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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
manney Offline

Krankenschwester:


Beiträge: 863

04.07.2020 16:03
fic trope: 5+1 Anfänge Zitat · Antworten

5+1 Anfänge



Das erste Mal passierte es nach einem anstrengenden, langen, nervenaufreibenden Arbeitstag.
Marc hatte selten emphatisches Mitleid für Patienten übrig, weil viele Leute, die auf seinem OP-Tisch landeten entweder zu viel getrunken hatten und sich in sinnlose Prügeleien verstrickten oder hirnlose Raser waren, die genauso schlecht Auto fuhren wie James Dean. Der unbeteiligte Radfahrer und Fußgänger oder der verunfallte Bauarbeiter, der vom Gerüst gefallen war, schockten Marc jedoch genauso wenig wie drogensüchtige Junkies, denen der Magen ausgepumpt werden musste. Die Frau aber, die zuerst missbraucht, dann mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib angezündet wurde, in ihrem Schmerzwahn vor lauter Angst vom Bürogebäude sprang und sich dabei „nur“ beide Beine, Hüfte, Schlüsselbein brach und allerlei Organverletzungen zuzog, schockte sogar den sonst so abgebrühten, gelassenen, in sich gefestigten Oberarzt Marc Meier.
Als die Frau nach dreiundvierzig Minuten erfolgloser Wiederbelebungsmaßnahmen auf seinem OP-Tisch für Tod erklärt werden musste, war Marc stocksteif aus dem OP-Saal gestampft und ließ ein apathisches Gretchen und einen schwer schluckenden Hannes zurück. Die Anästhesistin zuckte unwissend mit den Schultern und Gretchen erwachte aus ihrer Regungslosigkeit schlagartig.
Sie fand Marc, ohne Kittel nur in grünem Kasack mit Hose gekleidet, in seinem Büro: das Gesicht in seine verschränkten Arme vergraben, die auf dem Schreibtisch lagen. Sie fragte ihn nicht, ob sie es überhaupt durfte, sondern streichelte ihm beruhigend über sein verschwitztes Haar.
Danach hatten sie Sex auf seiner Patientenliege.
Hinterher schämte sie sich die Situation (auch wenn er sie initiiert hatte) schamlos ausgenutzt zu haben.
Sie hätte ihn davon abhalten müssen sie zu küssen, zu streicheln und ungelenk durchzuvögeln, schließlich war er aufgewühlt und mitgenommen vom Schicksal einer Patientin und nicht Herr seiner Sinne. Anders konnte sie sich seine Nähe nicht erklären, die er seit Monaten nicht mehr gesucht hatte, seit sie ihn mit Gordon und Mehdi beim Stelldichein mit Gabi erwischt hatte. Schnellstmöglich, nachdem Marc klitschnass geschwitzt neben ihr auf der Liege eingeschlafen war, seine Atmung ruhig und gleichmäßig, verschwand sie leise aus seinem Büro.

Das zweite Mal passierte es auf der Weihnachtsfeier ein paar Tage nach ihrem 30. Geburtstag.
Sowohl die Schwestern als auch die Ärzte der Unfallchirurgie-Abteilung waren übermüdet und wenig interessiert länger als nötig im Krankenhaus zu bleiben für eine billige Weihnachtsfeier (ohne Baum!) mit Plastikbechern und Fusel-Sekt. Der Vorstand musste dieses Jahr sparen, weil die Anbaukosten für den neuen Radiologie-Trakt den Rahmen gesprengt hatten, weshalb auf pompöse Feiern komplett verzichtet wurde.
Sogar die muslimische OP-Schwester regte sich mit Gretchen darüber auf, dass es nicht mal einen Weihnachtsbaum gab, denn selbst zu Hause hätte diese einen stehen gehabt, einfach weil‘s so schön gemütlich, winter-weihnachtlich ausschaute. Aller Religionsregeln zum Trotz.
Marc hatte dafür einen derben, politisch sehr unkorrekten Spruch parat gehabt, wofür Gretchen ihm die Ohren langgezogen hatte. Der Fusel-Sekt hatte ihr alle Hemmungen genommen.
„Lass das, Hasenzahn, ich bin nicht dein Bruder!“
Noch nicht“, lallte sie, spielte auf die immer fester werdende Bindung zwischen ihrem Vater und seiner Mutter an und schaute dann bedröppelt in ihre mit Sekt gefüllte Kaffeetasse. Plastikbecher waren sooo umweltschädlich und kosteten letztlich auch Geld. Wenn man alle Plastikbecher, die im Krankenhaus verteilt worden waren, eingespart hätte, dann wäre doch sicher ein Baum drin gewesen. Sie rechnete dies ihren Kolleginnen und Kollegen am Leuchtkasten für die OP-Planung vor. Niemanden schien dieses Thema aber zu interessieren, weil der Korridor hinter ihr leer war.
Sie wollte einen Weihnachtsbaum haben, verdammt noch mal.
Ihre Mutter war über die Feiertage immer noch in Indien, ihr Bruder verreiste mit seinen Kommilitonen auf die Seychellen (welcher Student konnte sich das bitteschön leisten? Sie wusste oftmals als Studentin nicht, wie sie ihren Mitbewohnerinnen die Miete zahlen sollte, Herrgott nochmal, von Urlaub im Ausland war gar keine Rede) und ihr Vater hatte sie gefragt, ob sie Weihnachten arbeiten müsste und ließ unterschwellig anklingen, dass er ja in St. Moritz mit Elke sein würde.
Mehdi und Lilly feierten bei den Eltern seiner verstorbenen Frau im Harz. Und für eine Reise nach Köln fehlte Gretchen die Zeit, weil sie tatsächlich Heiligabend und den Zweiten Weihnachtsfeiertag regulär arbeiten musste.
Wie armselig würde es da sein, wenn sie nur für sich daheim einen Baum kaufte?
Aber… oh wie schön wäre es, wenn wenigstens unten an der Krankenhausinformation ein hübsch dekorierter, leuchtender, grüner Weihnachtsbaum sie jeden Morgen begrüßen würde, wenn sie ihre Arbeit begann?
Sie schniefte in ihre gefüllte Sekttasse, ließ sich auf den Boden des Flures vor dem OP-Plan nieder und störte sich nicht an den komischen Blicken anderer, arbeitender Ärzte und Schwestern der Chirurgieabteilung, die ihre Weihnachtsfeier erst noch haben würden, oder bereits gehabt hatten.
„Hier steckst du. Ich dachte schon, ich finde dich kotzend auf der Damentoilette“, foppte Marc, ließ sich vor ihr in die Hocke nieder und grinste sie viel zu süß an, um ihm noch länger böse zu sein, dass er ihren Geburtstag vergessen hatte (wie jeder andere mit Ausnahme ihrer Eltern auch). Das war das Problem, wenn man zwischen dem 1. Advent und Neujahr Geburtstag hatte: man wurde oft durch den Weihnachtsstress vergessen – konnte sie also froh sein, dass sie nicht noch als Christkind geboren worden war!
„Ich will einen Baum als Geburtstagsgeschenk“, heulte sie munter darauf los; es war ihr so egal, wie sehr Marc Gefühlsausbrüche aller Art (noch dazu über so eine Nichtigkeit wie vergessene Geburtstage und das Fehlen eines Weihnachtsbaums) hasste. Er war jetzt hier und der Einzige, der ihr zuhören musste.
„Du bist betrunken, Gretchen“, glücklicherweise wies er sie nicht in ihre Schranken, dass sie sich zusammenreißen sollte, sondern fand ihre durch Billigalkohol verursachte Heulattacke eher lustig.
„Bin ich nicht“, jammerte sie, schaute wieder in ihre Tasse und wunderte sich, warum ihr Sekt nicht mehr sprudelte.
