bei einem Professor Haase gearbeitet...?“
„Vermutlich Brüder? Professor Franz Haase kommt gebürtig aus Hamburg, der Bruder ist Chefarzt der eigenen Klinik. „Mein“ Professor Haase ist seit mehr als 35 Jahren in Berlin, er hat nächstes Jahr sein 20jähriges Chefarztjubiläum im Elisabeth-Krankenhaus.“

„Dann war es der Bruder – Hans Haase. Deswegen war ich gerade verwundert. Ich war mehrere Jahre als Leiter der Chirurgie dort tätig, das ist aber schon lange her. Seit wann sind Sie Leitender Oberarzt – wenn ich fragen darf?“
„Seit Professor Haase krank ist. Ein paar Wochen. Ich habe den Posten nur auf seinen Wunsch hin angenommen. Sonst hätte er sich geweigert, die dringend erforderliche Reha anzutreten.“
„Sie wollten nicht?“
„Nein. Ich will an den OP-Tisch nicht an den Schreibtisch. Nicht, dass ich mir diese Aufgabe nicht zugetraut habe – im Gegenteil, ich glaube, ich komme ganz gut zurecht. Aber außer den Kliniken meiner Assistenzarztzeit und dem Elisabeth-Krankenhaus kenne ich nichts und das ist meiner Meinung nach zu wenig, um einen Leitungsposten zu übernehmen.“
„Wie lange sind Sie denn schon Oberarzt?“
„Nur drei Jahre.“
„“Nur“? Manch einer Ihrer Kollegen ist mit 32 noch in der Assistenzzeit. Oberarzt mit 29?“
„Ja. Mit 28 hatte ich die Fachärzte fertig, war ein knappes halbes Jahr in Freiburg als Chirurg. Bei Professor Haase hatte ich schon das Praktische Jahr und einen Teil meiner Assistenzzeit verbracht. Damals wollte ich unbedingt zeigen, was ich konnte.“ Marc lachte. „Als ich hörte, dass er einen Oberarzt braucht, habe ich mich einfach beworben. Glücklicherweise traute er mir den Job zu.“
„Anscheint tut er das immer noch.“
„Ja, da haben Sie Recht. Mein Plan war diesmal eigentlich ein anderer...“

(„Washington...“)

Es klingelte. Marc sah sich irritiert um. Der Professor zog ein Telefon aus der Tasche des Arztkittels. „Ja, ist in Ordnung, ich bin unterwegs.“
Er hielt Marc die Tür des Büros auf. „Ich muss in den OP, da gibt es Probleme. Wenn Sie Doktor Nussbaum sehen, sagen Sie ihm, dass Sie bei der OP anwesend sein werden?“
„Natürlich. Professor Neuroth.“ Marc nickte zum Gruß und kehrte zu seiner Mutter zurück, die schon ungeduldig wartete.
„Und was ist?“
„Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, bei Deiner OP anwesend zu sein.“
„Anwesend?“ Sie guckte wenig begeistert.
„Operieren kann ich Dich schlecht. Aber ich werde mit Argusaugen über einen Fachmann wachen, der gut zehn Jahre mehr Erfahrung hat als ich.“
„Du nimmst mich auf den Arm!“
„Wenn überhaupt, dann auf die Schippe. Du weißt, meine Arme beziehungsweise Hände sind mir heilig.“
„Marc-Olivier! Ich sollte Dir heilig sein!“
„Gleich verabschiede ich mich...“

In dem Moment klopfte es an der Tür und ein paar Damen betraten das Krankenzimmer.

(„Der Kegelclub...!“)

„Ganz sicher verabschiede ich mich... ich lasse Dich ja in guter Gesellschaft.“
„Marc!“ Elke zischte den Namen ihres Sohnes. „Untersteh Dich, mich mit denen alleine zu lassen. Ich...“
„Ja?“
„Ich sage es nie wieder.“
„Pfff... das hast Du bei der nächsten Gelegenheit vergessen.“
„Ich werde das nicht vergessen. Marc, bitte!“ Sie flehte ihn an.
„Ja, ist ja gut... Guten Tag, meine Damen.“ Er stand auf und begrüßte den Besuch.
„Oh, Doktor Meier, Sie sind auch da? Wir dachten, wir verlegen unseren Urlaub nach Zürich, dass Ihre Mutter nicht so alleine sein muss. Krankenhaus ist doch immer schrecklich, wenn man keinen Besuch hat.“

(„Sie hätte es Ihnen wohl verziehen...“)

„Da haben Sie absolut Recht. Das hören wir sehr oft, dass die Zeit ohne Besuch einfach langweilig ist und viel zu langsam vergeht.“

„Marc!“ Elke glaubte kaum, was sie hörte. War ihr Sohn von allen guten Geistern verlassen?
„Mutter, hast Du gehört? Sie sind extra für Dich hergekommen.“

(„Ach... herrlich!“)

„Aber das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Sie schenkte ihren Fans ein überaus herzliches Lächeln. „Es ist doch auch Ihr Urlaub. Warum sollten Sie den denn abbrechen, nur weil ich stolpere.“
„Frau Fisher, das ist doch Ehrensache. So lange schreiben Sie schon für uns und nun können wir auch mal etwas für Sie tun. Wir bleiben – keine Wiederworte!“
Marc grinste seine Mutter fröhlich an. „Du hast so wundervolle Fans, Mutter!“

„Und einen wunderbaren Sohn. Konnten Sie so schnell herkommen?“
„Aber Ottilie, Familie geht immer vor. Das müsstest Du doch wissen!“
„Aber ein vielbeschäftigter Arzt? Ich meine Ihr Chef kann Sie doch gar nicht so spontan weglassen?“

„Das Krankenhaus kommt auch gut mal ohne mich klar. Außerdem – wie Sie sagten: Familie geht einfach vor.“

„Verzeihen Sie mir, Doktor Meier, aber sind Sie gebunden? Ich würde Ihnen gerne meine Tochter vorstellen.“

(„Ähhh...“)

„Helma! Ich denke Deine Tochter hat sich gerade verlobt?“
„Ja, da ist sie noch nicht verheiratet und kann sich noch anders entscheiden.“
„Gott bewahre!“ Elke hustete hektisch.
„Beruhigen Sie sich, niemand muss sich anders entscheiden. Ja, ich bin vergeben.“

„Oh wie schade.“ Die Frau, die Helma hieß, sah Marc enttäuscht an. „So richtig? Oder könnten Sie sich auch noch um entscheiden?“

(„Niemals!“)

„Niemals.“ Elke sprach aus, was er dachte. Ihre spontane Ablehnung überraschte ihn allerdings doch und er sah sie fragend an. Seine Mutter zuckte mit den Schultern.
„Da muss ich meiner Mutter beipflichten. Ich möchte mich nicht um entscheiden!“ Seine Stimme nahm einen anderen Klang an, als er an Gretchen dachte.

(„Hallo Welt, hör mir zu: Ich bin vom Markt!“)

Das wäre noch nicht entschieden.
Das klang aber sehr entschieden.
Ach was. Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Ohne Bastarde.
Natürlich. Das ist bekannt. Aber man muss den Zeitpunkt erkennen, an dem man die Suche abbricht.
Wer hat denn gesucht?
Manchmal reicht es zu finden.
Ich finde, das ist großer Mist.
Ich finde, das ist großartig.

(„Gretchen ist großartig. Sie ist die Richtige! Basta!“)

Gehört? Basta!
Pasta? Ja, das ist das, was ihr auf den Rippen lastet.

(„Sie ist so perfekt wie sie ist. Wie immer sie ist.“)

Was immer sie auch isst. Essen, essen... Aber das tun Schwangere ja, sie stopfen alles in sich rein. Jeder denkt, dass man in der Schwangerschaft zunehmen muss, aber eigentlich fressen die Schwangeren einfach nur alles was geht.

(„Gutes Stichwort: Essen ist eine sehr! gute Idee!“)


Marc ging in den Widerstand gegen sich selbst. „Mutter, kann ich Dich in dieser Gesellschaft alleine lassen? Ich würde gerne irgendwo etwas essen.“

„Unsere Cafeteria ist im sechsten Stock, Doktor Meier. Ich habe eben erfahren, dass Sie der OP beiwohnen werden?“ Unbemerkt war Doktor Nussbaum eingetreten und sah verwundert die Besucherinnen an. „Ganz schön was los hier, dabei wäre es nicht schlecht, sich vor der Operation noch etwas auszuruhen.“

„Oh, wir stören?“ Damit hatten die Damen nicht im Geringsten gerechnet. „Dann ist es wohl besser wir kommen ein anderes Mal wieder?“
„Ja das ist vielleicht besser.“ Elke ließ sich theatralisch in die Kissen fallen und seufzte herzzerreißend.
„Warum haben Sie denn nichts gesagt, Frau Fisher. Wir sind ja keine Unmenschen. Alles Gute für die Operation.“

„Ja, meine Damen, vielen Dank.“ Sie seufzte noch mal.

Und ein drittes Mal, als der Besuch das Zimmer wieder verlassen hatte. Das war allerdings ein Seufzer der Erleichterung.

„Du spielst so schlecht, Mutter!“ Marc hatte immer noch Spaß an dem plötzlichen Kegelclubbesuch.
„Und Du könntest mich unterstützen, anstatt dass Du Dich auf meine Kosten amüsierst.“
„Auf Deine Kosten...? – Ach, Du zahlst mir Flug und Hotel?“

(„Apropos Hotel... ich sollte mich vielleicht mal um eins kümmern!“)

„Ich bitte Dich.“
„Dachte ich´s mir doch!“ Er wendete sich dem Chirurgen zu. „Ja, Doktor Nussbaum, meine Mutter möchte es so.“

„Dann kannst Du eingreifen, wenn...“
„Oooohch Mutter! Der Mann hat mindestens zehn Jahre mehr Erfahrung als ich!“

(„Was theoretisch nichts heißen muss...“)

„Das muss ja nichts heißen!“

„Na, Sie machen mir ja Spaß!“ Doktor Nussbaum war nicht sicher, was er von dieser Frau halten sollte. Und von dem Sohn. Wie ein Muttersöhnchen kam der ihm nicht vor. Eher war diese Frau eine Söhnchenmutter, wenn man den Begriff einfach tauschen konnte.
„Arbeit macht nicht immer Spaß.“
„Wer könnte das besser wissen als Du.“ Marc witzelte schon wieder und der Arzt musste ebenfalls schmunzeln. „Ich wollte Ihnen eigentlich mitteilen, dass wir Sie zum Mittag oder frühen Nachmittag in den OP abholen. Gleich kommt noch unser Anästhesist und bespricht die Narkose mit Ihnen. Doktor Meier, haben Sie gleich noch Zeit für mich? Vielleicht kommen Sie in mein Büro wenn Sie etwas gegessen haben.“

„Warum gab es eigentlich kein Frühstück?“ Elke fiel plötzlich auf, dass sie seit gestern Abend nichts mehr gegessen hatte. „Was ist das denn hier für ein Saftladen?“
„Kein Saft. Infusion, Mutter.“
„Was?“

„Da wir bei Ihnen mit einer OP planten, mussten Sie nüchtern bleiben!“

(„Im wahrsten Sinne...“)

Marc hatte Mühe sich ein Grinsen zu verkneifen.

