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Dieses Thema hat 25 Antworten
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 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | 2
Sally Offline

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Beiträge: 244

20.07.2014 17:31
Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Hallöchen ihr Lieben

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich jetzt schon meine dritte Story hier veröffentlichen würde. Ich habe wirklich lange überlegt, ob ich es wirklich wagen soll. Da ich allerdings nun eine Pause bei meiner derzeit laufenden Geschichte einlegen muss, hatte ich euch ja vorgeschlagen, die Wartezeit ein wenig zu versüßen. Dass ich das auch wirklich in die Tat umsetze, verdanke ich @Elli , die mir wirklich immer wieder zugeredet hat, diese Story doch zu veröffentlichen.
Anfänglich war das ganze als Oneshot geplant und schlummert bereits seit fast einem Jahr auf meiner Festplatte. Mit der Fortsetzung hatte ich irgendwann begonnen, und nachdem die liebe Elli sich alles bis dorthin durchgelesen hatte, hat mich die Schreiblust überfallen und es sind noch einige Seiten mehr hinzu gekommen, sodass ich prima bis Oktober auskommen sollte, bis es mit meiner anderen Story weitergehen wird.
Ich möchte mich für die lieben Antworten bedanken, dass Interesse an dieser Story besteht. Ich hoffe, ich werde euch nicht enttäuschen
Ein großer Dank geht an Elli, die mir wieder wunderbar ihren Senf dazugegeben hat. Es macht mir echt jedesmal ungemein Spaß mit dir!

Ich werde mich bemühen, euch wöchentlich einen Teil zu liefern

Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß mit meinem Sommer-Spezial.
Eure Sally

Sally Offline

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Beiträge: 244

20.07.2014 17:32
#2 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Der 17. August.

Pünktlich um achtzehn Uhr dreiundvierzig bog Margarete Haase mit ihrem neunzehn Jahre alten, dunkelroten Golf in eine Spielstraße in Berlin ein. Eine, ihr bereits vertraute Gegend, in die sie oft kam. Zuletzt vor zwei Wochen zum Grillen. Sie erinnerte sich an einen ausgesprochen leckeren Hirtensalat, den Edith zubereitet hatte. Dazu hatte es köstliche Steaks, Filets und Würstchen gegeben. Das Geheimrezept für die Marinade der Fleischstücke hatte Gretchen Edith nicht abluchsen können. Ein Familienrezept, wie Edith erklärt hatte, was nur die Mütter ihrer Familie an ihre Töchter weitergaben. Mit einem vielsagenden Blick hatte Edith Mehdi dabei angesehen, der seinen jüngsten Sprössling gerade mit einem Stück Würstchen fütterte, dass sie sich doch noch eine Tochter wünschte. Während Fabio sich das Würstchen in den Mund schieben ließ, ermahnte Edith ihren Ältesten, Tristan, nicht auf dem Stuhl zu stehen und sein Würstchen aufzuessen.

Grinsend erinnerte sich Gretchen an diesen tollen Abend mit Mehdi, Edith und den beiden Kindern, Tristan und Fabio. Solche Abende hatten sie so oft, wie es die Dienstpläne zuließen. Gretchens und Mehdis zumindest. Edith kümmerte sich derzeit ausschließlich um die drei und anderthalb Jahre alten Kinder. Vor der Elternzeit war sie als Innenarchitektin tätig, was sich auch in dem kleinen Häuschen am Rande von Berlin wiederspiegeln ließ. Sie hatte viel Liebe fürs Detail in das, in den sechziger Jahren erbaute, Haus gesteckt, das sie und Mehdi zuvor aufwendig renovieren ließen. Gretchen fühlte sich schon alleine durch die häusliche und wohnliche Atmosphäre hier geborgen und aufgenommen. Zudem zählte Mehdi nun seit sieben Jahren zu ihren besten Freunden und Edith hatte sich da schnell angeschlossen, als die beiden sich kennenlernten. Wenn sie mal einen freien Abend hatte, verbrachte sie den gerne bei den Kaans, oder gönnte Mehdi und Edith einen kinderfreien Abend, indem sie auf die beiden halbstarken Jungs aufpasste.

Doch je näher sie dem Haus heute kam, in dem sie sich sonst so willkommen fühlte, desto unbehaglicher wurde ihr. Mit jedem Meter, den sie näher rollte. Hatte sie heute Mittag noch geglaubt, sich an diese äußerst seltenen Treffen gewöhnt zu haben, so überraschter war sie nun, dass es nicht der Realität entsprach. Ihre Entspannung hatte sich in pure Nervosität verwandelt. Die Schrittgeschwindigkeit in dieser Spielstraße hielt sie penibel genau ein, sah sie doch schon die beiden Jungs, die am Gartenzaun auf die eintrudelnden Gäste warteten.
Diese gottverdammte Nervosität, die sie lähmte, sich auf den Abend zu freuen. Sicher freute sie sich. Es war immerhin der Geburtstag ihres besten Freundes, der heute zelebriert wurde. In ein paar Jahren war sie selbst an der Reihe. Schweißige Handflächen. Warum war sie so gottverdammt nervös? Kräftiger Herzschlag in der Brust. Im Stillen fluchend, versuchte sie die Nervosität unter Kontrolle zu bekommen.

Gegenüber des Hauses der Kaans parkte sie ihren gehegten Golf, winkte kurz den Kindern, schnappte sich ihre Handtasche vom Beifahrersitz und stieg endlich aus dem Wagen. In den Bäumen am Straßenrand zwitscherten die verschiedensten Vogelarten um die Wette. Die Sonne brannte auf ihren unbekleideten Armen und wurde in den Gläsern ihrer Sonnenbrille gefiltert, um ihre kostbaren Augen zu schonen. Freudig kletterte der kleine Tristan am Zaun hinauf, um Gretchen als erster in den Arm nehmen zu können. Mit seinen kleinen Füßchen stand er auf einer der Latten und streckte seine Arme nach ihr aus.

Sich die Sonnenbrille richtend, warf er einen letzten Blick in den Innenspiegel seines Autos. Der Innenspiegel eines dunklen, anthrazitfarbenen, BMW M6 Coupé, der Gretchen zuvor nicht aufgefallen war, hatte sie doch direkt dahinter geparkt. Durch diesen Innenspiegel hatte er sie durch seine getönten Scheiben beobachtet. Wie sie ultralangsam die Straße angerollt kam, hinter ihm gehalten hatte. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl gehabt, dass sie ihn angeschaut hätte, was doch schier unmöglich war. Er wollte warten, bis sie im Garten verschwunden war. Doch nagte die Ungeduld an ihm. Aus seiner unbeobachteten Position verfolgte er ihren Weg zum Gartenzaun, an dem die kaanschen Kackbratzen Gretchen in Empfang nahmen. Sie freudestrahlend in den Arm nahmen, sich von ihr über die dunklen Locken streichen ließen und sie sich dann in den Garten hinters Haus ziehen ließ.

Marc war immer noch Mehdis bester Freund. Auch mit Edith kam er sehr gut klar. Selbst mit den beiden Jungs hatte er sich abgefunden. Er gönnte Mehdi aus vollem Herzen diese Familie, hatte es sein Kumpel in den vergangenen Jahren nicht ganz leicht gehabt. Vor einer ewig langen Zeit waren Scheidungspapiere in Mehdi Kaans Briefkasten geweht. Mehr hatte er von Anna, diesem verlogenen Miststück, nicht mehr gehört. Seine vermeintliche Tochter hatte Mehdi nie wieder gesehen. Ein psychischer Knacks, der ihn noch heute belastete, immerhin hatte er dieses Mädchen ihr halbes Leben lang großgezogen. Doch dann lernte Mehdi Edith kennen und es begann ein bilderbuchhaftes Leben für ihn.
Es kam nicht mehr allzu oft vor, dass sich die beiden Freunde alleine trafen. Überhaupt sahen sie sich wenig. Meist im Krankenhaus, während der Pause oder im Aufzug. Selten beim Squash. Ab und an luden Edith und Mehdi zu einem gemütlichen Abend ein. Entweder saßen sie dann im Garten, tranken Bier und tratschten über dieses und jenes, oder saßen im Haus am Küchentisch oder auf dem Sofa und gingen dort ihrem Spaß nach.

Ganz genau fokussierte er jede Bewegung, ihr ganzes Erscheinungsbild. Gretchen trug einen knielangen Rock, wie sie es schon damals immer gerne getan hatte, dazu ein geblümtes Sommertop, ganz in ihrem Stil. Hatte sie etwas abgenommen? , schoss es ihm durch den Kopf. Er vernahm das Klackern ihrer Schuhe auf dem Asphalt. Die Sonnenbrille im Gesicht, ihre Handtasche locker über der Schulter hängend, lehnte sich Gretchen über den Zaun und drückte den kleinen Tristan ganz fest. Wurde dann vom Protest des jüngeren Fabio abgelenkt. Routiniert öffnete sie das kleine hölzerne Gartentor und ließ sich von den Kindern in den Garten führen, in den Marc auch bald treten würde. Sein Blick ruhte auf dem kleinen Seitenweg, der am Haus entlang in den Garten führte. Etliche Male war er diesen Weg schon entlanggegangen. Zuletzt vor ein paar Wochen, als er einen dieser Bierabende mit Mehdi verbracht hatte, als Edith mit ihren Kindern noch in Kur war, aufgrund Tristans Neurodermitis. An diesem Abend hatte Mehdi ihm auch von dieser Feier berichtet. Eine kleine Geburtstagsfeier im kleinen Rahmen einiger nahestehender Kollegen, Freunde und Familie. Fanden Mehdis Geburtstage sonst nur im wirklich kleinen Freundeskreis statt, so wollte Mehdi zu ehren seines vierzigsten Geburtstages diese Feier etwas größer zelebrieren. Sollte Marc nur Recht sein, so hatte er mehr Möglichkeiten gewissen Personen aus dem Weg zu gehen.

„Greeeeetchen ist daaaaa“, schrie Tristan lautstark durch den Garten. Mehdi, der am Grill stand und seinem Vater Anweisungen erteilte, lächelte sie begrüßend an. Edith hingegen stellte einen ihrer sauleckeren Salate auf einer, an der Hecke am Rande der Terrasse stehenden, langen Tischreihe ab und begrüßte ihren ersten Gast.

„Freut mich, dass du es heute geschafft hast“, schloss Edith ihre Freundin Gretchen in die Arme.

„Da steckte wohl ein wenig Überredungskunst hinter“, lachte Gretchen, „Dafür darf ich die nächsten beiden Nachtschichten hintereinander schieben, aber das nehme ich gerne in Kauf.“

Auch Mehdi hatte sich von seinem Vater abwenden können, der gerade das erste Essen auf den Grill legte, und begrüßte seine Freundin herzlich mit einer Umarmung.

„Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Mehdi“, sprach Gretchen in Mehdis Ohr, während sie ihm behutsam freundschaftlich über den Rücken strich.

Als sie sich wieder voneinander lösten, begann Gretchen ungeduldig in ihrer Handtasche zu wühlen: „Ich habe auch irgendwo ein Geschenk für dich…Okay, ich habe es noch im Auto. Bin sofort zurück.“

„Geht klar“, meinte Mehdi nur lachend, wurde aber sofort von den nächsten Gästen in Beschlag genommen. Bei diesen Gästen handelte es sich um Schwester Sabine und Günni Gummersbach.

Während Mehdi seine Gäste begrüßte, trat Gretchen den Rückweg an ihr Auto an.

Um genau achtzehn Uhr dreiundfünfzig sah sich der Chirurg bereit, seinen Wagen zu verlassen und ebenfalls das Festgelände zu betreten. Mehdi hatte auf neunzehn Uhr eingeladen. Marc erschien immer gerne etwas eher, um sich einen guten Platz zu sichern. Einen Platz, von dem er alles beobachten konnte, dass auch ja nichts in seinem Hinterhalt passieren konnte. Doch heute hatte er länger als gedacht auf dem Fahrersitz verbracht und ein paar weitere Gäste hatten das Gartentor passiert. Die teuren Schuhe berührten den grauen Asphalt, er strich sich kurz die helle Stoffhose seines Boss-Anzuges glatt, dessen Jackett er auf dem Beifahrersitz liegen ließ, luden diese sommerlichen Temperaturen doch eher zu Shorts und einem T-Shirt ein, knöpfte die obersten Knöpfe des sündhaft teuren Armani-Hemdes auf und schloss seine Wagentür. Es piepte einmal und vergewisserte ihn, dass sein geliebtes Auto sicher abgeschlossen war. Mit dem Geschenk für Mehdi machte er sich auf den Weg zu dem kleinen Holztürchen.

Er vernahm das Klimpern eines Autoschlüssels, doch konnte im ersten Moment niemanden hinter sich sehen. Das kleine Gartentor quietschte beim Öffnen. Die vielen Blumen im Vorgarten dufteten um ihn herum. Schritte, die den Kies unter den Schuhen knirschen ließen.

„Hi“, wurde Gretchen in ihrem Tun unterbrochen.

Sie hob ihren Kopf und sah in ein Gesicht, dessen Augen mit einer Sonnenbrille verdeckt waren. Ihre Sonnenbrille hatte indes den Weg in ihre Haare gefunden. Sie zog den Schlüssel endgültig aus der Handtasche.

„Hi“, sagte sie und schenkte Marc ein kurzes Lächeln, ehe sie an ihm vorbeiging.
Kurz sah er ihr nach. Aber wirklich nur kurz, um dann den Weg in den Garten zu finden.
Noch waren kaum Gäste anwesend. Marc erblickte seine nervige OP-Schwester und ihren seltsamen Göttergatten auf der Terrasse in ein Gespräch mit Edith vertieft. Marc selbst ging schnurstracks auf Mehdi zu.

„Na, alter Mann“, begrüßte Marc seinen langjährigen Kumpel, ihm das Geschenk in die Hand drückend.

„Hey Marc“, und schon hatte Mehdi seinen Freund in die Arme geschlossen.

Nichts Ungewöhnliches mehr für den standhaften Chirurgen. Er konnte sich zwar immer noch hervorragend über belanglose Dinge aufregen, die Umarmungen von Mehdi gehörten da aber schon lange nicht mehr zu. Empfand dies mittlerweile als nette Geste. Auch Edith wurde mit einer Umarmung begrüßt. Sabine und Günni mit Händeschütteln. Es war nicht die erste Geburtstagsfeier von Mehdi, an der diese paar Gäste teilnahmen. Auch an die Aufeinandertreffen mit Gretchen hatte er sich gewöhnt. Geschahen diese für gewöhnlich nur ein bis zwei Mal im Jahr.

Gretchen war derweil wieder im Garten angekommen, übergab Mehdi sein Geschenk und begrüßte Sabine und Anhängsel. Allmählich füllte sich der Garten mit alten und neuen Gesichtern. Während Gretchen in einem Plausch mit Schwester Sabine hing, sah sie über derer Schultern hinweg etwas, was ihre Aufmerksamkeit von Schwester Sabines Krankenhaustratsch ablenkte.

„Doktor Marc!“, Tristan hatte zum Sprung angesetzt und wurde von Marc aufgefangen und auf den Arm genommen.

Dem sonst so taffen Chirurgen lag ein Lachen auf den Lippen und tat gespielt, als sei der Dreijährige tonnenschwer, was den Jungen unheimlich zum Lachen brachte.

Doktor Marc. Gretchen hatte schmunzeln müssen, als sie das hörte.

„Was beobachten Sie denn da Interessantes?“, fragte Schwester Sabine unwissend und wandte ihren Blick nun auf dieses ungleiche Paar von Chirurg und Kind. „Ach wie goldig!“

„Schon“, lächelte Gretchen, Marc und Tristan nicht aus den Augen lassend.

Doktor Marc. Marc hatte aufgehört dem Kind diese Titulierung abzugewöhnen. Seit Tristan in Erfahrung gebracht hatte, dass sein cooler Onkel Marc ein Doktor war, wurde aus dem sanften „Onkel“ ein euphorisches „Doktor“. Doktor als Beinamen zu haben war Marc dann doch lieber, als Onkel. Onkel hörte sich so alt an.

„Machen wir die Ameisen wieder platt?“, fragte Tristan mit funkelnd aufgeregten Augen sein Vorbild.

„Heute nicht“, lachte Marc.

„Wenn ihr wieder mein Blumenbeet in die Luft sprengt, oder unter Wasser setzt, Marc, dann darfst du es höchstpersönlich neu bepflanzen“, mischte sich Edith nun in das Gespräch mit ein.


Über Anmerkung freue ich mich natürlich immer. Da ich aber keinen neuen Thread dafür eröffnen mag, könnt ihr das einfach auf meiner Kommentarseite tun:
Kommentare zur 2. Story von Sally (11)

Sally Offline

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Beiträge: 244

26.07.2014 15:36
#3 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Ameisen.

Dieser Mann würde wohl nie erwachsen werden, schoss es Gretchen durch den Kopf. Jetzt konnte sich Gretchen auch endlich einen Reim darauf machen, warum Tristan bei ihrem letzten Babysitter Einsatz unbedingt mit dem Wasserschlauch einen Ameisenhaufen ertränken wollte. Nur in seiner kleinen Badehose bekleidet, hatte sich der Dreijährige klammheimlich den, quer durch den Garten liegenden, Gartenschlauch geschnappt und hatte vor dem Blumenbeet seiner Mutter gestanden, in der Hoffnung, dass dort jeden Moment Wasser rausschießen würde. Doch nichts tat sich. Auch nicht, nachdem er Gretchen aufgefordert hatte, das Wasser anzudrehen. Gretchen hatte ihm nur den Schlauch entnommen und zurück ins Planschbecken gesteckt, mit Protest, doch er war nicht gegen die viel größere Ärztin angekommen. Es war doch so offensichtlich, dass der Kleine nicht alleine auf so einen Blödsinn kam. Marc Meiers Handschrift hatte sie dieser Kinderei nur nicht entnehmen können.
Ameisen. Dieses dumme einfache Wort warf Gretchen für ein paar Sekunden in die Vergangenheit zurück. Führte ihr ein Bild vor Augen, was sie zuletzt vor gut vier Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Den Ameisenblick. Marcs Blick. Verdammte Ameisen, sprach sich Gretchen in Gedanken zu.

Tristan riss Marc die teure Designersonnenbrille von der Nase und setzte sie sich selber auf.
Gretchen wurde dem Geschehen entzogen, als sich Maria Hassmann zu ihr gesellte. Zu gerne hätte sie Doktor Meier noch weiter beobachtet, doch wollte sie sich keine Blöße geben, dass sie es interessierte, was ihr ehemaliger Oberarzt hier im Trubel der einkehrenden Gäste mit dem kleinen Jungen anstellte.

„Frau Doktor Haase“, plumpste Maria Hassmann vor Gretchens Nase auf die Bierbank.
Die Neurochirurgin des Elisabethkrankenhauses stierte ihr Gegenüber genauestens an.

„Maria“, strahlte Gretchen freudig, ihre alte Kollegin nach langer Zeit wiederzutreffen.

„Sie hat man ja schon ewig nicht mehr gesehen. Ich möchte fast sagen, es ist recht ruhig geworden, seit Sie weg sind.“

„Ruhig also“, meinte Gretchen nur beiläufig, „Wie geht es denn dem Herrn Knechtelsdorfer?“

Maria winkte ab: „Gut, denke ich.“

„Wie…?“

„Ich habe ihn vor gut einem halben Jahr in den Wind geschossen. Der Kerl hat doch tatsächlich von mir erwartet, meinen Körper als Brutkasten zu benutzen. EIN Kind ist das höchste der Gefühle. Für so einen Schreihals versaue ich mir nicht nochmal die Figur. Da ist die eine Nervensäge gerade aus dem Haus, da will der mir das Nächste andrehen. Ich sage ihnen, Gretchen, seien Sie froh, keine Kinder zu haben!“

Nein, an Kinder dachte Gretchen in letzter Zeit nicht mehr. Zumindest an keine eigenen. Und schon gar nicht als alleinerziehende Mutter ein solches aufzuziehen. Ihre letzte Beziehung lag ein Jahr zurück, sie stand gerade fest mit beiden Beinen im Berufsleben auf der Karriereleiter. Da passten keine Kinder mehr rein. Eine Tatsache, mit der sich Gretchen abgefunden hatte. Dieser Wunsch war kaputt geträumt.

Viele ihrer Träume und Wünsche waren in den letzten Jahren kaputt geträumt worden. Warum sie diesem Hergang die Bezeichnung gab, wusste sie nicht. Vielleicht, weil „kaputt geträumt“ so schön melancholisch und tragisch klang. Zu viel geträumt und zu viel war daran zerbrochen. Wie schon zu oft. Gretchen hatte aufgehört zu träumen und der Realität ins Auge geblickt. Ihr Leben glich jetzt einem völlig anderem, als ihren Kindheitsträumereien. Aus einer liebevoll sorgenden Mutter war eine erfolgreiche Chirurgin geworden, die bescheiden mit ihrem guten Gehalt umging. Protzig war sie noch nie. Große Ausgaben waren nur Flüge nach London, um ihre beste Freundin Gina Amsel zu Besuchen. Ein neues Auto kam gar nicht in Frage, der alte Golf tat noch treu seinen Dienst. Die Möbel, die in ihrer Wohnung in Potsdam standen, waren seit der Neuanschaffung zum Einzug auch nie ersetzt worden. Dafür konnte sie sich auch ein teures Geschenk für ihren besten Freund gönnen. Eine sündhaft teure Uhr, von der Mehdi in der Vergangenheit öfters geschwärmt hatte, Edith ihm diesen Wunsch aber abschlagen musste, gab es wirklich sinnvollere Dinge, in die ihr Geld floss. Seufzend hatte Mehdi das hingenommen, als er seine Kinder beobachtete, wie sie Gretchen ihr neuen Betten präsentierten. Sie wusste, dass sie Mehdi damit eine riesen Freude machen würde, da war sich auch Edith sicher, die in die Geschenkidee eingeweiht war.

„Ja, da bin ich froh. Ich wüsste nicht, wie ich den Klinikstress mit einem Kind meistern könnte“, gab Gretchen zu.

„Sehen Sie, Sie haben alles richtig gemacht“, freundschaftlich tätschelte Maria Gretchens Schulter.

Mehdi reichte seinem langen Freund ein eisgekühltes Bier, der gerade etwas hilflos im Garten stand, nachdem Tristan von ihm abgelassen hatte, um seine Tante zu besuchen, die gerade auf der Party eingetroffen war.

„Danke Kaan“, sagte Marc höflich und stieß die Flaschenboden gegen die von Mehdi.

„Hättest Gretchen ruhig mal begrüßen können“, meinte Mehdi etwas tadelnd.

Marc warf einen kurzen Seitenblick auf Gretchen, die in ein Gespräch mit Maria Hassmann vertieft war. Er sah, wie sich ihre Rückenmuskeln hektisch anspannten, sie kurz ihren Kopf in den Nacken warf und einzelne Stimmsequenzen ihres Lachens verhören konnte. Sie lachte ausgiebig mit Maria Hassmann um die Wette. Worüber sie wohl lachten? , fragte er sich in diesem Moment.

„Habe ich“, antwortete Marc mit dem Blick in Mehdis misstrauisches Gesicht blickend.

„So, so“, machte der Halbperser nur.

„Wirklich! Als ich gekommen bin, ist sie mir am Gartentor entgegengekommen, habe ihr Hi gesagt. Gut ist“, Diskussion für Marc Meier beendet.

Auf diese „Hi“ wollte er eigentlich verzichten. Für Marc war die Sache „Gretchen Haase“ abgetan. Oberflächlich. Schon als er ihren Wagen heranfahren sah, wusste er, dass ihn diesen Abend immer etwas behindern würde, ganz locker zu sein. Äußerlich trug er diese gewohnte Souveränität mich sich herum, wie man es nur von Marc Meier kannte. Kein Wunder, dass der kleine Tristan zu ihm aufsah. Doch innerlich schlug sich diese Souveränität mit ein paar Gefühlen aus der Vergangenheit. Er hatte keine Lust Gretchen zu sehen, geschweige denn mit ihr zu sprechen. Sie waren keine Freunde. Sie waren gar nichts mehr. Nicht mal Bekannte. In vier Jahren der Funkstille hatte sich Gretchen so verwandelt, dass er sie nicht mehr kannte. Nicht im negativen Sinne, keineswegs. Als Bekannte hätte er sie bezeichnet, als sie noch gemeinsam zur Schule gegangen waren, oder gemeinsam gearbeitet hatten. Da hatte er sie aktiv Agieren sehen, wie sie sich benahm, wie sie handelte, wie sie einfach sie selbst war. Er kannte sie zu dem Zeitpunkt. Doch in vier Jahren hatte sich viel getan, wie er am Rande beiläufig mitbekommen hatte. Der Unterschied zu Damals nach der Uni war der, dass er diesmal keine Informationen über anstehende Hochzeiten bekam. Es war still um Gretchen Haase geworden. Nachdem der Professor ein Jahr nach Gretchen das Krankenhaus verlassen hatte, war diese, für Marc unerwünschte, Informationsquelle erloschen. Mehdi erwähnte auch nur sehr selten etwas über Gretchen, worum Marc ihn gebeten hatte. Gretchen war für ihn abgeschlossen. Ein sehr kurzer Lebensabschnitt, der noch zwischen den ganzen anderen untergehen würde. Irgendwann. Sie waren so unschön auseinander gegangen, dass er keinen Grund darin sah, sich mit einer gestellten Freundlichkeit und einem geheuchelten Interesse mit ihr zu unterhalten. Sie beide hatten ein hässliches Ende genommen. Ein Ende auf das er nicht stolz war. Hatte es doch nie wirklich angefangen, um dem ein Ende setzen zu können. Marc hatte nicht wissen wollen, wie es Gretchen nach dem Ende ergangen war, oder wie sie weiterlebte. Er wollte sich damit nicht beschäftigen, um seine Gedanken damit in die Knie zu zwingen.

Diese unschöne Ende, worüber er sich auch nach sechs Jahren noch ab und zu Gedanken machte. Normalerweise dann, wenn er alleine war und aus unerklärlichen Gründen an die Vergangenheit erinnert wurde. War es durch ein Geräusch, oder der Deckenlampe die über dem Esszimmertisch hing, an der sich Gretchen einmal den Kopf gestoßen hatte, als er sie auf diesem Tisch vernaschen wollte. Das waren Momente, in denen er sich an diese wirklich kurze Zeit mit Margarete Haase zurückerinnerte. Mit dieser durchaus schönen Zeit, kamen dann auch die heftigen Wortgefechte, die sie sich am Schluss geliefert hatten, dann das eiserne Schweigen und Ignoranz mit der sie ihren Krankenhausalltag gemeistert hatten, bis schließlich sich ein rein kollegiales Verhältnis eingestellte hatte, in sein Bewusstsein zurück. Ignorieren, es sei denn es ging um klinische Fakten. Ganze zwei Jahre hielt dieser erdrückende Zustand, bis sie erlöst wurden. Erlöst durch Gretchens Facharztabschluss und dem Stellenangebot aus Potsdam. Damit war sie weg aus Marcs Blickfeld und zum Großteil aus seinen Gedanken. Nur an Mehdis oder Ediths Geburtstagen sah er sie zwangsläufig, doch klappte die Ignoranz noch heute.

„Bleiben die Kids die ganze Zeit?“, erkundigte sich Marc, um vom Thema Gretchen abzulenken.

„Nein, meine Eltern nehmen sie nach dem Essen mit“, konnte Mehdi seinen Freund beruhigen.

Um einundzwanzig Uhr drei verließen Mehdis Eltern samt Tristan und Fabio die Feier. Mit ihrem Verschwinden wurden die hochprozentigen alkoholischen Getränke aufgetischt. Ein Moment, auf den sich alle gefreut hatten. Gut dreißig Menschen huschten durch den Garten. Unterhielten sich, knüpften neue Bekanntschaften, tanzten, lachten, hatten Spaß. Mehdi wusste, wie man Geburtstage feierte.

„Meier, komm setz dich zu uns“, brüllte Maria Hassmann quer durch den Garten.

Marc, der gerade noch mit einem Kollegen aus der Onkologie auf der Hollywoodschaukel hinten im Garten vor dem großen Blumenbeet saß und sich angeregt mit diesem unterhielt, richtete seinen Blick in die Richtung, aus der die Frauenstimme kam. Zu der Bierzeltgarnitur auf der Terrasse, an der Maria saß. Zusammen mit Sabine, Günni, Mehdi und Gretchen.

„Na los!“, brüllte es erneut.

„Entschuldige mich einen Moment“, meinte Marc und machte sich tatsächlich auf den Weg zu dem Tisch.

Eine Flasche teurer Wodka stand in der Mitte neben zwei Windlichtern, umrundet von Plastikbechern, die randvoll mit süßen Getränken gefüllt waren, sowie Shots, die ebenso randvoll mit der klaren Spirituose gefüllt waren.

„Macht Platz für den Meier“, grölte eine angeheiterte Maria.

Ein Platz wurde frei. Ein Platz neben Gretchen. Ungern wollte er sich dort hinsetzen. Einen Aufstand zu veranstalten wäre allerdings ein durchaus unreifes Verhalten gewesen, weswegen er sich dort nun am Rande der Bank nieder ließ. Sofort schob Mehdi Marc einen Becher und ein Schnapsgläschen vor die Nase.

„Auf Mehdi und die alte Runde aus dem Elisabethkrankenhaus“, sprach Maria mit einer gewissen Theatralik in der Stimme, die Marc der Neurochirurgin nie zugetraut hätte und sie hatten schon den ein oder anderen feucht fröhlichen Abend zusammen verbracht.

Der erste Fehler, der ihm an diesem Abend unterlief.

Sally Offline

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10.08.2014 11:40
#4 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Heute in doppelter Länge, da ich es letzte Woche aus zeittechnischen und internetabstinenten Gründen nicht geschafft habe. Nächste Woche wird es sich dann wahrscheinlich auf Montag hinauslaufen, da ich erst am Sonntag aus dem Urlaub zurück komme.
Einen wundervollen Sonntag wünsche ich euch
Eure Sally



„Und immer schön in die Augen schauen, sonst gibt’s schlechten Sex“, meinte Mehdi noch beiläufig, ehe er begann nach der Reihe gegen die Plastikgläschen zu stoßen.

Man tat es im gleich. Da passierte es. Marcs Blick traf Gretchens. Kurz, nur für eine Millisekunde. Augen, in die sie nicht mehr schauen wollten. Marc nicht. Gretchen nicht. Die kleinen Gläschen stießen sie aneinander, um darauf in einem Zug die Kehle herunter zu schütten.

Der Wodka brannte in ihrem Rachen. Und gleichzeitig war das die willkommene Abwechslung, die Gretchen gerade brauchte. Sie kippte die kühle Cola hinterher. Hier saß jemand neben ihr, dessen pure Anwesenheit sie nervös werden ließ. Leider hörte dieses Brennen nun auf. Somit war ihre volle Aufmerksamkeit auf den Mann neben ihr gerichtet. Marc, der mit einer Seelenruhe neben ihr saß, die sie ganz wahnsinnig machte. Wie konnte es ihm so egal sein, dass sie hier neben ihm saß, sich ihre Oberarme berührten. Sie berührten sich das erste Mal seit fast sechs Jahren wieder. Ihr Innerstes schrie danach, diesem Horror ein Ende zu machen. Dieses verdammte Gefühlschaos, das sich in ihr sammelte. Erst hatte er sie heute begrüßt und nun saß er neben ihr? Da war ihr diese sonstige Distanz lieber gewesen, wo sie sich gegenseitig keinerlei Beachtung geschenkt hatten. Wie konnte er nur so ruhig und selbstverständlich hier neben ihr sitzen?

Eine Frage, die sich Marc ebenfalls stellte. Gretchen war noch nicht aufgestanden und gegangen. Lag es vielleicht daran, dass sie zwischen ihm und Maria saß und keine Chance zur Flucht hatte? Keineswegs scheu hatte sie ihn für diesen wirklich kurzen Moment des Anstoßens in die Augen gesehen. Es war wie ein Friedensangebot nach all den Jahren und Strapazen. Frieden zwischen ihnen, dass es das mal geben sollte. Ruhig saß sie neben ihm, lachte mit den anderen und quatschte noch genauso gerne wie früher. Diesem Früher, nach dem er ab und an Sehnsucht hatte, wenn der die Deckenleuchte über dem Esstisch ansah. Wohlwissend, dass er und Gretchen mit Argusaugen von Mehdi beobachtet wurden, achtete Marc genauestens darauf, nichts falsch zu machen. Gab es überhaupt etwas, was er jetzt falsch machen konnte? Eine Szene wollte er Mehdi sicher nicht an diesem besonderen Tag liefern. Längst war Gras über die Sache von damals gewachsen. Frieden. Heute herrschte Frieden zwischen ihm und Gretchen.

Nach zwei weiteren Shots war die Stimmung bereits ausgelassen zwischen der kleinen Runde am Tisch.

„Weißt du Haase, manchmal fehlst du schon im Krankenhaus. Dem Meier mal so richtig den Marsch zu blasen, verstehst du“, plapperte die Neurochirurgin fröhlich, sich erneut einen Drink eingießend.

„Also ich finde, dass Doktor Meier in den letzten Jahren ruhiger geworden ist“, meinte Sabine, die an ihrem Günni lehnte und sich den Oberarm streicheln ließ.

„Marc und ruhig?“, fragte Gretchen in diesem Moment ungläubig.

Das erste Mal an diesem Abend nahm sie seinen Namen in den Mund. Sie nahm nicht nur seinen Namen in den Mund, sondern drehte sich auch gewissenhaft zu ihm um und sprach ihn direkt an.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du ruhig deine Station leitest“, flogen ihm die Worte entgegen.

„Ich muss pissen“, Marc stand einfach auf und lief ins Haus.

Er musste weg von ihr. Sein Weg führte durch das liebevoll eingerichtete Wohnzimmer, durch den Flur zu dem kleinen Gäste-WC. Abgeschlossen. Na toll. Wie gut, dass er sich hier auskannte und wusste, wo sich das Bad im Obergeschoss befand. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe hoch.

„Doch, der Doktor ist wirklich ruhiger geworden. Er ist nicht mehr ganz so ungeduldig, und schimpft nicht mehr so oft mit mir“, versicherte Sabine nun.

„Sind wir das nicht alle? Also zumindest im Sinne von erwachsener?“, sinnierte Günni.

Weise Worte in Gretchens Ohren. Doch waren sie das wirklich, also erwachsener? Vielleicht ein klein wenig. Sie selbst hatte den Absprung von ihren Eltern geschafft. Ein eigenständiges Leben in Potsdam. Mehdi hatte eine tolle Familie gegründet und schien sein Leben im Griff zu haben. Sabine und Günni waren seit zwei Jahren verheiratet und warteten auf einen Adoptionsbescheid. Maria Hassmann schickte ihre Tochter gerade auf die Uni, und lebte ihr Leben einfach so weiter, auch ohne Maurice. Und dann war da noch Marc, über den sie im Grunde nichts wusste. Sie hatte keine Ahnung, ob er sich in den vergangenen vier Jahren weiterentwickelt hatte. Es war so unglaublich viel in den letzten paar Jahren in Gretchens Leben passiert. Zum einen war da die Beziehung zu Martin gewesen, mit dem sie eine tolle und glückliche Zeit verbracht hatte. Zum anderen war da ihr Job. Jetzt hatte sie bald noch ihren zweiten Facharzt in der Tasche. Sie war erfolgreich.

„Ihr entschuldig mich einen Moment, ich muss mal für kleine Mädchen“, Gretchen lächelte in die Runde, nahm ihre Handtasche und stand auf.

„Da ist doch gerade Marc“, entsann sich Mehdi.

„Dann nehme ich halt das Bad oben“, zwinkerte Gretchen ihrem Freund zu.

Die Tür war abgeschlossen. Na nu?

Es klackerte hinter ihm im Flur. Absätze eines Frauenschuhs auf Laminatfußboden. Er hatte es sich vor der Fensterbank bequem gemacht. Das Fenster weit aufgerissen, die Ellbogen auf die Fensterbank gestützt und die Zigarette zwischen den Zähnen.
Es klopfte an die Tür.

„Sofort“, nuschelte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu entfernen.

Ein letzter, kräftiger Zug. Ausdrücken und in die Nacht hineinwerfen. Er schloss das Fenster und öffnete dann die Tür.

„Na endlich“, kam es nur von der blonden Frau vor ihm, die sich geschwind an ihm vorbeidrückte und ihn nun vor der geschlossenen Tür stehen hatte.

Weit brachten ihn seine Füße nicht. Seine Augen hatten eines der vielen Bilder in dem kleinen Flur, der zu den Schlafzimmern führte, fixiert. Er musste einfach stehen bleiben und es betrachten. Es war wie aus einer anderen Zeit. Als würde man ihm ein Bild seiner Großeltern zeigen, von einem Moment, an dem er nie teilgenommen hatte, und doch die Atmosphäre spüren konnte. Wenn man es genau nahm, waren es fünf kleine Bildchen. Diese berühmten kleinen Bildchen, die man aus Jux und Tollerei in diesen sau beengten Fotoautomaten schoss. Entstanden war das Bild, nachdem sie, Mehdi, Gretchen und er, nach zwei Wochen aus Afrika zurückgekehrt waren. Marc hätte lügen müssen, diese Zeit nicht als großartig zu bezeichnen. In einer Bar hatten die drei ihre Ankunft in Berlin gefeiert, sich diesen Spaß mit den Bildern erlaubt. Mehdi und er gequetscht auf der Bank, Gretchen auf seinem Schoß. Es waren urkomische Bilder. Ein Bild, auf dem Marc Gretchen einen Kuss auf die Wange drückte, während Mehdi und sie Grimassen zogen. Ein Bild auf dem alle drei in die Kamera strahlten. Ein Bild, auf dem Gretchen Mehdi freundschaftlich auf die Wange küsste. Es war wie aus einer anderen Zeit, doch konnte er noch genau diese Stimmung nachempfinden.

„Schon lange her, was?“, fragte ihn plötzlich eine sanfte Stimme und riss ihn aus seinen Erinnerungen.

Gar nicht mitbekommen hatte er, wie Gretchen das Badezimmer verlassen hatte und sich neben ihn gestellt hatte. Seinem Blick auf die Bildchen verfolgt hatte, um selbst einen Moment in diese alte Zeit zu verschwinden. Der Mann, den sie vor Jahren einmal unheimlich geliebt hatte. Mit dem Rücken stand er zu ihr gewandt. Sich die Bilder an der Wand betrachtend. Dieser Rücken, an dem sie sich so oft hatte festhalten müssen, als dieser Mann unglaubliches mit ihr erlebt hatte. Der sie des Öfteren ad absurdum geführt hatte.

„Hm, stimmt“, murmelte Marc nur, den Blick nicht von den Bildern nehmend.

„Das war ein wirklich toller Abend. Das vermisse ich manchmal.“

Ihre Stimme enthielt einen Hauch von Sentimentalität.

Die Wohnungstür wurde aufgerissen, nachdem hektische Finger endlich den richtigen Schlüssel für das Schloss gefunden hatten. Laut knallte die Tür hinter ihnen zu, ihre Lippen suchten sich erneut und wollten sich nicht mehr voneinander trennen. Der Weg ins Schlafzimmer schien hunderte von Metern entfernt. Der Küchentisch kam wie bestellt. Laut krachend stieß Gretchen mit ihrem Hintern dagegen. Ließ sich von Marc helfen, sich darauf zu setzen. Seine Hände glitten über ihre glattrasierten Beine, hin zu ihren Füßen, ihr die Stiefel ausziehen und dann, grob wie er war, glitten seine Finger unter ihren Rock. Ein Stöhnen des Wohlempfindens veranlassten Gretchen dazu, ihren Kopf in den Nacken zu werfen. PLONG.

„Aua, aua, aua“, kam es von der blonden Schönheit auf seinem Tisch, die sich über die schmerzende Stelle am Kopf strich.


„Ich habe diese Bilder in einem Schuhkarton auf meinem Kleiderschrank“, erklärte Gretchen mit noch derselben gelassenen Stimme.

„Meins ist der Flamme des Feuerzeuges erlegen“, sprach Marc schulterzuckend.

Er hatte es also einfach verbrannt. Das Stück Erinnerung aus einer vergangenen Zeit, einfach ausgelöscht. Es war einfach so typisch Marc Meier. Seine Klebebildchen-Sammlung hegte und pflegte er, wie eine Blume oder ein Kind, aber solch kostbare Erinnerungen konnte er einfach auslöschen. Die Flamme drunter halten und weg waren diese Momente aus seinem Leben.

„Ich habe irgendwie nichts anderes erwartet“, versuchte Gretchen neutral zu sagen, doch schwang dieser Hauch der Enttäuschung einfach mit.

„Was soll das denn heißen?“

Er drehte sich zu ihr um. Ein Blick in ihre Augen. Zweiter Fehler dieses Abends.

„Ist doch offensichtlich, dass dir diese Zeit nichts weiter bedeutet hat“, sie konnte seinem Blick nicht standhalten. Drehte sich von Marc ab und wollte gehen: „Mehdi wartet sicher schon ungeduldig.“

„Wieso glaubst du, dass mir das nichts bedeutet hat? Nur weil ich das Foto verbrannt habe?“

Seine Worte ließen sie inne halten. Kam hier vielleicht die lang ersehnte Erklärung auf das Desaster der Vergangenheit? Ihre Haare glänzten unter dem Licht der Glühbirne. Gold und blond. Aus dem Erdgeschoss konnte man Stimmengewirr vernehmen, das durch die offene Tür zum Garten im Wohnzimmer durch das Haus drang. Stimmengewirr, welches zwei Menschen oben im kleinen Flur des Hause Kaan nicht hörten.

„Warum solltest du es sonst verbrannt haben?“

„Vielleicht, weil ich es nicht mehr angucken konnte?“

War das die Antwort, die sie hören wollte? Warum erdrückte diese Unwissenheit sie gerade? Warum hatte er sich dieses Bild nicht weiter angucken können? Wollte sie überhaupt eine Antwort darauf? Im Grunde hatte es ihr doch egal sein können, aus welchen Beweggründen Marc seine Sachen verbrannte. Es war sein Bild und damit konnte er machen, was er wollte.

„Aha.“

Aha war ihre Antwort darauf? Fiel ihr nichts mehr ein? Wo waren diese ganzen Fragen, die so typisch für Gretchen waren. Marc hielt seinen Blick auf die Frau vor ihm. Er seufzte und glitt mit dem Rücken an der Wand hinab, um auf seinem Hosenboden Platz zu nehmen. Die Beine leicht angewinkelt. Die Arme locker auf den Knien abgestützt. Er sah zu Gretchen hoch. Sie stand noch da. Sie sah ihn an. Wollte sie eine Erklärung von ihm? Ein wenig fühlte er sich wie auf dem Präsentierteller. Genau vor Gretchen platziert.

„Du willst eine Erklärung, stimmt’s?“

„Ich will gar nichts, Marc.“

Sie drehte sich. Drehte sich, um die Treppe hinab gehen zu können. Wollte sie wirklich keine Erklärung? Aber warum fühlte sich Marc dann so, als müsse er ihr eben diese jetzt liefern? Sie redeten heute zum ersten Mal seit vier Jahren wieder mehr als nur eine läppische Begrüßung miteinander. Heute an Mehdis vierzigsten Geburtstag, an dem alle erschienen waren. Einem Abend, an dem sich alle wieder getroffen hatten. Sie hatten auf diese Wiedervereinigung angestoßen. Bei jener Wiedervereinigung, bei der Gretchen ihn direkt angesprochen hatte. Wenn er sie jetzt gehen ließ, hatte sie diese einmalige Unterhaltung beendet und es würde so weiter gehen. Eine läppische Begrüßung und man würde sich den Rest der Zeit aus dem Weg gehen. Er könnte ihr jetzt aber auch erklären, warum er das Bild verbrannt hatte. Warum er es nicht mehr angucken konnte. Er konnte in diesem Moment mit dem Schicksal spielen. Ganz allein an ihm hing jetzt der Verlauf dieses weiteren Abend, der nächsten Treffen, seines restlichen Lebens.

„Ich konnte mir diese Bilder einfach nicht mehr angucken.“

Sie hielt vorm Treppenabsatz inne.

„Immer wieder fiel es mir in die Hände und ich musste einen Blick drauf werfen. Ich war so sauer auf dich…und auf mich. Immer wieder hatte ich dieses scheiß Bild in den Fingern. Da habe ich es eines Nachts einfach über die Flamme meines Feuerzeuges gehalten.“

Sie drehte sich um. Er hatte seinen Blick auf den Läufer unter seinen Füßen gerichtet.

„Hast du es bereut es verbrannt zu haben?“

„Damals nicht. Heute eigentlich auch nicht. Nur eben hatte ich kurz das Gefühl, es bereuen zu müssen.“

Gretchen kam langsam auf ihn zu. Nahm eine ähnliche Sitzposition an wie er. Ihm gegenüber saß sie nun im Schneidersitz.

„Kann ich dir eine Frage stellen?“, ganz zögerlich klang ihre Stimme.

„Sicher.“

Sie schwieg. Schien sich die richtigen Worte zu Recht zu legen.

„Bereust du die Zeit damals mit mir?“

Was stellte sie denn nun für dumme Fragen? War das nicht offensichtlich gewesen? Damals?

„Nein, warum?“

„Nur so.“

„Aha.“

Diesmal war es Marc, der „Aha“ antwortete. Keine vollwertige Antwort, und sagte doch so viel aus. Er wollte die Antwort hören. Irgendwann. Es musste nicht nur nicht hier und heute sein. Nicht jetzt.

„Wir haben es uns nicht gerade leicht gemacht“, lachte Gretchen auf einmal.

„Na leicht warst du ja noch nie.“

Ganz ungezwungen kam dieser Satz über seine Lippen. So leicht, als hätte es diese Distanz zwischen ihnen nie gegeben.

„He“, ihre Hand schlug ihm leicht gegen das Schienbein.

Sie war ihm nicht böse. Musste kichern, während sie ihm einen sachten Klaps auf das Bein gab. Das Kichern war ansteckend und ließ auch Marcs Mundwinkel in die Höhe schießen.

„Warum eigentlich Kinderchirurgie?“, fragte Marc sie plötzlich mit einem Blick in ihre Augen. Wieder ein Fehler.

„Das ist, als würde ich dich fragen, warum Unfallchirurgie…Kinderchirurgie…Gute Frage. Vielleicht, weil ich keine eigenen Kinder habe. Ich liebe meine Arbeit, auch wenn es mir manchmal echt schwer zu schaffen macht, wenn ich ein schwer verletztes Kind retten muss.
Warum Unfallchirurgie?“

„Der Nervenkitzel, dem Tod immer wieder ins Auge zu sehen, ohne selbst zu sterben, und zu siegen. Also meistens.“

„Ganz schön mutig.“

„Kinderchirurgie auch. Wenn nicht sogar mutiger. Viele meiner Patienten sind schon älter. Die haben gelebt. Diese Kinder, denen du das Leben rettest, die haben noch ihr ganzes Leben vor sich.“

„Wenn du jetzt sterben würdest, könntest du sagen, du hast gelebt?“

Eine kurze Pause trat ein, in der Marc seine Sitzposition änderte. Er streckte seine Beine aus und schlug sie übereinander. Socken. Er trug dunkle Socken. Ein wirklich unwichtiges Detail, welches Gretchen aber gerade wahrnahm, als sie auf seine Füße neben ihrem Oberschenkel blickte. Marc räusperte sich kurz und veranlasste Gretchen dazu, ihn wieder anzusehen. Auf seine Antwort war sie gespannt.

„Ja…Natürlich kann ich das sagen. Ich habe viel erlebt in meinem Leben. War auf ganzer Linie erfolgreich. Ich bin in der Welt herum gekommen. Ich habe schon den ein oder anderen Arzt zum Chirurgen ausgebildet…Natürlich habe ich gelebt.“

„Findest du das nicht ein wenig materialistisch?“

„Nein, wieso?“

„Also ich würde behaupten gelebt zu haben, weil ich wirklich geliebt habe.“

„Poetisch wie immer.“

„Ich habe Menschen glücklich gemacht. Habe ihnen meine Liebe geschenkt. Habe aufrichtig geliebt. Ich habe Liebe zurückbekommen. Ich habe Menschen zum Lachen gebracht. Das ist für mich Glück…und Leben.“

„Du hast mittlerweile total andere Sichtweise auf das Leben gewonnen…“

„Ich weiß. Früher dachte ich immer das ultimative Glück in einer Ehe und meine damit verbundenen Pflichten zu finden…Mit dem Alter wird man klüger. Was heißt klüger…Ich habe mich mit der Tatsache abgefunden, wohl keine Kinder mehr zu bekommen. Ich bin immerhin schon sechsunddreißig und ein heiratswilliger Mann hat sich auch nicht gefunden…und…i…also ich bin gerade recht zufrieden mit meinem Leben. Mein Leben, retrospektiv betrachtet, war erfüllend.“

„Meins auch.“

„Auch ohne Liebe?“

„Wer sagt denn, dass es ohne Liebe war? Damals in Afrika…und in den paar Wochen danach, da haben wir doch gut gelebt.“

Gretchen zog stark Luft in ihre Lungen. Da erwähnte dieser Mann ganz plötzlich etwas. Etwas so Neues, Unverhofftes, dass es ihr einen Stich versetzte. Einen dieser Stiche in der Herzgegend. Dieser heftige Stich, der ihr so vertraut war und den sie schon so lange nicht mehr gespürt hatte. Er hat sie damals geliebt. Nach zwei Jahren des Kampfes und vier Jahren der Funkstille sagte er es ihr einfach so durch die Blume, indem er ihre gemeinsamen Wochen ansprach. Marc hatte sie geliebt. Marc Meier hatte Gretchen Haase geliebt.

„Das haben wir…bis…“

Schweigen legte sich über beide. Hingen den schweren Erinnerungen nach. Jene Erinnerungen, an diese unschöne Zeit nach ihrer Beziehung. Oder sollte man lieber nur „gemeinsame Zeit“ sagen? Wie auch immer, beide schwelgten in einer anderen Zeit. Den Mann, der gerade auf dem Treppenabsatz stand und einen scheuen Blick auf Marc und Gretchen warf, bemerkten sie gar nicht. Hörten die knarrenden Holzstufen nicht, die Mehdi wieder herab stieg und mit Edith sprach. „Ich habe sie gefunden. Sitzen oben auf dem Flur und reden.“ Edith sah ihren Ehemann ungläubig an.

Sie hatte Marc und Gretchen getrennt voneinander kennengelernt. Nie hätte sie die beiden in Beziehung gesetzt, doch als Mehdi ihr berichtete, dass diese Beiden seit geraumer Zeit eine Art Kampf führten, konnte sie auch endlich verstehen, warum Mehdi vermied, beide an einem Tisch einzuladen. Und nun saßen diese beiden Menschen, die ihr in den vergangenen Jahren so ans Herz gewachsen waren, gemeinsam in ihrem Flur und unterhielten sich.

„Meinst du das ist eine gute Idee?“

„Solange sie sich nicht gegenseitig umbringen…Komm, die Gäste wollen etwas von meinem Geburtstagskuchen.“ Mehdi schob Edith mit der Hand in ihrem Rücken aus dem Haus, zurück in den Garten, wo die Party in vollem Gange war.

Von der Party waren Marc und Gretchen meilenweit entfernt.

Flashback-Szenen blitzten vor ihren, Marcs und Gretchens, Augen auf. Flashback-Szenen einer, auf ihr ganzes Leben bezogen, sehr kurzen Zeit, die ihnen so unglaublich lang vorkam. Gretchen konnte sich genau dran erinnern, welche Kleidungsstücke sie und er getragen hatten. Nichtigkeiten. Denn viel lauter schmetterten Worte durch ihren Kopf. An Kleidungsstücke konnte sich Marc nicht erinnern. Belanglosigkeiten, die getrost hatten ausgeblendet werden können. Ihren Blick hatte er bis heute nicht vergessen. Dieser Zorn, diese Enttäuschung, alles hatte sich in ihren Augen widergespiegelt. An diesem Tag, an dem es eskaliert ist.

