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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 857

10.03.2019 00:08
#276 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 2.1 – Die ist es


„Wollen wir später noch was trinken gehen?“
„Lust hätte ich schon, allerdings habe ich für den Nachmittag eine Wohnungsbesichtigung ausgemacht.“
„Ich könnte Dich begleiten und anschließend kehren wir irgendwo ein. Nur wenn es Dir Recht ist.“
Marc grinste. „Ich gehe um Viertel nach Drei hier los, mit Dir oder ohne Dich.“ Sascha hatte einen Hang zum Zuspätkommen.
„Ist ja gut...“

(„Wie gut, dass er neugierig ist. Er wird rechtzeitig da sein.“)

So war es auch und nach einem zehnminütigen Fußweg standen die beiden Ärzte vor einem Mehrfamilienhaus.

(„Die Lage ist 1A!“)

„Na das nenne ich mal gut gelegen.“ Der dunkelhaarige Mann nickte anerkennend. Er selbst hatte mit dem Auto mindestens 20 Minuten Weg – je nach Verkehr auch schon mal das Doppelte an Zeit. Er sah an dem Haus hinauf. „Etwas futuristisch, oder?“ Er zeigte auf eine Wand aus Stahlbeton.
„Außen ist mir relativ egal.“ Marc grinste und drückte den Klingelknopf mit dem genannten Namen. „Wir müssen in den ersten Stock.“

Der Makler begrüßte sie kurz. „Entschuldigen Sie mich einen Moment, Doktor Meier, ich bin gleich für Sie da. Sehen Sie sich doch einfach schon um.“

Schon nach dem ersten Rundgang durch die Dreizimmerwohnung war sich Marc sicher: Die ist es!

Er hatte in den letzten Tagen einige Wohnungen angesehen, darunter sogar mehrere, die er sofort gemietet hätte – wenn es um ihn allein gegangen wäre. Doch er hatte weder Gretchen noch ein Kind darin gesehen, wenn er sich das überhaupt vorstellen konnte. Irgendwo hatte immer ein „Aber“ gesteckt. Hier waren sich Kopf und Bauch sofort einig.
Schon auf den Fotos war ihm das spitzwinkelige Echtholzparkett aufgefallen. Die Wohnung war hell und modern und praktischerweise mit vielen Einbauschränken ausgestattet. Das warmweiße Bad hätte er sich größer gewünscht, aber das Wichtigste war drin – eine Badewanne. Fast wurde für Marc zur Nebensache, dass zur Einrichtung eine Waschmaschine und ein Trockner gehörten. Rechts vom Bad befand sich das kleinste Zimmer. Durch das zweiflügelige Fenster kam selbst in dieser dunkleren Jahreszeit viel Licht herein. Er holte etwas aus seiner Jackentasche und platzierte es auf der grauen Fensterbank.

(„Perfekt!“)

Der Korridor mündete in die riesige Wohnküche, von der ein weiteres Zimmer abzweigte. Auch hier war das bodentiefe Fenster mit grauem Stein umrandet. Marc drehte sich und sah zurück durch die Tür auf die hochglänzende Küchenzeile. Sowohl in der gefliesten Rückwand als auch bei den Bodenplatten fand sich der graue Farbton, der alle Fensterrahmen zierte. Er sah seinen Kollegen durch die Glastür hinaus auf den Balkon treten.

Gerade als Marc die großzügige Wohnküche durchquerte, verabschiedete der Makler das Ehepaar. „Besprechen Sie sich nicht zu lange, es gibt viele Interessenten.“

(„Am liebsten wäre dem doch eine sofortige Zusage...“)

(„Wow! Das ist mehr als ein Balkon!“)




