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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.418

26.06.2020 09:51
#401 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.10 – Die Sache mit dem Herzen



Marc hatte Glück, es hatte nur kurz Probleme mit dem Mann aus dem Wasser gegeben, ansonsten war der Tag ruhig. Er beschloss, noch eine Kontrollrunde zu gehen und dann nach Hause zu fahren. Als der Chirurg gerade die ITS verlassen wollte, meldete der Empfang eine Frau Doktor Haase an. Kurzerhand stattete auch Gretchen dem Frischoperierten einen Besuch ab und natürlich kam sie mit ihm ins Gespräch. Auch die Verlobte bekam ihre dringende Frage beantwortet. Nicht so, wie sie sich das erhofft hatte, doch hier war jemand, der ihre Frage hörte, ihre Angst wahrnahm.

„Kann das neue Herz genauso lieben wie das alte Herz?“

„Ist es denn das Herz alleine, was liebt? Sind nicht alle Organe in das großartige Gefühl der Liebe involviert? Ja, man redet im Allgemeinen vom Herzen als Sitz des Gefühls. Aber folgen Sie mal dem Wort. Sie fühlen auch mit der Haut.“
Sie hatte schon die ganze Zeit beobachtet, dass die Verlobten sich ständig an der Hand hielten.
„Mit ihren Händen. Sie nehmen Reize wahr. Sind die jetzt anders als vorher? Was fühlen Sie, wenn Sie an das neue Herz denken? Ihre Frage „ob das Herz auch für Sie schlägt“, enthält das größte Glück, was sie beide aktuell fühlen. Denn es schlägt.“
Gretchen stand auf und sah sich die Dokumentationen an. „Es schlägt regelmäßig und kräftig. Ohne Stolpern oder andere Auffälligkeiten. Nehmen Sie erst einmal dieses Geschenk an.“

„Frau Doktor, natürlich sind wir dankbar. Trotzdem...“

„Niemand kann ihre Frage so gut nachvollziehen wie ich, glauben Sie mir das. Und ich hoffe, Sie werden mir eines Tages die Antwort sagen.
Wissen Sie, eine Herztransplantation ist nicht nur ein schwerer Eingriff – und da ist es egal, ob gleichzeitig eine neue Lunge transplantiert wurde. Der erste Schritt ist getan – die Arbeit der Chirurgen. Nun müssen Sie selbst ran. Nicht nur körperlich. Dafür stellt Ihnen die Medizin alles Mögliche zur Verfügung. Auch der Staat unterstützt sie. Sie werden für ein Jahr als schwerbehindert anerkannt und als Frührentner sind Sie abgesichert.“

Gretchen fragte an dieser Stelle nach der psychologischen Betreuung. „Ihre Kollegin hatte die Möglichkeit erwähnt...“

„Erwähnt?“ Gretchen sah Marc fragend an. „Meiner Meinung nach sollte jeder Transplantierte schon vorher psychologisch betreut werden. Wissen Sie – es gibt die unterschiedlichsten Reaktionen auf so einen Eingriff. Jeder geht anders damit um. Wir Ärzte lieben dafür das Schubladensystem. „Die Hilfsbedürftigen“, „die Dankbaren“, „die Gefährdeten“, die „Besonderen“, „die Erfolgreichen“.
Schon allein das erste Jahr ist eine Herausforderung. Sie müssen sich gründlich vor Infektionen schützen, dazu größere Menschansammlungen, Haustiere oder kranke Freunde meiden. Auch von Medium-Steaks oder Blumenerde raten wir ab, da sich hier Bakterien verstecken können.
Für viele heißt das, Rückzug aus dem sozialen Leben. Vereinsamung bis hin zu Depressionen oder Zwangsängsten können die Folge sein.
Andere kommen oft ins Krankenhaus und wollen mit einem Arzt sprechen. Dabei geht es vorrangig um Zuwendung und Ermunterung. Sie sind sehr besorgt, dass ihnen etwas zustoßen könnte, dabei sind sie meistens körperlich gesund.
Eine andere Reaktion kommt Ihrer Frage sehr nahe, denn es kommt durchaus vor, dass Transplantierte eine intensive Beziehung zu dem neuen Organ herstellen. Sie geben ihm Namen oder verleihen ihm personale Eigenschaften. Sie stellen eine intensive Beziehung zu ihrem neuen Organ her und natürlich entstehen dann Beziehungsprobleme mit dem Partner, der dann eine gewisse Eifersucht auf das Herz entwickelt.

Schon frühzeitig können Psychologen alle Beteiligten auf die neue Situation vorbereiten. Die meisten Partnerschaften und Familien leiden unter einer Herztransplantation. Sie haben bestimmt viele Aufgaben für ihren Mann übernommen, sind zwangsweise zum starken Part in der Beziehung geworden. War das immer so? Wie war es früher? Denn Ihr Partner wird aller Wahrscheinlichkeit seine Aufgaben zurückverlangen. Sie haben sich daran gewöhnt, auf ihn aufzupassen. Nun braucht er ihre Fürsorge nicht mehr. Konflikte sind die Folge. Dabei ist gerade eine stabile Partnerschaft sehr wichtig für die Genesung. Nicht nur Psychologen unterstützen sie während dieser Zeit, auch Selbsthilfegruppen sind eine großartige Erfindung. Meine persönliche Meinung ist, anfangs das eine, später mehr das andere. Wichtig ist, dass sie sich aktiv mit dem neuen Herzen auseinandersetzen. Alle beide. Jeder für sich und gemeinsam. Und Sie müssen wieder raus in die Welt. Mit aller Vorsicht, mit allen Auflagen ist das alleine eine riesige Herausforderung.

Sie werden mindestens eine Woche hier auf Intensiv sein, dann bis zu zwei Wochen auf der normalen Station. Es folgt eine Reha von fünf bis sechs Wochen Dauer.

Haben Sie das Problem erkannt? Der eine liegt hier und die andere sitzt dort. Draußen geht das Leben weiter. Dann kommt die Reha. Er da, sie dort. Danach wird er seine alte Fitness zu mindestens 50% wieder erlangt haben. Das klingt jetzt großartig für sie beide. Aber nach den Jahren, in denen sie ihre Leben nach seinem Herz gerichtet haben, werden sie beide nun völlig unvorbereitet in einen Alltag mit neuen Strukturen geworfen. Ohne Vorbereitung und Begleitung werden schwerere Zeiten folgen als sie jetzt hinter sich haben.

Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf, denn er ist anpassungsfähig. Aber das geht nicht von heute auf morgen.
Das Herz ist ein wunderbares Organ, denn es kann lieben auch wenn es schon zerbrochen war. Mit Füßen getreten wurde.
Von daher machen Sie sich um das Herz die wenigsten Gedanken. Respektieren Sie es, das ja. Und passen Sie darauf auf.

Aber sie beide – lassen Sie sich viel Zeit und nehmen Sie Hilfe in Anspruch. Es gibt Psychologen, die genau auf ihre Situation geschult sind, die Erfahrung mit Transplantierten und ihren Sorgen haben. Sie sollen sich auseinandersetzen aber nicht kämpfen müssen. Sie und ihr neues Herz sind vor allem in den ersten Monaten schwer verletzlich. Das erste Jahr wird ein Jahr kleiner Fortschritte sein. Es sind die kleinen Schritte, die Sie schätzen lernen müssen.“

Gretchen hatte sich während ihrer Rede an die Arbeitsfläche gelehnt. Jetzt stellte sie sich an das Fußende des Bettes. „Was für Hobbies hatten Sie vor Ihrer Erkrankung?“

„Wir haben in Südfrankreich ein Schiff liegen.“
„Sehr schön. Demnächst beobachten Sie die Schiffe auf der Alster oder erfreuen sich an Alsterrundfahrten. Probieren sie es aus, ein ferngesteuertes Boot zu lenken. Oder sie mieten sich eins der Tretboote und lenken selbst, während andere trampeln... suchen Sie sich kleinere Ziele. Denken Sie nicht an ihr Schiff als großes Ziel, auf Dauer frustriert das nur.“

Marc hörte fasziniert zu, wie Gretchen den beiden Fragen beantwortete, die sie vorher scheinbar nicht gehabt hatten.
„Danke Frau Doktor – vielleicht haben Sie ja eine Empfehlung für psychologische Unterstützung? Da haben wir nie wirklich drüber nachgedacht.“
„Da wird sich Doktor Meier bestimmt gerne drum kümmern.“ Sie legte Marc die Hand auf den Arm. Er war ungewöhnlich nachdenklich. Es stimmte, was Gretchen gesagt hatte.

(„Vor allem das mit den kleinen Schritten.“)

„Ja, ich werde mich darum kümmern.“

Sie verließen das Überwachungszimmer der Intensivstation.
„Was war das?“
„Hast Du Angst, ich adoptiere ihn? Oder gleich alle beide?“ Sein immerwährender Vorwurf, wenn sie sich zu sehr für das Seelenleben ihrer Patienten interessierte.
„Nein. Aber es ist erstaunlich, was doch für Fragen bestehen, obwohl Doktor Brenner ihn meiner Meinung nach wirklich gut für die OP vorbereitet hat.“
„Auf die OP vielleicht. Aber wenn er normalerweise von Larissa betreut wird, dann hat sie ganz ordentlich was versäumt.“
„Hm. Ich schätze, da habe ich auch einiges versäumt.“

Gretchen war etwas verwundert über seine Nachdenklichkeit. Früher hätte er sich einfach lustig über sie gemacht. Jetzt hatte er aufmerksam zugehört.

(„Der Pausenhof ist weg. Er nimmt mich ernst.“)

„Das nennt sich Professionelle Ärztliche Kommunikation. Die Weiterbildung hat Doktor Carstensen mir zum Facharzt geschenkt. Die Ausbildung setzt die Zielsetzung der Bundesärztekammer um, eine verbesserte Arzt-Patienten-Kommunikation zu erreichen. Würde Dir auch nicht schaden...“ Natürlich musste sie ihn aufziehen.
„Hasenzahn – es gibt die, die gut operieren und es gibt die, die gut quatschen.“
„Und - es gibt mich!“

(„Ha! Du hast es selbst gesagt – im OP war ich beeindruckend!“)

(„Toll, Meier... selbst angeschmiert...“)


„Können wir dann endlich los?“

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.418

18.08.2020 22:57
#402 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.11 – Keeping calm is not easy 2



Er hatte als erstes ausgiebig geduscht. Nun wollte er nichts mehr als etwas Ordentliches zu essen. Oder...

(„Ich möchte sie einfach nur küssen!“)

Mit Stella hättest Du jetzt einfach Spaß gehabt.
Ob jetzt oder später – Hauptsache, es ist sie.
Sie wird Dich nicht ranlassen.
Wetten – doch?
Du kennst doch ihre Parole für heute – sie wollten Krieg, sie bekommen Krieg.
Der Adressat ist ein anderer – sind andere.
Weißt Du es?

(„Verpisst euch! Alle beide!“)

(„Und von ranlassen war nicht die Rede – ich wünsche mir nur, sie zu küssen!“)


(„Ob Marc was Ordentliches gegessen hat? Vermutlich ja, die haben ja eine ganz gute Kantine.“)

(„Egal. Ich muss jetzt was Vernünftiges essen sonst überstehe ich den Abend nicht!“)


Schon am Morgen hatte sie festgestellt, dass der Kühlschrank gut gefüllt war. Da hatte sie sich für das Nutellabrötchen entschieden. Grinsend nahm sie ein Messer und machte sich einen Schokoflecken oberhalb ihrer Lippe. Das war heute früh unbeabsichtigt gewesen aber es hatte ihr einen wundervollen Kuss beschert. Schnell hatte sie alle weiteren Handgriffe erledigt und als Marc kurze Zeit später in der Küche erschien, war der Nudelauflauf bereits im Ofen. Wieder trug sie den kurzen Pyjama mit dem schlauen Spruch. Er hatte selbst einen parat, als er sah, was da im Backofen brutzelte. „Du machst einen Nudelauflauf obwohl es gleich wieder was zu essen gibt?“
„Es gab den ganzen Tag was zu essen – alles Mist. Ich habe einfach nur Hunger auf was Vernünftiges.

(„Einen vernünftigen Kuss?“)

„Und vorher noch einen Löffel Nutella?“
„Nö.“
„Ich sehe das doch?“
„Kann nicht sein. Wo denn?“ Sie reckte ihm trotzig ihr Kinn entgegen. Oder waren es schon ihre Lippen, die versuchten, den seinen näher zu kommen?“

„Über Deiner Lippe.“
„Das musst Du mir wohl zeigen...“

(„Das muss er doch raffen?“)

(„Meint sie jetzt wirklich...?“)


Behutsam legte er seine Hand unter ihr Kinn und zog ihr Gesicht näher an seins. Endlich hatte er verstanden. Gretchen schloss erwartungsvoll ihre Augen.

(„Sie meint es wirklich!!!“)

Zärtlich küsste er den Nutellafleck von ihrer Lippe. Erst wollte er sie aufziehen und von ihr lassen, der Auftrag war ja schließlich schnell ausgeführt. Aber dann entschied sich Marc für das einzig Richtige. Einen Kuss, wie ihn nur Marc und Gretchen küssen konnten.

Lange hatten sie sich diesem Kuss überlassen – für den Nudelauflauf zu lange. Der war nur noch in den unteren Lagen genießbar, aber es tat der Stimmung zwischen ihnen keinen Abbruch. Der Kuss hatte sie verändert. Fast war Gretchen bereit, zu denken, dass sie wieder zusammen waren.


„Was denkst Du?“ Natürlich ahnte sie seine Gedanken, waren es doch auch ihre eigenen.
„Ich freue mich auf gleich – auf das Zürichkleid an Dir.“ Das tat er wirklich.

Sie hatten nie darüber gesprochen, aber nun hatte es sich ergeben, dass sie zusammen zur Feier fahren würden. Gretchen hatte zwar immer wieder überlegt, in wie weit Marc den Feierlichkeiten beiwohnen würde, schließlich hatte er die Verantwortung für die Klinik und damit das beste Alibi, nicht auf der Hochzeit zu erscheinen. Marc wiederum hatte es sich gerne offen gehalten, nach wie vor mochte er solche Veranstaltungen nicht, besonders dann nicht, wenn es um die Zurschaustellung der Familie Haase-Temelova ging. Andererseits... mit Gretchen würde es bestimmt erträglich sein. Und – er liebte es, sie in schönen Kleidern zu sehen. Besonders in diesem, denn es bedeutete Leben: Sie beide gemeinsam auf dem Züricher Ärzteball.

Plötzlich hatte er eine Idee. Er ließ alles stehen und liegen und eilte nach oben.
„So schlimm war der Auflauf jetzt auch nicht!“ Rief Gretchen hinter ihm her.
„Ich will nur nicht aufräumen – wenn ich schon mal eine Frau da habe“, klang es frech von oben herunter.
Gut gelaunt räumte sie alles weg. Dann wurde es Zeit, sich ins Kleid zu werfen.

„Oh je! Marc, Du siehst großa...“ Sie zögerte, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Der Zürichanzug.“
„Ich wollte nicht hinter Dir zurückstecken – Prinzessin.“ Der Name, den er früher für sie verwendet hatte, kam ganz leise über seine Lippen. Leise und – sehnsüchtig. Sie streckte sich hoch und gab ihm einen bedeutungsvollen Kuss auf die Wange. „Warte...“

Schnell schlüpfte sie aus dem Pyjama und in das besagte Kleid. „Machst Du mal zu?“ Sie drehte ihm ihren Rücken hin. Langsam – fast schien es Gretchen, als genieße er jeden Zentimeter – zog er den kleinen Reißverschluss hoch. Sie nahm ihre Haare zur Seite. Der letzte Zahn rastete in den vorgesehen Platz der gegenüberliegenden Zahnreihe ein. Er schloss auch den kleinen Knopf, mit dem der Verschluss gesichert wurde.

Seine Hände lagen sanft um ihre Oberarme. Sie merkte, dass sein Gesicht an ihrem Hinterkopf lehnte. Vorsichtig ließ sie die Haare fallen. Er schob sie zum Spiegel. Er stand immer noch hinter ihr, über den Spiegel blickten sie sich tief in die Augen.

(„Du bist mein Mann – diesmal gibt es kein Zurück, Marc Meier!“)

(„Du bist meine Frau – daran geht kein Weg mehr vorbei, Margarete Haase!“)


Sie lehnte sich an ihn, er umschloss sie mit seinem muskulösen Armen. Und dann merkten sie es. Beide. Gleichzeitig. Ihre Herzen hatten einen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Den Takt ihrer Liebe wiedergefunden.

Karo Offline

PJler:


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18.08.2020 23:10
#403 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.12 – Sie bekommen Krieg – Party 2



Dagegen herrschte bei Haases wieder Unfrieden anderer Art. „Franz, so kann sich Gretchen nicht benehmen. So haben wir sie nicht erzogen.“
„Bärbel, Gretchen ist alt genug um zu wissen, was sie tut.“
„Wetten, sie kommt auch gleich wieder zu spät?“
Natalie verteidigte ihre neue Lieblingskusine vor der stänkernden Tante. „Tante Bärbel, auf der Einladung steht ab 20 Uhr – selbst wenn sie erst um Mitternacht käme, wäre es ab 20 Uhr.“
„Ach Du...“
„Nur Oma tut mir Leid, sie hat sich sehr auf Gretchen gefreut.“
Wasser in Bärbels Mühlen... „Na, sag ich doch. Das ist doch kein Benehmen.“
„Das erledige heute ich – ausnahmsweise!“ In der Tat konnte man der jüngsten Brautschwester kein Fehlverhalten nachsagen. Wollte sie auch nicht, denn als Larissa ihr gesagt hatte, wie hübsch sie aussähe, hatte sie sich gefreut. Sehr sogar.

Mit ihrem Onkel, seiner Frau und der Oma fuhr sie zum Hotel Vierjahreszeiten. Aus dem Taxi vor ihnen stieg ein ungemein attraktives Paar, sie erkannten sie nicht gleich.
„Das ist doch...“
„Gretchen!“ Natalie war aus dem rollenden Wagen gehüpft. „Wow – Du siehst aus wie eine Prinzessin!“

(„Meine Prinzessin.“)

Man sah Marc an, dass er stolz auf seine Begleitung war. Professor Haase half seiner Mutter aus dem Taxi und murmelte: „Hab ich es doch gewusst!“
Der alten Dame fiel sofort der zufriedene Gesichtsausdruck ihres Sohnes auf. „Was meinst Du, Franz?“
„Gretchen und Marc. Ich war mir fast sicher, dass er „ihre Freunde“ ist, bei denen sie untergekommen sein wollte.“
„Ich wusste nicht, dass sie sich kennen?“
„Mutter – welcher Name kommt Millionenfach in Gretchens Tagebüchern vor?“
„Er ist ihr Marc Meier?“
„Ja. Ich selbst habe es erst geschnallt, als sie sich bei mir im Krankenhaus wieder über den Weg gelaufen sind.“
„Vermutlich hätte er sonst nicht so einen Stein bei Dir im Brett.“
„Als Mediziner ist er großartig, das dürfte euch auch schon aufgefallen sein.“ Franz grinste. „Mal abgesehen von seinen „Jugendsünden“ ist er derjenige, der Gretchen aus Afrika geholt hat. Er ist es, dem Bärbel und ich das Leben unserer Tochter verdanken.“
„Das hast Du nie erzählt.“
„Dass er wegen uns noch einen Job verliert? Weil er damals unkonventionell nach Afrika gereist ist, musste er seinen Arbeitsplatz räumen. Professor Neuroth hat den Tipp, wie er ihn hier einzuschleusen kann, von mir.“ Jetzt lachte der Chefarzt herzlich. „Hans dachte die ganze Zeit, dass er mir Marc vor der Nase wegschnappt. Gut für Marcs Konto, er konnte fordern, was er wollte – er wollte nichts davon wissen, dass wir ihm das Geld für Gretchens Rücktransport bezahlen.“
„Hatte sie keine Versicherung?“
„Doch und die hat mittlerweile auch einen großen Teil bezahlt. Aber erst nach langem Hinundher.“
„Gretchen sieht wirklich großartig aus. Schon den ganzen Tag. Dabei stand sie doch auch im OP?“
„Oh ja. Und als Marc anbot, dass wir gehen sollten, wollte sie nichts davon wissen.“
„Sie soll gut gewesen sein.“
„Sie ist gut! Und jetzt hat sie sich den Besten zurückgeholt!“
„Es ist mutig, mit ihm hier aufzutauchen.“
„Gretchen mag sich bei vielen Sachen anstellen, wie der erste Mensch. Aber feige ist sie nicht.“ Er dachte daran, wie sie Bärbel vor Elke Fisher verteidigt hatte, an die Messerstecherei in der U-Bahn, ihre feste Überzeugung, Menschenversuchen auf der Spur zu sein. Die Suche nach dem Affen, der das Virus übertragen hatte. Schließlich Afrika und der lange Kampf zurück ins Leben. Erst in Zürich, später in Köln. „Nein, wenn Gretchen etwas nicht ist, dann ist es feige! Die Frage ist nur, wie mein Bruder auf diese Konstellation reagiert.“

„Es ist sowieso egal. Doktor Meier hat Hans bereits mitgeteilt, dass er uns spätestens Ende Dezember verlässt.“
„Mutter???“ Franz Haase war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. „Wann hat er das gesagt?“
„Macht das einen Unterschied?“
„Oh ja. Vermutlich hat sie damit zu tun.“ Die Neuigkeit musste er erstmal verdauen und bald setzte er sich etwas abseits an einen Tisch. Er beobachtete das schöne Paar, besonders an seiner Tochter konnte sich Franz nicht satt sehen. Sie war schon den ganzen Tag gut gelaunt. Trotz nächtlichem OP-Marathon. Oder war es genau deswegen? Immerhin hatte sie ein Herz und eine Lunge transplantiert. Auch wenn es nichts für ihre Karriere bedeutete, für Gretchen bedeutete diese OP viel. Auch, dass Doktor Meier sie so ohne weiteres ans Skalpell gelassen hatte. Ihm fielen die Gespräche ein, die er in langen Tagen auf der Intensivstation mit ihm geführt hatte. Wie lange war es her?

