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Karo Offline

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Beiträge: 1.379

21.11.2019 22:24
#351 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

MARC 21


„Ich habe Dich etwas gefragt, rede!“

(„Halt den Mund, halt ja den Mund. Sauer ist er eh, aber jedes falsche Wort macht es schlimmer.“)

„Gut, wie Du willst. Der Gürtel wird Dich schon zum Reden bringen.“

(„Es ist egal – wenn ich schweige, ist es falsch. Reden sowieso.“)

„Was willst Du hören?“

„Bitte?“

„Wenn ich was sage, ist es falsch. Wenn ich nichts sage – auch. Also sag mir, was Du hören willst.“

„Du hältst Dich wohl für schlau?“

Marc schloss nur die Augen, als der Gürtel ihn traf.

(„Es tut nicht weh, es tut einfach nicht weh.“)

(„Raff es endlich, „Nichtreden“ ist immer die bessere Wahl!“)

Karo Offline

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21.11.2019 22:33
#352 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Mai 2.2 - Brief an Gretchen


Gretchen,

alles Gute zum Geburtstag! Martin und ich wünschen Dir Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.

Happy Birthday – Ney zu-noogo

Wie geht es Dir? - Niis kibaare?


In ein paar Tagen werden uns die ersten Kinder verlassen. Wir haben hier schon letzte Woche ein Fest für sie organisiert. Da die Regenzeit bald beginnt, gehen viele Kinder weg, da sie zu Hause auf den Feldern helfen müssen. Auch wir hier sind schon mit den Vorbereitungen beschäftigt.
Das Fest war wirklich schön, Naiya und Solange hatten mit den Kindern Lieder und Tänze eingeübt, Christian und Fritz haben wahrlich ein Rind gekauft, das die Frauen tagelang zerlegt und gekocht haben. Es wurden viele Geschichten erzählt und auch Du wurdest immer wieder erwähnt.

Alle denken mit Freude an Dich zurück und immer wieder fragen uns die Menschen, besonders Frauen.

Yamb / Fo yiinsa? – Wie geht es Deiner Gesundheit?

Sie alle sprechen immer wieder Segnungen für Dich aus. Sie wünschen Dir

Wend na lebga laafi – komm gesund zurück!
Wend na ganagi laafi – Erhole Dich gut!
Ney zinuugo – Viel Glück!


Es ist schön, dass Du uns mit dem letzten Brief Fotos mitgeschickt hast. Du siehst so viel besser aus, als wie wir Dich zuletzt gesehen haben. Glücklich. Das Bild von Dir und Marc ist wundervoll. Ihr seid ein schönes Paar. Die Mädchen und Frauen haben vor allem Dein Kleid bewundert.

Gretchen, ich kann verstehen, dass es Dich schmerzt, dass Dein Bruder ein Baby hat. Aber Du bist so fair und freust Dich für sie über einen gesunden Jungen. Nun bist Du eine

Pugdba – Tante!

Und dass es schwer sein muss, dass Gina ein Kind bekommt, das sie nicht gewünscht hat. Aber Du weißt selbst, dass es der Lauf des Lebens ist. Auch ich bin glücklich, meine Freundin, auch Martin und ich werden ein Kind haben.
Gretchen, ich bin sehr glücklich über die Schwangerschaft, auch wenn es erst die 8. oder 9. Woche ist. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass auch Du eines Tages wieder ein Kind erwarten wirst. Ohne Dich wäre Martins und mein Wunsch nicht (nie) in Erfüllung gegangen. Natürlich wissen wir, dass noch viel passieren kann, aber

Wend na songodoh – Möge Gott uns helfen.

Ich wünsche Dir alles Gute. Richte Marc, Mehdi und Deinen Eltern ganz herzliche Grüße aus.
Und natürlich lässt auch Martin grüßen.

Wend na kiengi pelega – Habe Mut/sei stark

Wend na kond nidaare – Bis zum nächsten Mal


Roula

Karo Offline

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21.11.2019 22:38
#353 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Mai 2.3 – Jetzt ohne Marc



Eine Träne lief Gretchen über die Wange. Sie freute sich sehr mit Roula, dass sie ein Kind erwartete. Und sie wünschte ihr alles Glück. Man konnte jedoch schwerlich davon ausgehen, dass die Schwangerschaft ohne große Komplikationen verlief. Die Geburt war wohl das kleinste Übel, wenn sie rechtzeitig genug einen Kaiserschnitt einplante.

Trotzdem hatte ihr die Nachricht einen Stich ins Herz gejagt. Jetzt hätte sie ihr Baby schon im Arm gehalten. Mutter. Anscheinend hatte die Natur etwas gegen das Natürlichste der Welt: Das Muttersein.

Natürlich hatte ihre Freundin Recht, das war der Lauf des Lebens und auch andere litten ihre Qualen.

(„Gretchen, Du bist ein Schaf. Wie lange hast Du nicht mehr richtig mit Gina gesprochen?“)

Sie schämte sich. Doch sie litt. Immer noch und immer wieder. Ihre Eltern waren so glücklich über den Enkel, es gab kaum ein anderes Thema als den kleinen Miguel. Eine weitere Träne suchte sich ihren Weg durch Gretchens Gesicht und noch eine. Sie schluchzte. Die Ärztin konnte ihre Gefühle noch nie unterdrücken und da sie keine Zeugen wollte, zog sie in ihr Zimmer zurück. Sie schluchzte wieder.

Es klopfte und im nächsten Moment stand ihre Mitbewohnerin Jo in der Tür.
„Gretchen? – Habe ich doch richtig gehört, Du weinst?!“
„Ist schon wieder gut.“ Die blonde Assistenzärztin versuchte zu lächeln.
„Das sehe ich. Was ist passiert?“ Sie sah den Brief. „Von Marc?“
„Nein. Von meiner Freundin aus Afrika. Sie bekommt ein Baby.“
„Und das rührt Dich zu Tränen?“ Keiner in Gretchens Umfeld wusste von ihrer Fehlgeburt.

„Nein, naja... blöd oder?“ Jetzt gelang das Lächeln. „Roula ist eins der schlimmsten Opfer, die ich in Afrika erlebt habe. Nicht nur beschnitten sondern immer wieder vergewaltigt, aufgerissen, schlecht verheilt... außer Narbengewebe war da nichts mehr. Als sie gesehen hat, was Mehdi und ich leisten können, hat sie sich mir anvertraut. Ich musste sie dreimal operieren, dass sie überhaupt wieder an Sex denken konnte. Stell Dir das mal vor – sie ist mit Martin seit über 10 Jahren zusammen, jetzt konnten sie erstmals miteinander schlafen. Dass sie so schnell schwanger geworden ist, grenzt schon an ein kleines Wunder. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass alles gut geht.“

„Also muss ich mir keine Sorgen machen?“
„Nein.“
„Und Marc?“
„Was meinst Du?“
„Er schien sehr sauer, als er abgefahren ist. Hattet ihr Streit? Ich meine, Du hast ihn nicht mal verabschiedet.“
„Nein. Wie es aussieht, sind wir nun getrennt.“
„Wie getrennt?“
„Er hat Schluß gemacht.“
„Warum?“
„So genau weiß ich es nicht. Irgendwie hat er gemerkt, dass ich mich nicht so ganz auf ihn einlassen kann.“
„Bist Du nicht traurig? Das klingt so abgeklärt.“
„Ich beschäftige mich hier gerade mit meiner Vergangenheit. Als ich vor zwei Jahren nach Berlin gegangen bin – zurückgegangen bin, da habe ich mich nicht umgesehen. Und plötzlich war Marc da. Er gehört nicht hierhin.
Nicht jetzt. Aktuell ist meine Gegenwart zu sehr mit meiner Vergangenheit belastet. Das mag total bescheuert klingen, nachdem Marc Schluß gemacht hat. Aber ihm gehört die Zukunft.“
„Gretchen? Er macht Schluß und Du redest von Zukunft?“
„Ja, bescheuert, nicht?“
„Gehst Du später noch mit ins ´Kabuff`?“
„Ne, Du. Heute nicht. Nach Feiern ist mir nicht.“
„Ich kann auch gerne bei Dir bleiben...“
„Nein. Ich kann auch gut mit mir alleine!“

Wenig später hörte sie ihre Mitbewohnerinnen Johanna und Valerie die Wohnung verlassen.

Karo Offline

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21.11.2019 22:44
#354 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Mai 2.4 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

endlich Ruhe. Nicht, dass mich Jo und Vally nerven, aber hier war gestern so viel los, dass ich nichts und niemanden mehr sehen möchte. Es ist beängstigend, aber ich fühle mich gut. Frei. Das bin ich wohl auch. Marc hat Schluß gemacht. Das tut mir schon Leid, aber so wie ich es eben Jo gesagt habe – es passte irgendwie nicht mehr. Verrückt. Mein Leben lang will ich Liebe und Beziehung und so. Dann habe ich den Mann, den ich schon seit Jahrzehnten will und dann? Missachte ich seine Bitten, seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Leben.
Jawohl, Marc möchte keine Fernbeziehung. Er möchte mit mir leben. Ich glaube, er war sehr enttäuscht, dass ich ihm nicht sofort um den Hals gefallen bin.

Ein bisschen komme ich mir vor wie Marty McFly alias Michael J. Fox, nur dass ich keine Zeitmaschine benötige, um in die Vergangenheit zu reisen.
Peter blieb nicht die einzige Person meiner Vergangenheit, die mich in Remscheid besucht hat. Besonders freue ich mich, dass ich wieder so guten Kontakt mit Sophie, Jo und Lisa habe. Erinnerst Du Dich? Mit ihnen habe ich in der ersten WG in Ehrenfeld gewohnt. Unsere Freundschaft hat nicht unter meiner Flucht gelitten. Natürlich gab es Redebedarf und auch eine große Portion schlechtes Gewissen. Aber jetzt ist alles geklärt und wir haben ein Fundament für die Zukunft. Nochmal würde ich die beiden nicht vergessen!

Mit Peter habe ich mich auch nochmal getroffen, aber ich finde ihn anstrengend. Ich frage mich wirklich, was ich in ihm gesehen habe. Sophie meinte, das läge einfach daran, dass er mich entjungfert hat. Da würde man sich schon mal einreden, dass der Typ was Besonderes sei. Ich weiß ja nicht... aber in jedem Fall bin ich deutlich erwachsener geworden. Nicht mehr so naiv und gutgläubig.
Vielleicht ist es genau das, was Peter zu der zweifelhaften Äußerung trieb, dass ich mich irgendwie verändert hätte – ich wäre anstrengender als früher.
Ich nenne es reifer. Natürlich sehe ich ihn nicht mehr mit den Augen der verliebten Zwanzigjährigen. Heute sehe ich ihn mit den Augen einer betrogenen Frau – Ärztin. Ich bin keine kleine Studentin mehr, die bewundernd zu einem Arzt – einem welterfahrenen Mann – auf blickt. Nein, Peter und ich begegnen uns auf Augenhöhe. Er kann mir nichts mehr vormachen. Und er könnte mir nichts mehr bieten.

Und was kannst Du Marc bieten? Außer einen dicken Po, blaue Augen und lange blonde Locken.
Ein großes Herz, ein warmes Lächeln und eine liebevolle Umarmung. Außerdem liebt er Deine langen blonden Locken. Vor allem offen. Im Gegensatz zu diesem Kinderarzt.
Man kann aber schon Rücksicht nehmen, wenn jemand nicht ständig Haare zwischen den Zähnen haben möchte.
Gott sei Dank keine Haare auf den Zähnen.
Deine Witze waren schon mal besser.


Die eine Frage ist berechtigt... was kann ich Marc bieten? Begegnen wir uns auf Augenhöhe?

Pfff... Gretchen Haase, dieser Mann ist Dir sowas von überlegen. Da wirst Du niemals die Augenhöhe erreichen – nicht einmal mit Highheels.

Wahrscheinlich würde ich ihm irgendwann langweilig und dann? Würde er eh Schluß machen. Dann lieber jetzt, wo wir quasi nur eine Fernbeziehung hatten. Und guten Sex. Da funktionieren wir.

Wie abgebrüht ist Marc eigentlich?

Liebes Tagebuch,

ich kann es nicht glauben: Marc Meier kommt her, um mit mir Schluss zu machen. Bevor er dieses jedoch tut, schläft er nochmal mit mir – und nochmal und nochmal und nochmal. Ein Abschiedsgeschenk?
Mein 31. Lebensjahr begann mit einem Heiratsantrag von Marc (unter anderem) – mein 32. Lebensjahr beginnt mit Sex mit ihm und doch ohne ihn. Was für ein originelles Geburtstagsgeschenk. Richtig guter Sex und der Laufpass. Super Marc!

Vielleicht war das Jahr doch ein Irrtum. Zum Schluss legen wir Gretchen nochmal so richtig flach, dass sie Marc Meier nie mehr vergisst? Pfff... ist mir die letzten 18 ½ Jahre nicht gelungen. Er wollte mir bestimmt nochmal zeigen, wie gut er im Bett ist. Jetzt zeigen wir ihr nochmal so richtig, was sie nicht mehr haben kann – und niemals mehr haben wird, denn keiner ist besser als Marc Meier.
Pah – ich kann auch mit anderen Männern guten Sex haben. Wenn ich etwas gelernt habe, dann zu wissen, was mein Körper mag.

Ich werde es Dir zeigen, Marc Meier! Ich mag Gretchen Haase sein – mit 31 immer noch keinen Facharzt, kein Geld, keine Karriere. Aber das stört die meisten Männer eh nicht. Hat zumindest beim Tanz in den Mai keiner nachgefragt.
Da bin ich übrigens davon ausgegangen, dass ich an meinem 31. Geburtstag auf der Straße sitze. So schlimm ist es dann nicht gekommen. Ich habe ein Dach über dem Kopf – wie gut, dass bei Jo und Valerie ein Zimmer frei war. Ich habe einen Job, den ich gerne mache und einen freundlichen Chef, der mich unterstützt. Marc hat mich eh immer nur klein gehalten.
Und jetzt gehe ich feiern! Ich habe schließlich noch nicht meinen Geburtstag gefeiert. Er hat mir den 30. versaut, den 31. lasse ich mir von Dir nicht kaputt machen, Marc Meier!

