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Dieses Thema hat 164 Antworten
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Karo Offline

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Beiträge: 449

13.05.2018 21:16
#151 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 1.15 – Marc ist weg 6


„Also hier steht ja wirklich nichts von einer Schwangerschaft. Vielleicht wusste sie es noch nicht?“ Sabine zog ratlos die Nase kraus.

„Mit Sicherheit doch.
„In meinem Brief?“ Sabine schnappte sich das Blatt und las. „Hä? Wo denn?“
„Sabine... die Frage nach dem Stier...?“
„Hä? Warum will sie denn was über Sie wissen?“

„Sabine!!!“
„Ich bin gut so wie ich bin, Doktor Stier! Die Frau Doktor weiß sowas!“
„Stier – das Sternzeichen!“
„Dann sagen Sie das doch... aber wieso? Frau Doktor Haase ist doch Widder?“ Sie zählte an ihren Fingern entlang. „Ach so... Sie meinen...“ Wieder benutzte sie zum Zählen neun ihrer zehn Finger. „Dann kann es also wirklich von Doktor...“
„Fein, Sabine. Das gibt ein Leckerli. Natürlich! Davon war auszugehen.“
(„Ich muss da vorsichtig bei Mehdi nochmal nachfragen.“)

Der Oberarzt erhob sich und legte den Brief auf den Kopierer. Natürlich unter dem Protest der Krankenschwester. Aber ebenso natürlich juckte das den Chirurgen überhaupt nicht.

Elke schüttelte nur noch abwesend ihren Kopf. Ab und zu unterbrach sie ihr Tun um sich einen weiteren Cognac zu genehmigen. „Ich bin zu jung um Oma zu werden. Weder von meinem Sohn, noch von Kaan oder von sonst einem Stier.“
Cedric schwirrte der Kopf. Wie sollte er in dieser Runde nachdenken? In jedem Fall war nun Mehdi zurück und erzählte, dass Gretchen schwanger wäre.
(„Von vorne, Stier! Momentan bist Du der einzig brauchbare Kopf hier.“)

„Also wenn wir davon ausgehen, dass Doktor Haase...“

„Können wir mal bitte nur Sinnvolles von uns geben?“ Gina platzte der Kragen.

„Warum schläft Doktor Haase mit Doktor Kaan, wenn sie doch mit Doktor Meier in Afrika ist?“

„Zwei Paar Schuhe. Mit Mehdi – Doktor Kaan ist sie abgestürzt. Vor Marc. Mittlerweile glaube ich eher, dass es seine Absicht war, sie irgendwie ins Bett zu kriegen. Egal. Es war ein One Night Stand und Gretchen hätte diese Erfahrung gerne rückgängig gemacht.“
„Woher wissen Sie das?“
„Hat sie mir in Afrika erzählt. Nachdem Marc dann abgereist war, hatte Mehdi sich überlegt, dass Gretchen zu ihm ins Zimmer ziehen könnte oder umgekehrt. Damit sie nicht so allein und traurig ist. Den Part habe zu seinem Ärger ich dann übernommen. Da hat sie mir davon erzählt. Wir haben echt viel geredet und zwei Sachen kann ich mit Sicherheit sagen: Mit Marc war sie sich zu hundert Prozent sicher. Und Mehdi war überhaupt keine Option. Wenn sie nun von ihm schwanger ist, dann ist es Pech oder dumm gelaufen. Aber in keinem Fall hat sie Marc betrogen, denn zu dem Zeitpunkt war an eine Beziehung zwischen den beiden gar nicht zu denken.“
Cedric Stier sah die blonde Chirurgin an. „Aber er war schon wegen ihr in Afrika?“
„Mehdi? In jedem Fall. Er hatte sich das wohl sehr romantisch dort vorgestellt. Allein mit Gretchen im Busch. Zwischen wilden Kriegern und wilden Tieren allerlei Krankheiten bekämpfen.“

„Klingt in der Tat romantisch.“ Doktor Hassmann gab nach langem Schweigen wieder mal einen Kommentar ab.

„Vor allem, als erst ich, dann Marc auftauchte. Da musste ihm schon klar sein, dass er verloren hatte. Eigentlich schon früher, aber er ist halt ein Träumer. Marcs Abreise muss ihm wie eine Chance vorgekommen sein.“

„Und Sie sind sicher, dass da nichts mehr zwischen den beiden war?“ Sabine wollte sich nicht vorstellen, dass die Lovestory zwischen der warmherzigen Ärztin und dem erfolgreichen Chirurgen schon wieder vorbei sein sollte.
„Ganz sicher. Erst teilten Doktor Kaan und ich uns ein Zimmer, dann Doktor Haase und ich.“
Cedric Stier fing an zu lachen. Also doch. Er hatte die ganze Zeit schon vermutet, dass die blonde Chirurgin und der Spinner was gehabt hatten.
(„In der Not...!“)
Was hatte Mehdi gesagt?
(„Qualität setzt sich eben durch...“)
Nicht, dass Doktor Amsel auch... vermutlich war es nicht mal auf die drei Flaschen Wein zurückzuführen, dass Gretchen sofort schwanger geworden war. Als Frauenarzt hatte er doch bestimmt Mittel an der Hand, die eine Schwangerschaft fördern konnten.
(„Und ich traue es ihm sogar zu!“)

Karo Offline

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Beiträge: 449

26.05.2018 23:05
#152 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

November 2.1 - Cafeteria

◊◊◊

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielen Dank, dass Sie so spontan so zahlreich erschienen sind. Ich sehe in erfreute Gesichter, ja, ich stehe außerplanmäßig hier vor Ihnen, normalerweise hatte ich noch ein paar Tage Reha vor mir. Doch außergewöhnliche Umstände... lassen wir das.
Ich stehe mit nicht sehr guten Nachrichten hier. Sie haben sich mit Recht über den spontanen Urlaub von Doktor Meier gewundert. Herr Ullstein und Doktor Stier hielten es anfangs für besser, Sie nicht weiter zu beunruhigen, leider hat sich die Situation nicht aufgeklärt – Doktor Meier ist nun seit vier Tagen spurlos verschwunden. Es gibt keinerlei Ansätze, wo man ihn finden könnte, die Polizei ermittelt in verschiedene Richtungen, was auch immer das heißen mag. Nicht mal Doktor Kaan, der zurzeit bei Doktor Meier wohnt, hat eine Ahnung, wo unser Kollege sein könnte.

Ich möchte Sie bitten, Augen und Ohren offen zu halten. Und zu beten.

Vielen Dank!

Karo Offline

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Beiträge: 449

26.05.2018 23:12
#153 RE: Story von Karo Zitat · antworten

♥♥♥

Liebes Tagebuch,

dieses Jahr hat Weihnachten früher stattgefunden. Martin hat von Fritz erfahren, dass ein Container starten kann. Die Zeitungsberichte in Berlin scheinen Wunder zu bewirken. Eine Spedition übernimmt die Kosten für den Container, das heißt wir müssen uns nur um die Finanzierung des Fluges kümmern. „Nur“ ist gut, und der Container muss auch noch bis hierhin kommen. Aber das ist wohl kein Problem – von Ouagadougou kann der bis Koudougou mit dem Zug fahren und dort lagert Doktor Inyesse die Sachen für uns ein. Ich glaube, er hofft, dass auch für ihn etwas abfällt, was nicht so unrealistisch ist. Viele von den Dingen, die die StaBe aussortiert hat, können wir in Sanssouci nicht gebrauchen. Ich benötige hier nur wenig OP-Besteck, das meiste kann da bleiben. Außerdem schicken sie uns mehrere Ultraschallgeräte, ich habe nur den Bedarf und Platz für eins.

