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Dieses Thema hat 348 Antworten
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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 998

29.04.2019 01:12
#301 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

ZÜRICH


März 4.3 – Marc und Professor Neuroth



„Ihre Arbeit ist wieder einmal grandios. Wie Sie die Diskussionen und Anregungen aus dem letzten Treffen verwenden und einige Ideen weiter entwickeln... es würde mich interessieren, ob es Klinikbetreiber gibt, die von Ihrem Konzept ebenso überzeugt sind, wie Sie.“

„Herr Professor – es ging um ein Konzept jenseits der Realität.“

„Ich hatte bisher nie den Eindruck, dass Sie abseits der Realität wandeln.“

Marc lachte. „Sie sind ein außerordentlich guter Beobachter. Aber im wahren Leben sind die Strukturen zu sehr festgefahren. Die gängige Praxis, mit Medikamenten umzugehen. Das einzige, was fern der Realität liegt sind die Preise für einzelne Präparate, die manche Pharmakonzerne sich trauen zu verlangen. Vormerklich für Präparate, die neu zugelassen werden. Die ihren Preis also erstmal über jahrelange Erfahrung rechtfertigen müssen.“

Marc dachte eine Weile nach. „Wissen Sie, als ich letztes Jahr aus Afrika zurückkam, da sah ich mich unverhofft in der Position, ein Krankenhaus leiten zu müssen, in dessen Nähe ein anderes wiedereröffnet wurde. Hochmoderne Diagnostik, erfahrene Spezialisten, die meisten von der Charité abgeworben. Vielleicht haben Sie bereits von ProVida als Krankenhausbetreiber gehört – aggressives Geschäftsgebaren, das darauf zielt, die unmittelbare Konkurrenz anzugreifen. Das waren vor allem wir. In anderen Gebieten hatten die damit durchaus Erfolg, sodass das Elisabeth-Krankenhaus ganz vorne auf der Aktionsliste seiner Betreiber stand. Die StaBe ging mit meiner Aussage d´accord, dass die erstmal dahin kommen müssen, wo Professor Haase seine Klinik über lange Jahre hingebracht hat. Trotzdem und mit gutem Recht waren die Mitarbeiter verunsichert. Nicht nur durch den Druck von außen. Sondern weil das Herzstück mit Herzinfarkt auf der ITS lag. Professor Haase hat seine Angestellten immer als seine Familie bezeichnet, das Krankenhaus war und ist sein drittes Kind.

Das war das einzige, woran ich die Mitarbeiter packen konnte: Ihre Loyalität zu Professor Haase. Was für mich selbst überraschend war, dass die StaBe unglaublich viel für ihre Mitarbeiter tut, freiwillig und ohne groß darüber zu reden. Wir haben darüber geredet. Über das, wie sich die StaBe für ihre Mitarbeiter einsetzt und über das, wie sie seit letztem Jahr in der dritten Welt hilft. Als Beispiel werden die Krankenhäuser in Ouagadougou und in Koudougou regelmäßig mit Medikamenten oder Geräten versorgt. Was die nicht brauchen wird weiter verteilt. Ein Bekannter von mir ist Redakteur einer großen Berliner Tageszeitung, der regelmäßig über diese Aktivitäten berichtet. Was glauben Sie, wie spendabel die Menschen sind? Die Krankenstation, in der Doktor Haase gearbeitet hat ist an eine Mission angegliedert, in der Kinder zur Schule gehen und anschließend einfache Berufe lernen können. Basisarbeit. Alphabetisierung. Jeder gespendete Tisch, selbst wenn er nur drei Beine hat, geht darunter. Wozu werden dort Schreiner ausgebildet? Und zur Not bleibt die Verwendung als Gehegezaun für die Viecher oder als Feuerholz.

Insgesamt kamen mir glückliche Zufälle zur Hilfe. Das Elisabeth-Krankenhaus bestreitet seine Einnahmen zu rund 50% aus der Unfallaufnahme. Es hat uns arg Sorgen bereitet, als bekannt wurde, dass das Katharinen-Hospital nebenan die neue Einsatzzentrale des Rettungsdienstes werden würde. Alles luxuriöser und großzügiger. Leider nicht für die Rettungssanitäter, die im kalten Winter mit den RTWs auf der Straße auf den nächsten Einsatz warten mussten. Einer unserer Assistenzärzte fing an, die Sanitäter mit Kaffee zu versorgen, wenn sie uns einen Notfall reinbrachten. Wie einfach es doch sein kann. Kurzerhand wurde den Kollegen ein Raum eingerichtet, wo sie sich aufhalten oder aufwärmen können. Kaffee für Patienten. Die übrig geblieben Sachen aus der Küche kommen dorthin, so müssen wir deutlich weniger Lebensmittel entsorgen.“

„Geht das nicht gegen die Hygienevorschriften?“

„Nein. Wir dürfen es nicht wieder anbieten, aber die Kollegen dürfen es selbst für den eigenen Verzehr in die Mikrowelle stellen. Andere versorgen nein, selbst versorgen ja.“
Marc stellte belustigt fest: „Professor Stricker braucht mir nichts von Klinikleitung zu erzählen. Ich habe durchaus Schreibtischerfahrung. Auch wenn ich nach den paar Monaten sicher bin, dass mein Tisch nach wir vor der OP-Tisch ist.“

„Aber das hier entsteht nicht am OP-Tisch.“ Professor Neuroth tippte auf die dunkelblaue Mappe in seiner Hand.

„Nein.“ Marc lachte wieder. „Aber den Schreibtisch kann ich mir aussuchen.“ Er grinste den Professor an. „Das ist zum größten Teil am Bett von Doktor Haase entstanden, als sie noch auf der ITS war. Das einzige, was man mir wirklich vorwerfen kann – Nichteinhaltung der Erholungszeiten. Also für mich. Stattdessen wird mir ein Verhältnis mit Doktor Bareilly unterstellt.“

„Haben Sie denn da schon Aussichten?“

„Sie meinen bei Doktor Bareilly?“ Die beiden Chirurgen grinsten sich an.
„Sie wissen, wie lange sich Krankenhäuser Zeit lassen, auch wenn in den Stellenausschreibungen „dringend“ oder zum „nächstmöglichen Termin“ steht. Aus Freiburg und Frankfurt kamen direkt Absagen, die Stellen wären schon besetzt.“
„Wo ist Ihnen also egal?“
„Naja... lokal gesehen schon. Aber an das Krankenhaus habe ich schon einen gewissen... hm, Anspruch.“
„Hamburg?“
„Hamburg?“
„Das Krankenhaus, wo ich lange Jahre war, sucht seit langem einen Chirurgen. Allerdings auch in Leitungsfunktion, momentan wird die Unfallchirurgie kommissarisch geleitet.“ Er überreichte Marc eine Broschüre.

„Krankenhaus? Das sieht eher nach Privatklinik aus.“

„Nein, auch wenn Geld dort kaum eine Rolle spielt. Aber es ist immer noch ein der Universität angeschlossenes Lehrkrankenhaus.“

„Für Schönheitschirurgie?“ Marc zweifelte sehr, angesichts der offensichtlichen Priorität des Etablissements. Sein Gesicht sprach Bände und Professor Neuroth musste lachen.

„Sie können es nicht mit einem „normalen“ Krankenhaus vergleichen. In der Tat gibt es mehr Privatpatienten, aber hauptsächlich in der Plastischen Chirurgie. Das ist aber in fester Hand, damit hat die „richtige“ Chirurgie nichts zu tun. Die Lage direkt am Alsterpark verhindert eine Umstellung auf Privatpatienten, da besonders im Sommer Wassersportunfälle das Klientel ausmachen. Außerdem ist der Rother Baum in der Nähe, wo regelmäßig Sportveranstaltungen stattfinden. Ansonsten können Sie da ein wirklich entspanntes Ärzteleben führen.“ Er sah, dass Marc etwas entgegnen wollte. „Lassen Sie mich ausreden, Doktor Meier. Sie hätten einen verdammt gut bezahlten Job, jedes zweite Wochenende frei und das von Freitagmittag bis Montagmittag. Zeit genug, sich voll auf diese Arbeit zu konzentrieren.“ Er tippte auf Marcs Studienmappe. „Die European Business Press ernennt jedes Jahr einen Manager of the year. Erstmals gibt es dazu einen sogenannten Future Award „Manager of Tomorrow“. Ich sehe Sie da sehr weit vorne!“

„Aha. Und damit ich genug Zeit zum Schreiben habe, haben Sie mir auch gleich eine offene Stelle besorgt?“

„Ehrlichgesagt, die Klinik Alsterpark war die Idee von Ihrem ehemaligen Chef. Nur, dass er Sie nicht empfehlen kann.“ Er zeigte auf eine Stelle des Einbandes.

Marc blieb der Mund offen stehen: „Chefarzt Professor Doktor med. Hans Haase? Das ist nicht Ihr Ernst!“

„Es ist ein Vorschlag, Doktor Meier. Ein Vorschlag für Sie. Für mich wäre es ein Anruf.“

Karo Offline

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04.05.2019 20:58
#302 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

BERLIN

April 1.1 - Cafeteria



Liebe Kolleginnen und Kollegen,

schon wieder ist ein Monat um und schon wieder entlassen wir eine Kollegin in den Schwangerschaftsurlaub. Doktor Amsel kam im letzten Winter zufällig nach Berlin und sie blieb – für uns, die dringend Chirurgen suchten ein wahrer Glücksfall. Gina, ich bleibe jetzt einfach beim „Du“, denn wir kennen uns für ein förmliches „Sie“ schon viel zu lange. Vielen Dank für Deine spontane und engagierte Unterstützung während der letzten Monate. Als Chefarzt des Elisabeth-Krankenhauses und auch ich persönlich, wünsche Dir und Deinem Nachwuchs alles erdenklich Gute!


Professor Haase überreichte der verlegen drein sehenden Ärztin einen riesigen Blumenstrauß.

Nach Doktor Hundt und Doktor Hassmann bist Du nun die dritte Kollegin, die in den Mutterschutz geht – und ich kann wahrlich schon von einer neuen Tradition an unserem Elisabeth-Krankenhaus sprechen, wenn ich Dich im Namen des Kollegiums zu Deiner Babyparty einlade.

Den Termin dafür machst Du bitte noch mit Schwester Sabine aus, die zwar nur selten da ist, aber auf die Organisation besteht.

Da Doktor Amsel sich vor zu viel Langeweile fürchtet, wird Sie in den nächsten Wochen noch für unsere Assistenzärzte zur Verfügung stehen. Sicherlich nicht mehr praktisch, aber wenn irgendwo der Schuh oder Fragen drücken sollten, dann dürfen Sie sich an Doktor Amsel wenden.

Und da komme ich auch schon zu einem Spontanzugang. Mit herzlichsten Grüßen aus Zürich von Doktor Meier wird Doktor Kalila seine Weiterbildungszeit hier beenden. Doktor Khalil Kalila hat in Kairo bereits als Chirurg gearbeitet, jedoch wurden viele Teile seines Studiums hier nicht anerkannt.
Alle erforderlichen Scheine hat er bereits nachgeholt, bei uns wird er nur noch die nötigen Eingriffe durchführen, um seine Facharztprüfung zu machen. Wir haben einen dreimonatigen Zeitraum avisiert, mit Unterstützung und Verständnis seitens der beiden anderen Assistenzärzte, vielleicht weniger. Doktor Kalila wird nach bestandener Facharztprüfung die frei gewordene Stelle von Doktor Amsel bekommen.

Zu Guter Letzt – ein weiteres Medizinerkind kündigt sich an. Zumindestens ein Medizinstudentinnenkind. Ich darf auch Frau Monika Geier zu Ihrer Schwangerschaft gratulieren. Frau Geier bleibt wie geplant bis zum Semesterferienbeginn hier und wird somit regulär ihr Praktisches Jahr beenden.

Ich bin gespannt, welcher Kollegin ich als nächstes gratulieren darf – allerdings bedenken Sie bitte immer, dass wir kaum hinterher kommen, geeigneten Ersatz zu finden.
In diesem Sinne,
Prost!

Karo Offline

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04.05.2019 21:02
#303 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


April 1.2 – Hans Haase



Professor Doktor med. Hans Haase studierte aufmerksam die Unterlagen, die sein ehemaliger Mitarbeiter ihm heute früh gefaxt hatte. Es sah so aus, als hätte Professor Neuroth nicht zu viel versprochen. Die Vita von Doktor Marc Olivier Meier las sich sehr ansprechend, die mitgefaxten Belege über Publikationen und Vorträge waren hoch interessant und medizinisch wertvoll.

Was hatte Wido gesagt? Doktor Meier bräuchte eine vernünftige Perspektive, momentan hätte nur die Option, zurück ans Elisabeth-Krankenhaus zurückzugehen. Er schnaubte. Natürlich musste sich sein Bruder nach so einem Mediziner die Finger lecken. Anstelle ihn mit Himmel und Gloria zu locken... Aber gut. Sein Bruder war schon immer ein wenig seltsam und mit Banalitäten zufrieden gewesen.

In Berlin passten alle zusammen. Sein doch eher einfach gestrickter Bruder mit dieser nervigen Hausmutti-Ehefrau, die Tochter, ein pummeliger Tollpatsch und der Sohn – von dem brauchte man gar nicht erst zu reden. Jura...

Doktor Margarete Haase hatte zwar Medizin studiert aber bitte – Allgemeinmedizin. Aber immerhin Medizin, wenn es für eine Chirurgin nicht reichte. Wobei den Facharzt hatte sie ja abgebrochen. Wie auch die Assistenz der Chirurgie. Afrika. Eine Buschärztin in der Chirurgen-Dynastie.
Wie gut, dass das sein Vater nicht erleben musste. Schlimm genug, dass seine Mutter immer noch neutral gegenüber Gretchen war. Aber die hielt ja auch zu Andrea und ihrem Balg.
Nun, es konnte ja nicht jeder so ein Glück haben, wie er. Larissa hatte endlich ihre Assistenzarztstelle bei ihm angetreten, Tanja war auf einem guten Weg, ein exzellentes Examen zu machen. Ewa musste immer wieder angetrieben werden, aber sie brachte gute Ergebnisse. Mit Irina hatten sie wohl die Probleme überstanden, ihre zweitjüngste Tochter hatte – anstatt direkt nach dem Abitur auf die Universität zu gehen, glatt erstmal ein Jahr im Ausland vertrödelt.

Was sie bei Natalie falsch gemacht hatten, das blieb ihm ein Rätsel. Das Kind war definitiv nicht dumm, die Scherereien, die sie mit ihr hatten waren immer gut durchdacht und akribisch vorbereitet. So als hätte die 16jährige Spaß dabei, ihre Eltern systematisch in den Wahnsinn zu treiben.

Ähnlich hatte es Jochen, sein Neffe in Berlin, auch getrieben. Immer wollte er was anderes werden: KFZ-Mechaniker, Gärtner, Tierpfleger, Pfarrer, entschieden hatte er sich dann für Jura. Anstatt dass der Junge mal ans Lernen gebracht wurde, jobbte er in Kneipen. Nun ein uneheliches Kind auf Mallorca. Ohne Studium, nicht mal einen gewöhnlichen Beruf. Das wäre für ihn ein Alptraum gewesen. Aber Franz schien das nicht zu jucken. Glücklich mit zwei Taugenichtskindern.