Auf geht´s!

Karo Offline

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09.02.2020 21:03
#355 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Mai 4.1 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

ich habe ganz spontan und ganz alleine eine kleine Wohnung gefunden. Mini trifft es eher, aber die 34 Quadratmeter sind ganz allein mir. Ab 1. Juni habe ich also meine erste eigene Wohnung. Ich könnte die Welt umarmen. Natürlich geht es nicht ganz alleine – Papa leiht mir das Geld für die Kaution und Peter fährt dann mit mir zu Ikea, wenigstens ein Bett und einen Schrank kaufen. Mit dem habe ich mich letzte Woche tatsächlich auf ein Feierabendbier getroffen. Also er das Bier, ich eine Rhabarberschorle. Er wollte natürlich wissen, wie es mir in der Zwischenzeit ergangen ist und was mich ausgerechnet nach Remscheid in die Reha gebracht hat. Ich glaube, er war geschockt. Und beeindruckt. Gretchen behauptet sich bei den Wilden in Afrika.

Er hat mir ja eh selten was zugetraut. Allerdings hat er auch nie zugelassen, dass ich etwas ausprobiere. Wie war es, als Müllers uns zum Segeln eingeladen haben? „Gretchen, Du fällst doch eh bloß ins Wasser und wir müssen Dich retten.“ Verrückt – gerade im Wasser macht mir so schnell niemand etwas vor. Neben der Praxis und dem Lernpensum – ich will den Facharzt jetzt wirklich durchziehen! – versuche ich mindestens zweimal pro Woche ins Schwimmbad zu gehen. Es tut mir einfach gut. Samstags fahre ich jetzt immer zu Röslein und hinterher gehe ich dort immer noch zur Aquafitness. Nicht, weil es mir viel bringt, sondern weil Christian diesen Kurs leitet. Wenn er hinterher Zeit hat, bekomme ich immer eine Gratismassage. Hmmm... ich glaube, er richtet das so ein :-)

Er hat mich sogar gefragt, ob er mir beim Umzug helfen soll. Viel umzuziehen habe ich nicht, aber natürlich tut auch bei wenig Schlepperei eine entspannende Massage gut. Er hat sich gleich das erste Wochenende im Juni freigehalten...

Karo Offline

Alter Ha(a)ser:


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09.02.2020 21:16
#356 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Mai 4.2 – Montagmittag



„Doktor Meier, wie war Ihr Wochenende auf Rügen?
„Überraschenderweise ohne Störung.“
„Ja – eine gute Klinikorganisation ist das A und O, man muss sich ja auch mal was vornehmen können!“
„Da haben Sie Recht, Herr Professor.“

(„Was soll ich mir denn jetzt groß vornehmen? Es wäre cool gewesen, Gretchen wenigstens alle zwei Wochen zu sehen.“)

Vielleicht hättest Du ihr das sagen sollen – anstatt Schluss zu machen?
Du hast es doch gesehen – Du gurkst an einem Freitagabend die A1 runter und Du störst nur.
Im Bett hast Du sie nicht gestört.
Das war grandios: Eine neue Ära des Marc Meier. Du bescherst einer Frau mehrere Orgasmen und machst quasi noch währenddessen mit ihr Schluß! Marc Meier ist back – besser als je zuvor.
Nun ist es eh zu spät. Sie wird Dich nicht zurücknehmen.
Erstens: Wird sie doch – jederzeit. Das tut sie 20 Jahren. Zweitens: Wollen wir ja gar nicht. Die Eier hängen wieder – jagen wir uns lieber wieder unkomplizierte Betthäschen.
Drittens: Bescheiß Dich nur selbst. Hast Du bei Nina ja auch gut hingekriegt.


Marc wusste, dass diese Stimmen ihn nun ewig verfolgen würden. Sie würden kämpfen und ihm den Verstand rauben. Und er hatte es verdient. Er verstand es nicht, er hatte mit Gretchen Schluss gemacht. Die Frau die er als einzige liebte. Schon immer geliebt hatte und immer lieben würde. Nun saß er in Hamburg. Gretchen hatte Recht, er hatte sie mit seinen Plänen überfahren. Ein gemeinsames Leben, wo sie gerade erst wieder langsam ins Leben fand.

Und Du stehst mitten im Leben! Koste es endlich wieder aus!

Doch er wusste... ohne sie war sein Leben leer und wertlos.

Karo Offline

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09.02.2020 21:23
#357 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juni 2.1 - Tagebuch

Liebes Tagebuch,


bitte entschuldige. Ich hatte einfach zu viel zu tun. Ich und meine neue Wohnung. Meine erste, wenn man es so will. 34 Quadratmeter, ein kleines Bad, eine noch kleinere Küche und einen Minibalkon mit Abstellkammer. Jetzt, wo meine wenigen Sachen eingeräumt sind, finde ich es sogar sehr gelungen. Ikea mit Peter hatte mir schon fast die ganze Vorfreude genommen. Gekauft habe ich natürlich nichts. Ich bin dann einfach mal in ein kleines Einrichtungsstudio in der Nähe der WG gegangen und das war ein Volltreffer. Ein motivierter Kundenberater hat sich meiner Ratlosigkeit erbarmt und mir zu einer wirklich sinnvollen Einrichtung verholfen. Natürlich auch zu einem anderen Preis als bei Ikea, aber ich glaube, dass er Recht hat – stückchenweise kaufen macht nur Sinn, wenn man Platz hat. Auf engem Raum muss alles passen.

Und mir passt es sehr gut. Ich habe die Möbel sogar finanzieren können, also eigentlich wäre es ohne das nicht gegangen. Da die Möbel alle fachgerecht geliefert und montiert worden sind, haben die Mädels mir nur geholfen, meine Sachen herzubringen. Allerdings hat Peter im Streit angekündigt, mir in der nächsten Zeit alle Überreste vorbeizubringen. Das müssten vor allem Klamotten sein...

Christian war enttäuscht, dass er mir nicht helfen brauchte. Als ich ihn angerufen habe, hat er gefragt, ob er trotzdem kommen darf. Ich konnte nicht nein sagen...
Hat sich aber in jedem Fall gelohnt, die versprochene Massage hat er mir trotzdem angedeihen lassen. Mehr sogar...
„Was hältst Du von einer Ganzkörpermassage?“

Ich dachte erst, ich hätte mich verhört. Verschluckt habe ich mich sowieso. Dann habe ich mich einfach für den Gedanken entschieden, der schneller war.

Sag ja – wer weiß, was seine Hände noch alles können?
Bist Du sicher? Du weißt, wo das hinführen kann.
Soll – wird! Sag ja!


Verrückt... ich bin noch keine Woche in meiner neuen Wohnung und schon habe ich mein neues Bett eingeweiht. Wie gut war es, nicht einfach ein 1-Meter-Ikea-Bett zu kaufen, sondern eine funktionale und vor allem bequeme Schlafcouch. Es war gut, weil es so spontan und unverhofft war. Vor allem unverbindlich. Wirklich – ich habe mit einem Mann geschlafen, in den ich weder verliebt bin noch mich im Moment der Vereinigung verliebt habe.

Vermutlich ist es genau das, was bisher in meinem Leben fehlt. Was ich vor zehn Jahren hätte tun sollen. Aber was macht schon das Alter wenn es Spaß macht.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass es nicht so war, wie mit Marc. An den ich übrigens kaum gedacht habe, einfach weil ich so viel um die Ohren hatte. Weil es unverbindlich war. Ich glaube, damit kann ich mich anfreunden.

In diesem Sinne mach´s gut.

Karo Offline

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09.02.2020 21:28
#358 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

KÖLN


Juni 3.1 - Elternbesuch



„Also Gretchen, Kind – Du wohnst in einer Konservendose.“
„Ja, Mama, aber in einer sehr schönen.“
„Hier kann man sich ja gar nicht umdrehen.“
„Bärbel, hast Du schon mal gehört, dass sich die Heringe in der Dose umdrehen?“
„Das hier ist allenfalls für Sardinen.“
„Ich finde es sehr schön, Gretchen.“

„Danke Papa.“ Gretchen schmiegte sich an ihren Vater. „Du bist einfach der Beste!“
„Lass das mal nicht den Meier hören!“
„Siehst Du ihn hier irgendwo?“
„Wo willst Du den denn noch hin packen? Vielleicht auf den Balkon?“
„Wir sind nicht mehr zusammen.“

Diese Neuigkeit ließ selbst Bärbel verstummen. Sie sank auf Gretchens schöne Couch. „Aber Gretchen, er hat Dir doch das Leben gerettet. Warum hast Du das gemacht?“
„Warum denn immer ich?“
„Er fliegt wegen Dir um die halbe Welt, setzt seinen Job aufs Spiel, sein Geld sowieso... und dann macht der Schluß? Niemals. Das ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung eines Marc Meiers.“
„Na Du scheinst ihn ja plötzlich sehr gut zu kennen?“
„Er ist Chirurg.“

Vater Haase mischte sich wieder ein: „Was soll das denn heißen, Bärbel?“

Gretchen ging zwischen ihre Eltern. „Es ist aber so. Er hat das beendet.“
Bärbel fiel spontan nichts Charmanteres ein: „Hast Du wieder zugenommen, oder wie?“
„Bärbel!“
„Mama!“
„Macht der einfach so Schluss...“
„Einfach so... ich glaube nicht, dass es einfach so passiert ist.“
„Er hat eine andere?“
„Im Gegenteil. Er wollte nicht länger eine Fernbeziehung.“
„Und deswegen macht man Schluss?“
„Er hatte einfach andere Erwartungen als ich. Wir haben nie wirklich darüber gesprochen, wie wir uns das vorstellen. Für mich war Hamburg nie eine Option. Stell mal vor, Marc würde noch einen Job wegen mir verlieren... naja, er hatte aber schon damit gerechnet, dass ich nach der Reha zu ihm komme.“
„Verletzte Eitelkeit. Weil eine Frau nicht so springt, wie er das meint... vermutlich fühlt er sich auch noch betrogen, weil Du jetzt doch Allgemeinmedizin machst.“
„Nein, Mama, nicht mal. Das fand er sogar besser als die ganze Zeit wegzuwerfen. Es ist auch egal. Ich komme damit klar, weil er mir nicht im Alltag fehlt. Weißt Du, Papa, als Du mir geraten hast, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen, da war ich plötzlich mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Peter stand plötzlich in Remscheid, dann Sophie und Lisa. Ich bringe das hier jetzt zu Ende, dann sehe ich weiter.“

„Was fehlte Dir damals eigentlich zu Deinem Facharzt?“
„Es waren nur ein paar Monate. Ich habe jetzt ganz vorne angefangen zu wiederholen und zu lernen. Ich hoffe, dass ich mich im Herbst zur Prüfung anmelden kann.“
„Das ist doch ein Plan, Kälbchen. Und Du kommst ohne den Meier wirklich klar? Ich meine, sonst fahre ich auf dem Rückweg in Hamburg vorbei.“

Gretchen lachte. „Lass gut sein, Papa. Es ist alles gut.“
„Ja – hast Du von Gina gehört? Sie hat ein Mädchen, eine kleine Nele. Oh Gretchen, das ist so ein süßes Baby. Schade, dass das mit dem Doktor Laan und Dir nicht geklappt hat, damals. Ihr hättet bestimmt auch so süße Babys gehabt.“
„Äh, Mama...“ Ein fragender Blick zum Vater, der ganz leicht den Kopf schüttelte. Bärbel sah es glücklicherweise nicht!

Karo Offline

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09.02.2020 21:37
#359 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Juni 3.2 – Tagebuch 30


Liebes Tagebuch,


ich habe mich überwunden und Gina angerufen. Ihr gratuliert.
„Gretchen, es bedeutet mir viel, dass Du anrufst. Ich weiß, dass es für Dich sehr schmerzhaft sein muss...“
„Gina, dass ich gerne mein Baby gehabt hätte hat nichts damit zu tun, dass ich Dir und Nele nicht von Herzen alles Gute wünsche. Ihr könnt nichts dafür, weder Du und schon gar nicht Deine Kleine.“
„Ich musste immerzu an Dich denken. Es ist so ungerecht. Du warst die mit dem Babywunsch. Du warst glücklich, unabhängig von allem Theater drumherum. So unvoreingenommen. Auch stark, dieses Kind zu wollen, gegen jede Widrigkeit.“
„Du meinst in erster Linie Marc?“
„Ja.“
„Ich konnte nicht damit rechnen, dass er sich so darauf einlässt.“
„Du hast Glück gehabt. Also irgendwie.“
„Ich weiß was Du meinst. Daraus ergibt sich aber ein anderes Problem.“
„Was meinst Du?“
„Er hat sich von mir getrennt.“
„Was hat er? Nicht im Ernst!“
„Doch. Weil er keine Fernbeziehung möchte.“
„Marc Meier will mit Dir leben und Du lehnst ab?“
„Ja. Ich konnte mich ja nicht mal mit Kind darauf einlassen. Es war genug Zeit, nach Hause zu gehen. Ich habe die Zeit einfach verstreichen lassen. Die Mücke kam sogar noch vor dem Flugverbot.“
„Wie geht es Dir denn jetzt, Mausi?“
„Gut. Ich komme klar. Ich gehe mittlerweile 30 Stunden pro Woche arbeiten – Doktor Carstensen hat mich wieder eingestellt. Ich habe eine kleine Wohnung in der Nähe vom Zoo und als Ausgleich zum Schwimmen sitze ich viel am Rhein und lerne.“
„Das klingt nach einem Plan.“
„Ich möchte noch dieses Jahr den Facharzt abschließen.“
„Wird ja auch mal Zeit, nicht?“
„Braucht Nele nicht eine frische Windel?“
„Im Moment schläft sie friedlich neben mir.“
„Schickst Du mir auch mal Bilder?“
Diese Frage kostete mich Überwindung und das wusste auch Gina.
„Gerne Mausi. Ich muss Dir was gestehen. Nele hat einen zweiten Namen. Dabei habe ich an den nettesten und großherzigsten Menschen in meinem Leben gedacht.“

„Hä?“
„Sie heißt Nele Margarete.“
„Danke... Danke, Gigi.“ Mein Herz brennt, wenn ich an das Baby denke, doch ich freue mich für Gina.


