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Dieses Thema hat 36 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | 2
Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

15.10.2016 15:35
#26 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Inzwischen etwas später auf der Insel Rügen

Ich hätte vorhin vielleicht genauer hinschauen sollen. ... Der Felsen lag doch etwas weiter draußen, als Gretchen in Erinnerung behalten hatte. Sie musste ein Stück durchs Wasser waten, über kleine bis mittelgroße Kieselsteine, und nach etwa einer halben Stunde beschwerlicher Kraxelei hatte sie es endlich geschafft. Sie war oben angekommen und setzte sich wackelig auf ihre vier Buchstaben. ... Huch, ist das glitschig hier. Ob das doch so eine gute Idee war? Jetzt wäre ich fast wieder runtergerutscht und ins Wasser geplumpst. Also wenn mich jetzt jemand gesehen hätte, der hätte mich wahrscheinlich für komplett bescheuert gehalten. - „Also Verrückte gibt es hier, Erwin!“ - „Nein, Bertha das ist doch die neue Tourismuskampagne der Insel Rügen. Lebende Statuen! Das hat schon in London gut funktioniert. Und kennst du nicht die Nixe in Kopenhagen? Oder die Loreley am Rhein? Mit güldenem Haar lockte sie die Seemänner ins Verderben. Ihre Schiffe zerschellten erbarmungslos an den schroffen Felsen...“ Naja, das mit dem goldenen Haar stimmt schon mal, aber das mit dem Verderben ist ja wohl eher andersrum. Ich bin ja wohl hier die Belogene, Betrogene und Enttäuschte und nicht umgekehrt!

Nun ja, ich habe mir nun mal diese Stelle hier ausgesucht. Wo hätte ich auch sonst hingehen sollen? Am Ende wäre ich doch wieder nur in der Bucht der Nudisten gelandet. Nein! Das hier ist genau der richtige Ort zum Nachdenken. Zum Kopf frei kriegen. Die Seele baumeln zu lassen. Ein einsamer Felsen im Meer, der von den letzten Sonnenstrahlen des Tages gekitzelt wird. Er fühlt sich sogar noch richtig warm an. Hm... Ja, das hat schon was Romantisches. Ich fühl mich gleich viel, viel ruhiger und ausgeglichener. Ich bin eins mit mir und der Natur.... Es war bereits früher Abend geworden, aber die Spätsommersonne schien noch warm und kraftvoll und ein sanftes Lüftchen wehte durch Gretchens langes blondes Haar. Sie nahm eine bequemere Position ein, achtete dabei tunlichst darauf, nicht unelegant von dem Stein herunterzufallen und blickte schließlich nachdenklich über das durch die Abendsonne wie magisch glitzernde Meer zum immer rötlicher werdenden Horizont. ... Also gut, Gretchen, jetzt Butter bei die Fische, Lebensbilanz ziehen! Oh Gott, wie sich das anhört. Als hätte ich mein ganzes Leben schon verlebt. Dabei bin ich gerade mal dreißig. Und wo verflixt noch mal fängt man da eigentlich an? Bei meiner Geburt? Das wäre dann doch sehr weit ausgeholt.

Gut, ich habe schon mehrere Sinnkrisen erlebt und überlebt, aber so richtig nachgedacht habe ich noch nie über mein Leben. Ich bin eigentlich immer gleich von einer Katastrophe zur nächsten geschlittert. Irgendwie ziehe ich die immer wie magisch an. Wahrscheinlich haben die sich im Himmel abgesprochen, bei mir bitte das ganze Pech der Welt abzuladen. Ja, vielen Dank auch! Mit Gretchen Haase kann man es ja machen! Die ist es ja gewohnt, mit allem fertig zu werden. Hat ja auch ein dickes Fell. Aber ich will das nicht mehr! Ich will doch auch einfach mal nur glücklich sein! Ist das denn zu viel verlangt?

Und was ist jetzt? Ich stehe mal wieder am Abgrund. Zum hundertsten, nein, tausendsten Mal heißt es Neuanfang! Aber das sagt sich so leicht. Mit 18, da träumt man davon und kann es gar nicht erwarten, endlich von Zuhause weg zu kommen. Ins wahre, aufregende Leben zu starten. Abenteuer zu erleben. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb auch für ein Studium in Köln entschieden und nicht für Berlin. Ich wollte es allein schaffen und nicht, weil mein Vater Professor an der HU ist. Ich wollte mich beweisen. Ich wollte unabhängig sein. Das ging die ersten Wochen auch ganz gut, aber dann bin ich im ersten Semester im Anatomiekurs Peter begegnet. Gleich nach einer Woche sind wir zusammengezogen. Ja, ich weiß, das war impulsiv und vollkommen unüberlegt. Aber wir waren jung und so verliebt. Ab da an haben wir alles zusammen gemacht. Seminare, Krankenhaus-Praktika, Freizeit, alles. Es hat so gut gepasst, dachte ich damals, naiv wie ich war. Und dann am Ende des Studiums wollten wir heiraten, eine eigene Praxis aufmachen und schon bald eine kleine Familie gründen. So wie jeder das macht in unserem Alter.

Mein Leben war vorgezeichnet. Und ich war zufrieden damit. Mir hatte nichts gefehlt, zumindest nicht bewusst. Aber dann kam doch alles ganz anders: Wieder ein Neubeginn! Diesmal in Berlin, meiner Heimat, wo ich mich immer schon viel wohler gefühlt habe als in dem kühlen Köln, wo mir das Herz gebrochen worden war. Dieses Mal wollte ich alles anders machen. Ich wollte unabhängig sein, mich allein auf meinen Job konzentrieren, endlich das machen, was ich immer wollte. Eine richtig gute Chirurgin werden! Und dann trat unerwartet gleich am ersten Tag im EKH ausgerechnet ER wieder in mein Leben, den ich eigentlich für immer daraus hatte streichen wollen: Marc Meier! Der meine Kindheit zur Hölle gemacht hatte und in den ich trotzdem bis zum Abi schrecklich verliebt gewesen war. – „Haasenzahn! ... Haasenzahn!“ Allein schon dieser nervige Spitzname katapultierte mich augenblicklich zurück auf den Schulhof. Er beschert mir noch heute jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich ihn höre, weil nur Marc ihn so unvergleichlich auszusprechen vermag. Und ich hasste ihn dafür. Nein, hassen ist zu viel gesagt. Eher das Gegenteil war der Fall. Und ich tat es wieder. Ich machte mich abhängig von einem Mann und trat dabei von einem Fettnäpfchen ins nächste. Ich wollte ihm unbedingt imponieren, ihm zeigen, was ich wirklich draufhabe und dass ich nicht mehr die naive Haasenzahn vom Schulhof war, mit der er machen konnte, was er wollte. Aber er machte trotzdem genau da weiter, wo er damals aufgehört hatte. Marc machte sich einen Spaß daraus, mich wieder nur in einer Tour zu ärgern.

Mein hart erkämpftes Selbstbewusstsein wackelte und ich fühlte mich wieder ganz klein und schutzlos. Ich hasste das, aber ich kam einfach nicht von diesem Idioten los. Ich war wieder verliebt, schlimmer noch als damals in der Schule! Ich versank wieder in eine rosagetünchte Traumwelt, in der wir beide glücklich zusammen waren. Ich blendete die Realität komplett aus, dachte, er könnte sich ändern, wegen mir! Träume sind auch Schäume, Gretchen! Ich ließ mich wieder demütigen und verletzen. Aber ich wollte das nicht mehr! Deshalb stürzte ich mich auch Hals über Kopf in die Beziehung mit Mehdi. Er war so anders als Marc. Aufmerksam, liebevoll, er respektierte mich. Genauso wie ich war. Und ich respektierte ihn. Aus uns hätte wirklich etwas werden können, wenn die Götter da oben nicht wieder mit dem Schicksal gespielt hätten. Tja, wieder so ein Neuanfang, der am Ende gründlich in die Hose gehen sollte. Aber das kenn ich ja nicht anders. Dann schlich sich wieder Marc mit voller Wucht in meine Gedanken, der sich auf einmal so anders verhielt. Der mich gerettet hatte, aber mir immer noch Rätsel aufgab. Ich dachte wirklich, dieses Mal packen wir das zusammen, aber nein, er heiratet lieber Schwester Gabi, anstatt zu mir zu stehen. Und ich stand erneut vor den Trümmern meines Lebens.

Mit einem Fallschirmsprung wollte ich mich symbolisch in ein neues Leben stürzen, ein unabhängiges Leben, ohne Männer, ohne Marc Meier. Aber nein, Gott macht sich ja einen Spaß daraus, mich zu quälen, und schickt mich gleich wieder in die Arme des Nächstbesten, der sich nach unserer Traumhochzeit auch wieder nur als Niete entpuppen sollte. Warum machst du das nur mit mir? Womit habe ich das nur verdient? Wirklich, mein Leben ist eine Aneinanderreihung von Katastrophen. Ein Epos des Scheiterns, wenn man so sagen darf. Damit wird man nicht so leicht fertig. Das muss auch ein Marc Meier verstehen. Oh Gott, ich habe ihn einfach stehen gelassen. Wie traurig er geguckt hat. Das wird nie etwas mit uns beiden werden. Bei einem solch tragischen Fall wie mir läuft doch jeder Mann davon. Toll Gretchen, jetzt sitzt du wieder ganz tief drin in der Deprischeiße.

Tja, und was gibt meine Lebensbilanz sonst noch so her? Außer Katastrophentiefs und Fettnäpfchen zum Reinfallen?

Hm...? Ich bin eine erfolgreiche Ärztin. Naja, wobei erfolgreich auch relativ ist. In der Krankenhaushierarchie bin ich ein absoluter Niemand und werde es vermutlich auch für immer bleiben. Dr. Meier lässt mich ja eh nur Blinddärme machen und das kann sogar der Knechtelsdorfer, wenn er bekifft ist. Aber ich habe meine Doktorarbeit mit Summa cum laude bestanden! Ich bin jetzt offiziell eine richtige, vollwertige Ärztin und ich bin stolz darauf. Wirklich! Ich werde bei Gelegenheit meinen Vater um eine Gehaltserhöhung bitten oder eher betteln. Mit den paar Kröten, die man als Assi verdient, kann ja nichts werden. Sonst muss ich doch noch mal so eine blöde Studie mitmachen. By the way, was ist eigentlich aus dem Sandström nach seiner Verhaftung geworden? Hm...? Ach, egal!


Okay, was noch? Wohne immer noch bei meinen Eltern! Toll! Mit 30!!! Das geht gar nicht! Werde mir eine eigene Wohnung suchen, sofort, wenn ich zurück in Berlin bin. Bin schließlich eine eigenständige und unabhängige junge Frau, da werde ich doch wohl auch alleine zurechtkommen. Obwohl, dann müsste ich selber kochen, was ich nicht kann, selber putzen, was ich nicht will. Naja, aber wenigstens müsste ich mir das peinliche Geturtel meiner Eltern nicht mehr länger mitanhören. Und mir blieben die blöden Kommentare meiner Mutter erspart, wenn ich mal einen Mann mit nach Hause bringen möchte. Als ob das jemals passieren würde. Das habe ich bisher noch nie gemacht. Die - oh Gott, ich rede schon im Plural, wie realistisch ist das denn bitteschön? - wären ja eh gleich wieder geflüchtet, wenn sie meine Mutter kennengelernt hätten. Und außerdem welche Männer? Wollte doch erst einmal unabhängig bleiben und mich nicht gleich wieder in die nächste Beziehung stürzen, die bei meinem Glück eh gleich wieder schiefgehen würde. Aber für den Fall der Fälle wäre es vielleicht doch ganz gut eine eigene Wohnung zu haben. Oje, ich sehe schon meine Mutter heulend zusammenbrechen. Das war schon schlimm, als ich zu Alexis gezogen bin, und jetzt will ich ja wirklich endgültig zuhause ausziehen. Muss mir eine Strategie überlegen. Aber nicht jetzt. Habe ja noch zwei Wochen Bedenkzeit dafür, die ich auf dieser Trauminsel verbringen werde. Och... wie schön der Sonnenuntergang ist. Jetzt wäre es doch schön, jemanden bei mir zu haben. Stopp, Gretchen, das würde dich nur wieder vom Wesentlichen ablenken!

Gut, was noch? Bin kurz vor meinem Traumgewicht, naja, wohl eher Traum als Gewicht. Oder wohl eher beides. Ich könnte ja morgen mal joggen gehen? Meeresluft soll ja die Fettzellen schneller verbrennen. Und da ich mein Pensum heute schon absolviert habe - die spektakuläre Flucht aus dem Hotel des Grauens -, könnte ich mir doch eigentlich den Schokoriegel hier leisten. Mist, wieso ist der denn ganz nass? ... Na, toll, meine Tasche hing die ganze Zeit halb im Wasser! Aber egal, ich esse ihn trotzdem. Mhm... Das hat gut getan.

Was sonst noch? Lebensbilanzziehen ist doch schwieriger, als ich dachte. Macht man das überhaupt schon mit 30? Die Midlifecrisis fängt doch in der Regel erst mit 50 an, oder gilt das nur für den männlichen Teil der Bevölkerung? So war es zumindest bei meinen Eltern. Oh Gott, ich bin ein hoffnungsloser Fall!!! Hätte auf Mehdi hören sollen und zum Therapeuten gehen sollen. Hat ja Calista Flockhard auch gemacht und die ist jetzt glücklich mit Harrison Ford. Was macht die eigentlich jetzt? Hab die Serie schon lange nicht mehr gesehen. Läuft die überhaupt noch? Ally McBeal war ja immer mein Karrierevorbild. Also jetzt nicht juristisch, denn für Jura interessiere ich mich noch weniger als mein Bruder und das soll schon was heißen, sondern emanzipationstechnisch. Oh, schweife schon wieder ab. Konzentration, Gretchen!

Was waren eigentlich meine Träume früher? Mit 30 wollte ich eigentlich mit einem tollen Mann glücklich verheiratet sein, zwei bis drei Kinder haben, ein Haus mit Garten und Pool im Grünen besitzen, eine erfolgreiche Ärztin sein, eine sensationelle medizinische Entdeckung gemacht haben, die mit Preisen überhäuft wird und ganz, ganz vielen Menschen helfen wird. Aber vor allem wollte ich einfach nur glücklich sein. Und wo stehe ich jetzt? Ein ewiges Gefühlschaos, vier Heiratsanträge, drei Hochzeitskleider, zwei gescheiterte Ehen. Gut, ähm... eigentlich war ich ja nie wirklich verheiratet, aber zumindest war ich nah dran. Peter hat mich vor der Hochzeit betrogen. Hm... das ist jetzt genau ein Jahr her. Was wohl aus dem geworden ist? Ach ja, Steffi hatte mir letztens gesimst, dass sie ihm die Approbation entzogen haben. Ist wohl aufgeflogen, dass er beim Examen geschummelt hat. Na toll, ich ziehe Betrüger und Lügner ja wie magisch an.

Plötzlich hielt Gretchen Franks Brief in der Hand und musste einmal mehr schwer schlucken. ... Dabei habe ich bei ihm lange gedacht, dass er der Richtige wäre. ... Ihr lief eine einzelne Träne die Wange hinunter, als sie ihn nach kurzem Zögern ungelesen in die Wellen der Ostsee warf. ... Letzte Woche war ich beim Anwalt. Nur eine Unterschrift und Alexis, ähm... Frank, war endgültig Vergangenheit. Nächste Woche ist seine Anhörung. Sieht wohl ganz gut aus mit den 5 bis 6 Jahren (Das hat mir der Sat1-Typ vor unserer Haustür erzählt. Er wollte mich interviewen, als ich gerade ins Taxi gestiegen bin. Der Arme tut mir richtig leid. Jetzt läuft ihm auch noch seine Topstory davon. Werde bei Gelegenheit der Redaktion von „Akte“ einen lieben Brief schreiben. Er hat sich ja bemüht.). Wie wohl unsere Zukunft ausgesehen hätte? Ich habe schon unsere Kinder durch den Garten seiner Villa toben sehen. Es war ein schöner Traum, aber dann schlich sich wieder diese Hexe ins Bild und aus dem Traum wurde ein Albtraum. Sie hatte komischerweise das gleiche Kostüm an wie ich in der 6. Klasse, als wir "Hänsel und Gretel" aufgeführt haben. Ich wollte ja eigentlich Gretel spielen (Marc war übrigens Hänsel!), aber dann hat doch wie immer Susanne die Rolle bekommen. Frau Saalfrank hatte gemeint, ‚die Hexe passt doch viel besser zu dir, da kannst du mal so richtig aus dir herausgehen!‘ Ja toll! Und was hat mir das gebracht? Am Ende hat mir Marc einen Arschtritt verpasst und ich bin mit dem Pappbackoffen zusammengebrochen. Das ganze Publikum hat gegrölt vor Lachen. Ich habe genau gesehen, wie meine Mutter am Boden lag und sich gekringelt hat vor Lachen und mein Vater hat alles gefilmt. Oh Gott, hoffentlich existiert der Film nicht mehr. Wenn den jemand sieht, ist mein Ruf endgültig ruiniert. Muss unbedingt beseitigt werden! Werde nach meiner Rückkehr den Dachboden aufräumen. Wollte ja eh noch nach einem Geburtstagsgeschenk für Marc suchen. Naja, jedenfalls, Frau Saalfrank meinte, das sei die beste Aufführung gewesen, die sie je aufgeführt hätten. Noch heute hängt ein Foto von mir (wohl eher von meinem Hintern!) und Marc in der Schulaula. Beim Klassentreffen Ende des Jahres werde ich es unauffällig verschwinden lassen.

Wo war ich? Ach ja, meine Männerbilanz! Habe ich Frank eigentlich je wirklich geliebt? Ich weiß es nicht. Hm... verliebt war ich schon. Als ich nach meiner Rettung aus der Kühlkammer bei ihm im Bett aufgewacht bin, hatte ich schon Schmetterlinge im Bauch. Es fühlte sich so vertraut an, ich weiß auch nicht. Oder lag es daran, dass ich geträumt hatte, dass Marc mich gerettet hat, und ich habe meine Gefühle auf Frank projiziert? Nein, so kompliziert kann ich doch nicht sein, oder doch? Jedenfalls, wie er mich immer angesehen hat. Er war schon süß irgendwie. Verbrecher haben ja immer etwas Anziehendes an sich. Wenn ich da an George Clooney in diesem einen Film denke... (Hat der jetzt eigentlich die Rolle bekommen?) Ähm... ich denke jetzt nicht ernsthaft darüber nach, wie aufregend es wäre, mit einem Verbrecher zusammen zu sein? Also echt Gretchen! Naja, Marc könnte ja mal im Supermarkt einen Schokoriegel mitgehen lassen. ... Upps, schon wieder abgeschweift! ... Ich hätte mich einfach nicht so schnell auf Frank einlassen sollen. Ich wollte es doch diesmal eigentlich langsamer angehen lassen, aber nein...

Denselben Fehler hatte ich schon bei Mehdi gemacht. Ich hatte mit Marc noch nicht abgeschlossen, als wir zusammengekommen sind. Irgendwie wollte ich es ihm ja auch heimzahlen, wie oft er mich verletzt hatte. Er sollte auch leiden, so wie ich all die Jahre! Aber sollte man sich deshalb gleich in eine Beziehung mit jemand anderem stürzen? Oh Gott, und ich habe ihn gleich geheiratet, wie konnte ich nur? Blond, blöd, naiv und rachsüchtig! Ob Marc wirklich so gelitten hat, wie er gesagt hat? Hm... ist mir gar nicht so aufgefallen. Gut, ja, da waren die traurigen Blicke. Seine Sprüche waren auch schon mal origineller gewesen. Und dieser ständige Hahnenkampf mit Alexis. Das war schon eindeutig. Marc war tatsächlich eifersüchtig! Wie konnte ich nur so blind sein? Ich achte doch sonst immer auf alle möglichen Zeichen, wieso damals nicht? Er hätte sich ruhig eine Signallampe umhängen können, die jedes Mal aufleuchtet, wenn Marc Meier Gefühle zeigt. Wie soll man denn sonst verstehen, was er eigentlich will? Woher soll ich denn wissen, was Verarsche ist und was echt? Er gibt mir immer Rätsel auf. Aber vielleicht ist es gerade dieses Rätselhafte, Geheimnisvolle und Unergründliche, was mich so sehr an ihm fasziniert? Das war es wahrscheinlich auch bei Alexis, ähm... Frank. Vielleicht habe ich im Unterbewusstsein immer gewusst, dass etwas nicht stimmt. Gut, wer hätte gedacht, dass dann so eine Geschichte dahintersteckt? ... Plötzlich waren die Bilder von jenem Abend im Restaurant wieder da. Sie zitterte und das kam nicht von der kühleren Brise, nachdem die Sonne soeben untergegangen war. ... Wenn er nicht gewesen wäre, dann... Oh Gott, ich mag gar nicht daran denken. Er hat mich gerettet! Vor Mechthild, aber auch ein bisschen vor mir selbst! Er hat es immer gewusst und mich trotzdem so geliebt, wie ich es verdient habe. Nur ich war blind oder wollte blind sein und hab mich verstellt. Dabei habe ich doch immer nur den einen geliebt: Marc Meier!!!

Gretchen war ganz in ihren Gedanken versunken, als es plötzlich in ihrer Handtasche verdächtig vibrierte. ... Upps, wer ist das denn jetzt? Ich wollte doch eigentlich das Handy ausmachen. Oh Mehdi! - „Wie geht’s dir? Wo steckst du? Melde dich doch mal! Das Elisabethkrankenhaus ohne dich ist einfach nicht dasselbe. Bussi, Mehdi!” Wie süß, er hat mich doch nicht vergessen! Er denkt immer noch an mich! Vielleicht hätte doch aus uns etwas werden können? Die zwei Wochen, die wir zusammen waren, gehören mit zu den glücklichsten in meinem Leben. Ich habe mich so geborgen und verstanden gefühlt. Bei ihm habe ich immer gespürt, dass er mich aufrichtig liebt. Auch jetzt noch! Wenn das mit Anna nicht passiert wäre, wären wir dann noch zusammen? Hm... weiß nicht, vielleicht schon! Eine glückliche Familie Kaan. Ich, Mehdi und Lilly, das wäre schon schön gewesen. Es ist so viel passiert in seinem Leben. Wie er das nur alles verkraftet? Seine Tochter ist immer noch verschwunden. Vielleicht sollte ich ihm helfen, Plakate zu kleben und Suchanzeigen im Internet und bei „Aktenzeichen XY“ aufzugeben? Mehdi sollte wieder glücklich sein. Vielleicht findet er ja auch bald die Richtige. Ich bin es jedenfalls nicht. Ich würde es ihm von ganzem Herzen wünschen. Keiner hat es mehr verdient, glücklich zu sein, als er! Hm... ich werde ihm vielleicht doch später noch zurückschreiben. Ich habe mich viel zu lange rargemacht.

Tja, jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Sache, über die ich mir Gedanken machen wollte...

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

23.10.2016 13:19
#27 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

In der Zwischenzeit am frühen Nachmittag im Berliner Elisabethkrankenhaus

Marc erreichte nach etwa einer halben Stunde rasanter Fahrt durch die engen und vielbefahrenen Straßen der Hauptstadt endlich seinen Arbeitsplatz, das Elisabethkrankenhaus. Er stellte seinen Wagen auf seinem angestammten Parkplatz mit dem gut sichtbaren Doktorschild ab und lief nun in schnellen Schritten über das weitläufige Parkgelände zum Haupteingang der beliebten Berliner Klinik. Noch ahnte der zerstreute Oberarzt nicht, was für ein Donnerwetter ihn dort gleich erwarten würde. Denn seine Gedanken lagen einzig und allein bei seiner hübschen Assistenzärztin, deren Herz er heute zurückerobern wollte.

Ein paar Minuten zuvor hatte auch Prof. Dr. Franz Haase seine heißgeliebte Heimstätte betreten, um nur mal kurz nach dem Rechten zu sehen. Während seiner rehabedingten Abwesenheit hatte er seiner temporären Vertretung, Dr. Meier, erlaubt, sein Büro mitnutzen zu dürfen, um die Abläufe auf den Stationen beibehalten zu können. Ein Entgegenkommen, das der Professor jetzt gerne wieder zurückgenommen hätte. Ebenso wie die Tatsache, dass er wegen der Nachwirkungen seiner Ebolaerkrankung überhaupt hatte kürzertreten müssen. Was den Chefarzt nämlich in seinem Büro erwartete, ließ ihm das Blut von seinem geschwächten Herzen direkt in den Kopf schießen. ... Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ist hier ein Orkan durchgefegt? ... Franz war sichtlich geschockt über den Zustand seines Arbeitsplatzes. Überall lagen zerstreute Unterlagen herum. Es stapelten sich unerledigte Aktenberge. Fünf leere Kaffeetassen und ein Teller mit vergammeltem Obst standen achtlos auf den Papieren herum und die Kleidung seines bis jetzt Lieblingsoberarztes, auf den er all seine Hoffnungen gesetzt hatte, lag verstreut auf den Möbeln in der kleinen Sitzecke herum, als hätte der werte Kollege hier drin tagelang gelebt. ... Das glaube ich ja nicht! MEIIIEER!!! Wenn ich den erwische!

Auch Dr. Kaan war gerade arglos auf dem Weg in eben jenes Chefarztbüro. Er hatte seinem besten Freund schließlich versprochen, ihn heute als leitenden Oberarzt würdig zu vertreten. ... Was tut man nicht alles für einen guten Freund und Kollegen! ... Auch wenn dieser gerade auf einer Mission unterwegs war, an deren Stelle er auch gerne teilgenommen hätte und zwar als Hauptakteur, wie er wehmütig tagträumte, während er die gynäkologische Station verließ und über den langen Flur der Chirurgie trottete, wo seine Schritte automatisch langsamer wurden, weil er sich hier jedes Mal eine Begegnung mit seiner hinreißenden Lieblingskollegin erhoffte, die aber auch heute wieder leider mit Abwesenheit glänzte, wie ein kleiner Blick ins Stationszimmer ihm verriet. ... Ach Mehdi, du unbeholfener Held, du lässt mal wieder alles mit dir machen. Du machst seinen Job und er kassiert die Lorbeeren. Was für ein Geschäft! Super Mehdi! Der Preis für den Looser des Jahres geht an... sinnierte der Halbperser kopfschüttelnd und betrat seufzend den Fahrstuhl, der bereits startbereit auf ihn gewartet hatte.

