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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.392

26.06.2020 09:51
#401 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.10 – Die Sache mit dem Herzen



Marc hatte Glück, es hatte nur kurz Probleme mit dem Mann aus dem Wasser gegeben, ansonsten war der Tag ruhig. Er beschloss, noch eine Kontrollrunde zu gehen und dann nach Hause zu fahren. Als der Chirurg gerade die ITS verlassen wollte, meldete der Empfang eine Frau Doktor Haase an. Kurzerhand stattete auch Gretchen dem Frischoperierten einen Besuch ab und natürlich kam sie mit ihm ins Gespräch. Auch die Verlobte bekam ihre dringende Frage beantwortet. Nicht so, wie sie sich das erhofft hatte, doch hier war jemand, der ihre Frage hörte, ihre Angst wahrnahm.

„Kann das neue Herz genauso lieben wie das alte Herz?“

„Ist es denn das Herz alleine, was liebt? Sind nicht alle Organe in das großartige Gefühl der Liebe involviert? Ja, man redet im Allgemeinen vom Herzen als Sitz des Gefühls. Aber folgen Sie mal dem Wort. Sie fühlen auch mit der Haut.“
Sie hatte schon die ganze Zeit beobachtet, dass die Verlobten sich ständig an der Hand hielten.
„Mit ihren Händen. Sie nehmen Reize wahr. Sind die jetzt anders als vorher? Was fühlen Sie, wenn Sie an das neue Herz denken? Ihre Frage „ob das Herz auch für Sie schlägt“, enthält das größte Glück, was sie beide aktuell fühlen. Denn es schlägt.“
Gretchen stand auf und sah sich die Dokumentationen an. „Es schlägt regelmäßig und kräftig. Ohne Stolpern oder andere Auffälligkeiten. Nehmen Sie erst einmal dieses Geschenk an.“

„Frau Doktor, natürlich sind wir dankbar. Trotzdem...“

„Niemand kann ihre Frage so gut nachvollziehen wie ich, glauben Sie mir das. Und ich hoffe, Sie werden mir eines Tages die Antwort sagen.
Wissen Sie, eine Herztransplantation ist nicht nur ein schwerer Eingriff – und da ist es egal, ob gleichzeitig eine neue Lunge transplantiert wurde. Der erste Schritt ist getan – die Arbeit der Chirurgen. Nun müssen Sie selbst ran. Nicht nur körperlich. Dafür stellt Ihnen die Medizin alles Mögliche zur Verfügung. Auch der Staat unterstützt sie. Sie werden für ein Jahr als schwerbehindert anerkannt und als Frührentner sind Sie abgesichert.“

Gretchen fragte an dieser Stelle nach der psychologischen Betreuung. „Ihre Kollegin hatte die Möglichkeit erwähnt...“

„Erwähnt?“ Gretchen sah Marc fragend an. „Meiner Meinung nach sollte jeder Transplantierte schon vorher psychologisch betreut werden. Wissen Sie – es gibt die unterschiedlichsten Reaktionen auf so einen Eingriff. Jeder geht anders damit um. Wir Ärzte lieben dafür das Schubladensystem. „Die Hilfsbedürftigen“, „die Dankbaren“, „die Gefährdeten“, die „Besonderen“, „die Erfolgreichen“.
Schon allein das erste Jahr ist eine Herausforderung. Sie müssen sich gründlich vor Infektionen schützen, dazu größere Menschansammlungen, Haustiere oder kranke Freunde meiden. Auch von Medium-Steaks oder Blumenerde raten wir ab, da sich hier Bakterien verstecken können.
Für viele heißt das, Rückzug aus dem sozialen Leben. Vereinsamung bis hin zu Depressionen oder Zwangsängsten können die Folge sein.
Andere kommen oft ins Krankenhaus und wollen mit einem Arzt sprechen. Dabei geht es vorrangig um Zuwendung und Ermunterung. Sie sind sehr besorgt, dass ihnen etwas zustoßen könnte, dabei sind sie meistens körperlich gesund.
Eine andere Reaktion kommt Ihrer Frage sehr nahe, denn es kommt durchaus vor, dass Transplantierte eine intensive Beziehung zu dem neuen Organ herstellen. Sie geben ihm Namen oder verleihen ihm personale Eigenschaften. Sie stellen eine intensive Beziehung zu ihrem neuen Organ her und natürlich entstehen dann Beziehungsprobleme mit dem Partner, der dann eine gewisse Eifersucht auf das Herz entwickelt.

Schon frühzeitig können Psychologen alle Beteiligten auf die neue Situation vorbereiten. Die meisten Partnerschaften und Familien leiden unter einer Herztransplantation. Sie haben bestimmt viele Aufgaben für ihren Mann übernommen, sind zwangsweise zum starken Part in der Beziehung geworden. War das immer so? Wie war es früher? Denn Ihr Partner wird aller Wahrscheinlichkeit seine Aufgaben zurückverlangen. Sie haben sich daran gewöhnt, auf ihn aufzupassen. Nun braucht er ihre Fürsorge nicht mehr. Konflikte sind die Folge. Dabei ist gerade eine stabile Partnerschaft sehr wichtig für die Genesung. Nicht nur Psychologen unterstützen sie während dieser Zeit, auch Selbsthilfegruppen sind eine großartige Erfindung. Meine persönliche Meinung ist, anfangs das eine, später mehr das andere. Wichtig ist, dass sie sich aktiv mit dem neuen Herzen auseinandersetzen. Alle beide. Jeder für sich und gemeinsam. Und Sie müssen wieder raus in die Welt. Mit aller Vorsicht, mit allen Auflagen ist das alleine eine riesige Herausforderung.

Sie werden mindestens eine Woche hier auf Intensiv sein, dann bis zu zwei Wochen auf der normalen Station. Es folgt eine Reha von fünf bis sechs Wochen Dauer.

Haben Sie das Problem erkannt? Der eine liegt hier und die andere sitzt dort. Draußen geht das Leben weiter. Dann kommt die Reha. Er da, sie dort. Danach wird er seine alte Fitness zu mindestens 50% wieder erlangt haben. Das klingt jetzt großartig für sie beide. Aber nach den Jahren, in denen sie ihre Leben nach seinem Herz gerichtet haben, werden sie beide nun völlig unvorbereitet in einen Alltag mit neuen Strukturen geworfen. Ohne Vorbereitung und Begleitung werden schwerere Zeiten folgen als sie jetzt hinter sich haben.

Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf, denn er ist anpassungsfähig. Aber das geht nicht von heute auf morgen.
Das Herz ist ein wunderbares Organ, denn es kann lieben auch wenn es schon zerbrochen war. Mit Füßen getreten wurde.
Von daher machen Sie sich um das Herz die wenigsten Gedanken. Respektieren Sie es, das ja. Und passen Sie darauf auf.