„Das ließe sich alles viel besser ertragen, wenn man nicht nüchtern wäre!“
„Dann hätten Sie vielleicht einfach eine gute Flasche Wein kaufen sollen, anstatt sich vom Ski zu stürzen.“
„Oder Whisky.“ Sie hielt entsetzt inne. „Mein Gott... Marc – der Jura... Mehdi... Oh Gott... das tut mir schrecklich Leid. Sag mir, bitte, was ist da passiert? Wo warst Du?“

Sie schloss die Augen. Noch nie hatte sie sich so geschämt, wie in diesem Moment. Sie hatte Marc vergessen. Marc war verschwunden und sie hatte es vergessen. Sie hatte nicht mal gewusst, dass er wieder aufgetaucht war, zu sehr war sie mit sich und diesem schrecklichen Urlaub beschäftigt.
Sie hatte ihren Sohn vergessen. Verraten.
Den Mensch, den sie am meisten von allen liebte... vom fast ersten Moment an.

Karo Offline

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25.07.2018 20:01
#180 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 14


Sie war am Ende. Nach nun 18 Stunden Wehen hatte sie kaum noch Kraft, weder zum Pressen noch ihren Freund anzuschnauzen, dass er sie in Ruhe lassen sollte. Sie wollte nicht angefasst werden, sie wollte kein Kind mehr, sie wollte einfach nur, dass diese höllischen Schmerzen aufhörten.
„Es dauert nicht mehr lange, noch zwei oder drei Presswehen, dann haben Sie es geschafft.“ Die Hebamme versuchte die junge Frau zu animieren, weiterzumachen.
„Komm, Elke, gleich hast Du es geschafft.“ Der junge Mann strich ihr erneut den Schweiß von der Stirn.
„Fass mich nicht an!“ Elke zischte nur noch. Am Anfang hatte sie ihn angeschrien, doch mittlerweile konnte sie nicht mehr. Ihr Freund war nicht weniger geschafft, er war ihr kaum von der Seite gewichen.
„Hey, wir haben ihn gemeinsam gemacht und nun gehen wir diesen Weg gemeinsam.“ Es machte ihn fertig, seiner Freundin nicht helfen zu können.

„Pressen, Frau Fischer, pressen. Nochmal...“

Dann ging alles ganz schnell und sie hörte das protestierende Geschrei eines Neugeborenen. Keine Minute später lag das schleimige und schrumpelige Ding auf ihrem Bauch. Sie war überfordert. Der Junge blickte sie strafend an und verzog wieder das Gesicht zu einem Schreien. Ihr Freund hatte die Nabelschnur mit einigen Problemen durchtrennt und die Säuglingsschwester packte das Neugeborene in ein Tuch und trug es weg. Er sah seinem Sohn nach, dann seine Freundin an. „Elke? Bist Du böse, wenn ich...“

Sie schüttelte den Kopf und er folgte der Frau, die seinen Sohn wegbrachte. Das letzte, was Elke hörte, bevor sie der Erschöpfung nachgab und die Augen schloss, war die Frage ihres Freundes. „Was machen Sie jetzt mit ihm?“ Er würde sich kümmern. Im Moment wollte sie einfach nur ausruhen.

„Frau Fischer, Sie haben gerade ein Kind bekommen und dösen hier vor sich hin? Normalerweise kann man eine frischgewordene Mutter kaum auf der Liege halten, so wollen die hinter ihren Kleinen her.“ Die Hebamme schüttelte ungehalten ihren Kopf. „Sie sind einfach noch zu jung, um Mutter zu sein.“
„Ich bin einfach nur zu kaputt um mich vor Freude jauchzend von diesem Bett zu stürzen.“
„Wo ist denn ihre Mutterfreude? Normalerweise kommt das Glück die mit den Presswehen.“
„Bestimmt nicht.“ Niemals konnte eine Frau bei solchen Schmerzen Glück empfinden.
„Ich bin seit 35 Jahren Hebamme, das ist ihr erstes Kind. Wer weiß hier also Bescheid?“
„Wie viele Kinder haben Sie denn?“
„Ich? Keins. Aber...“
„Gut, dann habe ich eine Erfahrung mehr als Sie. Durch diese Schmerzen bekommt garantiert keine Frau Muttergefühle oder gar Glücksmomente!“ Elke drehte ihren Kopf in die entgegengesetzte Richtung. Für sie war diese Diskussion vorbei.
„Tsss... Muttergefühle...“ murmelte sie.

Doch als sie später in einem ruhigen Zimmer lag und ihren gewaschenen und angezogenen Sohn im Arm hielt, da breitete sich doch ein neues, unbekanntes Gefühl in ihr aus. Plötzlich war es da, in ihrer Seele. In ihrem Herz. Das Herz pumpte dieses neue Gefühl durch ihren ganzen Körper, es hinterließ ein Lächeln auf ihren Lippen, ein Strahlen in den Augen. Ihre Finger konnten nicht aufhören, immer wieder über die zartschrumpelige und gerötete Wange zu streicheln. Immer wieder zählte sie die kleinen Fingerchen, staunte über die kleinen Fingernägel, küsste die kleinen Händchen. Liebe. Stolz. Glück.
„Willkommen mein Schatz.“ Sie küsste den Jungen auf die Stirn. „Wir kennen uns schon so lange und endlich kann ich Dich sehen.“

Diese ersten ruhigen Minuten ganz allein mit ihrem Sohn würde sie nie vergessen, da war Elke sicher. Ihr Freund hatte sich verdrückt nachdem der Kleine versorgt und wieder in den Armen seiner Mutter angekommen war. Er wollte nur schnell nach Hause, duschen und sich frische Sachen anziehen, er fühlte sich fürchterlich verschwitzt und stinkig. Kein Wunder, er hatte schon gut neun Stunden in der väterlichen Werft gearbeitet, als bei Elke die Wehen einsetzten. Das war vor knapp zwanzig Stunden gewesen. Der neugeborene Junge begann leise zu meckern.
„Hast Du Hunger? Ganz bestimmt. Für Dich war es bestimmt genauso anstrengend wie für mich. Ich hoffe nur, dass ihr dabei keine Schmerzen habt.“

Elke dachte nach. Was hatte in ihrem Buch über die verschiedenen Stillpositionen gestanden? Sie hatte die verschiedenen Möglichkeiten immer wieder mit einer Puppe ausprobiert und geübt. Irgendwo hatte sie gelesen, dass Babys sogar in der Lage wären, die Brust selbstständig zu finden. Das Bild hatte sich ihr eingebrannt. Das Neugeborene lag nackt auf dem Bauch seiner Mutter. War nicht auch Hautkontakt wichtig gewesen? „Wir probieren das einfach aus, mein Kleiner.“
Vorsichtig schälte sie den „Fast-Säugling“ aus den Kleidern. Das Krankenhaushemdchen, das sie trug, war schnell ausgezogen. Elke zog die wärmende Bettdecke schützend über sie beide. Es dauerte ein bisschen aber dann fand ihr Sohn die gesuchte Milchquelle. Die frisch gebackene Mutter unterstützte ihren Kleinen instinktiv und als zwanzig Minuten später eine Hebamme den Jungen abholen wollte, glaubte diese ihren Augen nicht zu trauen.

„Frau Fischer, was machen Sie denn?“
„Er trinkt. Es klappt einfach. Ganz einfach.“ Sie strahlte die Hebamme an.
„Sie sind ja nackt! Und das Baby auch? Was soll das? Soll er sich den Tod holen?“
„Schhhhht, nicht stören!“
„Frau Fischer, das ist...“
„...ist mein Sohn und er hatte Hunger. Ich hatte gerade etwas dabei.“ Elke lächelte die Hebamme glücklich an. „Tut mir Leid, wenn ich Ihnen ins Handwerk fusche. Obwohl – nein, eigentlich nicht.“
„Aber Sie wollten doch nicht stillen...?“
„Meine Eltern wollten nicht, dass ich stille. Aber bald bin ich 18 und entscheide das dann selbst.“
„Nun ist es ja schon geschehen. Aber ziehen Sie ihn schnell wieder an.“
„Aber ist nicht gerade der Hautkontakt wichtig?“
„Das ist neumodischer Kram. Irgendwer denkt sich doch immer wieder was anderes, noch besseres aus. Ich halte die Flasche immer noch für das Praktischste.“
„Die Natur hat sich schon was dabei gedacht, dass Frauen Brüste haben. Es sei denn die „Natur“ war ein Mann, der was zum Spielen brauchte, als das Eierschaukeln langweilig wurde.“
Die Hebamme starrte die stillende Jugendliche an, ihre Augen zuckten hektisch. „Reden Sie nicht so gescheit – Sie haben sich schließlich direkt schwängern lassen.“
„Direkt? Na Sie wissen ja Bescheid.“ Elke löste ihren verliebten Blick von dem saugenden Jungen. „Ich schlafe schon seit drei Jahren mit meinem Freund.“ Zu dem Baby gewandt fuhr sie fort: „Jetzt denkt sie bestimmt, dass Du ein armes kleines Ding bist, weil Deine Mami eine kleine, große Schlampe ist. Vermutlich weiß sie gar nicht, wie gut Sex sein kann.“

Karo Offline

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01.08.2018 14:27
#181 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.27 – Nach der OP


Aufgrund eines Notfalls hatte Professor Neuroth den Assistenzarzt abziehen müssen und Marc war ohne zu zögern eingesprungen. Nun stand der Chef der Chirurgie jenseits der Glasscheibe und beobachtete die beiden operierenden Chirurgen. Sie kannten sich nicht und doch lief die Kommunikation reibungslos, fast wortlos. Sie kannten eben beide ihr Fach!
Er war tief beeindruckt von dem jungen Deutschen, den es nicht zu berühren schien, dass gerade seine Mutter auf dem OP-Tisch lag. („Er arbeitet durch und durch professionell.“)

In seinem Büro angekommen gab er erneut den Suchbegriff „Doktor Marc Meier“ ins Worldwideweb ein. Die große Anzahl von Treffern hatte ihn schon am Vormittag sehr überrascht.
Professor Neuroth las hauptsächlich quer. Vom jüngsten Oberarzt, von Marcs Vorträgen auf Symposien oder Ärztekongressen. Er fand sogar die Forschungsreihe von Marc, in der es um die Versorgung von Unfallopfern ging und wie sehr die erste Versorgung die weiteren Heilungsaussichten beeinflussen konnte. Dieser Bericht fesselte ihn. Das Lesen war nicht nur aufgrund des außerordentlich hohen Niveaus eine Freude, auch fesselte ihn die Art und Weise, wie der Autor die Elemente der Sprache einsetzte und benutzte.
Ganz aktuell fand man einen Eintrag, dass der jüngste Oberarzt nun der jüngste Leitende Oberarzt geworden sei. Dann der Verweis auf die Initiative des Elisabeth-Krankenhauses und der StaBe, eine Krankenstation in Burkina Faso zu unterstützen. Und immer wieder der Querverweis auf das Katharinen-Hospital in der Nachbarschaft.
Der Professor schaltete den Computer wieder aus und stand auf. Er ging den Weg zurück, Richtung steriler Bereich. „Ist Frau Fisher noch im OP?“
„Nein, Herr Professor, sie ist eben im Aufwachraum angekommen.“

Er fand die beiden Chirurgen im Waschraum. „Meine Herren.“
„Alles bis jetzt ist gut abgelaufen. Komplikationen sind nicht zu erwarten.“
„Davon bin ich ausgegangen. Doktor Meier, ich möchte Sie heute Abend zum Essen einladen. Sozusagen als Dankeschön für Ihre Unterstützung.“
„Das ist nicht nötig, Herr Professor.“
„Keine Wiederrede. Ich erwarte Sie um 18 Uhr am Hauptportal.“
Marc nickte und im selben Moment streckte eine Schwester ihren Kopf durch die Tür. „Doktor Nussbaum, Frau Fisher wird wach.“
Wie der Blitz war Marc durch die Tür verschwunden und ließ die beiden Schweizer Ärzte in dem blaugekachelten Raum zurück. Professor Neuroths fragender Blick wurde mit einem deutlichen Nicken beantwortet. „Gut“ nickte auch der Chefchirurg und verließ den OP-Bereich.