Nein, dieser Doktor Meier schien in einer anderen Liga zu Hause zu sein. Hamburg-Haase. Nicht Berlin-Haase. Was konnte einen Arzt wie Doktor Meier dazu bringen, ohne Wenn und Aber nach Hamburg zu kommen. Dem würde er schon ein Jäckchen stricken, beschloss der Professor. Schließlich passte so jemand hervorragend in die Haase-Familie und immerhin hatte er vier brauchbare Töchter. Schöne Töchter!

Er rief seine Frau an. Sie war besser im Taktieren. Vermutlich lag das an ihrer Russischen Herkunft. War Russland nicht das Land der Schachspieler?

Karo Offline

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04.05.2019 21:08
#304 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

ZÜRICH


April 1.3 – Grillabend



„Wenn es darum geht, Dich loszuwerden, sagt der „Alte“ zu allem ja und amen.“ Sascha schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich meine, Dich gerade über Ostern zusätzlich freizustellen...“
Das Ehepaar Nussbaum hatte für die Kinder einen Babysitter engagiert und nun saßen sie zu viert auf Marcs geräumiger und gemütlicher Loggia. Das Wetter war noch nicht so frühlingshaft, wie er es sich gewünscht hatte, trotzdem glühte die Kohle auf dem Grill.

Marc zuckte nur mit den Schultern. „Zur Not sagt er wieder alle OPs ab und schiebt es mir in die Schuhe.“

„Was hat er?“ Gretchen, die in der zugfreien Ecke in eine Wolldecke eingekuschelt saß, konnte kaum glauben, was sie hörte.
„Als ich Dich aus Afrika geholt habe, hat er alle OPs abgesagt. Wenn drei Kollegen krank sind geht es auch immer irgendwie.“
„Du meinst, einfach so? Das kann man doch nicht machen. Eher würde Papa sich selbst an den OP-Tisch stellen.“
„Dein Vater hätte nichts gegen Urlaub gehabt.“
„Nee, Gott sei Dank ist er da sehr spontan.“ Sie umfasste Marcs Hals, zog ihn zu sich heran und küsste ihn innig.

Sie erzählten den Gästen von Gretchens Flucht und der für alle überraschenden und gemeinsamen Abreise.

„Also wart ihr vorher gar nicht zusammen?“
„Ich bin seit der 5. Klasse mit Marc zusammen!“ Gretchen kicherte. „Er hat etwas länger gebraucht.“
„Wie oft hast Du in der Zwischenzeit ein Brautkleid verbrannt?“ Er sah seine Freundin liebevoll herausfordernd an.
„Hättest ja was sagen können...“
„Hasenzahn...!“

„Hasenzahn?“
„Hasenzahn?“
Schallte das Echo doppelt zurück.

„Das war von Anfang an seine Liebesbekundung. Mit Wasserbomben, zerstochenen Fahrradreifen und sonst so aufmunternden Kleinigkeiten. Warte... Mit Papierkügelchen hast Du mich auch bespuckt.“
„Du hast die Leberwurstbrote vergessen...“ Marc gluckste. „Sie ließ sich einfach nicht abschrecken!“

„Und euer Chef hatte tatsächlich die Befürchtung, Du könntest schwul sein?“ Eveline schüttelte sich vor Lachen. Wenn jemand in eine Frau verliebt war, dann Marc Meier. Ihr Mann setzte noch einen drauf: „Professor Stricker hat Marc sogar eine Beziehung mit Doktor Bareilly unterstellt.“
„Nenn es Affäre, klingt noch mieser.“ Marc grinste. „Dabei lag er gar nicht so falsch, ich habe viele Nächte auf Bareillys Station verbracht. Allerdings im Bett einer Frau.“
„Du hast bei Gretchen geschlafen?“
„Wo denn sonst? Ich hätte es nicht fertig gebracht, länger als nötig hier zu sein.“
„Aber Du hast verpflichtende Ruhephasen.“
„Ich war da ruhiger als hier. Aber lustig ist es schon, dass das einzige, was er mir wirklich vorwerfen kann, nicht aufgezählt wurde.“
„Er hat so krampfhaft was gesucht, dass er das Offensichtliche nicht gesehen hat.“

„Zum Glück!“ Gretchen war heute mit sich und der Welt zufrieden. Marc hatte Recht behalten und Gretchens Lieblingsplatz war die kuschelige Sofaecke auf der geräumigen Loggia geworden.
„So, es geht los... Hunger vor!“ Die ersten Würstchen fanden ihren Weg vom Grill auf den Tisch und schnell auch auf die Teller. Selbst Gretchen, die immer noch sehr wenig aß, verputzte zusätzlich auch noch ein Putensteak.

„Du willst wohl in der Reha schönes Wetter haben?“
„Bah...“ Die Remscheider Klinik war ihr ein Graus.
„Ich könnte versuchen, das auf Hamburg umzubuchen.“
„Hasenzahn, das ist kein Urlaub.“
„In Deiner Nähe wäre es einer.“
„Selbst wenn das in Hamburg klappt – bis ich da oben bin, bist Du mit Deiner Reha längst fertig!“
„Pfff... dann geht es mir so wie Papa, dass ich nicht mal Guten Tag gesagt habe und die mich schon verlängern.“
„Das werden wir ja sehen.“

***
Nachdem man ihm so kurzfristig Urlaub gewährt hatte, hatte Marc Gretchen mit einer Idee überrascht: „Was hältst Du davon, wenn ich Dich hinbringe. Wir könnten sehen, wie gut wir durchkommen und einfach irgendwo übernachten. Vielleicht bleibe ich auch noch eine Nacht in Remscheid, nach Hamburg muss ich mit gut vier Stunden rechnen. Deinem Onkel ist es egal, wann ich komme.“
„Dann wähle ich die Variante mit zwei Übernachtungen!“

Die Variante Auto hatte definitiv den Vorteil, dass Gretchens Sachen irgendwie mit mussten. Wenn Marc in Hamburg Erfolg hatte, dann musste er sowieso sehen, wie er seine Wohnung loswurde. Er hatte zwar bereits gekündigt, aber der Mietvertrag ging offiziell bis Ende Juni.

Und für Marc barg es eine weitere Option – mit dem Auto war er unabhängig. Noch aus dem Krankenhaus heraus hatte er seine Oma angerufen.

„Marc – wie schön. So eine ungewohnte Zeit, es ist doch nichts passiert?“
„Nein. Außer dass mir spontan Urlaub gewährt wurde und ich überlege ernsthaft, Dich zu besuchen. Hatten wir nicht schon mal über die Osterfeuer gesprochen?“
„Marc, das ist doch viel zu weit! Aber schön wäre es schon, nach 20 Jahren.“
„Von Hamburg aus ist es nicht so weit. Und bitte lass mich keine Ostereier suchen!“
„Was machst Du denn in Hamburg?“
„Erzähle ich Dir dann. Ich weiß auch noch nicht, wann ich genau komme, da sage ich Dir nochmal Bescheid.“
„Ich freue mich sehr, Marc!“
„Ich auch. Bis bald!“

Karo Offline

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04.05.2019 21:19
#305 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


April 1.4 – Vorstellungsgespräch



Professor Hans Haase studierte noch einmal aufmerksam die Vita des jungen Arztes, der sich in etwa einer halben Stunde bei ihm vorstellen würde. Doktor med. Marc-Olivier Meier hatte das Medizinstudium in 9 Semestern knallhart durchgezogen, mit 25 bereits die Zulassung als Arzt erlangt. Mit gerade 29 dann Oberarzt, der Jüngste, den es in Deutschland je gegeben hatte. Seine wissenschaftlichen Publikationen waren bemerkenswert, auf Kongressen oder Symposien war er ein gern gesehener Referent.
Was hielt diesen jungen Chirurgen dann so lange am Elisabeth-Krankenhaus? Leuten wie ihm stand doch die Welt offen! Das schien wenigstens der alte Weggefährte Wido Neuroth zu wissen.

„Warum glaubst Du will er aus Zürich weg?“
„Wido sagte, dass er wegen seiner Mutter flexibler sein will. Die ist letztes Jahr verunglückt und war bei ihm. Daher kennt er Doktor Meier.“
„Und hat ihn gleich abgeworben? Dann muss er was drauf haben!“ Ljudmila kannte Wido mindestens genauso gut wie ihr Mann, vermutlich aber besser.

Sie dachte weiter scharf nach. „Ich glaube nicht, dass er an Geld interessiert ist. Dazu war er zu lange am gleichen Krankenhaus, zumindest an einem, das noch nie großartige Gehälter zahlen konnte. Die Klitsche Deines Bruders ist schließlich nur ein kleines Krankenhaus der Regelversorgung. Keine großen OPs, keine wirklichen Herausforderungen. Sonst hätte er aber nicht so viel Zeit für seine Publikationen gehabt. Die wirklich außerordentlich gut sind, das muss man ihm lassen!“
„Also Zeit? Vielseitigkeit? Interessante OPs, Karriere und zur Not auch Geld.“

„Wido sagte, er arbeitet sehr gut mit den Assistenzärzten. Ich schätze auch, dass er Vertrauen heimzahlt. Dein Bruder hat ihn früh mit Verantwortung belegt, aus welchen Gründen auch immer. Letztendlich stand er an vorderster Front, als Dein Bruder flach lag.“

„Du meinst – er soll gleich alles haben?“
„Hans. Ich habe kein Interesse an der Chirurgie, außer an der Plastischen. Du hast selbst genug zu tun. Wenn wir ihn zum Direktor der Chirurgie machen, sind wir beide zwei Sorgen und viel Arbeit los.“

***
So erklärte er es später seinem Bewerber. „Als medizinischer Direktor der Chirurgie wären Sie quasi alleinverantwortlich für die Belange der Chirurgie – aller Fachrichtungen. Sie können sich die Zeit einteilen, wie Sie möchten. Unter Ihnen die Oberärzte, über Ihnen im Grunde nur die Klinikleitung.“

„Ihr Angebot lässt mir das Wasser im Munde zerlaufen, aber da gibt es durchaus andere Aspekte, die mir sehr wichtig sind.“
„Geld spielt bei uns keine Rolle, Doktor Meier!“

(„Da lege ich doch auf die Empfehlung von Professor Neuroth gleich noch was drauf!“)

„Das habe ich mit dem ersten Schritt in dieses Haus bereits gesehen, Herr Professor.“

Nach einem ausführlichen Rundgang, bei dem Doktor Meier natürlich direkt die Bekanntschaft zweier Töchter machte, saßen die beiden Mediziner nun im Büro des Chefarztes. Natürlich hatte sich auch die Frau des Professors dazugesellt.

„Machen Sie sich um Zeit für das Projekt von Professor Neuroth keine Sorgen. Er hat uns gegenüber ebenfalls den Wunsch geäußert, dass er Sie weiterhin berücksichtigen darf.“
„Doktor Temelova, mit allem Respekt. Das ist kein Kriterium, das zur Diskussion steht.“
„Doktor Meier, ich glaube ich lüge nicht, wenn ich behaupte, dass Sie nirgendwo so ein geregeltes Freizeitsystem finden wie in unserer Klinik.“
„Gut, dann bliebe nur noch ein Punkt offen.“ Professor Haase klatschte in die Hände.
Seine eben noch freudig hochgezogenen Augenbrauen fielen mit einem Mal zusammen, als Marc ihm den Zettel mit dem Gehaltsvorschlag zuschob.

(„Wie im Fernsehen. Das wollte ich immer schon mal machen.“)

Sein Züricher Chef hatte ihn gut gebrieft, was die Gehälter der unterschiedlichen Hierarchien anging. Er hatte eine Summe im oberen Drittel aufgeschrieben, nicht zu forsch aber schon ein deutlicher Hinweis, dass man ihn nicht für dumm verkaufen konnte. Für billig kaufen schon gar nicht.

„Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, Doktor Meier!“ Mit einem Handschlag besiegelte man den Arbeitsvertrag. Marc war für eine dreimonatige Probezeit etwas im Gehalt runtergegangen. Danach würde sich sein Gehalt auf die geforderte Summe erhöhen. Von Professor Neuroth wusste er natürlich auch, dass sich das Jahresgehalt jedes Jahr automatisch erhöhte.
„Sobald Professor Stricker Sie aus Ihrem Vertrag lässt, können Sie hier anfangen. Je eher, desto besser.“
„Da Professor Stricker bereits informiert ist, wird es da keine Schwierigkeiten geben. Wenn ich Ihnen nichts anderes mitteile, dann sehen wir uns spätestens am 2. Mai. Feiertags einen neuen Job anzufangen bringt Unglück.“

(„Guter Einfall, Meier. Wirklich!“)

(„Ein bisschen klingst Du schon nach Hasenzahn!“)

Karo Offline

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04.05.2019 21:23
#306 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

RÜGEN


April 1.5 – Ostern auf Rügen



„Marc, wie schön, dass Du da bist!“

Die feste Umarmung der Oma überraschte Marc. „Hier ist ja noch richtig Winter?!“
„Ja – Gott sei Dank!“
„Das hat sich also nicht geändert?“

(„Ich dachte, im Alter bevorzugt man die wärmeren Jahreszeiten...“)

„Nein. Ich glaube, über Winter habe und werde ich nicht meckern. Seit ich weiß, dass Du kommst, habe ich Tag für Tag gehofft, dass es kalt bleibt. Dann sind die Osterfeuer besonders schön.“
„Du hast also schon Pläne geschmiedet?“ Marc lachte.
„Ja – oder hast Du was vor? Ich meine...“ Auf dem faltigen Gesicht erschien eine größere Falte. Das eben noch lebendig-strahlende Gesicht wirkte mit einem Mal enttäuscht. Schnell unterbrach Marc. „Nein, ich habe nichts vor. Außer mit meiner Oma Ostern feiern.“
„Sehr gut.“ Aufatmen. Er registrierte, dass der fröhliche Schein auf die weiße Haut zurückfand.
Er lächelte und die signifikanten Grübchen erschienen auf seinen Wangen. „Also?“
„Was meinst Du?“
„Was für einen Plan hast Du?“
„Morgen Abend gibt es in Binz die Osterfeuer-Meile. Diese Veranstaltung gibt es seit ein paar Jahren und letztes Jahr haben mich die Gäste der Ferienwohnung dahin mitgenommen. Es war so wundervoll. Das möchte ich gerne wieder sehen. Ich weiß ja nicht, ob Dir sowas gefällt. Früher hattest Du immer einen riesigen Respekt vor dem Osterfeuer hier im Dorf.“

„Ehrlichgesagt, ich bin einfach nur froh, hier zu sein. Du erwischt mich also sehr ausgeglichen und offen für alles. Und wenn ich damit eine Lady glücklich machen kann...“ Wieder tanzten die Grübchen.

„Solltest Du nicht jüngere Ladys glücklich machen? Also... ich meine... im besten Fall eine?“
Marc lachte. „Glaube mir, dazu bin ich durchaus in der Lage. So oder so.“
„Nein, wirklich Marc. Ich möchte Dir so viele Fragen stellen. Am liebsten alle gleichzeitig.“

Ihr Enkel lachte aber sein Gesichtsausdruck enthielt eine Bitte: Lass es langsam angehen!

