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Dieses Thema hat 431 Antworten
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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.453

10.12.2020 22:20
#426 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Januar 3.4 – Die erste Versöhnung



Als Gretchen nach einer schlechten Nachthälfte wach wurde, fand sie erst eine leere Bettseite, dann ihren Freund

(„Lebensgefährten!“)

schlafend auf seinem Arbeitstisch. Er schien fleißig gewesen zu sein, denn neben ihm lag ein Stapel frischgedruckter Papiere.

(„Osteopathie? – Schmerztherapie?“)

(„Das könnte er mir doch sagen...?“)


„Marc?“ Vorsichtig weckte sie ihn. „Komm ins Bett.“

Seine Muskeln hatten sich in der schlechten Schreibtischschlafhaltung noch mehr verkrampft. Jede Bewegung ließ ihn aufstöhnen. Im Bett blieb er einfach auf dem Bauch liegen. Solange er sich nicht bewegte, tat ihm nichts weh.

„Was tust Du da?“ Er erschrak als sie ein nasses Tuch auf seinem Rücken ausbreitete.
„Ich helfe Dir.“ Ihre Stimme duldete keinen Wiederspruch. Zum Protestieren war er eh zu müde. Nicht aber zum Riechen. „Was ist das?“
„Arnika. Schmerzlindernd und entzündungshemmend.“
„Klingt gut...“ Er überließ sich ganz Gretchens Bemühungen.

„Hast Du das öfter? Ich meine Schmerzen?“
„Nein.“
Er konnte nicht ausmachen, was ihm gerade gut tat. Der Arnika-Umschlag oder einfach die Nähe seiner Freundin.
„Das war Sabine.“
„Hat sie Dich wegen jahrelangen Anscheißens verprügelt, oder wie?“ Sie kicherte bei dieser Vorstellung.
„Sie kann mich nicht mal duzen, wie will sie mich denn verprügeln?“
„Wieso sollte sie Dich duzen?“ Gretchen verstand nun gar nichts mehr.
„Weil ich es ihr befohlen habe.“
„Du hast was? Also sag mal...ich finde es eigentlich gerade nicht lustig.“
„Ich habe ihr versprochen, niemandem etwas zu sagen.“
„Bin ich niemand?“
„Nein. Aber in diesem Fall...“
„Du kannst reden oder schweigen. Ich finde es eh raus.“

(„Vermutlich...“)

„Sie hatte gestern den ersten Teil ihrer praktischen Prüfung. Doktor Gummersbach und Gabi waren ihre Probanden.“
„Gabi ist doch krank?“
„Ja, deswegen war sie in der Patho. Aber da niemand ihre Prüfungstermine wusste, konnte auch niemand darauf Rücksucht nehmen – ihr Gatte hatte zwei Leichen auf dem Tisch.“
„Und da hat sie Dich gefragt?“
„Nein. Ich hatte halt gerade Zeit...“
„Du bist spontan eingesprungen?“

(„Er ist so süß...!“)

„Ja... ich behaupte, dass sie ihre Sache gut gemacht hat. Allerdings hatte sie mir nur sowas wie einen ordentlichen Muskelkater angekündigt.“

Gretchen kniete auf dem Bett und sagte gar nichts. Sie schämte sich.

(„Er ist einfach nur nett und ich bin ein Idiot!“)

(„Du solltest schleunigst lernen, ihm zu vertrauen.“)


„Es tut mir leid, Marc.“
„Schon gut. Mir auch – ich weiß doch, dass Du schnell misstrauisch wirst.“
„Ich will das nicht mal...“
„Auch das weiß ich.“ Er drehte sich zu ihr. „Das war eine blöde Situation. Ich will weder Dich ärgern, noch sie verraten.“
„Was war denn?“ Gretchen lächelte ihn an. Von ihr würde niemand auch nur ein Sterbenswörtchen erfahren.
„Danke.“ Müde sank er zurück auf die Matratze.
Sie zog das Handtuch unter ihm weg. „Warte bis ich mein Landwirtschaftsstudium angefangen habe...“

Die wenigen Stunden bis zum Weckerklingeln verbrachten sie in gewohnter Weise – eng aneinander gekuschelt.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.453

22.12.2020 23:13
#427 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Januar 3.5 – Meier und Mayer



„Wie kommt es, dass Sie noch keinen Job haben?“
„Ich will nicht.“ Marc lachte. „Professor Haase wartet nur darauf, dass ich wieder einsteige, aber das dauert noch ein bisschen.“
„Dann gäbe es eine Stelle?“
„Nein. Ja. Kommt drauf an...“
„Er würde jemanden rauswerfen?“
„Nicht direkt. Aber Doktor Stier arbeitet zurzeit wieder weniger, er kommt mit dem Tod seiner Schwester vor zweieinhalb Jahren immer noch nicht zurecht.“
„Wie ist sie gestorben?“
„Ihr Herz war krank und es gab kein passendes Spenderorgan.“
„Und das einen Herzchirurgen...“
„Ja... viele Menschen verdanken ihm ihr Leben. Ich weiß nicht, ob es einen dann noch härter trifft. Vor allem hat er seine Schwester quasi groß gezogen. Die Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als er schon studiert hat. Sie war 15.“
„Und jetzt ist er alleine?“
„Ja. Fast konsequenter als ich es war.“
„Und hat es sich gelohnt?“
„Das Alleinsein aufzugeben?“ Auf Marcs Gesicht erschienen zwei strahlende Grübchen. „In jedem Fall.“
„Es wird nicht immer der Sonnenschein vom Anfang bleiben.“
„Jaaa...“ Marc dachte an den ersten Streit vor ein paar Tagen.
„Ich sehe, sie sortieren sich noch.“ Der Therapeut lachte, denn Doktor Meier schien im Großen und Ganzen sehr ausgeglichen und zufrieden zu sein.
„Das Ding mit der Eifersucht. Also bei Doktor Haase. Dabei weiß ich wie sie ist und trotzdem bringe ich sie oder uns in Situationen, die Stress verursachen.“
„Sind Sie eifersüchtig?“
„Ehrlichgesagt – keine Ahnung. Nicht in dem Maße und ich glaube auch, dass es andere Auslöser wären. Aber spontan könnte ich Ihnen keine Situation nennen.“
„Andere Auslöser ist schön gesagt. Eifersucht gibt es in unterschiedlicher Form. Die Wissenschaft teilt das rigoros in emotionale und sexuelle Eifersucht.“
„Klingt fast ein bisschen nach geschlechterspezifischer Unterteilung.“
Professor Mayer lachte. „Ja, in der Tat. Auch sind die Kriterien, die eine Eifersucht unterschiedlich. Männer bewerten den Rivalen nach Status, Kraft und Besitz während Frauen Konkurrentinnen unter dem Aspekt Schönheit und Jugendlichkeit unter die Lupe nehmen.“

