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Nachteule Offline

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Beiträge: 236

13.10.2017 22:35
#26 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 26 – Kampf dem Terror


„Papa!“ Gretchens Augen funkelten zornig auf. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
„Was denn?“ Verblüfft sah Professor Haase seine wutentbrannte Tochter an.
„Du kannst doch nicht allen Ernstes Marc Meier als Dr. Rössels Nachfolger einstellen!“ Noch immer konnte die junge Ärztin nicht fassen, was ihr Vater ihr gerade am Frühstückstisch mitgeteilt hatte.
„Natürlich kann ich das“, bestätigte der Chefarzt des EKH unbeirrt. „Dr. Meier hat nun einmal die besten Referenzen zu bieten.“
„Papa!“ Gretchen, nun ein wenig ruhiger in ihrer Tonart, jedoch immer noch deutlich entsetzt über die Nachricht des Morgens, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem Vater seinen neuen chirurgischen Oberarzt noch rechtzeitig auszureden. Franz Haase konnte ja nicht ahnen, warum sich seine Tochter so vehement gegen eine Zusammenarbeit mit seinem früheren und begabtesten Schützling sträubte, hatte er doch keinen blassen Schimmer, was zwischen den beiden in Greifswald vorgefallen war.
„Dr. Meier ist doch viel zu jung für diese Stelle“, fügte sie leiser geworden an.
„Kälbchen“, noch immer bevorzugte Professor Haase diesen kindlichen Kosenamen für seine einzige Tochter. „Dr. Meier hat die allgemeinchirurgische Station auf der Charité geleitet. Auf der CHARITÉ! Dann kann er das in unserem bescheidenen Hospital ja wohl besonders gut.“ Genüsslich biss er von seinem Marmeladenbrötchen ab, kaute den Bissen gründlich und fuhr nach einem abschließenden Schluck Kaffee mit seinen Ausführungen fort.
„Es wird dir nicht schaden, mein Mädchen, einen solchen Vorgesetzten zu haben. Von ihm kannst du noch eine ganze Menge lernen. Sieh es also positiv für deine Chirurginnen-Karriere!“
Gretchen seufzte. Egal, was sie sagte, ihr Vater sah in seinem zukünftigen Oberarzt nur das Beste. Jedenfalls arbeitstechnisch. Also musste Gretchen andere Geschütze auffahren, um den Professor im letzten Moment umzustimmen.
„Er ist der Sohn deiner Exaffäre“, raunte Gretchen ihm zu. „Meinst du, es ist richtig, wenn du durch ihn tagtäglich daran erinnert wirst, was du Mama wochenlang angetan hast?“ Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick zur Küchentür, hinter der Bärbel Haase gerade dabei war, eine zweite Kanne Kaffee zu präparieren.
Franz Haase warf einen scharfen Blick auf seine Tochter.
„Denkst du, das weiß ich nicht?“ zischte er ihr zu. „Im Übrigen finde ich, sollte man Berufliches und Privates trennen. Und wenn ich dich daran erinnern darf, warst du als Teenager jahrelang in eben diesen Marc Meier verliebt.“
„Ähm…“, stammelte Gretchen nun und wich verlegen dem stechenden Blick ihres Vaters aus. „Also erstens ist das lange her, zweitens bin ich längst drüber weg und drittens bin ich mit Mehdi zusammen.“
„Ein Gynäkologe, tzz“, murmelte Franz Haase kopfschüttelnd.
„Was hast du gegen Mehdi?“ fragte Gretchen wie beiläufig und schmierte sich gleichzeitig ein weiteres Nutellabrötchen.
„Na, ganz einfach“, antwortete der Vater. „Er spielt kein Golf.“
„Ach!“ entfuhr es Gretchen. Sie musste unweigerlich über diese Aussage schmunzeln.
„Dr. Kaan ist mir schon länger suspekt“, erklärte Franz Haase. „Der ist einfach nichts für dich, Kälbchen.“
„Weil er kein Golf spielt?“ fragte Gretchen mit lauterer Stimme und erhobenen Augenbrauen. „Hallo? Ist er deswegen ein schlechter Arzt oder was?“
„Gynäkologen sind keine richtigen Ärzte“, erwiderte der Professor schlicht und widmete sich wieder seiner Zeitung.“
„Ach nein? Was dann?“
„Jedenfalls kein richtiger Arzt, Herrgott nochmal!“ Allmählich wurde dem Chefarzt diese Diskussion zu blöd.
„Na, was wird hier denn so heiß und innig diskutiert?“ fragte Bärbel Haase fröhlich und nichtsahnend, als sie mit einer frisch aufgefüllten Kaffeekanne an den Frühstückstisch zurückkam.
„Papa findet, ich sollte mich von Mehdi fernhalten“, erzählte Gretchen mit trotzig verschränkten Armen.
„Was, der tolle Araber?“ Bärbel Haases Augen begannen bereits wieder zu leuchten, wenn sie an den feschen Freund ihrer Tochter dachte.
„Halbperser, Mama“, murrte Gretchen augenrollend.
„Ja, wahrscheinlich ist er auch so einer von diesen klammheimlichen Terroristen“, mischte sich nun wieder Franz Haase dazwischen. „Und wer weiß, vielleicht plant er bereits den großen Anschlag auf unser schönes Krankenhaus.“
„Was?“ Bärbels große Begeisterung wich augenblicklich einem blanken Entsetzen. „Aber Gretchen, das geht doch nicht! Du kannst uns doch nicht so einer Gefahr ausliefern! Nachher entführt der uns noch und nimmt uns als Geiseln.“
„Mama, Papa!“ Wütend stand Gretchen vom Frühstückstisch auf und störte sich auch nicht daran, dass sie dabei ihre Kaffeetasse umstieß, deren Inhalt sich sofort großflächig über die Tischdecke verteilte.
„Meine schöne Tischdecke“, regte sich Bärbel Haase sogleich auf und versuchte zu retten, was zu retten war, während Gretchen mit Zornestränen die Treppe hochstampfte und in ihr Zimmer verschwand.
„Wir müssen verhindern, dass das Schlimmste eintrifft, Franz“, flehte Bärbel unterdessen ihren Mann an, der sie fragend ansah.
„Inwiefern, mein Butterböhnchen?“
„Na, wir müssen sie von dem Dr. Laan fernhalten.“
„Dr. Kaan, meinst du. Und wie sollen wir das anstellen?“
„Na ja, sie braucht ein Date, ein Date mit dem neuen Oberarzt.“
„Mit Dr. Meier?“ Franz Haase glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Bärbel, ich denke nicht, dass unsere Tochter in nächster Zeit und überhaupt in ihrer gesamten Zukunft etwas mit einem Arzt anfangen sollte. Du weißt, wie Ärzte sind, vor allem Chirurgen.“
„Aber sicher doch“, lächelte Bärbel wissend und stupste ihren Mann an der Nasenspitze an. „Ich bin doch selbst mit einem verheiratet. Und wenn du es genau wissen willst, so übel sind Chirurgen gar nicht.“
„Aber Dr. Meier? Butterböhnchen, ich weiß einfach nicht, ob das so richtig wäre.“ Franz verzog sein Gesicht skeptisch und blickte seine Frau dabei intensiv an.
„Du meinst, weil er der Sohn deiner Exgeliebten ist?“
„Du weißt also…?“ fragte der Professor erstaunt.
„Ja“, nickte Bärbel. „Und ich weiß, dass Dr. Meier der Marc Meier ist, der unserer Tochter in der Schule das Leben schwer gemacht hat. Genau, wie ich weiß, dass Margarethe ihn immer noch nicht ganz aus ihrem Herzen verbannt hat.“
„Wie meinst du das?“
„Brummelchen“, es war selten, dass Bärbel ihren Mann mit dem Kosenamen ansprach, den sie ihm schon zu Anfang ihrer Ehe verpasst hatte und nur verwendete, wenn sie etwas Bestimmtes von ihm haben oder ihn von etwas überzeugen wollte. „Vor einigen Wochen hatten unsere Tochter und ich ein ernstes Gespräch, quasi unter Frauen. Und da hat Margarethe mir erzählt, dass sie Marc Meier zufällig wiedergetroffen hätte. Sie war total durcheinander und glaubte, ihrem Dr. Laan Unrecht zu tun, weil sie ständig an Dr. Meier denken müsse. Sie liebt ihn noch, Franz.“
„Bist du dir da sicher, Butterböhnchen?“
„Zu hundert Prozent, mein Brummbärchen.“
„Und du meinst, es würde ausreichen, wenn Dr. Meier ihre Gefühle wenigstens ansatzweise erwidert oder es zumindest den Anschein hat, damit sie Dr. Kaan den Laufpass erteilt?“
„Genau. Und dann musst du den Türken nur noch im Krankenhaus loswerden.“
„Ist das nicht etwas gemein, Butterböhnchen?“
„Ist dir dein Krankenhaus und das Leben deiner Angestellten und Patienten nun wichtig oder nicht?“
„Natürlich ist es das.“
„Siehst du, Franz. Und darum müssen wir es schaffen, dass Margarethe sich von diesem Terroristen trennt.“
„Aber wieso denn ausgerechnet mit Hilfe von Dr. Meier?“
„Ist dir Gunnar Neumann als Schwiegersohn in Spe lieber?“
„Selbstverständlich nicht!“ echauffierte sich der Chefarzt bei dem Gedanken, Gretchen könnte etwas mit diesem langweiligen Spießer anfangen, welcher ein Sohn von Bekannten war, mit denen sich die Haases nicht gerade gerne abgaben, geschweige denn, mit diesen auch noch verwandt sein zu wollen.
„Da ist mir Dr. Meier als Kälbchens Freund wesentlich lieber.“
„Na, dann ist doch alles bestens“, grinste Bärbel und schenkte sich noch eine dampfende Tasse Kaffee ein. „Du auch noch, mein Brummelchen?“
Franz Haase nickte. Anschließend machte er ein nachdenkliches Gesicht. Hatte Bärbel eventuell Recht? Dr. Kaan war ihm schon länger ein Dorn im Auge. Ein Arzt, der nicht golfen ging und ständig abgelaufene Medikamente einsammelte, um sie angeblich an Organisationen der Afrikahilfe zu spenden, der konnte keine normalen Absichten haben. Vielleicht brauchte er die Medikamente ja, um mit deren Hilfe Sprengsätze zu bauen. Franz Haase beschloss, Dr. Kaan in nächster Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen. Vor allem aber würde er verhindern, dass Gretchen weiterhin so viel Zeit mit diesem Kerl verbrachte. Und wenn er dafür sorgen musste, dass sie sich wieder ernsthaft in Dr. Meier verliebte, dann war das halt so.





Nachteule Offline

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Beiträge: 236

13.10.2017 22:36
#27 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 27 – Der perfekte Schwiegersohn


„Marc, stimmt das?“ Mit Tränen in den Augen stand Gabi im Türrahmen zwischen dem Stationsflur und Dr. Meiers bisherigem Büro. „Du machst wirklich die Biege?“
„Japp“, lautete die schlichte Antwort des gutgelaunten Chirurgen, der gerade dabei war, die Schubladen seines Noch-Schreibtisches zu entleeren und den Inhalt sorgsam auf Kartons zu verteilen.
„Wieso?“ Gabis Stimme zitterte.
„Ich habe halt woanders eine super Oberarztstelle bekommen“, grinste der Angesprochene fröhlich.
„Aber… aber…!“ Weiter kam die zierliche Brünette nicht.
„Na, bringst du den Satz auch noch zu Ende?“ fragte Marc flapsig. „Am besten heute noch?“
„Du kannst doch nicht einfach deine Stelle wechseln!“
„Und ob ich das kann“, erwiderte Marc und ließ sich nicht beirren.
„Und wo gehst du hin?“
„Das geht dich nichts an, Gabi.“
„Bleibst du wenigstens in Berlin?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, flötete der Oberarzt geheimnisvoll und packte munter weiter seine sieben Sachen in die Umzugskartons.
„Werden wir uns jemals wiedersehen?“ In Gabis Stimme klang ein letztes Stück Hoffnung mit. Es hatte sie tief getroffen, von Kollegen zu erfahren, dass ihr Ex-Verlobter die Charité anscheinend verlassen würde. Und nun sah sie schwarz auf weiß, dass es stimmte, und es erteilte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust.
„Ich hoffe nicht“, antwortete Marc rücksichtslos. Dass er damit Gabis gänzliche Wut auf sich herausforderte, ignorierte er bewusst. Wieso sollte es ihm etwas ausmachen, dass sie verletzt war, weil er das Krankenhaus für immer verließ? Er liebte sie nicht, hatte sie nie geliebt. Stattdessen arbeitete er in Zukunft mit der Frau eng zusammen, die seit Wochen sein Denkzentrum beschäftigte wie nichts und niemand sonst – Hasenzahn. Er freute sich schon sehr darauf und konnte seinen ersten Arbeitstag seit Jahren im EKH kaum erwarten.
„Du bist so ein Arsch, Marc Meier“, schleuderte ihm Gabi getroffen entgegen. „Ich wünsche dir alles erdenklich Schlechte und dass dich nie wieder auch nur eine halbwegs attraktive Frau an ihre Wäsche lässt oder du dir beim nächsten Sex eine todbringende Krankheit einfängst.“ Damit machte sie kehrt und verschwand im Laufschritt, was von Marc nur mit einem amüsierten Auflachen quittiert wurde. Sollte sie ihn doch verfluchen, wie sie wollte, seine gute Laune konnte heute nichts und niemand trüben. Er freute sich, denn heute Abend würde er seinem neuen Chef und dessen Familie einen Besuch abstatten. Franz Haase hatte es sich nämlich nicht nehmen lassen, seinen neuen Oberarzt zum Essen einzuladen, vorgeblich, um ihn in seine zukünftigen Aufgabenbereiche einzuweisen.
„Margarethe, meine Tochter, wird übrigens auch anwesend sein“, hatte der Professor ihm erklärt. „Schließlich ist sie in Zukunft eine ihrer beiden Assistenzen. Auch der zweite Assistenzarzt, Herr Knechtlsdorfer, wird uns beehren. Sie können dann mit den zweien schon einmal anbandeln, wie man so schön sagt.“ Er hatte ein lautes Lachen folgen lassen, in das Marc höflicherweise mit eingestiegen war, und seinem ehemaligen Schützling und zukünftigen leitenden Chirurgen freundschaftlich auf den Rücken geklopft. „Meier, Sie werden das Ding schon rocken“, hatte der Professor angefügt.
Ja, vor allem rocke ich Ihre Tochter, ließ Marc einen spitzbübischen Gedanken zu. Wie hätte er ahnen können, dass es auch im Interesse des Professors war, dass er und Hasenzahn sich näher kamen?




„Was ist denn das für ein Essen?“ fragte Mehdi Kaan am frühen Nachmittag interessiert, während er und seine Freundin eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa saßen und ihre rar gewordene Zweisamkeit genossen. Lilly war vor gut einer Stunde von ihren Großeltern abgeholt worden, wo sie bis Sonntagabend bleiben würde. Dass sowohl Mehdi als auch Gretchen am Samstag nicht arbeiten mussten, kam ihnen also besonders gelegen. Sie hatten in der letzten Zeit wieder verschiedene Schichten gehabt und sich daher nur selten gesehen. Gretchen hatte deshalb auch zu Hause geschlafen, da sie sich in Mehdis Wohnung einsam fühlte ohne ihn. Aber das Wochenende, so nahm sie sich vor, sollte alleine ihrem Freund und ihr gehören. Keine Störung, kein Bereitschaftsdienst, es konnte also nur herrlich werden.
„Och“, antwortete Gretchen betont beifällig. „Meine Eltern erwarten irgendeinen wichtigen Besuch. Und sie möchten gerne, dass ich dabei bin.“ Sie sah Mehdi tief und wehmütig in die Augen. Sie hatte wirklich nicht die geringste Ahnung, welchen hohen Herrn ihre Eltern ihr in wenigen Stunden präsentieren wollten. Sie machten ein großes Geheimnis daraus. „Ich wünschte, du könntest dabei sein“, seufzte sie jämmerlich. „Schade, dass du Spätschicht hast heute.“
„Dafür haben wir den morgigen Tag ganz für uns“, tröstete Mehdi sie und drückte sie fest an sich. „Und einen Teil vom Sonntag auch noch, ehe meine Eltern Lilly wieder nach Hause bringen.“
„Ich freu mich schon auf morgen“, flüsterte Gretchen und strich behutsam über Mehdis mit einem hellblauen Hemd bekleidete Brust, während sie ihre Wange fest gegen seine kräftige Schulter presste. Womit hatte sie nur so einen Freund verdient, der so warmherzig, so verständnisvoll war, der es aushielt, dass sie so oft getrennte Arbeitszeiten hatten, selten gemeinsame Nächte miteinander verbringen konnten und überhaupt so weit voneinander entfernt wohnten, Mehdi im nördlichen Reinickendorf, Gretchen im südlichen Zehlendorf? Mehdi hätte Gretchen längst gefragt, ob sie zu ihm ziehen wollte, traute sich aber nicht, da er einfach nicht wusste, wie ernst sie die Beziehung nahm. Und er wollte Lilly nicht überfordern. Sie hatte lange gebraucht, fast so lange wie er selbst, um das Weggehen der Mutter zu verkraften. Gretchen war Mehdis erste Freundin seit der Trennung von Anna. Und er wollte alles richtig machen, was sie und ihn anging, nichts überstürzen und sie wohlmöglich damit unter einen enormen Druck setzen. Schließlich war ihre gescheiterte Verlobung erst einige Monate her. Nein, er und Gretchen hatten Zeit. Erst einmal wollte er seine junge Liebe zu ihr genießen und festigen und erst dann, Schritt für Schritt, den Weg in eine – hoffentlich – gemeinsame Zukunft wagen.




