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Karo Offline

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Beiträge: 245

27.09.2017 22:27
#76 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.12 – Ehepaar Haase 3


Glücklich hielt Professor Haase den Brief in der Hand. Bärbel hatte sich tatsächlich nicht getraut, den Umschlag ohne ihren Mann zu öffnen, nachdem sie ihm den ersten Brief unbeabsichtigt unterschlagen hatte.

Mama/Papa

Sie saßen nebeneinander auf dem Bett und zögerten, das Kuvert aufzureißen. Es schien, als wäre der weiße Umschlag mit der roten Schrift heilig.
„Na komm, mach schon. Er öffnet sich nicht von alleine.“ Schließlich wurde Bärbel ungeduldig, sie hatte den Brief ja bereits seit dem gestrigen Abend in der Hand.
„Mach Du. Liest Du auch vor?“ Franz lehnte sich entspannt zurück und wartete.

Karo Offline

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Beiträge: 245

27.09.2017 22:32
#77 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Liebe Eltern!

Ich weiß, das klingt sehr distanziert aber ich kann mich nicht entscheiden, wen ich zuerst nennen soll... ich habe euch beide gleich lieb!

Nun schreibe ich schon einen weiteren Brief für euch. Gigi wird uns in den nächsten Tagen verlassen und diese Gelegenheit, sie als Botin zu missbrauchen, kann ich mir nicht entgehen lassen. Da habe ich auch schon die erste Bitte an euch – könnt ihr sie erstmal aufnehmen, bis sie weiß, wo sie hingeht? Sie kann gerne mein Zimmer bewohnen.
Gina würde euch wohl eher nicht um Obdach bitten, sie muss sich ja schon ihr Leben lang alleine durchschlagen. Manchmal kommt sie mir vor wie Marc – bloß niemandem um Hilfe bitten. Vermutlich sind die beiden deswegen wie Feuer und Wasser, sie sind sich sehr ähnlich.
Wobei es hier wirklich schwierig war, mit Gina klar zu kommen. Wenn Mama meinte, ich wäre hier falsch, dann hat sie Gigi nicht erlebt.
Aber egal. Es wurde besser als Marc weg war und sie beschlossen hatte, ebenfalls abzureisen. Ich habe ihr einen riesigen Koffer mit Sachen aufs Auge gedrückt, die ich hier nicht gebrauchen kann. Mama – komm nicht auf die Idee, mir nochmal die Skiunterwäsche einzupacken. Wir haben hier Temperaturen, die selten unter 30 Grad fallen. Aber auch bei Minusgraden in Kitzbühel oder sonst wo habe ich die schon nicht getragen. Ich schenke sie Dir gerne!
Aber zurück zu Gina. Sie bringt euch also zuerst den Koffer, das heißt, sie muss euch aufsuchen. Bitte bietet ihr an, zu bleiben. Sie hat weder einen Job noch ein Dach über dem Kopf. Ihre Oberarztstelle in London war befristet und die haben sie trotz einer Option auf Übernahme spontan auf die Straße gesetzt. Sonst wäre sie wohl eher nicht nach Afrika gekommen.

Papa – Vielleicht kannst Du ja für sie Deine Beziehungen spielen lassen?

Ich hoffe, dass es Dir besser geht. Das wäre die einzige erlaubte Folge dass Marc weg ist. Er fehlt mir schrecklich. Gina hat auch einen Brief von mir für ihn – bitte fragt bei Marc mal nach, ob sie den ausgehändigt hat. Ich glaube zwar nicht, dass sie ihm damit eins auswischen will, aber wer die beiden hier erlebt hat...

Es war eine sehr gute Entscheidung, hierhin zu kommen. Mit Roula verstehe ich mich von Tag zu Tag besser und langsam taut auch Martin auf. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Fritz für Dezember seine Ankunft geplant hat.
Das ist bestimmt gut, denn dann ist Mehdi ja auch weg. Wir haben hier so unglaublich viel zu tun, meine unbedacht geäußerte Idee, nur einen Familienbeitrag für den Schulbesuch aller Kinder einer Familie zu erheben, hat zur Folge, dass jetzt 16 Kinder mehr hier leben. Sie schlafen teilweise zu dritt in einem Bett. Zu zweit ist hier normal, sie sind sehr auf die körperliche Nähe eines anderen Menschen bedacht. Roula meinte, in Afrika wäre es normal, dass Kinder bis zum 3. Lebensjahr auf dem Rücken der Eltern getragen werden – oder halt bis das nächste Kind kommt.
In der abklingenden Regenzeit haben wir Geburten im Akkord durchgezogen. Mehdi vermisst das „ruhige Stationsleben“. 

Bis ich wiederkomme hoffe ich, hier einiges verändern zu können. Papa, hat Marc Dir unsere Liste gezeigt? Es wäre so schön, wenigstens etwas davon zu bekommen. Ich kann auch gar nicht sagen, was. Es wird alles gebraucht.

Aber genau macht das Arbeiten so sinnvoll und erfüllend. Es erfüllt mich mit Hass, wenn ich sehe, wie sich die Frauen hier quälen müssen. Jede kleine Glaubensgruppe hat andere Götter, andere Riten, andere Geschichten. Aber das grausamste Ritual von allen wird flächendeckend praktiziert. Ich bin so froh, dass Mehdi hier ist und mir sehr viel erklären und zeigen konnte. Ich wäre wohl auch alleine drauf gekommen, aber mit Anleitung ist es besser. Er sagte, dass er selbst in Berlin schon oft mit den Problemen von beschnittenen Frauen zu tun hatte. Die meisten stammten aus Somalia und Äthiopien, aber es waren auch ein paar wenige darunter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Ich kann das kaum glauben!

Besseres Thema: Wenn mein Koffer da ist, dann bitte ich Dich, Mama, ihn zu öffnen. Ich habe da ein paar Sachen drin, die für euch und natürlich für Marc sind.
Wenn man bedenkt, dass wir jeden Tag alles in verschiedensten Supermärkten zur Verfügung haben dann ist es wirklich bewundernswert, was sie hier mit viel Arbeit aus allem zur Verfügung stehenden gewinnen. Bier wird bei uns auch aus Getreide hergestellt – Gerste, Malz, Hopfen, was auch immer. Hier ist es die Hirse. Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig. Auch würden wir nie in der Menge Maismehl verwenden. Ich habe Dich in den Ohren, Mama: Gretchen iss nicht so viel Mais, das ist Stärke pur.
Ja, Mama, da hast Du Recht. Aber genau das brauchen sie hier. Hier gibt es nicht genug für alle, also muss das bisschen schon etwas mehr „Bums“ haben.
Aber nebenbei bemerkt: Ich habe das Gefühl, dass ich es viel besser vertrage. (Nachdem ich längere Zeit mit ganz üblen Magenproblemen zu tun hatte.) Mehdi fragte mich, ob ich ein Problem mit Gluten oder sonstigen Zusatzstoffen habe. Keine Ahnung, aber sowas gibt es hier bestimmt nicht. Das meiste, was auf dem Tisch landet, haben wir selbst angebaut, geerntet, gezüchtet, gefüttert, geschlachtet... ich glaube, dass ich noch nie so „gesund“ gegessen habe.
Martin meinte, dass die industriell hergestellten Lebensmittel mittlerweile fast alle minderwertig sind. Deswegen reicht den Menschen hier viel weniger Nahrung, um über die Runden zu kommen.
Ich zitiere einen wahren Satz von Martin: „Das Leben ist zu kostbar für billige Lebensmittel!“

In jedem Fall findest Du im Koffer das eine oder andere dieser Lebensmittel, die kein Mensch bezahlen würde, würde man sie zu fairen Preisen anbieten.

Was Du unbedingt ausprobieren musst ist das Baobab-Pulver. Martin schickt immer einiges davon in seine deutsche Gemeinde, die verkaufen es hauptsächlich als Geliermittel zum Einkochen. In Milch eingerührt trinke ich es morgens sehr gerne. (Leider Ziegenmilch, aber man gewöhnt sich dran!)
Ich möchte euch vom Baobab erzählen. Man nennt ihn auch Affenbrot-Baum oder Apotheker-Baum.

Der Baobab ist ein riesiger, faszinierender Baum, der hier, in Westafrika schon nach ungefähr 10 Jahren das erste Mal Früchte trägt. Schon? In anderen Regionen kann das auch erst mit 20 Jahren sein. Das schließt eine Plantagen-Wirtschaft so gut wie aus. In Sanssouci haben wir selbst zwei kleinere Exemplare, aber bei einer der Fahrten ins Land haben wir einen Baum gesehen, der laut Roula über 500 Jahre alt ist. Die Blüten stinken furchtbar – ein bisschen wie Aas. Aber er bietet ein breitgefächertes Nahrungsangebot. Fruchtfleisch, Samen, Rinde, Blätter und Sprösslinge sind vielseitig einsetzbar.
Dem Affenbrotbaum wird auch in der afrikanischen Volksmedizin große Bedeutung zugesprochen. Die Früchte werden beispielsweise gegen Infektionen und Krankheiten wie Pocken und Masern eingesetzt. Die Blätter helfen bei Ruhr, Diarrhöe, Koliken oder Magen-Darm-Entzündungen. Die Samen finden Verwendung als Herzmittel, bei Zahnschmerzen, Leberinfektionen und Malaria-Erkrankungen.

Ich glaube, Andrea wäre mächtig stolz auf mich.

Aber der Baobab ist auch Nahrungsmittel. Das Fruchtfleisch ist reich an Vitamin C, B und Kalzium. Getrocknet wird es entweder pur gegessen (sehr säuerlich) oder in Milch oder Brei gemischt. Es kann auch zu Bier vergoren werden aber dazu ist es eigentlich zu wertvoll. Aus dem fettreichen Samen kann man durch Pressen ein Öl gewinnen, das reich an Palmitinsäure ist und eine hohe oxidative Stabilität ausweist. Roula stellt daraus Seife her, etwas das die meisten Kinder nicht kennen, wenn sie hier erstmals ankommen. In Pulverform dienen die Samen aber auch zum Andicken von Suppen. Geröstet sind sie essbar oder fermentiert als Gewürz nutzbar. Die Blätter werden als Gemüse genutzt, indem sie wie Spinat zubereitet entweder frisch gegessen oder getrocknet und pulverisiert werden. Oft findet man den Baobab auf afrikanischen Speisekarten: Kuka-Suppe ist eine typische Spezialität.

Der Baum liefert darüber hinaus Material für eigentlich alles: Kleidung, Hüte, Schmuck, Schnüre, Seile, Netze, Matten, Kisten und Körbe und sogar Papier. Selbst zum Dachdecken taugen die Fasern. Dazu werden die Bäume geschält. Die Rinde regeneriert sich wieder, sodass die Bäume wiederholt als Bastlieferant genutzt werden können.
Zu guter Letzt: Die Wurzel. Aus ihr kann man roten Farbstoff gewinnen, man kann Klebstoff daraus herstellen.

So, nun seid gespannt, was ihr alles in den Koffern finden werdet.
Papa, wenn Du fit genug bist, um Dich um die Wunschliste zu kümmern, dann nimm Kontakt mit Fritz auf. Er kümmert sich dann darum, die Sachen zu uns zu kriegen.

Ich umarme euch ganz herzlich, ganz doll, von ganzem Herzen, wie auch immer.

Ich habe euch lieb!

Gretchen

P.S. Fotos gibt’s auch... Gigi hat den Koffer

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 245

27.09.2017 22:36
#78 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.13 – Ehepaar Haase 4


„Ich bin sehr gespannt, was sie uns schickt.“
„Ich auch. Die Koffer sollen heute geliefert werden.“
„Wie geliefert?“
„Glaubst Du, es ist Ginas Aufgabe, Gretchens Koffer durch die Gegend zu schleppen?“
„Gretchen... wie geschickt sie uns Gina an den Hals hängt.“ Franz lächelte selig. „Und wenn unsere Tochter wüsste, was sie da angestoßen hat...“ Er dachte an das zurückliegende Gespräch mit den Chefs aus Konstanz, die noch zwei Tage in Berlin bleiben würden.
Bärbel beobachtete, wie es im Kopf ihres Mannes zu arbeiten anfing. Sie ahnte seinen Gedanken. „Vielleicht besucht Gina Dich mal, dann kannst Du sie fragen, was sie sich beruflich vorstellt.“
„Kannst Du meine Gedanken lesen? Wir brauchen einen Oberarzt und eine Harvardabsolventin fällt einem nicht jeden Tag vor die Füße... wie bei Doktor Stier – der vielzitierte Zufall, würde ich sagen!“
„Ganz toll – einen teuren Mediziner einzustellen, der nicht belastbar ist.“
„Das verstehst Du nicht!“
„Franz, das ist jetzt aber...“
„Schick mir Gina vorbei, so schnell es geht. Natürlich soll sie erstmal ankommen. Vielleicht komme ich aber auch in ein paar Tagen nach Hause.“
„Wirklich? Oh Franz, das wäre toll.“
„Ja, aber nur zum Kofferpacken. Deswegen wäre es gut, wenn der Koffer dann schon ausgepackt ist.“
„Wieso Koffer packen?“
„Doktor Meier entlässt mich nur, wenn ich in Reha fahre.“
„Immer lässt Du mich alleine. Ich hasse es, alleine zu sein.“
„Das habe ich gesehen!“ Professor Haase grunzte.
„Bitte? – Wo sollst Du denn hin?“
„Doktor Stier hat die besten Erfahrungen mit dem Herzzentrum in Timmendorfer Strand gemacht, er wollte sich erkundigen, ob eine spontane Aufnahme möglich ist.“
„Ostsee? Im Winter?“
„Das ist kein Urlaub, Bärbel.“
„Für Dich nicht...“
„Wie... Du willst mitfahren? Solange kannst Du doch hier gar nicht weg.“
„Ach, der Herr Professor lässt es sich gutgehen, womöglich mit einem Kurschatten und ich langweile mich hier weiterhin zu Tode?“
„Bärbel, die Oberschwester wäre sicherlich sehr dankbar, wenn Du wieder auf den Stationen helfen würdest. Arbeit war schon immer hilfreich, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen!“
„Der Mann hat es gut, das Frauchen arbeitet.“
„Pfff... da musst Du aber viele Jahre aufarbeiten.“
„Werd´ mal nicht frech, Franz Haase. Ich sollte überlegen, Zimmer zu vermieten.“
„Mit Zimmerservice?“
„Willst Du mir irgendwas sagen? Immerhin wäre der Kasten dann nicht ganz tot.“
„Welches Glück, dass Gretchen Gina geschickt hat.“
„Oh Franz, das ist ja eine fabelhafte Idee. Sie wohnt bei mir und arbeitet bei Dir.“
Er lachte verschmitzt. „Dazu müsste sie mich zügig besuchen. Vielleicht kann sie direkt mit Herrn Ullstein und den anderen reden.“
„Oh Gott Franz! Unser Kühlschrank ist leer. So kann ich sie aber nicht aufnehmen, was soll sie denn essen? Ist ja auch völlig ausgehungert, nach gutem Essen. Vielleicht nutze ich den Leerstand und taue alles einmal ab. Auch der Gefrierschrank hätte es nötig, mal wieder richtig gereinigt zu werden. Ich muss mich beeilen, nicht, dass hinterher die Supermärkte zu haben. Mach´s gut, Franz!“
In dringender hausfraulicher Mission war Bärbel durch die Tür, bevor Franz überhaupt etwas sagen konnte.

Karo Offline

Mitglied

Beiträge: 245

27.09.2017 22:45
#79 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.14 – Marc und Professor Haase 7


„Na dann – Tschüss!“ Franz sagte es mehr zu sich selbst, er war schon wieder in Gretchens Brief vertieft. So bekam er auch nicht mit, dass Marc das Zimmer betrat.
„Meinen Sie mich?“
„Bitte?“
„Sie sagten „Tschüss“ – ich meine, vielleicht habe ich ja was verpasst, oder ist das das neue „Hallo“?“
„Äh, nein. Ich meinte meine Frau.“
„War die hier?“
„Vor allem so schnell weg, da sieht die Concorde blass gegen aus.“
„Vielleicht hat man sie deswegen stillgelegt.“ Marc lachte. „Das war früher mein Lieblingsflugzeug. Ich hatte einige Modelle davon.“
„Wir haben auch mal sowas für Jochen gekauft, aber er interessierte sich erst dafür, nachdem Gretchen das Modellflugzeug gegen eine Mauer gesteuert hatte.“ Der Professor prustete. „Aber da wir gerade von Gretchen...“
„Ist das ein Brief von Gretchen?“ Marc bekam große Augen.

(„Ich würde ihre Handschrift aus tausenden herausfinden!“)

„Ja. Meine Frau hat den vorhin mitgebracht. Gina ist seit gestern zurück. Sie wohnt bis auf weiteres bei uns. Was ich eigentlich sagen wollte als sie mich unterbrachen...“
Marc grinste den Professor an und fiel ihm erneut glucksend ins Wort: „Oh Entschuldigung, fahren Sie bitte fort!“
Die Chirurgen grinsten sich herzlich an. Doch als der Chefarzt fortfuhr, verging Marc sofort das Lachen. Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben: „Die? Hier? Niemals.“

Da ist sie, die Karriereschlange!
Sie nimmt Dir nichts weg, Du bist schließlich aufgestiegen.
Denk an den Traum – sie wird Mittel und Wege finden...


„Doktor Meier, wir brauchen dringend Leute und uns fällt nicht so oft eine Ärztin wie Gina vor die Füße. Ich meine, Harvard.“
„Sie ist eine verlogene, missgünstige Schlange. Und ganz ehrlich: Ihrem Ruf als Harvardabsolventin wird sie nicht gerecht... allenfalls Mittelklasse.“
„Ja, Gretchen schrieb, dass es in Afrika Differenzen mit ihr gab. Aber das ist alles persönliche Ebene. Als Chefarzt interessiert mich das nicht. Ich habe meiner Frau aufgetragen, Gina sofort herzuschicken. Ich möchte mit ihr reden.“
„Herr Professor...“
„Doktor Meier – merken Sie sich direkt eins. Wenn sich Leute zukünftig bei Ihnen vorstellen, dann können Sie denen nur vor die Stirn gucken, aber niemals dahinter. Jede Einstellung birgt ein Risiko. Doktor Amsel verfügt über beste Referenzen. Harvard und Oberärztin in London. Vor allem: Sofort verfügbar! Lösen Sie die Fakten von der Person. Dann beantworten Sie mir eine Frage: Würden Sie diese Bewerbung zur Seite legen?“
Marc seufzte. „Nein. Wohl eher nicht. Allerdings würde ich sie trotzdem nicht einstellen...“
„Doktor Stier habe ich auch eingestellt und der ist das größere Risiko.“
„Der Unterschied hinkt, denn Doktor Stier ist als Mediziner zu gebrauchen. Sie ist nur eine bessere Assistenzärztin.“
„Machen Sie mal halblang, man bekommt nicht einfach so eine Oberarztstelle. Nicht mal im Ausland... Außerdem will ich mich erstmal nur mit ihr unterhalten. “
„Herr Professor – Sie wollen sie aber nicht als Oberärztin?“ Marc dachte an den OP-Marathon in Koudougou und Ginas Schwierigkeiten, Mehdi anzuleiten. „Ob sie die Assistenzärzte unterstützen geschweige ausbilden könnte, wage ich zu bezweifeln...“
„Warum denn nicht? Sie hatte diese Position bereits inne.“
„Ich hatte in Koudougou das Vergnügen, sie im OP zu beobachten. Ich bin dagegen. Aber Sie sind der Chef.“ Er seufzte.

(„Ich sollte ihn gleich morgen in Reha schicken, dann kann er niemanden einstellen!“)

„Gut, dass Sie das wissen!“ Der Professor klang streng, doch seine Augen betrachteten den jungen Kollegen mit herzlicher Wärme. „Vielleicht kann ich Ihnen Doktor Amsel etwas schmackhafter machen – Gretchen schreibt, dass sie auch einen Brief für Sie hat.“
Ein glückliches Strahlen huschte über Marcs Gesicht. „Wenn sie ihn nicht zufällig verloren hat.“
„Doktor Meier!“
„Ja. Ja – ist ja gut!“ Er stand nachdenklich im Krankenzimmer.

(„Scheiße, was wollte ich eigentlich. Jetzt hat der mich völlig durcheinander gemacht.“)

„Ist noch was?“
„Ja. Ich suche gerade nach dem Grund, warum ich überhaupt hergekommen bin.“

„Hm, bestimmt wollten Sie mir meine Entlassungspapiere bringen.“ Professor Haase konterte trocken.
„Nein, dann hätte ich diese ja in der Hand und als ich mich auf den Weg gemacht habe, da war hier oben noch alles sortiert.“ Marc tippte sich an die Stirn.