Der unglücklich verliebte Gynäkologe war so sehr in seine wehmütigen Gedanken vertieft, dass er gar nicht gleich mitbekam, wie auch Dr. Hassmann noch schnell mit in den Aufzug huschte und sich nun süffisant grinsend ihm gegenüber aufbaute. Seit ihrem verpatzten Date vor ein paar Wochen hatten sich die beiden nicht mehr gesprochen. - „Na, Dr. Kaan, jagen Sie immer noch dem Ha(a)sen hinterher oder gibt es noch Hoffnung?“ – „Hm?“ Mehdi schaute überrascht auf und war erstaunt, dass die sehr geschätzte Kollegin aus der Neurologie, die er schon zweimal uncharmant versetzt hatte, überhaupt noch mit ihm reden wollte. - „Ähm... nein, ich... lasse sie ihre Haken schlagen.“ – „Ach?“ – „Ich hab’s endlich kapiert. Gretchen liebt Marc und er liebt sie! Ich habe mich damit abgefunden.“ Maria reagierte sichtlich verblüfft auf Mehdis ehrliche Einsicht. Auch wenn die Information hinsichtlich der Liebesfähigkeit des selbstverliebten Obermachos des Krankenhauses nur auf geteiltes Echo traf. Das dämliche Verhalten des in ihren Augen völlig fehlbesetzten, vorübergehenden, stellvertretenden Leiter der Klinik hatte schließlich schon für sich gesprochen und Dr. Knechtelsdorfer und Dr. Rössel waren bezüglich diverser OP-Vorkommnisse sehr redselig gewesen.

- „Wirklich? Wow! Also warum die Frauen hier alle auf den fliegen, habe ich ehrlich gesagt noch nie kapiert.“ - „Ach, Sie nicht?“ Mehdi grinste die scharfsinnige Oberärztin mit unverkennbarem Schelm an, den man lange nicht mehr an ihm gesehen hatte, während er sich mit dem Rücken lässig an die Spiegelwand lehnte, um Maria Hassmann besser in Augenschein nehmen zu können. Irritiert mustere ihn sein charmantes Gegenüber, das für den Hauch einer Sekunde seine Schlagfertigkeit verloren hatte. Irgendetwas war anders, seitdem sie sich das letzte Mal gesprochen hatten. Das spürte die Neurochirurgin ganz deutlich und dieser Dr. Kaan gefiel ihr wesentlich besser als die liebeskranke Version von ihm. - „Flirten Sie etwa mit mir, Dr. Kaan?“ Jetzt war wiederum der Frauenarzt kurz aus dem Konzept gebracht. - „Ähm... nein! Das... funktioniert bei mir eh nicht, werte Frau Kollegin.“ Maria lächelte nur süffisant und lehnte sich nun mit auf seine Seite der Fahrstuhlwand. - „Quod erat demonstrandum! Ich kann es Ihnen ja mal bei Gelegenheit wiederbeibringen, wenn Sie mögen?“ Die Direktheit der selbstbewussten Oberärztin konnte so manchen Mann schnell durcheinanderbringen. So auch Dr. Kaan in diesem Moment. - „Jetzt flirten Sie aber mit mir?“ - „Ja, gut erkannt, Herr Kollege, es gibt also noch Hoffnung“, erwiderte Dr. Hassmann kess und ging gleich auf Tuchfühlung bei ihrem gutaussehenden Kollegen.

Der verlegene Gynäkologe wich jedoch überfordert von ihr zurück. - „Und die Sache neulich? Ähm... ich sollte mich vielleicht noch mal...“ - „Ach, Schwamm drüber! Schon vergessen! War da was?“ Mehdi nickte erleichtert und Maria strahlte ihren eingeschüchterten Kollegen mit ihrem schönsten Zahnpastalächeln provokant von der Seite an. Dieser wusste nicht, wie er damit umgehen sollte, und wählte daher den direkten Weg, nämlich die Flucht nach vorn. Der Fahrstuhl hielt in dem Moment im Erdgeschoss an und öffnete seine schweren Stahltüren. - „Ich muss hier raus. Viel zu tun heute.“ - „Schade! Dabei habe ich doch unsere gemeinsame Fahrt eben sehr genossen. Aber anscheinend wollen Sie immer nur anderen Frauen an die Wäsche“, zwinkerte Maria dem verdatterten Frauenarzt vielsagend zu. Mehdi schluckte und schaute überrascht zurück in den Fahrstuhl. Er wusste nicht, was er darauf hätte antworten sollen. War das etwa ein Angebot gewesen? Trotz alledem, wie das neulich schrecklich danebengegangen war. Er war sichtlich verwirrt und das erheiterte die toughe Chirurgin ungemein. - „Sie wissen ja gar nicht, was Sie verpassen, Herr Doktor“, fügte die männerhungrige Gottesanbeterin noch lasziv hinzu, dann schlossen sich jedoch die Aufzugstüren auch schon wieder. Völlig verdattert blieb Dr. Kaan im Foyer zurück und folgte mit seinen braunen Augen der Liftanzeige, welche sich wieder nach oben bewegte. ... Was war das denn eben? Hat sie das ernst gemeint? Hat sie mich etwa gerade angemacht? Mich? ... Er schüttelte den Kopf, als er bemerkte, wie sich langsam eine Menschentraube vor den Aufzügen bildete, bahnte sich einen Weg hindurch und eilte regelrecht zum Büro von Prof. Haase, wo er sich erst einmal von dieser Begegnung der dritten Art erholen wollte.

Auch Dr. Meier hatte mittlerweile seine Station erreicht. Er wollte gerade im Schwesternzimmer nach dem vermissten Häschen suchen, da kam ihm auch schon eine hektische Schwester Sabine entgegengelaufen, der er nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. - „Herr Doktor, Herr Dr. Meier, der Herr Professor, er...“ Aber die dusselige Stationsschwester musste gar nicht weiter ausholen, er hörte den Absender ihrer Botschaft schon von weitem wie ein Löwe brüllen. - „MEEEIIIIIER!!! IN MEIN BÜRO! SOFORT!“ ... Scheiße! Die Alte hat doch ernst gemacht. Warum muss er auch ausgerechnet heute hier aufkreuzen? Und wieso ist Haasenzahn nicht da, wo sie hingehört, verdammte Scheiße! ... Mit hängenden Schultern machte Marc auf der Türschwelle wieder kehrt. Er ignorierte die mitleidigen Blicke von Sabine, welche ihn bis zum Fahrstuhl begleiteten, wo ihm auch noch eine ekelhaft gutgelaunte Chirurgenzicke direkt in die Arme stolperte. – „Na, Dr. Meier, das war’s dann wohl mit der Karriere, hm? Ich hab’s Ihnen ja gesagt. Der Professor hätte besser mir den Job überlassen sollen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“ Aber der Oberarzt ignorierte tapfer das größenwahnsinnige Gebrabbel der frustrierten Emanzenbarbie, schob sich unsanft an ihr vorbei und fuhr direkt mit dem Aufzug zurück nach unten in den Verwaltungstrakt, wo er anschließend seinen ganzen Mut zusammennahm... Okay, da muss ich jetzt wohl durch. Du wolltest es schließlich nicht anders. ...und demütig zum Büro seines Chefs trottete.


- „MEEEIIIIIIER!!!!!“, schallte es erneut angsteinflößend durch das halbe Krankenhaus. Im selben Moment betrat gerade ein völlig argloser Gynäkologe das Chefarztbüro und wollte direkt wieder eine Kehrtwendung hinlegen, als er Prof. Haase tobend vor dessen Schreibtisch vorfand, der nun ihn als Adressaten für seinen ganzen Ärger ausmachte.

Franz: KAAN!?! Was machen Sie hier? Wo ist der Meier? Der kann was zu hören kriegen, wenn er nicht auf der Stelle hier auftaucht!
Mehdi (weicht eingeschüchtert einen Schritt zurück): Ähm... der hat sich heute frei genommen, Herr Professor. Er... hat noch was Wichtiges vor.
Wenn er wüsste! Wie kann ich Marc denn jetzt noch raushalten? Ich muss ihn warnen, heute hier bloß keinen Fuß mehr hinzusetzen.
Franz (wird sofort wieder laut): WAS? Und was ist mit dem Saustall hier?
Mehdi (greift sich verlegen an seine immer röter werdende Wange): Ähm... ich... ich wollte mich gerade darum kümmern. Marc, also Dr. Meier, hat mich darum gebeten, hier die Stellung zu halten.
Franz (geht sichtlich empört mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn zu): WAS? SIE? Ausgerechnet Sie? Was versteht ein Gynäkologe denn schon von der Leitung einer chirurgischen Abteilung und eines ganzen Krankenhauses? Das ist kein Versuchslabor hier. Hier kann nicht jeder machen, was er will. Müssen denn alle Verflossenen meiner Tochter hier so ein heilloses Chaos veranstalten? Das ist eine Klinik und keine Seifenoper! Mir reicht es ein für alle Mal! Ab heute weht hier ein anderer Wind. Verstanden? Mein Urlaub ist hiermit beendet!

...tobte Prof. Haase ungehalten genau in dem Moment, als es zaghaft an seiner Bürotür klopfte. Es war Marc Meier, der einen Kopf kleiner davor stand und noch einmal deutlich zusammenzuckte, als die schwere Holztür unerwartet mit Schwung von dem Sechzigjährigen aufgerissen wurde, dessen pulsierende Halsschlagader deutlich hervorstach, als er den jüngeren Kollegen am Kragen seines marineblauen Kurzmantels packte und unsanft zu sich ins Zimmer zog. Die Gelegenheit, um sich schnell zu verdünnisieren, dachte derweil Dr. Kaan, der beim Rausschleichen Marc noch schnell etwas zuflüsterte. - „Sorry Mann, er war schneller.“ Der Angesprochene zuckte nur kraftlos mit den Schultern. Er hatte sich schon seinem Schicksal ergeben. Gleich würde er seine Kündigung kassieren. Aber das war ihm mittlerweile auch schon egal. - „Und... ähm... wie ist es mit Gretchen gelaufen?“, konnte Mehdi dennoch seine Neugier nicht bremsen. Marc warf seinem mitfühlenden Freund nur einen vielsagenden Blick zu, der „Jetzt nicht!“ bedeutete, und betrat demütig das Büro seines stinkwütenden Noch-Chefs. Der Halbperser wusste, was das zu bedeuten hatte. ... Okay? Er hat es wieder mal vermasselt, dieser Idiot. War zu erwarten gewesen. ... Er schmunzelte leise in sich hinein und gönnte sich eine winzig kleine Portion Schadenfreude für sein eigenes Seelenheil, als die Tür mit einem lauten Knall von dem Professor ins Schloss gedrückt wurde. Er zog sein Handy aus der Kitteltasche und schrieb seiner Exfreundin spontan eine kurze SMS und flüchtete anschließend auf die Gyn. ... Bloß weg hier! Sonst fang ich mir auch noch eine Abmahnung ein. Naja, die wird wohl gerade Marc kassieren. Der Arme, er hat es wirklich nicht leicht. Erst eine Abfuhr von Gretchen und dann eine Standpauke von ihrem Vater und Chef! Ich bin bei dir, mein Freund!

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

03.11.2016 13:43
#28 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Prof. Haase war immer noch stinksauer und schrie seinen einst so sehr geschätzten Oberarzt ungehalten an, der die Lawine gefasst über sich ergehen ließ, während er ruhelos durch sein Bürozimmer tigerte. - „MEIER! Denken Sie etwa, Sie könnten hier eine ruhige Kugel schieben, solange ich nicht da bin? Oder was soll das hier? Wieso sind die Akten noch nicht erledigt? Und wie sieht es hier überhaupt aus? Das ist keine Junggesellenbude, das ist MEIN Büro! Ich dachte, ich könnte mich auf Sie verlassen. Ich dachte, Sie seien schon so weit. Aber das war wohl eine Fehleinschätzung meinerseits. Meine Frau hatte Recht. Es war doch keine so gute Idee, dass ich ausgerechnet Sie Dr. Rössel vorgezogen habe. Das nehme ich hiermit zurück. Ich kann nicht glauben, dass ich während meiner Regeneration tatsächlich darüber nachgedacht habe, Ihnen meinen Posten ganz zu übergeben, wenn ich irgendwann in ferner, ferner Zukunft in den Ruhestand treten werde. Ich habe ja sogar schon mit der Ärztekammer darüber gesprochen. Aber nach all dem hier wohl eher nicht mehr.“

Marc musste nach dieser heftigen Haasschen Ansage schwer schlucken. Wie ein kleiner Schuljunge vor dem Direx stand er vor seinem Chef und sehr geschätzten Mentor und ging einem Gefühl nach, das er so gar nicht von sich kannte. Er schämte sich. Weil er auf ganzer Linie versagt hatte. Er hatte so richtig verschissen. Nicht nur bei ihm. ... Scheiße, was mach ich denn jetzt? Ich will meinen Job nicht verlieren, aber Gretchen auch nicht. ... Er brauchte einen langen Moment, um seine widersprüchlichen Gedanken zu entwirren. Dann sah er langsam aus dem Besuchersessel auf, in den Franz ihn in Rage unsanft hineingedrückt hatte, und schaute zu dem Professor rüber, der sich mittlerweile ebenfalls gesetzt hatte und sein verstummtes Gegenüber nun wesentlich ruhiger, aber mit sichtlich enttäuschter Miene musterte. Marc hatte keine andere Wahl, als endlich Tacheles zu reden. Er stand ja eh schon in fetten Lettern auf Franz‘ roter Liste. Was hatte er also noch zu verlieren? Außer seiner Selbstachtung.

Marc: Es tut mir wirklich leid, Professor Haase. Ich mache das wieder wett, das verspreche ich Ihnen, wenn Sie mich lassen. Es gibt nichts, womit das hier zu entschuldigen ist. Das weiß ich. Und ich stehe auch dazu. Hier war in den letzten Wochen und Tagen die Hölle los. Durch den Ausfall von Ihnen und von Gre... ähm... Frau Dr. Haase und die Fortbildung vom Knechtelsdorfer war alles etwas schwierig zu organisieren und dann ist Frau Dr. Ebersbusch auch noch frühzeitig in den Mutterschutz gegangen. Es wurde ziemlich eng. Irgendwer musste ja die ganzen OPs machen und... wir haben alle eine Doppelschicht nach der anderen geschoben. Ich habe mich abends auch immer hingesetzt und einen Großteil der Akten bearbeitet... (Marc zeigt auf den rechten Stapel auf dem Schreibtisch) ..., aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich kann mich nicht zerteilen, vor allem nicht, wenn ich... (hält kurz inne, schüttelt den Kopf u. redet wieder weiter) ... Es tut mir wirklich leid. Ich bin zwar Oberarzt und ich kenne meine Verantwortung, Ihnen, den Patienten und den Kollegen gegenüber, aber ich muss halt auch noch viel lernen. Ich bin Arzt mit Leib und Seele, deshalb bin ich auch lieber im OP als vorm Computer. Papierkram liegt mir einfach nicht so, aber ich fitz mich da schon rein. Ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen. Sowas kommt nie wieder vor.

Dr. Meier redete sich alles von der Seele, was sich in den vergangenen Tagen angestaut hatte. Er überraschte sich selbst damit. Denn er hatte noch nie vor anderen und vor allem nicht vor sich selbst zugegeben, dass er etwas nicht konnte und dass er einen Fehler begangen hatte. Aber in dieser Situation musste er die Karten offen auf den Tisch legen. Und das kam an. Prof. Haase war sichtlich erstaunt über so viel Einsicht und Ehrlichkeit. Das hatte er von seinem Oberarzt bislang noch nicht gekannt. Franz kannte Marcs charakterliche Defizite. Er hatte darüber hinweggesehen, weil er ganz genau wusste, dass noch viel mehr in dem Jungen steckte, als er selbst vermutlich von sich ahnte. Er hatte ihn von Anfang an gemocht und hatte sein Talent gefördert, weil er sich selbst irgendwie in ihm wiedererkannt hatte. Aber auch sein selbstbewusster Schützling musste einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Denn nur so konnte aus ihm ein noch besserer Chirurg und Mensch werden.

Franz: So war ich auch mal, Meier.

Marc blickte erstaunt zu Gretchens Vater. Wieso wirkte der denn auf einmal so ruhig und gefasst? Er hatte mit einem riesigen Anschiss gerechnet. Er hätte sogar die Kündigung in Kauf genommen, denn zum ersten Mal in seinem Leben war ihm etwas wichtiger als sein Job gewesen. Franz amüsierte sich sogar ein kleinwenig über die verhaltene Reaktion seines Topchirurgen, der zusammengekauert vor ihm saß, als stünde er direkt vor dem Schafott. Er blieb sogar noch sitzen, als der Professor längst wieder aufgestanden und zur Tür gegangen war.

Franz: Meier, da sind Sie aber noch mal haarscharf an einer Abmahnung vorbeigeschrammt. Ich muss jetzt noch mal in die Verwaltung. Wenn ich wiederkomme, ist hier alles wieder pikobello. Verstanden? Ab morgen drehe ich hier nämlich wieder an den Schaltknöpfen und Sie tun das, was Sie am besten können, operieren.
Marc (leicht eingeschüchtert schaut er über seine Schulter zu ihm rüber): Ähm... Herr Professor, eigentlich wollte ich...
Franz (hat die Klinke schon in der Hand u. wird noch mal laut): Was denn noch?
Marc (druckst ungewohnt herum): Also, ich wollte Sie... ähm... noch fragen, ob Sie mir vielleicht verraten können, wo ich Ihre Tochter finden kann?
Franz (hebt erstaunt eine Augenbraue u. lässt die Türklinke wieder los): Meine Tochter?
Marc (fühlt sich erbärmlich, hier so die Hosen runterlassen zu müssen): Ja, ähm... ich war vorhin schon bei Ihnen zuhause, aber Ihre Frau, sie...
Franz (versucht ernst zu bleiben, aber ein kleines Schmunzeln huscht dann doch kurz über seine Lippen, weil er sich genau vorstellen kann, was passiert ist): Bei uns zuhause?
Marc: Ja, aber Ihre Frau hat nur gemeint, Gretchen sei nicht da. Ich suche sie schon den ganzen Tag.
Franz (ohne eine Miene zu verziehen, verschränkt er die Arme, lehnt sich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür u. mustert Marc durchdringend): Sie suchen also meine Tochter?
Marc (erhebt sich langsam von seinem Platz, weil es ihn tierisch ärgert, wie Franz auf ihn herabschaut, ohne Informationen zu liefern): Ja, ich... muss ihr dringend etwas sagen.
Franz (ahnt, was in dem Jungen vorgeht): Und was genau, wenn ich fragen darf? Vielleicht kann ich ihr ja etwas ausrichten?
Marc (schließt für einen kurzen Moment frustriert die Augen, aber stellt sich dann doch dem Kreuzverhör): Das, Herr Professor, bei allem Respekt, ist eine Angelegenheit zwischen mir und Ihrer Tochter.
Franz (versucht ihn weiter zu kitzeln): Ich wüsste nicht, was Sie noch mit meiner Tochter zu besprechen hätte, Herr Doktor Meier. Es sei denn, es geht um ihre Ausbildung, für die ich sie aus gutem Grund momentan freigestellt habe. Sie will im Moment niemanden sehen. Sie muss erst einmal die ganzen Geschehnisse verarbeiten.
Marc (schaut ihn mit ungewohnt flehendem Blick an): Ja, das verstehe ich auch, Prof. Haase, aber ich muss sie wirklich dringend sprechen. Bitte, sagen Sie mir, wo sie ist!
Franz (überlegt noch kurz, dann rückt er doch damit heraus): Sie ist verreist.
Was? Wann? Wohin? Und wieso wusste Mehdi das nicht?
Marc (sichtlich enttäuscht lehnt er sich gegen den Besuchersessel u. versucht, seine durcheinander tanzenden Gedanken zu sortieren): Verreist? Wohin denn?
Franz: Was interessiert Sie das denn so genau? Ich weiß nicht, ob es Margarethe recht wäre, wenn ausgerechnet Sie wissen, wo sie gerade steckt. Sie braucht die Auszeit für sich.

Franz schaute den jungen Mann forschend an, der nun sichtlich niedergeschlagen auf ihn wirkte. Der vage Verdacht, der sich schon vor geraumer Zeit in seinen Hirnstamm eingenistet hatte, schien sich immer mehr zu bestätigen. Hinter Marcs Verhalten seiner Tochter gegenüber steckte mehr, als er zuzugeben vermochte. Doch sein Gegenüber wollte keine Endlosdiskussion weiterführen, denn die Zeit hatte er nicht. Marc wollte zu Gretchen. So schnell wie möglich. Deshalb zögerte er jetzt auch nicht und beschloss spontan, sämtliche Karten auf den Tisch zu legen. Mehr blamieren konnte er sich eh nicht mehr.

Marc: Herr Professor, ich war gerade ehrlich mit Ihnen, also bin ich es jetzt auch. ... (schließt kurz seine Augen u. atmet einmal tief durch, bevor er es endlich zugibt) ... Ich weiß, es ist der völlig falsche Zeitpunkt. Der falsche Ort. Und... Sie sind auch nicht der Ansprechpartner, den ich mir ausgesucht hätte. Weil ich genau weiß, wie unpassend diese Konstellation ist. Also arbeitstechnisch und so. Aber es ist, wie es ist. Ich liebe Ihre Tochter und ich muss jetzt bei ihr sein.

Marc erwartete nach seinem Geständnis einmal mehr ein Donnerwetter, das sich gewaschen hatte, aber erneut passierte nichts. Vorsichtig öffnete er seine Augen und blickte Gretchens Vater direkt an. Prof. Haase blieb ganz ruhig und schaute überraschend friedlich zu ihm rüber, bevor er sich von der Tür abstieß und auf ihn zukam, um ihm gutväterlich eine Hand an die Schulter zu legen. Er schien überhaupt nicht überrascht zu sein. Wieso zum Geier war er nicht überrascht, fragte sich Marc überfordert, aber da hörte er auch schon die leicht belustigt klingende Stimme des alten Haasen direkt neben sich...

Franz: Dafür haben Sie aber lange gebraucht, Meier.
Marc (völlig konsterniert starrt er ihn an): Bitte was? Und ich dachte, Sie...
Franz (klapst ihm noch einmal auf die Schulter u. lächelt wohlgesinnt, bevor er um seinen Schreibtisch herumläuft u. sich wieder hinsetzt): Denken Sie, ich habe keine Augen im Kopf? Ich bin Chef hier. Ich habe meine Augen und Ohren überall. Ich bekomme alles mit. Selbst wenn ich nicht da bin oder durch einen dummen Virus im Koma liege. Und dass Sie schon lange in meine Margarethe verschossen sind, hat ja wohl jeder hier im Krankenhaus mittlerweile mitbekommen. Selbst der halbblinde Portier Guido am Eingang hat gesehen, was Sie nicht sehen wollten. Bis jetzt.

Marc musste schwer schlucken und blickte beschämt zu Boden. Das hatte er jetzt wirklich nicht erwartet. Ihm wurde allmählich alles zu viel. Er wollte so schnell wie möglich hier weg aus der Höhle des Löwen, bevor dieser ihn noch mehr durchleuchten konnte.

Marc: Ähm... ich will... also, ich muss...
Franz (kommt dem stotternden jungen Mann zuvor): Schon gut, Meier, ich weiß schon, was du vorhast.
Marc (klappt ungläubig den Mund auf u. wieder zu): Sie wissen? Ähm...
Franz (lächelt kurz, dann wird er wieder ungehaltener): Ja, wie lange willst du denn noch hier warten und Däumchen drehen? Bis sie in Rente geht? Jetzt zisch endlich ab, mein Junge! Ich gebe dir eine Woche frei, um das endlich zu regeln. Und wehe, du vermasselst das wieder, dann brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen.
Marc (traut seinen Ohren kaum): Äh...
Hat der mich gerade geduzt? Was geht denn hier ab?
Franz (lehnt sich sichtlich zufrieden in seinen Chefsessel zurück u. betrachtet mit einem wohlwollenden Lächeln ein Foto seiner geliebten Tochter): Sie ist seit gestern auf Rügen. In unserem alten Feriendomizil. Ich gebe dir die Adresse, aber nur unter einer Bedingung.
Marc (braucht einen Moment, um die ganzen Informationen sacken zu lassen): Die da wäre?
Franz (schaut ihm direkt in die Augen u. in die Seele): Ich will mein Mädchen endlich wieder lächeln sehen. Dauerhaft.
Ich auch.
Marc (lächelt zurück u. schnappt sich den kleinen Zettel, den Franz ihm mit nun wieder grimmiger Chefarztmiene hinhält): Danke! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich...
Franz: RAUS!

Das war der Fußtritt, der Dr. Meier noch gefehlt hatte. Er nahm die Beine in die Hand und stürmte aus dem Büro und rannte dabei fast Schwester Sabine über den Haufen, die gerade mit zitternder Hand an die Tür klopfen wollte. Irritiert blickte sie ihrem Oberarzt hinterher und schaute anschließend in das Büro des leitenden Direktors des Elisabethkrankenhauses, wo sie ihren Augen kaum traute. Wie ein fröhliches Kind drehte sich der Professor mit seinem Sessel im Kreis und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd. Er hatte in diesem Moment sehr viel Ähnlichkeit mit seiner quirligen Tochter, stellte die Krankenschwester überrascht fest und konnte sich der ansteckenden fröhlichen Stimmung kaum entziehen.

- „Der Meier!“ Franz schüttelte murmelnd den Kopf und drehte mit seinem Chefsessel gleich noch eine weitere Runde in die andere Richtung. Im Augenwinkel nahm er jedoch eine huschende Bewegung wahr und stoppte abrupt sein hauseigenes Karussell. Die kleine blonde Krankenschwester hatte das Zimmer mittlerweile betreten und wippte verträumt von einem Fuß auf den anderen. Der Chirurg lächelte immer noch, erkannte dann jedoch Schwester Sabine und setzte wieder seine gewohnte Chefarztmiene auf, als er sich ohne Umschweife von seinem Schreibtisch erhob und Sabine aus ihrem schönen Tagtraum riss. - „Sabine, aufräumen! Sofort! Wenn ich wiederkomme, soll es hier op-clean sein. Verstanden?“ Für die eingeschüchterte Stationsschwester kam der abrupte Stimmungswechsel viel zu schnell, um darüber hinwegzukommen. Dennoch nickte sie artig mit ihrem Kopf und blickte ihrem Vorgesetzten im nächsten Moment ungläubig hinterher, als dieser pfeifend sein Büro verließ.

Lorelei Offline

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11.11.2016 13:14
#29 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

In der Zwischenzeit hatte Dr. Kaan seine Abteilung, die gynäkologische Station des Elisabethkrankenhauses, erreicht. Dort wurde er bereits sehnsüchtig von Schwester Gabi erwartet, die heute ihren ersten Arbeitstag nach ihrer dramatischen Entführung hatte. Sie hatte die Ereignisse in der Villa von Buren eigentlich ganz gut weggesteckt, doch manchmal quälten sie immer noch schreckliche Albträume von finsteren, Spinnweben verhangenen, engen Räumen und bösen, alten, mordlüsternen Hexen. Doch diese waren schnell wieder vergessen, als sie ihren gutaussehenden Oberarzt auf sich zu kommen sah. Sie lächelte ihn zur Begrüßung an und er lächelte freundlich zurück, während er nebenbei noch kurz den leeren Sms-Eingang auf seinem Handy checkte. Gretchen hatte ihm wieder nicht geantwortet. Aber das hatte er auch nicht anders erwartet. Außerdem wollte er doch endlich akzeptieren, dass sie ab sofort allein in Marcs Interessenbereich fiel. Also steckte Mehdi sein Telefon wieder in seine Kitteltasche und widmete sich nun seiner zurückgekehrten Stationsschwester, die allem Anschein nach wirklich gut erholt auf ihn wirkte.