„Das ist eine Loggia, was Doktor Meier?“ Der Makler kam zu ihnen hinaus. Er zeigte auf das, was Sascha als futuristisch bezeichnet hatte. „Diesen Vorbau muss man nicht mögen, aber er schützt diesen Platz vor Wind und trotz des nackten Betons wirkt es sehr gemütlich.“
„Sie müssen mich nicht mehr überzeugen – ich nehme diese Wohnung!“
„Bitte?“ Der Makler war irritiert.
„Marc?“ Auch Sascha war nicht sicher, ob er richtig gehört hatte.
Der spontan entschlossene Chirurg grinste. „Sie haben richtig gehört. Ich möchte diese Wohnung mieten!“

Karo Offline

PJler:


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10.03.2019 00:13
#277 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 2.2 – Am Abend



„Gefällt es Dir etwa nicht bei uns?“ Eveline schüttelte lachend ihre Locken. Ihr Mann hatte ihr immer noch völlig ungläubig von Marcs spontanem Entschluss berichtet. „Die Jungs werden ganz schön traurig sein.“
„Die Jungs oder ihr?“ Marc grinste. In den vergangenen zwei Wochen, die er nun das Gästezimmer im Hause Nussbaum belegte, hatten die Eltern schon zweimal die Gelegenheit des kostenlosen Babysitters genutzt und waren ausgegangen. „Außerdem – ich bin ja nicht aus der Welt.“
„Du hast eine so große Wohnung gemietet, um unseren Kindern ein Zimmer einzurichten?“
„Meine drei Zimmer in Berlin sind größer. Ein Zimmer mehr hätte es durchaus sein können.“
„Vier Zimmer für Dich alleine?“ Vier Augen sahen ihn verständnislos an. „Warum?“
„Ich hoffe, dass Gretchen bald aus Afrika zurückkommt.“
„Zu Dir?“

(„Vor allem weit weg vom Erzeuger des Kindes!“)

„Wohin denn sonst?“
„Sie kommt doch auch aus Berlin?“
„Ja. – Und?“
„Ich weiß nicht... ich stelle mir das komisch vor. Dahin „nach Hause“ zu gehen, wo ich nicht zu Hause bin?“ Eveline zuckte mit den Schultern.

(„Ob ich es sagen soll...?“)

Seine Zunge war schneller als der Geist. „Sie wird keine Zeit haben, darüber nachzudenken.“ Marc grinste, die Gesichter seiner Freunde waren immer noch ratlos. „Sie ist schwanger. Sie ist aber noch unentschieden, ob sie es dort oder hier zur Welt bringen will.“

„Du wirst Vater?“ Die Frau seines Kollegen sah ihn mit offen stehendem Mund an, ihr Mann lachte: „Jemand anderes wäre jetzt schon seltsam...“

(„Wenn Du wüsstest...“)

„Dann waren die Schuhe von Dir?“ Sascha erinnerte sich an das rosafarbene Paar Babyschuhe, das auf dem Fenstersims gestanden hatte und dem Makler ein Rätsel aufgegeben hatte.
„Ja.“ Prustete Marc, der den Makler erfolgreich gehindert hatte, die Schühchen zu entfernen.
„Dann wird es ein Mädchen?“
„Nein. Aber das war beim Kauf noch nicht bekannt.“
„Leonie war auch als Junge angekündigt. Wir waren darüber sehr froh – weil wir ja hauptsächlich Jungensachen hatten. Jetzt bin ich schon glücklich über die weibliche Verstärkung. Ich weiß nicht, ob ich es mit vier Jungs aushalten würde!“
„Wieso vier?“ Ihr Ehemann zählte im Kopf schnell seine Kinder durch. „Habe ich was verpasst?“
„Bist Du kein Junge?“
„Wenn Du es so siehst...“ Der Chirurg lachte.

„Ab wann kannst Du denn in die Wohnung?“
„Sobald ich den Mietvertrag unterschrieben habe bekomme ich die Schlüssel.“ Marc sah das nachdenkliche Gesicht des neuen Freundes. „Ich habe ab morgen Spätschicht. Babysitten kannst Du vergessen!“

Bevor er sich in das Gästezimmer zurückzog nahm er dem Ehepaar das Versprechen ab, nichts über die schwangere Freundin verlauten zu lassen.

