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Karo Offline

PJler:


Beiträge: 816

20.01.2019 00:44
#251 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 2.4 – Gretchen und der Brief


Später am Abend, als sich langsam Stille über Sanssouci ausbreitete, lag Gretchen auf ihrem Bett und kaute genüsslich auf einer Glitzerkrone. Die Plätzchen würden niemals bis Weihnachten überleben, da war sie sicher. Vor drei Tagen waren die Eltern angekommen, morgen würden sie zu einer kurzen Tour aufbrechen. Beide kamen mit. Der Vater neugierig, die Mutter immer noch verhalten und mit Argwohn gegen alles Fremde.

(„Erstaunlich, dass sie aus Indien einen Liebhaber mitgebracht hat...“)

Dieses Mal würden Martin, Roula und ein weiterer Arbeiter von Sanssouci die Tour begleiten. Gretchen freute sich, denn eigentlich hatten Roula und Martin angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfests genug zu tun. Noch mehr freute sie sich auf das Weihnachtsfest mit den Eltern. Auch wenn es sich bei 40 Grad Celsius und mehr nicht mehr wie Weihnachten anfühlte.

(„Aber es schmeckt nach Weihnachten!“)

Sie griff erneut in die Plätzchendose. Ob Marc die gekauft hatte oder ob die noch irgendwo gestanden hatte. Nein, er war niemand, der Gebrauchtes verschenkte. Die Metallkiste hatte er bewusst für sie ausgesucht, da war er sicher. Weder kitschig, noch rosa, aber passend. Weihnachtlich. Viele bunte Plätzchen. Außen und innen. Sie lächelte müde.

(„Nur noch schnell ein paar Zeilen schreiben...“)

Neben ihr lag ihr Tagebuch, dem sie eigentlich noch schnell vom Tagesgeschehen berichten wollte. Doch dann tat sie, was jede Frau, nicht nur Gretchen Haase, getan hätte. Sie griff nach dem unerwarteten Brief. Weihnachten Nummer eins: Die Eltern. Weihnachten Nummer zwei: Die Plätzchendose (besonders der Inhalt), die ihr der Vater überreicht hatte. Weihnachten Nummer drei: Der darin versteckte Brief. Sie faltete die Blätter auseinander und begann erneut zu lesen.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 816

20.01.2019 00:55
#252 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Dezember 2.5 - Brief von Marc


Hallo Gretchen,

wenn ich heute Abend noch lebe, dann habe ich es tatsächlich geschafft, Dir einen Brief zu schreiben. Momentan schafft es mich ganz gewaltig. Am Wollen scheitert es nicht, im Gegenteil. Ich will Dir schon so lange schreiben. Es scheitert am Können. Ich versuche es sogar immer wieder, doch alles landet im Müll. Auch jetzt habe ich lange überlegt, wie ich den Brief anfangen soll. Ich habe Deine durchgesehen, Du wechselst immer, je nach Laune?
Hallo Gretchen. Mein Gretchen. Liebes Gretchen. Mein liebstes Gretchen... ich kann das nicht... wenn ich es bei Dir lese, ist alles toll. Wenn ich es schreiben soll, ist es zum Verzweifeln. Also verzeih mir das allgemeine „Hallo Gretchen“.
Wenn Du mal etwas suchst, das ich nicht kann, dann das. Briefeschreiben. Marc Meier kann keine Briefe schreiben. Aber ich muss da wohl jetzt durch. Und das Überraschende ist: Ich will es. Weil ich weiß, dass es Dich freuen wird.
Gretchen, ich hasse diese Situation. Du da, ich hier. Egal wo ich bin, Du fehlst mir.
Seit Mehdi aus Afrika zurück ist okkupiert er meine Wohnung, sodass ich ihm jetzt die Wahl gelassen habe, ob er auszieht oder die Wohnung mietet. Er war erst ziemlich beleidigt, dass ich ihn aus seinem Schlaraffenland vertreiben will, aber es geht nicht anders.
Gretchen, ich werde Berlin verlassen. Dir diese Tatsache auf Papier mitzuteilen finde ich furchtbar. Ich würde Dir das so viel lieber persönlich sagen. Wie hast Du geschrieben?
Ich stecke in einem Dilemma...
Ich würde Dir so gerne von Zürich und dem, was mich dort erwartet, erzählen. Ob Du es glaubst oder nicht, ich wohne vorübergehend bei meiner Mutter. Wegen ihr musste ich nach Zürich, sie hatte sich beim Skifahren ein Bein gebrochen. Wir können diese Situation beide aushalten, sie braucht Hilfe, ich brauchte ein Dach.
Es gibt sogar ganz lustige Momente, als ich die Plätzchen für Dich gebacken habe war sogar so eine Gelegenheit.

Zurück nach Zürich, oder eher zu mir und diesem Brief. Einen Anruf habe ich gar nicht erst versucht, stell Dir vor, ich sage Dir, dass ich Berlin verlasse und die Verbindung bricht ab. Nein, die Vorstellung ist schlimmer, als diesen Brief zu schreiben. Der Besuch Deiner Eltern ist einfach eine gute Gelegenheit, Dir davon zu erzählen. Ich weiß, dass Du Redebedarf haben wirst, Dein Vater weiß mehr über dieses Projekt.
Die Gesamtsituation zwingt mich also zu diesem Brief – leider, oder glücklicherweise? Nun habe ich keine Wahl mehr, ich muss Dir diesen Brief schreiben. Wenn Du wüsstest, wie viele Exemplare schon im Müll gelandet sind...

(„Außer denen, die Sabine aus dem Müll gefischt und für mich aufgehoben hat“)

...Aber keiner erscheint mir gut genug für Dich. Deine Briefe sind immer so wundervoll, dass ich mich für meine fast schäme. Wenn dieser Brief Dich nur halb so glücklich macht, wie umgekehrt... aber kann er das?
Ja, Gretchen, ich gehe nach Zürich. Jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist, freue ich mich auch darauf. Professor Neuroth hat mir schon während der wenigen Tage, die ich in der Schweiz war, das Angebot gemacht. Oberarzt (in einem Team von zwölf Oberärzten) am Uniklinikum. Außerdem leitet er eine internationale Forschungsgruppe, die sich mit der Zukunft des Medizinwesens beschäftigt. Ich hätte nie geglaubt, dass man mich für sowas gewinnen kann. Es geht um alle Bereiche der Medizin, nicht nur um die Situation von Krankenhäusern. Heilpraktiker, Physiotherapeuten, Ernährungswissenschaftler, Sachbearbeiter im Gesundheitswesen... alles ist vertreten. Dein Vater hat gelacht, als ich ihm davon erzählt habe. Vermutlich hat er Recht, dass ich gerade für sowas empfänglich war, weil ich durch die Vertretung für ihn einen anderen Blick auf die Lage der Krankenhäuser bekommen habe.
Natürlich hat er Recht. Weißt Du, diese Wochen ohne Deinen Vater im Krankenhaus waren wirklich lehrreich. Eine völlig neue Erfahrung. Die mir sehr deutlich gemacht hat, dass ich nicht an einen Schreibtisch gehöre. Jetzt noch nicht. Mein Bereich ist der OP-Tisch.

Als ich Oberarzt geworden bin, da wollte ich der Welt zeigen was ich kann. Höher, schneller, weiter... das war die Richtung von Marc Meier. Da passte natürlich wunderbar, mit 32 Leitender Oberarzt zu werden. Im Grunde war ich mehr, Dein Vater war schließlich überhaupt nicht da. Gretchen, ich behaupte, dass ich das gut hingekriegt habe. Wir, Bernd Ullstein und ich. Und ich bin stolz darauf, dass Dein Vater das ähnlich sieht, sonst würde er jetzt nicht noch zwei Wochen Urlaub anschließen und mir die Planungsgespräche für das kommende Jahr überlassen.
Ich glaube, die vergangenen Wochen haben mich persönlich, menschlich weiter gebracht. Naja, wie soll ich es sagen, dass es nicht ganz so bescheuert klingt – als Oberarzt hat es gereicht, für einen kleinen Bereich verantwortlich zu sein, vor allem aber für das was ich tue. Wenn überhaupt. Ich glaube, ich war sehr gut darin, mich fast jeder Verantwortung zu entziehen. Dann lag plötzlich alles in meiner Verantwortung. Ich hätte nie erwartet, dass es so erfüllend sein kann, für andere verantwortlich zu sein. Ich habe so viel gelernt, Gretchen.
Ich hoffe, dass es mich für uns weiter bringt. Für uns drei. Als Familie...

Vor allem aber habe ich begriffen, dass mir das alles zu schnell geht. Mit der Karriere. Ich schließe nicht aus, irgendwann eine Klinik zu leiten. Dazu muss man nicht nur in der Lage sein, sondern auch dazu bereit sein. Ich bin es nicht.
Washington hat mich gereizt. Die Leitung der Chirurgie im Nordstadtkrankenhaus genauso. Du erinnerst Dich? Irgendwie ist das komisch. Ich habe Dir damals die Schuld gegeben, dass das nicht geklappt hat. Das meinte ich mit der SMS. Es tut mir Leid!

Nun ziehe ich mich freiwillig wieder aus der Leitung zurück. Allerdings wäre es nicht Marc Meier, wieder einfach da anzusetzen, wo ich vor ein paar Monaten aufgehört habe. Professor Neuroth hat nun ein Päckchen für mich geschnürt, das ich nicht ablehnen kann. Er war schlau. Er hat meine Mutter eingespannt.

Das Uniklinikum bietet natürlich ganz andere Möglichkeiten als das EKH. Dann natürlich diese Studie. Nun haben wir beide Punkte noch etwas auf mich abgestimmt. Als Oberarzt werde ich mich vor allem um die Ausbildung der Assistenzärzte kümmern (jetzt lach nicht!) und innerhalb der Studie bietet sich mir die Gelegenheit zu habilitieren. An der Uni Zürich in jedem Fall, eventuell aber auch in Berlin. Das wäre mir natürlich am liebsten, Dein Vater war natürlich sofort einverstanden.

Ja, Gretchen, die Arbeit mit den Assistenzärzten... ich halte nichts von Knechtelsdörfer, das ist kein Geheimnis. Aber ich musste Neutralität lernen. Besonders, als Deine Freundin dann hier auftauchte. Ich glaube, ich habe einen guten Weg gefunden. Der zweite Assi ist super. Ohne Einschränkung. Das war die Herausforderung – beide Assis fair einzusetzen. Der eine, bedingt zum Arzt geeignet, drängt sich immer in den Vordergrund. Der andere, mit Talent und profundem Wissen, steht eher im Hintergrund. Finde den Ausgleich... ohne Zeit und Mühe geht das nicht, aber die Ergebnisse zählen. Ich habe oft an meine Assi-Zeit gedacht. Talent und Wissen sind wichtig, aber im Grunde brauchst Du auch einen guten Ausbilder. Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, denn ich hatte alles. Vor allem auch zwei Eindrücke: Die Charité, wo es die interessanteren und größeren OPs gibt, aber man als Assi nur einer von vielen ist. Dann das kleine EKH, wo man nimmt, was man kriegt. Klingt jetzt mies, aber so ist es doch. Denk an Deine Ausflüge zu Mehdi oder Doktor Hassmann... in der Charité undenkbar. Da läuft alles strikt nach Plan. Welches ist nun der bessere Weg? Ich weiß es nicht. Ich mag jung sein und nicht so viel gesehen haben, wie andere Kollegen. Aber ich bin gerne Arzt und die Medizin mit all ihren Möglichkeiten ist fantastisch. Ich glaube, genau das muss man den Nachwuchsärzten vermitteln.

Leidenschaft macht Dich zu einer guten Ärztin, Gretchen. Egal, ob Du einen Facharzt hast oder nicht – auch wenn es ohne fast nicht geht. Genauso wie dieses Ding mit dem Doktortitel. Der sagt im Grunde gar nichts. Doktor Knechtelsdörfer und Herr Stern. Beides sind zugelassene Ärzte in Ausbildung. Der ohne Titel ist um Klassen besser als der mit Titel. Auch das ist etwas, wo die Medizin in Zukunft sehen muss, wo sie bleibt. Ein Doktortitel sagt nichts. Der Facharzt schon. Nur die Arbeit dahinter bleibt für den Normalo meistens unsichtbar.
Das mit Knechtelsdörfer regelt sich vorerst einmal von alleine. Doktor Hassmann ist schwanger und hat ihn genötigt die Elternzeit zu übernehmen. Das bringt mir selbst zwar nichts mehr, aber seine Laufbahn ist erstmal auf Eis gelegt. Eine Abmahnung hat er schon. Seine erste. Und meine erste auch. Nur anders...

Zurück nach Zürich. Gretchen, die Stadt ist wundervoll. Die Altstadt. Mehr habe ich nicht gesehen, vorrangig war ich ja wegen meiner Mutter da. Doch einen Tag habe ich mich nur durch die Stadt treiben lassen. Ich glaube, es würde Dir auch gefallen. Der Tag hätte Dir gefallen. Einfach hier und da hin laufen, wie der Sinn steht. Hier einen Kaffee, an der Ecke ein Eis... beendet habe ich den Tag mit dem Sonnenuntergang von der Aussichtsterrasse auf einem Gebäude nahe der Uniklinik.
Sie nennen das hier Universitätsspital. Die Sprache klingt so charmant.
Mit Professor Neuroth werde ich gut klar kommen, da bin ich sicher. Ein paar Kollegen habe ich ja schon gesehen, bei einem sogar während der Tage das Gästezimmer nutzen dürfen. Wobei das Zufall war. Aber auf ihn freue ich mich auch. Er heißt Sascha - Nussbaum. Er ist ebenfalls Chirurg und Oberarzt. Sein Spezialgebiet sind Sport-, vor allem Skiunfälle. Ich habe ihm bei der OP von meiner Mutter assistiert. Auch Zufall, nicht dass Du denkst, ich hätte das verlangt. Das war eher meine Mutter, man glaubt es kaum.

Ich gehe natürlich mit leichten Bauchschmerzen nach Zürich. Natürlich freut sich Dein Vater über diese Chance, er hat schon immer gesagt, dass ich nicht am EKH versumpfen darf. Trotzdem habe ich ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. Ich hoffe sehr, dass er alleine klar kommt oder er eine angenehme Vertretung bekommt. Für mich fühlt es sich an, als ließe ich ihn und die anderen im Stich. Die letzten Monate waren wirklich hart, für jeden. Dein Vater hat einfach gefehlt. Er ist der gute Geist des Hauses. Ich kann mich glücklich schätzen, dass Bernd Ullstein so rücksichtsvoll aber auch interessiert am EKH ausgeholfen hat. Mir ist zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, dass es tatsächlich ist, wie Dein Vater nicht müde wird zu sagen. Das Team ist eine Familie. Im Grunde ist es meine Familie. War. Jetzt definiert sich Familie neu. Mit Dir, mit Euch!

Erschwerend kamen die Eröffnung des KatHo und der Brand im Wohnheim dazu zu der engen Personallage. Aber alle halten zusammen und sich gegenseitig den Rücken frei. Das macht es so unglaublich schwer, zu gehen. Noch vor ein paar Monaten hätte ich diesen Schritt getan ohne mit der Wimper zu zucken. Vermutlich hätte ich mich nicht mal umgedreht.