Aber sie beide – lassen Sie sich viel Zeit und nehmen Sie Hilfe in Anspruch. Es gibt Psychologen, die genau auf ihre Situation geschult sind, die Erfahrung mit Transplantierten und ihren Sorgen haben. Sie sollen sich auseinandersetzen aber nicht kämpfen müssen. Sie und ihr neues Herz sind vor allem in den ersten Monaten schwer verletzlich. Das erste Jahr wird ein Jahr kleiner Fortschritte sein. Es sind die kleinen Schritte, die Sie schätzen lernen müssen.“

Gretchen hatte sich während ihrer Rede an die Arbeitsfläche gelehnt. Jetzt stellte sie sich an das Fußende des Bettes. „Was für Hobbies hatten Sie vor Ihrer Erkrankung?“

„Wir haben in Südfrankreich ein Schiff liegen.“
„Sehr schön. Demnächst beobachten Sie die Schiffe auf der Alster oder erfreuen sich an Alsterrundfahrten. Probieren sie es aus, ein ferngesteuertes Boot zu lenken. Oder sie mieten sich eins der Tretboote und lenken selbst, während andere trampeln... suchen Sie sich kleinere Ziele. Denken Sie nicht an ihr Schiff als großes Ziel, auf Dauer frustriert das nur.“

Marc hörte fasziniert zu, wie Gretchen den beiden Fragen beantwortete, die sie vorher scheinbar nicht gehabt hatten.
„Danke Frau Doktor – vielleicht haben Sie ja eine Empfehlung für psychologische Unterstützung? Da haben wir nie wirklich drüber nachgedacht.“
„Da wird sich Doktor Meier bestimmt gerne drum kümmern.“ Sie legte Marc die Hand auf den Arm. Er war ungewöhnlich nachdenklich. Es stimmte, was Gretchen gesagt hatte.

(„Vor allem das mit den kleinen Schritten.“)

„Ja, ich werde mich darum kümmern.“

Sie verließen das Überwachungszimmer der Intensivstation.
„Was war das?“
„Hast Du Angst, ich adoptiere ihn? Oder gleich alle beide?“ Sein immerwährender Vorwurf, wenn sie sich zu sehr für das Seelenleben ihrer Patienten interessierte.
„Nein. Aber es ist erstaunlich, was doch für Fragen bestehen, obwohl Doktor Brenner ihn meiner Meinung nach wirklich gut für die OP vorbereitet hat.“
„Auf die OP vielleicht. Aber wenn er normalerweise von Larissa betreut wird, dann hat sie ganz ordentlich was versäumt.“
„Hm. Ich schätze, da habe ich auch einiges versäumt.“

Gretchen war etwas verwundert über seine Nachdenklichkeit. Früher hätte er sich einfach lustig über sie gemacht. Jetzt hatte er aufmerksam zugehört.

(„Der Pausenhof ist weg. Er nimmt mich ernst.“)

„Das nennt sich Professionelle Ärztliche Kommunikation. Die Weiterbildung hat Doktor Carstensen mir zum Facharzt geschenkt. Die Ausbildung setzt die Zielsetzung der Bundesärztekammer um, eine verbesserte Arzt-Patienten-Kommunikation zu erreichen. Würde Dir auch nicht schaden...“ Natürlich musste sie ihn aufziehen.
„Hasenzahn – es gibt die, die gut operieren und es gibt die, die gut quatschen.“
„Und - es gibt mich!“

(„Ha! Du hast es selbst gesagt – im OP war ich beeindruckend!“)

(„Toll, Meier... selbst angeschmiert...“)


„Können wir dann endlich los?“

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.392

18.08.2020 22:57
#402 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.11 – Keeping calm is not easy 2



Er hatte als erstes ausgiebig geduscht. Nun wollte er nichts mehr als etwas Ordentliches zu essen. Oder...

(„Ich möchte sie einfach nur küssen!“)

Mit Stella hättest Du jetzt einfach Spaß gehabt.
Ob jetzt oder später – Hauptsache, es ist sie.
Sie wird Dich nicht ranlassen.
Wetten – doch?
Du kennst doch ihre Parole für heute – sie wollten Krieg, sie bekommen Krieg.
Der Adressat ist ein anderer – sind andere.
Weißt Du es?

(„Verpisst euch! Alle beide!“)

(„Und von ranlassen war nicht die Rede – ich wünsche mir nur, sie zu küssen!“)


(„Ob Marc was Ordentliches gegessen hat? Vermutlich ja, die haben ja eine ganz gute Kantine.“)

(„Egal. Ich muss jetzt was Vernünftiges essen sonst überstehe ich den Abend nicht!“)


Schon am Morgen hatte sie festgestellt, dass der Kühlschrank gut gefüllt war. Da hatte sie sich für das Nutellabrötchen entschieden. Grinsend nahm sie ein Messer und machte sich einen Schokoflecken oberhalb ihrer Lippe. Das war heute früh unbeabsichtigt gewesen aber es hatte ihr einen wundervollen Kuss beschert. Schnell hatte sie alle weiteren Handgriffe erledigt und als Marc kurze Zeit später in der Küche erschien, war der Nudelauflauf bereits im Ofen. Wieder trug sie den kurzen Pyjama mit dem schlauen Spruch. Er hatte selbst einen parat, als er sah, was da im Backofen brutzelte. „Du machst einen Nudelauflauf obwohl es gleich wieder was zu essen gibt?“
„Es gab den ganzen Tag was zu essen – alles Mist. Ich habe einfach nur Hunger auf was Vernünftiges.

(„Einen vernünftigen Kuss?“)

„Und vorher noch einen Löffel Nutella?“
„Nö.“
„Ich sehe das doch?“
„Kann nicht sein. Wo denn?“ Sie reckte ihm trotzig ihr Kinn entgegen. Oder waren es schon ihre Lippen, die versuchten, den seinen näher zu kommen?“

„Über Deiner Lippe.“
„Das musst Du mir wohl zeigen...“

(„Das muss er doch raffen?“)

(„Meint sie jetzt wirklich...?“)


Behutsam legte er seine Hand unter ihr Kinn und zog ihr Gesicht näher an seins. Endlich hatte er verstanden. Gretchen schloss erwartungsvoll ihre Augen.

(„Sie meint es wirklich!!!“)

Zärtlich küsste er den Nutellafleck von ihrer Lippe. Erst wollte er sie aufziehen und von ihr lassen, der Auftrag war ja schließlich schnell ausgeführt. Aber dann entschied sich Marc für das einzig Richtige. Einen Kuss, wie ihn nur Marc und Gretchen küssen konnten.

Lange hatten sie sich diesem Kuss überlassen – für den Nudelauflauf zu lange. Der war nur noch in den unteren Lagen genießbar, aber es tat der Stimmung zwischen ihnen keinen Abbruch. Der Kuss hatte sie verändert. Fast war Gretchen bereit, zu denken, dass sie wieder zusammen waren.


„Was denkst Du?“ Natürlich ahnte sie seine Gedanken, waren es doch auch ihre eigenen.
„Ich freue mich auf gleich – auf das Zürichkleid an Dir.“ Das tat er wirklich.

Sie hatten nie darüber gesprochen, aber nun hatte es sich ergeben, dass sie zusammen zur Feier fahren würden. Gretchen hatte zwar immer wieder überlegt, in wie weit Marc den Feierlichkeiten beiwohnen würde, schließlich hatte er die Verantwortung für die Klinik und damit das beste Alibi, nicht auf der Hochzeit zu erscheinen. Marc wiederum hatte es sich gerne offen gehalten, nach wie vor mochte er solche Veranstaltungen nicht, besonders dann nicht, wenn es um die Zurschaustellung der Familie Haase-Temelova ging. Andererseits... mit Gretchen würde es bestimmt erträglich sein. Und – er liebte es, sie in schönen Kleidern zu sehen. Besonders in diesem, denn es bedeutete Leben: Sie beide gemeinsam auf dem Züricher Ärzteball.

