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Karo Offline

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Beiträge: 250

04.06.2017 21:19
#26 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo zusammen, ich wünsche euch viel Spaß mit den nächsten Teilen. Liebe Grüße und noch schöne Pfingsten,
LG Karo


BERLIN


September 3.7 – Professor Haase 5


Das Piepsen der Überwachungsgeräte nervte ihn. Professor Haase starrte an die vergilbte Decke des Raumes. Er musste unbedingt nachsehen, wann die Intensivstation ihre letzte Erfrischung bekommen hatte. Soweit er sich erinnern konnte war das gewesen, bevor der Anbau entstanden war. Gleichzeitig mit den Bauarbeiten hatte Peter die Praxis eingerichtet. Auf Bärbels Drängen hatte er diesem Kerl finanziell unter die Arme gegriffen, damit Gretchen eine gesicherte Zukunft als Allgemeinmedizinerin hatte. Schließlich hatte er auch Andrea immer wieder unterstützt. Er hörte noch heute Bärbels Stimme: „Und die ist nicht mal Deine Tochter.“

Sicher war er da bis heute nicht. Wäre Gretchen nicht ein paar Jahre jünger als ihre Kusine, man könnte die beiden Mädchen – Frauen fast für Zwillinge halten. Es war ihm aber mittlerweile auch egal. Andrea war als seine Tochter zur Welt gekommen und so fühlte er.

Er hielt ein kleines Bündel im Arm. Doktor Franz Haase konnte kaum glauben, dass er dieses zerknautschte Wesen einfach nur wunderschön fand. Seine Tochter war vor einer Stunde auf die Welt gekommen. Andrea. Schon längst hatten Doris und er sich auf diesen Namen geeinigt. Andrea Haase.
Vermutlich würde es Diskussionen geben, dass niemand in der Familie je diesen Namen getragen hätte, aber darauf war er vorbereitet. Sein Vater hatte ihn und die beiden Brüder immer wieder auf den familiären Bezug der Namenswahl hingewiesen. Er selbst hieß Franz, wie der erste Sohn des Familien- und Klinikbegründers Georg Langner.
Eine dessen Enkelinnen heiratete den derzeit renommiertesten Chirurgen Hans Severin. Damit schleppte sich sein Bruder seit jeder mit einem Erbe herum, was dieser kaum zu erfüllen vermochte – aber selbst anderer Meinung war.
Der jüngste Bruder Heinz hatte seinen Namen aus phonetischen Gründen erhalten. Zu Franz und Hans passte nur ein Heinz.
Und zu einem Nachnamen wie Haase passte eben aus gleichen phonetischen Gründen ein weicher, melodischer Vorname. Andrea.


Letztendlich war es nicht der Name des Kindes gewesen, der für Missbilligung und Diskussionen gesorgt hatte, sondern die Entscheidung von Doris, das Kind stillen zu wollen. Lange hatten sie nach einer Hebamme gesucht, die diesem Wunsch neutral gegenüberstand und noch länger nach einem stillfreundlichen Krankenhaus. So nannte man das damals, denn Stillen war nicht üblich.
Als Gretchen vier Jahre später zur Welt kam sah das schon anders aus. Auch für Bärbel war es selbstverständlich, ihren Kindern die Brust zu geben. Da gab es nichts zu diskutieren, sie waren in Berlin weit genug weg von der Familie in Hamburg. Vor allem von seinem Bruder Hans, der es sich scheinbar von klein auf zur Aufgabe gemacht hatte, ihm das Leben schwer zu machen.

Entsetzt stand Franz vor seinem neuen Rennrad, das er sich erst vor zwei Wochen von seinem ersparten und erarbeiteten Taschengeld gekauft hatte. Beide Reifen waren stark verbeult, die Kette lag gerissen auf dem Boden. Er kehrte zurück ins Haus, wo ihm sein Bruder erwartungsvoll entgegensah.

„Franz, hast Du was vergessen? Du kommst zu spät...“ Die Mutter sah ihrem Ältesten an, dass etwas nicht stimmte.
„Mein Fahrrad ist kaputt.“
„Dann nimm doch ausnahmsweise das neue.“ Franz benutzte für den Schulweg weiterhin den alten Drahtesel, er hatte Angst, dass irgendwas an das Rad drankäme.
„Das ist kaputt.“
„Wie kaputt?“ Elfriede Haase konnte sich nur wundern. Franz hatte das neue Rad bisher kaum gebraucht, es war sein Heiligtum.
„Total kaputt.“ Am liebsten hätte er geheult, besonders als er das schadenfrohe Grinsen des Bruders sah. Auch der Mutter entging der zufriedene Gesichtsausdruck des zweiten Sohns nicht.
„Ich möchte mir das ansehen. Hans?“
„Ich muss noch meine Tasche packen, sonst komme ich auch zu spät.“
„Du kommst jetzt erstmal mit in die Garage.“


Natürlich musste Hans zugeben, dass er sich das Rad des Bruders ausgeliehen hatte und gestürzt war. Der Vater setzte fest, dass Hans solange kein Taschengeld bekommen würde, bis die Reparatur des Rades bezahlt war. Der Junge musste zusätzlich im Haus mitarbeiten – nach den Hausaufgaben 2 Stunden pro Tag. Im Sommer war das hauptsächlich Gartenarbeit, im Herbst fegte und rechte er das Laub zusammen und im Winter musste er morgens um 6 Uhr bereits zum Schnee schieben ausrücken.
Die Reparatur bezahlten natürlich seine Eltern aber für Franz war es nicht mehr das gleiche Rad. Trotzdem fuhr er damit erfolgreich Rennen und stand meistens auf dem Siegerpodest.

Extra für die Pokale ließ sein Vater eine Vitrine anfertigen, sie bekam einen Platz im großzügigen Eingangsbereich der Haase´schen Villa. Am liebsten hätte er die Trophäen im Atrium der Klinik präsentiert, aber damit kam er bei Elfriede nicht durch. Das waren die sportlichen Erfolge des Sohnes, die gehörten ins Haus, nicht in die Klinik.

***
Weder Gretchen noch Jochen hatten sich je als Sportskanonen hervorgetan. Die Tochter noch weniger als der Junge. Da hatte sich eindeutig Bärbel durchgesetzt, die Sport nur als überflüssige Rubrik in der Tageszeitung kannte.
Er hatte das akzeptiert, nur auf eins hatte er bei beiden Kindern bestanden: Sie mussten sehr früh sehr gut schwimmen lernen und er bestand auf die Schwimmabzeichen. Da war Bärbel auf seiner Seite – einer ihrer Brüder war im Kleinkindalter im Gartenteich ertrunken.
In dem Jahr, als in der Schule Schwimmunterricht gegeben wurde, hatte die Tochter sogar im Fach Sport eine eins auf dem Zeugnis stehen. Die Sportlehrerin – eine engagierte Referendarin – überzeugte Gretchen, doch der Schulmannschaft beizutreten. Und so fand man auch im Haus der Familie Franz Haase einige wenige Pokale von Stadt- und Landesmeisterschaften. Über die Wettkämpfe war Gretchen dann zum Rettungsschwimmen gekommen. Mehrfach erwies sie sich als „Rettender Engel“ und mit 17 bekam sie vom Bürgermeister eine Medaille für ihr bürgerschaftliches Engagement. Die Pokale wanderten in den Keller, nur diese Medaille durfte an einem Ehrenplatz bleiben. Franz Haase war ungemein stolz auf seine gutherzige Tochter. Damals im Freibad oder im Strandbad, sowie heute in Afrika.

***
„Bärbel?“ Seine Frau wachte durchgehend an seinem Bett. Sie ließ ihn in Ruhe, las in irgendeinem Buch.
„Was denn?“ Sie blickte überrascht auf, seit er auf der Intensivstation lag, hatte sich ihr Mann ganz in sich zurückgezogen.
„Er hat sie nicht nach Afrika getrieben.“
„Was meinst Du?“
„Doktor Meier.“
„Wer denn sonst?“
„Ihr gutes Herz.“
„Aber Afrika? Das passt doch nicht zu ihr.“
„Das haben wir auch gedacht, als sie uns mit dem Rettungsschwimmer überrascht hat. Letztendlich steht sie im Goldenen Buch der Stadt und wurde mit einer Medaille ausgezeichnet.“
„Ja. Aber in Afrika kann sie nur krank werden - tolle Anerkennung!“ Sie wollte sich wieder ihrem Buch widmen, hielt dann aber inne. „Wie kommst Du da jetzt drauf?“
„Ach... ich habe gerade an früher gedacht.“
„Du siehst jetzt aber nicht Dein Leben an Dir vorbeiziehen?“ Bärbel legte ihr Buch energisch zur Seite. „Du brauchst jetzt nicht mit allen Frieden zu machen. Hörst Du, Franz?“
„Wie meinst Du das jetzt?“
„Naja, ich finde schon, dass Doktor Meier unser Kind vertrieben hat. Und das gerade jetzt, wo er hier gebraucht würde.“
Der Professor merkte, wie sein Puls hochging. Bärbel sah gleiches auf dem Überwachungsmonitor.
„Tut mir Leid, Franz, aber da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung. Aber das ist egal. Ich hoffe nur, dass wir unser Kind gesund wiederbekommen.“
„Wann auch immer.“
„Ja, Recht hast Du. Vielleicht können wir sie ja besuchen?“ Aufgeregt nahm Bärbel die Hand ihres Mannes und drückte sie.
„Wann auch immer...“ Der Professor grinste seine Frau spitzbübisch an und wies auf die umstehenden Apparate.
„Haben wir wieder ein gemeinsames Ziel, Franz Haase? Einen Besuch bei Gretchen?“
„Sieht ganz so aus!“ Ein fester Händedruck besiegelte den Plan.

Karo Offline

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04.06.2017 21:30
#27 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


September 3.8 – Ärzte in Koudougou


Gretchen schnaufte. Seit zehn Stunden standen sie nun im OP, allmählich mussten doch alle mal operiert worden sein.
Der Hilferuf von Yves war gegen neun Uhr gekommen, ein Selbstmordattentäter hatte sich zur Rush Hour am Bahnhof der Stadt in die Luft gesprengt. In zwei Teams hatten sie parallel operiert, Marc und Gretchen bekamen die schwereren Fälle auf den Tisch, da sich schnell herausstellte, dass Mehdi im OP doch eher fremd war. Gina hatte Schwierigkeiten, den unerfahrenen Gynäkologen anzuleiten, was Marc natürlich nicht entging. Die Patientenwechsel im OP nutzte er, um beim anderen Team nach dem Rechten zu sehen.

„Kommst Du klar – Kinderärztin?“
„Haha.“
„Das war kein Scherz, Gina!“
„Es geht schon. Irgendwie.“
„Hm. In Harvard lehrt man „Irgendwie“?“
Mehdi wollte vermitteln. „Marc? Ihr beide da drüben seid ein eingespieltes Team. Ich bin für Gina eher keine große Hilfe.“
„Lass gut sein, Mehdi. Sie war Oberärztin, also sollte sie unerfahrene Ärzte anleiten können. Und damit meine ich frische Assis. Sie wird solange für mich die „Kinderärztin“ sein, bis sie mir das Gegenteil bewiesen hat.“ Er drehte sich zu Gina. „Der Deal gilt doch noch?“

(„Aus der Nummer komme ich doch eh nicht mehr raus, ohne mich zum Deppen zu machen.“)

„Ja. Natürlich.“ Sie schnitt eine Grimasse, was Marc ein freches Grinsen ins Gesicht trieb.

(„Aus der Wette kommt sie nicht mehr raus, wenn sie nicht komplett als Idiot da stehen will!“)


„Marc Schatz!“ Eine blonde Ärztin rief ihn aus dem Neben-OP: „Können wir weitermachen?“

„Ich hab Dich im Blick, Kinderärztin!“ Marc konnte es nicht lassen, doch überraschenderweise lag keinerlei Boshaftigkeit in seiner Stimme. „Ja, Hasenzahn, ich komme – bevor Du jemanden umbringst.“
„Ich liebe Dich auch – und besonders im OP.“ Sie strahlte ihn an. „Wirklich, Marc. Mit Dir zu arbeiten ist sehr angenehm. Nicht einfach, aber ich mag es.“
„Wenn ich Dich zusammenscheiße?“
„Habe ich was verpasst?“ Gretchen sah ihn mit großen Augen an. „Oder kommt das noch?“
Marc grinste. „Wenn Du Dich anstrengst vielleicht nicht. Außerdem habe ich dafür ja die Kinderärztin nebenan.“
„Du, ich bin nicht sicher, ob Mehdi ihr eine große Hilfe ist?“
„Sie war Oberärztin, Gretchen. Sie sollte in der Lage sein, unerfahrene Assis anzuleiten.“
„Hm.“ Gretchen sagte erstmal nichts mehr, sondern konzentrierte sich auf die Gefäßnaht. Gegen die ersten Opfer war das hier mittlerweile ein Klacks. Die meisten Verletzten hatten stark blutende Riss- oder Platzwunden, bei den Schwerverletzten, die am Anfang angekommen waren, hatten sie zweimal abgerissene Gliedmaßen zu einem Stumpf vernähen müssen. Doktor Inyesse hatte mit seinen drei Studenten alle Hände voll mit den Leichtverletzten zu tun und auch Roula half so gut sie konnte.

***
Nach einem 18-stündigen OP-Marathon saß Marc nun völlig geschafft auf dem Steinboden des Chefarztbüros. Er trug noch immer die verwaschene, grau-grüne Arztkluft. Da es immer noch und immer wieder Einlieferungen gab, hatte er sich noch nicht umgezogen. Gretchen saß auf dem Chefsessel und versuchte, jede der durchgeführten OPs so genau wie möglich zu dokumentieren. Sie war jetzt genauso lange wie er im Einsatz, doch sie schien kaum müde zu sein. Marcs Herz pochte plötzlich stärker und ihn durchströmte ein nie zuvor gekannter Cocktail der Gefühle:

Glück. Sie und er. Im OP waren sie schon immer ein gutes Team gewesen.
Stolz, dass sie so gewissenhaft arbeitete, als hätte ihre Schicht gerade erst angefangen.
Liebe. Für die Frau, die ihn mit einem Blick oder einem Lächeln zufrieden machen konnte.

Busch-Arzt.

(„Der Beste ist eben vielseitig!“)

Du warst der Beste im OP – und vielseitig im Bett!
Das ist er immer noch.
Klar... Glück – Stolz – Liebe – Bullshit!
Herausforderung!?


Marc war mit einem Mal klar, dass seine momentane tiefe Befriedigung weniger von seinem Herzen ausstrahlte als von seinen Taten. Das war es, was er brauchte: Herausforderung! Den kompromisslosen Kampf um Leben und Tod. Als Chirurg war er der Anwalt des Lebens, immer auf der Suche nach Argumenten. Über Leben und Tod richten, das tat ein anderer.

(„Was er wohl gerade denkt?“)

Gretchen hatte gemerkt, dass Marcs Blick auf ihr ruhte, doch er wirkte sehr abwesend.

(„Gerade scheint er mir entsetzlich weit weg zu sein.“)

Sie ahnte nicht, wie weit weg Marc gerade war.

(„Ich muss nach Hause. Gretchen, meine Liebe. Ich muss nach Hause!“)

Während der begnadete Chirurg zu dieser Erkenntnis kam, arbeitete seine talentierte Assistenzärztin konsequent an ihren Behandlungsberichten. Genauso, wie es ihr ein erfahrender Kollege geraten hatte.

Eine halbe Stunde später fand Mehdi die beiden in nicht veränderter Position. Der Gynäkologe hatte nun seinerseits die Harvardabsolventin bei einer Geburt angeleitet. Eine schwangere Frau quälte sich seit zwanzig Stunden mit Wehen, aber die Geburt ging nicht voran. Mit Hilfe von Gina und Mehdi kam das kleine Mädchen dann zügig, Fuß voran, auf die Welt.

Als Doktor Inyesse die Geburt der kleinen Mahdi Soleil in das Geburtenregister eintrug, wurde ihm heiß und kalt. Das neugeborene Mädchen war die Tochter von Zaphira Soleil, Geschäftsführerin der Firma Soleil, die hoch erfolgreich getrocknete Mangos nach Europa exportierte. Geschockt, welche burkinische Prominenz in seiner Klinik entbunden hatte, entging ihm, dass die Namensähnlichkeit zwischen der Neugeborenen und dem deutschen Arzt nicht rein zufällig entstanden war.

Karo Offline

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04.06.2017 21:47
#28 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI


September 3.9 – Gretchen und Roula


Roula war auf der Suche nach Gretchen. Die Afrikanerin war in Sorge, denn Gretchens Mutter hatte überraschend in Sanssouci angerufen und nun hoffte sie, dass nichts Schlimmes passiert war. Gretchen hatte sich nach dem Telefonat stillschweigend verdrückt. Die Frau des Pfarrers fand ihre Freundin in der Krankenstation, wo diese Bandagen aufwickelte. Roula machte sich bemerkbar. „Gretchen? Ist alles okay bei Dir? Ist was passiert, dass Deine Mutter anruft?“

Die weiße Ärztin schaute auf und seufzte: „Nein, Roula, nichts ist okay. Also es ist nichts passiert, aber meine Mutter meint, dass Marc nach Berlin zurückkommen soll. Mein Vater braucht ihn im Krankenhaus, weigert sich aber das zuzugeben.“ Sie unterbrach ihre Arbeit und seufzte. „Eigentlich hätte Marc gar nicht hier sein können, wenn man von der Personalsituation ausgeht. Aber Papa wollte uns wohl nicht im Weg stehen.“

„Ist Marc ein guter Arzt?“
Gretchen lächelte. „Das hast Du doch in Koudougou gesehen.“
„Ja – da. Aber in Deutschland? Da habt ihr doch andere Herausforderungen.“
„Eben, Roula. Sie sind anders, nicht vergleichbar mit hier. Aber für Chirurgen wie Marc ist „hier“ eine Herausforderung. Aber genau das braucht er!“
„Dann ist er gut?!“
„Oh ja! Und er ist nicht ebenso zu ersetzen, weißt Du? Seine Vertretung ist zwar auch sehr gut, aber gesundheitlich angeschlagen, dass er nicht annähernd Marcs Aufgaben übernehmen könnte. Ich schätze, dass Papa versucht, auch einiges aufzufangen, aber er ist halt Chefarzt und hat andere Aufgaben als im OP zu stehen.“

Roula versuchte, sich den zurückhaltenden Mann als Arzt in einem Krankenhaus vorzustellen. Es gelang ihr nicht, da sie im Grunde keine Ahnung hatte, wie sie sich ein deutsches Krankenhaus vorstellen sollte. Anfangs hatten sie überhaupt nicht gewusst, dass Gretchens Freund auch Mediziner war. Es war ihnen erst bewusst geworden, als Gretchen darauf bestand, dass Marc bei der Wundreinigung dabei war. Dass Marc im OP ein Wunderknabe war, mussten sie Yves glauben.

Gretchen wunderte sich über Roulas Schweigen. Sie schaute zu ihrer Freundin auf und sah diese in Gedanken versunken. Die Ärztin musste unwillkürlich lächeln, ihr war klar, was der Krankenschwester durch den Kopf ging. „Du kennst Marc nur so, wie er hier ist. Das ist auch Marc. Aber diesen Marc hatte er immer sehr tief in sich versteckt. Ich kenne ihn mein Leben lang eigentlich nur als arrogantes Arschloch. Was ihn auszeichnet sind Ehrgeiz und Perfektionismus. Wonach er immer strebte – Anerkennung, Lob, Ruhm...“
„Aber wie kommt es dann, dass ihr zusammen seid? Ich meine, das sind doch alles Eigenschaften, auf die eine Gretchen Haase NICHT Wert legt?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Wir in Afrika haben Zeit und wir lieben Geschichten.“

Die Professorentochter lachte erneut: „Ich werde sie Dir irgendwann mal erzählen. Wenn wir unterwegs sind. Aber um es kurz zu sagen: Marc kam in der 10. Klasse zu uns aufs Gymnasium. Ich habe ihn gesehen und von da an gab es nur noch Marc Meier für mich. Ich weiß nicht, was oder besser womit er mich gepackt hat. Er war eigentlich immer nur fies und bösartig zu mir. Der liebenswerte Marc, den hat er tief in sich vergraben gehabt. Doch ich wusste, dass es da ist, irgendwo in ihm drinnen.“
„Martin kann ihn sehr gut leiden. Von Anfang an.“ Jetzt war es die Afrikanerin, die herzlich lachte: „Als ihr angekommen seid, war Martin entsetzt. Warum schickt Fritz eine naive Blondine und die bringt auch noch ein ganzes Gefolge mit...“
„Das wollte ich nicht mal... die sind mir einfach gefolgt...“ Gretchen zuckte mit den Achseln.
„Ja, aber für uns sah das schon seltsam aus, das dürfte Dir ja klar sein. Interessanterweise sagte Martin zu eurer Truppe nur, dass der einzige, wo man wüsste, warum er da sei, der zurückhaltende, scheue Mann sei.
„Und warum?“ Habe ich gefragt. „Er folgt seinem Herz“.
Bei mir war es genau andersrum. Ich konnte zwar Martin nicht widersprechen, als er euch Frauen als naiv und hysterisch eingeschätzt hat, aber bei Dir wusste ich, dass Du nach einer gewissen Anpassungszeit richtig und wichtig für uns sein würdest. Mehdi als Frauenarzt ist natürlich ein glücklicher Zufall. Aber was hat Gina her geführt? Und warum bist Du hier? Und warum gerade Afrika?“
„Ich bin hier, weil ich endlich mal was alleine schaffen wollte. Mein Leben lang habe ich zwanghaft versucht, nicht alleine zu sein. Und dann mache ich den Schritt und jeder folgt mir. Mehdi, Gigi, Marc. Wobei Marc eine andere Sache ist. Er dachte nicht, dass ich das nicht schaffen könnte. Aber bei den anderen beiden? Warum sind sie hier? So wirklich weiß ich es nicht.“
„Hast Du sie gefragt?“
„Mehdi sagte, er wollte schon immer mal weg. Mehr nicht.“ Sie machte eine kurze Pause, rollte einen weiteren Verband auf, legte diese Tätigkeit aber dann ganz zur Seite. „Und Gigi wollte mich auch nicht alleine lassen. Sagte sie damals. Mittlerweile weiß ich aber, dass sie ihren Job in London verloren hat. Keine Ahnung.“
„Mehdi wollte schon immer mal weg? Vielleicht hat er sich alleine nie getraut?“
„Meinst Du? Hm, aber es stimmt. Mehdi ist definitiv kein Einzelgänger. Eher ein richtiger Familienmensch. Naja, wenn nicht jetzt, wann dann? Ob es mit seiner Familie zu tun hat? Mehdis Frau ist mit der gemeinsamen Tochter verschwunden. Nach allem... Seine Frau lag lange im Koma, er war alleine mit seiner Tochter. Nun ist sie mit seiner Tochter verschwunden und er weiß nicht, wie es ihnen geht oder wo sie sind. Vielleicht sieht er das auch als Möglichkeit, seinen Kopf frei zu bekommen? Aber dann frage ich mich, warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet hier? Er ist Halbperser und hätte bestimmt auch seine Kontakte in den Iran nutzen können.“
„Da ist aber keine blonde Ärztin mit blauen Augen.“
„Die ist zwar hier, aber definitiv nicht verfügbar.“
„Das ändert nichts, Gretchen. Er liebt Dich. Er ist hier, weil er in Deiner Nähe sein will.“

(„Hä? Ich denke, er hat was mit Gigi...“)

„Und – ich bin mit Marc zusammen. Okay, das das jetzt so gekommen ist, da staune ich selbst noch. Aber eigentlich wollte ich immer nur Marc. Egal, mit wem ich sonst zusammen war oder sogar geheiratet habe.“
„Du warst verheiratet?“ Roulas Augen wurden groß.
„Ja, bescheuert war ich. Und verliebt. Verliebt war ich in jedem Fall. Aber Marc liebe ich. Naja, meine Ehe hatte sich dann auch schnell erledigt, als sich herausstellte, dass mein Mann ein Heiratsschwindler war. OK, in meinem Fall jetzt eher nicht, aber trotzdem war er nicht der, für den er sich ausgegeben hat. Ein Betrüger eben.“
„Und mit Doktor Kaan warst Du auch zusammen?“
„Nicht wirklich. Eine Woche, vielleicht zwei. Dann hat seine Frau die Augen geöffnet und er hat sich für sie entschieden.“ Sie grinste plötzlich. „Naja und dann waren wir nochmal eine Nacht zusammen, nachdem ich die Wahrheit über meinen Ex-Mann erfahren hatte. Da war ich allerdings nach drei Flaschen Wein unzurechnungsfähig.“

(„Und wie wütend Marc war – dass er mich in der Patho gefesselt hat!“)

„Er ist ein guter Mann. Er würde Dich auf Händen tragen.“
„Ich kann laufen, Roula. Und irgendwie zweifle ich auch nicht daran, dass Marc das auch tun würde. Und ja, ich weiß, dass Mehdi das tun würde. Ich hing lange genug zwischen Marc und Mehdi. Das war das Problem. Früher war das immer einfach. Ich wollte Marc, er ärgerte mich und knutschte mit anderen. Jetzt war das anders. Ich wollte Marc. Ich knutschte andere. Marc wollte mich. Marc knutschte andere. Anders als früher war, dass auch Marc und ich uns geküsst haben.“
„Und jetzt küsst nur noch ihr euch und habt alle anderen abgeschüttelt?“
„Ja... beim Aussieben sind nur wir beide übrig geblieben. Und glaubst Du nicht, dass Marc mich auch tragen kann? Also auf Händen? Immerhin ist er definitiv wegen mir hier. Na gut, ich bin wohl auch wegen ihm hier.“
„Wieso?“
„Ist Teil der langen Geschichte für die nächste Tour. So sehr Marc mich angezogen hat, so sehr hat er mich auch weggestoßen. Und dem wollte ich mich entziehen. Und da sagte Fritz, dass ich für ihn herkommen soll.“

„Er kommt übrigens bald. Martin hat mit ihm telefoniert.“
„Fritz? Wie geht es ihm?“
„Er scheint wieder voll aktiv zu sein. Er will jetzt den Herbst nutzen, um Spenden zu sammeln. Und dann im Dezember herkommen. Schätze, er wird Weihnachten hier sein. Und wie ich ihn kenne mit einem Haufen Geschenke für die Kinder.“
„Vielleicht können wir uns mit Martin und Marc mal hinsetzen und überlegen, was wir hier noch alles brauchen könnten? Ich meine, die Gebäude für die neuen Klassen sind fertig, nur innen fehlt es halt. Ich bin auch immer noch dafür, dass wir unser eigener Stromlieferant werden. Vielleicht kann Marc sich in Berlin dann auch mal umhören beziehungsweise umsehen? Wenn Marc seinen ganzen Charme einsetzt, kann er gut Leute um den Finger wickeln. Frauen und Männer gleichermaßen übrigens.“

Roula schaute ihre deutsche Freundin an. Für Sanssouci war diese Ärztin einfach nur ein Gewinn. Mit ihrer ehrlichen und warmherzigen Art. Sie konnte Menschen mit einem Lächeln glücklich machen. Und für sie war es eine Herzensangelegenheit zu helfen, wo und wie sie konnte.
„Ja, das ist eine sehr gute Idee.“

Gretchen war bereits in ihrem Element: „Medizin und solche Sachen, da kann mein Vater bestimmt was organisieren. Ein tragbares Röntgengerät wäre zu schön.“ Sie seufzte. „Und ich fürchte, dass wir uns auch Mehdis Wünsche anhören sollten. So viele Frauen, wie uns jetzt schon um Hilfe und Rat fragen... Meinst Du, das wird irgendwann mal richtig Ärger geben? Wenn wir den Frauen helfen?“

Darüber hatten Roula und Martin auch schon einmal gesprochen. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan hatte – die Tradition der Beschneidung von Frauen war immer noch fest in der afrikanischen Kultur verankert.

„Ich weiß es nicht, Gretchen. In den Städten und deren Umland wird die Situation mittlerweile deutlich besser, besonders seit allgemeine Schulpflicht besteht und die Alphabetisierungs- und Bildungsrate steigt. Es gibt bessere Perspektiven, um Geld zu verdienen und das Selbstbewusstsein steigt. Die Frauen, die hierher zu uns kommen, sind sich definitiv bewusst, was sie wollen und vertreten das auch in ihren Familien. In den letzten Jahren hat sich durch die vielen Aufklärungsprojekte einiges getan. Aber die Beschneidung von Frauen gehört immer noch zur afrikanischen Tradition. Auf dem Land wird es bestimmt den einen oder anderen erzürnten Ehemann oder Vater geben!