(„Was hat mich jetzt mehr aus dem Konzept gebracht – Gretchens Brief oder die Androhung, die unfähige Hexe einzustellen.“)

„Ach so. Doktor Stier hat mit Professor Kohren telefoniert. Die könnten Sie ab nächster Woche aufnehmen.“
„Das war das Herzzentrum an der Ostsee, welches er empfiehlt?“
„Genau.“
„Gut, dann sollte ich der Empfehlung wohl folgen.“
„Eben.“
„Ich würde nicht fahren, wenn ich Sie nicht hier wüsste.“
„Das ist mir bewusst. Ich habe nur deswegen den neuen Vertrag unterzeichnet.“
„Das wiederum ist mir bewusst, Doktor Meier.“ Die Chirurgen sahen sich offen und ehrlich an.
„Sie wissen, dass ich nicht ewig hier bleiben kann.“
„Ich weiß das, Doktor Meier. Ich habe Ihnen schon mal gesagt, dass ich Ihnen niemals Steine in den Weg...“
„Ich wusste es – die Unterschrift war ein Fehler. Wenn Sie erst wieder fit sind, dann rollen Sie mir wieder Hinkelsteine in den Weg!“ Marc lachte, als er sich an ein ähnliches Gespräch vor ein paar Tagen erinnerte.
„Oh und wenn ich mir damit lange genug Zeit lasse, dann hilft mir bestimmt auch meine Tochter.“
„Die weiß ich außer Gefecht zu setzen.“
„Sie? Wo Sie schon alles vergessen, weil Sie ihre Handschrift sehen?“

(„Mist! Erwischt!“)

Die Eier sind ab! Die Eier sind ab!
Deswegen führst Du so einen Eiertanz auf?
Seine Eier sind ab!

Karo Offline

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Beiträge: 245

08.10.2017 01:49
#80 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.15 – Franz und Gina


Professor Haase kam gerade von einer kurzen Besprechung mit den Betreibern zurück. Er sah eine blonde Frau aus seinem Patientenzimmer kommen und sich ratlos umgucken. Ihre Augen trafen sich.
„Gina!“
„Hallo Franz!“
„Willkommen zurück – warst Du wirklich auch in Afrika?“
„Afrika ja.“ Die Chirurgin nickte und bewegte ihren Kopf auf ihre unnachahmliche Art.
„Was für eine blöde Frage, sonst hättest Du uns den Brief ja gar nicht mitbringen können. Lass Dich ansehen... gut siehst Du aus. Erholt.“
„Naja, das Klima ist nichts für mich.“
„Was hältst Du von einem Kaffee in der Cafeteria? Wie ich Dich kenne bist Du auch von einem Stück Kuchen nicht abgeneigt?“ Der Professor erinnerte sich lachend an die Kuchenschlachten, die Gina und Gretchen sich gerne geliefert hatten. Auch die Besucherin lachte. Sie konnte sich gut vorstellen, welches Bild Franz gerade vor den Augen hatte.
„Hat Bärbel die Koffer schon ausgepackt? Gretchen sagte, sie hätte da einiges für uns rein getan.“
„Ich glaube, sie will auf Dich warten.“
„Noch zwei Tage? Sie wird platzen vor Neugier.“
„Ich glaube, sie wäscht gerade Deinen kompletten Kleiderschrank. Dass Du ja genug zum Anziehen hast, in Deiner Kur. Aber sag, wie geht es Dir denn jetzt?“
„Ich merke, dass alles gut ist, solange ich nichts tue. Aber das ist mir zu langweilig und dafür bin ich zu jung. Auch wenn ich mich jetzt schon wieder sehr alt fühle.“
„Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, da hat Dich der Virus niedergestreckt. Jetzt das Herz. Wie lange ist es her, dass ihr Urlaub gemacht habt? Ich meine, so richtig. Nicht nur ein verlängertes Wochenende?“
„Ach, frag nicht. Mehr als das war ja kaum drin, gut, das Krankenhaus wär wohl auch nicht zusammengefallen, wenn ich mal länger weg gewesen wäre, aber...“
„Hm. Aber... genau dieses „Aber“ hat mich mit Gretchen nach Afrika getrieben. Gina, habe ich mir gesagt, wann kannst Du jemals wieder so lange Urlaub machen, wie Du willst. Gut, wenn ich lange darüber nachgedacht hätte, dann wäre mir wohl klar geworden, dass Afrika nicht so meine Welt ist. Zumindest die 3. Welt. Dubai oder Kapstadt waren ja okay.“
„Niemand hätte damit gerechnet, dass Gretchen sich dort so gut zu Recht findet. Die Zweifel meiner Frau waren nicht ganz unbegründet. Aber in solchen Fällen setzt sich Gretchens Herz einfach gegen jede Widrigkeit durch.“
„Ja. So bin ich nicht.“

***
Nur der Verwaltungsrat machte gerade eine Kaffeepause, ansonsten war die Cafeteria leer. „Oh mein Gott, oh, was ist das, mein Gott, das sieht ja toll aus. Wie soll ich mich da denn entscheiden?“
„Wenn Du sahnig möchtest, dann nimm den Erdbeerkuchen. Von den trockenen Kuchen ist der Schokokuchen zu empfehlen, mein Favorit ist allerdings der Blechkuchen.“
„Zuckerguss? Immer noch?“
„Ich habe ein Herz- und kein Zuckerproblem. Kaffee?“ Er sah den fragenden Blick. „Für mich eine Rhabarberschorle, bitte.“
Sie wählten einen Platz am Fenster. „Etwas Sonne hättest Du schon mitbringen können. Für Anfang Oktober ist es schon sehr kalt.“
„Ja, das ist schon ein ordentlicher Unterschied. Bärbel sagte, man schickt Dich an die Ostsee? Da ist es dann nochmal kühler, weil da bestimmt viel Wind ist.“
„Ja, das befürchte ich. Aber solange es trocken bleibt, kann auch der Herbst an der See wunderbar sein. Meine Eltern hatten früher ein Ferienhaus in der Nähe von Kiel. Da konnte man immer mal spontan von Hamburg aus hin.“
„Hast Du von Deiner Familie mal was gehört?“
„Natürlich. Aber lass uns nicht um den heißen Brei reden. Ja, ich könnte dort fragen, ob sie eine Stelle zu vergeben haben. Aber ich habe eine viel bessere Idee. Wir brauchen hier dringend Verstärkung in der Chirurgie. Kannst Du in Lichtgeschwindigkeit Deinen Lebenslauf reingeben? Ich könnte Dir vermutlich sofort eine Stelle verschaffen.“
Gina zögerte. Das Angebot hätte sie am liebsten sofort in einen Vertrag umgewandelt aber...
„Du könntest auch erstmal bei Bärbel wohnen bleiben. Sie fühlt sich nicht wohl, wenn sie immer alleine ist.“
„Das ist sehr nett von Dir Franz, aber...“

„Nett ist die kleine Schwester von Scheiße! Gina, entschuldige bitte, ich überfahre Dich jetzt dabei bist Du noch gar nicht richtig angekommen. Und vermutlich hast Du Dir auch gar keine Gedanken gemacht, was Du jetzt tun möchtest oder wo. Denk über mein Angebot nach. Bis morgen sind die Bosse da, da ließe sich schnell was einrichten.“
„Ach Franz, das ist es nicht...“

Gerade betrat Doktor Marc Meier die Cafeteria. Er ging zu der Gruppe von Anzugträgern, plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

(„Oh nein!“)

Oh doch – vielleicht hat sie ja den Brief dabei.
Die? Bestimmt nicht.
Gib ihr eine Chance
Gib ihr eine Chance und sie nimmt Dir Deine Karriere
Wolltest Du nicht glücklich sein?


Der Leitende Oberarzt schüttelte seine inneren Stimmen ab und nahm am Tisch der Offiziellen Platz.

Franz war Ginas Blick nicht entgangen. „Du zögerst wegen ihm?“
„Hm.“
„Er weiß, dass ich Dir eine Stelle anbieten wollte.“
„Er wird mir das Leben zur Hölle machen.“
(„Kinderärztin!“)

„Natürlich war er nicht begeistert. Und ja, er kann einem das Leben schwer machen. Niemand weiß das besser als Gretchen. Sein Weg war lang und er hat viele Tränen hinter sich gelassen, weibliche Tränen. Aber mittlerweile würde ich ihn als zuverlässigen, engagierten Mitarbeiter beschreiben. Er hat klare Vorstellungen, wie etwas zu laufen hat und das will er sehen. Ohne Umwege – sofort. Er verlangt viel, von jedem. Aber am meisten von sich selbst. Ich würde lügen, wenn ich ihn als fair bezeichnen würde. Dennoch kann man seinen Respekt erwerben, durch gute, zuverlässige Arbeit. Das einzige, was man nicht tun sollte, ist ihn anzulügen. Das bestraft er umgehend und ausdauernd.“

„Fast höre ich Gretchen sprechen...“ Gina lachte. „Naja, wenn Du nicht mit ihm klar kommen würdest, dann wäre er jetzt nicht Dein Zweiter Mann.“
„Ohne ihn an meiner Stelle zu wissen hätte ich keiner Reha zugestimmt.“
„Bärbel sieht das anders.“

„Bärbel sieht vieles anders.“
(„Und treibt´s mit jemand anderem...!“)
Sein Gedankenspiel amüsierte ihn irgendwie.

„Was grinst Du jetzt?“
„Äh...“ Gerade betrat Schwester Sabine die Cafeteria. „Er ist Krebs.“
„Aha. Und das ist die Rechtfertigung, ein Arsch zu sein?“
„Überempfindlich, besitzergreifend, reizbar und nachtragend sind alles Eigenschaften, die dem Krebs zugesprochen werden. Andererseits...“
„Du hast überheblich, autoritär, eitel, ausnützend, egozentrisch und selbstsüchtig vergessen.“
„...andererseits“, Professor Haase ließ sich nicht beirren. „Andererseits kann ich ihm auch die positiven Charaktereigenschaften attestieren, unter anderem Treue und Loyalität, Sparsamkeit und Fürsorglichkeit. Das habe ich vor allem in den letzten Wochen gemerkt. Ich habe ihm schon immer eine Menge zugetraut. Auch als er Oberarzt wurde. Er zahlt Vertrauen zurück.“
„Ich wünsche es euch, Dir und Gretchen. Vor allem Gretchen.“ Ginas Wunsch klang aufrichtig.
„Ich wünsche mir vor allem, dass Du Dir schnell Gedanken machst und mir noch schneller Deine Unterlagen bringst.“
„Im Grunde habe ich keine andere Wahl. Berlin hatte ich gar nicht auf dem Schirm der Möglichkeiten.“
„Ich werte das mal als „ja“. Komm mit in mein Büro, ich drucke Dir gerade eine Stellenbeschreibung aus. Völlig unverbindlich.“ Die Bewegungen seiner grauen Augenbrauen unterstrichen das freundliche Zwinkern.
„Gib mir wenigstens etwas Zeit, Deinen Vorschlag sacken zu lassen.“ Gina folgte ihm die Gänge entlang. Sie brauchte die Stelle, keine Frage. Aber wollte sie sich Marc aussetzen? Darüber musste sie nachdenken.

„Setz´ Dich einen Moment.“ Franz deutete auf das Sofa und setzte sich selbst auf seinen Stuhl. Vor seinen Rechner. Auf seinem Schreibtisch. Das hier war sein Platz, an dem er sich wohl fühlte. Hier wollte er wieder hin, koste es, was es wolle!

„Gretchens Sachen?“ Gina riss ihn aus seinen Gedanken.
„Bitte?“
„Diese furchtbaren Sachen hat Bärbel ihr doch aus Indien mitgebracht? Vermisst Du sie so sehr, dass Du Dir dieses Zeug hier hin holst?“

Franz merkte, dass seine Halsschlagader anschwoll...
„Äh... Doktor Meier übernachtet hier gelegentlich...“
„Hm – davon würde ich Alpträume bekommen.“

„Ich muss wieder... die warten unten bestimmt auf mich.“
„Klar. Bis später, Franz. Danke für den Kaffee.“
„Gina?“
„Was denn?“
„Bring ihm Gretchens Brief mit. Er wartet darauf.“ Er wollte erst gar keine Missstimmung aufkommen lassen.

***
Schon am Abend hielt Gina einen gültigen Arbeitsvertrag in der Hand. Befristet bis Doktor Rössel in Rente ging. Professor Haases Vorschlag, der Chirurgin einen Vertrag als Oberärztin zu geben fand weder bei den hohen Bossen noch bei Herrn Ullstein Anklang. Marc war sowieso dagegen aber er hielt sich zurück. Er schaffte es sogar, rein fachliche Argumente vorzubringen.
Einfach gesagt, war Doktor med. Gina Amsel ihm einfach nicht gut genug. Harvard ja aber nur mit einem mittelmäßigen Abschlusszeugnis. Das Ausbildungssystem für Ärzte war in England anders – eigentlich praktischer orientiert. Aber er war sich sicher, dass sie keinen Katalog voll bekäme, wie es jeder Assistenzarzt in Deutschland aufweisen musste, wenn er die Facharztprüfung beantragte. Indirekt bestätigte Gina seine Meinung, in London hätte sie zu 80 Prozent Schilddrüsen operiert. Die Notaufnahme, eins der Standbeine des EKH, hätte sie nur sporadisch mal gesehen.
Deswegen lehnte auch Gina selbst den Vorschlag ab, machte aber deutlich, dass sie durchaus Interesse an dieser Position hatte. Ihr Vertrag war zur Probe, bis Doktor Rössel im Februar in Rente ging. Die Oberarztstelle wurde als Option für eine Vertragsverlängerung schriftlich festgehalten, auch wenn Doktor Stier definitiv die erste Wahl wäre.


Lange sah sie auf ihre Unterschrift, für die Marc ihr, ganz Gentleman, seinen Stift gereicht hatte. „Ich habe Dich im Auge, Kinderärztin.“ Hatte er ihr zugeraunt.

(„Angriff ist die beste Verteidigung!“)
„Ich werde Dich überzeugen!“

Den Rat von Professor Haase hatte sie befolgt, sie wollte keine Angriffsfläche bieten. Immer wieder tastete der Leitende Oberarzt nach dem kostbaren Umschlag in seiner Kitteltasche. Von ihm hatte die Neu-Berlinerin – unter vier Augen natürlich – noch einen Rat bekommen.
„Er hasst Blinddärme. Und Schilddrüsen.“
„Das ist meine Paradedisziplin.“ Gina hatte gelächelt. „Blinddärme allerdings...“
„Nimm sie ihm ab. Einfacher kannst Du keine Punkte sammeln!“
Blinddärme... diese bittere Pille würde sie schlucken müssen. Und auch die deutlichen Worte des Chefarztes, die er der neuen Chirurgin des Elisabeth-Krankenhauses mit auf den Arbeitsweg gab. „Gina – er ist der Chef, sein Wort gilt. Ich kann niemanden brauchen, der in der momentanen Situation Unfrieden hier rein bringt.“
„Ist gut Franz.“
„Und jetzt lass Dich umarmen – Willkommen in meinem Team, Doktor Amsel!“

Während Professor Haase wieder einmal dem Zufall dankte, ein personelles Loch kleiner werden zu lassen, hatte Gina Schwierigkeiten, die neue Situation mental zu verarbeiten. Sie hatte schon oft von den sogenannten Zufällen gehört, hatte bewundernd und neidisch auf Menschen geblickt, denen bestimmte Dinge einfach in den Schoß fielen. Marc war einer von diesen Menschen.
Und das, obwohl er ein Arschloch war. Ein gemeines Arschloch. Wie oft hatte Gretchen ihr von seinen Angriffen erzählt. Der Name „Marc Meier“ war für die beiden Blondinen im Laufe der gemeinsamen Zeit zu einem Synonym für „Arschloch“ geworden. Es hieß nicht mehr „Was für ein Arschloch“, sondern „Was für ein Marc Meier“.

Sie selbst hatte weder „den glücklichen Zufall“ noch „das In-Den-Schoß-Fallen“ je kennengelernt. In der Studienzeit in Köln hatte ihr Leben nur aus Lernen und Arbeiten bestanden, die Bewerbung für das Stipendium in Harvard hatte sie fast an ihre Grenzen gebracht. Ebenso das Studium an einer Elite-Universität. Hier musste sie zwar nicht ihren Lebensunterhalt verdienen, das war der berechnete Vorteil und der Hintergedanke für die Bewerbung um ein Stipendium gewesen. Aber Geld brauchte sie trotzdem. Bücher und gutes Arbeitsmaterial mussten angeschafft werden und die Uni bestand immer auf die modernste Ausstattung. Sie wurde zum Sparfuchs, Lebensmittel aus dem Sonderangebot oder eben – Klamotten aus dem Second Hand Shop.

Ihr Abschluss in Harvard war mittelprächtig aber sie war richtig stolz darauf. Vermutlich hätte sie an einer durchschnittlichen Uni einen besseren Notendurchschnitt gehabt, vermutlich aber erst fünf Jahre später, weil sie mehr Zeit fürs Geldverdienen gebraucht hätte.

Der Zeitfaktor führte sie nach England, wo das Ausbildungssystem anders war und ihr eine fünfjährige Assistenzzeit ersparte. Sie spezialisierte sich auf die OPs, die keiner wollte, denn so konnte sie wenigstens im OP stehen. Der Hinweis von Franz warf sie nun Jahre zurück. Blinddärme konnte sie bis heute nicht leiden aber sie hatte ein Faible für die anspruchsvollen Eingriffe rund um die Schilddrüse entwickelt. Die Oberarztstelle am Seven Kings Hospital, mit einer auf Schilddrüsen spezialisierten Chirurgie, war ihr persönliches Königreich gewesen.

(„Ich habe Dich im Auge, Kinderärztin!“)

Sie würde ihn überzeugen. Blinddärme und Schilddrüsen. Das EKH arbeitete zum größten Teil über die Notaufnahme. Also vermutlich mehr Blinddärme als Schilddrüsen.

***
Doktor Meier dachte weder an Blinddärme noch an Schilddrüsen. Auch den Gedanken an die neue Kollegin verdrängte er so gut es ging. Immer wieder fühlte er nach dem Umschlag in seiner Kitteltasche. Endlich waren alle Besprechungen besprochen, die Abendschicht hatte übernommen. Langsam wurde es ruhig auf den Krankenhausfluren. Mit klopfendem Herzen zog sich Marc in sein Büro zurück.

Karo Offline

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08.10.2017 01:53
#81 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Mein liebster Marc,

jetzt bist Du schon so lange wieder in Berlin. Ich vermisse Dich schrecklich. Ich habe noch nie in meinem Leben so vermisst, wie jetzt. Vermutlich, weil ich noch nie jemanden so geliebt habe wie Dich.

Du bist einfach meine große Liebe.

Ich habe mich auf den ersten Blick in dich verliebt und kann es kaum glauben, dass wir es nach 20 Jahren endlich geschafft haben zusammen zu kommen! Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass das immer so bleibt.

Ich habe öfter versucht, Dich anzurufen, aber die Verbindungen sind schlechter denn je. Das Fernmeldeamt in Ouaga ist nach einem Feuer lahm gelegt. Du weißt, wie schnell sie hier sind, sowas zu reparieren. Irgendwas zu reparieren. Vermutlich sind auch meine SMS nicht angekommen.

Mittlerweile arbeiten wir nur noch über die Funkstation, wenn wir kommunizieren müssen. Das ist nervig. Manchmal überlege ich, doch einen Trommelkurs zu machen.

Gott sei Dank kann ich Dir über Gigi diesen Brief zukommen lassen. Wir haben in der letzten Woche gute Gespräche geführt. Ich glaube, dass man sie in London so einfach auf die Straße gesetzt hat, das nagt ganz schön an ihr. Da sie nicht weiß, wo sie bleiben soll, habe ich sie erstmal zu Mama und Papa geschickt. Mit einem Koffer, dass sie es sich nicht anders überlegen kann. Das meiste sind Sachen, die ich hier nicht gebrauchen kann – wie die Skiunterwäsche, die mir meine Mutter eingepackt hat. Aber es sind auch Geschenke darin. Ich denke, in den nächsten Tagen bringt Mama Dir was vorbei.

Ich muss die ganze Zeit gegen mein Bauchgefühl ankämpfen. Ja, die vergangenen Tage mit Gigi waren gut. Seit sie beschlossen hat, nach Hause zu gehen und sich ihrer Situation zu stellen scheint sie ausgeglichener zu sein. Trotzdem habe ich Angst, dass sie diesen Brief an Dich unterschlägt. Ich möchte so nicht sein. Ich möchte ihr nichts Böses unterstellen. Ja, gut. Sie hat gelogen. Aber sie wollte, dass das mit Alexis und mir klappt.