Plötzlich hatte er eine Idee. Er ließ alles stehen und liegen und eilte nach oben.
„So schlimm war der Auflauf jetzt auch nicht!“ Rief Gretchen hinter ihm her.
„Ich will nur nicht aufräumen – wenn ich schon mal eine Frau da habe“, klang es frech von oben herunter.
Gut gelaunt räumte sie alles weg. Dann wurde es Zeit, sich ins Kleid zu werfen.

„Oh je! Marc, Du siehst großa...“ Sie zögerte, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Der Zürichanzug.“
„Ich wollte nicht hinter Dir zurückstecken – Prinzessin.“ Der Name, den er früher für sie verwendet hatte, kam ganz leise über seine Lippen. Leise und – sehnsüchtig. Sie streckte sich hoch und gab ihm einen bedeutungsvollen Kuss auf die Wange. „Warte...“

Schnell schlüpfte sie aus dem Pyjama und in das besagte Kleid. „Machst Du mal zu?“ Sie drehte ihm ihren Rücken hin. Langsam – fast schien es Gretchen, als genieße er jeden Zentimeter – zog er den kleinen Reißverschluss hoch. Sie nahm ihre Haare zur Seite. Der letzte Zahn rastete in den vorgesehen Platz der gegenüberliegenden Zahnreihe ein. Er schloss auch den kleinen Knopf, mit dem der Verschluss gesichert wurde.

Seine Hände lagen sanft um ihre Oberarme. Sie merkte, dass sein Gesicht an ihrem Hinterkopf lehnte. Vorsichtig ließ sie die Haare fallen. Er schob sie zum Spiegel. Er stand immer noch hinter ihr, über den Spiegel blickten sie sich tief in die Augen.

(„Du bist mein Mann – diesmal gibt es kein Zurück, Marc Meier!“)

(„Du bist meine Frau – daran geht kein Weg mehr vorbei, Margarete Haase!“)


Sie lehnte sich an ihn, er umschloss sie mit seinem muskulösen Armen. Und dann merkten sie es. Beide. Gleichzeitig. Ihre Herzen hatten einen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Den Takt ihrer Liebe wiedergefunden.

Karo Offline

PJler:


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18.08.2020 23:10
#403 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.12 – Sie bekommen Krieg – Party 2



Dagegen herrschte bei Haases wieder Unfrieden anderer Art. „Franz, so kann sich Gretchen nicht benehmen. So haben wir sie nicht erzogen.“
„Bärbel, Gretchen ist alt genug um zu wissen, was sie tut.“
„Wetten, sie kommt auch gleich wieder zu spät?“
Natalie verteidigte ihre neue Lieblingskusine vor der stänkernden Tante. „Tante Bärbel, auf der Einladung steht ab 20 Uhr – selbst wenn sie erst um Mitternacht käme, wäre es ab 20 Uhr.“
„Ach Du...“
„Nur Oma tut mir Leid, sie hat sich sehr auf Gretchen gefreut.“
Wasser in Bärbels Mühlen... „Na, sag ich doch. Das ist doch kein Benehmen.“
„Das erledige heute ich – ausnahmsweise!“ In der Tat konnte man der jüngsten Brautschwester kein Fehlverhalten nachsagen. Wollte sie auch nicht, denn als Larissa ihr gesagt hatte, wie hübsch sie aussähe, hatte sie sich gefreut. Sehr sogar.

Mit ihrem Onkel, seiner Frau und der Oma fuhr sie zum Hotel Vierjahreszeiten. Aus dem Taxi vor ihnen stieg ein ungemein attraktives Paar, sie erkannten sie nicht gleich.
„Das ist doch...“
„Gretchen!“ Natalie war aus dem rollenden Wagen gehüpft. „Wow – Du siehst aus wie eine Prinzessin!“

(„Meine Prinzessin.“)

Man sah Marc an, dass er stolz auf seine Begleitung war. Professor Haase half seiner Mutter aus dem Taxi und murmelte: „Hab ich es doch gewusst!“
Der alten Dame fiel sofort der zufriedene Gesichtsausdruck ihres Sohnes auf. „Was meinst Du, Franz?“
„Gretchen und Marc. Ich war mir fast sicher, dass er „ihre Freunde“ ist, bei denen sie untergekommen sein wollte.“
„Ich wusste nicht, dass sie sich kennen?“
„Mutter – welcher Name kommt Millionenfach in Gretchens Tagebüchern vor?“
„Er ist ihr Marc Meier?“
„Ja. Ich selbst habe es erst geschnallt, als sie sich bei mir im Krankenhaus wieder über den Weg gelaufen sind.“
„Vermutlich hätte er sonst nicht so einen Stein bei Dir im Brett.“
„Als Mediziner ist er großartig, das dürfte euch auch schon aufgefallen sein.“ Franz grinste. „Mal abgesehen von seinen „Jugendsünden“ ist er derjenige, der Gretchen aus Afrika geholt hat. Er ist es, dem Bärbel und ich das Leben unserer Tochter verdanken.“
„Das hast Du nie erzählt.“
„Dass er wegen uns noch einen Job verliert? Weil er damals unkonventionell nach Afrika gereist ist, musste er seinen Arbeitsplatz räumen. Professor Neuroth hat den Tipp, wie er ihn hier einzuschleusen kann, von mir.“ Jetzt lachte der Chefarzt herzlich. „Hans dachte die ganze Zeit, dass er mir Marc vor der Nase wegschnappt. Gut für Marcs Konto, er konnte fordern, was er wollte – er wollte nichts davon wissen, dass wir ihm das Geld für Gretchens Rücktransport bezahlen.“
„Hatte sie keine Versicherung?“
„Doch und die hat mittlerweile auch einen großen Teil bezahlt. Aber erst nach langem Hinundher.“
„Gretchen sieht wirklich großartig aus. Schon den ganzen Tag. Dabei stand sie doch auch im OP?“
„Oh ja. Und als Marc anbot, dass wir gehen sollten, wollte sie nichts davon wissen.“
„Sie soll gut gewesen sein.“
„Sie ist gut! Und jetzt hat sie sich den Besten zurückgeholt!“
„Es ist mutig, mit ihm hier aufzutauchen.“
„Gretchen mag sich bei vielen Sachen anstellen, wie der erste Mensch. Aber feige ist sie nicht.“ Er dachte daran, wie sie Bärbel vor Elke Fisher verteidigt hatte, an die Messerstecherei in der U-Bahn, ihre feste Überzeugung, Menschenversuchen auf der Spur zu sein. Die Suche nach dem Affen, der das Virus übertragen hatte. Schließlich Afrika und der lange Kampf zurück ins Leben. Erst in Zürich, später in Köln. „Nein, wenn Gretchen etwas nicht ist, dann ist es feige! Die Frage ist nur, wie mein Bruder auf diese Konstellation reagiert.“

„Es ist sowieso egal. Doktor Meier hat Hans bereits mitgeteilt, dass er uns spätestens Ende Dezember verlässt.“
„Mutter???“ Franz Haase war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. „Wann hat er das gesagt?“
„Macht das einen Unterschied?“
„Oh ja. Vermutlich hat sie damit zu tun.“ Die Neuigkeit musste er erstmal verdauen und bald setzte er sich etwas abseits an einen Tisch. Er beobachtete das schöne Paar, besonders an seiner Tochter konnte sich Franz nicht satt sehen. Sie war schon den ganzen Tag gut gelaunt. Trotz nächtlichem OP-Marathon. Oder war es genau deswegen? Immerhin hatte sie ein Herz und eine Lunge transplantiert. Auch wenn es nichts für ihre Karriere bedeutete, für Gretchen bedeutete diese OP viel. Auch, dass Doktor Meier sie so ohne weiteres ans Skalpell gelassen hatte. Ihm fielen die Gespräche ein, die er in langen Tagen auf der Intensivstation mit ihm geführt hatte. Wie lange war es her?