Liebes Tagebuch,

Mama hatte Recht. Gina hat ein wirklich süßes Baby. Ich glaube, dass Gigi trotz aller Anpassungsschwierigkeiten stolz auf ihre Tochter ist. Sonst würde sie mir nicht so viele Bilder schicken.
Ich bin dann nochmal über meinen Schatten gesprungen und habe Marc eine Nachricht geschickt. Er hat nichts dagegen, dass Gina sich das Kinderzimmer aus seinem Keller holt.

Alles ist also gut.

Karo Offline

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16.02.2020 18:59
#360 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Nein, keine Ironie. ZEITSPRUNG!!! Im Mai, ein knappes Jahr später.

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Mai 2.1 - Tagebuch 31


Liebes Tagebuch,

habe ich Dich wirklich fast ein Jahr vernachlässigt? Ich kann es kaum glauben. Muss ich aber, denn der letzte Eintrag stammt vom 20. Juni des vergangenen Jahres. Heute ist der 13. Mai – mein 32. Geburtstag.
Bist Du der Verbündete von Marc Meier? Seit 12 Monaten sind wir getrennt – ha! Auf den Tag genau kann ich das sagen – und seit 11 Monaten habe ich Dich in Ruhe gelassen. Heute kommt völlig überraschend eine Glückwunschkarte von ihm und ich greife sofort zu Dir und Stift.

Hallo Gretchen,

ich habe es zweimal geschafft, Dir ausgerechnet an Deinem Geburtstag zu zeigen, was für ein Arsch ich sein kann. Der Heiratsantrag zum 30. und die Trennung zum 31. – Es tut mir sehr leid. Entschuldige bitte.

Zu Deinem 32. Geburtstag wünsche ich Dir von Herzen alles Gute, Glück und das Wichtigste: Gesundheit. Vielleicht sprengt dieses Jahr nicht so ein Idiot wie ich Deine Party.

Marc



Nein, die Party hat niemand gesprengt. Ich habe im Kabuff gefeiert, natürlich waren Sophie, Lisa, Jo und Vally dabei. Rainer. Und sogar Peter hat kurz vorbeigeschaut. Aber auch Doktor Carstensen und unsere Arzthelferinnen sowie die neue Assistenzärztin sind vorbeigekommen.

Ja, das weißt Du ja nicht – seit September darf ich mich Fachärztin für Allgemeinmedizin nennen. Ich bin immer noch in Köln, immer noch in der Praxis, aber jetzt als Fachärztin angestellt. Und ich wohne immer noch in meinem Schuhkarton, wie Papa meine 34 qm liebevoll nennt.

Zur bestandenen Facharztprüfung hatte Doktor Carstensen ein besonderes Geschenk für mich – eine 10-tägige Weiterbildung für Professionelle Ärztliche Kommunikation. Erst dachte ich, was das soll, aber dann hat es mich gepackt und ich habe mich für zwei weitere Weiterbildungen angemeldet. Homöopathie und Naturheilverfahren mit Prüfung vor der Ärztekammer. Schon allein deswegen ist meine kleine Wohnung gut, wir sind lernerprobt und sie ist günstig – bezahlbar trotz meiner Teilzeitstelle. Aber lieber so und im Urlaub nicht Geißel der Unterrichtsblocks. Urlaub... wie einfach wäre es, denn Papa hat tatsächlich ein Haus auf Mallorca gekauft. Doch ich muss mich fragen: Urlaub – was ist das? Im Juni ist schon die Prüfung für Naturheilverfahren, die Homöopathie geht noch bis September.

Aber nicht, dass Du glaubst, mein Leben bestünde nur aus Arbeit und Lernen. Ich habe einen Freund, Rainer. Ja – genau der. Peters alter Studienkollege. Peter fand das gar nicht witzig, aber es hat eh niemand nach seiner Meinung gefragt. Ich glaube, Peter ist immer noch sauer, dass ich mit ihm geschlafen habe – nur um herauszufinden, ob er immer noch so sch...schlecht im Bett ist. (Ist er!) :-)

Mit Christian war ich nur den Sommer über zusammen. Danach wurde mir die Fahrerei nach Remscheid lästig und er langweilig. Wir hatten keine gemeinsamen Themen. Ich habe das erste Mal mit einem Mann Schluss gemacht. Schön war das nicht, weil er enttäuscht war. Aber es war das Richtige. Auch mit Röslein „habe ich dann Schluss“ gemacht.

Röslein war großartig, als ich ihr sagte, dass ich mehr auf mich achten muss und die Zugfahrten zu ihr einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen für das, was sie mir letzten Endes geben. Sie hat mich zum Abschied angelacht. „Wie andere Sie wahrnehmen entscheiden alleine Sie. Doktor Margarete Haase – wenn Sie einen großen Spiegel haben, dann sprechen Sie sich öfter selbst so an. Zur Not tut es aber auch ein Schminkspiegel.“
Spiegel habe ich weiß Gott genug.

Nur wenig Menschen hier nennen mich Gretchen. Eigentlich nur Doktor Carstensen und die Mädels. Ansonsten bin ich Frau Doktor Haase oder privat Margarete. Ich möchte nicht mehr das pummelige Gretchen sein, das Kälbchen. Auch nicht Doktor Gretchen Haase.

Ich bin Doktor Margarete Haase.

Man muss meine Meinung nicht gut finden, aber ich möchte, dass sie respektiert wird. Meine Entscheidungen ebenso. Mir ist erst viel später aufgefallen, dass meine Möbel durch diesen Wunsch zu mir kamen. Mit der Wohnung habe ich angefangen, zu entscheiden. (Nein, eigentlich schon mit Köln, aber ich liebe meine Wohnung und so darf sie diese Ehre haben.)

Du erinnerst Dich – Peter war damals mit mir bei Ikea. Ich hatte einen festen Vorsatz – einen günstigen Schrank und ein günstiges Bett. Als Peter ungefragt wieder anfing, mich zu belehren war ich mir plötzlich sicher. „Bring mich nach Hause.“
„Wieso kaufst Du jetzt nichts?“
„Die Atmosphäre stimmt nicht.“
„Das heißt, ich habe die Zeit jetzt umsonst vergeudet?“

Genau das. Er hatte einfach keine Lust und wollte nur schnell wieder weg. „Nimm einfach irgendwas. Das hier ist doch gut. Was willst Du denn damit?“

Ich habe mich nicht beirren lassen und bin glücklicherweise in diesem Möbelstudio gelandet. (Die Möbel gehören nächsten Monat übrigens ganz mir!)
Nicht wie früher: Ich bin das arme, verzweifelte Gretchen, bitte helfen Sie mir. Sondern: Ich bin Doktor Margarete Haase, das ist meine Wohnung, ich habe diese Vorstellung, was können Sie anbieten.

Gespräche auf Augenhöhe.
Ich glaube, das ist es, was mir besonders an der Weiterbildung gefällt.

Ach, Andrea hat mich schon zweimal hier besucht. Sie wohnt mit Elda bei Oma und kann sich immer mal ein paar Tage ausklinken. Erst vor zwei Wochen hatte sie selbst eine Weiterbildung hier in Köln. Deswegen komme ich drauf.

Apropos Hamburg: Larissa wird im August heiraten. Sie hat sich durchgesetzt, keinen Arzt zu ehelichen. Reich ist er natürlich. Korrekt und langweilig sagt Andrea. Sie vermutet, dass Ljudmila und Onkel Hans nur einverstanden waren, in der Hoffnung, dass Marc plötzlich doch will. Pfff... wenn die wüssten. Marc hat selbst mich heiraten lassen.

Papa hatte ja schon im letzten Jahr gesagt, dass Hans ihn unbedingt mit einer seiner fünf Töchter zusammenbringen will. Äh, Natalie wohl weniger, aber das wäre die einzige, die Marc noch interessant finden könnte. Die anderen sind alle viel zu langweilig. Von daher passt dieser Industriellensohn vermutlich perfekt zu Larissa.
Seit Papa im Frühjahr das Häuschen in San Telmo gekauft hat, ist Mama nur noch auf Mallorca. Sie hilft dort in der Familien-Bar, Luisa ist wieder schwanger und Jochen macht gerade irgendeine Schule. Vermutlich lernt er Spanisch. Er kommt auch um diese Hochzeit herum, Luisa darf dann nicht mehr fliegen. Ich hingegen muss mich tatsächlich auch mit 32 noch zum Klops machen. Korrigiere: Clown. Klops bin ich lange nicht mehr. Ich schaffe es zwar nicht mehr zwei- bis dreimal pro Woche schwimmen zu gehen aber mindestens einmal. Mit Rainer laufe ich. Kann man sich das vorstellen? Rainer läuft für sein Leben gerne, hat schon mehrere Stadtmarathon gewonnen und hat mich mitgezogen. Anfangs mehr, mittlerweile weniger. Krass, wie schnell sich Kondition bildet.

Gut, dass die Brautjungfernkleider maßgeschneidert werden, ich gehe jede Wette ein, dass ich sonst in einem Sack da stehen würde. Immerhin kollidiert der Termin nicht mit meiner Weiterbildung.

Diese wird auch jetzt Anlass sein, Dich wieder zur Seite zu legen. Ich möchte noch ein bisschen lernen.

Liebes Tagebuch, vielen Dank für Deine Geduld. Es wird bestimmt nicht wieder so lange dauern. Aber ich kann halt auch mit Rainer sehr gut reden und muss nicht alles mit mir selbst ausmachen.

Mach´s gut!

Karo Offline

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23.02.2020 22:28
#361 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 2.2 – Meier und Mayer 1



Marc schwirrte der Kopf. Diese Besprechungen mit Professor Haase waren anstrengend und selten gab es ein klares Resultat. Immerhin gab es endlich einen Hochzeitstermin für die Assistenzärztin. Seit Wochen jonglierte sie mit Terminen und Möglichkeiten ohne sich festzulegen. Folglich brach jetzt im Hause Haase-Temelova die große Panik aus – nur zwei Monate Vorbereitungszeit. Bestimmt musste die Braut jetzt ständig zu irgendwelchen Termin – 100% in der Arbeitszeit. Larissa Temelova neigte nicht zu übermäßigem Arbeitseifer. Warum auch – Papa würde es schon richten.
Sie musste selbst wissen, wie sie Ihre Ausbildung machen wollte. Mehr als anbieten konnte er nicht. Doktor Brenner und Herr Cornelius nahmen seine Unterstützung gerne an. Mittlerweile Doktor Cornelius. Beide hatten schnell gemerkt, dass Marc sich nicht davon beeindrucken ließ, dass die jüngste Assistenz die Tochter vom Chef war. Er bevorzugte immer den, der die beste Leistung brachte. Das war lange Zeit anders gewesen und Doktor Brenner hatte Marc in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass er eigentlich schon eine neue Stelle in Hannover sicher hatte. Die er nur wegen ihm wieder abgesagt hätte.

„Warum haben Sie mich vorher nicht darauf angesprochen?“
„Ich verstehe die Frage nicht?“
„Doktor Brenner – das hier ist kein guter Platz für einen Assistenzarzt. Für drei schon gar nicht.“
„Sie meinen, weil es schwer ist, den Katalog voll zu kriegen?“
„Genau.“
„Das hier ist bereits meine zweite Stelle. Professor Haase hat mich vom Uniklinikum hier hin geholt. Vielleicht dauert es nun etwas länger aber ich schätze Sie als Ausbilder. Was ich in Hannover bekommen hätte weiß ich ja auch nicht.“

Die beiden Ärzte harmonierten gut, die Chefarzttochter verließ sich zu sehr auf ihre Familie. Dabei war sie definitiv eine gute Ärztin, sie arbeitete sicher und zügig und – wenn sie mal ihre noble Abstammung vergaß – hochprofessionell.

Jetzt heiratete sie einen Industriellensohn, Marc hatte ihn bei einem der schrecklichen Familienessen kennengelernt. Solide, korrekt und langweilig. Reich.
„Und mit Sicherheit ist er kein Betrüger... aber sowas kann auch nur Gretchen passieren. Naiv wie sie ist...“ Über den belustigten Unterton der Brautmutter hatte er sich furchtbar geärgert.

Gretchen... das letzte, was er von ihr gehört hatte, war die Frage, ob Gina das Kinderzimmer aus seiner Wohnung haben könnte. Das war jetzt fast ein Jahr her – und ziemlich genau ein Jahr, dass er sich von ihr getrennt hatte. Er hätte gerne gewusst, wie es Gretchen ging. Ob ihre Kräfte für ein Berufsleben ausreichten, was mit ihrem Facharzt war. Ob sie ihn vermisste. So wie er sie.

Er hatte das mit Ella beendet, nachdem er festgestellt hatte, dass sie in der Praxis arbeitete, in der er seit einem halben Jahr über eine Kartei verfügte. Auch wenn sie sagte, dass Professor Mayer sie lediglich um Fingerspitzengefühl gebeten hatte. Eigentlich war es ein guter Grund gewesen. Er hatte sie gemocht, aber nicht mehr.
Ein paar Wochen später hatte er Stella van Steen zufällig in der Sporthalle getroffen, wo er mit einem Freund zum Squash ging. Auch mit Stella war er schließlich im Bett gelandet. Es war genauso wenig erfüllend. Was ihn früher gereizt hatte – Unverbindlichkeit – das stimmte nicht mehr.

Sie hat Dich verhext!
So einfach ist es nicht.


Nein, so einfach war es nicht. Und jetzt schon gar nicht mehr – spätestens im August würde er Gretchen wiedersehen. Außer er boykottierte die Hochzeit. Gretchen sollte mit den Schwestern der Braut als Brautjungfer auftreten. Ob sie schon davon wusste? Ob Larissa ahnte, dass Gretchen in der Lage war, ihr die Show zu stehlen?

Auf der Kommode in seinem Schlafzimmer stand das Bild vom Züricher Ärzteball. Weder Ella noch Stella waren Grund genug gewesen, es wegzustellen.

(„Meine Prinzessin.“)

Nicht Deine. Das hast Du selbst verbockt.
Ist schon gut so. Sie hat Dir schon zu lange auf der Nase herum getanzt.
Sie hat nichts verlangt. Alles geschah, weil Du es wolltest.