Mehdi: Schön, dass Sie wieder da sind, Schwester Gabi. Sie haben mir hier gefehlt. Geht es Ihnen wieder gut?
Ich habe ihm gefehlt! Echt?
Gabi (nickt ihm ungewohnt verlegen zu, worüber sie sich selbst am meisten wundert): Ja, den Umständen entsprechend. Danke, Dr. Kaan.
Mehdi (lächelt sie auf seine unverwechselbar charmante Art an, was ihr unweigerlich weiche Knie beschert): Gut, dann... an die Arbeit! Damit müssen wir uns heute ordentlich eindecken. Ich muss mich hier nämlich vor dem Chef verstecken.
Gabi (blickt ihm überrascht hinterher, als er flink in seinem Büro verschwindet): Wieso das denn?
Mehdi (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung lachend ab u. hält ihr gentlemanlike die Tür auf): Ach, lange Geschichte.
Was ist denn passiert? Er ist doch überhaupt nicht der Typ, der etwas ausgefressen haben könnte.
Gabi (erwidert sein ansteckendes Lachen, bis sie ihn plötzlich wieder irritierend schüchtern ansieht): Ähm... ich... habe Zeit.
Mehdi (schaut sie etwas verwirrt an u. guckt dann auf den Terminplan in seinem Rechner): Schön für Sie, aber die haben die Patienten leider nicht. Rufen Sie bitte Frau Schöneberger rein!

Verwundert verspürte Gabi eine leichte Enttäuschung in sich aufsteigen. Wieso ging er denn so plötzlich zur Tagesroutine über? Sie hätte gerne noch länger mit ihm geredet. Auch über die schrecklichen Dinge, die passiert waren. Sie hatte ja sonst niemanden zum Reden. Ihre Freunde - hatte sie je welche besessen? - hatte sie alle mit ihrem zickigen Verhalten vergrault. Sie fühlte sich schrecklich einsam und allein. In letzter Zeit hatte sie häufiger an Dr. Kaan denken müssen. Wie er sie aus dem Wald getragen und liebevoll versorgt hatte, als sie vor Angst fast durchgedreht war. So hatte sich noch nie ein Mann um sie gekümmert. Irgendwie fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Obwohl er überhaupt nicht ihr Typ war. Sie hatte ihn nie als männliches Wesen auf dem Schirm gehabt. Ja, er war ihr Chef und sie respektierte ihn. Aber er trug schrecklich unmodische und farblose Klamotten. Seine Haare waren ständig zerzaust und ungekämmt. Seine Augen wirkten immer so traurig. Ständig war er mit seinen Gedanken in den Wolken. Zwar nicht, wenn er beruflich unterwegs war, aber dieser Job war jetzt auch nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Sie wusste auch nicht, was es genau war, was ihn plötzlich in ihre Gedanken einschloss. Waren es seine starken, beschützenden Arme oder seine ganze fürsorgliche Art, die so gut zu seinem ansonsten stattlichen und heldenhaften Wesen passten? Er hatte ihr nie Vorhaltungen gemacht, auch nicht damals nach der leidigen Geschichte mit Marc. Sie schätzte seine Ratschläge. Seine Meinung war ihr immer wichtig gewesen. Auch jetzt noch.

Verträumt stand Gabi Kragenow noch immer im Türrahmen und versuchte, ihre seltsamen Gefühlswirren zu entziffern. ... Was ist denn heute bloß los mit dir? So komisch hast du dich ihm gegenüber doch noch nie verhalten. Sieht ja fast so aus, als seist du verliebt. ... Was? Quatsch! Nee, echt nicht, doch nicht in den! Er läuft doch auch nur dem dicken Haasen hinterher. Als ob ausgerechnet du je bei ihm eine Chance hättest. Äh... was für Chancen? Ich will nichts von ihm! ... sinnierte die Krankenschwester verwirrt vor sich hin, während sie weiterhin ihren Oberarzt aus sicherer Entfernung beobachtete, als dieser sie plötzlich, viel näher als erwartet, wiederholt ansprach. - „Huhu! Erde an Schwester Gabi! Wird das heute noch was? Meine Sprechstunde läuft seit zehn Minuten. Wir müssen die Damen endlich reinlassen, bevor sie in Hysterie ausbrechen. Alles schon passiert.“ Gabi zuckte erschrocken zusammen. Sie wurde unter Mehdis eindringlichem Blick unerwartet rot im Gesicht, was sie gleich noch mehr durcheinanderbrachte. Eilig drehte sie sich um und verließ das Zimmer, um die erste Patientin für heute aufzurufen. ... Reiß dich zusammen, Gabi! Das sind nur die Nachwirkungen deiner Eskapaden. Du projizierst irgendetwas auf ihn, das gar nicht da ist. Er ist nur dein Chef! Mehr nicht! ... Leider! ... Hab ich gerade ‚leider‘ gedacht? Hilfe! Was ist bloß los mit mir? Ich habe definitiv zu früh wieder angefangen zu arbeiten.


Etwas später im Chefarztbüro

Mittlerweile war bereits früher Abend geworden, als Bärbel Haase nach kurzem Zögern an Franz’ Bürotür klopfte. Sie hatte sich gewundert, dass ihr Mann immer noch nicht nach Hause gekommen war. Obwohl er ihr doch versprochen hatte, eigentlich nur kurz in der Klinik nach dem Rechten schauen zu wollen. Als sie jedoch die Tür öffnete, bot sich ihr ein gewohntes Bild...

Bärbel (versucht, ihre Enttäuschung zu überspielen, indem sie eine Haarsträhne hinter ihr Ohr klemmt): Franz, wo bleibst du denn? Ich dachte, du wolltest nur kurz nach dem Rechten schauen und jetzt finde ich dich und du sitzt schon wieder an deinem Schreibtisch.
Franz (steht auf, läuft um den Tisch herum u. zieht seine Liebste für einen Begrüßungskuss in seine Arme): Hier waren ein paar Sachen liegen geblieben.
Bärbel (löst sich schmollend aus seiner innigen Umarmung): Kann das nicht deine Vertretung übernehmen? Du bist doch noch krankgeschrieben. Du wolltest dich doch schonen. Wo ist denn Dr. Meier?
Franz (kann sich sein Grinsen nicht verkneifen): Er hat sich frei genommen.
Bärbel (gerät unweigerlich ins Grübeln, weil ihr sofort die Begegnung von vorhin wieder in den Sinn kommt): Frei genommen? Und da lässt er dich alleine mit der ganzen Arbeit hier zurück? Also, auf diese Person ist ja überhaupt kein Verlass.
Franz (schnappt sich ihre Hand u. zieht sie mit in die kleine Sofaecke): Schon gut, Butterböhnchen, er hatte noch etwas Wichtiges vor.
Bärbel (lässt sich von ihm in den Sessel schieben u. schaut ihm irritiert dabei zu, wie er sich gegenüber auf das schmale Sofa setzt): Etwas Wichtiges vor? Soso! Bei uns einzubrechen zum Beispiel?
Franz (horcht verwundert auf): Wie bitte?
Bärbel: Ja, du hast schon richtig gehört, Franz. Dein unverschämter Oberarzt hat heute Mittag unser Haus gestürmt.

Der ganze Ärger kam wieder hoch und Bärbel begann direkt mit ihren Schimpftiraden. Franz konnte sich derweil sein Schmunzeln nicht verkneifen, was seine Frau mit Verwunderung zur Kenntnis nahm.

Bärbel: Was ist denn daran bitte so lustig?
Franz (wiegelt ertappt ab): Nichts!
Bärbel: Ich war kurz davor, die Polizei zu rufen. Der hat vielleicht Nerven. Also Franz, ehrlich, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war, ausgerechnet ihm deinen Stuhl zu überlassen. Er ist ungehobelt, unzuverlässig, unberechenbar und gemeingefährlich.
Franz (lehnt sich versöhnlich zu ihr rüber u. nimmt ihre Hände): Butterböhnchen, jetzt übertreibe aber nicht!
Bärbel (echauffiert sich direkt wieder): Ich übertreibe nicht. Dr. Meier ist eine unmögliche Person. Du solltest ihn auf keinem Fall zu deinem Nachfolger bestimmen. Er fährt dein Lebenswerk ganz bestimmt gegen die Wand. Das Beste wäre, ihr geht gleich ganz getrennte Wege. Er ist nicht gut für dich und vor allem nicht für...
Franz (unterbricht sie wissend u. drückt liebevoll ihre Hand): Ach lass ihn, Butterböhnchen! Er ist impulsiv, ja. So sind Chirurgen. Er ist wie ich damals. Voller Ehrgeiz und Liebe für unseren wunderbaren Beruf. Menschen wie ihn brauchen wir hier.
Bärbel (hat ihm ungläubig zugehört): Ihn? Franz, ich weiß nicht, ob wir über dieselbe Person sprechen. Dr. Meier rennt doch auch nur jedem Rock hinterher. Also ich habe da Geschichten gehört. Da schlackern dir die Ohren.
Franz (grinst u. zieht seine überraschte Frau zu sich aufs Sofa): Ich glaube, er rennt nur einem Rock hinterher.
Bärbel (arglos): Wessen?
Franz (legt verliebt seine Hand an ihre Wange): Bärbel, sei doch nicht blind! Ich meine unsere Tochter.
Bärbel (fühlt sich plötzlich merklich unwohl): Margarethe? Du spinnst doch, Franz. Er ist nicht gut für sie. Er hat sie schon einmal betrogen. Mit dieser Schwester Gabi. Ich war so froh, dass unser Mädchen ihn endlich vergessen hat.
Franz (lehnt sich schmunzelnd gegen sie): Da hast du aber nicht genau hingeschaut, meine Liebe. Sie war immer in ihn verliebt und ist es noch.
Bärbel (will es nicht wahrhaben u. schüttelt den Kopf): Naja, auf Rügen wird sie wohl einen klaren Kopf bekommen und endlich zur Vernunft kommen. Vielleicht trifft sie ja dort jemanden, der ihr nicht gleich wieder das Herz bricht.
Franz: Wie du meinst, Butterböhnchen.

Der Professor gab es auf, seinen Lieblingsschwiegersohn in spe verteidigen zu wollen. Seine Frau war stur. Sie würde niemals akzeptieren, was doch eigentlich so offensichtlich war. Und er wusste ganz genau, dass sie insgeheim ahnte, was mit den beiden wirklich los war. Dementsprechend verschmitzt grinste er sie jetzt an...

Bärbel: Was grinst du denn jetzt so komisch? Ist dir nicht gut?
Franz (greift mit beiden Händen nach ihrem Gesicht u. drückt ihr einen Kuss auf): Nein, ich bin nur glücklich.
Bärbel (sichtlich verwirrt genießt sie das Prickeln auf ihren Lippen): Glücklich?
Franz (strahlt sie auf seine unnachahmliche Art an, die sie seit über fünfunddreißig Jahren an ihm liebt): Ja, sehr.
Bärbel (kommt nicht umhin, sich von ihm anstecken zu lassen): Ja, und was ist der Grund für deine gute Laune?
Franz (springt abrupt auf u. zieht sie mit sich hoch): Hm... weil sich endlich alles zum Guten wendet.
Bärbel (hält sich schwankend an ihm fest): Bitte was? Franz, du sprichst in Rätseln.
Franz (grient sie an u. verschränkt seine Finger mit ihren): Tja, jeder hat so seine Geheimnisse.
Bärbel (lässt sich von ihm zur Tür führen): Geheimnisse?
Was ist nur mit ihm? Oh Gott! Er hat doch nicht etwa die Plantage entdeckt?
Franz: Mhm!
Bärbel (gerät ins Stottern): Aber... aber wir wollten doch immer offen und ehrlich miteinander sein?
Franz (zieht sie zu einem spontanen Kuss zu sich heran): Das sind wir doch auch.
Bärbel (ihre Augenlider geraten ins Flackern u. sie wird schwach): Aber...
Franz (schiebt sie sanft durch die Tür): Nix aber, Butterböhnchen! Komm, lass uns nach Hause fahren! Es ist schon reichlich spät geworden.

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17.11.2016 13:59
#30 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Etwa zur gleichen Zeit im Sprechzimmer von Dr. Mehdi Kaan

Am „Tag 1 nach Gretchen“ - so bezeichnete er es zumindest selbst, um sich besser fühlen zu können, denn seit heute war seine Seifenblase von einer glücklichen Beziehung zwischen Dr. Margarethe Haase und ihm, Dr. Mehdi Kaan, definitiv und für alle Zeit zerplatzt - schien der verträumte Halbperser plötzlich von zwei Frauen umworben zu sein. Schwester Gabi machte ihm im Sprechzimmer schöne Augen und Frau Dr. Hassmann im Fahrstuhl und auch einige seiner Patientinnen hatten ihn auf eine irritierende Art und Weise angesehen, während er sie behandelt hatte. Der verwirrte Gynäkologe wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah. Vielleicht bildete er es sich auch einfach nur ein? Die Tuscheleien, die Blicke, das Kichern, wenn er vorüberschritt. Denn wieso sollten plötzlich alle Frauen ausgerechnet auf ihn, den unscheinbaren Frauenarzt, fliegen? Etwa, weil Dr. Marc Meier, Chirurgengott und Traum aller Schwestern und Ärztinnen hier im Haus, nicht mehr zu haben war? Hatte sich das schon so schnell herumgesprochen? Lag es jetzt etwa an ihm, die freigewordene Stelle als begehrtester Junggeselle im Elisabethkrankenhauses einzunehmen? Wollte er das überhaupt? Und worauf kam es dabei überhaupt an? Er hatte doch keinerlei Erfahrung als Frauenschwarm.

Abrupt schoss Mehdis Kopf wieder in die Höhe und er rieb sich verwirrt über die vor Müdigkeit schmerzenden Augen, die sich hektisch umblickten, bevor er das Blatt Papier von seiner Wange pulte, auf dem er wohl die ganze Zeit gelegen hatte. Was war eigentlich los mit ihm? Das war doch überhaupt nicht seine Art, mitten am Tag über seinen Akten einzunicken. Und dann dieses seltsame Gedankenkarussell. Prompt sprang er aus seinem Sessel hoch, ging zum Waschbecken in der Ecke rüber und gönnte sich ein paar Wasserspritzer ins Gesicht, um wieder einigermaßen wach zu werden. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, griff er in seine Kitteltasche und zog sein Handy hervor. Er drehte es in seinen Händen abwägend hin und her, bis er plötzlich lächeln musste und sich in lässiger Pose gegen die Patientenliege hinter sich lehnte. Er musste nur einmal kurz tippen, dann wählte es auch bereits die entsprechende Nummer. Er brauchte Gewissheit, um noch über die letzten Stunden seiner Schicht zu kommen. Seine Gedankenachterbahn würde sonst heute gar nicht mehr zum Stillstand kommen. Es klingelte und sein gewünschter Gesprächspartner nahm zu Mehdis Überraschung auch prompt ab.

Marc: Meier?
Mehdi: Hey, Marc, ich bin’s. Ich wollte nur mal kurz hören, ob dir der Chef den Kopf abgerissen hat?
Marc (seine Stimme trieft nur so vor Sarkasmus): Deine ehrliche Sorge rührt mich zutiefst, Mehdi.
Mehdi (muss unweigerlich schmunzeln): Du kennst mich doch. Ich behalte dich immer im Auge. Und? Hat er dich rausgeschmissen? Musst du jetzt Hartz4 beantragen? Du weißt, meine Finanzen sind auch nicht gerade rosig. Ob wir uns deine teure Wohnung dann noch leisten können?
Marc (Mehdis Schadenfreude passt ihm dann doch nicht u. er wird wieder grummeliger): Mann, Kaan, nerv mich nicht!
Mehdi (ihm vergeht sofort das Lachen, als er den Unterton vernimmt, u. er muss sich direkt setzen): Also doch Scheiße gelaufen, hm? Hat er dich abgemahnt? Soll ich noch mal mit ihm reden? Hey, wir finden eine Lösung.
Marc (wiegelt mit ruhiger Stimme ab): Nee, lass mal! Es ist überraschend gut gelaufen. Ich muss dich enttäuschen. Es wird doch nicht so schnell eine Stelle frei in der Chirurgie. Brauchst dich also nicht extra bewerben, Herr Kollege.
Mehdi (erleichtert u. mit einem Hauch Ironie geht er auf Marcs Spiel ein): Schade, wo es doch so gemütlich bei euch ist.
Marc (genug geplänkelt, findet er): Alter!
Mehdi (grinst u. spürt immer noch eine gewisse Schadenfreude in sich aufsteigen): Schon gut, ich bin schon still. Was hat der Professor genau gesagt? Er war doch auf 180, als ich abgehauen bin. Sorry übrigens, dass ich mich so schnell aus der Schusslinie zurückgezogen habe. Aber ich hatte ja auch auf meiner Station Dienst. Wie hast du dich rausreden können?
Marc: Wieso rausreden? Ich hab’s mal mit der Wahrheit versucht.
Mehdi (kommt nicht gleich mit): Hä? Wie meinst du das?
Marc (verdreht genervt die Augen): Ich habe ES ihm gesagt.
Mehdi (steht gewaltig auf dem Schlauch): Was ES?
Marc (knallt sich die Hand gegen die Stirn): Mann, Mehdi, was bist du denn heute so schwer von Begriff? Eeeesss!
Mehdi (nach einer langen Denkpause fällt der Groschen endlich u. er muss von der Liege wiederaufspringen): Nee, ne? Du hast ES ihm gesagt und er hat dich nicht gevierteilt und dann gefeuert?
Marc (knirscht unzufrieden mit den Zähnen): Witzig! Nein, er blieb überraschenderweise ganz ruhig. Als hätte er es auf irgendeine schräge Art gewusst. Also, manchmal sind mir die Haases echt unheimlich. Er hat mir sogar freigegeben.
Mehdi (kann sein ehrliches Staunen nicht verbergen u. läuft mit dem Handy am Ohr in seinem Zimmer auf u. ab): Er hat dir freigegeben? Ehrlich? Nachdem du ihm so ein Chaos hinterlassen hast und ihm auch noch gesteckt hast, dass du in seine Tochter verknallt bist?
Marc (zischt ihn ungehalten durch den Hörer an u. gewinnt schnell wieder die Oberhand): Ich bin nicht verknallt. Ich bin halt der perfekte Schwiegersohn für ihn.
Mehdi (lässt sich schwerfällig in einen der Patientensessel vor seinem Schreibtisch fallen): Was? Hat er das etwa gesagt?
Marc (grinst zufrieden in sein Telefon u. fühlt sich wieder sehr beflügelt): Nein, nicht direkt, aber er hat mir verraten, wo Gretchen steckt.
Mehdi (ein Ruck geht durch seinen Körper u. er richtet sich wieder auf, während er es vor Neugier kaum noch aushält): Echt? Und?
Marc: Du, mein Akku macht gleich schlapp. Ich muss... weiter... Ich... will heute... Abend noch...

*tut* *tut* *tut*

Marc war gerade dabei, weiter auszuholen, weil er unbedingt Mehdis Meinung hören wollte, aber da brach zur Enttäuschung seines besten Freundes das Gespräch leider abrupt ab. – „Marc? Ich habe dich nicht richtig verstanden? Was hast du gesagt? Wo ist sie? ... Hallo? ... Marc, bist du noch dran?“ ... Hm... Aufgelegt! So ein Mist! Jetzt bin ich auch nicht schlauer als zuvor. ... Mehdi lehnte sich wieder in den Sessel zurück und blieb dort noch eine Weile nachdenklich sitzen. Er steckte sein Handy wieder ein und holte stattdessen einen mehrfach gefalteten Zettel aus seiner Kitteltasche. Bedächtig faltete er ihn auseinander und blickte anschließend traurig darauf. Es handelte sich um einen Fotostreifen aus einem Fotoautomaten, der ihn und Gretchen zeigte. Nur wenige Tage, nachdem sie nach dem Berliner Ärzteball zusammengekommen waren, hatten sie diese verliebten Bilder gemacht. Die einzigen Überbleibsel, die ihm von diesen kurzen Glücksmomenten geblieben waren. Er konnte nur hoffen, dass Marc Gretchen genauso glücklich machte, wie er es war in jenen Tagen, die eine Ewigkeit zurücklagen, aber dennoch immer noch so präsent waren, als hätte er sie eben erst erlebt.

Einmal mehr musste Mehdi Kaan in diesem Augenblick feststellen, dass er wohl noch lange brauchen würde, um darüber hinwegzukommen, dass aus ihm und Gretchen damals nichts geworden war. Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum und zog dessen unterste Schublade auf. Er guckte noch einmal mit sentimentalem Blick auf den schmalen Bilderstreifen, dann ließ er ihn sachte in das Schreibtischfach segeln, welches er sofort wieder schloss. Anschließend drehte er sich mit einem lauten Seufzen um, um nun aus dem Fenster auf die im Wind hin und her wogenden Birken zu schauen, die in gewisser Weise seinen hin und her tanzenden Gedanken glichen und hinter denen die Sonne langsam unterging. ... Der Meier wieder! Er hat so ein Schwein. Er schafft es auch immer wieder, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wieso habe ich nie so ein Glück? Und der Professor ist echt damit einverstanden? Das glaube ich ja nicht. Er hat damals so einen Aufstand gemacht, als Marc Gretchen betrogen hat, dieser Idiot. Und jetzt? Gehört Marc jetzt schon zur Familie, oder was? Wie hat er das geschafft? Und wie wohl Gretchen darauf reagieren wird? Denn das ist schließlich das, was sie sich insgeheim immer gewünscht hat.

Während der unglücklich Verliebte darüber nachdachte, betrat unbemerkt Schwester Gabi das Sprechzimmer ihres Chefs. Sie blieb an der Tür stehen und schaute ihren gedankenverlorenen Oberarzt einfach nur an. Sie musste direkt lächeln. ... Er sieht schon süß aus, so wie er gerade vor sich hinträumt. ... Äh... Gabi, hallo, geht’s noch? Du schmachtest jetzt nicht ernsthaft Dr. Kaan an, oder? Er ist dein Chef! Und Beziehungen zu Vorgesetzten gehen nie gut aus, wie du eigentlich wissen müsstest. Oder muss ich dich erst an seinen Arschlochfreund erinnern, hm? ... Ertappt schüttelte Gabi den Kopf und räusperte sich im nächsten Moment, um auf sich aufmerksam zu machen. Dr. Kaan drehte sich überrascht zu ihr um und schaute sie an...

Mehdi: Ja, Schwester Gabi?
Gabi (verliert sich in seinen dunklen Augen, die ihre neugierig fixieren, u. weiß nicht mehr, was sie eigentlich will): Dr. Kaan?
Mehdi (kommt verwundert auf sie zu): Was ist? Wartet noch eine Patientin?
Gabi (fängt sich schnell wieder): Nein! Ähm... Marcs Mu... also, Frau Fisher hat vorhin ihren Vorsorgetermin abgesagt. Der wäre wohl mit ihrer Pressearbeit oder was auch immer kollidiert. Ich habe sie auf nächsten Monat terminiert.
Mehdi (fasst sich erleichtert an sein Herz u. grient Gabi an): Oh, Gott sei Dank! Diese Frau könnte ich jetzt echt nicht ertragen.
Gabi (Mehdis freches Grinsen wirkt ansteckend): Ich auch nicht!

Beide mussten plötzlich lachen und standen nun etwas unbeholfen voreinander. Vor allem Gabi machte Mehdis Nähe ungewohnt nervös.

Mehdi: Gut, wenn dann nichts mehr weiter ansteht, können Sie für heute ruhig Feierabend machen, Schwester Gabi.
Gabi (strahlt ihn an): Danke!
Gabi, nimm das alberne Grinsen aus deinem Gesicht! Er denkt sonst wirklich noch, dass du... Bin ich nicht!
Mehdi (guckt sie verwundert an, als sie nicht gleich reagiert): Schwester Gabi?
Gabi (bleibt an seinem intensiven Blick kleben, der eine aufregend hypnotische Wirkung auf sie hat): Hm?
Mehdi: Gibt es noch etwas, was Sie mir sagen wollen?
Er hat doch nicht etwa gemerkt, dass ich...? Nein, bin ich nicht! Wie oft denn noch?
Gabi (schluckt schwer u. wird direkt rot, was sie noch mehr hemmt): Ähm... Ich... Ihnen... etwas sagen? Äh... nein!
Mehdi (wendet sich verwirrt ab u. tauscht seinen Kittel gegen seine Jacke): Gut, dann... machen wir Schluss für heute.
Oh, nein, er will gehen. Ich will nicht, dass du gehst. ... Äh... Gabi, was machst du da? Bist du verrückt geworden? Tue das nicht!
Gabi (denkt kurz nach u. traut sich dann doch, noch etwas zu sagen): Obwohl... vielleicht... doch!
Mehdi (dreht sich überrascht wieder zu ihr um): Was?
Gabi (druckst ungewohnt herum, aber fängt sich schnell wieder, je länger sie spricht): Ähm... Also, wie Sie wissen, hat mich Oberschwester Stefanie jetzt auch aus dem Schwesternwohnheim geschmissen, weil ich angeblich wiederholt auf dem Zimmer gegessen habe und naja, vielleicht auch weil ich in letzter Zeit zu oft auf der Station ausgefallen bin. Jedenfalls...
Mehdi (ahnt, was sie sagen will u. beendet schmunzelnd für sie den Satz): Und da wollten Sie mich fragen, ob Sie bei mir unterkommen könnten?
Gabi (starrt ihn überrascht an u. beginnt hysterisch aufzulachen): Was? Also... nein! Nein, ich ähm... So habe ich das nicht gemeint.
Mehdi (grinst sie vergnügt an): Nicht? Das hätte mich auch gewundert. Sie wissen ja, dass ich bei Marc untergekommen bin.
Ja, leider!
Gabi (lacht unbeholfen): Ja, das... wäre wohl keine so gute Idee. Aber danke fürs Angebot, Dr. Kaan. Außerdem habe ich doch auch schon eine neue Wohnung gefunden.
Mehdi (lehnt sich mit dem Rücken gegen einen der Patientensessel u. schaut sie interessiert an): Ach?
Gabi (lächelt verlegen u. ärgert sich über sich selbst, weil sie heute so unsouverän ist): Also, worauf ich hinauswollte, also... was ich eigentlich fragen wollte, ich habe da noch ein paar Kisten im Keller des Schwesternwohnheims liegen und ich habe doch kein Auto. Ähm... vielleicht könnten Sie...?
Gabi, das ist eine bescheuerte Idee. Das macht er niemals.
Mehdi: Gerne. Ich helfe doch immer gern, wenn ich gebraucht werde. Wollen wir gleich los?

