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Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 564

14.11.2017 19:11
#101 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.20 – Feierabend


Am Freitag beendete Marc seinen Dienst schon um 16 Uhr. Bernd Ullstein war da und auch Cedric stand auf Abruf bereit. Normalerweise war es immer schon dunkel, wenn er vom Krankenhaus wegfuhr. Er gab sich nicht die Mühe, einen Parkplatz zu suchen sondern parkte vor der Garage von seinen Nachbarn. Die kannten sein Auto und konnten sich melden. Wenn er den alten Volvo dort abstellte, wussten sie aber auch, dass er nie lange dort stehen blieb.

Das Navi hatte ihm die Auskunft gegeben, dass er mit dem Auto weniger als 30 Minuten fahren würde, um zum Café Goja zu kommen. Was er allerdings an Zeit sparen würde, das fraß das City-Parkhaus dann in Euros an Parkgebühr. Aber egal, Bus und Bahn kamen für ihn nicht in Frage!

Er betrat seine Wohnung. Das rote Licht des Anrufbeantworters meldete in stoischem Takt, dass er einen Anruf verpasst hatte. Er drückte den Knopf.

„Marc-Olivier – ich hoffe sehr für Dich, dass Du mich heute Abend nicht vergisst! Ich erwarte Dich pünktlich vor dem Café Goja!“

Sabine hatte ihm einen Zeitungsartikel hingelegt, in dem etwas über das Verlagstreffen im zurzeit angesagten Café Goja berichtet wurde. Er hatte den Artikel zwar überflogen, aber da es ihn nicht wirklich interessiert hatte...

Sicherlich wäre es nicht das Schlechteste zu wissen, was einen erwarten würde. Wo sollte er nun eine Zeitung... Die Nachbarn fielen ihm ein. Natürlich überließen die beiden Marc die heutige Tageszeitung. Nach einer ausgiebigen Dusche machte er es sich auf seiner Couch bequem und zwang sich, den Bericht über die Veranstaltung bewusst zu lesen.

Das Verlagshaus van Steen lud seine besten Autoren einmal im Jahr zu einen Abend wie diesem ein. Der fand immer in der Stadt des erfolgreichsten Schriftstellers statt. In diesem Jahr war Elke Fisher diese Ehre, bereits zum zweiten Mal, zuteil geworden. Der neueste Band ihrer Doktor Rogelt-Reihe gehörte zwar nicht zu den erfolgreichsten Neuerscheinungen, aber immerhin sorgte diese Reihe nun schon 20 Jahre für steten Erfolg im Verlag. Neben dem Text war ein Foto seiner Mutter platziert – Marc grunzte. Das Foto war mindestens fünf Jahre alt.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 564

19.11.2017 17:50
#102 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.21 – Café Goja


Natürlich fand sich Marc pünktlich vor 18 Uhr und sogar vor seiner Mutter am Café Goja ein.

Der Chirurg musste nicht lange warten, bis Elke Fisher aus einem Taxi stieg. Er beobachtete sie. Seine Mutter war eine attraktive Frau, der man ihr Alter wirklich nicht ansah. Was sie ja auch immer zu verbergen versuchte.

(„Warum soll ich sie dann nur begleiten? Niemand wird glauben, dass sie mich bereits mit 15 zur Welt gebracht hat!“)

Die elegant gekleidete Frau kam nun auf den Eingang zu. In der Dunkelheit konnte glücklicherweise niemand den winzigen Augenblick erkennen, in dem Wärme und Freude über ihr Gesicht huschten, als sie den Wartenden erkannte. Der kam nun auf sie zu. „Guten Abend, Mutter!“
„Marc-Olivier, ich wusste doch, dass ich Dich gut erzogen habe.“
„Ja, und ich werde diese Wohlerzogenheit den ganzen Abend beibehalten – vorausgesetzt, Du nennst mich einfach nur Marc!“
„Aber...!“
„Nein Mutter! Kein Aber!“ Er blieb stehen, bevor sie das Gebäude betraten. „Es ist Deine Entscheidung. Ein Olivier und ich bin weg!“
„Das ist Erpressung!“ Sie wollte noch nicht aufgeben. Olivier war schließlich das Besondere am Namen ihres Sohnes. Einfach nur Marc, das war zu banal. Marc Meier gab es viele, ihr Sohn war einzigartig!
„Das habe ich von Dir gelernt. Also?“
„Hm.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich habe wohl keine andere Wahl.“

Sie machte einen Schritt auf den Eingang zu, doch ihr Sohn blieb stehen. „Kommst Du jetzt?“
„Nein!“
„Marc-O...“
„Versprich es mir!“
Elke wurde langsam böse. „Was soll das Theater?“
„Das Theater...“ Marc zeigte auf den Eingang, „...fängt erst an, wenn wir durch die Tür gehen. Ich muss das nicht haben. Wir könnten auch einfach irgendwo zusammen was essen gehen!?“
Die Erfolgsautorin riss entsetzt ihre Augen auf. „Bitte?“

(„Du hast mich schon verstanden, Mutter!“)

„Also gut, Du sollst Deinen Willen haben. Kein Olivier. Aber dafür wirst Du der perfekte Sohn sein!“

(„Was auch sonst?“)

„Deswegen bin ich hier!“

Als sie sich bei ihm einhakte, fiel ihr auf, wie gut ihr Sohn aussah. Sonnengebräunte Haut statt seiner üblichen Krankenhausblässe. Um die sympathischen Augen zeigten sich erste Fältchen. Das freundliche Lächeln für die Empfangsdame vertiefte seine Grübchen.
(„Wie sein Vater!“)
Elke zuckte bei diesem Gedanken zusammen. Marc bemerkte es und sah seine Mutter fragend an. Sie schüttelte den Kopf. Wann hatte sie ihren Sohn zuletzt gesehen? Er kam ihr reifer vor, aber vielleicht machte das auch der ordentlich in Form gebrachte Dreitagesbart, der von den ersten grauen Härchen durchzogen war.

„Elke, wie schön, dass Sie es einrichten konnten!“ Ein Mann um die 60 kam auf sie zu. „Sie sehen wieder großartig aus, meine Liebe! Der Herr Sohn hat es also geschafft, Herzlich Willkommen. Kommen Sie, ich stelle Sie meiner Familie vor!“

Der Mann, er stellte sich selbst als Erhard van Steen vor, war Elkes Verleger und Gastgeber des heutigen Abends. Seine Frau, Gabriele Vogel van Steen unterhielt sich gerade mit Gisela Lilienthal, der Agentin von Elke Fisher.

„Wo ist denn nun unsere Tochter schon wieder? Gabriele, kannst Du nicht ein bisschen besser auf das Kind achten?“

Gisela hakte sich bei Marc ein. „Das „Kind“ ist 27 und sie weiß sehr gut selbst auf sich aufzupassen.“ Sie lachte den Chirurgen fröhlich an. „Doktor Meier, schön Sie auch mal wieder zu sehen! Sie sehen gut aus, so frisch. Waren Sie in Urlaub?“
„Gisela, die Freude ist ganz auf meiner Seite.“

(„Höflichkeitslüge!“)

„Sie bringen mich ganz in Verlegenheit, aber ja, ich habe gute drei Wochen Urlaub hinter mir.“ Er fing sich einen warnenden Blick der Mutter ein.

(„Keine Sorge, ich sage schon nichts...“)

(„Warum eigentlich nicht? Für mich war es ja Urlaub!“)


(„Halt Dich zurück, solange sie sich an ihr Versprechen hält, bin ich der perfekte Sohn.“)

Elke hatte es tatsächlich geschafft, ihren Sohn als Doktor Marc Meier vorzustellen, vermutlich hatte der Chirurg als einziger das winzige Stocken gehört, als sie sich zusammenreißen musste, nicht seinen verhassten Zweitnamen zu nennen.

Eine Weile unterhielt sich Marc mit Gisela, dann mit dem Verleger. Er erfuhr, dass der Verlag in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum feierte und der Erfolg des Verlagshauses van Steen eng mit dem Erfolg von Elke Fisher, einer Autorin der ersten Stunde, zusammenhing. Was den Verleger viel zufriedener stimmte war, dass Elke Fisher endlich ihren Widerstand gegen die Verfilmung der Romanserie aufgegeben hatte. Wobei das wohl eher auf das „geringfügig“ verbesserte finanzielle Angebot zurückzuführen war.

„Wir bekommen schon seit rund 10 Jahren immer wieder Anfragen und Angebote, die Serie endlich ins TV zu bringen. Doch ihre Mutter blieb hart. Die Kilimandjaro-Folge war bisher das erfolgreichste Buch.“

(„Ach, sieh mal einer an...“)

„Ich schätze einfach, weil es mal anders geschrieben war.“

(„Das hätte ich in Afrika wissen sollen!“)

„Einfach mehr Action! Mit ihrer Vampirgeschichte lag sie dann natürlich auch voll im Trend, sodass den TV-Produzenten jetzt keine Wahl blieb als deutlich mehr Geld zu bieten. Aber anscheinend haben Sie das Karriere-Erfolgs-Gen von Ihrer Mutter geerbt. Sie ist sehr stolz, dass Sie als jüngster Oberarzt Deutschlands gelten.“

Genau diese stolze Mutter verlangte nun wieder die volle Aufmerksamkeit ihres Sohnes. „Ich würde Dich gerne ein paar Leuten vorstellen!“
„Natürlich, Mutter.“
Zu seiner Überraschung führte sie ihn zu einer lustigen Damenrunde. Er erkannte Gisela, die anderen waren ihm unbekannt.

(„Immerhin, die haben Spaß!“)

„Meine Damen, das ist mein Sohn, Doktor Marc Meier. Er ist Oberarzt am...“
„Entschuldige Mutter, nicht ich bin hier die Hauptperson.“ Lieber freiwillig im Schatten seiner Mutter als bewunderter Karrieresprössling. Zu den Damen gewandt fuhr er fort: „Marc reicht völlig.“

Spinnst Du? Was soll diese falsche Bescheidenheit?

„Nicht so bescheiden, junger Mann. Was man erreicht hat, das darf man auch sagen.

Meine Worte!

Die Damenrunde war sich einig, doch der junge Mann verstand es charmant, das Gespräch wieder in eine andere Richtung zu drehen.

Weichei!
Das impliziert vorhandene Eier...
Was zu beweisen wäre


„Verzeihen Sie, dass wir Ihr Gespräch unterbrochen haben.“
„Ach, das war nichts Wichtiges.“
„Also, Karin, ich muss doch sehr bitten. Natürlich ist unsere Fan-Reise mit Elke Fisher wichtig.“

(„Von was reden die da?“)

„Ja das hat ihre Mutter bestimmt schon erzählt? So eine tolle Sache... Es gab einen Wettbewerb zu der 20jährigen Doktor Rogelt-Geschichte und wir haben gewonnen.“
„Und der Preis ist eine Reise?“

(„Hoffentlich weit weg... diese Kegelclubtouren...“)

„Ja, der Verlag zahlt uns eine Woche in der Schweiz. Mit Ihrer Mutter!“
Marc verschluckte sich an seinem Champagner.

(„MIT MEINER MUTTER???“)

Diesen Gedanken musste man sich auf der Zunge zergehen lassen. Elke Fisher auf Kegelclubtour in die Schweizer Alpen.

(„Zumindest sollte ich da mal nachfragen...“)

„Das wird bestimmt wunderbar.“ Die Frau, die Karin hieß, klatschte in die Hände. „Auf einer Skihütte mit Elke Fisher. Ob man da im November schon Ski fahren kann?“
„Natürlich, Karin. Das ist doch bestimmt auf 7000 Metern? Da liegt doch immer Schnee.“
„Ottilie... nicht mal die Schweiz hat Berge mit 7000 Metern.“
„Stimmt, aber wir wollen uns ja auch nur so ein bisschen fühlen wie auf dem Kilimandjaro.“
„Da reicht Schnee. So hoch muss das nicht mal sein.“
„Und nicht so weit. Der Killermann steht doch in Südafrika?“

„Kilimandjaro. Kenia.“ Marc war nicht sicher, ob er das gerade träumte. Redeten diese fünf angetrunkenen Damen wirklich über eine Woche mit seiner Mutter? Im Schnee? Fast hatte er Mitleid mit Elke. Aber sie hatte dem wohl zugestimmt. Oder konnte der Verleger seine Autoren zu solchen Aktionen verpflichten? Er sollte besser mal nachfragen...
Er sah sich suchend um.
Seine Mutter stand an der Bar und hatte einen großen Cognacschwenker in der Hand. „Mutter?“
„Die werden mein Tod sein, Oli... Marc!“
„Geschenkt.“ Er grinste sie an.
„Mach Dich nur lustig über mich.“
„Ehrlichgesagt frage ich mich eher, wie es dazu kommen konnte?“
„Sie haben mich betrogen.“
„Das war mein erster Gedanke, aber Dich? Austricksen? Das kann ich kaum glauben?“
„Nimm mich nicht auf den Arm!“
Marc prustete wieder. „Tut mir Leid, Mutter. Aber Dir ist klar, dass ich das noch eine Weile genießen werde – also statt Dir. Elke Fisher goes Kegelclub. Wer hätte das gedacht.“
„Ich muss das verhindern. Oder Du.“

(„Vergiss es. Ein Attest schreibe ich Dir nicht.“)

„Wann soll das sein? Im November? Wo genau geht es hin?“
„Wenn es wenigstens ein schicker Skiort wäre. Sankt Moritz oder so. Aber irgendwo auf einer Hütte? Womöglich kein Bad, dafür Holzhacken und Kühe melken?“
„Da muss Dir doch der neue Doktor Rogelt aus den Fingern fließen... ich meine, auch ein Doktor Rogelt macht mal Urlaub. Oder wird nach einem Kunstfehler zwangsversetzt? Ja, ich glaube, das wäre gut. Zwangsverreiste Autorin schreibt über zwangsversetzten Karrierearzt.“
„Hörst Du auf, Dich auf meine Kosten zu amüsieren?“
„Mutter, Du hast mich hergeschleppt. Nun sei froh, dass ich wenigstens etwas Spaß habe. Gibt es hier eigentlich auch was zu Essen oder muss man gegen den Hunger antrinken?“
„Ich interessiere mich nicht für Essen, das weißt Du. Aber ich glaube, im Wintergarten haben sie ein paar Häppchen stehen.“ Sie deutete in eine vage Richtung.
„Ich schaue mich mal um.“ Damit ließ Marc seine Mutter mit ihrem zweiten Cognac alleine.

Er kam nicht weit, denn der engagierte Verleger nahm ihn wieder in Beschlag. Marc war nicht sicher, ob er den Menschen leiden konnte. Man konnte sich zwar vernünftig unterhalten, aber irgendwas störte ihn an seinem Gegenüber. Erst der vierte Versuch sich abzusetzen gelang. Klammheimlich huschte der schlanke, junge Mann in den Wintergarten.

(„Riecht es hier nach Pizza?“)

Dieser Raum war nur spärlich beleuchtet, eigentlich waren lediglich die angerichteten Häppchen belichtet...

(„Ah, schön. So sehe ich wenigstens, dass der Fisch schon so gut wie über ist!“)

...sodass Marc nicht sah, dass sich noch eine weitere Person vor der Gesellschaft versteckt hatte.

(„Ich rieche doch eindeutig Pizza!“)

***
Eine schmale, unscheinbare Frau beobachtete den Mann am Buffet. Er war ihr schon aufgefallen, als er das Café betreten hatte. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich heimlich zu verdrücken, aber wegen ihm war sie dann doch geblieben. Beobachtete das Treiben – und ihn – aus dem sicher abgedunkelten Wintergarten heraus. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht schon mal gesehen hatte. Nun schien er zu überlegen, ob und nach was er greifen sollte. Er sah gut aus. Wie alt mochte er sein? Anfang-Mitte 30? Was machte er hier? Und vor allem – sollte sie ihn ansprechen?

„Die Häppchen mit den Oliven sind ganz in Ordnung!“

Marc erschrak und sah sich suchend um. Es war doch niemand hier gewesen?

(„Du riechst Pizza und hörst Stimmen?“)

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Die Frau hatte auf einem Tisch gesessen und rutschte nun in den Stand. „Ansonsten kann ich Ihnen noch Pizza anbieten, zwar nicht mehr ganz warm, aber sicherlich frischer als...“ Sie hob lachend einen Karton vom Stuhl.

„Da sage ich doch nicht nein!“

(„Hatte ich mich nicht getäuscht. Es war Pizza!“)

„Ich hatte gerade schon die Befürchtung, dass meine Sinne verrücktspielen – Pizzageruch und eine Stimme im Ohr.“ Marc saß neben der Unbekannten auf dem Tisch und aß zufrieden die restlichen Pizzastücke. „Dabei habe ich kaum etwas getrunken.“
„Oh, das sollten Sie ausnutzen. Man bekommt nicht immer einen Pommery als Prosecco und einen Moet & Chandon als Standardgetränk. Aber für die Feinschmecker hauen sie hier auch schon mal eine Flasche Dom Perignon unters Volk.“
„Schade, dass kaum einer eine Flasche für 150€ zu schätzen weiß.“
„Sie aber?“
„Hm. Als ich meinen Facharzt mit dem bisher besten Ergebnis in Deutschland gemacht habe, hat meine Mutter mir eine Flasche Armand de Brignac Champagner Brut Gold 6 l Methusalem geschenkt. Der Literpreis liegt um die 1000€. Damals habe ich versucht, die Unterschiede zu finden. Ich finde auch Champagner, wo die Flasche 30-40 Euro kostet, durchaus in Ordnung.“
„Damals?“ Die brünette Frau sah ihn von oben bis unten an. Jetzt fiel es ihr ein – sie kannte ihn aus der Zeitung. Ihre Eltern hatten ihr Links zu diversen Zeitungsartikeln geschickt, damit sie sich auf den heutigen Abend vorbereiten konnte. Den Gästen nicht ganz unwissend gegenüberstand.

Jetzt schenkte der gutaussehende Mann ihr ein perfektes Lachen.
„Das ist fast acht Jahre her. Der Bart wird schon grau.“ Er packte kurzerhand den Pizzakarton zur Seite und sprang vom Tisch. Förmlich hielt Marc ihr die Hand hin und zwinkerte.

„Ich bin Marc, 33. Chirurg.“

(„Angeber. Den Chirurg hättest Du ruhig weglassen können!“)

Keine Bescheidenheit!
Es steht Dir gut.
Eier stehen Dir gut – und da fehlt noch ein Beweis!


(„So jung? Und wie bescheiden er ist.“)


Sie musste lachen. „Stella, 27. Buchhändlerin. Sie sind der Sohn von Elke Fisher?“ Sie ergriff die feine Chirurgenhand. Sie fühlte sich gut an. „Und wann trinkt man 6 Liter Champagner?“
„Keine Ahnung. Diese Flasche habe ich noch. Es ist fast unmöglich, aus ihr in ein Glas einzuschenken. Sie ist viel zu schwer.“
Ihr Blick glitt an seinem Körper herunter. Natürlich entging ihm das nicht.

(„Wenn wir Männer euch Frauen auf diese Art ansehen, dann ist immer gleich die Hölle los.“)

„Jetzt darf ich Sie mindestens einmal genauso ansehen...“
„Was?“ Stella fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, gut, dass es hier recht dämmrig war. „Darf ich fragen, warum Sie hier sind?“
„Och, ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für eine Champagnerprobe.“

(„Marc Meier, flirtest Du gerade?“)

Endlich!


„Dann sind Sie aber sehr schlecht vorbereitet. Da geht man niemals mit leerem Magen hin.“
„Deswegen bin ich froh, Sie getroffen zu haben. Vielen Dank für die Pizza. Ich muss aber mal wieder nach meiner Mutter sehen. Ich bin als ihre Begleitung und moralische Unterstützung hier.“
„Viel Spaß da draußen. Verraten Sie mich bitte nicht, falls mich jemand sucht.“
„Keine Sorge. Schönen Abend noch.“
„Bis später!“

Das war deutlich!

***
„Wo warst Du denn? Ich suche Dich schon überall!“
„Ich hatte Hunger.“
„Da habe ich Dich aber nicht gesehen.“
„Jetzt bin ich ja da. Was war denn?“
„Nichts. Aber ich nehme Dich ja nicht mit hier hin, dass Du mit Abwesenheit glänzt. Erhard vermisst schon den ganzen Abend seine Tochter. Dabei müsste sie sich doch gerade um die Verlagsbelange kümmern.“
„Du wolltest Sie mir hoffentlich nicht vorstellen?“
„Ich bitte Dich!“ Elke war entrüstet. „Warum das denn? Sie studiert ja noch. In Hamburg – Literaturwissenschaften und Verlagswesen. Damit sie es später leichter hat, wenn sie den Verlag übernimmt. Aber dann sollte sie sich wohl eher mal zeigen.“
„Hat Dein Verleger in Hamburg nachgesehen?“
„Sehr witzig, Marc!“
„Ich gebe mir Mühe!“
„Du kannst schon charmant sein, wenn Du willst.“

(„Was ist denn nun los?“)

„Besonders, wenn ich muss. Eine unserer Gemeinsamkeiten, würde ich sagen?“
„Haben wir überhaupt Gemeinsamkeiten?“

(„Äh, meint sie die Frage jetzt ernst?“)

„Fragst Du das jetzt im Ernst?“
„Nein. Natürlich nicht. Wir haben ja nicht mal den gleichen Namen.“

(„Das führt unweigerlich zu der nächsten Frage...“)

„Warum eigentlich?“

„Bitte?“ Sie hustete. Elke sah ihren Sohn irritiert an, der sie erwartungsvoll beobachtete. Hier, im renommierten Café Goja, stellte er eine der Fragen, die sie fürchtete und aus Prinzip nicht beantwortete.
„Nein! Versuch es gar nicht. Du weißt sehr gut, dass ich mit dem Thema fertig bin. Ich will nichts davon wissen!“ Sie ließ den Arm ihres Sohnes los und entfernte sich in Richtung der Bar.

(„Du hast angefangen. Naja, Alkohol stellt wenigstens keine Fragen. Auch wenn es Dir dadurch nicht besser geht!“)


***
„Doktor Meier! Da sind Sie ja wieder. Wir hatten Sie schon vermisst!“
Der Club der Kegelfrauen eilte auf ihn zu. „Sie können sich ebenso unsichtbar machen, wie Ihre Mutter, oder? Aber wir haben sie ja demnächst eine Woche für uns. So richtig komplett. Dann sieht man auch mal die private Frau, nicht nur die toughe Autorin, die Karrierefrau. Erst hatten wir ja Angst, dass es in so einen schicken Ort wie St. Moritz geht. Aber die Familie des Verlegers hat wohl ein kleines Chalet, das sie uns zur Verfügung stellen.“
„Ein Chalet?“
„Ja, wunderbar, nicht? Ich stelle mir da ein kleines feines Schlösschen drunter vor. Vielleicht mit so gemütlichen Erkern. Nicht groß, es ist zweistöckig, insgesamt 6 Zimmer. Und wenn dann schon Schnee liegt... ganz romantisch!“

(„Eine komfortable Holzhütte in den Schweizer Bergen...“)

„Wo befindet sich dieses Chalet?“
„Wir fahren alle nach Zürich, von dort bringt uns dann ein Bus dahin. Sind dann wohl nochmal zwei Stunden Fahrt, das Chalet ist aber ganzjährig problemlos mit dem Auto zu erreichen. Wäre ja auch noch schöner, wenn wir alle zu Fuß... ich meine, Ihre Mutter würde das ja bestimmt locker schaffen.“
„Was?“
„Im Schnee den Berg hinauf laufen.“

(„Ganz bestimmt! Mit genug Alkohol dabei...“)

„Ich meine, Ihre Mutter ist ja wirklich fit. Aber sie ist ja auch noch deutlich jünger als wir!“

„Sie schmeicheln ihr!“
„Nein, nein. Wenn man erst 50 ist, dann nimmt die Fitness rapide ab. Aber da hat sie ja noch was Zeit!“

(„Zurück in die Zukunft?“)

„Wie alt sind Sie eigentlich, junger Mann?“

(„Äh, falsche Frage...“)

„Jünger als die grauen Haare es vermuten lassen! Aber beruflich ist das für mich nicht schlecht. Gibt mir mehr Autorität.“
„Stimmt es, dass Sie so jung Oberarzt sind? Ich meine, mal was bei einem Fantreffen gehört zu haben.“ Karin gab ihm kaum Gelegenheit auf die Fragen zu antworten.

(„Auch ok. Frag einfach weiter...“)

Ottilie bestätigte: „Ja, da war eine Krankenschwester, die mit dem Sohn von Elke Fisher zusammenarbeitet! Die war schon ganz schön schräg drauf.“

(„Ich bringe Sabine um!“)

Marc fühlte sich allmählich in die Ecke gedrängt. Die Damen versuchten mit Gewalt, etwas über seine Mutter zu erfahren. Ausgerechnet von ihm, wo er am wenigsten wusste, wie sie tickte. Er dagegen versuchte immer wieder etwas über die Reise zu erfahren. Besonders interessierte ihn, wie es überhaupt dazu gekommen war. Doch die Damen waren so sehr mit ihren eigenen Fragen beschäftigt, dass sie sie gar nicht auf seine hörten. Marc hatte jedoch Glück, seine Rettung nahte.

„Doktor Meier, ich sehe, unser Gewinnerkreis hat Sie schon adoptiert?“ Frau Vogel van Steen hakte sich bei ihm ein. „Entschuldigen Sie, meine Damen. Ich darf Doktor Meier für eine Weile entführen?“
„Die Weile darf gerne ein bisschen länger dauern“, raunte Marc und setzte sein charmantes Meierlächeln auf.
„Ja, die sind intensiv. Ich bin auch noch nicht überzeugt, dass die Idee von meinem Mann eine gute war. Sie sind ja sicherlich von der Gruppe informiert worden.“ Sie grinste Marc von unten herauf an.
„Natürlich. Ich frage mich nur, wie meine Mutter dazu kommt, sich darauf einzulassen?“
„Ich habe keine Ahnung. Als mein Mann sagte, dass Frau Fisher ihre Unterschrift gegeben hat, dachte ich, dass er mich auf den Arm nimmt.“
Marc zögerte einen Moment, doch die Frage musste gestellt werden. Wenn auch eher indirekt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sowas freiwillig macht.“
„Das impliziert eine Frage?“
„Ja. Und genau genommen eine Unterstellung!“

(„Gut, das war jetzt nicht höflich, aber es interessiert mich halt!“)

„Sie meinen, Ihre Mutter wurde...?“

(„Betrogen?“)

„...Hm, ausgetrickst?“ Marc fand ein nettes Wort, doch seine Stimme klang durchaus scharf. „Aber die Abtretung der Romane ans Fernsehen ging mit rechten Dingen zu?“
„Da war ich anwesend. Ja. Was nicht heißt, dass es mich weniger überrascht hätte, ich meine wir verhandeln ja schon mehr als zehn Jahre.“
„Manchmal überrascht sie einen doch noch!“
„Wo ist sie überhaupt?“
„Sie flüchtete, als die Kegelclubdamen über mich herfielen.“

„Gabriele! Du hast Doktor Meier gefunden!“

(„Der nächste Überfall und ich habe keine Chance wegzulaufen, so fest hat sie sich eingehakt.“)

„Ich lasse ihn auch vorerst nicht vom Haken, Erhard!“
„Aber meinen Arm lassen Sie leben? Ohne den kann ich nicht arbeiten!“
„Sie sind Leitender Oberarzt am Elisabeth-Krankenhauses, wenn ich mich Recht erinnere? Über Sie und Ihren Chef war doch ein großer Bericht in der Zeitung? Ich finde soziales Engagement ja echt lobenswert! Dann will ich mal nicht so sein.“ Die Verlegergattin lockerte den Griff um Marcs Arm geringfügig. „Nicht, dass wir uns mal in für mich ungünstiger Position wieder sehen.“

„Ungünstige Position?“ Marc bekam große Augen.

(„Meine Mutter ist garantiert Ihre ungünstigste Position, gute Frau!“)

„Naja, man weiß ja nie, welchen Arzt man als Patient mal erleben darf.“
„Ja. Andersrum übrigens genauso.“ Marc zwinkerte der eingehakten Dame zu.
„Ich hoffe, dass wir auf unsere Tochter auch mal so stolz sein können wie Ihre Mutter auf Sie.“ Der Verleger schien wirklich ärgerlich zu sein.
„Warum denn nicht?“

(„Gefährliches Thema...“)

„Sie hätte hier eine großartige Chance, schon während ihrem Studium im Verlag mitzuarbeiten. Aber sie studiert lieber gemütlich vor sich hin. In Hamburg. Wo man eben mal nicht hin kann, um nach dem Rechten zu sehen.“
„Hm. Das könnte der Grund sein?“ Marc würzte seine Vermutung mit einem Meier-Lächeln.
Die blonde Verlegergattin lachte. „Unsere Tochter studiert Literaturwissenschaften und Verlagswesen in Hamburg. Sie soll den Verlag mal übernehmen.“

(„Soll...“)

„Mit dieser Kombination wird ihr das Unternehmerleben dann leichter fallen als uns. Mein Mann und ich mussten uns alles Schritt für Schritt mühselig erarbeiten.“
„Deswegen werden Sie aber auch immer mehr Emotionen mit dem Verlag verbinden als Ihre Tochter.“
„Ja, sie musste als Kind natürlich viel zurückstecken. Ich meine, wir sind seit 23 Jahren im Geschäft, sie ist 27. Erst hatten wir nur einen kleinen Buchladen, dann kam mein Mann auf die Idee mit dem Verlag. Ihre Mutter war eine unserer ersten und sie ist unsere treueste Autorin.“

(„Und ich vermute auch die längste Zeit gewesen!“)

„Umso schlimmer, dass Sie Ihr diese Reise zumuten!“

Der Verleger mischte sich ein. „Wissen Sie, die Zeiten sind anders. Man muss sowas heutzutage machen, wenn man oben mitschwimmen möchte. Ich meine, ihre Bücher haben ja auch einen neuen Schwung bekommen. Erst die Action am Kilimandjaro, dann die Vampirgeschichte. Nun muss sie halt ihren eigenen, neuen Weg beibehalten. Irgendwie muss man ja auch das junge Publikum erreichen!“

„Äh, die Damen...“, Marc drehte sich zum „Kegelclub“ hin, „...sind aber nicht jung. Meine Mutter ist bestimmt jünger als ihre Groupies.“

„Die Zielgruppe des Wettbewerbs war auch eine andere. Also eigentlich war das sowieso ganz anders geplant. Manchmal muss man eben flexibel sein. Es sind dann eben doch die langjährigen Leserinnen, die das Rennen gemacht haben.“

(„Da könnte der Hund begraben sein. Mutter hat für was anderes ihre Zustimmung gegeben...“)

„Gabriele, anstatt dass Du Dich an einen jungen Mann klammerst, könntest Du mal besser nach unserer Tochter sehen!“ Dem Verleger missfiel, dass die Gattin sich anscheinend in Marcs Gesellschaft sehr wohl fühlte. Seine Frau blickte peinlich erschrocken auf Marc, löste sich spontan von seinem Arm und entfernte sich schnell. Marc blickte auf den untersetzten Mann herunter, er erinnerte sich an das erste Gefühl der Abneigung gegen diese Person.
„Sie schlafen mit meiner Mutter, die jünger ist als Sie. Also lassen Sie Ihrer Frau doch einen Abend mit einem jungen Mann an der Seite!“ Er drehte sich noch mal um. „Der besser aussieht als Sie!“
Marc ließ den verdutzten Mann stehen und ging in die Richtung, in die die Frau verschwunden war.