„Gretchen kann in Afrika viel Sinnvolles tun und wirklich helfen. Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, dass sie als Allgemeinmedizinerin richtiger wäre als im OP. Verstehen Sie mich nicht falsch, Gretchen ist eine sehr gute Ärztin. Aber sie ist Ärztin geworden, weil sie Menschen helfen will. Nicht, weil sie Krankheiten als Herausforderung sieht und auf eine Karriere aus ist.
Nein, für Gretchen zählt wirklich der Mensch. Ob ein Pflaster oder eine Hüftprothese ist ihr ziemlich egal. Hauptsache, dem Menschen ist geholfen.
Das habe ich erst in Sanssouci begriffen. Hier hat mich ihr fehlender Ehrgeiz eher genervt. Wie man so gut sein kann ohne noch besser sein zu wollen.“



„Franz, was machst Du hier? Ich suche Dich schon überall.“
„Bärbel, setz Dich einfach hierhin und sieh´ Dir unsere Tochter an.“ Sie nahm den wehmütigen Klang seiner Stimme wahr und tat ausnahmsweise wie ihr geheißen.
„Wir hätten sie nicht besser hinkriegen können, nicht Franz?“
„Das sehe ich genauso. Und das weiß auch Doktor Meier.“
„Hoffentlich!“
„Sie ist jetzt endgültig weg, Bärbel.“
„Pfff... sie lebt in Köln?“
„Das meine ich nicht. Trotzdem kam sie immer zu uns, wenn irgendwas war. Jetzt hat sie ihn.“
„Das muss Dich doch freuen – gerade hier und heute.“
„Einerseits ja. Andererseits werden wir jetzt aufs Abstellgleis geschoben.“
„Hoffentlich in San Telmo.“

Während die Eltern sich mit der neuen Familienkonstellation auseinandersetzten, hatte die Tochter genauso viel Spaß wie schon den ganzen Tag. Vermutlich lag ihre gute Laune auch an dem Mann an ihrer Seite. Sie genoss die anerkennenden Blicke, die neidischen Blicke, die bewundernden Blicke... und noch mehr, die hasserfüllten Blicke zweier Damen, die sich auch in der Abendgarderobe ihr Kleid als Muster genommen hatten.
(„Hah!“)

Mittlerweile war sie sich dessen sehr sicher. Dumm gelaufen, dass ausgerechnet die Frau von dem Foto die unterschätzte Kusine der Braut war. Sie war froh, dass ihr das Kleid zu klein geworden war, andernfalls hätte sie es wohl nicht ändern lassen. Nun hatte sie unvorhergesehen einen weiteren Volltreffer gelandet.
(„Hah!“)

Stella würdigte Marc keines Blickes und Ella begann zu ahnen, was es mit Stellas plötzlichem Verschwinden auf sich haben könnte. Sie hatte sich fest vorgenommen, mit ihrer ehemaligen WG-Partnerin zu sprechen, doch sie waren wieder voll beschäftigt. Die Hochzeitsmoderatoren holten ein Spiel nach dem anderen aus ihrer geistigen Klamottenkiste. Nun gab es wieder einen Aufruf.
„Wir spielen jetzt die Reise nach Jerusalem – in einer abgewandelten Version.“ Natürlich forderte sie die Brautjungfern und die Trauzeugen auf und immer wenn Gretchen am Start war, kamen viele Freiwillige dazu – Männer, vor allem von der russischen Verwandtschaft. Diesmal zog Gretchen Marc mit auf die Spielfläche. „Äh Gretchen...?“
„Ich spiele gerne mit Dir, Marc!“ Ein eindeutiger – zweideutiger Blick. Was sollte er da sagen.

Sie stellten sich in einen Kreis und solange die Musik spielte, mussten sie dem Nebenmann ein Küsschen auf die Wange geben. Einmal rechts herum, dann links herum. Bei wem die Musik stoppte, der musste raus. Bis nur noch einer übrig blieb. Heute gab es eine spontane Regeländerung, denn es waren ausgerechnet Gretchen und Marc, die übrig blieben. Und anstatt einen wirklichen Sieger auszumachen, küssten sie sich einfach so lange, bis die Musik vorbei war. „Gorka – Gorka“ riefen die begeisterten Russen und sie meinten nicht das Brautpaar.
(„Hah!“)

Später wurde getanzt – und da hielten die Brautleute tatsächlich noch eine Überraschung bereit. Sie hatten nämlich befürchtet, dass die Tanzfläche leer bleiben würde und eine Hochzeit auf der nicht richtig getanzt wurde... Nun drehten sich acht Paare einer Hamburger Tanzschule zu Walzerklängen. Sie kombinierten klassischen Tanz geschickt mit Ballettelementen, es war eine wundervolle Darbietung. Am Ende bildeten die Paare mit Rosenbögen – natürlich in den Farben rosa und weiß – ein Spalier, durch den das Brautpaar seinen Hochzeitswalzer startete. Aufgrund des voluminösen Kleides hatten sich Larissa und ihr Mann gegen den traditionellen Wiener Walzer und für einen Slow Waltz entschieden. Sie waren dennoch schön anzusehen. Fand Gretchen. Jetzt am Ende des Tages schienen beide deutlich entspannter zu sein, als am Morgen.

„Doktor Meier – überlassen Sie mir ausnahmsweise meine Tochter für einen Tanz?“ Professor Haase stand unvermittelt neben ihnen.
„Eine Frage war das wohl nicht...“ Marc grinste. „Ausnahmsweise.“

Er hatte eben gesehen, dass Ella sich aus den Fängen eines Wodkaaufdringlichen Russen befreit hatte und genervt Richtung Ausgang eilte. Schnell folgte er ihr.

Währenddessen lag Gretchen im Arm ihres Vaters und war so zufrieden wie lange nicht mehr. „Du kannst Dir richtig was einbilden, alle anderen, die mit mir tanzen wollten, hat Marc weggebissen.“
„Du bist meine Tochter!“
„Ja – Gott sei Dank! Papa wirklich... auch dass Mama meine Mutter ist. Guck Dir Onkel Hans und Tante Ludi an, kein Wunder, dass Natalie so ist wie sie ist.“
„Dabei ist sie ganz in Ordnung.“
„Sie ist in Ordnung. Was glaubst Du, was wir für einen Spaß beim Junggesellenabschied hatten...“
„Das hat sie erzählt...“ Professor Haase grinste, er konnte sich richtig gut vorstellen, wie diese beiden sich bewusst für ein Zahlopfer entschieden hatten und dem Glücklichen dann einen Drink nach dem anderen aus der Tasche zu leiern.
„Ach...?“ Auch Gretchen lachte. „Und sie hat uns wenigstens ein bisschen was über russische Hochzeiten erzählt. Alle anderen mussten ja dumm sterben...“
„Apropos dumm sterben... warum hast Du mir nicht gesagt, dass Marc hier gekündigt hat.“
Von einer Sekunde zur anderen bewegte sie sich keinen Millimeter mehr. Sah ihren Vater starr und stumm an. Der merkte dann auch, dass er vielleicht etwas zu forsch gewesen war. „Du weißt es nicht?“
Sie schüttelte den Kopf. „Warum?“
„Ich weiß es nicht. Oma hat mir das vorhin erzählt. Hans meinte, er wolle nach Rügen.“
„Nach Rügen? Was soll er denn da?“
„Was weiß ich denn? Ich hatte gehofft, Du bist schlauer als ich.“
„Nein.“ Plötzlich war alles gar nicht mehr so schön, wie noch vor ein paar Minuten. „Ich muss mal Luft schnappen...“

Doch draußen war auch nicht gut. Da stand Marc und unterhielt sich mit einer der Trauzeuginnen. Ella wiederum sah Gretchen aus den Augenwinkeln. Natürlich nutzte sie die Gunst der Stunde und bevor Marc wusste, wie ihm geschah, lag Ella ihm in den Armen.

„Ja, komm jetzt, so sehr trifft es Dich nicht...“

(„Nein, aber sie!“)

Die blondgelockte Kontrahentin verschwand gerade eilig wieder im Hotel. Das war wohl der einzige Stich, den sie gegen diese Person heute landen konnte.
„Larissa sagte, dass Du gekündigt hast?“
„Ja. Ich möchte nach Hause.“
„Nach Berlin?“ Er nickte. „Wieso denkt sie Du gehst nach Rügen?“
„Was soll ich denn auf Rügen?“
„Warum wolltest Du damals dahin?“
„Meine Oma wohnt da.“
„Aber Du warst nicht sicher?“
„Nein. Ich wusste nichts, außer dieser Adresse.“
„Aber sie wohnte noch da?“
„Ja. Sie hatte sich geschworen, dort auf mich zu warten. Oder zu sterben. Auch nach 20 Jahren hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich irgendwie den Weg dorthin zurückfinde. Ich besuche sie oft. Vielleicht denken sie deshalb, dass ich nach Rügen gehe. Ich habe immer in Berlin gewohnt, aber Rügen ist das Zuhause meiner Kindheit.“
„Und sie?“
„Du meinst Doktor Haase? – Wir kennen uns aus der Schule. Mehr noch. Als sich die Tür nach Rügen geschlossen hatte, ging eine andere auf. Dahinter stand sie.“
„Sie ist die von dem Foto?“
„Ja. Das war in Zürich.“ Marc schwieg eine Weile. „Als ich Dir vors Auto gelaufen bin, hatte mir ein Kollege freudestrahlend erzählt, dass Gretchen und er ein Kind bekommen und er nur auf seine Scheidung wartet, um zu ihr und dem Kind nach Afrika zu gehen.“ Er sah den fragen den Blick. „Gretchen war zu der Zeit Ärztin in einer afrikanischen Krankenstation.“
„Aber sie hat kein Kind?“
„Nein, aber sie war schwanger – von ihm. Sie war schon schwanger, als wir zusammen kamen. Dumm gelaufen... die erste Info hat mein Gehirn auf Stand-by gesetzt, dass ich die zweite als wahr hingenommen habe.“ Er lachte. „Wäre ich ganz bei Sinnen gewesen, hätte mir klar sein müssen, dass sie ihn nicht wegen einer Schwangerschaft heiratet. In Zürich habe ich auf sie und das Kind gewartet. Doch sie wurde krank. Das Foto im Schlafzimmer ist auf dem Ärzteball entstanden, nachdem Gretchen sechs Wochen im Krankenhaus gewesen war. Nein, ich stehe nicht auf magersüchtige Frauenkörper – im Gegenteil. Aber das Foto bedeutet mir viel – einfach weil sie noch lebt.“
„Larissa hat immer gesagt, dass Gretchen dick und tollpatschig ist.“
Marc lachte. „Tollpatschig ja – sie ist die Tochter ihrer Mutter. Und dick ist relativ. Ich habe sie gerne wegen dem einen oder anderen Kilo zu viel aufgezogen, aber dick ist anders. Aber die Kilos, die sie mehr auf den Rippen hatte, als das allgemeingültige Schönheitsideal zulässt, diese Kilos haben ihr letztendlich das Leben gerettet.“
„Ich wünsche Dir alles Glück mit ihr!“ Ella stand auf und eilte in das Hotel – sie musste etwas klar stellen.

Sie fand Gretchen abseits mit ihrer Oma im Gespräch. Das wäre ein guter Grund, nichts zu sagen. Die Grande Dame der Chirurgendynastie würde es bestimmt nicht mögen, wenn sie das Gespräch unterbrach. Doch Ella irrte sich.
„Sie möchten meine Enkelin sprechen? Ich bin eh steif gesessen und muss meine alten Knochen mal ein bisschen bewegen.“
„Ich will aber nicht mit ihr sprechen.“
Oma Haase lachte. Das war der trotzige Ton von Gretchen aus jungen Jahren. „Dann sprichst Du eben nicht. Hör ihr wenigstens zu.“ Gretchen hatte ihrer Oma berichtet, was sie draußen gesehen hatte und die alte Dame hatte sofort eine Falschinterpretation vermutet.

Ella nutzte die Chance und auch wenn Gretchen sie keines Blickes würdigte, so hörte sie doch zu. „Als ich ihm eben um den Hals gefallen bin, da wollte ich Dich ärgern. Marc hat das nicht mitbekommen. Es tut mir ehrlich leid.“ Ihr psychologisches Wissen sagte ihr, dass sie von Gretchen keine Antwort erwarten brauchte und so stand sie auf. Doch die Kusine der Braut überraschte sie. „Danke.“
Damit sprang die blonde Ärztin an ihr vorbei, sie musste jemanden suchen.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.418

18.08.2020 23:20
#404 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.13 – Ein schweres Leben



Der jemand suchte auch sie. „Hast Du geweint?“
„Komm mit.“ Sie zog Marc nach draußen, über die Straße an die abendlich erleuchtete Binnenalster und erzählte ihm, was in der letzten halben Stunde passiert war. Erst fassungslos, dann erleichtert zog Marc die Frau, für die sein Herz schon unendlich lange schlug, fest an sich heran.
„Margarete Haase – ich liebe Dich.“ Der Kuss bestätigte seine Worte. „Du bist die einzige Frau, die ich jemals geliebt habe. Alles andere bedeutet nichts.“
„Aber Du warst mit ihr zusammen?“
Marc seufzte. „Ja, mit beiden. Nicht gleichzeitig, falls Du das jetzt denken solltest. Ich wusste nicht mal, dass sie befreundet sind.“

„Als Mehdi mir damals eröffnet hat, dass Du schwanger von ihm bist und ihr heiraten wollt, bin ich ihr ins Auto gelaufen. Mir fehlen zwei, eineinhalb Tage meines Lebens, von denen ich nichts weiß, außer dem, was sie mir erzählt haben. Ella war eigentlich auf dem Weg nach Hamburg, aber sie wollte mich in dem Zustand nicht alleine lassen. Sie hat auf mich aufgepasst. Von ihr kam auch der Tipp an die Polizei, dass ich auf Rügen zu finden sei.“

„Was hast Du mit Rügen? Gehst Du wirklich dahin?“

„Nein, Gretchen. Berlin ist mein Zuhause. Ich bin auf Rügen geboren und meine Großmutter wohnt da. In meiner geistigen Umnachtung habe ich die alte Adresse in Ellas Navy eingegeben. Nicht wissend, ob meine Oma noch lebt, ob sie noch da lebt oder ob das Haus überhaupt noch steht. Bei meinen Großeltern war ich als Kind immer in den Ferien. Die einzige Zeit, wo ich Frieden hatte. Der einzige Ort, an dem ich ich sein durfte. An dem ich geliebt wurde.“

„Warum glaubst Du, dass Deine Mutter Dich nicht...“

„Die einzigen Emotionen in meiner Kindheit waren die Wutanfälle meines Vaters. Nur wenn wir unsichtbar waren, konnten Mutter und ich uns halbwegs sicher fühlen. Freude oder lachen... das war meistens Auslöser für irgendwelche Gemeinheiten. Also haben wir das stillschweigend abgestellt. Mutter hatte mit dem Schreiben einen Katalysator für ihre angestauten Emotionen gefunden. Ich blieb dabei einfach... auf der Strecke. Ich hatte kaum Freunde, wie auch? Mein Leben bestand meistens aus Stuben- oder sogar Zimmerarrest. Oft mit Wasser und Brot – oder ganz ohne Essen. Mutter hat mir oft heimlich was zugesteckt. Gnade uns Gott, wenn mein Vater das raus bekam. Sie hat immer versucht, sich zwischen mich und die Gewalt meines Vaters zu stellen, gebracht hat es nichts. Haben wir eben beide was abgekriegt. Ich hatte immer nur meine Bücher. Natürlich keine Geschichten oder Romane. Der dumme Junge sollte sich mit gescheiter Literatur auseinandersetzen. Ich habe mit 10 Jahren Homer oder Platon gelesen. Ich hatte sogar ein Tagebuch.“ Marcs Lachen klang bitter. „Ich habe sorgfältig jeden Besuch im Krankenhaus dokumentiert. Und da ich bereits mit fünf Jahren lesen und schreiben konnte, ist das eine ganze Menge.“

Gretchen lag still in seinem Arm und weinte.

„Von meinen Eltern habe ich nur den Wert der Perfektion gelernt. Perfekte Noten – waren selbstverständlich. Und sie schützten mich vor weiteren Wutanfällen. Uns. Meiner Mutter ging es ja nicht anders. Ich habe nichts anderes gelernt. Erfolg, Anerkennung, Geld... dann ist alles gut. Das habe ich selbst in der Hand. Andere Menschen? Machen nur abhängig. Und vertraut habe ich nur mir selbst.

Liebe und Nähe? Vertrauen zu anderen? Das kannte ich nicht. Das gab es einfach nicht. Außer auf Rügen, aber das war halt Urlaub. Alltag sah anders aus. Mein Leben sah anders aus. Natürlich machte es mir Angst. Du machtest mir Angst. Die ganze Zeit. Mit Deinem unerschütterlichen Glauben an die Liebe. Die einzige, große Liebe. Damals schon. Und dann am Elisabeth-Krankenhaus. Überhaupt keine Karriereambitionen. Und das, wo Du so gut warst. Aus dem Bauch heraus, intuitiv.“ Marc grinste seine Lieblingsärztin verlegen an. „Du bist immer noch eine sehr gute Ärztin. Wenn nicht die beste, die ich kenne.“

Wieder versenkte er sein Gesicht in ihren wohlduftenden Haaren. Das gab ihm Sicherheit um weiterzusprechen. „Ich konnte logisch, rational nicht nachvollziehen, wie Du funktionierst. Du warst für mich nicht berechenbar. Und doch so vertraut. Ich habe das nicht verstehen können. Ich habe mich total zu Dir hingezogen gefühlt und genau davor hatte ich Angst. Immer. Ich denke, auch schon in der Schule. Du warst da so sonderbar und doch so durchschaubar. Ich konnte mich nicht normal mit Dir abgeben, dazu war ich zu cool. Ich hatte das erste Mal seit langem wieder sowas wie Freunde. Nur Freude hatte ich nicht. Aber indem ich Dich permanent geärgert habe und mir immer wieder neue Möglichkeiten dazu gesucht habe, konnte ich an Dich denken, ohne uncool zu sein.

Wie Du es schon mal gesagt hast: Je fieser ich zu Dir bin, umso mehr mag ich Dich.

Und je mehr ich wusste, dass Du mich durchschaust… umso größer war wieder das Bestreben, Dich weg zu stoßen. Sogar bis nach Afrika.“ Seine Stimme wurde schwach und Gretchen war unsicher, was sie tun sollte. Dann entschied sie sich für nichts. Sie stand still, hielt ihren Geliebten fest im Arm und gab ihm Zeit.

„Die wenigen Wochen mit Dir in Afrika waren die besten Wochen in meinem Leben. Als hätte man mich ausgetauscht. Niemand verlangte Perfektion, aber man mochte mich trotzdem. Deine Liebe war trotzdem da.

Wieder in Berlin kam ich nicht mehr klar. Dann kamen die Alpträume zurück. Die waren mit dem Tag, an dem mein Vater aus unserem Leben verschwand, auch verschwunden gewesen. Zweifel und Alpträume, ob ich das kann mit Dir. In den Alpträumen tauchte er immer wieder auf und damit kamen Fragen. Nach ihm. Wie war er sonst? Und würde ich irgendwann so wie er?
Sabine hat mitgekriegt, wie es mir geht und mir einige Tipps gegeben. Sie ist ebenso Kindheitsgeplagt wie ich, wenn auch ganz anders. Mit Alpträumen hatte sie Erfahrung.