Ein weiterer Container nimmt – wenn die Finanzierung gewährleistet ist – den Seeweg. Das dauert deutlich länger aber kostet auch nur einen Bruchteil. Und sollte irgendwas verloren gehen, dann werden uns allenfalls Möbel fehlen, die uns jetzt auch fehlen. Aber schön wäre es schon, wenn wir die Zimmer besser ausstatten könnten. Vor allem die Lehrzimmer. Obwohl den Afrikanern ja das Bodensitzen überhaupt nichts auszumachen scheint. Ich mag das nicht, schließlich gibt es Stühle.

Habiba kommt im Krankenhaus sehr gut zurecht und sie wird da bleiben, bis der Container dort eintrifft. Yves hat eine gute Meinung von ihr und jetzt kann sie es kaum erwarten zurück in die Schule zu kommen. Sie hat eine Liste mit Dingen, die sie unbedingt können sollte, wenn sie eine Ausbildung im Krankenhaus machen will. Vor allem muss sie an ihrer Sprache arbeiten. Ohne gutes Französisch wird sie die Schwesternschule nicht schaffen.
Martin hat mit seiner Diakonie gesprochen und sie wollen ein kleines Taschengeld zahlen, wenn wir einen Französischlehrer finden, der hier Sprachunterricht erteilt. Kümmern müssen wir uns selbst. Aber dafür haben wir ja Fritz und Thilo.
Jenny hat direkt angefragt, ob auch sie dann am Französischunterricht teilnehmen darf. Natürlich. „Gretchen würde es auch nicht schaden!“ Ich war nicht sicher, ob ich böse auf Roula sein sollte. Klar hat sie Recht und ich wäre doof, so eine Chance auszulassen. Ob ich Marc beeindrucken könnte? Er hat ja nur ein wenig in den Tiefen seines Gehirns gegraben und plopp... die Sprache war wieder da.
Aber wie sollte er bemerken, wenn ich plötzlich gutes Französisch kann? Wir würden wohl eher die deutsche Sprache benutzen.

Apropos Jenny – Mehdi hat ihr wirklich viel beigebracht. Man kann sie gut als Hilfe nehmen, wenn Roula nicht da ist. Mehdi hat ihr nahegelegt, sich mal zu überlegen, ob sie nicht Krankenschwester werden will. Kindergärtnerin oder Krankenschwester, wird beides kacke bezahlt.

Mehdi ist bei Marc untergekommen. Das war fast zu erwarten aber es gefällt mir nicht. Mittlerweile traue ich Mehdi alles zu. Vor allem das, was einen Keil zwischen Marc und mich treiben könnte. Ich versuche es immer wieder, aber nie kommt eine Verbindung zustande. Trommeln über 6000 Kilometer ist ebenso vielversprechend erfolglos wie Brieftauben. Vor allem wenn Gretchen Haase trommelt.

Ich habe mich einmal zum Klops gemacht, als wir in der Schule das Musical „Max und die Zaubertrommel“ aufgeführt haben. Natürlich spielte Marc den Max. Dennis war ein überzeugender König Gier und da Mama diesmal fleißig für das Kuchenbuffet gebacken hat, durfte ich den roten Ton spielen, um mit dem Max die anderen Töne zu befreien. Natürlich stolperte ich und fiel in die geheimnisvolle Trommel. Die Töne waren also wieder da, doch die Trommel war kaputt. Marc improvisierte damals und gab zum Ende lauthals bekannt, dass es von nun an auch schiefe Töne geben würde.
Nein. Trommeln ist keine Alternative.
Brieftauben? Fehlanzeige. Das einzige Federvieh sitzt ganztags in seiner Reisschachtel und brütet drei Eier aus. Außerdem können Hühner überhaupt fliegen? Die Flattern doch nur.

Aprospros brüten...Ja, Marc fehlt mir. Besonders dann, wenn ich darüber nachdenke, dass (s)ein Kind in meinem Bauch wächst und er keine Ahnung hat. Die habe ich auch nicht – ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin immer noch nicht sicher, wie ich Marc von der Schwangerschaft erzählen soll. Selbst das „ob“ wiege ich immer wieder ab, obwohl es keine Frage ist. Natürlich sollte er es wissen.

Falls Mehdi ihm das nicht schon aufs Brot geschmiert hat. Ich denke darüber nach, die Zelte hier abzubrechen. Fritz kommt her und es gibt keinen Grund, warum ich nicht nach Hause gehen sollte. Ganz im Gegenteil. Aber was erwartet mich zu Hause? Marc oder nicht Marc? In jedem Fall ein Kind. Gut, das erwartet mich hier auch, oder eher umgekehrt. Ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass es Mehdis volle Absicht war. Er wusste, dass ich noch nicht wieder mit der Pille angefangen hatte. Vorher war ich ja verheiratet...
Und ich weiß noch, dass ich ihn nach Kondomen gefragt habe. „Später, Gretchen...“ Der Alkohol sorgte dafür, nicht weiter darüber nachzudenken. Eigentlich ist das für Mehdi allerhand... hätte ich ihm nicht zugetraut. Aber es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen, es ist jetzt einfach so. Dieser Ausrutscher hat Folgen. Für mindestens 18 Jahre. Hoffe ich!
Immer noch befürchte ich, dass ich es verlieren könnte. Was die einfachste Lösung wäre, aber auch die traurigste. Nein, ich möchte dieses Kind, auch wenn es unter unlauteren Bedingungen entstanden ist.

Gretchen Haase, Du denkst jetzt nicht daran, dass Du das Kind verlieren könntest. Es wächst und gedeiht und Dir selber geht es so gut wie selten zuvor. Ich würde dieses Gefühl so gerne mit Marc teilen, aber ich muss wohl fairerweise zugeben, dass ich nicht mit Begeisterungsstürmen rechnen darf.

Ich würde es Marc wirklich gerne sagen. Auch wenn er ausflippen sollte. Gretchen und Marc bekommen ein Kind! Was nicht mal Marcs ist. Ob Marc eines Tages einsehen wird, dass ich bereits schwanger war, als wir zusammen kamen? Er kann mir das nicht übel nehmen, der One Night Stand war vor seiner Zeit. Da ist es egal, ob ich es wollte oder nicht. Eigentlich ist Marc schlau genug, genau das irgendwann zu verstehen. Wenn er es dann irgendwann erfährt.

Diesen Satz sollte ich fett markern, falls ich wieder Zweifel bekomme: Ich möchte Marc sagen, dass er Vater wird!

