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Karo Offline

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Beiträge: 172

08.07.2017 15:45
#51 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


September 4.15 – Gretchen und Roula 2


„Gretchen Haase, schuldest Du mir nicht noch Deine Geschichte?“

Die beiden Frauen saßen auf der Ladefläche des schaukelnden Pick Ups, den Christian vorsichtig über unbefestigte Lehmstraßen Richtung Heimat steuerte. Martin schlief auf dem Beifahrersitz. Die deutsche Ärztin hatte sich ein dickes Tuch hinter den Kopf gelegt. „Ach Roula, so interessant ist mein Leben nicht.“
„Ich würde aber trotzdem gerne davon erfahren. Vor allem über Dich und Marc. Ihr kennt euch schon so lange und niemals hätte ich – vermutlich auch niemand anderes hier – gedacht, dass ihr nicht schon seit Ewigkeiten ein Paar seid.“
„Ja, das kam so spontan und überraschend. Sich etwas zu wünschen oder von etwas zu träumen ist etwas ganz anderes als wenn es dann Wahr wird.“
Roula machte es sich ebenfalls so bequem wie möglich. Sie grinste heimlich in sich herein, denn mittlerweile wusste sie ihre Freundin einzuschätzen. Indem man Marc erwähnte, weckte man bei Gretchen automatisch eine gewisse Redseligkeit.

„Ich kenne Marc seit der 5. Klasse. Seine Mutter und er waren aus einem anderen Teil Berlins zugezogen und Marc wechselte in die 10. Klasse des Gymnasiums. Vermutlich hatte unsere Direktorin keine Lust, ihren Hintern von ihrem ollen Ledersessel zu heben, denn sie hatte ihn mit einer vagen Wegbeschreibung zu seiner Klasse geschickt. Ich war auf dem Weg Kreide für unser Klassenzimmer zu holen, als er auf der Suche nach dem Chemiesaal durch das Treppenhaus irrte. Ich war eigentlich in Eile und da stand auf einmal dieser Typ vor mir. Mir kam das so vor, als hätte der liebe Gott diesen schönen Jungen nur für mich ins Treppenhaus platziert. Ich habe ihn gesehen und es war um mich geschehen.“

Die Afrikanerin beobachtete Gretchen, die in Gedanken gerade ihre erste Begegnung mit ihrem Freund nochmal erlebte. Ihre Augen leuchteten vor Freude.
„Roula, das war wie Magie. Wir haben uns einen Moment nur in die Augen gesehen und das war nicht, als würde man sich zum ersten Mal treffen. Ich hatte eher das Gefühl, einen Seelenverwandten wieder zu treffen. Er war mir sofort so vertraut. Irgendwie habe ich ihn erkannt. Der Marc, den er mir jetzt offenbart hat, den habe ich immer in ihm gesehen. Gezeigt hat er bisher nur das arrogante Arschlosch. Und den obercoolen Typen, der beliebt war und bewundert wurde. Unter anderem dafür, dass er die seltsamen Außenseiter lächerlich macht und durchgehend ärgert. Ich war nicht die Einzige, aber definitiv die, die er am häufigsten und am dauerhaftesten fertig gemacht hat.

Zerstochene Fahrradreifen, Pausenbrote, die er mir im Gesicht verschmiert hat, Papierkügelchen, mit denen er mich bespuckt hat und die krasseste Nummer war, als er mich auf das Autodach einer Lehrerin gefesselt hat. Die fuhr dummerweise direkt von der Schule aus nach Südtirol. Was sie auf dem Lehrerparkplatz nicht bemerkte, nämlich mich auf ihrem Dach, registrierte sie erst nach rund 200 Kilometern, weil eine Polizeistreife uns anhielt. Wir haben meine Eltern angerufen und es wurde vereinbart, dass sie mich mit nach Meran nimmt, sozusagen als Wiedergutmachung, wo Mama und Papa mich dann eine Woche später abgeholt haben. Im Grunde hatte ich Marc ein paar wunderschöne Tage zu verdanken...

In dem Sommer sind wir weiter nicht in Urlaub gefahren, das war sowieso eher selten der Fall. Meistens war ich entweder bei meiner Oma in Hamburg oder meine Kusine Andrea war bei uns. Die war eigentlich fast ständig bei uns. Man hat uns immer für Schwestern gehalten.
Wie auch immer, in den gleichen Sommerferien hat Marc mich das erste Mal geküsst. Das war ein Jahr nachdem er auf meine Schule gekommen war. „Ich finde Dich scheiße“, hat er gesagt und mich geküsst. Das war wie der erste Blick. Das fühlte sich an, als würde ich ankommen. Nichts anderes wollte und konnte ich mir vorstellen. Marc Meier war mein Mann.“

Die blonde Ärztin lächelte ihre afrikanische Freundin an.

„Das sah er natürlich ganz anders. Er hatte immer irgendeine Freundin, oft sogar älter und er hatte wohl auch mal was mit einer Referendarin. Trotzdem konnte ich nicht von ihm lassen. Immer wieder musste ich mich zum Affen machen und ihm eine neue Gelegenheit bieten, mich lächerlich zu machen. Das hat sich die 3 ½ Jahre, bis Marc Abitur gemacht hat, so manifestiert. Immer wieder fand er neue Wege und Mittel mich zu quälen. Das war unser Spiel. Wir konnten beide nicht aufhören.
Als wir uns 16 Jahre später im Krankenhaus von meinem Vater wiedergetroffen haben, verfielen wir sofort in das alte Muster. Neu dabei war, dass ich ihm durchaus auch das Leben schwer machen konnte. Allerdings kam auch immer wieder „der andere Marc“ durch, doch letztendlich trieben mich seine Gemeinheiten weg von ihm. In die Arme anderer Männer, was er wiederum mit noch größerer Boshaftigkeit quittierte. Zum Schluss blieb nur die Flucht nach vorn. Nach Afrika.“

Gretchen machte eine längere Pause, als sie daran dachte, wie Marc plötzlich vor dem Elternhaus gestanden hatte. „Du kannst nicht gehen!“ Der Satz, der die Wende gewesen war. Der Satz, der ihr deutlich machte, dass Marc nur eins fürchtete: Dass sie ging, sich aus seinem Leben davon stahl.

„Ich bin genau zwei Tage länger mit Marc zusammen als ich hier bin. Also richtig zusammen. Dass ich sagen kann – darf, dass er mein Freund ist. Der Weg dahin war lang und beschwerlich und ich glaube nicht, dass der Weg mit Marc anders ist. Das wahrgewordene Sprichwort: Unser Weg ist unser Ziel.“

Sie sah Roulas fragenden Blick.

„In Deutschland gibt es ein Sprichwort: „Der Weg ist das Ziel!“ Marc und ich beginnen also diesen Weg in Afrika. Ich hoffe nicht...“ und jetzt lachte die Ärztin ihr übermütiges Lachen „...dass unser Weg so holprig wird wie diese steinige Schotterpiste.“
„Wer euch zusammen sieht, der kann sich das alles nicht vorstellen.“
„Hier kennt ihn keiner. Hier hatte er keinen Ruf zu verlieren und keine Erwartungen zu erfüllen. Allerdings wüsste ich nicht, wessen Erwartungen er in Berlin erfüllen muss – außer seinen eigenen. Oder die von seiner Mutter. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was sie erwarten würde. Außer Karriere, Erfolg und Geld.“ Roula sah Gretchen lange und intensiv an.

(„Das ist es?“)

„Wie ist seine Mutter?“ Roula hatte wohl Ähnliches gedacht.
„Kann ich Dir nicht sagen. Sie ist Autorin, schreibt seit circa 20 Jahren ziemlich erfolgreich eine Arztserie. Da müsstest Du jetzt Schwester Sabine fragen, sie ist Frau Fishers größter Fan.“ Gretchen lachte. Roula kam kaum mit. „Und wer ist Frau Fisher?“
„Marcs Mutter. Elke Fisher.“

(„Ich habe nie darüber nachgedacht, warum sie unterschiedlich heißen?!“)

„Und sein Vater?“
„Es gibt keinen. Zumindest nicht, seit ich Marc kenne.“ Gretchen wurde nachdenklich. „Auch niemanden sonst. Nur Marc und seine Mutter.“

(„Warum ist mir das nie aufgefallen?“)

„Hast Du ihn nie gefragt?“
„Doch, aber erst hier. Er wollte nichts dazu sagen...“ Gretchen kicherte: „Als ich seine Mutter das erste Mal gesehen habe, wusste ich nicht, dass sie Marcs Mutter ist – wohl aber die Affäre meines Vaters. Das machte es etwas schwierig.“
„Das kann ich mir denken, aber glaube mir, darüber reden wir ein anderes Mal.“
„Über die Affären meiner Eltern?“
„Gab es da mehrere?“ Roula guckte so entsetzt, dass Gretchen lachen musste.
„Mein Vater hatte drei Affären, meine Mutter eine. Aber die wiegt für alle drei anderen. Ihr Liebhaber ist mit der Rentenkasse meiner Eltern durchgebrannt, als sie ihn abserviert hat.“
„Kann es sein, dass bei euch immer viel los ist?“
„Ja und nein. Ich glaube, bis ich vor 1 ½ Jahren aus Köln zurückkam, haben sich meine Eltern ziemlich gelangweilt. Vor allem meine Mutter. Naja, Papa auch irgendwie. Sonst hätte er wohl eher keine Affären gehabt. Ich habe ihnen das Versprechen abgenommen, dass sie wieder ein Team sind, wenn ich aus Afrika zurückkomme.“
„Und Du meinst, das klappt?“
„Keine Ahnung. Aber als Kind will man wohl eher nicht, dass sich die Eltern trennen. Schon gar nicht, nach über 30 Ehejahren.“
„Vor allem nicht, wenn man Gretchen Haase heißt und an die große Liebe glaubt!“
„Was ist daran falsch?“
„Im Zweifelsfall der Preis den man dafür bezahlt?“
„Versteh ich nicht. Was meinst Du damit?“
„Naja, wenn Du seit 20 Jahren davon überzeugt bist, dass Marc Deine große Liebe ist, dann hast Du lange warten müssen. Und lange leiden. Aber wie kam es dann, dass Du mit jemand anderem so lange zusammen warst und noch jemand anderen geheiratet hast?“
„Aus den Augen, aus dem Sinn. Peter habe ich in Köln kennengelernt. Er studierte ebenso wie ich Medizin, wir haben uns bei einem Seminar kennengelernt.
Er war sechs Jahre älter, hatte nach dem Abitur die Welt umrundet und in einem Kinderdorf gearbeitet, bis er feststellte, dass er Kinderarzt werden wollte. Das hat Gretchen Haase ziemlich beeindruckt. Für mich war er wie ein Weltverbesserer. Ich habe erst später erfahren, dass seine Weltreise von seinem Vater bezahlt wurde und die Zeit in dem Kinderheim nur zur Überbrückung diente, bis er einen Studienplatz bekam.
Mit Peters Eltern habe ich mich allerdings sehr gut verstanden. Seine Mutter hat irgendwann mal scherzhaft gesagt – ich glaube, das war an meinem 25. Geburtstag – dass sie erstaunt ist, dass ihr Sohn wohl tatsächlich daran denken würde, mit einer Frau zusammen zu bleiben, die älter wird. Ich hätte früher darüber nachdenken sollen, dass vor mir immer nur „Fastunterzwanzigjährige“ in Frage kamen. Ich vermute, auch „während mir“. Mit einer habe ich ihn eine Woche vor der Hochzeit erwischt. Die Sprechstundenhilfe, die er zu meiner Entlastung eingestellt hatte. Haha.“

Gretchen wurde die Doppeldeutigkeit bewusst. „Ich war Assistenzärztin und kam langsam in das Lernpensum zur Facharztprüfung. Deswegen konnte ich mich nicht mehr von morgens bis abends um unsere Praxis kümmern. Tsss... in seine Praxis, in die meine Eltern Geld gesteckt hatten, dass ich ein schönes Leben habe. Mich rausziehen kann, zum Kinderkriegen. Man könnte fast meinen, sie hätten ihm Geld gegeben, dass das Kind versorgt ist.“
„Wir nennen das Brautpreis oder Mitgift!“
„Ist auch egal. Ich bin froh, dass ich ihn erwischt habe, bevor ich „Ja“ gesagt habe. Beim zweiten Mal kam das dicke Ende erst hinterher.“
„Beim zweiten Mal?“
„Ja, als ich geheiratet habe. Erst hinterher stellte sich heraus, dass mein Ehemann nicht der war, für den er sich ausgegeben hatte.“
„Aber spätestens bei der Hochzeit braucht man doch seinen Pass?“
„Davon hatte er nicht nur einen. Ich glaube, er hatte insgesamt fünf Identitäten, wurde europaweit gesucht. Und Gretchen Haase ist nun mal das willkommene Bauernopfer. Die Polizei hat mir hinterher erzählt, dass sie ihn schon monatelang beobachten und sich sehr darüber gewundert haben, dass er eine Frau heiratet, die nicht seinem normalen Beuteschema entsprach. Alleinstehende, wohlhabende Damen, die ihr bestes Alter bereits überschritten haben.“

„Du hast einen Heiratsschwindler geheiratet?“ Roula versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. Das war schon fast zu komisch.
„Lach nur. Ich kann aber deswegen davon ausgehen, dass er tatsächlich an mir interessiert war. Denn zu vererben hatte und habe ich nichts. Nicht mal einen Facharzttitel.“ Nun lachte auch Gretchen. „Ist doch auch was: Ein wildes Sammelsurium an kuriosen Männern. Ich glaube fast, das Mehdi von allen der Netteste war.“
„Ja, Du hattest schon mal angedeutet, dass da auch zwischen euch was war. Aber er war verheiratet? Deswegen hast Du Dich von ihm getrennt?“

„Ja und nein. Als ich mit Mehdi zusammen war lag seine Frau nach einem Autounfall im Koma und niemand erwartete mehr, dass sie wieder aufwacht. Doch die drohende Konkurrenz ist wohl bis tief in ihren Schönheitsschlaf gedrungen, in jedem Fall wurde sie wach. Als Unfallfolge blieb eine Lähmung und Mehdi nahm sie aus Pflichtgefühl und wegen der Tochter zurück. Mit mir wollte er trotzdem zusammen bleiben, aber das wollte ich nicht, die Nummer zwei sein. Lilly war damals vier, ein tolles Mädchen. Vor ungefähr einem Jahr ist Anna mit Lilly abgehauen und Mehdi hat seit dem nichts mehr von den beiden gehört. Verheiratet ist er immer noch mit ihr.“
„Aber er liebt trotzdem Dich.“
„Ach quatsch. Er weiß, dass ich nichts für ihn empfinde. Zumindestens nicht mehr als Freundschaft.“
„Sein Kopf mag das wissen, sein Herz akzeptiert das aber nicht. Er ist wegen Dir hier, nicht weil er mal etwas anderes sehen wollte.“
„Aber Roula, was ist das dann mit Gina?“
„Eine Lüge. Sein Alibi. Glaub mir das, Gretchen. Er wird nichts unversucht lassen, egal ob Du mit Marc zusammen bist.“
Eine Weile war es still und beide Frauen hingen den eigenen Gedanken hinterher. Bis Gretchen weiterfragte. „Aber wenn es so ist wie Du sagst – wie können die beiden, also Marc und Mehdi, dann Freunde sein?“
„Sind sie das, Gretchen?“
„Roula... wie kannst Du das anzweifeln? Er war doch auch für Marc da, als wir unterwegs waren.“
„War er das, Gretchen? Oder hat er Dir das nur gesagt?“
„Wie meinst Du das?“
„Jenny meinte, dass Mehdi die meiste Zeit in der Krankenstation gewesen wäre.“
„Du weißt doch selbst, wie es dort manchmal zugeht.“
„Es war nichts los, Gretchen.“
„Aber... Du meinst...“
„Er hat sich dorthin zurückgezogen, weil er dort sicher sein konnte, dass Marc dort nicht auftauchen würde.“
„Das glaube ich nicht.“
„Was hat denn Marc erzählt?“
„Nicht viel.“ Gretchen grinste. „Es hat fast drei Tage gedauert, bis er sich von der Sauferei erholt hatte.“
„Domenic wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Marc muss es richtig dreckig gegangen sein. Er hatte furchtbare Angst, dass Dir etwas zustoßen könnte und er Dich niemals wieder sieht. In den ersten Tagen haben ihn die Kinder ganz gut beschäftigen können. Fußball und schnitzen. Aber dann bekam er regelrechte Panikattacken.“
„Marc und Panikattacken?“
„Gretchen, wenn Du mir erzählst, dass Marc immer alles drangesetzt hat, Dich auf Abstand zu halten – warum könnte er das gemacht haben?“
„Habe ich doch schon gesagt. Angst vor Nähe?“
„Denk das mal weiter...“
„Ich weiß nicht, worauf Du hinaus willst?“
„Was ist ihm geschehen, dass er keine Nähe zulassen will?“
„Pfff... ich weiß, dass er als Kind misshandelt wurde.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht, Roula. Ich habe das auch nur mitgekriegt, weil wir im Krankenhaus einen kleinen Jungen hatten, der von seinem Vater geschlagen wurde...“ Gretchen sprach den Satz immer langsamer. „Scheiße...!“
„Du sagst, es gibt keinen Vater?“
„Nicht seitdem ich ihn kenne. Aber es kann ja sein, dass er und seine Mutter deswegen umgezogen sind?“
„Vielleicht. In jedem Fall stimme ich Martin zu einhundert Prozent zu, wenn er sagt, dass Marc hochsensibel ist. Auch wenn er auf andere arrogant und abweisend wirkt.“

„Das macht er, um sich zu schützen...“ Gretchen sprach leise. „Am Abend vor meiner eigentlichen Abreise hat er es mir genauso gesagt. „Du kannst nicht einfach abhauen.“ – „Doch, Marc. Ich werde jetzt das tun, wovor ich am meisten Angst habe – etwas alleine schaffen.“ – „Gut, dann werde ich jetzt auch tun, wovor ich am meisten Angst habe.“ – „Was soll das sein?“ – „Eine Nacht mit Dir.“

Im Grunde hat er es auch immer wieder gesagt. Dass das alles Neuland für ihn ist und ich ihm Sicherheit gebe.“
„Marc ist nicht nur hochsensibel sondern auch sehr unsicher. Vielleicht nicht, was seinen Beruf angeht. Vermutlich ist er da sicher genug. Aber ich glaube, dass er sehr schnell an sich als Mensch zweifelt. Ihm fehlt jegliches Selbstvertrauen. Du hast Dir keinen leichten Freund ausgesucht, Gretchen Haase.“
„Immerhin ist Marc ehrlich.“
„Eine Eigenschaft, die ich Mehdi komplett abspreche. Mit Gina spielt er ein Spiel, aber das ist ihr glaube ich egal. Er ist wegen Dir hier.“
„Er hat sich halt Sorgen gemacht und wollte mir helfen.“
„Täusch Dich nicht, Gretchen. Wie oft hast Du ihn seit Marcs Abreise abgewiesen? Ein „Nein“ sollte doch ausreichen.“
„Das ist halt Mehdi. Er will für seine Freunde da sein. Als das mit Alexis – Frank – passierte, war er auch für mich da.“

(„Mit drei Flaschen Rotwein und einer Nacht, die ich am liebsten aus meinem Leben streichen möchte...“)

„Wer ist nun Alexis Frank? Noch ein Mann?“ Roula konnte nicht folgen.
„Alexis war der Mann, den ich geheiratet habe. Alexis von Buren. Nachdem er aufgeflogen ist, blieb nur Frank. Frank Muffke.“
„Achso.“ Sie grinste. "Gretchen Muffke?"
„Haha! Außerdem – Marc hat Mehdi kennen sich schon sehr lange, aus Studienzeiten. Sie spielen zusammen Squash und ich glaube, Marc hat Mehdi und Anna bekannt gemacht. Vielleicht hatte er auch was mit ihr, dann wären sie ja quasi quitt?“ Sie lachte. „Nee. Ich traue Marc viel zu, aber nicht, dass er an die Partnerinnen seiner Freunde geht.“

„Außer im Fall Gretchen Haase.“
„Wenn, dann war ich ein Ex-Fall. Außerdem wusste Mehdi immer, dass ich Marc wollte. Pfff, alle wussten das. Vermutlich haben die Kollegen immer wieder gewettet. Kriegt sie ihn? Vögelt er sie doch nur irgendwann und bricht ihr das Herz? Wie macht sich das Professorentöchterchen als nächstes zum Volldepp?“
„Meinst Du das im Ernst?“ Die Krankenschwester war sich nicht sicher, ob Gretchen scherzte.
„Ich weiß es nicht, Roula. Aber so Wetten gibt es häufig. Sonst wäre es ja auch viel zu langweilig. Bestimmt lief da die eine oder andere Wette wegen Marc und mir.“ Jetzt wurde Gretchens Stimme wieder übermütig, „ Vor allem als mein Vater uns irrtümlicherweise als verlobt bei einer Personalversammlung vorstellte. Obwohl man fast sagen konnte, dass Marc sich in dieser Rolle nicht unwohl gefühlt hat. Es kam ja immer wieder dieser nette Mensch durch – und das war wieder so ein Tag. Auch, als meine Eltern ihre blöde Hochzeitsfeier hatten und ich nichts schlimmer fand, als alleine zu dieser Spießergesellschaft zu gehen. Da war er auf einmal da.

Es gab so viele Momente, in denen er mich immer wieder zu überzeugen wusste, dass da sehr wohl etwas zwischen uns war. So sehr er es später auch wieder leugnete. Spätestens wenn wir uns geküsst haben, war ich mir sicher. In seinen Küssen lag immer so viel Liebe, Wärme und – Sehnsucht. In den Momenten, wo ich mich immer richtig in die Scheiße reingeritten habe, da war er nie ärgerlich, sondern immer für mich da. Er konnte so plötzlich umschalten. Allerdings auch wieder zurück. Es war unser Spiel vom Schulhof. Nur eben nicht mehr die Junior-Edition. Umso schlimmer waren aber auch seine Versuche, sich seinen Gefühlen zu entziehen.“
„Indem er Dich immer wieder weggestoßen oder verletzt hat?“
„Ja. Je näher wir uns kamen, umso größer wurde der Abstand.“
„Die Angst vor Nähe.“
„Habe ich ja gesagt. Und wurde dafür abgestraft.“
„Klar, wenn ich Nähe fürchte, dann will ich schon gar nicht durchschaut werden.“
„Also bin ich nicht ganz blöd, wenn ich behaupte, dass Marc und ich dieses Spiel schon auf dem Schulhof für uns gespielt haben? Nicht gegen uns? Dass da immer was war?“
„Es passt zu dem was Du erzählst. Und zu dem, was wir tagtäglich gesehen haben. Zwei Menschen und ihre Gefühle für einander.“

Die Augen ihrer Freundin leuchteten blauer als sonst. Glücklich-blau. Das hatte Roula schon bemerkt, dass die Augenfarbe der gutherzigen Ärztin nach Laune und Wohlergehen zu wechseln schien. Auch hatte sie nie einen Menschen getroffen, der so aus sich heraus strahlen konnte. Das kam von Herzen und es war echt. Jeder, der in den Genuss dieser Wärme gekommen war, ging ein kleines Stück glücklicher, als er angekommen war. Gretchens großes Herz und ihr Mitgefühl für die Menschen öffnete ihr leicht die meisten Türen. Auch afrikanische. Die schon für die männlichen Vertreter der Westlichen Medizin schwer zu öffnen waren. Zu stark war die traditionelle Verbundenheit mit den Volksheilern und den afrikanischen Stammesriten. Dass Fritz ausgerechnet eine Frau geschickt hatte, hatten sie lange nicht glauben können. Doch alle hatten schnell erkannt, dass Gretchen für sie in Sanssouci ein Gewinn war. Gretchen Haase hatte ein großes Herz. Und das spürten ausnahmslos alle.

Karo Offline

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Beiträge: 172

08.07.2017 15:49
#52 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 4.16 – Gretchen und Gina 1


Zurück von dieser ausgedehnten Medical Safari erlebte Gretchen in Sanssouci eine Überraschung. Nicht nur, dass sich, nachdem Marc abgereist war, ein Huhn bei ihr einquartiert hatte, nun stellte sie fest, dass auch Gina eingezogen war.

„Entschuldige Gretchen, aber Mehdi geht mir einfach nur noch auf die Nerven. Wenn es Dir jedoch lieber ist, dann halte ich das für die paar Tage noch aus.“
„Was für ein paar Tage?“
„Ich werde abreisen. Afrika war eine Schnapsidee.“ Gigi sah so verzweifelt aus, dass Gretchen sofort trösten wollte: „Du wolltest mich nur unterstützen...“
„Ich glaube, das war eine Ausrede, um mich nicht ganz so schlimm zu fühlen.“
„Aber Gigi, was...“
„Gretchen, ich bin arbeitslos. Ich hatte einen Zweijahresvertrag, der nicht verlängert wurde. Da ich Angestelltenwohnraum hatte, sitze ich auf der Straße.“
„Das habe ich mittlerweile auch mitbekommen. Aber gerade Du wirst doch schnell einen neuen Job finden – mit Deinen Referenzen!“
„Gretchen, ich weiß aber nicht, wo ich bis dahin hin soll?“
„Da wird mir was einfallen.“
„Und eine gute Hilfe war ich Dir auch nicht.“
Gretchen nickte. „Das stimmt allerdings. Für niemanden... aber dann könntest Du jetzt was für mich tun – ein paar Sachen von mir mitnehmen und zu meinen Eltern schicken?“
„Ich kann sie auch vorbei bringen. Die günstigste Flugverbindung geht nach Berlin. Da eh nirgendwo irgendjemand auf mich wartet...“

„Gigi – ganz klar! Du gehst zu meinen Eltern. Bestimmt kannst Du das Gästezimmer haben – oder zur Not meins. Dann kann ich ja auch einen Koffer packen, alle unnötigen Sachen, die Mama mir ins Gepäck geschmuggelt hat.“
„Wie gut, dass es keine Mikrowelle war...“ Die beiden Freundinnen lachten.
„Ich muss sofort Briefe schreiben. Wann fliegst Du?“
„Na toll, freu Dich nur über meine Abreise...!“
„Du solltest Dich freuen – ich werde Papa bitten, Dir einen Job zu geben. Oder seine Beziehungen spielen zu lassen...“
„Ein Job bei ihm?“ Gina dachte mit Entsetzen an Marc, der würde ihr mit Sicherheit das Leben zur Hölle machen. „Das ist zuviel des Guten. Ein Dach über dem Kopf ist schon genug...“
„Quatsch... wozu hat man denn Freunde?“

Karo Offline

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Beiträge: 172

12.07.2017 23:40
#53 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.17– Cafeteria


Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass der Professor schwer krank war und für längere Zeit ausfallen würde. Und natürlich war das Kollegium aufgrund der Nachbarklinik beunruhigt. Verständlicherweise.

Bernd Ullstein war ebenfalls beunruhigt – er musste reden. Angesichts der großen Menschenmenge war er nervös. Gott sei Dank würde er nur kurz sprechen und dann das Wort an Doktor Meier weitergeben. Dem schien diese Situation überhaupt nichts auszumachen, hatte er doch gerade noch mit Schwester Sabine gescherzt.

„Ihr Part.“ Marc nickte dem kommissarischen Klinikleiter, der ungewöhnlich blass war, aufmunternd zu. „Die Klinik am Laufen zu halten ist schwieriger und das kriegen wir doch auch ganz gut hin.“

(„Und das ist nicht mal gelogen.“)

Marc schätzte den Betriebsleiter nach dieser kurzen Zeit bereits sehr. Umgekehrt genauso. Ein letzter tiefer Atemzug („Augen zu und durch!“) und Bernd Ullstein begrüßte die Versammlung.

◊◊◊
„Guten Morgen – ich bin erfreut, dass ich Sie hier so zahlreich begrüßen darf. Auch wenn die meisten unter Ihnen bereits erfahren haben dürften, wer ich bin und warum ich seit etwa zwei Wochen im Elisabeth-Krankenhaus bin, möchte ich mich kurz noch einmal vorstellen:

Mein Name ist Bernd Ullstein und diejenigen, die Ihren Arbeitsvertrag in den letzten Jahren erhalten haben, finden dort stellvertretend für die StaBe meine Unterschrift. Ich komme gebürtig aus Fulda und habe in Kassel BWL studiert. Während meiner Bachelor-Arbeit verunglückten meine Eltern bei einem Verkehrsunfall und ich sah mich einem undurchsichtigen Gesundheitssystem gegenüber. Ich bat einen Professor, mir verschiedene Schreiben und Rechtstexte „zu übersetzen“ – daraus wurde dann ein siebensemestriges Bachelorstudium Gesundheits- und Sozialmanagement.
Eines der Praktika habe ich in der Hessen Health Holding AG absolviert, einem regionalen Gesundheitskonzern, der das Spektrum der ambulanten und stationären Krankenversorgung mit nahezu allen Leistungen aus Medizin und Pflege umfasst. Für die HHH AG bekam ich meine erste Anstellung am Lahnklinikum in Marburg. Vor ein paar Jahren hat die StaBe dieses Klinikum übernommen und mich gleich mit, allerdings bin ich nun von unserem Büro in Potsdam für die Häuser in den neuen Bundesländern verantwortlich. Während das Stammbüro in Konstanz den südlichen Teil Deutschlands – also Bayern und Baden-Württemberg – betreut, gibt es noch die Verwaltungsstandorte Köln für NRW und Hessen und Hamburg für Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Die StaBe unterhält mehrere Krankenhäuser in Deutschland, vorrangig in Ballungszentren. Das Lahnklinikum mit über 400 Betten wird innerhalb der StaBe gesondert geführt, da der Verbund Wert darauf legt, gegen den Trend eher kleine, persönlichere Krankenhäuser zu betreiben. Ihr im Bundesdurchschnitt eher kleines Elisabeth-Krankenhaus anhand der Bettenanzahl gemessen, ist mit 131 Betten schon eins der größeren Unternehmen innerhalb der StaBe. Alle Krankenhäuser sind Universitäten angegliedert und somit Lehrkrankenhäuser.

Mein Job ist es, ihre tägliche Arbeit in Zahlen umzuwandeln und diese in einem stabilen Gleichgewicht zu halten.

Als ich vor 14 Tagen den Auftrag bekam, hier vor Ort ins Geschehen einzugreifen, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Mein Metier sind Zahlen und ich behaupte auch, das Gesundheitssystem gut zu kennen, nicht aber die Medizin oder die Arbeit in einem Krankenhaus. Was sollte ich also hier? Mittlerweile bin ich sehr froh darüber, hier die Menschen und die Arbeit hinter den Zahlen sehen zu können. Ich möchte mich bei Ihnen allen bedanken, dass Sie mir so freundlich Einblicke in ihren Arbeitsalltag geben. Besonderer Dank gilt Doktor Meier, der nicht müde wird, mir das praktische Gesundheitswesen zu erläutern.“

Als Marc seinen Namen hörte, gesellte er sich zu dem Sprecher.

„Auf Wunsch von Professor Haase wird vorerst Doktor Meier kommissarisch die medizinische Leitung des Elisabeth-Krankenhauses übernehmen. Bis es eine Entscheidung über weitere Personalien gibt, werde ich weiterhin hier bleiben und die Geschäftsführung am Laufen halten. Doktor Meier wird Ihnen nun Informationen zu der aktuellen Gesundheitssituation von Professor Haase geben.
Ich kann Ihnen nur noch mal für Ihre Unterstützung in der momentanen Situation danken. Nun, Doktor Meier.“


Bernd Ullstein atmete heftig aus. („Überstanden!“)

Währenddessen hatte der Chirurg völlig ungerührt das Wort übernommen. Vor Menschen zu sprechen hatte ihm glücklicherweise noch nie etwas ausgemacht.

◊◊◊
„Zu allererst möchte ich Ihnen Grüße von Professor Haase ausrichten. Mittlerweile kann man von einer Verbesserung seines Zustands reden, denn er ist die meiste Zeit ansprechbar. Professor Haase befindet sich nach seinem Herzinfarkt vor zwei Wochen immer noch auf der Intensivstation. Wann er auf die normale Station verlegt werden kann, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht klar. Wir alle kennen unseren Chefarzt und wissen, dass es bisher wenig gab, das ihn lange von der Arbeit fern halten konnte. Dieses Mal wird Professor Haase Geduld brauchen – eine Eigenschaft, die nicht zu seinen Stärken zählt.
Es ist momentan absolut nicht absehbar, für welchen Zeitraum Professor Haase ausfallen wird und wie belastbar er nach einer intensiven Reha sein wird.
Wir werden uns also auf veränderte Strukturen einstellen müssen. Wie die aussehen können ist weder besprochen, noch beschlossen.