Du hast in Deinem ersten Abschiedsbrief geschrieben, dass ich mich weiter entwickeln muss, wenn ich wirklich mit Dir zusammen sein will.
Gretchen, ich will mit Dir zusammen sein. Auch wenn ich jetzt nach Zürich gehe. Aber Du bist eh nicht da. Warten kann ich überall auf Dich. Und mich weiter entwickeln. Ich behaupte, dass ich auf einem guten Weg bin. Rosa Weihnachtsplätzchen backen und Briefe schreiben. Naja, erstmal einen. Beides habe ich als Kind zuletzt getan. Meine Oma hat sich immer gefreut, egal ob die Briefe gut oder schlecht waren. Ich kann nur hoffen – nein, ich glaube fest daran, dass Du Dich auch freust und mir die Unfähigkeit, einen Brief zu schreiben, verzeihst.
An der Qualität der Plätzchen zweifle ich nicht, ich habe so viel von dem Teig gegessen, dass mir schlecht war. Ich bevorzuge generell die etwas herzhafteren Lebkuchen. Die aus dem Café Sonne sind besonders gut. Da ich Dir nicht vorenthalten möchte, was ich mag, habe ich Dir welche mit in die Plätzchendose gelegt.
Genieße sie – vielleicht hast Du ja an Weihnachten noch welche übrig. Mehr gibt es dieses Jahr nicht.

Die Vorweihnachtszeit hat uns viele Elektro-Unfälle beschert (es sind fehlerhafte Lichterketten in den Handel gekommen) und ich hatte gehofft, dass alle diese unsägliche Weihnachtsdeko vergessen. Nicht so Sabine...

Aber wie der Zufall es wollte... in einem Brief hattest Du Daniela Cholonka erwähnt, die Schwester von Deinem Schwimmkollegen. Jetzt Daniela Brune. Ihr Mann war einer der Stromunfälle. Wir kamen eben über ihren Bruder auf Dich zu sprechen. Da erwähnte sie beiläufig, dass er auf Dich gestanden hätte. Sie wusste allerdings Deinen Namen nicht mehr. Die Blonde mit der großen Brille, was wohl aus ihr geworden ist. Als ich sagte, dass Du meine Freundin bist, war sie sicher, dass ich Dich verwechsle. Aber auf meinem Handy sind ja mehr als genug Beweisfotos. Ich sehe sie mir sogar von Zeit zu Zeit an. Eins von denen in der Hängematte mag ich am liebsten. Es steht abgezogen und gerahmt an meinem Bett. Ein anderes hat sogar einen Platz in meinem Büro gefunden. Also in das von Deinem Vater.

Und damit ich ihn nicht verpasse, sollte ich jetzt schleunigst ins Krankenhaus fahren. Nein, verpassen werde ich ihn nicht, aber wir machen heute die Ansprache in der Cafeteria gemeinsam. Dann werde ich ihn erst zur Übergabe nach Weihnachten wiedersehen.
Da möchte ich jetzt noch gar nicht drüber nachdenken. Der Schritt nach Zürich fällt mir unerwartet schwer.

Aus der Welt ist es nicht. Da bist Du gerade unerreichbarer. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin Dir so nah wie nie zuvor. Vielleicht liegt es auch an den Träumen. Meistens Alpträume, in denen alle versuchen, Dich mir weg zu nehmen. Aber einen guten Traum hatte ich auch. Hattest Du nicht auch von Delfinträumen geschrieben? Ich habe es natürlich nachgesehen. Wir beide träumen unabhängig von Delfinen? Kann das Zufall sein? In jedem Fall gibt es – wie immer – verschiedene Ansätze. Ich bin jedoch froh, dass es sich um ein positives Traumsymbol handelt.

Mein Gretchen. Ich wünschte, ich könnte an der Stelle Deiner Eltern in den Flieger zu Dir steigen. Ich vermute aber mal, dass ich in Zürich anfangs gar nicht um Urlaub bitten brauche...
Ich hoffe, Du kannst meine Motivation für Zürich nachvollziehen. Egal wo, ich warte auf Dich. Auf euch. Für euch wird immer ein Platz bei mir sein!
Alles andere ist unwichtig.

Gretchen Haase, ich liebe Dich. Marc.

Karo Offline

PJler:


Beiträge: 816

28.01.2019 20:03
#253 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 2.6 – Probearbeiten Schwester Ina


Zur Übergabe an die Tagesschicht war heute ausnahmsweise auch Doktor Meier anwesend. „Guten Morgen, ich möchte Ihnen Frau Grimbart vorstellen, die sich in den folgenden drei Tagen unser Krankenhaus ansehen möchte. Wenn Sie sich anständig benehmen, hat Frau Grimbart eventuell Interesse, ab Februar die fehlenden Stunden von Schwester Sabine auszugleichen.“ Er wandte sich an die Mitarbeiterin in spe. „Die Dame links von Ihnen ist Frau Doktor Brickmann, hier haben wir Frau Doktor Amsel und einen der Assistenzärzte, Doktor Knechtelsdörfer. Mittags werden Sie bestimmt auch noch den zweiten Assistenzarzt, Herrn Stern, kennenlernen. Schwester Sabine und unsere Auszubildende Lorelei haben Sie ja bereits getroffen und hier haben wir Schwester Eva.
Frau Grimbart wird Sie heute auf der Chirurgie unterstützen, da wir hier ja die Stelle zu besetzen haben. Morgen und übermorgen werden Sie aber auch in die anderen Bereiche hineinschnuppern.

Das an dieser Stelle, nun zu den Vorkommnissen in der Nacht?“ Er sah den Assistenzarzt auffordernd an. „Doktor Knechtelsdörfer?“
„Äh, ja?“
„Wie äh ja - die Nacht?“
„Oh ja, Entschuldigung Doktor Meier. Die war ruhig.“
Marc schnaubte. „Ich sehe hier zwei neue Namen?“
„Ja äh – Peter Esch kam gestern Abend zu uns, ist in der Kneipe vom Barhocker gefallen. Bis auf Prellungen und Verstauchungen konnten wir nur einen Promillewert von 2,29 feststellen. Hat sich in der Nacht mehrfach übergeben. Er zeigte deutliche Anzeichen einer Alkoholvergiftung Stadium zwei.“
„Das sind?“
„Sprach- und Artikulationsstörungen, Koordinationsstörungen, verengte Pupillen und Sehstörungen sowie Muskelschlaffheit.

Frau Pesch hatte einen Geräteunfall im Fitnessstudio. Wir, also Doktor Amsel und ich diagnostizierten einen vollständigen Riss des Vorderen Kreuzbandes und einen Riss des Außenmeniskus rechts und eine isolierte, partielle Ruptur des vorderen Kreuzbandes links. Es empfiehlt sich eine Refixation des Meniskus, idealerweise gleichzeitig mit der Rekonstruktion der Kreuzbänder.“

„Warum?“ Marc war definitiv einverstanden mit dieser Einschätzung, aber er war nicht sicher, ob diese Empfehlung eher von Doktor Amsel kam als von Doktor Knechtelsdörfer.

„Entfernen wir den verletzten Meniskus führt dies zu einer Instabilität des Knies. Da wir aber beide Knie verletzt haben, wird die Rehabilitation eh sehr langwierig werden.“
„Noch weitere Gründe?“
„Durch einen Kreuzbandriss besteht langfristig gesehen immer die Gefahr, dass sekundäre Arthrosen entstehen. Die Entfernung des beschädigten Meniskus führt zu einer stark eingeschränkten Stoßdämpfung, wodurch die Bildung einer Arthrose eher gefördert würde.“
„Danke, Doktor Knechtelsdörfer. Für wann und wen ist die OP vorgesehen?“
„Ich würde es begrüßen, wenn wir Frau Pesch für heute Nachmittag einplanen könnten.“ Doktor Amsel richtete diese Anfrage an die neue Chirurgin, die die OP-Belegung an sich gerissen hatte.
„Was spricht dagegen, die Patientin mit in den Plan aufzunehmen?“
„Die OP-Belegung? OP 1 ist für 6 Stunden von Doktor Hassmann geblockt, OP 2 ist bis 15 Uhr für die Gyn reserviert.
In OP 3 haben wir mehrere kleinere Eingriffe wie Biopsien und Magen- oder Darmspiegelungen. Aber für eine doppelte Knie-OP würde ich lieber OP 1 oder 2 vorsehen.“
„OP 1 und 2 sind gleichzeitig geblockt?“
Marcs Gesichtsausdruck sprach Bände.
„OP 1 wäre ja am Nachmittag frei.“
„Vorausgesetzt bei Doktor Hassmann geht alles gut. Nach 17 Uhr brauche ich mit der OP nicht anfangen, beide Kreuzbänder zu richten wird schon eine Weile dauern. Angesehen davon bin ich offiziell auch nur bis 16 Uhr hier. Also dann morgen.“ Doktor Amsel seufzte. Sie bevorzugte eindeutig frische Verletzungen, am liebsten hätte sie die Patientin bereits letzte Nacht operiert.

„Naja, es stehen ja auch noch andere Kollegen für den Eingriff zur Verfügung.“ Doktor Brickmann meldete sich zu Wort.
„Wenn Sie mich meinen, ich bin die nächsten drei Tage raus.“ Doktor Meier schüttelte energisch den Kopf. „Herr Ullstein und ich machen die Planungsgespräche. Außerdem ist Doktor Amsel die behandelnde Chirurgin.“ Er wandte sich direkt an die Kollegin. „Doktor Amsel, würden Sie bitte Doktor Hundt und Doktor Kaan fragen, welche Operationen anstehen und ob sie OP 3 nutzen können? Und dann hoffen wir, dass kein Notfall reinkommt!“

Ein Blick zu Doktor Knechtelsdörfer. „Sonst war die Nacht ruhig? Was steht heute an?“

„Ja, sonst gab es keine Vorkommnisse. Wir hatten gestern Morgen allerdings in Aussicht gestellt, dass Frau Lövenich heute entlassen werden könnte. Bedingung war, dass sie 24 Stunden unauffällig bleibt, das wäre gegen 14 Uhr der Fall.“
Marc streckte die Hand nach der Akte aus. „Ja, das sollte kein Problem sein. Herr Stern soll sie später über Verhaltens- und Vorsichtsmaßnahmen nach Elektro-Unfällen aufklären. Meinetwegen spricht nichts gegen eine Entlassung gegen Abend.“
„Mehr ist es dann heute nicht.“

„Danke, Doktor Knechtelsdörfer. Doktor Amsel, geben Sie mir später Bescheid, was Sie mit OP 3 regeln konnten? Sabine, Sie nehmen bitte Frau Grimbart an Ihre Seite. Vielen Dank! Frau Grimbart, viel Spaß!“

Er bedachte die potentielle Kollegin mit einem freundlichen Lächeln, den anderen in der Runde nickte er zu. Ein strenger Blick zu Doktor Brickmann forderte eindeutig auf, die OP-Belegung sinnvoller zu gestalten. Besser noch, die Finger aus seinem Plan zu lassen.

Kurze Zeit später signalisierte Doktor Amsel, dass Doktor Hundt und Doktor Kaan mit ein paar Eingriffen auf OP 3 ausweichen würden und so wurde die Kreuzband-Rekonstruktion für den späten Mittag in OP 2 eingeplant. Marc stimmte der Anfrage der Kollegin zu, dass beide Assistenzärzte mit in den OP gehen könnten, es stünden schließlich zwei Knie zur Verfügung.
Blieb nur das Problem, dass sie für eine Not OP keine Option hätten. Marc gab sicherheitshalber der Rettungsstelle durch, dass man erst ab dem späten Nachmittag für schwere Notfälle wieder ausreichend Kapazität zur Verfügung hätte. Gott sei Dank fragte der Einsatzleiter nicht nach.

(„Aber so eine Peinlichkeit verbitte ich mir ein für alle Mal!“)

Er zitierte die neue Chirurgin in sein Büro und teilte ihr mit, dass er vorsorglich schwerere Notfälle bis zum Nachmittag abgelehnt hätte und sie sich in Zukunft bei der OP-Belegung an die Vorgaben halten sollte. Das hieß in erster Linie OP 1 und OP 2 mit Lücken zu belegen, dass man weiterhin flexibel war. Momentan war Flexibilität zwingend erforderlich!

Später klopfte eine andere Chirurgin an seine Tür.
„Marc? Die OP heute, kollidiert die mit der Anwesenheit von Herrn Ullstein?“
„Ja, der ist auf dem Weg... wieso?“
„Hm, ich wollte fragen, ob Du bei der OP dabei sein kannst?“
„Das fragst Du mich?“
„Ich wüsste nicht, wen sonst...?“
„Klar!“ Marc nickte. „Ich denke, das kann ich irgendwie einrichten. Vermutlich aber nicht die ganze Zeit.“
„Das wäre prima – Danke.“ Sie drehte sich zur Tür.
„Gina – was habt ihr Frauen gegen Knochen?“
„Bitte?“
„Gretchen versuchte ständig, sich vor solchen Strapazen zu drücken.“ Er lachte leise.
„Es geht mir nicht um die Strapazen.“
„Sondern?“
„Ich höre Dir gerne zu, wenn Du die Assistenzärzte forderst.“
„Meinst Du Dich oder sie?“
Gina zuckte mit den Schultern. „Man merkt halt, dass Dir das wichtig ist. Dass sie wissen, lernen und tun.“
„Wissen kommt nicht von alleine.“
„Nicht jeder hat das Glück, interessierte Ausbilder zu bekommen.“
„Stimmt. Aber man hat es selbst in der Hand. Entweder man akzeptiert das oder man wechselt. Siehe Herr Stern. Leider trauen sich nur die wenigsten, eine Assistenzstelle zu wechseln. Man muss ja fast schon froh sein, überhaupt eine zu bekommen.“
„Du warst auch hier, oder?“
„Teilweise. Erst in der Charité, was sicherlich eine gute Sache ist. Aber da bist Du eben nur einer von vielen. Der Wechsel hierhin war sicherlich nicht zu meinem Nachteil.“
„Franz war immer an seinen Assistenzärzten interessiert. Bärbel hat oft geschimpft, dass sie ihm zu wichtig sind. Er selbst hat Medizin studiert, weil man es verlangt hat. Erst als er praktisch gearbeitet hat, hat er in seinem Beruf auch seine Berufung gefunden. Ich glaube, nichts anderes will er. Junge Ärzte für diese Aufgabe begeistern und ihnen die bestmögliche Basis bieten.“
„Ja, davon hat er mal erzählt.“ Marc dachte einen Moment nach. „Vermutlich ist er deshalb an der Uni auch einer der beliebtesten Professoren. Ihm macht der Job einfach Spaß!“

(„Und scheiße! Er hat so verdammt Recht damit!“)

„Ich komme später zu der OP.“ Er schnaufte. „Dann muss ich jetzt allerdings noch was für Herrn Ullstein vorbereiten. Bis später.“

„Danke, Marc!“ Plötzlich hatte Gina es sehr eilig, aus dem Büro zu kommen. Heftig schlug die Tür hinter ihr zu.