Karo Offline

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10.03.2019 00:17
#278 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 2.3 - USZ



Natürlich hatte er bemerkt, dass die eine oder andere Mitarbeiterin versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch das Getuschel war ihm aufgefallen. Es war ihm allerdings schlichtweg egal. Sein Beruf hatte ihn nach Zürich geführt und Marc schätzte sich glücklich, dass er sich spontan sehr wohl fühlte. In der Stadt aber auch im Universitätsspital.
Natürlich war es eine Umstellung – vom kleinen, persönlichen Elisabeth-Krankenhaus auf diese riesige Uni-Klinik mit ihren unzähligen Fachzentren und Instituten. Allein die Klinik für Unfall-Chirurgie, die von Professor Neuroth geleitet wurde, hatte fast mehr Angestellte, als das Elisabeth-Krankenhaus. Zwei stellvertretende Klinikdirektoren gehörten ebenso zur Führungsriege wie Doktor Nussbaum als Leitender Arzt, sowie der Leiter des Forschungslabors, die Klinikmanagerin und die Leiterin des Pflegedienstes Andrea Nystel. Sie war schnell mit Marc aneinander geraten, im Gegensatz zu anderen Kollegen war Marc auch bei hygienischen Kleinigkeiten nicht nachsichtig.

Zum Team gehörten neben der Klinikleitung 12 Oberärzte, davon waren – Marc eingeschlossen – vier mit erweiterter Verantwortung betraut. Zurzeit waren außerdem 15 Assistenzärzte in der Ausbildung. Nein, man konnte das Elisabeth-Krankenhaus nicht mit dem USZ, dem Universitätsspital Zürich, wie es korrekt hieß, vergleichen. Bisher hatte er nicht mal alle Mitarbeiter seines Fachzentrums gesehen.

Deswegen hatte er auch alle Assistenzärzte zu einer kurzen Versammlung gebeten. Wenigstens die Kollegen, für die er verantwortlich war, wollte er kennenlernen. Auch informierte er sich in Einzelgesprächen über den derzeitigen Ausbildungsstand und die verschiedenen Wünsche der Nachwuchsmediziner. Gleichzeitig machte er seine eigenen Erwartungen deutlich. Schnell merkten alle, dass Marc tatsächlich einforderte, was er verlangte. Das war vor allem bedingungsloses Interesse an der Medizin.

„Sie legen gleich richtig los, Doktor Meier. Die meisten Kollegen lassen es langsamer angehen und konzentrieren sich erstmal darauf, sich zurechtzufinden.“ Dabei hatte Professor Neuroth ihm anerkennend auf die Schulter geklopft.

Karo Offline

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17.03.2019 12:49
#279 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 3.3 – Assi-Stunde 1



Marc sah in die Runde. Von den 15 Assistenzärzten hatte er in den vergangenen zwei Wochen erst neun persönlich kennengelernt. „Deswegen bin ich sehr erfreut, dass Sie ausnahmslos meiner Einladung gefolgt sind.“ Er stellte sich selbst vor und bat dann kurz die ihm noch unbekannten Mitarbeiter, sich ihrerseits vorzustellen.
„Falls sich diese Information noch irgendwo im Klinikorbit befinden sollte – ich bin seit Januar für Sie beziehungsweise Ihre Ausbildung verantwortlich. Ich möchte mich bei den Kollegen entschuldigen, die ich in ihrem wohlverdienten Urlaub gestört habe, aber mir war es wichtig, Sie zeitnah kennenzulernen...“