(„Ich will sie wieder haben.“)

Du bist ja verrückt!


Aber was war, wenn sie schon mit einem anderen zusammen war? Nicht, dass sie plötzlich mit einem anderen Mann bei der Hochzeit auftauchte. Einem Freund oder einfach nur, um ihm seine Niederlage zu demonstrieren. Hatte sie wirklich diesen Lackaffen geheiratet um ihn herauszufordern?

Er hatte mit Professor Mayer darüber gesprochen.

„Würden Sie es denn heute tun?“
„Was? – Ein Veto einlegen?“
„Ja.“
„Ich weiß es nicht. Irgendwie kommt sowas immer drauf an, welche Stimme in meinem Kopf gerade lauter ist.“
„Könnten Sie der Hochzeit fern bleiben?“
„Ohne Probleme, ich werde eh arbeiten müssen, den Brauteltern gehört die Klinik.“
„Hm.“
„Die Frage ist doch die – gehe ich hin und begegne ihr? Um jeden Preis. Vielleicht wird es ein gutes Wiedersehen, vielleicht gibt es eine Katastrophe. Oder ich ignoriere diese Veranstaltung, vergrabe mich in Arbeit. Dann fühle ich mich garantiert noch beschissener als bei ihrer Hochzeit mit diesem Idioten.“
„Dann haben Sie ja für nächste Woche eine Aufgabe!“


Der Geburtstagsgruß war schon mal kein schlechter Einfall gewesen. Auch wenn er aus einem ganz anderen Grund entstanden war. Er wünschte ihr tatsächlich einfach nur alles Gute. Wichtig war, dass es ihr gut ging und dass sie glücklich war. Mit oder ohne ihm.

„Haben Sie Ihre Worte denn genauso gemeint, wie sie sie aufgeschrieben haben?“
„Ohne Zweifel – ja!“
„Dann ist es doch gut.“
„Hm...“
Professor Mayer schmunzelte. „Haben Sie erwartet, dass sie sich sofort meldet?“
„Nein. Auch wenn ich es mir wünsche. Ich bin überzeugt, dass sie sich über die Karte gefreut hat. Erst gewundert, dann gefreut. Aber ebenso weiß ich, dass sie sich deswegen nicht melden wird. Schließlich war ich es, der unsere Beziehung beendet hat.“
„Wie lange ist das her?“
„Ein Jahr.“
Der Therapeut zog erstaunt eine Augenbraue hoch. „Warum?“

„Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen über unsere Zukunft. Nein, eigentlich hatten wir nie darüber gesprochen. Gretchen – Doktor Haase – und ich waren zwar zusammen, aber es war immer mehr eine Fernbeziehung. Ein paar Wochen in Afrika, dann die Krankenhauszeit in Zürich. Ein paar Wochenenden in Remscheid. Über einen Zeitraum von acht Monaten. Ich wollte das nicht mehr. Ich wollte sie in meinem Leben haben. So wie es von Anfang an im Raum schwebte. Wissen Sie...“

Wenn Marc unruhig wurde, musste er sich bewegen. „Als Gretchen und ich zusammen kamen war sie bereits schwanger von ihrem Ex. Als ich das erfahren habe, bin ich übrigens Ihrer Mitarbeiterin vors Auto gelaufen. Mir fehlen knapp zwei Tage. Ich bin erst auf Rügen bei meiner Oma wieder zu mir gekommen, wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nur durchs Hörensagen.“

(„Seine Oma – auf Rügen?!“)

„Tatsache ist, dass ich Gretchen wollte. Mit ihr zusammen sein wollte. Ich hatte die Wahl – mit ihr und dem Kind oder ohne sie. Sie hätte jederzeit nach Zürich kommen können.“

„Sie hätten das Kind angenommen?“
„Ja. Das Kind konnte am wenigsten was dafür.“

Marc tigerte wieder auf und ab. Professor Mayer hatte gelernt, abzuwarten.

„Sie kam aber nicht. Stattdessen wurde sie krank – Malaria. Das Kind hatte keine, Doktor Haase nur eine sehr kleine Chance. Ich habe sie aus Afrika zu mir nach Zürich geholt. Sechs Wochen war sie im Krankenhaus, anschließend in der Nähe von Köln in Reha. Auch fünf oder sechs Wochen. In der Zwischenzeit bin ich nach Hamburg gezogen. Immer noch von einem gemeinsamen Leben ausgehend. Während sie überhaupt erstmal ins Leben zurück finden musste. Ich habe das erst viel später kapiert. Aber da hatte ich schon lange einen Schlussstrich gezogen.“

„Würden Sie heute denn warten?“
„Ich weiß es nicht. Vermutlich ja. Zu hoffen wäre vermutlich besser, als zu wissen, dass man nicht mehr hoffen braucht.“
„Was glauben Sie, denkt Doktor Haase darüber?“
„Ich weiß es nicht.“
„Würde Sie Ihnen verzeihen?“
„Sie ist nicht nachtragend, ich denke schon. Vergessen würde sie es vermutlich nicht...“

Verzweiflung, Panikattacken und vor allem seine Alpträume hatten ihn zu Professor Mayer geführt. Anfangs waren die Besuche schrecklich für ihn gewesen. Er hatte heftige Kämpfe mit seinem Ego gefochten, doch er hatte gewonnen. Nach der Stunde mit dem Therapeuten war er grundsätzlich entspannt. Nur an einem Tag im Januar nicht.

Am Empfangstresen drehte ihm eine Frau den Rücken zu. Die Figur erinnerte ihn an... „Ella?“

Sie drehte sich überrascht um und ihr Gesicht erstarrte für einen Moment. „Marc...“

(„Das ist jetzt nicht wahr – sie arbeitet nicht hier???“)

„Das ist ja ein Zufall, so trifft man sich (nie!) wieder.“

Nach diesem Treffen hatte Marc die Sache mit ihr beendet. Ihm fiel die erste Nacht mit Ella ein.

Karo Offline

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23.02.2020 22:43
#362 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 2.3 – Sonnenschein (Rückblick)



Marc sah auf den schlanken Frauenkörper auf seiner Matratze hinab. Sie lag auf dem Bauch, die Ellbogen zur Seite abgewinkelt. Die Bettdecke war nur halb über den ansehnlichen Po gezogen.

Jetzt sag nicht, sie ist nicht heiß!

(„Sie kann so heiß sein, wie sie will – sie ist nicht sie!“)

Sie wollte Dich nicht, sie will Dich. Das ist der kleine, feine und vor allem Spaßbringende Unterschied.


Ella Sonnenschein. Lange braune Haare lagen glatt auf dem Kopfkissen.

(„Gretchens Haare waren wie Sonnenschein!“)


„Guten Morgen – beobachtest Du mich schon lange?“ Sie drehte sich auf den Rücken und sah ihn ihrerseits an. Dass er einen Traum von Körper verfügte, wusste sie ja bereits vom letzten Jahr. Dass er ihn so genial einsetzen konnte – es war besser gewesen als sie erwartet hatte.
„Du hättest mit dem Duschen schon auf mich warten können...“
„Du hast gesagt, Du musst erst später arbeiten.“
„Du weißt genau, was ich meine!“
„Frühstück?“
„Was anderes wäre mir lieber.“ Ihr Blick ruhte auf seinem Körper. Als Marc sich aus ihrem Blickfeld bewegte, weckte eine seltsame Pflanze ihr Interesse. „Was ist das denn?“

„Was? Ach so... das ist ein kleiner Affenbrotbaum. Ungefähr zwei Jahre alt.“ Gretchen hatte ihm einen kleinen Baum ausgegraben und zu Weihnachten geschenkt.

Damit Du schon mal üben kannst, kleine Dinge groß zu kriegen.

Er sah Ellas verdutztes Gesicht und lachte. „Bis auf den Namen hat er noch keine Ähnlichkeit mit den ausgewachsenen Artgenossen. Momentan ist es eher ein unscheinbares Gestrüpp.“ Sie wunderte sich über den liebevollen Ton in seiner Stimme. „Seine jüngeren Kollegen sind unten auf der Fensterbank.“ Er hatte es tatsächlich geschafft, alle Samenkapseln zur Keimung zu bringen.

„Das ist jetzt ein Hobby, wo man bei Dir eher weniger dran denkt.“
„Ich bin immer für eine Überraschung gut.“
„Oh ja!“ Das war er wirklich. Ella dachte an die letzte Nacht. Immer, wenn sie dachte, dass es nicht mehr besser ginge, belehrte Marc sie eines Besseren. Am Ende bat sie ihn aufzuhören, wenn er sie nicht töten wollte.

(„Gretchen hätte eine passende Antwort gehabt aber niemals gebeten, dass ich aufhöre!“)

Sie ist raus!

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23.02.2020 22:51
#363 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 2.4 – Professor Mayer



Am Abend rief Professor Mayer seine junge Kollegin in sein Büro. „Frau Sonnenschein, war das heute wirklich Zufall?“
„Sie reden von Doktor Meier? Ja, das war wirklich Zufall.“
„Dann kennen Sie sich schon länger?“
„Wir sind uns im November in Berlin über den Weg gelaufen und seit er in Hamburg lebt haben wir uns ein paar Mal getroffen. Das kann ich jetzt wohl vergessen...“ Ihre Stimme drückte eindeutig Bedauern aus.
„Diese Situation erfordert zumindest Fingerspitzengefühl.“
„Den Tag, an dem Marc – Doktor Meier bei Ihnen ist, den hätte ich gerne frei...“
Professor Mayer lachte. „Er kommt meistens abends, wenn Sie schon Feierabend haben, dass Sie ihn hier treffen wird also weniger das Problem sein.“
„Aber ich sollte ihn auch so nicht mehr treffen?“
„Sie kannten ihn, bevor er zu unseren Klienten zählte.“
„Hm... ich könnte jetzt behaupten, dass es so ist. Allerdings wusste ich bis eben überhaupt nicht, dass er zu unseren Klienten zählt. Seit er nach Hamburg gezogen ist, treffen wir uns öfter. Doktor Meier kenne ich aus Berlin. Wobei kennen... er ist mir damals ins Auto gelaufen ist. Da war er völlig weggetreten. Wenn er nicht gestürzt wäre, ich glaube, er hätte den Zusammenstoß mit meinem Auto nicht mal wahrgenommen. Die Situation war total schräg. Ich war auf dem Weg zurück nach Hamburg, als er mir in die Quere kam.“

„Soll ich Sie ins Krankenhaus bringen?“
„Nein. Nach Rügen. Bitte.“
„Ich fahre aber nach Hamburg.“
„Dann nur ein Stück, ich sehe dann weiter.“


Von der Situation hatte Doktor Meier ihm berichtet. Doktor Haase schwanger von ihrem Ex. Und wieder... „Er wollte nach Rügen?“ Der Professor war blass geworden.
„Ja. Wen er dort gesucht hat, weiß ich nicht. Er hat sich für ein bestimmtes Haus interessiert, wusste aber nicht, wer da wohnt. Wir haben im Kurhotel übernachtet, am nächsten Morgen war er verschwunden. Ich habe ihn nur nochmal gesehen, weil sein Handy in meinem Auto liegen geblieben ist. Das hat er sich ein paar Tage später hier in Hamburg abgeholt. Meine Mitbewohnerin hatte durch Zufall herausgefunden, dass er der verschollene Sohn einer Autorin war, die bei ihren Eltern unter Vertrag steht.“

„Eine Autorin? Und was er auf Rügen wollte wissen Sie nicht?“
„Nein. Ich habe die Adresse zwar aus Neugier mal im Internet eingegeben, aber da kam nichts Besonderes. In dem Haus kann man nur eine Ferienwohnung mieten.“
„Ich kann Ihnen den Umgang privat mit Doktor Meier also nicht untersagen. Trotzdem ist es eine blöde Situation. Seien Sie bitte vorsichtig, Frau Sonnenschein.“
„Sie verbieten mir den Umgang tatsächlich nicht?“
„Kann ich schlecht. Ich muss auf Ihr Fingerspitzengefühl vertrauen.“
„Danke, Herr Professor.“
„Ich habe zu danken, Frau Sonnenschein.“

(„Rügen... kann es wirklich sein...?“)

Das erste Mal in seinem Berufsleben tippte Professor Mayer den Namen eines Klienten in das Feld der Suchmaschine ein. Genau genommen waren es fünf Worte.
„Doktor Marc Meier Chirurg Alsterparkklinik“

Es gab unzählige Treffer. Er wählte den Artikel einer Hamburger Tageszeitung vom vergangenen September.

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23.02.2020 22:56
#364 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 2.5 – Zeitungsartikel September Vorjahr



Anlässlich des ersten Todestages ihres Mitschülers hatte die Stufe 12 des Gymnasiums Winterhude zusammen mit ihrer Ethiklehrerin am 19. September einen Informationstag zum Thema Organspende gestaltet. Dazu holten sie sich die Unterstützung des Medizinischen Direktors der Chirurgischen Klinik Alsterpark.

„Aktuell betreuen wir 23 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Einige davon stehen schon seit vier oder fünf Jahren auf der Warteliste. Leider habe die Skandale der letzten Jahre nicht dazu beigetragen, diesen Menschen Hoffnung zu machen. Auch der Mitschüler, dem zu Ehren dieser Tag stattfindet, wurde von uns betreut. Das Thema Organspende ist seit Jahren sehr kontrovers. Diese Veranstaltung ist eine großartige Gelegenheit, mit Menschen zu sprechen. Sie zu informieren. „Stimmt es, dass man Patienten mit Organspendeausweis eher sterben lässt als ohne?“ Diese Frage habe ich heute unzählige Male mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Es gibt ganz klare Richtlinien, wann ein Mensch für tot erklärt werden darf. Leider schüren Skandale, wie wir sie in den letzten Jahren erleben mussten, solche Ängste.“

Wer Doktor Meier zuhört, erlebt Begeisterung und Leidenschaft. Trotz aller Erfahrung ist der Berliner im Vergleich zu seinen Kollegen in ähnlichen Positionen sehr jung (33). Für diesen Aktionstag hatte der Chirurg weitere Referenten gewinnen können.