Ich möchte mit Ihnen stattdessen über das Katharinen-Hospital sprechen. Ihnen wird nicht entgangen sein, dass sich in unserer Nachbarschaft einiges rührt. Nach längerem Leerstand und einer kurzen, intensiven Umbau- und Renovierungsphase wird in den nächsten Tagen die Radiologische Klinik am KatHo eröffnet. Vorerst soll hauptsächlich ambulant gearbeitet werden, da nur eine kleine Anzahl Betten zur Verfügung steht. Ob es überhaupt Sinn macht, Patienten stationär auf einer Baustelle aufzunehmen, sei einmal dahingestellt.

In jedem Fall trifft uns die Inbetriebnahme des Krankenhauses zu einem schweren Zeitpunkt. Auch hier möchte ich Ihnen nichts vormachen – es wird in den nächsten Monaten nicht leichter! Ich weiß, dass Sie in den letzten Wochen schon übermäßig im Einsatz waren und trotzdem ist viel liegengeblieben, vor allem Arbeit von Professor Haase. Zusammen mit Doktor Stier haben Herr Ullstein und ich in den vergangenen Tagen eine mögliche Lösung gefunden. Sie werden im Lauf des Tages einen veränderten Einsatzplan zur Verfügung gestellt bekommen, der ab dem 1. Oktober verbindlich gilt. Ich möchte Sie bitten, sich damit zeitnah auseinander zu setzen, falls wir noch Veränderungen vornehmen müssen – ich spreche da besonders die Eltern unter Ihnen an.

Betrachten Sie diesen neuen Plan im Oktober als Test. Stellen Sie im kommenden Monat Schwierigkeiten fest, dann zögern Sie bitte nicht, uns diese mitzuteilen. Nur wenn wir wissen, wo der Schuh drückt, können wir darauf reagieren.

Herr Ullstein beziehungsweise die StaBe wird sich auch um unseren Personalengpass kümmern. Zusätzlich zu den ausgeschriebenen Arztstellen werden wir und bemühen, ab November einen Arzt im Praktischen Jahr zu bekommen. Uns liegen einige Bewerbungen für Ausbildungsstellen in der Pflege vor, doch halten wir es für ungeschickt, weitere Pflegeschüler aufzunehmen, solange die Stelle von Schwester Ingeborg noch nicht neu besetzt ist. Das ist auch so im Sinn unserer Oberschwester.

Lassen Sie mich eins sagen. Wir befinden uns aktuell in einer schwierigen Situation. Professor Haase darf unbestritten als das Herz unseres Elisabeth-Krankenhauses bezeichnet werden. Sein Ausfall schwächt uns im Inneren und gleichzeitig werden wir von außen angegriffen. Diesen Herausforderungen Stand zu halten wird sicherlich nicht leicht werden, doch ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können. Jeder von uns gehört zu dem, was das EKH ausmacht: Das Team. Es mag abgedroschen klingen, aber nur zusammen können wir die nächste Zeit überstehen – wie lange das auch sein mag.
Wir sind hier ein gutes Team. Herr Ullstein hat dafür ein paar Statistiken gewälzt und verschiedene Zahlen aufbereitet, die selbst Professor Haase überrascht haben. Positiv überrascht.
Wenn man die Frage stellt, warum die weggefallenen Stellen nicht zeitnah neu besetzt werden, dann kann ich Ihnen folgende Rechnung aufstellen.“


Marc aktivierte einen Beamer und an der Wand zeigte sich eine Grafik, die er sofort erklärte.

„Es ist erwiesen, dass in Deutschland eine einzige Pflegekraft im Durchschnitt über 10 Patienten zu versorgen hat. Der Bundesdeutsche Durchschnitt liegt in diesem Monat bei 10,7. Wenn wir von einem Personalengpass reden, dann jammern wir auf einem sehr hohen Niveau: Unser Pflegeschlüssel liegt derzeit bei 8,9. Also sind wir deutlich besser dran, als die Kollegen außerhalb der StaBe.
Die vakanten Stellen sind ausgeschrieben und sollen neu besetzt werden, aber nicht um jeden Preis! Sie wissen selbst am besten, dass Professor Haase sich mit Neueinstellungen immer schon Zeit gelassen hat. Erst wenn er restlos von einer Personalie überzeugt war, hat er seine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt.
Innerhalb der StaBe liegt der Pflegeschlüssel aktuell bei 7,5. Natürlich im Mittel. Die Vorgaben der StaBe sind regional und schwerpunktmäßig unterschiedlich, für uns heißt sie in Anbetracht der neuen Konkurrenz vorerst 8,0. Wenn nun alle unsere Stellen besetzt wären, dann lägen wir mit 7,1 Patienten pro Pflegekraft sogar darunter.
Im schlimmsten Fall nimmt uns das KatHo Patienten weg – mangels Patienten würde unser Pflegeschlüssel unter 7,0 rutschen und das hieße unweigerlich Entlassungen, die keiner will.

Also betrachten Sie die momentane Situation als jobsichernde Warteschleife, in der es uns besser geht als den meisten Kollegen in Pflegeberufen.

Es gibt eine weitere Möglichkeit, Ihren Job zu sichern. Ihnen ist sicherlich bekannt, dass die StaBe sehr viel Wert auf Patientenzufriedenheit legt. Wenn Sie also demnächst meinen, Sie haben zu viel zu tun um ein paar Worte mit den Patienten zu sprechen – denken Sie an Ihre Kollegen draußen und schenken Sie ein Lächeln dazu.

Warum? Haben Sie sich je gefragt, was der Posten „freiwillige Sonderzahlung“ auf Ihrer Gehaltsabrechnung zu bedeuten hat? Vielleicht lachen Sie auch über diese Summen. Im letzten Monat wurde Ihnen ein freiwilliger Betrag von 18,26€ überwiesen. Dieser Betrag wird nach einem speziellen Schlüssel aus den Patientenbewertungen ermittelt und ist völlig unabhängig von Ihrem Gehalt für alle gleich. Die Patientenzufriedenheit ist also nicht nur jobsichernd, sondern auch ein monatliches Taschengeld.
Allerdings hat jeder von Ihnen noch einen weiteren Topf, den Sie nicht ausbezahlt bekommen. Dort wandern gesonderte, persönliche Prämien hinein, die Sie sich auf unterschiedlichste Art und Weise erarbeiten können. Dieser Topf wird Ihnen ausgezahlt, wenn Sie nicht mehr für die StaBe arbeiten. Das heißt, bei einem Klinikwechsel innerhalb des Verbunds bleibt der Topf unangetastet.

Doktor Rössel hat mir erlaubt, Ihnen anhand seines Topfes zu zeigen, dass sich Einsatz lohnen kann. Wenn er Ende Februar nach 12 Jahren am Elisabeth-Krankenhaus in Rente geht, hat er eine Summe von annähernd 20.000€ zu erwarten.
Wie kommt diese zustande?
Wir Ärzte haben vertraglich 62 Wochenstunden abzuleisten, was 22 Stunden über der Regelwochenarbeitszeit liegt. Für jede dieser 22 Stunden werden diesem Topf 0,85€ gutgeschrieben.
Wenn Sie jetzt denken, dass das lächerlich ist – es handelt sich hierbei um eine rein freiwillige, übervertragliche Leistung. Das monatliche Gehalt wird ja bereits für diese 62 Wochenstunden ausgerechnet. Kommen – und das ist nun mal der Regelfall – weitere Überstunden dazu, wandern weitere 0,92€ pro Stunde in den Topf – egal, ob diese Überstunden später wieder durch Freizeit oder Geld ausgeglichen werden. Allein im laufenden Jahr hat Doktor Rössel so 838,80€ dazu verdient. Quasi von alleine.

Nur durch die Stunden über 40 beziehungsweise 62 pro Woche kommt pro Jahr ungefähr ein Betrag von 1000€ zustande. Wenn der Kollege also im Februar aus dem Verband ausscheidet, bekommt er für die vergangenen 12 Jahre so an die 12.000€ ausbezahlt. Der restliche Betrag ergibt sich auch aus anderen, persönlichen Prämien.

Herr Ullstein und ich haben daraufhin mal die Vertragslängen in diesem Haus unter die Lupe genommen. Glauben Sie mir, das Ergebnis haben wir bei weitem nicht erwartet:

Am Elisabeth-Krankenhaus sind aktuell rund 600 Mitarbeiter fest beschäftigt. 9 Kollegen sind bereits seit über 20 Jahren hier. 26 Verträge bestehen seit über 15 Jahren, 52 Verträge dauern bereits zwischen 10 Und 15 Jahren an und auf eine Vertragsdauer zwischen 5 und 10 Jahren kommen aktuell 262 Mitarbeiter. Während StaBe-weit jeder 4,6. Vertrag für mehr als 5 Jahre gültig ist, ist es bei uns jeder 1,7. Vertrag, der ein langfristiges Beschäftigungsverhältnis zur Folge hat.

Seien Sie also nachsichtig mit uns, wenn wir nicht den erstbesten Bewerber einstellen. Wie es aussieht, wird man hier niemanden so schnell wieder los.“


Marc lachte als er den letzten Satz sagte und viele der Anwesenden taten es ihm gleich. Ein paar wenige applaudierten sogar. Doch noch war er nicht fertig und er sprach weiter:

„Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ans Herz legen, dass Sie zukünftig bitte wachsam Ihre Zuständigkeitsbereiche beobachten. Das Katharinen-Hospital wird von einem aggressiven Betreiber geführt. Ursprünglich ist die ProVida ein Immobilienriese, die vor Jahren zufällig mehrere Krankenhäuser in ihre Masse bekamen. Seitdem versuchen Sie sich im Gesundheitswesen und nach Erfahrungen aus anderen Regionen wollen die die umliegenden Häuser tatsächlich angreifen. “Hochmoderne Diagnostik“ ist dabei ein werbewirksames Schlagwort. Doch die Technik dafür kostet viel Geld und entsprechend muss alles von Anfang an funktionieren. Das ist unsere Chance. Wir verfügen definitiv nicht über die neueste Krankenhauseinrichtung, aber wir sind im Umgang mit unseren Geräten trainiert. Während sich drüben erst alles einspielen muss, sind wir bereits ein Team. Mit den Menschen aber auch mit unserer Technik.

Wie viele von Ihnen kommen täglich mit Bus und Bahn zur Arbeit? Nun – die gleichen Verkehrsmittel transportieren auch Patienten her – und nach nebenan. Wenn Sie also in Zukunft Fahrgäste hören, die sich über das KatHo unterhalten, regen Sie die Leute einfach etwas zum Nachdenken an.
Geben Sie genau das zu bedenken – dass dort alle erst lernen müssen, miteinander umzugehen. Menschen und Technik. Zugegeben, die beiden Ärzte der Radiologie dort sind Könner. Aber Können müssen sie erst wieder lernen – beide sind über 50 und seit rund 10 Jahren in der Charité gewesen.
Diskutieren sie nicht – verunsichern Sie einfach nur. Das Elisabeth-Krankenhaus besteht seit den 1930er Jahren, Professor Haase steht vor seinem 20jährigen Jubiläum, seit 15 Jahren befindet es sich im Verband der StaBe. 44% von Ihnen arbeiten seit mindestens fünf Jahren in diesem Haus.

Das spricht für sich und für uns. Machen Sie sich nicht verrückt, wenn Sie über den Nachbarn in der Zeitung lesen. Wo wir sind, da müssen die erstmal hinkommen.

Damit möchte ich diese Veranstaltung auch beenden. Wie ich sehe haben die Damen der Cafeteria schon den obligatorischen Sekt verteilt – auch solche Traditionen werden die da drüben erstmal einführen müssen.
Vielen Dank für Ihren Einsatz. Stoßen wir – stellvertretend für das Wohl des ganzen Teams – auf das Wohl von Professor Haase an.“


***
Marc hob sein Glas und die Kollegen ließen ihre Sektkelche aneinander klingen. Der Chirurg sah auf die Uhr – die Ansprachen von Professor Haase nahmen nie so viel Zeit in Anspruch. Aber er war nun mal nicht der Professor.

„Doktor Meier übt sich als Motivator?“ Doktor Hassmann grinste ihn an, doch es schien ihm, als wollte die Kollegin Anerkennung Kund tun.
„Das war gut, Marc.“ Gabi war direkter mit ihrem Lob und auch Sabine nickte anerkennend. „Der Professor weiß schon, warum er Sie haben will!“

Genau das war der Unterschied. Professor Haase wollte ihn als Chirurgen, als Oberarzt. Nicht in der Klinikleitung. Da wollte der Chefarzt niemanden! Genaugenommen wollte er auch nicht der kommissarische Medizinische Leiter dieses Krankenhauses sein. Ohne Cedric im Rücken hieße das ab jetzt noch mehr Akten zu bearbeiten. Er war Arzt. Genaugenommen Chirurg. Oberarzt. Und nichts anderes wollte er sein.

Genau. OPs und Frauen.
Immer für Professor Haase.
Einmal Chirurg – immer Chirurg. Genau wie Professor Haase.
Verantwortung. Scheitern kommt nicht in Frage!


Sein Tisch war der OP-Tisch, nicht der Schreibtisch. Doch genau der rief schon wieder nach ihm. Marc seufzte, stellte das fast volle Glas ab und verließ die Cafeteria.

(„Eins ist wahr: Scheitern kommt nicht in Frage!“)

Im Büro nahm er einen roten Stift zur Hand und markierte den aktuellen Tag mit einem weiteren Kreuz.

(„Verantwortung!“)

Und dann? Für zehn Kreuze gibt’s ein Fleißkärtchen?
Oder vielleicht ein Bienchen?
Ein Sa-Bienchen?


„Lasst mich in Ruhe!“

Karo Offline

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18.07.2017 19:38
#54 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.18 – Marc am EKH 6


*Marc und Professor Haase*

Später besuchte er den Professor auf der Intensivstation, natürlich wurde er schon ungeduldig erwartet „Doktor Meier, wie ist es gelaufen?“
„Es ist alles in Ordnung, Herr Professor.“
„Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“ Die Stimme des Chefarztes klang plötzlich sehr lebendig. „Sie werden das Kind schon schaukeln. Da bin ich mir sicher.“
„Ja, mir bleibt auch nicht wirklich etwas anderes übrig.“
„Es ist ja nur vorübergehend. Außerdem - betrachten Sie es als Übung.“
„Für was?“
„Wie für was? Für später?“ Der Professor war verwirrt. Wollte Doktor Meier denn nicht zeigen, was in ihm steckte?
„Schreibtisch? Nicht solange ich am OP-Tisch stehen kann!“ Über den Gesichtsausdruck des Chefarztes musste er fast lachen. „Ich weiß Ihr Vertrauen sehr zu schätzen. Als Sie mir die Chance als Oberarzt gegeben haben, da brannte ich darauf, allen zu zeigen, dass ich das kann. Ich wollte alle bestrafen, die wegen Ihrer Entscheidung gespottet haben.“ Marc schwieg einen Moment, dachte nach. „Dieses ehrgeizige Bestreben, allen zu zeigen, dass ich der Beste bin, das ist weg. Die momentane Situation ist eine Herausforderung anderer Art. Aber ich bin Mediziner, kein Schachspieler und schon gar kein Krieger.“
„Niemand von uns ist das, aber die Welt zwingt einen trotzdem in manch eine Schlacht zu ziehen. Jede Gesundheitsreform war eine von außen erzwungene Neuorientierung, mit noch weniger noch mehr zu erreichen. Wie man es vermittelt, bleibt einem selbst überlassen.“
„In der Vorbereitungszeit für die Versammlung hätte ich zwei Lebertransplantationen machen können.“
„Vermutlich sogar drei. Operieren können Sie ja blind.“ Der Professor grinste, doch schnell wurde er wieder Ernst. „Ehrlichgesagt... ich befürchte, dass die StaBe mir zukünftig einen Leitenden Kollegen zur Seite stellen wird.“
„Ja, ein Leitender Oberarzt ist im Gespräch.“
„Sie wissen, dass Sie mein Wunschkandidat dafür wären?“
„Herr Professor...“
„Doktor Meier, ich weiß dass Sie jung sind. Aber das war mir schon mal egal.“
„Ja. Wissen Sie, es ist nicht so, dass ich das nicht könnte. Im Gegenteil. Ich hatte eben das Gefühl, dass es gut war. Richtig gut...“ Er dachte an die Worte von Gabi – und das versteckte Lob von der Neurochirurgin. Das rote Kalenderkreuz.

„Sie wollen nicht?“ Der alte Mann war nun sehr erstaunt.
„Jetzt zumindest nicht. Ich bin gerade 33 Jahre alt. Was habe ich groß gemacht? Ich kenne nicht viel, habe wenig Erfahrung, zu wenig Erfahrung im Vergleich zu anderen, in deren Vita fünf Jahre als Oberarzt stehen. Das macht sich gut, aber nicht für ewig.“
„Ich habe oft gefragt, wie Sie Ihre Zukunft sehen. Oder wo – vor allem nach der Sache mit Washington.“

Marc dachte an diese peinliche Sequenz und schloss kurz die Augen.

„Durch Washington wurde mir klar, dass ich Sie nicht ewig hier halten kann – und darf. Mein fester Vorsatz war, Ihnen niemals Steine in den Weg zu legen. Allerdings rolle ich jeden Abend mindestens einen Hinkelstein in Ihren Weg. Ganz heimlich.“ Der Professor lachte. „Naja, das habe ich jetzt davon - momentan reicht es nicht einmal für einem Kieselstein.“
„Erstmal bin ich hier. Und Sie lassen die Finger selbst von einem Kieselstein, verstanden?“ Marcs Pieper ertönte. „Ich muss los. Bis später, Herr Professor.“
„Erzählen Sie mir später von Gretchen? Ich möchte wissen, wie es ihr in Afrika geht.“
„Hm. Abgemacht.“ Marc war bereits durch die Tür, doch er drehte sich nochmal zu dem Patienten um. „Sie kann dort den Ärmsten helfen und nichts ist Passender für Ihre Tochter.“

Selbst für einen Blinden wäre der Glanz in Doktor Meiers Augen zu erkennen gewesen.


*Marc und Thilo*

Marc verließ die Intensivstation und wählte die Nummer, von der er angepiept worden war.

(„Was will denn ausgerechnet der Empfang von mir?“)

Kurz darauf erhellte sich sein Gesicht, als die Empfangsdame ihm den Besucher ankündigte. „Danke Frau Bender, schicken Sie ihn auf Station 8, dort hole ich Herrn Langohr ab.“ Fast hatte Marc ein schlechtes Gewissen, weil er sich nicht wie verabredet gemeldet hatte. Aber hier war einiges über ihn hereingebrochen. Immerhin dachte er gelegentlich an seine Mutter. Doch Elke schien entweder auf Reisen zu sein oder Sie hatte wie immer keine Zeit oder kein Interesse an ihrem Sohn, immer wieder besprach er den Anrufbeantworter.

Marc eilte die Treppe herauf und bog um die Ecke. Auf der Station ging es hektisch zu, da die Versammlung einige Zeit in Anspruch genommen hatte. Von weitem sah er den Besucher etwas verloren im Alltagstrubel stehen. „Thilo!“
Der Gerufene drehte sich suchend um. Einen Moment war er irritiert, er erkannte erst nach einigen Augenblicken, dass der Mann in dem weißen Kittel Marc war. „Marc. Hier ist ganz schön was los...“
„Oh ja. Schön Dich zu sehen, Du siehst deutlich besser aus, als vor ein paar Tagen.“
„Ich bin vier Wochen krankgeschrieben und mir wird jetzt schon langweilig.“

Marc lachte und hielt die Tür zum Arztzimmer auf. „Verdammte Scheiße – SABINE!“ Der Schreibtisch stand voll mit gebrauchten Tassen und Gläsern. Marc deutete auf die Couch im hinteren „Mach´s Dir bequem – ich bin gleich bei Dir. – SABINE?!!!“

Thilo zuckte zusammen und drehte sich erstaunt zur Tür – war dieser scharfe Ton tatsächlich aus dem zurückhaltenden Mann gekommen?

„Doktor Meier, Sabine ist bei Frau Lindholz. Kann ich etwas für Sie tun?“ Die Pflegeschülerin kam anstelle der Gerufenen.
„Würden Sie bitte die Reste von Doktor Stier wegräumen? Und bringen Sie uns bitte Kaffee und kalte Getränke?“
„Natürlich Doktor Meier.“ Trällernd entfernte sich die Schülerin.
„Hmmmpf...“ Die ständige Summerei empfand er als sehr anstrengend, doch die Patienten mochten die Fröhlichkeit des Mädchens.

„Wenn ich unpassend komme, dann können wir uns auch ein anderes Mal treffen? Aber ich dachte, das hier würde Dich interessieren?“
„Ich denke Du bist krankgeschrieben?“ Marc nahm grinsend ein paar Blätter entgegen. „So schnell?“ Er riss die Augen auf, als er sah, was Thilo ihm da in die Hand gegeben hatte.
„Natürlich. Jetzt sind die Eindrücke noch frisch und ich habe alles noch sehr gut vor Augen! Ich wollte Dich fragen, ob Du das lesen und gegebenfalls auch noch Korrekturen anbringen kannst? Wir haben das für die Wochenendausgabe vorgesehen, deswegen bräuchte ich es morgen Abend zurück.“
„Klar, das wird meine Belohnung, wenn der Haufen da bearbeitet ist.“ Marc deutete zu einem Tisch, wo sich Patientenakten stapelten. „Sieht schlimmer aus als es ist, ich muss es nur lesen und unterschreiben. Bearbeitet sind die schon.“

(„Gott sei Dank scheint Cedric mit der Nachtarbeit gut klar zu kommen!“)

„Ich merke schon, Du liebst es...“ Thilo lachte und seine Sommersprossen versprühten Freude.

„Für sowas hätte ich mir zehn Jahre Studium und Weiterbildung sparen können.“ Marc schnitte eine Grimasse. „Nein, für Papierkram bin ich nicht zu haben. Mir reicht eigentlich schon mein eigenes Pensum, aber da der Professor ausfällt – also Gretchens Vater.“
„Also war der Rückruf notwendig?“
„In jedem Fall. Wenn ich sehe, was alles liegen geblieben ist, dann wäre es besser gewesen, ich wäre nie weg gewesen.“

Definitiv. Dann wärst Du jetzt nicht auf Kuschelkurs.
Blödsinn, das waren die drei besten Wochen Deines Lebens!


„Wobei ich froh bin, dass ich mit Gretchen mitgeflogen bin.“ Er sah die strahlend blauen Augen vor sich, roch den Duft ihrer langen blonden Locken. „Ich habe vorher nie länger als eine Woche Urlaub gemacht, vermutlich ist deswegen nie so viel aufgelaufen. HEREIN!“

Doktor Meier erhob sich von der Couch. „Danke Frau Freitag. Wenn Doktor Stier hier wieder alles stehen lässt, dann sollen die Raumpflegerinnen das morgens einfach mitnehmen.“
„Das können wir aber auch...“
„Es ist mir ehrlichgesagt egal, wer es macht, Hauptsache es ist weg und setzt keine Kulturstämme an.“
Die Schwesternschülerin sammelte das gebrauchte Geschirr ein und verschwand fröhlich vor sich hin singend.
„Hmmmpf...“ Marc stieß erneut einen Unmutslaut aus.

„Was möchtest Du trinken? Kaffee, Wasser, Apfelschorle?“ Marc grinste. „Ich würde Dir ja auch glatt ein Bier anbieten, aber...“ er zog seine Kühlschublade auf.
Thilo brach in schallendes Lachen aus. „Das ist ja mal super, sowas will ich auch in der Redaktion haben. Aber erstmal reicht mir ein Kaffee.“ Dann weckte eine Zeitungsseite sein Interesse. „Du liest die Konkurrenz?“
„Natürlich nur wegen der Konkurrenz.“ Marc nickte auf den Artikel. „Das Katharinen-Hospital ist hier quasi um die Ecke. Die ProVida ist ein aggressiver Betreiber, die sehr viel investieren aber auch entsprechende Einnahmen sehen wollen. Schätze, dass die uns in Zukunft das Leben ganz schön schwer machen werden.“
„Aber die waren doch vorher auch schon da?“
„Ja, aber wir standen nie in direkter Konkurrenz mit denen. Das war ein anderer Betreiber. Das Kinderkrankenhaus war ihr Hauptstandbein, andere Fachbereiche waren Schmerzzentrum, Pneumologie und Schlaflabor – diese Einrichtungen betreffen komplexe Krankheitsbilder, die alles in allem sehr zeitaufwendige Diagnoseverfahren bedeuten. Und da ist die Charité immer noch die erste Anlaufstelle.“
„Euch nimmt die nichts weg?“
„Sie sind mit ihren Standorten weit genug weg – 50% läuft hier über die Notaufnahme. Die anderen 50% teilen sich auf die hier angestellten Ärzte auf. Professor Haase ist ein Tumorspezialist, die Onkologie ist zusätzlich mit Doktor Steigele sehr gut aufgestellt. In der Neurologie können wir uns auch nicht über zu wenig Zulauf beschweren. Mehdi kennst Du ja, er wird bei Risikoschwangerschaften gerne hinzugezogen. Seine Vertretung arbeitet komplett anders – zehn Geburten mehr im Monat. Wie auch immer.“ Marc grinste. „Auf dem Papier haben wir ja auch noch Doktor Stier als Transplantationsexperten hier, aber er bevorzugt momentan den Papierkram.“ Er nickte zu dem Stapel Patientenakten. „Soll mir Recht sein.“
„Und Du?“
„Ich?“
„Auf Deinem Schild steht „Kommissarische Leitung“, also kannst Du nicht allzu schlecht sein?“
„Ich bin ein guter Sklaventreiber und kann dafür sorgen, dass alles läuft.“

Was von Dir noch übrig ist!
Nicht übrig – gewachsen.
Was denn? Die Schwingen der Liebe?
Auch sie bringen einen weiter...
Eher bringen sie uns um!


„Dann warst Du in Afrika ja eigentlich richtiger.“
„Sowieso.“ Marc dachte erneut wehmütig an seine Prinzessin. „Aber nicht wegen Afrika.“
„Gretchen sagte, dass Du Dich wohl in Arbeit stürzen würdest, um nicht an sie zu denken.“
„Theoretisch hat sie Recht – praktisch stürzt die Arbeit über mir zusammen. Aber ich bin froh, dass ich nicht so oft Zeit habe, sie zu vermissen. Allerdings wäre mir lieber, es wären OPs die mich ablenken würden.“
Marcs Telefon klingelte. Thilo beobachtete fasziniert, wie Marcs Mimik von „entspannt“ über „erwartungsvoll“ zu „angespannt“ wechselte. Der Arzt nahm auf dem Schreibtischstuhl Platz.
„Danke Herr Ullstein.“ Marc stöhnte. Sein Kopf wog plötzlich eine Tonne und er lehnte die Stirn auf die Schreibunterlage.

(„Das ist jetzt das Tüpfelchen auf dem „i“ der ganzen unnötigen Scheiße!“)

„Thilo, sei mir nicht böse, ich muss weiter machen. Morgen Abend sagst Du?“ Er nahm den Bericht über Sanssouci zu Hand. „Was hältst Du davon, Essen zu gehen?“ Er hatte plötzlich Appetit auf einen Burger. Oder Currywurst. Thilo schien seine Absicht zu erraten. „Denkst Du an etwas Bestimmtes?“
„Irgendwas ganz normales – Currywurst, Burger, Pommes... sowas halt.“
„Hm, dann sollten wir uns in der Fast Food Factory treffen. Kennst Du das? Ist relativ neu, ein halbes Jahr alt. Da gehen wir gerne mit den Kindern hin, weil da eigentlich jeder was findet. Selbst meine zwischen Gewürzgurken und Nutella-Salami-Brötchen geparkte Frau.“
„Hm... klingt nach einem kulinarischen Paradies.“ Die beiden Männer lachten. „Ist 21 Uhr für Dich okay? Ich glaube nicht, dass ich vor 20 Uhr hier weg komme.“
„Klar. Bis morgen, Marc.“

An der Treppe trennten sich ihre Wege und Marc eilte zwei Stockwerke hinauf, wo sich die Verwaltungsräume befanden. Der Mann, den er sprechen wollte, schloss gerade sein Büro ab.

(„Schön, dass manche Menschen hier tatsächlich reguläre Arbeitszeiten einhalten können!“)

„Herr Ullstein, haben Sie noch einen Moment?“

Aus dem Moment wurden dann eher Stunden. Stunden, in denen ein sozialverträglicher Gegenschlag auf den drohenden Angriff des Nachbarn beschlossen wurde. Bernd Ullstein brach die Kriegsstrategien schließlich ab. „Doktor Meier, ich werde heute noch versuchen, unseren Plan nach Konstanz zu berichten. Morgen Abend treffen Sie Ihren Bekannten, richtig? Ich gehe zwar von einer Zusage seitens der StaBe aus, aber ich möchte das in schriftlicher Form bestätigt haben, bevor wir aktiv werden. Einen schönen Abend, Doktor Meier.“

(„Einen schönen Abend...? Es ist gerade mal Nachmittag... Du gehst jetzt nach Hause und hast frei, ich gehe frühestens in sechs Stunden und nehme noch einiges an Arbeit mit...!“)

Da wäre ein Quickie in der Wäschekammer doch eine gute Abwechslung.


„Schnauze!“

Erstaunt drehte sich Bernd Ullstein nochmal um. Hatte er richtig gehört? „Doktor Meier?“

(„Scheiße!“)

„Äh, schon wieder mein Pieper... Notaufnahme!“



*Blaubeermuffins mit Ketchup*

Marc stand am Aufzug und sah auf die Uhr. Seit er im Café Sonne gefrühstückt hatte, waren über 9 Stunden vergangen. Ein knurrendes Geräusch nahm die Überlegung ab, erst nochmal nach dem Professor zu sehen, ihn gegebenfalls über den Plan zu informieren.

„Sind solche Geräusche ansteckend?“
„Bitte?“ Erschreckt drehte er sich um. Er hatte die Neurologin nicht kommen gehört.
„Naja, sowas ist man ja eigentlich von Doktor Haase gewöhnt.“
„Ist nur, damit Sie sie nicht zu sehr vermissen.“
„Ich oder Sie?“
„Sie haben die Zeit dazu, ich nicht. Ich habe nicht mal Zeit um zu essen.“
„Dann finden wir Sie also bald neben dem Professor?“
„Sie haben hellseherische Fähigkeiten, da wollte ich gerade hin.“
„Und ich habe sogar einen freundschaftlichen Rat für Sie: Heute gibt es in der Cafeteria Blaubeermuffins. Allerdings muss man schnell sein. Also kommen Sie...!“
Doktor Hassmann schlug ein forsches Tempo an. Aber sie sollte Recht behalten. Normalerweise war Marc nicht so schnell zu überzeugen, wenn es um Kuchen oder Süßspeisen ging, doch die angepriesenen Gebäckstücke schmeckten ihm ausgezeichnet. Zur Überraschung der Oberärztin verdrückte er zwei der dicken Teilchen.

„Doktor Haase wäre stolz auf Sie.“
„Und Sie würde sie verprügeln.“ Marc betrachtete angewidert, dass die Kollegin ihren Muffin in einen See aus Ketchup tunkte. „Sind Sie schwanger?“

Maria Hassmann sah entsetzt auf ihren Teller. „Oh Gott, ich dachte, das wäre Nutella!“
„Dann sollten Sie mal unsere Neurologin aufsuchen. Ihr Problem scheint tiefer zu liegen, wenn Sie den Unterschied nicht mal schmecken oder riechen können.“
„Sehr witzig!“
„Ich fand schon.“
„Sie haben schon immer eine hohe Meinung von sich gehabt.“
„Nicht nur ich...“ Er tippte grinsend auf sein Namensschild.

Dr. med. M. Meier
Komm. Leitung EKH

„Aber deswegen muss ich auch weiter. Bis später, Doktor Hassmann – Danke für den Tipp.“ Aus den Augenwinkeln hatte Marc drohendes Unheil auf sich zukommen sehen – Doktor Knechtelsdörfer steuerte auf ihren Tisch zu. Die letzten Worte des Chirurgen hatte er jedoch aufgeschnappt.
„Was für einen Tipp?“
„Er kannte die Blaubeermuffins nicht.“ Sie zeigte auf die leeren Teller, deren blaue Flecken die ehemalige Anwesenheit von mindestens einem Gebäckstück verrieten.
„Ich dachte, der zuerst hier ist, holt für den anderen einen mit? Jetzt kriege ich bestimmt keinen mehr.“
„Wenn Du noch länger hier stehst und jammerst könntest Du Recht haben.“
„Sehr witzig.“
„Nein, realistisch. Maurice, nun steh hier nicht rum. Hol Dir was oder setz Dich.“
„Warum meckerst Du immer mich so an? Hättest eben den Meier anzicken können.“
„Der hat sich sogar selbst angestellt.“
„Ich stelle mich auch gleich an.“
„Tust Du ja schon.“
„Ich kann auch wieder gehen.“
„Ist mir relativ egal. Meine Pause ist nämlich vorbei, Herr Doktor.“ Damit stand Doktor Maria Hassmann auf, packte ihr Tablett und wollte an dem Assistenzarzt vorbei. Der sah angewidert auf den Kuchenteller. „Maria, ist das Ketchup?“
„Nein, ich hatte Nasenbluten.“


*Marc und Professor Haase*

Gerade noch dem ungeliebten Assistenzarzt entkommen, hatte Marc eine Idee. Er stellte sich nochmal an der Essensausgabe an – natürlich vorne – gerade als die Servicekraft nach dem letzten Blaubeermuffin greifen wollte. „Stopp! Der ist für Professor Haase!“
„Aber...“
Marc drehte sich zu der Kollegin um, die mit dieser Tatsache wohl nicht einverstanden schien. Der Blick des Chirurgen reichte, um die Oberschwester zum Schweigen zu bringen. „Aber... selbstverständlich, Doktor Meier. Eine sehr gute Idee.“ Ihre Stimme klang zuckersüß, doch ihre Blicke sendeten Giftpfeile.
„Natürlich, Schwester Stephanie.“
„OBERschwester, Doktor Meier. OBERSCHWESTER!“
„Natürlich, ich werde es mir vielleicht für das nächste Mal merken.“ Grinsend trug er den begehrten Muffin aus der Cafeteria. Niemals! Er fand es einfach immer wieder zu komisch, wie die Pflegeleitung augenblicklich explodieren konnte.

