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Karo Offline

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Beiträge: 1.315

17.03.2020 22:59
#376 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Juli 1.1 - Cafeteria



Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herzlich Willkommen liebe Gina. Es kommt mir so vor, als hätten wir Dich gerade erst in den Schwangerschaftsurlaub entlassen und jetzt kommst Du schon zurück in den OP. Ich bin sehr froh, dass Du unsere Chirurgie wieder unterstützt, wenn auch nur stundenweise.

Eine weitere personelle Veränderung gibt es auf der Chirurgie: Frau Doktor Brickmann wird sich als Oberärztin ab sofort wieder voll auf die Belange der Notaufnahme konzentrieren können. Vorstellen brauche ich Ihnen unseren neuen Oberarzt für die Chirurgie nicht, denn Doktor Kalila kam bereits im letzten Jahr auf Empfehlung von Doktor Meier aus Zürich zu uns. Im Dezember hat er – nach vielen bürokratischen Rückschlägen – die Facharztprüfung bestanden. Schon länger war Doktor Kalila unser Wunschkandidat für die Oberarztstelle, seit letzter Woche – endlich – verfügt unser geschätzter Kollege über eine unbefristete Aufenthalts- und Beschäftigungsgenehmigung. Nach nun vier Jahren in der Warteschleife arbeitet Doktor Kalila wieder in der Position, die er vor seiner Flucht aus Ägypten schon vier Jahre in seiner Heimat innehatte. Herzlichen Glückwunsch zu der wohlverdienten Beförderung. Sie haben sich diese Position wirklich hart und geduldig erarbeitet.


Das empfanden wohl auch die Kollegen so, denn ein lange anhaltender Beifallssturm unterbrach die Ansprache des Chefarztes. Der ließ sich das gerne gefallen. Der Ägypter war aufgrund seiner Freundlichkeit im Kollegium sehr beliebt. Seine tragische Geschichte fand heute einen gerechten Wendepunkt. Und wer stand am Anfang von dieser Wende? Natürlich Doktor Meier. Das war nun schon die zweite gelungene Einstellung, die der Wahl-Hamburger alleine zu verantworten hatte. Schwester Ina war ebenfalls ein Zufalls-Glücks-Griff gewesen. Auch Doktor Schattmann war eine gute Wahl gewesen, die hatte aber Marc in Absprache mit Bernd Ullstein getroffen. Nun war auch Gina wieder im Team, wenn auch nur stundenweise. Das EKH schaffte es immer wieder, gutes Personal zu bekommen!

Nur Doktor Brickmann war nicht begeistert gewesen, als er ihr vor wenigen Tagen mitgeteilt hatte, dass er sie lediglich für die Notaufnahme plante. Da war sie gut. Auf der Chirurgie verursachte sie einfach nur Chaos und Durcheinander. Bernd Ullstein hatte ihm erzählt, dass Marc Meier von Anfang an gesagt hatte, die Chirurgin nicht über ihren Probevertrag hinaus einzustellen. Aber damals hatten sie keine andere Alternative gehabt. Sein Protegé schien ein gutes Gespür für Mitarbeiter zu haben.

Der Applaus wurde weniger und der Professor signalisierte, dass er weiter sprechen wollte.

Vielleicht wissen Sie schon, dass ich Mitte des Monats Urlaub habe. Fragen Sie mich – warum? Nun, unser geschätzter ehemaliger Leitender Oberarzt steht in der Auswahl für einen Sonderpreis, den ein europäisches Business- und Wirtschaftsmagazin ausgelobt hat. Er gehört zu den drei Anwärtern auf den Titel „Manager of tomorrow“, der erstmals verliehen wird und sich an Nachwuchsführungskräfte und ihre Zukunftsvisionen richtet.

Ich habe das gut 400seitige Script Korrektur lesen dürfen und ich verwette 1000 Euro für die Trinkgeldkasse, wenn Doktor Meier diese Auszeichnung nicht erhält!
Damit hebe ich mein Glas – besonders auf Ihr Wohl, Doktor Kalila. Prost.

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


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24.03.2020 18:54
#377 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

FRANKFURT


Juli 2.1 – Manager of Tomorrow 1



„Seit vielen Jahren zeichnen wir jedes Jahr besondere Führungspersönlichkeiten aus. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Glanzleistungen, auch Konfliktlösungen, Krisenmanagement und Innovationsmut zählen unter die vielfältigen Bewertungskriterien für den „Manager of Today“. In diesem Jahr haben wir uns auf neues Terrain gewagt – auch wir dürfen mit unserem Magazin nicht stehen bleiben. Ich möchte Ihnen jetzt drei Herren vorstellen, die Finalisten für den Preis des "Manager of Tomorrow". Sie haben sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise Gedanken über die Zukunft gemacht.

Die meisten von Ihnen halten ein Programmheft in der Hand oder auf dem Schoß. Nun stellen Sie sich dieses Faltblatt vor – ohne ein gedrucktes Wort. Vielleicht enthielte das Blättchen nur einen QR-Code, zum digitalen Abrufen der Informationen zum heutigen Abend. Vielleicht würde Ihr Smartphone auch alle Daten empfangen, sobald sie dieses Gebäude betreten. Wie würden Sie einkaufen, wenn die Umverpackungen keine Daten liefern, nur ein Code zum Abruf? Wie würden Sie Autofahren? Ohne Hinweisschilder. Für mich wäre die schlimmste Vorstellung ohne Bücher und Zeitungen zu leben. Ferdinand Sinclaire hat sich genau damit beschäftigt – eine Welt ohne das gedruckte Wort!

Klaus Oscar Heller schießt die Menschen nicht zum Mond aber auf irgendeinen Planeten um diesen zu besiedeln. „Ihr habt noch eine Chance“ beschäftigt sich mit dem Menschen und seiner Lernfähigkeit – oder Nichtlernfähigkeit.
Homo sapiens – der verstehende, verständige, weise, gescheite, kluge, vernünftige Mensch. Wäre er mehr homo oder mehr sapiens? Würde der Mensch aus Fehlern lernen? Wie steht es um die Macht der Gewohnheit? Gleichgültigkeit gegen oder Verantwortung für die eigene Gesundheit? Zigaretten? Kernkraftwerke oder nur erneuerbare Energien? Umweltverschmutzung oder Umweltbewusstsein?
Wäre der Planet Untertan oder Partner?

Und Doktor Marc Meier fragt, ob die moderne Medizin noch den Patienten im Sinn hat oder nur noch Sklavin des Geldes ist. Reglementieren Gesetze die Medizin zu Tode? Ist Überfluss tatsächlich günstiger, wenn das Über ungenutzt verfließt? Zu welchem Arzt muss das Gesundheitssystem oder ist es bereits tot?

Die immer schnellere Digitalisierung der Medien
Die Lernfähigkeit des Menschen
Der langsame Tod von dem, was eigentlich gesund machen soll

Wir hatten elf Beiträge in der engeren Wahl. Anfangs war nicht abzusehen, welche Ideen sich durchsetzen würden. Die Jury hat in mehreren Runden nach dem Ausschlussprinzip entschieden.“

Auf der großen Leinwand erschien ein Kreisdiagramm, welches die Stimmenverteilung auf 11 Beiträge darstellte. Bis auf zwei Farben schienen alle relativ ausgeglichen zu sein. Das Diagramm veränderte sich und zeigte die Stimmen bei acht, dann bei sechs verbliebenen Projekten. Ein Raunen ging durch die Menge, denn das blaue Tortenstück wuchs auf 43,2 Prozent an. Mit der Reduzierung auf die drei vorgestellten Ideen wuchs der Anteil des blauen Feldes auf sage und schreibe 68 Prozent. Es waren anerkennende Pfiffe zu hören, andere klatschten. Das Ergebnis war eindeutig.

Doch welches Projekt war der Art überlegen? Die Spannung stieg ins Unermessliche.

(„Das ist mein Sohn, der da vorne steht. Contenance, Elke. Flipp gleich bloß nicht aus. Wenn er es sein sollte. Wer denn sonst? Ich weiß es, es kann nicht anders sein. So wie damals, dem ersten Rogelt-Band blieb auch nichts anderes übrig, als ein Erfolg zu werden.“)

(„Er ist mindestens 10 Jahre jünger als seine Konkurrenten. Es wäre vermessen, an einen Erfolg zu glauben. Quatsch, Du hast das Script gelesen. Es hat Dich umgehauen und Du weißt seit Jahren, zu welchen Leistungen dieser Mann fähig ist. Und er wirkt nicht mal nervös.“)

(„Eine Schande, dass der Alte ihn ausgeschlossen hat. Mit ihm wären uns die Forschungsgelder sicher gewesen. Ob sich das verkaufen lässt? Ob irgendein Klinikverband den Mut hätte, sich in einigen Punkten umzustellen? Er sieht gut aus. Jung. Und Elke platzt gleich vor Stolz!“)

(„Leute, macht vorwärts, ich muss pissen!“)

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


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24.03.2020 19:01
#378 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

FRANKFURT


Juli 2.2 – Manager of Tomorrow 2



Die Party war grandios gewesen. Das empfand selbst Marc, der vor solchen Begebenheiten gerne in Sicherheit brachte. Doch das konnte sich der Manager of Tomorrow nicht leisten.

In seinem Kopf tanzten die Gedanken weiter, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er war mit Abstand der Jüngste im Bewerberfeld gewesen. Marc war gespannt, was die Presse daraus machen würde. Vor Jahren war er der Junge Wilde gewesen, der jüngste Oberarzt. Auch hatte es nie einen jüngeren Leitenden Oberarzt gegeben. Seit wenigen Monaten durfte er sich außerdem Jüngster Medizinischer Direktor nennen. Und nun reihte sich der nächste Titel an. Manager of Tomorrow.

Seine Mutter war mit nach Frankfurt gekommen, ebenso hatten es sich Professor Haase und auch Professor Neuroth nicht nehmen lassen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Elke und der Schweizer schienen sehr vertraut zu sein. Und wenn schon...

Wo war sie? Wo war seine Vertraute? Wäre sie stolz auf ihn gewesen? Bestimmt wäre sie die schönste Frau des Abends gewesen – und alle Männer hätten ihn beneidet. Um die schönste Frau der Welt! Nicht um den Titel, der war egal.

Idiot! Der Titel bleibt, die Frau ist schon lange weg!

„Ich bin kein Egoist. Im Gegenteil. Mit ihr würde ich alles teilen wollen. Vor allem mein Leben. Für sie möchte ich da sein. Sie verdient es, glücklich zu sein. Sie ist der beste Mensch, den ich kenne.“

Du Idiot, hast es beendet.
Du packst es aber auch wieder an.
Sehr blöd.
Sehr mutig.


Es wurde Zeit, mutig zu sein! Marc sprang aus dem Bett und fühlte nach dem Papierschnipsel. Eine Ecke des Programms. Die Handschrift von Professor Haase. Mit einer Adresse. Ihrer Adresse. Er musste sie sehen. Vielleicht war es noch nicht zu spät.
Der Beitrag zur Zweiten Chance hatte mit 20% den zweiten Platz belegt.

(„Ich bezweifle, dass der Mensch einen anderen Planeten sinnvoller besiedeln würde. Aber ich fahre ja auch nur nach Köln.“)

(„Ich hoffe sie gibt mir eine Chance.“)

Karo Offline

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24.03.2020 19:04
#379 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.3 – Der erste kleine Schritt



Die Idee war ihm gestern Morgen spontan eingefallen, als sie in Frankfurt gelandet waren. Ein Plakat mit dem Kölner Dom im Feuerwerk hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Besuchen Sie die Kölner Lichter – mit dem ICE in 45 Minuten.

Warum auch immer, er hatte nur den Hinflug gebucht. Wiederholt blickte er auf das Display seines Handys und seine eigene Nachricht.

„Guten Morgen, ich bin auf dem Weg nach Köln – gestattest Du mir, dass wir uns sehen?“

Von Professor Haase hatte er erfahren, dass Gretchen von der Veranstaltung in Frankfurt wusste. „Ich soll Ihnen Grüße ausrichten, Doktor Meier. Sie drückt zwischendurch mal einen Daumen – vielleicht auch zwei.“ Er hatte das Programmheft genommen und ihre Adresse aufgeschrieben.

„Ja.“

Hinkelsteine fielen zu Boden, Marc wunderte sich, dass der Zug unbeeindruckt weiterfuhr. Sein Smartphone meldete den Eingang einer weiteren Nachricht. Sie schickte einen Link.

Karo Offline

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24.03.2020 19:09
#380 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.4 – Wiedersehen



Endlich! Sie kam auf den Tisch zu, an dem er seit 40 Minuten wartete. Qualvolle Minuten, in denen er oft geglaubt hatte, dass sie es sich anders überlegt hätte. Sein Herz schlug aufgeregt.

(„Sie sieht gut aus!“)

(„Scheiße... welche Begrüßung ist denn jetzt angemessen?“)


Sie umarmte ihn einfach. Es war offensichtlich, dass sie sich freute, ihn zu sehen. „Du siehst gut aus, Marc.“

Er mochte es, wenn sie seinen Namen sagte. „Du auch, Gretchen. Wenn es Dir nur halb so gut geht, wie Du aussiehst...“

Sie unterhielten sich über unverfängliche Themen. Gretchen erzählte von ihrer Wohnung, ihrem Job, dem Sport. Marc dagegen berichtete von seiner Arbeit, von den großen Schiffen, die er gerne auf der Elbe beobachtete, von dem Bootsführerschein, den er machte. Auch von der großen Langeweile, die er in der Klinik empfand.

„Wie war es denn gestern?“ An seinem zufriedenen Lächeln erriet sie die Antwort. Sie kam um den Tisch herum und küsste ihn auf die Wange. „Ich gratuliere Dir, Marc.“
Dann etwas nachdenklicher – ernsthafter. „Warum wolltest Du mich sehen?“

(„Weil ich Dich vermisse. Weil ich Dich wieder haben will. Weil ich Dich liebe!“)

„Du schuldest mir ein Feuerwerk!“ Er sah sie direkt an.
„Was?“
„Silvester hatte ich eine Freundin, aber das Feuerwerk musste ich alleine ansehen.“
Sie schwieg und er sah, dass sie nachdachte.
„Entschuldige, bitte. Das ist mir gerade so rausgerutscht. Ja, ich wollte Dich sehen. Du weißt wohl mittlerweile von der Hochzeit Deiner Kusine?“

Sie schnitt eine Grimasse.

„Ich wollte nicht, dass wir uns da wiedersehen, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben.“
„Ich habe auch schon daran gedacht. Also an unser Wiedersehen, nicht an die Hochzeit. Das wird eh eine Katastrophe...“ Sie erzählte Marc von der Mail, die sie ein paar Tage zuvor bekommen hatte. „Deswegen muss ich auch bald los – eine Schneiderin misst die erforderlichen Angaben. Wenn ich das selbst mache, dann wird mir ein Sack genäht.“
„Ein rosa Sack.“ Marc lachte. Die Brautjungfern würden alle das gleiche Kleid tragen – in zartem rosa mit ein bisschen Glitzer.

„Weißt Du, dass meine Wohnung rosa-frei ist?“
„Das kann ich kaum glauben.“
„Hm. Komm mit – das Ausmessen geht schnell. Dann zeige ich es Dir.“
Natürlich lud er Gretchen zum Frühstück ein. Während er zahlte, wartete sie vor dem Café, telefonierend.

(„Ob sie mit jemandem zusammen ist?“)

Bestimmt ist sie das. Gretchen alleine geht doch gar nicht.
Das genau war ihr Bestreben. Alleine sein.
Papperlapapp. Feuerwerk geht auch nur nach oben.

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


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24.03.2020 19:16
#381 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.5 – Kölner Lichter



Sie lag neben ihm. Er konnte ihren Atem hören. Ihren Duft riechen. Und manchmal verirrte sich eins ihrer langen Haare zu ihm. Marc war todmüde und hellwach. Der Abend war wundervoll gewesen. Nein, eigentlich der ganze Tag.

***
Bei der Schneiderin hatten sie viel Spaß gehabt. „Einer Frau wie Ihnen würde ich auch gerne ein Kleid anfertigen.“

(„Ich würde ihr auch gerne an die Wäsche...“)

„Hm!“
Gretchen hatte seine Gedanken erraten. Er grinste. War es Zufall gewesen, dass Gretchen heute das zartgeblümte Unterwäsche Set trug, welches sie vor der Abreise nach Afrika gekauft hatten?

Ihre Wohnung hatte ihm ausgesprochen gut gefallen. Tatsächlich war die Einrichtung ohne rosa ausgekommen. „Du überraschst mich, aber es passt zu Dir.“ Ein seltsames Geräusch forderte eine Erklärung. „Das sind die Elefanten, Marc.“ Er folgte ihr auf den Balkon und sie zeigte auf ein kleines Wäldchen. „Das ist der Zoo. Seit letzter Woche gibt es sogar ein Elefantenbaby.“

Kurzerhand hatten Sie den Elefanten einen Besuch abgestattet. Auch bei den Impalas und den Onagern gab es Nachwuchs. Sehr viel Freude bereiteten ihnen die Erdmännchen. Immer wieder fand Gretchens ausgelassenes Lachen den Weg direkt in sein Herz.

(„Sie hat Spaß und ist komplett entspannt.“)

(„Sie ist sehr selbstsicher geworden.“)


Im Hippodrom war Gretchen dann etwas ernster. Nilpferde hatte sie bei einer Tour gesehen und Krokodile auch. „In Burkina Faso werden sie als heilig verehrt. Als meine Eltern da waren, haben wir sie im Nationalpark sogar füttern können.“
„Denkst Du oft an Afrika oder die Menschen dort?“ Er selbst mailte sporadisch mit Martin. Nachdem ein neuer Satellit ins Weltall geschossen worden war, konnte man schon von einer regelmäßigen Verbindung sprechen.
„Roula hat mir zum Geburtstag einen Brief geschrieben. Sie ist wieder schwanger.“ Im letzten Jahr hatte sie eine Fehlgeburt gehabt.
„Ich weiß.“
Sie sah ihn fragend von der Seite an, doch er beobachtete gerade, wie sich eines der Krokodile ins Wasser gleiten ließ.

„Brauchst Du eigentlich einen Schlafplatz? Also nach dem Silvesterfeuerwerk?“

Nach dem Zoobesuch hatte Gretchen gekocht und er folgte der Anweisung, sich auszuruhen. Schließlich saßen sie nebeneinander auf den eleganten Hochstühlen an der Arbeitsplatte.
„Erwartest Du noch jemanden?“ Sie hatte mindestens für vier Personen gekocht.
„Wo sollte ich die denn noch hinsetzen?“

Sie überrascht ihn wieder, denn als sie aufbrachen, um sich unter die Millionen anderer Schaulustigen zu mischen, drückte sie ihm eine gut gefüllte Kühltasche in die Hand. Sie selbst trug eine Wolldecke. „Leider musst Du die auch später als Zudecke nehmen – aber ich bin gnädig und beziehe sie Dir sogar.“
„Danke Gretchen, Du bist großartig.“

(„Du hast Dich von mir getrennt!“)

Sie wusste, dass Marc sie denken hören konnte.

(„Ich weiß!“)

Auch sie konnte ihn verstehen.

Das Konrad-Adenauer-Ufer war weitläufig für den Straßenverkehr gesperrt. Sie fanden einen freien Platz auf dem Mittelstreifen der mehrspurigen Autostraße. Marc gefiel es sehr gut. „Gretchen, das ist verrückt. Picknick wo sonst Autos fahren.“
„Meistens stehen sie hier im Stau, aber ich finde es auch toll.“

Marc war nicht sicher, was sie genau meinte. Er dachte auch nicht weiter darüber nach sondern genoss diese Sommernacht. Die Nähe dieser Frau. Momentan war es nicht wichtig, ob sie jemanden hatte. Ob sie ihn noch wollte. Ob es eine Zukunft für sie gab. Er war hier. Mit ihr. Zwischen ihnen herrschte kein verlegenes Schweigen, sie konnten zusammen lachen. Auch Gretchen genoss es, da war er sicher.
„Gretchen? Du bist der beste Freund, den ich je hatte!“
Ihre Augen strahlten in der beginnenden Dämmerung.

Gegen halb elf kamen die beleuchteten Schiffe. Millionen Lichter auf beiden Seiten des Rheins hießen sie Willkommen. Auf der anderen Flussseite wurde ein erstes Feuerwerk abgebrannt.
„Das ist nur zur Begrüßung der Schiffe. Ein kleines Vorfeuerwerk.“ Sie stand hinter ihm und hatte ohne darüber nachzudenken ihre Arme um seinen Oberkörper geschlungen.

Dann standen alle Schiffe in Position. Um 23:30 Uhr zählten sie den Countdown, das Feuerwerk startete. Es war nicht nur ein Feuerwerk. Es war eine einzigartige Choreografie. Das Lichterspiel fand auf allen Ebenen statt. Zu Wasser, an Land, in der Höhe. Begleitet von einer zauberhaften Musik, die meistens im Getöse der Explosionen unterging. Jetzt stand er hinter ihr. Sie berührten sich nicht, aber gelegentlich verfing sich ein laues Sommerwindchen in goldenen Locken. Spielte mit ihnen. Und trug ihren wunderbaren Geruch zu ihm.

Überrascht stellte Marc fest, dass er den Moment genoss. Kein überflüssiger Gedanke versuchte sich in sein Gehirn zu schleichen. Und dann sah er es: Feuerwerk konnte sehr wohl in alle Richtungen abgeschossen werden!

(„Warum sollte sie also nicht alleine sein?“)

***
„Gretchen?“ Ihr Atem sagte ihm, dass sie noch nicht schlief.
„Hm?“
„Bist Du mit jemandem zusammen?“
„Nein.“
„Das ist gut...“ Es war mehr ein erleichtertes Seufzen. Sofort war er eingeschlafen.

Karo Offline

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24.03.2020 19:19
#382 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.6 – Sommergewitter



Ein ohrenbetäubender Knall weckte sie. Über Köln tobte ein schweres Sommergewitter. „Marc, bist Du wach?“
„Nein, ich schlafe immer wenn um mich herum die Welt untergeht.“

Ein Blitz erhellte den Raum. Marc schmunzelte, denn Gretchen hatte sich komplett unter ihre Bettdecke verkrochen. Er stand auf um die Balkontür zu schließen. Draußen auf dem kleinen Klapptisch stand die kleine Sektflasche. „Alles Gute für das neue Jahr, Gretchen“. Erst später hatte er die „32“ auf der Rückseite entdeckt.

Gretchen hatte ihn damit nochmals überraschen können. Als sie nach Hause gekommen waren, hatte sie den Vorschlag gemacht, diesen wundervollen Abend langsam ausklingen zu lassen. Sie hatte den Piccolo und zwei Gläser hergezaubert. „Normalerweise trinke ich keinen Alkohol mehr, aber wir müssen noch auf das neue Jahr anstoßen. Frohes neues Jahr, Marc.“ Sie hatte ihm einen kurzen Kuss gegeben.

Er schloss die Balkontür und ließ den Rollladen herunter. Blitz und Donner mussten draußen bleiben. Zumindest die Blitze, denn selbst durch die lärmisolierten Fenster drang das Grollen des Unwetter in die kleine Wohnung.
„Passt Du auf mich auf?“ Sie kuschelte sich an ihn. Ihr Kopf ruhte auf seiner muskulösen Brust, in der ein Herz aufgeregt pochte.

(„Ob es immer noch für mich schlägt?“)

Karo Offline

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31.03.2020 21:42
#383 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juli 2.7 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


die Mädels sind sauer aber was soll ich machen – mir tut es nicht leid, sie versetzt zu haben. Der Tag mit Marc war einfach wundervoll. Er hat es tatsächlich geschafft – Manager of Tomorrow. Aber das war gestern total egal. Es war egal wer wir sind, denn wir waren einfach nur Marc und Gretchen. Zwei Menschen, die sich mögen und die einen wundervollen Tag hatten. Ich habe die Zeit mit Marc wirklich genossen, vermutlich weil ich keine Zeit hatte, nachzudenken. Er saß bereits im Zug, also blieb nur ein spontanes ja oder nein. Gott sei Dank habe ich ja gesagt.

„Du schuldest mir noch ein Feuerwerk!“ Wenn Marcs Herz auf seiner Zunge liegt...

Gestern war egal, ob wir wieder zusammen kommen. Hauptsache, wir waren zusammen. Marc hat es ausgesprochen.
„Der beste Freund, den ich habe.“

Ja, es ist wirklich Freundschaft. In Afrika war das nicht so, in Zürich auch nicht. Da habe ich ihn als Stütze gebraucht. Da war ich noch abhängig. In Afrika mehr psychisch, in Zürich medizinisch. Die Entscheidung, in Köln zu bleiben war richtig und gut für mich. Es mag für andere so aussehen, als sei es das Einfachste gewesen, aber das war es nicht. Vielleicht ist mir der eine oder andere Zufall zu Hilfe gekommen, das Zimmer bei Jo, der Job bei Doktor Carstensen. Aber mein Leben hat eine Struktur bekommen. Ich denke nach und ich setze mich auseinander. Und ich brauche weniger die Meinung anderer. Ich kann entscheiden.

Es hat mir sehr gut getan, dass Marc meine Wohnung toll fand. Ich glaube, ich habe ihn sogar beeindruckt. Vor allem, als nachts das Unwetter runterkam.:-)

Er hat zugelassen, dass ich mich an ihn gekuschelt habe. Bei ihm habe ich mich sicher gefühlt. Beschützt. Ich habe sein Herz klopfen gehört und mir gewünscht, dass es noch für mich schlägt. Wie hat er das gemeint – dass ich sein bester Freund bin? Ob er jemanden hat?

Margarete Haase! Du fängst jetzt nicht an zu grübeln. Ihr hattet einen wundervollen Tag. Ihr habt zusammen gelacht, geredet und geschwiegen. Alles andere ist unwichtig. Alles andere wäre noch zu früh.

Das nächste Mal sehe ich ihn dann bei der Hochzeit. Fünf Wochen um... ja was? Diät fällt aus, ich mag meine Figur. Sport mache ich genug. Frisör ist auch keine Lösung... das einzige was bleibt ist die immerwährende Frage – Was ziehe ich an?

Fünf Wochen für eine Lösung – reicht!

Die Vergangenheit ist aufgearbeitet, die Gegenwart gut. (Vor allem das gestrige Jetzt!) Es wird Zeit, an die Zukunft zu denken! Wie passend – Manager of Tomorrow.

In diesem Sinne, bis bald.

P.S. Ich habe sogar schon eine Idee.

Karo Offline

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31.03.2020 21:51
#384 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.8 – Ist man nicht immer irgendwie verliebt?



Abends bekam Gretchen dann doch wieder Zweifel. Marc hatte versprochen, sich zu melden, wenn er zu Hause war. Er hätte spätestens gegen 17 Uhr in seiner Wohnung sein müssen. Nach der Tagesschau nahm sie ihr Handy.

„Bist Du gut angekommen?“

Marc antwortete erst viel später, als sie schon schlief.

„Ja – bin direkt in die Klinik. SHT mit PT und Organspenderausweis. Wird eine lange Nacht.“

„Guten Morgen. Ich bin jetzt zu Hause. Der Tag mit Dir war sehr schön.“


Mit zwei Nachrichten von Marc konnte Montagmorgen nicht schöner beginnen. Vor allem die zweite Nachricht verursachte sofort das altbekannte Kribbeln im Bauch.

„Das fand ich auch.“


***
Sie konnte noch so schlechte Laune haben – in dem Moment wo die erste Zehenspitze die Schwelle zur Praxis Carstensen überschritt ging es Gretchen gut. Niemand kannte sie mit schlechter Laune. Doch heute merkte jeder, dass etwas anders war. Doktor Haase war nicht einfach nur gut gelaunt, sie strahlte heller als die Julisonne, die seit Wochen das Thermometer über 35 Grad hielt. Nachts war es selten kühler als 27 Grad – trotz der schweren Hitzegewitter.

Sie ließ sich im Labor Blut abnehmen, schließlich hatte sie am Samstag Alkohol getrunken. Von Zeit zu Zeit kontrollierte sie die Anzahl der Thrombozyten, die sich seit gut einem Jahr auf normal erhöhten Level eingependelt hatten. Deswegen hatte sie zeitig von Heparin auf ASS umgestellt.

Ihr Chef legte ihr freundlich die Hand auf die Schulter. „Gretchen, Alkohol bringt Dich nicht um. Schon gar nicht, wenn Du mal ein Bierchen trinkst.“
„Es war der Piccolo.“
„Na der wird Dich umhauen.“ Seine Augen lachten immer mehr als das übrige Gesicht. „Wie war es mit Deinem Vater?“
„Es ist zwar gemein das zu sagen, aber es war tausendmal besser als wenn meine Mutter mit gekommen wäre.“

***
Vater und Tochter hatten wenig gemacht und viel geredet. Über die Eltern als Ehepaar. „Für Deine Mutter gibt es nur noch Mallorca. Sie spricht schon davon, das Haus zu verkaufen.“
„Welches Haus? Unseres?“
„Ja.“
„Am liebsten würde sie mich gleich dauerhaft auf die Insel schleppen.“
„Sowas bespricht man doch?“
„Sie spricht nicht mehr. Sie schimpft nur noch.“
„Hast Du ihr Gemüse etwa nicht angepflanzt?“
„Pfff... natürlich. Aber... wer wird das ernten? Sie garantiert nicht.“
„Dann fressen es die Schnecken...“ Gretchen lachte und umarmte ihren Vater. „Weißt Du was? In ein paar Wochen sehen wir uns schon in Hamburg wieder.“
„Diese unsägliche Hochzeit... ich frage mich immer, warum sie uns zu solchen Ereignissen überhaupt einladen. Wenn wir einladen, kommen sie nie.“
„Wir wissen eben, was sich gehört. Deswegen muss ich als 32jährige auch noch als Brautjungfer auftreten. Immerhin schneidern sie Kleider nach Maß.“
„Du als Brautjungfer?“ Vater Haase lachte. „Vermutlich ahnen sie nicht, dass meine Tochter in der Lage ist, der Braut die Show zu stehlen.“
„Bestimmt passiert mir irgendwas Dummes. Wenn Marc da sein sollte sowieso.“
„Marc, wieso?“
„Ach Papa... er wird bestimmt da sein. Die Hochzeit alleine ist eine Katastrophe. Aber ausgerechnet da dann Marc wieder zu sehen?“
„Ich sehe ihn morgen in Frankfurt.“
„Warum da? Vorträge oder sowas?“
„Eher oder sowas...“ Der Professor hatte ihr von Marcs Portfolio erzählt und an seiner Stimme hörte sie, dass Marc wirklich gut sein musste. „Grüßt Du ihn von mir? Ich drücke mal einen Daumen, wenn ich Zeit habe auch beide.“
„Das will ich gerne machen, mein Kind!“

Sie hatte ihren Vater bis zum Zug gebracht. Vielleicht war es sogar der gleiche Zug gewesen, der Marc am nächsten Morgen zu ihr gebracht hatte.

***
„Frau Doktor, sind Sie verliebt?“ Sie kannte die Sprechstundenhilfe schon seit Jahren. Keiner der anderen Kollegen hätte ihr so eine Frage gestellt. Gretchen lachte. „Wer weiß. Ist man nicht immer irgendwie verliebt?“

Karo Offline

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31.03.2020 21:56
#385 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juli 2.9 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


ist man nicht immer irgendwie verliebt?

Diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Bin ich so schnell wieder in Marc verliebt? Wieso freue ich mich plötzlich auf die Hochzeit?

Mein Plan scheint übrigens aufzugehen. Ich war mit dem silbernen Kleid aus Zürich nochmal bei der Schneiderin. Sie konnte kaum glauben, dass ich es mal getragen habe. Wie gut, dass es auf dem Handy eine Bildergalerie gibt. Marc und ich auf dem Ärzteball. Ich glaube, er war total stolz, mit mir dahin zu gehen.

Du schuldest mir noch ein Feuerwerk – mittlerweile zweifle ich nicht mehr an der Doppeldeutigkeit dieses Satzes. Du schuldest mir einmal Aufwachen. Alles auf Anfang? Mit dem Kleid möchte ich diesen Abend in Zürich aufleben lassen. Bestimmt versteht er, was ich meine.

Nun ja, das Kleid umzuarbeiten ist eine Herausforderung. Die Schneiderin hatte sich bestimmt etwas anderes vorgestellt, als sie sagte, sie würde mir gerne ein Kleid nähen. Die Ärmel werden herausgetrennt, den Stoff muss sie einnähen, sonst passe ich nicht annähernd darein. Aber mit meinen Armen kann ich problemlos auf Ärmel verzichten. In Zürich konnte ich das nicht.

Als ich bei der Schneiderin in Unterwäsche da stand habe ich das erste Mal in meinem Leben gedacht, dass ich mit meinem Körper voll zufrieden bin. Damit ich das in vier Wochen auch noch sagen kann, gehe ich jetzt zweimal pro Woche schwimmen. Schließlich habe ich einen Plan.

Und noch einen weiteren: Ich habe Infomaterial von der Uni in Frankfurt/Oder angefordert. Das ist die einzige Uni in Deutschland, die Komplementärmedizin anbietet. Eines der Institute ist in Berlin. Geeignete Stellenausschreibungen habe ich allerdings noch nicht gefunden. Wenn Mama das Haus loswerden will, dann soll sie es mir geben. Dann mache ich unten eine Praxis rein und oben kann ich wohnen.

Ich muss dann jetzt mal schlafen. Wenn ich mich ganz doll anstrenge, kann ich Marc noch riechen. Ich habe es nicht geschafft, die Wolldecke abzuziehen.
Gretchen Haase – Du fragst nicht ernsthaft, ob Du vielleicht irgendwie verliebt bist? :-)

Es ist wie immer. Gretchen und Marc.
Manche Dinge ändern sich nie. Müssen sie auch nicht.

Bis bald.

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