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Dieses Thema hat 345 Antworten
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Karo Offline

PJler:


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02.06.2019 19:20
#326 RE: Story von Karo Zitat · antworten

REMSCHEID


April 2.10 – Gretchen und Professor Haase telefonieren



Gretchen erreichte Ihren Vater erst am nächsten Abend.
„Hallo mein Kind!“
„Papa, wie geht es Dir?“
„Endlich wieder Alltag.“ Professor Haase lachte. „Deine Mutter ist furchtbar aufgeregt. Jochen hat mich bekniet sie mitzunehmen aber da war nichts zu machen. Wie geht es Dir, Kälbchen. Du klingst sehr gut!“
„Mir geht es gut, Papa. Ich soll Dir Grüße von Marc ausrichten. Er hat den Job in Hamburg.“
„Das habe ich bereits von Deiner Oma erfahren. Mit ihr habe ich eben telefoniert. Hans reibt sich die Hände, weil er meint, er hätte mir was weggenommen.“ Ihr Vater lachte. „Oma hat sich deswegen etwas Sorgen gemacht. Dass Professor Neuroth den Tipp von mir hatte, fand sie dann wieder sehr lustig. Vor allem war Doktor Meier alles andere als bescheiden.“ Franz prustete seiner Tochter ins Ohr. „Professor Neuroth hat ihn ausführlich gebrieft, was die Gehaltsstrukturen bei Hans angeht.“
„Also lachst Du Dir fast mehr ins Fäustchen?“
„So hat es Oma auch ausgedrückt.“
„Wie geht es ihr?“
„Gut. Momentan ist sie mit Elda alleine, Andrea ist ständig zu irgendwelchen Fortbildungen unterwegs.“
„Ob sie jemals ruhiger wird?“ Gretchen lachte. „Wie geht es denn Jochen?“
„Dein Bruder scheint für sich das Passende gefunden zu haben. Er hat ja schon immer sehr viel Spaß an seinen Kneipenjobs gehabt. In der Strand-Bar von Luisas Eltern geht er voll auf.
Die beiden sind echt froh, dass er sich darum kümmert. Vor allem hat Jochen richtig gut spanisch gelernt. Wo er nie ein wirkliches Sprachtalent war.“
„War ich auch nie...“
„Aber Du hast gelernt. Das war auch nie seins.“ Vater Haase lachte wieder. „Bärbel war der Meinung, dass das Haus von Peters Eltern hier in der Nähe sein muss. Sagt Dir San Telmo was?“
„Ja! Natürlich. Das ist dieser kleine Ort, von wo die Schiffe nach Dragonera starten. Die Finca war in den Hügeln, bei Andratx. Aber das sag Mama bitte nicht – sie fährt glatt dahin.“
„Mit Peters Eltern hast Du Dich doch immer gut verstanden, oder?“
„Ja, aber damit habe ich nichts mehr zu tun. Auch wenn sie wirklich liebe Menschen sind.“ Gretchen zögerte etwas, doch dann fuhr sie fort. „Ich habe damals alle Türen zu gemacht, bewusst oder unbewusst. Deswegen war Remscheid so ziemlich die schlechteste Option für eine Reha. Zu nah dran.“
„Vielleicht ist ja die eine oder andere Tür nur angelehnt? Oder es macht Dir wieder jemand auf? Hast Du nie wieder an Deine Freunde gedacht? Und Kälbchen – Du hattest immer so viele Freunde. Dafür habe ich Dich schon immer bewundert!“
„Nein, Papa. Ich habe nicht mehr darüber nachgedacht, sowas verdrängt man als Gretchen Haase. Aber weißt Du was? – Ich schwimme wieder. Und vorgestern habe ich einem Jungen das Leben gerettet. Ich war schneller als alle Rettis... und... schneller als Marc.“
„Das ist mein Kälbchen! Vielleicht bekommst Du ja nochmal eine Medaille?“
„Diesmal würde ich dem Bürgermeister eine scheuern, wenn er mir an die Brüste geht.“
„Ihr habt es mir ja erst hinterher gesagt.“
„Heute würde Marc auch was sagen.“ Gretchen kicherte. Er hatte sie auf dem Ärzteball gegen jede Tanzaufforderung verteidigt. Wie sie selbst auch jede Bitte abgelehnt hatte.


„Tut mir Leid, heute tanze ich nur einen Tanz und der gehört Doktor Meier!“
Sie hatten tatsächlich nur einmal getanzt. Zu einer Musik, die scheinbar aus einer anderen Welt kam, aus Magie entstanden, von Träumen inspiriert.


„Papa – ich danke Dir tausendmal für das Kleid. Wie Marc mich angesehen hat! Wir waren nicht lange da auf diesem Ball, aber er hat jede Minute genossen. Ich auch, solange ich die Kraft dazu hatte.“
„Ich warte auf Fotos!“
„Klar, Marc wollte sich direkt morgen darum kümmern. Heute war er nur noch schnell bei Professor Neuroth, weil er schon zum Mai wechseln will. Er hat noch Urlaub und Überstunden, nach seiner Rechnung muss er gar nicht mehr antreten. Das passte ihm ganz gut, weil er noch bei so ´nem Wettbewerb mitmacht. Manager of tomorrow oder so.“
„Hm, davon habe ich im Flugzeug gelesen und an Marc gedacht. Weißt Du, bei ihm scheint alles immer so leicht zu gehen. Probleme löst er im Handumdrehen. Siehe Doktor Kalila, der Junge ist für uns ein wahrer Glücksgriff. Jetzt wo ich auch auf Gina verzichten muss...“

„Papa... was treibt Mehdi da? Gina hat gesagt, dass er noch eine...“
„Ja, die PJlerin. Das trifft mich jetzt nicht so sehr, da sie hier definitiv keine Assistenz bekommen würde. Das war von Anfang an Marcs Meinung und mittlerweile muss ich ihm zustimmen. Dabei war sie immer eine engagierte Studentin.“
„Zwischen Theorie und Praxis ist halt immer noch ein Unterschied.“

„Da hast Du Recht. Kälbchen – kann ich irgendwann wieder mit Dir rechnen? Hm, vermutlich nicht, wenn Marc jetzt nach Hamburg geht?“
„Ehrlichgesagt – ich stecke den Kopf nicht nur bei meiner Vergangenheit in den Sand, sondern auch bei meiner Zukunft. Noch tiefer. Papa, ich habe keine Ahnung.“
„Wie auch immer – ich habe Dich natürlich auch gerne hier. Aber Du solltest trotzdem mal darüber nachdenken, die Reha ist schneller um als Dir lieb sein wird.“
„Das befürchte ich – trotz Verlängerung.“
„Das war ja zu erwarten. Kälbchen – versprich mir, dass Du darüber nachdenkst.“
„Jaja.“
„Margarete!“
„Ja, Papa. Ich... verspreche es Dir.“

(„Er sagt ja nicht, wann!“)

„Gut – und nicht erst nach der Reha!“

(„Menno!“)

„Jaaa.“

Karo Offline

PJler:


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02.06.2019 19:26
#327 RE: Story von Karo Zitat · antworten

REMSCHEID


April 2.11 – Wiedersehen



Bevor Gretchen an ihre Zukunft denken konnte, holte die Vergangenheit sie ein.

„Peter?! Was tust Du hier?“

Vor ihr stand ihr Ex-Verlobter. Seine Haare waren noch länger und noch mehr durcheinander, als bei ihrem letzten Treffen, in Berlin, vor einer langen Zeit. So wortlos wie er damals gegangen war, so wortlos sah Doktor Peter Weniger seine langjährige Lebensgefährtin an. Er hob seine rechte Hand, in der er die gerollte Tageszeitung hielt, wie zur Erklärung.

„Ich musste mich überzeugen, dass Du es wirklich bist.“
„Gut, ich bin es nicht!“ Sie wollte ihn stehen lassen.

(„Bloß weg hier!“)

„Gretchen! Was ist mit Dir geschehen?“
„Ich wurde betrogen?“
„Das meine ich nicht. Du bist ein Schatten Deiner selbst.“
„Du machst reizende Komplimente.“
„Ich bin geschockt, entschuldige bitte.“

Sie nickte nur.

„Was ist mit Dir geschehen? Warum bist Du hier?“
„Ich habe mich in Afrika mit einer Mücke angelegt.“

Peter musste etwas überlegen. „Malaria?“
„Ja.“
„Was hast Du in Afrika gemacht?“
„Gearbeitet.“
„Du?“ Wieder dieser erstaunte Blick.

(„Vermutlich fragt er sich immer noch, ob ich es wirklich bin.“)

Gretchen lachte. „Ich bin halt immer für eine Überraschung gut!“

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich Dich nochmal wieder sehe. Und dann lese ich von einer Doktor Margarete Haase aus Berlin, dass sie in Remscheid einem Jungen das Leben rettet.“
„Und da musstest Du gleich nachsehen, ob mit Fotoshop gearbeitet wurde?“ Gretchen spielte auf ihr sehr dünnes und blasses Foto an. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich bin auf dem Weg zu einer Anwendung.“

„Darf ich auf Dich warten?“

(„Ich sollte mich mit meiner Zukunft beschäftigen, nicht mit meiner Vergangenheit.“)

Sie zögerte.
„Ja.“ Hörte sie ihre Stimme. „Ich komme in die Cafeteria. Ungefähr in einer Stunde.“

„Okay.Bis später.“

Karo Offline

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10.06.2019 20:34
#328 RE: Story von Karo Zitat · antworten

April 2.12 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

unverhofft kommt oft... wenn ich mit solchen Sprüchen anfange... oh je oh je...
Peter ist aufgetaucht. Plötzlich stand er vor mir. Er war total überrascht, dass ich es war, von der er in der Zeitung gelesen hat. Obwohl das Bild auch wirklich nicht eindeutig ist 

Ich muss sagen – wir hatten einen wirklich angenehmen Nachmittag, haben uns voneinander erzählt. Von der Gegenwart. Unsere Vergangenheit haben wir außer Acht gelassen. Fairerweise muss ich sagen, dass ich mich mehr weiterentwickelt habe als er. Ich finde sogar, dass er sich ein bisschen zu sehr gehen lässt. Früher hatte er ja immer schon einen Zottelkopf... als einzige Anspielung auf früher habe ich ihm wortlos ein Haargummi hingehalten. Er wusste schon, was ich meine. Wobei ich hier meistens die Haare geflochten habe, ist einfach praktischer bei den ganzen Anwendungen. Da habe ich als Privatpatient wirklich viel auf dem Plan, im Gegensatz zu meinen beiden Kaffeetanten. Das ist übrigens nicht despektierlich gemeint, wir haben uns selbst so genannt. Die drei Kaffeetanten.
Zurück zum Zottelkopf. Peter hat noch immer die Praxis in Höhenberg, so wie wir sie damals geplant hatten. Klein und groß unter einem Dach.


Dr. med. Margarete Weniger, Allgemeinmedizin
Dr. med. Peter Weniger, Kindermedizin


Nur, dass auf dem Schild heute ein anderer Name steht. Seine Teilhaberin ist allerdings zehn Jahre älter als er, da ist er nicht interessiert. Mich hat es auch nicht interessiert. Komisch, da sitze ich mit einem Menschen, der mir sehr wehgetan hat. Aber ich unterhalte mich mit ihm, als sei nie was geschehen.
Liebes Tagebuch – ob es nicht sinnvoller wäre, mit meiner Vergangenheit ins Reine zu kommen, bevor ich Zukunftspläne mache? Vielleicht wird es Zeit, alte Dämonen herauszufordern – und abzuhaken. Ich glaube, mit Peter habe ich schon angefangen!

So, nun muss ich aber schnell schlafen. Ich muss schon vor dem Frühstück zum Stationsarzt... einmal in der Woche sehe ich ihn dann doch. Vermutlich, weil ich Privatpatientin bin.

Mach´s gut.

Karo Offline

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10.06.2019 20:40
#329 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 2.13 – Marc und Professor Neuroth



„Sie hätten mich einweihen sollen, Doktor Meier!“
„Herr Professor, ich kann für mich selbst sprechen. Außerdem spart das Ihre Zeit und Ihre Nerven.“
„Zeit ja, aber Nerven nein, denn nach Ihrem fulminanten Auftritt bei Professor Stricker musste ich quasi das Skalpell fallen lassen um beim Chefarzt anzutreten. Was haben Sie sich dabei gedacht?“
Er legte Marc den zweiten Umschlag hin. „Es wäre gut gewesen, wenigstens zu wissen wovon der Alte redet.“
„Ich fand es als fairen Vorschlag. Die Wahl hat „der Alte“, wie Sie ihn so schön betiteln.“ Marc grinste.
„Mir ist nicht nach Späßen, Doktor Meier. Auch wenn Ihre Forderung in der Tat nicht überzogen ist, Sie haben den Bogen überspannt. Das hier ist ein Schreiben, mit dem Ihre Kündigung akzeptiert wird...“

(„Bleibt denen ja auch nichts anderes übrig!“)

„...und ebenso Ihr Vertrag als Honorar-Operateur. Diese Idee finde ich durchaus in Ordnung, Ihren Preis angemessen. Trotzdem verstehen Sie hoffentlich, dass ich in diesem Fall ganz klar übergangen wurde. Das mag nicht Ihre Absicht gewesen sein – nein, natürlich nicht.“ Professor Neuroth wusste inzwischen, dass sowas nicht Marcs Art war. „Allerdings ist Professor Stricker zu keinen weiteren Zugeständnissen bereit. Er soll seine Sachen packen und verschwinden!
Der Schweizer Arzt sah mit einem Mal viel älter aus. Er nickte auf etwas hinter Marc. „Das gehört Ihnen. So leid mir das tut, ich muss Sie aus der Studie ausschließen.“

Marc erstarrte und der ältere Chirurg ließ sich erschöpft auf seinen Stuhl fallen, seine Gesichtszüge drückten Bedauern aus. „Ich habe Ihre Arbeiten bereits aus unserem System entfernt. Damit kann die Universität keinen Anspruch darauf geltend machen, falls Sie sich mit diesem Manager-Projekt beschäftigen wollen. Das ist so ziemlich das einzige was ich noch für Sie tun kann.“
Professor Neuroth beobachtete den versteinert wirkenden Chirurgen. Wie er vermutet hatte, hatte Marc bei seinem Vorstoß nicht an die Studie gedacht. Der Ausschluss traf den Deutschen nun genauso hart, wie ihn selbst vor ein paar Stunden, als der Klinikchef ihm wutschnaubend seine Entscheidung mitgeteilt hatte.