„Doch bist du. Hätte ich gewusst, dass du so gar keinen harten Alk verträgst, und nicht lustig sondern tot traurig wirst, hätte ich dir den Klaren nicht in deinen Becher gefüllt. Dabei war es eingangs wirklich lustig, wie du alle von deiner Sammelaktion für mehr Weihnachtsbäume in den einzelnen Abteilungen überzeugen wolltest.“
Ihrer Kehle erklomm ein Laut aus Lachen und Jaulen: „Ich will einen Weihnachtsbaum haben!“
Ihr Oberarzt mit dem perfekten Grübchengrinsen und der hübsch vernarbten Nase nahm ihr die Tasse aus der Hand und stellte sie auf den Boden: „Komm hoch, ich fahr dich nach Hause.“
„Warum? Ist die Party schon vorbei?“
„Schon, Hasenzahn? Es ist nach drei Uhr!“
Als ob ihr Gehirn seine gesprochenen Worte nicht in Informationen umwandeln konnte blinzelte sie ihn fragend an: „Eben wars doch erst kurz nach neun Uhr!“
Marc leckte sich sichtlich amüsiert über seine Unterlippe: „Eben warst du auch noch nüchtern, Hasenzahn.“
„Das ist alles deine Schuld! Du hast mich abgefüllt. Und ich hab keinen Baum.“
Aus seinem immerwährenden, breiten Grinsen wurde ein leichtes Lachen, dass seinen Oberköper unter dem weißen Pullover vibrieren ließ – und Gretchens verruchte Libido gleich mit.
„Dann kauf dir doch einfach einen Baum, Hasenzahn.“
„Aber am Weihnachtbaum sollen sich ja viele Menschen erfreuen, nicht nur ich. Ich schmück den doch nicht nur, damit ich ihn mir angucken kann, wenn ich Weihnachten ganz allein verbringe, genau wie meinen Geburtstag!“
„Geburtstag? Glaubst du, du bist Jesus? Hast du neben dem Sekt vielleicht noch die dubiosen Kräuterkekse von Sabine gegessen? Vielleicht schicken die dich auf einen echt miesen Trip“, seine Worte hörten sich zwar fürsorglich und besorgt an, aber seine Stimme und das leichte Glucksen waren ein Indiz dafür, dass er es sichtlich genoss Gretchen so hammerbreit mitzuerleben. Das letzte Mal, dass ihr Zeit fehlte, war auf ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, als Steffi sie mit leckeren Amaretto-Longdrinks vertraut gemacht hatte.
„Ich hab keinen Trip, du… Oberarsch“, maulte sie, hoffte in ihrem immer nüchtern werdenden Hinterkopf, dass sie Oberarzt gesagt hatte. Ihn von sich wegdrückend stand sie auf, vertraute darauf, dass ihre wackeligen Beine nicht nachgaben und sie Marc damit zeigte, dass sie sehr wohl in der Lage war allein nach Hause zu gehen. Fahren. Nicht gerade mit ihrem Rad, aber die Bahn würde sie sicher mitnehmen.
„Lauf mir nicht nach“, sie drehte sich nach ein paar Metern abrupt um, sodass ihre Locken nur so flogen und ihr Gleichgewichtssinn gewaltige Probleme bekam ihren Körper nicht umkippen zu lassen.
Marc grunzte und lachte sie aus (vielleicht auch an, aber sie war sauer auf ihn, weil er ihre Baummanie nicht verstand, ihren Geburtstag vergessen hatte und sie zur Belustigung aller Kollegen ohne ihr Wissen abgefüllt hatte): „Ich hab doch gesagt, ich bring dich nach Hause.“
Danke aber: nein, danke. Das schaff ich schon allein!“, nickte sie sich selbst zu und taumelte gegen die nächste Wand. Um in sein dauergrinsendes Gesicht nicht länger gucken zu müssen, ging sie wieder zurück, an ihm vorbei, bückte sich umständlich, nahm ihre leere Kaffeetasse vom Boden und marschierte zurück auf Station. Im Schwesternzimmer stellte sie die abgewaschene Tasse neben die Spüle zum Trocknen hin, kramte aus ihrem Spind ihre Tasche und setzte im Stechschritt einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht den wartenden Marc im Korridor zu ignorieren.
„Mach keine Zicken Hasenzahn, ich fahr dich. Keine Wiederrede“, sein Ton, den er sonst so gern für Anweisungen an seine Untergebenen (also seine Assistenzärzte) parat hatte, vermied er. Stattdessen war etwas furchtbar Weiches in seine Stimme eingekehrt, die Gretchen in diesem Augenblick nur noch unzufriedener machte: „Ich bin nicht zickig. Nur sauer, weil du denkst ich wäre so durchgeknallt mir einzubilden, ich wäre Jesus. Dabei bist du es, der meinen Geburtstag vergessen hat und sich darüber lustig macht, dass ich einen Baum haben und Weihnachten nicht allein verbringen will. Achja, und weil du mich zum Gespött meiner Kollegen gemacht hast, weil du mir, ohne meines Wissen, Schnaps verabreicht hast. Das ist… ist…“
Er war ihr näher gekommen und anstelle seinem stechend grünen Blick auszuweichen, sich seiner Körperwärme zu entziehen und nicht pausenlos daran zu denken, was unter dieser engen Jeans für ein Paradis auf sie wartete, blieb sie einfach nur stocksteif vor ihm stehen.
„Ich wusste nicht, dass drei Kurze dir solch einen Schaden zufügen, Hasenzahn. Und auch nicht, wann du Geburtstag hattest, okay? Wann hast du denn Geburtstag, nur damit ich‘s mir fürs nächste Mal merke.“
Wenn er sich ein bisschen weiter runterbeugen würde, könnte sie sein feines Grinsen sicher küssen, glaubte sie umnebelt.
Einen Augenblick dachte sie nach, musste den Tag, der ja schon seit drei Stunden angebrochen war hinzurechnen: „Vorvorvorgestern“, antwortete sie und freute sich insgeheim, dass ihrem Oberarzt alle Gesichtszüge entgleisten.
„Bitte? Warum hast du denn nichts gesagt?“, ha, es klang wie ein Vorwurf, aber Gretchen kannte ihn besser. Er war erschrocken, dass sie eben doch nicht so vorhersehbar handelte, wie er immer dachte. Vielleicht aber auch, weil er immer noch wusste, dass sie an diesem Tag eine Doppelschicht geschoben hatte.
„Hätte das was geändert, wenn ich es dir gesagt hätte?“
Sein Gesichtsmuskeln spannten sich zu einem warmen, weichen Lächeln an, das ihm einen liebevollen Ausdruck verlieh. Ganz sanft fuhr er mit der Außenseite seiner rechten Phalangen über ihre linke Wange: „Happy Birthday… nachträglich.“ Die feinen Lachfältchen um seine Augen vertieften sich und damit auch Gretchens spielerischer Plan, der sich in ihrem Kopf zusammen formte:
„Danke.“
Das Patientenzimmer keine drei Meter von ihrem Standpunkt entfernt war leer. Dort standen nur weiche Betten in Plastikhüllen, die ihr eine grandiose Möglichkeit boten, ihre alkoholbedingte Geilheit mit Marc loszuwerden.
Sie schnappte seine große, warme Hand, zog ihn in das dunkle Zimmer, das nur schemenhaft von dem orangefarbenen Licht der Hoflaterne beleuchtet wurde und öffnete seinen Gürtel.
Zwischen hitzigen Küssen erwähnte Marc das Offensichtliche: „Du bist betrunken.“
„Absolut. Aber wenigstens nicht in einem emotionalen Ausnahmezustand! Danach sind wir quitt.“
Sie ritt ihn durch, bis sie selbstvergessend stöhnte. Bevor sie jedoch kreischend zum Höhepunkt kam, drückte Marc ihr gewissenhaft seine Hand auf den Mund.
Später bemühte sie sich lautlos ohne Schuhe das Zimmer zu verlassen, bevor er aufwachte oder die Nachtschwester eine Sensation zum Weitertratschen auf dem Silbertablett serviert bekam.