Dr. Kaan lächelte Schwester Gabi auf seine unwiderstehlich charmante Art an, die ihr Herz gleich einen Takt schneller schlagen ließ. ... Vielleicht komme ich ja so auf andere Gedanken und habe nicht ständig dieses Bild vor mir, wie er ihr sagt, dass er... Mehdi, ganz schlechter Gedanke! Du warst doch schon weiter. Konzentrier dich auf Gabi und ihren Umzug! Du musst unter Leute.

Gabi (strahlt ihren zuvorkommenden Oberarzt überglücklich an): Wirklich? Also, ich möchte nicht, dass Sie sich irgendwelche Umstände machen. Wenn Sie schon etwas vorhaben, dann können wir das auch ein anderes Mal machen? Es eilt nicht.
Mehdi: Nein, kein Problem, Schwester Gabi. Geht schon klar. Ich habe heute noch nichts vor.

Außer Marcs Minibar und den Kühlschrank zu plündern, um mich gegen mein Selbstmitleid zu wehren, dachte Mehdi derweil und wirkte mit einem Mal wieder melancholischer, als er eigentlich gewollt hatte. Schwester Gabi war dagegen ihre Freude direkt ins Gesicht geschrieben. Unverhohlen himmelte sie ihren hilfsbereiten Oberarzt an, ohne dass er etwas davon mitbekam. ... Er ist so lieb. Ohne groß nachzufragen, hilft er einem. Der perfekte Mann eben! Wieso ist mir das nur noch nicht früher aufgefallen? Dann wäre mir einiges erspart geblieben.

Gabi: Danke!
Mehdi (lächelt sie an): Gar nichts für! Ich verschwinde noch mal schnell in der Cafeteria. Ich habe noch eine Stunde Bereitschaft, bis meine Ablöse kommt. Aber so in einer Stunde könnten wir dann los?
Gabi (strahlt wie ein Honigkuchenpferd): Einverstanden, ich warte dann hier.
Mehdi: Okay, ja, bis gleich!
Gabi: Ja, bis dann! Und danke noch mal, Dr. Kaan!

...hauchte die schockverliebte Krankenschwester dem charmanten Frauenarzt hinterher. Dieser war bereits zur Tür gegangen, wo er sich noch einmal zu seiner Stationsschwester umdrehte und die Hand hob. Gabi nickte Dr. Kaan zu und beobachtete mit einem verträumten Lächeln, wie er sein Büro verließ, und ließ sich anschließend beschwingt in seinen Bürostuhl fallen, mit dem sie sich nun einige Runden im Kreis hin- und herdrehte. ... Juhu! Wir sind tatsächlich verabredet. Wahnsinn! Das ist doch die Gelegenheit, um ihn näher kennenzulernen. Und wer weiß, was dann noch passieren könnte?

Lorelei Offline

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01.12.2016 13:49
#31 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Und während Schwester Gabi sich schon in den buntesten Farben ausmalte, wie sich der gemeinsame Abend mit ihrem Lieblingsoberarzt wohl gestalten könnte, saß ihr charmantes Anbetungsobjekt gerade allein an einem Tisch in der Cafeteria im siebten Stock des Elisabethkrankenhauses und stocherte heißhungrig in seinem bunten Salat herum. ... Wo ist denn jetzt der verdammte Fetakäse? Ich habe doch mit Käse bestellt, oder nicht? Oje, ich bin definitiv reif für den Feierabend, aber so was von. ... Mehdi hatte sich fest vorgenommen, nicht mehr in alte Muster zurückzufallen, sprich, seinen täglichen Frust, inklusive Liebeskummer, mit sehr vielen Kalorien zu kompensieren. Sein Anker lag zwar jetzt in anderen Händen, aber es würde sich ganz bestimmt wieder ein neuer finden. Er musste nur Geduld haben und sich erst einmal auf sich selbst konzentrieren. Denn die wahre Macht lag schließlich in einem selbst. Man musste erst lernen, sich wieder selbst zu lieben, bevor man wiedergeliebt werden konnte. Das hatte ihm heute erst Schwester Sabine feierlich in ihrem beliebt-berüchtigten monotonen Tonfall aus seinem Monatshoroskop vorgelesen. Und während Dr. Kaan so darüber nachdachte und sich in Erinnerung rief, was die hibbelige Hobbyastrologin des EKH zusätzlich zum hoffnungsvoll klingenden Horoskop seiner kleinen Tochter gesagt hatte, setzte sich ungefragt Dr. Hassmann an seinen Tisch und begann, ihren attraktiven Kollegen aus der Gynäkologie ungeniert anzuflirten, was den überraschten Mann einmal mehr irritierte, als er überrumpelt von seinem Salatteller hochguckte...

Maria: Na, so alleine hier, schöner Mann?
Mehdi: Äh... Frau... Dr. Hassmann?
Maria (lächelt ihr verdutztes Gegenüber verführerisch an): Sind wir über dieses Stadium nicht schon längst hinaus? Maria! Wir waren doch schon mal beim Du.
Mehdi (muss nun auch lächeln, legt die Gabel weg u. reicht ihr seine Hand): Stimmt! Also... Mehdi!
Maria (hält seine Hand länger fest, als sie müsste): Ich weiß! Tja, jetzt bräuchten wir nur noch etwas zum Anstoßen? Mit ein paar Umdrehungen.
Mehdi (zieht seine Hand langsam wieder zurück u. fasst sich verlegen an seinen Hals): Ja, aber du kennst doch die Finanzlage der Klinik. Sekt ist nicht.
Maria (zwinkert ihm offensiv zu): Ich hätte da noch eine Flasche zu Hause in meinem Kühlschrank.
Mehdi (schluckt u. weiß nicht, was er darauf erwidern soll): Ähm... Maria, was wird das genau hier? Machst du mich gerade an?
Maria (lehnt sich leicht über den Tisch u. klimpert provokativ mit ihren langen, dunkel getuschten Wimpern): Und wenn’s so wäre?

Dr. Kaan wusste nicht, wie ihm plötzlich geschah. Er wusste nicht, was er der attraktiven Neurochirurgin darauf antworten sollte. Er begann, leicht zu transpirieren und stotterte unbeholfen vor sich hin, während Maria ihn mit ihren dunklen Augen fixiert hielt und ihn damit nur noch mehr durcheinanderbrachte. Offensive Frauen waren ihm schon immer ein Rätsel gewesen, auch wenn er in seiner Praxis schon mit dem einen oder anderen Exemplar dieser faszinierenden Spezies zu tun gehabt hatte. Maria Hassmann war dagegen aber ein ganz anderes Kaliber. Aufregend, ja, aber auch gefährlich. Zumal Flirts am Arbeitsplatz nie eine gute Idee waren. Das hatte ihm die Zeit mit Dr. Haase gelehrt.

Mehdi: Also, ähm... ich...
Maria: Du wirst ja richtig rot, Tiger.
Tiger? Hilfe! Was wird das hier?
Mehdi (die Überforderung ist ihm deutlich anzumerken): Also, ich weiß nicht, ob das hier die richtige Umgebung ist, um...
Maria (lacht u. zieht ihre Offensive auf ihre charmant-eigenwillige Art wieder zurück): Hey, keine Panik, Mehdi! Entspann dich! Ich vernasch dich schon nicht gleich hier in der Cafeteria. Obwohl... Schöner Gedanke!

Mehdi starrte sein aufregendes Gegenüber nur an und konnte nicht glauben, was er da hörte. Das brachte die selbstbewusste Oberärztin nur noch mehr zum Schmunzeln. Männer zu überrumpeln war ihre Leidenschaft. Wenn sie auf die richtigen traf. Und dieses faszinierende Exemplar Mann hier war es definitiv wert, ein bisschen mit ihm zu spielen. Zumal sie diesmal nicht Gefahr lief, schon wieder zu spät dran zu sein. Jetzt, wo der Meier seine Gefühle nicht mal mehr im OP im Zaum halten könnte, was einer nervigen kleinen Assistenzärztin und Professorentochter sicherlich zugutekommen würde, ihr jedoch ziemlich egal war, denn sie hatte ihren Köcher bereits in eine andere Richtung ausgeworfen und fühlte sich ziemlich siegessicher.

Maria: Ich dachte, wir nutzen den Moment, da wir uns heute schon zum zweiten Mal zufällig über den Weg laufen, und beginnen die erste Lektion Flirten und so, hm? Mehr nicht! Es sei denn, du willst mehr?

Mehdi wirkte immer noch ziemlich bedröppelt, aber er war wieder etwas beruhigter, denn so schnell wollte er sich eigentlich nicht trösten lassen. Auch wenn es schon ein reizvoller Gedanke war, denn Maria Hassmann war eine ausgesprochen schöne Frau und sie war nicht auf den Mund gefallen.

Mehdi: Okay! Ähm... Nach meiner Selbstanalyse lief Lektion eins jetzt noch nicht so gut für mich, oder?
Maria (zwinkert ihm anerkennend zu): Naja, ausbaufähig! Aber Selbstkritik ist ein erster Anfang. Und, was sagst du nun dazu? Ein kleiner Absacker in einer Bar? Oder warten noch andere Frauen auf dich, an deren Wäsche du ranmusst?
Mehdi (ihm fällt plötzlich siedend heiß etwas ein u. er muss ihren Enthusiasmus bremsen): Ähm... Maria, also... Heute ist eher schlecht. Schwester Gabi hat mich gebeten, ihr beim Umzug zu helfen.
Maria (funkelt ihn sichtlich verstimmt an): Du versetzt mich wegen dieser Person! Heiße ich Haase, oder was?
Mehdi (versucht sich zu erklären): Ich bitte dich, Schwester Gabi hat viel durchgemacht. Erst das Kind, das sie verloren hat. Dann die Entführung...
Maria (steht kopfschüttelnd vom Tisch auf): Dir ist echt nicht zu helfen, Mehdi. Aber ich hab’s versucht. Einmal mehr hab ich’s versucht. Selbstmasochistisches Helfersyndrom nenn ich das.
Mehdi (guckt ihr ungläubig zu): Bitte was?
Maria (schaut noch einmal zu ihm herunter u. lässt ihn ihre Enttäuschung spüren): Du hast schon verstanden, Dr. Kaan. Deshalb wirst du auch nie eine Frau finden. Frauen wollen keine Freundin, die wollen einen richtigen Mann, der zupackt, wenn’s sein muss und der weiß, was er will, und der nicht nur ständig rumeiert, weil er immer noch der Einen nachtrauert, die er nicht kriegen konnte.
Mehdi (steht schmunzelnd ebenfalls von seinem Platz auf): Jetzt klingst du fast wie Marc Meier.
Maria (will sich eigentlich weiter ärgern, weil sie sich schon wieder lächerlich gemacht hat, aber muss dann doch schmunzeln): Tja, ich gebe es nur ungern zu, aber manchmal hat selbst das größte Ego der Welt einmal Recht. Aber er steht ja eh gerade etwas neben sich.
Mehdi (tritt auf ihre Seite): Okay, ich sage Gabi ab. Das war eh nur so eine lockere Verabredung.
Maria (ehrlich überrascht über seinen Sinneswandel): Das hört sich schon besser an.
Mehdi (nickt leicht mit dem Kopf u. beginnt, in seinen Jackentaschen nach seinem Handy zu suchen): Hm...
Maria (wirft ihm noch einmal einen koketten Blick zu u. lässt ihn dann einfach stehen): Okay, Mehdi, dann treffen wir uns gleich am Fahrstuhl?
Mehdi (schaut ihr mit einem Schmunzeln hinterher, bis sie aus der Cafeteria herausstolziert ist): Ja! Bis gleich! Ich... freu mich.
Maria (stolziert murmelnd davon): Ich mich auch. Du ahnst ja gar nicht wie sehr.

Und während sich Maria Hassmann auf einen entspannten Abend in netter Begleitung freute, wartete einige Stockwerke tiefer im Büro von Dr. Kaan eine ungeduldige Gabi Kragenow, die sich immer noch in schillernden Farben ausmalte, wie wohl der Abend mit ihrem Chef verlaufen könnte. Sie hatte vorhin all ihren Mut zusammengenommen und ihn gefragt, ob er ihr beim Umzug helfen könnte. Sie hatte nach wochenlanger Suche eine kleine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses gefunden. Sie wollte endlich ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Sie wollte endlich die Vergangenheit hinter sich lassen, all die Enttäuschungen und Tränen. Sie wollte einen Neuanfang. Ohne Intrigen, Missgunst und Neid. Sie wollte allen zeigen, dass es auch eine andere Gabi gab. Eine bessere Version ihrer selbst. Und bei ihrem Oberarzt würde sie damit anfangen. Denn dieser war ihr immer, egal, was für Mist sie gebaut hatte, unbefangen begegnet.

Gabi hatte sich ehrlich darüber gefreut, dass Mehdi ihr helfen wollte. Das wäre die Chance gewesen, ihn auch einmal außerhalb des Krankenhauses näher kennenzulernen. Und vielleicht würde ja auch noch mehr daraus werden. Aber die Seifenblase, in die sich die verliebte Krankenschwester in den vergangenen Minuten hineingeträumt hatte, platzte abrupt. Mit einem Pling in ihrer Handtasche. Denn Dr. Kaan sagte plötzlich mit einer kurzen SMS ab. - „Sorry, ich schaffe es heute doch nicht mehr. Liebe Grüße, M.“ Enttäuscht steckte Gabi ihr Mobiltelefon wieder ein. Anscheinend waren doch alle Männer gleich. Mehdi Kaan stammte doch von derselben Spezies ab. Die Bestätigung dafür erhielt sie, als sie ihren Oberarzt fünf Minuten später zusammen mit Dr. Hassmann lachend in den Fahrstuhl steigen sah. ... Arsch! Das hätte ich auch gleich wissen können. Er wohnt ja schließlich bei Marc. Und wer mit Marc befreundet ist, der kann mich mal.

Lorelei Offline

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04.12.2016 10:36
#32 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Zurück auf Rügen


Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen...

Es war der 3. August 1989. Es war ein Sonntag. Ein sonniger Sonntag. Wir hatten gerade Sommerferien. Ein Wendepunkt lag in der Luft. Nicht nur für Berlin und Deutschland, nein, auch für mich selbst. Denn in ein paar Wochen würde ich die Schule wechseln. Endlich aufs Gymnasium! Juhu! Ich zählte nun bald auch offiziell zu den Großen. Was mir auch ein bisschen Angst gemacht hat. Denn ich hasste Veränderungen. In solchen Situationen war ich immer unsicher und trat ganz bestimmt in Rekordgeschwindigkeit wieder in irgendein Fettnäpfchen, auch dort, wo eigentlich keines war. Die hatten mich schon immer magisch angezogen. Ich weiß auch nicht, warum das so war. Ein alter Familienfluch? Ich weiß es nicht. Deshalb wollte ich mich vorbereiten. Ich wollte diesmal nichts dem Zufall überlassen. Ich wollte meine neuen Mitschüler mit Witz, Charme und Selbstbewusstsein beeindrucken. Ich wollte endlich auch zu den Coolen gehören.

In der Grundschule hatte der soziale Status in der Klasse noch keine so große Rolle gespielt. Gut, vielleicht doch ein bisschen. Alles scharte sich in der Pause immer um Susanne Leibfried, die ja so toll und umwerfend war, während Steffi, meine allerbeste Freundin, und ich immer im Abseits gestanden haben. Ja, gut, wir sahen jetzt auch nicht so toll aus wie Susanne. Eher unscheinbar. Die Kindermode in den 80ern war aber auch ziemlich ungünstig geschnitten. Und erst die Brillenmodelle. Hilfe! Ich sah aus wie Puck, die Stubenfliege. Aber Papa sagte immer, wenn ich mir die Nase vorm Optikergeschäft plattdrückte, es ginge nicht um Optik, sondern um Funktionalität. Und solange meine rosaumrahmte Brille nicht kaputtging, die ich seit meiner Einschulung besaß, sollte ich sie auch mit Würde tragen. Das war so typisch Professor Oberschlau. Aber hinter seinem Rücken wurde ja auch nie gekichert. Kinder konnten so gemein sein. Dabei ging es ihnen doch auch nur um Anerkennung und Aufmerksamkeit, aber das habe ich erst viel später festgestellt.

Tja, was soll ich sagen, ich war immer eine Außenseiterin gewesen. Ein kleines, dickes, uncooles Mädchen, das sich nicht aus sich heraus traute, sich hinter seinen Büchern versteckte und dessen Mutter ihm jeden Tag kleine, in ihrer Welt gutgemeinte, Zettelchen unter das Leberwurstbrot legte, mit Ratschlägen und Alltagsweisheiten, wie man sich vor der Klasse noch peinlicher machen konnte. Und wie das so war als uncooler Außenseiter, versuchte man eben stattdessen durch Wissen zu glänzen. Damit trieb ich meine Lehrer fast immer zur Weißglut. Gut, aber was sollte ich denn machen? Es war doch echt peinlich für eine Biologielehrerin, nicht zu wissen, wie man einen korrekten Druckverband anlegte, eine Herzdruckmassage machte oder einen Arm richtig eingipste. In einem Notfall musste man sich doch schließlich schnell zu helfen wissen, erklärte ich Frau Schneidewind neunmalklug, nachdem ich an Steffi Papas Allzeitrekord im Arme eingipsen gebrochen hatte. Das machte mich jedoch nicht gerade beliebter. Weder bei meinen Mitschülern (‚Streberin! Arzttochter! Haase, Haase, Strebernase!‘), noch bei meinen Lehrern. Einen Vorteil hatte es jedoch. Sie wollten mich so schnell wie möglich loswerden und so bekam ich eine Superempfehlung fürs Gymnasium.

Jetzt sollte endlich alles anders werden… Eine neue Schule, ein neues Leben, ein neues Gretchen! Ich hatte meinen Schulstart minutiös geplant. Schon am ersten Ferientag besorgte ich mir von dem Zeugnisgeld meiner Oma ein cooles Outfit bei C&A. Ich war gerade in meiner Madonna-Phase. Lila Leggings, schwarzer Minirock, gelbes T-Shirt und rosa Glitzergürtel. Alles musste bunt und farbenfroh sein. Ich wollte ja endlich auffallen. Und das war schließlich auch meine neue Lebensphilosophie. Ich wollte das ausstrahlen, was ich auch innerlich fühlte. Gut, die richtigen Klamotten waren also schon mal besorgt. Ich hatte mir auch vorgenommen, etwas mehr Sport zu treiben. Ich wollte schließlich auch noch in sechs Wochen in meine neuen Leggings passen. Ich wollte ja nicht wie eine Presswurst aussehen und wieder zur Lachnummer werden. Ich bin deshalb jeden Tag fünfmal die Treppen zu meinem Zimmer hoch gerannt, anstatt wie sonst immer nur dreimal. Und ich habe beim Frühstück ein Schokobrötchen weniger gegessen. Gut, ich habe also auch etwas für meine Fitness getan. Ich habe es sogar geschafft, meinen Vater zu überreden, dass ich endlich Kontaktlinsen bekomme. Die trug er schließlich auch, seitdem Mamas Staubsauger seine zwanzig Jahre alte Hornbrille verschluckt hatte. Das war nur gerecht und besaß schließlich auch Funktionalität. Ich liebte es, wenn ich ihn mit Argumenten beeindrucken konnte. Ich fühlte mich gut, fast erwachsen und schön. Ich sah ein perfektes Leben auf mich zukommen…

Doch dann kam alles ganz anders!


Aber erst einmal zurück zum 3. August 1989. Es war Sonntag und mir war langweilig. Alle meine Freunde, also Steffi, waren mit ihren Eltern schon in die Ferien gefahren. Also beschloss ich, ein bisschen durch die Straßen von Berlin zu schlendern. Ich wollte mir dabei auch gleich die neue Schule anschauen. Ich trug das Outfit, welches ich mir gerade erst für den ersten Schultag besorgt hatte. Ich wollte seine Wirkung testen. Aber irgendwie fiel ich wie immer keinem auf, was vielleicht auch daran gelegen hat, dass ich ungefähr zwanzig Mädchen gesehen habe, die exakt dasselbe Outfit anhatten wie ich. Gut, ich hätte vielleicht nicht gleich das erstbeste Sonderangebot von C&A nehmen sollen. Da sind wohl andere auch auf dieselbe Idee gekommen wie ich. Mist, aber ich lag zumindest im Trend. Das war gut. Ich zählte also doch zu den Coolen der Stadt! Hm… ein tolles Gefühl, das mich regelrecht beflügelte. Ich hüpfte nur noch fröhlich durch die Straßen, womit ich dann doch einige komische Blicke auf mich zog. Aber das war mir egal. Denn ich war glücklich.

Am Ende der Straße entdeckte ich dann einen niedlichen kleinen, hinter Hecken versteckten Spielplatz. Ein Päuschen wäre nicht schlecht, dachte ich mir, denn es war ein ungewöhnlich heißer Tag in Berlin. Also ging ich direkt dorthin. Niemand war zu sehen. Ich setzte mich in den Schatten auf den Rand des Sandkastens und kramte mein Tagebuch hervor. Ich hatte es erst vor ein paar Tagen von meiner Oma geschenkt bekommen. Es war mein Allerallererstes. Es roch noch ganz neu. Nach frischem Papier und unzähligen Gedanken, die erst noch gedacht und aufgeschrieben werden mussten. Noch keine einzige Seite war beschrieben. Doch heute sollte der Tag kommen, an dem ich die ersten Zeilen hineinschreiben würde. So wie es meine Oma mir vorgemacht hatte, die seit ihrer Kindheit die Vorliebe besessen hatte, alles - aber auch wirklich alles und wenn es lediglich Nichtigkeiten waren - was ihr passiert war und was ihr etwas bedeutet hatte, darin festzuhalten. Denn Erinnerungen sollten immer festgehalten werden, gerade die schönen, aber auch die nicht so guten, um später daraus zu lernen. Das war immer ihr Credo gewesen. Bis zu ihrem letzten Tag. Vor nunmehr sechs Jahren.

Ich wollte gerade meinen Dirty-Dancing-Füller zücken, um in meinem neuen Tagebuch diesen wundervollen Tag zu beschreiben, als ich noch einmal aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen aufschaute. Da entdeckte ich IHN. Einen Jungen, nicht viel älter als ich, der traurig auf der Schaukel saß. Ich beobachtete ihn eine Weile und wunderte mich. Denn er saß einfach nur da mit hängenden Schultern und ins Gesicht gezogener Kapuze und starrte still vor sich hin. Ich wurde instinktiv neugierig. Ich habe es schon immer nicht ertragen können, wenn jemand traurig war. Und das an so einem schönen Tag wie heute. Also beschloss ich, aufmerksam wie ich war, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich wollte ihm ein bisschen von meinem Glücksgefühl abgeben, damit er sich besser fühlen konnte und ich wollte ihn unbedingt lächeln sehen. Ich glaubte nämlich, er hätte ein besonders schönes Lächeln. Ja, ich weiß, mein Helfersyndrom. Das war schon damals sehr ausgeprägt. Aber so bin ich nun mal. Also packte ich mein Tagebuch wieder in meine Umhängetasche und ging langsam auf ihn zu…

- „Darf ich?“, sprach ich ihn leise an und zeigte dabei auf die andere Schaukel neben ihm. Doch er reagierte nicht. War er überhaupt real? Ich setzte mich trotzdem auf den freien Platz. Eine Weile saßen wir nur stumm nebeneinander. Hm… Was sollte ich bloß mit ihm reden? Ich hatte noch keine Erfahrungen im Umgang mit Jungs, außer mit meinem Bruder, aber der zählte nicht, denn er ging ja noch in den Kindergarten. Jochen himmelte mich an, egal, was ich mit ihm veranstaltete. Ob es rosa Fingernägel waren oder meine Lieblingsschmetterlingsspangen in seinem Haar, die ihm komischerweise besser gestanden haben als mir. Eigentlich hatte ich Jungs noch bis vor kurzem ziemlich doof gefunden. Sie waren gemein, laut und zogen mir ständig an den Haaren. Ich weiß auch nicht, was es gewesen ist, aber an dem Tag war es irgendwie anders. Ich bewegte mich ganz automatisch auf ihn zu, so als ob mich irgendetwas zu ihm hinziehen würde. Seltsam?

Gretchen, irgendetwas musst du ihm jetzt sagen! Sonst denkt er noch, du bist irgendwie beschränkt. Hm…? Ich kramte in meiner Tasche und holte einen Schokoriegel heraus, den ich ihm im nächsten Moment einfach hinhielt. - „Willste auch mal beißen?“, sprach ich ihn erneut an. Und endlich schaute er mich an. Diese grünen Augen…
Gretchen war hin und weg und verlor von einem Moment auf den anderen jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Man konnte richtig beobachten, wie es in dem Kopf des Jungen, der sie jetzt verstört von Kopf bis Fuß musterte, zu arbeiten begann. Dann nickte er mit dem Kopf, zog seine Sweaterkapuze zurück und nahm ihr den Schokoriegel ab, um davon ein großes Stück abzubeißen. Sie lächelten sich an. … Dieses Lächeln... Gretchen war wie verzaubert und komischerweise verlor sie jegliche Scheu, die sie sonst besaß, wenn sie auf fremde Menschen traf. - „Bist du öfters hier?“ Er nickte wieder. - „Hm!“ Es war zwar nur eine Silbe, ein zaghaftes Summen, aber seine Stimme durchdrang Gretchen bis ins Herz, das nun aufgeregt zu schlagen begann. - „Du siehst traurig aus. Willst du vielleicht darüber reden?“ Er schüttelte nur den Kopf, machte wieder dicht und starrte geradeaus. Doch Gretchen ließ nicht locker. - „Manchmal hilft es, wenn man mit jemand Fremdes spricht. Das schafft eine neue Perspektive auf die Dinge, die einen bedrücken. Das habe ich mal in so einem Psychologiebuch gelesen.“ Er schaute sie erstaunt wieder an. - „Kannste mir glauben, das funktioniert. Ich kenn mich mit medizinischen Dingen aus. Ich will später mal Ärztin werden.“ Er zögerte erst, aber dann traute er sich doch, das seltsame Mädchen, das unentwegt quasselte, ganz leise anzusprechen. - „Mein Vater… Er ist…“

Gretchen schaute den Jungen mit großen fragenden blauen Augen an, die ihn völlig durcheinanderbrachten. Er konnte es sich nicht erklären, warum er ausgerechnet mit ihr, einer völlig Fremden, einem kleinen Mädchen in schrägen knallbunten Klamotten, darüber reden wollte. - „Er… ist einfach gegangen!“ Den Rest des Satzes verschluckte er fast und schaute nun wieder traurig zu ihr rüber. Eine Träne verfing sich in seiner Wimper, die er hastig wegwischte, ehe er wieder stoisch geradeausguckte. Gretchen brach es fast das Herz. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie stammte schließlich aus einer intakten Familie, in der es nie Probleme gegeben hatte. Instinktiv stand sie auf, ging zu ihm rüber und nahm den überrumpelten Jungen einfach in den Arm, um ihn zu trösten. Und er ließ es geschehen, auch wenn sein Verstand überhaupt nicht begreifen konnte, was hier gerade passierte. Einige Minuten hielten sie sich so fest, ohne dass es irgendwie beklommen für beide wurde. Gretchen genoss es sichtlich, ihn im Arm zu halten. Es war das erste Mal, dass sie jemanden so fest drückte. Ausgenommen ihre Eltern und Großeltern oder ihr Bruder, als er noch klein gewesen war. Ihr Herz schlug ihr mittlerweile bis zum Hals. Es war ein aufregendes Gefühl. Neu. Und sehr, sehr schön.