„Danke.“ Marc klemmte sich die Ordner unter seinen linken Arm. Die rechte Hand hielt er seinem zukünftigen Ex-Vorgesetzten hin.
„Nichts für Ungut, Doktor Meier. Ich melde mich bei Ihnen wegen der OP-Planung.“

Nach nicht mal vier Monaten verließ Marc wieder ein Krankenhaus. Nicht als Patient, sondern als Angestellter. Ex-Angestellter. Er drehte sich nicht einmal mehr um.

Karo Offline

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10.06.2019 20:44
#330 RE: Story von Karo Zitat · antworten

April 2.14 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

ich könnte heulen. Der Anlass ist eigentlich ein schöner, mein Bruder hat einen gesunden Sohn und auch Luisa geht es sehr gut. Miguel ist schnell und problemlos (3 Stunden!!!) zur Welt gekommen. Mama und Papa sind natürlich total aus dem Häuschen. Vor allem Mama redet von nichts anderem. Verständlich! Natürlich kann sie nicht ahnen, dass mir diese Freude einfach nur weh tut.

Leider wird das Gefühl des Versagens nicht weniger. Ja, ich weiß, mein Kind ist dem Malariamedikament zum Opfer gefallen. Das hat nichts mit mir zu tun.
Aber diese quälende Frage nach den ersten drei Schwangerschaften. Eigentlich ist das schon sehr komisch, dreimal werde ich trotz Pille schwanger und dreimal verliere ich ohne Grund mein Kind.

Mit Mehdi war das anders... da habe ich nicht verhütet und bin quasi selber Schuld. Wobei ich nicht so betrunken war, wie ich Mehdi vorgemacht habe – ich wollte nicht mit ihm schlafen. Dass ich es trotzdem gemacht habe... Alkohol, Verzweiflung und einen unnachgiebigen Mann... Marc nennt es schon Vergewaltigung. Ich hätte schließlich "nein" gesagt. Habe ich auch. Geküsst habe ich Mehdi trotzdem. Ob er nicht mit mir geschlafen hätte, wenn ich energischer gewesen wäre?

Marc hat geschnaubt und ich hatte den Eindruck, dass er schon fast böse war: „Genau das ist der Grund, warum Frauen zu selten gegen ihren Vergewaltiger vorgehen. Sie suchen vor allem bei sich die Schuld.“
„Das klingt aber nicht nach Marc Meier – bei dem hatten Frauen doch eh immer die Schuld.“
„Ja – das ist immer noch so. Aber bei Vergewaltigung hört der Spaß auf. Und Sex ist vor allem genau das: Spaß!“
„Und hast Du Lust auf ein bisschen Spaß?“
„Mit Dir immer, Prinzessin!“
Puh... mit Marc verschwinden alle Sorgen und Probleme, mit Marc zählt einfach immer nur das Jetzt. Das Jetzt, in dem nicht nur unsere Körper eins werden, sondern vor allem auch der Moment danach. Auch wenn unsere Körper sich schon getrennt haben sind wir immer noch eins. Zwischen uns ist dann so viel Nähe, erstaunlich, dass es Marc nicht jedes Mal auf die Flucht treibt.

„Das war früher, Gretchen. Mit Dir ist das total anders – wundervoll.“

Marc kann wirklich schöne Wörter benutzen.

„Ich begehre Dich sehr.“

Das hat noch kein Mann so gesagt.

„Meine zauberhafte Freundin...“

Mir fällt es immer schwer das zu glauben. Aber vor allem liebe ich Marc wegen seiner Ehrlichkeit. Also sollte ich es glauben.

Ich denke schon den ganzen Tag, dass es sch... ist, dass Marc gerade jetzt nicht hier ist. Ich möchte, dass er mich in den Arm nimmt. Wegen Miguel. Wegen unserem eigenen Kind. Wegen ihm. Wegen mir. Wegen uns.

Wegen uns – ein schöner Schluss!
Bis bald!

Karo Offline

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10.06.2019 21:00
#331 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 2.15 – Marc und Gretchen telefonieren



„Prinzessin, schläfst Du schon?“

„Nicht jede Prinzessin heißt Dornröschen.“

Im nächsten Moment klingelte ihr Telefon. „Wie machst Du das, Marc? Immer wenn ich Dich am meisten brauche...“
„Also immer...?“
„Spinner.“
„Vielleicht liegt es daran, dass ich Dich brauche? Gerade etwas mehr...“
„Was ist denn passiert?“
„Ich habe heute meine Papiere geholt. Das macht mir mehr aus, als ich dachte.“
„Du hast Dich in Zürich vom ersten Moment an wohl gefühlt, nicht? Bis auf Deinen Big Boss stimmte ja auch alles.“
„Hm. Am meisten trifft mich der Ausschluss aus dem Forschungsprojekt.“
„Das haben die nicht wirklich gemacht?“
„Doch, das einzige, wpmit sie mich richtig treffen konnten...“

„Hm, geht es dabei generell um so eine Studie oder betrifft es genau dieses Thema?“
„Was meinst Du?“
„Naja, Forschungsprojekte wird es immer wieder geben. Egal welches Thema, Dein Kopf braucht diese Aufgaben. Oder ist es tatsächlich dieser spezielle Inhalt?“
„Ich glaube, meinem Kopf wäre das tatsächlich egal. Aber die Fragestellung ist einfach interessant und auch wichtig. Vor allem war es eine Fortführung der Arbeit, die ich bei Deinem Vater gezwungenermaßen kennenlernen musste. Durfte. Ich glaube, deswegen hängt nicht nur der Kopf mit drin, sondern auch mein Herz.“

„Ich würde Dich jetzt einfach gerne in den Arm nehmen.“
„Ich würde das jetzt einfach gerne annehmen.“
„Aber diese beiden OPs machst Du trotzdem noch? Das lässt der zu?“
„Sascha hat Urlaub und Professor Neuroth hat mich deswegen empfohlen. Erstaunlich finde ich es trotzdem, dass er mich nochmal in den OP lässt.“
„Er handelt im Interesse der Patienten.“
„Meinst Du? Ist auch egal. Das Geld werde ich für das Umzugsunternehmen brauchen. Aber ohne geht es nicht... ich hoffe, dass der Makler direkt was Vernünftiges dabei hat.“
„Wann fährst Du?“
„Ich fliege am Mittwoch.“
„Schade.“
„Für einen Tag macht alles andere keinen Sinn.“
„Allein für eine Umarmung würde es Sinn machen.“
„Ist was passiert?“

„Jochen hat einen Sohn.“
„Prinzessin...“ Marcs Herz krampfte, als er sich ausmalte, wie sehr seine Freundin unter dieser Tatsache leiden musste.

„Mutter und Kind geht es gut und Mama bombardiert mich mit Fotos.“
„Gretchen, das tut mir Leid. Also nicht, dass es allen gut geht. Sondern für Dich. Kann Sie sich nicht denken, dass Dir das weh tut?“
„Sie würde es vergessen.“
„Sie würde...?“
„Marc, Mama weiß nicht, dass ich schwanger war. Papa ja, wegen dem ganzen Drumherum. Aber Mama habe ich es nicht gesagt. Ich hatte einfach keine Lust auf ihre Gemeinheiten.“
„Deine Mutter weiß es nicht?“
„Bitte keine Vorwürfe!“
„Nein. Aber dann darfst Du Dich wohl auch nicht wundern. Aber – sie war doch bei Dir? Da hat sie nichts gemerkt?“
„Ja, stell Dir das vor. Meine Mutter, die sowas immer auf 20 Meilen gegen den Wind wittert... ausgerechnet bei der eigenen Tochter merkt sie nichts.“
Marc lachte kopfschüttelnd. „Und bei mir reden alle von einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung.“
„Das ist ja nicht von der Hand zu weisen.“
„Wir arbeiten dran. Sie hat mir eine Postkarte aus Paris geschrieben.“
„Wer?“
„Lady Diana.“
„Die ist doch tot?“
„Hasenzahn... meine Mutter hat mir eine Postkarte geschickt.“
„Was sagt sie zu Deinem Umzug?“
„Hm...“
„Hm – es ist ihr egal?“
„Hm – sie weiß es nicht.“

„Deine Mutter weiß es nicht?“

(„Macht die mich gerade nach?“)

„Verarscht Du mich gerade?“

(„Ha!“)

„Nö. Das ist eine ernstgemeinte Frage. Nicht, dass sie Dich nachher vergeblich in Zürich sucht?“

„Hasenzahn!“

(„Leider hat sie nicht mal Unrecht!“)

Jetzt kicherte Gretchen.

„Entschuldige Marc. Aber Deine Mutter hat nun mal ein Händchen für den richtigen Zeitpunkt, wenn sie Deine Hilfe braucht.“

„Momentan braucht sie eher einen neuen Verleger. Naja, braucht sie weniger, will sie haben. Nach der Sache mit der Fanreise zur Skihütte, da hat man sie etwas verarscht.“
„Auf sowas würde sie sich nie einlassen – das weiß eigentlich jeder.“

„Und eigentlich müsste ihr Verleger auch wissen, dass sie sich sowas nicht gefallen lässt. Sie hat ihn jetzt auf Kostenübernahme und Schadenersatz verklagt. War ja quasi ein Arbeitsunfall.“ Marc lachte. „Über den Jahreswechsel war sie doch auf Leserreise auf einem Kreuzfahrtschiff. Da hat sie Blut geleckt. Ihre Agentin hat jetzt verschiedene Reedereien angeschrieben. Mal sehen, ob meine Mutter demnächst durch die Welt tingelt.“

„Davon träumt meine Mutter schon seit Jahren – einmal eine Hochseekreuzfahrt zu machen. Papa und sie haben schon öfter Flusskreuzfahrten gemacht. Meistens über besondere Hochzeitstage. Einmal haben sie uns mitgenommen. Von Passau ging es unter anderem über Wien und Belgrad ins Donaudelta.“
„Nach Rumänien?“
„Ja. Und zurück. In Bratislava waren wir jedenfalls auch. Und von irgendwo waren wir irgendwo in der Puszta. Ich habe noch nie so viel Staub gefressen, wie da.“
„Hasenzahn, Du bist ja schon richtig rumgekommen.“
„Wo warst Du denn schon überall?“ Ihre Stimme klang herausfordernd. „Was hat Deine Mutter Dir von der Welt gezeigt?“
„London und New York. Dresden. Und Schottland.“
„Schottland?“ Vor Gretchens Auge spielte sich gerade ein kleiner Film ab.

„Sie hatte eine Affäre mit Highlander!“
„Ist nicht wahr?“
„Natürlich nicht! Du hast das jetzt nicht geglaubt?“ Marc lachte schallend. „Hasenzahn, manchmal möchte ich Dich schütteln.“

„Ja komm... 10 Pferde würden sie nicht in die schottische Hochöde kriegen.“
„Da hast Du Recht. Nein, sie hatte mir irgendwann mal eine Whiskyreise dahin geschenkt. Wohl mehr aus Verlegenheit, weil sie keine Ahnung hatte, was sonst.“
„Und Du hast das gemacht?“
„Ja, verrückterweise. Aber es war echt gut und seitdem favorisiere ich den schottischen Whisky.“
„Das ist mir jetzt neu. Ich hätte Dich wenn überhaupt auf die Bierebene gestellt. Was weiß ich sonst noch nicht von Dir?“
„Ich kann Dir ja gelegentlich meine Whiskysammlung zeigen.“
„Aha.“

(„Aha? Etwas mehr Begeisterung, bitte.“)

„Was heißt denn hier ´aha`?“
„Peter hatte eine Briefmarkensammlung.“
„Und darauf bist Du hereingefallen?“
„Nein... leider nicht. Er war ganz schön sauer, dass ich nicht alle seine Alben sehen wollte...“ Gretchen lachte.