Marc erläuterte, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellte, beantwortete Fragen und fragte selbst. „Ich werde nach und nach mit jedem einzelnen noch ein persönliches Gespräch führen. Unabhängig davon möchte ich eine feste Gesprächsrunde pro Woche verpflichtend für alle einrichten. Ich rede nicht über stundenlange Aktionen – die übrigen Kollegen sollen nicht darunter leiden. Der Zeitrahmen soll zwischen 30 und 60 Minuten liegen – je nach dem. Auch wenn diese Zeit konsequent für Sie zur Verfügung stehen wird können Sie sich mit Fragen jederzeit an mich wenden. Damit ich Sie und Ihre Arbeitsweise besser kennenlernen kann, möchte ich Sie bitten, mir Ihre Logbücher zur Verfügung zu stellen.“
„Können Sie da nicht digital drauf zu greifen?“
„Doch, Doktor Nölchen, das könnte ich.“ Der Fragende war überrascht, dass der neue Oberarzt direkt seinen Namen wusste. „Ich bevorzuge einfach bedrucktes Papier. „Monitor“ haben wir eh schon viel.“
Er erklärte außerdem, wie er sich die Untersuchungsberichte und Dokumentationen vorstellte, die praktizierte Methode sei zwar normal aber entsprach nicht seiner Vorstellung von professioneller Arbeit. Zu guter Letzt forderte er sie auf, sich zurückzuerinnern. „Das ist Ihre freiwillige Wochenaufgabe. ´´Wann habe ich beschlossen, Medizin zu studieren und warum?``
Für die kommenden Meetings werde ich mit Professor Neuroth nach einem passenden Termin suchen und Sie rechtzeitig informieren. Vielen Dank!“

Nicht alle verstanden, was er mit der „freiwilligen Wochenaufgabe“ bezweckte und so löste sich die Versammlung mit unterschiedlichen Meinungen auf. „Noch mehr Arbeit“, „Was will der damit bezwecken?“ oder „Hausaufgaben – als wären wir Kinder“. Marc grinste.

Eine schwarzhaarige Ärztin traute sich nicht recht, ihn wirklich anzusprechen. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln, beendete aber dann ihre Zwickmühle: „Frau Doktor Wyss?“
„Ich würde das Angebot mit dem Logbuch gerne annehmen – verbunden mit einer Bitte.“
„Es mit den Augen der fachärztlichen Prüfungskommission anzusehen?“ Zwei Assistenzärzte waren laut Professor Neuroth so weit, sich zur Prüfung anzumelden. Diese Frau war eine von ihnen. Jetzt schien sie verlegen.
„Professor Neuroth hat mich bereits darauf hingewiesen, dass Sie und Doktor Kalila bald fertig wären. Deswegen habe ich tatsächlich Ihre beiden digitalen Versionen auf dem PC. Allerdings wäre mir das Logbuch ausgedruckt lieber.“
Frau Doktor Bianca Wyss lächelte dankbar. „Ich bringe es Ihnen mit. Vielen Dank!“

Karo Offline

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17.03.2019 12:52
#280 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 3.4 – Doktor Khalil Kalila



So wie Doktor Wyss dachten auch die anderen Ärztinnen, im Gegensatz zu den überwiegend männlichen Kollegen. Und so stapelten sich bald die Logbücher der Mitarbeiterinnen auf seinem Schreibtisch. Die Ausnahme war Doktor Khalil Kalila, der ein Problem besonderer Art hatte.

„Stopp, lassen Sie mich das verstehen. Die Klinikleitung hat Ihnen mitgeteilt, dass Ihr Assistenzarztvertrag Ende April ausläuft, egal ob Sie die Facharztprüfung gemacht haben oder nicht?“
„So habe ich es verstanden.“ Er überreichte Marc ein Schreiben.

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Ihr dreijähriger Vertrag Ende April ausläuft. Bitte melden Sie sich daher rechtzeitig zur Facharztprüfung an. Wir schließen eine weitere Verlängerung Ihres Weiterbildungsvertrags aus. Mit freundlichen Grüßen...

„Ein dreijähriger Vertrag für einen Facharzt der Chirurgie? Ich dachte, auch in der Schweiz gelten fünf Jahre Weiterbildung?“
„Mein Medizinstudium in Ägypten ist das Problem. Dort habe ich bereits als Chirurg gearbeitet. Ich musste fliehen, da ich mich bei den Landesführern unbeliebt gemacht hatte. Hier wurde nur ein Teil meines Studiums anerkannt und natürlich scheiterte es an der Sprache. Ich bin also wieder zur Universität gegangen und habe Deutsch gelernt – die erforderlichen Scheine habe ich nebenbei gemacht. In einem Jahr die Scheine aus den letzten drei Semestern – eine reine Formsache. Die Ärztekammer tat sich schwer damit, mir den Facharzt anzuerkennen, auch wenn ich bereits mehrere Jahre als Doktor der Chirurgie gearbeitet hatte. Ich sollte durch eine bestimmte Anzahl an OPs meine Fachqualifikation beweisen und dann vorzeitig die Facharztprüfung machen. Ich habe mich letztes Jahr bereits zur Prüfung angemeldet, doch plötzlich wusste man nichts mehr von einer Verkürzung der Assistenzzeit.
Ich dachte, dass ich mich halt einfach noch mehr reinhänge und die erforderliche Anzahl an Eingriffen durchführe. Für die Uniklinik war das kein Problem – nun wollen die mir erzählen, dass mein Logbuch immer noch nicht vollständig ist, weil bei vielen OPs die Beurteilung durch einen Oberarzt fehlt.“
„Sie haben ohne Oberarzt operiert? Als Arzt in Weiterbildung? Verstehen Sie mich nicht falsch – ich habe durchaus den Eindruck, dass Sie wissen, was Sie tun. Trotzdem gibt es klare Linien und nach denen dürfen Sie nicht ohne Überwachung operieren.“
„Das weiß ich jetzt auch!“
„Was fehlt denn genau?“ Marc überflog die Aufstellung. „Gehen wir mal davon aus, dass die weiterhin nicht nachsichtig sein werden – dann haben wir theoretisch etwas mehr als zwei Monate Zeit – wenn Sie sich um einen Termin im späteren April bemühen vielleicht zwei Wochen mehr. Das kann funktionieren allerdings wird Ihnen dann keine Zeit mehr bleiben, sich auf die Prüfung vorzubereiten.“
„Ich brauche keine Vorbereitungszeit, ich brauche OPs. Im Ernst, Doktor Meier, die Prüfung mache ich so.“

(„WOW, ganz schön selbstbewusst.“)

„Wie lange haben Sie denn schon Berufserfahrung aus Ihrem Land?“
„Ich habe bereits vier Jahre gearbeitet – und selbst Studenten betreut.“
„Hm. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.“
„Ich muss mich zwei Monate im Voraus zur Prüfung anmelden.“
„Dann schnüren Sie schon mal Ihre Laufschuhe, Doktor Kalila.“

Karo Offline

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17.03.2019 13:01
#281 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 3.5 – USZ



„Was machen wir mit Doktor Kalila? Da scheint es viele Ungereimtheiten zu geben.“
„Ich vermute, dass er einfach immer irgendwie durchgerutscht ist.“
„Weil es keinen wirklich interessiert hat.“ Marc konnte nicht verstehen, dass man diesem Kollegen nicht jede mögliche Unterstützung zukommen ließ. Die Ausbildungsrichtlinien waren strikt und sie hatten ihre Gründe. Aber dieser Mediziner war fertig ausgebildet und sein berufliches Vorankommen scheiterte am Desinteresse der vorgesetzten Stellen.
„Ich meine, er hat die ursprünglich geforderten Zahlen erbracht, schon im letzten Jahr. Er hätte längst wieder normal arbeiten können.“
„In der Ärztekammer gab es letztes Jahr viele Vorfälle und Skandale, die zu einer kompletten Neubesetzung geführt hat. Ich schätze, dass Doktor Kalila da einfach unter die Räder gekommen ist.“
„Ich werde ihn unter diesen rausziehen. Die Personen sind andere, aber nicht die Absprachen. Ihre Einverständnis vorausgesetzt, frage ich da einfach mal nach.“
Der Vorgesetzte nickte. „Tun Sie das.“
„Für den Fall, dass ich nichts ausrichten kann und die fehlenden Eingriffe noch durchgeführt werden müssen, werde ich Doktor Kalila bevorzugt im OP-Plan berücksichtigen. Ebenso Doktor Wyss. Da werden die Kollegen hoffentlich Verständnis für haben. Besteht Frau Doktor Wyss Ihre Prüfung, dann endet ihr Vertrag doch Ende April, richtig?“
„Ja.“
„Ist bekannt, was Frau Doktor Wyss dann vorhat?“
„Nein. Nur in Ausnahmefällen übernehmen wir die Mitarbeiter in ein ordentliches Angestelltenverhältnis. Warum?“
„Weil die Kollegin noch zahlreiche Überstunden und Urlaubstage geltend machen kann. Ich wollte ihr das als Lernurlaub vor der Prüfung anbieten.“
„Jeder Assistenzarzt bekommt sieben Tage Sonderurlaub zur Prüfungsvorbereitung.“
„Dann hat sie noch fünf oder sechs Wochen für die verbliebenen Eingriffe.“
„Ihr Katalog ist doch erfüllt?“
„Ja – aber es sind ein paar Sachen dazwischen, die ich so nicht akzeptieren würde. Ich habe mir das Logbuch mit der Kollegin zusammen angesehen und ihr bereits die meiner Meinung nach inakzeptablen Dokumentationen gezeigt.“
Er sah das verblüffte Gesicht des Professors und erklärte: „Gängige Praxis ist das eine – eine professionelle Ausbildung das andere. Natürlich reicht, was sie geliefert hat. Aber gut ist was anderes – vor allem die Berichte vom Anfang.“ Dann lachte er. „Herr Professor – Doktor Wyss wird nicht zur Nacharbeit gezwungen. Sie sieht das bereits als Wiederholung und Vorbereitung.“
„Hm. Und was hat es mit dieser Hausaufgabe auf sich?“ Ihm waren bereits verhaltene Beschwerden zu Ohren gekommen.
„Eine freiwillige Sache. Ich finde, es schadet nicht, mal rund zehn Jahre zurückzudenken und sich zu fragen, warum man Medizin studieren wollte.“
„Was bezwecken Sie damit?“
„Eigenmotivation. Ich glaube die wenigsten haben begriffen, wie fantastisch die Medizin ist. Welche Möglichkeiten sie trotz aller Grenzen bietet. Natürlich werden Ärzte hochangesehen. Aber man muss dafür auch sehr viel opfern. Und ich rede nicht allein von Zeit! Nein, ohne Begeisterung für das, was wir tun, geht es nicht!“

Professor Neuroth nickte. Doktor Meier hatte wahrlich Recht und die Assistenzärzte konnten von ihm nur profitieren. „Ich habe Ihren Vorschlag bezüglich der Assi-Stunde geprüft und ich denke, wir sollten das ausprobieren. Der Fall von Herrn Kalila zeigt ja, dass es wichtig ist, sich mehr um die Belange unserer Auszubildenden zu kümmern. Rechnen Sie allerdings nicht damit, dass Ihnen jeder begeistert um den Hals fallen wird.“
„Machen Sie sich wegen mir keine Gedanken. Ein bisschen Gegenwind kann manchmal ganz erfrischend sein.“

Natürlich gab es Unstimmigkeiten. Nicht nur bei den Kollegen, die sich einem veränderten Einsatzplan fügen mussten.
„Als hätten die Assistenzärzte nicht genug Freiheiten!“ Auch die Assis waren wenig begeistert. Vor allem, weil Marc auch in der zweiten Woche wieder eine freiwillige Aufgabe stellte.