Das dritte mal passierte es ziemlich schnell hinterher am 1. Weihnachtsfeiertag.
Sowohl Gretchen als auch Marc hatten Bereitschaftsdienst und spielten nachmittäglich zwischen OP‘s zuerst Karten, dann Scrabble und dann ein blödes Wahl-Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel, das Gretchen verlor. In seinem Büro, das er mit einem hübschen kleinen Weihnachtsbaum in der Ecke dekoriert hatte, löste sie dann ihre Pflicht ein, und zeigte ihm sehr eindeutig, dass ihre Finger nicht nur flink und schnell arbeiteten, wenn sie feinchirurgische Eingriffe erledigte. Im Gegenzug lachte Marc sie nicht aus, als sie selbstaufgebend davon berichtete, dass sie eine schreckliche Sex-Phantasie plagte, seit sie hier angefangen hatte. Tja, und was sollte sie sagen: Marc war ein penetranter Perfektionist, der ihretwegen nicht nur alle Akten und Patientenkurven, sondern auch seine Computertastatur, Bilderrahmen und Modellsportwagen von seinem Tisch fegte um sie eindrucksvoll mit vollem Körpereinsatz zu ficken.
Es gab keine andere Beschreibung für das, was sie gerade getan hatten, dachte sie mit rasendem Herzen und schweißiger Stirn, als beide kraftlos auf den Boden gerutscht waren, völlig weggetreten, weil es sich so verdammt unanständig gut anfühlte, verbotene Dinge im Krankenhaus zu tun.
Sie nahm sich dieses Mal im romantischen Licht der bunten Weihnachtsbaumbeleuchtung Zeit Marc von der Seite zu beobachten, wie seine nackte Brust sich gleichmäßig hob und senkte, sich seine sonst angespannten Muskeln lockerten und seine Wangenknochen von einem kleinen, natürlichen Doppelkinn entschärft wurden. Seine Gesichtszüge waren so süß, wenn er einfach nur schlief und niemanden beleidigte (sie), anschrie (sie) oder neckte (sie). Nichts erinnerte an den arschigen Oberarzt, der mit eiserner Diktatur seine Assistenzärzte belehrte oder an den Macho, den er gern rauskehrte, um Gretchen zur Weißglut zu treiben.
Vor ihr lag ein Mann, der einfach nur schlief und dabei so unheimlich schön anzusehen war. Sie wollte das – immer. Und dieser Gedanke beflügelte sie dazu besser schnell zu gehen, bevor sie heulend vor lauter Glück in seinen Armen einschlief und hinterher nicht wusste, wie sie ihm jemals wieder in seine grünen Augen mit den gold irisierenden Punkten gucken sollte, wenn der Wunsch sie übermannte ihm zu sagen, dass… sie seinen Weihnachtsbaum echt schön fand.
Sie ging.

Das vierte Mal passierte es an ihrem Jahrestag.
Also Gretchens Jahrestag, als sie bereits ein ganzes Jahr im Krankenhaus gearbeitet hatte. Es gab einen kleinen Umtrunk in einer nahegelegenen Bar des Krankenhauses mit ein paar OP-Schwestern, Sabine und und dem neuen, feschen Anästhesisten, der Gretchen seit eineinhalb Monaten schöne Augen machte.
Es fühlte sich gut an. Normal. Sie war zwar nicht glücklich verheiratet oder mit dreißig Deutschlands jüngste Oberärztin, aber es tat ihrer geschundenen Seele gut, dass es tatsächlich einen Mann gab, der sie hofierte. Der sie nicht plump anbaggerte wie Gordon, oder nicht wusste, was er wirklich wollte, wie Mehdi. Oder wusste, was er wollte, wie Marc, Gretchen aber mehr brauchte als gedankenlosen Gelegenheitssex.
Hendrik Lehmann war ein solider, heterosexueller Mitdreißiger mit kantigem Kiefer und Händen so groß wie Bärenpranken. Und das Wichtigste war, er flirtete öffentlich mit ihr. Trotzdem sie Arbeitskollegen waren und sie nun mal die Tochter des Chefarztes der chirurgischen Abteilung war. Trotzdem sie nicht schlank war, sondern aussah wie immer, inkompetent, besserwisserisch, und zickig war, hatte sie wohl etwas an sich, dass Hendrik gefiel…
Oh-oh. Waren das nicht Marcs Worte von vor einem Jahr gewesen?
Ihre dritte Pina Colada war wohl doch zu viel gewesen.
Als die lachenden Schwestern zurück an die Bar getaumelt waren um mit dem schwulen Barkeeper zu schäkern (Gretchen würde den Teufel tun und ihre Kolleginnen darauf hinweisen) nutzte dieser hübsche Kerl die Gelegenheit auf der bequemen Lederbank näher an sie heran zu rutschen und feine Muster mit seinen Fingerkuppen auf ihrem Handrücken zu malen.
„Wie betrunken bist du?“, fragte er mit einem spitzbübischen Grinsen, dass sie viel zu sehr an ihren Oberarzt erinnerte, als in so einer Situation gut war.
„Bisschen. Aber ich weiß noch, was ich tue, wenn es das ist, weshalb du nachfragst. Bist ja ein richtiger Gentleman“, grinste sie zurück, verdrängte die Erinnerung an Marc und eine ähnliche Situation keine drei Monate zuvor.
„Zumindest außerhalb des Bettest“, hauchte er, kam ihrem Gesicht immer näher; sie spürte schon den warmen, von einer pfeffrigen Caipirinha-Note durchzogenen Atem auf ihrer Unterlippe prickeln, als er unvermittelt fragte: „Zu dir oder zu… Marc?“
„Marc?“, wiederholte Gretchen blinzelnd, sehnte sich nach Hendriks Nähe, die er ihr abrupt entzogen hatte, nachdem er hinter iht den Chirurgieoberarzt erspäht.
Sie selbst hatte sich ebenfalls umgedreht und sah den breitgrinsenden Macho in dunklen Jeans und Mantel gekleidet, wie in Zeitlupe auf sich zukommen.
Wie ein angezogenes Unterwäschemodel sah er aus und nichts erinnerte daran, dass er den ganzen Tag verschwitzt im OP gestanden hatte, während Gretchen mit ihrer knittrigen Bluse und dem losen Zopf das exakte Gegenteil abbildete.
„M-m-marc“, sagte sie platt, schickte ihm tausend tödlicher Blicke, wütend, dass keiner ihn wirklich töten konnte, nachdem er sich ungefragt an den Tisch gesetzt hatte und mit grinsender Miene sowohl Gretchen als auch Hendrik begrüßte: „Stör‘ ich?“
„Nein“, antwortete Hendrik beschwichtigend, höflich. Ein echter Kavalier!
„Ja!“, spie Gretchen gleichzeitig. Warum saß Marc auf einmal näher zu ihrer Linken als der Mann, der sie bis vor drei Sekunden noch küssen wollte, zu ihrer Rechten? Hendrick war von ihr weggerutscht, trank verstohlen einen Schluck Caipirinha und guckte verlegen in eine andere Richtung.
Ein feiner Rotton hatte sich über seine Wangen gelegt. Süß, dachte Gretchen.
Vielleicht lag es aber auch nur am gedimmten Ambiente.
Na, Hasenzahn, ich störe doch nie. Gibt‘s hier eigentlich auch Bier oder nur son‘ Mädchenkram?“, er reckte sein Kinn in die Richtung von Gretchens dritter, halbleer getrunkener Pina Colada mit blauem Cocktail-Schirmchen, Kirsch- und Ananas-Garnierung am oberen Glasrand und Flitter-Strohhalm.