Deswegen versuchen wir ja so viele Kinder wie möglich hier in die Schule zu holen. Aber das ist eben auch nur ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein. Besonders bei den Nomaden, also bei den Viehhirten, ist das ein Problem. Sie sind auf die Kinder als Arbeitskräfte angewiesen. Sie schicken vielleicht immer nur eines der Kinder zur Schule, aber Mädchen wohl eher nicht. Außerdem können sich das wohl die wenigsten leisten, mehr als für ein Kind Schulgeld zu bezahlen.“

Gretchen dachte laut nach: „Also müsste es sowas wie Blockunterricht geben. Dass jedes Kind immer für ein paar Monate zur Schule geht, dann das nächste. Die Eltern zahlen – wenn es überhaupt nötig ist – nur einen Betrag im Jahr und die Kinder wechseln sich ab.“
Roula war perplex. Das war eigentlich die Idee. Auch könnten sich die Kinder untereinander helfen, wenn sie immer einen ähnlichen Wissensstand hätten. „Die Idee ist nicht schlecht, aber man kann kaum alle Familien erreichen. Die ziehen ja nun mal mit den Herden umher. Die festen Siedlungen auf dem Land kann man ja durchaus anfahren und die Kinder einsammeln. Und woher willst Du wissen, ob wirklich alle Kinder geschickt werden.“

Aber Gretchen dachte durchaus realistisch: „Es geht doch nicht darum, 100% aller Kinder zu erwischen. Aber wenn man so statt einem Kind pro Familie schon zwei in der Schule hätte, hast Du 100% Steigerung. Und es wäre schon vermessen, damit zu rechnen. Vielleicht sollten wir aber auf der nächsten Tour einfach mal mit den Menschen sprechen, ob sich so eine Initiative lohnen würde. Neben einem guten Konzept bräuchten wir zusätzlich einen wirklichen Anreiz für die Eltern, ihre Kinder zu schicken. Wenn sie ihre schulpflichtigen Kinder brav schicken, dass sie dann im nächsten Jahr weniger zahlen oder die Kinder mit Lebensmitteln oder so nach Hause geschickt werden.“
„Dann haben wir aber auf den Safaris nicht so viel Zeit für Deine und Marcs Geschichte, Gretchen Haase.“ Die afrikanische Frau lachte. „Und die interessiert mich doch wirklich sehr.“
„Ich werde sie Dir erzählen, Roula. Versprochen. Was meinst Du, sagt Martin zu unserer Idee?“
„Oh... vermutlich wird er sie nicht schlecht finden. Allerdings wird er erstmal die richtige Frage parat haben.“
„Woher das Geld kommen soll?“
Roula nickte. „Ja. Ohne wird es wohl nicht gehen.“
„In Afrika hat man Zeit. Also hab ich gehört. Es muss ja nicht heute oder morgen sein. Aber vielleicht sollte man sowas einfach gedanklich im Hinterkopf behalten.“
Auch das war eine gute Eigenschaft der Ärztin. Sie hatte gute Ideen, zögerte auch nicht, diese anzupacken. Aber sie ließ sich Zeit. Und alles hier brauchte immer Zeit.
„Ja, Du hast Recht. Aber dann lass und erstmal das eine machen. Sprich, überlegen, was wir dringend hier in Sanssouci bräuchten. Das andere hat in der Tat Zeit.“

Karo Offline

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04.06.2017 21:59
#29 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 3.10 – Marc und Martin


Martin hatte den Anruf von Gretchens Mutter entgegengenommen. Er war besorgt, dass Gretchens Familie etwas zugestoßen sein könnte. Während Roula nach Gretchen sah, suchte er Marc. Der junge Mann hatte die Arme aufgestützt, sein Kopf lag schwer in den Händen. Die Augen hielt er geschlossen.

„Marc? Ist was mit Gretchens Familie passiert? Gretchen war so still nach dem Anruf.“
„Gretchens Vater ist krank, überarbeitet. Ich muss zurück nach Berlin.“
„Gretchen hatte zwar mal gesagt, Du wärst auch Arzt, aber irgendwie habe ich das nie gedanklich weiter verfolgt. Ehrlich gesagt, ich hätte nie vermutet, dass Du Chirurg wärst. Ich hätte eher in Richtung Kindermedizin gedacht. Vermutlich, weil Du so einen guten Draht zu ihnen hast.“

(„Was? Ich? Kinderarzt? Wie Gretchens kranker Ex?“)

„Hier bin ich auch nicht ich. Oder sagen wir es anders, so wie hier war ich noch nie. Aber Kinderarzt?“ Er schüttelte sich. „Oh Mann... das ist das, was ein Chirurg hören will...“
„Yves meinte, Du wärst sehr jung, um Oberarzt zu sein? Also ich habe ja keine Ahnung, aber...“
„Anfang bis Mitte 30 kommt schon vor. Ich bin mit 28 Oberarzt geworden. Damit bin ich definitiv der jüngste Oberarzt, den Deutschland je hatte.“
Martin hörte die Begeisterung für seinen Beruf in Marcs Stimme heraus. „Das klingt so, als wärst Du gerne Arzt. Fällt es Dir da nicht schwer, hier fast nichts zu tun?“
„Nein. Das hier ist Gretchens Ding. Ich bin nur wegen ihr hier. Wenn sie bei irgendwas Hilfe braucht, bin ich der letzte, der ihr die verweigert. Oder wenn sowas passiert wie in Koudougou.“ Marc lachte. „So eine Herausforderung erlebt man nicht jeden Tag!“
„Yves war von eurem Können begeistert. Er sagte, ihr wärt die verkörperten Halbgötter, wie es in Deutschland immer so schön heißt!“
„Die anderen sind die Halbgötter... ich bin...“

(„Gott! – Scheiße, das kann ich doch hier nicht sagen!“)

Seit wann bist Du so zurückhaltend? Kirchenfuzzi hin oder her...

„...der Anführer!“ Marc lachte. „Ich glaube, unterschiedlicher könnten wir als Mediziner nicht sein. Jeder ist auf seine Weise gut. Die einzige, die das immer wieder bezweifelt ist Gretchen. Sie braucht im Grunde keine Hilfe aber immer wieder sprechen wir über die durchgeführten Behandlungen. Aber letztendlich ist sie gut genug, um zu wissen, was sie tun muss.“

„Und für hier reicht es allemal.“

„Das kann nur ein Nichtarzt sagen.“ Marc grinste. „Wir schwören einen Eid und der gilt immer. Egal, wie die Bedingungen sind oder wie die Konsequenzen ausfallen würden.“ Der Chirurg musste wieder lachen. Er erinnerte sich an Gretchens Anfänge auf seiner Station. „Gretchen ist nicht wirklich ehrgeizig, was ihre Facharztausbildung angeht. „Karriere“ als Begriff ist ihr fremd. Aber trotzdem ist sie sowas von gut, intuitiv gut. Ich glaube, sie macht oft Sachen, die sie nicht erklären kann, aber die sich hinterher wie von selbst erklären. Als sie neu war, hat sie mich damit wirklich zur Weißglut bringen können... Diagnosen des Oberarztes anzweifeln und/oder hinterfragen, Medikationen verändern... Mittlerweile habe ich gelernt, nochmal genauer hinzugucken, wenn sie anderer Meinung ist.“
„Ihr Vater ist auch Arzt in dem Krankenhaus? Wenn er Dich dorthin zurückruft?“
„Ja. Er ist der Chefarzt, also quasi mein Chef.“

Der Pfarrer überlegte kurz, dann schmunzelte er. „Wenn das mal nicht explosiv ist – die Tochter des Chefs als Freundin zu haben.“
„Ja, durchaus.“ Er griente in sich hinein, als er daran dachte, wie der Professor ihn manches Mal wegen Gretchen abgestraft hatte. Martin interpretierte den Kommentar und die Mimik des jungen Mannes richtig.
„Ich sehe, da gab es durchaus schon Zusammenstöße.“ Die beiden Männer lachten sich an.
„Nett formuliert. Aber Professor Haase ist in Ordnung. Ich kenne ihn schon von der Uni, habe nach der Uni mein praktisches Jahr im Elisabeth-Krankenhaus absolviert und er war es auch, der mir die Stelle als Oberarzt gegeben hat, obwohl ich so jung war. Das Gespött seiner Kollegen war ihm egal. Mir allerdings nicht. – Ich glaube für Professor Haase würde ich mein Leben geben.

Das Elisabeth-Krankenhaus mag ein kleines Krankenhaus sein, eher unbedeutend in der Umsatzstatistik der Betreiber. Aber Professor Haase hält die Klinik seit Jahren in den schwarzen Zahlen. Ohne große Gewinne, aber immer in sicherer Entfernung einer schwarzen Null. Und er bekommt immer wirklich gutes Personal, vor allem auch langfristige Mitarbeiter.“

„Dann herrscht dort also ein gutes Arbeitsklima?“

„In jedem Fall. Das war immer meine Familie. Naja, mehr als meine Mutter und mich gibt es auch nicht.“ Einen Moment dachte er nach und grinste den Missionschef an. „Kommt wohl auch drauf an, wen man fragt. Ob das die Mitarbeiter von meiner Station auch so sehen würden... ich habe eher den Ruf eines arroganten Sklaventreibers. Oder wie Gretchen es auch schön ausgedrückt hat, wenn sie sauer war, Doktor Meier, der Oberarsch.“

„Wie lange seid ihr schon zusammen?“

„Pfff... wo fängt das an... also eigentlich erst, seit wir hier sind. Aber vorher war das schon immer irgendwie klar, dass wir nicht ohne den anderen sein können. Aber auch nicht mit dem anderen. Totales Chaos, immer hin und her. Je mehr ich mir meinen Gefühlen für Gretchen klar wurde, umso weiter musste ich sie von mir weg stoßen.“ Er hielt inne, sah dann den älteren Mann offen an. Er sprach leise weiter. „Bis nach Afrika sozusagen.“

Martin beobachtete sehr genau, dass es Marc schmerzte, sich daran zu erinnern. Erst dachte er, Marc würde nicht weiter sprechen. Doch der fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Dass sie weg wollte habe ich durch Zufall mitbekommen. Weil eine der Krankenschwestern sich verquatscht hat. Sie wäre sonst einfach so weg gewesen.“

(„Ich hätte das Wundervollste in meinem Leben verloren, ohne es jemals richtig gehabt zu haben!“)

Martin schwieg. Er hatte das Gefühl, dass jetzt jedes Wort seinerseits falsch gewesen wäre.
Marc schloss die Augen. „Ich hätte das Wichtigste in meinem Leben verloren, ohne es jemals gehabt zu haben.“
Er hatte es ausgesprochen. Er fühlte sich so furchtbar schuldig. Wem gegenüber wusste er jedoch nicht. Gretchen trug ihm nichts nach. Sie hatte alles Vorherige hinter sich gelassen.

Martin konnte nur vermuten, was in dem sensiblen Mann vor sich ging, deswegen fragte er vorsichtig nach: „Du fühlst Dich schuldig, oder?“
Marc schaute den Pfarrer offen an, blieb aber stumm.
„Wenn ja, wem gegenüber? Ich habe nicht den Eindruck, dass Gretchen Dir irgendwas nachträgt. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, wenn Gretchen etwas nicht ist, dann ist es nachtragend.“ Martin wollte nicht, dass Marc sich durchschaut fühlte. Obwohl er von Anfang an das Gefühl hatte, Marc wäre für ihn ein offenes Buch. Der Pfarrer legte dem Mediziner freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Was passierte dann?“
„Und dann? Musste ich wohl oder übel Farbe bekennen. Zu meinen Gefühlen stehen, Gretchen zeigen, was sie mir wirklich bedeutet. Einerseits war es furchtbar, dieses Gefühlsding ist nicht meins, Gefühle waren meiner Meinung nur was für Schwache und Erfolglose. Totales Neuland. Ich hatte Angst, dass es wie eine komplette Selbstaufgabe wäre. Aber Gretchen ist die Richtige, um einen an die Hand zu nehmen. Ich glaube, dass wir es zu Hause nicht geschafft hätten, zusammen zu kommen.“
„Das ist kaum vorstellbar. Wer euch hier sieht...“ Er grinste und dachte an den Moment, als die Gruppe in Sanssouci angekommen war. „Als ihr vier angekommen seid... da war ich mir nicht sicher, warum Fritz uns eine naive Blondine schickt, die zudem noch mit Gefolge ankommt.“

Die Bilder kamen ihm wieder in den Sinn. Christian hatte zwar schon am Abend vorher signalisiert, dass drei von den vieren total in Ordnung waren. Aber er bildete sich halt gerne selbst ein Urteil. Seine Einschätzung zu Marc hatte zu einhundert Prozent gestimmt. „Nur bei Dir war mir irgendwie klar, dass es Dir nicht um uns oder Afrika geht. Bei Dir war das klar, dass Du nur wegen ihr hier bist.“

„Wie gesagt, so wie ich hier bin... war ich noch nie. In meinem Leben nicht. Gretchen kenne ich seit ich in die 10. Klasse gegangen bin. Sie war in der 5. Stufe, glaube ich. Das streberhafte Professorentöchterchen, mit Brille und Zahnspange. Und damals schon irgendwie unbeeindruckt von anderen Meinungen. Sie hatte ihren ganz eigenen Stil, naja, eigentlich gar keinen. Ich weiß, dass ich schon damals nicht wusste, was ich von ihr halten soll. War aber auch egal. Marc Meier war cool und jemanden wie Gretchen Haase fand man nicht toll. Man ärgerte sie einfach nur immer. Und ich glaube zerstochene Fahrradreifen waren da noch harmlos.“
„Es heißt nicht umsonst „Sie küssten und sie schlugen sich“.“
Marc lachte. „Geschlagen haben wir uns nie. Und geküsst auch nicht, erst, als wir uns im Krankenhaus wiedergetroffen haben. Obwohl... nee... stimmt nicht...“
Wieder verstummte Marc und überlegte eine kleine Weile.

(„Eh egal, jetzt. Das kann ich auch noch sagen, die Hosen sind eh schon unten...“)

„Wenn man es genau nimmt... war Gretchen das erste Mädchen, das ich je geküsst habe. Im Sommer nachdem ich auf die Schule gekommen war.“

(„Und sie ist definitiv auch die letzte, die ich küssen will!“)

Die Hosen sind sind nicht nur unten sondern Deine Eier sind ganz schön ab!

„Was wird wenn Du jetzt nach Berlin zurückgehst?“
„Keine Ahnung. Ich muss mit Gretchen in Ruhe sprechen. Wobei sie wohl weiß, dass ich zurückgehe. Wenn ihre Mutter schon anruft... Ich bin mir allerdings gerade so gar nicht sicher, was ich tun soll.“
„Du hast diese Frage eben eigentlich schon beantwortet. Und Gretchen weiß wohl auch die Lage einzuschätzen.“
„Wie meinst Du das?“
„Wenn der Professor Dich hier anruft, weil er Deine Hilfe im Krankenhaus braucht...? Wärst Du in der Lage, ihm diese zu verweigern?“
Marc seufzte tief. „Nein. Wohl nicht. Und Gretchen, die mich eh besser kennt, als jeder andere, wahrscheinlich sogar besser als ich mich selbst kenne, weiß das natürlich auch.“
„Wenn ich was für Dich oder euch tun kann, Marc, dann sagt es nur.“
„Wie kann ich von hier aus einen Flug buchen? Frau Haase sagte, dass am Dienstag noch Plätze verfügbar sind.“
„Ich kümmere mich darum. Ich sage Renate oder Fritz Bescheid.“
„Danke. Dann suche ich jetzt mal Gretchen.“

Karo Offline

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04.06.2017 22:08
#30 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 3.11 – Marc und Gretchen 2


Am Abend saßen Gretchen und Marc in der Hängematte auf der Veranda. Gretchen hatte es sich in Marcs Armen gemütlich gemacht.

„Hat Deine Mutter Dir gesagt, worum es geht?“
„Nur, dass es ihr sehr leid tut, aber dass Papa Dich braucht.“ Sie schmiegte sich enger an Marc und grinste. „Aber da steht jetzt Argument gegen Argument. Ich brauche Dich auch. Anders zwar, aber ich brauche Dich.“

Marc schmunzelte. Gretchen war einfach wunderbar. Unverwechselbar. Einmalig.
„Ah ja. Aber es gibt zwei Gründe. Der eine – und das passt ihm gar nicht, er merkt seine Grenzen deutlicher als gedacht. Der zweite – die eh dünne Personaldecke, das war uns ja eh schon bewusst. Nun ist jemand von der StaBe am EKH, der ihn in der Verwaltungsarbeit unterstützt. Sie überlegen, die Stelle eines Leitenden Oberarztes einzurichten. Aufgrund seines Alters.“

Gretchen war empört: „Aufgrund seines Alters? Spinnen die?“

Marc zog sie fester in seine Arme und streichelte beruhigend über ihren Bauch. „Gretchen, Dein Vater hatte bereits einen Herzanfall und seit dem Affenvirus ist er bei weitem nicht mehr so belastbar wie noch vor einem Jahr. Er kann das zwar gut überspielen, aber ich hatte von Anfang an die Befürchtung, dass sein Rückruf relativ schnell kommen würde – ich meine Cedric ist eine gute Vertretung, aber belastbar ist er auch nicht. Mit seiner halben Stelle kann er Deinem Vater nicht wirklich Arbeit abnehmen. Die beste Assistenzärztin sammelt Auslandserfahrung und Knechtelsdörfer kannst Du vergessen. Anscheint übernimmt die Hassmann manch eine Schicht in der Notaufnahme, aber mehr als arbeiten kann sie auch nicht.“

„Mein Vater hat jahrzehntelang die Klinik alleine geleitet. Meinst Du, dass er irgendwen neben sich dulden würde? Einen Stellvertreter... pfff... dass er täglich vor Augen hat, dass man ihn tatsächlich zum alten Eisen zählt? Dass er womöglich seinen Nachfolger einarbeitet?“
Marc lachte. Vater und Tochter Haase... Gretchen spürte seine Lippen an ihrer Stirn. Marcs eine Hand strich zärtlich über ihr Haar, spielte mit den langen Locken.

(„Bitte frag einfach nicht nach. Es ist furchtbar, Dich anlügen zu müssen!“)

Bärbel Haase hatte ihn gebeten, Gretchen den größten Teil des Telefonats zu verheimlichen. Marc war hin und hergerissen. Einerseits teilte er die Meinung der Mutter, Gretchen nicht unnötig zu beunruhigen anderseits tat er etwas, was er abgrundtief verabscheute: Er log. Schlimmer noch, er log Gretchen an. Den ehrlichsten Menschen auf der ganzen Welt.

„Marc? Wann hätte er Dich denn gerne wieder in Berlin?“
„Hm, es war herauszuhören, dass die Sache keinen Aufschub verträgt.“
Gretchens Stimme klang mit einem Mal wehmütig. „Also bald.“
„Ich befürchte ja.“

(„Ob ich sagen soll, dass ich schon einen Flug gebucht habe?“)

Doch Gretchens Kopf arbeitete schon wieder auf Hochtouren. „Hm... also bestell Papa dann einen schönen Gruß, dass er mir einen Tausch anbieten muss, wenn ich Dich gehen lassen soll.“

(„Was spukt ihr denn jetzt im Kopf rum?“)

Marc kannte seine Freundin. „Soso. Was bin ich denn Wert?“
„Für mich persönlich bist Du unbezahlbar. Aber wenn Du wieder Tag und Nacht im Einsatz bist, hat er ja bestimmt etwas Zeit, sich um Spenden für die Krankenstation zu kümmern. Eine Wunschliste haben Roula und ich schon besprochen. Aber generell wollten wir uns mit Martin und Dir mal zusammensetzen, was man alles benötigt - auch für die Klassenzimmer. Roula hat mir vorhin erzählt, dass Fritz plant, im Dezember herzukommen. Das wäre eine sehr günstige Konstellation. Und Papa kann bestimmt seine Beziehungen spielen lassen.“

(„Sie ist so wunderbar. Meinen Gegenwert für Sanssouci auszuhandeln. Das ist mein Gretchen.“)

„Lass mich raten: Punkt eins: regelmäßige Medikamentenlieferungen; Punkt zwei: Ein tragbares Röntgengerät; Punkt drei, wobei das mehr allgemein ist: Eine Solaranlage für eigenen Strom.“

Gretchen strahlte ihren Freund an. Er kannte sie ebenso gut wie sie ihn. „Ja, wobei das Röntgengerät auf Platz eins liegt. So wie hier die Unfälle passieren... Und einen Punkt vier und fünf gibt es spontan auch noch: Milchpulver und ausreichend Moskitonetze für jeden.“
„Apropos... vielleicht sollten wir diesen Platz mal gegen unseren Platz unterm Moskitonetz eintauschen? Es wird nämlich etwas frisch, wie ich finde. Zumindest die Stellen, die Du nicht wärmst.“
„Ja, da bin ich dabei. Obwohl ich den Moment hasse, wenn man aus der Hängematte krabbeln muss... ich hab immer Angst, dass ich rausfalle, sobald ich mich bewege.“
„Ich habe auch immer Angst, dass Du rausfällst, aber das ist egal, ob Du rein oder rauskrabbelst.“
„Hehe, werde mal nicht frech, Herr Doktor. Und wenn Du so besorgt bist, könntest Du mir ja auch helfen.“
„Du liegst auf mir. Da komme ich nicht so schnell weg. Außer, ich schubse Dich von mir runter, aber erstens möchte ich mir in Afrika nicht unbedingt einen Leistenbruch holen und zweitens kannst Du dann genauso gut selbst rauskrabbeln, ist genauso gefährlich.“
„Marc Meier! Hör auf so unverschämt über meine Figur zu reden und zu lachen.“
Der Mediziner vergrub sein Lachen in den blonden Locken. „Hasenzahn, Du solltest mittlerweile wissen, dass ich alles so an Dir liebe wie es ist. Aber bei so einer Vorlage kann ich einfach nicht anders.“
„Ja, aber Du weißt auch dass...“
„... dass Du ein so wunderbarer Mensch bist, dass der liebe Gott unbedingt etwas mehr von Dir schaffen wollte?“

Gretchen hielt inne. Ihr Freund konnte einfach wundervolle Liebeserklärungen machen ohne, dass er es bemerkte. „Da hast Du ja fast die Kurve mitgekriegt.“
„Ich kümmere mich jetzt gleich erstmal um DEINE Kurven, Prinzessin.“
„Na dann krabbelt die Prinzessin jetzt mal schnell aus diesem Hängeding!“

Ein zärtlicher Kuss bildete den Abschluss des Gesprächs. Gretchen gelang es sogar, halbwegs sportlich aus der Hängematte zu klettern. Marc folgte ihr auf dem Fuße und eh Gretchen sich versah, hatte Marc sie schon in ihr Zimmer getragen.

(„Siehst Du Roula, Marc kann das auch!“)

Karo Offline

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04.06.2017 22:41
#31 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 3.12 – Professor Haase 6


Er fühlte sich schwach. Vielleicht war es doch gut, dass Bärbel sich eingemischt hatte. In ein paar Tagen würde Doktor Meier wieder da sein, dann konnte dieser StaBe-Fuzzi sich verziehen. Doch der war davon nicht überzeugt, Doktor Meier mochte ein guter Arzt und ein zuverlässiger Oberarzt sein, aber er verfügte über keinerlei Erfahrung mit Verwaltungsaufgaben.
„Sie kennen Doktor Meier nicht, der brennt für Herausforderungen.“
„Mir ist durchaus bekannt, dass Sie eine hohe Meinung von ihm haben. Sie kennen ihn lange genug. Ich möchte mich in Ruhe mit ihm unterhalten, das verstehen Sie sicherlich?“
„Natürlich.“ Der Chefarzt seufzte. Er konnte diesem Herrn nichts vorwerfen.

Bernd Ullstein befand sich in einer schwierigen Situation. Innerhalb der StaBe war Professor Haase so etwas wie eine Institution. Er war der dienstälteste Klinikchef im Verbund, irgendwie hatte er sein Krankenhaus durch verschiedene Gesundheitsreformen geführt, selbst starke Eingriffe in das Gesundheitswesen hatte das Elisabeth-Krankenhaus immer verkraftet. Das kleine Krankenhaus war noch nie mit Riesengewinnen gesegnet gewesen, aber dank des Engagements von Professor Haase hatte es meistens oberhalb einer guten schwarzen Null gelegen. Selbst der Anbau vor ein paar Jahren war ausgezeichnet kalkuliert worden, sodass man von einer gelungenen Investition sprechen konnte.
Nun war Bernd Ullstein mit der Aufgabe betraut worden, den Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten. Sicherlich sprachen ihm die obersten Chefs damit ein großes Vertrauen aus. Aber er hatte keine Ahnung von Krankenhäusern. Er konnte nur hoffen, dass dieser hochgelobte Oberarzt wirklich die Erwartungen des Professors erfüllen könnte.
„Professor Haase, wen könnte ich in den nächsten Tagen von den Ärzten um Hilfe bitten? Ich bin Betriebswirt und ich behaupte, mittlerweile auch das Gesundheitssystem zu kennen aber von Medizin und Krankenhäusern habe ich keine Ahnung.“

Der Chefarzt dachte einen Moment nach. „Hm, wenden Sie sich an Doktor Hassmann. Sie kennt das Krankenhaus lange genug. Theoretisch bin ich auch der Meinung, dass Doktor Stier in einigen Fragen helfen kann. Er ist ein hervorragender Mediziner, aber er ist halt gerade drei Wochen hier. Wenn Doktor Hassmann nicht auf ihrer Station sein sollte, dann finden Sie die Kollegin in der Notaufnahme.“

„Vielen Dank Herr Professor!“ Bernd Ullstein klappte seinen Hefter zu. Auf dem hellblauen Kunststoff prangte in goldener Farbe das Symbol des ärztlichen und pharmazeutischen Standes:
Der Aesculapstab. Franz Haase schloss die Augen und seine Gedanken wanderten zurück.

***

Zum 3. Staatsexamen, das er summa cum laude als Jahrgangsbester abschloss, hatte er von seinem Vater einen goldenen Aesculapstab geschenkt bekommen. Diese Anstecknadel trug er mit Stolz bei Symposien oder Ärztetagen, wo er oftmals auch Vorträge hielt.
Er hatte Medizin studiert, weil es so erwartet wurde. Anfangs stand er der Berufswahl relativ leidenschaftslos gegenüber aber mit jedem Semester wuchs seine Begeisterung für die Medizin. Als er die ersten praktischen Erfahrungen gesammelt hatte bereute er es nicht, der Familientradition gefolgt zu sein.

Natürlich hatte er es als Sprössling der Familie Haase einfach. Sein Name war Segen – öffnete ihm viele Türen – und Fluch zugleich. Man durfte sich deutlich weniger Fehler leisten als Mitstudenten oder später Kollegen. Er absolvierte sein praktisches Jahr nicht, wie es jeder erwartet hatte, in der väterlichen Privatklinik, sondern am Universitätsklinikum in Hamburg. Dort wurde er nicht hofiert, sondern viel mehr gefordert als jeder andere. Dort erlangte er jedoch zu einer Erkenntnis, die ihn sein ganzes Leben leiten sollte: Medizin ist großartig! Das Symbol des ärztlichen Standes wurde ihm heilig. Der Vater war beeindruckt vom Enthusiasmus seines Sohnes und er hatte sich lange überlegt, wie er die Leistung anerkennen könnte. Carl-August Haase war kein Mann großer Worte und er war auch kein verständnisvoller Vater gewesen. Stolz war er trotzdem und das sollte sein erstgeborener Sohn auch wissen. Die goldene Anstecknadel in Form eines Aesculapstabes war eine Einzelanfertigung. Die leuchtenden Augen seines Sohnes machten den Vater froh – der Sohn hatte verstanden. Dass Franz dieses kleine Schmuckstück nur zu ausgewählten Gelegenheiten trug, zeigte dem Vater, dass der Sohn diese filigrane Goldschmiedearbeit zu schätzen wusste.

Natürlich wollte auch Hans so eine Nadel haben. Sein Bruder war ja blöd, trug sie nur selten. Dabei wurde man fast immer auf dieses besondere Stück angesprochen. Dass Franz sich dieses Schmuckstück durch Fleiß und Arbeit verdient hatte, das sah Hans nicht. An dem Tag, als er sein Examenszeugnis überreicht bekam, erhielt auch er eine Anerkennung, aber nicht die erwartete Anstecknadel.
Natürlich war auch die silbernen Manschettenknöpfe und die passende Krawattennadel Kostbarkeiten. Aber sowas konnte schließlich jeder kaufen.

Schon als Kind hatte Hans neidisch auf das geschaut, was Franz bekam oder hatte. Egal, ob es Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten waren oder – wie das Fahrrad – selbst verdient und gekauft, Hans missgönnte seinem großen Bruder alles. Seine Eltern wunderten sich oft, woher diese grenzenlose Eifersucht kam, denn sie achteten immer auf Gerechtigkeit.
Mit zunehmendem Alter wuchs auch der Neid. Hans fand es schrecklich, dass Franz zwei Jahre älter war als er. Dass er unweigerlich in allem immer der erste war. Dabei hatte er doch den Namen eines renommierten Vorfahren bekommen, während Franz´ Namensvetter keine nennenswerten Leistungen gebracht hatte. Das konnte ja kein Zufall sein – er war einfach der bessere.
Und verdiente entsprechend mehr als sein Bruder.
Auch den goldenen Aesculapstab.

„Franz, wo bleibst Du denn? Wir müssen los!“ Der Vater wurde ungeduldig. In diesem Jahr fand der Chirurgentag in Hamburg statt und Franz hatte einen interessanten Vortrag vorbereitet, in dem es um Tumorerkrankungen ging. Er wollte in keinem Fall zu spät kommen.

