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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 1.379

17.03.2020 22:59
#376 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Juli 1.1 - Cafeteria



Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herzlich Willkommen liebe Gina. Es kommt mir so vor, als hätten wir Dich gerade erst in den Schwangerschaftsurlaub entlassen und jetzt kommst Du schon zurück in den OP. Ich bin sehr froh, dass Du unsere Chirurgie wieder unterstützt, wenn auch nur stundenweise.

Eine weitere personelle Veränderung gibt es auf der Chirurgie: Frau Doktor Brickmann wird sich als Oberärztin ab sofort wieder voll auf die Belange der Notaufnahme konzentrieren können. Vorstellen brauche ich Ihnen unseren neuen Oberarzt für die Chirurgie nicht, denn Doktor Kalila kam bereits im letzten Jahr auf Empfehlung von Doktor Meier aus Zürich zu uns. Im Dezember hat er – nach vielen bürokratischen Rückschlägen – die Facharztprüfung bestanden. Schon länger war Doktor Kalila unser Wunschkandidat für die Oberarztstelle, seit letzter Woche – endlich – verfügt unser geschätzter Kollege über eine unbefristete Aufenthalts- und Beschäftigungsgenehmigung. Nach nun vier Jahren in der Warteschleife arbeitet Doktor Kalila wieder in der Position, die er vor seiner Flucht aus Ägypten schon vier Jahre in seiner Heimat innehatte. Herzlichen Glückwunsch zu der wohlverdienten Beförderung. Sie haben sich diese Position wirklich hart und geduldig erarbeitet.


Das empfanden wohl auch die Kollegen so, denn ein lange anhaltender Beifallssturm unterbrach die Ansprache des Chefarztes. Der ließ sich das gerne gefallen. Der Ägypter war aufgrund seiner Freundlichkeit im Kollegium sehr beliebt. Seine tragische Geschichte fand heute einen gerechten Wendepunkt. Und wer stand am Anfang von dieser Wende? Natürlich Doktor Meier. Das war nun schon die zweite gelungene Einstellung, die der Wahl-Hamburger alleine zu verantworten hatte. Schwester Ina war ebenfalls ein Zufalls-Glücks-Griff gewesen. Auch Doktor Schattmann war eine gute Wahl gewesen, die hatte aber Marc in Absprache mit Bernd Ullstein getroffen. Nun war auch Gina wieder im Team, wenn auch nur stundenweise. Das EKH schaffte es immer wieder, gutes Personal zu bekommen!

Nur Doktor Brickmann war nicht begeistert gewesen, als er ihr vor wenigen Tagen mitgeteilt hatte, dass er sie lediglich für die Notaufnahme plante. Da war sie gut. Auf der Chirurgie verursachte sie einfach nur Chaos und Durcheinander. Bernd Ullstein hatte ihm erzählt, dass Marc Meier von Anfang an gesagt hatte, die Chirurgin nicht über ihren Probevertrag hinaus einzustellen. Aber damals hatten sie keine andere Alternative gehabt. Sein Protegé schien ein gutes Gespür für Mitarbeiter zu haben.

Der Applaus wurde weniger und der Professor signalisierte, dass er weiter sprechen wollte.

Vielleicht wissen Sie schon, dass ich Mitte des Monats Urlaub habe. Fragen Sie mich – warum? Nun, unser geschätzter ehemaliger Leitender Oberarzt steht in der Auswahl für einen Sonderpreis, den ein europäisches Business- und Wirtschaftsmagazin ausgelobt hat. Er gehört zu den drei Anwärtern auf den Titel „Manager of tomorrow“, der erstmals verliehen wird und sich an Nachwuchsführungskräfte und ihre Zukunftsvisionen richtet.

Ich habe das gut 400seitige Script Korrektur lesen dürfen und ich verwette 1000 Euro für die Trinkgeldkasse, wenn Doktor Meier diese Auszeichnung nicht erhält!
Damit hebe ich mein Glas – besonders auf Ihr Wohl, Doktor Kalila. Prost.

Karo Offline

PJler:


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24.03.2020 18:54
#377 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

FRANKFURT


Juli 2.1 – Manager of Tomorrow 1



„Seit vielen Jahren zeichnen wir jedes Jahr besondere Führungspersönlichkeiten aus. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Glanzleistungen, auch Konfliktlösungen, Krisenmanagement und Innovationsmut zählen unter die vielfältigen Bewertungskriterien für den „Manager of Today“. In diesem Jahr haben wir uns auf neues Terrain gewagt – auch wir dürfen mit unserem Magazin nicht stehen bleiben. Ich möchte Ihnen jetzt drei Herren vorstellen, die Finalisten für den Preis des "Manager of Tomorrow". Sie haben sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise Gedanken über die Zukunft gemacht.

Die meisten von Ihnen halten ein Programmheft in der Hand oder auf dem Schoß. Nun stellen Sie sich dieses Faltblatt vor – ohne ein gedrucktes Wort. Vielleicht enthielte das Blättchen nur einen QR-Code, zum digitalen Abrufen der Informationen zum heutigen Abend. Vielleicht würde Ihr Smartphone auch alle Daten empfangen, sobald sie dieses Gebäude betreten. Wie würden Sie einkaufen, wenn die Umverpackungen keine Daten liefern, nur ein Code zum Abruf? Wie würden Sie Autofahren? Ohne Hinweisschilder. Für mich wäre die schlimmste Vorstellung ohne Bücher und Zeitungen zu leben. Ferdinand Sinclaire hat sich genau damit beschäftigt – eine Welt ohne das gedruckte Wort!

Klaus Oscar Heller schießt die Menschen nicht zum Mond aber auf irgendeinen Planeten um diesen zu besiedeln. „Ihr habt noch eine Chance“ beschäftigt sich mit dem Menschen und seiner Lernfähigkeit – oder Nichtlernfähigkeit.
Homo sapiens – der verstehende, verständige, weise, gescheite, kluge, vernünftige Mensch. Wäre er mehr homo oder mehr sapiens? Würde der Mensch aus Fehlern lernen? Wie steht es um die Macht der Gewohnheit? Gleichgültigkeit gegen oder Verantwortung für die eigene Gesundheit? Zigaretten? Kernkraftwerke oder nur erneuerbare Energien? Umweltverschmutzung oder Umweltbewusstsein?
Wäre der Planet Untertan oder Partner?

Und Doktor Marc Meier fragt, ob die moderne Medizin noch den Patienten im Sinn hat oder nur noch Sklavin des Geldes ist. Reglementieren Gesetze die Medizin zu Tode? Ist Überfluss tatsächlich günstiger, wenn das Über ungenutzt verfließt? Zu welchem Arzt muss das Gesundheitssystem oder ist es bereits tot?

Die immer schnellere Digitalisierung der Medien
Die Lernfähigkeit des Menschen
Der langsame Tod von dem, was eigentlich gesund machen soll

Wir hatten elf Beiträge in der engeren Wahl. Anfangs war nicht abzusehen, welche Ideen sich durchsetzen würden. Die Jury hat in mehreren Runden nach dem Ausschlussprinzip entschieden.“

Auf der großen Leinwand erschien ein Kreisdiagramm, welches die Stimmenverteilung auf 11 Beiträge darstellte. Bis auf zwei Farben schienen alle relativ ausgeglichen zu sein. Das Diagramm veränderte sich und zeigte die Stimmen bei acht, dann bei sechs verbliebenen Projekten. Ein Raunen ging durch die Menge, denn das blaue Tortenstück wuchs auf 43,2 Prozent an. Mit der Reduzierung auf die drei vorgestellten Ideen wuchs der Anteil des blauen Feldes auf sage und schreibe 68 Prozent. Es waren anerkennende Pfiffe zu hören, andere klatschten. Das Ergebnis war eindeutig.

Doch welches Projekt war der Art überlegen? Die Spannung stieg ins Unermessliche.

(„Das ist mein Sohn, der da vorne steht. Contenance, Elke. Flipp gleich bloß nicht aus. Wenn er es sein sollte. Wer denn sonst? Ich weiß es, es kann nicht anders sein. So wie damals, dem ersten Rogelt-Band blieb auch nichts anderes übrig, als ein Erfolg zu werden.“)

(„Er ist mindestens 10 Jahre jünger als seine Konkurrenten. Es wäre vermessen, an einen Erfolg zu glauben. Quatsch, Du hast das Script gelesen. Es hat Dich umgehauen und Du weißt seit Jahren, zu welchen Leistungen dieser Mann fähig ist. Und er wirkt nicht mal nervös.“)

(„Eine Schande, dass der Alte ihn ausgeschlossen hat. Mit ihm wären uns die Forschungsgelder sicher gewesen. Ob sich das verkaufen lässt? Ob irgendein Klinikverband den Mut hätte, sich in einigen Punkten umzustellen? Er sieht gut aus. Jung. Und Elke platzt gleich vor Stolz!“)

(„Leute, macht vorwärts, ich muss pissen!“)

Karo Offline

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24.03.2020 19:01
#378 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

FRANKFURT


Juli 2.2 – Manager of Tomorrow 2



Die Party war grandios gewesen. Das empfand selbst Marc, der vor solchen Begebenheiten gerne in Sicherheit brachte. Doch das konnte sich der Manager of Tomorrow nicht leisten.

In seinem Kopf tanzten die Gedanken weiter, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er war mit Abstand der Jüngste im Bewerberfeld gewesen. Marc war gespannt, was die Presse daraus machen würde. Vor Jahren war er der Junge Wilde gewesen, der jüngste Oberarzt. Auch hatte es nie einen jüngeren Leitenden Oberarzt gegeben. Seit wenigen Monaten durfte er sich außerdem Jüngster Medizinischer Direktor nennen. Und nun reihte sich der nächste Titel an. Manager of Tomorrow.

Seine Mutter war mit nach Frankfurt gekommen, ebenso hatten es sich Professor Haase und auch Professor Neuroth nicht nehmen lassen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Elke und der Schweizer schienen sehr vertraut zu sein. Und wenn schon...

Wo war sie? Wo war seine Vertraute? Wäre sie stolz auf ihn gewesen? Bestimmt wäre sie die schönste Frau des Abends gewesen – und alle Männer hätten ihn beneidet. Um die schönste Frau der Welt! Nicht um den Titel, der war egal.

Idiot! Der Titel bleibt, die Frau ist schon lange weg!

„Ich bin kein Egoist. Im Gegenteil. Mit ihr würde ich alles teilen wollen. Vor allem mein Leben. Für sie möchte ich da sein. Sie verdient es, glücklich zu sein. Sie ist der beste Mensch, den ich kenne.“

Du Idiot, hast es beendet.
Du packst es aber auch wieder an.
Sehr blöd.
Sehr mutig.


Es wurde Zeit, mutig zu sein! Marc sprang aus dem Bett und fühlte nach dem Papierschnipsel. Eine Ecke des Programms. Die Handschrift von Professor Haase. Mit einer Adresse. Ihrer Adresse. Er musste sie sehen. Vielleicht war es noch nicht zu spät.
Der Beitrag zur Zweiten Chance hatte mit 20% den zweiten Platz belegt.

(„Ich bezweifle, dass der Mensch einen anderen Planeten sinnvoller besiedeln würde. Aber ich fahre ja auch nur nach Köln.“)

(„Ich hoffe sie gibt mir eine Chance.“)

Karo Offline

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24.03.2020 19:04
#379 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.3 – Der erste kleine Schritt



Die Idee war ihm gestern Morgen spontan eingefallen, als sie in Frankfurt gelandet waren. Ein Plakat mit dem Kölner Dom im Feuerwerk hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Besuchen Sie die Kölner Lichter – mit dem ICE in 45 Minuten.

Warum auch immer, er hatte nur den Hinflug gebucht. Wiederholt blickte er auf das Display seines Handys und seine eigene Nachricht.

„Guten Morgen, ich bin auf dem Weg nach Köln – gestattest Du mir, dass wir uns sehen?“

Von Professor Haase hatte er erfahren, dass Gretchen von der Veranstaltung in Frankfurt wusste. „Ich soll Ihnen Grüße ausrichten, Doktor Meier. Sie drückt zwischendurch mal einen Daumen – vielleicht auch zwei.“ Er hatte das Programmheft genommen und ihre Adresse aufgeschrieben.

„Ja.“

Hinkelsteine fielen zu Boden, Marc wunderte sich, dass der Zug unbeeindruckt weiterfuhr. Sein Smartphone meldete den Eingang einer weiteren Nachricht. Sie schickte einen Link.

Karo Offline

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24.03.2020 19:09
#380 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.4 – Wiedersehen



Endlich! Sie kam auf den Tisch zu, an dem er seit 40 Minuten wartete. Qualvolle Minuten, in denen er oft geglaubt hatte, dass sie es sich anders überlegt hätte. Sein Herz schlug aufgeregt.

(„Sie sieht gut aus!“)

(„Scheiße... welche Begrüßung ist denn jetzt angemessen?“)


Sie umarmte ihn einfach. Es war offensichtlich, dass sie sich freute, ihn zu sehen. „Du siehst gut aus, Marc.“

Er mochte es, wenn sie seinen Namen sagte. „Du auch, Gretchen. Wenn es Dir nur halb so gut geht, wie Du aussiehst...“

Sie unterhielten sich über unverfängliche Themen. Gretchen erzählte von ihrer Wohnung, ihrem Job, dem Sport. Marc dagegen berichtete von seiner Arbeit, von den großen Schiffen, die er gerne auf der Elbe beobachtete, von dem Bootsführerschein, den er machte. Auch von der großen Langeweile, die er in der Klinik empfand.

„Wie war es denn gestern?“ An seinem zufriedenen Lächeln erriet sie die Antwort. Sie kam um den Tisch herum und küsste ihn auf die Wange. „Ich gratuliere Dir, Marc.“
Dann etwas nachdenklicher – ernsthafter. „Warum wolltest Du mich sehen?“

(„Weil ich Dich vermisse. Weil ich Dich wieder haben will. Weil ich Dich liebe!“)

„Du schuldest mir ein Feuerwerk!“ Er sah sie direkt an.
„Was?“
„Silvester hatte ich eine Freundin, aber das Feuerwerk musste ich alleine ansehen.“
Sie schwieg und er sah, dass sie nachdachte.
„Entschuldige, bitte. Das ist mir gerade so rausgerutscht. Ja, ich wollte Dich sehen. Du weißt wohl mittlerweile von der Hochzeit Deiner Kusine?“

Sie schnitt eine Grimasse.

„Ich wollte nicht, dass wir uns da wiedersehen, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben.“
„Ich habe auch schon daran gedacht. Also an unser Wiedersehen, nicht an die Hochzeit. Das wird eh eine Katastrophe...“ Sie erzählte Marc von der Mail, die sie ein paar Tage zuvor bekommen hatte. „Deswegen muss ich auch bald los – eine Schneiderin misst die erforderlichen Angaben. Wenn ich das selbst mache, dann wird mir ein Sack genäht.“
„Ein rosa Sack.“ Marc lachte. Die Brautjungfern würden alle das gleiche Kleid tragen – in zartem rosa mit ein bisschen Glitzer.

„Weißt Du, dass meine Wohnung rosa-frei ist?“
„Das kann ich kaum glauben.“
„Hm. Komm mit – das Ausmessen geht schnell. Dann zeige ich es Dir.“
Natürlich lud er Gretchen zum Frühstück ein. Während er zahlte, wartete sie vor dem Café, telefonierend.

(„Ob sie mit jemandem zusammen ist?“)

Bestimmt ist sie das. Gretchen alleine geht doch gar nicht.
Das genau war ihr Bestreben. Alleine sein.
Papperlapapp. Feuerwerk geht auch nur nach oben.

Karo Offline

PJler:


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24.03.2020 19:16
#381 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.5 – Kölner Lichter



Sie lag neben ihm. Er konnte ihren Atem hören. Ihren Duft riechen. Und manchmal verirrte sich eins ihrer langen Haare zu ihm. Marc war todmüde und hellwach. Der Abend war wundervoll gewesen. Nein, eigentlich der ganze Tag.

***
Bei der Schneiderin hatten sie viel Spaß gehabt. „Einer Frau wie Ihnen würde ich auch gerne ein Kleid anfertigen.“

(„Ich würde ihr auch gerne an die Wäsche...“)

„Hm!“
Gretchen hatte seine Gedanken erraten. Er grinste. War es Zufall gewesen, dass Gretchen heute das zartgeblümte Unterwäsche Set trug, welches sie vor der Abreise nach Afrika gekauft hatten?

Ihre Wohnung hatte ihm ausgesprochen gut gefallen. Tatsächlich war die Einrichtung ohne rosa ausgekommen. „Du überraschst mich, aber es passt zu Dir.“ Ein seltsames Geräusch forderte eine Erklärung. „Das sind die Elefanten, Marc.“ Er folgte ihr auf den Balkon und sie zeigte auf ein kleines Wäldchen. „Das ist der Zoo. Seit letzter Woche gibt es sogar ein Elefantenbaby.“

Kurzerhand hatten Sie den Elefanten einen Besuch abgestattet. Auch bei den Impalas und den Onagern gab es Nachwuchs. Sehr viel Freude bereiteten ihnen die Erdmännchen. Immer wieder fand Gretchens ausgelassenes Lachen den Weg direkt in sein Herz.

(„Sie hat Spaß und ist komplett entspannt.“)

(„Sie ist sehr selbstsicher geworden.“)


Im Hippodrom war Gretchen dann etwas ernster. Nilpferde hatte sie bei einer Tour gesehen und Krokodile auch. „In Burkina Faso werden sie als heilig verehrt. Als meine Eltern da waren, haben wir sie im Nationalpark sogar füttern können.“
„Denkst Du oft an Afrika oder die Menschen dort?“ Er selbst mailte sporadisch mit Martin. Nachdem ein neuer Satellit ins Weltall geschossen worden war, konnte man schon von einer regelmäßigen Verbindung sprechen.
„Roula hat mir zum Geburtstag einen Brief geschrieben. Sie ist wieder schwanger.“ Im letzten Jahr hatte sie eine Fehlgeburt gehabt.
„Ich weiß.“
Sie sah ihn fragend von der Seite an, doch er beobachtete gerade, wie sich eines der Krokodile ins Wasser gleiten ließ.