Dr. med. Cedric Stier, Leitender Oberarzt und Transplantationsexperte aus Berlin informierte über den Ablauf von Organtransplantationen und beantwortete Fragen des Publikums. Derzeit warten über 10.000 Menschen in Deutschland dringend auf ein Spenderorgan, dem standen im letzten Jahr gerade 10% Organspenden gegenüber.


Barbara Riemelingshohn, Vorsitzende des bundesweit agierenden Selbsthilfevereins Organspende e.V. und selbst Organtransplantierte, verdeutlichte, welche Hilfe es für die Angehörigen ist, wenn auf einem Organspendeausweis dokumentiert ist, ob der Verstorbene bereit war, seine Organe zu spenden – oder nicht. „Den wenigsten ist bekannt, dass auf diesem Dokument beides angegeben werden kann. Ja und nein.“
„Auch ein nein ist in Ordnung, “ sagte Dr. Meier. „Es erspart uns und den Angehörigen viel Reden. Das letzte, was sie als Angehöriger eines Frischverstorbenen hören wollen, ist die Frage nach einer Organspende.“

Michaela Haller, Mitarbeiterin der Deutschen Stiftung Organtransplantation, erklärte wie Spenderorgane verteilt werden. Sie machte klar, wie kompliziert das Verteilungsverfahren ist und dass manchmal auch schnelle Entscheidungen zu treffen sind, bevor das Organ aufgrund der bedingten Haltbarkeit und der verstrichenen Zeit gar nicht mehr eingesetzt werden kann. „Auch so kann es passieren, dass ein Organ nicht bei dem Obersten der Warteliste ankommt.“

Die Schülerinnen und Schüler hatten mit Unterstützung von Dr. med. Marc Meier und seinen Assistenzärzten zahlreiche Informationstafeln gestaltet, die über Entwicklung und Ablauf von Transplantation aufklärten und Fragen zum Thema beantworteten. Verschiedenste Aktivitäten wie das anspruchsvolle Organpuzzle, ein Quiz zum Thema Organspende und Transplantation und echte Tierorgane luden zum Mitmachen, Mitdenken und Anfassen ein. Highlight neben den Tierherzen war eine aufblasbare Schweinelunge.

Natürlich war auch für das kulinarische Wohl bestens gesorgt. Der Erlös des reichhaltigen Angebots ging an den Selbsthilfeverein Organspende e.V.

Der Direktor des Gymnasiums, Harm Friesen, hat angekündigt, diese Veranstaltung nun jährlich im Gedenken auszurichten und interessierte Schulen bei ähnlichen Projekten zu unterstützen.

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23.02.2020 23:00
#365 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 2.6 – Professor Mayer 2



Professor Mayer schloss das Internet. („Du bringst Dich selbst in Teufels Küche. Lass es einfach!“)

Doch er konnte es nicht lassen. Zu lange hatte er schon eine Vermutung. Oder war es ein Wunsch? Oder bereits Gewissheit?!

Nochmal bemühte er die Suchmaschine. „Doktor Marc Meier Berlin Mutter“

Das erste Foto reichte. Es war schon fast zwei Jahre alt. „Ehrengast Elke Fisher kam in Begleitung ihres Sohnes ins Café Goja.“

Er kam nicht dazu, weiter über die Konsequenzen nachzudenken. Ein Anruf weckte ihn aus seiner Schockstarre. „Papa, wo bleibst Du denn?“ Seine Töchter quiekten vergnügt ins Telefon. „Wieso seid ihr noch nicht im Bett?“ Die Mädchen waren vier und zwei Jahre alt. „Mama streikt.“
„Was soll der Quatsch? Gebt ihr bitte mal das Telefon.“
„Sie schüttelt mit dem Kopf. Papa – kommst Du bald? Wir haben Hunger!“

Zwei Stunden später waren die Mädchen gefüttert und gebadet im Bett. Die ganze Zeit hatte sich Theresa nicht von der Couch bewegt. Sie schwieg beharrlich, nur die Töchter brachte sie wie jeden Abend ins Bett. Immerhin, denn den Tag über hatte sie nichts getan. Er hatte den Frühstückstisch so vorgefunden, wie er am Morgen gewesen war. Schließlich war alles weggeräumt, gewischt und sauber. Er setzte sich seiner Frau gegenüber und sah sie an. Sie sah ihn an.

„Sagst Du mir auch was los ist?“
„Ich verlasse Dich. Dich und die Kinder. Das ist kein Leben, wie ich es mir vorgestellt habe.“
„Theresa...?“
„Ich habe mir das sehr gut überlegt. Ingo – Du bist ein toller Vater und nur deswegen kann ich diesen Schritt tun.“
„Was willst Du denn machen?“
„Leben. Und arbeiten. Ich habe nicht jahrelang studiert, um nur noch Windeln zu wechseln und Wäsche zu waschen.“
„Emilia ist trocken?“
„Es ist egal – ich mache das nicht mehr.“
„Und das hast Du heute beschlossen?“
„Nein. Das ist nur das Ergebnis einer monatelangen Überlegung.“
„Monatelang – redest Du nicht mit mir?“
„Was hätte es geändert?“
„Und was ist nun der eigentliche Grund?“

Theresa antwortete nicht. Sie erhob sich schweigend und holte zwei gepackte Taschen aus dem Schlafzimmer. Ohne ihren Mann ein weiteres Mal anzusehen verließ sie das Haus. Ihn. Ihre Kinder.
Der eigentliche Grund wartete in einem silbergrauen Mercedes.

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03.03.2020 14:48
#366 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 3.1 – Meier und Mayer 2



„Mit dieser Nina waren Sie auch länger zusammen?“ Professor Doktor Ingo Mayer machte sich immer wieder ein paar Notizen.
„Ja, nein. Kommt drauf an, aus welcher Perspektive man das betrachtet. Sie würde die Frage mit einem „Ja – drei beschissene Jahre“ beantworten. Der Marc Meier von damals hätte geantwortet, dass „Er nie etwas versprochen hat“. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass es für den Marc Meier von damals definitiv eine Beziehung war – drei Jahre mit einer Frau, zwei davon in der gleichen Wohnung. Wenn man mal davon absieht, dass sie nie die einzige Frau war.“
„Wusste sie davon?“
„Ja. Deswegen ist sie gegangen. Sie hatte immer gehofft, dass ich mich doch irgendwann ganz auf sie einlassen kann, aber irgendwann hatte sie keine Kraft mehr.“
„Verrückt, was Frauen mitmachen, wenn sie von ihren Gefühlen überzeugt sind, nicht?“
„Sich in die Warteschleife legen zu lassen?“
Jetzt lächelte der Psychologe. „Männer legen bei Warteschleifen fünfmal so schnell auf wie Frauen, weil sie glauben mehr Versuche bringen schnelleren Erfolg.“ Er beobachtete den jungen Chirurgen, der offensichtlich nachdachte.
„Am Ende haben beide verloren – weil der Servicemitarbeiter nicht zuständig ist. Oder man in die nächste Warteschleife verbunden wird.“ Marc stand auf und ging im Raum auf und ab. „Doktor Haase hat viel länger in dieser Warteschleife verbracht, mit unzähligen Weiterverbindungen.“
„Sind Sie denn sicher, dass sie aufgelegt hat?“
„Ich denke, dass eher ich sie aus der Leitung geworfen habe.“ Er setzte sich wieder auf den bequemen Stuhl.

(„Vielleicht wählt sie ja irgendwann doch nochmal die Service-Nummer?“)

„Frauen wählen auch deutlich schneller erneut die Nummer des Services, wenn sie immer noch nicht klar kommen.“
„In der Hoffnung, einen kompetenteren Ansprechpartner zu bekommen – nicht den gleichen.“
„Wenn ihr Problem gelöst werden kann, darf es auch gerne der gleiche sein.“
„Hm.“
„Wissen Sie, was aus dieser Nina geworden ist?“
„Ja. Sie hat letztes Jahr geheiratet. Hoffe ich.“
„Sie hoffen, dass sie geheiratet hat?“
„Ich hoffe, dass Sie jemanden gefunden hat, der netter zu ihr ist, als ich. Das einzige, was ich für sie tun konnte, war ihren Ringfinger zu retten. Sie war mit der Hand in einen Laubhäcksler geraten.“
„Haben Sie miteinander gesprochen?“
„Über damals? – Nein. Im Gegenteil, ich habe sie noch mit zynischen Bemerkungen geärgert.“ Wieder lief Marc durch den Raum. Der Psychologe hatte sich mittlerweile daran gewöhnt. In Marc wütete ein gnadenloser Sturm, der umso mehr tobte, je mehr Marc zur Ruhe kam. Seine Oase war der OP, wo sich der Sturm legte – aus Respekt vor dem begnadeten Können des Chirurgen. Weil im OP keine Ablenkung erlaubt war. Kein Fehler, kein Scheitern. Befriedigung. Befreiung. Wenigstens für eine kurze Zeit. Spätestens wenn er aus dem OP kam, war der Sturm bereit, sich wieder in sein Bewusstsein zu drängen. Seine Organe zu beherrschen. Seine Muskeln zu verkrampfen.

Doktor Marc Meier hatte ihn vor über einem halben Jahr erstmals aufgesucht, er litt unter massiven Schlafstörungen, teilweise Angstzuständen. Früher, so hatte der Chirurg erzählt, hatte er gelegentlich eine Nacht eingebüßt, die Träume hatten variiert. Dann war es hauptsächlich ein Traum, der ihn heimsuchte. Immer der gleiche. Mindestens in fünf Nächten pro Woche.

Das hatte diesen hochsensiblen Mann letztendlich zu ihm geführt.

Hochsensibel und hochintelligent, davon war Professor Doktor Ingo Mayer sehr schnell überzeugt gewesen. Anfangs hatte er sogar gedacht, dass Marc sich selbst etwas antun könnte aber davon war er schnell wieder abgekommen. Ob die Alternative besser war – er vermutete, dass Doktor Meier sich eher an Schwächeren vergreifen würde, nicht körperlich sondern auf emotionaler Ebene.

„Was haben Sie bisher gegen Ihre Wut unternommen?“
„Als Kind habe ich Ameisenhaufen in die Luft gesprengt. Später... war meistens Doktor Haase mein Katalysator.“
„Später?“
„Nachdem meine Mutter meinen Vater verlassen hatte. Sie gehörte quasi vom ersten Tag an dieses neue Leben.“ Er hatte dem Psychologen von ihrer ersten Begegnung im Schultreppenhaus erzählt. „Sie strahlte mich mit riesigen blauen Augen an – „Alles wird gut!“ – Aber nichts war gut!“
„Und dafür haben Sie sie jahrelang bestraft?“
„Bestraft? Ich weiß nicht... leiden lassen trifft es eher.“
„Wie man es nimmt – es ist das gleiche Muster wie bei dieser Nina.“
„Sie war gut zu mir. Sie musste leiden.“ Er war erschöpft, nahm wieder auf dem Stuhl Platz. „Angst vor Nähe, das waren immer die Worte von Doktor Haase, wenn ich wieder gemein zu ihr war.“
„Denken Sie mal unter diesem Aspekt an Ihre Mutter. Wie passt sie rein, wie nah sind Sie sich.“

Die Stunde mit Doktor Meier verging ihm immer viel zu schnell – er hatte selten einen Menschen mit derartigen geistigen Fähigkeiten zu tun gehabt. Er hatte andere Patienten an seine Mitarbeiterin Elke Sonnenschein abgegeben, damit er dem Chirurgen Termine einräumen konnte – in der ersten Woche jeden Tag. Er hatte sich über sich selbst gewundert – allein die Tatsache, dass sich ausgerechnet ein Chirurg an ihn wandte, befriedigte sein Ego.
Chirurgen waren eben eine eigene Spezies. Ein zweifelhafter Ruf, den sie stets zu bestätigen versuchten. Allerdings machten da alle anderen Spezies fleißig mit, wie er sich selbst eindeutig bewiesen hatte. Chirurgen wurden seit jeher in eine Schublade gesteckt, auch dieser junge Wunderknabe hatte perfekt hinein gepasst. Mittlerweile hatte der erfahrene Psychologe seine eigenen Ansichten scharf überdenken müssen. Ja, Doktor Meier war definitv ein klassischer Vertreter der Chirurgenzunft. Aber er war auch anders. Eben sensibel und leicht verwundbar.

Dass sie auf einer Wellenlänge lagen, hatten sie bereits in Konstanz gemerkt. Vermutlich hatte Doktor Meier deswegen den Weg zu ihm gefunden. Der erste Chirurg in seiner eigenen Karriere.

„Du hast es also geschafft.“ Professor Mayer sah grinsend auf die Uhr, dann schüttelte er den Kopf. „Beruflich zumindest. Privat schaffst Du es nicht mal pünktlich nach Hause, um Deinen Kindern gute Nacht zu sagen.“

Nachdem Theresa ohne sich umzudrehen durch die Haustür verschwunden war, hatte Professor Mayer alle Termine abgesagt. Alle, bis auf einen. Obwohl er gerade diesen hätte absagen sollen.