„Nee... jetzt echt?“
„Ja. Peter ist während der Jahre, die wir zusammen waren immer mit einem Freund in Urlaub gefahren. Ich durfte nie mit, damit er mir Postkarten schicken konnte.“
„Und darauf bist Du hereingefallen?“
„Wieso?“
„Als ginge es um Briefmarken... pfff!“
„Und wenn schon. Ich durfte immer nur mit nach Mallorca. Da konnte ich mir wenigstens den Flug leisten. Als Studentin kann man eben nicht durch die Welt reisen.“
„Pfff... was für ein Arsch.“
„Es ist auch egal.“

„Trotzdem... nein. Das ist indiskutabel. Wenn ich mit Dir verreisen wollte, dann so, dass es sich beide leisten können. Vermutlich würde ich Dich sogar einladen.“
„Hast Du ja – gibt es denn was Neues von der Versicherung?“
„Nein. Ist mir ehrlich gesagt auch egal. Du lebst und ich kann jetzt und hier mit Dir telefonieren. Nichts anderes ist wichtig für mich. Allerdings – wenn Du an Urlaub denkst, Hasenzahn, dann musst wohl eher Du mich einladen.“
„Bevor ich an Urlaub denke, möchte ich erstmal wieder arbeiten. Glücklicherweise verhindert die Reha, dass ich sofort nach Mallorca geschleppt werde, das Baby zu bewundern.“
„Vermutlich wirst Du nicht drumherum kommen.“
„Nein. Im Gegenteil...“ Gretchens Satz endete mit einem tiefen Seufzer. „Die wollen im Sommer heiraten und dann soll der Kleine auch getauft werden. Dann kann ich mich nicht drücken.“
„Nein, solange verlängern die Dich bestimmt nicht.“
„Apropos... ich muss jetzt versuchen zu schlafen. Ich habe schon um 7:30 Uhr den ersten Termin – Krankheitsverarbeitung.“
„Klingt nach Psychologie?“

„Ja.“ Gretchen lachte, sie hörte an Marcs Ton, was er davon hielt. „Ich soll es ausprobieren. Wenn es mir nichts taugt, kann ich es wieder streichen.“
„Naja... mit Deinem Neffen hast Du ja auch ein Thema. Dann können die nicht irgendwelche allgemeinen Fragen stellen und Dir die Antwort im Hals herumdrehen.“
„Das klingt, als hättest Du reichhaltige Erfahrung damit.“

(„Ich war Monatelang in einem Heim für Schwererziehbare...“)

„Schlaf gut, Prinzessin.“

(„Er lenkt schnell ab? Da muss ich bei Gelegenheit doch nochmal nachfragen...“)

„Du auch Marc.“

(„Sie fragt gar nicht nach? Normalerweise machen sie so spontane Themenwechsel doch misstrauisch?“)

Sie wird es irgendwann wieder hervorholen, wenn Du nicht damit rechnest.
So ist sie nicht.
Wie denn dann?
Sie ist eine tolle Frau – die einzige, die es bisher geschafft hat, ins Herz vorzudringen.
Ja, weil sie rücksichtslos ist. Sie macht, was sie will, egal, was andere wollen.

(„Ich will sie! Nur sie!“)

Mach Dir nur selber was vor.[/i
]

„Schnauze! Sie ist das Beste, was mir je passiert ist.“

[i](„Habe ich das jetzt gesagt oder nur gedacht?“)

Wegen ihr ziehst Du gerade wieder um...
Das Leben ist so. Hamburg ist auch nicht schlecht. Vor allem bist Du viel näher bei Deiner Oma.
Es gibt wichtigere Dinge, die Vergangenheit sind. Deine Affären beispielsweise. Da dienten Frauen einfach als Freizeitbeschäftigung und Befriedigung. Da war Dein Job das Wichtigste und jetzt? Nun ziehst Du innerhalb von sechs Monaten zum zweiten Mal um. Diese Frau kostet Dich einfach nur Geld. Was hättest Du Deine Whiskysammlung erweitern können.
Ein Leben zählt mehr als die beste Whiskysammlung der Welt.

(„Vor allem ihr Leben! Ohne sie kann ich mir meins gar nicht mehr vorstellen!“)

Du bist sowas von am Arsch!



Prinzessin – wenn ich es mir irgendwann wieder leisten kann, dann machen wir zusammen Urlaub. Wo Du willst. Ich lade Dich ein! Ich liebe Dich. Marc

Womit habe ich Dich verdient? Ich liebe Dich auch, Marc. Von ganzem Herzen

Paris wäre toll!

Karo Offline

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25.06.2019 18:28
#332 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 3.1 – Umzug und andere Vorhaben



Marcs Woche verging wie im Flug. Eigentlich eine gute, erfolgreiche Woche. Wenn nicht immer der fade Beigeschmack wäre, dass Marc Zürich nur sehr ungern verließ. Das war ihm mittlerweile klar.
Die Knochentransplantation operierte er am Dienstag – natürlich erfolgreich. Den Mittwoch verbrachte er – erfolgreich – in Hamburg, der Makler hatte mehrere gute Objekte aufgetrieben, von denen aber nur eins in Frage kam – sofort bezugsfrei. Marc zögerte nicht lange, er hatte eh keine andere Wahl, und unterschrieb sofort den Mietvertrag. So hatte er wenigstens eine Adresse, die er den Umzugsunternehmen nennen konnte, für den Kostenvoranschlag.

Die Preise waren allesamt gepfeffert aber Marc war sehr gut im Verhandeln. Fast alle ließen sich auf einen Rabatt ein. Schließlich entschied er sich spontan für einen der Anbieter.
„Doktor Meier, ich kann Ihnen nicht weiter im Preis entgegen kommen. Ich muss zwei Fahrer mit dem LKW schicken, die Rückfahrt wird so kurzfristig eine Leerfahrt. Beim besten Willen – ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern. Das heißt auch, dass ich sie nicht im Wagen schlafen lasse, sondern in einem ordentlichen Bett in einem vernünftigen Hotel.“
„Von einem Nichtauftrag können Sie Ihre Mitarbeiter bezahlen?“
„Ich weiß, wie Sie argumentieren möchten. Aber bei einem Nichtauftrag muss ich keinen Sprit und kein Hotel bezahlen.“
„Und bei einem Auftrag – wann könnten Sie starten?“
„Am Anfang der nächsten Woche.“
„Gut.“ Marc reichte dem Mann die Hand. „Dann starten Sie.“
„Bitte? Jetzt doch?“
„Vorausgesetzt, das Hotel bietet ihren Fahrern auch Frühstück an. Ihr Argument mit der Verantwortung gegenüber Ihren Mitarbeitern hat mich überzeugt.“

Andere. Andere. Andere. Und was tust Du für Dich? Wann hast Du das letzte Mal so richtig gevögelt?

(„Mit dem Auto bin ich schneller als der LKW. Ich könnte vielleicht doch noch einen Stopp bei Gretchen einlegen.“)

So richtig, meinte ich.


Marc hatte keine Zeit, sich auf längere Auseinandersetzungen einzulassen. Unverzüglich fing er an, die vom Unternehmen bereitgestellten Kartons zu packen. Hauptsächlich Kleidung und Bücher. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm das Buch über Alpträume in die Hände. Schnell informierte er sich im Internet und buchte kurzerhand ein Ticket.

(„So! Das tue ich jetzt für mich!“)

Dreißig Minuten später verließ der InterRegio nach Konstanz den Zürcher Hauptbahnhof. Die Zugfahrt wurde für den Chirurgen eine Zerreißprobe für seine Nerven. Die Mitreisenden standen dicht gedrängt in den Gängen, mehrfach bekam Marc den Rucksack seines Vordermanns ins Gesicht.

(„Wie oft hast Du Dir schon geschworen, nie wieder Bahn zu fahren!“)

Du willst ja auch offensichtlich nie wieder richtigen Sex haben.

(„Das ertrage ich eher, als diese Menschen um mich herum.“)

Hast Du nicht so groß getönt, das nur für Dich zu tun?


Später hätte Marc diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten können, doch hier inmitten der dicht gedrängten Menschen überkam ihn wieder sein Fluchtinstinkt.

(„Ich steige aus. Die nächste Station verlasse ich diesen Zug.“)

Über den Lautsprecher wurde die nächste Haltestelle angekündigt. „Nächste Station Frauenfeld.“

Frauenfeld? Das ist doch was für uns. Komm, Kumpel, spring ab und auf – auf eine Frau in Frauenfeld.

(„Die steigen hier bestimmt alle aus.“)


Der Zug fuhr weiter, kaum ein Reisender war ausgestiegen. Auch Marc nicht.

(„Die nächste Station steige ich bestimmt aus!“)

Pahh...


„Steigen Sie auch in Weinfelden aus?“
„Bitte?“ Marc sah die junge Frau an, die ihn so unverfroren angesprochen hatte.
„Besuchen Sie auch die Winzermesse in Weinfelden?“
„Äh, nein.“

Mit der nächsten Haltestelle wurde Marc von seinen größten Qualen erlöst. Der Zug blieb voll und Marc musste weiter im Gang stehen, aber man kam nicht mehr auf Tuchfühlung mit vielen unsympathischen Menschen.

(„Zurück laufe ich!“)

***
Tat er nicht – natürlich. Marc lehnte sich in dem bequemen Sitz des IR-Sitzes zurück. Natürlich 1. Klasse. In der 2. Klasse standen sie dicht an dicht, schlimmer noch als am Mittag. Der Zug war übervoll gewesen und es waren eindeutig zu viele nervende und – er wusste nicht was schlimmer war – transpirierende Menschen um ihn herum gewesen. So hatte Marc sein Rückticket auf die 1. Klasse umgebucht.

Der Nachmittag in Konstanz war sehr aufschlussreich gewesen. Professor Doktor Ingo Mayer war auch als Erscheinung so sympathisch wie seine Stimme im Radio gewesen war. Natürlich ging es viel um Psychologie, doch trotzdem fand Marc die Veranstaltung außerordentlich interessant – und gelungen. Der Autor hatte ein sehr gutes Gespür für seine Gäste und er bezog die Hörerschaft mit in den Nachmittag mit ein. Er stellte Fragen, gab Antworten und er suchte den Blickkontakt. Mehrfach hatte Marc sich im Visier des Psychologen gefunden – nicht sicher, was der Ausdruck in diesem Blick – diesen Augenblicken – zu bedeuten hatte. Es war wie eine Frage gewesen.

Er ist Psychologe. Er weiß sofort, dass Du gestört bist. Vor allem seit Du Dir keinen körperlichen Ausgleich mehr verschaffst.

(„Ob ich nochmal koche? Ich könnte Sascha einladen.“)

(„Vielleicht auch Professor Neuroth.“)

(„Das Risotto von Oma war einfach grandios. Ob ich das nochmal so hinkriege? Vielleicht mit Fisch aus dem Zürichsee...“)

Du kannst ja versuchen, einen zu fangen.

Karo Offline

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25.06.2019 18:30
#333 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 20


„Opa, Opa, da hat einer angebissen!“
„Dann sieh mal zu, dass Du ihn reingezogen bekommst. Du weißt doch wie?“
„Natürlich!“ Der Siebenjährige hatte schließlich schon oft genug zugeschaut, wie sein Opa vorging. Jetzt war es schwieriger, der Fisch war größer als gedacht und er zappelte. Marc war aufgeregt.
„Sehr gut, Marc. Weiter so, immer ruhig weiterkurbeln.“
Schließlich hatten sie den Fisch an Land gezogen. „Was für ein Prachtkerl – alle Achtung Marc. So einen habe ich noch nie gefangen.“
„Können wir ein Foto machen?“
„Natürlich.“

„Das ist eine Hechtdame. Sie ist so dick, weil sie voll Laich ist. Wir lassen sie wieder frei, Marc.“
„Nein!“
„Doch, wir haben schon mehrere kleine Fische. Wer soll die essen?“
„Aber das ist mein Fisch.“
„Dann darfst Du sie frei lassen.“
„Nein!“
„Marc, so sind die Spielregeln. Diese Dame wird dafür sorgen, dass es auch weiterhin Hechte im Boddenwasser geben wird.“
„Das können doch auch andere machen.“
„Natürlich. Aber dann werden es immer weniger Hechte in den Bodden. Marc, wir lassen sie frei. Entweder Du oder ich.“
„Ich. Du bist gemein!“

Karo Offline

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25.06.2019 18:37
#334 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 3.2 – Marc und Gretchen telefonieren



„Und warum sollte Dir das nicht nochmal gelingen? Versuch es doch einfach und wenn es nicht klappt, dann kannst Du immer noch einen Fisch kaufen.“
„Um am Zürichsee zu angeln brauchst Du nicht nur eine Erlaubnis, sondern auch einen Angelschein.“
„Dann fehlt Dir also wirklich die Grundlage für Dein Abschiedsessen.“ Gretchen lachte. „Für mich hattest Du wenigstens die Lizenz zum Angrillen.“
„Für Dich würde ich es wahrscheinlich auch ohne versuchen. Aber das ist die einzige Ausnahme!“
„Du bist sü – super!“

(„Hasenzahn... gerade noch die Kurve gekriegt!“)

(„Süß! Süß! Süß!“)


„Solange Du es denkst, soll es mir egal sein.“ Marc lachte. Selbst durchs Telefon konnte er Gretchen manchmal denken hören.
„Und Du sitzt jetzt schon auf gepackten Kartons?“
„Zumindest die Bücher sind eingepackt.“
„Das macht doch bestimmt Dreiviertel Deiner Sachen aus?“ Das Arbeitszimmer hatte für Gretchen fast ausschließlich aus Bücheregalen bestanden. „Ich meine, Dein Arbeitszimmer war ja mehr Bibliothek als Wohnraum.“
„Und ich schätze, dass nochmal die Hälfte davon noch im Keller meiner Mutter liegt.“
„Bei der Whiskysammlung...“ Gretchens Stimme nahm wieder diesen schelmischen Ton an, den Marc liebte.