(„Was ist denn jetzt mit der los?“)

Karo Offline

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28.01.2019 20:09
#254 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 2.7 – Sabine, Gabi und Gina


„Und wie ist die Neue? Entschuldigung, ich meine nicht Sie.“ Gabi hatte sich zu Sabine, Ina und Doktor Gummersbach gesetzt, die Neugier war größer als der Wunsch, dem wunderlichen Pathologen aus dem Weg zu gehen.
„Aller Anfang ist schwer, das müsstest Du doch aus der ersten Zeit mit Doktor Hundt am besten wissen.“
„Sie passt nicht zu uns.“
„Gabi! Wie kannst Du sowas so schnell sagen.“
„Wenn ich irgendwo neu bin, versuche ich mich anzupassen und die Klappe zu halten. Sie reißt gleich alles an sich und bringt alles durcheinander. Genau das, was wir zusätzlich brauchen.“
„Das wird schon...“
„...ja – im Chaos enden!“
„Reden Sie von der Neuen?“ Doktor Amsel hatte nur das Wort Chaos aufgeschnappt und vermutete richtig. „Vielen Dank, dass Doktor Kaan beziehungsweise Hundt den OP frei machen.“
„Ich glaube, das ist Kaan und Hundt relativ egal, wo sie arbeiten.“
„Bei einem kleinen Eingriff wäre mir das auch egal. Aber das wird eine größere Operation, mit beiden Assistenten und vielen anderen Menschen. Da fühle ich mich in den größeren Sälen einfach wohler, freier.“
„Beide Assistenten sagen Sie?“ Sabine war irritiert. „Sie hat Herrn Stern bis heute Abend in die Notaufnahme geschickt.“
„Da sollte sie selbst sein?“ Gina ging im Kopf die Einteilung durch. Nein, sie irrte sich nicht. Nachdem die Gyn den zweiten OP für sie frei gemacht hatte, war ein aktualisierter OP- und Einsatzplan gemailt worden. Absender Doktor Marc Meier. „Na das gibt ja wieder Knatsch.“
„Aber sie wird das doch mit Doktor Meier abgesprochen haben?“ Sabine glaubte immer an das Gute. „Und bestimmt denkt sie sich was dabei.“
„Ja, zehn Jahre Notaufnahme sind ihr genug. Aber genau deswegen oder besser dafür wurde sie eingestellt. Sie möchte lieber nur in die Chirurgie.“
„Jetzt warten Sie doch erstmal ab.“
„Bis ich später alleine im OP stehe, weil sie alle anderen woanders hinschickt?“ Die blonde Chirurgin schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. „Nicht, dass sie die OP selbst noch übernimmt.“
„Keine Sorge. Doktor Meier wird sie nicht in den OP lassen, bevor er nicht sicher ist, wie sie arbeitet.“ Gabi kannte die Vorgänge im Elisabeth-Krankenhaus sehr gut.
„Hat er im Notfall eine Wahl?“
„Natürlich. Eher steht er selber im OP. Glauben Sie mir, Doktor Amsel. Ich arbeite lange genug mit Doktor Meier zusammen. Der Professor macht es übrigens genauso.“
„Aber...?“
„Auch Sie. Ja. Wenn das Ihre Frage war. Er mag Ihnen aus dem Weg gegangen sein, aber ich wette, dass Sie erst nach mehreren OPs mit Doktor Stier oder Rössel eine OP geleitet haben.“
„Äh... ja. Sie meinen...“
„Bestimmt. Allerdings kamen Sie zu einem Zeitpunkt, wo Ihre Hände dringend erforderlich waren. Schätze, er hat Sie schnell selbstständig arbeiten lassen müssen!“
„Und Professor Haase macht es genauso?“ Ginas blaue Augen schienen immer noch vor Überraschung aus den vorgesehenen Höhlen zu kullern.
„Ja.“ Gabi lachte. „Glauben Sie mir, Doktor Brickmann wird es sehr schwer haben, wenn Sie ihn direkt so auflaufen lässt.“
„Na hoffentlich!“ Gina spießte energisch ein Stück Fleisch auf die Gabel.
„Also Frau Doktor. Nun warten Sie doch erstmal ab. Eine Chirurgin mit so viel Erfahrung kann doch gar nicht so viel falsch machen.“

„Sabine!“ Gabi schüttelte den Kopf.
„Sabine!“ Doktor Amsel ebenfalls. Das Fleisch verursachte sofort Übelkeit.
(„Schlucken, Gina, schlucken. Und dann ganz schnell weg hier...!“)

Ina Grimbart grinste verhalten. Das Gespräch gab genau ihren ersten Eindruck wieder.
„Wie ist denn Ihr erster Eindruck?“ Gabi wandte sich an die Gast-Krankenschwester.

Karo Offline

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28.01.2019 20:17
#255 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 2.8 – (K)Eine OP-Vorbereitung


Gina trat von einem Bein auf das andere. Sie zögerte, diesen Schritt zu machen. Erstens wollte sie ungerne die Gespräche von Doktor Meier und Bernd Ullstein unterbrechen, zweitens regelte sie ihre Belange gerne selbst. Das hatte sie bereits versucht – allerdings erfolglos. Doktor Brickmann ließ sich gar nicht auf Diskussionen ein. „Jeder muss zurückstecken können, Frau Kollegin.“

(„Jeder – nur sie nicht.“)
Die blonde Ärztin machte ein paar entschlossene Atemzüge und klopfte an die Tür. Nicht nur, dass ihr schon wieder übel war, sie fühlte sich zusätzlich schlecht, als sie der Aufforderung, das Chefarztbüro zu betreten, folgte.

„Doktor Amsel, Sie kommen wie gerufen. Wir haben gerade über Sie gesprochen.“ Bernd Ullstein sah auf die Uhr. „Haben Sie vor der OP noch ein paar Minuten für uns?“
„Ja, ich habe Zeit. Vielleicht auch noch mehr – ich habe für die OP nämlich nur einen Assistenten.“

Als Marc zum Einsteck-Arbeitsplan an der Wand sah, fuhr sie fort: „Marc, den Plan kenne ich auch – die Praxis sieht anders aus.“
„Wieso?“
„Herr Stern ist in der Notaufnahme.“
Marc schnaufte. Ihm war klar, wer diese Planänderung zu verantworten hatte. „Ich nehme an, Du hast schon mit ihr gesprochen?“
Gina nickte. „Ich hatte gehofft, hier nicht stören zu müssen.“
Marc rief auf der Chirurgie an. „Sabine? Würden Sie Herrn Stern zu uns schicken?“ Er zwinkerte der Chirurgin zu, die sich nicht sicher war, was Marc mit diesem Anruf bezweckte. „Ist gut, danke Sabine.“ Er grinste seine beiden Gegenüber an. „Mal sehen, was passiert.“
„Ich habe zwar keine Ahnung, was Du Dir gerade vorstellst, aber dann sehen wir mal... was passiert.“
„Entweder Sabine schickt Doktor Brickmann in die Notaufnahme oder sie richtet ihr meinen Wunsch einfach nur aus. Egal wie, unsere Frau Doktor muss agieren. Vor allem schnell, da ich ungern warte.“ Sein Grinsen wurde immer breiter.

Doch sie mussten warten. Gina verließ kurzzeitig das Büro, als sie zurück kam war sie unglaublich blass.
„Ist alles okay?“
„Ja, was soll denn sein?“

Erst gute 15 Minuten später kam Carsten Stern ins Chefarztbüro gehetzt. „Entschuldigung, dass es etwas gedauert hat. Was kann ich für Sie tun?“

„Was machen Sie in der Notaufnahme? Die Anweisung lautete anders. Sollten Sie sich nicht mit Doktor Knechtelsdörfer auf die OP mit Doktor Amsel vorbereiten?“
„Doktor Brickmann hat mich dorthin geschickt. Sie sagte, dass sie noch anderes zu tun hat.“ Der Assistenzarzt war sehr verunsichert, das war ihm anzusehen. „Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Sagen wir mal so. Nein, Sie haben nur eine Anweisung befolgt, ja, leider war es die falsche Anweisung. Ich habe den heutigen Tag extra so geplant, dass Sie und Ihr Assistenzarztkollege Zeit für die OP-Vorbereitung haben. Doktor Amsel muss sich sicher auf Sie beide verlassen können. Es steht kein zweiter Chirurg zur Verfügung!“
„Da unten nichts los war, hatte ich in jedem Fall ausreichend Vorbereitungszeit. Ich habe mich schon gewundert, dass Doktor Brickmann entgegen dem Plan handelt aber wir wissen auch, dass es immer zu Verschiebungen kommen kann.“

„Herr Stern hat Recht, es nicht seine Aufgabe über Anweisungen zu diskutieren.“ Gina hatte fast ein schlechtes Gewissen.
„Das weiß ich Doktor Amsel. Herr Stern, Danke. Sehen Sie zu, dass Sie und Knechtelsdörfer...“
„Ähm... als ich die Notaufnahme verließ, versuchte Doktor Brickmann ihn gerade zu erreichen...“

„Ich habe es fast geahnt...“ Marc schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. „Herr Ullstein, Sie und Doktor Amsel können ja ohne mich reden. Ich muss gerade was klären!“
Marc rauschte aus dem Büro. Der Assistenzarzt folgte langsamer. Er hatte bisher nur von Doktor Meiers Wutausbrüchen gehört, das sollte auch so bleiben. Und so wollte er lieber genug Abstand zwischen sich und dem Chirurgen wissen. Die Bewegungen des Leitenden Oberarztes glichen denen einer jagenden Raubkatze.

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28.01.2019 20:21
#256 RE: Story von Karo Zitat · antworten

URLAUB


Dezember 2.9 – Marc vs. Brickmann


Er machte erst den kurzen Weg auf die Chirurgie. „Sabine!“
Die Gerufene zeigte der potentiellen Kollegin gerade das Computerprogramm, mit dem sie die Patientenakten pflegten. Als sie ihren Namen hörte, zuckte sie zusammen.
„Oh Doktor Meier...“ Die Krankenschwester ahnte nichts Gutes. „Ist Herr Stern...“
„Wo ist Doktor Knechtelsdörfer?“
„Das möchte ich auch gerne wissen.“ Die neue Chirurgin kam den Gang entlang.
„Vermutlich ist er auf der Neurologie.“
„Was zum Teufel macht er dort?“
„Mich würde eher interessieren, was zum Teufel Sie hier machen?“ Marc sah die Kollegin scharf an.

Die Krankenschwester kannte den Blick zu genüge und entfernte sich rückwärts, jederzeit den Vulkanausbruch erwartend.

„Wie reden Sie mit mir?“
„Doktor Brickmann, ich mache die Einsatzplanung nicht zum Spaß! Ihren Wunsch, die Chirurgie zu unterstützen, haben wir vernommen, aber momentan ist Ihr Platz in der Notaufnahme.“
„Die Chirurgie zu unterstützen? Ich denke, dass ich mehr als qualifiziert bin, diese Station zu leiten.“
„Doktor Stier leitet diese Station, in Absprache mit mir. Frau Doktor Brickmann. Nebenbei leite ich auch dieses Krankenhaus. Der Einsatzplan ist kein Würfelspiel, wo jeder bei einer ´sechs` ein paar Figuren verschieben kann. Sie sind in der Notaufnahme eingeteilt. Ob es Ihnen passt oder nicht.“
„Meinen Sie nicht, dass ich ein bisschen mehr Erfahrung mit solchen Sachen habe? Professor Haase hat sich sicherlich etwas dabei gedacht, mich einzustellen.“
„Ihre Erfahrung in allen Ehren, hier sind Sie neu. Also lassen Sie es langsam angehen und halten sich zurück.“

„Junger Mann, Sie hören mir jetzt mal zu...“

Marc platzte der Kragen. „Sie hören mir jetzt zu – am besten schreiben Sie es mit: N-O-T-A-U-F-N-A-H-M-E!
Ich diskutiere nicht mit Ihnen. Ich bin Ihr Chef, ob es Ihnen passt oder nicht. Auch dabei hat sich Professor Haase etwas gedacht!“

Der Leitende Oberarzt drehte sich schwungvoll um und ließ die uneinsichtige Ärztin stehen. „Sabine – wenn Doktor Knechtelsdörfer heute noch seine Pause beendet, er soll sich mit Herrn Stern auf die OP vorbereiten. Doktor Amsel wird auch zügig wieder hier sein.“
„I-ist gut, Doktor Meier.“
Marc nickte und verschwand wieder im Treppenhaus.

„Holla, der hat Temperament.“ Schwester Ina war sichtlich beeindruckt. „Er kommt immer so ruhig und gefasst rüber.“
„Solange alles läuft, ja. Sie tut sich keinen Gefallen mit ihrem Verhalten. Uns auch nicht. Wenn er schlecht gelaunt ist, dann kann er einem das Leben richtig schwer machen.“
„Sie arbeiten schon lange mit ihm zusammen?“
„Oh ja, von Anfang an. Ich war hier schon, als er die Oberarztstelle auf der Chirurgie bekam. Der Professor kennt ihn schon von der Uni. Doktor Meier hat sowohl sein Praktisches Jahr als auch einen Teil seiner Assistenzzeit hier verbracht. Trotzdem haben alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, dass ein so wenig erfahrener Arzt die Leitung bekommt. Eine Ärztezeitung betitelte ihn als den „Jungen, Wilden“. Naja, leicht war es nicht. Doktor Meier ist Perfektionist. Und Chirurg durch und durch. Er verlangt immer viel, von jedem, zu jeder Zeit. Am meisten von sich. Er steht immer in der ersten Reihe, wenn Not am Mann ist.“

„Mir kommt er sehr engagiert und fair vor.“

„Ersteres in jedem Fall, das zweite musste er wirklich lernen. Und er lernt noch. Aber wenn er sich Professor Haase zum Vorbild nimmt – und das glaube ich fest – dann wird er eines Tages ein guter Chef.“
„Glauben Sie?“
Ein verschwörerischer Blick: „Ich weiß es!“

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28.01.2019 20:26
#257 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.10 – Marc und Ina


Auch Marc stellte der potentiellen Mitarbeiterin am Nachmittag die Frage nach Ihrem Eindruck.

„Ich habe mit dieser Frage gerechnet und sie gefürchtet. Leider hatte ich wenig Zeit, mir eine gescheite Antwort zu überlegen.“ Ina Grimbart lachte den Leitenden Oberarzt offen an. „Lassen Sie mir ein bisschen Zeit, Doktor Meier. Es sind sehr viele Eindrücke. Sie wissen selbst, dass wir da drüben etwas anders arbeiten. Aber unterm Strich fand ich den Tag sehr gut.“
„Das freut mich, Frau Grimbart. Also sehen wir uns morgen wieder?“
„Aber natürlich, Doktor Meier!“

Den zweiten Tag verbrachte Schwester Ina vormittags auf der Gyn und den Nachmittag bei Oberschwester Stephanie auf der Onkologie. Am dritten Tag lernte sie die Neurologie und Doktor Hassmann kennen. Mittags wurde sie von Doktor Meier in die Notaufnahme gerufen, schließlich wollte er sich selbst ein Bild machen.

„Auch wenn ich Sie bereits beobachten durfte – in der Notaufnahme hatten wir ja bereits das Vergnügen.“

Marc fand die Krankenschwester sehr angenehm, sie fand sich schnell zurecht und wenn nicht, dann traute sie sich, Fragen zu stellen.

(„Sie kennt ihren Beruf!“)

Ihm fiel das Gespräch im Supermarkt ein. Sie hatte ihrer Freundin gesagt, dass sie gerne Krankenschwester sei.