„Ich muss eine rauchen.“

Es löste eine ungemeine Unruhe in ihm aus. Sich an diese Zeit zurückerinnern müssen. Er wollte das nicht. Er konnte es nicht. Er musste jetzt rauchen. Ein Drang, der ihn umgehend sich aufrichten ließ. Ungläubige Augen betrachteten ihn dabei, wie er sich auf seine rechte Hand stützte, die Beine anwinkelte und sich im nächsten Moment hochstemmte. Noch heute Morgen hätte er nicht im Traum daran gedacht, am Abend mit Gretchen in der Konfrontation zu stehen. Noch heute Morgen war er zeitig aus dem Bett gefallen. Hatte überlegt, eine kurze Dusche zum wachwerden zu nehmen, sich gegensätzlich entschieden, um nach dem Dienst ausgiebig zu duschen, um frisch gestylt auf Mehdis Feier zu erscheinen. Das Frühstück, bestehend aus aufgewärmten Kaffee, schwarz, hatte er nur heruntergewürgt und hatte sich durch den hektischen berliner Berufsverkehr gequält. Mit der Ankunft auf der chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses, war der meierische morgendliche Koffeinspiegel wieder gen Null gesunken und mit ihm auch seine Laune. Schwester Sophia, die ihn im Stationszimmer gut gelaunt begrüßte, diente ihm sofort mit einer Tasse frisch gekochtem Kaffee. Das Mädel hatte es drauf. Vielleicht hatte sie auch einfach nur ein Auge auf den Chirurgen geworfen und trug ihm deswegen alles an den Arsch. Oder sie war einfach nur nett, ihrem müden Oberarzt mit einem Kaffee zu versorgen. Nach dieser Tasse ging es mit der Laune wieder bergauf. Zwei geplante, größere Operationen hatten heute angestanden, die den halben Tag in Anspruch genommen hatten. Kein Aktenkram. Im letzten Drittel seiner Schicht hatte er dann doch begonnen, sich auf die anstehende Party einzustellen. Mental, versteht sich. Vielleicht hatte das an Schwester Sabine gelegen, die ihre Vorfreude preisgab, als er sich mit ihr unterhalten hatte. Doch als sie ihre heißgeliebte Frau Doktor erwähnte, war er ausgestiegen. Den Kopf im Nacken, die Wasserstahlen im Gesicht. Gefühlt ewig hatte er unter seiner Dusche verbracht. Gefühlt ewig sich vor dem großen Spiegel im Badezimmer zurecht gemacht. Alles sollte perfekt sein. Perfekt gestylte Haare. Perfekt gepflegte Haut. Perfekt getrimmter Drei-Tage-Bart. Perfekt geputzte Zähne. Ein perfektes Outfit. Perfektionistisch. Noch nie hatte er sich diese Eigenschaft zugesprochen, bis zu dem heutigen Tag.

Sally Offline

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18.08.2014 21:23
#5 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Marc stand im Türrahmen. Die Hände über der Tür auf den Fliesen platziert. Trommelte mit den Händen dagegen. Sein Hemd war aus der Hose gerutscht und ließ einen winzigen Hautstreifen erahnen.

„Willst du da sitzenbleiben? Kannst auch mit reinkommen.“

Gretchen blickte ihn noch immer ungläubig an. Doch dann richtete sie sich auf und trat an ihn heran.

„Hast es dir nicht abgewöhnen können, was?“

Das Fenster im Badezimmer wurde weit aufgerissen. Er fischte seine Schachtel aus der Hosentasche. Ganz zerknickt war diese. Zog ein grünes Feuerzeug heraus und angelte zugleich nach einer Kippe, die er sich routiniert zwischen die Lippen schob und anzündete. Der erste tiefe Atemzug, der seine Lungen mit dem Rauch füllte und durch seinen Mund wieder ausatmete. Mit dem Rücken lehnte er sich an die Nische des Dachfensters. Gretchen hatte es sich derweil auf der Wäschetruhe neben der Eckbadewanne gemütlich gemacht. Neben der Badewanne und neben dem Fenster. Die Hände hatte sie unter ihre Beine geklemmt und eben diese Beine baumelten locker vor und zurück. Mit Bedacht nicht gegen die Kiste zu treten. Die kühle Nachtluft strich sanft über ihre nicht bedeckte Haut an den Armen und zierte diese mit einer Gänsehaut. Doch frische Luft tat in diesem Moment einfach nur gut.

„Habe gehört, dein Bruder heiratet bald?“

Wie sie ihre Hände unter ihre Beine gesteckt hatte. Wie sie mit den Beinen vor und zurück baumelte. Wie sie zu ihm hochsah. Sie erinnerte ihn an ein schüchternes Schulmädchen. Ein sechsunddreißig jähriges Schulmädchen. Erinnerte sich an ein schüchternes Schulmädchen, das sie mal gewesen ist. Vor einer langen Zeit. In einem anderen Jahrzehnt. In seinen Erinnerungen.

„Mitte September.“

„Ist das nicht komisch für dich, dass er vor dir heiratet?“

„Wieso sollte es? Ich habe bereits einmal geheiratet und einmal stand ich kurz davor. Das beide Hochzeiten im Desaster geendet haben, da konnte ich ja nichts für. Ich gönne es Jochen. Wirklich. Er wird demnächst als Assistenzarzt beginnen und heiratet vorher seine Anja. Darf ich einen Zug?“

Irritiert reichte Marc ihr seine Zigarette.

„Du rauchst?“

Die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt, führte sie sie an ihre Lippen. Umschloss den leicht feuchten Filter. Der Filter, der von Marcs Lippen leicht befeuchtet wurde. Sie schloss die Augen, während sie einen langen Atemzug nahm. Sie konnte Marcs feuchte Lippen auf ihren spüren. Zumindest in diesem Moment in ihren Gedanken. Mit dem Ausatmen öffneten sich ihre blauen Augen wieder und sah Marc an. Diesen Marc, von dem sie gerade geküsst wurde. In ihren Gedanken.

„Ohne zu husten?“

„Gelegentlich rauche ich mal eine mit, wenn ich mit einer Freundin ausgehe.“

Ganz neue Eigenschaften. Nein, er kannte Gretchen nicht mehr. Die Gretchen von früher hätte nie im Leben eine Zigarette in den Mund genommen. Hatte es verabscheut, wenn er in ihrer Gegenwart geraucht hatte. Und nun stand sie hier vor ihm und hatte genießerisch einen langen Zug genommen. Er nahm die Zigarette wieder entgegen und nahm ebenfalls einen Zug. Nicht ganz so genießerisch wie Gretchen zuvor, doch brauchte er dieses Beruhigungsmittel gerade genauso sehr, wie sie.

„Du wirst grau.“

Noch konnte man die einzelnen grauen Stoppeln und Härchen zählen. Noch. Wer weiß, wie das in ein paar Jahren sein würde. Einzelne graue Stoppeln in seinem Drei-Tage-Bart und an den Schläfen. Er war älter geworden. Und reifer. Vor ihr stand kein kleiner Junge mehr. Vor ihr stand ein erfahrener Mann. Die Art seiner Gestik und Bewegungen. Die Art, wie er mit ihr sprach. Als er sich neben sie gesetzt hatte. Sie waren ruhig geblieben. Beide. Und nun führten sie schon seit gefühlten Stunden eine Unterhaltung. Heute Morgen hätten sie das für unmöglich gehalten.

„Du auch.“

„Gar nicht. Ich bin blond, da sieht man das nicht so schnell!“

Grübchen. Tiefe Schatten auf seinen Wangen. Markanter waren diese Grübchen geworden. Ein bisschen tiefer. Grübchen, die sich gerade gebildet hatten, während Marc an der Zigarette zog und grinsen musste. Ein ungezwungenes Grinsen, dass Gretchen mehr bedeutete, als sie hätte erahnen können. Ein Grinsen, das sie erwidern musste, so ansteckend war es, auch wenn es nur unauffällig war.

„Dann habe ich mir wohl die falsche Haarfarbe ausgesucht“, Qualm kam aus seinen Nasenlöchern, während er sprach, „Ein letzter Zug für dich?“

Er hielt ihr den Zigarettenstummel entgegen. Warum nicht. Ein letzter Zug an Marcs Lippen. Der Feuchte Filter. Wieder schloss sie dabei die Augen. Küsste Marcs Lippen. Kühle sommerliche Nachtluft vermischte sich mit dem letzten Rest Rauch, der in die Dunkelheit hineingepustet wurde. Was würde sie wohl sagen, wenn er sich einfach noch eine weitere anstecken würde? Oder war das dann zu offensichtlich, dass er nicht die Ruhe in Person war? Das es in ihm unruhig war? An seinen Nerven zerrte und nach Nikotin verlangte? Etwa so wie damals? Gott, hatte er zu der Zeit viel geraucht. Als Beruhigung.

Ihre Hand streckte sie neben ihm aus, um den Zigarettenstummel in die Nacht zu werfen. War das Gänsehaut auf ihrer Haut? So kalt war es doch gar nicht. Zum Zeitpunkt seiner Ankunft vorm Haus, hatte das Thermometer in seinem Auto noch vierundzwanzig Komma sieben Grad angezeigt. Jetzt mochten es vielleicht noch zwanzig sein. Das war doch nicht kalt. Aber er war ja auch ein Mann. Ein Mann, der nicht so schnell fror.

„Kalt?“

Sie nickte: „Etwas frisch.“

Marc, ganz gentlemanlike, schloss das Fenster. Ihr zu Liebe.

„Ich kann leider mit keiner Jacke dienen“, er streckte kurz seine Arme von sich, um sein Hemd zu präsentieren, „aber…“

Und nun setzte sich Marc in Bewegung. Gefolgt von Gretchens Blicken. Er lief quer durch das Badezimmer zu dem Schrank neben der Tür. Ein massiver Holzschrank, der weiß gebeizt worden war. Er öffnete die Türen und zog ein Handtuch hervor. Ein blaues. Ein blaues Handtuch mit dem er auf sie zukam, während er es ausfaltete.

„Spiderman wird dich warmhalten“, lachte er, das Motiv des Handtuchs betrachtend.

„Da kann ich Spiderman aber dankbar sein, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war“, auch Gretchen musste lachen und ließ sich das Frotteetuch von Marc um die Schultern legen.

„Danke.“

„Bitte.“

Marc platzierte sich auf dem geschlossenen Klodeckel gegenüber von Gretchen. Jetzt saßen sie hier in Mehdis Badezimmer. Sie auf einer weiß gebeizten Holztruhe für Schmutzwäsche und Marc auf dem Toilettendeckel. Gretchen bedeckt mit dem Spiderman-Handtuch der Kinder und Marc in seinem blütenweißen Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Und sie schwiegen sich an. Sie schwiegen eine ganze Weile, ohne wirklich zu schweigen. Ganz nonverbal schienen sie sich zu unterhalten. Keineswegs bewusst. Jeder für sich und doch miteinander. Gretchen auf der Truhe und Marc auf der Toilette. Sahen sich an. Ohne das es unangenehm wurde. Vertrauter denn je. Sie suchten keine Erklärung des anderen in ihren Blicken. Nur diese Vertrautheit. Und da huschte es über Gretchens Lippen. Ein zartes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

Spiegelneurone, oder ein aufrichtiges empathisches Lächeln? Er konnte seine Mundwinkel nicht an ihrem Ort lassen. Muskeln kontrahierten. Sanfte Schatten auf seinen Wangen. Leichte Grübchen. Ein Lächeln. Nicht frech, keck, gemein. Kein Grinsen. Kein Grienen. Kein Lachen. Ein Lächeln. Noch nie, darauf würde sie ihren Doktortitel verwetten, hatte Marc Meier sie so angelächelt. Ein hauchzartes Lächeln. Sie wagte es kaum zu blinzeln, wollte keine Millisekunde dieses Lächelns verpassen.

Hatte nicht widerstehen können. Es war so ansteckend gewesen. So herzlich. Etwas, was er an ihr mochte. Früher schon gemocht hatte und heute immer noch mochte. Sie strahlte eine wohlbehagliche Stimmung aus. Er fühlte sich wohl hier. Auch wenn er auf einem Klodeckel saß.

Und dann passierte es. Gretchen begann zu lachen.

„Ist doch absurd…Wir sollten wieder runter gehen.“

Weg war das Lachen. Einfach verstummt. Weg war das Lächeln. Was war passiert? Welcher Gedanke kam ihr, dass sie diese wirklich tolle und angenehme Atmosphäre zwischen ihnen hatte vertreiben müssen?

„Sollten wir das?

Ja, sollten sie das? Es kam Gretchen so unwirklich vor, dass sie mit Marc hier in Mehdis Badezimmer saß. Eine Nähe, die sie nicht hatte zulassen wollen und es war doch geschehen. Viel zu nah war er ihr. Blanke Angst machte sich in ihr breit. Sie konnte diese Nähe nicht mehr zulassen. Wollte das nicht. Diese scheiß Nervosität, die in ihrer Magengegend kribbelte, dass ihr fast schlecht wurde. In der letzten halben Stunde –hatten sich angefühlt wie zig Stunden- war sie Marc schon wieder viel zu nahe gekommen. Emotional. Eine Konfrontation, vor der sie heute Mittag noch so unglaublich Angst gehabt hatte.
Gelegentliches Aufeinandertreffen. Jedes Mal war sie davor nervös. Jedes Mal hatte sie Angst mit Marc reden zu müssen. Jedes Mal rebellierte ihr Magen aufgrund der Nervosität, so wie er es jetzt tat. Jedes Mal war es nicht zu einer Unterhaltung gekommen. Jedes Mal in den vergangenen Jahren. Heute. Heute war es soweit gewesen und nun saßen sie hier. Hatten miteinander geredet ohne einen wirklich flüssigen Dialog geführt zu haben. Sprangen von einem Thema zum anderen, nur um dem Thema überhaupt aus dem Weg zu gehen. Interesse aneinander gezeigt. Und sich doch mehr angeschwiegen, als geredet.

„Es wäre besser.“

Mit einer stoischen Ruhe lehnte Marc mit dem Rücken an der Wand vor ihr. Mit dieser stoischen Ruhe, die sie in den Wahnsinn trieb. Befeuchtete seine trockenen Lippen mit der Zungenspitze. Lippen, zu denen sie sich schon seit ihrer Jungend hatte hingezogen gefühlt. Lippen, die sie schon so oft und doch viel zu selten geküsst hatte. Lippen, die wohl gerade rauchig schmeckten, würde sie sie küssen können. Woher kam dieser unbändige Wunsch, Marcs Lippen zu küssen? Jetzt, nach fast sechs Jahren? Nach vier Jahren der Kälte, Distanz und Ignoranz. Ein Drang, den sie nicht verstand. Dessen Grundgedanke sie nicht mit sich vereinbaren konnte. Sie konnte jetzt nicht daran denken, wie es wäre Marcs Lippen zu küssen. Es stand ihr nicht zu, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Sie hatte doch damit abgeschlossen. Mit Marc Meier. Es war bitter böse mit ihnen geendet. Und sollte nie wieder anfangen. Einfach aufstehen und gehen. Diesem unvollendeten und nie sinnigen und doch so bedeutenden Dialog entfliehen. Sie konnte es nicht. Sich nicht einen Millimeter von ihm entfernen. In dieser vergangenen halben Stunde sprachen sie so wenig und doch so viel miteinander. Sie konnte nicht gehen im Unwissenden zu bleiben, was sonst hätte passieren können, wenn sie nicht gegangen wäre. Und Marc wollte anscheinend auch nicht gehen.

„Glaubst du, das Schicksal spielt hier mit uns?“

Sie blickte in ein ratloses Gesicht. So eine Frage hatte Marc nicht erwartet. Eine Frage, auf die sein Gehirn ernsthaft begann, eine Antwort zu finden. Durchleuchtete ihre Frage von vorne und hinten. Schicksal. Gab es das überhaupt? Steckte doch mehr dahinter, dass sie beide hier heute Nacht saßen und plötzlich wieder miteinander redeten? War es Schicksal, dass er so eine Unruhe verspürte? Das er Blicke in ihre Augen als Fehler deutete, weil sich da so viel mehr in ihm Tat, als wenn er nur durch sie hindurch sah? So, wie er die vergangenen Jahre durch sie hindurch gesehen hatte? Spielte das Schicksal hier ein Spiel mit ihnen? War es Vorausetzung gewesen, dass sie damals ein solch bitteres Ende gefunden hatten um nun, nach Jahren, ein Gespräch zu beginnen? War es Schicksal, dass Gretchen noch hier vor ihm saß und nicht gegangen war, obwohl sie der Meinung war, so richtig zu handeln? War es richtig, dass sie hier saßen? Gehirnmatsch. Brei. Viele Gedanken, die sich überschlugen. Fragen über Fragen und keine Antwort. Vielleicht hatte Gretchen ja Recht und hier steckte Schicksal dahinter. Hinter ihrer Unterhaltung.

„Ich glaube nicht an Schicksal, aber es kann mich ja eines Besseren belehren.“

Sally Offline

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25.08.2014 11:44
#6 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

„Du lässt es also auf dich zukommen?“

„Wir lassen es auf und zu kommen, würd ich sagen.“

Ihre Unterlippe hatte seine Aufmerksamkeit ergriffen. Ihre Unterlippe, die von zwei Schneidezähnen gepackt wurde. Die Namensgeber für ihren Spitznamen. Gretchen biss sich kurz auf die Unterlippe und schien mit sich zu hadern, bis sie doch das Wort ergriff.

„Was mich nicht so recht loslässt…eben, da hast du gesagt, dass wir eine schöne Zeit in Afrika hatten…“

„Wenn ich mich recht erinnere, war die Ausgangsfrage, ob ich auch ohne Liebe in meinem Leben glücklich sein kann…Weißt du, ich finde schon man kann schon glücklich sein. Mit Liebe und ohne. Ich kann ohne weiteres sagen, dass diese Wochen in Afrika mit dir toll waren. Ich war glücklich. Diese Zeit, die wir am Schluss nur für uns hatten.“

„Als Mehdi diesen Mückenstich hatte und seine Oberlippe aufs Dreifache angeschwollen war“, lachte Gretchen in Erinnerung an diesen Anblick.

„Das hätte ich schon fast wieder vergessen.“

„Was glaubst du, warum hat das Schicksal uns danach wieder auseinander gerissen?“

Schweigen. Schweigen, weil Marc nachdenken musste. Sich erinnern musste, was damals geschehen war. Nachdenken musste, worüber er damals nachgedacht hatte.

„Afrika war Afrika. Wir mussten an nichts denken. Keine Schichten schieben. In Deutschland hatte uns der Alltag einfach viel zu schnell wieder. Während du noch immer mit den Gedanken in Afrika warst, war ich in der Realität. Ich bin jemand, der in der Realität lebt, während du gerne in der Vergangenheit und in deinen Träumen schwelgst.“

Es musste der Alkohol sein, der seine Zunge gelockert hatte. Oder war Marc Meier wirklich gereift und bereit zu reden? Jedenfalls lauschte Gretchen seinen Worten weiterhin gespannt. Hatte keine Widerworte einzulegen. Wollte wissen, was er zu sagen hatte und ihn dabei nicht unterbrechen.

„Wir waren im Prinzip beide nicht bereit für eine Beziehung. Du hattest diese Idealvorstellung von Liebe und Romantik. Du hast mich damit erdrückt, in eine Ecke gedrängt, aus der ich nur so damals herausgekommen bin. Ich war genauso unzufrieden mit der Realität und dem Alltag, wie du. Im Grunde haben wir viel zu viel voneinander verlangt, dass es so schnell gekippt ist.“

„Ich bin einer Idealvorstellung meiner Eltern hinterhergerannt. Mein ganzes Leben lang. Und das ist mir erst im letzten Jahr bewusst geworden…“

Wieder schwiegen sie sich an. Reminiszenzen an jenes Ende ihrer Beziehung.

„Diese blöde Idealvorstellung hat mir einiges kaputt gemacht“, sprach Gretchen resignierend weiter.

„Ich muss noch eine rauchen“, meinte Marc beiläufig, sich allerdings Gedanken machend über Gretchens Worte.

Gretchen nickte ihm verständnisvoll zu. Gerne hätte sie jetzt etwas Schokoladenes gegessen. Irgendetwas woran sie sich jetzt hätte festhalten können und ein bisschen ihre Nerven beruhigte. Ganz genau sah sie Marc dabei zu, wie er aufstand und das Fenster öffnete. Die laue Nachtluft schwebte ins Badezimmer. Ließ Gretchen etwas frösteln. Nicht so schlimm, wie zuvor, denn Spiderman wärmte sie ja. Marc griff in seine Hosentasche und zog die Schachtel hervor. Aus der Schachtel entnahm er Feuerzeug und Zigarette. Klemmte den Filter zwischen seine Lippen, zündete sie an und atmete das dringend notwendige Nikotin ein. Den Qualm blies er in die Dunkelheit hinein.

„Ich frage mich gerade, ob dieses besagte Schicksal uns wieder zusammenführen will“, brach es aus Marc heraus.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Gretchen neugierig.

„Es hätte zumindest eine Chance mich eventuell zu überzeugen.“

„Ach. Ja?“

„Ich hätte das Verlangen dich zu vö…bumsen.“

„Du denkst auch immer nur an Sex.“

„Ich bin ein Mann, das sollte dir doch bekannt sein.“

Sie lachte. Natürlich war ihr das bekannt. Marc grinste frech und kokett zurück. Ihr Lachen war es, das ihn faszinierte und eine ansteckende Wirkung auf ihn hatte. Schon die ganze Zeit, die sie sich unterhielten. Immer wieder steckten sie sich gegenseitig mit Lachen oder Lächeln an.

„Ja, das ist mir durchaus bekannt!“

„Willst du nochmal dran ziehen?“

„Ich glaube das ist keine gute Idee.“

„Auf einmal?“

„Ich stelle mir dann vor, du würdest mich küssen.“

Jetzt war es Marc, der lachen musste. Nicht, weil er sich über Gretchens Vorstellungen und Phantasien lustig machte. Vielmehr, weil er seine Unsicherheit übertünchen wollte. Er Zeit schinden wollte, eine passende Antwort zu finden.

„Bitte, dann küss mich“, er reichte ihr die Zigarette.

Dieses Mal schloss sie nicht ihre Augen. Dieses Mal waren sie offen. Dieses Mal sah sie ihm dabei in die Augen. In diese Augen, dessen Irisfarbe gerade nicht definierbar war und sie doch wusste, in welcher Farbe diese Augen bei Tageslicht sonst erstrahlten.

„Und?“, kam es von Marc, nachdem er die Kippe wieder an sich genommen hatte.

„Viel besser als in der Realität.“

„Du willst das Schicksal wohl herausfordern, was?“

„Wie kommst du darauf?“

„Eigentlich müsste ich dich jetzt eines Besseren belehren, dass die Realität doch viel besser sein kann, als deine Vorstellung.“

„Darauf würde ich es nicht anlegen. Ich würde dabei zu viel verlieren.“

„Wohl deine Selbstbeherrschung.“

„Oder gar meinen Verstand.“

Kein Lachen. Kein Lächeln. Nur ein ernster Gesichtsausdruck zierte Marcs Mimik. Still rauchte er seine Zigarette auf. Ohne, das ein weiteres Wort fiel. Er musste nachdenken. Vor allem über seine Wortwahl. Musste sich herantasten, wie weit er gehen konnte. Dieses Gespräch konnte innerhalb einer Sekunde ins Negative schwenken. Die Kippe fand ihren Weg in die Dunkelheit.

„Wir handeln viel zu viel nach Verstand.“

„Das ist das einzig Vernünftige.“

„Das sehe ich nicht so. In Afrika haben wir es auch eine Zeit ohne geschafft. Und es war doch viel besser, als sich Gedanken über die Folgen zu machen.“

„Marc, das war Afrika…“

„Eben…“

„Jetzt bist du aber derjenige von uns beiden, der in der Vergangenheit hängt.“

„Weil das gerade wieder sehr präsent ist… Gretchen… ich verstehen das nicht ganz. Wir haben dieses wirklich ehrliche und doch so seltsame Gespräch, das wir eigentlich schon hätten viel eher führen sollen…und…ich verstehe es einfach nicht.“

„Ich doch auch nicht. Aber ich denke, das ist das Schicksal.“

Sein Blick ruhte auf ihren Lippen, während sie sprach. Jene Lippen, die er schon so oft geküsst hatte. Sollte er es wagen und sie küssen? Gretchen selbst hatte doch erst vor ein paar Minuten zugegeben, dass sie sich vorstellte, wie er sie küssen würde. Also den Verstand über Bord werfen und alles aufs Spiel setzen? Ein Wagnis, mit ungeahnten Folgen. Er konnte sie jetzt nicht küssen.

„Ich brauch jetzt `nen Drink.“

„Du willst jetzt einfach gehen?“

„Bringt uns das hier denn weiter?“

Sie schüttelte leicht ihren Kopf. Schweigend erhob sie sich und folgte Marc aus dem Raum. Das Handtuch ließ sie auf der Truhe zurück. Es hatte sie nicht weiter gebracht, dieses Gespräch. Es hatte nicht sein sollen. Marc flüchtete quasi vor ihr, so schnell war er die Treppe hinunter und aus dem Haus heraus in den Garten getreten. Als sie die Terrasse erreichte, wurde sie von Mehdi abgefangen.

„Alles gut bei dir?“

„Ja, alles in Ordnung.“

„Hier, trink.“

Marc hielt ihr einen Becher entgegen.

„Danke?“

Und dann war er auch schon wieder in der Menge verschwunden. Waren das nicht eben noch weniger Gäste? Schwester Gabi war zumindest eben noch nicht anwesend gewesen.

„Immerhin scheint ihr wieder miteinander zu reden.“

„Mehdi, ich glaube wir sollten unser Gespräch auf wann anders verlegen. Es ist dein Geburtstag und den will ich dir nicht vermiesen.“

„Um genau zu sein, ist mein Geburtstag seit genau elf Minuten vorüber“, er grinste sie an.

„Lass gut sein. Da wird sich nichts zwischen Marc und mir ändern.“

„Schade. Okay, dann lass uns mal die Nacht noch ein wenig Spaß haben“, Mehdi zog Gretchen an der Hand zu Maria Hassmann, die mit Sabine um die Wette tanzte.

Tanzen. Dazu wurde Gretchen animiert. Der Alkohol, der sich in dem Becher befand, den Marc ihr in die Hand gedrückt hatte, den sie schnell leerte, tat sein Übriges. Feucht fröhlich hätte man es auch bezeichnen können. Spaß. Gretchen hatte Spaß. Sie tanzten verrückt, ausdrucksstark und doch etwas schüchtern. Die Hüften wurden geschwungen, kreisten im Rhythmus der Musik. Das war genau die richtige Ablenkung, die Gretchen gebraucht hatte. Keinen Gedanken verschwendete sie mehr an das Gespräch mit Marc. Spaß haben, das war es doch, was an diesem Abend zählte. Und den hatten alle zur Genüge.

Ganz so viel Spaß hatte Marc zu der Zeit nicht. Er hatte sich in die hinterste Ecke des Gartens zurückgezogen und saß in der hölzernen Hollywoodschaukel und beobachtete das lustige Treiben aus der Ferne. Besonders hing sein Blick an Gretchens kreisenden Hüften. Gar magisch empfand er es, sie so ausgelassen tanzen zu sehen. Wäre gerne zu ihr gegangen, um mit ihr zu tanzen. Er konnte es nicht. Da half auch das nächste Bier nichts. Zumal er nicht allzu verkatert sein wollte, wenn er am Mittag in seiner Wohnung aufwachen würde. Er betrachtete sie also aus seiner fernen Position und dachte über ihr Gespräch nach. Das ehrlichste Gespräch, das er je mit Gretchen geführt hatte. Vor allem seinerseits. Auch wenn bereits sechs Jahre vergangen waren, so stellte er sich immer noch diese eine Frage: warum es nicht mit ihnen beiden geklappt hatte. Hatte er sie doch damals geliebt. Halsüberkopf mit ihr nach Afrika war er gereist. Marc empfand sich heute als feige. Feige, das er damals einfach so aufgegeben hatte. Nicht mehr dran geglaubt hatte, das alles wieder gut werden würde. Bis in die frühen Abendstunden dieser Nacht hatte er das noch geglaubt. Bis zu dem Punkt, an dem er mit offenen Karten gespielt hatte. Bis sie dieses Gespräch angefangen hatten. Er hatte Gretchen einfach aufgegeben und sie ihn. Sie hatten sich aufgegeben. Heute würde er sie nicht aufgeben. Nein. Das konnte er nicht zulassen. Wenn sie etwas nicht sein konnten, dann Freunde, geschweige denn flüchtige Bekannte. Er wollte auch gar nicht einfach nur mit ihr befreundet sein. Sie hatte ihn doch küssen wollten. Er hatte ihr gestanden, mit ihr schlafen zu wollen. Das erzählten sich Freunde nicht einfach so. Sie waren keine Freunde und würden auch nie welche sein können. Dieses Schweigen wollte er auch nie wieder zwischen sich und Gretchen haben. Diese Hüften, die kreisten. Von rechts nach links schwangen. Eine Zigarette zwischen seinen Fingern.

„Na Marc“, sprach eine ruhige Stimme neben ihm.

„Edith, na“, kurz warf er einen Blick auf Mehdis Ehefrau, um darauf wieder zu Gretchen zu sehen.

„Du sitzt hier so alleine.“

„Hm. Joa.“

„Ist das Gespräch mit Gretchen nicht so verlaufen, wie du es dir erhofft hattest?“

„Ich habe mir gar nichts erhofft. Aber es lief gut, wenn du das wissen möchtest.“

„Den Eindruck machst du mir gerade aber nicht.“

„Vielleicht bin ich einfach nur müde.“

„Eine fadenscheinige Ausrede, dass du Gretchen vermisst.“

„So ein Quatsch.“

„Marc Meier, wir kennen uns jetzt wie lange? Sechs Jahre? Du warst nie gut auf Gretchen zu sprechen und jetzt lässt du sie mit deinen Augen nichtmehr los.“

Sie hatte ihn eiskalt erwischt. Er hätte sie jetzt anlügen können, wie er sonst um so Gefühlskisten herum kam, oder ihr die Wahrheit sagen. Irgendwas war da doch heute bei dem Gespräch mit ihnen beiden, also Gretchen und ihm, passiert. Irgendetwas, was Marc auf einmal so hat nachdenklich werden lassen. Die Wahrheit. Die hatte er auch eben zu Gretchen gesagt. Er hatte Zeit gebraucht und eben einen Drink. Nun saß er hier in der Ecke des Gartens und sah sich diese eine Frau an. In seinen Gehirnwindungen arbeitete es auf Hochtouren. Die Zigarette beruhigte seine Nerven. An diesem doch so harmlos gestarteten Tag hing auf einmal so viel an diesem Ende. Tja, die Wahrheit. Die konnte er doch nun auch Edith sagen. Die Frau seines besten Freundes. Und sie hatte nun mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Zumindest, was die Tatsache anbelangte, dass er die Augen einfach nicht von Gretchen nehmen konnte. Ob er sie wirklich vermisste? Die Zeit hatte es tatsächlich mal kurz gegeben, doch war die Wut einfach größer.

„Das ihr Frauen aber auch immer so zwischen den Zeilen lesen müsst.“

Edith lachte nur und lehnte sich an Marcs Schulter.

„Du bist mir einer“, lachte sie. „Ich glaube, da will sich gerade jemand verabschieden.“

Tatsächlich. Gretchen hatte sich ihre Handtasche über die Schulter geworfen und umarmte gerade Maria. Dann Sabine. Mehdi. Marc erhob ich.

„Was dagegen, wenn ich mich auch auf den Weg mache?“

„Natürlich nicht“, grinste Edith wissend und folgte Marc.

Sie wurde von Gretchen abgefangen, die sich auch von ihrer gute Freundin verabschieden wollte. Während Gretchen dies tat, gesellte sich Marc zu seinem besten Freund.

„Ich mach mich jetzt auch mal vom Acker. Muss morgen noch den Bericht beenden“, Marc klopfte Mehdi auf die Schulter.

„Und du willst nicht rein zufällig Gretchen hinterher?“, Mehdi fixierte Marcs Blick.

„Vielleicht will ich das ja wirklich“, sprach er nur.

„Na dann, mach’s gut. Wir hören voneinander!“

„Viel Spaß noch.“

Marc machte sich auf den Weg. Den Kiesweg entlang des Hauses. Nur schwach war dieser beleuchtet. Nur ihre Silhouette sah er. Er beeilte sich, dass er sie einholte, bevor sie das Licht der Straßenlaterne erreichten. Immer näher kam er ihr, bis er sie schließlich erreicht hatte. Diese drehte sich just in diesem Moment um, hatte sie doch Schritte hinter sich bemerkt.

„Marc.“

Er stand vor ihr. Eindeutig zu dicht. Viel zu dicht. Sie konnte seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren. Gänsehaut. Da war sie schon wieder. Trotz, dass sie sich warm getanzt hatte. Herzklopfen. Definitiv nicht von der Anstrengung.

„Du darfst mich küssen, wenn ich mit dir schlafen darf“, hauchte Marc ihr ins Ohr, dass es ihr durch Mark und Bein ging.

Sally Offline

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31.08.2014 14:08
#7 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Marc konnte ihren zittrigen Atem auf seiner Haut spüren. Auf seinen Lippen vernahm er die unregelmäßigen Luftstöße. Hauch zarte Briesen. Er hatte sie. Er wusste es genau. Es war ein leichtes Spiel mit dem Schicksal, zumindest für den Moment. Dieser Moment, der gerade unendlich lang erschien, waren es doch nur ein paar Sekunden. Gretchen atmete zittrig ein.

„Okay“, hauchte sie ihm entgegen.

Genauso zart, wie er es gerade getan hatte. Ihre Gedanken waren vernebelt. Vernebelt durch alte Gefühle, die sich mit Neuen vermischten. Hormone, die sich in ihrer Blutlaufbahn ausbreiteten. Die ihre Gedanken steuerten. Marc der noch immer ganz dicht vor ihr stand, dessen Körperwärme sie auf ihrer mit Gänsehaut bedeckten Hautoberfläche spüren konnte. Nein, ihr war nicht mehr kalt. Ganz im Gegenteil. Innerhalb einer Sekunde hatte er es geschafft, sie zu erhitzen. Sie würde ihn küssen können. Jetzt. Später. Nachher. In einer Stunde. Vielleicht auch morgen… Gänsehaut, die sich mit einem vertrauten kribbeln in der Magengegend vermischte und für das gewisse Etwas in diesem Moment sorgte.

Eine Hand, die sich über ihre erregte Haut tastete. Ihren Oberarm streichelte. Ganz bewusst und extra langsam. Er spürte die aufgestellten Härchen unter seinen Fingerkuppen.
Sie wollte ihn küssen. Alles in ihr schrie danach. Aber Gretchen hielt sich zurück. Nicht hier. Nicht in Mehdis Garten. Auch wenn dieser Moment für Gretchen gerade mehr als romantisch war, so mehr beherrschte sie sich, nicht ihre Kontrolle zu verlieren, und die würde sie mit Sicherheit in dem Moment verlieren, in dem sich ihre Lippen berühren würden.

„Ich würde dir ja meine Jacke anbieten, aber die liegt in meinem Auto“, sprach Marc nun nach etlichen Sekunden.

„Meine auch“, sagte Gretchen wahrheitsgetreu und wandte sich von Marc ab, gen Autos.

Stillschweigend liefen sie den Kiesweg am Haus entlang. Bis sie im Laternenlicht auf der Straße zum Stehen kamen.

„Wir holen unsere Jacken und sehen zu, dass wir hier wegkommen. Taxi?“ Marc wartete Gretchens Nicken ab. „Gut. Ich bestelle uns eins.“

Währenddessen ging Gretchen an ihr Auto und nahm ihre Jacke vom Beifahrersitz. Eine rosa Strickjacke. Mehr brauchte sie in dieser Sommernacht nicht. Sie schloss den Wagen ab und ging rüber zu Marc, der gerade sein Gespräch beendet hatte. Schnell schlüpfte sie in ihre Jacke, während Marc seine noch aus dem Auto holte. Ein Jackett, wie sie erkennen konnte. Die Lichter des Wagens blinkten kurz und dann stand Marc auch wieder bei ihr.

„Wir haben Glück. In ein paar Minuten ist das Taxi hier. Eigentlich würde ich ja jetzt fragen, ob zu mir, oder zu dir. Aber wir fahren zu dir!“

„Nach Potsdam? Mit dem Taxi?“

„Keine Bange, ich zahle auch.“

„Marc.“

„Ich will sehen, wie du wohnst und da du weißt, wie meine Bude aussieht…“

Gretchen hatte nur ein Lächeln für ihn übrig. Mit verschränkten Armen stand sie neben ihm. Sah ihn an. Schatten lagen auf der einen Seite seiner Gesichtshälfte. Wie von der Dunkelheit verschluckt, während die andere Seite gelblich im Laternenlicht erstrahlte.

„Ja, das tue ich. Aber meine Wohnung ist nichts Besonderes. Im Gegensatz zu deiner ist sie winzig.“

Marc grinste nur: „Ich habe auch nicht erwartet, dass mich da nachher eine Designerbude erwartet. Eher eine Menge rosa?“

Jetzt musste auch Gretchen grinsen: „Lass dich doch überraschen.“

Das wollte er machen, auch wenn sich bereits ein Bild in seinem Kopf eingenistet hatte. Und die Farbe rosa war dabei sehr dominierend. Das war nun mal Gretchen. Eine Farbe, die er nur mit ihr in Verbindung brachte. Ob sie wohl auch eine Frage mit ihm in Verbindung brachte? Vielleicht konnte er das eines Tages mal in Erfahrung bringen. Doch diese Nacht war noch nicht zu Ende. Er konnte noch nicht weiterdenken. Das Taxi. Da war es. Das Taxi, das sie nun nach Potsdam zu Gretchens Wohnung brachte. Eine lange und schweigsame Fahrt.

Geduldig folgte er Gretchen vor das alte Haus, folgte ihr in den Hausflur. Genau vier Holztreppen stiegen sie empor um vor einer großen, dunklen Holztür Halt zu machen.

„Da wären wir“, sagte Gretchen und steckte den Haustürschlüssel in das Schloss.

Dann durfte Marc in Gretchens Wohnung treten. Gretchen betätigte die Lichtschalter im Flur. Stelle ihre Handtasche auf der Garderobe ab und entledigte sich ihrer Schuhe. Marc stand noch einen Moment in der Tür und ließ alles auf sich wirken. Ein kleiner, schlauchförmiger Flur mit alten Dielen. Eine helle Garderobe und vier Türen, die Wege zu Zimmern versperrten. Ein heller, weißer Flur. Ein paar Bilder zierten die Wände und eine Vase mit Kunstblumen eine Ecke zwischen zwei Türen. Marc setzte sich in Bewegung, schloss die Tür hinter sich und zog sich höflicherweise ebenfalls die Schuhe aus, die er neben Gretchens stellte.

„Führung?“, fragte Gretchen lächelnd.

„Gerne“, erwiderte Marc und folgte Gretchen in den ersten Raum.

Das Wohnzimmer. Klein. Die Dielen zogen sich auch durch diesen Raum. Ein kleines Ecksofa, ein Erker, ein TV, ein Teppich. Kaum Rosa. Nur die Kissen auf dem Sofa waren in diese Farbe getaucht. Das danebengelegene Schafzimmer war auch nicht größer und mit Schrank und Bett recht vollgepfropft. Bad und Küche konnten auch nicht mit Größe glänzen. Marcs Fazit wahr allerding:

„Ist doch gemütlich hier.“

Er lehnte nun an der Küchenzeile und sah Gretchen dabei zu, wie sie Gläser aus einem der Oberschränke holte und Wasser eingoss.

„Ach, naja.“

„Doch. Bis auf die paar rosa Sachen doch akzeptabel.“

Ein Kompliment an sie aus Marcs Mund.

„Danke“, ihre Lippen umzeichnete ein leichtes Lächeln.

Marcs Blick glitt über die Wand über dem kleinen Esstisch. Einen dieser großen Jahresüberblickkalender hatte sie dort aufgehängt. Vier verschiedene Farben hatte sie benutzt, um Termine dort einzutragen. Blau für ihre Facharztgruppen. Grün für Events, wie Mehdis Feier heute. Rot für wichtige Termine, wie Zahnarzt und Gynäkologe, sowie Frisör. Marc schmunzelte in sich hinein. Und zuletzt musterte er die rosa Einträge, die für Geburtstage standen. Ihre Mutter. Ihr Vater. Mehdi…Sein Blick huschte zu einem ganz bestimmten Datum. Ganz klein stand es dort mit Bleistift eingetragen: M. Gb.

„Du hast dir meinen Geburtstag eingetragen!?“

Er musste sie fragen. Warum schrieb sie nach all den Jahren immer noch seinen Geburtstag in einen Kalender? Dennoch klang seine Frage gar nicht wie eine Frage, vielmehr wie eine erstaunte Feststellung, die noch einmal Bestätigung brauchte. Zur Unterstreichung.

„Ja“, gab Gretchen nur von sich und nahm einen Schluck ihres Getränks.

Marcs linker Mundwinkel zuckte seitlich etwas in die Höhe.

„Aber eigentlich müsste ich den gar nicht eintragen. Ich würde mich auch so dran erinnern“, gestand sie.

„Ich würde gerne nochmal eine rauchen.“

„Schon ganz schön viel in dieser Nacht, was?“, fragte Gretchen, während sie sich von ihrem Platz erhob.

„Kommt auch selten vor, dass ich so viel rauche“, erklärte er.

Gretchen machte sich an dem großen, langen Vorhang zu schaffen und gab den Blick auf eine Balkontür frei, die sie im nu geöffnet hatte.

„Wie kommt’s?“

Marc zuckte mit den Schultern, während er sich an ihr vorbei in die Dunkelheit drängte. An der Brüstung des kleinen Balkons blieb er stehen und sah sich um. Ein kleiner, unbeleuchteter Hinterhof. Viele Fenster. Nur ein paar einzelne waren davon noch beleuchtet. Marc fischte seine Zigaretten hervor und zündete sich eine an. Das Nikotin stillte seine innere Unruhe. Jetzt konnte er sich wieder Gretchen zuwenden. Sie lehnte im Türrahmen, die Hände vor der Brust verschränkt. Ihr Gesicht konnte er nur schwer erkennen, ihre Silhouette dafür umso besser. Diese Locken, diese Hüften…Um sie herum war es still. Ein sternenklarer Himmel erstreckte sich über ihnen, von dem leider zu viel Schönheit vom Licht der Stadt verschluckt wurde. Die Spitze seiner Zigarette glimmte erneut auf, als er einen neuen Zug nahm.

„Auch nochmal?“, er hielt ihr einladend den Glimmstängel entgegen.

Gretchen schüttelte nur den Kopf, stieß sich vom Türrahmen ab und gesellte sich neben Marc an das Geländer. Sie stützte ihre Ellbogen auf dem kühlen Eisen ab und sah in die Nacht hinaus. Noch immer war es angenehm warm draußen. Dank der Strickjacke fror sie nicht und Marc gab ihr etwas von seiner Körperwärme ab. Moment. Tatsächlich. Er hatte sich hinter sie gestellt. Ganz nah, dass sie die Wärme, die von seinem Körper abging, spüren konnte. Ihr Herz in ihrer Brust klopfte heftig gegen ihren Brustkorb. Wie schaffte es dieser Mann nach all den Jahren immer noch solche Reaktionen in ihr auszulösen?

„Darf ich?“, fragte dieser jemand gerade hinter ihr.

Gretchen nickte nur und ließ sich in seine Arme ziehen. Mit dem Rücken lehnte sie an seiner Brust und starrte in den Nachthimmel hinauf. Lauter kleine Sternchen blitzten um die Wette. Stille Zeugen dieses durchaus romantischen Moments, ausgelöst durch einen Mann, der sonst alles andere als romantisch war. Gretchen seufzte in sich hinein. Ob es richtig war, was sie hier gerade tat, wusste sie nicht. Es ging doch alles viel zu schnell und wenn man es genau nahm, auch in eine völlig falsche Richtung. Sie hatte Marc abgeschworen. Vor langer Zeit und ein Abend sollte das nun wieder ändern? Sie spürte, wie Marc sich etwas zur Seite lehnte und seine Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Seinen frei gewordenen Arm legte er ihr um die Hüften zu dem anderen. Hier ging es gerade um so viel, dass er das Gefühl hatte, sie festhalten zu müssen. Ganz fest, als hätte er Angst, dass sie abhauen würde. Aber Gretchen wehrte sich nicht. Ruhig lehnte sie an seiner Brust und ließ sich von ihm festhalten. Konnte ihr Parfüm riechen, gepaart mit Shampoo.

„Sternschnuppe“, flüsterte Gretchen plötzlich.

„Ich hoffe, du hast dir etwas gewünscht“, flüsterte Marc ebenso leise, als wolle er von nichts und niemanden gehört werden.

„Habe ich.“

Gretchen hing immer noch ihren Gedanken nach. Jahre hatten sie nicht miteinander geredet, geschweige denn sich angesehen. Ein gottverdammter Abend schien zu reichen, um diese Distanz zu brechen? Was auch immer das früher zwischen ihnen gewesen sein mag, es war wieder da mit einer zehnfachen Heftigkeit. Dieser Mann an ihrem Rücken war ihr so unglaublich vertraut und doch so verdammt fremd. Sie spürte, wie Marc seine Nase an ihrem Hinterkopf in ihren Haaren vergrub. Wie schaffte er es nur, sie so schnell wieder für sich zu gewinnen? Wer war dieser Mann? Und warum fühlte es sich so verdammt richtig an, hier mit ihm zu stehen?

Der erste richtige Körperkontakt seit Jahren. Es fühlte sich so gut an, Gretchen im Arm zu halten und an ihren Haaren schnuppern zu können. Marc hätte in diesem Moment nicht beschreiben können, wie und was er fühlte. Zu gerne hätte er gewusst, was Gretchen von dieser Situation hielt, aber er traute sich nicht recht sie danach zu fragen. Aus schlichter Angst einen Disput ins Leben zu rufen, der non-existent war. Naja, immerhin ließ sie seine Berührungen zu. Es wunderte ihn zu tiefst, dass sie ihn noch nicht vor den Kopf gestoßen hatte. Ob es an ihrer Aussprache lag? Einer Aussprache, die zwar noch recht oberflächlich gehalten wurde, aber doch so voller nackter Tatsachen gefüllt war? Wie gerne er sie jetzt doch küssen würde. Doch er hielt sich daran, was er ihr gesagt hatte. Sie musste ihn küssen, bevor sie einen Schritt weitergingen. Aber einen kleinen Kuss ins Haar konnte er sich doch erlauben, oder etwa nicht?

„Hm…das ist schön so“, summte Gretchen in die Nacht hinein.

„Hm“, brummte Marc in ihre Haarpracht hinein.

„Lass und rein gehen.“

Gretchen löste sich aus Marcs Griff und war flink in ihrer Küche verschwunden. Gemächlich folgte Marc ihr, schloss die Balkontür hinter sich und sah Gretchen fragend an, die vor ihm an der Küchenzeile lehnte und etwas zerstreut dreinblickte. Er hätte sein teures Lieblingshemd darauf gegeben, nur um einmal in Gretchens Kopf blicken zu können. Verflixt nochmal, wie gerne er diese sinnlichen Lippen jetzt gerne geküsst hätte. Er wagte einen Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück. Das war doch gut, oder? Noch einen Schritt näher. Direkt vor ihr stand er nun.

„Denk dran, ich muss dich küssen“, flüsterte Gretchen fast.

„Ich weiß. Aber ich halte das bald nicht mehr aus“, gestand Marc und sah ihr weiterhin in die Augen.

Gretchen musste schmunzeln: „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

„Ich auch nicht“, gestand er ehrlich.

Sally Offline

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07.09.2014 21:47
#8 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Ich muss etwas vorwegnehmen: Alles unter, sagen wir mal 16 Jahren, sollte diesen Teil überspringen und bis nächste Woche warten




Gretchen blickte in ein Paar faszinierende Augen. Jene Augen, in denen sie sich verlieren konnte. Seine Pupillen waren geweitet. Sein Atem kitzelte sie an der Nase. Sie hatte schon den einen oder anderen Fehler in ihrem Leben begangen. Ob das hier auch einer sein würde? Bestimmt.

„Schlafzimmer“, sie wich ihm aus, knipste das Licht aus, beim Verlassen der Küche.

Kurz stand er im dunklen, ehe er ihr folgte. Quer über den Flur, ins Schlafzimmer hinein. Vor dem Bett stand sie. Mit ihren Fingern nervös am spielen. Unsicher auf ihrer Unterlippe herumkauend. War es der Alkohol, der ihn etwas benebelte, oder war es Gretchen? Er wollte das Licht anschalten.

„Nicht“, erklang es von Gretchen.

„Warum nicht?“

„Es ist doch so viel gemütlicher.“

„Es ist stockdunkel. Ich würde dich schon gerne sehen können. Kompromiss…Die Nachttischlampe an?“

„Okay.“

Gretchen war es, die ihre Finger an dem Kabel der Nachttischlampe langgleiten ließ und dann den Raum erhellte, indem sie den kleinen Schalter umlegte. Gelblich, schummerig. Sie ließ sich auf der Bettkante nieder und sah zu Marc auf. Er lehnte am Türrahmen. Die Hände in den Hosentaschen. Taxierte sie mit seinem Blick. Sie sah ihn an. Wichen diesen Blicken nicht aus. Marc begann, sich auf sie zu zubewegen. Langsam. Bis er vor ihr stand. Er beugte sich etwas nach unten, nahm ihr Gesicht in seine Hände. Starke, gepflegte Chirurgenhände, die leicht ihre Wangen liebkosten. Sie schloss die Augen und fühlte einfach nur noch. Roch seinen Geruch. Hörte ihn schwer atmen. Atem, der in ihrem Gesicht kitzelte. Zwischen Nase und Oberlippe. Lippen, die ihre berührten. Vorsichtig und mit Hingabe. Ließ wieder von ihr ab.

„Du hast mich zuerst geküsst“, flüsterte Gretchen.

„Tut mir leid“, kam es leise von Marc zurück.

Er richtete sich auf. Vergrub seine Hände wieder in den Hosentaschen. War verunsichert. In seinem Magen machte sich ein flaues Gefühl breit. Er hatte sich nicht an ihre Abmachung gehalten. Hatte einfach nicht wiederstehen können. Er hatte sie einfach in dem Moment küssen müssen. Er wurde am Unterarm gepackt. Gretchen zog an ihm. Zog ihn wieder zu sich herunter. Ihre Hand griff in seinen Nacken. Ihre Lippen pressten sich auf seine. Die andere Hand griff in den Stoff seines Hemdes. Sie ließ sich nach hinten auf das Bett gleiten und zog ihn mit sich. Mit einer Hand musste er sich abstützen, dass er Gretchen nicht mit seinem Gewicht unter sich vergrub.

Sie küssten sich.

Seine Hand machte sich selbständig. Strich über die Hand, die in seinem Nacken lag. Fuhr ihren Arm herab. Kurz in ihren Nacken. Über die Schulter. Machte einen Sprung zu ihrem Bauch. Schob den Stoff etwas am Saum hoch und krabbelte darunter. Über die weiche Haut ihres Bauches glitt seine Hand. Näherten sich ihren Brüsten. Doch er hielt inne.

„Du hast mich dieses Mal zuerst geküsst“, grinste er neckisch.