„Brauchst Du eigentlich einen Schlafplatz? Also nach dem Silvesterfeuerwerk?“

Nach dem Zoobesuch hatte Gretchen gekocht und er folgte der Anweisung, sich auszuruhen. Schließlich saßen sie nebeneinander auf den eleganten Hochstühlen an der Arbeitsplatte.
„Erwartest Du noch jemanden?“ Sie hatte mindestens für vier Personen gekocht.
„Wo sollte ich die denn noch hinsetzen?“

Sie überrascht ihn wieder, denn als sie aufbrachen, um sich unter die Millionen anderer Schaulustigen zu mischen, drückte sie ihm eine gut gefüllte Kühltasche in die Hand. Sie selbst trug eine Wolldecke. „Leider musst Du die auch später als Zudecke nehmen – aber ich bin gnädig und beziehe sie Dir sogar.“
„Danke Gretchen, Du bist großartig.“

(„Du hast Dich von mir getrennt!“)

Sie wusste, dass Marc sie denken hören konnte.

(„Ich weiß!“)

Auch sie konnte ihn verstehen.

Das Konrad-Adenauer-Ufer war weitläufig für den Straßenverkehr gesperrt. Sie fanden einen freien Platz auf dem Mittelstreifen der mehrspurigen Autostraße. Marc gefiel es sehr gut. „Gretchen, das ist verrückt. Picknick wo sonst Autos fahren.“
„Meistens stehen sie hier im Stau, aber ich finde es auch toll.“

Marc war nicht sicher, was sie genau meinte. Er dachte auch nicht weiter darüber nach sondern genoss diese Sommernacht. Die Nähe dieser Frau. Momentan war es nicht wichtig, ob sie jemanden hatte. Ob sie ihn noch wollte. Ob es eine Zukunft für sie gab. Er war hier. Mit ihr. Zwischen ihnen herrschte kein verlegenes Schweigen, sie konnten zusammen lachen. Auch Gretchen genoss es, da war er sicher.
„Gretchen? Du bist der beste Freund, den ich je hatte!“
Ihre Augen strahlten in der beginnenden Dämmerung.

Gegen halb elf kamen die beleuchteten Schiffe. Millionen Lichter auf beiden Seiten des Rheins hießen sie Willkommen. Auf der anderen Flussseite wurde ein erstes Feuerwerk abgebrannt.
„Das ist nur zur Begrüßung der Schiffe. Ein kleines Vorfeuerwerk.“ Sie stand hinter ihm und hatte ohne darüber nachzudenken ihre Arme um seinen Oberkörper geschlungen.

Dann standen alle Schiffe in Position. Um 23:30 Uhr zählten sie den Countdown, das Feuerwerk startete. Es war nicht nur ein Feuerwerk. Es war eine einzigartige Choreografie. Das Lichterspiel fand auf allen Ebenen statt. Zu Wasser, an Land, in der Höhe. Begleitet von einer zauberhaften Musik, die meistens im Getöse der Explosionen unterging. Jetzt stand er hinter ihr. Sie berührten sich nicht, aber gelegentlich verfing sich ein laues Sommerwindchen in goldenen Locken. Spielte mit ihnen. Und trug ihren wunderbaren Geruch zu ihm.

Überrascht stellte Marc fest, dass er den Moment genoss. Kein überflüssiger Gedanke versuchte sich in sein Gehirn zu schleichen. Und dann sah er es: Feuerwerk konnte sehr wohl in alle Richtungen abgeschossen werden!

(„Warum sollte sie also nicht alleine sein?“)

***
„Gretchen?“ Ihr Atem sagte ihm, dass sie noch nicht schlief.
„Hm?“
„Bist Du mit jemandem zusammen?“
„Nein.“
„Das ist gut...“ Es war mehr ein erleichtertes Seufzen. Sofort war er eingeschlafen.

Karo Offline

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24.03.2020 19:19
#382 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Juli 2.6 – Sommergewitter



Ein ohrenbetäubender Knall weckte sie. Über Köln tobte ein schweres Sommergewitter. „Marc, bist Du wach?“
„Nein, ich schlafe immer wenn um mich herum die Welt untergeht.“

Ein Blitz erhellte den Raum. Marc schmunzelte, denn Gretchen hatte sich komplett unter ihre Bettdecke verkrochen. Er stand auf um die Balkontür zu schließen. Draußen auf dem kleinen Klapptisch stand die kleine Sektflasche. „Alles Gute für das neue Jahr, Gretchen“. Erst später hatte er die „32“ auf der Rückseite entdeckt.

Gretchen hatte ihn damit nochmals überraschen können. Als sie nach Hause gekommen waren, hatte sie den Vorschlag gemacht, diesen wundervollen Abend langsam ausklingen zu lassen. Sie hatte den Piccolo und zwei Gläser hergezaubert. „Normalerweise trinke ich keinen Alkohol mehr, aber wir müssen noch auf das neue Jahr anstoßen. Frohes neues Jahr, Marc.“ Sie hatte ihm einen kurzen Kuss gegeben.

Er schloss die Balkontür und ließ den Rollladen herunter. Blitz und Donner mussten draußen bleiben. Zumindest die Blitze, denn selbst durch die lärmisolierten Fenster drang das Grollen des Unwetter in die kleine Wohnung.
„Passt Du auf mich auf?“ Sie kuschelte sich an ihn. Ihr Kopf ruhte auf seiner muskulösen Brust, in der ein Herz aufgeregt pochte.

(„Ob es immer noch für mich schlägt?“)

Karo Offline

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31.03.2020 21:42
#383 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juli 2.7 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


die Mädels sind sauer aber was soll ich machen – mir tut es nicht leid, sie versetzt zu haben. Der Tag mit Marc war einfach wundervoll. Er hat es tatsächlich geschafft – Manager of Tomorrow. Aber das war gestern total egal. Es war egal wer wir sind, denn wir waren einfach nur Marc und Gretchen. Zwei Menschen, die sich mögen und die einen wundervollen Tag hatten. Ich habe die Zeit mit Marc wirklich genossen, vermutlich weil ich keine Zeit hatte, nachzudenken. Er saß bereits im Zug, also blieb nur ein spontanes ja oder nein. Gott sei Dank habe ich ja gesagt.

„Du schuldest mir noch ein Feuerwerk!“ Wenn Marcs Herz auf seiner Zunge liegt...

Gestern war egal, ob wir wieder zusammen kommen. Hauptsache, wir waren zusammen. Marc hat es ausgesprochen.
„Der beste Freund, den ich habe.“

Ja, es ist wirklich Freundschaft. In Afrika war das nicht so, in Zürich auch nicht. Da habe ich ihn als Stütze gebraucht. Da war ich noch abhängig. In Afrika mehr psychisch, in Zürich medizinisch. Die Entscheidung, in Köln zu bleiben war richtig und gut für mich. Es mag für andere so aussehen, als sei es das Einfachste gewesen, aber das war es nicht. Vielleicht ist mir der eine oder andere Zufall zu Hilfe gekommen, das Zimmer bei Jo, der Job bei Doktor Carstensen. Aber mein Leben hat eine Struktur bekommen. Ich denke nach und ich setze mich auseinander. Und ich brauche weniger die Meinung anderer. Ich kann entscheiden.

Es hat mir sehr gut getan, dass Marc meine Wohnung toll fand. Ich glaube, ich habe ihn sogar beeindruckt. Vor allem, als nachts das Unwetter runterkam.:-)

Er hat zugelassen, dass ich mich an ihn gekuschelt habe. Bei ihm habe ich mich sicher gefühlt. Beschützt. Ich habe sein Herz klopfen gehört und mir gewünscht, dass es noch für mich schlägt. Wie hat er das gemeint – dass ich sein bester Freund bin? Ob er jemanden hat?

Margarete Haase! Du fängst jetzt nicht an zu grübeln. Ihr hattet einen wundervollen Tag. Ihr habt zusammen gelacht, geredet und geschwiegen. Alles andere ist unwichtig. Alles andere wäre noch zu früh.

Das nächste Mal sehe ich ihn dann bei der Hochzeit. Fünf Wochen um... ja was? Diät fällt aus, ich mag meine Figur. Sport mache ich genug. Frisör ist auch keine Lösung... das einzige was bleibt ist die immerwährende Frage – Was ziehe ich an?

Fünf Wochen für eine Lösung – reicht!

Die Vergangenheit ist aufgearbeitet, die Gegenwart gut. (Vor allem das gestrige Jetzt!) Es wird Zeit, an die Zukunft zu denken! Wie passend – Manager of Tomorrow.

In diesem Sinne, bis bald.

P.S. Ich habe sogar schon eine Idee.

Karo Offline

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31.03.2020 21:51
#384 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juli 2.8 – Ist man nicht immer irgendwie verliebt?



Abends bekam Gretchen dann doch wieder Zweifel. Marc hatte versprochen, sich zu melden, wenn er zu Hause war. Er hätte spätestens gegen 17 Uhr in seiner Wohnung sein müssen. Nach der Tagesschau nahm sie ihr Handy.

„Bist Du gut angekommen?“

Marc antwortete erst viel später, als sie schon schlief.

„Ja – bin direkt in die Klinik. SHT mit PT und Organspenderausweis. Wird eine lange Nacht.“

„Guten Morgen. Ich bin jetzt zu Hause. Der Tag mit Dir war sehr schön.“


Mit zwei Nachrichten von Marc konnte Montagmorgen nicht schöner beginnen. Vor allem die zweite Nachricht verursachte sofort das altbekannte Kribbeln im Bauch.

„Das fand ich auch.“


***
Sie konnte noch so schlechte Laune haben – in dem Moment wo die erste Zehenspitze die Schwelle zur Praxis Carstensen überschritt ging es Gretchen gut. Niemand kannte sie mit schlechter Laune. Doch heute merkte jeder, dass etwas anders war. Doktor Haase war nicht einfach nur gut gelaunt, sie strahlte heller als die Julisonne, die seit Wochen das Thermometer über 35 Grad hielt. Nachts war es selten kühler als 27 Grad – trotz der schweren Hitzegewitter.

Sie ließ sich im Labor Blut abnehmen, schließlich hatte sie am Samstag Alkohol getrunken. Von Zeit zu Zeit kontrollierte sie die Anzahl der Thrombozyten, die sich seit gut einem Jahr auf normal erhöhten Level eingependelt hatten. Deswegen hatte sie zeitig von Heparin auf ASS umgestellt.

Ihr Chef legte ihr freundlich die Hand auf die Schulter. „Gretchen, Alkohol bringt Dich nicht um. Schon gar nicht, wenn Du mal ein Bierchen trinkst.“
„Es war der Piccolo.“
„Na der wird Dich umhauen.“ Seine Augen lachten immer mehr als das übrige Gesicht. „Wie war es mit Deinem Vater?“
„Es ist zwar gemein das zu sagen, aber es war tausendmal besser als wenn meine Mutter mit gekommen wäre.“

***
Vater und Tochter hatten wenig gemacht und viel geredet. Über die Eltern als Ehepaar. „Für Deine Mutter gibt es nur noch Mallorca. Sie spricht schon davon, das Haus zu verkaufen.“
„Welches Haus? Unseres?“
„Ja.“
„Am liebsten würde sie mich gleich dauerhaft auf die Insel schleppen.“
„Sowas bespricht man doch?“
„Sie spricht nicht mehr. Sie schimpft nur noch.“
„Hast Du ihr Gemüse etwa nicht angepflanzt?“
„Pfff... natürlich. Aber... wer wird das ernten? Sie garantiert nicht.“
„Dann fressen es die Schnecken...“ Gretchen lachte und umarmte ihren Vater. „Weißt Du was? In ein paar Wochen sehen wir uns schon in Hamburg wieder.“
„Diese unsägliche Hochzeit... ich frage mich immer, warum sie uns zu solchen Ereignissen überhaupt einladen. Wenn wir einladen, kommen sie nie.“
„Wir wissen eben, was sich gehört. Deswegen muss ich als 32jährige auch noch als Brautjungfer auftreten. Immerhin schneidern sie Kleider nach Maß.“
„Du als Brautjungfer?“ Vater Haase lachte. „Vermutlich ahnen sie nicht, dass meine Tochter in der Lage ist, der Braut die Show zu stehlen.“
„Bestimmt passiert mir irgendwas Dummes. Wenn Marc da sein sollte sowieso.“
„Marc, wieso?“
„Ach Papa... er wird bestimmt da sein. Die Hochzeit alleine ist eine Katastrophe. Aber ausgerechnet da dann Marc wieder zu sehen?“
„Ich sehe ihn morgen in Frankfurt.“
„Warum da? Vorträge oder sowas?“
„Eher oder sowas...“ Der Professor hatte ihr von Marcs Portfolio erzählt und an seiner Stimme hörte sie, dass Marc wirklich gut sein musste. „Grüßt Du ihn von mir? Ich drücke mal einen Daumen, wenn ich Zeit habe auch beide.“
„Das will ich gerne machen, mein Kind!“

Sie hatte ihren Vater bis zum Zug gebracht. Vielleicht war es sogar der gleiche Zug gewesen, der Marc am nächsten Morgen zu ihr gebracht hatte.

***
„Frau Doktor, sind Sie verliebt?“ Sie kannte die Sprechstundenhilfe schon seit Jahren. Keiner der anderen Kollegen hätte ihr so eine Frage gestellt. Gretchen lachte. „Wer weiß. Ist man nicht immer irgendwie verliebt?“

Karo Offline

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31.03.2020 21:56
#385 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juli 2.9 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


ist man nicht immer irgendwie verliebt?

Diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Bin ich so schnell wieder in Marc verliebt? Wieso freue ich mich plötzlich auf die Hochzeit?

Mein Plan scheint übrigens aufzugehen. Ich war mit dem silbernen Kleid aus Zürich nochmal bei der Schneiderin. Sie konnte kaum glauben, dass ich es mal getragen habe. Wie gut, dass es auf dem Handy eine Bildergalerie gibt. Marc und ich auf dem Ärzteball. Ich glaube, er war total stolz, mit mir dahin zu gehen.

Du schuldest mir noch ein Feuerwerk – mittlerweile zweifle ich nicht mehr an der Doppeldeutigkeit dieses Satzes. Du schuldest mir einmal Aufwachen. Alles auf Anfang? Mit dem Kleid möchte ich diesen Abend in Zürich aufleben lassen. Bestimmt versteht er, was ich meine.

Nun ja, das Kleid umzuarbeiten ist eine Herausforderung. Die Schneiderin hatte sich bestimmt etwas anderes vorgestellt, als sie sagte, sie würde mir gerne ein Kleid nähen. Die Ärmel werden herausgetrennt, den Stoff muss sie einnähen, sonst passe ich nicht annähernd darein. Aber mit meinen Armen kann ich problemlos auf Ärmel verzichten. In Zürich konnte ich das nicht.

Als ich bei der Schneiderin in Unterwäsche da stand habe ich das erste Mal in meinem Leben gedacht, dass ich mit meinem Körper voll zufrieden bin. Damit ich das in vier Wochen auch noch sagen kann, gehe ich jetzt zweimal pro Woche schwimmen. Schließlich habe ich einen Plan.

Und noch einen weiteren: Ich habe Infomaterial von der Uni in Frankfurt/Oder angefordert. Das ist die einzige Uni in Deutschland, die Komplementärmedizin anbietet. Eines der Institute ist in Berlin. Geeignete Stellenausschreibungen habe ich allerdings noch nicht gefunden. Wenn Mama das Haus loswerden will, dann soll sie es mir geben. Dann mache ich unten eine Praxis rein und oben kann ich wohnen.

Ich muss dann jetzt mal schlafen. Wenn ich mich ganz doll anstrenge, kann ich Marc noch riechen. Ich habe es nicht geschafft, die Wolldecke abzuziehen.
Gretchen Haase – Du fragst nicht ernsthaft, ob Du vielleicht irgendwie verliebt bist? :-)

Es ist wie immer. Gretchen und Marc.
Manche Dinge ändern sich nie. Müssen sie auch nicht.

Bis bald.

Karo Offline

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07.04.2020 21:37
#386 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Juli 4.1 – Marcs Geburtstag



„Das ist doch gut gelaufen.“ Marc war sichtlich zufrieden mit dem Gesprächsverlauf. Er und Cedric verließen die Klinik durch den Haupteingang.
„Bis nächste Woche Doktor Meier.“ Der Gruß der Empfangsdame ließ Cedric aufatmen. Er hatte Marc eine Geburtstagsüberraschung angekündigt, für die der Wahlhamburger unbedingt zwei Tage frei brauchte.
„Du kennst ihn besser, ich hatte nicht den Eindruck, dass er begeistert ist.“
„Er ist mit allem einverstanden, was keine Arbeit macht. So, was machen wir jetzt?“
„Wir fahren zu Dir und Du packst Deine Squash-Sachen ein. Denk an Duschzeug.“
„Ja, Mama!“

(„Squash? Dafür soll ich mir zwei Tage frei nehmen?“)

Cedric lenkte seinen Jaguar durch die Stadt Richtung Messegelände. Marc ahnte, dass...

„Ich dachte, bevor wir alt und grau werden, probieren wir einfach nochmal ein paar neue Sachen aus.“

Er hatte in der Zeitung darüber gelesen. „Coole Idee, Alter!“ Das Geburtstags"kind" freute sich wirklich.

Die beiden Freunde – und man muss ehrlicherweise sagen, attraktiven Freunde – hatten viel Spaß, die unterschiedlichsten Sportarten auszuprobieren. Während sie schon von Speedminton und Blackminton gehört hatten, war ihnen Paddle-Squash völlig fremd. Nachdem sie sich auch bei Streetball und Ultimate Frisbee ausgepowert hatten, sank Cedric auf eine Bank. „Bist Du überhaupt nicht kaputt?“

„Wieso?“
„Ich brauche eine Pause.“
„Bist ja auch älter als ich.“
„Wo hast Du die Kondition her?“
„Ich trainiere für den Stadtmarathon im Herbst.“

Während Cedric sich eine Pause gönnte, versuchte Marc sich an der Kletterwand. Aus luftiger Höhe hatte er einen guten Blick über das komplette Sportangebot.