***
„Herr Professor, ich habe Ihnen etwas mitgebracht.“ Marc betrat das Überwachungszimmer. Der Chefarzt schien nun wirklich auf dem Weg der Besserung zu sein, er saß aufrecht und war nicht mehr so blass wie in den letzten Tagen. Schon das Gespräch am Vormittag war gut gewesen.

„Da müssen Sie schneller sein, Doktor Meier.“ Bärbel Haase zeigte auf einen Teller, auf dem mur noch vereinzelte Krümel lagen.
„Oh, es war sogar der allerletzte Muffin, den ich der empörten Oberschwester entwendet habe. gerade noch schnell genug!“ Marc lachte. Bärbel Haase fing ebenfalls furchtbar an zu lachen.
„Dann war ich nicht so viel früher als Sie, Doktor Meier – die Anzahl war bereits sehr überschaubar.“
„Egal, gleich sind alle wieder vereint.“ Der Professor genoss ein weiteres Gebäckstück. „Aber dass Sie sich beide mit der Oberschwester anlegen... sehr schöne Vorstellung.“ Er prustete die Krümel über die Bettdecke. „Oh... das tut mir Leid. Habe ich Oberschwesterbehandlung im Vertrag stehen? Wie würde sie sich jetzt ärgern, dass ich den Muffin hier so unachtsam verteile.“

„Wieso denke ich jetzt an Gretchen?“

„Oh, die hätte sie gemocht. Haha, da würde sie glatt einen Einhundertmeterlauf gewinnen...“ Bärbel äußerte sich eher uncharmant über ihre Tochter. „Aber jetzt in Afrika, da muss sie wohl lernen zu hungern. Dann kommt sie wieder und ist ganz schlank. Vielleicht hat sie dann mehr Glück mit den Männern.“
„Bärbel!!!“ Franz war das unglaublich peinlich. Fast musste er lachen, als er das verdutzte Gesicht seines Lieblingschirurgen sah.
Marc stand da, wie vom Donner gerührt. „Bitte?“
„Meine Frau ist der Meinung, dass das mit dem Millionär gescheitert ist, weil Gretchen ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hat.“
„Von diesem Moment an liebe ich jedes dieser Kilos noch mehr.“ Marc hatte seine Sprache wiedergefunden.
Der Professor lachte. „Wollten Sie nicht eh von Afrika erzählen?“

(„Vorhin wolltest Du von Gretchen hören.“)

„Ja, wollte ich. Aber mit Verlaub, Herr Professor... es gibt Wichtigeres: Das KatHo wird uns spätestens ab Mitte Oktober größere Probleme bereiten. Die Einsatzleitung der Rettung bezieht dort eine neue Station.“
„Woher wissen Sie das?“
„Herr Ullstein hat das heute eher zufällig erfahren. Eine der Einlieferungen von gestern hat ihre Handtasche im RTW gelassen und nun war er auf der Suche, wo sich das Ding befindet. Dabei kam er mit dem Dienststellenleiter ins Gespräch, dass wir die Sachen demnächst zu Fuß abholen könnten.“
„Dann wird unser größtes und sicherstes Standbein angegriffen. Wenn die da quasi zu Hause sind...“
„Da muss man doch was machen können?“ Bärbel entrüstete sich. „Die können doch das KatHo nicht bevorteilen, bloß weil die dann quasi da zu Hause sind? Das muss doch fair verteilt werden?“

Der Chefarzt sah seine Frau an, als ob sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte. „Bärbel...“
„Frau Haase, es wird in der Regel immer das nächstgelegene Krankenhaus angefahren. Wenn Sie ihr geistiges Auge mal in den Straßenplan tauchen – liegen wir vor oder hinter dem Katharinen-Hospital?“
„Das kommt drauf an, aus welcher Richtung man kommt.“
„Also Bärbel... das kann doch nicht Dein Ernst sein!“ Manchmal hatte seine Frau mit Sicherheit weder Tassen noch Untertassen im Schrank!
„Genau, erst gestern kam ein RTW durch den Park in die Notaufnahme gehoppelt.“ Auch Doktor Meier konnte es kaum fassen.
„Sie – veräppeln Sie mich nicht. Ich bin nicht von gestern!“
„Nur leicht desorientiert.“ Der Professor schnitt eine Grimasse.
„Franz!“
„Ja was denn?“
„Du weißt, dass ich ungern Auto fahre. Ich komme ja auch immer mit dem Bus her.“
„Der hält auch zuerst am KatHo, dann bei uns.“
„Ach, Sie fahren auch Bus?“
„Ich?“
„So gut wie Sie sich wohl auskennen?“

(„Hilfe!“)

Marc sandte Stoßgebete zum Himmel.

(„Muss sie nicht zu irgendeinem Hausfrauentreffen?“)

Auch Franz schien genug von den Ideen seiner Frau zu haben. „Bärbel, warum lässt Du Doktor Meier und mich nicht ein bisschen in Ruhe überlegen, wie wir den Kopf aus der Schlinge kriegen könnten. Du bist immer hier bei mir, gönn Dir doch mal ein paar freie Stunden. Vielleicht magst Du mal wieder zum Frisör?“
„Franz Haase. Du meinst also, ich müsste mal wieder zum Frisör. Wieso komme ich da bloß nicht hin? Weil mein Komplimente machender Göttergatte seit Wochen niedergestreckt ist und ich wegen ihm nirgendwo mehr hinkomme. Das ist also Dein Dank! Mal sehen, was ich mache. Ob ich heute nochmal wieder komme, kann ich Dir nicht versprechen. Vermutlich wird der Frisör Stunden brauchen, damit man mir die letzten zwei Wochen nicht mehr ansieht. Außerdem fahre ich ja mit dem Bus und da ist das KatHo näher. Vielleicht steige ich auch einfach da aus. Guten Tag!“
Damit rauschte die rothaarige Frau aus dem Krankenzimmer und knallte die Tür heftig zu.
„Das hier ist immer noch ein Krankenhaus!“ brüllte der Professor hinter ihr her. „Mein Krankenhaus!“

Marc lachte und legte dem Chefarzt eine Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig, Herr Professor, Aufregen kommt nicht so gut fürs Herz.“

(„Das muss ich mir merken. Niemals einer Frau einen Frisörbesuch anbieten...!“)

„Haben Sie oder Herr Ullstein diese Info schon an die StaBe weitergeleitet? Das ändert doch alles – dann können wir nicht einfach ruhig abwarten und beobachten, was passiert.“
„Herr Ullstein wollte versuchen, noch jemanden in Konstanz zu erreichen. Wir haben vorhin nämlich einen anderen Plan ausgearbeitet.“ Damit zog er den Artikel von Thilo aus der Kitteltasche. „Ich hatte vorhin Besuch von diesem Journalisten, den wir auf dem Hinweg getroffen haben. Er hat uns in Sanssouci besucht. Zurück saßen wir auch im gleichen Flieger. Thilo Langohr ist leitender Redakteur und möchte über Sanssouci eine Serie schreiben. Er hat dort schon angefangen, mit vielen Beteiligten zu sprechen – unter anderem mit Gretchen und Mehdi.
Nun habe ich zu Hause eine Mappe liegen, die entstanden ist, als Ihre Frau mich zurückbeordert hat. Gretchen wollte ein Tauschgeschäft – mit Ihnen.

„Wenn Papa Dich braucht, dann steht Argument gegen Argument. Ich brauche Dich auch, anders zwar, aber ich brauche Dich.“

Seine Stimme klang mit einem Mal weich und liebevoll.

„Aber wenn Du wieder Tag und Nacht im Einsatz bist, hat er ja bestimmt etwas Zeit, sich um Spenden für die Krankenstation zu kümmern. Eine Wunschliste haben Roula und ich schon besprochen. Aber generell wollten wir uns mit Martin und Dir mal zusammensetzen, was man unter anderem auch für die Klassenzimmer noch benötigt.
Roula hat mir vorhin erzählt, dass Fritz plant, im Dezember herzukommen. Das wäre eine sehr günstige Konstellation. Und Papa kann bestimmt seine Beziehungen spielen lassen.“


„Das ist mein Gretchen!“ Der Professor strahlte. „Sie ist wunderbar, Ihren Gegenwert für die Krankenstation auszuhandeln.“

(„He, das sind meine Worte!“)

Marc erinnerte sich nur zu gut an das Gespräch in der Hängematte. Danach hatten sie eine wunderschöne Nacht verbracht.

(„Wobei – eigentlich war jede Nacht...“)

„Doktor Meier! Träumen ist nicht, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir gefällt.“ Der Professor lachte herzlich. „Aber dazu haben wir keine Zeit. Bringen Sie mir diese Liste und ich werde sehen, was ich tun kann. Aber wie soll uns das mit dem Problem der Notaufnahme helfen?“
„Gar nicht. Wir müssen anders in die Berliner Köpfe vordringen. Herr Ullstein nannte es „Soft Skills“, was so viel heißt wie soziale Kompetenz. Sehen Sie hier...“
In der nächsten Stunde erklärte Marc dem Professor die einzelnen Möglichkeiten und vor allem auch den wichtigen Zeitplan. Warten durften Sie nicht – die kommenden Monate waren mit die intensivsten des Jahres, vor allem wenn der Winter früh mit Schnee und Glätte kam.

„Der erste Bericht ist quasi schon fertig. Glücklicherweise hat Thilo Gretchen als Aufhänger genutzt, womit die Verbindung zum EKH schnell hergestellt werden kann. Ich treffe mich morgen mit ihm zum Abendessen, dann hoffe ich nur, dass er sich darauf einlässt. Die StaBe muss natürlich auch ihre Einwilligung geben, aber da rechnet Herr Ullstein nicht mit Problemen.“
„Das mit den Spenden ist gut. Vor Weihnachten tun die Menschen gerne Gutes. Und sie finden den Weg her, ohne uns mit Krankheit oder anderem Negativen in Verbindung zu bringen. Vielleicht erinnern die sich an uns, wenn sie mal ein Krankenhaus brauchen. Morgen früh bringen Sie mir ein Telefon, ich werde versuchen, persönlich mit Professor Stangl zu telefonieren!“
Der Chefarzt dachte einen Moment nach, dann zuckten seine grauen Augen wieder lebhaft. „Wissen Sie was? Im Keller haben wir doch noch Platz ohne Ende. Da lagern doch nur jede Menge Reste des Anbaus. Wenn man da entrümpelt ließe sich da bestimmt ohne Probleme eine Sammelstelle für die Spenden einrichten.“
„Sie meinen da wo diese kleine fiese Rampe runtergeht?“
„Ja genau. Gucken Sie da mal rein?“
„Das lässt sich einrichten. Wo wir gerade bei Gerümpel sind... was ist eigentlich mit dem Raum hinter dem Empfang? Lagert da nicht auch noch allerlei Unrat?“
„Hm. Irgendwie wurde das Vorhaben „Container“ nie umgesetzt.“
„Irgendwie? Also kann da alles raus?“
„Im Grunde, ja, wieso?“
„Hm. Man könnte auf einen festen Bezugsraum oder einen Inforaum hinweisen. Wo die einzelnen Stationen und Projekte aber auch Spendenwünsche sowie erfolgreich umgesetzte Aktionen beschrieben werden. Dazu Fotos, um dem Ganzen Leben einzuhauchen. Vielleicht kann Frau Schwan dort gelegentlich arbeiten und nicht in ihrer zugigen Garage.“

„Hm. Und was wünscht sich meine Tochter für Sanssouci? Nur, dass ich eine Vorstellung davon bekomme?“
„An erster Stelle ein tragbares Röntgengerät, regelmäßige Medikamentenlieferungen, ausreichend Milchpulver oder Moskitonetze. Aber an sich... brauchen die einfach alles: Reinigungstabletten für Wasser, Einrichtungsgegenstände für die Schule. Möbel aber auch Lernmaterial. Stifte, Hefte, Werkzeug und Handarbeitskram.“ Nach einer kleinen Pause endete Marc mit einer eigenen Vorstellung: „Mein persönlicher Wunsch wäre ein stabiles Telefonnetz.“

(„Ich muss unbedingt wieder ihre Stimme hören!“)

„Franz, ich bin wieder da!“

Er verzog das Gesicht.

(„Nein, nicht diese Stimme!“)

„Oh, Doktor Meier, Sie sind ja auch noch hier.“
„Ja. Ich bin aber auch schon weg. Schöne Frisur, Frau Haase!“ Marc grinste die Ehefrau des Professors frech an.
„Ich war doch gar nicht... Sie Charmeur!“

„Sagen Sie...“ Marc drehte sich in der Tür noch einmal um. „Wo finde ich denn einen Schlüssel für das Kellerverließ oder kann da jeder rein wie er will?“
„Was für ein Kellerverließ?“ Bärbel wurde hellhörig.
„Da wo die steile Rampe ist.“
„Das ist doch lebensgefährlich. Franz, da kannst Du doch niemanden runterschicken?“
„Theoretisch muss es ja auch einen Zugang durchs Haus geben. Ich werde mich mal umsehen. Allerdings wird das wohl bis morgen warten müssen. Oder übermorgen. Auf Wiedersehen Frau Haase, Herr Professor!“

Karo Offline

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18.07.2017 20:24
#55 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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September 4.19 – Bärbel auf der Pirsch


Bärbel war plötzlich sehr zerstreut und mit ihren Gedanken scheinbar ganz woanders.
„Ruh Dich doch wirklich mal aus. Der Vorschlag mit dem Frisör war nicht böse gemeint, ich wollte Dir eigentlich was Gutes. Du gehst doch gerne zum Frisör.“
„Mir tut das auch Leid, Franz. Natürlich weiß ich, dass Du nur nett sein wolltest, aber...“
„Nett ist die kleine Schwester von scheiße.“
„Genau das meine ich.“
„Was denn?“
„Solche Sprüche kommen doch nicht von Dir.“
„Siehst Du hier noch jemanden?“ Franz lachte übermütig.
„Du weißt genau dass ich Deinen verzogenen Lieblingschirurgen meine.“
„Zwei können nicht irren.“
„Meinst Du Deine Tochter und Dich? Ihr seid beide total verblendet, wenn es um ihn geht. Meinst Du, er wird aus Dankbarkeit zu Dir ewig hier bleiben? Und Gretchen? Was soll sie mit einem Mann der nur arbeitet und nie Zeit für sie hat?“
„Das ist die Sache unserer Tochter, Bärbel. Und ich für meinen Teil würde mir sehr wohl wünschen, dass er hier bleibt. Aber ich habe mir geschworen, ihm niemals Steine in den Weg zu legen, wenn er sein Glück woanders suchen will.“ Er sah den Blick seiner Frau. „Sein berufliches Glück! Wobei ich auch keine Macht hätte, wenn es um sein persönliches Glück geht. Allerdings mache ich mir da überhaupt keine Sorgen.“
„Pfff...“
„Bärbel. Die Beziehung zwischen Meier und Gretchen geht uns im Grunde genommen nichts an. Seine Karriere kann ich auch nicht mehr beeinflussen, er ist mittlerweile groß. Ich habe ihn gefragt, ob er Interesse an der Stelle des Leitenden Oberarztes hätte, den werden sie mir hier wohl aufdrücken. Ich bin mir sicher, dass er gerührt war, dass ich ihn gerne an dieser Position sehen würde. Aber ihm geht das zu schnell. Und eigentlich hat er Recht – fünf Jahre Berufserfahrung als Oberarzt am EKH. Das macht sich in seiner Vita gut aber im Grunde kennt er nur diesen Job. Kein anderes Krankenhaus. Für einen wie Doktor Meier ist das zu wenig. Das ist mir schmerzlich bewusst geworden, als er sich um das Fellowship für Washington beworben hat. Nein, Bärbel. Er will in die Welt hinaus. Dass es jetzt eher Gretchen nach Afrika verschlagen hat kommt mir da schon irgendwie absurd vor.“

„Und wenn sie wiederkommt und er ist weg? Dann haben wir wieder Land unter im Haus. Ich will Dich nicht an die tagelange Besucherritzenbelegung in unserem Ehebett erinnern.“
„Wenn Sie irgendwann wiederkommt und die beiden wollen zusammen sein, dann wird sie ihm folgen.“
„Dann treibst Du sie also aus dem Haus, wenn Du ihn gehen lässt?“ Bärbel hatte eine unglaubliche Fähigkeit, alles was Doktor Meier betraf rundum negativ zu sehen. Der Professor antwortete nicht mehr, ihm waren solche Unterhaltungen noch viel zu anstrengend. Demonstrativ fuhr er das Kopfteil des Bettes in eine etwas flachere Stellung. „Geh ruhig nach Hause, Bärbel. Ich bin echt müde und Du hast Dir auch Zeit für Dich verdient. Wie auch immer Du sie verbringen möchtest.“ Der Professor lachte seine Frau an. „Nicht, dass ich nicht dankbar bin, dass Du die ganze Zeit hier bist. Es tut gut, wenn jemand da ist, der einem nah ist, auch wenn man nicht viel mitbekommt. Aber allmählich wird es Zeit, dass Du wieder an Dich denkst – zwischendurch mal.“
„Zwischendurch mal – Franz Haase, Du wirst schon wieder übermütig.“
„Nein, das meine ich ernst. Ich bin froh über jede Minute, die Du bei mir bist. Wenn ich alleine hier herumliege, dann fällt mir nur immer wieder die gammelige Zimmerdecke auf.“
„Du machst Dir schon wieder viel zu viele Gedanken. Denk an was Schönes – an Gretchen zum Beispiel.“ Bärbel merkte, dass sie sich im Kreis drehten. Gretchen – Marc – Klinik – im Grunde ging es immer nur darum. „Warte. Ich habe eine Idee.“ Sie kehrte kurze Zeit später mit einem Buch aus der Bibliothek zurück. Geschichten aus Südafrika.
„Da wollen wir doch hin, Franz. Guck doch mal, ob Du irgendwelche Reisetipps findest.“
„Ich werde es versuchen.“ („In einem Buch über Apartheit.“)
Unmerklich zog er eine Grimasse. „Danke Bärbel.“
„Bis morgen Franz. Ich rufe Dich später nochmal an.“ Bevor Franz sich verabschieden konnte war sie schon aus dem Zimmer geeilt.

Siedend heiß war ihr das Gespräch mit Doktor Meier eingefallen – der Keller. Nachdem Gordon mit einer Rakete im Arsch verunglückt war hatten sie ihr Engagement woandershin ausgelagert, aber Bärbel war nicht sicher, ob tatsächlich alle Spuren beseitigt wurden. Wirklich zuverlässig war keiner von den beiden.
Leider sah man Gordon kaum noch, so blieb als erste Anlaufstelle nur dieser überforderte Assistenzarzt. In der Chirurgie erfuhr sie, dass Doktor Knechtelsdörfer erst zur abendlichen Dienstbesprechung erscheinen musste – Mist. Sie hatte die Wahl nach Hause zu fahren und sich auf das Glück zu verlassen, dass sie irgendwo die Telefonnummer des Sanitäters finden würde. Nein, das dauerte zu lange. Aber die Übergabe fand immer erst zwischen 19 Uhr und 19:30 Uhr statt. Am sichersten war es eh, direkt da unten nach dem Rechten zu sehen. Wer weiß, wann die beiden Hallodris Zeit finden würden. Vermutlich hatte Doktor Meier dann schon seine Inspektion gemacht. Alles blieb wie also wie immer an ihr hängen. Dafür hatte sie dann bei den beiden was gut – hoffte sie.

Drei Stunden später hatte Bärbel alle Gewächshausspuren restlos beseitigt. Im Saubermachen konnte ihr niemand etwas vormachen. Was sollte sie allerdings mit dem aufgebrochenen Schloss machen? Würde es überhaupt auffallen? Hatte überhaupt jemand Ahnung, ob das nicht schon immer defekt gewesen war?
„Ich hab’s!“ Sie sah auf die Uhr. Es war noch früh genug für eine kleine Einkaufstour, falls der eigene Dachboden nicht genug hergab.

Am Abend war sie außerordentlich zufrieden mit ihrem Tagwerk. Nach der nötigen Dusche machte sie es sich auf der gelben Cordcouch mit einem guten Rotwein gemütlich. Früher hatten Franz und sie gerne einen guten Wein geteilt aber er trank schon länger nicht mehr, aus Rücksicht auf seine Gesundheit. Vielleicht war das gerade der Fehler gewesen? Mit Wein war er belastbarer gewesen. Es hieß doch immer, dass ein Glas Wein gut für das Herz sei. Hatte sie nicht neulich erst gelesen, dass ein Glas Rotwein so effektiv sei wie eine Stunde Sport? Irgendwo musste doch diese Zeitung noch sein? Sie wollte das Glas abstellen doch es rutschte ihr aus der Hand. Bärbel sah sich den riesigen roten Fleck gelassen an – hatte sie nicht heute in dem Einrichtungshaus vor den modernen Couchgarnituren gestanden und mit einer Neuanschaffung geliebäugelt?
(„Manchmal muss sowas passieren. Ich hoffe Franz hängt nicht mehr so sehr an diesem ollen Ding!“)

„Franz!“ Erschrocken sah sie auf die Uhr und griff nach dem Telefon. Sie hatte doch versprochen, ihn nochmal anzurufen.

Karo Offline

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24.07.2017 01:26
#56 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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September 4.20 – Marc und Professor Haase 3


Marc kam zu seinem Verdruss nicht mehr vom Schreibtisch weg. Zuerst nahm er noch kleine Korrekturen am Einsatzplan vor, seine veränderte Version war im Großen und Ganzen problemlos von der Belegschaft akzeptiert worden.
Der Stapel auf dem Schreibtisch schrumpfte überraschend schnell – Cedric hatte ganze Arbeit geleistet und die Dokumente nicht nur ordentlich aufgearbeitet sondern auch schon die fehlenden Arztbriefe vorbereitet. Seine anfängliche Verwunderung über einige Verweise auf Dateien im PC wandelte sich schnell in Begeisterung. Lesen. Drucken. Unterschreiben. Fertig. Cedric hatte sogar schon passende Briefumschläge vorbereitet.
Marc wurde trotzdem erst kurz vor dem Schichtwechsel fertig. Woran wollte er morgen alles denken?
Den Artikel von Thilo würde er zu Hause lesen.
Ach ja, der Keller. Vielleicht konnte Sabine herausfinden, wo sie am günstigsten Container bestellen konnten? Aber das sollte er erst mit Herrn Ullstein besprechen, sicherlich war das nicht billig und vielleicht stimmte die StaBe ja auch den Plänen gar nicht zu.
Auf seiner Liste stand auch immer noch die Radiologie. Wie konnte man sich auf die drohende Konkurrenz vorbereiten? Was würde tatsächlich aus der Notaufnahme? Gott sei Dank hatte Doktor Hassmann keine Probleme damit, auch weiterhin dort auszuhelfen. Vermutlich befürchtete sie, dass sie sonst selbst am Schreibtisch landen könnte. Ihm fiel der seltsame Ketchup-Muffin wieder ein.

(„Wenn die schwanger ist, dann...“)

(„... wäre es hoffentlich nicht von Knechtelsdörfer!“)

(„Von wem sonst?“)


Er schüttelte sich. Den Gedanken wollte er nicht weiter verfolgen...

Marc fuhr den Computer herunter.
Nach der Stationsbesprechung würde er nur nochmal schnell nach dem Professor sehen. Heute war seine Haushaltshilfe dagewesen und hatte sich hoffentlich der Wäsche angenommen. Marc verzog das Gesicht. Damit wären dann auch die letzten Reste Urlaubsgefühl im Abwasser gelandet. Mit einem Mal freute er sich auf den kommenden Abend mit Thilo.

***
Doch erstmal hatte der Professor noch ein Hühnchen mit seinem Oberarzt zu rupfen. Er sprach ihn ohne Vorwarnung auf seine Mutter an, die völlig aus allen Wolken gefallen war, als sie erfuhr, dass ihr Sohn in Afrika weilte. Dass sie wirklich betroffen gewesen war, wollte der junge Mediziner nicht wirklich glauben.
„Herr Professor, meine Mutter hat sich noch nie für meine Pläne interessiert.“
„Deswegen darf sie trotzdem erfahren, wenn ihr Sohn spontan verschwindet. Sie muss es ja auch nicht absegnen. Dazu sind Sie zu alt! Aber der Fairness halber hätte sie es wissen sollen!“
Er nahm aber auch wahr, dass Marc unter seiner Afrika-Bräune blass geworden war.
„Sie sollen sich umgehend bei ihr melden!“ Als er sah, dass Marc etwas entgegnen wollte: „Doktor Meier – umgehend! Und ich möchte keine Ausflüchte hören!“

Als der Chirurg sich kurze Zeit später verabschiedete, fragte sich der Professor, ob er nicht zu streng gewesen sei? Im Grunde ging ihn das seltsame Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nichts an. Aber er stand da eindeutig auf Elternseite und Elke hatte ein Recht zu erfahren, wenn ihr Sohn sich für vier Wochen nach Afrika verzog. „Wir reden hier schließlich nicht über ein Wochenende an der Ostsee!“

Karo Offline

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24.07.2017 01:43
#57 RE: Story von Karo Zitat · antworten

MARC 5

Viele Grüße von der Ostsee!
Wir können es kaum erwarten. Nur noch wenige Tage und Du bist wieder bei uns. Opa hat die Fahrräder bereits startklar gemacht und auch Dein Bett ist schon bezogen. Wir werden pünktlich am Bahnhof sein.
Oma und Opa


Vor drei Tagen hatte er diese Postkarte bekommen. Bereits am letzten Schultag ging es zu den Großeltern nach Rügen. Immer wieder musste Marc die wenigen Zeilen lesen. Egal ob Schüler oder Lehrer, jeder liebte Ferien: Schulfrei.

Für Marc bedeuteten die Ferien mehr: Frieden.

Seit acht Jahren verbrachte er jede Ferien auf Rügen. Von der Schule aus ging es direkt zum Bahnhof und erst am allerletzten Ferientag kam er zurück nach Berlin. Schon immer fragte er sich, warum er nicht da bliebe. Seine Eltern vermissten ihn nicht und bei seinen Großeltern fühlte er sich wohl. Das weiße Reetdachhaus auf dem spitzen Grundstück war sein Zuhause geworden.

Doch in diesem Jahr war alles anders. Wie gewohnt hatten ihn die Eltern von der Schule abgeholt, doch anstatt zum Bahnhof zu fahren, nahmen sie die Autobahn 100 Richtung Süden.

„Wo fährst Du denn hin? Mein Zug fährt Bahnhof Zoo ab.“ Marc guckte verwirrt auf das Autobahnschild. Elke schwieg und der Vater erklärte:
„Deine Großeltern haben kurzfristig abgesagt. Einen Grund dafür nannten sie nicht. Vermutlich wissen Sie auch nicht, was sie mit Dir anfangen sollen.“
Elke protestierte. „Rene, der Vorschlag, dass Marc die Oberstufe auf Rügen macht, kam von Ihnen.“
„Bestimmt hat er sie mit irgendwas unter Druck gesetzt.“
„Aber, sie haben doch gerade noch geschrieben, dass sie sich freuen und schon alles vorbereitet ist.“ Er wedelte mit der Postkarte. „Papa, wohin fährst Du? Lass mich sofort raus, ich nehme einen anderen Zug.“
„Marc, halt die Schnauze. Es ist wie es ist. Was auch immer sie auf diese Karte geschrieben haben, sie wollen Dich nicht!“ Rene griff nach hinten und erwischte einen Zipfel der Postkarte. Sie zerriss mit einem hörbaren Geräusch.
„Jetzt ist die Karte kaputt!“
Marc befand sich in einem Schockzustand, am liebsten hätte er geheult. Doch das war das Schlimmste, was er tun konnte. Tränen führten unweigerlich zu Schlägen, das hatte er schon als kleiner Junge verstanden.

Da wo normalerweise sein Herz schlug befand sich im Augenblick nur ein in Schmerzen verschlungener Knoten: „Sie wollen Dich nicht!“ Die vergifteten Wortpfeile seines Vaters trafen immer. Seit den Weihnachtsferien freute er sich auf das Osterfest auf Rügen. Das Frühjahr an der See war besonders schön und es gab immer viel zu tun. Sein Opa war stets froh über seine Hilfe, die Spuren des Winters zu beseitigen. Mit dem gebrochenen Arm wäre er dieses Jahr keine Hilfe gewesen, aber das wussten sie ja nicht.
„Sie haben sich noch nie über Marc beschwert. Ich wüsste nicht, woher der plötzliche Sinneswandel kommt.“ Wieder ergriff Elke Partei für ihren Sohn.
„Willst Du das Gegenteil behaupten? Du bist genauso dumm wie Dein Sohn.“

(„Klar, jetzt bin ich wieder nur ihr Sohn.“)

„Ich sollte euch beide abgeben.“
„Wie abgeben?“ Mittlerweile fuhren sie auf der A 113 am Flughafen Schönefeld vorbei.
„Marc, René hat für Dich einen Platz in einem Jugendcamp ergattern können. Dann musst Du Dich nicht die ganze Zeit in Berlin langweilen.“
„Ich will nur nicht, dass er auf dumme Gedanken kommt. Markus Wilhelm trägt seinen Arm immer noch in einer Schlinge.“

(„Ich auch!“)

Marc grinste heimlich. Dieser Idiot war es selbst schuld gewesen, dass er ihm den Arm ausgekugelt hatte. Nicht er hatte den anderen Jungen angegriffen, sondern der drei Jahre ältere Nachbarsjunge war der Aggressor gewesen. Marc war deutlich kleiner und zarter als die anderen Kinder in seiner Stufe und sie vergriffen sich gerne an ihm. Selten hatte er ihnen etwas entgegenzusetzen. Dass er sich ausgerechnet gegen diesen Leithammel Markus behauptet hatte, machte ihn insgeheim stolz.
Zuhause war es egal gewesen. Normalerweise wurde er bestraft, wenn er mit zerrissener Kleidung oder anderen kaputten Dingen von der Schule kam. Er sollte gefälligst auf seine Sachen aufpassen. Erst letzte Woche hatte der Vater ihn heftig geschlagen, weil sie ihm sein Handy abgenommen und wahllos Telefonnummern in Asien und Amerika angerufen hatten. Die Rechnung belief sich auf über 250 Euro. Die Jungs waren sich einig – Marc hatte ihnen erlaubt, das Telefon zu nutzen.

Dann hatte er sich gegen den pausbäckigen Teenager durchgesetzt und auch da bekam er Prügel – er solle sich was schämen, andere Menschen zu schlagen und zu verletzen.
„Und für Dich gilt das nicht? Mama und ich werden ständig von Dir geschlagen und verletzt!“ Marc hatte sich getraut, seinem Vater zu wiedersprechen, was ihm einen gebrochenen Arm und eine gehörige Anzahl Prellungen und Hämatome eingebracht hatte.

Elke war mit ihm im Krankenhaus gewesen und er musste sich seit dem als Waschlappen beschimpfen lassen. Er hatte die Tage rückwärts gezählt. Heute Morgen war er fröhlich aufgestanden. Endlich Ferien, endlich Frieden.

„Friedland 30 km. In einer halben Stunde sollten wir da sein.“ Elke drehte sich zu ihrem Sohn um. Der lehnte still an der linken Tür, er sah durchs Fenster hinaus aber er nahm nichts wahr. Marc hatte sich in sich zurückgezogen, er starrte einfach nur leer geradeaus.

„Marc! Deine Mutter redet mit Dir!“ Der Vater warf die Wasserflasche nach ihm.
„René, was soll denn das?“
„Nimm ihn nur in Schutz. Dann tanzt er Dir nur noch mehr auf der Nase herum.“
Marc hörte nicht, was der Vater sagte. Die Flasche hatte ihn hart an der Schulter des gebrochenen Arms getroffen. Die plötzliche, abwehrende Bewegung fuhr ebenfalls durch seinen verletzten Arm. Er kniff die Augen zusammen.
„Jetzt guck Dir dieses Weichei an. Die Flasche war nicht mal voll und er ist wieder kurz vorm heulen. Wie soll aus dem jemals was Gescheites werden?“

(„Ich schwöre, dass ich schneller einen Doktortitel habe als Du. Egal, welchen!“)

René hatte es nach 17 Semestern endlich geschafft, sein Studium der Zahnmedizin mit dem Staatsexamen zu beenden. Nun arbeitete er seit 16 Monaten an seiner Dissertation.