Auch ich habe gelogen. Richtig gelogen, Marc. Erinnerst Du Dich als Gabi Dich erpresst hat? Bestimmt. Ich habe auf der Polizei richtig gelogen.
Gabi gab gerade eine Anzeige gegen Dich wegen Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht auf. Ich habe ihr ein Röhrchen starker Antidepressiva in die Handtasche geschmuggelt und sie als meine paranoide und eifersüchtige Freundin dargestellt. Oder sollte ich eher bloßgestellt sagen?
Egal. Je mehr ich ihr anlastete, umso hysterischer wurde sie – was es mir leichter machte. Ich konnte auch eindrucksvoll beweisen, dass Du mein Verlobter bist und sie sich von ihrer unerfüllten Liebe zu Dir zu dieser Anschuldigung hinreißen ließ. Welches Glück, dass sie mir am Vortag ihren Verlobungsring gegeben hatte, weil er nicht passte.
(So doof muss man allerdings erst mal sein!!!)
Sie schoss sich selbst ins Aus, als sie ihn an meinem Finger sah. „Das ist mein Ring!“ Hast Du Gabi eigentlich jemals richtig hysterisch erlebt?
„Warum sollte Doktor Haase Ihren Ring tragen?“
„Weil ich ihn der falschen Größe gekauft habe!“
„Aha. Sie haben sich Ihren Verlobungsring also selbst gekauft!“

Damit war sie raus. Auch aus der Polizeistation, wo zwei Beamte sich wirklich abkämpften, sie rauszutragen.
Gott sei Dank musste ich nichts unterschreiben.

Seit Alexis/Frank hasse ich Lügen noch mehr.

Deine Ehrlichkeit ist das, was ich am meisten an Dir schätze und was mich unsere Trennung aushalten lässt. Wäre es nicht so, dann hätte ich niemals von Dir diese drei Worte gehört. Eigentlich waren es vier – Gretchen, ich liebe Dich!
Marc, dieser Moment hat meine Seele restlos für Dich geöffnet. Mein Herz gehört Dir schon lange. Ich glaube, wenn mich jemand fragen sollte, seit wann wir zusammen sind, dann ist es dieser Augenblick.

Gestern hat Martin im Gottesdienst einen Satz gesagt, der mir selbst auf Französisch gut gefiel (auch wenn ich ihn nicht ganz verstanden habe...). Ich habe ihn später danach gefragt und er gab mir lächelnd einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche. „Schön, dass Du fragst, ich wollte ihn Dir eh geben. Als ich ihn in der Vorbereitung las, musste ich an Marc und Dich denken.“ Er hat eine kleine Friedenstaube dazu gemalt.

“Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.”
- 1.Johannes 3,18

Ich musste auch an Gigi denken. Bitte gib ihr eine Chance!

Ihre Abreise rückt näher und ein Brief an meine Eltern will noch geschrieben werden.

Mein Herz hat Dich gefunden.
Du meine Seele.

Ich liebe Dich Marc.

Dein Gretchen

P.S. Gigi meint, dass Mehdi sie nur als Alibi benutzt hat. Aber das wäre doch nicht Mehdi, oder?

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10.10.2017 19:16
#82 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.1 - Cafeteria


◊◊◊


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die letzte Versammlung ist gerade erst eine Woche her, doch nach dem Besuch unserer Chefetage möchte ich Sie persönlich kurz über die Ergebnisse informieren.

Zu allererst gebührt Ihnen mein Dank! Sie haben unsere Krankenhausfamilie optimal präsentiert. Professor Doktor Stangl und Doktor Bertrand waren sehr beeindruckt, wie Sie angesichts dieser Situation zusammenhalten. Unser Elisabeth-Krankenhaus ist einer der ältesten Standorte im Unternehmen, was man dem Kasten überhaupt nicht ansehen kann. Zum positiven Gesamtbild passte auch die letzte Auswertung der Patientenbefragung – im zweiten Quartal waren wir die Spitzenreiter!

Unsere optimale Gesamtpräsentation hat uns – beziehungsweise wohl mich – in eine sehr gute Verhandlungsposition gebracht, sodass ich Ihnen heute schon zwei personelle Veränderungen nennen kann: Ich bin der StaBe sehr dankbar, dass sie – auch wenn sie mir unmissverständlich den Spiegel meines doch fortgeschrittenen Alters vorhalten – bei der Besetzung des neu geschaffenen Postens eines Leitenden Oberarztes meinem Urteilsvermögen vertrauen und mir freie Hand bei der Auswahl der Kandidaten oder besser des Kandidaten gelassen haben: Doktor Marc Meier – die meisten kennen ihn ja noch als engagierten und ehrgeizigen Oberarzt der Chirurgie – hat bereits einen gültigen Arbeitsvertrag unterschrieben. Ich hoffe, dass er seine Fähigkeiten als Sklaventreiber während seiner Zeit in Burkina Faso perfektionieren konnte, um Ihnen nun allen gleichermaßen gerecht zu werden.

Doktor Meier, ich gratuliere mir - und natürlich Ihnen zu dem neuen Posten!

Wenn ich in wenigen Tagen in die Reha fahre, wird Doktor Meier in allen Belangen weisungs- und entscheidungsbefugt sein.

Unsere Personalsuche ist in vollem Gange und so kann ich Ihnen schon heute eine neue Ärztin für die Chirurgie vorstellen, Doktor Gina Amsel. Ich bin sehr froh, dass wir wieder einmal eher zufällig ausgezeichnete Verstärkung ins Team bekommen – Doktor Amsel hat in Köln und Harvard studiert und war zuletzt Oberärztin am Londoner Seven Kings Park Hospital. Nebenbei möchte ich erwähnen, dass ich die neue Kollegin schon viele Jahre kenne. Deswegen wundern Sie sich bitte nicht, wenn Doktor Amsel und ich per Du sind.
Herzlich Willkommen, Gina!

Ich weiß, dass ich mich auf Sie alle verlassen kann, unseren Neulingen behilflich zu sein. Ich denke da natürlich besonders an Doktor Meier.

Mit diesem kleinen Scherz möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Doktor Meier hat heute meine Entlassungspapiere unterzeichnet und bereits in zwei Tagen trete ich meine Reha an, bei der ich alles unternehmen werde, um bald wieder mit Ihnen die Menschen zu versorgen. Da ich weiß, dass ich mich auf Doktor Meier und Sie alle verlassen kann, habe ich mir fest vorgenommen, die Zeit nur für mich
(„und meinen Kurschatten!“)
zu nutzen. Mittlerweile betrachte ich diese Haltung als Luxus und nicht als Zeichen meines Gebrechens.

Ich proste Ihnen erneut mit Apfelsaft zu. Auf Ihr aller Wohl!

Karo Offline

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10.10.2017 19:23
#83 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.2 – Marc und Professor Haase 8



Nach der Versammlung in der Cafeteria zogen sich Professor Haase und sein Stellvertreter in das Büro des Chefarztes zurück. Es waren verschiedene Punkte zu besprechen, vor allem stattete der Professor Marc mit allen noch erforderlichen Vollmachten aus. Natürlich bekam der neue Chef im Haus auch noch ein paar mahnende Worte zu hören.

„Es ist wichtig, dass Sie Neutralität lernen. Etwas anderes können Sie sich als Chef nicht leisten! Entsprechend hoffe ich sehr, dass Sie sich gegenüber Doktor Amsel zusammenreißen. Ich weiß, dass Sie sie fordern werden, das weiß sie auch und das ist in Ordnung. Aber nur wer eine Chance bekommt, kann diese auch nutzen.“ Er sah Marc ernst an. „Mit diesen Worten habe ich übrigens auch vor mehreren Jahren bei der Stabe Ihren Vertrag als Oberarzt vertreten.“

Na ganz toll...
So ist es aber.
Was? Er und sie auf gleicher Ebene?
Es geht um Chancen – und was man daraus macht.


(„Bitte gib ihr eine Chance!“)

Vater und Tochter halten Dich gefangen.
Es hat Dir bisher nicht geschadet.
Sie wird Dir schaden!


„Ich bin mir sehr bewusst, dass Doktor Amsel in der Notaufnahme Defizite hat. Das wird – muss sie lernen. In jedem Fall kann Sie Ihnen aber zwei unbeliebte Disziplinen vom OP-Tisch halten. Ich weiß ja, wie sehr Sie Schilddrüsen und Blinddärme lieben!“

Sie waren mit der offiziellen Übergabebesprechung durch. Der Chefarzt seufzte. Nur ungern würde er morgen in die notwendige Rehamaßnahme aufbrechen. Nicht, dass er dem jungen Mediziner gegenüber die Klinikleitung nicht zutraute. Im Gegenteil.

Die beiden Chirurgen harmonierten gut. Sie kannten sich schon lange, nicht erst seit Marc vor gut fünf Jahren Oberarzt bei Professor Haase geworden war. Vor zehn Jahren hatte der Praktikant Marc erstmals einen Fuß in dieses Krankenhaus gesetzt, als Arzt im Praktikum hatte er schon von sich überzeugen können und der Professor hatte den ehrgeizigen Chirurgen immer im Auge behalten. Und so hatte Doktor Meier auch einen Teil der Facharztausbildung bei ihm absolviert. Die Charité war natürlich erste Anlaufstelle gewesen, vielseitiger und natürlich auch spektakulärere Operationen. Aber hier konnte Marc viel mehr Praxis erlangen und gerade bei Routine-Eingriffen schnell selbstständiger arbeiten. Professor Haase hatte nie bereut, dem schwierigen jungen Mann Vertrauen geschenkt zu haben. Man musste ihn zu nehmen wissen. Deswegen sah er auch, dass noch etwas in Marc rumorte.

(„Was mache ich mit dieser verflixten Neuorientierung...“)

Du hast alle Vollmachten, Du darfst entscheiden. Er gibt Dir die Eier zurück, die seine Tochter abgeschnitten hat.


Unbewusst und glücklicherweise unterbrach der Professor den sich anbahnenden Konflikt: „Doktor Meier, Sie werden das schon hinkriegen. Ich habe da keine Zweifel und das sehen Stangl und Bertrand ja mittlerweile genauso.“
Stangl und Bertrand... Marc nickte und schluckte das Thema Neuorientierung mühsam hinunter. „Wann geht es morgen denn los?“
„Der Zug fährt um 9:38 Uhr. Das Gepäck ist schon abgeholt worden.“ Plötzlich erhellte ein Lachen sein Gesicht. „Vermutlich geht es mir wie Gretchen – ich werde auch erstmal einen Koffer zurück schicken.“
„Herr Professor, ich wünsche Ihnen alles Gute. Denken Sie nicht zu oft an den Kasten.“
„Ich werde es versuchen. Versprechen Sie mir etwas? Wenn doch der Schuh drücken sollte... dann melden Sie sich. Ich bin nicht aus der Welt!“
„Versprochen. Aber rechnen Sie nicht damit. In den letzten drei Wochen hat doch auch alles funktioniert. Sogar sehr gut – oder täuscht mich mein Eindruck?“

So ist gut!
Vertrauen ist immer gut!


„Es konnte nicht besser laufen.“
„Was genauso schlimm ist, wie wenn es in die Hose gegangen wäre?“
„Ja, so ungefähr. Ich muss mich einfach an den Gedanken gewöhnen, dass das Elisabeth-Krankenhaus irgendwann nicht mehr mein Krankenhaus ist.“
„Das können Sie am besten weiter in die Zukunft schieben, wenn Sie jetzt schön brav die Reha machen und auf sich aufpassen. Sprich – Sorgen sind verboten, außer ich melde mich.“
„Wissen Sie...“ Der Professor legte Marc die Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich gut und warm an. „Ich hoffe, Sie melden sich auch ohne Sorgen mal.“

(„Ohne Sorgen – Sanssouci. Gretchen.“)

Dieser Gedanke löste bei Marc kleine Herzrhythmusstörungen aus. Anders als beim alten Chefarzt, gaben diese allerdings keinen Grund zur Sorge.

„Ach... verflixt! Ich trage schon seit gestern einen Brief von Gretchen für Sie mit mir herum. Der klemmte noch im Koffer.“

Diesmal war es keine kleine Störung, die sein Herz ergriff. Er spürte es bis in seinen Hals hinauf schlagen. Er nickte dem Professor ein letztes Mal zu. „Danke und gute Reise.“

Leider musste der Brief warten – sein Pieper rief ihn umgehend in die Notaufnahme.

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15.10.2017 21:48
#84 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.3 – thyreotoxische Krise


Der Notarzt hatte die Lebensfunktionen einer kollabierten Frau halbwegs stabilisieren können. Marc ließ die Frau sofort auf die Intensivstation bringen. Leider musste er in der Notaufnahme heute mit Maurice Knechtelsdörfer vorlieb nehmen. Der Assistenzarzt war irritiert. „Wollen Sie sie denn gar nicht untersuchen?“
„Wollen Sie nicht ein bisschen nachdenken?“
Der Assistenzarzt antwortete nicht. Dachte aber auch nicht weiter über die Vorgehensweise des Oberarztes nach.

Carsten Stern war heute auf der Intensivstation eingeteilt. Während sich der Österreicher sich vornehm zurückhielt, schloss er mit dem Chirurgen die Patienten an die Überwachungsgeräte an. „Was haben wir hier?“
„Das kann Ihnen Doktor Knechtelsdörfer sagen.“
„Äh, sie wurde nicht untersucht. Aber vermutlich ein Herzproblem.“

(„Kompetenzproblem!“)

Er beobachtete die beiden Nachwuchsärzte und sagte selbst keinen Ton.

„Der Notarzt wird wohl irgendwas gesagt haben? Wo ist denn das Protokoll?“
„Ihr Kreislauf ist kollabiert, beim Eintreffen hatte sie einen Puls von 140 und Herzrhythmusstörungen. 39,5°C Fieber und deutlich dehydriert. Er hat ihr Propanolol verabreicht, außerdem Vollelektrolytlösung und etwas gegen das Fieber.“

Er schritt doch lieber ein: „Frage an Sie beide: Was schlagen Sie vor?“

Der Österreicher hob den Zeigefinger. „Labor.“
Marc seufzte innerlich. „Herr Stern?“
„Die Patientin ist in einem schlechten Allgemeinzustand, ich vermute Vorerkrankungen.“ Der jüngere Assistenzarzt horchte den Brustkorb ab. „Sie hat hörbare Atemgeräusche aber die Lunge ist frei. Auffällig ist eine Verdickung am Hals. Labor mit allen Schilddrüsenparametern. Außerdem Sono beziehungsweise Szinti. Zusätzlich zur VEL schlage ich die Gabe von Glukokortikoiden vor. Hm, lassen Sie mal sehen. Hohe Tachykardie, Herzrhythmusstörungen, deutliches Fieber und Dehydratation. Nach dem Burch-Wortofsky-Score haben wir es hier mit einer Thyreotoxischen Krise zu tun.“
„Gut, dann bleibt uns gerade nicht mehr, als das was wir eh schon tun. Warten wir tatsächlich erstmal das Labor ab. Herr Knechtelsdörfer, sehen Sie zu, dass das Protokoll hier landet. Wenn Doktor Amsel kommt, soll sie sich das ansehen.“
„Labor, ja, das hatte ich ja auch vorgeschlagen. Außerdem – Doktor Knechtelsdörfer, bitteschön. Den Titel habe ich durch eine hochwissenschaftliche Studie erarbeitet.“ Er hob mahnend den Zeigefinger.

(„Erwichst!“)

Marc sah den Assistenzarzt scharf an und schüttelte den Kopf. „Unglaublich...“ Er drehte sich zur Tür, die Patientin war in der Obhut von Herrn Stern bestens aufgehoben.

„Was war denn Dein Thema?“ Bei der Frage des Assistenzarztes spitzte Marc doch nochmal die Ohren.
„Ich habe die Auswirkung von Antidepressiva auf das männliche Sperma untersucht. Selbstversuch.“
„Du hast Dir den Doktortitel erwichst?“ Carsten Stern fing an zu lachen.
„Bist Du blöd? Weißt Du, was ich da durchgemacht habe?“
„Wie oft hast Du denn...?“
„Ich meine, dass ich die Antidepressiva genommen habe.“
„Ach so...“
„Das andere...“
„...ging Dir ganz leicht von der Hand?“

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15.10.2017 21:52
#85 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 2.4 – Virus oder nicht


Schnell hatte er sich wieder umgezogen. Als er seinen Kittel überstreifte fühlte er etwas in der Tasche.

(„Gretchen! Der Brief!“)

Er tastete nach dem Brief und als seine Finger das Papier fühlten, schlug ihm sein Herz wieder ganz heftig in der Brust. Oder war es das unaufhörlich fordernde Magenknurren?

(„Also gut. Kaffee, Brötchen, Brief.“)

Während er auf den Aufzug wartete, sah er von weitem Doktor Hassmann und den ungeliebten Assistenzarzt kommen. Sie bemerkten ihn nicht, sonst hätten sie ihren Streit wohl eingestellt.

„Maria, Du bist gerade schwieriger als Deine pubertierende Tochter.“
„Dann lass mich doch einfach mal in Ruhe.“
„Mir gefällt das nicht.“
„WAS, Maurice?“
„Du bist krank. Guck Dich mal an, Du bist immerzu blass und schlapp. Du hast Dich garantiert bei Melanie mit dem Magen-Darm-Virus angesteckt.“
„Jetzt sag mir noch, ich soll zu Hause bleiben.“

„Das wäre in dem Fall wohl ausnahmsweise mal eine gute Idee von Doktor Knechtelsdörfer.“ Marc sah die Neurochirurgin streng an. „Einen Virus können wir hier überhaupt nicht gebrauchen!“

(„Ich auch nicht!“)
„Haha, und Sie übernehmen morgen früh die Liquor-Punktion?“
„Auch das wäre eine Möglichkeit. Aber da fragen Sie eher Doktor Stier, ich habe morgen die Gallenstein-OP. Doktor Knechtelsdörfer, ich erwarte Sie und Herrn Stern um 17 Uhr im Büro von Professor Haase.“
„Warum?“
„Ein „Ja, selbstverständlich“ wäre die richtige Antwort gewesen. Warum sehen Sie dann.“ Er wandte sich an die Neurochirurgin. „Und Sie überlegen sich bitte, nach Hause zu gehen, bevor Sie mir hier einen Magen-Darm-Virus rein schleppen. Das ist so ziemlich das Letzte, was wir hier gebrauchen können. Und das sollten Sie wissen!“

Sabine kam mit Doktor Gummersbach den Flur entlang. Sie schnappte die letzten Worte auf. „Ein Magen-Darm-Virus hier im Haus? Oh! Das ist ja schrecklich. Ich... ich muss sofort alles desinfizieren...“

„Mischen Sie sich nicht in alles ein.“

„Wie reden Sie denn mit Schwester Sabine?“ Der Pathologe bekam vor Aufregung kaum Luft, schaffte es dennoch, ein Fläschchen Desinfektionsmittel aus seinem Kittel zu ziehen. „Einen Virus hier einzuschleppen wäre fatal – damit könnten Sie allerdings mal im Katharinen-Hospital vorbeigehen. Hm...“ Er grinste spitzbübisch und schob seine Freundin weiter.

Auch Marc musste grinsen. Schnell war er jedoch wieder ernst. „Überlegen Sie es sich bitte! Vor allem schnell!“

Wortlos und mit einem vernichtenden Blick ließ Doktor Hassmann ihren jungen Chef stehen. Sie wusste nur zu gut, dass es kein Magen-Darm-Virus war, der sie seit geraumer Zeit quälte.

(„Ein Virus wäre schön... man leidet ein paar Tage ganz furchtbar und dann ist er wieder weg.“)
Ihr rannte jedoch die Zeit davon. Ihr Virus wäre frühestens in 18 Jahren und 7 Monaten weg. Im besten Fall!

„Maria!!! Warte doch...“ Der Österreicher versuchte die Oberärztin einzuholen.

(„Ganz ruhig!“)

Marc atmete wie zur Beruhigung einmal ganz tief ein und aus. Mit einem Kaffee zog er sich ein paar Minuten später in eine geschützte Ecke der Cafeteria zurück. Er hielt den Brief in den Händen.

(„Gretchen!“)

Ein zarter Duft stieg in seine Nase – er lächelte. Sah sich um. Schnüffelte. Lächelte. Es war nicht sie, aber es war ihr Geruch.