„Zieh dir was Schönes an“, rief Bärbel ihrer Tochter hinterher, als diese sich gerade auf den Weg ins Obergeschoss machte, um sich in ihrem Zimmer für das bevorstehende Abendessen mit den Überraschungsgästen zurechtzumachen. Während sie sich in ihrem Zimmer gerade das Haar bürstete, klingelte es unten an der Haustür. Sogleich ertönte die helle Stimme ihrer Mutter dumpf an ihr Ohr. Weitere Stimmen wurden hörbar, von denen Gretchen nur diejenige ihres Vaters ausmachen konnte. Kurz darauf klingelte es ein weiteres Mal. Während Bärbel die Haustür erneut öffnete, schritt Gretchen gemächlich die Treppe herunter und glaubte, gerade auf der drittletzten Stufe angekommen, ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Besucher erkannte, der sie in diesem Augenblick direkt ansah und seine Mundwinkel zu einem erfreuten Lächeln verzog.
Es war dieser überraschende Anblick, der Gretchen völlig aus dem Kontext brachte. Sie verlor nicht nur kurzzeitig ihre Sprache, sondern spürte auch ihr Herz klopfen, heftiger und schneller als das Rattern eines Dieselmotors. Um nicht den Halt zu verlieren, verkrampfte sie ihre Hand um das Treppengeländer, als wolle sie ihre Finger in das glänzend polierte Holz bohren.
Für Marc ging in jenem Augenblick, als er sie erblickte, die Sonne auf. Selten hatte er so etwas Schönes gesehen, dachte er bei sich. Auch sein Herz klopfte hart gegen seine Brust. Sie sah atemberaubend aus in ihrem schlichten marinefarbenen Kleid mit V-Ausschnitt, das ihr bis zu den Knien ging. Ihre schlanken Beine wurden durch eine dunkle Strumpfhose und tiefdunkelblaue Stiefeletten mit Absatz perfekt betont, während ihr die goldenen Locken verspielt über die Schultern hingen. Auch ihr Makeup hatte Gretchen auf ihren Blau-Look abgestimmt, dabei aber nicht übertrieben. Kurzum – sie sah einfach perfekt aus in den Augen ihres zukünftigen Oberarztes.
„Margarethe“, holte ihre Mutter sie aus ihren Gedanken. „Dr. Meier kennst du ja schon.“ Sie zwinkerte und ließ die beiden für einen Augenblick alleine im Flur stehen, ehe der Professor sich zu ihnen gesellte und seinen alten und neuen Mitarbeiter gebührend begrüßte.
„Meier!“ Der freundschaftliche Schlag auf den Rücken des attraktiven Jungchirurgen war ein wenig übertrieben und nahm Marc für einen Sekundenbruchteil den Atem. Schnell fing er sich wieder und grinste seinem neuen Chef vergnügt entgegen.
„Herr Professor“, erwiderte Dr. Meier freundlich und ließ sich von Professor Haase die Hand schütteln.
„Schön, dass Sie es noch einrichten konnten“, meinte dieser nicht minder freundlich und wandte sich dann an seine Tochter, die immer noch sprachlos am Treppenabsatz stand.
„Was ist denn das für ein Benehmen? Begrüßt man so seinen zukünftigen Vorgesetzten, hm?“
„Ähm… klar… nee… natürlich nicht“, stotterte Gretchen noch immer leicht überwältigt vom Anblick des jungen Mannes in seinem lässigen Marken-Outfit, bestehend aus einer dunkelgrauen Stoffhose zu schwarzen, sportlichen Halbschuhen, einem blütenweißen Oberhemd, dessen oberste zwei Knopfreihen er offen trug, und einem schwarzen, ebenfalls offenen Jackett. Seine Haare waren wie immer topgestylt. Marc sah aus, wie frisch aus einem Modemagazin entsprungen. Dazu ließ er seine unwiderstehlichen Grübchen springen, als er einige Schritte auf Gretchen zuging und ihr seine schlanke Chirurgenhand zur Begrüßung entgegenhielt. Zaghaft erwiderte Gretchen den Gruß. Die Berührung mit seiner warmen Haut jedoch war fast wie ein Stromschlag. Leicht erschrocken zog sie ihre Hand zurück und versuchte krampfhaft, ihre Gedanken wieder zu ordnen, was ihr nur schwer gelang.
„Kommt ihr zwei?“ fragte Professor Haase, der mit Genugtuung die prickelnde Spannung dieser beiden jungen Menschen neben sich bemerkte und heimlich in sich hineinschmunzelte.
Na, das läuft doch wie geschmiert, dachte der Fast-Sechzigjährige sich grinsend. Er betrat gutgelaunt sein Wohnzimmer, während Gretchen und Marc ihm langsam folgten.
Erst in der „guten Stube“ bemerkte Gretchen auch den anderen Gast, den ihr Vater an diesem Abend eingeladen und der es sich bereits auf einem der gelben Kord-Sofas gemütlich gemacht hatte.
„Ach, Herr Knechtlsdorfer“, sagte Gretchen überrascht und streckte dem Kollegen und Ausbildungskonkurrenten, der sogleich von seinem Hosenboden aufsprang, die Hand hin.
„Servus, Frau Kollegin“, sagte der junge Österreicher grinsend und erwiderte Gretchens Handgruß. Anschließend wurde er vom Professor seinem künftigen Oberarzt vorgestellt und hatte nichts Besseres zu tun, als sich bei diesem schamlos anzubiedern.
Gleich trieft es hier nur so vor Schleim, dachte Gretchen angewidert und verdrehte innerlich die Augen.
„Wissens“, säuselte Maurice Knechtlsdorfer während der Vorspeise dem bemüht aufmerksamen Dr. Meier entgegen. „I hob ja schon so a Massa ghört von Eana. Se sans aana von den Besten. I gfrei mi wia a Schnitzel mit eana zu operieren, Herr Dockta.“
„Äh… ja“, war daraufhin nur Dr. Meiers verwirrter Kommentar. Der freute sich wie ein Schnitzel, mit ihm im OP zu stehen? Seltsame Ansichten hatte dieser Wiener Bushido-Verschnitt, wirklich!
Gretchens Gedanken schienen eine ähnliche Sprache zu sprechen wie die des Oberarztes. Auch sie musste klammheimlich schmunzeln über die „Ausführungen“ ihres Assistentenkollegen. Dabei streifte fast zufällig der Blick Marcs, der ihr gegenübersaß, den ihren. Verlegen sah Gretchen nach unten, dann jedoch wieder, wie von einer magischen Macht gelenkt, direkt in Marcs Augen. Sie spürte eine aufwallende Hitze in sich aufsteigen. Ihr Herz bubberte bereits wieder. Seine Anwesenheit machte sie nervös, aber zugleich freute sie sich, dass er an diesem Abend hier war, hier im Haus ihrer Eltern. Sie dachte keine Sekunde an Mehdi, der jetzt gerade im Krankenhaus seinen Dienst verrichtete.
Das Essen verlief ohne große Zwischenfälle. Es wurde gegessen, getrunken und gesprochen. Franz Haase ließ es sich nicht nehmen, Anekdoten aus Dr. Meiers Assistentenzeit preiszugeben. Und siehe da – sowohl Gretchen als auch Knechtlsdorfer machten große Augen – auch ein Marc Meier war nicht frei von Fehlern.
„Einmal musste ich ihn sogar des OPs verweisen“, plauderte Franz Haase munter aus.
„Ach“, meinte Gretchen nur und blickte ihren Vater höchstinteressiert an.
„Das ist doch lange her“, versuchte Marc abzuwiegeln.
„Ja, aber ich finde es immer noch recht amüsant“, fuhr der Professor schmunzelnd fort. „Sie hatten am Vortag wohl zu lange und zu doll mit ihren Kumpels gefeiert.“
„Ach, du hast Kumpels?“ fragte Gretchen belustigt und sah Marc mit blitzenden Augen an.
„Woas is denn nun im OP gwesen, Herr Professor?“ hakte nun Maurice Knechtlsdorfer voller Interesse nach.
„Ist doch nicht der Rede wert“, winkte Marc ab, dem das Ganze nun unangenehm zu werden drohte.
„Och bitte, Papa, erzähl weiter“, flehte Gretchen.
„Ich würde es auch gerne hören“, stimmte Bärbel Hände klatschend mit ein.
Professor Haase holte tief Luft und setzte zur Fortsetzung seiner Erinnerungsgeschichte an.
„Also, es begann damit, dass Dr. Meier, was ich bis dahin schon von ihm gewohnt war, in letzter Minute in den OP gerannt kam, da hatten wir bereits mit dem Eingriff begonnen. Nun gut, der andere Assistenzarzt war auch anwesend und hielt brav die Haken. Es handelte sich um eine Schilddrüsen-OP. Ich bat Dr. Meier, die Entfernung eines der Schilddrüsenlappen vorzunehmen. Dabei stellte er sich aber total ungeschickt an. Irgendwann war ich so genervt, dass ich Dr. Müller, den anderen Assistenten, bat, die Entfernung zu übernehmen, während nun Meier die Haken hielt. Er stand mir gegenüber. Plötzlich merkte ich, dass er immer unruhiger wurde. Ich sah ihn an und stellte fest, dass er käseweiß im Gesicht war. Ich fragte ihn, ob es ihm nicht gut ginge. Er antwortete, dass ihm schon etwas schlecht sei und er sich gerne übergeben würde. Daraufhin habe ich ihn des OPs verwiesen und ihn einige Zeit später in mein Büro rufen lassen, wo ich ihn zur Rede stellte. Ich wollte halt wissen, warum er oft zu spät zum Dienst käme und warum er sich an diesem Tag beinahe in die Patientin übergeben hätte. Eigentlich wusste ich schon, dass er regelmäßig die Nächte durchfeierte und auch bei den Mädels nichts anbrennen ließ. Ja, ja, Meier“, Franz Haase erhob demonstrativ und fuchtelnd seinen Zeigefinger, „Ihre Frauengeschichten waren in der ganzen Klinik bekannt. Aber wir waren ja alle mal jung und haben uns die Hörner abgestoßen, was? Haha! Na, auf jeden Fall habe ich Ihnen derart die Leviten gelesen, dass Sie sich danach wirklich am Riemen gerissen haben. Sie brachten die exzellentesten Noten bei Ihren Facharztprüfungen hervor und zeigten immer mehr, welch ein chirurgisches Talent in Ihnen steckt.“ Franz machte eine kurze Pause und sah seinen ehemaligen Schützling anerkennend an.
„Nachdem Sie vorzeitig Ihren Facharzt gemacht hatten, wollte ich Sie gerne zu meinem jüngsten Oberarzt machen. Aber leider kam mir, beziehungsweise uns, das Angebot der Charité dazwischen. Ich bedauerte es jahrelang, Sie nicht hatte halten zu können. Aber mit Ihrem Talent war es schon klar, dass sich die größeren und bedeutenderen Kliniken um Sie reißen würden. Hach! Und nun bin ich sowas von stolz, dass Sie wieder zur großen Familie des EKH gehören. Butterböhnchen, darauf sollten wir mit einem guten Wein anstoßen. Meinst du nicht?“
„Natürlich, Franz“, nickte Bärbel. „Schließlich haben wir Dr. Meiers Rückkehr noch gar nicht richtig gefeiert.“
„Recht hast du, meine Liebe“, säuselte Franz Haase seiner Frau zu und erhob sich von seinem Platz, da der Nachtisch inzwischen verputzt und alle Anwesenden scheinbar pappsatt waren und sich geschafft in ihren Stühlen zurücklehnten. Also bat sie der Hausherr höflich, sich ins Wohnzimmer zu begeben, während er aus dem Keller mehrere Flaschen seines besten Rotweins holte.
Der Wein mundete herrlich. Selbst Gretchen sagte nicht nein zu dem ein oder anderen Glas. Dies bewirkte, dass sich bei den Hausbewohnern und ihren Gästen die Stimmung schnell lockerte und bei manch einem gewisse Hemmungen fielen. Bärbel, die schon nüchtern schwer zu ertragen war in ihrer recht penetranten und naiven Art, legte eine alte Schallplatte mit seichten Liebesschnulzen aus den Siebzigern auf und begann, lasziv um ihren Mann herumzutänzeln. Maurice Knechtlsdorfer erzählte etwas mehr Blödsinn als sonst, wobei ihm auch diesmal niemand zuhörte, während Gretchen anfing, in Marcs perfekt gestylten Haaren zu fummeln, die sich wie immer so weich wie die eines Babys anfühlten. Der schneidige Oberarzt hingegen trank gegen den abtörnenden Anblick der immer freizügiger werdenden Professorenfrau an, sonst hätte er es schlicht nicht ertragen. Es wurde ein zunehmend wilderes Gelage, während dem Maurice Knechtlsdorfer plötzlich mitten auf dem Sofa einnickte und dies mit einem sehr lauten Schnarchen demonstrierte. Bärbel, die ihre Arme eng um den Hals ihres Mannes geschlungen hatte und gerade langsam mit ihm zu Gainsbourgs „Je t’aime“ tanzte, hielt inne und zeigte kichernd auf den schlafenden Österreicher, was auch Franz Haase einigermaßen amüsierte.
Plötzlich geschah etwas, von dem der nüchterne Marc Meier die letzten Wochen oft geträumt hatte, von dem er selbstbewusst annahm, dass es irgendwann tatsächlich passieren würde, aber nicht so schnell und vor allem nicht mit mehreren Promille Alkohol im Blut. Gretchen stand vom Sofa auf, sah ihm dabei tief in die Augen und nahm – sie konnte selbst nicht sagen, warum eigentlich – seine Hand, um ihm ebenfalls hoch- und ihn hinter sich herzuziehen, während sie langsam die Treppenstufen in den ersten Stock hochtaumelte. Bereitwillig kam Marc mit ihr und folgte ihr in ihr Zimmer. Der Anblick ihres noch immer vorhandenen Jungmädchentraumes entlockte ihm ein leises, amüsiertes Auflachen. Dieses wurde jedoch unterbrochen, als Gretchen ihn mit viel Elan rücklings auf ihr Bett schubste und gleichzeitig mit einem Fuß ihre Zimmertür zustieß, während sie sich über ihn beugte und ihn gnadenlos mit leidenschaftlichen Küssen bedachte, dabei sein Hemd so stürmisch aufriss, dass die Knöpfe nur noch durch die Gegend flogen und sich selbst hektisch ihres Kleides entledigte. Dabei hätten sich fast ihre langen Locken im Reißverschluss verfangen. Mit ein wenig Gefluche und Gejammer wegen des unangenehmen Ziepens an der Kopfhaut, schaffte es die blonde Ärztin aber schließlich doch, das marineblaue Kleidungsstück auszuziehen und es gemeinsam mit dem Lacoste-Hemd ihres Bettgespielen dem Fußboden bekannt zu machen.
Unten im Wohnzimmer war es der älteren Generation Haase nicht verborgen geblieben, dass Gretchen und Dr. Meier zusammen das Spielfeld verlassen hatten. Verschwörerisch zwinkerte Bärbel und stupste ihren Mann in die Seite.
„Das läuft doch wie geschmiert“, grinste sie siegessicher. Franz Haase nickte.
„Sehr gut ist das, Butterböhnchen“, stimmte er zu.
„Ich sag es dir, Franz – das mit dem Dr. Laan wird bald gegessen sein. Und dann haben wir ihn, den Dr. Meier, unseren perfekten Schwiegersohn.“
Bärbel stellte sich leicht auf ihre Zehenspitzen und drückte Franz einen dicken Kuss mitten auf den Mund. Im Hintergrund schnarchte Maurice Knechtlsdorfer zufrieden auf dem gelben Sofa vor sich hin und lutschte wie ein Baby an seinem Daumen. Es war Bärbel ein großes Vergnügen, diesen Anblick mit der Kamera des Smartphones ihres Mannes für die Nachwelt festzuhalten. Dass sie dabei leider beim versuchten Ausschalten der Kamera eine andere Funktion betätigte, bekam sie, technisch unbegabt, wie sie nun einmal war, gar nicht mit. Stattdessen gab sie Franz sein Handy zurück und kuschelte sich wieder an ihn, während eine digitale Brieftaube zum Postdienst antrat und ganze Arbeit leistete.