In Zürich wurde es besser, vor allem nachdem meine Mutter mir erzählt hatte, dass er nicht mein Vater war. Und ich war mir plötzlich sicher, dass ich das kann. Mit Dir und dem Kind.
Damit waren die alten Befürchtungen erstmal weg aber es kamen neue Fragen hinzu. Besonders wollte ich wissen, wie er war. Mein richtiger Vater. Menschlich. Was er mir mitgegeben hätte. Weißt Du? So wie ich bin, bin ich eigentlich nur meine Mutter. Aber mit der Frage warum ich so bin wie ich bin kam unweigerlich die Frage nach dem wer ich bin. Nach dem fehlenden Teil. Aber meine Mutter schweigt beharrlich. Ich vermute, dass der Schlüssel irgendwo auf Rügen liegt. Meine Oma mag ich nicht fragen obwohl ich gerade ihr früher einen sehr intensiven Bezug hatte.

Sie war oft bei uns in Berlin zu Besuch und sie hat mitbekommen, was bei uns los war. Sie wollte mich daraus holen und machte den Vorschlag, dass ich bei Ihnen bleiben und da oben die Oberstufe machen könnte. Da war ich 12 oder 13. Es kam zu einem riesigen Streit und mein Vat – Stiefvater verbot den Umgang mit meinen Großeltern.

Großvater ist vor ein paar Jahren gestorben aber sie hat sich geweigert, ihr Haus zu verlassen. Immer in der Hoffnung, dass ich eines Tages zurück zu ihr finde. Erinnerst Du Dich an das Osterfest, als Du in Reha warst? Ich hatte Deinen Onkel getroffen und wollte anschließend „Ostern bei der Familie“ verbringen. Ich meinte meine Oma, Gretchen. Es war genau 20 Jahre her, dass mein Vater den Umgang verboten hatte. Anstatt dass er mich wie jedes Jahr zum Bahnhof fuhr, lieferte er mich in einem Heim für schwererziehbare Kinder ab. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Meine Großeltern auch nicht.


Im Sommer kam ich dann auf Deine Schule. Ich habe nachgeforscht, es war der 5. September. Ich wollte Dich letztes Jahr eigentlich fragen, ob Du mich heiraten möchtest. Nach fast 20 Jahren...
Als Du dann sagtest, dass Du in Köln bleibst, war es das gleiche wie mit der Schwangerschaft. Alle Systeme fuhren runter... ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, wie ich es beendet habe. Ich weiß nur noch, dass...“

(„Er wollte mich heiraten?“)

„Ich würde Dich gerne Anfang September besuchen.“

„Von Herzen gerne, Marc.“ Sie küssten sich lange. „Dann ist der 5. September wohl mein Glückstag.“ Sie lachte. Ihre Arme hatte sie hinter seinem Nacken verschränkt, sie sah ihn lächelnd an. „Gut, dass ich das vor der Prüfung weiß. Die habe ich nämlich am 5. September. Und Du bist der einzige, der das wissen darf. Du bist mein Glück, Marc!“

Sie standen noch eine Weile eng umschlungen da und überließen sich dem angenehmen Gleichklang ihrer Herzen.

„Danke, dass Du mir das anvertraut hast.“

(„Er wollte mich heiraten!“)

Arm in Arm gingen sie zur Hochzeitsgesellschaft zurück.

Karo Offline

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13.09.2020 23:33
#405 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.14 – Sie bekommen Krieg – Party 3



„Gretchen, wo warst Du? Immer wenn es wichtig wird, bist Du unauffindbar?“ Bärbel stürmte ihr entgegen.
„Haben sie die Hochzeitstorte angeschnitten?“ Konterte die Tochter und lachte ihren Freund an.

(„Nichts kann wichtiger sein als Du. Als wir.“)

Doch ihre Mutter hatte für Scherze keinerlei Sinn. „Entweder Du denkst an Dich oder ans Essen. Dass Deine Kusine heiratet vergisst Du dabei. Sie wollte den Brautstrauß schon ohne Dich werfen.“
„Na und?“
„Wie soll das denn mit Dir weiter gehen? Irgendwann musst Du doch mal heiraten.“
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Frau Haase!“ Nun mischte sich Marc ein und zwinkerte Gretchen zu.
„Ach Sie...“

(„Genau Mama. ER!“)

(„Sehr richtig. ICH!“)


Da beide den Tag über nur sehr reduziert gegessen hatten, statteten sie dem Buffet einen Besuch ab. Gretchen war begeistert. Endlich richtiges Essen!
„Sag mal, wo lässt Du das alles?“ Marc war fasziniert. Gretchen hatte gerade die dritte Runde über Salate, Braten und Aufläufe gemacht. Erst hatten sich Natalie und die Oma dazu gesellt, nun nahmen auch Gretchens Tante und eine der anderen Kusinen Platz. Sie hatte keine Ahnung, welche das war.
„Da wo früher auch.“ Sie grinste. „Und ich habe noch Platz für Schokopudding.“

Doch erstmal gab es Aufregung im Saal, denn nach einem russischen Brauch hatten Zigeuner die Brautschuhe gestohlen und mussten nun mit Spenden zurückgekauft werden. Die Moderatoren erklärten, was zu tun sei. „Der Spender von 50€ und mehr darf eine Aufgabe an die Trauzeugen stellen.“ Allgemeiner Protest der Trauzeugen und der Gäste. „Okay – eine Aufgabe für Trauzeugen oder Brautjungfern.“

(„Na gut, wir sind halt im Krieg!“)

Sie hatte gewusst, dass sie nun leiden würde. Runde um Runde musste sie spielen, doch sie hielt tapfer durch. Meistens sogar mit einem Lächeln.
(„Hah!“)

Larissa selbst fand es allmählich doof, dass es alle auf Gretchen abgesehen hatten. Schließlich stand sie auf und ging auf Strümpfen zu ihrer Kusine. „Tut mir Leid, dass Du immer Deinen Kopf hinhalten musst, die haben einen Narren an Dir gefressen.“
“Die“ waren vor allem die Besucher aus Russland, welche zum größten Teil sturzbesoffen waren. Die dazugehörigen Damen, egal ob Ehefrau, Verlobte oder Freundin, waren weniger gut gelaunt. Nicht wegen des Wodkakonsums sondern aufgrund der offensichtlichen Begeisterung für die blonde Schönheit. Gerade hatte wieder jemand 50 Euro gespendet. „Ich möchte, dass sie mit mir singt.“ Jedem war klar, wer mit “sie“ gemeint war.

(„Nein... nur über meine Leiche!“)

(„Du bist im Krieg. Du gehst da jetzt hin und ziehst das durch!“)

(„Und das Lied suche ich aus!“)


Doch sie hatte sich geirrt, denn der alkohollustige Zeitgenosse hatte das Duett schon vorbereitet und zusammen sangen sie mehr schlecht (er) als recht (sie) das alte russische Volkslied.

Ach, unter der Kiefer, unter der grünen
legt mich zum Schlafen,
Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
legt mich zum Schlafen!


Er auf Russisch.

Kalinka, kalinka, kalinka moja!
W sadu jagoda malinka, malinka moja!


Sie auf Deutsch.

Kalinka, kalinka, kalinka, mein,
im Garten ist die Beere, die Himbeere mein.


Schnell hatte Gretchen sich an den schiefen Gesang des Mannes gewöhnt.

Ach du liebe Kiefer, ach du grüne,
rausche doch nicht so laut über mir,
Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
rausche doch nicht so laut über mir!


Bei der zweiten Strophe verspürte sie fast ein wenig Spaß – sie hatte schon immer gerne gesungen, heute gelang es ihr außerordentlich gut.
(„Hah!“)

Ach, schönes Mädchen, liebes Mädchen,
hab mich doch lieb,

Aj-ljuli, ljuli, aj-ljuli,
hab mich doch lieb!



Sie wollte gerade zum letzten Mal den Refrain anstimmen, als der Sangeskollege die letzte Verszeile zum Anlass nahm, Gretchen zu packen und sie vor versammelten Gästen abzuknutschen. Die Landsleute des Mannes waren begeistert. „Gorka – Gorka!“

(„Ich muss mich übergeben!“)

Endlich schaffte es Gretchen sich aus den Fängen zu befreien und verschwand völlig angewidert in Richtung der Toiletten.

Im Saal gab es einen neuen Helden und man stieß fleißig und andauernd mit Wodka auf ihn an. Immer wieder. „Gorka – Gorka!“

„Boah, wie ekelig.“ Natalie konnte nicht aufhören, sich zu schütteln. „Ich würde mich tagelang übergeben.“
Tanja pflichtete ihr bei. „Ich spüre schon, wie ein Herpes kommt.“
„Bestimmt sitzt sie jetzt irgendwo und heult.“ Das war die Brautmutter, die genervt davon war, dass ausgerechnet immer die Tochter ihres Schwagers im Mittelpunkt gefordert wurde. „Greta – Gorka!“

„Ljudmila!“ Das war die scharfe Stimme von Elfriede Haase. „Keine Deiner Töchter hätte die ganzen Spiele mitgemacht. Ihr könnt euch alle eine Scheibe von ihrem Lächeln abschneiden! Vor allem Larissas Trauzeuginnen haben schon den ganzen Tag anderes im Kopf.“
„Und was soll ich jetzt machen? Ihr die Tränen abtrocknen?“
„Das mache ich lieber selbst!“ Marc hatte bisher schweigend dabei gesessen, er war stinksauer. Und die Russen nervten ihn. „Greta – Gorka!“

(„Diese Frau küsse nur ich!“)

Sie kam ihm entgegen. Die Rufe nach ihr schallten ihr entgegen, sie grinste. Er war irritiert. „Alles gut?“
„Wenn der Punkt nicht an mich ging, dann weiß ich es nicht...“
(„Hah!)
(„Ha – Hah!“)


„Ich weiß nicht, was sie jetzt alles anstellen werden.“ Bestimmt würden es die anderen auch versuchen. Marc wäre ein baldiger Heimweg lieb gewesen, doch Gretchen hatte andere Pläne: „Ich weiß, was wir jetzt anstellen werden.“
„Bitte?“
„Sie wollen Gorka – sie kriegen Gorka.“
(„Hah!“)

Gutgelaunt und übermütig packte sie Marcs Hand und zog ihn hinter sich her, zurück in den Saal. Sie würde grölend empfangen. „Gorka – Gorka!“ „Greta – Gorka!“

Lachend drehte sie sich zu Marc um. Seine Grübchen funkelten spitzbübisch. „Sie wollen Gorka – sie bekommen Gorka.“ Er zog Gretchen an sich heran und sie versanken in einem langen, leidenschaftlichen Kuss. Noch länger. Unendlich lang.

„Das ist doch wenigstens mal ein Kuss, der einer Hochzeit Ehre beweist.“ Natalie war begeistert. Jetzt verstand sie, was ihre Kusine gemeint hatte. „So küsst man doch nicht auf einer Hochzeit!“

Die Russen hatten sich das mit dem Küssen wohl auch anders vorgestellt, doch der gute Freund Wodka ließ die Stimmung nicht abbrechen. „Gorka – Greta – Gorka!“

(„Hah!“)

Schließlich verkündeten die Moderatoren, dass man ausreichend Lösegeld für die Schuhe bezahlt hätte. Endlich konnte die Braut den Brautstrauß werfen. Gretchen hätte sich gerne davor gedrückt, doch Bärbel war unnachgiebig. „Du gehst jetzt dahin und fängst das Ding.“
Marcs Augen weiteten sich erschreckt, doch sie konnte ihn beruhigen. „Ich war nie gut im werfen – und im Fangen schon gar nicht.“

(„Hoffentlich!“)

Doch sie hatten sich zu viele Sorgen gemacht. Waren die Frauen Russland bisher eher unbeteiligt und desinteressiert gewesen, so sprangen und kämpften sie jetzt als ginge es um ihr Leben. Rücksichtslos wurden alle deutschen Konkurrentinnen zur Seite geschoben, weggedrückt und sogar zu Boden geschubst.
Endlich hatte der Brautstrauß die Besitzerin gewechselt – die Siegerin, natürlich von jenseits dem Ural angereist – wurde gefeiert und beneidet wie ein Popstar. Die Hochzeitsmoderatoren hatten nun ihren letzten Auftritt und kündigten nochmal eine Performance der Tanzschulpaare an. Diesmal erklangen deutlich flottere Rhythmen und starteten eine ausgelassene Party. Der Teil, der als einziger alleiniger Wunsch des Brautpaares gewesen war.

Karo Offline

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13.09.2020 23:46
#406 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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August 3.15 – Endlich zusammen



„Möchtest Du wirklich schon nach Hause?“ Gretchen fühlte sich unendlich wohl und um nichts in der Welt wollte sie dieses Gefühl eintauschen. „Ich könnte stundenlang so weitertanzen.“
„Du kannst morgen auch ausschlafen. Ich muss zwischendurch mal wieder arbeiten.“

(„Wenn man das überhaupt so nennen kann...“)

„Ich weiß genau, was Du jetzt gedacht hast.“ Er schmunzelte in Gretchens Haar. „Einen Tanz noch, Hasenzahn. Warte hier. Hm... nee. Keine gute Idee.“ In Anbetracht der russischen Umlagerung zog er die schöne Ärztin zum Mischpult, wo er dem DJ sein Smartphone hinhielt. Der überlegte kurz und nickte dann.

Sie fühlte sich in eine andere Zeit zurückversetzt – eineinhalb Jahre. Das gleiche Kleid („Na gut, fast“), das gleiche Lied. Aus Magie entstanden, von Träumen inspiriert. Und vor allem – der gleiche Mann. Auch zum Träumen.

Aber sie brauchte nicht mehr träumen. Er war echt. Er war hier. Mit ihr. Er hielt sie. Fest. Gefühlvoll. Er lächelte. Glücklich. Hielt die Augen geschlossen. Genussvoll. Nur das Kleid unterschied dieses Paar vom Brautpaar.

***
Sie schlenderten Hand in Hand den Neuen Jungfernstieg an der Binnenalster entlang. Das war Gretchens Idee gewesen. „Wenn wir schon gehen müssen – können wir dann wirklich gehen?“
Immer wieder blieben sie stehen und küssten sich. Als wollten sie den Moment festhalten. Das Jetzt genießen. Beide wussten, dass es kein Zurück geben würde.

Und das machte ihm Angst. Marc Meier hatte Angst. Wie früher schon. So wie er es Gretchen schon mal gesagt hatte. „Ich werde jetzt das tun, wovor ich am meisten Angst habe.“

Vor zwei Jahren – fast auf den Tag genau? – hatte er sein Herz vorausgeworfen und war hinterher gesprungen. Bis nach Afrika. Sein Herz war heile geblieben, weil eine wundervolle Frau es aufgefangen hatte.

(„Ich kann das nochmal!“)

Dich nochmal kastrieren lassen? Du musst verrückt sein. Und am Ende bist Du doch alleine.
Es ist jetzt anders. Sie ist anders. Du bist anders. Erwachsen.
Du hast heute gesehen, wie sie Kriege führt. Auch Dich wird sie wieder ins Verderben führen. Warten lassen.
Sie wird das nicht nochmal tun.
Wetten? Aber gut. Lass Dir die Eier ein zweites Mal abschneiden. Biete ihr Dein Leben. Lass Dich mit Füßen treten. Es wird mir ein Genuss sein. Denn ich habe Dich gewarnt.
Sprich mit ihr. Trau Dich! Pack es an. Du weißt bereits, was der Lohn ist.
Kommt ein Chirurg zum Psychologen...


Gretchen spürte die Unruhe, die Marc überfallen hatte und blieb stehen. Sie hatten schon so oft gestoppt – Kusshaltestellen, wie Gretchen schmunzelnd festgestellt hatte. „Marc? Was ist los?“

Er hielt sie ganz fest und presste sein Herz an ihres. Dass der gemeinsame Rhythmus beruhigend wirken würde. Doch sein Herz war nicht zu bändigen. Tauchte sein Gesicht in ihr Haar. Doch der beruhigende Duft war kaum mehr spürbar.

Sprich mit ihr.
Erst vögeln. Dann reden. Wie damals. Dein Abgang war eines Marc Meier würdig. Mit diesem Liebesgejammer kannst Du niemanden beeindrucken.
Wetten doch? Sprich mit ihr!


„Gretchen?“ Er sah ihr in die Augen. Fast erschrak sie vor der großen Verletzlichkeit, die seine Seele in die Augen spiegelte. „Wenn wir jetzt weiter gehen – heute Nacht miteinander schlafen – dann gibt es keinen Weg zurück. Ich kann Dich nicht nochmal aufgeben.“
„Ich weiß das.“ Er sah Ehrlichkeit in ihren Augen. Liebe. Und die Botschaft, mit der sie ihn schon vor 21 Jahren verzaubert hatte. Alles wird gut!
„Und ich will das. Mit Dir.“ Ihr Kuss war die süßeste Antwort, Balsam für seine Seele, Digitalis für sein Herz.
(„Alles ist gut!“)

Karo Offline

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18.10.2020 19:38
#407 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 4.1 – Nägel mit Köpfen



„Herr Professor, die Frage ist nicht „ob“ sondern „wie“. Es ist drei Monate her, dass ich Ihnen meine Absicht mitgeteilt habe. Und vor gut einem Monat habe ich Ihnen einen Vorschlag gemacht, Ihnen eine perfekte Lösung quasi auf dem Silbertablett präsentiert. Es ist Ihre Entscheidung. Meine habe ich bereits getroffen und Ende Dezember zu avisieren war nur fair Ihnen gegenüber. Mit einer normalen Kündigung meinerseits wäre ich jetzt schon freigestellt.“
„Aber solange Sie nichts in Aussicht haben...“
„Das ist erstens meine Sache, zweitens hat sich spontan sehr wohl eine Option ergeben.“
„Sie würden nicht zu meinem Bruder zurückgehen?“ Jetzt war der Chefarzt überrascht, er war immer noch davon ausgegangen, dass Rügen das Ziel des Mediziners war. Aber Franz hatte erzählt, dass er darüber nachdachte, in Pension zu gehen. „Also nicht Rügen?“
„Rügen? Wie kommen Sie darauf?“ Lag hier der Kern des Missverständnisses?
„Meine Frau sagte, Sie fahren an Ihren freien Wochenenden immer nach Rügen.“
„Ja, so oft es geht besuche ich meine Großmutter. Aber mein Zuhause ist Berlin – ja, ich möchte zurück ans Elisabeth-Krankenhaus.“
„Warum?“
„Ich will nach Hause. Berlin und das EKH.“ Er verschwieg weitere Details, mit denen Professor Haase ihn überrascht hatte.
„Was gefällt Ihnen hier nicht?“
„Hier ist es langweilig. Ja – es sind großartige Operationen, allein die Herz-Lungen-Transplantation letzten Monat. Aber zwischendurch? Ab und an mal ein Notfall, wenn Ihre Frau nicht da ist, um die abzulehnen.“
„Ich habe es mir fast gedacht.“ Plötzlich lachte er und sah mit einem Mal seinem Bruder in Berlin sehr ähnlich. „Ich sollte Sie eigentlich wieder zum Essen einladen...“ Er schmunzelte.
„Ersparen Sie mir das bitte.“ Marc war wie immer schonungslos offen. „Auch was die Wahl der Frau an meiner Seite betrifft, hat eine andere Stadt für mich das richtige Angebot.“
„Es war nicht zu übersehen.“
„Meine Entscheidung steht. Sie werden in den nächsten Tagen noch meine offizielle Kündigung erhalten – spätestens Ende Dezember.“
Damit verließ Marc das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

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18.10.2020 19:46
#408 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


September 1.1 - Cafeteria



Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zum monatlichen Sektchen habe ich Ihnen wieder eine neue Kollegin vorzustellen. Herzlich Willkommen Frau Monique Beier. Frau Beier wird ihr praktisches Jahr bei uns absolvieren.
Zum Thema Ausbildung am EKH habe ich eine kleine Anmerkung – ein Brief der letzten Woche macht mich glücklich und stolz. Auf uns alle und unsere Arbeit. Vor allem aber auf zwei unseres Pflegenachwuchses. Frau Freitag und Frau Sonntag sind in ihren Jahrgängen die aktuell besten Auszubildenden in Berlin!
Ich werde oft wegen meiner Einstellungspolitik kritisiert – vor allem bezüglich der Schaffung von Ausbildungsplätzen. Ich sage Ihnen ganz offen – lieber zahle ich Strafe, weil wir nicht alle Lehrstellen besetzen, als ungeeignete Persönlichkeiten einzustellen. Ich bevorzuge eine geringere Anzahl Azubis, wenn diese dann so gut zu uns passen wie die Leistungen es vermuten lassen.
Dann hat der „starrsinnige Alte“ eben erst im Nachhinein wieder Recht. Ich höre Sie lachen – es sind die Stimmen der Neider, die mich so betiteln. Eine Charité mag vorbildlich in der Anzahl an Azubis sein – in der Qualität sind sie allenfalls besseres Mittelfeld.
Sehen wir zu, dass es so bleibt und unterstützen Sie unsere Wochentags-Fraktion wo es nur geht.