„Warum wohl.“

Gretchen sah ihn an. Mit ihren Augen, die in diesem schummrigen Licht ganz dunkel waren. Nicht so blau, wie bei Tageslicht. Es machte ihn schier verrückt, sich zusammen zu reißen und nicht zu forsch ihr auf der Stelle die Klamotten vom Leib zu reißen. Vorsichtig tastete er seine Finger weiter voran. Den Blick auf Gretchens Augen gerichtet. Marc näherte sich wieder ihren Lippen und küsste sie. Die Hand endlich auf ihrer Brust, die er ausgiebig ertastete, unter den Fingern hin und her schob. Sie drückte ihren Brustkorb gegen seine Hand. Dazwischen der feine Stoff ihres BHs. Wie konnten Drüsen und Fettgewebe nur so ästhetisch und erregend sein? Wie konnte ein Mensch es schaffen, so ein Verlangen in ihm auszulösen?

„Deine Brüste sind der helle Wahnsinn“, nuschelte Marc in ihren Kuss hinein.

Gretchen antwortete nicht. Sie küsste ihn einfach erneut. Sie wollte gerade nicht reden. Jegliche Rationalität war aus ihren Gedanken verschwunden. Sie fühlte sich schwindelig. Ob es an dem Alkohol lag, den sie getrunken hatte, oder die Hormone, die ihr Körper auszuschütten begann, wusste sie nicht. Wollte sie sich auch keine Gedanken drum machen. Vorrangig waren Marcs Berührungen auf ihren Lippen und ihren Brüsten. Lange war es her gewesen, dass sie so berührt worden war. Und hätte sie länger drüber nachgedacht, wäre sie vermutlich zu dem Schluss gekommen, dass es nur Marc gewesen war, der sie bisher so hatte fühlen lassen. Durch ein paar Berührungen. Sie drückte ihre Finger in seine Schultermuskulatur. Noch einmal bekam sie einen intensiven Kuss von dem Mann über ihr, eher er von ihr abließ.
Gretchen holte Luft.

Eine Gänsehaut hatte sich auf seinem Rücken ausgebreitet. Prickeln durchzog seinen Körper, als Gretchen ihre Finger in sein Fleisch drückte. Er musste von ihr ablassen. Gretchen unter ihm so wieder zu sehen, löste etwas in ihm aus, was er nicht erklären konnte. Das einzige, was er wusste war, dass er sie wollte. Sie war genauso erregt wie er und das in kürzester Zeit. Ein schiefes Grinsen lag auf seinem Gesicht, als er sich aufrappelte und rückwärts aus dem Bett kroch. Er stellte sich hin. Gretchen richtete sich auf. Ihr Top noch immer über den Bauchnabel hochgeschoben. Seine Finger begangen seine Hemdknöpfe aus den Ösen zu lösen. Er war flink. Strich sich sein Hemd ab, als Gretchen an den Saum ihres Tops griff. Er ließe sein Hemd einfach fallen.

„Lass mich dir helfen.“

Ein Schmunzeln auf seinen Lippen.

„Dein Hemd wird ganz knitterig.“

Kurz sah er sie verdattert an. Sein Blick huschte dann aber doch durch das Zimmer, suchend nach einer Möglichkeit das gute Hemd aufzuhängen. Dieser Raum war einfach unwahrscheinlich klein. Klein, aber unglaublich gemütlich. Weiße Möbel. Ob sie ihre Schranktüren überhaupt ganz öffnen konnte, ohne dabei den Lack des Bettes zu beschädigen? Ein Kleiderbügel an dem massiven, weißen Schrank. Dort hängte er sein Hemd auf und trat unmittelbar wieder vor Gretchen. Sie sah zu ihm auf.

„Du willst das hier?“

„Ja“, hauchte sie entschlossen.

Seine Finger berührten ihren Rippenbogen, als er ihr das Top über den Kopf zog. Während Marc sich seiner Socken und Hose entledigte, öffnete Gretchen ihren Rock und strick ihn von ihren Beinen. Landete auf dem Boden. Bei Marcs Hose. Er krabbelte über sie. Ihre Brust hob sich aufgeregt unter seinem Blick. Kurz sah sie ihm nach. Ein wenig begannen ihre Gehirnwindungen zu arbeiten. Sie trug schreckliche Unterwäsche. Vor ein paar Stunden war sie sich noch sicher gewesen, dass es die richtige Entscheidung war, einen schlichten grauen Baumwollslip und einen dünnen T-Shirt-BH zu tragen, da es einfach der angenehmste Stoff für so warmes Sommerwetter war. Sie war allerdings auch nicht davon ausgegangen, noch mit einem Mann im Bett zu landen und schon gar nicht erst mit Marc Meier. Und sie trug absolut unspektakuläre Unterwäsche. Es war Marc der sie hier sah. In diesem Grau und Weiß. Es passte nicht mal zusammen. Aber da es Marc war, war es auch nur halb so tragisch. Er hatte sie schon in weitaus schlimmeren Kleidungsstücken gesehen, wenn sie so ihre Schulzeit bedachte. Es war Marc, der Menschen im Krankenhaus sah, die ganz andere Schlüppis trugen. Und er hatte sie schon des Öfteren in schlichterer Unterwäsche gesehen, auch wenn sie sich in der Zeit, in der sie zusammen gewesen waren, doch stets bedacht etwas untergezogen hatte. Bis auf in Afrika. In Afrika war alles irgendwie ein kleinwenig anders gewesen.

Marcs Hand schob sich unter ihren Rücken, ertastete die Schnalle ihres BHs. Das so problemlos zu bewältigen, hatte ihn einige Zeit an Übung gekostet. Aber das musste Marc nicht vor Gretchen zugeben müssen. Es war in diesem Moment auch scheiß egal. Er zog ihr den BH von den Armen und küsste Gretchen erneut auf ihre Lippen. Er legte sich auf sie, schob sich zwischen ihre Beine. Sie verloren sich in ihrem Kuss. Gretchens Hände glitten durch seine Haare. Seine Hüfte verselbständigte sich, drückte sich an Gretchen. Immer wieder. Ihre nackten Oberkörper klebten aneinander. Es war warm. Nicht nur durch die sommerlichen Temperaturen, die schon seit Tagen anhielten und die Altbauwohnung mittlerweile aufgeheizt hatten, sondern auch durch die gesteigerte Erregung. Seine sich an sie schmiegenden Hüften ließen Gretchen aufseufzen. Sich ins Hohlkreuz heben, näher an Marcs Körper heran. Ihre rechte Hand tastete sich über seinen Rücken, ihre Finger schoben sich unter den Bund seiner Boxershorts und drückten sich in das Fleisch seines Hinterteils.

„Ugh. Scheiße.“

Marcs Kopf schnellte in die Höhe. Sein Blick kurz zwischen sie Beide, dann auf Gretchen gerichtet, dessen Gesicht nur schwach gelblich beleuchtet war. Irritiert sah sie ihn an. Er rollte sich von ihr runter, blieb auf dem Rücken neben ihr liegen und legte seine Hände auf die Augen. Brummte verärgert vor sich hin.
Gretchen setzte sich auf und beobachtete das Schauspiel.

„Alles okay?“

„Ich habe kein Kondom dabei. Die sind im Auto. Und das steht in Berlin.“

Neben ihm im Bett raschelte es. Die sich bewegende Matratze rüttelte ihn leicht durch, was ihn veranlasste, die Hände vor dem Gesicht zu entfernen. Er musste sich aufrichten, um Gretchen dabei beobachten zu können, wie sie aus dem Bett kletterte und sich an ihrem Schrank bediente. Sie verschwand quasi darin. Wühlte herum. Es amüsierte Marc, ihren Hintern so beobachten zu können. Gretchen richtete sich wieder auf, schloss die Tür des Schrankes und trat vor Marc, um ihm mit einem triumphierenden Lächeln das Kondom zu präsentieren.

„Hinten im Schrank versteckt?“, hakte er neugierig nach.

„In letzter Zeit nicht gebraucht.“

„Höschen aus.“

Er nahm ihr das Päckchen ab, schenkte ihr dabei ein freches Grinsen. Noch beobachtete Gretchen ihn, wie er das Päckchen neben sich ablegte und sich etwas umständlich, da er noch immer auf der Bettkante saß, ebenfalls sich seiner Boxershorts entledigte. Ihre Hände griffen an den Saum ihres Slips. Langsam schob sie den Stoff an ihren Beinen hinab, auf den Boden. Sie beobachtete weiterhin Marc, der sich das Kondom gegriffen hatte und es zum Einsatz brachte. Sein Blick richtete sich auf sie. Marc hielt Gretchen seine Hände hin. Lud sie ein, sich an ihm festzuhalten. Half ihr, sich auf seinen Schoß zu setzen. Sie musste ihn einfach küssen. Ihre Lippen fanden ganz automatisch die seinen. Rieben ihre Körper noch eine Weile aneinander. Gretchen wurde wärmer und wärmer. Sie ließ sich einfach treiben. Von ihrer Intuition leiten. Marc wieder so nahe zu sein, schien wie ein Traum. Vielleicht auch ein Albtraum, wenn sie aufwachen würde und er nicht da sein sollte.

Sein Atem hatte sich beschleunigt. Seine Hände überall auf Gretchens Torso verteilt. Ihr Becken, das sich an ihm rieb. Nie und nimmer hätte er damit gerechnet, Gretchen heute Nacht noch so nahe sein zu können. Dass sein Wunsch, den er geäußert hatte, in Erfüllung gehen würde. Er führte seine Hände an ihrem Bauch entlang, soweit es ihm möglich war, seine Hand zwischen ihre aneinander geschmiegten Körper zu bewegen. Er glitt an ihrem Bauch hinunter. Immer tiefer. Während ihre Zungen und Lippen weiterhin kollidierten, konnte er spüren, dass sie nicht rasiert war. Es störte ihn nicht im Geringsten. Seine Finger schoben sich weiter voran, bis sie zu ihrem Ziel fanden. Gretchen stöhnte auf. Ließ kurz von seinen Lippen ab. Seine Finger rieben an ihr. Ihr Becken rieb sich an ihm. Ihr Gesicht ruhte in seiner Halsbeuge. Ihre Hände stemmte sie plötzlich auf seinen Schultern, drückte ihre Knie in die Laken neben ihm und hob ihren Oberkörper an. Seine Hände wanderten zu ihrer Hüfte. Hielten sie fest. Ihre Hand griff zwischen sie. Half ihm, sich in ihr zu versenken. Wieder Becken an Becken. Miteinander vereint.

Marc entwich ein Keuchen, als sie sich auf ihn herabsenkte. Sie sah ihm in die Augen, als sie saß. Dieses ihr so vertraute Geräusch seines Keuchens, löste eine Gänsehaut auf ihrer Haut aus. Seine Augen suchten ihr Gesicht ab, er hatte sich noch nicht bewegt. Seine Hände ruhten auf ihrer Hüfte.

„Sag etwas“, erhob Gretchen leise das Wort.

„Es war noch nie mein Ding, mit dir zu quatschen, während ich in dir drin bin, Hasenzahn.“

„Aber…Ah.“

Hasenzahn. Er hatte sich in ihr bewegt.

„Ah, nicht aufhören.“

„Du musst schon ein wenig mitmachen.“

„Du hast die Position gewählt“, erinnerte Gretchen ihn.

„Gibt einen schönen Muskelkater in den Beinen, hast du etwas länger was von“, grinste er sie an.

Bevor Gretchen noch etwas erwidern konnte, hatte Marc ihre Lippen mit seinen verschlossen. Vertiefte den Kuss mit seiner Zunge, hoffend, dass sie auch ja den Gedanken vergaß, ein Wort zu erheben. Ein klein wenig fiel ihm aber auch ein Stein vom Herzen, dass Gretchen doch noch Züge zeigte, die er von früher von ihr kannte. Und endlich tat sie auch das, worum er sie gebeten hatte. Sich bewegen. Er brummte erregt in ihren Kuss hinein. Sex mit Gretchen war irgendwie schon immer etwas Besonderes gewesen und jetzt war es noch besser, als in seinen Erinnerungen. Auch wenn er zugeben musste, dass er rein technisch schon besseren Sex gehabt hatte, so musste wohl doch etwas dran sein, an dieser Sache, dass Sex mit Gefühlen doch eine Spur anders war.

Seine Hände waren auf ihrem Rücken. Überall. Er hatte ihr gar keine Gelegenheit mehr gegeben, auf seinen dummen Spruch zu kontern. Es war vielleicht auch besser so, denn ob sie wirklich einen taffen Satz über die Lippen gebracht hätte, konnte man fast anzweifeln. Marc küssen war da doch so viel besser, als über Post-Sex-Muskelkater zu reden. Seine Hände drückten sich in ihren Hintern und mit einem Mal lag Gretchen auf dem Rücken. Marc über ihr grinste sie nur an, küsste sie noch einmal auf die Lippen, wanderte dann weiter über ihren Hals und Oberkörper. Sie mit seinem Rhythmus mitnehmend, in Richtung Erlösung.

Gretchen atmete noch etwas schwer, als Marc zwischen ihren Beinen kniete und zu ihr herab sah. Eine Hand auf ihrem Knie, die andere auf seinem Oberschenkel.

„Oh man“, Gretchen kniff die Augen zusammen, überstreckte ihren Nacken in die Matratze und lachte auf.

Ihr Lachen war ansteckend. Auch Marc lachte kurz auf. Musste sich auf die Zunge beißen, keinen falschen Kommentar fallen zu lassen. Er wusste, dass sie einen Freund gehabt hat, sich aber vor einiger Zeit von ihm getrennt hatte, sodass er davon ausgehen konnte, dass er, Marc, sie seit langem mal wieder zum Orgasmus gebracht hatte. Er wagte es nicht, dies auszusprechen.

Gretchen rappelte sich nun endlich auch auf. Saß ihm gegenüber. Ganz genau musterte sie ihn. Seine verwuschelten Haare. Seine glühenden Augen, die sie begutachteten. Noch schwebte sie auf dieser leichten Wolke. Konnte nicht richtig wahr haben, dass sie gerade mit Marc Meier geschlafen hatte. Dieses gottverdammte Hochgefühl. Gretchen krabbelte an Marc vorbei aus dem Bett.

„Wo willst du hin?“, fragte dieser irritiert.

„Pullern.“

Schnell huschte sie aus dem Raum, durch den Flur, ins Badezimmer. An den Haken, die an der Tür befestigt waren, hing ihr babyblauer Bademantel, den sie sich um ihren auskühlenden Körper schlang. Der Hormonspiegel fiel wieder. Gänsehaut hatte sich auf ihrer Haut gebildet. Ihren Klogang beendet, huschte sie zurück ins Schlafzimmer. Marc saß auf der Bettkante und sah zu ihr auf, als sie in den Raum kam.

„Ich will eben schnell duschen gehen, willst du auch?“, fragte sie höflich.

„Ich würde eben eine rauchen und nach dir gehen“, er stemmte sich vom Bett auf, die Boxershorts über seinen Hintern ziehend, und trat vor Gretchen.

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen.

„Bis gleich“, hauchte er ihr zu.

Sein Hemd nahm er vom Bügel, stich es sich über, griff in die Hosentasche seiner Stoffhose und fischte seine Zigaretten heraus. Barfuß verließ er das Schlafzimmer. Gretchen holte sich noch eine frische Unterhose aus dem Kleiderschrank und verschwand dann für die nächsten paar Minuten unter der Dusche. Langsam kam sie von ihrem Hoch herunter. Aber wirklich drüber nachdenken, was sie gerade getan hatte, wollte sie noch nicht. Denn eigentlich war sie gerade recht glücklich. Jetzt in diesem Moment. Dass Marc jetzt eine Rauchen musste, dass kannte sie schon, war ihr aber noch immer etwas unangenehm. Es war, als suche er dann immer etwas Abstand zu ihr. Vielleicht brauchte er die Zigarette und die paar Minuten für sich, wie sie danach gerne duschen ging. Sie verbrachte nur ein paar Minuten unter dem warmen Wasserstrahl, schäumte sich eben mit Duschcreme ein, wusch sich ab und schaltete das Wasser aus. Abgetrocknet, mit einem schwarzen Slip und ihrem Bademantel bekleidet, kam sie ins Schlafzimmer zurück. Sie war schneller als Marc gewesen. Zumindest fast, denn sie hörte schon die Balkontüre. Sie setzte sich auf das Bett und wartet auf ihn.

„Handtücher sind in dem Schrank. Bedien dich einfach“, lächelte sie ihm zu.

Sein Hemd hängte er wieder auf den Bügel. Gretchen hatte recht gehabt, es nicht zerknittern zu lassen. Er lief schnurstracks ins Bad. Aber ebenfalls nur für ein paar Minuten.
Gretchen hatte sich unter die Decke gekuschelt, als er zurückkam. Er hob die Decke an und huschte ebenfalls darunter. Legte sich auf die Seite, dass er sie ansehen konnte.

„Machst du das Licht aus?“, bat sie ihn sanft.

Er streckte seinen Arm nach dem Lichtschalter aus. Nun waren sie in vollkommener Dunkelheit eingehüllt. Eine angenehme Dunkelheit. Gar beschützend. Er gähnte ausgiebig. Es war ein langer und ereignisreicher Tag gewesen, der widererwarten in Gretchens Bett endete. Wer hätte das gedacht? Er drückte kurz in das Kopfkissen, es sich bequemer machend. Wartete insgeheim schon darauf, dass Gretchen jeden Moment zu ihm gekrochen käme, um sich an ihn zu kuscheln. Doch das tat sie nicht.

Gretchen starrte an die Decke des dunklen Raumes. Ihr Hochgefühl war weg. Ruckartig richtete sie sich auf. Die Decke fiel an ihrem nackten Oberkörper herab. Sie schob sie zur Seite. Rutschte zur Bettkante und verharrte dort. In ihrem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. Marc lag hier neben ihr und sie hatte mit ihm geschlafen. Der Alkohol musste ihr jegliche Rationalität gehemmt haben. Sie hatte den Drang, ihn vor die Tür zu setzen. Hatte den Drang, sich an ihn zu schmiegen und an seiner Brust einzuschlafen. Kontroversen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Sie konnte seinen Blick auf ihrem Rücken spüren. Er sollte weggehen. Er sollte sie in seine Arme ziehen. Es machte Gretchen kirre.

Marc holte tief Luft. Langsam rollte er sich auf Gretchens Bettseite und streckte seinen Arm aus. Da saß sie. Auf dem Bettrand, nur in einem schwarzen Slip und das Gesicht in den Händen vergraben, während ihre Ellbogen auf den Knien abgestützt waren. Weinte sie? Behutsam legte er seine Hand auf ihren Rücken. Gretchen zuckte zusammen und rückte etwas nach links. Sie konnte seine Berührungen jetzt nicht ertragen. Dabei war es genau das, was sie wollte. Von Marc berührt werden.

„Alles in Ordnung?“, fragte Marc vorsichtig.

Gretchen holte tief Luft: „Ich weiß es nicht.“

Ihre Sitzposition hatte sich nicht geändert. Wie gerne Marc ihr gerade über den Rücken gestrichen hätte. Jeden einzelnen Wirbel hinab zu diesen niedlichen Grübchen, die sie unten über dem Steiß trug.

„Ich bin so verwirrt. Du bist hier und wir haben…und ich weiß, dass es einfach nur falsch ist, was wir hier tun…“

„Ich habe dir gesagt, dass…“

„Ich weiß Marc. Ich mache nicht dir die Vorwürfe, sondern mir. Ich katapultiere mich wieder geradewegs in eine unangenehme Gefühlswelt…Scheiße…“

Marc setzte sich auf. Gretchen nahm ihre Hände von ihrem Gesicht, strich sich kurz mit der Handfläche darüber und starrte auf die Fensterwand.

„Ich habe dich geliebt, Marc. Abgöttisch geliebt. Mir würde es wahrscheinlich ganz leicht fallen, mich wieder in dich zu verlieben…Es tat damals so furchtbar weh…“

Da war es. Das Gespräch, das sie schon hätten längst führen sollen. Jetzt war Marc sogar froh, dass er nur Gretchens Rücken ansehen musste. So fiel es ihm leichter zu sprechen.

„Glaubst du an mir ist das Spurlos vorbei gegangen?“

„Woher soll ich wissen, wie du dich gefühlt hast?“

„Genau das ist der springende Punkt, Gretchen. Was das angeht, bist du nur auf dich fixiert. Du trampelst genauso auf den Gefühlen anderer rum, wie du denkst, dass sie es mit deinen tun. Willst du wissen, wie es mit ergangen ist?“

Sie nickte die Vorhänge an und hörte Marc gespannt zu.

„Beschissen. Mir ging es richtig beschissen. Ich…Ich könnte dir so eine banale Liebeserklärung a la Hollywood machen, aber das wäre einfach nur falsch.“

Gretchen drehte sich zu ihm um: „Falsch?“

„Ja falsch. Das würde mir doch auch keine Garantie geben, dass es diesmal klappen könnte. Dennoch habe ich Hoffnung, dass es doch klappen könnte, nachdem wir uns heute so toll unterhalten haben.“

„Ich möchte es hören“, flüsterte Gretchen.

„Dass ich dich geliebt habe?“, Marc schüttelte verneinend den Kopf. Er wollte es ihr nicht sagen.

„Okay“, hauchte Gretchen ihm entgegen, ehe sie seine Lippen mit ihren berührte.

Diese Frau würde es wohl immer schaffen, Marc aus der Fassung zu bringen. Klang es erst so, als wolle sie ihn vor die Tür setzen, küsste sie ihn im nächsten Moment? Und seit wann war Gretchen nicht mehr so verklemmt und saß hier unbedeckt vor ihm auf dem Bett? Ungestüm knabberte sie an seiner Unterlippe.

Gretchen hatte genau das gehört, was sie hören wollte. Wenn auch nur versteckt, aber so hatte Marc schon genug gesagt.

„Du küsst mich schon wieder zuerst“, stellte Marc fest.

Dieses schiefe, anzügliche Lächeln. Diese Augen, die sie anblitzten.

„Darf ich mich wieder in dich verlieben?“, flüsterte sie und wandte ihren Blick auf seine Knie vor ihr.

„Ich muss dir dafür die Erlaubnis geben? Ich kann das doch nicht beeinflussen.“

Ein Lächeln huschte über Gretchens Gesicht. Natürlich konnte er das nicht.

„Lass uns schlafen“, meinte sie lachend und huschte an ihm vorbei unter die Bettdecke.

Sally Offline

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14.09.2014 11:47
#9 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Blonde Locken überall. Eine Strähne hing ihr über die Nase. Der Mund war leicht geöffnet. Gretchen lag auf dem Bauch, die Arme rechts und links vom Kopf und sie schlief. Tief und fest. Marc lag neben ihr auf der Seite und beobachtete sie schon eine ganze Weile. Etwas, was er schon damals gerne getan hatte. Ihre ruhigen Atemzüge beruhigten auch sein Inneres. Es war schon hell draußen, doch verriet ihm die Uhrzeit, dass der Morgen quasi gerade erst angebrochen war. 06:25 Uhr. Marc hätte eigentlich hundemüde sein müssen. Aufgewacht war er durch Gretchens Bewegung. Sie hatte zuvor auf seiner Brust gelegen, beim runterrutschen von ihm, hatte sie ihn mit der Hand an der Nase erwischt. Kein schönes Aufwachen, doch gefiel es Marc, ein wenig Zeit zum Nachdenken zu haben und dabei Gretchen beim Schlafen zu betrachten. Immer wieder musste er sich selbst belehren, nicht ihre Haut zu berühren. Ihr sie Strähne aus dem Gesicht zu schieben. Ihr den Arm und den Rücken entlang zu küssen. Es war definitiv zu früh, um sie aus dem Schlaf zu reißen. Mit einem letzten Blick auf die schlafende Gretchen, warf er die Bettdecke beiseite und verließ das Schlafzimmer.

In der Küche musste er sich zunächst zurechtfinden. Gerne tat er das nicht, ihre Sachen zu durchwühlen, aber wenn man einen Kaffee haben wollte, musste man seinen inneren Schweinehund überwinden. Und es war Gretchen. Jene, die bei ihm in die Wohnung eingebrochen war. Somit hatte er doch einen großen Freifahrtschein, sich mindestens einen Kaffee zu machen. Teller. Gläser. Und da waren sie, die Kaffeefilter. Und die Kaffeetassen hatte er gleich samt gefunden. Das Kaffeepulver fand er im Kühlschrank. Sein geliebter Kaffee am Morgen war in greifbarer Nähe.
Während die Maschine durchlief, holte er leise seine Sachen aus dem Zimmer und zog sich an. Mit einer vollen Tasse bewaffnet nahm Marc auf dem Balkon Platz, stecke sich eine Zigarette an und genoss die kühle Morgenluft. Sein Blick strich über die anderen Balkone im Innenhof. Es war noch still. Aber was sollte man auch anderes an einem Sonntagmorgen erwarten. Nur eine ältere Dame saß ebenfalls auf ihrem Balkon. Marc konnte ziemlich genau auf sie hinabsehen. Sie war noch im Nachthemd, hatte eine Kippe zwischen zwei Fingern und löste ein Kreuzworträtsel. Es war friedlich hier. Er schaltete komplett ab.

Gretchen reckte und streckte sich. Gähnte einmal laut und schlug die Augen auf. Suchte ihre Brille, die sie noch schnell in der Schublade ihres Nachtschränkchens hatte verschwinden lassen. Schnell musste sie ihre Kontaktlinsen einsetzen. Mit Brille sah sie gleich klarer. Kein Marc. Sie setzte sich hin. Nein, keine Spur von ihm. Seine Sachen waren auch verschwunden, stellte sie fest, als sie aufstand. Sie ging an ihren Schrank, um sich etwas überzuziehen. Ein rosa Sommerkleid aus Baumwolle und ein dünnes Jäckchen sollten fürs Erste genügen. Im Flur nahm sie den Geruch von Kaffee wahr. Marc war nicht weg. Oder er hatte zumindest den Anstand besessen, ihr einen Kaffee zu Kochen und Frühstück zu machen? Schnell huschte sie ins Bad, um sich ihre Kontaktlinsen einzusetzen und tapste dann in die Küche. Die Digitaluhr am Herd zeigte eine Uhrzeit von 07:02 Uhr an. Sie griff nach einer Tasse und goss sich Kaffee ein, gab Milch und Zucker hinzu und wollte sich gerade setzen, als sie merkte, dass die Balkontür nur angelehnt war. Sie schob den großen Vorhang beiseite und trat zu Marc auf den Balkon.

„Guten Morgen“, sagte sie höflich und setzte sich auf den freien Stuhl.

„Morgen“, lächelte Marc ihr entgegen.

Das Lächeln auf seinen Lippen blieb. Genauso, wie der fesselnde Blick, den er ihr zuwarf. Etwas unsicher rutschte Gretchen auf dem Stuhl hin und her. Marc sah sich das Gehampel für einen Moment an, ehe er sich vorbeugte und Gretchen einen sanften Kuss auf die Lippen drückte.

„Gut geschlafen?“, fragte er weiterhin lächelnd.

„Sehr gut. Und du?“

„Ebenfalls sehr gut, wenn auch nicht lange“, sein Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen.

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander und tranken ihren Kaffee und warfen sich ab und zu ein Lächeln zu. Die Sonne wagte es langsam über die Dächer hinweg und warf die ersten Strahlen auf Marcs und Gretchens Haut. In der Ferne Bellte ein Hund und auf den Balkonen tauchten immer ab und zu Menschen auf. Marcs Hand wanderte auf Gretchens Hand, die ihre auf ihrem Oberschenkel ihrer übereinander geschlagenen Beine gebettet hatte. Er umfasste ihre Finger, gab etwas Druck und begann stetig mit dem Daumen über ihren Handrücken zu streichen. Eine äußerst liebevolle und unbekannte Geste von Marc, so fand Gretchen. Dieser Mann konnte so nervenaufreibend sein, dass es Gretchen schier wahnsinnig machte. Mit jedem Streichen wurde das Kribbeln in ihrem Bauch stärker.

„Marc?“

„Hm?“, er wandte sich ihr zu.

„Ich weiß nicht, ob ich das schon wieder kann. Ob ich dazu schon wieder bereit bin.“

Etwas zerstreut blickte er sie an. Mit festem Blick in ihre wunderschönen blauen Augen. Er holte Luft.

„Ich weiß auch nicht, ob dich das schon wieder kann. Aber du bist gerade alles, was ich will.“

„Aber…“

„Boah Gretchen, schalt mal das Köpfchen ab. Was hast du denn schon zu verlieren?“

„Dich. Ich habe dich zu verlieren, schon wieder. Und mich. Und mein Herz.“

Marc seufzte auf, ließ ihre Hand aber nicht los und strich stetig mit dem Daumen auf und ab. Sein Blick hielt ihrem stand.

„Dann wirst du mich nicht verlieren, wenn du es nicht willst.“

Gretchen stockte der Atem. Das war ein anderer Marc, als den sie kannte. Oder kannte sie ihn einfach nicht gut genug? Was war in den letzten Jahren nach ihrer Trennung geschehen? Sichtlich verwirrt zwirbelte sie an einer Haarsträhne, mied seinen Blick aber nicht.

„Marc, das…Ich…“

Ein Grinsen breitete sich auf Marcs Gesicht aus. Er griff nach seiner Kaffeetasse und erhob sich. Eine ausgestreckte Hand bot sich Gretchen an. Schüchtern griff sie danach und ließ sich von dem Mann in ihre Küche führen, wo sie die Tassen abstellten und weiter ins Schlafzimmer gingen. An ihrer Hand zog Marc Gretchen dicht an sich heran, stupste ihr mit dem freien Zeigefinger auf die Nase, während sich die andere Hand in ihr Kreuz legte und sie an ihn presste. Sein Zeigefinger fuhr über ihre Oberlippe, dann die untere. Dann legte Marc die Hand auf ihre Wange und zog Gretchen zu einem Kuss heran, den sie nur zu gerne erwiderte.

. . .

Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen und schlüpfte in seine Sachen, während sie das gleiche tat. Im Flur schlüpften sie in ihre Schuhe und machten sich auf den Weg auf die Straße, wo das Taxi gerade vorfuhr.

„Perfektes Timing“, bemerkte Gretchen.

Bevor sie die Türklinke erfassen konnte, hatte Marc ihr diese bereits geöffnet und bot ihr Eintritt ins Taxi. Gretchen huschte mit einem dankenden Lächeln hinein und Marc folgte ihr. Eine Weile saßen sie stillschweigend nebeneinander. Beobachteten die Häuser, die an ihnen vorbeiflogen.

„Du bist also ruhiger geworden?“, fragte Gretchen wie aus dem Nichts.

„Wie bitte?“

„Na deine lieben Kollegen haben da gestern so etwas gesagt. Du seist nun ruhiger als früher.“

„Du bist ja nicht mehr da, um mich auf die Palme zu bringen.“

Ein schiefes Grinsen huschte über Marcs Lippen, als er sie mit seinem Blick fixierte.

„Mein lieber Marc...“

„Ja?“

„Mal im Ernst, wie ist es so auf Station?“

„Wie soll es schon sein? Erzählt dein Vater dir nichts beim Sonntagsessen?“

„Nein, momentan dreht sich alles um seinen baldigen Ruhestand. Dann erzählt er ein wenig über die interessanten Fälle der Woche und das war es auch eigentlich schon.“

Marc hob eine Augenbraue an: „Naja seit die Station erweitert wurde und noch zwei Chirurgen eingestellt wurden, kann ich die uninteressanten Fälle auf die abwälzen. Vielleicht meinen die das mit ruhiger? Ansonsten ist Sabine immer noch genauso schusselig, wie früher und kassiert dafür auch noch den Anschiss. Und ich habe derzeit recht kompetente Assis. Wissen die Antworten auf meine Fragen und kuschen, wenn ich es sage.“

„Wie einfach du doch zufrieden zu stellen bist“, lachte Gretchen.

„Du hättest dir damals eine Menge Ärger erspart.“

„Tu nicht so selbstgefällig. Du weißt ganz genau, dass ich des Öfteren Recht hatte. Außerdem hatten wir selten Langeweile.“

Am Zielort angelangt, zahlte Marc das Taxi.

„Danke, Marc“, sagte Gretchen.

In ihren Händen hielt sie die Bügel ihrer Handtasche, schwenkte sie von rechts nach links und sah Marc etwas schüchtern an.

„Eh ja, bitte.“

„Und Danke für den Verlauf des Abends und…“

„Bedankst du dich gerade für den Sex?“

Unschuldig zuckte Gretchen mit den Schultern.

„Ach Hasenzahn“, Marc lehnte sich vor, hauchte ihr eine Kuss auf die Lippen und ließ kurz seine Hand an ihrer Wange verweilen, „Ich rufe dich an. Das schreit nach einer Wiederholung. Viel Spaß heute Abend bei der Arbeit.“

Ein zweiter Kuss folgte, diesmal etwas intensiver, ehe Marc in sein Auto stieg und einfach davonbrauste. Verwirrt stieg auch sie in ihren Golf und machte sich auf den Heimweg.

Nach einer weiteren Mütze voll Schlaf begab sich Gretchen auf den Weg zur Arbeit. Nachtschichten konnten sich manchmal ins Unendliche ziehen, wenn man nur Schreibkram zu tun hatte. Aber besser so, denn dann wusste sie, dass es den Kindern gut ging.
Um 21 Uhr an diesem Sonntagabend saß Gretchen über einer Fallrecherche. Neben ihr eine Plastikdose, gefüllt mit Nudelauflauf. Erschrocken zuckte sie aus ihrer Arbeit auf, als ihr Handy eine SMS ankündigte.


Mehdi Kaan Handy:
Alles klar bei dir?
18. August 21:04


Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie war sich sicher, dass Mehdi auf Informationen nur so brannte. Schnell wählte sie im Menü seine Nummer und wartete, bis er abnahm.

„Ich dachte du musst arbeiten“, sprach ihr bester Freund belustigt in den Hörer.

„Tu ich auch, Mehdi. Was gibt’s?“

„Ich wollte nur wissen, wie es dir geht. Ich weiß worauf Marc gestern aus war. Also?“

„Also was?“

„Na los, sag schon.“

„Mehdi, glaubst du, Marc meint es ernst, dass er mich will?“

„Hach Gretchen. Mehr als ernst.“

„Das kommt mir so irreal vor. Gestern Abend haben wir das erste Mal wieder miteinander geredet und jetzt sieht es schon wieder so…ja…ernst aus.“

„Presch einfach nicht zu sehr gleich wieder los. Gretchen, das ist Marc. Ihr kennt euch seit Ewigkeiten.“

„Ich weiß“, ein Piepen in ihrem Ohr, „Du, ich habe eine Nachricht. Wir hören voneinander, ja?“

„Mach’s gut, Gretchen.“

Aufgelegt. Neugierig stierte Gretchen auf ihr Handydisplay.
Unbekannte Nummer:


Wie ist die Nachtschicht?
18. August 21:23


Nanu? Wieder breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.


Erstaunlich ruhig. Wie kommst du mit
deinem Bericht voran?

Gesendet: 18. August 21:25


Schleppend. Abgabe ist morgen um
zehn. Habe also noch ein paar Stunden,
um dran zu arbeiten. Wie ruhig ist es denn?

18. August 21.26


Ruhig. Sehr ruhig. Ich lese gerade einen
Fachbericht. Neben mir steht mein Essen,
das mittlerweile kalt sein müsste. Der Kaffee
ist schon durchgelaufen.

Gesendet: 18. August 21:29


Mit Zucker und Milch, wie früher? Oder hast
du die Seiten gewechselt?

18. August 21:30


Nein, alles beim Alten. Immer noch süß.
Gesendet: 18. August 21:32


Reden wir jetzt von dir, oder vom Kaffee?
18. August 21:33


Sag du es mir.
Gesendet: 18. August 21:34


Dann reden wir von dir mit deinem Kaffee in
der Hand ;)

18. August 21:35


Ich hoffe, dir ist bewusst, dass du mich
von meiner Arbeit ablenkst.

Gesendet: 18. August 21:39


Ich hoffe, dir ist bewusst, dass du mich von
klaren Gedanken ablenkst. Und von meiner
Arbeit natürlich auch.

18. August 21:44


Du brauchst mir ja nicht zu schreiben,
dann lenkst du dich und mich auch nicht
mehr ab.

Gesendet: 18. August 21:51


Ich lasse mich gerne von dir ablenken ;)
18. August 21:54


Zum wiederholten Male löste Marc die Tastensperre seines Blackberrys, in der Hoffnung, die Ankunft einer eingehenden Kurznachricht von Gretchen übersehen zu haben. Doch da war nichts. Seinen logischen Schlussfolgerungen nach gab es nur zwei Möglichkeiten, warum er noch keine Antwort erhalten hatte:
1. Gretchen ist sauer auf ihn, oder zumindest genervt, weil er sie von ihrer Arbeit abhält.
2. Gretchen ist Ärztin und wurde zu einem Patienten gerufen.
Marc nutzte die Zeit indem er seinen Bericht beendete.

Müde strich er sich mit der Handfläche über das Gesicht. Seine Hand griff nach der Schreibtischlampe und schaltete diese aus. Mit ein paar Klicks war der Computer heruntergefahren. Er verließ das Büro, holte sich aus der Küche eine Flasche Wasser, stellte diese auf seinem Nachttisch ab und ging schlussendlich ins Bad. Sein Handy legte er auf dem Waschtisch ab und begann mit einer abendlichen Routine. Zähneputzen, Gesicht waschen, pinkeln, umziehen. Sein Handy blieb ruhig, auch als er bereits in seinen Kissen lag.


Ich entnehme deiner Abwesenheit mal,
dass du gerade im OP stehst und Leben
rettest. Ich habe meinen Bericht fertig und
versuche ein wenig Schlaf zu bekommen,
bevor es morgen zur Frühschicht geht.
Habe die Letzte ja nicht besonders viel
davon bekommen ;) Wünsche dir noch eine
ruhige Nacht.

18. August 23:37


Ach noch etwas:
Sehen wir uns Mittwoch zum Essen?

18. August 23:39

Pan79 ( gelöscht )
Beiträge:

19.09.2014 19:14
#10 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

.....hab mich extra angemeldet um Dir ein dickes Lob und Dankeschön für Deine Story dazulassen. Find es super das Du beiden Zeit zum reifen gibst, denk ein sofortiges ewiges Happyend wird beiden nicht Charakteren nicht gerecht. Zudem denk ich das Gretchen sich neben Marc nie wirklich für sich als Ärztin weiterentwickelt hätte. Denoch so alt und "erwachsen" wir auch werden sollt doch immer Platz für ein paar Träume bleiben. BITTE Bitte schreib schnell weiter und brech nicht ab, warte sehnsüchtig auf deine Fortsetzung

Elli Offline

stellv. Admine


Beiträge: 2.105

21.09.2014 14:55
#11 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Hallöchen!

Im Auftrag von Sally darf ich euch heute den neuen Teil posten.
LG und viel Spaß beim lesen!




Keine Antwort. Auch als er zuletzt um halb ein Uhr morgens auf das Display seines Handys sah, war keine Antwort gekommen. Marc las sich den Nachrichtenverlauf noch einmal durch. Hatte er sie abgelenkt und sie wurde dabei erwischt, wie sie ihrer Arbeit nicht nachging? Hatte sie wohl Ärger bekommen? Wegen ihm? Machte er sich gerade wirklich Gedanken darum? Warum hielten ihn seine Gedanken jetzt wach, wo er doch so dringend den fehlenden Schlaf nachholen sollte, der ihm als Arzt eh schon fehlte? Er schnaufte und ließ die Hand mit dem Handy laut in die Laken fallen. Der Raum, der bis eben noch durch das Display erhellt wurde, war nun der Dunkelheit verfallen.

Gott verdammt, Meier. Er verfluchte sich, dass er plötzlich wieder so ins Denken verfiel. Er machte sich hier doch gerade etwas vor. Seine Augen kniff er zusammen. Hoffte, dass er so schnell in den Schlaf finden würde. Gretchen war wieder in seinem Leben. Aktiv. Er konnte ihr wieder einem Zustand des Bekanntheitsgrades zuordnen. Nur welchem? Bekannte? Nein. Freundin? Zu platonisch, oder zu voreilig. Geliebte? Übertrieben. Affäre? War es nur eine Affäre? Gretchen war keine Affäre. Wie ein Sturm. Ein Sturm, der über ihn ausgebrochen war. Wie eine Eisenbahn, die ihn überfahren hatte, so schnell war Gretchen wieder aktiv in seinem Leben. Wieder und wieder rief er sich die vergangenen vierundzwanzig Stunden wieder in Gedächtnis. Er konnte sich nicht erklären, wie sie sich so nahe hatten kommen können. Gretchen hätte ihm auch die Augen auskratzen können. Sie hätte einfach gehen können. Ihn ignorieren können. Sie hätte ihn . . .

Strahlen. Strahlend hatte sie die Nachricht von Marc angesehen. Sich jedes Wort genau angeschaut. Er wollte mit ihr ausgehen. Fast hätte sie ihr Handy zur Brust geführt und es umarmt. Fast. Wäre da nicht der Notruf gewesen, der sie abrupt aus ihrer Freude gerissen hatte. Ihre Mundwinkel sackten nach unten. Es hätte so eine schöne Nacht werden können, wäre da nicht der Hilferuf eines Kindes gewesen. Es hätte eine schöne Nacht werden können.

Gretchen schob den Stuhl mit ihren Kniekehlen nach hinten, stopfte ihr Handy in die Kitteltasche und machte sich auf den Weg. Über den leeren Krankenhausflur, der, wenn es nicht schon so eine Gewohnheit wäre, ihr gruselig erschienen wäre. Es war so ruhig in der Nacht. Die spärliche Beleuchtung tat ihr übriges. Sie waren heute Nacht nicht sonderlich besetzt, was die Station noch leerer erscheinen ließ. Kurz zog sie ihre Hose hoch, die sich vom Sitzen unbequem gemacht hatte. Eine Antwort an Marc zu schreiben war vergessen. Marc war in diesem Moment vergessen. Sie öffnete die Tür zu dem Krankenzimmer, zu dem sie gerufen worden war.

Ganz sachte drückte Gretchen die Klinke herunter, linste vorsichtig in den hell erleuchteten Raum. Schwester Louisa hockte vor dem Stuhl, der an der langen Wand des Raumes stand. Darauf saß eine junge Mutter mit ihrem Sohn auf dem Schoß. Der kleine hatte tränenverschmierte Wangen. Das Näschen ganz rot und verschnupft.

„Guten Abend“, lächelte Gretchen freundlich. Die Stimme gesenkt und feinfühlig.

„Hallo Frau Doktor Haase, es tut mir so leid, dass . . .“, sprach die Mutter ängstlich.

„Dafür bin ich doch hier, Frau Möller“, lächelte Gretchen der Mutter zu.

Gretchen näherte sich dem Paar auf dem Stuhl. Schwester Louisa erhob sich, um ihr Platz zu machen. Gretchen arbeitete gerne mit Louisa, die erst kürzlich mit ihrer Ausbildung fertig geworden war. Sie hatte auch in diesen drei Jahren mit dem jungen Mädchen gerne zusammen gearbeitet. Louisa war immer sehr aufmerksam bei ihren kleinen Patienten. Merkte schnell, wenn etwas nicht stimmte und hatte schon oft bewiesen, dass sie auch Medizin hätte studieren können, ihr aber durch einige Strapazen in der Laufbahn dieser Bildungsweg enthalten blieb. Gretchen hatte ihr den Vorschlag gemacht, doch nach der Ausbildung noch zu studieren. Sie hatte Talent, die Louisa, das wusste Gretchen von Anfang an.

Interessiert beobachtete die blonde Kinderkrankenschwester ihr Idol bei der Arbeit. Wie Gretchen sich nun vor den kleinen Jungen kniete und der Mutter beruhigend zunickte. Der kleine Junge schniefte. Er hing schlaff auf dem Schoß seiner Mutter. Bis auf die linke Hand. Die linke Hand hatte sich an den Kragen des Schlafanzuges der Mutter gekrallt. Louisa liebte es Frau Doktor Haase bei der Arbeit über die Schulter zu sehen. Sie lernte so gerne von ihr. Doktor Haase hatte ihr angeboten, genau zu beobachten. Hatte es ihr geraten. Das würde ihr im Studium weiterhelfen.

„Hallo Nils. Was hast du denn für einen tollen Schlafanzug an?“, sprach Gretchen ruhig auf den kleinen Jungen ein. Dieser schniefte wiederum nur als Antwort. Gretchen sah über ihre Schulter zu Louisa.

„Er klagt über Schmerzen im oberen Abdomen“, erklärte die Krankenschwester.

Gretchen lächelte kurz und widmete ihre Aufmerksamkeit nun dem kleinen Nils.

„So Nils, kann deine Mama dich einmal auf dein Bettchen legen?“

„Komm Schatz, Doktor Haase macht dich wieder gesund“, sprach Frau Möller ihrem vierjährigen Sohn zu, als sie ihn auf das Bettchen setzte.

Der Kleine führte seinen Daumen zu seinem Mund, an dem er zu saugen begann. Gretchen hatte sich erhoben und stellte sich vor das Bettchen neben Frau Möller.

„Und damit ich dich wieder gesund machen kann, musst du dich hinlegen und deinen Schlafanzug am Bauch hochziehen. Kannst du das, oder soll dir deine Mama dabei helfen?“

Nils legte sich zwar hin, ließ seinen Daumen aber im Mund. Frau Möller zog ihm vorsichtig das Oberteil vom Bauch.

„Ich werde seinen Bauch jetzt ein bisschen drücken. So, wie ich das gestern schon gemacht habe. Das tut gar nicht weh, stimmt’s?“, fragte Gretchen den Jungen, der nickte und sie mit großen Kulleraugen ansah. „Zeig mir mal, wo es genau wehtut.“

Nils zeigte auf seine Magengegen und bestätigte Gretchens verdacht. Sie tastete vorsichtig den Bereich ab, klopfte kurz und versicherte sich mit dem Stethoskop. Dann zog sie das Oberteil des Jungen wieder herunter.

„Es ist alles in Ordnung, Nils. Deinem Bauch geht es da gut. Du hast nur viel zu viel Luft geschluckt. Bald musst du dann ganz viel pupsen. Damit kannst du dann deine Mama nerven“, zwinkerte sie der Mutter zu.

Nils kicherte. Die Augen ganz träge. Die Tränen salzig angetrocknet. Gretchen versicherte sich noch, dass Nils‘ ursprüngliches Anliegen auch in Ordnung war und verabschiedete sich dann mit Gutenachtwünschen. Mit Louisa ging sie dann einen Kaffee trinken. Sie erzählte ihr von ihrer Recherche und wie sie mit dem Fall vorankam. Louisa hörte der blondgelockten Ärztin aufmerksam zu. So hatten sie beiden schon oft zusammengesessen. Louisa machte gerne Nachtschichten mit Gretchen. Sie harmonierten miteinander. Fachsimpelten. Retteten Leben. Gretchen war so viertieft in die Gespräche mit der Krankenschwester, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Zeit verstrich. Sie dachte nicht an Marc und die Antwort, die sie nicht verfasst hatte. Diese Nacht blieb ruhig. Die Damen quatschten miteinander. Versorgten ihre Patienten, die nur ganz selten etwas brauchten, lasen sich Falldarstellungen durch und besprachen dieses und jenes, ohne, dass die Arbeit links liegen blieb.

Erst als Gretchen erschöpft auf der Bank der Umkleidekabine saß, sie ihre Füße ausgestreckt hatte, die sie zuvor von ihren Schuhen befreit hatte, sie ihren Kittel ausgezogen hatten und die Kopf in den Nacken gelegt hatte, fanden ihre Gedanken wieder zu einem anderen Thema. Einem Thema außerhalb des Krankenhauses. Marc. Wie war das möglich, dass sie ihn so vergessen hatte? Eilig griff sie in die Tasche des Kittels, der neben ihr auf der Bank lag und zog ihr Handy heraus. Müde rieb sie sich ihr rechtes Auge. Sah auf den Display. Neue Nachrichten wurden ihr angezeigt. Ihr Herz hüpfte. Es hüpfte, auch wenn sie nicht einmal an diesen Mann hatte denken müssen in der Zeit, in der sie seit Mitternacht gearbeitet hatte. War das ein gutes Zeichen? War sie resistenter geworden? War sie immun? War sie wohlmöglich nicht mehr in Marc Meier verschossen? Hatte sie nicht genau das noch gedacht, letzte Nacht, als er sie so verwöhnt hatte? Oder als sie sich ansatzweise ausgesprochen hatten? War es nur die pure Erinnerung an ihn, die ihr Herz hüpfen ließ, ohne tiefgründige Gefühle für ihn? Reine Erinnerung an eine längst vergangene Zeit? Hatte sie ihm nicht gesagt, sie würde sich wieder in ihn verlieben? Hatte sie sich das nur eingebildet, einfach, weil sie es schon so gewohnt war, in Marc Meier verliebt zu sein? Sie las die Nachrichten.

Er wollte mit ihr Essen gehen. Müde, wie sie war, lächelte sie ihr Handy an. Er gab sich mühe, dass wusste sie. Rationales Denken war etwas, was sie gerade nicht tun konnte. Aber eine nette SMS sollte sie ihm schon noch schenken, bevor sie jetzt gleich den Heimweg antreten würde und dann schleunigst ins Bett fallen würde. Eine SMS, dazu war sie noch im Stande. Nur eine direkte Antwort würde sie ihm noch nicht liefern. Dazu wollte sie denken können. Wollte sich sicher sein, dass sie bereit war für ein weiteres Treffen mit ihm. Mit Marc, der plötzlich wieder in ihrem Leben war. Ein paar Stunden Schlaf, die musste er noch warten. Die Zeit musste er ihr geben.

Richtig geraten. Ich musste Menschenleben
retten. Werde nun nach Hause fahren und
endlich schlafen.

Gesendet: 19. August 6:32

Fünfzehn Minuten. Es nahm genau fünfzehn Minuten in Anspruch, bis sie in ihrer Wohnung angelangt war. Die Wohnung so in Krankenhausnähe bekommen zu haben, pure Glückssache. Zunächst war sie jeden Morgen immer gependelt. Hatte sich den Golf genau für diesen Zweck angeschafft, doch dieses ewige Bahnfahren zerrte an ihren Nerven. Martin, der damals seit drei Monaten an ihrer Seite war, hatte sie zur Wohnungsbesichtigung begleitet. Er hatte ihr geholfen, die Möbel in die Wohnung zu tragen. Hatte sein Talent im Handwerk bewiesen und ihr lieber andere Aufgaben überlassen. Er kam sie oft besuchen. Er war nur ein kurzer Abschnitt in ihrem Leben gewesen.
Marc jedoch war irgendwie immer da gewesen. Naja, zumindest den Großteil ihres bisherigen Lebens. Gretchen stellte ihre Tasche in der Küche ab und betätigte den Knopf des Wasserkochers. Routiniert fischte sie eine Tasse aus dem Schrank und legte schon mal einen Teebeutel hinein. Das tat sie schon eine ganze Zeit so. Ein Tee zum runterkommen nach einer langen Nacht auf Station. Kurz sah sie auf ihren Kalender an der Wand, ob sie vielleicht irgendetwas vergessen hatte, was noch anstand, doch sie fand nur ein leeres Feld. Leise begann der Wasserkocher Geräusche von sich zu geben. Ihr Blick wanderte über die Arbeitsfläche der Küchenzeile, hin zur Spüle, in der zwei Tassen standen. Ihre Tasse. Und Marcs. Es war also wirklich real gewesen. Sie lächelte, ohne es zu merken. Ihre Fingerspitzen fuhren über die Kante der Zeile. Ihr Tagebuch, schoss es ihr durch den Kopf, bekam endlich wieder etwas zum Füllen.