Marc lachte und ausnahmsweise war seine Zunge schneller als sein Geist. „Gretchen ist eh die Schönste!“

Der Therapeut schmunzelte. Selten sprach Doktor Meier von „Gretchen“. Meistens hatte er sie als „Doktor Haase“ erwähnt.
„Eifersucht muss nicht heißen, dass sie Ihnen misstraut. Eifersucht macht die eigenen Ängste und biografischen Negativerfahrungen einer Person sichtbar. Verlust, Verrat, Vergleich. Sieht sie das auch so? Dass sie die Schönste ist?“

„Das hängt ganz stark von der Situation ab. Aber in der Regel braucht sie die Bestätigung von anderen. Hm... Vergleich, Verlust und – Verrat? Sie nimmt wohl alles...“ Er sah den fragenden Blick des Therapeuten.
„Ihren langjährigen Lebensgefährten hat sie kurz vor der Hochzeit mit einer anderen erwischt und der Mann, den sie schließlich geheiratet hat, besaß fünf Identitäten.“

„Sie mögen Herausforderungen, nicht wahr?“ Der Therapeut griente. „Sonst hätten Sie sich auch eine einfachere Persönlichkeit aussuchen können. Wie steht es mit Neid?“
„Mit Neid?“
„Ja. Neid ist eine weitere Form von Eifersucht.“
„Wenn Gretchen etwas nicht ist, dann ist es neidisch. Im Gegenteil. Sie kann sich von Herzen mit anderen freuen oder anderen etwas Gutes gönnen. Vermutlich wollte ich genau aus diesem Grund keine einfachere Persönlichkeit.“
„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
„Das denke ich mir. Ich mag es nicht, wenn jemand über die Wahl meiner Partnerin urteilt. Jeder muss das selbst für sich entscheiden.“ Marc sah, dass seine Worte den Therapeuten getroffen hatten. „Klingt gut, nicht? Ich habe das auch nicht von Anfang an gekonnt. Meine Mutter führt jetzt seit über einem Jahr eine Beziehung zu einem Mann, allerdings nur auf Reisen. Soweit ich weiß, war sie nie bei ihm und er nie bei ihr. Darf ich darüber urteilen? Ich kann wohl eine Meinung dazu haben, aber in erster Linie müssen die beiden miteinander klar kommen. Wenn es ihnen passt... bitte. Sollen sie reisen. Besser, als wenn sie zu Hause Langeweile empfinden.“
„Ich verstehe, was Sie meinen...“ Professor Mayer war plötzlich sehr nachdenklich.

***
Das war es nämlich, was er vermutete. Theresa hatte sich mit Wäsche und Windeln einfach nur noch gelangweilt. Aber so war es eben, wenn man Kinder hatte. Vorher hatte ihr Leben definitiv anders ausgesehen. Sie hatten beide gut verdient, konnten sich viele Reisen leisten. Theater, Ballett... auf alles hatte er gerne für die Kinder verzichtet. Sie hätte nur einen Ton sagen müssen. („Du hättest es wissen können!“)

Seine Mutter hatte es einfach auf den Altersunterschied von 13 Jahren geschoben, er ließ das undiskutiert. Theresa und er hatten eine gute Beziehung und dann eine gute Ehe gehabt.
Er hätte nicht sagen können, ab wann sich das Blatt gedreht hatte, mit oder nach den Kindern? Fragen konnte er sie nun auch nicht mehr.
Ihm fiel seine erste Ehe ein. Mit Veronika verband ihn heute eine tiefe Freundschaft, sie verstanden sich besser als während ihrer 8-jährigen Ehe. Trotz der großen Entfernung von Hamburg nach München hatte er guten Kontakt zu seinen Söhnen Alexander und Johannes. Alexander hatte ihn früh zum Opa gemacht, aber später, als er selbst seine Eltern zu Großeltern gemacht hatte. Da war er selbst gerade 18 gewesen.
Die Mutter seines ersten Kindes war seine erste Liebe gewesen. Vielleicht war sie sogar die große Liebe gewesen, denn mit beiden Frauen danach hatte ihn nicht das gleiche verbunden. Wenn es tatsächlich sowas wie die einzige, große Liebe gab, dann war es wohl die Mutter seines ersten Kindes gewesen.

