Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Willkommen im Doctor´s Diary Fan-Forum!
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 85 Antworten
und wurde 5.802 mal aufgerufen
 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | 2 | 3 | 4
Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

27.09.2017 22:27
#76 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.12 – Ehepaar Haase 3


Glücklich hielt Professor Haase den Brief in der Hand. Bärbel hatte sich tatsächlich nicht getraut, den Umschlag ohne ihren Mann zu öffnen, nachdem sie ihm den ersten Brief unbeabsichtigt unterschlagen hatte.

Mama/Papa

Sie saßen nebeneinander auf dem Bett und zögerten, das Kuvert aufzureißen. Es schien, als wäre der weiße Umschlag mit der roten Schrift heilig.
„Na komm, mach schon. Er öffnet sich nicht von alleine.“ Schließlich wurde Bärbel ungeduldig, sie hatte den Brief ja bereits seit dem gestrigen Abend in der Hand.
„Mach Du. Liest Du auch vor?“ Franz lehnte sich entspannt zurück und wartete.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

27.09.2017 22:32
#77 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Liebe Eltern!

Ich weiß, das klingt sehr distanziert aber ich kann mich nicht entscheiden, wen ich zuerst nennen soll... ich habe euch beide gleich lieb!

Nun schreibe ich schon einen weiteren Brief für euch. Gigi wird uns in den nächsten Tagen verlassen und diese Gelegenheit, sie als Botin zu missbrauchen, kann ich mir nicht entgehen lassen. Da habe ich auch schon die erste Bitte an euch – könnt ihr sie erstmal aufnehmen, bis sie weiß, wo sie hingeht? Sie kann gerne mein Zimmer bewohnen.
Gina würde euch wohl eher nicht um Obdach bitten, sie muss sich ja schon ihr Leben lang alleine durchschlagen. Manchmal kommt sie mir vor wie Marc – bloß niemandem um Hilfe bitten. Vermutlich sind die beiden deswegen wie Feuer und Wasser, sie sind sich sehr ähnlich.
Wobei es hier wirklich schwierig war, mit Gina klar zu kommen. Wenn Mama meinte, ich wäre hier falsch, dann hat sie Gigi nicht erlebt.
Aber egal. Es wurde besser als Marc weg war und sie beschlossen hatte, ebenfalls abzureisen. Ich habe ihr einen riesigen Koffer mit Sachen aufs Auge gedrückt, die ich hier nicht gebrauchen kann. Mama – komm nicht auf die Idee, mir nochmal die Skiunterwäsche einzupacken. Wir haben hier Temperaturen, die selten unter 30 Grad fallen. Aber auch bei Minusgraden in Kitzbühel oder sonst wo habe ich die schon nicht getragen. Ich schenke sie Dir gerne!
Aber zurück zu Gina. Sie bringt euch also zuerst den Koffer, das heißt, sie muss euch aufsuchen. Bitte bietet ihr an, zu bleiben. Sie hat weder einen Job noch ein Dach über dem Kopf. Ihre Oberarztstelle in London war befristet und die haben sie trotz einer Option auf Übernahme spontan auf die Straße gesetzt. Sonst wäre sie wohl eher nicht nach Afrika gekommen.

Papa – Vielleicht kannst Du ja für sie Deine Beziehungen spielen lassen?

Ich hoffe, dass es Dir besser geht. Das wäre die einzige erlaubte Folge dass Marc weg ist. Er fehlt mir schrecklich. Gina hat auch einen Brief von mir für ihn – bitte fragt bei Marc mal nach, ob sie den ausgehändigt hat. Ich glaube zwar nicht, dass sie ihm damit eins auswischen will, aber wer die beiden hier erlebt hat...

Es war eine sehr gute Entscheidung, hierhin zu kommen. Mit Roula verstehe ich mich von Tag zu Tag besser und langsam taut auch Martin auf. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Fritz für Dezember seine Ankunft geplant hat.
Das ist bestimmt gut, denn dann ist Mehdi ja auch weg. Wir haben hier so unglaublich viel zu tun, meine unbedacht geäußerte Idee, nur einen Familienbeitrag für den Schulbesuch aller Kinder einer Familie zu erheben, hat zur Folge, dass jetzt 16 Kinder mehr hier leben. Sie schlafen teilweise zu dritt in einem Bett. Zu zweit ist hier normal, sie sind sehr auf die körperliche Nähe eines anderen Menschen bedacht. Roula meinte, in Afrika wäre es normal, dass Kinder bis zum 3. Lebensjahr auf dem Rücken der Eltern getragen werden – oder halt bis das nächste Kind kommt.
In der abklingenden Regenzeit haben wir Geburten im Akkord durchgezogen. Mehdi vermisst das „ruhige Stationsleben“. 

Bis ich wiederkomme hoffe ich, hier einiges verändern zu können. Papa, hat Marc Dir unsere Liste gezeigt? Es wäre so schön, wenigstens etwas davon zu bekommen. Ich kann auch gar nicht sagen, was. Es wird alles gebraucht.

Aber genau macht das Arbeiten so sinnvoll und erfüllend. Es erfüllt mich mit Hass, wenn ich sehe, wie sich die Frauen hier quälen müssen. Jede kleine Glaubensgruppe hat andere Götter, andere Riten, andere Geschichten. Aber das grausamste Ritual von allen wird flächendeckend praktiziert. Ich bin so froh, dass Mehdi hier ist und mir sehr viel erklären und zeigen konnte. Ich wäre wohl auch alleine drauf gekommen, aber mit Anleitung ist es besser. Er sagte, dass er selbst in Berlin schon oft mit den Problemen von beschnittenen Frauen zu tun hatte. Die meisten stammten aus Somalia und Äthiopien, aber es waren auch ein paar wenige darunter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Ich kann das kaum glauben!

Besseres Thema: Wenn mein Koffer da ist, dann bitte ich Dich, Mama, ihn zu öffnen. Ich habe da ein paar Sachen drin, die für euch und natürlich für Marc sind.
Wenn man bedenkt, dass wir jeden Tag alles in verschiedensten Supermärkten zur Verfügung haben dann ist es wirklich bewundernswert, was sie hier mit viel Arbeit aus allem zur Verfügung stehenden gewinnen. Bier wird bei uns auch aus Getreide hergestellt – Gerste, Malz, Hopfen, was auch immer. Hier ist es die Hirse. Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig. Auch würden wir nie in der Menge Maismehl verwenden. Ich habe Dich in den Ohren, Mama: Gretchen iss nicht so viel Mais, das ist Stärke pur.
Ja, Mama, da hast Du Recht. Aber genau das brauchen sie hier. Hier gibt es nicht genug für alle, also muss das bisschen schon etwas mehr „Bums“ haben.
Aber nebenbei bemerkt: Ich habe das Gefühl, dass ich es viel besser vertrage. (Nachdem ich längere Zeit mit ganz üblen Magenproblemen zu tun hatte.) Mehdi fragte mich, ob ich ein Problem mit Gluten oder sonstigen Zusatzstoffen habe. Keine Ahnung, aber sowas gibt es hier bestimmt nicht. Das meiste, was auf dem Tisch landet, haben wir selbst angebaut, geerntet, gezüchtet, gefüttert, geschlachtet... ich glaube, dass ich noch nie so „gesund“ gegessen habe.
Martin meinte, dass die industriell hergestellten Lebensmittel mittlerweile fast alle minderwertig sind. Deswegen reicht den Menschen hier viel weniger Nahrung, um über die Runden zu kommen.
Ich zitiere einen wahren Satz von Martin: „Das Leben ist zu kostbar für billige Lebensmittel!“

In jedem Fall findest Du im Koffer das eine oder andere dieser Lebensmittel, die kein Mensch bezahlen würde, würde man sie zu fairen Preisen anbieten.

Was Du unbedingt ausprobieren musst ist das Baobab-Pulver. Martin schickt immer einiges davon in seine deutsche Gemeinde, die verkaufen es hauptsächlich als Geliermittel zum Einkochen. In Milch eingerührt trinke ich es morgens sehr gerne. (Leider Ziegenmilch, aber man gewöhnt sich dran!)
Ich möchte euch vom Baobab erzählen. Man nennt ihn auch Affenbrot-Baum oder Apotheker-Baum.