(„Was spielen die denn da? Völkerball im Kanu?“)

Ganz so falsch lag er nicht und so wagten sich die beiden Chirurgen, Kanupolo auszuprobieren. Nach einem Stopp an der Futtertheke spielten sie Futsal und Hurling. Marc war begeistert.
„Ey, das ist so krass, was es alles gibt!“
„Es ist krass, dass Du immer noch reden kannst.“
„Na gut, dann machen wir jetzt was für ältere Herren.“ Marc steuerte den Wellnessbereich an. „Massage gefällig?“
„Solange ich keine Thai-Massage ausprobieren muss.“

Am frühen Abend waren sie wieder zu Hause und Cedric lag völlig k.o. auf Marcs Couch. „Ich könnte hier jetzt einfach so liegenbleiben.“
„Was hält Dich ab?“
„Du.“
„Ich?“
„Ja. Wegen Dir haben wir noch einen Termin.“
„Wegen mir...?“
„In einer halben Stunde ist Abfahrt!“ Er war gespannt, was Marc zu der eigentlichen Überraschung sagen würde.

Karo Offline

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07.04.2020 21:55
#387 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Juli 4.2 – Marcs Geburtstag 2


Marc lachte, als Cedric den schicken Jaguar auf dem Parkplatz der Bowling-Arena parkte. „Du kannst Dich doch so schon nicht mehr bewegen.“
„Muss ich auch nicht“, Cedric grinste wissend. Wenig später wusste Marc auch warum.

„Oh je...Doktor Stier, wir haben das völlig vergessen... wir regeln das gleich. Sie können aber schon...“ Die eingeweihte Mitarbeiterin nickte in den hinteren Bereich der Anlage.

Der graumelierte Chirurg öffnete die Tür und betätigte den Lichtschalter.

„Doktor Meier! Alles Gute zum Geburtstag!“
Marc fuhr zu Tode erschreckt herum und guckte den Besitzer der wohlbekannten Stimme überrascht an. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Herr Professor!“
Sein ehemaliger Chef kam auf ihn zu. „Ich gratuliere Ihnen herzlich, Doktor Meier!“
Der Berliner Chefarzt grinste von einem Ohr bis zum anderen. Die Überraschung war geglückt. Er überreichte Marc einen prächtigen Blumenstrauß.

„Meine Herren, Nun treten Sie doch ein! Der Kaffee wird ja ganz kalt!“

Wieder zuckte Marc zusammen. Hinter ihm standen Gabi und Sabine. Grinsend. Es kam selten genug vor, dass man Doktor Meier sprachlos sah. Das Geburtstagskind kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein Tisch war zur Kaffeetafel gedeckt, als würde hoher Besuch erwartet. Dahinter hatten sich weitere Personen aufgestellt und stimmten nun – nicht schön, aber dafür selten – ein Geburtstagsständchen an.
Marc lachte. „Wow, vielen Dank!“

„Alles Gute zum Geburtstag, Doktor Meier.“ Sabine wäre ihrem Chef gerne um den Hals gefallen aber in Anbetracht der Leute, kam ihr das nicht angebracht vor.
„Gabi, Sabine, wie geht es Euch?“
„Herzlichen Glückwunsch, Doktor Meier!“
„Doktor Hassmann, ich glaube, ich spinne.“
„Ich habe mich nicht getraut, mich der Anordnung von Schwester Sabine zu wiedersetzen.“
Auch über die Anwesenheit der nächsten Gratulanten freute Marc sich sehr. „Doktor Kalila, welche Freude. Ich gratuliere Ihnen zur verdienten Beförderung.“ Natürlich wusste Marc über die meisten Vorgänge in Berlin Bescheid. „Oh, und Herr Stern.“
„Doktor Stern.“ Der Assistenzarzt grinste den ehemaligen Chef an und sprach seine Glückwünsche aus.

„Entschuldigung, ich habe mich verspätet.“ Ein weiterer Gast betrat den Raum. „Ich gratuliere Ihnen herzlich Doktor Meier, auch im Namen der StaBe.“ Bernd Ullstein überreichte Marc eine offene Holzkiste. Der Chateau Cheval Blanc trug die Jahreszahl, in der auch Marc geboren war. „1er Grand Cru Classe St. Emilion Bordeaux“ las Marc. „Das gefällt mir, Herr Ullstein. Vielen Dank.“ Fast verlegen stand Marc mit diesem sündhaft teuren Wein im Raum.

„Los, Kinder, hinsetzen!“ Sabine klatschte in die Hände. „Doktor Meier, Sie müssen die Kerze auspusten und sich dann etwas wünschen.“ Sabine hielt ihm einen Marmorkuchen vor die Nase.
„Ach, Sabine...“
„Sie wiedersetzen sich meinen Anordnungen?“ Sie sprach langsam, allerdings fehlte der drohende Charakter.
„Sie sind doch schlechtes Benehmen von mir gewöhnt.“

„Nein, eben nicht. Deswegen...los.“ Sie positionierte die Flamme direkt vor sein Gesicht und Marc stöhnte. „Habe ich eine Wahl?“
„Nein, hast Du nicht. Wir kennen doch Sabine.“ Gabi lachte. Sie hatte Spaß, stammte diese Idee doch eigentlich von ihr.
„Und was haben Sie sich gewünscht, Doktor Meier?“ Sabine stellte zufrieden den Kuchen auf den Tisch.
„Sie können alles essen, aber nicht alles wissen.“
„Ich weiß es auch so.“ Sie grinste verschwörerisch.

(„Nur eine fehlt.“)

„Ich erkenne an Ihrem Gesichtsausdruck, an wen Sie gerade gedacht haben. Sie backt Ihnen bestimmt irgendwann nochmal einen Kuchen.“
„Irgendwann? Ich denke Sie irren sich da, Schwester Sabine.“ Der Professor amüsierte sich köstlich über Marcs verlegenes Gesicht.

(„Kann nicht einfach das Telefon klingeln und mich zu einem Notfall holen?“)

Er schielte auf sein Telefon.

„Dich wird niemand zu einem Notfall rufen, Marc. Du hast heute Geburtstag.“

(„Jetzt höre ich schon ihre Stimme – ist das der Moment kurz vor dem Wahnsinn?“)

Er bewegte sich nicht. Stand starr. Schloss die Augen.

(„Ich kann sie sogar riechen...“)

Eine Hand legte sich sanft auf seinen Unterarm. „Alles Gute zum Geburtstag. Ich habe Dir doch einen tollen Tag prophezeit!“
Sie war da! Da stand sie vor ihm und lachte ihn an. Ihre blauen Augen strahlten sie an. Sie umarmte ihn.
„Ich hätte nie gedacht, dass das mit dem Kerzen auspusten funktioniert.“ Flüsterte er in ihr Ohr.

Marc war gerührt, dass sie wegen ihm nach Hamburg gekommen waren, obwohl ihm diese Kaffeerunde unangenehm war. Er mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen.

Seit wann übst Du Dich denn in Zurückhaltung? Früher hast Du verlangt, dass man Dir Rosenblüten vor die Füße geworfen hat.
Jeder wird einmal erwachsen.
Zum Erwachsensein gehört auch gelegentlich eine heiße Nummer...
Vergiss die kleinen Schritte nicht!

(„Und ihr seid jetzt beide mal still!!!“)


Sie hatten alle zusammen einen wunderbaren Abend, es wurde viel geredet und viel gespielt. Marc und Gretchen bildeten ein Team und gewannen ein Spiel nach dem anderen. Gerade hatte Gretchen wieder alle Kegel abgeräumt und fiel dem Chirurgen ausgelassen um den Hals. Nur kurz hielt er sie an sich gezogen. „Wir sind ein gutes Team.“ Das Flüstern konnte nur sie hören. Ihr Herz schlug einen Purzelbaum.

Gegen 23 Uhr verabschiedeten sich alle – Bernd Ullstein und Cedric Stier nahmen Kurs auf Berlin, während Professor Haase zwei Tage bei seiner Mutter bleiben würde. Und Gretchen?

Marc stand dicht hinter ihr. „Brauchst Du zufällig einen Schlafplatz?“
Blaue Augen funkelten wie Sterne.

Karo Offline

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07.04.2020 22:10
#388 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Juli 4.3 – Sternschnuppennacht



Sie hatte das Gefühl, als kannte sie jeden Winkel. „Oh, Du hast die Tür tatsächlich ausgehängt?“ Gretchen lachte. Sie hatte ihm diesen Tipp gegeben, als er nicht wusste, wo er was hinstellen sollte.

Auch Marc dachte zurück.

(„Zwei Wochen später habe ich mich von ihr getrennt!“)

„Darf ich?“ Gretchen zeigte auf die Wendeltreppe.
„Du hattest hoffentlich nicht mit einem Schlafplatz in der Küche gerechnet?“ Er lächelte, belustigt. Folgte ihr nicht. Stattdessen packte er ein paar Sachen zusammen und stieg die beiden Außentreppen zur Dachterrasse empor. Der Blick über Hamburg faszinierte ihn immer wieder aufs Neue. Hier oben hatte er sich seine private Recreation Area geschaffen, was erstmal vor allem eins bedeutet hatte: Viel Arbeit und noch mehr Schlepperei. Nicht für ihn, sondern für die Mitarbeiter der Gartenbaufirma, die ihm diese Oase nach seinen Wünschen gebaut hatten. Alles musste wetterfest und vor allem sturmsicher sein. Die Blumenkübel waren im Boden verankert worden, ebenso die Gartenschränke, die an den Schornstein montiert waren.
Aus diesem Stauraum zog Marc jetzt zwei schwere Sitzsäcke und mehrere Lichtstäbe, für jeden Blumenkübel einen.

„Marc?“ Hörte er Gretchen rufen.
„Ich bin hier.“ Er kam die Balkontür herein und Gretchen sah ihn irritiert an. Sie hatte doch draußen nachgesehen...?

(„Die Dachterrasse...“)

„Was magst Du trinken? Was ist mit einem Champagner?“
Sie nickte. „Ausnahmsweise.“
„Was hast Du vor?“ Sie beobachtete ihren („Ex-?“) Freund, als einen kleinen Wandkasten öffnete und verschiedene Schalter betätigte. Sie hörte ein leises Plätschern.
„Was ist das?“

Der Mann, der seit zwei Wochen wieder fest in ihrem Kopf – in ihrem Herzen – verankert war, klemmte sich die Getränke unter den linken Arm, mit der rechten Hand griff er nach ihrer. „Komm...“
Die Metallstufen waren gewöhnungsbedürftig und Gretchen ließ Marcs Hand nicht los – bestimmt wäre sie dann gestürzt. Wenn sie etwas nicht wollte, dann war es neben diesem unglaublich tollen Mann ungeschickt zu stolpern.

Du bist Gretchen Haase. Der Name steht für Ungeschick und Peinlichkeit.

Da wäre es fast passiert, sie rutschte von einer Stufe ab. Doch sie fiel nicht. Sein fester Griff sicherte ihren Stand. Er sah sich kurz um.

(„Alles in Ordnung.“)

„Oh Gott, das ist ja Wahnsinn!“ Natürlich stolperte sie auch die letzte Stufe hoch, denn damit hatte sie nicht im Entferntesten gerechnet.
„Willkommen in meiner Oase.“
Sie sah sich um, lief jede Seite entlang und genoss den Ausblick über die schwitzende Stadt. Hier oben war es angenehm, ein leichter Wind erfrischte die Julinacht.
„Das ist wunderschön.“
„Du bist wunderschön.“ Er stand jetzt ganz nah hinter ihr. Ohne sich zu berühren, spürten sie die Nähe. Vertrautheit. Glück.

Marc war glücklich. Seit seinem Besuch in Köln zermarterte er sich das Gehirn, wie er sie zurück erobern konnte.
Jetzt stand sie hier, überraschenderweise auf seiner Dachterrasse und er fühlte sich plötzlich sehr leicht. Wie von einer Last befreit. Sie war hier. Er war sich mit einem Mal sehr sicher, dass sie ihn wollte. Genauso wie er sie. Tief sog er den Duft ihrer Haare in sich, füllte seine Lungen. Ihr Duft war seine Droge.

Gretchen hörte ihn tief einatmen. Schmunzelte.

(„Wie gut, dass ich die Kur extra lange drauf gelassen habe.“)

Sie wusste, dass er unbeweglich hinter ihr stand. Er musste sie nicht anfassen. Sie waren sich auch so sehr nah. Das hatte sie schon vor zwei Wochen in Köln gespürt. Das Jahr hatte ihnen gut getan.

„Du schuldest mir noch ein Feuerwerk.“

Seine Feststellung hatte ihr Sicherheit gegeben. Mit dem Kleid aus Zürich würde sie die richtige Antwort haben, dessen war sie sicher. Sie hatte nicht damit gerechnet, bei ihm zu übernachten, hoffentlich war ihre Oma nicht allzu enttäuscht. Und trotzdem hatte sie mit Bedacht das geblümte Unterwäsche Set angezogen. Auch dieses symbolisierte einen Anfang. Sie hatten es zusammen gekauft, vor fast zwei Jahren. Am Tag darauf waren sie nach Afrika geflogen. In Köln war es Zufall gewesen, doch sie wusste, dass es ihm aufgefallen war.

(„Vermutlich, weil es nicht mehr so gut sitzt und mittlerweile verwaschen ist.“)

Nur der kleine Brunnen plätscherte, als sie anstießen. Auf das überraschende Wiedersehen. Den schönen Tag. Dass sie hier waren. Zusammen.
Über den Dächern von Hamburg war es still. Nur wer genau hinhörte, erkannte das Schlagen zweier Herzen. Die einen gemeinsamen Takt zu suchen schienen.

***
„So schnell wie die Dinger auftauchen kann ich mir gar nichts wünschen?“ Gretchen lachte. Marc hörte an ihrer Stimme, dass sie gerade komplett entspannt war.

(„Erstaunlich, wie sie da in diesem Sack hängt.“)

„Und Du?“
„Abgesehen davon, dass ich eine bezaubernde Geburtstagsüberraschung hatte, reicht mir eine Sternschnuppe.“
Im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als einen Kuss.

Kleine Schritte!

(„Einen kleinen Kuss?“)


„Für die nächste Sternschnuppe wünsche ich mir ein Klo.“ Gretchen kicherte. Sie musste schon eine Weile wohin, hatte aber die Befürchtung, dass damit auch die zauberhafte Stimmung futsch wäre.
„Den Grundriss kennst Du ja – einen Balkon tiefer rein und vor dem Schlafzimmer rechts.“ Marc lachte. „Willst Du denn noch hier bleiben?“
„Wann kann man schon mal so unbeschwert im 7. Himmel schweben?“ So fühlte sie sich wirklich. Ohne Zeit, ohne Raum. Nur er. Nur sie. Und eine Nacht, in der die Sternschnuppen nur so fielen.
„Bei den vielen Sternschnuppen muss man ja irgendwann wunschlos glücklich sein.“
„Jetzt reicht Dir die eine doch nicht?“
„Doch... die eine ist wunderbar!“ Meinte er noch die Sternschnuppe?

Gretchen kam zurück und blieb fröstelnd stehen. „Ich bin total kaputt, aber es ist hier einfach zu schön um schlafen zu gehen.“
„Hm, warte hier. Ich habe da einen Vorschlag.“

***
„Wie lange ist das her, dass ich unter freiem Himmel geschlafen habe?“ Sie war entzückt. Nein eigentlich war sie hellauf begeistert gewesen, als Marc kurz darauf mit dem Bettzeug zurückkam. Natürlich hatte Marc eine Komfortluftmatratze - selbstaufblasend, versteht sich. Eine riesige Wolldecke sorgte für einen kuscheligen Untergrund.
Sie lagen sich gegenüber. Außer mit ihren Blicken berührten sie sich nicht. Sie wollten beide nicht schlafen, wehrten sich so lange es ging gegen die sie überkommende Müdigkeit. Gretchen merkte, dass sie kurz davor war, diesen Kampf zu verlieren.

(„Soll ich...?“)

Natürlich nicht! Hast Du vergessen – er hat Schluss gemacht.
Das ist Vergangenheit. Er ist Deine Zukunft.


Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen.

Ja!

Sie stützte sich auf ihre Ellbogen und beugte sich zu Marc vor. Nur kurz berührten sich ihre Lippen. „Gute Nacht, Marc.“

„Siehst Du, eine Sternschnuppe reicht!“ Mit einem seligen Lächeln schlief er ein.

Karo Offline

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07.04.2020 22:15
#389 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juli 4.4 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


Manche Dinge ändern sich nie. Müssen sie auch nicht.
Aber wenn sie es doch tun, ist es auch gut.

Zwischen Marc und mir ist es anders. Ich bin mir sicher. Ja, dass etwas zwischen uns ist, das hat sich nicht geändert. Aber wie es ist, das ist anders. Viel tiefer. Erwachsener. Ja, das trifft es glaube ich am ehesten. Wir haben den Pausenhof hinter uns gelassen. Unsere Spiele zählen nicht mehr. Unsere Gefühle haben das Spielerische verloren. Zwischen uns sind ernste, ehrliche Gefühle.

Soll ich Dir was sagen? Ich freue mich auf die Hochzeit von Larissa.
Es ist egal, dass am Abend vorher noch ein Junggesellinnenabschied stattfindet. Den haben ihre ehemaligen WG-Kolleginnen organisiert. Ella und Stella.
Sophie hat sich über die Namen kaputt gelacht – ob das die modernen Hanni und Nanni wären. :-)

Es ist egal, dass ich mit meinen Kusinen im rosa-glitzernden Einheitskleid Brautjungfer sein muss. Ich werde spätestens zur Feier mein verändertes Zürichkleid tragen.