Der Sohn, mittlerweile Assistenzarzt an der Uniklinik, saß auf dem Boden vor dem Tresor.
„Was ist das denn für ein Chaos?“ Um den Arzt herum befand sich der komplette Inhalt des Safes.
„Sie ist nicht da.“
„Doris?“
„Hä? Wieso Doris?“ Seine Freundin würde er am Tagungsort treffen. „Die Nadel. Der Aesculapstab.“
„Hast Du den das letzte Mal vielleicht nicht wieder in den Tresor geschlossen?“ Der Vater wusste, dass der Sohn das noch nie vergessen hatte.
„Bestimmt nicht.“
„Dann muss sie doch da sein?!“ Er sah im Tresor nach und kontrollierte selbst alle Schmuckkästchen. Er hatte nicht gewusst, dass seine Frau so viele Juwelierarbeiten besaß. Egal. Die goldene Nadel war nicht zu finden. Vater und Sohn sahen sich ratlos an. Franz war blass geworden, er wagte aber nicht, seinen Verdacht auszusprechen.
„Es wird so gehen. Es muss.“
„Du meinst jetzt nicht Deinen Vortrag?“ Carl-August Haase verstand den Zusammenhang nicht.
„Ich habe die Nadel immer getragen, seit ich sie habe. Bei jedem Vortrag. Es ist mir wichtig, sie dabei zu haben. Nun muss ich da wohl alleine durch!“ Er räumte den Tresor wieder ein und verschloss diesen gewissenhaft. Professor Haase beobachtete seinen blassen Sohn einen Moment, dann eilte er in das Elternschlafzimmer.

„Carl, es wird Zeit. Was tust Du hier und was ist mit Franz los?“
„Der Aesculapstab war nicht im Tresor. Ich suche jetzt die Krawattennadel, die ich von meinem Vater bekommen habe. Vielleicht hilft sie ihm über den Tag.“
„Die ist in dem dunklen Holzkästchen. Wo soll denn der Aesculapstab sonst sein? Franz würde nie vergessen, die Nadel dort zu verschließen.“
„Über diese Frage möchte ich gerade nicht nachdenken. Da ist sie ja.“ Er nahm das gesuchte Schmuckstück an sich. Die Krawattennadel war aus Messing gefertigt, entsprechend angelaufen. „Mist!“
„Weißt Du was? Fahr Du mit Franz vor. Ich poliere das hier und komme dann mit einem Taxi nach. Gerade heute sollten wir nicht zu spät kommen, seine Freundin sollte nicht unnötig auf uns warten.“

Karo Offline

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04.06.2017 22:46
#32 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI


September 3.13 – Aesculapstab


„Prinzessin?“ Marc betrat den kleinen Behandlungsraum der Krankenstation, wo die blonde Ärztin gerade ihre heutigen Patienten und Behandlungen dokumentierte. Sie sah überrascht auf, denn ihr Freund suchte diesen Teil von Sanssouci höchst selten auf.
„Marc?!“ Erfreut stand Gretchen auf begrüßte den Besucher mit einem herzlichen Kuss. „Welch seltener Gast in dieser Hütte!“

(„Hütte... ein bisschen mehr Respekt vor diesem Steinbau, Gretchen Haase! Das ist 1000mal besser als eine Hütte!“)

In Sanssouci gab es nur zwei Steinbauten. Das Wohnhaus und die Krankenstation. Alle anderen Gebäude waren klassisch afrikanisch – aus Lehm gebaut.

(„Hütte...das trifft es ganz gut.“)

„Hm. Mehr davon.“ Ihre Lippen verschmolzen erneut, trennten sich erst, als sie sich ganz taub anfühlten.
„Ich habe was für Dich.“ Marc schob seine Freundin ein wenig von sich weg und hängte ihr etwas um den Hals.
„Was ist das?“ Sie griff nach dem Anhänger und ihr Herz machte einen freudigen Hüpfer. „Marc!“
„Mein Schatz, Du möchtest jetzt nicht behaupten, dass Du eine Ähnlichkeit zwischen der Schlange und mir erkennen kannst?“ Er grinste und auch Gretchen lachte.
„Der Aeskulapstab – wie passend! Danke Marc. Der ist Dir wirklich sehr gut gelungen.“ Die Ärztin betrachtete die kleine Schnitzerei eine Weile versonnen. Der Chirurg wiederum beobachtete glücklich die Reaktion seiner Herzdame. „Er soll Dir Glück bringen!“

Am Blau ihrer Augen konnte er mittlerweile sehr gut erkennen wenn sie sich freute. Diese Überraschung schien ihm außerordentlich gut gelungen zu sein. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust. So wollte er sie immer sehen.

(„Ob ich sie jemals so glücklich machen kann, wie sie es verdient?“)

Nein! Jetzt gerade war nicht der Augenblick für seine Selbstzweifel! Jetzt gerade war ihm seine Überraschung gelungen. Alles war gut.

(„Alles ist gut!“)

„Du machst mich zu einem Glückspilz, Marc! Danke, das ist so toll!“ Als hätte sie seine Zweifel geahnt schlang Gretchen ihre Arme um den Hals ihres Freundes und drückte sich fest an ihn. Der Anhänger lag hart zwischen ihnen.

(„Alles ist gut!“)

Der Duft ihrer Haare beruhigte ihn. Er versenkte sein Gesicht in den blonden Locken atmete ein paar Mal tief ein und aus. „Ich liebe Dich, Gretchen!“ Seine Worte klangen immer noch leise, fast schüchtern. Doch sie waren ehrlich gemeint und fanden den Weg direkt aus seinem Herzen zu ihr.

(„Es fällt ihm immer noch schwer, aber er meint was er sagt!“)

Gretchen wendete nur zu gerne ihr Marc-Meier-Universalheilmittel an und sie versanken in einem nicht enden wollenden Kuss.

„Er wird Dich beschützen.“ Auch wenn er sie jetzt anlächelte, graute ihm vor dem baldigen Abschied. Nur noch wenige Tage trennte sie von der Trennung und er wusste nicht, was ihn in Berlin erwarten würde. Ohne sie. Er zog Gretchen noch fester an sich heran. „Mir graut es vor der Zeit ohne Dich.“

(„Nie mehr lasse ich Dich los!“)

Sein Kuss bestätigte, was seine Umarmung ausdrückte.

(„Nie mehr!“)

Karo Offline

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04.06.2017 23:01
#33 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 3.14 – Marc und Gretchen 3


„Ich habe Angst vor Berlin, Gretchen.“
„Inwiefern?“
„Was wird mit uns passieren? Hier in Deinem Arm oder eher halte ich dich ja gerade in meinen, fühle ich mich wohl und zweifle nicht an uns – oder eher an mir. Erst wenn ich alleine bin wird genau das passieren. Ich habe Angst, dass ich in Berlin wieder in alte Muster fallen könnte.“
„Was macht Dir Angst beziehungsweise woher kommen die Zweifel? Du bist toll. Ehrlich gesagt bin ich überrascht was für ein wunderbarer Freund Du bist. Auch wenn es neu für Dich ist, Marc. Das Beziehungsding meine ich.“
„Es ist nicht das Beziehungsding, was mir Angst macht. Solange Du da bist ist meine Welt in Ordnung. Ich denke eher, dass es das Alleinsein ist. Und genau das erwartet mich in Berlin.
Alleinsein. Da ist niemand.
Weder mein Gretchen

(„Er sagt mein Gretchen?“)

noch Mehdi. Hier war es schlimm ohne Dich, aber Mehdi war da. Du und Mehdi ihr seid die einzigen Menschen denen ich etwas bedeute!“ Marcs Stimme war immer leiser geworden, den letzten Satz vermochte er nur noch zu flüstern.
Gretchen zog es das Herz zusammen. War das tatsächlich das, was Marc glaubte und fühlte? „Nein Marc, das stimmt nicht. Was ist denn mit deiner Mutter?“

(„Ob die überhaupt irgendwie mitbekommt, dass ich weg bin?“)

Gedacht – gesagt: „Pfff – vergiss die! Ich glaube nicht mal, dass sie merkt, dass ich weg bin.“
„Sie weiß es nicht?“ Gretchen setzte sich auf. „Du hast ihr nicht gesagt, dass Du mit nach Afrika gehst?“
„Du weißt wie spontan das war. Und dass ich seit Deinem Brief nichts anderes als Dich im Kopf habe – und sehr gerne auch in meinem Arm.“ Er schloss seine Freundin noch fester in seinem Arm und küsste ihr Haar.
„Aber Marc – was ist, wenn doch. Sie kann Dich nicht mal auf dem Handy erreichen, weil wir die SIM-Karten getauscht haben. Meinst Du nicht, dass sie sich Sorgen machen könnte?“
„Meine Mutter hat sich noch nie groß Gedanken um mich oder wegen mir gemacht. Und außer uns gibt es niemanden, wie Du weißt.“
„Hm... nein, Marc, eigentlich weiß ich das nicht. Ich kenne nur Dich und Deine Mutter, aber das heißt ja nicht automatisch, dass es niemanden sonst gibt.“
„Niemanden, der wichtig wäre.“ Marcs Stimme machte deutlich, dass dieses Thema für ihn erledigt war. Doch nicht für Gretchen. Sie versuchte, ihm in die Augen zu blicken. „Also rein biologisch wird es wohl einen Vater geben.“
„Da hast Du in der Uni gut aufgepasst, Hasenzahn! Ja, wird es wohl. Und nein, das war nie Thema bei uns.“
„Hättest Du denn Wert darauf gelegt?“ Diese Frage stellte sie sehr vorsichtig.
„Hm. Nein. Wohl nicht. Das ist der Unterschied zwischen uns. Ich weiß, wie man Familie schreibt, das ist alles. Bisher war ich mit meinem Beruf verheiratet, meine Karriere war meine Geliebte.“
„Solange Du nicht mit ihr schläfst ist das ok für mich.“ Sie lachte in seine Halsbeuge und auch er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er zog die Frau einmal fester in seine Arme und hauchte ihr einen Kuss auf das goldglänzende Haar. Doch schnell war er wieder ernst.
„Ich habe Angst dass genau das irgendwann passiert. Gretchen, Sex gehörte genau dazu. Also zur Karriere. Hier kann ich Dir mit Sicherheit versprechen, dass ich nur Dich will. Aber hier bin ich bei dir. Ich kann nicht sagen wie ich werde wenn ich wieder alleine bin.“
„Marc – erlaube mir eine Frage. Hast Du mit Gigi geschlafen?“
Er schnaubte entsetzt: „Was? Hat sie das gesagt? Ich bringe sie um...“
„Nee, ich meine nicht in Koudougou. Entschuldige bitte, ich hätte "Polterabend" und "damals" dazu sagen sollen.“
„Nein Gretchen. Das war zwar mein Plan, aber ich konnte es nicht. Wirst Du mir das je glauben?“
„Marc, Du hast mich nie angelogen oder hintergangen. Im Grunde auch nicht bei dem Unfall. Also ich glaube nicht, dass Du mich betrügen würdest. Du konntest es da ja schon nicht, als wir noch nicht zusammen waren. Als ich einen anderen geheiratet habe. – Und wenn doch, dann kennst du die Konsequenz.“

Ihm war klar, dass sie diesen Satz kompromisslos ernst meinte. Sie hatte die Hochzeit mit diesem Kinderarzt platzen lassen, obwohl alles schon fertig gewesen war.

(„Doch Gretchen, ich habe gelogen!“)

„Aber ich glaube, dass es funktionieren wird. Auch wenn wir sehr unterschiedlich sind. Das eine bist Du und das andere bin ich. Wir müssen wir selbst bleiben auch wenn wir zusammen sind. Getrennt zusammen meine ich. Ich glaube an uns und an unsere Liebe.“
„Auch das muss ich lernen. Dieses Ding, das sich Selbstvertrauen nennt.“
„Vertrau Dir selbst, Marc. Und der Liebe. Unserer Liebe. Nach und nach. Schritt für Schritt. Ich habe in dem Brief geschrieben, dass du Zeit brauchst, wenn Du mit mir zusammen sein willst. Das habe ich auch so gemeint. Und auch wenn du glaubst dass in Berlin niemand ist, der auf dich wartet dann irrst Du Dich. Sabine wartet

(„Hoffe ich irgendwie!“)

(„Hat die was geraucht? Ausgerechnet Sabine!“)


und bestimmt auch mein Vater. Besonders er. Er muss Dich gerade mit einem angeschlagenen Halbtagschirurgen ersetzen. Und wie er Dich erwartet. Aber ohne Spaß – er mag Dich sehr, Marc. Er hält viel von dir und er hat dir immer vertraut.“

(„Ich muss es ihr sagen!“)

„Ich schätze, dass unsere Zeit hier so gut wie vorbei ist. Glaub nicht, dass ich dich gerne gehen lasse. Aber so war es vorgesehen. Also kann ich dir nur einen Rat geben. Pack es an, Marc. Trau Dich und vor allem – trau Dir! Du bist ein toller Mensch!“ Mit einem Kuss bestätigte Gretchen das Gesagte.

(„Sowas habe ich doch schon mal gehört? – Frau Schnippel?")

***
Später schlief Gretchen seelenruhig auf Marcs Brust. Er konnte jedoch nicht schlafen, 1000 Gedanken jagten durch seinen Kopf.

(„Ich muss es ihr sagen!“)

Du hast gehört, was sie von Lügnern hält.
Du wolltest sie nur schützen. Sag es ihr jetzt – wenigstens teilweise. Wie schlecht es dem Professor geht musst Du ja nicht sagen.
Du wirst als Lügner da stehen
Sie wird verstehen, dass Du sie nicht beunruhigen wolltest. Sie kennt Dich gut und Du bist ein offenes Buch für sie.
Ein rosarotes Tagebuch? Voll von Liebesgesülze und dem ersten guten Sex in ihrem 30jährigen Leben.
Dazu gehören immer zwei. Das ist aber auch gerade nicht Thema. Sie schätzt Deine Ehrlichkeit, also bleib dabei. Es währt eh am längsten.
Du reist ab. Also ist es eh vorbei.
Nichts ist vorbei.


Gerade überlegte er, ob er die schlafende Frau wecken sollte, da veränderte sich Gretchens Atem. Er spürte ihre Hand auf seinem unruhigen Herzen.
„Was ist los, Marc?“
„Gretchen... ich habe nicht mit Deinem Vater gesprochen.“
„Was? Aber...“
„Er ist nach einem weiteren Herzinfarkt im Krankenhaus.“
„Ich nehme an, dass er stabil ist? Sonst hättest Du doch was gesagt.“
„Sonst hätte auch Deine Mutter Dir gesagt, dass Du zurückkommen sollst. Er wird einfach nur länger ausfallen und kürzer treten müssen. Momentan leitet so ein StaBe-Typ die Klinik. Wobei er wohl in Ordnung sein soll. Aber sie brauchen jemanden, der sich um alles andere kümmert.“
„Danke.“ Sie küsste zart die empfindliche Haut über seinem Brustbein. „Dass Du mir gesagt hast, was wirklich los ist.“
„Ich habe Deiner Mutter versprechen müssen, nichts zu sagen. Sie will nicht, dass Du Dir Sorgen machst oder sogar nach Hause kommst. Aber ich kann das nicht... Dich im Unwissen lassen.“
„Das ist einer der Gründe, warum ich Dich liebe. Deine Ehrlichkeit!“

Siehste! Alles ist gut!
Pahhh!


„Marc? Seit wir in Koudougou im OP gestanden haben, habe ich eine vorzeitige Abreise Deinerseits befürchtet. Auch wenn ich glücklich bin, dass Du hier bist – Du gehörst nach Berlin. Besser gesagt in den OP. Wie ich es eben sagte: Auch wenn wir zusammen sind – wir müssen Marc und Gretchen bleiben.“
„Und wenn es mich zerreißt?“
„Ich habe mich nie festgelegt, wie lange ich hier bleibe. Fritz wird wohl vor Weihnachten wieder hier sein. Ab dem Moment bin ich frei, jederzeit nach Hause zu kommen. Du musst es nur sagen.“
„Kann ich das von Dir verlangen? Ich sehe, dass Du glücklich bist mit dem was Du hier tust.“
„Du kennst mich gut. Ja, es befriedigt mich ungemein, hier Ärztin zu sein. Nirgendwo ist unser Job so sinnvoll. Aber ja – für Dich würde ich zurückkommen. Es schließt ja nicht aus, von Zeit zu Zeit her zu kommen, wenn Fritz wieder mal an den Amazonas will oder so.“
„In Berlin gibt es außerdem genug medizinische Projekte, in denen Du für ein Lächeln Pflaster kleben könntest. – Danke, Gretchen.“
„Nein. Du bist ein Geschenk, Marc. Seit zwanzig Jahren dreht sich mein Denken um Dich – um keinen Preis der Welt würde ich Dich jemals wieder aufgeben.“

Gretchen lag noch lange wach und dachte über ihr Wirken in Afrika nach. Sie selbst hatte am wenigsten damit gerechnet, sich so leicht anzupassen. Wie hatte Marc es gleich zu Beginn des Abenteuers gesagt?
„Das Schöne an Gretchen ist, dass sie jeden überraschen kann. Am meisten sich selbst!“
Doch auch Marc hatte sie überrascht. Indem er scheinbar problemlos unter den hiesigen Bedingungen arbeiten konnte. Indem er mit Kindern! Spaß hatte. Und – „Gretchen ich liebe Dich.“

Karo Offline

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10.06.2017 13:28
#34 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo ihr Lieben

leider hat sich der Wochenmittennachschlag etwas verzögert. Aber Vorfreude ist ja bekanntermaßen die schönste Freude. Also hoffe ich, dass ihr euch freut, besonders auf Thilo und seinen nervigen Sprachfehler

Viel Spaß jetzt und liebe Grüße,
Karo


SANSSOUCI


September 3.15 – Thilo


Gretchen war bereits angezogen, als flinke Füße über den Holzboden gelaufen kamen. Sie und Marc hörten, dass die Person – wohl eher ein Kind – vor ihrem Zimmer stoppte.
„Marc? Gretchen?“ An der Aussprache erkannten sie eindeutig Cheroudi, der jetzt an die Tür klopfte. Gretchen öffnete die Tür. „Cheroudi, was gibt’s?“
„Visiteur! Visiteur!“ Er zeigte von Gretchen zu Marc. „Visiteur.“
„Besuch? Für uns?“
Der Junge nickte eifrig. „Oui, Martin schickt mich zu euch.“
Gretchen und Marc sahen sich ratlos an. „Ich gehe mal gucken, kommst Du gleich nach?“
„Och, ich hätte nichts dagegen, einfach noch ein Weilchen weiter zu knutschen.“
„Marc Meier, Du bist...“
„Attraktiv, intelligent und unwiderstehlich?“
„Du hast süß vergessen!“

(„Als ob ich nicht kontern könnte!“)

„Autsch!“

(„Kontern kann sie!“)

Marc war geschlagen und schloss für einen Moment die Augen. Er seufzte. „Na gut, dann knutschen wir später weiter! Und das, Prinzessin, war keine Frage!“


***
Als Gretchen den Besucher erkannte fiel sie ihm spontan um den Hals. „Thilo – ich werde verrückt, Du hast uns gefunden? Das ist ja eine gelungene Überraschung!“
„Hallo Gretchen, ja, ich hatte schon im Flieger den festen Plan, euch zu besuchen. Oh Mann, es war nicht schwer, euch zu finden. Ich habe den Eindruck, dass fast jeder zweite Mensch in diesem Land bereits von Sanssouci oder Martin Bedougou gehört hat. Mann oh Mann! Diese Mission ist ganz schön beeindruckend!“

„Vielen Dank!“ Hinter ihnen stand der Pfarrer und grinste stolz. „Die 20 Jahre hier sollen sich ja gelohnt haben! Ich bin Martin Bedougou. Martin reicht.“
„Es freut mich sehr, ich bin Thilo Langohr. Thilo reicht.“ Der Journalist zeigte sein sympathisches Lachen. „Oh Mann. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir später mehr von ihrem Schaffen zeigen würden.“
„Natürlich gerne.“

„Thilo haben wir beim Hinflug getroffen“, erklärte Gretchen. „Eine zufällige Reisebekanntschaft, die sich vor – hm, vielen Jahren schon einmal ergeben hat. Da saßen wir im gleichen Flieger nach München und zurück.“
„Es ist tatsächlich 18 Jahre her, Gretchen. Oh Mann. Oh, hallo Marc.“

Ein noch etwas zerzauster Marc kam die Treppe herunter. „Thilo – Oh Mann, Du hast uns gefunden.“

(„Marc!!!“)

Gretchen warf ihm unmissverständliche Blicke zu, die er mit einem Grinsen quittierte. „Täusche ich mich oder siehst Du geschafft aus?“

„Ist das der Arzt in Dir?“ Thilo lachte. „Aber Du hast Recht, ich war in Bobo-Dioulasso zwei Tage im Krankenhaus – Malaria. Das kann ich echt keinem empfehlen...“

(„Was meint er jetzt genau?“)

„Krankenhaus? Bobo? Oder Malaria?“ Gretchen hatte die gleiche Frage.
Thilo lachte. „Hm, vor allem Malaria. Aber Krankenhaus ist auch keine zwingend notwendige Erfahrung. Oh Mann.“
„Aber Du bist fit genug um weiter zu reisen?“ Die Ärztin hob prüfend eine Augenbraue.
„Nein, nicht wirklich. Ich bin auf dem Rückweg nach Ouaga. Am Dienstag fliege ich nach Hause.“
Marc lachte. „Oh Mann... dann werden wir nochmal im gleichen Flugzeug sitzen. Auch für mich heißt es heimwärts.“
„Dann kann ich Dich morgen gerne mit nach Ouaga nehmen, falls ich hier ein Schlafquartier bekommen kann?“
„Natürlich. Platz haben wir ausreichend. Haben Sie in Ouaga zu tun? Sonst bleiben Sie bis dahin hier? Sie sparen uns praktischerweise den Weg, wenn Sie Marc mitnehmen. Also bitte ich Sie, unser Gast zu sein.“ Martin dachte durchaus pragmatisch.

(„Für Marc ist es bestimmt besser, die ersten Schritte nicht ganz alleine zu tun!“)

(„Irgendwie gefällt mir die Idee...“)


***
Später saßen alle zusammen beim Mittagessen. Vor allem schienen sich die Männer sehr gut zu verstehen. Als Martin dann seinen Schnaps hervorholte, war Gretchen, Roula und Gina klar, dass sie heute wohl ohne ihre Männer auskommen mussten.

(„Karamba! Dann ist Marc für heute tot!“)

Martins Zuckerrohrschnaps hatte es in sich!

(„Und ich bekomme kaum noch Sex!“)

(„Gretchen Haase, hast Du das gerade gedacht???“)


Doch sie hatte sich geirrt. Marc hatte noch sehr gut in Erinnerung, wie dreckig es ihm nach dem letzten Karamba gegangen war und er bremste die Trinkrunde kräftig aus. „Thilo, Du solltest erstmal eine lange Zeit nichts trinken. Die Malaria wird Dir noch lange im Blut kleben.“

„Im wahrsten Sinne.“ Martin lachte. „Aber Marc hat Recht. Wie sieht es also aus, sollen wir einen Spaziergang über Sanssouci machen?“
„Oh ja. Darf ich Fotos machen?“
„Nur zu, ich habe nichts dagegen! Kommst Du mit, Marc?“
„Nein! Ich sehe lieber mal nach Gretchen!“

(„Da ist noch eine dicke Knutscherei offen!“)

Karo Offline

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10.06.2017 13:39
#35 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 3.16 – Martin und Thilo


War Thilo schon vom ersten Eindruck, den Sanssouci ihm geboten hatte, beeindruckt, als Martin dann anfing zu erzählen, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Begonnen hatte alles mit dem Brunnen. Wochenlang hatten sie nach einer geeigneten Stelle gesucht, viele zeitaufwändige und anstrengende Probebohrungen gemacht, bis sie hier auf Wasser gestoßen waren.

„Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem wir das Wasser fanden. Bei vorherigen Versuchen hatten wir zwar auch schon Wasser gefunden aber immer wieder hielt der Boden seinen Schatz fest. Doch hier schöpften wir Wasser – nach 24 Stunden genauso wie nach einer Woche. Jeden Abend beschwor ich das Wasser und die Erde, sich uns nicht zu verschließen. Als ich sicher war, gefunden zu haben, was ich suchte, bauten wir den Brunnen. Schweiß und Mühe sollten sich auszahlen und bei Fertigstellung habe ich an Gott appelliert:

Gott, am dritten Tag schufst Du das Land und das Meer.
Dein Wunsch waren Büsche, Bäume, Blumen und Gräser.
Ich bitte Dich – gib uns stets genug Wasser, Deinen Wusch zu befolgen.
Gib uns außerdem Kraft, Mut und Durchhaltevermögen, dieses Land nach Deinem Ansinnen zu nutzen.

Dieser Fleck soll eine Oase sein, für alle Menschen, die Hilfe oder Zuflucht suchen.
Für die Hoffnungslosen, die Kranken, die Aussätzigen und die Flüchtenden.
Sie sollen hier verweilen, ausruhen und gesunden. Durst und Hunger stillen.
Bitte segne unseren Brunnen, dass wir durch ihn Gutes tun können.
Für jeden.
Lass uns in Deinem Sinne handeln.
Jederzeit.
Ohne Sorge.
Amen.


Wir sprachen untereinander Französisch und ebenso hielt ich es mit den Gebeten. Aus dieser Bitte ist der Name Sanssouci entstanden. Seit 20 Jahren haben wir Wasser. So wie wir uns auf dieses Land eingelassen haben, hat sich das Land auf uns eingelassen.“

Martin führte den Gast ausgiebig durch alle Bereiche der Mission, führte ihn in jeden der ockerfarbigen Lehmbauten und erklärte, wie die einzelnen Stationen entstanden waren. Lange Zeit hatten sie alle unter einem Dach gewohnt. Ein einfacher Lehmbau, der als Wohn- und Schulhaus diente. Irgendwann hatte Fritz den Weg zu ihnen gefunden und der Pfarrer hatte die Chance ergriffen, den Arzt an Sanssouci zu binden. Eigentlich war es nur die Bitte gewesen, sich um die Krankenstation, die in einem Zelt untergebracht war, zu kümmern, während er und seine Frau in Deutschland weilten. Doch Fritz war voller Ideen und Tatendrang. Jedes Mal, wenn er aus der Heimat kam, brachte er Spenden mit. Vor so viel Engagement wollte die Diakonie nicht zurückstecken und sie sammelten ihrerseits. Nicht so regelmäßig, natürlich gab es viele andere unterstützenswerte Projekte in der Gemeinde, aber Sanssouci wurde Ziel von „Projekt-Reisen“. Die Besucher zahlten dafür, dass sie eine bestimmte Zeit in Sanssouci helfen durften.
„Schon früher gab es solche Reisen, so ist beispielsweise Christian bei uns gelandet. Für diese Besucher haben wir uns entschieden, das neue Wohnhaus zu mauern. Normalerweise bieten diese Reisen wenig Komfort – Zelte oder Lehmhütten, geschlafen wird auf dem Boden... Dass unsere Besucher hier in Betten nächtigen dürfen, sie jederzeit Zugriff auf frisches Wasser haben, das macht uns zu einem beliebten Anlaufpunkt. Deswegen hatten wir ausreichend Platz, als Gretchen so viel Anhang mitbrachte. Vor allem Mehdi ist für uns ein Glücksfall.“
„Dann wäre er Dir lieber als Gretchen? Oh Mann...“ Thilo schüttelte den Kopf. „Ich kenne Gretchen nicht gut, flüchtige Reisebekanntschaft, würde ich sagen. Ich hatte schon da den Plan, sie hier zu besuchen. Sie hat mir von sich und ihrem Aufenthalt hier erzählt. Oh Mann – sie klang so begeistert, von dem, was sie macht, was sie vorhat. Und jetzt sagst Du sowas...“

„Das wirft mir meine Frau auch immer wieder vor.“ Martin lachte. „Ich besitze nicht die Fähigkeit, Menschen gut einschätzen zu können. Ich bin daher immer lieber etwas zurückhaltender.“
„Das habe ich jetzt nicht gemerkt!“ Im Gegenteil, der Pfarrer zeigte und erklärte. In seiner Stimme lag so viel Liebe und Begeisterung, für das was er tat. So wie Thilo es im Flugzeug bei einer blonden Ärztin beobachtet hatte.

(„Er müsste sich eigentlich richtig gut mit Gretchen verstehen...“)

Martin war stolz und das durfte er auch sein. In seinen Ausführungen sparte er nicht mit den alltäglichen und besonderen Problemen, den Wünschen und Plänen, die sie geschmiedet hatten.

***
Zuerst hatten sie sich nur zu einem Brainstorming getroffen, Roula, Gretchen, Marc, Mehdi und er selbst. Dann hatte sich die Runde nach und nach vergrößert. Erst war es überraschenderweise Gina, die sich dazu gesellte und sogar konstruktive Vorschläge machte. Sie fragten auch Christian und Jenny nach ihren Ideen, schließlich vergrößerte sich die Runde um die beiden ständigen Lehrer, Domenic und Ugundole.
Es war ein langes aber ergebnisreiches Meeting gewesen, bei dem besonders die Idee mit dem rollierenden Schulsystem gut ankam. Irgendwie würden sie es umsetzen können.