Das Wasser kochte. Gretchen füllte ihre Tasse mit Wasser, verließ die Küche und begab sich ins Schlafzimmer. Dort stellte sie den Tee auf dem Nachtschränkchen ab. Die Bettwäsche hatte sie bereits gewechselt. Das Handy zog sie aus ihrer Hosentasche und legte es neben die Tasse. Jetzt hatte sie nur noch das Bedürfnis, sich ihren Schlafanzug anzuziehen, die Zähne zu putzen, sich das Gesicht zu waschen und in die Federn zu huschen. Schlaf. Sie brauchte so dringend jetzt Schlaf.

Marc sah auf das Display seines Handys. Zum wiederholten Male an diesem Tag. Da war sie. Die Nachricht. Diese Nachricht, die er sehnlichst erwartet hatte. Und er war enttäuscht. Enttäuscht? Fühlte er sich wirklich so? Konnte man das, was gerade sein Unwohlsein ausmachte, Enttäuschung nennen? Vielleicht hatte er einfach zu viel erwartet. Zu viel von Gretchen, zu viel von sich.
Er hatte schon vor dem eigentlichen Wachwerden auf sein Handy gesehen. Mit dem Klingeln seines Weckers. Nichts. Der Nachrichtenspeicher war leer gewesen. Er war duschen gegangen. Die tägliche morgendliche Hygieneroutine. Hatte sich angezogen. Seine Sachen gepackt. Hatte immer wieder auf sein Handy gesehen. Jedes Mal mit demselben Resultat. Leere. Wieder startete sein Gehirn, ihm Spekulationen vorzuschlagen. Er glaubte keiner Einzigen mehr. Gretchen hatte ihm nicht geantwortet.
Marc hatte das so hingenommen. Was hätte er auch erwarten sollen? Dass sie ihm gleich wieder um den Hals fällt? Ihm ununterbrochen Nachrichten sendet? Konnte er so etwas wirklich von einer sechsunddreißigjährigen Frau erwarten? Er war in sein Auto gestiegen und zum Krankenhaus gefahren. Seinen Bericht hatte er gestern spät Abend noch abgeschickt. Jetzt saß ihm die Zeit erst einmal nicht mehr im Nacken. Arbeit. Er hatte auch noch andere Dinge zu tun, als an eine blonde Frau mit großen Möpsen zu denken. Andere Dinge, wie Schwester Sabine um einen Kaffee zu bitten, für den er heute Morgen noch keine Zeit gehabt hatte. Andere Dinge wie, dem neuen Assistenzarzt auf den Zahn zu fühlen. Wie Hasenzahn damals.
Er schüttelte den Kopf, als er den Schlüssel aus dem Zündschloss zog. Griff nach seinen Sachen auf dem Beifahrersitz und marschierte zum Eingang des Elisabethkrankenhauses. Der Aufzug war leer. Das kam nur selten vor. Heute, heute da hasste es Marc, dass der Aufzug leer war. Hier hatte sie ihn geküsst. Hier hatte er sie geküsst. Hier hatten sie sich gestritten. Hier hatten sie rumgealbert. Hier hatten sie um das Leben von Patienten gebangt. Gott, alles hier erinnerte ihn gerade an diese gottverdammte Frau. Das Wort „Gott“ wurde ihm mehr und mehr zuwider. Die Aufzugtür öffnete sich und seine Station empfing ihn mit Lärm. Vielleicht war es in dem ruhigen Aufzug mit Hasenzahngedanken doch gar nicht so schlimm.
Er hob seinen Kopf, wendete den Blick vom Display zur Kaffeetasse vor sich. An der Kaffeekanne hatte er sich eben selbst bedienen müssen. Schwester Sophia hatte heute keinen Dienst. Schwester Sabine kümmerte sich um die Patienten. Die Dienstübergabe war schon über die Bühne. Er drehte das Handy in der Hand. Legte es dann auf den Tisch neben die Kaffeetasse. Gretchen war müde. Das hatte sie geschrieben. Sie hatte Nachtdienst. Vielleicht hatte sie seine Nachricht auch einfach überlesen oder sie wurde gar nicht durchgestellt. Abwarten. Und zwar die nächsten sieben bis acht Stunden, bis Gretchen ausgeschlafen sein müsste und sie ihm eventuell eine weitere Nachricht schreiben würde. Er hatte da jetzt keine Macht drüber.

„Na Marc.“

Ein mehr als gut gelaunter Mehdi hatte soeben das Stationszimmer betreten, in dem Marc seit einer Viertelstunde saß und auf seinen Handybildschirm geschaut hatte. Sein Bein überschlug Marc, faltete die Arme vor der Brust und nickte Mehdi begrüßend zu. Dieser schnappte sich einen der anderen Stühle und platzierte seinen Hosenboden darauf. Ein mehr als breites Grinsen prangte auf seinem Gesicht. Marc rollte mit den Augen. Das konnte nur eins bedeuten: Mehdi wollte Informationen.

Natürlich war Mehdi neugierig. Gretchen hatte sich nicht viel dazu geäußert. Er hatte keine Ahnung, über was die beiden in seinem Flur geredet hatten. Hatte keine Ahnung, ob sie getrennt oder gemeinsam nach Hause gefahren waren. Alles was Mehdi wusste, war das, was Gretchen ihn am Telefon gefragt hatte und das, was Edith ihm berichtet hatte. Und aus Gretchens Frage, ob Marc es ernst mit ihr meine, malte er sich skurrile Theorien aus, was zwischen den beiden nun vorgefallen war. Vielleicht war Marc ja heute in Redelaune und würde sich seinem besten Freund, also ihm, Mehdi Kaan, etwas anvertrauen. Ihn einweihen. Ihm seine Gefühle mitteilen. Ihn um Rat fragen? Ihm . . .

Sally Offline

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28.09.2014 22:11
#12 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

„Was glotzt du so?“

Gut, Marc war vielleicht nicht in Redelaune. Beim näheren Betrachten seines Gegenübers stellte Mehdi gar eine gewisse Niedergeschlagenheit fest. Vielleicht war Marc auch einfach nur müde.

„Edith hatte ganz vergessen, dir noch etwas zu Essen mitzugeben. Du bist ja so plötzlich gegangen“, versuchte Mehdi einen Anfang zu machen.

„Du willst doch wissen, was mit Gretchen war, oder? Benutzt du deine Frau immer so, so als Ausrede?“

„Nein, sie wollte dir wirklich etwas zu Essen mitgeben, aber hat dir für das nächste Mal etwas eingefroren. Und jetzt: Was ist mit Gretchen?“

„Ich habe sie gebumst.“

Marcs Mundwinkel zuckte aus unterdrücktem Amüsement und Mehdis Kinnlade klappte herunter. So viel zu seinem Ratschlag, sie solle nicht so nach vorne preschen, aber da war es wohlmöglich eh schon zu spät gewesen. Immerhin hatten sich seine beiden besten Freunde nicht die Augen ausgekratzt. Und während Mehdi seinen besten Freund noch immer sprachlos ansah, Marc mit seinen Gedanken bei einem nackten Frauenkörper war, herrschte auf dem Flur der chirurgischen Station wildes Krankenhaustreiben. Die Schwestern, die gelegentlich das Stationszimmer betraten. Sabine, die ihren Platz hinter dem Tresen der Anmeldung Platz genommen hatte, sich ihr Buch geschnappt hatte und von der interessanten Unterhaltung der beiden Männer davon abgehalten wurde. Das alles blendeten die beiden Männer aus.

Sabines Ohren waren gespitzt. Sie hatte die Frau Doktor und den Herrn Doktor genauestens auf der Party beobachtet. Für sie war es klar, dass die beiden zusammen gehörten. Zu oft war sie ein stummer Zeuge in der Vergangenheit gewesen. Wie Marc Gretchen damals geküsst hatte, als er sie wiederbeleben musste, nachdem sie sich einen Stromschlag am Herzschrittmacher eines Patienten geholt hatte. Die Blicke, die er ihr zugeworfen hatte. Die Beinahe-Tränen! Gedanklich seufzte Sabine, als sie an die tolle Zeit denken musste, als die Frau Doktor noch hier im Elisabethkrankenhaus gearbeitet hatte. Sabine und Maria hatten nicht gelogen, als sie sagten, dass der Herr Doktor Meier ruhiger geworden sei. Vielleicht klang es etwas zu theatralisch, aber Sabine fand, dass als Doktor Haase ging, ging auch etwas von Doktor Meier mit ihr. Gerne hätte sie es gehabt, dass seine spitzen Bemerkungen und Beleidigungen gegangen waren, aber das war leider nur reines Wunschdenken.

Sabine hatte Veränderungen feststellen können. Doktor Meier arbeitete noch intensiver. Beschäftigte sich plötzlich mit den Patienten und arbeitete sie nicht mehr nur noch ab. Er nahm nur Urlaub, wenn man es ihm aufzwang. Er hörte sich manchmal an, wenn ihm jemand etwas zu sagen hatte, wenn es sich um medizinische Belange handelte. Anfangs hatte er sich noch in seinem Büro versteckt, wie er es zur Zeit getan hatte, als Gretchen und er noch nebeneinander her auf Station gearbeitet hatten. Immer öfter hatte er seine Pausen dann im Stationszimmer verbracht, wo oftmals Doktor Kaan und Frau Doktor Hassmann mit ihm am Tisch gesessen hatten. Als suche er Kontakt zu anderen Menschen. Als brauche er Gesellschaft. Er begann sich für Nichtigkeiten zu bedanken, wenn sie ihm zum Beispiel einen Kaffee gekocht hatte. Als das das erste Mal passiert war, war Sabine sprachlos gewesen! War fast von ihrem Glauben abgefallen. Es kam noch öfter zu solchen Momenten, wo Sabine glaubte, den Doktor Meier nicht wieder zu erkennen. Er schien zwar mit sich zufrieden, aber auf eine bedrückte Weise. Sie konnte es nicht beschreiben. Manchmal glaubte sie, dass er die Frau Doktor vermissen würde. Aber genau wusste sie das nicht, weil er ihr dann doch wieder einen Spruch entgegenknallte und eine normale Stimmung auf der chirurgischen Station herrschte.

Eine weitere Veränderung bewegte den Doktor Meier, als die Station erweitert wurde. Mehr Angestellte herumliefen, denen er Anweisungen erteilen konnte. Wenn Doktor Meier seines Erachtens gescheite Fälle auf dem OP-Tisch liegen hatte, dann schien er zufrieden und im Einklang mit sich selbst. Die neuen Kollegen konnten die uninteressanten und langweiligen Eingriffe übernehmen und Doktor Meier wetzte seine Messer für wirklich interessante Patienten. Ihn jetzt hier im Stationszimmer sitzen zu sehen, im Gespräch mit Doktor Kaan, war für Schwester Sabine mittlerweile etwas Alltägliches geworden. Die Unterhaltung mit anzuhören ebenso. Der Inhalt jedoch kam überraschend. Fast hätte sie vor Schreck ihr Buch fallen lassen, was sie sich natürlich nicht leisten konnte, schien der Doktor Meier heute nicht in bester Laune zu sein, sodass es zu einer Unterweisung hätte kommen können. Fest in ihren Händen hielt sie ihr Buch, während sie dem Gespräch der beiden Männer lauschte.

„Aber nicht in meinem Schlafzimmer, oder? Oder in einem der Kinderzimmer?“, fragte Mehdi entsetzt. Gretchen und Marc waren immerhin eine ganze Weile im Obergeschoss verweilt.

„In ihrer Wohnung“, kam es nur nüchtern von Marc zurück.

„Gretchen hat mit mir telefoniert. Sie fragte mich, ob du es ernst mit ihr meinen würdest.“

„Was hast du ihr gesagt?“

„Mehr als ernst.“

„Hat Edith es dir gesagt?“ Marc wartete Mehdis Nicken ab. „Das ihr Frauen aber auch wirklich alles untereinander betratschen müsst.“

„Was müssen wir Frauen immer betratschen?“, fragte Maria Hassmann, die soeben das Stationszimmer betreten hatte.

Neugierig blickte sie die beiden Männer an, hob eine Augenbraue. Sie schnappte sich den leeren Stuhl zwischen den beiden und nahm darauf Platz.

„Du bekommst von mir `nen Fuffi“, sagte Mehdi an Maria gewandt.

„Super, kann ich gleich an meine nervige Tochter weitergeben. Die liegt mir wieder in den Ohren, dass sie ja angeblich zu wenig Geld von mir bekommt“, rollte Maria mit den Augen.

„Du gibst ihr Geld?“, frage Marc ungläubig Mehdi.

„Wir haben gewettet. Maria hat gewonnen“, erklärte der Halbperser ruhig.

„Und was habt ihr gewettet?“, fragte Marc nun gereizt.

„Ob du Haase die Nacht noch bumst“, man sah Maria ihren Triumpf am Gesicht an.

Marc war mehr oder weniger Fassungslos. Da wettete man einfach hinter seinem Rücken. Er hätte ja selbst in die Wette einsteigen können. In diesem Fall wäre auch Geld für ihn rausgekommen. Man konnte halt nicht alles haben. Er nahm einen Schluck seines lauwarmen Kaffees.

„Glückwunsch“, meinte Marc nur zu Maria, die bereits ihre Hand gen Mehdi ausgestreckt hatte und ihr Preisgeld erwartete.

„Später“, gab dieser nur von sich und wandte sich wieder seinem Kumpel zu. Er hatte noch nicht die Antwort von Marc erhalten, die er hatte wissen wollen. „Also Marc, habe ich das Richtige zu Gretchen gesagt?“

„Boah, du nervst, Kaan!“, rollte Marc mit den Augen.

Maria Hassmanns Augen huschten zwischen den beiden Männern hin und her. Ein wissender Ausdruck spiegelte sich darin wider. Es war ihr nicht schwer gefallen, zu wetten. Sie hatte Haase und Meier genau beobachtet, trotz ihres leicht angehobenen Alkoholspiegels im Blut, vielleicht auch gerade deswegen, hatte sie es drauf angelegt, Marc und Gretchen an einen Tisch zu holen. Es war doch immer noch so einfach, zwei Menschen zusammen zuführen, wie damals in ihrer Studienzeit. Sie hatte es einfach nicht mehr mit ansehen können, wie sich die beiden heimlich beäugelten. Und das jedes Mal, wenn es zu diesen Feiern kam, auf denen sie aufeinanderstießen. Tja, und was aus einer kleinen Runde zusammen unter alten Kollegen werden konnte, hatte sie ja gerade mit ihren eigenen Ohren hören können. Die klitzekleine romantische Ader in ihr jubelte, dass es manchmal doch noch etwas Hoffnung gab, zwei verhärtete Seiten wieder aneinander zu führen. Und nicht zu vergessen konnte sie ihrer Tochter ein wenig Taschengeld in die Hand drücken, wenn sie am Wochenende zu besuch kam.

Maria musste schmunzeln, als ihr eine Erinnerungssequenz vor Augen kam, von damals, als Gretchen Haase gerade das Elisabethkrankenhaus verlassen hatte. Sie hatte mit Marc Meier operieren müssen. Es war keine einfache OP gewesen. Er war angespannt gewesen. Sie war es ebenso. Und da war es einfach aus seinem Mund gesprudelt gekommen. „Boah Haaas…“ Mehr hatte er zwar nicht gesagt, doch sie hatte aus der Betonung herausgehört, dass Marc ganz sicher nicht sie selbst gemeint hatte. Und später hatte Maria von Sabine erfahren, dass es wohl des Öfteren schon vorgekommen war, dass Doktor Meier versehentlich mit Gretchen Haase schimpfte, ohne das die erwähnte Person im Raum war, geschweige denn noch auf seiner Station arbeitete.

Maria hatte es doch die ganze Zeit geahnt, dass der sonst so taffe Oberarzt sich in die blonde, ihres Erachtens nur mittelmäßig gebildete, Ärztin verguckt hatte. Der Einzige, der es nicht hatte wahrhaben wollen, war Monsieur Meier persönlich.
Es war also keineswegs schwer gewesen, ihren Wetteinsatz zu geben. Ihre weibliche Spürnase lag niemals falsch!

Marc erhob sich. Er hatte keinen Bock auf ein Kreuzverhört seines besten Freundes und einer neunmalklugen Neurochirurgin. Er hatte noch zu tun. Arbeit war schon immer das gewesen, womit er sich am besten hatte ablenken können. Das hatte schon vor vier Jahren funktioniert und sollte also auch heute wieder klappen. Er hatte noch einige Nacharbeiten zu tun, die er vor sich hingeschoben hatte, als er an seinem Bericht gearbeitet hatte. Und wenn er das erledigt hatte, konnte er sich auf eine geplante OP am Nachmittag freuen.


Sie hatte keinerlei Zeitgefühl, als sie die Augen aufschlug. Hatte sie lange geschlafen? Waren es nur drei Stunden gewesen? Sie konnte sich ihre Fragen erst nach einem Blick auf die Uhrzeit beantworten. Ganz schläfrig war sie noch. Musste sich durch die Augen reiben und dann alle Gliedmaße von sich strecken. Hinter den dicken Vorhängen, die ihre Fenster vor Eindringen der Helligkeit schützen sollten, lugten ein paar Strahlen hervor. Aber natürlich war es hell. Sie war ja bereits bei Helligkeit nach Hause gekommen.

Sie tastete nach ihrer Bille. Gretchen schlug die Bettdecke beiseite und verweilte auf der Bettkannte. Ihr Handy. Es lag auf dem Nachttisch, wo zuvor auch ihre Brille gelegen hatte. Sie griff danach. War es nun Zeit, ihm eine Antwort zu schreiben? Es war halb zwei Uhr am Nachmittag. Von Marc war keine Reaktion mehr gekommen. Gut, was hätte er auch auf ihre SMS antworten können? Vielleicht ein „Gute Nacht“? Sie schüttelte leicht ihren Kopf und verließ ihr Bett. Kaffee war es nun, was sie dringend brauchte. Der ihre Lebensgeister wecken sollte. Noch immer standen die Tassen in der Spüle. Sie hatte noch nicht die Kraft aufwenden können, den Abwasch zu machen. Eine Spülmaschine hatte sie sich nicht angeschafft. Das lohnte sich für eine, höchstens zwei Personen nicht.

Sie las sich ihre Unterhaltung mit Marc noch einmal durch. Wenn sie an die Stunden mit ihm dachte, fühlte sie nichts. Nicht so, wie in der Nacht selbst. Da hatte sie eindeutig etwas gefühlt. Sie hatte ihm sogar gesagt, sie würde sich wieder in ihn verlieben können. Was hatte sie da geritten? Und warum machte sie sich erst jetzt Gedanken um ihr Seelenwohl? Wie hatte es nur passieren können, dass sie so schnell wieder mit Marc Meier im Bett gelandet ist? War sie nun total Meschugge? Ein Schluck Kaffee konnte vielleicht ihre Gedanken klarer machen.
Es half nicht. Wieder und wieder stellte sie sich diese Fragen. Warum Marc Meier? Und warum waren da jetzt keine Gefühle? Vielleicht hatte sie diese Mini-Aussprache und ein letztes Mal Körperkontakt mit ihm gebraucht, um auch wirklich, ein für alle Male mit ihm abzuschließen. Vielleicht hatte er sie auch mit irgendwas in ihrem Drink, den er ihr gereicht hatte, gefügig gemacht?! Oh, was dachte sie da nur? Hm, ein Toast mit Nutella. Das war es, was sie heute zum Frühstück benötigte.

Es ging doch nichts über geschmolzene Schokolade auf Toast und dazu Kaffee. Gretchen schloss die Augen und fühlte sich wie im Himmel. Bis ihr wieder einfiel, dass sie ja noch eine Antwort auf Marcs Frage geben sollte. Das dämpfte ihr Glücksgefühl, das sie bis gerade verspürt hatte. Sollte sie es wagen und sich mit ihm treffen? Wollte sie das überhaupt? Morgen war Mittwoch. Morgen könnte sie Marc wiedersehen. Gretchen stand auf, nahm die Tasse und stellte den benutzten Teller in die Spüle. Ließ ihren Blick kurz auf den benutzten Tassen des besagten Morgen verweilen und goss sich dann heißen Kaffee ein. Milch und Zucker hinzu. Ihr Weg führte in das kleine Wohnzimmer mit dem Erker. Die Tasse stellte die auf das kleine Tischchen, das vor dem Erker stand. Diese Nische selbst bot einen Platz, wie eine Fensterbank, zum sitzen. Gretchen hatte alles mit Kissen ausgelegt. In den Schränken darunter, da holte sie nun ein Büchlein heraus, das schon einige Zeit nicht mehr angerührt worden war. Es war kitschig rosa. Und dieser Stift mit dem pinken Puschel war an das Buch geklemmt.

Ihr Tagebuch. Sie hatte es in einem Schrank eingeschlossen. All die Erinnerungen, die sie darin aufgeführt hatte, schlummerten seit nun fast vier Jahren im Dunklen. Hier stand alles drin. Sie nahm noch ein zweites Buch aus dem Schrank und machte es sich in dem Haufen von Kissen gemütlich. Draußen auf der Straße herrschte das alltägliche Treiben, doch Gretchen war in ihrer eigenen Welt. In der Vergangenheit. Sie schlug das zuerst geholte Buch auf der letzten Seite auf. Da stand es. Blau auf weiß. Sie blätterte ein paar Seiten zurück. Was ihre Augen beim Überfliegen ihrer eigenen Worte sahen, brannte ihr in der Brust. Sie hatte sich mal geschworen, dies nie wieder zu lesen. Hatte nicht mehr dran denken wollen. Und doch hatte sie das Tagebuch, in dem sämtliche Erinnerungen an die Zeit im Elisabethkrankenhaus steckten, nicht wegschmeißen können. Das dritte Buch, das sie noch aus dieser Zeit besaß und den ganzen anfänglichen Schlamassel, wie sie Marc Meier damals im Aufzug wiedertraf, hatte sie gleich im Schrank gelassen. In diesem hier, das sie gerade in der Hand hielt, standen Dinge ihrer misslichen Ehe mit Alexis, diesem Betrügerschwein. Hier stand drin, wie Marc angeschossen wurde. Wie sie ihn hatte wieder beleben müssen. All diese Erinnerungen steckten in diesem Buch.

Und dann waren da die Worte am Ende. Schluss. Es ist Schluss.

Sally Offline

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05.10.2014 14:29
#13 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Sie hatte schon so viele Niederlagen in ihrem Leben durchstanden, aber diese paar Worte taten ihr so weh, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Es war nicht die Tatsache, dass sie die Trennung von Marc nicht verarbeitet hatte. Vielmehr waren es die Erinnerungen und die daran geknüpften Gefühle, diese Gefühle, die sie noch immer spüren konnte, die ihr so in der Brust brannten. Was also veranlasste Marc plötzlich, jetzt, nach sechs Jahren, wieder mit ihr etwas anzufangen? Anfangen war jetzt vielleicht etwas hochgegriffen, aber war es nicht das, worauf es nun hinauslief? Dass sie beide wieder friedlich vereint sein würden? Es war nur ein Essen, dessen war sich Gretchen bewusst. Aber sie hatten miteinander geschlafen. Sie hatten sich Dinge gesagt, die sie sich sonst nie gesagt hätten.
Schluss. Gretchen kam zu der Stelle, als sie in Afrika waren. Ein Bild klebte dort. Eines von den vielen Fotos, die sie im Fotoautomaten bei ihrer Ankunft in Deutschland gemacht hatten. Sie hatte lange nicht an diese Zeit gedacht. Allgemein hatte sie Gedanken an alles, was mit Marc Meier zu tun hatte, vermieden. Sie schloss das Buch.

Der Inhalt der halbleeren Tasse war nur noch lauwarm, weshalb sie den Kaffee schnell ihre Kehle runterspülte. Das andere Buch war nicht rosa. Es war schwarz. Sie hatte es aus einer Laune heraus gekauft. Wollte eigentlich kein Tagebuch mehr führen. Sie hatte eine Zeit lang einfach nichts mehr zu erzählen. Ganze fünf Tage nach der Trennung. Ganze fünf Tage hatte sie nichts geschrieben. Es hatte in ihr gebrodelt. Sie war noch abends in einen Laden gestürmt, um ein neues Tagebuch zu kaufen. Schwarz hatte sie als durchaus angemessen empfunden. Es war schwarzes Leder. Den Kugelschreiber hatte sie fest aufgesetzt. Das konnte sie an ihrer Schriftführung sehen. Aggressiv wirkte es. OH, was war sie damals wütend gewesen, wie sie von der Zeit nach der Trennung von Marc berichtet hatte. Und manchmal konnte sie ein paar Wörter erkennen, die verschmiert waren. Sie hatte geweint. Sie hat an einigen Abenden so sehr viel geweint, dass sie ihrem Ärztewissen fast gefolgt wäre und sich eine Infusion gelegt hätte. Schokoflecken. Gretchen versuchte einen der Flecken mit dem Zeigefinger zu beseitigen. Erfolglos.

Ihre Brille war etwas auf der Nase heruntergerutscht und musste zurechtgeschoben werden. Der Zeigefinger war darin echt gut, die Brille wieder auf Position zu rücken. Wie blind sie ohne Sehhilfe war. Und als wäre sie nicht schon lange genug mit einer Brille und Kontaktlinsen gestraft, hatte sich ihre Sehstärke noch etwas verschlechtert. Vielleicht sollte sie doch einmal eine Laserbehandlung durchführen lassen. Man konnte sein Geld aber auch in sinnvollere Dinge stecken. In schwarze, in Leder gebundene, Tagebücher und pinke Puschel-Stifte zum Beispiel. Wie Marc wohl reagiert hätte, wenn er sie mit Brille gesehen hätte? Wenn sie da nur an Afrika dachte, als sie ein älteres Modell mithatte und er sie damit wirklich gemein aufgezogen hatte. Jetzt trug sie ein modernes Gestell. Erst vor drei Monaten hatte sie es erstanden. Vielleicht sollte sie öfter ihre Brille tragen? Warum also war es ihr so wichtig gewesen, dass Marc nicht ihre Brille entdeckte, obwohl er wusste, dass sie eine brauchte? Spielte sie plötzlich wieder dieses Spiel, für ihn perfekt sein zu müssen?

Die Brille saß also nun an Ort und Stelle. Ihr Blick ruhte auf ihrem Geschriebenen. Im Grunde sprach nichts dafür, sich ein weiteres Mal mit Marc zu treffen. Doch da war die Neugier. Sie wollte gerne mehr wissen. Er schien auch interessiert zu sein, warum es zu der Trennung kam. Und sie hatte ganz sicher etwas gefühlt, als sie mit Marc in der Nacht zusammen war. Nach all den Jahren war da doch noch was. Warum also sollte sie sich nicht auf das Spiel mit dem Schicksal einlassen? All das, was in diesen Büchern stand, war geschehen. Konnte nicht rückgängig gemacht werden. Aber sie könnte an dem Verlauf der weiteren Geschichte jetzt etwas ändern. Sie konnte ihrem Patenkind Fabio später davon erzählen. Oder Jochens Kindern. Eigene Kinder hatte sie ja nicht. Es war doch immer schön von Menschen zu hören, wie sie von der Liebe ihres Lebens erzählten. Und Marc war eben ihre Liebe des Lebens. Gewesen. Oder vielleicht war er es auch noch immer. Sie wusste es nicht. Also doch ein Abendessen mit Marc.

Gretchen packte die Bücher zur Seite und nahm ihr Handy zur Hand.

Abendessen klingt gut.
Bin morgen Nachmittag eh in Berlin.

Gesendet: 19. August 15:03

Wann war es eigentlich so spät geworden? Verwundert, wie schnell die Zeit doch vergehen konnte, wenn man in Erinnerungen versunken war, erhob sich Gretchen nun. Brachte die gebrauchte Kaffeetasse in die Küche und begab sich dann unter die Dusche. Sie hatte immerhin noch ihre zweite Nachtschicht anstehen.


Es war bereits Nachmittag, als sein Handy den Eingang einer neuen Kurznachricht bekannt gab. Marc war gerade dabei sich steril zu machen. Sein Handy lag in seinem Büro. Er bekam davon also erst etwas mit, als er zwei Stunden später, nach einem erfolgreich durchgeführten Eingriff, in sein Büro trat. Setzte sich in seinen Bürostuhl und griff nicht erst nach seinem Handy, sondern nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, die er sich mitgebracht hatte. Erst dann nahm er sein Handy in die Hand. Öffnete die Nachrichten, die er erhalten hatte. Seine Mutter. Sie bat ihn, am Wochenende vorbeizukommen. O-Ton: „Bekomme dich ja kaum noch zu Gesicht. So dankbar bist du also deiner Mutter, dass ich dich gesund großgezogen habe.“
Es schien, als suche Elke Fisher immer mehr Kontakt zu ihrem Sohnemann. Marc sah es nicht direkt als Belastung, hatte aber keine Lust auf die hysterischen Anfälle seiner Mutter, die sie bekam, wenn sie merkte, wie „alt“ sie denn schon war. Lächerlich fand er, hatte aber auch schöne Momente mit seiner Mutter. Und beruhigt war er dann, wenn sie nach ein paar Gläsern Wein auf dem Sofa einschlief, er ihr noch die Tagesdecke überwarf und er endlich nach Hause konnte.

Aber da waren noch zwei weitere Nachrichten. Gretchen. Sie hatte ihm endlich geantwortet. Fragte sich, ob sie bis in den Nachmittag hinein geschlafen hatte, oder ihre Antwort noch herausgezögert hatte, um auch jedes Wort bewusst zu wählen. Er konnte sich richtig vorstellen, dass sie jemanden angerufen hatte, um sich Rat zu holen. Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinen Lippen. Hätte ihn jemand gesehen, hätte dieser Jemand denken können, er sei verliebt. Das war er aber nicht.
Die letzte Nachricht stammte von Edith. Sie fragte, ob er nicht demnächst nochmal vorbeikommen wolle. Tristan würde sie die ganze Zeit nach seinem Doktor Marc fragen. Und wehe das Blumenbeet würde wieder in Mitleidenschaft gezogen werden! Marc musste grinsen. Er hatte echt Spaß gehabt, mit dem kleinen Tristan Dinge zu tun, die er als kleines Kind getan hatte. Ameisen mit einem Wasserschlauch zu ertränken, gehörte definitiv auf die Top-Ten-Liste!

Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wohin er Gretchen ausführen würde. Marcs Augen weiteten sich. Er wusste gar nicht, was Gretchen gerne aß. Außer Schokolade natürlich. Da war es wieder. Dieses Gefühl Gretchen nicht zu kennen. Sollte er vielleicht Franz Haase fragen, was seine Tochter gern aß? Mit ihm war er am Abend noch zum Golfen verabredet. Wie jeden Dienstag. Seit Franz Haase seinen Posten als Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses gegen das ruhige und doch abenteuerliche Leben im Ruhestand getauscht hatte, der Professor aber dennoch im Vorstand mitwirkte, hatte er eine regelmäßige Beschäftigung gebraucht und sein treudoofer Schützling Marc Meier war auf den Vorschlag eingegangen. Marc golfte halt gerne. Und so ganz gerne hatte der alte Haase seine Station nicht verlassen. Durch Marc erfuhr er immer, was gerade los war. Sein bester Oberarzt, auf ihn war verlass, auch wenn der Chefarztposten an einen anderen gegangen war. Marc sah das ganze nicht so tragisch. Er war ja noch nicht so alt und hatte gute Chancen, eines Tages den Chefarztposten zu übernehmen. Er musste ja auch erstmal habilitieren. Und dazu hatte er derzeit einfach keine Lust. Er hatte schon einige Angebote bekommen, zu dozieren. Aber nur so langweilige Vorträge halten? Nein, dazu war er einfach noch zu jung und wollte sich weiterhin im OP austoben und seinen Assistenzärzten am lebendigen Leibe etwas beibringen. Aber wie gesagt, er hatte keine Lust jetzt in nächster Zeit eine Habilitation zu schreiben.

Er hatte Gretchen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, gut ausgebildet. Als er erfahren hatte, bei einer Partie Golf, dass Gretchen einen weiteren Facharzt machte und auf ihrer Station in Potsdam sehr hoch gelobt wurde, war er schon stolz auf sich gewesen. Es war die Bestätigung, die er brauchte, dass er nicht alles falsch gemacht hatte. Sollte er es also wagen und versuchen seinen ehemaligen Chef hinterrücks auszufragen? Aber was würde passieren, wenn Franz Haase rausfinden würde, dass sich Marc und Gretchen wieder nahe gekommen waren? Wochenlang hatte Marc es zu spüren bekommen, dass Franz auf ihn sauer gewesen war. Und Marc war sauer gewesen, dass Franz privates und berufliches nicht hatte trennen können. Aber jetzt kamen sie gut miteinander klar. Er musste sich wohl selbst überlegen, was er Gretchen als Abendlokation anbieten konnte.



Die Häuser zogen an ihr vorbei, als Gretchen am Folgetag aus Potsdam Richtung Berlin fuhr. Anfangs hatte sie es gehasst, die ewige Fahrerei. Dann kam die Wohnung. Trotzdem musste sie oft fahren, um ihre Eltern zu sehen. Es war komisch, auch noch mit über 30, plötzlich alleine zu wohnen. Damals in Köln war ihr das schon schwer gefallen, in eine fremde Wohnung zu ziehen. Mit einer Person, die sie nicht kannte, jetzt aber ihre beste Freundin nannte. Gina Amsel hatte in der Uni am Schwarzen Brett eine Anzeige aufgegeben, worauf sich Gretchen gemeldet hatte. Das Beide gebürtig aus Berlin stammten, schweißte die beiden Frauen von Anfang an zusammen. Sie hatten drei Jahre lang zusammengewohnt, bis Gretchen zu Peter zog. Und dann musste sie zurück zu ihren Eltern ziehen. In Potsdam war sie froh, dass Martin zu Beginn noch bei ihr war. Bei ihr schlief und sie nicht alleine sein musste. Doch auch das ging vorbei. Jetzt schlief sie allein. Es fiel ihr nicht mehr schwer. Ihre Eltern wollte sie trotzdem so oft, wie möglich besuchen. Ihre Mutter hatte schrecklich nach ihr gejammert. Seit ihr Vater aber im Ruhestand war, hatte sich das gelegt. Jetzt war sie auch damit beschäftigt, sich um ihren Jüngsten zu kümmern, der es in den Bund der Ehe wagte. Bärbel Haase liebte es, Hochzeiten zu planen.

Das Jochen nächsten Monat heiraten würde, hatte Gretchen komischerweise nicht getroffen, als sie es erfahren hatte. Ernsthaft hatte sie sich für ihren kleinen Bruder, der doch mittlerweile unglaublich erwachsen geworden war, gefreut. Seine Freundin, sie tat ihm gut. Sein abgeschlossenes Medizinstudium, auf das seine Eltern so unglaublich stolz waren, hatte wohl auch dazu beigetragen, dass Jochen Haase endlich Fuß gefasst hatte, sich auf die Welt der Erwachsenen eingestellt hatte. Hieß allerdings nicht, dass wenn sich die Geschwister sahen, ihre Neckereien aufgehört hatten. Einiges würde wohl immer beim Alten bleiben.

Sie sah durch die Scheibe, wie die Landschaft an ihr vorbeirauschte. Vor ihr die Straße. Mit den Gedanken hing sie im Nichts. Wusste nicht, was sie heute erwarten würde. Lange hatte sie in der Nachtschicht über Marc nachgedacht. Todgeträumte Träume wieder lebendig gemacht, um sie wieder zu töten. Sie würde Marc später treffen. Gut. Sie war gespannt, was der Abend bringen würde. Im Radio spielten sie schon wieder das gleiche Lied, was sie schon heute Mittag beim Frühstück gehört hatte. Nach dem Frühstück hatte sie sich in die Badewanne gelegt. Entspannung, die sie brauchte. Sie liebte es, in der Wanne zu liegen, mit ganz viel gut duftendem Schaum, und ein gutes Buch zu lesen. Romantisch musste es sein. Das Buch und auch die Atmosphäre um sie herum. Kerzen zündete sie an, wenn sie sich abends in die Badewanne legte. Heute war es nur bei dem Buch und viel Schaum geblieben.

Sie erreichte Berlin. Ihre Heimatstadt. Auch wenn Potsdam nicht weit weg war, hatte sie doch immer das Gefühl, weit entfernt von ihrer Heimat zu sein. Hier fühlte sie sich wohl. Gerade im Süden von Berlin, wo sie aufgewachsen war. Es würde nicht mehr ganz so lange dauern und sie würde das Haus ihrer Eltern erreichen. Wo Marc sie wohl heute Abend hin ausführen wollte? Berlin bot eine unendliche Zahl an Angeboten kulinarischer Vielfalten. Vielleicht würden sie hier in der Gegend bleiben. Vielleicht würden sei auch Richtung Kreuzberg, wobei sie sich in dieser Gegend nicht ganz so wohl fühlte. Sie mochte wie gesagt den Süden Berlins. Damals, als sie noch Jung war, in der Abizeit, da war sie ab und zu mit ihren Freundinnen in den verschiedensten Clubs und Bars gewesen. Doch heute fühlte sie sich bereits zu alt dafür, dabei wusste sie, dass es Menschen gab, die wesentlich älter waren, als sie, die noch von Club zu Club hüpften. Aber Gretchen war nie so jemand gewesen. Klar, Partys gehörten dazu, wenn man jung war, und das hatte sie auch ausgiebig genossen. Vor allem mit Gigi war sie in Köln immer unterwegs gewesen. Jetzt aber als ausgebildete Ärztin sah sie es einfach nicht als adäquat, sich auf Partys rumzutreiben.

Sie bog in die Straße ein, in der das Haus ihrer Eltern stand. Die Häuser ihrer Nachbarn. Diese vertraute Gegend. Irgendwann würde sie vielleicht wieder nach Berlin ziehen. Aber sie liebte ihren Job in Potsdam. Es war einfach so anders, als damals im Elisabethkrankenhaus. Kein launischer Oberarzt, der sich nicht entscheiden konnte, ob er seine Assistenzärztin nun gern hatte, oder ihr das Leben schwer machen wollte. Kein Vater, der ihr vorschreiben konnte, mit welchen Männern sie sich auf den Krankenhausfluren unterhielt. Keine Sabine, die ihren Chef so gerne analysierte und mit ihr besprochen hatte. Hach, Gretchen vermisste Sabine schon arg. Manchmal vermisste sie auch die Herausforderungen, die ihr ein Marc Meier bot. Sie schloss den Wagen ab und stellte ihr Gedankenkarussell ein. Es war warm. Herrliche hochsommerliche Temperaturen. Holte ihre zwei Taschen aus dem Kofferraum. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, als sie das Gartentor durchquerte und den Steinweg zum Hauseingang überquerte. Ihre Mutter hatte erstaunlich viele Neuanpflanzungen gemacht. Sie kramte ihren Haustürschlüssel hervor, entriegelte die Haustür und betrat den Flur der Villa.

Die eine Tasche platzierte sie erst einmal neben der Garderobe. Ihre Handtasche nahm sie mit ins Wohnzimmer. Es war verdächtig still im Hause Haase. Keine Mutter, die einem freudig um den Hals fiel. Kein Vater, der feststellte, dass man doch nicht abgenommen hatte, obwohl man nur noch alle zwei Tage ein Schokoeis aß. Kein Geruch von Essen oder Gebäck. Nichts. Aber die Terrassentür stand offen. Gretchen durchquerte den geräumigen Wohnraum und trat in die Sonne der nach Süden hin ausgerichteten Terrasse. Da saßen sie. Bärbel und Franz Haase tranken gemütlich ihren Kaffee im Grünen.

„Hallo“, machte sich Gretchen bemerkbar.

Bärbels Kopf schoss als erstes herum, dicht gefolgt von Franz‘, und strahlte Gretchen an. Ihre Mutter erhob sich prompt und nahm ihre Tochter in den Arm.

„Wie schön, dass du vorbeischaust, Margarete“, nuschelte Bärbel in die blonde Lockenpracht ihrer Tochter.

Gretchen löste sich von ihrer Mutter, um auch ihren Vater zu begrüßen.

„Ich hatte es doch versprochen. Und dann konnte ich auch gleich das Abendessen mit Marc verbinden“, sprach sie schnell, in der Hoffnung, dass ihre Eltern es nicht mitbekamen. Sie sollte vielleicht mal besser vorher nachdenken, was sie sagte.

„Marc? Marc Meier?“, fragte Franz, der seine Tochter gerade wieder losließ, sie aber an den Schultern noch berührte und musterte Margarete von oben bis unten. „Du und der Meier wieder?“

Sally Offline

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10.10.2014 20:53
#14 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Gretchen, die so oder so schnell errötete, schoss die Farbe in die Wangen. Unter dem Blick ihrer Eltern, vor allem dem ihres Vaters, wurde sie ganz klein. Warum hatte sie das gesagt? Was ging es ihre Eltern an, mit wem sie sich abends noch traf? Leider war die Katze nun aus dem Sack. Sie hätte schweigen können. Wäre später einfach wieder gefahren und ihre Eltern hätten nie etwas davon erfahren. Gretchen setzte sich erstmal auf einen der leeren Gartenstühle, schnappte sich ein Stück Streuselkuchen, um Zeit zu schinden. Sie brauchte eine Erklärung. Nur leider hatte sie keinen taffen Spruch parat. Sie hätte Lügen können, aber das konnten ihre Eltern ihr an der Nasenspitze ansehen. Also blieb nur die Wahrheit.

„Naja“, sie biss in den Kuchen, ihre Eltern nahmen ebenfalls wieder Platz und sahen sie gespannt an, „wir treffen uns zum Essen. Also nur zum Essen.“

Während sich die eine buschige Augenbraue ihres Vaters nur etwas anhob, schien ihre Mutter aus allen Wolken zu fallen. Bärbel Haase war fassungslos zu hören, dass ihre Tochter sich wieder mit dem Mann traf, der ihr schon so oft das Herz gebrochen hatte. Und wie er ihr zum Schluss das Herz gebrochen hatte. Aus Bärbels Perspektive ein Desaster! Wie traurig, niedergeschlagen, ach was, todunglücklich ihre Tochter gewesen ist, als sich Marc Meier wieder von ihr getrennt hatte. Nach nur so wenigen Wochen! Hatte dieser Mann denn gar kein Herz? Eine Frau erneut so zu brechen, die erst kurz davor diese Niederlage, auf einen Betrüger hereingefallen zu sein, erlebt hatte. Sie konnte sich noch genau an den Abend erinnern, als ihre Tochter nach Hause kam.

Die Haustür fiel lautstark ins Schloss. Schuhe wurden unsanft von den Füßen gekickt. Die Jacke flog auf die Garderobe, um an den anderen Jacken herunter auf den Boden zu rutschen. Blieb liegen. Hecktische Schritte. Polterte rennend die Treppe hoch. Ein erneuter Türschlag. Bärbel saß im Wohnzimmer. Ihr war unbehaglich. Es konnte nur Gretchen sein, die gerade nach Hause gekommen war. Jochen konnte es nicht sein. Der war mit seinem Vater unterwegs. Langsam erhob sich Bärbel, tapste vorsichtig in den Flur. Es war wirklich Gretchen. Sie sammelte die Jacke auf, die am Boden lag und hängte sie auf. Die Schuhe stellte sie ordentlich an die Seite. Sie machte sich sorgen. Es konnte nichts Gutes heißen, wenn ihre Tochter so nach Hause kam. Bärbel ging die Treppe hoch. Sie musste einfach nach Margarete sehen.
Die Tür öffnete sie behutsam, und schloss sie ebenso sanft hinter sich. Vor ihr auf dem Bett lag sie. Das Gesicht in ein Kissen gepresst. Ihr Körper schüttelte sich. Sie weinte. Bärbel setzte sich neben ihre Tochter, die keinerlei Notiz von ihrer Mutter zu nehmen schien. Legte ihr dann die Hand auf den Rücken und begann sachte darüber zu streichen. Gretchen weinte leise in ihr Kissen hinein. Bärbel sagte erst einmal nichts.

Es war keine Trennung, die mit lauter Musik, vorzugsweise Trennungsspezifisch thematisiert, beschallt wurde. Es war ruhig in Gretchens Zimmer. Der Lockenkopf drehte sich, als Bärbel gerade die Lippen spaltete, um ihrer Tochter gut zuzureden.

„Es ist Schluss“, kam es kaum verständlich aus Gretchens Mund. Ihre Augen waren rot. Fast angsteinflößend rot. Rot und verquollen. Ein Anblick, den Bärbel fast nicht ertragen konnte. Es hatte Trennungen mit den Ex-Lovern ihrer Tochter gegeben, die Bärbel für angemessen gehalten hatte. Über den Kinderarzt Peter hatte sie schnell hinweggesehen. Sie wusste ja selbst, wie beschissen es sich anfühlte, betrogen zu werden. Dass Margarete schnell mit dem gutaussehenden Türken…eh Araber, oder was auch immer der Doktor Kaan war, Schluss gemacht hatte, weil er eine aus dem Koma erwachte Frau hatte, konnte sie ebenso verstehen. Auch das Drama, was ihre Große veranstaltet hatte. Aber dieses ständige Anbandeln mit dem Doktor Meier, war ganz anders. Sie hätte es wissen müssen, dass diese Beziehung nicht lange halten konnte. Sie war dem Ganzen gegenüber auch skeptisch gewesen, aber als Marc Meier vor ein paar Wochen vor ihrer Haustür stand, nach Margarete fragte, da hatte sie es gewusst. Es war einfach so offensichtlich gewesen, was dieser Mann für ihre Tochter empfand. Er wollte sie nicht fahren lassen. Hatte sie geküsst. All dieser Aufstand um sie nachher wieder vor die Tür zu setzen? Sie traute sich gar nicht, Gretchen zu fragen, was passiert war. Das Häufchen Elend neben ihr sah sie mit den rot geränderten Augen an.

„Ich hasse ihn“, kam es aus Gretchens Mund. Das Gesicht wurde wieder ins Kissen gedrückt.

Es kamen die nächsten Wochen kaum Worte aus ihrer Tochter. Sie zog sich zurück. Ohne Trennungsmusik. Es war immer so verdächtig still in ihrem Zimmer, das Bärbel begann, in bestimmten Abständen ihre Anwesenheit zu kontrollieren. Und, oh Schreck, sicher zu sein, dass sie sich nichts angetan hatte. Ja, so elendig war Gretchens Anblick und ihre Stimmung, dass Bärbel diese Befürchtung hatte, auch wenn sie insgeheim doch wusste, dass ihre Tochter sich nie in den Suizid stürzen würde. Doch dann begann Gretchen wieder regelmäßig zu Essen, am Familienleben teilzunehmen und rappelte sich allmählich wieder auf. War Ehrgeiziger denn je. Lernte Martin kennen, den netten Anwalt, den Bärbel ganz gern hatte, denn er ließ ihre Tochter wieder lebendig werden. Die Zeit schien also doch alle Wunden zu heilen.


„Einfach so zum Essen?“, fragte Franz, die Neugier in seiner Stimme nur schwer zu verdecken.

„Boah, du hörst dich an, als würde ich sonst wen treffen. Einfach nur ein Essen. Beruflich“, Gretchen verdrehte ihre Augen.

„Beruflich habt ihr doch gar nichts mehr miteinander zu tun“, erklang es von Franz ganz skeptisch.

„Wir sind beide Chirurgen, also warum sollten wir beruflich nichts miteinander zu tun haben?“, was rechtfertigte sie sich denn hier eigentlich gerade so vor ihren Eltern, fragte sich Gretchen, während sie sprach.

„Aber du und der Meier habt doch seit Jahren kein Wort mehr miteinander geteilt?“, Bärbel sah ihre Tochter gebannt an, die in ihren Kuchen biss.

„Keine Bange, es ist wirklich nur ein Essen. Ich werde ihn schon nicht gleich heiraten, nur weil wir auf Mehdis Geburtstag ins Gespräch gekommen sind“, erklärte Gretchen.

„Naja, das hatten wir ja schon mal mit diesem Alexander“, erinnerte sich Bärbel.

„Alexis, Mama. Und eigentlich, ehm, Frank“, wieder biss sie vom leckeren Kuchen ab.

„Und wann trefft ihr euch?“, fragte ihre Mutter und nippte an ihrem Kaffee.

„Heute Abend. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich danach noch zurück nach Potsdam fahren werde. Ich habe mal eine Tasche in den Flur gestellt. Für den Fall der Fälle“, sprach Gretchen, und atmete erleichtert aus.

„Mit dem Meier habe ich gestern noch gegolft. Er hat gar nicht erzählt, dass er mit dir verabredet ist“, bemerkte Franz andächtig an.

„Marc war noch nie jemand, der viel redet“, murmelte Gretchen.

Sie mochte es nicht. Das Thema „Marc“. Und sie ärgerte sich gerade tierisch, dass sie es selbst angefangen hatte. Aus Versehen. Zu ihrem Erstaunen hatten ihre Eltern weniger hysterisch reagiert, als sie gedacht hatte, sobald die Worte anfangs über ihre Lippen gerollt kamen.

„Wie kommt die Planung von Jochens Hochzeit voran?“ Gretchen wusste einfach, wie sie, zumindest ihre Mutter, schnell vom Thema abbringen konnte. Ihr Vater sah sie noch einen Moment bedächtig an, wandte sich dann aber auch wieder seinem Kaffee zu. Wenn ihre Eltern wüssten, dass sie mit Marc geschlafen hatte, Himmel hilf!

„Ich und dein Vater waren mit ihm einen Anzug kaufen. Dein Bruder sieht so unverschämt gut aus im Anzug“, begann Bärbel, und Gretchen stellte sich ihren schlaksigen Bruder in einem vernehmen Anzug vor. Sie musste sich das Kichern verkneifen. „Ich meine, man heiratet ja nur einmal . . . für gewöhnlich . . . da kann man ja auch etwas mehr für die Garderobe ausgeben. Und dann habe ich mich letzte Woche noch mit Birgit getroffen. Damit auch alles auf das Kleid abgestimmt ist. Stell dir nur vor, wir kaufen Jochen ein rosa Hemd und sie trägt zum Beispiel orange. Das wäre die Blamage des Jahres! Und dann haben wir mit Anja einige Details besprochen. Nur das Kleid durfte ich nicht sehen. Daraus macht die Gute ein Staatsgeheimnis! Aber ich kann es ja auch verstehen, wenn man das Beste an der Hochzeit geheim halten will.“

„Ugh, ich weiß auch absolut noch nicht, was ich anziehen soll! Was, wenn ich jetzt ein Kleid kaufe und dann in vier Wochen nicht mehr reinpasse?!“, Gretchens Augen hatten sich geweitet, als sie feststellte, wie wenig Zeit nur noch blieb, bis ihr Bruder vor den Altar ging.

„Wir finden schon was Hübsches für dich. Wir können ja am Wochenende los und dir ein Kleid kaufen. Oder du ziehst dieses tolle Rote an. Das, was du damals auf unserer Leinenhochzeit getragen hast, oder das auf dem Ärzteball? Oder der Silberhochzeit von Gärtners. Rot steht dir so gut! Und du hast noch so viele andere tolle Kleider!“ Bärbel hatte munter ihren Kopf schräg gelegt und strahlte ihre Tochter an.

„Ich habe am Wochenende Dienst. Und die roten Kleider schreien gerade nur danach, dass ich die unverheiratet Schwester bin, die auch noch ohne Begleitung zu der Hochzeit ihres Bruders kommt, sich dort die Kante gibt und mit irgendeinem dahergelaufenen, mindergutaussehenden Gast, den sie nicht kennt, mit ihm die Nacht verbringt und es am nächsten Tag bitter bereut. Nein, darauf kann ich verzichten.“

„Du kannst ja den Doktor Meier mitbringen“, quasselte ihre Mutter. „Er war ja in Gesellschaft immer ganz anständig.“

„Bärbel, ich glaube kaum, dass Margarete ihren Ex-Freund mit auf eine Hochzeit bringt. Und du hast es doch gehört. Sie stehen nur beruflich in Kontakt“, dabei fixierte Franz seinen Blick auf Gretchen, die ihren Kopf augenblicklich abwandte und ihrem Vater unbewusst ein Zeichen gab, dass es alles andere als nur beruflich war.