Ich bin schon sehr gespannt, Ende der Woche kann ich es Probetragen.

Mach´s gut.

Karo Offline

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03.05.2020 22:42
#390 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


August 1.1 - Cafeteria




Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich muss Ihnen bedauerlicherweise und verdammt stolz mitteilen, dass Doktor Marc Meier nun die Auszeichnung „Manager of Tomorrow“ tragen darf und ich entsprechend der Wette meine 1000 Euro behalten kann.

Es ist August und das bedeutet, ein neues Lehrjahr beginnt. Auch in diesem Jahr haben wir nur eine neue Auszubildende in der Pflege angenommen. Ich möchte Ihnen Minerva Montag vorstellen. Unsere neue Kollegin wird in den nächsten Monaten auf der Gyn von Schwester Gabi eingearbeitet. So haben wir aktuell in jedem Lehrjahr eine Azubine – Frau Sonntag im zweiten Lehrjahr ist sozusagen das Sandwich zwischen Frau Freitag und der neuen Kollegin.
Eigentlich ist in diesem Monat unser Treffen überflüssig – wir stecken im Hitzesommerloch. Viele Patienten mit Hitzeschlag, wenig Neuigkeiten. Deswegen erhebe ich heute mein Glas auf zwei Kollegen, die schon im Frühjahr in aller Stille geheiratet haben. Herzlichen Glückwunsch an das Ehepaar Sabine und Doktor Günter Gummersbach.
Prost!

Karo Offline

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03.05.2020 22:46
#391 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

August 1.2 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


die Schneiderin hat sich selbst übertroffen, es ist ein Traum. Zwar ganz anders als gedacht... sie hat den ganzen Rock mit einem schlichten Stoff ersetzt. Die Ärmel sind dran geblieben. Ihre Begründung war einleuchtend – ich spare mir die Überlegungen bezüglich Jacke, Schal oder Stola.
Der Rock gefällt mir wegen seiner offensichtlichen Schlichtheit sehr gut. Trotzdem ist es noch ein Gretchen-Kleid, verspielt. Die Länge habe ich ihr überlassen. Sie meinte, zu mir würde lang passen – das wäre einfach elegant und edel. Nun denn... morgen gehe ich nochmal zur Anprobe, ich muss an die Schuhe denken.

Ich habe mir einen Zettel hingehängt, dass ich ja nichts vergesse. Da ich Donnerstag noch ganz normal arbeite, muss Freitag alles passen. Erst habe ich überlegt, mir ein Auto zu mieten, aber im Zug ist es dann doch praktischer. Aber ich habe Marcs Rat befolgt – ein Ticket in der 1. Klasse gebucht.
„Das mag teurer sein, aber Du hast Platz und vor allem Ruhe.“

Das brauche ich wirklich – allein die Klamotten, die ich einpacken muss. Für den Junggesellinnenabschied sollen wir Jeans und schwarzes T-Shirt mitbringen. Gut, Brautjungfernkleid wird gestellt. Das Zürichkleid mit Zubehör, ordentliche Kleidung für Sonntag (Resteessen). Wechselsachen. Da kommt bestimmt noch was – momentan kommt täglich eine Mail mit Verhaltensregeln.
Dass der Tollpatsch Gretchen sich auch ja zu benehmen weiß...

Ha! Ich werde es euch zeigen!

Meine Reisetasche habe ich bei Marc lassen dürfen. Eigentlich wollte ich die bei Oma lassen, aber so ist es auch gut. Nein, besser.
Oma war nicht sauer, ich denke dass Papa die richtigen Argumente hatte. Oder sie hat ihm angesehen, dass er sehr zufrieden mit dem Tagesverlauf war.
„Seid ihr jetzt wieder zusammen?“
„Nein, Papa. Aber es ist gut so wie es ist.“

Und das ist es wirklich.
Bis bald.

P.S. Ist es zu fassen? Sabine und Günni haben vor Monaten geheiratet... Sabine hat sich zufällig beim Besuch in Hamburg verplappert... und Papa hat seit dem dicht gehalten.
Viel Glück! ♥S+G♥ Oh je... kannst Du Dich an dieses Missverständnis erinnern

Karo Offline

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08.05.2020 22:51
#392 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


August 3.1 – Marc und Gretchen telefonieren



Endlich!
Endlich Feierabend.
Endlich würde sie Marc wiedersehen.
Es stand schon alles so gut wie fertig gepackt bereit. Falls nicht noch eine Mail eine Änderung verlangen würde. Allmählich nervten diese Mails. Sophie hatte ihr erzählt, was sie im Fernsehen über russische Hochzeiten gesehen hatte.
„Deine Tante ist doch Russin?“
„Ja.“
„Na dann kannst Du Dich auf eine große Portion Kitsch und Tamtam einstellen. Und pro Kopf eine Flasche Wodka. Wenn Du schnell bist. Richtige Russen kippen sich auch schon mal mehr hinter die Binde.“
„Solange ich keine dämlichen Spiele machen muss...“
„Dann solltest Du schnell trinken und noch schneller flüchten.“
„Du machst mir Mut!“

Natürlich war eine weitere Mail gekommen, aber Gretchen beschloss, dass sie diese Mail nicht mehr bekommen hatte. Schließlich musste sie ganz früh ins Bett, um ausgeschlafen anzukommen.

Sie hatte nur noch eine Kleinigkeit gegessen, was jetzt noch im Kühlschrank war, blieb ihr für´s Frühstück. Frisch geduscht und schon in Schlafsachen hatte Gretchen sich auf der Couch zusammengerollt und ging ihrer neuesten Lieblingsbeschäftigung nach.
Marc lachte. „Wann kommst Du an?“
„Um kurz nach elf Uhr am Hauptbahnhof.“
„Ich werde versuchen, Dich abzuholen. Versprechen kann ich nichts, irgendwie drehen hier alle ein bisschen durch.“
Gretchen lachte. „Marc, ich kann mir auch ein Taxi nehmen.“

Als sie vor drei Wochen bei ihm gewesen war hatte er ihr spontan den Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt. „Dann bist Du unabhängig von dem, was hier über mir zusammenbricht.“

Plötzlich lachte auch Marc. „Sag mal – bestehst Du neuerdings darauf, Margarete genannt zu werden? Deine Kusine regt sich ständig darüber auf.“
„Soll sie... Ehrlichgesagt ja. Ich finde, ich bin aus dem Gretchen rausgewachsen.“
„Hm. Margarete.“ Er veräppelte sie.
„Das ist mein Name. Vor allem bin ich nicht mehr Doktor Gretchen Haase.“
„Sondern?“
„Doktor Haase oder Doktor Margarete Haase. In Schriftstücken auch Doktor M-Punkt-Haase.“
„Erinnere mich bei Gelegenheit daran, Hasenzahn.“
„Gerne – Olivier!“
„Autsch... das habe ich selbst meiner Mutter abgewöhnen können.“
„Wirklich? Wie geht es ihr denn?“
„Ich denke gut. Sie ist seit über einem Jahr mit Professor Neuroth zusammen.“
„Oh. Das ist kaum vorstellbar?“
„Warum denn nicht?“
„Ich weiß nicht... sie hat sich nie ernsthaft auf etwas eingelassen. Vielleicht kennt man es nicht von ihr? Erwartet es auch nicht?“
„Ich war genauso erstaunt. Aber vermutlich ist das der Knackpunkt. Man erwartet es nicht. Ich bin froh, dass sie sich darauf eingelassen hat.“
„Es steht sowieso niemandem zu, darüber zu urteilen. Man muss eine Meinung nicht gut finden, aber man muss sie akzeptieren.“
„Stimmt, Margarete.“
Gretchen lachte. „Ich freue mich auf morgen. Nein – eigentlich freue ich mich am meisten auf Dich.“
„Dann geh mal schnell ins Bett – Margarete. Ehrlichgesagt, ich kann es kaum erwarten Dich wieder...

(„in den Arm zu nehmen?“)
(„in den Arm zu nehmen!“)


„zu sehen!“
„Bis morgen, Marc.“

Karo Offline

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08.05.2020 23:18
#393 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.2 - Junggesellinnenabschied



„Das ist jetzt nicht euer Ernst?“ Gretchen betrachtete entsetzt das für sie vorbereitete Outfit. Wie gewünscht hatte sie sich um 17 Uhr im Haus der Brauteltern eingefunden, mit dem guten Vorsatz, sich ihre gute Laune zu erhalten.

***
Marc hatte es tatsächlich rechtzeitig zum Bahnhof geschafft. Glücklich lagen sie sich in den Armen.
„Die Uhren sind doch mindestens dreimal so langsam wie sonst?“ Sie hatte es kaum erwarten können.
„Na, ich denke, sie werden in den nächsten Tagen noch langsamer laufen.“ Am Morgen hatte Professor Haase ihm zum wiederholten Male mitgeteilt, wann wer in welchem Fall zu alarmieren wäre. Wenn der Rest der Familie genauso konfus unterwegs war...
„Halleluja!“ Gretchen lachte. „Ich wurde schon mit SMS zu gebombt, als ich noch nicht im Zug saß – und das war vor 7 Uhr!“
„Sag mal, was hast Du alles mit?“
„Alles für die Schönheit!“
„Kieselerde, Hasenzahn. Nicht Kieselsteine.“
„Echt? Zu dumm... die liegen nämlich immer so schwer im Magen.“
„Und das? Ich dachte, die Kleider wurden genäht?“
„Ja. Aber man weiß ja nie... außerdem stehe ich nicht so auf Einheitslook.“

(„Schon gar nicht mit meinen Kusinen!“)

***
Spätestens jetzt wusste sie, dass sie richtig gehandelt hatte.

„Du bist Gretchen? Hallo, ich bin Ella.“
„Margarete. Hallo.“

(„Niemand hier nennt mich Gretchen!“)

„Hm... Lari hat Dich ganz anders beschrieben.“
„Erstaunlich, dass sie mich überhaupt beschreiben konnte. Wir haben uns vor drei Jahren zuletzt gesehen.“ Sie hielt ein gelbes Etwas hoch.
„Was ist das? Spielen wir Basketball?“
„Ein Drüberzieher. Wir sind alle in den Grundfarben Jeans und schwarz und jeder hat ein andersfarbiges Hemdchen. Wenn wir nachher durch die Stadt gehen, sind wir ein Regenbogen.“
„Ah, ja. Schöne Idee...“

(„Ob ich mein Lächeln mit Haarspray fixieren kann?“)

Eine hochgewachsene, extrem dünne Frau kam mit einem Teenager herein.

(„Als ich so aussah musste ich wochenlang in Reha fahren...“)

„Gretchen?“ Sie standen sich staunend gegenüber. „Du hast Dich verändert!“
„Natalie – jünger bist Du auch nicht geworden – dafür ganz schwarz?“
„Man muss sich ja abgrenzen.“
Gretchen lachte. Über die Oma war manch eine Geschichte über das rebellische Kind nach Berlin gelangt.

„Du bist Gretchen? Danke, dass Du Dich bereit erklärt hast, auf Natalie aufzupassen.“ Das war die Dürre.

(„Von was reden die?“)

„Ich bin Margarete, was habe ich?“
„Lari meinte, Du würdest die Verantwortung für Natalie übernehmen. Du weißt schon, weil sie erst 16 ist.“
„Ich mache mich doch gerne nützlich.“
„Meine Schwestern möchten nämlich feiern, ohne sich um das lästige Kind zu scheren. Das gar nicht mitfeiern sollte, sich aber einfach aufgedrängt hat. Ist das ganz schlimm?“
„Nein. Ich trinke eh keinen Alkohol.“
„Auch nicht bei solchen Anlässen? Ich dachte, dabei geht es bei einem Junggesellinnenabschied.“ Das musste eine der anderen Brautschwestern sein.
„Oh... Am Abend vor der Hochzeit macht das Sinn...“
Dem Tagesplan entsprechend sollte sich die Hochzeitsgesellschaft ab 9 Uhr im Hause Temelova versammeln. Der Bräutigam wurde um 9:30 Uhr von seinen Trauzeugen, Freunden und männlichen Gästen abgeholt und zum Haus seiner Braut gebracht, wo er gegen 10 Uhr zum ersten offiziellen Programmpunkt, dem „Brautkauf“ eintreffen sollte.

„Na toll. Gretchen ist direkt als Spielverderberin unterwegs.“
„Margarete. Tanja – Ewa – Irina – wie auch immer...“
Natalie zeigte nacheinander auf ihre Schwestern. „Irina – Tanja – Ewa. Larissa holen wir gleich bei sich in der Wohnung ab. Heute Nacht kommt sie mit hierhin. Wo schläfst Du überhaupt? Bei Oma?“
„Nein, ich bin bei Freunden untergekommen.“
„Schade, ich hätte auch gerne im Hotel geschlafen. Wie alle. Nur die Kleine muss zu Oma.“

Irina fiel plötzlich etwas ein: „Ach, Gretchen, Dein Kleid haben wir bei Oma deponiert. Wir wussten ja nicht, wo Du bleiben würdest.“
„Margarete.“

(„Am liebsten in einem Erdloch!“)

Die bunten Muscleshirt-Trikot-Uniformen blieben nicht die letzte Peinlichkeit. Jeder bekam einen Text, seiner Farbe entsprechend.

„Also, passt auf. Wir haben uns das so vorgestellt...“

(„Lieber Gott, ich war wirklich guter Dinge und bereit, das Beste aus diesem Scheiß zu machen. Aber das ist doch einfach scheiße!“)

„Wir spielen das jetzt einmal durch – den Part von Larissa übernehme ich solange.“ Die hochgewachsene („dürre“) Frau las den Text des Erzählers:

„Vor langer Zeit fingen alle Farben einen Streit an. Jede behauptete, die schönste, die wichtigste, die nützlichste, die bevorzugte Farbe zu sein... Grün?“

Die mit einem grünen Hemdchen stand auf. „Ganz klar, dass ich die wichtigste Farbe bin. Ich bin die Farbe der Hoffnung und das Symbol des Lebens. Ich wurde für das Gras, die Bäume und Blätter ausgewählt. Grün bezeichnet als Signalfarbe das Erlaubte, das Ordnungsgemäße, das Positive, das Unproblematische. Grün kennzeichnet Vorgänge, die erlaubt sind. Grün bedeutet Betrieb – im Gegensatz dazu Rot – den Stillstand.“

Jetzt sprang die Rote auf: „Ich bin der Herrscher über euch alle. Rot gilt als Farbe des Blutes und ist mit Leben verknüpft. Es bedeutet Energie und Wärme. Ich bin die Farbe für Aggression und Wut, der Warnung, der Gefahr und der Tapferkeit. Ich bin bereit, für eine Sache zu kämpfen. Die züngelnde Flamme des Feuers ist rot, die Glut ist rot. Rot steht für Freude, Leidenschaft, Liebe sowie Erotik. Ohne mich läuft hier nichts – denkt an die roten Rosen, die roten Herzen. Ohne mich wäre die Erde so leer wie der Mond am fahlen Himmel...

Das war der Aufruf für das blaue Hängerchen. „Ich bin der Himmel und das Meer und somit die Grundlage allen Lebens. Blau ist die Farbe der Sehnsucht und der Klarheit. Ich stehe für Harmonie und Zufriedenheit. Ich gebe Raum, Frieden und Heiterkeit. Ohne mich wärt ihr alle nur Wichtigtuer.“

Gretchen (gelb) kicherte. „Ihr seid alle so furchtbar ernst. Ich bringe Lachen, Fröhlichkeit und Wärme in die Welt. Die Sonne ist gelb, der Mond ist gelb, die Sterne leuchten gelb. Ich bin Lebenskraft. Für eine Sonnenblume lächelt die Welt. Ich bin das Symbol für Neid, Hass und Eifersucht, die ihr eifersüchtig seid – ohne mich geht es nicht!“

Orange begann als nächstes, ihr Eigenlob zu singen. „Ich bin die Farbe der Gesundheit und Kraft. Ich komme in vielfältigen Tönungen vor, sie symbolisieren Erfrischung, Fröhlichkeit und Jugend. Ich wirke belebend und optimistisch. Ich bin eine Farbe der Warnung. Ich hänge nicht die ganze Zeit herum, aber wenn ich bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang den Himmel erfülle, dann ist meine Schönheit so auffällig und einzigartig, dass niemand einen weiteren Gedanken an euch verschwendet.“

Zuletzt erhob sich Violett. Es sprach viel ruhiger aber nicht weniger entschlossen: „Denkt an mich, ich bin die Farbe des Mystischen und der Würde. Ich symbolisiere Kreativität und Individualität. Ich werde mit Selbstvertrauen und einer aphrodisierenden Wirkung verbunden. Ich stehe für das Denken und Überlegen, die Melancholie, das Zwielicht und das tiefe Wasser. Ohne mich seid ihr belanglos, ihr braucht mich als Gleichgewicht und Gegensatz, für das Gebet und den inneren Frieden.“

„Und so fuhren die Farben fort, sich zu rühmen und zu streiten, jede davon überzeugt, die beste zu sein. Ihr Streit wurde immer lauter. Plötzlich zuckte ein strahlend weißer Blitz auf, ein Donner grollte und dröhnte. Die Farben kauerten ängstlich aneinander. Da sprach der Regen: Ihr närrischen Farben, streitet untereinander. Jede von euch ist einzigartig und verschieden.
Gott hat euch alle für einen bestimmten Zweck gemacht. Er liebt euch alle, er will euch alle. Reicht euch die Hände und kommt zu mir. Wir werden euch in einem großen, farbigen Bogen über den Himmel spannen, zur Erinnerung daran, dass jeder geliebt wird und dass wir in Frieden zusammenleben können.“

Ella klatschte in die Hände. „Das wird mit jedem Mal besser gehen.“

„Wie – mit jedem Mal?“ Sollten sie dieses Rollenspiel wirklich den ganzen Abend durchziehen?
„Naja, Lari hat uns gebeten, dass sie keine Kondome und so Müll verkaufen muss. Aber irgendwas muss sie ja machen, um Geld zu verdienen.“

„Hmh!“

(„Kondome sind kein Müll... sollte sie als Ärztin besonders wissen.“)

„Und was tut ihr?“ Natalie sah auf die beiden „Unverkleideten“.
„Wir machen Fotos und tragen die Verantwortung. Außerdem haben wir uns das auch ausgedacht!“
„Komisch, ich dachte, ich hätte die Geschichte schon mal in der Kirche gehört.“ Gretchen konnte sich diesen Seitenhieb nicht verkneifen. Sie stand auf und sah in den Spiegel.