Wie albern das ist. An Papier zu schnüffeln wie ein Süchtiger.
Diese Frau ist die beste Droge – quasi ohne Nebenwirkungen.
Hahaha. Ohne Nebenwirkungen... Guck ihn Dir an...
Ja, gerade besonders gerne.


Schnell öffnete er das Kuvert und tauchte in die geschwungene Schrift ab, die so beruhigend auf ihn wirkte.

Karo Offline

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15.10.2017 21:56
#86 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 2.5 - Brief an Marc


Hallo Marc,

halt mich für blöd, aber mir ist gerade die Idee gekommen, dass ich Dir ja noch einen Brief schreiben kann. Den lege ich zur Sicherheit aber in den Koffer, blöd, dass ich den ersten bereits Gigi gegeben habe. Naja, mein Vorsatz ist: Ich vertraue ihr. Was mir augenscheinlich schwer fällt.

Das mit dem Vertrauen ist eh eine Sache. Nein, jetzt denk bitte nichts Böses – Du bist einer der ganz wenigen Menschen, denen ich grenzenlos vertraue.
Haha, Gretchen, grenzenlos ist ein seltsames Wort, wenn Tausende Kilometer und unzählige Grenzen zwischen uns liegen.

Ich hoffe, dass der Gruß von Martin heile bei Dir ankommt. Treib es damit nicht zu wild. Als Mehdi mitbekam, dass eine Flasche Karamba zu Dir unterwegs ist, hat er nur den Kopf geschüttelt und irgendwas gemurmelt. Hast Du Dich wirklich nach dem Zeug übergeben?

Oh Marc – da muss ich glatt an diese bescheuerte Feier von meinen Eltern denken. Ich habe mich so schlecht gefühlt und plötzlich warst Du da. Du wolltest mir eine Freude machen – ich glaube, alle hatten ihren Spaß, besonders mit Deiner illuminierten Jacke. Das war einer der Momente, wo ich mir wieder sicher war, dass das mit uns beiden klappen kann. Du hast mich gefragt, ob ich als Prinzessin gehe. Heute nennst Du mich so.

In meinem Zimmer hängt glaube ich noch eine alte Postkarte. „Ich schmeiße alles hin und werde Prinzessin!“

Wie wahr. Okay, ich bin Ärztin. Mit Doktortitel sogar. Aber ohne Facharzt. Weder den einen, noch einen anderen. Aber Prinzessin – das habe ich geschafft! :-)
Meine Sehnsucht nach Dir schafft mich ganz schön. Naja, wohl auch – oder eigentlich eher – die Hitze. Es wird von Tag zu Tag heißer. Martin sagte, dass es ungewöhnlich heiß ist. Im Oktober geht das Thermometer selten über 35 Grad, in den letzten Tagen waren es an die 40°C.

Seltsamerweise jammert nicht mal Gina. Vermutlich zu müde. Pfui, Gretchen! Du wolltest brav sein.
Prinzessin bin ich ja schon. :-)

Das rote Kleid, das ich damals an hatte (verzeih mir diese Gedankensprünge), das hat mir Sabine geschenkt. Zum Dank, dass ich die Verwechslung der Finger auf mich genommen habe. Du erinnerst Dich bestimmt. Deine Ex-Freundin, wie hieß sie gleich? Ach... egal. Ich habe Dir keine Freundin zugetraut. Das tut mir Leid, Marc. Denn es heißt umgekehrt, dass ich Dir nicht zutraue, ein Freund zu sein. Das war falsch – Du bist ein wundervoller Freund! Noch besser ist, dass Du mein wundervoller Freund bist.

Mich würde interessieren, was Papa darüber denkt. Er hat Dich ja schon immer gemocht. Mamas Meinung kann ich mir vorstellen... naja, sie trauert immer noch dem Millionär hinterher. Pfff... da hatte ich das Schloss, war aber keine Prinzessin. So ist es besser - tausendmal besser.

Letzte Nacht habe ich von uns geträumt. Nicht, dass Du das jetzt falsch verstehst – ich träume oft von Dir. Aber dieser Traum war von uns. Ich konnte Dich fühlen, Dich anfassen, Dich küssen, Dich riechen und schmecken. Es war so real. Wie Du mich geküsst hast. Angefasst hast... weißt Du, wie schlimm das ist, wenn man wach wird und stellt dann fest, dass alles nur ein Traum war? Es reißt einem das Herz heraus und an der Stelle ist ein dicker Knoten, der sich immer enger zieht und einen nicht mehr atmen lässt.

Ich hätte nie gedacht, dass man schon alleine von der Vorstellung so... nein. Ich weiß nicht, ob ich das auch geträumt habe. Oh Gott, wo habe ich mich jetzt wieder hineingeschrieben... mein Tagebuch würde einfach schweigen, aber Du?
Ich sehe Dich gerade grinsend vor mir. „Los, sprich es aus.“
Ich bin nur froh, dass mich gerade niemand sieht...

Kann man einen Orgasmus haben, bloß weil man träumt? (Ha!)
Oder habe ich das dann eher auch nur geträumt?

Ich glaube, eine Antwort möchte ich gar nicht wissen. Ja, lach nur. Gina hat neulich gesagt, dass sie uns oft gehört haben. Genau sowas will ich wissen...
Ziehen wir später in ein einsames Haus am Meer oder mitten im Wald oder mit Lärmschutzwänden drum herum?

Hm... wie komme ich jetzt auf Peter? Irgendein Gedanke blitze gerade durch mein Gehirn und war schneller weg, als ich „Marc“ sagen konnte. Bei Lärmschutzwand fällt mir Peter ein... pfff... keine Ahnung. Die Olle, mit der ich ihn erwischt habe, die war nicht leise, aber daran dachte ich jetzt nicht.

Um Prinzessin zu werden musste ich nicht nur einiges hinschmeißen sondern auch zwei Brautkleider verbrennen. Alle guten Dinge sind drei – sagt man. Egal ob und wie wir jemals heiraten – aus einem weißen Kleid bin ich glaube ich rausgewachsen! Ich habe im Traum einen Orgasmus... und... war ich wirklich bewusstlos? Machen das Prinzessinnen so? Wenn ich demnächst also mal eine Gala oder so lese, dann werde ich daran denken. Demnächst – irgendwann – jemals wieder...? Klatsch und Tratsch ist das, was mir hier sehr fehlt.

Und Du natürlich. Besonders Du fehlst mir.
Aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Zeit für uns arbeitet. Hey, wie haben 20 Jahre gebraucht, um zusammen zu kommen. Diese Zeit jetzt ist dagegen ein Klacks. Ich habe früher immer von der Hoffnung gelebt. Jetzt ist es die Zuversicht. Dass unsere richtige Zeit noch kommen wird.

Apropos Zeit... es wird langsam dunkel und ich mache kein Licht mehr an. Die Mücken sind momentan schlimm. Roula sagt, das hat sich bald erledigt, wenn die Luftfeuchtigkeit von der trockenen Hitze verdrängt wird. Dann soll man auch besser mit den Temperaturen klar kommen.

Mach es gut, Marc.
Ich liebe und vermisse Dich. Garantiert. Bis wir uns wieder sehen. Äh... lieben werde ich Dich auch danach! Versprochen!

Dein Gretchen

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26.10.2017 14:30
#87 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.6 – Marc und Cedric 2


Ein paar Tage später lief ihm unerwartet früh am Tag der der Kardiologe über den Weg. Marc sah verwundert auf seine Uhr. „Was machst Du denn schon hier? Du bist mindestens sechs Stunden zu früh.“
„Doktor Amsel assistiert mir auf Deine Anweisung übermorgen bei dem Mammakarzinom und da hat sie mich gebeten, ihr bei der OP-Vorbereitung zu helfen.“

(„Ach nee, sieh mal einer an...“)

„Was hältst Du von ihr?“
„Ich kann mir überhaupt kein Bild machen. Ich glaube, sie kann uns helfen, aber alles in allem fehlt es an Praxis, würde ich sagen.“
„Ja. Die Strumaektomie bei Frau Riehl war allerdings sehr gut.“ Das hatte er fairerweise anerkennen müssen.
„In der Klinik in London waren sie auf Schilddrüsenerkrankungen spezialisiert. Lässt Du ihr auch den kalten Knoten?“
„Ja, ich kenne ihre Spezialisierung. Trotzdem glaube ich, dass eine so lange Assistenzzeit einen Sinn hat. Und ja – ich wollte Dich fragen, ob Du ihr dabei assistierst?“

(„Ich habe da weder Zeit noch Lust zu...“)

„Apropos, wen nimmst Du nun morgen mit zu den Gallensteinen?“
„Das kläre ich später. Knechtelsdörfer mag ich nicht und Stern kenne ich im OP noch nicht.“
„Den ersten muss man zu nehmen wissen, der zweite ist gut, allerdings zu still. Ich habe immer das Gefühl, er wird ständig übersehen. Er ist seit sechs Wochen hier und hat kaum eine OP abgekriegt.“
„Weil er noch kein Herz transplantiert hat? Lass mal... er hat noch so viel Zeit. Er kommt mir sehr patent und gewissenhaft vor. Was ist mit der Amsel-Assistenz?“
„Wir sollten bei Gelegenheit mal wieder um die Häuser ziehen. Was meinst Du? Das ist sehr lange her.“

(„Scheiße... ich darf Mutter am Freitag nicht vergessen!“)

„In der nächsten Zeit wird das wohl eher nichts. Mein Tag könnte glatt noch ein paar Stunden mehr haben. Vor allem, wenn ich neuen Chirurgen assistieren muss... Ich frage mich ständig, wie der Professor das alles so hingekriegt hat.“
„Im Grunde hat es ihn hingekriegt. Hast Du was von ihm gehört?“
„Nein. Vermutlich hat er gerade andere Probleme...“
Marc grinste und Cedric machte es nach. „Ja, von Professor Kohren weiß ich, dass er leichte Eingewöhnungsschwierigkeiten hat. Warum überlässt Du die Assistenz nicht einem Assi?“
„Bevor ich sie auf die Assis loslasse, möchte ich wissen, wie sie mit unserem Flohmarkt-Equipment zurechtkommt.“
„Womit sie nicht Unrecht hat. Klar, kann man damit arbeiten, aber wenn der Professor mit größeren Transplantationen liebäugelt – ehrlich, Marc? Das könnt ihr vergessen. Dafür ist hier keine Kapazität.“

Im Gang erschien die neue Kollegin. Sie sah Cedric und Marc zusammenstehen und zögerte. Auch wenn es albern war, sie versuchte dem Interimschef so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Worüber auch Marc ganz erfreut war. Jetzt zog er sich schnell in sein Büro zurück.

Dort beschäftigte er sich eine Weile mit den Katalogen der Assistenzärzte. Maurice Knechtelsdörfer hatte in der letzten Zeit bei den meisten OP´s assistiert. Meistens mit Doktor Rössel und Doktor Stier. Die Berichte, die er für den Kardiologen angefertigt hatte, waren deutlich besser als die, unter denen der Name Rössel stand.
„Man muss ihn zu nehmen wissen.“ Cedric hatte nicht so geklungen, als würde der Österreicher ihn nerven. Und nun kam er extra, um mit Gina eine ausführliche OP-Vorbereitung zu machen.

(„Sie nimmt die Wette ernst.“)

„Sie kann uns weiterhelfen.“

Zumindest gab sie sich Mühe. Das war Marc von Anfang an aufgefallen. Vermutlich hatte der Professor auch ihr die Anweisung gegeben, sich zusammenzureißen. Marc bemühte sich zwar, ihr aus dem Weg zu gehen, trotzdem beobachtete er sie so gut es ging. Dass ein weiterer Chirurg für geplante Eingriffe zur Verfügung stand, entzerrte den Einsatzplan gewaltig. Er hielt sich an die Worte des Professors. Natürlich würde sie in die Notaufnahme müssen, doch er ließ es langsam angehen. Für Doktor Rössel war ein erhöhter Einsatz in der Notaufnahmen kein Problem und glücklicherweise war auch Doktor Hassmann flexibel genug, dort jederzeit zur Verfügung zu stehen.
Und Gina... sie bot immerhin keine Angriffsfläche. So wollte er es sehen, bis er sich eine Meinung bilden konnte. Unvoreingenommen. Er hatte es dem Professor versprochen.

Denk an den Traum... Ihr zu vertrauen wäre das Dümmste, was Du tun kannst.
Ich dachte, zu lieben sei das Dümmste...
Dich hat niemand gefragt.

(„Wer hat euch überhaupt gefragt!?“)


Marc saß in seinem Stuhl und seufzte. Der Chefarzt fehlte ihm. Nicht wegen der Arbeit. Der Professor war einfach der Vater dieses Hauses. Fast war es komisch – nun fehlten ihm zwei Menschen. Vater und Tochter. Wobei die Tochter anders fehlte. Er vermisste sie anders. Viel mehr. So viel mehr, dass es wehtat. Fast vier Wochen war er nun schon zurück am EKH und noch immer rechnete er jede Sekunde damit, dass sie um irgendeine Ecke kommen und ihn nerven würde. Hoffe es. Doch nichts dergleichen geschah. Hinter jeder leeren Ecke hätte er sich krümmen mögen, so sehr traf es ihn. Jeder Stich ins Herz war ein Volltreffer!

Wie wäre es denn mal wieder mit einer Runde heulen?
Jeder Stich zeigt doch, dass Du es kannst – lieben.
Da bestand nie ein Zweifel, wir wollten nur nicht. Liebe ist nicht wichtig. Guter Sex mit einer schönen Frau ist wichtig.
Das haben wir ja in der letzten Zeit sehr genossen!
Was?
Guten Sex mit einer wunderschönen Frau. Ozeanblaue Augen, in denen das Ertrinken Herzklopfen auslöste. Deren kleinste Berührung ein Versprechen war – für große Momente explodierender Extase.
Explodierende Extase... was für ein Quatsch.

(„Explodierende Extase... wirklich quatsch, was mein Gehirn da so zustande bringt.“)


Allerdings... seine Gedanken reisten 6000 Kilometer nach Süden. Es hatte tatsächlich eine Nacht gegeben, in der...

Karo Offline

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26.10.2017 14:35
#88 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 2.7 – Le Petit Morte (Erinnerungen September)


Sie kam auf ihn zu und strahlte ihn an.
„Marc!“

„Hallo mein Schatz!“
Endlich durfte er wieder ihre Lippen spüren! Gretchens Küsse waren unglaublich. Süß. Zärtlich. Verlangend. Sie machten süchtig.

Gerade kam sie von ihrer ersten Medical Safari zurück, natürlich total geschafft. Und glücklich. Sie strahlte mehr als sonst von innen heraus. Marc liebte, was Gretchen tat. Hier fand sie einen Sinn in ihrer Arbeit. Ihre Empathie machte sie beliebt und man hatte Respekt vor der Lady Doc. Es machte ihn glücklich zu sehen, wie Gretchen in ihrer Arbeit aufging. Sie waren nun schon gute zehn Tage zusammen in Afrika, Marc war erstaunt, wie wenig ihm das Nichtstun ausmachte. Wie wenig er die Arbeit im OP vermisste.
Nicht zu arbeiten hatte er noch nie getan. Klar hatte er Urlaub gehabt, aber meistens hatte er diesen für Fortbildungen oder Symposien genutzt. Als Referent war er beliebt und man verdiente gutes Geld.

Erstmals in seinem Leben tat Marc nichts. Er stand auf, wann er wollte, tat was er wollte – Gretchen küssen und mit den Kindern Fußball spielen! Jawohl! Marc hatte sich zu einem guten Fußballtrainer entwickelt! Wie viel Spaß er mit den Kleinen hatte überraschte ihn sehr – verunsicherte ihn sehr.
„Genieß es, Marc!“ Hatte Gretchen gesagt und seine Zweifel weg geküsst.

Marc war immer ein Einzelgänger gewesen. Hier war er Teil einer Gemeinschaft – einer großen Gemeinschaft. Gretchen hatte sich natürlich schnell mit allen angefreundet, doch er blieb verschlossen. Zurückhaltend. Die Menschenmenge auf Sanssouci verunsicherte ihn.
„Alles ist gut, Marc“ Hatte Gretchen gesagt und seine Zweifel weg geküsst.

Als Gretchen dann das erst Mal mit Martin, Roula und Christian ins Land fuhr, musste er sich mit neuen Gefühlen auseinandersetzen. Gerade erst hatte er gelernt, wie es war verliebt zu sein. Nein, er wusste sehr schnell, dass es wirklich Liebe war, was er für Gretchen empfand. Und jetzt? Auf einmal war er wieder alleine. Er fühlte sich unwohl und war die ganze Zeit angespannt.

Mehdi hatte die Krankenstation zu betreuen. Für Marcs Problem hatte er weder Zeit noch eine Lösung und schon gar keine Medizin. Die fand schließlich Domenic, der Lehrer.

Martin brannte Schnaps und er experimentierte mit allem, was ihm tauglich erschien. Marc hatte definitiv den schlimmsten Kater seines Lebens – ausgerechnet an dem Tag, wo es ihm furchtbar schlecht ging, kam Gretchen schon unerwartet früh zurück.

„Geschieht Dir Recht!“ Hatte sie ihn aufgezogen und geküsst. Obwohl er bestimmt eine ganz furchtbare Fahne hatte.

Sie hatten einen wunderbaren Abend zusammen verbracht. Gretchen hatte eine knallbunte Hängematte geschenkt bekommen, die Christian im Handumdrehen auf der Veranda aufgehängt hatte, bevor er es sich darin bequem machte.
„Was wird das jetzt?“
„Werde ich fürs Aufhängen nicht bezahlt?“
„Na gut, während Marc und ich was Essen kannst Du noch liegen bleiben.“

(„Ich kann nichts essen, dann übergebe ich mich!“)

„Die Hängematte ist aber für zwei!“

(„Genau, für Gretchen und mich!“)

„Stimmt. Für Marc und mich!“
„Und wo ist da meine Belohnung?“
„Ist es nicht Lohn genug für Dich, mich zufrieden und glücklich zu wissen? Zufrieden über die schnelle Montage und glücklich, wenn Marc und ich später ein bisschen abhängen.“ Dabei klimperte sie übertrieben mit ihren Wimpern.

Gretchen hatte darauf bestanden, dass Marc etwas zu sich nahm und nach dem Essen ging es ihm tatsächlich besser. Von „gut“ war er definitiv noch weit entfernt, aber in der Hängematte mit seiner Liebsten, das ging. Er brauchte eh nichts sagen, Gretchen erzählte von dem Erlebten. Er hörte ihre Begeisterung, spürte ihre Zufriedenheit. Ihr glückliches Strahlen, das offensichtliche und das von innen heraus, machte ihn glücklich.

Noch sehr mitgenommen von der vorabendlichen Schnaps-Verkostung verstand Marc plötzlich. Das war Gretchen. Sie war Ärztin, weil sie helfen wollte. Nicht wichtig waren große OPs, Karriere oder Geld. Auch ein buntes Pflaster machte sie zufrieden, wenn es Kindertränen trocknete.

Da hatte er es zum ersten Mal gesagt. Ganz leise, gerade so laut, dass sie es hören konnte. „Gretchen, ich liebe Dich!“

Während sie schwiegen schien es so, als würden seine Worte über ihnen schweben. Ein zarter Lufthauch bewegte die immer noch heiße Abendluft und trug die aufrichtigsten Worte seines Lebens über die Savanne davon.

Anfangs war er nicht sicher gewesen, ob Gretchen die Worte überhaupt gehört hatte. Doch ihr Kuss zerstreute seine Zweifel ganz schnell. Dieser Kuss war der Anfang einer sagenhaften Nacht gewesen. Gretchen ließ diese geflüsterten Worte in ihre Seele hinein. Sie überwand die letzten Zweifel und Ängste und ließ sich voll und ganz auf Marc ein. Sie ließ sich fallen – in seine Arme, in seine Umarmung, in seine Liebe.

Sie liebte ihn. Leidenschaftlich und hemmungslos.
Marc hatte mittlerweile ein Bild von Gretchens bisherigem Liebesleben, aber er war immer wieder überrascht, wie wenig seine Freundin insgesamt über ihren Körper und seine Reaktionen wusste. Und Gretchens Körper konnte erwidern – je sicherer sie wurde umso heftiger reagierte sie. In dieser Nacht erlebte jedoch auch Marc etwas Neues. Sie hatten sich gerade zum dritten Mal geliebt, als Gretchen in einen post-orgastischen Zustand der Bewusstlosigkeit fiel.

Marc war fasziniert. Nach ein paar Minuten kam Gretchen wieder zu sich und sah ihn fragend an.
„Le petit morte!?“ Er küsste sie unendlich zärtlich.