„Du stellst mir schon am Telefon permanent nur Fragen.“
„Ja... ich will Dich so gerne richtig kennenlernen.“
„Hast Du es denn so eilig?“

Die freche Frage ließ Elfriede Fischer laut auflachen. „Ich nicht. Aber vermutlich habe ich das nicht in der Hand. Das solltest Du aber selbst am besten wissen, Doktor Meier!“

„Dann sollten wir versuchen, das positiv zu beeinflussen. Darf ich die Werte Lady – auch wenn sie schon älter ist – heute Abend zum Fischessen einladen?“
„Sehr gerne! Und ich weiß auch schon wo!“

Karo Offline

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11.05.2019 23:57
#307 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

RÜGEN


April 1.6 – Ostern auf Rügen 2 „Im Zeesboot“



„Garz ist die älteste Stadt auf Rügen. Hier gibt es entsprechend das älteste Museum der Insel, das Ernst Moritz Arndt Museum. Nicht weit entfernt wurde er geboren.“ Während Marc seinen alten Volvo Richtung Stralsund lenkte, zeigte seine Beifahrerin hierhin und dorthin und erzählte über die Insel.

Das Fischrestaurant „Zeesboot“ befand sich am Ende der Strandpromenade, direkt dahinter lag der Fischereihafen von Altefähr. Man konnte die hellen Lichter des Rügendamms erkennen. Am gegenüberliegenden Ufer des Strelasunds strahlte die Hansestadt Stralsund.

Im ersten Moment war Marc geschockt, dass man die Inneneinrichtung eines Raumes tatsächlich nur aus Holz herstellen konnte. An den Wänden hingen alte Steuerräder und Fischernetze, die Lampen waren aus alten Schiffslaternen hergestellt. Marcs Oma wurde der Erklärungen nicht müde: „Fischerboote bestanden auf Rügen meistens ausschließlich aus Holz. „Zeesboote“ waren die flachen Arbeitsboote, die speziell für flache Gewässer wie zum Beispiel die Boddengewässer konstruiert wurden. Diese Boote wurden nur durch Windkraft angetrieben – die Vorhänge hier sind aus dem typischen braunen Tuch der Segel genäht worden. Da drüben, das ist eine Zeese. Diese Fanggeschirre gaben den Fischerbooten ihren Namen.“

Das rustikal-maritime Interieur verlor allmählich ihre erschreckend-drückende Dominanz. Marc lauschte interessiert den Ausführungen der schicken Dame an seiner Seite – seine Oma hatte sich wirklich ausgesprochen gut angezogen. „Du siehst ja von Natur aus gut aus, aber ich muss mich sehr anstrengen, da mithalten zu können!“

„Elfriede, wie schön Dich wieder einmal zu sehen.“

(„Ein Seebär – es gibt sie wirklich!“)

Ein krummbeiniger Mann mit grauen Haaren und tiefen Wetterfurchen im Gesicht nahm Oma Fischer lachend und hocherfreut in die Arme.

„Ich habe mir für ein paar Tage diesen jungen, attraktiven Chauffeur ins Haus geholt. Da musste ich wieder selbst einmal vorbei kommen.“

Sie stellte Marc vor und erklärte weiter: „Dietrichs Familie hat eine lange Tradition als Boddenfischer. Er selbst fährt seit letztem Jahr nicht mehr raus, er hat die Fischerei an seinen Sohn Henrik abgegeben. Nicht, weil er die Arbeit scheut, sondern weil ihm das Drumherum auf die Nerven geht. Diese alten, traditionellen Fischerboote verschwinden aufgrund der Richtlinien von EU und Berufsgenossenschaften aus der Berufsfischerei. In den 90er Jahren wurde die Schleppnetzfischerei verboten und somit musste die Zeesenbootfischerei in den Boddengewässern eingestellt werden. Dietrich war einer der unermüdlichen Kämpfer, die sich für den Erhalt alter Fischereitechniken eingesetzt hat – mit Erfolg. Seit etwa zehn Jahren ist die Fischerei mit den Zeesenbooten mit strengen Auflagen wieder erlaubt. Traditions- und Brauchtumspflege nennt sich das.“

Die Speisekarte war überschaubar, hier wurde nach Tagesfang angeboten. „Heute kann ich euch vor allem Hering anbieten. Alternativ Aal oder Zander.“
„Marc – ich empfehle Dir den Aal. Egal wie!“
Die Zubereitung der Fische wurde den Gästen überlassen. Marc wählte die gebratene Variante mit Bratkartoffeln, die Rügenerin wünschte den Fisch gedünstet mit Salzkartoffeln und „Dilltunke“. Es schmeckte ihnen hervorragend.

Kurz bevor sie den Heimatort erreichten zeigte Elfriede Fischer wieder ins Dunkel. „Da unten befindet sich eine kleine Werft.“ Sie lachte plötzlich. „Unsere kleine Mayer-Werft.“ Jetzt machte sie eine Pause und für Marc klang es wie eine Aufforderung, etwas zu sagen. Doch was? Bevor er sich weiter Gedanken machen konnte, ergriff Oma Fischer wieder das Wort: „Dort wurden früher hauptsächlich die Zeesenboote gebaut, heute werden sie dort nur noch restauriert und gewartet. Neue Boote werden leider kaum gebraucht.“

Karo Offline

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12.05.2019 00:01
#308 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 1.7 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,

nach zwei wundervollen Tagen mit Marc sitze ich nun hier in diesem miesen Kaff im Bergischen Land. Ich hätte doch Einspruch erheben sollen... besonders vor Ostern eine Reha anzutreten. Ich muss verrückt gewesen sein, mich darauf einzulassen. Es ist furchtbar langweilig und nur wenige (alte) Menschen sind hier. Ausnahmsweise hätte ich meine Erfahrung aus der Zeit am EKH nutzen sollen. Ostern und Weihnachten sind zum Reisen gut, nicht aber für Krankenhaus oder Reha. Und es ist erst Karfreitag...

Natürlich haben alle frei, nichts findet statt. Nicht mal das Essen macht Freude. Was hat Marc gesagt?
„Sieh zu, dass Du was auf die Rippen kriegst.“

Der Zusammenhang war natürlich anders gemeint, eigentlich sogar sehr süß und nett gemeint von ihm. Aber bei diesem Essen kann man einfach nur nicht essen.
„Frau Haase, Sie haben wieder nichts gegessen. Bald müssen wir Sie zwangsernähren!“
„Doktor Haase – und das Gute daran wäre, dass ich es nicht schmecken muss.“

Ansonsten sind wir Inhaftierten uns selbst überlassen. Inhaftiert trifft es nicht ganz – wir dürften raus aber wohin? Kurz nachdem Marc gefahren war fing es an zu regnen und das tut es immer noch. In Strömen und ohne Unterbrechung. Meine Tischnachbarin sagte, dass wir froh sein können, dass die Klinik am Berg liegt. Außerdem wäre ein Ausflug zur Wuppertalsperre bestimmt interessant. Ihr scheint das gar nichts auszumachen, sich selbst überlassen zu sein.

Aber das war ja noch nie gut für Gretchen Haase – zu viele dumme Ideen kommen ihr den Sinn. Anderenfalls hätte ich mich wohl auch nicht auf den Kaffeeklatsch mit ihr im Café Krücke eingelassen. Wie tief bist Du in so kurzer Zeit gefallen, Gretchen Haase...

Karo Offline

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12.05.2019 00:06
#309 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 1.8 - Tagebuch


Liebes Tagebuch
,

es war gar nicht schlimm!
Frau Reissdorf und Frau Küppers sind nicht meine bevorzugte Gesellschaft, auch wenn sie wirklich nett sind. Und in der „Krücke“ – geistreicher Name für ein Café an einer Rehaklinik – gibt es einen 1A Schokokuchen. Und ganz in der Nähe – ein Schwimmbad, für Burgianer günstig zu nutzen.

Diese Reha-Klinik heißt im Volksmund Burg Lennep, deswegen nennen uns die Remscheider Burgianer.
Vielleicht kann ich morgen einen Bikini kaufen. Mit dem Schwimmen ist es wie mit dem Fahrradfahren – das verlernt man nie.
Außerdem hat Marc angerufen. Er hat den Job! Alles andere wäre auch undenkbar gewesen. Ich meine, nicht mal mein Onkel ist so bekloppt, so einen Chirurgen nicht zu nehmen. Marc klang ausgesprochen zufrieden – fast übermütig am Telefon.

Karo Offline

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12.05.2019 00:13
#310 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

REMSCHEID


April 1.9 - Gretchen und Marc telefonieren



„Du klingst so – froh. Das liegt doch bestimmt nicht nur an dem neuen Job?“
„Nein. Ich habe mir kurzentschlossen ein Hotelzimmer genommen und war im Miniaturwunderland. Gretchen, das ist großartig.“
„Geschlechterspezifisches Spielzeug. Lego war nie meins.“
„Lego? Gretchen, das hier ist viel mehr als Lego. Lego ist schon toll, da hatte ich als Kind riesig viel von.“

(„Ob das noch existiert? Muss ich Mutter irgendwann mal fragen.“)

„Ich glaube, das würde selbst Dir gefallen. Vor allem, weil so viel Liebe zum Detail drinsteckt.“
„Soso. Ich besitze also Liebe zum Detail?“
„Oh ja... nach den zwei Tagen mit Dir unterwegs kann ich Dir besonders ein Detail nennen.“

Sie hatte Marcs Grinsen hören können. „Marc...“ Und hatte versucht, empört zu klingen, doch da auch sie grinsen musste, war dieser Plan deutlich danebengegangen.
„Ich sehe, Du weißt was ich meine...“
„Und jetzt bleibst Du in Hamburg und lässt deine Mutter warten?“
„Meine Mutter?“
„Hattest Du nicht irgendwas von „Ostern bei der Familie“ gesagt?“

(„Mist...hat sie doch mitgekriegt!“)

„Ach so das... meine Mutter ist nicht da. Spontanreise nach Paris, ich vermute da steckt ein neuer Lover dahinter.“

(„Das ist nicht mal gelogen. Rügen ist zu Hause und Mutter ist unterwegs!“)

„Eigentlich hättest Du ja auch meine Sachen mitnehmen können. Wenn Du eh in Berlin bist – ich meine das ist alles Sommerkram. Das brauche ich garantiert nicht hier. Seit Du abgefahren bist, regnet es ohne Unterbrechung.“
„Hier oben liegt teilweise noch Schnee, vor allem ist es bitterkalt.“
„Klar, ich bin ja auch weit weg!“
„Prinzessin...“
„Oder willst Du behaupten, dass Dich meine Liebe zum Detail nicht heiß gemacht hat?“

(„Bitte...?“)

„Oh Gott Prinzessin... wir hören besser jetzt auf, bevor ich noch in die dreckige Elbe springen muss, um...“
„...um das Blut, das schon wieder in Wallung gerät, abzukühlen?“
„Hasenzahn. Wenn ich es nicht besser wüsste... willst Du gerade ein schmutziges Telefongespräch führen?“
„Hasenzahn? So leicht bist Du fertig zu machen?“
„Bei Dir rechnet man nicht damit.“
„Warum nicht?“

Diese Frage war aus einem Spaß heraus erstanden aber Marc hatte durchaus den Ernst in ihrer Stimme gehört.

„Warum traut man mir sowas nicht zu?“
„Gretchen... Du bist der Inbegriff einer... wie soll ich das jetzt erklären? Ich meine, mittlerweile weiß ich ja, dass in Dir viel mehr steckt als eine zum Träumen veranlagten Romantikerin. Dass bei Dir alles eine Frage der Sicherheit ist. Denk an das Tuch...“

Gretchen hatte geschluckt. Er hatte es gehört.

„Bist Du jetzt sehr enttäuscht?“
„Bist Du verrückt? Hör mal... können wir da in ein paar Tagen drüber reden? Das ist die Art Gespräche, bei der ich Dich lieber live sehen kann. Das kann zu schnell schief gehen.“
„Klar, Ich kriege ja auch alles in den falschen Hals!“

(„Wie man sieht!“)

„Genau, das will ich nicht. Ich will nicht, dass es Dir nach so einem Gespräch schlecht geht. Schon gar nicht, wenn ich Dich nicht sofort küssen kann!“

(„Er redet sich um Kopf und Kragen. Aber süß irgendwie. Naja und ganz unrecht hat er nicht!“)

„Dann sag halt nur nette Sachen!“ Sie hatte gelacht.
„Zum Beispiel?“
„Dass ich sehr detailverliebt sein kann, zum Beispiel.“
„Ohhh... Hasenzahn!“
„Ich liebe Dich auch, Marc. Jedes Detail von Dir!“ Glucksend hatte sie aufgelegt.

Karo Offline

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12.05.2019 00:21
#311 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

RÜGEN


April 1.10 – Fischrisotto



„Weißt Du, was wir machen?“ In den Augen der Oma blitzte es verheißungsvoll. „Wir fahren nochmal nach Altefähr, Dietrich war bestimmt draußen und frischer kann man keinen Fisch bekommen. Ich wollte schon lange mal wieder ein Misch-Fisch-Risotto machen! Leider habe ich nicht mehr die Kraft, den Reis so lange zu rühren!“ Sie lachte und räumte geschwind den Frühstückstisch auf. „Und während Du rührst, kannst Du mir von Dir erzählen.“
„Nein, ein Risotto braucht volle Konzentration.“ Er dachte an seinen ersten Versuch, der – unten angebrannt und oben matschig – mitsamt dem Topf – Elkes bestem versteht sich – im Müll gelandet war.
„Ich kann mich konzentrieren, Marc. Und Du erzählst einer alten Frau aus dem Leben ihres Enkels.“
„Oma, ich erzähle Dir die ganze Zeit von mir!“
„Wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen.“

Marc wusste schon gar nicht mehr, was er bereits alles erzählt hatte. Aber das war seiner Großmutter egal, sie hörte sich auch gerne etwas mehrfach an. Vor allem hörte sie gerne zu, wenn Marc von Gretchen sprach. Dann schienen die faszinierend grünen Augen ihres Enkels Funken zu sprühen.
„Außerdem muss ich doch die Zeit nutzen, wo Du so überraschend da bist.“
„Demnächst gelingt uns bestimmt öfter ein Wiedersehen. Ich hatte am Donnerstag ein Vorstellungsgespräch in Hamburg.“
„Wirklich? Du willst weg von Zürich? Du warst Weihnachten so froh, dass Du den Job bei diesem Professor bekommen hast.“
„War auch so. Und ich habe sehr gerne da gearbeitet. Aber es passte nicht. Naja... wie man es nimmt. Wenn alles klappt bin ich schon Anfang Mai hier.“
„Das ist ja schon in drei Wochen? Marc... was ist denn... mit... Gretchen?“

„Meinst Du Gretchen oder unser Kind?“ Marc schwieg einen Moment. „Sie hat es verloren. Gretchen ist im Januar an Malaria erkrankt. Sie hat die ersten Symptome auf die Schwangerschaft geschoben und irgendwann war es zu spät... ich wusste das nicht und Anfang Februar überkam mich Unruhe. Das ist mir in der Form noch nie passiert. Ich bin spontan nach Afrika geflogen und mir blieb nur noch, meine todkranke Freundin irgendwie in ein europäisches Krankenhaus zu bekommen. Drei Tage waren wir in Malaga, bevor wir nach Zürich weiter sind. Bis vor einer Woche war Gretchen im Krankenhaus. Auf dem Weg hier hoch habe ich sie in eine Rehaklinik in der Pampa um Köln gebracht.“
„Marc – das ist ja schrecklich. Es tut mir furchtbar Leid!“
„Weißt Du... Gretchen nimmt sich das schwer zu Herzen. Ich habe keine Meinung dazu, ich habe durch Zufall von der Schwangerschaft erfahren – naja, wie ich plötzlich bei Dir gelandet bin, das weißt Du ja mittlerweile.“
„Hatte Dein Kollege denn Recht?“
„Es war nicht von mir, wenn Du das meinst. Ja, das stimmt. Aber es wäre mein Kind gewesen. Gretchen war schon schwanger als wir zusammenkamen. Dumm gelaufen, aber ich wollte halt sie. Will ich immer noch.“

Da waren sie wieder, die tanzenden Grübchen. „Ich werde auf dem Weg zurück nach Zürich nochmal bei ihr Halt machen.“

(„Und verdammt – sie wird jedes Detail noch mehr lieben!“)

„Was hast Du jetzt gedacht?“
„Wie lange hält sich wohl der Fisch? Ich meine, wenn wir ihn jetzt ganz frisch holen. Wollten wir nicht nach Binz?“
„Marc?“
„Wirklich... ich habe an das Fisch-Risotto gedacht!“
„Und da laufen Dir spontan alle Wasser im Munde zusammen?“
„Natürlich – soweit ich mich erinnere, warst auch Du Weihnachten von meinen Kochkünsten sehr angetan!“
„Ja... da hast Du Recht. Ich glaube allerdings, dass wir ein kleines Problem haben... ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch Reis zu Hause habe.“

(„Das lässt sich regeln...“)

„Marc, entschuldige – wo fährst Du hin? Wir müssen nach...“
„Stralsund. Zutaten kaufen. Du hast Kochbeutelreis da, aber damit weigere ich mich ein Risotto zu machen.“
„Es ist Ostern?“
„Ostersamstag. Selbst am Ostersamstag gibt es Supermärkte, die geöffnet haben.“
Eine Viertelstunde später hielt der weiße Volvo auf einem großen Parkplatz. Kurz überflog verschiedene Rezepte auf seiner Lieblingskochseite im Internet und stellte einen gedanklichen Einkaufszettel her.