(„Oh Gott, das geht gar nicht!“)

„Natalie, ich brauche eine Schere.“ Entschlossen setzte sie das Werkzeug an, knotete hier und drapierte da. Schließlich war sie zufrieden.

(„Wenn man mit sowas überhaupt zufrieden sein kann!“)


***
Nachdem sie maximal eine Stunde durch die Stadt gezogen waren und immer wieder („zweimal!“) ihr Schauspiel dargeboten hatten, verging allen die Lust. „Also gut, Mädels – saufeeeen!“ Larissa klatschte in die Hände. Die Idee war gut angekommen und sie hatten ordentlich („ein bisschen!“) Geld eingenommen.

Sie nahmen die erstbeste Bar und die Gruppe ließ es direkt ordentlich krachen. Gretchen und Natalie standen abseits und beobachteten das alberne Treiben.
„Ganz ehrlich? Spätestens morgen wird Deine Schwester diese Aktion bereuen. Heiraten ist anstrengend, vor allem wenn man drei Tage einplant.“
„Du bist doch auch verheiratet?“
„Nein. Die Ehe war juristisch nicht gültig. Der Mann, den ich geheiratet habe besaß fünf Identitäten. Er ist seit Jahren auf der Flucht.“
„Ach... das bist Du?“ Die schlanke („dürre“) Frau gesellte sich zu ihnen.
„Wer bist Du eigentlich, dass Du mich die ganze Zeit duzt?“ Gretchen riss der Geduldsfaden. Was bildete sich diese untergewichtige Blässe eigentlich ein?
„Ich bin Stella. Mit Ella habe ich das alles organisiert.“
„Na dann herzlichen Glückwunsch!“

(„Und mich mit unzähligen Emails bombardiert!“)

„Du musst uns mit Deiner schlechten Laune nicht den Abend verderben. Geh doch nach Hause!“

„Das wäre aber sehr schade. Ich bin der Markus und Du bist die schönste Frau von dem ganzen Haufen!“
Gretchen, Stella und Natalie drehten sich erstaunt um. Vor ihnen stand ein ausgesprochen attraktiver Mann. Groß, braungebrannt, stahlblaue Augen und blonde schulterlange Haare. Der Typ Surfer.
„Hallo Markus, ich bin Margarete. Leider füllt sich mein Glas nicht, nur weil ich die Schönste bin!“

(„Ha! Ich zeig´s euch. Ich weiß, wie ich auf Männer wirke und wie ich sie um den Finger wickeln kann!“)

Gretchen zog diese Show in den folgenden drei Bars auf die gleiche Art und Weise durch und während der Rest schon ziemlich, also wirklich ziemlich betrunken war, hatten sie und Natalie ihren Spaß. Sie suchten sich in den ersten Minuten nach Betreten der Bar den Typen aus, dem Gretchen die Drinks aus der Tasche leiern sollte. Oft waren es sogar mehrere, die sich um die Gunst der attraktiven Blondine zankten.

„Sach mal, Gretschen. Kennst Du die alle?“ Larissa sah so fertig aus, wie sie undeutlich sprach.
„Natürlich. Die habe ich alle herbestellt, um euch mal eine richtige Show zu zeigen! – Natürlich nicht! Außerdem immer noch Margarete!“
„Wann bringstn Du denn endlich die Natascha nach Hause? Mit Dir macht dasch keinen rischtigen Spaß, wenn Du alle Kerle anbaggerscht.“

Natalie lachte ihre Schwester aus. „Wieso, ischt doch luschtig.“

„Schdella – kannst Du Gretschen“ – „Margarete!“ – „ßagen, dasch ßie sich verpischen soll?“
„Oh, Lari... Danke. Toilette ist ein gutes Stichwort.“ Damit verschwand Gretchen mal für kleine Junggesellinnen. Als sie aus dem Waschraum heraustrat, erwartete sie eine aggressive Stella. „Ich warne Dich, Gretchen...“
„Margarete“
„Wie auch immer!“
„Nein, nicht wie auch immer. Ich habe einen Namen. Und für eine Warnung ist es eh schon zu spät – man warnt in der Regel VOR einem Unglück, nicht hinterher! Oder mittendrin!“
„Weißt Du wieviel Arbeit das alles war?“
„Du – ich habe schon zwei Hochzeiten vorbereitet. Und da vergingen zwischen Junggesellenabschied, Polterabend und Hochzeit mindestens je eine Woche. Am Abend vor der Hochzeit hätte ich wirklich keinen Nerv für so was hier gehabt.“
„Wenn Du keine Freunde hast, die sowas für Dich organisiert haben...“
„Doch, aber sie wollten mir die Hochzeit nicht mit einem Kater versauen! Und sich selbst auch nicht!“
„Keine Sorge, ich habe bei weitem nicht so viel getrunken wie Du glaubst. Ich habe Dich im Blick. Vor allem morgen. Du wirst unsere Pläne nicht durchkreuzen!“

„Pfff...“ Gretchen ließ die biestige Bohnenstange einfach stehen. Die sah hinter der Kusine der Braut hinterher. („Doofe Pute. Naja... schon die Maße fürs Kleid musste Lari irgendwie herauskriegen, weil sie zu doof war, die richtig zu messen...“)

Aber was sollte sie sich Gedanken darum machen. In ihrer Wohnung wartete ein maßgeschneidertes Traumkleid. Variante A für den Vormittag, ein Hauch von Business, der ihre wichtige Rolle als Trauzeugin unterstrich. Variante B für den Nachmittag/Abend mit einer festlichen Note. Sie hatte lange im Internet recherchiert und sich dann für einen glamourösen Auftritt entschieden. So waren russische Hochzeiten eben.
Lange hatte sie überlegt, was sie tragen sollte. Larissa hatte gesagt, dass ihr Oberarzt Dienst hatte – natürlich, die Familie konnte bei so einem Fest nicht arbeiten – aber er es bestimmt einrichten konnte, vorbei zu kommen. Morgen musste also alles passen, wenn sie nochmal versuchen wollte, an Doktor Marc Meier ranzukommen. Versuchen? Nein, sie hatte fest vor, sich diesen Mann zu angeln. Manager Of Tomorrow und der einzigwahre Mann für gewisse Stunden. Doktor Marc Meier war jede Sünde wert! Und das wusste sie schon seit dem ersten Treffen im Café Goja in Berlin. Da konnte Ella machen was sie wollte, sie selbst hatte die älteren Rechte an diesem Mann.

Sie stampfte entschlossen mit dem Fuß auf und stieß wieder zu der feiernden Gesellschaft. Die Lockentussi war verschwunden. Das nervige Teenageranhängsel auch. („Gut, sie hat mich verstanden!“)

„Hast Du mitgekriegt? Das Goldköpfchen und die Pechmarie sind weg. Hat irgendeinen wichtigen Anruf vorgetäuscht. Peinlich ist das!“
„Egal, Hauptsache sie fuscht uns nicht weiter rein. Es bleibt bei unserer Absprache? Eine von uns bekommt Marc und die andere hält dann die Füße still?“

„Ja klar! So haben wir es abgesprochen. Trinken wir noch einen drauf!“ („Ich trinke auf mein Kleid!“)
„Auf uns. Und die, die ihn bekommt. Auf Marc Meier!“ („Und auf mein Kleid!“)

Karo Offline

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17.05.2020 15:41
#394 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.3 – Herz-Lungen-Transplantation



„Was ist denn los? Ist es, weil Stella Dich abgefangen hat? Was hat sie denn gesagt?“
„Jede Menge Unverschämtheiten aber die sind uninteressant. Oma war am Telefon, sie brauchen mich in der Klinik. Familie Haase-Temelova fällt ja für eine Herz-Lungen-Transplantation aus. Jetzt bringe ich Dich zu ihr, schnappe mir das Kleid und hoffe, dass wir früh fertig sind.“
„Wie lange dauert denn sowas?“
„Ich habe keine Ahnung – acht bis neun Stunden bestimmt.“
„Ab 9 Uhr ist Treffen angesagt. Edgar wird gegen 10 Uhr erwartet, vorher passiert nichts, außer dummes Geschwafel. Dann muss er diese Spiele machen – ich glaube nicht, dass er hinterher in bester Laune zum Standesamt fahren wird.“ Natalie kicherte. „Eigentlich ist er okay. Halt total spießig und stock steif.“
„Du meinst, er geht zum Lachen in den Keller?“
„Ja.“ Die Älteste und die Jüngste der Brautjungfernriege verstanden sich prima. „Ich bin froh, dass Du da bist, Gretchen – Margarete.“
„Gretchen ist schon okay. Bei Dir macht es mir nichts aus. Nur so Hanni und Nanni-Typen bringen mich auf die Palme.“ Das Taxi hielt vor dem Haus der Oma und Gretchen wies den Fahrer an, auf sie zu warten.
„Viel Glück, Gretchen!“
„Schlaf für mich mit, Natascha!“

„Hallo Oma.“ Sie nahm ihre Oma in den Arm, das Kleid in Empfang und wieder Platz im Taxi. „Zur Klinik Alsterpark, bitte.“
„Sind Sie krank?“ Der Taxifahrer lachte. „Direkt von der Kneipe in die Notaufnahme, das hatte ich noch nie.“
„Dann haben wir etwas gemeinsam – eine Herz-Lungen-OP hatte ich auch noch nie.“
„Na, so krank sehen Sie gar nicht aus...“



Außer Marc und den beiden Assistenzärzten war nur ihr Vater anwesend. „Es sind noch drei Kollegen unterwegs, die Schwestern bereiten schon den OP und den Patienten vor. Die Organe werden frühestens in einer Stunde hier sein. Wer will geht bitte noch etwas essen, ich rechne mit einer Operationsdauer von acht Stunden, wobei Professor und Doktor Haase gegen 6 Uhr abgelöst werden könnten. Wir treffen uns in 30 Minuten im OP!“
Damit schob er Gretchen durch die Tür. „Wie war es?“
„Der Anruf war meine Rettung.“ Sie grinsten sich an. „Warum willst Du mich dabei haben?“
„Lieber mehr Hände als notwendig.“ Er blieb stehen. „Du trinkst wirklich nichts?“
„Nein, Marc. Nullkommanull. Obwohl ich zwischendurch wirklich daran dachte, mir für drei Tage die Birne wegzuballern.“

„Doktor Meier? – Was soll sie hier?“ Sein Chef nickte in Gretchens Richtung.
„Im Zweifelsfall operieren.“
„Das ist Larissas Patient...“
Gretchen dachte an die lallende Kusine und lachte laut auf. Schnell folgte den beiden anderen Assistenzärzten und ließ Marc mit ihrem Onkel alleine.

„Sind Sie auch in der Chirurgie?“ Doktor Brenner und Doktor Cornelius winkten die „Gastarbeiterin“ an ihren Tisch. Sie wollten bloß vor der OP abchecken, ob diese Ärztin genauso tickte, wie die Kollegin.
„Nein, ich bin Allgemeinmedizinerin mit eineinhalb Jahren Assistenzzeit auf der Chirurgie. Doktor Meier war in Berlin mein Oberarzt.“
„Ach... dann sind Sie das. Larissa hat in letzter Zeit öfter von ihrer Familie in Berlin gesprochen...“
„Jetzt wird es interessant...“

Sie hatten nicht gemerkt, dass Marc an den Tisch herangetreten war. „Interessant? Wollte Doktor Brenner gerade über den Ablauf der Transplantation informieren?“
Nur wenige Minuten später hatte Gretchen ihre Mitstreiter von sich überzeugt. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie lange nicht im OP gestanden hatte, erkundigte sich nach dem Patienten und der Vorerkrankung und ließ sich genauestens den Ablauf der nächsten Stunden erklären. Marc mischte sich nur selten in das Gespräch ein, dass er natürlich aufmerksam verfolgte. Je besser sich die Operateure untereinander verstanden, umso angenehmer war die Atmosphäre während des Eingriffs. Schlimm genug, dass ein erwachsener Mann wie Professor Hans Haase selbst in so einer Situation herum zickte und nichts von seinem Bruder und dessen Tochter wissen wollte. Das war ihm – dem aktuell vollverantwortlichen Medizinischen Direktor der Chirurgie – allerdings gerade völlig egal.
„Meine OP, mein Team. Weder Ihr Bruder noch seine Tochter trinken Alkohol. Darauf kann ich mich verlassen!“

Marc hatte richtig gewählt und für einen derart komplizierten Eingriff, wie ihn eine Herz-Lungen-Transplantation darstellte, gut daran getan, einen erfahrenen Chirurgen wie Professor Franz Haase einzusetzen. Natürlich hätte er sich ohne zu zögern selbst ans Messer gestellt, ein Marc Meier fürchtete keine Herausforderung. Aber so war es gut.



Doktor Brenner hatte den Brustkorb mit einem Längsschnitt eröffnet und die betroffenen Organe freigelegt. Nun wartete er die nächste Anweisung seines Ausbilders ab. „Hasenzahn – Interesse an einem Herz?“
„Eh, ja!“ Ein Lächeln huschte über Gretchens Gesicht. Sie hatte nicht damit gerechnet. Sie sah Marc fragend an.

(„Besonders an Deinem!“)

Er nickte.

(„Dann los!“)

Zwei Männer im Raum konnten sich nicht an der vollkonzentrierten Ärztin satt sehen. Zwei Herzen im Raum schlugen voller Stolz über die präzise und korrekt arbeitende Operateurin. Sie selbst war voll auf ihre Aufgabe fokussiert und bemerkte von alledem nichts. Schließlich hielt sie ihr Lieblingsorgan in der Hand.

„Möchtest Du es Dir einpacken lassen?“ Marc sprach sie auf seine unnachahmliche Art an. Sie sagte nichts, legte es aber auch nicht in den angebotenen Behälter, sondern machte einfach nur Platz am OP-Tisch. Marc schüttelte den Kopf. „Doktor Brenner – Ihre Lunge. Wo fangen Sie an?“ Jeder im Raum konnte das hinter dem Mundschutz versteckte Lächeln sehen – seine Augen verrieten es.
Doktor Brenner entnahm den linken Lungenflügel, Doktor Cornelius anschließend den rechten. Die Spenderorgane schienen gesund zu sein. „Hasenzahn – vielleicht fesselt Dich das Einsetzen der Lunge genauso?“ Sie enttäuschte ihn nicht.

Morgens um 6:30 Uhr schoben sich die anwesenden Mediziner den Mundschutz vom Gesicht. „Das war eine tolle Leistung von Ihnen allen. Jetzt muss sich der Patient anstrengen.“

Marc und der Anästhesist, der den Patienten nun auf der Intensivstation bewachen würde, verließen als Letzte den sterilen Raum.
„Allgemeinmedizin?“

Marc zuckte mit den Schultern und der Kollege grinste. „Wenn man den Worten vom Chef glauben darf, hat es in jeder Generation nur einen begnadeten Chirurgen gegeben. Ich würde sagen, die sind schon in zweiter Generation in Berlin...“

(„Schön, dass es selbst den eigenen Angestellten auffällt...!“)



Einige Zeit später fand man zwei völlig erschöpfte Ärzte auf einer großen Eckcouch. „Wie lange fährt man bis zum Haus meines Onkels?“
„20 Minuten.“

(„Also ca. 9 Uhr Abfahrt – in keinem Fall früher! Und was mache ich jetzt? Schlafen fällt aus.“)

„Wenn ich jetzt schlafen gehe, stehe ich vor heute Abend nicht wieder auf!“
„Das habe ich mir auch gerade überlegt. Was hältst Du von Duschen und irgendwo frühstücken? Dann kann ich Dich zu Deiner Familie fahren und mich in die Klinik.“
„Prima Vorschlag, allerdings muss ich erst irgendwas für meinen Kreislauf tun.“ Sie sprang die Wendeltreppe nach oben, wo Gretchens Gepäck im Schlafzimmer stand. Marc begann zu schwitzen.

(„Was meint sie jetzt?“)

Vorsichtig folgte er ihr. Er fand sie in einer der Taschen suchend – sie beförderte einen Schuh hervor und gleich darauf den zweiten.

(„Das sind 1 A-Laufschuhe!“)

(„Seit wann läuft sie?“)


Er beobachtete sie mit trockenem Mund, wie sie ihre Jeans abstreifte und gegen eine Sporthose tauschte.

„Läufst Du mit?“ Sie sah ihn an. „Du läufst doch noch?“

Er nickte kurz und zog sich ebenfalls seine Laufsachen an. Als er sein Hemd gegen ein T-Shirt tauschte, schluckte Gretchen trocken. Schnell richtete sie ihren Blick auf etwas anderes.

(„Etwas Langweiliges. Was mich nicht direkt ins Schwitzen bringt. Ah... Der Schutzbeutel vom Zürich-Kleid. Das ist...“)

Jetzt brach ihr der Schweiß aus! „Scheiße, Marc. Ich habe das Kleid in der Klinik hängen lassen.“
„Dann laufen wir zur Außenalster und nehmen es auf dem Rückweg mit.“



Die Temperatur war unvermutet frisch, doch es war eine Wohltat in diesem hitzigen Sommer. Während er sich furchtbar konzentrieren musste, nicht in sein gewohntes Tempo zu fallen, damit Gretchen mithalten konnte, hampelte und zappelte die gutgelaunte Ärztin neben ihm hin und her.