Der Baobab ist ein riesiger, faszinierender Baum, der hier, in Westafrika schon nach ungefähr 10 Jahren das erste Mal Früchte trägt. Schon? In anderen Regionen kann das auch erst mit 20 Jahren sein. Das schließt eine Plantagen-Wirtschaft so gut wie aus. In Sanssouci haben wir selbst zwei kleinere Exemplare, aber bei einer der Fahrten ins Land haben wir einen Baum gesehen, der laut Roula über 500 Jahre alt ist. Die Blüten stinken furchtbar – ein bisschen wie Aas. Aber er bietet ein breitgefächertes Nahrungsangebot. Fruchtfleisch, Samen, Rinde, Blätter und Sprösslinge sind vielseitig einsetzbar.
Dem Affenbrotbaum wird auch in der afrikanischen Volksmedizin große Bedeutung zugesprochen. Die Früchte werden beispielsweise gegen Infektionen und Krankheiten wie Pocken und Masern eingesetzt. Die Blätter helfen bei Ruhr, Diarrhöe, Koliken oder Magen-Darm-Entzündungen. Die Samen finden Verwendung als Herzmittel, bei Zahnschmerzen, Leberinfektionen und Malaria-Erkrankungen.

Ich glaube, Andrea wäre mächtig stolz auf mich.

Aber der Baobab ist auch Nahrungsmittel. Das Fruchtfleisch ist reich an Vitamin C, B und Kalzium. Getrocknet wird es entweder pur gegessen (sehr säuerlich) oder in Milch oder Brei gemischt. Es kann auch zu Bier vergoren werden aber dazu ist es eigentlich zu wertvoll. Aus dem fettreichen Samen kann man durch Pressen ein Öl gewinnen, das reich an Palmitinsäure ist und eine hohe oxidative Stabilität ausweist. Roula stellt daraus Seife her, etwas das die meisten Kinder nicht kennen, wenn sie hier erstmals ankommen. In Pulverform dienen die Samen aber auch zum Andicken von Suppen. Geröstet sind sie essbar oder fermentiert als Gewürz nutzbar. Die Blätter werden als Gemüse genutzt, indem sie wie Spinat zubereitet entweder frisch gegessen oder getrocknet und pulverisiert werden. Oft findet man den Baobab auf afrikanischen Speisekarten: Kuka-Suppe ist eine typische Spezialität.

Der Baum liefert darüber hinaus Material für eigentlich alles: Kleidung, Hüte, Schmuck, Schnüre, Seile, Netze, Matten, Kisten und Körbe und sogar Papier. Selbst zum Dachdecken taugen die Fasern. Dazu werden die Bäume geschält. Die Rinde regeneriert sich wieder, sodass die Bäume wiederholt als Bastlieferant genutzt werden können.
Zu guter Letzt: Die Wurzel. Aus ihr kann man roten Farbstoff gewinnen, man kann Klebstoff daraus herstellen.

So, nun seid gespannt, was ihr alles in den Koffern finden werdet.
Papa, wenn Du fit genug bist, um Dich um die Wunschliste zu kümmern, dann nimm Kontakt mit Fritz auf. Er kümmert sich dann darum, die Sachen zu uns zu kriegen.

Ich umarme euch ganz herzlich, ganz doll, von ganzem Herzen, wie auch immer.

Ich habe euch lieb!

Gretchen

P.S. Fotos gibt’s auch... Gigi hat den Koffer

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

27.09.2017 22:36
#78 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.13 – Ehepaar Haase 4


„Ich bin sehr gespannt, was sie uns schickt.“
„Ich auch. Die Koffer sollen heute geliefert werden.“
„Wie geliefert?“
„Glaubst Du, es ist Ginas Aufgabe, Gretchens Koffer durch die Gegend zu schleppen?“
„Gretchen... wie geschickt sie uns Gina an den Hals hängt.“ Franz lächelte selig. „Und wenn unsere Tochter wüsste, was sie da angestoßen hat...“ Er dachte an das zurückliegende Gespräch mit den Chefs aus Konstanz, die noch zwei Tage in Berlin bleiben würden.
Bärbel beobachtete, wie es im Kopf ihres Mannes zu arbeiten anfing. Sie ahnte seinen Gedanken. „Vielleicht besucht Gina Dich mal, dann kannst Du sie fragen, was sie sich beruflich vorstellt.“
„Kannst Du meine Gedanken lesen? Wir brauchen einen Oberarzt und eine Harvardabsolventin fällt einem nicht jeden Tag vor die Füße... wie bei Doktor Stier – der vielzitierte Zufall, würde ich sagen!“
„Ganz toll – einen teuren Mediziner einzustellen, der nicht belastbar ist.“
„Das verstehst Du nicht!“
„Franz, das ist jetzt aber...“
„Schick mir Gina vorbei, so schnell es geht. Natürlich soll sie erstmal ankommen. Vielleicht komme ich aber auch in ein paar Tagen nach Hause.“
„Wirklich? Oh Franz, das wäre toll.“
„Ja, aber nur zum Kofferpacken. Deswegen wäre es gut, wenn der Koffer dann schon ausgepackt ist.“
„Wieso Koffer packen?“
„Doktor Meier entlässt mich nur, wenn ich in Reha fahre.“
„Immer lässt Du mich alleine. Ich hasse es, alleine zu sein.“
„Das habe ich gesehen!“ Professor Haase grunzte.
„Bitte? – Wo sollst Du denn hin?“
„Doktor Stier hat die besten Erfahrungen mit dem Herzzentrum in Timmendorfer Strand gemacht, er wollte sich erkundigen, ob eine spontane Aufnahme möglich ist.“
„Ostsee? Im Winter?“
„Das ist kein Urlaub, Bärbel.“
„Für Dich nicht...“
„Wie... Du willst mitfahren? Solange kannst Du doch hier gar nicht weg.“
„Ach, der Herr Professor lässt es sich gutgehen, womöglich mit einem Kurschatten und ich langweile mich hier weiterhin zu Tode?“
„Bärbel, die Oberschwester wäre sicherlich sehr dankbar, wenn Du wieder auf den Stationen helfen würdest. Arbeit war schon immer hilfreich, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen!“
„Der Mann hat es gut, das Frauchen arbeitet.“
„Pfff... da musst Du aber viele Jahre aufarbeiten.“
„Werd´ mal nicht frech, Franz Haase. Ich sollte überlegen, Zimmer zu vermieten.“
„Mit Zimmerservice?“
„Willst Du mir irgendwas sagen? Immerhin wäre der Kasten dann nicht ganz tot.“
„Welches Glück, dass Gretchen Gina geschickt hat.“
„Oh Franz, das ist ja eine fabelhafte Idee. Sie wohnt bei mir und arbeitet bei Dir.“
Er lachte verschmitzt. „Dazu müsste sie mich zügig besuchen. Vielleicht kann sie direkt mit Herrn Ullstein und den anderen reden.“
„Oh Gott Franz! Unser Kühlschrank ist leer. So kann ich sie aber nicht aufnehmen, was soll sie denn essen? Ist ja auch völlig ausgehungert, nach gutem Essen. Vielleicht nutze ich den Leerstand und taue alles einmal ab. Auch der Gefrierschrank hätte es nötig, mal wieder richtig gereinigt zu werden. Ich muss mich beeilen, nicht, dass hinterher die Supermärkte zu haben. Mach´s gut, Franz!“
In dringender hausfraulicher Mission war Bärbel durch die Tür, bevor Franz überhaupt etwas sagen konnte.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

27.09.2017 22:45
#79 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.14 – Marc und Professor Haase 7


„Na dann – Tschüss!“ Franz sagte es mehr zu sich selbst, er war schon wieder in Gretchens Brief vertieft. So bekam er auch nicht mit, dass Marc das Zimmer betrat.
„Meinen Sie mich?“
„Bitte?“
„Sie sagten „Tschüss“ – ich meine, vielleicht habe ich ja was verpasst, oder ist das das neue „Hallo“?“
„Äh, nein. Ich meinte meine Frau.“
„War die hier?“
„Vor allem so schnell weg, da sieht die Concorde blass gegen aus.“
„Vielleicht hat man sie deswegen stillgelegt.“ Marc lachte. „Das war früher mein Lieblingsflugzeug. Ich hatte einige Modelle davon.“
„Wir haben auch mal sowas für Jochen gekauft, aber er interessierte sich erst dafür, nachdem Gretchen das Modellflugzeug gegen eine Mauer gesteuert hatte.“ Der Professor prustete. „Aber da wir gerade von Gretchen...“
„Ist das ein Brief von Gretchen?“ Marc bekam große Augen.

(„Ich würde ihre Handschrift aus tausenden herausfinden!“)

„Ja. Meine Frau hat den vorhin mitgebracht. Gina ist seit gestern zurück. Sie wohnt bis auf weiteres bei uns. Was ich eigentlich sagen wollte als sie mich unterbrachen...“
Marc grinste den Professor an und fiel ihm erneut glucksend ins Wort: „Oh Entschuldigung, fahren Sie bitte fort!“
Die Chirurgen grinsten sich herzlich an. Doch als der Chefarzt fortfuhr, verging Marc sofort das Lachen. Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben: „Die? Hier? Niemals.“

Da ist sie, die Karriereschlange!
Sie nimmt Dir nichts weg, Du bist schließlich aufgestiegen.
Denk an den Traum – sie wird Mittel und Wege finden...