Später hielt er seine schlafende Freundin fest umschlungen. Er konnte nicht einschlafen. Wollte er auch nicht. Er war einfach nur glücklich, dass er hier sein durfte. Bei ihr. „Ich werde Dich nie wieder loslassen.“ Ein zarter Kuss landete auf ihren goldenen Locken.
Natürlich schlief auch er irgendwann ein.

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26.10.2017 14:37
#89 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.8 – Marc aggressiv


„Doktor Meier?“

Sabine riss ihn aus seinen Tagträumen. „E-Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“
„Warum haben Sie es dann gemacht?“ Gerade war er im Himmel gewesen und nun drohte ihm diese Person mit weiteren Akten.
„Das sind die Berichte, die Sie haben wollten.“
Marc sah sie verständnislos an. „Berichte?“
„Oh! Oh, ich glaube ich habe mich vertan. Doktor Stier wollte, dass ich ihm die Mammakarzinome der letzten Monate heraussuche.“
„Doktor Stier ist nicht hier, aber legen sie es da hinten hin. Kann er sich ja holen.“
„I-ist gut, Doktor Meier!“

„Ist Kaffee da?“
„Ja, ich kann Ihnen welchen holen.“
„Um 17 Uhr ins Chefarztbüro reicht – für zwei Personen bitte.“
„Mit Milch oder Zucker?“
„Was weiß ich denn?!“ Marc wurde ungeduldig. Konnte die nicht woanders nerven?
„Ja, ich werde es einfach vorbereiten. Ach so... das ist für Sie.“

Sie legte einen Umschlag auf den Tisch und Marc brummte etwas Unverständliches. Aber da Sabine sich sehr schnell aus dem Zimmer zurückzog, war es eh egal. Es wurde nicht gehört.

Zurück im Stationszimmer machte sich die Krankenschwester sehr schnell sehr klein. Lorelei beobachtete ihre Kollegin. Nur Sabine konnte sich derart auf dem Drehstuhl hin und her winden.
„Was ist denn mit Dir?“
„Um 17 Uhr möchte Doktor Meier Kaffee für zwei Personen in das Büro von Professor Haase haben.“
„Aber das alleine wird Dich ja nicht so verwirrt haben?“
„Nein. Er ist sehr schlecht gelaunt. Fast will ich sagen, da sitzt der alte Doktor Meier und haut verbal um sich.“

„Wer haut um sich?“ Maria Hassmann betrat den Raum.
„Doktor Meier.“
„Wo? Das wollte ich schon immer mal sehen.“
„Er tut es nur verbal.“
„Ach so. Na dann wünsche ich Dir später viel Spaß mit dem kleinen Chef, Maurice.“
Der Assistenzarzt hatte kurz nach der Neurologin seinen Fuß in das Stationszimmer gesetzt. „Oh je.“

„Ja. Oh je. Das trifft es ziemlich gut.“ Sabine beendete damit das Gespräch. Heute war es wohl besser, die Übergabe gründlich vorzubereiten. Sie kannte das zu Genüge: War der Oberarzt schlecht gelaunt, tat man am besten und bot so wenig Angriffsfläche wie möglich. Was in Anbetracht des Briefes jedoch heute eh überflüssig wäre... er würde sie leiden lassen.

Gerade hatte sie sich wieder der Dokumentation des heutigen Stationsgeschehens gewidmet, als das Telefon klingelte. Das Display verriet ihr, wen sie am anderen Ende zu erwarten hatte.
„Doktor Meier? Sabine hier.“ Ihre Stimme zitterte.
„Sabine, ich hätte gerne die Akten von Frau Anja Lindental und Herrn Theo Raderberg. Beide Patienten wurde im laufenden Jahr die Gallenblase entfernt. Vor 17 Uhr bitte!“
„N-Natürlich, Doktor Meier. Wird sofort erledigt, Doktor Meier!“

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26.10.2017 14:40
#90 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.9 – Marc und die Assistenzärzte


Um kurz vor fünf machten sich die beiden Assistenzärzte auf den Weg zum Arztzimmer der Station. Während der Neue von dem heutigen Mittag mit Doktor Meier sehr angetan war, machte sich der Alte schon wieder Sorgen. „Oh je, er war vorhin so schlecht gelaunt. Was das jetzt wieder werden kann? Hast Du eine Ahnung, was er von uns will?“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Aber vorhin war er doch sehr entspannt. Sogar sehr, wenn ich ihn mit letzter Woche vergleiche.“
„Du kennst ihn halt nicht.“
„Nicht solange wie Du.“
„Eben. Hast Du denn vorhin irgendwelchen Bockmist gebaut?“ Die Frage des Österreichers klang eher wie eine Feststellung.
„Das hätte er wohl direkt gesagt. Wieso?“ Carsten Stern fand Anschuldigungen dieser Art, gerade von diesem Kollegen nicht sonderlich komisch.
„Aber was sollte sonst der Grund für seine Stimmungsschwankungen sein?“

„Dumme Mutmaßungen, warum der Leitende Oberarzt schlechte Laune haben könnte?“ Doktor Meier tauchte plötzlich hinter den beiden Lernärzten auf.
„Oh je, Doktor Meier, es tut mir leid, ich...“
„Klappe halten, eintreten, Platz nehmen.“ Marc wies auf die Polstergarnitur im hinteren Bereich. „Ich mache es kurz!“

(„Für mich!“)

„Meiner schlechten Laune zum Trotz habe ich mir erlaubt, Getränke für Sie vorzubereiten, meine Ankündigung, es kurz zu machen galt lediglich für mich.“
Zwei Augenpaare musterten ihn, das eine gespannt, das andere eher angespannt.
„Ich habe hier für jeden von Ihnen einen Fall aus dem letzten Jahr. Wir starten in der Notaufnahme. Der Anamnesebogen ist bereits sehr gründlich durch den Notarzt ausgefüllt worden.“ An dieser Stelle musste Marc kurz grinsen. „Ihr Job ist es, die weiteren Schritte zu überlegen und auch zu begründen. Sie können sich natürlich gegenseitig helfen, wäre aber kontraproduktiv. Sie bewerben sich mit dieser Arbeit um die Assistenz bei der Gallenstein-OP morgen. Sie haben bis zur Stationsübergabe Zeit. Viel Spaß!“
„Ich kapier grad gar nichts, wieso denn bewerben? Ich dachte, dass...“
„Sie denken jetzt an ihren Fall. Andernfalls kann ich auch direkt Doktor Stern eintragen? In dem Fall spare ich mir nämlich auch eine Menge Arbeit! Oder glauben Sie, dass ich mich darauf freue Ihre Werke zu lesen?“ Marc wartete einen Moment in der Tür.

„Äh, nein. Also dann... weiblich, 46 Jahre...“

Kopfschüttelnd zog Marc die Tür hinter sich zu. Sollten die beiden machen, was sie wollen. Er hoffte nur, dass ihn der neue Assi nicht enttäuschen würde.

(„Eine OP mit Knechtelsdörfer möchte ich mir doch irgendwie ersparen!“)

Karo Offline

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26.10.2017 14:49
#91 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.10 – Jochen ist weg


Vor der Gallenstein-OP wollte nur kurz nochmal eine rauchen.

(„Ich rauche zu viel. Ich muss das lassen!“)

Auf dem Weg nach draußen stieß er mit einer aufgelösten Bärbel Haase zusammen. „Oh Verzeihung!“

(„Hä? Was ist denn mit der los? Den Zusammenstoß scheint sie nicht mal wahrgenommen zu haben?“)

Die Frau seines Chefs stürmte einfach weiter. Doktor Meier folgte ihr in die Richtung, wo das Büro des Professors lag. Jetzt sein Büro.
„Frau Haase?“ Marc konnte kaum das Tempo halten.
„Frau Haase?“ Er brüllte, aber sie schien ihn gehört zu haben.
„Ich muss zu meinem Mann, Jochen ist weg. Sein Mitbewohner hat angerufen, ob er bei uns wäre. Seit letzten Mittwoch hat er ihn nicht gesehen! Ich muss Franz sprechen.“
„Frau Haase...?“ Die Mutter befand sich augenscheinlich in einem Schockzustand. Anders konnte er sich ihr Verhalten nicht erklären. Marc schob sie zu einer kleinen Sitzgruppe am Gangfenster. „Setzen Sie sich erstmal. Wasser?“
„Nein, ich will zu meinem Mann!“
„Frau Haase, Ihr Mann ist in der Reha?“

(„Mein Gott, ich hoffe nicht, dass sie mit dem Auto hier ist!“)

„In Reha?“ Ihr Verstand kam langsam wieder zum Vorschein. Langsam wiederholte sie die Worte. „In Reha?“ Und nochmal. „In Reha. Jetzt wo Sie es sagen! Aber der kann doch nicht einfach in Reha fahren. Jochen ist weg.“
„Wie denn weg? Mitten im Semester?“

(„Das ist wohl das schlechteste Argument...“)

„Als würde ihn das von Dummheiten abhalten. Was soll ich denn jetzt tun?“
„Hat sein Mitbewohner mehr gesagt? Nur, dass er ihn ein paar Tage nicht gesehen hat, heißt sehr wenig. Wenn ich an meine WG-Zeiten denke – nein, da hätte ich oft in Aufregung sein müssen. Oder die anderen.“

Die Mutter überlegte: „Auch wenn er gerne mal wegläuft wenn es kompliziert wird, spurlos zu verschwinden ist nicht seine Art Ihm muss was passiert sein! Sonst hätte er doch was gesagt.“
„Vermutlich ist er spontan mit einer seiner Freundinnen irgendwohin gefahren?“ Gretchen hatte ihm mal erzählt, dass ihr Bruder seine Liebschaften nie so wirklich ernst nahm. Er verkniff sich den Anflug eines Lächelns.
„Jochen hat seit ein paar Monaten die gleiche Freundin, eine Spanierin. Luisa? Ja, ich glaube so hieß sie.“
„Frau Haase, wo oder besser wie kann ich den Mitbewohner von Jochen erreichen? Haben Sie einen Namen oder eine Telefonnummer?“

Er setzte die verzweifelte Frau zu Schwester Sabine ins Stationszimmer. „Geben Sie ihr ein leichtes Beruhigungsmittel, ich bin gleich wieder da.“

Zwanzig Minuten später hatte Marc schon ein paar Informationen mehr aufgetrieben, auch wenn er noch nichts Weiteres über den Verbleib von Jochen Haase herausgefunden hatte.

Es schien tatsächlich so, dass Gretchens Bruder weg war, der Mitbewohner der Münchener WG hatte sich schon Zutritt zu Jochens Zimmer verschafft. Es sah aus, als wäre der Student überstürzt abgereist. Die letzte Telefonnummer des WG-Apparates war die des Taxi-Rufs München gewesen. Marc hatte sich natürlich auch mit dem Fuhrunternehmen bereits in Verbindung gesetzt, doch die Nachforschungen würden etwas Zeit brauchen. Gerade, da es nun schon ein paar Tage her war, konnte es sein, dass sich niemand an die Fahrt erinnern konnte. Über den Mitbewohner hatte Marc jedoch die Bar erfahren, in der Jochen viermal in der Woche arbeitete – Jochen hatte in der Tat seit Monaten eine Spanierin als Freundin, Luisa Cortez. Auch sie jobbte in der Bar und war seit der vergangenen Woche verschwunden. Ihre Eltern lebten auf Mallorca.

„Cortez und Mallorca ist so, als würden Sie Müller in Deutschland suchen“, erklärte er der wieder etwas gefassteren Professorenfrau. „Ich hoffe, dass sich das Taxiunternehmen bald meldet, sie werden mir auch im Negativfall Bescheid geben.“
„Im Negativfall?“
„Wenn sie nichts herausfinden. Frau Haase, ich melde mich bei Ihnen, wenn ich etwas weiß. Was mir nicht gefällt ist die Vorstellung, dass Sie alleine zu Hause sind.“
„Ich bin nicht alleine, Gina wohnt ja bei uns. Ich kann hier auf sie warten.“
„Frau Doktor Amsel ist seit 12 Uhr weg. Weil sie morgen wegen der OP mit Doktor Stier doch früher kommt.“
„Aber sie ist nicht nach Hause gekommen. Oh Gott, hoffentlich ist ihr nichts passiert... nicht auszudenken, wenn...“

Bevor Bärbel erneut von einer Panikattacke befallen werden konnte, spürte sie ein kurzes Brennen auf ihrer Wange und dann zeigte sich ein leicht rötlicher Abdruck einer feingliedrigen Chirurgenhand.
„Sagen Sie mal!“
„Nein, Frau Haase. Jetzt sagen Sie mal – können Sie eventuell zu einer Freundin?“
„Pfff... Die arbeiten doch alle.“
„Gut. Sabine, rufen Sie bitte Doktor Amsel an, sie soll Frau Haase hier abholen.“

(„Wo auch immer sie gerade steckt...!“)

(„Oder wer auch immer gerade... Cedric?“)

Der tut wenigstens was für seinen Chirurgenruf.
Wissen wir ja gar nicht.
Bin ich mir sicher!
Und wenn schon. Er kann tun und lassen was er will.
Könntest Du auch. Was tust Du stattdessen? Haha. Während Dein Freund mit der Freundin Deiner Freundin vögelt kümmerst Du Dich um die verwirrte Mutter Deiner Freundin.
Eben. Sowas macht ein Freund.
Besser ist, was Dein Freund macht: Vögeln!
Ja, dann ist das aber jetzt auch vorbei.


„Oh weh. Doktor Amsel ist böse, dass ich sie aus dem Fitnessstudio hole.“
„Fitnessstudio?“ Marc war so schnell nicht frei von dem Bild, was sich vor seinem geistigen Auge manifestiert hatte.
„Sie klang sehr außer Atem.“
„Ja – Danke Sabine.“ Mehr wollte er einfach nicht hören.

Siehst Du, der weiß, was sich für einen Chirurgen gehört!
Für einen Single-Chirurgen.
Schredder die Briefe, richte die Kronjuwelen und los geht’s!
In OP 1 geht´s gleich los...

(„Scheiße... die Gallensteine!“)

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29.10.2017 20:05
#92 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.11 – Gallensteine


Es war die erste Operation, bei der ihm Carsten Stern assistieren sollte und dieser schien sehr gut vorbereitet zu sein. Der junge Mediziner war etwas aufgeregt, Maurice hatte ihm von seinen Erfahrungen mit Doktor Meier berichtet. "Erst fängt er mit harmlosen Fragen an und dann beißt er sich fest."

Marc hatte mit sowas gerechnet, deswegen hatte er Doktor Stern vor der OP zu einer intensiven Vorbesprechung in sein Büro bestellt.

„Frau Ehrenfeld?“ Marc gab das Stichwort.

„Frau Ehrenfeld wurde vorgestern Abend mit schmerzhaften Krämpfen im Oberbauch eingeliefert. Sie klagte außerdem über typische Beschwerden wie Völlegefühl und Übelkeit. Der Verdacht lag direkt bei einer Gallenkolik. Durch eine Sonografie konnten wir eine Vielzahl von Gallensteinen feststellen, mehrere dieser Steine sind bereits in den Gallengang gerutscht.“
„Was wissen Sie über Gallensteine?“ Marcs bisheriger Eindruck des Mediziners war durchaus positiv. Mit seinen allgemeinen Fragen wollte er dem Mitarbeiter die Scheu nehmen und sich selbst ein besseres Bild machen.
„Gallensteine sind kleine Steinchen, die aus verfestigter Gallenflüssigkeit bestehen. Je nach Zusammensetzung werden sie zum Beispiel als Cholesterin- oder Pigmentsteine bezeichnet...“ Anfangs noch etwas angespannt, erklärte er seinem Ausbilder die unterschiedlichen Krankheitsbilder und Krankheitsverläufe. „Besonders unangenehm ist eine richtige Gallenkolik. Der Schmerz setzt dabei oft aus heiterem Himmel ein und steigert sich dann noch. Er kann in die rechte Schulter oder in den Rücken ausstrahlen. Meist ist dann ein Stein von der Gallenblase in den Gallengang gerutscht und verstopft diesen. Im Bemühen, das Hindernis weiterzuschieben, zieht sich die Gallengangsmuskulatur krampfartig zusammen – es kommt zur schmerzhaften und in Wellen verlaufenden Gallenkolik.“

Marc nickte zufrieden. Der junge Mediziner entspannte sich langsam.
„Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es?“

„Bei Bauchschmerzen und anderen Symptomen, die auf ein Gallenleiden hindeuten, erfolgt nach der Anamnese eine Tastuntersuchung – Palpation – des Bauches. Eine Ultraschalluntersuchung sichert dann meist die Verdachtsdiagnose...“

Marc war hochzufrieden. „Sehr gut, Doktor Stern. Welche Therapiemöglichkeiten haben wir generell zur Verfügung?“

„Gegen die Schmerzen einer Gallenkolik muss zunächst akut vorgegangen werden. Dann sollte aber auch eine ursächliche Therapie erfolgen, damit sich ein solches Geschehen möglichst nicht wiederholt. Eine Gallenkolik geht in vielen Fällen von selbst vorüber. Bei Gallenblasensteinen, die zu Symptomen geführt haben, ist eine operative Entfernung der Gallenblase nötig.
Liegen Gallengangssteine vor, sollten diese zunächst beseitigt werden, gefolgt von der operativen Entfernung der Gallenblase. Meist wird nicht mehr die offene Operation, sondern die Laparoskopie angewandt. Hat sich im Ultraschall gezeigt, dass ein Stein im Gallengang Koliken verursacht, kann er mit Hilfe der ERCP entfernt oder zertrümmert werden. Auch eine Erweiterung der Mündung des Gallengangs in den Darm ist mit einer endoskopischen Papillotomie möglich. So können die Steine beziehungsweise Steinstückchen leichter abgehen oder entfernt werden.

Die Steinzertrümmerung mit Stoßwellen oder Laser spielt heutzutage kaum noch eine Rolle, da diese Methode keine komplette Sanierung darstellt beziehungsweise es immer wieder zur erneuten Steinbildung kommen kann.
In seltenen Fällen muss die Gallenblase auch bei Patienten ohne Symptome entfernt werden. Dies ist zum Beispiel sinnvoll, wenn eine steingefüllte sogenannte Porzellangallenblase vorliegt. Hier besteht das Risiko, dass Gallenblasenkrebs entstehen könnte. Daher sollte die Gallenblase in diesem Fall vorsorglich entfernt werden.“

„Wie gehen wir bei unserer Patientin vor?“

„In unserem Fall ist die Gallenblase bereits entzündet, sodass die Therapie der Wahl die laparoskopische Entfernung der Gallenblase ist. Bei Entzündung der Gallenblase sollte diese frühzeitig, also bereits im akuten Stadium operativ entfernt werden.“

Marc deutete ihm, dass er mehr hören wollte.

„Die Entfernung der Gallenblase etwa aufgrund eines Stein- oder Krebsleidens wird als Cholezystektomie bezeichnet und kann konventionell minimalinvasiv im Rahmen einer Bauchspiegelung durchgeführt werden. Aus diesem Eingriff erwachsen dem Patienten in der Regel nur dann Probleme, wenn die Ernährung übermäßig durch fetthaltige Speisen geprägt ist.“ Doktor Stern hatte seine Hausaufgaben gemacht und er lieferte. Natürlich fragte Marc ausführlich weiter.

„Haben Sie schon bei einer Gallensteinentfernung assistiert?“

„Erzählen Sie mir noch etwas über die Bauchspiegelung.“

„Haben Sie bereits Erfahrung mit dem Laparoskop?“

Marc hatte natürlich im OP-Katalog nachgesehen, bei wie vielen und welchen Eingriffen Doktor Stern assistiert oder selbst operiert hatte.

„Ich habe Doktor Stier mehrmals bei Appendektomien, Hernien und diagnostischen Laparoskopien assistiert. Unter Anleitung von Doktor Rössel habe ich selbst zweimal mit dem Gerät gearbeitet. Beide Laparoskopien waren diagnostischer Art.“
„Gut, dann wird es wohl Zeit, dass Sie auch damit operieren. Den Verlauf des Eingriffs kennen Sie, Frau Ehrenfeld hat keine Vorerkrankungen, bei denen man mit Komplikationen rechnen muss. Wir sehen uns gleich im OP. Falls Sie jetzt oder später Fragen haben, dann zögern Sie bitte nicht, diese auch zu stellen. Für Ihre Fragen bin ich da. Alles soweit klar?“

„Ja natürlich. Danke, Doktor Meier!“ Der Assistenzarzt nickte selbstbewusst.