„Gretchen kann in Afrika viel Sinnvolles tun und wirklich helfen. Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, dass sie als Allgemeinmedizinerin richtiger wäre als im OP. Verstehen Sie mich nicht falsch, Gretchen ist eine sehr gute Ärztin. Aber sie ist Ärztin geworden, weil sie Menschen helfen will. Nicht, weil sie Krankheiten als Herausforderung sieht und auf eine Karriere aus ist.
Nein, für Gretchen zählt wirklich der Mensch. Ob ein Pflaster oder eine Hüftprothese ist ihr ziemlich egal. Hauptsache, dem Menschen ist geholfen.
Das habe ich erst in Sanssouci begriffen. Hier hat mich ihr fehlender Ehrgeiz eher genervt. Wie man so gut sein kann ohne noch besser sein zu wollen.“



„Franz, was machst Du hier? Ich suche Dich schon überall.“
„Bärbel, setz Dich einfach hierhin und sieh´ Dir unsere Tochter an.“ Sie nahm den wehmütigen Klang seiner Stimme wahr und tat ausnahmsweise wie ihr geheißen.
„Wir hätten sie nicht besser hinkriegen können, nicht Franz?“
„Das sehe ich genauso. Und das weiß auch Doktor Meier.“
„Hoffentlich!“
„Sie ist jetzt endgültig weg, Bärbel.“
„Pfff... sie lebt in Köln?“
„Das meine ich nicht. Trotzdem kam sie immer zu uns, wenn irgendwas war. Jetzt hat sie ihn.“
„Das muss Dich doch freuen – gerade hier und heute.“
„Einerseits ja. Andererseits werden wir jetzt aufs Abstellgleis geschoben.“
„Hoffentlich in San Telmo.“

Während die Eltern sich mit der neuen Familienkonstellation auseinandersetzten, hatte die Tochter genauso viel Spaß wie schon den ganzen Tag. Vermutlich lag ihre gute Laune auch an dem Mann an ihrer Seite. Sie genoss die anerkennenden Blicke, die neidischen Blicke, die bewundernden Blicke... und noch mehr, die hasserfüllten Blicke zweier Damen, die sich auch in der Abendgarderobe ihr Kleid als Muster genommen hatten.
(„Hah!“)

Mittlerweile war sie sich dessen sehr sicher. Dumm gelaufen, dass ausgerechnet die Frau von dem Foto die unterschätzte Kusine der Braut war. Sie war froh, dass ihr das Kleid zu klein geworden war, andernfalls hätte sie es wohl nicht ändern lassen. Nun hatte sie unvorhergesehen einen weiteren Volltreffer gelandet.
(„Hah!“)

Stella würdigte Marc keines Blickes und Ella begann zu ahnen, was es mit Stellas plötzlichem Verschwinden auf sich haben könnte. Sie hatte sich fest vorgenommen, mit ihrer ehemaligen WG-Partnerin zu sprechen, doch sie waren wieder voll beschäftigt. Die Hochzeitsmoderatoren holten ein Spiel nach dem anderen aus ihrer geistigen Klamottenkiste. Nun gab es wieder einen Aufruf.
„Wir spielen jetzt die Reise nach Jerusalem – in einer abgewandelten Version.“ Natürlich forderte sie die Brautjungfern und die Trauzeugen auf und immer wenn Gretchen am Start war, kamen viele Freiwillige dazu – Männer, vor allem von der russischen Verwandtschaft. Diesmal zog Gretchen Marc mit auf die Spielfläche. „Äh Gretchen...?“
„Ich spiele gerne mit Dir, Marc!“ Ein eindeutiger – zweideutiger Blick. Was sollte er da sagen.

Sie stellten sich in einen Kreis und solange die Musik spielte, mussten sie dem Nebenmann ein Küsschen auf die Wange geben. Einmal rechts herum, dann links herum. Bei wem die Musik stoppte, der musste raus. Bis nur noch einer übrig blieb. Heute gab es eine spontane Regeländerung, denn es waren ausgerechnet Gretchen und Marc, die übrig blieben. Und anstatt einen wirklichen Sieger auszumachen, küssten sie sich einfach so lange, bis die Musik vorbei war. „Gorka – Gorka“ riefen die begeisterten Russen und sie meinten nicht das Brautpaar.
(„Hah!“)

Später wurde getanzt – und da hielten die Brautleute tatsächlich noch eine Überraschung bereit. Sie hatten nämlich befürchtet, dass die Tanzfläche leer bleiben würde und eine Hochzeit auf der nicht richtig getanzt wurde... Nun drehten sich acht Paare einer Hamburger Tanzschule zu Walzerklängen. Sie kombinierten klassischen Tanz geschickt mit Ballettelementen, es war eine wundervolle Darbietung. Am Ende bildeten die Paare mit Rosenbögen – natürlich in den Farben rosa und weiß – ein Spalier, durch den das Brautpaar seinen Hochzeitswalzer startete. Aufgrund des voluminösen Kleides hatten sich Larissa und ihr Mann gegen den traditionellen Wiener Walzer und für einen Slow Waltz entschieden. Sie waren dennoch schön anzusehen. Fand Gretchen. Jetzt am Ende des Tages schienen beide deutlich entspannter zu sein, als am Morgen.

„Doktor Meier – überlassen Sie mir ausnahmsweise meine Tochter für einen Tanz?“ Professor Haase stand unvermittelt neben ihnen.
„Eine Frage war das wohl nicht...“ Marc grinste. „Ausnahmsweise.“

Er hatte eben gesehen, dass Ella sich aus den Fängen eines Wodkaaufdringlichen Russen befreit hatte und genervt Richtung Ausgang eilte. Schnell folgte er ihr.

Währenddessen lag Gretchen im Arm ihres Vaters und war so zufrieden wie lange nicht mehr. „Du kannst Dir richtig was einbilden, alle anderen, die mit mir tanzen wollten, hat Marc weggebissen.“
„Du bist meine Tochter!“
„Ja – Gott sei Dank! Papa wirklich... auch dass Mama meine Mutter ist. Guck Dir Onkel Hans und Tante Ludi an, kein Wunder, dass Natalie so ist wie sie ist.“
„Dabei ist sie ganz in Ordnung.“
„Sie ist in Ordnung. Was glaubst Du, was wir für einen Spaß beim Junggesellenabschied hatten...“
„Das hat sie erzählt...“ Professor Haase grinste, er konnte sich richtig gut vorstellen, wie diese beiden sich bewusst für ein Zahlopfer entschieden hatten und dem Glücklichen dann einen Drink nach dem anderen aus der Tasche zu leiern.
„Ach...?“ Auch Gretchen lachte. „Und sie hat uns wenigstens ein bisschen was über russische Hochzeiten erzählt. Alle anderen mussten ja dumm sterben...“
„Apropos dumm sterben... warum hast Du mir nicht gesagt, dass Marc hier gekündigt hat.“
Von einer Sekunde zur anderen bewegte sie sich keinen Millimeter mehr. Sah ihren Vater starr und stumm an. Der merkte dann auch, dass er vielleicht etwas zu forsch gewesen war. „Du weißt es nicht?“
Sie schüttelte den Kopf. „Warum?“
„Ich weiß es nicht. Oma hat mir das vorhin erzählt. Hans meinte, er wolle nach Rügen.“
„Nach Rügen? Was soll er denn da?“
„Was weiß ich denn? Ich hatte gehofft, Du bist schlauer als ich.“
„Nein.“ Plötzlich war alles gar nicht mehr so schön, wie noch vor ein paar Minuten. „Ich muss mal Luft schnappen...“

Doch draußen war auch nicht gut. Da stand Marc und unterhielt sich mit einer der Trauzeuginnen. Ella wiederum sah Gretchen aus den Augenwinkeln. Natürlich nutzte sie die Gunst der Stunde und bevor Marc wusste, wie ihm geschah, lag Ella ihm in den Armen.