Er sah sogar im Halbdunkel des Wintergartens nach. Hier war niemand mehr, Stella war verschwunden.

Schade. Bei der hättest Du was reißen können!

(„Jetzt nicht!“)

(„Und später auch nicht!“)

(„Verschwinde!“)

Gut! Sehr gut. Weiter so!
Das werden wir sehen!


***
Er begegnete der jungen Frau, als sie die Treppe heraufkam. Sie lächelte ihn an.
„Na? Rausgetraut?“
„Ja. Hast Du meine Mutter gesehen?“
„Hm. Dazu fehlt mir jetzt eine Info...“

„Stella!“
Die Gerufene warf einen verschwörerischen Blick zu Marc, dann drehte sie sich zu dem Verleger um.
„Wo bist Du denn die ganze Zeit? Das werte Fräulein könnte sich hier mal um unsere besten Autoren kümmern. Das ist sehr unhöflich, sich als Gastgeber so zu verhalten.“

(„Was Du nicht sagst...!“)

„Keine Sorge, ohne Ihre sympathische Tochter wäre ich entweder verhungert oder an einer Fischhäppchenvergiftung gestorben.“ Marc ließ sich seine Überraschung nicht anmerken.
„Doktor Meier, meinen Sie nicht, dass Sie für den Abend unverschämt genug waren?“
„Och, ich kann großzügig sein! Aber wollen Sie mir meine Retterin nicht vorstellen? Als Gastgeber habe ich ja bisher nur Ihre Frau und Sie kennengelernt. Ihre Tochter kommt eindeutig nach Ihrer Frau!“

Erhard van Steen spürte seine Krawatte plötzlich ganz fest an seinem Hals anliegen. Langsam wurde er rot und er schnappte nach Luft. „Sie sind wirklich unverschämt!“

„Redest Du gerade von meinem Sohn?“ Elke war unbemerkt näher gekommen. Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und sah abschätzig auf den Verleger herunter. Ihr Sohn gab eine Erklärung. „Ich bat ihn, mir seine Tochter vorzustellen.“
„Marc O... oh, ich habe mein Glas irgendwo vergessen. Egal.“ Sie sah unsicher zu Marc, der zufrieden und erwartungsvoll grinste.

„Stella, darf ich Ihnen meinen Sohn Marc vorstellen? Marc, das ist Stella van Steen, Erhards Tochter. Stella studiert in Hamburg Literaturwissenschaften und Verlagswesen.“ Bei diesem Hinweis wurde die schmale Frau blass.
„Dann sind Sie ja für die Zukunft gerüstet!?“ Seine versteckte Frage hörte nur sie.
„Marc ist Oberarzt der Chirurgie am Elisabeth-Krankenhaus bei Professor Haase.“

Diesmal war es Stella, die alle überraschte. „Professor Haase? „Mit Doppel-A?“ Das ist lustig. Meine WG-Kollegin studiert Medizin und ihr Vater ist auch ein Professor Haase, sogar mit einer Klinik. Da arbeitet sie jetzt auch.“

„So viele Zufälle kann es doch nicht geben?“ Elke tat diese Feststellung zwar ab, aber sie machte sich eine geistige Notiz. („Doktor Rogelt – Bruder!“)

„Doch. Professor Haase, also mein Professor Doktor Franz Haase hat mir von seiner Familie erzählt. Ein Bruder Hans ist in Hamburg, hat fünf Töchter. Die heißen aber nicht Haase, sondern haben den Namen seiner Frau. Den kenne ich aber nicht.“
„Temelova?“ Stella sah ihn an. „Larissa Temelova ist die älteste von fünf Schwestern.“
„Dann werden die das sein, soweit ich weiß ist er mit einer Russin verheiratet. Die Schwestern sollen etwas speziell sein.“
„Was für ein Zufall. Ja, Larissa ist eine – spezielle – WG-Kollegin. Mehr als zum Haushalt haben wir uns nicht zu sagen.“ Sie lachte. „Naja. Zu Guten Tag und Auf Wiedersehen reicht es schon noch.“
„Erhard, kommst Du mit etwas zu trinken zu organisieren? Die Kinder wollen bestimmt unter sich sein. Sind ja alt genug.“

(„Wofür?“)

Die Eier, Doktor Meier!
Oho – ein Reim?
Ein Bewies!

(„Wozu? Ich habe immer noch die Eier in meinem Namen!“)


Marc hob fragend eine Augenbraue. Seine Mutter lächelte ihn übertrieben freundlich an.

(„Also doch!“)

„Mutter!“
„Marc, ich weiß, dass Du Dich gerne um mich kümmerst, aber ich komme klar.“
„Klar, Mutter!“ Er sah den beiden verdattert hinterher. „Hat man Töne...“
„Haben Sie was gesagt?“
„Äh. Nicht wirklich. Sie überrascht mich immer wieder. Selten positiv.“
„Sie können mir glauben, dass ich manchmal gerne tauschen würde.“
„Nicht gegen meine Mutter!“
„Nee. Eigentlich eher den Vater.“
„Da kann ich nicht mit aushelfen.“
„Sie haben keinen...?“ Sie war nicht sicher, ob die Frage unhöflich war. „...Vater?“ Marc schüttelte den Kopf. „Nein. Und Deinen möchte ich ehrlichgesagt auch geschenkt nicht haben. Wir bleiben doch beim „Du“?“
„Eh. Ja natürlich. Danke, dass Du nichts gesagt hast.“
„Was denn?“
„Naja... Studentin... Buchhändlerin...“
„Ach ja. Diese Frage habe ich wohl erfolgreich unterdrückt.“
„Ich studiere, ja. Aber bereits nach dem ersten Semester habe ich diese langweiligen Sachen hingeworfen und mich für Mediendesign und Kommunikationswissenschaften eingetragen. Das läuft aber eher nebenbei zu meiner Ausbildung im Buchhandel. Ich liebe Bücher. Ich habe sogar ein halbes Jahr länger gelernt, um noch mehrere der sogenannten Wahlqualifikationen zu bekommen.“
„Sowas wie Spezialisierungen?“
„Ja. Es gibt insgesamt sechs, das richtet sich nach dem Ausbildungsbetrieb, in dem man lernt. Ich habe einmal gewechselt, um alles machen zu können.
Ich hoffe, wegen des Verlagswesens dabei wird irgendwann der Streit nicht allzu groß sein!“
„Hm. Ich glaube, da versteht Dein Vater keinen Spaß.“
„Tut er generell nicht. Aber warum hat er Dich so angegangen?“

Marc grinste.

(„Wie war das? Ein Gentleman...?“)

„Ich war wohl etwas sehr direkt. Hast Du Deine Mutter gesehen? Ich war eigentlich auf der Suche nach ihr. Vor gefühlt – zwei Stunden!“
„Sie war vorhin vor der Tür. Aber das ist schon eine Weile her – gefühlt zwei Stunden?“ Sie lächelte ihn an.

Schade! Sehr schade. Aber Du meinst ja, nicht zu wollen!

(„Schnauze!“)

Karo Offline

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05.01.2018 21:03
#103 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.22 - Fast Food Factory


Als sich Mutter und Sohn auf dem Heimweg machten, hatte Marc nur einen Wunsch:

(„Essen!“)

Er fuhr also nicht, wie Elke es erwartet hatte, stadtauswärts. „Weißt Du den Weg nicht mehr?“ Sie wollte nach Hause.
„Doch, Mutter.“ Er lenkte den alten Volvo auf einen unbeleuchteten Parkplatz, wo nur zwei riesige LKW abgestellt waren. „Hier sind wir richtig!“
„Fast Food Factory?“ Die Erfolgsautorin starrte auf das beleuchtete Schild über dem Eingang. Wollte ihr Sohn sie umbringen?
„Mutter ich habe Hunger. Du magst Dich satt getrunken haben, aber das hilft mir nicht weiter.“
„Isst du nicht in der Klinik?“
„Doch, aber das ist nun auch schon gute neun Stunden her. Und eine halbe Pizza lindert aber hilft nicht.“
„Was für Pizza?“
„Hatte Stella besorgt.“
„Die macht ihren Eltern auch viel Ärger.“

(„Auch?“)

„Ich denke, ihr Vater ist das größere Problem. Sie schien mir eigentlich sehr gut zu wissen, was sie will und was nicht.“ Marc hielt seiner Mutter die Türe auf. Im Auto auf dem düsteren Schotterplatz warten wollte sie nicht. Das Lokal überraschte sie dann doch, es hatte einrichtungsmäßig nichts mit den üblichen Schnellrestaurants zu tun. Ganz im Gegenteil. Es war im Stil eines amerikanischen Diners eingerichtet. Das war zwar nicht ihr Stil aber man konnte wenigstens von Stil reden.
In der hinteren Ecke saßen zwei grobgebaute Trucker, mit undefinierbaren Tätowierungen auf dem Arm. Marc deutete seiner Mutter an, an einem der Tische Platz zu nehmen.
„Bist Du sicher?“ Ein zweifelhafter Blick auf die Fernfahrer.
„Setz Dich oder warte draußen. Ich muss jetzt was essen!“ Er legte ihr eine Karte vor. „Du bist eingeladen, das Essen ist okay hier. Es wird Dich nicht umbringen.“
Zu seiner Überraschung bestellte Elke tatsächlich eine Folienkartoffel mit Hähnchenfiletstreifen. Sein Burger entsprach dem Deluxe-Style. Doppelte Menge Fleisch, zusätzlich knuspriger Schinken und Käse, dazu Kartoffelecken und ein Salat. Elke beobachtete ungläubig ihren Sohn, der völlig ungerührt diese Menge an Essen verdrückte.
„Wo lässt Du das alles?“
Sie aßen eine Weile schweigend vor sich hin. Elke hatte anfänglich nur in ihrer Kartoffel herumgestochert, sollte sie wirklich diese geballte Ladung Stärke zu sich nehmen? Doch am Ende war auch ihr Teller leer und sie lehnte für Elke-Fisher-Verhältnisse sogar recht entspannt in ihrem Sitz.

(„War das jetzt so schlimm?“)

„Gibst Du es zu?“
„Was denn?“ Warum musste ihr Sohn immer in Rätseln sprechen?“
„Du wolltest sie mir vorstellen.“
„Und wenn schon?“
„Ich bin vergeben, Mutter.“
„Ihr habt Telefonnummern getauscht?“
„Na und? Das mag jetzt komisch für Dich klingen, aber das hat nichts zu bedeuten. Das weiß ich sicher.“
„Sie ist Dein Typ! Sie läuft Marathon. Also sportlich...“
„Was willst Du mir sagen?“
„Du brauchst endlich wieder eine Frau...“

(„Bitte?“)

Sag ich doch!

„Nein, garantiert nicht. Deswegen musste ich so plötzlich weg.“

Elke wusste erneut nicht, wovon ihr Sohn sprach. „Was meinst Du jetzt genau?“
„Dass ich so spontan abgereist bin.“
„Dein Verschwinden nach – Wo? Afrika? Wegen einer Frau?“
„Ja. Und ja. Burkina Faso, das ist...“
„Westafrika. Ich bin nicht blöd. Ich hatte das so verstanden, als ginge es um was Berufliches? Ihr seid doch mit mehreren dahin? Ich hatte befürchtet, dass ihr bei der Ebola-Epidemie helfen wolltet. Das mag zu Franz´ Tochter passen, aber zu Dir?“
„Sie passt zu mir.“ Er beobachtete seine Mutter, war nicht sicher, ob sie ihn gehört hatte. „Es ging um eine Arztvertretung in einer Missionskrankenstation. Insgesamt waren wir zu viert, Doktor Haase, eine befreundete Ärztin von ihr, Doktor Kaan und ich. Er bleibt noch bis Dezember dort.“
„Ist mir bekannt. Ich musste wohl oder übel auf seine Vertretung ausweichen. Obwohl ich sie irgendwie leiden konnte.“
„Kaum zu glauben.“ Er grinste sie an.
„Es ist noch weniger zu glauben, dass Du mit Deinem Talent im Busch praktizierst.“
„Ich hatte Urlaub.“
„Da gibt es aber bessere Orte...“
„Hm. Chalets in der Schweiz?“
„Marc! Nein, aber ehrlich. Warum so plötzlich. Ich meine, man kann doch nicht von heute auf morgen in den Urlaub fahren?“
„Ich war wegen ihr da.“
„Wegen ihr?“ Dann fiel bei Elke der Groschen. „Du... und... das Professorentöchterchen...?“
„Sie heißt Margarete, Gretchen oder Doktor Haase. Ja. Wegen und mit ihr.“ Er beobachtete die Reaktion seiner Mutter sehr genau. Mehrfach wollte sie ansetzen, etwas zu sagen. Es dauerte eine Weile, schließlich stand, statt Hochprozentigem, nur ein Glas Mineralwasser zur Verfügung.

„Aber warum plötzlich sie?“
„Warum denn nicht sie?“
„Marc!“

(„Oh, kein Olivier, das raus will?“)

„Ich meine, warum plötzlich doch. Dass Du sie irgendwie – gern hast, habe ich mir schon immer irgendwie gedacht. Vor allem, weil Dich ihre Hochzeit mit dem Millionär sehr beschäftigt hat. Aber irgendwie passt das doch nicht.“
„Wer sagt denn was passt?“
Elke zuckte mit den Schultern, dann war ihre kühle Art zurück. „Ich finde, dass Stella zu Dir passen würde. Schon allein optisch. Ihr habt beide einen sportlichen Körperbau und...“
„Mutter?“
„Ja, Franz Tochter ist einfach pummelig. Und so naiv. Fast weltfremd.“

(„Weiblich und gefühlvoll!“)

„Nein. Sie folgt nur ihrem Instinkt. Ich bin wohl eher der Logiker. Der Rationale. Das macht es nicht einfach, aber ich bereue es nicht, dass ich mit ihr dorthin gegangen bin. Außerdem...“ Er grinste seine Mutter frech an... „Ich kann ja schlecht alle Töchter Deiner Liebhaber vögeln.“

„Marc Olivier!“

(„Das Olivier der Entrüstung!“)

„Nicht in diesem Ton! Und nicht solche Unterstellungen.“
„Entschuldige bitte, ich müsste mich sehr täuschen, wenn er nicht Dein verspätetes Geschenk zum Tag der Elke-Fisher-Vereinigung gegen das jährliche Altern gewesen wäre.“
„Was Du immer denkst.“
„Ich kenne Dich schon was länger. Momentan hoffe ich sehr, dass ich Recht habe. Denn das habe ich ihm gesagt.“
„Was?“
„Dass ich ihn für Deinen Stecher halte.“
„Marc...“ stammelte Elke.

(„Da vergisst sie vor Schreck sogar das Olivier der Entrüstung!“)

„Warum?“
„Weil er so unverschämt mit seiner Frau umgegangen ist, wie... naja... Als wir uns gut unterhalten haben. Ich habe übrigens eine Idee, wie das mit der Fan-Reise passiert sein könnte. Das werde ich rauskriegen. Aber vor nächster Woche kann ich kaum Zeit frei machen. Seitdem der Professor in Reha ist...“
„Franz? Wieso?“
„Er hatte einen weiteren Herzinfarkt, der ihn zu dieser Pause zwingt. Seit diesem Affenvirus war er nie wieder so fit wie vorher.“
„Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste.“
„Wie meinst Du das?“
„Er sollte in seinem Alter nicht mehr so viel arbeiten müssen. Aber vermutlich würde er eh niemanden in seiner Klinik neben sich dulden.“ Sie dachte eine Weile nach. „Naja, so einfach könnte er sich wohl nicht mal zurückziehen. Gibt ja nicht mal einen Stellvertreter. Da kann er ja auch gar nicht mehr so fit sein, wie vorher... Eine Schande...!“ Elke dachte mit wehmütigem Gesichtsausdruck an die Zeit ihrer Affäre mit dem Chefarzt zurück. Ein sportlicher Körperbau mit Ordentlich was in der Birne. Seine Position machte ihn attraktiv. Seine Performance im Bett – begehrenswert. Sie seufzte und Marc hoffte, dass sie nicht weiter auf den Professor eingehen würde. An seinem ersten Herzinfarkt vor ungefähr einem Jahr war sie nicht schuldlos gewesen.

„Wer leitet denn dann das Krankenhaus, wenn er in Reha ist?“ Sie sah ihren Sohn an, der wiederum sie einfach nur ruhig ansah.
„Du?“ Elke riss die Augen auf. „Du, Marc?“

„Ja, wie Du sagtest. Er wird niemanden neben sich dulden. Mit einer Ausnahme.“
„Der, den er schon unerklärlicherweise zum Oberarzt gemacht hat.“
„Na, danke schön!“
„So habe ich das jetzt nicht gemeint.“
„Ist schon gut.“
„Warum hast Du nichts gesagt, Marc? Ich habe Dich nur als Oberarzt vorgestellt!“
„Nicht ich war die Hauptperson! Außerdem – lest ihr alle keine Zeitung, also bis auf Deine Verlegerin?“
„Warum?“
„Egal...“
„Danke!“
„Wofür?“
„Dass Du mich begleitet hast.“
„Es war sehr interessant – vor allem, dass Du jetzt Kegeltouren machst.“
„Haha. Das ist nicht lustig. Aber was meintest Du mit der Fan-Reise?“
„Deswegen melde ich mich, sobald ich etwas Luft habe. Ich gehe davon aus, dass Du mir dann nicht ausweichst?!“ Das war mehr Anweisung als Frage.
„Und eine Kurzfassung?“
„Nein, Mutter. Dazu muss ich die ganze Geschichte wissen. Deswegen habe ich Stella um ihre Telefonnummer gebeten.“

Klar, dumme Ausrede. Aber Hauptsache, Du triffst sie!

„Ich würde vor dem Weckerklingeln gerne noch ein paar Stündchen schlafen.“
„Ja. Ja, ist gut. Aber Du meldest Dich sofort. SOFORT!“
„Versprochen. Und Du meldest Dich zurück, wenn ich Dir den AB vollquatsche! Versprochen?“
„Ja. Natürlich. Bringst Du mich jetzt endlich! nach Hause?“

Marc grinste. Seine Mutter klang gerade wieder, als sei der Abend eine Qual gewesen, aber sie musste guter Dinge sein, denn sie hatte ein fast persönliches Gespräch mit ihrem Sohn zustande gebracht. Ganz der wohlerzogene Sohn, hielt Marc der Erfolgsautorin die Tür auf. Elke war nicht ganz so schnell und gerade als sie im Begriff war, über die Türschwelle zu gehen, da ließ Marc unerwartet die schwere Glastür los. Die gestrige Ausgabe der Tagespost Berlin lag – achtlos weggeworfen – zerknüllt vor dem Eingang.

„Marc Olivier!“ Elke hielt sich den Kopf und versuchte gleichzeitig den Schmerz der eingeklemmten Finger zu ignorieren.
Ihr Sohn bemerkte das alles nicht. Er schüttelte das Blatt auseinander und las die Überschrift, von der ihm nur ein Teil ins Auge gesprungen war.

Nach der Eröffnung der Radiologie folgt nun der nächste Schritt – zum Monatswechsel bezieht die Einsatzzentrale des Rettungsdienstes die neuen Räume am Katharinen-Hospital.

Ein Foto von mehreren RTWs, als Fächer vor dem Katharinen-Hospital aufgestellt, befand sich darunter.

„Marc-Olivier!“
„Was?“ Marc sah verwirrt auf und wusste erst nicht, was los war. Seine Mutter wurde von einem der tätowierten LKW-Fahrer gestützt, sie hielt sich abwechselnd Kopf und Hand.
„Oh... Mist! Mutter, es tut mir Leid...“ Er stopfte die Zeitungsseite in seine Jackentasche.
„Kannst Du mir mal sagen, was in Dich gefahren ist? Ahhhh...“ Sie hielt sich den Kopf. Dabei hob sie die gequetschte Hand in Marcs Blickfeld.
„Damit kommt dann der Schlaf nach dem Krankenhaus... setz Dich gerade auf den Blumenkasten. “ Er zeigte auf einen Betonkübel. „Ich hole das Auto, dann fahren wir ins Krankenhaus.“

Der Fernfahrer deutete Marc, dass er warten würde.
„Danke.“ Marc nickte und holte seinen alten Volvo. Als er seiner Mutter beim Einsteigen behilflich sein wollte, wich sie ihm aus. „Bleib weg! Nicht, dass Du mir die andere Hand noch in der Autotür einklemmst.“ Sie forderte den Trucker auf, sie zu unterstützen.
„Ich kann Sie auch gerne auf meinem Bock mitnehmen?“ Der fremde Mann grinste die attraktive Frau an. „Müssen Sie zwar klettern, aber mit einem LKW ins Krankenhaus macht bestimmt Eindruck bei den Ärzten.“
„Bestimmt. Ich bin Arzt und es beeindruckt mich sehr.“
„Habt ihr da so wenig zu tun, dass Sie Ihre Mutter erschlagen müssen?“
„Nein.“ Marc lachte. „Aber ich kann schlecht mit einer gesunden Mutter die Konkurrenz ausspionieren.“ Er wedelte mit der Zeitungsseite. „Auf ins Katharinen-Hospital.“
„Bitte?“ Elke starrte ihren Sohn entsetzt an. Wem war hier die schwere Glastür vor das Gehirn geschlagen? „Natürlich fährst Du zu euch! – Er ist Chefarzt am Elisabeth-Krankenhaus“, erklärte sie dem Helfer.
„Mutter!“
„Ah ja, das kenne ich. Meine Schwester hat da ihr Kind gekriegt. Na dann haben sie ja jetzt nichts mehr zu lachen, da... Sie haben dann doch dieses modernisierte Krankenhaus in der Nachbarschaft?“
„Ja. Und deswegen fahren wir jetzt da hin. Eine bessere Gelegenheit, da mal reinzusehen, gibt’s ja gar nicht.“
„Ihr Sohn ist ein Spion!“ Er zeigte ein fröhliches Grinsen. „Na dann viel Glück, Mr. Bond. Und für Sie auch – Bond-Lady. Gute Besserung!“
„Olivier!“ Sie forderte ihn auf... zu was eigentlich?
Marc brauchte einige Sekunden, dann verstand er. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, wenn wir etwas für Sie tun können...“
„Lassen Sie mal, außer Ihre Mutter möchte tatsächlich mal mit fahren.“
Elke schüttelte den Kopf. „So schwer war die Tür auch nicht...“
„Ihnen entgeht wirklich was... aber Sie können es sich ja überlegen.“ Er zeigte in Richtung der Bedienung, „Daisy weiß, wie ich erreichbar bin. Ich bin Hajo.“
„Pfff...“ Elke wandte sich ab. „Nun fahr schon los, sonst stirbt meine Hand ab.“
„Du schreibst doch eh mit Spracheingabe.“
„Olivier!“
„Mutter!“

Karo Offline

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11.01.2018 21:06
#104 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.23 – KatHo


Elke glaubte ihren Sinnen nicht mehr – bestimmt hatte sie eine Gehirnerschütterung und das dicke Hämatom wuchs außergewöhnlich schnell zu einem Tumor heran – als Marc tatsächlich das fremde Krankenhaus ansteuerte. „Was wird das jetzt? James Bond jagt Doktor No?“
„Naja, Doktor M ist zumindestens im Spiel.“
„Deine Witze waren schon mal besser.“
„Ja, ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst Kopf und Hand – falls die noch nicht abgefault ist.“
„Ich weiß wirklich nicht, warum wir ausgerechnet hier hin müssen.“
„Weil sie meinen Arbeitsplatz gefährden. Und einen arbeitslosen Akademikersohn willst Du doch bestimmt nicht?“
„Hm.“ Elke horchte auf. Marc arbeitslos? Das durfte sie nicht zulassen. Mit hochmütigem Gesicht nickte sie. Insgeheim atmete ihr Sohn auf. Elke würde mitspielen und er brauchte keine Sorge haben, dass sie ihn verraten könnte.

(„Aber lieber nochmal auf Nummer sicher gehen...“)

„Vielleicht ist nach dem Gipfel des Kilimandjaro und der Vampirgruft mal ein Spionagethema bei Doktor Rogelt eine Überlegung?“
Elke sah ihn überrascht an. „Hm.“ Gar nicht schlecht, die Idee des Sohnes. Da würde sie nochmal nachhaken...
Sie ließ sich mehr als es notwendig war von Marc zur Notaufnahme bringen.
„Sehr gerne, Mutter.“ Er quittierte ihre „Qualen“ mit einem müden Lächeln.
Drei Stunden später bereute Marc seine Spionage-Aktion, er würde vor seiner eigenen Schicht nicht mehr ins Bett kommen.

(„Aber Hauptsache, die Ärzte hier können in Ruhe schlafen!“)

Eine Krankenschwester hatte sie in der Notaufnahme in Empfang genommen. Marc teilte ihre Einschätzung, dass die gequetschte Hand, die mittlerweile und glücklicherweise schlimm aussah, nicht gefährlich verletzt schien und bestimmt nicht abfallen würde, wie die anstrengende Patientin immer behauptete. Schwester Ina rief aufgrund der anzunehmenden Kopfverletzung den schichthabenden Arzt, der nach viel zu langer Zeit missmutig in den Raum gestapft kam. Sein Namensschild gab Auskunft, dass es sich bei Doktor Groll um einen Assistenzarzt handelte. Marc war erstaunt, dass der Mediziner selbst Hand und Kopf untersuchte und weitere Diagnostik anwies.
„Zuerst den Kopf, die Hand sieht schlimmer aus als es ist.“
„Haben Sie einen Röntgenblick?“ Marc konnte sich nicht zurückhalten, auch wenn er die Dringlichkeit genauso sah. Kopf ging vor Hand, keine Frage.
Der Blick des jungen Mediziners sprach Bände, vor allem, als Marc Anstalten machte, seine Mutter zu den Untersuchungen zu begleiten.
„Sie können hier warten.“
„Ich kann, ja. Möchte ich aber nicht.“
„Mein Sohn kommt mit!“ Elkes Hand schmerzte mittlerweile sehr und sie befürchtete, dass die Hand jeden Moment abfallen würde. Dafür brauchte sie später unbedingt einen Zeugen.
„Ist es nicht möglich, meiner Mutter etwas gegen die Schmerzen zu geben?“
„Was auch immer Ihr Job ist, das hier ist meiner. Bis alle Untersuchungen abgeschlossen sind, muss Ihre Mutter noch aushalten.“
„Hm.“ Marcs wachsamen Ausbilderauge entging natürlich nicht, dass Doktor Groll nicht sehr geübt im Umgang mit den Geräten war. Und die Auswertung der Bilder des CTs dauerte ebenfalls unendlich lange. Er musste sich überlegen, wie er selbst einen Blick auf die Aufnahmen werfen könnte, da nur die – unauffälligen – Röntgenbilder der Hand offensichtlich an der Lichtwand hingen.
Die hochmoderne Ausstattung gab ihm jedoch die Gelegenheit, denn auch wenn die Röntgenbilder noch real existierten, hier arbeitete man mit Tablets. Im Schnelldurchlauf zeigte der Nachwuchsmediziner die verschiedenen Bilder, immer feststellend, dass keinerlei Anzeichen für eine schwerwiegende Verletzung vorläge.

„Dann kann ich jetzt endlich was gegen die Schmerzen haben?“
„Natürlich. Wenn Sie nichts dagegen haben würde ich Sie stationär aufnehmen, da morgen in jedem Fall ein Oberarzt über die Bilder schauen sollte. Schwester Ina wird Ihnen mit allem helfen. Gute Nacht!“
„Äh...“ Marc starrte den Arzt sprachlos an. Elke war schneller. „Und die Schmerzen?“
„Geben Sie ihr eine Aspirin, Schwester Ina.“
Marc schnappte nach Luft, selbst die Krankenschwester sah den Arzt fragend an. Der nickte ihr aufmunternd zu und verschwand.
„Ich werde erleben müssen, wenn meine Hand abfällt.“
„Frau Fisher, Ihre Hand bleibt dran. Auch wenn Quetschungen mitunter sehr schmerzhaft sind, in Ihrem Fall haben wir es tatsächlich noch mit einer kleineren Quetschung zu tun. Ich werde Ihnen gleich einen kühlenden Verband anlegen, dadurch wird die durch das Hämatom entstandene Schwellung zurückgedrängt. Dadurch lindert sich dann auch der Schmerz. Wenn Sie es dann gar nicht aushalten, kann ich auch eine betäubende Salbe dazu nehmen. Aber ich würde vorschlagen, erst zu beobachten, ob ein Schmerzmittel ausreicht?“
„Wenn Sie meinen...?“ Elke sah Marc an. „Ich vertrage kein Aspirin!“
Die Krankenschwester lachte. „Keine Sorge, wir arbeiten mit anderen Präparaten.“
Elke nickte. „Aber das Stärkste, was Sie haben!“ Ihr Kopf dröhnte höllisch.

Während der Arzt glatt bei Marc durchgefallen war, bekam die Krankenschwester gedanklich ein Bienchen in Ihr Stempelheft, als sie für die Patientin ein Päckchen Granulat in einem großen Glas Wasser auflöste. „Wenn Sie das ausgetrunken haben bringe ich Sie auf die Station. Kommen Sie kurz alleine klar? Ich zeige Ihrem Sohn gerade nur, wo er Sie anmelden kann.“
Elke nickte und hielt die gesunde Hand auffordernd ihrem Sohn entgegen.
„Was?“ Wollte Elke jetzt Händchen halten? Er sah seine Mutter verständnislos an.
„Meine Handtasche, Marc!“
„Entschuldige, bitte. Ich bin um diese Uhrzeit nicht so gut im Wünsche raten.“
„Als wäre das zu einer anderen Tageszeit der Fall. Pfff...“ Elke schnaubte. Sie übergab dem Sohn ein Mäppchen mit verschiedenen Karten. „Und denk dran, Einzelzimmer und Chefarztbehandlung!“
„Das weiß ich ausnahmsweise auch so.“ Er folgte der Krankenschwester aus dem Untersuchungszimmer. „Schön brav hier bleiben, nicht, dass wir Deine Hand gleich noch suchen müssen.“

Schwester Ina führte ihn bis zum Treppenhaus. „Keine Sorge, Herr Fisher...“ Marc zuckte augenblicklich zusammen: „Me...!“ Er verstummte sofort wieder.