***
Eher zufällig hatten Elke und Marc mitbekommen, dass der Arzt, der ihn im Krankenhaus behandelt hatte, an dem Tag Geburtstag hatte. „Und da nehmen Sie sich nicht frei?“ hatte Elke ihn gefragt. „Ich habe gerade erst diese Stelle als Oberarzt angetreten, da ist dieser Tag mal unwichtig.“
„Dann hoffe ich, dass es kein runder ist?“
„Nein.“ Er hatte der attraktiven Frau sein sympathischstes Lachen geschenkt. „Die 35 kommt erst im nächsten Jahr.“

Mit 34 Oberarzt zu werden schien Marc unglaublich schnell. Der Vater war erst mit 32 mit dem Studium fertig geworden – Ende 32!

(„Vielleicht studiere ich Medizin. Das geht also in jedem Fall schneller!“)

***
Momentan war der Vater sehr gereizt, denn er fand den richtigen Weg nicht. Er brüllte Elke an: „Jetzt haben wir uns wieder verfahren. Du bist zu blöd, eine Karte zu lesen. Was steht da auf dem Schild? Ich fahre jetzt einfach mal hier links. Grobe Richtung Eisenhüttenstadt stimmt ja irgendwie.“
„Nein, die Wegbeschreibung sagt, dass wir nach rechts auf die L441 zum Schwielochsee abbiegen sollten. Speichrow war auch schon ausgeschildert.“
„Pfff... was Du nicht alles siehst...!“ Stur fuhr er weiter in die seiner Meinung nach nicht falsche Richtung. In Groß Muckrow schickte man ihn Richtung Schadow. Von dort aus war der gesuchte Ort schnell gefunden.

Kinder und Jugendheim Schwielochsee

Marc hatte keine Zeit, über das Ziel nachzudenken. Kaum stand das Auto still, da kam auch schon eine junge, weiß gekleidete Frau auf sie zu. „Guten Tag, ich nehme an, Sie sind Familie Meier? Ich hoffe, Sie haben uns gut gefunden. Ich bin Doktor Reese.“
„Wenn meine Frau eine Straßenkarte lesen könnte, dann wären wir wie verabredet da gewesen. Ich kann mich nur für diese Unfähigkeit entschuldigen.“
Elke kniff die Lippen zusammen und in Marc stieg Wut hoch. Die Ärztin gab allen die Hand. „Du bist Marc – herzlich willkommen.“
Marc schwieg. Er war nicht sicher, wie er diese Situation einschätzen sollte. „Du kannst wenigstens Guten Tag sagen.“ Die Faust des Vaters knallte an seine Schulter. „Obwohl man ja bei Dir nicht mit Manieren und Höflichkeit rechnen braucht.“
„Lassen Sie mal, Herr Meier.“ Sie schob den zwölfjährigen Jungen in Richtung Eingang.
„Marc, nimm Deine Tasche gefälligst selbst oder glaubst Du, ich würde Dir Deine Sachen hinterhertragen?“
„Dafür haben wir später noch Zeit, Herr Meier. Kommen Sie erstmal rein.“
„Ich wollte hier nicht festwachsen, Frau Reese.“
„Doktor Reese, hast Du doch gehört!“

(„Sie ist bestimmt jünger als er!“)

„Mein Vater schreibt seit zwei Jahren an seiner Dissertation.“
„Marc, fang nicht direkt an zu nerven.“ René setzte sein charmantestes Lächeln auf – das, mit dem er bisher jede Frau entwaffnet hatte. „Ich hoffe wirklich, dass Sie dem Jungen helfen können, Doktor Reese.“

(„Helfen?“)

Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die Tafel an der Eingangstür.

Stationäre Behandlung für erziehungsschwierige Kinder und Jugendliche.

„Das ist nicht Dein ernst!“ Marc stand ungläubig und starrte das Schild an.
„Mir war nie etwas ernster. Und es ist schade, dass ich da jetzt erst drauf komme!“
„Mama...?“
„Halt Deine Mutter daraus. Die hält eh zu Dir, auch wenn Du ihr immer wieder auf der Nase herum tanzt.“
„Deswegen möchte ich ja mit Ihnen sprechen.“ Sie sah den Mann unbeeindruckt an. „Ich muss schon genauer wissen, wo der Schuh drückt.“
„Das habe ich doch bereits am Telefon gesagt. Wir wissen einfach nicht weiter mit ihm. Ich hoffe wirklich, Sie können ihn von seinem Dämon befreien.“
„Deswegen bleibt er ja erst mal hier.“ Die Ärztin konnte nicht anders und zwinkerte Marc aufmunternd zu. In der nächsten Viertelstunde erfuhr Doktor Reese, wie schlimm Marc wirklich war. Laut der Auskunft, die der Vater gab – die Mutter saß nur still dabei und zuckte gelegentlich kaum merkbar zusammen – war Marc aufmüpfig, frech und faul. Ständig ließ er seine Launen an der Mutter aus und dass er mit seiner eigenen Doktorarbeit nicht vorwärts käme, lag nur daran, dass der schreckliche Junge ihn niemals in Ruhe lernen ließ. Sogar einen großen Teil der bereits fertigen Arbeit hätte er gelöscht und nun bräuchte er einfach Ruhe, um dieses elementare Kernstück neu zu schreiben. Außerdem wäre ihm Angst und Bange, dass Marc nun in den Ferien aus reiner Langeweile und Boshaftigkeit weiterhin die Kinder in der Nachbarschaft verprügeln würde.“

Der, um den es ging, saß nur stumm dabei und war geistig gar nicht anwesend. Marc hatte eine Fähigkeit entwickelt, sich komplett in sich zurück zu ziehen. Unerreichbar in dem Moment für die verletzenden Anschuldigungen des Vaters.

„Marc, was sagst Du denn dazu?“ Der Ärztin war es gelungen, den Redefluss des Mannes zu unterbrechen.

„Sehen Sie, er hört ja nicht einmal zu. Das ist immer so...“

„Herr Meier! Wenn Sie ununterbrochen Ihre Weisheiten Kundtun, dann ja auch niemand etwas sagen!“
„Frau Doktor Reese, was können wir denn jetzt noch tun? Es wäre besser, wenn wir bald aufbrechen könnten.“ Elke versuchte die Situation abzumildern. Wenn diese Frau ihren Mann jetzt reizen würde, dann müsste sie das alleine ausbaden. Immerhin war Marc dann sicher aus der Schussfläche.
Sie legte dem Jugendlichen sanft die Hand auf die Schulter und Marc tauchte aus seiner inneren Zuflucht auf. Fragend sah er seine Mutter an, hatte er jetzt was verpasst?
„Marc, wir möchten langsam aufbrechen.“ Am liebsten wäre sie mit ihm hier geblieben.
„Sicher.“ Er gab sich cool.
„Ein paar Formalitäten wären da schon noch zu erledigen.“ Die Ärztin war mit diesem Gespräch alles andere als zufrieden, aber da eh nur der Vater sprach, die Mutter dazu schwieg und der Sohn gar nicht zuhörte – verständlicherweise.
„Warum sagen Sie das nicht gleich? Wir hätten uns dieses Geschwafel dann sparen können.“ René wurde ungeduldig. „Marc, sieh zu, dass Du Deine Tasche aus dem Auto bekommst. Und mach den Schlüssel nicht kaputt.“
Der Junge stand schweigend auf.

(„Und mach den Schlüssel nicht kaputt!“)

In Gedanken äffte er den Vater nach.

(„Wie viele Schlüssel habe ich schon kaputt gemacht?“)

Er ging an dem dunkelgrünen Auto entlang.

Mit einem Schlüssel kann man schon einiges anstellen...
Lass es besser!


Er dachte an den Fahrradreifen von Peter, in den sein Hausschlüssel ein dickes Loch gebohrt hatte. Die Jackentasche von Ullrich, wo er ebenfalls ein Loch hinein gestoßen hatte. Die Hand von Max, die er mit dem Schlüssel in der eigenen Hand abgewehrt hatte. Das waren tiefe Kratzspuren gewesen.

Denk an Deine Mutter.
Warum? Für ihr Schweigen verdient sie genauso Prügel wie Du!


Es quietschte entsetzlich, als er mit dem Autoschlüssel den grünen Lack zerstörte. Auf der linken Seite zum Kofferraum und auf der rechten Seite wieder zum Haus. Das erhabene Gefühl blieb nur kurz.

Ich habe Dich gewarnt.
Sie wird es überleben!


(„Scheiße... Mama!“)

Die Wut würde Elke alleine zu spüren bekommen.

***
„Kannst Du nicht hier bleiben?“ Er flüsterte die Frage seiner Mutter zu. „Bitte, Mama. Lass ihn alleine fahren.“
„Was willst Du? Du bist so ein Jammerlappen. Als wollte irgendjemand Deine Mutter haben.“
„Ich hätte sie gerne hier.“ Marc sagte es ganz leise. Bedrückt.
Elke nahm ihren Jungen fest in den Arm. „Du weißt, dass das nicht geht. Aber ich besuche Dich, wenn es in Ordnung ist.“ Ein fragender Blick zu der Ärztin. Doch diese schüttelte den Kopf.
„Nein. Vorerst und für mindestens vier Wochen ist jeder Kontakt untersagt.“
„Vier Wochen?“ Marc riss entsetzt die Augen auf. „Aber ich habe doch nur zwei Wochen Ferien!“
„Du wirst hier zur Schule gehen?“ Nun war die Ärztin irritiert. „Wenn wir hier Kinder aufnehmen bleiben sie in der Regel sechs Monate hier. Oft sogar länger. Das hängt vom Entwicklungszustand ab.“
„Gesundheitszustand.“ Elke hielt ihren Sohn immer noch fest im Arm.
„Mama...?“

(„Die wollen mich wirklich los werden!“)

„Jetzt lass ihn endlich los. Marc, hast Du tatsächlich geglaubt, wir bringen Dich in ein Feriencamp?“
„Aber Mama hat doch gesagt...!“
„Deine Mutter hält es nicht so mit der Wahrheit, das müsstest Du eigentlich wissen. Alkoholiker eben.“ Er zerrte Elke von ihrem Sohn weg aus dem Büro. Dabei fiel sein Blick auf das Türschild. Hämisch grinsend drehte er sich zu der Ärztin um. „Sie heißen nicht wirklich Theresa Reese? Haha, das klingt wie eine Comicfigur. Elke, da kannst Du bestimmt eine Deiner dummen Kolumnen drüber schreiben. Theresa Reese. Resi Reese. Da macht auch der Doktortitel nichts besser.“

„Immerhin habe ich einen, Herr Meier!“

***
Elke war leichenblass. Ihr war das ganze Auftreten ihres Mannes einfach nur peinlich. Gerne würde sie jetzt einen Schluck trinken.
„Musst Du nochmal aufs Klo bei Deiner Lullublase? Ich halte unterwegs nicht an.“
Sie musste – jetzt! Unbedingt! Etwas! Trinken! Gott sei Dank hatte sie immer eine kleine Flasche Seelentröster in ihrer Handtasche.

Und auch Marc musste – Schmerz, Wut und Enttäuschung aushalten. Irgendwie. Sie wollten ihn nicht. Sie würden keine Tränen sehen. Niemand würde jemals wieder sehen, wie es in ihm drin aussah. Nichts würde er Preis geben. Nie wieder.

Karo Offline

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30.07.2017 15:15
#58 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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September 4.21 – Marc und Elke 1


Marcs Tag war anstrengend gewesen. Noch keine Woche im Dienst, hatte der Oberarzt bereits wieder Minimum-14-Stunden-Schichten übernommen. Meistens fand er sich schon vor 8 Uhr im Krankenhaus ein, abends verließ er den Ort selten vor 22 Uhr.

Selbst Bernd Ullstein machte Marc mehrfach darauf aufmerksam, dass er seine im Urlaub gesammelte Kraft nicht sofort wieder verschenken und es ruhig angehen lassen sollte, doch der junge Chirurg wollte davon nichts wissen. Das Krankenhaus ermöglichte ihm seiner Wohnung fern zu bleiben. Er fürchtete wenig so sehr wie das Gefühl von Einsamkeit. Dann begann es in ihm zu rumoren. Wie zwei übermächtige Gehirnvergewaltiger kämpften zwei Meinungen und zermürbten ihn bis zur Erschöpfung.
Er hatte die letzten Nächte auf der Couch im Büro geschlafen. Diese Lösung war nicht die komfortabelste aber immer noch die entspanntere Variante. Heute hatte er sich wieder dazu entschlossen, nach Hause zu fahren.

(„Nach Hause... zu Hause. Wo ist das?“)

(„Natürlich in Afrika!“)

Fängst Du schon wieder an zu heulen? In der Küche findest Du bestimmt ein Messer, mit dem Du Dir die Eier nun endlich abschneiden kannst.

(„Küche ist gut, im Kühlschrank ist bestimmt noch ein Bier!“)

Was wird das jetzt? Ignorierst Du mich?
Klar, richtig so!


Auf der Arbeitsplatte lag das Telefon. Am Morgen hatte er erfolglos versucht, Gretchen anzurufen. Ob er es nochmal versuchen sollte? Seine Hand ergriff das Gerät und im gleichen Moment klingelte dasselbe. Marc zuckte zusammen.

(„Gretchen?“)

Hektisch drückte er die grüne Taste. „Gretchen?“

Marc-Olivier! Kennst Du meine Nummer nicht mehr?“

(„Mutter???“)

„Oh, entschuldige.“
„Welchen von Deinen Fehltritten meinst Du?“
„Äh, was meinst Du?“
„Marc-Olivier...“
„MUTTER!“
„...Du verschwindest klammheimlich zu den Wilden, noch dazu mit diesem naiven Professorentöchterchen, vergisst meinen Geburtstag, meldest Dich auch hinterher nicht...“
„Äh, ich habe Dir bereits mehrfach Nachrichten hinterlassen, gesagt, dass es mir Leid tut, Dir nichts gesagt zu haben und dass ich es gerne nachholen würde.“

(„Was nicht mal gelogen ist!“)

„Nebenbei arbeite ich schon wieder ziemlich viel.“
„Mir kommen die Tränen.“
„Ich denke es mir. Was kann ich für Dich tun?“
„Dich für Deine Versäumnisse entschuldigen.“
„Das war meine Absicht. Deswegen telefoniere ich seit Tagen hinter Dir her – ich möchte Dich treffen. Dann kann ich Dir alles in Ruhe erzählen.“

(„Die Frage ist eher, ob es Dich so interessiert, dass Du mir zuhörst?“)

„Du kannst mich nächsten Freitagabend ins Café Goja begleiten.“
„Äh, ich arbeite?“
„Dann musst Du das eben regeln. Du bist doch schon immer gegangen wie es Dir passte.“
„Mutter, ich sitze nicht den ganzen Tag am Schreibtisch und staple Akten von links nach rechts. Ich kann nicht gehen, wie es mir gefällt.“

(„So Meier, das war jetzt gelogen. Außer Akten bearbeitest Du gerade wenig...!“)

Vor allem zu wenig Frauen!

„Marc-Olivier!“
Der Angesprochene verzog das Gesicht und fluchte. „Musst Du...“
„Sieh zu, wie Du das hinkriegst. Ich erwarte Dich um 18 Uhr dort. Am besten sogar etwas früher!“
„Hast Du verstanden, was ich gesagt habe? Ich kann Dir das nicht versprechen.“
„Es war Dein Wunsch, mich zu treffen. Nun biete ich Dir die Gelegenheit und Du bist beleidigt? Ich sollte beleidigt sein. Schließlich stand ich wie ein Idiot vor versammelter Krankenhausbande! Du wirst das am Freitag hinkriegen, Marc! Sonst...!“

Marc atmete scharf ein. „Sonst...?“
„Du wolltest mich sehen!“

(„Aber nicht so...“)

„Ich werde sehen, was ich tun kann.“
„Marc-O...!“
„Ja, ist gut!“
„Na bitte! Geht doch!“
Marc antwortete nur mit einem Grunzen.

„Und lass Deine schlechte Laune zu Hause, ich möchte mich nicht für Dich schämen.“
„Dann nimm mich doch einfach nicht mit!“
„Bis nächste Woche!“
„Hm.“

(„Du mich auch!“)

(„Es interessiert sie einfach nicht! – Ich interessiere sie einfach nicht! Es geht nur um sie...“)


Diese Erkenntnis war ihm im Grunde nicht neu, doch seine Magengegend zog sich krampfhaft zusammen.

(„Nein, Gretchen! Nicht alle Mütter interessiert, was die Kinder machen!“)

Meier! Meier! Mit Dir ist nichts mehr anzufangen. Heulst Du schon wieder rum? Da hattest Du als Vierjähriger mehr Mumm in den Knochen. Nie wolltest Du ein Heulibold sein! Hat es Dich je gejuckt, ob und wer sich für Dich interessierte? Hauptsache, es war eine Dame interessiert, mit Dir in die Kiste zu springen. Das würde Dir gut tun! Einfach wieder mal eine unverbindliche Nummer schieben, nur um sicher zu sein, dass die Eier noch dran sind. Was meinst Du, habe ich nicht Recht? Hopp, Jacke, Schlüssel, Geld und los! Und räum die Bilder von Blondchen weg. Das kommt nicht gut, wenn Du kommen möchtest!


Marc stand mit hängendem Kopf in der Küche und rieb sich die Stirn. Konnten ihn diese Stimmen nicht mal in Ruhe lassen?

(„Blondchen – Ihr Name ist Gretchen. Margarete!“)

Der junge Mann wanderte ins Wohnzimmer und blieb vor dem Sideboard stehen. Sofort nahmen ihn zwei leuchtend blaue Augen gefangen, zogen ihn in den Bann einer wunderschönen, gutherzigen Frau. Marc nahm das Bild in die Hand und sah seiner Freundin lange in die Augen.

(„Ich vermisse Dich, Prinzessin!“)

Wie oft hatte er ihren Abschiedsbrief schon gelesen. Oder die Zeichnung des Baobabs angestarrt. In den ersten Tagen hatte er gehofft, dass noch ein Kleidungsstück von ihr liegengeblieben wäre, das vielleicht sogar noch nach ihr riechen würde. Mittlerweile hatte auch der Brief den Geruch nach ihr fast vollständig verloren. Seine feinen Chirurgenhände nahmen das Blatt Papier zur Hand und ließ sich seufzend auf die Couch fallen. Ehrfürchtig faltete er die Seite auseinander. Gretchens leicht schnörkeliges Schriftbild wirkte beruhigend auf sein gestresstes Nervenkostüm. Eine Hand spielte zart mit dem Holzanhänger als er zum x-ten Male die geliebten Zeilen las:

Karo Offline

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30.07.2017 15:21
#59 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 4.22 - Brief an Marc


Lieber Marc – mein liebster Marc,

nun schreibe ich Dir wohl den endgültigen Abschiedsbrief. Man sagt ja, dass Übung den Meister macht, aber ob er besser ist als der erste? Da wollte ich weg aus dem sinnlosen Alltag in Berlin. Mein Abschiedsgeschenk fiel unerwartet großzügig aus. Du. Und drei Wochen mit Dir.

Ich weiß, dass es Zeit wird, dass Du nach Hause gehst, aber wenn Du nicht hier bist, dann fehlt das Wichtigste in meinem Leben. Ich bin gerne Ärztin, das weißt Du. Besonders gerne bin ich es hier, wo unser Job so sinnvoll ist. Es macht so glücklich, hier gegen die Umstände erfolgreich zu sein. Woanders habe ich selten so große Befriedigung erlebt.

Nicht nur beruflich, Marc. Es mag kitschig angehaucht sein, aber Du hast mich wachgeküsst. Du weißt das selber. Ich glaube, wenn ich geahnt hätte, wie wenig ich weiß, nicht nur über Sex, sondern auch über mich – meinen Körper – ich wäre nie mit Dir ins Bett gegangen. Das Wissen um mein Nichtwissen ist mir auch jetzt nach den drei Wochen (oder sollte ich Sex-Wochen schreiben?) mit Dir sehr unangenehm. Ich spüre förmlich die Röte in meinem Gesicht, ich habe das Gefühl, meine Wangen brennen. Egal. Erstens sieht mich gerade niemand und zweitens Du weißt es eh. Du kennst mich ebenso gut wie ich Dich. Vermutlich kenne ich Dich besser als mich selbst.
Marc, auch wenn es nicht mein Thema ist – oder sollte ich sagen war? – ich bin froh, dass Du derjenige bist, der mir so viel gezeigt hat. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass Du einfach ein guter Lehrer bist. Nicht nur im Bett.
(Ich glaube ich durchlebe gerade ein medizinisches Experiment – als Testperson im Selbstversuch, ob man eigentlich vor Scham platzen kann?)

Ja, Du bist ein guter Lehrer, schon im Krankenhaus. Vielleicht nicht pädagogisch, aber sinnvoll. Ich habe das bereits einmal gesagt und ich wiederhole es gerne:
Ich bin stolz, dass Du mein Oberarzt warst.

Aber auch mit den Jungs hier hast Du einen tollen Job gemacht. Einfach so. Und Du warst glücklich, wenn sie wieder was kapiert oder umgesetzt hatten. Und ich glaube, wenn wir in ein paar Jahren hierhin zurückkommen würden, hätte Ephraim mindestens einen Deiner geliebten Affenbrotbäume verschnitzt.

Aus seinen Händen stammt mein Abschiedsgeschenk für Dich.

Ich finde es sehr passend, dass Dich ausgerechnet der Affenbrotbaum so fasziniert. Hat Roula Dir je die Legende erzählt? Mir hat sie davon bei der Medical Safari berichtet, als wir ein riesiges Exemplar gesehen hatten und mir direkt herausplatzte, dass Dich diese Bäume so beeindrucken. Ich habe ihn gezeichnet und Ephraim hat diesen Baum dann als Motiv verwendet.

Nun stehen wir beide vor einer neuen Herausforderung: Bisher waren wir nie wirklich zusammen, aber irgendwie doch – schon immer. Du hast es mir bestätigt. Nun sind wir zusammen und trotzdem getrennt.

Marc, was immer mit uns passieren wird, ich glaube nicht, dass wir je voneinander los kommen werden. Dieser Gedanke macht es mir erträglich, auf Dich zu verzichten. Ja, ich habe Angst, dass die Distanz nicht gut für uns ist. Aber ich glaube an uns – so wie ich die letzten 20 Jahre geglaubt habe, dass alles gut wird. Damals aus naiver Mädchenträumerei, heute aus Überzeugung.

Wir brauchen beide Zeit, um mit uns selbst ins Reine zu kommen. Ich habe es schon mal geschrieben, dass Du Dich entwickeln musst, wenn Du wirklich mit mir – Gretchen Haase – zusammen sein willst. Aber auch ich werde noch Zeit brauchen um erwachsen zu werden, dass ich Deinen Ansprüchen genügen kann.
Ja, auch ich habe Zweifel. Du hast Angst, dass Du mich nicht glücklich machen kannst. Hinter mir liegen die wahrhaft glücklichsten Wochen meines Lebens, Marc!
Aber werde ich Dich nicht auf Dauer nerven? Werde ich Deiner langfristig gerecht?
Wir haben beide unsere Vergangenheit. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch eine Zukunft haben.

Ich habe Dich vom ersten Moment an geliebt, Marc! Und ich liebe Dich immer noch – sogar mehr denn je.

Du hast mir gesagt, dass meine Schrift Dich beruhigt, dass Du oft (heimlich) meine Dokumentationen angesehen hast. In Deinem Koffer habe ich noch eine Kleinigkeit versteckt, die Dir hoffentlich in den Zeiten der Zweifel helfen wird.

Spätestens jetzt solltest Du Dich auf zu Hause freuen.

Marc Meier, ich liebe Dich.

Dein Gretchen

Karo Offline

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30.07.2017 15:27
#60 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.23 – Marc schlaflos 2


Um drei Uhr in der Frühe hatte Marc genug. Er konnte nicht schlafen, wälzte sich seit Stunden durch sein leeres Bett. Tausend Gedanken – davon 999 von Gretchen – gingen ihm durch den Kopf.

(„Immerhin keine Alpträume.“)

Doktor Marc Meier hatte nie bewusst vermisst. Wen oder was auch? Er war meistens alleine gewesen. Nicht einsam. Das war ein Unterschied. Ein paar Schuljahre hatte er sowas wie eine Clique gehabt. Er war cool, sie bewunderten ihn. Im Studium hatte er Kommilitonen. Aber Freunde?

Ihm fiel die WG ein. Cedric, er und – wie hieß er noch gleich? Franky... Klaus. Klaus Frankmann. Der Kinderarzt hatte es in der WG immer etwas schwer gehabt – mit zwei Chirurgen. Hatte dann seine Facharztausbildung in Köln gemacht. Ob er Gretchen kannte?

Sein Gehirn seufzte.

(„Gretchen.“)

Dann war Mehdi in die WG gezogen. Als angehender Frauenarzt war es ihm nicht besser ergangen als Franky vorher. Mit einem Unterschied. Mehdi war – wie er – nicht der geselligste und beide joggten morgens. Über den Sport waren sie zusammengekommen. Erst war es das Laufen, dann gingen sie zum Squash, im Sommer auch gerne schwimmen.
Mehdi hatte – im Gegensatz zu Marc – Probleme mit dem weiblichen Geschlecht. Mehdi suchte keine Freundin, belanglose Beziehungen fand er überflüssig, sondern er suchte die Frau fürs Leben. Marc hingegen...

Der Chirurg war der Meinung, dass Mehdi seine Scheu nicht ablegen würde bevor er nicht eine richtige Frau im Bett gehabt hätte und empfahl einen Besuch im Bordell. Doch der Kumpel lehnte dankend ab.
So studierte Marc aufmerksam die Kontaktanzeigen – sowohl beruflicher als auch privater Natur. Eine der Damen war Anna. Anna Kowalska. Eigentlich arbeitete sie als Tänzerin in einer Bar. Ihre Bosse wurden immer fordernder und rücksichtsloser, sodass sie aussteigen wollte. Sie hatte beschlossen, ihr Glück über die Anzeige zu suchen, um sich irgendwann abzusetzen.
Marc mochte die junge Frau – nicht nur, weil sie über eine unglaubliche Bettperformance verfügte. Anna konnte mit ihrem Lachen jedes Herz erweichen und in den Fällen, wo das nicht funktionierte, setzte sie zielstrebig und schamlos ihr mitleiderregendes Schicksal und volle Verzweiflung ein.
Auf der folgenden Silvesterparty lernten sich Anna und Mehdi kennen – er suchte immer noch nach der Frau fürs Leben und sie... Mehdi war ihre Chance.
Marc war anfangs nicht sicher, ob er die Dinge stillschweigend laufen lassen sollte, doch er war sicher, dass Mehdi – auch wenn er schnell davon sprach – nicht gleich heiraten würde.
Als Marc aus der nächsten Prüfungsphase auftauchte war es zu spät. Anna schwanger und Mehdi im siebten Himmel. Er nahm sich lediglich Anna zur Seite, doch sie konnte ihm glaubhaft machen, dass sie es ernst mit Mehdi meinte. Sie verschwieg, dass sie plante, in absehbarer Zeit Berlin zu verlassen, doch ihr Mann spielte nicht mit. Glücklicherweise schienen ihre früheren Chefs sie nicht zu suchen und Anna fühlte sich zusehends sicherer. Zu sicher, wie sie hinterher feststellen musste.
So beschloss sie, ihre Familie zu verlassen, damit weder Mann noch Kind etwas zustoßen würde. Wieder erlag Marc ihrem Bitten und gab ihr Geld. Dumm, dass die Fahrt am ersten Baum endete...

Anna hatte diesen Fehler unbewusst wieder gut gemacht hatte – nämlich im richtigen Moment aus dem Koma zu erwachen. Bevor das mit Gretchen und Mehdi eine richtige Beziehung wurde. Mehdi, der wie früher eine Frau – und jetzt auch Mutter für Lilly – suchte. Und Gretchen, die trotz geplatzter Hochzeit immer noch an die große Liebe glaubte.

(„Gretchen...“)

(„Trotz zwei Hochzeitspleiten bleibt der Glaube an die große Liebe unerschütterlich.“)

Früher hast Du bei so viel Dummheit die Flucht ergriffen.
Mittlerweile bist Du mutig geworden.
Mut? Selber dumm und selbst schuld.
Oder einfach Glück?


Wieder wälzte Marc sich auf die andere Seite. Seine Freundin strahlte ihn mit großen blauen Augen an.

(„Gretchen.“)

(„Afrika...!“)



*Zwiegespräch*

Nicht Afrika - Du bist zu Hause Doktor Meier! Was sind das denn für Sitten? Seit wann stellst Du Fotos auf? Frauenfotos?!
Ja, Willkommen zu Hause. Die Auszeit hat Dir gut getan! Lass Dich nicht irritieren, das mit den Fotos ist schon okay.
Wer bist Du, dass Du Dich neuerdings in unser Leben einmischst? Und was erzählst Du da für einen Quatsch?
Ich war schon immer da.
Dann geh dahin zurück und halt die Klappe.
Du kennst mich nicht und fürchtest mich doch.
Wie poetisch. So - Was ist nun?
Was meinst Du?
Mit Dir rede ich nicht. Ich meine Doktor Meier. Wo ist der Chirurg geblieben? Wir stellen keine Frauenfotos ans Bett sondern holen uns Frauen ins Bett!
Du täuschst Dich.
Halt die Klappe.
Das ändert auch nichts.
Natürlich. Er muss einfach ankommen und wieder arbeiten. Dann ist er schnell wieder der Alte.
Um welchen Preis?
Komm, Doktor Meier. Diese blauen Augen haben Dich vor kurzem noch nicht davon abgehalten Spaß zu haben.
Das war früher. Du hast in den letzten drei Wochen festgestellt, dass es sehr schön ist, nur in ein Paar blaue Augen zu schauen.
Die blauen Augen sind weit weg und seit kurzer Zeit wieder Geschichte. Jetzt geht das alte Leben weiter.
Wer will denn das alte Leben denn wiederhaben?
Spinnst Du? Wir natürlich. War doch viel einfacher. Diese Gefühlsnummer steht uns nicht. Das ist Mehdis Ding.
Der beansprucht aber gerade das Mäntelchen der Fickbeziehungen für sich.
Das war mal ein lustiger Tausch, aber jetzt ist gut. Nimm das Foto runter. Morgen reißt Du Dir eine auf und schon hast Du sie vergessen.
Natürlich.
Was willst Du damit sagen?
Dann vermisst Du sie nicht nur, sondern dann kommt noch Scham und schlechtes Gewissen dazu.
Kommt jetzt die „Das hat sie nicht verdient-Nummer?“
Das weiß er selber. Doktor Meier ist intelligent genug, um bestimmte Handlungen abzuwägen. Gretchen zu enttäuschen und zu verletzen war einmal.
Ja und es war gut. Schon in der Schule haben wir sie gerne heulen gesehen.
Es gibt auch Feuerwehrmänner, die Brände legen, weil sie gerne löschen.
Du hast sie aus Spaß geärgert, nicht, weil Du sie trösten wolltest.
Aber Du hast es Dir vorgestellt.
Sie zu trösten? Bist Du wahnsinnig?
Ja. Wahnsinnig verliebt. Und das Gefühl mag neu sein, aber es ist gut. Drei Wochen warst Du nur der Mann an ihrer Seite. War das schlimm? Hast Du Dich unwohl gefühlt?
Papperlapapp. Mann an ihrer Seite. Du gehörst in den OP und Dein Ding in Frauen. Nicht nur in eine, wäre doch schade drum. Abwechslung ist das Leben.
Sie ist Dein Leben. Du hast Dich mit ihr nicht gelangweilt. Ganz im Gegenteil. Du hast mit ihr so viel Neues erfahren. Nicht nur Liebe. Auch Freundschaft.
Mir wird schlecht. Liebe... Freundschaft... morgen wechselst Du in die Gyn. Das hast Du doch nie gebraucht. Das ist was für Weicheier. Mehdis zum Beispiel.
Lass Mehdi daraus. Auch Mehdi ist ein Freund. War er immer schon. Aber jetzt so richtig.
Weichei. Sag ich doch.
Und Martin.
Die Betschwester?
Du hast ihm vertraut, so viel Persönliches erzählt. Und Dein Kopf sitzt noch!
Dann guck mal sicherheitshalber, ob die Eier noch dran sind.
Wo sollen sie denn sonst sein?
Ein blondes Biest hat sie abgeschnitten und in einem tiefblauen Ozean versenkt. Vielleicht findest Du sie ja auf dem Foto, welches Du immer noch anstarrst. Äh - HALLO - Was tust Du da? Wenn Du das Foto gleich küsst, dann kotze ich.
Au ja!!! Das will ich sehen!