„Wie war Deine Psychostunde?“
„Oh, überraschend gut. Wirklich, Marc. Gar nicht so wie ich es erwartet hätte. Nein, eigentlich hatte ich so gar keine Vorstellung. Aber auch die wurde bei weitem übertroffen. Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass Du gestern nicht mehr angerufen hast.“
„Ich habe Deine SMS erst zu spät gesehen. Ich war spontan in Konstanz auf einem – Vortrag.“
„Jetzt noch, wo Du so viel zu tun hast? Worum ging es denn?“
„Alpträume.“
„Marc Meier, hör auf, mich zu... Alpträume? Wegen Dir? Hast Du nicht mal gesagt, dass Du oft schlecht träumst?“
„Ja. Das war Zufall. Sabine hat mir einige gute Tipps verraten. Im Internet bin ich dann auf einen Professor Mayer gestoßen. Er ist mit seinem aktuellen Buch auf Lesungstour. Auf der Rückfahrt von Dir habe ich ein Interview gehört und er klang sehr sympathisch. Und ich bin neugierig geworden.“

„Und dann fährst Du spontan nach Konstanz. Aber es ist gut, wenn man sowas macht. Das tust Du ja für Dich selbst und wenn Du eine gute Zeit hattest...“ Gretchen hatte den unsicheren Klang in Marcs Stimme wohl vernommen. „Marc, ich wollte Dir keinen Vorwurf machen.“
„Das weiß ich. Und ich hatte definitiv einen guten Abend.“

Er verschwieg Gretchen, dass er und dieser Professor Mayer sich zufällig später noch im Restaurant begegnet und ins Gespräch gekommen waren. Sie lagen auf einer Wellenlänge, die Sympathie stimmte. Nur durch Zufall hatte er irgendwann auf die Uhr geschaut und den letzten durchgehenden Zug bekommen. Mit Umbuchung in die 1. Klasse, denn auch dieser Zug war voll. Professor Mayer hatte ihm seine Visitenkarte gegeben, falls er mal nach Hamburg käme...

„Und der Professor hieß auch Meier?“

„Mayer. Mit a-y.“
„Ach so, ich mag Meier lieber. Also mit e-i. Und ohne Professor. Also erstmal...“
„Hasenzahn, Du veräppelst mich schon wieder.“
„Ich bin gut in Form.“ Gretchen lachte. „Übrigens stimmt das sogar. Ich schwimme mittlerweile wieder so gut wie ohne Anstrengung. Deswegen probiere ich morgen auch Aquafitness aus.“
„Gretchen Haase wird zum Sportfanatiker?“
„Es gibt wenig, was ich hier sonst tun kann. Makramee und stricken mag für die alten Damen hier interessant sein.“
„Du willst also keine Wollsocken stricken?“
„Also willst Du doch ein Hausmütterchen?“
„Äh, nein. Schon gut, Hasenzahn.“ Sie lachten beide herzlich.

„Es ist einfach schön, mit Dir zu lachen.“ Marc sprach leise. Was ihn und Gretchen verband war so viel tiefer als alles andere, was er bisher kennengelernt hatte.
„Das finde ich auch. Allerdings fallen mir da auch noch andere schöne Dinge ein.“
„Die können wir ja nächste Woche dann ausprobieren.“
„Wie – nächste Woche?“
„Wenn der LKW gepackt ist, kann ich quasi los. Morgen habe ich noch diese zweite OP...“
„Ihr macht also tatsächlich eine Laminektomie?“
„Nein. Ich habe erstmal mit dem Patienten gesprochen. Pfff... wer auch immer vorher so einen Scheiß gemacht hat... also, ich weiß ja wer es war. Die Protokolle haben ja eine Unterschrift. Ich glaube, deswegen wollte Professor Neuroth, dass ich das übernehme.“
„Weil Du nicht mehr mit den Methoden des 19. Jahrhunderts operierst?“
„So ungefähr.“
„Weil kein anderer den Arsch in der Hose hat, dem Patienten zu sagen, dass so eine OP Mist ist?“
„Quasi ja.“
„Okay – weil kein anderer seinen Kollegen zum Patientenwohl in den Rücken fallen würde...“
„Schon besser Hasenzahn.“
„Ich bin lernfähig, Marc. Das müsstest Du als mein Ex-Oberarsch eigentlich wissen.“ Wieder lachte sie ihr freches, fröhliches Lachen.
„Ich würde Dich jederzeit wieder als Assistenzärztin nehmen.“
„Das freut mich sehr. Die Frage in Deiner Feststellung überhöre ich. Vor allem – garantiert nicht im Krankenhaus bei meinem Onkel. Oh Entschuldigung. Das ist eine Klinik. Kein Krankenhaus. Mit sowas gibt sich ja nur mein Vater ab.“
„Geld ist da kein Problem.“
„Ja, der russische Gashahn macht es möglich. Dabei könnte man mit dem Geld, was da in Boden, Wände und Möbel investiert wurde, 10 Jahre lang das EKH unterhalten.“
„Übertreib mal nicht. Fünf schon eher.“
„Ist egal. Sie verschwenden Geld, was man einfach sinnvoll nutzen kann. Für 15 Jahre Sanssouci. Ich habe Roula die Woche einen Brief geschrieben. Über die Diakonie, der sie angegliedert sind. Vielleicht kommt der irgendwann an. Das Foto von uns auf dem Ärzteball habe ich dazugetan.“
„Hast Du wenigstens Grüße ausgerichtet?“
„Natürlich. So gut erzogen bin ich schon.“ Da war er wieder, dieser leicht herausfordernde Unterton.

„Ich mag Dich auch ungezogen. Oder ausgezogen.“
„Ach ja? Was würdest Du denn dann machen?“
„Mit Dir?“
„Ja... hm... ich trage nur ein einziges Kleidungsstück – welches, das darfst Du Dir aussuchen.“

„Du trägst ein Tuch – deine Augen sind verbunden.“ Marc machte es sich bequem. Dieses Telefonat würde noch lange nicht vorbei sein. Er hörte Gretchen schlucken.
Ihre Stimme klang leise, aufgeregt. „Und dann...?“

Karo Offline

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25.06.2019 18:50
#335 RE: Story von Karo Zitat · antworten

ALPTRAUM LIEBE


Er spürte, dass Gretchen aufgeregt war. Unsicher?
„Du brauchst nur was sagen, Prinzessin.“ Er küsste seine Freundin, bis sie wieder ruhiger schien.
„Nein... ist schon gut.“

(„Ich vertraue ihm doch!“)

Gretchen lag nackt auf dem bequemen Bett, ihre goldenen Locken hatten sich auf dem Kopfkissen verteilt.

(„Wie die Strahlen der Sonne!“)

Das leicht gerötete Gesicht lag zwischen ihren schlanken Armen, die an den Handgelenken über dem Kopf locker zusammengebunden waren. Mit einem edlen Seidenschal hatte Marc seiner Freundin zusätzlich die Augen verbunden. Der weiche Stoff löste bei Gretchen mittlerweile keine Ängste mehr aus, sonst hätte Marc nie den Schritt weiter gewagt. Dass Gretchen die Fessel selbst lösen konnte, hatte Marc beabsichtigt. Schon mehrfach hatte er gedacht, sie würde diese Chance nutzen, doch jedes Mal war es ihm gelungen, sie zu beruhigen.

Sie spürte, dass Marc sie ansah. Er kniete zwischen ihren Beinen und rührte sich nicht, zu schön war die nackte Frau. Er konnte sein Glück gar nicht glauben – dieses wundervolle Geschöpf war wirklich seine Freundin.

„Marc?“
„Ich muss Dich einfach ansehen, Gretchen. Du bist so wunderschön.“
„Gar nicht!“
„Überlass diese Einschätzung bitte mir.“
„Stimmt... Du hast ja schon die eine oder andere Frau gesehen...“
„Genau Hasenzahn!“
„Ich meine... hmmmm oh...“

Sie konnte nicht mehr klar denken. Eine Vielzahl unterschiedlichster Rezeptoren nahm so zarte – zärtliche Reize wahr, wie sie nur Marc Meier auslösen konnte. Seine geschickte Zunge zauberte. Streichelte. Stupste. Massierte. Gefühlvoll. Fordernd. Erregend. Einfach gut.

„Hmmm... Marc...“

Sie hatte ihre Augen unter der Binde mittlerweile verschlossen. Ihr Mund war geöffnet, ihr Atem ging schnell – immer schneller. Marc hörte es, fühlte es. Er war ganz auf Gretchen und ihre Reaktionen konzentriert. Fast... Sie auf diese Art und Weise zu verwöhnen brachte ihn selbst sehr nah an den Rand des Erträglichen. Er liebte diese besondere Intimität, bei der man eine ganz intensive Körperlichkeit erlebte. Mit allen Sinnen genießen. Spüren. Schmecken. Riechen. Besonders reichen – den intimen Duft von Gretchen empfand Marc als besonders erregend und luststeigernd.

Um ihre Lust noch weiter zu forcieren bewegte Marc nun langsam zwei Finger im Rhythmus seiner Zunge in ihr.

„Mmmm... Mehdi?“

Marc stellte jede Aktion ein und sah Gretchen entgeistert an.

(„Wie kommt sie jetzt ausgerechnet auf den?“)

„Bitte?“

Gretchen reagierte nicht sondern starrte an ihm vorbei. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet.

(„Ihre Augen? Wo ist die Binde?“)

Im nächsten Moment nahm Marc sowas wie eine Bewegung war. Eigentlich nur ein Schatten. Die Kraft des Schattens reichte aus, ihn zu Fall zu bringen. Schwarzes Isolierband verhinderte jegliche Bewegung. Wann hatte man ihm die Hand- und Fußgelenke gefesselt? Vor allem – wer?

„Ich war´s.“
Der Frauenarzt stand grinsend vor dem Bett. Nun half er Marc sehr unsanft, auf einem abgewetzten Stuhl Platz zu nehmen. „Tut mir Leid, Freund!“ Er fesselte Marcs Oberkörper an der hohen Stuhllehne. Bahn um Bahn wickelte er von dem schwarzen Isolierband um Mann und Möbelstück.

„Der Rest ist für Dich, mein Gretchen.“ Ehe einer von beiden ahnte, was Mehdi meinen könnte, hatte er die lose Fessel um die zarten Handgelenke gelöst und durch schwarzes Tape ersetzt.
„Der tolle Hengst weiß nicht wie man richtig fesselt?“ Er hielt den zarten Seidenschal in die Höhe. Als nächstes zog er Gretchen auf der Matratze nach unten und fixierte ihre Füße am Holz des Bettendes.

„Was soll das? Was tust Du hier? Du spinnst wohl...“

„Gretchen, ich freue mich auch Dich zu sehen. Allerdings bin ich derjenige, der in der Lage ist, Fragen zu stellen. „Aber Du hast Glück – ich will Dir etwas erzählen...

Es war einmal eine wunderschöne, scheue Ärztin, die von ihrem Ehemann betrogen und verlassen in einer einsamen Nacht ihre wahre Liebe fand.“

(„Hä?“)

„Die beiden waren für einander bestimmt und von dieser großen Liebe wurde sie sofort schwanger. Das Glück des Paares war perfekt, allerdings gab es einen bösen Zauberer, der nicht ertragen konnte, wenn andere Menschen glücklich waren. Und so verschleppte er die werdende Mutter in ein fernes Land, hatte allerdings nicht mit der Pfiffigkeit des Kontrahenten gerechnet. Der hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Geduld sich meistens auszahlt – spätestens nach neun Monaten hätte sich ja alles von selbst geklärt. Doch der Zauberer spielte mit der schönen Ärztin und verwandelte sie in seine Sexsklavin. Nacht um Nacht musste der Leidgeplagte hören, wie er sie nahm. Wie er sie unterwarf. Wie er sie vergiftete. Sein Gift tötete schließlich das Kind der Liebe in ihr.

Doch nun bin ich hier. Das ist meine Stunde. Unsere. Meine Liebe, ich werde Dich retten. Die Sterne stehen sehr günstig für mich.“

(„Dafür hast Du sie gefesselt?“)

„Und warum hast Du mich dann gefesselt?“

„Sein Gift ist sehr stark, ich muss Dich vor ihm schützen. Nicht, dass Du ihm nachläufst, wenn ich ihn zum Teufel jage!“

Marc lachte abfällig und Mehdi stellte sich vor ihn – in seiner ganzen Größe. Drohend: „Ich habe es Dir schon einmal gesagt: Ich bin Mehdi Kaan. Ich werde es Dir zeigen. Und der ganzen Welt! Ich bin der beste Vater, den ein Kind überhaupt haben kann! Meine Kinder werden die besten sein!“

„Reichen nicht die von Gina und Monika?“

„Marc, Du magst viel mehr Frauen gevögelt haben als ich. Aber es ist nicht die Anzahl. Das mag Deine Aufgabe sein. Meine ist es, für den Erhalt hochwertigen genetischen Materials zu sorgen.“

„Ja, bestimmt... ich dachte, Du liebst sie?“ Marc lachte den Gynäkologen aus.

„Genau. Das tue ich. Jetzt und hier. Vor Deinen Augen. Vielleicht erkennst Du ja den Unterschied. Ihr habt Sex – hattet Sex, denn dass Du ihr nicht mehr näher kommst als jetzt, dürfte Dir klar sein. Wir machen jetzt Liebe!“

„Äh, Mehdi... vielleicht interessiert es Dich, dass ich das nicht möchte?“ Sie zerrte an den Fesseln und Gretchens Haut zeichneten hektische Flecken.