„Genau. Und von Marc will ich jetzt auch gar nichts mehr hören. Das Thema ist durchgekaut genug. Kommen denn Tante Giesela und Onkel Werner?“, fragte Gretchen, um wieder vom Thema Marc wegzulenken.

„Oh, aber natürlich. Die Hochzeit ihres Patenkindes lassen sie sich doch nicht entgehen! Oh Gretchen, mir fällt da etwas ein, was ich letztens gesehen habe! Das könnte die Lösung für dein Kleidproblem sein!“ Bärbel sprang von ihrem Stuhl auf, tippelte über die Terrasse und verschwand durch die großen Glastüren im Haus.

Franz beobachtete seine Tochter, die erneut zu einem Stück Kuchen griff. Gretchen schnappte den Blick ihres Vater im Augenwinkel auf, hob ihren Kopf und versuchte sich prompt zu rechtfertigen: „Ich weiß, so werde ich nie in ein schönes Kleid passen. Zu meiner Verteidigung, ich hatte heute nur ein kleines Frühstück. Und kein Mittagessen!“

„Es ist nicht das Stück Kuchen, Kälbchen“, Franz lehnte sich nach vorne, faltete die Beine übereinander und stützte einen Ellbogen auf den Gartentisch. „Ich weiß einfach nicht, was ich denken soll, dass du dich mit dem Meier triffst.“

„Papa, bitte. Ich bin erwachsen. Ich weiß, was ich tue!“, versicherte Gretchen genervt. „Ich hoffe einfach, dass wir endlich wie zwei Erwachsene über die Sache damals reden können und ich endgültig dieses Kapitel abschließen kann.“

Log sie ihren Vater gerade an, oder warum sah er sie so skeptisch an? Sie log nicht. Sie hatte keinerlei Erwartungen an dieses Essen. Gut, vielleicht wirklich mal über die Trennung reden und damit abschließen zu können. Einen Anfang hatten sie und Marc ja schon gemacht. Aber da gab es noch so viel mehr. Und nur weil der Restalkohol noch in der Nacht aus ihr gesprochen hatte, als sie meinte, dass sie sich wieder in Marc verlieben könnte, hieß das noch lange nicht, dass das auch eintraf. Es waren vielmehr die Erinnerungen an eine kurze, glückliche Zeit, in die sie noch verliebt war.

„Wie du meinst. Ich habe gestern beim Golfen gegen ihn gewonnen“, meinte Franz, ließ seine Tochter noch immer nicht aus den Augen.

„Schön Papa“, antwortete Gretchen halbherzig.

„Ich habe noch nie gegen den Meier gewonnen. In all den Jahren, die wir nun miteinander Spielen. Er schien mit den ganzen Abend irgendwie in Gedanken“, dachte Franz laut nach.

„Sehr schön“, Gretchens Blick hing irgendwo und nirgendwo.

„Seht mal, wer wach ist.“ Bärbel kam wieder auf die Terrasse. Auf dem Arm trug sie die acht Monate alte Lena. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, platzierte das Baby auf ihrem Schoß und reichte Gretchen eine Zeitschrift.

„Was soll ich damit?“, fragte Gretchen ihre Mutter, strich dem kleinen Mädchen mit dem Zeigefinger über die Wange. „Hallo Lena, mein kleiner Engel.“ Die Kleine gähnte ausgiebig.

„In der Mitte, wenn du da aufschlägst. Stell dir vor Franz“, erzählte Bärbel, während Gretchen zu blättern begann, „sie lag ganz ruhig in ihrem Bettchen. Kein Mucks, Lena, wir konnten dich gar nicht durch das Babyphone hören. Du kleine Motte.“

Gretchen riss die Augen auf, bei dem, was sie vor sich sah: „Das ist jetzt nicht dein Ernst Mama?!“

„Doch, sieh nur. Für die vollschlanke Frau ab 40. Ich finde ja das Blaue dort oben hübsch. Das würde zu deinen Augen passen“, lächelte Bärbel ihre Tochter an.

Franz kicherte.

„Ich bin noch keine 40! MAMA! Über vollschlank lässt sich ja streiten, aber 40?!“

„Ach komm Margarete. 36 ist ja wohl sehr nah dran. Das Kleid ist wirklich sehr schön“, Bärbel reichte ihre Enkelin an ihren Ehemann, der sich mit Lena beschäftigte, während seine Tochter ihrer Mutter böse Blicke zuwarf.

Gretchen versuchte mit aller Macht sich nicht gekränkt zu fühlen. Im Grunde meinte ihre Mutter es ja nur gut. Und das Kleid war jetzt auch nicht so hässlich. Die Überschrift war es, von der sie sich doch arg angegriffen fühlte. Und das ihre Mutter es ihr so unter die Nase rieb. Es war ihr in den letzten paar Jahren, seit sie mit Martin zusammengekommen war, leichter gefallen, ihren Körper so zu akzeptieren, wie er nun einmal war. Und ganz eigentlich hatte sie nie ein Problem damit gehabt, was war ja prinzipiell die Gesellschaft und die Medien, die ihr vorschreiben wollten, in welcher Form sich ihr Körper befinden sollte. Gretchen strich sich die Krümel von ihrer hellen Jeans. Dafür hatte sie sich heute entschieden. Eine helle Jeans, damit es in der Sonne nicht unerträglich warm wurde. Eine helle, geblümte Bluse. Sie liebte diese Bluse.

Zur gleichen Zeit betrat ein Chirurg seine Wohnung. Marc war erschöpft. Seine Schicht hatte eine mehrstündige Operation umfasst. Seine Tasche, die etwas Arbeit für Zuhause beinhaltete, landete unachtsam im Eingangsbereich. Seine Schuhe streifte er nur ab und ließ sie ebenfalls einfach stehen. Sein Weg führte direkt in das Badezimmer. Unter die Dusche.

Die Dusche wusch seine Gedanken rein. Die Strahlen des Wassers etwas härter eingestellt als sonst. Er musste heute etwas auf seiner Haut spüren. Musste sich spüren. Massierte seine angespannte Schulterpartie. Entspannung für seine Psychohygiene. Wusch das Gespräch aus seinem Gedächtnis. Das Gespräch zwischen Mehdi und ihm. Sein bester Freund hatte nicht locker gelassen. Hatte ihn in die Enge getrieben und das erfahren, was er hatte wissen wollen. Gestern war es Marc ganz gut gelungen, Mehdi aus dem Weg zu gehen. Heute hatte er nur einen Rat haben wollen. War zu ihm in der Mittagspause ins Büro gegangen. Er wollte nur wissen, was Gretchen gerne aß.

Mehdi saß ihm gegenüber. Die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Mittagessen –Edith hatte es wohl gut mit ihm gemeint- vor ihm auf dem Schreibtisch. Ohne auf Marcs vorhergegangene Frage zu antworten, sprach der Halbperser seinen Freund direkt an: „Du hast mit Gretchen geschlafen.“

„Sagte ich bereits gestern. Außerdem, was interessiert es dich? Du bist doch mit Edith verheiratet.“ Marc war genervt. Er wollte doch einfach nur wissen, wohin er Fräulein Haase ausführen konnte. Vielleicht wäre es doch geschickter gewesen, Franz Haase um Rat zu fragen, oder Gretchen doch einfach eine SMS zu schreiben und sie ganz direkt zu fragen.

„Bist du wenigstens bis zum nächsten Morgen geblieben?“ Mehdi musterte sein Gegenüber kritisch.

„Eh, natürlich?“, klang es aus Marcs Mund.

„Liebst du sie noch?“

„Bitte? Sag mal Kaan, hat dir eines deiner Blagen ins Gehirn geschissen?“

„Ach komm, Marc“, Mehdi änderte seine Sitzposition. Die Beine überschlug er. Die Hände auf den Armlehnen seines Stuhles.

„Sag mir einfach, wohin ich mit ihr Essen gehen kann.“

„Dazu muss ich wissen, wie ernst es dir ist.“

„Warum?“

„Ganz einfach. Um Gretchen schwierige Heimwege zu ersparen.“

„Geht’s noch? Soll ich ihr etwa einen Heiratsantrag machen, damit ich von dir erfahre, wohin ich mit Hasenzahn essen gehen kann? Du hast doch einen an der Klatsche. Wir gehen nur Essen und ich will verdammt nochmal wissen, was sie gerne isst.“

Mehdi grinste Marc an. „Und liebst du sie noch?“

„Schwachsinnige Frage“, Marc verdrehte die Augen und warf Mehdi Blicke zu, die Potenzial hatten, ihn umzubringen.

„Warum?“

„Weil die echt überflüssig ist.“

„Warum?“

„Weil du die Antwort doch eh schon weißt.“

Es herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern. Eine seltsam bedrückende Stille erfüllte den Raum. Ja, Mehdi hatte seine Antwort. Er hatte diese Antwort schon so lange, ohne es richtig gewusst zu haben.


Die Wasserstrahlen prasselten auf ihn ein. Auf sein Gesicht. Die Augen geschlossen. Der Mund geöffnet. Er musste sich regulieren. Sich drauf einstellen, dass es nur ein Essen war. Man konnte nun mal nicht einfach dort weitermachen, wo man vor all dem ganzen Desaster aufgehört hatte. Und mal im Ernst, was wollte er sich davon versprechen? Sie hatten die eine Nacht vermutlich Frieden geschlossen. Viel zu lange hatten sie in der Vergangenheit ein Spiel gespielt. Ein Spiel, bei dem Beide versuchten, ihre Gefühle zu schützen. Marc, der keine zulassen wollte und Gretchen, die ihre loswerden wollte. Bis hin zur absoluten Funkstille. So konnte es wieder werden, soweit hatte Marc bereits gedacht. Es konnte doch sein, dass sie sich jetzt wirklich mal aussprachen und danach jeder wieder seinen Weg ging. Er in Berlin und sie in Potsdam. Es würde wieder nur Aufeinandertreffen geben, wenn einer der Kaan-Familie Geburtstag feiert. Dann würde er sie wiedersehen. Vielleicht -ganz absurd waren diese Gedanken- würden sie sich ein oder zwei Mal im Jahr auf einer dieser Feiern treffen, sich betrinken und gemeinsam im Bett landen. Er würde das vielleicht aushalten, aber Gretchen würde das mit Sicherheit nicht mit sich machen lassen. Zumindest nicht die Gretchen, die er von damals kannte.

Irgendwie wünschte er sich sogar, Gretchen nie wieder sehen zu müssen, dass das endlich mal beendet werden konnte. Er hatte anfänglich sogar seine Bettbekanntschaften, die nach der Trennung kamen, mit Gretchen verglichen. Das musste man sich erstmal vorstellen, dass er, Marc Meier, dieser Frau in gewisser Weise nachgetrauert hatte. Er kam damals zu der Schlussfolgerung, dass es vielleicht daran lag, dass Gretchen einer der konstantesten Personen, neben seiner Mutter, in seinem Leben gewesen war. Er stieß sich den Ellbogen an der gefliesten Wand. Rieb sich kurz die schmerzende Stelle und griff nach seinem Shampoo. Das Wasser wusch sein Haar rein. Wusch seine Gedanken weg. Er war erschöpft vom Tag. Wenn eins der Fall war, dann war es, dass Marc Meier nicht vergessen hatte. Es gab einfach Begebenheiten, die er nie vergessen konnte, so sehr er sich auch anstrengte. Er hatte es versucht, sie vergessen zu machen. Periodisch war ihm das auch gelungen, aber nie ganz aus dem Unterbewusstsein. Er hatte sich sogar die Frage gestellt: „Was wäre wenn…?“ Aber nie mit Antwort. Er stellte die Dusche ab. Hinterließ eine Pfütze auf dem Badezimmerboden, als er hinaustrat und zum Handtuch griff, womit er sich kurz abtrocknete und die Haare abrubbelte. Packte das Handtuch wieder dorthin, wo er es herhatte. Seine Hand fuhr durch die nassen Haare, als er in sein Schlafzimmer trat und sich an seinen Unterhosen im Schrank bediente. Erschöpft fiel er in sein Bett. Auf dem Handy stellte er sich den Wecker, dass er auch ja pünktlich bei Gretchen ankommen würde. Marc schloss seine Augen und driftete davon.

Sally Offline

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19.10.2014 19:57
#15 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. Wühlte in seiner Hosentasche nach der Schachtel seiner Zigaretten. Hastig zog er das Päckchen aus der hellen Stoffhose. Sein weißes Hemd mit dem feinen roten karierten Muster hatte er extra noch einmal gebügelt. Er trug es selten außerhalb des Krankenhauses, aber heute war ihm irgendwie nach diesem alten Stück Stoff gewesen. Die Sonne schien ihm auf die leicht gebräunten Unterarme. Die Sonnenbrille saß auf der Nase. Seine Augen huschten von links nach rechts und wieder auf die Treppen. Seine Finger zogen eine Zigarette heraus. Das Warten machte ihn nervös. Vielleicht würde sie doch nicht kommen. Es sich auf den Weg zu ihm doch anders überlegen. Ein Blick auf die Uhr. Bald müsste sie hier ankommen, wenn sie all ihre Anschlüsse rechtzeitig bekommen hatte. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, eher er die Zigarette zu Munde führte. Inhalierte kräftig, und atmete feste aus.

Passanten kamen die Treppe hoch. Wuselten an ihm vorbei. Aber nicht seine gewünschte Person. Seit Sonntagmorgen hatte er sie nicht mehr gesehen. Nur per SMS mit ihr Kommuniziert. Selbst den Treffpunkt hatte er ihr in einer Kurznachricht mitgeteilt. Natürlich hatte sie verdutzt reagiert und nachgehakt, warum sie mit den Öffentlichen fahren sollte, wenn sie doch auch ihr Auto nehmen konnte. Tu es einfach. Das hat er ihr geantwortet und es kam keine SMS mehr zurück. Ja, vielleicht ließ sie ihn einfach hier stehen und warten, würde nicht mehr kommen. Nur, weil er ihr keine klare Antwort gegeben hat. Somit hätte er sich ein Eigentor geschossen. Doch so wirklich konnte er ihr das nicht zutrauen. Er erfüllte ihr doch quasi ihre Kleinmädchenträume. Wie oft sie ihm damals immer einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben hatte, dass er sie doch zum Essen einladen sollte. Es hatte ja nur ein paar Jahre Funkstille benötigt, um zu realisieren, dass er sie so beeindrucken konnte.

Ein neuer Schwarm Menschen stürmte aus dem U-Bahneingang. Marc schnipste seine Zigarette aus. Wieder keine Spur von Gretchen. Da hätte er doch echt noch länger schlafen können. Aber wann war schon auf die Frauen verlass? Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass Gretchen gerade mal fünf Minuten zu spät war. Alles eigentlich noch im grünen Bereich. Nur in Marc selbst tobte die Ungeduld. Es kam ihm einfach so verdammt ewig vor, die zehn Minuten, die er bereits an dieser Stelle wartete.

„He Marc.“

Er drehte sich um. Sein rechter Mundwinkel zuckte verdächtig weit nach oben, als wolle er ein Lächeln unterdrücken. Gretchen hatte ihn sofort gefunden, trotz Massen an Menschen. Sie breitete ihr Arme aus und zog ihn in eine kurze Umarmung. So machte man das doch, oder? Unter guten alten Bekannten? Oder hätte es doch ein Kuss zur Begrüßung sein sollen? Ein Handschlag? Oder nur winken? Jetzt war es eh zu spät. Sie hielt ihn gefühlt für eine Ewigkeit im Arm, dabei konnte es sich nur um Sekunden handeln.

„Hi.“

„Sag mal“, Gretchen löste sich wieder von ihm und trat einen halben Schritt zurück, „warum sollte ich die Öffentlichen nutzen? Es ist echt verdammt warm in den Bahnen.“

„Wir fahren jetzt weiter mit der Bahn. Hier hättest du doch eh nur keinen Parkplatz bekommen.“

„Und wo fahren wir hin?“

„Schlesisches Tor. Komm. Ich habe echt langsam Hunger.“

Marc schritt voran. Gretchen im Schlepptau. Sie schritten die Treppen hinauf. Quetschten sich durch eine Touristengruppe und erwischten so eben noch die nächste U-Bahn. Als letzte huschten sie noch schnell durch die sich schließenden Türen. Marc zog Gretchen noch schnell mit sich hinein. Eng an eng standen sie nun vor der geschlossenen Tür. Marc griff nach der Stange über ihm. Ein Ruck und Gretchen würde gegen ihn gepresst. Sie hatte es nicht so schnell geschafft, sich Halt zu suchen, doch Marc packte sie mit seiner freien Hand, dass sie nicht noch stolperte.

„Ugh. Tut mir leid. Jetzt weiß ich, warum ich das Bahnfahren nicht vermisse“, sagte Gretchen, sich aufrichtend.

„Es kann seine Vorteile haben. Sich näher zu kommen“, raunte Marc ihr zu.

Gretchen ließ dies unkommentiert. Etwas ungeschickt hielt sie sich mit dem linken Arm an der Tür fest. Die Menschen um sie herum machten es ihr nicht leicht, sich überhaupt viel bewegen zu können. Sein Griff wurde wieder etwas fester, als die Bahn zu bremsen begann. Sie klammerte sich mit ihrer rechten Hand an seinem Oberarm fest, um einen weiteren Zusammenprall mit ihm oder anderen Passanten zu umgehen. Die Türen öffneten sich und sie wurde von Marc etwas nach hinten an die Wand gezogen, wo sie sich mit dem Rücken anlehnen konnte. Sie sah zu ihm, wie er genau beobachtete, wie die anderen Menschen aus und einstiegen. Die Fahrt ging weiter. Diesmal nicht ganz so turbulent. Während sich Marc und Gretchen anschwiegen, unterhielten sich die meisten Menschen um sie herum.

„You are from New York?“, fragte ein Mann Mitte dreißig etwas lauter sein Gegenüber.

„Yes, i’m on holidays“, erklärte der andere Mann in einem roten T-Shirt und der Sonnenbrille im Haar.

„From New York City? What are you doing in Berlin? I mean, you are from New York!”

“Oh, Berlin is a nice place! It’s a great town. I love it!”

Marc und Gretchen mussten Lachen. Es war doch immer wieder amüsant, so eine Fahrt in den Öffentlichen. Man traf die verschiedensten und verrücktesten Leute aus unzähligen Nationen. Manchmal hatte Gretchen das Gefühl, dass die ganze Stadt englisch reden würde. Es kam natürlich auf den Bezirk und die jeweiligen Straßen an, aber es war schon beeindruckend. Noch immer unterhielten sich die Männer angeregt. Es war lustig ihnen dabei zuzuhören. Jetzt an ihrem sicheren Platz an der Wand, bekam Gretchen die nächsten Halte kaum mit. Erst, als Marc sie am Ellbogen mit einem „Komm“ hinter sich her zog, registrierte sie, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Sie liefen über den Bahnsteig, die Treppen hinunter und verließen die U-Bahnstation.

„Wo lang müssen wir jetzt?“, fragte Gretchen etwas orientierungslos.

Marc, der an der Ampel stand und geduldig mit den anderen, meistens Touristen, auf die Grünphase für die Fußgänger wartete –sonst legte er nicht allzu viel Wert auf die Vorschriften der Ampeln, es sei denn, es waren mehrspurige Straßen, denn für einen Berliner gibt es keine roten Ampeln- deutete die Straße hinunter: „Dahinten biegen wir ab und dann sind wir auch schon fast da.“

„Und wo genau gehen wir Essen?“

Es wurde grün und sie gingen los.

„Mir wurde ein Restaurant hier empfohlen. Irgendwas Asiatisches. China, Pakistan, oder so.“

„Du hast dir doch bei jemandem Rat geholt.“

Marcs Blick richtete sich auf Gretchen, die breit grinsend neben ihm herlief. Ihre Handtasche hing locker auf ihrer Schulter. Allgemein wirkte Gretchen heute so locker. Unbeschwert und fröhlich. Leider hatte sie ins Schwarze getroffen und er sah ihr an, dass sie ihm ansehen konnte, dass sie Recht hatte. Er gönnte ihr heute mal diesen Triumpf. Doch er schwieg und gab Gretchen so ihre Antwort. Sie bogen in die Straße ein, an einigen kleinen Lokalen vorbei, bis zum Ende.

„Hier war ich schon mal mit Mehdi! Du hast Mehdi gefragt!“, stellte Gretchen erfreut fest.

Diese Erkenntnis erfreute sie wirklich. Es sagte ihr so viel über Marc aus. Er vertraute seinem besten Freund und holte sich bei ihm Rat. Etwas, was sie sich nicht recht vorstellen konnte, aber anscheinend doch geschah. Marc hatte sich also ausgiebig Gedanken gemacht, wo er sie hin ausführte. Oder war er nur zu faul? Sie wollte sich nicht ihre Illusion zerstören und ging von Ersterem aus. Ein Kellner führte sie zu einem Tisch in der Ecke, des sehr liebevoll orientalisch eingerichteten Innenraumes des Lokals. Prompt hielten sie die Speisekarte in der Hand und mussten eine Entscheidung treffen.

„Was nimmst du?“, fragte Marc neugierig.

„Ein Bier“, kam es spontan aus Gretchen heraus.

„Bier?“

„Ja…Aber ich sehe gerade, dass es kein Mango-Bier gibt“, sie zog eine leichte Schnute, „Was nimmst du?“

„Wein. Und Lamm.“

Wieder verzog sie ihr Gesicht.

„Ich nehme Hühnchen. Lamm ist nicht so meins. Wein also. Nehme ich dann auch.“

Marc musterte sie noch kurz, ehe er seine Karte beiseite legte und dem Kellner mit Handzeichen an den Tisch holte, sodass sie bestellen konnten. Er lehnte sich im Stuhl zurück und sah wieder zu Gretchen, die sich ebenfalls auf der Bank, auf der sie saß, zurücklehnte. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Mehdi hatte nicht zu viel Versprochen. Es war hier wirklich sehr gemütlich. Einer der anderen Gäste, auf der anderen Seite des Raumes, lachte laut auf und andere Lacher gesellten sich dazu.

„Mit Mehdi, Edith und den Kindern war ich mal hier. Ist bestimmt schon ein halbes Jahr her.“

Marc wartete kurz mit seiner Antwort. Der Kellner stellte ihnen ihre Getränke und etwas „Brot“ mit drei verschiedenen Dips bereit.

„Ich weiß“, er grinste sie schief an.

„Also hast du von ihm den Rat.“

„Von wem sonst? Wie war dein Tag heute?“

Gretchen hatte ihr Weinglas in die Hand genommen. Marc tat es ihr nach und prostete ihr zu. Sie nippte an dem köstlichen Getränk.

„Mein Tag…Entspannend. Nachdem ich jetzt die Nachtschichten hatte, konnte ich heute ausschlafen und habe mir ein Bad und ein gutes Buch gegönnt. Bei meinen Eltern war ich heute. Und du hattest heute Dienst?“

„Heute Morgen. Meine Assistenz durfte heute das erste Mal alleine einen Blinddarm entnehmen. Das war ein Spaß, sag ich dir. Unsicher, wie diese jungen Bengel immer sind, hat er natürlich gezittert. Sabine hat dann ein wenig auf ihn einreden müssen. Und am Ende hat er es dann doch noch geschafft. Ich musste meinen Finger nicht krumm machen und habe bald jemanden, der diese Arbeit für mich erledigen kann.“

„Bloß keine niedere Arbeit erledigen“, neckte Gretchen leicht, genoss es aber von Marcs Alltag zu erfahren.

„Na komm. Du hast doch selbst immer auf dem OP-Plan rumgefuscht, dass du Ops bekamst, die dir zusprachen. Und glaub nicht, dass ich das nicht gemerkt habe.“

Jetzt hatte er sie erwischt. Unschuldig zuckte sie mit den Schultern und lächelte ihn an.

„Manchmal war ich dir da echt dankbar für, wenn du dem Rössel die ein oder andere undankbare OP aufgedrückt hast“, zwinkerte er ihr zu.

Er brach sich etwas von dem indischen Brot ab und tunkte es in eine der Soßen, um es sich dann in den Mund zu schieben.

„Wir waren damals, also wenn wir uns nicht gerade gestritten haben, ein echt gutes Team“, erinnerte sich Gretchen an die Zeit im Elisabethkrankenhaus zurück.

Marc nickte. Es stimmte. Er hatte immer gut mit ihr arbeiten können. Es hatte ihn in seiner Routine gefordert. Sie hatte ihn gefordert.

„Hmhm. Wir kommen schnell zum Thema.“

„Sind wir nicht deswegen hier?“, fragte Gretchen mit großen Augen.

Sally Offline

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26.10.2014 16:12
#16 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

„Schon. Aber mir wäre noch ein wenig Smalltalk lieber.“

„Okay. Dann Smalltalk.“

„Du warst heute also bei deinen Eltern?“

Gretchen nahm noch einen Schluck ihres Weines: „Nur für ein paar Stunden. Sie hatten Lena da.“

„Lena? Die Kleine von deinem Bruder?“

„Ja, genau“, Gretchen lächelte Marc an, hingen ihre Gedanken doch bei ihrer kleinen Nichte.

„Dein Vater erzählt viel von ihr. Du hast sie damals operiert, stimmt’s? Er hat sehr mit dir geprahlt“, erinnerte sich Marc ein paar Monate zurück.

„Die Leisten-OP. Das war nicht einfach…Ich meine, das ist meine Nichte, aber Jochen wollte niemand anderen an sie ran lassen. Meine Oberärztin stand allerdings die ganze Zeit neben mir und hätte sofort eingegriffen, wenn ich nicht mehr gekonnt hätte.“

„Wie sind die Leute so auf deiner Station? Die sind doch bestimmt anders, als im Elisabethkrankenhaus.“

Huch? Was stellte Marc ihr nur für Fragen? Wusste er wirklich so wenig, wie er zu wissen schien, oder war er nur freundlich und wollte die Unterhaltung am Laufen halten, bis sie endlich dieses gottverdammte Thema Vergangenheit angingen?

„Super nett. Nicht das du ein schlechter Oberarzt warst, aber meine jetzige Oberärztin ist einfach gut. Sie lässt mich viel alleine machen, was ich leider dir zu verdanken habe, weil sie wusste, bei wem ich gelernt habe, aber auch tut sie dem Kollegium gut. Wir haben viele Teamgespräche. Wir hatten im letzten Jahr zwei Kollegen, die gegangen sind, weil sie festgestellt haben, dass die Kinderchirurgie nichts für sie ist. Und ich habe schon das Gefühl, dass es einen mehr trifft, als auf einer normalen Station…Jedenfalls habe ich eine super tolle Schwester an meiner Seite, mit der ich oft Dienst habe. Sie wird bald ihr Medizinstudium antreten.“

Marc hörte ihr genau zu. Einerseits war es spannend zu hören, wie Gretchens Arbeitsumfeld war. Andererseits war da so ein komisches Gefühl, dass er nicht recht beschreiben konnte. Es schien ihm so, als sei Gretchen dort besser aufgehoben, als auf seiner Station, unter seiner Aufsicht. Sie hatte es ja gerade auch erwähnt. Und daran nagten gerade seine Gedanken. Er sei nicht schlecht gewesen, aber diese Oberärztin war wohl besser. Er konnte stolz sein, dass seine Kollegin Oberärztin von ihm gehört hatte und Gretchen somit eine gewisse Autonomie in ihrer Arbeit verlieh. Doch irgendwie kam er nicht über diesen anderen Satz hinweg.

„Du scheinst dich dort sehr wohl zu fühlen.“

„Ja, das tue ich. Ich liebe meine Arbeit dort.“

Ja, das konnte er ihr ansehen. Wie ihre Augen glänzten, als sie von ihrer Arbeit berichtete. Wie ihre Anspannung von ihr abfiel.

Gretchen merkte, dass er an irgendetwas zu nagen hatte. Die Art, wie er vor ihr saß. Die vorsichtige Formulierung seiner Worte. Hatte sie etwas Falsches gesagt?

„Erzähl mir von dem Bericht, den du schreiben musstest.“

Sie hatte ihn. Schon als er diesen Bericht in der einen Nacht erwähnt hatte, wusste sie, dass es etwas war, an dem sein Herz hing. Er erzählte ihr von den Fortschritten seiner Studie. Erzählte ihr von dem Durchbruch, den er im vergangenen Jahr hatte. Es war zwar nur ein kleiner, aber für Marc so ziemlich das Größte seiner bisherigen Karriere. Ihr Essen wurde ihnen serviert, aber sie ließen sich nicht ablenken und ihre Unterhaltung floss nur so dahin. Es war etwas anders geworden. Etwas hatte sich zwischen ihnen seit ihrer Nacht nach sechs Jahren getan. Es war so absurd, dass sie miteinander reden konnten. So locker und unbeschwert. Es war schön, den anderen von seinen Leidenschaften im Beruf berichten zu hören. Es faszinierte Gretchen, wie Marc hier vor ihr saß und seinem Redefluss freien Lauf ließ. Kaum ein unpassender Spruch. Vielleicht mal die ein oder andere Spitze, gerade, wenn es um ihre gemeinsame Zeit im Elisabethkrankenhaus ging, oder ihre Schulzeit. Marc war nun mal Marc und würde wahrscheinlich sein Leben lang über Gretchen in ihrer Schulzeit herziehen. Sie nahm es ihm nicht übel.

„Kann ich dich etwas fragen?“

Gretchen hatte den Teller von sich geschoben, das Glas Wein in die Hand genommen und hatte sich auf der Bank zurückgelehnt. Sie sah Marc erwartungsvoll an.

„Sicher“, antwortete dieser.

„Du hast so Sachen gesagt, in der Nacht. Ich meine wir waren betrunken und…“

„Da stehe ich auch nüchtern noch zu.“

Sie blinzelte mehrmals.

„Oh.“

„Hör zu Gretchen. Wir sind ja jetzt bei dem Thema… Es tut mir Leid. Was ich damals zu dir gesagt habe und so.“

Wieder blinzelte sie ihn an. Ihr Mundwinkel verzog sich leicht, als würde sie sich auf die Innenseite ihrer Wange beißen. Aber aus ihrem Mund kam nichts. Er hatte eigentlich mit einer gegenseitigen Entschuldigung gerechnet, aber von der blonden Frau vor ihm kam kein Mucks.

„Dir tut es nicht leid, stimmt’s?“

Sie nickte: „Marc…“

Unterbrochen wurde sie von seinem Lachen. Marc lachte. Lachte er sie aus? Lachte er sich aus? Irritiert sah sie ihn an.

„Ganz ehrlich, Hasenzahn, ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass du mal zu deinen Worten stehst.“

„Mir hat es damals wirklich erst Leid getan. Aber im laufe der Jahre kam ich dann zu dem Schluss, dass du das eigentlich mal verdient hattest. Ich musste ja oft genug von dir wirklich gemeine Sachen einstecken, und irgendwie habe ich dann gedacht, wir seien quitt. Um mein Gewissen zu beruhigen. Und ich hatte doch auch mit dem Meisten recht, was ich gesagt habe. Aber ich möchte mich für deine Entschuldigung bedanken.“

„Du haust mich hier bald vom Hocker, weißt du das?“

„Weil ich mich nicht entschuldige? Also, wenn du eine Entschuldigung hören willst, dann…“

„Nein, ich will keine Entschuldigung hören! Auf keinen Fall musst du dich Entschuldigen, nur weil ich mich entschuldigt habe. Du hast doch recht, dass ich das mal verdient habe. Und ich glaube, ich habe das auch mal gebraucht, dass mir jemand mal so ehrlich etwas ins Gesicht sagt. Mich hat das mal endlich zum Nachdenken gebracht.“

Gretchen sah ihn die ganze Zeit über an, die Lippen aufeinandergepresst. Gespannt, was er als nächstes sagen würde.

„Zum Nachdenken gebracht?“, sie lachte auf, „Du sagt so Sachen, da habe ich glatt das Gefühl dich nicht mehr zu kennen. Warum gerade jetzt?“

Marc überlegte einen Moment, änderte seine Sitzposition.

„Weil ich denke, dass du das wissen solltest. Vielleicht auch, um mein schlechtes Gewissen zu bereinigen? ...Aber auf jeden Fall, weil ich will, dass du das alles weißt.“

„Nach sechs Jahren? Ich meine, wenn ich dich doch anscheinend zum Nachdenken gebracht habe, mit meinen Worten, warum hast du dann nichts gesagt, als ich noch im Elisabethkrankenhaus gearbeitet habe? Du hättest uns einiges erspart!“

„Weil ich da noch nicht drüber nachgedacht habe…erst als du endgültig weg warst. Ich habe doch auch keine Ahnung…Es ist einfach so. Vielleicht habe ich die Zeit einfach gebraucht?“

„Vier Jahre sind eine lange Zeit.“

„Das ist mir bewusst.“

Gretchen nahm einen ordentlichen Schluck ihres Weines.

„Du würdest es wieder versuchen wollen, stimmt’s? So habe ich das zumindest interpretiert. All das, was du mir in der Nacht und an dem Morgen gesagt hast. Nach all der Zeit. Warum Marc?“

„Keine Ahnung…Weil ich nachgedacht habe? Und wir…ja, keine Ahnung.“

„Weißt du eigentlich, dass ich dich wirklich gehasst habe?“

„Das hast du mich spüren lassen, ja.“

„Ich habe dich wirklich gehasst. Aber jetzt, nach der ganzen Zeit und nachdem, was Samstag und Sonntag war…“

„Als wir gebumst haben“, grinste er.

Gretchen verdrehte die Augen: „Marc! Bring mich nicht aus dem Konzept…Wo war ich?“

„Du hast mich gehasst, aber…“

„Genau. Ja, nach all der Zeit, da ist dieser Hass nichtig geworden. Und eigentlich gibt es noch genügend Gründe, auf dich sauer zu sein, aber ich bin es einfach nicht. Ich habe mir meine alten Tagebücher durchgelesen, also all die Erinnerungen aufleben lassen, was wirklich keine schöne Erfahrung war. Weißt du, was mir aufgefallen ist?“

Marc zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck seines Weines.

„Dass ein kleiner Teil von mir, dich all die Jahre doch noch über geliebt haben muss, dass ich jetzt wirklich hier mit dir sitze und dich nicht mit meinem Skalpell zerhacke.“

Marc musste lachen, vor allem, weil Gretchen auch keine ernste Miene aufgesetzt hatte, sie grinste ihn an. Alleine die Vorstellung, wie Gretchen ihn mit einem Skalpell bedrohen würde…

„Doktorspielchen, eh? Okay, ehm…“

„Ich finde, du hast dich verändert. Da gebe ich deinen Kollegen Recht. Aber du bist auch noch ganz der Alte, und das lässt mich irgendwie aufatmen.“

„Ich bin noch ganz der alte. Ich weiß gar nicht, was ihr immer habt, mit eurem Verändern. Du bist doch diejenige, die sich verändert hat.“

„Ich? Nein. Ich bin nur älter geworden.“

„Ich auch. Also nichts mit Veränderungen, sondern nur ein Alterungsprozess.“

„Du bist angefangen zu denken, das nenne ich schon eine Veränderung“, stichelte Gretchen.

„Du heiratest nicht mehr wild drauf los“, grinste Marc.

„Jetzt wirst du unfair“, sie zog eine Schnute und leere dann ihr Glas.

Marc gab dem Kellner zu verstehen, dass sie eine weitere Runde Wein benötigten.

„Willst du mich wieder betrunken machen?“, fragte Gretchen ihn.

„Niemals“, grinste Marc. „Warum hast du nie geheiratet?“

Sally Offline

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09.11.2014 11:18
#17 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

„Weil es sich nicht ergeben hat. Einfach nicht der Richtige dabei gewesen. Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, ich würde dich mal heiraten. Damals in Afrika.“

„Dann lass uns eben jetzt heiraten.“

„WAS? Du spinnst doch, Marc! Und seien wir mal ehrlich, du bist nun wirklich niemand, den man mal eben heiratet. Oder der mal eben drauf los heiratet. Nur weil er Torschlusspanik bekommt…“

Marc griff nach seinem neuen Glas Wein, das ihm kurz zuvor vor die Nase gestellt worden war. Gretchens Worte hatten es in sich. Warum war aus einer kleinen Neckerei plötzlich so ein ernstes Gespräch geworden und nagte nun an ihm? Er hatte doch wirklich nie vorgehabt zu heiraten. Auch Gretchen nicht.

„Ich wollte dir wirklich nicht zu nahe treten, Marc. Tut mit leid“, entschuldigte sich Gretchen, die Marc beobachtet hatte, der sich etwas in sich zurückgezogen hatte.

„Habe doch gesagt, dass du dich nicht immer entschuldigen sollst.“

„Dann eben nicht.“

Ein Schweigen legte sich zwischen die Beiden. Etwas unangenehm.

„Du würdest mich wirklich heiraten wollen?“, fragte Gretchen aber nun doch aus purer Neugier.

Marc zuckte nur mit den Schultern und sah überall hin, nur nicht zu Gretchen. Es war komisch und bedrückend zwischen ihnen geworden und Gretchen überkam ein unwohles Gefühl

„Marc? Was ist los?“, hakte sie vorsichtig nach.

„Nichts. Mein Gott, Gretchen, interpretier‘ nicht jeden Scheiß in alles was ich sage, okay?“

„Okay?“

„Dein Bruder heiratet also? Deine Mutter wird doch bestimmt schon alle verrückt machen.“

Er musste das Thema wechseln. Konnte nicht mehr bei der Vergangenheit bleiben. Es ging gerade einfach nicht.

„Ja und wie! Mir wollte sie heute ein Kleid aus einer ihrer Klatschzeitschriften andrehen! Für Frauen ab 40! Und Jochen treibt sie erst recht in den Wahnsinn. Er musste mit ihr und Papa einen Anzug kaufen gehen. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie das abgelaufen ist. Sie ist mit den Beiden von Geschäft zu Geschäft gerannt, hat Anweisungen gegeben, wer was anzieht und die Beiden sind stumm hinterher gedackelt.“

„Und dich will sie auch noch zum Kleid kaufen schleppen?“

„Um Gotteswillen, nein. Ich werde mit Gigi losziehen. Meine Mutter würde mir wirklich schreckliche Kleider andrehen wollen und wäre am Ende beleidigt, weil ich all ihre Auswahl verneinen und hässlich finden würde. Und dann würde sie drei Tage kein Wort mit mir wechseln. Darauf habe ich nun wirklich keine Lust!“

„Deine Mutter ist eine anstrengende Person“, lachte Marc etwas.

„Deine aber auch!“

Marc verdrehte nur die Augen.

„Marc?“, fragte Gretchen nun vorsichtig.

„Hm?“, er schien in Gedanken zu sein.

Es kam Gretchen ein wenig merkwürdig vor. Ihre Unterhaltung kippte von einem Moment auf den anderen, aber Marc saß noch immer vor ihr. Und auch sie selbst hatte noch nicht das Gefühl gehabt, flüchten zu müssen. Sie wollte hier mit ihm sitzen. Sie musste hier mit ihm sitzen und über gewisse Dinge reden.

„Können wir über die Nacht reden?“

„Okay.“

„Gut…Ich weiß einfach nicht, wie ich das einschätzen soll. Vor allem, mit all dem, was du danach zu mir gesagt hast.“ Sie senkte ihre Stimme. „Ich fand die Nacht wunderschön mit dir und auch den Morgen.“

Marc lächelte: „Ja, das war es.“

„Würdest du es wirklich nochmal mit mir versuchen wollen?“

Er zuckte mit den Schultern: „Warum nicht?“

„Weil es so plötzlich ist. Und so schnell und ich weiß immer noch nicht, ob ich das wirklich kann. Ob ich dir das Vertrauen wieder geben kann.“

„Ich würde mir auch nicht vertrauen, also verstehe ich das voll und ganz.“

„So war das nicht gemeint…“

„Gretchen, hör zu. Es wäre ein Versuch wert, aber wir müssen das nicht tun. Wir sind auch gut ohne einander ausgekommen. Wir können sagen, dass wir mal für eine Mikrosekunde glücklich miteinander waren und uns demnächst, wenn wir uns zufällig wieder über den Weg laufen, grüßen. Das ist wenigstens angenehmer, als dieses elende Schweigen.“

„Was ist, wenn wir uns dann auf dem nächsten Geburtstag, auf dem wir gemeinsam sind, wieder betrinken und dann wieder im Bett landen? Sowas will ich nicht.“

„Dann müssen wir halt die Finger voneinander lassen.“

Gretchen atmete tief durch. Sie musste noch einmal an ihrem Wein nippen. Irgendwie gefiel ihr die Richtung, in die dieses Gespräch gerade ging, so überhaupt nicht. Verabschiedeten sie sich gerade von einander? Distanzierte Marc sich wieder? Hatte er kein Problem damit, wie er es gerade schilderte?

„Wir konnten es am Wochenende auch nicht.“

„Wollte ich auch nicht“, jetzt grinste er wieder. Es machte Gretchen wahnsinnig.

„Ich habe keine Lust mehr auf dieses ständige hin und her, seit Jahren.“

„Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe.“

„Du willst das wirklich? Nach all den Jahren? Warum gerade jetzt, Marc?“

„Wie gesagt, ich habe nachgedacht“, er verdrehte kurz die Augen.

„Toll … Liebst du mich noch, ist es das?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Hast du mich jemals geliebt?“

Wieder zuckte er mit den Schultern.

„Verdammt Marc!“

„Verdammt Gretchen“, äffte er sie nach.

Gretchen verschränkte die Arme vor der Brust. Langsam verlor sie die Geduld. Sie wollte doch nur wissen, woran sie war.

„Was ist los Marc?“

„Was soll schon los sein?“

„Ich habe das Gefühl, dass es noch einen anderen Grund gibt, weshalb ich hier mit dir sitze. Also ein anderer Grund, außer über unsere Vergangenheit zu reden und Szenarien auszumalen, wie die Zukunft sein könnte.“

„Trinken und Reden. Deshalb sind wir hier.“

Gut, vielleicht gab es keinen weiteren Grund, aber ihr mulmiges Gefühl ließ sich trotzdem nicht abstellen. Auch fiel es ihr immer schwerer, ein Gespräch mit Marc am laufen zu lassen. Irgendwie war die Atmosphäre anders geworden. Gretchen fuhr mit ihrem Zeigefinger an der Kante des Holztisches entlang. Verfolgte ihren Finger.

„Ich würde gerne wissen, wie es dir nach unserer Trennung ergangen ist“, brach sie das Schweigen.

„Wie bitte?“

„Na, du hast doch zu mir gesagt, ich würde mich nicht dafür interessieren. Und dann hast du es mir ja angedeutet, dass es dir nicht gut ging…“

„Beschissen.“

„Ja, dann eben so. Dann hat es dir also etwas bedeutet?“

„Ich bin mit dir nach Afrika geflogen, Gretchen. Was wolltest du denn noch? Und dann haben wir diesen wirklich saudummen Streit, bei dem wir uns einmal alles Sagen, was uns an dem anderen gestört hat und alles bricht auseinander. Sollte ich danach etwa Luftsprünge machen?“

„Ich dachte nur…“

„Ja, du dachtest. Du dachtest wohl auch, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn du weiterhin deinen Arsch auf meiner Station durch die Flure schiebst, dass es mir nichts ausmachst, dass du noch da bist. Ich glaube, das waren mit die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens.“

Mit großen Kulleraugen sah sie ihn an. Ihr Finger hatte gestoppt. Marc fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und holte tief Luft.

„Als du weg bist, war das für mich wie eine Erleichterung. Es war einfach richtig schwer mit jemandem zu arbeiten, dem man…Naja. Es war halt wieder einfacher. Wir standen uns ja nur selbst immer im Weg, mit unseren Streits. Und dann warst du weg und ich komme nach der Arbeit in meine Wohnung und sehe diese scheiß Deckenlampe über meinem Tisch und werde an dich erinnert.“

„Ich habe all die Jahre gedacht, dir hätte es nichts ausgemacht“, flüsterte Gretchen fast. „Du hast immer so gewirkt, als sei dir alles egal.“

„Weil ich Privates von Beruflichem trenne. Das habe ich schon immer so getan.“

„Danke.“

„Eh, wofür jetzt genau?“, fragte Marc etwas planlos die blonde Frau gegenüber, die ihn leicht anlächelte.

„Dass du es mir gesagt hast“, erklärte Gretchen schüchtern.

Marc zuckte mit den Schultern und griff einmal mehr nach seinem Wein. Er war noch Keine rauchen gewesen und war über sich selbst erstaunt, dass er auch noch nicht das Verlangen danach verspürte. Viel mehr siegte die Neugier, was als nächstes Geschehen würde. Es war ihm egal, was Gretchen wohl gerade über ihn denken musste, dass er ihr diesen Einblick in seine damalige Gefühlswelt bescherte. Sie hatte ja eigentlich ein Recht darauf. Jetzt, wo sie sich endlich mal aussprachen.

Sally Offline

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16.11.2014 19:56
#18 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Gretchen betrachtete ihr Gegenüber genau. Seit wann war Marc Meier so gottverdammt ehrlich und redete mit ihr? Noch immer hatte sie das Gefühl, dass es da noch etwas gab, was er ihr sagen wollte. Aber er hatte es ja bereits verneint. Vielleicht sollte sie ihre weibliche Intuition heute einmal überhören und das glauben, was Marc ihr erzählte. Und das war immerhin schon eine Menge, was verarbeitet werden musste. Vielleicht bei einem Schokoeis, morgen. Vielleicht sollte sie ihm auch sagen, dass das Hemd, was er heute trug, nur unter seinem Kittel gut aussah. Diese kleinen, feinen roten Längsstreifen… Dieses Hemd besaß er doch schon ewig. Aber es war einfach so Marc. Es verkörperte ihn regelrecht. Genauso wie die unzähligen rosa Hemden, die er im Schrank hängen hatte. Ja, da hatte sie damals mal einen, vielleicht waren es auch ein paar mehr, Blick hineingeworfen. Er hätte ihr eventuell Konkurrenz machen können. Vielleicht war er auch Farbenblind?!

„Bist du Farbenblind?“

Gedanklich schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Warum stellte sie nur so blöde Fragen?

„Wie bitte? Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Nur so? Ich habe dich noch nie danach gefragt.“

„Nein, ich bin nicht Farbenblind. Wundert mich aber, dass du dieses kleine Detail nicht von mir kennst, auch wenn du sonst alles zu wissen scheinst.“

„Ich weiß vieles nicht von dir, Marc.“

„Naja, Ansichtssache.“

„Ansichtssache ist auch dein Hemd.“ Herausfordernd hob Gretchen eine Augenbraue.

„Und was hast du daran auszusetzen?“ Er sah kurz an sich herunter, ehe er wieder gespannt in ihr Gesicht sah.

„Naja, also damals so, unter deinem Kittel ist es ja okay, aber jetzt hier so…Es passt einfach nicht zu dir.“

„Du kannst es mir ja ausziehen“, zwinkerte er ihr zu.

„Marc, wir sind in einem Restaurant“, hisste Gretchen ihm zu.

„Na und? Interessiert doch eh keine Sau, wie du in Berlin rumläufst.“

„Das sagst gerade du! Der mir mein halbes Leben lang erzählt hat, was für Kleindung doch wie scheiße an mir aussieht.“

„Ohne Kleidung gefällst du mir ja auch besser. AU!“

Den Tritt hatte er sich verdient. Das sah er ein. Aber es war einfach so gut, sie wieder vor sich zu haben. Sich mit ihr zu kabbeln. Das hatte er wirklich vermisst. Jemanden, der ihm die Stirn bot.

„Hast du verdient“, Gretchen nippte am Rest ihres Weines.

„Sollen wir gleich gehen?“

„Okay.“

Gretchen schnappte ihre Handtasche, die neben ihr auf der Bank ruhte, und begann darin zu kramen, ehe sie ihre Geldbörse zückte.

„Pack weg. Ich zahle“, winkte Marc ab.

„Aber…“

„Hasenzahn, ich habe dich zum Essen eingeladen. Ich zahle. Ganz einfache Kiste.“

„Was hat man dich für eine Gehirnwäsche unterzogen?“

„Da lasse ich deiner Fantasie freien Lauf!“

„Ehm. Entschuldigst du mich einen Moment?“, sie warf ihm nun ein schüchternes Lächeln zu, nahm ihre Handtasche und war im Nu im hinteren Teil des Lokals verschwunden.

Marc lehnte sich im Stuhl zurück und nahm ebenfalls den Rest seines Weines zu sich. Es war ein relativ entspanntes Essen geworden. Er hatte so einiges sagen können, was er ihr schon viel eher hätte sagen sollen. Vielleicht würde er sie auch noch eine Runde zu sich nach Hause einladen. Er schüttelte den Kopf, als er daran dachte, wie er damals ein neues Bett gekauft hatte. Er hatte dem runden Bett ade gesagt und sich ein neues gekauft. Normalerweise war er nicht der Typ dafür, sich von Dingen zu trennen, an denen Erinnerungen hingen. Normalerweise war er gar nicht der Typ dafür, der Erinnerungen an Dinge knüpfte. Aber dieses Bett war etwas gewesen, mit dem er die ein, oder andere Frau hatte beeindrucken können. Etwas, worauf er heute nicht mehr stolz war. Er wollte nur eine einzige Frau beeindrucken, und die erleichterte sich gerade auf der Damentoilette. Er hatte sich von dem Bett getrennt und ein anderes gekauft.
Er ließ sich von dem Kellner die Rechnung bringen und bezahlte. Gretchen kam kurz darauf von ihrem Toilettengang wieder.

„Können wir?“, fragte Marc freundlich, als er sich erhob, sodass sie sich nicht noch einmal setzen musste.

„Ja.“

Er ließ Gretchen den Vortritt und als sie auf den Bürgersteig traten, holte er neben ihr auf. Es dämmerte bereits etwas. Die Luft war noch immer erwärmt. Es würde eine klare Nacht werden.

„Meine Mutter hatte einen Schlaganfall“, brach es aus Marc heraus.

Abrupt blieb Gretchen stehen. Marc tat es ihr gleich und sah sich zu ihr um. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Mund leicht geöffnet. Langsam schien sie sich wieder zu fangen.

„Gehen wir noch ein Stück?“, fragte sie ihn vorsichtig.

Er nickte. Sie musste nachdenken. Marcs Mutter hatte einen Schlaganfall erlitten. Das mochte noch nichts heißen. Aber irgendwie war ihr nicht wohl. Ihre inneren Alarmglocken, die schon früher am Abend geschrillt hatten, waren berechtigt gewesen. Marc führte sie ein Stück, über eine Straße. Noch ein kleines Stück weiter und sie waren am Wasser. Es herrschte noch munteres Treiben auf den Straßen. Er führte sie ein Stück weit an der Spree entlang.

„Wann?“, erhob Gretchen das Wort.

„Letztes Jahr“, gab er knapp kund.

„Und?“

„Hemiparese, rechtsseitig. Sprachstörungen. Isabelle, ihre Assistentin, hat sie entdeckt.“

Gretchen hakte sich bei ihm unter. Wollte ihm zeigen, dass sie ihm zuhörte und bei ihm war.

„Sie ist in Therapie. War gleich in die Charité geliefert worden. Die Presse weiß nichts, deswegen ist es auch in letzter Zeit so ruhig um sie. Das Sprechen klappt noch nicht so gut, wie sie will, aber dafür kann sie super mit ihren linken Fingern SMS tippen.“

„Weiß Mehdi davon?“

Er schüttelte den Kopf.

„Weiß mein Vater davon?“

Er nickte.

„Du trägst das jetzt quasi seit einem Jahr mit dir rum?“

„Na, dein Vater weiß es doch. Er hat sämtliche seiner Freunde in der Charité mobilisiert, dass meine Mutter die beste Behandlung und Reha bekommt, die man sich nur wünschen kann.“

„Warst du deswegen letztes Jahr nicht auf Mehdis Geburtstag da?“

Wieder nickte er.