Marc musste grinsen. „Es gab viele vor Ihnen, die wurden bei der „Androhung“ einer OP total nervös.“ Das Wort Androhung unterstrich er mit zwei in die Luft gemalten Gänsefüßchen. „Ihnen scheint das nicht so viel auszumachen?“
„Dafür bin ich doch da.“

(„Veräppelt der mich?“)

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29.10.2017 20:11
#93 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.12 – Carsten Stern


Zu Beginn des Gesprächs war Carsten Stern etwas aufgeregt gewesen. Maurice, der bereits Erfahrung mit Doktor Meier als Oberarzt, sprich Ausbilder der Assistenzärzte hatte, hatte ihn gewarnt. Aber das war eben Maurice. Manchmal konnte er nachvollziehen, dass Doktor Meier von ihm genervt gewesen war. Er selbst hatte bisher keinen Grund gehabt, sich über die Arbeitsweise des Leitenden Oberarztes zu beschweren. Doktor Meier war zwar sehr gründlich und genau und er hatte eine hohe Erwartungshaltung, aber dass sein Verhalten unfair wäre, konnte der junge Mediziner nicht bestätigen. Aber vielleicht war das auch was anderes mit seiner Vorgängerin gewesen, denn die war die Tochter des Chefarztes. Und wohl auch mit Doktor Meier liiert.

Nein, gefürchtet hatte er sich nicht. Er hatte sich einfach gut vorbereitet.

Es gab auch keinen Grund aufgeregt zu sein, nur weil er gleich die OP durchführen würde. Das war in der Tat das, warum er hier war. Mit Doktor Stier im OP war es schwierig, da der oft keine Zeit mit Anleitungen und Erklärungen vertrödeln wollte. Außerdem beanspruchte Maurice den Spezialisten eher für sich – als 1. Assistenzarzt. Für ihn blieb der gutmütige Doktor Rössel. Mit dem konnte man auch klar kommen, aber er tat Dienst nach Vorschrift. Nach über 30 Jahren im OP, wenige Monate vor seinem Ruhestand, konnte man ihm das nicht mal übel nehmen. Nun gab es insgesamt vier Optionen: Neben Doktor Stier und Doktor Rössel war da Doktor Amsel und eben Doktor Meier. Wobei der momentan weniger für OPs vorgesehen war. Gerade deswegen war Doktor Stern froh, so schnell mit Doktor Meier im OP zu stehen.

Eins fiel ihm gleich auf. Als er den Operationssaal betrat war dort die Atmosphäre viel konzentrierter.
Doktor Meier erklärte einmal für alle, dass die Operation vom Assistenzarzt durchgeführt würde und er entsprechend auch weisungsbefugt war. Er selbst würde nur im Zweifels- oder Notfall eingreifen.
Marc hielt sich während der OP tatsächlich konsequent zurück, was nicht hieß, dass er nicht höchst aufmerksam über jede Aktion des Operateurs wachte. Oder die eine oder andere Frage stellte.
Zwischendurch stimmte sich der Assistenzarzt von sich aus mit dem erfahrenen Mediziner ab oder stellte selbst Fragen, aber im Grunde hatte Marc wenig mit der Operation zu tun. Die Patientin spielte definitiv auch mit, es kam zu keinerlei Komplikationen oder Auffälligkeiten der Vitalwerte.

Als sich die beiden Ärzte hinterher von der sterilen Kleidung entledigten, war Marc hochzufrieden. „Das war sehr gut, Herr Stern. Ehrlichgesagt war ich ziemlich gespannt. Ich habe auf der Station einen sehr guten Eindruck von Ihnen, aber die Leere in Ihrem OP-Katalog warf ein Fragezeichen auf. Ich hoffe, dass das tatsächlich nur an der bisherigen Personalsituation lag? Ich meine, Doktor Knechtelsdörfer hatte trotzdem seine Praxis.“
„Da fragen Sie bitte andere, Doktor Meier.“
Marc schaute den Assistenzarzt verblüfft an. „Höre ich da einen Unterton?“

(„Guck mal einer an...“)

„Ich bin noch nicht lange hier. Soll ich mich jetzt schon wegen ein paar OPs verrückt machen?“

Marc sah ihn mit einem forschenden Blick an. Ja, er konnte zwischen den Zeilen lesen und er kannte einen Doktor Knechtelsdörfer schließlich auch schon länger. Sicherlich hatte der sich in den Vordergrund gedrängt und Cedric war es wohl eher wurscht gewesen, was die beiden untereinander absprachen.
„Wie lange haben Sie heute Dienst, Herr Stern?“
„Ich habe um 22 Uhr Feierabend.“
„Dann überarbeiten Sie nur das OP-Protokoll für die Übergabe, da sind Sie ja eh dann dabei. Den Bericht über den Eingriff bei Frau Ehrenfeld geben Sie mir dann morgen.“
„Also wenn jetzt nicht gerade ein Notfall passiert oder nichts anderes anliegt, mache ich den Bericht jetzt direkt noch fertig. Also, wenn ich nochmal nach der Patientin gesehen habe. Wo´s noch frisch ist.“ Er tippte sich an den Kopf.

Zehn Minuten trafen sich die beiden Ärzte bei der frischoperierten Frau wieder. Der Assistenzarzt bedankte sich gerade bei Frau Ehrenfeld für das vorbildhafte Patientenverhalten während einer OP, als Marc das Zimmer betrat. Marc lachte gut gelaunt. „Das Lob gilt aber auch dem Operateur. Herr Stern, stellen Sie Ihr Licht mal nicht in den Schatten.“

Die Patientin stand noch stark unter der Wirkung der Narkose aber angesichts der beiden entspannt wirkenden Ärzte war wohl alles gut gelaufen. „Sie sind also zufrieden?“
„In jedem Fall. Wir haben ihre Gallenblase wie erwartet komplett entfernt. Sie werden hier jetzt noch ein paar Stunden überwacht, falls es doch zu postoperative Störungen kommen sollte. Wir sehen uns in jedem Fall heute Abend in Ihrem Zimmer nochmal.“
„Darf ich aufstehen?“
„Das schon, aber sagen Sie der Schwester Bescheid. Alleine ist das noch nicht gut. Haben Sie noch Fragen? Ansonsten wenden Sie sich ebenfalls an die Schwester. Ruhen Sie sich aus. Bis später, Frau Ehrenfeld.“

Wie geplant machte sich der Assistenzarzt sofort an die Dokumentation. Er freute sich über das von den meisten Assistenzärzten als lästig empfundene Berichteschreiben. Doch jeder Bericht war ein Zeugnis seiner Arbeit. Jeder Bericht war ein Häkchen mehr in seinem OP-Katalog. Und um den zu füllen brauchte er noch viele praktische Einsätze. Und viele Berichte.

Bereits lange vor der Übergabe an die Abendschicht befand sich der OP-Bericht mit der Unterschrift des Leitenden Oberarztes in der Patientenkartei.

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06.11.2017 17:31
#94 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.13 – Auf Jochens Spur


Als Marc zurück in sein Büro kam, hatte er mehrere unbeantwortete Anrufe einer Münchener Nummer auf seinem Handy. Er drückte die Rückruftaste und hatte schnell den Barbesitzer in der Leitung.

„Hallo Doktor Meier, heute erzählte zufällig eine Kollegin, dass die Eltern von Luisa in einem Ort namens Andrasch oder Antrasch eine Strandbar betreiben. Mehr wusste diese Freundin auch nicht, aber ich hoffe, das hilft trotzdem ein bisschen weiter?“
„Das ist immerhin schon mal ein Ansatzpunkt. Ich danke Ihnen.“
„Ja. Viel Erfolg bei der Suche und sagen Sie mir bitte Bescheid, ja?“
„Ja, natürlich! Schönen Abend und auf Wiederhören!“

***
Holger Wandel war der Chef der „Wandelbar“, einer angesagten Münchner Eventbar. Jochen Haase arbeitete schon lange mehrmals die Woche bei ihm, der Jurastudent war ein guter Barkeeper und Gastgeber. Für anstehende Events hatte er immer gute Ideen und definitiv auch ein Händchen für passende Dekoration.

Vor allem aber war er zuverlässig!
Jochen Haase war noch nie einfach nicht zur Schicht gekommen. Deswegen war ihm fast sofort klar gewesen, dass dem jungen Mann etwas zugestoßen sein musste. Als Jochen auch am folgenden Tag nicht zur Arbeit erschienen war, hatte er den WG-Kollegen angerufen.
Dem war noch gar nicht aufgefallen, dass Jochen weg sein könnte.
Markus war in das Zimmer eingebrochen und hatte sich mehreren leeren Taschen und Klamottenstapeln gegenüber gesehen. Wie es schien, war Jochen verreist.
Dem Geologiestudenten wurde direkt angst und bange – Jochen hatte erzählt, dass der Vater sehr krank wäre. Nicht, dass dem Chefarzt etwas zugestoßen war?
Er zögerte, doch als sich nach zwei weiteren Tagen nichts rührte, fragte er bei Bärbel Haase nach, ob Jochen bei Ihnen in Berlin wäre. Das war erstmal ein Schock – für beide. Jochen schien tatsächlich weg.

Markus hatte nicht damit gerechnet, dass Jochen noch woanders sein könnte, deswegen war er völlig irritiert, dass Bärbel Haase plötzlich ganz aufgelöst war. Dem Vater ging es besser, er war jetzt in der Reha, die Eltern wussten genauso wenig über den Verbleib von Jochen. Er war also weg. Aufenthaltsort unbekannt!

Markus telefonierte alle Freunde von Jochen ab, von denen er irgendwie und irgendwoher an die Nummern kam. Er ließ seine eigenen Vorlesungen ausfallen und besuchte Jochens Seminare, in der Hoffnung, einer seiner Kommilitonen wüsste Bescheid. Umsonst. Im Ruderclub das gleiche Ergebnis: Nichts!

Dann hatte dieser Mitarbeiter aus dem Krankenhaus angerufen und sich nach Jochen erkundigt. Die Idee mit dem Telefon hatte die Nummer eines Taxiunternehmens ans Licht befördert. Wenigstens etwas.
Jetzt saß Markus am Schreibtisch in Jochens Zimmer und überlegte. Aber außer dem vermutlichen Pack-Chaos fand er keinerlei Hinweise. Musste man nicht bald die Polizei informieren? Wie peinlich war ihm, dass er nicht bemerkt hatte, dass sein Mitbewohner weg war. Sein Blick wanderte durch den Raum und blieb an einem Foto hängen. Das war doch die süße kleine Spanierin, mit der Jochen schon länger – ungewohnt lang – zusammen war.
Luisa war ebenso wie sie beide für das Studium nach München gekommen. Das Bild zeigte sie wohl zu Hause – am kiesigen Strand einer eher kleinen Bucht. Markus drehte das Foto um, eigentlich erwartete er nicht, dass die Rückseite beschrieben war. Er starrte auf die Buchstaben. Juli, Sant Elm. Nur kurze Zeit später wählte er die Telefonnummer von diesem Doktor Meier.

***
Wieder klingelte Marcs Handy.

(„Unbekannte Nummer?“)

„Hallo Doktor Meier, ich bin´s nochmal. Markus, aus der WG. Ich habe ein Foto von Jochens Freundin gefunden, das im Sommer in Sant Elm auf Mallorca gemacht wurde. Ich weiß, dass Jochen sie in den Semesterferien dort besucht hat. Das ist im Nordwesten der Insel, der nächstgrößere Ort ist Andratx.“
„Das würde zu den Infos von dem Typen aus der Wandelbar passen. Von dieser Luisa haben Sie keine Telefonnummer, oder?“
„Nein. Aber die müsste Holger doch haben? Oh Mann... ich Idiot!“
„Bitte?“
„Jochen hatte irgendwie Stress mit Luisa. Gesagt hat er nichts, aber er hat immer wieder sehr aufgeregt mit ihr telefoniert.“
„Also gehen wir davon aus, dass er auf Mallorca ist? Bei oder mit ihr?“
„Pfff... keine Ahnung. Muss man eigentlich die Polizei informieren?“
„Ich denke schon, dass wir das tun sollten. Am besten wohl Sie, da Sie ja am nächsten an ihm dran waren. Diese bescheuerten 24 Stunden sind ja in jedem Fall um. Übernehmen Sie das und ich versuche nochmal den Taxi-Heini ans Telefon zu bekommen. Im besten Fall sagt er, dass das Taxi zum Flughafen gefahren ist. In jedem Fall könnte die hiesige Polizei aber die dortige kontaktieren.“
„Ja, dann werde ich wohl mal in den sauren Apfel beißen müssen.“
„Jetzt sagen Sie nicht, sie fühlen sich schuldig?“
„Naja... ich habe das ja gar nicht bemerkt.“
„Jochen ist der einzige, dem man in den Arsch treten sollte. Eine SMS hätte gereicht... Wenn die Ihnen blöd kommen, dann machen Sie sich da nichts draus.“
„Hm.“ Der Student war nicht überzeugt aber er meldete kurz darauf seinen WG-Kollegen offiziell als vermisst.

Marc hingegen hatte weniger Erfolg. Erst später am Abend, nach der Übergabe an die Abendschicht, bekam er den Unternehmer ans Telefon. Wobei es der Münchner gewesen war, der den Berliner Arzt angerufen hatte. Einer seiner Fahrer war nicht ganz sicher, ob es sich bei dem jungen Mann, den er zum Flughafen gefahren hatte, um den gesuchten Studenten handeln konnte, aber er hatte die Fahrt ins Erdinger Moos von einem Warteplatz in der Nähe der WG gestartet.

(„Also zu 98% Mallorca!“)

Marc sah auf die Uhr. Er war hin und her gerissen, aber vermutlich war es Bärbel Haase egal, zu welcher Zeit er anrief. Gerade war er im Begriff, die Nummer zu wählen, als sein Handy abermals einen Münchener Anrufer meldete.
„Doktor Meier, haben Sie von dem Taxi etwas erfahren können?“ Markus kam direkt zur Sache. „Die Polizei ist nämlich noch hier.“
„Also sicher war der Fahrer nicht, aber eine der Taxifahrten zum Flughafen startete vom Warteplatz in der Mozartstraße. Das muss bei euch in der Nähe sein. Ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass Jochen auf Mallorca ist.“
„Ah, das ist besser als nichts und mehr als die Polizei gerade tut. Ich glaube, die sind genervt, weil es schon so spät ist.“
„Dabei haben die jetzt wohl den leichtesten Teil. Brauchen sich doch einfach nur an ihre Mallorquinischen Kollegen zu wenden, die prüfen sollen, ob Jochen da ist. Oder die Passagierlisten der Flüge prüfen. Geben Sie mir mal einen von denen.“
Marc brachte den Beamten tatsächlich dazu, die Einsatzzentrale wegen der Passagierlisten zu Taten zu bewegen. Und es dauerte keine zwanzig Minuten, da kam die erlösende Meldung, dass Jochen Haase, 26 Jahre alt, ein paar Tage zuvor von München über Madrid nach Palma de Mallorca gereist war.

Karo Offline

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06.11.2017 17:31
#95 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MALLORCA


Oktober 2.14 – Bärbel und Jochen telefonieren


Bärbel Haase war nicht nur erleichtert, sie war geradezu aus dem Häuschen.
Ihr Sohn hatte sich vor einer Stunde gemeldet, nachdem er von zwei Mallorquinischen Polizisten informiert worden war, dass man ihn in München vermisst gemeldet hätte. Ein Doktor Meier aus Berlin ließe ihm ausrichten, dass er sich umgehend bei seinen Eltern melden sollte, beim nächsten Wiedersehen würde er ihn übers Knie legen.

Jochen hatte plötzlich ein sehr schlechtes Gewissen. Als er den Brief von Luisa fand, dass sie sich entschieden hätte, nach St. Elm zurück zu gehen, da hatte er nichts anderes mehr im Kopf gehabt, als ihr zu folgen – sie zurückzuholen. Aber Luisa blieb hart und ließ sich nicht mehr zu einer Rückkehr nach Deutschland bewegen. Zwischen Jochen und ihr hatte es mehrfach richtig Streit gegeben. Er argumentierte richtig, dass es für sie – die ja bereits länger in München lebte, mehr Basis in Deutschland gäbe, als für ihn auf Mallorca. Er könnte ja noch nicht mal Spanisch. – Die Sprache könnte er schnell lernen, müsste er, wenn es ihm ernst mit ihr sei. – Jura ließe sich nur eben nicht als Fernstudium machen – Der Job in der Wandelbar war doch eh immer wichtiger, Bars gäbe es hier genug!

Sie stritten sich tagelang, unnachgiebig, immer weiter und immer wieder. Vermutlich wäre das noch tagelang so gegangen, doch das Auftauchen der Polizisten durchbrach den Streittrieb.
Jochen Haase plagte ein sehr schlechtes Gewissen – er hatte nicht gewollt, dass sich so viele Menschen um ihn sorgten.
Für den fälligen Anruf zu Hause wählte er eine Zeit, wo er sicher war, dass seine Mutter Zeit haben würde. Gut, dass der Vater in Reha war – der hätte ihn Kopf voran, ungespitzt in den Boden gerammt. Seine Mutter würde wohl auch deutliche Worte finden, die er auch definitiv verdient hatte, aber sie würde sich schnell wieder beruhigen, oder anders aufregen, wenn sie die Hintergründe erfuhr.

***
„Waaaaas? Das ist ja wunderbar! Jochen, ist das wahr?“
„Ja, Mama – Oma! Wie klingt das?“
„Oh, das ist so toll! Das ich das noch erleben darf?“
„Naja, es hätte ruhig noch was später sein können, aber nun ist es so. Deswegen ist Luisa so spontan zu ihren Eltern zurück. Naja, und wie sie weg war, da musste ich einfach hinterher. Mama, es tut mir wirklich leid, dass ich euch so einen großen Schrecken eingejagt habe.“
„Ja, Jochen, aber die Freude ist dafür umso größer. Ach, das ist so wunderschön. Ich muss mit Deinem Vater sprechen. Wir kommen sofort! Ihr braucht doch jetzt bestimmt Hilfe?!“
„Äh, wobei denn? Das Baby kommt erst im Frühjahr.“
„Ja, wollt ihr denn nicht heiraten?“
„Um Gottes Willen, Mama! Wir hängen gerade komplett zwischen zwei Welten, haben überhaupt keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll oder wird, und Du willst eine Hochzeit? Da haben Luisa und ich ja noch nicht mal drüber gesprochen. Erstmal muss doch alles andere klar sein.“
„Ja, was ist denn unklar?“
„Äh, Luisa will nicht zurück nach München.“
„Oh, dann könnt ihr ja nach Berlin kommen und...“
„Mama! Luisa wird hier bleiben!“
„Aber das kann sie doch nicht machen? Was ist denn mit Eurem Kind? Denkt sie auch an Dich? Das Baby braucht doch auch seinen Vater?“
„Ja eben.“
„Was meinst Du denn jetzt? Jochen...?“
„Ja, Mama, ich bleibe wohl auch hier!“
„Also, da müssen wir nochmal drüber reden. Das geht doch nicht. Was ist denn mit Deinem Studium? Deiner Wohnung? Mit uns? Du sprichst die Sprache ja nicht mal!“
„Naja, der Job in der Wandelbar war mir immer schon wichtiger als Jura. Und die Sprache kann ich lernen. Ich habe keine Wohnung, lediglich ein Zimmer in einer WG, da reicht ein Wochenende in München, die aufzulösen.“
„Da reden wir mit Deinem Vater nochmal drüber. Ich werde gleich mit ihm sprechen, dass er die Reha abbrechen muss. Das tut ihm bestimmt gut. Urlaub. Das hatten wir so lange nicht mehr. Aber dafür hat er ja Doktor Meier als seinen Stellvertreter. Soll der sich mal beweisen! Jochen, wie kann ich Dich erreichen? Ich sage Dir ganz schnell, wann wir kommen.“
„Mama! Lass Papa in der Reha und Luisa und mir etwas Zeit. Wenn es Papa wieder besser geht, dann macht ihr hier Urlaub. Aber erst dann! Versprochen?“
Jochen wusste, dass sich seine Mutter nicht aufhalten lassen würde aber er hoffte, dass sie sich aufschieben lassen würde.
Luisa hatte es herausgefordert, dann sollte sie ruhig seine geballte Ladung Eltern – Mutter – kennenlernen. „Grüß Papa bitte und bestell ihm auch, dass es mir Leid tut!“
„Er weiß nichts, Jochen. Aber Grüße richte ich ihm aus. Wenn er erfährt, dass er Opa wird, dann ist er bestimmt auch sehr glücklich.“

Jochen war sich da nicht ganz so sicher wie seine Mutter. Natürlich würde der Vater sich freuen aber er hätte durchaus auch ein paar rationale und wichtige Fragen auf Lager.
Bis die Eltern anreisten, musste er sehen, dass er einen Job oder irgendwas Handfestes vorweisen konnte. Luisa! Sie musste ihm jetzt helfen, wenn sie den angekündigten – angedrohten Besuch seiner Eltern irgendwie überstehen wollten!