„Das ist kein Mädchenkram. Nur weil es hübsch aussieht, heißt es nicht, dass es ausschließlich für Frauen ist, du Chauvinist. Außerdem ist das hier eine Cocktailbar, da wird natürlich kein Hopfenwasser ausgeschenkt“, sie schüttelte ihren Kopf, versuchte Klarheit in ihren Kopf zu bekommen. Sie stritt sich mit Marc nicht wirklich über ihr Getränk oder sein präferiertes alkoholisches Getränk, wenn der viel wichtigere Streitpunkt doch eigentlich war: „Was zur Hölle machst du überhaupt hier?“
„Ich dachte, wenn du dich schon in Unkosten stürzt um das Arbeitsklima zu verbessern, dann kann ich mich doch anschließen und auch ein Getränk abgreifen. Immerhin bin ich dein Oberarzt“, neckte er.
Ungefragt zog er Gretchens Longdrink zu sich heran und zog genüsslich aus ihrem abgekauten Strohhalm die lecke Mixtur aus Batida de Coco, Sahne, Kokosmilch und Ananassaft in seinen Mund. Schluckte, sodass sein Adamsapfel wippte.
Ihre Gebärmuttermuskeln zogen sich spastisch im Takt seiner Schluckbewegungen zusammen.
Bäh, viel zu süß, Hasenzahn. Wenn du den austrinkst, musst du aufs Laufband… oder andere Aktivitäten deiner Wahl “, er grunzte nicht über sein eigenes Innuendo, sondern über Gretchens immer größer werdende Augen, die vor lauter Peinlichkeit und Angst unterm Tisch nach Marcs Handrücken griff und hinein kniff. Brutal hinein kniff. Er ließ sich nichts anmerken und seine bescheuerten Grübchen waren nur noch ansehnlicher geworden.
„Hattet ihr mal was miteinander“, fragte Hendrik pikiert.
Vielleicht war seine Schamröte, die Gretchen bis eben noch ganz süß fand, aber auch Wutröte gewesen.
„Nein“, beschwichtigte Gretchen.
„Ja!“, bestätigte Marc ehrlich.
Sie versuchte Marc erfolglos unterm Tisch gegen das Schienbein zu treten, verletzte sich aber bloß selbst mit einem viel zu harten Aufprall ihres Fußes gegen das Metallgestell der runden Platte.
„Ich denke ich sollte gehen“, erläuterte Hendrik knapp, trank in einem Zug seine scharfes Limettengebräu aus, erhob sich und ging ohne sich noch einmal umzudrehen aus der Bar. Ignorierte Gretchens Flehen: „Bleib doch noch hier!“, und Marcs „Besser isses‘!“
„Bist du völlig verrückt geworden! Was ist, wenn er‘s rum erzählt“, quietschte Gretchen aufgebracht. „Außerdem fühlt er sich jetzt bestimmt beleidigt und-“
Der ist mir so scheißegal, Hasenzahn! Du kannst froh sein, dass ich gerade vorbei gekommen bin, sonst hätte der dich noch auf der Toilette vernascht.“
Ihre Nase zuckte unbewusst. Wollte Marc ihr etwas tieferes mitteilen, oder interpretierte ihr leicht alkoholisierter Zustand etwas in seine Worte, was er gar nicht meinte.
„Das hat der Arme nicht verdient. Du bist echt unmöglich, Marc. So selbstgerecht und unfair warst du selten – und unhöflich erst! Ich hab unvorsichtig vergessen. Mensch, was soll er denn jetzt von mir denken? Hendrik mag mich. Verstehst du? Mich. Er ist ein lieber Kerl: nett, aufgeschlossen, freundlich und-“
„Zwei Mal geschieden mit drei Kindern an der Backe. Anstelle mich zu beschimpfen, solltest du mir dankbar sein, dass ich dich vor einem riesigen Fehler bewahrt habe. Womöglich hätte er nicht mal ein Gummi benutzt und dich geschwängert. Und ich hätte dann dagestanden ohne meine Assistenzärztin“, ätzte er sardonisch.
Es war ein Gerücht, das im Krankenhaus über Hendrik umging – Beweise für seine Vorliebe Schwesternschülerinnen ohne Kondom abzuschleppen gab es aber keine.
„Du bist so ein Arsch. Du hast mir den Abend verdorben, ich hoffe du genießt das wenigstens. Einen weiteren versauten Tag im Leben von Gretchen Haase, präsentiert und produziert von Marc Meier! Ich wollte doch nichts weiter, als ein bisschen mit meinen Kolleginnen die Seele baumeln lassen, leckere Cocktails - ohne deine Kalorienzählerei - trinken und den neuen Kollegen aus der Anästhesie besser kennen lernen. Stattdessen tauchst du hier auf, nachdem du erst abgesagt hattest, und vermasselst mir die Tour!“
„Sag bloß du wolltest von diesem schmierigen Einlauf wirklich geküsst werden?“, seine Stimme hatte vor lauter Unglaube am Ende des Satzes an Tonhöhe gewonnen, als ob er ehrlich erstaunt darüber wäre, obwohl er ihr einen Wimpernschlag zuvor unmoralische Absichten (und Doofheit – wer schlief denn auf Anhieb heute noch ungeschützt miteinander?) unterstellt hatte.
„Ja verdammt. Und wenn du‘s genau wissen willst, wollte ich noch so viel mehr, als nur einen Kuss von Hendrik,“, schrie sie ihn aufgebracht an, kramte in ihrer Tasche nach ihrem Portemonnaie um ihre Kreditkarte haltlos auf den Tisch zu schmettern. Sollte die Bar doch mehr berechnen – ihr Kreditrahmen befand sich eh bloß bei läppischen 250 Euro.
Sie verabschiedete sich nicht von den Schwestern, die, wie die anderen Gäste der Kneipe, wohl mitbekommen hatten, dass Gretchen eine hysterische Szene zum Besten gegeben hatte und einfach aus der Tür in die kalte Februarnacht stürmte.
Ohne Jacke.
Trotzdem sie vor fehlender Nüchternheit und eisigem Winterwind fror, legte sie den Weg zur U-Bahn-Haltestelle in Rekordzeit zurück. Die Berliner-Verkehrsbetriebe und alle Engel die eigentlich dafür abgestellt waren, sie zu beschützen, hatten Pause, weil sie noch neunzehn Minuten warten musste, bis die Bahn kam, die sie nach Hause bringen würde.
Und zu allem Überfluss hatte der Teufel anscheinend Spaß daran sie zu quälen und keine Pause: Marc kam die Steintreppe herunter geprescht. Mit seinen langen Beinen war es ihm ein Leichtes zwei Stufen auf einmal zu nehmen – blöder Angeber.
Über seinem linken Unterarm hing ihre abgegriffene, lila Cordjacke. In der rechten Hand hielt er ihre Kreditkarte. Beides nahm sie ihm wortlos ab, verstaute die Plastikkarte achtlos in ihrer Tasche und zog sich die Jacke umständlich über ihren Torso. Der Gurt ihrer Handtasche teilte dabei schmerzvoll ihre Brüste.
Sie sah, dass Marc eindeutig nach richtigen Worten, vielleicht auch einer Entschuldigung, suchte, wie er da so vor ihr stand und seine Haare am Hinterkopf zerzauste. Heraus kam jedoch etwas völlig anderes:
„Wenn du so verdammt notgeil bist und dich flachlegen lassen willst, warum bist du dann nicht gleich zur mir gekommen, Hasenzahn?“
Ja, es war naiv zu denken, er würde sich jemals für irgendetwas entschuldigen, aber… diese Herabwürdigung ihres Versuchs mit Hendrik mehr aufzubauen als stumpfen Sex, traf sie hart. Härter, als sie es sich eingestehen wollte, denn es bedeutete, dass Marc sich nicht mal mehr die Mühe machte, sie zu verstehen.
Gretchens rechte Hand zuckte, holte aus: Diese Ohrfeige (wie viele andere auch) hatte er verdient, dachte sie noch.