„Haben Sie denn die Arbeiten vom letzten Treffen schon bearbeitet?“

„Natürlich – allerdings hatte ich Ihren Namen nicht dabei?“

Marc hatte tatsächlich den wenigen, die sich auf sein Thema eingelassen haben, ein kurzes, bewertungsfreies Feedback gegeben. Auch mit den Logbüchern der Assis beschäftigte er sich nach und nach und diejenigen, die ihm zuhörten, mussten feststellen, dass Marc tatsächlich an ihnen und ihrer Ausbildung interessiert war. Dass er zu seinem Wort stand, auch wenn es unangenehm wurde.
Dennoch - der anfängliche Gegenwind blies zunehmend stärker, denn kaum einer hatte Verständnis für die Bevorteilung des Kollegen Doktor Kalila. Marc hatte bei der Ärztekammer nichts ausrichten können und es blieb wenig Zeit für die noch fehlenden Eingriffe. Deswegen suchte er erneut den Rat seines Vorgesetzten.

„Es gibt doch noch andere der Universität angeschlossenen Lehrkrankenhäuser. Könnte man nicht versuchen, Doktor Kalila dort die eine oder andere OP zu ermöglichen? Gegebenfalls im „Assistententausch“?“
„Theoretisch ist das keine schlechte Idee. Allerdings wird sich da der Ärztliche Direktor querstellen. Er hat schon nachgefragt, warum ausgerechnet Doktor Kalila von Ihnen hofiert wird.“
„Ausgerechnet Doktor Kalila? Ich versuche lediglich zu retten, was andere jahrelang versäumt haben! Das hat nichts mit hofieren zu tun! Das ist ja wohl eine Unverschämtheit!“
„Ihm gefiel auch nicht, dass Doktor Wyss so lange Urlaub bekommt.“
„Äh, wann soll sie den denn sonst nehmen? Im Mai, wenn ihr Vertrag durch ist?“
„Es sei nicht unsere Aufgabe, den Angestellten ihren Urlaub nachzutragen.“
„Es handelt sich hier um vertraglich zustehenden Urlaub. Die Arbeitsordnung gibt außerdem sehr detailliert vor, wie aufgelaufene Überstunden zu handhaben sind. Auch was die Regulierung der Überstunden angeht, halte ich mich korrekt an die Vorgaben der Arbeitsordnung. Mit freundlichen Grüßen an Professor Stricker.“

Fast hätte Professor Neuroth gelacht. Sein neuer Oberarzt war nicht dumm und schon gar nicht so dumm, sich angreifbar zu machen. Was er sagte hatte Hand und Fuß, was er forderte, das lieferte er selbst. Und feige war er schon gar nicht. Er sah genau hin und stellte unbequeme Fragen. Wie im Fall von Doktor Kalila. Hier hatten alle Verantwortungsbereiche versagt und der ausländische Arzt musste es ausbaden.

Und er selbst auch. Professor Neuroth seufzte unmerklich. „Doktor Meier – ich habe die Auflage bekommen Ihnen eine Frage zu stellen. Als Antwort soll ich nur ein klares Ja oder Nein akzeptieren.“

(„Was kommt denn jetzt?“)

„Vielleicht habe ich ja zufällig was Passendes dabei. Nur zu...“ Hätte Marc mit der Frage gerechnet, er hätte den Professor nicht so locker aufgefordert.

„Der Ärztliche Direktor möchte wissen...“
Professor Neuroth zögerte und seufzte erneut. Es half nichts... „Sind Sie homosexuell?“

(„Was?“)

„Wer? Ich?“
„Beantworten Sie diese unangenehme Frage einfach mit ja oder nein.“

„Ich werde diese Frage gar nicht beantworten. Es geht schlichtweg niemanden etwas an!“

Damit rauschte Marc aus dem Büro. Er und schwul? Fast hätte er gelacht. Doch diese Frage war eigentlich nur ein weiterer Beweis für die Intoleranz der Klinikleitung. Er hatte sich verkneifen müssen, Professor Neuroth gegenüber von Diskriminierung gegen Doktor Kalila zu sprechen. Doch genau so schätzte er diesen Professor Stricker ein. Dabei verdiente der ägyptische Mediziner jede Unterstützung.