„Doktor Meier, wir brauchen dringend Leute und uns fällt nicht so oft eine Ärztin wie Gina vor die Füße. Ich meine, Harvard.“
„Sie ist eine verlogene, missgünstige Schlange. Und ganz ehrlich: Ihrem Ruf als Harvardabsolventin wird sie nicht gerecht... allenfalls Mittelklasse.“
„Ja, Gretchen schrieb, dass es in Afrika Differenzen mit ihr gab. Aber das ist alles persönliche Ebene. Als Chefarzt interessiert mich das nicht. Ich habe meiner Frau aufgetragen, Gina sofort herzuschicken. Ich möchte mit ihr reden.“
„Herr Professor...“
„Doktor Meier – merken Sie sich direkt eins. Wenn sich Leute zukünftig bei Ihnen vorstellen, dann können Sie denen nur vor die Stirn gucken, aber niemals dahinter. Jede Einstellung birgt ein Risiko. Doktor Amsel verfügt über beste Referenzen. Harvard und Oberärztin in London. Vor allem: Sofort verfügbar! Lösen Sie die Fakten von der Person. Dann beantworten Sie mir eine Frage: Würden Sie diese Bewerbung zur Seite legen?“
Marc seufzte. „Nein. Wohl eher nicht. Allerdings würde ich sie trotzdem nicht einstellen...“
„Doktor Stier habe ich auch eingestellt und der ist das größere Risiko.“
„Der Unterschied hinkt, denn Doktor Stier ist als Mediziner zu gebrauchen. Sie ist nur eine bessere Assistenzärztin.“
„Machen Sie mal halblang, man bekommt nicht einfach so eine Oberarztstelle. Nicht mal im Ausland... Außerdem will ich mich erstmal nur mit ihr unterhalten. “
„Herr Professor – Sie wollen sie aber nicht als Oberärztin?“ Marc dachte an den OP-Marathon in Koudougou und Ginas Schwierigkeiten, Mehdi anzuleiten. „Ob sie die Assistenzärzte unterstützen geschweige ausbilden könnte, wage ich zu bezweifeln...“
„Warum denn nicht? Sie hatte diese Position bereits inne.“
„Ich hatte in Koudougou das Vergnügen, sie im OP zu beobachten. Ich bin dagegen. Aber Sie sind der Chef.“ Er seufzte.

(„Ich sollte ihn gleich morgen in Reha schicken, dann kann er niemanden einstellen!“)

„Gut, dass Sie das wissen!“ Der Professor klang streng, doch seine Augen betrachteten den jungen Kollegen mit herzlicher Wärme. „Vielleicht kann ich Ihnen Doktor Amsel etwas schmackhafter machen – Gretchen schreibt, dass sie auch einen Brief für Sie hat.“
Ein glückliches Strahlen huschte über Marcs Gesicht. „Wenn sie ihn nicht zufällig verloren hat.“
„Doktor Meier!“
„Ja. Ja – ist ja gut!“ Er stand nachdenklich im Krankenzimmer.

(„Scheiße, was wollte ich eigentlich. Jetzt hat der mich völlig durcheinander gemacht.“)

„Ist noch was?“
„Ja. Ich suche gerade nach dem Grund, warum ich überhaupt hergekommen bin.“

„Hm, bestimmt wollten Sie mir meine Entlassungspapiere bringen.“ Professor Haase konterte trocken.
„Nein, dann hätte ich diese ja in der Hand und als ich mich auf den Weg gemacht habe, da war hier oben noch alles sortiert.“ Marc tippte sich an die Stirn.

(„Was hat mich jetzt mehr aus dem Konzept gebracht – Gretchens Brief oder die Androhung, die unfähige Hexe einzustellen.“)

„Ach so. Doktor Stier hat mit Professor Kohren telefoniert. Die könnten Sie ab nächster Woche aufnehmen.“
„Das war das Herzzentrum an der Ostsee, welches er empfiehlt?“
„Genau.“
„Gut, dann sollte ich der Empfehlung wohl folgen.“
„Eben.“
„Ich würde nicht fahren, wenn ich Sie nicht hier wüsste.“
„Das ist mir bewusst. Ich habe nur deswegen den neuen Vertrag unterzeichnet.“
„Das wiederum ist mir bewusst, Doktor Meier.“ Die Chirurgen sahen sich offen und ehrlich an.
„Sie wissen, dass ich nicht ewig hier bleiben kann.“
„Ich weiß das, Doktor Meier. Ich habe Ihnen schon mal gesagt, dass ich Ihnen niemals Steine in den Weg...“
„Ich wusste es – die Unterschrift war ein Fehler. Wenn Sie erst wieder fit sind, dann rollen Sie mir wieder Hinkelsteine in den Weg!“ Marc lachte, als er sich an ein ähnliches Gespräch vor ein paar Tagen erinnerte.
„Oh und wenn ich mir damit lange genug Zeit lasse, dann hilft mir bestimmt auch meine Tochter.“
„Die weiß ich außer Gefecht zu setzen.“
„Sie? Wo Sie schon alles vergessen, weil Sie ihre Handschrift sehen?“

(„Mist! Erwischt!“)

Die Eier sind ab! Die Eier sind ab!
Deswegen führst Du so einen Eiertanz auf?
Seine Eier sind ab!

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

08.10.2017 01:49
#80 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.15 – Franz und Gina


Professor Haase kam gerade von einer kurzen Besprechung mit den Betreibern zurück. Er sah eine blonde Frau aus seinem Patientenzimmer kommen und sich ratlos umgucken. Ihre Augen trafen sich.
„Gina!“
„Hallo Franz!“
„Willkommen zurück – warst Du wirklich auch in Afrika?“
„Afrika ja.“ Die Chirurgin nickte und bewegte ihren Kopf auf ihre unnachahmliche Art.
„Was für eine blöde Frage, sonst hättest Du uns den Brief ja gar nicht mitbringen können. Lass Dich ansehen... gut siehst Du aus. Erholt.“
„Naja, das Klima ist nichts für mich.“
„Was hältst Du von einem Kaffee in der Cafeteria? Wie ich Dich kenne bist Du auch von einem Stück Kuchen nicht abgeneigt?“ Der Professor erinnerte sich lachend an die Kuchenschlachten, die Gina und Gretchen sich gerne geliefert hatten. Auch die Besucherin lachte. Sie konnte sich gut vorstellen, welches Bild Franz gerade vor den Augen hatte.
„Hat Bärbel die Koffer schon ausgepackt? Gretchen sagte, sie hätte da einiges für uns rein getan.“
„Ich glaube, sie will auf Dich warten.“
„Noch zwei Tage? Sie wird platzen vor Neugier.“
„Ich glaube, sie wäscht gerade Deinen kompletten Kleiderschrank. Dass Du ja genug zum Anziehen hast, in Deiner Kur. Aber sag, wie geht es Dir denn jetzt?“
„Ich merke, dass alles gut ist, solange ich nichts tue. Aber das ist mir zu langweilig und dafür bin ich zu jung. Auch wenn ich mich jetzt schon wieder sehr alt fühle.“
„Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, da hat Dich der Virus niedergestreckt. Jetzt das Herz. Wie lange ist es her, dass ihr Urlaub gemacht habt? Ich meine, so richtig. Nicht nur ein verlängertes Wochenende?“
„Ach, frag nicht. Mehr als das war ja kaum drin, gut, das Krankenhaus wär wohl auch nicht zusammengefallen, wenn ich mal länger weg gewesen wäre, aber...“
„Hm. Aber... genau dieses „Aber“ hat mich mit Gretchen nach Afrika getrieben. Gina, habe ich mir gesagt, wann kannst Du jemals wieder so lange Urlaub machen, wie Du willst. Gut, wenn ich lange darüber nachgedacht hätte, dann wäre mir wohl klar geworden, dass Afrika nicht so meine Welt ist. Zumindest die 3. Welt. Dubai oder Kapstadt waren ja okay.“
„Niemand hätte damit gerechnet, dass Gretchen sich dort so gut zu Recht findet. Die Zweifel meiner Frau waren nicht ganz unbegründet. Aber in solchen Fällen setzt sich Gretchens Herz einfach gegen jede Widrigkeit durch.“
„Ja. So bin ich nicht.“