Das klatschende Geräusch blieb jedoch aus, weil Marc in der Luft reflexartig nach ihrem Unterarm gegriffen hatte, ein wütendes Glitzern in seinen Augen und seine Mundwinkel zu seinen Grübchen hochgezogen: „Ich weiß, wie gut du schlagen kannst, aber doch nicht in aller Öffentlichkeit.“
Während sie vor seinem Spruch nur wütend war, so verdammt wütend, brodelte am Ende ihrer Wirbelsäule jetzt blanker Zorn ihren durchgefrorenen Körper hinauf.
Sie holte erneut mit der anderen Hand, die nicht von Marcs unnachgiebigen Fingern festgehalten wurde, aus, versuchte mit links eine Ohrfeige, die ihr genauso wenig gelang, weil er auch diesen Versuch einfach abfing. So absolut mühelos.
„Na, na. Hasenzahn. Vergiss nicht, ich bin immer noch dein Oberarzt!“
Es war ein groteskes Bild, was sie gemeinsam am fast leeren Bahnsteig abgaben: Jeweils beide Hände vor ihren Körpern überkreuzt wartete Gretchen darauf, dass er ihre Unterarme losließ und Marc suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen, ihre Unterarme loslassen zu können, ohne sich doch noch mit einer harten Backpfeife konfrontiert zu sehen.
Ihre zuckenden Nasenflügel kommentierte er spielerisch: „Wenn du deine Nase so kraust verliert dein wütender Gesichtsausdruck an Würde, Hasenzahn. Damit siehst du eher aus, wie ein unbedarftes, kleines Häschen!“, es war ihr ein Rätsel, dass er immer noch foppte, obwohl ihre Haltung alles andere als verspielte Neckerei darstellte.
„Das unbedarfte, kleine Häschen hat den Braunen Gürtel. Wenn ich wollte, könnte ich dich umhauen!“
„Ja? Na, da bin ich ja mal gespannt“, sagte er mit einem feinen Lachen in seiner Stimme, fand – im Gegensatz zu Gretchen – diesen ganzen Abend äußerst lustig. Machte sich über sie lustig.
Machte sich mit den Worten, die er schon einmal gewählt hatte, kurz bevor sie ihn hemmungslos geküsst hatte, über ihre nicht enden wollende Schwärmerei, die sie für ihn hegte, lustig.
Mit all ihrer Kraft, die sie trotz Kälte und Alkohol erstaunlich gut kontrollieren konnte, stemmte sie sich gegen ihn, drückte ihn zurück bis an die verklinkerte Wand, presste sich der Länge nach an ihn, ignorierte die zwischen ihren Körpern eingeklemmten Arme und küsste ihn.
Mit krachenden Zähnen, von Speichel getränkten Lippen und neckender Zunge.
Das war kein Kuss.
Das war Krieg; angestachelt von nackter Wut.
Marc reagierte Gott sei Dank geistesgegenwärtiger, umschmeichelte ihre Wangen mit seinen langen Fingern, damit nicht jeder Passant gleich sah, wie heftig ihre Kaumuskulatur arbeitete und sich daran aufgeilte, dass ihr Zungenspiel den Grad zur Anstößigkeit überschritten hatte.
Gretchen hasste es eigentlich wenn Paare sich in der Öffentlichkeit so ekelhaft anbiederten und ihre Lust aufeinander zur Schau stellten, aber das war ihr momentan egal.
Alles war ihr momentan egal.
Auch, dass sie Marc tatsächlich noch überraschen konnte und er ein „Umpf“, aus seinen Lungen gepresst hatte, nachdem sie ihn gegen die Wand geschubst hatte.
Alles was zählte, war dieser bekriegende Kuss, der mit Abstand die schönste Entgleisung ihres Lebens war.
Ohne große Umschweife einigten sie sich stumm darauf die nächste Bahn zu nehmen um zu ihm zu fahren. Küssten sich leidenschaftlich durch das bunte Treiben des Berliner Nachtlebens und hatten lüsternen Sex, angestachelt von intensiver Bärbeißigkeit, in seinem viel zu weichen Bett.
Als Gretchen in völliger Dunkelheit gegen sechs Uhr morgens ihr Dasein als Schandweib akzeptiert hatte wurde das wohlig zufriedene Ziehen in ihrem Unterleib durch Scham und einer tiefen Traurigkeit ersetzt.
Sie wünschte sich die Wut auf Marc zurück, mit der es so viel einfacher war zu leben.
Dem Drang des Einschlafens nicht nachgebend, robbte sie langsam von seinem Bett, kramte ihre Klamotten zusammen (bis auf ihren BH, wo zur Hölle war ihr verdammter BH!), zog sich wie ein Eindringling vor seiner Wohnungstür im Hausflur komplett an und verschwand im dicken Bodennebel, der die Straßen, ähnlich wie ihr Herz, aufzufressen drohte.

Das fünfte Mal passierte es auf einem Kongress in Wien.
Als Marc (durch Zufall, dachte Gretchen; durch Können, sagte ihr Oberarsch) an zwei Tickets für den Chirurgenkongress in Wien gekommen war, schlug Gretchen vor lauter Freude Purzelbäume (innerlich). Natürlich dachte sie, dass er sie mitnehmen würde, immerhin hatte sie seinen Vortrag korrekturgelesen, die Kladde abgetippt und die Schaubilder am PC bearbeitet, aber er hatte nur gehässig den Oberlehrer rausgekehrt: „Warum glaubst du, dass ich dich mitnehme?“
„Weil Daimon Michiko-san auf dem Kongress einen Vortrag über Leberteilresektion halten wird. Das ist mein Thema, Marc. Ich habe über ihre Anwendungstechnik meine Doktorarbeit geschrieben. Das bin ich! Du kannst mich nicht nicht mitnehmen!“
Sein Dauergrinsen im Gesicht verbreiterte sich noch, machte hübsche Lachfältchen um seine Augen. Er war ein Dämon.
Hinter seiner Kaffeetasse nuschelte er freundlich: „Ich denke, ich werde Hannes mitnehmen. So kurz vor seinem Fachgespräch gibt ihm das sicherlich einen immensen Schub an Selbstwertgefühl!“
Selbstwertgefühl? Ihm war das Selbstwertgefühl seines Assis wichtiger als Gretchens vermutlich einzige sich bietende Chance in ihrem ganzen Leben ihr medizinisches Idol aus der Ferne sehen zu können (sie war sich im Klaren darüber, dass sie niemals in den Genuss kommen würde die Ärztin hautnah ansprechen zu dürfen)?
Streich den Dämon, er war der Teufel höchstpersönlich – mal wieder.
„Das kannst du nicht machen“, klagte sie.
„Und warum nicht?“
„Weil… weil…“, weil sie zwar kein Paar aber doch zumindest so was wie freundliche Beischläfer füreinander waren. Menschen die sich gegenseitig unterstützten. Kollegen. Nette Bekannte. Ehemalige Mitschüler, die man nicht einfach überging, wenn der größte, karierretechnische Traum wahr werden könnte. Zum greifen nah war!
Seine hochgezogenen Augenbrauen bedeuteten nichts gutes. Die Freundlichkeit war aus seinem Blick gewichen und zurück blieb die Erwartung in seinem Gesicht, welche idiotischen Gründe Gretchen anführen würde, die ihn noch umstimmen könnten.
Sie waren keine Freunde.
Sie waren nicht zusammen.
Sie verband nichts, außer schwitziger Gelegenheitssex.
Nichts was sie sagen könnte, würde seine stoische Art ändern oder ihn genügend Mitleid empfinden lassen, sie doch bitte, bitte, bitte mitzunehmen.
„Weil ich das Klassenfoto aus der Fünften noch habe!“, sie änderte ihre Taktik schlagartig. Wenn Rationalität und Mitleid wegfielen blieb ja immer noch die gute alte Erpressung. Natürlich hätte sie als Druckmittel auch ihre ständigen sexuellen Exkursionen aufführen können, oder dass sie ihrem Vater – unter Tränen, versteht sich – ihr Leid klagen könnte, dass Marc sie mit Gabi vor eineinhalb Jahren betrogen hatte und sie sich deshalb von ihm „getrennt“ hatte.