(„Das merkt man!“)

Marc war äußerst zufrieden. „Frau Grimbart, von mir aus können Sie sofort einen Vertrag unterschreiben!“ Sie hatten sich ins Chefarztbüro zurückgezogen. „Ich hatte schon drüben einen sehr guten Eindruck von Ihnen und wie Sie arbeiten. Die Mitarbeiter, mit denen ich heute kurz gesprochen habe, konnten auch nur Positives über Sie sagen. Selbst die Oberschwester konnten Sie überzeugen und ihr etwas Nettes zu entlocken ist sehr schwer!“

„Ich kenne Frau Brinckmann von verschiedenen Fortbildungen. Sie kann durchaus lustig sein.“

„Die Oberschwester?“ Marc hob fragend die Augenbrauen. „Unsere Oberschwester?“

Schwester Ina lachte. „Ja. Aber wissen Sie, das ist mir sofort aufgefallen. Hier muss sich niemand verrenken, jeder ist er selbst. Das gefällt mir sehr gut. Hier sind schon sehr – individuelle – Charaktere beschäftigt.“
Marc lachte. „Ja, das haben Sie gut beobachtet. Obwohl das mitunter auch sehr anstrengend sein kann. Aber auch das ist Professor Haase. Jeder darf so sein, wie er ist. Seine Toleranz wird vom Kollegium geschätzt und mit getragen. Die Mitarbeiter danken es ihm mit Einsatz, Loyalität und langen Arbeitsverhältnissen. Deswegen schauen wir sehr genau darauf, wen wir ins Team holen.“
„Ja, ein Team. Das haben Sie wirklich. Ich habe mich die drei Tage wirklich wohl gefühlt und nicht wie jemand Fremdes. Ich darf meinen Eindruck aber sacken lassen und darüber nachdenken. Vielleicht fände mein Mann es auch ganz nett, wenn ich auch mit ihm spreche.“ Sie lachte und Marc stimmte mit ein.

„Überlegen Sie es sich, Frau Grimbart. Ihr Arbeitsplatz wäre hauptsächlich die Chirurgie. Wenn Sie Ihre Zusage geben, dann setzen wir uns nochmal wegen Ihrer Arbeitszeiten zusammen.“
„Ich werde mich bestimmt im Lauf der nächsten Woche bei Ihnen melden. Darf ich Ihnen allerdings noch eine persönliche Frage stellen?“ Marc zögerte doch sie stellte ihre Frage: „ Doktor Meier, verraten Sie mir wie alt Sie sind? Ihre Mutter war doch erst 50...“

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03.02.2019 16:24
#258 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.11 - Jahresplanung


Bernd Ullstein und Marc hatten anstrengende Tage hinter sich, in denen sie viele Gespräche mit Mitarbeitern geführt hatten. Die Oberschwester war angesichts der Aussicht, dass Ina Grimbart über einen Vertrag nachdachte, gut gelaunt und hatte für ihre Wünsche sogar vernünftige Argumente parat. Sicherlich wäre es gut, die Anzahl der Auszubildenden aufzustocken, aber dafür wäre in jedem Fall eine weitere Vollzeitstelle zu schaffen, sie selbst hätte kaum zeitliche Möglichkeit, weitere Azubis zu betreuen.

Gegenüber Bernd Ullstein hatte Gina noch einmal Interesse an der Stelle des Oberarztes auf der Chirurgie geäußert. Allerdings hatte mit Doktor Brickmann eine weitere Ärztin mit Ambitionen auf diesen Posten.
„Ist ein Vertrag ab Februar an diese Option gebunden?“ Diese Frage hatte Gina befürchtet. Sie wollte sehr gerne in Berlin bleiben, auch am Elisabeth-Krankenhaus fand sie sich gut zurecht – und wie es aussah, entwickelte sich das zwischen ihr und Cedric Stier zu einer guten Beziehung. Außerdem meinte sie herauszuhören, dass man längerfristig mit ihr plante – es hatte mehrere Gespräche mit Doktor Fuchs gemeinsam gegeben. Mit einer modernisierten Radiologie könnte sie durchaus an frühere Erfolge anknüpfen. Mehr Schilddrüsen hieße unweigerlich weniger Blinddärme.

„Ich fühle mich hier wohl und ich bin ehrlich sehr dankbar, dass ich hier so schnell anfangen konnte, als ich eine Stelle brauchte. Ich will nicht undankbar sein, deswegen würde ich es akzeptieren, wenn Sie Doktor Brickmann die Oberarztstelle geben würden. Allerdings müssten Sie in dem Fall schon damit rechnen, dass ich nicht ewig als Chirurgin hier arbeiten würde. Schon gar nicht, wenn...“
„Wenn?“
„Naja, ich weiß nicht so Recht, wie ich es ausdrücken soll...?“
Marc schnaubte. „Komm schon. Du hast Dich doch noch nie gescheut, Deine Meinung zu sagen?“
„Ich finde, dass wir mit ihr noch mehr Arbeit haben. Der November war hart, aber alle haben an einem Strang gezogen. Oder anderen den Rücken frei gehalten. Jetzt ist eine volle Arztstelle mehr da, aber ich habe den Eindruck, man schafft weniger und das noch nicht mal so gut.“
„So ähnlich hat es Sabine auch gesagt. Wie verhält sich Doktor Brickmann generell Dir gegenüber?“

Sie antwortete mit einem Schnauben.

Marc und Bernd Ullstein waren sich einig, dass man ein klares Zeichen setzen musste und so gab Marc am Ende der Planungstage offiziell bekannt, dass er die Leitung der Chirurgie an Doktor Gina Amsel übertrug, sie zur Oberärztin zu machen sollte jedoch vorerst eine Interimslösung sein.

Über eine Personalie mussten beide nicht lange nachdenken. Doktor Schattmann war eine Bereicherung im Team und so wurde sein Probevertrag durch einen unbefristeten Kontrakt ersetzt. Der Tag, an dem dieser den neuen Vertrag unterschrieb, fühlte sich für den erfahrenen Chirurgen an wie Weihnachten. Sie hatten nicht über Geld gesprochen und trotzdem hob man sein Gehalt auf einen fairen Betrag. Er hatte sich unter Wert verkauft, das war ihm klar gewesen. Doch er hatte keine andere Chance gesehen, wenn er nicht als arbeitsloser Arzt enden wollte. Mit Mitte 50 hatte er außer seiner Arbeit und seiner Charlotte nicht viel. Die betriebsbedingte Kündigung in Oranienburg hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Dass er so schnell eine Anstellung gefunden hatte, war Glück. Dass er sich am Elisabeth-Krankenhaus spontan auch noch wohl gefühlt hatte, war für ihn wie ein Lottogewinn. Dass er jeden Tag zweimal über eine Stunde mit der S-Bahn fuhr, störte ihn am wenigsten.

Zur großen Freude von Marc und Bernd Ullstein sagte Ina Grimbart Ihnen ab Februar für 30 Wochenstunden zu. Das war mehr, als Marc angesichts der Zwillinge erwartet hatte. „Solange ich rechtzeitig planen kann, habe ich kein Problem, Doktor Meier.“
Da ihr Ehemann im festen Schichtsystem arbeitete, konnten sie schon den Arbeitsplan für Februar festlegen. „Im Januar kommt dann der Dienstplan für März und so weiter.“
„Damit wird sich gut arbeiten lassen. Willkommen im Team, Frau Grimbart!“

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03.02.2019 16:29
#259 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.12 – Marc und Elke 7



Zu Hause erwartete ihn eine Überraschung, seine Mutter telefonierte gut gelaunt mit ihrer Agentin. „Weihnachten in New York und Silvester in der Karibik. So lasse ich mir Winter gefallen. Natürlich, Gisela. Dann sehen wir uns übermorgen zum Packen. Bye bye.“ Sie warf Küsschen in die Luft.

„Habe ich was verpasst?“
„Ich habe die Chance, Weihnachten und Silvester zu verpassen. Herrlich, Gisela hat eine Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff an Land gezogen.“
„An Land...? Ich dachte, so ein Schiff sollte schwimmen...?“
„Ach Du... mein Gott, ich muss zum Frisör und zur Schneiderin. Durch diese Unbeweglichkeit bin ich fett geworden.“
„Wo denn? Hinterm Ohrläppchen? Lass mal sehen...“
„Marc! Untersteh Dich!“

Er lachte. „Eine Kreuzfahrt... wie kommst Du dahin?“
„Mit dem Schiff natürlich.“
„Und zum Schiff?“
„Wir fliegen am 22.12. nach New York.“
„Das sind gute neun Stunden Flugzeit... Du solltest Dein Bein hierlassen.“
„Ach...“
„Mutter! Nichts ach... wir werden uns dein Bein nochmal sehr gründlich ansehen. Mit Thrombosen spaßt man nicht.“
„Du ärgerst mich wieder mit Wenns und Vielleichts?“
„Eher mit gesundem Menschenverstand!“
„Was zu beweisen wäre.“
„Ich bin Dein Sohn!“
„Eben.“ Elke lachte schon wieder. Zu gut waren die Aussichten, diesem nasskalten Berlin zu entfliehen. „Außerdem – was soll ich denn alleine hier, wenn Du in Deiner Alm-Klinik hockst.“
„Mutter, gib mir die Chance, Dein Bein anzusehen. Wenn es keine Bedenken gibt, dann flieg. Sollte es aber nur den kleinsten Zweifel geben, dann müssen wir das ausdiskutieren.“
„Es wäre schön, wenn Du Dich mit mir freust. Und ich diskutiere nicht mit Dir.“
„Du wirst doch nicht auf Deine äh... nicht noch vernünftig?“
„Meine... was? Schlimm genug, dass Du mich viel zu früh zur Oma machst – mit einem Kind, das nicht mal von Dir ist!“
„Das Kind kann nichts dazu und egal wie, es freut sich über jede Oma.“

(„Mist... ich wollte sie ja noch anrufen.“)

Seine eigene Oma hatte ihn heute angerufen, als er gerade auf dem Weg zu Gina in den OP war. Er hatte versprochen, sie am Abend zurückzurufen. Ein Blick auf seine Uhr.

(„Ja, geht noch!“)

„Mutter, ich habe noch zu tun.“
„Hast Du auch irgendwann mal Feierabend?“

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03.02.2019 16:32
#260 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.13 – Telefonat mit Oma



„Marc, wie schön. Bist Du jetzt erst zu Hause?“
„Ja, seit einer knappen halben Stunde.“
„Ich habe in den Nachrichten gehört, dass fehlerhafte Lichterketten im Handel sind. Habt ihr auch mit diesen Lichterketten zu tun?“
„Ja. Die sichern gerade ordentlich unsere Auslastung.“ Marc lachte leise.
„Pfui, schäm Dich. Damit verletzen sich Menschen.“
„Ich weiß, deswegen ist das Schwesternwohnheim abgebrannt.“
„Oh je. Das ist ja furchtbar.“
„Naja... es stand seit Jahren auf der Sanierungsliste. Nun müssen sie sich was anderes überlegen. Wobei man den Betreibern keinen Vorwurf machen kann, sie suchen intensiv nach einer Lösung. Auch wenn es erstmal eine Zwischenlösung wäre.“
„Das klingt als wärst Du sehr zufrieden.“
„Bin ich auch.“
„Und trotzdem gehst Du weg?“
„Das hat andere Gründe. Aber das ist eine längere Geschichte.“
„Ehrlichgesagt – ich hatte überlegt, ob wir uns vorher nochmal sehen können? Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Du plötzlich da warst. Ich würde den Kreis gerne schließen. Wir haben uns Weihnachten vor...“
„Zwanzig.“
„Wirklich – zwanzig? ...vor Zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen.“
„Mir ist Weihnachten ziemlich egal, vor allem muss ich eh arbeiten. Das sind immer hektische Tage im Krankenhaus.“
„Hm, es war nur eine Idee.“
Marc hörte die Enttäuschung, die in der Stimme seiner Oma mitschwang. „Ich habe eine andere Idee – Du kommst einfach her. Andersrum wäre sicherlich schöner aber...“
„Was ist denn mit Deiner Mutter?“
„Sie ist über Weihnachten und Silvester in Amerika. Ich habe quasi sturmfrei.“ Marc lachte übermütig.
„Und da lädst Du Dir eine alte Schachtel ein?“ Auch die Großmutter klang fröhlich.
„Damenbesuch, Oma. Auf höflich heißt das Damenbesuch!“
„Ja, höflich warst Du schon immer. Ein kleiner Charmeur. Trotzdem – gibt es nicht jüngere, die...“
„Überleg es Dir. Mutter ist ab dem 22. weg. Der Zug von Stralsund fährt immer noch durch.“
„Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, aber...“
„Aber was sollst Du auch alleine auf Rügen?“ Marc lachte wieder. „Das wolltest Du doch sagen, oder?“
„Danke für den Rückruf, Marc. Ich sage Dir Bescheid.“
„Ist gut, Oma. Bis morgen.“ Er lächelte als er auflegte.

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03.02.2019 16:35
#261 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.14 – Marc und Elke 8



„Marc... hast Du... Oma gesagt?“ Elke stand mit versteinertem Gesicht in der Tür. „Bist Du noch ganz bei Trost?“
„Mir ging es nie besser, Mutter.“
„Aber... wie kommst Du...“
„Der Zug fährt durch – bis zur Endstation.“ Marcs Stimme hatte jeglichen freundlichen Ton verloren. „Oder mit dem Auto. Die Adresse stimmt noch – Deichweg 24. Damals, wie heute. Die gleiche Adresse.“
„Aber warum?“
„Heimweh. Ich schätze, ich wollte nach Hause.“ Marc wusste, dass jedes Wort einhundertprozentig traf. „Ich hätte viel früher darauf kommen sollen.“
Elke setzte sich auf den Boden und lehnte sich an den Türrahmen. Marc überlegte, er hatte seine Mutter noch nie am Boden gesehen – freiwillig. Außer es ging um ihre Turnübungen, da war Bodenkontakt akzeptabel.

„Es tut mir Leid.“
„Wieso ausgerechnet jetzt und wieso da?“
„Du wusstest nicht, dass ich auf Rügen gelandet war, als ich weg war?“
Elke schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich musste in die Schweiz, als Du weg warst, Erhard wollte nicht zulassen, dass ich die Reise absage. Dabei wären die Termine in Hamburg wichtiger gewesen. Franz hatte mir nur eine kurze Nachricht hinterlassen, dass Du wohlbehalten wieder da bist. Und dann warst Du ja plötzlich bei mir in Zürich.“
„Aber Du weißt schon, dass Gretchen damit zu tun hatte? Passiv. Mehdi hatte mir erzählt, dass Gretchen von ihm schwanger ist und dass er nur hier ist, um sich scheiden zu lassen.“
„Gleichzeitig baut er Deine Wohnung um, damit die es schön haben? Das war doch offensichtlich, dass der nicht ganz dicht ist.“
„Nicht für mich. Seit ich aus Afrika zurück bin sind die Träume wieder da. Ich habe Angst zu schlafen. Zu viel zu schlafen. Immer hat es damit zu tun, dass man Gretchen was tun will – meistens Mehdi – oder sie mir wegnehmen will. Vor allem Mehdi.“ Marc machte eine kleine Pause.

„Er kommt auch darin vor.“

„Er?“
„Er will Dich mir wegnehmen. Sich an Dir rächen. Und an mir.“
„Wer?“ Elke war nicht sicher ob er wirklich...
„René.“
Die sonst so taffe Bestsellerautorin sank immer mehr in sich zusammen. Vor etlichen Jahren hatte sie sich und Marc vor ihm in Sicherheit gebracht. Wie es aussah, nicht weit genug.

„Das letzte Weihnachtsfest mit Oma und Opa ist zwanzig Jahre her.“
„Zwanzig Jahre?“
„Kommende Ostern vor 20 Jahren hat er mich das letzte Mal in ein Krankenhaus geschlagen.“
Elke sah ihren Sohn an. „Uns.“

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03.02.2019 16:47
#262 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Marc 21


MAAARC!!!“
Die Stimme des Vaters hallte über den ganzen Hof – vermutlich auch bis weit darüber hinaus. Der Jugendliche grinste, nur kurz, aber lang genug, dass die Ärztin es mitbekam.