Ich hoffe nur, dass ich die erste bin, die ihm diese Neuigkeiten mitteilt. Alles andere wäre schlichtweg eine Katastrophe.
Sollte ich irgendwann eine Telefonverbindung bekommen, hoffe ich, dass ich alleine bin. Das wird schwierig. In Sanssouci ist man nicht alleine. Nie!
Selbst in meinem Zimmer nicht, denn da wohnt seit Marcs Abreise ein Huhn. Es hatte sich eines Tages dorthin verirrt, aber nachdem ich es rausgeworfen hatte, kam es immer wieder. „Emma“ hat nun eine Holzkiste mit Reisstroh in einer Ecke stehen, in dem sie nun ihrerseits Nachwuchs ausbrütet.

„La mére de poule“ werde ich auch genannt. Hühnermutter. Jetzt bin ich noch die Hühnermutter, in ein paar Monaten dann sogar richtige Mutter.

Ein sehr schöner Gedanke, der mich glücklich macht!

Bis bald!

Karo Offline

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Beiträge: 449

28.05.2018 22:58
#154 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.3 – Der Anhalter 1


(„Ich lasse mich scheiden und dann gehe ich zurück zu Gretchen und dem Kind. Unserem Kind!“)

(„Wir freuen uns total!“)

(„Gretchen und ich bekommen ein Kind. Ist das nicht toll?“)


„Sehr toll...“
„Bitte?“ Die Fahrerin sah Marc von der Seite an.
„Nichts, ich habe nur laut gedacht!“

(„Vielleicht ist es auch einfach nicht mehr wichtig?“)

(„Konzentrier Dich aufs Atmen!“)


„Bist Du sicher, dass ich Dich hier rauslassen soll?“ Der blaue PKW bog von der Autobahn ab und hielt bei der nächsten Gelegenheit an. „Dann viel Glück, ist ja nicht mehr ganz so weit.“

Die Frage war nur, ob ihn jemand mitnehmen würde. Bald wurde es dunkel und der fremde Mann war dreckig und wirkte sehr durcheinander.

„Danke für den Umweg, dafür ist es für Dich jetzt noch richtig weit.“
„Das ist schon okay.“

Sie wäre auch über China gefahren. Das Schicksal hatte ihr noch nie einen so attraktiven wenn auch desolaten Mann vor die Füße geworfen. Wobei er wohl eher vor ihr Auto gelaufen war. Erst hatte sie gedacht, er sei betrunken, aber er roch lediglich nach – Matsch? Außer ihrem Schrecken schien nichts passiert zu sein. Der Mann war komisch. Still. Und leichenblass. Sie hatte mehrfach versucht, ihn anzusprechen, aber außer Seufzen hatte er kaum etwas von sich gegeben. Nur, dass er weg musste. Und eh alles egal sei.

„Mist! Jetzt schaffe ich es garantiert nicht mehr rechtzeitig ...“ Sie nahm die nächste Ausfahrt und fuhr in der Gegenrichtung wieder auf die Autobahn. Vielleicht war er noch da.

Marc hatte maximal fünfzehn Minuten an der Straße gewartet, als er das Auto wiedererkannte. Es hielt.

(„Gott sei Dank!“)

Er fror entsetzlich.

„Warum tust Du das?“
„Soll ich Dich am Straßenrand erfrieren lassen?“
„Pfff...“
„Verstehe.“

Marc lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Kälte verschwand langsam aus seinen Fingern und Zehen. Der Schmerz der gefrorenen Extremitäten ließ langsam nach. Nur sein Herz wollte nicht auftauen.

„Und wie müssen wir jetzt genau fahren?“
„Ich weiß es nicht genau, warte, eine Adresse habe ich.“

(„Falls es die noch gibt!“)

Marc hantierte eine Weile mit dem Navi herum und eine Weile fuhren sie schweigend den Anweisungen hinterher. Immer wieder glaubte Marc, das eine oder andere wiederzuerkennen.

(„Spinn nicht rum, das ist lange her.“)

(„Sehr lange. Das war vor Gretchen.“)


Wieder dieser stechende Schmerz, der ihn zusammenzucken ließ.

„Da ist es!“ Er zeigte auf ein kleines Reetdachhaus.
„Bist Du sicher?“
„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Bestätigte das Navi.

(„Und jetzt?“)

„Wer wohnt da?“ Sie schaltete den Motor aus.
„Ehrlichgesagt – ich weiß es nicht.“ Statt einer Erklärung stieg Marc aus und stand einfach nur regungslos vor dem Eingangstörchen.




Es dürfen Tipps abgegeben werden LG Karo

Karo Offline

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Beiträge: 449

28.05.2018 23:18
#155 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.4 – Der Anhalter 2

Sie beobachtete ihn. Marc stand am offenen Fenster, nur ein Handtuch um die Hüfte geschlungen und rauchte eine ihrer selbstgedrehten Zigaretten.

(„Pfui, Teufel, Gretchen hat schon Recht, das ist ekel... – meine Sache!“

Genau. Sie hat hier nichts mehr zu sagen.
Aber wenn es Dir nicht schmeckt, dann lass es doch trotzdem.
Ratschläge wie diese kannst Du von nun an wieder mit in die Versenkung nehmen.
Was soll ich denn da?
Fresse halten.
Oh nein, das werde ich nicht tun. Ich bin ein Teil von ihm. Und bei ihm sind Rückschritte nicht vorgesehen.
Stimmt! Deswegen gehen wir jetzt vorwärts in das Bett, ziehen uns das Tuch vom Dings und machen Bums.
Wäre auch ein Rückschritt.

(„Und was soll´s?“)

Ja! Weiter so! Sie will Dich eh!
Du sie aber nicht!

(„Ich tu´s aber trotzdem.“)

Karo Offline

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28.05.2018 23:41
#156 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.5 – Zwiegespräch


Ein Geräusch weckte ihn. Sein Kopf dröhnte und er hatte Durst. Vorsichtig sah er sich um.

(„Wo bin ich?“)

Dann erkannte er das Hotelzimmer.

(„Wie komme ich hierher?“)

Langsam erinnerte er sich an die Autofahrt. An die Frau... an den Kampf seiner Gefühle.

(„Scheiße...habe ich wirklich...?“)

(„Das verzeiht Gretchen mir nie.“)


Wieder krümmte er sich unter dem Schmerz, der sein Herz zerriss. Gretchen. Gretchen und Mehdi.

(„Nein! Nein! Nein!“)

Hör auf zu jammern, Du hast es nicht anders verdient. Du wolltest ja mit Gewalt auf Liebe und Beziehung machen. Das hast Du nun davon. Selbst Schuld, Du Superchirurg.

(„Sag was!“)

Da gibt´s nichts zu sagen. Weil ich Recht hatte und es kein rationales Gegenargument gibt.
Ich bin noch da.

(„Dann hilf mir!“)

Ich habe die Macht und Du nichts zu melden.
Mir fehlen die Worte.
Vermutungen. Ausreden. Ich habe es immer gesagt. Doktor Meier ist zu schade nur für eine Frau. Die Lösung liegt immer noch im Bett...


Marc schreckte zurück, als sich die Lösung hinter ihm bewegte und ihn ansprach. „Du bist wach?“
„Ich habe furchtbaren Durst.“
„Da steht eine Flasche Wasser.“
Marc sah sich um und lächelte. „Danke.“

„Ich gehe jetzt ins Bad?“

(„Das klingt wie eine Aufforderung...“)

Natürlich. Sie ahnt, was gut ist!

(„Sie ahnt...?“)

Viele Frauen haben da einen sechsten Sinn für. Einen sexten Sinn.