„Aber Schatz, Du musst nicht die Unschuld vom Lande spielen. Ich sehe an Deinen roten Flecken, dass Du erregt bist.“

„Das ist Stress...“

„Nein, Schatz. Du stehst nur noch immer unter seinem Zauberbann. Das wird gleich schon nachlassen. Wenn erst meine Liebe in Dir pulsiert...“
„Wie – gleich?“
„Wir werden jetzt diesem Zauberlehrling mal zeigen, was es heißt, Liebe zu machen. Und ein Kind – ich schätze, nach Deiner langen Krankheit verhütest Du nicht? Naja egal... ich habe schließlich auch einen Zauberstab. Und der kann jedes Verhütungsmittel unwirksam machen.“

Mehdi setzte sich neben Gretchen und beugte sich über sie. „Wir machen jetzt einfach ein neues Kind. Und er darf zusehen!“

„Ich bin zu schwach, Mehdi. Eine Schwangerschaft kommt bei meiner momentanen Verfassung nicht in Frage.“
„Aufschub kommt nicht in Frage. Ich bin Arzt, ich kann Dir jederzeit helfen. Außerdem kannst Du auch einfach liegen bleiben. Es haben schon viele Frauen vor Dir ein Kind im Liegen ausgetragen. Kein Problem!“

„Aber...“
„Schhhhht. Unsere Liebe wird sein Gift verdrängen. Mit jedem Mal wirst Du freier sein. Keine Angst, ich werde Dich befreien.“

„Fängst Du mit den Fesseln an?“

„Vergiss es! Ihr bleibt beide so, bis ich sicher bin, dass sein Gift nicht mehr in Dir fließt.“

„Wenn Du nicht bald aufhörst, ist das nächste, was fließt, Dein Blut!“ Marc war mittlerweile wütend. Panisch. Mehdi war verrückt. Er würde nicht zögern, sich gleich an Gretchen zu vergreifen. Sie wusste es auch: „Das ist doch hoffentlich ein Alptraum?“

„Gretchens Alptraum ist jetzt vorbei. Sie kehrt zurück in die Umarmung der Liebe – eine große, aufrichtige Liebe.“ Mehdi fasste sich – ganz in Marc-Meier-Manier in den Schritt. „Für Dich fängt er jetzt erst an...“ Er öffnete seinen Gürtel.

(„Nicht der Gürtel...“)

Das hättest Du Dir früher überlegen sollen. Ich habe schon immer gesagt, dass aus Dir nichts Vernünftiges wird. Deine verdorbene Mutter wollte das ja auch nicht glauben. Schau an, was Du Deine große Liebe nennst. Wie sie sich diesem anderen Mann hingibt. Genau wie Deine wollüstige Mutter, die uns immer gezinkte Karten untergejubelt hat. Damit ich verliere. Ihre Weigerung, die Spielschulden mit Geld zu bezahlen. Diese Hure. Hingegeben hat sie sich diesen Kerlen. Nannten sich Freunde. Wie die Mutter so die Frau...“
„Vater und Sohn trifft es ja auch nicht.“
„Nein. Sowas wie Dich würde ich nicht hinkriegen.“
„Stimmt. Was macht Deine Doktorarbeit?“
„Dass Du Dich traust...“ René zog den nietenbesetzten Ledergürtel aus den Schlaufen.

(„Nicht der Gürtel!!!“)

„Neeeeein!!! Nicht der Gürtel!“

Der Stuhl, an den Mehdi ihn vorher festgebunden hatte, hielt ihn nicht von einem großen Satz zur Seite ab. Er konnte sich jedoch nicht fangen und stürzte mit großem Krach zu Boden.

Karo Offline

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01.07.2019 21:57
#336 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 3.3 – Interspinale Processus-Distraktion



(„Scheiße!“)

Die Platzwunde musste genäht werden und sein Arztkoffer war im Auto. Er hätte es sowieso nicht selbst machen können, der Riss ging bis kurz vor sie Schläfe, entsprechend war das Auge leicht geschwollen. Missmutig rief Marc ein Taxi.

„Mein Gott, Doktor Meier, was ist passiert?“ Einer der jüngeren Assistenzärzte nahm ihn im Empfang. Marc blieb eine Erklärung schuldig.

„Das ist zwar nur eine Platzwunde aber sicherheitshalber machen wir ein CT.“
„Vergessen Sie das. Nähen, dann bin ich wieder weg.“
„Vergessen Sie das, Doktor Meier. Sonst muss ich Ihnen meinen Ex-Ausbilder vorstellen.“
„Noch ist April und noch stehe ich auf der Gehaltsliste dieses Etablissements. Urlaub hin oder her...“
„...wir machen ein CT. Ich möchte vermeiden, dass Sie am Mittag nicht fit sind.“
„Am Mittag? Man hat Sie für die OP eingeteilt?“ Marc sah den Assistenzarzt plötzlich interessiert an.
„Ja.“

Marc lehnte sich erwartungsvoll zurück. „Dann legen Sie mal los.“
„Was meinen Sie?“
„Sie werden sich doch vorbereitet haben?“
„Ich soll Ihnen das CT erklären?“
„Gleich schicke ich Sie zum CT!“
„Ach so, Sie meinen...“
„Lumbale Spinalstenose...“

„Bei einer LSS wird der Abstand zwischen zwei Wirbeln kleiner, weil sich die Bandscheibe verändert hat.“

„Wie verändert?“
„Sie ist verschmälert oder aus ihrer Position herausgetreten. Das führt zu einer Verengung der Neuroforamina.
Die degenerierte Bandscheibe kann aber auch auf die seitlich austretenden Nerven drücken, das führt zu den typischen Beschwerden wie Bewegungseinschränkungen und Schmerzen.“

„Interspinale Processus-Distraktion?“
„Bei dieser OP korrigiert man die gesamten Wirbel in ihrer Position durch eine Erweiterung des Abstands zwischen den Dornfortsätzen. Dabei wird zwischen den Dornfortsätzen der betroffenen Wirbel der sogenannte Wirbelsäulenspreizer eingesetzt. Durch eine genaue Anpassung der Größe des Implantats, die vor der Operation bestimmt wird und auch während der Operation noch optimiert werden kann, werden die Wirbel um einen passenden Winkel korrigiert.“

„Welche Untersuchungen werden vor der Interspinalen Processus-Distraktion durchgeführt?“
„Vor der Planung und Durchführung einer solchen Operation muss eine gute und ausführliche körperliche Untersuchung erfolgen. Zusätzlich ist eine Darstellung der Wirbelsäule im seitlichen und frontalen Röntgenbild sowie in der Computer- oder Magnetresonanztomographie unerlässlich. Vorerkrankungen oder andere Umstände, die gegen eine Operation sprechen, müssen abgeklärt werden.“

„Wie läuft die Interspinale Processus-Distraktion ab?“

„Die Implantation eines Wirbelsäulenspreizers erfolgt in der Regel in Vollnarkose, kann aber auch unter lokaler Betäubung durchgeführt werden. Für die Operation wird der Patient auf der Seite mit angewinkelten Beinen gelagert, so dass der Rücken möglichst rund ist. Der Hautschnitt erfolgt über den Dornfortsätzen der betroffenen Wirbel und ist meist nur einige Zentimeter lang. Da die Dornfortsätze direkt unter der Haut liegen, ist keine aufwendige Präparation oder ein Entfernen von Gewebe notwendig. Hat sich der Operateur die beiden übereinander liegenden Dornfortsätze freigelegt, kann er diese mit einer speziellen Klammer auseinander drücken, um den Spalt zu erweitern. Anschließend wird der Wirbelsäulenstopper zwischen den Dornfortsätzen platziert und fixiert, so dass er nicht mehr verrutschen kann. Die Größe des Implantats wird so gewählt, dass es die Neuroforamina in optimaler Weise erweitert, gleichzeitig aber nicht die Beweglichkeit des Rückens eingeschränkt wird.“

Marc musste seine Fragestunde während des CTs unterbrechen. Kaum war er aus dem Gerät heraus, ging es weiter.

„Welche Komplikationen können auftreten?“
„Die Interspinale Processus-Distraktion mittels Wirbelsäulenspreizer ist eine Art minimal-invasives Verfahren, das nur mit geringen Komplikationsraten verbunden ist. Da der Hautschnitt und die Eröffnung der Rückenmuskulatur nur sehr gering sind, kommt es nur in sehr seltenen Fällen zu Infektionen, Wundheilungsstörungen oder überschießender Narbenbildung. Wie bei jeder Operation besteht die Gefahr einer Thrombose, Embolie, von Nachblutungen, allergischen Reaktionen auf verwendete Medikamente oder sonstigen Komplikationen der Narkose.“

„Wie soll sich der Patient nach der Behandlung verhalten?“
„Das Einlegen eines Wirbelsäulenstoppers ist eine kurze Operation und ein vergleichsweise schonender Eingriff. Die Patienten können normalerweise einige Stunden nach der OP aufstehen und sich bewegen. Sie werden meist bereits einen Tag nach dem Eingriff aus dem Krankenhaus entlassen. Zur Nachbehandlung wird eine Physiotherapie empfohlen. In den ersten Monaten nach der Operation sollten sich die Patienten im Alltag frei bewegen, aber schwere körperliche Arbeit sowie Laufsportarten vermeiden.“

„Welche Erfolgsaussichten bietet die Interspinale Processus-Distraktion?“
„Nach der Einsetzung eines Wirbelsäulenspreizers berichten die meisten Patienten schon am ersten Tag nach dem Eingriff über deutlich geringere Schmerzen und verminderte Beschwerden.
Sind die Nerven von ihrer Einklemmung durch den Eingriff vollständig befreit, ist eine Schmerzfreiheit und Symptomreduktion zu erwarten. Allerdings kann wie bei jeder Operation keine Garantie für den Erfolg der Interspinalen Processus-Distraktion gewährleistet werden. Trotz Implantat kann es auch nach dem Eingriff vorkommen, dass Schmerzen und andere Symptome bestehen bleiben. Möglich ist außerdem, dass sich die Beschwerden zunächst verbessern, im Laufe der Zeit durch erneute Bandscheibenvorfälle oder degenerative Prozesse jedoch wieder auftreten.“

„Ihre letzte Frage: Welche Behandlungsalternativen gibt es?“
„Insbesondere bei komplexeren Veränderungen der Wirbelsäule, kann eine so genannte Laminektomie durchgeführt werden. Dabei werden Anteile der Wirbelbögen und deren Fortsätze sowie umliegendes Gewebe entfernt, um die Nerven zu entlasten. Unter Umständen ist im Rahmen einer Laminektomie auch die Versteifung einzelner Wirbelsegmente notwendig. Aber davon haben wir ja in diesem Fall abgesehen, also gibt es für uns keine Alternative?“

„Ist das eine Frage?“
„Es gibt nur eine Laminektomie als Alternative. Aber diese immer als letztes Mittel.“
„Danke.“

„Professor Neuroth kommt gleich wegen der CT-Bilder.“
„Professor Neuroth?“
„Irgendwer musste ja Ihre Nächte übernehmen.“
„Höre ich da einen Unterton?“
„Der steht mir nicht zu.“
„Gut, dass Sir das wissen.“
„Nichts gegen Sie, Doktor Meier. Ganz im Gegenteil. Jetzt wird alles wieder einschlafen, so wie es vor Ihnen war.“
„Kümmern Sie sich selbst – verlangen Sie eine ordentliche Ausbildung. Das ist Ihr Recht, neben allen Pflichten die Sie hier haben. Vor allem, arbeiten Sie gewissenhaft. Passen Sie sich nicht an schlechte Gewohnheiten an. Man wird Sie deswegen nicht mögen, aber für gute und zuverlässige Arbeit achten. Solange Sie nicht angreifbar sind, können Sie unbequem sein.“

„Hetzen Sie jetzt noch die Assistenzärzte auf?“ Grinsend betrat Professor Neuroth das Behandlungszimmer.
„Bloß ein kleiner Tipp fürs Arbeitsleben.“
„Was ist passiert?“
„Ich habe schlecht geträumt.“
„Und sich deswegen die Stirn zerschlagen?“
„Nein, meine Alpträume enden oft außerhalb des Betts. Mir ist mein Nachttisch in die Quere gekommen.“

„Und das passiert öfter?“ Professor Neuroth sah ihn prüfend an.
„Phasenweise.“ Marc dachte einen Moment nach. „Hier bin ich bisher verschont geblieben.“

Professor Neuroth legte seinem jungen Kollegen die Hand auf die Schulter. „Sie haben eben etwas sehr Wahres gesagt: Man wird Sie deswegen nicht mögen, aber für gute und zuverlässige Arbeit achten. Solange Sie nicht angreifbar sind, können Sie unbequem sein. Soweit ich mich erinnere, hagelte es immer wieder Beschwerden über Ihre penetrant-korrekte Art. Jetzt sind alle erschüttert, dass Sie uns schon wieder verlassen. Und ich denke nicht nur, weil wieder ein Oberarzt fehlt.“

„Und die Bilder?“ Marc nickte zum Monitor, der scheibchenweise seinen Kopf zeigte. „Was sagt der Assistenzarzt?“
„Ich kann nichts sehen. Alles in Ordnung.“
„Das habe ich schon vorher gesagt.“ Marc stand auf.
„Penetrant korrekte Arbeit, Doktor Meier, das sagten Sie.“ Der Assistenzarzt grinste ihn an. Bis heute Mittag.“
„Sehen Sie zu, dass Sie schlafen.“
„Das Vergnügen hatte ich bis Sie kamen.“
„Sie können mir später zeigen, was Sie können. Gute Nacht!“

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01.07.2019 22:00
#337 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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April 3.4 – Fischrisotto-Abschiedsessen



Das Arbeitszimmer war bereits vollständig in Kisten verpackt, kleinere Möbelteile waren in Folie eingewickelt. Die größeren Möbelstücke würden die Mitarbeiter des Umzugsunternehmens selbst abbauen und in Hamburg wieder aufbauen. Hängende Kleidungsstücke würden in einem Transportschrank Platz finden und Marc musste nur noch die restliche Wäsche in Kartons packen. In einer Ecke des Wohnzimmers sammelte Marc die Teile zusammen, die er selbst im Auto mitnehmen würde. Morgen würde er das Kücheninventar einpacken, stapelweise Zeitungspapier lag bereit. Die Möbelpacker hatten sich für Montagmittag angekündigt, sie würden die Wohnung ausräumen und am Dienstagmorgen gegen 6 Uhr Richtung Hamburg starten. Ohne große Komplikationen müssten sie Hamburg gegen 16 Uhr erreichen.