Karo Offline

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06.11.2017 19:22
#96 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.15 – Marc und Cedric 3


Es war lange nach Mitternacht als Marc in seiner Wohnung ankam. Nachdem er ein weiteres Mal mit Bärbel Haase telefoniert hatte und die weiteren Arbeiten der Assistenzärzte durchgelesen hatte, hatten Cedric und er noch bei einem (alkoholfreien) Bier zusammen gesessen.

„Was ist das? Lässt Du sie Aufsätze schreiben?“
„So ähnlich.“ Marc lachte. „Ich brauchte eine faire Möglichkeit, die Assistenz für den Blinddarm morgen festzulegen.“
„Und da verteilst Du Klassenarbeiten.“
„Es war Deine Idee.“
Cedric warf einen prüfenden Blick auf das Etikett am Flaschenhals. Alkoholfrei.

„Und Dein Essen schmeckt super!“

Cedric hatte gekocht und eine ordentliche Portion mit zu seiner Nachtschicht gebracht. Davon verschlang Marc gerade einen großen Teil.

„Ich kann mich nur nicht an eine solche Idee erinnern?“
„Hm, nicht in der Form. Aber Du hast alte Berichte für die OP-Vorbereitung genutzt. Das war mein erstes Ansinnen – aber so war es zeitsparender. Die sollen selbst denken. Hat schon bei den Gallensteinen gut funktioniert.“
„Eine Challenge? Du hast Ideen.“
„Ich würde Knechtelsdörfer nie freiwillig mit in eine OP nehmen. Das kann ich mir in meiner Position aber nicht mehr erlauben.“

(„Schlimm genug, dass ich den Blinddarm nicht abwälzen kann...“)

„Und ich führe Dich zu dieser salomonischen Idee. Ich wiederhole meinen Vorschlag, dass wir mal wieder um die Häuser ziehen sollten.“
„Stell Dich hinten in der Reihe der Leute an, die etwas von mir wollen... ich habe heute wieder nur einen Teil von dem geschafft, was notwendig gewesen wäre. Jochen, dieser Idiot.“
„Wer?“
„Gretchens Bruder. Ist ohne einen Piep zu sagen nach Mallorca.“
„Ach, deswegen, der Anruf, dass Doktor Amsel Frau Haase abholen soll?“
„Soso. Doktor Amsel...“

Cedric setzte an, etwas zu sagen doch Marc winkte schnell ab. „Nein! Danke. Nichts möchte ich hören.“

Eine Weile beobachtete der Kardiologe den Freund. Marc sah gut aus. Bestimmt schmaler als letzte Woche und auch die Haut verlor die Bräune. Aber seine Gesichtszüge waren weicher geworden. „Du hast ganz schön lange in Afrika ausgehalten?“
„Ist das eine Frage oder eine Feststellung?“
„Hm. Beides. Ehrlichgesagt habe ich gedacht, dass Du spinnst, als wir uns im Steakhaus getroffen hatten. Ich hatte ehrlichgesagt auch nicht damit gerechnet, dass Du solange durchhältst. Aber ich sehe, dass es kein falscher Schritt war?“
„Nein. Ganz im Gegenteil.“
„Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich eine Frau schaffen würde, Marc Meier so richtig den Kopf zu verdrehen?“ Cedric wollte seinen Kollegen eigentlich nur etwas hochnehmen. Doch der sah ihn nachdenklich an.
„Tja, Marc Meier ist eben immer für eine Überraschung gut. Nein, im Ernst. Dass ich immer eine andere Beziehungsebene bevorzugt habe heißt ja nicht, dass ich nicht in der Lage wäre, zu ... äh, Dings – fühlen.“
„Vielleicht hat man bei Dir einfach nicht damit gerechnet?“
„Warum denn nicht?
„Marc! Das fragst Du jetzt nicht wirklich?“
„Doch Cedric, das frage ich. Ich meine, ja, ich habe eine gewissen Lebensstil durchgezogen – perfektioniert, würde ich sagen. Erinnere Dich an unsere WG-Zeit. Hast Du je nach einer wirklichen Beziehung gesucht? Nein. Wolltest Du mit Gewalt eine „richtige“ Freundin? Nein. Wir haben uns aufs jagen konzentriert, nicht auf das andere. Könntest Du spontan aus Deiner Haut, wenn Du plötzlich merkst, dass Du Gefühle entwickelst? Du fängst an zu jagen, aber Du kommst nicht vorwärts, weil irgendwas in Dir Dich zurückhält. Dann wirst Du wütend. Auf Dich selbst, auf sie. Du jagst nicht mehr, Du jagst sie fort. Aber Du kannst nicht anders, Du musst doch wieder in ihre Nähe. Doch eigentlich ist es die Nähe, die unerträglich ist. Das Spiel beginnt von vorn: Du jagst sie weg... Eben bis nach Afrika. Und das war definitiv die beste Zeit meines Lebens!“

„Marc Meier wird erwachsen?“ Um Cedrics Augen zeigten sich sympathische Lachfältchen.

„Hach, Cedric. Das kann man nennen wie man will. Weißt Du, ich hätte nie gedacht, dass ich in der Lage bin, nichts zu tun. Ja, einen Tag, das geht mal. Aber das waren gut drei Wochen, in denen ich Gretchen, Mehdi und den anderen beim Arbeiten zugesehen habe. Alles was ich getan habe, ist mit den Jungs Fußball zu spielen. Ansonsten habe ich einfach in den Tag reingelebt. Es war nie langweilig. Es war gut!“
„Du hast dort nicht gearbeitet? Ich dachte, ihr wärt in der Mission um...“
„Nein. Das war Gretchens Ding. Mehdi war mit der gleichen Absicht dahin gegangen. Zu helfen. Aber ich bin einfach nur nach Afrika, weil es Gretchen dorthin trieb. Also eigentlich habe ich sie dorthin getrieben – vertrieben.“

Marc redete langsam, nachdenklich, manchmal machte er eine Pause.

„Ich habe dort sehr viel verstanden. Vor allem, dass Afrika genau das ist, was Gretchen glücklich macht. – Warum hast Du Medizin studiert?“
„Was sollte ich mit einem 1,1er Abi sonst machen? Nein, keine Ahnung? Ich würde jetzt sagen, weil ich das wollte?“
„Ja, aber was genau war ausschlaggebend? Ich meine, Du hättest auch Jura oder sonst was studieren können. Warum Medizin und warum Chirurgie?“
„Naja, schätze, es ist die Königsklasse?“

„Ich habe viel über diese Frage nachgedacht. Was befriedigt mich an meiner – unserer Arbeit? Ich schätze, es war die Herausforderung. Die Aussicht auf Anerkennung, Respekt, Geld. Was auch immer. Gretchen hat Medizin studiert, weil sie den einzig richtigen Grund dafür im Herzen trägt. Sie will den Menschen helfen. Es geht nicht darum, eine neue OP-Methode zu erfinden, ein neues Wundermedikament zu entwickeln. Ihr Lohn ist jede Träne, die getrocknet wird. Egal, ob Hüftprothese oder buntes Heftpflaster. Hauptsache, es hilft. Wir Chirurgen sehen uns gerne als – wie hat es Doktor Hundt so schön ausgedrückt? Als Nabel der Welt. Rümpfen wir nicht die Nase über die Allgemeinmediziner? Oder die Heilpraktiker und sonstige Alternativen? Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Gretchen irgendwann ihren Facharzt als Allgemeinmedizinerin durchziehen sollte. Ja, sie wäre eine sehr gute Chirurgin. Aber ebenso wäre sie gut in jeder erdenklichen Fachrichtung. Einfach nur, weil sie den Erfolg nicht an Geld, Ruhm und Anerkennung misst. Das was sie da unten leistet macht sie für ihr Seelenheil. Sie verdient keinen Cent, aber Lächeln und Dankbarkeit machen sie zufrieden.
Das ist der Unterschied!
Ich habe so wenig gemacht, aber so viel verstanden. Ich glaube, dass Gretchen und ich es hier nie geschafft hätten, wirklich zusammen zu kommen. Hier wäre alles immer irgendwie so weiter gegangen. Wenn Gretchen und ich hier tatsächlich irgendwann im Bett gelandet wären, hätte es den Abstand zwischen uns nur vergrößert. In Sanssouci kamen wir bereits als Paar an, auch wenn es erst zwei Tage waren. Das wusste im Grunde ja niemand. Also waren wir nicht permanent neugierigen Blicken ausgesetzt, die auf einen Fehltritt von Doktor Meier und einen Heulanfall von Doktor Haase warteten. Wir waren zusammen. Fertig. Kein Zweifel.

Bisher hatte ich immer die Befürchtung, dass Beziehung gleich Gefangenschaft bedeutet.“

(„Und es gibt nichts schöneres, als in Gretchens Armen gefangen zu sein oder in ihren ozeanblauen Augen zu versinken!“)

Cedric bemerkte den sehnsüchtigen Blick des Kumpels. „Tja, das kommt dann wohl immer drauf an, was man daraus macht. Erstmal würde ich das wohl so unterschreiben. Ich habe beides gehabt – sowohl ernsthafte Beziehungen als auch Fickbeziehungen. Hat beides seine Berechtigung, nur dass die Fickbeziehung einfacher zu beenden ist. Oder zu vergessen.“

(„Gretchens Küsse, ihre Berührungen, das werde ich nie vergessen können – wollen. Ich muss nochmal versuchen, sie anzurufen. Wenigstens ihre Stimme hören. Nur ein paar Minuten!“)

In Marc schlich mittlerweile die Müdigkeit hoch, die langen, unregelmäßigen Arbeitstage forderten allmählich ihren Tribut. Er wusste jedoch sehr sicher, dass er zum Umfallen müde sein konnte, wenn er zu Hause alleine in seinem Bett lag, dann kam genau das Gefühl, was er am meisten von allen fürchtete: Einsamkeit. Nie hätte und hatte er sich als geselligen Menschen gesehen, nun fürchtete er das Alleinsein.

(„Ich vermisse sie so sehr!“)

„Ich muss nach Hause, Cedric. Sonst habe ich morgen ein Problem mit einem Blinddarm.“
„Wer assistiert denn nun?“
„Das fragst Du nicht ernsthaft, oder?“
„Doch. Aber an Deiner Antwort kann ich mir alles Weitere schon denken. Unterschätz ihn trotzdem nicht.“
„Wen?“
„Knechtelsdörfer.“
„Was zu beweisen wäre.“
„Willst Du jetzt alle irgendwie herausfordern?“
„Sie hat es Dir erzählt?“
„Hm. Du wirst ihm irgendwann die Chance dazu geben müssen.“
„Das war bereits die Zweite. Gute Nacht, Cedric. Danke für das Essen!“
„Komm gut nach Hause, Marc!“

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06.11.2017 19:28
#97 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 2.16 – einsame Nacht


Langsam wurde es ruhig im Elisabeth-Krankenhaus. Nach der abendlichen Übergabe hatten die meisten Mitarbeiter nun Feierabend. Jetzt – nach Mitternacht – war auf den Stationen nur noch das Personal für die Nacht anwesend. Marc hätte gerne den Nachtdienst an Cedrics Stelle übernommen.
Für ihn waren besonders die Nächte schlimm, denn wenn er zur Ruhe kam wanderten seine Gedanken unweigerlich nach Afrika. Zu Gretchen. Er vermisste sie so furchtbar. Marc wusste nicht, wo er seine Freundin mehr vermisste. In seiner Wohnung erinnerte ihn weniger an Gretchen, dafür hatte er mehr Zeit, an sie zu denken. Mittlerweile hasste er aber seine Wohnung. Am liebsten wäre er so schnell wie möglich umgezogen, doch da es sich um eine Eigentumswohnung handelte, die zu allem Übel noch nicht ganz abbezahlt war, war das mit dem Umziehen kein sinnvolles Vorhaben. Und in der Klinik? Nach wie vor und immer wieder rechnete er damit mit, dass sie um die nächste Ecke biegen und ihn anstrahlen würde. Oder nerven. Aber selbst das wäre ihm jetzt lieber gewesen.
Während der Nachtschichten hätte er einfach in Ruhe arbeiten können. Doch da war Cedric, der ihm nachts den lästigen Papierkram vorbereitete. An Schlaf war für ihn nur selten zu denken. Weder hier, noch da – in dem Fall Zuhause.
Sollte er sie nicht doch einfach anrufen? Es versuchen? Vielleicht ging das Telefonnetz ja wieder. Was für ein Netz... nur eine Leitung brauchte er. Um wenigstens ihre Stimme zu hören! Auch wenn es nur die Ansage ihrer Mailbox war, die sagte, dass sie entweder mit einem wilden Löwen kämpfen oder gerade bei 45°C in der Sonne braten würde.
Oder – extra für ihn, da war er sicher – in ihrer bunten Hängematte ausruhen oder Tagebuch schreiben würde.
Nach ihrem letzten Anruf hatte er es selbst mehrfach versucht, einmal, sehr spät am Abend, war eine gute Verbindung zustande gekommen – bei Sonnenuntergang endeten meistens die Geschäfts- und Arbeitszeiten in Afrika, sodass das Telefonnetz nicht mehr so überlastet war.
Gretchen hatte sich danach nicht mehr gemeldet, eigentlich auch vorher schon nicht.

Marc grüßte die Nachtschicht am Empfang und verließ das Krankenhaus.

Auf dem Heimweg fuhr er am Katharinen-Hospital vorbei. Die Fassade mit ihrem modernen Schriftzug – Dank kalter LEDs grell beleuchtet – machte schon Eindruck. Imposant – ja. Einladend – nein!

[b]Einladend? Ein Krankenhaus?[/b]

Ihm fiel Sabines mahnende Stimme ein. „Aber Herr Doktor. Krankenhaus ist nicht schön, weil man da krank ist. Dann soll es wenigstens etwas heimelig aussehen!“ Immer fand sich irgendeine jahreszeitlich passende Deko auf den Fluren und in den Zimmern.

Heimelig. So ein Quatsch. Eigentlich solltest Du froh sein, dass Blondchen weit weg ist. Bestimmt hätte sie schon jede Menge Schnickschnack in Deiner Wohnung aufgestellt.
Vermutlich wäre es so. Aber sie kennt Dich und würde es rücksichtsvoll machen.
Rücksichtsvoll und machen schließen sich aus. Rücksichtsvoll hieße „nicht machen“.
Ich wette, Du würdest es mögen!
So sehr wie den Krankenhaus-Schriftzug.


Es war wirklich nicht schön. Gerne hätte er die ruhige Nacht genutzt und mal eine Blick rein geworfen. Aber er musste dringend in sein Bett, andernfalls wäre er morgen in gleich schlechter Form wie Knechtelsdörfer. Obwohl der ihn doch mit der Aufgabe überrascht hatte. Es war deutlich besser als erwartet, aber einfach zu umständlich, zu langwierig, zu unsicher.
Carsten Stern hatte sich auf das Wesentliche beschränkt und ganz klar den Bezug zum aktuellen Fall hergestellt.

(„Eigentlich kann er morgen die OP machen. Die Theorie war gut, Praxis bekommt man nur durchs machen!“)

Gut eine Stunde später lag er in seinem Bett. Wie jeden Abend ließ er den Tag nochmal Revue passieren.

Jochen verschwunden

(„Dieser Idiot. Seinen Vater besucht er nicht, aber wegen so ‘ner Biene einfach abhauen!“)

Die zweite Assi-Challenge.

(„Das werde ich so beibehalten! Assi-Challenge.“)

Das Gespräch mit Cedric

(„Ob er das gekocht hat oder die Giftschlange?“)

Aber es hatte gut getan. Vielleicht sollte er sich mehr Zeit für sowas nehmen.

Vögeln wie (ein) Stier, willst Du nicht, aber so Hausfrauenkram wie Kochen, das willst Du Dir bei ihm abgucken?
Das ist eine gute Idee. Zeit für Dich.
Vögeln ist auch Zeit für Dich.
Einen guten Koch wird sie zu schätzen wissen.
Ich bin beeindruckt.
Und sie wäre es erst Recht!

(„Ich werde es einfach mal versuchen!“)

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06.11.2017 19:43
#98 RE: Story von Karo Zitat · antworten

ALPTRAUM NOTAUFNAHME


„Marc, was ist denn jetzt mit dem Essen? Immer wenn Du kochen sollst, stellst Du Dich an wie der erste Mensch!“

(„Ich bin der Beste, nicht der Erste!“)

Er stand auf dem Balkon, wollte nur kurz noch schnell eine rauchen.

„Rauchst Du schon wieder? Marc, Du musst damit aufhören. Du rauchst zu viel.“ Gretchen stand vor der offenen Tür und sah ihn böse an.
„Dafür isst Du zu viel. Da sage ich Dir auch nicht, dass Du das lassen sollst.“
„Das ist mit Rauchen nicht zu vergleichen!“
„Dem Gesundheitssystem liegst Du dabei womöglich mit Nieren, Augen, Herz, Blutgefäßen, Gehirn, Nerven, Zähnen oder sogar dem Fußsyndrom auf der Tasche.“
„Vergiss die Lunge nicht – durch Deine Raucherei ist meine Lunge bestimmt auch irgendwann schwarz.“
„Im Verdauungstrakt kommt das von den fünf Kilo Schokolade, die Du am Tag isst.“
„Und die Unterkühlung nicht zu vergessen, die mich in eine Lungenentzündung treibt.“

Damit machte sie die Balkontür zu. Richtig zu. Marc war nicht mal sicher, ob sie das extra machte oder ob es ein Bewegungsmechanismus war, als Gretchen den Griff herumdrehte und damit verriegelte.
„Äh, Gretchen!“

Sie würdigte ihn keines Blickes und verschwand im Flur. Er hörte ein Geräusch, das wie der Schuhschrank im Flur klang und er klopfte kräftiger gegen das Glas. „Gretchen?“
Das war der Schlüsselbund. Es klirrte, als sie Wohnungstür aufschloss.
„Gretchen?“ Er schlug jetzt mit der flachen Hand an die Fensterscheibe.
Die Wohnungstür fiel ins Schloss – extra laut, er sollte hören, dass sie ging.

Kurze Zeit später kam sie drei Etagen tiefer aus der Haustür. „Gretchen, was soll das?“
„Du kannst Dir jemand anderen suchen, den Du beleidigen kannst.“
„Das meine ich nicht. Du hast die Balkontür zugemacht.“
„Nette Idee, aber darauf falle ich nicht herein.“
„Hasenzahn, soll ich die Scheibe einschlagen?“

Doch der Hasenzahn reagierte nicht mehr. Er sah ihr hinterher. Sie trug diese seltsame rosafarbene Jacke, die sie sehr und er weniger liebte. An ihrem Schritt erkannte er, dass sie wirklich wütend war. Warum? Er hatte gerade mehr Grund dazu, ausgesperrt auf den Balkon. Ob er über die Wohnung der Nachbarn...?
Nein, da konnte er ebenso gut versuchen, an der Regenrinne abwärts zu klettern. Oder direkt zu springen. Also hatte er wohl keine andere Wahl, als das Glas der Balkontüre einzuschlagen. Oder lieber das Fenster daneben, die Scheibe war kleiner und entsprechend billiger zu ersetzen. Das würde Gretchen bezahlen!

Mit dem schweren Aschenbecher gelang es ihm, die Glasscheibe zu zerschlagen. Glücklicherweise hatte er lange Arme und konnte, wenn er sich vorsichtig durch das zersplitterte Fenster streckte, den Türriegel erreichen. Ganz gelang dieses Manöver leider nicht und Marc schnitt sich an einem Stück Glas den ganzen Unterarm auf.
„Scheiße!“
Auf dem Weg ins Bad tropfte er den neuen Teppich voll.
„Scheißteppich. Und wer wollte den mit Gewalt haben?“
Im Bad erwischte er das rosa Handtuch seiner zickigen Freundin.

(„Ich muss diesen Beziehungsstatus echt nochmal überdenken!“)

Die Schnittwunde blutete stark. Um einen Besuch im Krankenhaus würde er nicht herum kommen, das musste genäht werden.
Es klingelte und er zuckte zusammen.

[blau](„Ist das Fräulein schon zurück?!“)[/blau]

Es klingelte wieder.

(„Wieso nimmt sie nicht den Schlüssel?“)

Es klingelte erneut.

„Was denn? Hast Du Proviant vergessen?“ Marc riss genervt die Tür auf.