Vielen Dank an Sie alle, auf Ihr Wohl!

Prost, liebe Kolleginnen und Kollegen.


Von der Seite meldete sich der Leitende Oberarzt Doktor Cedric Stier zu Wort. Mit verschmitztem Grinsen klopfte er dem Chefarzt auf die Schulter.
„Vielleicht sollte man auch einfach mal auf das Wohl des „starrsinnigen Alten“ anstoßen.“

Allgemeines Gelächter und Applaus.
„Zum Wohl des „starrsinnigen Alten!“ Die Mitarbeiter hatten ihren Spaß – der Chefarzt nicht weniger.
(„Was soll ich auf Mallorca – hier ist mein Leben!“)

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18.10.2020 19:57
#409 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


September 2.1 – Der Ring



Was sollte sie nur anziehen? Marc wollte sie zur Belohnung für die bestandene Prüfung in ein Restaurant ihrer Wahl einladen – „schick“ war die einzige Bedingung gewesen.

(„Toll, ich scheitere ja schon an der Kleiderfrage...“)

„Na, bist Du immer noch nicht weiter?“ Er kam aus dem Bad, nur mit einem Handtuch um die Hüfte geschlungen. Natürlich wechselte das Interesse seiner schönen Freundin und sie verschlang den fast nackten Körper ihres attraktiven Freundes mit ihren Blicken.
„Ich darf wählen? Da ich Dich so ausgesprochen schick finde, möchte ich fast vorschlagen, dass wir zu Hause essen.“
„Vergiss es Hasenzahn. Wir spielen das heute mal andersherum. Du holst Dir hier jetzt Hunger und wir essen draußen.“
„Dann versprich mir, dass Du wenigstens später mein Betthupferl bist.“
„Das kriege ich hin. Außerdem – naja... ich habe dann noch was anderes mit Dir vor! So und jetzt umdrehen – Kleiderschrank.“
„Was hast Du denn noch vor?“
„Hasenzahn – Kleiderschrank.“
„Marc – bitte einen winzigen Hinweis.“
„Meine Hände.“
„Bitte?“
„Kleiderschrank Hasenzahn. Alles andere ist Sache des Betthupferls.“
Sie gehorchte – natürlich nicht, ohne ihn vorher nochmal richtig zu reizen. Als sie ganz zart die empfindliche Haut über seinem Brustbein küsste, zuckte Marc wie erwartet zusammen.
(„Strike.“)

(„Dieses Biest!“)


Schnell war er angezogen – in seinem leichten Sommeranzug sah er ungemein lässig aus. Schick und lässig.

(„Aber er ist eigentlich immer gut angezogen...“)

Was er bloß in Dir sieht?
Keine Zweifel jetzt. Du hast eine 1 A-Prüfung hingelegt und er ist mächtig stolz auf Dich. Sieh ihn Dir an.
Er hat gerade eine heiße Nummer mit Dir abgelehnt – gegessen wir draußen. Weißt Du was er in Hamburg so treibt? Oder mit wem?
Die Zutaten, ihn hungrig – heiß zu machen, hängen direkt vor Dir. Wähle mit Bedacht!


Nochmal ging sie alle Kleider durch und beobachtete seine Reaktion im Spiegel. Schließlich entschied sie sich für das hellblaue Kleid, welches ein Lustkauf gewesen war. Getragen hatte sie es noch nie.

„Machst Du es mal bitte zu? Ah, ich sehe – Hunger haben wir bereits?“ Sie grinste ihn frech an und ihre Augen leuchteten wie die Farbe des Kleides.
Die Chirurgenfinger tasteten vorsichtig nach seiner Jackentasche. Dann tat er, wie ihm geheißen. Gretchen überlegte kurz und entschied sich dann für ihre bequemen cremebeigen High Heel Pumps, die sie eigentlich viel zu selten trug. Für das, was die Schuhe mit dem auffälligen Glitzerdekor gekostet hatten. Aber wann sollte sie Schuhe wie diese anziehen?

(„Heute!“)

Findest Du sie nicht ein bisschen zu hoch? Das ist doch billig... naja, Du hast eben nicht seine Klasse, egal, was Du anstellst.
Frag ihn!


„Jetzt muss ich mich kaum verrenken, wenn ich Dich küssen will.“ Marc hatte sich an ihre rechte Seite gestellt und suchte im Spiegel ihren Blick.
„So kann ich mir wenigstens mal einbilden, Dir das Wasser zu reichen, wenn es um Größe geht.“

(„Was meint sie jetzt?“)

„Oder sind die zu billig? Ich kann mich auch nochmal umziehen...“
„Das ist aber ein seltsamer Tag für Selbstzweifel.“
„Ich befürchte immer, nicht gut genug für Dich zu sein. Oder eher umgekehrt – Du bist zu gut für mich.“
„Gretchen!“ Marc rollte mit den Augen.
„Du hast früher schon in einer anderen Liga gespielt. Heute ist das nicht anders.“ Nur mit Mühe unterdrückte sie Tränen.
„Hasenzahn!“
„Du sagst es – nicht mehr aber eher noch weniger!“
„Hältst Du jetzt mal die Klappe?
Sie küsste ihn zart auf die Wange. „Ich habe Dir schon so viel geschadet. Ich möchte Dich einfach nicht immer in Schwierigkeiten bringen.“
„Gerade bringst Du mich zur Weißglut.“ Er drehte die blonde Zweiflerin zu sich und sah ihr fest in die Augen. „Gretchen Haase, Du bist die Frau, für die es sich lohnt, alles aufzugeben. Nur Dich werde ich nie mehr aufgeben. Verstanden?“

Angesichts seiner Worte liefen die Tränen nun doch.

(„Gut, dass ich noch kein Make Up drauf habe.“)

Er wartete. Auf was?
„Was?“
„Gibst Du jetzt Deine Launen auf?“
„Marc...“ Sie schniefte und schluckte.
„Ja das bin ich. Und ich will Dich. Ich will mit Dir zusammen sein. Ohne Wenn und Aber! Dafür mit Deinen Zweifeln und Problemen. Nur sind die heute völlig fehl am Platz. Verstanden?“
Sie warf ihm einen zögernden Blick zu. Er lächelte sie spitzbübisch an. „Sag ´ja – lieber Marc`!“
Er hatte gewonnen. Sie lachte, der Wiederstand war gebrochen. „Ja – lieber Marc!“
„Gut.“ Zur Belohnung bekam sie einen wundervollen Kuss.
„Tut mir leid, aber diese Zweifel kommen einfach. Plötzlich sind sie da und belagern meinen Kopf, dass ich nicht mehr klar denken kann.“
„Glaubst Du nicht, mir geht es genauso? Gretchen, ich bin der mieseste Kerl, den Du haben kannst. Schon in der Schule war das so. Auch ich habe Zweifel – ob ich Dich glücklich machen kann. Ob ich Dir auf Dauer nicht das Leben zur Hölle mache. Du kennst mich...“
„Stopp. Jetzt fang Du nicht auch so an... lass mich dazu nur eins sagen: Ja, Du hast mich viele Jahre gequält. Das bleibt im Kopf hängen. Aber mein Herz ist frei. Frei, Dich so zu lieben wie Du bist. Mit Deiner Vergangenheit, Deinem Ehrgeiz, dem Jähzorn und sogar mit Deinen eigenen Zweifeln. Für die es meiner Meinung keinen Grund gibt. Weil Du ein wundervoller Freund bist. Liebevoll, zärtlich, aber auch Macho. Ich mag das. Dich und Deine Facetten. Du bist großartig, Marc Meier!“
Marc dankte ihr mit einem intensiven Kuss. Schließlich unterbrach Gretchen diesen und kümmerte sich im Bad schnell um den Rest. Heulspuren wegmachen und ein passendes Make Up.

Er war hingerissen, das erkannte sie sofort. Nicht weil er sie direkt wieder vor den Spiegel zog. Wie er sie ansah. Eine Weile standen sie da und blickten auf das wunderschöne Paar ihnen gegenüber. Gretchen in ihrem hellblauen, schulterfreien Kleid, umwerfend in seiner Schlichtheit. Dafür diese Schuhe! Marc in einem leichten, mittelgrauen Anzug, das schwarze Hemd im Kontrast darunter.
Er hatte den angegrauten Bart heute ordentlich zurechtgestutzt. Bei seinem ersten Besuch in Köln hatte sie festgestellt, dass er sehr gut Bart tragen konnte. Seitdem ließ er ihn öfter wachsen – eigentlich fast immer.

„Wer ist das?“ Gretchen fand zuerst ihre Sprache wieder.
„Wir sind in Deiner Wohnung – Du musst sie doch kennen?“ Er tastete wieder nach seiner Jackentasche, während er ihr einen einzelnen, zarten Kuss auf den Hals gab. „Sieht aus wie eine Prinzessin?“
„Du guckst nach gutaussehenden Frauen?“ Sie fühlte sich wohl. Nichts deutete mehr auf die vergangenen Zweifel hin.
„Hm, mich würde interessieren, ob sie einen Ring trägt?“

Hatte sie richtig gehört? „Marc?“

(„Oh Gott, was soll ich jetzt tun?“)

Das Spiegelbild hob die Hände und sprach. „Nein...“

„Nicht?“ Ein weiterer zärtlicher Kuss auf ihrer sensiblen Haut. „Das sollte man ändern.“

Gretchen stand regungslos und beobachtete im Spiegel, wie der Mann der Frau einen Ring ansteckte. „Nun ist es perfekt!“ Marc betrachtete erleichtert sein Werk.

(„Er passt – Gott sei Dank!“)

„Marc?“ Gretchen schluckte trocken und sah ihre Hand an. Sie sah einen wundervollen, viereckigen Stein. „Wunderschön. Aber das kann ich unmöglich...“
„Schhhhht.“ Er verschloss ihren Mund mit seinen Lippen. „Ich habe diesen Ring schon in Zürich gesehen, weil es die Farbe Deiner Augen ist. Ein blauer Topaz, in Weißgold gefasst. Er war wie für Dich gemacht.“
„Ausgerechnet Zürich? Wo Du eh wegen mir nichts mehr hattest...“
„Dank Deines Vaters hatte ich mir ein Kleid gespart – der Juwelier hat es als Anzahlung akzeptiert und ich habe den Ring nach und nach abbezahlt. Durch den Job bei Deinem Onkel ging das nachher recht schnell – ich habe Dir schon erzählt, dass ich Dich an Deinem 31. Geburtstag fragen wollte, ob Du... naja... ich wollte zumindestens nicht Schluss machen. Er gehört Dir, Prinzessin. Einfach so.“ Er grinste. „Falls Du jetzt gerade nicht weißt, wie Du reagieren sollst, einer Deiner wundervollen Küsse würde mir reichen.“
Sie enttäuschte ihn nicht. „Danke, Marc.“
„Und jetzt los – ich habe einen Riesenhunger.“

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18.10.2020 20:28
#410 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


September 1.3 – La Semaine



Der Restaurantchef des La Semaine höchstpersönlich empfing seine Gäste und brachte sie an den reservierten Tisch. „Das ist Philippe, er ist heute für die Erfüllung Ihrer kulinarischen Wünsche zuständig.“

Das hieß erstmal, die Gäste hinsichtlich der Speisen zu informieren, Menukarten gab es in diesem Restaurant nicht. Für die Auswahl der Weine waren beschriebene Schiefertafeln an den Wänden befestigt. Gretchen beschloss, dem Rat des Kellners zu vertrauen – ein vorzüglicher Weißwein für Menschen wie sie, die eigentlich keinen Alkohol tranken.
Nachdem sie gewählt hatten – Gretchen den wilden isländischen Kabeljau und Marc die provencalischen Täubchen – sahen sie sich interessiert um.

„Die haben ja tatsächlich pro Tisch einen Kellner.“ Gretchen hatte lange im Internet recherchiert und genau das hatte sie neugierig gemacht. Leider hatte das Gourmetportal von Reservierungspflicht gesprochen – mindestens drei Wochen im Voraus. Sie hatte trotzdem angerufen und Glück gehabt, dass ein Tisch kurzfristig frei geworden war.
„Naja – Du bist ja auch die einzige Frau für mich!“ Er lächelte sie an und legte seine Hand auf ihre Hand. Fuhr zärtlich mit seinen sensiblen Fingerkuppen ihre schlanken Finger entlang, spielte mit dem Ring. Dem aufmerksamen Kellner entging das nicht – natürlich nicht. Sie waren alle sehr gut geschult, um solche Kleinigkeiten wahrzunehmen. Er gab der Küche einen entsprechenden Hinweis.

Sie stießen auf Gretchens bestandene Prüfung an. Philippe hielt sich diskret im Hintergrund, lächelte aber angesichts seiner schönen Kundschaft. Eine schöne Frau und ein attraktiver Mann. Beide schwer verliebt. Diese Gäste mochte er. Waren sie mit sich selbst zufrieden, war es für ihn ein leichter – meistens sogar ein sehr lukrativer – Abend. Zufriedene Gäste waren einfach großzügiger. Wenn sie schon so glücklich aussahen, bevor sie sich den Gaumenfreuden von Chefkoch Pierre hingegeben hatten...

„Gehst Du wirklich nach Berlin zurück?“ Gretchen konnte ihre Frage nicht weiter zurückhalten. Eigentlich hatte sie diesen Abend nicht davon anfangen wollen, aber es ließ ihr keine Ruhe. Schon seit der Hochzeit nicht.
„Ja. Dein Onkel hat bereits meine Kündigung erhalten. Spätestens zum Jahreswechsel bin ich wieder in Berlin.“
„Hast Du denn was in Aussicht?“
„Im Moment gibt es nur eine Möglichkeit, mit der ich mich in der nächsten Woche befassen werde. Also was eine geeignete Stelle angeht. Dein Vater hat mich bei der Hochzeit auf eine andere Option gestoßen.“
„Die da wäre?“
„Habilitation.“
„Wirklich?“ Sie war überrascht. Nicht dass sie das Marc nicht zutraute. Im Gegenteil. Aber er war nicht mal 35.
„Ist es so unvorstellbar?“
„Nein. Nein, Marc, überhaupt nicht. Aber so – schnell?“
Marc lachte. „Ich habe mich daran gewöhnt, überall der Jüngste zu sein.“
„Das hat Papa Dir vorgeschlagen?“
„Ja. Ich sollte meine Vision genauer unter die Lupe nehmen – wissenschaftlich. Welche Veränderung würde was bedeuten, was wäre die einfachste Veränderung, welches die größte Herausforderung. Nachdem er mitgekriegt hatte, dass ich nach Berlin zurück möchte, hat er sich als Habilitationsvater angeboten. Nein, eigentlich hat er ziemlich deutlich gesagt, dass...“
„...er Dir nicht raten möchte, jemand anderen zu fragen.“ Gretchen lachte. „Papa ist so verdammt stolz auf Dich, Marc.“
„Er wäre immer meine erste Wahl.“
„Er befürchtet, dass Professor Neuroth ihm den Rang ablaufen könnte.“
„Weil meine Mutter mit ihm... zusammen... ist...?“ Er konnte sich das immer noch nicht vorstellen. Sein ehemaliger Vorgesetzter in Zürich, seine Mutter in Berlin und überall sonst. Aber die beiden mussten miteinander klar kommen.
„Hast Du damit ein Problem?“
„Nein. Es steht mir sowieso nicht zu, darüber zu urteilen. Aber sie sehen sich nie.“
„Haben wir am Anfang auch nicht.“
„Findest Du, das ist vergleichbar?“
„Wenn es ihnen reicht? Und vermutlich sehen sie sich öfter, als Du Dir das vorstellen kannst. Und – telefonieren kann auch ganz schön... aufregend sein.“ Sie grinste ihn süffisant an.
„Hm, ja...“ Ihm kamen die unglaublichen Telefongespräche in den Sinn. Und dann die direkt darauffolgende Nacht in dem Talsperrenhotel...
Ihre Blicke versprachen sich eine nicht weniger aufregende Nacht. Doch bevor sie weiter abschweifen konnten, servierte Philippe eine andere körperliche Sinnesfreude. So grandios wie es schmeckte, so übersichtlich war die Portion. Sie zwangen sich, langsam zu essen und jeden Bissen zu genießen. Trotzdem...
„Wenn der Teller leer ist, ist das gleich einem Coitus interruptus zu vergleichen.“ Gretchen war enttäuscht. „Ich habe so kleine Stücke geschnitten, aber es waren keine 30 Bissen.“ Sie war auf die Rechnung gespannt – natürlich wurde hier nicht über Geld gesprochen. Wer hier her kam, dem ging es nicht um Geld.
Selbstverständlich war Marc klar, was sie gedacht hatte. „Das heißt, Du rechnest dann den Durchschnittspreis eines unterdurchschnittlichen Bissens mit überdurchschnittlichem Geschmack aus?“ Er lachte. Sie grinste ihn an.
Wieder stießen sie an.
„Und Du?“
„Und ich?“
„Ja. Was hast Du jetzt vor, mit Deiner bestandenen Prüfung?“
„Ich habe mich für ein Komplementärstudium beworben.“
„Du willst wieder zur Uni?“ Damit hatte Marc nicht gerechnet. „Wo? Nicht Frankfurt an der Oder, oder?“
„Doch, es ist nach wie vor die einzige Uni in Deutschland, die das anbietet. Allerdings sind die Institute überall verteilt – vor allem in Berlin.“ Sie lächelte ihn an.
„Mit der heute bestandenen Prüfung habe neben der Zulassung auch einen Preisnachlass von 2.000 Euro – aber immer noch eine Studiengebühr von 8.000 Euro offen, ein Viertel davon pro Semester. Die Blockveranstaltungen in den unterschiedlichen Instituten decken die Präsenzzeit während eines Semesters ab. An jede Blockveranstaltung schließt sich eine individuelle Lernphase an.“
„Das heißt es kommen noch weitere Kosten durch Reise und Unterkunft hinzu, wenn es andere Institute sind außer Berlin?“
„Ja. Theoretisch könnte ich es so machen wie bisher. In Teilzeit arbeiten und die restliche Zeit fürs Lernen nutzen. Ich habe nur keine Ahnung, ob ich das nicht unterschätze. Das ist was anderes als diese Weiterbildungsgeschichte. Und die Frage ist, ob ich in Berlin eine so super Teilzeitstelle finde. Ich habe echt eine Luxussituation bei Doktor Carstensen. Aber von Köln aus wäre ich nur am Reisen. Wenn ich das mache, nur von Berlin aus. Jetzt sowieso.“ Wieder schenkte sie dem Mann ihr gegenüber ihr strahlendes Lächeln.
„Mach es, Gretchen.“ Marc nickte bestätigend. Er dachte an den Prüfer, der extra noch hinter Gretchen her gekommen war, um ihr nochmal zu ihrer herausragenden Leistung zu gratulieren. „Man hat gemerkt, dass Sie Feuer und Flamme sind für das, was Sie tun!“

„Ich meine, ich muss ja nicht nur für die Studiengebühr aufkommen. Selbst wenn ich die Wohnung von Fritz und Christian günstig mieten kann, es kostet trotzdem alles Geld.“
„Du hast sie nach der Wohnung gefragt?“
„Ja. Fritz hatte das schon mal angeboten. Die vermieten die über Frau Schwan immer mal unter. Sie würden mir lediglich die Nebenkosten berechnen. Das ist übrigens eine 4-Zimmer-Wohnung.“ Sie zwinkerte Marc zu.
Er lächelte. „Und Du meinst, sie hätten nichts dagegen, wenn wir beide...?“
Gretchen schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Soll ich fragen...?“

„Das kann ja nicht schaden. Aber da reden wir nochmal drüber, ja?“
Gretchen nickte. Ihre Augen leuchteten mit dem Topaz um die Wette und Marc legte wieder seine Hand auf ihre.
„Was hältst Du von einem Dessert?“
„Stehst Du zur Verfügung?“
Spontan verspürte Marc ein wohlbekanntes Ziehen in seiner Leistengegend. „Hasenzahn...“

(„Oh... heute so schnell schachmatt zu setzen, Doktor Meier?“)

Der aufmerksame Philippe näherte sich und präsentierte einen „Gruß des Hauses zur Feier des Tages – Weiße Schokomousse mit Birnen-Rosmarinpüree.“
Die beiden dekorativ mit weißer Blütenschleife umwickelten Dessertlöffel ließen ahnen, was die Küche sich dabei gedacht hatte.