Nachteule Offline

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Beiträge: 236

21.10.2017 21:15
#28 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 28 – Nackte Tatsachen


Nachdem sie mit einem heftigen Kater erwacht war und mit Schrecken hatte feststellen müssen, dass sie nackt mit ihrem noch schlafenden Oberarzt in ihrem Himmelbett lag, hüllte sich Gretchen in ihren rosanen Morgenmantel, schlich sich so leise wie nur irgendwie möglich aus dem Zimmer und verschwand eilig im Bad, um zu duschen. Sie hatte Glück gehabt, dass ihr Bruder Jochen nur noch einen Teil des unteren Saumes ihres Mantels zu sehen bekam, ehe sie die Badezimmertür hinter sich zuzog. Ansonsten hätte er sie wohl neugierig gelöchert, wie der Abend gestern mit ihren beiden Kollegen aus dem Krankenhaus verlaufen war. Und über den Abschluss dieses Abends wollte Gretchen partout nicht nachdenken müssen.
Währenddessen erwachte unten auf der Couch ein sehr geräderter angehender Chirurg, der unter normalen Umständen, diese waren aber alles andere als gewöhnlich, als Bushido-Doppelgänger hätte durchgehen können, jedenfalls optisch. Charakterlich eher ein Wiener Würstchen, wie Franz Haase seiner Frau Bärbel belustigt zuraunte. Ja, die jungen Leute von heute, sie vertrugen kaum noch Alkohol. Anders als die Generation des Chefarztes und seiner Angetrauten, welche nach immerhin sechs Stunden Schlaf hellwach und auch sonst putzmunter waren. Fröhlich deckte Bärbel den Frühstückstisch im Esszimmer, während in der kleinen Küche nebenan der Kaffee in der Maschine vor sich hin blubberte und einen verführerischen Duft verströmte.
„Servus“, murmelte der verschlafene Herr Knechtlsdorfer vor sich her, nachdem er sich von seinem vorübergehenden Schlafplatz erhoben hatte. „Wo koan i denn dusch’n geh‘n, Herr Professor?“ fragte er seinen Chef.
„Treppe hoch und dann links“, erklärte dieser dem verkaterten jungen Mann, der sich sofort davon machte.
Nichtsahnend drückte der achtundzwanzigjährige Österreicher die Klinke der Badezimmertür herunter. Erstaunlicherweise war die Tür nicht abgeschlossen, noch erstaunlicher war die Tatsache, dass die Dusche bereits benutzt wurde. Knechtlsdorfer machte große Augen, als er dies bemerkte. Er hatte in seinem Leben schon einige nackte Frauen gesehen, schließlich hatte er zwei Schwestern, die Fritzi und die Mitzi und er hatte auch schon mehrere Freundinnen gehabt. Aber der Anblick seiner dauerhaften Konkurrentin im Evakostüm haute ihn fast aus den Socken. Nie hätte er gedacht, dass sie unter ihren bunten Klamotten und dem Arztkittel so ansehnlich wäre. Eine Weile blieb Maurice Knechtlsdorfer wie angetackert stehen, bis ihn eine tiefe, männliche Stimme aus seinen Gedanken holte.
„Knechtlsdorfer?“ Als der Angesprochene sich umdrehte, blickte er in das überrascht-irritierte Gesicht des Krankenhaus-Gynäkologen. „Was machen Sie denn hier im Haus des Prof…?“ Weiter kam er nicht, denn schon hatte er die Person entdeckt, die den Assistenzarzt gerade noch zum Sabbern gebracht hatte. „Wieso starren Sie meine nackte Freundin so an?“ fuhr der Halbperser den jungen Kollegen heftig an, der sogleich verlegen nach einer Antwort suchte.
„I hoab mi doch nur abbraus’n g’wollt“, stammelte Maurice erklärend. „I wusst ja net, dass die Frau Dokta Haase unter derer Dusch’n steht.“ Doch Mehdis Gesichtsausdruck blieb verstimmt. „Ehrlich, Herr Dokta Kaan. I wollt die Frau Kollegin net anstarr‘n.“
Inzwischen hatte auch Gretchen den Tumult an der Badezimmertür bemerkt und sich erschrocken ein großes Handtuch gegriffen, mit dem sie jetzt ihre Blöße bedeckte.
„Was… was macht ihr hier?“ fragte sie panisch. „Und wieso bist du überhaupt hier, Mehdi?“
„Na toll!“ Mehdi konnte es kaum glauben, das Gretchen ihn das gefragt hatte. „Begrüßt du so deinen Freund? Ich wollte dich halt überraschen und dich abholen, damit wir mehr Zeit für uns haben heute. Aber wenn du so bist…!“ Enttäuscht schob er die Unterlippe leicht vor und drehte sich mit verschränkten Armen weg.
„Das… das ist echt lieb von dir, Mehdi“, meinte Gretchen versöhnlich und hoffte, dass Mehdi nicht in ihr Zimmer treten würde, wo Marc vermutlich immer noch den Schlaf der Gerechten schlief. Und hoffentlich schlief der noch recht lange, damit Gretchen und Mehdi aus dem Haus verschwunden waren, wenn der neue chirurgische Oberarzt des EKH sich aus den Federn bemühte.
„Darf ich mich denn schnell abtrocknen und anziehen?“ fragte sie so harmlos wie möglich, ging auf Mehdi zu und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die stoppelige Wange. „Du kannst ja schon mal unten auf mich warten“, schlug sie mit einem, ihre innere Nervosität überspielenden Lächeln vor.
„Aber lass mich nicht zu lange mit deinen Eltern und dem Knechtlsdorfer alleine“, verzog Mehdi seinen Mund zu einem schiefen Grinsen bei der Aussicht, seinem Chef und dessen Frau gleich Rede und Antwort über seinen Tagesplan mit Gretchen stehen zu müssen. Besonders Frau Haase war immer so neugierig. Und der Professor irgendwie etwas eifersüchtig oder gar misstrauisch, wenn es um sein Kälbchen ging. Dabei wollte Mehdi doch nur das Allerbeste für sie. Seine Freundin allerdings stand heimlich unter einem furchtbaren Druck, den der Gynäkologe dem Anschein nach nicht ansatzweise wahrnahm.
„Nun geh schon“, bat sie Mehdi eindringlich. „Sonst… sonst werde ich nie fertig hier.“
„Na schön“, gab sich Mehdi endlich geschlagen und erwartete schon gar nicht mehr, dass Gretchen ihn hier und jetzt stürmisch und sehnsüchtig um den Hals fallen würde. Wahrscheinlich war ihr sowas im Haus ihrer Eltern peinlich, noch dazu, wenn hier ein Knechtlsdorfer und ein jüngerer Bruder herumirrten. Doch kaum hatte sich Mehdi umgedreht, öffnete sich plötzlich wie von Geisterhand die Tür zu Gretchen Zimmer gegenüber. Wie gebannt starrte Mehdi dorthin, hinter ihm das entsetzt dreinblickende Gretchen, innerlich betend, dass ihr eine möglichst plausible Erklärung für das gleich Folgende einfallen würde. Es war der Bruchteil von Sekunden, in denen sich Dr. Kaan und sein bester Squash- und auch sonstiger Kumpel, ein halbnackter Dr. Meier, schweigend gegenüberstanden und sich anstarrten, als wäre der jeweils andere ein Wesen von einem anderen Stern. Schließlich war Mehdi der erste, der seine Stimme wiederfand.
„Meier?“ fragte er ungläubig.
„Kaan“, erwiderte der andere betont lässig.
„Ihr kennt euch ja bereits“, versuchte Gretchen die heikle Situation aufs Heftigste wegzugrinsen.
„Was macht der Meier in DEINEM Zimmer?“ knurrte Mehdi und man merkte, dass ihm gar nicht zum Scherzen zumute war. „Und was macht der überhaupt bei euch zu Hause?“
„Ach, Kaan, ich bin doch ab nächste Woche der leitende Oberarzt der Chirurgie am Elisabeth. Hat dir das denn keiner erzählt?“ meinte Marc unverfroren und grinste seinen Kumpel dreist an. Innerlich freute er sich über die Gelegenheit, einen Keil zwischen Gretchen und den Frauenversteher treiben zu können. Ja, es ging ihm dabei vor allem um Gretchen, nicht um ihre Gefühle zu Mehdi, sondern darum, sie endgültig von seinem Nebenbuhler wegzubekommen. ER wollte sie haben. Keinem anderen sollte das vergönnt sein.
„Und deshalb“, fuhr er unbeirrt fort, „hat der Professor mich zum Essen eingeladen, damit ich mit Gretchen, Verzeihung, Frau Dr. Haase, und Herrn Knechtlsdorfer die zukünftige Zusammenarbeit besprechen kann.“
„Und da übernachtest du mal schön im Bett MEINER Freundin?“ fragte Mehdi fassungslos und ging einen bedrohlichen Schritt dichter auf Marc zu. „Hat es wenigstens Spaß gemacht?“
„Es war nicht, wie du denkst, Mehdi“, versuchte Gretchen die Situation zu entschärfen.
„Natürlich war es das“, korrigierte Marc sie und grinste Mehdi dabei noch breiter entgegen.
„Marc!“ Erschrocken sah Gretchen ihren zukünftigen Chef an.
„Ihr duzt euch bereits?“ Verwirrt schaute Mehdi zwischen Gretchen hin und her.
„Komm schon“, griente Marc süffisant in Gretchens Richtung. „Du hast es doch genauso genossen wie ich.“
„Bitte was?“ Mehdis Gesichtsfarbe hatte sich inzwischen in ein dunkles Zornesrot verwandelt. Wütend drehte er sich zu Gretchen um, die über seinen Funkelblick mehr als erschrocken war.
„Es ist ja nichts passiert“, bemühte sie sich immer noch, sich herauszureden.
„Das sehe ich anders“, flötete Marc amüsiert hinter Mehdis Rücken und goss gleich noch mehr Öl ins Feuer. „Gib zu, die letzte Nacht war noch besser als die in Greifswald!“
„Ihr… du… du Miststück!“ entfuhr es Mehdi. „Du hast mich mit dem da“, er drehte sich wieder halb zu Marc um und richtete kurz seinen Zeigefinger auf ihn, „betrogen und das nicht nur einmal? Und ich habe dir vertraut. Nach der Sache mit Anna und dem langen Alleinsein habe ich echt gedacht, dass du die Richtige für mich bist. Aber du bist nicht anders als viele der Frauen, die in meine Praxis kommen und mich um die Pille danach bitten, weil sie Angst haben, von ihrem Seitensprung schwanger geworden zu sein, weil dann nämlich alles herauskommen könnte. Sowas muss ich mir oft anhören, Gretchen. Aber niemals hätte ich gedacht, dass ich genauso ein gehörnter Freund sein könnte wie die Männer, deren betrügende Frauen meine Patientinnen sind.“ Tränen schimmerten inzwischen in Mehdis dunklen Augen. Er war wirklich zutiefst getroffen. Am liebsten hätte Gretchen ihn in den Arm genommen und ihm gesagt, dass sie das mit Marc nie ernst gemeint hatte und so etwas nie wieder tun würde. Aber Mehdi war bereits zu verletzt. Alles, was er wollte, war, das Haus der Haases auf schnellstem Weg zu verlassen. Er wollte nicht nur weg von hier, er wollte auch mit Gretchen nie wieder etwas zu tun haben. Und Marc, der konnte sich nun einen neuen Squashpartner suchen. Mit ihm war Mehdi fertig, ein für alle Mal. Der Gynäkologe hatte nicht vergessen, dass sein ehemaliger Kommilitone und mehrjähriger WG-Mitbewohner auch schon einmal etwas mit Anna gehabt hatte, kurz bevor er Mehdi mit dieser zusammenbrachte. Wie gesagt, das war VOR der Beziehung gewesen. Aber diesmal war Mehdi IN einer Beziehung mit einer Frau, die er von ganzem Herzen liebte und mit der Marc mittlerweile zweimal geschlafen hatte, wenn nicht sogar noch häufiger. Doch das interessierte Mehdi nicht mehr. Jedenfalls redete er es sich ein. So schnell es ging, rannte er die Treppenstufen nach unten und verließ die Villa mit einem lauten Türknallen. Oben sah Gretchen ihm fassungslos nach. Als sie jedoch Marcs leises aber gehässiges Lachen vernahm, ging sie auf ihn zu und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
„Das ist dafür, dass du meine glückliche Beziehung zerstört hast“, schrie sie ihn an. Überrascht von diesem Frontalangriff rieb sich Marc die gerötete Wange und sah Gretchen irritiert an, während diese an ihm vorbei in ihr Zimmer rannte und sich dort einschloss.
Unten im Wohnzimmer warf sich ein Elternpaar einen triumphierenden Blick zu. Das war aber auch sehr einfach gewesen. Den Terroristen war man endlich los, dachte man sich insgeheim.





Nachteule Offline

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21.10.2017 21:18
#29 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 29 – Schatten der Vergangenheit


Gretchen warf sich auf ihr breites Himmelbett und vergrub schluchzend ihr Gesicht in ihrem Kissen. Dass dieses nach IHM roch, blendete sie geschickt aus. Sie wollte ihn weder riechen, noch fühlen, noch sehen, noch hören. Sie verfluchte innerlich den Tag, an dem sie ihm in der Brautmodenboutique wiederbegegnet war. Seitdem schien er sie zu verfolgen. Marc Meier war wieder sehr präsent in ihrem Leben. Und er schien es darauf anzulegen, all das kaputtzumachen, was ihr wichtig war, so wie damals in der Schule. Acht Jahre lang hatte er sie tyrannisiert und all die Gefühle, die sie für ihn gehabt hatte, mit Füßen getreten. Es war eine große Erleichterung gewesen, als er nach dem Abitur aus ihrem Leben verschwand. Sie kam über ihn hinweg und konnte studieren, ohne dass sich jemand permanent über sie lustig machte und sie vor den anderen Studenten bloßstellte. Sie hatte geglaubt, die Erlebnisse aus ihrer Schulzeit wären vergangen, das Erlittene und Gefühlte würde niemals mehr eine Rolle spielen. Doch da hatte sie sich getäuscht. Die Chancen standen schlecht, dass Marc Meier als ihr neuer Chef sie nicht regelmäßig im Beisein ihrer Krankenhaus-Kollegen vorführen würde. Es würde ein Spießroutenlauf werden. Nicht nur wegen der Lächerlichmacherei, die sie befürchtete, sondern auch wegen den wohl nicht vermeidbaren Begegnungen mit Mehdi.
Sie musste das klären! Sie musste mit Mehdi reden, ihm erzählen, was wirklich vorgefallen war, gestern Abend und vor ein paar Wochen in Greifswald. Sie war betrunken gewesen und hatte die Kontrolle verloren. Mehdi war doch ein kluger Mann! Er musste einfach nachvollziehen können, dass man unter Einfluss von Alkohol Dinge tat, die man sonst nie tun würde. Sie liebte ihn doch!