(„Ok, Alter, da musst Du jetzt durch! Agent Fisher!“)

Diese Nacht wird immer schlimmer. Erst lässt Du eine willige Frau stehen, führst an ihrer Stelle Deine Mutter zum Essen aus und nun lässt Du Dich auch noch als Herr Fisher beschimpfen!

„Die Verletzungen Ihrer Mutter sind zwar schmerzhaft und die Hand sieht aufgrund der farbenprächtigen Hämatome desolat aus, aber ich schätze, dass Doktor Fallini, das ist der für Ihre Mutter zuständige Oberarzt, sie morgen schon wieder nach Hause lässt. Im Falle eines schlimmeren Verdachts wäre sehr wohl sehr schnell ein Oberarzt anwesend, da die Wohnungen der meisten Angestellten quasi um die Ecke liegen.“

„Wie kommt das? Haben Sie für die Ärzte im Schwesternwohnheim ein Bett?“ Er musste höllisch aufpassen, was er sagte.
„Hm, so ungefähr.“ Die Krankenschwester lachte. „Die ProVida hat in der Nähe ein Mehrfamilienhaus. Naja, Sie kennen diese Wohnblöcke vielleicht, diese nicht sehr attraktiven Kästen. Die Wohnungen sind alle in Ordnung, einige auch frisch renoviert. Vor allem sind die in der Miete für Angestellte des Krankenhauses sehr günstig.“
„Und Sie haben kurze Wege, in der Tat.“
„Ja, das ist eine Win-Win-Situation, würde ich sagen.“

(„Keine schlechte Idee!“)

„Herr Fisher, Sie gehen jetzt diese Treppe hoch, durch die rote Tür, dann sind Sie in der Lobby. Dort folgen Sie den Pfeilen zum Empfang. Frau Heller ist dort, sie müsste die Unterlagen von Frau Fisher bereits abrufen können. Kommen Sie dann direkt in den 4. Stock, Gang A. Ich bringe Ihre Mutter schon nach oben.“
„Vielen Dank, dann bis gleich.“

Auch die Empfangsdame war etwas schwerfällig, doch sehr freundlich.
„Ihre Mutter kann aber froh sein, dass Sie mit ihr hier sind und ihr beistehen. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich!“
„Äh, ja.“

(„Ich bin ja im Grunde schuld...“)

„Na ist doch so. Sie haben bestimmt auch einen Job und müssen sehen, dass Sie so eine Nacht kompensieren.“
„Schlaf wird doch überbewertet...“

(„Habe eh keinen Bock auf Alpträume!“)

Es gäbe auch andere Methoden, Nächte zu verbringen...


Gut zwanzig Minuten später waren die Formalitäten erledigt und Doktor Inkognito auf dem Weg zu seiner Mutter. Die ihn auch schon sehr aufgelöst erwartete. „Hast Du erst noch einen Spaziergang im Mondenschein gemacht?“
„Natürlich, Mutter.“
„Marc Olivier!“
„Äh – und ich bin auch gleich weg!“
„Nein! Du musst erst noch was für mich tun.“
„Mutter?“
„Ich brauche unbedingt meine eigenen Hygieneartikel. Ich kann unmöglich diese Sachen hier anziehen, die fühlen sich ja an, als wären die aus Papier, geschweige denn dieses Monstrum von Zahnbürste benutzen.“
„Dann lass es halt. Ich fahre doch jetzt nicht noch hin und her? Ich bringe Dir morgen früh, was Du meinst zu brauchen. Aber vermutlich kannst Du eh morgen schon wieder nach Hause.“
„Nach Hause? Mit der Hand und den Schmerzen? Nein, mein Lieber. Du hast mir die Türe vor der Nase zugeknallt, Du wirst mir jetzt schön holen, was ich benötige. Ich habe es Dir schon aufgeschrieben. Gott sei Dank hast Du meine linke Hand getötet.“

Marc nahm den Zettel aus der ausgestreckten Hand der Mutter und las mit größer werdenden Augen Ihre Wunschliste. Die Kosmetik würde er finden. Aber...

Schlafbrille
Elektrische Zahnbürste
Hormonpflaster
Seidennegligé
Morgenmantel (Seide)
Unterwäsche

(„Oh nein... ich möchte nicht an Ihre Wäsche!“)

Roter Rollkragenpullover
Schwarze Cashmerejacke

Küche:
Lavendelblüten
Kieselerde

Zwetschgenlikör


„Das ist nicht Dein Ernst. Du möchtest hier einziehen?“
„Das ist sehr wohl mein Ernst! Ach so. Und – gibst Du mir den Zettel nochmal?“
Elke notierte einen weiteren Wunsch.

Diktiergerät!

Marc grunzte. Das war das einzig Sinnvolle auf der Liste. „Gibst Du mir auch Deinen Schlüssel?“
Elke sah ihn fragend an.
„Mutter, ich fahre nicht erst zu mir, Deinen Ersatzschlüssel holen. Wenn ich einmal zu Hause bin, dann bleibe ich auch da!“

(„Falls ich da überhaupt noch hin komme... diese Nacht!“)

Ein wehmütiger Blick auf die Uhr.

(„Naja, wenigstens duschen sollte drin sein!“)

„Und schnüffle ja nirgendwo rum!“

Agent Fisher, „Rumschnüffeln“ ist Dein Job!
Hol ihr einfach die Sachen!


„Wenn das Deine einzige Sorge ist? Oder ist die Hand schon abgefallen?“

Karo Offline

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19.01.2018 21:59
#105 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.24 – Marc bei Elke


Marc hatte recht schnell die gewünschten Sachen in eine kleine Reisetasche gepackt. Einzig das Diktiergerät fehlte noch. Er hatte es in der Notebooktasche vermutet, doch leider fand er es weder da noch am Computer. Er stand bereits in der Haustür, bereit ohne das Teil wieder zu fahren, als ihm Elkes Schreibtisch einfiel. Tabuzone.

(„Schnüffle ja nirgendwo rum!“)

Die Worte der Mutter wirkten wie eine Aufforderung.

Wenn nicht jetzt...
Lass es, wer weiß was Du da findest.
Jetzt ist die Gelegenheit. Sie kann Dich nicht erwischen – wie damals, als sie Dich nur mit Deinen Hausaufgaben an dem Schreibtisch erwischt hat.
Den Ärger wirst Du nicht vergessen haben?
Der Schreibtisch gehört Dir. Jetzt zumindest. Niemand wird Dich überraschen.


Marc gab der Stimme und der jahrelangen Versuchung nach! Es stimmte, wenn nicht jetzt, wann dann?! Und Elke war definitiv außer Reichweite. Niemand konnte ihn sehen.

Doch da irrte er sich. Die Mutter war zwar sicher im Krankenhaus stationiert, aber es gab andere aufmerksame Beobachter. Die großen Fensterfronten des Bungalows boten ausreichend Gelegenheit, Marc auf seinem Weg und bei seinem Tun zu verfolgen.

„Was tut er da?“ flüsterte eine Männerstimme.

Tu es nicht! Irgendwelche Folgen wird es haben.
Pfff... eine bessere Chance gibt es nie wieder!


Marc stand einen Moment zögerlich vor der Tür des Arbeitszimmers, dann betrat er den Raum. Der alte Sekretär zog ihn sofort in den Bann, wie es schon früher der Fall gewesen war. Ehrfürchtig nahm er auf dem Stuhl Platz, eine Weile saß er nur stumm vor dem Möbelstück. Lediglich seine Hände fuhren immer wieder vorsichtig über die Schreibplatte.

Anfassen ist okay, durchsuchen nicht!
Doch! Sie will das Diktiergerät.
Und sie will nicht, dass Du an den Schreibtisch gehst.
Warum eigentlich?

(„Warum eigentlich?“)


Seit jeher war es verboten, nur in die Nähe des Schreibtischs zu gehen. Elke war es generell egal gewesen, wann sich Marc wo aufhielt, aber nicht bei ihrem alten Schreibtisch. Dieser existierte bereits seit Marc denken konnte. Es war das einzige Mal gewesen, dass Elke ihn geschlagen hatte. Was hatte er an dem Schreibtisch gemacht? Hausaufgaben... Wie alt mochte er gewesen sein? Er versuchte sich zu erinnern aber nur noch die Schläge waren präsent.

Lass den Schreibtisch in Ruhe. Es führt zu nichts.
Vielleicht, vielleicht aber führt er auch zu den Antworten Deiner Fragen. Nun mach schon.
Überleg Dir das gut.
Sie wird Dir Deine Fragen nie beantworten!


Marc zog die erste Schublade auf. Adressen und Telefonnummern, Visitenkarten, ausgerissene Absender von Briefumschlägen. Selbst die Pin-Nummern der Konten fand er dort.

(„Sie ist wahnsinnig.“)

Das ist doch nichts Neues...


Zweite Schublade: Zeitungsartikel über seine Mutter, akribisch mit Ort und Datum versehen. Fotos von Lesungen, Programmblättchen oder Flyer. Eine Menükarte. Dritte Schublade: Das gesuchte Diktiergerät mit Zubehör.

Prima, Du hast es! Nun kannst Du gehen. Und Dir schon mal überlegen, wie Du ihr das verklickerst, denn sie wird wissen, wo sie es hatte!
Dann gibt’s eh Ärger, also mach weiter! Deine Fragen!


Vierte Schublade: Schmuck.

(„Warum ist das Zeug nicht im Tresor?“)

Marc sah sich die einzelnen Stücke an, hier lag definitiv kein Modeschmuck. Das würde er gleich in den Tresor legen, hier war zu oft niemand zu Hause und durch die riesigen Fenster konnte das auch jeder sehen. Rollläden gab es nicht – „Marc-Olivier, dadurch kann keine Energie fließen!“

„Da scheint er was gefunden zu haben.“ Auf die geflüsterte Feststellung wurde zustimmend genickt. „Das macht es uns recht leicht, Gott sei Dank!“

Fünfte Schublade: Verschlossen.

(„Schlüssel?“)

Die sechste Schublade war doppelt so groß wie die anderen: Verschlossen.

Agent Fisher, vermutlich haben Sie die Antwort gefunden?
Die Frage ist nur, auf welche der Fragen?

(„Die Frage ist erstmal: Wo ist der Schlüssel?“)


Marcs sensible Hände suchten den ganzen Schreibtisch ab. Er fühlte in seiner Jackentasche nach dem Schlüsselbund.

(„Quatsch, die trägt sie bestimmt nicht mit sich herum.“)

Marc dachte nach.

(„Klar! Im Tresor!“)

Er nahm die Schublade mit dem Schmuck und öffnete eine Tür der großen Schrankwand.

„Sag mal... der kennt sich aber sehr gut aus?“

Für den Schreibtisch galt ein striktes Verbot, der Code des Tresors hingegen war seit seiner Jugend der gleiche gewesen. 2707 – sein Geburtsdatum. Die Mutter hatte diese Kombination gewählt, dass er notfalls an Geld käme, wenn ihr mal etwas zustoßen sollte. Marc tippte und – ein Lämpchen blinkte rot.
Er versuchte es nochmal.

(„Hä? Was ist denn nun kaputt?“)

Er versuchte eine andere Kombination – Geburtstag seiner Mutter.
Fehlanzeige.
Marc stellte die kleine Schublade auf der Lehne des Sessels ab und stand unschlüssig vor dem Tresor. Was könnte seine Mutter sonst gewählt haben?
Plötzlich hatte er eine Idee und er bewegte sich schnell. Dabei stieß er die kleine Holzschale von der Sessellehne.

(„Mist verfluchter!“)

Doch dann stutzte er. Auf der Unterseite der Schublade klebte ein dicker, reliefartiger Klebestreifen. Seine sensiblen Finger fühlten schnell, dass er den gesuchten Schlüssel gefunden hatte. Blieb die Frage nach dem Tresorcode. Schnell hatte er die Schmuckteile wieder eingesammelt und ordentlich in ihre Kästchen einsortiert, dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch.

Fünfte Schublade: Der Schlüssel passte und der Riegel sprang mit einem kleinen Klacken zurück. Wieder zögerte Marc. Sollte er es wirklich wagen?

JA! Es gibt kein Zurück!

Vorsichtig zog er das Fach auf, ein flaches Buch mit dunklem Ledereinband. Familienstammbuch.
Marc lief es eiskalt den Rücken herunter. Als er das Buch aus dem Kästchen herausnahm zitterten seine Hände.

Fand er hier tatsächlich die Antwort auf seine Fragen?

(„Will ich es überhaupt wissen und was mache ich dann mit diesem Wissen?“)

Sei vorsichtig. Überleg Dir das sehr gut!
Ach was!


Doch Marc konnte sich nicht überwinden, das Büchlein aufzuschlagen. Eine Weile saß er mit hängenden Schultern vor dem Schreibtisch und überlegte. Dann packte er das Stammbuch entschlossen in seine Jackentasche.
Gut. Schublade Nummer sechs: Auch hier löste der Schlüssel den Riegel. Marc erstarrte. Lange Zeit bewegte er sich nicht mehr.
Anders konnte er den Schmerz nicht aushalten, der ihn gerade zerriss. Bei lebendigem Leib schnitt man ihm sein Herz heraus, jagte brennende Eisenfäuste in seinen Magen. Bohrten sich Dolche in die Lunge und ließ ihn nach Luft schnappen.

„Gleich kippt er um.“
„Um Gottes Willen, hoffentlich nicht!“

Unzählige Minuten saß Marc regungslos, dann übernahm wieder sein Gehirn das Kommando. Leichenblass nahm er auch diesen Schubladeninhalt an sich und verschloss die beiden Fächer wieder mit dem Schlüssel. Dort wo er vorher die Konto-Pins gefunden hatte fand er auch eine handgeschriebene Zahl seiner Mutter. 1305

(„Gretchens Geburtstag?“)

Er schüttelte den Kopf. Lächerlich. Nach einem kurzen Moment Nachdenken kam er drauf – der Tag, an dem er Deutschlands jüngster Oberarzt wurde.

„Was tut er nun?“ Geflüsterte Ratlosigkeit.

Marc verstaute den Schmuck ordentlich im Tresor, wobei er bei dieser Gelegenheit sämtliche sich darin befindlichen Papiere und Dokumente ansah. Doch keins schien ihm wichtig zu sein, dass er kurze Zeit später den Safe ordnungsgemäß verschloss.
Bevor er das Büro verließ blieb er kurz vor dem Servierwagen stehen. Hennessy Paradis Imperial – die Flasche sah am edelsten aus. Ein Schluck rann durch seine Kehle. Er hustete. Die Flasche landete in der Reisetasche.

Der Chirurg verließ das Haus so schnell er konnte. Gerade sicherte er das Haus mit den unterschiedlichsten Alarmsystemen, als ihn ein helles Licht traf.

„Keine Bewegung. Stellen Sie die Reisetasche langsam ab und nehmen Sie die Hände hoch.“

(„Was?“)

Ich habe doch gesagt, das gibt nur Ärger!!!

Karo Offline

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22.01.2018 19:17
#106 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.25 – Marc bei der Polizei


Zwei Stunden später saß Marc immer noch auf dem Polizeipräsidium fest, sein Anwalt schien es nicht eilig zu haben. Die Erklärungen des Chirurgen klangen plausibel, gestohlen hatte er eigentlich nichts.
„Ich habe nicht mal eingebrochen – wie Sie gesehen haben dürften.“
Doch der Polizist blieb hart, sicher war sicher.
„Herr Meier, noch ein Missverständnis? Das ist mir innerhalb von zwei Wochen fast ein bisschen viel. Die Besitzerin des Hauses ist Ihre Mutter, sagen Sie?“
„Doktor Meier, bitteschön. Ich sage gar nichts mehr, bis Doktor Falk da ist. Sie sind mir ein bisschen zu schlecht gelaunt.“
„Ich könnte diese Stunden auch anders nutzen.“

Wir auch!

„Glauben Sie ich nicht?“
„Sie werden frech, Herr Meier!“
„Doktor Meier. Ich kann nichts für Ihre falsche Berufswahl, Herr Steinbruck.“

„Ich habe hier einen Kaffee für Sie Doktor Meier. Wenn Du Pause machen möchtest, Peter, dann kann ich hier mit Doktor Meier auf den Anwalt warten.“
„Soweit kommt´s noch... eine Beamtin alleine mit einem Tatverdächtigen.“
„Es war nur ein Angebot.“
„Toller Vorschlag, Kristin. Du solltest die Vorschriften kennen. Aber ich habe einen anderen... Kommen Sie mit Herr Meier.“
„Peter, was hast Du vor?“

(„Das würde mich jetzt auch mal... äh. Nein!“)

Marc beobachte entsetzt, dass der Beamte eine Stahltüre aufschloss.

„Peter? Das kannst Du nicht...!“
„Doch, er soll ruhig unsere Gastfreundschaft erfahren.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Marc schüttelte entschieden den Kopf.

(„Ich? In die Zelle?“)

„Legen Sie bitte Ihre Sachen hier in den Schrank. Nicht nur die Tasche, sondern auch Jacke, Schlüssel, Portemonnaie und Ihr Handy.“
„Vergessen Sie das. Ich bin Arzt, wie Sie am Doktortitel erkennen sollten und muss erreichbar sein.“
„Sie müssen gar nichts, Herr Meier! Außer jetzt mal ein bisschen kooperativ sein.“
„Ich mag meinen Beruf durchaus und wenn ich nicht erreichbar bin, kann das Folgen haben. Nicht nur für mich, sondern auch für die Versorgung von Patienten!“
„Jeder hat immer irgendeinen Grund. Muss ich helfen?“
„Peter!“
„Halt Dich raus, Kristin. Ihnen, Herr Meier, verspreche ich, dass mir einfällt, wann wir schon mal miteinander zu tun hatten.“
„Doktor Meier, was halten Sie davon, wenn Sie mir Ihr Handy geben. Wenn was sein sollte, dann informiere ich Sie.“
„Wenn was sein sollte MUSS ICH SOFORT LOS!!!“

Die junge Polizistin war verunsichert. Ihr Kollege hatte schon Recht, sie mussten sich nicht die Nacht wegen Wartezeit um die Ohren schlagen. Aber sie war überzeugt davon, dass Doktor Meier kein Lügner war. Natürlich war es seltsam, zweimal mit der gleichen Person zu tun zu haben – innerhalb von zwei Wochen. Dass er allerdings als Arzt erreichbar sein musste, das verstand jedes Kind.

„Habe ich eine Wahl? Ich hoffe für Sie, dass es nicht zu einem Notruf kommt. Frau Rhoder, ich bitte Sie, Doktor Gina Amsel anzurufen und zu informieren. Warten Sie, ich suche Ihnen die Telefonnummer.“
„Was soll ich ihr denn sagen?“
„Dass ich im Falle eines Notfalles verhindert bin! Zumindestens solange dieser Anwalt nicht seinen Hintern hier her bewegt. Im Grunde können Sie offen sprechen.“
„Ist gut. Vielleicht kommt Doktor Falk ja auch bald.“


***
Der Ausdruck „bald“ musste wohl mit den Augen des jeweiligen Betrachters gesehen werden. „Ich bin so schnell ich konnte gekommen!“

Als Doktor Falk endlich die Polizeiwache erreichte, hatte Marc bereits sein Handy wieder – die diensthabenden Polizisten waren allesamt genervt von den permanenten Anrufen von Elke Fisher, die sehr deutlich bestätigte, dass Doktor Marc-Olivier Meier – sie betonte besonders das Olivier – ihr Sohn sei und dass sie dringendst auf ihre Sachen wartete.

Doch mittlerweile waren Kristin Rhoder und ihr biestiger Kollege zu einem anderen Einsatz aufgebrochen und die verbleibenden Nachtpolizisten hatten keine Muße, sich weiter mit Marcs Fall auseinanderzusetzen. Immerhin hatte er einen Block und einen Stift bekommen, sodass er die Zwangsruhe nutzte und sich Notizen zum Zustand des Nachbarkrankenhauses machte.

Wenn es immer so lief, dass die Assistenzärzte alleine behandelten, dann machte sich die Klinikleitung schlichtweg angreifbar. Assistenzärzte waren Mediziner, ja, das in jedem Fall. Aber in Deutschland wurde nach Facharzt-Standard behandelt, das hieß ausdrücklich, Assistenzärzte untersuchten unter den Augen eines Facharztes.
Er war froh, dass er nicht direkt eingreifen musste. Der Arzt hatte korrekt gearbeitet, auch wenn er deutlich angefressen war, dass ein Notfall seine Nachtruhe gestört hatte. Da waren die Krankenschwestern generell härter im Nehmen – sie arbeiteten auch nachts, meistens für die Ärzte, während diese sich im Dienstzimmer hinlegten.
Die Idee mit den günstigeren Wohnungen für Angestellte gefiel ihm. Er grinste.

(„Dann würde ich da sofort einziehen und meine Wohnung vermieten. Besser könnte ich die gar nicht abbezahlen.“)

Aber auch für den Ärztenachwuchs war es schwer geworden, vernünftige Wohnungen zu finden. Assistenzärzte verdienten sicherlich nicht wenig, aber trotzdem waren bezahlbare Objekte in näherer Umgebung rar, vor allem, wenn man bereits eine Familie hatte. Oder man nahm lange Wege in Kauf, wie Carsten Stern, der jeden Tag fast eine Stunde mit Bus und Bahn unterwegs war. Wenn es schnell gehen musste, bediente er sich seines Motorrades, aber alles in allem war es eine umständliche Wohnsituation. Aber er konnte im Vorjahr nicht damit rechnen, die Assistenzstelle so schnell zu wechseln. Ein Glück für das Elisabeth-Krankenhaus, dass die Ring-Klinik sich verkalkuliert hatte und sich von einem der Assistenzärzte trennen musste. Oder wollte, denn auch Ärzte in Ausbildung kosteten Geld. Für Doktor Stern lohnte sich jeder Cent.

Und Knechtelsdörfer...? Der Österreicher hatte ihn mit der heutigen „Klassenarbeit“ überrascht, auch wenn er nicht wirklich einen Schritt nach vorn getan hatte. Allerdings schien Doktor Hassmann gut mit ihm auszukommen, die Neurochirurgin war meistens ungewöhnlich gut gelaunt und einsatzfreudig – selbst in der Notaufnahme. Persönlich mochte man von ihr halten, was man wollte, medizinisch war sie fast unersetzlich.

Marc ging Schritt für Schritt das Ärzteteam durch. Professor Haase, eine Koryphäe in der Endoprothetik, hatte seine Berufung jedoch in der Tumorchirurgie gefunden. Auch wenn die Onkologie nur eine kleine Abteilung im EKH war, sie hatte Dank Professor Haase und Doktor Steigele einen guten Ruf. Doktor Steigele war eigentlich Professor Steigele, doch sie bevorzugte einfach nur den Doktortitel. Als Professorin müsste sie den ganzen Tag gescheit daherreden. Bei dem Gedanken an ihre Erklärung musste Marc grinsen.
Die Onkologin war schon schräg, aber der Chefarzt hatte ihm einmal berichtet, dass sie einen sehr hohen Stellenwert unter den Studenten besaß – gerade wegen ihrer unkonventionellen Art.

Doktor Rössel, definitiv kein Spezialist, eher ein Allrounder. Stress gab es für den Fast-Rentner selten, er operierte was man ihm auf den Tisch legte, seine Operationen waren meistens zeitlich im Plan und er machte selten Fehler. Ihm gefiel nur nicht, dass er jetzt mehr in der Notaufnahme zu tun hatte.

Nun hatten sie durch Zufall Doktor Stier an Land gezogen, den es unbedingt zu halten galt. Egal um welchen Preis. Das hieß momentan Geduld haben. Obwohl man Cedric nichts vorwerfen konnte, er ging offen mit seinem Handicap um und so wollte man es weiter halten. Ehrlich und fair. Davon hatten beide Seiten am meisten.

Abermals musste Marc grinsen, denn nun setzte er seinen eigenen Namen in Klammern auf die Liste. Natürlich konnte er sich selbst beurteilen, aber ob das so objektiv war?

Doktor Knechtelsdörfer...

(„Ob drei Pünktchen da ausreichend sind?“)

Carsten Stern. Nach einer Woche, die er den jungen Mann nun beobachtete, hatte er eine sehr hohe Meinung von der Arbeitsweise und dem Wissen des Assistenzarztes.

(„Ich muss ihn nach seiner Doktorarbeit fragen!“)

Seit letzter Woche auch Gina. Doktor Amsel. Er wagte noch nicht, sie endgültig zu beurteilen. Er musste das mit der Neutralität weiter üben.
Doch im Fall der Patientin mit Hyperthyreotischer Krise hatte sie sehr gut gearbeitet. Sie hatte in London zu 70 Prozent mit Schilddrüsen zu tun gehabt, sie hatte die Frau operiert. Marc hatte einen kleinen Trick angewendet, dass er und nicht einer der Assistenzärzte assistierten. Er war zufrieden gewesen.

Dann hatten sie die Gynäkologie. Mehdi hatte einen guten Ruf, besonders für Problemschwangerschaften. Hebammen ohne Vertragsbetten verwiesen gerne auf den ruhigen Frauenarzt, da er sie an ihrer Arbeit nicht hinderte, sondern immer die Hebammen mit einbezog. Natürlich – sie waren die meiste Zeit über mit den Schwangeren zusammen. Neben den Geburten, die umsatzmäßig kaum erstrebenswert waren, war Doktor Kaan Spezialist im Fachgebiet der In-Vitro-Fertilisation. Wenn er aus Afrika zurückkäme, sollte man sich außerdem über ein weiteres Standbein Gedanken machen – Genitalverstümmelung gab es schließlich auch hier.

Doktor Hundt war wie ein gut trainiertes Rennpferd – zuverlässig, schnell, energisch. Abgesehen vom Tempo glich sie Doktor Rössel, keine Spezialbereiche, aber in jedem Fall ein hohes Arbeitsniveau. Eine Vertragsverlängerung über ihre Schwangerschaft hinaus wäre anzustreben.

Doktor Fuchs – der etwas steife Radiologe. Immer korrekt und langweilig. Aber irgendwie hatte er seine Abteilung im Griff, wie er das anstellte war Marc schleierhaft. Was noch wichtiger war – er lieferte. Schnell, wenn es schnell gehen musste und schnell, wenn es nicht sein musste.

(„Arztbriefe für die Hausärzte zum Beispiel.“)

Spätestens 24 Stunden nach erfolgter Untersuchung bzw. Diagnose waren die Berichte fertig. Die Hausärzte schätzten diese prompte Rückmeldung zu ihren Patienten und überwiesen gerne zu Doktor Fuchs. Doch seit das KatHo nebenan mit der hochmodernen radiologischen Abteilung aufwartete, gab es immer mehr abgesagte Termine bei ihnen. Das musste man beobachten/gegensteuern.

Während seine Mutter in der Notaufnahme gewesen war, hatte er die Gelegenheit genutzt, sich ein wenig umzusehen. Modernste Ausstattung auch hier, was zu erwarten gewesen war. Allerdings gab es kaum ausreichend Platz. Oder bauten sie noch? Er konnte sich nicht daran erinnern, etwas in der Richtung gesehen zu haben.

Nicht erwartet hatte er, dass das KatHo so schnell auch die Leitstelle des Rettungsdienstes beherbergen würde.

(„Wo ist der Artikel?“)

Marc bekam seine Jacke ausgehändigt.

Nach der Eröffnung der Radiologie folgt nun der nächste Schritt – zum Monatswechsel bezieht die Einsatzzentrale des Rettungsdienstes die neuen Räume am Katharinen-Hospital.

Der Artikel selbst war nicht lang, aber Marc erfuhr daraus alle Vorzüge, die das KatHo als Standort für den Rettungsdienst darstellte. Alle Befragten lobten die neuen, großzügigen Räume und die damit verbundenen Möglichkeiten. Ihm fiel etwas auf. Er las den Bericht und die Kommentare erneut. Und ein drittes Mal. Wenn er sich nicht täuschte, waren tatsächlich alle zufrieden – nur die Aussagen der Rettungssanitäter selbst klangen wenig überzeugend.

Er sah das Foto nachdenklich an. War das nicht dieser – Gordon? Gordon Tolkien. Der hatte damals diese Erste-Hilfe-Auffrischung gemacht. Das war Gretchens Idee gewesen.

(„Und eigentlich ist das gar keine schlechte Idee, auch wenn ich sie damals dafür gehasst habe.“)

Er musste mehr in der Notaufnahme zur Verfügung stehen um die Sanis direkt darauf anzusprechen. Hatte Knechtelsdörfer nicht auch guten Kontakt zu diesem Gordon gehabt? War das jetzt der Moment, wo er sich mit dem Österreicher auseinandersetzen musste?

Rein logisch gesehen könnte die Stationierung am KatHo für sie zu einem Problem werden, denn natürlich würden die Notärzte dann eher zu dem Nachbarn fahren. Allerdings war er überrascht, dass die Kapazität der Behandlungsstellen im Vergleich zur eigenen Notaufnahme eher gering ausfiel. Entgegen der Rettungsadministration war dieser Bereich bei den Planern sehr zurückhaltend bedacht worden. Zu zurückhaltend, da war Marc sicher.
Trotzdem würde das EKH wohl auf Dauer leiden.

„...und deswegen möchten wir gerne einen weiteren Chirurgen einstellen, dass wir auch ausreichend Personal haben, um unser Material zu benutzen.“

Genau das war sein Ansatz gewesen. Damit hatte er die Bosse überzeugen können, weitere Stellen freizugeben. Gut, dass Bernd Ullstein gerade im Haus war um sich um die Personalsuche zu kümmern – sie bräuchten einen Chirurgen, der über viel Erfahrung in der Notaufnahme hatte. Damit könnte man auch einen weiteren Assistenzarzt anleiten.
Ihm fiel wieder sein Traum ein. Knechtelsdörfer und Sabine. Die Situation im KatHo. Wie irrsinnig war es, dass er kaum 24 Stunden später seine Mutter dort hinfuhr.

(„Mutter!“)

Sollte sie doch im Katharinen-Hospital verrecken. Er dachte an den Fund in seiner Jacke und sofort fraßen sich wieder tausende Quälgeister durch sein Herz.