„Wie kommen die darauf?“
„Egal – die Mousse ist ein Traum. Äh... nein. Schmeckt überhaupt nicht.“ Gretchen kicherte.
Bis auf einen kleinen Probierlöffel überließ Marc seiner schönen Begleitung das Dessert. „Ist mir definitiv zu süß...“
Sie genoss jeden einzelnen Löffel. „Hm, das ist toll. Wirklich keinen Nachtisch?“
„Ich nehme meinen Nachtisch mit nach Hause. Und der ist 1000mal süßer als Dein Schokomousse.“
Sie spürte, wie die Schmetterlinge in ihrem Bauch starteten und langsam immer größere Kreise durch ihren Körper zogen. Ihr aufgeregtes Flügelschlagen löste angenehmes Prickeln aus. Vor allem mochte sie das Kribbeln, welches sich vom Bauchnabel aus nach unten ausbreitete.
„Marc...“ Ihr Lachen enthielt leichte Empörung.

(„Na Hasenzahn – heute so schnell drauf?“)

Gretchen dachte nicht mehr an ihre Durchschnittsberechnungen, wenn nur Marc bald bezahlte. Doch der ließ sich Zeit – „Hasenzahn, Du hattest das Mousse, jetzt lass mich in Ruhe den Wein genießen.“ Er wusste sehr gut, wie ungeduldig Gretchen gerade wurde. Es würde nicht zu seinem Nachteil sein.

Karo Offline

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02.11.2020 06:52
#411 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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September 1.4 – Le Soir



Zu ihrer beider Nachteil lief ihnen Gretchens Freundin Sophie vor dem Restaurant über den Weg und so war an ein schnelles Nachhausekommen nicht zu denken.
„Oh mein Gott, was für Schuhe! Darauf kannst Du laufen?“
„Ich kann mich ja festhalten.“ Sie lag fest in Marcs Umarmung.
„Wer ist das überhaupt?“
Gretchen stellte die beiden einander vor. Sophie war irritiert. „Wieder ein Marc?“
„Nein, immer noch und immer wieder der gleiche Marc.“
„Aber nicht der, der Dir zum Geburtstag...“
„...eine Karte geschickt hat? Doch, genau der!“ Gretchen unterbrach ihre Freundin und lachte. „Es ist alles gut, Sophie. Du kannst freundlich „Hallo Marc“ sagen.“
„Hallo Marc.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Ich bin nur unhöflich, wenn ich überrascht bin.“ Sie wendete sich wieder der Freundin zu. „Und was habt ihr noch vor, so schick wie ihr seid?“

(„Uns die Kleider vom Leib reißen und...“)

„Wir waren gerade essen.“
„Aber nicht im La Semaine?“ Sie sah zum Gebäude hinter dem schönen Paar. „Hat man da wirklich einen eigenen Kellner?“
Gretchen berichtete von den Erlebnissen des Abends. Sie lachten wieder über das Dessert auf Kosten des Hauses. Die blonde Ärztin fragte sich immer noch, wie Pierre auf die Idee gekommen war, dass Marc und sie...
„Gretchen – bei so einem Ring?“ Sophie hatte das Schmuckstück entdeckt. „Ich meine, so einen Ring bekommt man nicht einfach so.“
„Doch. Wenn man mit Marc zusammen ist, schon.“
„Jetzt echt? Und eingeladen hat er Dich auch?“ Sophie lachte. „Recht so, lass ihn bluten...“ Wie sie das sagte, konnte Marc ihr nicht böse sein und er lachte ebenfalls.
„Frauen... immer wollen sie irgendwas haben. Dann bekommen sie was und dann geht es noch nicht mal ohne Anlass...“
„Naja...“ Gretchen grinste spitzbübisch. „Ganz Unrecht hat sie ja nicht...“
Sophie reagierte schneller als Marc. „Also doch nicht einfach so?“
„Zumindest war das Essen eine Einladung zu meiner bestandenen Prüfung. Nur der Ring ist einfach so.“
„Ihr verarscht mich doch – dafür ladet ihr mich zu einem Cocktail ein. Ich bin mit Lisa und Jo im Coco´s verabredet. Warte mal – was denn für eine Prüfung?“
„Homöopathie.“
„Diese Weiterbildung?“
„Ja! Heute Morgen, mit Auszeichnung. – Und damit wendet sich das Blatt und ihr dürft mir einen ausgeben. Jeder! Wenn Marc einverstanden ist.“ Sie sah Marc bittend an. Zu gerne wollte sie der Welt zeigen, dass sie und dieser wundervolle Mann zusammen gehörten. Sie flüsterte in sein Ohr. „Ich will nur ein wenig mit Dir angeben.“
„Es ist Dein Abend.“ Demonstrativ gab er ihr einen Kuss. Nein, diesmal würde er kein Spielverderber sein.


Aus ein wenig angeben wurde eine lange, unterhaltsame Nacht. Marc hatte sich vorgenommen, Gretchen diesen Spaß zu gönnen, doch es geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Diese Nacht machte ihm Spaß. Erst hatten sie Cocktails in der kleinen Cocktail Lounge getrunken, dann waren sie in einem Nobel-Club auf den Ringen gelandet.

Erst als gegen 5 Uhr früh der erste Lichtschein am Horizont den Tag ankündigte, machten sich zwei glücklich verliebte Ärzte auf den Heimweg. Gretchens Freundinnen hatten schon lange aufgegeben.
„Versprichst Du mir, dass wir das öfter machen?“ Gretchen kuschelte sich an Marc. „Einfach durch die Clubs ziehen und Spaß haben.“
„Hm, im Zusammenhang mit „ziehen“ und „Spaß haben“ denke ich gerade eher an... ausziehen und... Spaß haben. Aber ich denke schon, dass wir das wiederholen werden.“

(„Unglaublich, ich hatte echt Spaß dabei!“)

„Ich fand wirklich, dass es ein gelungener Abend – Nacht war.“
„Und der Morgen wird dem in nichts nachstehen.“ Sie lächelte ihn verheißungsvoll an.

Karo Offline

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02.11.2020 07:04
#412 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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September 1.5 – Le Matin



Doch erstmal meldete Gretchens Magen gewisse Ansprüche an. „Wir nehmen frische Brötchen mit.“
„Hasenzahn, guck mal auf die Uhr. Es ist noch viel zu früh...“
Doch Gretchen kannte ihr Veedel, im letzten Jahr hatte sie öfter mit den Mädels eine Nacht durchgetanzt. Marc war es sogar egal, dass sie Recht hatte, denn auch er verspürte durch den frischen Bäckerduft plötzlich einen Riesenhunger.

So saßen sie – immer noch in ihrem Ausgeh-Outfit – auf Gretchens Balkon und ließen sich die ersten Brötchen des Tages schmecken. „Ich gehe mir gerade was anderes anziehen, mir wird echt kalt.“
„Untersteh Dich, Hasenzahn. Ich habe mindestens einmal „dieses-Kleid-vom-Leib-reißen gut.“
„Wenn Du unbedingt Hand an einen gefrosteten Menschen legen willst, dann frag doch lieber Doktor Gummersbach.“ Sie sah Marc nachdenklich an.
„Erklärst Du mir, warum Dein Gesichtsausdruck nicht zu Deinen Worten passt?“
„Weißt Du, dass Sabine und er geheiratet haben?“
„Was?“ Ihm fiel vor Schreck das Brötchen aus der Hand.
Gretchen grinste. „Natürlich auf die Marmeladenseite...“
„Ist das Dein Ernst?“
„Na guck doch – die Marmelade klebt am Boden.“ Natürlich wusste sie, dass er gerade nicht sein Frühstück gemeint hatte.
„Sabine und Doktor Gummersbach?“
„Ja. Sie hat sich auf der Rückfahrt von Deinem Geburtstag verplappert. Die haben schon im Frühjahr geheiratet. Haben eine Städtereise nach Dresden gemacht und kamen als Ehepaar wieder.“
„Ich möchte mir das absolut nicht vorstellen...“ Marc schüttelte sich.
„Was? Heimlich zu heiraten?“ Gretchen war gut in Fahrt. „Du bevorzugst also sowas im Stile meiner Kusine?“
„Hasenzahn...“
„Das bin ich.“ Ihre Stimme lachte keck als sie sich durch die Balkontür ins Innere des Appartements drückte. „Und ich ziehe mir jetzt was anderes an...“
„Untersteh´ Dich...“ Marc sprang auf und folgte ihr schnell, packte sie und zog sie in seine Arme. „Ich weiß etwas Besseres gegen Morgenkälte – Hatte ich Dir doch versprochen.“
„Was?“
„Meine Hände.“ Doch erstmal brachte sein Kuss den Schwarm Schmetterlinge im Bauch erneut zum Fliegen. Und das war erst der Anfang.


„Willst Du Dir immer noch was anderes anziehen?“
„Dein Satz ist nicht korrekt, denn ich bin nackt. Folglich kann ich mir nicht etwas anderes anziehen. Aber ich möchte mir im Moment weder etwas noch etwas anderes anziehen – ich spüre Dich einfach so gerne an mir.“
Sie lagen einander zugewandt und Marc hielt seine Freundin in einer innigen Umarmung. Natürlich wuselte er immer wieder durch ihre Locken.
„Hast Du jetzt wenigstens saubere Finger?“ Sie dachte an das Marmeladenbrötchen, welches immer noch – Sunny Side down – auf dem Balkonboden lag.
„Du meinst, ich könnte sie mir vorher an Dir schmutzig gemacht haben – Du kleine Sau?“ Er grinste sie breit grinsend an und Gretchen wurde rot.
„Ma-arc...“
„Ja, was...?“
„Ja – wie was? Ich weiß nicht, wie Du mich immer dazu bringst, so Sachen zu machen?“
„Das passiert weil Du es willst.“
„Ich habe noch nie den Wunsch danach verspürt – im Gegenteil.“

Sie dachte an Rainer. Und Peter. Und die Wette. Er dachte an Mehdi. „Und – sie hat ihn in den Mund genommen...“

Als hätte sie geahnt, woran er gerade dachte, sprang sie aus dem Bett und setzte sich nackig an ihren Schreibtisch. Sie blätterte in einem rosafarbenen Buch.

(„Was will sie denn jetzt mit ihrem Tagebuch?“)

Marc stöhnte. „Hasenzahn – musst Du alles gleich ausplaudern?“

„Schhht.“ Gretchen machte eine abwehrende Handbewegung. Sie suchte nur kurz, dann setzte sie sich im Schneidersitz neben Marc und las vor.

„29. Mai – Liebes Tagebuch,

Jippieh! Papa kommt mich Mitte Juli besuchen. Er bleibt zwei Tage bei mir und fährt dann weiter zu einem Termin in Frankfurt. Ich bin froh, dass er alleine kommt. Mit Mama wird es immer anstrengender und so können wir viel besser reden.

Ich habe ja jetzt niemanden mehr zum Reden – also klar... die Mädels und Dich. Aber von Rainer habe ich mich getrennt... Gott sei Dank. Also echt... erinnerst Du Dich an die Bumswette? Ja, von Marc und diesem Stier. Das war echt Kindergarten gegen das Spiel von Rainer. Er hat nämlich auch gewettet – mit Peter.
Der war sauer, dass ich nur mit ihm geschlafen habe, um mich zu überzeugen, dass er immer noch kacke im Bett ist. Dass es nicht an mir lag. Peter fand es nämlich geil (so hat Rainer ihn zitiert!!!). Leider hat er meine Aussage, dass ich es ekelhaft finde... naja, es in den Mund zu nehmen... weiter geplappert und Rainer hat verstanden, dass ich Peters Ding ekelhaft finde. So gab es Streit und die überzeugte Aussage von Rainer, dass er mich sehr wohl dazu kriegen könnte.
Hat er sich geirrt – freiwillig niemals!
Das war dann auch das Problem... er wollte unbedingt diese Scheißwette gewinnen und hat mir schlafend sein Ding... als er es gerade fotografieren wollte, bin ich wachgeworden... mit Würgereiz und Erstickungsanfall. Ich habe reflexartig zugebissen!
Was sollte ich auch sonst machen? Es wirkte sofort und als er sich vor Schmerzen krümmte hatte ich die Gelegenheit, sein Handy zu inspizieren. Die Kamera hatte erst ausgelöst, als sie schon runterfiel – sein Knie schön verwackelt. Habe ich ihm als Profilbild bei facebook und Whats App hinterlegt. Status: Man steckt oft nicht drin.
Bemerkt hat er es erst nach zwei Tagen.

Liebes Tagebuch,

jetzt würde ich gerne mit Marc reden. Verrückt oder? Aber über sowas konnte ich gut mit ihm reden...“

Marc lachte. Es war ein richtiges Lachen, es hatte nichts Negatives in sich. „Du hast mit Deinem Ex geschlafen, um – Dich bestätigt zu sehen?“
„Ja. Diese Sprechstundenhilfe, mit der ich ihn erwischt habe, die hatte Spaß mit ihm. Ich wollte einfach wissen, ob es mit ihm auch anders geht. Ich meine, er hat mir jahrelang vorenthalten, wie schön es mit einem Mann sein kann.“
„Macht man das als Frau generell so oder ist das eine Deiner Besonderheiten?“
„Was?
„Du wolltest mit mir schlafen, um herauszufinden, ob Du über mich drüber hinweg bist.“
„Uuuupps...“ Sie lachte verlegen.

„Und Gretchen – es liegt nie an nur einem, wenn der Sex scheiße ist. Zu gutem Sex gehören zwei, zu schlechtem Sex gehören zwei. Und Sex alleine ist immer die allerschlechteste Option.
„Das sehe ich genauso.“ Plötzlich wippte Gretchen aufgeregt im Schneidersitz vor und zurück. „Weißt Du, dass Alexis in unserer Hochzeitsnacht... also in der im Krankenhaus... naja... er war ziemlich lange verschwunden... ich habe ihn dann auf dem Klo erwischt... mit sich selbst. Naja, eine Frau war auch dabei – zweidimensional.“
„Uuuupps...“ Marc fing wieder furchtbar an zu lachen. „Das geht wohl auf meine Kappe. Ich war sauer auf ihn und habe ihm Viagra ins Mineralwasser getan.“ Dem Chirurgen liefen die Tränen.
„Das ist jetzt nicht Dein Ernst.“ Gretchen war nicht sicher, ob sie lachen oder schimpfen sollte.
„Doch – es war mir total Ernst. Aber es war vor allem Spaß!“ Selten hatte sie Marc derart gelöst erlebt. Sie entschied sich für die erste Variante und warf sich lachend neben ihren Freund.
„Das ist total verrückt. Als ich diese Minibeziehung mit Mehdi hatte, war ich total überrascht, wie gut Sex sein kann. Gegen Peter halt... mit Alexis war es wieder besser. Danach kamst Du. Im letzten Jahr habe ich tatsächlich eine Weile mit einem Mann geschlafen, in den ich nicht verliebt war. Es ist nicht meins, auf Dauer zumindest. Aber für eine Weile war es okay.
Karneval habe ich mich nochmal zu einem One Night Stand hinreißen lassen. Für den Moment war es in Ordnung, aber insgesamt auch nicht meins. Und mit Rainer hatte ich auch eine gute Zeit – bis dahin wo...“ Sie schüttelte sich. „Das ist einfach ekelhaft.“

Marc legte seine Hand auf die der nackten Ärztin neben ihm. „Den Unterschied macht das „wie“, nicht das „dass...“. Das hast Du selbst gemerkt. Vorhin hast Du mich völlig überrascht – nie im Leben hätte ich damit gerechnet. Allerdings hätte ich es auch nie verlangt. Oder erzwungen, wie dieser Vollidiot. Ich hoffe, beim nächsten Mal überlegt er sich so eine Aktion vorher.“ Er beobachtete Gretchen, die jetzt die Stirn runzelte. „Weißt Du, wenn ich mit Dir zusammen bin, also wenn wir miteinander schlafen, dann schaltet sich mein Gehirn größtenteils ab. Ich denke immer, das Fühlen braucht dann soviel Energie, dass für den Kopf nichts übrig bleibt. Das war schon mit dem Augenverbinden so. Naja, und vermutlich fühle ich mich bei Dir einfach sicher. Ich vertraue Dir. Ich liege hier einfach so neben Dir – nackt. Schutzlos.“
„Wunderschön.“ Flüsterte Marc und klaute sich einen Kuss.
„Das hätte ich bei keinem anderen gemacht. Mehdi hat mich noch nicht mal nackt gesehen...“
„Nicht?“ Jetzt war Marc wirklich überrascht. „Und das wo er doch der Frauenversteher schlechthin ist.“
„Vielleicht versteht er sie, aber er gibt keine Sicherheit. Mir wohl zumindest nicht. Bei Dir war das anders. Am Anfang war ich unsicher, aber nur, weil ich oft nicht wusste, was ich tun soll. Entweder, Du hast mir unauffällig geholfen oder Du hast einfach abgewartet. Mit Dir war es nicht schlimm, ich zu sein.“
„Glaubst Du, dass es mir anders ging? Ich hatte nie vorher mit einer Frau geschlafen, für die ich etwas empfinde. Mich hat dieses Gefühlsding verunsichert. Da warst Du immer diejenige, die mich beruhigt hat, die mir Sicherheit gegeben hat. Vor unserer ersten Nacht, noch vor Afrika, hatte ich wirklich Angst. Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich, wie wir und viele andere immer denken.“
„Oh, das hat Roula auch gesagt. Das mit den Ängsten und Unsicherheiten macht uns zu Seelenverwandten. Für die Menschen da draußen könnten wir unterschiedlicher nicht sein.“
„Dein Vater hat mal Ähnliches zu mir gesagt. Dass wir medizinisch gar nicht so unterschiedlich ticken – denn wir lieben beide, was wir tun. Wir sind gerne Mediziner, auch wenn wir ganz unterschiedliche Ansätze haben. Du möchtest den Menschen helfen, die Medizin ist Dein Werkzeug. Ich benutze mich ihrer genauso – als Herausforderung. Krankheiten sind Gegner, die es zu beseitigen gilt. Wohl eher die maskuline Herangehensweise.“ Marc lachte.

„Warum Osteopathie, Marc?“
„Ich wusste nicht, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen soll.“
„Autos kaufen?“
„In Hamburg? Da braucht man eher ein Boot.“
„Für das man wiederum einen Führerschein benötigt.“
„Hab ich – auch aus Langeweile! Und falls Du weiter fragen möchtest: Auch einen Angelschein habe ich erworben.“
„Diese Antworten werfen immer mehr Fragen auf.“
Marc lachte und setzte sich auf. „Ich weiß, dass man das von mir nicht erwarten würde – wie eine Beziehung von meiner Mutter. Naja – warum soll der Sohn nicht so sein wie seine Mutter.“

(„Professor Mayer wäre sehr stolz auf mich!“)

(„Hä? Marc wie Elke? Alles was er nie wollte...“)

„Und bevor Du mich jetzt wieder unterbrichst, um eine weitere Frage zu stellen – ich würde gerne erst die andere beantworten. Ich hatte in Berlin eine Patientin mit vermurkster Platte im Bein. Sie hat vieles durch Osteopathie hinbekommen, was ich ihr als Folgeschaden prophezeit habe. Sascha schwört darauf und meine Mutter auch – schon seit Jahren – Naturheilverfahren überhaupt. Ich habe mich dann in das Fachgebiet eingelesen und an dem College hospitiert.“ Er lachte. „Dass ich Chirurg bin, habe ich lange nicht gesagt. Nur, dass ich am Krankenhaus arbeite.“
„Da will ich Dich mit meinem Plan, wieder zur Uni zu gehen, beeindrucken und Du bist schon auf dem Weg zum Master of Naturheilkunde.“ Gretchen gluckste. „Doktor med. Marc Meier, Facharzt für Allgemeinchirurgie und Unfallchirurgie und Orthopädie. Osteopathie. Ich finde, das passt gut zusammen.“
„Doktor med. Margarete Haase, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilkunde, Homöopathie. Komplementärmedizin. Auch sehr schön. Doktor-M-Punkt-Haase.“
„Wir ticken schon ganz schön gleich...“

Eine Weile grübelten die beiden still vor sich hin, streichelten sich und küssten sich immer wieder. Genossen die Nähe. Ihre Nacktheit.
Gretchen dachte daran zurück, wie sie sich anfangs überwinden musste, Marc in seiner ganzen Nacktheit zu betrachten. Sie grinste.
„Was hast Du jetzt gedacht?“
„Egal.“ Ihr Kopf war schon bei einer anderen Frage. „Marc, wie kommt es, dass Du beschnitten bist?“
Das war der Unterschied – mit einem Mal wurde ihr das bewusst. Deswegen war Marc – oder eher der kleine Marc – immer anders gewesen. Irgendwie schöner.