***
„Vielleicht gibt es sie ja wirklich? Die einzige, große Liebe.“ Marc lachte leise. „Gretchen glaubt daran. Unerschütterlich.“
„Obwohl sie vorher zweimal geheiratet hat? Oder beabsichtigte?“
„Ja. Sie hat es in einem Brief geschrieben. Hm ...wie mit allen Männern, mit denen ich zusammen war. Von denen ich keinen so geliebt habe wie Dich... Vielleicht ist das „erste Mal“ doch nicht so unwichtig, wie man es gerne bedeutungslos redet...? Ich meine nicht den ersten Sex. Sondern den Moment, wo man merkt, dass etwas mit einem passiert. Das Besondere. Das, was man nie mehr bekommt – einfach weil es das erste Mal ist. Für einen selbst.“

„Bei ihrem ersten Kind ist es in jedem Fall so... auch die Folgenden sind kleine Wunder, in die man sich sofort verliebt. Aber das erste Kind ist immer etwas Besonderes!“ Der Therapeut sah Marc nachdenklich an.
Der grinste: „Doktor Haase würde jetzt auf die Königshäuser verweisen: Es gibt schließlich immer nur einen Thronfolger!“
„Das Thronfolger-Prinzip. Auch wenn das den anderen gegenüber unfair klingen mag... so ist es tatsächlich, nicht nur in Adelsfamilien wünscht man sich in der Regel den ältesten Sohn als Nachfolger. Heute muss man ja zwecks Gleichberechtigung von Töchtern und Söhnen sprechen.“ Jetzt lachte auch der Psychologe wieder, wenn auch zögerlich.

„Wie viele Kinder haben Sie?“ Hatte Marc ihm je eine persönliche Frage gestellt?
„Vier.“ Er zögerte. „Nein, fünf. Aber ich habe nur Kontakt zu vier. Mein „Thronfolger“ ist vor vielen Jahren aus meinem Leben verschwunden.“
Marcs Herz durchzuckte ein Schmerz, als er sah, was seine Frage angerichtet hatte. „Das tut mir Leid. Auch, dass ich gefragt habe.“
„Das muss es nicht. Wissen Sie, Doktor Meier, ich habe viele Jahre versucht, nicht an ihn zu denken. Was mir schlecht oder gar nicht gelungen ist. Ich denke in dieser Beziehung jetzt oft an die Geschichte von Ihnen und Ihrer Oma. Vielleicht ist es nie vergebens, zu hoffen.“
„Würde er Sie erkennen?“
„Ich würde ihn erkennen. Ganz sicher!“
„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Professor Mayer.“
„Tja... wie es aussieht brauchen Sie mich nicht mehr...“

(„Wer ist hier der Therapeut?“)

„Und wenn... dann habe ich Ihre Telefonnummer. Wenn Sie die nicht ändern!“ Marc lächelte und seine markanten Grübchen funkelten den Gegenüber an.
„Nein, ich habe fünf Kinder mit drei Frauen – aber die Telefonnummer ist immer noch die erste.“ Jetzt lachte auch Professor Mayer. „Leben Sie Wohl, Doktor Meier!“

***
Ingo Mayer stand lange in seinem Sprechzimmer und sah die Tür an, durch die Marc verschwunden war. Diese hatte er für sich geschlossen, schon vor ein paar Wochen. Doch eine neue Tür hatte sich geöffnet – unerwartet, kurzfristig und zufällig.
„Was zögere ich eigentlich?“ Schalt er sich selbst.

Zehn Minuten später hatte er seine Zusage an das Dekanat des Psychologischen Instituts geschickt. Als Universitätsprofessor konnte er besser für seine Mädchen da sein. Und das wollte er von Anfang an – ein guter Vater sein und für seine Kinder da sein.

Karo Offline

PJler:


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09.01.2021 01:28
#428 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

..........Nur ein kleiner Hinweis an dieser Stelle... da die Cafeteria-Szene diesmal nicht nur Rede von Prof. Hasse ist, habe ich seine Worte in kursiv geschrieben. Ist vielleicht übersichtlicher, gilt aber nur jetzt und hier......

BERLIN


Februar 1.1 - Cafeteria



Herzlich Willkommen liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte mich aufs Herzlichste für Ihren Einsatz im Januar bedanken. Im ersten Monat des neuen Jahres haben wir fast doppelt so viele Arbeitsstunden im Plan stehen wie im Monat des Vorjahres. Erinnern Sie sich noch an den Januar vor zwei Jahren? Da habe ich Ihnen ein Versprechen gegeben. Das Katharinen-Hospital kann uns allenfalls herausfordern – aber nicht kaputt machen.
Es ist mir eine sehr große Freude und es erfüllt mich mit Genugtuung, dass wir heute besser da stehen, als wir es uns wünschen konnten. Was haben wir geschafft?

Mittlerweile beherbergen wir die Leitstelle des Rettungsdienstes, haben mit und für Doktor Stier und Doktor Amsel zwei neue Fachabteilungen für Transplantationen und Schilddrüsenchirurgie etablieren können.

Das Elisabeth-Krankenhaus ist Vorzeigeobjekt in der StaBe, wenn es um Ernährung und Lebensmittel geht.

Wir haben immer wieder sehr gutes Personal dazugewinnen können, Doktor Kalila, Doktor Schattmann und besonders Schwester Ina möchte ich erwähnen. Sie wechselte vor genau zwei Jahren vom Nachbarn an unser Krankenhaus – weil man es ihr dort schwer machte, ihre Zwillinge zu versorgen. Gleichzeitig konnte die StaBe das Wohnhaus übernehmen und Ihnen eine deutlich verbesserte Wohnsituation schaffen – vor allem den Mitarbeitern, die bei dem Wohnheimbrand alles verloren hatten.