„Wie Du das nur machst?“
„Was denn?“
„Alles aus dem Kopf?“
„Da Gretchen bereits einen halben Regenwald für ihre Tagebücher auf dem Gewissen hat, muss ich eben Papier sparen.“
„Nein... diese Fähigkeit hattest Du früher schon. Nie hast Du Dir aufgeschrieben, was ich Du kaufen solltest. Und nie hast Du etwas vergessen.“

Karo Offline

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12.05.2019 00:26
#312 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

Marc 19


So wie René die Ware inspizierte, war Marc klar, dass er gleich wieder der Schuldige sein würde. Schuld an der chronischen schlechten Laune des Vaters. Meistens beschuldigte er den Elfjährigen, dass Geld fehlte. Heute hatte er sich wieder mal für die schlimmere Variante entschieden. Fand Marc. Lieber ertrug er Beschimpfungen oder Prügel. Fehlten Lebensmittel, hieß das hungern.

„Wo ist das Brot?“ Die Packung lag offensichtlich und gut zu sehen auf der Anrichte. Marc schielte nach dem Päckchen.
„Das da sehe ich auch!“ Herausfordernd. Bedrohlich. „Aber das andere?“

Marc schwieg. Es war egal, ob er etwas sagte. Und wenn er etwas sagte, war es egal was. Alles war falsch. Ohne Vorwarnung knallte ihm das Trockentuch ins Gesicht. Es brannte heftig.

„Ich rede mit Dir! Antworte!“

„Was möchtest Du hören?“ Das Handtuch knallte erneut hart auf seine Wange. Eine Tuchecke erwischte die Lippe – Marc spürte, wie die dünne Haut unter dem Aufprall platzte.

„Sprich!“

Pest oder Cholera. Schweigen und nicht alles voll Blut tropfen – Strafe. Reden, Bluten – Strafe.

„Das kommt, weil Du Dir nie einen Zettel schreibst. Du bist schwachsinnig, raff es endlich. Aber vermutlich bist Du auch dazu zu dumm. Jetzt sagst Du mir, was Du einkaufen solltest.“ Des Vaters Hand bewegte sich langsam zum Bund seiner Hose.

(„Nicht der Gürtel...“)

„Apfelsaft – zweimal
Dosenmilch – einmal
Eier – 10 Stück
Evian – ein Sixpack
Mehl – zwei Kilo
Milch – zweimal
Salz – 2 Pakete
Vollkornbrot – das Schwarze ohne Rinde
Zucker – 2 Kilo“

„Und was hast Du nun vergessen?“
„Nichts!“
„Du fauler Lügner, Du!“ Ein weiterer Schlag mit dem Küchentuch. „Wo ist das Baguette?“

Marc schüttelte den Kopf.

(„Ade-Emm-SVZ – mehr nicht...“)

„Du meinst also, ich sei ein Lügner?“ René zog den Gürtel aus der Hose und legte ihn doppelt. „Also?“

„Ich habe es vergessen!“
„Weil Du frisst und frisst und frisst... und Dir Dein Gehirn verfettet.“ Er sah Marc an, der an seiner blutenden Lippe lutschte und zu Boden starrte. „Sieh mich an, wenn ich Deine Strafe festlege.“

Marc sah auf, aber er konnte seinen Vater nicht ansehen. Zu sehr verachtete er diesen Mann.

„Dann lege ich eben noch was drauf.“ Ein selbstgefälliges Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Fünf Tage Wasser und Brot. Ach zu dumm... Brot hast Du ja vergessen. Dein Pech! Dann eben nur Wasser. Sag Deiner kranken Mutter, ich meine das ernst. Sie soll nicht versuchen, Dir hinten rum was zuzuschieben. Ich merke alles!“

Karo Offline

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18.05.2019 23:23
#313 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

REMSCHEID


April 1.11 – Schwimmbadbesuch



Gretchen hatte Glück und am Vormittag des Ostersamstags erstand sie einen Badeanzug. Das Thema Bikini hatte sie schnell sein gelassen. Die Verkäuferin war entsetzt gewesen. „Aber Mädchen – mit Ihrer Figur... die können Sie doch zeigen...“

(„Nee, Gretchen. Das geht gar nicht. Total bescheuert... früher fandst Du Dich zu dick, jetzt bist Du zu dünn dafür. Mal abgesehen von der Bauchnarbe.“)

Frau Reissdorf hatte ihr im Café erzählt, dass sie mit ihrer Kurkarte ein günstiges Dauerticket für den Klinikaufenthalt bekommen würde – Voraussetzung war allerdings eine Unbedenklichkeitserklärung des Arztes. Das eine hatte sie, das andere nicht. Während über die Ostertage würde sie das wohl auch nicht bekommen.

(„Egal. So viel wird ein Schwimmbadeintritt ja wohl nicht kosten.“)

Tat es doch. Gretchen war entsetzt, als die Kassiererin den Preis nannte.
„Entschuldigung – ich habe 22 Euro verstanden.“
„Das habe ich auch gesagt. Tagesticket für alles – 22 Euro.“
„Was ist denn für alles?“
„Sauna, Fitness, Teilnahme an Sportkursen...“
„Eigentlich wollte ich nur schwimmen.“
„In den Osterferien ist das nicht möglich. Normalerweise geht das schon.“
„Was muss ich denn dann für das Dauerticket bezahlen, wenn ich nächste Woche die Unbedenklichkeitserklärung mitbringe?“
„Sie sind „von oben“? Sagen Sie das doch. Dann kostet das Ticket pauschal für jede Woche 50 Euro.“
„Ich habe aber die Kurkarte nicht dabei. Und über die Feiertage bekomme ich diese Erklärung auch nicht.“
„Ich sehe Sie nächste Woche wieder?“
„Vermutlich morgen schon.“
„Dann zeigen Sie mir die Karte eben dann.“ Sie nahm lächelnd Gretchens 50-Euro-Schein und tauschte ihn gegen ein Wochenticket.

(„Gott sei Dank!“)

„Vielen Dank!“

(„22 Euro für ein Tagesticket... die haben sie ja nicht mehr alle!“)

Sie trat durch die matte Glastür und der Geruch von Chlor schlug ihr heftig entgegen. Sie rang nach Luft.

(„Oh Gott... vielleicht bekomme ich gar keine Unbedenklichkeitserklärung?!“)

„Ist alles gut bei Ihnen? Ist ein bisschen viel Chlor im Wasser gelandet, deswegen ist das Freibad bereits vor dem 1. Mai geöffnet.“ Ein durchaus attraktiver Bademeister stand vor ihr und sah sie besorgt an.

„Freibad? Es regnet doch.“
„Bei Sonne kann ja jeder. Das Wasser ist draußen genauso warm wie hier drinnen.“
„Okay...“

(„Warm? Der spinnt wohl. Das Wasser ist eisig kalt!“)

Wenige Minuten später schwamm sie die erste Bahn.

(„Früher hast Du zwei Bahnen in einem Bruchteil dieser Zeit geschwommen. Jetzt bist Du nach zwei Bahnen schon völlig ausgepowert.“)


Das Haus der Meditation war dann ganz nach Gretchens Geschmack. Ein weiterer ausgesprochen gut aussehender Angestellter hatte ihr ein flauschiges Saunatuch gegeben. Nun lag sie völlig entspannt und mit sich und der Welt zufrieden auf einer körpergerecht geformten Holzliege, begleitet von einzigartigen Klanginstallationen.

Karo Offline

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18.05.2019 23:34
#314 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

REMSCHEID

April 1.12 – Marc und Gretchen telefonieren



„Marc!“
„Hey Prinzessin. Du klingt gut, hattest Du einen schönen Tag?“
„Ich habe doch noch gar nichts gesagt?“
„Ein Wort reicht für die Stimmanalyse.“ Marc lachte. „Also?“
„Ich war im Schwimmbad. Also eigentlich mehr im Drumherum.“ Gretchen lachte. „Gerade mal zwei Bahnen schaffe ich, ohne dass ein Retti ins Wasser springen muss.“
„Ein Retti?“
„Rettungsschwimmer.“
„Mit Bademeister hätte ich etwas anfangen können.“ Auch Marc lachte leise. Der wohlige Klang der geliebten Stimme beruhigte ihn außerordentlich. Gretchen war schließlich nicht gerne in Remscheid.
„Oh... weit gefehlt. Bademeister sind dickbäuchige alte Männer. Zumindestens die, dich ich von früher kenne. Das hier sind definitiv keine Bademeister. Vermutlich müssen sie beim Vorstellungsgespräch nackig einen Fitnesstest absolvieren.“
„Soso.“ Marc lachte. „Ich bin gerade mal zwei Tage von Dir weg und Du guckst nach Kerlen?“
„Attraktiven Rettungsschwimmern, Marc.“
„Das macht keinen Unterschied.“
„Doch...“ Gretchen kicherte. „Sie sind nur geringfügig bekleidet.“

Ihm fiel das Telefongespräch von Hamburg ein. Sollte er es wagen?
„Oh... das bin ich auch!“

Einen Moment war es still und er ärgerte sich schon über seine vorschnelle Äußerung. Doch Gretchen überraschte ihn.
„Geringfügig? Das möchte ich jetzt schon genauer wissen.“
„Bitte?“
„Und wehe Du vergisst was. Du weißt, ich bin Detailverliebt. Schatz!“

(„Geil! Hoffentlich schläft Oma schon!“)

Eigentlich war Marc froh gewesen, dass das Telefonat so schnell in eine bestimmte Richtung abgedriftet war. Gretchen wusste nichts von seinem Besuch auf Rügen. Das war erstmal nur seine Sache. Er hätte zu viel erklären müssen.
Beide hatten sichtlich Spaß – Gretchen etwas mehr, weil sie sich einfach nur Marcs Stimme hingab. Marc etwas weniger – auch wenn Gretchen zu 101 Prozent entspannt schien achtete er sehr genau auf seine Wortwahl.

Nach einer guten Stunde meldete Marcs Akku, dass es Zeit wurde, das Gespräch zu beenden.
„Marc – wirst Du Papa sehen?“
„Deinen Vater? Wieso...?“
„Wenn Du schon in Berlin bist...?“
„Ich glaube nicht, dass ich zum Krankenhaus fahre. Nein. Ich möchte nicht wissen, was da los ist.“
„Hm, das kann ich verstehen. Rufst Du wieder an?“
„Ganz bestimmt. Was machst Du morgen?“
„Ich habe ein Wochenticket bezahlt. Für Reha-Gäste gibt es einen Sondertarif.“
„Der Tarif schließt bestimmt das Angucken von Bademeistern aus.“ Er sagte es im Spaß, doch irgendwie passte ihm das nicht, dass Gretchen andere Männer ansah. Natürlich merkte sie es.
„Du bist eifersüchtig?!“

(„Ich glaube es ja nicht!“)

„Nein!“

(„Jippieh! Marc ist eifersüchtig. Wegen mir!“)

„Wohl. Und irgendwie bekomme ich gerade Herzklopfen deswegen.“
„Du bist halt meine...“ Den Rest verschluckte die Technik.

(„Scheiß-Akkus... das hätte ich jetzt gerne noch gehört!“)

Als Marc das Handy nach 10 Minuten Ladevorgang wieder einschaltete, erklang ein Ton, den er schon lange nicht mehr gehört hatte.

(„SMS?“)

Ich hätte gerne das Ende Deines Satzes gehört. Vielleicht sowas wie ´Ich liebe Dich`! Das tue ich nämlich. Ich liebe Dich! Gretchen

Hasenzahn... Du bist halt meine Ich liebe Dich? Das würde ich nie sagen. Marc

(„Was für ein Idiot!“)

Ihr Handy kündigte eine weitere SMS an.

Du bist halt meine erste und einzige große Liebe. Ja, ich liebe Dich. Marc

Zufrieden, Hasenzahn? ;-)

(„Na warte...“)

Nein.

(„Jetzt kannst Du mal kurz zappeln.“)


(„Nein?!“)

Nein, Marc. Ich bin mehr als zufrieden. Ich bin glücklich. Gretchen

(„Strike!“)


(„Chapeau, Prinzessin!“)


Etwa 700 Kilometer trennten zwei schlafende Menschen. Einen Mann im Norden und eine Frau im Westen Deutschlands. Beide waren nach ihrem Telefongespräch textilfrei. Und auf beiden zufriedenen Gesichtern lag ein glückliches Lächeln.

Karo Offline

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18.05.2019 23:49
#315 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 1.13 - Traum Osterfeuermeile


„Ich habe eine Überraschung für Dich.“
„Einen Kuss?“ Sie hatte ihm ihre Lippen entgegengedrängt. Rote sinnliche Lippen, denen er nie wiederstehen konnte.
„Nein, aber wenn Du damit zufrieden bist, dann können wir auch hier bleiben.“
„Wieso? Was hast Du vor?“
„Nein, Hasenzahn. Dann ist es keine Überraschung mehr. Also... in 20 Minuten fahren wir los. Zieh Dich warm an!“
„Outdoor?“ Sie sah ihren Freund zweifelnd an.


(„Ein kuscheliges Bärenfell vor dem brennenden Kamin wäre jetzt eher nach meinem Geschmack!“)

„Vergiss den Kamin, Hasenzahn. Das ist etwas für Winter!“
„Es ist Winter, Marc.“

Gestern hatte es tatsächlich nochmal geschneit und die Ostseeinsel in eine zarte Decke aus Puderzucker gehüllt. Über Nacht war es wieder sehr kalt geworden, unter null. Und jetzt wollte dieser Mann diese wundervolle Gelegenheit zu einem romantischen Kaminabend verstreichen lassen. Schlimmer noch – er wollte raus?