„Warum hast du es ihm nicht erzählt? Er ist dein bester Freund? Warum erzählst du es mir?“

„Weil du nicht Mehdi bist. Der hatte da gerade doch genug mit dem frisch geschlüpften Hosenscheißer zu tun. Der braucht meine Probleme nicht. Und du…“

Gretchen sah zu ihm auf. Marc sah aufs Wasser. Die Hintergrundgeräusche hörten beide nicht.

„Ich?“

„Weißt du, dass man echt anfängt zu denken? Alles in Frage stellt? Also, wenn sowas passiert? Meine Mutter war ja immer sehr hypochondrisch. Schlimmer als du. Und ich habe mir echt nicht viele Gedanken gemacht, wenn sie mal wieder vor mir stand und mir Sachen erzählt hat, die sie haben könnte. Aber als dann der Anruf kam…Da beginnt man dann doch zu denken.“

„Darf ich wissen, was du gedacht hast?“

„Dass der einzige Mensch, den ich in dem Moment gerne bei mir gehabt hätte, du gewesen wärst.“


Er überfuhr eine rote Ampel nach der anderen. Hatte ein verdammtes Glück, dass ihn weder die Polizei anhielt, noch einen Unfall baute. Post würde er in den nächsten Wochen sicher eine Menge erhalten. Würde er eben auf Arzt im Einsatz plädieren, es war ihm auch sowas von scheißegal, ob man ihm den Führerschein wegnehmen würde, oder nicht. Es war ihm auch egal, dass er nun auf einem Behindertenparkplatz in Eingangsnähe parkte und sich flott ins Gebäude wagte. Er hatte das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Hatte sein Körpergefühl verloren. Seine Beine trugen ihn zu den Aufzügen. Er wusste, wo er hin musste. Er hatte hier mal bei einer OP assistiert. Er hämmerte quasi auf den Etagenknopf ein und erntete einen seltsamen Blick von dem älteren Herren und seiner jungen Begleitung, einer Krankenschwester. Er trug noch seinen Kittel. Den Kittel des Elisabethkrankenhauses. Er trug seine weiße Hose und ein dunkelblaues Poloshirt. Seine weißen, bequemen Schuhe hatte er auch an. Ja, sogar der Stift klemmte noch in seiner Kitteltasche, sowie sein Pieper.
Die Aufzugtüren sprangen auf und der Herr und seine Begleitung stiegen aus, während eine alte Dame mit Rollator, ein Pfleger und eine Verwaltungskraft mit Akten in den Händen einstiegen. Er wollte nur endlich ankommen. Er wollte aus diesem Albtraum aufwachen. Er wollte wo anders sein. An einem Ort, wo es schön war. In Afrika. Mit Gretchen. Der Aufzug hielt erneut und Doktor Meier preschte um die nächste Ecke und war endlich auf der richtigen Station. Um zwei weitere Ecken gebogen und er fand sein Ziel. Isabelle saß auf einem Stuhl in dem langen Gang. Zwei Schwestern schoben sich an ihm vorbei, in ein Gespräch über Laborwerte eines Patienten vertieft.

„Eh, wo ist ihr Oberarzt? Oder noch besser, der Chefarzt. Ich will ihn sofort Sprechen“, machte Marc auf sich aufmerksam und wurde von den beiden Frauen von oben bis unten gemustert.

„Und Sie sind?“, fragte die brünette mit der viel zu schmalen Nase und den spitzen Lippen.

„Doktor Meier…Sohn von Elke Fisher. Sie ist Privatpatientin, also bestehe ich darauf, ihren Chefarzt zu sprechen, aber pronto“, herrschte Marc die Damen an.

„Der ist heute nicht im Haus“, erklärte die Rothaarige mit den Sommersprossen auf der Nase dem Mann vor sich, der, wenn er nicht gerade total abgehetzt aussehen würde, bestimmt einen guten Eindruck machte.

„Dann bestellen Sie ihn gefälligst her, oder geben mir seine Nummer, dann erledige ich das selbst. Und richten Sie Andreas Grüße von mir aus.“

„Ich werde versuchen, ihn zu erreichen, Doktor Meier“, nickte die Rothaarige ihm zu.

Marc hatte sich von Beiden abgewandt und ließ sich von Isabelle das Zimmer zeigen. Er musste einen kräftigen Atemzug nehmen, bevor er es betreten konnte. Er hatte alles stehen und liegen gelassen, als der Anruf der Assistenz seiner Mutter reinkam. Er hatte die Visite an seinen fähigsten Assistenzarzt abgegeben und war auf direktem Wege in die Charité gefahren.

„Sie sind nicht Doktor Abraham“, stellte die Krankenschwester fest, die gerade neben dem Behandlungsbett seiner Mutter stand und ein Klemmbrett in den Händen hielt.

Sally Offline

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23.11.2014 13:57
#19 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

„Doktor Abraham?“, fragte Marc verwirrt.

„Ja, ich hatte ihn an gepiept, dass die ersten Ergebnisse da sind. Ich kenne Sie gar nicht. Kommen sie für ein Konsil?“, fragte die kleine blonde Schwester neugierig.

„Meier. Das ist meine Mutter“, klärte Marc auf.

„Oh. Natürlich. Wie dumm von mir. Aber der Kittel ist schon etwas irritierend. Sie sind Arzt?“, versuchte die Schwester feinfühlig auf ihr Gegenüber einzugehen, hatte sie bereits eine Menge Erfahrung mit Angehörigen gesammelt, um diese ein wenig vom Ernst der Lage abzulenken.

„Chirurg…Oberarzt…Elisabethkrankenhaus“, ratterte Marc runter. Sein Blick war auf seine Mutter geheftet, die auf dem Bett vor ihm lag. Er fühlte sich plötzlich so unglaublich klein und erschöpft.

„Doktor Meier, wollen Sie ein wenig neben Ihrer Mutter platz nehmen und ich werde mich auf die Suche nach Dr. Abraham machen, der dann weiteres mit Ihnen klärt?“

„Ich will, dass der Chefarzt sie behandelt. Das habe ich bereits ihren beiden Kolleginnen auf dem Flur gesagt.“

„Natürlich. Ich habe Doktor Schafmann bereits informiert. Er wusste nur nicht, ob er es heute noch in die Klinik schaffen würde. Dr. Abraham solle ihn vorerst vertreten. Er ist der Oberarzt.“

„Gut“, konnte Marc nur noch als Antwort geben. Er ließ sich auf dem Stuhl nieder, der normalerweise für die Ärzte gedacht war. Aber er war ja Arzt. Die kleine Schwester zog sich dezent aus dem Raum zurück und beeilte sich, ihren Oberarzt zu finden.

Marc sah auf seine Mutter herunter. Er hätte es vermutlich nie laut von sich gegeben, aber er hatte schreckliche Angst. Sie sah furchtbar vulnerabel aus. So aschfahl und zerbrechlich. So anfällig. Nicht wie seine Mutter. Und doch war sie es. Er entfernte sich von der Patientenliege und griff auf dem Weg zur Tür in seine Kitteltasche. Seinen Kopf streckte er aus dem Zimmer, woraufhin Isabelle sofort von dem Stuhl aufsprang und auf ihn zukam.

„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte Marc die Blondine.

„Sicher doch“, antwortete sie etwas zögerlich.

„Sie müssen einen Anruf für mich erledigen“, er reichte ihr sein Handy, „Haase.“ Erneut griff er in seine Kitteltasche. „Ehm…Franz. Franz Haase. Sagen Sie ihm wo ich bin und was Sache ist und sagen sie ihm, dass ich mich später bei ihm melde.“

„Okay. Bei Haase anrufen und die Sache mit ihrer Mutter berichten“, gab Isabelle wieder.

„Franz Haase! Ganz wichtig. Es gibt zwei Haase in meinem Telefonbuch.“

„Okay, wird erledigt. Kann ich noch irgendetwas tun? Einen Kaffee holen?“

Marc fuhr sich müde übers Gesicht. „Ja…und hier“, er gab ihr seine Autoschlüssel, „meinen Wagen um parken. Er steht direkt am Eingang. Aber nicht zu weit weg, damit ich ihn auch wiederfinde. Und ein Kaffee wäre gut. Ach, und ich habe eine Tasche im Kofferraum, da sind Wechselklamotten für die Klinik drin. Wenn Sie mir da ein Hemd rausholen könnten?“

„Mache ich. Franz Haase anrufen, Auto um parken, Hemd und Kaffee. Ich mache mich sofort auf den Weg“, wiederholte Isabelle und war im nächsten Moment schon fast am Ende des Ganges.

Marc trat zurück in den Raum, in dem seine Mutter lag.



Gretchen musterte Marcs Silhouette. Sie lehnte neben ihm an der Brüstung des Wassers. Sein Blick stierte auf das Nass zu ihren Füßen. Er schnipste den Zigarettenstängel aus und schmiss den Rest weg. Sie überlegte für eine Millisekunde ihn zu tadeln, ließ es aber. Es gab jetzt andere Dinge, über die sie sich Gedanken machte.

„Du hättest mich anrufen können“, meinte Gretchen leise.

„Nein, das hätte ich nicht. Du warst mit deinem Kerl da zusammen. Und du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben. Du hättest mich hundert pro einfach weggedrückt. Und ich hatte deine neue Nummer nicht.“

„Aber du hast mir doch jetzt immer geschrieben…?“

Marc schwenkte auf die Frau neben sich und seine Mundwinkel hoben sich wieder etwas an: „Du solltest mal mit euren Schwestern über den Datenschutz reden. So eine kleine Auffrischung wäre nicht verkehrt.“

„Was hast du gemacht?“, fragte Gretchen entsetzt.

„Na nach deiner Handynummer gefragt?“, jetzt grinste er fast.

„Marc!“ lachte Gretchen.

„Ja?“

„Du bist unmöglich“, sagte sie kopfschüttelnd.

„Ich weiß“, und ehe sie sich versah, hatte Marc ihr Gesicht ergriffen, sie zu sich gezogen und ihr einen Kuss auf die Lippen gesetzt.

Gretchen schob ihn sanft mit der Hand auf seiner Brust von sich.

„Du lenkst vom Thema ab.“

„Ich habe keine Lust mehr auf das Thema. Komm heut Nacht mit zu mir“, forderte er prompt.

Sie nahm Abstand von ihm. Gretchen fühlte sich irgendwie überfordert. Erst das Abendessen, das anschließende Gespräch, diese Neuigkeit, der Kuss. Sie wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Aber sie wusste wer vor ihr stand. Sie lernte diesen Menschen gerade ganz neu kennen und doch war es immer noch der alte Marc, der Alles für selbstverständlich hielt.

„Weißt du eigentlich, was du mir gerade erzählt hast? Was du mir anvertraut hast, Marc? Zum ersten Mal in meinem Leben wäre ich froh, wenn du mir mal etwas nicht so erzählt hättest.“ Marcs Magen rutschte gefühlt eine Etage tiefer und er hielt die Luft an, als Gretchen weitersprach. „Nicht so. Unter diesen Umständen. Ich meine, wir sind…Ja keine Ahnung. Wir treffen uns gerade das zweite Mal nach sechs Jahren und…Warum Marc?“

„Warum? Gott, Gretchen ist das nicht offensichtlich?“

„Du hast das nicht alles einfach so gesagt? In der Nacht und am Morgen und eben? Ich glaube, ich brauche einen Schnaps!“

„Was?“

Marc sah Gretchen mit offenen Augen an. Er hatte es ihr schon wieder auf dem Silbertablett serviert. Zwar ohne es auszusprechen, aber es ihr doch wieder nahe gebracht. Und alles, woran Gretchen jetzt denken konnte, war Schnaps? Er konnte sie sehr gut verstehen. Er konnte jetzt auch einen gebrauchen. Immerhin wusste Gretchen mehr, als jeder andere Mensch in seinem Leben. Okay, vielleicht mit Ausnahme seiner Mutter, aber diese wusste wiederum einige Dinge nicht, die Gretchen schon kannte. Vor allem jetzt. Aber er wollte, dass Gretchen es wusste. Nach all dem, was er in den letzten zwei Jahren durchgemacht hatte, fühlte er sich quasi dazu verpflichtet, sie wissen zu lassen. Dass er sie liebte. Fast hätte er es seiner Mutter nie sagen können. Und das war mit Abstand eines der erschreckendsten Erlebnisse in seinem Leben. Er wollte es nie wieder soweit kommen lassen und die Menschen, die ihm wirklich etwas bedeuteten, es nicht wissen zu lassen. Man konnte eben nicht wissen, was im nächsten Moment passieren würde und man eventuell nie wieder die Chance haben würde, es diesem Menschen zu sagen. Marc war zwar nicht jemand, der viel über so etwas sprach, aber er wusste, wie er es den Menschen wissen lassen konnte, ohne etwas zu sagen.

„Ich habe Schnaps zu Hause im Schrank. Fahren wir zu mir“, beschloss Marc erneut und griff nach Gretchens Hand, die verdattert auf den plötzlichen Hautkontakt reagierte und zwar mit einer gewaltigen Gänsehaut.

„Okay“, bekam sie mittlerweile nur noch heraus, waren die Informationen, die sie soeben erhalten hatte, noch nicht ganz verarbeitet.

Marc festigte den Griff ihrer Hand und begab sich mit ihr neben ihm, auf den Weg zur U-Bahn-Station. Diesen Griff lockerte er nicht. Auch nicht, als sie in den Wagon stiegen und sich auf eine der Bänke setzten. Auch wenn sie nur ein paar Stationen fahren mussten, er konnte sich gut vorstellen, dass es Gretchen gerade auch lieber war, zu sitzen. Sie hatte noch nicht wieder gesprochen. Auch er bevorzugte es, gerade zu schweigen. Es war nicht so voll, wie auf der Hinfahrt. Sein Blick wanderte aus dem Fenster, sah auf die vorbeiziehenden Häuserfassaden und erinnerte sich an den Morgen bei Gretchen, als sie auf dem Balkon saßen. Gretchens Griff festigte sich kurz und er sah zu ihr. Sie lächelte ihn an, was er kurz erwiderte. Ihre Hand in seiner. Fühlte sich einfach so richtig an.

Ihre Hand ließ er erst los, als sie vor der Wohnungstür standen und Marc seine zweite Hand benötigte, um die Tür ein wenig anzuziehen, damit er aufschließen konnte. Dieses dumme Problem plagte ihn schon seit fast einem Jahr, gemeldet hatte er das Problem schon bei seinem Vermieter. Gekümmert hatte sich bis jetzt noch niemand. Gretchen stand ihm im Rücken, als das Schloss endlich öffnete und er hineintrat. Sie folgte ihm zögernd. Er schlüpfte routiniert aus seinen Schuhen, beobachtete dabei, wie Gretchen die Tür hinter sich schloss und sich auch ihre Schuhe auszog.

Es fühlte sich seltsam an. Fast aufgeregt war sie gewesen, als sie vor der Wohnungstür gestanden haben. Jetzt in der Wohnung, war es noch etwas schlimmer. Es roch so gewohnt. Und hier, von der Stelle an der sie stand, sah noch alles so aus, wie früher. Und Marc lehnte wie früher an der Wand, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte sie amüsiert.

„Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte er belustigt.

„Nein…Indirekt vielleicht. Aber hier hat sich nichts verändert“, sprach sie ihre Feststellung nun aus.

„Immer noch Interesse an einem Schnaps?“

„Weiß nicht.“

Marc stieß sich ab und bewegte sich in die Küche. Aus dem Kühlschrank holte er eine Flasche Wasser, die er ihr anbot und sie dankend ein Glas entgegennahm. Er nahm ebenfalls Wasser aus seinem Glas. Gretchens Blick hatte etwas eingefangen. Etwas, was sie nicht mehr aus den Augen lies. Er stellte sein Glas ab und ging um die Kochinsel herum. Näher an Gretchen heran.

„Was ist so interessant?“, fragte er.

„Du hast ein anderes Bett“, sagte sie und sah ihn wieder an. „Was ist aus dem Frauenaufreißerbett geworden?“

„Habe es ausgetauscht“, gab er nur knapp kund.

Seine Hände hatten sich am Kragen ihrer Bluse tätig gemacht. Öffneten vorsichtig den ersten Knopf. Gretchen sah ihm fest in die Augen.

„Weshalb?“, fragte sie doch etwas neugieriger, als gewollt.

„Wollte es nichtmehr.“ Ein weiter Knopf war offen.

„Du ziehst mich aus.“

„Ich weiß“, grinste er sie an.

„Marc…“

„Nicht…“, stoppte er ihr Reden und erstickte ihre nächsten Worte in einem intensiven Kuss.

Sally Offline

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24.12.2014 14:26
#20 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Der 24. Dezember.

„Nein, verdammt! Marc, was machst du da?“, keifte Gretchen den großgewachsenen Mann an der Kochinsel an, als sie das Ergebnis seiner Bemühungen genauer ins Auge fasste.

Unschuldig sah er zu ihr herüber und zuckte mit den Schultern: „Das, was hier steht?“ Er zeigte mit dem Kinn auf das vor ihm liegende Rezept.

Gretchen schlug sich in Gedanken mit der flachen Hand auf die Stirn. Sie hätte ihm diese Aufgabe wohl nicht zuteilen sollen. Da Marcs Talent im Dekorieren des Küchentisches auf einer Skala von eins bis zehn mit einem Finger dargestellt werden konnte, hatte sie ihn damit beauftragt, das Obst für den Obstsalat -einem Rezept ihrer Mutter- zu schneiden. Ein fataler Fehler, wie ihr gerade bewusst wurde. Musste Frau denn immer alles selbst machen?

„Du musst die Mandarine schälen und dann filetieren! Nicht mit der Schale in Stücke schneiden!“

Sie legte die restlichen Zimtstangen und Anissterne auf den roten Tischläufer, auf dem sie zuvor Tannenzweige, rote Kugeln und goldene Sternchen verteilt hatte, auf den Tisch. Eine dicke rote Kerze stand in der Mitte der kleinen Tafel.

„Fil- was?“, ratlos sah er seine Freundin an, die ihn aus himmelblauen Augen anklagend ansah, die Hände in die Seiten gestemmt.

Gretchen umrundete energisch die Kochinsel, riss ihm förmlich das Messer aus der Hand und schnappte sich mit der anderen eine neue Mandarine. Fix hatte sie die Schale entfernt und schnitt nun in die Kammern der Frucht.

„SO!“

„Ja woher soll ich das denn bitte wissen?“ Etwas überrannt schaute er sie an. Blamierte er sich hier gerade etwa?

Gretchen händigte ihm wieder das Kochwerkzeug aus, umarmte ihn kurz und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange: „Du meinst doch sonst auch immer alles zu wissen.“ Leise vor sich hin schmunzelnd begab sie sich wieder zum Tisch und verteilte die restlichen Dekoelemente.

Marc sah sie einen Moment an, wandte sich dann aber doch der Frucht in seiner Hand zu. Das würde er doch jetzt mit links erledigen. Immerhin konnte er mit Messern umgehen. Eine Operation an einer offenen Mandarine. Hah! Kein Problem für Gott, äh, Dr. Meier!

Doch ganz so einfach war es dann doch nicht, auch nicht für einen erfahrenen Chirurgen. Eingestehen wollte er es sich natürlich nicht. Vor seiner hinreißenden Freundin äußern schon mal lange nicht! Als Gretchen mit der Tischdekoration fertig war –sie hatte noch goldene Platzdeckchen hingelegt- half sie ihm bei der Mandarinen-OP mit und das –was er niemals zugeben würde– erheblich geschickter als er. Es dauerte gar nicht so lange, und der Obstsalat war endlich fertig und konnte durchziehen. Es roch herrlich in seiner Küche. Nur die Frau neben ihm, die sich gerade einen Rest Mandarine in den Mund schob, roch noch himmlischer.

„Sag mal, ich muss mir aber nachher keinen Anzug oder ähnliches anziehen, oder?“, fragte er nach.

„Doch natürlich und ich schmeiße mich in ein Engelskostüm.“ Sie verfolgte Marcs Blick, der ihre weiblichen Rundungen mal wieder ganz besonders betrachtete. Es war halt auch nur ein Mann.

Hm, Gretchen in einem Engelskostüm. „Ok, du meinst, so ein von Victoria’s Dingsbums, oder? Die Flügel kannst du meinetwegen weglassen. Und die Bescherung machen wir gleich nebenan“, er blinzelte ihr lüstern zu.

„Natürlich nicht! Von mir aus kannst du auch einen labbrigen Jogginganzug anziehen. Und Marc, wehe, du kommst je auf die Idee, mich in ein Engelskostüm zu stecken.“ Ihr freches Grinsen entging ihm nicht, als sie eine weitere Mandarinenspalte in ihren Mund beförderte.

„Ich finde ja, du solltest zumindest diese nette Unterwäsche tragen, die du auf dem Weihnachtsball unter hattest“, zwinkerte er ihr zu.

„Wenn du mir schon so kommst, dann ziehe ich das Unsexieste an, was ich besitze!“

„Einen deiner pinken Frotteeschlafanzüge?“

Der vorwurfsvolle Blick, den er von Gretchen kassierte, brachte ihn zum Lachen. Ihre geliebten kuscheligen Schlafanzüge waren immer ein Garant für spitze Bemerkungen seinerseits. Die blonde Frau fand das allerdings überhaupt nicht lustig, schaute ihn schmollend an und machte Anstalten, ins Schlafzimmer zu spazieren.

„Ich habe Schokofondue besorgt, für den Nachtisch!“, rief er ihr nach.

War das sein Ernst? Sie drehte sich ihm nicht einmal zu: „Das letzte Mal, als wir Schokofondue gegessen haben, war ich Teil einer Wette und du hast mir zur Krönung auch noch Bier in den Ausschnitt gespuckt!“

„Ach die alte Kamelle wieder. Das ist ewig her! Warum kannst du dich noch daran erinnern?“, er rollte die Augen, als er realisierte, dass bei ihr der Spaß aufgehört hatte und sie gerade begann, ernsthaft sauer zu werden.

„Ich fass es nicht“, ihre Schultern sackten ein Stockwerk tiefer und sie verschwand im angrenzenden Schlafzimmer. Sollte er mal schön gucken, wie er aus der Nummer wieder rauskam.

„Ach komm schon, Gretchen“, hörte sie ihn rufen. Weiber! Mussten aus so einer Lappalie gleich ein mittleres Drama machen…

Sie schmiss sich auf das Bett und starrte an die weiße, mit Stuck besetzte Zimmerdecke. Sie hatte keine Lust auf Streit an so einem Tag. Sie hatte aber auch keinen Bock, sich das gefallen zu lassen. Erst recht nicht an Heiligabend! Hatte sie ihn über die letzten Wochen umsonst langsam auf diesen Tag hin vorbereitet? War all die Arbeit, auch nur ein bisschen Weihnachtsstimmung in Marc Meiers Leben zu verbreiten, nun für die Katz?

Sie hörte genau, wie das Parkett unter seinen Füßen knarrte, als er sich ins Zimmer schlich. Sie spürte, wie die Matratze nachgab. Sie konnte ihn riechen. Langsam kletterte Marc über sie, hielt sie so gefangen und sah sie mit seinen blitzenden grünen Augen an. Das war ja sowas von unfair, dass er jetzt auch noch lächelte und ihr seine Grübchen präsentierte! Dieser Mistkerl wusste genau, dass sie davon schwach werden würde. Er drückte ihr einen Kuss auf die Nase und sie schmolz dahin.

„Wie kommt es eigentlich, dass wir heute schon Bescherung machen?“, fragte er neugierig und stellte sich in dem Moment die Frage, wieso er das nicht schon eher hinterfragt hatte. Aber vermutlich war so eine Belanglosigkeit im Alltag untergegangen.

„Das haben wir schon immer gemacht“, meinte sie nur. „Warum?“

„Nur so. Bei uns gab’s erst am 25. Geschenke. Wobei die Pakete schon abends unterm Baum lagen.“

„Das hätte ich nie ausgehalten!“

„Und wenn ich darauf bestehen würde, dass wir unsere Geschenke erst morgen früh öffnen sollen?“

Er grinste sie frech an. Gretchen haute ihm auf die Brust, ließ sich nicht von seinen Fingern, die sich gerade an ihrem Ohrläppchen zu schaffen machten, ablenken.

„Dann würde ich dir genau jetzt die Hand wegschlagen und du müsstest die Nacht auf dem Sofa verbringen.“

Ihr Lächeln war zuckersüß. Dieses Biest! Damit ging wohl der Punkt an Gretchen, denn Marc hatte alles andere vor, als diese Nacht alleine auf seinem Sofa zu verbringen. Er kletterte von ihr herunter und saß nun im Schneidersitz neben ihr.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, an den Feiertagen frei zu nehmen. Sein neuer Kollege, Doktor Bergmann war ein Arbeitstier, unverheiratet und kinderlos, zudem noch recht jung, Single und anscheinend ohne Familie, die ihn zwang, Heiligabend zusammen zu verbringen. Er hatte sich sogar gefreut, als Marc seinen Urlaub eingereicht hatte und er die Feiertage alleine übernehmen konnte. Früher wäre Marc es wohl selbst gewesen, der sich der endlos langen Schichten angenommen hätte, aber dieses Jahr verstand er zum ersten Mal, warum man an Weihnachten doch lieber bei der Familie sein sollte. Gretchen hatte da seit Wochen schon ganze Arbeit geleistet.

Es hatte kurz vor der Adventszeit begonnen, als sie ihn durch die Geschäfte geschleift hatte, in denen sie tonnenweise Weihnachtsdekoration eingekauft hatte und ihre Wohnung damit geschmückt hatte. Die Adventssonntage, die sie gemeinsam verbracht hatten, mit Glühwein und selbstgebackenen Plätzchen von Bärbel Haase. Als Gretchen ihre Küche vor einer Woche selbst in eine Weihnachtsbackstube verwandelt hatte und er vom Plätzchenteig naschen durfte, war das für ihn so ziemlich das Highlight der Weihnachtsvorbereitungen gewesen. Als Kind hatte er das nie kennen gelernt, seine Mutter hatte Weihnachtsdeko und Plätzchen immer kategorisch als Kitsch erster Klasse abgelehnt. Wenn er allerdings doch einmal –das klappte allerdings nur bis zu seinem achten Lebensjahr seinen Willen durchgesetzt hatte, nachdem er stundenlang geheult und als Krönung einen Hungerstreik oben drauf gesetzt hatte, kaufte Elke Fischer die Plätzchen beim Bäcker. Selbstgemacht war aber um Längen besser!

Gretchen hatte es geschafft, eine sinnliche Atmosphäre zu schaffen, auch wenn er ihr erlaubt hatte, seine Wohnung nur am Tage des Heiligabends direkt zu schmücken. Sogar einen kleinen Tannenbaum samt Minimaldekoration und LED-Beleuchtung hatten sie sich besorgt. Ein mickriges Ding, wenn man ihn mit der Nordmanntanne im Wohnzimmer der Haases verglich, der bereits seit dem zweiten Advent stand und üppig mit glitzernden Kugeln, echten Kerzen und Lametta geschmückt war. Gretchen hatte auch nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, dann hätten sie wenigstens nicht mit ganz so vielen Nadeln in den Socken zu kämpfen. Marc hatte sich insgeheim fest vorgenommen, den Baum so schnell wie möglich wieder aus seiner Wohnung zu beseitigen.

Gretchen hatte beschlossen, hier bei ihm in der Wohnung zu feiern. So würde sie sich die Fahrerei in den nächsten paar Tagen sparen. Mit einer kleinen Reisetasche und einem noch viel größeren Einkaufkorb hatte sie heute Mittag vor seiner Tür gestanden und sich dann in der Wohnung ausgebreitet. Sogar den Einkauf für das Essen hatte sie mitgebracht.
Marc war vom Fassungsvermögen ihrer Gepäckstücke: Die Tasche oder der Korb einer Frau konnte schon manchmal fast einen Kleinwagen verstecken. Neugierig hatte er beobachtet, wie Gretchen immer mehr Utensilien aus dem Korb holte. Der Gedanke, der kurz in den Tiefen seines Hirns aufflammte, dass so ein Korb sich als äußerst praktisch erwies und er ganz vielleicht auch so einen gebrauchen könnte, wurde schnell wieder verdrängt. Das war nun wirklich zu viel des Guten. Er begann anscheinend, sich gründlich domestizieren zu lassen. Zeit, dass er das Zepter wieder in die Hand nahm.

„Ich finde, wir sollten jetzt den Rest erledigen, damit wir mal endlich fertig werden“, sprach Marc entschlossen, kletterte währenddessen von Gretchen runter und war im Nu wieder in der Küche verschwunden und ihre kleine Auseinandersetzung hatte sich gelegt.

Gretchen seufzte, rappelte sich dann aber doch auf, als sie die Mikrowelle hörte. Dieses verflixte Ding gehörte zu Marcs persönlichen Lieblingskochutensilien. Er machte sich darin seinen Reis aus der Tüte warm, erwärmte die Soße aus dem Glas dazu und auch noch die schon fertiggeschnittenen und vorgebratenen Hähnchenbruststreifen aus der Kühltheke würden darin erhitzt. Fertig war seine Mahlzeit. Hätte Gretchen es nicht mal selbst gekostet, hätte sie nie und nimmer geglaubt, dass dieser Mann in der Lage war zu kochen. Er war einfach nur stinkefaul, was die Kocherei betraf. Vielleicht war das aber nur eine Berufskrankheit, denn ihr Vater verhielt sich nicht anders.
Mit verschränkten Armen baute sie sich vor Marc in der Küche auf: „Was machst du da? Wenn das die Würstchen sind…“

„Sind es nicht. Ist die Schokolade für das Fondue“, merkte er nur an und drückte auf den Tasten der Mikrowelle herum.

„Was hat die in der Mikrowelle zu suchen?“

„Schmelzen?“

„Oh Mann“, seufzte Gretchen nur und widmete sich einem Küchenschrank, aus dem sie einen Topf holte, diesen mit Wasser befüllte und auf den Herd stellte. „Ich dachte schon, es wären die Würstchen.“

„Den Fehler begehe ich nicht noch einmal“, murmelte Marc, der an eine ordentliche Standpauke seiner Freundin erinnert wurde, auf gar keinen Fall Wiener Würstchen in der Mikrowelle zu erhitzen, denn sie hasste es, wenn die Würstchen platzten und man nachher, wobei es sich dann wohl eher im sie handelte, wieder die Mikrowelle putzen durfte. Also war es ihre Aufgabe, diese in einem Wasserbad zu erwärmen. Das „Ping“-Geräusch der Mikrowelle riss ihn aus seinen Gedanken und er entnahm die kleine Schüssel mit Schokolade und setzte sie auf die Vorrichtung mit der Kerze, die er zuvor auf die Arbeitsplatte gestellt hatte. Das Fondue platzierte er wiederum auf dem Esstisch und zündete das Rechaud darunter an. Gretchen machte inzwischen die Kerzen an, die sie großzügig im ganzen Raum verteilt hatte, legte eine CD mit den beliebtesten Weihnachts-Klassikern, die sie auf einer ihrer Shoppingtouren umsonst bekommen hatte, ein und dimmte das Licht. Marcs Designerbude hatte plötzlich eine ganz andere Atmosphäre.

„Warum hast du die Schokolade schon geschmolzen?“, wollte Gretchen nun wissen, denn ihr war absolut schleierhaft, was er da gerade tat.

„Dann dauert es gleich nicht so lange“, war seine knappe Antwort, als er die Schüssel mit dem Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank holte, sowie kleine Schüsselchen mit Obst gefüllt.

„Wir haben viel zu viel Essen“, stellte Gretchen fest, als sie den gedeckten Küchentisch betrachtete und dann zur Kochinsel hinüber blickte, an der Marc das Schokoladenfondue vorbereitete. Unfassbar. Wer sollte das nur alles essen? Sie drehte die Herdplatte herunter. „Sollen wir essen?“, fragte sie ihren Liebsten.

„Jetzt schon? Nicht umziehen?“, er hatte die Augenbrauen hochgezogen und wackelte anzüglich damit.

„Von mir aus … Aber eigentlich ist das doch gar nicht nötig, oder?“, ihre Augen glitten einmal über ihr Gegenüber. Jeans. Grauer Pullover, darunter ein hellblaues Hemd. Socken an den Füßen. Sie selbst trug auch Jeans und eine geblümte Bluse mit einer weinroten Strickjacke darüber. Das sollte doch genügen. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits 18:27 Uhr war. Doch eigentlich die perfekte Zeit zum Essen. „Geduscht haben wir heute Morgen. Mein Gott, es sieht uns doch niemand. Außerdem habe ich Hunger.“

„Du hast immer Hunger, Hasenzahn“, antwortete Marc trocken. „Aber gut. Dann essen wir halt jetzt. Ich bekomme nämlich auch langsam Hunger, vor allem, da das verdammte Essen schon die ganze Zeit vor meiner Nase steht.“

Gretchen grinste, als sie die Würstchen aus dem Wasserbad nahm und auf Anweisung gen Marc auf die beiden Teller legte, die er ihr hinhielt. Fast elegant brachte Marc die Teller zum Tisch und wartete, bis Gretchen sich auf ihren Hosenboden nieder gelassen hatte. Er schenkte Wein in die Gläser, schaute sich kurz anerkennend im Raum um und prostete seiner Liebsten zu. Heiligabend hatte schon etwas Besinnliches mit einer ganz gewissen Person an der Seite. Sie sah auch in diesen Klamotten aus wie ein Engel, mit ihrer im Kerzenlicht glänzenden Lockenpracht und den tieblauen funkelnden Augen. Doch, diese letzten paar Monate mit ihr waren definitiv nicht die schlechtesten gewesen…

Während er Gretchen dabei zusah, wie sie sich Kartoffelsalat auf ihren Teller schaufelte, tastete sich sein Fuß voran, bis er sein Ziel erreicht hatte: Gretchens Fuß. Seine Zehen krabbelten auf ihren Rist, auf dem er verweilte. Gretchen schenkte ihm ein kurzes warmherziges Lächeln und reichte ihm dann die Schüssel. Nachdem auch er seinen Teller befüllt hatte, stand er noch einmal auf und ging zum Kühlschrank.

„Was ist?“, fragte Gretchen.

„Senf“, antwortete Marc und hielt die Tube kurz hoch, als er sich wieder niederließ. Sein Fuß wieder auf dem ihren.

„Wie konnte ich das nur vergessen“, lachte Gretchen.

„Ich bin schwer enttäuscht von dir, Hasenzahn“, ein Schmunzeln umgab seine Lippen.

„Ich finde es schön, mit dir Weihnachten verbringen zu können.“

„Ob ich das genauso finde, kann ich dir erst sagen, wenn ich die nächsten beiden Tage überlebt habe!“

„Okay, dann sprechen wir da die Tage nochmal drüber.“

„Wie, kein Einwand?“

„Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen Bammel vor dem Besuch bei deiner Mutter“, gab Gretchen leise zu.

„Wenn sie uns nervt, gehen wir einfach. So schnell kann sie uns nämlich nicht folgen“, er zwinkerte ihr zu.

„Marc! So spricht man nicht über seine kranke Mutter“, tadelte Gretchen und entzog ihm ihren Fuß, was Marc mit einer leichten Schnute quittierte.

„Weißt du Gretchen“, er schaufelte sich eine Ladung Kartoffelsalat in den Mund, ließ die Hand mit der Gabel dort, indem er den Knöchel seines Fingers gegen seine Lippe legte und sprach nuschelnd weiter, „es gibt Dinge, die nur mir zustehen. Dazu gehört auch, über meine Mutter, die sich ihrer Therapie verweigert, den einen oder anderen Spruch fallen zu lassen. Außerdem hört sie mich gerade eh nicht.“

„Du bist schon ganz schön gemein. Was macht deine Mutter eigentlich an Heiligabend? Wir hätten sie doch einladen können, oder zu ihr fahren können! Oh Gott, die arme Frau sitzt jetzt ganz alleine da! An Heiligabend!“, Gretchen riss die Augen auf und legte ihr Besteck beiseite.

„Mach mal halblang, Hasenzahn! Sie hat sich nie viel aus Heiligabend gemacht. Da gab’s auch nie Deko oder Plätzchen. Sie steht nicht auf diesen Schnickschnack, sagt sie immer. Vermutlich trinkt sie sich einen, isst von dem teuren Fraß aus ihrem Kühlschrank und suhlt sich in Selbstmitleid. Wir sind übermorgen bei ihr, das reicht.“

Gretchen schnaubte. Sie würde wohl nie diese seltsame Mutter-Sohn-Beziehung verstehen. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Elke Fisher hatte ihren Sohn auch so großgezogen und ihm die ein oder andere Manier mit auf den Weg gegeben, die Marc dann zum Vorschein brachte, wenn die Öffentlichkeit es von ihm erwartete. Ansonsten war er halt doch immer noch ihr unmöglicher Marc Meier, der sie ihre halbe Schulzeit lang auf dem Kieker gehabt hatte, um fast zwanzig Jahre später mit ihr Weihnachten in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Also gar nicht mal so übel, Frau Fisher. Im Stillen prostete sie ihr zu, Marc musste ja nicht unbedingt wissen, was sie gerade dachte.

„Du isst aber viel“, stellte Marc fest, als Gretchen sich erhob, um sich Würstchen und Kartoffelsalat nachzufüllen.

„Weihnachten stresst mich immer so“, sagte sie unschuldig und klimperte mit ihren blauen Äuglein, denen Marc einfach nicht böse sein konnte. „Und es schmeck so gut.“

Gut, wenn Fräulein meinte, dass Portion Nummer drei noch gut schmeckte, dann war das wohl so. Marc hatte seinen Teller bereits von sich geschoben und betrachtete sein Gegenüber bei der genüsslichen Nahrungsaufnahme. Wenn sie nachher über Bauchschmerzen klagen würde, hätte er nichts anderes als ein verächtliches Lachen für sie übrig. Aber er wusste auch, dass er Gretchen schnell mal unterschätzte. Wahrscheinlich auch an diesem Abend. Nachdem Gretchen nun auch ihre dritte Portion intus hatte, gab es den Obstsalat. Gretchen beschwerte sich, dass dieser nicht so schmeckte, wie zuhause und sie sich umso mehr auf den morgigen Tag freuen würde.

Marc nicht. Er hatte überhaupt keine Lust auf ein Essen bei Professor Haase und Familie und die inquisitorische Fragerei. Viel lieber würde er die nächsten zwei Tage im Bett verbringen. Mit seiner Liebsten und dieses nur zum Stillen der anderen menschlichen Bedürfnisse verlassen: Essen, Trinken und Toilette.
Da seine Freundin allerdings Weihnachten in den Himmel lobte, hatte er sich ihr gefügt. Marc würde sich morgen opfern, sie morgen zu ihrer Familie begleiten und den Tag darauf seine Mutter besuchen. Was man nicht alles für die Frau an seiner Seite tat.
Er sah Gretchen nun dabei zu, wie sie sich Obstsalat in die Glasschüssel häufte, kurz daran schnupperte, die Nase rümpfte und dann den Löffel in den Mund schob und genüsslich kaute.

„Ist was nicht in Ordnung?“, fragte er, da er Gretchen sich rümpfende Nase nicht als normal einstufte.

„Nein, alles okay“, beschwichtigte Gretchen ihn, auch wenn sie nicht ganz mit dem Duft des Obstsalates einverstanden war. Vielleicht was das zu viel Zimt? Aber danach schmeckte es nicht. Vielleicht hatte sie in den letzten Tagen zu oft an diesem Gewürz gerochen und konnte es deswegen nicht mehr leiden. Nach dem Obstsalat, von dem sich Gretchen diesmal nur eine Portion gönnte, folgte das Schokoladenfondue. Sie fand, dass Marc sich selbst übertroffen hatte. Am liebsten hätte sie darin gebadet!

Papp satt und vielleicht mit ein wenig Bauchscherzen, zog Gretchen Marc ins Wohnzimmer zu ihrem kleinen funkelnden Tannenbaum. Sie war aufgeregt. Ihr Bauch kribbelte. Hätte sie vor lauter Vorfreude doch nur nicht so viel in sich hineingeschaufelt. Sie strahlte. Versuchte ihre Unsicherheit zu übertünchen. Marc grinste sie wissend an. Dieser miese Verräter wusste doch genau, wie es ihr ging. Ihr erstes gemeinsames Weihnachten und hoffentlich würden noch viele folgen. Als sie ihn im Sommer bei Mehdis Geburtstag wieder getroffen hatte, hätte sie sich nie träumen lassen, einige Monate später mit ihm ganz romantisch Heiligabend zu verbringen.

Ihre Hand war schwitzig, das musste er bestimmt bemerkt haben, aber er hatte ihre Hand noch nicht losgelassen. Etwas unbeholfen blieb Gretchen vor dem kleinen Weihnachtsbaum stehen und betrachtete die paar Pakete unter den Lichtern und funkelnden Kugeln. Jetzt war es wohl soweit.

„Ehm, und jetzt?“, fragte Marc genauso unbeholfen, wie Gretchen sich fühlte.

„Bescherung?“, fragte sie nervös lachend. „Oder willst du noch ein paar Weihnachtslieder singen?“

„Ne, dankte“, Marc grinste sie an. Es war schön, dass Gretchen auch mal nicht weiterwusste und mit dieser Wir-verbringen-Weihnachten-zusammen-Scheiße überfordert war. „Ich will als erstes auspacken!“

„Wie bitte?“, Gretchen löste ihre Hand aus seiner.

„Na, das ist immerhin meine erste Bescherung an Heiligabend. Ich finde, es ist ein Privileg, dass ich das jetzt als erstes machen darf!“

Gretchen lachte herzhaft. Das Funkeln in Marcs Augen war ihr nicht entgangen. So sehr er im Vorfeld über die ganze „Weihnachtskacke“, wie er das nannte, gelästert hatte: sie wusste, dass ihm das hier auch gefiel. Er musste es ja nicht laut zugeben, sie sah es in seinen Augen. Dann würde er heute eben seinen Willen bekommen. Dieses Privileg ließ sie ihm zukommen.

Marc nahm auf dem Sofa neben dem Tannenbaum Platz und zog Gretchen einfach mit sich, sodass sie auf seinem Schoß saß. Wieder lachte sie. Mit zittrigen Fingern und einem gehörigen Flattern in der Magengegend, übergab sie Marc sein Geschenk. Er legte es auf ihren Beinen ab und entfernte mit ein paar filigranen Handbewegungen, die Schleife und die Klebestreifen. Ganz der Chirurg: ohne auch nur einmal zu zittern. Das Papier strich er zur Seite und betrachtete sein Geschenk. Ein Alubilderrahmen. Mit einem ganz bestimmten Bild. Nein, mehrere Bilder. Die Fotoautomat-Bilder! Er war sprachlos, das hatte er nicht erwartet. Sein Blick fing Gretchens ein, die ihren Atem angehalten zu haben schien.

„Danke“, sprach er, hörte noch, wie ihr die Luft aus den Lungen entwich und küsste sie einmal innig.

„Ich hoffe, es gefällt dir. Ich dachte mir, vielleicht möchtest du sie wiederhaben, nachdem du dein erstes Exemplar verbrannt hast“, erzählte sie ihre Absicht hinter diesem Geschenk.

Sie hatte die Fotos vergrößern lassen. Diese schwarz-weißen Bildchen kamen in dem schlichten Rahmen gut zur Geltung. Kein Schnickschnack. Keine Gretchen-Farbe, sondern genau auf seinen Geschmack abgestimmt. Sie schien sich viele Gedanken um dieses Geschenk gemacht zu haben. Dagegen würde sein Geschenk wohl abstinken. Wäre ihm doch nur auch so was Persönliches eingefallen!

„Darf ich jetzt?“, fragte Gretchen schüchtern.

Marc reichte ihr das Paket, das er für Gretchen besorgt hatte. Gretchen war um einiges unvorsichtiger mit Papier und Schleife. Sie riss es förmlich von der Schachtel. Als sie die Pappe öffnete, erwischte sich Marc, dass auch er die Luft anhielt. Viel zu gespannt war er auf Gretchens Reaktion. Ihre Hand griff in den Pappkarton und zog einen rosa Schal heraus. Ihre Finger befühlten ihn. Sie suchte das Etikett.

„Du bist doch bekloppt“, murmelte sie hingerissen und griff erneut in den Karton. Eine Mütze und Handschuhe. Passend zum Schal. Es folgten noch dicke Socken. Socken? Er schenkte ihr im Ernst Socken? Gretchen lachte. „Du bist echt bescheuert! Marc, Kaschmir?“ Sollte sie ein schlechtes Gewissen haben, dass er nur dieses Foto bekommen hatte und er sich für sie in Unkosten gestürzt hatte? Aber auch er schien sich Gedanken um das Geschenk an sie gemacht zu haben.

„Hält warm“, meinte er nur und zog Gretchen die Mütze auf den Kopf. „Gefällt es dir?“

„Ja, sehr! Nur, Socken?“, sie hielt das Paar hoch.

„Gegen deine furchtbar kalten Füße. Du kannst die schön im Bett tragen und musst deine Eisklumpen nicht mehr unter meine Beine schieben“, grinste er.

„Gar nicht uneigennützig“, grinste sie an, während der Sarkasmus über ihre Lippen purzelte. Sie betrachtete noch einmal ihre Geschenke und kuschelte sich an ihren Liebsten und gab ihm einen langen, intensiven Kuss. „Aber ich komme trotzdem wieder zu dir rüber!“

Ein rundum gelungener Tag. Ein Heiligabend, wie Gretchen ihn sich nicht besser hätte erträumen können.

Sally Offline

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09.02.2015 20:43
#21 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Gretchen stampfte sich den Schnee von ihren Stiefeln. Sie war froh, dass sie sich nicht für ihre Sneakers entschieden hatte. Wer hätte gedacht, dass es im Laufe des Tages einfach mal gute fünfzehn Zentimeter Neuschnee unterrieseln würde? Mit ihren behandschuhten Fingern betätigte sie die Klingel und warf nochmals einen kurzen Blick über die Schulter. Versicherte sich, dass sie in dem dicken Schneetreiben auch richtig gesehen hatte. Dass es sein Auto war, das dort stand. Im gleichen Moment wurde die Haustür aufgerissen und ein kleiner Junge klebte sich wie eine Klette an ihr Bein.

„Hallo Greeetchen! Mama sagt, ich darf nicht raus. Wir müssen erst Kuchen essen. Ich will einen Schneemann bauen! Und eine Schneeburg! Und…“

Tristan sah freudig zu ihr auf. Mit ihrer Hand verwuschelte sie die braune Lockenpracht des Jungen.

„Lässt du mich gar nicht rein? Hier draußen ist es kalt, Tristan!“

„Doooch! Alle warten schon auf dich! Komm!“

Er ließ sie los und preschte aufgeregt durch den Flur in Richtung Wohnzimmer und verschwand. An dessen Tür lehnte bereits Mehdi, der sich nun mobilisierte, seine Freundin in Empfang zu nehmen.

„Du bringst uns Schnee mit. Hallo Gretchen“, er umarmte sie kurz. „Du riechst so richtig nach Winter.“

„Den Schnee habe ich mir nicht gewünscht. Ich bin extra mit der Bahn gekommen, bei dem Wetter fahre ich lieber nicht mit dem Auto.“

Sie entledigte sich ihrer Wollhandschuhe, stopfte sie in die Taschen ihres Wintermantels, rollte den Schal von ihrem Hals, zog sich gleichzeitig die Mütze von den Haaren, schälte sich aus ihrem Wintermantel und drückte alles Mehdi in die Hand, der so gnädig war und ihre Sachen an der Garderobe verstaute. Ihre schneenassen Stiefel stellte sie auf der Fußmatte ab, auf der auch bereits andere Schuhe standen und trockneten. Sie liebte die kuschelig warme Fußbodenheizung im kaanschen Heim und freute sich schon auf den Moment, in dem ihre eiskalten Füße wieder auftauen würden. Es roch gemütlich nach Holzfeuer und frisch gebrühtem Kaffee. Aus dem Wohnzimmer drang Stimmengewirr in ihre Ohren.

„Marc ist auch schon da“, bemerkte Mehdi beiläufig, als er sie ins Wohnzimmer begleitete.

„Hallo Gretchen“, kam ihr Edith entgegen, die einen schmollenden Fabio auf dem Arm trug, der gerade geweint zu haben schien.

Sie begrüßte die beiden herzlich und blickte sich dann um. Sie war offensichtlich die letzte, alles wartete schon auf sie. Das Feuer prasselte im Kamin und verbreitete eine heimelige Wärme. Der Tisch war bereits gedeckt, Oh, war das etwa Ediths Schokokuchen? Ihr Magen knurrte reflexartig. Sie winkte Maria Hassmann kurz zu, die gerade in eine Debatte mit ihrer Tochter vertieft war und Gretchen deshalb ebenfalls nur kurz ein Handzeichen gab. Tristan hatte sich zwischenzeitlich an Mehdi gehängt, klebte seinem Papa regelrecht am Hosenbein, und jammerte, er habe solchen Hunger. Gretchen ging um den Tisch herum und trat hinter einen Stuhl. Legte die Hände auf seine Schultern. Er lehnte seinen Kopf zurück und sie konnte in seine blitzenden Augen sehen.

„Hi“, murmelte sie und lächelte ihm liebevoll zu.

„Na“, sagte Marc und grinste sie lässig an.

Gretchen hatte von der Kälte gerötete Wangen. Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen kurzen Kuss zur Begrüßung und nahm dann neben ihm Platz.

„Können wir endlich anfangen?“, rief Tristan ungeduldig. „Gretchen ist doch jetzt da.“

„Ja, wir können jetzt anfangen“, meinte Edith gutmütig zu ihrem Ältesten.

„Ich will den Schokokuchen!“, brüllte Tristan nun freudig.

Gretchen fühlte sich wohl hier. Es war schön, hier mit allen versammelt zu sein. Ihrem Freundeskreis.

„Den will Gretchen bestimmt auch“, grinste Marc und zwinkerte seiner blondgelockten Nachbarin zu.

Sie warf ihrem Freund einen bösen Seitenblick zu. Hinter seinem Satz verbarg sich einfach zu viel Unausgesprochenes.

Edith und Mehdi hatten zum Kuchenessen geladen. Es war mal wieder zu viel von ihrer Neujahrsfeier und Ediths Geburtstag übrig geblieben. Gretchen hatte gleich zugesagt und auch Marc war schnell davon zu überzeugen, einen gemütlichen Nachmittag bei den Kaans zu verbringen. Ja, selbst Maria Hassmann hatte eingewilligt und ihre Tochter zur Resteverwertung mitgebracht.

„Ich und Gretchen mögen gerne Schokolade“, eiferte Tristan und nahm freudig das Stück Kuchen in Empfang, das Edith ihm auf seinen Teller hob.

„Auch haben!“, rief Fabio nun und zog am Ärmel seiner Mama.

„Bin ich froh, dass meine schon groß ist“, lachte Maria und warf ihrer Tochter einen kurzen Seitenblick zu, die völlig absorbiert auf ihr Handy starrte, kurz grinste und gleich darauf hastig eine Nachricht eintippte.

Marc hatte sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und genoss es, einen Moment mal nichts sagen zu müssen. Er registrierte belustigt, dass nicht nur ihm diese Quälgeister gewaltig auf die Nerven gingen, sondern auch den dazugehörigen Eltern. Mehdi musste gerade Fabio davon abhalten, auf den Tisch zu klettern, weil er unbedingt das gleiche Stück Kuchen haben wollte, wie sein Bruder. Und Marias Tochter kommunizierte die ganze Zeit nur mit ihrem Smartphone statt mit den anderen Leuten hier im Raum.
Edith war damit beschäftigt, Gretchen nun auch etwas von dem Schokokuchen zu geben. Melanie gnädigerweise auch mal hatte von ihrem Handy aufgeschaut und schnell ihren Teller entgegengestreckt. Maria ermahnte wegen dieser Unhöflichkeit ihre Tochter, die nur genervt mit den Augen rollte.