Doch dann endete der Moment ziemlich abrupt. Plötzlich hatte er sie losgelassen und war von der Schaukel aufgesprungen. Er wirkte ziemlich durcheinander und fahrig. - „Ähm… ich… muss dann mal… also ähm…“ Ihm schien die Situation dann doch etwas unangenehm geworden zu sein. Seine Füße bewegten sich schnell von ihr weg. Doch am Ende des Spielplatzes drehte er sich noch einmal nach dem kleinen blonden Mädchen um, das ihn so sehr verwirrt hatte, und sagte leise mit einem schwachen Lächeln, das Gretchen für immer in Erinnerung bleiben würde, „Danke.“ Dann zog er seine Kapuze wieder hoch und verschwand um die Ecke.

Gretchen bekam seine Flucht gar nicht richtig mit. Sie wirkte wie in Trance. Sie schwebte, ohne dass sie dafür die Schaukel hätte benutzen müssen. Und sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als sie sich langsam zurück auf die Schaukel fallen ließ. Doch ihr Satz griff leider daneben! Jetzt saß sie im Sand und musste lachen. Das war wieder so typisch für sie. Aber zumindest hatte sie sich nicht vor ihm blamiert. Wer er wohl war? Gretchen hatte nicht einmal seinen Namen. Aber eins wusste sie: Dass er ihr Schicksal sein würde! Sie blieb im Schneidersitz im Sand unter der Schaukel sitzen und schlug rasch ihr Tagebuch auf. Sie notierte nur diese vier Worte, „ICH habe mich VERLIEBT!!!“, und war einfach nur selig.

Sie wollte ihn unbedingt wiederfinden. Ihren unbekannten Prinzen, der ihr Herz im Sturm erobert hatte. Aber wie? Berlin war eine riesige Stadt. Es waren die späten 80er. Es gab noch kein Internet, wo man mal schnell eine Suchanzeige bei Schüler.vz reinstellen konnte. Vielleicht könnte sie ja hier in der Umgebung Zettel an die Bäume tackern, nach dem Motto „Kleine Madonna sucht ihren traurigen Prinzen“? ... Nee, das geht gar nicht. Dann hält er dich doch für total bekloppt. Ich sollte das Schicksal entscheiden lassen. Denn das hat uns hier ja auch zusammengeführt. Aber es kann sicherlich nicht schade, auch ein bisschen nachzuhelfen. ... Gretchen beschloss, jeden restlichen Tag ihrer Sommerferien zu nutzen, um zum Spielplatz zu gehen. Irgendwann würde er schon wiederauftauchen, hoffte sie, aber ihr Prinz kam leider die ganzen Ferien nicht wieder zurück.

Lorelei Offline

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08.12.2016 16:03
#33 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Gretchen war traurig und deprimiert. Ihr Traumprinz vom Spielplatz blieb auch nach fünf Wochen immer noch verschollen. Wie sollte sie jetzt nur den ersten Schultag in der neuen Schule überstehen? Ihre vorfreudige, glücksgeladene Stimmung, die sie am Anfang der Ferien noch verspürt hatte, hatte sich ins absolute Gegenteil verwandelt. Sie fühlte sich furchtbar. Allein. Unscheinbar. Dick und hässlich. Aber das hatte noch einen anderen Hintergrund.

Leider hatte ich die Kontaktlinsen nicht so gut vertragen und hatte mir eine schlimme Bindehautentzündung zugezogen. Ich hätte vielleicht auch nicht unbedingt bei Wind und Wetter auf dem Spielplatz rumhängen sollen. Aber was tat man nicht alles für die Liebe? Ich musste also mit roten, furchtbar entzündeten Augen und einer riesigen Sonnenbrille zur Schule gehen. Bei Paris Hilton ist das heutzutage normal, aber nicht Ende der achtziger Jahre für ein elfjähriges Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als dazuzugehören. Hm… obwohl, so im Nachhinein betrachtet, habe ich da vielleicht einen Trend geschaffen? Hm…? Egal! Jedenfalls wenn man denkt, noch schlimmer kann es einen nun wirklich nicht mehr treffen, wurde Gretchen Haase natürlich sofort eines Besseren belehrt. Es konnte sehr wohl immer noch schlimmer kommen!

Zwei Tage vor dem Schulstart bekam ich nämlich vom Zahnarzt eine riesige Zahnspange verpasst. Ein Albtraum! Ein absoluter Albtraum! Steve Urkel war nichts dagegen! Toll, Gretchen, echt, uncooler geht’s nicht! Die nächsten Jahre auf dem Gymnasium konnten ja nur der Horror werden. Zum Glück wusste ich Steffi an meiner Seite. Aus reiner Solidarität ist sie am nächsten Tag auch gleich zum Zahnarzt gegangen und wurde mit einem noch viel schlimmeren Modell bestraft. Das ist wahre Freundschaft! Trotzdem traute ich mich am 7. September 1989 fast nicht aus dem Haus. Ich wundere mich heute noch über Mamas Überredungstalent.

Mit ziemlich gemischten Gefühlen stieg ich also in den Schulbus. Alle Augen waren wie erwartet auf mich gerichtet, was wohl nicht nur an der riesigen Sonnenbrille gelegen haben musste, sondern auch daran, dass mich meine Mutter in dieses furchtbare rosa Kleid gesteckt hatte, welches mir Großtante Elsa zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich hatte nämlich nicht mehr in die coolen Leggings gepasst, weil ich vor lauter Frust, dass ich IHN nicht wiedergefunden habe, meinen gesamten Schokivorrat verputzt hatte (ich habe sogar noch den Weihnachtsmann von vor zwei Jahren gegessen, den ich beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden habe. Ich bin ein hoffnungsloser Fall!). Das Resultat war, dass ich in keine meiner Sachen mehr hingepasst habe. Das Einzige, was noch übriggeblieben war, war dieses rosa Zelt. Miss Piggy lässt grüßen! Ich hörte schon die ersten Sprüche im Bus, noch bevor die Ersten anfingen zu tuscheln. Es würde ein Horrortag werden! Das wusste ich sofort.

Es fing auch direkt an, als ich vor der Schule aus dem Bus gestiegen bin oder besser gesagt gefallen bin. Ich habe durch meine Sonnenbrille nicht gesehen, dass noch eine Stufe kommt. Alle haben gelacht, selbst der Busfahrer, der mir dann nach kurzem Zögern wiederaufgeholfen hat. Im Unterricht ging es dann auch gleich weiter mit der Peinlichkeitenparade. Wir mussten uns vor der Klasse vorstellen. Ich hasste so was. Ich stand nicht gerne im Mittelpunkt. Ich wusste dann nie, was ich sagen sollte. Es sei denn, es handelte sich um eine Leistungskontrolle und um reines Wissen. Spontanität lag mir einfach nicht. Ich fühlte mich dann immer wie auf einem Präsentierteller. Aber ich hatte mir in den Ferien schon ein paar coole Sprüche ausgedacht, was ich vielleicht sagen könnte.

- „Hallo, ich bin die Gretchen. Ich bin elf Jahre alt und wohne mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in einer riesigen Villa in Berlin Mitte. Mein Vater ist nämlich Oberarzt. Chirurg. Der Beste der Stadt. Falls ihr mal zusammengeflickt werden müsst. Und ich würde euch gerne mal alle zu mir nach Hause einladen. Damit wir uns alle richtig gut kennenlernen. Meine Mutter kocht so gerne. Fast Sterneniveau. Und wir haben einen riesigen Pool im Garten. (Gut, hatten wir nicht, aber ich hätte Papa bestimmt auch noch dazu überreden können, jetzt, wo das mit den Kontaktlinsen so gut geklappt hat.) Ach so, und ich bin ein riesiger Madonna-Fan. Ich habe schon Karten für das Konzert im November.“ Ich weiß, das alles wäre ein bisschen geflunkert gewesen, aber alle wären beeindruckt gewesen und würden mich gerne als Freundin haben wollen. Das hatte ich zumindest gehofft. Aber nein, ich brachte stattdessen vor lauter Aufregung nur Stuss heraus...

- „Margarete Haase, elf Jahre, ich wohne in Berlin Mitte, mein Vater ist Arzt, meine Mutter Hausfrau, ich habe einen fünfjährigen Bruder und ich mag Pferde!“ (Obwohl ich die doch eigentlich noch nie gemocht hatte. Das war Mamas Leidenschaft. Sie war Landesmeisterin in Juniorreitendingsbums. Sie hat mich immer dahingeschleift. ‚Reiten macht schlank! Täte dir ganz gut, Margarete.‘ Dabei hatte ich echt einen Heidenrespekt vor diesen riesigen Tieren. Hab es immer noch.) Wahnsinnig schlagfertig, Gretchen, echt! Aber mir war in dem Moment einfach nichts Besseres eingefallen. Unter Druck passiert mir das ständig. Ich kann dann nie kontrollieren, was ich von mir gebe. Als ich mich wieder hinsetzte und mich von Steffi, die mit mir mitgelitten hatte, trösten ließ, hörte ich das Tuscheln und Lachen der anderen in den hinteren Reihen. Mein Selbstbewusstsein lag am Boden. Selbst Archäologen hätten es nicht mehr ausgraben können. Ich war ein uncooler Loser! Den Stempel hatte ich mir selbst aufgedrückt. Der Tag war gelaufen. Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte ich…

Konnte es doch! Denn meine unsensible Klassenlehrerin zwang mich nach dem Ende der Vorstellungsrunde, die Sonnenbrille abzusetzen. Ich hatte gleich meinen neuen Spitznamen weg. Rosa Laborha(a)se! Wegen der roten Augen, für die ich ja nichts konnte. Denn es war ja eine Krankheit, wie ich den Hohlköpfen mit medizinischer Präzision verzweifelt versuchte zu erklären. Aber das machte alles nur viel schlimmer. Ich hätte heulen können. Es wäre gar nicht aufgefallen, denn meine Augen tränten eh schon die ganze Zeit von der Bindehautentzündung, was meine Lehrerin schließlich auch verstand. Ich durfte die Sonnenbrille wiederaufsetzen. Im Gegensatz zu Karsten mit seinem albernen Käppi, der damit versucht hatte, seine für Jungs untypische Lockenmähne zu verdecken. Aber zu spät. Ich wollte nur noch hier weg, aber das ging ja leider nicht. Denn das war ja erst die erste Schulstunde gewesen und es sollten noch sehr, sehr viele in den nächsten acht Jahren folgen.

In der Hofpause suchte ich erst einmal das Weite und stellte mich auf dem asphaltierten Schulhof ganz abseits irgendwohin. Ich wollte nicht gesehen werden, auch nicht von Steffi, die auch nicht gerade glanzvoll während ihrer Vorstellung in der Klasse aufgenommen worden war. Und vor allem wollte ich nicht gleich wieder in das nächste Fettnäpfchen treten. Hinter dem Spielplatz entdeckte ich eine schulterhohe Hecke. Dahinter eine Sitzecke. Dort setzte ich mich erst einmal hin, biss lustlos von meinem Schulbrot ab und nahm dann mein Tagebuch heraus. - „Alles Scheiße hier!!!“, schrieb ich hinein. Dass ich das auch laut ausgesprochen hatte, hatte ich in meinem Kummer gar nicht bemerkt. Plötzlich hörte ich jedoch eine Stimme im Rücken. - „Da stimme ich dir voll und ganz zu!“ Ertappt drehte ich mich herum, konnte aber niemanden erkennen. Komisch, jetzt hörte ich schon Stimmen. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei und träumte weiter vor mich hin, während ich hastig den Rest meines Leberwurstbrotes hinterschlang.

- „Neu hier?“ Schon wieder diese Stimme. - „Was?“, gab ich völlig verwirrt zurück und schob meine Brotdose und das Tagebuch schnell wieder in meinen Ranzen. - „Ob du ein Frischling bist?“ - „Ein was?“ Hastig drehte ich mich nach allen Richtungen um, aber konnte immer noch niemanden entdecken. Die Stimme, die mir sonderbarerweise irgendwie vertraut vorkam, wurde nun etwas gereizter. - „Ey, bist du schwer von Begriff oder einfach nur strohdoof, was ja auch zu deiner Haarfarbe passen würde?“ Wie unverschämt! Angesäuert sprang ich von der Bank auf. Ich wusste immer noch nicht, wer das eben gewesen war, aber ich würde ihn zur Rede stellen. Ich kam aus meinem Versteck hervor, ging um die Hecke herum und da sah ich IHN plötzlich und erstarrte…

Johnny Castle! Nein, James Dean! Nein, David Hasselhoff in jung!!! Und er hatte verblüffende Ähnlichkeit mit dem Jungen vom Spielplatz. Es war der Junge vom Spielplatz!!! Ich war vollkommen baff und glücklich. Ich strahlte ihn an. Es gab doch einen Gott da oben. Ich schaute hoch zum Himmel und murmelte leise „Danke“. Mein Leben ist heute doch noch nicht zu Ende. Es gab doch noch einen Lichtblick. IHN!!! Er ging auf meine neue Schule! Das war ja der Wahnsinn! Juhu! Jetzt konnte ich ihn jeden Tag sehen. Ich würde die Schulzeit doch überleben, denn es gab ja schließlich IHN. Zusammen würden wir hier die beste Zeit unseres Lebens verbringen.

Wie gut ER aussah! Ich hatte ihn ganz anders in Erinnerung. Er lehnte lässig am Klettergerüst und zündete sich gerade eine Zigarette an. Er rauchte? Er wirkte irgendwie ganz anders als auf dem Spielplatz neulich. Souverän. Stark. Und saucool. Verwirrt strich ich mir durchs Haar und verhedderte mich dabei direkt an einem lästigen Knoten. Sehr selbstsicher, echt, Gretchen! Er trug ein blaues T-Shirt, eine enge Bluejeans, die neusten Sneaker, diese leuchtenden aus „Zurück in die Zukunft“, und eine schwarze Lederjacke. Seine Haare waren ganz verwuschelt vom Wind. Er sah unheimlich scharf aus. Scharf? Darf man das als Elfjährige überhaupt schon denken? ER verwirrte mich total. Und wie er mich anschaute. Seine wunderschönen dunkelgrünen Augen durchbohrten mich regelrecht. Von seiner Stimme bekam ich eine Gänsehaut.

- „Also doch, Frischling! Wusste ich’s doch. Niemand sonst würde sich sonst freiwillig hierher trauen.“ Ich wusste nicht, was ich ihm darauf erwidern sollte. Mir blieb einfach die Spucke weg bei seinem Anblick. Das musste ihn irgendwie amüsiert haben. Denn plötzlich lächelte er. Wie süß waren denn seine Grübchen? Wahnsinn! Die hatten mich neulich schon total fasziniert. Ich konnte nicht anders und musste darauf starren.

- „Und wie heißt du?“ Oh Gott, stimmt! Er kannte ja meinen Namen auch noch nicht. Aber ich brachte immer noch keinen Ton heraus. Er hatte mich mit seinem forschenden Blick irgendwie hypnotisiert. Ich konnte mich weder bewegen, noch sprechen, noch meinen heruntergerutschten Ranzen wieder schultern. Abwägend guckte er mich jetzt an. - „Du wirst doch wohl einen Namen haben, oder?“

Gretchen, du musst jetzt etwas sagen! Sonst denkt er noch, du bist irgendwie behindert. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich leise anfing zu sprechen. Ich stotterte. - „Gree… Gree... Gretchen Haase!“ Endlich hatte ich es herausgebracht. Oh Gott, wie peinlich! Er denkt doch jetzt bestimmt, dass ich wirklich nicht ganz normal bin. Aber genauso fühlte ich mich in diesem Moment. In seiner Gegenwart konnte man nicht normal bleiben. Die Schmetterlingsschwärme in meinem Bauch wollten abheben. Ich hatte mich noch nie so leicht gefühlt wie jetzt.

Schmunzelnd funkelten plötzlich seine wunderschönen Augen auf und zogen mich noch mehr in ihren Bann. - „Gretchen? Was ist das denn für ein bescheuerter Name?“ Wieso denn bescheuert? Ich liebe meinen Namen. Ich finde ihn wunderschön. Einzigartig. Besonders. Er passt zu mir. - „Abkürzung von Margarete“, erwiderte ich mit strahlendem Lächeln, aber das brachte ihn nur noch mehr zum Lachen. Er hatte ein schönes glasklares Lachen.

- „Oje! Bist du etwa aus einem schrägen Fünfziger-Jahre-Heimatfilm entsprungen? Dann steig mal schnell wieder in deine Zeitmaschine, Heidi!“ Mit riesigen Augen starrte ich ihn an. Er hatte einen komischen Humor. - „Hä? Nein, wieso?“ Jetzt stutzte auch er einen kurzen Moment, in dem er mich so komisch von Kopf bis Fuß musterte. Er drückte seine Zigarette am Klettergerüst aus und schnipste sie in den Sand, bevor er mir schließlich antwortete. - „Naja, weil meine Uroma genauso hieß.“

- „Echt?“ Ich strahlte ihn an. Wie toll, wir hatten etwas gemeinsam! Verwirrung spiegelte sich in seinen dunkelgrünen Augen. - „Ähm… ja? Echt!“ Wie süß er aussieht, wenn er so bedröppelt guckt. Okay, ich spreche ihn jetzt einfach darauf an. Er scheint noch nicht gemerkt zu haben, dass ich es bin. - „Erkennst du mich nicht?“, traute ich mich nun, mutig zu fragen. Er zuckte kurz zusammen, zwinkerte zweimal unbemerkt, zog sich seine Lederjacke zurecht und lief dann betont desinteressiert um das verrostete Klettergerüst herum, ohne mich auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

- „Sollte ich? Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen.“ Ich musste seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. - „Na, vom Spielplatz!“, antwortete ich etwas zu euphorisch. Er blickte sich um und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die unbenutzten Spielgeräte. Komisch, das fiel mir jetzt erst auf, dass kein einziger Schüler in unserer Nähe spielte, obwohl immer noch Hofpause war.

- „Ähm… jaaa, du Blitzmerkerin, wir befinden uns auf einem Spielplatz. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist oder sind deine Brillengläser beschlagen? Siehst du durch diese hässlichen Dinger überhaupt etwas, Vierauge?“ Wieso wurde er denn jetzt so patzig? Dachte er etwa, dass ich mich über ihn lustig machen wollte? Ich musste das klarstellen. - „Ach nein, den hier meine ich doch gar nicht.“ Er hatte das Umkreisen des Klettergerüsts sein gelassen und schaute mich immer noch fragend an. Oh, diese Augen… Hm… Gretchen, aufwachen! Nicht träumen! Dazu hast du später noch Zeit. Er hat dich etwas gefragt. - „Ich meine den Spielplatz ein paar Straßen weiter. Ich glaube, es ist die Ferdinand-Dingens-Straße, oder so?“

- „Kenn ich nicht“, reagierte er ziemlich abweisend und guckte demonstrativ in die andere Richtung, wo ein paar Kinder gerade fröhlich Seil hüpften, dies aber schnell sein ließen, als sie ihn entdeckten. - „Musst du aber“, erwiderte ich ziemlich kleinlaut, was ihn dazu animierte, sich sofort wieder zu mir umzudrehen. Irgendetwas in seinem Blick hatte sich plötzlich geändert. Ein leichter Schauer durchfuhr mich. - „Ey, ich muss gar nichts! Klar?“ Ich konnte nicht anders, als die Diskussion voranzutreiben. Wieso erkannte er mich denn nicht? - „Doch du warst da!“ - „War ich nicht!“, antwortete er trotzig und verschränkte dabei seine Arme. So langsam wurde es echt kindisch.

- „Doch! Erinnerst du dich nicht? Die Schaukel! Ich habe dir einen Schokoriegel gegeben, weil du so traurig warst.“ Jetzt, jetzt würde er mich doch endlich erkennen und mich so in den Arm ziehen wie ich ihn neulich? Das war schön gewesen. Aber leider war das diesmal wieder nur Wunschdenken. Denn jetzt regte er sich erst so richtig auf. Das war so verwirrend. Ich hatte keine Ahnung, was genau sein Problem mit mir war.

- „Bitte was? Ich und traurig? Ey, ich bin nie traurig!“ Mein Mund reagierte mal wieder schneller als mein Denkapparat. - „Das muss dir nicht peinlich sein. Wir haben alle mal einen schlechten Tag“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Aber er blieb genauso abweisend wie zuvor. Ich verstand die Welt nicht mehr. - „Sorry, echt, ich weiß nicht, was du meinst. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe, du kleine Nervensäge!“ Ich konnte nicht. - „Doch das warst du! Definitiv!“ - „Nein, war ich nicht!“ Ich lief ihm hinterher, als er flüchten wollte. Diesmal wollte ich ihn nicht gehen lassen. - „Doch! Du musst dich doch erinnern! Vor fünf Wochen.“

Plötzlich blieb er stehen und drehte sich wieder zu mir um. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sich verändert. Ein bisschen machte er mir Angst, weil er so anders war als neulich. - „Noch mal zum Mitschreiben, Rotzgöre, ich kenne dich nicht. Ich habe dich noch nie gesehen und ich habe auch nicht vor, das in Zukunft nachzuholen. Klar? Ey, langsam wird mir das hier echt zu albern!“ - „Mir auch!“, erwiderte ich patzig auf seine harsche Ansage. Ich war so enttäuscht. Wo war der Junge vom Spielplatz abgeblieben? Aber es sollte noch dicker kommen, wie ich gleich noch feststellen würde. - „Na, dann kannst du dich ja auch endlich verpissen! Abmarsch, los!“

Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte ihm diesen Gefallen nicht tun. Ich war so enttäuscht. Enttäuschung war gar kein Ausdruck. Es hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen und es lag diesmal nicht daran, dass ich die Stufe vom Busausstieg fatalerweise verpasst hatte. Er hatte mich tatsächlich nicht wiedererkannt. Ich suchte nach Erklärungen. Gut, es mag vielleicht daran gelegen haben, dass ich jetzt etwas anders aussehe. Die blöde Sonnenbrille, die riesige Zahnspange, die mir Defizite in der Aussprache einbrachte, und das hässliche rosa Zelt! Kein Wunder, dass er mich nicht gleich erkannt hatte. Jungs wie er kennen keine Mädchen wie mich. Ist ja klar! Aber einen Versuch starte ich noch. Eine Margarete Haase gab nämlich nie auf. Sie kämpfte bis zum Schluss!

- „Du? Ähm… also, ich sah neulich noch etwas anders aus“, versuchte ich ihm zaghaft zu erklären. Etwas? Ich war ein komplett anderer Mensch! - „Also… ähm …ohne Zahnspange und Sonnenbrille und so.“ Ich traute mich kaum, ihm in die Augen zu schauen und war erstaunt, als diese plötzlich so seltsam aufblitzten. Wie konnte ein Mensch nur so widersprüchlich sein, fragte ich mich und hielt seinem eindringlichen Blick diesmal stand. Aber nur für einen kurzen Augenblick. - „Dann nimm sie doch mal ab!“, forderte er mich ungeniert auf und ich wurde rot. Oh Gott, nein, bloß nicht! Dann rennt er doch erst recht schreiend davon.

- „Nee, du, lieber nicht!“ - „Ach, komm schon, zier dich nicht! Wir sind hier doch unter uns. Ich werde auch nicht lachen“, stachelte er mich an. Nur wieso wollte ich ihm nicht glauben? - „Ich habe da gerade so eine fiese allergische Sache und… ähm … vertrage die Sonne nicht so. Also… ähm…“ Das klang jetzt so richtig bescheuert, Gretchen. - „Aha?“, erwiderte er nur zweifelnd und guckte demonstrativ in den bedeckten Himmel. - „Okay, ähm… du glaubst mir nicht.“ - „Wow, Miss Sonnenbrille hat doch etwas gelernt in den letzten fünf Minuten, die sie mir gestohlen hat.“ Menno, das war echt gemeint. Wieso ist er nur so gemein zu mir? Ich habe ihm doch gar nichts getan. - „Erinnerst du dich dann vielleicht an ein junges Mädchen, so alt wie ich, cooles Madonna-Outfit, also, bunte Leggings, schwarzer Rock, gelbes T-Shirt, keine Sonnenbrille? Klingelt es jetzt bei dir?“

Er schaute mich mit großen verschmitzten Augen an. - „Wer soll das sein?“ Oje, er ist wirklich nicht der Hellste! - „Na, eventuell ich vielleicht?“ Erwartungsvoll guckte ich ihn an und er brach zu meiner Enttäuschung direkt in schallendes Gelächter aus. - „Das kann ich mir nur schwer vorstellen.“ - „Und warum, wenn ich fragen darf?“, reagierte ich ziemlich beleidigt. So ein gemeiner Kerl! Und es wurde noch schlimmer. Mit jedem Satz, der aus seinem so unschuldig wirkenden Mund kam, raubte er mir ein Stück von der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte. - „Ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber wie Madonna siehst du nicht gerade aus. Eher wie Miss Piggy! Und die sind beide alles, aber bestimmt nicht cool. Du hättest dich vielleicht vorher mal im Spiegel anschauen sollen, bevor du vor die Tür gehst. Du siehst nämlich echt scheiße aus!“

Ich bin in meinem Leben schon oft beleidigt und aufgezogen wurden, aber so gemein beschimpft hatte mich noch niemand. Ich war jetzt nicht mehr nur enttäuscht, ich war sauer. Stinksauer, um genau zu sein und das zeigte ich dem Flegel auch, der sich gerade mit der nächsten Zigarette im Mund aus dem Staub machen wollte. Ich stellte mich ihm mutig in den Weg und bemerkte nicht einmal, wie es um uns herum plötzlich gefährlich leise geworden war. - „Sag mal, spinnst du? Was fällt dir ein? Das kannst du mir doch nicht einfach so sagen. Das gehört sich nicht. Wir kennen uns doch gar nicht.“ Lässig zog er die Kippe wieder aus seinem Mund und klemmte sie sich hinters Ohr. Dann fing er plötzlich an, in die Hände zu klatschen. - „Eben! Wow! Sie hat’s endlich geschnallt! Willste dafür einen Stempel in dein rosarotes Bienchenheft?“

Für wen hielt er sich eigentlich? Er war so unverschämt. Ich konnte das nicht so stehen lassen. Denn ich war mittlerweile mehr als geladen. - „Ey, du… du Knallkopf…“ - „Knallkopf?“, fragte er amüsiert zurück und ich konnte nur vor Scham die Augen schließen, ehe ich erneut ausholte. Ich weiß gar nicht, woher ich überhaupt den Mut dafür hatte. - „Ja, Knallkopf! Ich habe einen echt beschissenen Tag hinter mir, ich habe schreckliche Kopfschmerzen, mir tränen die Augen von meiner blöden Bindehautentzündung, ich bin heute schon hingefallen und vor der Klasse bloßgestellt worden, da muss ich mich nicht auch noch von so einem… ähm… so einem…“ Der fröhliche Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich abrupt. - „So einem was?“ - „… dahergelaufenen Vollidioten wie dich dumm anquatschen lassen!“

Komischerweise fühlte ich mich tatsächlich besser, als ich es endlich rausgelassen hatte. Seine markante Stimme rutschte eine Oktave höher, so als ob er sich weit von einem möglichen Stimmbruch weg entfernte. - „Ich soll dich angequatscht haben?“ Hatte er wohl! Jetzt konnte ich ihm endlich Kontra geben. - „Ähm… ja, hast du!“ Denn es stimmte ja auch. Er hatte mich angesprochen. Aber er lachte nur hämisch auf. - „Davon träumst du vielleicht in deinem Pferdeposterzimmer. Ey, ich quatsche doch keine kleinen, dicken, hässlichen Mädchen im rosa Tutu an. Das macht keiner.“ Ich merkte, wie sich meine Augen langsam mit Tränen füllten. Nein, Gretchen, jetzt fang bitte nicht an zu heulen, nicht vor dem Arsch! Das ist genau das, was er bewirken will. Sei stark! Er ist es nicht wert. Er ist kein Prinz. Er ist nicht einmal ein Frosch. Vielleicht eine Kröte, ja. Aber mehr auch nicht.