Ein Klopfen riss Gretchen aus ihren Gedanken, gefolgt von einer leisen, männlichen Stimme.
„Gretchen?“
„Was willst du?“ fauchte sie wütend.
„Kann ich meine Anziehsachen haben, bitte?“ fragte Marc vorsichtig.
Stöhnend erhob sich Gretchen von ihrem Bett und drehte den Schlüssel im Schloss ihrer Zimmertür um, ehe sie wieder unter ihre Decke sprang und sich mit dem Gesicht zur anderen Seite drehte. Sie hörte, wie die Tür langsam geöffnet wurde und jemand ohne Eile ihr Zimmer betrat. Hinter ihrem Rücken raschelte es leicht. Sie hörte das Klimpern einer Gürtelschnalle und hoffte, der Spuk wäre schnell vorbei und Marc würde sich verziehen, ein für alle Mal. Plötzlich bemerkte sie, dass hinter ihr die Matratze leicht nachgab, und sie spürte daraufhin einen warmen Atemhauch in ihrem Nacken, gefolgt von zwei weichen Lippen, die ihr einen sanften Kuss auf den Hals drückten. Sie konnte nicht vermeiden, dass diese zärtliche Berührung ihr eine Gänsehaut auf die Arme trieb, so sehr sie sich innerlich auch dagegen wehrte. Sie konnte nicht verhindern, dass der Kuss alte, mit aller Macht verdrängte Sehnsüchte neu in ihr entfachte. Sie presste die Lippen fest aufeinander und versuchte, nicht daran zu denken, dass ihre Gefühle für Marc tief in ihrem Unterbewusstsein immer noch stark verankert waren und sehnlichst darauf warteten, endlich wieder an die Oberfläche kommen zu dürfen. Doch im letzten Moment versperrte Gretchen vor Marc die Tür zu ihrem Herzen mit einem weiteren imaginären Vorhängeschloss, von dem es inzwischen schon einige gab. Sie war fest entschlossen, ihn nicht mehr dort eindringen zu lassen.
„Ich möchte, dass du weißt, dass ich jede Sekunde mit dir zusammen genossen habe“, hörte sie Marc in ihr Ohr flüstern. „Alles, was ich dir seit unserer Begegnung vor dem Haus meiner Mutter gesagt habe, habe ich ernst gemeint. Ich spiele nicht mit dir, Gretchen. Du bist mir wirklich wichtig.“
„Du hast mich immer nur geärgert und vor den anderen blamiert“, krächzte Gretchen heiser und kämpfte schon wieder mit den Tränen. „All die Jahre, die wir zusammen zur Schule gegangen sind, hast du mir mein Leben zur Hölle gemacht. Weißt du eigentlich, wie weh mir das getan hat? Ich habe dich immer geliebt, Marc. Weiß der Geier, wieso! Denn du hast permanent dafür gesorgt, dass ich für alle die große Lachnummer bin. Ich will nicht, dass das wieder passiert. Ich bin eine erwachsene Frau und habe meinen Facharzt fast in der Tasche. Ich werde im Krankenhaus von den Kollegen akzeptiert. Das lasse ich mir nicht von dir kaputtmachen.“
Marc verstand plötzlich und lachte leise auf.
„Ist das deine einzige Sorge“, fragte er verständnislos und kopfschüttelnd, „dass ich dich vor den Kollegen bloßstellen könnte? Mit Absicht? Gretchen ‚Hasenzahn‘ Haase, auch an mir sind die Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. Ich bin nicht mehr der ungezogene Junge vom Schulhof. Jedenfalls habe ich nicht im Sinn, mich daran zu erfreuen, ausgerechnet dich zu ärgern. Ich kann irgendwie schon verstehen, dass dir das, was damals war, immer noch nachhängt. Aber kannst du das nicht endlich mal vergessen? Können wir nicht einfach von vorne anfangen?“
„Können wir nicht“, schniefte Gretchen, noch immer die Rückseite Marc zugewandt.
„Und warum nicht?“
„Weil… weil du mir wieder alles kaputtgemacht hast.“
„Was meinst du mit ‚alles‘ und vor allem mit wieder?“
„Sag jetzt nicht, du erinnerst dich nicht mehr an die Geschichte mit Tim?“


Flashback

Tim Groote war neu in der Schule. Und er war anders als die anderen Jungs in der Mittelstufe. Ob das daran lag, dass er sich anfangs schwer damit tat, Kontakte herzustellen? Oder war das einfach sein Charakter? Auf jeden Fall war Gretchen Haase fasziniert von dem hübschen neuen Klassenkameraden mit den dunkelblonden Haaren und den stahlblauen Augen. Als sie bemerkte, dass er in der Anfangszeit die Pausen völlig für sich verbrachte, hatte sie Mitleid mit ihm und ging auf ihn zu, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten. Tim war nicht abgeneigt Gretchen gegenüber, und so freundeten sie sich allmählich an. Mit der Zeit wurde diese Freundschaft tiefer. Gretchen und Tim trafen sich oft nachmittags zum Lernen und zum Reden. Es war eine Zeit, in der Gretchen wenig über Marc nachdachte, der sie erstaunlicherweise in Ruhe ließ.
Bärbel Haase war ebenfalls ganz begeistert von Gretchens augenscheinlich erstem festem Freund, der die Höflichkeit in Person war und daher bei den Haases ein gern gesehener Gast. Sie ließ nichts unversucht, um Tim auf Gretchens Vorzüge aufmerksam zu machen, indem sie die, in Wahrheit nicht vorhandenen, Kochkünste ihrer Tochter lobpreiste oder sie dazu brachte, sich hübsch anzuziehen und sogar zu schminken, wenn Tim zum Essen erwartet wurde. Schließlich schien das alles zu fruchten. Denn eines Tages geschah etwas, auf das Gretchen insgeheim bereits gewartet hatte und das ihr Herz höher schlagen ließ. Tim lud sie ins Kino ein. Sie durfte den Film, eine kitschige Liebeskomödie, sogar selbst auswählen. Es wurde ein schöner Abend. Tim geleitete Gretchen anschließend nach Hause und hielt sie vor der Gartenpforte auf.
„Ich muss dir was sagen, Gretchen“, begann er leise zu sprechen.
„Was denn?“ fragte das Mädchen naiv, wobei ihr Herz bereits hart in ihrer Brust klopfte.
„Ich finde dich süß“, säuselte der hübsche Junge problemlos.
„Ehrlich?“ Gretchen konnte kaum glauben, was sie da gerade gehört hatte, fanden die anderen, vor allem die Marc-Anhänger, sie sonst immer nur dick und hässlich, von sich selbst ganz zu schweigen. Tim nickte und sah ihr tief in die Augen.
„Ich meine es total ernst, Gretchen“, bestätigte er seine Aussage. Dann näherte er sich ihrem Gesicht. Ihre Lippen trafen sich. Sie küssten sich. Kurz, aber nachhaltig.
Von da an waren Gretchen und Tim so etwas wie ein Paar. Zunächst heimlich. Aber die Schulhofspione waren aufmerksam. Und schon bald wusste die gesamte Mittelstufe, was da zwischen Doktors bebrilltem Pummelchen und dem eigentlich gutaussehenden Neuen lief. Dies ließ vor allem einen coolen Zehntklässler nicht unbeeindruckt. Es schmeckte ihm nicht, dass Hasenzahn einen festen Freund hatte. Und er fasste einen Entschluss. Er würde den beiden ihr junges Liebesglück schon vermasseln.

Marc Meiers siebzehnter Geburtstag war eine gute Gelegenheit, um den Plan, den er geschmiedet hatte, in die Tat umzusetzen. Gretchen war ein paar Tage vorher mehr als erstaunt, als sie unerwartet eine Einladung zu der Party erhielt. In ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit vermutete sie, dass Marc inzwischen eingesehen hatte, dass er sich in ihrer Gegenwart zu oft danebengenommen hatte und es jetzt wieder gutmachen wollte, indem er sie zu seinem Geburtstag einlud. Sie war deswegen furchtbar aufgeregt. Was sollte sie bloß anziehen?
„Du kannst alles anziehen und siehst immer noch toll aus“, meinte Tim ernsthaft. Gretchen lief ein wohliger Schauer über den Rücken bei diesen Worten. Ein solches Kompliment hatte ihr noch nie ein Junge gemacht. Sie drehte sich zu ihrem Freund um und lächelte ihn glücklich an, während er auf sie zukam und sie in seine Arme nahm, ihr über den Rücken strich und sie einfach nur spüren ließ, dass er sie wirklich mochte.
Im Grunde war Tim ein ähnlicher Typ wie Mehdi. Er war einfach zu gut für die Welt. Und daher auch sehr vertrauensselig. So sehr er Gretchen auch mochte, aber er sehnte sich danach, zu den anderen Jungen dazuzugehören. Er hatte ein paar Mal Anläufe gemacht, mit Marcs Freunden ins Gespräch bekommen, war aber nicht großartig beachtet worden. Am Vortag von Marcs Geburtstag jedoch stand letzterer plötzlich vor ihm und grinste ihn teuflisch an.
„Hey, Neuer“, sagte ein obercooler Marc.
„Hey“, erwiderte ein verdutzter Tim.
„Sag mal, haste morgen Abend schon was vor?“
„Nö, eigentlich nicht.“
„Das ist gut. Weißt du, bei mir ist nämlich morgen fett Party. Wenn du willst, kannst du auch kommen. Allerdings nur unter einer Bedingung.“
Tim war käseweiß, als Gretchen ihm eine viertel Stunde später auf dem Schulflur entgegenkam.
„Was ist denn los mit dir?“ fragte sie besorgt. „Geht es dir nicht gut?“
„Hab wohl was falsches gegessen“, versuchte Tim sich herauszureden. Gretchen sollte bloß keinen Verdacht schöpfen, dass er mit Marc gesprochen hatte. Und sie schien auch wirklich nichts zu ahnen. Stattdessen war sie überglücklich, als Tim ihr beiläufig erklärte, er wäre auch zur Party morgen eingeladen.
„Super“, meinte sie. „Dann kannst du mich ja morgen abholen und wir gehen zusammen hin.“

Am frühen Abend des darauffolgenden Tages stand Gretchen aufgehübscht parat, als Tim an der Tür ihres Elternhauses klingelte. Ein stolzerfülltes Zwinkern von Bärbel folgte, bevor die beiden jungen Leute sich gemeinsam zur Party von Marc Meier aufmachten. Dort angekommen, wurden sie vom Geburtstagskind höchstpersönlich begrüßt. Marc war überfreundlich und nahm sichtlich dankbar das kleine Päckchen entgegen, das Gretchen ihm in die Hand drückte. Das Geschenk war nichts Besonderes, eine selbstaufgenommene Kassette mit angesagten Rocksongs, auf die Marc bekanntlich stand. Er legte das Päckchen beiseite und holte den Neuankömmlingen Getränke. Der Verlauf der nächsten Stunden war angenehm. Gretchen amüsierte sich prächtig und bemerkte dabei kaum, dass Tim immer nervöser wurde. Gegen zehn Uhr entschuldigte er sich schließlich, da er mal zur Toilette müsse. Gretchen dachte sich nichts dabei und begab sich wieder auf die im Wohnzimmer der Meier-Villa provisorisch angelegte Tanzfläche. Auf einmal wurde sie von hinten angesprochen. Sie drehte sich um und sah direkt in Marcs dunkelgrüne Augen. Er kam ihrem Ohr mit seinem Gesicht sehr nahe, so nahe, dass Gretchen seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte und eine Gänsehaut davon bekam.
„Sag mal, kannst du mal eben hoch in mein Zimmer gehen? Ich kann hier unten nicht weg. Aber ich bräuchte dringend mal meine Aerosmith-CD.“ Gretchen nickte ergeben. „Zweite Tür rechts“, rief Marc ihr noch zu und verschwand wieder im Getümmel. Gretchen konnte es kaum glauben. Marc hatte ihr die Erlaubnis erteilt, sein Zimmer zu betreten. Seit Jahren hatte sie schon davon geträumt. Aber wieso jetzt, wo sie einen festen Freund hatte? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, warum Marc ihr gegenüber auf einmal so vertrauensselig war. Frohen Mutes stieg sie also die Treppe hinauf und lief auf die von Marc genannte Zimmertür zu. Vor der Tür stockte sie jedoch, da sie verdächtige Geräusche aus dem Raum dahinter vernahm. Oder bildete sie sich das vielleicht nur ein? Sie tippte auf letzteres und drückte mutig die Türklinke herunter. Als sie die Tür geöffnet hatte, erlebte sie jedoch den Schock ihres bisherigen Lebens. Es war nicht Marcs Zimmer, sondern wahrscheinlich das seiner Eltern. Und in dem großen Doppelbett lagen zwei auf eindeutige Weise miteinander beschäftigte Personen. Eine davon war eine sehr hübsche und sehr schlanke Mitschülerin namens Tatjana, auf die sämtliche Jungs der Mittestufe abfuhren und die sich scheinbar gerade mit einem dieser Jungen vergnügte. Als Gretchen jedoch erkannte, wer sich da zusammen mit Tatjana durch die Laken wälzte, stieß sie einen grellen Schrei aus und rannte eilig und mit Tränen in den Augen die Treppe herunter. In ihrer grenzenlosen Wut und Enttäuschung nahm sie die anderen Jungen und Mädchen nicht mehr wahr, die sie verständnislos anstarrten und tuschelten, ebenso wenig wie Marc, der am unteren Ende der Treppe stand und sich vor lauter Lachen kaum noch halten konnte. Der Junge oben im Bett von Marcs Eltern war niemand anderes als Tim, Gretchens Freund.


Flashback Ende


Es war das Gemeinste und Niederträchtigste, das Marc Gretchen jemals angetan hatte. Er hatte Tim zum Verrat an seiner Freundin genötigt, damit dieser nicht länger als Außenseiter auf dem Schulhof angesehen wurde. Tim hatte anscheinend keine andere Wahl gesehen, als sich auf das „Geschäft“ mit Marc Meier einzulassen, selbst, wenn er dafür seine Freundin hintergehen müsste. Dass Gretchen ihn und Tatjana bei ihrem Stelldichein erwischen würde, konnte oder vielmehr, wollte er nicht ahnen, noch weniger, dass all diese Begebenheiten ein abgekartetes Spiel gewesen waren, um ihn und Gretchen auseinanderzubringen. Sex mit Tatjana war die Bedingung gewesen, die Marc dem „Neuen“ auferlegt hatte. Das Ergebnis war zwar, dass Tim wirklich in Marcs Clique aufgenommen wurde, aber dafür redete Gretchen bis zum Rest ihrer gemeinsamen Schulzeit kein freiwilliges Wort mehr mit ihm. Bis zum heutigen Tag hatte sie nicht vergessen können, wie es sich anfühlte, derart verraten worden zu sein, von einem Jungen, den sie wirklich für eine Weile geliebt hatte. Peters Betrug hatte die alten Wunden kurzzeitig wieder aufgerissen. Erst die Einfühlsamkeit Mehdis hatte Gretchen wieder das Vertrauen in eine Beziehung zurückgebracht. Und jetzt?

„Jetzt ist alles kaputt, deinetwegen“, weinte sie. „Schon wieder.“
„Gretchen“, Marc holte einmal tief Luft, ehe er weitersprach. „Das damals mit Tim war saublöd und unreif. Auch wenn es schon eineinhalb Jahrzehnte zurückliegt, möchte ich mich dafür bei dir entschuldigen. Es tut mir aufrichtig leid. Ich war wirklich ein Idiot damals. Und irgendwie war ich ziemlich eifersüchtig.“
Auf der Stelle drehte sich Gretchen um und sah Marc aus ihren feuchten Augen neugierig an.
„Auf Tim?“
„Ja“, gab Marc zu und sah verlegen auf seine Schuhe.
„Warum?“
„Weil… ich denke, dass ich dich damals irgendwie schon klammheimlich mochte.“
„Und heute? Bist du eifersüchtig auf Mehdi? Wieso?“
„Das habe ich dir schon gesagt, Gretchen.“
„Dann sag es mir bitte nochmal, damit ich es verstehen kann.“
„Ich liebe dich, Gretchen Haase.“

Stille. Betretenes Schweigen auf beiden Seiten.

Gretchen wurde nachdenklich. Meinte Marc es wirklich ernst, oder war es wieder nur eine Masche von ihm, um zunächst ihr Vertrauen zu gewinnen und sie dann, zum eigenen Vergnügen, doch wieder nur zu verletzten? Könnte sie einem Marc Meier überhaupt jemals vertrauen? Ihr Verstand sagte eindeutig nein. Ihr Herz jedoch sprach eine andere Sprache und bedeutete ihr, Marc wenigstens die Chance zu geben, ihr seine Aufrichtigkeit zu beweisen. Das normalerweise vom Herzen gelenkte Gretchen entschied sich aber schließlich doch dafür, endlich einmal auf ihren Kopf zu hören und schüttelte wenige Sekunden später den selbigen, während sie Marc eindringlich aus ihren blauen Augen ansah. Was Marc in diesen Augen sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Da lag so viel Unverständnis, so viel Enttäuschung, so viel Ablehnung drin, dass er innerlich zusammenzuckte. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie vertraute ihm nicht und würde es wohl niemals tun. Marc verstand dies ganz ohne Worte. Niedergeschlagen resignierte er und erhob sich von Gretchens Bett, um den Rückzug anzutreten. Er begriff, dass er heute verloren hatte. Eilig machte er sich aus dem Staub und verließ auf schnellstem Weg das Grundstück der Haases. Er sprang regelrecht in sein Auto und brauste davon. Auf dem Weg nach Hause machte er seiner Enttäuschung Luft, indem er sämtliche Verkehrsregeln missachtete und nur von Glück sagen konnte, dass er schließlich heile vor seinem Wohnhaus ankam.