Die damals neue Kollegin warb nicht nur noch eine Kollegin nebenan ab, sie gab uns auch den Hinweis, dass im benachbarten Krankenhaus ein hochmodernes Labor quasi ungenutzt blieb. Die StaBe verhandelte und stellte zwei Mitarbeiter für das Labor ein. Schneller und besser konnten wir nicht an eine „neue Laboreinrichtung“ kommen. Daraus folgte wieder eine bauliche Veränderung – bereits in den nächsten Tagen werden neue Räume mit Leben gefüllt, wenn eine andere ehemalige Kollegin an ihre langjährige Wirkungsstätte zurückkehrt. Frau Sabine Gummersbach – unsere gute Schwester Sabine – hat im letzten Monat erfolgreich ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin beendet.
So funktionieren Karrieren – von der Krankenschwester zur Krankengymnastin.

Herzlich Willkommen zurück, Frau Gummersbach!


Der Professor lachte und begrüßte Sabine mit einem riesigen Blumenstrauß. Herzlicher Applaus zeigte der verlegenen Zurückkehrerin, dass sie nicht in Vergessenheit geraten war.

In diesem, wie auch in allen vorher genannten Punkten, hatte vor allem ein Kollege seine Finger im Spiel, auch wenn offiziell mein Name darunter steht. Doch wir wissen alle, dass nicht ich das glückliche Händchen hatte, sondern mein damaliger Stellvertreter Doktor Marc Meier. Ich sage mit Absicht „Kollege“, denn heute ist für mich ein sehr erfreulicher Tag – Doktor Meier ist wieder im Boot.

Jubelrufe, anerkennende Pfiffe und Applaus unterbrachen den Chefarzt für einige Minuten. Minuten, die Professor Haase still genoss. Und Minuten, in denen Marc so richtig bewusst wurde, was es hieß, nach Hause zu kommen. Von der rechten Seite des Raumes kam die kesse Aufforderung, dass er ein paar Worte sagen sollte – „Oder sind Sie etwa sprachlos, Doktor Meier?“

„Sie sollten mich besser kennen, Doktor Hassmann... naja, Sie werden mich schnell wieder kennenlernen.“ Marc war zum Scherzen zu Mute. Er sah den Professor fragend an und der nickte.

„Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein. Etwas über zwei Jahre ist es her, dass ich sehen wollte, wie die Welt da draußen ist. Fast mein ganzes praktisches Medizinerleben war ich hier, ich wollte anderes erfahren. Glauben Sie mir – da draußen ist vieles anders. Aber wenig besser. Ich sehe da vorne Doktor Kalila – er weiß sicherlich wovon ich spreche.
Auch Sie Herr Stern – mittlerweile Doktor Stern – haben bereits andere Erfahrungen gemacht.

Ich komme übrigens nicht mit leeren Händen – ich bringe Ihnen wieder einen neuen Kollegen mit. Doktor Kai Brenner war in Hamburg in meinem Team, wir sind nun das dritte Krankenhaus in seiner Karriere als Chirurg in Ausbildung. Doktor Brenner hat für einen Assistenzarzt in Hamburg für wenig Arbeit verhältnismäßig viel Geld verdient – zeigen wir ihm, wie es in der Welt wirklich zugeht.“

Marc lachte und auch der neue Kollege teilte den Spaß.

„Nein, machen Sie sich keine Sorgen – Doktor Brenner war in seinem ersten Jahr als Assistenzarzt in der Universitätsklinik Hamburg und weiß sehr wohl, wie man weniger Verdienst mit mehr Arbeit kompensiert.

(„Und auch Dich werde ich nicht schonen!“)

Ihre Blicke trafen sich.

(„Ich bitte darum!“)

Marc überließ nun wieder dem Chefarzt das Wort.

Doktor Meier ist ab sofort wieder in der Position des Leitenden Oberarztes tätig, ich freue mich sehr. Herzlich Willkommen zurück, Herr Kollege. Doktor Stier – ich danke Ihnen für Ihre immer beanstandungslose Mitarbeit und Ihre Offenheit. Der geschätzte Kollege wird im nächsten Monat nach Burkina Faso gehen, um bei unseren Freunden auszuhelfen. Mit ihm werden Mitarbeiter einer Firma dorthin aufbrechen, um in Sanssouci eine Solaranlage zu installieren. Schon lange wünscht sich die Mission, ihren Strom weitestgehend selbst zu gewinnen. Nun ist es soweit – die Firma Sonnenkraft spendiert nicht nur das Material, sondern auch das Personal, um die Anlage aufzubauen.
Ich wünsche Ihnen in Afrika viel Spaß und eine gute Zeit! Und vor allem kommen Sie gesund wieder. Vielen Dank, Doktor Stier.


Auch an dieser Stelle brandete Applaus auf, wenn auch verhaltener als beim Rückkehrer vorher. Zügig konnte der Professor nun seine Ansprache zu Ende bringen.

Ich erhebe mein Glas auf Sie, auf die Langjährigen, die Neuzugänge, die Zurückkommenden und die Reisenden. Lassen Sie uns auf neuen Wegen wandeln während wir Bewährtes festhalten. Zum Wohl, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Karo Offline

PJler:


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09.01.2021 01:35
#429 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Februar 2.1 – Logbuch Doktor Brenner



Es war wie in früheren Zeiten. Nur, dass Marc jetzt freiwillig die Stelle des Leitenden Oberarztes angenommen hatte und nicht aus der Not heraus. Not hatte das Elisabeth-Krankenhaus gerade wenig, die Betten waren gut ausgelastet und vor ein paar Tagen hatte Professor Haase die Jahresbewertung der StaBe erhalten. Wieder hatte sich sein Krankenhaus unter den ersten drei platziert.
Er bedauerte sehr, dass ein Könner wie Doktor Stier nicht zu halten gewesen war. Dieser bereitete sich seit ein paar Tagen auf Afrika vor und würde bald nach Sanssouci reisen.