***
Thilo hörte die ganze Zeit aufmerksam zu. Er fotografierte viel und oft notierte er sich etwas in sein Notizbuch. Darüber wunderte Martin sich zwar etwas, aber er ließ den Gast gewähren. Als sie ihre ausgedehnte Runde auf der Veranda mit einem Dolo beendeten, erfuhr der Hausherr was es mit den Notizen auf sich hatte.
„Oh Mann! Martin, ich möchte Deine beziehungsweise eure Geschichte aufschreiben, sie hat Leser verdient. Ich bin leitender Redakteur einer großen Berliner Tageszeitung und schreibe oft zusätzlich Reportagen für Reise- oder Naturmagazine.
Sanssouci in Potsdam ist das preußische Versailles, dieses hier verdient wohl ohne Übertreibung, das burkinische Versailles genannt zu werden. Oh Mann!

Wir erreichen jeden Tag an die 100.000 Haushalte in und um Berlin, aber unser Verlag legt auch die Tagespresse anderer Großstädte auf. Interessant ist aber vorrangig Berlin, da ja die meisten Beteiligten von dort kommen.
Oh Mann! Ich habe da spontan so viele Ideen, da ist es fast unglücklich, dass ich schon bald wieder weg bin. Aber im Grunde trennen uns nur zehn Stunden Flug – naja und fast nochmal die gleiche Zeit mit dem Wagen. Aber aus der Welt seid ihr nicht, da war ich durchaus schon an anderen Orten. Die generelle Frage ist natürlich – bist Du einverstanden?“

Der Pfarrer wusste gar nicht so recht, was er denken sollte. Damit hatte er im Leben nicht gerechnet. Aber es stimmte – Fritz und seine eigene Schwester taten ihr bestes – im kleinen Kreis. Auch die Diakonie unterstützte sie zuverlässig – in diesem Jahr sogar erstmals mit einer Praktikantin. Warum nicht auch den großen Kreis ausprobieren?

„Natürlich bin ich einverstanden. Auch wenn ich gerade überhaupt nicht mit sowas gerechnet habe!“
„Gut, dann haben wir einen Tag für die Geschichte von Dir und Sanssouci. Mal sehen, wie weit wir kommen. Mit Gretchen und Jenny würde ich auch sehr gerne sprechen. Diese Reportage lebt von seinen Gesichtern. Fangen wir direkt an?“

Karo Offline

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11.06.2017 22:59
#36 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Zu später Stunde noch ein kurzes
(bevor das Wochenende schon wieder rum ist)

Der Moment, den unsere Hauptpersonen am meisten gefürchtet haben...
LG und guten Start in eine kurze Woche
Karo



SANSSOUCI


September 4.1 – Abschied


Der Jeep stand bereits seit einer Weile abfahrbereit. Thilo hatte sich mit der Warteschleife abgefunden, er saß zurückgelehnt im Auto und beobachtete das Paar, das sich seit guten 15 Minuten regungslos und festumschlungen in einer anderen Sphäre befand.

Gretchen und Marc wollten diese Sphäre nicht verlassen, denn das hieß sofortigen Abschied. Sie wollten sich nicht trennen. Nicht jetzt und nie mehr.

(„So muss sich Baby gefühlt haben, als sie ihren Johnny ziehen lassen musste...“)

Marc löste langsam die Umarmung. „Ich liebe Dich, Hasenzahn.“ Mit seinen feinen Chirurgenhänden umfasste er Gretchens Gesicht, hob ihr Gesicht zu seinem. „Mein Gretchen!“ All seine Gefühle lagen in seinem Kuss.

(„Gegen mich sieht selbst ein Patrick Swayze alt aus!“)

Er blickte das letzte Mal in ihre blauen Augen. Sie füllten sich langsam mit Tränen. „Ich liebe Dich auch, Marc Meier! Schon immer und für immer. Vergiss das nicht, hörst Du?“ Sie schob einen leicht gewölbten Umschlag in die Innentasche seiner Jacke. „Gegen die Zweifel.“ Durch ihre Tränen lächelte sie ihn an, ihre rechte Hand umschloss zärtlich seine Wange. Ihre Stimme klang noch fest. „Schritt für Schritt, Marc.“ Ihre Lippen legten sich ein letztes Mal auf seine, dann lösten sie sich voneinander. Endgültig.

(„Ob er auch zurück kommt und mich holt?“)

Karo Offline

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13.06.2017 13:48
#37 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


September 4.2 – Brief an Marc 1


Lieber Marc – mein liebster Marc,

nun schreibe ich Dir wohl den endgültigen Abschiedsbrief. Man sagt ja, dass Übung den Meister macht, aber ob er besser ist als der erste? Da wollte ich weg aus dem sinnlosen Alltag in Berlin. Mein Abschiedsgeschenk fiel unerwartet großzügig aus. Du. Und drei Wochen mit Dir.

Ich weiß, dass es Zeit wird, dass Du nach Hause gehst, aber wenn Du nicht hier bist, dann fehlt das Wichtigste in meinem Leben. Ich bin gerne Ärztin, das weißt Du. Besonders gerne bin ich es hier, wo unser Job so sinnvoll ist. Es macht so glücklich, hier gegen die Umstände erfolgreich zu sein. Woanders habe ich selten so große Befriedigung erlebt.

Nicht nur beruflich, Marc. Es mag kitschig angehaucht sein, aber Du hast mich wachgeküsst. Du weißt das selber. Ich glaube, wenn ich geahnt hätte, wie wenig ich weiß, nicht nur über Sex, sondern auch über mich – meinen Körper – ich wäre nie mit Dir ins Bett gegangen. Das Wissen um mein Nichtwissen ist mir auch jetzt nach den drei Wochen (oder sollte ich Sex-Wochen schreiben?) mit Dir sehr unangenehm. Ich spüre förmlich die Röte in meinem Gesicht, ich habe das Gefühl, meine Wangen brennen. Egal. Erstens sieht mich gerade niemand und zweitens Du weißt es eh. Du kennst mich ebenso gut wie ich Dich. Vermutlich kenne ich Dich besser als mich selbst.
Marc, auch wenn es nicht mein Thema ist – oder sollte ich sagen war? – ich bin froh, dass Du derjenige bist, der mir so viel gezeigt hat. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass Du einfach ein guter Lehrer bist. Nicht nur im Bett.
(Ich glaube ich durchlebe gerade ein medizinisches Experiment – als Testperson im Selbstversuch, ob man eigentlich vor Scham platzen kann?)

Ja, Du bist ein guter Lehrer, schon im Krankenhaus. Vielleicht nicht pädagogisch, aber sinnvoll. Ich habe das bereits einmal gesagt und ich wiederhole es gerne:
Ich bin stolz, dass Du mein Oberarzt warst.

Aber auch mit den Jungs hier hast Du einen tollen Job gemacht. Einfach so. Und Du warst glücklich, wenn sie wieder was kapiert oder umgesetzt hatten. Und ich glaube, wenn wir in ein paar Jahren hierhin zurückkommen würden, hätte Ephraim mindestens einen Deiner geliebten Affenbrotbäume verschnitzt.

Aus seinen Händen stammt mein Abschiedsgeschenk für Dich.

Ich finde es sehr passend, dass Dich ausgerechnet der Affenbrotbaum so fasziniert. Hat Roula Dir je die Legende erzählt? Mir hat sie davon bei der Medical Safari berichtet, als wir ein riesiges Exemplar gesehen hatten und mir direkt herausplatzte, dass Dich diese Bäume so beeindrucken. Ich habe ihn gezeichnet und Ephraim hat diesen Baum dann als Motiv verwendet.

Nun stehen wir beide vor einer neuen Herausforderung: Bisher waren wir nie wirklich zusammen, aber irgendwie doch – schon immer. Du hast es mir bestätigt. Nun sind wir zusammen und trotzdem getrennt.

Marc, was immer mit uns passieren wird, ich glaube nicht, dass wir je voneinander los kommen werden. Dieser Gedanke macht es mir erträglich, auf Dich zu verzichten. Ja, ich habe Angst, dass die Distanz nicht gut für uns ist. Aber ich glaube an uns – so wie ich die letzten 20 Jahre geglaubt habe, dass alles gut wird. Damals aus naiver Mädchenträumerei, heute aus Überzeugung.

Wir brauchen beide Zeit, um mit uns selbst ins Reine zu kommen. Ich habe es schon mal geschrieben, dass Du Dich entwickeln musst, wenn Du wirklich mit mir – Gretchen Haase – zusammen sein willst. Aber auch ich werde noch Zeit brauchen um erwachsen zu werden, dass ich Deinen Ansprüchen genügen kann.
Ja, auch ich habe Zweifel. Du hast Angst, dass Du mich nicht glücklich machen kannst. Hinter mir liegen die wahrhaft glücklichsten Wochen meines Lebens, Marc!
Aber werde ich Dich nicht auf Dauer nerven? Werde ich Deiner langfristig gerecht?
Wir haben beide unsere Vergangenheit. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch eine Zukunft haben.

Ich habe Dich vom ersten Moment an geliebt, Marc! Und ich liebe Dich immer noch – sogar mehr denn je.

Du hast mir gesagt, dass meine Schrift Dich beruhigt, dass Du oft (heimlich) meine Dokumentationen angesehen hast. In Deinem Koffer habe ich noch eine Kleinigkeit versteckt, die Dir hoffentlich in den Zeiten der Zweifel helfen wird.

Spätestens jetzt solltest Du Dich auf zu Hause freuen.

Marc Meier, ich liebe Dich.

Dein Gretchen

Karo Offline

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13.06.2017 13:54
#38 RE: Story von Karo Zitat · antworten

September 4.3 – Tagebuch 6


♥♥♥
Liebes Tagebuch
,

heute früh ist Marc abgereist. Im Moment fühle ich mich gut. Natürlich bin ich traurig und er fehlt mir jetzt schon. Aber ich fühle mich nicht verlassen oder gar alleine. Hinter mir liegen die besten drei Wochen meines Lebens. Sex-Wochen bei Gretchen Haase! Was für eine Feststellung:

Ich bin süchtig. Nach Marc Meier und nach Sex mit Marc Meier!

Und das wo Sex und Gretchen nicht so zusammen passten...dachte ich.

Ja... ich habe in den drei Wochen so viel verstanden!

Erstmal das Offensichtliche: Ich liebe Marc! Und ich bin total in ihn verliebt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Gefühle. Das eine ist die Basis. Das was richtig tief geht. Das was weh tut, wenn es nicht mehr ist oder nicht erwidert wird.
Verliebt sein ist die Leichtigkeit daran. Das Verspielte. Die Schmetterlinge.
Und ich glaube, verliebt sein beziehungsweise sich verlieben kann man immer wieder aufs Neue, unendlich oft. Ich liebe Marc mit meinem ganzen Herzen aber er schaffte es immer wieder, dass ich mich neu oder immer wieder in ihn verliebe. Vielleicht ist das ja die wirkliche Kunst einer langen Beziehung? Nicht die Liebe sondern das Verliebtsein.
Ich habe auch Peter geliebt. Sonst hätte ich ihn nicht heiraten wollen. Aber verliebt war ich schon lange nicht mehr in ihn. Apropos Peter... ich bin geneigt, ihm zu danken, dass er mich damals betrogen hat...

Ich glaube, ich hatte in den drei Wochen mit Marc mehr Sex als in acht Jahren mit Peter. Nein, natürlich nicht. Aber so kommt es mir vor. Mit Marc macht Sex Spaß und ich kann nicht genug davon bekommen. Wie oft habe ich Dir früher geschrieben, dass ich nicht verstehe, was die Welt für ein Aufheben um Sex macht. Es gehört halt dazu und gut. Von wegen... und gut schon gar nicht! Aber woher sollte ich das wissen? Peter war der erste Mann, mit dem ich zusammen war. Ich kannte nur ihn. Nur den Sex mit ihm. Und der hatte definitiv körperliche Nebenwirkungen.
Marc war wirklich entsetzt von dem, was ich über Sex erfahren hatte. Oder über meinen Körper wusste. Und seine Reaktionen... und mein Körper kann reagieren.

Um es genau zu sagen – das waren acht Jahre Peter für gar nichts. Doch – ich kann kochen. Mindestens so gut wie meine Mutter, vermutlich sogar besser, aber das ist ein anderes Thema...

Hätte ich vorher gewusst, was ich nicht wusste oder kannte, ich glaube ich wäre nie mit Marc Meier ins Bett gegangen. Wäre ich mir meiner Unkenntnis bewusst gewesen, wäre mir es einfach viel zu peinlich gewesen. Meine Unkenntnis wäre peinlich gewesen. 30 Jahre und keine Ahnung von Sex oder dem eigenen Körper.
Mehdi und Alexis lassen wir jetzt mal raus, irgendwie hatte ich zwar mit denen auch „Beziehungen“ aber sie sind unbedeutend, auch wenn ich damit beiden vielleicht Unrecht tue. Oder ich müsste knallhart sagen: Auch nichts für´s Bett. Sorry Jungs, aber ich weiß das jetzt!
Und es gibt nichts besseres, als mit diesem Mann, also ich meine Marc Meier, zusammen zu sein. Ich meine jetzt nicht nur den Sex sondern das Gesamtpaket. Kopf und Körper sozusagen.
Aber irgendwie war es auch überhaupt nicht peinlich, sich von diesem erfahrenen Mann anleiten zu lassen. Ihn und mich selbst kennenzulernen. Marc wusste natürlich schnell Bescheid und er scheut sich nun mal auch nicht, über Sex zu sprechen. Aber ich glaube auch darin bin ich sicherer geworden.
Wie toll man mit ihm reden kann, habe ich ja schon an der einen oder anderen Stelle geschrieben. Wie behutsam er mich „aufgeklärt“ hat. Klingt jetzt bescheuert, aber eigentlich trifft es das ziemlich gut.
Schön. Fassen wir also mal zusammen: Sex-Wochen bei Gretchen Haase, private Aufklärung für Anfänger Ü30 made by Marc Meier.
Und nun ist er weg und ich muss mit meiner Sucht und den Entzugserscheinungen klar kommen.

Zurück in die Schoki-Sucht fällt aus. Für Schokolade ist es hier zu heiß. Klebt und schmiert überall nur nicht auf der Zunge. Hatte ich aber auch noch keinerlei Lust drauf. Hatte ja eine Ersatzdroge: Marc Meier. Und der ist nun mal 1000mal besser als Schokolade. Süß und herzhaft zugleich. Manchmal auch pikant und nussig.
Ich hätte ehrlich nie gedacht, dass sich auch ein Marc Meier einfach nur hingeben und genießen kann. Also fast wie Schokolade schmolz er auch gelegentlich in meinen Händen dahin. Aber wie gesagt, Schokolade fällt aus. Das ist was für Kinder. Bin kein Kind mehr – bin ein Luder. Hat Marc gesagt und das nicht nur einmal. Marc Meier weiß sowas!

So, ich suche mir mal eine Ersatzdroge. Vielleicht ohne großartige Nebenwirkungen... weißt Du, was ich glaube? Schokolade gegen Sex zu tauschen hat mich einige Kilos gekostet. Joséphine musste mir schon mein schönes Kleid enger nähen, das ich bei dem Missionsfest tragen möchte. Und es war mal sehr eng, also figurbetont – knapp.

Gutes Schlusswort, findest Du nicht?

Bis später!

P.S. Könnte aber auch einfach an einem anderen Essverhalten liegen...

Karo Offline

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16.06.2017 23:20
#39 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo Ihr Lieben.
Marc ist abgereist und während Gretchen sich in ihrem Tagebuch austobt... was treibt Marc wohl in Berlin? Lest selbst. Viel Spaß, Karo


BERLIN


September 4.4 – Heimkehr


Die Wohnungstür fiel ins Schloss und kalte Stille empfing Marc in seinen eigenen vier Wänden. Der Heimkehrer stand verloren im dunklen Flur seiner Eigentumswohnung, es schien fast, als traute er sich nicht einzutreten. Vor drei Wochen war es noch Sommer gewesen, nun hatte der Herbst übernommen. Nach der Zeit unter der Sonne Afrikas kam ihm Deutschland vor wie Sibirien. Erstmal machte er in allen Räumen Licht und drehte die Regler aller Heizkörper herauf. Im großen Kleiderschrank suchte Marc einen seiner Wollpullis und eine der dickeren Trainingshosen. Während er die leichte Reisejacke aufhängte, zeigte sich eine Ecke von Gretchens Brief. Was hatte sie geschrieben?

(„Koffer!“)

Eilig schubste Marc das Gepäckstück auf den Boden, als der Metallgriff auf den Parkettboden knallte, erschrak er selbst vor dem Geräusch. Ungeduldig wühlte er in der Kleidung und verteilte diese um sich herum, bis er das Gesuchte fand. Ein weißer Umschlag mit einem einfachen gemalten Herzen.

(„Natürlich rosa.“)

Marc grinste. Ein zarter Duft stieg in seine Nase. Hatte sie tatsächlich...? Der Chirurg schnupperte am Kuvert. Tatsächlich, es roch nach Gretchen. Seinem Gretchen!
Eine Minute später saß ein renommierter Mediziner – der jüngste Oberarzt des Landes – in kuschelig warmen Sportsachen auf dem Boden des Flurs einer fast luxuriösen Dreizimmerwohnung und starrte fasziniert auf die Skizze des Affenbrotbaums. Er fühlte nach dem feinen Holzanhänger, den gleicher Baum zierte. Er erkannte weiterhin die geliebte, geschwungene Handschrift der Frau, die sein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Irgendwie schon immer. Vermutlich würde sie das auch immer tun. Wie die Skizze war auch der Text in zartem Pastellton.


Die Legende des Baobab

Bei der Erschaffung der Welt, schuf der liebe Gott zuerst den Baobab.Er schenkte ihm einen mächtigen Baumstamm und eine große Krone.

Danach erschuf Gott die Palme. Ihr schenkte er einen langen, hohen Stamm und eine fedrige Krone.

Da schrie der Baobab „Ich möchte auch so schlank sein wie die Palme!“

Gott aber fuhr fort und schuf den Flammenbaum. Ihm schenkte er feuerrote Blüten.

Da schrie der Baobab „Ich möchte auch so schöne Blüten haben wie der Flammenbaum!“

Unbeirrt arbeitet Gott weiter und schuf als nächstes den Leberwurstbaum mit seinen riesigen Früchten.

Und wieder schrie der Baobab „Ich möchte auch so große Früchte wie der Leberwurstbaum haben!“

Jetzt platzte dem lieben Gott aber der Kragen. Wütend fasste er den Baobab am Stamm, riss ihn aus der Erde und steckte ihn umgekehrt wieder in den Boden. Da verstummte das Gejammer des Baobab und deshalb sieht der Baum heute so aus, als würde er seine Wurzeln in den Himmel strecken.



***
Marc erschrak zu Tode als es plötzlich an der Tür klingelte. Seine Armbanduhr zeigte 23:36 Uhr, er hatte niemanden über die Rückkehr informiert. Wieder wurde die Klingel betätigt, dieses Mal etwas länger – eindringlicher.

„Ist ja gut!“

Der Chirurg hörte nun auch Stimmen vor seiner Tür, zwei unbekannte Stimmen und – Frau Wester-Jacobsen. Seine Nachbarin, die in den vergangenen Wochen immer mal nach dem Rechten gesehen und seine Post gesammelt hatte. Bevor er jedoch reagieren konnte, meldete sich die Klingel ein weiteres Mal, er hörte, wie ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt wurde, dann betraten zwei Polizisten vorsichtig den chaotischen Flur.

Wenn man die beiden Polizisten nach dem kuriosesten Moment ihrer Arbeitswoche gefragt hätte, der hochgelobte Mediziner im Wäschehaufen wäre bestimmt genannt worden.

Erstmal waren sie sehr verwirrt gewesen, nach einem Einbruch sah das nicht aus. Oder doch, so chaotisch wie es war. Aber der Sachverhalt hatte sich schnell aufgeklärt, die Kontrolle des Ausweises bestätigte die Aussage der Nachbarin, dass es sich tatsächlich um den überraschend früh aus Afrika zurückgekehrten Doktor Marc Olivier Meier handelte.

Die Beamten, ein dunkelhaariger Mann und eine rassige Frau mit dunklen Locken, unterhielten sich, nachdem alles für das Protokoll geklärt war, noch eine Weile mit Marc. Der Beamte war sich nicht sicher, ob er nicht schon mal mit Doktor Marc Meier zu tun gehabt hatte. Plötzlich hatte er eine Idee. „Sind Sie verheiratet oder verlobt?“
„Nein, weder noch. Um Himmels Willen, wieso?“
„Ich meine nicht direkt mit Ihnen äh, einem Doktor Meier zu tun gehabt zu haben aber lag schon mal eine Anzeige... nee, dazu kam es ja gar nicht. Diese Verrückte wurde ja von ihrer Freundin weggebracht. War auch Ärztin. Sehr attraktive Frau, lange blonde Locken. Auf den Namen komme ich nicht mehr. Ich glaube, es ging um eine Anschuldigung wegen Fahrerflucht.“

„Fahrerflucht?“

(„Scheiße! Scheißescheißescheiße!!!“)

„Ja, aber diese Ärztin konnte alles aufklären und diese Verrückte hat sich sogar selbst immer weiter in die Scheiße geredet. War schwanger und nahm wohl irgendwelche Tabletten...naja, egal. Das war eine Klassefrau. Also die Blonde. Aber die hatte definitv einen Verlobungsring am Finger!“

Marc zeigte zur Sicherheit seine Hände. „Nee, definitiv nicht verlobt und schon gar nicht verheiratet. Schade eigentlich...“ Anzüglich grinsend ließ er seinen Blick über das Chaos wandern und der Beamte grinste ebenfalls und nickte zustimmend.
„Männer...“ Die Polizistin hatte bis dahin wenig gesagt. Aber dieser Mann war auch trotz seines seltsamen Kleidungsstils sehr attraktiv. Und weder verlobt noch verheiratet. Und sonst...?
„Entschuldigung, das ist doch ein Affenbrotbaum?“ Sie zeigte auf den Holzanhänger, den Marc an einer Lederkordel um den Hals trug.
„Ja. Diese Bäume sind einfach faszinierend.“
„Ich habe einige riesige Exemplare davon in Südafrika gesehen. Wo hatten Sie gesagt, waren Sie in Afrika?“
„Afrika hatte ich gesagt. Mehr bisher nicht.“ Marc grinste die Beamtin an. Er tippte auf eine Herkunft aus Südeuropa – Spanien oder Portugal vielleicht. „Ich war in Westafrika – Burkina Faso!“
„Hm, ich hoffe nicht, dass es eine Bildungslücke ist, wenn man das noch nicht gehört hat. Auch als Tochter eines Südafrikaners.“ Sie lachte Marc an.
„Die Meinungen gehen wohl auseinander, je nachdem wen Sie fragen. Ich hatte bis vor vier Wochen ebenfalls nichts davon gehört.“
„Wenn Sie es selbst nicht kannten, wie sind Sie dann dahin gekommen?“
„Hm, Flugzeug, würde ich sagen. Der Pilot kannte es glücklicherweise.“ Marc lachte über den verwirrten Gesichtsausdruck. „Meine Freundin arbeitet dort seit Anfang September.“

(„Meine Freundin... wie selbstverständlich mir das gerade über die Lippen ging!“)

Ja, schlimm. Da müssen wir schnell dran arbeiten!

(„Natürlich hat so ein Mann eine Freundin! Es wäre ja auch zu schön gewesen!“)

„Dann muss es Ihnen ja vorkommen, als wäre das hier Sibirien.“
„Ja, in der Tat.“

(„Aber eher weil sie fehlt, nicht wegen des Wetters...“)

Der Polizist hatte sich abgewendet und war mit seinem Walkie Talkie beschäftigt gewesen. Nun schien er es eilig zu haben. „Kristin, kommst Du? Wir sind hier längst fertig und ein Einsatz wartet. Häusliche Gewalt.“
Marc zuckte unmerklich zusammen.

(„Pascal... wie es ihm wohl...“)

„Verzeihen Sie die Störung, Doktor Meier. Gute Nacht.“ Damit war der junge Mann durch die Tür. Seiner Kollegin fiel es deutlich schwerer, den Mediziner zu verlassen.
„Doktor Meier, es war mir ein Vergnügen, irgendwie. Kommen Sie erstmal wieder gut an.“ Sie grinste in die Richtung des chaotischen Flurs. „Sie hören ja, der nächste Einsatz wartet. Schönen Abend noch.“
„Für Sie auch.“ Natürlich begleitete Marc die Beamten zur Tür.

***
Wo war er stehengeblieben? Nee... eigentlich hatte er gesessen. Mitten im Klamottenchaos im Flur. Und wo war eigentlich die Nachbarin geblieben? Wieder erschreckte ihn die Klingel. „Was ist denn noch?“
Genervt öffnete Marc die Tür, in Erwartung, die Beamten nochmal dort anzutreffen. „Frau Wester-Jacobsen?“
Die gutherzige Nachbarin hielt ein paar Lebensmittel parat. „Sie haben doch bestimmt Hunger und nichts da, Doktor Meier?“ Sie ging an ihm vorbei und lud ein paar Scheiben Brot und Aufschnitt auf die Anrichte. In einer Auflaufform war noch ein Rest Lasagne.
„Sie sind wunderbar! Vielen Dank!“ Fast wäre er der Dame um den Hals gefallen.

Beherrsch Dich!

„Wenn Sie schnell mit rüber kommen, dann hätte ich auch noch Getränke für Sie.“
„Natürlich, sehr gerne. Tut mir Leid, dass ich so unerwartet hier auftauche.“
„Naja, Sie können schließlich tun und lassen was sie wollen. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig, am wenigsten mir. Aber ich hätte Ihnen durchaus auch ein paar gute Sachen einkaufen können – und die Heizung vorwärmen. Das muss ja ein Kälteschock für Sie sein, Doktor Meier!“
„Stimmt.“

***
„Esther, nun lass doch den Doktor Meier erst mal ankommen. Guten Abend Herr Doktor.“ Der Nachbar erschien im Flur. „Guten Abend Herr Wester. Ich bin gleich wieder weg.“
„Sie sehen gut aus, Doktor Meier. Der Urlaub scheint Ihnen bekommen zu sein. Oder die junge Dame, mit der Sie so mir nichts, Dir nichts, verschwunden sind.“ Er grinste den Mediziner neugierig an.
„Also Werner, nun lass den Doktor Meier doch erstmal ankommen.“
Marc war nicht sicher, ob die alte Dame ihren Ehemann gerade veräppelte.

Er grüßte mit der Mineralwasserflasche. „Danke und gute Nacht!“
„Wie, nur Wasser? Gib ihm wenigstens ein Bier mit, Esther! Der Junge braucht schließlich was Handfestes.“
„Ein Bier wäre toll!“
„Gab es da unten keins?“
„Hm, nicht wirklich. Hirsebier ist nicht so mein Fall.“
„Oh je, dann nehmen Sie zwei?“ Marc überhörte die durchklingende Frage, der Nachbar gab nicht auf. Er brachte ihn tatsächlich noch zur Tür. „Willkommen zurück, Doktor Meier! Gute Nacht!“

Marc beschäftigte sich erstmal mit der guten Lasagne und dem Bier. Er konnte nicht sagen, was ihm besser schmeckte, auch wenn er wirklich schon bessere Lasagne gegessen hatte. Die letzten Wochen waren sehr angenehm gewesen, doch wenn es etwas gab, das er wirklich vermisst hatte, dann waren das gutes, abwechslungsreiches Essen und richtiges Bier. Eine größere Freude hätten ihm die Nachbarn nicht machen können!

Später lag Marc in seinem großen Bett und so müde er auch war, er fand keinen Schlaf. Erst störten die Geräusche der Stadt, dann waren es die Lichter, die ins Schlafzimmer schienen. Anfangs war es zu warm, dann fror er entsetzlich. Schließlich setzte er sich auf.

(„Wie es ihr wohl geht?“)

Karo Offline

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16.06.2017 23:26
#40 RE: Story von Karo Zitat · antworten

SANSSOUCI


September 4.5 – Gretchen (SMS)


Etwa 6.300 km weiter südlich blieb eine ähnliche Frage unbeantwortet.

(„Wie es ihm wohl geht?“)

Marc hatte ihr eine SMS geschickt, dass er gut angekommen sei, es aber bitterlich kalt in Berlin sei.

Und ich meine damit nicht die Temperatur von +2°C.

Bei knapp 35°C ist es hier auch nicht viel wärmer...

Dann frieren wir getrennt aber gemeinsam.

Er hatte versprochen, sie baldmöglichst anzurufen. Hoffentlich würde es eine Verbindung geben.