Ich habe Dich gewarnt.
Ach papperlapapp. Jetzt weißt Du wenigstens, woran Du bist. Auch sie hat Dich jahrelang nur verarscht.
Bevor Du sowas denkst, solltest Du sie fragen.
Das macht Deine rosa Prinzessin aber doch nicht Du!
Eben hast Du es noch gedacht, dass Ideen, die Du dämlich fandst, eigentlich gar nicht so dämlich waren!
Dämlich kommt von Dame. Nur ein Herr ist herrlich!


Er legte Blatt und Stift zur Seite. Den Zeitungsartikel wollte er zurück in die Jackentasche stecken, als ihm das Stammbuch in die Hände geriet.

Überleg Dir das gut. Du hast heute schon einmal eine unliebsame Entdeckung gemacht.
Deswegen ist es auch egal. Aber darin findest Du wohl nichts wirklich Neues.

(„Genau. Es ist jetzt auch schon egal.“)


Marc folgte seinem Instinkt und zog das dünne Büchlein aus der Tasche. Lange sah er auf den Ledereinband.

Familienstammbuch

Dann schlug er das Büchlein auf.

Karo Offline

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31.01.2018 15:51
#107 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.26 – Marc und Doktor Falk


Die Tür schlug hinter ihm zu. Marc wollte nur noch nach Hause. Duschen und in sein Bett. Für ihn gab es an diesem Morgen kein Alternativprogramm. Kein Krankenhaus. Weder das eine, noch das andere. Der Rechtsanwalt fuhr ihn selbstverständlich zum Haus von Elke Fisher, wo sein Auto parkte. Dort drückte Marc dem Anwalt die Tasche für seine Mutter in die Hand.
„Danke, Doktor Falk.“
„Soll ich Ihrer Mutter etwas ausrichten?“
„Nein. – Sagen Sie... haben Sie Erfahrung darin, Personen zu suchen?“
„Ja. Genauer gesagt, da arbeite ich mit einer Detektei zusammen.“
„Hm. Okay, ich melde mich bei Ihnen.“
„Und Ihre Mutter?“
„Da auch...“

(„Nie wieder!“)

Er fuhr nach Hause und meldete Cedric kurz, dass er frühestens am Nachmittag zum Dienst erscheinen würde. Statt einer schnellen Dusche legte sich Marc in die Badewanne. Normalerweise kam das nur vor, wenn er krank war. Und einer Eingebung folgend – vor knapp sieben Wochen.

Karo Offline

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31.01.2018 16:03
#108 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.27 – Badewanne (Erinnerungen September)


Trotz der Wärme im Badezimmer fröstelte es Gretchen. Marcs Bademantel war das einzige Kleidungsstück, das ihren Körper noch verhüllte, während der Mann noch in kompletter Kleidung das Bad betrat. Er stellte zwei Champagnergläser auf den Rand der Badewanne.
„Was ist das?“ Das Wasser war milchig-trüb. Er schnupperte. Die Luft war feucht und schwer und roch süßlich.
„Du hast nur ein Erkältungsbad da – da habe ich schnell etwas aus Milch und Honig gezaubert.“ Sie war unsicher, ob er sich nicht lustig machen würde. „Die Milch wäre eh schlecht geworden.“ Sie versuchte sich zu rechtfertigen.
„Dann sollten wir sehen, dass das Wasser nicht kalt und der Champagner nicht warm wird.“ Er konnte nur flüstern, denn Gretchen hatte sich bereits hinter ihn gestellt und ihre Hände auf seinen Bauch gelegt. Ihre Stirn lehnte an seinem Rücken. Er hörte an ihrem Atem, dass sie nervös war. Ihre Hände gingen auf Wanderschaft, bewegten sich in zärtlichen Kreisen. Schließlich ergriff sie das T-Shirt und zog es vorsichtig aus der Hose.

(„Habe ich jemals einen Mann ausgezogen?“)

Er spürte ihre weichen Hände auf seiner Haut, wieder kreisten sie auf seinem Bauch. Sanft fuhr sie über seine glatte Brust, ihre Daumen reizten seine Brustwarzen. Sie hörte ihn tief einatmen. Langsam schob Gretchen das T-Shirt nach oben. Marc streckte die Arme aus und sie streifte es ihm über die selbigen. Sie hauchte einen ersten sanften Kuss in seinen Nacken, um sich dann die Wirbelsäule nach unten entlang zu küssen. Er wollte ihr die Zeit geben, die sie brauchte und so konzentrierte er sich darauf ihre Hände zu verfolgen, die unsichtbare Muster auf seine Haut malten und dabei eine brennende Spur hinterließen.
Sie legte ihre Hände auf seinen Hosenbund. Sein Herz klopfte wild, als sie ihre Fingerspitzen darunter schob und dort zaghaft seine Haut erkundeten. Er spürte das Zittern ihrer Finger, als sie seine Hose öffnete. Sie spürte, wie er sich anspannte. Er war genauso nervös wie sie, das machte es ihr etwas leichter.
Ganz langsam, Stück für Stück, Zentimeter um Zentimeter, schob sie Jeans und Boxershorts gleichzeitig nach unten. Er schluckte trocken, als er den weichen Stoff des Bademantels an seinem Po spürte. Er schlüpfte aus der Kleidung und schob die Sachen mit dem Fuß zur Seite.

Er roch so unglaublich gut. Sie schloss die Augen, als der Duft seiner Haut ihre Sinne betäubte. Bevor der Mut sie verlassen konnte, streifte sie den Bademantel von ihren Schultern und presste sich an seinen Rücken. Ihre Stirn lehnte zwischen seinen Schulterblättern und ihre Hände ruhten auf seinem Bauch. Er legte seine Hände auf ihre.

(„Und jetzt?“)

„Marc?“ Sie wusste nicht so recht weiter.
„Hm?“ Er drehte langsam den Kopf nach hinten. Über seine Schulter hinweg fing er ihren Blick ein. Das tiefe Blau fragte unsicher. Seine Lippen antworteten.
Er unterbrach den Kuss und nickte zur Wanne, die immer noch warm duftend auf sie wartete.
„Husch. Rein da.“ Wenige Augenblicke später machte er es sich in ihren Armen gemütlich.

Das Badewasser war zwar etwas trüb von der Milch, doch als Marc jetzt ganz entspannt seinen Kopf auf ihrer Schulter ablegte und sich genüsslich im warmen Wasser streckte, hatte sie den ganzen puren Marc vor Augen.

(„Mist. Kein Schaum!“)

Schnell schloss sie die Augen.

Er war erfahren genug, um zu wissen, was ihre hektischen Atemzüge bedeuteten. Er lächelte still und spitzbübisch, in der letzten Nacht hatte er schon herausgefunden, dass sie einfach nur Zeit brauchte. Oder ein wenig Anleitung von ihm, doch da er sich gerade im Moment schlichtweg wohl fühlte, dachte er nicht daran, sich zu bewegen und wartete einfach ab.

(„Den Champagner können wir dann wohl vergessen.“)

(„Hm, soll ich...? Unbekannt ist es mir ja seit gestern nicht mehr.“)

(„Aber will ich das sehen?“)

(„Was sich so gut angefühlt hat, das kann einfach nicht... das muss einfach... gut aussehen. Oh Gott Gretchen, Marc sieht gut aus. Ein Kleid sieht gut aus, aber ein... männliches Geschlechtsteil... das kann nicht gut aussehen. Peter habe ich auch einige Male nackt gesehen und es war nichts, worüber man in Entzückung geraten konnte. Aber das war es beim Sex auch nicht. Im Gegensatz zu Marc. Also... eins zwei drei...“)


Doch so schnell konnte Gretchen sich nicht überwinden, Marc in seiner natürlichen Pracht anzusehen und so lehnte sie ihren Kopf an den Wannenrand. Ihre Arme schlang sie um seine Brust und hielt ihn in einer festen Umarmung.

(„Mein Marc!“)

Als hätte er das gehört, zog Marc seinen Kopf in den Nacken und öffnete seine Augen. Gretchens Wangen waren gerötet, ein paar Strähnen hatten sich aus der Spange gelöst und hingen in ihrem Nacken ins Wasser. Er fing ihren Blick ein und sie sahen sich in die Augen. Er sah ihre Unsicherheit. Er sah ihre Neugier. Er küsste sie. Erregend. Wieder sahen sie sich lange in die Augen. Seine erfahrene Zuversicht machte sie mutiger.

Die Neugier war schließlich größer als ihre Hemmungen.

(„Das ist so anders als der von Peter. Aber das ist ja auch Marc.“)

(„Mein Marc!“)


Sie lächelte erleichtert und irgendwie stolz. Diesmal war sie es, die den Kuss forderte. Ihre Lippen liebkosten seine, ihre Zunge spielte mit seiner. Erst nur ganz zart, dann forscher. Gleichzeitig gingen ihre Hände wieder auf Wanderschaft über die wohldefinierte Brust, die langen, muskulösen Arme, kehrten zurück zu seiner Brust. Sein erregtes Seufzen ließ sie lächeln. Mit geschlossenen Augen konzentrierte sich Gretchen voll und ganz auf das lustvolle Spiel mit seinen empfindsamen Brustwarzen.

Er regte sich, doch sie hielt ihn fest. Wollte ihn nicht loslassen. Trotz der Wärme hatte sie eine Gänsehaut, denn Marc begann ebenfalls ihren Körper zu erkunden. Da er auf ihrer Brust lag blieb ihm dafür nur ein begrenzter Teil ihrer Beine.
Erst strich er nur die Außenseite ihrer Oberschenkel entlang, doch da Gretchen ihre Beine um Marc geschlungen hatte, konnte er seine reizvolle Wanderung auch auf ihre sensible Schenkelinnenseite ausdehnen. Gretchen schloss wieder die Augen, ihr Atem ging schneller. Bebend atmete sie ein während ihre Fingerspitzen ohne intensiven Druck weiter über seine Haut strichen. Auch seine Finger fühlten seidige Haut und wanderten dann über die kitzeligen Waden. Es fühlte sich an als würde ihre Haut in Flammen stehen. Sie spürte die Feuchtigkeit die sich in ihrer dunklen Hitze gesammelt hatte... Wasser ... Honigmilch ... und Lust.

„Marc?“
Wieder war sie unsicher, was sie tun sollte. Er löste sich aus ihrer Umarmung und setzte sich ihr gegenüber. Er brauchte sie nicht aufzufordern, ihm zu folgen, denn schon machte sie es ihrerseits in seinen Armen gemütlich. Ihr Blick fiel auf die beiden Champagnergläser.
„Oh, den Champagner haben wir ganz vergessen.“
„Prickelt es Dir noch nicht genug?“ Er knabberte frech an ihrem Ohrläppchen.
„Warte, ich kann den da nicht so stehen sehen.“ Sie entwand sich seinen Armen und rutschte durch das Wasser.
„Oh, der ist schon mächtig warm.“
„Wer hätte das gedacht.“

Im nächsten Moment wurde ihm heiß, denn Gretchen goss den im Vergleich zum Badewasser kalten Champagner vorsichtig über seine Brust. Seine Brustwarzen reagierten sofort und Gretchen begann, die Spur des edlen Getränks aufzulecken. Marcs tiefes Stöhnen entlockte ihr ein schelmisches Grinsen.

Sein Grinsen kurz darauf war weitaus durchtriebener, denn Gretchen hatte nicht damit gerechnet, sich den Platz vor Marc teilen zu müssen. Nun spürte sie ihn sehr deutlich an ihrem Oberschenkel. Erschreckt hielt sie inne, doch Marc ließ ihr keine Möglichkeit, weiter darüber nachzudenken. Er nahm sie mit einem Kuss gefangen, der ihr die Knie weich werden ließ. Er zog sie auf sich. Gretchen war froh, dass er ihr unauffällig zeigte, was sie tun sollte.
Dann saß sie auf ihm.
„Du bist dran.“ Er flüsterte es fast unhörbar. Aber sie hätte diese Aufforderung nicht gebraucht. Langsam bewegte sie ihr Becken, dass es Marc und sie selbst um den Verstand brachte. Sie hatte ihre Augen geschlossen und trieb auf einer Welle der Lust.
Marc hingegen betrachtete Gretchen. Ihre nassglänzende Haut, die goldschimmernden Haare, die sich immer mehr aus der Haarspange lösten.
Ihre geröteten Wangen.
Am liebsten – und normalerweise – hätte er jetzt die Kontrolle übernommen, doch er beherrschte sich, er wollte Gretchen nicht verschrecken. Sie so lustvoll zu sehen brachte sein Herz ungewohnt heftig zum Klopfen. Es schnürte ihm die Kehle zu. Er konnte nicht länger warten und veränderte seine und damit auch ihre Position. Als sie ihn in sich spürte entfuhr ihr ein weiteres leidenschaftliches Stöhnen.

(„Warum macht er nicht weiter?“)

Sie sah ihn fragend an und verstand seine stille Aufforderung.

(„Mach weiter!“)

(„Oh... peinlich...“)

Das Rot ihrer Wangen nahm einen tieferen Farbton an, doch als sie ihre störenden Gedanken zur Seite schob und sich ganz auf Fühlen konzentrierte, war nicht nachzuvollziehen, ob ihre gesunde Gesichtsfarbe nicht doch vom erhitzten Blut kam, das durch ihren Körper pulsierte.
Schnell fand sie heraus, wie sie sich bewegen musste um ihre Lust zu intensivieren oder zu verzögern. Es gefiel ihr, dass sie ihn dirigieren konnte, dass sie den Rhythmus bestimmte. Sie war die Flut, in der er trieb, sie war der Wind, der sein Meer in Wallung brachte und schließlich war sie die schäumende Gischt, als sich seine Welle brach.
Noch lange nachdem der Rausch abgeebbt war lagen sie mit geschlossenen Augen im noch immer angenehm temperierten Badewasser. Er lag immer noch auf dem Rücken, sie schmiegte sich fest in seine Arme, die sie sicher hielten. Von Zeit zu Zeit streichelten seine feinfühligen Finger ihre Wirbelsäule entlang.

Sie wirkte entspannt, doch in ihrem Kopf kämpften klare Gedanken gegen das euphorisch wirkende Gemisch aus Hormonen und Botenstoffen.
„Ich hab das so noch nie gemacht, Marc.“
„Ich weiß!“

(„Ich habe das auch noch nie so gemacht – ohne Kondom...“)

Karo Offline

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04.02.2018 11:45
#109 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 3.1 - Tagebuch


♥♥♥
Liebes Tagebuch,

jetzt bin ich schon knapp zwei Monate hier und was soll ich sagen? – Ich soll einfach nicht alleine sein... Alle sind nun weg, zuerst Marc, kurz darauf auch Gina. Und es dauert nicht mehr allzu lang, dann ist auch Mehdi auch wieder in Berlin. Obwohl das Leben hier ein gemächliches ist, vergeht die Zeit so schnell...

Und ich? Schwanger in Afrika!
Hat Gretchen Haase ja mal wieder super hingekriegt. Na gut, Marc war auch daran beteiligt. Das weiß ich mit Gewissheit. Aber der ist nicht hier und vor allem nicht bei 40 Grad Hitze unterwegs.

Gewissheit haben wir jetzt auch – Fritz kommt und ein Container ist so gut wie unterwegs! Ich freue mich so! Wir haben nicht mehr damit gerechnet, dass es wirklich nächsten Monat klappt, aber die Fluggesellschaft hat grünes Licht signalisiert, ein Container kann fliegen. Marc und Thilo haben Großartiges geleistet. Vor allem hat Marc die StaBe mit ins Boot geholt. Roula und ich haben gestern viele Sachen auf der Wunschliste abhaken können.

Nur hat das Schicksal da etwas vertauscht... das Baby stand auf Roulas persönlichem Wunschzettel, nicht auf meinem! Sie freut sich trotzdem mit mir. Sie hat es als erste gemerkt. Ich bin froh, dass Mehdi bald abreist. Ich möchte nicht, dass er von der Schwangerschaft weiß, denn er ist Marcs Freund. Es wäre unfair, ihn zwischen uns zu bringen.

Es müsste die 7. Woche sein, rein logisch und rechnerisch. Das kann nur in den zwei Tagen vor Afrika passiert sein. Naja, eigentlich haben wir nur einmal kein Kondom verwendet, als wir zusammen in der Badewanne waren.
Ich bin total verwirrt. Mich wundert wirklich, dass ich es nicht gemerkt habe. Oder wollte ich es (noch) nicht merken??? Ich habe auch wenig Zeit, mir Gedanken darüber zu machen. Wieder steht ein Fest bevor.
An Allerheiligen gibt es traditionell das Festum Omnium Sanctorum. Wie gut, dass ich in Latein immer eine eins hatte...
Egal. Zu diesem christlichen Fest wird allen Heiligen gedacht, auch solchen, die nicht heiliggesprochen wurden sowie – und das ist mein persönlicher Hauptgrund – der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß als Gott. Für mich ist Martin ein solcher Heiliger.

Knapp ein Viertel der Burkiner sind Christen, zwar gibt es mehr Katholiken, aber da es sich um ein Christliches Fest handelt, ist das egal. Ich glaube, das ist Martin sowieso völlig egal. Es sind alle Menschen Willkommen, die ihrer Heiligen gedenken möchten.

So ist eben Burkina Faso. Die Menschen hier sind so unglaublich tolerant und liebenswert. Es gibt unzählige ethnische Gruppierungen, die kaum Ärger untereinander haben. Ebenso leben die Religionen friedlich zusammen. Etwa 60 % sind Muslime, weit verbreitet sind aber auch Geisterglaube oder Ahnenverehrung.

Apropos Ahnen... Vorfahren und Nachfahren... Ich muss mir mal in Ruhe Gedanken machen, wie es nun weitergehen soll. Roula ging direkt davon aus, dass ich nach Deutschland zurückgehen würde. Wäre ja auch eigentlich das Sinnvollste. Ich habe gerade keine Ahnung, was ich tun soll, aber ob das hier der richtige Ort für mein Kind wäre?
Gretchen zog aus, die Dritte Welt zu erobern. Doch nun erobert ein Wurm ihren Bauch und stellt ihre Welt – die einzige, die sie hat – auf den Kopf. Und die von Marc gleich mit.

Marc... wie gerne der schwanger ist, haben wir ja erlebt. Die Frage ist nur, wie ich es ihm sagen soll? Ich könnte Mehdi einweihen und ihn bitten... nein, Gretchen. Das ist sicherlich einfach aber das ist erstmal eine Sache zwischen Marc und Dir. Bleibt nur ein Brief oder ein Anruf. Also ein Brief, da Anrufen von hier schlecht geht. Mehdi könnte den mitnehmen und wenn ich ihn einweihe, dann könnte er für Marc da sein.
Allerdings könnte es Mehdi gegenüber unfair sein, bei Marcs Unberechenbarkeit ist jede Reaktion möglich. Aber im Grunde hat er genauso an Verhütung gedacht wie ich. Nämlich gar nicht.
Oh Gott... ich habe mit anderen Sachen zu tun gehabt. Wenn ich daran denke, welchen Herausforderungen ich mich nur in der Badewanne stellen musste. Nicht, dass ich es bereue, aber ich hatte definitiv andere Probleme als Verhütung. Gut, daraus resultiert mein jetziges Problem. Wie sage ich es Marc.
Das muss man sich mal vorstellen... Gretchen Haase schwanger von Marc Meier! Pfff, vor allem der wird begeistert sein... sagt sich halt auch nicht mal eben so... anrufen? Schreiben? Über eine Weihnachtskarte mit der „frohen Botschaft“ wäre er bestimmt sehr entzückt.
Sowas sagt man seinem Freund doch persönlich. Ist nur gerade auch etwas ungünstig, ein Wochenende in Berlin? – Überraschung!!!

Vor allem aber beherrscht mich die Frage – wann sage ich es ihm?

Liebes Tagebuch,

es gab eine lange Zeit, in der ich Dich nicht in meinem Leben brauchte – weil ich dachte, dass ich einen Menschen gefunden hatte, mit dem ich alles teilen, alles besprechen wollte. Reingefallen...

Ich bin in der 7. Woche schwanger. Von Doktor Marc Meier, dem familienunlustigsten Kerl dieses und aller Universen. Ja, ich würde in den sauren Apfel beißen und ihm von der Schwangerschaft erzählen oder schreiben, egal wie sehr ich seine Reaktion fürchte. Mein „Aber“ bin ich selbst: Ich hatte bereits drei Fehlgeburten, immer zwischen der 12. und der 15. Woche. Für diese drei Fehlgeburten gibt es keinen medizinischen Grund.
Je weniger Menschen von dieser Schwangerschaft wissen umso weniger groß ist die Angst, zum vierten Mal zu versagen. Vielleicht sollte ich mir einfach keinen Kopf machen, bis ich die 16. Woche geschafft habe.
Ich würde so gerne Mehdi um Rat fragen aber ich kann ihm nicht den Schwarzen Peter zuschieben. Weil er auch Marcs Freund ist. Vermutlich wird Marc ihn brauchen, es macht mich wahnsinnig, dass man nicht einfach mal telefonieren kann. Ich verlange keine Standleitung – also schön wäre das schon – aber ein paar Minuten alle paar Tage, das wäre fein.

Nach dem Allerheiligenfest fahren wir wieder eine südwestliche Runde. Komisch, ich freue mich immer auf Zivilisation und wenn ich dann da bin, dann finde ich Sanssouci viel ziviler. Ich hoffe, dass ich wenigstens von Bobo aus telefonieren kann. Ich wünsche mir nichts so sehr, wie Marcs Stimme zu hören. Obwohl... einen Wunsch hätte ich schon. Auch wenn es mir viele Gewissensfragen bescheren würde: Ich möchte dieses Kind.
Egal, ob hier oder da. Egal, ob Marc es will oder nicht. Ob mit ihm oder ohne ihn. Egal ob mein Kind oder unseres. Ich möchte es einfach nur haben!

Ich freue mich total, der Gedanke an ein Kind – besonders an ein Kind von Marc – macht mich glücklich. Aber ich habe Angst. Vor den Entscheidungen, die ich treffen muss und möchte. Vor allem aber habe Angst davor, ein weiteres Mal zu versagen. Als Frau und als Mutter.

Nein, ich werde Marc noch nichts sagen. Erst, wenn ich wirklich sicher bin, dass ich es auch zur Welt bringe. Ich befürchte, dass ich aber erst sicher sein werde, wenn ich ein lebendes Baby im Arm halte.

Apropos Baby im Arm halten.
Ich muss jetzt mal wieder etwas arbeiten. Naiya kommt gleich, mit der kleinen Isabelle. Die beiden hatten verdammtes Glück, dass sie hier leben, draußen hätte ich wohl weder Mutter noch Kind helfen können. Die Geburt ist jetzt auch schon wieder 14 Tage her, Mehdi war Gott sei Dank da, aber ich bin mittlerweile echt gut als Geburtshelferin. Muss ich mal so sagen.

Ob ich bei Roula wirklich helfen konnte? Ich habe mir das vorgestern nochmal angesehen. Also ich bin ja immer wieder furchtbar schockiert, was man den Frauen hier antut. Wobei Roula wohl ein extrem schlimmes Los gezogen hatte.
Ich wünsche mir sehr, dass sie irgendwann wirklich ein Baby haben wird. Immerhin können sie und Martin es nun überhaupt versuchen. Ist schwer vorstellbar, dass die seit 10 Jahren zusammen und seit 8 Jahren verheiratet sind und noch nie Sex miteinander hatten. Naja, wie auch.

Da bin ich ja schon irgendwie ein Glückspilz. Ich habe nicht nur in jeder Beziehung Sex gehabt, sondern mit jedem neuen Mann wurde es schöner. Marc ist natürlich das Tüpfelchen auf dem „i“.

Ein schöner Schlussgedanke!
Bis bald!

Karo Offline

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12.02.2018 20:35
#110 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 3.2 – Neues Personal


Als Marc am späten Samstagnachmittag in die Klinik kam, war Bernd Ullstein schon wieder nach Potsdam gefahren. Doktor Hassmann hatte kurzerhand ihren kurzen Samstagsdienst sausen lassen, da außer Doktor Stern ansonsten nur Doktor Amsel da war.

„Tut mir Leid, Doktor Hassmann, dass ich Ihnen den Familiensamstag versaut habe. Ich weiß, wie sehr Sie es lieben – Großeinkauf am Samstag mit Millionen anderen Familien und besonders nervenden Kindern...“
„Da kennen Sie sich ja aus. Mit wie vielen nervenden Kindern müssen Sie denn immer einkaufen gehen?“
Marc grinste nur vielsagend. „Gab es sonst irgendwas Wichtiges?“
„Nur gestern Abend einen Sportunfall – Kreuzbandriss. Doktor Stier hat den jungen Mann aufgenommen, ich schätze, dass Sie den Aufnahmebericht bereits auf Ihrem Schreibtisch haben.“
„War Doktor Stern beteiligt?“
„Wieso?“
„Weil er die Berichte immer sofort schreibt.“
„Ja, war er.“ Die Neurochirurgin nickte. „Außerdem liegen da drei Bewerbungsmappen von Ärzten, die relativ kurzfristig verfügbar wären. Sie möchten Herrn Ullstein diesbezüglich am Montag sofort Rückmeldung geben. Falls Sie Gespräche vereinbaren wollen, dann bitte nur für Donnerstag oder Freitag.“
Marc nickte. „Was sind das für Kandidaten?“
„Das fragen Sie mich?“
„Ach kommen Sie...“ Seine Grübchen verrieten das Grinsen, das er zu unterdrücken versuchte. „Als hätten Sie nicht reingeguckt.“
„Die Qual der Wahl würde ich sagen. Vom Papier her.“
„Hm. Naja, ich werde mir das später alles mal ansehen. Dann gehen Sie jetzt nach Hause?!“
„War das eine Frage oder eine Anweisung?“
„Wie hätten Sie es denn gerne?“
„Ich habe noch ein bisschen Papierkram zu erledigen, dann komme ich ganz um den Familiensamstag herum.“ Doktor Hassmann grinste.
„Nicht traurig sein, es werden andere kommen.“ Ein bisschen auf den Arm nehmen musste Marc die Kollegin dann doch.

(„Vermutlich sogar recht bald?“)

„Sie mich auch!“
(„Wenn der wüsste!“)
„Was war bei Ihnen denn los?“

„Schönen Samstag, Doktor Hassmann!“ Er hatte keine Lust, sich mit dem Unfall seiner Mutter zu beschäftigen, noch weniger mit den Folgen und der Nacht im Knast. Schnell hatte er den Bericht des Assistenzarztes gelesen. Doktor Stier empfahl die Behandlung auf konservative Art, während der Assistenzarzt eine kleine Notiz in Klammern zugefügt hatte.

(„Healing-Response-Technik?“)

Marc sah sich alle Untersuchungen genau an. Die Bilder des MRT zeigten offensichtlich einen einfachen Kreuzbandabriss am Oberschenkelknochen, trotzdem wollte er sichergehen, dass keine anderen Strukturen betroffen waren. Nach einem Gespräch mit dem jungen Mann setzte er die Arthroskopie für Montagnachmittag auf den OP-Plan. Beide Assistenzärzte waren Montagmorgen im Dienst, sodass sie sich wieder um die OP-Assistenz bewerben konnten.

(„Apropos Bewerbungen...“)

Marc kehrte an seinen Schreibtisch zurück und sah in die drei Mappen. Die erste kannte er bereits.

Doktor Barbara Brickmann, 49 Jahre alt und Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Sie arbeitete seit zehn Jahren am Unfall-Krankenhaus in Fulda, wo sie hauptsächlich in der Notaufnahme und in der Unfallchirurgie eingesetzt wurde. Ihr Mann wurde nach Berlin versetzt, ab Januar wäre sie sicher verfügbar, nach Absprache vielleicht früher.

(„Erfahrung in der Notaufnahme ist genau unserem Wunsch entsprechend! Allerdings hat sie viel Unruhe rein gebracht.“)

Doktor med. Peter Ohlmann war gerade 40 Jahre alt geworden und verfügte über wenig Berufserfahrung. Dafür hatte er drei Weiterbildungen kombiniert: Thoraxchirurgie, Innere Medizin und Pneumologie und Anästhesiologie. Er arbeitete seit der Beendigung seiner Assistenzarztzeit an der Charité auf der Intensivstation, sein größeres Interesse lag jedoch in der Pneumologie. Da er seine Weiterbildungen in unterschiedlichsten Krankenhäusern absolviert hatte, war er trotz wenig Berufserfahrung schon viel herumgekommen.

(„Das ist eine sehr interessante Kombination von Fachgebieten!“)

Zuletzt Doktor Lorenz Schattmann, mit 53 Jahren nicht mehr der Jüngste, wurde laut eigener Aussage am Oranienburger Havel-Klinikum schlichtweg wegrationalisiert. Er war Facharzt für Allgemein- und Gefäßchirurgie.

(„Könnte ein Allrounder sein, wie Doktor Rössel einer ist.“)

Eine halbe Stunde später hatte er mit zweien einen Termin ausgemacht.

(„Genug Papierscheiß! Gucken wir mal, was auf den Stationen so los ist.“)


***
„Marc-Olivier!“ Seine Mutter war los!

(„Scheiße, ich will sie nicht sehen!“)

Er ging weiter als hätte er sie nicht gehört.

„Marc-Oli... Marc! Bleib stehen!“

Fast musste er grinsen. War das die Methode, ihr das lästige und verhasste Olivier abzugewöhnen? Er schüttelte den Kopf, blieb aber stehen.

„Wenn Du mich schon auf euer Nachbarkrankenhaus ansetzt, dann sollten Dich auch meine Informationen interessieren.“
„Du hättest mich anrufen können.“
„Da läuft ja nur Dein Band.
„Ja eben!“
„Du weißt, dass ich nicht mit Maschinen spreche.“
„Du schreibst also ohne Spracheingabe oder Diktiergerät?“ Er drehte sich langsam um und sah sie mit funkelnden Augen an.

„Warum in aller Welt gibt Dein Anwalt morgens um 7:00 Uhr meine Sachen ab?“
„Weil ich völlig erledigt in mein Bett wollte.“
„Warst Du echt im Knast?“

Gerade kam Sabine aus dem Treppenhaus in den Gang und schnappte die Frage auf. Ihre Augen wurden groß.

„Und wenn schon. Es war nichts.“
„Das will ich nicht sagen.“
„Bitte?“ Marcs Stimme klang empört und ungläubig.
„Du weißt genau, was ich meine!“
„Ich habe mir nur geholt, was mir gehört. Ich hoffe Du erwartest kein Dankeschön.“ Marc drehte sich um und ließ seine Mutter kreidebleich zurück. Sollte sie bleiben wo der Pfeffer wächst.