(„Wie kann man so laufen ohne ständig hinzufallen?“)

Irgendwann blieb er stehen. „Hasenzahn, kannst Du auch geradeaus laufen?“
„Nicht, dass ich Dir zu schnell werde?“
„Was?“ Er starrte sie entgeistert an. „Zu schnell? Geradeaus und etwas Konzentration würden reichen.“
„Marc – hast Du mich schon mal konzentriert gesehen? Außer vor einem Nutellabrötchen vielleicht?“ Sie lachte.
Er sah sie ernst an. „Ja – und das ist noch nicht so lange her.“

(„Im OP war sie beeindruckend. Eigentlich kein Wunder, dass sie jetzt über die Wiese hüpft wie ein junger Gaul. Äh – junges Fohlen.“)

„Mein letztes Nutellabrötchen ist schon eine ganze Weile her.“ Zur Bestätigung knurrte ihr Magen. Marc fing an zu lachen und fasste sie mit dem rechten Arm um die Taille und zog sie näher.
„Ich meinte das mit der Konzentration. Im OP vorhin, da warst Du beeindruckend.“
Sie schenkte ihm ein verlegenes Lächeln. Seine Worte erfüllten sie mit Freude, denn so eine Äußerung würde Marc nie machen, wenn er es nicht so meinte. „Danke.“
„Holen wir Dein Kleid und dann duschen, anziehen, schön machen.“
„Also, Du anziehen und ich schön machen?“

(„Hasenzahn flirtet mit mir?“)

Jetzt lief Gretchen geradeaus und gab das Tempo vor. Schnell näherten sie sich der Klinik.
„Sag mal... seit wann trainierst Du?“ Sie liefen jetzt nebeneinander. Das waren sein Tempo und sein Takt. Oder doch ihr Rhythmus, ihre Geschwindigkeit?
„Das Schwimmen wurde mir vor der Prüfung zu Zeitaufwendig. Da habe ich Joggen angefangen.“
Marc blieb abrupt stehen. „Was für eine Prüfung?“

(„Er hat keine Ahnung?“)

(„Ob ich ihn jetzt nochmal beeindrucken kann?“)


„Die Facharztprüfung. Letztes Jahr im Herbst.“

In seinem Gesicht spiegelte sich Erstaunen. „Dann hast Du es wirklich durchgezogen?“
Er zog sie wie vorher vorsichtig an sich heran. Seine Lippen waren neben ihrem Ohr, dass sie das Flüstern hören konnte. Anerkennung. Freude. Stolz? „Doktor M-Punkt-Haase. Fachärztin für Allgemeinmedizin.“

(„So. Dann halt Dich jetzt mal lieber noch etwas besser an mir fest, Doktor M-Punkt-Meier!“)

„Doktor M-Punkt-Haase, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren.“

„Was?“

Ihre Worte verfehlten die gewollte Reaktion nicht. Sie setzte grinsend noch einen drauf. „Und wenn ich die Prüfung in drei Wochen schaffe kannst Du in die Zeile da drunter noch Homöopathie schreiben.“
„Verarsch mich nicht.“
„Würde ich nie tun. Doch – würde ich schon. Aber nicht damit!“ Sie wand sich lachend aus seinem Griff.

(„Strike!“)

„Während Du Dich sammelst, hole ich schnell das Kleid.“ Gut gelaunt lief sie die Einfahrt hoch.

Karo Offline

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17.05.2020 15:52
#395 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG

August 3.4 – Rosa Alptraum...



„Hast Du noch einen Zwischenstopp am Frühstücksbuffet gemacht?“ Marc wartete seit gefühlten Stunden. Ein Kleid zu holen konnte nicht so lange dauern.
„Frühstücksbuffet? Das sagst Du erst jetzt?“ Sie drehte sich auf dem Absatz (des Laufschuhs!) um und machte Anstalten, den Rückweg einzuschlagen. Marc schnaubte. „Hasenzahn!“
Sie drehte sich lachend um und lief locker wieder auf ihn zu. „Siehst Du – ich würde es tun!“
„Was?“
„Dich verarschen!“
„Bist Du jetzt fertig?“
„Ich war nochmal auf der ITS.“
„Gut, können wir dann jetzt?“ Er lief Querfeldein voraus. Die letzten Meter gingen sie ruhig nebeneinander her. Gretchen fiel ein Straßenname auf.
„Milchstraße? Wie passend – wo Du früher so gerne behauptet hast, ich lebe hinterm Stern.“
„Hinterm Mond!“ Murmelte er.
„Was?“
„Äh, Mohn... Brötchen?“ Er zeigte in eine Richtung. „Ich hole gerade da vorne noch Brötchen.“
„Wenns geht keinen Weizen, bitte.“

(„Der hat doch „hinterm Mond“ gesagt?“)

Gretchen griff lachend nach dem Schlüssel, den Marc ihr hinhielt. „Wie sieht die Zahl aus, wo Du wohnst? – Sorry hinterm Mond gibt’s sowas nicht. Wir sind zahlenlos glücklich.“
Ein älterer Mann trat aus dem Haus und steuerte auf die kleine Eckbäckerei zu. Marc grinste Gretchen an. „Und der war zahnlos glücklich! Bis gleich.“



„Gretchen? Was ist passiert?“ Der Chirurg war irritiert. Hatte er nicht eben einen fröhlich scherzenden und gut gelaunten Hasenzahn an der Ecke verlassen? Wer war das, die ihm da Tränen überströmt und verzweifelt die Türe aufhielt. Dann sah er es: „Scheiße – was ist das?“
„Ich gehe da nicht hin. Die sind ja von allen guten Geistern verlassen.“ Sie zeigte auf das rosafarbene Etwas, das an ihr herunter hing.
„Haben die Dir das falsche Kleid gegeben?“
„Die sind boshaft. Nein, Marc. Sogar mein Name und das heutige Datum stehen drin.“ Wieder rollten dicke Tränen. „Das ist viel zu kurz!“
„Wenn es nur das wäre...“
„Die sind so mies... ich hätte doch das Kleid kaufen sollen, welches die Schneiderin da hatte. Das war echt toll... aber ich habe nett gedacht und war bereit, diesen Zirkus mitzumachen.“
Sie schniefte und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Sie drehte sich entschlossen um und stieg die Treppe hoch.
„Ich gehe jetzt duschen. Sie wollen Krieg, dann sollen sie ihn haben. Ziehe ich eben jetzt schon das Zürichkleid an.“

Marc stand starr.

(„Das Zürichkleid?“)

Er hörte Gretchen oben mit dem Kleidersack hantieren. „Gretchen?“ Er stürmte die Wendeltreppe empor. Sie hatte das Kleid ausgepackt und an den Kleiderschrank gehängt. Sie betrachtete es stumm.

(„Die werden sich wundern!“)

Doch erstmal staunte ein begnadeter Chirurg. Kurzzeitig hatte er überlegt, wie Gretchen in das sündhaft teure Kleid passen wollte, was ihr Vater für den Ärzteball spendiert hatte. Sie hatte definitiv eine tolle Figur. Doch er schätzte seit Zürich plus mindestens 10 Kilo, die sich an die richtigen Stellen gelegt hatten – wieder fiel ihm die tolle Figur dieser Frau auf. Schlank ja, aber weiblich. Sie sah so gut aus!

„Damit könnte man die Braut verwechseln?“

Gretchen lachte dankbar. Marc konnte so süß sein. War er früher schon gewesen. Plötzlich war er wieder der Sanfte, der Einfühlsame. Der nette Freund. Oder ihr furchtloser Retter. Ihr persönlicher Lawinenhund. Sie grinste, immer noch unter Tränen. „Die Braut hat eine Schnapsfahne.“
Er nahm sie einfach in den Arm.

„Ich wollte das Kleid eigentlich heute Abend anziehen. Als Überraschung für Dich. Und heute früh alles brav mitmachen.“ Sie schluchzte noch ein paar Mal. „Darf ich zuerst duschen?“ Das, was sich Kleid nannte, landete achtlos auf dem Boden.

Marc stellte ein kleines Frühstück zusammen und kochte Kaffee. Er hatte extra Orangensaft – den guten Direktsaft – besorgt, den er bei Gretchen gesehen hatte. Ihm gingen ihre Worte nicht aus dem Kopf.

(„Ich wollte alles brav mitmachen.“)

(„Sie wollen Krieg, sie kriegen Krieg!“)

(„Ich hätte doch das Kleid kaufen sollen...“)


(„Natürlich!!!“)


Er zückte sein Smartphone. Fluchte. Jedes erreichbare Modegeschäft öffnete frühestens um 11 Uhr.

Die Geräusche von oben deuteten darauf hin, dass Gretchen fertig sein musste und er stieg die Stufen hoch. Er hob das, was mal ein Kleid werden sollte, vom Boden auf und zog es wieder auf den Kleiderbügel. Sein Blick blieb starr auf dem Etikett hängen.

Karo Offline

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17.05.2020 15:57
#396 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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August 3.5 – ... und ein Traum in Rosé



Allmählich wurde die Zeit knapp. Obwohl – er hätte hier auch gerne noch viel mehr Zeit verbracht, er konnte sich einfach nicht an der Schönheit mit den blonden Locken satt sehen, die sich seit geraumer Zeit durch eine Reihe von in Frage kommenden Kleidern probierte.

Nachdem er zufällig eine Mobil-Nummer auf dem Etikett entdeckt hatte, waren sie in Kürze mit der Schneiderin verabredet. Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Haben Sie Ihre Schrankwand vermessen?“
Gretchen zeigte ihr das Foto von dem geänderten Zürichkleid. „Diese identischen Maße habe ich meiner Kusine durchgegeben.“
„Sehr schade – jemandem mit Ihrer Figur schneidert man doch gerne ein Kleid!“
„Stattdessen bekomme ich...“

„...das! Genau das ist es.“

Auch Marc war aufgestanden. „Wow, Hasenzahn.“

Sie sah sich im Spiegel an. Obenrum war das zartrosa Kleid eng geschnitten, die hochgezogene Taille sorgte für eine perfekte Figur. Blickfang war die durchgängig gearbeitete Spitze auf dem Oberteil, die dem Modell eine romantische Note verlieh. Ein paar Ausläufer des floralen Spitzenmusters reckten sich vorwitzig über den Ansatz des glatten Chiffonrockes hinaus. Nur vorne war der Stoff leicht gerafft, sodass die Eleganz des Kleides mit einem Hauch Verspieltheit kokettierte. Weich umfloss der Stoff Gretchens Beine.

Marc beneidete die zarte Spitze der Träger, die sich an Gretchens Haut schmiegten. Der V-Ausschnitt betonte Gretchens schönes Dekolleté.

Während sich die Kundin und ihr Begleiter nicht satt sehen konnten – die Kundin drehte sich immer wieder verzückt vor dem bodentiefen Spiegel, ihr Begleiter konnte seine Augen nicht vom Original wenden, durchsuchte die Schneiderin verschiedene Fächer und Regale. Sie reichte Gretchen ein Paar edle Sandaletten, die durch eine rosafarbene Schleife verziert wurden. Ein filigraner Stilettoansatz unterstrich die Weiblichkeit der Trägerin. Eine passende Clutch brachte Gretchen vollends zum Strahlen.

„Das Kleid ist wie für Sie gemacht! Naja, sie hatten auch nicht wahnwitzige Vorstellungen.“ Die Schneiderin lachte, als sie sich an die anstrengenden Anproben mit den Schwestern erinnerte. „Jede hatte einen Sonderwunsch, hier ein Extra, da etwas Individualität. Dann noch die Kleider für die beiden Trauzeuginnen. Sie sollten im gleichen Stil sein – aber anders als bei den Brautjungfern.“
„Ich hoffe, Sie waren beim Preis nicht zu zurückhaltend.“ Gretchen grinste. „Dieses Kleid müsste ja auch noch auf die Rechnung kommen.“

(„Ich bin für subtile Kriegsführung!“)

„Wenn Du Dich dann genug bewundert hast – wir müssen jetzt wirklich los!“
„Und Du? Schon satt gesehen?“ Natürlich hatte sie ihn beobachtet und mit seiner Reaktion auf ihr Erscheinungsbild war sie vollauf zufrieden.
„Ich habe noch die ganze Zeit, während Du Deinen Brautjungferlichen Pflichten nachkommen musst!“
„Ich muss nur ein rosa Kleid tragen. Und gut aussehen.“
„Dann können wir ja jetzt fahren!“ Er reichte der Schneiderin seine Visitenkarte. „Falls die sich wegen der Rechnung anstellen, melden Sie sich bitte bei mir.“ Die würden sich anstellen – allein die Sandalen standen mit 180 € zu Buche.

Karo Offline

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03.06.2020 17:44
#397 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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August 3.6 – Sie wollten Krieg – Standesamt



Larissa war nervös. Nein, ihr war übel – vor Aufregung natürlich, der gestrige Abend hatte nichts damit zu tun!
Wenn doch diese verfluchte Allgemeinmedizinerin endlich auftauchen würde. Da schrieb man schon großzügig 9 Uhr in die Einladung, damit auch jemand wie sie es schaffen würde, rechtzeitig da zu sein. Sie ärgerte sich über sich selbst – was hatte sie nur bewogen, auf ihren Vater zu hören und dem tollpatschigen Gretchen eine wichtige Rolle zu übertragen. Einen psychologischer Almosen...

„Hoffentlich hat sie nicht verschlafen – wenn sie bis heute früh operiert hat?“ Natalie half gerne mit einer provokanten Information aus, die ihre Wirkung nicht verfehlte.
„Wer hat operiert?“
„Gretchen. Deswegen musste sie mich so plötzlich nach Hause bringen.“
„Wer sollte sie denn anrufen?“
„Oma sagte, dass Doktor Meier sowohl Onkel Franz als auch Gretchen gebeten hat, zu kommen.“
„Das glaubst Du doch wohl selber nicht!“ Was dieser Freak immer zu wissen meinte...

Vier andere Ohren hatten eine andere Information wahrgenommen. „Dann kommt Doktor Meier nicht?“
(„Nein! Nein! Nein!“)
(„Das darf nicht sein!“)


„Was weiß ich denn? Ist mir ehrlich gesagt auch egal, wenn sie nicht auftaucht. Sie ist eh immer nur peinlich. – Ich heiße Margarete...“ Äffte sie ihre Kusine nach. „Doktor Meier muss arbeiten, wenn Mama und Papa schon nicht da sind.“ Ihre beiden Trauzeuginnen gingen ihr seit geraumer Zeit mit diesem „Manager Of Tomorrow“ auf den Geist. Ihr Vater hatte sich furchtbar über diese Auszeichnung aufgeregt. Also weniger über diese Ehrung selbst. Mehr störte es, dass sie alle nichts davon gewusst hatten. Dafür aber ihr Onkel und der ehemalige Medizinische Direktor der Alsterpark Klinik. Ausgerechnet diese beiden hatten Doktor Meier und seine Mutter nach Frankfurt begleitet.


Schließlich wurde Larissa aufgefordert, sich mit ihrer Mutter in das Ankleidezimmer einzuschließen. Ihr Bräutigam musste um sie spielen – er war begeistert gewesen. Aber da musste er eben durch.

Es war nicht viel Zeit vergangen, da hörte sie ihn kommen – lautes Autohupen kündigte das Eintreffen an. Sie hatte Edgar lange auf die Aufgaben und Tests vorbereitet und nun hoffte sie, dass er wenigstens irgendwas hinkriegen würde – oder genug Geld im Ärmel hatte, um sich bei falschen Antworten frei zu kaufen. Ihre Gäste schienen Spaß zu haben. Immer wieder klang lautes Johlen und Grölen in das Haus. Endlich hatte er die Haustüre passiert. Eine letzte Frage – eine letzte Antwort und er stand vor seiner Braut. Die er in ihrem weißen Satin-Tüll-Berg fast übersehen hätte.

Alle waren zufrieden, dass er die Aufgaben tatsächlich in guter Zeit und mit sehr gutem Erfolg erledigt hatte, denn jetzt wurde das erste Mal an diesem Tag auf das Brautpaar angestoßen. Natürlich mit Champagner. Kleine Kanapees wurden gereicht, mit extra von russischer Verwandtschaft aus Russland mitgebrachtem russischen Kaviar.



Ein hupender Autokorso fuhr zum Standesamt. In einem dunklen Auto mit Berliner Kennzeichen war große Ratlosigkeit angesagt. „Wo ist sie denn? Dass sie aber auch immer negativ auffallen muss. Franz – ruf sie doch nochmal an.“
„Bärbel, ich habe das Steuer in der Hand.“
„Das nennt sich Multitalent, Franz. Dass Du nie etwas gleichzeitig tun kannst.“
„Ich will auch nicht!“

Auf der Rückbank grinsten Oma Haase und Natalie sich an. „Tante Bärbel, ist schon gut. Sie geht nicht ran. Ich habe ihr in der letzten Stunde schon fünfmal auf die Mailbox gesprochen.“
„Nicht, dass ihr was passiert ist – Franz, sie hat uns nicht mal gesagt, wo ihre Freunde wohnen. Wenn Gretchen nun gekidnappt wurde? Wie stehen wir denn vor der Polizei da?“
„Bärbel, jetzt ist mal gut!“ Professor Haase war sich sehr sicher, dass „diese Freunde“ niemand geringeres war als Marc Meier. Alles war also in bester Ordnung. Mehr sogar – er beneidete Gretchen, wenn sie den Mumm hatte, diesem Affentheater fernzubleiben.

Aber Gretchen blieb nicht fern – im Gegenteil. Frisch und wunderschön wartete sie im Foyer des Standesamtes. Mehrfach war sie von Vertretern anderer Hochzeitsgesellschaften angesprochen worden „Ob der Bräutigam diese schöne Frau stehengelassen hätte und ob man selbst einspringen dürfte.“

Eine Herztransplantation und drei Heiratsangebote waren eine gute Basis für einen Tag wie diesen.