„Es ist wundervoll. Ich liebe es, wenn die Dünen Schnee bedeckt sind und der gefrorene Sand unter meinen Füßen knackt. Ich kann mich an einen Winter erinnern, als die Ostsee zugefroren war. Eine Zauberlandschaft mit total skurrilen Eisformationen. Als wären die Wellen beim Heranrollen eingefroren.“
„Ich bevorzuge eine Mindesttemperatur.“
„Ich weiß das, Prinzessin. Vertrau mir – Du wirst es mögen!“

Sie sah nicht, dass es bereits dämmerte. Sie sah nicht, dass sich der Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Binzer Strandes befand. Sie wusste nicht mal, dass sie in Binz waren, denn Marc hatte ihr die Augen verbunden.


(„Na toll, das hast Du nun davon, Gretchen Haase. Du dumme Kuh! Jetzt sitzt Du hier blind und orientierungslos. Hilflos...“)

„Aussteigen Prinzessin.“ Marcs Stimme klang freudig erregt. Vielleicht gab es doch keinen Grund zur Beunruhigung.
Sie hielt im auffordernd die Hand entgegen.
„Natürlich.“ Er grinste. Er wusste genau, wie sich Gretchen gerade fühlte. In seiner Brust klopfte ein aufgeregtes Herz, pumpte Glück und Vorfreude gleichermaßen durch seine Adern. Sie hatte sich darauf eingelassen. Es war ein spontaner Einfall gewesen, eine spontane Bitte:

„Darf ich Dir die Augen verbinden? Es soll doch eine Überraschung sein.“
Sie wollte „nein“ sagen. Sie wusste, dass sie „nein“ sagen durfte. „Ja...“ Es war ein zögerndes „Ja“ gewesen.

Die Zärtlichkeit, mit der er ihr die Augen verbunden hatte, war überwältigend. „Danke.“ Er wusste, dass ihre Zustimmung Beweis dafür war, dass sie ihm vertraute. Mehr, als sie selbst gedacht hatte. Denn eigentlich hasste Gretchen das Gefühl, ausgeliefert zu sein.

Dann saß sie im Auto und Marc startete den Wagen.


(„Jetzt entführt er mich!“)

(„Wenn es überhaupt Marc ist...“)

(„Wer soll es denn sonst sein?“)

(„Die Welt ist voller Irrer! Bestimmt bringt der mich irgendwohin, wo mich niemand findet. Er will mich vergewaltigen. Und bestimmt lässt er mich dann verhungern. Die einzige Zeugin...“)


Marc spürte die Unruhe, die seine Beifahrerin überfiel. „Prinzessin, streck mal die Hand aus. Etwas mehr rechts – ja. Vielleicht ist Dir gerade nach Schokolade?“

(„Ist das ein Herz?“)

Sie zögerte und Marc grinste wieder. „Edel-Vollmilch. Kein Gift!“

Wieder tastete ihre feine Hand die Form entlang. „Aber es ist ein Herz?“

„Genau. Es ist ein Herz. Meins habe ich schon vor langer Zeit verschenkt!“ Da sie an einer roten Ampel standen nutzte Marc die Gunst der Minute und beugte sich zu Gretchen. Ein einzelner, unglaublich zarter Kuss löste – trotz dicker Winterjacke – eine angenehme Gänsehaut aus. Während ihr Körper eine gewisse prickelnde Aufgeregtheit entwickelte, sorgte Marcs Geruch für eine kurze Entspannung ihrer Nerven.
Schließlich zupfte sie das dünne Aluminiumpapier von der Schokolade. „Nur weil es so schnell schmilzt. Hm... gute Sachen schmelzen halt schnell.“
„Du schmilzt also auch schon?“ Wieder jagte ihr seine kehlige Stimme einen Gänsehautschauer über den Körper.


Marc war ganz Kavalier und half Gretchen aus dem Auto.
„Marc...?“
„Es liegt ganz bei Dir.“ Natürlich hatte er ihre Frage verstanden. Gretchen zögerte.
„Ich weiß nicht...“
„Bis zur Überraschung haben wir noch einen kleinen Fußmarsch vor uns. Lässt Du die Augen verbunden nehme ich Dich ganz fest in den Arm und Dir kann nichts passieren. Möchtest Du sie ablegen – hm dann auch.“ Er stand vor ihr und zog sie an sich. Hielt sie ganz nah bei sich. „Fairerweise muss ich sagen, dass hier eine große Anzahl Menschen um uns herum ist.“


(„Ich kann ihm doch die Überraschung nicht kaputt machen.“)

(„Aber mit verbundenen Augen hier in aller Öffentlichkeit herumzulaufen?“)

(„Wie wäre es mit Vertrauen, Gretchen Haase?“)


„Okay.“

„Gut.“ Er belohnte sie mit einem atemraubenden Kuss. „Du darfst Dich jederzeit um entscheiden.“
„Auch wenn ich Dir damit die Überraschung kaputt machen würde?“
„Auch dann. Aber in Dir drin weißt Du sehr genau, dass ich Dich nicht quälen möchte. Nicht mal für eine Überraschung.“
„Du bist der tollste Freund der Welt!“
„Ich arbeite dran!“

Sie fühlte. Unter ihren Füßen... das war doch... Sand?
Sie lauschte. Die Brandung rauschte. Fröhliche Menschenstimmen.
Sie roch. Ihn, der sie wie versprochen sicher führte. Feuer? Schwenkgrill? Glühwein? Und immer wieder der salzige, leicht modrige Geruch nach Meer.


(„Oh Gott, das ist Wahnsinn. Ich will mehr!“)

Ein Fest für die Sinne und sie fühlte sich wohl. Warm angezogen, neben sich den schönsten Mann der Welt. Das konnte sie selbst mit verbundenen Augen sehen. Die Kälte des Abends biss ihr in die Haut. Angenehm? Ein erregender Kontrast aus Kalt und Warm. Und immer wieder die wechselnden Gerüche und die heiteren Stimmen anderer Menschen.

„Wir sind da, Prinzessin.“


(„Er ist aufgeregt. Oh Gott, was ist wenn es mir nicht gefällt?“)

(„Ganz ruhig Gretchen. Schon bis hierhin war es doch okay...“)


„Okay?“ Was sollte sie auch sonst sagen.

Er stellte sich hinter sie und schlang seine Arme um ihren Körper. Sie fühlte seine Wange an ihrer. Ein Hauch einer Liebkosung. Noch zarter sein warmer Atem an ihrem Ohr. „Danke für Dein Vertrauen. Du machst mich unendlich glücklich.“
Einen Moment verharrten sie. Ihre Körper waren durch dicke Kleidung voneinander getrennt, aber beide fühlten sich so nah wie nie.
„Bist Du bereit?“ Er löste die Umarmung und fast hätte sie protestiert. Vorsichtig öffnete er die Augenbinde. „Mach die Augen zu – bitte.“ Seit wann war Marc heiser?

Nun stand sie da. Gretchen vermutete, dass es einer der typischen Strandzugänge war.

Sie hielt ihre Augen geschlossen. Marc stand wieder hinter ihr und legte erneut seine Arme um sie. Sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter.
„Willkommen auf der Osterfeuer-Meile.“

Sie öffnete ihre Augen. „Marc...“
Sie strahlte ihn an und sein Herz schlug einen Purzelbaum.


(„Sie mag es!“)

Marc und Gretchen standen noch lange so eng umschlungen auf der Stranderhöhung. Vor ihnen brannte eine Vielzahl von Osterfeuern, den ganzen langen Uferbereich entlang. Jedes dieser Feuer spiegelte sich in Gretchens Augen und Marc war gefangen von den vielen Sternchen, die im Blau ihrer Regenbogenhaut funkelten.

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18.05.2019 23:53
#316 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

HAMBURG


April 1.14 – Oster-Haase



„In jedem Fall muss Franz wohl jetzt weiter suchen.“
Familie Haase-Temelova war zum obligatorischen Osterfrühstück bei Elfriede Haase eingeladen. Ihr zweitgeborener Sohn rieb sich triumphierend die Hände, als er von seiner Neueinstellung erzählte.
„Was hat Franz denn damit zu tun?“
„Er hätte Doktor Meier liebend gern zurückgenommen. Aber was hat er schon zu bieten?“
„Ich dachte, Professor Neuroth hätte den Kontakt hergestellt?“
„Ja, aber Doktor Meier war Oberarzt bei meinem werten Bruder, als der sich flach gelegt hat, sogar sein Leitender Oberarzt.“

„Hans!“ Elfriede hatte seinen Hass auf den älteren Bruder nie nachvollziehen können. „Franz war ernsthaft krank. Egal, wie Du das siehst, ich verbitte mir solche respektlosen Äußerungen. Und Doktor Meier wäre sonst nach Berlin gegangen?“
„Vermutlich?“
„Und deswegen vertraust Du ihm gleich die ganze Chirurgie an? Wie alt ist er? Dreiunddreissig?“
„Mutter, ich bin Chefarzt. Ich kann die Chirurgie nicht zusätzlich und nebenbei leiten.“
„Dein Bruder hätte es gekonnt.“
„Pfff... guck Dir den alten Kasten doch an. Er rennt sich zu Tode und was hat er davon? Durchschnittseinkommen und Herzinfarkt.“
„Langjährige, loyale Mitarbeiter. Mehrfach beliebtester Professor seiner Uni. Immer wieder kommen die besten Ärzte aus seiner Ausbildung.“
„Dann sage ich doch nochmal Danke schön – der Beste arbeitet ab Mai bei uns!“

„Er hat noch nicht unterschrieben...“ Nun mischte sich auch Ljudmila ein, die sich bisher zurückgehalten hatte. Aus dem Streit hielt sie sich meistens heraus. Sie teilte zwar die Meinung ihres Mannes über den Berliner Haase-Zweig aber sie würde sich nie zu negativen Bemerkungen hinreißen lassen – schon gar nicht vor ihrer Schwiegermutter.

„Hat er nicht?“ Das interessierte nun die älteste Tochter, Larissa.
„Nein, er wollte das Forschungsprojekt von Wido berücksichtigt haben. Er wird uns den Vertrag mit Ergänzung nach seinen Vorstellungen übernächste Woche mitbringen.“ Die schlanke Russin sah den zweifelnden Blick ihrer Tochter und Schwiegermutter. „Er kommt in zwei Wochen nochmal, ein Makler ist bereits beauftragt, passende Wohnungen zu finden. Er springt nicht ab.“

„Es sei denn, Franz hat seine Finger im Spiel und Doktor Meier ist seine Spielfigur.“

„Hans... vom Schach hast Du keine Ahnung! Überlass das bitte mir! Elfriede, Doktor Meier ist definitv sehr jung. Allerdings arbeitet Wido sehr gerne mit ihm zusammen und deswegen hat er sich an uns gewandt – dass Doktor Meier weiterhin in seiner Studie berücksichtigt werden kann. Vor allem kann er wohl sehr gut mit den Assistenzärzten, was nur gut für Larissa sein kann.“

Nun lachte die Jüngste am Tisch. „Und wenn nicht Larissa, dann kommt ja Tanja demnächst an den Start.“

„Natalie!“

„Ich habe doch Recht. Deswegen habt ihr sie ihm ja gleich vorgestellt. Vor allem – sie wären ja beide nicht abgeneigt! Das habe ich gehört!“
„So ein Quatsch!“ Larissa fand das gar nicht lustig. Tanja grinste nur vielsagend.

„Siehste!“

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18.05.2019 23:57
#317 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 2.1 - Tagebuch


Liebes Tagebuch
,

dieses Schwimmbad ist ein richtiger Sechser im Lotto. Nicht nur weil man wirklich eine tolle Zeit haben kann, sondern weil es richtig was zu gucken gibt.
Bestimmt gab es früher schon Körperbau als Einstellungskriterium. Man erinnere sich an Baywatch.

In neun Staffeln – die Nummern 10 und 11 vergessen wir mal, da sie nicht mehr in Malibu spielten – wurden perfekte Körper demonstriert, die eben nicht nur gut aussahen, sondern auch wirklich etwas Sinnvolles taten. Leben retten.

Mein Malibu war das Strandbad „Offene See“, wo ich meinen Idolen um Mitch Buchannon nacheifern wollte.

Ich hatte Mama nicht überzeugen können, mir den obligatorischen knallroten Badeanzug zu kaufen und kurzerhand versucht, meinen rosafarbenen rot zu färben. Im Wasser hinterließ ich dann plötzlich eine deutliche rote Spur – natürlich und wie konnte es anders sein, war auch Marc Meier ausgerechnet an diesem Tag am Wannsee mit seinen Kumpels baden.

„Moby Dick blutet aus – Rettet Moby Dick“ schallte es noch lange hinter mir her.

Natürlich hat er nicht mehr mitbekommen, dass ich in meinem roten Badeanzug, den Oma mir dann geschenkt hat, sehr erfolgreich war. Sicherlich kam ich nicht wie Mitch und seine Badenixen zu Weltruhm, aber ich bin vermutlich auch keine publikumswirksame Sexbombe à la Erika Eleniak, Carmen Electra oder Pamela Anderson. Aber das liegt wohl daran, dass mein Busen echt ist, während in Malibu nur Silikon attraktiv war. Vermutlich auch noch ist. Ob Silikonbrüste besser schwimmen? Traditionell behauptet man das ja von Fett und schwimmen konnte ich immer gut. Ohne Silikon, mit Fett. Obwohl... so fett war ich gar nicht. War aber den Menschen, die ich aus dem Wasser gezogen habe auch völlig egal. Dem Bürgermeister haben meine jugendlichen Brüste in jedem Fall gefallen – als er mir die Medaille umhängte, spürte ich seine Hände sehr deutlich über meine Brüste streichen. Mama hatte es natürlich auch gesehen und danach nannte sie ihn nur noch Doktor Tittus Grabscher. Richtig hieß er Doktor Titus Graber.
Aber er hielt sich nicht lange im Amt, er hatte eine Affäre mit einer sehr jungen Praktikantin. Sie war zwar so gerade volljährig, aber dass er mit ihr auf Stadtkosten auf „Amtsreise in Amsterdam“ war... das wollte man dann doch nicht dulden.

Welche Distanzen habe ich damals beherrscht? Ich glaube, ich muss Mama mal fragen. Sie weiß doch sowas immer. Vielleicht sollte ich sowieso mal wieder zu Hause anrufen. Außer der kurzen Info, dass Marc mich wohlbehalten nach Remscheid gebracht hat, hab ich mich nicht weiter gemeldet.
Pfui, Gretchen. In Zürich hast Du Besserung gelobt und jetzt vergisst Du sie wieder. Aber wenn es doch so viel anderes gibt...

Nein, das sind Deine Eltern! Gretchen Haase, ein bisschen mehr Respekt. Sie hatten jedes Recht, sauer zu sein, weil Du ihnen so wichtiges wie Deine Krankheit verschweigen wolltest. Ich gelobe Besserung. Warum nicht sofort!

Ja, ich bessere mich sofort!
Wieder ein positives Schlusswort!

Machs gut.

P.S. Die Reime passieren spontan, sonst wären sie natürlich besser!