„Was ist das?“ René zerrte den Jungen an den Haaren zum Auto.
„Das sieht ja schrecklich aus!“ Marc grinste wieder. Dann sah er den angstvollen Blick seiner Mutter und seine Miene versteifte sich wieder.
„Sehen Sie, genau das ist, was ich meine. Sinnlose Zerstörungswut. Egal was, Hauptsache kaputt.“
Scheinbar ungerührt stand Marc vor dem zerkratzten Auto.
„Marc, was in aller Welt hast Du Dir dabei gedacht?“ Elke stand fassungslos neben ihrem Sohn.
„Mama, es tut mir Leid. Für Dich.“

(„Bitte bleib!“)

Sie wussten beide, dass Elke allein diese Tat ausbaden musste.
„Schon gut, Marc.“ Sie verstand ihren Sohn. Vermutlich musste auch er irgendwo seine Wut rauslassen.

„Es... es passiert einfach so.“

René hatte diese Worte gehört und sofort schlug er Marc zu Boden. „Das passiert nicht einfach so.“

Die Ärztin hatte sich das Szenario schweigend angesehen. Jetzt, als Marc stöhnend am Boden lag, griff sie ein. „Herr Meier, jetzt ist es gut!“
„Gut? Sie sind ja nicht mehr ganz dicht. Wissen Sie, was das kostet?“
„Nein, ich weiß es nicht und es ist mir auch völlig egal. Marc, ist alles okay?“
Er lag immer noch am Boden. Sein Kopf dröhnte und er sah nur verschwommen. Er tastete nach der pochenden Schläfe und zuckte zusammen.
Die Ärztin war bei ihm. „Bleib einfach einen Moment liegen.“ Zu den Eltern gewandt: „Sie verschwinden jetzt besser. Sie können mich bis 19:30 Uhr heute Abend erreichen, falls Sie wissen möchten, wie es Marc geht.“
René schnaubte verächtlich, Elke nickte der Ärztin mit einem dankbaren Blick zu. „Alles Gute, mein Junge.“
Marc hielt mit Gewalt die Tränen zurück, der Kloß in seinem Hals wollte unbedingt explodieren. Wie sein Kopf!

***
„Hallo Theresa.“
„Andreas. Ich gratuliere Dir zur Beförderung. Mit 32 Oberarzt der Chirurgie – gab es je einen Jüngeren?“
„In Berlin und Brandenburg jedenfalls nicht. Wen bringst Du zu uns?“
„Das ist Marc. Er hat einen Schlag abbekommen.“
„Hallo Marc, ich bin Doktor Kaczmarek. Dann werde ich mir Deinen Kopf mal ansehen.“

Der Arzt war sehr gründlich. „Wie ist das passiert?“
„Es war kein Schlag, ich habe mich gestoßen.“
„Das sieht mir aber nicht so aus, als hättest Du Dich nur gestoßen?“
„Sie sehen auch nicht so aus, als hätten Sie schon fertig studiert!“ Marc ging sofort in Angriffsposition.
„Dann hast Du wohl schon viele Ärzte gesehen?“ Der Mediziner kannte dieses Verhaltensmuster bei den Kindern von Schwielochsee zu genüge und nahm es nicht übel.
„Vielleicht!“
„Ich habe in jedem Fall schon einige Verletzungen gesehen, dass ich mit Bestimmtheit sagen kann, dass das hier von einem sehr heftigen Schlag kommt.“

Marc presste die Lippen aufeinander.
„Ich möchte, dass wir Deinen Kopf röntgen und ein CT vom Schädel machen. Woher kommen die blauen Flecken an Deinem Arm?“ Die farbigen Flecken verrieten dem Mediziner, dass hier eine große Hand sehr kräftig zugepackt haben musste.
„Fahrradsturz. Vor zwei Wochen.“
„Dir passiert ziemlich viel, oder?“ Er sah den Jungen prüfend an. Bevor Marc irgendetwas sagen konnte betrat eine Krankenschwester den Behandlungsraum. „Marc, das ist Schwester Mandy. Sie wird Dich zu allen Untersuchungen bringen. Doktor Reese kann Dich auch begleiten, wenn Du willst. Wir sehen uns später wieder, wenn ich mir die Bilder angesehen habe.“

Marc wollte nicht, dass die Kinderärztin ihn begleitete und so nutzte der Chirurg die Wartezeit, um sich mit ihr zu unterhalten. Seine Vermutung, dass es sich hier um einen heftigen Schlag handelte, wurde bestätigt. „Neben dieser akuten Verletzung hat Marc Hämatome am Oberarm, die von einem gewaltsamen Griff herrühren. Sichtbar ist außerdem eine ältere Narbe an der Nase, die offensichtlich nach einem Bruch gerichtet werden musste. Ich vermute, dass wir bei einem Ganzkörperröntgen noch einige andere Bruchspuren finden würden.“
„Er wurde eben erst von seinen Eltern hergebracht. Wobei ich denke, dass das der Wille des Vaters ist. Die Mutter sagt gar nichts, dafür der Vater umso mehr. Ich hatte den Eindruck, dass Marc nicht wusste, was ihn hier erwartet. Er ging von einem Feriencamp aus.“
„Auch wenn es vermutlich nichts bringt – ich muss das anzeigen.“
„Das ist mir klar.“

„NEIN!“ Marc kam gerade den Flur entlang und hatte die letzten Sätze gehört. „Das dürfen Sie nicht.“
„Ich muss es sogar, Marc. Häusliche Gewalt ist eine Straftat. In deren Folge haben wir es hier sogar mit Körperverletzung zu tun. In einigen schweren Fällen reden wir auch von Körperverletzung mit Todesfolge oder Totschlag.“
„Das wird es... Er schlägt Mama tot, wenn Sie das tun.“ Es war nur mehr ein Flüstern. „Bitte keine Anzeige.“
„Wir überlegen später nochmal, wie wir euch helfen können, ja? Jetzt gucken wir erstmal Deinen Kopf an.“ Er zeigte auf ein paar transparente Schwarz-weiß-Bilder, die eine Schwester gerade an die Lichtwand geheftet hatte.

Marc stellte sich fasziniert neben den Arzt. „Das ist mein Kopf?“
„Ja, so sieht die Aufnahme von der Seite aus. Daneben findest Du die Ansicht von vorne. Ob die Farbe dunkel oder hell erscheint hängt von der Strahlendurchlässigkeit der untersuchten Struktur ab. Ein strahlenundurchlässiges Gewebe, hier Dein Schädelknochen zum Beispiel, erscheint als heller Teil auf dem Bild. Dunkel oder dunkler siehst Du die Organe, die viele Strahlen durchlassen.“
„Die Augen?“ Marc guckte sich die Bilder ganz genau an. „Und wie weiß ich, ob was gebrochen ist?“
„Naja, wenn der gesunde Knochen hell erscheint, dann...“
„Ah, dann ist es da wo es gebrochen ist dunkel, weil kein Knochen die Strahlen aufhält.“
„Genauso.“

„Also ist nichts gebrochen!“ Er sagte das mit einem Selbstverständnis, dass sowohl der Chirurg als auch die Kinderärztin staunten.

„Was ist das?“ Marc zeigte auf einen fadenähnlichen, dunklen Streifen. Gleichzeitig fasste er sich an die Narbe auf seiner Nase.
Der Chirurg zog seine linke Augenbraue hoch. „Das ist der verheilte Bruch Deiner Nase. Da wo Knochen wieder zusammenwachsen bildet sich ein knochenähnliches Gewebe. Es nennt sich Kallus. Fast jeder Bruch ist ewig auf Röntgenbildern zu sehen, egal wie gut die Knochen verheilen. Zumindest für erfahrene Mediziner. Wie alt warst Du da?“

„Vier Jahre alt. Ich bin im Bad ausgerutscht.“

(„Vermutlich glaubt er mir eh nicht.“)

„Sie meinen, das ist gut verheilt?“ Marc tastete wieder an seiner Nase herum. „Weil die Nase schief ist, meine ich?“
„Hast Du Probleme beim Atmen?“
„Nein. Also bleibt nur dieser Schönheitsfehler?“

Fachsimpelte er hier wirklich mit einem Dreizehnjährigen? Er lachte. „Ja, so ist es. Solltest Du jedoch irgendwann Probleme mit der Luft bekommen, dann lässt sich das auch problemlos korrigieren.“
„Gut, dass ich das weiß.“

In der Zwischenzeit waren die Bilder des Schädel-CT auf dem Monitor sichtbar.

„Oh weh... was ist denn das für ein Durcheinander? Das hier sieht aus wie eine Scheibe Schinken.“
„Das ist auch Dein Kopf. Tatsächlich in Scheiben geschnitten. So.“ Er zeigte Marc, aus welcher Richtung man auf die Ansichten guckte und in welchem Bereich des Kopfes die eine oder andere Scheibe zu finden war.
„Guck mal hier kannst Du wunderbar alle Sinnesorgane des Kopfes sehen. Hier die Nase mit ihren beiden Nasenhöhlen, hier die beiden Augenhöhlen und das hier sind die Ohren. Die Farben helfen uns wieder, Ordnung rein zu bringen.“
„Und ist bei mir alles in Ordnung?“ Marc grinste, als ihm die Doppeldeutigkeit bewusst wurde.
„Von meiner Seite aus ja. Aber ich kann trotz aller bildgebenden Verfahren nur gegen Deine Stirn gucken, nicht dahinter.“

„Ich weiß genau, was Sie meinen.“ Marc kniff jetzt die Augen zusammen und sah den Arzt prüfend an. „Sie haben mir sehr geholfen. Auch wenn Sie sehr jung sind.“
„So? Wie alt sollte ich Deiner Meinung nach sein?“ Das hörte er nicht zum ersten Mal, aber noch nie hatte ein Kind sowas festgestellt. Der Junge musste bereits über einige Krankenhauserfahrung verfügen.
„Weiß nicht, ich kenne nur alte Ärzte. Mein Vater ist auch älter als Sie und der ist noch nicht mal Doktor.
„Wie alt ist denn Dein Vater?“
„35“
„Er hat Medizin studiert?“
„Ja. Er wird Zahnarzt.“
„Dann hat er vorher bestimmt einen anderen Beruf gehabt. Normalerweise dauert das sechs Jahre. Inklusive der Doktorarbeit.“
„Das glaube ich nicht. Er lernt, seit ich denken kann.“ Der Junge grübelte offensichtlich. „Hm, zumindest seit ich das hier habe.“ Marc fasste sich wieder an seine Nase. „Fast zehn Jahre her.“
„Naja, nicht jeder ist so schnell wie ich. Schon in der Grundschule habe ich zweimal eine Klasse übersprungen, weil ich mich zu Tode gelangweilt habe.“
„Ich auch. Mit fünf wurde ich eingeschult, mit sieben war ich schon auf dem Gymnasium.“
„Dann bist Du jetzt in der neunten?“
„Ja. Ist auch langweilig.“
„Dann bist Du sogar noch ein Jahr früher dran als ich, denn ich wurde erst mit sieben eingeschult. Mir fiel es immer leicht zu lernen. Weißt Du schon, was Du machen möchtest?“
„Studieren. Was ist egal, Hauptsache ich habe schneller einen Doktortitel als mein Vater.“
„Laut Deiner Röntgenanalyse wird das so sein. Medizin ist einfach furchtbar spannend.“
„Wie lange haben Sie denn gebraucht?“
„Das Medizinstudium ist erstmal nur Theorie. Erst das letzte Jahr des Studiums ist praktisch orientiert. Deswegen nennt es sich Praktisches Jahr. Danach darf man sich Arzt nennen und als solcher arbeiten. Das geschieht bis zum Facharzt nur unter Anleitung und Aufsicht. Je nach Spezialisierung dauert das nochmal zwischen drei und fünf Jahren. Den Doktortitel darf ich tragen seit ich 27 bin.“
„Oh.“

(„Auch wenn er schnell war – Papa ist einfach dumm. Mit 35 noch gar nichts?“)

„Herr Doktor, da ist ein Mann in der Ambulanz, der die Treppe herunter gefallen ist.“
„Danke Schwester. Marc, die Fachsimpelei mit Dir hat Spaß gemacht.“
„Mir auch. Aber wenn jetzt doch nichts passiert ist, dann können Sie doch bestimmt von einer Anzeige absehen, oder?“ Wieder dieser Blick. Vermutlich wusste der Junge nicht, dass er damit jeden entwaffnen konnte.

„Ich kann das nicht jetzt entscheiden. Ich melde mich bei euch, okay?“
Er gab noch weitere Anweisungen, wie Marc sich zu verhalten hatte und welche Medikamente sinnvoll wären. Dann verabschiedete er sich von diesem großartigen Jungen und der Kinderärztin.
Diese hatte sich die ganze Zeit still verhalten und ihren neuen Schützling beobachtet.
Die tollsten Kinder hatten meistens Eltern, die das gar nicht zu schätzen wussten.

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03.02.2019 16:52
#263 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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Dezember 2.15 – Marc und Elke 9



„Kurz darauf habe ich die Briefe gefunden. Danach war auch ich das letzte Mal im Krankenhaus – wegen ihm. Glücklicherweise erfolgte die Anzeige gegen ihn erst, als ich selbst schon bei der Polizei gewesen war.“
Marc setzte sich neben der Tür auf den Boden und lehnte sich an die Wand. „Ich hatte sie gebeten, keine Anzeige zu erstatten. Er hätte Dich totgeprügelt.“ Eine Weile schwiegen Mutter und Sohn.
„Aber dieses Mal hätte er es mir nicht in die Schuhe schieben können.“

„Marc...“
„Lass es gut sein. So bin ich wenigstens bei Oma und Opa gelandet.“

Wieder folgten beide still ihrem steinigen Weg der Erinnerungen. Hinter jeder Böschung konnte die Gefahr lauern, der Ehemann. Der Vater.

(„Stiefvater!“)

Dachte Marc trotzig.

„Wie geht es ihnen?“ Elkes Stimme zitterte. Marc wusste, dass sie mit sich selbst um diese Frage gekämpft hatte.
„Oma geht es soweit ganz gut. Sie ist klein geworden – naja, vermutlich bin ich einfach größer als damals.“ Marc lachte zögerlich. „Opa ist vor sechs Jahren gestorben. Das Haus – ich weiß nicht, wie Du es noch kennst – wurde nach seinem Tod umgebaut und ein Teil wird als Ferienwohnung vermietet. Dadurch hat sie etwas, womit sie sich beschäftigen kann und sie ist selten alleine. Weg wollte sie nicht. Sie hat fest daran geglaubt, dass ich irgendwann zurück finde.“
Marc stiegen die Tränen in die Augen.

(„Vielleicht hat Gretchen doch Recht – man muss einfach ganz fest daran glauben, dass etwas passiert.“)

Wieder schwiegen sie gemeinsam, jeder für sich.

„Ich habe sie über Weihnachten eingeladen. Ich würde sie gerne nochmal sehen, bevor ich in die Schweiz gehe.“
„Hierhin?“ Elke erstarrte.
„Wohin sonst? Du fliegst doch eh – egal ob es medizinisch empfehlenswert ist oder nicht.“ Marc grinste seine Mutter an. „Hoffe ich zumindest.“
Auch Elke überwand den Schock. Sie schaffte es sogar ihren Sohn anzulächeln. „Dann sollten wir nochmal Plätzchen backen. Ich glaube, sie liebte Va...“
„Vanillekipfel.“

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11.02.2019 23:16
#264 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 2.16 – Gretchen und Vater Haase


An einem anderen Platz auf der Weltkugel hielt eine blondgelockte Frau das letzte Plätzchen in der Hand. Das letzte essbare Plätzchen. Die beiden Füßchen würde sie aufbewahren.