„Das klingt vernünftig. Dann hast Du auch nicht so Stress, 900 Kilometer sind nicht ohne.“ Sascha, seine Frau Eveline und Professor Neuroth hatten es sich nach einem grandiosen Fisch-Risotto auf der Loggia bequem gemacht.
„900 Kilometer sind ohne Pause nicht ohne. Ich habe geplant, eine Nacht bei Gretchen zu bleiben. Dafür muss aber mit dem Einpacken und der Übergabe alles einwandfrei klappen.“
„Wie geht es ihr denn? Sie hatte ja nicht wirklich Lust dahinzufahren.“
„Hm, deutlich besser. Zu Ihrer Freude gibt es in der Nähe ein Schwimmbad, wo die von der Reha-Klinik Sonderkonditionen haben. Sie war als Jugendliche Wettkampfschwimmerin, später bei den Rettungsschwimmern. Auf dem Rückweg von Hamburg war ich nochmal zwei Tage bei ihr, das war schon ein ganz anderes Bild als eine Woche vorher.“ Marc holte einen Zeitungsausschnitt, den er stolz seinem Gast reichte.
„War sie immer schon so dünn?“ Eveline sah sich das Bild lange an, fast ein wenig neidisch.
„Wer? Gretchen?“ Marc lachte. „Nein. Sie hat eher eine weibliche Figur, wie Du.“ Marc zwinkerte der dunkelhaarigen Frau zu und alle lachten.
„Na wie Du kochst, wäre es eine Schande, wenn man gutes Essen nicht zu schätzen weiß.“
„Das tut sie – vor allem Schokolade.“ Marc grinste.

„Wie lange kennen Sie sich schon?“ Professor Neuroth hatte sich bisher eher zurückgehalten.
„Seit der 10. Klasse im Gymnasium. Wir haben uns später im Krankenhaus wiedergetroffen. Sie war dort meine Assistenzärztin, bis sie letztes Jahr spontan nach Afrika gegangen ist.“
Eveline kam nicht ganz mit und fragte nach. „Und wie lange seid ihr dann schon zusammen?“
„Seit Afrika.“ Er sah die verständnislosen Blicke und grinste. „Wir waren knapp vier Wochen zusammen da, bis ihr Vater krank wurde und ich nach Berlin zurück musste.“
„Dann seid ihr ja bisher mehr getrennt als zusammen gewesen?“
„Ja, das trifft es ziemlich gut.“ Marc lachte.

(„Viel zu oft getrennt!“)

„Aber vorher war da nie was?“
„Doch, natürlich. Von Anfang an, schon in der Schule. Mehr natürlich als wir uns wieder getroffen haben.“
„Dann habt ihr ja ganz schön lange gebraucht.“ Eveline schüttelte ihre Locken. „Aber wenn es dann auch so lange hält...“
„Es gibt keine Alternative...“

Professor Neuroth verabschiedete sich bald, er hatte eine 36-Stunden-Schicht hinter sich. „Das Essen war großartig, Doktor Meier. Vielen Dank dafür und alles Gute für Ihre Zukunft. Ich denke, dass ich von Ihnen hören oder lesen werde.“

Als er nun sein Auto Richtung Oerlikon lenkte, kamen ihm die Worte von Doktor Meier in den Sinn. „Es gibt keine Alternative...“

„Kompromisslos“ so hatte Elke ihren Sohn beschrieben, der nach Hamburg zog, ohne seine Mutter davon zu unterrichten. Er hatte sich verquatscht, davon ausgehend, dass Elke über die Pläne ihres Sohnes in Kenntnis gesetzt war.
„Wir sind nicht so typisch Mutter und Sohn.“
Das hatte er nicht erst in Paris gemerkt. Und deswegen vermutete er auch, dass Doktor Meier nichts von ihm und seiner Mutter wusste.

Karo Offline

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01.07.2019 22:07
#338 RE: Story von Karo Zitat · antworten

REMSCHEID


April 4.1 – Marc bei Gretchen



Endlich war alles verpackt, verladen und verstaut, die Wohnung anstandslos übergeben worden.

(„Auf zu Gretchen!“)

Prinzessin, es hat alles geklappt. Ich hoffe, gegen 22 Uhr bei Dir zu sein.


Das freut mich, Marc. Es ist das gleiche Hotel – ich warte dort auf Dich. Fahr vorsichtig.

***
Sie lagen sich in den Armen, hielten sich fest umschlungen. Marcs Kopf versank in Gretchens Locken und genussvoll atmete er ihren Duft ein.

(„Er riecht so gut!“)

Auch Gretchen überließ sich der Macht der olfaktorischen Wahrnehmung. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, ihre Stirn ruhte an seinem Hals.

(„Ich würde nach sieben Stunden Autofahrt nicht mehr so gut riechen!“)

„Hast Du noch Hunger, Marc?“ Schließlich hob die Ärztin ihren Kopf und sah ihren Liebsten an.
„Auf Dich, Hasenzahn. Aber als erstes wäre mir nach einer Dusche.“
„Maarc!“ Gretchens Stimme klang belustigt aber doch irgendwie streng. „Nicht, dass Du mir vom Fleisch fällst, bei dem was ich mit Dir vorhabe.“ Sie lächelte ihn spitzbübisch an, ihre Mundwinkel zuckten leicht.

„Ich habe im Spessart eine Pause gemacht und sogar was gegessen. Was hast Du denn vor?“ Da war es wieder, dieses Ziehen in der Lendengegend. Er lockerte seine Umarmung kurz, nur um seine Hände an einem anderen Ort zu platzieren. Seine zärtlichen Hände auf ihren Pobacken ließen auch Gretchens Herz schneller schlagen. Die Berührung löste Verlangen aus, das sich schnell über ihren Körper ausbreitete. Durch das pulsierende Blut in ihren Adern, über die zarte, mittlerweile an vielen Stellen gut gebräunte Haut, auf der sich nach und nach alle Härchen aufstellten.

„Als erstes werde ich Dich unter die Dusche begleiten.“ Gesagt getan. Knopf um Knopf öffnete sie das sportliche Jeanshemd.

(„Habe ich ihn jemals in einem Jeanshemd gesehen?“)

Schnell folgte das hellblaue T-Shirt, das sie ihm geschickt über den Kopf zog. Marc spürte ihre Lippen auf seiner Haut, fühlte dass sie zärtliche Küsse auf dem Sternum verteilte. Ihre Hände griffen nun ebenfalls erregend in seine Pobacken.

(„Das könnte eine lange Nacht werden aber Schlaf wird wohl überbewertet.“)

Schnell zogen sie sich aus und kurz darauf lagen sie sich wieder in den Armen. Angenehm warmes Wasser prasselte auf sie herab, Tropfen perlten über ihre brennenden Körper, fochten das glühende Feuer an und nahmen den feinen Schweißfilm mit, über die Bäuche, die Beine hinab in die dunkle Unterwelt der Kanalisation.


***
„Scheiße, Gretchen, ich muss nochmal ans Auto.“ Die Kondome mussten aus seiner Reisetasche gefallen sein, als er das Auto gepackt und immer wieder umgepackt hatte. Er griff nach seiner Jeans.
„Vergiss das, Marc. Eine frische Unterhose kannst Du Dir morgen früh holen!“ Sie ahnte, woran er dachte, wollte ihn trotzdem auf die Schippe nehmen. „Jetzt brauchst Du die nicht. Ich hätte Dich gerne Textilfrei!“ Mit der flachen Hand klopfte sie auf den leeren Platz neben sich.

„Dann sieh mal zu, dass Du ganz schnell aus diesem Hemdchen rauskommst, das Deinen Körper verhüllt. Apropos verhüllen... Du hast 5 Minuten Zeit...“
„Und Du legst jetzt diese Hose weg, machst auf dem Weg ins Bett einen Schlenker über meine Handtasche, da ist alles drin.“ Sie grinste ihn an.

(„Was auch immer alles ist – Kondome wären gut!“)

„Du bist so verklemmt, Hasenzahn.“ Er konnte es nicht fassen.

(„Jetzt wickelt sie die Gummis schon in ihren Schal ein... wie Raucher, die sich nicht trauen, ihre Packungen offen zu zeigen...“)

„Das war Deine Idee, Marc.“ Langsam hob sie ihre durch das Schwimmen muskulösen Arme über ihren Kopf. Ihr Blick, mit dem sie Marc gefangen nahm, zeigte Unsicherheit. Und Freude, als Marc kapierte, was Gretchen sich dabei gedacht hatte.

„Du bist wahnsinnig, Prinzessin!“
„Wahnsinnig verliebt, Marc. Und nicht nur das – ich liebe Dich sogar!“

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07.07.2019 22:28
#339 RE: Story von Karo Zitat · antworten

April 4.2 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


puh... kurz und heftig... das war Marcs Besuch auf der Durchreise. Wobei ich da wohl nicht ganz schuldlos bin. Naja... unschuldig bin ich schon lange nicht mehr 

Marc bringt mich dazu, Sachen zu wollen, an die ich noch nie vorher gedacht habe. Fesselspiele hätte ich früher einfach als pervers abgetan. Vermutlich liegt es einfach am Mann. Mit Marc macht Sex einfach Spaß. Und es ist so viel mehr als das. Es tut so gut. Herz und Seele sind glücklich und mein Kopf scheint wie ausgeschaltet. Vermutlich verbraucht das Fühlen so viel Energie, dass für das Denken nichts übrig bleibt. Ich lasse mich in diese überwältigende Macht der Gefühle – des Fühlens fallen und vertraue darauf, dass er mich auffängt. Mich in den Arm nimmt, wenn das Bewusstsein wieder erwacht. Seine Küsse sind beruhigend und bestätigend, jegliche Zweifel vertreibend. Marcs zärtliche Berührungen schaffen es, das Nachglühen so lange wie es geht hinausziehen. Ich liebe Marc wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. Und ich verliebe mich immer wieder neu in ihn.
Früher habe ich immer geschrieben, dass ich Marc so sehr liebe, dass es weh tut. Heute tut diese Liebe gut. Diese Liebe – nicht nur das Körperliche – macht süchtig. Ich will mehr davon.

Bis bald.

Karo Offline

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07.07.2019 22:38
#340 RE: Story von Karo Zitat · antworten

HAMBURG


April 4.3 – Marc in Hamburg



„Na mein Schatz, wie kommst Du voran?“
„Gar nicht. Ich mag nichts mehr auspacken oder einräumen. Ich habe jetzt nur das Schlafzimmer fertig. Mit dem Rest weiß ich nicht so wirklich, wo ich den hin haben will. In Zürich wusste ich auf Anhieb, wie ich die Möbel stelle.“
„Die Wohnung war ja auch toll. Ich würde Dir gerne helfen. Weißt Du was? Schick mir mal Fotos. Vielleicht habe ich ja eine Idee.“

„Sehe ich das richtig? Du wohnst auf zwei Etagen?“

Marc hatte Gretchen kurzerhand den Grundriss geschickt. Nun frönten sie wieder ihrer abendlichen Lieblingsbeschäftigung. „Ja. Unten ist eine große Küche und ein Gäste-WC. Von der Küche aus geht man auf einen relativ schmalen Balkon, von dem man über eine Wendeltreppe auf den oberen, größeren Balkon kommt.
Innen gibt es eine breitere Wendeltreppe zu den beiden Zimmern. Nach rechts habe ich das Schlafzimmer eingerichtet.“
„Das macht Sinn, da ist das Bad.“
„Daran habe ich nicht mal gedacht. Der untere Balkon ist so eng, dass man immer auf den größeren ausweichen wird. Ich mag mir mein Schlafzimmer nicht als Durchgangszimmer vorstellen.“
„Und was bedeutet der zweite Kringelpfeil?“
„Das ist der Zugang zur Dachterrasse.“
„Dachterrasse?“
„Ja, cool oder? Das ist ein richtig geiler Blick über die Stadt. Von dem oberen Balkon kann man auch die Außenalster sehen.“
„Dann ist Deine Wohnung wieder so nah am Krankenhaus?“
„Klinik.“
„Oh, Entschuldigung.“

Sie lachten.