„Ja, komm jetzt, so sehr trifft es Dich nicht...“

(„Nein, aber sie!“)

Die blondgelockte Kontrahentin verschwand gerade eilig wieder im Hotel. Das war wohl der einzige Stich, den sie gegen diese Person heute landen konnte.
„Larissa sagte, dass Du gekündigt hast?“
„Ja. Ich möchte nach Hause.“
„Nach Berlin?“ Er nickte. „Wieso denkt sie Du gehst nach Rügen?“
„Was soll ich denn auf Rügen?“
„Warum wolltest Du damals dahin?“
„Meine Oma wohnt da.“
„Aber Du warst nicht sicher?“
„Nein. Ich wusste nichts, außer dieser Adresse.“
„Aber sie wohnte noch da?“
„Ja. Sie hatte sich geschworen, dort auf mich zu warten. Oder zu sterben. Auch nach 20 Jahren hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich irgendwie den Weg dorthin zurückfinde. Ich besuche sie oft. Vielleicht denken sie deshalb, dass ich nach Rügen gehe. Ich habe immer in Berlin gewohnt, aber Rügen ist das Zuhause meiner Kindheit.“
„Und sie?“
„Du meinst Doktor Haase? – Wir kennen uns aus der Schule. Mehr noch. Als sich die Tür nach Rügen geschlossen hatte, ging eine andere auf. Dahinter stand sie.“
„Sie ist die von dem Foto?“
„Ja. Das war in Zürich.“ Marc schwieg eine Weile. „Als ich Dir vors Auto gelaufen bin, hatte mir ein Kollege freudestrahlend erzählt, dass Gretchen und er ein Kind bekommen und er nur auf seine Scheidung wartet, um zu ihr und dem Kind nach Afrika zu gehen.“ Er sah den fragen den Blick. „Gretchen war zu der Zeit Ärztin in einer afrikanischen Krankenstation.“
„Aber sie hat kein Kind?“
„Nein, aber sie war schwanger – von ihm. Sie war schon schwanger, als wir zusammen kamen. Dumm gelaufen... die erste Info hat mein Gehirn auf Stand-by gesetzt, dass ich die zweite als wahr hingenommen habe.“ Er lachte. „Wäre ich ganz bei Sinnen gewesen, hätte mir klar sein müssen, dass sie ihn nicht wegen einer Schwangerschaft heiratet. In Zürich habe ich auf sie und das Kind gewartet. Doch sie wurde krank. Das Foto im Schlafzimmer ist auf dem Ärzteball entstanden, nachdem Gretchen sechs Wochen im Krankenhaus gewesen war. Nein, ich stehe nicht auf magersüchtige Frauenkörper – im Gegenteil. Aber das Foto bedeutet mir viel – einfach weil sie noch lebt.“
„Larissa hat immer gesagt, dass Gretchen dick und tollpatschig ist.“
Marc lachte. „Tollpatschig ja – sie ist die Tochter ihrer Mutter. Und dick ist relativ. Ich habe sie gerne wegen dem einen oder anderen Kilo zu viel aufgezogen, aber dick ist anders. Aber die Kilos, die sie mehr auf den Rippen hatte, als das allgemeingültige Schönheitsideal zulässt, diese Kilos haben ihr letztendlich das Leben gerettet.“
„Ich wünsche Dir alles Glück mit ihr!“ Ella stand auf und eilte in das Hotel – sie musste etwas klar stellen.

Sie fand Gretchen abseits mit ihrer Oma im Gespräch. Das wäre ein guter Grund, nichts zu sagen. Die Grande Dame der Chirurgendynastie würde es bestimmt nicht mögen, wenn sie das Gespräch unterbrach. Doch Ella irrte sich.
„Sie möchten meine Enkelin sprechen? Ich bin eh steif gesessen und muss meine alten Knochen mal ein bisschen bewegen.“
„Ich will aber nicht mit ihr sprechen.“
Oma Haase lachte. Das war der trotzige Ton von Gretchen aus jungen Jahren. „Dann sprichst Du eben nicht. Hör ihr wenigstens zu.“ Gretchen hatte ihrer Oma berichtet, was sie draußen gesehen hatte und die alte Dame hatte sofort eine Falschinterpretation vermutet.

Ella nutzte die Chance und auch wenn Gretchen sie keines Blickes würdigte, so hörte sie doch zu. „Als ich ihm eben um den Hals gefallen bin, da wollte ich Dich ärgern. Marc hat das nicht mitbekommen. Es tut mir ehrlich leid.“ Ihr psychologisches Wissen sagte ihr, dass sie von Gretchen keine Antwort erwarten brauchte und so stand sie auf. Doch die Kusine der Braut überraschte sie. „Danke.“
Damit sprang die blonde Ärztin an ihr vorbei, sie musste jemanden suchen.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.392

18.08.2020 23:20
#404 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.13 – Ein schweres Leben



Der jemand suchte auch sie. „Hast Du geweint?“
„Komm mit.“ Sie zog Marc nach draußen, über die Straße an die abendlich erleuchtete Binnenalster und erzählte ihm, was in der letzten halben Stunde passiert war. Erst fassungslos, dann erleichtert zog Marc die Frau, für die sein Herz schon unendlich lange schlug, fest an sich heran.
„Margarete Haase – ich liebe Dich.“ Der Kuss bestätigte seine Worte. „Du bist die einzige Frau, die ich jemals geliebt habe. Alles andere bedeutet nichts.“
„Aber Du warst mit ihr zusammen?“
Marc seufzte. „Ja, mit beiden. Nicht gleichzeitig, falls Du das jetzt denken solltest. Ich wusste nicht mal, dass sie befreundet sind.“

„Als Mehdi mir damals eröffnet hat, dass Du schwanger von ihm bist und ihr heiraten wollt, bin ich ihr ins Auto gelaufen. Mir fehlen zwei, eineinhalb Tage meines Lebens, von denen ich nichts weiß, außer dem, was sie mir erzählt haben. Ella war eigentlich auf dem Weg nach Hamburg, aber sie wollte mich in dem Zustand nicht alleine lassen. Sie hat auf mich aufgepasst. Von ihr kam auch der Tipp an die Polizei, dass ich auf Rügen zu finden sei.“

„Was hast Du mit Rügen? Gehst Du wirklich dahin?“

„Nein, Gretchen. Berlin ist mein Zuhause. Ich bin auf Rügen geboren und meine Großmutter wohnt da. In meiner geistigen Umnachtung habe ich die alte Adresse in Ellas Navy eingegeben. Nicht wissend, ob meine Oma noch lebt, ob sie noch da lebt oder ob das Haus überhaupt noch steht. Bei meinen Großeltern war ich als Kind immer in den Ferien. Die einzige Zeit, wo ich Frieden hatte. Der einzige Ort, an dem ich ich sein durfte. An dem ich geliebt wurde.“