(„Ich muss ihre Stimme hören!“)

(„Ich muss seine Stimme hören, ich werde sonst wahnsinnig!“)

Dabei reichten eigentlich schon ihre Kopfschmerzen. Sie hatte fast den ganzen Abend geweint, niemand war in der Lage, die Ärztin zu trösten. Gretchen hatte Angst. Ihr Leben lang hatte sie das Alleinsein gescheut. Doch nun verursachte das Gefühl der Einsamkeit richtiggehend Panik. Bisher war Marc Meier immer irgendwie unerreichbar gewesen. Doch jetzt war er wieder unerreichbar – und das Gefühl schnürte ihr einfach die Kehle zu.
Irgendwann fiel Gretchen – der Erschöpfung sei Dank – in einen unruhigen Schlaf. Deswegen entging ihr eine weitere Nachricht.

Karo Offline

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16.06.2017 23:33
#41 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.6 – Marcs Stimmen 2 (und SMS)


Jetzt bin ich hier und das scheinbar Richtige fühlt sich so falsch an. Leider erwartet mich Dein Vater, sonst würde ich kurzerhand den nächsten Flug zu Dir buchen. Ohne meine Arbeit ist es schlimm, aber ohne Dich ist es schlimmer.

Er hatte diesen Text mehrfach gelöscht, neu- und umgeschrieben. Schließlich drückte er auf `senden´, bevor er noch 25 weitere Versionen tippte, die ihm eh alle blöd vorkamen. Er rechnete nicht mit einer Antwort, trotzdem sah er immer wieder erwartungsvoll auf das Display seines Smartphones.

(„Sie wird schlafen, Alter, also hör auf, ständig auf das Ding zu glotzen!“)

Ja, Doktor Meier, ganz schön albern, was Du da gerade tust!
Diese SMS kommt aus Deinem Herzen, das wird sie sehen.
Pfff... Marc Meier und Herz... das passt nicht. Aber diese Polizistin, die hätte zu Dir gepasst. Die war nicht uninteressiert.
Sie war völlig uninteressant für Dich. Weil Du genau weißt, was bzw. wen Du willst. Dein Herz für Gretchen ist sicher!
Sie hätte Dir richtig einheizen können. Stattdessen liegst Du hier mit zwei Decken und rollst Dich hin und her. Eigentlich hast Du es nicht besser verdient. Du musstest ja den vertrauten Weg verlassen.
Auch dieser neue Weg wird Dir eines Tages vertraut sein. Schritt für Schritt, Marc. So hat sie es Dir geraten. Das waren ihre Worte!
Quatsch. Die kamen von der Kindergartenoma, mit der das Dilemma angefangen hat!


Marc sprang aus dem Bett. Irgendwo hatte er doch... nach längerem Suchen fand er den kleinen Dinosaurier aus Ton, den ihm ein kleiner Junge vor wenigen Wochen geschenkt hatte. Wie es Pascal wohl ging? Ihm fielen die Worte des Polizisten ein. Häusliche Gewalt.

Dank der anstrengenden Reise und dem Dino, der auf dem Nachttisch über sein Handy wachte, fand Marc dann auch in einen traumlosen Schlaf, der so tief war, dass er das Signal einer ankommenden SMS nicht im Geringsten wahrnahm.

So gerne würde ich Dich bald wieder hier in die Arme schließen. Aber ich schätze, das würde sich auch bald wieder falsch anfühlen. Lass es langsam angehen, Marc. Schritt für Schritt! Ich liebe Dich!

***
Guten Morgen, Prinzessin – entschuldige. Du bist bestimmt schon lange auf. Deine Worte werden mich begleiten. Bei jedem (verdammten) Schritt, jede Minute, jeden Tag – gerade wohl eher jede Sekunde. Ich hoffe sehr, dass wir am Abend die Gnade des Verbindungsgottes haben. Wüsste nicht, wo ich hier eine Ziege herbekommen sollte... Mein erster Schritt muss ein Supermarkt sein. Marc

Dann genieß Dein erstes „richtiges“ Bier. Ich freue mich auf später – werde aber unsere Ziege hier am Leben lassen. Ist noch nicht so viel dran, sie soll für Weihnachten sein. Wird schon schief gehen. Gretchen

Oh, Bier hatte ich schon! Dank fürsorglicher Nachbarn. Bis später, Marc

Karo Offline

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20.06.2017 18:13
#42 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.7 – Marc am EKH 1


Als Marc erstmals nach drei Wochen wieder auf den Parkplatz des EKH fuhr, verspürte er so etwas wie Aufregung. Er freute sich darauf, in dieses kleine Krankenhaus zu kommen. Doch wusste er auch, dass etwas sehr Entscheidendes fehlen würde. Wie würde es nur sein, ohne Gretchen zu arbeiten. Er konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht mehr. Und nicht nur seine beste und geliebte Assistenzärztin war nicht mehr da, auch Mehdi befand sich nach wie vor in Afrika und würde erst in mehreren Wochen zurückkommen.

Er war gespannt, wie die Vertretungsärztin war, die Mehdi aus dem Hut gezaubert hatte. Die beiden Gynäkologen kannten sich aus dem Studium, er war außerdem ihr Arzt bei vier Entbindungen gewesen und nun war die Oberärztin Doktor Sarah Hundt mit dem fünften Kind schwanger.
Glücklicherweise war der neue Assistenzarzt ein Mann. Nicht, dass er sich Sorgen machte, er könnte in alte Muster zurückfallen. Er war definitiv vom Markt.

Das werden wir sehen!

Er hatte sein Herz in Afrika gelassen und war sich sicher, dass es gut aufgehoben war. Obwohl er furchtbare Angst hatte, verletzt zu werden. Aber er wollte sich nicht einer vergleichenden Situation aussetzen und den neuen Assistenzarzt schon gar nicht.

Ob Cedric sich eingelebt hatte, irgendwie zurechtkam? Sein Kumpel aus Studienzeiten hatte eine schwere Zeit hinter sich. Er fing gerade erst wieder an sich im Berufsalltag zu integrieren. Der Tod seiner Schwester hatte ihm allzu deutlich eine Grenze gezogen. Menschlich wie beruflich.
Marc war sich sicher, dass Cedric mit einer halben Stelle gut bedient war und das Elisabeth-Krankenhaus konnte sich glücklich schätzen, einen Arzt wie Doktor Stier bekommen zu haben und Professor Haase wollte langfristig mit ihm planen. Deswegen würde man ihm alle Zeit geben, nach dem Burn out klar zu kommen, auch wenn klar gewesen war, dass ein Marc Meier nicht durch eine halbe Stelle zu ersetzen war.

Nicht mal durch eine ganze Stelle!

Marc sah auf die Uhr. Bernd Ullstein erwartete ihn erst in einer Viertelstunde und so entschied er sich für den Weg über die Chirurgische Station. Seine Station. Naja. Wohl momentan die von Cedric.


***
Er betrat den Fahrstuhl. Im nächsten Stockwerk stieg eine vertraute Person ein, die ihn erst einen Moment irritiert musterte. Dann machte es hörbar „klick“: „Doktor Meier!!!“ Sabine war überrascht und so erfreut, Ihren Chef zu sehen, dass sie ihm um den Hals fiel. „Oh. Entschuldigung!“ Fast panisch ging sie wieder auf Abstand, beäugte den Chirurgen vorsichtig.
Doch der grinste nur. „Ach Schwester Sabine, ich nehme das als Reaktion auf mein attraktives Erscheinungsbild. Ich freue mich auch, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

(„Hatte Gretchen etwa doch Recht?“)

Du bist am Ende. Du freust Dich auf Sabine – und meinst es auch so? Hat Blondchen Dir sämtliche Männlichkeit genommen?


„Danke, Doktor Meier, es geht mir sehr gut. Ist Frau Doktor auch wieder da?“ Sabine brannte auf Neuigkeiten der Ober-Assistenz-Ärzte-Front.

„Nein, Sabine, Doktor Haase ist nach wie vor in Afrika.“

Deine Eier auch! Sabine ist zum Anscheißen da!

„Geht es ihr denn gut? Wie war es in dem Lepradorf?“
„Ja, ihr geht es gut. Und Lepradorf... da hat der gute Fritz etwas dramatisiert. In Sanssouci kann man durchaus leben. Das ist die Mission, wo Fritz seine Krankenstation eingerichtet hat. Die übrigens in einem besseren Zustand ist als das Krankenhaus in der Hauptstadt.“ Mit Entsetzen dachte er an die desolaten Zustände, als sie gleich zu Beginn ihrer Reise dort Material abgeholt hatten.

„Ugadugu“, Sabine wusste Bescheid.
„Ouagadougou.“ Marc korrigierte automatisch.
Der Fahrstuhl hielt erneut und Sabine hielt ihren Stapel Papiere hoch. „Doktor Meier, ich muss das hier noch verteilen, sind Sie jetzt wirklich wieder hier?“
„Ja, ich nehme schon an, dass wir uns wieder öfter über den Weg laufen werden.“

Der Sklaventreiber ist zurück und sie freut sich? Schön dumm!

„Ja, dann falle ich Ihnen auch nicht vor Überraschung um den Hals.“
Marc lachte. „Schade. Es war nicht so schlimm. Bis später.“

Wie? Nicht schlimm! Das ist Sabine!

„Bis bald, Doktor Meier.“

Bis bald? Was für eine gequirlte Scheiße! Sie an, was aus Dir geworden ist. Schnauz Sie gefälligst an!

„Schnauze!“

Sabine sah ihn mit großen Augen an. „Aber ich...“
„Zackzack Sabine! Nicht quatschen!“

Na bitte! Geht doch! Wir kriegen Dich schon wieder hin...
Es ist doch alles gut. Ungewohnt zwar, aber ich begleite Dich auf einem neuen Weg.
Mit Dir werde ich fertig...
Mal sehen...

(„Das kann ja heiter werden!“)


Verwirrt verließ die Krankenschwester den Aufzug und Marc erreichte kurz darauf die richtige Etage. Er stieg aus und hielt einen Moment inne. Atmete tief die Krankenhausluft („Krankenhausduft“) ein. Seine Station, seine berufliche Heimat. Er bog nach links ab. Wie gewohnt betrat er das Stationszimmer durch die rechte Tür – ohne Anzuklopfen.


***
„Entschuldigung, hier haben Sie keinen Zutritt.“
„Bitte?“ Überrascht drehte er sich um.

Wer ist sie, dass sie so mit Dir redet?

„Kann ich Ihnen helfen, suchen Sie jemanden?“ Eine junge Krankenschwester stand vor ihm.
„Nein – Lernschwester Lorelei – danke, ich kenne mich hier sehr gut aus. Ich bin Doktor Meier, Oberarzt der Chirurgie.“
„Aber das ist doch Doktor Stier.“
„Ja, Doktor Stier ist meine Vertretung. Ist er da?“
„Nein, der kommt erst am Nachmittag.“
„Und Sie sind hier alleine?“
„Nein, Schwester Sabine holt nur Unterlagen von unten.“
„Und welcher der Ärzte hat gerade Dienst?“
„Darf ich Ihnen das überhaupt alles sagen?“

„Darfst Du Lore, das ist Doktor Meier, der eigentliche Oberarzt dieser Station.“ Sabine war der spontane Anschiss doch sehr suspekt gewesen und sie hatte sich lieber beeilt. „Doktor Meier, ich habe gerade Herrn Ullstein getroffen, er kommt gleich.“
„Danke Sabine.“

Seit wann bedankt man sich bei Sklaven?

„Marc?“ Im Vorbeigehen erkannte Gabi die Stimme. Bevor der Arzt antworten konnte strahlte Sabines Stimme eine Antwort: „Ja, Gabi! Doktor Meier ist wieder da.“
„Das sehe ich, Sabine. Du siehst gut aus, Marc.“

Sie will Dich!

„Danke Gabi, Du aber auch. Erholt und frisch?“

Was ist das jetzt? Smalltalk before Speedboat?

„Ich hatte gerade eine Woche Urlaub. Da will ich hoffen, dass ich frisch aussehe. Bist Du jetzt wieder hier bei uns? Und Doktor Haase? Ist sie auch zurück?“

Wenn das keine Aufforderung war...
Es war lediglich eine Nachfrage.
Hat Dich jemand gefragt?


„Nein, Doktor Haase ist noch in Afrika. Ich denke schon, dass wir uns nun wieder öfter über den Weg laufen.“

In der Wäschekammer!!!

„Ich muss wieder hoch, Doktor Hundt ist – ungerne alleine...“ Gabi schnitt eine Grimasse.
„Ah, okay, dann sieh mal zu...“ Auch Marc grinste.

So vergeht sie, die erste Chance. Du bist sowas von weichgespült!

„Ahhhh...!“ Marc fasste sich an den Kopf. Nur kurz, dann wandte er sich wieder an die beiden Krankenschwester: „Und nur nochmal aus Neugier... Wer hat denn nun hier Dienst?“
„Ist was mit Ihrem Kopf? Ich kann Ihnen eine Tablette... oder ist es gefährlicher? Womöglich ein Tumor? Sollte man nicht lieber Frau Doktor Hassmann...?“
„SABINE!!!“

„Äh... ja... Doktor Knechtelsdörfer und Herr Stern sind gerade im Dienst, Doktor Rössel ist auf Station 8A, falls was sein sollte. Und wenn Not am Mann ist, ist auch Doktor Hassmann durchaus in der Lage, auszuhelfen. Mit ihr kann man übrigens sehr gut zusammen arbeiten.“
Marc war überrascht. „Doktor Hassmann in der Chirurgie?“
Aus dem Hintergrund erklang eine Stimme. „Angst vor Konkurrenz? Hätten Sie nicht gedacht, Doktor Meier, was?“
Marc schaute die Neurochirurgin perplex an. Die grinste den jüngeren Kollegen an: „Ich kann sie beruhigen. Ich gehe mit in die Notaufnahme. Mehr nicht. Ich will Ihnen ja nicht den Job streitig machen.“

Und ehe Du Dich versiehst, hat sie Dir das Zepter entwendet!

„Kann ja so doll nicht gewesen sein, wenn ich extra zurück beordert werde.“
„Wer?“ Doktor Hassmann stand auf der Leitung.


***
„Doktor Meier? Willkommen zurück!“ Ein unscheinbarer Mann mit einer breiten Brille betrachtete die kleine Versammlung im Stationszimmer. Das Alter ließ sich schwer schätzen, die Schläfen waren bereits ergraut, die kurzgeschnittenen Haare gehörten wohl zur Farbe „Straßenköterblond“. Dank eines Wirbels standen wenigstens ein paar Haare in alle Richtungen.
„Wie ich sehe ist die Freude nicht nur auf meiner Seite groß, dass Sie so schnell zurückkommen konnten.“ Das Lächeln, mit dem Bernd Ullstein Marc begrüßte, machte ihn deutlich jünger als es das konservative Erscheinungsbild vermuten ließ.

„Ich wäre erfreut, die Umstände wären anders. Herr Ullstein? Ich würde gerne zuerst nach dem Professor sehen, wenn es Recht ist?“
„Natürlich.“ Der Verwaltungsangestellte nickte. „Sie finden mich im Chefarztbüro.“ Damit verließ der Anzugträger die Runde der Ärzte. Marc sah dem StaBe-Mitarbeiter hinterher, täuschte er sich oder schien der erleichtert?

Natürlich. Endlich ist ein Profi an Bord des Dilettantenvereins!

„Er ist froh, dass Sie da sind, Doktor Meier. Er fühlt sich nicht wohl in seiner Rolle.“ Doktor Hassmann bestätigte seinen Eindruck. „Er sagt von sich selbst, dass er Zahlen und mittlerweile auch das Gesundheitssystem kann, aber direkt in einem Krankenhaus zu arbeiten, das übersteigt seine Kenntnisse.“ Sie grinste. „ Wobei – Desinteresse kann man ihm nicht vorwerfen. Die Situation überfordert ihn ein bisschen – ich auch, denke ich. Aber dem mal den Krankenhausalltag aufzuzeigen, kann ja nicht schaden. Sieht er mal, was hier so los ist.“
Marc war irritiert. „Frau Haase sagte am Telefon, dass er in Ordnung ist?“
„Ja, in jedem Fall. Er weiß die schwierige Situation durchaus einzuschätzen. Bei allem was er tut hält er Rücksprache mit dem Professor oder mit mir.“

(„Mit ihr???“)

Die will sich in den Vordergrund drängen!

„Mit Ihnen? Kein Wunder, dass er sich freut, dass ich zurück bin!“

„Ihre Witze sind nicht besser geworden.“
„Das war kein Witz!“
„Den Professor zieht Herr Ullstein nur in den wichtigsten Fällen zu Rate. Dass er sich an mich wenden soll, war der Vorschlag vom Chef höchstpersönlich.“ Sie sagte das mir Genugtuung.
„In der Not frisst der Teufel Kuchen!“
„Der Teufel hatte Urlaub?“
Marc grinste die Neurologin an. „Notaufnahme und Verwaltung? Ich wusste nicht, dass es so schlecht um das Krankenhaus bestellt ist, dass Sie den Kasten übernehmen können. Ich sehe schon, da liegt einiges im Argen...“
„Tja, Ihr fettes Ego hinterlässt so manche Baustelle.“

Er dreht sich zu den Krankenschwestern um. „Apropos Baustelle... ich sehe jetzt erst nach dem Professor, dann unterhalte ich mich mal mit diesem Herrn Ullstein. Ruft bitte einer von Ihnen Doktor Stier an, dass ich ihn sprechen möchte. Danke.“
Er nickte der Oberärztin zu. „Ihnen auch, Doktor Hassmann.“ Damit war er auch schon durch die Tür und ließ eine verdutzte Neurologin zurück.

Du hast es schon wieder getan!
Mit einem Danke bricht sich niemand einen Zacken aus der Krone.


Schnell hatte er sich umgezogen. Die sterile Kleidung der Intensivstation fühlte sich gut an. Vertraut. Er war zu Hause!

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(Ihr Lieben... das Kapitel geht noch weiter, da ich mich in der Zeit vertüddelt habe... geht es später weiter. Sorry)

Karo Offline

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20.06.2017 22:11
#43 RE: Story von Karo Zitat · antworten

(Wie versprochen, weiter geht´s
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*Intensivstation*

Seit ihr Mann auf der Intensivstation lag, hatte Bärbel fast Tag und Nacht an seinem Bett gewacht. Sie hatten gute Gespräche geführt. Ehrliche Gespräche. Teilweise auch schonungslos aber immer mit Respekt und der Situation angemessen. Nur selten kam es vor, dass die Überwachungsgeräte einer Unterhaltung ein Ende setzten. Beide achteten auf Kleinigkeiten wie „Bitte“ und „Danke“. Auch hatte Bärbel angefangen, ihrem Mann immer mitzuteilen, wohin sie ging und wann sie in etwa wieder da sei. Als Doktor Meier hinter der Scheibe zum Überwachungsraum bei Schwester Renate auftauchte schlief der Chefarzt. Bärbel Haase legte ihr Buch zur Seite und verließ das Krankenzimmer, um den Oberarzt zu begrüßen. Marc war bereits in die Krankenakte vertieft und drehte sich erschreckt um. Er nickte Gretchens Mutter zur Begrüßung zu.

(„Mist, der Brief!“)

Gretchen hatte ihn ermahnt, den Brief ja nicht zu vergessen. Er schob den Gedanken an seine Freundin konsequent zur Seite.

Gut so!

Hier gab es Wichtigeres!
Er betrachtete den alten Mann in dem Bett. Mit Professor Haase hatte der wenig Ähnlichkeit. „Wie geht es ihm?“
„Was soll ich Ihnen erzählen, Sie sind doch schon in der Materie drin?“ Bärbel Haase sah den jungen Mediziner nachdenklich an. Wollte er wirklich ihre Meinung?
„Aber Sie sind die meiste Zeit hier und reden mit ihm?“
„Ja, das schon...“ Und Bärbel Haase berichtete, was in der letzten Zeit passiert und gesprochen worden war.


*Professor Haase*

Während Marc und Bärbel im Gespräch über den Patienten Professor Haase vertieft waren, erwachte der Chefarzt. Er musste den Kopf nicht drehen um zu wissen, dass Bärbel nicht da war. „Bärbel?“

Keine Antwort. Wo war seine Frau? Normalerweise verabschiedete sie sich doch von ihm. Selbst wenn sie nur mal zur Toilette ging, meldete sie sich ab.

„Bärbel?“ Seine Stimme zitterte. Als er wiederum keine Antwort bekam richtete er sich auf um sich umzusehen. Er wurde unruhig und plötzlich klopfte sein Herz. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Dass die Überwachungsapparate Alarm schlugen bekam der Professor kaum mit, um ihn herum wurde es dunkel.

„Doris?“ Die Wohnung war leer. „Doris?“ Zu leer. Ihre Seite des Bettes war abgezogen, auf der nackten Matratze lag ein Brief. Der war jedoch gerade uninteressant. Das Kinderzimmer war leer. Richtig leer. Nur die große Schrankwand stand noch an der Wand – leer. Nichts deutete darauf hin, dass hier bis heute ein Kind gelebt hatte. Heute? Gestern? Er hatte einen 48-Stundendienst hinter sich und nun freute er sich darauf, mit seinem Goldköpfchen zu spielen. Andrea lernte jetzt laufen und er hatte Freude daran zu sehen, wie sie ihre Welt erkundete.
Nun hallten seine Schritte von den kahlen Wänden wieder. Er dachte er müsse umfallen und er wollte sich am Wickeltisch abstützen. Doch er griff ins Leere und landete unsanft auf dem Boden. Um ihn herum wurde es dunkel.


„Herr Professor?“
„Meier?! Was machen Sie im Zimmer von meiner Tochter?“

Marc schnitt eine Grimasse.

(„Da wäre ich jetzt gerne!“)

„Herr Professor, Sie sind im Elisabethkrankenhaus, auf der Intensivstation. Können Sie sich an ihren Herzinfarkt erinnern?“
Er testete die Pupillenrektionen des Chefarztes und kontrollierte die Infusionen. Professor Haase war noch nicht wirklich ansprechbar, scheinbar hatte er Schwierigkeiten, aus der Bewusstlosigkeit herauszukommen. Bärbel hatte berichtet, dass der Professor vor drei Tagen einen weiteren Anfall gehabt hatte. Scheinbar ohne Grund. Doktor Stier hatte den Patienten danach für 24 Stunden vorsorglich in ein künstliches Koma versetzt, um weitere Belastungen für das Herz zu verhindern.

„Meier, wo sind meine Frau und meine Tochter? Wo ist Andrea?“

„Andrea?“ Bärbel riss die Augen auf.
„Andrea?“ Marc sah Bärbel irritiert an. „Gretchens Kusine?“ Zum Professor erklärte er: „Ihre Frau ist hier, Professor Haase. Und Gretchen ist in Afrika.“
„Gretchen...“ Ein Lächeln umspielte die fahlen Lippen des herzkranken Mannes. „Gretchen...“ Er schlief wieder ein, seine Gesichtszüge waren entspannt. Auch die Monitore zeigten wieder normale Kurven und Linien.

„Er ist momentan viel in seiner Vergangenheit unterwegs.“ Bärbel Haase saß zusammengesunken auf ihrem Stuhl. „Gretchen hat Ihnen scheinbar von ihrer Kusine erzählt?“
„Ja. Von der gemeinsamen Zeit in Köln.“
„Hm.“ Wie sie es sagte ließ auf ihre Meinung schließen und Marc grinste, als er sich an die Regentanz-Geschichte erinnerte. Doch das Grinsen verging ihm schnell.
„Andrea kam als Franz´ Tochter zur Welt. Erst später erfuhr er, dass Andreas Mutter schon lange vorher auch etwas mit seinem Bruder hatte. Als das Mädchen ein Jahr alt war, hat ihre Mutter dann den Lebensgefährten gewechselt.“
„Was?“

(„Das ist ja furchtbar!“)

Das ist Liebe...


„Franz hat damals seine Zelte in Hamburg abgebrochen und kam nach Berlin. Mein Glück.“ Die rothaarige Frau lächelte zu ihrem Mann. „Sein Bruder hat schließlich eine andere Frau geheiratet. Andrea hat Franz immer viel bedeutet und so haben wir sie in den Ferien immer in Berlin gehabt. Gretchen hat lange Zeit überall erzählt, dass mein Mann und ich drei Kinder haben. Naja, man könnte die Mädchen auch fast für Zwillinge halten, wenn Andrea nicht vier Jahre älter wäre.“ Bärbel lachte jetzt. „Auch da oben ticken sie sehr ähnlich.“ Sie fasste sich an den Kopf. „Wobei Andrea immer die treibende Kraft war und Gretchen immer alles mitmachen musste, ob sie wollte oder nicht.“

Marc lachte und nickte. „Frau Haase, ich bin mit Herrn Ullstein verabredet und Doktor Stier habe ich auch umgehend herbestellt, da ich mit ihm reden möchte.“
„Sie legen ja direkt ordentlich los...“ Bärbel grinste. Die Launen des Kardiologen wurden salopp mit „Stierkampf“ bezeichnet. „Doktor Stier schätzt es gar nicht, außer der Reihe anzutanzen.“
„Ich schätze auch manche Sachen nicht.“ Marc war ungerührt. „Bis später, Frau Haase.“

Auch ich schätze gewisse Sachen nicht: Liebe zum Beispiel. Du hast gerade gehört, wohin das führt.
Das ist Gretchen!
Bisher kamen wir gut ohne klar. Ohne Liebe und ohne Gretchen.
Gut erkannt: Bisher... aber jetzt bin ich ja da!

(„Lasst mich in Ruhe!“)

Hast Du gehört?

(„Alle beide!“)



*Bernd Ullstein*

Schnell musste Marc die Meinung der anderen teilen, dass Bernd Ullstein in Ordnung war. Er maßte sich nichts an, was er nicht konnte und war ehrlich interessiert, die beste Lösung für das Elisabeth-Krankenhaus zu finden. Es klopfte und Sabine steckte ihren Kopf durch die Tür. „Herr Ullstein, Doktor Meier, möchten Sie vielleicht Kaffee?“

Marc lachte. Er erinnerte sich an den letzten Kaffee, den Sabine ihm gebraut hatte. Seine Schicksalsnacht. „Wenn der besser ist als Ihr dünnes Gebräu bevor ich nach Afrika aufgebrochen bin, dann sehr gerne.“
„Klar, Doktor Meier, das bekomme ich hin.“ Sabine lachte ebenfalls. Auch sie erinnerte sich an die Situation. Sie selbst war noch als Patientin im Krankenhaus, nach ihrem Selbstmordversuch. Sie hatte sich verplappert und den Plan von Doktor Haase ausgeplaudert. Was im Nachhinein wohl genau das Richtige gewesen war. Danach hatte sie Doktor Meier nochmal am Tag darauf gesehen, als dieser kleine Junge misshandelt worden war. Sabine hatte sich einfach nur gewünscht, dass es für die beiden Ärzte ein gutes Ende nahm. Und so gut wie dieser Mann aussah, mussten er und Doktor Haase eine tolle Zeit gehabt haben. Doktor Meier sah aber nicht nur zufrieden und erholt aus, seine Gesichtszüge waren weicher geworden. Und er hatte sichtlich Spaß daran gehabt, als Sabine ihm unvermittelt um den Hals gefallen war. Doktor Meier hatte sich verändert – und bestimmt nicht zu seinem Nachteil.
Die Krankenschwester hoffte inständig, dass der junge Chirurg nun wieder ihr Chef war. Sie hatte ihn vermisst. Trotz allem. Gegen Doktor Stier war nichts einzuwenden. Aber er hatte eben nur eine halbe Stelle, was doch immer zu merken war. Doktor Meier hatte mehr Stunden im Krankenhaus verbracht, als sonst irgendwer. Er war unermüdlich im Einsatz, immer ansprechbar. Doktor Stier war sicherlich ein sehr guter Arzt und ein freundlicher Chef. Solange man ihn in Ruhe ließ...

Sabine rief lieber den alten Rössel oder sogar Doktor Hassmann, als sich auf Doktor Knechtelsdörfer zu verlassen. Und der Neue... der war halt neu. Sicherlich kein schlechter Arzt, zwar nicht mal Doktor, bisher. Aber das war Gretchen Haase auch nicht gewesen. Aber Gretchen Haase war eben Gretchen Haase und eine sehr gute Ärztin. Sabine hatte da eine Antenne für.

So oft Doktor Meier Sabine auch blöd angemacht oder sie angeschrien hatte, für sie war er einer der besten Chefs, die sie jemals gehabt hatte. Weil er gut war. Er verlangte viel aber auch von sich selbst. Er hatte klare Vorstellungen, wie was zu laufen hatte. Sie war seine Attacken selbst Schuld, warum gab sie ihm immer wieder Anlass zu Wutausbrüchen. Schon ihre Mutter war sicher gewesen, dass sie nicht zu viel zu gebrauchen war...

(„Ich muss doch nochmal zum Psychologen...“)


***
Im Moment lief der Kaffee. Die Maschine spuckte geräuschvoll das Wasser in den Filter und Sabine bereitete den Servierwagen vor. Minuten später klopfte sie an die Tür.
Als sie das aromatische Gebräu in zwei Tassen goss, dachte sie einen Augenblick nach. „Herr Ullstein trinkt den Kaffee ja schwarz – und Sie, Doktor Meier?“
„Sabine? Das haben Sie hoffentlich nicht vergessen? Natürlich schwarz.“
„Naja, es hätte sich ja auch ändern können.“
„Warum sollte sich das denn ändern?“
„Sie haben sich doch auch verändert, Doktor Meier?“
„Soso. Habe ich das?“
„Äh, ja, ich glaube, ich sollte Lorelei nicht so lange alleine lassen...“ Sabine bemerkte verlegen, was sie gerade gesagt hatte. „Ach so. Doktor Stier ist nicht zu erreichen.“
„Danke, Sabine.“
„Für Sie Doktor Meier immer gerne. Für Sie natürlich auch, Herr Ullstein.“ Beeilte sie sich zu sagen.
„Natürlich...“ Der Betriebswirt hatte die Szene amüsiert beobachtet.