„Und welches Problem hast Du jetzt genau?“
„Wohin zum Beispiel die große Eckcouch? Nach oben oder in der Küche lassen?“
„Also, wenn ich das richtig bedenke – entweder muss die Bibliothek nach oben oder in die Küche. Willst Du gegebenfalls in der Küche arbeiten?“
„So hatte ich mir das auch schon überlegt. Eher weil ich dachte, falls irgendwann mal jemand zu Besuch kommen sollte, also nicht, dass ich je viele Menschen eingeladen habe aber...“
„Sie haben nichts in Schlaf- und Arbeitszimmer verloren, willst Du das sagen?“
„Ja.“
„Wo steht die Couch denn jetzt?“
„In der Küche.“
„Marc, passt die in die Ecke hinter der Tür?“
„Warte mal... knapp aber dann geht die Tür nicht mehr auf beziehungsweise knallt immer davor.“
„Häng sie aus.“
„Die Tür?“
„Von mir aus auch die Wand...“

(„So eine Frage von Marc Meier...!“)

„Haha. Hauptsache Du hast Spaß!“
„Ich helfe doch gerne, weißt Du doch. Ich bin schließlich Gretchen Haase.“

Marc wanderte durch seine neue Wohnung und schickte immer wieder Bilder an Gretchen, dass sie sich vorstellen konnte, von was er sprach. Gute neunzig Minuten später kannte die blonde Ärztin so gut wie jeden Winkel der Maisonette-Dachterrassen-Wohnung.
„Nur ein Bild von Deinem Schlafzimmer hast Du mir noch nicht geschickt.“
„Das tut mir leid, wird sofort nachgeholt.“
„Das ist ja unser Bild?!“
„Welches meinst Du?“
„Hä?“ Beim genaueren Hinsehen musste Gretchen dann feststellen, dass Marc deutlich mehr als ein gemeinsames Bild aufgestellt hatte.
„Hey, das von der Leinenhochzeit ist auch dabei. Und ein Hängemattenbild. Du bist echt süß, Marc.“
„Hasenzahn!“
Sie lachte. „Entschuldige bitte. Ich hoffe, das ist jetzt kein Grund, die Bilder wieder weg zu stellen.“
„Nein. Mir bleibt ja hier nichts anderes übrig.“
„Wann musst Du denn jetzt das erste Mal arbeiten?“
„Am 2. Mai fange ich an, aber Dein Onkel hat mich morgen zur Wochenplanung eingeladen. Da will er mich vorstellen.“
„Wie hat Mama früher immer gesagt? Frische Unterwäsche, ordentlich kämmen und dann los!“
„Pfff... danke.“
„Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute. Im Grunde musst Du ja wegen mir da sein.“
„Hasenzahn, das ist Quatsch. Das war reine Willkür von dem Idioten da unten. Mir tut es nur um die Studie Leid. Er wusste, dass mein Ausschluss die einzige Möglichkeit war, mich zu treffen.“
„Ich fühle mich trotzdem schuldig.“
„Unschuldig bist Du jedenfalls nicht – wenn ich an unsere letzte gemeinsame Nacht denke...“

Sie beendeten das Gespräch erst, als die Akkus streikten.

(„Schlaf wird überbewertet... obwohl ich nicht gleich mit Augenrändern vorgestellt werden will...“)

Karo Offline

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07.07.2019 22:41
#341 RE: Story von Karo Zitat · antworten

HAMBURG


April 4.4 – Alsterpark Klinik



Professor Doktor Hans Haase und seine Frau Doktor Ljudmila Temelova empfingen den neuen Kollegen gemeinsam. „Doktor Meier, wie schön, dass Sie in Zürich tatsächlich so schnell alles klären konnten. Kommt der Umzug gut voran?“

Marc winkte nur ab und antwortete ausweichend. Aus Höflichkeit.

„Kommen Sie, wir besprechen freitags immer, was in der nächsten Woche ansteht. Danach haben die Kollegen mit langem Wochenende bereits frei, deswegen wartet niemand gerne.“

„Selbstverständlich. Und das klappt tatsächlich? Als Arzt mittags Feierabend zu haben?“
„Selbstverständlich. Einer unserer großen Vorteile gegenüber einem kleinen Krankenhaus. Wir können planen, weil wir nicht jeden nehmen. Also Notfälle...“

(„Aha?“)

Marc hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn er sah sich etwa neun neuen Kollegen gegenüber, die ausnahmslos überrascht waren, als Doktor Meier als Medizinischer Direktor der Chirurgie vorgestellt wurde.
„Sie sind aber noch sehr jung.“
„Das macht der Bart. Ich bin eher noch jünger als Sie jetzt denken.“

Nach einer knappen Stunde stand der Plan für die folgende Woche. Die anfallenden OPs waren verteilt worden, jeder wusste, wann er wo mit wem arbeiten würde. Vor allem erfuhr Marc, dass es wichtig sei, die Assistenzärzte mit einzubeziehen.

(„Fünf mal Temelova, einmal Brenner?“)

„Darf ich fragen, wie viele Assistenzärzte hier aktuell ihre Ausbildung machen?“
„Drei. Meine Tochter haben Sie ja bereits getroffen, dann Doktor Brenner, der diese Woche Nachtschicht hat und Doktor Arne Cornelius hat zurzeit Urlaub.“

(„Drei Assistenzärzte und so wenig OPs? Das muss ja ein Kneifen und Schlagen sein... obwohl... gegen die Tochter des Chefs...“)

(„Da weiß ich schon einen guten, fairen Weg, diese Bevorteilung zu umgehen.“)


Später schickte er Gretchen nur eine kurze SMS.

Das Schloss liegt im Dornröschenschlaf. Nur (m)eine Prinzessin fehlt.

Viel später kam die Antwort.

Die Prinzessin braucht kein Schloss. Aber der Prinz fehlt ihr sehr.

Karo Offline

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28.07.2019 21:46
#342 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Berlin

Mai 1.5 - Cafeteria



Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere frischgebackene Fünffachmutti Doktor Hundt hat ihre jüngste Tochter Maria mitgebracht um sich aufs Herzlichste für die mehrstöckige Windeltorte zu bedanken.
Dafür hat sich Doktor Hundt etwas Besonderes ausgedacht – herzlich Willkommen zurück im Team des Kollegiums. Danke, dass Sie uns erneut so spontan aus der Patsche helfen!
Doktor Hund wird an drei Tagen pro Woche die Gynäkologie unterstützen. Nachdem ich letzte Woche Doktor Kaan beurlauben musste, haben wir zwar schnell Ersatz gefunden, aber mit Frau Doktor Hundt wird sich unsere ganz neue Kollegin hoffentlich schnell und vor allem leichter zurechtfinden.

Ich darf Ihnen Doktor Maike Maass vorstellen. Unsere neue Oberärztin wechselt vom Marien-Krankenhaus in Göttingen quasi StaBe-intern zu uns. Doktor Maass hat in Hamburg und Hannover studiert, die fachärztliche Ausbildung erfolgte sowohl stationär als auch in einer niedergelassenen Praxis. Weitere Zusatzqualifikationen erwarb unser Neuzugang in der Pränatalmedizin und in der Kindergynäkologie. Ich bin mir sicher, dass Sie Doktor Maass die erste Zeit in unserem Haus Ihre volle Unterstützung zukommen lassen.

Zur Personalie Doktor Kaan kann ich kaum etwas sagen. Wie es aussieht, hat Doktor Kaan mehreren Frauen einen Kinderwunsch erfüllt, der gar nicht vorhanden war. Sie wissen aus erster Hand, dass auch zwei unserer Kolleginnen Sprösslinge von Doktor Kaan unter dem Herzen tragen.

Ich bitte Sie, sich mit Äußerungen zu dieser Sache bedeckt zu halten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mit seinem Verhalten hat Doktor Kaan den wirklich guten Ruf – bisher sehr guten Ruf – unserer Gynäkologie geschädigt. Frau Doktor Maass und Frau Doktor Hundt stehen bereit, diesen wieder herzustellen. Ich verspreche Ihnen die bestmögliche Unterstützung des ganzen Kollegiums.

Wir haben zusammen schon andere Schwierigkeiten überstanden und ich weiß, dass ich mich auf Sie alle verlassen kann. Herzlichen Dank und Prost!

Karo Offline

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28.07.2019 22:01
#343 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN

Mai 1.2 – Professor Haase



Professor Haase prostete seinen Kollegen mit Ginger Ale zu, das sah am ehesten aus wie ein Sektchen. Seit seiner schweren Erkrankung trank er allenfalls mal ein Glas sehr guten Wein. Nur zur Geburt seines ersten Enkels hatte er ein Gläschen Champagner getrunken. Es hatte seiner Gesundheit nichts angetan, ihm aber auch überhaupt nicht geschmeckt. Also ließ er es bleiben. Wenn er etwas gelernt hatte, dann zu sortieren. Dinge die ihm nicht gut taten ließ er sein. Wenn er merkte, dass ihm etwas zusprach, dann bekam es einen Platz in seinem Leben.

San Telmo zum Beispiel. Der Ort, wo sein Sohn und sein Enkelsohn lebten. Der Ort, von dem Gretchen ihm schon früher erzählt hatte. Seine Tochter war immer überzeugt gewesen, dass es ihm dort gefallen würde. Ihrer Einladung in die Finca der Ex-Fast-Schwiegereltern seines Sonnenscheins waren Bärbel und er nie gefolgt.

Jetzt überlegte er ernsthaft, dort eine Wohnung zu kaufen, damit Bärbel und er immer mal spontan zur Familie fliegen könnten. Das Geld im Schließfach war schließlich für die Zeit gedacht, wenn er in Rente ging. Die Zeit kam näher und das erste Mal in seinem Leben konnte er sich ein Leben ohne Arbeit vorstellen. Vielleicht lag es daran, dass er seine Freizeit mit anderen Dingen füllte. Früher war es Golf oder Tennis gewesen, meistens mit Professorenkollegen. Thema: Krankenhaus.
Ab und zu hatte Bärbel ihn ins Theater oder Kino gezerrt – beides war nicht seins, er war immer eingeschlafen.
Jetzt lernte er Spanisch.
Der Professor schmunzelte, als er sich das Gesicht seiner Frau vorstellte. Die hielt nichts davon, ihrer Meinung nach gehörte Mallorca eh zu Deutschland.

Bärbel war nach wie vor auf Mallorca und nervte die frischgebackene Familie. Jochen, sein zweitgeborenes Kind hatte ihn überraschend zum Großvater gemacht.

Er wusste von seiner Mutter, wie man in der Familie über ihn und seine Kinder sprach: Das dicke Gretchen und der Taugenichts Jochen.

Gut, Jochen hatte außer einem durchschnittlichen Abi nichts Nennenswertes für seine Vita aufzubieten. Hätte Jochen ihm gesagt, Gastwirt werden zu wollen, er hätte ihm den Vogel gezeigt. Aber genau das war Jochen nun. Er kümmerte sich um die Strand-Bar seiner Schwiegereltern in spe und er schien seine Sache sehr gut zu machen. Da Bärbel sich für nichts anderes interessierte als für das Baby hatte er selbst einen langen Spaziergang mit seinem Sohn gemacht. Jochen hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, dass er so spontan alles aufgegeben hatte um Luisa zu folgen.

***
„Weißt Du, Jochen, mir ist wichtig, dass ihr – also Du und Gretchen – glücklich seid. Sicherlich habe ich mir etwas anderes für Dich vorgestellt, aber Du musst das machen, was Dich ausfüllt. Nur dann kannst Du Deine Sache gut machen. Das ist das Einzige, was ich von Dir verlange. Wenn Du eine Bar leitest, dann mach es so gut wie Du es nur machen kannst. Das gelingt Dir bereits, wenn ich Letizia und Armando richtig verstehe. Ich möchte einfach nur stolz auf meine Kinder sein.“
„Du bist also nicht böse und nicht enttäuscht? Ich möchte nicht wissen, wie der Senf von Onkel Hans dazu wieder ausfällt.“
„Das ist mir schon lange egal. Die einzige Meinung, die mich wirklich interessiert, ist die von meiner Mutter. Ihre Kritik ist die einzige, die ich ernst nehme.“
„Was? Und Andrea?“
„Andrea hält sich aus dem Zank raus, das Beste, was sie tun kann.“
„Wie geht es Gretchen? Sie ist doch noch in der Reha, oder?“
„Ja, sie wurde bis zu ihrem Geburtstag verlängert. Sie hat wieder angefangen zu schwimmen und gleich einen Jungen aus dem Wasser gezogen. Auch Gretchen ist nicht die Karriereärztin, wie sie bei Haases gerne gesehen werden. Aber Gretchen liebt was sie tut. Sie hat Medizin studiert, weil sie damit Menschen helfen kann. Zur Doktorarbeit musste ich sie zwingen und ich vermute, dass ich es nicht mehr erlebe, falls sie doch irgendwann einen Facharzt macht. Aber sie ist eine gute Ärztin mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Das was sie in Afrika gemacht hat – den Ärmsten zu helfen, ohne stattliches Gehalt, im Gegenteil, oft nur für ein Lächeln. Das macht sie glücklich. Doktor Meier hat das sehr richtig ausgedrückt. Egal ob Heftpflaster oder Hüftprothese, Hauptsache, dem Patienten ist geholfen.“
„Sie ist wirklich mit dem Meier zusammen?“
„Ja.“
„Damit kannst Du in Hamburg alle ausstechen.“
„Damit gehen wir besser nicht hausieren, ich glaube wenn Hans das wüsste, würde er Marc sofort wieder entlassen, obwohl der noch nicht mal dort angefangen hat.“
„Wie – dort angefangen? Du hast doch von Zürich erzählt...“
„Wir verdanken Doktor Meier das Leben Deiner Schwester. Da er etwas unkonventionell nach Afrika abgereist ist, musste er sich einen neuen Job suchen. Dabei habe ich ein wenig nachgeholfen. Allerdings denkt Hans, dass ich mir die Finger nach Marc lecke. Na gut, vielleicht ist es so... Deswegen hat er ihm mal eben die Verantwortung für die ganze Chirurgie übertragen, natürlich für ein fürstliches Gehalt und geregelte Freizeit. Während er sich ins Fäustchen lacht, mich ausgestochen zu haben, lache ich mir ins Fäustchen, dass seine Reaktion so vorsehbar ist. Und Marc ist der Richtige, die entsprechenden Knöpfe zu drücken. In dem Fall, die richtigen Argumente zu haben und kleine Bemerkungen an der perfekten Stelle anzubringen.“
„Du hältst viel von ihm, nicht? Weißt Du, dass ich immer eifersüchtig auf den war? Meine Schwester rennt ihm die ganze Zeit wie blöd hinterher und auch mein Vater hat einen Narren an ihm gefressen.“
„Ach Jochen! Weißt Du, ich habe viele Marc Meiers in der Uni begleitet. Jawohl, er ist der Beste, das kann ich nicht leugnen. Aber er ist der einzige, der in ihn gesetztes Vertrauen zurückzahlt. Die anderen sind alle irgendwann weg gewesen, ohne Danke, ohne Umsehen. Ja, er ist schwierig, er ist arrogant, selbstverliebt... Wobei, als ich ihn in Zürich mit Deiner Schwester gesehen habe... also um Gretchen muss man sich keine Sorgen machen.