Kaum hatte Marc seine Wohnung betreten, steuerte er nur noch das Bad an, entledigte sich seiner getragenen Kleidungsstücke und sprang unter die Dusche. Der warme, wohltuende Massagestrahl aus der Regenwasserbrause über ihm tat ihm wohl. Es war, als würden für eine Weile alle Probleme, die sich gerade vor ihm aufgetan hatten, von ihm weggespült. Frisch und besser gelaunt betrat er eine viertel Stunde später sein Schlafzimmer und warf sich erleichtert seufzend aufs Bett. Er streckte alle Glieder weit auseinander und atmete bewusst tief ein und aus, wobei er die Augen geschlossen hielt. Gretchens eindeutiger Blick hatte ihn tief getroffen, das stimmte. Aber irgendwie konnte er nicht glauben, dass bereits alles verloren war. Marc war auch gar nicht der Typ, der einfach aufgab. Er hatte so oft in seinem Leben für das gekämpft, von dem er überzeugt war, zum Beispiel für seine Ausbildung und seine anschließende Medizinerkarriere. Nun würde er eben um etwas kämpfen müssen, das Neuland für ihn war – das Herz einer Frau, die er liebte. Gretchens Herz.






Nachteule Offline

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28.10.2017 22:08
#30 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 30 – Kliniktratsch


Maurice Knechtlsdorfer wunderte sich schon den ganzen Morgen, warum sämtliche Krankenschwestern und auch Ärztekollegen hinter vorgehaltener Hand schmunzelten, sobald er vorüberkam. Hatte er etwas im Gesicht? Prüfend fuhr er sich über die glattrasierten Wangen. Ertasten konnte er nichts. Er musste halt einen Spiegel aufsuchen. Also bog er am Ende des Stationsganges zur Herrentoilette ab. Ehe er diese betreten konnte, kam ihm jedoch Schwester Ingeborg entgegen.
„Ach, da ist ja unser Krankenhaus-Baby“, grinste sie ihm frech ins Gesicht. Verwirrt sah Maurice die junge Schwester an.
„Äh… wieso?“ fragte er ahnungslos.
„Ja, echt süßes Video, Knechtlsdorfer“, mischte sich jetzt auch Schwester Anne ein, die hinter Ingeborg aufgetaucht war.
„Video?“ Maurices Gesicht warf imaginäre Fragezeichen auf.
„Na dieses“, meinte Schwester Ingeborg lachend und steckte ihm ihr Handy hin. Maurice entglitten sämtliche Gesichtszüge. Das war doch er, schlafend und am Daumen lutschend auf der gelben Couch der Familie Haase.
„Ja Herrschaftszeit’n noch aans“, rief er entsetzt aus. „Woher hoabt’s denn des Video?“
„Na, vom Professor“, antwortete Schwester Anne lapidar.
„Wie bitte?“ Maurice konnte es kaum glauben. „Bitte, tut’s mir doch den G‘fallen und löscht des Zeugs wieder, okay? Mir ist des nämlich arg peinlich.“ Mit Hundeblick sah er die beiden Frauen an.
„Du glaubst doch nicht, dass wir die einzigen sind, die das Video bekommen haben?“ fragte Schwester Ingeborg belustigt. „Fast alle Kollegen haben das inzwischen auf ihrem Smartphone.“
„Woas?“ Nun fiel der arme Maurice völlig vom Glauben ab. Er spürte, dass seine Beine leicht nachgaben. Nur mit Mühe konnte er sich am Rahmen der nächstgelegenen Tür abstützen, während das amüsierte Gelächter der Krankenschwestern immer noch seine bereits arg gebeutelten Ohren touchierten.
In dem Moment kam Frau Dr. Hassmann um die Ecke. Sie bemerkte die aussichtslose Situation ihres jungen Kollegen und empfand ein leichtes Mitgefühl für ihn. Dafür hatte sie bestimmte Gründe, die sie jedoch schon seit Jahren in die hinterste Schublade ihres Erinnerungsvermögens gesteckt hatte.
„Haben Sie nichts zu tun, meine Damen?“ fragte sie bissig. „Na, an die Arbeit! Zack, zack!“
Verlegen sahen Schwester Ingeborg und Schwester Anne die Neurochirurgin an und verschwanden schnell auf ihre Stationen.
„Danke“, hauchte Maurice Knechtlsdorfer der Kollegin erleichtert zu.
„Na, keine Förmlichkeiten bitte“, erwiderte diese nur und wandte sich bereits wieder dem Gehen zu. Vorher drehte sie sich aber noch kurz zu dem jungen Österreicher um.
„Sie können sich ja in, sagen wir mal, einer Stunde in der Cafeteria mit einem Becher Cappuccino bei mir revanchieren.“ Mit einem Zwinkern drehte sie sich erneut halb um ihre Achse und lief davon. Perplex sah Maurice ihr nach. Diese Frau war einfach der Wahnsinn, schoss es ihm durch den Kopf.




Eine Station weiter tigerte ein dunkelhaariger Gynäkologe unruhig in seinem Sprechzimmer hin und her. Er wirkte schon auf den ersten Blick nervös und übermüdet. Die Ringe unter seinen ohnehin schon dunklen Augen verrieten, dass er in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugemacht hatte. Immer wieder taten sich in seinem Inneren die Bilder des gestrigen Morgens auf, als ein halbnackter Marc Meier seelenruhig aus Gretchens Zimmer spaziert kam. Bei der Erinnerung daran wurde Mehdi immer noch schlecht, denn vor lauter Wut und Enttäuschung verkrampfte sich sein Magen permanent. Das hätte er nie von ihr gedacht. Er war tatsächlich auf das bezauberndste Geschöpf auf Erden – neben seiner Tochter – hereingefallen. Gretchen Haase war nicht der Unschuldsengel, für den sie sich ausgab. Sie hatte ihn betrogen, nicht nur einmal. Er hatte gewusst, dass sie vor Urzeiten einmal für Marc geschwärmt hatte. Aber das war doch so lange her! Wie sollte er da annehmen, dass sie immer noch auf diesen arroganten Mistkerl stand?
Wütend fegte Mehdi die Papiere auf den Boden, die auf seinem Schreibtisch lagen. So konnte es nicht weitergehen! Er brauchte eine Weile Abstand, soviel stand fest. Kurzentschlossen piepte er einen seiner stationären Kollegen an, um seine Schicht auf diesen zu übertragen. Dann machte er sich auf in das Büro des Professors. Er brauchte Urlaub, dringend. Mehr als erstaunt verließ er das Chefarztbüro nach wenigen Minuten wieder. Das war ja leicht gewesen! Der Professor hatte ihm ohne weiteres das spontane Urlaubsgesuch bewilligt und sogleich seine Sekretärin angewiesen, den Dienstplan auf der Gyn schnellstmöglich zu überarbeiten und Dr. Kaan für ganze zwei Wochen freizustellen. Dankend verabschiedete sich Mehdi schließlich wieder vom Vater seiner Exfreundin und atmete erleichtert auf. Er wusste, er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Nun musste er nur noch seinen Eltern erklären, dass sie Lilly für eine Weile bei sich aufnahmen und sich an seiner Statt um sie kümmerten, bis er von seiner Reise, die ihn an ein noch unbekanntes Ziel führen sollte, wieder zurückkehrte. Tief entschlossen trat er den Weg zur Umkleide an, um seinen Spint vorläufig leerzuräumen. Anschließend verabschiedete er sich im Schwesternzimmer kurz von Sabine, die ihm vollkommen irritiert nachsah, als er zum Fahrstuhl lief. Wenige Minuten später konnte man seinen blauen Mercedes-Kombi vom Krankenhausparkplatz rollen sehen. Mehdi war fort. Vorerst. Gretchen allerding hatte davon noch keinen blassen Schimmer.




Die junge blonde Ärztin hatte sich für die nächsten Tage bis zum Wochenende frei genommen und verkroch sich in ihrem Zimmer. Zu ihrem Erstaunen hatten Gretchens Eltern riesiges Verständnis für sie und ließen sie meistens in Ruhe. Sie nutzte die Zeit und schrieb Tagebuch, las in einem Buch oder sah sich auf ihrem kleinen roten Fernseher das Tagesprogramm auf RTL an. In den Daily-Soaps ging es kaum mehr turbulent zu als in ihrem eigenen Leben, stellte sie erstaunt fest. Hier Intrigen, da ein Betrug, dort eine ungewollte Schwangerschaft – so ähnlich, wie das, was sie real gerade erlebte. Okay, schwanger war sie definitiv nicht und hatte auch nicht vor, es in nächster Zeit zu werden. Von wem denn auch? Mehdi war fort. Sie hatte mehrfach versucht, ihn telefonisch zu erreichen, hatte ihm SMS geschrieben und ihn darin gebeten, ihr wenigstens noch ein einziges Mal zuzuhören. Doch er ignorierte sie.
Und Marc? Was ihn anging, war sie immer noch furchtbar wütend auf ihn. Zuerst verführte er sie im trunkenen Zustand und ließ sich danach wochenlang nicht bei ihr hören. Dann erfuhr sie nebenbei, dass er ihr neuer direkter Chef werden würde. Ihre Eltern luden ihn zum Essen ein, füllten ihn und sie mit Rotwein ab und ließen es zu, dass ihre Tochter erneut mit ihrem früheren Schwarm im Bett landete. Mehdi erfuhr das alles und trennte sich von ihr. Und anschließend gestand Marc ihr erneut seine Liebe. Es hatte Zeiten gegeben, da hätte sie alles für ein solches Geständnis getan. Aber das war lange her. Sie vertraute Marc einfach nicht mehr. Sie konnte es nicht. Sie wollte doch nur, dass das alles aufhörte, dass sie im nächsten Moment aufwachte und merkte, dass sie nur schlecht geträumt hatte.




Maurice Knechtlsdorfer saß bereits seit zehn Minuten in der Cafeteria, als Dr. Hassmann sich endlich zu ihm gesellte. Ohne großartige Erklärungen setzte sie sich an seinen Tisch und ließ sich von ihm in ihrer bekannten herumscheuchenden Art einen Cappuccino holen. Zu ihrem Erstaunen jedoch schien sich der Österreicher sehr darüber zu freuen, ihr zu Diensten sein zu dürfen. Übertrieben lächelnd stellte ihr der junge Assistenzarzt wenig später einen gut gefüllten Becher mit dem verlockend duftenden Kaffeegetränk vor die Nase.
„Wie Sie’s g’wünscht hoab’n, Frau Dokta Hassmann, ungesüßt, oaba mit extra viel schaumiger Milch“, erklärte er dabei zuvorkommend.
„Ja, danke“, erwiderte die Brünette knapp und beugte sich etwas vor, um an dem noch heißen Cappuccino zu nippen. Genüsslich leckte sie sich im Anschluss den leichten Milchbart von der Oberlippe, was Maurice Knechtlsdorfer fasziniert beobachtete. Dieser Anblick war für ihn insgeheim hocherotisch. Und hinter seinem inneren Auge malte er bereits aus, dass dies nur der Anfang einer ganzen Reihe hocherotischer Taten seitens dieser Rassefrau sei. Debil und abwesend vor sich hingrinsend stellte er sich vor, sie täte es nur für ihn. Er verlor sich so sehr in seiner Phantasie, dass er gar nicht bemerkte, wie ihn Dr. Hassmann skeptisch ansah.
„Habe ich einen Pickel auf der Nase oder was?“ fragte sie barsch. Maurice schreckte aus seinem etwas unanständigen Tagtraum auf und wirkte im Nu recht verwirrt.
„Ähm… naaa“, stammelte er heftig den Kopf schüttelnd. „Sie seh‘n perfekt aus wie immer, Frau Dokta“, schmeichelte er.
„Schleimen Sie nicht so hier rum, Knechtlsdorfer“, meinte Maria Hassmann trocken. „Die Bienchenstempel erteile außerdem nicht ich Ihnen, sondern der Rössel oder in Zukunft dessen Nachfolger.“
„Der Rössel bekommt aan Nachfolger?“ Irritiert blickte Maurice Maria ins Gesicht.
„Wussten Sie das denn nicht?“ Dr. Hassmann war nicht weniger verblüfft über die Aussage ihres zirka sieben Jahre jüngeren Tischnachbarn.
„Ja mei“, antwortete Maurice. „Den Dr. Meier hoab i ja schon kenneng’lernt. Aber dass der Rössel geht, des hoat mir kaana erzählt.“
„Warum, denken Sie, sollte der Dr. Meier hier auf der Chirurgie eine leitende Stelle bekommen haben?“ War der tatsächlich so verpeilt oder tat er nur so?
„Woaß net“, zuckte Maurice ahnungslos mit den Schultern. „Weil der Herr Direktor Haase die Chirurgie erweitern möcht‘, hoab i g’denkt.“
„Dann denken Sie bitte nicht so viel, Herr Knechtlsdorfer, sondern sehen Sie zu, dass Sie endlich Ihre Doktorarbeit fertigstellen! Meine Güte, Sie gehen stramm auf die Dreißig zu! In Ihrem Alter hatte ich neben dem Doktortitel längst die Hälfte meiner Facharztausbildungszeit überschritten.“
„I bin sehr drum bemüht, Frau Dokta Hassmann. Aber mir fällt nix ein, worüber i forsch’n könnt‘.“
„Warum suchen Sie sich nichts aus der Neurochirurgie? Das ist ein sehr spannendes Feld, sonst hätte ich mich selbst ja nicht dafür entschieden. Ich könnte Ihnen wirklich gute Bücher ausleihen, je nach Thema.“ Groß sah Maurice sie an, nachdem sie fertiggesprochen hatte.
„Des würd’n Sie für mich tun, Frau Dokta?“ fragte er erstaunt und freudig zugleich.
Maria nickte und lächelte schief. Wieso habe ich das jetzt bloß vorgeschlagen? dachte sie verzweifelt und erteilte sich innerlich mehrere Ohrfeigen für ihr vorschnelles Mundwerk. Jetzt hatte sie den Schleimspurzieher wochenlang an der Backe. Na, immerhin sah er hübsch aus. Das entschädigte wenigstens etwas für seine auf Dauer wirklich nervige Art, die er ständig an den Tag legte.
„Des vergess i eana nie, woas Sie für mich tun“, grinste Maurice einen Augenblick später.
Maria Hassmann, die ihren Cappuccino bereits ausgetrunken hatte, hatte mittlerweile genug von der Gesellschaft des Österreichers und sah demonstrativ auf die Wanduhr über der Kantinentür. Schnell erhob sie sich von ihrem Stuhl.
„Ich muss dann mal wieder auf meine Station“, erklärte sie hastig. „Vielen Dank für den Cappuccino.“ Kurz darauf verließ sie mit einem lauten Klackern ihrer hochhackigen Schuhe die Cafeteria und hinterließ einen verträumten Maurice Knechtlsdorfer an dem zuvor gemeinsamen Tisch.
„Jessas“, murmelte dieser völlig in seinen Gedanken treibend. „Hoat di aan Fahrg’stell.“
Am Tisch nebenan verfiel Dr. Fuchs von der Radiologie ins Schmunzeln, nachdem er die genuschelten Worte des Kollegen genau vernommen hatte.
„Passen Sie auf, Knechtlsdorfer“, warnte der ältere Kollege den jüngeren. „An dieser Frau haben sich schon viele Männer die Finger verbrannt.“
„Na, des moacht mir nix“, erwiderte Maurice lässig. „Jeder Topf findet amoal saanen Deckel.“
„Aha“, sagte Dr. Fuchs kopfnickend. „Und Sie glauben, dass Sie der passende Deckel für Dr. Hassmann sind? Sagen Sie jetzt nicht, Sie haben sich in die verguckt!“
„Woaß net“, zuckte Maurice mit den Achseln. „Oaber des werd‘ i schon noch rausfind’n.“
„Und wie wollen Sie das machen?“
„I werd‘ einfach auf die Neuro wechseln. I glaub eh schon lang, dass die Allgemeinchirurgie nix für mich ist. Außerdem glaub I, dass der neue Oberarzt, also der Herr Dokta Meier, sowieso nur Augen für die Tochter vom Chef hoab’n wird.“
„Wieso denn das?“
„Na, I hoab selbst g’sehn, dass der Herr Dokta die letzte Nacht im Bett von der Frau Dokta Haase verbracht hat.“ Nun rückte Dr. Fuchs ein wenig näher an Maurice heran. Auch er hatte das Video vom schlafenden Knechtlsdorfer erhalten und wusste bereits, dass dieser in der vergangenen Nacht im Haus des Professors genächtigt hatte, weshalb er sich diesbezüglich nicht wunderte. Die Neuigkeit, dass Kollegin Haase allerdings was mit dem neuen Oberarzt der Chirurgie am Laufen hatte, ließ ihn neugierig aufhorchen. Denn für den neuesten Krankenhaustratsch war auch ein Dr. Fuchs immer zu haben. Vor allem für so einen pikanten.
„Na, das ist ja mal interessant“, sagte dieser und ließ sich die ganze Geschichte vom Kennenlernabend bei den Haases erzählen. Maurice, in seiner ganzen vertrauensseligen Naivität, ließ kein Detail aus und schilderte ebenso den eifersüchtigen Auftritt des Dr. Kaan am Morgen. Dr. Fuchs sog die Worte seines jungen Kollegen begierig auf und brannte nur darauf, das Erfahrene im Anschluss an die Kantinenpause seinem besten Freund, Dr. Schmidt von der Inneren, weiterzuerzählen. Denn Dr. Fuchs war stolz, dass er wieder einmal eher von so einer süffisanten Sache erfahren hatte als seine Kollegen. Und so kam es, dass die Nachrichtenmaschine bald auf Hochtouren arbeitete und pünktlich zu Beginn der Spätschicht mindestens die Hälfte des Krankenhauspersonals darüber Bescheid wusste, dass der Rückkehrer, Dr. Meier, die Stelle als Oberarzt der Allgemeinchirurgie wohl nur deswegen bekommen hatte, weil er regelmäßig die Tochter des Professors flachlegte. Somit hatte Maurice Knechtlsdorfer ungewollt die Gerüchteküche angeheizt. Als er es bemerkte, war es schon zu spät, um den Tratsch noch aufzuhalten. Andererseits, über das peinliche Video, das ihn schlafend und am Daumen nuckelnd auf der Couch der Familie Haase zeigte, wurde zu seinem Glück nicht mehr gesprochen. Zudem hatte er eine weitere mehr oder weniger erfreuliche Begegnung mit Dr. Hassmann, auf die er im ansonsten leeren Stationszimmer traf. Sie saß dort Zeitschriften lesend am runden Tisch, die schlanken, langen Beine übereinandergeschlagen und den linken Unterarm locker auf die Tischplatte gelehnt. Als sie den jungen Österreicher bemerkte, sah sie auf und grinste ihn anzüglich an. Maurice musste schlucken, als er ihren lüsternen Blick erhaschte. Und ehe er sich’s versah, war sie von ihrem Platz aufgesprungen und schritt lasziv auf ihn zu. Natürlich hatte sie bereits bemerkt, dass dieser Auftritt den armen Assistenzarzt stark überforderte, vor allem den „kleinen“ Knechtelsdorfer. Nur mit Mühe hielt Maurice seine paar Gedanken zusammen. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, als Maria Hassmann unmittelbar vor ihm stand und er einen genaueren Blick auf ihr Dekolletee werfen durfte, welches nur dürftig durch die großzügig geöffnete Bluse verdeckt wurde.
„Schlaf mit mir“, hauchte sie ihm entgegen. Nur zu gerne wollte Maurice ihren Wunsch erfüllen.