- „Wenn du mich weiter so beschimpfst, dann… dann…“ Hilfe, ich hänge! Nein, bitte nicht jetzt! - „Dann was?“, drehte er den Spieß plötzlich um und kam mir gefährlich nahe. - „Holst du dann auch noch deine Ballettschuhe raus und tanzt mir was vor? Ach, jetzt verstehe ich. Du kommst von dieser verdrehten Waldorf-Schule, ja? Na, dann tanz mir mal deinen Namen vor, Margarete!“ So ein Arsch! Oje, hoffentlich gibt das kein schlechtes Karma, so viele Schimpfworte wie mir gerade durch den Kopf schwirren, aber nicht raus wollen. - „… dann… dann passiert was, aber so richtig!“ Ich bin so schlagfertig, Wahnsinn! Natürlich amüsierte ihn das königlich und er fuchtelte mit seinen Armen theatralisch vor meinem Gesicht herum. - „Uuuhhh… da krieg ich aber richtig Angst!“ Sollst du auch!

- „Lass mich in Ruhe!“, fauchte ich ihn an. Ich hatte keine Lust mehr auf das anstrengende Hin und Her. Ich schnappte mir meinen Ranzen und ging schmollend zurück zur Sitzecke hinter der Hecke. Doch er ließ nicht locker und folgte mir dorthin. - „Ich soll dich in Ruhe lassen? Du hast doch die ganze Zeit genervt!“ Empört blickte ich zu ihm hoch. Er wirkte auf einmal so viel größer und bedrohlicher auf mich. Aber ich wollte ihm nicht den Gefallen tun und ihm meine Unsicherheit zeigen und wurde dementsprechend kratzbürstig. - „Was? Ich nerve?“ - „Äh… ja! Tierisch! Merkst du selber, oder?“


Das war endgültig zu viel für das junge Gretchen. Ihr schillernder Traumprinz hatte sich von jetzt auf gleich in einen stinkigen Frosch verwandelt. Eben noch war sie überglücklich gewesen, ihn endlich wiedergefunden zu haben. Im nächsten Moment verfluchte sie den Tag, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Dieser Tag heute war definitiv der schlimmste Tag aller Zeiten! Sie musste ihrer Wut und Enttäuschung einfach Luft machen und dieser unmögliche Junge war genau der richtige Punchingball dafür. - „Wie konnte ich nur so blöd sein und glauben, dass ausgerechnet du der Junge vom Spielplatz bist? Ich muss blind gewesen sein. Das muss wohl an der Brille gelegen haben. Es war jemand anderes. Definitiv! Dieser Jemand wusste zumindest, was Gefühle sind. Aber davon bist du meilenweit entfernt. Man sollte Mitleid mit dir haben.“

Das, was sie ihm jetzt unvermittelt entgegengeschmettert hatte, war für ihn wie ein bitterer Schlag in die Magengrube gewesen. Er musste schwer schlucken und sich stark zusammenreißen, nicht gleich noch überzureagieren. Er hatte diesen Tag aus seinem Gedächtnis gestrichen. Denn dieser Sonntag vor wenigen Wochen war sein schlimmster Tag im Leben gewesen. Sein Vater hatte an jenem Tag seine Familie verlassen. Einfach so ohne ein Wort. Ohne eine Erklärung oder eine Entschuldigung. Er war einfach weg. Und seitdem war nichts mehr, wie es einmal war. Mit einem Mal waren all die Gedanken wieder zurück, die er bislang erfolgreich verdrängt hatte. Es machte ihn rasend, zu wissen, dass sie, ausgerechnet SIE, ihn so gesehen hatte. So verletzt und allein. So schutzlos. Er konnte nicht zugeben, dass er es gewesen war, den sie getroffen hatte. Er würde es niemals zugeben, auch wenn er sich insgeheim eingestehen musste, dass er ab und an dieses sonderbare Mädchen gedacht hatte, das sich ihm heute erneut sehr eindrucksvoll präsentiert hatte. Was war mit ihr eigentlich nicht normal? Er hatte noch nie so ein Mädchen getroffen, das ihm so leichtfertig Kontra gab, und redete sich schnell ein, dass er an einer weiteren Bekanntschaft mit ihr definitiv und überhaupt kein Interesse hatte. Seine Gehässigkeit und seine Coolness ihr gegenüber waren lediglich sein Schutzschild.

- „Ja, ja, blind, blond und blöd passt ja zusammen, ne!“ Das kann man von dir auch behaupten. GRRR!!! - „Blöder Idiot! Verschwinde endlich! Ich will meine Ruhe haben“, zickte ich ihn an, aber er wollte einfach nicht weichen und baute sich vor mir auf. Gehässig schaute er zu mir herunter. - „Meine Rede! Du verschwindest! Das ist meine Bank!“ Jetzt musste ich doch lachen. Das war doch total albern, was er hier veranstaltete. - „Bitte was? Ist hier dein Name eingraviert, oder was? Die gehört doch der Schule.“ Er schnaubte nur verächtlich auf und deutete auf die vielen zertretenen Zigarettenkippen neben der Bank. Okay? Ja, vielleicht war das vorher doch sein Platz gewesen, aber den konnte man doch miteinander teilen, oder? Er hätte mich nur freundlich fragen müssen. - „Mag sein, aber ich bin hier noch verabredet. Also zisch endlich ab, Vierauge! Ich will nicht mit nem Frischling gesehen werden. Das schadet meinem Ruf.“

Der spinnt doch! Für wen hält er sich? Gott? Ist er die Sonne und alles dreht sich nur um ihn? Kein Wunder, dass er so abgehoben ist. Ich würde einen Teufel tun und mein Versteck ausgerechnet für ihn freiwillig hergeben. Aber da klingelte es bereits zur nächsten Stunde und ich musste aufstehen. - „Wessen Ruf?“, hakte ich noch geistesabwesend nach, während ich meinen Ranzen schulterte und nach Steffi Ausschau hielt. - „MARC MEIER!“, klärte er mich endlich auf und ich war einmal mehr ziemlich baff. Aber im nächsten Moment trat er auch schon wieder nach und der Zauber verpuffte zu Staub. - „Und übrigens, ich habe hier das Sagen an der Schule, merk dir das! Fünftklässler halten gefälligst Abstand von den Großen. Die Sitzecke ist für euch Sperrbezirk. Klar? Also, HAASENZAHN, mach dich endlich vom Acker!“


MARC MEIER! Dieser wohlklingende und so prägnante Name brannte sich regelrecht in Gretchens Hirn und in ihr Herz, obwohl sie eigentlich stinksauer sein müsste. Denn sein wenig origineller Spitzname für sie war wirklich gemein. Gegen den leichten Überbiss, der sie bislang nie gestört hatte, hatte ihr Zahnarzt schließlich mittlerweile schon etwas unternommen. Aber vor zwei Tagen hatte Gretchen ja auch noch nicht erahnen können, dass diese zehn Buchstaben, die aus Marcs Mund so unnachahmlich klangen, ihre ständigen Begleiter während ihrer gesamten Schullaufbahn werden würden. Und darüber hinaus.

Liebes Tagebuch…

Es war am 3. August 1989, um exakt 16.55 Uhr, als ich Marc Meier zum ersten Mal gesehen und mich sofort unsterblich in ihn verliebt habe. Ich habe ja schon oft von Liebe auf den ersten Blick gelesen, aber das sich das in real so unheimlich gut anfühlen würde, hätte ich mir nie zu träumen erhofft. Ich musste ihn wiedersehen. Unbedingt! Wir gehörten einfach zusammen. Wir waren Seelenverwandte. Definitiv!

Am 7. September 1989, um exakt 9.42 Uhr habe ich erneut in diese zauberhaften, unergründlichen, dunkelgrünen Augen geblickt. Es war definitiv Schicksal! Es war tatsächlich Liebe! Das Schicksal hatte uns wieder zusammengeführt. Wir würden für immer zusammen sein. Nichts könnte uns jemals trennen...

Um 9.51 Uhr desselben Tages wurde mir klar, dass ich Marc Meier für den Rest meines Lebens hassen würde. Er war ein Vollidiot, ein arrogantes, selbstverliebtes, gefühlskaltes Arschloch, ein Macho, ein unheimlich süßer, unverschämt gutaussehender Macho! Hach…

Spätestens um 10.05 Uhr war mir bewusst, ich war immer noch schrecklich in ihn verliebt!!!

Lorelei Offline

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15.12.2016 10:20
#34 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

...und ich bin es immer noch, murmelte Gretchen wehmütig vor sich hin.

Mittlerweile war bereits später Abend geworden. Die junge Assistenzärztin saß immer noch auf ihrem Felsen am Meer und dachte nach. Über ihr bisheriges Leben. Über ihre Stolpersteine. Und über den Einen, der schon immer ein und derselbe gewesen war: Marc Olivier Meier!

Jetzt ist unsere allererste Begegnung tatsächlich schon über zwanzig Jahre her. Wahnsinn! Kann das sein? Kann man jemandem wirklich so lange hinterherlaufen? Ich muss verrückt sein, noch immer dieser einen Illusion nachzuträumen. Dass er mich auch will. Schon damals konnte Marc nicht zeigen, dass er Gefühle hatte. Dass ich ihm etwas bedeutete. Er war immer auf sein Image bedacht. Der coole unnahbare Junge mit der Lederjacke. Stark. Selbstbewusst. Und mit der größten Klappe der ganzen Schule. Bloß nicht verletzlich wirken. Obwohl, da gab es doch diesen einen Moment, unsere Begegnung im Garten, als er mich einfach so aus heiterem Himmel geküsst hat. Da war doch was? Das habe ich doch gespürt. Das kann nicht alles nur Wunschdenken gewesen sein. Auf irgendeine verquere Weise muss auch ihm etwas an mir gelegen haben. Niemand hackt so lange auf einem herum, wenn es nicht irgendetwas zu bedeuten hätte. Ach Marc, warum bist du nur so kompliziert? Ich werde einfach nicht schlau aus dir. Weder damals, noch heute.

Was ist das nur mit uns? Irgendwie schienen unsere Leben schon immer miteinander verwoben zu sein. Auch wenn wir nie wirklich zusammen waren, mal abgesehen von den drei magischen Stunden, bis du Gabi den Antrag gemacht hast. Warum hat uns das Schicksal denn sonst wieder in Berlin zusammengeführt? Wir gehören zusammen, das hat es doch zu bedeuten, oder? Aber warum wurden uns dann so viele Steine in den Weg gelegt? Sollte das ein Wink sein, dass wir doch nicht...? Ach, ich weiß es doch auch nicht. Bin ich wirklich bereit, mich ganz auf ihn einzulassen, nach allem, was war? Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Chaos pur. Mal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Kann ich das wirklich auf Dauer aushalten?


Gretchen blickte raus aufs Meer und sah plötzlich wie im Vorspann eines Films Bilder aus der Vergangenheit vor ihrem inneren Auge ablaufen. Ihre allererste Begegnung mit Marc auf dem Spielplatz, dann das überraschende und sehr ernüchternde Wiedersehen am Klettergerüst und die darauffolgenden sechs Jahre ungestillter Sehnsüchte und peinlicher Demütigungen auf dem Schulhof, dann ihr unerwartetes Aufeinandertreffen zwanzig Jahre später in einem Krankenhausaufzug, die vielen Begegnungen auf Station und im OP, die Streitigkeiten, die Missverständnisse und Schlagabtausche, aber auch die zahlreichen zärtlichen Momente, die sich tief in ihr Herz eingebrannt hatten. ... 1000 Küsse und 1000 Tränen!!! Will ich das wirklich? Was ist, wenn er irgendwann merkt, dass das mit uns doch nicht das Richtige für ihn ist und er mich wieder betrügt, mich verlässt und dann gar nichts mehr zwischen uns ist, wir uns nichts mehr zu sagen haben? Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal aushalten könnte. Kann man einen Marc Meier wirklich für immer an sich binden? Den Wolf, der alles um sich herum wegbeißt, zähmen? Irgendwann will auch der wieder raus in die freie Natur. Ach, Marc, mein lieber Marc, warum ist das nur so schwierig mit uns? Kann mir da oben bitte irgendwer ein Zeichen geben? Haaaalllloooo? Ich bin das kleine, dicke, dreißigjährige Mädchen, das immer noch Träumen nachjagt, die sich längst in Schäume verwandelt haben. ... Hoffend schaute die verliebte Träumerin hoch zum sternenklaren Himmel. ... Nichts! Aber was habe ich auch erwartet? Dass mir jemand zuzwinkert und mir sagt, ‚klar, Gretchen, ist gebongt!‘ Blödsinn! Mir ist noch nie etwas geschenkt worden. Auch nicht eine Handvoll Glück. Hach... diese ganze Grübelei macht mich noch wahnsinnig. Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Marc Meier ist einfach nicht aus meinem Kopf zu kriegen! Ich liebe ihn, ob er will oder nicht! Es gibt einfach kein Allheilmittel gegen Marc Meier. ... Sie dachte an Marcs Worte an jenem Morgen, als sie aus diesem schlimmen Albtraum aufgewacht war, der leider keiner gewesen war. ... Er hatte Recht. Auch ich habe Fehler gemacht. Ich war blind und blöd. Ich habe einfach die Zeichen nicht gesehen. Er hatte sich geändert. Für mich! Nur ich war die Gleiche geblieben. Die chaotische, neurotische Gretchen, die alles dreimal hinterfragen muss, anstatt sich einfach mal klar auf ihn einzulassen. Er war bereit! Das hatte er mir gesagt. Auf seine Art! Und ich habe ihn einfach stehen lassen. Nicht er ist das Problem, sondern ich!!! Ja, das ist es! Ich bin das Problem. Ich bin ein Beziehungsmonster!!! Kein Wunder, dass er so reagiert hat.

Oh Gott, Gretchen, da öffnet sich eine Tür für dich, an der du seit Jahren vergeblich gerüttelt hast und du sperrst sie wieder zu und schmeißt den Schlüssel weg, nur aus Angst, wieder verletzt zu werden. Warum kann ich nicht einfach mal mutig sein? Einfach mal was riskieren? Aber nein, stattdessen renne ich wieder weg und schließe mich wochenlang in mein Zimmer ein. Und jetzt verstecke ich mich auf Rügen, hänge albernen Kindheitserinnerungen nach, aber lande mit meinen Gedanken doch immer wieder nur bei ihm! Ständig höre ich seine Stimme, wie er mir im Traum zuflüstert, dass er mich liebt. Und ich blöde Kuh bringe keinen Ton heraus! Wieso? Mein ganzes Leben lang bin ich diesem einen Traum hinterhergerannt: Marc Meier. Und als er endlich vor mir steht und dasselbe will, mache ich wieder dicht. Ich will das nicht mehr! Ich will kein ewiges Gefühlschaos mehr! Ich will doch einfach nur von ihm geliebt werden! Ich will endlich glücklich sein! Mit ihm!

Es war ein Fehler, dass ich an jenem Morgen einfach weggerannt bin. Frank hatte Recht. Man darf nicht ewig vor seinen Gefühlen davonlaufen. Das mache ich schon mein ganzes Leben. Aus Angst, allein zu sein. Vielleicht sollte ich mich einfach auf ihn einlassen und sehen, was dann passiert? Wir haben es doch noch nie richtig versucht. Woher sollen wir also wissen, dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? Was ist denn, wenn es genau andersherum sein wird? Wir haben es nie versucht. Wir müssen es versuchen! Er hat mir die Entscheidung überlassen. Aber wenn ich noch länger zögere, dann ist er vielleicht weg. Endgültig! Nein, das darf nicht passieren. Ich will ihn!!! Ich will Marc Meier!!! Gleich morgen früh werde ich zurück nach Berlin fahren und es ihm sagen. Ein für alle Mal!


Entschlossen blickte Gretchen auf. Sie fühlte sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Dass die Kälte der hereinbrechenden Nacht sie mittlerweile eingenommen hatte, merkte sie erst jetzt und zog schnell eine fliederfarbene Strickjacke aus ihrer Umhängetasche. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf ihre Armbanduhr. ... Oh, schon so spät! Ich sollte vielleicht mal wieder zurück zum Hotel gehen? Zu Abendessen und dann packen. Morgen wird ein aufregender Tag. Marc, ich komme!

Lorelei Offline

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24.12.2016 10:11
#35 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Immer noch tief in Gedanken versunken schlenderte Gretchen Haase über den weichen, noch tagwarmen Sand zurück zur Promenade. Nachdem sie dort angekommen war, lehnte sie sich an das bläulich gestrichene Geländer, schaute verträumt hinaus aufs Meer, in dem sich die Sterne glitzernd spiegelten, und lauschte seufzend dem melodischen Meeresrauschen. Ein aufkommender Lufthauch wehte ihr eine Strähne ihrer blonden Locken ins Gesicht und sie streifte sich lachend durch ihr langes gewelltes Haar. Endlich war sie wieder ganz klar im Kopf. Alle Zweifel und Unsicherheiten der Vergangenheit waren wie weggeblasen. Als hätte der Wind sie hinaus aufs Meer getragen. Sie war wieder ganz sie selbst. Und sie wusste endlich wieder, was sie wollte: ihren Traummann, dem sie schon seit der Schulzeit rettungslos verfallen war. Morgen in aller Frühe würde sie zurück nach Berlin fahren und sich endlich mit Marc aussprechen. Sie würde ihm endlich sagen, was sie für ihn fühlte und sie hoffte inständig, dass er sie nach all dem aufreibenden Hin und Her immer noch so sehr wollte. Erneut schaute die verliebte Dreißigjährige zum Himmel hoch und freute sich wie ein kleines Mädchen an Weihnachten. ... Eine Sternschnuppe! Wie toll! So wie damals am Hochzeitstag meiner Eltern, als Marc plötzlich wie aus dem Nichts auf unserer kleinen Feier aufgetaucht ist in dieser verrückten blinkenden Hasselhoff-Jacke. - „Und, hast du dir was gewünscht?“ ... Gretchen seufzte wehmütig auf... Ach, Marc, wenn du nur wüsstest. Wenn du doch jetzt nur hier wärst. ... und ließ sich in einen wunderschönen Tagtraum zurückfallen.

http://www.youtube.com/watch?v=9XV7WDGsgNk

Währenddessen hatte auch Marc Meier nach einer chaotischen Fahrt, während der er sich zig Mal verfahren hatte, weil sein doofes Navi kurz hinter Berlin den Geist aufgegeben hatte, endlich sein Ziel erreicht und trottete nun langsam eine verlassene Strandpromenade entlang. Er hatte nicht wirklich eine Ahnung, wo er hier überhaupt hingeraten war, denn scheinbar waren die Bürgersteige in diesem winzigen Provinzdörfchen schon längst hochgeklappt worden. Keine Menschenseele war zu sehen. Aber irgendetwas zog ihn wie magisch hin zum Wasser. Vermutlich eine alberne Erinnerung an einen noch albernen Traum, der ihm komischerweise nicht aus dem Kopf gehen wollte. Plötzlich blieb er jedoch stehen. Denn seine Erinnerung schien ihm einen Streich zu spielen. Oder war SIE echt? Das war sie doch, oder? Er rieb sich über die Augen und schaute erneut gebannt in die Richtung, wo er einen Schatten bemerkt hatte. Die wohlgeformte Rückensilhouette kam ihm sofort vertraut vor.

Hab ich dich! ...grinste Marc hocherfreut über das ganze Gesicht, als er erkannte, wer da tatsächlich an das Geländer gelehnt stand und haase-typisch verträumt auf den feinkörnigen Sandstrand, die verlassenen Strandkörbe und das ruhige Meer schaute. Eine leichte Brise, die auch ihm eine wohlige Gänsehaut bescherte, wehte der bildschönen Frau eine Strähne ihres goldschimmernden Haares ins Gesicht. Sie wurde davon gekitzelt. Sie wollte es anfangs ignorieren, wurde dann aber doch hibbelig und strich sich mit ihren geschmeidigen Fingern durch ihr wildes ungebändigtes Lockenmeer und lachte mit dem gerade aufgegangenen Vollmond um die Wette. Der süße Klang ihrer zarten Stimme traf den sonst so unnahbaren Mann mitten ins Herz. Er betrachtete das Fabelwesen einfach nur einen Moment lang und war einmal mehr von ihr gänzlich verzaubert.

Je länger Marc sie heimlich beobachtete, umso klarer wurde er jedoch. Er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er alles auf eine Karte gesetzt hatte und dem entscheidenden Tipp von Gretchens Vater direkt gefolgt war. Jetzt war SIE tatsächlich zum Greifen nah und er zögerte immer noch wie ein schüchterner Schuljunge, der nicht wusste, was er jetzt tun sollte. Ach Quatsch, tadelte er sich selbst, natürlich wusste er, was er zu tun hatte. Er war schließlich kein Anfänger so wie Mehdi! Entschlossen, aber mit Bedacht ging er weiter auf seine Herzdame zu. Langsam. Mit geschmeidigen Schritten. Seine verschlissene schwarze Lederjacke hatte er mittlerweile ausgezogen und lässig über die Schulter geworfen. Und je näher er ihr kam, umso schneller schlug auch sein Herz, was ihn zwar kurz aus dem Takt brachte, weil er solche heftigen Gefühlswellen nicht gewohnt war, aber es störte ihn nicht sonderlich. Denn alles zog ihn zu dem faszinierendsten Wesen, das er kannte. Seine Füße trugen ihn von ganz alleine zu ihr hin. Doch noch hatte Gretchen ihn nicht entdeckt.

Die schöne Berlinerin hatte die Augen geschlossen und träumte sich gerade wieder in ein Märchen voller schillernder Prinzen in schnellen sprechenden Autos und tanzender Prinzessinnen. Eigentlich schade, dass sie das rote Kleid, das Schwester Sabine ihr geschenkt hatte, nicht mitgenommen hatte, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Aber das brauchte sie hier auf Rügen nun wirklich nicht, schüttelte die Träumerin im nächsten Moment lachend den Kopf. Aber dann, wenn sie zurück in Berlin war, könnte sie es ja anziehen. Denn Gretchen wollte Marc unbedingt beeindrucken. Nicht nur mit ihrem Liebesgeständnis, das sie sich endlich trauen würde auszusprechen. Nein, sie wollte ihren Traumprinzen so richtig umhauen.

Marc hatte derweil die Hälfte des Weges hinter sich gebracht, welcher ihn noch von seiner Herzdame getrennt hatte. Plötzlich hörte diese Schritte hinter sich, die immer näher kamen. Ganz langsam drehte sich Gretchen um und kniff verwundert die Augen zusammen. Sie konnte nur einen Schatten entdecken, der langsam auf sie zu kam. Sie konnte nicht erkennen, wer es war. Es war dunkel. Nur die Sterne funkelten am Firmament. Der Mond hatte sich hinter einer Wolke versteckt. Ein abendlicher Spaziergänger so wie sie, dachte sich Gretchen nichts weiter dabei und wollte sich gerade wieder umdrehen und weiterträumen, als der Mond plötzlich aus seinem Versteck hervortrat und sein Licht die geheimnisvolle Person zu erkennen gab.

Die ozeanblauen Augen der völlig überraschten Frau weiteten sich ungläubig. Da stand er ja tatsächlich vor ihr: MARC MEIER, die Liebe ihres Lebens! Der Mann, zu dem sie sich per Sternschnuppenflug gerade erst hin gesehnt hatte. ... Er ist hier? Ich träume! Das muss ein Traum sein. ... In dem Moment nahm der Ostseewind wie zur Bestätigung für ein paar Sekunden Fahrt auf und plusterte ihr knielanges, lila geblümtes Sommerkleid etwas auf und wehte ihr die langen Locken ins Gesicht. Marc war regelrecht geblendet von dem Déjà-Vu, das ihn für den Hauch eines Augenblicks innehalten ließ. Gretchen kämpfte erfolgreich gegen die Böen an. Aber das wurde schnell nebensächlich, als sie wieder aufschaute und in ein vertrautes dunkelgrünes Augenpaar blickte, das ihr aus der Ferne fröhlich zuzwinkerte. Auch falls dies lediglich ein Traum sein sollte, Gretchen fühlte sich geradezu animiert, zu ihm hinzugehen. Langsam löste sie sich vom Geländer der Strandpromenade, zog ihre Strickjacke zurecht, sortierte ihre Haare neu und schritt schließlich auf ihn zu. Erst ganz sachte, dann immer schneller, je deutlicher wurde, dass dieser Marc hier vor ihr durchaus real sein könnte.

Auch Marc beschleunigte seine Schritte, nachdem Gretchen ihn bemerkt und ihm ihr schönstes Strahlelächeln rübergeschickt hatte. Wie in einem kitschigen Rosamunde-Pilcher-Sonntagabendspielfilm liefen die beiden wie in Zeitlupe aufeinander zu. Gretchen fühlte sich leichtfüßig. Als würde sie wie eine Fee über den Boden schweben. Sie breitete ihre Arme aus und strahlte über das ganze Gesicht. - „MARC!!!“, rief sie ihm glücklich entgegen und hüpfte immer schneller auf ihren heiß und innig geliebten Oberarzt zu, den es nun auch nicht mehr halten konnte und der seine Jacke achtlos zur Seite geworfen hatte. Aber das aufgeregte Engelswesen hatte dann doch einen Zahn zu viel drauf, wie sich gleich herausstellen sollte. Denn Gretchen rannte ihren Traumprinzen in schillernder Rüstung gleich einmal schmerzhaft über den Haufen.