Schwester Sabine konnte ihre Freude über die Rückkehr des Oberarztes nicht verbergen. Und auch er selbst war froh, dass Doktor Meier zurück war, auch wenn der noch nicht viel gesagt hatte. Im Gegenteil, der Oberarzt hielt sich vornehm zurück und hörte sich den Bericht der Vertretung an. Ab und zu stellte er Fragen, mehr nicht.
„Was ich erledigen konnte, ist bereits geschehen. Alles was Sie dort auf dem Tisch sehen ist quasi unbearbeitet. Doktor Hassmann ist sehr engagiert und erledigt das Wichtigste, aber viel Zeit bleibt ihr auch nicht für Bürokratie. Ich frage mich wirklich, wie Professor Haase das alles erledigt hat.“

„Tja, Chefärzte wie Doktor Brinkmann sind eher die Seltenheit. Heute muss man sich zwischen Arztkittel und Bürostuhl entscheiden.“

(„Oder man drückt diese Aufgaben anderen aufs Auge.“)

„Das ist übrigens egal, auf welcher Ebene. Für die Stationsärzte beziehungsweise das Pflegepersonal ist es nicht weniger, da ja mittlerweile jeder Furz dokumentiert werden muss. Dafür gibt’s dann regelmäßig weniger Personal.“
Bernd Ullstein schmunzelte. Die Neurochirurgin hatte ihn schon vorgewarnt, dass Doktor Meier kein Blatt vor den Mund nehmen würde. „Das hat mir Frau Haase auch schon vorgehalten.“
„Wer? Was?“
„Dass weggefallene Stellen nicht neu besetzt werden.“
„Frau Haase?“
„Ja.“
Marc nickte. „Doktor Ingersen ist seit sechs Monaten in Elternzeit und auch die Stelle von Schwester Ingeborg ist nach wie vor vakant. Allerdings waren die Kandidaten, die sich vorgestellt haben, wirklich nicht die hellsten Kerzen auf der Torte. Professor Haase lässt sich immer Zeit bei Neueinstellungen. Er schaut auf die Fähigkeiten, nicht auf Notwendigkeiten. Wohl nicht die schlechteste Idee, wenn ich höre, dass ein Oberarzt nicht mal telefonisch erreichbar ist... pfff.“
„In jedem Fall haben der Professor und ich besprochen, dass wir im aktuellen Bewerbungslauf nach zwei neuen Kandidaten schauen. Für Doktor Ingersen und Doktor Rössel. Diese Woche ist eine Ärztin zur Probe hier, sie könnte ab Dezember zur Verfügung stehen. Die StaBe hat auch nochmal eine Stellenanzeige für Pflegepersonal veröffentlicht. Natürlich muss die Stelle von Schwester Ingeborg wieder besetzt werden. Eine Ausbildungsstelle ist auch noch offen, wenn ich recht informiert bin.“
„Ja, die Zweite hat uns ja draufgesetzt. Allerdings ist niemand da, der eine weitere Lernschwester betreuen kann. Deswegen ist eine fehlende Auszubildende wohl das geringste Problem. Ich würde eher noch einen fähigen Assistenzarzt einstellen.“
„Professor Haase sagte Ähnliches. Er wollte jetzt das Jahr abwarten und dann überlegen, ob man sich nicht besser von Doktor Knechtelsdörfer trennen sollte.“
„Was gibt es da zu überlegen?“ Marc schüttelte den Kopf. „Er wird sich doch nicht etwa geändert haben?“
„Der Professor befürchtet, dass es zu Schwierigkeiten mit Doktor Hassmann kommen könnte.“
„Hm.“ Waren die also immer noch zusammen? Er konnte vieles nachvollziehen, aber nicht, dass eine so taffe Frau wie die Neurologin tatsächlich auf solche Luschen flog.

(„Naja, ihre Sache.“)

„Das sind aber aktuell alles ungelegte Eier. Mir persönlich ist wichtig, dass nicht allzu viel Papierkram liegen bleibt. Vor allem die ganzen Arztbriefe.“
„Hm.“ Marc stöhnte. „Dass die Arztbriefe immer binnen drei Tagen rausgehen, war dem Professor stets wichtig.“ Der Chirurg betrachtete den Stapel Akten. „Das sind die Entlassungen von mindestens zwei Wochen? Was macht denn Doktor Stier die ganze Zeit?“
Der Betriebswirt zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, Doktor Hassmann bearbeitet immer wieder ein paar Akten, aber da sie zur Zeit auch in der Notaufnahme gefordert wird, bleibt da wenig Zeit für. Doktor Stier scheint sehr unter Stress zu stehen.“
„Der bekommt erst noch Stress – ein Oberarzt, der nicht erreichbar ist... der kann sich direkt an die Papiere setzen. DAS mache ich garantiert nicht für ihn!“

„In die Richtung Schreibtischjob für Doktor Stier hatte Professor Haase auch schon überlegt aber er meinte, Doktor Stier wäre noch zu neu hier. Naja... und wurde auch anders gebraucht.“
„Seit wann darf man sich das aussuchen? – Und zu neu? So ein Quatsch. Arztbriefe sind Arztbriefe. Naja, mit ihm möchte ich sowieso als erstes sprechen. Vor allem wegen Professor Haase.“

„Haben Sie denn mit dem Professor sprechen können?“
„Nein, er war nicht wirklich ansprechbar. Er gefällt mir überhaupt nicht und auch wenn ich es nicht gerne sage – Sie sollten die Stelle eines Leitenden Oberarztes ins Auge fassen. Auch wenn mir der Professor für diesen Vorschlag eine Abmahnung geben würde.“ Marc grinste. „Aber er wird sich mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass er das nicht mehr alleine schaffen kann.“
„Seine Frau teilt Ihre Meinung.“
„Schon seit zwanzig Jahren.“ Marc grinste. „Spaß beiseite – Frau Haase sieht täglich, wie er sich seit dem Affenvirus abmühen muss, um mit sich selbst Schritt zu halten. Vor allem wissen wir aktuell wohl auch überhaupt nicht, wie lange der Professor ausfallen wird. An einer Reha kommt er jetzt nicht mehr vorbei.“
„Sie meinen aber, dass er überhaupt nochmal...“ Bernd Ullstein traute sich nicht, seine Frage zu beenden.
„...nochmal wieder kommt?“ Marc sah den StaBe-Mitarbeiter an. „Ich habe keine Ahnung. Er wird Zeit brauchen – und das, was er am wenigsten hat – Geduld!“
„Sie wissen, dass Zeit ein Luxus ist, den man sich kaum leisten kann. Das Problem liegt nicht bei Professor Haase sondern in der Nachbarschaft.“
„Sie meinen das Katharinen-Hospital? Ich habe gesehen, dass sich da was tut.“
„Ja. Es hat sich nach langem Suchen ein neuer Betreiber gefunden und die ProVida ist als aggressiver Betrieb bekannt. Die Betriebsaufnahme soll bereits im Oktober erfolgen. Zumindest teilweise. Sie haben der Charité zwei sehr renommierte Radiologen abgeworben. Deswegen steht die Vermutung, dass das Katharinen-Hospital ähnlich kalkuliert ist, wie das Hunsrück-Klinikum. Hochmoderne und effektive Radiologie, dass bereits zwei kleinere Krankenhäuser im Umfeld aufgegeben wurden. Meine Chefs, also die Doktoren Stangl und Bertrand, befürchten, dass die als erstes uns angreifen wollen.“
„Da müssen sie aber mehr bieten als das Material. Professor Haase als Tumorspezialist, Doktor Kaan, Doktor Hassmann und auch Professor Steigele werden oft aus fachlichen Gründen aufgesucht. Zusätzlich ein Doktor Stier als Kardiologe und Transplantationsexperte und meine Wenigkeit lassen sich nicht so einfach ausstechen. Das beste Material bringt Ihnen nichts, wenn es niemand richtig bedienen kann.“ Marc dachte nach. „Schade, dass Professor Haase gerade seine Beziehungen in die Charité nicht nutzen kann. Er könnte sicherlich ein paar Infos besorgen.“
„Ich kann Ihnen gerade nicht folgen.“
„Die beiden abgeworbenen Ärzte sind in der Charité sicherlich Gold Wert – mit den Geräten, die dort gebraucht werden. Wenn die sich nun auf anderes Arbeitsmaterial einstellen müssen, dann rechnen Sie mal – sechs Monate bis die so gut sind, wie bisher.“
„Die Zeit wird die ProVida denen nicht lassen. Wie gesagt, die sind sehr aggressiv und das muss von Anfang an laufen.“
„Vergessen Sie das. Neue, vermeintlich bessere Geräte muss man erst zu bedienen lernen. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass wir hier mit eher alten Geräten arbeiten. Aber jeder beherrscht diese und kann diese blind bedienen. Heißt, Konzentration auf die Diagnose und den Patienten. Wenn ich mich aber auf die Handhabung eines neuen Geräts konzentrieren muss, dann gerät der Patient in den Hintergrund.“
Er schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Nur mit modernen Geräten ist nichts gewonnen.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr!“ Bernd Ullstein musste angesichts dieser Überzeugung schmunzeln. „Aber wenn ich Sie recht verstehe, ist mehr Fortschritt also mehr Risiko?“
„Wenn man die Erwartungen übers Knie bricht, dann ja. Jeder kann lernen ein anderes Gerät zu bedienen. Damit kann man auch so gut werden, wie man vorher war – wenn man trainiert und trainiert. Professor Haase besteht nicht umsonst darauf, dass seine Mitarbeiter mindestens ein bis zwei Fortbildungen im Jahr besuchen.“
„Die standen schon oft auf der Streichliste der StaBe. Aber irgendwie hat er es immer wieder durchgekriegt.“
„Weil er unnötige und teure Neuanschaffungen vermeidet.“

(„Der Professor ist eben ein Fuchs.“)

Der Betriebswirt lächelte. „Manchmal glaube ich, dass er innerhalb der StaBe sowas wie Narrenfreiheit hat. Solange er im Plus bleibt, kann er machen, was er will.“
„Die schwarze Null seit Jahrzehnten ist seine Legitimation. Sie wissen selbst, dass das Leben ein Nehmen und Geben ist. Der Professor bleibt nichts schuldig!“
„Ja. Er ist in der StaBe sowas wie eine Institution.“
„Trotzdem sollten Sie die Strukturen hier verändern. Auch eine Institution wird nicht jünger – und im Moment sogar eher älter. Unter uns – wie lange kann man noch mit Professor Haase planen. Zwei – maximal drei Jahre? Er ist bereits über 60.“
„Er hat sich immer gegen andere Strukturen gewehrt.“
„Natürlich. Keiner sieht gerne wenn ihm sein Alter vorgehalten wird. Aber es geht nicht anders. Nach diesem Zusammenbruch sowieso nicht mehr. Er wird nicht wieder an seine Leistung herankommen, davon bin ich überzeugt. Büro ja – OPs und sowas? Eher nein.“

Wenn er Cedrics Protokoll folgen konnte, dann würde das Thema Herzschrittmacher auf den Tisch kommen. Ein Untersuchungsbericht hatte ihn stutzig werden lassen. In der ersten Woche seiner Abwesenheit hatte der Professor eine kardiologische Praxis aufgesucht. Dann musste es ihm dort schon nicht wohl gewesen sein.

(„Ich hätte nicht wegfahren dürfen!“)

(„Vor allem muss ich mit Cedric sprechen!“)


„Herr Ullstein, ich werde mich jetzt erstmal ins Getümmel stürzen und sehen, was auf den Stationen so los ist. Ich stimme mit Doktor Stier überein, dass die Arbeit am Patienten wichtiger ist, als das Papier dort. Vielleicht wäre allerdings zu überlegen, eine medizinische Schreibkraft einzustellen, die in der Lage ist, die Arztbriefe unterschriftsfertig vorzubereiten. Einen Brief zu diktieren geht viel schneller als ihn zu schreiben. Falls sich Doktor Stier nicht darauf ansetzen lässt.“

(„Der reißt mir den Kopf ab!“)

Er lachte. „Und wenn Sie Fragen haben, dann kommen Sie auf mich zu?“

(„Fehlte noch, dass die Hassmann sich hier breit macht!“)

Die Männer gaben sich die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre prompte Rückkehr, Doktor Meier. Ich kann nur hoffen, dass Sie sich gut erholt haben, denn ich schätze, dass Sie nächste Woche nicht mehr wissen, dass Sie im Urlaub waren.“

(„Wie könnte ich... ich musste Gretchen zurücklassen!“)

Na und? Wenn Du erst wieder ein richtiger Chirurg bist...
Momentan gibt es andere Probleme, die wichtiger sind. Und Du weißt es bereits
Andere... seit wann interessieren uns andere?
Vor allem einer – der immer hinter Dir stand und Dich gegen jeden Spott unterstützt hat!

(„Professor Haase braucht mich jetzt!“)

Dann übernimm jetzt Verantwortung! Sie wird Dich umso mehr lieben.



***
Erstmal musste Marc die Verantwortung für seinen Kühlschrank übernehmen. „Sabine? Ich muss jetzt erst nochmal weg. Mein Kühlschrank schreit nach Lebensmitteln und ich fürchte, wenn ich hier erst irgendwo anfange, dann komme ich hier auch nicht mehr weg. Doktor Stier sollte gegen 16 Uhr wieder hier sein, sagen Sie?“

„Ja. Da können Sie eine Uhr nach stellen...“

„Das habe ich bereits vernommen.“ Er lachte. „Wie lange sind Sie heute da?“
„Mein Dienst geht bis 22 Uhr, Doktor Meier.“
„Gut, dann bis später.“

Karo Offline

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26.06.2017 15:11
#44 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Hallo zusammen,
hatte ich je sechs Tage zwischen den Posts? Oh je... ihr müsst ja brennen
Viel Spaß dabei,
Karo

P.S. Ach... ist das eigentlich mit Marcs inneren Diskussionen verständlich? Soviele Textoptionen habe ich ja nicht zur Verfügung...



BERLIN


September 4.8 – Marc und Gretchen telefonieren


Schnell hatte Marc alle lästigen Pflichten inklusive Supermarktbesuch erledigt und nun hoffte er auf die Kür. Bevor er wieder ins Krankenhaus fuhr wollte er versuchen, Gretchen zu erreichen. Er hatte gerade das Telefon von der Station genommen, da registrierte er ein rotes Blinklicht, das eine Nachricht auf dem AB anzeigte. Leichte Panik stieg in ihm hoch.

(„Gretchen???“)

Er hatte doch gesagt, er würde sich melden. Glaubte sie ihm etwa nicht? Vertraute sie ihm nicht? Wollte sie ihn kontrollieren?

Ganz ruhig, Doktor Meier. Bevor Du in Panik ausbrichst, hol Dir ihren Brief, lies die SMS oder betrachte den Baobab.
Oder glotz verliebt auf die Fotos in Deinem Handy.
Am einfachsten wäre es jedoch, die Nachricht abzuhören.
Oder sie zu löschen.
Nichts und niemand wird hier gelöscht.




Die Mailbox konnte warten, er musste endlich wieder ihre Stimme hören. Natürlich scheiterten die ersten Versuche.

Das ist ein Zeichen. Lass es besser!
Quatsch. Es ist schwierig aber nicht unmöglich!
Was soll das bringen. Du bist hier, sie da. Leichter kannst Du sie nicht loswerden.
Erstens: Wer will es leicht? Zweitens: Wer will sie loswerden?
Drittens: Du bist Chirurg!
Zu guter Letzt: Das bleibst Du auch! Mit ihr!

(„Eins ist richtig. Ich bin Chirurg. Warum kümmere ich mich also um meine Wäsche?“)


Er musste unbedingt Frau Schlüter, seine langjährige Haushaltshilfe, anrufen!

Nachdem er halbherzig die Wäsche aufgehängt hatte, beschloss er, solange die Wahlwiederholungstaste zu drücken, bis er Gretchen gesprochen hatte. Als der Mediziner bei Versuch 26 ankam, schien der Telefongott gnädig gestimmt zu sein. Ein paar Mal knackte es und Marc dachte anfangs, dass es wie die 25 Versuche vorher erfolglos sein würde. Überraschenderweise kam dann doch ein Freizeichen. Wackelig zwar, aber es bestand tatsächlich eine Chance. Martin nahm den Anruf entgegen und er handelte geistesgegenwärtig und schickte Cheroudi umgehend zu Gretchen in die Krankenstation.

„Marc, wie war die Reise, seid ihr gut angekommen?“
„Nein zu sagen wäre gelogen, trotzdem hatte ich schon das Bedürfnis, einfach wieder in den nächsten Flieger in die Sonne zu steigen. Es kommt mir vor wie Sibirien und das nicht wegen der 7°C bei Regensturm.“
Martin lachte, als Marc ihm von dem Polizeieinsatz erzählte.
„Marc, Gretchen kommt gerade rein. Ich wünsche Dir alles Gute. Melde Dich wieder, mein Junge, hörst Du?“
„Ja, Martin. Versprochen. Grüße an alle, bitte.“

Er hörte, dass Martin kurz mit Gretchen redete, dann hörte er endlich! wieder ihre Stimme. Das war es, was er brauchte.
„Marc!“
„Prinzessin.“

(„Wenn ich jetzt frage, wie es ihr geht, ist das doch voll kacke.“)

Das Telefonat ist sowieso Schwachsinn!

„Tut das gut, Deine Stimme zu hören.“ Gretchen fand zuerst die richtigen Worte.
„Habe ich Dir doch versprochen. Es war auch erst der 26. Versuch. So viel Zeit bleibt nun nicht mehr, aber es tut gut, da gebe ich Dir Recht.“
„Wie geht es Papa?“
Dass Marc nicht gleich antwortete, trieb ihr eine Sorgenfalte auf die Stirn. „Marc?“
„Nicht gut, Gretchen. Schlechter als ich gedacht habe. Er ist seit einer Woche auf der Intensivstation. Ich möchte später aber erst mit Cedric sprechen. Dein Vater scheint schon länger Probleme zu haben, hat diese aber wohl nicht ernst genommen.“
„Schon länger?“
„In seiner Akte sind Berichte von einer kardiologischen Praxis. Egal. Ohne Reha wird es diesmal nicht gehen und er wird einen Stellvertreter bekommen.“
„Sie werden ihn damit endgültig fertig machen.“
„Er wird es einsehen müssen, Gretchen. Wenn Du sehen würdest, was alles liegengeblieben ist, dann stellt sich die Frage, wann er diese ganze Arbeit überhaupt erledigt hat.“
„Vermutlich, weil ein Oberarzt ihm den Rücken frei gehalten hast? Eher geht Papa früher in Rente, als jemanden neben sich zu dulden.“
„Der Kasten muss aber laufen.“
„Ja, natürlich.“
„Der Typ von der StaBe ist in Ordnung. Aber er hat von Krankenhäusern keine Ahnung.“
„Vermutlich ein BWLer?“
„Ja.“
„Die konnte Papa schon immer gut leiden. Degradieren das Krankenhaus auf Zahlen.“
„Er könnte sich jetzt als Glücksfall herausstellen.“
„Hä?“
„Er hört zu. Er sieht gerade, dass ein Krankenhaus eben nicht nur Zahlen bedeutet.“
„Na dann viel Glück.“ Sarkasmus.
Marc lachte. „Danke für den Baobab, Gretchen! Sag Ephraim, dass er das toll hingekriegt hat. Er soll das Schnitzen in keinem Fall aufgeben! Und ich habe vorhin schon einen Rahmen für Deine Zeichnung gesucht, aber alles erschien mir unpassend.“

(„Woher weiß er, dass ich das gezeichnet habe?“)

Ihr Herz schlug plötzlich aufgeregt. „Du traust mir zu, sowas zu zeichnen?“
„Ist es nicht von Dir? Vor allem – von wem dann?“ Marc dachte einen Augenblick nach. „Du zeichnest doch auch alle Pflanzen, Blüten oder Samen in Dein Buch. Ich war mir sehr sicher, dass es aus Deiner Hand kommt. Der Text sowieso.“

(„Ich kann mich doch nicht so irren?“)

„Oh, ich hatte vergessen, dass Herr Doktor sich ja für ganzheitliche Medizin interessieren.“ Sie lachte. Marc hatte ihr gerne beim Zeichnen zugesehen. „Ja, natürlich habe ich den Baum gezeichnet.“
„Ich hätte mich schon sehr irren müssen. Aber ich liebe es. Beides, den Anhänger und das Bild.“
„Irgendwie finde ich es bezeichnend, dass es Dir diese Affenbäume...“ –
„Affenbrotbäume!“ –
„... wie auch immer, angetan haben. Als wir auf der Tour nach Banfora waren, haben wir diesen riesigen Baum gesehen und ich habe die Zeichnung für Dich angefertigt. Da hat Roula mir auch diese Legende erzählt. Ich finde sie passt irgendwie zu Dir.“
„Wirst Du gerade frech, Prinzessin?“ Marc lachte ins Telefon.

(„Mal sehen, was ihr jetzt wieder im Kopf herum spukt.“)

„Nein, Marc. Es passt, weil der Baobab anders sein wollte. Obwohl er so wie er ist, einfach perfekt ist. Seine Rinde ist so dick, dass er diesen Buschfeuern hier Stand halten kann. Die Bäume sind riesig und spenden viel Schatten. Ihre Blätter und Früchte sind vielseitig verwendbar. Er ist ein Segen, so wie er ist.
So wie Du.
Weißt Du, Marc, ich möchte nicht, dass Du irgendetwas tust, das Du glaubst tun zu müssen, weil ich es vielleicht gut fände. Ich möchte nicht, dass Marc Meier nicht Marc Meier ist. Schon gar nicht wegen mir. Also, doch, in einer Sache wäre es zwingend erforderlich, dass Marc Meier NICHT Marc Meier ist.“

(„Andere Frauen!“)

„Du weißt, was ich meine, oder?“

(„Andere Frauen!“)

„Nö.“
„Marc?“ Ihre Stimme verriet Anspannung.
„Sag´s halt.“ Er grinste in sich rein.

(„Ob sie jetzt schon in die 2. Phase des Experiments geht?“)

„Naja, Marc Meier war quasi Synonym für...“

(„Ich kann das nicht sagen...“)
(„Sprich es doch einfach aus...“)


„Gott?“
„Maaarc!“
„Oh, entschuldige. Du bist da ja in einer christlichen Mission... hm, also – Karriere?“
„Sag mal... nimmst Du mich gerade auf den Arm?“
„Nein. Ich versuche nur, Dich in Deinem medizinischen Experiment zu unterstützen.“ Er lachte.
„Arsch!“
„Hast Du nicht selbst gesagt, dass Du stolz bist, dass ich Dein O...“
„Obermacho warst?“
„Ich war?“
Sie lachte laut auf. „Nein, Doktor Meier, Du bist ein Macho und ich hoffe, das bleibt so. Nur lass die Frauen weg.“

Um Himmels Willen – NEIN!
Psssst


„Du bist weit weg, in der Tat!“
„Marc, ich finde das nicht komisch.“
„Ich finde das auch nicht komisch, Gretchen. Du fehlst mir seit dieser Scheißjeep Sanssouci verlassen hat. Dein Brief war toll. Du glaubst nicht, wie oft ich den gestern gelesen habe, wenn ich mich von der Zeichnung trennen konnte.“
„Marc...“
„Nein, lass mich gerade... ich weiß, was Du mir mit der Legende sagen willst. Deswegen bin ich auch wieder hier. Das Nichtstun war für eine Weile okay, da ich mit mir selbst beschäftigt war. Ich hätte mich auf nichts anderes konzentrieren können. Du weißt am besten, wie viel Kraft mich das mit Dir gekostet hat. Gefühle... dieses Beziehungsding. Wir. Dein Ausflug ins Land hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich das nur mit Dir kann. Trotzdem musste ich nach Hause.
In erster Linie ist Marc Meier Karriere, Gretchen. Ohne das kann ich nicht sein. Meine Arbeit war immer das Wichtigste in meinem Leben. Ich glaube nicht, dass ich das jemals anders sehe... Das ist der Baobab in mir.
Ich kann nicht einfach nur der Mann an Deiner Seite sein, so schön das auch die letzten Wochen war. Wie Du es geschrieben hast. Wir müssen beide noch viel lernen.“
„Aber... hm, ja. Die Legende gefiel mir, weil der Baum eben so perfekt ist, wie er ist. Ohne schlanke Figur...“

„Das bist wohl eher Du...?“ Marc lachte.

„Lässt Du mich bitte ausreden, Schatz? Also... ohne schlanke Figur, ohne leuchtende Blüten und ohne riesige Früchte. Jeder ist so wie er ist und das ist gut so. Ich glaube sogar, dass man nur gut sein kann, wenn man man selbst ist. Anders, oder jemand anders zu sein, strengt an und auf Dauer kann man das nicht durchhalten... Ich möchte nicht, dass Du glaubst, Dich wegen mir verändern zu müssen. Bleib Dir selbst treu, Marc – und mir natürlich auch.“ Er hörte ihr Glucksen.
„So wie Du bist, so wie Du warst, schlägt mein Herz seit fast 20 Jahren für Dich aber anders wärst Du vielleicht nicht mehr der Marc, in den ich mich unsterblich verliebt habe.“

(„Ich muss das hinkriegen. Für Sie. Für mich. Für uns!“)

Was für ein Schwachsinn!
Du kriegst das hin! Marc Meier schafft alles, was er will!


„Ich liebe Dich auch, Prinzessin. Von ganzem Herzen. Auch wenn ich noch nicht viel darüber weiß und keine Ahnung habe, wie groß das überhaupt sein kann. Und ich glaube nicht, dass Karriere und Marc Meier auch automatisch Affären bedeutet. Nein, Gretchen. Du bist die einzige Frau von allen mit denen ich im Bett war, die mein Herz berührt hat. Du hast es gestohlen. Du Fuchs. Füchslein. Nun wirst Du Dich darum kümmern müssen.“
„Sehr gerne, Marc!“

(„Ich hoffe, dass ich die Zeit ertragen kann ohne dass es zu Katastrophen kommt.“)

„Marc? Versuchst Du wieder anzurufen?“
„Ja, natürlich. Aber Du weißt, dass es auch passieren kann, dass ich mich erstmal komplett hinter meiner Arbeit verschanze?“
Sie lachte. „Natürlich. Mein Baobab.“ Sie kicherte. „Ich werde Dich Bob nennen.“
„Untersteh Dich!“
„Machs gut, Marc. Grüß bitte alle von mir, ja? Und – vergiss mich nicht.“
„Nein, Gretchen. Nie wieder werde ich das können!“

Papperlapapp

„Ich liebe Dich, Marc!“
„Hm, Du hast mir das nicht zufällig auf den AB gesprochen? Dann könnte ich mir das immer wieder anhören.“
„Und mich nicht mehr anrufen? Du spinnst ja.“
Marc lachte über Gretchens prompten Protest. „Ich habe es nicht abgehört, ich wollte erst sehen, ob ich Dich live erwische. Das ist nämlich 1000mal besser als von der Maschine. Aber in der Not tut es die dann auch.“
„Ich habe nicht angerufen, Marc. Du hast gesagt, Du meldest Dich. Also brauchte ich nur zu („lange“) warten.“
„Oh. Aber es weiß doch niemand, dass ich...“
„Wenn Du es abhörst, wirst Du es wissen.“
„Gute Idee, Hasenzahn.“
„Höre ich einen Unterton, der vage andeutet, dass Doktor Meier mich gerade auf den Arm nehmen will?“
„Nee, aber in den Arm wäre schön. Mach´s gut, Gretchen.“ Er zögerte kurz. „Ich liebe Dich, Prinzessin.“
„Ich liebe Dich auch, Marc. Bob!“
„Füchschen...?“

Der Gott der Telefonverbindung war nun der Meinung, dass er lange genug gnädig gewesen war. Und das ganz ohne Ziege! Es knackte ein paarmal in der Leitung, dann war es bis auf ein Rauschen still. Marc seufzte.

Karo Offline

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26.06.2017 15:27
#45 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.9 – Marc am EKH 2


Noch vor 16 Uhr war er wieder Krankenhaus. Im Zimmer des Stationsarztes musste er feststellen, dass seine Arztkittel fehlten. Bestimmt hatte Cedric die in der Reinigung abgeben lassen. Ob Sabine Bescheid wusste? Marc grinste, er würde der Krankenschwester jetzt mal einen gehörigen Schrecken einjagen! Er stellte sich in die Nähe des Stationszimmers:
„SABINE!!!“

Die Angebrüllte fiel vor Schreck fast vom Stuhl. Doktor Meier war doch eben erst wieder da, was konnte sie denn direkt falsch gemacht haben?
„J-Ja, Doktor Meier?“
„Reingelegt, Schwester Sabine.“ Der Chirurg lachte aus vollem Hals. „Entschuldigung, das musste einfach sein.“

Sabine verstand nicht direkt aber da Marc nicht aufhören konnte, über seinen eigenen Spaß zu lachen, entspannte sich die kleine Frau bald wieder.