***
Später saßen Professor Neuroth und Doktor Marc Meier in einem bürgerlichen Restaurant mit außerordentlich guten Speisen.
„Es hat mich sehr beeindruckt, dass Sie so einfach einspringen konnten.“
„Warum?“ Marc sah den Schweizer überrascht an. „Weil die Frau auf dem Tisch meine Mutter war?“
„Ja. Sie waren nicht ein Fitzelchen befangen. So sah es jedenfalls aus.“
„Im OP vergesse ich den Menschen, der da liegt. Da habe ich nur den Eingriff vor Augen, alles andere ist ausgesperrt. Ich habe schon mal ein Magengeschwür meiner Mutter operiert.“
„Da muss ich eindeutig passen. Das könnte ich nicht. Ich habe es allerdings auch nie versucht zu lernen.“
Marc zuckte mit den Schultern. „Das war bei mir schon immer so.“
Der Professor dachte offensichtlich nach. „Nehmen Sie mir diese Frage bitte nicht übel, Doktor Meier, aber was denkt sich die StaBe, wenn Sie Ihnen eine Klinik anvertraut. So jung wie Sie sind.“
„Ich bin der Beste, den sie spontan haben konnten.“ Marc bluffte mit der großen Wahrheit und Professor Neuroth lachte. Der junge Chirurg zog ihn immer mehr in seinen Bann.
„Aber das beantwortet meine Frage nicht. Eher im Gegenteil...“
„Das mag selbstüberzeugt klingen, aber es gab kaum eine andere Lösung. Als Professor Haase ausfiel war ich im Urlaub. Auf seinen Wunsch hin haben sie mich zurückgeholt. In der Zwischenzeit hat das ganze Team zusammengehalten. Natürlich hatte die StaBe Bedenken aber das hatten sie auch, als ich Oberarzt wurde. Sie haben sich auf das Urteil von Professor Haase verlassen und nun war es ebenso. Nur, dass sie etwas tiefer in die Tasche greifen mussten. Vor drei Jahren war ich begierig darauf Oberarzt zu werden. Fast um jeden Preis. Leitender Oberarzt bin ich nur für den Professor geworden.“
„Sie wollten gar nicht?“
„Nein. Mein Tisch ist der OP-Tisch, nicht der Schreibtisch. Auch wenn ich mittlerweile glaube, dass man sich umgewöhnen kann. Aber insgesamt geht mir das zu schnell. Außer dem Elisabeth-Krankenhaus kenne ich kaum etwas. Nur die Charité und Freiburg.“
„Aber so wie Ihre Mutter klang, müssen Sie gut klar kommen?“
„Das Team macht es einem leicht. Trotzdem: Ich muss. Besonders jetzt, da wir direkte Konkurrenz bekommen haben. Luftlinie einen Kilometer weg hat ein Krankenhaus wiedereröffnet. Die vorherigen Inhaber haben es so betrieben, dass wir uns gut ergänzt haben. Nun ist eine aggressive Firma da drin und die wollen uns definitv weg haben.“
„Nicht die beste Voraussetzung für einen Karrieresprung.“
„Wissen Sie, ich bin der Meinung, dass Vorsicht gut ist aber da wo wir stehen müssen die erstmal hin. Professor Haase ist eine Institution in der Tumorchirurgie, nun konnte er Doktor Stier an Land ziehen...“
„Doktor Cedric Stier? Den Kardiologen?“
„Ja.“
„Was genau ist Ihr Fachbereich?“
„Allgemeinchirurgie und Unfallchirurgie und Orthopädie.“
Der Professor lachte. Natürlich hatte er das schon aus dem Internet erfahren aber wenn er...
„Zwei Fachärzte?“ Der Professor wunderte sich immer mehr.
„Ich lerne leicht. Das war schon immer so.“
„Ehrlichgesagt – mich würde Ihre Vita interessieren.“
„Da muss ich passen, Herr Professor. Die habe ich zufällig nicht bei mir.“ Marc grinste.

Insgesamt hatten der alte und der junge Chirurg einen kurzweiligen Abend.
„Soll ich sie irgendwo absetzen?“

(„Scheiße... ich weiß ja gar nicht, wo ich wohnen kann...“)

„Ehrlichgesagt, ich würde gerne nochmal zu meiner Mutter.“
„Gut, dann bringe ich Sie ins Spital.“

Elke schlief schon und Marc war nicht böse darüber. Er hatte seine knapp gepackte Tasche noch in ihrem Zimmer stehen, suchte sich die gewünschten Dinge heraus und verschwand im Bad. Welch ein Glück, dass seine Mutter den Anspruch auf ein Einzelzimmer geltend gemacht hatte. Das zweite Bett war unberührt – bis zu dem Moment, in dem Marc sich darin niederließ.

(„Gute Nacht, Mutter!“)

***
Doktor Nussbaum hatte die Nachtschicht und er staunte nicht schlecht, als die diensthabende Krankenschwester ihn später zum Zimmer von Elke Fisher rief. „Was machen wir mit ihm?“
„Schlafen lassen. Wecken Sie ihn morgen früh, bevor der Stationstrubel anfängt und beseitigen Sie die Spuren der Übernachtung. Ich nehme ihn morgen früh mit zu mir.“

Karo Offline

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01.08.2018 14:33
#182 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.28 – Marc bei Doktor Nussbaum


„Ich danke Ihnen Doktor Nussbaum.“ Marc hatte sein Angebot, erstmal mit zu ihm zu kommen gerne angenommen – eine Wahl hatte er nicht, aber das tat nichts zur Sache. Er lag mit diesem Kollegen auf einer Wellenlänge, das hatte sich gestern im OP direkt gezeigt.
„Keine Ursache. Ich glaube nicht, dass Professor Neuroth ein Problem hätte, aber bei der oberen Etage wäre ich mir nicht so sicher.“
„Irgendwie ist das gestern völlig untergegangen. Eigentlich hatte ich vor, hier vor Ort zu sehen, wo ich bleiben kann.“
„Eigentlich waren Sie ja auch nicht für den OP vorgesehen.“
„Hm, damit hätte ich rechnen müssen. Ich will nicht behaupten, meine Mutter oder ihre Vorgänge da oben gut einschätzen zu können, aber das ich während der OP anwesend sein sollte, davon hätte ich ausgehen sollen.“
„Wie war Ihr Essen mit Professor Neuroth?“ Als Doktor Nussbaum sich gestern spontan dem Sohn von Elke Fisher gegenüber gesehen hatte, erinnerte er sich an ein Symposium, an dem er den Chirurgen schon mal getroffen hatte. Er hatte ein wenig im Internet geforscht, Beiträge über den jungen Chirurgen gab es genug. Danach hatte er Professor Neuroth auf den deutschen Kollegen aufmerksam gemacht. Sie brauchten dringend einen weiteren Chirurgen.

„Das Essen mit dem Professor war sehr gut. Er erinnert mich ein wenig an meinen Chef in Berlin.“
„Ach so? Ihre Mutter habe ich so verstanden, dass Sie eine Klinik leiten?“
„Nehmen Sie es meiner Mutter nicht übel, sie ist so. Theoretisch hat sie ja nicht mal Unrecht, da Professor Haase, der Chefarzt des Elisabeth-Krankenhauses schon länger krank ist. Momentan ist er noch in Reha.“

(„Glaube ich.“)

Als der Straßenverkehr es erlaubte warf der Fahrer einen prüfenden Blick auf seinen Beifahrer.
„Sie sind doch niemals älter als 35?“
„32. Meine Mutter war noch keine 18, als ich geboren wurde.“

(„Das hättest Du Dir selbst ausrechnen können...“)

„Da haben Sie mich aber kalt erwischt. Ich hätte selbst darauf kommen können.“ Sascha Nussbaum lachte, schwieg aber schnell wieder. Marc erriet seine Gedanken.
„Ich habe schon mit 18 das Studium angefangen und es knallhart durchgezogen. Zwischen der letzten Facharztprüfung und dem Posten als Oberarzt liegt kein Jahr, maximal ein halbes.“
„Hm, Vitamin B?“
„Weniger, denke ich. Allerdings kannten Professor Haase und ich uns schon von der Uni, vom Praktischen Jahr und einem Teil meiner Assistenzarztzeit. Dass er dringend jemanden brauchte, habe ich allerdings über meine Mutter erfahren. Zu der Zeit war ich Chirurg am Unfallkrankenhaus in Freiburg.“
„Wusste ich doch, dass wir uns schon mal über den Weg gelaufen sind. Ich fahre gerne für Fortbildungen nach Freiburg. Lassen Sie mich überlegen – vor ungefähr vier Jahren sind zwei Flugzeuge auf dem Flugplatz kollidiert.“
„Weil der eine Pilot infolge eines Herzinfarkts die Kontrolle über seine Maschine verloren hatte.“ Marc lachte. „Ja, ich daran erinnere ich mich. Ich glaube, ich wollte gerade nach einer 48-Stunden-Schicht nach Hause...“

(„...und als ich dann 12 Stunden später dort ankam, hatte ich Mutters Nachricht wegen der Oberarztstelle auf dem AB.“)

„...ich weiß. Ich habe die Diskussion mitgekriegt, ob man Ihnen eine weitere Schicht zumuten sollte oder konnte... währenddessen standen Sie schon im OP.“ Der Schweizer Chirurg schmunzelte. „Professor Riessow ist letztes Jahr in den Ruhestand gegangen.“
„Ich habe ihn vor zwei Jahren auf einem Unfallchirurgischen Symposium getroffen. Da sprach er bereits davon.“

Kurze Zeit später erreichten Sie das Haus des Schweizer Kollegen. Der Garten glich einem großen Kinderspielplatz. „Oh.“
„Meine Frau und ich haben drei Kinder.“ Der Chirurg grinste Marc an. „Da drinnen herrscht bestimmt schon die morgendliche Hektik.“

So war es auch. „Guten Morgen Papa!“ Zwei Jungs liefen ihrem Vater in die Arme. Marc schätzte sie auf fünf oder sechs Jahre.

(„Zwillinge?“)

„Und wer bist Du?“ Eines der beiden blonden Kinder schaute Marc von unten herauf prüfend an und zog deutlich hörbar die Nase hoch.

(„Hm, der Aufzug funktioniert jedenfalls!“)

Marc grinste. „Guten Morgen, ich bin Marc.“ Eine Hand hielt er dem Jungen nicht hin.

„Das ist ein Kollege aus Berlin. Das sind unsere Zwillinge Lukas und Lennart.“ Er hatte einen Arm um jeden Jungen geschlungen und man sah ihm den Vaterstolz an.
„Guten Morgen.“ Eine sportliche Frau mit lockigen Haaren stand in der Tür und strahlte ihren Mann an. Sie war definitiv schwanger und auf ihrem Arm hockte ein blondes Mädchen.
„Das ist der weibliche Anteil der Familie, meine Frau Eveline und Leonie. Das ist Doktor Meier.“
„Herzlich Willkommen, Doktor Meier. Entschuldigen Sie das morgendliche Chaos, das ist immer so.“
„Machen Sie sich wegen mir bitte keine Gedanken, ich bin hier der unplanmäßige Part.“
„Jungs, euer Frühstück wartet – im Gegensatz zum Unterrichtsbeginn. Auf geht´s.“ Die Mutter versuchte, ihre Söhne wieder einzusammeln. Aber der Gast am frühen Morgen war viel interessanter. „Können wir nicht schnell noch was mit Marc spielen?“

(„Um Gottes willen! Und das am frühen Morgen...“)

„Es ist früh am Morgen und das einzige, was ihr spielen könnt, ist jetzt frühstücken und danach Schule!“ Die Ansage der Mutter war eindeutig und die Jungs trollten sich unter Protest an den Frühstückstisch zurück. „Och Menno...“
„Kommen Sie, Doktor Meier, ich zeige Ihnen, wo Sie bleiben können.“ Der Vater führte Marc die Treppe ins Obergeschoss. „Meine Frau bringt die Jungs in zwanzig Minuten zur Schule, auf dem Rückweg holt sie immer Brötchen. Dann frühstücken wir in Ruhe. “ Er sah auf seine Armbanduhr, „So gegen 8:30 Uhr. Sie sind herzlich eingeladen.“
„Das ist wirklich nett von Ihnen. Danke, das nehme ich gerne an.“ Marc war wirklich froh über die Gastfreundschaft des Kollegen, auch wenn er sich angesichts der stürmischen Jungs kurzzeitig gefragt hatte, welcher Teufel ihn geritten hatte, als er die Einladung des Schweizers angenommen hatte.

Karo Offline

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01.08.2018 14:41
#183 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.29 – Ein Tag in Zürich


Im Vergleich zur chaotischen Morgensituation war das Frühstück eher nach Marcs Geschmack. Die kleine Leonie schlief wieder und die drei Erwachsenen unterhielten sich angeregt über die verschiedensten Themen. Schnell verzichteten sie auf Förmlichkeit und gingen direkt aufs „Du“ über. Von der guten Laune ließ sich vermutlich auch die Sonne locken und es wurde ein herrlicher Tag in Zürich, den Sascha Nussbaum nutzte, um Marc etwas von Zürich zu zeigen.

Auch wenn es kein schöner Anlass gewesen war, der Marc in die Schweiz geführt hatte – er fühlte sich in dieser Stadt direkt wohl. Er schmunzelte über die Sprache der Eidgenossen, manches Mal musste er auch nachfragen, aber er fühlte sich rundum wohl.
„Von hier kommst Du aber nicht, oder? Du sprichst so anders als die Menschen hier.“
„Meine Sprache spricht niemand.“ Sascha lachte. „Mein Vater war Projektleiter für eine Liechtensteiner Firma. Wir mussten regelmäßig umziehen, je nachdem wo das jeweilige Projekt durchgeführt wurde. Meine Kindheit habe ich wechselnd in Österreich und der Schweiz verbracht, mein Abitur ist sogar ein deutsches. Da waren wir in Konstanz. Ich habe von überall ein bisschen Sprache mitgenommen.“
„Und Deine Frau?“
„Sie stammt aus dem Tessin, wo man Schweizer Italienisch spricht. Deswegen ist ihr Dialekt etwas gemäßigter, da man dort weniger das Schweizerdeutsch als das „Hochdeutsch“ verwendet.“
Marc grinste.

(„Schweizer Hochdeutsch...“)

„Dort haben wir uns auch kennengelernt, als ich mit Studienfreunden dort zum Skifahren war. Studiert habe ich in Bern. In Zürich sind wir bewusst gelandet, weil es eine der Städte mit der besten Lebensqualität weltweit ist.“
„Und die Lebenshaltungskosten?“
„Sind ebenfalls mit die höchsten, aber man verdient entsprechend. Vor allem als Arzt. Ich denke nicht, dass sich jeder so finanziell unabhängig für Zürich entscheiden kann. Aber da haben wir vor allem an unsere Kinder gedacht. Wir wollten weder so eine Gegend, wo Eveline aufgewachsen ist, noch so viele Umzüge, wie ich es mitmachen musste. Zürich bietet einfach viel und die Arbeit am Universitätsspital ist völlig in Ordnung.“
Sie spazierten eine Weile am Ufer des Zürichsees entlang. Eine Reihe von Enten folgte ihnen auf Schritt und Tritt.
„Die hoffen auf Brot. An den Wochenenden können sie sich vor Fütterern nicht retten und unter der Woche müssen sie Diät halten.“
„Ohh... und da heißt es immer ein Sauleben...!“

Marc bestand darauf, den Kollegen zum Essen einzuladen und so saßen sie in einem gemütlichen Lokal in der guterhaltenen Altstadt, Nahe des Grossmünsters. Nach dem Essen verabschiedete sich der Familienvater und überließ Marc spontan seinen Hausschlüssel. „Du willst ja auch bestimmt noch Zeit mit Deiner Mutter verbringen.“
Der Arzt konnte nicht ahnen, dass er dem Kollegen damit einen fiesen Stich ins Herz versetzte.
Über Rügen waren die gefundenen Briefe mit nach Zürich gereist. Jetzt war er nicht sicher, was er damit machen sollte. Oder mit seiner Mutter. Falls er in Erwägung zog, sie darauf anzusprechen, könnte sie ihm jedenfalls nicht weglaufen.

(„Außer sie zieht eine Ohnmacht vor.“)


***
Marc hatte beschlossen, den Tag zu genießen und sein Handy ausgestellt. Er wusste, dass seine ungeduldige Mutter ihn nicht in Ruhe lassen würde.
Am Limmatquai konnte er der Sonne nicht widerstehen und nahm noch einen Kaffee zu sich. Wann hatte er das letzte Mal so in den Tag hinein gelebt?
Afrika war noch nicht so lange her, auch wenn es ihm furchtbar weit weg erschien. Aber war das zu vergleichen? Beides hatte sich zufällig ergeben. In Afrika war er wegen einer Frau gelandet – und in Zürich auch. Und sonst? Auch in Afrika hatte er die Gelegenheit gehabt, sich Land und Leute anzusehen. Trotzdem waren beide Begebenheiten nicht vergleichbar. Afrika war gut wegen Gretchen. Aber Zürich selbst präsentierte sich ihm von seiner Schokoladenseite.
Nein. Es war kein Vergleich. Das eine war Gretchen. Die Frau, die ihn verzauberte. Das andere Zürich. Eine Stadt, die ihn auf Anhieb gefangen nahm.

(„Und Rügen?“)

Er verdrängte diesen Gedanken. An einem Kiosk kaufte er einen kleinen Stadtführer „Zürich in Kürze“. Die Tipps richteten sich an Kurzreisende – Tagestouren, aber auch Vorschläge für ein verlängertes Wochenende.

Marc las und wanderte an der Limmat entlang zum Bellevueplatz, überquerte die Limmat, da wo der Zürichsee begann. Vorbei an Sankt Peter, überquerte er den Fluss über die Rathausbrücke, folgte dem Limmatquai nach Norden und wechselte über die Rudolf-Brun-Brücke abermals die Uferseite. Er stand eine Weile vor dem Planetarium, entschied sich dann aber den spontanen Impuls, hineinzugehen, zu unterdrücken. Den Bahnhof ließ er links hinter sich und ging über die Bahnhofsbrücke zum Central-Platz. Von dort nahm er die Polybahn zur Terrasse der Technischen Hochschule. Eine herrliche Aussicht über die Züricher Altstadt bot sich dem deutschen Mediziner.

Die Sonne stand schon tief und der Himmel leuchtete bereits in verschiedenen Farben. Er sah auf seine Uhr – halb fünf. Seine Mutter würde ihm den Kopf waschen. Vermutlich zu Recht!

(„Aber den Sonnenuntergang werde ich noch mitnehmen!“)

In Burkina Faso hatten sie mach einen Sonnenuntergang gesehen. Gretchen nannte es „Sonnenrunterfall“, denn in Äquatornähe, ging es ganz schnell. Auf langsam erlöschendes Tageslicht erwartete man vergebens. Hell, Sonnenuntergang, dunkel.

Die Polyterrasse war gut besucht, vermutlich wollte jeder die Sonne so lange wie möglich begleiten, im November wusste man nie, wann sie wieder einen so herrlichen Tag bereiten würde. Als die Sonne nur noch einen rosafarbenen Schein am Himmel hinterließ, dachte Marc wieder an seine Freundin.

(„Gretchen wäre begeistert!“)

Sie bekommt das Kind eines anderen! Raff es endlich...
Sie hat Dich nicht betrogen. Ihre Nacht mit Mehdi war vor euch.
Aber ihr Kind wird seins sein. Und sie seine Frau. Du hast es doch gehört!

(„Ich muss sie anrufen. Oder ihr schreiben.“)

Du schneidest Dir selbst nochmal die Eier ab. Wie oft willst Du das zulassen?
Schreiben, nicht schneiden.
Ist beides nichts für Männer. Guck Dir den Kollegen mit seinen drei Kindern an. Das kommt am Ende dabei heraus.
Er wirkte nicht unzufrieden – mit erneut schwangerer Frau.
Papperlapapp. Muss er sich ja schönreden. Bestimmt fing es da auch so an. Nach dem Untergang der Sonne kommt der Untergang der Männlichkeit.

(„Müsst ihr mir einen schönen Tag versauen?“)

Bevor Du Dir Dein Leben mit einem Bastard versaust!
Das Kind kann am wenigsten dafür.


Marc seufzte und verließ die Terrasse. Es war schnell frisch geworden. Glücklicherweise war es ein Katzensprung zum Universitätsspital. Allerdings... diese Stimmen in ihm würden ihn irgendwann noch in den Wahnsinn treiben.

Oder seine Mutter...

Karo Offline

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08.08.2018 23:09
#184 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.30 – Elke in Sorge


Elke war mittlerweile in höchster Alarmbereitschaft. Wieder schien ihr Sohn wie vom Erdboden verschluckt. Sie wusste nicht, dass ihr Sohn bei ihr übernachtet hatte, dass er bei Doktor Nussbaum untergekommen war und dass er einen Touristentag eingelegt hatte.
Irgendwann hatte sie es aufgegeben, Marcs Handy anzurufen, er hatte es entweder vergessen, was sie nicht glaubte, ebenso wenig würde er es ausstellen. Es musste ihm etwas passiert sein. Als mittags Professor Neuroth kam, um nach der Autorin zu sehen, fand er eine völlig verzweifelte Frau.
„Frau Fisher, ich habe Ihren Sohn gestern Abend hier abgesetzt. Nachdem wir Essen waren wollte er unbedingt nochmal nach Ihnen sehen.“
„Das weiß ich nicht?“
„Ich denke, nach dem Tag haben Sie geschlafen. Wissen Sie denn nicht, in welchem Hotel er sich eingebucht hat?“
Elke schüttelte den Kopf, wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen. Professor Neuroth legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Frau Fisher, ich werde mal Doktor Nussbaum anrufen, vielleicht hat er Ihren Sohn heute Nacht ja noch gesprochen und weiß, wo er abgestiegen ist.“
„Aber selbst wenn... er war den ganzen Tag noch nicht hier. Irgendwann hätte er doch mal auftauchen müssen. Er war doch gerade erst spurlos verschwunden...“
„Wie meinen Sie das? Gerade erst?“
Unter Tränen erzählte Elke, was Marc mit seinem Kollegen wiederfahren war. Dass Marc unter Schock gestanden haben musste als er tagelang unauffindbar war. Dass sie wohl an seinem erneuten Verschwinden Schuld hatte, weil sie in die Schweiz gefahren war, obwohl er noch verschollen war. Von Professor Haase hatte sie erfahren, dass Marc unbeschadet aufgetaucht war, wo er gewesen war, sollte er selbst erzählen. Nun war er wieder weg. Er hätte sich doch wenigstens abmelden können.

Der Professor musste der Patientin zustimmen. Er wies eine Schwester an, trotzdem bei dem Chirurgen nachzufragen. Zehn Minuten später wussten sie wenigstens, dass Marc bei dem Kollegen das Gästezimmer belegte, Doktor Nussbaum selbst habe Doktor Meier gegen 14 Uhr allein in der Stadt gelassen. Vermutlich hatte er sich die Stadt noch angesehen. Doktor Meier hatte wahrscheinlich sein Telefon nicht mit oder abgeschaltet, denn er konnte sich nicht an ein Klingeln erinnern. An ein ständiges schon gar nicht.

Ein wenig konnte man Elke mit dieser Auskunft beruhigen. „Vielleicht hat Marc sich wirklich einen schönen Tag gemacht – unverschämt. Ich vegetiere hier vor mich hin und mein ehrenwerter Herr Sohn macht auf Tourist.“

Professor Neuroth lachte erleichtert. Vermutlich hatte es der Sohn mit so einer Mutter nicht leicht. „Dann sind Sie quitt – Sie sind schließlich auch abgereist, obwohl er verschwunden war. Seien Sie nachsichtig mit ihm. Außerdem ist Zürich wirklich eine wunderschöne Stadt und er hat wohl nicht so oft die Möglichkeit einfach mal eine Tag zu genießen. Frau Fisher, wenn es tatsächlich so ist, dann versuchen Sie sich doch mit ihm über einen guten Tag zu freuen.“
„Bitte? Und dass ich hier wahnsinnig werde vor Sorge, daran denkt er nicht?“
„Ich hatte nicht den Eindruck, dass er verantwortungslos ist.“
„Ich kenne ihn nicht mal gedankenlos. Das ist alles diese Frau schuld. Wegen der ist er auch von heute auf morgen nach Afrika, ohne mir Bescheid zu sagen.“
„Die in Berlin wissen aber Bescheid, dass er hier ist?“
„Ja.“ Elke dachte nach. „Geben Sie mir mal bitte das Telefon?“

Sie wählte die Nummer des Berliner Krankenhauses und ließ sich mit Professor Haase verbinden. Der fiel fast von seinem Stuhl, als Elke ihm mitteilte, dass Marc wieder nicht auffindbar war.

„Eigentlich hatte ich gehofft, Franz wüsste Bescheid. Professor Haase meine ich. Er ist für Marc eine Vertrauensperson.“ Elke sah den Schweizer Professor an. Eigentlich sah der gar nicht schlecht aus. Wie alt mochte er sein? Älter als sie, jünger als Franz in jedem Fall, irgendwo dazwischen. Hoffentlich näher an der 55 als an der 60.

„Frau Fisher, ich muss meine Runde machen. Ich sehe später noch mal nach Ihnen. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen, es wird sich aufklären, da bin ich mir sicher.“
„Ich hoffe nur, dass er eine gute Erklärung hat!“ Sie reckte ihren Hals bestimmend nach oben und schnaubte. „Hm.“

Professor Neuroth stand eine Weile nachdenklich vor der Tür. Mutter und Sohn waren ein seltsames Gespann. Vermutlich musste man beide zu nehmen wissen. Er grinste. Das „Wie“ hatten beide augenscheinlich selbst noch nicht herausgefunden.

Karo Offline

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08.08.2018 23:22
#185 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.31 – Marc und Elke 1


Kurze Zeit später betrat der Vermisste kleinlaut das Krankenhaus. Er hatte noch einen kleinen Blumenstrauß aufgetrieben. Seine Mutter würde wütend sein – zu Recht – und er musste es irgendwie schaffen, sie von ihrem eigenen Ärger abzulenken. Bevor er das Zimmer seiner Mutter betrat holte er nochmal tief Luft.

(„Augen zu und durch!“)

„Marc-Olivier! Dass Du Dich überhaupt noch her traust!“
„Hallo Mutter. Es tut mir Leid. Ich habe schlichtweg die Zeit vergessen, als ich mich in der Stadt umgesehen habe.“
„Die Zeit Olivier? Du hast MICH vergessen.“

Marc seufzte. Heute musste er wohl oder übel das Olivier akzeptieren. Er stellte die Blumen in eine Vase. Die Augen seiner Mutter wurden riesig. „Was ist das?“
„Blumen?“ Er wusste, was jetzt kommen würde. „Mutter ich...“
„Marc ich hoffe, Du hast eine gute Begründung dafür, dieses Grünzeug hier herein zu bringen.“

(„Eine Erklärung für mein spätes Erscheinen ist damit wohl überflüssig.“)

Heimlich atmete er auf. „Ja, Mutter, wenn Du mich ausreden lässt...“

„Und eine vernünftige Erklärung, warum Du mich hier krepieren lässt erwarte ich auch.“

(„Mist!“)

Er seufzte. „Das Grünzeug ist zum Vorgaukeln von Manieren, die Du mir vermittelt haben solltest.“
„Hattest Du heute wenigstens einen schönen Tag? Wenn nicht, dann sag es nicht. Dafür dass ich hier vor Sorge gestorben bin, muss es ein wunderbarer Tag gewesen sein!“ Elke fielen die Worte des Professors ein.

Marc lachte erleichtert, das Thema war durch. „Ja, Mutter. Zürich ist großartig. Bis zum Mittag hat Sascha mir ein bisschen von der Stadt gezeigt und danach bin ich alleine durch die Straßen gelaufen. Ich habe mich einfach treiben lassen, total verrückt eigentlich. Über jede Brücke bin ich auf die andere Flussseite. Einfach hin und her.“ Marc lachte und Elke hörte die Begeisterung über den Tag in seiner Stimme.
„Komm mal her!“ Sie musste ihn jetzt einfach in den Arm nehmen!
Der Sohn war über diese Gefühlsäußerung genauso überrascht wie die Mutter selbst. Schnell ließ sie ihn wieder los, nicht ohne festzustellen, dass er sehr gut roch! „Tut mir Leid...“
„Schon gut.“
„Ich bin froh, dass Dir nichts passiert ist, Marc. Ich war krank vor Sorge. Nicht nur heute. Vor allem als ich gesehen habe, was Doktor Kaan...“

„Hör auf!“ Marc winkte ab und beide gingen verlegen auf Abstand. Marc half ihr aufzustehen und am Tisch Platz zu nehmen. Nur ein Gespräch wollte nicht in Gang kommen. Die plötzliche Nähe hatte Nebenwirkungen in Form von Verkrampftheit. Eine Weile schwiegen sie, dann berichtete Elke, dass die Ärzte sehr zufrieden mit der Operation waren.

„Natürlich, ich war schließlich dabei!“
„Ach Du...“

Eine Weile schwiegen sie sich verlegen an.

„Kannst Du mir bitte wieder ins Bett helfen?“ Genau das war es, was sie hasste. Jemanden um irgendetwas bitten zu müssen. Womöglich auf Hilfe angewiesen zu sein. Etwas schuldig zu bleiben.

Alleine war man unabhängig. Mit Geld war man unabhängig. Ohne Geld war man auf Hilfe angewiesen, mit Geld konnte man sich Hilfe kaufen. Das war eine Lektion, die sie früh gelernt hatte – lernen musste. Vor allem, wenn man für ein Kind verantwortlich war.
Sie seufzte.
„Alles gut?“ Marc vermutete, dass seine Mutter aufgrund des frischoperierten Beins gestöhnt hatte.
„Jaja, passt schon. Nur das Bein drückt etwas.“
„Wie drückt etwas?“
„Naja, es spannt ein bisschen.“
„Seit wann?“
„Jetzt mit dem Aufstehen.“
„Sicher?“
„Ja, warum?“
„Weil ein Spannungsgefühl auch Anzeichen für Durchblutungsstörungen sein können.“
„Ich bin doch nicht verkalkt und meine Cholesterinwerte sind auch tadellos.“
„Mutter!“
„Vielleicht sogar ein Zuckerschock? Olivier, nicht dass ich gleich in Ohnmacht falle.“
„Marc! Und der Ohnmachtszustand wäre doch nichts Ungewöhnliches bei Dir.“
„Jetzt wird mal nicht frech...“
„Sonst?
„Sonst... sonst...“
„Brichst Du Dir auch noch das andere Bein?“
„Haha, sehr witzig.“
„Nein Mutter, ein Kompartmentsyndrom ist nicht witzig. Hat sich das heute schon jemand angesehen?“
„Jeder außer Dir.“
„Dann ist es ja gut.“
„Was ist daran gut, dass ausgerechnet mein Sohn sich das Bein nicht ansieht?“
„Es reicht doch, dass ich es operiert habe.“
„Was hast Du?“
„Gut, das war übertrieben. Sascha hat es operiert, ich habe assistiert.“
„Wer ist dieser Sascha?“
„Doktor Nussbaum.“
„Warum duzt ihr euch?“
„Uns war so danach.“
„Bitte? Nimm mich nicht auf den Arm. Dafür bin ich zu schwach.“
„Ja, genau.“ Marc lachte und plötzlich löste sich die verkrampfte Stimmung. Auch Elke lachte.
„Mutter, genau deswegen bin ich so spät gekommen – ich wollte Dir Gelegenheit geben, Dich auszuruhen.“
„Ach... Du!“ Wiederholte sie und lächelte ihren Sohn an. Ihren gutaussehenden Sohn. „Seit wann rasierst Du Dich nicht mehr?“ Der ordentlich zurechtgetrimmte Bart ließ ihn älter wirken, aber stand ihm gut.
„Wie ich Lust habe. Allerdings kommt das bei den Patienten besser an – das gibt mir etwas mehr – Reife?“
„Oh Gott... spielst Du verkehrte Welt? Alle versuchen der Natur ein Schnippchen zu schlagen und im Alter jünger zu werden und Du? Wenn ich es nicht besser wüsste, dann könnte man meinen, Du wärst im Krankenhaus vertauscht worden.“
„Wäre eine Erklärung...“

(„...wäre es das wirklich? Und wenn... wollte ich es wissen?“)

Er hatte es als Scherz gemeint, aber sein Unterbewusstsein geriet in eine Schockstarre. Sein Herz pochte plötzlich und ihm wurde heiß.

(„Luft!“)

Marc stand am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Drei Stockwerke tiefer kamen einige Menschen aus der Tür und verstreuten sich in verschiedene Richtungen. Vermutlich hatten sie Feierabend.
Was wäre, wenn man ihn tatsächlich im Krankenhaus vertauscht hätte? Wenn seine Mutter nicht seine richtige Mutter wäre? War seine Mutter eine richtige Mutter? Was zeichnete eine Mutter aus? Er richtete seinen Blick auf die Fensterscheibe, in der sich Elke spiegelte. Elke Fisher. Mutter. Marc Meier. Sohn. Sie trugen nicht mal den gleichen Namen. Elke hatte nach der Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenommen, das „C“ war irgendwann dem Erfolg als Autorin gewichen. Er trug weiterhin den Familiennamen Meier. Meier... der Name seines Vaters. René Meier. Nachdem er von seinen Eltern im Jugendheim abgegeben worden war hatte er diesen Mann nie wieder gesehen. Es gab einfach keinen Vater mehr. Nur noch sie beide, Elke und ihn. Er vermisste ihn nicht, aber er hatte Fragen. Wer war er? Vor allem eine Frage hatte er sich immer wieder gestellt – und seit er Pascal im Krankenhaus getroffen hatte noch mehr. Was, wenn er genauso würde?
Und nun diese Feststellung. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann könnte man meinen, Du wärst im Krankenhaus vertauscht worden.
Wenn sie jetzt wirklich nicht seine Mutter war? Wer war er dann überhaupt? Was blieb dann von ihm übrig?