*Schlaflos*

Marc hatte die Nase voll von dem Disput. Er musste lernen, sich von ihnen abzugrenzen. Sie in den Hintergrund zu drängen. Trotzdem hatten beide Stimmen irgendwie Recht. Früher war er alleine. Jetzt war er alleine. Doch im Unterschied zu früher fühlte er sich jetzt schrecklich – einsam.
Darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Der Arzt schwang sich aus dem Bett. Arbeit hatte ihm schon immer geholfen. Er hatte genug zu tun.

Auf seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer lagen mehrere Mappen. Blau – Patientenakten und Arztberichte der aktuellen Woche. Grau – Bewerbungsunterlagen von Chirurgen, die Bernd Ullstein ihm zur Ansicht mitgegeben hatte. Seine schwarze Ledermappe – Afrika. Zweimal Karriere, einmal Herz. Das Herz gewann und Marc griff die alte Ledermappe. Im Gegensatz zu den Karrieremappen hatte er es hier mit einer losen Zettelsammlung zu tun.
In den letzten Tagen in Sanssouci hatten sie viele Ideen zusammengetragen. Realistisch oder Spinnerei war erstmal egal. Alles hatte mit Gretchens „Tauschgeschäft“ angefangen. Er brauchte eine Hängematte!

(„Meier, jetzt spinn nicht rum.“)

Er kramte nach seinem Smartphone und suchte einen Moment. Gretchen hatte ihm das Gerät öfter entwendet und Selfies gemacht. Erst fand er das gar nicht witzig, er fürchtete, Gretchen könnte sein Adressbuch löschen oder sonst irgendwas kaputt machen. Hinterher fand er die Aktion aber immer gelungen. Nur wenige – ganz alberne – Bilder hatte er gelöscht, die meisten durften bleiben. Er betrachtete sein Lieblingsbild. Sie beide aneinander gekuschelt in der Hängematte. Gretchen hatte das Bild ohne Hinzusehen gemacht – sie blickten sich tief in die Augen.
Marc lächelte. Es war alles gut. Er war glücklich mit ihr gewesen. Obwohl er sich nicht auskannte. Sie hatte ihm seine Zweifel genommen, seine Unsicherheit weggeküsst.

Nein, die drei Wochen waren definitiv nicht umsonst gewesen und er wollte nicht einfach da weiter machen, wo er vor Afrika aufgehört hatte. Es gab es kein Zurück. Hatte es für Marc Meier noch nie gegeben. Das wäre gleich einem Rückschritt gewesen.

Apropos... Sein Herz war weit weg, die Karriere gerade näher. Und so legte er die schwarze Mappe zur Seite und griff nach dem blauen Portfolio. Er wollte sich so schnell wie möglich mit den aktuellen Patienten vertraut machen. In dem Moment, wo Marcs Kopf beschäftigt war, kehrte die Ruhe zum Mediziner zurück. Doch auch das brachte ihn nicht näher an Schlaf heran. Vier Patientenakten später beschloss Marc spontan, seine Fitness zu testen und so lief er um fünf Uhr in der Frühe den vertrauten Weg entlang. Die Querstraße führte ihn an der Spree entlang. An der großen Kreuzung musste er entscheiden, ob er die lange oder kurze Strecke nehmen wollte.

(„Lass was über, Du fängst erst wieder an!“)

Ermahnte er sich selbst. Doch sein Unterbewusstsein schien anderer Meinung zu sein und seine Beine liefen weiter, die ausgedehnte Tour. Marc kam völlig ausgepowert zu Hause an. Nach dem er ausgiebig geduscht hatte – das Bad gehörte eindeutig zu den Vorzügen seiner Berliner Eigentumswohnung – fiel er erschöpft auf die Wohnzimmercouch und schlief sofort ein.

Karo Offline

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30.07.2017 15:54
#61 RE: Story von Karo Zitat · antworten

ALPTRAUM KARRIERE


Marc wollte gerade die Wohnung Richtung Bahnhof verlassen, da klingelte sein Telefon.

(„Hä? Es weiß doch niemand, dass ich da bin!“)

„Meier?“
„Doktor Meier, störe ich Sie? Könnten Sie sofort ins Krankenhaus kommen?“ Marc erkannte die aufgeregte Stimme von Schwester Sabine.
„Das ist gerade ungünstig, ich bin quasi auf dem Weg. Karriere, Sie wissen schon. Was ist denn passiert?“
„Der Professor ist zusammengebrochen.“
„Doktor Stier ist der Herzspezialist.“
„Doktor Stier hat frei, der kommt erst um 15 Uhr und sonst ist nur Knechtelsdörfer da.“
„Ich bin unterwegs, Sabine.“
Der Chirurg rannte durchs Treppenhaus. Es nahm kein Ende. In welcher Etage wohnte er nochmal?

Warum hatte er nicht energischer nachgefragt? Der Professor war ihm ausgewichen, hatte alles runter gespielt. Wie hatte Cedric es ausgedrückt? Es muss nicht zwingend eine Reha sein, das Herz ist stark und trainiert. Er bekommt Medikamente und lässt sich regelmäßig kontrollieren.

(„Nehmen diese Treppen denn heute überhaupt kein Ende?“)

Marc blickte über das Treppengeländer nach unten, doch im Treppenhaus war es dunkel, nach unten erkannte er nichts. Weit konnte der Ausgang nicht mehr sein, denn er hörte die Haustür aufgehen.
„Marc?“ Die Stimme seiner Mutter. „Marc – nun komm doch endlich! Wenn wir uns jetzt beeilen, dann schaffst Du es noch rechtzeitig.“
„Fahr mich bitte zum Krankenhaus.“
„Bitte? Ich dachte, Du willst auf den Karrierezug aufspringen?“
„Später, der Professor ist zusammengebrochen.“
„Da sind andere, die sich um ihn kümmern können.“
„Sabine hat extra angerufen – Mutter, nicht zum Bahnhof!“ Mit Entsetzten sah Marc, dass seine Mutter Richtung Bahnhof/Zoo fuhr.

(„An der nächsten Ampel steige ich aus!“)

Marc-Olivier! Ich habe Dich nicht jahrelang unterstützt und Dir eine Karriere ermöglicht, damit Du jetzt das Leben eines alten Professors rettest und Deine eigene Professorenkarriere versaust. Soll sein pummeliges Töchterchen sehen, wie gut sie ist.“
„Mutter, Du redest von meiner Freundin!“
„Eine Buschärztin! An Deine Seite gehört eine erfolgreiche Frau, die auf Deinem Niveau spielt. Woanders haben Professoren auch schöne Töchter. Schönere. Und erfolgreichere!“
„Halt bitte an, ich möchte aussteigen.“
„Mach keine Witze, Marc-Olivier! Wegen eines Herzinfarktes wirft man seine Karriere nicht weg. So ist das Leben eben.“
„Ohne den Professor hätte ich diese Karriere gar nicht.“
Marc-Olivier! Ohne MICH hättest Du diese Karriere nicht. Oder hast Du eine Affäre mit ihm gehabt?“

Weiter vorn schaltete die Ampel auf Rot.

(„Das ist meine Chance!“)

Marc war zum Sprung bereit! Doch seine Mutter hielt nicht an. Marc schloss die Augen und duckte sich, erwartete den Aufprall. Hinter ihm hörte er, wie mehrere Autos ineinander fuhren. Wenige Minuten später kamen ihm mehrere Rettungswagen entgegen – die Notärzte winkten ihm freundlich zu.

(„Cedric?“)
(„Knechtelsdörfer?“)


Was zum Henker machte Doktor Stier im Rettungswagen? Und Knechtelsdörfer? Er musste sofort aus diesem Auto rauskommen. Gerade in dem Moment fuhr seine Mutter auf den Parkplatz vom Bahnhof. Sie hupte kurz und eine blonde Frau schloss das Gittertor. Woher kannte er sie? War das wirklich der Bahnhof?

(„Wo bin ich denn jetzt gelandet...?“)

„Dummkopf! Ich rede mit Dir.“ Auf dem Fahrersitz saß ein Mann und sah ihn ärgerlich an. „Du wirst jetzt hier bleiben, bis diese nette Kinderärztin bescheinigt, dass Du wieder bei Sinnen bist. Hier hast Du Zeit, Dir Gedanken zu machen, was wirklich wichtig ist. Disziplin und Leistung. Vor allem Leistung. Immer machst Du Deiner Mutter Ärger! Das Tor öffnet sich für Dich nur in eine Richtung – Erfolg. Diese Buschärztin soll bei den Wilden glücklich werden, aber Dich nicht an Deiner Karriere hindern!“
„Am Anfang meiner Karriere stand ein Eid! Und dem entsprechend muss ich ins Krankenhaus.“
„Du bist hier im Krankenhaus! Du musst erstmal wieder lernen zu parieren, wenn Deine Mutter Dir etwas sagt. Und jetzt scher Dich aus meinen Blicken! So schnell will ich Dich nicht wiedersehen. Ich habe die Faxen dick mit Dir. Nur Scherereien...“
„Aber Gretchen...“
„Sie wird akzeptieren müssen, dass es Wichtigeres gibt als Familie und sowas.“
„Aber sie... ihr Vater... wie soll sie denn ohne ihn klar kommen?“
„Ist mir egal, Hauptsache, Du kommst ohne sie klar!“
„Sie wird mir das nie verzeihen!“
„Na umso besser! Ich kann sie gerne für Dich anrufen!“
„Nein!!!“
„Ich hatte gehofft, Du bist vernünftig genug, um zu wissen, was gut für Dich ist. Jetzt sieh Dich an. Ein 33jähriger Dummkopf. Chirurg, durchaus schon Renommee, aber trotzköpfig wie ein kleines Kind. Jahrelang haben Deine Mutter und ich uns abgemüht, Dir ein Leben ohne Herz zu ermöglichen. Nur auf das Wesentliche konzentriert. Karriere, Leistung, Erfolg, Geld. Nur so kannst Du irgendwann zufrieden sein!“
„Ich will aber glücklich sein!“
„Doktor Amsel? Haben Sie das gehört? Ich bitte Sie, retten Sie den Jungen! Sie sind unsere einzige Hoffnung!“

(„Doktor Amsel? Klar, daher kenne ich sie!“)

In der Ferne klingelte ein Telefon – Spiel mir das Lied vom Tod! Die blonde Ärztin lächelte süffisant, als sie die erwartete Nachricht vernommen hatte. „Danke für diese überaus erfreuliche Information!“
Sie wandte sich fürsorglich an den Vater: „Natürlich Herr Meier! Ich kenne da einige Mittel, die garantiert zum Ziel führen. Völlig entspannt und ganz ohne Nebenwirkungen! Lassen Sie uns nun alleine? Ich möchte mich in Ruhe mit Marc unterhalten.“
„Nein!!! Ich rede nicht mit Dir!“
„Für Dich immer noch Sie!“
„Und alles andere kannst Du Dir auch aus dem Kopf schlagen!“
„Was willst Du denn dagegen tun? Diesmal kannst Du mich nicht sitzenlassen...“ Gina Amsel lachte hämisch, als sie beobachtete, wie Marc feststellen musste, dass er seinen Sicherheitsgurt nicht lösen konnte. Seine Arme waren taub, als wären sie eingeschlafen. Und auch ein Fuß kribbelte.
„Lokalanästhesie, Doktor Meier! Das gibt uns ungefähr eine halbe Stunde Zeit!“ Sie setzte sich auf seinen Schoß. „Danach wirst Du Deiner Buschärztin nicht nur mitteilen müssen, dass ihr Vater wegen Deiner unterlassenen Hilfeleistung verstorben ist, sondern auch, dass Du ihre besten Freundin gevögelt hast. Und das nicht mal eine Woche nach Deiner Abreise aus Sanssouci. Aber so geht Karriere eben!“

„Dann beschließe ich hiermit, dass ich keine Karriere will!!!“

„Ist mir sogar noch lieber. Ich will beides – Dich jetzt und die Karriere anschließend.“ Sie zog Marc das Bahnticket aus der Jackentasche. „Der Zug hat Verspätung – den bekomme ich problemlos, wenn ich mit Dir fertig bin.“
Sie rutschte näher an ihn heran, doch irgendwie konnte er sich leicht wegdrehen. Er versuchte, sich soweit wie möglich zur Seite zu schieben. Plötzlich rutschte er vom Sitz herunter. Sein Kopf schlug heftig an eine Kante.

Karo Offline

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30.07.2017 16:08
#62 RE: Story von Karo Zitat · antworten

So... Marcs Beule widme ich @Nachteule


BERLIN


September 4.24 – Weckanruf von Gretchen


„Aaaahhhh!“
Er sah sich irritiert um. Langsam erkannte er, dass er wohl aus seinem Bett gefallen war. Er war erleichtert, aber ein beklemmendes Gefühl blieb. Marc fasste sich an den Kopf, es war warm und feucht. Blut?

Der Spiegel im Bad zeigte einen verwirrten, blutüberströmten jungen Mann. Er kam gerade aus Afrika – so blass, das konnte doch nicht er sein. Was hatte er geträumt? Gina auf seinem Schoß, ach ja. Er wollte zum Professor, seine Eltern waren dagegen. Sie wollten seine Karriere. Und er?

„Ich will glücklich sein!“

Ja. Diesen Satz hatte er seinem Vater – wo zum Teufel kam der nach all diesen Jahren her? – entgegnet. Er hatte es gewagt, seinem Vater zu widersprechen!

(„Ich will glücklich sein!“)

Das Telefon klingelte und Marc zuckte zusammen!

(„Es weiß doch niemand, dass... Sabine? Herr Professor?“)

Hektisch griff er nach dem Telefon.
„Sabine?“
„Marc?“

(„Ist das...?“)

„Gretchen?“ Er konnte es nicht glauben.
„Wo habe ich Dich denn hergeholt? Hast Du noch geschlafen?“
„Äh ja.“
„Um die Uhrzeit? Hast Du verschlafen oder musst Du heute noch nicht ins Krankenhaus?“ Er hörte Gretchen lachen. „Und Du hast nicht von mir geträumt, oder warum rufst Du nach Sabine?“
„Indirekt von Dir. Es war furchtbar...“
„Bitte? Marc Meier, komm Du mir nach Hause...“ Gretchen hielt inne. Marc war ja gerade wieder zu Hause. „Ähm, naja... ich habe auch schlecht geschlafen und wollte einfach sehen, ob ich Glück habe. Mit der Verbindung.“
„Du fehlst mir!“
„Ich vermisse Dich auch. Deswegen wage ich es auch, ein Vermögen in die Telefongesellschaft zu investieren.“
Marc lachte. „Das sichert dort Arbeitsplätze, Prinzessin. Ist also in Ordnung.“
„Hm.“
„Wie ´Hm`?“
„Marc, was ist mit Papa? Ich muss immerzu an ihn denken. Du würdest mir doch sagen, wenn es wirklich Ernst wäre, oder?“

(„10 Tage Intensivstation IST ernst!“)
(„10 Tage ITS ist verdammt ernst!!!“)


„Ja, Gretchen. Ich weiß, was Dir Dein Vater bedeutet. Und Du weißt, was ihr beide mir bedeutet. Ich kann mich nur wiederholen. Er wird nicht nur Zeit brauchen sondern auch zwei Dinge, die er nicht hat: Geduld und Gelassenheit. Geduld, bis er wieder fit ist und Gelassenheit, um zu akzeptieren, dass es ein anderes „fit“ sein wird.“

„Du meinst, er...“

„Gretchen, er wird nicht mehr in der Lage sein, sein Leben so weiter zu führen wie bisher. Büro ja, Krankenhausalltag nein. Er war jetzt zehn Tage auf der Intensivstation. Wo er auch schnell wieder landen kann, wenn er sich nicht zusammen reißt.“

(„Also doch...!?“)

„Also war es gut, dass Du nach Hause gegangen bist?“
„Ja Gretchen. Momentan bin ich ganz froh, dass so viel liegen geblieben ist und dass ich viel Zeit im Krankenhaus verbringen kann. Ein Gutes hat viel Arbeit - wenig Zeit, an Dich zu denken.“
„He!“
„Das meine ich jetzt nicht böse. Aber Du fehlst mir. Sehr. Das ist neu und es macht mir Angst.

(„Furchtbare Angst.“)

Und meine Freundin, die sehr geübt darin ist, mit mir Neuland zu betreten, ist nicht da.“
„Hm, ich würde Dir gerne helfen. Aber das Problem ist, dass wenn ich Dich an die Hand nehme, ich bei Dir bin. Sprich, ich kann Dir nicht zeigen, wie man sich weniger alleine fühlt. Aber vielleicht hilft es Dir, wenn ich Dir sage, dass ich Dich liebe und Dich auch furchtbar vermisse?“
„Also vermissen wir doch irgendwie gemeinsam? Getrennt gemeinsam?“
„Ja! So machen wir es. Marc, ich muss aufhören. Nicht, dass wir hier zwei Wochen nichts zu essen haben, weil Gretchen Haase den Viehbestand vertelefoniert hat.“
„Ich habe mich gefreut. Das war eine schöne Weck-Überraschung. Grüß bitte alle von mir! Außer die Brillenschlange. Dafür Mehdi doppelt.“
„Du wieder... Aber geht es Dir wirklich gut? Du klingst irgendwie... angespannt?“
„Ich habe wirr und schlecht geträumt, Gretchen. Es tut gut, Deine Stimme zu hören.“
„Machs gut, Marc!“

Marc ließ Gretchens Anruf noch eine Weile nachwirken. Sie war definitiv das Beste, was ihm je widerfahren war. Er war drei Wochen fort gewesen – drei Wochen für die Ewigkeit. Gretchen Haase war sein Leben.

(„Mit ihr will ich glücklich sein.“)

Er griff erneut zum Telefon und sah auf das Display – 7:23 Uhr. Die Stationsbesprechung war um 8:00 Uhr.

(„Danke, Gretchen. Zu spät zu kommen wäre nicht angebracht!“)

Karo Offline

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04.08.2017 00:02
#63 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Sept 4.25 – Marc am EKH 6


Schwester Lorelei bereitete gerade noch die Patientenakten für die Besprechung vor, als Doktor Meier überpünktlich um 7:54 Uhr das Stationszimmer betrat. „Guten Morgen Frau Freitag. Wie war die erste Nacht alleine?“

Glücklicherweise war es ruhig gewesen. Nachdem Sabine um 22 Uhr nach Hause gegangen war, hatte sie erstmals alleine die Station betreut. Für den Notfall wäre Schwester Renate nebenan auf der 8A gewesen, aber trotzdem war sie sehr aufgeregt gewesen.
„Es soll keine Gewohnheit werden, aber ich bin froh, dass Sabine Ihnen das zutraut. Normalerweise werden Sie frühestens nach dem ersten Jahr für alleinige Nachtdienste eingeteilt.“
„Also darf ich mir was darauf einbilden?“ Die Auszubildende lachte erleichtert.
„Zu Hause, wo Sie keiner sieht vielleicht!“
Lorelei lachte. „Oh je... und wenn es im Wohnheim die Oberschwester sieht?“

Früher hättest Du nie so mit einer Krankenschwester geredet. Schon gar nicht mit einer Lernschwester.
Das heißt jetzt Pflege- und Gesundheitsschüler.
Scheißegal. Sie waren nur interessant, wenn es ums Vögeln ging. Ach...


„Schnauze!“

Die Augen der Pflegeschülerin wurden kugelrund. „Was?“
„Das heißt ´wie bitte?`. Die Oberschwester soll die Klappe halten – die bildet sich ja auch wer weiß was ein.“
„Ach so.“ Ganz nahm sie das dem Chirurgen nicht ab. Man hatte ja schon so einiges gehört...

Marc schüttelte sich in der Hoffnung, die Stimmen würden abfallen. „Frau Freitag, es kann sein, dass ich gleich fünf Minuten später da bin. Ich bin gerade erst einmal im Büro.“
„Natürlich, Herr Doktor.“

So devot gefällt sie uns schon besser.

Marc suchte die Waschräume auf und schaufelte sich jede Menge kaltes Wasser ins Gesicht. Die Stimmen raubten ihm nicht nur zu viele Nerven, sie brachten ihn auch in Teufels Küche. Vor allem seine Nerven brauchte er aber gerade komplett für das Krankenhaus.

(„Karriere, Du weißt schon!“)

Wem willst Du gerade was vormachen?


***
Die Stationsbesprechung startete mit einer kleinen Verspätung. Sie endete – der Meier´schen Gründlichkeit sei Dank – mit sehr großer Verspätung. Vieles lief nicht so, wie er sich das vorstellte. Wie lange war er weg gewesen, dass seine Mitarbeiter vergessen hatten, wie er es wünschte.

Nach dieser Konferenz suchte Marc seinen Leitungskollegen auf. Bernd Ullstein hatte noch nichts aus Konstanz gehört, aber er hatte die Zusage, dass man sich im Laufe des Vormittags melden würde. Marc unterrichtete ihn von den neuen Plänen, die er mit Professor Haase ausgetüftelt hatte.

„Container? Wofür das denn?“
„Bauschutt... im Keller liegt wohl noch einiges. Vom Umbau. Und der Raum hinter dem Empfang steht ebenso voll mit Gerümpel.“
„Und wie viele Containerladungen sind das?“
„Ehrlichgesagt... ich hatte keine Ahnung, dass überhaupt noch was vom Anbau übrig geblieben ist. Der Professor hatte er die Idee, den Keller als Sammelort für die Spenden zu nehmen.“ Marc erklärte ausführlich die Überlegungen. Bernd Ullstein nickte von Zeit zu Zeit und machte sich Notizen. „Haben Sie Zeit, dass wir uns das mal ansehen?“
„Unbedingt. Jetzt gleich?“

Marc überlegte kurz, ob sie außen herum, über die steile Rampe in den Keller gehen sollten, doch angesichts des herbstlichen Regenwetters entschied er sich, den Weg innen durch zu suchen. „In diesem Teil des Krankenhauses war ich noch nie.“
Doch er fand den Weg auf Anhieb.

(„Irgendwie ist es auch mein Krankenhaus!“)

Während sie den Kellergang entlanggingen überlegte Marc, ob sie wohl einen Schlüssel bräuchten. Die Sorge war berechtigt, denn ein blankes, sehr neu aussehendes Vorhängeschloss hielt sie ab, durch die Holztür einzutreten. Der herbeigerufene Hausmeister öffnete die verriegelte Tür mit einem Bolzenschneider. Nacheinander traten die Männer in den riesigen Raum. Links von ihnen wirkte eine Ecke gar nicht so leblos. Sprachlos standen sie vor einem...

(„...Liebesnest...?“)

„WOW!“ Marc pfiff anerkennend. Er konnte nicht anders – er zückte sein Handy.
„Was ist denn das???“ Bernd Ullstein verstand gar nichts.
Auch der Hausmeister hatte seine Stimme wiedergefunden. War aber noch nicht wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. „Ein Smartphone...?“
Zwei Augenpaare blickten ihn groß an.

(„Fehlt nur eine Hängematte. Und...“)

Das Handy in seiner Hand vibrierte.

„Kannst Du versuchen mir Fotos von zu Hause zu schicken? Roula und die anderen Frauen möchten immerzu Fotos sehen. Vom Krankenhaus, von meinen Eltern. Von Dir. Halt einfach so wie wir leben? Wie es bei uns aussieht. Das wäre toll. Danke mein Schatz! Gretchen.“

„Mein Schatz, wie es hier aussieht? Ich habe gerade unsere Hängematte im Kopf. Warum? Sieh selbst.“

Er schickte das Bild, in der Hoffnung, dass die Verbindung gut genug für die direkte Übertragung war.

„Marc! Was ist das? Ein indisches Liebesnest für Kellerkamasutra? Warum habt ihr das dahin gemacht???“

Scheinbar hatte es funktioniert.

„Gretchen, wie sind hier in einem Krankenhaus. Da sind Doktorspiele an der Tagesordnung!“

„Ich würde auch gerne mit meinem Doktor spielen!“

(„Kontern kann ich, Doktor Meier!“)
(„Kontern kann sie!“)


„Mein Doktor und vor allem – meine Decken! Woher habt ihr die Sachen, die Mama mir aus Indien mitgebracht hat?“

„Wie – Deine Decken?“

Es kam nichts mehr, so sehr Marc auch auf das Display schielte. Das Handy schwieg eisern.

(„Hat sie hier...?“)

Da siehst Du´s. Womöglich war das mit Deinem Freund doch etwas mehr? Das würde dem auch stehen. Ein romantisches Eckchen... bunt und farbenfroh. Bollywood lässt grüßen!
Gretchen? Im Krankenhauskeller? Niemals!
Sie hat ihn auch in den Mund genommen!
Ist das jetzt schlimm?
Stille Wasser sind tief – und schmutzig. Es wird Zeit, Doktor Meier...
Wofür?
Bollywood.
Einverstanden – am Ende bekommen sich immer die Richtigen!
Es reicht, wenn Du einfach mal wieder eine Frau ins Bett bekommst.

(„Nur zur Info: Mir reicht das nicht mehr! Ich will sie!“)



***
Der riesige Raum war insgesamt gar nicht so vollgestopft, wie Marc es vermutet hatte. Nur im hinteren Drittel stapelten sich allerlei Baureste. Aber auch ausrangierte Möbel und Bürogeräte waren hier abgestellt worden. Vor allem war der Raum sauber. Hätte Marc es nicht besser gewusst, sah der Raum sogar irgendwie frisch sauber aus.
Wer auch immer diese stimmungsvolle Kuscheloase geschaffen hatte, der achtete darauf, dass es hier ordentlich war.

(„So viel Mühe... als würde man hier so viel Zeit für Schäferstündchen erübrigen können.“)

Für eine schnelle Nummer zwischendurch hatte es immer die Wäschekammer getan. Obwohl... Gretchen hätte sich nie auf ein solches Niveau herabgelassen. Damals, nach der Sache mit den Diätpillen, da war er nah dran gewesen, sie in seinem Büro...

(„Nicht daran denken, Meier!“)

(„Ob sie wohl tatsächlich zu mir abgebogen wäre?“)

(„Und wäre es dann tatsächlich zu Sex gekommen oder hätte es erst eine Grundsatzdiskussion über Beziehungen und Sex gegeben?“)


Marc grinste. Nein, Gretchen bekam man nicht einfach zwischendurch in sein Bett. Außer man machte sie mit 3 Flaschen Rotwein willenlos. Naja, oder eher willig.

(„Ausgerechnet Mehdi...!“)

„Doktor Meier?“
„Bitte?“ Irritiert erwachte Marc aus seinen Gedanken.
„Sie haben Spaß an der Sache, oder?“
„Ja. Da hat sich jemand ganz viel Mühe gemacht. Es ist fast schade, dass das nicht bleiben kann. Soviel Mühe gehört eigentlich belohnt.“
„Sie finden das wirklich gut?“ Bernd Ullstein sah den Chirurgen zweifelnd an.
„Na das ist doch besser als jede Wäschekammer!“
„Wie, Wäschekammer?“ Der Betriebswirt glaubte kaum, was er hörte. Wollte er auch lieber nicht. „Sie meinen...“
„Herr Ullstein, die weißen Kittel verwechseln sie jetzt mal bitte nicht mit den sogenannten ´Weißen Westen`!“
„Das darf doch nicht wahr sein!“

(„Lebt der hinterm Mond?“)

„Pfff... ich finde ich es witzig. Eigentlich ist es sogar schön. Da hat sich einer Mühe gemacht, weil es ihm was Wert ist.“
„Am Arbeitsplatz?“
Jetzt lachte Marc schallend. „Wir sind oft mehr als 48 Stunden hier. Man sieht die Kollegen teilweise mehr als den Partner oder womöglich Kinder. Glück für jeden, der seine Beziehung hier haben kann.“
„Ich weiß nicht. Das muss man doch trennen können.“

(„Nö.“)

Bestimmt nicht!

„Vor allem muss zwischendurch auch mal abschalten können.“

(„Und nicht jeder kann hier auf ein Büro zurückgreifen...!“)

„Ich frage besser gar nicht weiter nach.“ Herr Ullstein schüttelte entschieden den Kopf. Er wollte sich nicht ausmalen, was er sonst noch zu hören bekam.
„Kommen Sie, haben Sie ihren Schreibtisch immer nur zum Arbeiten genutzt?“ Für Marc war das Thema noch nicht beendet.
„Genau das, Doktor Meier. Ich habe zu tun!“ Der Verwaltungsangestellte entfernte sich schnell und Marc grinste ihm gutgelaunt hinterher. Nicht, dass sein Schreibtisch frei von Arbeit war – im Gegenteil. Doch Marc hatte Glück, denn Cedric hatte wieder gut vorgearbeitet und Marc erledigte zügig und gutgelaunt die verhasste Schreibarbeit. Er belohnte sich anschließend mit einem Besuch bei Professor Haase.


*Marc und Professor Haase*

„Mensch, Meier! Ich dachte schon, sie wären wieder auf und davon!“
„Herr Professor, das ist eine schöne Vorstellung aber leider fesselt mich Ihr Herz an Ihren Stuhl.“
„Da möchte manch einer liebend gern hin.“
„Hmmm...“ Marc brummte irgendwas Unverständliches und der Chefarzt lachte.
„Ich weiß, Doktor Meier, Sie bevorzugen den OP-Tisch.“
„Oder den Keller...“ Der Chirurg lachte und zeigte dem Professor das Foto.
„Was sind die heutigen Ärzte doch weichgespült. Bei uns reichte immer noch die Wäschekammer. Nicht wahr, Meier?“ Er schlug dem jüngeren Arzt auf den Oberarm.
„Hmmm...“ Er wollte weder mit dem Professor noch mit Gretchens Vater über seine amourösen Abenteuer reden.
„Ich vergaß, dass sie momentan alles durch die Augen meiner Tochter sehen.“ Der ältere Chirurg lachte wieder lauthals.
„Wie mir scheint sind sie fit genug für die Normalstation? Was meinen Sie dazu, Herr Professor?“
„Ehrlichgesagt wäre ich sehr froh, wenn ich nicht noch länger diese olle Decke anstarren müsste.“
„Gut, dann werde ich mal sehen, was ich tun kann.“ An der Tür drehte er sich nochmal zu dem Patienten um. „Herr Professor... ich habe mit meiner Mutter telefoniert.“
„Und war es schwer?“
„Was?“
„Über den Schatten zu springen.“
„Für sie? Bestimmt. Ich habe ihr bereits mehrfach auf den AB gesprochen aber sie hielt es nicht für nötig, zurückzurufen.“
„Hat sie aber dann doch?“
„Ja. Weil sie einen Begleiter für irgendeine Veranstaltung braucht. Mehr nicht.“
„Doktor Meier, ich...“
„Vergessen Sie es, Herr Professor. Meine Mutter interessiert sich nur für sich selbst und sie kommt nur wenn Sie etwas braucht. So war es immer und es wird auch nie anders sein.“
Bevor der Chefarzt noch etwas sagen konnte, zog Marc die Tür zu.

***
Er eilte auf die Chirurgie, wo das Personal gerade anfing, das Mittagessen auszuteilen. Doch nicht nur diese Wagen versperrten ihm den Weg...

„Alle Anwesenden SOFORT ins Stationszimmer!“

Kein Aber wurde geduldet, kein Einwand akzeptiert. Marc ließ ein Donnerwetter über alle Angestellten ergehen, wie sie es seit seiner Abreise nicht mehr erlebt hatten. „Warum ist die Station jetzt noch nicht fertig geputzt? Das Mittagessen steht jeden Tag um 11:30 Uhr auf dem Gang. Seit wann ist die Station dann noch nicht fertig geputzt? Ich sage es heute einmal und ich werde es nicht wiederholen. PUTZUNTENSILIEN und LEBENSMITTEL haben gleichzeitig nichts auf der Station zu tun. Auf KEINER Station. Bis 11 Uhr ist die Raumpflege spätestens fertig, ist das klar?“

Er wartete keine Zustimmung ab, sondern rauschte wütend aus dem Zimmer und eilte den Gang entlang. Eine Besucherin versuchte den letzten Rest Wasser aus einem der Wasserspender zu bekommen.