„Ich hatte als Kind und Jugendlicher häufig mit Harnröhrenentzündungen zu tun.“ Marc schwieg einen Moment. „Dummerweise habe ich mich bei einer meiner ersten Freundinnen mit Gonokokken infiziert... und mit 17 gehst Du wegen sowas erst zum Arzt, wenn Du es nicht mehr aushalten kannst. Der Arzt war super und er hat mir empfohlen, die Vorhaut entfernen zu lassen. Zu der Infektion hat er keinen Ton gesagt, vermutlich hatte er öfter damit zu tun.“ Marc grinste.
„Deswegen der konsequente Gebrauch von Kondomen?“
„Ja. Nochmal möchte ich sowas nicht erleben. Nebensache, dass die Dinger auch vor einer Schwangerschaft schützen. Viele mögen das ja andersrum sehen...“ Er lachte. Gretchen wurde aufmerksam – Marcs Lachen klang bitter. Sie sah ihn fragend an. Erstmal blieb Marc still, doch Gretchen sah, dass es heftig in ihm rumorte. Schließlich zog er sie an sich. Er sah sie nicht an, als er weiter sprach.
„Es ist unwahrscheinlich, dass jemals eine Frau von mir schwanger wird.“ In seiner Stimme lag – Verzweiflung? „Nein... unwahrscheinlich ist noch zu viel. Unmöglich trifft es eher...“
Weinte er?
„Marc – das heißt...“
Jetzt blickte er sie offen an. „Bisher war mir das relativ egal. Nach dem Hochzeitswochenende in Hamburg habe ich es nochmal untersuchen lassen. Mehrfach wiederholte Orchitis und eine postpubertäre Mumpsinfektion... da ist wenig zu machen...“ Wieder nahm seine Stimme Bitterkeit an.
„Damit hast Du schon zwei Dinge, die Marc Meier nicht kann: Briefe schreiben und Kinder machen.“ Er grunzte. „Jeder Idiot kann Kinder machen...“
Eine Weile lagen sie sich still in den Armen.

(„Wenig“ ist aber nicht „Nichts“. Im Gegenteil. Es ist deutlich mehr!“)

(„Und es war es ein wunderbarer Brief...“)


Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er sie wollte – sie erwartete. Mit dem Kind.

(„Scheiße... mit dem Kind eines anderen...“)

(„Das kann ich unmöglich fragen.“)

(„Hat er deswegen...?“)


„Marc? War das der Grund warum Du... ich meine... als ich von Mehdi schwanger war...?“
„Nein.“ Marc drehte seine Freundin auf den Rücken und beugte sich über sie. Sie blickten sich geradewegs in die Augen. Offen und ehrlich. „Ich hatte die Wahl – Dich und das Kind oder nichts. Meine Wahl warst Du, also auch das Kind. Außerdem – er war völlig schuldlos. Er konnte nichts dafür. Pech, wie er entstanden ist, Glück, in welchem Bauch.“ Sie küssten sich lange. „Ich hätte das gekonnt, Gretchen. Mit Dir und ihm.“
„Und ich habe es versaut. Ich habe ihn auf dem Gewissen. Aber – ich war nicht bereit für dieses Leben. Ja, ich wollte Dich. Aber mehr als Freund denn als Vater eines Kindes...“
„Du hättest auch hier noch an Malaria erkranken können und ob es dann anders gelaufen wäre...? Das nennt sich Schicksal. Scheiß Verficktes Schicksal...!“

„Danke, dass Du mir das gesagt hast.“

„Danke, dass Du mich nicht direkt zum Teufel gejagt hast.“

Das war tatsächlich Marcs größte Befürchtung, denn eine Frau wie Gretchen Haase und ein zeugungsunfähiger Mann? Das konnte seiner Meinung nach nicht gut gehen. Aus diesem Grund hatte er nach längerer Pause wieder einen Termin bei Professor Mayer gehabt.

Karo Offline

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06.11.2020 21:30
#413 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


September 1.6 – Meier und Mayer 5



Sie hatten sich länger nicht gesehen und Marc war erschrocken, wie müde der Therapeut aussah. Professor Mayer hatte sich gefreut, Marc wiederzusehen. „Sie sehen ausgesprochen gut aus.“
„Das kann man von Ihnen nicht gerade sagen.“
„Ja, das weiß ich wohl.“
Dabei waren sie drei Wochen auf Rügen gewesen, bei seinen Eltern. Die Zeit hatte ihnen allen gut getan, vor allem nahm ihm seine Mutter gerne die Enkelinnen ab. Nächste Woche würde sie nach Hamburg kommen, das gab ihm Luft. Er musste so viel nacharbeiten. Zwar blieb Clara jetzt bis zum Nachmittag in der KiTa, doch Emilia musste spätestens um 13 Uhr abgeholt werden. Sie ließ sich auch nicht mehr zu einem Mittagsschlaf überreden – ganz im Gegenteil, sie genoss die Zeit, in der sie ihren Papa für sich allein hatte.

Professor Mayer hatte weitere Patienten abgegeben, er ahnte, dass er sich die gewohnte Flexibilität nicht mehr leisten konnte. Nicht, wenn er für seine Töchter da sein wollte. Allmählich hatten sie sich daran gewöhnt, dass die Mutter nicht mehr da war. Wie hatte Clara festgestellt: „Jetzt sind wir eben Papa-Kinder.“

Trotzdem vermissten sie ihre Mutter furchtbar – und verstehen konnten sie es eh nicht. Er auch nicht. Theresa hatte ihn nur einmal angerufen und sich nach den Mädchen erkundigt. Wie es ihm ging schien ihr egal zu sein.


„Wie ging es Ihnen bisher denn damit – die Tatsache ist ja nicht neu, nur der Befund ist halt aktuell.“
„Bisher war mir das egal – nein, eigentlich nicht mal. Ich glaube, ich habe das durch meine konsequenten Nicht-Beziehungen gut verdrängen können.“
„Und jetzt?“
„Und jetzt?“
„Ja, was passiert jetzt?“
„Muss ich es ihr sagen? Ich meine, wann sagt man sowas? Doktor Haase und ich mögen uns schon lange kennen und auch schon irgendwie mal zusammen gewesen sein. Jetzt würde ich es aber erst als Beziehung bezeichnen. Ich meine... so wie es jetzt ist, war es vor der Pause nicht. Es ist viel ernsthafter, erwachsener. Aber genau das bringt mich wieder dieser befickten Tatsache näher, dass ich ihr den vermutlich wundervollsten Liebesbeweis nicht erbringen kann.“
„Sehen Sie das so?“
„Ich weiß es nicht. Wissen Sie, als Doktor Haase wegen der Malaria das Kind verloren hat, war es ihre vierte Fehlgeburt. Die drei vorher passierten ohne medizinischen Grund. Ja, ich glaube schon, dass ihr ein Kind unglaublich viel bedeuten würde.“
„Es könnte aber auch immer wieder zu Fehlgeburten kommen?“
„Ich denke nicht. Wissen Sie, die Natur ist schlauer als wir. So sehr sich die Medizin mit ihrer ganzen Forschung auch anstrengt, wenn zwei Genpools nicht zusammen passen, dann wird die Natur immer das letzte Wort haben. Ich vermute, dass immer der gleiche Gendefekt für die Aborte verantwortlich war. In Afrika schwanger zu sein hat ihr nichts ausgemacht. Ihr ging es gut und der Junge war gut entwickelt.“
„Sie haben ihn gesehen?“
„Nein. Aber unsere Freunde dort haben ihn verbrannt. Ich habe seine Asche mit dem Wind über das Land geschickt – es gab ein Hochplateau, das Gretchen und mir sehr gut gefallen hatte. Ich weiß nicht mal, ob wir jemals darüber gesprochen haben... ich meine, wann denn auch...“

Professor Mayer beobachtete seinen Klienten während der nachdachte. Ihm fiel auf, dass Doktor Meier deutlich ruhiger war.

„Erinnern Sie sich an Ihre ersten Besuche hier? Sie sind hier auf und ab getigert und Ihre einzige Sorge war, ob und wie sie wieder mit Doktor Haase in Kontakt kommen könnten. Seit dem ist viel passiert, nicht?“

„Ja. Da haben Sie Recht.“
Plötzlich erhellte sich Marcs Gesicht. Er hatte einen Weg gefunden. Einen Weg zurück zu der einzigen Frau für ihn.

„Damals erschien Ihnen das Vorhaben fast unmöglich. Verlassen Sie sich auf Ihren Instinkt, Doktor Meier und lassen Sie Ratio mal Ratio sein. Ich bin mir sicher, dass Sie auch hier den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ton treffen werden.“

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06.11.2020 21:32
#414 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN

September 1.7 – Der Wunsch Afrika



„Ich würde gerne mit Dir nach Afrika reisen.“ Überrascht hörte Marc seine Stimme. „Ich hatte Dir doch versprochen, dass ich Dich zu einer Reise einlade.“
„Warum Afrika?“
Er sah sie direkt an. „Unser Sohn ist dort.“
Bevor sie irgendetwas sagen konnte küsste er sie.
„Ich weiß, was Du sagen wolltest. Lass es bitte so stehen – unser Sohn.“

(„Vermutlich das einzige Wesen, dass ich jemals als Sohn bezeichnet hätte.“)

„Vielleicht war mein Unterbewusstsein doch schneller als ich – dass es doch etwas damit zu tun hat, dass ich Dich nie zur Mutter machen werde.“

Sie strich ihm über die Wange. „Bist Du sicher, dass wir dorthin zurückgehen sollten?“
„Lass uns mit Afrika Frieden schließen.“
Sie nickte. Langsam kullerte eine Träne über ihre Wange. Marc küsste sie weg. Seit langen wurde Gretchen von einer Frage gequält. Jetzt endlich fanden die Worte den Weg auf ihre Zunge. „Marc? Was ist mit ihm geschehen?“

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13.11.2020 19:04
#415 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

AFRIKA


November 2.1 – Am Abgrund 1



Die Gegend um Sanssouci war aufgrund der Nähe zum Mouhoun relativ grün, besonders jetzt, wo der Fluss immer noch viel Wasser führte. Safané, eine aus vielen Einzeldörfern bestehende Gemeinde, lag westlich von ihrer Mission und war entweder mit einem Umweg über die geteerte Nationalstraße oder quer durch den Busch über Schotterpisten zu erreichen. Diesmal interessierten das Land und seine Schönheit weniger.

Er stand hinter ihr und hatte die Arme fest um Gretchen geschlungen, seine Stirn an ihren Hinterkopf gelehnt. Etwa 2 Meter vor ihnen fiel das Plateau etwa 50 – 60 Meter steil ab. Das hier war einer der schönsten Plätze, die sie gesehen hatten. Vor ihnen lag die weite Flussebene, die Sicht ging an guten Tagen bis hin zu den Bergen.

Sie erinnerten sich an ihren ersten Besuch an dieser Stelle, Martin hatte ihnen viel über dieses westafrikanische Binnenland erzählt. Sie hatten in Safané einen wundervollen Tag verbracht, nicht, dass sie sonst ihrer Liebe keinen Freiraum gaben aber es war etwas anderes. Hier waren sie wirklich nur sie beide. Gretchen und Marc.
Jetzt waren sie zu dritt. Gretchen, Marc und ihr Junge.

Martin hatte die Stelle, an der sie die Asche von Gretchens Kind in den Wind gestreut hatten, leicht wiedergefunden. Er bräuchte dazu nicht mal den Akazienbusch, den Roula und er im letzten Jahr während der Regenzeit gepflanzt hatten. Das war Roulas Idee gewesen, nachdem sie im Mai des vergangenen Jahres auch die Asche ihres Jungen hier in den Wind gestreut hatten.
Jetzt war seine Frau wieder schwanger, in der 22. Woche. In guter Hoffnung – diese alte Redensart hatte er erst jetzt richtig verstanden. Deswegen war Roula nicht mit an diesen Ort gefahren, die Fahrt war einfach zu anstrengend. Natürlich hatte Gretchen ihre Freundin untersucht. Das Baby war ein kleines, gut entwickeltes Mädchen.

Er beobachtete das Paar, das keine 50 Meter weit von ihm weg stand. Die blonde Ärztin verbarg jetzt ihr Gesicht an der Brust des Mannes, das heftige Zittern ihres Körpers zeigte, dass sie bitterlich weinte.

Vor vier Tagen war das befreundete Paar in Sanssouci angekommen. Gretchen sah gut aus. Erwachsener, selbstbewusster. Aus den unregelmäßigen Briefen und unzuverlässigen Emails wussten sie über die vergangene Zeit Bescheid – über zwei Jahre war es nun her, dass Fritz ihnen diese naive Blondine geschickt hatte. Sie hatten sich alle geirrt – Gretchen war ein Geschenk gewesen. Mit Eingewöhnungsproblemen aber dem nachhaltigen Willen, sich den Herausforderungen des afrikanischen Lebens zu stellen. Es hätte sie fast umgebracht.

Nun war sie zurückgekehrt, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Wie hatte Gretchen es ausgedrückt? Der letzte Schritt in die Vergangenheit, um für die Zukunft frei zu sein. Sie hatte lachend festgestellt, dass die Zukunft auch ein Zurück wäre – für sie beide – zurück nach Berlin.
Marc und Gretchen planten ihr gemeinsames Leben in der Hauptstadt. Marc war bereits in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Professor Hans Haase hatte auf Marcs ordentliche Kündigung prompt reagiert. Vor allem nach dem letzten Ding, das Doktor Meier sich erlaubt hatte...

Karo Offline

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13.11.2020 19:14
#416 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


November 2.2 – Erinnerungen Marc Meier



(September) Nachdem Marc die ersten beiden Septemberwochen Urlaub gehabt hatte, mussten nun Professor Haase und seine Frau dringend für eine Woche ans Meer. So anstrengend war die zwei Wochen gewesen – sich neben der Plastischen Chirurgie auch noch um die Chirurgische Klinik zu kümmern... vor allem die Assistenzärzte verlangten zu viel.

„Doktor Meier, wir würden nach unserem Urlaub gerne nochmal über Ihre Kündigung sprechen.“ Doktor Temelova war immer noch der Meinung, dass sich Marc mit mehr Geld doch halten ließe. Irrtum:
„Es führt zu nichts. Mein Entschluss steht fest!“ Nichts würde ihn aufhalten, nicht mal das Jobproblem. In Berlin gab es aktuell keine passenden Stellen, nicht mal eine gewöhnliche Oberarztstelle in der Charité.

Nicht nur Marc verfolgte den Berliner Stellenmarkt regelmäßig mit Interesse, auch Ljudmila beobachtete die Jobofferten für Chirurgen genauestens. Sie hoffte, dass Doktor Meier irgendwann seine Kündigung zurücknehmen würde, wenn ihm quasi nichts anderes blieb als eine Stelle unter seinen Fähigkeiten anzunehmen. Vielleicht musste sie ihm einfach noch eine andere Option zeigen.

„Ich habe nur einen Termin nicht absagen können. Die Kundin kommt regelmäßig zu uns und ich möchte Ihnen das Aufklärungsgespräch anvertrauen. Ich weiß Ihre Arbeitsqualität diesbezüglich sehr zu schätzen.“

(„Schleimerin!“)

Marc hatte sich die Akte der Frau angesehen. Am Anfang hatte ein Fahrradunfall die Kundin zu Doktor Temelova geführt. Eine kombinierte Joch- und Nasenbeinfraktur rechtfertigten den Einsatz der Plastischen Chirurgie. Auch die Schlupflidkorrektur war medizinisch begründet.

Danach folgten mehrere Liquid-Lifts, das Unterspritzen der größeren Gesichtsfalten, mit Eigenfett, Hyaluron oder Kollagen sowie wiederholtes Fettabsaugen. Immerhin kannte die Frau das Prozedere, da bräuchte er nicht viele Worte verlieren.

(„Wenn es denn schon sein muss... Doktor Meier und ein Aufklärungsgespräch für eine ästhetische Operation.“)

(„Ich muss hier weg – nicht, dass das noch öfter vorkommt!“)



Es würde nicht wieder vorkommen, denn schneller als gedacht hielt Marc nach dem Urlaub seiner Arbeitgeber seine Freistellung in der Hand. Resturlaub und Überstunden akribisch ausgerechnet... da hatte sich jemand viel Mühe gemacht, aus Wut, vermutete Marc.

„Doktor Meier – wie kommen Sie dazu, Frau von Rosenstock von der OP abzuraten? Wissen Sie was für einen Ärger mein Mann nun bei unserer Bank hat?“
„Ich wusste nicht, dass das Fettabsaugen so gut bezahlt wird?“ Natürlich wusste Marc, dass die Kundin die Frau des Privatbankiers war, der die Klinik Alsterpark seit langem betreute.
„Jetzt werden Sie mal nicht frech – ich erwarte eine Erklärung.“
„Da Sie die Dame bereits mehrfach unter dem Messer hatten dürfte Ihnen nicht fremd sein, dass eher andere diese Eingriffe wünschen, nicht aber Frau von Rosenstock selbst.
Ich habe meinen Job dahingehend gewissenhaft gemacht und ihr die möglichen Risiken gegen den Nutzen aufgezeigt. Aber das haben Sie sicherlich schon dem Protokoll entnommen.“

Nicht im Protokoll stand hingegen, dass Marc der Kundin empfohlen hatte, sich Ihren Mann absaugen zu lassen, der von ihr diese Eingriffe verlangte.

***
„Wissen Sie, er zeigt mir immer diese jungen Dinger, mit kilometerlangen Beinen, kurzen Röcken und noch weniger Taille. Die können alles tragen.“
„Ja – Chihuahuas in einer Longchamp-Handtasche, vermutlich sogar ein Plagiat vom letzten Urlaub auf Ibiza.“ Marc grunzte.

„Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie da nicht gerne noch ein zweites Mal hinsehen?“

„Allenfalls, um mich zu vergewissern, dass ich keine Erste Hilfe leisten muss...“ Marc schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Männern sowas gefällt – außer sie sind bereits in der Midlife Crisis oder haben sonst nichts zu sagen.“
„Er kritisiert mein Aussehen seit ich mich mit den Wechseljahren herumschlage.“
„Die sogenannte Midlife Crisis ist nichts anderes – nur dass Männer nie zugeben würden, dass sie ebenfalls in die Wechseljahre gekommen sind.“

„Ist das so?“ Die Bankiersgattin wurde hellhörig. „Gibt es das wirklich?“

Marc lachte. „Natürlich. Wir Mediziner sprechen vom TMS – dem Testosteronmangelsyndrom. Kaum ein Thema ist in unserer Gesellschaft so tabuisiert, wie das Nachlassen der Männlichkeit. Die Produktion des Sexualhormons nimmt etwa bis zum 30. Lebensjahr zu. Dann hält es sich bis zum 40. Lebensjahr auf gleichem Niveau, danach nimmt die Produktion meistens ab – um ein bis zwei Prozent jährlich. Männer leiden genauso unter Stimmungsschwankungen, Kraft- und Lustlosigkeit, Schlafproblemen, Schwitzen...
Etwa ab dem 45. Lebensjahr machen sich bei fast allen Männern hormonell bedingte „Alterserscheinungen“ bemerkbar, die den Begleiterscheinungen des weiblichen Klimakteriums in nichts nachstehen. „Betroffen“ fühlen sich in der Regel Männer zwischen 50 und 60. Sie stehen auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft, haben beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg erlangt und geraten nun plötzlich unter Leidensdruck – und Leistungsdruck.“

„Mein Mann wird demnächst 53.“

„Sehen Sie... dieser Leistungsdruck bringt meistens Probleme am Arbeitsplatz mit sich – die führen im familiären Bereich zu weiteren Spannungen, wo ja meistens schon sexuelle Frustration herrscht.“

„Und was soll ich jetzt machen?“

„Überlegen Sie sich dringend, ob Sie sich mit einer weiteren Fettabsaugung besser fühlen. Ihr Mann hat ein körperliches Problem – basierend auf einem hormonellen Problem. Nicht Sie. Im Gegenteil – ich finde, dass Sie eine durchaus schöne Figur haben. Das eine oder andere Polster ist nicht schlimm, denn man sieht Ihnen an, dass Sie viel Sport treiben. Solange Sie das nicht aus falscher Eitelkeit übertreiben und sich gesund und bewusst ernähren, ist alles gut!“

„Sie finden nicht, dass ich dick bin?“

„Nein. Überhaupt nicht.“ Marc überlegte kurz, dann zückte er sein Smartphone. „Das ist meine Lebensgefährtin.“

(„Bald zumindest!“)

„Sie hatte immer ein paar Kilos zu viel. Mich hat ihre weibliche Figur nie gestört, auch wenn ich sie gerne deswegen aufgezogen habe. Ihre Reaktionen waren so schön vorsehbar.“ Marc lachte und die Patientin nahm sehr wohl den liebevollen Klang wahr. „Die vermeintlichen Kilos zu viel haben ihr letztendlich das Leben gerettet.“ Er zeigte der Bankiersgattin das Bild vom Ärzteball in Zürich.
„Das war nach 7 Wochen Krankenhaus – insgesamt hat sie fast 6 Monate gebraucht, um wieder ihre alte Lebensfähigkeit zu erlangen.“

(„Und ich war damals nicht genug für sie da...“)

„Dann hat Ihre Lebensgefährtin aber viel Glück gehabt – nicht nur mit dem Mann.“
„War Ihr Mann denn immer so?“
„Ich weiß es nicht. Er hat immer nur gearbeitet...“
„Vielleicht sollten Sie versuchen, mit ihm ein ehrliches Gespräch zu führen? In jedem Fall überlegen Sie sich jeden weiteren Eingriff, den andere mehr wollen als Sie selbst. Ich möchte behaupten, dass die Risiken und die möglichen Spätfolgen nicht mit dem Nutzen in einem gewinnenden Verhältnis stehen. Weder für Sie, noch für Ihre Ehe. Wenn Sie sich für den Eingriff entscheiden, dann wird er irgendwann wieder unzufrieden mit Ihrem Körper sein... ein menschlicher Körper bietet viele Stellen, an denen man unnütz herumschneiden kann... spätestens dann sollten Sie sich überlegen, ob es nicht mehr Sinn macht, Ihren Mann absaugen zu lassen.“

„Warum hat Doktor Temelova mir das nie so gesagt?“

„So ist das mit gewissen Geschäftsbeziehungen, Berufsansichten und Abhängigkeiten...“

***
Im Moment war er von Professor Haase – Hamburg – abhängig. Noch. Allmählich wurde Marc unruhig, dass er keine passende Stelle fand.