„Aber vielleicht haben Sie eine Ahnung, wo meine Sachen sind?“
„Ja, die sind in der Umkleide in einem freien Spint. Doktor Stier wollte die Sachen nicht im Büro haben, nachdem die Wäscherei die wieder hochgeschickt hatte.“ Sie zeigte dem Oberarzt den besagten Schrank, wo seine Arbeitskleidung sauber und ordentlich aufgehängt vorfand. „Also dann sind Sie jetzt...?“
„Ja, Sabine. Doktor Stier wird sich dann eben jetzt an die Sachen gewöhnen müssen.“
„Oh, das freut mich! Ich bringe Ihnen die Sachen später rüber.“
„Ich mache das schon, Sabine.“
„Aber Doktor Meier - das... haben Sie doch... noch nie selbst gemacht... Ihre Sachen weggeräumt!“
„Meinen Sie nicht, dass es dann mal Zeit wird?“
„Nein, wirklich, Doktor Meier! Lassen Sie mir den Spaß – Sie hatten gerade ja auch Ihren.“ Sie sah ihn verschwörerisch an.

(„Sie will Cedric eins auswischen?“)

„Na gut, meinetwegen. Aber einen darf ich schon mal benutzen?“ Er zog sich grinsend einen Kittel über – perfekt!

„Willkommen zurück, Doktor Meier!“

„Sabine?!“ Vom Gang her wurde Sabines Name gerufen. Ein unbekannter Arzt stand plötzlich im Stationszimmer und sah sich um. „Sabine?“
„Umkleide, Herr Stern.“
„Sabine, warum ist Frau Niederwasser immer noch hier? Das ist doch Wahnsinn... Ich dachte, Doktor Brickmann wollte gestern noch mit Doktor Hundt sprechen, dass wir sie auf die Gyn verlegen?“
„Das habe ich schon Doktor Knechtelsdörfer gefragt, er wollte sich drum kümmern.“
„Knechtelsdörfer?“

„Knechtelsdörfer? Und wer ist Doktor Brickmann?“

Der junge Assistenzarzt fuhr erschreckt herum, als er eine unerwartete Stimme als Echo hörte. „Bitte?“

„Herr Stern, das ist Doktor Meier, der Oberarzt, für den Doktor Stier vertretungsweise hier war.“ Sabine betonte ´war` wie eine Anordnung. „Doktor Meier, das ist Carsten Stern, Assistenzarzt auf dieser Station.“

(„Gretchens Ersatz.“)

„Sehr erfreut, Doktor Meier, ich habe schon viel von Ihnen gehört.“
„Das Meiste von mir und bestimmt nur Gutes!“ Sabine grinste verschwörerisch. „Frau Niederwasser hatte einen Unfall. Allerdings ist sie schwanger und...“
„...unverständlicherweise seit zwei Tagen auf meiner Station?“ Marc hatte sich die Patientenkurve genommen und überflog das Protokoll. „Um Ihre Worte zu benutzen – das IST Wahnsinn. Wenn nicht sogar ein riesiger Leichtsinn.“ Marc griff zum Telefon.
„So, das wäre geklärt, die Patientin geht sofort auf die Gyn. Wann sagten Sie ist Doktor Stier im Haus?“

„Er kommt frühestens gegen 16 Uhr – also wenn keine OP für ihn vorgesehen ist.“
„Nach Lust und Laune oder wie?“
„Naja...“ Sabine sagte lieber nichts.
Aber Doktor Meier hatte verstanden. „Hm. Gut. Gibt es sonst fragliche Anordnungen oder Probleme?“
„Nein. Danke, Doktor Meier.“ Carsten Stern war sich nicht ganz sicher, ob er das gerade gut finden sollte. Das war bestimmt nicht im Sinne von Doktor Brickmann.
„Schon gut.“ Marc erkannte die Unsicherheit bei dem jungen Arzt. „Eine Fehlgeburt kann auch nicht im Sinne der Station sein. Wer ist jetzt Doktor Brickmann?“
„Frau Doktor Brickmann arbeitet hier zur Probe. Sie könnte Doktor Rössel ersetzen, wenn der in den Ruhestand geht.“
Auf Sabines Erklärung nickte er kurz, davon hatte Herr Ullstein berichtet. Dann war er bereits auf dem Weg zur Tür. „Dann bin ich jetzt erstmal in meinem Büro, mir einen Überblick verschaffen. Bis später!“

Noch bevor er das Arztbüro erreichte, signalisierte ein Vibrieren die Ankunft einer SMS.

Ich habe vergessen, Dir ganz liebe Grüße von Mehdi auszurichten. Das sei hiermit getan. Er vermisst Dich glaube ich auch richtig doll. Gretchen.

Karo Offline

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26.06.2017 15:31
#46 RE: Story von Karo Zitat · antworten

AFRIKA


September 4.10 – Gretchen und Mehdi 1


„Na, wie geht es Dir?“ Mehdi legte seinen Arm um Gretchens Schultern und zog sie fürsorglich an sich. Schnell wand sie sich aus dieser Umarmung. „Er hat vorhin angerufen. In Deutschland herrscht Sibirien und er hat wieder richtiges Bier. Und Bundesliga.“ Gretchen grinste und auch Mehdi musste lachen. „Ah ja... die BF-Kombi...“
„BF-Kombi?“
„Bier und Fußball oder...“
Gretchens blaue Augen warnten ihn davor, fortzufahren, doch...
„Bumsen und Ficken.“
„Mehdi... genau sowas will ich gerade nicht hören!“
„Dann frag halt nicht.“
„Was habe ich?“
„Nicht mit Worten. Aber ich kann in Deinen Augen lesen.“

(„Der spinnt doch!“)

„Dann lies jetzt mal.“

(„Lass mich in Ruhe und nimm mich nicht ständig in den Arm!“)

„Da steht, Du möchtest heute mit mir den Wein aus Ouaga trinken.“
„Jaaa... genau. Wo ich gerade eh Magenprobleme habe.“ Sie schüttelte energisch ihre blonden Locken. „Mit Dir werde ich nie wieder Wein trinken, Mehdi Kaan. Außerdem – warum fragst Du nicht Gina?“
„Wieso Gina?“
„Äh, ihr teilt ein Bett?“
„Nicht mit jedem, mit dem ich ein Bett teile, teile ich auch Wein.“
„Aber andersrum schon? Vergiss es. Es gibt durchaus Fehler, die man mehrfach macht. Diesen aber nicht.“
„Das war kein Fehler, Gretchen.“
„Doch, Mehdi. Ich bin mir sicher, dass ich ohne den Alkohol nie mit Dir im Bett gelandet wäre. Und Du weißt es auch.“
„Ich bin Dein Freund, Gretchen. Ich bin für Dich da, wenn Du jemanden brauchst.“
„Jemand wäre in diesem Fall Marc. Aber es geht, Mehdi, danke.“ Sie wand sich erneut aus dem langen Männerarm, der wie selbstverständlich den Weg um ihren Körper fand. „Dieser Moment wäre eh gekommen, früher oder später. Da mein Vater ihn braucht komme ich damit klar.“
„Trotzdem, wenn Du...“
„Mehdi! Stopp! Lauf bitte nicht die ganze Zeit hinter mir her, als müsste ich bewacht werden. Ich komme klar.“ Damit schob sie den Gynäkologen energisch auf eine Armlänge weg. „Wolltest Du nicht Fußball spielen?“
„Ich? Bist Du wahnsinnig? Freiwillig niemals.“

(„Hä? Hatte Mehdi den Jungs nicht versprochen, weiter mit ihnen zu spielen?“)

Karo Offline

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30.06.2017 23:14
#47 RE: Story von Karo Zitat · antworten

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September 4.11 – Marc und Cedric 1


Wie fast jeden Tag betrat Doktor Stier die Chirurgie erst kurz nach 16 Uhr, wenn Sabine ihre Kaffeepause mit Doktor Gummersbach verbrachte, denn dann hatte er noch etwas Karenzzeit, bis sie ihm auf die Nerven ging. Er fragte sich wirklich, wie es Marc mit dieser Person schon so lange aushielt. Er sah nur kurz in sein Postfach, entschied, dass alles unwichtig war und nicht dringend erledigt werden musste. Anschließend nahm er sich einen Kaffee und zog sich unauffällig in sein Büro zurück. Schnüffelte – war jemand hier gewesen?
Alles lag noch so, wie er es gestern Abend verlassen hatte.

***
In der ersten Phase seines Burn Out-Syndroms hatte er stressbedingt einen Tinnitus gehabt, den er glücklicherweise überstanden hatte. Nach den Ohren machten die Augen Probleme. Seine Sehstörungen waren ebenso stressbedingt wie der Tremor, der ihn zeitweise befürchten ließ, berufsunfähig zu sein. Nur seine Magen- und Geschmacksprobleme waren den vielen unterschiedlichen Medikamenten zuzuschreiben, das wusste er selbst. Sonst hätten sich die Ärzte bestimmt mit „Stress“ herausgewunden.
Fing jetzt seine Nase an? Wann wollte Marc nochmal zurückkommen? Er musste Herrn Ullstein oder besser den Professor nochmal darauf ansprechen. Seine Grenze schien wieder erreicht zu sein.

Er war sehr überrascht gewesen, wie leicht es sich Ärzte machten. Würde er mit einem eingewachsenen Zehennagel zum Arzt gehen und in seiner Akte stünde Burn Out – dann war die Ursache klar – Stress! Eine solche Beurteilung konnten sie sich als Chirurgen nicht leisten.

Apropos... nicht leisten... Er drehte sich zum Computer.

Moment!

Hier war jemand gewesen. Warum war der PC bereits hochgefahren?

In dem Moment klopfte es und die nervige Krankenschwester kam herein. „Guten Tag, Doktor Stier, ich wollte nur die Sachen von Doktor Meier bringen.“
„Wie Doktor Meier? Ist der wieder zurück? So plötzlich?“
„Ja, er macht gerade einen Rundgang durchs Krankenhaus.“
„Es gibt also doch einen Gott!“

„Natürlich, hast Du an mir gezweifelt? Dass ich das erleben darf – Cedric Stier nennt mich “einen Gott“!?“ Marc stand amüsiert in der Tür.
„Spinner! Ich meinte den, der mich gerade erhört hat, dass Du zurück bist! Ich nehme an, Du warst hier dran?“
„Ja, natürlich. Ich dachte, ich steige gleich mal wieder mit ein.“
„Das ist erfreulich zu hören! Aber weniger erfreulich ist, dass Frau Niederwasser erst heute auf die Gyn verlegt wurde?“
Diese Frage ging an die Krankenschwester. Sabine wusste allerdings nicht, was der Chirurg von ihr wollte. „Ja?“
„Wie ja? Warum nicht gestern?“
„Äh, das hat niemand so gesagt?“
„Doch, Schwester Sabine, das habe ich gestern so Doktor Brickmann mitgeteilt. Nach allen Untersuchungen sollte die Patientin zu Doktor Hundt verlegt werden.“
„Äh...!“
„Wie äh?“
„Sie sagte, dass sie das ohne Doktor Hundt nicht veranlassen könnte, sie würde sich aber darum kümmern... Dann meinte Doktor Knechtelsdörfer, er wollte sich darum kümmern. Der musste aber in den OP und...“
„Sabine!“
„Sabine!“

Die zwei Chirurgen stutzten, grinsten sich dann an.
„Äh, ja... dann hat sich vorhin Doktor Meier darum gekümmert.“
„Ah ja. Sehr schön. Aber jetzt ist sie sicher dort? Oder muss man befürchten, dass sie einfach irgendwo auf dem Gang abgestellt wurde?“
„Nein, Doktor Stier, sie ist auch in der Gyn angekommen. Etwas anderes würde Doktor Meier nicht akzeptieren.“
„Gut, dass Sie das wissen!“ Marc grinste in sich hinein.
„Ich schon, oder wie?“ Cedric schnitt eine Grimasse.

Sabine antwortete nicht, stattdessen erledigte sie lieber ihr Vorhaben und räumte die Arztkleidung ordentlich an vorgesehenen Platz. Schade, sie hatte gehofft, dass Doktor Stier sich aufregen würde. Aber der schien ganz froh zu sein, dass Doktor Meier so unangekündigt wieder ins Geschehen eingriff. Sie nickte den Chirurgen zu und verließ das Arztzimmer. Ob sie wohl... Ihrer Natur folgend blieb Sabine einfach vor der Tür stehen und versuchte zu hören, was drinnen gesprochen wurde.

***
„Marc – Willkommen zurück!“
„Das klingt fast so, als könnte ich das glauben?“
„Glaub was Du willst, aber ich bin echt froh, Dich zu sehen. Seit wann bist Du wieder da?“
„Seit gestern. Wie es aussieht auch keinen Tag zu spät... hier läuft ja einiges nicht so richtig...“
„Höre ich da sowas wie einen Vorwurf?“
„Wie kann man so arbeiten?“
„Pfff... Ich hatte keine Vorstellung davon, wie wenig belastbar ich bin, mit den 30 Stunden habe ich schon heftig zu tun. Ich brauche Dir ja nichts über unsere Arbeit zu erzählen.“
„Nein. Ehrlichgesagt – erzähl mir was über Deine Arbeit. Ich meine den Professor. In seiner Kartei steht ein externer Besuch beim Kardiologen?“
„Du hast mit ihm gesprochen?“
„Er ist nicht ansprechbar aber ich kenne ihn lange genug. Er war immer fit und vital. Nach seinem Herzinfarkt ist er schnell wieder voll eingestiegen, ohne Reha, ohne alles. Da ging es ihm aber definitiv gut, eine neun auf einer 10er Skala. Erst nach dem Affenvirus hatte ich das Gefühl, dass er sich schwer erholt. Aber so wie er jetzt aussieht kann er nicht jeden Tag zwölf Stunden durch die Klinik toben. Momentan ist nicht mal an eine Stunde denken...“
„Ich habe ihm empfohlen, auf Dauer kürzer zu treten und bald eine deutliche Pause zu machen, im Grunde egal ob Urlaub oder Reha. Hauptsache mal Ruhe. Als ich ihn vor zwei Wochen nach einem Stellvertreter gefragt habe, da hat er mich glatt aus seinem Büro geworfen.“

„Oh das überrascht mich jetzt wenig. Er leitet die Klinik seit 20 Jahren im Alleingang. Aber diese Idee hatte ich auch schon im Kopf. Allerdings hat mir da seine Tochter schon den Kopf gewaschen...“ Marc erinnerte sich an das Gespräch mit Gretchen. Sie war ebenso empört gewesen, wie es der Professor wohl gewesen war. Vater und Tochter – den einen schätzte er wie kaum einen anderen Menschen, die andere liebte er, wie er nie zuvor geliebt hatte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an die blonde Ärztin dachte. Große blaue Augen, volle, weiche Lippen, die ihm das schönste Lachen schenkten, dass er kannte.

(„Gretchen!“)

„Hej Meier! Hier wird nicht geträumt!“ Cedric rief ihn mit einem sehr breiten Grinsen in die Realität. „Wie ich sehe geht es Dir auch gut?“
„Ja, Cedric. Mit ihr zu gehen war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“
„Das sieht man Marc! Ich freue mich wirklich für Dich – und für mich ist Deine Rückkehr die beste Entscheidung. Sag mir bitte einfach bald, wann ich morgens nicht aufstehen brauche.“

(„So einfach streicht Cedric Stier die Segel?“)

„Wo ist Dein Kampfgeist hin?“

Der Kardiologe zuckte mit den Schultern.

„Vergiss es, Cedric! Da ist viel zu viel liegengeblieben, das aufgearbeitet werden muss – von Dir!“
„Wie gut, dass für solche Gespräche der Ullstein zuständig ist. Wenn ich nicht muss werde ich hier garantiert nicht jeden Tag antanzen... Im Gegenteil... Reduziert mich um mindestens zehn Stunden pro Woche – oder nach Bedarf, Wochenende, Nachtschicht, von mir aus auch für OPs. Mehr nicht!“
Marc war ehrlich erstaunt – über sein eigenes Gefühl der Betroffenheit, als er den einst nimmermüden Kontrahenten so sprechen hörte. „Ist es wirklich so schlimm? Oder scheust Du, mit mir in Konkurrenz zu treten?“ Nochmal versuchte er an den alten Konkurrenzkampf zu appellieren.
Cedric grinste. „Tut mir sehr leid, Alter... momentan könnte ich nicht mal gegen ein schlafendes Dornröschen antreten...“
„Für solche Gespräche ist in der Tat Herr Ullstein der richtige Ansprechpartner. Auch wenn ich spontan Ideen habe, wie wir Dich beschäftigen können... vielleicht können wir Dich dann wieder hochziehen, wenn Rössel im Februar in Rente geht?“

Was redest Du da? Du versuchst nicht gerade diesen Dreckskerl zu halten?
Warum denn nicht?
Man holt sich den Feind nicht extra ins Haus?
Einen Feind? Momentan ist der nicht mal Konkurrenz für Dich.
Natürlich nicht – es gibt niemanden, der uns das Wasser reichen kann!
Was machst Du dann gerade für ein Theater?


Marc hielt sich den Kopf, als könne er so den Stimmen Einhalt gebieten. Cedric beobachtete ihn stumm, sprach dann weiter. „Danke für die Überlegung und den Versuch, mich nicht einfach abzuschieben. Aber – über sowas machst Du Dir Gedanken? Ich habe ja schon gemerkt, dass Du sowas wie Everybody´s Darling bist, aber dass Du in solche Entscheidungen einbezogen wirst?“

Bis hierhin und nicht weiter! Doktor Meier ist nicht Everybody´s Darling. Nie und nimmer. Wir müssen unbedingt an Deinem Ruf arbeiten!

„Oho. Nein, bestimmt nicht. Entscheidungen trifft wenn überhaupt die StaBe. Oder der Professor. Mit dem ich allerdings lange genug zusammen arbeite, um eine Vorstellung von seinen Vorstellungen zu haben. Im Moment haben wir beide einen Vertrag als Oberarzt.“
„Mein Vertrag gilt für drei Monate!“
„Cedric – die StaBe wäre bescheuert, wenn sie Dich einfach wieder so streichen würde. Vor allem im Hinblick auf die Nachbarschaft...!“
Cedric grinste. „Guck mal einer an, der Meier kann durchaus Verantwortung übernehmen...“ Er nahm einen roten Stift und malte ein Kreuz in den Kalender. „Und dann machst Du mir auch noch ein Kompliment?“
„Gott ist heute gnädig. Aber gewöhn Dich nicht dran. – Bier?“ Er griff nach der Schreibtischschublade.

„Marc Meier, es ist noch vor 17 Uhr?“
„Na und? Ich habe fast vier Wochen kaum ordentliches Bier getrunken – Hirsebier ist nicht so nach meinem Geschmack.“
„Ist eh alkoholfrei. Na dann – Prost Marc! Auf Deine Rückkehr.“
„Prost Cedric! Auf Deinen Verbleib!“

***
Nach einer kurzen Pause hakte Marc nach, schließlich vertrugen manche Sachen keinen Aufschub. „Wenn Du Dir Deine Zeit frei einteilen kannst, hast Du das Gefühl, dass es Dir dann besser geht?“
„Ja, in jedem Fall. Warum?“
Marc schwieg, er war in Gedanken schon wieder bei dem Tisch mit dem unbearbeiteten Papierkram.
„He, Meier. Wenn Du so eine Frage stellst, dann bezweckst Du was damit.“
„Was stört Dich genau?“
„Ich kann nicht planen, wann es mir gut geht und wann nicht. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass ich vor Erschöpfung nicht mal sitzen kann, an anderen Tagen geht es mir blendend. Keine Ahnung, wovon die vielen Tiefs und die selteneren Hochs abhängig sind. Deswegen fange ich meistens erst um 16 Uhr an, das schaffe ich in jedem Fall irgendwie pünktlich. Wenn wir morgens eine OP auf dem Plan haben, dann schlafe ich hier, dass ich geweckt werde. Anders kann es passieren, dass die OP ohne mich stattfinden müsste. Wenn ich nicht zu erschöpft bin, dann besteht immer noch die Gefahr, dass ich es vergesse. Mein Kopf ist bei weitem nicht so fit wie vor dem Zusammenbruch. Es erscheint mir einfach nichts wichtig genug. Ich wüsste gerne, ob es mit einer Fließbandarbeit besser ginge. Einfach mechanisch immer den gleichen Handgriff... zumindest ohne zeitlichen Druck und ohne ständige Geräuschkulisse.“
„Hm.“ Marc sah den Kollegen zögernd an. „Fließbandarbeit... und so ähnlich?“
Cedric schmunzelte. „Na spuck´s schon aus! Du nimmst doch sonst kein Blatt vor den Mund.“
„Mal abgesehen von Fällen, wo wir Dich tatsächlich als Arzt bräuchten – wäre Dir ein Bürojob lieber? Im Büro des Professors türmen sich die Akten von knapp drei Wochen...?“
„Hm.“
„Was, hm?“
„Ich wundere mich gerade, dass ich Dir nicht an die Gurgel gehe...?“
„Vorsicht mit Gotteslästerung...“

Cedric sah Marc lange an. „Theoretisch wäre es da ja egal, wann ich die bearbeite?“
„Naja... bald sollte es schon sein.“
„Ich meine... nachts zum Beispiel. Den Akten ist das egal, wann ich mich mit ihnen beschäftige.“
„Warum kommt mir gerade eine weitere Idee dazu?“
„Warum kommt mir gerade eine Sorgenfalte dazu?“ Er vermutete richtig.
„Dann drücke ich Dir den nächtlichen Hintergrunddienst aufs Auge. Die Assistenzärzte könnten sich gut abwechseln, wenn ich weiß, dass zur Not jemand da ist, der sofort zur Stelle ist. So wie es jetzt ist, kann man nur von einer großen Katastrophe reden.“
„Lass mich darüber nachdenken, ja? Vielleicht muss ich es auch einfach ausprobieren.“
„Ausprobieren fände ich toll. Ab heute Nacht?“ Er sah Cedric an. „Zeit zum Nachdenken ist gerade etwas, das hier komplett fehlt. Wie auch ein vernünftiger Einsatzplan. Kannst Du mir sagen, was das ist?“ Er hielt Cedric einen ausgedruckten Zettel hin.
„Der Plan vom Wochenanfang. Die Praxis sieht anders aus.“
„Aha, warum?“
„Warum?“ Cedric verstand Marcs Frage nicht.
„Die Theorie sieht vernünftig aus, in der Praxis finde ich eine Lernschwester alleine auf der Station. Und einen ebenso neuen Assistenzarzt.“
Cedric drehte den Monitor zu sich. „Hm. Ich hätte jetzt auf Not-OP getippt. Die Frage ist, wo sich Doktor Knechtelsdörfer herumtreibt? Herr Stern war in der Notaufnahme eingeteilt, Doktor Knechtelsdörfer sollte auf Station sein. Doktor Brickmann da, wo sie gebraucht wird. Doktor Hassmann ist auch meistens für die Unfallaufnahme in Bereitschaft.“
„Das habe ich schon gehört. Sabine redete sehr wohlwollend darüber.“
„Hör mir auf... ich habe keine Ahnung, wie Du das schon so lange mit ihr aushältst. Sie belegt Platz 1 auf meinem Stressauslösebarometer.“
„Wer? Die Hassmann?“
„Sabine!“
„Ach so. Man gewöhnt sich dran. Außerdem...“ Marc hielt inne.

(„...ist sie immer ein gutes Opfer!“)

„Außerdem?“ Der Kardiologe grinste. Er ahnte, was sein Kumpel aus Studienzeiten sagen wollte.
„Nichts. Erzähl mir etwas über Doktor Brickmann?“
„Ließ selbst.“ Cedric schob eine blaue Mappe über den Tisch. „Fachlich nichts gegen einzuwenden. 10 Jahre Unfallkrankenhaus in Fulda.“
„Fachlich nichts gegen einzuwenden?“ Marc zog eine Augenbraue nach oben.

„Ihr Mann wird nach Berlin versetzt, deswegen sucht sie hier eine Stelle. Ich weiß aus verschiedenen Quellen, dass sie sich bei Professor Liebenburg für die Chirurgische Leitung beworben hatte.“
„Nordstadt-Krankenhaus?“
„Ja. Aber die haben einen erfahrenen Kollegen aus Hamburg bevorzugt. Die Charité hat sie ebenfalls als Oberärztin abgelehnt. Ich habe auch noch ein wenig nachgeforscht – in den 10 Jahren in Fulda hat man zweimal passende Oberarztstellen an ihr vorbei neu besetzt. Scheint also nicht die geeignetste Kandidatin für Führungsposten zu sein.“
„Das ist ja auch nicht ausgeschrieben. Soweit ich weiß soll sie eventuell Rössel ersetzen.“
„Das kannst Du knicken. Sie ist jetzt die zweite Woche hier und redet schon ordentlich rein und macht sich unbeliebt. Doktor Rössel hingegen ist pflegeleicht und anspruchslos. Ohne das negativ zu meinen. Chirurg halt. Operiert, was auf den Tisch kommt und erledigt alles solide und zuverlässig. Da sehe ich Doktor Brickmann definitiv nicht. Bestes Beispiel Frau Niederwasser. Aber vielleicht wird es besser, wenn Du wieder die Station leitest? Ich kann das nicht leisten. Dafür bin ich erstens zu wenig da, zweitens habe ich keine Kraft dafür, solche Kämpfe auszutragen.“
„Hm, aber wir sollten schon an einem Strang ziehen?“
„Ehrlich gesagt, wenn überhaupt, dann ziehe ich an Deinem.“ Cedric grinste. „Wer hätte das vor ein paar Monaten gedacht, da haben wir uns noch auf Wettkämpfe eingelassen.“
„Und Gott hat gewonnen.“ Auch Marc grinste. Die Wette um Gretchen und die Herz-OP. Drei Tage später war Cedrics Schwester gestorben. „Eh, tut mir Leid...“

Gott muss sich nicht entschuldigen
Doktor Meier schon. Ein Freund sowieso
Pfff... der einzige Freund, um den Du Dich kümmern solltest, ist Dein „kleiner Freund“


„Überleg Dir das mit der Nachtschicht – heute lieber als morgen. Wie ist der neue Assi?“
„Herr Stern? Ganz gut, denke ich. Das kann ich aber nicht wirklich beurteilen, dafür arbeite ich zu wenig mit ihm zusammen. Manchmal glaube ich, er kann sich unsichtbar machen. Während ein Knechtelsdörfer immer vorne mit dabei ist. Zugegeben, er ist nicht der beste, aber sicherlich sehr engagiert.“

(„Vermutlich reißt er einfach alles an sich.“)

„Wer hat sich denn um die Einteilung der Assistenten gekümmert?“
Cedric schnaufte und zeigte auf den Schichtplan. „Das hier funktioniert ja schon nur sehr flexibel. Die sind halt da, wo gerade jemand gebraucht wird.“
„Naja, dann bin ich mal auf die abendliche Stationsübergabe gespannt. – Immer noch 19 Uhr, wie früher?“
„In der Regel schon.“
„In – der – Regel – schon?“ Marc dehnte jedes Wort.
„Oft ist so viel zu tun, dass die Berichte noch nicht vollständig da sind. Dann bringt das wenig...“
„Ich war nur drei Wochen weg. Gerade kommt es mir so vor, als wären es drei Jahre gewesen... Aber dann wundert mich das auch nicht, dass Frau Niederwasser nicht früher verlegt wurde.“
„Ich bin gespannt, was Doktor Hundt dazu sagen wird. Die ist taff, sage ich Dir. Auf der Gyn läuft es.“
„Ich habe Gabi vorhin getroffen, sie drückte es ähnlich aus.“ Marc legte den Kopf in den Nacken. „Wenn Gabi schon Respekt hat...“ Er lachte und stand auf. „Ich werde mal noch eine kleine Runde drehen. Du bist um 19 Uhr dabei, verstanden?“
„Ja, wenn ich...“
„Nööööp!“
„Bitte?“
„Mein Strang, Doktor Stier. 19 Uhr Stationszimmer.“

***
Er wartete keine Zustimmung mehr ab. Sein Weg führte den Chirurgen über die Intensivstation, wo Professor Haase immer noch schlief, in die Notaufnahme. Dort füllte der neue Assistenzarzt gerade fluchend Dokumente aus. „Mist, verdammter.“
„Herr Stern?“
„Doktor Meier, kann ich etwas für Sie tun?“
„Das klang eben eher so als könnte man was für Sie tun.“
„Ordentlich schreiben wäre eine Hilfe.“
Marc sah sich das handgeschriebene Protokoll an. Das Papier enthielt zu viele nicht ausgefüllte Felder. „Ordentlich ausfüllen wäre besser.“ Er blätterte die Seite um. Wie er durch die unbekannte Handschrift vermutet hatte, fand er die Unterschrift von Doktor Brickmann darunter.
„Das können Sie getrost der Kollegin liegen lassen.“
„Dann ist es zur Übergabe aber nicht fertig.“
„Was wollen Sie denn da übergeben? Mehr als die persönlichen Daten des Patienten sind da ja eh nicht drauf. Wo ist Doktor Brickmann?“
„Mit diesem Patienten im OP...?“
„Im OP. Eine kleine Sightseeingtour? Oder rein prophylaktisch?“
„Ich habe keine Ahnung.“ Der junge Assistenzarzt wirkte eingeschüchtert und seufzte.
„Genau. Eben deswegen soll Doktor Brickmann ihre Berichte selbst schreiben. Da hier nichts dokumentiert ist, können Sie ihr nicht mal zu arbeiten.“ Marc grinste. „Ich lasse in der Regel auch die Berichte von den Assistenzärzten schreiben aber dann gibt es auch Daten.“
Im nächsten Moment wurde ein Rettungswagen angekündigt. „Sehen Sie, es gibt anderes zu tun.“
Auch wenn Doktor Meier Recht hatte fühlte sich Carsten Stern nicht wohl in seiner Haut. Doch er hatte keine Zeit, sich weitere Gedanken zu machen, der Krankenwagen fuhr schon die Rampe hinauf.