Vor einiger Zeit hatte Marc ihm von dem ehemaligen WG-Kollegen erzählt:

„Doktor Stier ist topfit, geändert hat sich seine Lebenseinstellung. Seine Schwester hat ihr kurzes Leben lang das gemacht, was sie wollte. Die Eltern haben beiden ein Vermögen hinterlassen, sie konnte sich einen großzügigen Lebensstil leisten ohne je viel arbeiten zu müssen. Mit großzügig meine ich nicht luxuriös. Im Gegenteil – ihr reichte ein gepackter Rucksack und ein Flugticket.“
Marc dachte nach. „Die Eltern hatten viele Wünsche, die sie umsetzen wollten, wenn sie die Schule fertig hatte. Sie wurden bei einem illegalen Autorennen von der Straße geschossen.“
„Das ist ja furchtbar.“
Die Schwester von Doktor Stier hat ihre Träume gelebt. Cedric sagte, dass sie in völligem Frieden mit sich und der Welt gestorben ist. Ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich glaube, er hat sie für ihre Sorglosigkeit, ihr Gottvertrauen bewundert. Ich denke, dass es dauern wird bis wir ihn wieder sehen. Allerdings bin ich überzeugt, dass wir ihn wieder sehen. Irgendwann wird ihm das Nichtstun langweilig und dann wird er vor dieser Tür stehen. Allerdings kann ich nicht sagen, wann „irgendwann“ sein wird.“

„Vielleicht ist es dann ja bereits Ihre Tür...“ Professor Haase seufzte. Erst am Vortag hatte Bärbel ihm wieder eine Szene gemacht, dass er in seinem Alter nicht mehr arbeiten sollte.
Er war hin und her gerissen. Sein Beruf machte ihn glücklich. Gerade jetzt, wo Marc und Gretchen wieder mit an Bord waren. Aber er fühlte sich genauso gut, wenn er auf Mallorca war. Da waren auch seine beiden Enkel. Miguel war fast zwei, sein Brüderchen Luis gerade drei Monate alt.
„Das hätten Sie wohl gerne...“ Marc schüttelte den Kopf.
„Ehrlich gesagt – ja. Das hätte ich gerne. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als das Krankenhaus irgendwann in Ihre Obhut zu geben.“
„Irgendwann, Herr Professor, aber das kann sehr lange sein.“
„Das ist immerhin kein „Nein“. Haben Sie etwas von der Uni wegen ihrem Habilitationsgesuch gehört?“
„Nein.“ Beide lachten.



„Warum wollten Sie mich sprechen, Doktor Meier? Sie sagten, es gäbe ein Problem mit Doktor Brenner?“
„Nicht direkt mit ihm – mit seinem OP-Katalog.“ Er hielt Professor Haase ein Schreiben hin, in dem man dem Assistenzarzt bedauerlicherweise mitteilte, dass bei der Speicherung wohl ein Fehler im System gewesen sei, aber man hätte nun die Dokumente den richtigen Besitzern zugeordnet.
„Nun fehlt gut die Hälfte der Berichte von Doktor Brenner.“

Professor Doktor Franz Haase telefonierte umgehend mit der Ärztekammer. „Wie kann das passieren? Solche Unterlagen können doch nicht einfach verschwinden?“ Über die Einstellung Lautsprecher wurde Marc zum Zeugen des Telefonats. Es kostete ihn richtig viel Kraft, den Typen der Ärztekammer nicht mehrfach anzuschreien. Er biss sich fast die Zunge ab und machte sich ausführliche Gesprächsnotizen.

Gelegentlich hielt er eine Notiz für seinen Chef hoch. „Enchondrom“, „Hexapododaktylie“ oder „laterale Retinaculumspaltung“, alles Operationen, die er selbst mit Doktor Brenner durchgeführt hatte. Plötzlich waren die Logbucheinträge offiziell verschwunden, was nur bei der Übertragung der Daten geschehen sein konnte.

Nun saß der Assistenzarzt wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl im Chefarztbüro.
„Doktor Brenner, Sie haben hoffentlich nichts dagegen, dass ich Herrn Ullstein einweihe. Der soll sich mit der Rechtsabteilung der StaBe auseinandersetzen.“
Der Assistenzarzt nickte und Professor Haase stand auf. „Doktor Meier, bitte kümmern Sie sich schnellstens darum. Ich bin jetzt auf dem Weg zur Uni, einem neuen Kollegen das Haus zeigen. Doktor Brenner, wenn Sie möchten, können Sie auch mal wieder früher nach Hause gehen, heute ist genug Personal im Haus.“
In dem Moment erklang der Pieper des Assistenzarztes. „Hm, Doktor Brickmann – Notaufnahme!“
„Doktor Haase ist doch auch in der Notaufnahme.“
„Vermutlich deswegen.“ Marc machte bei seinem Vorgesetzten keinen Hehl daraus, dass er wenig von der Kollegin hielt. Sie hatte ihr Verhalten während seiner Abwesenheit nicht geändert.
„Was meinen Sie bitte?“
„Sie arbeitet nur mit Ihrer Tochter zusammen, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt.“ Marc lachte. „Die Assistenzärzte kann sie hin und her schicken, Doktor Haase ist ihr mit dem „allgemeinmedizinischen Gequatsche“ zu wenig devot. Doktor Brenner, gehen Sie nach Hause oder machen Sie sich einen schönen Tag, irgendwie. Ich sehe mal unten nach...“

Karo Offline

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16.01.2021 20:55
#430 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


März 1.1 - Cafeteria




Liebe Kolleginnen und Kollegen,

gerade ist es Anfang März und das Jahr hat mit den milden Temperatuten und vielen Motorradunfällen schon viel Trubel in unsere Bettenreihen gebracht.