Aber auch wenn Marc sie nicht leiden konnte, so wusste er, dass sie vieles war: nur nicht lebensmüde.
Deshalb blieb die einzige, vernünftige Option übrig ihn mit einem vergilbten Klassenfoto aus den Achtzigern zu erpressen.
„Und?…“ fragte er sichtlich verwirrt.
„Du willst doch nicht, dass das hier in der Klink rumgeht, Marcella.“
Ja, in den späten Achtzigern trugen Jungs nicht nur krasskranke Klamotten sondern Marc hatte damals auch lange Haare gehabt. Keine länger gewordene Matte, sondern Haare, die ihm bis zur Rückenmitte gingen, lange bevor die Kelly Family diesen Look in den Neunzigern salonfähig machte. Den Spitznamen Marcella hatte ihm sein bester Freund von früher verpasst.
Seine Zähne blitzten, bevor er seinen weit aufgerissenen Mund hinter einer Hand verbarg. Das lachende Schnauben ertönte trotzdem: „Du versuchst mich ernsthaft zu erpressen, Hasenzahn?“
Jetzt, wo er das blöde Wort ausgesprochen hatte, kam sie sich verdorben schlecht, wie ein Verbrecher, vor. Ja so weit war sie gesunken!
Auf der anderen Seite… Daimon Michiko-san war es definitiv wert, dass sie ihre wertvollen Prinzipien über den Haufen warf.
Gretchen nickte mit vorgerecktem Kinn: „Jawohl! Nimm mich mit, oder das ganze Krankenhaus erfährt etwas von deiner femininen Vergangenheit!“
Zum Glück war der Korridor, der den Alt- mit dem Neubau verband, komplett leer von unliebsamen Kollegen, die lauschen hätten können.
Vielleicht hätte Marc andernfalls auch nicht so schnell zugestimmt: „Gut!“
Wie der bekannte Fisch, der an Land nach Wasser suchte, machte Gretchen komische Mundbewegungen, heraus kam jedoch nichts. Dafür gaben fast ihre Beine nach. Glückseligkeit hatte von ihr Besitz ergriffen (und tiefe Dankbarkeit, dass der Teufel doch so etwas wie Erbarmen mit ihr hatte).
„Aber“, fügte er an, hob den Zeigefinger warnend und sein Kopf nickte im Takt ihres Herzschlages: „Ich will nicht nur das Bild, sondern auch die Negative!“
Gretchen stimmte zu, obwohl sie nicht mal wusste, ob ihre Mutter die Negative überhaupt noch hatte – und quietschte wie ein aufgeregtes Kind, umarmte ihn, küsste seine Wange und begann in ihrem Kopf einen Schlachtplan zu erstellen wie sie wenigstens in der ersten Reihe sitzen könnte, wenn die Michiko Daimon neue Erkenntnisse in ihrer Forschung präsentierte.
Während Marc es sich nicht nehmen ließ mit seinem Sportwagen den Weg nach Wien zurückzulegen, fuhr Gretchen artig mit der Bahn. Er hatte ihr zwar angeboten (von sich aus! ganz von allein! wie lieb) sie mitzunehmen, Gretchen hatte aber dankend abgelehnt. Acht Stunden mit Marc auf kleinstem Raum? Entweder wären sie irgendwo in Prag in einem Hotel versackt und hätten den Kongress für billigen Sex verpasst, oder sie hätten sich pausenlos gestritten.
Getrennt zu fahren war die einzig richtige Entscheidung!
Das Hotel in dem sie eincheckten war äußerst prunkvoll:
Es gab einen privaten Golfplatz (der zu Marcs Leidwesen im Oktober bereits geschlossen hatte), einen Wellnessbereich mit Innen- als auch Außenpool, Sportanlagen und Massage- als auch Aufenthaltsräume, die gern zu Kochzwecken an Fernsehteams vermietet wurden. Verlegen dankte Gretchen Marc, merkte aber auch an, dass sie ihm das Geld für die Buchung gern zurückzahlen würde.
„Passt schon, Gretchen“, hatte er abgewunken und war in sein Zimmer marschiert. Direkt neben ihrem.
Trotz der fabelhaften Aussicht aus dem Panoramafenster auf die dunkle Stadt, die mit Lichtern ein bisschen an das romantische Paris erinnerte – nur ohne Eiffelturm – fühlte sie sich komisch übergangen. Wäre es nicht wahnsinnig toll gewesen, wenn sie diesen Ausblick mit Marc hätte teilen können?
Erschöpft schmiss sie sich auf ihr Bett und schlief ohne ihren Koffer auszupacken direkt ein. Die nächsten Tage würden anstrengend werden, dachte sie noch, bevor sie in einem Rausch von Symposien, Vortragsveranstaltungen, Kursen, Diskussionen mit Experten und Ärzten aus aller Welt unterging.
Marc brillierte mit seinem Vortrag und sorgte für einen ungewollten Lacher, der die steife Atmosphäre auflockerte, weil er Gretchens Hilfe brauchte um das Desktopbild des Laptops auf den Beamer zu bringen.
„Wenn Bill Gates in Medizin gemacht hätte, gäbe es heute nur noch drei Milliarden Menschen“, das war der Humor, auf den die Arztelite abfuhr, dachte Gretchen noch, richtete den Treiber ein und verschwand wieder auf ihren Platz in der ersten Reihe.
Sein Vortrag war herausragend.
Natürlich hatte sie das vorher schon gewusst (hatte ihn ja auch ganze zwölf Mal durchgelesen), aber wie er da so vor Publikum in seinem dunkelblauen Anzug eine Reihe älterer Ärzte und Professoren beeindruckte, war schon imposant.
Seine so natürliche Präsenz füllte den Saal mit so viel kollegialer Erhabenheit, die ihm entweder nicht bewusst war, oder er aber genau damit spielte. Ihre Vermutung, es wäre letzteres gewesen, bestätigte sich nicht, als er etwas atemlos anschließend vor ihr stand, große Schlucke Wasser aus ihrem Glas trank und sich erstmal sammeln musste, bevor er Fragen jeglicher Art von Kollegen in kleinen Gesprächen beantworten musste.
Vorbeugen von Paraparese bei feinchirurgischen Eingriffen an der Wirbelsäule war nun mal sein Ding.
Am letzten Tag war Gretchen bereits schon um kurz nach sechs Uhr morgens am Kongresszentrum, wartete mit ihrem knatschgelben Schlüsselband um den Hals, an dem ihr Ausweis hing, auf Einlass. Marc kommentierte ihr Erscheinungsbild zweieinhalb Stunden später mit einem hysterisch, kreischenden Teenie, der gleich die coolste Boyband ever traf.
Ja, so fühlte sie sich auch, zumindest solange, bis sie den Saal betrat und tieftraurig die vielen Flyer auf den Stühlen und Bänken erspähte, wo in vier verschiedenen Sprachen mit lateinischer Schrift und verschiedene Chiffren anderer, ihr nicht oder kaum bekannter Sprachen stand, dass diese Plätze bereits belegt waren. Gretchen saß irgendwo mittig, eingequetscht zwischen kubanischen und japanischen Ärzten, die sie alle missbilligend musterten. War es so eine Seltenheit, dass sich auch Ärztinnen, also außer Michiko Daimon, für Chirurgie interessierten?
Bevor die Präsentation begann, schaute Gretchen durch den Raum: ja sie war unter zweihundertneunzig Zuhörern die Einzige, die keine Krawatte trug.