Nicht mal Dein Kind ist Dein Kind. Passt doch!

„Marc?“ Elke beobachtete ihren Sohn. Leichenblass. Was hatte sie nur gesagt. Es war ihr einfach so raus gerutscht und sie hatte nicht damit gerechnet, dass diese landläufige Phrase ihren Sohn so durcheinanderbringen würde.
„Vergiss es.“
„Nein, Marc. Erklär es mir.“
„Was?“
„Was Dich jetzt so durcheinander gebracht hat.“

Marc blieb schweigend am Fenster stehen. Seine Mutter war doch die letzte, die über solche Fragen nachdachte.


Gib ihr eine Chance.
Wozu? Dich und Deine Fragen weiterhin abzuwiegeln und Dich einfach stehen zu lassen?
Sie kann nicht weglaufen...


Marc rieb sich mit der flachen Hand über sein Gesicht, strich den Bart glatt. Dann drehte er sich zu seiner Mutter, machte ein paar Schritte auf sie zu und setzte sich ihr zugewandt auf die Bettkante.
„Bist Du sicher, dass ich nicht vertauscht wurde?“
„Marc, das war nur so dahin gesagt.“
„Bist Du sicher?!“
„Ja, um Himmels willen! Natürlich!“
Sie legte ihre Hand an seine versteinerte Wange. Kalt-schweißig. In Marcs Mimik regte sich nichts, doch in seinem Kopf schlugen die Synapsen Alarm, erreichten Signale Schallgeschwindigkeit und kollidierten Atome wie bei CERN.

„Warum hat Dich das jetzt so verwirrt?“
„Was hätte ich dann noch?“ Marc sagte es ganz leise, fast ängstlich. Dann sah er sie wieder an und Elke erschrak über die Verletzlichkeit, die mit einem Mal in den Augen ihres Sohnes stand.
„Was wäre ich dann noch? Wer wäre ich? Du bist die einzige Familie, die ich habe. Ich weiß nur zu 50% wer ich bin.“
„Aber...“
„Das einzige, was ich von meinem Vater weiß ist, dass er ein schlechter Mensch war. Oder ist. Was habe ich von ihm? Vor allem frage ich mich, ob ich irgendwann genauso wäre.“
Er tastete nach der Innentasche seiner Jacke. Das schwarze Lederbüchlein schmiegte sich angenehm kühl in seine erhitzte Handfläche.

Langsam zog er das Dokument aus der Tasche. Elke bekam eine Schnappatmung, doch ihr Sohn, wie er da blass und zusammengesunken auf ihrer Bettkante saß, berührte ihr Mutterherz. Sie zwang sich zu einer normalen Atmung.

„Hast Du rein geguckt?“
Er nickte schwach.
„Das war René. Er wollte in einem Wutanfall Deinen Vater auslöschen.“

„Meinen Vater?“
In Marc liefen die Gefühle und Gedanken Amok.

(„Jetzt ist nicht mal mehr dieser Vater mein Vater?“)

„Mutter?“ Er brachte nicht mehr als ein Krächzen zustande.

„Das ist lange her, Marc. Und eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit. Und Du glaube ich auch...?“

Sein Blick war eindeutig. „Bitte!“

In Elke tobte nun auch ein Kampf. Wozu hatte sie jahrelang alle Erinnerungen bekämpft und unterdrückt? Dass ihr Sohn jetzt doch alles wieder an die Oberfläche holte? Ihr Leben war doch gut so. Warum also diese alte Leidensgeschichte ausgraben?

Weil er Dein Sohn ist!

Karo Offline

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08.08.2018 23:27
#186 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 15


„René, ich rede mit Dir? Warum?“
Elke hielt eine Vielzahl unterschiedlicher Briefe in der Hand. Die Handschriften waren immer die gleichen. Die jungenhafte Schrift ihres Sohnes und die markant eckige Schrift ihrer Mutter.
„Es war das einzig Sinnvolle.“
„Was? Die Briefe abzufangen und zu lesen?“
„Steht doch eh nur Geschwafel drin.“
„Geschwafel? Es war Marc wichtig. Du hast doch mitgekriegt, wie traurig er war, dass meine Mutter nicht mehr geschrieben hat.“
René warf den Stift hin. „Elke, jetzt ist endlich dieser missratene Junge weg, den Du Deinen Sohn nennst. Warum musst Du mich jetzt auch nerven?“
„Weil ich es nicht verstehe und eine Erklärung haben möchte. Eine plausible, bitteschön.“
„Du möchtest haben? Normalerweise fragst Du doch nicht, ob Du was haben kannst. Du nimmst doch einfach.“
„Wenn es so einfach wäre.“ Sie bleib standhaft stehen. Egal, welche Folgen das für sie ertragen würde. Ihr Schmerz konnte nicht größer werden. Nicht einmal durch die Hand ihres Ehemannes.
Oder seine Worte. „Verpiss Dich einfach.“
„Nein. Du erklärst mir das jetzt!“
René erklärte nicht. Der erste Schlag mit dem Lineal traf ihre linke Wange und hinterließ eine brennende Spur. Groß stand er vor ihr und sah sie abwartend an.
„Ich warte auf eine Erklärung!“
Wieder flitschte das Lineal auf sie herab, ihre Schläfe platzte und im Nu lief ihr das Blut durch das Gesicht. Schnell war das Auge halb zugeschwollen und so sah sie nicht, dass er mit der linken Faust nach ihr schlug. Den Aufprall auf den Boden bekam sie nur noch vernebelt mit, danach überkam sie die Ohnmacht.

Als sie zu sich kam war die Wohnung leer. Auf allen Vieren kroch sie ins Bad und zog sich am Waschbecken empor. Das Bild im Spiegel erschreckte sie – ihr rechtes Auge war komplett zugeschwollen und blau verfärbt. Die Platzwunde an der Schläfe hatte aufgehört zu bluten, eine unschöne Kruste hatte sich gebildet. Vor allem aber dröhnte ihr Kopf. Sie schaufelte sich mit den Händen immer wieder kaltes Wasser ins Gesicht.

Als sie meinte, wieder laufen zu können, hangelte sie sich an der Wand entlang zur Treppe. Dort blieb sie ein paar Minuten sitzen, bevor sie sich zur Garderobe schleppte, wo sie in ihrer Handtasche nach einer Flasche tastete. Ihr kam der Einkaufszettel in die Finger und sie erinnerte sich an die Briefe. Die Handtasche fiel zu Boden und sie machte sich wieder auf den mühsamen Weg zurück in das Arbeitszimmer ihres Mannes.

Arbeitszimmer. Als hätte er jemals gearbeitet.

Die Briefe lagen verstreut auf dem Fußboden, wie durch ein Wunder hatte keiner auch nur einen Blutspritzer abbekommen. Sie schloss die Briefe sicher in ihrem Sekretär ein, den Schlüssel verstaute sie in ihrer Handtasche. Mit blutverschmiertem Gesicht und geschwollenem Auge verließ sie das Haus.

Karo Offline

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08.08.2018 23:31
#187 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.32 – Marc und Elke 2


„Ich habe das Haus nur noch einmal betreten, um das herauszuholen, was mir wichtig erschien. Vor allem für Dich. Alles andere habe ich ihm gelassen.“
„Warum?“
„Ich wollte nichts außer Dich zurück und ich brauchte nichts außer Dir.“ Wieder strich sie Marc über die fahle Wange. „So wie ich war bin ich zum Jugendamt und habe gefragt, was ich machen muss, um Dich wieder zu bekommen. Da Du nicht auf Anordnung des Jugendamtes in diesem Heim gelandet warst, sondern auf „freiwilliger Basis“ waren keine Schwierigkeiten zu erwarten. Natürlich bin ich erstmal im Krankenhaus gelandet und dort riet man mir, eine stationäre Therapie zu machen. Ich sollte die jahrelangen Misshandlungen verarbeiten und da Du gut aufgehoben warst, hatte ich wohl zu dem Zeitpunkt die einzige Chance dazu. Was danach kam, weißt Du im Grunde. Erst die kleine Sozialwohnung am Moritzplatz. Ich habe uns durch die Kolumne ganz gut über Wasser halten können, aber zu großen Sprüngen reichte es nicht.“
„Ich habe mich da wohl gefühlt. Endlich wieder bei Dir. Und – Frieden.“ Marc hatte mittlerweile am Fußende Platz genommen, sein Kinn lehnte auf den angewinkelten Knien.
„Ich hatte den ersten Rogelt-Band schon bei einem Verlag, bei van Steens, liegen. Aber bevor die Scheidung nicht durch war, wollte ich nicht, dass er veröffentlicht wird. Dann hätte ich René womöglich noch etwas abgeben müssen.“
Jetzt prustete Marc. „Du bist davon ausgegangen, dass Du Erfolg haben wirst?“
„Ich hatte keine Wahl, ich musste daran glauben. Von René hatte ich nichts zu erwarten. Ich wollte Dir halt was bieten. Mehr als eine miefige Wohnung und eine Schule mit diesen ganzen – Proletenkindern. Das wollte ich immer schon.“
Elke machte eine Pause. „Ich verdanke Erhard sehr viel, vor allem am Anfang hat er uns gut unterstützt.“

Wie oft hatte sie einen Vorschuss bekommen... „Mach Dir keinen Kopf, Elke. Mit dem nächsten Buch werden wir wieder Erfolg haben, dann zahlst Du es zurück.“ Irgendwann war sie zu seiner Dauergeliebten geworden.

Sie überlegte wieder eine Weile über ihre Wortwahl nach. Sollte sie wirklich...? Vermutlich würde Marc sie hinterher nur noch mehr mit Fragen...!
Nein, Elke, schalt sie sich. Er hat das Recht, diese Fragen zu stellen! Und Du die Pflicht zu antworten.

„Deswegen habe ich damals Deinen leiblichen Vater verlassen. Er war ein Träumer. Ein guter Mensch und – sicherlich auch ein guter Vater. Er war gerne Vater. Aber in Luftschlössern konnten wir nicht leben und das bisschen, was er bei der Post verdiente, reichte nicht, um den Tisch zu decken. Am Ende war ich den ganzen Tag unterwegs und habe für eine Zeitung geschrieben, während er zu Hause war. Er hat dann nur noch nachts bei der Post gearbeitet, was etwas besser bezahlt wurde. Dann habe ich René kennengelernt. Er war für mich eine Lichtgestalt. Medizinstudent also offensichtlich gescheit.“
Marc schnaufte. „Und wie...“
„Er hat immer wieder gesagt, ich solle zu ihm kommen. Ich hätte ein besseres Leben verdient. Dummerweise galt das nur für mich, nicht für Dich. Aber das hat er mir erst später mal um die Ohren gebrüllt. Viel später.“ Elke schloss die Augen. Sie erinnerte sich gut an den furchtbaren Moment, als René ihr ins Gesicht sagte, dass er unnütze Kinder hasste.

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08.08.2018 23:34
#188 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 16


René hatte wieder mal mit ein paar Freunden gepokert und getrunken. Viel getrunken. Und viel verloren. Nun wollte er das Geld, das Elke verdient hatte. „René, ich habe Dir doch gesagt, dass Marc neue Kleidung braucht. Er wächst so schnell.“
„Dann gib ihm weniger zu essen. Ist dann doppelt billiger.“ Er hielt ihr die offene, fordernde Hand hin.
„Nein, René. Verspiel Dein Geld, aber das was ich nach Hause bringe, wird für vernünftige Dinge ausgegeben. Und die Liste ist lang!“
„Eine lange Liste unnützer Dinge. Allen voran der Kindergarten. Ein unnützer Kindergarten für einen unnützen Jungen.“
„René...“
„Ich hasse Kinder. Unnütze ganz besonders. Allen voran Deinen Sohn!“

Sie schnappte nach Luft, er nach seiner Jacke. „Sie wird euch bezahlen.“ Damit verließ er das Haus.
Die angetrunkenen Freunde grölten.
„Ihr könnt das vergessen. Er bezahlt seine Schulden schön selbst. Mir wäre es jetzt lieb, wenn ihr auch geht.“
„Mir wäre es jetzt lieb, meine Bezahlung zu bekommen.“
„Raus!“ Elke wurde mit einem Schlag bewusst, in welcher Situation sie sich befand, was der Typ meinte. „Das hat René mit Sicherheit nicht gemeint!“
„Ist mir eigentlich egal, was René meint. Was meinst Du, Kollege?“ Er wendete sich dem anderen Spieler zu.
„Sie kann uns das Geld auch später geben.“
„Wer redet denn von Geld? Ich will kein Geld und ich will es jetzt!“
„Schert euch raus!“ Sie hoffte, ihre Stimme klang nur für sie selbst unsicher.
Ihre Hoffnung schwand mit dem nächsten Satz des ersten Mannes. „Schuldet Dir René nicht sogar noch was vom letzten Spiel? Jetzt könntest Du es Dir holen...“

In der oberen Etage rührte sich etwas, vermutlich träumte Marc wieder schlecht. „Ihr müsst jetzt gehen, ich muss zu meinem Sohn.“

Ein paar Tage später begann ihre Affäre mit einem der Pokerfreunde und natürlich bekam René es raus. Es kostete sie zeitweise das Gehör ihres linken Ohrs. Knapp acht Monate später bekam sie ihre Tochter, Carina.

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08.08.2018 23:40
#189 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.33 – Marc und Elke 3


Marc konnte das Gehörte nicht fassen, Elke sah ihm an, dass er mitfühlte. Mit ihrer Vergangenheit.
(„Warum erzähle ich ihm das? Ich muss ihn doch schützen!“)

„Warum bist Du bei ihm geblieben? Solange meine ich.“

„Ich weiß es nicht, Marc. Er war nicht immer so. Anfangs gar nicht. Cholerisch ja, aber nicht böse, gewalttätig. Das fing erst an, als ich Dich für den Kindergarten angemeldet habe und das Geld kostete. Ich habe kurzzeitig überlegt, ob ich Dich da wieder rausnehme, da ich ja auch gut von zu Hause arbeiten konnte. Aber Du gingst gerne dahin. Ich habe es nicht über das Herz gebracht, Dich wieder abzumelden. Später war ich froh, dass Du dort dann aus der Schusslinie warst, wenn er seine Wutanfälle bekam.“
„Das beantwortet nicht meine Frage.“
„Marc, warum bleiben Frauen bei Männern, die ihnen nicht gut tun. Manchmal sogar andersrum. Anfangs konnte ich es nicht glauben. Was meinst Du, wie geschockt ich war, als René das erste Mal die Hand ausgerutscht ist? Weil er in Deinem Zimmer auf ein Stück Lego getreten war. Es war kein Stein, sondern irgendeine Figur. Er ist böse geworden, weil er sich wehgetan hatte, Du aber weintest, weil das Ding kaputt war. Er hat sich später bei mir dafür entschuldigt. Er würde Dich nie wieder schlagen. Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass er es nicht kontrollieren konnte. Schließlich richtete sich seine Wut auch gegen mich. Die Schläge waren schlimm, aber noch schlimmer waren seine Schimpftiraden. Er war in der Lage einem zu vermitteln, wie scheiße man doch war und dass man die Prügel einfach verdient hätte. Ich solle froh sein, dass er mich mit Dir noch genommen hätte, sonst hätte ich vor meinen Eltern zu Kreuze kriechen müssen.“

„Aber so waren sie nicht.“

„Nicht mit Dir, Marc. Aber ich hatte immer meine Probleme mit ihnen. Ich... ich... sie... pfff...“

Marc sah, dass seine Mutter bei dieser Erinnerung wirklich litt. Er griff nach Elkes Hand, sie ließ es geschehen. Mutter und Sohn sahen sich lange in die Augen.

„Ich bin nicht ihr Kind. Sie haben mich adoptiert als ich fünf Jahre alt war. Ich wollte nicht da sein, ich wollte nicht, dass sie meine Eltern sind. Ich wollte zurück zu meiner Mutter. Man hatte mich ihr weggenommen, weil sie irgendeine psychische Störung hatte. Vermutlich sogar mehrere. Ich kann mich vage daran erinnern, dass ich oft von einer Freundin zur nächsten gereicht wurde. Immer wenn es ihr zu viel wurde mit mir. Also eigentlich an 6 Tagen pro Woche. Egal. Ich kam dann jedenfalls zu Deinen Großeltern und ich habe alles gehasst. Den ersten Menschen, den ich an mich ran gelassen habe – und ich meine nicht körperlich, das war Dein Vater.“

Marc schmunzelte. „Also doch irgendwie...“

Und auch Elke kicherte. „Als Du zur Welt gekommen bist waren wir schon drei Jahre zusammen. Sicherlich stand nicht auf meiner Wunschliste, dass ich Mutter werden will bevor ich 18 war. Aber als es dann so war, da habe ich mir geschworen, dass ich es besser mache. Ich hatte eine Vorstellung davon, wie ich es nicht wollte. Ich dachte wohl, es sei genug. Deine Großeltern wollten mir nichts Böses, im Gegenteil. Sie wollten, dass ich schnell nach Deiner Geburt wieder zur Schule gehen kann, sie würden Dich großziehen.
Ich wollte das nicht. Du warst mein Kind und ich hatte mich für Dich entschieden. Es war alles schwierig, weil ich noch nicht volljährig war und sie alles vorgegeben haben. Natürlich waren sie böse, als ich hinterher alles anders gemacht habe. Aber für mich war es ein Glück, dass ich bald 18 wurde. Sie nannten mich undankbar und stur. Ich bin dann schnell ausgezogen und eine Weile haben wir bei Deinen anderen Großeltern im Haus gelebt. Neben der Werft hatten sie einen Bekleidungsladen. Da habe ich im Ausgleich ausgeholfen... Ich wollte es allen zeigen, dass ich ohne Hilfe klar komme. Beim Berliner Wochenanzeiger habe ich eine Anstellung bekommen und wir sind zu dritt in die Hauptstadt gegangen. Mein Vater sagte am Zug, dass er sich auf den Tag freue, an dem ich reumütig und gescheitert zurückkomme. Ich habe geschworen, dass er irrt.“

„Und diesen Schwur hast Du nie gebrochen.“

„Nein. Ich bin nie wieder auf Rügen gewesen. Deine Oma ist gegen den Protest meines Vaters zu uns gekommen. Als sie herausfand, was bei uns los ist, hat sie mich gebeten, nach Hause zu kommen. Ich fühlte mich furchtbar. Gescheitert und dabei noch ertappt. Es muss sie sehr verletzt haben, als ich ihr sagte, dass ich kein Zuhause habe.“
Elke schwieg eine Weile und begann an ihren Fingernägeln zu kauen. Marc nahm ihre Hand. „Nicht!“
„Das war nicht gelogen. Ich habe mich dort nie zu Hause gefühlt.“
„Ich schon.“
„Ich weiß das, Marc. Ich hätte Dich gehen lassen, auch wenn es mir das Herz gebrochen hätte.“ Elke machte wieder eine Pause. „Du bist garantiert nicht vertauscht worden. An dem Tag kamen sonst nur Mädchen zur Welt.“
„Danke!“
Schweigen. Marc hielt immer noch Elkes Hand. Über die Gesichter von Mutter und Sohn liefen Tränen. Sie wollten es beide nicht, doch sie konnten nichts dagegen tun. Sie litten den gleichen Schmerz. Anders zwar, aber ihre Geschichte war dieselbe.
Eine Weile saßen sie sich gegenüber, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann fiel Marc etwas ein.

„Weißt Du, wann ich Gretchen kennengelernt habe?“ Er wartete eine Antwort gar nicht erst ab. „Am ersten Schultag im neuen Gymnasium. Ich suchte verzweifelt meine Klasse. Die Stunde hatte schon angefangen und nirgendwo war jemand, den man fragen konnte. Auf einmal stand sie vor mir. Ihre Augen haben damals schon so geleuchtet und „Alles wird gut“ signalisiert.“
Plötzlich leuchteten Marcs Augen und Elke lächelte.

(„Mein Sohn! Ich wünsche Dir von Herzen, dass alles gut wird!“)

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16.08.2018 22:33
#190 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.34 – Marc Nacht 1


War es Zufall gewesen, dass er seit Tagen die Briefe und das Stammbuch mit sich herum getragen hatte oder Schicksal? Warum hatte es ausgerechnet diesen Tag ausgewählt, Antworten auf seine immerquälenden Fragen zu bekommen. Warum hatte Elke heute ihren Wiederstand aufgegeben?

Als Marc die Klinik verließ war er aufgewühlt und durcheinander. Aber er fühlte sich gut. Wie den ganzen Tag schon.

***
„Da bist Du ja! Du wurdest schon gesucht – ist was passiert?“ Sascha notierte die Blässe in Marcs Gesicht.
„Du meinst meine Mutter? Ich habe einfach die Zeit vergessen, es war einfach herrlich, nur durch die Stadt zu laufen.“
„Ja, Zürich ist eine schöne Stadt, vor allem die Altstadt. Wie hat Deine Mutter reagiert?“
Marc winkte ab. „Sie war natürlich nicht begeistert, aber ich weiß schon, wie ich sie wieder eingefangen bekomme, wenn die Pferde mit ihr durchgehen.“
„Sei mir nicht böse, aber genau danach siehst Du nicht aus.“
„Ich weiß.“

„Die Jungs wollten so gerne mit Dir spielen.“
„Hm...“ Marc verzog etwas gequält das Gesicht und Sascha lachte.
„Ich habe ihnen vorgeschlagen, dass wir bei gutem Wetter morgen vielleicht zu den Enten gehen können. Dann sind sie wenigstens etwas abgelenkt und beanspruchen Dich nicht ganz.“
„Nur zu 99 Prozent.“ Eveline lachte ebenfalls. „Ich vermute, dass Du keine Kinder hast?“
„Nein. Auch nicht mal annähernd daran gedacht.“

(„Bis vor kurzem...!“)

(„Weil ein anderer Mann meiner Freundin ein Kind gemacht hat.“)


„Und sonst?“
„Und sonst?“ Marc ahnte, worauf die Frau hinaus wollte.
„Dass man euch Männern immer alles aus der Nase ziehen muss... meine Frage für Dich zum Mitschreiben: Hast Du eine Frau oder Freundin?“
Marc grinste. „Dass ihr Frauen immer gleich alles wissen wollt... meine Antwort zum Mitschreiben: Ich habe eine Freundin, ja.“

Das ist vorbei. Hör auf Dir was vorzumachen!

(„Das muss sie mir schon selber sagen!“)

Geht doch!


„Geht doch.“
„Und was fängst Du mit dieser Info an?“ Er würde nie verstehen, warum Frauen Infos dieser Art zu brauchen schienen.
„Sag ich Dir, wenn ich das weiß.“
„Das ist so typisch für Frauen... füttern ihr Gehirn mit allerlei Infos, die sie nicht weiter bringen.“ Marc lachte aus tiefem Herzen. Die beiden Schweizer stimmten in das Lachen ein. Sascha räusperte sich. „Dann habe ich hier eine Info für Dich, die Dich vielleicht weiter bringt. Professor Neuroth möchte morgen mit Dir sprechen.“
„Vermutlich hat meine Mutter auch ihn verrückt gemacht.“
„Vermutlich. Zumindest hat er hier angerufen, ob ich wüsste wo Du bist.“
„Na toll...“

(„... ich stehe auf Professorenanschisse.“)

Marc verabschiedete sich bald. Als er in seinem Bett lag dachte er über das Gespräch mit seiner Mutter nach. Ein paar Fragen hatten sich erledigt, viele neue waren dazu gekommen. Doch eine Erkenntnis überwog alles und erleichterte Herz und Seele.

(„Wenn mein Vater nicht mein Vater ist, dann kann ich auch nicht so werden wie er!“)

Dann kommt es eben von der anderen Seite...
Was soll das jetzt?
Man hat sie ihrer Mutter weggenommen – wegen einer psychischen Störung...
Ja – und?
Ihre Gene?
Ich kaufe ein „I“
Wofür?
Mit einem „I“ wird aus „Gene“ ein Genie!
Blondchen-Logik? Da sind wir schon wieder beim Thema... Familie...
Mit ihr und dem...
...Bastard!
Es ist ein Kind!
Du kannst es nicht!


Ihm fiel die Situation mit Monikas Baby ein. Gretchen hatte ihm das Mädchen in den Arm gelegt. Der Geruch war eindeutig und sie hatte ihn zum Windeln wechseln geschickt. Die ganze Situation hatte ihn überfordert. „Du tust ihr ja weh...“
Er hatte sie nur nicht fallen lassen wollen.

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16.08.2018 22:36
#191 RE: Story von Karo Zitat · antworten

ALPTRAUM BABYWINDEL


Hilflos und überfordert versuchte er seit einer Stunde, dem Baby die Windeln zu wechseln. Aber sie klebte überall, nur nicht am Babypopo. Geschweige denn richtig herum.
„Du kannst das ja gar nicht.“ Die vierjährige Tochter saß schlechtgelaunt und gelangweilt in der Spielecke.

(„Wo zum Teufel steckt Gretchen, wenn man sie mal braucht.“)

„Wann wollte Mama nach Hause kommen?“ Vermutlich wusste die Kleine eh nichts.
„Die hat doch heute die Transplastation.“

„Scheiße! Was spielen wir hier – verkehrte Welt? Die Frau des begnadeten Nachwuchschirurgen mit Renommee Doktor Marc Meier verpflanzt Herzen während er selbst in Babyscheiße steht.“

Der kleine Junge, gerade sieben Monate alt, grinste hämisch. Im nächsten Moment pinkelte er seinen Vater in hohem Bogen an.
„Verfluchter Mist!“
„Papa! Mama hat doch immer gesagt, er mag es nicht, wenn der Pillermann kalt wird.“
„Und hat sie auch gesagt, wie man das beim Wickeln machen soll?“
„Bei ihr geht das einfach schneller. Du kannst das ja gar nicht. Lass ihn ja nicht fallen, so ungeschickt wie Du bist!“

„... so ungeschickt wie Du bist...“ Das war die Stimme seines eigenen Vaters, der ihn plötzlich beobachtete. „Ich habe doch immer gesagt, dass Kinder lästig und unnütz sind. Du kannst ja heute noch nichts!“

Marc warf das Baby ungewindelt in das Kinderbettchen. Natürlich brüllte der Kleine sofort los! Die Vierjährige erschrak sich furchtbar und heulte gleich mit. Das war eindeutig zu viel. Er packte das Mädchen am Handgelenk und zog sie hinter sich her.

„Lass mich. Lass mich los. Was ist mit dem Baby?“

Da war wieder die altbekannte Stimme aus Kindertagen. „Ich habe immer gesagt, eines Tages bringt er das Baby um. Da hast Du den Salat, Frau.“

Er sah einen Mann, der in rasender Wut auf ein Kind eindrosch. Ein braunhaariger Junge, vielleicht fünf Jahre alt, versuchte nicht mal, sich zu wehren. Er griff immer wieder nach etwas, das am Boden lag. Eine dunkelhaarige Frau. Sie lag regungslos um etwas zusammengekrümmt. Als wollte sie etwas schützen.

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16.08.2018 22:42
#192 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.36 – Marc Nacht 2


Marc wachte schweißgebadet auf. Er wusste er nicht, wo er sich befand, erst als er im schwachen Schein des Handydisplays das Gästezimmer in Zürich erkannte, beruhigte sich sein Puls langsam. Nach ein paar Minuten des Verschnaufens fühlte er sich besser, doch noch immer war die Herzfrequenz hoch.

(„140 – das habe ich kaum nach dem Joggen.“)

(„Joggen...“)


Nach einem Alptraum lief er diesen am besten ab. Oder rannte vor ihm weg, das war wohl Ansichtssache. Hauptsache, es half. Marc brauchte nicht auf die Uhr zu sehen, um zu wissen, dass es zwischen drei und halb vier war. Die Träume suchten ihn meist nach fünf Stunden Schlaf heim, aus diesem Grund versuchte Marc nie mehr als fünf Stunden Schlaf zu bekommen. Hier hatte er eindeutig zu viel Zeit. Leider hatte er auch keine Joggingsachen dabei, doch an die Luft wollte er unbedingt. Er zog sich an und verließ leise das Haus.

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16.08.2018 22:49
#193 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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November 2.37 – ... ist man einfach nicht vollständig


Als Eveline Nussbaum um 7:30 Uhr mit den Kindern das Haus verließ, da staunten die drei nicht schlecht, Marc Meier schlafend auf der Schaukel zu finden.

„Warum ist denn der noch nicht runtergefallen?“ Die Zwillinge lachten, kicherten und schubsten Marc ein bisschen an. Die Schaukel erfüllte ihren Job und schwankte unkoordiniert hin und her.
„Jungs, lasst das, bevor er wirklich noch runter fällt. Lennart, sag mal bitte schnell dem Papa Bescheid. Wir haben keine Zeit!“
„Oh Mama, endlich passiert mal was Spannendes.“

„Was ist denn mit ihm?“ Sascha kam mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm aus dem Haus. „Was macht der denn hier?“

„Schlafen... wenn man mich lässt.“
„Ist es nicht ein bisschen kalt hier draußen?“
„Hm, jetzt wo Du es sagst...“

Nach einer heißen Dusche und einem ausgiebigen Frühstück – zumindest für das Ehepaar Nussbaum – war Marc wieder besser drauf, doch der Traum hing ihm nach.
„Soll ich Dich direkt mit in die Klinik nehmen? Ich muss um 10 Uhr anfangen.“
„Bevor ich wieder verloren gehe meinst Du?“ Marc lächelte gequält. „Ja, das wäre gut. Danke!“

„Warum warst Du da draußen?“
„Normalerweise jogge ich nach einem schlechten Traum. Aber die Sachen habe ich nicht hier. Frische Luft war aber auch okay.“
„Alpträume?“
„Hm.“
„So richtig?“
„Anders kenne ich es nicht. Gibt’s da Unterschiede?“
„Oh ja, sehr große. Wie lange hast Du das schon?“
„Früher oft. Als Kind. Seit ich zu Hause ausgezogen bin, nicht mehr. Jetzt in letzter Zeit wieder häufiger.“
„Warum?“
„Wie warum?“
„Was ist der Auslöser? Es muss doch irgendwas anders sein, wenn das so plötzlich wieder kommt?“
„Hm... meinst Du?“

„Natürlich. Irgendwas beschäftigt ganz arg Dein Unterbewusstsein und Träume sind nun mal der Weg, diesem Gehör zu verschaffen.

„Es ist so viel passiert, in letzter Zeit. Nur würde ich da spontan keinen Zusammenhang sehen. Hm...“

(„Obwohl es sich immer um Gretchen dreht. Und jetzt...“)

„Wer weiß, wie Dein Unterbewusstsein das sieht. Um irgendwas macht es sich ja Sorgen.“
„Professor Haase war lange krank, deswegen hatten wir ordentlich Probleme im Krankenhaus. Aber er kommt nie vor – doch einmal, aber eher als Randfigur.“
„Aber Du magst ihn?“
Er dachte an ein ähnliches Gespräch in Afrika, das er mit dem Pfarrer geführt hatte. „Ja, für ihn würde ich fast alles tun.“
„Und er?“
„Gretchen sagte mal, dass er in mir seinen nie gehabten Medizinersohn sieht.“
„Gretchen? Deine Freundin?“
„Ja... sie... ist seine Tochter.“

Sascha lachte amüsiert. „Du bist mit der Tochter Deines Chefs zusammen? Das ist ja fast kein Wunder, dass es da Probleme gibt.“
Marc schmunzelte ebenfalls. Martin hatte es als „explosive Konstellation“ bezeichnet. „Naja, da gab es schon Reibereien, aber eher bevor wir zusammen waren. Seitdem nicht mehr. Naja... war ja auch keine Gelegenheit zu. Gretchen in Afrika und der Professor krank.“
„Afrika?“
„Ja, sie ist auch Ärztin und arbeitet in einer Krankenstation.“
„Und Du sagst, es gibt keinen Grund, für Dein Unterbewusstsein, Amok zu laufen?“
„Wieso?“
„Ein Dreiergespann – und zwei Teile fehlen Dir. Ich werde ja schon verrückt, wenn die Zwillinge mal ein Wochenende bei Oma und Opa sind. Ohne manche Menschen ist man einfach nicht vollständig.“

(„Ohne manchen Menschen ist man einfach nicht vollständig!“)

„Hm.“

(„Einfach.“)

(„Wenn es so einfach wäre!“)

Es ist ganz einfach. Guck Dich um, hol Deinen kleinen Freund aus dem Winterschlaf und schon geht´s Dir wieder besser. Die Alpträume kommen bloß von einem Samenstau. Das Zeug muss raus, bevor es Dich vollends vergiftet!
Samenstau... ich lach mich tot. Naja... Samenraub hatten wir ja schon.
Die hat es auch nicht geschafft, ihn an Haus und Hof zu ketten. Wie will Blondchen es dann schaffen.
Niemand wird hier gekettet, alles ist freier Wille.
Freier Wille, pah. Freier Sex ist das einzig richtige.
Sie ist die Richtige.
Sie ist schwanger!
Na und?
Von einem anderen!

(„Na und?“)

Na und?


„Marc?“ Sascha stieß Marc mit dem Ellbogen an. „Marc, wir sind da. Aussteigen! Und vergiss nicht, dass Professor Neuroth Dich sprechen will.“
„Ja.“

Ja! Na und!

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