***
„Frau Fisher, kommen Sie. Setzen Sie sich erstmal hin. Sie wissen doch, wie er ist.“ Sabine führte die Autorin ins Stationszimmer.
„Ja eben...“ Elke konnte nur flüstern. Mit Mühe und Not hielt sie ihre Tränen zurück. Sie hatte geahnt, dass diese verfluchten Briefe ihr irgendwann zum Verhängnis würden.
(„Aber Du konntest Dich ja nie überwinden, sie wegzuwerfen.“)

Karo Offline

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12.02.2018 20:43
#111 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 6

„Warum antwortet Oma denn nicht mehr? Ich habe ihr jetzt schon drei Briefe geschrieben?“
„Marc, ich weiß es nicht. Es wird dafür einen Grund geben, ich glaube nicht, dass sie Dir einfach nicht mehr schreiben würde.“
„Ja eben. Oma braucht unbedingt Telefon. Ich meine, wir können nicht mal nachfragen, ob alles okay ist. Was ist, wenn denen was passiert ist?“
„Dann sind genug andere da, die sich kümmern können. Das geht uns nichts an.“ Der Vater mischte sich ein. Normalerweise wäre das ein Zeichen für Marc gewesen, das Thema ruhen zu lassen. Doch dass die Post aus Rügen einfach so abbrach, ließ ihm mittlerweile keine Ruhe mehr.
„Vielleicht hat sie momentan einfach keine Zeit? Du kannst sie nächste Woche fragen, wenn Du auf Rügen bist. Jetzt iss, bevor das Essen kalt wird.“ Elke versuchte, das Thema auslaufen zu lassen, René warf ihr einen warnenden Blick zu.

„Dann hätte sie eine Postkarte geschrieben.“ Er stocherte lustlos im Gemüse herum.
„Isst Du bitte anständig?“ Die Stimme des Vaters klang gereizt. „Das kann nicht sein, dass man Dir das immer noch sagen muss.“
Marc gehorchte stumm, doch der Vater war noch nicht zufrieden. „Bist Du schwer von Begriff? Auch ein Messer darf benutzt werden. Man sollte sich echt Gedanken machen, ob Du nicht manchmal etwas schwer von Begriff bist. Schwer erziehbar bist Du ja sowieso.“

„René, bitte.“ Elke wollte die aufkeimende Wut des Ehemannes beschwichtigen, doch René war schon in Fahrt.
„Halt die Klappe, Elke. Dein missratener Sohn macht immer nur Ärger. Ich muss nicht an den ausgekugelten Arm von Markus Wilhelm erinnern.“

Marc grinste. Normalerweise zog er in den Auseinandersetzungen immer den Kürzeren. Die anderen Kinder in seiner Klasse waren zwei bis drei Jahre älter als er und entsprechend größer und kräftiger. Er hatte den Jungs selten etwas entgegenzusetzen und war das willkommene Opfer. Insgeheim war Marc stolz, dass es jetzt auch den Leithammel Markus mal getroffen hatte, ein ausgekugelter Arm war wenigstens schmerzhaft genug!

„Grinst Du?“ Die Faust des Vaters traf ihn mit Absicht hart am Ellbogen.
„Ahhh...“
„Jammerst Du? Was glaubst Du, welche Schmerzen Du Markus verursacht hast?“

Marc rieb sich stumm das Gelenk und den kribbelnden Arm, der normalerweise in einer Schlinge ruhen sollte. Doch auch das war dem Vater nicht Recht, Marc solle sich nicht so anstellen und Elke ihren Sohn nicht beim kleinsten Zipperlein ins Krankenhaus zerren. Sonst würde der Junge noch total zur Mimose.

(„Sulcus-Ulnaris-Syndrom.“)

Marc fand schon allein diesen Namen spannend.

Der Arzt, der ihn im Krankenhaus untersucht hatte, war von Marcs schneller Auffassungsgabe erst überrascht, dann angetan. Ein Dreizehnjähriger, der mit Hilfe der lateinischen Sprache die medizinischen Begriffe zerlegte.

„Sulcus ist lateinisch und heißt die Rinne oder die Furche.“
Die Feststellung des Jungen wirkte wie eine Aufforderung auf den Arzt. „Die Ulna ist einer der beiden Knochen des Unterarms. Weißt Du vielleicht die deutschen Bezeichnungen?
„Elle und Speiche.“
„Der andere ist der Radius. Was glaubst Du, welcher lateinische und welcher deutsche Name zusammen gehören?“
„Ist doch logisch: Wenn Sie vom Sulcus-Ulnaris-Syndrom reden und ich Probleme an der Außenseite der Hand habe, dann wird die Ulna wohl die Elle sein und der Radius dann die Speiche. Dann heißt Ulnaris einfach zur Elle hin oder gehörig?“
„Ja genau. Ich sehe schon, da wächst ein Mediziner heran?“ Der Arzt lachte. „Medizin ist nicht schwer, wie Du siehst. Oft sogar einfach logisch. Es ist einfach nur eine Menge Stoff, die gelernt werden will um jederzeit abrufbar zu sein.“
„Sulcus-Ulnaris heißt doch dann soviel wie die Furche der Elle? Warum ist es dann ein Nervenschaden?“
„Das Ulnarisrinnensyndrom ist quasi gleichbedeutend mit Druckschädigung des Nervus Ulnaris am Ellbogen.“
„Dann erklären Sie mir den Begriff des Syndroms?“

Der Arzt hatte eigentlich wenig Zeit, aber ihn faszinierte das echte Interesse des Jugendlichen. „Als Syndrom bezeichnen wir das Zusammentreffen von verschiedenen Symptomen. Gehäuftes Zusammentreffen von einheitlich vergleichbaren Symptomen stellt bei einer Diagnose immer den ersten Schritt zu einer Krankheitssystematik und ihrer Behandlung dar.“

Zuhause füllte Marc neue Begriffe in sein geheimes Buch. Sein Ärzte-Buch. Allerdings betraf seine Sammlung weniger die Ärzte mit denen er zu tun hatte, als das, was sie sagten und ihm erzählten.

Karo Offline

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19.02.2018 23:17
#112 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.1 – Marc und Bernd Ullstein


„Warum haben Sie sich für Medizin entschieden?“
Marc hatte sich aus den Gesprächen, die Bernd Ullstein mit den Bewerbern führte zurückgehalten. Diese Frage interessierte ihn allerdings sehr. Das Medizinstudium begann in der Regel mit zwei Dingen. Dem Hippokratischen Eid, heute leider nicht mehr Pflicht für angehende Medizinstudenten, und einem Aufsatz. „Warum möchte ich Medizin studieren.“ Seine Frage hatte unterschiedliche Reaktionen bei den Medizinern hervorgerufen.

Wie er vermutet hatte, war Doktor Schattmann ein gutmütiger, ruhiger Zeitgenosse. Er war zufrieden, wenn er operieren konnte, Ambitionen auf Karriere hatte er nie verspürt. Marc war sich sicher, dass der 53jährige sich problemlos in das Kollegium einfügen würde. Die Frage des jungen Oberarztes hatte er anders beantwortet, als sie es erwartet hatten. „Doktor Meier, diese Frage habe ich mir nie wieder gestellt, nachdem ich mich für die Medizin entschieden hatte. Sie wirft mich um Jahre zurück. Jahre, in denen ich meinen Entschluss nie bereut habe. Wenn Sie mal in meinem Alter sind, also der Rente näher als dem Bafög, dann fragen Sie sich höchstens, ob es richtig war. Ja, ich bin froh, dass ich Mediziner geworden bin.“
Dabei hatten seine grauen Augen lebhaft gesprüht.

Der Jüngste der drei Bewerber, der Lungenfacharzt, beantwortete die Frage ebenso ohne zu zögern. „Ich stamme aus einer Bergbau-Familie, meine Schwester bekam mit 25 Lungenkrebs – da war ich gerade fünfzehn. Es war die Frage nach dem Leben und was wir dazu benötigen. Die Atemluft. Die Lunge ist für mich das faszinierendste Organ, auch wenn man vielen anderen damit vermutlich Unrecht tut.“
Marc mochte den Mann. Der Familienvater lebte nach seiner Philosophie, dass gute Luft der Grundstock für ein gutes Leben war und pendelte jeden Tag von Bernau in die Stadt. Seine Kinder sollten im Grünen aufwachsen!

Nun saßen Marc und Bernd Ullstein zusammen und gingen die Bewerber nochmal in Ruhe durch.

„Ich denke schon, dass Doktor Brickmann fachlich die interessanteste Kandidatin ist, aber ich bin mir sicher, dass sie nicht in dieses Kollegium passt. Das ist für Professor Haase immer eines der wichtigsten Kriterien gewesen. Das wäre hingegen bei Doktor Schattmann überhaupt kein Thema. Wenn wir über einen Rössel-Ersatz nachdenken, ist er sicherlich einer, der sich ohne große Probleme mit seinem Job als Arbeiter arrangieren würde.
Doktor Ohlmann steht voll hinter seinem Job und ich finde er kommt authentisch rüber. Da passt sein Wort zur Tat. Aber er hätte Probleme hier, da wir uns weniger um die Belange der Pneumologie kümmern. Er könnte irgendwann mal interessant werden, je nachdem was Doktor Stier vorhat.“
„Sie meinen in Bezug auf mehr Lungentransplantationen?“ Bernd Ullstein nickte. „Ja, aber wir sind uns einig, dass er jetzt weniger interessant für uns ist?“
„Definitiv. Auch wenn ich ihn persönlich am angenehmsten fand. Einfach, weil er so viel Power hat.“
„Ja. Ich werde ihn später anrufen und ihn fragen, ob er eventuell an anderen Standpunkten interessiert wäre. Ich denke, dass er für die Stabe generell eine Option darstellt, egal ob hier oder woanders.“
„Und die beiden anderen? Wie gehen wir da weiter vor?“
„Was schlagen Sie vor, Doktor Meier?“
„Dass wir ohne den Professor schwer jemanden einstellen können versteht sich von selbst. Also können schön, aber das möchte ich nicht. Ich würde mit den beiden genauso verfahren wie mit Doktor Amsel.“
„Probeverträge?“
„Ja, dann können beide Seiten herausfinden, wie es funktioniert. Wobei Doktor Brickmann bereits zwei Wochen im Haus war und es mit ihr anstrengend war – und werden wird. Ich dachte eigentlich, dass sie kein Interesse hat, da sie bisher kein Feedback gegeben hatte.“
„Sie hat kein Interesse an einer Chirurgenstelle. Vor allem nicht in der Notaufnahme.“
„Eh, sondern?“
„Sie möchte sich als Oberärztin empfehlen.“

(„Nur über meine Leiche...!“)

„Die Stelle ist also weiterhin ausgeschrieben? Hm, Doktor Schattmann scheidet schon mal aus, wenn es um die Option Oberarzt geht. Doktor Brickmann meiner Meinung nach auch. Ganz ehrlich – ich würde sie eher nicht einstellen, auch wenn sie perfekt ins Profil passt.“
„Auf dem Papier tut sie das in jedem Fall. Was ist mit Doktor Amsel?“
„Ich muss gestehen, dass ich von der Arbeit von Doktor Amsel positiv überrascht bin. Haben Sie da meine Frage bekommen?“
„Ja. Das ist kein Problem. Sie ist in England als Chirurgin ausreichend qualifiziert und geprüft. Diese Zertifikate werden ohne Einschränkung hier anerkannt und sie darf Assistenzärzte ausbilden.“
„Sehr gut. Dann kann ich sie flexibler einsetzen.“

Flexibel oder nicht - Doktor Stier setzt sie vernünftig ein!
Fängst Du schon wieder an?
Gina, Stella... auch die Polizistin wäre nicht abgeneigt gewesen...
Das wird sicherlich noch öfter passieren.
Dass er gute Chancen verstreichen lässt?
Heute haben genug Menschen ihre Chance genutzt!


Knechtelsdörfer hatte tatsächlich eine OP an Marcs Seite ergattert und ordentlich gearbeitet. Nicht spektakulär, nicht besonders gut, aber man konnte sagen – seine Chance hatte er genutzt.
Und auch Gina gab sich weiterhin große Mühe – Gute Arbeit abzuliefern und Marc aus dem Weg zu gehen. Wenn doch eine Zusammenarbeit nötig war, schafften sie es beide, ihren Zwist aus dem Krankenhaus heraus zu halten.

Auch Doktor Meier nutzt also seine Chance – alles gut!
Alles gut? Ein verweichlichter Chirurg auf dem Chefsessel – den er nicht mal will...
Jetzt noch nicht.
Na dann kann ich ja hoffen.
Worauf?
Dass er doch irgendwann wieder richtig vögelt!


„Ich habe übrigens wegen Ihrer Anfrage bezüglich Frau Vögler nachgeforscht. Es gibt eine Schule, die sie in den laufenden Kurs aufnehmen würde. Sie würden sie mündlich abfragen, nur, dass die sicher sind, dass sie ohne die ersten Monate zurechtkommt. Der Unterricht dort erfolgt im Blockunterricht. Die Schule hat Verträge mit unterschiedlichen Praxen, wo die Auszubildenden die Praxis absolvieren. Die Dame, mit der ich telefoniert habe, wird sich direkt mit Frau Vögler in Verbindung setzen.“
„Das wird Schwester Sabine freuen.“
„Die Schule läuft aber nicht wirklich berufsbegleitend, also wäre zu überlegen, wie wir vorgehen. Sie hat abwechselnd Blockunterricht und Praxiswochen. Da bleibt nicht viel Zeit übrig, wenn man sie halten will.“
„Das wird mich nicht freuen.“ Marc grinste. „Aber sie muss entscheiden, ob es für sie passt.“
„Gut, dann werde ich jetzt noch ein wenig telefonieren und mich dann auf den Heimweg machen. Was war überhaupt letzte Woche los?“
Marc winkte ab, er wollte nicht an das vergangene Wochenende denken, doch ganz kam er nicht darum herum. Erstens ließ Bernd Ullstein nicht locker, zweitens hatte seine Mutter geliefert. Den Bericht über ihr Patientendasein im Katharinen-Hospital hatte sie ihm ins Krankenhaus gebracht und über Schwester Sabine zustellen lassen. Marc wollte seine Mutter nicht sehen und sie hatte seine Entscheidung akzeptieren müssen.
„Sie haben Ihre Mutter ins Katharinen-Hospital gebracht? Warum das denn?“ Der Verwaltungsangestellte sah Marc entgeistert an.
„Ich gucke gerne tiefer. Die Gelegenheit konnte ich uns nicht entgehen lassen, mal in den „Feind“ hinein zu schauen.“ Er reichte seinem Gegenüber eine Kopie des Berichtes.
„Und was haben Sie herausgefunden?“
„Dass Oberärzte nachts schlafen dürfen.“
„Wie meinen Sie das?“
„Meine Mutter wurde von einem Assistenzarzt untersucht und aufgenommen. Ein Oberarzt wird nachts nur im Notfall dazu geholt. So sagte es die anwesende Schwester. Die einzige, der ich eine glatte eins geben würde.“
„Oh, auf Anhieb eine gute Bewertung aus Ihrem Mund? Wenn uns Frau Vögler verlassen sollte...“
„...davon können Sie ausgehen! Ach... Sie meinen...“
„Vielleicht kann man ihr ein Angebot machen?“
„Da gäbe es wohl ein Problem. Die ProVida vermietet ihren Angestellten günstigen Wohnraum in der Nähe des Krankenhauses. Sie kennen diese Wohnblöcke bestimmt vom Vorbeifahren.“
„Das Thema „Schwesternwohnheim“ hatten wir ja eh schon. Ich bleibe da mal dran und versuche mal etwas über die Verträge der Angestellten dort herauszufinden. Darf ich den Bericht mitnehmen?“
„Ja, das ist Ihre Kopie.“
„Ich darf die weitergeben?“
„Natürlich.“
„Dann telefonieren wir am Montag, wenn ich mit den Bewerbern gesprochen habe.“
„Gut, dann wünsche ich Ihnen ein...“ Marcs Pieper unterbrach die Verabschiedung. „...einen schönen Tag. Notaufnahme!“

Karo Offline

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19.02.2018 23:33
#113 RE: Story von Karo Zitat · antworten

PATIENTEN


Oktober 4.2 – Patientin Liebenburg


Schnell hatte Marc die Notaufnahme erreicht, wo Carsten Stern noch auf den angekündigten RTW wartete.
„Tut mir Leid, Doktor Meier, wenn ich Sie aus einer Besprechung geholt habe, aber Doktor Amsel ist noch im OP.“
„Herr Stern, dafür bin ich da!“
Der Rettungswagen kam die Zufahrt entlang. Ein gut bekanntes Gesicht stieg aus. „Doktor Meier? Lange nicht mehr an dieser Stelle gesehen!“
„Quatschen Sie nicht, Herr Tolkien, was haben wir hier?“
„Sturz von der Leiter. Frau Liebenburg ist ansprechbar, ihre Vitalwerte sind normal und stabil. Keine Anzeichen für innere Blutungen. Vermutlich nur Frakturen und Rupturen vom Bewegungsapparat. Schultereckgelenksprengung rechts und der rechte Arm ist in jedem Fall auch betroffen. Gegen die Schmerzen wurde Frau Liebenburg Tramal gegeben, sie hat eine Allergie gegen ASS.“

(„Liebenburg?“)

„Haben Sie Ihr gleichzeitig ein Antiemetikum gegeben?“ Der Assistenzarzt hatte aufmerksam zugehört.
„Nein.“ Gordon Tolkien sah erst den jungen Mann erstaunt an. Doktor Meier nickte anerkennend.
„Bringen Sie die Dame bitte in die eins. Herr Stern?“
„Labor mit Krea- und TSH-Wert und Röntgen, Sono, CT.“
„Hm. Und?“
„Frau Liebenburg hat Tramal bekommen, ich würde direkt etwas gegen Übelkeit und Erbrechen geben. MCP?“
„Ja, geben Sie das. Sehr gut.“

Die beiden Ärzte waren den Sanitätern in den Untersuchungsraum gefolgt. Diese hatten die Patientin nun auf die Untersuchungsliege umgebettet und wollten sich verabschieden.
„Wenn Sie nicht direkt wieder los müssen, gehen Sie auf meine Kosten in die Cafeteria. Sie sehen beide so aus, als könnten Sie zwischendurch mal eine Stärkung gebrauchen!“
Gordon Tolkien sah den Leitenden Oberarzt überrascht an. Doktor Meier war immer für eine Überraschung gut!

„Guten Tag Frau Liebenburg, mein Name ist Carsten Stern. Ich bin Assistenzarzt und werde Sie unter den wachsamen Augen von unserem Leitenden Oberarzt Doktor Meier untersuchen. Sie sind von der Leiter gestürzt?“

(„Er macht das wirklich gut!“)

„Ja, ich habe gerade die Gardinen wieder aufgehängt, als ein Vogel gegen das Fenster geflogen ist. Ich habe mich furchtbar erschrocken. Aber entschuldigen Sie – Doktor Meier? Doktor Marc Meier?“

(„Liebenburg! Klar! Die Frau von Professor Liebenburg. Na fabelhaft!“)

„Ja, Frau Liebenburg, Willkommen in unserem kleinen Elisabeth-Krankenhaus. Ich hoffe, es ist für Sie in Ordnung, dass ich hier anwesend bin?“

Carsten Stern sah erstaunt auf und auch die Patientin war überrascht. Soviel Courage hatte sie Doktor Meier definitiv nicht zugetraut. Ihr Lachen war freundlich: „Ja, natürlich. Unter anderen Umständen würde ich vielleicht auch sagen, dass ich erfreut bin, Sie wieder zu sehen. Nun sind Sie also hier Leitender Oberarzt geworden? Stimmt, ich habe darüber in der Zeitung gelesen.“
Sie lachte und Marc zog eine Grimasse, die sehr deutlich zeigte, dass er sich gerade nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte. Nun verlangte der Assistenzarzt jedoch die Aufmerksamkeit der Patientin. Gewissenhaft füllte er den Anamnesebogen aus, schickte Blut ins Labor und begleitete die Dame zum Röntgen. Der Oberarzt wartete geduldig.

Professor Liebenburg – das Fellowship in Washington, Gretchens Karriereambitionen. Marc musste lächeln. Gretchen konnte so verdammt gut sein, wenn sie wollte oder man ihren Ehrgeiz wecken konnte. Und dann dieses Missverständnis, dass er und Gretchen ein Kind hätten. Marc schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht. Das war im Juli gewesen. Er hatte Gretchen die Schuld an dieser Farce gegeben, aber das hatte er sich selbst eingebrockt. Hatte er sich jemals wirklich entschuldigt?
Statt in Washington oder im Nordstadtkrankenhaus war er dann in Afrika gelandet. Mit ihr. Der wunderbarsten aller Frauen! Schnell zückte er sein Handy und tippte eine SMS an seine Liebste. Er hatte das Handy gerade wieder verstaut, als eine Krankenschwester die Röntgenbilder brachte.
Das Offensichtlichste war das hochstehende Schlüsselbein, dazu hätte es allerdings das Bild nicht gebraucht. Das sogenannte Klaviertastenphänomen hatte man problemlos auch so sehen können.
Marc teilte die Vermutung der Rettungsassistenten, dass Frau Liebenburg keine inneren Verletzungen hatte. Die Rippen waren in Ordnung, dafür hatte der rechte Arm mehr abbekommen. Ein glatter Unterarmbruch und mehrere Brüche der rechten Hand. An einer OP würde Frau Liebenburg nicht vorbei kommen. Marc wählte die Nummer der Radiologie.
„Doktor Meier hier, ist Herr Stern noch mit Frau Liebenburg bei Ihnen?“ – „Gut, er soll auf mich warten, ich bin auch dem Weg.“
Marc eilte mit den Röntgenbildern in den ersten Stock, wo der Assistenzarzt gerade mit dem Kopf CT fertig geworden war. Er reagierte überrascht über das plötzliche Auftauchen von dem Oberarzt.
„Doktor Meier?“
„Ich habe hier die Röntgenbilder von Frau Liebenburg. Was sagen Sie?“
„Das Offensichtliche – das Klaviertastenphänomen der Clavicula. Glatte Fraktur von Ulna und Radius. Brüche von Os metacarpale II und III und von Phalanx proximalis II und III rechts. Frau Liebenburg hat Schmerzen im Bereich der Tabatière. Mit dieser Röntgenaufnahme würde ich einen Bruch eines oder mehrerer Handwurzelknochen nicht ausschließen. CT von der Hand?“
Marc nickte. „Welche Alternative gibt es?“
„Kernspin.“
„Ja, genau richtig. Aber ein CT wird reichen. Wie gehen wir weiter vor?“
„Die glatte Unterarmfraktur wird eingegipst. Schultereckgelenkssprengung mindestens Rockwood III, da ist noch ein Sono erforderlich, um Rupturen von Muskeln und/oder Sehnen erkennen zu können. Die Stellung der Clavicula deutet aber auf Zerreißungen hin, sodass wir von einer Operation ausgehen können.“
„Wie beurteilen Sie die CTs vom Schädel?“
„Meiner Meinung nach sind die unauffällig. Die Patientin hatte Glück und das große Hämatom ist rein äußerlich. Soll Frau Doktor Hassmann trotzdem nochmal einen Blick auf die Bilder werfen?“
Marc hatte die Bilder genau angesehen und war mit dem Assistenzarzt einer Meinung. „In jedem Fall, auch wenn ich das Schädel CT genau wie Sie deuten würde. – Hier sind auch schon die ersten Bilder der Hand. Herr Stern?“
„Wie vermutet eine Skaphoidfraktur, es sind aber keine weiteren Brüche der ossa carpi zu sehen. Es empfiehlt sich auch von der Hand ein Sono zu machen, um die Bänder und Sehnen anzusehen.“
„Gut, sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie die Ultraschallbilder haben? Ich werde schon mal den OP-Plan ansehen, ich möchte die Schulter von Frau Liebenburg morgen schon gerichtet wissen.“
„Werden Hand und Schulter dann in einer OP versorgt?“
„Ja, das macht am meisten Sinn. Bis gleich Herr Stern. Fragen Sie bitte bei Frau Liebenburg nach, ob das in Ihrem Sinne ist. Sie ist die Frau von Professor Liebenburg vom Nordstadtkrankenhaus.“
„Natürlich.“

Ute Liebenburg war hin- und her gerissen. Natürlich wäre es für jeden nachvollziehbar gewesen, wenn Sie auf einer Verlegung in das Krankenhaus ihres Mannes bestanden hätte. Andererseits fühlte sie sich hier sehr gut aufgehoben. In den Fluren des Krankenhauses war jetzt am Nachmittag viel los, doch niemand schien offensichtlich gestresst zu sein. Im Gegenteil, die Mitarbeiter pflegten einen sehr freundlichen Umgang, auch wenn man nicht miteinander sprach, man nickte sich zu und nahm Notiz von der anderen Person.
Sie war überrascht gewesen, als Doktor Meier plötzlich vor ihr gestanden hatte, doch der ging wirklich professionell mit dem Wiedersehen nach dieser peinlichen Geschichte mit der Tochter von Professor Haase um, die ja mittlerweile in Afrika arbeitete. Sie verfolgte die Berichte, die immer samstags über sie und die Krankenstation erschienen. Die Reportage war wirklich gut und informativ. Wenn Sie sich richtig erinnerte war immer noch ein Arzt des Elisabeth-Krankenhauses dort und – war Doktor Meier nicht auch da gewesen?

Egal. Sie wollte die Meinung ihres Mannes abwarten. Wenn sie sich für eine Behandlung in diesem Haus entschied, dann sollte ihr Mann wenigstens bei dem Arztgespräch dabei sein, er verstand einfach mehr davon.

Das Gespräch übernahm später Carsten Stern.
Professor Doktor med. Gustav Liebenburg hatte sich die Untersuchungsergebnisse genau angesehen und nichts gegen die Aufnahme seiner Gattin bei Professor Haase.
„Wir haben ja Chefarztbehandlung, stimmt´s Ute? Wo ist denn der Herr Kollege?“
„Der ist an der Ostsee.“
„Oh, da waren wir auch oft, nicht wahr Ute? Timmendorfer Strand, Rügen, Rostock, die Strände sind hervorragend für Familien mit Kindern.“
„Oder Enkelkindern. Das könnten wir mal wieder machen, Gustav. Urlaub mit den kleinen Rackern.“
„Ja, Ute, das machen wir. Sobald Du auf den Beinen bist, machen wir Urlaub an der Ostsee.“

Der Assistenzarzt war angesichts solcher Power überfordert. „Frau Liebenburg, ich komme später nochmal für das Arztgespräch wieder.“
„Ach, nicht doch. Wie soll ich denn meinem Mann erklären, was Sie genau vorhaben. Sie können sich mit ihm auf Augenhöhe unterhalten.“
„Wenn Sie meinen...“ Carsten Stern war wenig begeistert und seufzte stumm. Dann erklärte er, dass und wie sie beabsichtigten, beide Brüche zu richten. Er unterhielt sich mehr mit dem Professor anstatt mit der Ehefrau, doch am Ende schienen sich beide einig und mit ihrem positiven Lachen unterschrieb Ute Liebenburg die Papiere.
„Eine Frage hätte ich allerdings noch.“
„Bitte, Frau Liebenburg.“
„Doktor Stern, habe ich das richtig gelesen, dass Doktor Meier gerade in Afrika war?“ Zu ihrem Mann fuhr sie erklärend fort. „Er ist hier jetzt Leitender Oberarzt.“
„Ah ja.“ Professor Liebenburg hatte keine Ahnung, was seine Frau meinte.

„Herr Stern, bitte. Noch schreibe ich an meiner Dissertation. Ja, das ist richtig. Die Tochter von Professor Haase bleibt ein Jahr dort, momentan ist noch ein weiterer Arzt von uns vor Ort. Doktor Meier konnte die StaBe als Partner für die Mission gewinnen. Wir sammeln hier die Sachen, die dort benötigt oder verwendet werden. Der Redakteur ist ein Bekannter von Doktor Meier, sie haben sich zufällig in Burkina Faso getroffen.“
„Ist Doktor Meier nicht ein bisschen jung?“
„Das habe ich nicht zu beurteilen.“
„Das klingt nicht, als seien Sie unzufrieden.“
„Nein, ich arbeite gerne mit Doktor Meier zusammen.“
„Erinnerst Du Dich nicht an ihn, Gustav? Du wolltest ihm doch auch die Chirurgische Leitung geben, da war er Dir nicht zu jung.“
Dem grauhaarigen Mann stockte der Atem. „Der?“ Jetzt erst verstand der Professor.

„Ja, der.“ Marc war unbemerkt in das Krankenzimmer getreten, nachdem er im Stationszimmer auf seinen Assistenzarzt gewartet hatte. „Guten Tag Herr Professor.“
„Guten Tag, Doktor Meier.“
„Frau Liebenburg, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Alles bestens, Doktor Meier. Naja, bis auf das Geschirr.“ Sie lachte.
Marc sah, dass der Aufklärungsbogen unterschrieben war.

(„Gott sei Dank, sonst hätte ich den OP-Plan umsonst durcheinander gebracht.“)

„Gut, die OP ist für 14 Uhr vorgesehen, eventuell schon etwas früher, wenn der vorherige Patient mitspielt. Ich gehe davon aus, dass Herr Stern Sie gewissenhaft über alles aufgeklärt hat.“
„Aber ja. Nach dem Gespräch habe ich das mit links unterschrieben.“ Sie lachte und nickte auf die bandagierte rechte Hand.
„Ab 20 Uhr essen und trinken Sie bitte nichts mehr, stilles Wasser dürfen Sie bis Mitternacht trinken. Falls irgendetwas sein sollte, auf der anderen Seite Ihres Rufknopfes sitzt bis 22 Uhr Schwester Sabine und danach Schwester Renate. Nachtdienst hat ab 22 Uhr Doktor Stier. Guten Abend allerseits. - Herr Stern, ich bräuchte Sie gleich nochmal im Stationszimmer. “

„Doktor Meier?“ Professor Liebenburg sah ihn mit starrem Blick an. „Sagten Sie Doktor Stier? Unser Doktor Cedric Stier?“

„Ja, Herr Professor, den meine ich. Allerdings ist er unser Doktor Stier. Er war so nett, mich während meiner Afrika-Reise zu vertreten.“
„Der hatte doch Burn Out?“
„Hat er immer noch. Wir wollten ihn aber trotzdem. Er arbeitet, wie er kann. So sind alle glücklich.“ Marc lächelte.