(„Bis sie versteinern oder schimmeln.“)

„Soll ich, oder soll ich nicht?“

„Es ist nur eine Frage der Zeit, nicht des dass...“ Sie hatte ihren fröhlich grinsenden Vater nicht bemerkt.
„Papa...“
„Hat er die wirklich selbst gebacken?“
Der Vater setzte sich neben Gretchen und sie hielt ihm das rosa glitzernde Krönchen hin. „Nimm Du es.“
„Da sind doch noch... oh.“
„Papa!“ Gretchen zog hastig die Kiste weg. Natürlich hatte er die Füßchen gesehen.
„Gretchen, ich habe davon gehört. Doktor Kaan ist nicht sehr zurückhaltend, was das angeht. Es stimmt also wirklich, ja?“
„Ja. Hab ich super hin gekriegt, oder?“ Sie hielt immer noch das Krönchen in der Hand. „Willst Du nun?“
„Natürlich!“
„Sag´s Mama bitte nicht.“
„Weil sie keins abbekommen hat?“
„Ja. Nein, das meine ich nicht.“

Professor Haase grinste. „Dabei war das echt gut. Ein bisschen – bunt vielleicht aber...“
„Kitschig. Aber die waren ja auch für mich!“ Gretchen strahlte ihren Vater glücklich an. „Für uns.“ Sie legte die Hand auf ihren Bauch. „Warte.“ Von dem kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Wand holte sie ein kleines Buch. „Was macht eigentlich Mama?“
„Sie hat sich hingelegt. Die Hitze macht ihr zu schaffen.“
„Dir gar nicht, oder?“
„Ich fühle mich gut, Gretchen.“
„Du passt aber trotzdem auf, oder?“
„Klar, wenn unsere Kinder uns jetzt doppelt zu Großeltern machen.“ Er lachte. „Eigentlich ein schönes Zeichen, oder?“ Er wies auf die verbliebenen Plätzchen.
„Ja. Und weißt Du was? In der Dose war ein Brief versteckt.“

„Doktor Meier backt Plätzchen und schreibt Briefe? Kaum zu glauben.“
„Er leitet auch gerade eine Klinik, mit 32. Kaum zu glauben.“
„Ach Gretchen. Das ist sein Beruf. Das andere... ist einfach neu. Man kennt das nicht von ihm.“
„Umso glücklicher macht es mich. Vor allem – er nimmt das Kind an. Davor hatte ich am meisten Angst.“
„Im Grunde hat er keine Wahl.“
„Doch, Papa. Und jeder könnte es verstehen. Gretchen Haase hat es wieder mal vermasselt.“

„Ach Kind!“ Er zeigte auf das Büchlein in den Händen der Tochter. „Was hast Du da?“

Gretchen zog zwei Blättchen zwischen den Seiten hervor. Zwei schwarz-weiß Bilder, etwas pixelig.

„Ich sehe, das Ultraschallgerät ist schon eingeweiht worden.“ Der werdende Großvater betrachtete seinen Enkel eingehend. „Dein Bruder bekommt auch einen Jungen.“ Er zog seine Tochter an sich. „Gretchen, ich hätte mir für meine Kinder andere Umstände gewünscht, aber ich freue mich für euch.“

Gretchen legte die Bilder wieder in das Büchlein zurück. „Erzählst Du mir von Marc?“

„Ich glaube, Du kennst ihn genauso gut wie ich, wenn nicht besser.“ Professor Haase grinste. „Ihn auf seinen Weg zu bringen... Wir mussten ein bisschen nachhelfen...“
„Er wollte Dich nicht im Stich lassen, oder? Obwohl er schon länger weg wollte. Washington.“
„Hm, ja und nein. Washington hat er aus einem ganz anderen Grund in Erwägung gezogen.“
„Ja klar, Karriere – ich bin der Beste und das zeige ich jetzt der Welt.“
„Er hat mir erzählt, dass er Dich wohl hierher gebracht hat. Durch seine Gemeinheiten. Nach Washington wollte er, um von Dir weg zu kommen. Du hattest gerade geheiratet und damit warst Du für ihn unerreichbar. Ihr nehmt euch also nichts.“

„Marc wollte wegen mir...?“ Gretchen sah ihren Vater bestürzt an. „Oh Gott... und dann lande ich noch mit drei Flaschen Wein und Mehdi im Bett.“ Unbewusst fühlte sie nach ihrem Bauch, dem kleinen Jungen, der in dieser Nacht entstanden war. Ahnungslos und unschuldig wuchs er heran, nicht wissend, welche Turbulenzen seine für die meisten noch nicht einmal zu ahnende Existenz bereits ausgelöst hatte.
„Und jetzt ist er auch noch so großherzig und nimmt dieses Kind an. Ich meine, es kann am wenigsten dafür und im Grunde muss ich mich auch nicht rechtfertigen. Wer konnte ahnen, dass Marc und ich überhaupt jemals zusammen kommen würden. Nicht, dass ich mir das nicht schon Jahre – Jahrzehnte lang vorstelle und wünsche...“

Sie nahm wieder etwas in die Hand. Der Professor erkannte an der Handschrift, dass es sich um den Brief handeln musste.

„Uns beiden ist bewusst, dass unser Weg zusammen nicht leicht ist. Auch nicht leichter wird, weil wir uns schon so lange kennen. Im Gegenteil. Ich glaube, dass Marc und ich nur wegen Afrika eine Chance hatten. In Berlin hätten wir weiter unser Spiel gespielt, so wie wir es vom Schulhof her kannten. Nur, dass ich wohl zu einer ebenbürtigen Gegenspielerin geworden bin.“
Sie klappte den Brief auf und überflog diesen, bis sie die Stelle gefunden hatte.

„Du hast in Deinem ersten Abschiedsbrief geschrieben, dass ich mich weiter entwickeln muss, wenn ich wirklich mit Dir zusammen sein will.“

„Gretchen, Du...“

Sie unterbrach den Einwand ihres Vaters mit einer Handbewegung.

„Gretchen, ich will mit Dir zusammen sein. Auch wenn ich jetzt nach Zürich gehe. Aber Du bist eh nicht da. Warten kann ich überall auf Dich. Und mich weiter entwickeln. Ich behaupte, dass ich auf einem guten Weg bin. Rosa Weihnachtsplätzchen backen und Briefe schreiben."

„Marc weiß genau, dass wir in Berlin keine Chance hätten. Nie hatten und auch nicht haben werden, solange wir unsere Spielregeln nicht neu gelernt haben. Wir müssen uns beide weiter entwickeln. Natürlich habe ich überlegt, nach Hause zu kommen. Mein Unterbewusstsein wusste wohl schon viel früher, dass das nichts gebracht hätte, außer noch viel mehr Stress, vor allem zwischen Mehdi und Marc.“ Sie wandte sich wieder dem Brief zu.

„Ich glaube, ich war sehr gut darin, mich fast jeder Verantwortung zu entziehen. Dann lag plötzlich alles in meiner Verantwortung. Ich hätte nie erwartet, dass es so erfüllend sein kann, für andere verantwortlich zu sein. Ich habe so viel gelernt, Gretchen. Ich hoffe, dass es mich für uns weiter bringt. Für uns drei. Als Familie...“

Die Augen suchten wieder, fanden, die Stelle.

[dunkelblau]„Mir ist zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, dass es tatsächlich ist, wie Dein Vater nicht müde wird zu sagen. Das Team ist eine Familie. Im Grunde ist es meine Familie. War. Jetzt definiert sich Familie neu. Mit Dir, mit Euch!"[/dunkelblau]

„Papa, täusche ich mich oder klingt hier nicht auch sehr viel Sehnsucht mit? Je öfter ich das lese, umso mehr denke ich, dass Marc sich eine Familie wünscht.“ Sie hopste aufgeregt. „Mit mir.“

Vater Haase sah seine glückliche Tochter und zog sie wieder in seine Arme. „Vielleicht gehört er zu denjenigen, die einfach am besten sind, wenn sie vor Tatsachen gestellt werden. Du erwartest ein Kind, das führt unweigerlich zur Familie. Ich war krank, ihm blieb nichts anderes übrig als sich an meinen Schreibtisch zu setzen. Und wenn er das mit euch beiden nur halb so gut hinkriegt, wie er gerade das Elisabeth-Krankenhaus am Laufen hält, dann brauchst Du Dir überhaupt keine Sorgen zu machen.“

„Ja, das war mir klar, dass er es nicht gerne gemacht hat, aber dass er es gut machen würde. Wobei er das rückwirkend ja durchaus positiv sieht. Mit der Verantwortung, meine ich.“

„Eine seiner Bedingungen für Zürich war es, für die Assistenzärzte verantwortlich zu sein.“ Professor Haase grinste. „Als Professor Neuroth mir das erzählt hat, bin ich fast vom Glauben abgefallen. Es ist garantiert nicht zum Nachteil des Nachwuchses. Sie werden kaum einen Ausbilder finden, dem die Medizin so wichtig ist. Nein, der sich so für das was er tut begeistert. Das hat ihn schon immer ausgezeichnet. Ehrgeiz. Ja, in jedem Fall. Aber auch absolute Hingabe für seinen Beruf. Er liebt die Medizin und ihre Möglichkeiten. Im Gegensatz zu Dir. Du willst Menschen helfen, dazu benutzt Du die Medizin. Für Dich zählt der Patient, für ihn die Medizin.“

„Du willst also sagen, dass wir zwar grundverschieden sind, aber uns hervorragend ergänzen.“ Gretchen grinste ihren Vater augenzwinkernd an. Der lachte.
„Hat er Dir sonst von Zürich erzählt?“
„Das mit den Assistenzärzten ja.“ Wieder fuhr ihr Blick über seine Zeilen.

„Ja, Gretchen, die Arbeit mit den Assistenzärzten... ich halte nichts von Knechtelsdörfer, das ist kein Geheimnis. Aber ich musste Neutralität lernen. Besonders, als Deine Freundin dann hier auftauchte. Ich glaube, ich habe einen guten Weg gefunden."

Gretchen erzählte ihrem Vater von dem OP-Marathon in Koudougou. „Sie war ihm einfach nicht gut genug.“

„Andere Länder, andere Sitten. Das Ausbildungssystem in England ist einfach anders, setzt andere Prioritäten. Dazu kommt, dass sie zuletzt hauptsächlich Schilddrüsen operiert hat – definitiv ihre Paradedisziplin. Aber insgesamt hat sie die Herausforderung angenommen. Ich weiß, dass sie Doktor Stier mehrfach um Hilfe bei der Vorbereitung gefragt hat. Mittlerweile fragt sie wohl selbst einen Doktor Meier.“

„Du meinst, sie haben sich zusammengerauft?“

„Solange sie ordentlich miteinander arbeiten ist mir das eigentlich egal.“ Vater Haase dachte einen Moment nach. „Aber er gleicht es aus. Wenn er von seinen Assistenten verlangt, dass sie sich medizinisch entwickeln, dann arbeitet er auch an sich – auf persönlicher Ebene. So wie er sagt, dass er Neutralität lernen musste... Lernen war für ihn nie ein Problem. Schön, dass er dieses Tempo nicht nur fachlich sondern auch persönlich gehen kann.“

„Zu welchem Preis?“
„Was meinst Du?“
„Ich glaube, es strengt ihn furchtbar an. Er lernt, weil er muss. Marcs Verstand ist wach genug, mit schnellen Veränderungen klar zu kommen. Aber kann er das alles auch so schnell verarbeiten? Ich glaube, er geht nach Zürich, um zur Ruhe zu kommen. Nein, ich bin mir sehr sicher. Nach dieser ganzen Zeit würde er das EKH nicht im Stich lassen. Dich schon gar nicht...“

„Nachdem uns immer mehr die Forschungsgelder gestrichen wurden... deswegen befürchte ich schon lange, dass dieser Tag kommt... Naja, Professor Neuroth bietet ihm auch einiges...“
„Du bist stolz auf ihn, nicht?“ Gretchen widmete sich wieder dem Brief:

„Ich habe oft an meine Assi-Zeit gedacht. Talent und Wissen ist wichtig, aber im Grunde brauchst Du auch einen guten Ausbilder. Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, denn ich hatte alles. Vor allem auch zwei Eindrücke: Die Charité, wo es die interessanteren und größeren OPs gibt, aber man als Assi nur einer von vielen ist. Dann das kleine EKH, wo man nimmt, was man kriegt. Klingt jetzt mies, aber so ist es doch. Denk an Deine Ausflüge zu Mehdi oder Doktor Hassmann... in der Charité undenkbar. Da läuft alles strikt nach Plan. Welches ist nun der bessere Weg? Ich weiß es nicht. Ich mag jung sein und nicht so viel gesehen haben, wie andere Kollegen. Aber ich bin gerne Arzt und die Medizin mit all ihren Möglichkeiten ist fantastisch. Ich glaube, genau das muss man den Nachwuchsärzten vermitteln. Das macht Deinen Vater zu einem der beliebtesten Professoren an der Uni..."