„Ich habe das Auto in Potsdam gelassen“, raunte Gretchen ihm nun von der Seite zu.

„Pennst bei mir?“

„Denke doch mal. Aber wenn du morgen Frühschicht hast, kann ich auch zu meinen Eltern.“

„Nein, Spätschicht. Kannst bei mir pennen. Hast du mit deiner Chefärztin geredet, wegen dem Urlaub?“

„Nein, sie war heute nicht im Haus. Das mache ich übermorgen.“

„Marc, welcher Kuchen darf es für dich sein“, wurden sie von Edith unterbrochen.

„Käsekuchen, bitte“, er reichte ihr den Teller und freute sich schon darauf, dazu in aller Ruhe seinen Kaffee trinken zu können.

Marc hatte gerade die erste Gabel mit dem köstlichen Käsekuchen in seinem Mund, da legte Tristan seine Gabel beiseite. Sein Teller war schon ratzefatze kahlgeputzt. Er rutschte vom Stuhl, lief quer durch den Raum und blieb vor der Musikanlage stehen. Mit einem gekonnten Drücken auf einen Knopf ertönte aus den Lautsprechern plötzlich laute Musik, die Marc nicht zuordnen konnte. Was war denn das für ein Gequietsche?!

„Oh nein! Davon werde ich jetzt ewig einen Ohrwurm haben“, jammerte Melanie prompt los.

„Ja, dann weißt du mal, wo ich durch musste, als du klein warst!“, antwortete Maria und grinste ihre Tochter schadenfroh an.

Tristan begann freudig, vor sich hinzutanzen und laut mitzusingen: „ES SCHNEIT, ES SCHNEIT, KOMMT ALLE AUS DEM HAUS…“

„Oh, daran kann ich mich auch noch erinnern. Das hat Jochen auch gerne gehört“, sinnierte Gretchen und nickte mit dem Kopf.

Marc sah seine Freundin verständnislos an. Kannten alle außer ihm dieses schreckliche Geplärre? War ja nicht zu ertragen!

„Und was ist das?“

„Du hast nie Rolf Zuckowski gehört?“

„Eh, nein?!“

„Hast nichts verpasst, Meier“, meinte Maria nur.

„Kinder lieben es, wir Erwachsenen verfluchen es. Sei froh, dass du dir das nicht dreitausend Mal am Tag anhören musst. Und es gibt noch viel mehr dieser Lieder. Zu jeder Jahreszeit, zu jedem Anlass“, erklärte Mehdi resigniert und ging zur Stereoanlage, um sie etwas leiser zu stellen.

„Ich habe übrigens Wein für später mitgebracht. Ich habe ja heute eine Fahrerin“, Maria sah ihre Tochter überlegen an und schaute in die Runde.

„Ich hoffe viel, denn sonst halte ich das nicht lange aus, bei dem Geplärre da“, Marc deutete auf Tristan, der mittlerweile von Fabio Gesellschaft bekommen hatte. Beide hopsten begeistert und laut mitsingend durchs Zimmer.

„Kann ich ein bisschen zu Jonas fahren?“, fragte Melanie ihre Mutter.

„Du holst mich aber nachher ab“, ermahnte Maria mit gehobener Augenbraue.

„Jaaaha, schreib dann einfach ´ne Whatsapp.“

„Okay, bis später.“

Melanie erhob sich, verabschiedete sich höflich, gab allen noch wohlerzogen die Hand und machte sich dann schleunigst aus dem Staub. Sie fand es unterirdisch, gezwungenen Smalltalk bei Tisch mit diesen Scheintoten über sich ergehen lassen zu müssen oder mit lästigen Hosenkackern spielen zu müssen. Nix wie weg hier!

„Ist Jonas ihr Freund?“, fragte Gretchen interessiert.

„Ja, und zwar ganz schlimm. Die hocken nur noch aufeinander. Studieren zusammen. Naja, solange sie ihr Studium nebenbei noch geregelt kriegt, ist alles in Ordnung. Ich habe sie auch ein paarmal gewarnt, was passiert, wenn sie mir plötzlich beichtet, dass sie sich hat schwängern lassen. Aber gut, welchen Einfluss hat man schon auf eine Neunzehnjährige Einfluss?“

„Neunzehn ist sie schon. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht“, summte Gretchen.

Marc warf ihr einen komischen Seitenblick zu. Bekam Hasenzahn da schon wieder einen Sentimentalitätsflash?

„Schlägt deine Mutter eigentlich auf die Therapie an, Marc?“, unterbrach Maria ihn in seinen Überlegungen.

„Äh was? Ja, ich denke schon. Bis jetzt sehe ich aber noch keine Fortschritte.“

„Na so schnell geht das auch nicht“, Maria verdrehte die Augen, „ansonsten versuchen wir es mit etwas anderem.“

„Wenn sie dazu dann noch Lust hat. Oder ich. Sie geht mir so dermaßen auf den Sack, das ist echt unerträglich. Jetzt an Weihnachten wollte sie nicht drüber sprechen. Vielleicht war es ihr auch nur peinlich gegenüber Hasenzahn, dass sie sich nicht viel geäußert hat. Sie hat sich jedenfalls nicht dazu geäußert.“

„Kannst sie mir ja nochmal vorbeischicken“, bot Maria an.

„Ja, danke. Sag mal, isst du da gerade schon das vierte Stück Kuchen?“, fragte Marc an Gretchen gewandt.

„Ich habe Hunger, ja?“

„Wolltest du nicht bei deinen Eltern Mittagessen?“

Gretchen schüttelte mit dem Kopf, konnte nicht antworten, da ihr Mund mit dem köstlichen Schokokuchen gefüllt war.

„Sollen wir den Wein öffnen?“, fragte Mehdi in die Runde.

„Ich hole die Gläser“, Edith sprang auf, tat ein paar Schritte und öffnete den Wohnzimmerschrank, aus dem sie vier Weingläser zog. Sie selbst wollte keinen trinken. Der Kinder wegen. Aber Mehdi sollte sich heute mal zur Entspannung ein paar Gläser mit seinen Freunden gönnen.

„Für mich bitte nicht“, rief Gretchen ihr zu.

„Möchtest du lieber ein Bier?“, fragte Mehdi.

„Nein, ich nehme Wasser.“

„Wir haben auch Saft. Ich wollte mir gleich einen Apfelsaft aufmachen“, bat Edith an.

„Ja, Apfelsaft klingt gut.“ Sie griff nach der Kaffeetasse, die neben ihrem Kuchenteller stand und wollte den Rest leeren.

„Kein Alkohol, Haase? Schwanger, oder was“, fragte Maria aus Spaß.

Sally Offline

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17.07.2015 13:29
#22 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Gretchen hatte ihre Tasse schon vor ihrem Mund und brummte ein bejahendes „Hm hm“ hinein. Hinein in den stark mit Milch verdünnten Kaffee.

„WAS?“, Maria hatte ihre Augen aufgerissen.

Vorsichtig stellte Gretchen die Tasse vor sich ab. Sie fühlte sich unglaublich beobachtet. Rolf Zuckowski sang noch immer über Weihnachten. Tristan und Fabio quietschten vergnügt vor sich hin. Maria, Edith, Mehdi und Marc starrten sie an. Unsicher biss sich Gretchen auf ihre Unterlippe. So hatte sie das eigentlich nicht gedacht, es zu sagen. Aber was sollte sie nur tun? Man hätte sie hundert pro dazu bewegen wollen, doch ein Glas mit ihnen zu trinken. So gut kannte sie ihre Freunde schon.

„Seit wann?“, fragte Mehdi, der das Geschirr fest in seinen Händen hielt, das er gerade abräumen wollte.

„Ich weiß es seit gestern“, gestand Gretchen.

Edith stellte die Weingläser ab und war die erste, die Gretchen in eine Umarmung zog und ihre Glückwünsche äußerte.

„Da setzt der Meier ihr einen Braten in die Röhre, ich fass es nicht. Darauf trinken wir gleich!“, Maria blickte amüsiert von Gretchen zu Marc. Ihr Grinsen wurde breiter, als sie ihr Gegenüber ansah. Ein sprachloser, etwas erblasster Doktor Meier, dem gerade der Boden unter den Füßen weggerissen worden war.

„Und wie weit?“, wollte Mehdi wissen.

„Dreizehn Wochen. Ich war eigentlich bei einem Kontrolltermin“, gestand sie. „Überraschung.“

„Überraschung?“, platzte es aus Marc heraus.

„Ich wollte es dir sagen, aber gestern …“

Marc hatte sich zu ihr vorgebeugt. War ihr verdammt nah. Sie konnte nicht ahnen, was er als nächstes tun würde. Seine Hände bewegten sich auf sie zu. Wollte er sie erwürgen? Oh Gott! An ihrem Hals vorbei, zu ihren Wangen. Er zog ihr Gesicht an seins heran und ehe sie sich versah, drückte er ihr einen festen Kuss auf die Lippen. Das war definitiv besser, als erwürgt zu werden!

„Hier sind Kinder im Raum, also bitte“, echauffierte sich Maria, gespielt angewidert.

„Ach sei ruhig“, brummte Marc, gab Gretchen noch einen Kuss und sammelte sich auf seinem Platz. „Ich fass es nicht!“

Gretchen blinzelte durch den Raum. Hatte sie ihre Aufmerksamkeit gerade nur auf Marc gerichtet, waren ihr die erfreuten Gesichter ihrer Freunde um sie herum gar nicht aufgefallen. Maria Hassmann grinste von ihr zu Marc und schien sich über irgendwas köstlich zu amüsieren. Edith hatte sich neben Mehdi gestellt. Ihre Schulter lehnte an seiner und sie hatte ihn an der Hand gepackt. Tristan fummelte an der Musikanlage herum, während Fabio ihm neugierig über die Schulter blickte. Ihr Blick landete wieder auf Marc, der sich im Stuhl gegen die Lehne fallen ließ und sich unwirsch in den Nacken fasste.

„Paaapaaaa“, kreischte der kleine Tristan plötzlich durch die entstandene Ruhe und zerstörte den friedlichen Moment.

Marc griff indes die Hand der blonden Frau neben sich. Blendete den Trubel um sich herum aus. Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen, aber im Guten. Nach all dem Scheiß, der ihm im vergangenen Jahr widerfahren war, waren das doch jetzt mal gute Nachrichten.

Mehdi fing seinen Sohn auf und hob ihn hoch: „Was ist denn Tristan?“

„Bauen wir einen Schneeeeeheeemann? Ich will einen Schneemann bauen und Fabi will auch!“

Mehdi blickte sich kurz um, nahm das Nicken seiner Frau neben sich wahr und wandte sich wieder an seinen Sprössling: „Gut, bauen wir einen Schneemann.“ Er setzte den Jungen wieder auf dem Boden ab. „Lauf schon mal hoch, ich komme sofort nach.“

Tristan setzte zum Sprint an, stoppte aber abrupt, als er den Tisch halb umrundet hatte. „Doktor Maaarc! Du musst auch mitkommen! Komm!“

„Eh, was?“, fragte der Chirurg, der gerade aus seinen Gedanken gerissen wurde.

„Wir gehen einen Schneemann bauen“, klärte Mehdi ihn auf, der genau wusste, dass Marcs Gedanken gerade wo ganz anders waren. „Ich befürchte, dass du da nicht drum herumkommen wirst. Du kennst ja Tristan.“

„Kannst ja gleich schon mal anfangen zu üben“, stichelte Maria, woraufhin sie sich einen bitterbösen Blick von Marc ergatterte und eine Blondine ins träumen versetzte.

„Los!“, animierte Tristan sein großes Idol und bekam von Fabio, der seinen kleinen Pampers-Hintern gerade auch zu Marc bewegt hatte, Unterstützung, indem der Kleine an seinem Hosenbein zerrte.

Marc entwich ein etwas genervtes Stöhnen. Warf einen Blick zu Gretchen, die seiner Hand etwas Druck gab und dann losließ. „Geh mit den Beiden einen Schneemann bauen, solange der Schnee noch liegt.“

„Gut, überredet“, Marc erhob sich, bückte sich, nahm Fabio entgegen, der gerade seine Händchen zu ihm ausgestreckt hatte und folgte Tristan ins Obergeschoss, der lautstark jubelnd die Treppe hochpreschte.

„Ich werde dann mal dafür sorgen, dass meine Kinder auch wintertaugliche Kleidung tragen werden“, zwinkerte Mehdi der Frauenrunde zu und war auch schon im Flur verschwunden.

„Bin ich jetzt die Einzige, die einen Wein trinkt?“, fragte Maria entrüstet.

„Ich werde einen kleinen Schluck trinken, auf die guten Neuigkeiten. Ich hole dir eben den Apfelsaft und ein Glas, Gretchen“, Edith packte sich den Stapel Geschirr und trug ihn in die Küche.

Um nicht ganz Tatenlos dazusitzen, machten sich auch die anderen beiden Frauen behilflich, räumten die Kaffeetassen und die leeren Kuchenplatten in die Küche, halfen noch schnell, die Spülmaschine einzuräumen und nahmen schon bald wieder am großen Esstisch im Wohnzimmer platz. Edith goss sich und Maria Wein in die Gläser und Gretchen bediente sich an dem Apfelsaft, den sie mit Sprudel verdünnte. Es polterte auf der Treppe und einen Moment später betrat die männliche Fraktion des späten Nachmittags das Wohnzimmer. Tristan allen voran. Flink, wie ihn seine Füße in den dicken Winterschuhen trugen, rannte er zur Terrassentür. Marc und Mehdi waren ebenfalls schon in Winterjacken bekleidet und trugen ihre Schuhe noch in den Händen. Fabio tapste seinem großen Bruder hinterher. In dem Schneeanzug sah er aus, wie eine kleine bunte Kugel. Gretchen ging das Herz auf, als sie das sah. Mehdi öffnete den Kindern die Tür, selbst zog er sich die Schuhe an. Dicht gefolgt von Marc. Als dieser gerade die Tür hinter sich schließen wollte, streckte er seinen Kopf doch noch einmal hinein zu den fröstelnden Damen.

„Über den kleinen Einsiedler in deinem Uterus reden wir nochmal“, er sah Gretchen kurz intensiv an, ehe er endgültig der restlichen Kaan-Bande in den Garten folgte, wo Mehdi anscheinend gerade Tristen zu erklären versuchte, wie man einen Schneemann baut.

„Hat er schon genug von Kindern“, lachte Edith und prostete ihren Freundinnen zu.

„Dreizehn Wochen also und du hast nichts gemerkt?“, hakte Maria dann doch mal nach.

„Nein, absolut nichts. Bis auf Rückenschmerzen ab und zu, aber das habe ich auch so, ab und an mal“, berichtete Gretchen.

„Da beneide ich dich glatt. Ich habe bei Melanie schnell und heftig reagiert. Konnte nicht mehr zur Arbeit gehen, weil ich nur über der Kloschüssel gehangen habe. Mein Ex-Mann hat sich ja dann dafür entschieden, irgend so ein dahergelaufenes Püppchen zu bumsen, während seine Frau fast dehydriert wäre. Tja, und sowas erfährt man dann fast acht Jahre später, als sich der Penner hat volllaufen lassen und sich endlich sein schlechtes Gewissen von der Seele geredet hat, bei seiner Schwiegermutter.“

Gretchen und Edith starrten Maria für einen Moment sprachlos an. Kein Wunder, dass Maria manchmal einen verbitterten Eindruck machte.

„Also bei Fabio habe ich es auch erst recht spät gemerkt. Wir haben uns zwar immer ein zweites Kind gewünscht, aber dass die beiden dann in einem anderthalb Jahresrhythmus kamen, war dann doch eine Überraschung. Ich hätte gerne noch gewartet. Und jetzt hätte ich viel lieber noch ein Mädchen“, gestand Edith.

„Mädchen sind die Pest in der Pubertät“, schnaufte Maria.

„Aber Melanie ist doch jetzt aus dem Gröbsten raus“, meldete sich Gretchen zu Wort, die ganz angetan war, von der Offenheit der beiden Frauen.

„Pf, noch liegt sie mir auf der Tasche und noch bin ich an allem schuld, was in ihrem Leben schiefläuft. Ich bin froh, wenn sie jetzt dann erstmal wieder im Wohnheim ist und ich mir nicht mehr mit ihr ein Badezimmer teilen muss.“

„Sich mit Marc ein Bad zu teilen ist bestimmt nicht minder einfach“, meinte Gretchen beiläufig.

„Dieser eingebildete Sack“, grinste Maria. Dennoch hatte sie einen Freund in dem Chirurgen gefunden. Wenigstens einer, der nicht immer alles rosig im Leben sah und auch auf ihre sarkastischen Antworten noch immer einen Konter parat hatte.

Gretchens Blick richtete sich zum Fenster, durch das sie in den Garten sehen konnte, wo Marc Mehdi gerade mit einem Schneeball bewarf. Mehdi musste sich schützend eine Hand vors Gesicht halten, an der der Schneeball abprallte. Tristan sprang freudig in die Höhe und Fabio war ein paar Meter weiter gekrabbelt, saß auf seinem Hosenboden und schaufelte sich mit den in Fäustlingen verpackten Händchen Schnee in den Mund. Jetzt zerrte Tristan an Marcs Winterjacke, woraufhin sich der Chirurg zu dem dreijährigen herunterbeugte und ihm zuhörte. Daraufhin formte Marc eine kleine Kugel Schnee und rollte diese mithilfe von Tristan über die schneebedeckte Rasenfläche. Mit den beiden Kaan-Kindern kam er ganz gut klar, aber würde er auch mit etwas eigenem zurechtkommen? Völlig in ihren Gedanken versunken, legte Gretchen ihre linke Hand auf ihren Bauch. Mehdi schnappte sich Fabio und nahm ihn auf seinen Arm.

„Haase, in was für eine Welt bist du denn schon wieder verschwunden?“, fragte Maria, die Gretchens abwesenden Blick entdeckt hatte.

„Hm?“, Gretchen wandte sich wieder Edith und der Neurochirurgin zu.

„Worüber denkst du nach?“, fragte Edith nun neugierig.

„Hach…Ich frage mich, ob das alles so richtig ist. Also so früh…“

„Naja, sieh es mal so, deine Uhr tickt“, meinte Maria ehrlich, woraufhin sie sowohl von Edith, als auch von Gretchen einen bösen Blick kassierte. „Ja komm, ist doch wahr.“

„Das meine ich ja gar nicht. Ich mache mir halt Gedanken um Marc…“

„Er ist doch noch hier und hat auch nichts weiter gesagt. Wenn er etwas zu sagen gehabt hätte, dann wäre das längst über seine Lippen, und das weißt du“, ermutigte Edith Gretchen.

„Ihr beide spielt dieses Spiel schon viel zu lange, Haase. Also sei doch einfach mal zufrieden, wenn etwas klappt, auch wenn es nicht ganz geplant war. Aber es ist alles in Ordnung und er wird damit schon klar kommen“, meinte nun auch Maria, die es leid war, dass Gretchen sich einfach immer zu viele Gedanken machte.




Die Autotür fiel ins Schloss, die Sicherheitsgurte rasteten ein. Marc startete den Wagen. Gretchen sah ihn von der Seite aus an, als er geschickt das Auto ausparkte und langsam die Straße hinauffuhr.

„Das war ein netter Nachmittag, nech?“, begann Gretchen vorsichtig.

Sie waren nicht noch einmal auf das Thema eingegangen. Maria, Edith und Gretchen hatten schnell etwas anderes gefunden, über das sie reden konnte. Als Mehdi Fabio reinbrachte, drehte sich natürlich alles um den Kleinen, während der Rest der Männer noch draußen im Garten einen Schneemann baute. Es war bereits dunkel, als auch sie es wieder ins Haus schafften. Völlig durchfroren. Edith hatte drauf bestanden, Tee und heißen Kakao zu kochen und alle zum Abendessen eingeladen. Irgendwann war auch Melanie wieder dazu gestoßen.

„Ja, war in Ordnung. Okay, reden wir über den kleinen Eindringling in deinem Uterus“, Marc warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, richtet ihn aber sofort wieder auf die Straße. Das Wetter war einfach zu schlecht, um unachtsam zu fahren. Er hatte auch viel zu wertvolle Fracht im Auto.

„Okay“, sagte Gretchen nur.

„Du weißt es wirklich erst seit gestern?“

„Ja.“

„Dreizehn Wochen schon. Und du hast nichts gemerkt?“

„Nein. Nur etwas ziehen im Rücken, aber ich habe gedacht, das seinen Verspannungen vom Arbeiten.“

„Weißt du, das erklärt, warum sich deine Brüste in letzter Zeit so anders angefühlt haben…“

„Wie bitte?“, Gretchens Hände schossen an ihre Oberweiter, was Marc mit einem Lachen untermalte.

„Wirklich. Sie fühlten sich anders an. Aber ich habe gedacht, du würdest deine Tage bekommen oder es würde am ständigen Sex liegen“, wieder lachte er.

„Das glaubst du doch nicht selbst.“ Sie legte ihre Hände wieder in den Schoß. Dass sie ein ähnliches Gefühl gehabt hatte, wie Marc, verschwieg sie ihm dann doch lieber.

„Ich glaube, was ich will. Naja, jetzt ist es so. So viel zu Verhütungsmitteln.“

„Willst du mir jetzt einen Vortrag halten? Den kannst du dir sparen. Hier kamen halt die null Komma X Prozent ins Spiel, die die Pille mal nicht wirksam ist.“

„Ist mir bewusst. Ich finde es nur äußerst amüsant, dass wir nur ein paar Mal ohne Kondom vögeln und du gleich schwanger wirst.“

„Das hört sich an, wie ein Vorwurf.“

„Ich mache dir keinen Vorwurf, Hasenzahn. Will ich auch nicht. Es benötigt ja zwei, um ein Kind zu machen. Und hey, sehen wir es mal so. Du bist über diese zwölf Wochen Grenze hinaus, also ist die größte Bange überstanden, ohne dass wir welche hatten und du hast keine Begleiterscheinungen.“

„Ich habe zugenommen“, gab Gretchen leise zu.

„Jeder nimmt im Winter zu und du halt jetzt doppelt“, er schenkte ihr ein Lachen und bog in die Zielstraße ein.

Dort parkte er das Auto, verriegelte es, als sie ausstiegen. Schnell waren sie die Treppen empor gestiegen und in der warmen Wohnung angekommen. Nachdem sie ihre Winterkleidung abgelegt hatte, machten sie es sich auf der großen Couch bequem. Gretchen saß ihm im Schneidersitz gegenüber. In ihren Händen hielt sie eine Tasse Tee. Marc hatte sich Wasser in ein Glas eingeschenkt, das auf dem Tischchen vor dem Sofa stand. Er lehnte zu ihr gewandt lässig in den Kissen und sah sie an.

„Wer hätte gedacht, dass wir beide es nochmal so weit schaffen“, merkte er zögerlich an.

„Ich…“, Gretchen versuchte die aufsteigenden Tränen herunterzuschlucken, „bin einfach froh, dass du bei mir bist.“

„Wo sollte ich sonst sein?“ Er hob eine Augenbraue hoch, seine linke Hand legte er auf ihr Knie und streichelte es sanft.

„Weiß nicht. Weg?“

„Nö. Auch wenn Nachwuchs nie auf meiner Liste der Dinge stand, die ich in meinem Leben erreichen will, ist es jetzt aber so. Es stand auch nie auf meiner Liste, dass du und ich so etwas wie eine Beziehung pflegen und siehe da, der Punkt ist hinzugekommen. Also füge ich jetzt auch Nachwuchs hinzu. Weißt du, welcher Gedanke mir gerade kommt?“

Gretchen schüttelte den Kopf. Eine kleine Träne blitze auf ihrem Wimpernkranz.

„Vielleicht hilft es meiner Mutter sogar, mal endlich ihren Arsch in der Therapie zu bemühen…“

„Du willst es ihr sagen? Ich hatte nicht mal das Gefühl, dass sie mich beim Weihnachtsessen geduldet hat und jetzt ein Kind?“

„Eh Hasenzahn? Meine Mutter wird es so oder so erfahren. Wie gesagt, es war nur ein Gedanke.“

„Du willst, dass es ihr besser geht, stimmt’s? Ein Versuch wäre es ja wert…“

„Ich will, dass sie aufhört, mir in den Ohren zu hängen, wie beschissen ihr Leben doch geworden ist. Und ich habe jetzt echt keinen Bock über meine Mutter zu reden“, Marc seufzte laut und beobachtete Gretchen, die an ihrem Tee nippte. „Scheiße eh, ich habe dich geschwängert.“ Er lachte auf.

Gretchen sah über den Rand ihrer Teetasse zu Marc, der noch mehr in die Sofakissen gesunken war und tief durchatmete, als sein Lachen wieder verebbte. Ihr war irgendwie so gar nicht mehr zum Lachen zu mute. Sie selbst hatte ja kaum Zeit gehabt, über diese Neuigkeit und Veränderungen in ihrem Leben nachzudenken. Und es würde nicht nur ihr Leben verändern, sondern auch das von Marc und das ihrer Eltern. Sie freute sich zwar darüber, dass Marc doch Hoffnung schöpfte, mit ihrem Nachwuchs seine Mutter aus ihrem Tief zu ziehen, aber bis sie es ihren Eltern und Marcs Mutter sagen würde, gab es noch andere Dinge, die angesprochen werden mussten. Und wenn Gretchen ehrlich zu sich selbst war, kam dieses Baby gerade zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Sie hatte doch gerade erst ihren zweiten Facharzt in der Tasche und war in der Klinik übernommen worden. Der Überschuss an Hormonen in ihrem Körper, trieb ihr die Tränen erneut in die Augen, woraufhin der Mann vor ihr etwas näher an sie heranrutschte, ihr die Teetasse aus der Hand nahm, einmal kurz dran roch, sich seine Nase kräuselte, er die Tasse abstellte und seine Freundin an sich heranzog. Gretchen schloss einen Moment ihre Augen und ließ sich von der puren Umarmung trösten.

„Alles okay“, fragte Marc vorsichtig.

„Anstrengender Tag“, murmelte Gretchen in seine Halsbeuge hinein.

„Bett?“

„Ja.“

Gretchen richtete sich auf. Marc griff ihre Hand und zog sie vom Sofa. Die halbvolle Teetasse ließen sie einfach ungeachtet stehen. Das Licht im Wohnzimmer erlosch. Auf dem Weg ins Schlafzimmer griff Marc nach Gretchens Tasche, die auf einem der Küchenstühle stand, wohlwissend, dass dort ihre Utensilien für die Nacht drin waren. Mit ihr an der Hand und der Tasche in der anderen, ging er ins Badezimmer. Es war angenehm warm in der Nasszelle. Dafür hatte er schon heute Morgen gesorgt, bevor er zur Arbeit gefahren war. Er gab Gretchen Recht, dass es einfach zu kalt im Bad und im anliegenden Schlafzimmer war, wenn er das Fenster während seiner Abwesenheit aufließ. Er hatte sogar die Heizung etwas angestellt, damit Madame zufrieden war und nicht ihre kalten Füße an ihm wärmen musste. Die Tasche stellte er vor dem Waschbecken ab und überließ sie Gretchen.

„Hast du heute operiert?“, fragte er sie nach ihrem Tag.

„Nur ein kurzer Eingriff. Nichts Weltbewegendes.“ Sie zog aus ihrer Tasche einen Schlafanzug und ihre Zahnbürste, sowie Tücher zum Abschminken. „Und du?“

„Ich hatte einen Magendurchbruch auf dem Tisch“, erzählte Marc, als er sich die Socken von den Füßen zog und in die Ecke warf. Als nächstes folgten der Pullover und dann das Hemd, das er darunter trug.

Gretchen hatte sich von ihrem Make-Up befreit. Sie griff nun ebenfalls nach dem Saum ihres Pullovers und strich ihn über den Kopf hinweg ab. Das Unterhemd, das sie an kalten Tagen trug, kam danach dran. Sie merkte, wie sie von Marc beäugt wurde.

„Das wir das nicht bemerkt haben“, er schüttelte den Kopf und trat auf sie zu.

„Hm?“

„Na, das du schwanger bist“, meinte er und stand nun direkt vor ihr und sah ihr in die Augen. Seine rechte Hand legte er sachte auf ihren Bauch und fuhr langsam darüber. „Wohl doch nicht zu viel an Weihnachten gegessen.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Wirklich beruhigend“, antwortete Gretchen trocken. „Und ich habe mir extra eine neue Hose gekauft, weil ich in die anderen nicht mehr hineinpasse. Hätte ich das eher gewusst, hätte ich mir die auch sparen können und gleich so ein Ding holen können, das mitwächst.“

„Ehm…Du denkst gerade wirklich zu viel nach“, seine Hand fuhr noch immer über ihren Bauch, der seiner Meinung nach noch nicht wirklich etwas zeigte, er aber wusste, dass Gretchen wirklich nach den drei Weihnachtstagen mit dem Knopf ihrer Hose zu kämpfen hatte. Seine Finger grabbelten sich ihren Weg in ihre Hose.

„Marc“, Gretchens Augen hatten sich geweitet und sahen ihn blitzend an.

„Hm?“, grinste er sie an.

„Finger weg“, sie legte ihre Hand auf seinen Arm und versuchte dran zu ziehen, doch seine Hand hatte sich mittlerweile tief in ihrer Hose vergraben und war auch in das andere Höschen gewandert.

„Niemals“, grinste er weiter und war mehr als belustigt, wie beschämt Gretchen vor ihm stand und nicht wusste, was sie tun sollte, aber er wusste, was er tat und bekam die Rückmeldung, als sie kurz ihre Augen schloss, als er sein Ziel erreicht hatte. Er trat noch näher an sie heran und küsste sie, was Gretchen nur zu gerne erwiderte. Seine Hand ließ er in ihrer Hose. Ihre Hände wanderten in seine Haare und griffen sich darin fest. „Lass uns ins Bett.“ Seine Hand zog er aus ihrer Hose zurück, baute Abstand zwischen ihnen auf. Er warf noch einen Blick auf Gretchen, die mit rosigen Wangen vor ihm stand, ehe er sich abwand und ins Schlafzimmer ging. Seine Hose wurde er vor dem Bett los. Noch mit Boxershorts bekleidet, zog er die Gardinen vor den Fenstern zu und machte auch noch den Rest seines Körpers frei. „Hasenzahn?“

„Komme“, rief Gretchen und Marc konnte sich ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen.

„Jetzt schon?“, fragte er mit Hochgezogener Braue, als sie das Schlafzimmer betrat.

In ihren Händen trug sie ihren Schlafanzug, den sie nachher bestimmt anziehen würde, weil sie sonst frieren würde, was Marc nicht weiter kommentieren würde. Sie schmiss die Kleidung neben das Bett auf der Seite, die sie als ihre bezeichnete und schlüpfte aus ihrer Jeans.

„Mach mir keine Arbeit. Unterwäsche aus“, sagte er und knipste das Nachtlicht an und das Deckenlicht aus. Er setzte sich aufs Bett und beobachtete Gretchen, wie sie sich ihrer Unterwäsche entledigte und dann auch den Weg zu ihm auf das Bett fand. Er hatte den Abstand zwischen ihr und sich schnell überwunden und seine Lippen trafen die ihren.




Die Fahrt verlief schweigend. Die Spannung hatte sich nicht abgebaut zwischen ihnen. Marc sah stur geradeaus. Auf die Straße vor ihm. Es regnete und die gelben und orangenen Blätter klebten nass auf der Straße. Es war kalt und ungemütlich. Gretchen versuchte auf die Straße zu achten. Ihr Blick huschte jedoch immer wieder zu Marc, dessen Kiefer angespannt wirkte. Die OP war nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen. Gut. Aber musste er sie dafür gleich so vor versammelter Mannschaft bloßstellen? Sie fragte sich, warum sie hier überhaupt neben ihm saß. Später wusste sie, dass es einer der größten Fehler in ihrem Leben war, mit Marc nach Hause gefahren zu sein. Sie sah die Menschen, die sich unter Schirmen vor den Wassermassen, die vom Himmel fielen, zu schützen versuchten. Auch als sie endlich vor seiner Wohnung hielten, hatten sie noch immer kein Wort miteinander gewechselt. Immer wieder fragte sich Gretchen, warum er sie nicht nach Hause geschickt hatte, wenn er doch anscheinend eh keine Notiz von ihr nahm. Die Wohnungstür schloss er auf und ließ diese wieder unachtsam laut ins Schloss fallen. Ärgerlich kickte er das Paar Pumps beiseite, dass sie nach einer Feierlichkeit bei ihm hatte stehen lassen. Er brummte nicht erfreut.

„Musst du immer deinen Scheiß hier stehen lassen?“, fauchte er.

Sie bückte sich, nahm die Schuhe auf und steckte sie in ihre Tasche. Sie würde versuchen, keine Sachen mehr bei ihm liegen zu lassen, auch wenn sie wusste, dass das schwer sein würde, wenn sie eh fast jede Nacht hier bei ihm verbrachte.

„Tut mir leid“, murmelte sie und folgte ihm in die Küche.

Marc hatte den Kühlschrank aufgerissen und stöhnte genervt.

„Na super. Kannst du aus Butter, einer viertel Packung Leberwurst und drei Tomaten etwas zu essen kochen?“

„Wie bitte? Warst du nicht einkaufen?“

„Nö. Warum sollte ich. Wenn du nicht ständig hier wärst, dann wäre mein Kühlschrank nicht leer. Du kannst auch mal einen Einkauf übernehmen.“

„Sonst geht es dir aber gut, oder? Was ist dir denn heute bitte über die Leber gelaufen?“, pampte Gretchen nun zurück. Sie war es Leid.

„Mir? Ich will einfach meine Ruhe und du klettest dich an mich, als seien wir verheiratet. Als sei das hier alles eine gottverdammte Selbstverständlichkeit!“

„Dann sag doch einfach, dass du mich nicht hier haben willst. Sag doch einfach, dass ich nach Hause fahren soll, wenn du deine fünf Minuten hast und alleine sein willst, anstatt hier jetzt so einen Aufstand zu machen! Du sagst sonst auch immer alles, was dir nicht passt!“

„Weißt du, was mir auch nicht passt, Hasenzahn“, er schmiss die Kühlschranktür zu und wandte sich Gretchen zu, die auf der anderen Seite der Kochinsel stand. „Dass du dich hier ausbreitest. Überall fliegen deine gottverdammten Klamotten rum. Ich finde deine Unterwäsche zwischen meiner. Mein Bad gleicht einem Kosmetiksalon. Über deine Latschen stolpere ich jedes Mal, wenn ich die Wohnung verlassen oder betreten will.“

„Also jetzt übertreibst du aber, Marc!“

„DU wolltest doch wissen, was mir nicht passt, dann nimm es auch so hin! Das ist immer noch meine Wohnung!“

„Ich habe auch nie etwas anderes behauptet“, Gretchen verschränkte die Arme vor ihrer Brust und versuchte den Knoten, der sich gerade in ihrer Kehle bildete, herunterzuschlucken.

„Du nistest dich hier ein. Merkst du das nicht? Ich habe nie, nie gesagt, dass du hier einziehen sollst. Ich habe keinen Bock auf eine Frau in meiner Wohnung.“

„Ich habe auch nicht die Absicht, hier einzuziehen. In deine lieblose Junggesellenbude. Ich fühle mich hier nicht mal wohl. Hier ist es genauso lieblos, wie du es bist.“

Marc starrte sie mit leicht geöffnetem Mund an.

„Seit wir wieder hier sind, wirst du von Tag zu Tag unausstehlicher“, Gretchen konnte den Knoten nicht lösen und schluchzte kurz auf, ohne bis jetzt eine Träne vergossen zu haben, aber das würde auch nicht mehr lange dauern. „Jetzt gerade wünsche ich mir, du wärst nie mitgekommen und ich hätte mal endlich etwas alleine geschafft.“

„Ach komm Hasenzahn, du hättest das keine zwei Tage ausgehalten. Selbst mit mir sind es gerade mal ein paar Wochen geworden und du musstest zurück.“

„Ich bin nicht auf dich angewiesen, Marc! Ich habe mein Leben auch ohne dich auf die Reihe bekommen.“

„Ja klar. Um ein paar Jahre später doch wieder mir hinterherzulaufen und bei deinen Eltern zu wohnen, nur weil du auf so einen komischen Snob reingefallen bist.“

„Und das macht dich besser? Jetzt mach hier mal keinen auf Ritter in weißer Rüstung! Du hast doch echt Probleme!“

„Hasenzahn“, er lehnte sich etwas vor, stützte die Hände auf der Arbeitsplatte der Kochinsel ab, „tu nicht so, als würdest du mich kennen.“

Gretchen schnappte nach Luft. Die Tränen lösten sich. „Ich glaube, ich kenne dich ziemlich gut, Marc. Aber du musst ja immer den Unnahbaren spielen. Warum bist du mit nach Afrika gekommen, wenn du mich jetzt anscheinend nicht mehr bei dir haben willst? Wolltest du nur einen Haken hinter ‚Hasenzahn ge-punkt-punkt-punkt‘ setzen?“

„Ja, genau das wollte ich. Und ich wäre auch jeder anderen Blondine mit Doppel-D in ein anderes Land gefolgt, nur um ihr das Hirn aus dem Schädel zu vögeln.“

„Ich dachte ja schon, dass die Bloßstellung heute im OP schlimm war und ein kleiner Teil von mir hat gehofft, dass du es einsiehst, was du zu mir gesagt hast und dich bei mir entschuldigst. Aber das hier gerade, ist so viel schlimmer! Ich hätte echt nicht mitkommen sollen.“ Sie versuchte sich die Tränen von den Wangen zu wischen, scheiterte aber kläglich.

„Da ist die Tür. Du kannst jeder Zeit gehen“, er untermalte sein Gesagtes noch mit einer Handbewegung gen Ausgang der Wohnung.

Gretchen drehte sich, schlurfte in Richtung Schlafzimmer und ins Badezimmer, wie Marc an ihren Schritten hören konnte. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Kurz darauf kam Gretchen wieder. In der Hand genau fünf Gegenstände. Eine kleine Haarbürste, eine Tube Creme, einen Schlafanzug, ein paar gestrickte Socken und eine kleine Flasche Shampoo. Sie schritt an ihm vorbei, in den Flur. Langsam folgte er ihr und beobachtete, was sie als nächstes tat. Sie holte die Schuhe wieder aus der Handtasche, stopfte die fünf Utensilien dort hinein und die Schuhe wieder oben drauf. Energisch nahm sie ihre Jacke, schlüpfte hinein und zog ihre Stiefel an. Dann richtete sie sich auf, schwang ihre Tasche über ihre Schulter.

„Wenn du so weitermachst, Marc, vertreibst du auch noch die letzten paar Menschen, die dich lieben aus deinem Leben. Als nächstes ist es Mehdi…und dann vielleicht auch noch deine Mutter. Bei mir hast du es nun auch endgültig geschafft.“

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Marc stand wie angewurzelt im Eingangsbereich seiner Wohnung. Das Erleichterungsgefühl, dass er sonst immer hatte, wenn Frauen endlich den Weg aus seinem Leben geschafft hatten, vermisste er diesmal. Stattdessen war da ein ganz anderes Gefühl.


Sie schreckte auf. Es war noch nicht hell draußen. Allerdings fuhren bereits Autos auf der Straße vor Marcs Schlafzimmer. Gretchen pellte sich aus dem Bett. Jetzt konnte sie nicht mehr schlafen. Leise schlich sie sich aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich. Sie machte sich einen Tee und schlich weiter Richtung Sofa. Bevor sie es sich bequem machte, brachte sie ihre Tasse von gestern Abend in die Küche und entsorgte den Teebeutel und verstaute die Tasse in der Spülmaschine. Dann kuschelte sie sich in die Kissen des Sofas und schaltete das Fernsehen an. Das TV-Programm ließ zu wünschen übrig und sie gab sich mit einer Nachrichtensendung zufrieden. Mit den Gedanken hing sie so oder so wo ganz anderes. Sie hing ihren Gedanken nach.

Er wachte auf, als er merkte, dass Gretchen nicht mehr neben ihm lag. Etwas desorientiert schmiss er die Bettdecke beiseite und stieg aus dem Bett. Er zog sich eine Jogginghose und ein T-Shirt an und wagte den Weg in die Küche. Diese wirkte unberührt aber sofort fiel sein Blick geradeaus, dort, wo Gretchen auf dem Sofa saß. In ihrem Schlafanzug und in seine Decke gehüllt. Ihr Kopf ruhte an der Lehne des Sofas. Er trat an sie heran und gab ihr einen Kuss in die Lockenpracht, woraufhin Gretchen zu ihm hinaufsah.

„Morgen“, lächelte sie ihn an.

„Morgen.“

Den Weg um das Sofa herum sparte er sich und nahm den direkten über die Sofalehen, neben seine Lieblingsblondine. Ohne zu fragen machte es sich Gretchen zwischen seinen Beinen bequem und kuschelte sich mit ihrem Rücken an seine Brust. Immerhin war sie so gnädig und bedeckte auch seine Beine mit der Wolldecke. Ihren Kopf bettete sie auf Höhe seines Schlüsselbeins und brummte zufrieden. Marc schlang seine Arme um sie und legte sie sachte auf ihrem Bauch ab.

„Wie kommt’s, dass du so früh wach bist?“, fragte Marc nach einer Weile.

„Ich habe irgendwas Blödes geträumt. Ich hatte keine Lust mehr zu schlafen. Da sind so viele Dinge, über die ich mir seit zwei Tagen den Kopf zerbreche.“

Ihre Hände hatten sich auf die seine gelegt und ihre Finger strichen sanft über die Knöchel seiner Handrücken.

„Und diese Dinge wären?“, fragte er leise nach.

„Wie es weitergeht. Ich meine, wir arbeiten in unterschiedlichen Städten. Keine unserer Wohnungen ist für ein Kind ausgestattet. Ich meine, wie soll das gehen?“

„Wir finden schon eine Lösung.“

„Ich habe von unserem Streit geträumt“, flüsterte Gretchen.

Marc schnaufte leicht und legte sein Kinn auf ihrem Kopf ab.

„Wir finden eine Lösung. Vielleicht etwas ganz Neues? Wir könnten runter in die Nähe von Mehdi ziehen.“

„Du hasst es doch da unten. Hast du selbst gesagt.“

„Naja, vielleicht ein bisschen. Aber es kann doch auch seine Vorteile haben, so ein Garten.“

„Ich will aber nicht, dass du dann immer rummeckerst, weil es halt nicht so ist, wie hier.“

„Wir hätten aber beide circa den gleichen Weg zur Arbeit. Ich kann auch zu dir nach Potsdam ziehen.“

„Da wärest du auch nicht glücklich.“

„Woher willst du das wissen, Hasenzahn?“

„Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir gut vorstellen.“

„Ich könnte mit dem Vorstand sprechen, ob wir eine Stelle einräumen können für Kinderchirurgie. Da gerade eh alles umgeschmissen wird…“

„Marc, das ist utopisch.“

„Naja, ich kann ja erstmal nachfragen.“

„Ich mag meinen Job in Potsdam aber. Ich mag das Kollegium und die Atmosphäre, die wir dort haben.“

„Dann frag deine Kollegen, ob sie mit dir mitkommen.“

„Du bist doch bekloppt, Marc. Wie viel hast du gestern noch mit Mehdi getrunken? Es ist doch bestimmt nicht bei dem einen kleinen Glas Cognac geblieben, oder?“

„Dann hätte ich mich wohl kaum hinters Steuer gesetzt, wenn ich auch nur einen Schluck mehr, als diese Pfütze getrunken hätte.“

„Hm“, Gretchen drehte ihren Kopf so, dass sie Marc ansehen konnte.

„Wir müssen aber doch jetzt nicht heiraten, nur weil wir ein Kind gezeugt haben, oder? Weil ich habe echt keine Lust auf die Schwestern meiner Mutter!“, fragte Marc plötzlich panisch nach.

„Ich glaube die Neuigkeit mit einem Kind reicht schon, da müssen wir nicht noch einen drauf setzen“, beruhigte Gretchen ihn, auch wenn ihr ein kleiner Teil ihres irrationalen Denkens schrie: heirate mich! Aber das war ja nun wirklich zu viel verlangt.

„Gott sei Dank!“

„Deine Mutter hat Schwestern, hast du gerade gesagt? Das wusste ich ja gar nicht.“

„Fünf. Es sind fünf Schwestern. Und ich finde alle schrecklich. Bis auf Yvonne. Sie ist glaube die Älteste. Yvonne hat reich geheiratet. Hat selbst keine Kinder. Ich bin ihr Patenkind. Sie finanziert mir quasi diese Wohnung mit dem Geld, dass sie mir Monatlich überweist“, erzählte Marc.

„Bedankst du dich wenigstens ab und zu mal bei ihr?“

„Ich schicke ihr zum Geburtstag und Weihnachten eine Karte?“

„Marc!“

„Reg dich ab Hasenzahn. Ja, ich melde mich des Öfteren bei ihr. Höre mir an, was ihre Hunde so alles machen und was ihr Mann jetzt für ein Auto fährt. Dass sie uns angelblich mal besuche kommen will, was sie in den letzten fünf Jahren nicht mehr geschafft hat und das sie dringend noch den Marmorfußboden im Flur wischen muss, weil ihre Putzfrau das wohl nicht so macht, wie sie es will.“

„Und die anderen? Das war jetzt eine von fünf“, hakte Gretchen neugierig nach, die es immer wieder spannend fand, Dinge über Marc zu erfahren, die sie noch nicht wusste.

„Petra ist glaube die zweitälteste. Oder die älteste. Bin mir nicht sicher, wer von den beiden jetzt als erstes kam. Petra ist verheiratet und hat, ehm, drei Kinder. Wenn du mich fragst, ist das noch die vernünftigste von dem Haufen. Die anderen haben alle einen Knall, einschließlich meiner Mutter. Dann gibt es noch Marianne, die habe ich allerdings das letzte Mal gesehen, da war ich, ehm, sieben oder so. Die ist nach Kanada ausgewandert und hat sich seitdem nur noch zwei Mal zu Weihnachten hier blicken lassen. Meine Mutter ist stink sauer auf sie, auch heute noch. Britta ist die Jüngste, die nach meiner Mutter noch kam. So ein Nachzügler. Wenn ich mich recht erinnere, sind die beiden gut acht Jahre auseinander.“ Marc musste eine kurze Denkpause einlegen, wen er bereits erwähnt hatte, und wer noch fehlte. "Und dann gibt es noch Eva. Sie ist auch verheiratet und wohnt in Brandenburg in einem kleinen Dorf auf einem Bauernhof mit Pferden und zwei Kindern. Ich glaube, jetzt habe ich alle.“

„Du hast eine große Familie“, stellte Gretchen verwundert fest.

„Wie gesagt, die haben alle einen Knall. Du kennst ja meine Mutter, das noch circa vier Mal in fast noch anstrengender und voila, du bist froh, wenn du die Menschen nur selten triffst.“

„Na ich hoffe, dass du das zu mir nicht auch in ein paar Jahren sagen wirst“, schmollte Gretchen gespielt.

„Gretchen?“, fragte Marc vorsichtig. Sich an eine Frage herantastend, die er schon lange hatte fragen wollen. Etwas, was ihn wurmte und auch bei Gretchen noch ziemlich präsent zu sein schien.

„Ja?“, flüsterte sie fast.

„Ehm…Kannst du dich noch daran erinnern, also als wir und damals gestritten haben, was du zu mir gesagt hast?“

„Wir haben uns oft gestritten, Marc. Das musst du schon konkretisieren.“

„Als wir Schluss gemacht haben. Da hast du gesagt, dass du diese Wohnung nicht magst.“

Gretchen richtete sich auf. Entzog sich seiner Umarmung und drehte sich zu ihm um. Saß ihm im Schneidersitz gegenüber.

„Es ist nicht gerade ein Ort, den ich als Zuhause betiteln würde. Aber es ist dein Zuhause. Und ich habe absolut kein Recht da irgendwie dran rumzumäkeln. Hat dich das so beschäftigt? Die Jahre über?“

„Als ob. Ich dachte nur, wenn wir zusammen ziehen…“

„Ich will heute nicht über solche Dinge reden. Lass uns das an einem Tag machen, an dem wir beide frei haben und beide mal über das ganze nachgedacht haben. Lass uns über unseren Urlaub reden. Wann wollen wir den machen? Und bist du dir sicher, dass wir wirklich weg fahren sollen?“

Marc brauchte tatsächlich einen Moment, um hinter Gretchens Gedankensprüngen her zu kommen. Gut, sie wollt jetzt nicht über das Baby und die ganzen Dinge, die bald auf sie zukommen werden, reden. Stattdessen über den Urlaub, den er vor einiger Zeit mal angesprochen hatte. Urlaub. Gott, er hatte so Lust auf eine Auszeit von allem. Von seiner Mutter. Vom Klinikalltag. Von Mehdi und dem Rest des Kaan-Klans, die immer um seine Aufmerksamkeit buhlten. Er hatte Lust auf Gretchen und Ruhe. Am besten an einem Ort, wo ihn niemand kannte. Wo es nicht viel gab. Und am besten außerhalb der Saison. Vor den Feiertagen hatte er mal vorsichtig bei Gretchen angefragt, ob sie Interesse an einem Urlaub mit ihm hatte. Sie hatte es nicht abgelehnt.

„Jetzt bin ich mir sicherer als zuvor“, er grinste.

„Ich weiß echt nicht, was mir mehr Angst machen sollte: das du so entspannt auf die Schwangerschaft reagiert hast, oder dass du auf so Ideen wie einen Urlaub kommst.“

„Was ist bitte an einem Urlaub so verwerflich?“

„Nichts. Es ist so normal. Das letzte Mal, als wir im Urlaub waren…“

„Wir waren dienstlich unterwegs, Hasenzahn. Das konntest du doch wirklich nicht als Urlaub bezeichnen…“

„Ich habe nur Angst, Marc“, Gretchen wickelte die Sofadecke um ihren Körper. Sie fror nicht direkt, aber eine gewisse Kälte durchzog sie, als sie wieder an damals denken musste und sich Angst in ihr breit machte. Angst vor einer Wiederholung.

Sally Offline

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18.07.2015 23:22
#23 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Es war wärmer geworden. Der verfrühte Herbstbeginn, mit Stürmen und jede Menge Regen im Gepäck, hatte sich gelichtet. Heute waren es laue dreizehn Grad. Es wehte kein kalter Wind durch die Straßen und U-Bahnschächte. Man konnte den dicken Schal Zuhause lassen und getrost ohne Regenschirm das Haus verlassen.

Das hatte Gretchen auch getan, als sie an diesem Vormittag die Wohnung für etwa eine Stunde verlassen hatte. Der Kühlschrank diente mit gähnender Leere, sodass Familie Meier gestern Abend auf einen Lieferdienst zurückgreifen musste. Heute Morgen hatte sich das männliche Oberhaupt der Aufgabe angenommen, für seine Familie Frühstück zu besorgen, das es beim Bäcker, ein paar Häuser weiter, gab. Nach einem entspannten Frühstück an diesem Samstagmorgen, war Gretchen in den nächsten Supermarkt aufgebrochen und hatte ihre ellenlange Einkaufsliste abarbeitet. Sie hatte regelrecht ein paar Mal blinzeln müssen, bis sich ihre Augen an das helle Tageslicht gewöhnt hatten. So hell war es seit Wochen nicht gewesen. Keine grauen Wolken am Himmel. Nur weiße Wölkchen, die sie an Zuckerwatte erinnerten.

Jetzt, gut eine Stunde später, betrat sie die Wohnung in einem Berliner Altbau. Ihre Wohnung. Es roch verdächtig nach Kinder-Erkältungs-Badezusatz. Ein Duft, der ihr noch aus ihrer Kindheit vertraut war. Die Einkäufe verstaute die Chirurgin schnell im Kühlschrank und Vorrat, und ging dann auf die Suche nach ihren Liebsten.
Fündig wurde sie – sie hätte es nicht anders erwartet - im Badezimmer. Das Badezimmer, dass sie sich als Familie oft teilten. Das Badezimmer mit Badewanne und Doppelwaschtisch. Nicht das Bad, das an ihr und Marcs Schlafzimmer schnitt.