Karo Offline

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26.05.2019 00:33
#318 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 2.2 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


ich habe mich gebessert – und meine Eltern angerufen. Also eher Gina, denn meine Eltern sind nicht da. Über Ostern nach Mallorca geflogen, zu meinem Brüderchen. Ob Jochen schon... Du weißt schon... wir waren gleichzeitig schwanger.
Überhaupt... alle sind schwanger und kriegen Kinder, die sie gar nicht wollten. Doktor Hassmann ist seit März in Schwangerschaftsurlaub und – Gina jetzt auch. Schwanger von Mehdi. So blöd kann man doch gar nicht sein.

(„Vorsicht, Gretchen!!!“)

Vor allem – hat er nicht versucht, mir klar zu machen, dass das Fickding nichts für ihn ist? Und nun? Schwängert er zwei Frauen innerhalb weniger Monate. Noch dazu Freundinnen.
Das passt doch nicht. Ich meine, das ist doch nicht Mehdi? Wo ist der liebe, nette, gute Freund Mehdi Kaan hin und wer ist das an seiner Stelle?
An dem Kind scheint er nicht interessiert zu sein. War Ginas Eindruck. Aber sie ist auch nicht spitz darauf, dass er sich dafür interessiert. Ich glaube, da war Gina schon eher enttäuscht, dass auch Cedric kein Interesse an Mehdis Kind hat. Nicht, dass sie total verknallt in ihn wäre, aber sie scheint ihn zu mögen. Tja... nicht alle sind so großartig wie Marc. Der mich auch mit dem Kind eines anderen genommen hätte. Oder eher – behalten.

Gina hat mir erzählt, dass sie eine Wohnung im neuen Elisabeth-Haus mieten konnte. Das hatte Marc letztes Jahr noch eingefädelt, nachdem das olle Wohnheim abgebrannt war. Nun haben die Angestellten des Elisabeth-Krankenhauses die Möglichkeit, günstigen Wohnraum in der Nähe zu mieten, natürlich hatten die Brandgeschädigten Vorrang.
Sie selbst wohnt nur in der Villa Haase, solange meine Eltern bei Jochen sind. Mama wollte so lange da bleiben, bis das Baby da ist, Papa kann nicht so lange weg, wegen des Krankenhauses.
Plötzlich hatte Gina gelacht.
„Jochen wohnt da in der Nähe, wo Du und Peter immer wart.“
„Andratx?“
„Ja, da irgendwo in einem kleinen Ort an direkt am Meer. Die Eltern von Luisa haben dort eine Strandbar.“

Luisa war wohl Jochens Freundin. Oder sogar Frau? Spanier – vor allem da aus der Ecke – sind doch eher katholisch. Und ein Kind ohne Trauschein?

„Luisa ist seine Frau?“
„Zur Verzweiflung Deiner Mutter wollen die beiden erst heiraten, wenn das Kind da ist.“
„Hm.“
„Mausi, was heißt „Hm“?“
„Jochen sollte sich nicht trauen, sich ohne mich zu trauen.“
„Naja... Du bist ja auch irgendwie nie da.“
„Wie meinst Du das jetzt?“
„Du wirst aus Afrika ausgeflogen, in Malaga notoperiert, dass Du in Zürich im Krankenhaus bist erfahren wir nur durch Zufall und jetzt bist Du wieder woanders, obwohl es Zeit wäre, nach Hause zu kommen.“
„Ich bin in Reha. Ich habe mir Remscheid nicht ausgesucht. Ganz bestimmt nicht! Und jetzt wollte ich einfach nur mal brave Tochter sein und mich melden, da sind Mama und Papa spontan nicht da.“
„Dein Vater kann nicht spontan verreisen, Du hast keine Ahnung, was hier eigentlich los ist.“
„Du meinst, die haben das geplant? Und Du schiebst mir den Schwarzen Peter zu? Das finde ich jetzt unfair.“
„Das Leben ist unfair. Sonst stünde ich jetzt im OP. Was mache ich stattdessen? Werde fetter und fetter...“
„Ich wäre liebend gerne an Deiner Stelle!“
„Mausi, Du bist Du und ich bin ich. Und das alles nur, weil Doktor Kaan meint, die Welt braucht mehr Kinder. Seine Kinder!“
„Du meinst, er macht das mit Absicht?“
„Die AiPlerin ist auch schwanger von ihm.“
„Gina. Das ist doch wohl ein schlechter Scherz?!“
„Nein. Franz hat überlegt, ob er Doktor Kaan Dating-Verbot erteilt, dass er nicht nach und nach die ganze ledige weibliche Belegschaft schwängert.“
„Die Belegschaft belegt.“
„Na Hauptsache Du hast Spaß!“
„Irgendwie schon. Aber ehrlich Gina – das ist doch nicht Mehdi!“
„Das kann ich nicht beurteilen. Ist mir mittlerweile auch egal. Solange er zahlt...“
„Gina, ich schwimme wieder.“

Liebes Tagebuch,
ich musste das Thema Mehdi einfach abbrechen. Allerdings war Gina nicht wirklich begeistert, dass ich etwas gefunden habe, was mir Spaß macht. Naja, wiedergefunden. Das ist aber egal. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag eine Bahn mehr zu schwimmen. Heute waren es vier und ich musste mich wirklich anstrengen. Aber die Belohnung wartete schon auf mich – habe mir zu Ostern eine Massage gegönnt.

„Sie sind von der Rehaklinik?“
„Müssen wir durch einen Gesichtsscan, oder wie?“
„Sie sind jeden Tag hier und haben kaum nennenswerte Muskeln.“
„Sie beobachten mich?“
„Sie sind das Highlight unter den...“
„Burgianern?“
„Äh, ja.“
„Dann haben Sie das große Los gezogen, dass Sie mein Masseur sind?“
„Äh...“
„Also ja. Dann geben Sie mal Ihr Bestes...“

Das hat er wirklich getan. Und da Christian keine anschließende Kundschaft hatte, hat er einfach noch etwas länger gemacht.
Mit der Empfehlung, mich an den Fitnessgeräten zu betätigen.
Igitt...

„Da habe ich keine gute Erfahrung mit gemacht.“
„Da war ich auch nicht Ihr Trainer.“
„Sie sind gar kein Masseur?“
„Doch, genaugenommen bin ich Sportlehrer. Ich hatte aber keine Lust mehr, unerzogene Gören und Flegel an Ringe, Barren oder auf die Turnmatte zu zwingen.“
„Ach so?“
„Ich bin zufällig hier gelandet. Als ich meine Lizenz von der DLRG verlängert habe, habe ich Jan kennengelernt, er ist Rettungsschwimmer hier. Meine Familie fand das nicht so lustig, als ich den Beamtenstatus aufgegeben habe, um etwas anderes zu machen. Naja, bereut habe ich es nicht.“
„Es ist aber schon eher ungewöhnlich. Gerade wenn man eine Familie zu versorgen hat.“
„Wie kommen Sie denn da drauf?“
„Äh, Sie sprachen von Ihrer Familie?“
„Eltern und so...“
„Ach so... tut mir leid, ich habe gedacht...“
„Nein, Gretchen Haase. Ich bin nicht gebunden. Weder an eine Frau oder Freundin, noch an Kinder oder sowas.“

Wie er das sagte, war sein Hinweis schon sehr eindeutig. Wie auch immer. Morgen Abend habe ich wieder einen Termin bei ihm. Im Fitnessstudio...
Ich darf die Unbedenklichkeitserklärung nicht vergessen. Ich denke doch, dass ich morgen einen Arzt sehen werde...
Ob ich mir das auch selbst schreiben kann? Bin ja Arzt. Obwohl... allerdings immer noch ohne Facharzt. Kann ja nicht jeder so schnell sein wie Marc. Außerdem hat er zwei. Kann mir ja einen abgeben.
Oh Gretchen, das sagst Du besser nicht. Das wäre Anlass für ihn, mich permanent aufzuziehen. Zu Recht wahrscheinlich.
Juhuu... wenn man vom Teufel spricht – ruft er an.

Bis bald!

Karo Offline

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26.05.2019 00:43
#319 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.3 – Marc und Gretchen telefonieren



„Woher wusstest Du, dass ich gerade an Dich denke?“
„Wie? Denkst Du nicht immerzu an mich?“ Marc lachte. „Hallo Prinzessin. Wie ich höre geht es Dir auch heute gut?“
„Ja. Dir auch, oder?“
„Ja! Gretchen, wie sieht denn Dein Tagesablauf aus? Speziell morgen und übermorgen?“
„Frühstück, Anwendung. Mittagessen, Anwendung. Kaffeetrinken, Schwimmbad. Bett.“
„Ah... ich habe die Lücke gefunden – darf ich Dich zum Abendessen einladen?“
„Morgen schon? Äh, ich meine ja natürlich. Gerne! Aber warum...?“
„Wenn Du einverstanden bist, bleibe ich zwei Nächte. Weil ich es wohl auf dem Weg hoch eher nicht nochmal schaffen werde.“
„Dann wechselst Du so schnell?“
„Ja. Professor Stricker kann es ja gar nicht erwarten, mich los zu werden.“
„Papa könnt es gar nicht erwarten, Dich wieder zu haben.“
„Hat er das gesagt?“
„Nein. Aber ich habe mit Gigi telefoniert. Sie hütet das Haus, während meine Eltern bei Jochen sind.“
„Hast Du gar nicht erzählt...?“

Gretchen hörte die Frage in der Feststellung von Marc.
„Hab ich nicht gewusst. Ich wollte eine folgsame Tochter sein und mich melden.“ Sie machte eine Pause, holte Luft. „Das Baby ist noch nicht da.“ Eine erneute Pause. „Marc?“
„Ich bin noch da...“
„Wusstest Du, dass Gina schwanger ist?“
„Bitte?“ Der Chirurg verschluckte sich heftig. „Was?“ Keuchte er. „Von wem?“
„Mehdi.“
„Der ist doch verrückt. Hm... als ich nach Zürich gegangen bin... da hat Mehdi mich nochmal besucht. Keine Ahnung, warum, hm... doch, eigentlich weil er die Schuhe wieder haben...“ Marc stoppte. Gretchen wusste ja nichts von den Babyschuhen. Natürlich hatte sie es mitbekommen. „Was für Schuhe? Hä? Das muss ich nicht verstehen?“
„Nein, musst Du nicht. Aber ich vermute, Du fragst trotzdem weiter.“ Marc lachte. „Mehdi hatte sowas wie einen Altar gebaut. Um das Ultraschallbild herum. Da waren auch die Babyschuhe. Ich hatte sie mitgenommen als ich mit Cedric in meiner Wohnung war. Egal... natürlich haben wir gestritten...“

„Marc – Du hättest es wirklich durchgezogen, oder? Ich meine... das mit uns und dem Baby?“
„Ich hätte es versucht. Gretchen... hör auf an Gabi zu denken. Das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.“
„Eigentlich nicht... wir haben es beide nicht hingekriegt. Ein Kind zu bekommen, meine ich.“
„Hör auf Dir Vorwürfe zu machen. Sie hatte einen Unfall, Du warst krank. Gretchen, es gibt Dinge, die wir nicht in unserer Macht haben.“
„Mein Kopf stimmt Dir zu. Es fühlt sich aber trotzdem anders an. Hast Du die Schuhe in Zürich?“
„Ja. – Ich höre an Deiner Stimme, dass Du gerade irgendwas ausgeheckt hast...“ Marc war erleichtert, dass Gretchen trotz des Themas scherzen konnte.

„Vielleicht geben wir sie Gina... als Wanderpokal?“ Gretchens Stimme klang amüsiert. „Zur Weitergabe an die nächste, die von Mehdi ein Kind bekommt.“
„Die Nächste? Was meinst Du?“
„Die AiPlerin ist wohl auch schwanger. Von Mehdi...“
„Kondome schützen!
„Hör auf... ich habe mir schon was in die Richtung verkniffen. Naja... ich war die ja die erste. Ich darf gar nichts sagen.“
„Also, was ich eben sagen wollte...“ Marc erzählte Gretchen von dem kurzen Gespräch.

„Ich bin der beste Vater der Welt!“
„Das hat sich Anna auch gedacht, als sie abgehauen ist.“ Marc ging wortlos auf sein Auto zu.
Der Halbperser konnte es nicht glauben, dass man ihn einfach so stehen ließ. „Du wirst mir jetzt zuhören!“
„Ich fahre jetzt los! Wenn ich Dir einen guten Rat geben darf – such Dir Hilfe!“
„Ich brauche keine Hilfe. Ich bin Mehdi Kaan. Ich werde es Dir zeigen. Und der ganzen Welt! Ich bin der beste Vater, den ein Kind überhaupt haben kann! Meine Kinder werden die besten sein!“


„Er konnte nicht ertragen, dass ich völlig unbeeindruckt war. Er wurde wütend – hysterisch. Vor allem glaubt er wohl immer noch, dass Du zu ihm kommst.“
„Ganz bestimmt...“ Gretchen lachte schallend. „Hallo? Jetzt, wo ich weiß, wie gut Sex sein kann – beziehungsweise wie gut Sex mit dem richtigen Mann ist – gehe ich auf die Spielstufe zurück? Pfff...“
Auch Marc lachte.

„Du kannst es wohl nicht ertragen, dass wir uns lieben.“
„Ich kann Dir garantieren, dass sie nicht mit Dir schlafen wollte.“
„Blödsinn. Sie war total willig. Geil.“
„Du hast sie abgefüllt.“
„Wieso sollte ich das tun? Das war ein gemütlicher Weinabend.“
„Erstaunlich, dass Du nach drei Flaschen Wein noch einen hochgekriegt hast.“
„Oh, ich hatte nur wenig davon. Sie war einfach nicht zu bremsen, in dieser Nacht.“
„Also doch. Du hast sie abgefüllt, weil Dir klar war, dass sie sonst nie mit Dir ins Bett gegangen wäre. Gehen würde.“
„Weil Du sie versaut hast.“
„Sie weiß endlich, was guter Sex ist.“
„Das sage ich ja: Gretchen und ich machen Liebe, ihr habt Sex.“
„Du hast ihr ein Kind gemacht, mehr nicht. Vermutlich war Dir sogar klar, dass kurz nach ihrer Hochzeit nicht verhütet hat.“
„Meine Sterne standen eben gut.“


„Seine Sterne standen gut? Gleich sagst Du mir, dass Sabine...“ Sie schüttelte sich vor Lachen!
„Gretchen!“ Marc war entsetzt. Diese Vorstellung brauchte mindestens 1000 rosa Ponys um ausgelöscht zu werden.

„Ich gebe Dir einen weiteren guten Rat: Halt Dich geschlossen. Sonst wird man Dir eines Tages Vergewaltigung vorwerfen.“
„Vergewaltigung? Wieso das denn?“
„Du hast sie mit Alkohol betäubt und gegen ihren Willen mit ihr geschlafen. Wie würdest Du das nennen?“
„Liebe machen. Ich liebe sie.“
„Vergiss es. Gretchen und ich gehören zusammen. Wir drei werden zusammen gehören.“


„Das hast Du so gesagt?“ Gretchen wurde warm ums Herz. Nur kurz, dann zogen sich die Eisenringe wieder fest um ihr Lieblingsorgan.