„Warten Sie bitte einen Moment, das haben wir gleich! – SABINE!“
Wenn der Oberarzt gereizt war, dann ließ man ihn besser nicht lange warten.
„Ja-a, Doktor Meier?“ Sie sah sofort, was er meinte. „Wird sofort erledigt!“
„Die Wasserspender sind morgens auszutauschen und die Becher füllen Sie gefälligst gleichzeitig auf!“
„Natürlich, Doktor Meier. Das wird nicht wieder vorkommen!“


***
Kurz vor dem Nachmittagskaffee bezog Professor Haase ein Zimmer auf Station 8B. Marc höchstpersönlich überzeugte sich davon, dass der Chefarzt zufrieden war. „Chefarztbehandlung? – Scherz beiseite! Herr Professor, wenn Ihnen irgendetwas auffällt, was nicht in Ordnung ist, dann sagen Sie es mir bitte. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass hier einiges nicht so läuft, wie gewünscht.“
„Doktor Meier, was soll denn nicht laufen. Sie haben doch wieder das Zepter in der Hand und solange keine Lebensmittel mit Reinigungsmitteln in Kontakt kommen...“ Er sah Marcs Gesicht – er kannte den Oberarzt lange genug: „WAS?“
„Nicht aufregen, Herr Professor. Aber hier haben sich viele Dinge verselbstständigt...“
„Es ist ein Segen, dass Sie wieder da sind.“
„Ich muss auch mal wieder los, ein paar Sklaven antreiben.“
„Haben Sie diese Fähigkeit in Afrika wenigstens ausbauen können?“ Der Chefarzt prustete.
„Nach dem heutigen Vormittag denke ich eher das Gegenteil. Aber keine Sorge, ich finde meine Form schnell genug. Bis später, Herr Professor.“


***
„Doktor Meier!“ Bernd Ullstein kam hektisch angelaufen. „Wie geht es ihm?“ Er deutete auf die Tür zum Stationszimmer, meinte den Patienten dahinter.
„Gut, er ist froh, aus dem Überwachungszimmer raus zu sein.“

„Ich muss dringendst mit Ihnen beiden sprechen. Guten Tag, Herr Professor. Schön, Sie jenseits der Intensivstation zu sehen.“
„Sie haben Neuigkeiten von der StaBe? Lassen Sie hören.“
„Tja, also... erstmal soll ich Ihnen zu Ihrem Leitenden Oberarzt gratulieren.“ Bernd Ullstein sprach den Professor direkt an, wandte sich dann aber wieder an beide.
„Die StaBe fand im Allgemeinen alle Vorschläge gut. Sie finden es sehr lobenswert, dass Sie“ – diesmal drehte er sich zu dem Oberarzt – „sich so Gedanken um die Lage der Klinik machen. Doch natürlich möchten die Herren sich jeden Schritt genau überlegen und auch wissen, mit wem sie es letztendlich zu tun haben. Sie möchten besonders Sie, Doktor Meier, kennenlernen. Aber auch Ihren Bekannten, den bei der Presse. Und sie möchten gerne mehr über diese afrikanische Krankenstation wissen. Die Eröffnung des Katharinen-Hospitals nehmen die Bosse also nun als Anlass, nach Berlin zu kommen.“

„Hierhin?“ Marc starrte den Kollegen entsetzt an. „Ins Elisabeth-Krankenhaus?“

„Die Charité wird wohl weniger deren Interesse wecken.“ Professor Haase fand das Entsetzen seines Lieblingsarztes sehr amüsant.

„Oh Gott – und das nach dem heutigen Vormittag. Sie beide besprechen alles Weitere, ich habe zu tun. Denken Sie an die Container, Herr Ullstein?“ In dem Moment ging sein Pieper. „Notaufnahme. Bis später!“

Karo Offline

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26.08.2017 22:12
#64 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

September 4.26 – Marc und Thilo 2 (Fast Food Factory)


Wie verabredet trafen sich Marc und Thilo in der Fast Food Factory. Marc gefiel dieses Restaurant im Diner-Stil außerordentlich gut. Anderen wohl auch, denn es war sehr gut besucht. Die vorherrschende Kundschaft waren LKW-Fahrer. Der riesige Schotterplatz bot genügend Parkfläche für die Mehrachser. Die Fahrer, die hier aßen, konnten kostenlos duschen, die anderen zahlten pauschal fünf Euro.
Die Karte bot für jeden Geschmack etwas, so wie Thilo es versprochen hatte. Marc konnte sich nur schwer entscheiden – Argentinisches Rinderhüftsteak oder Burger Deluxe Style? Am Ende gewann der Super Salad Bowl mit Putenbruststreifen. Wie lange hatte er keinen richtigen Salat mehr gegessen? Dieser hier war richtig gut! Und er gönnte sich ein frisches Bier. Marc seufzte zufrieden und Thilo grinste.
„Ein guter Ort, nicht? Oh Mann, Daisy hat hier eine echte Nische entdeckt. Sie ist selbst gefahren und weiß, was Trucker brauchen. Aber nach ihrem Unfall... Oh Mann, sie darf mit Glück noch einen PKW fahren.“
Marc war die steife Hand aufgefallen. „Nur wegen der Hand? Man kann doch mittlerweile alles umbauen?“
„Nee, sie hat auch ein Bein verloren. Oh Mann, ein Bein.“
„Ist kein Grund. Hast Du mal gesehen, wie die Fahrer immer am Steuer hängen? Die fahren doch bestimmt mit Automatik?“
„Hm, meinst Du? Oh Mann...“
„Nee Du... die heutigen Prothesen sind kein Grund, keinen LKW zu fahren. Also sage ich, als Chirurg für Unfallchirurgie und Orthopädie. Da muss es andere Gründe für geben. Was aber egal ist, denn hier ist sie goldrichtig. Das werde ich mir merken.“

(„Das würde Gretchen bestimmt gefallen.“)


Er sah Gretchen mit einem „Chickenburger for Chicks“ auf sich zu kommen. Die Blicke der Fernfahrer klebten an ihr, die meisten sehr uncharmant auf ihrem Po. Als sie sich zu ihm setzte, lächelte sie ihn an. Ozeanblaue Augen, strahlend wie Sterne, wärmend wie die Sonne. Ihre Haare waren eine Einladung. Ihre unzähmbare blonde Mähne schimmerte wie Gold. Er tauchte ein in ein Universum aus duftenden Goldseidenfäden. Hier in der Unterwelt ihrer Lockenpracht war er zu Hause. Ein zufriedenes Seufzen entfuhr seiner Kehle.

„Marc?“ Der Redakteur drang langsam wieder in Marcs Bewusstsein. „Marc?“

„Oh. Tut mir Leid, Thilo, ich habe nicht zugehört. Glaub mir, ich bin echt geschafft. Dass die Chefs kommen ist eigentlich gut. Nur der Zeitpunkt ist echt mies. Ich habe das Gefühl, dass in den letzten Wochen nichts passiert ist. Wobei ich mir das fast nicht vorstellen kann – es muss vorher schon in manchen Bereichen so chaotisch gewesen sein. Morgen gibt es eine Mitarbeiterbesprechung, wo der Professor selbst ein paar Worte sagen wird. Er freut sich wie ein kleines Kind. Für ihn werden sie rennen.“
„Ist das so?“
„Oh ja. Gretchens Vater leitet die Klinik seit fast 20 Jahren. Er ist für viele Angestellte wie ein Vater.“

(„Ja, wenn ich einen Vater wünschen dürfte... dann NICHT! Gretchens Vater. Aber so einen in der Art!“)

„Oh Mann, Du denkst gerade an Dich?“
„Wieso?“ Marc fühlte sich ertappt.
„Das klang gerade so... warmherzig. Oh Mann...“
„Hm. Ich kenne den Professor schon seit der Uni. Ich habe mein Praktisches Jahr im Elisabeth-Krankenhaus absolviert und war hier zwei Jahre Assistenzarzt. Außerdem werde ich Professor Haase ewig dankbar sein, dass er mir die Stelle als Oberarzt gegeben hat. Gegen jedes Gespött der Professorenkollegen, dass ich zu jung sei. Er versteht es hervorragend zu geben und zu nehmen.“

Erzähl es noch öfter und vielleicht glaubst Du es selbst irgendwann!

„Ich mache mir schon mal Notizen, okay?“ Der rothaarige Mann lachte. „Vielleicht – nein bestimmt kann ich das irgendwann brauchen. Oh Mann. Soll ich mal ein Konzept erstellen, wie man Schritt für Schritt vorgehen könnte? Ich denke, wir sollten immer in die Wochenendausgabe gehen. Habt ihr gelegentlich irgendwelche Aktionen? Präventionstage oder Kurse oder sowas? Oh Mann, das ließe sich dann unscheinbar daneben platzieren.“
„Hm, nee, sowas hatten wir noch nicht. Aber das wiederum merke ich mir mal, schließlich brauchen wir solche Aktionen, um für uns zu werben.“ Marc hatte mehr zu sich gesprochen und währenddessen eine Notiz in sein Smartphone gemacht. „Wie flexibel bist Du mit Terminen? Ich habe noch keine Infos, wann die Herren wie lange bleiben.“
„Schon vergessen – ich bin noch krankgeschrieben.“ Thilo grinste. „Zeit wird kein Problem sein.“

„Oh Mann.“ Marc grinste. „Ich lasse Dich wissen, wenn ich was weiß. Achso. Schau mal, ich habe Dir hier noch ein paar Sachen zu Deinem Bericht geschrieben. Vielleicht interessiert es, dass Gretchen schon als Jugendliche für ihr soziales Engagement ausgezeichnet wurde? – Allerdings gibt’s diese Info nur im Tausch.“
Der Journalist sah Marc verwundert an. Marc hielt ihm den kommentierten Artikel hin. Sein Zeigefinger tippte unauffällig auf das Foto von Gretchen. Thilo prustete. „Alles klar, oh Mann, sollst Du haben. Ich gebe Dir einen Stick mit den Fotos, wenn wir uns das nächste Mal treffen.“

(„Der ist echt verknallt. Dabei haben Chirurgen doch eher einen frauenfressenden Ruf!“)

Thilo Langohr hatte bereits mit der Recherche über seine künftigen Protagonisten angefangen.

***
Professor Haase, dem Tumor-Experten, stand sein 20. Chefarzt-Jubiläum bevor. Die Verbundenheit der Hamburger Familie zur Medizin, besonders zur Chirurgie, hatte er fasziniert studiert.

„Doktor Marc Meier – jung und wild“, hatte eine medizinische Fachzeitung vor Jahren über Deutschlands jüngsten Oberarzt geschrieben. Auch über ihn fand man viel Lob – das Studium hatte er mit dem besten Examen deutschlandweit abgeschlossen. Anschließend hatte er sich schnell einen Namen gemacht und war ein gern gesehener Gast/Redner auf jedem Symposium.

Doktor Mehdi Kaan, der „Arzt ihrer Hoheit“ – auf Anraten einer Freundin hatte eine (angebliche) Nachfahrin des letzten russischen Zaren ihre Zwillinge im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt gebracht.

Auch die Geschichte von Martin war spannend. Der rebellische Kirchenmann, der seinen eigenen Weg gegangen war, das Thema Glaube zu leben.

***
Erstaunt blickte er aus seinen Notizen auf, er hatte gar nicht mitbekommen, dass Marc weg gewesen war. Der verstaute gerade sein Portemonnaie in der Hosentasche.
„Na? Genug nachgedacht?“ Der Arzt grinste. „Du bist eingeladen.“
„Oh Mann, Du spinnst, aber danke.“
Marc lachte. „Betrachte es als Wiedergutmachung für die Tabascoschlacht.“
„Dank Annett habe ich das lange verziehen.“ Seine lebhaften Augen sprühten. „Oh Mann, sie konnte sich sehr gut an die beiden Flüge erinnern. Sie freut sich, euch oder dich irgendwann wiederzusehen.“
„Das lässt sich bestimmt einrichten – irgendwann.“ Die beiden Männer verließen das Restaurant und gingen den Weg entlang. Zur einen Seite stand der olle, weiße Volvo des Arztes, zur anderen Seite, gegenüber, der schicke A6 Allroad Quattro des Journalisten. Sie grinsten sich zum Abschied an.

Karo Offline

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26.08.2017 22:23
#65 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


September 4.27 – Gretchen und Gina 2


Gretchen hievte den Koffer vom Bett. „Ist das wirklich okay, Gina? Das Ungetüm ist sehr schwer geworden.“
„Ich bin nur froh, dass Deine Mutter Dir die Mikrowelle nicht unterjubeln konnte.“ Die blonde Ärztin lachte. „Gott sei Dank zahlt die Diakonie das Übergepäck. Für alles andere gibt es Helfer. Gepäckwagen oder Gepäckträger.“
„Danke Gina!“ Gretchen nahm ihre Freundin fest in den Arm.
Ja, Gina war immer noch ihre Freundin. Seit diese ihre Abreise beschlossen hatte, war die Harvardabsolventin deutlich besser gelaunt. Und da sie ein Zimmer teilten, hatten die Freundinnen viele gute Gespräche geführt.

„Wirst Du denn alleine mit Emma klar kommen?“
„Ich muss wohl.“ Emma war das Huhn, das bei Gretchen eingezogen war. Tagsüber war das Federvieh draußen, aber jeden Abend spazierte es in das Schlafzimmer. Gretchen hatte Emma eine kleine Holzkiste mit Hirsestroh hingestellt.

„Ehrlichgesagt – ich mache mir mehr Sorgen wegen Mehdi.“
„Wegen Mehdi?“ Gretchen schüttelte verständnislos den Kopf. „Wieso ausgerechnet?“
„Gretchen, er wartet nur darauf, Dich für sich zu haben.“
„Quatsch.“
„Marc und ich waren hier nicht geplant. Nun findet er die Konstellation vor, die er erwartet hatte.“
„Er weiß aber doch, dass ich mit Marc zusammen bin.“

„Er rechnet damit, dass Marc in alte Muster zurückfällt. – Ein scharfes Dekolleté und er ist fällig. Er kann doch gar nicht anders. – So hat er gesagt. – Und wenn er es versaut, dann bin ich für Gretchen da. Ich muss mich nur ein wenig gedulden und bis dahin leiden. – Mehdi ist überzeugt davon, dass die Zeit wieder für ihn spielt.“
„Wieder? Beim letzten Mal war es der Wein, nicht die Zeit und schon gar nicht er.“
„Du meinst, Du hättest in der Situation mit jedem geschlafen?“
„Spinnst Du?“
„Siehst Du? Also war es sehr wohl Mehdi. Gut der Alkohol mag ein entscheidender Faktor gewesen sein, aber den Promille die alleinige Schuld zu geben... Schade eigentlich.“
„Was ist schade?“
„Dass es niemand anderes war.“
„Wer hätte es denn sein sollen?“
„Egal. Hauptsache Du hättest mal des Vögelns willen gevögelt.“
„Du redest von Gretchen Haase?“ Die blondgelockte Ärztin lachte. „Hat er Dir den Verstand rausgevögelt?“
„Mehdi kann nicht vögeln. Schon gar keiner Frau den Verstand raus.“ Sie schüttelte energisch ihren Kopf. „Ist Dir das nicht aufgefallen...?“
Gretchen sah ihre Freundin lange fragend an, dann zuckte sie mit den Achseln. „Ist ja auch egal.“
„Nein, Gretchen, eigentlich ist es das nicht. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich Dich glatt fragen, ob Du eigentlich jemals richtig Spaß mit einem Mann hattest.“
„Wenn Du es nicht besser wüsstest?“
„Naja... ich habe Dich öfter gehört.“
„Was?“
Über den entsetzten Gesichtsausdruck der errötenden Freundin musste Gina nun herzlich lachen. „Also wir haben euch öfter gehört.“
„Sowas will ich gar nicht wissen... wir?“
„Mehdi und ich. Der Rest wohnt ja zur anderen Seite.“
„Mehdi auch?“
„Ja klar. Der hat sich immer furchtbar darüber aufgeregt.“
„Dass Marc und ich...?“
„Naja, Mehdi ist der Meinung, dass Marc Dich zu Sachen überredet hat, die Du vielleicht nicht willst.“
„Wie kommt er darauf?“

Gina erzählte Gretchen von einem der nächtlichen Gespräche.

***
„Was macht der verdammte Kerl mit ihr?“
„Das klingt nicht, als müsste man sich deswegen Sorgen machen.“
„Er hat sie in der Hand – das ist doch nicht Gretchen!“
„Doch, das klingt nach Gretchen und es klingt, als ginge es ihr sehr gut.“
„Solche Geräusche macht Gretchen nicht. Ich habe ja schließlich auch mit ihr geschlafen um das zu wissen!“
„Vielleicht hat Marc es einfach drauf? Vielleicht ist er tatsächlich so gut wie sein Ruf?“
„Einer der viel vögelt muss ja nicht immer besser vögeln.“
„Theoretisch ja. Aber er hat genug Ahnung vom weiblichen Körper, um eine Frau richtig heiß zu machen.“
„Der weibliche Körper ist meine Domäne, nicht seine.“
„Im Beruf, ja. Im Bett – nein.“

***
„Meinst Du nicht, dass Mehdis Wissen um den weiblichen Körper ihn zu einem besseren Liebhaber macht?“
„Mehdi ist der beste Beweis, dass es nicht so ist.“
„Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ihr euch nicht liebt?“
„Guter Sex geht trotzdem. Gretchen... Sex und Liebe haben selten etwas miteinander zu tun. Und ich behaupte auch, dass man guten Sex haben kann, ohne den Partner zu lieben. Mit Gefühlen ist es erfüllender, aber nicht unbedingt besser.“
„Ich weiß nicht...“

„Weil Dir genau das fehlt, Gretchen. Du hast nie einfach mal so gebumst. Du hast Dich zwar immer gewundert, dass alle Sex toll finden, aber nach Antworten hast Du nie gesucht. Hat es Dich nie neugierig gemacht, was es mit der schönsten Nebensache der Welt auf sich hat? Hast Du wirklich geglaubt, das sei so normal?“
„Wie Du sagst – ich habe nie weiter darüber nachgedacht. Woher hätte ich es wissen sollen? Peter sagte, dass alles okay ist.“

(„Für ihn vermutlich schon.“)

„Klar. Er hatte ja nebenbei noch Alternativen.“
„Hm.“
„Siehst Du. Und dann – Mehdi. Sicherlich ein liebevoller Freund oder Mann, bei dem eine Frau gut aufgehoben ist. Auch sexuell. Aber – im Bett ist er mit dieser ganzen Rücksicht und Zärtlichkeit einfach langweilig. Zuviel Liebe – weniger machen, wenn Du meinst, was ich meine. Allein aus dem Grund wäre er nichts für langfristig. Nicht für mich. Aus diesem Grund hättet ihr wohl aber gut zusammen gepasst.“
„Weil ich langweilig im Bett bin? Wer sagt das, Mehdi?“
„Nein. Für Mehdi bist Du das Ziel aller Träume. Aber überleg mal... was hast Du denn an sexueller Erfahrung zu bieten? Zwei – nein drei Männer, mit denen Du Sex hattest. Eher mittelmäßigen, wenn nicht sogar schlechten Sex. Mir scheint, als hätte auch der Millionär nichts in der Hose gehabt – außer Geld?“
„Vier Männer. Und dank dem Vierten weiß ich mittlerweile eine Menge mehr. Vor allem eins: Marc findet mich im Bett nicht langweilig.“
„Das habe ich auch nicht gesagt. Aber Marcs Ruf kommt eben nicht von ungefähr. Und ehrlichgesagt... ich hätte ihn gerne am Polterabend flachgelegt. Seine Küsse waren vielversprechend und an seinem Körper passt auch alles zusammen. Im Nachhinein bin ich froh, dass es nicht zum Sex gekommen ist. Ich bin mir nicht sicher, wie die beiden das sehen. Aber ich möchte nicht, dass der Freund meiner Freundin weiß, wie ich untendrunter aussehe. - Ob es Marc stört, dass sein Freund mit Dir geschlafen hat? Stört Dich das? Dass Marcs Freund weiß, wie Du nackt aussiehst?“
„Wie Marc das sieht weiß ich ehrlichgesagt nicht. Wobei ich glaube, das ist ein typischer Frauengedanke. Machen sich Männer über sowas Gedanken? Aber für mich ist das getrennt. Mehdi war. Selbst der bescheuerte One Night Stand. Da habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich eines Tages tatsächlich mit Marc zusammen wäre.“
„Mehdi auch nicht. Für ihn ist wohl eine Welt zusammengebrochen, als Marc mit Dir angekommen ist. Hm, weißt Du was über Mehdis Frau? Er sagte nämlich mal was davon, dass Anna und Marc wohl auch...“
„Ich traue Marc viel zu, vor allem an Sexpartnerinnen. Aber Mehdis Frau? Nein, dazu ist Marc viel zu loyal. Aber ich glaube, Mehdi hat Anna durch Marc kennengelernt. Wenn dann ist es also eher andersrum.“
„Echte Freunde teilen alles, selbst die Frauen?“
„Nein! Marc würde mich nie teilen, so wenig wie ich ihn. Aber ich glaube, dass er das ganz gut trennen kann. Also meine Eskapaden mit Mehdi. Weil wir da einfach nicht zusammen waren.“
„Gretchen, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du dieses Mal glücklich wirst. Von allen Deinen Männern ist Marc der, der am wenigsten Beziehungstauglich ist. Und darauf wartet Mehdi – dass Marc es selbst versaut.“
„Pfff... auf die Tröster-Nummer falle ich nicht nochmal rein. Mit Wein schon gar nicht!“
„Darauf spekuliert er aber. Als Marc abgereist war, wollte er, dass wir die Zimmer tauschen.“
„Hä? Wofür?“
„Nur wir beide, Gretchen. Naja, er hat diese Idee auch sofort umgesetzt und ich fand meine Sachen dann bei Dir wieder. Gott sei Dank hatte er sich doch nicht getraut, Deinen Kram in sein Zimmer zu räumen.“
„Also hat er Dich rausgeworfen?“ Gretchen grinste. „Warst Du also zu schlecht im Bett?“
„Zu forsch und zu fordernd. Ich meine – der fasst einen ja nicht mal richtig an. Immer nur so ganz sachte „Oh, Vorsicht, empfindlicher Frauenkörper“...“
„Was spricht dagegen?“

„Nichts – solange es genug anderes gibt.“
Gretchen dachte ein Weilchen nach, vor allem über ihre kurze Beziehung. Sie hatte sich bei ihm wohl gefühlt – geliebt gefühlt. „Hm, meinst Du das wirklich? Dass man nur durch viele Sexpartner „gut“ wird?“
„Hast Du als erstes ein Herz transplantiert?“
„Ich weiß, was Du sagen willst...“ Gretchen räusperte sich mehrfach. „Marc hat das auch gesagt. Also, dass ich keine Ahnung von Sex oder von meinem Körper habe. Er wollte nicht glauben, dass ich fast acht Jahre eine Beziehung hatte. Naja und noch zwei weitere Beziehungen mit Männern, die es sexuell wohl nicht drauf haben.“
„Bei Mehdi stimmt das in jedem Fall. Der taugt nicht für eine Bettgeschichte.“
„Will er ja auch nicht.“
„Stimmt. Er will Dich. Womit wir uns wieder im Kreis drehen.“
„Gina – warum hast Du gesagt, dass Du mit Marc geschlafen hast?“
„Ich war sauer. Erst reist er mich auf und dann lässt er mich eiskalt stehen. Oder eher schwimmen.“
„Ihr wart im See? Der war doch so kalt.“
„Ja, das schon. Dass Marc heiß ist, muss ich Dir nicht sagen. Mit so einem Typen kannst Du nackt durch die Antarktis rutschen. Aber das ist eben der Unterschied zu den Mehdis dieser Welt.“
„Diesen Vergleich kann ich sogar nachvollziehen.“ Gretchen grinste wieder. „Trotzdem kann ich nicht glauben, dass Mehdi so berechnend ist.“
„Sei einfach vorsichtig, Gretchen.“
„Roula sagt das auch. Ich werde an euch denken – hoffentlich rechtzeitig. Aber erstmal möchte ich Mehdi unvoreingenommen begegnen.“

Karo Offline

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05.09.2017 22:08
#66 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.1 - Cafeteria


◊◊◊

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielen Dank, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Freuen Sie sich über die Gelegenheit zu einem Sektchen, Schwester Sabine und Schwester Lorelei sind heute so nett, Sie zu versorgen.

Beginnen möchte ich heute ausnahmsweise mit meiner eigenen Person, keine Bange, ich bleibe Ihnen erhalten, auch wenn ich hier gerade eher angeschlagen stehe. Aber aufgrund der aktuellen Situation mussten die Klinikbetreiber schnellstmöglich handeln. Es ist eine gute Lösung, dass die Klinikleitung vorerst kommissarisch gebildet wird. Herr Bernd Ullstein als Geschäftsführer und Doktor Marc Meier in Vertretung für meine Person, werden mit sofortiger Wirkung die Leitungsfunktion übernehmen.

Die Chirurgie wird nun personell neu aufgestellt werden müssen, denn Doktor Stier, unser Wunschkandidat als neuer Oberarzt, war so ehrlich uns gegenüber, weiterhin um reduziertes Stundenmaß zu bitten. Doktor Rössel wird Ende Februar in den wohlverdienten Ruhestand gehen, sodass wir mit der Stelle von Doktor Ingersen immer noch zwei Chirurgen einstellen können. In den vergangenen zwei Wochen hatten wir deshalb ja Doktor Brickmann zur Probe da.

Wie Sie sicherlich mitbekommen haben stellt Doktor Meier gerade das ganze Klinikum auf den Kopf. Was sie als penetrante Eingriffe in ihre Stationen oder Arbeitsbereiche sehen hat einen Grund: Gründlichkeit! Haha, was für ein Wortspiel.
Scherz bei Seite. Wir sind hier für unsere Patienten verantwortlich. Sie sollen sich hier wohl fühlen, was angesichts manch einer Erkrankung kaum möglich ist. Deswegen soll alles ordentlich sein – und bitte nicht nur oberflächlich. Dass ich seit jeher auf einen sehr hohen Hygienestandard bestehe, muss ich hoffentlich nicht extra erwähnen.

Glauben Sie mir, die Zeit hier im Krankenhaus kann einem sehr lang werden. Und da fangen Sie an, genau hinzusehen. Und was man da alles sehen kann. Mir ist zu allererst die verlebte Decke der Intensivstation aufgefallen. Ich hatte das Gefühl, sie würde von Tag zu Tag dreckiger, was natürlich Quatsch ist. Mir ist weiterhin und wiederholt aufgefallen, wie wenige von Ihnen sich tatsächlich vor dem Verlassen des Krankenzimmers die Hände desinfizieren.
Ändern Sie diese Haltung bitte sofort! Es ist nicht nur unsere Verantwortung den Patienten gegenüber sondern auch gegenüber uns selbst.

Ein weiterer Grund für die strengen Meierschen Kontrollen ist der angekündigte Besuch des StaBe-Vorstandes in dieser Woche. Der Besuch findet primär anlässlich der Eröffnung des Katharinen-Hospitals statt, dass wir uns hier optimal präsentieren sollten liegt jedoch auf der Hand.

Generell geht es bei diesem Besuch um unsere Zukunft und wie wir uns gegen den Nachbarn behaupten können – und werden.

Sie wissen alle, dass mir immer das Team besonders am Herzen liegt. Sie alle sind eingeladen, uns zu unterstützen. Sie haben bereits alle den Hinweis zu der neuen Plattform im Intranet zugestellt bekommen. Ich möchte Sie ausdrücklich bitten, sich hier regelmäßig über unsere Situation zu informieren. Wenn darunter kein Patientenwohl oder ihre Arbeit leidet ist Ihnen dieses ausdrücklich während Ihrer Arbeitszeit erlaubt! Schließlich profitieren alle von Ihrer Mitarbeit!

Zu guter Letzt haben wir noch unser liebstes Thema: Amor!
Nein, ich habe kein weiteres Liebespaar zu verkünden oder nur indirekt. Aber im Zuge der Entrümpelung des Kellers sind Doktor Meier und Herr Ullstein über eine kleine kuschelige Liebesoase gestolpert.


Auf der Wand hinter dem Professor erschien das Foto, das Marc im Keller geschossen hatte.

Wir freuen uns mit jedem Paar, das hier zueinanderfindet. Im Grunde kann man den Kreateur dieses lauschigen Plätzchens nur beglückwünschen. Es zeugt von Stil und einiger Wertschätzung, diesen Ort so gemütlich zu gestalten, wo für uns altes Semester immer die Wäschekammer gut genug erschien. Ich hoffe jedoch, dass sich solche amourösen Aktionen zum Teambuilding auf die Pausenzeiten beschränkt haben. Von jetzt ab möchte ich Sie eindringlich auffordern, Aktivitäten dieser Art aus dem Arbeitsumfeld herauszuhalten.

Falls jemand diese Decken, Kissen und Kerzen zurück haben möchte, kann er sich diese gerne bei Doktor Meier abholen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis, dass wir das nicht dulden können. Vielen Dank.
Nun lassen Sie mich und meinem Apfelsaft mit Ihnen auf uns anzustoßen. Wir sind das Elisabeth-Krankenhaus und ich freue mich auf den Tag, an dem ich wieder mit Ihnen die kleinen und großen Wehwehchen bekämpfen darf.
Prost!

Karo Offline

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05.09.2017 22:18
#67 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Oktober 1.2 - Tagebuch 6


♥♥♥
Liebes Tagebuch,

heute früh ist Gigi abgeflogen. Soll ich sagen endlich? Oder doch leider? Wir haben in der letzten Zeit wirklich gute Gespräche geführt und auch wenn ihre Zimmergesellschaft anstrengend war, so gut war diese Zeit für unsere Freundschaft. Gina ist falsch in Afrika, aber wo sie richtig ist, muss sie erst noch herausfinden. Das hat sie eingesehen. Obwohl wir doch noch eine gute Zeit hatten, vermisse ich sie nur ganz wenig. Mehdi scheint ihre Abreise auch nicht sonderlich viel auszumachen. Ich glaube, Marc wäre sehr stolz auf ihn, da er wirklich nicht an Gina interessiert zu sein scheint. So sieht sie das. Andersrum übrigens auch.
Gigi teilt Roulas Meinung, dass Mehdi nur wegen mir hier ist. Ich konnte (und kann) das nicht nachvollziehen, warum fängt er dann was mit Gina an? Ihre Antwort war ganz nüchtern. „Ich war eine Alibi-Geliebte.“

Sie meinte es wohl nur gut, aber sie hat viel gesagt, das mir zu denken gibt. Mehr als mir lieb ist, denn eigentlich möchte ich Mehdi unvoreingenommen begegnen.

Es gelingt mir nicht mehr. Trotzdem kann und will ich nicht glauben, dass Mehdi Böses im Schilde führt. Das wäre nicht Mehdi!

Er hält jetzt übrigens in Sanssouci die Stellung, während Roula, Martin und ich ein paar Tage bei Yves in Koudougou bleiben. Die beiden letzten Opfer des Attentats werden morgen entlassen und Yves wollte, dass ich mir die Patienten nochmal ansehe. Außerdem erwartet er eine größere Medikamentenlieferung, die wir natürlich gerne abwarten. Der Ausflug in die Stadt ließ sich natürlich prima mit Gigis Abreise kombinieren.

Außerdem haben wir noch viel für unser Willkommensfest auf – äh in Sanssouci zu besorgen.
„Auf Sanssouci“ – das klingt jetzt tatsächlich wie in einem Roman, wo die Protagonisten auf feudalen Anwesen tolle Kleider tragen. Mein Traum ist Mont Royal, wo schon Lesley-Anne Down und Patrick Swayze endlich – nach viel Schmerz und Leid – glücklich wurden.

Sehr geehrte Lesley-Anne, Sie hatten es nur mit einem widerlichen Ehemann zu tun und ihre Leidenszeit dauerte nur einen Bruchteil meiner schmachvollen 20 Jahre, in denen ich nur einen Jungen wollte und doch zwei gescheiterte Ehen (eine Fast-Ehe zählt auch!) aufweisen kann. Trotzdem sehen Sie viel älter aus als ich.
Herzlichst, ihre Gretchen Haase

Dass ich mich gerade so cineastisch ausdrücke liegt wohl an unserem Festival.
Gut, Festival ist etwas hochgestochen, aber drei Tage haben wir schon damit zu tun. Also eigentlich länger, da ja viel vorbereitet werden muss. Ursprünglich hatten wir nur ein Fest zum Ende der Regenzeit geplant. Aber wir wurden von unseren eigenen Plänen irgendwie überrollt. Die Burkinabe feiern einfach zu gerne. Nicht nur das Fest wurde immer größer sondern auch das Vorhaben mit dem rollierenden Schulbesuch lässt sich gut an. In Sanssouci leben jetzt 16 neue Schulkinder. Für die ist es erstmal gut, sich nur mit Liedern zu beschäftigen. Zwischen dem Leben da draußen und hier liegen ja Welten.

Ja, Gigi hat unsere Welt verlassen und bewegt sich wieder auf dem Terrain, der besser zu ihr passt. Hier war sie völlig deplatziert. Ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand in der Mission über ihre Abreise traurig gewesen ist. Bin ich es? Ich weiß es nicht. Irgendwie traurig oder?

Ihre Abreise kam jetzt sehr spontan aber mir doch sehr gelegen. Seit ich von ihrer Rückkehr wusste habe ich geschrieben und geschrieben. Briefe, musst Du wissen. Weißt Du eh!
Einen unendlichen für Marc. Mama und Papa werden auch nicht leer ausgehen und natürlich habe ich Oma bedacht.
Auch Sabine bekommt einen Brief, schließlich hat sie mein Glück ausgelöst. Sie hat es wirklich verdient. Als die Sprache aufs Elisabethkrankenhaus kam druckste Gina verlegen herum. Ob mein Vater ihr wohl helfen könnte und würde, eine neue Stelle zu finden. Ich denke, es ist in Ordnung. Ich glaube Papa würde sich sogar freuen, wenn sie ihn um Unterstützung bittet.