Doch Professor Franz Haase hatte Marc eine Alternative empfohlen. „Wenn Sie keinen Job bekommen, dann haben Sie ja Zeit für Ihre Habilitation.“ Sie hatten schon mal darüber gesprochen – in Frankfurt? Damals hatte sein ehemaliger Chef durch die Blume gesagt, dass er erwartete, als Marcs Habilitationsvater gewählt zu werden. Vermutlich hatte er befürchtet, dass Marc dem Züricher Professor den Vorzug geben würde – mit dem war Elke schließlich schon ungewöhnlich lange irgendwie zusammen. Die Betonung lag natürlich auf irgendwie. Sie besuchten sich selten, erlebten keinen Alltag. Zusammen waren sie meistens unterwegs, auf Lesereisen von Elke oder Fachtagungen und Symposien von Professor Neuroth.

Marc hatte sich bereits bei der zuständigen Stelle der Berliner Universität über die Zulassungsbedingungen informiert. Das Habilitationsgesuch würde ihm keinerlei Schwierigkeiten bereiten – vor allem nicht, wenn er durch eine Joblosigkeit Zeit gewinnen würde. Und die Zusage von Professor Haase – Berlin – ihn gelegentlich als Honorar-Chirurgen an den OP-Tisch zu rufen.

***
„Dann musst Du halt das Geld für uns verdienen, Hasenzahn.“ So hatte er Gretchen aufgezogen.
„Mein lieber Marc, ich werde wieder studieren und hattest Du mir ausdrücklich dazu geraten und mir somit finanzielle Unterstützung jeglicher Art zugesichert?“
„Ich zahle die Wohnung, alles andere liegt in Deiner Hand.“

Gretchen würde ab Januar wieder am Elisabeth-Krankenhaus arbeiten, der Vertrag war eine Neuheit bei der StaBe. Ihr Vater und Bernd Ullstein hatten alle Register gezogen. Als Allgemeinmedizinerin bekam sie einen Teilzeitvertrag, der es ihr ermöglichte, das Studium in Frankfurt/Oder aufzunehmen. Das machte Gretchen zu derjenigen, welche einen Job und ein geregeltes Einkommen vorweisen konnte. Außerdem war da ja auch noch ihr Sparbuch. Doch davon hatte Marc nichts wissen gewollt. „Das kannst Du für Dein Studium nehmen, dann musst Du Dir darum schon mal keinen Kopf machen.“

***
Sie hatte ihm die Unterlagen gezeigt. „Da wirst Du ganz schön was zu tun haben. Aber ihr Frauen seid ja multitaskingfähig.“ Er hatte voller Anerkennung gesprochen. Der Job und das Studium gleichzeitig war eine Herausforderung, selbst wenn sie sich an der Berliner Uni eingeschrieben hätte. Zwei der Institute lagen glücklicherweise in Berlin, aber Gretchen würde trotzdem viel unterwegs sein. Neben Berlin und Frankfurt/Oder auch Baden-Baden und Kos.
„Das ist schon ein bisschen Luxus – Studieren in der Ägäis...“
„Tja, Augen auf bei der College-Wahl.“

Marc konnte mit der Osteopathie problemlos von Hamburg nach Berlin wechseln. „Und das, wo Du es noch nicht mal nach Mallorca zu Deinem Bruder geschafft hast.“
„Das ändert sich ja dann im Mai.“ Jochen und Luisa hatten beschlossen, Anfang Mai zu heiraten und die beiden Kinder gleichzeitig taufen zu lassen. Gretchen fürchtete sich jetzt schon vor diesem Besuch, schließlich war Miguel nur wenige Tage älter, als ihr eigener Sohn gewesen wäre.

Karo Offline

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13.11.2020 19:19
#417 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

AFRIKA


November 2.3 – Am Abgrund 2



Sie weinte lange und niemand störte sie. Marc hielt sie einfach nur fest im Arm hielt.

Martin ließ den beiden alle Zeit, er hatte sich die neuesten Unterlagen aus Deutschland mitgebracht. Die Diakonie, denen Sanssouci angehörte, war der Meinung, dass sie nicht länger die finanziellen Mittel in gewohnter Weise aufbringen könnten. Die Mission arbeitete schon lange nicht mehr nur an der Basis. Martin hatte kein Verständnis für diese Ansichten und er plante bald einen Besuch in Deutschland. Das was sie „zu viel“ machten wurde ausschließlich über die Spenden aus Berlin und von der StaBe finanziert. Vermutlich fühlten sich seine Bosse in der Ehre verletzt... eine andere Initiative lief ihnen einfach den Rang ab.
Dass der Diakonie Geld fehlte, war allerdings auch nichts Neues, denn man hatte Jenny mit dem Ausbildungsplatz um ein weiteres Jahr vertröstet. Nun war sie immer noch in Sanssouci, obwohl das neue Ausbildungsjahr schon längst begonnen hatte. Roula hatte sie darauf angesprochen, denn Jenny schien kein großes Interesse mehr an der Ausbildungsstelle zu haben. Seine Frau hatte weitergebohrt und Überraschendes herausbekommen. Jenny hatte der Diakonie von sich aus abgesagt. Mittlerweile wollte sie viel lieber Krankenschwester werden.

Ihm war es wie Schuppen von den Augen gefallen, tatsächlich war Jenny immer mehr mit Fritz oder den anderen Ärzten in der Krankenstation beschäftigt als mit den Kindern, um die sich mittlerweile zwei neue Praktikantinnen kümmerten, die die Diakonie geschickt hatte.

Ob Marc da was regeln konnte? Bestimmt ergab sich in den nächsten drei Tagen noch die Gelegenheit zu einem Gespräch, bis die beiden wieder nach Hause reisen würden.

***
Gretchen hatte das Gefühl, komplett leer zu sein, nie wieder wäre sie in der Lage auch nur eine Träne zu weinen. Dafür dröhnte ihr Kopf. Doch sie fühlte sich gut, befreit, erleichtert. Vor allem auch verstanden und geliebt. Marc hatte ihr alle Zeit der Welt gegeben. Und er hatte einen guten Ort gefunden, das Kind der Ewigkeit zu überlassen. Dass auch Roula und Martin ihr eigenes Kind hier „windbestattet“ hatten, gab ihr ein gutes Gefühl.

Ephraim hatte ein schlichtes Holzschild geschnitzt, das neben dem kleinen Akazienbusch stand. „Deux fréres“ – zwei Brüder. Die beiden schwarzen Schleifchen, für jeden Jungen eine, würden mit der Zeit Wind und Wetter erliegen, doch das Schild aus Holz eines Baobab würde viele Jahre bestehen und der dornige Busch würde wachsen.

„Du hast einen guten Ort gefunden.“ Sie küsste ihn. Ihre Worte taten ihm gut.
„Ich war hin und hergerissen. Einerseits drängte die Zeit – gegen Dich. Andererseits wollte ich einen schönen Ort für ihn. Wir hätten ihn sicherlich in Sanssouci begraben können, aber irgendwie reichte mir das nicht. Dass Roula und Martin diesen Busch für unsere Kinder gepflanzt haben, macht es irgendwie noch besser!“

„Danke, dass Du mich nach Afrika zurückgebracht hast.“
„Diesmal reise ich nicht ohne Dich ab.“ Er flüsterte in ihr Ohr. Nach einem langen Kuss und einem kurzen Gebet, das Martin sprach, verließen sie den Ort.

Karo Offline

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22.11.2020 13:39
#418 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Dezember 1.1 – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft



Wenige Tage nach der Rückkehr aus Afrika hatte Marc Jenny signalisieren können, dass er sie im EKH ins Gespräch gebracht hatte. Sie sollte den Winter in Afrika bleiben und sich im Frühjahr bei Professor Haase melden. Außerdem hatte er sich mit Bernd Ullstein und Thilo zusammengesetzt – so wie er es Martin versprochen hatte. Der würde in gut zwei Wochen nach Deutschland kommen und gemeinsam wollte man mit der Diakonie ins Gespräch kommen. Das war Marcs Idee gewesen, getreu dem Motto, dass man den Strang in eine oder in zwei Richtungen ziehen könnte.

Dann nahm er sich die Wohnung vor – verlebt war kein Ausdruck. Cedric hatte sich angeboten, ihm beim Renovieren zu helfen, ein bisschen Farbe an die Wand und alles sähe frischer aus. Doch nicht mit Marc. Der hatte entdeckt, dass auf den Wänden vier Lagen Tapete übereinander klebten und er entschied, dass alles runter musste.
„Zum Kernsanieren brauchen wir aber noch eine Hilfe!“ Und so stand plötzlich niemand Geringeres als Doktor Mehdi Kaan in der Tür.
„Was soll der hier?“
„Helfen, Marc!“ Cedric ließ sich auf keinerlei Diskussion ein und auch Mehdi fand ein gutes Argument. „Ich habe viel wieder gut zu machen!“

„Es ist gut, dass er es weiß.“ Mehr sagte Gretchen nicht dazu, als Marc ihr davon am Telefon berichtete. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie ab Januar wieder Kollegen waren. Ihr Vater hatte ihr schon vor längerer Zeit erzählt, dass Doktor Kaan wieder im Team sei – und er gut zurechtkommen würde. Nach langem Klinikaufenthalt war er mit dem Hamburger Modell wieder eingestiegen.
Er akzeptierte ohne jegliche Beanstandung, dass Doktor Maike Maass als Oberärztin bleiben würde, und konzentrierte sich einfach nur auf gute Arbeit. Mehdi Kaan war dankbar, denn auch für ihn war das Elisabeth-Krankenhaus seit Jahren wie ein Zuhause, die Kollegen letzten Endes seine einzige Familie.

Nach dem Telefonat schrieb sie eine Frage in ihr Tagebuch:

Wie viel Vergangenheit hat auch in der Zukunft Bestand?

Dabei dachte sie auch schon an die Hochzeit ihres Bruders im nächsten Jahr. Auch das zweite Kind war ein Junge – Luis. Aber nicht nur ihr älterer Neffe führte sie wieder ein paar Jahre zurück, Mallorca selbst war ein Teil ihrer Vergangenheit – mit Peter. Und damit hatte sie gedacht, durch zu sein.

(„Wenn es ganz dumm läuft, treffe ich entweder ihn oder seine Eltern da!“)

Sie waren immer mit der Clique zur Saison-Eröffnung gefahren. Für die Freunde eine billige Gelegenheit, Urlaub zu machen, dafür erwartete Peters Eltern immer eine ordentliche Finca, an der die Winterspuren beseitigt worden waren. Vermutlich hatten sie diese Tradition nicht verändert.

Dummerweise lag auch kein Studienblock in dieser Zeit, aber das hätte sie eh nicht als Ausrede anbringen können... ihre Mutter hatte schon mehrfach spitz darauf hingewiesen, dass sich weder Vater (noch mehr) noch Tochter (überhaupt nicht) für die Wohnung, die Franz gekauft hatte, interessierten. Bärbel hatte Dreiviertel des Jahres auf Mallorca verbracht und sie dachte nicht daran, sich wieder in Deutschland zu langweilen, während ihr Mann sich kaputt arbeitete. So äußerte sie es jeden gegenüber, der das wissen wollte oder nicht wissen wollte. Wenn jetzt erst Gretchen und Marc wieder in Berlin wären, dann bräuchte sie gar nicht mehr auf den Ruhestand ihres Gatten zu hoffen. Vermutlich würde er einfach irgendwann im OP umfallen.
Professor Haase hatte, angesichts der Habilitationsabsichten von Marc, durchaus andere Pläne. Er fühlte sich gut, mit Bernd Ullstein und Cedric Stier zusammen lief das EKH. Leider noch nicht so, wie die StaBe die Strukturen gerne sehen würde.

„Es ist eine Unverschämtheit!“ Professor Haase war nur noch mit einem Thema – diesem – auf die Palme zu bringen. „Veränderungen brauchen Zeit. Und man kann uns wohl nicht vorwerfen, in den letzten beiden Jahren geschlafen zu haben.“ In der Tat, die Radiologie war deutlich vergrößert worden. Neben dem „traditionsreichen“ Gerät hatte auch die Moderne einen Platz erhalten, ganz so, wie es der damalige Leitende Oberarzt geplant hatte. Beständige Qualität durch erprobte Technik, offen für die Zukunft mit Erneuerungen. Das zusätzliche Gerät hatte ihnen im Übrigen deutlich mehr Terminkapazitäten eröffnet, was sich positiv in der Zahl der Untersuchungen niederschlug.
Mit dem jetzigen Leitenden Oberarzt Doktor Cedric Stier hatten sie ein kleines, feines Transplantationszentrum aufgebaut und Oberärztin Doktor Gina Amsel hatte dem EKH einen guten Ruf in der Schilddrüsendiagnostik und -Chirurgie erarbeitet.
Schwester Ina hatte bei ihrer Einstellung nicht nur Personalwohnungen im Gepäck gehabt, im vergangenen Sommer hatte sie eine ehemalige Kollegin ans EKH gelockt. Nun hatte sie erfahren, dass die ProVida das hochmoderne Labor abstoßen wolle, um die Personalkosten zu reduzieren.

„Als würde ein externes Labor weniger kosten... und es dauert auch viel länger!“ Professor Haase schüttelte den Kopf. „Das ist doch alles Mist!“ Das in die Jahre gekommene Labor des Elisabeth-Krankenhauses war schon vor einem Jahr so gut wie aufgelöst worden, da sie ihre Proben ins KatHo schickten. Die kassierten dafür ordentlich ab, aber sie benötigten den Platz dringender für eine weitere Neuerung. Was wollte die StaBe noch?

„Von wegen, wir machen keine Fortschritte. Das waren mehr Veränderungen als in den vorherigen zehn Jahren!“ Professor Haase und Bernd Ullstein brüteten über den Akten. Die gewünschten neuen Forderungen – Bernd Ullstein schüttelte den Kopf. Er hatte die Statistiken gewälzt und geprüft, war sogar nach Erlangen, wo man bereits in gewünschter Form arbeitete, gefahren, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Das neue Konzept der StaBe führte zu nichts. Gut, weniger Kosten aber der Preis war hoch – denn den zahlten die Patienten.

Er war mittlerweile mit seinem Büro von Potsdam nach Berlin gezogen, zu wohl fühlte er sich in der Nähe des Elisabeth-Krankenhauses. Seit fast einem Jahr versuchte er nun den Spagat zwischen den Auflagen der StaBe und der Tätigkeit eines Klinik-Verwalters.

Nun hatten sie ein eigenes Konzept auf den Tisch gebracht. Nun ja, nicht ganz. Im Grunde war es das Konzept des Managers of Tomorrow. Marc hatte viel Anerkennung für seine Auszeichnung und das Portfolio erhalten – nun hatten sie es, in veränderter Form, der StaBe angeboten.

Sie, die Arbeitsgruppe, bestand natürlich aus Marc und ihm, dann Professor Haase und natürlich hatte auch Gina Amsel Interesse an der Zukunft. Mehr an der Moderne, sprich Arbeiten jenseits des Flohmarktbestandes, aber wenn sich jemand schnell mit neuer Technik vertraut machen konnte, dann war es sie. Und auch Cedric, der in der Vergangenheit von den Neuerungen profitiert hatte, ließ sich bei dem einen oder anderen Meeting blicken.

Marc war Feuer und Flamme für den Vorschlag von Professor Franz Haase, an seiner eigenen Idee zu forschen, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen und darüber zu habilitieren.

Punkt für Punkt waren sie Marcs Arbeit durchgegangen und hatten es auf Realisierbarkeit geprüft. Nun warteten sie auf eine Rückmeldung. Im besten Fall würden die Kliniken, die Bernd Ullstein betreute, als Forschungsobjekte ausgewählt. Andernfalls nur am Elisabeth-Krankenhaus das Pilotprojekt starten, aber das wäre eine deutlich unrentablere Variante. Aber immer noch besser als eine Ablehnung, die dritte Möglichkeit. Und wenn man sich das letzte Schreiben der StaBe ansah, war es auch die wahrscheinlichste.

Ein Teil dieses Projekts sollte Gretchen eine Option als niedergelassene Ärztin bieten. Erstmal hatte sie ihren Vertrag als Assistenzärztin in den einer angestellten Allgemeinmedizinerin gewandelt, doch der Plan war, ihr eine Allgemeinmedizinische Praxis einzurichten, um eine bessere Nachsorge für die Patienten zu gewährleisten. Mehr noch...
Die Notaufnahme war das Standbein des EKH, immer noch. Und da waren sich alle einig: Lange Wartezeiten für Menschen, die medizinische Hilfe benötigten, waren nicht akzeptabel.
Leider landeten immer mehr „unnötige Fälle“ in der Ambulanz, die genauso gut in einer Notfallpraxis behandelt werden konnten. Um genau diese sollte sich künftig Doktor Margarete Haase mit einer ans EKH angeschlossenen Praxis kümmern. Erstmal und versuchsweise in den Räumen der Notaufnahme. Aber Marc hatte schon passende Argumente aufgeschrieben, dass sich die Schaffung einer Allgemeinmedizinischen Notfallpraxis durchaus lohnen könnte.

***
„Und Du bist sicher, dass Du nicht sofort wieder im OP stehen willst?“ Gerade kleisterten die beiden Chirurgen die neue Tapete an die Küchenwand, während Mehdi auf dem Balkon die Holztüren abschliff.
„Ganz sicher, wenn Martin weg ist, konzentriere ich mich voll und ganz auf meine Habilitation.“

Außerdem würde er Weihnachten auf Rügen verbringen. Gretchen hatte sich bereit erklärt, über die Feiertage die Bereitschaft der Praxis Carstensen zu übernehmen, sozusagen als Abschiedsgeschenk für ihre Kollegen in Köln. Dann konnten die wenigstens schön Weihnachten feiern. Silvester wollten Marc und sie zusammen in Berlin feiern. Gerne erinnerten sie sich an ihr persönliches Silvesterfeuerwerk im Juli in Köln.

Nun sollte es richtig sein.

Ein Feuerwerk für ihr gemeinsames Leben.

Karo Offline

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22.11.2020 13:46
#419 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Dezember 4.2 – Feuerwerk für ein gemeinsames Leben.



Sie standen auf dem Balkon des Hotel Adlon am Brandenburger Tor und beobachteten das Treiben auf der Partymeile. Es waren nur noch ein paar Minuten bis Mitternacht, man sah bereits vereinzelte Raketen am Berliner Nachthimmel. Der Balkon füllte sich nun stetig. Sie hatten sich schon frühzeitig auf den Balkon verdrückt, um einen guten Blick zu haben. Besonders das Feuerwerk war ihnen wichtig.
„Und das hat Deine Mutter bezahlt?“ Gretchen konnte sich das kaum vorstellen. Zwei Nächte in einer luxuriösen Suite, Sterne-Küche in Form von unterschiedlichsten Gänge-Menus, Frühstücksbuffet und Nutzung des Spa-Bereichs. Nicht zu vergessen der Silvesterball mit dem Motto „The Golden Twenties“.
„Ja – ich hatte etwas anderes zu bezahlen.“
„Hä? Was denn?“
„Unsere Zukunft, Gretchen.“ Zögernd griff er in seine Manteltasche. „Ich habe...“
„Madame...?“ Ein Kellner hielt ihnen zwei Gläser Champagner hin. „Zum Anstoßen, gleich ist es soweit...“

(„Blödmann...“)

(„Idiot!“)

(„Na gut, dann später...“)


„Vervollständigst Du Deinen Satz heute noch?“ Gretchen lächelte ihn fröhlich an.
„Zehn – neun – acht...“ Das neue Jahr wurde angezählt.
„Nächstes Jahr – bestimmt.“
„Drei – zwei – eins...“ Rund um das Brandenburger Tor jubelten mehrere Hunderttausend Menschen dem neuen Jahr zu. Die Gäste des Hotel Adlon, die sich einen Platz auf dem engen Balkon sichern konnten, taten es dem Volk der Partymeile gleich. Nur zwei Menschen standen still in einem innigen Kuss versunken.
„Frohes neues Jahr, Marc.“
„Dir auch, Prinzessin. Ein frohes neues Jahr.“
Die Kristallgläser stießen aneinander, Blicke fanden sich. Hielten sich fest. Lippen trafen sich. Immer wieder. Marc hielt seine schöne Freundin fest umschlungen, seine Hände hielten ihre warm, während sie das Feuerwerk genossen.
Angesichts der Kälte draußen und der exklusiven Party drinnen leerte sich der Balkon schnell wieder.