Als Gretchen Marc das nächste Mal – beim Mittagessen auf der Plazaterasse hinter dem Gebäude - traf, hatte sie Kieferschmerzen von ihrem imminenten breiten Grinsen, das Zeit ihres akademischen Lebens wohl nie mehr weggehen würde. Stolz wie eine frischgebackene Doktorin hielt sie ihre eigene, mitgebrachte Dissertation in die Luft. Weder Marc noch seine umsitzenden Kollegen, die er für diese Tage als Kumpel bezeichnete, verstanden das Aufheben, was Gretchen darum machte.
„Ich hab sie nicht nur gesehen. Sie hat mir ein Autogram auf meine Dissertation gegeben, Marc. Ein Autogram!“
„Jetzt verstehe ich, warum die Japan-Tussi Bodyguards hat: sie hat Stalker“, lachte ein arrogantes, namenloses Arschloch am Tisch. Es ärgerte Gretchen natürlich, wie dieser Vollidiot, der vermutlich nicht mal 1/10 dessen geschafft hatte, was Michiko Daimon für Errungenschaften in der Medizin bewirkt hatte, so über die beste Chirurgin der Welt sprach, aber sie ließ sich nicht beirren und grinste grenzdebil weiter vor sich hin.
„Hast du gehört, was sie gesagt hat? Die Zukunft des Operierens ist die Detailliebe? Sie ist nicht nur der beste Chirurg weit und breit“, das war ein Seitenhieb auf alle Anwesenden - sie konnte eben doch austeilen, wenn sie wollte: „sondern auch noch poetisch veranlagt!“
Marc lachte lieb: „Hasenzahn, ich hab gehört was sie gesagt hat, ich war dabei. Und auch wenn ich nicht ganz vorn saß, so wie du, waren die Lautsprecher laut genug! Willst du auch was Essen?“
Die Blonde guckte ihn an, als ob sie nicht wüsste, was Essen war. Brauchte man das? Brauchte man nicht nur Michiko Daimon nah gewesen zu sein um ein ganzes Leben an diesem Hochgefühl zu lechzen?
Den Tag über aß sie tatsächlich nichts mehr, aber auch deshalb, weil eine Vorlesung die nächste jagte und irgendwie keine weitere so ein Hochgefühl in ihr auslöste, wie die Gewissheit, dass Daimon Michiko-san‘s Autogramm auf ihrer Dissertation in ihrer Tasche verharrte.
Ausgepowert, weil die Kollegen allesamt nach den stressigen (ha, ha, ha, ha) Symposien noch etwas trinken gehen wollten, kamen Marc und Gretchen erst spät nach Null Uhr nachts beim Hotel an. Durchgeschwitzt und von Adrenalin immer noch berauscht ließ sich Gretchen sogar in Marcs illegale Machenschaften hineinreden den Innenpool aufzusuchen. Mitten in der Nacht, obwohl der Swimming-Pool nur bis 20:00 Uhr geöffnet hatte.
Und wenn sie verhaftet und aus dem Hotel geworfen werden würde: war ihr doch egal.
Ohne darüber nachzudenken was das Chlor mit ihrer Haut und ihren Schleimhäuten anstellen würde, ließ sie sich willig von Marc samt Straßenklamotten ins Wasser zerren. Schwamm mit ihm um die Wette, tauchte ihn unter (oder versuchte dies zumindest), wurde von ihm untergetaucht und geküsst. Ganz furchtbar schön; langsam mit vorsichtigen Lippen und stupsender Zunge, die er nur dosiert einsetzte.
Schnell verlangte sie nach mehr, wollte sich gerade ihrer Hose entledigen, als das Aufleuchten einer Taschenlampe von der Außenanlage sowohl sie als auch Marc komplett innehalten ließ. Bevor sie richtig entdeckt wurden und es böse Konsequenzen (und einen schrecklichen Eklat) geben würde, stürmten die beiden aus dem Wasser, schnappten sich all ihre bereits ausgezogenen Klamotten und liefen gackernd aus der Halle durch die Korridore über das Treppenhaus zu seinem Zimmer. Vor der Tür hatte Gretchen erst bemerkt, dass sie die ganze Zeit seine Hand gehalten hatte, als er nach seiner Zimmerkarte in ihrer Handtasche suchte.
Hätte sie ihm sagen müssen, dass er aufpassen sollte, damit er ihre wertvolle Unterschrift von Daimon-san mit seinen tropfnassen Händen nicht verschmierte?
Absolut.
Hatte sie das Highlight ihres Karriere-Lebens schon wieder komplett vergessen, weil Marc sie schwungvoll durch die endlich geöffnete Tür zog, aufs Bett schmiss und nach allen Arten der Sexkunst sinnlich verführte?
Absolut!
Sie erlaubte sich nach dem Akt die Augen zu schließen, für einen Moment dazubleiben, bevor ihr lausiges Gehirn sie daran erinnerte, dass sie mit all ihren komplizierten Wünschen für Marc keine Option war. Und, dass ihr Zug in vier Stunden losfuhr.
Seufzend rollte sie sich aus dem Bett, klaubte ihre Sachen zusammen und watschelte ein Zimmer weiter zu ihrem Bett. Noch vor einer gemeinsamen Begegnung beim Frühstück verließ sie das Hotel.
Erst in der Bahn auf dem Weg zurück nach Berlin kramte sie ihre Dissertation aus ihrem Handbeutel hervor. Der Filzstift mit den Chiffren von Michiko Daimon war nur tropfenförmig verlaufen, ein bisschen wie Tränen, ein bisschen wie Spritzer, die Marc gemacht hatte, als er in den Pool gesprungen war.
Sie wusste, dass Marc immer eine unerreichte Konstante in ihren verträumten Gefühlsgedanken bleiben würde, damit hatte sie sich schon lange abgefunden. Aber war es nicht bezeichnend, dass er auch den schönsten Moment ihrer Karriere, also ihrer absolut klinischsten Gedankengänge, vereinnahmte? Jedes Mal, wenn sie von nun an jemandem von ihrer jenseitigen Begegnung mit Daimon Michiko-san berichtete, würde sie unweigerlich daran denken müssen, dass es dazu eine Geschichte gab, die kurz vorm paradiesischen Happy End für sie immer stehen blieb.

Erschöpft wachte Marc durch unliebsame Geräusche in seiner Küche wieder auf.
Das Bett neben ihm war leer, mal wieder.
Allerdings schien seine Falle äußerst gut zugeschnappt zu haben, wenn Gretchen gerade alle seine Schränke nach seinem Wohnungsschlüssel durchsuchte und dabei Krach machte, wie die sieben Zwerge in Doppelschicht.
Umständlich wickelte er sich aus den Laken und zog seine schwarze Calvin Klein Boxershorts wieder an, die Gretchen ihm vor rund drei Stunden vom Körper gerissen hatte.
Ein fehlender Flur ermöglichte ihm direkt aus seinem dunklen Schlafzimmer in das offene Wohnzimmer mit Küchenzeile zu spähen, wo Gretchen bereits komplett angekleidet die Geschirrschränke an der gegenüberliegenden Wand durchsuchte.
Er war schlauer als das, dachte er grinsend, stellte sich abwartend mit verschränkten Armen in den Türrahmen und beobachtete eingehend, wie seine Assistenzärztin allerlei Verrenkungen ausübte um den Türschlüssel zu finden.
Je länger sie suchte, je unwirscher wurden ihre Bewegungen und die Lautstärke ihrer Kramerei.
Vielleicht hätte er Mitleid mit ihr haben sollen, ermahnte ihn die sanfte, liebevolle Stimme in seinem Kopf.
Vielleicht hätte er sie aber auch brutal zur Rede stellen sollen, was ihr einfiele ihn dauernd nach dem Sex allein zurück zu lassen.
Er räusperte sich umständlich, erfreute sich argwöhnisch an ihrem erschreckten Aufschrei und das Zittern ihres Oberkörpers, das bis in ihre Knie zog.
„Gott, Marc! Musst du mich so erschrecken!“, nölte sie, wich von seinen Getränkekästen vor der Küchenzeile ein stückweit ab.