„Doktor Meier, wir wollten sehen ob alles in Ordnung ist? Der Krach klang... oh Gott, sie bluten ja! Das sieht nicht gut aus.“
Das rosafarbene Handtuch war deutlich rot getränkt.
„Werner, Du musst den jungen Mann ins Krankenhaus fahren.“
„Danke, Frau Wester-Jacobsen, das kann ich alleine.“
„Nein, nein, Sie bluten, wir fahren!“

Marc ergab sich und kurze Zeit später waren sie unterwegs. „Bringen Sie mich bitte ins Katharinen-Hospital.“
„Nicht in ihr Krankenhaus?“
„Nein.“
Bestimmt war der Professor da, wenn nicht auch Gretchen. Sie rannte ja bei jedem quersitzenden Pups zu ihrem Vater.
„Ah, das ist bestimmt eine gute Gelegenheit, mal der Konkurrenz auf den Zahn zu fühlen.“
„So ist es!“

(„Stimmt. Da hat sie Recht!“)

In der Notaufnahme versorgte ein junger Arzt die Wunde. „Herr Meier, der Schnitt ist glatt, aber tief. Das müssen wir nähen. Ein Oberarzt ist auf dem Weg.“
„Können Sie das nicht?“
„Doch, schon. Aber ich darf nicht, ohne dass es von einem Oberarzt angewiesen wird.“
„Aber Arzt sind Sie schon?“
„Ja. Ich bin Assistenzarzt und da gibt es Regeln.“
„Ist schon gut. Verbluten werde ich ja nicht, bis ihr Herr Oberarzt da ist.“

Kurze Zeit später bereute Marc seine feige Entscheidung, nicht ins Elisabeth-Krankenhaus gefahren zu sein.
„Was gibt’s denn so dringendes, dass Sie mich wecken?“

Das war doch...

„Mein Name ist...“

(„Knechtelsdörfer?!“)

„Oh, wen haben wir denn hier? Gibt’s drüben kein qualifiziertes Personal mehr?“
„Knechtelsdörfer!“
„Für Sie Doktor Knechtelsdörfer, Herr Meier. Oder soll ich sagen, Doktor Meier!“
„Sie wollen Oberarzt sein?“
„Ich bin Oberarzt. Hier traut man mir etwas zu!“

Er sah sich die Schnittwunde an Marcs Arm an. „Das ist ein Kinkerlitzchen. Das kann eine Schwester nähen.“
„Eine Schwester?“ Marc starrte den Österreicher entsetzt an. Eher er sich wehren konnte, hatte der Oberarzt schon seinen Körper fixiert.
„Ist nur zur Sicherheit, ein Stück Stoff wehrt sich ja auch nicht. Wissen Sie, Doktor Meier, Frauen können das einfach. Nähen, meine ich. Und wir arbeiten hier sehr kostenbewusst. Ein Arzt macht nichts, was unnötig ist.“
„Ich mache es lieber selber!“
„Vergessen Sie das. Sie sind hier in einem Krankenhaus, in dem professionell gearbeitet wird. Sie kochen ja auch im Restaurant nicht für sich selbst.“
„Er kocht auch nicht für sich oder Doktor Haase.“ Auch diese Stimme kam ihm bekannt vor.
„Sabine?“
„Frau Vögler oder Schwester Sabine, bitte, Doktor Meier!“
„Was machen Sie hier?“
„Arbeiten.“
„Sie gehören doch zu uns.“
„Nein, Doktor Meier. Sie haben nie jemanden richtig unterstützt. Weder mich noch den Doktor Knechtelsdörfer. Sie haben immer nur Dumme gebraucht, die für Sie rennen.“
„Hier ist das anders?“
„Ja. Hier darf ich viel mehr machen. Sehen Sie ja.“

„Was tun Sie da?“ Marc guckte entsetzt, als Sabine sich ein Handarbeitsköfferchen heranzog.
„Ich werde jetzt Ihren Arm nähen. Ob Doktor Haase ein rosa Faden gefällt?“ Sie grinste verschwörerisch.
„Lassen Sie diese Scherze!“
„Das ist kein Scherz, Herr Doktor.“
„Das ist kein steriler Faden.“

(„Wenn man mal von den Farben absieht!“)

„Das ist vor allem eins: Kostenbewusst!“
„Das wird Sie ordentlich was kosten, wenn Sie das nicht sofort unterlassen.“
„Es nicht zu tun wäre unterlassene Hilfeleistung.“ Sie drückte die Nadel in Marcs Arm. Er bäumte sich auf und die Gurte spannten an. Er schrie.
„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“ Der Schmerz war unbeschreiblich.
„Aus Kostengründen verzichten wir bei so kleinen Eingriffen auch auf Lokalanästhesie. Die Gurte sind einfach billiger und mehrfach verwendbar.“ Sie zwinkerte ihm zu und stach wieder in den Arm. Lächelnd. Langsam zog sie den wollenen Faden durch die Haut. Genüsslich.

Der Faden brannte bei jedem Durchziehen durch das Fleisch, doch das spürte Marc kaum durch die Schmerzen, die die stumpfe Nadel verursachte.

(„Warum kann ich nicht einfach in Ohnmacht fallen?“)

Doch er blieb bei Bewusstsein. Leider. Es dauerte unendlich lange. Am Ende präsentierte Sabine ihm stolz ihr Werk. Sie hielt ihm einen Spiegel hin.

ARROGANTES ARSCHLOCH – feinste Kreuzstiche. Rosa.
RAUCHER – schwarz.

„Haben Sie einen Stich da oben?“ Er tippte an seine Stirn.
„Extra für Sie habe ich den Margeritenstich verändert. Normalerweise macht man damit eher Blümchen. War aber unpassend. Diese Sticktechnik werde ich Margaretenstich nennen. Nee, ich glaube Gretchenstich gefällt mir noch besser. Passt doch außerordentlich gut zu Ihnen, Herr Doktor.“

„Sehr gute Arbeit, Sabine.“ Der Oberarzt sah sich die Naht an.
„Na, Doktor Meier, was sagen Sie – ob das Doktor Haase gefallen wird?“
„Warum hat sie Sie eigentlich nicht selbst verarztet?“ Sabine riss die Augen auf. Knechtelsdörfer kam im selben Moment drauf.
„Ach, sie sind nicht mehr...? Gutes Mädchen. Irgendwann musste Sie ja kapieren, dass das mit Ihnen nichts wird.“
„Ach, und Sie und Doktor Hassmann... da ist aber alles in Ordnung?“
„Ja, danke der Nachfrage. Maria ist gerade mit unserem dritten Kind schwanger. Aber für Familie sind Sie ja auch nicht zu haben.“
„Ja... unser Doktor Meier. Will sich einfach nicht weiter entwickeln...“ Sabine erlaubte sich hier sehr viel.

Neben dem Oberarzt stand plötzlich der Assistenzarzt und klopfte auf die Liege.“
„Sie sind fertig, Doktor Meier. Wir brauchen die Liege, aber ausruhen können Sie sich da unten, solange sie wollen.“
Sie kippten die Liegefläche um 90 Grad. Marc fiel. Und fiel. Und fiel. Lange und tief.

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14.11.2017 18:58
#99 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.18 – Café Sonne


Hart schlug er auf. Schweißgebadet hatte Marc erstmal Orientierungsschwierigkeiten. Vorsichtig ertastete er sein Umfeld. Da war sein Bett. Er fühlte eine Ecke. Und sein Arm schmerzte.

(„Mein Arm!?“)

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals hinauf. Er tastete sich die Bettkante entlang bis zum Nachttisch. Licht. Sein Arm.
„PUH!“ Erleichtert sah er nur einen harmlosen Kratzer, vermutlich vom Fall aus dem Bett, aber nicht das erwartete Stickmuster.

Arrogantes Arschlosch!
Raucher!


Oh ja, eine Zigarette würde ihm jetzt gut tun. Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Die Zigaretten lagen auf der Fensterbank neben der Balkontür. Er ergriff die Packung.

Raucher!

Die angefangene Schachtel landete im Küchenmüll. Die Uhr zeigte kurz nach halb sechs. Zehn Minuten später verließ Marc in Laufkleidung die Wohnung. Laufen hatte ihm schon oft geholfen. Früher hatte er das sogar regelmäßig geschafft. Meistens sogar mit Mehdi zusammen. Doch der war in Afrika.

(„Der Glückliche!“)

Marc lief die vertraute Strecke an der Spree entlang. Er musste sich sehr auf den Weg konzentrieren. Durch die Nässe und das abgefallene Laub war der Weg sehr glitschig.

(„Jetzt fängt die Zeit der Fußgängerunfälle an. Es muss mir was einfallen, dass uns die Zahl in Notaufnahmen nicht abfällt.“)

***
Später saß Marc wieder an seinem Tisch im Café Sonne. Die Verkäuferin begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln. „Guten Morgen Herr Doktor!“
Sie wusste mittlerweile, dass der junge Arzt seinen Kaffee stark und schwarz und die dunklen Körnerbrötchen bevorzugte.
„Danke Frau Böhm.“ Er nahm das kleine Tablett entgegen.

Mittlerweile kannten auch viele der morgendlichen Kunden den Arzt, da Frau Schneverdingen ihm bei jeder Gelegenheit Grüße an den Professor ausrichten ließ. So auch heute.
„Professor Haase ist an der Ostsee, Frau Schneverdingen.“
„Oh, macht er endlich mal Urlaub! Ich hoffe, nicht nur ein verlängertes Wochenende. Er sah sehr erschöpft aus, als ich Anfang September bei ihm war.“
„Nein, nicht nur ein verlängertes Wochenende.“ Marc lächelte die alte Dame an.

(„Wenn er es aushält!“)

„Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Herr Doktor. Sie wissen ja, Wolfi wartet.“
Marc winkte ihr zu. „Seien Sie vorsichtig, die Wege sind sehr rutschig. Nicht, dass Ihnen was passiert. Oder Wolfi!“ Er zog die Seniorin auf doch seine Augen strahlten freundlich.

Karo Offline

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Beiträge: 245

14.11.2017 19:06
#100 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 2.19 – Sabines Plan


Nach der Gallenstein-OP konnte Doktor Stern ebenfalls bei dem Blinddarmeingriff überzeugen. Marc war sehr zufrieden. Und erleichtert über seine „Entscheidungsart“, wer der Assis am OP-Tisch stünde. Eigentlich hatte sehr gute Laune!

Cedric hatte ihn unbewusst auf diesen salomonischen Weg geführt. Er ging mit Gina vergleichbare Fälle durch, um sie gut auf die OP vorzubereiten. Doch erstens hatte Marc keine Lust, sich stundenlang mit den Assistenzärzten durch Berichte und Karteikarten zu arbeiten, zweitens mangelte es ihm dazu auch einfach an Zeit.

Zeit, die er sinnvoller nutzen konnte. Ganz oben auf seiner To Do-Liste stand die Kündigung von Sabine Vögler. Damit hatte er nie im Traum gerechnet. Die Krankenschwester gehörte zum Inventar in diesem Krankenhaus, sie war schon da gewesen, als der Professor ihn als Oberarzt einstellte. Auch wenn Marc sich manches Mal (oft) über die etwas „tranige“ Art seiner Mitarbeiterin aufregte, so war es doch (meistens) einfach, mit ihr zu arbeiten. Sie dachte selten über Anweisungen nach sondern führte einfach nur aus. Irgendwie zumindest.

Hör Dir einfach an, was sie zu sagen hat.
Vielleicht stickt sie demnächst im Katharinen-Hospital... rosa Blümchenmuster


Ihm fiel sein Traum ein und der darin enthaltene Vorwurf.

„Sie haben niemanden je richtig unterstützt. Weder mich noch den Doktor Knechtelsdörfer. Sie haben immer nur Dumme gebraucht, die für Sie rennen.“

Doktor Meier ging am Stationszimmer vorbei, wo die Gesuchte in ihrer unnachahmlichen Art auf dem Schreibtischstuhl hing. Er musste grinsen. Gerade erklärte sie der Lernschwester, wie der Rolltisch für die Visite vorbereitet werden musste. Er hielt nicht an, Sabine sollte sein Grinsen nicht sehen, als er sie anbrüllte.

SABINE!!!! Ins Arztzimmer! Vorgestern bitte!“

„Oh je.“ Vor Schreck wäre die Krankenschwester fast vom Stuhl gefallen. Sie folgte verstört ihrem Chef in sein Büro.
„Ich bin noch nicht zu den neuen Berichten gekommen, tut mir Leid, Herr Doktor.“ Sie wollte ihm schon mal den Wind aus den Segeln nehmen. Doch Doktor Meier interessierte gerade etwas völlig anderes. Sabine wurde verlegen, als sie sah, was er in der Hand hielt.
„Was ist das?“ Er hielt ihr das Kündigungsschreiben unter die Nase.
„Das ist meine Kündigung.“
Marc nickte. „Das habe ich verstanden.“ In seiner Stimme war keine Verärgerung zu erkennen und auch seine Mimik deutete nichts auf einen Angriff seinerseits hin. Er wollte einfach nur herausfinden, was Sabine zu dem Schritt bewogen hatte. „Sabine? Gibt es dafür einen besonderen Grund? Sie nennen hier als Begründung „persönliche Gründe“. Darf ich da mehr erfahren? Können wir darüber sprechen? Ich meine, sind Sie irgendwie unzufrieden? Also außer der Tatsache, dass ich ihr Chef bin, sie zu viel arbeiten und dafür schlecht bezahlt werden?“ Er grinste sie an.

Auch wenn er scherzte, Marc war jetzt ruhig und sachlich und zeigte echtes Interesse für seine Mitarbeiterin. Das fühlte Sabine, verlor ihre Verunsicherung und antwortete offen.

„Nein, Herr Doktor, an Ihre Führungsqualitäten haben sich ja alle mittlerweile gewöhnt. Ich habe einfach nur beschlossen, dass ich nicht weiter auf der Stelle treten möchte. Ich habe einen Freund - meinen ersten richtigen Freund. Ich wohne nicht mehr bei meiner Mutter und irgendwie kann ich mich jetzt auch trauen, beruflich eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich werde eine neue Ausbildung anfangen.“

Marc blieb der Mund offen stehen. „Eine... neue... Ausbildung...???“

„Ich bin davon überzeugt und möchte nicht, dass Sie mich versuchen, davon abzubringen. Deswegen habe ich Sie nicht angesprochen, sondern Ihnen stillschweigend die Kündigung untergeschoben. Dafür möchte ich mich entschuldigen, Doktor Meier.“

Marc war total baff. Damit hatte er nicht im Entferntesten gerechnet. Und schon gar nicht bei Schwester Sabine. Und seit wann konnte sie so zusammenhängend Sätze formulieren?
„Sabine, Sabine. Also, hm, verstehen Sie das jetzt bitte nicht falsch, aber damit hätte ich jetzt bei Ihnen nicht gerechnet. Darf ich fragen, als was?“
Sabine entspannte sich. Der Leitende Oberarzt hatte den Anschiss nur vorgetäuscht und sich einen Spaß gemacht. Tatsächlich schien er sehr gute Laune zu haben. Und echtes Interesse. Trotzdem zögerte sie. „Vielleicht schaffen Sie es auch, nicht zu lachen?“
Allein wegen dieser Frage musste Marc schmunzeln. „Reicht es, wenn ich es versuche?“
Die Schwester lächelte zaghaft. „Ich... ich mache eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.“
Marc schaute seine Mitarbeiterin mit großen Augen an. Was kam da wohl noch? „Physiotherapeutin? Sabine, Sabine, Sie überraschen mich gerade wieder. Darf ich weiterfragen?“
„Versuchen Sie bitte nicht, mich umzustimmen, Doktor Meier? Ich möchte das!“
Über die Bestimmtheit in Sabines Stimme konnte sich der Oberarzt nur wundern. Nicht nur er hatte wohl angefangen, sich zu verändern, auch andere hier hatten sich von ihren Verhaltensmustern getrennt und ihrem Leben eine neue Richtung gegeben. Bei Sabine war es ein Selbstmordversuch gewesen, bei ihm eine Auszeit in Afrika. Und – sie beide hatten sich ernsthaft verliebt.
„Okay, hm, hm also erzählen Sie mir mehr davon?“

Sabine freute sich über das ehrliche Interesse ihres Chefs. Schade, jetzt wo er scheinbar umgänglich wurde, da hatte sie sich entschieden zu gehen. „Doktor Meier, da habe ich nicht so wirklich Zeit für, da warten noch Berichte darauf, geschrieben zu werden.“ Sie guckte ihn verschmitzt an und Marc lachte. „Die muss ich ja dann demnächst wohl eh selber schreiben. Also?“

„Ja, im Sommer war ich mit Doktor Gummersbach auf dieser Messe, ähm, Meditech und da habe ich das gesehen. Also Infos zu dem Berufsfeld. Dann habe ich das recherchiert und war mir schnell sicher, dass ich da richtig bin. Während meines Urlaubs habe ich ein paar Tage Praktikum gemacht und mich dann damit beschäftigt ob und wie ich das finanzieren kann. Einfach wird es nicht, aber es ist machbar. Naja, zur Not kann ich mich auch auf die Unterstützung von Doktor Gummersbach verlassen. Aber vorrangig möchte ich das alleine auf die Reihe kriegen.“

Marc konnte es nicht glauben. Erstmal – war das jetzt irgendwie im Trend „Etwas alleine schaffen zu wollen“? Und wollte die Krankenschwester wirklich...? „Sabine?! Reden wir hier gerade von drei Jahren Ausbildung?“

Sabine wusste nicht, was Doktor Meier mit dieser Frage von ihr wollte. „Ja, ähm ja, solange dauert die Ausbildung doch. Ist aber schon komisch.“ Sie zog ihre Nase kraus. „Naja, ich werde dann wohl mit Abstand die Älteste sein.“
Marc merkte direkt, dass die kleine Person ihm nicht folgen konnte. „Hm, aber wieso – ähm, darf ich weiterfragen?“
Sabine nickte.
„Warum in Herrgottsnamen machen Sie eine neue Ausbildung?“
„Hä?“

(„Irritiert ist gar kein Ausdruck? Irritiert und aus einer fernen Galaxie? Naja, Doktor Gummersbach kennt sich damit ja aus.“)

„Sabine! Sie sind Krankenschwester mit – ähm wie vielen Jahren Berufserfahrung? Zehn doch mindestens. Ich meine die Grundlagen wie Anatomie, das leben Sie doch tagtäglich. Was wollen Sie denn da im 1. Jahr lernen?“
Sabine wusste immer noch nicht genau, was Doktor Meier eigentlich von ihr wollte. „Aber das gehört doch zur Ausbildung?“
„Sabine, haben Sie die Möglichkeit einer Umschulung in Betracht gezogen?“
„Umschulung? Sowas gibt es?“ Sie sah ihn groß an, er war fassungslos.

(„Erde an E.T. – bitte eure Abgesandten etwas besser informieren!“)

„Okay, okay, also nein. Gut, dann lassen Sie sich zum einen sagen: Berufliches Weiterkommen finde ich persönlich wichtig und wenn Sie das für sich beschlossen haben, dann freue ich mich für Sie. Wirklich, Sabine. Auch wenn ich wirklich überrascht bin, dass ausgerechnet Sie das vor haben. Aber Sie wären nicht Sabine, wenn Sie sich nicht selber im Weg stehen würden. Deswegen – Angebot:
Wir stellen das hier“ – er hielt ihr die Kündigung erneut vor das Gesicht – „ein paar Tage zurück und ich werde mich mal nach den Modalitäten einer Umschulung erkundigen. Oder haben Sie schon irgendwas fest unterschrieben?“

(„Bestimmt nicht. Erst kündigen, dann suchen...“)

„Nein, nichts unterschrieben. Ähm, ja, also danke. Herr Doktor, Sie wollen mir helfen???“
„Ja, ähm, nein. Ich habe nur keinen Bock, die Berichte selbst zu schreiben. Also, worauf warten Sie?“ Mit einem Grinsen schickte er Schwester Sabine an die Arbeit. Diese salutierte – zumindest sollte es wohl sowas darstellen. „Ja, sofort, Doktor Meier.“

In der Tür drehte sie sich nochmal um. „Doktor Meier?“
Der war schon in Gedanken, wo er da spontan gute Infos herholen konnte. Er durchstöberte gerade sein geistiges Kontaktbuch. Er schaute auf, als Sabine weiterhin stehen blieb. „Hm?“
„Äh, es wäre schön wenn der Kreis der Informierten erst noch sehr, sehr klein bliebe. Also Sie und Doktor Gummersbach – und ich weiß es ja auch.“
Marc sah sie ernst an, doch in seinen Augen blitzte es fröhlich. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Was machen die Berichte?“

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