(„Schließlich befinden wir uns im Krieg!“)

„Gretchen, wir hatten 9 Uhr bei uns gesagt!“
„Margarete. Entschuldige bitte Larissa, aber das hätte ich nicht geschafft. Wir haben bis heute früh um 7:00 Uhr operiert, aber mach Dir um Deinen Patienten keine Sorgen, er hat die Transplantation gut überstanden.“

(„Hah!“)

„Was für eine Transplantation?“
„Die Herz-Lungen-OP. Ich weiß leider nicht, wie Dein Patient heißt. Aber das ist ja jetzt auch egal. Schließlich haben wir hier einen anderen Job zu machen. Du musst „ja“ sagen und wir sind nur Dekoration.“

(„Hah!“)

„Was trägst Du da überhaupt für ein Kleid?“
„Oh je... jetzt bin ich unhöflich. Danke Dir für dieses wirklich fantastische Kleid. Es passt wie angegossen. Meine Schneiderin in Köln hätte besser nicht arbeiten können.“

(„Hah!“)

Endlich waren alle Gäste sortiert und der Standesbeamte konnte seinen Job erledigen. Nach nüchternen zehn Minuten waren Larissa und Edgar offiziell Frau und Herr von Lichtenberg. Auf die Erlaubnis, die Braut küssen zu dürfen, gab es von den Brautleuten ein steifes Küsschen.

(„Da war der Kuss von Prinz Charles und Lady Diana ein Vulkanausbruch gegen.“)

(„Marc und ich könnten den Leuten wenigstens was bieten.“)

(„Oh je... Gretchen. Nicht!“)


Vor dem Standesamt gab es erneut einen Sektempfang. Erstmals traten die beiden Hochzeitsmoderatoren auf den Plan, die „Tamada“, wie Natalie Gretchen erklärte. „Sie führen durch den Tag und animieren die Gäste zu Spielen und Spenden für das Brautpaar.“
„Dann muss ich wegen meinem Kleid wohl kein schlechtes Gewissen haben.“ Gretchen lachte.
„Danach wollte ich Dich schon fragen...“
„Eure Schneiderin war entsetzt, als sie gesehen hat, was sie mir genäht hat. Sie hat für mich um 8 Uhr ihr Atelier aufgemacht und ich habe fast alles roséfarbene anprobiert.“
„Aber hattest Du denn die Maße nicht geschickt?“
„Doch, aber vermutlich hat die jemand vertauscht.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ich habe die Mail gespeichert und das Kleid für später ist nach den identischen Angaben gefertigt.“
„Dieses Kleid ist einfach toll!“
„Ich weiß!“

(„Marcs Blick hat es mir bestätigt!“)




„Gretchen, was soll denn das? Du kannst doch wenigstens auf das Brautpaar mit Schampus anstoßen. Was soll denn der blöde Saft immer. Du wirst genauso speziell wie Dein Vater!“
„Na dann ist doch alles gut!“ Die Tochter lachte.

(„Lieber wie Papa, als so... sorry Mama, ich hab Dich lieb, aber so will ich nicht werden.“)

„Margarete, Deine Mutter hat Recht.“ Ihr Vater grinste sie an und tauschte das Saftglas gegen ein Champagnerglas.
„Papa...“
„Ist mein persönlicher Trick – Ginger Ale. Ist noch nie jemandem aufgefallen.“ Er flüsterte ihr zwinkernd zu und die Tochter lachte. „Danke, Papa.“
„Ach, wenn Dein Vater was sagt, dann ist es okay.“
„Papa hat nichts gesagt – er überzeugt durch Taten.“

Die Moderatoren – eine übertrieben herausgeputzte Frau, Tamara, und ein im Gegensatz sehr leger gekleideter Mann, Gregor – riefen nun die Gäste zusammen. „Flash Mob!“
Das Brautpaar, ihre Trauzeugen und die Brautjungfern mussten in die vorderste Front, die Familienangehörigen stellten sich in die zweite Reihe, der Rest suchte sich einen Platz dahinter.
„Und dann die Schritte so – und so – und so, Klatschen, Hocke, Sprung und so – und so – und so... immer weiter. Achtung – Musik!“

Gretchen hoffte nur, dass sie nicht stolpern würde. Vorsichtshalber streifte sie ihre Schuhe ab und raffte das Kleid hoch.

Nach und nach stiegen immer mehr Gäste aus, im Gegensatz zu der sportlichen Allgemeinmedizinerin, die Runde für Runde sicherer wurde.
„Wir haben eine Siegerin – sogar eine der Brautjungfern. Verrätst Du mir Deinen Namen?“
„Margarete.“
„Hallo Margarete. Du darfst Dir als Gewinnerin jetzt eine Aufgabe für die oder einen der Trauzeugen ausdenken.“
„Egal ob für alle oder eine – einen?“ Die Tamada Tamara nickte. Gretchen hatte bereits die ersten Gorka-Rufe vernommen. Auch davon hatte Natalie ihr erzählt. „Okay, dann für alle vier – die Trauzeugen sollen die Trauzeuginnen küssen!“

(„Hah!“)

Die russischen Gäste waren begeistert von der Idee dieser strahlenden Siegerin und jubelten und applaudierten.

(„Hah!“)

Stella und Ella standen versteinert da. Nicht nur, dass sie sich selbst schon den ganzen Morgen beherrschen mussten, sich nicht auf der Stelle anzuschreien – oder sofort Gewalt anzuwenden. Nun forderte die affige Tussi auch noch einen Kuss mit einem dieser Schwachmaten. Das würde sie büßen. Bei dem Gedanken waren sie sich wieder einig. Mit Wiederwillen lösten sie diese Aufgabe und warfen Gretchen vernichtende Blicke zu. Die trug ihre Freude offen zur Show und applaudierte wie alle anderen Gäste.

(„Hah!“)

Der Hochzeitsfotograf drückte im richtigsten aller Momente ab. Zwei küssende Paare, beide Trauzeugen in klassischem, dunkelgrauen Nadelstreifenanzug und die Trauzeuginnen in silberglitzernden Kleidern, mit engen, knielangen Röcken. Sie hatten die identischen Schuhe und die identischen Taschen. Und sie trugen den gleichen angefressenen Gesichtsausdruck zur Schau. Daneben, aber mit Sicherheitsabstand, eine wunderschöne, strahlend lachende Brautjungfer. Man konnte nicht sagen, was mehr leuchtete. Ihre auffällige Lockenpracht oder das lachende Gesicht mit den großen, blauen Augen. Und Gretchen merkte mit einem Mal, dass sie Spaß hatte!

(„Wer hätte das gedacht!“)

(„Hah!“)


„Als Trauzeuginnen könnten die ruhig etwas freundlicher gucken.“ Bärbel war nicht zu überhören. Gretchen lachte. „Meinst Du Hanni und Nanni?“ Auch sie sprach lauter als notwendig. Mit voller Absicht.

(„Hah!“)

„Ja, aber nicht jeder ist so ein Sonnenschein wie Du. Das Kleid steht Dir hervorragend.“
„Danke, Mama. Fahrt ihr jetzt zu Oma?“ Die kirchliche Trauung würde erst am Nachmittag stattfinden.
„Wir wollten erst ins Hotel, Dein Vater hat sich ja die ganze Nacht im OP herumgeschlagen. Am Nachmittag fahren wir dann zu Oma und mit ihr zur Kirche.“
„Hm, hinlegen wäre durchaus eine Option. Schließlich habe ich mit Papa zusammen die Nacht zum Tage gemacht.“
„Margarete! Wir sind wegen einer Hochzeit hier.“
„Ja, Mama. Und sie haben schon ja gesagt.“

(„Also können wir auch eigentlich wieder nach Hause fahren.“)

(„Nein! Lieber drei Tage so eine affige Hochzeit und dafür bei Marc wohnen.“)

(„Ob er noch in der Klinik ist?“)


Sie zückte ihr Handy und wählte Marcs Nummer.

(„Mist, Mailbox.“)

Wie gut, dass sie einen Schlüssel hatte. „Papa? Wir treffen uns dann später an der Kirche, ja?“ Und schon hatte sie in dem Taxi Platz genommen, um das sich zwei glitzernde Trauzeuginnen stritten. „Ihr kennt doch das Sprichwort...? Nicht? Wenn sich zwei streiten, dann freut sich die Dritte.“ Damit klappte sie die Autotür zu.

(„Hah!“)

Der Taxifahrer lachte. „Wenn sich zwei streiten – freut sich nicht nur die Dritte, sondern auch der Vierte. Wohin darf ich Sie fahren, wunderschöne Frau?“

Karo Offline

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03.06.2020 17:57
#398 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.7 – Keeping calm is not easy



Marc hatte einen arbeitsreichen Vormittag gehabt. Auf der Außenalster waren zwei Motorboote zusammengestoßen. Glücklicherweise hatten beide kaum Tempo gehabt und so waren es nur mittelschwere Verletzungen, bis auf einen Mann, der bewusstlos aus dem Wasser gezogen wurde. Die Wiederbelebungsversuche der Notärzte waren erfolgreich gewesen, aber stabil war der Mann lange nicht. Der sollte sich mal ein Beispiel an Patient Finkenberg nehmen. Der war mit neuem Herz und neuer Lunge ausgestattet und er hatte diesen schweren Eingriff bisher komplikationslos überstanden. Das Herz pumpte kräftig und regelmäßig und die Lunge erfüllte ihre Funktion vorschriftsmäßig. Die Verlobte des 59-Jährigen saß ununterbrochen an seinem Bett. Sie hatte Marc mit einer Frage verwirrt, auf die er spontan nicht hatte antworten können. „Liebt das neue Herz genauso wie das alte Herz?“ Jetzt hätte er Gretchen gebraucht. Auf solche Fragen hatte sie immer eine Antwort.
Ob sie wohl schon zu Hause war? Er griff zum Handy, das ihm eine neue Nachricht auf der Mailbox meldete. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht – eine Kontrollrunde und dann war es Zeit, nach Hause zu fahren.



Er hörte sie oben im Bad. „Gretchen?“
„Oh Marc, hast Du meine Nachricht gehört?“ Sie kam barfuß die Treppe herunter. Sie trug einen kurzen Sommerpyjama. Unter dem Oberteil war sie nackt. Marc spürte das erste leichte Ziehen in seiner Leistengegend.

(„Scheiß Spruch!“)

Er meinte den Aufdruck auf dem blauen Stoff.

„Keeping calm is not easy“

Als Gretchen diesen Shorty vergangene Woche entdeckt hatte, hatte sie sofort an Marc gedacht. Wie es aussah erfüllte er seinen Auftrag. Die frech gepunktete Shorts tat ihr Übriges. „Ich wollte mich gerade hinlegen.“

„Ach, ich dachte das wäre Dein Outfit für die Kirche?“
„Das hatte ich kurzzeitig überlegt aber das Kleid ist im Bett zu unbequem.“
„Hm, Margarete, Du bist zu Scherzen aufgelegt. Dann war es nicht so schlimm?“
Gretchen lachte. "Erzähle ich Dir später. Im Moment will ich ehrlich gesagt nur schlafen.“

(„Ich will auch schlafen – mit Dir!“)

Kleine Schritte – auch für den Kleinen Meier
Der gerade schon sehr groß werden will...


Während Marc duschte, inspizierte Gretchen den Kühlschrank. Da waren noch die restlichen Sachen vom Frühstück. Sie schmierte sich ein ordentliches Nutellabrötchen.

(„Hah!“)

„War ja klar.“ Er grinste sie an aber sie hatte keine Ahnung, was er meinte. Er schien zu überlegen. Dann entschied er sich für einen etwas größeren Schritt. Vorsichtig kam er näher. Sie kam ihm nicht entgegen. Aber sie zog sich auch nicht zurück. Erwartete still seine Lippen, die sich endlich! auf ihre legten. Zärtlich. Fest. Zu kurz. Aber viel länger, als die zurückhaltenden Male vorher. Der Belohnungskuss für seinen Erfolg in Frankfurt. Nur auf die Wange, aber völlig unerwartet. Auf der Dachterrasse, sein Sternschnuppenkuss. Und gestern am Bahnhof, der Begrüßungskuss. War auch nicht geplant gewesen.
„Hmm, das ist echt viel zu süß.“ Er sah die blonde Frau kurz überlegen. „Nutella. Gretchen. Du hattest noch was an der Lippe – oder war das als Vorrat gedacht?“


Wie an Marcs Geburtstag lagen sie sich gegenüber und sahen sich in die Augen. Unbeweglich. Unaufhörlich. Unendlich lange.

(„Wo soll ich denn jetzt eine Sternschnuppe her bekommen?“)

Allmählich fielen seiner („Ex-?“) Freundin die Augen zu. Schon fast eingeschlafen drehte sie sich nochmal kräftig hin und her.
„Ich habe Angst vor Gewittern...“ murmelte sie und kuschelte sich Rücken an Bauch an Marc.

Draußen schien die Sonne und heizte das sommerliche Hamburg schnell auf Temperaturen jenseits der 30 Grad. Ihm war eh schon warm, aber angesichts dieser wundervollen Frau, die sich gerade vertrauensvoll an seinen Körper kuschelte, ging Marcs Betriebstemperatur schnell dem Siedepunkt entgegen. Er wollte die prachtvollen Locken nur ein wenig zur Seite schieben und blickte direkt auf den Schriftzug der Vorderseite, der ganz klein am rückseitigen Halsrand wiederholt wurde.

(„Immer noch ein Scheiß Spruch!“)

Das Ziehen in der Leistengegend nahm stetig zu. Bevor die unproduktiven Stimmen einen Streit in seinem Kopf anfangen konnten, rief Marc sein neues Wissen ab, Strategien, die er während vieler Therapiestunden mühevoll erarbeitet hatte, die mal halfen und mal nicht. Heute waren sie auf seiner Seite und er wurde wieder ruhiger. Konnte einfach den Augenblick genießen.

(„Vor ein paar Tagen hast Du genau hiervon geträumt. Nun genieß das Jetzt! Alles andere passiert von alleine.“)

Zuversicht. Das war das neue, positive Denken. Dass auch Dinge funktionieren konnten, wenn man sie laufen ließ. Ihnen Zeit gab.

Für alles gab es einen perfekten Zeitpunkt. Er konnte warten!
Sein freier Arm legte sich um den schlanken Frauenkörper, die Hand wanderte ganz vorsichtig unter den Rand des Oberteils. Gretchen hielt unmerklich den Atem an. Seine Hand auf ihrer Haut – wie sollte sie jetzt bloß an Schlaf denken?

Karo Offline

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26.06.2020 09:33
#399 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.8 – Sie wollten Krieg – Kirche



Wieder war es die Kusine aus Berlin, die auf sich warten ließ. Entweder man wartete auf sie oder sie drängte sich einfach in den Vordergrund. Schließlich riss Larissa der Geduldsfaden und sie gab den Moderatoren ein Zeichen. Nun wurden alle Gäste – und die Zahl der Einladungen machte jeder russischen Hochzeit alle Ehre! – gebeten, ihre Plätze einzunehmen. Die Brautjungfern standen an der rechten Seite in einer Reihe – von der Kleinsten bis zur Größten sortiert. Auf der anderen Seite die vier Trauzeugen – Ella und Stella für die Braut und zwei Freunde des Bräutigams. Vor der Kirche warteten nur noch die Braut selbst und ihr Vater. „Punkt 15 Uhr fangen wir an – mit ihr oder ohne sie.“

Zwei Minuten vor Ultimo fuhr der alte Volvo des Medizinischen Direktors auf den Parkplatz.
(„Immerhin – dann sind wenigstens Ella und Stella gut drauf!“)

Und dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Marc hielt – vermutlich seiner Begleitung? – charmant die Beifahrertür auf. Eine elegante Frau mit einer umwerfenden Figur nahm dankbar seine angebotene Hand.

Jetzt erst erkannten Vater Haase und Tochter Temelova oder jetzt neu: von Lichtenberg, wer schwungvoll die flachen Stufen zum Kirchenportal hoch schritt, immer noch Hand in Hand mit Doktor Meier an ihnen vorbei eilte. Wallende, goldene Locken. Ein wehender Rock. Und ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen.

(„Hah!“)


„Was ist denn? – Ach Herrje!“
Gretchen hatte beim Betreten der Kirche abrupt gestoppt und Marc war in sie hinein gelaufen. „Das ist ja furchtbar!“
„Das muss der russische Kitsch sein, den mir eine Freundin angedroht hat.“ Sie lachte und schüttelte ihre Lockenmähne. Die Kirche war in rosa und weiß dekoriert. Riesige Rosensträuße standen im vorderen Kirchenteil, jede Bank hatte ein Rosengesteck aufgebunden bekommen und die Bänke selbst waren mit Seidenbändern und Schleifen in rosa und weiß geschmückt. Das Schlimmste blieb Gretchen in ihrer Rolle jedoch verborgen – die Gestecke waren alle aus Kunstblumen hergestellt. Denn die Braut fand nichts lästiger als den ständigen Geruch nach Blüten. Außerdem – bei dem Wetter waren die Gestecke einfach haltbarer. Sie würden später im Festsaal die Tische zieren.

Gretchen, vor langer Zeit selbst dem rosa Virus verfallen, erholte sich schneller von diesem Schock, als ihr Begleiter. Sie sah ihre Eltern vorne rechts winken und zog Marc hinter sich her.
„Gretchen!“ Natalie hatte ihre Kusine entdeckt. Marc gesellte sich zu Franz und Bärbel während die verspätete Brautjungfer den ihr zugedachten Platz in der Reihe rechts vom Altar einnahm. Der Pfarrer begrüßte die hübscheste Frau in der Reihe und auch die beiden Trauzeugen machten auf sich aufmerksam.
Nur zwei Personen links vom Altar blieben still. Jede war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

(„Er ist da! – Aber warum kommt er mit ihr?“)
(„Was nimmt sich diese Person raus? Schon wieder zu spät – aber vermutlich braucht sie diese Auftritte. Vor allem – wieso kommt sie mit ihm?“)


Schließlich erklangen die Glocken – 15 Uhr. Vier Blumenkinder – alles Abkömmlinge russischer Verwandtschaft, wie Gretchen vermutete, streuten Rosenblüten in den Hochzeitsfarben.
Am Arm ihres Vaters schritt die Braut auf den Altar zu. Der Pfarrer nickte ihr aufmunternd zu. Natalie als Nesthäkchen stand als erste in der Reihe der Schwestern und winkte der Braut erwartungsvoll zu.