„Warum glaubst Du, dass Deine Mutter Dich nicht...“

„Die einzigen Emotionen in meiner Kindheit waren die Wutanfälle meines Vaters. Nur wenn wir unsichtbar waren, konnten Mutter und ich uns halbwegs sicher fühlen. Freude oder lachen... das war meistens Auslöser für irgendwelche Gemeinheiten. Also haben wir das stillschweigend abgestellt. Mutter hatte mit dem Schreiben einen Katalysator für ihre angestauten Emotionen gefunden. Ich blieb dabei einfach... auf der Strecke. Ich hatte kaum Freunde, wie auch? Mein Leben bestand meistens aus Stuben- oder sogar Zimmerarrest. Oft mit Wasser und Brot – oder ganz ohne Essen. Mutter hat mir oft heimlich was zugesteckt. Gnade uns Gott, wenn mein Vater das raus bekam. Sie hat immer versucht, sich zwischen mich und die Gewalt meines Vaters zu stellen, gebracht hat es nichts. Haben wir eben beide was abgekriegt. Ich hatte immer nur meine Bücher. Natürlich keine Geschichten oder Romane. Der dumme Junge sollte sich mit gescheiter Literatur auseinandersetzen. Ich habe mit 10 Jahren Homer oder Platon gelesen. Ich hatte sogar ein Tagebuch.“ Marcs Lachen klang bitter. „Ich habe sorgfältig jeden Besuch im Krankenhaus dokumentiert. Und da ich bereits mit fünf Jahren lesen und schreiben konnte, ist das eine ganze Menge.“

Gretchen lag still in seinem Arm und weinte.

„Von meinen Eltern habe ich nur den Wert der Perfektion gelernt. Perfekte Noten – waren selbstverständlich. Und sie schützten mich vor weiteren Wutanfällen. Uns. Meiner Mutter ging es ja nicht anders. Ich habe nichts anderes gelernt. Erfolg, Anerkennung, Geld... dann ist alles gut. Das habe ich selbst in der Hand. Andere Menschen? Machen nur abhängig. Und vertraut habe ich nur mir selbst.

Liebe und Nähe? Vertrauen zu anderen? Das kannte ich nicht. Das gab es einfach nicht. Außer auf Rügen, aber das war halt Urlaub. Alltag sah anders aus. Mein Leben sah anders aus. Natürlich machte es mir Angst. Du machtest mir Angst. Die ganze Zeit. Mit Deinem unerschütterlichen Glauben an die Liebe. Die einzige, große Liebe. Damals schon. Und dann am Elisabeth-Krankenhaus. Überhaupt keine Karriereambitionen. Und das, wo Du so gut warst. Aus dem Bauch heraus, intuitiv.“ Marc grinste seine Lieblingsärztin verlegen an. „Du bist immer noch eine sehr gute Ärztin. Wenn nicht die beste, die ich kenne.“

Wieder versenkte er sein Gesicht in ihren wohlduftenden Haaren. Das gab ihm Sicherheit um weiterzusprechen. „Ich konnte logisch, rational nicht nachvollziehen, wie Du funktionierst. Du warst für mich nicht berechenbar. Und doch so vertraut. Ich habe das nicht verstehen können. Ich habe mich total zu Dir hingezogen gefühlt und genau davor hatte ich Angst. Immer. Ich denke, auch schon in der Schule. Du warst da so sonderbar und doch so durchschaubar. Ich konnte mich nicht normal mit Dir abgeben, dazu war ich zu cool. Ich hatte das erste Mal seit langem wieder sowas wie Freunde. Nur Freude hatte ich nicht. Aber indem ich Dich permanent geärgert habe und mir immer wieder neue Möglichkeiten dazu gesucht habe, konnte ich an Dich denken, ohne uncool zu sein.

Wie Du es schon mal gesagt hast: Je fieser ich zu Dir bin, umso mehr mag ich Dich.

Und je mehr ich wusste, dass Du mich durchschaust… umso größer war wieder das Bestreben, Dich weg zu stoßen. Sogar bis nach Afrika.“ Seine Stimme wurde schwach und Gretchen war unsicher, was sie tun sollte. Dann entschied sie sich für nichts. Sie stand still, hielt ihren Geliebten fest im Arm und gab ihm Zeit.

„Die wenigen Wochen mit Dir in Afrika waren die besten Wochen in meinem Leben. Als hätte man mich ausgetauscht. Niemand verlangte Perfektion, aber man mochte mich trotzdem. Deine Liebe war trotzdem da.

Wieder in Berlin kam ich nicht mehr klar. Dann kamen die Alpträume zurück. Die waren mit dem Tag, an dem mein Vater aus unserem Leben verschwand, auch verschwunden gewesen. Zweifel und Alpträume, ob ich das kann mit Dir. In den Alpträumen tauchte er immer wieder auf und damit kamen Fragen. Nach ihm. Wie war er sonst? Und würde ich irgendwann so wie er?
Sabine hat mitgekriegt, wie es mir geht und mir einige Tipps gegeben. Sie ist ebenso Kindheitsgeplagt wie ich, wenn auch ganz anders. Mit Alpträumen hatte sie Erfahrung.

In Zürich wurde es besser, vor allem nachdem meine Mutter mir erzählt hatte, dass er nicht mein Vater war. Und ich war mir plötzlich sicher, dass ich das kann. Mit Dir und dem Kind.
Damit waren die alten Befürchtungen erstmal weg aber es kamen neue Fragen hinzu. Besonders wollte ich wissen, wie er war. Mein richtiger Vater. Menschlich. Was er mir mitgegeben hätte. Weißt Du? So wie ich bin, bin ich eigentlich nur meine Mutter. Aber mit der Frage warum ich so bin wie ich bin kam unweigerlich die Frage nach dem wer ich bin. Nach dem fehlenden Teil. Aber meine Mutter schweigt beharrlich. Ich vermute, dass der Schlüssel irgendwo auf Rügen liegt. Meine Oma mag ich nicht fragen obwohl ich gerade ihr früher einen sehr intensiven Bezug hatte.

Sie war oft bei uns in Berlin zu Besuch und sie hat mitbekommen, was bei uns los war. Sie wollte mich daraus holen und machte den Vorschlag, dass ich bei Ihnen bleiben und da oben die Oberstufe machen könnte. Da war ich 12 oder 13. Es kam zu einem riesigen Streit und mein Vat – Stiefvater verbot den Umgang mit meinen Großeltern.

Großvater ist vor ein paar Jahren gestorben aber sie hat sich geweigert, ihr Haus zu verlassen. Immer in der Hoffnung, dass ich eines Tages zurück zu ihr finde. Erinnerst Du Dich an das Osterfest, als Du in Reha warst? Ich hatte Deinen Onkel getroffen und wollte anschließend „Ostern bei der Familie“ verbringen. Ich meinte meine Oma, Gretchen. Es war genau 20 Jahre her, dass mein Vater den Umgang verboten hatte. Anstatt dass er mich wie jedes Jahr zum Bahnhof fuhr, lieferte er mich in einem Heim für schwererziehbare Kinder ab. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Meine Großeltern auch nicht.