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03.03.2020 14:51
#367 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 3.2 – Marc und Cedric 1



„Nobel geht die Welt zu Grunde...“ Cedric sah sich kopfschüttelnd um. Er hatte Marc schon in Hamburg besucht, aber sie waren in der Stadt unterwegs gewesen oder bei Marc zu Hause. In der Klinik war er noch nie gewesen.
Marc lachte. „Man gewöhnt sich dran. Ich sterbe hier eher an Langeweile.“
„Nicht so viel los hier, oder?“
„Phasenweise. Durchgehend gut besucht ist lediglich die Plastische Chirurgie.“
„Der Tummelplatz gelangweilter Millionärsgattinnen...“
„So ungefähr.“
„Und um was geht es jetzt, dass ich extra kommen soll?“
„Nicht hier. Komm mit...“ Marc holte seine präparierte Aktentasche aus dem Schrank. Es passten genau 4 Bierflaschen zwischen die Kühlmanschetten.
„Woher hast Du die denn?“
„Selbstgemacht. Mit sowas vergeude ich meine Zeit.“
„Du musst sehr viel Langeweile haben...“

Marc hatte dieses Wochenende Dienst, doch da zwei Assistenzärzte im Haus waren, konnten sich die beiden Freunde in den weitläufigen Klinikpark zurückziehen.
„Gehört das alles noch dazu?“
„Nur ein Teil, es geht nahtlos in den Park der Seniorenvilla über.“
„Das ist doch wie in einer verkehrten Welt – Geld im Überfluss aber kaum Patienten. Wir wissen oft nicht, wohin mit den Patienten und rennen immer dem Geld hinterher.“
„Ich würde gerne tauschen.“
„Du bist ja verrückt – einen besseren Job kannst Du gar nicht bekommen.“
„Mir geht es nicht um den Job, ich brauche Arbeit.“
„Was ist denn mit Deinem Projekt?“ Cedric gehörte mit den Professoren Haase und Neuroth zu den drei Kommentatoren seines Portfolios.
„Das Thema wurde angenommen, das weißt Du. Ich gehöre immer noch zum Kandidatenkreis.“
„Für sowas hättest Du in einem anderen Krankenhaus keine Zeit.“
„Mein Problem ist die Zeit – ich habe viel zu viel davon. Selbst mit der Osteopathie.“
„Was für Osteopathie?“
„Fortbildung. Naja, eher ist es fast eine Ausbildung zum Osteopathen.“
„Wer? Du?“
„Irgendwie muss ich ja die Zeit füllen.“
„Mit Osteopathie? Seit wann interessierst Du Dich für Modeerscheinungen?““

Marc lachte. „Warum nicht? Cedric, Du hast das Portfolio gelesen... es wird alles zusammen wachsen. Da bin ich sicher. Osteopathie ist alles andere als eine Modeerscheinung.“
„Wir sind Chirurgen...! Wie kommst Du auf so einen Quatsch?“
„Kannst Du Dich an Frau Porz erinnern?“
„Der schiefe Bruch?“
„Ja. Sie schwört darauf und ich kann nicht leugnen, dass es ihr nicht geholfen hätte.“
„Du hast Kontakt zu ihr?“
„Sie hat mich hier wegen der Nachuntersuchung aufgesucht. Sie und Frau Krämer sind gute Freundinnen geworden. Unabhängig davon geht meine Mutter schon jahrelang zu einer Osteopathin, da sie durch das viele Sitzen Haltungsschäden befürchtet.“
„Und dann fängt man das einfach so an?“
„Einfach so sicherlich nicht – die Ausbildung dauert vier bis fünf Jahre.“ Marc lachte. „Aber ich muss sagen, dass es alles andere als Quatsch ist.“
„Pfff... und das aus dem Mund eines Chirurgen.“
„Ja – Unfallchirurgie und Orthopädie – das ist eine super Kombination mit Osteopathie!“
„Mir würde mit meiner Zeit was anderes einfallen...“

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03.03.2020 14:58
#368 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Mai 3.3 – Meier und Mayer 3



Über seine Langeweile hatte er schon viele Monate zuvor mit Professor Mayer gesprochen.

„Wie füllen Sie diese Zeit?“
„Im Sommer habe ich mit dem Bootsführerschein angefangen, der hat aber jetzt Winterpause. Gelegentlich treffe ich mich mit einem Mitstreiter zum Squash. Im September habe ich außerdem eine Weiterbildung angefangen, die sehr lernintensiv ist. Naja... für andere. Ansonsten... ich gehe in Museen oder besuche andere Sehenswürdigkeiten.“
„Aber immer alleine?“
„Ja. Das einzige, was ich nicht alleine mache ist laufen. Meine Assistenzärzte wetten um den Stadtmarathon und da habe ich mich eingeklinkt. Laufen ist eine meiner leichtesten Übungen.“ Marc lachte. Dem Psychologen war schon häufiger die Freude in Marcs Stimme aufgefallen, wenn er von seinen Assistenzärzten sprach.

„Fahren Sie nie weg?“
„Doch, ich war ein paar Mal bei Freunden in Zürich. Auch meine Oma profitiert von der Zeit, die ich habe. Sei es, dass sie mich besucht oder ich sie. Sie kommt gerne in die Stadt.“

„Und Ihre Mutter?“
„Meine Mutter?“ Professor Mayer gab das Stichwort, das Marc befürchtet hatte. Er seufzte tief und sagte erstmal gar nichts. Schließlich fing er an, wieder hin und her zu laufen.

„Ehrlichgesagt habe ich keine Ahnung, was ich Ihnen von meiner Mutter erzählen soll. Wir haben nicht viel Kontakt. Selbst früher waren wir mehr wie eine WG. Nachdem sie meinen Vater verlassen hatte. Wir haben uns meistens in Ruhe gelassen.“
„Wie alt waren Sie da?“
„Vierzehn.“
„Können Sie „in Ruhe gelassen“ genauer beschreiben?“
„Naja, sie hat viel gearbeitet. Auch vorher schon. Musste sie, von meinem Vater konnte sie nichts erwarten. Ich habe ihn nie arbeiten gesehen.“
„Was hat er denn gemacht?“
„Pfff... studiert. Als er aus unserem Leben verschwand, arbeitete er seit über einem Jahr an seiner Doktorarbeit.“
„Also hat Ihre Mutter die Familie ernährt?“
„Ja. Das einzige, was er geleistet hat, war ein Haus zu erben, dass es irgendwie mit einem Gehalt ging. Als wir dann eine Wohnung mieten mussten, blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als noch mehr zu arbeiten. Wenn ich aufstand, war sie meistens schon weg. Wir haben uns mittags gesehen, sie versuchte immer da zu sein, wenn ich aus der Schule kam. Die Zeit reichte meistens nur, um zusammen zu essen, dann war sie wieder weg. Abends kam sie oft so spät, dass ich schon im Bett war.“

Da Marc intensiv nachzudenken schien, sagte der Psychologe erstmal nichts. Vermutlich würde der junge Chirurg von selbst auf die Frage kommen.

„Wenn Sie mich jetzt nach gemeinsamer Zeit oder Gesprächen fragen – da ist nichts. Wir hatten die ganzen Jahre vorher gelernt, uns unsichtbar zu machen, um die Wutanfälle meines Vaters nicht extra zu provozieren. Ich glaube, aus dieser Nummer sind wir bis heute nicht raus gekommen.“

Marc dachte an die zwei Tage in Zürich, als er und seine Mutter richtig miteinander gesprochen hatten.

„Wir sind in dieser Wohnung geblieben, bis die Scheidung durch war. Dann fing meine Mutter an, Romane zu schreiben.“ Jetzt lachte er. „Sie hatte den ersten schon vor der Scheidung fertig, allerdings wollte sie nicht, dass mein Vater etwas davon abbekam.“

Auch der Psychologe schmunzelte. „Sie ging davon aus, dass sie Erfolg haben würde?“
„Genau so habe ich es auch gefragt. „Es musste, Marc. Wenn ich Dir mehr bieten wollte als diese miefige Wohnung.“ Im Gegensatz zu mir hasste sie diese zwei Zimmer. Vorher hatten wir Platz und lebten in Angst. Dort war es eng, aber es war friedlich. Naja... ihr Roman wurde tatsächlich ein Erfolg und sie stürzte sich mit Genugtuung in den nächsten Band. Und in den nächsten... bis wir in das Haus umgezogen sind. Dort hatten wir Platz und Frieden. Der Preis des Hauses war, dass wir uns noch weniger sahen. Sie schlief meistens bis mittags, da Mutter in der Regel nachts schreibt. Das ist heute noch so. Nachmittags und abends war sie oft unterwegs, Geschäftsessen hier, Kultur da... Leserreise hier, Buchmesse da... ich habe mich oft gefragt, ob sie meinen Auszug überhaupt bemerkt hätte, wenn nicht wegen des Geldes. Für meine Mutter war es selbstverständlich, dass sie weiterhin mein Leben finanziert. Ich habe mich nicht gewehrt, das war einer der Gründe, warum ich das Studium so schnell durchziehen konnte. Ich musste nicht arbeiten gehen. Wenn ich etwas brauchte, konnte ich Mutter immer darum bitten.“

„Wie ist es heute zwischen Ihnen?“

„Ich habe Mutter nur zweimal kurz getroffen, als sie zu Terminen in Hamburg war. Wirklich geredet haben wir vor über einem Jahr, noch bevor ich nach Zürich gegangen bin.“

„Ist nicht Ihr ernst?“
„Doch. Das war nach ihrem Unfall, als ich vorübergehend bei ihr gewohnt habe. Sie brauchte Hilfe, ich ein Dach – ich hatte meine Wohnung schon vermietet.“

Marc nahm seine Wanderung durch das Besprechungszimmer wieder auf. „Im Nachhinein würde ich sagen, dass Mutter und ich noch nie so viel geredet haben, wie in der Zeit. Vorher haben wir den anderen nur aufgesucht, wenn wir was brauchten. Oder sagen wir so – sie suchte eher mich als umgekehrt.“
„Natürlich – ich nehme an, dass sie als Chirurg nicht mehr auf Unterstützung finanzieller Art angewiesen waren.“
Marc lachte. „Sie bestand lediglich darauf, mich zu Vorträgen und Symposien zu begleiten. Dafür ließ sie auch schon mal eine Lesereise platzen.“
„Natürlich. Weil sie stolz auf Sie ist!“

„Meinen Sie?“ Auf diesen Gedanken war Marc noch nie gekommen. Er hatte immer vermutet, seine Mutter wollte sich an seiner Seite wichtig machen. „Sie verlangte meistens auch, dass ich mit zu ihren Veranstaltungen komme.“
„Weil Sie stolz auf Sie ist.“
„Weil sie... hm. Vermutlich ist es das gleiche? Für meine Mutter war es immer wichtig, etwas darzustellen. Dann hat sie den jüngsten Oberarzt als Sohn... Klinikleitung mit 32...“
„Sie meinen, Ihre Mutter wollte sich in Ihrem Ansehen sonnen? Glauben Sie, dass sie das als erfolgreiche Romanautorin nötig hat?“
„Nein. Wohl eher nicht...“

„Sie ist stolz auf Sie! Vielleicht war sie als Mutter nicht für Sie da, aber sie hat aus gutem Willen gehandelt. Ja – dass aus Ihnen ein erfolgreicher Chirurg geworden ist, befriedigt Ihre Mutter. Es ist der Lohn für die ganze Schufterei. Für die Arbeit, die Ihre Mutter sich aufgeladen hat, für die Hetze, zu Hause zu sein, wenn Sie aus der Schule kommen. Ich denke, sie hat das vor allem für Sie getan. Man sagt immer so schön, dass Geld nicht glücklich macht. Das würde ich nur mit einem Zusatz unterschreiben, denn Geld beruhigt. Geld gibt Sicherheit. Das haben Sie eben selbst gesagt. Sie konnten sich immer auf die Unterstützung Ihrer Mutter verlassen.“

„So habe ich es noch nie gesehen.“
„Sind Sie stolz auf Ihre Mutter?“
„Keine Ahnung.“
„Sagen Sie es mir nächste Woche!“

(„Ist die Zeit schon wieder um?“)

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03.03.2020 15:03
#369 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


Mai 3.4 – Marc und Cedric 2



„Wenn Du nicht weißt, wie Du Deine Zeit füllen sollst, dann such Dir eine Frau. Die freuen sich doch immer, wenn Männer mit shoppen oder sowas ihre Zeit vergeuden. Und wenn Du Glück hast, ist sie eine Granate im Bett.“

„Marc lachte. „Danke für diesen scheinbar einfachen Lösungsansatz...“

(„Ich will aber nur sie!“)

„Mich würde sehr interessieren, was Du gerade gedacht hast. Und jetzt sag nicht Nichts, denn ich kenne Dich schon etwas länger.“
„Das hat im Fall Mehdi Kaan auch nichts geholfen.“
„Mich interessiert eher der Fall Haase – Meier?“

„Ohhh, Cedric!“
„Mensch Meier, Du bist immer noch hoffnungslos in sie verliebt. Warum in aller Welt hast Du Schluss gemacht?“

„Ich glaube, das war die berühmte Reißleine.“ Das war ein Thema, das in den Gesprächen mit dem Professor immer wieder aufkam.

„Wofür? Oder eher wovor?“ Cedric beobachtete Marcs Mienenspiel. Sein Freund antwortete lange nicht. Als er dann doch endlich sprach, überraschte er seinen Studienkollegen sehr.

„Ich brauche Dir nicht zu erzählen, was ich für sie empfinde. Dass es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat, als Mehdi mir von Gretchens Schwangerschaft erzählt hat. Mir fehlen zwei Tage meines Lebens, ich kann mich nicht erinnern, was in den beiden Tagen passiert ist. Natürlich kenne ich eure Berichte, aber das ist nicht das Gleiche.
Trotzdem hatte es ein Gutes: Ich habe mein Zuhause wieder gefunden. Wenn es einen Ort gibt, wo ich mich rundum wohl fühle, dann ist es das Haus meiner Oma.
Und in Gretchens Armen. Wenn sie mich mit ihren blauen Augen anstrahlt. Dann ist alles gut. Diese drei Wochen in Afrika musste ich nicht Marc Meier sein. Keiner hat unsere Gefühle hinterfragt. Wir waren einfach zusammen. Niemand hat darauf gelauert, dass es schief geht. Außer Mehdi vielleicht.

In Zürich war es genauso. Da musste ich nichts beweisen. Vor allem war mir von Anfang an klar, dass ich auf zwei Menschen warte. Gretchen und das Baby. Dann kommt eine verfickte Mücke und verändert alles.“

Cedric war über die Bitterkeit in Marcs Stimme verwundert. Marc trank ein paar Schlucke Bier, nachdenklich. „Und jetzt kann ich einfach nicht mehr zurück!“
Der ältere Chirurg musste diese Feststellung erstmal sacken lassen. „...Alter...“ Aber er verstand durchaus, was Marc sagen wollte. „Aber sie will Dich nicht mehr?“
„Wollte sie vorher auch nicht. Sonst wäre sie schon nach Zürich gekommen. Mit jedem Vollidioten zieht sie zusammen und glaubt heiraten zu müssen...“
„Vielleicht warst Du ihr zu wichtig?“

Marc schnaubte. „Klar... deswegen will sie ja auch erst mal „was alleine schaffen“.“
„Du kennst sie besser als ich.“
„Was nicht heißt, dass ich sie verstehe.“
„Und wenn ihr euch ähnlicher seid als ihr beide glaubt?“
„Wie meinst Du das?“
„Du hast immer nur die an Dich ran gelassen, die Dir nicht gefährlich wurden. Diejenigen, die Dir wichtig waren und die in der Lage waren, Dir weh zu tun, die hast Du immer so weit wie möglich weg geschoben. Vor allem Deine Mutter.“ Den letzten Satz äußerte Cedric sehr vorsichtig.