(„Sie hat sich hübsch gemacht. Sogar eine rosa Blume hat sie im Haar.)

Die drei dahinter wirkten gelangweilt – müde.

(„Kein Wunder, wenn denen genauso schlecht ist wie mir...“)

Als letzte in der Reihe war Gretchen mit sich und der Situation vollends versöhnt und das zeigte ihr strahlendes Gesicht!

(„Freut sie sich für mich? Bestimmt – sie weiß wie es mir geht, ist ja selbst zweimal in dieser Situation gewesen. Irgendwie...“)

(„Ich habe definitv das schönste Kleid und ich war pünktlich!“)

(„Ich muss sie echt nochmal ansprechen, dass sie berücksichtigt hat, dass ich mit 32 aus Glitzer herausgewachsen bin!“)

(Sie wollten K... – Stopp Gretchen! Du denkst nicht in einer Kirche an... böse Sachen!“)

(„Hah!“)



Der Traugottesdienst dauerte eine gute halbe Stunde, dann schritt Larissa von Lichtenberg am Arm ihres Mannes Edgar aus der Kirche. Im Kirchengarten gab es erneut einen Sektempfang.

„Oh, die Häppchen retten mich. Ich habe mittlerweile richtig Hunger!“ Gretchen und Natalie standen zusammen.
„Als würden wir sowas wie Häppchen bestellen.“ Ella und Stella hielten sich abwechselnd in Gretchens Nähe auf – zu Überwachungszwecken.
„Ah, und was habt ihr bestellt?“
„Kanapees.“
„Und das ist jetzt anders?“

(„Hauptsache ich bekomme was zu Essen.“)

Bevor es jedoch möglich war, die Häppchen oder Kanapees zu probieren, mussten Fotos gemacht werden. Bald war klar, dass Gretchen einen Fan mehr hatte. „Sie würde ich ja gerne mal shooten.“
„Äh, bitte was?“
„Ein Fotoshooting. Nur Sie – natürlich umsonst.“
„Äh, ich überlege es mir.“

„Ein neuer Fan?“ Marc stand plötzlich neben ihr. „Hör mal, ich muss in die Klinik. Ich hoffe, ich kann wieder kommen, ansonsten treffe ich Dich später im Festsaal? Du hast doch den Schlüssel eingesteckt?“
„Ja. Natürlich!“ Sie hielt ihre neue Clutch hoch.

(„Hält der mich für doof? Er hätte jederzeit in die Klinik gerufen werden können.“)

Er verabschiedete sich in charmanter Meier-Art. „Sei wachsam, Gretchen Bisher war es nur eine Schlacht.“
„Spinner.“ Sie lachte. „Dann sehen wir uns hoffentlich später?“
„Hm“, er grinste das altbekannte, süffisante Grinsen und die attraktiven Grübchen funkelten die schöne Brautjungfer an. „Vermutlich erst zur offiziellen Feier.“


Marc überquerte den Kirchenvorplatz, als er eine festlich gekleidete Frau an seinem Auto warten sah.

(„Fast wie das originale Zürichkleid!“)

„Mein Gott, Stella – was ist mit Dir passiert?“
„Hallo Marc, wir sind alle von gestern etwas übernächtigt. Wir waren bis halb drei unterwegs.“

(„Ich stand bis um 7 Uhr im OP...?“)

(„Gretchen stand bis 7 Uhr im OP und strahlt auch mit der Sonne um die Wette.“)


„Man traut sich neben Dir ja gar nicht zu husten – bist Du krank?“ Dass er sichtlich geschockt war, merkte selbst Stella.
„Nein, ich habe nur ein paar Kilos abgenommen.“
„Pfff... ein paar Kilos? Warum?“ Er meinte die Frage total ernst. Stella war vorher schon sehr schlank gewesen, aber jetzt sah sie aus wie... Gretchen nach ihrer Milz-OP. Das Foto... Gretchen viel zu dünn in ihrem Zürichkleid. Sie hatte ihn immer wieder aufgefordert, dieses Bild wegzuräumen. Er hatte sich geweigert!
„Für heute.“
„Für heute? Ihr Frauen habt einen Knall, wenn es um Hochzeiten und sonstige Festivitäten geht.“
„Es geht mir nicht um die Hochzeit.“
„Worum dann?“

(„Bitte nicht!!!“)

„Um Dich!“
„Um mich?“
„Seit Wochen weichst Du mir aus und ignorierst mich.“
„Ich dachte, das wäre geklärt?“
„Du hast das geklärt. Egal, was ich dazu sage.“
„Und ich habe jetzt weder die Zeit noch Lust, es nochmal zu erklären. Ich muss in die Klinik.“
Sie setzte sich ungefragt auf den Beifahrersitz. „Du kannst mich doch mitnehmen?“
„Äh, nein? Ich muss in die Klinik?“
„Das macht nichts.“
„Doch, Stella. Mir schon!“

Er würde sie schon nach Hause fahren und so blieb sie stur sitzen. Marc fluchte. „Von der Klinik kannst Du sehen, wie Du nach Hause kommst.“ Er startete den Wagen und lenkte ihn Richtung Außenalster.
Damit hatte Stella nicht gerechnet. „Ich habe Dich charmanter in Erinnerung.“
„Das liegt vielleicht daran, dass wir eine Weile miteinander geschlafen haben.“
„Ich würde es wieder tun.“
„Das würden die meisten!“

(„Ich hoffe, dass es vor allem die eine tut!“)

„Was hast Du jetzt gedacht?“

Der Wagen hielt auf dem für ihn reservierten Parkplatz an. Marc drehte nur seinen Kopf. „Stella... Du hast nicht an das Bild im Schlafzimmer gedacht?“
Trotzig schob sie die Unterlippe vor. „Wie oft habe ich Dich gebeten, es weg zu tun. Immer wenn ich es hingelegt oder umgedreht habe, hast Du es wieder aufgestellt. Da war nichts zu machen. Ich meine, wir waren zusammen und immer muss ich das Bild einer anderen Frau ansehen.“
„Wir waren allenfalls zusammen im Bett – das Bild geht Dich nichts an. Denkst Du wirklich, ich finde das schön?“ Er machte eine Handbewegung an ihrem Körper hinunter.
„Du siehst auf dem Bild so glücklich aus. So zufrieden.“
„Das liegt eher an der Frau als der Figur der Frau. Wir waren keine Stunde auf dem Ärzteball aber nachdem Gretchen sechs Wochen im Krankenhaus war, tat es uns gut.“
„Du meinst, das ist Larissas Kusine? Das kann doch unmöglich sein?“
„Doch, Stella. Das ist Gretchen.“ Er grinste. „Für euch übrigens Margarete.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Wenn ich auf dem Bild glücklich aussehe, dann, weil sie lebte und es ihr endlich besser ging.“

„Seid ihr zusammen?“
„Nein.“

(„Aber ich arbeite daran.“)

„Ihr seid zusammen zur Kirche gekommen?“
„Wir hatten den gleichen Weg.“
„Sie wohnt bei Dir?“
„Stella – es geht Dich nichts an. Es wäre nett, wenn Du jetzt aus dem Wagen steigst. Ich habe hier zu tun und ich hoffe, dass ich mich wenigstens vor der Party heute Abend noch was hinlegen kann. Gretchen und ich standen nämlich bis 7 Uhr im OP. Also erzähl mir nichts von übermüdet.“
„Ich verstehe es nicht, Marc.“
„Musst Du auch nicht, Stella. – Willst Du nicht endlich ans Telefon gehen?“ Er war genervt. Schon seit geraumer Zeit war ein Klingeln zu hören.
„Das ist nicht meins.“
Marc drehte sich um und auf der Rückbank lag Gretchens Handy. Er griff danach, dabei fiel klirrend etwas in den Fußraum. Der Wohnungsschlüssel.

(„Hasenzahn...“)

„Papa ruft an.“ Meldete das Display.
„Apparat von Doktor M-Punkt Haase?“ Er ahnte, dass es M-Punkt Haase selbst wäre.
„Marc, Gott sei Dank, ich dachte, ich hätte das Telefon verloren.“
„Du solltest Dir eher Sorgen machen, wie Du in die Wohnung kommen willst.“
„Ich hab doch... oh... Mist!“
„Ja, Du hast – in meinem Auto.“
„Dann komme ich irgendwann in der Klinik vorbei.“
„Von hinterm Mond da komm ich her...“ witzelte er.
„Marc Meier – komm Du mir nach Hause...“

(„Kommen ist ein gutes Stichwort...“)

Stella hatte stillschweigend zugehört. So klang es also, wenn Marc Meier flirtete. Ehrlich flirtete.
„Liebst Du sie?“
„Schon mein Leben lang!“ Ehrlich antwortete.
Stella öffnete die Wagentür und stieg wortlos aus. Sie grüßte nicht und sah nicht zurück. Sie hatte verstanden.

Karo Offline

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26.06.2020 09:41
#400 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


August 3.9 – Sie bekommen Krieg – Party



Ella war ratlos. Sollte Stella tatsächlich schon zugeschlagen haben? Schon eine Weile hatte sie die zweite Trauzeugin nicht gesehen. Und auch Marc schien wie vom Erdboden verschluckt. Glücklicherweise war ihr Job für heute erledigt, denn die Hochzeitsmoderatoren kümmerten sich nun um alles. Der erste Programmpunkt war ein Spaziergang der Hochzeitsgesellschaft durch den Park zur Festhalle. Vermutlich sagte man das in Russland so. Sie fand nicht, dass die Location, die sie zu dritt ausgesucht hatten, eine Festhalle war.
Das „Alsterherz“ war eine Outdoor-Lounge für gehobene Ansprüche, also für eine Hochzeit perfekt geeignet. Vor allem bei diesem Wetter. Ausschlaggebend war Larissas Wunsch gewesen, an einem Ort zu feiern, der für Fotos eine perfekte Kulisse bot. Die abendliche Hochzeitsfeier mit über 100 Gästen würde standesgemäß im Hotel Vier Jahreszeiten stattfinden, darauf hatten die Brauteltern bestanden. Die Eltern des Bräutigams hatten diesem Vorschlag gerne zugestimmt.

Es war alles hergerichtet. Der Spaziergang hatte den Helfern Zeit genug gegeben, die Kirchendekoration an ihren neuen Bestimmungsort zu bringen. Nun wurden noch Fotos gemacht und sie prüfte mit den beiden Moderatoren, ob alles nach Wunsch hergerichtet war. Sie machte sich keine Sorgen, mit dem Chef hatte sie in der letzten Woche oft genug zu tun gehabt, er war in Ordnung. Cool in jeder Hinsicht – nicht eine Änderung oder eine neue Idee hatten ihn aus der Ruhe gebracht.
Und er hatte sich selbst übertroffen – Ella stand staunend vor der vierstöckigen Hochzeitstorte. Deswegen hatte er intensiv nach dem Brautkleid gefragt! Larissa würde begeistert sein.

Vor dem Eingang hatten die Tamada schon begonnen, die Gäste zu organisieren, während der Fotograf den Auftrag hatte, das Brautpaar noch eine Weile fernzuhalten.
„Natalie, Du siehst aber hübsch aus.“ Bärbel hatte schon die ganze Zeit überlegt, was an der Nichte anders war.
„Gretchen hat mir gesagt, wie ich das Make Up versuchen soll.“ Sie hatte heute auf ihr schwarzes Alltagsmakeup verzichtet und sich dem Anlass entsprechend zurückhaltend geschminkt. Passend zum Thema rosa, aber trotzdem hatte sie es mit den Tipps der großen Kusine geschafft, ihre blauen Augen zu betonen. Bisher war sie der Ansicht, das ginge nur mit schwarz. Sie hatte sich sogar auf die roséfarbene Blume im Haar eingelassen – was bei ihrem schwarzen Haar definitv besser zur Geltung kam, als bei ihren farblosen Schwestern. Sie glichen einander wie Drillinge. Alle gleich groß, die gleiche Figur, die langen blonden Haare, von besagter Rosenspange an der Seite hochgesteckt. Und dann die gleichen Kleider. Nur deswegen konnte jeder erkennen, dass auch Natalie eine Schwester war. Vielleicht hatte Larissa deswegen verfügt, dass Gretchens Kleid anders sein sollte? Als Brautjungfer zu erkennen aber anders als die Schwestern.

Nun kam das Brautpaar und wurde von der Hochzeitsgesellschaft mit Brot und Salz jubelnd empfangen.
„Heute wird das Salz einfach in das Brot gebacken. Sie müssen jetzt jeder ein Stück abbeißen und der mit dem größeren Stück wird das Sagen in der Ehe haben.“ Natalie erklärte und kicherte – natürlich hatte ihre Schwester ein deutlich größeres Stück erwischt.
Larissa und Edgar bekamen nun einen Platz zugewiesen und empfingen ihre Geschenke. Jeder Gast stellte sich brav in die Reihe. „In Russland wird meistens Geld geschenkt, meistens schätzt man den Betrag auf die Höhe des Hochzeitsessens pro Person.“
Bärbel sah auf die Warteschlange. „Das dauert ja ewig!“
„Ich hoffe, dass es bald etwas Ordentliches zu essen gibt, ich sterbe allmählich vor Hunger.“
„Aber Margarete. Man geht nie hungrig zu einer Hochzeit.“
„Wenn ich sehe, was so auf den Tischen steht, dann weiß ich das jetzt auch.“
„Das sind Sakuski, also die Hors d´Oeuvre Russlands. Ein festliches Essen beginnt in Russland stets mit den kalten Vorspeisen, einer ganzen Reihe unterschiedlicher Salate. Lass mal sehen – wir haben Olivensalat und Eiersalat, Hering im Pelzmantel, und Kombinationen aus verschiedenen Gemüsen. Alles mit viel Mayonnaise.“ Sie lachte. „Mayonnaise ist wichtig... wie Wodka.“ Bärbel hatte sich den Kusinen angeschlossen, Küche und Speisen interessierte sie mehr, als die Wichtigtuerei der Gäste, die mit ihren Reden und Glückwünschen das Prozedere in die Länge zogen. „Oh, sogar unterschiedliche Sülzen, die hasst Larissa. Und hier haben wir eingelegten Fisch, meistens Heringsfische wie Sprotten und Strömlinge. Wurst, gefüllte Eier und belegte Brötchen. Natürlich dürfen Piroggen nicht fehlen – auf Russisch Piroschki und – natürlich: Kaviar.“
Das jüngste Temelova-Mädchen erzählte ihnen, dass das Servieren der Vorspeisen vor dem Hauptgericht eine alte Tradition sei. Schon im 10. Jahrhundert kamen zu Beginn einer Mahlzeit kalte Gerichte auf den Tisch. Die russischen Hausfrauen entwickelten im Laufe der Zeit mit viel Phantasie immer neue Rezepte. Die Zahl der Vorspeisen stieg und ließ den Tisch schöner und dekorativer werden.
„Zu den Vorspeisen trinken Gastgeber und ihre Gäste Wein, Wodka und andere starke Getränke; Trinksprüche werden ausgegeben. Wobei sich das bei Hochzeiten meistens auf Wodka und Gorka beschränkt. Der Wodka beschäftigt die Gäste, Gorka das Brautpaar.“ Natalie lachte, denn während die Geschenkeübergabe noch immer in vollem Gange war, hatten sich schon viele Gäste an den Tischen niedergelassen und griffen hungrig zu. Vor allem zum Wodka. „Gorka“ ertönte es wieder und wieder.
Gretchen fand diese mechanischen Küsse einfach schrecklich. Da sprang nicht der kleinste Funke.

(„Vielleicht ergibt sich später ja die Gelegenheit – dann zeigen Marc und ich euch wie das geht!“)

„Na schöne Frau – ich hätte jetzt Zeit für ein paar Fotos von Ihnen. Das Licht ist für ihre Haare einfach perfekt!“
Gretchen warf einen Blick auf die nicht abreißende Gästeschlange. Schnell griff sie zwei belegte Brötchen und folgte dem Fotografen in den Park.
„Sie haben doch bestimmt schon mal gemodelt?“ Ansonsten hätte er sich nicht erklären können, wie anmutig Gretchen posieren konnte. Ohne verkrampft zu wirken. Einfach natürlich. So wie sie war. Die Zeit reichte gerade aus, um ein paar wenige Bilder am Wasser zu zaubern, dann wurde offiziell zu Tisch gebeten. Mit der Hochzeitssuppe wurde das Buffet eröffnet.

(„Endlich!“)

Doch sie kam kaum zum Essen, denn sie wurde bevorzugt für die Spiele aufgefordert. Eine Trauzeugin war abhanden gekommen und so musste sie immer wieder einspringen. Als sie dem einen Trauzeugen ein Salatblatt aus dem Schritt entfernen sollte – ohne Hände natürlich! – war ihre Geduld am Ende. Sie ging zu Tamara, mit der sie sich verschiedene Male gut unterhalten hatte. „Tamara, die Braut hat drei Schwestern. Nimm die. Ich habe keine Lust mehr.“
„Aber Margarete, die Leute wollen Dich. Du bist hier absolut das Highlight, hast Du das noch nicht gemerkt?“

(„Hah!“)

„Der Sahnebaiser da vorne ist die Braut. Sie ist das Highlight.“
„Sollte sie sein, aber die Leute rufen ja schon nicht mal mehr Gorka.“ Stattdessen hörte man vereinzelte Greta-Rufe.

(„Hah!“)

„Das wundert mich nicht. Aber ich bin raus!“
„Margarete, wo willst Du denn hin?“ Natürlich lief sie Bärbel genau in die Arme, als sie sich verdrücken wollte.
„Ich muss mal an die frische Luft!“
„Pfff... wir feiern doch draußen?“
„Ach Mama...“

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