Im Sommer kam ich dann auf Deine Schule. Ich habe nachgeforscht, es war der 5. September. Ich wollte Dich letztes Jahr eigentlich fragen, ob Du mich heiraten möchtest. Nach fast 20 Jahren...
Als Du dann sagtest, dass Du in Köln bleibst, war es das gleiche wie mit der Schwangerschaft. Alle Systeme fuhren runter... ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wie ich es beendet habe. Ich weiß nur noch, dass...“

(„Er wollte mich heiraten?“)

„Ich würde Dich gerne Anfang September besuchen.“

„Von Herzen gerne, Marc.“ Sie küssten sich lange. „Dann ist der 5. September wohl mein Glückstag.“ Sie lachte. Ihre Arme hatte sie hinter seinem Nacken verschränkt, sie sah ihn lächelnd an. „Gut, dass ich das vor der Prüfung weiß. Die habe ich nämlich am 5. September. Und Du bist der einzige, der das wissen darf. Du bist mein Glück, Marc!“

Sie standen noch eine Weile eng umschlungen da und überließen sich dem angenehmen Gleichklang ihrer Herzen.

„Danke, dass Du mir das anvertraut hast.“

(„Er wollte mich heiraten!“)

Arm in Arm gingen sie zur Hochzeitsgesellschaft zurück.

Karo Offline

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13.09.2020 23:33
#405 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.14 – Sie bekommen Krieg – Party 3



„Gretchen, wo warst Du? Immer wenn es wichtig wird, bist Du unauffindbar?“ Bärbel stürmte ihr entgegen.
„Haben sie die Hochzeitstorte angeschnitten?“ Konterte die Tochter und lachte ihren Freund an.

(„Nichts kann wichtiger sein als Du. Als wir.“)

Doch ihre Mutter hatte für Scherze keinerlei Sinn. „Entweder Du denkst an Dich oder ans Essen. Dass Deine Kusine heiratet vergisst Du dabei. Sie wollte den Brautstrauß schon ohne Dich werfen.“
„Na und?“
„Wie soll das denn mit Dir weiter gehen? Irgendwann musst Du doch mal heiraten.“
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Frau Haase!“ Nun mischte sich Marc ein und zwinkerte Gretchen zu.
„Ach Sie...“

(„Genau Mama. ER!“)

(„Sehr richtig. ICH!“)


Da beide den Tag über nur sehr reduziert gegessen hatten, statteten sie dem Buffet einen Besuch ab. Gretchen war begeistert. Endlich richtiges Essen!
„Sag mal, wo lässt Du das alles?“ Marc war fasziniert. Gretchen hatte gerade die dritte Runde über Salate, Braten und Aufläufe gemacht. Erst hatten sich Natalie und die Oma dazu gesellt, nun nahmen auch Gretchens Tante und eine der anderen Kusinen Platz. Sie hatte keine Ahnung, welche das war.
„Da wo früher auch.“ Sie grinste. „Und ich habe noch Platz für Schokopudding.“

Doch erstmal gab es Aufregung im Saal, denn nach einem russischen Brauch hatten Zigeuner die Brautschuhe gestohlen und mussten nun mit Spenden zurückgekauft werden. Die Moderatoren erklärten, was zu tun sei. „Der Spender von 50€ und mehr darf eine Aufgabe an die Trauzeugen stellen.“ Allgemeiner Protest der Trauzeugen und der Gäste. „Okay – eine Aufgabe für Trauzeugen oder Brautjungfern.“

(„Na gut, wir sind halt im Krieg!“)

Sie hatte gewusst, dass sie nun leiden würde. Runde um Runde musste sie spielen, doch sie hielt tapfer durch. Meistens sogar mit einem Lächeln.
(„Hah!“)

Larissa selbst fand es allmählich doof, dass es alle auf Gretchen abgesehen hatten. Schließlich stand sie auf und ging auf Strümpfen zu ihrer Kusine. „Tut mir Leid, dass Du immer Deinen Kopf hinhalten musst, die haben einen Narren an Dir gefressen.“
“Die“ waren vor allem die Besucher aus Russland, welche zum größten Teil sturzbesoffen waren. Die dazugehörigen Damen, egal ob Ehefrau, Verlobte oder Freundin, waren weniger gut gelaunt. Nicht wegen des Wodkakonsums sondern aufgrund der offensichtlichen Begeisterung für die blonde Schönheit. Gerade hatte wieder jemand 50 Euro gespendet. „Ich möchte, dass sie mit mir singt.“ Jedem war klar, wer mit “sie“ gemeint war.

(„Nein... nur über meine Leiche!“)

(„Du bist im Krieg. Du gehst da jetzt hin und ziehst das durch!“)

(„Und das Lied suche ich aus!“)


Doch sie hatte sich geirrt, denn der alkohollustige Zeitgenosse hatte das Duett schon vorbereitet und zusammen sangen sie mehr schlecht (er) als recht (sie) das alte russische Volkslied.

Ach, unter der Kiefer, unter der grünen
legt mich zum Schlafen,
Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
legt mich zum Schlafen!


Er auf Russisch.

Kalinka, kalinka, kalinka moja!
W sadu jagoda malinka, malinka moja!


Sie auf Deutsch.

Kalinka, kalinka, kalinka, mein,
im Garten ist die Beere, die Himbeere mein.


Schnell hatte Gretchen sich an den schiefen Gesang des Mannes gewöhnt.

Ach du liebe Kiefer, ach du grüne,
rausche doch nicht so laut über mir,
Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
rausche doch nicht so laut über mir!


Bei der zweiten Strophe verspürte sie fast ein wenig Spaß – sie hatte schon immer gerne gesungen, heute gelang es ihr außerordentlich gut.
(„Hah!“)

Ach, schönes Mädchen, liebes Mädchen,
hab mich doch lieb,

Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
hab mich doch lieb!



Sie wollte gerade zum letzten Mal den Refrain anstimmen, als der Sangeskollege die letzte Verszeile zum Anlass nahm, Gretchen zu packen und sie vor versammelten Gästen abzuknutschen. Die Landsleute des Mannes waren begeistert. „Gorka – Gorka!“

(„Ich muss mich übergeben!“)

Endlich schaffte es Gretchen sich aus den Fängen zu befreien und verschwand völlig angewidert in Richtung der Toiletten.

Im Saal gab es einen neuen Helden und man stieß fleißig und andauernd mit Wodka auf ihn an. Immer wieder. „Gorka – Gorka!“

„Boah, wie ekelig.“ Natalie konnte nicht aufhören, sich zu schütteln. „Ich würde mich tagelang übergeben.“
Tanja pflichtete ihr bei. „Ich spüre schon, wie ein Herpes kommt.“
„Bestimmt sitzt sie jetzt irgendwo und heult.“ Das war die Brautmutter, die genervt davon war, dass ausgerechnet immer die Tochter ihres Schwagers im Mittelpunkt gefordert wurde. „Greta – Gorka!“

„Ljudmila!“ Das war die scharfe Stimme von Elfriede Haase. „Keine Deiner Töchter hätte die ganzen Spiele mitgemacht. Ihr könnt euch alle eine Scheibe von ihrem Lächeln abschneiden! Vor allem Larissas Trauzeuginnen haben schon den ganzen Tag anderes im Kopf.“
„Und was soll ich jetzt machen? Ihr die Tränen abtrocknen?“
„Das mache ich lieber selbst!“ Marc hatte bisher schweigend dabei gesessen, er war stinksauer. Und die Russen nervten ihn. „Greta – Gorka!“

(„Diese Frau küsse nur ich!“)

Sie kam ihm entgegen. Die Rufe nach ihr schallten ihr entgegen, sie grinste. Er war irritiert. „Alles gut?“
„Wenn der Punkt nicht an mich ging, dann weiß ich es nicht...“
(„Hah!)
(„Ha – Hah!“)


„Ich weiß nicht, was sie jetzt alles anstellen werden.“ Bestimmt würden es die anderen auch versuchen. Marc wäre ein baldiger Heimweg lieb gewesen, doch Gretchen hatte andere Pläne: „Ich weiß, was wir jetzt anstellen werden.“
„Bitte?“
„Sie wollen Gorka – sie kriegen Gorka.“
(„Hah!“)

Gutgelaunt und übermütig packte sie Marcs Hand und zog ihn hinter sich her, zurück in den Saal. Sie würde grölend empfangen. „Gorka – Gorka!“ „Greta – Gorka!“

Lachend drehte sie sich zu Marc um. Seine Grübchen funkelten spitzbübisch. „Sie wollen Gorka – sie bekommen Gorka.“ Er zog Gretchen an sich heran und sie versanken in einem langen, leidenschaftlichen Kuss. Noch länger. Unendlich lang.