***
Nur der Verwaltungsrat machte gerade eine Kaffeepause, ansonsten war die Cafeteria leer. „Oh mein Gott, oh, was ist das, mein Gott, das sieht ja toll aus. Wie soll ich mich da denn entscheiden?“
„Wenn Du sahnig möchtest, dann nimm den Erdbeerkuchen. Von den trockenen Kuchen ist der Schokokuchen zu empfehlen, mein Favorit ist allerdings der Blechkuchen.“
„Zuckerguss? Immer noch?“
„Ich habe ein Herz- und kein Zuckerproblem. Kaffee?“ Er sah den fragenden Blick. „Für mich eine Rhabarberschorle, bitte.“
Sie wählten einen Platz am Fenster. „Etwas Sonne hättest Du schon mitbringen können. Für Anfang Oktober ist es schon sehr kalt.“
„Ja, das ist schon ein ordentlicher Unterschied. Bärbel sagte, man schickt Dich an die Ostsee? Da ist es dann nochmal kühler, weil da bestimmt viel Wind ist.“
„Ja, das befürchte ich. Aber solange es trocken bleibt, kann auch der Herbst an der See wunderbar sein. Meine Eltern hatten früher ein Ferienhaus in der Nähe von Kiel. Da konnte man immer mal spontan von Hamburg aus hin.“
„Hast Du von Deiner Familie mal was gehört?“
„Natürlich. Aber lass uns nicht um den heißen Brei reden. Ja, ich könnte dort fragen, ob sie eine Stelle zu vergeben haben. Aber ich habe eine viel bessere Idee. Wir brauchen hier dringend Verstärkung in der Chirurgie. Kannst Du in Lichtgeschwindigkeit Deinen Lebenslauf reingeben? Ich könnte Dir vermutlich sofort eine Stelle verschaffen.“
Gina zögerte. Das Angebot hätte sie am liebsten sofort in einen Vertrag umgewandelt aber...
„Du könntest auch erstmal bei Bärbel wohnen bleiben. Sie fühlt sich nicht wohl, wenn sie immer alleine ist.“
„Das ist sehr nett von Dir Franz, aber...“

„Nett ist die kleine Schwester von Scheiße! Gina, entschuldige bitte, ich überfahre Dich jetzt dabei bist Du noch gar nicht richtig angekommen. Und vermutlich hast Du Dir auch gar keine Gedanken gemacht, was Du jetzt tun möchtest oder wo. Denk über mein Angebot nach. Bis morgen sind die Bosse da, da ließe sich schnell was einrichten.“
„Ach Franz, das ist es nicht...“

Gerade betrat Doktor Marc Meier die Cafeteria. Er ging zu der Gruppe von Anzugträgern, plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

(„Oh nein!“)

Oh doch – vielleicht hat sie ja den Brief dabei.
Die? Bestimmt nicht.
Gib ihr eine Chance
Gib ihr eine Chance und sie nimmt Dir Deine Karriere
Wolltest Du nicht glücklich sein?


Der Leitende Oberarzt schüttelte seine inneren Stimmen ab und nahm am Tisch der Offiziellen Platz.

Franz war Ginas Blick nicht entgangen. „Du zögerst wegen ihm?“
„Hm.“
„Er weiß, dass ich Dir eine Stelle anbieten wollte.“
„Er wird mir das Leben zur Hölle machen.“
(„Kinderärztin!“)

„Natürlich war er nicht begeistert. Und ja, er kann einem das Leben schwer machen. Niemand weiß das besser als Gretchen. Sein Weg war lang und er hat viele Tränen hinter sich gelassen, weibliche Tränen. Aber mittlerweile würde ich ihn als zuverlässigen, engagierten Mitarbeiter beschreiben. Er hat klare Vorstellungen, wie etwas zu laufen hat und das will er sehen. Ohne Umwege – sofort. Er verlangt viel, von jedem. Aber am meisten von sich selbst. Ich würde lügen, wenn ich ihn als fair bezeichnen würde. Dennoch kann man seinen Respekt erwerben, durch gute, zuverlässige Arbeit. Das einzige, was man nicht tun sollte, ist ihn anzulügen. Das bestraft er umgehend und ausdauernd.“

„Fast höre ich Gretchen sprechen...“ Gina lachte. „Naja, wenn Du nicht mit ihm klar kommen würdest, dann wäre er jetzt nicht Dein Zweiter Mann.“
„Ohne ihn an meiner Stelle zu wissen hätte ich keiner Reha zugestimmt.“
„Bärbel sieht das anders.“

„Bärbel sieht vieles anders.“
(„Und treibt´s mit jemand anderem...!“)
Sein Gedankenspiel amüsierte ihn irgendwie.

„Was grinst Du jetzt?“
„Äh...“ Gerade betrat Schwester Sabine die Cafeteria. „Er ist Krebs.“
„Aha. Und das ist die Rechtfertigung, ein Arsch zu sein?“
„Überempfindlich, besitzergreifend, reizbar und nachtragend sind alles Eigenschaften, die dem Krebs zugesprochen werden. Andererseits...“
„Du hast überheblich, autoritär, eitel, ausnützend, egozentrisch und selbstsüchtig vergessen.“
„...andererseits“, Professor Haase ließ sich nicht beirren. „Andererseits kann ich ihm auch die positiven Charaktereigenschaften attestieren, unter anderem Treue und Loyalität, Sparsamkeit und Fürsorglichkeit. Das habe ich vor allem in den letzten Wochen gemerkt. Ich habe ihm schon immer eine Menge zugetraut. Auch als er Oberarzt wurde. Er zahlt Vertrauen zurück.“
„Ich wünsche es euch, Dir und Gretchen. Vor allem Gretchen.“ Ginas Wunsch klang aufrichtig.
„Ich wünsche mir vor allem, dass Du Dir schnell Gedanken machst und mir noch schneller Deine Unterlagen bringst.“
„Im Grunde habe ich keine andere Wahl. Berlin hatte ich gar nicht auf dem Schirm der Möglichkeiten.“
„Ich werte das mal als „ja“. Komm mit in mein Büro, ich drucke Dir gerade eine Stellenbeschreibung aus. Völlig unverbindlich.“ Die Bewegungen seiner grauen Augenbrauen unterstrichen das freundliche Zwinkern.
„Gib mir wenigstens etwas Zeit, Deinen Vorschlag sacken zu lassen.“ Gina folgte ihm die Gänge entlang. Sie brauchte die Stelle, keine Frage. Aber wollte sie sich Marc aussetzen? Darüber musste sie nachdenken.

„Setz´ Dich einen Moment.“ Franz deutete auf das Sofa und setzte sich selbst auf seinen Stuhl. Vor seinen Rechner. Auf seinem Schreibtisch. Das hier war sein Platz, an dem er sich wohl fühlte. Hier wollte er wieder hin, koste es, was es wolle!

„Gretchens Sachen?“ Gina riss ihn aus seinen Gedanken.
„Bitte?“
„Diese furchtbaren Sachen hat Bärbel ihr doch aus Indien mitgebracht? Vermisst Du sie so sehr, dass Du Dir dieses Zeug hier hin holst?“

Franz merkte, dass seine Halsschlagader anschwoll...
„Äh... Doktor Meier übernachtet hier gelegentlich...“
„Hm – davon würde ich Alpträume bekommen.“

„Ich muss wieder... die warten unten bestimmt auf mich.“
„Klar. Bis später, Franz. Danke für den Kaffee.“
„Gina?“
„Was denn?“
„Bring ihm Gretchens Brief mit. Er wartet darauf.“ Er wollte erst gar keine Missstimmung aufkommen lassen.

***
Schon am Abend hielt Gina einen gültigen Arbeitsvertrag in der Hand. Befristet bis Doktor Rössel in Rente ging. Professor Haases Vorschlag, der Chirurgin einen Vertrag als Oberärztin zu geben fand weder bei den hohen Bossen noch bei Herrn Ullstein Anklang. Marc war sowieso dagegen aber er hielt sich zurück. Er schaffte es sogar, rein fachliche Argumente vorzubringen.
Einfach gesagt, war Doktor med. Gina Amsel ihm einfach nicht gut genug. Harvard ja aber nur mit einem mittelmäßigen Abschlusszeugnis. Das Ausbildungssystem für Ärzte war in England anders – eigentlich praktischer orientiert. Aber er war sich sicher, dass sie keinen Katalog voll bekäme, wie es jeder Assistenzarzt in Deutschland aufweisen musste, wenn er die Facharztprüfung beantragte. Indirekt bestätigte Gina seine Meinung, in London hätte sie zu 80 Prozent Schilddrüsen operiert. Die Notaufnahme, eins der Standbeine des EKH, hätte sie nur sporadisch mal gesehen.
Deswegen lehnte auch Gina selbst den Vorschlag ab, machte aber deutlich, dass sie durchaus Interesse an dieser Position hatte. Ihr Vertrag war zur Probe, bis Doktor Rössel im Februar in Rente ging. Die Oberarztstelle wurde als Option für eine Vertragsverlängerung schriftlich festgehalten, auch wenn Doktor Stier definitiv die erste Wahl wäre.