- „Autsch, verdammt!“ schrien beide gleichzeitig auf, als sie sich eine halbe Sekunde später überraschend übereinander auf dem staubigen Betonplattenboden wiederfanden. Für Gretchen wirkte der Marc unter ihr, der ihren Sturz sanft mit seinem Körper aufgefangen hatte, dann doch realer als gedacht. Vor allem seine Hand direkt über ihrem Hinterteil. ... Es ist doch kein Traum! Er fühlt sich so echt an. Er ist wirklich hier! Aber woher wusste er..., setzte sich unverzüglich eine Fragekette in Gretchens Kopf in Gang, während sie gedankenverloren Marcs Gesicht abzutasten begann, wofür sie verwunderte Blicke erntete. Sie konnte nicht glauben, dass sich ihr Sternschnuppenwunsch tatsächlich so schnell erfüllt hatte. Der überrumpelte Chirurg war dagegen deutlich klarer im Kopf, auch wenn dieser vom abrupten Aufprall her noch leicht dröhnte, als er sich zusammen mit dem umwerfenden Häschen langsam wieder aufrappelte und sich und Gretchen anschließend lachend den Sand von den Sachen klopfte.

Marc: Hey, hey, nicht so stürmisch, Prinzessin! Ich weiß ja, dass du tierisch auf mich fliegst und einen echten Schlag bei Männer hast, aber so wortwörtlich war das jetzt nicht gemeint. Das tat echt scheiße weh. Noch alles dran bei dir? Naja, bist ja zum Glück weich gelandet und ansonsten sowieso gut gepolstert, hm.
Gretchen (kann noch immer nicht glauben, dass er tatsächlich da ist): Oh, tut mir leid! In Träumen sieht das immer so romantisch aus.
War ja klar, dass sie mal wieder ihren hübschen Lockenkopf in den Wolken hatte, als sie mich umgenietet hat.
Marc (grinst die ewige Träumerin amüsiert an u. ist sichtlich überwältigt, weil sie wirklich vor ihm steht u. sich verlegen eine Haarsträhne um den Finger wickelt): Halt die Klappe!
Gretchen (muss sich versichern, dass er tatsächlich echt ist, u. kneift erst ihm u. dann sich in den Arm): Was machst du überhaupt hier? Wie hast du mich gefunden?
Marc (reibt sich über die gekniffene Hautstelle u. funkelt sie unmissverständlich an): Gretchen, du sollst die Klappe halten!
Warum zum Geier lässt sie einen nie ausreden? So kommt man doch nie zum Zug bei ihr.
Gretchen (ist so überwältigt von seiner Anwesenheit, dass sie ihren Mund einfach nicht halten kann): Also im Film sieht das immer ganz anders aus. Die Menschen sehen sich, stehen sich gegenüber, strahlen sich an, laufen aufeinander zu und dann...
Marc (stöhnt entnervt auf, weil sie in ihrer Euphorie überhaupt nicht zu bremsen ist): Okay? Du guckst eindeutig zu viel Hollywoodkitsch. Soll ich noch mal zurückspulen, spul, spul, spul, zurückgehen und noch mal angelaufen kommen?
Wie im Märchen! Hach... Genauso hab ich’s geträumt.
Gretchen (strahlt ihren Traumprinzen voller Begeisterung an): Ja, bitte, das wäre schön.
Marc (hat das eigentlich als Witz gemeint u. starrt sie nun dementsprechend ziemlich bedröppelt an): Ey, das ist jetzt nicht dein Ernst, Haasenzahn?
Ich mach mich doch hier nicht für sie zum Affen. Sie soll sich gefälligst damit zufriedengeben, dass ich mir überhaupt die Mühe gemacht habe, hierher zu kommen. Das war ein scheißlanger Weg.
Gretchen (guckt ihn aus diesen unwiderstehlichen blauen Augen an, die ganz automatisch eine hypnotische Wirkung auf ihn haben): Doch! Dann wäre es ein richtiges Happy End.
Marc (verdreht vor so viel kitschiger Gedanken sichtlich bedient die Augen u. kann nicht glauben, wozu er sich tatsächlich mit einem Wimpernschlag überreden lässt): Happy End? Wieso muss denn alles immer gleich ein Ende haben? Wir hatten doch noch nicht einmal einen richtigen Anfang.
Gretchen (sichtlich überwältigt von seinen Worten schaut sie ihm tief in die Augen): Und wenn ich ganz lieb darum bitte?
Ich wusste, es gibt einen Haken, wenn ich hierherfahre. Rückzug, Meier! Noch kannst du umkehren und alles bleibt wie gehabt. Im OP und überhaupt. Wenn nicht... hm...
Marc (fährt sich entnervt über den Dreitagebart): Boah! Und was kriege ich dafür?
Gretchen (lächelt hinreißend): Mich!
Marc (denkt gespielt angestrengt darüber nach u. kann sich sein Schmunzeln schließlich auch nicht mehr länger verdrücken): Okay, Deal! Aber das mache ich jetzt nur für dich und wir reden danach nie wieder ein Wort darüber. Klar?
Gretchen: Einverstanden!
Und er ist doch mein Held!

Gretchen strahlte ihr Gegenüber voller überschäumender Gefühle an. Marc schüttelte nur ungläubig den Kopf und wunderte sich über sich selbst, dass er überhaupt dazu bereit war, sich auf diesen ganzen Romantikquatsch einzulassen, der vermutlich schon ewig und drei Tage auf Haasenzahns Festplatte eingestaubt gewesen war, aber er ergab sich schließlich ihr zuliebe seinem Schicksal. Er hatte die Hosen eh schon heruntergelassen, indem er hierher gekommen war, da konnte er das jetzt auch noch tapfer durchziehen. Danach wäre die romantikversessene Nervensäge hoffentlich endlich zufrieden und würde ihm zuhören. ... Also, zurück auf Poleposition! ... Gretchen guckte ihrem Lieblingsoberarzt noch einmal, um Bestätigung haschend, tief in die Augen, die sie verdächtig anfunkelten, und ging dann zurück zu ihrer Ausgangsposition von vorhin, während Marc etwas lustlos in die andere Richtung trottete, bis sie schließlich „stopp“ sagte. Dann drehte auch er sich wieder zu ihr um, hob seine schwarze Lederjacke wieder auf, zog sie lässig über und zuckte dann unschlüssig mit seinen Schultern. Wenn Mehdi ihn jetzt so sehen könnte, der würde aus dem Lachen nicht mehr herauskommen, dachte er für einen kurzen Moment und verwarf den Gedanken an seinen liebeskranken Trottelfreund schnell wieder. Denn der hatte hier nun wirklich nichts zu suchen. Die verliebte junge Frau animierte ihr Gegenüber nun mit dem bezauberndsten Lächeln, das sie in ihrem Repertoire aufzubieten hatte, und rannte langsam wieder auf ihn zu. Erst mit Bedacht, weil sie sich nicht noch einmal ungeschickt auf die Nase legen wollte, dann immer schneller, weil sie es keine Sekunde länger ohne ihn aushalten konnte.

Und auch Marc folgte Gretchens Beispiel nach kurzem Zögern. Er war überrascht, dass es sogar richtig Spaß machte, sich auf die albernen Kleinmädchenfantasien einer geprüften Medizinerin einzulassen. Und je näher sie ihm kam mit ihrem wehenden goldenen Haar, das so schön im Mondlicht schimmerte, umso schneller hüpfte auch das sonst so kalte Herz in seiner Brust. Ein überwältigendes Gefühl, das auch ihn schneller rennen ließ. Endlich stand wirklich nichts mehr zwischen ihnen. Kein Arschlexis, keine intrigante Gabi, kein verknallter Dorfdepp und kein tobender Professor. Und so konnten sie endlich das tun, was sie die ganze Zeit schon hatten tun wollen, wenn das Schicksal nicht erst noch so erbarmungslos seinen Schabernack mit ihnen hatte treiben wollen. Die beiden Königskinder fielen sich endlich vor Glück jauchzend in die Arme und hatten nicht vor, sich je wieder loszulassen.

Marc wirbelte den Engel dreimal um seine eigene Achse herum, setzte Gretchen dann jedoch, ohne sie loszulassen, vorsichtig wieder auf ihre niedlichen kleinen Wackelfüße und schaute ihr nun tief bewegt in die himmelblauen Kristalle, die ihn gebannt anblickten. Für einen kurzen Moment schien tatsächlich die Zeit stillzustehen. Es gab nur noch sie und ihn. Den Mond, der auf sie herablächelte. Und das leise Meeresrauschen und ihre im Gleichklang pochenden Herzen. So musste sich pures Glück wohl anfühlen, sinnierte der bis über beide Ohren verliebte Chirurg und ärgerte sich im nächsten Moment, weil er plötzlich so schrecklich gefühlsduselig geworden war. Schließlich war das vor ihm doch nur Haasenzahn. Sein Haasenzahn. Das kleine, nervige, blondgelockte Mädchen mit dem großen Herzen, dem hinreißenden Zahnspangenlächeln und der überdimensionalen Klappe, die nur ihm Paroli bieten konnte. Marc sah die schöne Assistenzärztin einfach nur an, die auch ihn intensiv in Augenschein genommen hatte, und strich ihr liebevoll eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, die er sich anschließend locker um den Zeigefinger wickelte, ehe er diese gleich wieder losließ, um seine warme Hand nun an ihre leicht gerötete Wange zu legen.

Gretchen hatte ihn komplett aus dem Konzept gebracht. Einmal mehr hatte sie ihn von den Füßen gerissen und diesmal nicht nur wortwörtlich wie vorhin. Er fand keine Worte für das, was gerade mit ihnen passierte. Dabei gab es doch noch eine Sache, die er unbedingt noch loswerden musste. Nicht dass sie gleich wieder irgendeinem bescheuerten Missverständnis aufsaß. Fliegende Untertassen. Ausverkauf im Schokiregal. Mehdis schreckliche Unterhosen. Weiß der Geier. Bei Haasenzahn musste man schließlich jederzeit mit allem rechnen. Auch wenn er nicht wirklich daran glaubte, dass sie es nicht endlich doch gerafft hätte. Aber sicher war sicher, war seine Devise. Also legte Dr. Meier ihre zarte kleine zitternde Hand in seine und sprach, ohne noch einmal zu hadern, endlich die drei Worte aus, auf die Gretchen Haase seit zwanzig Jahren gewartet hatte. - „Und nur damit du es weißt, ICH LIEBE DICH AUCH!“

Er hat es tatsächlich gesagt. Das mit uns ist echt. Er liebt mich wirklich. Marc liebt mich! Und ich liebe ihn! Wie wahnsinnig!

Gretchen fühlte sich, als wäre sie von jetzt auf gleich im siebten Himmel angekommen, und jede Pore ihres hibbeligen Körpers strahlte dies zu Marcs Erleichterung auch aus. Heute hatten sich unverhofft endlich all ihre Träume erfüllt. Das kleine blondgelockte Mädchen vom Spielplatz hatte recht behalten. Der traurige Junge, der nicht sagen konnte, was er fühlte, war ihr Schicksal. Immer schon. Doch eine kleine Spitze musste sie ihrem Pappenheimer dann doch noch mit auf den Weg geben. Verliebte Mädchen sollten nämlich nie so lange warten gelassen werden. - „Dafür hast du aber ziemlich lange gebraucht, mein Lieber.“ - „Halt die Klappe, du!“, funkelte Marc den Frechdachs verliebt an, obwohl er durchaus einen frechen Spruch als Konter auf den Lippen gehabt hätte. Aber dafür war auch noch später Zeit. Jetzt war etwas ganz Anderes wichtig. Noch länger wollte er nämlich auch nicht mehr zappeln gelassen werden. Und so packte er die Liebe seines Lebens grob am Kragen ihrer hässlichen Strickjacke und zog sie forsch ganz nah zu sich heran. Um endlich das zu tun, was er seit Wochen, nein, schon seit einer gefühlten Ewigkeit hatte tun wollen. Gretchen und er versanken in einem nicht enden wollenden leidenschaftlichen Kuss, der Marcs intimes Geständnis, das mindestens ebenso stark von Gretchen erwidert wurde, eindrucksvoll belegte.

Lorelei Offline

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26.12.2016 12:34
#36 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=bBP0ecrvlW4


Minutenlang vergaßen die beiden die Welt um sich herum. Es war wie Magie. Die Sterne glitzerten über ihnen am Firmament. Der Mond zwinkerte ihnen lachend zu und versteckte sich nur manchmal vor Scham hinter einer dünnen Wolkenschicht, um diese dann gleich wieder eilig zur Seite zu schieben, um besser herabschauen zu können, was da unten auf dieser wunderschönen Insel denn so Interessantes vonstattenging. Irgendwann waren dann aber auch bei dem schwer verliebten Pärchen am Strand sämtliche Sauerstoffreserven aufgebraucht. Und so lösten sie sich doch kurz wieder voneinander und schauten sich nun einfach nur tief in die Augen. Beide konnten ihr glückliches Grinsen kaum verbergen, das immer breiter wurde, je länger sie sich gegenseitig anschauten und tief in die Seele des anderen blickten. Eine kleine Freudenträne kullerte Gretchen die Wange hinab. Marc küsste sie ihr grinsend weg und hielt mit seiner warmen Hand immer noch zärtlich ihre Wange, die immer wieder unter seinen intensiven Blicken leicht errötete, was ihn ungemein erheiterte und sehr, sehr glücklich machte. So glücklich, dass er nicht widerstehen konnte und seinen Engel erneut küsste, was natürlich begeistert erwidert wurde.

- „Mhm... wachgeküsst!“, lachte Marc seine Traumprinzessin schließlich verschmitzt an, nachdem er seine glühenden Lippen von ihren gelöst und diese verträumt geschürzt hatte. Und Gretchen strahlte wie ein Honigkuchenpferd mit dem Vollmond um die Wette. Sie konnte immer noch nicht richtig begreifen, dass er tatsächlich hier war. Hier ganz nah bei ihr. Mit ganzem Herzen, welches sie deutlich unter ihren Fingern spüren konnte, die bedächtig unter seiner Jacke über seinen angespannten Brustkorb strichen. Gerade hatte sie noch geträumt und sich von der Sternschnuppe gewünscht, dass er bei ihr sei. Und schwuppdiwupp stand er keinen Augenaufschlag später tatsächlich vor ihr und war noch realer als sonst. Sie konnte nicht anders und zwickte ihn in den Arm, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht getäuscht hatte, was natürlich vollkommener Blödsinn war, denn eigentlich hätte sie sich selbst zwicken müssen und nicht ihr unschuldiges Gegenüber, das nun erschrocken zusammenzuckte, weil es bis eben gedacht hatte, die Zeit der tätlichen Angriffe ihrerseits wäre endgültig Geschichte. Aber Pustekuchen. Mit Haasenzahn war immer und überall zu rechnen.

Marc: Au! Was soll denn das? Was malträtierst du mich denn schon wieder? Ist das jetzt der Dank dafür, dass ich dir unter Aufopferung all meiner Kräfte und meiner Geduld hinterher...
Gretchen (lässt ihn gar nicht erst weitermeckern u. tätschelt ihm liebevoll über den Arm, den sie anschließend fest umklammert hält, als sie ihn wieder zu sich zieht): Tschuldigung! Ich wollte nur sichergehen, ob du auch wirklich echt bist.
Marc (amüsiert sich gerade königlich über den verträumten Engel): Bitte? Du, ich wüsste da eine viel, viel bessere Art, um das eindrucksvoll festzustellen.
Gretchen (klimpert verführerisch mit ihren langen Wimpern u. grient ihn herausfordernd an): Ach ja? Zeig doch mal!

Marc lachte nur und deutete an, sie ebenfalls an exponierter Stelle zwicken zu wollen, was sie natürlich fast schon geahnt hatte. Gerade als sie sich aus seiner Umarmung winden wollte, zog der freche Kerl sie stürmisch wieder zu sich heran und drückte sie unsanft gegen einen Baum am Straßenrand, um sich anschließend mit seinen weichen Lippen auf sie zu stürzen. Der leidenschaftliche Kuss, der darauf entbrannte, riss nicht nur ihm fast die Knie weg. Gretchen lehnte sich schwankend an seinen starken männlichen Körper und merkte gar nicht, wie sie auf ihren Zehenspitzen fast die Bodenhaftung verlor. Doch ihr Liebster hielt sie sicher fest und stützte sich nun seinerseits mit dem Rücken an der mächtigen Eiche ab. Gretchen genoss den innigen Moment sichtlich. Sie war glücklich. Endlich glücklich! Und das ging nicht nur ihr so. Die beiden Frischvereinten konnten sich nicht voneinander lösen. Es ging einfach nicht. Zu schön war der Moment. Endlich wieder seine Nähe zu spüren. Diese Vertrautheit, die immer schon da gewesen war, seitdem sie sich kannten. Diese unendliche Sehnsucht, die in ihr brannte und nicht nur sie fast um den Verstand brachte und nun wohlig aufseufzen ließ.

Marc: Alles okay?
Gretchen (strahlt ihn überglücklich an): Jetzt schon!
Marc (lächelt zufrieden u. streichelt ihr zärtlich über die Wange, die sich sanft an seine Handfläche schmiegt): Dann ist ja gut.
Gretchen (schließt für den Hauch einer Sekunde die Augen u. murmelt leise, als sie ihm wieder intensiv in die neugierigen Augen blickt): Marc, ich liebe dich auch! So sehr!
Marc (schmilzt fast dahin beim süßen Klang ihrer Worte): Ich weiß.
Gretchen (guckt ihn wieder mit großen Kulleraugen an): Woher...?
Marc (grient sie verschmitzt an): Haasenzahn, ich bin Oberarzt und ich bin mit dir in die Schule gegangen. Ich weiß alles.
Gretchen (tippt ihm schmunzelnd auf die Brust): Angeber! Nein, ich wollte eigentlich wissen, woher du wusstest, dass ich hier bin?
Marc (verschränkt seine Finger mit ihren u. gibt sich geheimnisvoll): Haben mir ein paar Vögelchen gezwitschert.
Gretchen (guckt ihn ganz gebannt an): Wie meinst du das?
Marc (gibt sich betont lässig): Ich sagte doch schon, ich bin Marc Meier. Ich weiß immer über alles Bescheid.
Gretchen (rollt theatralisch mit den Augen): Marc! Ich weiß ja, dass du ein ziemlich großes Ego besitzt, aber...
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Nicht nur das.
Gretchen (echauffiert sich direkt wieder u. will sich aus seiner Klammerumarmung lösen): Marc Olivier!
Marc (hält sie lachend im Klammergriff gefangen): Hey, so nicht, Fräulein, aber gut, ich werde mich zurückhalten.

Vorerst. Aber dann... Mhm... Ich kann es kaum noch erwarten.

Gretchen (guckt ihm ganz gespannt in die Augen): Und? Woher nun?
Marc (amüsiert sich über ihre Hartnäckigkeit u. umschmeichelt sie auf seine Weise): Man sagt doch immer, man soll dorthin gehen, wohin man sich sehnt.
Gretchen (bekommt einen ganz gerührten Ausdruck in ihren Augen): Du hast dich nach mir gesehnt?
Upps! Eigentor, Meier! Nächster Versuch, aber diesmal aufs richtige Tor.
Marc (windet sich schnell wieder heraus): Vielleicht? Ich gebe es ungern zu, aber... ähm... ja, es könnte durchaus sein, dass mir in letzter Zeit im EKH etwas gefehlt haben könnte. Jemand, der im OP immer vergeblich versucht, „Metallica“ gegen Kuschelrock zu tauschen. Deine CD ist übrigens in den organischen Abfällen gelandet, wenn Sabine sie nicht schon wieder herausgefischt hat.
Er hat mich vermisst! Hach... Ich dich auch, mein Schatz!
Gretchen (hört nur das, was sie hören will u. sieht ihn ganz gerührt an): Wirklich? Oh, wie süüüüß! Du wirst ja richtig rot, mein Held.
Fuck! So nicht, Fräulein!
Marc (funkelt sie unmissverständlich an): Ganz bestimmt nicht! Und überhaupt, ich bin nicht süß! Verstanden?
Doch bist du! Gerade noch viel mehr, als du denkst! Hihi!
Gretchen (zwinkert ihm verschmitzt zu): Gar nicht!
Marc (lässt das natürlich nicht auf sich sitzen u. beginnt sie zu kitzeln): Hey! Du machst dich über mich lustig. Na, warte!
Gretchen (windet sich kreischend aus seinen Fangarmen, aber er ist leider stärker als sie): Nein, hey, aufhören! Bitte!
Marc (startet die nächste Kitzelattacke u. hält nur kurz darin inne): Erst wenn du das böse S-Wort zurücknimmst?
Gretchen (überlegt kurz u. angestrengt, dann grient sie ihn schelmisch an): Niemals!

Das war das Zeichen für Dr. Meier, seine Tortur noch ein bisschen zu verfeinern. Gretchen wand sich heftig in seinen Armen und je mehr sie zappelte, umso mehr fühlte er sich animiert, sie weiter zu kitzeln. Irgendwann hörte sie dann auf, sich weiter zu wehren und schmiegte sich stattdessen lachend in seine Arme. Der Klang ihres süßen Lachens war wie Musik in seinen Ohren, der bis in sein wild schlagendes Herz nachhallte und dort eine richtige Symphonie erzeugte.

Gretchen: Okay, Stopp! Marc, ich ergebe mich.
Marc (hört kurz damit auf u. sieht ihr eindringlich in die Funkelaugen): Wirklich? Und, nimmst du es zurück?
Gretchen (überlegt ganz angestrengt, während sie ihrem Zwerchfell Erholung verschafft): Okay, Marc Meier ist definitiv nicht süß. Er ist... ähm... Ja, was ist er denn? Er ist... hm...
Marc (weiß ganz genau, was für ein Spiel der Frechdachs mit ihm treibt): Gutaussehend, charmant, talentiert, fingerfertig, witzig und unheimlich sexy. Unterm Strich, einfach der Beste.
So ein Angeber! Ein süßer, sehr, sehr süßer Angeber, muss ich zugeben.
Gretchen (gespielt unbeeindruckt): Nein, das ist es noch nicht. Hm...? Ach, ich weiß. Er ist verliiiebt!
Dieses hinterhältige Biest! Na warte, das kriegste wieder!
Marc (sieht sie an, ohne eine Miene zu verziehen u. küsst sie spontan u. sehr gefühlsgewaltig): Papperlapapp!
Gretchen (grient verliebt in den aufregenden Kuss hinein): Siehst du, ich habe immer Recht.
Marc (funkelt die freche Göre an u. knutscht sie weiter nieder): Halt die Klappe!

Gretchen (denkt nicht im Traum daran u. windet sich geschickt aus seinen Kussablenkungsversuchen, auch wenn es schwerfällt, weil er so gut küsst): Und, gibst du mir nun noch eine Antwort, oder nicht? Hast du ins Navi als Zieladresse „Gretchen Haase“ eingegeben, oder wie? Was die Technik heute alles so möglich macht. Faszinierend!
Marc (spielt mit ihr mit): So ungefähr!
Gretchen (guckt ihn mit großen Augen an): Echt jetzt?
Marc (zögert erst u. drängt sie mit seinem Körper hin zum Geländer, wo er sie schließlich mit beiden Armen einkesselt): Naja, dein Vater und Mehdi haben eventuell ihre Finger im Spiel.
Gretchen (erstaunt): Mein Vater?
Das glaube ich jetzt nicht. Papa? Ich dachte, er war immer gegen Marc. Mit Ausnahme seiner Tätigkeit als mein Oberarzt.
Marc (denkt nur ungern daran zurück, wie er vor dem allwissenden Professor die Hosen runtergelassen hat, u. genießt stattdessen lieber Gretchens unmittelbare Nähe): Jep!
Gretchen (erkennt die Wahrheit in seinen Augen u. grient ihn verliebt an): Da hättest du aber auch wirklich selbst draufkommen können, Marc.
Was? Das glaube ich jetzt nicht.
Marc (zieht sich sofort ungehalten von ihr zurück): Hey! Wer ist denn einfach abgehauen und hat sich wochenlang nicht gemeldet, hm? Ich ja wohl nicht. Und Mehdi auch nicht. Der ist nämlich immer noch stinksauer, weil du keine seiner lästigen Nachrichten beantwortet hast.
Gretchen (verunsichert): Ähm...

Das wollte ich doch nicht. Ich wollte niemanden enttäuschen. Auf keinen Fall die Menschen, die mir nahestehen.

Marc (kommt wieder forsch auf sie zu u. kesselt sie ein): Und? Kommt da noch eine Erklärung?
Gretchen (sichtlich eingeschüchtert stammelt sie herum): Ähm... Marc, also, ich... ich musste doch erst einmal über alles nachdenken. Es ist so viel passiert und...
Marc (verliert so langsam die Geduld mit ihr): Und? Wie lautet deine Entscheidung?
Gretchen (sieht ihn mit großen tränenfeuchten Augen an): Ist das nicht offensichtlich?
Marc (fährt sich durch das vom Wind zerzauste Haar u. dreht sich einmal frustriert aufseufzend um seine eigene Achse, bevor er sie wieder scharf ansieht): Gretchen, du änderst deine Meinung doch immer sekündlich.
Gretchen (verteidigt sich vehement): Das ist doch gar nicht wahr!
Marc (ist so geladen, dass er sich nicht mehr bremsen kann): Und ob! Ich kenne niemanden, der so neurotisch und entscheidungsunsicher ist wie du!

Das kann er doch nicht ernst meinen? In dem einen Moment sagt er mir endlich, dass er mich liebt und im nächsten beleidigt er mich?

Gretchen (aus Enttäuschung bricht es auch aus ihr heraus): Marc! Wenn ich so scheiße bin, warum bist du dann überhaupt hergekommen?
Marc (lässt sich immer weiter hochschaukeln): Das glaube ich ja jetzt nicht. Du fragst mich ernsthaft, warum ich hier bin?
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor der Brust): Ja!
Marc (der ganze Frust der letzten Monate platzt nun ungefiltert aus ihm heraus): Warum? WEIL ICH DICH LIEBE, VERDAMMT NOCH MAL! Soll ich ewig warten, bis du mal in die Pötte kommst?
Gretchen (fühlt sich regelrecht erschlagen von seiner harschen Art, ist aber gleichzeitig auch berührt von seinem zweiten Liebesgeständnis): WAS? Das fragst ausgerechnet DU?
Marc (rauft sich verzweifelt die Haare u. dreht sich von ihr weg): Äh... ja! Langsam wird mir das echt zu blöd hier.
Gretchen (dreht sich ebenfalls enttäuscht von ihm weg): Mir auch!
Marc (nach langem Zögern gibt der Klügere schließlich nach u. so schiebt er sich zwischen Gretchen u. das Geländer, das sie mit beiden Händen umklammert): Haasenzahn! Warte! Willst du gleich wieder streiten?
Gretchen (schnieft traurig u. kann ihm nicht in die Augen sehen, weil sie dann noch mehr in Tränen ausbrechen würde): Nein!
Marc (schiebt seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, damit sie ihn wieder ansieht): Na, siehst du! Ich doch auch nicht. Komm mal her! Schau mich an! Ich meine es ernst. Wirklich! Diesmal wird nicht mehr gekniffen. Okay?