Egal. Als ich ihn vor Jahren als Oberarzt eingestellt habe, war ich mir sehr bewusst, dass ich ein Risiko eingehe. Jung und unerfahren. Aber ich war mir sicher, dass er ehrgeizig genug war, nicht zu scheitern. Ein Wort, das es für Marc Meier nicht gab. Ja, er hat gerne betont, der Beste zu sein. Aber es waren keine hohlen Worte. Was er nicht weiß, das eignet er sich an. Welche Herausforderung sich in seinen Weg stellt, er findet einen Weg diese zu meistern. Siehe letztes Jahr im Herbst, als ich ausgefallen bin. Er hat einen richtig guten Job gemacht. Einen Job, den er nicht machen wollte, auch heute noch nicht machen will. Er will an den OP-Tisch, nicht an den Schreibtisch.“

„Und dann nimmt er gleich die ganze Leitung an sich?“
„Du müsstest doch wissen, dass der Meier auch gut delegieren kann. Nein, sobald der wird keiner, der am Schreibtisch sitzt.“
„Und Du hast keine Angst, dass er Gretchen plötzlich wieder so schlecht behandeln könnte?“
„Nein. Das wäre ein Rückschritt. Ein Rückfall in alte Muster. Für Marc Meier geht es nur vorwärts. Deswegen brauchte ich von vornherein nicht damit rechnen, dass er ans EKH zurückkommt. Nicht einer wie Marc Meier.“

„Mama und Dir ist klar, dass ich auch nicht mehr zurückkommen werde, oder?“
„Ja, Jochen. Und es ist in Ordnung. Allerdings überlege ich tatsächlich, in der Nähe eine kleine Wohnung zu kaufen. Deine Mutter wird sich nicht abhalten lassen, regelmäßig ihren Enkel zu besuchen. Ihr würde das zwar gefallen, sich jedes Mal bei euch einzuquartieren aber das kann man euch nicht antun. Nicht von euch verlangen.“
„Du überlegst? Dann hast Du Mama noch nicht nach ihrer Meinung gefragt?“
„Nein, diese Idee kam mir gestern Abend, als ich spazieren war. Mir gefällt es in den Hügeln sehr, hinter dem Fischerhafen hoch.“

***
Bärbel würde natürlich eine Wohnung in Jochens Nachbarschaft bevorzugen und die Hügel sowieso ablehnen. Seine Frau war nicht krank gewesen aber definitiv nicht so fit wie er. Außerdem musste man tatsächlich auf das Alter Rücksicht nehmen. Zentral gelegen und mit einem gewissen Komfort musste die Wohnung schon ausgestattet sein. Vielleicht ein Zimmer mehr als nötig, falls Gretchen auch mal mitkommen wollte.

Professor Haase kehrte mit seinen Gedanken zurück ins Elisabeth-Krankenhaus. Doch so schnell mochte er Mallorca dann doch nicht verdrängen und nahm, kaum in seinem Büro angekommen, eine Mappe, die Jochen ihm am Flughafen in die Hand gedrückt hatte. „Nur zur Information, Papa!“

„PROPIEDAD“

Karo Offline

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28.07.2019 22:06
#344 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Mai 1.3 - Tagebuch

Liebes Tagebuch,


wie gut, dass heue Feiertag ist, ich hätte keine Anwendung überstanden.

Gestern standen plötzlich Sophie, Lisa mit noch einer Freundin auf der Matte, wollten mich abholen: Tanz in den Mai...
Sophie hatte von Peter erfahren, dass ich hier bin. Wir waren erst in verschiedenen Kneipen, eine nach der anderen machte dicht und schließlich sind wir irgendwo in Remscheid bei einer Privatparty gelandet, von der ich erst um 6 Uhr 30 zurück war. Eine gute Zeit, wie mir scheint, denn die Empfangsdame begrüßte mich fröhlich, ob ich schon joggen gewesen wäre.
Klar... das lag aber vermutlich an meinem Outfit – außer zwei passenden Trainingshosen und mehreren T-Shirts habe ich nichts, was mir nicht mindestens zwei Nummern zu groß ist.
Außer der Badeanzug – der sitzt und passt.

Das meinten natürlich auch die Mädels. Ich soll zum Shoppen nach Köln kommen. Jo hat in ihrer WG gerade ein Zimmer frei, ich könnte also sogar in Köln übernachten. Muss morgen mal den Doc fragen, ob sowas überhaupt geht – ich glaube nicht, dass nächtliche Ausflüge gerne gesehen werden. Mich wundert es schon, dass es niemand bemerkt hat.

Liebes Tagebuch,

es ist doch total verrückt... jetzt habe ich einen Freund und die Männerwelt liegt mir zu Füßen. Sophie und Lisa meinten aber auch, dass ich mich sehr zum Vorteil verändert hätte. Ich muss gestehen – es hat mir gefallen und ich war nie günstiger aus. Ich habe nur anfangs mal eine Runde für die Mädels ausgegeben, auf das Wiedersehen, und danach habe ich mich einladen lassen. Man muss das Eisen schmieden, wenn es heiß ist. Und nicht nur einmal habe ich gehört, dass ich ganz heiß wäre.
Das hat mich leider auch nicht kalt gelassen... ich habe nicht ein einziges Mal an Marc gedacht.
Muss ich mich dafür schämen? Der Abend war toll. Vor allem haben mir die beiden keine Vorwürfe gemacht, sondern wir haben uns einfach nur gefreut, uns wiederzusehen.

Ich will das nochmal!

Allerdings muss ich erst noch ein Ründchen schlafen. Dass man ohne Alkohol so fertig sein kann...
Glücklich fertig.

Bis bald.

Karo Offline

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28.07.2019 22:12
#345 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Mai 1.4 - Tagebuch

Liebes Tagebuch,


Oh mein Gott... der Arzt hier hat mich beim Tanz in den Mai gesehen.

Als ich heute früh bei ihm war, grinste er mich nur vielsagend an und fragte, ob ich Spaß gehabt hätte. Natürlich habe ich mir gedacht, dass die doch was mitbekommen haben. Ich fing schon an, verlegen herum zu drucksen, als er mich lachend unterbrach. „Wissen Sie, ich war mir schon letzte Woche nicht sicher, ob ich Sie nochmals verlängern soll. Ihre Ausflüge ins Schwimmbad tun Ihnen sehr gut, aber Sie kennen Ihre Grenzen. Das ist wichtig, wenn ich Sie der Welt da draußen überlasse. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Sie schon wieder arbeiten können.“
„Ich kann Sie beruhigen, ich bin arbeitslos.“ Wie selbstverständlich mir das über die Lippen kam. Vielleicht ist das schon die erste Schwelle der Gelassenheit, von der Frau Rösler sprach. Krankheitsverarbeitung nennen die das, vermutlich, weil sonst keiner hingehen würde. Und peng – knallt die Tür hinter Dir zu und Du bist gefangen in den Klauen der Psychologie. Sie fragte mich nach der Stunde, ob ich wieder kommen will und bevor ich denken konnte habe ich ja gesagt. Nun war ich schon dreimal bei ihr und ich finde es ganz angenehm, dass sich jemand meinen Kopf zerbricht.
Nein, ganz so einfach ist es nicht. Ihre Fragen stechen und die „Hausaufgaben“ die Röslein mir gibt, sind nicht ohne. Über ihre Fragen komme ich automatisch auf meine Fragen. Die ich mir unbewusst schon lange stelle und denen ich bisher immer irgendwie ausweichen konnte.
Wie stelle ich mir mein Leben vor?
Sowas hat Papa mich ja auch schon gefragt.
Im Grunde auch Marc. Er war bereit, sich einem Leben mit mir und meinem Kind zu stellen. Ich glaube, dass er davon noch nicht ab ist, also von einem Zusammenleben. Die Frage aber ist – bin ich dazu bereit? Röslein hat intensiv danach gefragt, warum ich nicht nach Berlin zurückgegangen bin. Ich habe mir ein Herz genommen und ihr von den drei vorherigen Fehlgeburten erzählt. Sie hat weiter gebohrt und irgendwann habe ich überlegt, ob ich diese Fehlgeburten nicht als Vorwand benutzt habe, meinen Kopf noch weiter in den Sand zu stecken. Schließlich hätte ich zwischen den kritischen Wochen und der Reiseunfähigkeit genug Zeit gehabt, meine Zelte in Afrika abzubrechen.
Bin ich also noch nicht bereit für ein Leben mit Marc?
„Überlegen Sie sich mal, wann Sie wirklich alleine mit sich waren?“
Nach dem Abi bin ich nach Köln, habe da in einer Studenten WG gewohnt, später mit Andrea zusammengewohnt. Dann bin ich zu Peter gezogen, zurück ins Haus meiner Eltern, habe ein paar Monate im Haus meines Verlobten/Ehemannes gewohnt und wieder ins Elternhaus zurückgezogen. In Sanssouci war ich auch nicht alleine.
„Und dann wundern Sie sich, wenn Ihr Unterbewusstsein sich nicht mit einer neuen Wohngemeinschaft arrangieren kann? Egal, wie sehr Sie Ihren Freund lieben – geben Sie Ihrem Selbst eine Chance, mit sich selbst fertig zu werden. Keine WG, kein Elternhaus. Ihre Aufgabe heißt auch nach Afrika „etwas alleine schaffen!“

Tja... nun will mich der Arzt aus der Reha entlassen und mir bleibt im Grunde nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Wo soll ich hin? Ich habe keinen Job, für den meine Fitness noch nicht reichen würde. Und ohne Geld geht mal gar nichts.

So habe ich es dem Arzt auch gesagt und er hat mir einen Termin mit dem Sozialberater gemacht. Das hatte auch Röslein schon vorgeschlagen, aber da fühlte ich mich noch sicher im Gemäuer der Reha-Klinik. Diese Woche bin ich noch hier, nächsten Montag bekomme ich meine Entlassungspapiere.
Happy Birthday, Gretchen Haase. Deinen 31. Geburtstag wirst Du also schon auf der Straße verbringen!

Tolle Zukunft. Bis bald.

P.S. Heute hatte Marc seinen ersten Tag. Ich habe nicht ein einziges Mal an ihn gedacht. :-(

Karo Offline

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28.07.2019 22:15
#346 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Mai 1.5 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


wohl oder übel musste ich mit Papa telefonieren. Ich weiß nicht mal, wie mein aktueller Arbeitsstand ist, peinlich. Wurde mein Vertrag bei der StaBe beendet, ausgesetzt oder oder oder? So ein Mist, ich weiß es nicht.

Natürlich hat Papa gesagt, dass ich nach Hause kommen soll bis ich wieder arbeiten kann aber ich kann wenigstens eins sagen: Ich will nicht mehr in mein Elternhaus. Es ist ein blöder Zeitpunkt, etwas alleine zu schaffen, aber einfach ist ja langweilig. Und das sage ich – Gretchen Haase, die fast immer den einfacheren Weg nimmt.

Immerhin habe ich noch einen Assistenzarztvertrag bei der StaBe, momentan gelte ich als unbefristet beurlaubt. Kein optimaler Status aber besser als gar nichts. Der Typ von der Sozialberatung meinte, dass es in der Tat das Sinnvollste wäre, bei der StaBe anzufragen, ob sie eine berufliche Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell unterstützen würden. Vielleicht auch in einer anderen Klinik des Verbunds, wenn ich nicht nach Berlin zurückgehen wolle.

„Wissen Sie, bei der StaBe habe ich einen Vertrag als Assistenzärztin der Chirurgie. Ehrlichgesagt habe ich schon in Afrika überlegt, ob ich nicht erst meinen Facharzt in Allgemeinmedizin fertig machen sollte. Ich bin damals in einer Kurzschlussreaktion abgehauen und habe nie mehr daran gedacht. Im Grunde fehlen mir aber nur ein paar Monate, dass ich die Prüfung machen könnte. Für die Weiterbildung in der Chirurgie brauche ich mindestens noch vier Jahre – abgesehen davon würde ich einen Job im Stationsdienst mit 48-Stunden-Diensten und Bereitschaft nicht schaffen. In einer Praxis für Allgemeinmedizin habe ich einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus.“

„Die Praxis, in der Sie damals waren...“

Nochmal scheiße. Kann der mich zwingen, da hinzugehen und nach einer Wiederaufnahme des Vertrages zu fragen? Andererseits... es wäre der perfekte Ort für Vergangenheitsbewältigung. Ich glaube, ich muss Röslein fragen.

Mach´s gut.

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