(„Ich habe versagt!“)

„Ich habe es auch so gemeint. Gretchen – vor langer Zeit habe ich mir geschworen, besser zu sein als mein Vater.“
„Wie meinst Du das jetzt?“
„Naja... soweit ich mich an ihn erinnern kann hat er immer nur studiert. Als meine Mutter ihn verlassen hat war er immer noch mit seiner Doktorarbeit beschäftigt – mit 34.“
„Du meinst, dass er Dich zu Deinen Leistungen angetrieben hat?“
„Nicht bewusst. Das ist mir erst vor kurzem wieder in den Sinn gekommen. Ich weiß nicht mehr genau warum.“

(„Okay, Meier. Das war definitiv gelogen!“)

„Und Du wolltest auch als Vater besser sein als er!“

(„Ich habe diesen Mann nicht verdient...!“)

„Vermutlich...“

Gretchen merkte, dass für Marc das Thema beendet war. „Ich freue mich auf Dich, Marc.“ Sie kicherte übermütig. „Dann zeigen wir Doktor Kaan mal wie man Liebe macht! Ach nee... wir haben ja nur Sex... egal. Hauptsache es ist mit Dir!“
Marc entspannte sich wieder. Natürlich war ihm klar, dass Gretchen weitere Fragen hatte. Doch diese würde sie nie am Telefon stellen. „Ich freue mich drauf.“ Der Chirurg lachte.
„Duuuu...“
„Ja was...“
„Dann erkundige ich mich mal nach einem einsamen Hotelzimmer.“
„Schalldicht würde reichen.“
„Du mich auch!“
„Morgen bestimmt!“
„Ich freue mich! Gute Nacht, Marc.“
„Schlaf gut, Prinzessin. Vor allem schlaf. Dazu wirst Du dann zwei Nächte nicht kommen!“
„Hauptsache ich komme... äh...“ Gretchen merkte zu spät, was ihr da über die Zungenspitze gerutscht war. Sie wurde knallrot.

(„Gut, dass Marc mich nicht sehen kann!“)

Besagter Marc bäumte sich vor Lachen auf. „Ich denke, das kriege ich hin. Das ist übrigens kein Grund, rot zu werden.“
„Bin ich nicht.“

„Klar, Hasenzahn.“
„Wirklich!“
„Und morgen machst Du Deinen Facharzt...“
„Nein. Morgen schlafe ich mit einem!“

(„So...jetzt sag mal was...!“)

(„Was soll ich da noch sagen...?“)


„Bis morgen, Marc. Du Facharzt.“

Wieder lagen zwei Menschen lächelnd auf ihren Betten.

(„Ich liebe sie!“)
(„Ich liebe ihn!“)

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26.05.2019 00:45
#320 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.4 – Staudamm



„Hallo mein Schatz.“ Endlich konnte er sie wieder in die Arme schließen. Und auch Gretchen genoss die Umarmung ihres Liebsten und schmiegte sich eng an ihn.
„Du hast es wirklich so früh geschafft.“
„Natürlich, ich muss ja erstmal die Bademeister unter die Lupe nehmen.“
„Rettungsschwimmer.“
„Ja... und den Rest.“
„Und ob Du eifersüchtig bist.“ Ihr Kuss verhinderte auch nur den Ansatz eines Protests.

Gretchen hatte ihre wenigen Anwendungen verlegt und nun hatte sie den Nachmittag frei. Marc hatte trotz zu Ende gehender Osterferien eine gute und vor allem schnelle Fahrt gehabt, sodass sie den Rest des Tages Zeit für einander hatten.
„Und Du bleibst wirklich für zwei Nächte?“ Sie strahlte ihn an.

(„In ihrer Nähe scheint auch bei diesem strömenden Regen die Sonne.“)

„Hast Du nicht gesagt, Du arbeitest an Deiner Kondition?“ Er verlangte erneut nach einem Kuss der Lippen, die er so liebte.
Gretchen lachte. „Dass ihr Männer euch alle für meine Fitness interessiert...“
„Ihr Männer?“
„Ja. Du, der Ernährungsfuzzi hier und der Trainer im Schwimmbad.“
„Ich muss wohl meinen Prüfungskreis erweitern. Nein – ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin nur gerne informiert.“
„Natürlich.“ Gretchen schmunzelte und schüttelte sich vor Lachen. „Komm, ich zeige Dir erstmal, wo Du schläfst.“ Sie nahm auf dem Beifahrersitz Platz. „Da lang.“

Wenig später staunte Marc. „Es ist gut, dass Du wieder angefangen hast zu schwimmen!“ Vor ihnen lag der Stausee der Wuppertalsperre. Nach den intensiven Regenfällen der letzten Woche war das Rückhaltebecken sehr voll.

Das Hotel war einfach aber komfortabel. Vom Zimmer im zweiten Stock hatte man einen guten Blick über die Staumauer und weite Teile des Sees. Marc stand am Fenster und konnte seine Augen kaum von dem Bauwerk nehmen.
„Wie ich sehe habe ich das Richtige getroffen?“ Gretchen umarmte Marc von hinten und legte ihren Kopf zufrieden an seiner Schulter ab. Sie spürte sein Herz schlagen. Sie hörte den Atem in seiner Lunge. Mehrere kurze Atemzüge. Bevor sie überlegen konnte, was Marcs kleine Unruhe ausgelöst haben könnte, hörte sie seine Stimme. Zögernd. Leise.

„Als Kind wollte ich Staudämme bauen...“

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26.05.2019 00:54
#321 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.5 – Rückfahrt



Gretchen und Marc hatten wundervolle Stunden zusammen verbracht. 43 Stunden, um genau zu sein.
Nun saß Marc wieder in seinem alten Volvo und fuhr die A3 in Richtung Frankfurt. Am Dreieck Dernbach – wo sie eine gute Woche vorher nach Koblenz abgebogen waren, musste Marc grinsen.

***
„Natürlich wäre ein Hotel außerhalb günstiger gewesen, aber nicht so schön.“ Marc hatte auf das Hotel in der Nähe des Schlosses bestanden. Spätestens nach dem Abendspaziergang war auch Gretchen seiner Meinung. Die hübsche Koblenzer Altstadt, das Deutsche Eck, mit dem Blick auf die Festung Ehrenbreitstein, der Schlosspark, den Glanz früher hier residierender Herrscher widerspiegelnd und schließlich ein wirklich hervorragendes Abendessen.
Gretchen hatte gut durchgehalten, aber jetzt lag sie erschöpft auf dem bequemen Bett und rührte sich nicht mehr.
„Hey Prinzessin?“
„Hm...“
„Du siehst gerade so aus, als sei der Abend schon vorbei?“
„Das kommt drauf an, was Du von mir verlangst.“
„Hm... nichts. Lass mich mal machen...“

Im Gegensatz zum früheren Sex fand Marc sehr großen Gefallen daran, wenn Gretchen sich ihm überließ, sich vertrauensvoll hingab. Bisher hatte Vertrauen keine Rolle gespielt. Bisher war es um Lust gegangen. Körperliche Befriedigung. Mit dieser Frau war zum ersten Mal auch sein Herz involviert. Die eigenen körperlichen Bedürfnisse rückten in den Hintergrund, es erfüllte ihn mit Glück, wenn er Gretchen glücklich sah.

***
(„Konzentrier Dich aufs Fahren, Meier!“)

Er schaltete den Radiosender um, vielleicht fand sich irgendwo ein interessanter Beitrag, dass seine Gedanken im Auto bleiben würden.

„...sprechen wir nach Sanavé mit Africa weiter mit Professor Ingo Mayer über sein neues Buch.“

(„Professor Ingo Mayer?“)

Bevor Marc weiter darüber nachdenken konnte, ob es sich hier um den Autor des Buchs über Alpträume handelte, drangen zarte, fast mystische Töne in sein Ohr.

(„Der Ärzteball...“)

Zu diesem Lied hatte er mit Gretchen getanzt. Er schmunzelte über den Titel „Africa“. Gretchen hatte vermutet, dass der Song aus einer anderen Welt käme, aus Magie entstanden, von Träumen inspiriert. Ihr Auftritt auf dem Ärzteball hatte natürlich für Aufsehen gesorgt. Vater Haase hatte sich nicht lumpen lassen und Gretchen sah aus wie eine Prinzessin. Seine Prinzessin. Sie waren nicht lange geblieben, wie vermutet war es für Gretchen sehr anstrengend. Aber er hatte jede Minute genossen. Jede Minute an der Seite dieser wunderschönen Frau. Sie hatten nur einmal getanzt. Eben zu diesem Lied, das gerade mit den letzten zauberhaften Tönen endete.

„Professor Mayer ist nach wie vor bei uns und beantwortet Ihre Fragen zu dem Thema Alpträume. Eine Hörerin fragt, wie lange es dauert, bis eine Therapie zum Erfolg führt.“

„Hier wäre die erste Frage, was als Erfolg angenommen wird. Erfolg ist ja immer ein sehr dehnbarer Begriff. Genauso wie der Leidensdruck sehr unterschiedlich ist.
Die einen leiden regelmäßig unter Alpträumen, können das aber im Alltag gut wegstecken. Vielleicht ist es nur ein schlechter Traum im Monat, vielleicht einer in der Woche. Diese Menschen werden sicherlich keine professionelle Hilfe suchen. In unserer Praxis haben wir es hauptsächlich mit richtig schweren Fällen zu tun, wo die Alpträume zur Beeinträchtigung des Lebens führen. Die Angst vor Alpträumen verursacht Stress und dadurch Schlafstörungen, also nicht nur unmittelbar durch den Traum. Viele Menschen verweigern den Schlaf komplett. Schlafentzug ist aber ein Foltermittel – in dem Moment wo eine moderne Foltermethode weniger schlimm erscheint als ein Traum brauchen Sie definitv professionelle Hilfe. Man muss schlafen wieder lernen. Träume entstehen in bestimmten Schlafphasen, die es zu vermeiden gilt. In stationären Therapien werden Patienten vor Eintreten dieser Schlafphasen geweckt. Man schläft dann öfter und kürzer, aber insgesamt deutlich erholsamer. Nebenbei müssen Sie sich Techniken aneignen, die einem im Notfall helfen, Auch das muss intensiv gelernt werden.“

„Verstehe ich das also richtig, dass schon das Zurückfinden zu einer guten Schlafhygiene als Erfolg gewertet werden kann?“

„Ja. Und schon ganz viele kleine Dinge vorher. Erfolg ist bei uns schwer messbar, wir haben in dem Sinne keinen Maßstab. Wenn jemand mit der Vorstellung kommt, nach der Therapie ohne Alpträume zu sein, dann haben Sie es schwer. Alpträume sind eine Zusammenfassung der Psyche des Lebens. Gegenwärtige Stressbewältigung ist für uns viel schneller greifbar, da man über das Bewusstsein an das Unbewusste herankommen kann. Meistens basieren Alpträume aber auf Erlebnissen in der Kindheit, das ist richtig viel Arbeit da ran zu kommen. Je älter ein Mensch wird umso ausgefeilter werden seine Techniken sein, diese Erlebnisse zu vergraben.“

„In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Alpträume auch positiv gesehen werden können. Für jemanden, der darunter leidet sicherlich nicht nachvollziehbar.“

„Ja, das ist das am meisten kritisierte Kapitel.“ Professor Mayer lachte. Marc mochte die Stimme des Mannes. Sie war kräftig und warm.

(„Bestimmt hat er Humor!“)

„Wir sprechen gleich darüber, nach Aerosmith mit Dream On.“

(„Sehr geistreiche Titelauswahl...“)

Marc kam gut vorwärts, auch die A 5 war weitestgehend frei. Er erfuhr, dass die Alpträume insofern als etwas Positives gesehen werden konnten, weil sie die wichtige Verbindung ins Unterbewusstsein herstellten. Meistens konnte man im Verlauf der Therapie die unbewussten Ängste ins Bewusstsein holen, der Knackpunkt jeder Traumtherapie. Erst an dieser Stelle machte es Sinn, aktiv die Träume zu beeinflussen. Davon hatte Sabine gesprochen. Das Erfinden von Gegenträumen oder so.

Auf der Höhe von Heidelberg fing der Sender an zu rauschen und Marc sah auf die Uhr.

(„Eine Pause ist gut drin!“)

Dann könnte er die Sendung wenigstens zu Ende hören. Wie er vermutet hatte verabschiedete der Sprecher den Gast kurz vor den Nachrichten. „Vielen Dank Professor Mayer. Für interessierte Hörer habe ich hier noch den Hinweis, dass Professor Mayer noch drei Termine für Lesungen ausstehen hat.“

„Ja das ist richtig. Wir verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Mit meiner Familie verbringe ich quasi Urlaub am Bodensee, von da aus kann ich gut die folgenden Veranstaltungen in Konstanz, Ulm und Stuttgart wahrnehmen.

(„Konstanz?“)


Ist gar nicht so weit!
Untersteh Dich. Oder willst Du noch weiter fallen?
Stimmt... man kann von Zürich aus Hinfallen.
Es bringt Dich aber nicht weiter. Die Alpträume kamen erst mit ihr.
Im Gegenteil. Wenn sie da ist schläfst Du wie ein junger Gott.
Das bist Du eh. Ein Gott in Weiß. Naja... warst Du. Jetzt hast Du wegen ihr auch noch Deinen Job verloren. Eier ab, Job weg... was kommt noch?
Ein neuer und lukrativer Arbeitsplatz. Vermutlich auch deutlich mehr Zeit – nach Rügen ist es dann ein Katzensprung. Wie von Zürich nach Konstanz.
Wir drehen uns im Kreis... das ist der erste Schritt zum Rückschritt.
Das wird die Zukunft zeigen.


Seine berufliche Zukunft lag jedenfalls in Hamburg und auch hier hatte Marc ein gutes Gefühl. Die Stadt war natürlich nicht mit Zürich zu vergleichen aber Hamburg hatte seinen eigenen Charme. Besonders die Speicherstadt hatte ihm gefallen, das Leben, das irgendwie am Wasser zu spielen schien. Hier eine Alster, da eine Elbe. Selbst seine neue Arbeitsstätte lag quasi am Wasser. Marc hatte einen Makler beauftragt, für ihn geeignete Wohnungen zu suchen. Er plante einen kurzen Besuch in der kommenden Woche – per Flug – um sich die Objekte anzusehen. Vermutlich würde es keine Probleme mit seinem Resturlaub geben, von den Überstunden ganz zu schweigen.
Er fügte Konstanz in seinen geistigen Kalender ein, vielleicht war der Termin für ihn machbar.

Was für ein Weichei!

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26.05.2019 00:59
#322 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

April 2.6 - Tagebuch


Liebes Tagebuch,


ich bin so stolz! Ich habe ein Menschenleben gerettet. Also das eines kleinen Jungen, aber das ist wohl auch ein Menschenleben. Er hat mit seinem Bruder fangen gespielt und ist natürlich auf den nassen Fliesen ausgerutscht, mit dem Kopf auf den Beckenrand geknallt und ins Wasser gefallen. Alle – einschließlich den Rettis – waren starr vor Schreck. Nur ich bin gesprungen. Ich war sogar schneller als Marc. War auch gut so, denn ich hätte nicht die Kraft gehabt, den Jungen aus dem Wasser zu ziehen. Ihn an den Rand zu schleppen war schon viel für mich. Marc meinte, der Junge hätte Glück gehabt. Wenn man vom Schlimmsten ausgeht, stimme ich dem zu. Aber Platzwunde, Gehirnerschütterung, Kieferbruch und ein gebrochenes Bein sind definitiv kein Zuckerschlecken.
Marc war total stolz auf mich. Nein, er ist stolz! Das habe ich ihm angesehen. Auch noch, als wir uns verabschiedet haben. Es tut gut, vor den Augen meines Superfreundes ein Leben zu retten. Nicht im OP, sondern zufällig. Vielleicht verdiene ich ihn ja doch ein bisschen.
Das hier war ein kleiner Junge, den ich gerettet habe. Mit unserem Jungen ist mir das nicht gelungen.