Vor ein paar Tagen hatte er ihn auf seine Flucht angesprochen.

„Das Kasr El Ainy Krankenhaus ist ein staatliches Krankenhaus, die Patienten, die dort hinkommen, müssen für die Behandlung nicht bezahlen. Somit gehören die wirklich ärmsten Menschen Kairos zu den Patienten. Nach der Revolution 2011 bekamen wir die Auflage, bestimmten Menschen, eine medizinische Versorgung zu verweigern. Als ich trotzdem wie gewohnt weiter arbeitete wurde ich festgenommen und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das staatliche Gefängnis ist übervoll und so brachte man mich in ein Zuchthaus. Mein Bruder konnte mir zur Flucht verhelfen, wurde allerdings erwischt und zum Tod durch Auspeitschen verurteilt.
Zuerst war ich einige Zeit in Spanien. Da das Medizinstudium in Ägypten komplett auf Englisch stattfindet, wollte ich über Gibraltar nach England weiter. Doch eine entfernte Cousine ist hier verheiratet, deswegen habe ich mich in die Schweiz durchgekämpft. Ihr Mann ist Anwalt und konnte für mich seine Beziehungen spielen lassen. Ich hatte keine Papiere, geschweige denn Zeugnisse... bis die ganzen Dokumente endlich da waren habe ich Tag und Nacht diese Sprache gelernt. Den Rest kennen Sie. Ich bin froh, um jeden Tag, den ich arbeiten darf aber mittlerweile bereue ich meine Entscheidung, nicht nach England gegangen zu sein.“

Karo Offline

PJler:


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17.03.2019 13:06
#282 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Januar 3.6 – Marc in Sorge



Die Geschichte des ägyptischen Chirurgen, der trotz des Erlebten immer noch ein höflicher und meistens gut gelaunter Mensch war, erinnerte Marc an die Andeutungen, die Gretchen gemacht hatte. Dass Roula trotz den unmenschlichen Qualen, die sie jahrelang hatte erleiden müssen, so ein fröhlicher und herzlicher Mensch geblieben wäre.
Gretchen...

(„Nein, Meier! Du hast genug zu tun. Zeit zum Träumen bleibt da nicht!“)

Im Gegenteil. Heute früh hatte er die veränderte Einsatzplanung mitgeteilt und seit dem prasselten die Beschwerden auf ihn nieder. Hatte man vorher kaum Notiz von dem Assistenzarzt genommen, reagierten die Kollegen auf die offensichtliche Bevorzugung des Ausländers mit Unverständnis – und Anfeindungen.

„Das habe ich nicht gewollt, Doktor Meier!“ Doktor Kalila saß kleinlaut in Marcs Büro.

„Das war zu erwarten. Auf Sie kommen harte Wochen zu, aber die Ärztekammer macht keine Ausnahme. Die erforderliche Anzahl OPs muss bis Februar erbracht werden. Ich habe Sie deswegen für diese Hammerschichten eingetragen, dass Sie mitnehmen können, was geht. Wenigstens Professor Neuroth und Doktor Nussbaum teilen meine Sichtweise. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, Doktor Kalila.“

Obwohl es Marc die letzten Tage gut gelungen war, die Gedanken an Gretchen im Keim und in Arbeit zu ersticken, gelang ihm dieses heute nicht. Immer wieder drängte seine Freundin in sein Bewusstsein. Und immer löste sein folgender, heftiger Herzschlag ein beklemmendes Gefühl aus.

(„Ich muss nochmal versuchen, dort anzurufen. Sie soll nach Hause kommen, solange es noch geht.“)

Vermutlich würde das Baby Ende April zur Welt kommen.

(„Herr Professor Stricker: Ich bin nicht schwul – ich werde Vater!“)

Es ist immer noch das Kind eines anderen.

(„Es ist Gretchens Kind. Also ist es auch meins!“)

Was Du nicht sagst...

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