Gretchen zog immer noch eine hinreißende Schmollschnute. Marc konnte nicht anders und musste sie erneut küssen, um sie endlich von seinen guten Absichten zu überzeugen. Mit entsprechender Wirkung. Gretchens Anspannung löste sich von jetzt auf gleich und sie schwebte direkt wieder über den Wolken. Der alberne Streit von eben, der aus dem Nichts hochgekocht war, war wie weggeblasen. Als wäre nie etwas gewesen. Sie bekam weiche Knie. Und mächtiges Herzflattern. Nicht nur sie. Auch Marc fühlte sich sichtlich erleichtert, als seine versierten Chirurgenhände unkontrolliert auf Wanderschaft gingen.

Marc: Dein Herz schlägt aber schnell.
Gretchen (hält sich an seinem Oberkörper fest, weil sie vor lauter überschäumender Gefühle droht umzukippen): Ja! Deins aber auch!
Marc (spielt den coolen Jungen vom Schulhof): Was? Kann nicht sein. Ich hatte noch nie Herzrhythmusstörungen.
Gretchen (hat ihn direkt durchschaut u. grient ihn eindringlich an): Das kannst du ruhig mal zugeben. Sag es noch einmal!
Marc (sichtlich verwirrt starrt er in ihre ihn hypnotisierenden Kristalle): Was?
Gretchen (leicht ungeduldig tippt sie ihn an): Maaarc! Du weißt schon.
Marc (liest die Antwort in ihren Augen u. schüttelt überfordert den Kopf): Das ist jetzt nicht dein Ernst, Gretchen?
Gretchen (beißt sich auf ihre Unterlippe u. guckt ihn kleinmädchenhaft anhimmelnd an): Doch! Biiiiiiitttttte!
Marc (alles in ihm sträubt sich dagegen): Ich muss das jetzt jeden Tag sagen, oder?
Gretchen (strahlt ihn an, weil sie ganz genau weiß, dass sie ihn überzeugt hat): Ja, dein ganzes Leben lang!
Und ich wusste doch, das hat einen Haken. Mehdi hätte mich ruhig vorwarnen können, dieser hinterhältige Kerl.
Marc (grummelt ihr den Gefallen): Okay, Haasenzahn? Marc Meier liebt Gretchen Haase! Zufrieden?
Gretchen (schmilzt in seinen Armen regelrecht dahin): Fast. Noch mal!
Marc (stöhnt entnervt auf): Boah... Gretchen! Dreimal reicht jetzt aber. Aller guten Dinge sind doch drei, oder?
Gretchen (haucht kichernd): Dann küss mich wenigstens, du Held!

Das war dann eine Aufforderung, gegen die Dr. Meier nun wirklich nichts einzuwenden hatte. Im Gegenteil! Und schon versanken die beiden erneut in einem endlos langen, gefühlvollen Kuss voller Liebe und Sehnsucht, der sie verliebt über die Strandpromenade tänzeln ließ.

Lorelei Offline

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26.01.2017 14:09
#37 RE: Loreleis Fortsetzungsphantasie reloaded Zitat · antworten

Es war schon spät, kurz nach Mitternacht, als die beiden bis über beide Ohren verliebten Turteltauben sich schließlich atemlos voneinander lösten und langsam Arm in Arm zurück in Gretchens Pension am anderen Ende der Straße schlenderten. Marc hatte der frierenden Schönheit gönnerhaft seine verschlissene schwarze Lederjacke überlassen und blieb nun dicht hinter ihr stehen, als sie fahrig in ihrer rosasamtigen Handtasche nach ihrem Zimmerschlüssel suchte und diesen, nachdem sie ihn endlich in dem ganze Chaos gefunden hatte, vorsichtig ins Schlüsselloch schob. Marcs unmittelbare Nähe, seine ganze forsche Art, sein heißer Atem in ihrem Nacken, den er soeben mit versierten Fingerspitzen von ihrer goldenen Haarpracht befreit hatte, die er liebevoll auf ihrer anderen Schulter drapiert hatte, machten Gretchen völlig wuschig und so klappte es auch erst nach dem dritten Versuch, dass sie die schwere knarzende Tür endlich aufbekam. Gerade noch rechtzeitig, bevor Marc seine feurigen Lippen an ihrem Hals hatte andocken können. Schnell huschte sie in ihr Zimmer, gefolgt von einem mehr oder weniger frustrierten Oberarzt, der noch schnell, und ohne dass Gretchen Notiz davon genommen hatte, grinsend das „Bitte-nicht-stören“-Schild über die Außenklinke gehangen hatte.

Gretchen versuchte, sich natürlich vor Marc nichts anmerken zu lassen, aber sie war ohne Ende aufgeregt, was sich nicht nur in einer unkontrollierbaren Körpertemperaturregulierung, sondern auch in einer hibbeligen und völlig unnötigen Zimmerführung äußerte, die ihr vergnügter Schatz mit amüsierter Miene kommentarlos über sich ergehen ließ, bis er am Fenster stehen blieb und am Fensterrahmen gelehnt seinen Blick durch den winzigkleinen Raum schweifen ließ, der kaum größer war als eine Hutschachtel, aber hinreißend nach seiner Herzdame duftete und von ihr gewohnt kitschig rosarot heimelig dekoriert worden war. Nervös tänzelte Gretchen derweil um das gemütliche King-Size-Bett herum, welches den ganzen Raum dominierte, schob hektisch ein paar Sachen, die sie vor ihrem Ausflug an den Strand darauf liegen gelassen hatte, herunter und kickte sie mit dem Fuß mehr ungeschickt als erfolgreich darunter. Dann zögerte sie einen langen Moment und setzte sich schließlich, nachdem ihr nichts Anderes mehr eingefallen war, womit sie sich noch hätte ablenken können, mit hochroten Wangen auf die am weitesten von Marc entfernte Bettkante.

Sie war angespannt, positiv angespannt, denn sie wusste insgeheim, dass heute der Tag der Tage gekommen war. Heute würde endlich passieren, was sie in unzähligen kunterbunten Variationen bereits seit ihrem verunglückten Bravo-Leserbrief in ihrem Tagebuch verewigt hatte, und sie fühlte sich in dieser vorfreudigen Erwartung direkt in ihre Teenagerzeit zurückversetzt. Mit allem Drum und Dran. Mit heftigem Herzflattern, weichen Knien, akuter Sprachlähmung und unruhig zuckenden Fingern. Und sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Dabei würde dies hier bei weitem nicht ihr erstes Mal werden. Aber höchstwahrscheinlich ihr erstes Mal mit Marc. Das Wissen um die Besonderheit dieses Moments brachte Gretchen Haase endgültig aus dem Konzept. Sie war darauf nicht vorbereitet. Sie war auf Marc nicht vorbereitet. Er hätte jetzt in Berlin sein sollen, wo sie ihn morgen vermutlich aufgesucht hätte, wenn sie all ihren Mut zusammengenommen hätte. Bis dahin hätte sie sich etwas überlegen können. Jetzt dagegen war sie vollkommen überfordert.

Gretchen traute sich nicht einmal mehr, ihren Traummann anzusehen, der nicht mehr nur ein Traum war, sondern sie sehr real vom Fenster aus wie ein Luchs ganz genau studierte und deutlich lesen konnte, was ihr gerade alles völlig durcheinander durch den Kopf rauschte. Ihm ging es ja auch nicht anders, auch wenn er deutlich trainierter darin war, seine innere Aufgewühltheit nach außen hin nicht zu zeigen. Er konnte nicht anders und musste die angespannte Stimmung mit einem flotten Spruch lösen, damit Haasenzahn wieder locker wurde und endlich das ewige Gedankenkarussell abstellte, das sie ihm gegenüber unerklärlicherweise immer noch hemmte.

Marc: Was ist das eigentlich für eine Absteige? Ein Stundenhotel?
Gretchen (wacht irritiert aus ihrem Gedankenkarussell auf u. starrt ihn mit großen ungläubigen Kulleraugen an): Marc, ich muss doch sehr bitten!
Marc (grinst provokant): Obwohl, die Vorstellung, allein mit dir in einem...
Gretchen (schaut ihn entsetzt an u. fällt ihm prompt ins Wort): Hey, sag mal, für wen hältst du mich eigentlich?
Marc (geht liebend gern auf diese Herausforderung ein): Hm...? Mal überlegen! Wen haben wir denn hier? Eine völlig verträumte, neurotische, unlockere und...
Gretchen (fährt ihm sauer in die Parade): Maaarc! Du verdirbst die ganze romantische Stimmung.
Welche romantische Stimmung?
Marc (lacht u. stößt sich mit Schwung vom Fensterbrett ab): Naja, die kommt in dem Drecksloch hier bestimmt nicht auf. Außerdem habe ich dir niemals Romantik versprochen.
Schade! Aber das ist nun mal Marc.
Gretchen (funkelt ihn an u. warnt ihn, näherzukommen, was er aber prompt tut): Hey, das war eine Notlösung. Ich musste kurzfristig das Hotel wechseln und das war das Einzige, das noch freie Zimmer hatte.
Marc (lässt sich dreist neben ihr aufs Bett plumpsen): Frag dich mal wieso. Was ist passiert? Hast du denen die Küche leer gefuttert?
Gretchen (stupst ihn empört an): Haha! Sag mal, spinnst du? Willst du, dass ich dich gleich wieder rausschmeiße?
Marc (greift nach ihrer zarten kleinen Hand u. grient Gretchen liebevoll an): Nein. Das wäre irgendwie kontraproduktiv, jetzt wo ich schon einmal hier bin. Findest du nicht?
Gretchen (schmollt noch ein bisschen vor sich hin u. genießt seine zärtlichen Berührungen): Na, also, dann halt die Klappe!
Marc (lehnt sich näher zu ihr heran u. haucht ihr etwas mit rauer Stimme ins Ohr): Ich mag es, wenn du so zärtlich mit mir sprichst, Haasenzahn.
Was wird das denn jetzt? Will er jetzt ‚Dirty Talk‘, oder wie auch immer das heißt, mit mir machen, oder was? Oh Gott! Ich weiß gar nicht, ob ich das kann.
Gretchen (versucht, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, u. überspielt sie mit einem gekonnten Augenaufschlag, der schwindlig macht): Ich habe schon immer gewusst, dass dich unsere Gemeinheiten und Streitereien anmachen.
Habe ich das wirklich gerade gesagt? Oh Gott, ich verwandle mich in ein böses Mädchen. Daran ist allein er schuld.
Marc (ist regelrecht hingerissen von ihrer plötzlichen forschen Art u. funkelt sie verführerisch an): Dich ja wohl auch, oder?
Gretchen (schluckt ertappt): Was?
Marc (lacht, weil er sie mittlerweile durchschaut hat): Komm schon, du hättest mir doch liebend gern jedes Mal gleich die Klamotten vom Leib gerissen, wenn ich dir wieder mal was Unpassendes reingedrückt habe.
Also, der spinnt doch. Ich doch nicht.
Gretchen (funkelt ihn beleidigt an): Ganz bestimmt nicht! Das ist ganz allein deine dreckige Vorstellung, Marc Meier.
Marc (lächelt verschwörerisch in sich hinein): Mhm...? Mag sein.

Natürlich reagierte Gretchen wie gewohnt sehr empfindlich auf Marcs ewige Frotzeleien, die ihrer Meinung nach überhaupt nicht hierher passten. Denn sie war immer noch die große Träumerin, die sich eine riesige Portion Romantik wünschte und ihre hohen Erwartungen nicht abstellen konnte. Ebenso wenig wie ihre ungezählten Unsicherheiten. ... Menno! Jetzt pflaumen wir uns schon wieder nur an. Es ist zum Verrücktwerden. Also, romantisch ist das nicht. Ich habe mir unser erstes Mal jedenfalls anders vorgestellt. Zärtlicher. Liebevoller. Aber auch aufregend und wild und... Okay, Gretchen, pass auf, dass deine Fantasie nicht mit dir durchgeht und du ihm wirklich noch die Klamotten vom Leib reißt. Mhm... verlockend wäre es natürlich schon, setzte sich bei der verliebten angehenden Chirurgin plötzlich ein ganz anderes Gedankenkarussell in Gang, während auch Marc zunehmend ins Grübeln geriet. Eigentlich ganz ungewohnt für den versierten Verführer, der sonst nicht lange fackelte.

Aber auch Marc Meier war unsicher und versuchte mit seinen provozierenden Sprüchen doch nur die Stimmung wieder etwas lockerer zu gestalten, aber das war wieder mal nach hinten losgegangen, weil Madame alles, was er sagte, sofort wieder in den falschen Hals bekam. ... Oh Mann, da versucht man einmal, alles richtig zu machen, aber sie geht gleich wieder an die Decke. Naja, so gut waren die Sprüche jetzt auch wieder nicht, aber, mein Gott, ich will sie doch auch nicht gleich wieder vergraulen. Im Gegenteil. Kraulen und so wäre mir deutlich lieber. Hm... Meier, was nun? ... Natürlich war auch er aufgeregt und spürte die wachsende Anspannung im Raum. Das hier war ein besonderer Moment. Ihr großer Moment sozusagen, der alles ändern würde. Er wollte nichts falsch machen. Das war schließlich Gretchen vor ihm und nicht irgend so eine Frau, die man mal eben schnell abschleppen konnte. Sie war ihm wichtig. Zum ersten Mal in seinem Leben bedeutete eine Frau ihm etwas. Es sollte besonders zwischen ihnen beiden werden. Unvergesslich.

Und so verstummten beide mit einem Mal und grübelten still jeder für sich vor sich hin. Gretchen schaute stur hin zum Fenster, vor dem finstere Nacht herrschte, weil auch der Mond bei dem nervigen Hin und Her des Vielleicht-oder-vielleicht-auch-nicht-Liebespaares nicht mehr länger zuschauen wollte. ... Warum ist das nur so schwierig mit ihm? ... Und Marc, der immer noch Gretchens Hand in seiner hielt und unbemerkt mit einem Finger gänsehautauslösend die zarten Linien auf ihrer Handinnenfläche nachzeichnete, tat es ihr gleich. ... Warum ist das nur so schwierig mit ihr? Wieso können wir nicht einfach...?

Es war schließlich Gretchen, die als Erste die unheimliche Stille durchbrach, welche Marc und sie von einem Moment auf den nächsten eingehüllt hatte. Auf ihre Weise weckte sie nicht nur die Aufmerksamkeit des Vollmonds, der nun doch neugierig die Wolkendecke beiseite geschupst hatte, sondern auch die ihres heiß und innig geliebten Oberarztes, der nun nicht mehr aufhören konnte, das faszinierende Wesen neben sich anzustarren, das ihn mit diesen unverwechselbaren, leuchtenden, blauen Kristallen anblinzelte.

Gretchen: Weißt du eigentlich, warum ich mir gerade diesen Ort hier ausgesucht habe?
Marc (ist von ihr völlig verzaubert): Ähm... nein? Weil dein Dad dir immer noch ne minimale Gehaltsauffrischung schuldig ist?
Gretchen (strahlt ihn voller ansteckender Begeisterung an): Ich war schon als Kind immer gerne hier.
Marc (hat sich komplett in ihren himmelblauen Augen verloren u. ihr nur zum Teil zugehört): Ach? Du warst als Kind schon einmal hier? Lief wohl damals schon finanziell nicht so gut bei deinem Vater, hm?
Gretchen (hält irritiert inne): Was? Musst du immer alles gleich ins Lächerliche ziehen, Marc?
Marc (rudert schnell mit unwiderstehlichem Dackelblick zurück): Sorry, das habe ich nicht so gemeint.
Gretchen (hat ihm schnell wieder verziehen u. strahlt ihn an): Ich habe hier die schönsten Sommer meiner Kindheit verbracht. Das ist mir erst in den vergangenen Tagen so richtig klargeworden.
Marc (hört ihr gebannt zu, kann sich aber eine kleine Spitze nicht verkneifen): Und ich dachte immer, die schönsten Sommerferien waren die, als du den halben Tag bei mir vor der Haustür herumgelungert hast?
Gretchen (muss schlucken): Du... du hast das gemerkt? Ähm... Du... du wusstest, wer ich bin?
Marc (lacht): Na logo! Die halbe Schule hat vor den Ferien Wetten darüber abgeschlossen, wie oft du wohl dieses Mal bei mir vor der Matte stehst, ohne dich zu trauen, zu klingeln.
Gretchen (hält sich vor Scham die Hände vors Gesicht, was ihre leuchtenden roten Wangen aber nicht wirklich verdeckt): Och, nee, das darf doch nicht wahr sein. Ich sag das Klassentreffen ab.
Marc (ist völlig hingerissen von ihr): Hey, das war doch nur Spaß.
Gretchen (guckt vorsichtig zwischen ihren beiden Händen hindurch): Wirklich? Meine ganze Schulzeit war die Hölle und das alles nur wegen dir.

Fuck!

Marc (seufzt leise auf): Tut mir leid!
Gretchen (horcht verwundert auf): Die Entschuldigung hätte ich gerne damals schon gehört.
Marc (spürt einen seltsamen Hauch von schlechtem Gewissen in seiner Brust, den er schnell mit einer lockeren Geste abtut): Ich weiß.
Gretchen (guckt ihm tief bewegt in die Augen): Und warum warst du dann immer so gemein zu mir? Ich habe dir doch nie etwas getan. Im Gegenteil. Ich habe deine Hausaufgaben gemacht, obwohl ich nicht einmal in deiner Stufe war. Ich habe dafür gesorgt, dass du in der Pause immer etwas Gesundes zu essen hattest und ich habe versucht, dir zu zeigen, dass Schule gar nicht so doof ist, wie sie einem manchmal vorgekommen ist, wenn man sich wenigstens ein bisschen bemüht.
Marc (schaut sie mit Dackelblick an): Ehrlich? Ich weiß es nicht.
Gretchen (blickt ihn gebannt an): Hat es dir Spaß gemacht, mich ständig zu demütigen?
Marc (etwas überfordert von den unerwarteten Vorwürfen): Gretchen, müssen wir das unbedingt jetzt bequatschen?
Gretchen (sieht ihm mit ernstem Blick in die unruhig hin u. her huschenden Augen): Ich will das endlich hinter mir lassen, Marc.
Marc (hält ihrem intensiven Blick stand): Denkst du, ich nicht?
Gretchen: Ich will doch nur, dass das mit uns funktioniert. Deshalb brauche ich Antworten. Also, war das alles nur ein lustiger Spaß?
Marc (seufzt theatralisch auf u. rotiert mit seinen Armen): Ja? Ähm... nein! Eigentlich... nicht. Ich war... Ach... Ich weiß doch auch nicht, was damals mit mir los war und was mich so an dir genervt hat.
Gretchen (nickt verständnisvoll): Ich hatte immer gehofft, dass irgendwann einmal der Junge vom Spielplatz wiederauftaucht, aber das ist nie geschehen. All die Jahre nicht. Bis heute.
Marc (blickt irritiert in ihren Augen hin u. her): Bitte?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick): Du verstehst mich schon.
Marc (denkt einen langen Augenblick darüber nach, dann lächelt er): Okay? Dann ähm... ist eben heute der Tag, an dem wir alles hinter uns lassen. Den Spielplatz, den Schulhof, den OP...
Gretchen (schaut ihn mit staunenden Augen an): Meinst du das wirklich ernst?
Marc (grient sie meierlike an): Ich dachte, du bist hier, um die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen? Fangen wir doch damit gleich heute an.
Gretchen (ihr erstaunter Ausdruck weicht einem hoffenden): Gibt es denn eine Zukunft? Also, ich meine, für uns?
Marc (drückt ihre Hände immer fester u. lächelt sie an): Ich bin hier.
Gretchen (verliert sich in seinen funkelnden dunkelgrünen Augen): Wie meinst du das?
Marc (verdreht die Augen): Gretchen, warum musst du eigentlich immer alles doppelt und dreifach hinterfragen, hm?
Gretchen (fasst sich verlegen an die Wange): Weißt du, ich bin schon so oft auf die Nase gefallen und falschen Träumen hinterhergejagt.
Marc (beugt sich ganz nah zu ihr heran u. wackelt vielsagend mit seinen Augenbrauen): Haasenzahn, vielleicht solltest du dann einfach mal damit aufhören, ständig nur zu träumen, und schauen, was die Realität dir Attraktives zu bieten hat, hm?
Gretchen (beginnt augenblicklich zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd u. lehnt sich an seine starke Schulter): Und was?
Marc: Du würdest staunen.

...griente Marc seine hinreißende Herzprinzessin vielsagend an. Er guckte ihr noch einmal nach Bestätigung haschend tief in die Funkelaugen und küsste sie dann einfach stumm. Und damit war alles gesagt. Und Gretchen ließ es geschehen. Sie ließ alles los. All ihre Fragen und Gedanken. Ihre Zweifel und Unsicherheiten. Alles, was war, ließ sie hinter sich und blickte voller Vorfreude und Zuversicht in die Zukunft. Sie stürzte sich Hals über Kopf in das Abenteuer, das sie immer gesucht hatte: Dr. Marc Olivier Meier.

Erst war es nur ein sanfter, neckischer Kuss, zärtlich und voller Liebe, der sie umschmeichelte. Ein vorsichtiges Herantasten, wie weit er gehen konnte. Und sein zartes Bemühen wurde eindrucksvoll erwidert. Wie es schien, war Gretchen Haase eine von der ungeduldigeren Sorte der faszinierenden Spezies Frau. Und sie war alles andere als verklemmt, wie er immer gedacht und sie damit unaufhörlich aufgezogen hatte, und das gefiel Dr. Meier. Sehr sogar.

Marc zog die schöne Berlinerin immer näher zu sich heran. Er streichelte ihre zart gerötete Wange, liebkoste ihr süßes Ohrläppchen, zeichnete eine Kussstraße ihren verführerischen Hals entlang, wühlte sich durch ihre lange ungebändigte Lockenmähne, so wie er es immer schon einmal hatte tun wollen. Und schließlich fielen die beiden kichernd aufs weiche Bett. Arme, Beine, Hände, Lippen verhedderten sich ineinander. Sie wurden eine Einheit, ließen sich nicht mehr los, erkundeten einander. Erst ganz sanft und auch ein wenig scheu, weil beide noch nicht wirklich glauben konnten, dass es tatsächlich passierte.

Immer wieder musste Gretchen Marc zwicken, um noch ein letztes Mal zu verifizieren, dass der heißblütige Mann über ihr wirklich real war. Und da dieser von Natur aus ein Schelm war, wiederholte er das Spiel natürlich auch bei ihr, was sie wiederum animierte, ihn unsanft zur Seite zu schupsen. Jetzt saß sie auf ihm und grinste triumphierend und hungrig zu ihm herab. Feurige Blicke schauten zu ihr hinauf und auch sie fing alsbald Feuer. Ihre Küsse wurden immer stürmischer und leidenschaftlicher, brannten sich regelrecht ein auf den Hautstellen, die von ungeduldigen Fingerspitzen bereits freigelegt worden waren. Marcs wendige Chirurgenhände wandern überall hin. Gretchen wurde regelrecht von einer Gefühlsexplosion überrannt. Sie genoss es sehr, wie er sich ausgiebig ihrem gar nicht mal so unknackigen Hinterteil widmete und dabei lustvoll aufstöhnte. Gefühlvoll knabberte sie an seinem Ohr, hauchte Liebesschwüre hinein, die Marc tief im Innersten berührten und ihn antrieben, dem Engelswesen ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten. Und das war es schon jetzt. Für beide.

Atemlos schauten sie sich in die vor Emotionen überschäumenden Augen und nun gab es bei beiden kein Halten mehr. Ungeduldig nestelte Gretchen an Marcs Hemdknöpfen, die sich erst dank seiner Hilfe öffnen ließen. Schnell schoben ihre geschmeidigen Hände das lästige Kleidungsstück von seinen muskulösen Schultern. Erst huschten ihre begeisterten Augen über seinen trainierten Oberkörper, dann ihre flinken Fingerchen, die jeden Zentimeter seiner nackten, leichten gebräunten Haut erkundeten und in ihm ein Feuer entfachten, das nicht mehr zu bändigen war.

Auch er konnte sich kaum noch zurückhalten. Er wollte sie spüren. Jetzt. Überall. Mit allen Sinnen. Schnell hatte er den Rückenreißverschluss heruntergezogen und ihr das luftige Sommerkleid, das so verführerisch ihre Hüften umspielt hatte, vom Körper gestreift. Danach schaute er sie an. Bewundernd. Völlig begeistert. Er war förmlich geblendet von ihrer unvergleichlichen natürlichen Schönheit, die bei weitem seine Vorstellungen übertraf. Und zum ersten Mal in seiner Gegenwart verspürte auch Gretchen keinerlei Scheu, weil sie in seinen funkelnden Augen deutlich lesen konnte, dass er sie schön fand. Und das war ein berauschendes Gefühl. Genauso berauschend und intensiv wie Marcs wilde Küsse, die er überall auf ihre empfindsame Haut setzte, nachdem er sich aus seinen Jeans gekämpft und sie von der geblümten rosa Unterwäsche befreit hatte, die er nicht einmal mit einem frechen Spruch kommentiert hatte, wie sie rotwangig erwartet hatte.

Stattdessen hatte er sich wieder auf sie gestürzt. Wie im Rausch. Getrieben von seiner ungezügelten Lust und dem grenzenlosen Verlangen, ihr nah sein zu wollen. Gretchen spürte seine fordernden Küsse überall und nirgends. Sie befand sich auf einer Woge aus Gefühl, die sie in nie gekannte Höhen katapultierte. Alles, was man Marc nachsagte, war noch die Untertreibung des Jahrhunderts, schoss es ihr durch den Sinn, kurz bevor sie sich gedanklich endgültig ausklinkte und sich nur noch von ihren überbrodelnden Gefühlen leiten ließ. Sie wollte ihn endlich spüren. Mit Haut und Haar. Mit all ihren Sinnen. Und so gaben Marc und Gretchen sich schließlich ihrer Leidenschaft hin. Ihrer viel zu lange unterdrückten Leidenschaft.........



So, ihr Lieben, wie sagte ich damals schon zum Staffelstart meiner „kleinen“, aber feinen Geschichte, mehr nicht!!! Wenn’s am schönsten ist, sollte man aufhören. Und mit Bildern im Kopf funktioniert das doch auch ohne Text, findet ihr nicht?

Euer Lörchen

PS: Ich mache hier an der Stelle erst einmal stopp und kümmere mich wieder stärker um die eigentliche Fortsetzung. Sonst kommen wir ja nie zu potte, aber wenn ich mal wieder Lust und Laune habe, setze ich mich bestimmt auch wieder an die Überarbeitung dieses wunderbaren Mammuts, das ich fest in mein Herz geschlossen habe.

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