Unendlich lange Tage sind seit Marcs Abreise vergangen, er fehlt mir furchtbar. Gott sei Dank habe ich nicht ganz so viel Zeit, ihn zu vermissen. Die letzte Medical Safari war sehr ausgedehnt, da wir ja schon die neuen Schulkinder eingesammelt haben. Nun will das Festival organisiert werden und jetzt, wo die arbeitsreiche Regenzeit vorbei ist, kommen viele, viele Menschen mit ihren Verletzungen und Krankheiten. Vieles natürlich verschleppt... die harte Arbeit macht auch vor den schwangeren Frauen nicht Halt, entsprechend hoch ist gerade die Fehl- und Frühgeburtsrate. Ich bin froh, dass Mehdi da ist. Von ihm habe ich sehr viel lernen können, Marc hat zwischenzeitlich schon gescherzt, ob ich doch lieber auf die Gyn wechseln will. Warum denn? Geht doch so nebenbei...

Apropos... vor ein paar Tagen hat Roula mich zur Seite genommen, ob ich ihr helfen kann. Ich versuche mein Bestes, Mehdi darf ich nicht fragen. Das Versprechen musste ich ihr geben.
Sie hat mir ihre Geschichte erzählt. Wie auch ich ihr meine. Ich glaube, wir waren beide entsetzt. Wobei ich finde, dass ihr Schicksal deutlich schlimmer wiegt als meins. Gewalt und Genitalverstümmelung gegen Betrug und Liebeskummer.

Ja... Liebeskummer. Habe ich so gesehen gerade nicht, weil Marc ist ja mir. Aber ich vermisse ihn furchtbar. Habe heute wieder versucht, ihn anzurufen, aber es war keine vernünftige Verbindung zu kriegen. Vielleicht habe ich in den nächsten Tagen nochmal Glück. Hier sind wir schließlich in einer Stadt. Nur fünf Minuten seine Stimme zu hören würden mir reichen.
Roula hat schon gefragt, wie lange ich vorhabe zu bleiben. Fritz geht es wohl wieder ganz gut, aber er soll immer noch nicht fliegen. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich hier bleiben möchte. Nirgendwo anders macht meine Arbeit so viel Sinn und Freude wie hier. Ursprünglich haben wir von einem Jahr geredet, sicherlich kein Problem für mich, solange hier zu bleiben. Ich fühle mich wohl. Nur ist der Marc-Faktor bei den Planungen nicht berücksichtigt worden – wie auch. Ich denke, dass ich noch eine Weile bleibe, aber nicht das ganze, geplante Jahr. Ich lasse vielleicht einfach den Winter aus. Obwohl es schon ein reizvoller Gedanke wäre, mit Marc ein ganz kuscheliges Weihnachten zu haben. Aber er ist ja jetzt wieder am Krankenhaus. Ohne Familie hat er das Nachsehen – und zu 100% Dienst über die Feiertage. Also doch den Winter hier.

Winter – welch kühlender Gedanke bei der Hitze hier.
Ein Eis wäre jetzt toll.

Ein wirklich süßer Gedanke zum heutigen Ende.

Machs gut!

Karo Offline

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05.09.2017 22:24
#68 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 1.3 – Marc am EKH 7 (Marc räumt auf)


Nachdem sich die oberste Führungsriege angekündigt hatte, griff Marc hart ins Tagesgeschehen ein. Erst fingen sich die Mitarbeiter der Chirurgie mitleidige Blicke von den Kollegen der anderen Fachbereiche ein, der Sklaventreiber war endgültig zurück und auf der Königsstation war es mit dem ruhigen Leben wieder vorbei. Später kam es umgekehrt, denn Doktor Meier nahm ausnahmslos jeden Winkel des Krankenhauses ins Auge.
Der Dornröschenschlaf hatte sich auf das ganze Schloss – äh Krankenhaus hin ausgeweitet und er war ein unbequemer Prinz. Nun waren es die Mitarbeiter der anderen Stationen, die sich schadenfreudige Blicke der Chirurgie gefallen lassen mussten.

Marc sah dreimal hin bevor er mit etwas zufrieden war, er öffnete Schubladen und Schränke, ließ diese im Zweifelsfall komplett ausräumen und neu sortieren. Ebenso kontrollierte er alle Hilfs- und Verbandsmittellager. Lockere Handgriffe und quietschende Türangeln wurden ausgebessert. Er schaffte es sogar bei der Reinigungsfirma einen Termin für die Fensterreinigung für den nächsten Tag zu bekommen. Für einen langjährigen Kunden musste das schon mal möglich sein.
Der Keller sowie der Abstellraum hinter dem Empfang wurden entrümpelt, Bernd Ullstein ließ sich von Marcs Aktionismus anstecken und organisierte persönlich die Entsorgung. Er beriet sich mit dem Oberarzt, ob man direkt selektieren sollte – einige Einrichtungsgegenstände waren alt, abgestoßen und wackelig, aber sicherlich für Afrika zu gebrauchen.


In den Pausen machte Marc Spaziergänge durch den Park. Der Rasen sah ordentlich aus aber das Laub war wohl schon vor längerem zusammengeharkt worden. Die Haufen waren hatten sich in der Zwischenzeit wieder etwas ausgedehnt, teilweise waren die Wege durch nasses Laub gefährlich rutschig. Mehrere Mülleimer waren defekt oder fehlten ganz, die Parkbänke waren auch noch nicht gestrichen worden – war das nicht immer schon Ende September gemacht worden?

In der Cafeteria fielen ihm angestoßene Teller auf, Stühle wackelten, Tische kippelten. War das alles während seiner Abwesenheit geschehen oder war ihm das vorher einfach nicht aufgefallen?

Bei allem, was Marc tat, hatte er jedoch immer ein wachsames Auge auf den Professor. Der wurde von Tag zu Tag unruhiger. Verständlich. Am liebsten hätte er Gretchens Vater nach Hause entlassen, aber soweit war der Chefarzt noch nicht. Doch insgesamt war er auf einem guten Weg und man besprach bereits die anschließende Reha.

„Ich bin fit, wozu soll ich in Reha?“ Natürlich protestierte der Patient.
„Auch diese Kliniken wollen Umsätze machen.“ Doktor Meier fand immer wieder neue Argumente. „Betrachten Sie es als Studie. Was machen die besser oder schlechter, was könnten wir uns abgucken?“
Man einigte sich auf einen Rehabeginn sobald die Firmenchefs abgereist waren.

Karo Offline

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12.09.2017 21:35
#69 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 1.4 – Marc und Professor Haase 5


An einem Vormittag, als Marc im Büro des Professors die vorbereiteten Briefe postfertig machte, besuchte ihn der Chef des Hauses. Marc runzelte die Stirn. „Herr Professor...?“
„Sparen Sie sich jegliche Frage, Doktor Meier, ich habe selber eine. Darf ich Ihnen beim Arbeiten zusehen und einfach nur mein Büro genießen?“

(„Gretchen ist sowas von eindeutig seine Tochter!“)

Marc lachte. „Natürlich. Aber von der Couch aus.“ Marc wies auf das Ledersofa.
„Schlafen Sie hier?“ Der Professor hatte die Decken und Kissen der Kuscheloase entdeckt, die Marc an sich genommen hatte. „Den Stil hätte ich eher meiner Tochter als Ihnen zugetraut.“ Der Professor lachte herzlich, dann zog sich ihm krampfhaft der Magen zusammen.
(„Oder meiner Frau...“)

„Gretchen war sich sicher, dass es sich um die Sachen handelt, die Ihre Frau aus Indien mitgebracht hat...“ Marc bemerkte, was er gerade gesagt hatte und stockte. Er sah dem Professor an, dass sie gerade die Gedanken teilten.

(„Oh nein – Bärbel Haase?“)

(„Bärbel?!!!“)

(„Dann hat sie... während der Professor auf der ITS...“)


(„Während ich auf der ITS...“)

(„Wo ist Gretchens Herde rosa Ponies, um diese Vorstellung aus meinem Gehirn zu bekommen!“)

(„Ich werde in Kur fahren und mir aber sowas von einen Kurschatten anlachen!“)
(„Mindestens einen – jede Woche!“)

Siehste! Es ist nicht ihre Kuscheloase.
Wie der Vater so der Sohn – gilt das auch für Mütter und ihre Töchter?

(„Wie der Vater so der Sohn...?“)

Verstehst Du jetzt, was ich die ganze Zeit meine? Du solltest keine Beziehung führen. Du weißt genau, wohin das unweigerlich führt...


„Um Gottes Willen...“ Marc sprang erregt vom Schreibtisch auf!

Professor Haase glaubte, einen weiteren Herzinfarkt zu bekommen, als sein Lieblingschirurg ihn so unvermittelt aufschreckte. „Was...?“

(„Ganz ruhig, Meier...“)

(„Jetzt sollte Dir schnell was einfallen...“)


„Entschuldigen Sie, Herr Professor! Ich bin ein schlechter kommissarischer Gastgeber – was möchten Sie trinken?“

(„Einen Schnaps.“)
„Nichts, danke.“
„Das habe ich nicht. Also? Tee, Wasser, Apfelschorle?“
Er sah den sehnsüchtigen Blick des Chefarztes zur Kaffeekanne. „Vergessen Sie das.“
„Dann Apfelschorle. Wasser und Tee kann ich den ganzen Tag haben und mir hängt es wirklich zum Hals raus. Hat sich da noch niemand beschwert?“
„Nein, warum?“
„Trinken Sie mal tagelang diesen lauwarmen Pfefferminztee. Alternativ gibt es Hagebuttentee.“
„Das kann nicht sein? Haben wir nicht deswegen die Teestationen eingeführt?“
„In den Kannen ist der gleiche Tee.“
„Sollten da nicht Kannen mit heißem Wasser stehen, dass sich jeder selbst bedienen kann?“
„Ja, aber die Hygienekommission hatte das damals in der Form nicht gestattet. Deswegen stehen da nur die Kannen mit dem aufgegossenen Tee.“
„Was sicherlich viel hygienischer ist, wenn jeder Patient mit seinen Bazillen da dran geht. Ich werde mich darum kümmern, Herr Professor.“
Der alte Chirurg lachte. „Jetzt lenke ich Sie nicht nur ab sondern mache Ihnen auch noch mehr Arbeit.“
„Ich kann mich schon wehren...“ Er öffnete sein Notebook. „Interessiert Sie bestimmt. Die Bilder sind von Thilo Langohr, dem Journalisten.“
„Oh ja! Ich habe da auch schon was vorbereitet. Ist aber jetzt im Zimmer, aber ich kann das gerade hol...“ Er wollte aufstehen aber der junge Chirurg drückte ihn energisch zurück auf die Couch. „Sitzengeblieben!“

(„Klappe halten und Fotos gucken!“)

Eine Weile waren die beiden Ärzte still und jeder konzentrierte sich – mehr oder weniger – auf den Monitor, der vor ihnen stand.

(„Bärbel Haase schafft sich ein lauschiges Plätzchen im Krankenhauskeller, während der Professor oben um sein Leben kämpft...“)

(„Ich glaube, ich kann ihr nie wieder neutral begegnen...“)

Der Professor ist nicht besser als sie – oder Deine Mutter. Und was man von Dir erwarten kann...


Mit Gewalt drängte Marc diese Gedanken zur Seite. Vom Professor war gelegentlich ein „Ah“, „Ach“ und „Oh“ zu hören, was Marc unweigerlich zum Lächeln brachte.
Der alte Mann und er – Sie liebten die gleiche Frau. Der Professor als Vater und er – als Mann. Zum ersten Mal in seinem Leben war er in eine Frau verliebt. So sehr, dass es wehtat.

Selbst Schuld, Meier. Du lässt Dich ja freiwillig kastrieren!
Genieß es. Du wirst etwas zurückbekommen.
Ehering und Kinder? Deine Zukunft könnte so geil sein! Aber gut. Zerstör Dein Leben – und das von anderen gleich mit.
Du bist nicht er und niemand zerstört hier irgendwas! Ihr werdet beide Zeit brauchen, wenn ihr wirklich zusammen sein wollt... denk immer daran, dass Du Geduld brauchen wirst.
Das einzige, was man(n) braucht ist Sex!
Daran wird es nicht mangeln. An gutem Sex schon gar nicht. Erfüllender Sex. Der Körper und Herz gleichermaßen befriedigt.


Sein innerer Disput wurde jäh unterbrochen als es stürmisch an der Türe klopfte und Schwester Sabine unaufgefordert ihren Kopf herein streckte. „Entschuldigungen Sie, Doktor Meier, ich suche den Professor.“
„Ich entschuldige, Sie haben ihn gefunden.“
„Hä?“ Sabine sah niemanden.
Marc wies mit einer Kopfbewegung in die Sofaecke. „Ich bringe ihn später in Ihre Obhut zurück.“
„Danke, Doktor Meier.“ Sabine wollte sich wieder zurückziehen doch wurde von dem Oberarzt daran gehindert.
„Sabine? Sagen Sie mal, was für Tee steht auf den Stationen zur Verfügung?“
„Pfefferminztee, Hagebuttentee und die die dürfen bekommen auf Nachfrage auch schwarzen Tee.“
„Aha, danke.“

(„Das müssen wir ändern. Irgendwie muss das ohne Langeweile gehen!“)

„Schwester Sabine?“ Der Professor tauchte hinter dem Mauervorsprung auf. „Würden Sie mir einen Gefallen tun? Können Sie mir den Block bringen, der in der Schublade meines Tisches ist?“
„Natürlich, Herr Professor. Aber Sie sollen doch bestimmt noch nicht wieder arbeiten?“
„Sabine?“ Doktor Meier stand baute sich vor ihr auf, die Hände in die Seiten gestützt. „Z(ett) – Z(ett).“
Sie grinste. „O(h) – K(eh).“

(„Bitte? Veräppelt die mich?“)

Das hast Du nun davon. Nicht mehr lange und alle tanzen Dir auf der Nase herum!

Aber insgeheim musste er doch über die Krankenschwester lachen. Auch der Professor prustete fröhlich. „Das ist es einfach, was mir fehlt. Das Kollegium hier ist einfach toll. Jeder so, wie er ist. Meier, wenn ich Ihnen diesen Rat geben darf. Egal, wo Sie jemals landen werden – ihre Mitarbeiter werden immer nur gut sein, wenn man sie sein lässt, wie sie sind. Wenn ich von Ihnen verlangen würde, anders zu sein, dann müssten Sie sich so darauf konzentrieren, dass Sie Ihren Job nicht mehr vernünftig machen könnten.“
Marc sah den Chefarzt lange nachdenklich an. Dann nickte er. „Ja, ja, da haben Sie wohl Recht!“
„Ich habe nicht wohl Recht, ich habe Recht! Jeder ist nur als er selbst gut! Und nun weiter, Marsch!“

Jeder setzte sich wieder vor seinen Monitor. Während der Professor jedes Bild genauestens studierte, starrte Marc nachdenklich auf das geöffnete Dokument.

(„Jeder ist nur als er selbst gut!“)

Ähnliche Worte hatte Gretchen für ihn gefunden.

„Es passt, weil der Baobab anders sein wollte. Obwohl er so wie er ist, einfach perfekt ist. Seine Rinde ist so dick, dass sie diesen Buschfeuern hier Stand halten können. Sie sind riesig und spenden viel Schatten. Ihre Blätter und Früchte sind vielseitig verwendbar. Er ist ein Segen, so wie er ist.
So wie Du.
Weißt Du, Marc, ich möchte nicht, dass Du irgendetwas tust, das Du glaubst tun zu müssen, weil ich es vielleicht gut fände. Ich möchte nicht, dass Marc Meier nicht Marc Meier ist. Schon gar nicht wegen mir. Also, doch, in einer Sache wäre es zwingend erforderlich, dass Marc Meier NICHT Marc Meier ist.“


(„Gretchen. Ich muss heute unbedingt nochmal versuchen, ob eine Leitung zustande kommt!“)

Er dachte an das Telefongespräch. Er hatte sie geneckt und sich vorgestellt, dass sie am anderen Ende der (Welt) Leitung, knallrot angelaufen war. Er lächelte. So rot, wie das Kleid, das sie an dem Fest der Eltern getragen hatte.
Im Regal an der Rückwand des Büros stand ein Foto von diesem Abend. Ein wunderschönes Gretchen zwischen ihren Eltern.

„Ach, nur so ein Kostümfest.“

„Und Du gehst als Prinzessin?“

Er hatte sich im Michael Knight-Outfit zum Affen gemacht. Sogar mit Beleuchtung!

Marc hatte die Anwesenheit des Chefarztes völlig vergessen. Langsam stand er auf und betrachtete lange das Foto. Gedankenverloren.

Der Professor beobachtete seinen jungen Kollegen. Erst nachdenklich, dann mit einem wissenden Lächeln. Mit einem Mal war er sich sicher, dass Gretchen bei dem Chirurgen in guten Händen war. Schließlich räusperte er sich. „Doktor Meier?“ Er nickte auf das Bild. „Seitdem ist viel passiert, nicht?“

(„Er erinnert sich bestimmt. Ich war betrunken und habe auf der Couch geschlafen. Und am Morgen – Gretchen nackt unter der Dusche.“)

Marc lächelte peinlich berührt. Am Grinsen des Professors erkannte er, dass sein Mentor sich definitiv erinnerte.
„Wie geht es denn Gretchen?“
„Ihrer Tochter geht es sehr gut, dort. Sie hat das Richtige für sich gefunden, schätze ich. Befürchte ich. Sie hat Ihnen doch einen Brief geschrieben, den ich Ihrer Frau gegeben habe?“
„Den hat sie mir bisher vorenthalten.“
(„Sie hatte bestimmt besseres zu tun...“)

(„Sie war bestimmt... nein, Meier! Nicht!“)


„Aber dass sie dort richtig ist, habe ich mir auch so gedacht – ihr großes Herz wird ihr helfen, sich gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Meine Frau und ich haben gewettet – sie geht davon aus, dass Gretchen bis Weihnachten wieder hier ist. Die Sonne, die Wilden – und ich bin nicht sicher, ob sie eher an Menschen oder Tiere gedacht hat – Armut, Krankheit und so weiter...“ Der Professor grinste.
„Ich hoffe, der Wetteinsatz lohnt sich? Den können Sie sich nämlich dann direkt abholen. Nein, Gretchen wird bestimmt nicht vorzeitig aufgeben. Eher befürchte ich das Gegenteil...“
„Wie meinen Sie?“
„Gretchen kann dort viel Sinnvolles tun und wirklich helfen. Nichts anderes will sie als Ärztin. Karriere und so...“ Er schüttelte den Kopf. „Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, dass sie als Allgemeinmedizinerin richtiger wäre als im OP. Verstehen Sie mich nicht falsch, Gretchen ist eine sehr gute Ärztin. Aber die Fachrichtung ist egal. Sie ist Ärztin geworden, weil sie Menschen helfen will. Nicht, weil sie Krankheiten als Herausforderung sieht und auf eine Karriere aus ist.
Nein, für Gretchen zählt wirklich der Mensch. Ob ein Pflaster oder eine Hüftprothese ist ihr ziemlich egal. Hauptsache, dem Menschen ist geholfen.
Das habe ich erst wirklich in Afrika begriffen. Hier hat mich ihr fehlender Ehrgeiz eher genervt. Wie man so gut sein kann ohne noch besser sein zu wollen.“
„Sie hat Ihnen von den Haase-Chirurgen erzählt?“
„Nein?“ Marcs kurze Antwort enthielt mehr als ein Fragezeichen.
Der Professor lehnte sich zurück und sah den Freund seiner Tochter an.

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12.09.2017 21:40
#70 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.5 – Die Familie Haase


In der Familie studierte man Medizin. Das war immer so gewesen. Sie waren Chirurgen. Seit jeher.

Ursprünglich als Bader und Wanderärzte unterwegs, war es Georg Langner, der nach dem Abitur 1783 als erster ihrer Ahnen die Königliche Chirurgenschule in Hannover besuchte. Sein Medizinstudium beendete er mit der Promotion zum Doktor med. Danach folgten Auslandsaufenthalte in England, Frankreich und der Schweiz. 1798 kehrte er als Dozent an die Chirurgenschule Hannover zurück. Professuren in Freiburg, Münster und Paris schlossen sich an.

Mit seiner Frau Anna und sechs Kindern kehrte er nach dem Tod seines Vaters zurück nach Hannover, wo er eine orthopädische Anstalt gründete.
Sein ältester Sohn Franz folge einem ähnlichen Werdegang. Mit 25 promovierte er in Hannover, heiratete Susanne Lebenshauf, die Tochter eines Chirurgenkollegen des Vaters.

Eine der Enkelinnen heiratete den zu seinerzeit renommiertesten Chirurgen, Hans Severin. Die beiden Söhne Klaus und Ludwig studierten zwar Medizin, reichten ihren berühmten Vorfahren aber nie das Wasser. Eine der ersten Frauen, die sich an einer medizinischen Hochschule einschrieben war hingegen Tochter Hannah Severin. Sie machte ihr Examen Summa cum Laude und promovierte in Basel. Sie heiratete auf Wunsch des Vaters den Chirurgie-Professor Doktor Joseph Scholl, der sie jedoch verließ, da sie sich weigerte, ihren Beruf als Ärztin aufzugeben. Ihre Tochter Margarete zog sie alleine auf. Auch diese Tochter studierte Medizin und heiratete, zum Entsetzen der Familie keinen Arzt, sondern einen Schmied – Carl Haase.
Der jedoch war so klug, seine Frau zu unterstützen, indem er nach ihren Wünschen medizinisches Gerät und Hilfsmittel anfertigte. Er zog auch die 5 Kinder groß – 4 Mädchen und 1 Sohn – Carl-August Haase. Dieser heiratete die Ärztin Elfriede Ballhaus, wurde natürlich auch Chirurg und Vater der Söhne Franz, Hans und Heinz.

Auch die drei Brüder studierten Medizin und wurden Chirurgen. Franz Haase entzog sich aus dem Umfeld der Familie nach Berlin, während Hans in Hamburg blieb, wo sich die Familie nach dem 2. Weltkrieg niedergelassen hatte.
Als junger Chirurg am Klinikum Elbe Nord angestellt, bekam dieser als Oberärztin die Russin Ljudmila Temelova vor die Nase gesetzt. Diese hatte nur eine befristeten Arbeitserlaubnis in Deutschland. Ihren Eltern war sie ein Dorn im Auge – Mitte 20 und unverheiratet. Der attraktive Arzt aus anerkannter Chirurgen-Dynastie kam ihr gerade Recht. Schon bald, nachdem sie eine Affäre angefangen hatten, wurde die Russin von Hans Haase schwanger und drängte ihn zur Hochzeit. Sie bekamen fünf Töchter.

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12.09.2017 21:47
#71 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Oktober 1.6 – Marc und Professor Haase 6


„Heinz, der Jüngste von uns Dreien, ist mir wieder ähnlicher. Er fügte sich natürlich auch in die Reihe der Chirurgen ein, verließ Hamburg aber auch, als abzusehen war, dass Hans dort bleiben und den „Familienbetrieb“ übernehmen würde. Seine Assistenzzeit hat er an der Uniklinik in München absolviert, über Tübingen und Ravensburg kam er als Chefarzt nach München zurück, wo er sich vor vielen Jahren selbstständig gemacht hat – mit einem Institut für medizinische Beratung. Hauptsächlich erstellt er Gutachten für Krankenkassen und wird für eine Zweitmeinung pro/contra Operationen oder aufwändige/notwendige Behandlungen befragt. Im Interesse der Patienten und des Gesundheitssystems.

Ich habe mich selbst zwar der Tradition gebeugt aber belastend fand ich das nie. Ich war gerne Arzt. Meine Kinder hatten jedoch nie den Druck, Medizin studieren zu müssen. Dass Gretchen sich dennoch dafür entschieden hat, macht einen Vater natürlich glücklich. Vor allem, als sie dann hier angefangen hat.
Mein Bruder in Hamburg hat seine Töchter immer in Richtung Medizin beeinflusst, sie studieren alle Medizin. Gut, die Jüngste geht noch zur Schule. Die Älteste hat jetzt ihre Assistenz auf der Chirurgie begonnen. Hans hat eine hohe Meinung von Larissa.“ Der Professor verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Er empfand die Töchter seines Bruders als anstrengend. Immer auf Wirkung und Aufmerksamkeit bedacht. Wie die Mutter eben.

Marc grinste. „Ich wette, Gretchen ist trotz fehlender Karriereambitionen die Beste in der Generation?“

„Das fragen Sie mal meinen Bruder.“ Der Professor prustete. „Also den in Hamburg. Die Sprösslinge meines jüngeren Bruders sind alle noch jünger, dürfen aber wie es aussieht auch selbst entscheiden. Mike macht eine Lehre zum KFZ-Mechaniker und Anna ist ein Jahr im Ausland unterwegs. Die beiden anderen besuchen noch das Gymnasium.“

„Da waren Sie aber zurückhaltend – mit nur zwei Kindern bei neun Nichten und Neffen?“ Marc lachte.

(„Kein Wunder, dass Gretchen immer schon viele Kinder wollte!“)

„Machen Sie zehn draus. Mein Bruder hat noch eine Tochter aus einer früheren Beziehung. Aber die wird in seiner Familie unterschlagen, seine Frau mag das nicht. Meine Mutter hielt aber immer ein Auge auf Andrea, sie ist vier Jahre älter als Gretchen, aber im Grunde ist eine fast wie die andere. Wir hatten sie früher oft hier, sie und Gretchen stehen immer in Kontakt. Eine Weile waren sie zeitgleich in Köln beziehungsweise Bonn.“
„Gretchen hat von ihr erzählt. Die Heilpraktikerin, nicht?“
„Oh ja. Ihr Beruf ist ein weiterer Grund, warum mein Bruder sie verschweigt. Verschwieg, jetzt geht das nicht mehr so leicht. Andrea weiß meinen Bruder sehr wohl zu ärgern – sie ist mit ihrer Tochter zu meiner Mutter gezogen. Sie kümmert sich um meine Mutter und die wiederum kümmert sich um Elda. Ihre Praxisräume hat sie ebenfalls auf Vermittlung meiner Mutter mieten können.“
„Elda? Als Tochter einer Heilpraktikerin? Da ist aber jemand sehr konsequent.“ Marc schmunzelte.
„Wie meinen Sie das Doktor Meier?“
„Elda ist ein althochdeutscher Name, der aus der Verehrung der Hildegard von Bingen entstammt. Sozusagen eine Kurzform von Hildegard.“
„Ach so, naja, haha, ja das passt zu ihr.“ Der Professor lachte und schien einen Moment komplett versunken. Marc entging das natürlich nicht. Er war verwundert.

(„Nanu, so kenne ich ihn nur, wenn er von Gretchen spricht?“)

„Dann hat Gretchen ihren Namen nicht zufällig erhalten?“
„Ja und nein. Meine Frau und ich konnten uns nicht wirklich zwischen Hannah und Margarete entscheiden. Ausschlaggebend war nicht, dass beide sehr gute Ärztinnen waren. Wir dachten eher an die Selbstbestimmung und die Fähigkeit von beiden, ihren Weg zu gehen. Ihn gut zu gehen. Anfangs war auch noch Karla dabei, für den Schmied. Aus der Verbindung entstanden im Übrigen die Medizinischen Carlswerke, von denen wir auch schon Jahrzehntelang Material beziehen.
Karla war uns dann aber doch zu nah an meinem Vater. Zum Schluss haben wir Gretchen entscheiden lassen.“ Der Professor lächelte, als er daran dachte, wie sie das zwei Tage alte Mädchen aufforderten, sich einen Namen auszuwählen. „Margarete gefiel ihr wohl besser, denn als wir ihr den Namen Hannah anboten, da fing sie an zu weinen.“

(„Na Gott sei Dank – Hannah Haase, das klingt mehr nach einer Ferienpark-Animateurin als nach einer wunderbaren Frau!“)

„Meine Eltern waren natürlich sehr entzückt, dass wir uns für einen Namen entschieden hatten, der den Chirurgen in der Familie sehr gerecht wurde. Mein Vater sah es als „Wiedergutmachung“ meinerseits, weil ich eine Krankenschwester geheiratet hatte.“ Auf dem Gesicht des Professors erschien wieder sein spitzbübisches Grinsen. „Als Jochen zur Welt kam waren wir uns schnell einig, dass wir jetzt einen Namen aus der Familie meiner Frau suchen wollten. Einer ihrer Brüder ist im Kindesalter ertrunken. Aus Joachim wurde Jochen. Direkt den Namen eines Toten zu wählen erschien uns dann doch etwas zu makaber.
Mein Vater war ziemlich böse, dass es kein Karl oder August oder sonst ein Familienname wurde. Dann heiratete mein Bruder – wenigstens eine Chirurgin – aber die behielt ihren Namen und die Kinder wurden ebenfalls mit ihrem Namen eingetragen.
Er zog es vor zu sterben, nachdem mein jüngerer Bruder ihn der Schmach aussetzte und den Chefarztposten aufgab – zugunsten seiner Beratertätigkeit. Gut für ihn – er musste nicht mehr miterleben, dass Gretchen sich für Allgemeinmedizin und einen Kinderarzt entschied. Naja, das hätte sie ja jetzt wieder wettgemacht.“
Er strahlte seinen jungen Kollegen an und schlug ihm unerwartet kraftvoll auf die Schulter. „So gesehen passen sie voll rein, Doktor Meier.“ Der Chefarzt hatte seinen Spaß und auch Marc musste lachen.

(„Na wenn das so ist...!“)

Da hast Du es. Auch ihm geht´s nicht um Dich, nur um Deinen Ruf! Also eigentlich seinen...
Blödsinn. Er mag Dich!
Das werden wir sehen...

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21.09.2017 23:04
#72 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Oktober 1.7 – StaBe-Meeting 1


„...und deswegen möchten wir Sie bitten, einen weiteren Chirurgen einstellen zu dürfen, dass wir auch ausreichend Personal haben, um unser Material zu benutzen.“

Zustimmendes Kopfnicken. Professor Haase grinste in sich hinein. Sein Plan schien aufzugehen. Er hatte gut daran getan, das Wort seinem Oberarzt zu überlassen. Doktor Marc Meier verfügte über eine Sprachgewandtheit, die seinesgleichen suchte. Gerade ließ er – selbstverständlich ganz beiläufig – eine kleine Bemerkung zur Situation der Rettungsleitstelle fallen, die aber bei den Gästen sofort notiert wurde.

Die charismatische Stimme des jungen Mediziners ließ ihn aufhorchen.
„... sind wir am Ende unserer Rundtour angelangt. Ich denke, dass wir uns eine Pause verdient haben. Schwester Gabi hat sich persönlich um die Zusammenstellung einer kleinen Stärkung gekümmert. Meine Herren, bitte folgen Sie mir.“ Marc ließ die Führungsriege des Krankenhausbetreibers in einen hellen Raum eintreten. Er zwinkerte dem Professor zu – bis vor drei Tagen war dieser Raum eine gewaltige Rumpelkammer gewesen, in dem alte und defekte Möbelstücke, Renovierungsreste und allerlei sonstiger Unrat gelagert hatte. Nach dem Anbau vor ein paar Jahren hatten sie alles immer nur hier hinein gestellt – „wenn der Sperrmüll mal kommt“. Nun hatte es zwei Container für all das Zeug gebraucht, aber nachdem der ganze Krempel weg war, hatten sie überrascht in einem wunderschönen Raum gestanden. Eine breite Fensterfront ließ viel Licht von einer kleinen Freiläche hinein und warum auch immer – es war ein dunkles Laminat in Holzoptik verlegt. Eine der Putzfrauen hatte ganze Arbeit geleistet und freute sich nun über drei Tage Extrafrei. Sie hatte es sich verdient.

Auch auf Sabine und Gabi wartete ein Dankeschön, sie hatten diesem Raum Leben eingehaucht. Hier war ein Konferenzraum und Besprechungszimmer entstanden, ein Arbeitsraum mit persönlicher Note: Die Wände zierten Bilder der vergangenen Mitarbeiterfeste oder von Ausflügen des Kollegiums. Sabine hatte auch viele Postkarten aufgetrieben, die die Kollegen aus dem Urlaub geschickt hatten.

Nun drängte sich die kleine Delegation um das leckere Buffet, Gabi und Lorelei schütteten Kaffee oder kalte Getränke aus. Sabine hatte bedauerlicherweise den Tag frei, da ihre Mutter Geburtstag feierte.

Als später alle gesammelt um den runden Konferenztisch herum saßen, war der Chefarzt völlig entspannt. Der Verlauf des Tages genau durchdacht und geplant gewesen, nichts war zufällig passiert, kein Wort nebenbei gefallen. Professor Haase war hochzufrieden mit dem Ergebnis des heutigen Tages. Das Krankenhaus hatte sich in einem Topzustand befunden, alles war perfekt vorbereitet. Er hatte auf seinen Protegé gesetzt. Der Chirurg war ein brillanter Rhetoriker und hatte überzeugende Arbeit geleistet und am Ende des Treffens hatte das EKH nicht nur die benötigten Stellen freigegeben, sondern auch die Zusage, die Abteilungen Schritt für Schritt zu modernisieren. Trotz oder gerade wegen der entstehenden Konkurrenz in der Nachbarschaft.