In den nächsten Wochen werden Sie ein bisschen auf mich verzichten müssen, verschiedene Tagungen und Symposien führen mich quer durch Deutschland. Aber machen Sie sich keine Gedanken – erstens lasse ich Sie bei Doktor Meier in guten Händen zurück und zweitens – ich bin nicht weg! Ich bin jederzeit erreichbar und bei momentan nicht in Aussicht stehenden Problemen würde ich sofort wieder hier sein.
Allerdings ist Doktor Meier in seiner Funktion als mein Stellvertreter in allen Belangen befugt, zu entscheiden und anzuweisen!

Das gilt selbstverständlich und besonders für personelle Fragen, denn da hat Doktor Meier wieder einmal kräftig mitgemischt.

Ich möchte Ihnen Frau Annika Fischbach vorstellen. Wie könnte es anders sein – Doktor Meier hatte bereits mit Frau Fischbach zu tun und konnte sie jetzt für einen Probevertrag gewinnen. Frau Fischbach ist nicht nur OP- und Intensiv-Krankenschwester, sondern sie verfügt über die in Europa fast unbekannte Qualifikation als Transport Nurse. Vielen Dank für Interesse an einer Anstellung bei uns, Frau Fischbach und an die Kollegen die dringliche Bitte, der potentiellen Kollegin nur unsere beste Seite zu zeigen, denn wie Sie alle wissen brauchen wir dringend Verstärkung, auch und vor allem in der Pflege.

Doktor Meier hat bereits mehrfach ein gutes Händchen für Neueinstellungen bewiesen, deswegen bin ich sehr gespannt, was sich in nächster Zeit im Kollegium tun wird.

Da Doktor Meier mich bei dieser Gelegenheit nicht nur hier, sondern auch bei den Vorlesungen an der Uni vertreten wird – das Dekanat hat dem zugestimmt, da das Habilitationsverfahren läuft – appelliere ich auch an die Medizinerkollegen, Doktor Meier während der nächsten Wochen aufs Möglichste zu unterstützen.

Ich mache mir allerdings keine Sorgen – Sie sind schon mal zusammen ausgekommen. Wäre es anders, hätte ich mich wohl kaum zu diesem Schritt entschieden.
Auf Ihr aller Wohl – und nochmal herzlich Willkommen, Frau Fischbach.

Karo Offline

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16.01.2021 21:05
#431 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


März 1.2 - Tagebuch



Liebes Tagebuch,

nun sitze ich wieder einmal als die Dumme in der Notaufnahme. Eigentlich hätte ich oben noch Entlassungsgespräche zu führen aber Doktor Brickmann hat Wichtiges zu tun und ich das Nachsehen. Erst heute früh hat sie wieder versucht, mich zurechtzuweisen, weil ich wieder homöopathische Mittel empfohlen habe. Ich dürfte das als Assistenzärztin gar nicht. Als Allgemeinmedizinerin mit Zulassung für Homöopathie wohl. Pah...
Das eine darf ich nicht, das andere mache ich nicht – ihre Berichte schreiben. Dafür bin ich als Assistenzärztin nicht hier, auch wenn sie das wohl so sieht. Außerdem „vergisst“ sie regelmäßig, dass ich keinen Vollzeitvertrag habe. Die Löcher im Einsatzplan, die sie verbockt, müssen andere stopfen, meistens ist das Marc.
„Doktor Meier muss halt auch mal ran, wenn Not am Mann ist!“
Die spinnt doch. Die geht pünktlich nach Hause und Marc kann sich zwischen EKH und Uni zweiteilen. Mal abgesehen davon, dass ich ihn zu Hause überhaupt nicht mehr sehe. Wenn er dann mitten in der Nacht kommt, will er nur noch essen und schlafen.

Wenigstens kann ich mich jetzt für seine Fürsorge revanchieren und dafür sorgen, dass immer was Leckeres da ist. Das hat er auch schon anerkannt. Dass er es genießt, sich nicht auch noch darum kümmern zu müssen.
Ich habe gerade echt ein Problem mit dem nächsten Seminarblock, mutiere zu meiner eigenen Mutter und friere Essen für Marc ein, aber was soll ich machen... ausfallen lassen ist keine Alternative. Auch wenn die Brick mir das schon angedroht hat, dass sie da vermutlich keine Rücksicht drauf nehmen kann – oder wird.

An Lernen brauche ich kaum noch zu denken – aber Gott sei Dank ist das alles für mich noch Wiederholung vom Naturheilpraktiker. So kann das aber nicht auf Dauer gehen. Ich glaube, wenn die Personaldecke nicht so dünn wäre, würde Marc seine neuen Befugnisse sofort gegen die B anwenden und sie rauswerfen. Aber außer Doktor Kalila und Doktor Schattmann ist ja keiner da. OK, die B und vormittags Gina. Und was sagt die B dazu? „Wenn einige immer Extrawürste brauchen, dann müssen andere eben mal etwas schneller arbeiten.“
Pfff... das ist doch dann genau das, wodurch Fehler passieren. Der Kreisel, den Papa immer gefürchtet hat. Lieber weniger Operationen dafür keine Fehler. Wie sagte er immer so schön? Nicht die Zeit heilt Wundern sondern „MIT Zeit heilen Wunden besser!“

Ich unterhalte mich hier unten oft mit Sabine, die ja quasi nebenan arbeitet. Sie ist anders als früher. Erwachsener. Aber das sagt man wohl auch über mich. Was sich allerdings nicht geändert hat – ihre Verehrung für Elke Fisher und Doktor Rogelt sowie der Astro-Kram.