„Sie ist doch nie da. War sie nie.“

(„Jetzt machst Du es Dir sehr einfach...“)

„Machst Du es Dir jetzt nicht etwas einfach? Ja, sie ist nie da – Sie hat sich arrangiert, Marc.“
„Hm. Nein, das war schon immer so. Zumindest seit sie mich aus... seit der Trennung von meinem Vater. Er war übrigens nicht mein Vater.“
„Nicht?“
Das Gespräch wurde jäh unterbrochen. Marc sah auf das Display seines Smartphones. „Ein Patient droht. Ich muss arbeiten, viel Spaß noch.“ Er zeigte grinsend auf die beiden noch vollen, gut gekühlten Biere. „Wenn Du dem Weg nach rechts folgst, kommst Du an die Alster. Die Liegestühle sind für alle da.“

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03.03.2020 15:20
#370 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Mai 3.3 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


was soll ich tun? Egal wie ich mich entscheide, ich werde der Loser sein. Gretchen als Brautjungfer ihrer Kusine... erstens – mit 32 wird man keine Brautjungfer mehr. Zweitens – will ich damit nichts zu tun haben. Drittens – ich muss mich zum Affen machen lassen und Marc schaut zu.

Alles, nur das nicht. Lieber Gott, warum musst Du mich immer wieder so hart prüfen. Ich finde, dass ich momentan echt Anerkennung verdiene – ich habe einen Prüfungstermin.

Also außer dem blöden Hochzeitstermin, der einer Prüfung gleich kommt. Ob ich das als Grund für eine Absage anbringen kann? Weil ich lernen muss? Nee, dann muss ich allen davon erzählen. So ist es ganz allein meine Sache.

Was hältst Du davon?

Dr. med. Margarete Haase
Fachärztin für Allgemeinmedizin
Naturheilverfahren
Homöopathie

Ob ich Marc damit beeindrucken könnte? Ich habe das alte Schild vom Krankenhaus gefunden, Papa mochte es nicht wegtun.

Doktor med. Marc Meier
Leitender Oberarzt

Facharzt für
Allgemeinchirurgie
Unfallchirurgie und Orthopädie

Die Hochzeit in Hamburg würde ich ja vermutlich noch irgendwie überstehen. Aber was mache ich, wenn Marc plötzlich mit Begleitung kommt? Ich könnte das nicht ertragen. Egal ob er jemanden hat oder nur, um mich zu ärgern. Als Retourkutsche für die Hochzeit mit Alexis – Frank.

Hallo Schicksal, schenk mir eine verträgliche Lösung oder gib mir ein Loch, in das ich abtauchen kann.

Bis bald.


Nimm Rainer mit.
Was Du nicht willst, das man Dir tu...

(„Ich denke über eine Trennung nach, da ist Rainer keine Option für eine Hochzeit!“)

(„Weder eine andere noch meine eigene!“)

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10.03.2020 20:15
#371 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Mai 4.1 – PH , Streit und die Zukunftsvision



„Franz, Du arbeitest einfach zu viel.“ Bärbel stürmte in sein Arbeitszimmer, wo er zum wiederholten Male das Portfolio von Doktor Meier durchlas.
„Was soll ich denn sonst tun?“
Am Vortag war Bärbel überraschend aus Mallorca zurückgekommen – mit einer großen Portion schlechten Laune. „Mal nicht arbeiten.“
„Pfff... und Decken anstarren wie auf der Intensivstation.“
„Man kann nicht immer nur arbeiten!“
„Ich arbeite nicht. Das hier macht einfach nur Spaß!“
„Medizin, immer nur Medizin! Mit anderen Dingen kannst Du Dich gar nicht mehr beschäftigen?!“

„Was willst Du? Der Rasen ist gemäht, die Kübel sind bepflanzt und an Ort und Stelle, die Hecken sind zurückgeschnitten und Dein Gemüse ist eingepflanzt. Als nächstes hätte ich den Zaun gestrichen. Ich beschäftige mich also durchaus sinnvoll, wenn ich nicht im Krankenhaus bin und meine Frau in der Welt rumtingelt.“
„Du könntest Dich durchaus etwas mehr für Deinen Enkel interessieren.“
„Eben, es ist unser Enkel. Wir sind nicht die Eltern.“
„Ja eben – wir haben das doch schon durch. Luisa und Jochen haben doch keine Ahnung, wie das geht.“
„Haben wir uns reinreden lassen? Nein. Also lass ihnen ihren Freiraum. Außerdem erwartet Luisa bereits das zweite Kind.“
„Und Micki?“
„Miguel.
„Das ist eine Biersorte...“
„Er hat bereits seinen ersten Geburtstag überlebt.“
„Ja, es war gut, dass ich da war.“
„Bärbel...!“ Franz verdrehte die Augen und legte das Portfolio weg. Er war sehr gespannt, ob es Doktor Meier in die nächste Runde schaffen würde.

(„Natürlich tut er das. Was für eine Frage!“)

„Wohin gehst Du jetzt? Ich rede mit Dir?“
„Ich fahre in den Baumarkt, Farbe kaufen. Einer muss sich ja auch um dieses Haus kümmern!“
„Wozu? Franz, da müssen wir uns mal drüber unterhalten. Was sollen wir denn mit diesem Kasten, wenn Du in Rente gehst?“
„Wie – was sollen wir mit diesem Kasten? Das ist unser Zuhause!“
„Pfff... zu Hause... man muss sich halt anpassen. Und momentan braucht Jochen uns. Dass Du immer so egoistisch bist.“

„Ich bin Chirurg. Vielleicht sollte ich lieber ins Krankenhaus fahren, ich habe keine Lust der Boxsack für Deine schlechte Laune zu sein.“
„Warum sollte ich schlechte Laune haben?“
„Weil Jochen Dich weggeschickt hat!“
„Hat er nicht.“
„Traurig, dass Du es provozieren musstest.“ Jochen hatte ihn gestern früh bereits informiert, dass er Bärbel kurzerhand einen Rückflug gebucht hatte und sie stinksauer in den Flieger gestiegen wäre – verständlicherweise.
„Jochen hat Dich oft genug gefragt, wann Du wieder nach Berlin fliegst.“
„Ich wusste es nicht, Franz. Was soll ich denn sonst sagen?“
„Bärbel, Du hättest merken können, dass Deine Anwesenheit nicht erwünscht war. Nicht mehr.“
„Ja, nach allem, was ich für Jochen und seine Familie getan habe.“
„Kritisiert und bevormundet?“
„Ach lass mich doch in Ruhe!“ Bärbel drehte sich um und stapfte davon. Wenig später hörte Franz seine Frau in der Küche rumoren. Er grinste, denn in der Küche reagierte sie sich meistens sehr produktiv ab. Leichtfüßig nahm er wieder die Treppe nach oben in sein Arbeitszimmer.

„Franz – hier wird nicht für die Klinik gearbeitet.“ Schallte es durchs Treppenhaus.

Nein, auf ihn wartete ein Hefter pure Freude:

Quo vadis Medicus
Von den Anfängen der Medizin bis zur Gegenwart und eine Zukunftsvision.


Die Einleitung war eine kurze Zeitreise durch die Jahrhunderte der Medizin. Professor Haase musste an verschiedenen Stellen schmunzeln. Der Autor hob besonders die Erfindung der Anästhesie hervor, heute selbstverständlich, in ihren Anfängen verpönt, verrufen oder verboten.

Am Beispiel der Hamburger Carlswerke lobte er den Mut einzelner Personen, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen. Es war die Geschichte einer Margarete Scholl, die gegen den Willen der Familie einen Schmied heiratete. Es war die Geschichte eines Mannes, der seine Frau nicht hinderte, ihren geliebten Beruf auszuüben. Es war die Geschichte eines Ehemanns, der, unüblicherweise, die Erziehung der gemeinsamen Kinder übernahm. Es war die Geschichte des Schmieds Carl Haase, der nach den Wünschen seiner Frau medizinische Geräte anfertigte. Heute bezogen Kliniken aus aller Welt medizinisch-chirurgische Präzisionstechnik der Carlswerke.

Der Hauptteil hatte ihn völlig überrascht. Nur durch die Art und Weise wie der Autor rhetorische Mittel einsetzte, erkannte der Chefarzt, dass es sich tatsächlich um ein Werk seines langjährigen Mitarbeiters handelte. Nie hätte er vermutet, dass ein Marc Meier sich von der absoluten Wirklichkeit und Realisierbarkeit entfernen könnte. Nicht, dass diese „Zukunftsvision“ jeden Bezug zur Realität verloren hatte – denn Marc endete mit der Behauptung, dass das bestehende Gesundheitssystem nicht auf ewig bestehen würde und dass die moderne Medizin die Sklavin des Geldes sei.

Der letzte Satz war eine Frage: Sollten nicht die Patienten an erster Stelle stehen?

Professor Haase sah auf den Kalender an der Wand. Die Entscheidung würde noch in dieser Woche fallen.

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10.03.2020 20:19
#372 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN


Mai 4.2 – Professor Haase


Ja! Er hatte es gewusst! Doktor Meier würde es in die Endrunde schaffen! Sollte Bärbel stänkern und zetern. Von ihm aus auch wieder nach Mallorca fliegen. Er kam mittlerweile gut zurecht. Und wenn ihm die Decke auf den Kopf fiel, dann fuhr er lieber zu seiner Tochter nach Köln. Sein Kälbchen.

„Papa, hör auf, mich so zu nennen. Ich habe einen Namen!“

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass er sie weiterhin Kälbchen nennen durfte – wenn es keine Ohrenzeugen gab. Ansonsten Margarete.
„Was ist denn mit Gretchen? Du warst immer unser Gretchen.“
„Ich war auch schon immer eure Margarete. Papa – ich bin kein Gretchen mehr. Vielleicht sieht das Dein Vaterherz noch so, aber ich bin 31 Jahre alt!“

Das war im letzten Sommer gewesen. Sie hatte natürlich Recht. Vor allem hatte sie das Recht, als Erwachsene angesprochen zu werden. Ja, sie würde immer sein Gretchen sein, sein Kälbchen. Auch jetzt, mit 32. Heimlich, still und leise hatte sie ihre Facharztprüfung bestanden. Sie hatte es ihnen erst Weihnachten erzählt, als sie ein paar Tage in Berlin gewesen war.

„Und ich bleibe in Köln.“
„Dann such Dir wenigstens eine ordentliche Wohnung!“
„Ich mag den Schuhkarton.“ Sie hatte ihm zugezwinkert.
„Mit dieser Sardinendose kannst Du keinen Mann beeindrucken.“
„Dafür habe ich meinen Körper!“

Er hatte sich furchtbar verschluckt und Bärbel hatte geringschätzig geschnaubt. Doch auch hier hatte Gretchen Recht. Sie hatte ihre weiblichen Rundungen wieder aber insgesamt war ihre Figur ernsthafter. Vermutlich, weil sie Sport machte – Im Winter schwamm sie mehr, im Sommer hatte sie angefangen zu laufen. Vater Haase hatte die Reaktionen auf seine Tochter beobachtet, als sie über den Weihnachtsmarkt gegangen waren. Selbst in ihrem dicken Wintermantel hatte sie die Blicke von Männern jeder Altersgruppe auf sich gezogen.


Wie würde es jetzt im Sommer sein? Schmunzelnd griff Professor Haase zum Telefon. „Hallo Kälbchen, ich würde Dich gerne besuchen...“

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10.03.2020 20:27
#373 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Mai 4.3 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


Jippieh! Papa kommt mich Mitte Juli besuchen. Er bleibt zwei Tage bei mir und fährt dann weiter zu einem Termin in Frankfurt. Leider verpasst er genau die Kölner Lichter. Das wäre sicherlich was für ihn.

Ich bin froh, dass er alleine kommt. Mit Mama wird es immer anstrengender und so können wir viel besser reden. Ich habe ja jetzt niemanden mehr zum Reden – also klar... die Mädels und Dich. Aber von Rainer habe ich mich getrennt... Gott sei Dank. Also echt... erinnerst Du Dich an die Bumswette? Ja, von Marc und diesem Stier. Das war echt Kindergarten gegen das Spiel von Rainer. Er hat nämlich auch gewettet – mit Peter. Der war sauer, dass ich nur mit ihm geschlafen habe, um ich zu überzeugen, dass er immer noch kacke im Bett ist. Dass es nicht an mir lag. Er fand es nämlich geil (so hat Rainer ihn zitiert!!!). Leider hat er meine Aussage, dass ich es ekelhaft finde ... naja, es in den Mund zu nehmen... weiter geplappert und Rainer hat verstanden, dass ich Peters Ding ekelhaft finde. So gab es Streit und die überzeugte Aussage von Rainer, dass er mich sehr wohl dazu kriegen könnte.

Hat er sich geirrt – freiwillig niemals. Das war dann auch das Problem... er wollte unbedingt diese Scheißwette gewinnen und hat mir schlafend sein Ding... als er es gerade fotografieren wollte, bin ich wach geworden... mit Würgereiz und Erstickungsanfall. Ich habe einfach zugebissen! Was sollte ich auch sonst machen? Es wirkte sofort und als er sich vor Schmerzen krümmte hatte ich die Gelegenheit, sein Handy zu inspizieren. Die Kamera hatte erst ausgelöst, als sie schon runterfiel – sein Knie schön verwackelt. Habe ich ihm als Profilbild bei facebook und Whats App hinterlegt. Status: Man steckt oft nicht drin.
Bemerkt hat er es erst nach zwei Tagen :-)

Liebes Tagebuch,

jetzt würde ich gerne mit Marc reden. Verrückt oder? Aber über sowas konnte ich gut mit ihm reden. Ob er erwartet hat, dass ich mich auf seine Karte melde? Es ist mir schwer gefallen, es nicht zu tun. Allerdings weiß ich, dass ich ihm wohl auch eine Karte schicken werde.