Lange sah sie auf ihre Unterschrift, für die Marc ihr, ganz Gentleman, seinen Stift gereicht hatte. „Ich habe Dich im Auge, Kinderärztin.“ Hatte er ihr zugeraunt.

(„Angriff ist die beste Verteidigung!“)
„Ich werde Dich überzeugen!“

Den Rat von Professor Haase hatte sie befolgt, sie wollte keine Angriffsfläche bieten. Immer wieder tastete der Leitende Oberarzt nach dem kostbaren Umschlag in seiner Kitteltasche. Von ihm hatte die Neu-Berlinerin – unter vier Augen natürlich – noch einen Rat bekommen.
„Er hasst Blinddärme. Und Schilddrüsen.“
„Das ist meine Paradedisziplin.“ Gina hatte gelächelt. „Blinddärme allerdings...“
„Nimm sie ihm ab. Einfacher kannst Du keine Punkte sammeln!“
Blinddärme... diese bittere Pille würde sie schlucken müssen. Und auch die deutlichen Worte des Chefarztes, die er der neuen Chirurgin des Elisabeth-Krankenhauses mit auf den Arbeitsweg gab. „Gina – er ist der Chef, sein Wort gilt. Ich kann niemanden brauchen, der in der momentanen Situation Unfrieden hier rein bringt.“
„Ist gut Franz.“
„Und jetzt lass Dich umarmen – Willkommen in meinem Team, Doktor Amsel!“

Während Professor Haase wieder einmal dem Zufall dankte, ein personelles Loch kleiner werden zu lassen, hatte Gina Schwierigkeiten, die neue Situation mental zu verarbeiten. Sie hatte schon oft von den sogenannten Zufällen gehört, hatte bewundernd und neidisch auf Menschen geblickt, denen bestimmte Dinge einfach in den Schoß fielen. Marc war einer von diesen Menschen.
Und das, obwohl er ein Arschloch war. Ein gemeines Arschloch. Wie oft hatte Gretchen ihr von seinen Angriffen erzählt. Der Name „Marc Meier“ war für die beiden Blondinen im Laufe der gemeinsamen Zeit zu einem Synonym für „Arschloch“ geworden. Es hieß nicht mehr „Was für ein Arschloch“, sondern „Was für ein Marc Meier“.

Sie selbst hatte weder „den glücklichen Zufall“ noch „das In-Den-Schoß-Fallen“ je kennengelernt. In der Studienzeit in Köln hatte ihr Leben nur aus Lernen und Arbeiten bestanden, die Bewerbung für das Stipendium in Harvard hatte sie fast an ihre Grenzen gebracht. Ebenso das Studium an einer Elite-Universität. Hier musste sie zwar nicht ihren Lebensunterhalt verdienen, das war der berechnete Vorteil und der Hintergedanke für die Bewerbung um ein Stipendium gewesen. Aber Geld brauchte sie trotzdem. Bücher und gutes Arbeitsmaterial mussten angeschafft werden und die Uni bestand immer auf die modernste Ausstattung. Sie wurde zum Sparfuchs, Lebensmittel aus dem Sonderangebot oder eben – Klamotten aus dem Second Hand Shop.

Ihr Abschluss in Harvard war mittelprächtig aber sie war richtig stolz darauf. Vermutlich hätte sie an einer durchschnittlichen Uni einen besseren Notendurchschnitt gehabt, vermutlich aber erst fünf Jahre später, weil sie mehr Zeit fürs Geldverdienen gebraucht hätte.

Der Zeitfaktor führte sie nach England, wo das Ausbildungssystem anders war und ihr eine fünfjährige Assistenzzeit ersparte. Sie spezialisierte sich auf die OPs, die keiner wollte, denn so konnte sie wenigstens im OP stehen. Der Hinweis von Franz warf sie nun Jahre zurück. Blinddärme konnte sie bis heute nicht leiden aber sie hatte ein Faible für die anspruchsvollen Eingriffe rund um die Schilddrüse entwickelt. Die Oberarztstelle am Seven Kings Hospital, mit einer auf Schilddrüsen spezialisierten Chirurgie, war ihr persönliches Königreich gewesen.

(„Ich habe Dich im Auge, Kinderärztin!“)

Sie würde ihn überzeugen. Blinddärme und Schilddrüsen. Das EKH arbeitete zum größten Teil über die Notaufnahme. Also vermutlich mehr Blinddärme als Schilddrüsen.

***
Doktor Meier dachte weder an Blinddärme noch an Schilddrüsen. Auch den Gedanken an die neue Kollegin verdrängte er so gut es ging. Immer wieder fühlte er nach dem Umschlag in seiner Kitteltasche. Endlich waren alle Besprechungen besprochen, die Abendschicht hatte übernommen. Langsam wurde es ruhig auf den Krankenhausfluren. Mit klopfendem Herzen zog sich Marc in sein Büro zurück.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

08.10.2017 01:53
#81 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Mein liebster Marc,

jetzt bist Du schon so lange wieder in Berlin. Ich vermisse Dich schrecklich. Ich habe noch nie in meinem Leben so vermisst, wie jetzt. Vermutlich, weil ich noch nie jemanden so geliebt habe wie Dich.

Du bist einfach meine große Liebe.

Ich habe mich auf den ersten Blick in dich verliebt und kann es kaum glauben, dass wir es nach 20 Jahren endlich geschafft haben zusammen zu kommen! Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass das immer so bleibt.

Ich habe öfter versucht, Dich anzurufen, aber die Verbindungen sind schlechter denn je. Das Fernmeldeamt in Ouaga ist nach einem Feuer lahm gelegt. Du weißt, wie schnell sie hier sind, sowas zu reparieren. Irgendwas zu reparieren. Vermutlich sind auch meine SMS nicht angekommen.

Mittlerweile arbeiten wir nur noch über die Funkstation, wenn wir kommunizieren müssen. Das ist nervig. Manchmal überlege ich, doch einen Trommelkurs zu machen.

Gott sei Dank kann ich Dir über Gigi diesen Brief zukommen lassen. Wir haben in der letzten Woche gute Gespräche geführt. Ich glaube, dass man sie in London so einfach auf die Straße gesetzt hat, das nagt ganz schön an ihr. Da sie nicht weiß, wo sie bleiben soll, habe ich sie erstmal zu Mama und Papa geschickt. Mit einem Koffer, dass sie es sich nicht anders überlegen kann. Das meiste sind Sachen, die ich hier nicht gebrauchen kann – wie die Skiunterwäsche, die mir meine Mutter eingepackt hat. Aber es sind auch Geschenke darin. Ich denke, in den nächsten Tagen bringt Mama Dir was vorbei.

Ich muss die ganze Zeit gegen mein Bauchgefühl ankämpfen. Ja, die vergangenen Tage mit Gigi waren gut. Seit sie beschlossen hat, nach Hause zu gehen und sich ihrer Situation zu stellen scheint sie ausgeglichener zu sein. Trotzdem habe ich Angst, dass sie diesen Brief an Dich unterschlägt. Ich möchte so nicht sein. Ich möchte ihr nichts Böses unterstellen. Ja, gut. Sie hat gelogen. Aber sie wollte, dass das mit Alexis und mir klappt.

Auch ich habe gelogen. Richtig gelogen, Marc. Erinnerst Du Dich als Gabi Dich erpresst hat? Bestimmt. Ich habe auf der Polizei richtig gelogen.
Gabi gab gerade eine Anzeige gegen Dich wegen Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht auf. Ich habe ihr ein Röhrchen starker Antidepressiva in die Handtasche geschmuggelt und sie als meine paranoide und eifersüchtige Freundin dargestellt. Oder sollte ich eher bloßgestellt sagen?
Egal. Je mehr ich ihr anlastete, umso hysterischer wurde sie – was es mir leichter machte. Ich konnte auch eindrucksvoll beweisen, dass Du mein Verlobter bist und sie sich von ihrer unerfüllten Liebe zu Dir zu dieser Anschuldigung hinreißen ließ. Welches Glück, dass sie mir am Vortag ihren Verlobungsring gegeben hatte, weil er nicht passte.
(So doof muss man allerdings erst mal sein!!!)
Sie schoss sich selbst ins Aus, als sie ihn an meinem Finger sah. „Das ist mein Ring!“ Hast Du Gabi eigentlich jemals richtig hysterisch erlebt?
„Warum sollte Doktor Haase Ihren Ring tragen?“
„Weil ich ihn der falschen Größe gekauft habe!“
„Aha. Sie haben sich Ihren Verlobungsring also selbst gekauft!“

Damit war sie raus. Auch aus der Polizeistation, wo zwei Beamte sich wirklich abkämpften, sie rauszutragen.
Gott sei Dank musste ich nichts unterschreiben.

Seit Alexis/Frank hasse ich Lügen noch mehr.