Bestimmt wird er mir das eines Tages vorwerfen. Er geht durch die Hölle wegen mir und dann war alles umsonst. Naja... Malaria ist auch Hölle. Im Grunde habe ich ihn mit meiner Krankheit ein zweites Mal durch die Hölle geschickt. Auf direktem Wege in die Hölle. Ich konnte mir noch nie vorstellen, wie mein Onkel im Krankenhaus ist. Er ist so ja schon schrecklich. Und nun fängt Marc bei ihm an. Wobei die Stelle an sich nicht zu verachten ist. Marc war sehr zufrieden, dass er als medizinischer Direktor der Klinik eigenverantwortlich arbeiten konnte.

„Sie geben Dir tatsächlich die ganze Verantwortung?“ Ich konnte es kaum glauben.
„Ich bin der Beste, den sie bekommen können, Hasenzahn.“
„Ja... wie viele meiner Kusinen haben sie Dir vorgestellt?“
„Zwei – wieso? Ach... Du meinst...?“
„Marc. Er hat fünf Töchter. Schöne Töchter. Da ist es doch wohl logisch, gleich an den Fortbestand der Chirurgendynastie zu denken.“
„Ich hatte eher den Eindruck, dass die Chirurgie sie nicht interessiert. Außer der Plastischen Chirurgie.“
„Zwei Fliegen – eine Klappe.“
„Halt Du einfach mal die Klappe, Gretchen.“
„Abe...“

Ich konnte nichts mehr sagen, denn seine Lippen verschlossen meinen Mund für eine lange Zeit. „Außerdem... ich bin ja bereits von eurer Dynastie überzeugt.“
Wie er mich angesehen, umarmt, gestreichelt und geküsst hat. Ja, ich glaube, selbst seine Zunge war stolz auf mich.

Das fühlt sich echt toll an. Ich möchte, dass Marc öfter stolz auf mich ist. Ich glaube, beim Ärzteball war er es auch. Wir waren nicht lange da, aber wirklich jedem sind die Augen aus dem Kopf gefallen. Erstmal weil er mit einer Frau auftauchte – das Gerücht er sei homosexuell kursierte ja schon länger. Aber selbst Doktor Bareilly bekam seinen Mund nicht zu. Das Kleid war aber auch wirklich toll! Marc hat versprochen, sich schnell um Bilder zu bemühen. Papa verdient zu sehen, was aus seinem Geld geworden ist.
Vielleicht versuche ich es nochmal zu Hause. Gina weiß vielleicht schon, wann meine Eltern zurückkommen.

Und dann muss ich mir überlegen, wie ich Marc wieder beeindrucken kann. Sagen wir es anders – ich möchte nicht immer das Gefühl haben, nicht ebenbürtig zu sein. Er ist ein schöner Mann, begnadeter Chirurg und mit 32 schon da, wo viele erst Ü40 hinkommen.
Ich bin definitiv nicht die beste Wahl als Frau an seiner Seite. Seit gestern allerdings schon ein bisschen mehr.

Das nenne ich mal ein positives Ende.

Bis bald

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02.06.2019 19:04
#323 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.7 – Marc und Professor Neuroth



Es war nicht leicht gewesen, das Thema Haase-Berlin zu umschiffen. Professor Hans Haase hatte mehrfach versucht, irgendwas von Professor Franz Haase zu erfahren. Doch Marc war gewappnet und sowieso rhetorisch weit überlegen. Nun hielt er einen lukrativen Arbeitsvertrag in den Händen. Einzig ein Detail fehlte noch. Marc wollte das Forschungsprojekt erwähnt wissen. Der Chefarzt hatte lapidar erklärt, dass er Professor Neuroth bereits seine Unterstützung zugesagt hatte, doch Marc erbat sich Bedenkzeit, um selbst mit dem Studienleiter zu sprechen.

Das tat er noch am gleichen Tag, an dem er zurück in Zürich war. „Er hat Ihnen direkt die ganze Verantwortung übertragen? Ist ja kaum zu glauben.“
„Die Plastische Chirurgie beansprucht eben sehr viel Engagement.“ Marc grinste. Professor Neuroth war ein Chirurg der „alten Schule“ – da hatten Nasenkorrekturen keine Chance.
„Außer sie sind medizinisch notwendig. Ich gratuliere Ihnen, Doktor Meier. Die werden Sie völlig in Ruhe lassen.“
„Das hoffe ich. Allerdings bräuchte ich Ihre Hilfe...“

Kurz erklärte Marc seinem Chef, wie er sich den Passus vorstellte. Der Professor ging nicht auf das Thema ein und sah Marc fast verlegen an. „Sie können sogar direkt anfangen?“
„Ja. Sobald hier alles geklärt ist und ich eine Wohnung habe, werde ich Professor Strickers Bitte, sofort aufzuhören, nachkommen. Ich habe das auch schon durchgerechnet...“

Natürlich hatte der Oberarzt richtig kalkuliert, Urlaubsanspruch sowie Überstunden stellten ihn sofort von der Arbeit frei. Professor Neuroth hatte schon vermutet, dass Marc den Spieß nun herum drehen würde, allerdings...
„Sie haben natürlich Recht und ich habe mit Ihrem schnellen Wechsel rechnen müssen. Allerdings... ich habe zwei größere OPs, bei denen Sie mein Wunschoperateur wären. Nächste Woche ist Doktor Nussbaum ja im Urlaub!“
„Vielleicht kann Professor Stricker die ja übernehmen.“

„Wollen Sie ihn fragen?“ Der Schweizer zog nun streng seine Augenbrauen hoch. Er hatte eher mit einer Frage nach der Art der OPs gerechnet.
„Hm. Das sollte ich wohl tun. Dabei kann ich dem Professor ja gleich die offizielle Kündigung geben.“
„Wollen Sie sich den Ärger nicht ersparen?“
„Nein, Herr Professor. Mit Verlaub – diese Spielregel habe ich nicht festgelegt. Was sind das für OPs?“
„Eine Laminektomie und eine Knochentransplantation nach Osteosarkom.“
„Sie wissen schon, wie Sie mich locken können.“ Marc grinste. „Schade, dass Professor Stricker mich so eilig loswerden will.“
„Aber Sie denken darüber nach?“

Für Marc war es keine Frage, doch er wollte erst noch etwas seinen Triumph genießen. Auch wenn Professor Neuroth es nicht verdient hatte, die Konsequenzen, die der Klinikchef provoziert hatte, auszubaden. Die Patienten schon gar nicht. Doch das war Marc heute ausnahmsweise egal.

„Für wann haben Sie die OPs angesetzt? Ich werde mich nächste Woche mit einem Makler in Hamburg treffen, der geeignete Wohnungen sucht.“
„Die Laminektomie am Montag und die Transplantation am Donnerstag. Aber da würde ich mich auch nach Ihnen richten – Hauptsache Sie operieren.“
„Ich spreche morgen direkt mit der Klinikleitung. Ich sage Ihnen Bescheid. Hm... und die Laminektomie ist der Eingriff der Wahl? Da gibt es doch mittlerweile andere Möglichkeiten...“
Wido Neuroth atmete heimlich auf... Marc Meier hatte angebissen.

Karo Offline

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02.06.2019 19:09
#324 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.8 – Marc und Gretchen telefonieren



Nach dem Gespräch wollte er nur noch zwei Sachen: Nach Hause und schlafen. Er grinste. Ob es Gretchen genauso ging? Sie hatten in beiden Nächten wenig geschlafen.

„Hallo Marc, allmählich mache ich mir Sorgen – bist Du noch unterwegs?“

„Nein Prinzessin. Ich bin gerade zu Hause angekommen. Ich rufe Dich gleich an.“

Das Gespräch war kürzer als sonst. Beide waren geschafft – vom Tag und den Nächten davor.

„Du bist geschafft? Wie viele Bahnen hast Du denn heute geschafft?“
„Meine Bahnen zu ziehen war heute das Entspannende, Marc. Da hatte ich meine Ruhe. Ansonsten hat ständig das Telefon geklingelt, Journalisten waren in der Klinik und ich glaube jeder einzelne aus der Familie des Jungen hat mir Blumen gebracht.“
„Man rettet nicht ungestraft ein Leben...“
„Maaarc!“
„Genieß es Hasenzahn. Nicht alle drücken Dank so aus wie es sich gehört.“
„Das finde ich auch schön, Marc. Nur muss ich immer wieder das Gleiche erzählen... vor allem stellen diese Reporter wirklich dämliche Fragen.“
„Dann bin ich gespannt, was man darüber lesen wird.“

„Ich auch!“

(„Hoffentlich bin ich nachher nicht allzu enttäuscht.“)

Marc hatte den gleichen Gedanken. „Hoffentlich schreiben sie nicht allzu großen Mist! Prinzessin – wie auch immer: Ich bin sehr stolz auf Dich!“

(„Ich habe das so noch nie gesagt. Zu niemandem!“)

„Und das habe ich noch nie vorher zu irgendwem gesagt!“

„Danke.“

(„Ein bisschen kann ich jetzt mit ihm mithalten!“)

„Was machst Du heute noch?“
„Schlafen, Marc. Ich werde gleich nochmal versuchen, zu Hause anrufen, Papa ist heute von Mallorca gekommen. Mama bleibt da und nervt die werdende Familie.“ Gretchen kicherte. „Und Du?“
„Ich werde noch eine Runde joggen gehen. Ich bin zwar total kaputt aber ich habe mich den ganzen Tag nicht wirklich bewegt.“
„Und die Nacht davor auch nicht so viel...“
„Du hast mich ja nicht gelassen.“ Marc grinste. Gretchen hatte ihn sehr überrascht, als sie das Liebesregiment übernommen hatte. Er hatte es einfach nur genossen. Gretchens Aktivität machte ihn sehr glücklich, denn es zeigte ihm, dass sie ihren Körper und dessen Bedürfnisse besser kennenlernte. Und dass sie sich sicher fühlte, auszuprobieren. Sich zu nehmen, was sie wollte.
„Bist Du noch da?“
„Ja – ich habe gerade an Deine Führungsqualitäten gedacht.“
„Marc...“
„Das bin ich. Und ich habe mich gestern sehr wohl gefühlt.“
„Ich auch. Weißt Du... ich war noch nie so... wie eigentlich?“
„Rücksichtsvoll rücksichtslos?“
„Hä?“
„Dir einfach zu nehmen, was Du willst aber immer so, dass ich es genießen konnte.“
„Ach so.“
Marc hörte an ihrem Lachen, dass es ihr immer noch ein bisschen unangenehm war. „Bestell Deinem Vater schöne Grüße, ja?“
„Mache ich. Mach´s gut, Marc.“
„Du auch Prinzessin.“

Karo Offline

PJler:


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02.06.2019 19:14
#325 RE: Story von Karo Zitat · Antworten

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April 2.9 – Marcs Kündigung



Aus dem Chefarztbüro klangen Geräusche, die Marc bekannt vorkamen, die er aber nicht zuordnen konnte.
„Professor Stricker hat einen Termin.“ Die Chefarztsekretärin sah Marc streng über den Rand ihrer schwarzen Lesebrille hinweg an. Wieder war das seltsame Geräusch zu hören.
„Ja, mit mir. Nachdem er sich bereits einmal verleugnen ließ.“
„Er ist ein vielbeschäftigter Mann.“
„Aber er ist da?“ Marc zeigte auf die Tür, hinter der wieder ein Kratzen und ein Plopp erklangen.

(„Bürogolf?“)

„Er hat zu tun. Wenn ich es Ihnen doch sage?“
„Davon würde ich mich gerne selbst überzeugen.“ Bevor die hagere Frau reagieren konnte, hatte Marc bereits an die schwere Eichentür geklopft und war eingetreten.
„Guten Tag, Professor Stricker, bitte entschuldigen Sie die Verspätung, Ihre Vorzimmerdame wollte mir nicht glauben, dass wir einen Termin haben.“
„Haben wir das?“

Marc ließ sich nicht einschüchtern.

„Klären Sie alles mit Professor Neuroth.“

Und abwimmeln schon gar nicht. „Dafür habe ich keine Zeit.“

„Sie haben keine Zeit zu operieren?“
„Ich habe keine Zeit Ihnen hinterherzulaufen. Lust erst Recht nicht. Aber ich halte es für richtig, Ihnen persönlich meine Kündigung zu geben. Wenn Sie mir den Erhalt bitte quittieren würden.“
„Ihre Kündigung?“
„Da warten Sie doch drauf. Sie sind mich quasi sofort los.“

Jetzt wurde der Chefarzt doch hellhörig. „Wie sofort?“ Er nahm das Schreiben entgegen und die waagerechten Furchen auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Zusätzlich erschien eine tiefe senkrechte Spalte, als wollte sie den Schädel mitten hindurch teilen. „So geht das aber nicht! Sie haben eine Kündigungsfrist!“

„Bitte? Ich darf hier arbeiten, bis ich eine neue Stelle gefunden habe. So haben Sie verfügt.“
„Ja, aber unter der Berücksichtigung der Kündigungsfrist. Entsprechend der Regelung beträgt die drei Monate.“
„Entsprechend der Regelung befinde ich mich in der Probezeit, während der das Arbeitsverhältnis ohne Angabe von Gründen jederzeit beendet werden kann.“ Natürlich war Marc vorbereitet.
„Und Ihre Rechnung hier, mit den Stunden, das muss ich natürlich erstmal prüfen.“
„Die hat bereits Professor Neuroth bestätigt.“
„Das geht nicht. Sie sind für zwei Operationen eingeteilt.“
„Nein, Herr Professor, das bin ich nicht. Im Gegensatz zu Ihnen dreht sich Professor Neuroth nicht alles so wie er es gerne hätte. Er hat mich über die beiden Fälle informiert und mich um Unterstützung gebeten. Damit mein Anspruch auf Freizeitausgleich nicht verfällt, gäbe es bestimmt einen Weg, die übrig bleibenden Tage auszugleichen.“
„Sie wollen Geld?“
Marc nickte. Einmal, ganz langsam und bedeutsam. „Ich sehe, wir verstehen uns.“
„Das haben wir ja noch nie gemacht.“
„Wenn andere darauf verzichten ist das deren Sache. Fair ist das nicht und ich akzeptiere das so nicht. Allerdings musste ich damit rechnen, da Sie ja auch Frau Doktor Wyss einigen Freizeitausgleich gestohlen haben. Hier ist also mein Vorschlag.“ Er reichte dem Chef des Universitätsspitals einen weiteren Umschlag. „Überlegen Sie es sich nicht zu lange. Der Vorschlag ist nicht diskussionsfähig. So oder gar nicht!“

Marc drehte sich zur Tür. „Verändern Sie den Winkel des Schlägers, dann erwischen Sie nicht immer den Boden! Herr Professor!“ Der Chirurg nickte zum Gruß und schloss die Tür hinter sich, ohne weiter Notiz von seinem Chef zu nehmen.

„Doktor Meier, was fällt Ihnen ein! Mit Ihrem Verhalten verärgern Sie den Professor noch mehr!“
„Das war meine Absicht, Frau König.“ Er schenkte ihr ein sein charmantes Lächeln.
Als er den Verwaltungsbereich verließ, würde das Lächeln zu einem breiten Grinsen. Frau König hatte Recht – der Chefarzt würde toben, wenn er Marcs Vorschlag gelesen hatte.

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