„Das ist doch wenigstens mal ein Kuss, der einer Hochzeit Ehre beweist.“ Natalie war begeistert. Jetzt verstand sie, was ihre Kusine gemeint hatte. „So küsst man doch nicht auf einer Hochzeit!“

Die Russen hatten sich das mit dem Küssen wohl auch anders vorgestellt, doch der gute Freund Wodka ließ die Stimmung nicht abbrechen. „Gorka – Greta – Gorka!“

(„Hah!“)

Schließlich verkündeten die Moderatoren, dass man ausreichend Lösegeld für die Schuhe bezahlt hätte. Endlich konnte die Braut den Brautstrauß werfen. Gretchen hätte sich gerne davor gedrückt, doch Bärbel war unnachgiebig. „Du gehst jetzt dahin und fängst das Ding.“
Marcs Augen weiteten sich erschreckt, doch sie konnte ihn beruhigen. „Ich war nie gut im werfen – und im Fangen schon gar nicht.“

(„Hoffentlich!“)

Doch sie hatten sich zu viele Sorgen gemacht. Waren die Frauen Russland bisher eher unbeteiligt und desinteressiert gewesen, so sprangen und kämpften sie jetzt als ginge es um ihr Leben. Rücksichtslos wurden alle deutschen Konkurrentinnen zur Seite geschoben, weggedrückt und sogar zu Boden geschubst.
Endlich hatte der Brautstrauß die Besitzerin gewechselt – die Siegerin, natürlich von jenseits dem Ural angereist – wurde gefeiert und beneidet wie ein Popstar. Die Hochzeitsmoderatoren hatten nun ihren letzten Auftritt und kündigten nochmal eine Performance der Tanzschulpaare an. Diesmal erklangen deutlich flottere Rhythmen und starteten eine ausgelassene Party. Der Teil, der als einziger alleiniger Wunsch des Brautpaares gewesen war.

Karo Offline

PJler:


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13.09.2020 23:46
#406 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.15 – Endlich zusammen



„Möchtest Du wirklich schon nach Hause?“ Gretchen fühlte sich unendlich wohl und um nichts in der Welt wollte sie dieses Gefühl eintauschen. „Ich könnte stundenlang so weitertanzen.“
„Du kannst morgen auch ausschlafen. Ich muss zwischendurch mal wieder arbeiten.“

(„Wenn man das überhaupt so nennen kann...“)

„Ich weiß genau, was Du jetzt gedacht hast.“ Er schmunzelte in Gretchens Haar. „Einen Tanz noch, Hasenzahn. Warte hier. Hm... nee. Keine gute Idee.“ In Anbetracht der russischen Umlagerung zog er die schöne Ärztin zum Mischpult, wo er dem DJ sein Smartphone hinhielt. Der überlegte kurz und nickte dann.

Sie fühlte sich in eine andere Zeit zurückversetzt – eineinhalb Jahre. Das gleiche Kleid („Na gut, fast“), das gleiche Lied. Aus Magie entstanden, von Träumen inspiriert. Und vor allem – der gleiche Mann. Auch zum Träumen.

Aber sie brauchte nicht mehr träumen. Er war echt. Er war hier. Mit ihr. Er hielt sie. Fest. Gefühlvoll. Er lächelte. Glücklich. Hielt die Augen geschlossen. Genussvoll. Nur das Kleid unterschied dieses Paar vom Brautpaar.

***
Sie schlenderten Hand in Hand den Neuen Jungfernstieg an der Binnenalster entlang. Das war Gretchens Idee gewesen. „Wenn wir schon gehen müssen – können wir dann wirklich gehen?“
Immer wieder blieben sie stehen und küssten sich. Als wollten sie den Moment festhalten. Das Jetzt genießen. Beide wussten, dass es kein Zurück geben würde.

Und das machte ihm Angst. Marc Meier hatte Angst. Wie früher schon. So wie er es Gretchen schon mal gesagt hatte. „Ich werde jetzt das tun, wovor ich am meisten Angst habe.“

Vor zwei Jahren – fast auf den Tag genau? – hatte er sein Herz vorausgeworfen und war hinterher gesprungen. Bis nach Afrika. Sein Herz war heile geblieben, weil eine wundervolle Frau es aufgefangen hatte.

(„Ich kann das nochmal!“)

Dich nochmal kastrieren lassen? Du musst verrückt sein. Und am Ende bist Du doch alleine.
Es ist jetzt anders. Sie ist anders. Du bist anders. Erwachsen.
Du hast heute gesehen, wie sie Kriege führt. Auch Dich wird sie wieder ins Verderben führen. Warten lassen.
Sie wird das nicht nochmal tun.
Wetten? Aber gut. Lass Dir die Eier ein zweites Mal abschneiden. Biete ihr Dein Leben. Lass Dich mit Füßen treten. Es wird mir ein Genuss sein. Denn ich habe Dich gewarnt.
Sprich mit ihr. Trau Dich! Pack es an. Du weißt bereits, was der Lohn ist.
Kommt ein Chirurg zum Psychologen...


Gretchen spürte die Unruhe, die Marc überfallen hatte und blieb stehen. Sie hatten schon so oft gestoppt – Kusshaltestellen, wie Gretchen schmunzelnd festgestellt hatte. „Marc? Was ist los?“

Er hielt sie ganz fest und presste sein Herz an ihres. Dass der gemeinsame Rhythmus beruhigend wirken würde. Doch sein Herz war nicht zu bändigen. Tauchte sein Gesicht in ihr Haar. Doch der beruhigende Duft war kaum mehr spürbar.

Sprich mit ihr.
Erst vögeln. Dann reden. Wie damals. Dein Abgang war eines Marc Meier würdig. Mit diesem Liebesgejammer kannst Du niemanden beeindrucken.
Wetten doch? Sprich mit ihr!


„Gretchen?“ Er sah ihr in die Augen. Fast erschrak sie vor der großen Verletzlichkeit, die seine Seele in die Augen spiegelte. „Wenn wir jetzt weiter gehen – heute Nacht miteinander schlafen – dann gibt es keinen Weg zurück. Ich kann Dich nicht nochmal aufgeben.“
„Ich weiß das.“ Er sah Ehrlichkeit in ihren Augen. Liebe. Und die Botschaft, mit der sie ihn schon vor 21 Jahren verzaubert hatte. Alles wird gut!
„Und ich will das. Mit Dir.“ Ihr Kuss war die süßeste Antwort, Balsam für seine Seele, Digitalis für sein Herz.
(„Alles ist gut!“)

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