(„Strike!“)

„Warum fragt er denn nicht als erstes bei uns? Er hatte doch eine gute Zeit am Nordstadtkrankenhaus, nicht wahr Ute? Es war doch gut.“

„Vielleicht wollte er auch einfach mal etwas anderes ausprobieren.“

(„Vielleicht ist ein Professor Haase einfach besser darin, die Wünsche seiner Angestellten zu respektieren!“)

("Und auch die Frau des Chefarztes einer anderen Klinik lässt sich hier operieren.")

Doppel-Strike!
Recht hast Du!


„Bis morgen Frau Liebenburg. Herr Professor.“

Der saß immer noch wie vom Donner gerührt auf dem Bett seiner Frau. Die wiederum verabschiedete Marc mit einem herzlichen Lachen. Der Chirurg zog die Tür hinter sich zu und hielt einen Moment inne.

(„Mitarbeiterwünsche respektieren. Mal sehen, ob Sabine sich wieder sitzend die Knochen verrenkt. Haha, Physiotherapie. Das passt!“)

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19.02.2018 23:41
#114 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.3 – Marc und Sabine


Er hatte Recht! Sabine saß so verdreht wie immer auf dem Bürostuhl und überarbeitete die Berichte, die die Lernschwester angefertigt hatte. Die erfahrene Krankenschwester war zufrieden, die Korrekturen fielen insgesamt sehr überschaubar aus.
„Sabine?“
Die blonde Frau zuckte zusammen. „Doktor Meier?“
„Ich wollte Sie nicht erschrecken, Sabine, Entschuldigung.“ Der Chirurg nahm auf dem zweiten Bürostuhl Platz. „Hm, die Tagesberichte?“
„Ja, Lorelei macht die seit ein paar Tagen alleine. Abends habe ich Zeit, drüber zu gucken.“
„Ich habe den Eindruck, dass sie gar nicht schlecht ist?“
„Ja, Gott sei Dank.“ Sabine grinste auf ihre spezielle Art. „Ich brauche kaum was nachzuarbeiten. Wenn ich da an die letzte Lernschwester auf der Chirurgie denke... ach, das heißt ja jetzt anders. Wegen Gleichstellung und so ’nem....“ Sabine unterbrach sich erschreckt. Dann suchte in ihrem Kopf nach der passenden Berufsbezeichnung.
„ ...so ´nem Scheiß?“ Doktor Meier half gerne aus.
„Warten Sie... Gesundheits- und Krankenpfleger/In.“ Die Krankenschwester wippte aufgeregt hin und her. „Ja! So heißt das jetzt.“
Marc grinste. „Solange Sie wissen, was Sie lernen wollen?“
Sabine lachte mit. „Ja, das kann ich mir gerade so merken.“
„Herr Ullstein hat eine Schule aufgetan, wo Sie eventuell in den laufenden Block einsteigen können. Die möchten Sie natürlich erst ein wenig testen und abfragen, ob Sie ohne die ersten Monate mithalten können. Allerdings wäre das zeitlich kaum mit einer Weiterbeschäftigung hier unter einen Hut zu bringen, da Sie zwischen den Blockunterricht Praxiszeit haben.
Die absolvieren Sie in den unterschiedlichen Vertragspraxen. Man wird sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen.“

„Oh – Danke, Doktor Meier! Ich würde Ihnen ja glatt um den Hals fallen, aber ich möchte mit Frau Doktor Haase keinen Ärger bekommen.“
Marc schnaubte. „Das hat Sie vor ein paar Wochen im Aufzug aber nicht abgehalten.“
„Da war ich zu sehr überrascht. Manchmal kann ich mich einfach nicht zurückhalten. So wie damals, als ich den Brief für Sie aufbewahren sollte und dann... ist es mir einfach so rausgerutscht.“
„Das vergesse ich Ihnen nie, Sabine! Ohne dass Sie sich verplappert hätten wäre Doktor Haase definitiv weg gewesen.“ Marc schwieg und war mit seinen Gedanken plötzlich weit weg – in Afrika.

„Möchten Sie Kaffee? Der ist eben erst frisch durchgelaufen.“ Sabine holte ihn unbarmherzig zurück in den Krankenhausalltag. Sie wartete seine Zustimmung gar nicht erst ab und so schnell, wie Sabine eine Tasse Kaffee vor ihn stellte, konnte der Chirurg nicht mal aufstehen. Er schaute perplex auf die normalerweise eher gemütliche Krankenschwester. Eine kurze Minute war es still, dann war wieder Sabine zu hören: „Wie geht es denn Ihrer Mutter?“

Das Grunzen ihres Chefs zeigte deutlich, dass sie gerade definitiv eine falsche Frage gestellt hatte. „Ich ziehe die Frage zurück, Entschuldigung, Doktor Meier.“
„Ehhh, ist schon gut. Aber da sie Ihnen den Bericht gegeben hat, sollte eher ich derjenige sein, der diese Frage stellt.“
„Waren Sie wirklich wegen Ihrer Mutter im Kittchen?“
„So ein Blödsinn. Vermutlich haben Nachbarn mich gesehen, wie ich nach dem Diktiergerät gesucht habe. Meine Mutter hatte außerdem vergessen Schmuck in den Tresor zu legen, was ich nachgeholt habe. In jedem Fall standen zwei schlecht gelaunte Polizisten vor dem Haus, als ich es verlassen wollte.“
„Aber Sie hatten einen Schlüssel?“
„Über das Dachfenster bin ich jedenfalls nicht eingestiegen.“
Im nächsten Augenblick betrat Carsten Stern das Stationszimmer. „Puh, gut, dass wir Frau Liebenburg morgen sediert auf dem Tisch haben.“
„Nehmen Sie sich einen Kaffee, Herr Stern. Wir unterhalten uns noch ein wenig über den Eingriff morgen. Sabine, wenn was ist, dann...“
„...piepe ich Sie an.“

„Bienchen piep einmal.“ Der Pathologe Doktor Gummersbach stand in der Tür.
Auf ihrem Gesicht erschien ein breites Honigkuchenpferdlächeln. „Piep!“ Sabine reagierte umgehend. Marc und der Assistenzarzt rollten mit den Augen und sahen zu, dass sie schnell weg kamen.

Karo Offline

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26.02.2018 18:15
#115 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 4.4 - Tagebuch 8


♥♥♥
Liebes Tagebuch,


unverhofft kommt oft – heute war es eine unverständliche SMS von Marc.

„Ich glaube ich habe mich bei Dir nie richtig entschuldigt. Vielleicht werde ich das nachholen - wenn ich Dir wieder in die Augen sehen kann.“

Meine Antwort war zwei Buchstaben kurz.

„Hä?“

Ich weiß natürlich nicht, ob er meine SMS bekommen hat – gefreut haben ihn diese persönlichen Zeilen sicherlich immens. Aber das ist egal, denn...

...unverhofft kommt oft...
Morgen fahren Christian, Jenny und ich nach Koudougou. Martin hat es geschafft, den Chefarzt Doktor Yves Inyesse zu überzeugen, der kleinen Schwester von Naiya ein Praktikum zu ermöglichen. Habiba ist fünfzehn, ich erspare mir ein „erst“, denn nach dem Willen ihres Vaters sollte sie bereits seit zwei Jahren verheiratet sein. Das Mädchen ist vor der Hochzeit mit einem 62jährigen Mann nach Sanssouci geflohen und natürlich fürchtet sie sich, diese Schutzzone zu verlassen. Sie ist eine unserer besten Schülerinnen, obwohl sie erst schreiben und lesen gelernt hat, seit sie hier ist. Ich habe sie als sehr zuverlässig und fleißig kennengelernt und nun hat Doktor Inyesse Martins stetigem Bitten nachgegeben. Habiba erledigt oft kleine Handgriffe und Hilfsarbeiten in der Krankenstation, dabei ist sie sehr wissbegierig. Das letztere betrifft mehr Roula, denn Habiba hat ständig eine Frage. Roula hat mir erzählt, dass sie ein ähnliches Buch führt wie ich, wo sie sich alles zu Pflanzen und ihren unterschiedlichen Wirkungen aufschreibt.
Ich freue mich für sie.

Koudougou ist sowas wie das medizinische Zentrum von Burkina Faso. Die Universität ist die einzige, an der man in diesem Land Medizin studieren kann, entsprechend „gut“ ausgestattet ist das dortige Krankenhaus. Leider haben Martin und Roula genug mit den Vorbereitungen für das Allerheiligenfest zu tun, deswegen fahren nur Christian, Jenny und ich.
Ich bin echt dankbar, dass sie mich bei solchen Gelegenheiten immer mitfahren lassen, damit ich auch etwas von Burkina Faso sehe. Mit Jenny ist es genauso. Sie soll für ihre freiwillige Arbeit schließlich auch etwas erleben. Schon allein ein geplatzter Reifen auf der löchrigen Schotterpiste ist ein Erlebnis... ich habe das jetzt schon zweimal erlebt und ich drücke ganz fest einen Daumen, dass uns das morgen nicht passiert.

Den zweiten Daumen drücke ich ganz fest für eine Telefonleitung. Ich möchte so gerne Marcs Stimme hören. Nicht lang – also doch, natürlich. So lange es geht aber es wäre toll, ihn überhaupt zu erreichen. Roula hat gelacht, dass ich mich bestimmt verplappern würde. Wegen der Schwangerschaft. Wenn es passiert, dann soll es so sein. Auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass es erstmal niemand wissen soll.
Nervig ist die Schwangerschaftsübelkeit, besonders habe ich ein Problem mit Gerüchen. Aber das kann ja sein. Vor allem bei Gretchen Haase, die sich gerne mal etwas anstellt.

Apropos anstellen... oder eben gerade auch nicht... ich hoffe, in Koudougou kann ich mal an ein Ultraschallgerät. Ich würde gerne einen Blick auf mein Kind werfen. Wie das klingt... in der 8. Woche ist es ungefähr 1 cm groß. Theoretisch müsste ich neben dem Herzschlag schon Kopf- und Rumpfform erkennen können, vielleicht bilden sich sogar schon Augen- und Ohrenanlagen.
Wenn ich erst hinterher mit Marc sprechen kann – wenn – dann wird Roula wohl Recht behalten und ich mich verplappern.



Liebes Tagebuch,
Dich werde ich jetzt schließen denn ich möchte noch ein wenig weiterschreiben. Briefe... Das Telefon ist ein vielleicht, aber es gibt garantiert eine Post. Ich habe schon einen langen Brief an Mama und Papa geschrieben, für den Brief an Marc musste ich erst etwas zur Ruhe kommen und mich sammeln. Dabei warst Du mir gerade eine große Hilfe.
Ich danke Dir dafür.

Bis bald.

Karo Offline

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26.02.2018 18:42
#116 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.5 – Ein Braten in der Röhre


Als ihn sein Kühlschrank mit eisiger Leere empfing erinnerte Marc sich an sein Vorhaben, sich besser um solch profane Dinge wie Einkaufen und Kochen zu kümmern. Prompt fiel ihm der Alptraum ein. Er war in der Notaufnahme des KatHo gelandet. Die Sticknaht von Sabine. Ohne Lokalanästhesie. Schlimmer noch – Gretchen war gegangen. Weil er nicht kochen konnte – oder wollte.
In der WG hatten sie ein Buch gehabt – Kochen für Studenten. Da hatten sie manch ein überraschend gutes Menu gezaubert. Cedric, Franky und er. Vor allem Franky. Es war nicht ein Sonntag vergangen, an dem er nicht irgendeinen Braten kredenzt hatte. „Es gibt nichts Leichteres als das. Fleisch, Ofen, Zeit und fertig.“

(„Also auf die Plätze – fertig – los. Wenns daneben geht weiß es ja keiner.“)

Marc warf vorsichtshalber einen Blick ins Internet. „Hier kocht der Mann“ war eine Plattform, wo Männer sich über ihre Kochversuche oder Kochkünste austauschten. Bei „Haxenhexer“ las er, welches Fleisch sich am besten eignete und welche Schritte man für einen guten Braten einhalten sollte.

(„Schwer scheint das wirklich nicht zu sein.“)

Der Supermarkt um die Ecke hatte noch geöffnet und bald trug Marc seine Beute die Treppen nach oben. Glücklicherweise verfügte das Geschäft auch über eine große Auswahl an Nonfood-Artikeln, diese Woche war sogar ein Bräter im Angebot gewesen.
Nun stand er da und betrachtete das Stück Fleisch. Es war wenig durchzogen, nur der Fettrand drumherum störte ihn. Doch gegen seinen Drang, das weiße Gewebe abzuschneiden ließ er es dran. Wie hatte es der Verkäufer ausgedrückt? „Das Stück hier ist doch sehr schön eingepackt, da wird es bestimmt nicht trocken.“

Eine halbe Stunde später war das Fleisch im Ofen. Mindestens eine Stunde, vielleicht sogar noch eine halbe mehr, so hatte Haxenhexer geschrieben. Obwohl er nicht damit rechnete, den Braten zu vergessen, stellte er sicherheitshalber sein Handy.
„Eine neue Nachricht“ meldete das Display. Marc seufzte. Diese SMS war bereits eine Woche alt und er hatte sie nicht lesen wollen. Sollte er oder sollte er nicht... sein Daumen nahm ihm die Entscheidung ab.

„Hallo Marc, ich fand unseren Abend sehr schön und es tut mir sehr leid, wie er geendet hat. Ich hoffe, dass es Dir gut geht und Euch wenigstens der Bericht weiterhilft. Elke“

(„Ob ihre Hand abgefault ist?“)


Er grinste. Wenn nicht im Krankenhaus aufgrund mangelnder Behandlung dann spätestens durch das Schreiben der SMS. Elke Fisher schrieb Bücher aber keine SMS. Vielleicht akzeptierte sie noch eine Mail, das war zwar ein modernes Kommunikationsmittel aber wenigstens konnte man sich einbilden, einen Brief zu schreiben. Mit richtigen Sätzen, nicht alles in 160 Zeichen gequetscht.

Marc hatte sich ein aktuelles Fachmagazin mit nach Hause genommen, doch er konnte sich nicht auf die Artikel aus der Chirurgenwelt konzentrieren. Immer wieder kam ihm der Abend im Café Goja in den Sinn. Seine Mutter hatte Recht – der Abend war für ihre Verhältnisse sogar sehr schön gewesen. Auch der Abstecher in die Fast Food Factory, in der sie tatsächlich ein vernünftiges Mutter-Sohn-Gespräch auf die Reihe bekommen hatten.
Ihm fiel Familie van Steen ein. Stella, die sich den ganzen Abend irgendwie verdrückte, der Vater, der sie in verantwortungsvoller Position sehen wollte und die Mutter, die seit jeher versuchte, ihre Tochter zu schützen aber immer mehr zwischen den beiden zerquetscht wurde.

Auch seine Mutter hatte immer versucht, ihn irgendwie zu schützen. Dieser Gedanke kam Marc nicht zum ersten Mal. Sie hätte ihn sogar nach Rügen gelassen, um ihn fernab der Nähe ihres Ehemannes zu wissen. Auch wenn sie selbst das alleinige Opfer gewesen wäre.

(„Alles gelogen! Sie wollte mich nie gehen lassen!“)

Doch dazu war es nicht mehr gekommen. Seine Großeltern hatten spontan abgesagt. Er hatte das nie geglaubt. Auch wenn sie seine Briefe nicht mehr beantwortet hatten, da war diese eine Karte gewesen. Drei Tage vor Ferienbeginn.

Viele Grüße von der Ostsee!
Wir können es kaum erwarten. Nur noch wenige Tage und Du bist wieder bei uns. Opa hat die Fahrräder bereits startklar gemacht und auch Dein Bett ist schon bezogen. Wir werden pünktlich am Bahnhof sein.
Oma und Opa


Seit gut einer Woche wusste er nun, dass sie geschrieben hatten. In den Briefen las er von ihrer Sorge, warum er nicht mehr antworten würde. Was ihm wohl zugestoßen sei. Dann die Frage, warum er plötzlich nicht die Ferien bei ihnen verbringen wollte. Er wusste auch, dass seine Briefe die Großeltern nie erreicht hatten. Sie hatten all die Jahre in Elkes Schreibtisch geruht.

Marc hatte sich erst nicht an die Post herangetraut, doch mittlerweile hatte er die Briefe gelesen. Die Umschläge waren geöffnet, Elke musste sie ihrerseits gelesen haben.

(„Ich will sie nie wieder sehen!“)

Er hatte seine Großeltern nie wieder gesehen. Es musste sie ebenso gequält haben, dass er nicht mehr schrieb wie umgekehrt. Sie wussten nicht, was aus ihm geworden war. Ob sie überhaupt noch lebten?

Marc überlegte. Seine Mutter war 50 Jahre alt, danach wäre seine Oma jetzt 78, der Opa 82. Es konnte also gut möglich sein, dass sie noch lebten. Ob sie mittlerweile Frieden gefunden hatten oder fraßen sich ihre Fragen noch immer durch ihre Innereien?

So wie Mehdi nicht mehr er selbst war. Marc vermutete, dass der Verlust und sie Sorgen um Lilly in ihm rumorten. Und so hatte er seinen Anwalt gebeten, die Detektei Wurm zu beauftragen, nach Mehdis verschwundener Frau und der Tochter zu suchen. Er wusste, wie sich Lilly gerade fühlte, sie und Mehdi hatten sich im Leben neu eingerichtet, als Anna...

(„Diese dumme Gans. Erst fährt sie gegen einen Baum und dann nimmt sie ihm das Kind... dabei hat er wegen ihr schon genug durch gemacht.“)

Du hast sie ihm vorgestellt!
Dich trifft keine Schuld, schließlich war Mehdi erwachsen.
Ein dummer Romantiker auf der Suche nach der ewigen Liebe.
Niemand verdient, sowas durchzumachen.


Ihm war furchtbar elend zu Mute. Seine Großeltern waren die nettesten Menschen seiner Kindheit gewesen. Bestimmt hatten sie sich damals gefühlt, wie es heute Mehdi tat.

(„Dem geht es so schlecht, dass er selbst mit dieser Schlange...“)

Sie hatten es nicht verdient, im Unklaren zu leben. Nicht Mehdi, nicht Lilly und nicht seine Großeltern.

Und Du?
Na Meier? Kochen und heulen? Du solltest Dir nur eine einzige Frage stellen: Deine persönliche Gretchen-Frage: Will ich ein Mann sein oder ein Waschlappen?
Keine Frage: Gretchen hätte den Mut, dieser Frage nachzugehen.
Ob Mann oder Waschlappen?
Ob sie leben und ob sie an Dich denken.
Wozu? Wissen bringt nicht weiter, wie Du siehst. Vorher ging es Dir besser. Als Du dachtest, dass sie Schuld wären.
Die Fragen, die Dich jetzt seit einer Woche quälen, stellen sie sich vermutlich schon seit zwanzig Jahren.
Vermutlich. Wenn sie nicht schon tot sind.
Das ist eine Fifty-fifty-Chance.
Es gibt andere spannende Hochrechnungen. Zum Beispiel, wie hoch Dich eine Stella van Steen gebracht hätte.
Fängt das wieder an.
Das wäre schön, wenn da was anfinge. Blondchen ist in Afrika, das Telefonnetz ist kaputt, ist doch prima: Du könntest nicht mal per SMS mit ihr Schluss machen.
Das macht man nicht. Es gibt Dinge, die muss man persönlich sagen.
Zum Beispiel?
Würdest Du per SMS erfahren wollen, dass Du Vater wirst?
Ich möchte überhaupt nicht erfahren, dass hier irgendwer Vater wird. Kommst Du jetzt darauf, weil da ein Braten in der Röhre ist?

(„Der Braten!“)


Marc entwand sich der Macht des Zwiegesprächs. Wo war sein Handy? Wie lange befand sich der Braten jetzt im Ofen? In dem Moment klingelte etwas und Marc brauchte einige Augenblicke, um zu verstehen, dass es sein normales Telefon war.

(„Bitte nicht das Krankenhaus!“)

„Meier?“
„Das habe ich gehofft.“

Schweigen.

„Marc? Baobab?“
„Gretchen?“ Er stotterte. „Bist Du das wirklich?“
„Überraschung. Ich bin spontan in Koudougou und hier gibt es tatsächlich ein funktionierendes Telefonnetz.“
„Gretchen... es ist schön Dich zu hören.“
„Geht es Dir gut Marc?“
„Den Umständen entsprechend... erzähl mir lieber von Dir!“

(„Umstände... andere Umstände vielleicht... Oh Gott, Gretchen, hör auf. Sonst hat Roula Recht bevor Du „piep“ gedacht hast!“)

„Ich hatte so viel, was ich Dir erzählen wollte, aber jetzt ist mein Gehirn leer.“
Marc lachte. „Das ist doch kein unbekannter Zustand?“
„Hör auf so frech zu sein. Sonst lege ich auf!“
„Nein! Nein! Nein! Alles, nur das nicht! Was machst Du in Koudougou?“
„Wir liefern Habiba im Krankenhaus ab. Martin hat ihr hier ein Praktikum verschafft, sie möchte gerne Krankenschwester werden. Es ist erstaunlich, was man so Krankenhaus nennt...“
„Das glaube ich gerne. Habiba? War das die kleine Schwester von Naiya?“
„Ja genau. Wie geht es Papa?“
„Er ist in der Reha an der Ostsee.“

(„Ostsee...“)

„Ich habe einmal mit ihm telefoniert, da klang er sehr frisch. Sie haben aber direkt schon die Reha verlängert. Natürlich gegen seinen Willen.“
„Das ist klar.“ Gretchen lachte. „Wie hat die StaBe das denn geregelt, dass er solange weg kann? Ist dieser eine Typ immer noch da?“
„Nein, nur an zwei Tagen in der Woche. Es gibt einen Leitenden Oberarzt.“
„Das was Papa nie wollte.“
„Er hat sich arrangiert.“
„Niemals.“
„Gretchen, er hatte keine andere Wahl.“
„Er würde die Klinik nie einem Fremden überlassen.“
„Es ist kein Fremder.“
„Hä?“ Dann fiel der Groschen. „Du?“
„Warum nicht die Hassmann?“
„Pfff... was soll er denn mit der? Nein, Marc... Dich würde er akzeptieren. Er vertraut Dir und er traut Dir vor allem eine Menge zu. Und er schätzt Deine Ehrlichkeit – da sind Papa und ich uns uneingeschränkt ähnlich!“ Sie lachte. „Stimmt es? Du darfst auf das Elisabeth-Krankenhaus aufpassen?“
„Ja.“ Er musste angesichts ihrer drolligen Ausdrucksweise lachen.
„Was ist das?“
Das Handy signalisierte Marc, dass es Zeit war, einmal nach dem Fleisch zu sehen.
„Mein Alarm. Ich habe einen Braten in der Röhre. Äh... ich meine einen Schweinebraten im Ofen!“

(„Mein lieber Marc, wenn dann habe ich Deinen Braten in der... NEIN! Gretchen! Stopp!!!“)

„Du kochst?“ Ihre Stimme klang so, wie er es nicht besser wünschen konnte.
„Warum denn nicht?“ Er grinste. Damit wäre sein Alptraum wohl schon mal passé... wegen mangelhafter Küchendienste würde sie ihn nicht verlassen. „Das haben wir früher in der WG jeden Sonntag gemacht.“
„Cedric, Mehdi und Du? Dann hat Mehdi gekocht und ihr habt schlau dabei gesessen. Wenn überhaupt. Vermutlich habt ihr nur genutznießt. Heißt das so? Oder Nutzen genossen?“ Sie lachte übermütig. „Genossen in jedem Fall. Ich weiß, dass Mehdi sehr gut kochen kann.“

(„Okay! Ich werde kochen! Ich werde sehr gut kochen!!!“)

„Wie geht es dem Frauenversteher?“
„Gut. Er vermisst Gigi nicht ein kleines Fitzelchen. Du kannst stolz auf ihn sein.“
„Schön, das freut mich. Aber musstest Du sie unbedingt zu Deinen Eltern schicken?“
„Wo hätte sie denn sonst hinsollen?“
„Pfff... irgendwo. Keine Ahnung.“
„Du weißt nicht, was sie jetzt vorhat?“
„Dein Vater hat sie eingestellt. Hat quasi meine Oberarztstelle bekommen.“
„Oh... Marc das ist...“
„...befristet bis Februar, aber das haben die anderen auch.“
„Was für andere?“
„Wir haben grünes Licht für zwei weitere Chirurgen bekommen. Die erhalten allerdings erst nur befristete Probeverträge bis Rössel in Rente geht und bis man weiß, wie es mit dem KatHo aussieht. Dass das wieder geöffnet hat, ist bei Dir angekommen?“
„Nein... wie auch...“
„Deswegen ist es gerade etwas schwierig. Aber Thilo hat die ersten Artikel veröffentlicht und der Keller wird schnell voller. Fritz versucht gerade einen größeren Container aufzutreiben.“
„Wirklich? Das ist toll, Marc!“
„Bedankt euch bei der StaBe. Die misten jetzt gerade ihre Krankenhäuser aus.“ Er lachte. „Gretchen, ich danke Dir für die beiden Briefe. Das Karambazeug werde ich frühestens anrühren, wenn Mehdi wieder da ist.“
„Also... wirklich? Du hast gekotzt? Kann das sein, dass Du Alkohol nicht so gut verträgst?“
„Kann das sein, dass ich wegen meinem Job nie die Möglichkeit habe zu trinken? Ich muss ja sehen, dass alles läuft.“
„Da mache ich mir jetzt nicht so die Sorgen.“
„Hasenzahn...“ Er hatte ihre feine Spitze sehr wohl vernommen.
„Was gibt es denn sonst an Klatsch und Tratsch?“

(„Außer, dass Gretchen Haase von Marc Meier schwanger ist...“)

„Die Hassmann isst Muffins mit Ketchup.“
„Ich meinte eigentlich eher sowas wie verliebt, verlo... nein!??“
„Man munkelt. Gesagt hat sie noch nichts. Und ich glaube, Deine blonde Freundin vögelt mit Cedric.“
„Aha. Und oh... naja, er lässt halt auch nichts anbrennen.“
„Auch?“
„Ach komm, Du bist nun mal kein Kind von Traurigkeit.“
„Ist das eine Unterstellung oder ein Irrtum im Tempus?“
„Was? Ach so... Du bist aber kleinlich. Nun gut – hör zu, ich korrigiere: Du hast ja auch nichts anbrennen lassen.“
„Besser. Aber ich sollte jetzt doch mal nach dem Braten gucken, sonst brennt der gleich an.“
„Dann war ich doch richtig im Tempus.“ Ihre Stimme klang triumphierend und er konnte förmlich ihre Augen vor Freude sprühen sehen.
„Ich vermisse Dich, Prinzessin.“
„Ich Dich auch, Marc. Baobab.“
„Die Briefe waren wunderschön. Ich lese sie oft.“
„Aha...?“
„Was heißt das jetzt?“
„Ich würde mich auch durchaus über...“
„Ich??? Briefe schreiben?“

Gretchen lachte, sie konnte sich sein entsetztes Gesicht sehr gut vorstellen. Dann überraschte er sie. „Weißt Du wie lange es her ist, dass ich Briefe geschrieben habe?

(„20 Jahre!“)

„Du könntest wieder anfangen.“
„Ich weiß doch gar nicht, ob sie noch leben...“ Marc war in Gedanken beim Briefwechsel mit den Großeltern. Dann stockte er. „Äh... sorry, falsch gedacht.“
„Mich würde das jetzt aber schon interessieren?“
Marc seufzte tief. Aus dieser Nummer würde er nicht heraus kommen, es sei denn die Leitung wäre plötzlich tot.

(„Nein, lieber rede ich!“)

„Ich habe vor 20 Jahren mit meinen Großeltern geschrieben, beziehungsweise mit meiner Oma. Da war ich als Kind oft in den Ferien.“
„Und warum weißt Du nicht, was mit ihnen ist?“
„Das ist eine lange Geschichte Gretchen. Ich werde sie Dir irgendwann erzählen, in Ordnung?“
„Ich vergesse das nicht, Marc Meier!“
„Das weiß ich.“
„Ich würde wissen wollen, was aus ihnen geworden ist.“
„Auch das weiß ich. Also, dass Du das wissen wolltest.“
„Marc, die Telefonkarte ist gleich leer. Es war sehr schön, Deine Stimme zu hören.“
„Das finde ich auch. Du fehlst mir ganz fruchtbar, Prinzessin. Das ist ein Gefühl, das ich überhaupt nicht mag.“
„Das mag niemand, Marc. Auch ich vermisse Dich sehr. Aber ich denke immer, dass ich mir so sicher bin, dass Du mir etwas bedeutest.“
„Etwas?“
„Naja, vielleicht ein bisschen mehr. Weil Du kochen kannst. Ich bin gespannt, welche verborgenen Talente noch in Dir schlummern!“

(„Vielleicht ein Vatertalent?“)

„Dann komm her und find es raus.“
„Du und Deine Talente laufen mir ja nicht weg. Irgendwann, Marc, wenn ich wieder zurück bin.“

(„Wer weiß ob, wann und wie – alleine oder zu zweit!“)

„Ich hasse es, zu warten. Aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“
„Ich bin gerne hier, Marc!“
Er lachte. „Ich weiß das und ich mag, was Du tust. Es passt zu Dir. Nur das macht es mir erträglich.“
„Danke Marc.“
„Nein, Gretchen, ich danke Dir. Dafür dass Du mehr an mich glaubst als jeder andere Mensch. Vor allem ich selbst.“
„Noch ein Punkt, in dem ich mit Papa übereinstimme. Bestell allen ganz herzliche und sonnige Grüße, ja?“
„Allen? Das dauert ja Jahre...“
„Dann hast Du weniger Zeit mich zu vermissen.“
„Ich liebe Dich, Gretchen!“

Sie konnte nicht mehr antworten, das Guthaben der Telefonkarte war aufgebraucht. Sie hatte nicht damit gerechnet, so lange mit ihm sprechen zu können. Marc klang müde und irgendwie traurig. Sie fasste einen Entschluss: „Gretchen Haase. Du wirst es ihm sagen. Wenn Du sicher über die 15. Woche hinaus bist, dann wirst Du ihn anrufen. Ich hoffe, dass noch einige versteckte Talente in ihm schlummern – Vater werden zum Beispiel.“

(„Und er kann kochen!“)

Ihr Herz hüpfte aufgeregt.

Karo Offline

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07.03.2018 21:54
#117 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 4.6 - Liebe kennt der allein, der ohne Hoffnung liebt.


Ein paar Stunden später sah sie ein weiteres Herz kräftig schlagen. Doktor Inyesse hatte ihr natürlich erlaubt, das Ultraschallgerät zu benutzen. Als Gretchen die schwammigen schwarz-weißen Strukturen sah, brach sie vor Freude in Tränen aus. Und vor Angst.