Plötzlich jedoch spürte er einen brennenden Schmerz auf seiner linken Hand und erwachte aus seinem erotischen Tagtraum. „Deifl noch aans“, schimpfte er und schüttelte seine Hand, über die er sich den heißen Kaffee aus seiner Tasse hatte laufen lassen. Hektisch pustete er, um den Schmerz zu lindern.
„Am besten sofort unter kaltes Wasser“, riet ihm Dr. Hassmann, die noch immer auf ihrem Stuhl am Tisch saß, in ihrer normaltypischen lässigen Art. „Sonst gibt’s Blasen“, fügte sie ruhig hinzu und widmete sich wieder ihrer Zeitschrift. Maurice achtete nicht mehr besonders auf sie, sondern beeilte sich, um seine Hand dem kühlen Nass aus dem Wasserhahn zuzuführen. Tatsächlich ließ die Pein bald nach. Inzwischen war auch Maria Hassmann aufgestanden und kramte im Medizinschrank nach einer Brandsalbe, die sich dank Schwester Sabines akkurater Schrankordnung auch schnell finden ließ. Damit lief sie zu Maurice, der seine lädierte Hand inzwischen in ein Handtuch gewickelt hatte und diese fast schützend an seine Brust gedrückt hielt.
„Hand her“, befahl Maria. Maurice zögerte.
„Woas wulln’s moach’n, Frau Dokta?“ fragte er unsicher.
„Na, Ihre verletzte Hand fachgerecht behandeln“, antwortete die resolute Ärztin. „Also, was ist nun?“
„Okay.“ Vorsichtig streckte er seine umwickelte Hand vor. Die Ruhe in Person, befreite Maria den lädierten Körperteil ihres Gegenübers langsam und warf das Handtuch anschließend hinter sich zu Boden. Behutsam trug sie die Spezialsalbe auf die verbrannte Hautstelle auf und verrieb die Creme sanft. Anschließend legte sie Maurice einen fachmännischen Verband an. Er ließ sie dabei nicht aus den Augen. Er lächelte beseelt, während Maria ihn verarztete.
„So“, sagte diese nach einer Weile. „Das muss jetzt noch einziehen. Wenn Sie sie ordnungsgemäß nachbehandeln, ist die Brandstelle in ein paar Tagen wieder weg.“ Damit legte sie die Salbe wieder zur Seite und kehrte zu ihrem Stuhl zurück, um sich wieder ihrer Zeitschrift zu widmen.
„Danke“, sagte Maurice Sekunden später leise.
„Ja, ja, schon gut“, winkte Maria entnervt ab. „Davon kann ich mir auch nichts kaufen.“
Maurice wollte ansetzen, noch etwas zu sagen, ließ es aber bleiben. Es hatte doch sowieso keinen Sinn. Er fühlte sich zu der taffen Neurologin mehr als hingezogen. Doch sie verhielt sich irgendwie so abweisend ihm gegenüber. Es schien sie etwas an ihm zu stören. Oder konnte sie ihn am Ende gar nicht mal leiden? Aber warum hatte sie ihm denn gerade geholfen? Nur, weil sie es als Ärztin als ihre Pflicht ansah? Sein Herz verzog sich qualvoll bei diesem Gedanken. Maurice war sich sicher, er hatte sich in Maria Hassmann verliebt. Doch so wie sie drauf war, würde sie seine Gefühle niemals erwidern. Seufzend gab Maurice auf und verließ das Stationszimmer. Mit hängenden Schultern und einer schmerzenden, verbrühten Hand lief er seinem Feierabend entgegen. Es war wohl nicht sein Tag gewesen. Erst das blöde Video, dann der Kliniktratsch und dann die offensichtliche Abweisung durch seine Traumfrau. Niedergeschlagen verließ Maurice das Klinikgebäude und schlurfte zur nächsten Bushaltestelle. Während er auf den Bus in seine Wohngegend wartete, konnte er beobachten, wie das silberne Auto seiner Angebeteten etwa zwanzig Minuten, nachdem er aus dem Krankenhaus gekommen war, davonrollte und in der dunklen Nacht allmählich verschwand.




Nachteule Offline

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05.11.2017 00:29
#31 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 31 – Mehdis Flucht


Zum dritten Mal begann der CD-Wechsler seines Autoradios die neueste Beyoncé-Scheibe abzuspielen. Seit etwa sechs Stunden saß Mehdi, von einem Raststätten-Besuch mal abgesehen, in seinem dunklen Kombi und fuhr ziellos gen Westen. Er hatte tatsächlich keine Ahnung, wohin ihn seine Reise führen würde. Im Moment tendierte er stark dazu, sich für ein paar Tage auf einer der norddeutschen Inseln niederzulassen. Vielleicht Sylt oder Helgoland. Bis auf Rügen und Hiddensee war er, was die heimatlichen Eilande anging, noch recht unerfahren. Selbst an der Nordsee war er noch nie gewesen, da sowohl seine Eltern, als später auch Anna die an Berlin näher gelegene Ostseeküste bevorzugten.
Irgendwo bei Bremen versagte dann Mehdis Navi. Es gab einfach den Geist auf. Da er nicht im Besitz einer herkömmlichen Straßenkarte war, verlor er ein bisschen die Orientierung. Wenn er nach Sylt wollte, musste er nun Richtung Hamburg oder doch eher nach Oldenburg? Konnte man nicht von Wilhelmshaven aus ein Schiff nach Helgoland bekommen? Wie war das auch noch? Kurz vor Bremen steuerte er einen kleinen Rastplatz an. Dann würde er eben sein Handy zu Rate ziehen und für recht teures Geld im Internet surfen, um zu erfahren, welchen Hafen er denn nun würde ansteuern müssen. Er ärgerte sich ein wenig, denn er war ohne jegliche Vorbereitung, quasi Hals über Kopf, losgefahren. Und nun auch noch die nächste niederschmetternde Erkenntnis – er hatte kein Netz.
Nun gut, er würde halt nach Oldenburg fahren und von dort aus weiter nach Wilhelmshaven. Da es noch mitten am Tag war, hatte er gute Chancen, rechtzeitig zum Anleger zu kommen, um das letzte Schiff zu Deutschlands einziger Hochseeinsel zu erreichen.
Mit neuer Motivation steuerte Mehdi seinen Wagen wieder auf die Autobahn. Hinter Oldenburg lauerte dann die nächste nicht besonders angenehme Überraschung. Er seufzte tief, als er die A29 wegen einer Vollsperrung verlassen musste. Also müsste er das nächste Stück seiner anvisierten Wegstrecke durch die Pampa fahren, hoffend auf eine gute Beschilderung, die ihn problemlos zum Ziel bringen würde.
Die viele Fahrerei forderte von Mehdi eine ganze Menge ab, noch dazu die Konzentration, die er jetzt gebrauchte, um sich nicht zu verfahren. Aber genau um diese war es immer weniger bei ihm bestellt, zumal er gerade wieder einmal an Gretchen denken musste. Gestern Morgen noch hatte er gedacht, alles wäre in bester Ordnung und fühlte sich übermäßig glücklich und zufrieden mit seinem Leben.
Dann der Schock, als ihm vor dem Zimmer seiner Freundin in deren Elternhaus plötzlich der halbnackte Marc Meier gegenüberstand und ihm auch noch dreist mitteilte, bereits zwei Nächte mit Gretchen verbracht zu haben, zwei Nächte, in denen sie ganz bestimmt nicht einfach nur miteinander geredet hatten. Er war noch immer sehr wütend über das, was er mehr oder weniger zufällig erfahren hatte. Seine Enttäuschung über Gretchens Untreue war immens. Warum immer er? Erst Anna, die ihn und das gemeinsame Kind wegen ihrer Tänzerinnenkarriere verlassen hatte. Nun auch noch Gretchen, die ihn seit Wochen belog. Vielleicht hätte er ihr ja den ersten Seitensprung mit Marc früher oder später verzeihen können, wäre sie nur ehrlich zu ihm gewesen. So hätte sich der zweite Fehltritt ihrerseits sicher verhindern lassen. Aber nein, Madame vertraute ihm anscheinend so wenig, dass sie ihm lieber verheimlichte, was sie getan hatte. Und wäre er nicht zufällig zur richtigen Zeit im Hause Haase gewesen, hätte sie ihm wahrscheinlich auch heute Morgen die treusorgende, liebende Freundin vorgespielt. Ja, vorgespielt! Treue! Ha! Da pfiff sie doch drauf. Dabei hätte man annehmen können, dass sie sich niemals auf das Niveau ihres Exverlobten begeben würde, da sie schließlich durch dessen Fremdgeherei zumindest wissen müsste, wie es sich anfühlte, auf diese Art und Weise verletzt zu werden.

Wütend schlug Mehdi auf sein Lenkrad und wäre danach beinahe von der Straße abgekommen, aber nur beinahe. Das gefährliche Rappeln unter den Reifen seines Autos und das leichte Schlingern des Wagens holten ihn unmittelbar aus seinen trüben Gedanken heraus und machten ihm klar, dass er zuletzt kaum mehr auf die Straßenschilder geachtet hatte. Wo war er denn jetzt überhaupt? Wie kam er jetzt nach Wilhelmshaven? Frustriert, dass aber auch gar nicht glattlief im Moment, hielt Mehdi seinen Kombi am Straßenrand an und nahm erneut sein Smartphone in die Hand. Immer noch kein Netz. Na Super! Er beschloss auszusteigen und ein wenig durch die Gegend zu laufen. Er brauchte das jetzt. Er hatte schon viel zu lange gesessen. Vielleicht fand er irgendwo ein Haus, wo er klingeln und nach dem richtigen Weg fragen konnte. Also verließ er sein Auto und schloss es vorsorglich ab. Er ging ein paar hundert Meter voran, dann blieb er stehen und sah sich um. In was für einer Einöde war er denn hier gelandet? Überall nur Wiesen und Felder, die noch im Spätwinterschlaf verweilten, kahle Bäume und Sträucher, die noch längst nicht auf den kommenden Frühling eingestellt waren. Aber weit und breit kein Haus. Mehdi murrte leicht. Zudem war es auch recht frisch hier draußen. Er zog seine daunengefüllte Jacke fester an sich und stopfte seine eisigen Hände unter die Achseln. Nach einigen hundert Metern erblickte er in der Ferne ein Gebäude. Na also, wer sagt’s denn, dachte er, vor Erleichterung grinsend. Er wendete wieder und lief zum Auto zurück. Den Weg zu dem Haus dort drüben würde er fahren. Im Wagen war es halt angenehmer.
Es war ein großes, rotes Backsteinhaus, vor dem er seinen Kombi abstellte. Anscheinend so etwas wie ein Bauernhof. Dieser sah sehr vernachlässigt aus. Das Unkraut wucherte überall, besonders aus dem Kopfsteinpflaster der Hofeinfahrt, welches an vielen Stellen bereits extrem versackt war und somit einige Stolperfallen bildete. Man musste gut aufpassen, um nicht plötzlich umzuknicken und dadurch den Halt zu verlieren. Das stellte Mehdi mehr als einmal fest. Vorsichtig schritt er zur Hausseite, wo er die Eingangstür vermutete. Er fand diese auch, allerdings stand sie etwas offen. Es war vielmehr so, dass sie sich anscheinend nicht mehr richtig verschließen ließ. Mehdi überlegte kurz, ob er in das Haus hineingehen sollte, entschied sich aber dann dazu, erst einmal zu prüfen, ob hier überhaupt noch Menschen lebten.
„Hallo“, rief er laut. Es kam keine Antwort.
„Hallo“, rief er noch einmal. „Ist hier jemand?“ Aber es blieb weiterhin ruhig. Mehdi seufzte auf.
Nachdem er begriffen hatte, dass auf diesem Bauernhof oder dem, was davon noch übrig war, keine weitere Menschenseele zu finden sein würde, stieg er wieder ins Auto und startete den Motor.
Er hatte sich bereits damit abgefunden, das letzte Schiff nach Helgoland heute nicht mehr zu erreichen. Also fuhr er zunächst einmal irgendwohin. Im Laufe der Zeit, so dachte er sich, müsste er in einem größeren Ort oder gar in einer Stadt ankommen, wo er sich für die nächste Nacht ein Hotelzimmer oder eine Übernachtungsmöglichkeit in einer schnuckeligen kleinen Pension suchen würde. Dort würde er sich erst einmal frisch machen und sich eine Mütze Schlaf genehmigen, ehe er morgen früh den nächsten Anlauf unternahm, um zum Anleger nach Helgoland zu kommen.