Deine Ehrlichkeit ist das, was ich am meisten an Dir schätze und was mich unsere Trennung aushalten lässt. Wäre es nicht so, dann hätte ich niemals von Dir diese drei Worte gehört. Eigentlich waren es vier – Gretchen, ich liebe Dich!
Marc, dieser Moment hat meine Seele restlos für Dich geöffnet. Mein Herz gehört Dir schon lange. Ich glaube, wenn mich jemand fragen sollte, seit wann wir zusammen sind, dann ist es dieser Augenblick.

Gestern hat Martin im Gottesdienst einen Satz gesagt, der mir selbst auf Französisch gut gefiel (auch wenn ich ihn nicht ganz verstanden habe...). Ich habe ihn später danach gefragt und er gab mir lächelnd einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche. „Schön, dass Du fragst, ich wollte ihn Dir eh geben. Als ich ihn in der Vorbereitung las, musste ich an Marc und Dich denken.“ Er hat eine kleine Friedenstaube dazu gemalt.

“Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.”
- 1.Johannes 3,18

Ich musste auch an Gigi denken. Bitte gib ihr eine Chance!

Ihre Abreise rückt näher und ein Brief an meine Eltern will noch geschrieben werden.

Mein Herz hat Dich gefunden.
Du meine Seele.

Ich liebe Dich Marc.

Dein Gretchen

P.S. Gigi meint, dass Mehdi sie nur als Alibi benutzt hat. Aber das wäre doch nicht Mehdi, oder?

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

10.10.2017 19:16
#82 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.1 - Cafeteria


◊◊◊


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die letzte Versammlung ist gerade erst eine Woche her, doch nach dem Besuch unserer Chefetage möchte ich Sie persönlich kurz über die Ergebnisse informieren.

Zu allererst gebührt Ihnen mein Dank! Sie haben unsere Krankenhausfamilie optimal präsentiert. Professor Doktor Stangl und Doktor Bertrand waren sehr beeindruckt, wie Sie angesichts dieser Situation zusammenhalten. Unser Elisabeth-Krankenhaus ist einer der ältesten Standorte im Unternehmen, was man dem Kasten überhaupt nicht ansehen kann. Zum positiven Gesamtbild passte auch die letzte Auswertung der Patientenbefragung – im zweiten Quartal waren wir die Spitzenreiter!

Unsere optimale Gesamtpräsentation hat uns – beziehungsweise wohl mich – in eine sehr gute Verhandlungsposition gebracht, sodass ich Ihnen heute schon zwei personelle Veränderungen nennen kann: Ich bin der StaBe sehr dankbar, dass sie – auch wenn sie mir unmissverständlich den Spiegel meines doch fortgeschrittenen Alters vorhalten – bei der Besetzung des neu geschaffenen Postens eines Leitenden Oberarztes meinem Urteilsvermögen vertrauen und mir freie Hand bei der Auswahl der Kandidaten oder besser des Kandidaten gelassen haben: Doktor Marc Meier – die meisten kennen ihn ja noch als engagierten und ehrgeizigen Oberarzt der Chirurgie – hat bereits einen gültigen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ich hoffe, dass er seine Fähigkeiten als Sklaventreiber während seiner Zeit in Burkina Faso perfektionieren konnte, um Ihnen nun allen gleichermaßen gerecht zu werden.

Doktor Meier, ich gratuliere mir - und natürlich Ihnen zu dem neuen Posten!

Wenn ich in wenigen Tagen in die Reha fahre, wird Doktor Meier in allen Belangen weisungs- und entscheidungsbefugt sein.

Unsere Personalsuche ist in vollem Gange und so kann ich Ihnen schon heute eine neue Ärztin für die Chirurgie vorstellen, Doktor Gina Amsel. Ich bin sehr froh, dass wir wieder einmal eher zufällig ausgezeichnete Verstärkung ins Team bekommen – Doktor Amsel hat in Köln und Harvard studiert und war zuletzt Oberärztin am Londoner Seven Kings Park Hospital. Nebenbei möchte ich erwähnen, dass ich die neue Kollegin schon viele Jahre kenne. Deswegen wundern Sie sich bitte nicht, wenn Doktor Amsel und ich per Du sind.
Herzlich Willkommen, Gina!

Ich weiß, dass ich mich auf Sie alle verlassen kann, unseren Neulingen behilflich zu sein. Ich denke da natürlich besonders an Doktor Meier.

Mit diesem kleinen Scherz möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Doktor Meier hat heute meine Entlassungspapiere unterzeichnet und bereits in zwei Tagen trete ich meine Reha an, bei der ich alles unternehmen werde, um bald wieder mit Ihnen die Menschen zu versorgen. Da ich weiß, dass ich mich auf Doktor Meier und Sie alle verlassen kann, habe ich mir fest vorgenommen, die Zeit nur für mich
(„und meinen Kurschatten!“)
zu nutzen. Mittlerweile betrachte ich diese Haltung als Luxus und nicht als Zeichen meines Gebrechens.

Ich proste Ihnen erneut mit Apfelsaft zu. Auf Ihr aller Wohl!

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

10.10.2017 19:23
#83 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.2 – Marc und Professor Haase 8



Nach der Versammlung in der Cafeteria zogen sich Professor Haase und sein Stellvertreter in das Büro des Chefarztes zurück. Es waren verschiedene Punkte zu besprechen, vor allem stattete der Professor Marc mit allen noch erforderlichen Vollmachten aus. Natürlich bekam der neue Chef im Haus auch noch ein paar mahnende Worte zu hören.

„Es ist wichtig, dass Sie Neutralität lernen. Etwas anderes können Sie sich als Chef nicht leisten! Entsprechend hoffe ich sehr, dass Sie sich gegenüber Doktor Amsel zusammenreißen. Ich weiß, dass Sie sie fordern werden, das weiß sie auch und das ist in Ordnung. Aber nur wer eine Chance bekommt, kann diese auch nutzen.“ Er sah Marc ernst an. „Mit diesen Worten habe ich übrigens auch vor mehreren Jahren bei der Stabe Ihren Vertrag als Oberarzt vertreten.“

Na ganz toll...
So ist es aber.
Was? Er und sie auf gleicher Ebene?
Es geht um Chancen – und was man daraus macht.


(„Bitte gib ihr eine Chance!“)

Vater und Tochter halten Dich gefangen.
Es hat Dir bisher nicht geschadet.
Sie wird Dir schaden!


„Ich bin mir sehr bewusst, dass Doktor Amsel in der Notaufnahme Defizite hat. Das wird – muss sie lernen. In jedem Fall kann Sie Ihnen aber zwei unbeliebte Disziplinen vom OP-Tisch halten. Ich weiß ja, wie sehr Sie Schilddrüsen und Blinddärme lieben!“

Sie waren mit der offiziellen Übergabebesprechung durch. Der Chefarzt seufzte. Nur ungern würde er morgen in die notwendige Rehamaßnahme aufbrechen. Nicht, dass er dem jungen Mediziner gegenüber die Klinikleitung nicht zutraute. Im Gegenteil.

Die beiden Chirurgen harmonierten gut. Sie kannten sich schon lange, nicht erst seit Marc vor gut fünf Jahren Oberarzt bei Professor Haase geworden war. Vor zehn Jahren hatte der Praktikant Marc erstmals einen Fuß in dieses Krankenhaus gesetzt, als Arzt im Praktikum hatte er schon von sich überzeugen können und der Professor hatte den ehrgeizigen Chirurgen immer im Auge behalten. Und so hatte Doktor Meier auch einen Teil der Facharztausbildung bei ihm absolviert. Die Charité war natürlich erste Anlaufstelle gewesen, vielseitiger und natürlich auch spektakulärere Operationen. Aber hier konnte Marc viel mehr Praxis erlangen und gerade bei Routine-Eingriffen schnell selbstständiger arbeiten. Professor Haase hatte nie bereut, dem schwierigen jungen Mann Vertrauen geschenkt zu haben. Man musste ihn zu nehmen wissen. Deswegen sah er auch, dass noch etwas in Marc rumorte.

(„Was mache ich mit dieser verflixten Neuorientierung...“)

Du hast alle Vollmachten, Du darfst entscheiden. Er gibt Dir die Eier zurück, die seine Tochter abgeschnitten hat.