Am liebsten hätte sie Hunderte von Bildern gedruckt, doch sie beschränkte sich auf drei. Jedoch versuchte sie mehrfach mit ihrer Handykamera ein Bild vom Monitor zu machen. Bis sie halbwegs zufrieden war benötigte sie unzählige Versuche. Man musste sich schon Mühe geben, wenn man halbwegs eine Form erkennen wollte. Auch wenn das Gefühl der Angst in ihrem Magen rumorte, ihr Herz war voll Freude.

(„Mein Kind. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“)

Von diesem Moment an schien Gretchen noch mehr als sonst zu strahlen, das Lächeln auf ihren Lippen war mal mehr, mal weniger ausgeprägt, aber es erlosch nicht mehr.

(„Gretchen, freu Dich nicht zu sehr – das Erwachen kann sehr böse sein.“)

***
Zurück in Sanssouci hatte sie wenig Gelegenheit, sich weiter über das ungeborene Leben Gedanken zu machen, denn die vorhandenen lebenden Kinder bereiteten ihr genug Schwierigkeiten. Einer der neuen Schüler hatte die Masern mitgebracht und Gretchen kam in einen ersten Gewissenskonflikt. Natürlich war sie gegen Masern geimpft doch trotzdem hatte sie Bedenken, dass sie sich anstecken könnte. Trotz alledem: Das Lächeln blieb.

„Seit wann stellst Du Dich so an, wenn es um Nächstenliebe geht?“ Mehdi war es irgendwann Leid, der Weisungsempfänger zu sein, wo Gretchen nicht allzu beschäftigt schien.
„Danke für Deine Hilfe.“
„Ich habe nichts dagegen, Dir zu helfen, aber wenn ich Dich dran erinnern darf – das hier ist Dein Job.“
„Du bist doch freiwillig hier?“
„Darum geht es nicht.“
„Worum denn?“
„Um Dich.“
„Um mich?“
„Du bist so gar nicht Gretchen im Moment. Normalerweise würdest Du Dir für diese Kinder ein Bein ausreißen. Momentan reißt Du mir eher meins aus. Oder sogar alle beide.“
„Masern ist eine der Krankheiten, die ich wirklich fürchte. Genau wie Windpocken.“
„Das sind Kinderkrankheiten. Außerdem solltest Du als Ärztin geimpft sein?“
„Ja, Mehdi. Das bin ich natürlich. Impfmuffel und Ärztin, das würde nicht zusammenpassen.“
„Gretchen und Delegieren passt auch nicht.“
„Ich hatte einen guten Lehrer.“ Der Gedanke an Marc jagte erneut ein frisches Strahlen auf ihr Gesicht.
„Hör auf, ständig so blöd zu grinsen.“ Mehdi wurde böse.
„Ich grinse also blöd. Hast Du vor Koudougou nicht noch gesagt, dass Afrika mich noch schöner macht, weil es mich noch mehr strahlen lässt?“ Dieser Kommentar hatte ihr Sorgen bereitet, da sie nicht einschätzen konnte, ob Mehdi nicht doch noch Gefühle für sie hatte, wovon Roula überzeugt war.

„Was interessiert mich heute mein Geschwätz von gestern.“
„Pah, wenn Du schon zu solch abgedroschenen Sätzen greifen musst, eine ganze Menge.“
„Was soll das heißen?“
„Denk was Du willst.“

Mehdi atmete schwer ein und aus. „Das ist das Problem, Gretchen. Ich denke immerzu an Dich.“ Er sagte es sehr leise, fast ein wenig verzweifelt. „Ich bin nur wegen Dir hier. Ohne Dich wäre ich niemals in diesen verfluchten Flieger gestiegen.“

(„Roula hatte verdammt Recht!“)

„Und das mit Gigi?“ Sie sah Mehdi mit großen, fragenden und strahlenden Augen an.

„Ach... ich dachte, es würde mich von Marc und Dir ablenken. Weißt Du, Gretchen, ich sehe Dich gerne glücklich. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so von innen heraus strahlen kann. Leider bin ich nicht derjenige, der dieses Strahlen auslöst. So wie Du Marc ansiehst, hast Du mich nie angesehen. Nicht mal in der kurzen Zeit, als wir zusammen waren.“
„Nicht ich habe das beendet.“
„Ich weiß das.“ Er schrie sie an und schleuderte einen herumliegenden Bandagenwickel gegen die Wand. „Ich bereue es jeden Tag. Vor allem seit...“ Mehdi schwieg und Gretchen befürchtete, dass er jeden Moment in Tränen ausbrechen würde.

(„Seit Anna und Lilly weg sind?“)

„Seit...?“

Mehdi übersprang diesen Gedanken. „Du, Lilly und ich, das wäre perfekt gewesen. Und noch ganz viele Gretchen und Mehdis.“ Er sah Gretchen aufrichtig an. „Ich glaube, es gäbe keine bessere Mutter als Dich. Bestimmt wärst Du auch die schönste Schwangere, die die Welt je gesehen hat.“ Die Bilder, die gerade vor seinem geistigen Auge abliefen, zauberten ein verklärtes Lächeln auf sein Gesicht.
„Glaubst Du, das wäre gut gegangen, mit uns beiden?“ Gretchens Mimik drückte Zweifel aus.
„Glaubst Du nicht, dass ich Dich nicht glücklich machen könnte? Gretchen, ich würde Dich auf Händen tragen. Stattdessen Marc. Seine einzige Beziehung, wenn man es so ausdrücken kann, die führt er mit seiner Karriere. Aber mit einer Frau? Pfff... selbst eine Nina musste nach drei Jahren feststellen, dass er sich nie ändern wird.“
„Man muss mich nicht tragen, ich kann laufen.“
„Ich weiß.“
„Ich zweifle auch nicht daran, dass Marc mich glücklich machen kann. Ich mag ihn so, wie er ist. Er war immer so.“
„Ja, aber ihr habt so unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Er ist ein Arbeitstier. Sein Job ist ihm heilig. Du dagegen? Du bist der familienbezogene Mensch. Selbst wenn er irgendwann bereit wäre, Dir ein paar Kinder zu verpassen, dann...“
„Mir ein paar Kinder zu verpassen? Spinnst Du?“
„...dann würde er Dir alles überlassen.“
„Dann sag mir doch mal bitte, was daran falsch ist?“
„Hallo Gretchen, ist da oben jemand zu Hause? Wir schreiben eine Jahreszahl jenseits der 2000. In Marcs Weltbild hat sich das noch nicht verändert.“
„Was?“
„Dass Mann und Frau gleichberechtigte Eltern sind.“
„Warum glaubst Du nicht, dass Marc ein guter Vater sein könnte?“
„Du erinnerst Dich an Gabis Schwangerschaft?“
„Das Kind war nicht von ihm.“
„Das kam ja erst hinterher raus. Anfangs musste er davon ausgehen, dass es von ihm ist.“
„Mehdi... ich denke, dass er mit Recht und Gewissheit von einem Kuckuckskind ausgehen konnte... und es spricht nicht für Gabi... Marc nimmt das mit der Verhütung sehr ernst und in die eigene Hand. Niemals würde es gelingen, ihm alte oder kaputte Kondome unterzujubeln. Er verwendet nur seine eigenen.“
„Immer? Wozu das denn?“
„Gerade Du solltest eigentlich wissen, dass es noch andere Sachen gibt, die man sich einfangen kann. Ich glaube, eine Schwangerschaft ist da noch eins der kleineren Übel.“
„Für Marc?“
„Erstmal für eine Frau. Aber mal eine Frage, die ich schon öfter im Kopf hatte. Ist die Pille bei diesen Temperaturen überhaupt zuverlässig?“
„Seit wann nimmst Du wieder die Pille?“
„Ich habe zuerst gefragt!“
„Lässt Du sie in der Sonne liegen?“
„Oh Mehdi. Hier ist es überall warm und feucht. Ja, ich weiß, die Blister sollen unbeschädigt sein aber ist sie hier genauso sicher wie bei uns? Oder verwendet man hier andere Wirkstoffe?“
„Warum willst Du das denn wissen?“
„Nur so. Ist eigentlich egal...“
„Wieso???“

(„Weil ich schwanger bin.“)

„Ach... ur so... Marc ist ja weit weg.“ Die Macht des Gedachten war stärker als die des Gesagten und so zeigte sich wieder ein bisschen mehr Glanz in ihren blauen Augen.
„Gretchen...?“
„Was denn Mehdi?“
„Warum habe ich das Gefühl, dass Du mir etwas verschweigst?“
„Was meinst Du?“
„Genau das. Marc ist weit weg. Aber Du wirkst zufriedener denn je. Bist Du sicher, dass man Marc nicht überrumpeln kann?“

(„Oh nein...“)

„Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber warum sollte es ausgerechnet mir gelingen? Pfff... ich käme nicht mal auf so eine Idee.“
„Du hättest in Koudougou einen Schwangerschaftstest kaufen sollen.“

WOFÜR?“ Gretchen war allmählich von Mehdis Anspielungen genervt.

(„Vorsicht, Gretchen, sonst verplapperst Du Dich.“)

„Um zu wissen, ob Du schwanger bist.“

„Ich weiß, dass ich schwanger bin!“

BÄM!

(„Gretchen, Du Rindvieh!“)

„WAS?“ Mehdi sah sie mit offenem Mund entsetzt an. „Bitte?“

„Danke. Du Arsch, das ist meine Sache!“
„Gretchen, das kann nicht sein – das darf nicht sein...“ Mehdis Augen füllten sich mit Tränen. „Dann ist alles vorbei.“
„Das ist es schon lange, Mehdi. Tut mir Leid. Ich liebe Marc. So wie er ist und nicht anders. Egal, was er zu diesem Kind sagt.“
„Also weiß er es nicht?“
„Nein. Erst, wenn ich sicher bin.“
„Hm, dann werde ich mal den Deppen vom Dienst spielen und mich um die Masern kümmern.“ Er nahm die Medikamente für die erkrankten Kinder. In der Tür drehte er sich nochmal nach Gretchen um. Sie erwartete ein Kind – ausgerechnet von Marc. Damit war alles aus. Aus. Und. Vorbei. Ihm fiel ein Zitat von Friedrich Schiller ein:

Liebe kennt der allein, der ohne Hoffnung liebt.

Karo Offline

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07.03.2018 22:04
#118 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 4.7 – Mehdis Welt


Die Kinder waren versorgt und Mehdi wusste nicht so Recht, ob er Jenny mit den kleinen Patienten alleine lassen konnte.

„Die feine Dame macht sich natürlich aus dem Staub. – Wie sieht das hier überhaupt aus?“
„Sie wollte zu Roula, weil uns das Desinfektionsmittel ausgeht.“ Die Rothaarige grinste. Es war allgemein bekannt, dass Roula die grausigen Destillate ihres Ehemannes in die Krankenstation brachte. „Das lässt Du am besten so liegen...“
„Soweit käme es auch noch, dass ich Gretchen auch noch den Arsch nach räume.“

Jenny beobachtete den Gynäkologen, wie seine Blicke über die Pflanzenzeichnungen wanderten. Plötzlich schob er die Blätter auseinander.

„Mehdi... lass das lieber. Gretchen wird böse, wenn man ihr das durcheinander bringt.“

Doch der dunkelhaarige Mann reagierte nicht. Er starrte auf ein kleineres Bild, das definitiv nicht gezeichnet war.

„Mehdi...Du kannst nicht einfach...“

Doch Mehdi konnte. Wortlos nahm er das Foto und verließ lächelnd die Krankenstation.

***
Er wusste nicht genau, was er machen sollte. In seinem Organismus sorgten gerade alle verfügbaren Botenstoffe für die Lahmlegung jeglicher rationaler Überlegungen. In ihm tanzten die Glückshormone Tango, die Schmetterlinge leuchteten in den buntesten Farben, das Lächeln auf seinen Lippen breitete sich aus und legte einen freudestrahlenden Glanz in seine braunen Augen.

Er wollte seine Freude teilen. Am liebsten natürlich mit Gretchen.

„Ich hab´s!“
Mehdi sprang vom Bett auf und begann, geschäftig hin und her zu laufen. Gretchen würde sich sehr freuen!

Natürlich irrte Mehdi.

***
Gretchen und Roula waren bei Martin im Büro als sie im oberen Stockwerk ein anhaltendes Hin und Her wahrnahmen. „Was ist denn da los?“

Gemeinsam wollten sie nachsehen, ob alles in Ordnung war.
„Was ist denn hier los?“ Gretchen fand als erste die Sprache wieder.

„Nein, jetzt ist meine schöne Überraschung kaputt.“ Mit ausgestreckten Armen versuchte Mehdi seine Aktivitäten zu verstecken.

„Ich bin in der Tat überrascht. Was machst Du hier – noch dazu mit meinen Sachen?“
„Gretchen! Was wohl? Natürlich ziehen wir jetzt zusammen!“

(„Äh...“)

„Muss ich das jetzt verstehen?“
„Du musst Dich nur freuen, Gretchen. So wie ich mich freue.“

(„Hat der was getrunken?“)

„Ich verstehe gerade gar nichts. Mehdi, hörst Du mal bitte auf, meine Sachen in Dein Zimmer zu tragen?“
„Aber Schatz...“

„Schatz?“
„Schatz?“
„Schatz?“

Das dreifache Echo enthielt deutliche Fragezeichen. Mehdi unterbrach seine Aktion und nahm Gretchen fest in seine Arme. „Unser Kind braucht doch ein Zimmer!“

„Unser Kind?“
„Euer Kind?“
„Euer Kind?“

(„Scheiße...! Scheißescheißescheiße!“)

„Äh, Mehdi... wie kommst Du da drauf?“

Er ließ die blonde Ärztin los und holte das Ultraschallbild hervor. „Das hier ist doch eindeutig. Mindestens 12. Woche – das ist unser Kind. Das waren keine Magenprobleme, Gretchen. Das war unser Kind. Und wenn wir jetzt...“
„Stopp!“ Gretchen unterbrach den vor Freude strahlenden Mann. Doch der war nicht so leicht zu stoppen.

„Wir haben keine Zeit für „stopp“. Wir müssen uns überlegen, ob wir mit dem Kind hierbleiben oder nicht, wir sollten auch überlegen, ob wir heiraten... Mist.“ Er blickte angewidert auf seine rechte Hand. Nur mit größter Mühe konnte er den Ehering abziehen. Die Pause nutzte Gretchen.
„Mehdi... solche Überlegungen...“
„Keine Sorge, das regle ich schnellstens.“ Er drückte dem perplexen Pfarrer den Ring in die Hand. „Den schenke ich Dir, das ist 24 Karat Gold.“ Wieder zog er Gretchen in seine Arme. „Du machst mich glücklich, Gretchen. Wir bekommen ein Kind!“

Seine Arme fühlten sich wie Eisenringe an. Immer fester zogen sie sich um ihren Brustkorb, nahmen ihr die Luft zum Atmen. „Mehdi...?“
„Es wird alles gut. Wir bekommen ein Kind.“

„Ich bekomme ein Kind, Mehdi.“ Ihre Stimme klang fest und überzeugt. Innerlich tanzte sie auf einem Drahtseil.

(„Ist der wahnsinnig?“)

„Das Bild zeigt eindeutig, dass es nicht von Marc ist!“ Er lockerte den Griff um ihre Brust und sie nutzte den gewonnen Raum, um ihre Arme zwischen sich und den Männerkörper zu falten.
„Das weiß ich auch.“
„Na dann ist ja alles klar.“
„Das scheint mir nicht so...“
„Geht Dir das zu schnell?“ Er ließ sie los. „Ich kann auch alles wieder zurück räumen, wenn Du noch etwas Zeit brauchst. Klar – Du willst das erst mit Marc regeln? Bestell ihm liebe Grüße – diesmal war ich schneller!“ Lachend begann er, Gretchens Sachen wieder zurück in ihr Schlafzimmer zu räumen.

Gretchen erinnerte sich an die Zeit, als Anna mit Lilly abgehauen war. Mehdi hatte unter extremen Stimmungsschwankungen gelitten und irgendwelche Medikamente genommen. Genauso war Mehdi gerade drauf.

„Danke, Mehdi.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln.

(„Lügnerin!“)

Dann schob sie Roula und Martin in Richtung Treppe.

(„Er ist wahnsinnig!“)

Karo Offline

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11.03.2018 16:15
#119 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 4.8 - Tagebuch 9

♥♥♥
Liebes Tagebuch,

ich befinde mich in einem Alptraum. Nicht nur, dass Mehdi der Vater meines Kindes ist – das allein ist schlimm genug – er weiß es jetzt auch. Und damit auch alle anderen, die in Sanssouci leben. Roula und Martin waren ja dabei, als er voll (vor)kindlichem Tatendrang anfing, uns zusammenzuziehen.
Gott sei Dank konnte ich das abwenden.

Aber nachdem Mehdi Domenic von unserem Kind erzählt hat, weiß es nun jeder. Und ich bin eine Schlampe. Komme mit Marc an und lasse mich von Mehdi schwängern. Unverheiratet. Wen wundert es, dass nun immer wieder „Patienten“ in der Krankenstation stehen, die „Probleme in der Leistengegend“ haben.

Am liebsten würde ich eine afrikanische Vollversammlung einberufen und alle über die Umstände aufklären. Mehdi hat Gretchen abgefüllt um ihr ein Kind zu machen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch über genau den Abend mit Gina. Sie war überzeugt davon, dass Mehdi von Anfang an diese Absicht hatte.

***
„Aber Gina, das ist doch nicht Mehdi.“
„Aber Gretchen“ – Sie hatte mich tatsächlich nachgeäfft – „Doch. Genau das ist Mehdi. Er hat Dich abgefüllt um Dich ins Bett zu kriegen.“
„Er hat aber doch auch getrunken.“
„Aber wohldosiert. Du hast doch selbst gesagt, dass er überhaupt keinen Kater hatte.“
„Ich kann nicht glauben, dass Mehdi so berechnend sein soll.“
„Gretchen...“
„Wahrscheinlich hat er auch nur mit mir geschlafen, weil er was getrunken hatte. Ohne den Alkohol wäre ich ja auch nie mit ihm im Bett gelandet.“
„Genau da kannst Du sehen, dass er nicht so arg betrunken war. Richtig besoffene Männer kriegen in der Regel keinen mehr hoch.“
„Aber...“
„Bei uns Frauen wirkt Alkohol enthemmend, das heißt, unsereins ist mit Alkohol williger. Bei Männern wirkt das ab einer gewissen Menge eher gegenteilig. Glaub was Du willst – hinter Mehdis wohltätigem Dasein als Freund steckte die reine Absicht, Dich ins Bett zu kriegen.“
„Und was wollte er damit bezwecken?“
„Gretchen und One Night Stands? Eher nicht. Also war die Chance groß, dass eine Beziehung daraus werden konnte.“
„Ihm war es schon eine Genugtuung, Marc davon zu erzählen.“

Ich habe Gina erzählt, dass ich gefesselt und peinlichst entstellt von Doktor Gummersbach in der Patho gefunden wurde, von der Wette mit Doktor Stier und dem Fellowship in Washington. Schließlich auch die Geschichte mit Monikas Baby.

***
Ich hätte Marc doch direkt am Telefon erzählen sollen, dass ich schwanger bin. Zu spät. Ich sitze nun hier in Afrika und kann nichts tun. Außer... selbst nach Hause fahren.
Vielleicht ist das das einzig Richtige. Der Moment kommt eh, früher oder später. Nein, eigentlich war ich immer von Später ausgegangen.

Und warum Marc mit einer Schwangerschaft durcheinander bringen, wenn ich es eh verliere. Nun ist später zwar früher, da ich schon in der 12. Woche bin. Noch drei – vier Wochen, dann habe ich das Zweifeln hoffentlich überstanden. Verrückt machen werde ich mich eh. Und andere (Marc) gleich mit...

Ob Mehdi mir dazu etwas sagen kann? Warum ich dreimal trotz Pille schwanger geworden bin und jedes Mal eine Fehlgeburt hatte.
Das wäre in diesem Fall die einfachste Möglichkeit.

Pfui, Gretchen! So feige bist Du nicht!

Ich hätte es mir anders gewünscht. Ein Kind von und mit Marc wäre schon eine Herausforderung gewesen. Aber jetzt? Ein Kind von Mehdi mit Marc. Wirklich mit Marc?

In jedem Fall ist eine Variante ausgeschlossen: Mit Mehdi.
Zwar ist es sein Kind, aber entweder ich bekomme es mit Marc oder alleine.

Im Moment ist es mein Kind!

Ich will es haben!

Wenigstens ein klarer Gedanke.
Bis bald.

Karo Offline

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21.03.2018 11:42
#120 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 4.9 – Der letzte Streit


Gretchen war wütend. Gerade hatte Martin ihr gesagt, dass Mehdi in Kürze nach Berlin fliegen würde. Einerseits verspürte sie Erleichterung, denn Mehdi nervte sie. Ständig musste sie auf der Hut sein, denn nicht selten nahm er sie einfach in die Arme. Mehrfach hatte er versucht, sie zu küssen. Er nannte sie Schatz und fasste so oft es ging an ihren Bauch. Zweimal hatte er sie nachts besucht und sich an sie gedrückt. „Ich möchte bei euch sein.“

***
Wenigstens hatte sie ihn nach den Fehlgeburten fragen können. Da kannte er sich aus. „Einige der Paare, die mit Kinderwunsch zu uns kommen, passen genetisch nicht zusammen. Da können wir dann auch nichts machen. Die Natur spricht da schon noch ein Wörtchen mit.“
„Aber wenn ihr die Natur mit der künstlichen Befruchtung austrickst, was ist dann mit den Kindern?“
„Die Natur regelt das. Deswegen werden wir nie auf 100 Prozent kommen. Im Gegenteil! Künstliche Befruchtung ist da gut, wo es körperliche Schranken gibt. Aber wir passen zusammen, das habe ich von Anfang an gewusst!“ Er hatte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange gedrückt.
„Mehdi...!“

***
Die Ärztin fand den Kollegen im Versammlungshaus. „Mehdi Kaan, ich habe ein Hühnchen mit Dir zu rupfen!“
„Rupf ein anderes, Gretchen Haase. Zum Beispiel diese stinkende Emma. Die schleppt Dir nur Krankheiten rein.“
„Du hast nicht mal den Arsch in der Hose, mir persönlich zu sagen, dass Du abreist?“
„Was regst Du Dich denn auf? Ich komme doch wieder. Als freier Mann.“
„Das ist das Problem, Mehdi... ich will Dich nicht! Nicht als Mann und auch nicht als Vater meines Kindes. Ich bin immer noch mit Marc zusammen.“

(„Wie auch immer...“)

„Pfff...“ Mehdi lachte. „Bis er erfährt, dass seine Freundin von seinem Freund ein Kind erwartet.“
„Das lass meine Sorge sein.“
„Du und mein Kind, ihr seid meine Sorge!“
„Es mag von Dir sein, aber es ist in erster Linie mal mein Kind. Alles andere wird sich finden.“
„Das sehe ich anders. Wir haben dieses Kind gemacht, Gretchen. Auch wenn es nur eine Nacht war, sie war voller Gefühle und Lie...“
„Alkohol.“
„Das bisschen Wein.“
„Ja, Mehdi, Du weniger, ich mehr. Ich befürchte fast, es war Absicht.“
„Natürlich. Ich will für Dich da sein, für Dich sorgen. Für Dich und unser Kind. Und alle, die da noch kommen!“
Sie schüttelte ihren blonden Lockenkopf. „Dieses Kind ist Zufall. Es wird keine weiteren geben!“
„Du wirst sehen, wie schön das ist. Als Familie.“
„Das fand Anna sicherlich auch.“ Gretchen wusste, dass sie jetzt gemein wurde.
„Anna... sie wusste mich eben nicht zu schätzen. Ich war gut genug, ihr und dem Balg ein Dach über dem Kopf zu geben und die Teller zu füllen.“
„Wie redest Du denn von Deinem Kind?“
„Sie ist ein Bastard, Gretchen. Ihre Mutter war eine Hure und ist sie vermutlich noch.“ Er lachte dreckig. „Eigentlich sollte ich Dich und unser Kind Marc überlassen. Ausgleichende Gerechtigkeit würde ich das nennen.“ Er schüttelte sich vor Lachen. „Aber dazu liebe ich Dich viel zu sehr, als dass ich Dich und unser Kleines diesem... diesem... Mistkerl überlasse!“

„Was meinst Du mit ausgleichender Gerechtigkeit?“
„Marc ist Lillys Vater. Anna hatte wohl gewusst, dass Marc kein Bock auf Familie haben würde. Ich war halt der dumme Trottel...“
„Mehdi...“ Gretchen war blass geworden. „Das glaube ich nicht...“
„Habe ich auch lange nicht gesehen – sehen wollen. Erst hier ist mir das klar geworden!“
„Aha.“

(„Wie kann man sich nur der Art etwas vormachen?“)

(„Gut, ich bin Gretchen Haase, ich kann das auch.“)

(„Aber so?“)


„Was „aha“? Glaubst Du mir etwa nicht?“
„Mehdi, ich glaube, dass Du momentan sehr unter Stress stehst. Du solltest nach Hause gehen und den Rest Deines Urlaubs nutzen, um zur Ruhe zu kommen. Vielleicht wäre psychologische Hilfe nicht das Schlechteste. Dein Problem sitzt ganz schön tief, wenn Du jetzt sogar schon Lilly die Schuld gibst.“
„Wenn, dann hat Marc Schuld. Er ist ein schlechter Mensch, Gretchen. Er hat Dich nicht verdient. Und Du ihn auch nicht.“
„Wenn Du das so siehst, ist das schade, denn Du weißt selbst, dass Du Dir da gehörig was vormachst. Ich verstehe nicht, was in Deinem Kopf gerade falsch läuft, aber Du bist nicht der Mehdi, den ich kenne.
Ich habe sogar fast noch Verständnis für Dich. Ich weiß sehr genau, wie sich das anfühlt. Aber ich habe Dir nie etwas vorgemacht. Meine Gefühle damals für Dich waren ehrlich. Als Du Dich für Deine Frau entschieden hast musste ich das akzeptieren. Aber wir waren trotzdem immer Freunde. Dein Verhalten jetzt ist einfach nur kindisch.“

Der Halbperser fing wieder an zu strahlen. „Richtig Gretchen. Wir bekommen ein Kind.“

„Du willst es nicht verstehen, oder? Ich bekomme ein Kind!“

Das Strahlen verschwand und Mehdi blickte Gretchen hasserfüllt an. „Dann sollte es Dir umso mehr egal sein, wenn ich verschwinde. Vielleicht komme ich einfach nicht wieder und überlasse Dich Deinem Schicksal und den Wilden hier.“
„Du weißt, dass es mir nicht egal ist.“
„Warum? Weil ich nicht springe wie Du befiehlst?“
„Es ist wohl eher andersherum.“
„Ach, wer hat sich denn um die kranken Kinder gekümmert?“
„Das meine ich nicht. Dafür bin ich Dir sehr dankbar, Mehdi. Das meine ich ehrlich und aufrichtig. Aber Du bist mir hierhin gefolgt. Freiwillig. Es war Deine Entscheidung, in den Flieger zu steigen. Das kannst Du mir nicht übelnehmen. Ich habe Dir nie Hoffnungen gemacht, Dir nie etwas versprochen. Wenn Du auf mich sauer sein willst, dann musst Du Dir einen vernünftigen Grund suchen. Alles, was Du von Afrika erhofft oder vielleicht erwartet hast, das entstammt Deiner eigenen Vorstellung, Deinem eigenen Wunschdenken. Gib mir nicht die Schuld an Deiner Enttäuschung.“
„Da machst Du es Dir ja wieder reichlich einfach, nicht?“
„Dass ich noch versuche, mit Dir zu reden? Weißt Du was, Mehdi Kaan? Das ist der Unterschied zwischen Marc und Dir. Er mag eine Diva sein, aber er ist ehrlich. Anderen aber besonders auch sich selbst gegenüber.“

„Marc. Marc. Marc. Ich kann es nicht mehr hören.“

„Musst Du ja bald nicht mehr. Auch wenn Du es nicht glauben kannst oder willst: Ich wünsche Dir alles Gute, Mehdi Kaan. Für Deine Heimreise und Dein weiteres Leben.“

Er wollte noch etwas erwidern, doch als er aufsah hatte sich Gretchen bereits umgedreht. Die goldenen Haare wippten im Takt ihres energischen Schritts, der auf ihre Wut zurückzuführen war. Sie konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten und beeilte sich, von ihm weg zu kommen. Das wollte sie ihm nicht gönnen – niemals sollte er erfahren, dass sie um ihn weinte. Für Gretchen war die Freundschaft mit Mehdi Kaan beendet.

Karo Offline

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21.03.2018 12:02
#121 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.10 – Mehdi ist zurück


Doktor Mehdi Kaan hatte versucht, diesen einen Gedanken solange wie es irgendwie ging zu ignorieren. Doch nun musste der Wahrheit ins Auge sehen und sich seinem Problem stellen:
Er war obdachlos!
Er zweifelte daran, dass die Oberschwester ihm wieder gestatten würde, ins Schwesternwohnheim zu ziehen, aber eigentlich wollte er das auch gar nicht. Ein Hotel kam finanziell nicht in Frage, zumindest nicht, wenn er sich etwas suchen musste – Vermieter verlangten Kaution und Immobilienmakler – daran brauchte er eh erstmal nicht zu denken.

Den Mercedes hatte er vor Afrika verkauft – und sich wider Erwarten gut gefühlt. Ohne Besitz und ohne Sorgen war er ins Flugzeug gestiegen. Sanssouci. Nie im Leben hätte er gedacht, dass plötzlich Marc auftauchen würde. Er musste Gretchen insgeheim Recht geben, dass seine Erwartungen von Afrika andere gewesen waren. Natürlich hatte er früher einmal darüber nachgedacht, als Arzt ins Ausland zu gehen, doch eher hatte er immer mit dem Iran geliebäugelt. Dem Land seiner Familie.

Nun war es Afrika geworden. Nicht wegen Afrika, sondern wegen einer Frau. Er hatte unbedingt eine neue Chance gewollt, seinem Leben eine andere Richtung zu geben.

Seine früheren Pläne, ins Ausland zu gehen waren in dem Moment vergessen, als Anna plötzlich in sein Leben getreten war. Dann kam Lilly und er war anders wunschlos glücklich. Sollte er Anna am Ende noch dankbar sein? Dass sie ihm diese Auslandserfahrung ermöglicht hatte, indem sie mit dem Kind fortgelaufen war?