(„Heißt das...?“)

Da lief nichts.
Schnauze! Das heißt, Du kannst Deinen Rückzieher immer noch gut machen.
Du hast es gut gemacht. Alles in Ordnung!
Nichts ist in Ordnung. Marc Meier lässt eine willige Frau liegen.
Einfach nur willig hat noch nie gereicht, da mussten sie schon mehr zu bieten haben.
Ein Kuckuckskind zum Beispiel? Pfff... Sie erwartet Dich als Entschädigung.
Wofür?
Für die Zeit.
Niemand hat sie gezwungen. Wenn sie was anderes erwartet hat...

(„Das ist ein Alptraum.“)

(„Nur leider gibt es kein erlösendes Erwachen!“)

Das ist kein Alptraum. Das Kind wäre ein Alptraum. Sieh es als Chance. Als Abenteuer.
Das Kind kann nichts dafür.

(„Kinder können selten was dafür.“)

Egal. Du weißt besser als irgendjemand sonst was das heißt. Es ist in Dir.
Du bist nicht er.
Egal wie. Du hast die Wahl zwischen Pest und Cholera.

(„Gretchen und sein Kind oder alleine?“)


Ihm fiel wieder der Traum ein. Gretchen hatte ihn verteidigt.

„Unterschätz ihn nicht, Mehdi!“

Sie traut es Dir zu!
Sie hat sich für den Frauenversteher entschieden.
Nein, Mehdi sagt das. Und der ist verrückt.
Du bist verrückt, wenn Du nicht zu ihr ins Bad gehst. Leichter kannst Du nicht wieder der alte Marc sein!
Denk an einen anderen Traum...

Sag es!


„Ich will nicht wieder der alte Marc sein!“ Er flüsterte es ganz leise und schloss die Augen.

Bleib auf dem neuen Weg. Auch wenn er unbekannt ist und Dir steinig vorkommt.
Und zu nichts führt.
Weißt Du nicht.
Du auch nicht.
Nein, aber ich habe keine Angst. Die Liebe findet immer einen Weg.
Ins Verderben.
Ansichtssache.

(„Anziehfrage. Noch einen Tag kann ich das nicht tragen!“)


Marc betrachtete gerade seine Klamotten. Starr vor Dreck und riechend.
„Erstaunlich, dass sie uns reingelassen haben.“ Er ließ das Bündel wieder fallen.
„Sie wollten erst nicht, aber die Farbe Deiner Kreditkarte hat sie überzeugt.“

Sie stand in der Tür, ein Handtuch um den Körper geschlungen. „Ich kann Dir unten was kaufen, das Kurhotel hat eine Boutique.“ Mit einer Kopfbewegung ins Bad deutete sie an, dass es für ihn nur einen Weg gab. Unter die Dusche. Dabei hatte er schon zweimal geduscht.

(„Oder in die Badewanne.“)

Badewanne! Gretchen. Sie hatten miteinander geschlafen. Ohne Kondom.

(„Wenigstens eine 50:50 Chance!“)

Wenigstens? Seit wann willst Du ein Kind?

(„Lieber meins als seins!“)

Gut so. Sie traut es Dir nämlich zu.


Und ja – er wird etwas Zeit brauchen, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Aber die gebe ich ihm. Bis das Baby kommt ist...“


„... noch Zeit! Du hast Recht, Prinzessin! Ich werde mich an den Gedanken gewöhnen!“

Und wenn es doch seins ist?
Es ist vor allem ihr Kind.


„Ich will sie!“ Er drehte das Wasser richtig kalt. Es wurde Zeit, das Gehirn wieder einzuschalten: „Und ich will nicht wieder der alte Marc sein!“



Ich hoffe, ich konnte euch heute noch glücklich machen.
Liebste @Nachteule, nach Deinem One-Shot wollte ich reden... und durfte mich doch nicht verplappern. Parallelen, Parallelen... LG Karo

Karo Offline

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10.06.2018 15:30
#157 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.6 – Im Hotel


Marc hatte Frühstück aufs Zimmer bestellt, doch er hatte kaum Appetit. Anders seine Zimmergenossin. „Ich habe lange nicht mehr so ausgiebig und in Ruhe gefrühstückt.“
„Dann hat sich der Umweg ja gelohnt.“ Marc ging es sauber und frisch angezogen deutlich besser, sein Kopf sortierte sich langsam.
„Du wärst bestimmt erfroren.“ Als Marc stumm blieb versuchte sie es erneut. „Gestern war Dir das sogar egal.“
„Hm.“
(„Na toll. Aus diesem Kerl kriegst Du nicht mehr als ein „Hm“. Im nächsten Jahr willst Du in der Psychotherapie arbeiten.“)

„Musst Du nicht weiter? Ich habe schon viel Deiner Zeit in Anspruch genommen.“
„Theoretisch ja. Praktisch geht es mir hier gerade sehr gut.“ Sie drehte sich lachend im Kreis und breitete die Arme aus. „Sowas kann ich mir bestimmt erst in zehn Jahren leisten!“
„Dann ist ja gut.“
„Was machen wir denn jetzt?“
„Ich werde mal ins Dorf gehen, nach einer warmen Jacke gucken. – Bevor Du fragen willst – nein, ich brauche keine Begleitung. Mach Dir einen schönen Tag, vielleicht findest Du ja hier was. Lass es einfach aufs Zimmer schreiben.“
„Das kann ich unmöglich annehmen.“ Sie guckte auf die Preise des Wellnessbereichs. Marc grinste. „Das musst Du mit Dir ausmachen. Allerdings werde ich das angesichts des Zimmerpreises vermutlich nicht mal merken.“

(„Eigentlich müsste das inklusive sein!“)

„Das müsste eigentlich im Zimmerpreis inklusive sein!“
Marc nickte. Dann streckte er ihr die Hand hin. „Vielleicht ist das ein bisschen spät. Ich bin Marc.“
„Ich weiß.“
„Bitte?“
„Dein Name stand auf der Kreditkarte.“
„Hm.“
„Ich bin Ella. Eigentlich Elke, aber für den Namen fühle ich mich zu jung.“

(„Elke... auch das noch!“)

(„Mutter...!“)

(„Ich muss an die Luft!“)

Karo Offline

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10.06.2018 15:35
#158 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.7 – Rückkehr 1


Sport Mayer gab es schon ewig. Marc kaufte sich eine sündhaft teure Jacke. „Eine ausgezeichnete Wahl“ hatte die Verkäuferin gelobt. Und ihn immer wieder prüfend angesehen. „Die kann alles ab. Die tragen hier die Deich- und Küstenpfleger. Nur mit Ihren Schuhen kommen Sie auch nicht so weit.“
Der Laden hatte gerade eine Stunde auf, als der wohl beste Bon des Tages die Kassenrolle verließ. „Sagen Sie, sind Sie öfter hier?“ Die Verkäuferin hatte ihn schon mehrfach prüfend angesehen.
„Nein. Wieso?“
„Nur so. Vielen Dank, einen schönen Tag!“

Marc hatte unbewusst den Weg zum Strand eingeschlagen, der ihn an der kleinen Kate vorbeiführte. Wieder stand er eine Weile regungslos vor dem Haus. Er meinte, eine Bewegung an der Gardine gesehen zu haben.