„Warum hast du dich erschreckt? Ist ja nicht so, dass jemand anderes in dieser Wohnung wäre, außer mir.“
In jeder anderen Situation hätte Marc es so viel mehr genossen, dass die Blonde beschämt und ertappt nach Ausflüchten suchte, die ihr auf Anhieb nicht einfielen. Lügen lag ihr einfach nicht.
„Was machst du da überhaupt?“, fragte er nach, wusste es natürlich, aber ein bisschen Strafe musste sein.
Mit einem Ruck stieß er sich vom Rahmen ab und kam auf sie zu, wollte so nah wie möglich dran sein, wenn sie schneller log, als sie denken konnte:
„Ich hab, hab… uhm. Was zu trinken gesucht“, zur Bestätigung fischte sie eine Flasche Cola aus der obersten Kiste.
Gretchen hasste Cola, grinste er wissend, als sie mutig den Deckel abnahm und einen großen Hieb direkt aus der Plastikflasche nahm.
Um sie noch mehr zu quälen, nur so ein bisschen (man möge ihm dies verzeihen, aber er war nun mal auch ein Mensch der gewisse Dinge fühlte; ganz besonders gern den von Rachegelüsten angestachelten Triumph), ging er an ihr vorbei um die Kücheninsel herum in die Nische, kramte nach Feuerzeug und Zigaretten und steckte sich genüsslich einen Nikotin geladenen Glimmstängel an.
„Und ich dachte du bist auf der Suche nach meinem Wohnungsschlüssel“, lachte er gehässig.
Ihre Knie schlotterten unter der Schwere von so viel Wahrheit.
Natürlich war er gemein.
„Rauchen ist ungesund, Marc, und eklig“, merkte sie an; ihrer sonst energische Haltung ihm Zigaretten am liebsten aus dem Mund zu watschen war Unsicherheit gewichen.
„Beruhigt nach geilem Sex aber die Nerven. Und da ich davon ausgehe, dass du nach der ersten Runde eh gleich wieder abhaust – wie immer – muss ich wegen Tabakatem auch keine Rücksicht auf dich nehmen, oder?“
Um seinen Standpunkt zu stärken blies er den Qualm besonders lang aus seinen Lungen direkt in Gretchens Gesicht.
Ihr selten genutztes Temperament gewann die Oberhand ihres Handelns.
Krachend stellte sie die Colaflasche auf die Theke der Insel, stemmte vehement ihre Fäuste in die Hüfte: „Du hast überhaupt keinen Grund sauer zu sein, Marc. Nur weil du mich nicht leiden kannst, heißt das noch lange nicht, dass du mich so herablassend behandeln darfst, auch wenn wir mehrere One-Night-Stands miteinander hatten! Dass ich überhaupt noch hier bin, verdanke ich deiner Gedankenlosigkeit deine Tür abgeschlossen zu haben.“
Ihm lag ein dummer Spruch auf den Lippen, der sie darüber belehrte, dass es von One-Night-Stand keinen Plural gab, weil das Wort allein implizierte, dass es nur einmal passierte. Der Satz blieb aber auf ewig in seinem Hals stecken, weil die viel wichtige Information verarbeitet werden musste, dass Gretchen ernsthaft dachte, er wäre so gereizt, weil sie noch hier war.
„Sag mal, wie kommst du auf die Idee ich könnte dich nicht leiden?“, lustigerweise machte ihn diese Annahme nämlich wirklich wütend. Natürlich war es immer unschön gewesen, dass sich seine Assistenzrätin heimlich nach jedem Sex ohne Verabschiedung weggeschlichen hatte, und es war sehr unangenehm, dass sie das gleiche Muster in Wien durchgezogen hatte, obwohl er gedacht hatte, er würde etwas Aufregendes mit ihr beginnen, aber dass sie so gar nicht verstand, was er für sie empfand, verletzte ihn auf eine Art, die ihm körperliche Schmerzen bereitete. Auf Höhe seiner linken Brust.
„Naja,… zumindest kannst du mich nicht so leiden wie ich dich. Ich versteh das, Marc. Wirklich. Ich hab‘s kapiert. Mich aber in deine Wohnung zu locken, zu verführen und einzusperren um mir zehn Minuten vor meinem einunddreißigsten Geburtstag noch mal aufzuzeigen, wie dumm ich bin immer noch unerwiderte Gefühle für dich zu haben, ist unfair. Das macht dich mir gegenüber nicht irgendwie überlegener! Und wenn das die Rache für die nicht mitgelieferten Negative vom Klassenfoto ist, ist das wirklich grausam. Das hab ich einfach nicht verdient!“
Ihre halbherzige Beichte, dass sie ihn also doch leiden konnte, mochte, vielleicht ja sogar ein bisschen mehr als das, beruhigten sein aufgewühltes Gemüt außerordentlich.
Ein lächerliches Grunzen erklomm seiner Kehle, nachdem er die halb gerauchte Zigarette im nahestehenden Aschenbecher ausgedrückt hatte.
Seine Gedanken sammelnd suchte er nach den richtigen Worten.
„Ich hab den Schlüssel doch nicht versteckt um dich am Abend vor deinem Geburtstag fertig zu machen, sondern weil ich eben wollte das du nicht wieder gehst.“
Schnaubend blinzelte Gretchen ihn an, als ob sie die Antworten in ihrem Kopf nicht glauben konnte, weil ihr Puzzleteile fürs Gesamtbild fehlten.
„Aber du hast doch gesagt, aus uns wird nichts!“
„Wann soll ich das denn gesagt haben“, krakehlte er, konnte sich nicht daran erinnern, solche Worte jemals zu ihr gesagt zu haben.
„Als ich dich in Sani-Kluft mit Gabi überrascht habe!“, er hatte es geschafft, Tränen schimmerten in ihren Augen, die er für übertrieben abstempelte und gleichzeitig sehr lustig fand, denn:
„Hasenzahn, das ist über eineinhalb Jahre her!“
„Ja, und?“, weinte sie, wischte verstohlen mit ihren kleinen, dicken Fingern die verschmierte Wimperntusche unter den puffigen Tränensäcken weg.
Sie verstand es nicht.
Sie verstand es einfach nicht.
Schnaufend ging er um die Kücheninsel herum, nahm ihren Kopf in seine großen Hände, streichelte synchron mit den Daumen über ihre heiß-geröteten Wangen, bat sie stumm ihr Gesicht zu seinem zu heben, damit er ihr sagen konnte, wovon er dachte, dass sie es schon lange hätte wissen müssen.
„Glaubst du wirklich ich kotze mich emotional bei dir aus, kaufe deinetwegen einen blöden Weihnachtsbaum, spiele bescheuerte Teenagerspiele mit dir, bin eifersüchtig und gebe Unsummen für ein Wochenende in Wien aus, damit du diese blöde japanische Superärztin sehen kannst, wenn ich dich nicht lieben würde, Hasenzahn?“

Sie schluchzte hicksend mit zuckenden Schultern, konnte kaum glauben, wie schlicht schön so eine Liebeserklärung von Marc sein konnte, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen.
Egal was sie geglaubt hatte, das war der Anfang.

(7777 Worte)


a/n: (ist in der Wortzahl nicht inkludiert)
1. ich wollte immer schon die 5+1-Trope angehen und irgendwas Kurzes daraus machen.
2. Los geht (!) schaut euch Doctor X an und seht, wie toll Michiko Daimon sein kann.
3. falls es nicht klar sein sollte (dann hab ich mein Hobby verfehlt) Marc fühlte seit Anbeginn dieser Story mehr für Gretchen – was interessiert ihn da sein Geschwätz von „gestern“, als er ihr tatsächlich sagte: „aus, aus uns… wir haben das doch… warum kapierst du das nicht.“ (S01E04)

Kommentare, werden natürlich immer gern gesehen.
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Kommentare zu manney's OneShots
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