Unbewusst und glücklicherweise unterbrach der Professor den sich anbahnenden Konflikt: „Doktor Meier, Sie werden das schon hinkriegen. Ich habe da keine Zweifel und das sehen Stangl und Bertrand ja mittlerweile genauso.“
Stangl und Bertrand... Marc nickte und schluckte das Thema Neuorientierung mühsam hinunter. „Wann geht es morgen denn los?“
„Der Zug fährt um 9:38 Uhr. Das Gepäck ist schon abgeholt worden.“ Plötzlich erhellte ein Lachen sein Gesicht. „Vermutlich geht es mir wie Gretchen – ich werde auch erstmal einen Koffer zurück schicken.“
„Herr Professor, ich wünsche Ihnen alles Gute. Denken Sie nicht zu oft an den Kasten.“
„Ich werde es versuchen. Versprechen Sie mir etwas? Wenn doch der Schuh drücken sollte... dann melden Sie sich. Ich bin nicht aus der Welt!“
„Versprochen. Aber rechnen Sie nicht damit. In den letzten drei Wochen hat doch auch alles funktioniert. Sogar sehr gut – oder täuscht mich mein Eindruck?“

So ist gut!
Vertrauen ist immer gut!


„Es konnte nicht besser laufen.“
„Was genauso schlimm ist, wie wenn es in die Hose gegangen wäre?“
„Ja, so ungefähr. Ich muss mich einfach an den Gedanken gewöhnen, dass das Elisabeth-Krankenhaus irgendwann nicht mehr mein Krankenhaus ist.“
„Das können Sie am besten weiter in die Zukunft schieben, wenn Sie jetzt schön brav die Reha machen und auf sich aufpassen. Sprich – Sorgen sind verboten, außer ich melde mich.“
„Wissen Sie...“ Der Professor legte Marc die Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich gut und warm an. „Ich hoffe, Sie melden sich auch ohne Sorgen mal.“

(„Ohne Sorgen – Sanssouci. Gretchen.“)

Dieser Gedanke löste bei Marc kleine Herzrhythmusstörungen aus. Anders als beim alten Chefarzt, gaben diese allerdings keinen Grund zur Sorge.

„Ach... verflixt! Ich trage schon seit gestern einen Brief von Gretchen für Sie mit mir herum. Der klemmte noch im Koffer.“

Diesmal war es keine kleine Störung, die sein Herz ergriff. Er spürte es bis in seinen Hals hinauf schlagen. Er nickte dem Professor ein letztes Mal zu. „Danke und gute Reise.“

Leider musste der Brief warten – sein Pieper rief ihn umgehend in die Notaufnahme.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

15.10.2017 21:48
#84 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.3 – thyreotoxische Krise


Der Notarzt hatte die Lebensfunktionen einer kollabierten Frau halbwegs stabilisieren können. Marc ließ die Frau sofort auf die Intensivstation bringen. Leider musste er in der Notaufnahme heute mit Maurice Knechtelsdörfer vorlieb nehmen. Der Assistenzarzt war irritiert. „Wollen Sie sie denn gar nicht untersuchen?“
„Wollen Sie nicht ein bisschen nachdenken?“
Der Assistenzarzt antwortete nicht. Dachte aber auch nicht weiter über die Vorgehensweise des Oberarztes nach.

Carsten Stern war heute auf der Intensivstation eingeteilt. Während sich der Österreicher sich vornehm zurückhielt, schloss er mit dem Chirurgen die Patienten an die Überwachungsgeräte an. „Was haben wir hier?“
„Das kann Ihnen Doktor Knechtelsdörfer sagen.“
„Äh, sie wurde nicht untersucht. Aber vermutlich ein Herzproblem.“

(„Kompetenzproblem!“)

Er beobachtete die beiden Nachwuchsärzte und sagte selbst keinen Ton.

„Der Notarzt wird wohl irgendwas gesagt haben? Wo ist denn das Protokoll?“
„Ihr Kreislauf ist kollabiert, beim Eintreffen hatte sie einen Puls von 140 und Herzrhythmusstörungen. 39,5°C Fieber und deutlich dehydriert. Er hat ihr Propanolol verabreicht, außerdem Vollelektrolytlösung und etwas gegen das Fieber.“

Er schritt doch lieber ein: „Frage an Sie beide: Was schlagen Sie vor?“

Der Österreicher hob den Zeigefinger. „Labor.“
Marc seufzte innerlich. „Herr Stern?“
„Die Patientin ist in einem schlechten Allgemeinzustand, ich vermute Vorerkrankungen.“ Der jüngere Assistenzarzt horchte den Brustkorb ab. „Sie hat hörbare Atemgeräusche aber die Lunge ist frei. Auffällig ist eine Verdickung am Hals. Labor mit allen Schilddrüsenparametern. Außerdem Sono beziehungsweise Szinti. Zusätzlich zur VEL schlage ich die Gabe von Glukokortikoiden vor. Hm, lassen Sie mal sehen. Hohe Tachykardie, Herzrhythmusstörungen, deutliches Fieber und Dehydratation. Nach dem Burch-Wortofsky-Score haben wir es hier mit einer Thyreotoxischen Krise zu tun.“
„Gut, dann bleibt uns gerade nicht mehr, als das was wir eh schon tun. Warten wir tatsächlich erstmal das Labor ab. Herr Knechtelsdörfer, sehen Sie zu, dass das Protokoll hier landet. Wenn Doktor Amsel kommt, soll sie sich das ansehen.“
„Labor, ja, das hatte ich ja auch vorgeschlagen. Außerdem – Doktor Knechtelsdörfer, bitteschön. Den Titel habe ich durch eine hochwissenschaftliche Studie erarbeitet.“ Er hob mahnend den Zeigefinger.

(„Erwichst!“)

Marc sah den Assistenzarzt scharf an und schüttelte den Kopf. „Unglaublich...“ Er drehte sich zur Tür, die Patientin war in der Obhut von Herrn Stern bestens aufgehoben.

„Was war denn Dein Thema?“ Bei der Frage des Assistenzarztes spitzte Marc doch nochmal die Ohren.
„Ich habe die Auswirkung von Antidepressiva auf das männliche Sperma untersucht. Selbstversuch.“
„Du hast Dir den Doktortitel erwichst?“ Carsten Stern fing an zu lachen.
„Bist Du blöd? Weißt Du, was ich da durchgemacht habe?“
„Wie oft hast Du denn...?“
„Ich meine, dass ich die Antidepressiva genommen habe.“
„Ach so...“
„Das andere...“
„...ging Dir ganz leicht von der Hand?“

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

15.10.2017 21:52
#85 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 2.4 – Virus oder nicht


Schnell hatte er sich wieder umgezogen. Als er seinen Kittel überstreifte fühlte er etwas in der Tasche.

(„Gretchen! Der Brief!“)

Er tastete nach dem Brief und als seine Finger das Papier fühlten, schlug ihm sein Herz wieder ganz heftig in der Brust. Oder war es das unaufhörlich fordernde Magenknurren?

(„Also gut. Kaffee, Brötchen, Brief.“)

Während er auf den Aufzug wartete, sah er von weitem Doktor Hassmann und den ungeliebten Assistenzarzt kommen. Sie bemerkten ihn nicht, sonst hätten sie ihren Streit wohl eingestellt.

„Maria, Du bist gerade schwieriger als Deine pubertierende Tochter.“
„Dann lass mich doch einfach mal in Ruhe.“
„Mir gefällt das nicht.“
„WAS, Maurice?“
„Du bist krank. Guck Dich mal an, Du bist immerzu blass und schlapp. Du hast Dich garantiert bei Melanie mit dem Magen-Darm-Virus angesteckt.“
„Jetzt sag mir noch, ich soll zu Hause bleiben.“

„Das wäre in dem Fall wohl ausnahmsweise mal eine gute Idee von Doktor Knechtelsdörfer.“ Marc sah die Neurochirurgin streng an. „Einen Virus können wir hier überhaupt nicht gebrauchen!“

(„Ich auch nicht!“)
„Haha, und Sie übernehmen morgen früh die Liquor-Punktion?“
„Auch das wäre eine Möglichkeit. Aber da fragen Sie eher Doktor Stier, ich habe morgen die Gallenstein-OP. Doktor Knechtelsdörfer, ich erwarte Sie und Herrn Stern um 17 Uhr im Büro von Professor Haase.“
„Warum?“
„Ein „Ja, selbstverständlich“ wäre die richtige Antwort gewesen. Warum sehen Sie dann.“ Er wandte sich an die Neurochirurgin. „Und Sie überlegen sich bitte, nach Hause zu gehen, bevor Sie mir hier einen Magen-Darm-Virus rein schleppen. Das ist so ziemlich das Letzte, was wir hier gebrauchen können. Und das sollten Sie wissen!“

Sabine kam mit Doktor Gummersbach den Flur entlang. Sie schnappte die letzten Worte auf. „Ein Magen-Darm-Virus hier im Haus? Oh! Das ist ja schrecklich. Ich... ich muss sofort alles desinfizieren...“

„Mischen Sie sich nicht in alles ein.“

„Wie reden Sie denn mit Schwester Sabine?“ Der Pathologe bekam vor Aufregung kaum Luft, schaffte es dennoch, ein Fläschchen Desinfektionsmittel aus seinem Kittel zu ziehen. „Einen Virus hier einzuschleppen wäre fatal – damit könnten Sie allerdings mal im Katharinen-Hospital vorbeigehen. Hm...“ Er grinste spitzbübisch und schob seine Freundin weiter.