(„Hör auf. Die rufen gleich die Polizei.“)

Er lief die Promenade auf den Dünen entlang, mittlerweile war der Weg mit Pflastersteinen verlegt. Hier hatte er sich oft Splitter in die Füße geholt, da waren es noch Holzplanken gewesen. Das hatte sich bei den Stufen nicht geändert. Das morsche Holz knarzte unter seinen Schritten. Er sank in den feinen Sand ein, kurz überlegte er, die Schuhe auszuziehen.

(„Gefroren hast Du genug!“)

An der Wasserkante angekommen konnte er diesem Drang jedoch nicht wiederstehen. Schnell entledigte er sich Schuhen und Socken, dann stand er im seichten Wasser. Das Meer rollte heran, kleine Wellen umspülten seine Füße. Das Meer zog sich zurück, durch den kraftvollen Sog sank er in den kalten Sand. Das Meer rollte heran, es zog sich zurück.

Er war zu jeder Jahreszeit barfuß ins Meer gegangen. Nie hatte es ihm geschadet!

„Wenn Du Sorgen hast, ist nichts besser als mit den Füßen ins Meer zu gehen. Es nimmt immer ein bisschen von Deiner Last mit sich.“

Wenn Du ganz reingehst, sind die Sorgen auch weg! Ganz weg.

Der Morgen war ein typischer im November an der Ostsee. Wolkenverhangen aber nicht düster. Der Wind spielte mit den Rändern und mal erkannte Marc ein Krokodil, dann wiederum nahm eine Wolke die Form eines Hundes an. Und da, ein Herz. Es zeigte seinem Blick den Weg in die Unendlichkeit. Immer wieder füllte Marc seine Lunge bewusst mit der frischen Seeluft. Die Geräusche des Strandes, des Meeres, der Natur waren ihm so vertraut, als gehörte er hierher. Der Sand umschloss seine Füße, einer Umarmung gleich.

Marcs Frieden wurde durch helle Kinderstimmen unterbrochen. Er löste den entspannenden Blick in die Ferne und suchte die Quelle der aufgeregten Worte.

„Nicht, Du machst ihn kaputt!“
„Der ist bestimmt schon tot.“
„Nicht anfassen, nachher ist der giftig.“

Von weiten sah er, dass einer der Jungen einen Seestern zwischen seinen spitzen Fingern hielt. Er bewegte ihn vor der Nase eines Mädchens hin und her.
„Ihhh, geh weg.“

Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung in der Luft. Noch bevor er eine Warnung rufen konnte, hatte sich die Möwe den Seestern schon geschnappt und verschwand in den grauen Himmel.

(„Guten Appetit.“)

Die Kinder schrien vor Schreck, das Mädchen fing an zu weinen. Der Junge hielt sich die Hand, vielleicht hatte der Schnabel des Vogels ihn getroffen.
Marc war vor den Eltern bei den Kindern. „Ist euch was passiert? Lass mal sehen.“ Er nahm die Hand des Jungen, ein Finger blutete. „Hat sie Dich voll erwischt, hm?“ Die Verletzung war nicht schlimm, aber er empfahl den Eltern in jedem Falle eine Tetanusimpfung.

„Vielleicht auch gegen Tollwut, das Tier war ja gemeingefährlich.“
„Nein, die Möwe hat sich nur ein gutes Frühstück geholt.“
„Den Finger meines Sohnes?“
Marc lachte. „Nein, Seesterne gehören zu den Leibspeisen von Silbermöwen. Sie hat sich nur geholt, was ihr Sohn ihr quasi auf dem Silbertablett präsentiert hat.“
„Jetzt wird der arme Seestern gefressen?“ Das Mädchen klang traurig.
„Ich denke, er hat es schon hinter sich.“ Marc fasste das Kinn des Mädchens und sah sie an. „Dich hat sie aber nicht erwischt, oder? Das hätte auch ganz schön ins Auge gehen können. Aber das sind die Spielregeln in der Natur. Jedes Wesen hat einen Sinn und wenn es nur als Futter für andere da ist.“
„Wie die Kühe und Schweine für uns?“ Der Junge schien pfiffig zu sein.
„Ja, nur dass wir mehr töten als wir essen können. Die Möwe nimmt sich nur, was sie fressen kann. Wenn sie satt ist, dann jagt sie auch nicht.“
„Die sind schlau, oder?“
Marc lachte wieder. „Ja. Wenn ihr wollt, zeige ich euch eine Stelle, wo es immer viele Seesterne gibt. Aber auch viele Möwen.“
„Jaaa, Mami, ist das okay? Können wir Seesterne gucken?“

Und so machte Marc mit der unbekannten Familie einen Spaziergang. „Du bist ja barfuß. Das ist doch viel zu kalt!“
„Für euch ja aber ich kenne es nicht anders.“
„Achso.“ Kinder ließen sich so einfach ablenken. Sie griffen seine Hände, der Junge rechts, das Mädchen links. „Du hast ganz warme Hände!“ Sie lächelte ihn mit strahlend blauen Augen von unten herauf an. Allmählich spürte er wieder Wärme in seinem Herz.

(„Warum sollte ich das nicht können, mit einem Kind?“)

Sie erreichten einen kleinen Steg. Marc war nicht sicher ob das Holz noch in Ordnung war. „Wartet mal, ich will mir das erst ansehen.“
Er entschied sich, jedem Kind einen Seestern aus dem Wasser zu holen. In der Nähe sammelten sich schon ein paar Möwen. Marc warf mehrere Hände Sand in ihre Richtung und sie vergrößerten den Abstand. Trotzdem blieben die Vögel wachsam.
Den Steg nutzte Marc um sich den meisten Sand von den Füßen zu waschen. Die Socken und Schuhe wärmten seine kalten Füße im Nu wieder auf. Er erklärte und zeigte den Geschwistern was ein Seestern war, wie er lebte und fraß. Marc hatte einen Seestern entdeckt, der sich an eine Miesmuschel gesaugt hatte.
Nach einiger Zeit mahnten die Eltern, dass es Zeit zum Aufbruch würde. Gemeinsam warfen sie die Seesterne wieder ins Wasser. Die Familie bedankte sich herzlich bei Marc für den interessanten Strandspaziergang. Dann ließen sie den Arzt alleine.

(„Bis das Baby kommt ist noch Zeit... Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen!“)

(„Ich werde es lernen – mit einem Kind.“)


„Unser Kind!“ Er sagte es laut und lächelte. „Unser Kind!“
Vorsichtshalber sah er sich doch nochmal um, Ohrenzeugen waren nicht erwünscht. Aber da war nur der Fahnenmast zu erkennen. Der Wind spielte mit dem zerrissenen Stoff und der Wind trug den Klang der Schnüre und Schnallen gegen die Metallstange zu ihm. Irritiert blieb Marc stehen. Neben dem Mast meinte er doch eine Person zu erkennen. Es war zu weit, um Genaueres auszumachen. Eine Frau? In jedem Fall ein Mensch, denn der drehte sich um und ging in gebeugter Haltung vom Strand weg.

Karo Offline

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10.06.2018 15:43
#159 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.8 – Rückkehr 2


„Privatweg!“
Die Farbe der ehemals weißen Buchstaben war an vielen Stellen abgeblättert. Wie oft sie wohl nachgemalt worden waren? Auch das gezimmerte Holzschild war verwittert, es hatte seine besten Zeiten längst hinter sich.




Marc 8


„Sieh mal, Marc. Wir werden oben an die Düne ein Schild aufstellen, dass jeder weiß, dass er auf unserem Weg nichts verloren hat.“ Der Großvater hatte mehrere Holzbretter in der Hand. „Ich habe extra Robinienholz besorgt.“
Er legte mehrere grünlich schimmernde Bretter auf den Boden.
„Warum extra?“
„Das Holz der Robinie ist das dauerhafteste in Mitteleuropa, wir müssen es nicht mal imprägnieren. Es bleibt auch so lange schön und das Wetter kann ihm wenig anhaben.“
„Was ist prägnieren?“
„Man imprägniert Dinge gegen Witterung. Deine warmen Stiefel haben wir doch auch eingesprüht, dass Du keine nassen Füße bekommst.“
„Die Gummistiefel auch?“
„Nein, Marc. Die sind von Natur aus dicht. Das Holz der Gartenmöbel haben wir doch auch schon gestrichen?“
„Ja, jetzt ist es wieder schön.“
„Genau. Es sieht wieder gut aus und wir haben damit die Oberfläche von dem Holz widerstandsfähiger gegen das Wetter gemacht. Ohne diese Hilfe wären die Möbel schnell morsch.“
„Morsch.“ Marc nickte. „Das Holz macht nicht morsch?“
„Nein, dieses Holz wird erst in ganz vielen Jahren morsch werden.“
„Wie viele?“





UNTERWEGS

November 2.9 – Rückkehr 3


(„28 Jahre!“)

Er musste sich setzen. Achtundzwanzig Jahre. Langsam buchstabierte er die Zahl durch sein Gehirn.

(„28 Jahre.“)

Er spürte, wie sein Puls anstieg, plötzlich fiel ihm das Atmen schwer – in seinem Hals bildete sich ein dicker Kloß.

Sein erster Besuch auf Rügen. Er war fünf und durfte nicht mehr in den Kindergarten gehen...

Karo Offline

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10.06.2018 15:45
#160 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 9


„Ich habe es immer gewusst, Du bist ein grässliches Kind. Jetzt will Dich nicht mal mehr der Kindergarten. Immer machst Du Ärger und wir müssen ihn ausbaden indem wir Dich an der Backe haben.“

Zwei Tage später hatte der Vater ihn in den Zug gesetzt.
„Marc, Du fährst bis zum Ende. Erst, wenn der Schaffner sagt, dass es die Endstation ist, dann steigst Du aus.“
„Wohin soll ich denn?“
„Bis zur Endstation.“
„Aber Papa, was ist denn da?“
„Du fährst ans Meer.“
„Aber ich kann doch gar nicht schwimmen.“
„Endstation, Marc.“
„Was soll ich denn da?“
„Mich in Ruhe lassen. Ich will endlich meine Ruhe.“
„Aber... was ist denn mit der Mama? Die ist krank, ich muss mich doch um sie kümmern.“
„Du weit weg, Marc, das ist die beste Medizin. Du müsstest doch wissen, dass Du zu dumm bist, Dich zu kümmern.“
„Ich war das nicht!“ Der fünfjährige Junge schnappte aufgeregt nach Luft. „Ich war das nicht! Ich war das nicht! Ich war...“
Ein harter Schlag traf ihn am Kopf. „Schnauze, hoffentlich kommt dieser Dreckszug bald. Ich will Dich nicht mehr sehen. Am liebsten nie mehr!“

Er hatte schon längst gelernt, dass Tränen nichts brachten, außer Schläge. Sowohl verbaler als auch tätlicher Art.
Fragte man den Jungen nach seinem Berufswunsch brauchte er nicht lange zu überlegen. „Ich will Staudämme bauen!“ Sie würden ewig halten!

Karo Offline

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10.06.2018 15:51
#161 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.10 – Rückkehr 4


Denn darin war er schon als kleiner Junge gut. Sehr gut. Sogar sehr richtig gut! Jetzt gerade allerdings drohte sein Meisterwerk einzubrechen.

Stell Dich nicht so an, 28 – na und? Sieh es anders: Mit 28 hattest Du doch ein gutes Leben. Oberarzt. Der Jüngste und der Beste! Vor allem der Beste – im Bett. Und nun? Sitzt Du hier an einem verrotteten Schild und zitterst als hättest Du Parkinson. Oder getrunken. Aber das tust Du ja auch nicht. Langweilig bist Du geworden. No Sex, no drugs, no Rock´n´Roll. Früher hattest Du wenigstens noch Sex. Guten Sex. Viel Sex.
Niemand wird gezwungen hier zu sein!
Doch, ich. Bevor er vollends verweichlicht. Er soll aufhören mit diesem eierlosen Dasein.


(„Ich habe mich entwickelt!“)


Sein Herz stolperte erneut, als er plötzlich ihre Stimme hörte. Trotzig. Er erinnerte sich an Gretchens Karriereambitionen. Washington. Das hatte sie ihm versaut.

(„Nein, Meier. Das hast Du alleine hingekriegt. Und Dich sogar noch weiter als nötig in die Scheiße geritten.“)

Such nicht immer die Schuld bei Dir. Bei anderen ist sie immer besser aufgehoben! Sie ist schuld. Nicht Du!


Wieder hörte er seinen Vater: „Du bist Schuld, Marc. So werden wir es sagen. Du bist ein Kind und hast noch keine Ahnung, was das ist. Du bist eh dumm und hast das bald vergessen!“

„Lasst mich doch alle einfach in Ruhe!!!“ Ein stummer Schrei voller Verzweiflung.

Nie hätte er gedacht, dass sein gigantischer Staudamm wegen eines Kloßes brechen könnte. Nur mit Mühe und Not gelang es ihm, imaginäre Jutesäcke mit dem feinen Sand der Ostseestrände zu füllen und die Mauer abzusichern.
„Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.“

Übst Du schon für die Geburt des Mehdi-Bastards?

„Entschuldigung, geht es Ihnen nicht gut?“

Marc zuckte zusammen. Die überraschende Ansprache hinderte ihn, weiter den Staudamm zu sichern.

Er hatte sich nicht getäuscht, der gebeugte Mensch, den er von weitem beobachtet hatte, war eine Frau. Er kannte sie. Sie erkannte ihn.
„Marc?“ Jetzt streckte sie zitternd ihren Arm nach ihm aus. Er fühlte eine warme Hand an seiner Wange. „Marc, bist Du das?“

Was der Kloß nicht geschafft hatte, erledigte diese vorsichtige Berührung. Vielleicht war es auch die Frage gewesen. Oder der altvertraute Klang einer beruhigend warmen Stimme, in der Angst mitschwang. Angst, sich wieder getäuscht zu haben. Angst davor, dass es wirklich ihr Enkel sein könnte. Auf den sie schon so viele Jahre wartete. („20 Jahre!“)

Marcs Nerven lagen blank. Er verlor die Kontrolle über sich selbst und brach zitternd und weinend zusammen. Er war zu Hause!

Karo Offline

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17.06.2018 00:56
#162 RE: Story von Karo Zitat · antworten

UNTERWEGS


November 2.11 – Nebenbei


Er war nicht mehr zurückgekommen. Sie hatte es gewusst! Hätte es wissen müssen. Aber was tat sie? Ließ sich von einem – zugegeben wirklich großartigem Wellnessangebot ablenken. Nun war er weg, genauso plötzlich, wie er gestern in ihrem Auto gelandet war. Nachdem er vor ihrem Auto gelandet war.

(„Pfff... und Du willst wirklich in dieser Praxis arbeiten...“)
Sie hatte gerade ihr Psychologiestudium beendet und würde im Januar ihre erste Stelle in einer Praxis anfangen.

Bevor sie die dreckigen Sachen des Mannes entsorgte, prüfte sie jede Tasche. Peinlich genau. Vielleicht fand sie doch noch einen Hinweis. Fehlanzeige. Sie packte ihre wenigen Sachen und verließ das Zimmer. Falls er doch nochmal auftauchen sollte, hinterließ sie eine Nachricht für ihn an der Rezeption. Wenige Minuten später war sie auf dem Weg nach Hamburg. Ihre Mitbewohnerin hatte sich schon Sorgen gemacht, wo sie denn bliebe. „Erst machst Du wochenlang Urlaub und nun ungeplante Umwege. Ich muss Dir schon länger unbedingt etwas erzählen.“
Ella lächelte. Bestimmt von einem Mann – sie wettete um ein Wiedersehen mit Marc, dass es sich um einen Mann handelte.
(„Ich hätte auch gerne was zu erzählen, aber leider... er wollte ja nicht!“)

Karo Offline

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17.06.2018 01:00
#163 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 2.12 – Marc ist weg 7


Professor Haase stand am Fenster seines Büros und beobachtete die hochgewachsene, dunkelhaarige Frau. Keine andere würde es schaffen, sich so elegant in diesen Sportwagen zu zwängen.

Sie hatte ihre Termine in Hamburg sausen lassen, doch die „Kegeltour“, wie Marc diese Reise genannt hatte, konnte sie beim besten Willen nicht absagen. Aus dieser Nummer ließ Erhard sie nicht heraus. „Es tut mir Leid, dass Dein Sohn verschwunden ist, aber Du brauchst Deine Fans nun mal.“

„Auf diese fünf könnte ich gerne verzichten.“ Elke seufzte.
„Solltest Du dieses Event absagen, müsstest Du Dich nach einem anderen Verlag umsehen.“
„Niemand droht einer Elke Fisher!“
Niemand konnte spontan so wütend werden. „Wer will den Dich und Deine Romane? Niemand nimmt so eine Diva wie Dich...“ Schrie der Verleger.

Sie hatte Franz eine Vollmacht gegeben, in ihrem Sinne handeln und sprechen zu dürfen, falls es erforderlich sein sollte. Falls sie nicht erreichbar wäre. Elke fürchtete sehr, in diesem Chalet von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Die Ermittlungen der Polizei hatten wenig ergeben. Zwei Personen hatten sich gemeldet, dass sie Marc in der Nähe seiner Wohnung gesehen hatten. Beide waren sich einig, dass er völlig abwesend gewesen war, denn nichts und niemand – nicht mal ein Auto, habe Marc stoppen können. Immerhin konnte so ein Verbrechen fast vollständig ausgeschlossen werden.
Für Elke machte das keinen Unterschied. Ihr Sohn war der einzige Mensch auf der Erde, der ihr wichtig war. Der einzige, den sie hatte. Ihre einzige Familie.
Nun war er weg. Ob weggelaufen oder verschleppt, für Elke kam es aufs Gleiche heraus. Fast wäre ihr eine fette Lösegeldforderung lieber gewesen. Sie hätte bezahlt und fertig. Jetzt musste sie in die Schweiz. Was, wenn nun Marc in der Zeit wieder auftauchen würde? Er wäre erst Recht davon überzeugt, dass er ihr egal sei. Er hatte ihr nicht mal die Chance gegeben, das Missverständnis mit den Briefen aufzuklären.

Immerhin, Franz war in diese Geschichte eingeweiht und würde vielleicht vermitteln. Den Professor würde er anhören. Aber dazu musste Marc erst wieder auftauchen.

Karo Offline

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17.06.2018 01:04
#164 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


November 2.13 – Professor Haase


Ein Gutes hatte diese Situation: Niemand forderte, dass er seine Reha planmäßig beendete und der Mallorca-Urlaub war erstmal aufgeschoben. Das sah sogar Bärbel sein. Was sollte er auch bei seinem Sohn – außer ihm gehörig den Kopf waschen? Erstmal sollte der sich mal überlegen, was er nun machen sollte. Keine Ausbildung, Studium geschmissen aber ein Kind. Zumindest in absehbarer Zeit.

Seine Gedanken flogen 6000 Kilometer weiter zu seiner Tochter. Sein Sonnenschein. Er vermisste sein Kälbchen aber er war stolz auf sie. Gut, auch sie war nicht die Zielstrebigste aber immerhin, ihr Studium hatte sie abgeschlossen und mit einigem Druck auch ihre Dissertation geschafft. Mit dem Facharzt sah das zwar ganz anders aus, aber sie war eine gute Ärztin. Und sie tat, was eigentlich jeder Arzt in seinem Leben tun sollte – Gutes! Sie fühlte sich wohl, das hatten Bärbel und er aus ihrem Brief gelesen, der sie zerknittert und zerknautscht erreicht hatte.

Nun sollte auch sie schwanger sein.

Doktor Stier und Elke hatten ihm von Doktor Kaan erzählt. Dass der Gynäkologe vermutlich der Vater war und Marc deswegen durchgedreht sei. Gretchen selbst hatte in ihrem Brief eine Schwangerschaft mit keinem Wörtchen erwähnt, nicht andeutungsweise. Aber das lag eher daran, dass Gretchen sowas niemals schreiben würde. So etwas würde sie nur persönlich mitteilen, da war er sicher. Er konnte beim besten Willen nicht glauben, dass sie Doktor Kaan beauftragt haben sollte, in ihrem Namen mit Doktor Meier Schluss zu machen.

Aber er kannte eben auch Doktor Meier. So genial er als Arzt war, so unsicher war er als Mensch. Er konnte sich gut vorstellen, dass sein Protegé einfach nicht mit diesem Konflikt klar kam. Hochintelligent und hochsensibel. So hatte es der Polizeipsychologe ausgedrückt. Der Volksmund sprach von Genie und Wahnsinn. Anders konnte sich der Chefarzt nicht erklären, dass sein Stellvertreter sich sang- und klanglos aus jeglicher Verantwortung zurückzog.

Wie hatte es Gretchen geschrieben? Wieder überflog er den Brief.

(„Aber das ist die treue Seele in ihm. Vermutlich macht er es nicht gerne, aber er will Dir den Rücken frei halten. Und er wird es gut machen, dessen bin ich sicher.“)

Doktor Meier hatte seine Sache wirklich gut gemacht. Anfangs war Bernd Ullstein skeptisch gewesen, doch jetzt, nur wenige Wochen später, war auch er voll des Lobes über den Arzt und seine Arbeitsweise. Auch die Mitarbeiter selbst schienen nicht unter Doktor Meier gelitten zu haben.

(„Vielleicht kannst Du mir Marc einpacken? :-)“)

Hm. Vielleicht war Doktor Meier – ebenso spontan wie sein Sohn – in einen Flieger nach Süden gestiegen? Ob er versuchen sollte, in Sanssouci anzurufen? Aber was wäre los, wenn Marc doch nicht dorthin geflogen war?

Er musste seine Überlegung unterbrechen, denn sein Telefon klingelte. „Ist gut, Sabine, ich komme.“

Karo Offline

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17.06.2018 01:11
#165 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 10


Es war noch früh am Morgen als Marc vom Rufen der Möwen geweckt wurde.
„Ist gut, ich komme ja schon!“
Heute war Sonntag und da wollten die Großeltern ausschlafen – wenigstens bis 8 Uhr. Doch was sollte er machen, wenn die Sonne ihn weckte und die Vögel riefen.

Der Weg war kein Problem, er war ihn schon sehr oft mit dem Opa gegangen. Die leuchtend gelben Gummistiefel passten farblich toll zu den gelben Autos auf dem Schlafanzug. Marc verließ das Haus durch den Garten. Den Eimer in der Hand, die Schaufel über der Schulter. So wie es der Großvater immer machte.

Der Großvater machte sich erstmal Sorgen. Wo war der Enkel? Die Wohnzimmertür stand auf und die Gummistiefel fehlten. Er sah auf der Terrasse nach – Eimer und Schaufel ebenfalls. Er musste lachen, vermutlich war Marc zum Strand gegangen. Der Junge liebte die frühen Stunden am Meer, wenn noch nicht so viele Menschen dort waren.
„Ich glaube, ich weiß wo er ist. Ich gehe mal an den Strand.“
„Da ist er doch hoffentlich nicht alleine hingegangen?“
„Beruhige Dich, er kommt nicht weg. Er kennt da jede Düne.“

Der sportliche Mann folgte dem schmalen Pfad, kletterte eine Düne hinauf zum Fahnenmast. Von dort konnte man einen weiten Streifen des Strandes überblicken. Doch er musste gar nicht suchen.
Marc war nicht weit, er grub lange Rinnen in den Strand, mit dem zurückgehenden Wasser konnte man wunderbar spielen. Und manchmal fand er Tiere, die das Meer nicht zurückgespült hatte.
Heute war es ein Seestern, ein wunderschönes hellbraunes Tier. Marc nahm ihn vorsichtig auf die Hand. „Keine Angst, ich rette Dich.“
Im nächsten Moment wurde er von einer Möwe angegriffen. „Ahhhh...“
Vor Schreck ließ er den Seestern fallen. Die Möwe sah ihre Chance und unternahm einen zweiten Versuch. Doch Marc war schneller. Unter dem Eimer war der Seestern sicher. „Puh, Glück gehabt!“

Die Möwe wartete noch eine ganze Weile doch Marc hatte Geduld. Irgendwann flog der Vogel davon. „Jetzt bringe ich Dich ins Wasser.“ Erneut nahm er den Seestern in die Hand.

„Was hast Du denn da?“ Ein blondgelocktes Mädchen beäugte das seltsame Tier.
„Das ist ein Seestern. Ich bringe ihn ins Wasser zurück.“
„Aber dann ertrinkt er doch.“
„Nee, der lebt da.“
„Quatsch. Mama. Mamaaaa!“

Nicht nur die Mama kam, sondern auch der Vater und noch ein weiteres Mädchen.
„Der Junge will den Stern töten.“
Marc riss die Augen auf. „Gar nicht, der muss zurück ins Wasser!“
„Du lügst!“
„Nein, der Junge hat Recht. Der Seestern lebt wie ein Fisch im Wasser.“ Die Mutter hockte sich neben Marc. „Das ist aber ein schöner Seestern.“
Das andere Kind war näher getreten. „Darf ich mal anfassen?“
„Ja, aber erst muss er ins Wasser.“
Marc legte den Seestern vorsichtig in den Eimer und lief zum Wasser. „So jetzt kann ihm nichts passieren. Außer die Möwe kommt wieder.“
Der Seestern wurde von Hand zu Hand gereicht, Marc passte auf, dass er nicht austrocknete.

Das kleine Mädchen fragte. „Wo hat der denn Augen, wenn er „Seh“stern heißt?“
Marc lachte. „Der hat keine Augen. Nur Lichtsinneszellen, die an den Armspitzen sitzen.“
„Blödsinn.“
„Der hat auch gar keinen Mund.“
„Warte.“ Marc tauchte das kleine Wesen vorsichtig in den Wassereimer, dann drehte er den Stern um. „Genaugenommen ist das ein gemeiner Seestern. Er hat fünf Arme. An der Unterseite der Arme hat er Saugscheiben, mit denen er sich an Muscheln oder so festsaugen kann.“
„Warum soll er sich denn an Muscheln festsaugen?“
„Weil er die frisst. Am liebsten Miesmuscheln!“
„Ihhh, Muscheln.“
„Ich mag die auch nicht.“ Marc lachte. „Aber der mag sie gern. Deswegen findet man Seesterne oft auf Miesmuschelbänken, die unter der Niedrigwasserlinie liegen.“
„Ich sehe keine Bänke. Du erzählst Blödsinn.“
„Die sind unter Wasser, die kannst Du von hier nicht sehen. Es gibt aber auch Miesmuschelbänke im Gezeitenbereich. Die kannst Du jetzt, wo das Wasser etwas zurückgeht, sehen. Deswegen sind da weniger – im flachen Wasser, oder wie jetzt hier, werden sie von den Möwen gefressen.“

„Wohnst Du hier in der Nähe?“ Der Mutter war der Schlafanzug aufgefallen.
„Ja, da an dem Fahnenmast ist ein kleiner Pfad, der geht direkt in den Garten von meinen Großeltern.
„Du weißt ganz schön viel.“
„Ich weiß sogar noch mehr, mein Opa passt auf die Strände auf.“
„Kannst Du uns diese Muschelbänke zeigen?“ Das Mädchen ließ nicht locker. „Vorher glaube ich Dir nicht.“
„Ja, das kann ich. Aber ich darf nicht so weit vom Haus weg.“
„Du weißt das gar nicht.“
„Wohl.“
„Nicht streiten, Kinder. Vielleicht kann der Junge uns das später zeigen?“
„Ich heiße Marc und später kommt das Wasser. Morgen früh geht. Dann kann mein Opa mitkommen.“
„Ja, Mama, können wir die Muschelbänke ansehen gehen?“
„Sind da auch Seesterne?“
„Können wir dann Picknick machen?“
„Mein Opa kann euch bestimmt Muscheln zum ausschlürfen fangen.“
„Ihhh...“
„Meinst Du, das ist für Deinen Opa okay?“
„Klar, der macht das gerne!“

Langsam zog sich der Großvater zurück. Um Marc musste man sich keine Sorgen machen. Zwanzig Minuten später spazierte ein zufriedener Siebenjähriger ins Haus. „Opa, ich habe einen Seestern gerettet.“
„Das ist toll, Marc. Aber Du kannst doch schon schreiben. Leg uns doch einfach einen Zettel hin, wenn Du zum Strand gehst, okay? Dann müssen wir uns keine Sorgen machen.“
„Okay Opa!“

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