Er fuhr weiter drauflos, kam sogar durch zahlreiche kleinere Ortschaften, die so interessante Namen hatten wie „Binsum“ oder „Dusterwolde“. Sogar an „Amerika“ beziehungsweise „Neuengland“ und an „Russland“ war er vor einer Weile vorbeigekommen. Und nun passierte er gerade einen Ort mit Namen „Jericho“. Wo in Gottes Namen war er hier? War das ein riesiger Vergnügungspark oder gar ein länderübergreifendes Open-Air-Museum für Geologie-Enthusiasten? Vermutlich wäre Mehdi noch ein Stück weiter gefahren, hätte er nicht endlich mal tanken müssen. Warum auch immer, hatte er nicht besonders auf die bereits blinkende Tankanzeige auf dem Armaturenbrett geachtet, sonst hätte er schon längst gehandelt. Und nun passierte das Unvermeidbare – der Wagen gab seinen Geist auf.
„Mist“, entfuhr es Mehdi. Entnervt fuhr er sich mit der Hand durch seine dichten dunklen Locken. Es klappte aber auch gar nichts mehr heute! Er ließ sich mit seinem Hinterkopf gegen die Kopfstütze des Autositzes fallen und bemühte sich, seinen Atem ruhig und flach zu halten. Auch wenn er schon wieder in einer recht öden Landschaft feststeckte, wusste er diesmal immerhin, in welche Richtung er gehen musste, um zum letzten Dorf, in diesem Fall immer noch jenes geheimnisvolle „Jericho“, zurückzukehren. Hoffentlich gab es dort eine Tankstelle! Außerdem hatte er Hunger. Er atmete einmal tief durch und schloss kurz die Augen, als wolle er dadurch Kräfte sammeln für den Weg ins Dorf. Plötzlich jedoch drang ein seltsames Rattern an sein Ohr, das recht schnell wieder erstarb. Er blickte um sich und erkannte einen dunklen Schatten, der sich auf sein Auto zubewegte. Ein Klopfen an der Autoscheibe ließ ihn leicht zusammenfahren. Im nächsten Moment jedoch hatte sich Mehdi wieder gefangen und kurbelte hektisch die Scheibe herunter.
„Moin“, knurrte ihm ein mittelalter Mann mit Mütze an.
„Ähm“, machte Mehdi etwas irritiert. „Ja, Tag auch.“ Er wusste im Moment nicht, was dieser fremde, etwas unangenehm auf ihn wirkende Mann eigentlich von ihm wollte. Das war doch hoffentlich kein Überfall, dachte er sich leicht panisch.
„Hören Sie“, sagte Mehdi. „Ich bin auf einer Durchreise. Ich habe weder Handyempfang noch ein funktionierendes Navi. Und Geld bekommen Sie von mir auch keins. Und wenn Sie es genau wissen wollen, mein Wagen ist stehengeblieben, weil der Tank leer ist, weil ich mich verfahren habe und nicht genau weiß, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Also, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden! Ich muss zurück zum Dorf und einen Benzinkanister organisieren.“
„Aha“, meinte der Fremde ziemlich uninteressiert.“
„Genau“, erwiderte Mehdi. „Und selbst wenn Sie mich überfallen und ausrauben wollen, muss ich Sie enttäuschen. Ich habe nur Reiseschecks bei mir und absolut kein Bargeld. Also eine Bank muss ich mir auch noch suchen, damit ich überhaupt einen einzigen Cent in die Tasche bekomme. Das bedeutet für Sie, bei mir ist nichts zu holen.“ Er sagte den letzten Satzteil etwas lauter und langsamer und hoffte, den vermeintlichen Räuber damit abschrecken zu können.
„Sie stehen auf meiner Ackerzufahrt“, knurrte der mürrische Mann neben Mehdis Wagentür unbeeindruckt.
„Äh… wie?“ Mehdi stand etwas auf dem Schlauch.
„Sie blockieren mich und meinen Trecker“, ergänzte der andere. Nun fiel bei dem Dunkelhaarigen endlich der Groschen. Er drehte sich nun gänzlich nach hinten und sah hinter seinem Kombi einen dunkelgrünen Traktor stehen.
„Tut… tut mir leid“, murmelte Mehdi verlegen, nachdem er sich dem Mann wieder zugewandt hatte. „Aber ich kann hier leider nicht fort. Mein Auto hat den Geist aufgegeben. Äh… würde es Ihnen vielleicht etwas ausmachen, mich zur nächsten Tankstelle mitzunehmen, damit ich mir dort Benzin besorgen kann? Und am besten vorher noch zu einer Bank, wo ich meine Schecks wechseln kann.“
„Man ist ja kein Unmensch“, nickte der Mann und verzog seine Mundwinkel tatsächlich zu einem sehr, sehr leichten Grinsen. Er lief wieder zu seinem Trecker zurück, während Mehdi aus seinem Wagen stieg und ihm folgte. Er streckte seinem vorübergehenden Helfer, ehe er neben ihn in das Führerhäuschen des Traktors kletterte und sich dort auf einen der Nebensitze niederließ, die Hand hin.
„Kaan“, sagte er freundlich. „Dr. Mehdi Kaan, Gynäkologe aus Berlin.“
„Jan Janssen“, erwiderte der Treckerfahrer, „Ähm… Landwirt aus Jericho.“
Die Fahrt auf dem Traktor war recht ruckelig. Stadtkind Mehdi hatte so etwas noch nie erlebt. Ehrlich gesagt machte es ihm richtig viel Spaß. Und er beschloss spontan, eines Tages mit Lilly einen richtigen Urlaub auf einem Bauernhof zu machen. Es würde ihr gefallen, da war er sich sicher.
Nach etlichen Kilometern Fahrt über eine regelrechte Rappelpiste kamen die zwei Männer endlich an eine Tankstelle, die sich passenderweise neben einer Bank befand. Zunächst tauschte Mehdi dort einen seiner Reiseschecks gegen Bargeld ein. Danach lief er rüber zur Tankstelle und hatte wenige Minuten später einen gut gefüllten Kanister mit flüssigem „Gold“ in der Hand. Jan Janssen wartete bereits wieder auf seinem Trecker auf ihn, um mit ihm zum Auto zurückzukehren. Zu Mehdis Erleichterung war sein Wagen unversehrt. Er betankte ihn mit dem Benzin aus dem Kanister und konnte schon bald den Weg für Jan Janssens Trecker freimachen, damit dieser endlich auf seinen Acker kam. Dank Mehdi hatte er schon einiges an Zeit verloren, um seinem Tagwerk nachgehen zu können. Dennoch winkte er dem Doktor aus Berlin freundlich zu, als dieser sich gerade wieder daran machte, seinen Reiseweg fortzusetzen.

Nach etwa zwanzig Minuten kam Mehdi in einer kleinen Stadt an, die nicht weit entfernt von der holländischen Grenze entfernt lag, wie er von Jan Janssen erfahren hatte. Sogar den Namen eines Hotels hatte der Landwirt ihm genannt, wo der Halbperser die Nacht angemessen verbringen konnte. Es war ein kleines, aber feines Hotel mit direktem Blick auf den Hafen der Stadt. Es gab sogar ein Restaurant darin. Mehdi beschloss, in diesem sein Abendessen einzunehmen. Zunächst aber stieg er die breite Treppe des Gasthauses hoch, um zu seinem Zimmer zu gelangen. Zu seiner Freude konnte er vom Fenster aus direkt auf das Wasser sehen. Wie harmlos dieses im Hafenbecken lag! Es hatte eine nahezu beruhigende Wirkung auf Mehdi, im Licht der untergehenden Sonne auf die leichten Wogen und Wellen dort unten zu blicken. Er musste an seinen letzten Spaziergang mit Gretchen am Ufer der Spree denken, wie glücklich sie sich an ihn geschmiegt hatte. Es war noch nicht lange her, um genau zu sein, gerade einmal drei Wochen. Wenige Tage zuvor war sie aus Greifswald zurückgekehrt. Als wäre nichts gewesen, hatte sie sich ihm in die Arme geworfen, sich von ihm küssen und streicheln lassen. Er hatte nichts gemerkt, nicht ein bisschen. Sie hatte gut vor ihm verbergen können, dass sie nur wenige Tage vorher zum anscheinend ersten Mal mit Marc fremdgegangen war. Hätte er es da schon gewusst…! Wie gesagt, er hätte ihr höchstwahrscheinlich verziehen, wenn sie doch einfach ehrlich zu ihm gewesen wäre. Wie leicht konnte so etwas passieren, wenn man sich vielleicht alleine fühlte. Möglicherweise war auch noch Alkohol im Spiel gewesen. Ja, Mehdi wäre zwar enttäuscht gewesen, aber immer noch bereit, um ihr zu vergeben und zu vergessen. Nach gestern war das anders. Er hatte erkennen müssen, dass auch eine Margarethe Haase längst nicht so unfehlbar war, wie diese stets vorgab zu sein. Er hätte mit ihr und mit ihrer Beziehung abschließen können, da war er sich sicher, wenn, ja, wenn er sie nicht so wahnsinnig lieben würde.
Unwillkürlich flossen bei Mehdi die Tränen. Mit der inneren Ruhe war es jetzt vorbei. Er gab sich gänzlich seinen Gefühlen hin. Es zerriss ihn innerlich, das, was geschehen war. Und er wusste nicht, ob es ihm jemals gelingen würde, darüber hinwegzukommen.
„Warum nur“, stammelte er vor sich her, während er tief in sich versunken auf dem Fußboden saß, den Rücken am warmen Metall des Heizkörpers gelehnt. „Warum muss es nur so verdammt wehtun?“
Nach einer ganzen Weile erhob sich der junge Gynäkologe schwerfällig, zog sich seine Jacke über und verließ zuerst sein Zimmer, dann das Hotel. Eine Weile lief er am Ufer des Hafenbeckens entlang, ehe er am Kai stehenblieb und betrübt ins tiefdunkle Wasser starrte. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf diesem wieder und wurden von den vielen kleinen Wellen geschaukelt. Nur wenige Menschen hatte es an diesem sehr kalten Märzabend hierher verschlagen. Im Sommer war das sicher anders. Da bot der Hafen sicher eine atemberaubende Kulisse für so manchen romantischen Abendspaziergang. Mehdi seufzte auf und lief ein paar Meter weiter, ehe er wieder stehenblieb und wieder aufs Wasser blickte. Ob Ertrinken wohl tatsächlich so ein angenehmer Tod war, wie er schon des Öfteren gehört hatte?




Die Menschentraube am Kopfende des Hafenbeckens wurde allmählich immer größer. Wie immer, wenn es irgendwo etwas zu sehen oder mitzuerleben gab, waren die Neugierigen nicht weit. Selbst, wenn es wenige Augenblicke vorher den Anschein gehabt hatte, als wäre in dieser kleinen Stadt an einem frostigen Vorfrühlingsabend nichts los. Ein paar mutige Personen hatten nicht lange gezögert und sich waghalsig in das kalte Wasser gestürzt, um dem scheinbar Ertrinkenden erste Hilfe zu leisten. Mehdi spürte, wie die feuchte Kälte seinen Körper betäubte. Aber er hatte hier eine Mission zu erfüllen. Und dies war wichtiger, als sich über irgendwelche unangenehmen körperlichen Empfindungen Gedanken zu machen. Er kämpfte sich durch das widerspenstige Wasser und prustete ein paar Mal auf, da er ein wenig zu viel davon in seinen Mund bekommen hatte.
Mach schon, sprach er zu sich selbst. Gleich hast du es hinter dir. Er spürte, dass ihn allmählich unter der Anstrengung und der eisigen Kälte sämtliche Kräfte verließen. Aber er gab sich nicht geschlagen. Er tat dies alles hier schließlich nicht zum Vergnügen. Hektisch griff er um sich. Aber er konnte nichts fühlen. Es war, als gäbe es da nichts, außer endloser Leere und Stille. Nur das Wasser und er. Sonst nichts und niemand.




In dem verlassenen Hotelzimmer, in dem Mehdi sich vorübergehend einquartiert hatte, begann sein Smartphone zu vibrieren. Die Melodie von Jennifer Lopèz‘ „Let’s get loud“ erklang. Auf dem Display stand deutlich „Gretchen“ geschrieben.




Nachteule Offline

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05.11.2017 00:29
#32 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 32 – Der stille Held


Gretchen seufzte tief. Zum x-ten Mal hatte sie versucht, Mehdi auf seinem Handy zu erreichen. Aber er ging nicht ran. Entweder, er ignorierte sie geflissentlich oder er hatte sein Telefon ausgeschaltet. Dabei wollte sie ihm doch einfach nur erklären, wie diese blöde Sache mit Marc überhaupt erst hatte passieren können, dass der Alkohol Schuld war. Wenigstens für eine klitzekleine Weile sollte er ihr zuhören, damit sie ihn davon überzeugen konnte, wie leid ihr alles tat.




Die Dunkelheit ergriff ihn. Er hatte den Drang, sich einfach fallenzulassen. Was ihn erwarten würde, wenn er unten ankam, wusste er nicht. Es war ihm egal. Er genoss das Gefühl der plötzlichen Schwerelosigkeit und der Unendlichkeit, in der er sich bewegte. Er hatte keine Angst, vor nichts und niemandem. Er fühlte sich endlich befreit. Die Last, die in den letzten Tagen schwer auf ihm gelegen hatte, war wie weggeblasen. Er konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern und er wollte es auch nicht.
„Mehdi!“ Der liebliche Gesang einer ihm vertrauten Frauenstimme drang an sein inneres Ohr. „Gib mir deine Hand! Wir bleiben zusammen, du und ich und Lilly.“
„Wo ist Lilly?“ fragte er das engelsgleiche Wesen, das plötzlich neben ihm erschienen war.
„Sie ist bei deinen Eltern. Keine Sorge, es geht ihr gut.“
„Gretchen?“
„Ja?“
„Warum bist du hier?“
„Ich lasse dich nicht alleine, Mehdi. Ich liebe dich doch.“
„Warum hast du mit Marc geschlafen?“
„Es war ein Versehen. Und es tut mir so unendlich leid, dass es passiert ist. Glaub mir, ich konnte es nicht kontrollieren. Ich war beide Male betrunken.“
„Man schläft nicht einfach so mit jemandem, Gretchen. Schon gar nicht zweimal. Nicht mit jemandem, der einem egal ist.“
„Ähm… Mehdi, ich weiß echt nicht, was du meinst.“
„Gretchen, jetzt tu doch nicht so! Du kennst Marc Meier seit eurer gemeinsamen Schulzeit. Ich habe eure verstohlenen Blicke gesehen auf meiner Geburtstagsfeier. Du wirktest ziemlich überrascht. Ich meine, du wusstest ja nicht, dass ich ihn eingeladen hatte. Aber dann habe ich mitbekommen, wie ihr euch ständig angesehen habt, wenn ihr euch unbeobachtet fühltet. Ich habe mir zunächst nichts dabei gedacht, außer, dass du dich freust, einen alten Bekannten wiederzusehen. Inzwischen weiß ich diese Blicke besser zu deuten. Ihr hängt immer noch aneinander. Wieso sonst sollte Marc sich um den Posten auf eurer Station beworben haben, wenn nicht, um so oft wie möglich in deiner Nähe zu sein? Schließlich war er Oberarzt in der Charité. Das kleine Elisabethkrankenhaus ist doch eigentlich gar nicht auf seinem Niveau.“
Mehdi machte eine kurze Pause, um Luft zu holen, so sehr hatte er sich beim Reden verausgabt.
„Es passt mir jetzt nicht“, fuhr er so ruhig und besonnen fort, wie es ihm möglich war. Er nahm dieses Gespräch ernst, sehr ernst. Es war wichtig für seine und Gretchens Zukunft, vielleicht gemeinsam, vielleicht getrennt. Das konnte er gerade nicht einschätzen. Er war immer noch verletzt, vor allem, weil sie ihm verschwiegen hatte, wie es wirklich um ihre Gefühle stand, weniger, weil sie Marc körperlich ein paar Mal sehr nahe gekommen war. Er wollte sich doch einfach nur sicher sein, dass ihr Herz nur ihm gehörte, ihm ganz alleine. „Ich meine, dass du hier bist und dabei so tust, als wäre nichts geschehen. Es ist ganz viel passiert, Gretchen. Und ehrlich gesagt brauche ich etwas Zeit.“
„Wozu?“ Gretchens Gesicht sagte, dass sie selbst diese Frage für unnötig hielt, kannte sie doch bereits die Antwort.
„Ich muss herausfinden, ob es sich lohnt, um dich zu kämpfen oder ob Marc Meier zu stark für mich ist“, antwortete Mehdi matt. Die Müdigkeit überkam ihn erneut. Er wollte seine Ruhe haben.
„Geh‘ nach Hause, Gretchen“, bat er sie schwach. „Fahr zurück nach Berlin zu deinen Eltern und finde heraus, was DU eigentlich willst!“ Dann versank er wieder in der wohltuenden Dunkelheit.