Auch Marc musste grinsen. Schnell war er jedoch wieder ernst. „Überlegen Sie es sich bitte! Vor allem schnell!“

Wortlos und mit einem vernichtenden Blick ließ Doktor Hassmann ihren jungen Chef stehen. Sie wusste nur zu gut, dass es kein Magen-Darm-Virus war, der sie seit geraumer Zeit quälte.

(„Ein Virus wäre schön... man leidet ein paar Tage ganz furchtbar und dann ist er wieder weg.“)
Ihr rannte jedoch die Zeit davon. Ihr Virus wäre frühestens in 18 Jahren und 7 Monaten weg. Im besten Fall!

„Maria!!! Warte doch...“ Der Österreicher versuchte die Oberärztin einzuholen.

(„Ganz ruhig!“)

Marc atmete wie zur Beruhigung einmal ganz tief ein und aus. Mit einem Kaffee zog er sich ein paar Minuten später in eine geschützte Ecke der Cafeteria zurück. Er hielt den Brief in den Händen.

(„Gretchen!“)

Ein zarter Duft stieg in seine Nase – er lächelte. Sah sich um. Schnüffelte. Lächelte. Es war nicht sie, aber es war ihr Geruch.

Wie albern das ist. An Papier zu schnüffeln wie ein Süchtiger.
Diese Frau ist die beste Droge – quasi ohne Nebenwirkungen.
Hahaha. Ohne Nebenwirkungen... Guck ihn Dir an...
Ja, gerade besonders gerne.


Schnell öffnete er das Kuvert und tauchte in die geschwungene Schrift ab, die so beruhigend auf ihn wirkte.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 172

15.10.2017 21:56
#86 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 2.5 - Brief an Marc


Hallo Marc,

halt mich für blöd, aber mir ist gerade die Idee gekommen, dass ich Dir ja noch einen Brief schreiben kann. Den lege ich zur Sicherheit aber in den Koffer, blöd, dass ich den ersten bereits Gigi gegeben habe. Naja, mein Vorsatz ist: Ich vertraue ihr. Was mir augenscheinlich schwer fällt.

Das mit dem Vertrauen ist eh eine Sache. Nein, jetzt denk bitte nichts Böses – Du bist einer der ganz wenigen Menschen, denen ich grenzenlos vertraue.
Haha, Gretchen, grenzenlos ist ein seltsames Wort, wenn Tausende Kilometer und unzählige Grenzen zwischen uns liegen.

Ich hoffe, dass der Gruß von Martin heile bei Dir ankommt. Treib es damit nicht zu wild. Als Mehdi mitbekam, dass eine Flasche Karamba zu Dir unterwegs ist, hat er nur den Kopf geschüttelt und irgendwas gemurmelt. Hast Du Dich wirklich nach dem Zeug übergeben?

Oh Marc – da muss ich glatt an diese bescheuerte Feier von meinen Eltern denken. Ich habe mich so schlecht gefühlt und plötzlich warst Du da. Du wolltest mir eine Freude machen – ich glaube, alle hatten ihren Spaß, besonders mit Deiner illuminierten Jacke. Das war einer der Momente, wo ich mir wieder sicher war, dass das mit uns beiden klappen kann. Du hast mich gefragt, ob ich als Prinzessin gehe. Heute nennst Du mich so.

In meinem Zimmer hängt glaube ich noch eine alte Postkarte. „Ich schmeiße alles hin und werde Prinzessin!“

Wie wahr. Okay, ich bin Ärztin. Mit Doktortitel sogar. Aber ohne Facharzt. Weder den einen, noch einen anderen. Aber Prinzessin – das habe ich geschafft! :-)
Meine Sehnsucht nach Dir schafft mich ganz schön. Naja, wohl auch – oder eigentlich eher – die Hitze. Es wird von Tag zu Tag heißer. Martin sagte, dass es ungewöhnlich heiß ist. Im Oktober geht das Thermometer selten über 35 Grad, in den letzten Tagen waren es an die 40°C.

Seltsamerweise jammert nicht mal Gina. Vermutlich zu müde. Pfui, Gretchen! Du wolltest brav sein.
Prinzessin bin ich ja schon. :-)

Das rote Kleid, das ich damals an hatte (verzeih mir diese Gedankensprünge), das hat mir Sabine geschenkt. Zum Dank, dass ich die Verwechslung der Finger auf mich genommen habe. Du erinnerst Dich bestimmt. Deine Ex-Freundin, wie hieß sie gleich? Ach... egal. Ich habe Dir keine Freundin zugetraut. Das tut mir Leid, Marc. Denn es heißt umgekehrt, dass ich Dir nicht zutraue, ein Freund zu sein. Das war falsch – Du bist ein wundervoller Freund! Noch besser ist, dass Du mein wundervoller Freund bist.

Mich würde interessieren, was Papa darüber denkt. Er hat Dich ja schon immer gemocht. Mamas Meinung kann ich mir vorstellen... naja, sie trauert immer noch dem Millionär hinterher. Pfff... da hatte ich das Schloss, war aber keine Prinzessin. So ist es besser - tausendmal besser.

Letzte Nacht habe ich von uns geträumt. Nicht, dass Du das jetzt falsch verstehst – ich träume oft von Dir. Aber dieser Traum war von uns. Ich konnte Dich fühlen, Dich anfassen, Dich küssen, Dich riechen und schmecken. Es war so real. Wie Du mich geküsst hast. Angefasst hast... weißt Du, wie schlimm das ist, wenn man wach wird und stellt dann fest, dass alles nur ein Traum war? Es reißt einem das Herz heraus und an der Stelle ist ein dicker Knoten, der sich immer enger zieht und einen nicht mehr atmen lässt.

Ich hätte nie gedacht, dass man schon alleine von der Vorstellung so... nein. Ich weiß nicht, ob ich das auch geträumt habe. Oh Gott, wo habe ich mich jetzt wieder hineingeschrieben... mein Tagebuch würde einfach schweigen, aber Du?
Ich sehe Dich gerade grinsend vor mir. „Los, sprich es aus.“
Ich bin nur froh, dass mich gerade niemand sieht...

Kann man einen Orgasmus haben, bloß weil man träumt? (Ha!)
Oder habe ich das dann eher auch nur geträumt?

Ich glaube, eine Antwort möchte ich gar nicht wissen. Ja, lach nur. Gina hat neulich gesagt, dass sie uns oft gehört haben. Genau sowas will ich wissen...
Ziehen wir später in ein einsames Haus am Meer oder mitten im Wald oder mit Lärmschutzwänden drum herum?

Hm... wie komme ich jetzt auf Peter? Irgendein Gedanke blitze gerade durch mein Gehirn und war schneller weg, als ich „Marc“ sagen konnte. Bei Lärmschutzwand fällt mir Peter ein... pfff... keine Ahnung. Die Olle, mit der ich ihn erwischt habe, die war nicht leise, aber daran dachte ich jetzt nicht.

Um Prinzessin zu werden musste ich nicht nur einiges hinschmeißen sondern auch zwei Brautkleider verbrennen. Alle guten Dinge sind drei – sagt man. Egal ob und wie wir jemals heiraten – aus einem weißen Kleid bin ich glaube ich rausgewachsen! Ich habe im Traum einen Orgasmus... und... war ich wirklich bewusstlos? Machen das Prinzessinnen so? Wenn ich demnächst also mal eine Gala oder so lese, dann werde ich daran denken. Demnächst – irgendwann – jemals wieder...? Klatsch und Tratsch ist das, was mir hier sehr fehlt.

Und Du natürlich. Besonders Du fehlst mir.
Aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Zeit für uns arbeitet. Hey, wie haben 20 Jahre gebraucht, um zusammen zu kommen. Diese Zeit jetzt ist dagegen ein Klacks. Ich habe früher immer von der Hoffnung gelebt. Jetzt ist es die Zuversicht. Dass unsere richtige Zeit noch kommen wird.

Apropos Zeit... es wird langsam dunkel und ich mache kein Licht mehr an. Die Mücken sind momentan schlimm. Roula sagt, das hat sich bald erledigt, wenn die Luftfeuchtigkeit von der trockenen Hitze verdrängt wird. Dann soll man auch besser mit den Temperaturen klar kommen.

Mach es gut, Marc.
Ich liebe und vermisse Dich. Garantiert. Bis wir uns wieder sehen. Äh... lieben werde ich Dich auch danach! Versprochen!

Dein Gretchen

Seiten 1 | 2 | 3 | 4
 Sprung  
Unsere offiziellen Partner
Türkisch für Anfänger
Weitere Links
Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen