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 Abgeschlossene Fortsetzungen!
Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.379

22.02.2019 13:33
Loreleis Oneshot "Nachts im Elisabethkrankenhaus" Zitat · Antworten

Nachts um halb drei sahen alle Gänge gleich aus. Das Elisabethkrankenhaus war zwar eine der kleineren Kliniken der Hauptstadt, wenn auch mit weitaus größerem Renommee, das bedeutete aber nicht, dass man sich nicht auch darin verlaufen konnte. Zumal, wenn man neu war und noch nicht die Zeit gefunden hatte, sich einen Überblick zu verschaffen, welcher über seinen eher beschränkten Arbeitsbereich hinausging. Vor gut zwei Wochen nämlich hatte er von seinem Vorgänger, der in Rente gegangen war, die Leitung der pathologischen Abteilung des Hauses übernommen und war seitdem noch nicht wirklich aus seinem neuen Labor herausgekommen. Er hatte sich erst einmal einarbeiten wollen und bis er das bewerkstelligt hatte, hatte er zunächst das gesamte Büro noch einmal neu organisieren müssen. Er war fast daran verzweifelt, weil seinem Vorgänger Dr. Schmidt offenbar keines der gängigen Ordnungssysteme vertraut gewesen war, die er jedoch nahezu perfekt verinnerlicht und sogar noch zu seinem Vorteil verfeinert hatte. Chaos am Arbeitsplatz war ihm nämlich schon immer ein Graus gewesen. Deshalb hätte er auch niemals in der Notaufnahme arbeiten können, wo man nie sicher sein konnte, was einen erwartete. Außerdem waren dort viel zu viele Menschen auf engstem Raum unterwegs. Und diese Hektik, gepaart mit der enormen Lautstärke, behagte ihm nicht. In dieser Hinsicht zog er die Toten den Lebenden vor. Sie hatten schließlich auch spannende Geschichten zu erzählen. Diese galt es jedoch erst unter dem Mikroskop herauszufinden.

Daher war es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass Dr. Gunther Gummersbach in den vergangenen vierzehn Tagen noch keinen Kontakt zu seinen neuen Kollegen aufgenommen hatte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, legte er auch keinen besonderen Wert darauf. Schon an seiner alten Arbeitsstätte an der Uniklinik in Marburg hatte er als eigenbrötlerischer Sonderling gegolten, dem man mehr aus dem Weg gegangen war, als dass man ihn als Koryphäe seiner Kunst wertgeschätzt hätte. Er hatte nie herausgefunden, ob es an ihm selbst gelegen hatte oder ob man ihn mit seinen ganzen Macken und seiner Verschrobenheit als extrem langweilig und ungesellig empfunden hatte. Dabei war sein Berufsfeld doch alles andere als langweilig. Im TV-Krimi galt der Pathologe doch immer als der wahre Held der Handlung, der anhand nur weniger Schnipsel und DNA-Spuren einen Tathergang rekonstruieren und damit wesentlich zur Aufklärung eines Falles beitragen konnte. Aber auch das war ein Trugschluss. Er war nun mal kein Kriminalpathologe, obwohl er insgeheim schon davon träumte, in dem Roman, den er einmal zu schreiben gedachte, einen zu spielen.

Ja, vermutlich hatte es doch an der Tatsache gelegen, dass die Menschen in der Regel Unbehagen empfanden, wenn man ihnen eröffnete, dass man in der Pathologie arbeitete und das auch noch aus Überzeugung. Schräge Blicke war er gewohnt. Auch weil er sich seine Ticks wie zum Beispiel sein übertriebenes Hygienebedürfnis, was in einem Krankenhaus eigentlich opportun sein sollte, nicht hatte abgewöhnen können. Sein Vater hatte ihm immer geraten, sich mehr an seine Umwelt anzupassen, mehr aus sich herauszugehen, um Anschluss zu finden, um dazuzugehören. Das sei gesund. Soziale Kontakte waren existenziell notwendig. Aber Günni hatte schnell festgestellt, dass er einfach nicht rein passte. Musste man sich dafür schämen, so wie sein Vater es getan hatte, der ihn aus Überforderung und Unverständnis stets gegängelt hatte und viel lieber einen erfolgreichen Chirurgen als Sohn gehabt hätte als nur einen alleinstehenden Pathologen mit Sozialphobie und zehn Komma fünf Prozent Asperger? Nein, nur weil er anders war, bedeutete das doch nicht gleich, dass man nicht liebenswert war. Das hatte ihm seine Mutter, Gott hab sie selig, jedes Mal wieder neu eingebläut, wenn er mal wieder in der Schule oder während der Ausbildung angeeckt war. Sie hatte ihm die Welt, die er nicht verstand, erklärt. Sie hatte ihm alles mitgegeben, was er brauchte, vor allem Liebe.

Er fühlte sich wohl in seiner Haut. Und er hatte durchaus Freunde. Im Club seiner Star-Trek-Kumpane war er anerkannt und akzeptiert. Nicht nur weil er die weltbesten Kostüme kreieren konnte. Auch weil man mit ihm Spaß haben konnte. Und er hatte sich weit mehr getraut, als sich sein Vater je getraut hatte, der nie weiter geblickt hatte als über den Gartenzaun seiner kleine Dorfpraxis, die er auch heute noch mit weit über siebzig führte. Mehr aus Notwendigkeit, weil sich kein adäquater Nachfolger aufs Land locken ließ, denn aus wahrer Passion. Die war ihm schon vor langer Zeit mit dem qualvollen Tod seiner Frau abhandengekommen, gegen den er nichts hatte unternehmen können. Im Gegensatz zu ihm. Günni hatte an einer renommierten Uniklinik gelernt und dort seine Passion gefunden. Und jetzt hatte er eine berufliche Herausforderung gewagt, die ihn stolz machte. Er war allein in die große Hauptstadt gezogen. Er hatte noch keine Panik deswegen bekommen und sein von seinem Vater eingeredeter Selbsthass hielt sich auch in Grenzen. Er kam zurecht.

Und jetzt weit nach Mitternacht hatte Günni endlich von seinem Mikroskop aufgeblickt und sich dazu aufgerafft, eine kleine Kennenlernrunde durch das nächtliche Elisabethkrankenhaus zu wagen. Die Gänge waren menschenleer. Das vertraute Neonröhrenlicht, sein tagtäglicher Begleiter im Keller, beruhigte ihn. Es wirkte überall friedlich und ruhig. Die Patienten schliefen in ihren Betten und erholten sich von ihren Operationen und Krankheiten und nur wenige Nachtschwestern waren unterwegs, die ihn in eine Unterhaltung hätten verstricken können. Smalltalk war nun mal auch nicht seins. Das war nie unfreundlich gemeint, aber er fühlte sich einfach nicht wohl dabei. Er hatte nie eine Idee, worüber man warum gerade redete und wieso gerade dieses Thema so abnorm wichtig war. Und so genoss Günni die Stille, die ihn von Station zu Station begleitete, weil sie der in seinen Katakomben nicht unähnlich war. Er hatte gerade den dritten Stock erreicht und hatte dort in einem Seitengang, als er einmal falsch abgebogen war und fast gedacht hätte, sein innerer Orientierungssinn hätte ihn verlassen, einen Moment durch das große buntbedruckte Fenster auf die neugeborenen Babys geblickt, die eine sonderbare Anziehung auf ihn ausgewirkt hatten. Er konnte sich das nicht genau erklären. Wie angewurzelt war er stehen geblieben. Vermutlich lag es daran, dass für jedes dahingeschiedene Leben ein neues auf den Weg gebracht wurde. Der ewige Kreislauf eben. Das faszinierte den Pathologen ungemein.

Aber vielleicht lag es auch an der blonden Krankenschwester, die auf einem Stuhl inmitten all der kleinen Babybettchen herausragte und eine ungeahnte Sehnsucht in ihm weckte. Minutenlang starrte er das faszinierende Wesen an, das eigentlich ganz unscheinbar war mit seiner akkurat geschnittenen Topffrisur, dem ungeschminkten Gesicht und dem etwas unvorteilhaft sitzenden Schwesternkasack. Sie hielt ein Buch in der Hand, irgendeinen Schmöker, so genau konnte er das durch das über und über bedruckte Schaufenster nicht erkennen. Es war ihr halb vom Schoß gerutscht und drohte, jeden Moment herunterzufallen, was sicherlich auch fatale Auswirkungen auf die Vielzahl kleiner Menschen in dem Raum haben könnte, denn sie war inmitten der kleinen Würmchen eingeschlafen. Er wollte sie warnen und hätte fast an die Scheibe geklopft, bis ihm im letzten Moment noch eingefallen war, was für Keime darauf alles lauern könnten. Also hatte er seine Hand wieder gesenkt und schnell unter den Desinfektionsspender gehalten. Doch sein steter Blick blieb an der faszinierenden Frau haften. Das Lächeln, das sich im Schlaf auf ihre Lippen geschlichen hatte und das von tiefer Zufriedenheit zeugte, machte irgendetwas mit ihm. Ihm war plötzlich ganz warm ums Herz. War das Schweiß? Wieso schwitzte er denn jetzt? Bekam er etwa Fieber? Er hätte nicht herumlaufen sollen, ohne vorher gewisse Schutzvorkehrungen getroffen zu haben. Die Hygienevorschriften wurden hier im Haus zwar herausragend eingehalten, auch ein Grund, weswegen er sich für das Elisabethkrankenhaus entschieden hatte, aber sicher war sicher. Zumindest ein Mundschutz wäre drin gewesen. War er vorhin nicht an einem Stationszimmer vorbeigekommen, fiel ihm plötzlich ein und seine Füße setzten sich im Eilschritt in Bewegung.

Kurz bevor Dr. Gummersbach dieses jedoch erreicht hatte, wurde direkt vor seiner Nase mit unerwartetem Schwung eine Tür aufgerissen, die nur eine halbe Sekunde später unsanft mit seinem Schädel Kontakt aufnehmen sollte. Wie ein gefällter Baum ging der Pathologe zu Boden. Die laut durcheinander schimpfenden Stimmen auf dem Flur der chirurgischen Station nahm sein Verstand nur noch gedämpft wahr, bis bei ihm die Lichter gänzlich ausgingen und er sich einer beruhigenden Stille hingab, die ihn mit sanften Armen einhüllte. „Verdammt noch mal, wo steckt die Trantüte schon wieder? Ey, hört mal jemand da vorne den verdammten Anrufbeantworter ab? Gleich kommt ein RTW rein. SABINE, T minus zwei Sekunden! Boah, alles muss man selber machen. Scheiße! Hat Gordon den Patienten etwa gleich schon hier abgeworfen? Was sind das denn für neue Methoden? Hey, Sie da! Das Laminat ist nicht empfehlenswert für Knutschversuche.“ Argwöhnisch tippte der diensthabende Oberarzt mit der Fußspitze gegen den bewusstlosen Körper, den er seltsamerweise hinter seiner Bürotür vorgefunden hatte. Er rührte sich nicht.

Seine Assistenzärztin, die im Augenwinkel das Drama hatte kommen sehen und am Automaten alles stehen und liegen gelassen hatte, was ihr knurrender Magen während der dritten Nachtschicht in Folge verdient hätte, kam auch gleich noch hinzugerannt und hockte sich neben den Ausgeknockten, dessen Vitalzeichen Dr. Meier gerade fachmännisch kontrollierte. „Marc, was hast du gemacht?“ Der Kopf des Chirurgen schoss augenblicklich in die Höhe, gefolgt von seinem schnittigen Körper, der sich vor ihr gleich wieder zur ganzen Größe aufgerichtete. „Ich? Wieso ich schon wieder? Was kann ich dafür, dass der zu blöd ist, geradeaus zu laufen.“ „Marc!“, setzte Gretchen Haase schon vorwurfsvoll an, als sich Schwester Sabine schlichtend zwischen die beiden Streitenden schob. „Ich übernehme das schon, Frau Doktor.“ Marc, dem es nicht passte, dass sich die tüdelige Krankenschwester schon wieder in alles einmischte, was ihn und seine ehemalige Schulkameradin betraf, zog misstrauisch eine Augenbraue hoch, um sich dann seiner zweiten Lieblingsbeschäftigung nach „Das Häschen auf die Palme bringen“ zu widmen, nämlich gegen Sabine zu sticheln, um ihr zu zeigen, wer hier auf Station wirklich der Chef im Ring war.

„Ach, Vorlesestunde schon beendet? Wunderbar! Waren die Kritiken so schlecht? Muss an der Autorin liegen. Los! Hopp! An die Arbeit! Den da auf die Liege ins Schwesternzimmer. Ist nur ne Beule, kein Fall für die KV. Der wacht schon wieder von alleine auf. Und du, Hasenzahn, pack die Stullen wieder ein und Abmarsch in die Notaufnahme! Wir kriegen gleich Frischfleisch.“ „Du bist so geschmacklos, Marc.“ „Dafür hast du ja Geschmack für drei, aber bevor du noch auf die Idee kommst, das Eisfach zu plündern, keinen Stopp mehr an der Kühltruhe einlegen! Sonst überlegt es sich dein T-Aktienheini noch anders mit dem Ring, ihn zu knechten, wenn er ihn nicht über deine fettigen Wurstfinger kriegt.“ Schlagartig hatte sich die Laune von Dr. Meier wieder verbessert und er griente seine blondgelockte Assistenzärztin mit deutlichem Schalk in den Augen an, die innerlich bereits kochte, sich aber bemühte, die nötige berufliche Kontenance zu bewahren. Marcs Eifersuchtsattacken war sie schließlich schon seit fast drei Monaten gewohnt. Von diesem beziehungsunfähigen Egomanen würde sie sich ihre bald anstehende Hochzeit nicht schlechtreden lassen. Wenn er es nicht hinbekam, dann war das sein Problem und nicht ihres. Sie hatte wenigstens das große Glück gefunden, was schon schwierig genug gewesen war.

„Sabine, sagen Sie Dr. Meier bitte, dass seine Witze schon einmal origineller waren und für den ähm… Wer ist das eigentlich? … ein Kühlpad und Beine hochlegen! Ich schaue ihn mir nachher noch mal an. Falls Übelkeit auftreten sollte, wissen Sie was zu tun ist.“ Sabine nickte ihrer hochverehrten Frau Doktor pflichtbewusst zu und wandte sich dann an Dr. Meier, der unbeeindruckt von Gretchens Herumgezicke an der Tür seines Büros lehnte und einmal mit seinen Blicken ihren Körper hoch- und runterscannte, was ihm merklich Spaß bereitet, bei Gretchen aber zu noch mehr Unbehagen führte. „Jawohl, Frau Doktor! Herr Doktor, die Frau Dr. Haase hat gemeint, dass Ihre…“ Bis jetzt hatte er es noch abnorm witzig gefunden, aber nun platzte ihm doch der Kragen. „Boah, ich bin ja nicht taub. Ich hab’s gehört. Dieser ewige Zickenzirkus ist echt unsexy.“ „Da frag ich mich, wer hier die größere Zicke von allen ist“, gab Dr. Haase noch schnippisch zurück, bevor sie sich umdrehte und mit schnellen Schritten den Fahrstuhl ansteuerte. Dr. Meier schnaubte einmal verächtlich auf, tauschte mit Schwester Sabine einen irritierten Blick und hüpfte, als diese noch etwas anmerken wollte, dem davongehoppelten Häschen flink hinterher. Diese dauernden Frechheiten würde er nicht auf sich sitzen lassen. Er würde seiner Assistenz schon noch zeigen, was man mit besonders aufmüpfigen Exemplaren dieser Gattung machte. Mit einem gekonnten Sprung schaffte er es gerade noch so in den Aufzug, bevor dieser die Türen schloss.

Mit Hilfe von Pflegepraktikant Jochen brachte Sabine Vögler den verunfallten Mann vom Gang der Station ins benachbarte Schwesternzimmer, wo sie ihn vorsichtig auf die Bereitschaftsliege betteten. Während Haase-Junior schnell wieder gelangweilt das Weite suchte, um nicht unnötig seine nicht vorhandenen Fähigkeiten als Pflegehelfer und angehender Medizinstudent zu beanspruchen, kümmerte sich Sabine aufopferungsvoll um ihren ohnmächtigen Patienten. Sie hatte einen Lappen nassgemacht und tippte ihm damit sachte über die Stirn. Dreimal wiederholte sie ihr Vorgehen, wobei sie erschrocken feststellte, dass sich bereits eine große Beule gebildet hatte, die sie anschließend mit der gleichen Sorgfalt mit einer ihrer selbst zusammengestellten Cremes einschmierte, die bei ihr und auch bei ihrer verehrten Frau Dr. Haase bereits Erfolge gefeiert hatte, die doch ebenso zu kleinen Tollpatschigkeiten neigte wie die passionierte Krankenschwester, die gerade wieder voll in ihrem Element war, jetzt, wo es endlich der nächtlichen Uhrzeit entsprechend ruhiger auf Station war und sie nicht dauerbeschallt wurde von den ewigen „Er-liebt-mich-nicht-Sie-liebt-mich“-Rangeleien der Königskinder des Elisabethkrankenhauses.

Nachdem Schwester Sabine mit dieser ganz speziellen Behandlung fertig geworden war, die dazu geführt hatte, dass der ganze Aufenthaltsraum und die angrenzenden Umkleideräumlichkeiten sowie ein Großteil der chirurgischen Abteilung einen sonderlich penetranten Geruch angenommen hatten, und ein Glas Wasser und eine Paracetamol neben ihn auf den Schreibtisch gestellt hatte, zog sie sich einen Stuhl an das Kopfende der Liege heran. Erst jetzt, als sie ihn genauer betrachtete, stellte Sabine fest, wie gut der Unbekannte eigentlich aussah. Ein Charaktergesicht, das sie zunehmend fesselte, je länger sie ihn anschaute. Irgendetwas passierte dabei mit ihr. Ihr war plötzlich ganz warm zumute. Sie konnte nicht anders und nippte an dem Wasserglas, das sie eigentlich ihrem Patienten zugedacht hatte, dann schaute sie ihn wieder an. Was hatte er nur an sich und wieso trug er einen Arztkittel? War er ein neuer Kollege? Aber wieso hatte sie ihn dann vorher noch nie irgendwo gesehen? Sie war doch sonst immer bestens im Bilde, was die Belegschaft und die neusten Gerüchte betraf, wobei diese ja meistens mit Dr. Meier, Dr. Haase und Dr. Kaan zu tun hatten und da saß sie glücklicherweise direkt an der Quelle.

Oder war er gar kein Arzt, sondern hatte sich heimlich in die Klinik geschlichen und gab sich, warum auch immer, als solcher aus? Oder war er ein Patient, der sich heimlich rausschleichen wollte? War er gar ein Verbrecher, der hier behandelt werden musste und nun seiner erneuten Inhaftierung entgehen wollte? Man hörte doch immer solche Geschichten über Schwindler und Meuchelmörder, die mit einer anderen Identität ein ganz normales Leben zu führen versuchten. So wie in dem aktuellen Roman ihrer Lieblingsautorin Elke Fisher, der ihr vorhin aus Versehen aus den Fingern gerutscht war, als sie sich so heftig erschrocken hatte, weil Dr. Meier sie gerufen hatte, was dazu geführt hatte, dass ein Baby nach dem anderen aufgewacht war, die nun sämtliche Nachtschwestern beschäftigten. Zum Glück hatten weder Dr. Meier noch die Oberschwester sie dabei erwischt, dass sie eingeschlafen war. Aber die Pflege ihrer sehr dominanten Mutter, die sie tagein, tagaus schlecht redete und ihre Selbstzweifel schürte, und der enorme Druck hier auf Station mit ihrem herrischen Oberarzt zollten eben manchmal ihren Tribut. Die kleinen Würmchen beruhigten sie und sorgten dafür, dass sie nie die Hoffnung verlor, dass irgendwann auch einmal ihr etwas Gutes passieren würde. So wie der Frau Doktor, die mit ihrem Millionär das große Glückslos gezogen hatte.

Die Fantasie ging immer weiter mit der passionierten Groschenromanleserin durch. Sie konnte nicht widerstehen und linste vorsichtig unter seinen weißen Kittel, nachdem sie dezent dessen Seitentaschen durchsucht hatte auf der Suche nach einem möglichen Identitätsausweis, den sie zwischen all den Desinfektionsverpackungen, die er komischerweise mit sich trug, leider nicht gefunden hatte. Er hatte ein enganliegendes, lilafarbenes T-Shirt an, das seine Bauchmuskeln sexy hervorhob. Hatte sie gerade sexy gedacht? Prompt schoss Sabine die Farbe ins Gesicht und sie sprang von ihrem Platz auf. Fahrig tigerte sie durch das Stationszimmer. Was war eigentlich los mit ihr? Aufgewühlt setzte sie sich an ihren Arbeitsplatz an der Anmeldung und begann ohne jeden Grund ihren Schreibtisch aufzuräumen. Als sie das letzte Meisterwerk ihrer Lieblingsautorin in den Händen hielt, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Sie blickte auf das kitschige Buchcover, stutzte, rollte einige Zentimeter mit ihrem Drehstuhl zurück, streckte sich so weit nach hinten, bis sie Mister Unbekannt wieder sehen konnte, dann schaute sie wieder auf den Roman in ihren Händen, den sie plötzlich gegen ihr wild pochendes kleines Herz drückte.

Ja, genauso musste er aussehen, ihr persönlicher Dr. Rogelt, dachte Sabine und wurde mit einem Mal ganz ruhig. Mit verklärtem Blick griente sie in den Raum hinein, den sie plötzlich nicht mehr nur mit dem gutaussehenden Unbekannten teilte. Dr. Meier war gerade mit bedrohlicher Grummelmiene zur Tür hereinmarschiert gekommen, mit seiner ebenso genervt dreinblickenden Assistenzärztin im Schlepptau, deren Haare seltsam zerzaust waren, und starrte mit offenem Mund auf die verstrahlt grinsende Krankenschwester. „Was ham Sie denn genommen? Ich glaube, ich muss Ihnen den Schlüssel zum Medikamentenschrank abnehmen. Die Notaufnahme war ein totaler Reinfall. Und nicht nur die.“ Marc zwinkerte vieldeutig Gretchen zu, die sich an den kleinen Tisch in der Ecke gesetzt hatte und ihn keines weiteren Blickes mehr würdigte, und fuhr sich über seine leicht gerötete linke Backe. „Irgendein Idiot hat den RTW bestellt, um den als kostenloses Taxi zu benutzen. Gordon und ich haben ihn unten festgesetzt. Rufen Sie die Bullen! Und dann kümmern Sie sich mal um den Abfluss aufm Männerklo. Irgendwie riecht es hier überall auf Station komisch. Ey, was ist das? Das ist ja widerlich. Und Klopapier ist auch schon wieder alle. Es ist dringend. Ich muss kacken.“ „Maaarc! Das steht nun wirklich nicht in Sabines Arbeitsvertrag“, wies Gretchen Marc zurecht, aber Sabine war bereits pflichtbewusst aus dem Stationszimmer geeilt. In dem Moment erwachte ein sehr irritierter Pathologe.

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