Es duftete herrlich nach dem Badezusatz und versicherte ihr, dass Marc sich daran gehalten hatte, was sie zuvor mit ihm beim Frühstück beschlossen hatte.
Ihr großer Junge stand in seiner Alltagskleidung vor dem großen Spiegel, Rasierschaum auf den Wangen.
Ihr kleiner Junge stand in einen Bademantel gehüllt neben ihm auf einem Hocker, Rasierschaum auf den Wangen.
Beide hielten einen Rasierer in der Hand. Das Geschenk war ein voller Erfolg!

„Mami, sieh!“, ihr kleiner Mann setzte den Spielzeugrasierer an seine Wange und schob den Rasierschaum zur Seite.

„Wie der Papa“, meinte Gretchen, wuschelte durch Constantins Haarschopf und wandte ihren Blick zu ihrem Ehemann. „Du hattest Recht.“

„Ich weiß“, meinte dieser in seiner eingebildeten Natur, konnte sich ein Grinsen dennoch nicht verkneifen.

Vorgestern hatten sie Constantins vierten Geburtstag gefeiert. Die ganze Familie war eingeladen. Franz und Bärbel Haase. Jochen und Anika mit Lena. Elke Fisher hatte es sich auch nicht nehmen lassen, den Geburtstag ihres Enkels zu feiern. Und der Kaan-Klan durfte natürlich auch nicht fehlen. Bärbel Haase war natürlich hin und weg von der kleinen Emilia gewesen, was Mehdi und Edith mehr oder weniger einen Babyfreien Nachmittag beschert hatte.

Von den Kindern hatte man nach dem Kaffeetrinken nicht mehr viel gesehen. Sie waren allesamt in Constantins Kinderzimmer verschwunden, um mit der neuen Holzeisenbahn spielen zu können, die Opa Franz für seinen Enkel ausgesucht hatte und alle anderen Anwesenden fleißig Zubehör geschenkt hatten. Vermutlich konnte der Junge jetzt eine Strecke durch die ganze Wohnung legen. Ganz zum Leidwesen der beiden Eltern, die vermutlich drauftreten würden, zumal ihr Sohn anscheinend keinerlei angeborenen Ordnungssinn besaß. Das Strahlen ihres Sohnes hatte jeden Zweifel wettgemacht.

Zu Constantins Ersten Geburtstag hatte Marc seinem Sohn einen Doktorkoffer geschenkt. Der kleine Knips in Windeln hatte damit noch herzlich wenig anfangen können, bis auf die Dinge in den Mund zu nehmen und kräftig draufzubeißen, oder sich damit an den Kopf zu hauen. Mittlerweile war es zu seinem Lieblingsspielzeug geworden. Um genau zu sein, seit er herausgefunden und verstanden hatte, was seine Eltern von Beruf waren. Im Kindergarten hatte er stolz erzählt, dass seine Mama und sein Papa „jedes Aua weg machen“ können. Gretchen hatte vor Rührung fast geweint, als die Erzieherin ihr davon berichtet hatte. Marcs Reaktion war ein herzhaftes Lachen.

Marc hätte niemandem geglaubt, hätte man ihm vor zwanzig Jahren erzählt, wie seine Zukunft einmal aussehen würde – mit Gretchen und einem Sohn in einer Eigentumswohnung -, hätte er demjenigen wohl den Mittelfinger entgegengestreckt und wäre gegangen. Jetzt aber bereute er es in der ein oder anderen langen Nachtschicht, nicht schon eher den Schritt auf Gretchen zu gewagt zu haben, denn dann hätte er sich letztens nicht so den Kopf zerbrechen müssen. Aber er war glücklich. Er war Anfang vierzig, hatte eine tolle kleine Familie, seinen Traumjob und ein Dach über dem Kopf. Es war alles gut so, wie es war.

Noch vor ein paar Monaten hatte er nachts wachgelegen und überlegt, wie es nun weitergehen sollte. Ob er nun habilitieren sollte, oder weiter als Oberarzt Chirurgen ausbilden wollte. Und dann war da noch ein anderer Wunsch, den er nicht traute, vor seiner Frau auszusprechen. Seine Frau, die ihn eines Tages drauf angesprochen hatte, ob sie nicht vielleicht doch heiraten sollten, der Steuern wegen. Nicht, dass Marc nicht wusste, dass es schon immer Gretchens Wunsch war, einmal seinen Nachnamen tragen zu wollen, hatte er zugestimmt „der Steuern wegen“ standesamtlich zu heiraten. Constantin war zu dem Zeitpunkt eineinhalb Jahre alt. Das, was er sich gewünscht hatte, war viel prägnanter als eine Hochzeit im engsten Kreise der Familie.

Er hatte es angesprochen. Abends, als sie zu Bett gegangen waren, Gretchen neben ihm ein Buch las und er nervös die Decke betrachtet hatte. Ob sie noch ein weiteres Kind wolle. Ob sie sich das vorstellen könne. Sie hatte geweint. Vor Freude! Natürlich wollte sie noch ein Kind! Es hatte sie überglücklich gemacht, dass er von sich aus gefragt hatte. Ihre Teilzeitstelle an der Potsdamer Klinik würde sie bestimmt behalten können. Constantin ging in den Kindergarten. Er war aus dem gröbsten heraus, sodass sie sich auf einen kleinen Sprössling konzentrieren konnte. Und natürlich war ihr das Risiko einer Schwangerschaft bewusst. Es hatte sie nicht gehindert.

Jetzt lehnte sie neben ihrem Ehemann vor dem Spiegel und sah ihren beiden Männern dabei zu, wie sie sich rasierten. Constantin mit dem Spielzeugrasierer und Marc mit seinem „für große Jungs“-Rasierer. Die kleine Kugel, die sich langsam über ihrem Hosenbund abzeichnete, entwickelte sich prächtig. Es war zwar erst der fünfte Monat, aber Constantin wusste schon jetzt, was auf ihn hinzukommen würde. Man hatte ihn über das neue Baby in Mamas Bauch aufgeklärt. Marcs Versuch war gescheitert, und Gretchen hatte es auf eine verständlichere Weise erklären müssen, aber der kleine Junge hatte es mit Freude aufgenommen, bald auch endlich ein großer Bruder sein zu können, wie Tristan und Fabio.

„Wie lange werdet ihr noch brauchen?“, fragte Gretchen an Marc gewandt.

„Zehn Minuten? Ich denke, ich werde den kleinen Mann nochmal im Gesicht schrubben müssen“, zwinkerte er ihr zu und nahm den Rest seines Dreitagebartes ab.

„Ich setzte Kaffee und Wasser auf. Consti, hilfst du Mama gleich beim Kochen?“

„JA!“, ihr Sohn strahlte sie mit leuchtenden Augen an.

Sie berührte Marc einmal kurz an der Schulter, strich ihrem Sohn kurz über die Haare und verschwand aus dem Badezimmer.

In der Küche öffnete sie die Schublade in der Kochinsel, in dem Töpfe und Pfannen lagerten. Sie kannte sich hier blind aus. In der Küche. Im angrenzenden Schlafzimmer. Das dazugehörige Badezimmer mit dem Korallenmotiv aus Mosaiksteinchen. Im Wohnzimmer, die angrenzende Terrasse, die Nische, in der Marc früher seinen Schreibtisch stehen hatte. Nie hätte sie gedacht, dass sie diese Wohnung einmal ihr Zuhause nennen würde. Nie hätte sie gedacht, dass sie an der Auswahl der neuen Möbel beteiligt sein würde. Geschweige denn an den baulichen Maßnahmen, als der Durchbruch zu der Wohnung des verzogenen Nachbarehepaares gemacht wurde. Marc hatte sie damit quasi überfallen, als er mit dem Kaufvertrag um die Ecke gekommen war. Und doch war sie gerührt, dass er alles versucht hatte, um seiner Familie ein Heim zu schaffen. Jetzt hatte Constantin sein eigenes Zimmer. Marc und sie jeweils ein eigenes kleines Arbeitszimmer. Ein Badezimmer mit Badewanne. Und es war noch Platz für den nächsten Meier-Sprössling.

Sie hatte kürzer treten müssen. In der Klinik war es für sie und ihr Ungeborenes zu gefährlich. Papierkram konnte sie auch von Zuhause erledigen. Während Constantin also morgens in der Kita war, bearbeitete Gretchen Akten und was sonst noch so anfiel. Sie pflegte ein Familienleben. Marc recherchierte an seinem heimischen Computer, was ihnen auch ein wenig Zeit zu zweit bescherte und ihre Ehe nicht an der Situation scheiterte, zwei begnadete Chirurgen zu sein.
Heute hatten beide frei. Frei, um einen Tag mit ihrem Sohn zu verbringen und sich vom stressigen Geburtstagsfeiern zu erholen.

Gretchen holte einen großen Topf und eine Pfanne aus dem Schrank, als das Telefon klingelte. Ein Scheppern konnte sie nicht vermeiden, als sie die Kochutensilien auf der Arbeitsplatte abstellte und zum Telefon hastete. Sie drückte die Aufnahmetaste und drückte das schnurlose Gerät an ihr Ohr, während sie in die Küche zurückging.

„Gretchen, bist du es?“, hörte sie schon, bevor sie sich überhaupt melden konnte.

„Ja. Hallo Gigi“, begrüßte sie ihre Freundin, als sie den Hörer zwischen Schulter und Ohr einklemmte, nach dem Topf griff und zur Spüle ging.

„Wie geht es dir? Es war echt schwer, dich in den letzten Tagen zu erreichen und wenn ich dann mal jemanden am Apparat hatte, war es nur dein nicht gerade erfreuter Mann“, quatschte Gigi gleich drauf los, sodass Gretchen keine andere Wahl hatte und grinste.

„Consti hatte Geburtstag.“

„Das weiß ich und ich wollte meine Glückwünsche aussprechen und ankündigen, dass ich ein Paket versendet habe. Sag mal, du hockst aber nicht gerade auf dem Klo, oder?“

„Nein“, Gretchen musste lachen, „ich setze Wasser auf. Wir wollen gleich kochen. Und danke für das Paket, es ist gestern angekommen. Consti hat sich riesig über den schönen Bahnhof gefreut.“ Gretchen hievte den mit Wasser gefüllten Topf auf den Herd, drehte die Temperatur hoch und gab etwas Salz ins Wasser.

„Wo ist er gerade?“

„Er rasiert sich mit Marc.“

„Er ist vier!“, meinte Gina echauffiert.

„Wie der Papa möchte er sich halt auch rasieren, also haben wir ihm so ein Spielzeugteil besorgt“, erklärte Gretchen seelenruhig, während sie die Pfanne auf eine andere Herdplatte stellte und etwas Öl hineingab. Dann lehnte sie sich an der Küchenzeile an, nahm den Hörer wieder in die Hand und legte die andere auf ihren Bauch.

„Und? Bereust du es schon, dich wieder geschwängert haben zu lassen?“

„Gigi!“, quiekte Gretchen auf, musste aber über die unverblümte Nachfrage ihrer besten Freundin lachen.

„Was denn? Ich meine, da gehört schon viel zu, sich die Karriere zu versauen und zwei kleine Biester aus sich hinauszupressen, nur damit der Bauch nachher aussieht, wie ein alter schrumpeliger Apfel.“

„Danke, ja, wir freuen uns sehr auf unser Baby.“

„Ich meine ja nur. Du …“

„Gigi, ich habe alles, was ich mir je erträumt habe und sogar noch mehr.“

„Das weiß ich doch, Mausi. Vermisst du es denn gar nicht, im OP zu stehen?“

„Mehr als alles andere!“, sagte Gretchen sofort, als sie ein tiefes Kichern hörte und als sie sich umwandte, lehnte Marc grinsend am Rahmen der Tür und starrte seine Frau direkt an.

„Consti?“, mimte sie ihm zu, während Gigi ihr von einer OP erzählte, an der sie gestern teilgenommen hatte.

„Zieht sich an“, er stieß sich ab, ließ seine Hand über den Rand er Arbeitsplatte fahren, als er auf Gretchen zukam und sich zu ihr vorbeugte, um ihren Hals zu küssen, während sich seine Hand auf die ihre legte. „Grüß die Brillenschlange von mir.“

„Ich soll dich von …“, sprach Gretchen sofort, als sie prompt von Gigi unterbrochen wurde.

„Habe ich gehört“, brummte Gina in den Hörer und ließ Gretchen loslachen.

Noch immer grinsend, ließ Marc von Gretchen ab und holte das Hackfleisch aus dem Kühlschrank und eine Packung Nudeln aus einem der Oberschränke, ehe er Gretchen zur Seite schob, um an den Herd zu kommen. Gretchen ging zum Esstisch, setzte sich auf einen der Stühle und führte ihr Gespräch mit ihrer Freundin fort, während Marc begann, das Essen zuzubereiten.

„Denk dran, keine Zwiebeln“, erinnerte Gretchen Marc, der genervt mit den Augen rollte.

„Dann geh raus. Ich will Zwiebeln. Ich mache auch das Fenster auf und in gut einer halben Stunde kannst du wieder kommen“, entgegnete er ihr genervt. Der Geruch von Zwiebeln war das Einzige, was noch von ihrer Überempfindlichkeit übrig war. Ganz anders als bei Constantin, hatte Gretchen diesmal alles, was nur möglich war, in den ersten Wochen der Schwangerschaft mitgenommen und mehr oder weniger vor dem Klo verbracht. Gretchen stöhnte genauso genervt, als sie sich wieder in die Höhe schob und den Raum verließ. Mit einem selbstgefälligen Grinsen machte sich Marc daran, die Zwiebeln zu schneiden und fluchte laut, als er sie in das schon viel zu heiße Fett gab und die kleinen Spritzer auf seiner Haut brannten. Vielleicht sollte er Gretchen auch für unzurechnungsfähig erklären lassen, während ihr Körper von Hormonen zerfressen wurde.

Lautstark machte sich Constantin bemerkbar, als er in die Küche gerannt kam. Er schob sich seinen Hocker neben Marc und sah gebannt in die Töpfe.

„Ich will rühren“, sagte Constantin selbstbestimmt und wollte nach dem Kochlöffel greifen, den Marc sofort in die Höhe hielt.

„Du willst gar nichts, du Krümel.“

„Ich möchte. Bitte“, sagte der kleine braunhaarige Junge, als er mit seinen Kulleraugen zu ihm hinaufsah. Diesen Blick hatte er eindeutig von seiner Mutter, die auch genauso guckte, wenn sie etwas von Marc wollte.

„Ich muss erst das Hackfleisch in die Pfanne machen, das wird spritzen. Also zieh den Kopf ein, Kurzer, und geh in Deckung.“

Der Kleine tat, wie ihm an geordert und sprang von seinem Hocker, um sich hinter seinem Vater zu verstecken. Das Gesicht drückte er in Marcs Oberschenkel, seine Hände krallten sich in den Stoff der Hose.

Gut eine halbe Stunde später brauste Constantin in Gretchens Arbeitszimmer, um seiner Mutter zu verkünden, dass das Essen auf dem Tisch stand und Papa schon ungeduldig wartete. Die Chirurgin klickte den das Browserfenster zu und stand etwas ächzend auf. Sie versuchte sich mental eine Notiz zu machen, sich das nächste Mal ein Kissen unter den Hintern zu klemmen, auch wenn ihr Schreibtischstuhl sonst eigentlich immer recht bequem war. Ihr Sohnemann war indes schon wieder aus dem Raum verschwunden und sie konnte ihn laut erzählen hören, gefolgt von Marcs lauter Stimme, die den Jungen ermahnte, seine Hand nicht in die Soße zu stecken. Gretchen schmunzelte, als sie das Wohnzimmer durchquerte und endlich den Esstisch erreichte. Anstatt sich aber sofort auf ihren Platz zu setzen, schloss sie erst das Fenster und kassierte einen finsteren Blick von Marc. Dass ihm nicht kalt war, konnte sie an den hochgekrempelten Ärmeln und der glänzenden Stirn erkennen. Tja, er wollte ja die Zwiebeln haben.

„Gigi kommt Mitte nächsten Monat“, erzählte Gretchen die Neuigkeiten, die sie noch erfahren hatte.

„Aha“, meinte Marc nur mit vollem Mund, schluckte feste, als er sich nicht zurückhalten konnte, „Nimm den Löffel!“ Seine Augen waren zu Schlitzen zusammen gezogen und funkelten Constantin böse an.

Der Junge blickte unter den Wimpern hindurch zu seinem Vater auf, schob die Unterlippe etwas vor und fragte leise: „Warum denn?“

„Weil mehr Nudeln auf dem Boden landen, als in deinem Mund!“

Constantin sah zwischen seinen Beinen hindurch auf den Boden, dachte einen Moment nach und kletterte von seinem Holzstuhl unter den Tisch. Als Marc und Gretchen sich beide bemühten, auch einen Blick dorthin zu werfen, kniff Gretchen Marc ins Knie, als dieser bereits scharf Luft anzog und mit der nächsten Schimpftirade ansetzen wollte. Es folgte ein gefährlich klingendes Grunzen aus seinem Hals.

„Consti, Schatz, ich möchte nicht, dass du die Nudeln vom Boden isst“, versuchte Gretchen es lieber erst einmal auf die liebe Weise. Sie konnte immer noch kapitulieren und Marc das Schimpfen überlassen. Constantin, der unter dem Tisch saß und dem eine Nudel am Kinn klebte, sah seine Mama mit großen Augen an.

„Warum?“

„Weil das Essen vom Boden dreckig ist“, versuchte es Gretchen.

„Aber du hast doch gestaubasaugt“, wieder schob der Junge die Unterlippe vor. Damit kniff er jedes Mal in Gretchens Herz. Ja kniff. Zumindest fühlte es sich so an.

„Du isst nichts vom Boden, basta! Und jetzt setz dich wieder auf deinen Stuhl und nimm den Löffel, aber dalli!“, mischte sich Marc nun doch ein, da er Gretchens Summstimme nicht mehr hören konnte. Er verfluchte diese Hormone, die hatten seine Frau irgendwie wieder so weich gemacht, dabei war er es doch sonst oft gewesen, der seinen Sohnemann vieles hat durchgehen lassen. Da Constantin nun tatsächlich Anstalten machte, sich wieder auf seinen Stuhl zu setzen, richtete sich Marc wieder auf und warf einen Blick auf Gretchen, die sich schon längst wieder dem Essen zugewandt hatte und nicht besser aussah, als ihr Sohn. Er überlegte kurz, ob er sich einfach vorbeugen sollte, um die Soße und die Nudel von ihrem Kinn abzulecken, entschied sich aber, ihr wortlos eine Servierte zu reichen. Verdutzt sah Gretchen ihn an, griff dann nach dem Stoff und wollte sich schon Consti zuwenden, als Marc sie stoppte. „Benutz Consti einfach als dein Spiegelbild, Hasenzahn.“

Gretchen brauchte tatsächlich ein paar Sekunden, die sie damit verbrachte, zwischen Marc und ihrem Sohn hin und her zu sehen, ehe sie sich mit aufgerissenen Augen die Servierte an das Kinn führte. Marc glaubte sogar, eine leichte Röte auf ihren Wangen zu sehen, die er nur noch sehr selten bei ihr entdeckte. Er hatte sie wohl schon abgestumpft. Wobei, dabei musste er grinsen, als er das dachte, da gab es durchaus bestimmte Dinge, die ließen Gretchen förmlich glühen.

Sally Offline

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14.07.2016 22:11
#24 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Mit einem Seitenblick auf seinen Sohn, konnte Marc sehen, dass sich sein Kleiner nun bemühte, mit dem Löffel seine kleingeschnittenen Spaghetti zu essen. Dass Constantin nun mit seinem Fuß gegen das Stuhlbein seines Hochstuhls trat, versuchte Marc auszublenden.

„Ich will spielen“, meinte Constantin kurze Zeit später und schob seinen Teller demonstrativ von sich.

„Aufessen“, brummte Marc genervt.

„Marc, lass ihn. Er hat gut gegessen. Vielleicht war die Portion einfach zu groß“, nahm Gretchen ihren kleinen Mann in Schutz. Ein kleinwenig vermisste Marc seine verbissene Ehefrau, die seit ihrer Schwangerschaft mit Meier-Sprössling Nummer zwei um einiges nachsichtiger geworden war. „Für ihn ist das eine Ewigkeit, die wir hier mit Essen verbringen.“ Dabei nickte sie mit ihrem Kopf gen Constantin, der sich in seinem Stuhl hängen ließ und dabei fast auf den Boden rutschte. Marc seufzte.

„Okay, geh spielen“, er beobachtete, wie Constantin nun ganz vom Stuhl rutschte, unter dem Tisch her krabbelte und dann ins Wohnzimmer flitzte. Marc zog Constantins Teller zu sich und machte sich an die Reste seines Sohnemanns. In Ruhe und mit Constantins leisem Gebrabbel im Hintergrund, genossen Gretchen und Marc ihr Mittagessen.

„Wie geht es Baby Nummer zwei?“, fragte Marc nun neugierig, als er sah, dass Gretchen sich ihren kleinen Bauch streichelte. Sie sah zufrieden grinsend zu ihm auf.

„Ist aktiv und ich bin müde.“

„Dann leg dich doch hin“, meinte Marc und machte Anstalten, den Tisch abzuräumen.

„Du hast doch schon gekocht.“ Gretchen erhob sich ebenfalls und half ihrem Mann das Chaos nach dem Mittagessen zu beseitigen.

Ein wenig neidisch war Marc ja schon, dass Gretchen bereits spüren konnte, dass sich ihr Baby bewegte, er aber leider noch nicht. Darauf freute er sich bereits, die Tritte fühlen zu können. Das machte die Existenz des kleinen Wesens für ihn ein kleines Stück realistischer. Als er das erste Mal Constantin hatte treten fühlen, war er von seinen Vatergefühlen übermannt worden. Er hatte danach Mehdi angerufen, um ihm die Neuigkeiten zu übermitteln. Mehdi hatte herzhaft lachen müssen, über Marcs väterlichen Enthusiasmus.

„Ab auf die Couch mit dir, Hasenzahn.“ Marc packte Gretchen bei den Schultern und navigierte sie ins Wohnzimmer. Gretchen musste schmunzeln. Gemeinsam setzen sie sich auf das große Sofa und Gretchen kuschelte sich an ihren Marc. Schon fast im Halbschlaf versunken, beobachtete sei ihren Sohn, der hochkonzentriert – seine Zunge hatte er zwischen den Lippen eingeklemmt – die Schienen seiner Eisenbahn zusammensteckte.

Marc erschrak fast, als das Handy in seiner Hosentasche zu vibrieren begann. Gretchen war schon eine ganze Weile tief im Traumland versunken, er wäre ihr bestimmt auch bald gefolgt. Vorsichtig versuchte Marc, an sein Handy zu kommen. Als das nicht klappte, musste er Gretchen sanft von sich heben, um aufstehen zu können. Seine Frau schien dies allerdings nicht wirklich zu stören, drehte sich auf die Seite und schlummerte entspannt weiter. Marc griff nun endlich in seine Hosentasche und konnte ein genervtes Grunzen nicht unterdrücken, als er den Störenfried identifizieren konnte. Constantin blickte zu seinem Papa, als dieser aus dem Raum in die Küche ging.

Die Chance ergriff der kleine Junge. Er nahm seine Lieblingslokomotive und rannte in die Küche, wo sein Papa das Telefonat entgegen genommen hatte, auf einem Stuhl saß und die freie Hand genervt im Nacken platziert hatte.

„Ja…probiert es damit“, sagte Marc ärgerlich und blickte nun vor sich, wo sein kleiner Mann mit großen Kulleraugen zu ihm hinaufblickte. Constantin kletterte nun auf den Schoß seines Papas und hielt ihm die Lokomotive unter die Nase. Marc hielt ihn mit seiner freien Hand fest, sodass er nicht das Gleichgewicht verlor. „Versuch es einfach. Ich kann jetzt auch nicht viel machen.“

„Papa?“, fragte Constantin nun, um die Aufmerksamkeit von Marc zu bekommen.

„Ja, das ist Constantin…Nein, Gretchen ist auch zu Hause, schläft aber und ich will sie ungern wecken.“

„Paaapaaa“, Constantin wurde nun ungeduldiger.

„Bereiten Sie einen OP für in einer Stunde vor, ich versuche bis dahin da zu sein“, damit beendete Marc das Gespräch. „Was ist denn?“ Er sah seinen Sohn an, der seinen Kopf nun an seine Brust gelehnt hatte.

„Ich will mit dir spielen“, sagte Constantin und schob dabei seine Unterlippe vor. Dieser kleine Schmollmund überredete Marc im Normalfall sofort, aber jetzt musste er Gretchen schonend beibringen, dass er doch heut in die Klinik musste.

„Wir spielen heute Abend, versprochen. Jetzt muss Papa leider arbeiten.“ Marc griff unter die Arme seines Sohnes und nahm ihn auf den Arm, während er aufstand.

„Warum?“, fragte Constantin seine wohl am häufigsten ausgesprochene Frage.

„Ich muss ein Aua wegmachen“, erklärte Marc und ging mit Constantin auf seinem Arm ins Wohnzimmer, wo ihn zwei blaue Augen anblinzelten.

„Ich will mit“, meinte Constantin und sah seinen Papa mit genauso großen Augen an, wie seine Mama es gerade tat.

„Das geht doch nicht, Krümel, und das weißt du“, er drückte Constantin einen Kuss auf die Schläfe und wollte ihn absetzten, doch der Vierjährige umklammerte den Hals seines Papa und ließ sich nicht abwimmeln.

„Constantin, du musst mich loslassen.“

„Nein!“, meinte Constantin mit fester Stimme, aber Marc wusste genau, dass der kleine Mann gleich ein riesen Theater veranstalten würde. Hilflos sah Marc zu Gretchen, die aber nicht glücklicher als ihr Sohn wirkte. Er hasste es, dass sein Job manchmal Vorrang hatte.

„Was schlimmes? Ich dachte Adam ist heute da“, sagte Gretchen mit einem vorwurfsvollen Unterton in der Stimme.

„Ist er auch. Er hat mich angerufen. Es gibt wohl Komplikationen und er weiß nicht, was er machen soll. Um eine OP kommen wir nicht drum herum. Es wird nicht lange dauern, versprochen“, Marc legte seinen Kopf schief und sah entschuldigend zu Gretchen.

„Consti, Schatz, was hältst du davon, wenn wir Oma und Opa besuchen?“, versuchte Gretchen ihren Kleinen nun von seinem Papa zu befreien, der los musste. Sie verstand es ja, dass Marc seinen beruflichen Pflichten nachging, aber es war nun mal sein freier Tag. Den hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Constantin blickte zu seiner Mama und nickte ehe er den Hals seines Papas losließ und sich auf den Boden stellen ließ.

„Jetzt?“, fragte Constantin mit Aufregung in der Stimme.

„Gleich. Mama muss erstmal noch wachwerden und kurz mit Papa reden. Du kannst noch ein bisschen spielen.“

Gretchen erhob sich vom Sofa und folgte Marc zu Wohnungstür. Dort ließ sie sich von ihrem Mann in die Arme ziehen und küssen.

„Muss das sein?“, fragte Gretchen mit einem sauren Unterton.

„Leider ja, du kennst das doch.“

„Ganz ehrlich, können die da eigentlich was ohne dich? Warum rufen die nicht den Chef an?“

„Weil der gerade eine mehrstündige Operation hat und weil ich der Beste bin, müssen sie halt auf mich zurückgreifen.“

„Trotzdem.“ Gretchen zog jetzt genau die Schnute, die sein Sohnemann bei ihm immer einsetzte.

„Hasenzahn. Ich bin vielleicht drei Stunden weg. Ich melde mich sofort, wenn ich aus dem OP komme und dann haben wir immer noch genug vom Tag übrig.“

„Es hätte so ein schöner Tag werden können“, murmelte sie beleidigt, als sie wieder voneinander abließen.

„Ich mache die OP und bin dann weg. Zunähen kann auch Schwester Sabine“, versicherte Marc seiner Frau, gab ihr einen letzten Kuss und ließ sie in der Wohnung zurück.

Da sie ihre aufkommenden Gefühle nicht vor Constantin zeigen wollte, rief sie ihrem Sohn zu, dass sie auf Toilette müsse und verschwand im Schlafzimmer. Gretchen atmete ein paar Mal tief durch. Diese blöden Baby-Hormone, schimpfte sie gedanklich zu sich. Mit etwas besserer Laune, denn sie würde zu ihren Eltern fahren, zog sie sich um und sammelte dann ihren Sohnemann im Wohnzimmer auf.

„Consti, komm. Anziehen. Wir wollen doch zu Oma und Opa“, erinnerte Gretchen den Kleinen, der im Nu aufgesprungen war und mit lauten Jubel in sein Zimmer geflitzt war. Gretchen folgte ihm und öffnete den Kleiderschrank.

„Mama, kann ich den Dino-Pulli anziehen?“, fragte Constantin, der sich an ihr vorbeidrängte und vor den Schrank stellte. Auf Zehenspitzen versuchte er, an das Fach zu kommen, in dem sein Lieblingspullover lag.

„Warte, ich suche ihn dir raus“, meinte Gretchen.

„Nein, ich will das machen! Heb mich hoch!“

„Consti, Mama darf dich doch nicht mehr heben. Komm her, wir beide holen deinen Stuhl und dann kannst du deinen Pulli holen.“

„Okay“, nickte der Kleine ab und stiefelte schnurstracks zu seinem Stuhl, den er quer durch den Raum schob, direkt vor den Schrank. Dann kletterte er dort drauf, und war nun auf Augenhöhe mit dem Regalfach. Seine Hand griff zielstrebig in das Fach und erfasst den Stoff, ehe er triumphierend seinen Lieblingspullover in der Hand hielt. Dass er bei seinem Vorgehen noch zwei weitere Pullover mit herausgezogen hatte, die nun halb aus dem Schrank hingen, schien den Kleinen nicht zu stören.

„Constilein, steck bitte die anderen beiden Pullover wieder in den Schrank. Ich halte den Dino-Pulli“ Constantin drehte sein Lockenköpfchen zur anderen Seite.

„Oh!“, er drückte seiner Mama den Pullover in die Hand und richtete dann die anderen Beiden im Schrank. Als er fertig war, kletterte er wieder vom Stuhl und ließ sich den Pullover von seiner Mama überstreifen. Als Gretchen und er schon fast wieder im Wohnzimmer waren, blieb Constantin noch einmal stehen, drehte sich um und verschwand nochmal in seinem Zimmer. Geduldig blieb Gretchen im Flur stehen.

„Hab Kala vergessen“, erklärte Constantin, als er wiederkam und mit seinem Stoffhasen wedelte.

„Gut, dass du an ihn gedacht hast“, sagte Gretchen und bückte sich, um Constantins Füße in die Klettverschlussschuhe zu stecken, während ihr Sohnemann vom neusten Abenteuer seines Kuscheltieres berichtete. Gretchen schnappte sich noch die kleine grüne Regenjacke und verließ mit Constantin das Haus.

Zwanzig Minuten später erreichten sie Gretchens Elternhaus. Das Wetter war heute auf ihrer Seite, die Sonne wurde nur manchmal von Schäfchenwolken gestreift.

„Hat Oma wohl Pudding für mich?“, fragte Consti, als er aus dem Auto ausstieg, wobei er vielmehr raus rutschte und sein Dinopulli bis unter die Arme rutschte.

„Das weiß ich leider nicht, mein Schatz.“ Gretchen zupfte den Pullover ihres Sohnes wieder zurecht und schloss das Auto. Constantin wartete erst gar nicht auf seine Mutter, sondern öffnete das Törchen und schoss den kleinen Weg zur Tür empor. Auf Zehenspitzen gestellt, betätigte er die Türklingel. Gretchen hatte gerade ihren Sohnemann eingeholt, da öffnete sich die massive Holztür und Franz Haase lugte mit in Falten gelegter Stirn heraus. Als er Gretchen und seinen Engel erblickte, erhellte sich sein Gesichtsausdruck.

„Na, wen haben wir denn da?“, fragte er und streckte die Arme nach Constantin aus. Sein Enkel drückte ihn einmal kräftig und schlängelte sich dann zwischen seinen Beinen her und rief lautstark nach seiner Oma und Pudding. Gretchen konnte nur die Augen verdrehen, hoffte aber insgeheim ebenfalls auf eine große Schüssel Schokoladenpudding. Ihr Hunger auf Schokolade hatte sich nun in der Schwangerschaft gefühlt verhundertfacht und bat Marc natürlich eine Menge Angriffsfläche für spitze Bemerkungen. Franz trat zur Seite, sodass Gretchen eintreten konnte. Sie drückte ihren Vater ebenfalls einmal an sich und folgte dem munteren Gebrabbel ihres Sohnes in den Garten.

„Wie geht es dir?“, fragte sie ihren Vater, der ihr durch das Wohnzimmer folgte.

„Ich kann mich nicht beklagen. Vor allem jetzt nicht, wenn ihr etwas Leben ins Haus bringt. Ich habe das Gefühl, er ist schon wieder gewachsen“, seufzte Franz, als sie die Terrasse betraten.

„Constantin? Ich glaube kaum, dass er innerhalb eines Tages so viel Wächst, dass man einen Unterschied erkennen kann.“

„Er ist einfach schon so groß. Es kommt mir vor, als sei es gestern, als ich ihn zum ersten Mal gehalten habe. So klein und zerbrechlich.“

„Ach Papa“, lachte Gretchen und suchte nach ihrem Sohnemann, den sie nur unschwer überhören konnte. Entdecken konnte sie ihn schließlich neben dem kleinen Gartenhäuschen. Er stand dort, mit beiden Händen in die Seiten gestemmt, Hase Kali am Ohr gepackt, und sprach auf seine Oma ein. Bärbel Haase saß im Blumenbeet neben dem Häuschen, einen Sonnenhut auf dem Kopf und lächelte ihren Enkel an.

„Setzen wir uns“, bat Franz an und sie nahmen auf den Gartenstühlen Platz. „Wie geht es dir?“

„Noch müde von der ganzen Feierei. Mein Rücken schmerzt. Aber alles in Allem geht es mir gut.“

„Und wo ist Marc? Hattet ihr nicht erzählt, er hätte sich frei genommen?“

„Du weißt doch, wie das ist. Kaum entspannt man, kommt ein Anruf, der unabdinglich ist und zack ist der Tag mit Arbeit vollgepackt. Er musste zu einer OP. Manchmal frage ich mich, ob Marc dort der einzig kompetente Arzt ist. Es kann doch nicht sein, dass er dann immer springen muss, nur, weil sich ein anderer nicht in der Lage fühlt, den Eingriff zu übernehmen. Ich hatte mich so auf diesen Tag gefreut. Einfach mal als Familie.“ Gretchens Stimme wurde rauer. Sie fühlte das Kribbeln in der Nase, das Tränen ankündigte. „Ein Tag ohne Arbeit. Er hat noch Unmengen an Überstunden und kann sie einfach nicht abfeiern. Am meisten leiden Constantin und ich darunter.“

Franz sah seine Tochter liebevoll an, die versuchte, eine Träne vor ihm zu verstecken: „So ist eben das Leben als Arzt. Ich kann Marc auch verstehen. Ich steckte ja selbst lange genug in diesem Beruf fest. Es ist vereinnahmend. Und jetzt, wo du zuhause bist, merkst du es noch viel mehr. Ich bin mir ziemlich sicher, er tut alles, um schnellstmöglich wieder bei euch zu sein. Du kannst dich doch sicher daran erinnern, als Constantin das erste Mal Fieber hatte und du in totale Panik geraten bist, dich bis in den OP hast durchstellen lassen, um Marc zu sagen, das sein Sohn krank ist, und er hat alles stehen und liegen gelassen? Nur um bei euch zu sein?“

„Oh, erinnere mich nicht daran! Das ist so peinlich! Ich! Als Kinderärztin, flippe wegen Fieber aus!“ Verschämt vergrub Gretchen ihr Gesicht in ihren Händen und hörte ihren Vater kurz leise lachen.

„Du bist auch nur Mutter, die sich Sorgen um ihr Kind macht. In dem Moment ist es egal, was du für einen Beruf hast. Aber was ich damit deutlich machen will. Marc versucht jede freie Minute mit euch zu verbringen und das weißt du auch. Deine Schwangerschaftshormone lassen dich das nur schwerer verstehen.“

„MAMI!“, rief Constantin, als er über den Rasen zu seiner Mutter rannte, „Oma macht mir Pudding!“

Im Hintergrund erhob sich Bärbel aus dem Beet, klopfte ihre Knie ab und begab sich freudestrahlend zu ihrer Tochter, die nun Constantin auf dem Schoß hatte, und begrüßte sie.

„Komm her, Constantin, wir beide machen jetzt eine riesige Schüssel Schokoladenpudding. Mama und Opa können sich derzeit noch ein wenig ausruhen.“ Sie reichte ihrem Enkel die Hand, der vom Schoß seiner Mutter hopste.

„Darf ich den Löffel rühren?“, fragte der kleine Mann aufgeregt.

„Aber natürlich“, hörte man Bärbel noch sagen, als sie durch die Tür verschwanden.

Gretchen lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und vertiefte sich in einer Unterhaltung mit ihrem Vater. Den Schokoladenpudding aßen sie etwas später auf der Terrasse, sahen Constantin dabei zu, wer er im kleinen Sandkasten Kuchen und noch mehr Schokoladenpudding zubereitete und genossen das schöne Wetter. Etwa drei Stunden, nachdem Gretchen davon erfahren hatte, das Marc seinen geplanten freien Tag doch nicht wirklich ausnutzen konnte, klingelte es an der Tür der Familie Haase. Bärbel erklärte sich dafür bereit, die Haustür zu öffnen. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie und Marc im Schlepptau die Terrasse betraten. Nicht zu übersehen war die Schüssel Schokopudding in seiner Hand, die ihm bei seiner Ankunft angeboten wurde und er nicht hatte ablehnen können. Etwas geschafft von der Operation, nahm er neben Gretchen Platz und genoss seinen Pudding. Seinen Pudding, den er mit seiner Frau teilte, die nie genug von dem braunen Zeug bekam.

Gretchen hatte ihren Marc wieder an ihrer Seite und der kleine Konflikt am Mittag war vergessen. Den Abend ließen sie mit gegrillten Würstchen, einem kühlen Bier für die Männer und einer Schüssel Salat ausklingen. Consti war tief und fest auf Marcs Schoß eingeschlafen, den Stoffhasen vor seiner Nase, als sich die Erwachsenen noch unterhielten und Erinnerungen austauschten.

Sally Offline

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Beiträge: 244

20.07.2016 21:13
#25 RE: Sommer-Spezial von Sally Zitat · antworten

Constantin kicherte, während man seine nackten Füße auf dem Parkett hörte. Vorsichtig versuchte Marc zwischen seinen Fingern, die er vor seine Augen hielt, hindurch zu lugen.

„Nicht schummeln, Papa!“, ermahnte Constantin sofort, der seine Eltern genau im Auge behielt.

Gretchen stieß Marc mit dem Ellenbogen in die Seite. Er konnte es einfach nicht sein lassen. Constantin hatte seine Neugierde nicht nur von ihr geerbt. Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa. Marc war vor gut einer Stunde von der Arbeit gekommen, pünktlich, als Gretchen gerade das Abendessen fertig hatte. Jetzt bestand der kleine Meier-Sprössling auf die Aufmerksamkeit seiner Eltern.

„Nicht schummeln, Marc“, sagte Gretchen, die sich ebenfalls ihre Hände vor die zugekniffenen Augen hielt.

„Wie lange noch?“, fragte Marc seinen Sohnemann.

„Geduld! Das sagst du auch immer zu mir.“

„Er wird immer mehr wie du“, stichelte Gretchen ihren Ehemann. Dafür erntete sie einen Hieb in die Seite.

„Jetzt!“, quiekte Constantin.

Seine Eltern nahmen die Hände vor ihren Gesichtern weg und starrten ihren Kleinen mit großen Augen an. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Marc zu lachen begann und Gretchen sich nach vorne beugte, um genauer hinzusehen. Sie war sich nicht sicher, ob sie da gerade richtig sah.

„Ich bin auch schwanger, wie Mami“, berichtete Constantin stolz und strich sich über seinen nun runden Bauch. Unter seinem Schlafanzugoberteil steckte ein dickes Sofakissen und zog das Dinomotiv in die Länge.

„Wie schön“, sagte Gretchen bemüht. Das Lachen steckte in ihrer Kehle.

„Wie kommt das Baby da wieder raus?“, fragte Constantin nun seine Eltern.

Panisch sah Gretchen zu Marc, der ebenso erschrocken aussah und seinen Sprössling anstarrte.

„Also“, begann Gretchen, wurde aber von Marc angehalten, der eine Hand auf ihr Knie legte.

„Komm mal her, Consti“, er rutschte ebenfalls auf die Kannte des Sofas und wartete, bis Constantin vor ihm stand. „Es kommt so daraus.“ Er packte die Zipfel des Sofakissens, die unter dem Schlafanzug hinwegguckten, und zog es mit einem Ruck unter dem Stoff hervor. Constantins Mund stand offen. Das Kissen schmiss Marc neben sich und packte seinen Sohn an den Seiten und kitzelte ihn kräftig durch. Gretchen konnte gar nicht anders, als auch zu lachen. Sie war froh, dass Marc einen Bogen gefunden hatte, vom Thema Geburt abzulenken. Sie wollte ihrem Vierjährigen einfach noch nicht erklären müssen, wie Babys auf die Welt kommen. Am liebsten würden sie ihn auf ewig in Watte packen. Sie wusste dennoch, dass Constantin nicht zum letzten Mal gefragt hatte.

„STOP“, kreischte Constantin nun. „PIPI!“

Marc ließ abrupt von seinem Sohn ab, der sich umdrehte und aus dem Wohnzimmer preschte. Er hatte es einmal herausgefordert und seinen Sohn so lange gekitzelt, bis Constantin sich in die Hose gemacht hatte. Während er auf Marcs Schoß gesessen hatte. Das hatte dazu geführt, dass Gretchen die beiden Jungs unter die Dusche gesteckt und die Kleidung umgehend in die Waschmaschine gefrachtet hatte. Und Marc lernte aus seinem Fehler. Da Constantin ihm als Baby auf dem Wickeltisch ebenfalls zwei Mal ins Gesicht gepinkelt hatte, wollte er ein viertes Mal nicht provozieren.

„Das war knapp“, schnaufte Gretchen, die langsam wieder Luft bekam.

„Nicht noch einmal“, sagte Marc und erhob sich. Seine Hand reichte er seiner Frau. „Lass uns den Wicht ins Bett bringen.“

Gretchen ließ sich von Marc auf die Beine helfen und folgte ihm. Constantin stand gerade am Waschbecken auf seinem Hocker und wusch sich die Hände. Gretchen war stolz auf ihren Kleinen, dass er das Händewaschen auch wirklich ausführte, nachdem es lange gebraucht hatte, ihm das beizubringen. Eine Weile, ganz am Anfang des Sauberwerdens, war er der Meinung gewesen, die Hände auch einfach ablecken zu können. Tiere würden sich ja auch sauberlecken.

„Zähneputzen, Consti Schatz“, sagte Gretchen liebevoll und holte die kleine grüne Zahnbürste aus dem Schrank. Die Zahnbürsten standen dort, an dem Ort, den Constantin auch mit Hocker nicht erreichte, seit Marc seinen Sohn dabei erwischt hatte, wie er damit in der Toilette geangelt hatte. Da kam er leider ganz und gar nach seinem Papa. Immer für Blödsinn zu haben. Und das schon mit seinen vier Jahren.
Ohne zu murren brachte Constantin das Zähneputz-Ritual am Abend über sich ergehen und ließ sich dann von seinem Papa in sein Zimmer tragen.

Die Dinosaurier-Bettwäsche durfte nicht fehlen. Ein Grund, warum Gretchen dieses Set gleich zwei Mal gekauft hatte, damit Constantin nicht merkte, dass seine Bettwäsche auch mal gewechselt wurde. Bei ihm musste alles mit Dino-Motiv sein. Bis auf Stoffhase Kali. Die Ausnahme. Marc stemmte seinen Sohn auf seine Arme und ließ ihn einmal durch den Raum fliegen, um dann im Bett zu landen. Gretchen hatte sich Bereits auf den Stuhl neben dem Bett gesetzt und die Seite des Buches aufgeschlagen, dass sie derzeit lasen. Natürlich ging es um Dinosaurier.

Constantin kuschelte sich in sein Bettchen und ließ sich von seinem Vater zudecken. Hase Kali fand seinen weg zu Constantins kleiner Nase. Marc lehnte sich über Constantin.

„Gute Nacht, kleiner Mann“, sagte er mit sanfter Stimme.

„Ich bin groß“, konterte Constantin.

„Dann gute Nacht, großer Mann.“

„Gute Nacht, Papa.“ Constantin griff nach den Wangen seines Papas, zog das Gesicht zu sich heran und drückte seinem Papa einen dicken, nassen Schmatzer auf den Mund. Das hatte er sich bei Mama und Papa abgeguckt, hatte er einen Abend erklärt.

Marc richtete sich wieder auf, knipste das Nachtlicht an und das Deckenlicht aus. Dann ließ er Gretchen und Constantin mit ihrer Geschichte allein. Währenddessen widmete er sich dem Aufräumen des Wohnzimmers, das nach Constantins Spiel nach dem Abendessen im Chaos versank. Gretchen wollte er das Bücken nicht zumuten.

Auch wenn Constantin dachte, er hätte seine Eltern täuschen können, so wusste Marc genau, dass der kleine Chaot Keksreste hinter dem DVD-Player versteckt hatte. Ein Versteck, das Oma Bärbel nicht so schnell finden würde. Er sah es seiner Schwiegermutter hoch an, dass sie einmal in der Woche kam und die Wohnung auf Hochglanz brachte. Haben wollte sie dafür nichts. Zuhause würde sie sich langweilen und während Franz Haase auf dem Golfplatz war, konnte sie ihren Lieben etwas Gutes tun.

Etwas angewidert fischte Marc die Kekse hinter dem Elektrogerät hervor und beförderte sie direkt in die kleine Mülltüte, die er bei sich trug. Bei Constantin konnte man nie wissen, was man in einer Ecke fand. Da war der Vorfall mit dem toten Vögelchen unter dem Kinderbett, an den sich Marc nicht erinnern wollte. Definitiv etwas, woran Gretchen und er noch mit ihrem Kind arbeiten mussten. Vielleicht aber hatte Constantin auch seine Mutter dabei beobachtet, wie sie Schokolade versteckte. Das konnte Frau Meier nämlich sehr gut. Unter einem Sofakissen. Und er hatte die geschmolzene Schokolade schlussendlich an der Buchse kleben.

Constantin war eindeutig ihrer beider Sohn.

„Marc?“, fragte Gretchen ihren Ehemann, der auf dem Boden saß und einen Keks anstarrte.

„Hm?“, machte er, schüttelte kurz den Kopf und stemmte sich dann vom Boden ab, bis er mit ihr auf Augenhöhe war.

„Was hast du diesmal gefunden?“

„Nur Kekse. Alle anderen potenziellen Orte sind leer. Ich bringe das kurz weg und räume dann noch die Decken aufs Sofa.“

„Das mache ich schon“, sagte Gretchen und griff nach einem Zipfel einer Decke, die Constantin zum Budebauen benutzt hatte und seine kleine Statur es ihm nicht ermöglichte, die Decken zu falten. Als Constantin hatte aufräumen müssen, war sie gerade dabei gewesen, das Abendessen zuzubereiten, da konnte sie nicht auch noch beim Decke falten helfen. Als Marc wiederkam, half er Gretchen mit den anderen drei Decken und kümmerte sich dann darum, dass er und seine Frau mit Getränken versorgt waren. Für ihn ein Bier, für Gretchen ein Tee. Sie hatten es sich auf der Couch gemütlich gemacht und der Fernseher lief leise im Hintergrund.

„Meine Mutter hat mich heute wieder versucht auszuquetschen“, erzählte Gretchen von ihrem Tag.

„Worüber?“, fragte Marc, die Flasche an seinen Lippen, bereit, einen großen Schluck zu nehmen.

„Na das Geschlecht das Babys.“

„Ich hoffe, du bist stark geblieben und hast nichts gesagt.“

„Um Gottes Willen, nein. Ich verrate niemandem etwas. Erst recht nicht meiner Mutter!“

„Seht gut“, sagte Marc und kuschelte sich noch ein bisschen näher an Gretchen.

„Doch dann ging es los. Die Frage nach Namen. Die Namen, die meine Mutter in Betracht ziehen würde, erwähne ich erst gar nicht. Mein Vater kam dann auf die glorreiche Idee, Constantin zu fragen.“

„Wenn es ein Junge wird, Rex?“, fragte Marc mit einem Grinsen im Gesicht.

„Das hätte ich ja fast noch erwartet. Nein. Für ein Mädchen Wanda und für einen Jungen Ronny.“

Marc verschluckte sich fast und hatte Mühe das Bier, das sich gerade in seinem Mund befand, nicht aus der Nase heraus zu prusten.

„Ronny?“, fragte er entsetzt, als er die Flüssigkeit heruntergeschluckt hatte und seine Atemwege wieder frei waren. „Amanda? Woher kennt er solche Namen?“

„Wanda ist die neue Praktikantin im Kindergarten, in die er ein bisschen verliebt ist. So hat er es mir erklärt.“

„Whoa, warte. Er hat gesagt, er sei verliebt? Er ist verdammte vier Jahre alt.“

Gretchen lachte: „So sind Kinder. Und morgen möchte er wieder einen von uns heiraten. Jetzt zu Ronny. Constantin war doch vor einigen Wochen auf dem Kindergeburtstag von Ben. Da waren sie auf einem Bauernhof. Ronny war das kleine Ferkel.“

„Ronny ist ein Schwein. Unser Sohn will unser Baby nach einem Schwein benennen. Ich fass‘ es nicht.“ Darauf musste Marc noch einen großen Schluck seines Bieres nehmen. „Der Kleine kann echt einen an der Waffel haben.“

„Marc!“

„Hasenzahn“, äffte er sie nach, „Boah, bin ich froh, dass wir die Frage nach dem Namen geklärt haben. Bei den Vorschlägen, die ich auch schon von meinen Kollegen bekommen habe und jetzt die von Consti…“

Gretchen lachte und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Seine Hand bettete Marc auf Gretchens Bauch, der nun immer mehr nach einem Babybauch aussah und immer präsenter wurde. Sie sahen noch eine Weile zusammen fern, sprachen über dies und das, bis Gretchen langsam die Augen zu fielen und Marc das Kommando fürs Bett gab. Schlafenszeit war im Hause Meier angesagt. Die Vorhänge waren vor die Fenster gezogen, das Licht war ausgeschaltet. Marc legte sich hinter Gretchen und zog sie dicht an sich. So schlief er am liebsten ein. Seine Hand lag wieder auf ihrem derzeitigen Lieblingsplatz: Gretchens Bauch.

„Es tritt“, nuschelte Marc in die blonde Haarpracht, die ihn an seiner Nase kitzelte und so gut roch.

„Jetzt schon weniger, seit deine Hand da ist“, flüsterte Gretchen.

Baby Nummer zwei mochte es, die Mama zu ärgern. Es war immer dann aktiv, wenn Gretchen zur Ruhe kam. Constantin und sie waren sich damals einig gewesen. Er hatte Gretchen nur zum Schluss ziemlich wach gehalten. Sie war Marcs Hand auf ihrem Bauch jetzt umso mehr dankbar, da das Baby genau das zu mögen schien. Dank Marcs beruhigender Hand, konnte auch Gretchen nach einer Weile ihrem Mann ins Traumland folgen.

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