(„Jetzt oder nie...!“)

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er erneut in seiner Jackentasche nach der kleinen Dose griff. Gretchen spürte seine Aufgeregtheit, konnte diese allerdings nicht zuordnen. Dann sah sie, was er in den Händen hielt und auch die Frequenz ihres Herzschlags stieg an, nachdem das Organ mehrere Male aufgeregt und unkontrolliert geschlagen hatte. Sie sah auf zwei gelbgoldene Ringe mit einer matten, unregelmäßigen Oberflächenstruktur. Der eine Ring hatte sich etwas in seiner Position gedreht und als Marc ihn wieder geordnet hatte, erkannte Gretchen, was es mit dem eigenartigen Muster auf sich hatte. „Marc...?“
„Nein, Prinzessin. Das ist ein Herz.“ Vorsichtig nahm er den kleineren Ring und steckte ihn an ihren linken Ringfinger. „Zum Beginn unseres gemeinsamen Lebens.“
Ohne zu zögern griff Gretchen nach dem etwas größeren Ring und nach Marcs linker Hand. Als das Schmuckstück an seinem Bestimmungsort saß, führte sie die Chirurgenhand an ihre Lippen.
„Weißt Du dass Du verrückt bist und ich Dich total liebe?“
Seine Antwort war ein Kuss, der ihr gleiches bestätigte.


Er hatte ihre Mäntel weggebracht und sah sie an, wie sie sich mit dem Ehepaar unterhielt, das mit an ihrem Tisch gesessen hatte.
Sie sah so hübsch aus. Ganz dem Motto „The Golden Twenties“ entsprechend in goldenem Glitzerkleid und Spangenschuhen aus goldenem Brokat. Außerdem hatte sie sich eine opulente Perlenkette ihrer Mutter geliehen. Ob sie gefragt hatte? Das Make Up war dezent, nur ihre Lippen und Wimpern hatte sie betont. Der Knaller waren die Wasserwellen, die das Friseurteam des Hauses in ihre Locken gezaubert hatte.
Jetzt bemerkte sie, dass er sie beobachtete.

(„Er sieht so gut aus!“)

Vermutlich würde sie ihn nie wieder so sehen – im Stile eines Great Gatsby. Zweireiher, Weste und vor allem diese Schuhe: Two Tone Brogues. Den Bart hatte er bis auf den zeitgemäßen Oberlippenbart abrasiert und die Haare waren streng geseitenscheitelt. Das Wort hatte ihn herrlich zum Lachen gebracht.

Er gesellte sich zu Gretchen und dem netten Ehepaar. Der Mann nickte ihm anerkennend zu. Marc war ratlos. „Das Gescheiteste, dem Mädchen einen Ring anzustecken...“ Raunte ihm der Herr im Al Capone-Stil zu und Marc lachte.

„Musstest Du es ihnen gleich zeigen?“ Er zog sie nur auf.
„Nein, sie haben es von alleine bemerkt.“ Sie wirkte nicht so, als würde sie scherzen. „Wirklich, Marc.“
„Schon gut, Prinzessin.“
Sie zog seine Hand zu sich und betrachtete glücklich die Ringe an ihren Fingern. „Ich hätte nie gedacht, dass Du solche Ringe wählen würdest, aber das Herz sieht man wirklich nur, wenn sie exakt nebeneinander sind.“
„Also bist Du zufrieden?“

Er hatte lange überlegt, wie die Ringe aussehen sollten. Hoffentlich würde ihm spontan etwas ins Auge fallen – so wie damals in Zürich. Da war er sich von Anfang an sicher gewesen, dass der blaue Topas nur für Gretchen gemacht worden war.


Diese Ringe hatte er Weihnachten auf Rügen entdeckt, sie waren ihm wegen der unregelmäßigen Oberfläche ins Auge gefallen. Bei Gretchen und ihm war auch nicht alles glatt verlaufen, vermutlich weckten sie deswegen seine Aufmerksamkeit. Das mit dem Herz hatte der Juwelier ihm erst später gezeigt, da war er schon fast zum Kauf entschlossen gewesen. Das war ein K.O.-Kriterium. Wenn er daran dachte, einen Ring zu tragen, dann definitiv keinen mit einem Herz.
Doch nun war es so. Die Ringe waren ihm nicht aus dem Kopf gegangen und bevor er nach Berlin zurückfuhr, machte er den Weg rauf nach Sassnitz.
„Wehe, Du heiratest sie bevor ich sie kennengelernt habe.“ Die warnenden Worte seiner Oma, als er sich von ihr verabschiedete.


„Ja, total. Ich hätte nie gedacht, dass Du sowas wie ein Herz tragen würdest.“ Sie strahlte, wie nur sie strahlen konnte. Das Blau ihrer Augen sprühte Funken, fast wie das mitternächtliche Feuerwerk.
„Ich auch nicht. Furchtbar, was sowas wie Liebe mit einem macht...“
„Ich bin dabei...“ Sie grinste ihn zweideutig an.
„Bitte?“ Er verstand nicht, was sie wollte.
Doch sie konnte klären: „Sagtest Du nicht was von Liebe machen?“

Karo Offline

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29.11.2020 22:13
#420 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Januar 1.1 - Cafeteria



Herzlich Willkommen und ein gutes Neues Jahr für Sie alle.

Wir sind mit gut gefüllter Notaufnahme in das neue Jahr gestartet – von einem ruhigen Jahreswechsel können wir hier nicht sprechen. Etliche Brandverletzungen unterschiedlichster Schwere, Lebensmittelvergiftungen einer Partygesellschaft, zwei Verkehrsunfälle und das schönste in der Auflistung: zwei gesunde Neujährchen im Kreißsaal.
Es wartet also direkt viel Arbeit auf uns – welch ein Glück, dass wir ab heute Unterstützung bekommen. Ich freue mich sehr, dass meine Tochter, Doktor Margarete Haase als Ärztin ans Elisabeth-Krankenhaus zurückkommt. Doktor Haase hat in der Zwischenzeit ihren Facharzt für Allgemeinmedizin erlangt und ist für Palliativmedizin, Naturheilverfahren und Homöopathie von der Ärztekammer zugelassen. Wir erhoffen uns von diesen Fachrichtungen eine umfassendere Vor- und Nachversorgung unserer Patienten. Zusätzlich soll Doktor Haase die Notaufnahme entlasten. Der Arbeitsvertrag mit Doktor Haase sieht vor, dass Sie jede Unterstützung bei ihrem Komplementärstudium erhält, welches im Blockunterricht stattfinden wird.

Mitarbeiter im beruflichen Weiterkommen zu unterstützen, diesen Anstoß zum Umdenken hat Doktor Meier bereits vor zwei Jahren gegeben, als er unsere Schwester Sabine bei ihren Umschulungsabsichten unterstützt hat.

In den letzten Wochen haben Sie vielleicht bemerkt, dass sich im Erdgeschoss etwas getan hat. Die alten, seit Monaten leerstehenden Laborräume und ein Teil der alten Radiologie wurden kernsaniert und werden demnächst in neuem Glanz einer Praxis für Physiotherapie erstrahlen. Dann werden wir in der Lage sein, unsere und natürlich auch externe Patienten auch nach einer Entlassung im Rahmen einer ambulanten Reha physiotherapeutisch weiter zu betreuen.

Außerdem möchte ich Ihnen zwei neue Kollegen vorstellen, deren Wirkungsstätte allerdings in den Laborräumen des Katharinen-Hospitals sein wird. Frau Linda Lindt-Wurm und Doktor Mirko Ammeis stehen nicht länger auf der Gehaltsliste des Nachbarn sondern werden von nun an in unserem Interesse arbeiten. Natürlich bleibt das Labor für Fremdproben geöffnet, denn gerade schnelle und zuverlässige Labordiagnostik lässt sich gut verkaufen. Herzlich Willkommen an die beiden Neuen im Team.

Ich erhebe mein Glas auf Sie alle, auf ein mittelprächtiges vergangenes und hoffentlich ein gutes neues Jahr. Zum Wohl liebe Familie des Elisabeth-Krankenhauses.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.418

29.11.2020 22:23
#421 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Januar 1.2 – Der „erste Alltag“



„Hallo mein Schatz.“
Fröhlich kam sie zur Tür herein. Er hatte schon auf sie gewartet, gespannt, was sie sagen würde.


Seine Möbel waren bereits seit Mitte Dezember in der Wohnung – die Möbelpacker hatten sie einfach irgendwo abgestellt. Irgendwo war dummerweise der als Schlafzimmer vorgesehene Raum gewesen und so hatten Marc und Gretchen die ersten Nächte auf der Matratze auf dem Fußboden geschlafen. Marc hatte das Angebot seiner Mutter abgelehnt, in ihrem Haus zu bleiben, bis die Wohnung eingerichtet sei. Daraufhin hatte sie ihren Sohn mit dem Silvesterarrangement im Hotel Adlon überrascht. Erst hatte er vermutet, sie hätte das sich für sich und Professor Neuroth gebucht und irgendwas wäre dazwischen gekommen, aber dann war ihm eingefallen, dass die beiden davon gesprochen hatten, Neujahr in Paris zu verbringen. Gretchen hatte glänzende Augen bekommen. „Paris? Da wollte ich auch immer hin!“


„Wie war Dein erster Tag?“
„Es war wie nach Hause kommen.“ Sie schnupperte. Hatte er gekocht?
„Du kommst gerade erst nach Hause...?“
„Ich muss ein Glückspilz sein – wann kommt man schon mal an einem Tag zweimal an unterschiedlichen Orten nach Hause?“
„Ich hoffe, Du hast sie nicht so geknutscht, wie mich gerade?“
„Ein Küsschen für Papa geht hoffentlich durch?“ Sie blinzelte ihn fröhlich an. Dann sah sie an ihm vorbei...
„Oh je... hast Du das alles alleine gemacht?“ Sie stand staunend im Türrahmen. Das Schlafzimmer war so, wie sie es besprochen hatten.
„Bist Du verrückt? Ich bin Chirurg...“ Er lachte. Cedric und Mehdi waren gemeinsam mit Thilo zur Hilfe angerückt. Auch die sperrige Couch hatte ihren neuen Platz in der Küche bekommen. Wie vermutet, war es eng, aber sie mochten es so. Bekannt und vertraut. Von Zürich und von Hamburg.
„Köln“ war raus, Gretchen hatte der Einfachheit halber dem Nachmieter sämtliche Möbel angeboten – er hatte begeistert eingewilligt und einen mehr als fairen Preis bezahlt.

Alles Unausgepackte befand sich im vierten Zimmer, das sie als Gästezimmer einrichten wollten – es war nicht davon auszugehen, dass Fritz oder Christian nach Deutschland kämen, aber ganz wollten sie die beiden nicht aus deren Wohnung vertreiben. Sie ließ sich auf die Couch fallen und lachte. „Na Hauptsache, Du kannst Fußball gucken.“ An der Wand hing der überdimensionale Flat TV Screen.
„Winterpause, Hasenzahn.“
„Aber... sie entdeckte etwas anderes. Es passte zu der Information, die ihre Nase bereits ans Gehirn geliefert hatte. „Du hast wirklich gekocht?“

Ein schön gedeckter Tisch stand bereit, dass sich Menschen daran niederließen. In dem Fall setzte sich Gretchen und Marc holte das Essen.
„Lasagne – großartig.“
„Du hast ja noch nichts probiert...“

(„Und wehe, das ist nicht mehr als großartig!“)

„Oh Mann, das ist mehr als großartig!“

(„Sag ich doch!“)

„Das ist das Rezept meiner Oma! Ich behaupte, dass ich es gut hingekriegt habe, allerdings schmeckt die Lasagne auf Rügen einfach am besten.“
„Ich hoffe, Du wirst sie mir irgendwann vorstellen.“
„Die Lasagne meiner Oma?“
„Von mir aus auch die. Und wehe, die ist nicht so gut wie angekündigt.“

Sie hatten ihren Spaß und Gretchen erzählte von ihrem ersten Tag. Gina hatte sie gleich als Assistenz für eine Blinddarm-OP angefordert.
„Gina war total überrascht, dass ich das einfach so locker wegoperiert habe.“
„Blinddärme konntest Du von Anfang an, das habe ich auch schnell gemerkt.“
„Und hier ist es ein Kinderspiel – ich habe mehrere davon in Sanssouci gemacht.“
„Das ist nicht Dein ernst?“
„Doch – mir blieb ja nie was anderes übrig.“ Sie zuckte die Achseln. „Mit dem Material von hier war das kein Problem.“
„Wie viele Anästhesisten haben wir nach Sanssouci geschickt?“ Marc sah sie mit offenem Mund an.
„Man kann das berechnen – vor allem wenn man keine Wahl hat.“
„Und keine gefälschten Medikamente erwischt, die im besten Fall keine Wirkung – weder positiv noch negativ – haben.“
„Was ist denn eigentlich mit Martins Besuch gewesen?“
„Ach... Ullstein und ich waren uns einig, dass die Diakonie keinen Bock mehr darauf hat. Ich glaube, denen werden die Gehälter zu teuer. Streichen können sie schlecht, sie müssen sich an Vorgaben halten. Sie verweigern einen dritten Lehrer, wenn nicht das Schulgeld erhöht wird.“
„Sind die verrückt? Dann kommen doch wieder weniger zur Schule...“
„Da war auch mit Martin nicht zu verhandeln. Er ist stolz darauf, dass wieder zwei seiner Schüler an der Universität angenommen wurden. Die ja auch finanzielle Unterstützung von Sanssouci erhalten. Passte den Betschwestern auch nicht.“
„Red´ nicht so über die Kirche.“
„Solange sie Wasser predigen und Wein saufen...“
„Marc...!“
„Ja, was denn? Die schicken außer Geld nichts mehr darunter. Früher haben sie noch die Waren von Sanssouci abgenommen und hier verkauft. Ist denen auch zu teuer.“
„Dann machen wir es halt.“
„Hat Ullstein auch gesagt, also dass er sich das mal durch den Kopf gehen lässt, ob wir das an regelmäßige Spender verschenken können oder eben auch über die Infostelle im EKH verkaufen können. Vermutlich benötigt man dafür wieder Genehmigungen.“
„Dann soll das EKH die Sachen selbst nutzen. Ich meine, die Cafeteria ist doch für ihre experimentierfreudigen Ansätze bekannt.“ Sie grinste. „Ich habe mir den Raum unten angesehen – gefällt mir gut. Wer aktualisiert das?“
„Sabine. Das lässt sie sich absolut nicht nehmen.“
„Sabine Gummersbach...“ Das Grinsen wurde noch breiter.
„Sie hat bereits einen neuen Vertrag für die Physiopraxis unterschrieben. Wir wollen es zweigleisig versuchen – sowohl auf den Stationen als auch in der Praxis...“
„Ihr wollt...?“ Gretchen lachte. „Du hängst schon voll mit drin. Marc Meier – wehe Du kommst mit Deiner Habilitation ins Schleudern!“
„Aber genau darum geht es doch.“
„Ums Schleudern?“
„Hasenzahn...“

Gretchen räumte nachdenklich den Tisch ab. Dann setzte sie sich Marc gegenüber. „Ich bin eine schlechte Freundin – ich weiß, dass Dein Thema mit dem Beitrag von Frankfurt zusammenhängt und Du deswegen auch bei Stangl und Bertrand in der Zentrale warst. Aber nach dem Thema an sich habe ich Dich nie gefragt. Das tut mir sehr leid. Erzählst Du mir davon?“

Marc selbst war das noch gar nicht aufgefallen, doch als Gretchen ihn jetzt entschuldigend ansah, merkte er, dass sie Recht hatte. Er lachte und nickte zur Couch. „Jetzt wo Du es sagst... weißt Du, ich rede so viel mit anderen darüber, da bin ich wohl froh, wenn ich mal mit einem Menschen auch über was anderes reden kann. Tut mir auch Leid, Prinzessin.“

Den Abend verbrachten die beiden redend auf der gemütlichen Eckcouch. Marc hatte sein Notebook geholt und zeigte Gretchen seine Arbeit.

Quo vadis Medicus - Von den Anfängen der Medizin bis zur Gegenwart und eine Zukunftsvision.

„Aber selbst den Titel muss ich noch verändern. So kann ich den nicht stehen lassen.“
„Wobei ich gerade das „Quo Vadis Medicus“ gut finde. Es deutet schon an, dass es so nicht weiter gehen kann.“
„Hm...“
„Du beziehst doch im Laufe der Arbeit jede Komponente mit ein. Ihr habt eine Allgemeinmedizinerin mit Faible für Naturheilkunde eingestellt und arbeitet an einer eigenen Reha-Möglichkeit. Die Cafeteria, generell das Thema Ernährung. Was kommt noch?“

„Wie meinst Du das?“

„Das Labor, Marc. Und denk an das Wohnhaus. Papa erwähnte, dass er sich eine zuverlässige Kinderbetreuung wünscht... Ihr bereitet nicht nur neue Wege für Patienten, sondern auch für die Angestellten. Ich meine, das war schon immer Papas Devise – nur zufriedene Angestellte sind gute Angestellte. Dann rennen sie von alleine. Ihm war auch schon immer der medizinische Nachwuchs wichtig – gute Ausbildung für gute Leute. Welche Rolle spielt das Engagement für Sanssouci? Spielt es überhaupt eine Rolle in dem Ganzen? Ich behaupte ja. So Einrichtungen wie die Charité mögen forschen und jedes Jahr einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde bekommen aber...“
„Was bekommen die?“

„Naja hier... so einen Preis... Einstein – Nobel – Preis...“
Marc lachte.
„Ist ja auch egal. Dafür haben sie Massenabfertigung. Ich wette, dass kaum ein Patient sich an die Gesichter des Personals erinnern kann. Bei uns in jedem Fall. Das EKH hat viele Gesichter – Sanssouci ist eins davon. Außerdem haben wir da auch erfahren, dass die traditionelle Medizin genauso ihre Berechtigung hat. Medizinisch mag man sie anzweifeln, da darf jeder seine eigene Meinung haben. Aber da unten bleibt so gut wie jedem die westliche Medizin vorenthalten – sie ist weder verfügbar noch erschwinglich. Und ob sie damit umgehen können, sei mal dahingestellt.“

„Du bringst mich da echt auf einen weiteren Aspekt. Eine Idee...“ Marc schob sich das Notebook zurecht und änderte den Titel.

Quo vadis Medicus

“Unfall/Chirurgie und Rehabilitation
– ganzheitlich und aus einer Hand“ –
Kliniken im Wandel
Chancen und Risiken unter dem Aspekt Kosten und Nutzen für alle Beteiligten.


„Was hältst Du davon?“
„Sehr gut. Das bist Du. Ich meine, die Unfall/Chirurgie. Und Dein Interesse an den Kosten.“ Gretchen kicherte. „Was hast Du mir nicht immer für Moralpredigten gehalten, wenn ich Deiner Meinung zu teuer behandelt habe.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Dann stellte sie das Notebook auf den Tisch und kuschelte sich selbst auf Marcs Schoß und an ihn an. „Aber, sag mal – Herr Professor – hast Du eben „ganzheitlich“ geschrieben? Schulmedizin und alternative Heilmethoden als wissenschaftliche Studie? Wo Du der klassische Schulmediziner bist?“
„Der neuerdings mit einer Frau zusammenlebt, die in allen Medizinrichtungen zu wandeln scheint.“
„Ach... Dir geht es nicht um mich oder um uns? Du willst nur mit mir zusammenleben um mich zu benutzen? Wissenschaftlich, meine ich.“
„Benutzen – vielleicht. Aber wissenschaftlich...? Hasenzahn, da musst Du erstmal mit Deinem Landwirtschafts-Studium Erfolg haben...“
„Ich gebe Dir gleich Landwirtschafts-Studium...“ Sie beendeten das Gespräch mit einem ausgiebigen Kuss.

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