„Ich meine, weil er viel von Dir gelernt hat – Du bist sein Vorbild, Papa.“
„Ach Kind, das ist doch Quatsch.“
Gretchen sah jedoch am Leuchten in den väterlichen Augen, dass ihre Feststellung ihn glücklich machte.
„Naja und dann hat er geschrieben, dass er sich freut und dass er die Stadt spontan sehr mochte. Seine Mutter ist beim Skifahren verunglückt?“

„Ja... Oh Gott, das war eine Woche... deswegen bin ich vorzeitig aus der Reha zurückgekommen.“ Er sah Gretchens zweifelnden Blick. „Nicht weil Elke verunglückt ist, was denkst Du nur gleich wieder. Nein, sie haben mich angerufen, als Marc verschwunden war. Hat er davon geschrieben?“
Gretchen schüttelte den Kopf. „Verschwunden?“
„Ja. Wie vom Erdboden verschluckt, unauffindbar. Tagelang. Im Zusammenhang mit dem Nachwuchs von Hassmann-Knechtelsdörfer hat Doktor Kaan ihm freudestrahlend erklärt, dass Du schwanger bist und ihr heiraten werdet, sobald er geschieden ist.“

Gretchen bekam riesengroße Kugelaugen. Sie starrte ihren Vater an. „Hat er nicht...“

„Doch Kind. Marc ist am gleichen Abend abgehauen. Eurem Reporterfreund ist er vors Auto gelaufen, eine Patientin von mir, die mit ihrem Hund spazieren war, hat er umgerannt. Am nächsten Tag wurde in der Nähe seiner Wohnung eine Wasserleiche geborgen – Doktor Stier befürchtete das Schlimmste. Da haben sie mich angerufen.“

Obwohl die Geschichte tragisch war, lachte Professor Haase. „Elke hat immer ein Gespür für den falschen Moment. Sie suchte Marc als der schon so gut wie wieder aus Afrika zurück war, sie wusste nichts von seinem spontanen Ausflug mit Dir. Jetzt war es genauso. Wochenlang ist bei denen Funkstille, aber als er verschwunden war, brauchte sie ihn. Die beiden haben auch eine komische Beziehung. Aber das ist ein anderes Thema... in jedem Fall war sie in seiner Wohnung, die Mehdi schon komplett am umräumen war. Marcs Arbeitszimmer wartet nun neu gestaltet als Kinderzimmer auf Frau und Kind. Es war unglaublich, in welchem Tempo Doktor Kaan Marc quasi ausgelöscht hatte. Doktor Stier hat es irgendwie geschafft, Marcs Sachen in Sicherheit zu bringen, bevor alles im Müll gelandet ist.“

„Das war meine größte Angst... dass Mehdi genau sowas erzählen würde. Er war hier schon wie von Sinnen.“
„Warum hast Du es ihm denn erzählt?“
„Habe ich nicht. Anfangs dachte ich ja, dass es tatsächlich von Marc ist. Erst als wir in Koudougou waren und ich dort ein Ultraschallgerät benutzen durfte, habe ich festgestellt, dass es schon viel größer ist. Mehdi hat das Bild später in meinen Unterlagen gefunden. Naja, ihm war sofort klar, dass es nicht von Marc sein konnte. Von da an, bin ich hier durch die Hölle gegangen. Ähnlich, wie bei Marc. Er fing sofort an, unsere Schlafzimmer zusammen zu legen, denn das Kind brauchte ja ein eigenes Kinderzimmer. Ich habe wohl zufällig die richtigen Argumente gefunden, dass er sich mit weiteren Aktionen zurückhielt. Trotzdem hatte ich Angst vor ihm. Bis Martin ein neues, gutes Schloss für meine Tür besorgen konnte hat Jenny bei mir geschlafen.“
„Du glaubst - er wäre zu Dir gekommen?“

Die Ärztin atmete tief ein und aus. „Er ist zu mir gekommen.“

„Gretchen! Du willst jetzt nicht sagen, dass er...“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Trotzdem war es schrecklich. Seine Arme lagen wie Schraubzwingen um meinen Körper.“
„Also hat er Dich doch angefasst.“
„Nur meinen Bauch. Er wollte bei seinem Kind sein.“

„Ich schmeiß ihn raus. Sobald ich wieder in Berlin bin, schmeiß ich ihn raus!“

Fast musste seine Tochter lachen. „Das hast Du auch immer über Marc gesagt. Nein, Papa. Mehdi braucht Hilfe. Als seine Frau damals mit Lilly abgehauen ist, fing das an. Glaube ich, denn er hatte Medikamente. Vielleicht hat er die immer noch oder...“ Plötzlich war ihr alles klar. „Oder eben nicht mehr. Wenn er die eigenmächtig abgesetzt hat, weil er dachte, hier wird eh alles besser? Er konnte ja nicht ahnen, dass sowohl Marc als auch Gina plötzlich hier auftauchen.“

„Egal. Ich schmeiße diesen Frauenversteher raus. Ich konnte den noch nie leiden. War mir immer schon suspekt.“
„Ich weiß – weil er keine Allüren hatte wie ihr Chirurgen. Hast Du auch schon mal gesagt.“ Sie kicherte. „Nun hast Du eine Allüre...“ Sie strich über ihren Bauch. „...und bist immer noch nicht zufrieden.“

„Wer hat Allüren? Dein Vater? Mit wem denn diesmal.“
„Mama!?!“ Gretchen zuckte zusammen.
„Wer ist die Allüre Deines Vaters, Gretchen?“
„Meine Plätzchendose. Noch nicht mal Weihnachten und schon alle.“
„Ihr!!! Veräppelt mich nicht!“

„Was haltet ihr davon, wenn wir mal rüber gucken, wie weit sie mit den Spenden sind?“ Gretchen wusste, dass ihre Mutter beschäftigt werden musste. Bärbel bekam aus Langeweile immer einen sechsten Sinn, wo es was zu schnüffeln gab. Seltsamerweise schien ausgerechnet bei ihrer Schwangerschaft ihrer Tochter dieser Mutterinstinkt völlig zu versagen...

Karo Offline

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16.02.2019 23:49
#265 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 4.1 – Marc und Professor Haase 10


Zwischen den Jahren hatte Bernd Ullstein frei und Marc übergab das Elisabeth-Krankenhaus wieder offiziell an Professor Haase, der braungebrannt und gut erholt und mit bester Laune aus Afrika zurückgekehrt war. „Lassen Sie uns erst die Pflicht erledigen, Doktor Meier, als Kür lade ich Sie anschließend zum Essen ein.“ Er vermutete richtig, dass Marc nach Neuigkeiten von Gretchen lechzte.

Die drei Tage, die Bernd Ullstein und Marc mit den Planungsgesprächen verbracht hatten, waren anstrengend gewesen. „Gut, aber anstrengend. Aber mit Herrn Ullstein kann man sehr gut zusammenarbeiten...“ Marc brach den Satz ab und runzelte die Stirn. Zu Doktor Brickmann würden sie später kommen.

Doch Professor Haase kannte Marc lange genug. Er sah Marc mit einem prüfenden Blick an. „Ich sehe, Sie haben die Stationsleitung an Doktor Amsel abgegeben?“
„Ich musste handeln, bevor es eskaliert wäre.“
„So schlimm?“
„Nervend. Frau Doktor Brickmann hat Probleme damit, für die Notaufnahme verantwortlich zu sein. Sie möchte auf die Chirurgie.“
„Für die Notaufnahme ist sie doch prädestiniert.“
„Natürlich. Und dafür wurde sie eingestellt. Sie sieht das anders – ihr Ziel ist die Oberarztstelle auf der Chirurgie.“
„Ich hatte ja immer noch gehofft, dass Doktor Stier sich mit der Zeit voll darauf einlässt, als Sie verschwunden waren ist er richtig nach vorn geprescht.“
„Ja und hinterher kam dann das böse Erwachen... nein, er ist nicht fit für mehr. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt Stunden aufstockt. Der Oberarztstuhl sollte aber Vollzeit besetzt sein. Doktor Amsel hatte ihr Interesse an der Stelle ja bestätigt, allerdings...“

Der Professor unterbrach ihn. „Sie will also bleiben?“

„Ja. Sie wird sich langfristig nicht mit der Stelle einer normalen Chirurgin zufrieden gibt.“
Marc hatte Gina nochmal vorsichtig auf die Situation zwischen ihr und der erfahrenen Ärztin angesprochen, nachdem Cedric ihn gefragt hatte, ob die neue Kollegin die Leitung der Chirurgie bekommen hätte?

***
„Um Gottes Willen, wieso?“ Marc ahnte schon, was kommen würde und zog die Augenbraue hoch.
„Man könnte meinen, es sei so.“
„Ich würde Dich gerne mehr einbinden!“ Marc grinste. Cedric würde ab Januar offiziell mehr arbeiten, was er ohnehin jetzt schon tat.
„Du weißt, was ich meine.“
„Oder wen?“
„Ja, oder so.“
„Sie wurde für die Notaufnahme eingestellt.“
„Darauf hat sie aber offensichtlich keine Lust!“
„Wir haben morgen eh ein Gespräch mit ihr, da kann ich sie gerne nochmal darauf hinweisen!“
„Auf der Chirurgie bringt sie alles durcheinander.“
„Ich weiß.“ Er musste grinsen.

„Woran denkst Du?“
„Doktor Knechtelsdörfer hat treffend festgestellt, dass wir glücklicherweise mit dem Essensraum Zeit gewinnen, die die Schwestern nun der neuen Kollegin hinterher organisieren können.“
„Findet ihr, sie passt hierhin?“
„Mich brauchst Du nicht fragen. Ich war von Anfang an weniger von ihr als von ihrem Lebenslauf überzeugt.“

***
„Verständlich. Gina war bereits Oberärztin.“ Professor Haase würde sich die junge Kollegin eine Weile ansehen und dann eine Entscheidung treffen.
„Ich würde ihr den Vorzug vor Doktor Brickmann geben, aber insgesamt... pfff... suboptimal. Im Stationsalltag findet sie sich zurecht, in der Notaufnahme ist Doktor Amsel...“ Marc seufzte. „... eine Katastrophe. Allerdings weiß sie das und sie weiß, was sie will...“
„Oberärztin?“
Marc grinste. „Vor allem keine Blinddärme...“
Er schob dem Professor eine Mappe hin. „Ihr Lieblingsthema...“

„Lassen Sie mich damit in Ruhe!“
„Ab Januar, Herr Professor. Dieses Konzept haben Doktor Stier, Doktor Fuchs und Doktor Amsel erstellt. Von mir stammt lediglich die gesamte Ausformulierung.“
„Was hat denn Doktor Fuchs mit denen zu tun?“
„Er leitet die Radiologie? Herr Professor Haase... was diese Abteilung angeht arbeiten wir im vorigen Jahrhundert. Man könnte behaupten, das KatHo fordert uns nun mit der Moderne heraus. Diesen Kampf können wir nur verlieren. Aber müssen wir überhaupt kämpfen? Vor allem – gegen wen? Das KatHo hat kein Gesicht, wir wissen nichts von nebenan. Also besinnen wir uns auf unsere Stärken – und machen diese noch stärker. Der Plan: Doktor Stier ist Spezialist. Nur leider reicht unser Standard nicht aus, ihn diesen Spezialisten sein zu lassen. Und ich muss zugeben – auch Doktor Amsel hat ihr Steckenpferd. Doch auch sie ist auf eine entsprechende Radiologie angewiesen.“
„Na toll... sie machen hier Pläne und überlassen mir dann den Rest – den ich eigentlich gar nicht will.“
„Ich sehe das „eigentlich“ mal als Einschränkung des „gar nicht“. Außerdem... Sie sehen aber schon, dass wir im Zugzwang sind? Vor allem, wenn wir Spitzenpersonal nicht verkümmern lassen wollen?“

Marc schlug die Mappe auf und zeigte auf eine Seite. „Der „Plan“, wie sie es nennen, enthält eine handfeste Kalkulation, welcher Schritt mit welchen Kosten verbunden wäre – und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben würden. Da diese von Herrn Ullstein kommt... der ist schließlich direkt bei der StaBe und nicht bei uns angestellt. Also sollten Stangl und Bertrand ihre eigenen Interessen vertreten sehen.“
„Das werde ich nicht unterschreiben.“

„Das habe ich mir erlaubt, in Ihrem Auftrag zu tun. Schließlich sind Sie erst jetzt wieder offiziell im Dienst.“ Marc legte das Übergabeprotokoll wieder in den Blick des Chefarztes, dessen Mimik gerade zwischen Ärger und Frust wechselten. „Glücklicherweise hat Frau Grimbart einen Vertrag über 30 Stunden pro Woche unterschrieben, sie wird entsprechend der Schicht des Ehemannes entweder früh oder nachts arbeiten. Für Februar sind die Arbeitszeiten bereits festgelegt, im Januar bringt sie den Schichtplan für März und so weiter. Sabine bekommt ihren Blockplan erst im Januar, ich habe komplett ohne sie vorgeplant, man kann sie vielleicht spontan einsetzen.“

Der Professor sah sich die Unterlagen nochmal genau an. „Das wird auf Dauer nicht reichen.“
„Jep. Frau Grimbart sprach von einer Kollegin, die durchaus Interesse hätte, die Haustür zu wechseln, Herr Ullstein wird sich aber erst im Januar wieder intensiver mit der Personalsuche beschäftigen – mit Frau Brinckmann ist vereinbart worden, eine weitere Schwester in Vollzeit einzustellen, die sich vorrangig um die Pflegeschüler kümmern soll. Da liegen wohl einige interessante Bewerbungen auf dem Tisch der Oberschwester, von denen ein paar in den Osterferien ein Praktikum machen möchten. Herr Ullstein hat in Aussicht gestellt, wieder mehr Auszubildende einzustellen...“

„In Sanssouci hat mich diese Praktikantin angesprochen, Jenny Ahrend. Sie wäre an einem Ausbildungsplatz zur Krankenschwester interessiert.“
„Nicht mehr Kindergärtnerin?“
„Nein. Sie ist mittlerweile lieber mit in der Krankenstation.“
„Gretchen und Jenny haben sich gut verstanden.“
„Ich weiß. Und sie kann anpacken, ist nicht zimperlich.“
Marc lachte. „So sehe ich es auch bei Frau Freitag, die ja vor ihrer Ausbildung schon in Kenia gearbeitet hat.. Vielleicht macht Auslandserfahrung, vor allem in der 3. Welt, den Unterschied? Wobei mich ihr Gesinge und Gesumme nervt.“
„Lassen wir also demnächst in Sanssouci Probearbeiten?“ Die Lachfältchen versprühten die gute Laune des Professors. „Zurück zu Herrn Ullstein...“

„Ja, äh... Herr Ullstein wird mindestens eine, eher zwei weitere Stellen für Assistenzärzte ausschreiben. Eventuell eine weitere für die Gyn, er wird sich im Januar nochmal mit Frau Doktor Hundt zusammensetzen, ob sie Interesse an einer festen Zusammenarbeit hat. Sie wäre die perfekte Ergänzung zu Doktor Kaan. Er stänkert viel aber die Arbeit ist in Ordnung. Allerdings müsste man sich dann überlegen die Gyn zu vergrößern – die Zahlen lassen aber vermuten, dass sich diese Investition lohnen könnte.“
„Die Gyn vergrößern? Wohin denn? Ich glaube nicht, dass die StaBe einen weiteren Um- beziehungsweise Anbau genehmigen würde.“ Der Professor sah Marc zweifelnd an, der wieder vorsichtig die zur Seite geschobene Mappe antippte.
„Herr Professor, die StaBe selbst hat angekündigt, dass sie ihre Kliniken nach und nach umstrukturieren möchte. Potential der Standorte fördern ist das Stichwort...“
„Sie lassen mich es ja nicht verdrängen...“
„Den Kopf in den Sand stecken hilft hier leider nicht weiter...“ Marc seufzte.

„Doktor Meier, ich bin lange genug Chefarzt bei der StaBe. Umstrukturierung heißt in der Regel Stellenabbau. Wie können weniger mehr schaffen. Pfff...“
„Dann würde Herr Ullstein aber nicht weiteres Personal in Aussicht stellen.“
„Pflegeschüler, Assistenzärzte. Lernpersonal. Ja, sie fangen viel ab aber sie brauchen auch Zeit.“
„Wir haben gerade drei Chirurgen dazu bekommen, eine Krankenschwester hat neu unterschrieben. Ich sehe das nicht als Hinhaltetaktik.“
„Leider fehlt ein Oberarzt. Und im schlimmsten Fall besteht die StaBe weiterhin auf einen Leitenden Oberarzt.“
„Ich habe schon mit Herrn Ullstein darüber gesprochen – versuchen Sie an Doktor Stier dranzubleiben. Er kommt gut mit dem Papierkram klar und er fürchtet den Stress, den eine normale Chirurgenstelle bedeuten würde. Er hat jetzt zwar für mehr Stunden unterschrieben aber wenn Sie sich und ihm einen Gefallen tun wollen – lassen Sie ihm die Nachtschichten und die Arztbriefe. Das Thema Klinikleitung will Herr Ullstein dann im nächsten Jahr mit Ihnen – beiden – besprechen.“

„Was haben wir sonst noch?“

„Eine schwangere Neurochirurgin. Doktor Hassmann wird von Ende März bis voraussichtlich August pausieren, anschließend geht Doktor Knechtelsdörfer in Elternzeit.“
„Doktor Knechtelsdörfer? In Elternzeit?“
„Ja. Für uns ist das definitv die beste Entscheidung, die die beiden treffen konnten. Korrigiere: Das hat Doktor Hassmann entschieden.“ Marc lachte. Er wusste, dass Maria Hassmann den Assistenzarzt mehr oder weniger dazu genötigt hatte – sie müsste andernfalls das Kind zur Adoption frei geben.