Ich hätte nie gedacht, dass er es so lange in Hamburg aushält. Nachdem er mir die Geburtstagskarte geschickt hat, habe ich angefangen, ihn von Zeit zu Zeit im Internet zu suchen. Ich bin auf einen Bericht über einen Aktionstag zur Organspende gestoßen. Auf dem Foto sieht er gut aus. Er sieht sowieso gut aus. Hat er immer schon, wird er immer tun. Ich sage mir immer, dass ich das lassen soll. Es führt ja zu nichts. Aber deswegen ist es auch egal. Ob ja oder nein, das Resultat ist das gleiche: Nichts!

Oh, weißt Du was? Das Elefantenbaby ist endlich da. Die Jahreskarte für den Kölner Zoo hat sich echt schon gelohnt. Da haben die Mädels eine tolle Idee gehabt. Donnerstags arbeite ich ja nur bis 15 Uhr und den Heimweg mache ich meistens durch den Zoo. Auch das Geschenk von Rainer war toll. Zwei Karten für das Klassik Open Air in der Flora. Im September, direkt an dem Wochenende nach der Prüfung. Ob ich Marc eine Karte schenken soll?

Sowas haben wir mal mit der Schule besucht... im Tiergarten... natürlich habe ich es auch bei der Gelegenheit geschafft mich mit Hilfe von Marc Meier zum Affen zu machen. Wir hatten die Genehmigung bekommen, Tische aufzubauen und Essen zu verkaufen. Salate, Frikadellen, Kuchen... für irgendeinen guten Zweck hatten wir das organisiert. Mama war damals klasse – was sie nicht alles aufgefahren hat...

Wir hatten diese Campingstühle für uns mit und Marc hat meine Stuhlbeine angesägt. Als ich mich dann irgendwann erschöpft in eben selbigen fallen ließ, brach der natürlich zusammen. Nicht nur das alleine wäre peinlich genug gewesen – natürlich habe ich im Fallen mit einem Bein gegen das Tischbein getreten und das Angebot abgeräumt. Natürlich musste ich zu allem Überfluss von einigen Schüsseln getroffen werden. Marc hatte jedenfalls Spaß. Einige Zeit vergaß er sogar das Hasenzahn und ersetzte es durch Nudelhaar.

Liebes Tagebuch,

halt mich für verrückt, aber ich würde gerne wissen wie es ihm geht. Ob Papa gelegentlich von ihm hört? Bestimmt, denn Marc würde Papa nicht vergessen. Auch wenn er bei Papas Bruder arbeitet. Ob er irgendwann Schönheits-OPs macht?

Gretchen – hör auf, Dir über ihn den Kopf zu zerbrechen. Oder setz Dich hin und schreib ihm. Nein, keine gute Idee. Dann wirft er mir nachher wieder vor, dass ich irgendwas in einen einfachen Geburtstagswunsch hinein interpretiere. Gut, wenn er sich in Hamburg wohl fühlt. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht zurück nach Berlin gehen soll. Irgendwann Richtung Winter. Erstmal muss ich die Prüfung bestehen. Aber Berlin ist halt mein Zuhause.

In diesem Sinne,
mach´s gut.

Karo Offline

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17.03.2020 22:38
#374 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Juni 2.1 – Marc und Elke



„Mutter? Ich bin´s Marc.“
„Um Gottes Willen, ist Dir was passiert?“
„Nein, wieso?“
„Weil Du anrufst.“

(„Ist das denn so ungewöhnlich?“)

(„Scheiße... ja, das ist es.“)


„Rufst Du nur an oder sprichst Du auch mit mir?“
„Ich wollte Dich fragen, ob Du am 10. Juli mit nach Frankfurt kommen möchtest. Naja, weil Du früher immer zu meinen Terminen kommen wolltest.“

(„Sei ehrlich, Meier!“)

„Also eigentlich möchte ich Dich gerne dabei haben.“

Er hörte Elke hektisch atmen.

(„Sie sagt nichts...“)

Elke konnte nichts sagen. Ihr Sohn wollte sie dabei haben? Sie, die er meistens als peinlich und zu selbstherrlich bezeichnete.
„Mutter, bist Du noch dran?“
„Bist Du sicher, Marc? Du – willst – mich – dabei – haben?“
„Ja.“
„Ich bin nicht sicher, ob ich da nicht Termine habe.“
(„Und wenn schon“)
„Aber die sage ich ab. Sagst Du mir auch worum es geht?“

„Nur zu Deiner Info: Termine hast Du am 8. und 9. Juli in Hamburg. Wenn Du einverstanden bist, hast Du noch einen weiteren Termin, nämlich mit mir essen zu gehen.“
„Woher weißt Du von meinen Terminen?“
„Ich weiß sogar, dass Du eine neue Verlegerin hast.“
„Stalkst Du mich?“
Marc lachte. „Den Verdacht hast Du doch nicht erst seit heute – oder warum wurde ich vor Deinem Haus festgenommen?“
„Ach... das.“
„Willst Du eine Nacht drüber schlafen?“
„Nein. Aber ich bin gerade nicht sicher, wie es dann in meinem Kalender weitergeht.“
„Dann schau nach. Und... also darf ich uns Flüge nach Frankfurt raussuchen?“
„Ja.“ Ihre Stimme verriet Unsicherheit. „Um was geht es überhaupt?“
„Ich bin einer der drei Kandidaten für einen Sonderpreis von so einem Business-Magazin. Manager of tomorrow.“
„Aha.“ Elke hatte keine Ahnung, wovon ihr Sohn sprach, was Marc natürlich registrierte. Wieder lachte er. „Ich schicke Dir eine Mail. Schau es Dir an, Mutter, dann bist Du schlauer.“
„Ich hoffe es, Marc.“ Sie hatte Marc immer gerne zu Vorträgen begleitet, auch wenn sie selten wirklich eine Ahnung hatte, worum es ging. Medizin. Chirurgie. Oft wusste sie noch das Thema. Mehr nicht. Aber das Thema war egal, denn der Referent war ihr Sohn.
„Wobei ich Dir auch einfach gerne zuhöre, egal ob ich etwas verstehe. Du sprichst immer mit so viel Begeisterung.“
„Äh... danke.“ War das jetzt sowas wie ein Lob? Von seiner Mutter? Noch lange nachdem sie aufgelegt hatten, schlug sein Herz höher. „Ich höre Dir gerne zu.“

War es wirklich Stolz, wie Professor Mayer gesagt hatte?

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17.03.2020 22:52
#375 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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Juni 2.2 – Meier und Mayer 4



„Ich habe meine Mutter angerufen und sie gebeten, mich nächsten Monat nach Frankfurt zu begleiten.“
„Frankfurt? Das war ihr Projekt? Dann sind Sie in der Endrunde?“
„Ja. Die verbliebenen Drei wurden eingeladen.“
„Das ist großartig, ich gratuliere Ihnen.“
„Momentan ist es noch nichts, Herr Professor.“
„Das sehe ich anders. Denken Sie in kleinen Schritten, Doktor Meier.“ Er lachte. „Ich weiß, dass für Sie meistens das Alles-Oder-Nichts-Prinzip zählt, aber versuchen Sie gelegentlich auch einfach mal eine Etappe zu genießen.“
„Hm...“

Professor Mayer lachte wieder. Er lachte gerne und vermutlich machte ihn diese Eigenschaft zu einem beliebten und erfolgreichen Psychologen. In der letzten Zeit war ihm selten nach Lachen zu Mute. Langsam begriffen seine Mädchen, dass ihre Mutter nicht verreist war. Das hatte er ihnen von Anfang an nicht erzählt. Bisher kannten sie es nicht anders. Manchmal war die Mama ein paar Tage weg, aber sie war immer zurückgekommen. Er hatte alle Klienten abgegeben. Nur von Doktor Meier wollte er sich nicht trennen.
(„Wer ist hier eigentlich der Therapeut?“)

Allerdings trafen sie sich nur noch im 2-Wochen-Rhythmus.

„Und Ihre Mutter?“
„Sie schien sehr überrascht zu sein. Naja, vermutlich habe ich ihr noch nie gesagt, dass ich sie gerne dabei hätte.“
„Dann wird sie kommen?“
„Ja. Das war für sie keine Frage.“ In Marcs Gesicht spiegelten sich seine Gedanken. „Sie hätte ihre Termine sogar abgesagt.“ Spiegelten Freude. Dann lachte er. „Sie hat vorher zufällig Termine in Hamburg, das heißt wir fliegen sogar gemeinsam da runter.“
„Ein Mutter-Sohn-Ausflug?“
„Habe ich auch schon gedacht... das ist wirklich lange her... vor – maximal zu Beginn meines Studiums...“
„Waren Sie nicht zusammen in Zürich?“
„Hm... nee. Nicht so. Sie ist beim Skilaufen gestürzt und musste operiert werden. Was sie ohne meine Zustimmung verweigerte. Telefonisch interessierte meine Meinung wenig, ich musste also dieses Theater irgendwie mitmachen. Wer hätte gedacht, dass es ein Volltreffer sein würde.“

„Warum hat sie dieses Theater, wie Sie sagen, veranstaltet?“

„Ich hatte immer das Gefühl, sie denkt sich was aus, nur um mich zu sehen. Gut, bei einem Beinbruch war das jetzt nicht mein erster Gedanke. Aber wenn ich recht überlege – sie hatte mindestens schon zehn Herzinfarkte.“
„Vielleicht war das der sicherste Weg, Sie zu sehen?“
„Mir auf die Nerven zu gehen?“
„Genau das meine ich.“
„Dann wissen Sie mehr als ich, ich weiß gerade nicht, was Sie meinen.“
„Wie hat Ihre Mutter denn sonst versucht, Sie zu sehen?“
„Gar nicht. Entweder Sie erschien sterbenskrank im Krankenhaus oder sie ließ mir eine Nachricht zukommen, zu welcher Lesung ich wo sein soll.“
„Und Sie?“
„Ich?“
„Ja. Wann haben Sie Ihre Mutter aufgesucht? Oder um ein Treffen gebeten.“
„Aufgesucht gar nicht. Wenn, dann haben wir uns irgendwo außerhalb getroffen. Meistens war es aber im Anschluss an einen unserer Termine, Lesungen oder Symposien...“
„Aber zu diesen Gelegenheiten wollten Sie sich gegenseitig dabei haben?“
„Hm.“
„Und jetzt? Wenn Sie nach Frankfurt fahren?“
„Sie ist meine Mutter?!“
„Eben. Genau in diesem Satz steckt die Antwort. Sie ist Ihre Mutter. Egal, was passiert. Wenn Sie gut sind – prima. Wenn Sie es nicht sind – egal. Sie liebt Sie trotzdem. Einfach nur, weil Sie ihr Kind sind.“
Marc sagte gar nichts mehr.

(„Sie ist meine Mutter. Sie liebt mich, weil ich ihr Kind bin. Bedingungslos? Ist es so einfach?“)

„Ist das so?“
„Beantworten Sie sich diese Frage selbst.“
„Wie?“
„Von Ihrer Seite aus.“
Marc schwieg. Sein Gehirn schaffte es nicht, drei Worte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Fang jetzt nicht wieder mit diesem Gefühlsquatsch an. Natürlich liebt sie Dich. Du bist Marc Meier.
Natürlich liebt sie Dich – Du bist ihr Kind.
Du bist Marc Meier – alle lieben Dich!
Denk an Zürich. Sie hat Dir von deiner Geburt erzählt. Kaum warst Du auf der Welt hast Du schon alles richtig gemacht. Sie wollte Dich stillen – gegen jeden Widerstand. Sie wollte immer nur Dein Bestes. Auch durch René wollte sie Dir etwas bieten können. Wie oft hat sie sich zwischen ihn und Dich gestellt. Sie hat Dir den Rücken frei gehalten. Erst gegen ihn. Später im Studium. Dein Erfolg ist ihr Lohn. Sie will einfach nicht ausgeschlossen werden. Sie will stolz sein. Sie darf stolz sein. Eure Beziehung mag seltsam sein. Aber wenn es drauf ankommt könnt ihr euch auf einander verlassen. Sie auf Dich und Du auf sie. Wenn Frankfurt schief gehen sollte, dann kannst Du Dich auf ihre Liebe verlassen.
Wer liebt, ist verlassen.


Unter dem Einfluss seines inneren Disputs sprang Marc auf und lief seine gewohnte Strecke auf und ab. Der Therapeut sah, wie es in ihm rumorte. Mittlerweile hatte er eine gute Vorstellung, wie es in dem Chirurgen aussah. Welche Kämpfe er focht – fechten musste. Als Marc sich wieder auf den bequemen Stuhl setzte, wirkte er erschöpft. Und traurig.

„Mit Doktor Haase war es genauso. Auch ihrer Liebe konnte ich mir sicher sein. Immer und bedingungslos.“
„Glauben Sie, dass sie das immer noch tut?“
„Selbst wenn... ich habe sie verlassen. Sie kann grausam konsequent sein.“
„Denken Sie an die kleinen Schritte Doktor Meier.“

Sie verabschiedeten sich mit einem aufrichtigen Händedruck. „Ich bin in vier Wochen wieder da. Für den Fall, dass es brennt haben Sie meine Handynummer. Ich bin in Deutschland, also hinterlassen Sie eine Nachricht. Sobald ich Luft habe, versuche ich Sie zurückzurufen. Ich bin mir sicher, Ihnen wird etwas einfallen.“
„Danke, Professor Mayer.“

(„Bestimmt liegt es am Namen, dass ich mich so Wohl bei ihm fühle.“)

Jetzt haben sie Dich endgültig weichgespült. Das ist Gretchen-Logik.

(„Vielleicht hat Cedric Recht. Gretchen und ich sind uns vielleicht ähnlicher als wir denken.“)

Kleine Schritte. Die Glückwunschkarte war ein wirklich guter erster Schritt.
Hat auch viel gebracht... sie kam gleich zu Dir zurück...
Auch sie braucht die kleinen Schritte. Wetten, Sie meldet sich spätestens zu Deinem Geburtstag?
Wetten, dass nicht?

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 Sprung  
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