Mit Marcs Kind. Egal was er machte, Marc war immer der Schnellere oder Bessere. Beim Joggen, beim Squash, bei Anna. Nun war endlich er an der Reihe: Bei Gretchen war er schneller gewesen!

Dankbarkeit für Anna würde er wohl weniger aufbringen, aber vielleicht konnte er so seinen Groll und diese innere Wut abmildern?
Diese negative Macht in ihm galt jedoch nicht seiner Frau. Nicht mehr. Anna war ihm sogar relativ egal. Und Lilly? Eigentlich wollte er sie wieder haben. Sie konnte ja nichts dafür. Lilly, Gretchen und das Ungeborene. Irgendwie wären sie schon eine Art Patchworkfamilie gewesen. Egal – denn mit Gretchen wäre es perfekt gewesen.

Doch sie wollte ihn nicht. Das hatte er verstanden.

Marc. Dieser Name allein sorgte schon für einen Anstieg des Blutdrucks. Mittlerweile hasste er diesen Menschen. Doch er musste seine Gefühle unterdrücken, denn erstmal brauchte er ihn.
Sein Kollege war bereits seit ein paar Wochen wieder zu Hause und er hoffte, dass Marc ihn bei sich wohnen lassen würde.

Mehdi sah auf die Uhr, hoffentlich war Marc an diesem verregneten Nachmittag im Dienst.
(„Wo soll er sonst sein? – Außer auf einer Frau?“)
Beruhigte er seine Nerven. Sein Blick wanderte die Eingangsfassade hoch, dann wieder runter. Neue Schilder – mit neuen Namen. An einem Schild mit fetten Buchstaben blieb er hängen:

Professor Doktor med. Franz Haase, Chefarzt
Doktor med. Marc Meier, Leitender Oberarzt



(„Das Glück scheißt immer auf den dicksten Haufen.“)

Sein Blutdruck stieg in einen pathologischen Bereich. Andererseits hätte er damit rechnen müssen. Zwischen dem Professor und Marc hatte es schon immer eine besondere Beziehung gegeben, nicht erst seit Marc mit Gretchen zusammen war.

Mehdi hatte wohlwollend mitbekommen, dass es zwischen Gretchen und Marc still geworden war. Gezwungenermaßen. 6000 Kilometer überwand man eben nicht einfach so. Schon gar nicht, wenn man Gretchen Haase war und ein Kind von einem anderen erwartete. Vom Freund des Freundes.

***
„Wie lange möchtest Du noch da stehen und das Schild anstarren?“ Marc beobachtete den Rückkehrer schon mindestens fünf Minuten lang. Er lachte, als Mehdi völlig erschreckt zusammenzuckte. „Willkommen zurück im nasskalten Berlin. Ich sehe, Dein Weg führt Dich direkt hierhin?“ Der Chirurg nickte auf den Koffer des Gynäkologen.

(„Wo soll er auch sonst hin?“)

Mehdi war es unangenehm, dass Marc ihn wohl direkt durchschaut hatte und versuchte abzulenken. „Du bist also aufgestiegen? Gratuliere. Aber wer auch sonst – wenn er schon jemanden neben sich dulden muss.“ Der Halbperser kannte den Chefarzt ebenso gut.
Marc grinste und deutete ins Foyer. „Komm aus diesem Mistwetter raus. Seit ein paar Tagen ist es wieder richtig fies und herbstlich.“
„Du meinst, ich hätte mir den Flug sparen sollen?“
„Gescheiter wäre es wohl.“

(„Nein. Endlich ist er weg von Gretchen!“)

Der Gynäkologe wollte in den gewohnten Gang zum Stationszimmer einbiegen, doch Marc lenkte ihn in einen anderen Teil des Krankenhauses.

Doktor med. Marc Meier
Leitender Oberarzt

Facharzt für
Allgemeinchirurgie
Unfallchirurgie und Orthopädie


„Nettes Türschild.“ Mehdi grinste und nickte anerkennend, aber seine Stimme verriet ihn. „Ich wusste gar nicht, dass Du zwei Facharztprüfungen abgelegt hast?“

(„Du weißt vieles nicht!“)

„Ehrlichgesagt, heute frage ich mich, wie ich das fast gleichzeitig durchziehen konnte, aber vermutlich hatte ich keine Freunde.“ Auch Marc grinste, als er sich selbst veräppelte. „Und keine Hobbies außer gelegentlich mal ein Squashstündchen.“

(„Und Sex!“)

„Und Sex!“ Am Grinsen des anderen erkannten sie, dass sie das Gleiche gedacht hatten. Die Männer betraten das Büro und Mehdi sah sich erstmal so unauffällig wie möglich um. Es hingen einige Bilder von Gretchen, aber er fand keins von Marc und Gretchen.

„Bist Du jetzt enttäuscht?“ Marc war Mehdis prüfender Blick nicht entgangen.
Mehdi fühlte sich ertappt. „Ja, sorry, es hätte mich aber auch gewundert...
„Wie auch immer Du das jetzt meinst.“
„Wie meinst Du das denn jetzt?“
Marc konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Mehdi durch die Bumsnummer mit der Brillenschlange seine Gefühle für Gretchen verloren hätte. Zumal er ja die letzten Wochen mit ihr alleine in Sanssouci gewesen war. Gigi war Ablenkung gewesen, aber Mehdi war eben Mehdi. Der hatte gerade die bunten Decken entdeckt.

„Oh, die kenne ich. Darin haben wir...“
(Nee, Du plauderst es nicht direkt aus... das musst Du genießen!“)

„Bitte?“

(„Also doch...?“)

(„Dann war Gretchens Frage nach ihren Decken wohl einfach nur Ablenkung?“)


Da hast Du´s. Du hast sie nicht mal in Deinem Büro rum gekriegt und der vögelt sie im kalten Krankenhauskeller...

„Dieses indische Design ist so romantisch und vor allem diese vollen, warmen Farben... da ging es wirklich heiß her...“ Mehdi fuhr zärtlich über die weichen Kissen, sein Blick war geradezu verklärt.

„Das ist dann wohl der sogenannte „Stoff aus dem die Träume sind“ – Deine zumindest. Du kannst das Zeug gerne haben, ich habe ja die Frau.“ Marc hatte keine Lust, näher auf das Thema einzugehen und in Mehdi begann es sofort zu brodeln. Doch bevor die beiden weiter sprechen konnten wurde Marc in die Notaufnahme gerufen.

„Mehdi, ich habe die Woche Spätdienst. Ich schätze Du kannst eine Couch gebrauchen?“ Er fischte seinen Hausschlüssel aus seiner Manteltasche. „Decken hast Du ja schon.“ Er zwinkerte dem Rückkehrer zu. „Ich bin frühestens gegen 23 Uhr da. Im Kleiderschrank oben rechts findest Du Bettzeug, also falls Dir Bollywood doch nicht so zusagt. Der Kühlschrank ist nicht ganz leer. Mach Dir einen schönen Abend – ich muss runter. Ach so – Bollywood-Videos kommen mir nicht ins Haus!“
„Danke, Arsch!“
„Gerne – Schatz. Bis dann!“ In der Tür drehte Marc sich nochmal um. „Schreibtisch.“
Damit war Marc durch die Tür und Mehdi stand überrumpelt und verständnislos im Büro des Freundes.
„Schreibtisch?“

Mehdi setzte sich auf den bequemen Chefsessel und sah geradewegs in ein Paar blaue Augen. Sie strahlten ihn an. Oder wohl eher den Fotografen. Es gab mal eine kurze Zeit, da hatte sie ihn so angestrahlt. Das hatte er sich selbst versaut, was nichts daran änderte, dass diese Frau nach wie vor seine Traumfrau war. Er betrachtete das Bild eine Weile. Die blonde Ärztin hatte ein figurbetontes Sommerkleid an. Wann war Gretchen so schlank gewesen? Das Kleid hatte sie nur bei Marcs Abschiedsfeier getragen. Sie hatte in den vergangenen Wochen schon etwas zugelegt.

„Sie bekommt mein Kind, Du karrieregeiles Arschloch. Diesmal bin ich an der Reihe!“

Der Gynäkologe erhob sich wieder, packte seine Sachen und verließ das Büro. Bevor er jedoch zur Wohnung fuhr, wollte er wenigstens „Guten Tag“ sagen und so führte ihn sein Weg ins Stationszimmer der Chirurgie, wo Schwester Sabine ihn freundlich begrüßte, als sei es das Normalste der Welt.

Dann plötzlich sprang sie auf. „Doktor Kaan, Sie sind auch wieder da! Wann sind Sie denn zurückgekommen?“

„Heute, Sabine, um nicht genau zu sein – eben gerade. Wie geht es Ihnen, Sabine? Als ich abgereist bin waren Sie ja noch krank.“
„Danke, Doktor Kaan. Ich kann mich nicht beschweren. Alles ist zu irgendetwas gut und mein Leben hat sich sehr zum Positiven verändert. Wie geht es Ihnen, Herr Doktor und was macht denn die Frau Doktor?“
„Mir ist gerade sehr kalt, Sabine, ich bin müde und bin froh, wenn ich gleich endlich zuhause bin. Hm, naja. Zumindest irgendwo angekommen bin. Doktor Haase ist bestimmt in der Krankenstation beschäftigt. Ihr geht es sehr gut, sie ist goldrichtig dort.“
„Das habe ich mir gedacht. Eine Ärztin ohne Profilneurose. Helfen und Gutes tun ist die Devise.“
„Ja das stimmt.“ Mehdi lachte. „Und da hat sie einiges zu tun, dort.“
„Sie haben doch bestimmt Fotos? Ich möchte so gerne wissen, wie es dort aussieht. Doktor Meier ist da nicht die beste Informationsquelle und zum Zeitunglesen fehlt mir meistens die Zeit.“
„Sie lassen mir ein bisschen Zeit, anzukommen und ich werde sehen, womit ich Sie glücklich machen kann, Sabine. In der Zwischenzeit nehmen Sie vielleicht einen Brief?“
„Gut, Doktor Kaan! Hand drauf!“ Sie hielt dem Oberarzt die Hand hin und Mehdi schlug lachend ein. „Nur – warum wollen Sie mir denn einen Brief schreiben, Doktor Kaan?“

Er grunzte und beeilte sich in die Gyn zu kommen. Dort sprang die nächste Krankenschwester überrascht auf. „Doktor Kaan?“
„Jetzt sagen Sie bloß, Sie erkennen mich nicht.“ Mehdis persischer Einschlag hatte sich durchgesetzt und seine Haut war in der Tat sehr dunkel geworden. „Gabi, Gabi, was soll ich davon nur halten?“

„Mehdi, Du bist schon zurück?!“

Der Angesprochene fuhr herum. „Sarah! Lass Dich umarmen! Wie geht es Dir? Oder sollte ich euch beide fragen?“ Mit einem Blick zu der Krankenschwester. „Entschuldigung, natürlich Sie drei!“
„Du hast Deinen Koffer noch in der Hand und kommst als erstes ins Krankenhaus? Du bist ja verrückt. Ich wäre froh, wenn ich nach so einer Reise schnellstmöglich zu Hause wäre. Ich nehme an, wir sprechen uns die Tage? Eine Patientin wartet. – Schwester Gabi?“
„Ja, Doktor Hundt, ich bin sofort da!“ Sie wartete, bis die Ärztin außer Hörweite war. „Wo werden Sie bleiben, Doktor Kaan? Die Zimmer im Wohnheim sind mit den neuen Pflegeschülern belegt.“
„Keine Sorge, Gabi. Ich werde bei Doktor Meier unterkommen.“ Zur Bestätigung klimperte er mit dem Wohnungsschlüssel. „Aber danke der Nachfrage. Ist mit ihr alles gut?“ Er nickte in die Richtung, in die seine Kollegin verschwunden war.
„Ja, Doktor Kaan. Wir haben uns zusammengerauft, was anfangs nicht so leicht war. Sie ist sehr forsch. Das legt sich allerdings gerade mit zunehmendem Bäuchlein. Trotzdem sollte ich...“ Ihr Kopf zeigte in die Richtung, in die die Gynäkologin verschwunden war.
„Ja klar. Bis die Tage mal, Schwester Gabi.“
„Tschüss, Doktor Kaan!“

Damit stand Doktor med. Mehdi Kaan überlegend auf dem Flur seiner Station. Vermutlich würde Gretchen auch mit wachsendem Bauch ruhiger werden. Am Ende war sie doch froh, wenn er für sie da wäre.

Vielleicht könnte sie dann diesen Streit vergessen? Mehdi war enttäuscht gewesen dass Gretchen sich nicht weiter um seine Abreise gekümmert hatte. Roula hatte ihm zwei Briefe in die Hand gedrückt. Gleichzeitig, da war er sicher, hatte diese schwarze Hexe ihn verflucht, um sicher zu gehen, dass er die Briefe abgeben würde. Er hatte ihren Blick gesehen, die afrikanischen Worte vernommen. Verstanden hatte er sie natürlich nicht, aber die Situation war eindeutig gewesen. Vermutlich hätte es dieser Drohung aber eh nicht bedurft, denn die Briefe waren harmlos, je einer für die Eltern und für Sabine, die bald Geburtstag haben würde.

Er seufzte und verließ wenige Minuten später das Krankenhaus.

Karo Offline

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26.03.2018 22:29
#122 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 4.11 – Mehdi bei Marc


Vor ein paar Stunden war er ins nass-kalte Novemberdeutschland zurückgekommen, er hatte definitiv eine lange Reise in den steifen Knochen und nun saß er hier in einer fremden Wohnung und wusste nichts mit sich anzufangen.
Er war allein. Sowie Gretchen. Oder besser gesagt, sie war jetzt auf sich selbst gestellt. So wie sie es geplant hatte.
Allein war man in Sanssouci eigentlich nie. Das hatte ihm gefallen.
Hier und jetzt traf ihn die komplette Härte seines Daseins. Er hatte nichts! Außer den Sachen im Koffer und ein paar Kisten, die im Keller seiner Eltern standen. Erinnerungen an Anna und Lilly, vor allem Lilly. Seine Halsschlagader schwoll sichtbar an.

Erst hatte er in Erwägung gezogen, sich ein paar Tage bei seinen Eltern einzuquartieren, aber tatsächlich war Marc die bessere Lösung. Er war gespannt, wie es dem Mistkerl in den letzten Wochen ergangen war. Ob er irgendwo Hinweise finden würde? Das wäre perfekt. Marc machte einfach da weiter, wo er vor Afrika aufgehört hatte und er kehrte als freier Mann zurück zu Gretchen. Sie würde ihn schon nehmen, wenn sie verstanden hatte, dass Marc andere Frauen vögelte.

Er war in Marcs Wohnung – alleine – und sah sich um. War das Marcs Werk oder hatte er eine Putzfrau? Marc war nie der Typ gewesen, der sein Bett machte, geschweige denn mit einer Tagesdecke überzog. Aber sein Freund war auch nie der Typ gewesen, der Fotos aufstellte, besonders nicht von Frauen. Deswegen war er überrascht, als er tatsächlich auf dem Nachttisch ein Foto von Gretchen stehen sah.
Was hatte der Kollege gesagt? Im Kleiderschrank oben links wäre Bettzeug. Vielleicht noch etwas früh, aber wer weiß, ob er später mehr Lust dazu hatte?

Später saß Mehdi auf der Designercouch, die deutlich unbequemer aussah, als sie war und zappte durch das Vorabend-TV-Programm. Ferngesehen hatte er nun gut drei Monate nicht mehr, es interessierte ihn auch nicht. Er schaltete es wieder aus. Sein Blick wanderte durch das Wohnzimmer und blieb an einer Ecke hängen. Noch ein Foto? Er stand auf und betrachtete das Bild.
Marc und Gretchen aneinander gekuschelt in der bunten Hängematte. Das Bild musste blind entstanden sein, denn sie blickten sich tief in die Augen. Marc lächelte. Gretchen strahlte.

(„Scheiß Hängematte!“)
(„Kaan, raff es endlich, sie ist vom Markt.“)


Nach 18 Uhr meldete er sich bei seinen Eltern zurück und für den nächsten Tag an. Die Eltern freuten sich sehr, dass ihr Sohn wohlbehalten zurückgekommen war. Die Mutter versprach, sämtliche Lieblingsspeisen auf den Tisch zu bringen.

(„Essen wäre auch keine schlechte Idee.“)

Mehdi merkte auf einmal, dass er ordentlich Hunger hatte. Er öffnete den Kühlschrank. Noch eine Überraschung.

(„Nicht ganz leer.“)

Der Kühlschrank war voll, es fehlte an nichts. Neugierig öffnete er die abgedeckten Schälchen. Seit wann konnte Marc kochen? Er fand gekochte Spaghetti mit Bolognesesauce und vorbereiteten Salat.
Sein Blick blieb an einem Nutellaglas hängen. Das war doch bestimmt nicht von ihm? Marc und Nutella? Vermutlich war es ein Überbleibsel von Gretchen, als sie ihre Abreise um zwei Tage verschoben hatte. Damit war eigentlich alles aus gewesen. Marc hatte sie doch gekriegt und das bloß, weil Sabine sich verquatscht hatte. Es wäre so perfekt gewesen, er und Gretchen in Afrika. Warum war dann eigentlich Gina aufgetaucht? Und hatte er wirklich mit einer Frau geschlafen, die ihn nicht im Geringsten interessierte? Wem hatte er was vormachen wollen. Gretchen? Marc?
Oder sich selbst? Gina hatte ebenso wenig Interesse an ihm gehabt, sie hatten sich arrangiert.
(„Ficken und fertig!“)

(„Jetzt benutzt Du schon seine Sprache! Kaan, sieh Dich vor.“)

(„Obwohl... Gretchen scheint es zu mögen!“)


Er inspizierte jeden Küchenwinkel, jeden Schrank und jede Schublade. Im Gefrierschrank gab es etwas noch mehr zu finden – vor allem überraschten ihn die beschrifteten Gefrierdosen „Schweinebraten“.
Mehdi war neugierig und taute sich ein Päckchen auf. Spaghetti Bolognese und Schweinebraten – eine seltsame Mischung aber es schmeckte ihm ausgezeichnet.

Hinterher streifte er durch die ganze Wohnung. Auf dem Sideboard stand ein weiteres – wundervolles – Bild. Eine zarte Skizze von einem dieser Affenbrotbäume. Daneben hatte Gretchen die Legende des Baobab aufgeschrieben. Mehdi musste grinsen. Gretchen hatte Marc öfter als „ihren Baobab“ bezeichnet. Sicherlich nicht der schlechteste Vergleich.
Mehdi rechnete fest damit, dass Marc nicht ohne Affären bleiben würde.
(„Der Kater lässt das Mausen nicht! Hoffe ich.“)

(„Zur Not muss ich halt nachhelfen!“)


Satt und zufrieden machte er es sich wieder auf der exklusiven Designercouch gemütlich. Wo er schließlich auch die Nacht verbrachte.

Karo Offline

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26.03.2018 22:33
#123 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.12 – Marc und Mehdi 1


„Guten Morgen!“
„Nee...“
„Doch. Ich muss jetzt zur Arbeit. Wenn ich wieder komme hast Du dieses Chaos beseitigt.“

Als Marc spät in der Nacht total erschöpft in seine hell erleuchtete Wohnung zurückgekommen war, hatte ihn fast der Schlag getroffen. Verwirrt hatte er auf das Chaos im Flur gesehen und es verfolgt. Der Ursprung befand sich in seinem Arbeitszimmer in der Form von Mehdis Koffer. Der Verursacher selbst schlief auf der Couch. Mehdi musste von der Reise sehr müde gewesen sein.
Marc erinnerte sich noch sehr gut an seine Rückkehr in das kalte Deutschland.

„Hast Du keine Putzfrau? Außerdem habe ich keine Zeit, ich muss irgendwann mal zu meinen Eltern.“
„Warum ziehst Du nicht da einfach ein?“
„Dass mir jemand sagt, was ich tun soll?“
„Wo ist der Unterschied. Mach das Chaos weg, Mehdi.“
„Nee, Marc. So geht das nicht. In der Klinik kannst Du kommandieren, hier nicht. Ich wohne schließlich auch hier.“
„Ich stelle Dir freundlicherweise mein Gästezimmer zur Verfügung. Wahlweise auch die Couch.“
„Das ist Dein Arbeitszimmer.“
„Wie auch immer.“
„Ja, was rege ich mich eigentlich auf. Das war schon immer so. Auch damals in der WG. Die Chirurgen genießen das Leben und ich bin der Dumme.“
„Was wird das jetzt?“
„Arbeitsteilung Marc. Ich räume heute die Wäsche weg und Du machst die Küche sauber. Aber tipptopp, klar?“

(„Wie ist der denn drauf?“)

„Hast Du was genommen?“
„Wieso? Ich hatte noch nicht mal einen Kaffee.“
„Ich auch nicht. Irgendjemand hat die Küche in ein Schlachtfeld verwandelt.“
„Und irgendjemand wird es wieder sauber machen müssen. Ein Tipp: Ich mache das nicht!“
Er schlug die Decke zurück und richtete sich auf. Sein Blick fiel auf den Couchtisch. „Guten Morgen, meine Schöne.“ Er nahm den Bilderrahmen in die Hand und lächelte Gretchen an. „Mach Dir keine Sorgen, wir raufen uns schon zusammen.“

Marcs Halsschlagader schwoll sichtbar an. „Mehdi, wenn Du nicht gleich auf der Straße landen möchtest, dann solltest Du Dein Verhalten überdenken. Du fasst vor allem nichts an. Schon gar nicht dieses Bild – oder andere.“

(„Schon gar nicht diese Frau, aber die ist weit weg. Gott sei Dank!“)

Er stellte das Bild an seinen Platz zurück.

(„Ja, so werde ich es sehen. Gott sei Dank. Momentan kann sie gar nicht weit genug von ihm weg sein.“)

Karo Offline

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02.04.2018 00:54
#124 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.13 – Marc und Mehdi 2


Als er die Stufen in den dritten Stock hochlief hoffte er, dass Mehdi vielleicht etwas gekocht hatte, sein Magen signalisierte eindeutig Hunger. Er wurde enttäuscht und so musste jetzt Obst reichen.

„Du bist ganz schön spät?“
„Hallo. Ja, das hatte ich so nicht geplant. Es ist deutlich später geworden.“
„Ich hatte mit dem Kochen auf Dich gewartet.“
„Weißt Du nicht, wie der Herd angeht?“ Marc lachte Mehdi an, der das offensichtlich nicht witzig fand.

(„Wenn ich so recht darüber nachdenke, dann machst Du Dir es hier sehr bequem.“)

„Sehr witzig.“
„Och Mehdi...“
„Jetzt sag nur, Du bist beleidigt? Ich dachte, wir machen Arbeitsteilung?“
„Du machst Chaos – ich räume es weg. Reicht das nicht?“
„Du bist ganz schön komisch drauf, in letzter Zeit. Ah, ich wollte Dich schon die ganze Zeit fragen, wie es eigentlich Gretchens Vater geht?“
„Besser als vor ein paar Wochen.“
„Das heißt, er ist bald wieder da?“
„Erstmal ist er noch weiter in Reha.“ Marc lachte. „Ungern natürlich, wegen der Nachbarn.“
„Er kennt Deine Nachbarn?“
„Du kriegst echt gar nichts mehr mit, oder? Das Katharinen-Hospital.“
„Was ist damit?“
„Die haben einen Betreiber gefunden und seit einiger Zeit ist der Kasten wieder am Start. Die fahren einen sehr aggressiven Kurs und das wird in erster Linie uns treffen.“
„Kann doch nicht so wild sein, wenn die StaBe Dir das Krankenhaus anvertraut.“
„Bitte???“
„Ich meine, weil Du keine Ahnung von Klinikleitung hast. Marc, Du bist gerade etwas über dreißig. Wo willst Du denn die Erfahrung herholen?“
„Vielleicht bin ich ein Naturtalent?“
„Sehr witzig.“
„Du scheinst ja heute mit dem Humor auf Kriegsfuß zu stehen. Wie dem auch sei, ich gehe noch schnell duschen und dann bin ich im Bett. Ich habe morgen die Nacht von Cedric übernommen, der hat irgendwas vor.“

(„Vermutlich mit Doktor Amsel...“)

„Und was ist mit Essen?“
„Ich esse in der Kantine.“
„Und ich?“
„Mehdi, Du hast zwei Arme und zwei Beine. Entweder Du holst Dir was oder kochst Dir was. Du musst nicht mal einkaufen gehen, es ist genug da.“
„Aber dann kochst Du übermorgen?“
„Nein, am Wochenende besuche ich den Professor in der Reha.“
„Wieso das denn?“
„Ganz einfach – weil ich es will!“
„Man bekommt nicht immer das, was man will!“
„Oh, Mehdi – seit ich wieder in Berlin bin, arbeite ich so gut wie durch... Ich habe es einfach verdient!“ Marc ließ den verdutzten Mehdi einfach stehen. Mehdis seltsames Verhalten wunderte ihn nicht mehr, es ärgerte ihn einfach.

(„Seit wann ist denn der so faul und egoistisch?“)

Aus ihm wird wohl doch noch ein Chirurg, Doktor Meier – Frauenversteher.

Karo Offline

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02.04.2018 01:01
#125 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 4.14 – Marc und Mehdi 3


Bevor Marc sich ins Schlafzimmer zurückzog ging er nochmal zu Mehdi, der es sich mit Bier und Chips vor dem Fernseher bequem gemacht hatte.

„Was ist zwischen Gretchen und Dir passiert?“
„Viel.“
„Geht’s genauer?“
„Besser nicht. Dann müsste ich Dir einige unschöne Sachen über Deine „Freundin“ sagen.“ Mehdi zeichnete dabei Gänsefüßchen in die Luft.
„Wieso „Freundin“?“ Marc machte es ihm nach. „Gretchen ist meine Freundin.“
„Was Du nicht sagst. Du konntest ja auch nicht nur mit Nina zusammen sein.“
„Zweifelst Du an mir oder ihr? Wir reden hier über Gretchen.“
„Und das ist jetzt anders?“
„Gewaltig anders.“
Mehdi schwieg und starrte auf den Bildschirm. Er nahm einen großen Schluck Bier und rülpste laut und deutlich.
„So anders, dass ich jeden Tag auf ein Lebenszeichen von ihr hoffe.“

(„Der Wink mit dem Zaunpfahl!“)

„Pfff...“

„Egal ob Anruf oder Brief.“

(„Muss ich ihn mit dem Zaunpfahl erschlagen?“)

„Als hätte sie dafür Zeit. Oder Geld. Ich will nicht wissen, was so ein Gespräch kostet.“
„Och... eine Viertelstunde von Zeit zu Zeit ist schon drin.“
Mehdi löste sich perplex vom Fernsehprogramm und hörte auf, sich die Chips in den Mund zu schieben. „Ihr telefoniert???“
„Ja. Und ich meine, sie hätte etwas von einem Brief gesagt.“ Das war definitiv gelogen, aber irgendwie musste er den Halbperser ja aus der Reserve locken.
„Für ihre Eltern hat sie mir einen mitgegeben.“
„Hm...?!“
„Für Sabine hat sie auch einen geschrieben. Dabei hat sie den gar nicht verdient.“
„Wie – verdient?“
„Sabine ist doch Schuld an allem.“
„An allem?“
„Naja, dass wir plötzlich zu dritt in Afrika waren.“
„Sei froh, dass wir zu viert waren... hast Du auch mal was erlebt.“
„Ganz toll, Marc. Ich wollte schon immer so sein wie Du.“

„Das wollen die meisten!“ Er grinste und sah Mehdis Blick. „Ach Du hast ja heute keinen Sinn für Humor! Sie arbeitet übrigens am EKH.“
„Wer? Gretchen?“
„Wieso Gret... Achso! Nein, Gina.“

(„Mehdi war also tatsächlich wegen IHR in Afrika! Naja, eigentlich bestand da kein Zweifel...“)

„Gina arbeitet am EKH? Wieso das denn?“
„Weil Gretchen ihren Vater darum gebeten hat. Aber Gina macht sich besser als ich es gedacht habe.“
„Aber sie ist auf der Chirurgie?“
„Nein, sie unterstützt Doktor Hundt. – Wo denn sonst? Keine Sorge... sie wird eher nicht auf eine Wiederaufnahme eurer Fickgeschichte hoffen, wenn ich richtig liege, dann hat Cedric seine Finder schon ausgestreckt.“
„Vermutlich auch anderes. Da seid ihr ja gleich.“
„Oh nein. Wir haben nur kein Problem mit unverbindlichem Sex.“
„Sag ich ja. Du bist kein Beziehungsmensch.“
„So ein ähnliches Gespräch hatte ich auch schon mit Cedric, allerdings klang das bei ihm nicht so negativ.“
„Ich bin nicht er.“
„Ich auch nicht. Aber es ist egal, was Du meinst. Wichtig ist, dass Gretchen mir vertraut.“
„Sagt wer.“
„Sagt sie.“
„Ja... aber sie war schon immer eine Träumerin. Allmählich sollte sie es besser wissen!“
„Was soll das denn jetzt?“
„Marc... erinnere Dich an den Polterabend.“
„Äh... warte kurz – nein! Lieber nicht.“
„Da hatten wir einen Plan. Du holst sie von diesem Arsch weg und...“

Marc wurde es zu bunt und er blaffte den Mitbewohner an. „Alter! Raff es endlich!!! Gretchen und ich sind zusammen. Auch die 6000 Kilometer zwischen uns ändern das nicht. Außerdem war das Dein Plan. Nicht meiner. Genauso wie Dein Plan für Afrika nicht Gretchens war. Es tut mir Leid, Mehdi, aber Du kriegst sie nicht. Ich habe wenig Ahnung wie Beziehung geht, das ist richtig. Aber ich kriege das hin! Das habe ich Gretchen versprochen und das Versprechen gebe ich auch gerne Dir. Ich bezweifle allerdings, dass es Dich zufriedener macht.“

Mehdi grunzte nur eine Antwort, die sich mit einem weiteren lauten Rülpser mischte. In der Tür drehte sich Marc nochmal grinsend um. „Damit könntest Du sie sicherlich beeindrucken, Mehdi Kaan!“
„Ich war zuerst mit ihr zusammen!“
„Und Anna mit Dir, aber mit Gretchen hast Du trotzdem was angefangen!“ Er wusste, das war gemein. Aber der Chirurg war mittlerweile richtig sauer!

„Du Arsch! Ich werde es euch allen zeigen! Ich bin Mehdi Kaan.“ Wütend schrie er in Marcs Rücken. Doch der lachte nur.

„Ich bin wer!“

(„Vor allem glaube ich, Du bist verrückt!“)

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