Karo Offline

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04.07.2017 20:47
#48 RE: Story von Karo Zitat · antworten

PATIENTEN


September 4.12 – Ole Thielenbruch


Carsten Stern fing ohne zu zögern an, einen Jungen zu versorgen, der beim Fußballtraining gestolpert war. Marc beobachtete den Jungmediziner eine Weile still, dann besann er sich auf seine Verantwortung. „Was haben wir hier?“
„Das ist Ole Thielenbruch. Er ist beim Fußballtraining gestolpert. Im Fallen hat er sich das rechte Knie verdreht. Laut dem Notarzt beschränken sich die Symptome auf Knie- beziehungsweise Sprunggelenke. Der Oberkörper, besonders die rechte Schulter, auf die Ole gefallen ist, sind palpatorisch beschwerdefrei. Die betroffenen Gelenke sind ohne sichtbare Hämatome leicht geschwollen. Die Funktions- und Stabilitätstests lassen auf eine Bandverletzung ersten Grates schließen, trotzdem würde ich zur Sicherheit röntgen. Da das Knie betroffen ist halte ich außerdem eine Kernspintomographie für sinnvoll.“

Marc untersuchte den Jungen gründlich und stimmte dann dem Vorschlag des Assistenzarztes zu.
„Warum untersuchst Du mich nochmal? Glaubst Du ihm nicht?“ Der Dreikäsehoch sah ihn forschend an.
„Das hat damit nichts zu tun. Aber zwei sehen mehr als einer.“
„Stimmt ja nicht, oder siehst Du noch was anderes?“
Marc war verblüfft, der Assistenzarzt antwortete an seiner Stelle. „Von hier aus nicht, jetzt machen wir noch ein paar andere Untersuchungen, dass wir auch in Dein Knie gucken können.“
„Ihhh...“
„Ich hatte jetzt eher mit der Frage gerechnet, ob das weh tut?“
„Und tut das weh?“
„Nein.“
„Aber ihhh ist es trotzdem.“
„Ihhh – wie – interessant?“
„Weiß nicht.“

Was sollte er hier?! „Wie ich sehe, kommen Sie zurecht. In der Radiologie sind Sie angemeldet. Rufen Sie mich bitte, wenn Sie die Bilder vorliegen haben.“
„Mache ich, Doktor Meier.“

(„Ein Lichtblick. Er scheint zu wissen was er tut!“)

Marcs Magen knurrte.

(„Dann überbrücke ich die Zeit doch in der Cafeteria.“)

Natürlich kam er nicht weit.
„Doktor Meier? Hier ist die Mutter des Jungen der eben eingeliefert wurde.“ Eine Krankenschwester zeigte der besorgten Frau den Weg.
„Frau Thielenbruch? Ich bin Doktor Meier.“
„Was ist mit Ole?“

(„Guten Tag wird in so einer Situation vermutlich überbewertet...!“)

„Nichts Schlimmes bisher. Vermutlich hat er sich nur eine...“
„Vermutlich?“
„Äh... ja, bisher deutet alles auf eine schmerzhafte aber unproblematische Bänderdehnung hin. Ole wird gerade zur Sicherheit geröntgt, einfach um einen Bruch auszuschließen.“
„Ein Bruch? Und Sie sagen, er hat nichts Schlimmes?“
„Zur Sicherheit, Frau Thielenbruch. Außerdem wäre ein Bruch kein Beinbru... äh... nicht so wild. Wichtig ist, dass das Knie nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dafür haben wir eine Kern... hm, eine weitere bildgebende Untersuchung veranlasst.“

(„Wenn ich Kernspin sage, dann brüllt sie mir nur noch ins andere Ohr.“)

„Das wird etwa 20 Minuten dauern, Ole wird wieder hier hin gebracht. Bei den Stühlen finden Sie auch was zu trinken.“
„Wie könne Sie denn jetzt an Essen denken?“
„Hm, ich sagte trinken. Aber Essen ist ein gutes Stichwort.“ Zur Bestätigung knurrte Marcs Magen.
„Sie lassen mich jetzt nicht wirklich hier stehen?“

(„Sie sind nicht der Typ Frau, den ich flachlegen würde...“)

(„Äh, flachgelegt hätte!“)

Juhuuu. Du bist auf dem richtigen Weg.
Genau, mit Gretchen an Deiner Seite.
Quatsch. Die ist weit weg. Spaß kannst Du trotzdem haben.


Marc befahl einer Schwester, der Mutter zu zeigen, wo sie warten konnte. Er selbst zog sich mit Kaffee und einem belegten Brötchen in eine geschützte Ecke der Cafeteria zurück. Er hatte bisher nicht mehr getan, als sich einen Überblick zu verschaffen und war jetzt schon richtig k.o.

(„Die Reise steckt mir noch in den Knochen, aber ich komme wirklich keinen Tag zu spät!“)

Während er das zähe Brötchen aß beobachtete er die Kollegen. Die wenigsten nahmen Notiz von ihm, manche grüßten. Niemand setzte sich zu ihm. Eine unbekannte Ärztin mit braunen, schulterlangen Haaren fiel ihm auf. Als sie sich umdrehte, sah er ihren Babybauch. Das musste Doktor Hundt sein. Kurze Zeit später gesellte sich die Neurochirurgin Maria Hassmann dazu. Die beiden schienen sich gut zu verstehen. Sie unterhielten sich angeregt und lachten immer wieder. Das durchdringende Geräusch seines Piepers riss ihn aus den Gedanken.

(„Mal sehen, was Herr Stern zu sagen hat.“)

Als der Chirurg fünf Minuten später wieder in der Unfallaufnahme ankam trug der Junge schon eine stabilisierende Bandage um Knie und Sprunggelenk. Der Assistenzarzt erklärte gerade, wie sich Mutter und Sohn verhalten sollten. „Also, wie merkst Du Dir, was gut für Deine Bänder ist?“
„Mann, ist doch einfach. PECH – ja, das habe ich wohl gehabt.“
„Oder Glück, dass nichts Schlimmes passiert ist. Du wirst zwar noch länger Schmerzen haben, aber die werden Dich daran erinnern, dass Deine Bänder jetzt viel Ruhe brauchen.“
„Ja, ich habe das verstanden. P für Pause, E für Eis – Mama hast Du gehört? Ich soll viel Eis essen.“
An dieser Stelle lachten beide Ärzte herzhaft über die Interpretation des Kindes. Marc legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Aber pack gelegentlich auch ein Kühlpack auf das Knie.“

Hallo – was tust Du da? Das ist ein Kind!

Dieses Kind fuhr gerade in seiner Aufzählung fort: „C gleich Compression und H wie Hochlagern.“
Marc nickte. „Sehr gut. Ich sehe, wir verstehen uns.“

Kinder interessieren uns nicht!

(„Wie es Pascal wohl geht?!“)


Um die Gedanken zu vertreiben wandte sich der Chirurg erneut den Röntgenbildern zu. Auf den ersten Blick war deutlich zu erkennen, dass kein Bruch vorlag. Die Aufnahmen der Kernspinuntersuchung sah er sich indes genauer an.
„Was sagen Sie zu den Bildern, Herr Stern?“
„Wie bereits vermutet, liegt kein Riss oder Anriss vor.“ Carsten Stern scrollte die Bilder entlang. „Auf diesen Bildern sieht man aber sehr schön, dass die Anordnung der Bänder durcheinander geraten ist. Die Dehnung muss demnach sehr stark gewesen sein.“
„Daraus folgt?“ Marc sah den jungen Kollegen nicht an, sondern betrachtete weiter die vielen Bilder auf dem Monitor.
„Ruhigstellen, schonen, wenig belasten. In den ersten Tagen am besten gar nicht. Dafür hochlegen und kühlen. Dadurch verringert sich die Schwellung und die Bänder sortieren sich von alleine wieder in ihre natürliche Position. Glücklicherweise sind gerade Ferien, dass er zu Hause bleiben kann.“
„In Ordnung.“ Marc unterschrieb die vorbereiteten Formulare. „Sie haben mit der Aufklärung ja bereits begonnen... wenn Sie fertig sind kann Frau Thielenbruch ihren Sohn mitnehmen. Wenn die Schmerzen in zehn Tagen nicht weitestgehend weg sind, dann sollen sie nochmal rein kommen. Eigentlich sehr gut, Herr Stern. Nächstens warten Sie aber bitte auf die Anwesenheit eines Oberarztes.“

***
Carsten Stern sah seinem Vorgesetzten lange hinterher. War das der ungeduldige Arzt, über den Maurice schon so viel erzählt hatte? Dass zwei Kollegen Marc Meier hießen war ja eher unwahrscheinlich. Allerdings konnte er nach der kurzen Zeit am EKH durchaus nachvollziehen, wenn man bei Maurice die Geduld verlor.

„Herr Stern?“ Eine Krankenschwester kam auf ihn zu. „Sie und Doktor Knechtelsdörfer sollen um 18 Uhr zu Doktor Meier kommen.“
Auch wenn er gerade einen halbwegs positiven Eindruck von Doktor Meier bekommen hatte, etwas mulmig war ihm jetzt schon. Bestimmt, weil er voreilig gehandelt hatte – so wie es Doktor Brickmann von ihnen verlangte. „Ist gut, danke!“

Karo Offline

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04.07.2017 21:04
#49 RE: Story von Karo Zitat · antworten

BERLIN


September 4.13 – Marc am EKH 3


Pünktlich um 18:54 Uhr erschien Doktor Meier im Stationszimmer, gerade als eine braunhaarige Ärztin mächtig Dampf abließ, vermutlich ging es der Schwangeren um die Schwangere, die er am Vormittag auf die Gyn verlegt hatte.
„Wie kann man denn so borniert sein, in einem solchen Fall gemütlich Feierabend zu machen? Und jetzt verschonen Sie mich mit ihrem Delegierungsgeschwafel, das funktioniert nicht. Nicht bei Knechtelsdörfer und im Grunde auch nicht bei Herrn Stern – nichts gegen Sie, Herr Stern, aber die alleinige Verantwortung tragen Sie, Frau Doktor Brickmann!“
„Was ist denn passiert? Hat Frau Niederwasser eine Fehlgeburt oder sowas gehabt?“
„Nein, weder eine Fehlgeburt noch oder sowas, aber das ist wohl weniger ihr Verdienst. Sie war ja noch rechtzeitig bei uns, um Schlimmeres zu verhindern!“
„Dann frage ich mich, warum Sie hier so eine Welle machen?“
„Weil das einfach so nicht geht! Ihr Chirurgen sehr euch ja gerne als Nabel der Welt, aber ein bisschen Zusammenarbeit mit anderen Fachabteilungen wäre durchaus erstrebenswert. Also wenn man beim Patientenwohl ansetzt, natürlich!“
„Jetzt spielen Sie sich mal nicht so auf, als...“
„Ich spiele mich nicht auf, ich rege mich auf!“
„Ja, von mir aus, aber tun Sie das auf Ihrer Station. Wir haben hier noch ein bisschen Arbeit, die erledigt werden will!“
„Ach, reden Sie nicht. Sie wälzen doch eh auf Stern oder Schwester Sabine ab.“
„Wer kann, der kann!“
„Pfff...“ Doktor Hundt nickte Sabine und dem Assistenzarzt zu und rauschte um den Mauervorsprung. Dort stand ihr ein attraktiver, junger Mann im Weg.
„Oh Entschuldigung. Ich konnte nicht sehen, dass jemand heimlich lauscht! Suchen Sie jemanden oder kann man Ihnen sonst irgendwie helfen?“ Ihre Stimme ließ keine Ausreden zu.

(„Heißa, die hat Dampf!“)

Bestimmt auch im Bett. Leider zu schwanger!


„Wegen dem Zusammenstoß machen Sie sich wegen mir keine Sorgen. Eher sollte ich Sie das fragen.“ Er deutete auf den Babybauch der Ärztin. „Ich bin Doktor Meier, ich kenne mich sehr gut hier aus. Doktor Hundt, nehme ich an?“
„Ja, Doktor Meier? Sehr erfreut. Dann haben Sie Frau Niederwasser rüber geschickt?“
„Ja, das war ich. Auch wenn ich mich gerne als Nabel der Welt sehe, Nabelschnüre auf meiner Station verbitte ich mir.“ Marc sagte das mit einem Grinsen. „Desgleichen bitte auch so ein Theater, wenn es für jeden hörbar ist. Beschimpfen Sie sich – wenn überhaupt – bitte in Ihren Büros!“
„Natürlich, da haben Sie Recht!“ Die Gynäkologin stand auf und verließ den Raum.

„Dabei haben Sie die Geburt damals so toll hingekriegt, die im Aufzug, wissen Sie noch Herr Doktor?“ Sabine griff das Thema wieder auf und fing an zu schwärmen, wurde jedoch von ihrem Lieblingsarzt gleich wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.
„Das habe ich Ihnen bis heute nicht verziehen, Sabine. Erst lösen Sie die Wehen aus und dann fallen Sie einfach in Ohnmacht!“
„Sie waren ja nicht alleine, die Frau Doktor war ja auch noch dabei.“ Sie grinste Marc schelmisch an. „Also sind Sie jetzt wirklich wieder hier? Ohhh, ich freue mich!“
„Bitte streuen Sie kein Konfetti, Sabine!“ Mit diesen Worten drehte Marc sich zu den Kollegen um.

(„Immerhin hat Doktor Hundt alles im Griff. Ich kann mir vorstellen, dass da selbst eine Gabi spurt.“)

Um die solltest Du Dich besser selbst mal wieder kümmern.
Tolle Idee...wo das endet haben wir ja gesehen!
Glücklicherweise nicht im Afrikanischen Busch!


„Ruhe!“

Alle Anwesenden sahen den Oberarzt erstaunt an. Auch Marc war einen Augenblick irritiert, doch er sammelte sich schnell: „Gut, können wir dann jetzt?“

Die Stationsübergabe fiel heute ausführlicher aus. Marc machte sehr deutlich, wie die Dinge zu laufen hatten. Er und nach Absprache auch Doktor Stier wären für den Ablauf auf der Chirurgie zuständig. Das hieße vor allem auch, dass die Assistenzärzte nicht nach Lust und Laune herumgeschickt würden. Vor allem wären die Assistenzärzte nicht befugt, ohne anwesenden Oberarzt eine Diagnose zu stellen, geschweige denn eine Therapie anzuweisen.
Außerdem erwarte er ordentliche Protokolle, es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die Kollegen gegenseitig helfen würden, aber eine ordentliche Vorbereitung sei obligatorisch. Ebenso wären die Schwestern zu unterstützen, indem die Berichte, mindestens aber die Protokolle rechtzeitig für die Vorbereitung auf den Stationen abgegeben werden sollten. Vorrangig ginge es immer noch um das Patientenwohl und das Vorgehen im Fall der Patientin Niederwasser zeigte sehr deutlich, dass es nicht nur an mangelnder Kommunikation fehlen würde.

Mit den beiden Assistenzärzten hatte Marc vorher schon ausführlich über die Abläufe gesprochen. Er hielt es für sinnvoll, beiden noch einmal seine Vorstellungen zu erläutern.
Maurice Knechtelsdörfer weniger aber dafür mehr Carsten Stern war sehr froh über die klaren Ansagen, mit denen sich arbeiten ließ.

„Ich möchte Sie beide bitten, sich exakt an die Vorgaben von Professor Haase zu halten. Mit eigenmächtigen Handlungen bringen Sie die Verantwortlichen im Zweifelsfalls in Teufels Küche! Ihnen dürfte die Rechtslage bekannt sein! Ich wünsche, dass die besprochenen Abläufe ab sofort wieder konsequent umgesetzt werden. Ihnen sollten diese Anweisungen bereits geläufig sein, Doktor Knechtelsdörfer. Herr Stern, Sie haben hier zu einer ungünstigen Zeit angefangen. Dieses Chaos ist definitiv nicht der Standard dieses Krankenhauses.“

Karo Offline

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04.07.2017 21:26
#50 RE: Story von Karo Zitat · antworten

Einen gibt`s noch aus Berlin, beim nächsten Mal geht es dann erst wieder nach Afrika.


September 4.14 – Marc schlaflos 1


Als er wach wurde war es noch dunkel. Er fand das Bett leer, war verwirrt. Erneut griff er neben sich. Nichts, außer einer unberührten Bettdecke. Sein Herz fing aufgeregt an zu pochen. Wo bitte war Gretchen? Er wollte Licht machen, aber der Schalter war nicht mehr da. Die ganze Wand war nicht mehr da. Stattdessen polterte irgendwas zu Boden.
Der junge Mann setzte sich auf und ertastete vorsichtig, was sich zu seiner Rechten befand. Ein Nachttisch? Hatte Gretchen umgeräumt und er hatte es nicht bemerkt? War sie deswegen nicht bei ihm? In der Nacht konnte sie ja schlecht umgeräumt haben. Aber hatten sie sich nicht vorhin noch unter dem bunten Wandteppich geliebt?
Er fand sein Telefon. Mit einem Druck auf das Tastenfeld erhellte das Display den Raum soweit, dass Marc sich orientieren konnte. Wie kam er so schnell von Sanssouci in seine Wohnung in Berlin?
Die Nachttischlampe war zu Boden gegangen, also stand er auf und machte das große Licht an. Er zuckte unter der plötzlichen Helligkeit zusammen.
Die Uhr zeigte 4:15 Uhr, er konnte noch gut drei Stunden schlafen. Doch mit einem Mal erschien ihm sein Schlafzimmer kalt und abweisend. Sein Herz hatte zu einem normalen Rhythmus zurückgefunden, doch das beklemmende Gefühl blieb. Das beklemmende Gefühl der Einsamkeit.

Du wolltest es ja so. Nun fang nicht an zu jammern!
Was wäre denn dann?
Dann würde ich meine Hoffnung aufgeben, dass Du noch mal zur Besinnung kommst!

(„Besinnung. Klingt nach Sinn. Was ich hier mache ist unsinnig. Ich möchte wieder zu ihr. In ihren blauen Augen ertrinken. In ihre goldenen Haare abtauchen, ihre sinnlichen Lippen küssen...“)

(„Besinnung – Sinn – sinnlich. Passt doch! Irgendwie.“)

Jetzt färbt die Gretchen-Logik schon ab? Ist das ansteckend?
Dann hau ab und rette Dich ganz weit weg. Am besten dahin, wo der Pfeffer wächst.
Noch gebe ich nicht auf. Der „Alte Meier“ kommt schon wieder aus Dir raus. Ich muss nur warten!
Warten...? Auf was?
Gott! Wenn der erst wieder das Skalpell blitzen lässt... ist nur eine Frage der Zeit, bis die Schmusenummer überstanden ist. Du schaffst das schon, Doktor Meier!
Klar schaffst Du das. Du bist ja kein Waschlappen.
Stimmt. Mein Reden. Also im Moment schon, aber das wird schon.
Was war denn das die letzten Wochen? Kein Sex?
„Loveboat“? Nein! Es wird Zeit, wieder „Speedboat“ zu fahren!“ Erst eine OP, dann mal wieder richtigen Sex!

(„Vor allem wird es Zeit aufzustehen!“)

(„Vielleicht sollte ich mich tatsächlich einfach an den Schreibtisch setzen. Weit weg von alten Gewohnheiten!“)


Wer soll denn dann operieren? – Und vögeln?

Marc hatte genug von seinem inneren Disput. Bliebe er liegen, würden die beiden weiter miteinander kämpfen. Also aufstehen! Halb fünf morgens in Sibiriendeutschland – Was sollte er nun tun? Auf der Wanderung durch seine Wohnung fiel ihm wieder das Licht des Anrufbeantworters auf. Er drückte den Knopf.

Marc Olivier! Treibst Du Dich immer noch bei den Wilden herum? Ich hoffe nicht, dass ein Kunstfehler Dich zu diesem Schritt gezwungen hat. Melde Dich sofort! Ich habe ein Hühnchen mit Dir zu rupfen. So habe ich Dich nicht erzogen.“

(„Scheiße! Mutter! Ihr Geburtstag!“)


*Café Sonne*

Er kam nicht mehr zur Ruhe und so verließ der Chirurg bereits um 5:30 Uhr seine Wohnung. Das Café Sonne in der Nähe des Krankenhauses öffnete gerade und der Duft von frischen Brötchen lockte Marc hinein.
„Guten Morgen – oh, Sie haben renoviert?“ Der Name war Programm – das Ladenlokal erstrahlte in verschiedenen Gelbtönen.
„Guten Morgen, ja, wir dachten, wo Sonne drauf steht, muss auch Wärme drin stecken.“
„Das ist Ihnen gelungen.“

Der Chirurg und Wärme...
Immer wieder für eine Überraschung gut


„Vielen Dank. Wir haben uns immer davor gescheut – eine Renovierung kam uns so arbeitsreich und langwierig vor. Aber es waren nur drei Tage – Glück dem, der fähige Handwerker kennt. Aber ich möchte Sie nicht aufhalten, was darf es sein?“

Die wohlige Atmosphäre war zu verlockend und Zeit hatte er genug. Er wählte von den belegten Brötchen und einen Kaffee.
„Wir haben den Organic Gayo und den Jimma Wild aus Äthiopien oder den Mbuni Aroma aus Kenia?“
„Äh...“ Marc war spontan überfordert. „Ein Kaffee würde mir reichen.“
„Der Mbuni ist sehr aromatisch, während der Gayo eher schokoladig-fruchtig ist. Der Jimma ist eher rustikal.“

Marc sprang auf das Wort Schokolage an und wählte den Gayo. Die Bedienung legte ihm eine kleine Kaffeebroschüre auf das kleine Tablett. Er steuerte einen Tisch im hinteren Bereich an, von wo er gut alles im Blick hatte.

Er bereute es nicht! Der Kaffee vertrieb die letzten Nachtgeister, das Brötchen schmeckte einfach ausgesprochen gut.

Die Bäckerei war gut besucht, Bewohner der benachbarten Häuser kauften ihre Morgenbrötchen oder ein Glas der selbstgemachten Marmelade. Auch eine Auswahl der Tagespresse konnte erworben werden. Anzugträger jagten einen Kaffee zum Mitnehmen, vielleicht sogar ein Erfrischungsgetränk aus dem gläsernen Kühlschrank. Marc gefiel es, einfach dort zu sitzen und die Menschen zu beobachten.

(„Das habe ich ja noch nie gemacht!“)

Wie so vieles in letzter Zeit.
Ist doch prima!
Was ist denn daran prima?


Die meisten schienen Stammgäste zu sein und die Verkäuferin begrüßte viele mit Namen. Erst nach einer guten Stunde verabschiedete sich der Arzt. Die Nacht war beschissen gewesen, aber der Morgen hatte ihn versöhnt. Relativ entspannt betrat er das Krankenhaus. Vom Empfang nahm er eine Tageszeitung mit, eine Stunde hatte er bestimmt noch Ruhe.

(„Wie lange habe ich keine Zeitung mehr gelesen?“)

Mit einem Kaffee aus dem Stationszimmer der Chirurgie verschwand der Arzt ungesehen im Arztzimmer. Der Kaffee landete schnell im Müll. Er hatte noch den wirklich guten Kaffee aus dem Café Sonne in der Nase.


*Verantwortung*

Die Seiten über Politik und Wirtschaft interessierten ihn nur am Rande, erst im Lokalteil weckte ein Foto seine Aufmerksamkeit:
Das Katharinen-Hospital eröffnet im ersten Schritt mit der Radiologischen Klinik um Professor Gudrun Innthal. Auch Doktor Daniel Dahnger wechselt von der Charité in eine hoffnungsvolle Zukunft.

Dem Bericht konnte Marc entnehmen, dass die ProVida nichts dem Zufall überließ, um möglichst schnell Patienten zu gewinnen. Man warb mit ausreichend Kapazitäten, um auch ambulante Termine kurzfristig anzunehmen und natürlich mit geringen Wartezeiten im Haus. Ein kleines Bild am Rande des Textes zeigte die hochgelobten Ärzte mit einem der drei neuen MRTs, die vor ein paar Tagen aufgestellt worden waren.

Marc recherchierte eine Weile im Internet und sah sich anschließend in seiner Meinung bestätigt. Natürlich verfügte die Charité über hochmoderne Geräte, die Technik des Nachbarn war jedoch das neueste Gerät. Extrem teuer und nur wenig erprobt. Zusätzlich bekamen die Kollegen nur wenig Zeit, sich damit zu befassen. Außerdem waren beide schon über 50 Jahre alt – erfahren ja. Aber die älteren Mediziner taten sich meistens schwerer damit, sich auf Veränderungen einzulassen. Die feierliche Eröffnung sollte am Wiedervereinigungstag in der nächsten Woche stattfinden.

Der Chirurg warf einen Blick auf den Kalender an der Wand – Donnerstag. Mit Doktor Fuchs sollte er zeitnah („heute!“) überlegen, wie sie sich verhalten und vorbereiten sollten, auch wenn er erstmal keine Bange vor der Konkurrenz hatte. Über weitere Vorhaben gab der Bericht leider nur vage Auskunft. Man würde abwarten müssen, was die noch aus dem Hut zaubern würden, auch wenn er gerne einen Hinweis gehabt hätte.

Andererseits... das Elisabeth-Krankenhaus war eine gute Adresse, auch wenn das Gebäude in die Jahre gekommen war. Aber nicht das Gebäude zählte, sondern das innere Geschehen. Dass das EKH schon so lange so beständig überlebte, musste einen Grund haben.

Sicherlich war der Professor das Herz des alten Kastens. Viele Patienten kamen schon jahrelang zu ihm – wegen ihm. Weil sie ihm vertrauten. Der Chirurg war ein Spezialist für Tumorerkrankungen. Er hatte sich dem Thema Krebs schon sehr früh gewidmet, als man noch nicht erahnen konnte, dass dieser Auswuchs der totalen Zellzerstörung zu einer der größten Volkskrankheiten werden würde. Doch ohne eine gute Diagnostik wäre auch der Professor niemals so erfolgreich gewesen. Dazu gehörte neben der Technik auch das Team.

Das Team. Ihm fiel sein Gespräch mit Martin ein. Er hatte das Team als seine Familie bezeichnet. Gutes und vor allem – langfristiges Personal. Man kannte sich und die Arbeitsweisen der Kollegen. Man schätzte sich gegenseitig und besonders den Chefarzt. Der Professor galt seit jeher als fair, er hatte stets ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter und vor allem förderte er das Miteinander. Jeder sollte sich hier, wo man einen großen Teil seiner Zeit verbrachte, wohl fühlen.

Marc dachte an die Zeit zurück, als er noch Student war. Er hatte den Professor an der Uni kennengelernt. Der Chefarzt war einer der wenigen Lehrkörper, die ein echtes Interesse hatten, Wissen zu vermitteln. Der selbst Spaß an der Medizin hatte und diese Begeisterung gerne teilte. Der ihn unbedingt als PJler am EKH haben wollte. Der ihn mit Kusshand als Assistenzarzt nahm und ihn gefördert und gefordert hatte. Und ihm letztenendes das größte Vertrauen ausgesprochen hatte – ihn als Oberarzt anzustellen. „Das Gespött seiner Kollegen war ihm egal. Mir allerdings nicht. Ich glaube für Professor Haase würde ich mein Leben geben.“

Vermutlich war er nicht der einzige, der so dachte.

Und nun lag Professor Haase auf der Intensivstation. Er würde für längere Zeit ausfallen. Kein Wunder, dass Bernd Ullstein nervös war. Die StaBe wusste nur zu genau, dass das Elisabeth-Krankenhaus mit dem Professor stieg und fiel.

(„Und ausgerechnet jetzt greift das KatHo an.“)

„Gut! Professor Haase für alle und alle für Professor Haase!“ Marc hatte einen Entschluss gefasst – nur zusammen würden sie weiterhin gut sein. Mit oder ohne den Professor, aber immer für ihn! Marc sah lange auf das rote Kreuz, das Cedric in den Kalender gekritzelt hatte. Ihm war unklar gewesen, ob Cedric diese Marke auf die Verantwortung oder das Kompliment bezogen hatte. Es war egal... Er würde die Lektion lernen! Verantwortung. Scheitern kam nicht in Frage.

Gut so!

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