Der absolut glänzende Zustand des in die Jahre gekommenen Krankenhauses und der offensichtliche Zusammenhalt des Teams während der schweren Zeit ohne den Professor beeindruckte die Bosse sehr – und machte sie gönnerhaft. Mit einem glücklichen Lächeln versprachen sie dem charmanten Mediziner eine zusätzliche Chrirurgenstelle – vorrangig für die Notaufnahme – freizugeben. Aber wann hatte es die Frage nach weiteren Assistenzärzten gegeben? Bernd Ullstein schüttelte den Kopf. Das musste die Idee seiner Chefs selbst gewesen sein.

Natürlich war man sich in der Personalie Doktor Cedric Stier ebenfalls einig – ein Spezialist wie er musste unbedingt gehalten werden, auch wenn es Geld und Geduld erforderte. Aber – und da musste ausnahmslos jeder dem charmanten Chirurgen beipflichten – gerade im Hinblick auf die verschärfte Standortsituation mit dem hochmodernen Katharinen-Hospital in direkter Nachbarschaft, waren herausragende Spezialisten einfach die beste Eigenwerbung.

Anhand der Zahlen konnte Marc belegen, dass schon in den wenigen Wochen, die Doktor Stier am EKH arbeitete, zwei Organtransplantationen zu ihnen gekommen waren. Aber für eine größere Anzahl solcher Eingriffe fehlte es an ausreichend Kapazität. Räumlich und personell. Es war Marcs Frage, ob an anderen StaBe-Kliniken personeller Überbedarf herrschte, den man eventuell ausleihen könnte, aus der später eine Idee geboren werden sollte: Springer!
So musste man an anderen Standorten vielleicht keine Angestellten entlassen, sondern würde diese entsenden. Auch auf die Frage der Unterbringung war Doktor Meier vorbereitet. „Im Schwesternwohnheim ist in jeder Hinsicht genug Platz. Vielleicht wird es endlich Zeit, sich von dem klassischen Wohnheim zu verabschieden und hier einfach solide Unterbringungsmöglichkeiten für jedermann zur Verfügung zu stellen.“
Der Protest der Oberschwester, die als Leitung der Pflege natürlich an dieser Runde teilnahm, kam prompt. „Wie wollen Sie das dann mit den zur Verfügung stehenden sanitären Anlagen machen? Da könnte es unangenehm werden, wenn...“

„Verehrte Oberschwester, es handelt sich bei meiner Äußerung lediglich um eine Idee. Sicherlich wäre ein Umbau von Nöten, da ich es mir durchaus schwierig vorstelle, die Badzeiten aufzuteilen – die geraden Stunden den Damen, die ungeraden Stunden den Männern.“ Marcs Bemerkung wurde mit vereinzelten Lachern quittiert. „Aber wie ich weiß wird mindestens die Hälfte des Gebäudes nicht genutzt. Es wäre zu prüfen, in welchem Zustand die Substanz der brachliegenden Räume ist.“

Professor Doktor Stangl übernahm das Wort: „Eine Modernisierung des vorhandenen Schwesternwohnheims steht eh seit Jahren auf der „roten Liste der dringenden Projekte“.

(„Schiebeprojekte...“)

Sollte die Überlegung mit den Springern tatsächlich ein Thema werden, ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einen Umbau haben wir immer verschoben, weil es bei derzeitiger Nutzung einfach finanziell nicht lohnt.“

Als Doktor Marc Meier die Anwesenden mit seinem charmanten Lächeln in den Feierabend schickte, hatten ausnahmslos alle Beteiligten das Gefühl, die Besprechung als Gewinner zu verlassen.

Das wurde Bernd Ullstein mit einem Schlag klar. Er hatte keine Ahnung, woher diese Erkenntnis kam, aber die Herren Stangl und Bertrand waren wirklich beeindruckt gewesen. Nicht nur von dem jungen, exzellenten Chirurgen.

Er beeilte sich, in das Büro zu kommen. Einen der neuen Arbeitsverträge wollte er direkt zur Unterzeichnung vorbereiten. „Eisen muss man schmieden, solange es heiß ist!“

Und Doktor Meier war ein verdammt hartes Eisen gewesen!

***
Bernd Ullstein rieb sich die Hände. Er hatte nicht mit so wenig Widerstand seitens Professor Haase bezüglich der Stelle des Leitenden Oberarztes gerechnet, wohl aber damit, dass die Zustimmung an eine Personalie gebunden sein könnte. Aber wenn Professor Haase Doktor Meier wollte, dann sollte es so sein.
Wenn er in den letzten Jahren etwas gelernt hatte, dann auf das Gespür des Professors zu hören. Fünf Jahre war es jetzt her, dass sich der Klinikchef durchgesetzt hatte, einem wenig erfahrenen, sehr jungen Arzt den Posten des Oberarztes gegeben zu haben. Ihre Einwilligung hatte die StaBe damals offiziell gegeben, weil Doktor Meier definitiv die günstigste Lösung gewesen war. Aber er erinnerte sich noch an den Enthusiasmus von Professor Haase, der sich an den jungen Arzt als AiPler und später als Assistenzarzt erinnerte. Dem weitaus erfahreneren Chefarzt zu folgen war eine Bauchentscheidung gewesen.

Nach der engen Zusammenarbeit der letzten Tage bestand auch für ihn selbst kaum ein Zweifel, dass der junge Chirurg den Anforderungen gewachsen war. Im Gegenteil. Nun war aus dem jüngsten Oberarzt ein sehr junger Leitender Oberarzt geworden.
Am schwersten hatte sich Doktor Meier selbst mit der Zustimmung getan. Er sei immer noch sehr jung und außer den vergangenen Jahren als Oberarzt könnte er nichts bieten, was die Beförderung zum Leitenden Oberarzt rechtfertigen würde. Natürlich war er in anderen Krankenhäusern beschäftigt gewesen, aber in der Summe bestand seine Arbeitserfahrung nur aus einem Krankenhaus, dem EKH.

„Na das reicht doch...“ Professor Haase ihm enthusiastisch auf die Schulter geklopft.

Die Herren Stangl und Bertrand waren im Allgemeinen zwar seiner Meinung, doch ihr Argument hatte Doktor Meier selbst zu verantworten – und nicht zu wiederlegen. Sein engagierter Einsatz um das Krankenhaus am Laufen zu halten. So war ihre eindringliche Bitte, jetzt auch offiziell diese Position zu übernehmen, inoffiziell hatte er das Ruder ja bereits in der Hand.
„Sicherlich sind wir alle an einer baldigen Genesung des Professors interessiert. Er traut Ihnen diesen Posten zu und vor allem – er vertraut Ihnen.“
Auch der Vorstand wusste die richtigen Argumente einzusetzen. „Sie kennen das Krankenhaus, die Mitarbeiter kennen Sie. Es wird genug Unruhe in das Team kommen, wenn neue Kollegen dazukommen.“

Schließlich willigte Marc ein – eine andere Wahl hatte er kaum. Bei dem Gedanken an das Gehalt, das demnächst auf sein Konto floss, musste er sich jedoch ein Grinsen verkneifen. Diesmal war er weit davon entfernt, die günstigste Lösung zu sein.

Mit einem glücklichen Lächeln versprach der Vorstand dem charmanten Mediziner, zusätzlich zu den bereits zugesagten Stellen möglichst bald die nun vakante Oberarztstelle zu besetzen. Der Form halber sollte er, Bernd Ullstein, nochmal mit Doktor Stier sprechen.

Karo Offline

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21.09.2017 23:16
#73 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

Oktober 1.8 – Café Sonne 2


An dem Tag, als im Katharinen-Hospital alle Hebel auf Eröffnung gestellt waren, begann Marc seinen Tag wieder einmal im Café Sonne. Guter Kaffee und in Ruhe die Zeitung lesen. Das Titelblatt der größten Berliner Tageszeitung zeigte ein Foto von Professor Doktor Doktor med. Franz Haase und Doktor med. Marc Meier vor dem Gebäude des Elisabeth-Krankenhauses.

Jüngster Oberarzt Deutschlands nun Chef im Berliner Elisabeth-Krankenhaus

Als Professor Haase vor fünf Jahren den damals 28jährigen Chirurgen als Oberarzt einstellte, erntete er viel Spott und Häme seiner Chefarztkollegen. Doch der „Junge, Wilde“, wie eine medizinische Fachzeitung seinerzeit titulierte, bewies schnell, dass Professor Haase die richtige Wahl getroffen hatte. Seit gestern ist Doktor med. Marc Meier (33) nun Leitender Oberarzt am renommierten Elisabeth-Krankenhaus. Chefarzt ist – wer könnte es sonst sein – Professor Haase.


Auf der ersten Seite des Lokalteils fand der interessierte Leser einen ausführlichen Bericht über Marc, den Professor und das Elisabeth-Krankenhaus. Thilo hatte sein ganzes Herzblut in diesen Artikel gelegt und der Leser konnte förmlich die familiäre Atmosphäre des kleinen Krankenhauses spüren, in dem der Professor im nächsten Jahr sein 20jähriges Chefarztjubiläum begehen würde. Immer wieder setzte er geschickt das Wort „Vertrauen“ ein. Was jeder Deutschlehrer als Wiederholungsfehler angekreidet hätte, war hier mit voller Absicht praktiziert worden.
Im unteren linken war ein kleiner Kasten mit Fakten zum Elisabeth-Krankenhaus. Dort befanden sich die Namen der renommierten Ärzteschaft mit ihren Fachbereichen, allen voran das neue Aushängeschild Doktor Cedric Stier, Facharzt für Kardiologie und Experte für Transplantationen.

Mit dieser großen Anzahl an hochqualifiziertem Personal kann Professor Haase entspannt auf sein 20jähriges Dienstjubiläum im nächsten Jahr blicken.

Als Marc einen Randbericht sah, machte sein Herz spontan einen Hüpfer. Der Auslöser war ein kleineres Foto von Gretchen auf der Seite.

Doktor Margarete Haase, Tochter des Berliner Professors arbeitet für ein Jahr Entgeltlos in Westafrika (wir berichten in einer dauerhaften Serie in unserem Wochenendmagazin). Noch bis Ende November weilt auch der Gynäkologe Doktor Mehdi Kaan in Burkina Faso.

Darunter strahlte Mehdi mit einem schwarzen Baby auf dem Arm.

Marc grinste als er die Seite umblätterte. Thilo hatte den Artikel über die Eröffnung des Katharinen-Hospitals auf die untere Hälfte der zweiten Seite platziert. Darin beschrieb er sehr nüchtern, was die ProVida mit dem Krankenhaus plante. Fast musste Marc sich zum Lesen zwingen, so emotionslos und langweilig war der Bericht geschrieben. Erst der Schluss rüttelte wach:

Die ProVida hat sich viel vorgenommen und gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Betrieb geschaffen. Doch mit einem Nachbarn wie dem seit langen Jahren erfolgreich arbeitenden Elisabeth-Krankenhaus mit der hochqualifizierten Belegschaft um Professor Doktor med. Franz Haase könnte es schwer werden, das Vertrauen der Berliner zu erlangen.

(„Bingo!“)


Der „junge, wilde“ Leitende Oberarzt des erfolgreichen Elisabeth-Krankenhauses grunzte zufrieden.

***
„Entschuldigung, das sind doch Sie?“ Die Verkäuferin im Café Sonne reichte gerade einer Kundin die Tageszeitung, dabei war ihr Blick auf das Foto von Marc und Professor Haase gefallen.
Marc biss in sein Brötchen, er hatte dem Duft nach Frischgebackenem nicht wiederstehen können.
„Ja.“ Was sollte er anderes darauf antworten. Er schickte sein charmantes Lächeln hinterher. Die Frage jedoch erweckte Aufmerksamkeit, denn die Kundin verglich direkt das Foto mit dem jungen Mann. „Ach, das Elisabeth-Krankenhaus. Ja, Professor Haase verdanke ich wohl mein Leben. Er hat vor Jahren einen Tumor entdeckt, der mich jahrelang gequält hat. Kein anderer Arzt vorher konnte den entdecken. Grüßen Sie den Professor herzlich von mir.“
„Ja, bei Tumorerkrankungen macht Professor Haase niemand etwas vor. Auch kein Tumor. Von wem darf ich denn die Grüße ausrichten?“
„Mein Name ist Schneverdingen. Gerda Schneverdingen. Und Sie sind...“ Sie blickte auf die Zeitung, doch Marc war schneller.
„Doktor Marc Meier.“
„Sehr erfreut. Alles Gute Doktor Meier und vielen Dank. Wolfi wartet draußen, ich lasse ihn ungern warten. Auf Wiedersehen!“

(„Wolfi?“)

Als er sah, dass die alte Dame einen alten Mops an die Leine nahm, erneut:

(„Wolfi???“)


***
Marc dachte an das persönliche Gespräch mit den StaBe-Bossen. Professor Doktor Alois Stangl hatte ihn vor der endgültigen Zusage, ihn als Leitenden Oberarzt einzusetzen, zu einem Gespräch unter sechs Augen gebeten – natürlich. Selbstverständlich war auch Doktor med. Bernard Bertrand mit dabei, den jungen und so souverän wirkenden Oberarzt genauer unter die Lupe zu nehmen.
Doktor Meier schien in keinster Weise besorgt oder verunsichert zu sein, als er gegenüber den beiden Persönlichkeiten Platz nahm. Aber eine gute Portion Selbstbewusstsein musste ein Leitender Angestellter auch vorweisen, sie selbst waren schließlich lange Jahre ihm Klinikalltag tätig gewesen.

Sie waren keine Wirtschaftsökonomen, keine Geld-Manager sondern Mediziner. Das hatte Marc dann doch überrascht. Natürlich hatte er sich im Vorfeld Informationen über die Besucher eingeholt, doch die waren nur spärlich gesät. Selbst auf der Homepage der StaBe war nur wenig über die beiden Herren zu finden, mehr ging es um die Arbeitsweise und die Absichten des Krankenhausbetreibers.
Die beiden Mediziner, der Süddeutsche ein Kardiospezialist, der andere aus der französischen Schweiz stammende – und das überraschte Marc dann doch sehr – ein Kinderarzt, hatten vor vielen Jahren eher zufällig zusammengefunden. Der eine, nach einer langen Zeit im Ausland, voll mit Ideen und Idealen, der andere eher frustriert darüber, wie er arbeiten sollte und wollte. Sie hatten einem Zufall und dem dankbaren Vater eines herzkranken Kindes vor rund 40 Jahren zu verdanken, dass sie heute die Geschicke von 12 Krankenhäusern leiteten. Doch auch Ideologien mussten Geld verdienen und so sah sich Marc später mit einer neuen Situation konfrontiert.

Marc hatte ein gutes Gespräch mit den beiden Altmedizinern gehabt. Wie Professor Haase vorher schon waren auch sie überrascht, dass Marc generell den OP-Tisch bevorzugte und die Position des Leitenden Oberarztes nur aus der Not heraus und für den Professor einnehmen würde.

„Professor Haase hat Ihnen vor Jahren eine Chance gegeben und Sie zahlen sein Vertrauen in Sie nun zurück. Das Leben funktioniert nur mit Geben und Nehmen. Wirtschaftlich ist die Einstellung von Doktor Stier eine Katastrophe, denn man weiß nicht ob und wie lange er irgendwann arbeitsfähig sein wird. Die StaBe hätte gegen eine Charité oder andere renommierte Kliniken wohl kaum eine Chance, Mediziner wie ihn zu bekommen. Momentan fragt niemand nach ihm und diesen Zeitpunkt müssen wir nutzen. Sein Können steht uns ja zur Verfügung, egal ob zehn, zwanzig oder sechzig Stunden. Aber wo wir gerade bei Doktor Stier sind – es waren Sie, der ihn ans EKH geholt hat?“
„Wohl eher ein Zufall.“
„Zufälle sind meist die besten Helfer. Kleine Zeitfenster, die Großes bewirken können.“
„Und mir momentan einiges vom Papierkram vom Leib halten. Egal für was, die Zeitfenster sind alle viel zu klein.“ Marc grinste. „Ich frage mich wirklich, wie Professor Haase das alles alleine bewältigt hat.“
„Weil er gute Leute hinter sich hat, die ihm mit anderen Dingen den Rücken frei halten.“
„Es ist ja nicht nur die Klinikleitung. An drei Tagen pro Woche hat er Seminare an der Uni, die auch vor- und nachbereitet werden wollen.“
„Sie lenken zu einem Thema, das wir eh schon längst angesprochen haben müssten...“
„Ich denke, mittlerweile ist dem Professor selbst klar, dass er die Klinik nicht im Alleingang weiter leiten kann.“
„Nur, dass diese Erkenntnis an Ihre Personalie gebunden ist. Was würde passieren, wenn Sie irgendwann in die weite Welt hinaus wollten? Das Elisabeth-Krankenhaus kann doch nicht ihr berufliches Ziel sein? Wo wollen Sie hin? Sie verfügen über zwei Facharzttitel, sind ein begnadeter Rhetoriker. Sehen Sie sich damit für alle Zeiten in Krankenhäusern?“
„Worauf wollen Sie hinaus?“
„Sie mögen den OP-Tisch bevorzugen, aber eigentlich sind Sie für andere Aufgaben prädestiniert.“
„Zum Beispiel?“
Die beiden Altmediziner hatten sich einen Blick zugeworfen und schließlich eine Mappe auf den Tisch gelegt. „Naja – so eine Art Forschung? Wissen Sie... die zugesagten Renovierungen sind Teil eines Plans... den wir angesichts des Professors Gesundheitszustandes eben nicht ansprechen wollten... Das Stichwort heißt Neuorientierung. Natürlich steht unter dem Strich eine Gewinnoptimierung, aber für jedes unserer Häuser sieht das anders aus – muss es aussehen.“

(„Na toll, Meier. Wer sind hier die Strategen?“)

„Dass Sie hier andere Grundvoraussetzungen haben als zum Beispiel die Gersfeld-Klinik in der Rhön, liegt auf der Hand. Individualität ist hier gefragt.
Die StaBe wurde von Doktor Bertrand und mir gegründet, doch mittlerweile besteht der Vorstand nicht mehr nur aus uns beiden. Genauer gesagt ist der Anteil an Kollegen, die an Wirtschaftlichkeit mehr interessiert sind als an guter Medizin in der Überhand und wir müssen nun sehen, wie wir alles auf einen Konsens bringen.“
„Und natürlich bis vorgestern...“ Marc schnaubte und griff nach der Mappe. „Darf ich?“
„Sie sollen sogar. Wir wollten den Professor damit nicht gleich wieder auf die Intensivstation bringen. Ihre Stelle zu akzeptieren ist schon viel für einen wie ihn.“
„Damit schieben Sie mir die A..., den Schwarzen Peter zu...“
„Sie werden die richtigen Worte finden.“ Professor Stangl grinste und die etwas zotteligen grauen Augenbrauen ließen plötzlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Professor Haase erkennen. „Sie haben uns schließlich auch einige Zugeständnisse entlockt.“
„Die Sie jetzt erstmal noch vor Ihren Vorstandskollegen vertreten müssen?“
„Was und mit der auf Seite fünf angesprochenen Selbsteinschätzung definitiv leichter fallen würde.“
Marc sah sich das entsprechende Blatt an und Doktor Bertrand erklärte:

„Der erste Schritt soll sein, dass sich die Krankenhäuser selbst einschätzen. Stärken, Schwächen, Potential. Also eine Standortbestimmung. Da ist erstmal nichts Gefährliches dran, ganz im Gegenteil. Schon hier kann man sich im Grunde überlegen, in welche Richtung man will und die Ausarbeitung entsprechend beeinflussen. Das habe ich jetzt aber nur unter uns gesagt.“ Er zwinkerte Marc zu. „Transplantationen sind durchaus lukrativ und warum soll beispielsweise eine Charité das ganze Geld abgreifen?“
„Für diese Dokumentation haben die Krankenhäuser drei Monate Zeit. Sie sehen, die StaBe will, aber nicht sofort und schon gar nicht vorgestern. Bis Februar soll ein erstes Rohkonzept auf Papier gebracht und vor Ort mit dem entsprechenden Betreuer in einer Machbarkeitsdiskussion besprochen worden sein.“

Marc protestierte umgehend. „Drei Monate über den Jahreswechsel? Das ist mit die arbeitsreichste Zeit des Jahres...“
„Das ist uns bekannt, den Ökonomen aber völlig egal. Die drei Monate waren schon eine heftige Debatte.“
„Hm. Und natürlich sind die Neueinstellungen daran gebunden? – Wissen Sie – so ein Pamphlet zu schreiben ist nicht das Problem. Vor allem nicht, wenn davon neue Mitarbeiter abhängen, das kann ich Ihnen sicherlich morgen auf den Tisch legen.“ Er sah auf die Uhr. „Morgen Abend. Allerdings wäre diese Einschätzung jenseits der Realität, denn selbst in drei Monaten wissen wir nicht, wo uns das Katharinen-Hospital hinbringt.“ Marc rieb sich die Stirn. „Gibt es – also unter der Individualität jedes Standortes eine Verhandlungsbasis?“
„Wie meinen Sie das?“
Man hörte Marcs Gehirn förmlich arbeiten. „Eine generelle Kurzzeiteinschätzung sofort und eine weitere innerhalb von sechs Monaten. Selbst das ist mutig, ich bezweifle, dass wir bis dahin wissen, wie uns der Nachbar Bilanzmäßig beeinflusst und das sollte in einer „Neuorientierung“ berücksichtigt werden, meinen Sie nicht?“ Marc seufzte. „Mal abgesehen davon, dass es allein zwei Monate braucht, bis der Professor sich davon erholt hat. Ohne ihn kann und will ich so etwas nicht schreiben. Ich nehme an, dass ich derjenige bin, der ihm von diesem Vorhaben berichten muss?“ Er nickte. „Gut. Entscheiden Sie, eine Idee sofort und den Professor wieder auf der ITS oder Neueinstellungen zur Probe, ein Jahr oder wegen mir bis Doktor Rössel in Rente geht und ich werde den Professor schonend in die Richtung lenken.“

(„Wie auch immer...“)

Ohne Umschweife kam Marc auf ein anderes Thema: „Was machen wir mit Thilo Langohr?“

***
Marc grinste und leerte die Kaffeetasse.
Fürs erste war diese sofortige Neuorientierung vom Tisch, wie Stangl und Bertrand diese Vereinbarung vertreten würden war ihm völlig egal. Nachdem man ihm quasi die Argumente in den Mund gelegt hatte, war es ein leichtes gewesen, das Engagement für Sanssouci an den Mann oder besser – an die Bosse zu bekommen. „Soft Skills.“ Er hatte Beispiele angeführt, wie sich andere Firmen und Einrichtungen sozial engagierten. Die Berichte, die Thilo vorbereitet hatte, taten ihr Übriges und wurden wiederstandlos abgesegnet. Der erste Artikel war nun veröffentlicht. Er sah auf die Uhr und faltete die Zeitung zusammen und verabschiedete sich von Frau Böhm.

„Auf Wiedersehen Doktor Meier und – herzlichen Glückwunsch zur Beförderung.“

Karo Offline

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21.09.2017 23:21
#74 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Oktober 1.9 – Gina bei Bärbel


„Gina? Was machst Du denn hier?“
Bärbel Haase traute ihren Augen nicht. Doch auch nach mehrmaligem Zwinkern stand die Freundin ihrer Tochter immer noch vor ihr auf der Treppe. „Das ist ja eine Überraschung. Aber wenn Du zu Gretchen möchtest, die ist in...“
„...Afrika! Hallo Bärbel. Ich komme auch gerade von dort.“
„Von wo...?“
„Afrika!“
„Afrika?“
„Ja. Ich habe Post für euch.“
„Aus Afrika?“
„Ja. Von Gretchen.“
„Gina! Sag das doch direkt! Mensch, komm erstmal rein!“

Bärbel Haase erholte sich schnell von der Überraschung. Ihre Augen strahlten als sie die geschwungene Schrift ihrer Tochter auf dem Umschlag erkannte.

Mama/Papa

„Wenn ich den jetzt lese, dann macht Franz mir die Hölle heiß. Der ist gerade eh schon wieder viel zu viel auf den Beinen.“
„Wie geht es Franz?“
„Seit Doktor Meier zurück ist geht es ihm von Tag zu besser aber von gut ist er meiner Meinung noch weit entfernt. Das sieht er natürlich anders. Vor allem, weil gerade die obersten Bosse der StaBe in Berlin sind. Ach Gina, das ist schön, Dich wiederzusehen. Zuletzt war das...“
„... bei der Hochzeit.“
„Ja, schade, dass das mit dem Millionär nicht geklappt hat.“

„Ich dachte, das wäre ein Heiratsschwindler gewesen?“
„Pfff... der sucht sich auch gerade unsere Tochter zum ehelichen aus. Kein Geld und zu dick.“
„Aber verliebt war er in Gretchen, das war offensichtlich.“
„Ist ja auch egal. Aber was hast Du in Afrika gemacht? Im Gegensatz zu Gretchen hast Du ja wenigstens eine Karriere.“
„Gehabt.“
„Wie, gehabt?“
„Ich dachte, ich begleite Gretchen, weil ich nichts anderes zu tun hatte.“
„Als Oberärztin hast Du nichts zu tun? Pfff...“
„Ich war Oberärztin. Mein Vertrag war zeitlich befristet, Schwangerschaftsvertretung.“
„Das ist Pech. Naja, Du findest bestimmt was Neues. Sag mal... hast Du gar kein Gepäck?“
„Doch, das wird morgen geliefert. Ich hoffe, ihr seid nicht böse, dass ich eure Adresse angegeben habe. Mir ist sonst nichts eingefallen.“
„Wo wohnst Du denn?“ Bärbel stellte die Frage, vor der Gina sich schon die ganze Zeit fürchtete.
„Ich wollte fragen, ob ich vorerst bei euch unterkommen kann? Gretchen sagte, dass ich euch einfach fragen soll. Von ihr aus, darf ich ihr Zimmer nutzen.“
„Das rosa Puppenhaus? Nein, Gina. Wir haben ein Gästezimmer! Natürlich kannst Du hier bleiben, unser Haus ist ja groß genug. Momentan sogar viel zu groß – für mich allein. Ich freue mich über Gesellschaft, Franz ist ja immer noch im Krankenhaus. Und wenn er entlassen wird, dann fährt er sofort in Reha.“
„Also war es doch nicht so harmlos, wie ihr es Gretchen gesagt habt?“
„Nein, aber ich wollte nicht, dass noch ein Projekt von ihr scheitert. Sie hat ja noch nie was richtig hingekriegt.“
„Aber Franz und Gretchen, die hängen aneinander wie die Hose am Schinken. Was wäre wenn nun...“
„Es ist aber nicht. Doktor Meier zurückzuholen war das Beste. Für meinen Mann und für Gretchen.“
„Wieso für Gretchen? Die war ganz schön traurig.“
„Das wäre doch auch nichts geworden. Pfff... sie und Doktor Meier? Nicht seit 20 Jahren. Nicht jetzt. Niemals.“
„Ich glaube, das sieht sie anders.“
„Das hat sie schon immer. Bei Marc Meier war ihre Brille immer schon so rosa wie ihr Zimmer. Hast Du Hunger? Ich habe seit Tagen nicht richtig gekocht, ach, was rede ich Tage – Wochen! Aber ich bin ja den ganzen Tag im Krankenhaus bei Franz. War. Jetzt hält ihn gerade nichts mehr im Bett.“

„Mir würde vernünftiges Brot und ein gescheites Bier reichen.“

„Bier? Aber Gina... wir haben einen wunderbaren Weinkeller. Franz trinkt ja nicht mehr, wegen seines Herzens. Oh bitte, lass uns einen guten Wein trinken!“ Bärbels Augen sprühten vor Begeisterung und Gina stimmte zu, auch wenn sie ein Bier bevorzugt hätte.
„Dann sehe ich, was ich uns kochen kann. Wobei... ich habe eher nicht viel da. Tststs, ein leerer Kühlschrank bei Bärbel Haase und dann kommt noch Besuch. Das mir das passieren muss...“
„Wie ich Dich kenne kannst Du auch aus Nichts etwas tolles zaubern. Soll ich Dir helfen?“
„Nein, Gina. Komm, wir bringen erstmal Deine spärliche Tasche nach oben. Vielleicht willst Du Dich frisch machen?“
Die junge Frau reagierte nicht. Ein Foto auf der aktuellen Tageszeitung nahm sie völlig gefangen.

(„Leitender Oberarzt? Dieser Scheißkerl!“)

„Gina?“ Bärbel holte sie aus der Fassungslosigkeit. „Das kannst Du später lesen. Du kommst an und ich mache Essen.“

Im Nu hatte Bärbel Nudeln gekocht. Mit den restlichen Tomaten und Zwiebeln angebraten war das einfache Gericht für beide ein Genuss. Für Bärbel, weil sie endlich wieder in Gesellschaft war und Gina hatte normales Essen genauso vermisst, wie Marc, als er vor nicht allzu langer Zeit nach Hause gekommen war.

Karo Offline

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Beiträge: 172

21.09.2017 23:25
#75 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

Oktober 1.10 – StaBe-Meeting 2 (Sanssouci)


Der befand sich gerade in einem der zahlreichen Meetings mit Professor Doktor Stangl und Doktor Bertrand. Die Runde wurde komplettiert durch den Chefarzt, Bernd Ullstein, Thilo Langohr und Fritz Kemper. Jener Fritz, der mit Pfeil in der Brust, Wodka im Kopf und Parasit in der Blase das Leben von zwei besonderen Menschen auf den Kopf gestellt hatte.

Am Ende war man sich einig – die StaBe als Krankenhausbetreiber würde als Partner der Krankenstation von Sanssouci auftreten. Man merkte, dass Marc das Thema wichtig war, auch wenn sich Professor Haase sehr über dieses bisher nicht gekannte Engagement wunderte. Es machte sich ein anderes Gefühl breit. Stolz.

(„Er ist erwachsen geworden.“)

„Ich stimme zu 100 Prozent mit Doktor Meier überein – wir schreiben viele Medikamente ab und entsorgen in die Jahre gekommene Medizintechnik obwohl diese noch funktionieren. Natürlich darf man sich dem Fortschritt nicht zu lange verweigern, aber wir könnten das Geld statt zum Fenster hinaus auch nach Afrika werfen. Nimmt man die ganze Anzahl der StaBe-Kliniken, macht das noch ein Vielfaches von unserem Volumen.“
„Sie meinen, dass wir hier ALLES sammeln sollen?“ Bernd Ullstein starrte den Chefarzt nun doch etwas ungläubig an. „Und wer soll sich darum kümmern?“
„Das lassen Sie unsere Sorge sein!“ Fritz rutschte aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. „Wir haben schließlich einen Pool an freiwilligen Helfern.“
„Hm, für solche Aufgaben können auch immer die Praktikanten und Studenten herangezogen werden. Oder Ehrenamtliche, denn wir wollen ja gerade die Berliner Bürger ansprechen. Ich behaupte auch, dass eine Reihe an Mitarbeitern so eine Sache unterstützen würde.“
„Das ist doch bestimmt eine Menge Bürokratie.“ Herr Ullstein fürchtete einen Haufen Arbeit auf sich zukommen. „Und erst die Überlegungen, wer was bekommt...“
„Bürokratie ist es in der Tat.“ Fritz nickte. „Aber Frau Schwan und ich sind damit vertraut und sowieso ist Bürokratie das Letzte, was uns vom Helfen abhalten sollte. Wir schicken ja eh immer alles an einen Ort und dort wird dann sortiert. Es wäre sinnvoll, dafür Koudougou auszuwählen, denn dort ist die einzige Uniklinik des Landes, die am ehesten ausrangierte und abgeschriebene Medizintechnik verwenden können.“

Der Vorschlag von Professor Haase, den ungenutzten Keller des Elisabeth-Krankenhaus als Sammelraum zu nutzen fand genauso Zustimmung wie die Schaffung einer festen Anlaufstelle für Interessierte – Spender oder Helfer. Der Chefarzt hatte schließlich auch noch eine Idee – warum nicht die Klinikwände mit großrahmigen Fotos lebendiger gestalten. Der Raum, in dem sie gerade tagten, könnte an unterschiedlichen Tagen für die Berliner offen stehen. Frau Schwan wäre sicherlich erfreut, nicht länger in der zugigen Garage verweilen zu müssen und für größere Veranstaltungen, die Fritz normalerweise in der Aula einer Sonderschule durchführte, könnte auch die Cafeteria zur Verfügung gestellt werden.

„Ich meine, wir wollen ja die Leute hierhin holen – egal ob krank oder gesund.“ Er hatte in die Runde gezwinkert und seine buschigen Augenbrauen tanzen lassen.

Fritz war am Ende einfach nur überfordert. Ihm schwirrte der Kopf. Doch man verzieh ihm schnell, denn sein Gesicht drückte aus, was er empfand: Freude und Glück!

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