Professor Haase prustete.

„Deswegen auch direkt die Suche nach mehr Assistenzärzten, ich verstehe. Ob man für fünf bis sechs Monate überhaupt einen Neurochirurgen bekommt?“
„Herr Ullstein wollte innerhalb der StaBe suchen, ob ein anderes Krankenhaus zeitweise einen Neurologen und oder Neurochirurgen entbehren kann.“
„Das Springer-Prinzip. Das hatten sie vor Jahren mal ins Auge gefasst. Ärzte einzustellen, die je nach Bedarf hier oder da arbeiten. War nicht so der Hit, es wollte kaum einer ständig woanders sein.“
„Dabei ist das keine schlechte Idee. Doktor Schattmann hätte sich auf sowas eingelassen, wenn man ihm die Kündigung erspart hätte.“
„Ich habe gesehen, dass er bereits einen unbefristeten Vertrag bekommen hat?“
„Ja. Da gab es keinen Zweifel. Der perfekte Rössel-Ersatz. Allrounder, zuverlässig. Er ist froh, dass er eine Arbeit hat. Die Gehaltserhöhung ging von Herrn Ullstein aus, ich hatte nichts dagegen einwenden. Wollte ich auch nicht. Wir wissen beide, dass Doktor Schattmann zu wenig gefordert hat, weil er wusste, dass seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt beschränkt sind.“
„Viel Erfahrung für wenig Geld – das sollte man sich merken.“ Professor Haase grinste und zwinkerte seinem Stellvertreter zu.
„Und er kommt sogar mit Doktor Brickmann klar, vermutlich weil er älter ist und keinerlei Karriereambitionen hat.“
„Hier sind nicht allzu viele Kollegen, die älter sind als Doktor Brickmann?“
Marc verstand die Frage sehr wohl, doch er nickte nur. „Hm.“
„Hm. Das kann alles heißen... naja, ich werde es ja sehen. Wie macht sich Frau Geier?“
„Frau Geier ist außer ihrem Erscheinungsbild insgesamt zu unauffällig. Ich vermisse mehr Begeisterung für das was wir hier tun. Momentan begeistert sie sich vorrangig für Doktor Kaan.“
„Wie geht es mit dem Frauenversteher?“
„Pfff... was soll ich sagen?“
„So wie es ist?“
„Schwester Gabi hat gefragt, ob sie versetzt werden kann, wenn Doktor Hundt weg ist. Das erlaube ich mir, Ihnen zu überlassen.“
„Sie war vorher schon auf der Chirurgie, das könnte man überlegen.“

Nach einem ausführlichen Gespräch machten die beiden Chirurgen einen Rundgang durch das Krankenhaus. Professor Haase war mehr als zufrieden mit dem Zustand seines „dritten Kindes“. Marc erklärte ihm die Situation mit den Rettungssanitätern und informierte ihn über die veränderte Frühstücksverteilung. „Wir beziehen ab dem Jahreswechsel übrigens sämtliche Backwaren aus dem Café Sonne. Deren Konzept „fair und regional“ passt hervorragend zum neuen Auftreten des Elisabeth-Krankenhauses.“

„Doktor Meier, genau so muss es sein! Situationen analysieren, Möglichkeiten erkennen und nicht zögern! Insgesamt bin ich wirklich zufrieden, wie Sie mich vertreten haben!“
„Wenn nur die Neuorientierung nicht wäre...“ Marc grinste.
„Nein, wirklich. Ich hätte nicht noch diese zwei Wochen Urlaub gemacht, wenn ich Ihnen den Job nicht zugetraut hätte. Aber es ist besser, als ich es mir wünschen konnte.“ Professor Haase seufzte. „Ich gehe davon aus, dass Sie sich Ihre Entscheidung für Zürich nicht noch mal durch den Kopf haben gehen lassen?“
„Nein. Ich hatte einfach keine Zeit dazu.“ Marc grinste, wenn auch gequält. Seit er sich entschieden hatte, versuchte er tatsächlich, nicht weiter darüber nachzudenken. Cedric hatte es auch nicht verstanden. „Du stößt hier etwas an, das durchaus bedeutend werden könnte, und gehst dann? Ich muss das nicht verstehen, oder?“

Verstand er es selbst?

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16.02.2019 23:51
#266 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 4.2 – Marc und Professor Haase „in Afrika“ 1


Später saßen die beiden Chirurgen in einem afrikanischen Restaurant in Berlin-Mitte und der Ältere berichtete von der Afrikareise.

Marc erkannte den Professor nicht wieder – war das der gleiche Mann, der vor ein paar Wochen völlig ausgebrannt zusammengebrochen war? Nun erzählte er mit einer Freude und Lebendigkeit von den vergangenen zwei Wochen in Sanssouci.
„Die Überraschung war uns wirklich geglückt. Gretchen hatte keinen blassen Schimmer, dass meine Frau und ich den Container begleiten würden!“
Er sah seinen Schützling prüfend an. „Wie Sie es sagten, ihr geht es dort sehr gut. Auch wenn ich es nicht gerne einsehe, in einem Krankenhaus wäre Gretchen völlig falsch. Das bedeutet nicht, dass ich ihr die Chirurgie nicht zu traue, aber...“
„Die Chirurgie würde sie auf Dauer nicht glücklich machen. Gretchen möchte für Ihre Patienten mehr sein, als nur der Arzt, der operiert.“ Marc lachte. „Genau das, was mich nie interessiert hat. Unser ständiger Reibungspunkt. Wir bekommen die Patienten erst dann auf den Tisch, wenn es die anderen Mediziner, spätestens der Notarzt, für nötig halten. Für was anderes sind wir Chirurgen nicht ausgebildet. Ich habe Gretchen in Sanssouci beobachten können. Wir haben schon einmal darüber gesprochen – dass sie das Richtige für sich gefunden hat und mit Sicherheit nicht vorzeitig nach Hause kommen wird.“ Marc presste plötzlich die Lippen so fest aufeinander, dass sich seine Wangenmuskeln deutlich sichtbar zusammenkrampften.
Vater Haase überlegte, ob er dem jungen Mediziner von einem der Gespräche mit seiner Tochter erzählen sollte. Dass Marc nach Zürich ging hatte Gretchen sehr überrascht.

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16.02.2019 23:54
#267 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 4.3 – Gretchen und Vater Haase 2 (Erinnerungen Prof. Haase)


„Er muss sehr müde sein. Nach allem, was Du erzählst, wie er sich engagiert... da würde er nicht so einfach gehen...“
„Nein, Gretchen, er geht nicht so einfach. Im Gegenteil. Er hat diese Leitungsposition von Anfang an nicht gewollt, aber er wäre geblieben. Wegen mir. Das kann ich nicht verlangen und nicht zulassen. Professor Neuroth wollte ihn unbedingt und hat sich geschickterweise an seine Mutter gewandt, die wiederum mich ins Boot geholt hat.

Dieses Forschungsprojekt bietet Teilnehmern die Möglichkeit, zu habilitieren. Damit konnten sie seinen Ehrgeiz anstacheln – jüngster Oberarzt, jüngster Leitender Oberarzt, warum nicht auch als einer der Jüngsten habilitieren. Entweder bei Professor Neuroth in Zürich oder bei mir in Berlin. Letzteres wäre mir natürlich lieber. Ja, verdammt, ich hoffe, dass ich auch diesen Schritt mit ihm machen darf. Ich bin einfach stolz auf ihn – und auf mein Urteil.“

„Sag ihm das, Papa!“
„Was? Dass er mein Ego befriedigt?“
„Dass Du stolz auf ihn bist und ihn gerne weiter begleiten würdest.“
„Gretchen, so wie Du hier Dein eigenes Ding machst, sollte er es auch machen.“
„Aber Papa, meinst Du nicht, dass ihm der Schritt nach Zürich leichter fallen würde, wenn... hm, naja... Marc hat nicht viele Menschen in seinem Leben. Er hat es doch geschrieben – das EKH ist sein Zuhause, die Kollegen seine Familie. Und in die Familie kann man jederzeit zurückkehren, oder? Egal, wie weit man weg ist, die Familie ist trotzdem da.“
„Du bist jetzt seine Familie.“
„Das ist was anderes. Umgekehrt er für mich auch – irgendwie irgendwann. Aber trotzdem bleibt ihr mir als Familie. Ohne euch hinter mir, euren Zuspruch, Mut machende Worte... ich wäre nicht mal nach Köln gegangen.“

„Ich weiß, was Du meinst...“ Kurz dachte Vater Haase an seine eigene Flucht nach Berlin. Für ihn hatte es kein Zurück mehr gegeben – seine Familie war von da an die eines anderen.
„Ja, und ich werde mich heute schon auf den Tag freuen, an dem er seinen Fuß wieder ins Elisabeth-Krankenhaus setzt.“
„Wie lange willst Du denn noch arbeiten? Kannst Du einfach so weiter machen?“
„Kälbchen, jetzt wirst Du frech...!“

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16.02.2019 23:56
#268 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 4.4 – Familie Haase


Professor Haase wusste selbst gut genug, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, wie bisher die Klinik im Alleingang zu leiten. Mit Doktor Meier wäre er klar gekommen. Nun hatte man den jungen Mediziner überzeugt, dass sein berufliches Leben nicht nur in einem unbedeutenden Berliner Krankenhaus stattfinden durfte. In Berlin gab es nur wenige Krankenhäuser, die sich gegenüber der Charité einen Namen machen und sich behaupten konnten. Das Elisabeth-Krankenhaus gehörte nicht dazu. Für ihn aber, Professor jenseits der 60 Lebensjahre, bedeutete das Krankenhaus alles.

Mehr als 35 Jahre war es her, dass Franz Hamburg den Rücken gekehrt hatte und in Berlin die Freiheit und die Abwechslung genoss, die ihm sein Familienfernes Chirurgendasein bot. Rückblickend und unter neutraler Betrachtung, unterschied sich sein damaliger Lebensstil gar nicht so sehr von dem eines Doktor Marc Meier – bis Franz Lernschwester Bärbel kennenlernte. Bärbel Wolff war eine sehr temperamentvolle, warmherzige aber auch durchaus tollpatschige Person. Definitiv ohne Modelmaße aber mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Die Krankenschwester war deutlich jünger als er, aber das schien dem Paar nichts auszumachen. Nach nur einem Jahr Beziehung heirateten die beiden ohne viel Trara und Franz stellte seine junge Frau erst Monate später zu Hause vor. Sehr zum Unwillen der Eltern, die bereits eine Ärztin in Augenschein genommen hatten. Doch Franz ließ sich im Gegensatz zu seinem Bruder nicht von seiner Wahl abbringen.

Ihr Wunschkind kam erst später zur Welt – Margarete Haase.

Karo Offline

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16.02.2019 23:58
#269 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


Dezember 4.5 – Gretchen und Vater Haase 3 (Erinnerungen Prof. Haase)



Diese saß nun neben ihm auf der wackeligen Holzbank, die neben dem Eingang zur Krankenstation stand. Wieder sprach sie das Thema an, das ihr von allem am meisten am Herzen lag. Vater Haase schmunzelte.
„Du weißt selbst, dass er am liebsten im OP steht. Zürich bringt ihn genau dahin zurück. Er wird sich umgewöhnen müssen, ein Oberarzt von vielen, in einem Team. Bei uns hat er quasi eine Alleinstellung genossen. Er ist gut und er wird uns fehlen. Nicht nur sein Können sondern auch seine Zeit. Er wird von der Stabe ein fürstliches Abschiedsgeld bekommen. Nun ja, die Schweiz ist nicht billig. Gerade Zürich gehört zu den teuersten Städten weltweit. Natürlich verdient er entsprechend.“ Gretchens Vater lachte warmherzig. „Naja, muss er ja – wenn er demnächst eine Familie versorgen will.“

„Redet ihr von Jochen?“ Gretchens Mutter stand plötzlich vor ihnen. „Dann hat er eine Arbeit gefunden? Franz, warum erzählst Du das denn nicht? Nie lässt Du mich teilhaben. Ich bin immer die letzte, die sowas erfährt. Als würde ich mir als Mutter keine Gedanken machen. Du bist ganz schön mies.“

Damit spurtete die rothaarige Frau wieder in Richtung Haus. Gretchen und ihr Vater sahen sich betreten an. „Papa, ich möchte trotzdem nicht, dass sie es erfährt. Dann habe ich keine ruhige Minute mehr.“
„Und Doktor Kaan auch nicht.“
„An den denke ich am wenigsten. Papa, kannst Du ein Auge auf ihn haben? Ich rede mir immer ein, dass er mir egal ist, aber das stimmt nicht. Dazu ist zwischen uns zu viel passiert – und ich meine jetzt nicht das Kind.“
Sie strich sich wieder zärtlich über den Bauch.
„Ich glaube, dass er Hilfe braucht. Die Frage ist nur, ob er das genauso sieht...“

Karo Offline

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17.02.2019 00:01
#270 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


Dezember 4.6 – Marc und Professor Haase „in Afrika“ 2



Marc interpretierte das nachdenkliche Gesicht seines Gegenübers gerade falsch. „Sie erinnern sich nicht? Herr Professor, da haben Sie mir von der Wette mit Ihrer Frau erzählt. Weihnachten ist vorbei und Gretchen immer noch da unten.“
„Jetzt wo Sie es sagen... ja, ich erinnere mich. Ha, da werde ich meine Frau doch später direkt mal drauf festnageln.“

Die beiden Chirurgen lachten und der Chefarzt erzählte seinem Stellvertreter lieber Unverfängliches – was er in den zwei Wochen Burkina Faso erlebt hatte. So wie Gretchen auf jedes Wort über Marc gewartet hatte, hoffte nun Marc etwas von Gretchen zu erfahren. Schließlich beendete der Professor die Qualen des offensichtlich verliebten Mediziners. „Doktor Meier, was sie in den letzten Wochen hier geleistet haben ist bemerkenswert. Ich lasse Sie ungern gehen, doch ich bin in der Lage, Sie mit zwei lachenden Augen ziehen zu lassen. Gretchen hat mir die Geschichte des Baobabs erzählt. Sie haben in den letzten Monaten viel dazu gelernt und ich behaupte, dass Sie aus dem Elisabeth-Krankenhaus herausgewachsen sind. Nun müssen Sie Ihren Weg weiter gehen. Zürich wird anders sein. Auch anders als die Charité. Zürich wird Sie vor neue Herausforderungen stellen. Und an den OP-Tisch zurück bringen. Ich kann Ihnen nur einen Rat geben: Bleiben Sie sich treu, bleiben Sie der Baobab. Alles andere passiert sowieso irgendwie.“

Er gab dem Kellner ein Zeichen, dass er bezahlen wollte. „Auch wenn ich Sie morgen nochmal sehe – im Auto habe ich etwas für Sie.“

„Herr Professor, das ist aber...“

„Nötig und das Mindeste, um Danke und Alles Gute zu sagen!“

Kurz schloss Marc verlegen die Augen.

„Auch wenn es mit dem Brief von meiner Tochter wohl nicht mithalten kann.“

Als Marc erwartungsvoll die Augen aufriss, lächelte der Vater zufrieden. Alles war gut. Für Doktor Meier mehr, für ihn weniger. Für ihn und das Elisabeth-Krankenhaus. Er seufzte. Erst wenn Marc weg wäre, würde er sentimental werden.

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