Mit Lorelei, der Auszubildenden auf der Chirurgie, verstehe ich mich sehr gut. Wir haben ein gemeinsames Thema – Afrika. Lorelei war ein Jahr in Kenia, wo sie in einem Kinderheim die dortigen Schwestern unterstützt hat. Etwas nervig ist ihre Singerei. Aber sie ist sehr fröhlich und die meisten Patienten mögen das. Vor allem wenn wir „aus dem Nähkästchen“ plaudern – Kuimba – die Singende. So haben die Nonnen sie in Kenia getauft.

Ich kann mir vorstellen, dass Papa oder Marc das überhaupt nicht leiden können. Aber die sitzen ja die meiste Zeit eh am Schreibtisch. Also Marc. Papa ist ja gerade auf „Deutschlandtour“. Ich glaube, er genießt das.
Marc macht seine Sache gut. Sabine sagt, man kann deutlich einen Unterschied feststellen. Als Papa mit Herzinfarkt ausfiel, musste er. Jetzt will er.
Vor allem hat er wirklich Freude an der Uni. Mama meint natürlich, das läge nur an den Studentinnen. Komischerweise beunruhigt mich das gar nicht. Vermutlich werde ich es bald sehen, denn die Uni feiert ihr 750jähriges Bestehen. - Oder auch nicht, denn die Feierlichkeiten fangen schon nachmittags an – als würde die Brick das im Einsatzplan berücksichtigen.

Die Notaufnahme hat aber auch einen Vorteil: Ich kann operieren. In der letzten Woche habe ich ein paar Mal im OP gestanden. Zweimal mit Doktor Kalila, das war gut und lehrreich. Auch mit Doktor Schattmann läuft es gut, Gina operiert leider nur wenig, sie muss sich auf pünktliche Zeiten verlassen können. Nele ist bis 13 Uhr in einer KiTa, länger nehmen sie so kleine Kinder nicht. Da habe ich echt Verständnis für, nicht aber für die Freizeitsicherung einer Doktor B. Mit ihr im OP – oh weh!
Ein Assistenzarzt hat bei ihr lediglich zu assistieren, die Klappe und Haken zu halten und die Berichte zu schreiben. Wie man das allerdings vernünftig hinkriegen soll, wenn die Chirurgin im OP Anweisungen aber keine Erklärungen gibt, ist mir rätselhaft. Schwester Gabi ist seit Sabines Umschulung in der Chirurgie eingeteilt und ich bin überrascht, dass ich gut mit ihr klar komme.

Und – ich glaube, nein, ich bin mir sehr sicher, da läuft was mit Mehdi?

Der kommt nämlich auffällig häufig mal nach einem Kaffee fragen, aber immer nur, wenn Gabi Schicht hat. Auch wenn es früher nicht möglich schien, diese Konstellation ist gar nicht so abwegig. Wobei mir Mehdi wirklich egal geworden ist. Ich hege keinen Groll mehr gegen ihn, aber ich empfinde auch nichts anderes.

Sabine meint, dass ich mit Gabi klar komme, liegt daran, dass wir das gleiche Schicksal teilen, eine ähnliche Verlusterfahrung erlebt haben, als wir unsere Babys verloren haben.
Gabi hat den Unfall überlebt, ich die Malaria. Unsere Kinder nicht. Aber so sind die Regeln. Life before Living!
Scheißdreck!

Das ist kein gutes, aber ein kräftiges Wort, um diesen Eintrag zu beenden.
Momentan ist eine gute Lernphase und das muss ich ausnutzen.

Liebes Tagebuch, bis bald!

P.S. Marc hat mir erzählt, dass Frau Fischbach meinen Malariaflug begleitet hat. Jetzt lassen sie sie nicht mehr fliegen – zu alt. Mit 46...

Karo Offline

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16.01.2021 21:18
#432 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


März 1.3 – Bärbel Haase in Berlin 1



„Margarete – was machst Du denn hier im Keller?“
„Mama! Wo kommst Du denn her?“
„Na von Deiner Station. In der Notaufnahme versteckst Du Dich?“
„Ich meine, was machst Du hier?“
„Ich suche Dich schon überall.“
„Lass Dich in den Arm nehmen...“

„Margarete, hast Du schon wieder abgenommen? Naja... immer nur dieser Mensafraß... das kann ja nicht gut gehen.“
„Ich freue mich auch, Dich zu sehen!“
„Äh, ja. Ich auch. Sag mal, wann kommt Dein Vater denn wieder?“
„Keine Ahnung.“
„Und unsere Villa?“
„Die steht noch!?“
„Man weiß ja nicht, was die Leute da so anstellen...“
„Aber das ist nicht der Grund, warum Du hier bist?“
„Doch, natürlich. Und wenn ich Dich so ansehe, dann muss ich erstens schnell ein ernstes Wörtchen mit Deinem Vater sprechen – Dich hier am Ende vom Keller einzuquartieren. Und Du brauchst dringend was Ordentliches zu essen...“

„Mamaaaa...“

Doch Bärbel war nicht zu stoppen. Vor kaum einer Stunde war sie in Tegel gelandet und nun befürchtete sie, dass ihre schöne Villa ausgeraubt war. Oder komplett in Schutt und Asche lag.

Nach Feierabend fuhr Gretchen umgehend in ihr Elternhaus, sie hoffte inständig, dass Bärbel bessere Laune hatte.
„Mama?“
„Oh Gretchen, es ist wie früher. Zum Essen bist Du immer pünktlich, egal ob man Dir eine Zeit sagt oder nicht.“
„Ich glaube, es wird sofort Zeit, wieder zu gehen?“
„Es reicht, dass Dein Vater gehen muss... Was will Dein Vater denn jetzt in Hamburg? Hat der Meier ihn jetzt vollends verdrängt?“

(„Hamburg?“)

„Mama, das ist doch...“
„Der Meier hätte ja auch warten können, bis Franz in Rente geht. Nur um sein Ego zu polieren... der Jüngste hier, der Jüngste da...“

Ein richtiges Gespräch wollte nicht aufkommen, so sehr sich Gretchen auch bemühte. Wie aber auch, denn Bärbel redete unaufhörlich. Erst beschwerte sie sich permanent über Doktor Meier, dann echauffierte sie sich über Vater und Tochter Haase, dass die sich in keinster Weise für die Familie auf Mallorca interessierte.
„Er muss doch nicht mehr arbeiten aber er hockt sich lieber in eine Schönheitsklinik als sich mal mit seinen Enkelchen zu beschäftigen.“
„Mama... Papa ist doch...“
„Ach, nimm ihn gar nicht erst in Schutz. Du bist ja genauso. Auch Du hast es bisher nicht für nötig gehalten hast, Deine Neffen zu sehen. Verstehe einer die Welt, dass Jochen trotzdem will, dass Du Patentante wirst.“
„Was?“

(„Oh nein, bitte nicht!“)

„Und dann auch direkt noch für beide. Er könne keinen der beiden bevorteilen. Du wärst die beste Patin, die man sich vorstellen kann und deswegen für beide... tsss.“

(„Er hätte sich trauen sollen, jemanden anderes zu bestimmen!“)

„Äh, wirklich? Das hat er gesagt...?“

(„Ich bin ja nicht mal in der Lage, ein Kind zur Welt zu bringen, dann will er dass ich im Notfall darauf aufpasse...?“)

„Guck... nicht mal jetzt kannst Du Dich dafür begeistern. Dieser Meier färbt ganz schön auf Dich ab.“
Gretchen rollte mit den Augen. Jetzt kam diese Nummer wieder. Wenn Marc doch erst Feierabend hätte...



„Aber Kind, warum willst Du denn gehen? Du kannst doch auch hier... fährt denn überhaupt noch ein Bus?“
„Marc holt mich ab.“
„Ja, dass der mir keinen Abend mit meiner Tochter gönnt, die ich monatelang nicht gesehen habe...“
„Das liegt nicht an mir.“
„Wie der Meier – immer sind die anderen Schuld.“
„Du, mit dieser Meinung lebt es sich einfach besser. Mach´s gut, Mama. Schlaf erstmal richtig aus und morgen können wir den ganzen Abend quatschen, da hat Marc Nachtschicht.“
„Dann komme ich zu euch – ich möchte unbedingt sehen, wie ihr wohnt.“

Marc lachte, als Gretchen ihm von dem angedrohten Besuch erzählte. „Vielleicht sollten wir Frau Schlüter fragen, ob sie morgen Zeit hat, nochmal alles zu putzen.“
„Den Gedanken hatte ich auch schon, aber es wäre egal. Mama wird überall was finden, woran sie sich stößt.“
„Dann sollten wir vielleicht die Schlafzimmertüre abschließen.“ Marc grinste. „Nicht, dass sie mit einer Schwarzlichtlampe kommt.“
„Ma-arc!“
Frau Schlüter hatte Zeit und sie machte überall gründlich sauber. „Am besten so, dass man es abends noch riecht.“ Hatte Marc gescherzt.



Im Bad roch es wirklich sehr nach Essigreiniger. „Gretchen, ihr müsst gelegentlich lüften, nicht dass es hier schimmelt.“
„Ist gut, Mama.“
„Erzähl mal von Dir. Wie geht es Dir mit der Doppelbelastung? Assistenz und Studium – und das als Frau?!“

(„...und das als Frau...“)

„Mama!“
„Reicht das Geld nicht, das Marc nach Hause bringt? Ich meine, jetzt wo er Deinen Vater komplett vertreibt, dass der nach Hamburg geht – nach all den Jahren?“
„Mama!“

(„Was hat sie nur immer mit Hamburg?“)

„Dass Du das zulässt, nachdem Du gesehen hast, wohin das bei Deinem Vater geführt hat. Pfff...der Meier und Universität.“
„Sag mal... spinnst Du?“
„Pfff... er ist kaum älter als seine Studentinnen...“
„Jaaa?“ Was wollte ihre Mutter jetzt andeuten?
„Ach Gretchen. Du weißt doch, wie er ist?!“
„Ja! Und ich will ihn nicht anders!“


„Hier muss aber dringend was verändert werden...“ Bärbel hatte sich jeden Winkel der Wohnung genau angesehen. „Du Gretchen, ich habe doch die ganzen Vorhänge und Kissenbezüge von Tante Elsa aufbewahrt. Und unser altes Geschirr... wie wollt ihr denn da stehen, wenn ihr mal Besuch bekommt...“
„Äh, wie jetzt?“
„Och... hast Du nicht gesagt, dass Du die ganze Woche Frühdienst hast? Dann hole ich Dich immer ab und wir möbeln diese Klitsche mal richtig auf.“
„Marc hat die aber erst im Winter renoviert...“
„Die Wände sind auch da einzige, was ordentlich ist. Aber allein diese riesige schwarze Couch in der Küche, was soll das denn?“
„Das wollten wir so.“
„So ein Quatsch... aber wir fangen mit dem Bad an. Wie das da riecht...“

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