„Dr. Kaan?“ Die tiefe Stimme, die seinen Namen aussprach, war ihm fremd. Mühselig öffnete Mehdi erst ein Auge, dann das andere. Gleißendes Licht drang schmerzhaft bis zu seinen Pupillen durch und ließ ihn die Lider sogleich wieder zusammenkneifen.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte die unbekannte Stimme weiter.
„Wo bin ich?“ lautete die schwache Gegenfrage.
„Sie sind hier im Krankenhaus.“
„Warum?“
„Sie wären fast ertrunken, Herr Kollege. Bei dem Versuch, einen alten Mann aus dem eisigen Wasser zu ziehen, haben schlicht Ihre Kräfte versagt. Zum Glück war das Rettungsboot der DLRG recht zügig zur Stelle. Sonst wäre es weniger glimpflich ausgegangen.“
„Wie lange habe ich geschlafen?“
„So etwa zwanzig Stunden.“
„Zwanzig Stunden?“ Mehdi konnte es kaum fassen. Plötzlich erinnerte er sich wieder an ein bestimmtes Gespräch, dass er in einer scheinbaren Wachphase geführt hatte.
„Wo ist meine Freundin?“ fragte er matt.
„Ihre Freundin?“ Der Arzt war sichtlich überrascht. „Sollen wir sie kontaktieren? Können Sie uns ihre Kontaktdaten nennen?“
„Aber sie war doch schon hier“, erklärte Mehdi mit Nachdruck.
„Wann soll das gewesen sein?“ Der Kollege hatte wirklich keine Ahnung.
„Na, ich habe doch gerade mit ihr gesprochen.“
„Sie haben geträumt, Dr. Kaan“, lautete die plausible Erklärung.
Hatte er das wirklich? War es wirklich nur ein Traum gewesen? Aber er hatte sie doch genau gesehen und gehört! Gretchen war hier gewesen. Warum hatte das denn keiner gesehen? Sie hatte gesagt, dass sie ihn liebte und dass es ihr leid täte, was sie getan hatte. Er hingegen hatte sie nach Hause geschickt, ehe er wieder eingeschlafen war. Das war es, woran er sich noch genau erinnerte. Konnte ihn sein Unterbewusstsein so täuschen?




Mehdi hatte sich durch seine unvoreingenommene Rettungsaktion zum Glück nicht mehr als eine mittelschwere Erkältung zugezogen. Vorerst blieb er zur Beobachtung im Krankenhaus der kleinen Stadt, ehe er wieder in sein Hotel zurückkehren durfte. Und kaum war er dort angekommen, als er auch schon von sämtlichen lokalen Presseleuten und sogar vom regionalen Fernsehen in Beschlag genommen wurde. Eigentlich war Mehdi gar nicht danach zumute, sich dem Rummel um seine Person hinzugeben. Alles, was er wollte, war seine Ruhe. Am zweiten Tag kamen schließlich seine Eltern im Hotel an. Und sie waren nicht alleine, denn sie hatten Lilly dabei, die ihrem Vater voller Freude um den Hals fiel, während ihre Oma und ihr Opa einfach nur erleichtert darüber waren, dass ihr Sohn seine Heldentat ohne nennenswerte Schäden überstanden hatte. Dennoch drängte es Frau Kaan, mit ihrem Jungen mal ein ernstes Wort zu reden. Wie gut, dass die quirlige Lilly es auf die Aquarien in der Hotellobby abgesehen hatte und ihren Großvater dazu überreden konnte, sich diese mit ihr zusammen anzusehen.
Azita Kaan setzte sich neben Mehdi auf das dunkelblaue Sofa und sah ihn besorgt an.
„Hast du Gretchen schon angerufen?“ fragte sie mit bedachter Ruhe. Mehdi sah sie hingegen nicht an, sondern stützte sein Kinn auf beide Hände, während seine Ellbogen sich in seine weit ausgebreiteten Knie drückten. Er zog es vor zu schweigen. Doch dieses Schweigen war Azita Kaan Antwort genug.
„Dann ist es also vorbei zwischen euch?“ fragte sie verständnisvoll weiter und legte ihre flache Hand behutsam auf den gekrümmten Rücken ihres Juniors.
„Es hat nicht gepasst“, presste Mehdi mühsam hervor. Er wollte vermeiden, dass seine Eltern Gretchen die Schuld an allem gaben. Das hatte selbst sie nicht verdient.
„Das ist schade“, erwiderte Frau Kaan ehrlich betroffen. „Ich mag sie wirklich. Sie ist so eine herzliche, unvoreingenommene Person. Und Lilly findet sie auch ganz toll.“
„Ich weiß“, murmelte Mehdi schwer verstehbar in sich hinein. „Aber man kann das Glück nicht immer erzwingen.“
„Es ist nur so plötzlich“, sagte seine Mutter. „Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass ihr perfekt zusammenpasst.“
„Das hattest du bei Anna und mir auch“, entgegnete Mehdi vorwurfsvoll. „Mama, was nach außen perfekt scheint, muss nicht zwangsläufig wirklich so sein.“
„Hast du mit ihr Schluss gemacht?“
„Ja. Weil ich im Gegensatz zu ihr eine realistische Selbsteinschätzung besitze.“
„Also waren deine Gefühle für sie nicht tief genug. Obwohl, das kann ich gar nicht richtig glauben.“
„Oh doch, Mama“, rief Mehdi jetzt aufgebracht. „Sie waren tief, um nicht zu sagen, sie waren ZU tief.“
„Und warum die Trennung? Mehdi, ich verstehe das alles nicht.“
Wieder begab sich Mehdi in die vorherige, embryoartige Haltung. Er atmete tief ein und aus, ehe er kleinlaut zugab: „Weil ich wahrscheinlich nicht für eine dauerhafte Beziehung gemacht bin.“
Azita Kaan konnte kaum glauben, was ihr Sohn da soeben gesagt hatte. Und ihren Unmut darüber tat sie auch gleich kund.
„Aram Mehdi Kaan!“ rief sie empört aus. „Das ist doch gar nicht wahr! Du bist ein wunderbarer Mensch, der so viel Liebe zu geben hat. Viel mehr Liebe als Anna oder Gretchen oder sonst eine Frau jemals verdient hätten. Ich weiß nicht, was zwischen dir und deiner Freundin…“,
„Exfreundin, Mama!“
„Okay, was zwischen dir und Dr. Haase vorgefallen ist. Aber dir die alleinige Schuld dafür zu geben, halte ich für alles andere als angebracht. Denk mal darüber nach, mein Sohn!“ Sie seufzte tief auf und erhob sich dann, um nach draußen zu gehen und etwas frische Luft einzuatmen. Das brauchte sie jetzt. Sie hatte das Gefühl, ihren Sohn gar nicht mehr richtig zu kennen. Klar, auch nach der Trennung von Anna hatten ihn Selbstzweifel gepackt. Er war sogar eine Weile in psychologischer Behandlung gewesen deswegen. Aber das jetzt, das war komplett anders. Mehdi erschien ihr so verbittert wie noch nie. Wenn er wenigstens geweint hätte wie damals, nachdem Anna so plötzlich abgereist war, hätte sie ihn in den Arm nehmen und ihn trösten können, wie nur eine Mutter es vermochte. Jetzt aber hatte sie das Gefühl, als wolle Mehdi gar nicht mit ihr über seinen Kummer reden, als wolle er sie aus seinem Leben, das er gerade führte, ausschließen. Sie verstand ihn einfach nicht mehr, ihren Sohn, Aram Mehdi – den „stillen Retter“, der noch vor kurzem heldenhaft sein Leben riskiert hatte, um ein anderes zu retten, der aber nicht in der Lage war, seine Liebe zu retten, weil er es gar nicht erst versuchte, weil er es anscheinend nicht versuchen wollte. Azita Kaan beschloss zu handeln. Es wäre doch gelacht, wenn es ihr nicht gelänge, Mehdi und sein Gretchen wieder zusammenzubringen. Sie mochte die junge blonde Ärztin, die so anders war als all die anderen jungen Frauen, denen Azita in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Beraterin alleinerziehender Mütter sonst begegnete. Zum ersten Mal nach der Scheidung ihres Sohnes, hatte sie das Gefühl gehabt, dass er mit Gretchen die Richtige für sich gefunden hatte. Und von dieser Meinung ließ sie sich nicht mehr abbringen. Klammheimlich verzog sie sich wenige Minuten später auf ihr Zimmer und hob den Hörer ihres Telefons ab. Sie wählte die Nummer einer bekannten Auskunft.
„Verbinden Sie mich bitte mit Frau Dr. Margarethe Haase in Berlin, wohnhaft bei Professor Dr. Franz Haase“, sprach sie und wartete, bis ein erkennbares Tuten die erfolgreiche Telefonverbindung ankündigte.




In einer schmucken Villa in Berlin-Zehlendorf hastete eine junge, blonde Frau, welche die letzten Stunden mehr oder weniger gelangweilt vor dem großen Plasmafernseher im Wohnzimmer ihrer Eltern verbracht hatte, zum klingelnden Telefon, das sich auf der Kirschholzkommode in der großen Diele befand.
„Haase“, keuchte sie in den Hörer.
„Gretchen“, erklang eine ihr wohlbekannte weibliche Stimme. „Azita hier. Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen. Mehdi… er wäre fast ertrunken.“





Nachteule Offline

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11.11.2017 19:09
#33 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 33 – Entschlüsse


„Oh mein Gott“, konnte Azita Kaan lediglich schwach durch das Telefon hören. Danach herrschte eine Weile Schweigen.
„Gretchen?“ fragte die gebürtige Perserin vorsichtig. „Bist du noch da?“
Ein kurzes Räuspern diente als Antwort.
„Ist… war es… also, hat er versucht…?“ Gretchen wagte nicht, auszusprechen, was ihr soeben durch den Kopf ging. Sie war dazu überhaupt viel zu verwirrt angesichts der jüngsten Neuigkeiten um ihren Freund.
Mehdis Mutter antwortete nicht darauf. Stattdessen nannte sie Gretchen schnell die Adresse vom Hotel, in dem die Familie Kaan sich gerade aufhielt. Sie hatte ohnehin keine Zeit mehr, weiterhin mit der Exfreundin ihres Sohnes zu reden, denn am anderen Ende der Hotellobby winkte ihr Lilly aufgeregt zu. Schließlich stand dieser ein Ausflug mit ihren Großeltern in ein Miniaturmuseum bevor, von dem in einer Hotelbroschüre die Rede gewesen war und welches die drei Kaans neugierig machte, um was es sich wohl genau dabei handelte. Azita beendete das Gespräch und steckte ihr Handy in ihre Handtasche, um sich daraufhin zu ihrer Familie zu gesellen.
„Mit wem hast du gesprochen?“ fragte Lilly wissbegierig.
„Ach, mit der Nachbarin“, meinte die Großmutter ausflüchtend. „Ich wollte nur sicher gehen, dass mit unserer Wohnung alles in Ordnung ist.“
„Achso“, erwiderte Lilly darauf und hüpfte munter vor den Großeltern her zum Hotelausgang.
„Schade, dass Mehdi nicht mitkommen möchte“, meinte Josef Kaan bedauernd.
„Er ist eben noch sehr müde und braucht seine Ruhe“, erklärte seine Frau. „Die Erkältung steckt ihm noch in den Knochen. Lilly, jetzt renn doch nicht so“, empörte sich die alte Dame über den Übermut, den ihre quirlige Enkelin mal wieder an den Tag legte.




Unterdessen, im weit entfernten Berlin überlegte eine junge, blonde Ärztin hin und her, was sie jetzt nur tun sollte. War es wirklich eine gute Idee, zu Mehdi zu fahren, wenn er vielleicht ihretwegen ins Wasser gesprungen war? Andererseits, nach dem, was Gretchen von Azita erfahren hatte, wollte sie unbedingt an seiner Seite sein und ihm zeigen, wie sehr sie sich um ihn sorgte. Vielleicht würde er dann verstehen, dass sie ihn immer noch liebte. Was aber, wenn er sie nicht sehen wollte? Wäre es nicht besser zu warten, bis er wieder in Berlin war, um dann in Ruhe mit ihm zu reden? Gretchen fühlte sich elend angesichts dieser Unsicherheit und auch schuldig. Schließlich hatte sie Mehdi dazu getrieben, sich auf diese dämliche Reise zu begeben, um vor ihr zu flüchten, da sie ihn so sehr verletzt hatte. Wieder verfluchte sie innerlich den Tag, an dem sie Marc Meier in Greifswald wiederbegegnet und schließlich zum ersten Mal mit ihm im Bett gelandet war. Davor war alles gut gewesen. Gretchens und Mehdis Zusammensein war so unbeschwert gewesen. Gretchen wollte das wieder zurück. Doch wie sollte sie das nur anstellen, vor allem, welches war die richtige Methode dafür?
Es gab nur eine Person, der sich Gretchen in dieser problembelasteten Situation anvertrauen konnte und die vielleicht einen Rat wusste. Also nahm Gretchen ihr Handy erneut in die Hand und drückte eine Kurzwahltaste.
„Hallo, Gretchen“, meldete sich eine erfreute Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. „Hey, Süße! Du hast dich ja ewig nicht mehr gemeldet. Wie geht es dir?“
„Hallo, Claudia“, erwiderte Gretchen den Gruß. „Ich weiß, ich war in der letzten Zeit dir gegenüber nicht sehr treu“, gab sie kleinlaut zu. „Ich habe ernsthafte Probleme, Claudi.“
„Lass mich raten“, meinte die Freundin aus Köln ahnend. „Dr. Meier mal wieder, nicht?“
„Kann man so sagen“, antwortete Gretchen darauf seufzend. „Ich stecke wirklich in der Bredouille.“
„Was ist denn passiert, Sweety?“
„Ich habe Mist gebaut“, schluchzte die Berliner Ärztin los. „Ich habe nochmal mit Marc geschlafen.“
„Oje!“ Die Freundin ahnte Schlimmes. „Und Mehdi hat es herausgefunden?“
„Er hat gesehen, wie Marc aus meinem Zimmer gekommen ist. Dadurch konnte er eins und eins zusammenzählen. Und Marc, der Idiot, musste ihm auch noch brühwarm auf die Nase binden, dass es nicht das erste Mal war, dass wir zusammen… du weißt schon.“
„Ähm… sagtest du, Marc kam aus deinem Zimmer? Gretchen, das ist nicht dein Ernst! Du betrügst deinen Freund in deinem Elternhaus und wunderst dich dann, wenn er euch dabei erwischt?“
„Ich war halt betrunken, wieder einmal“, versuchte Gretchen das Geschehen plausibel zu erklären. „Meine Eltern hatten Marc zum Essen eingeladen, weil er ja, wie du bereits weißt, jetzt in unserem Krankenhaus als Oberarzt anfängt, damit wir uns vorab über unsere zukünftige Zusammenarbeit austauschen konnten. Knechtlsdorfer, der zweite Assi, war ja auch da. Na ja, auf jeden Fall ist eine Menge Rotwein geflossen. Du kennst meinen Vater doch mit seinem Spätburgunder-Tick. Ich weiß nicht, warum ich da schon wieder mitgemacht habe. Auf jeden Fall fehlen mir etliche Minuten, ach was, Stunden von dem Abend. Also, ich kann mich schon schemenhaft erinnern, dass ich Marc mit nach oben geschleppt habe und wir dann in meinem Zimmer zusammen aufs Bett gefallen sind. Und das Schlimmste, dass ich weiß, dass es wunderschön war. Verstehst du, Claudia – es hat mir gefallen, mit ihm zu schlafen, weil er einfach ein unglaublicher Liebhaber ist. Dabei will ich das gar nicht gut finden. Ich darf es nicht, weil ich doch Mehdi liebe.“
„Hast du denn nicht versucht, mit ihm drüber zu sprechen und es ihm zu erklären, wie es wirklich war?“
„Habe ich ja versucht. Aber Mehdi wollte nicht mit mir reden. Stattdessen ist er abgehauen, irgendwo in den Norden gefahren. Und vorhin bekam ich einen Anruf von seiner Mutter, dass er fast ertrunken wäre.“
„Bitte?“ Claudia konnte kaum glauben, was Gretchen da eben erzählt hatte. „Was ist denn passiert? Hatte er einen Unfall? Es geht ihm doch hoffentlich gut?“
„Ich weiß es nicht“, krächzte Gretchen schwach unter Tränen hervor, die wieder einmal ihre Wangen herunterliefen wie Sturzbäche. „Seine Mutter konnte oder wollte mir nichts Genaueres sagen. Vielleicht… vielleicht wollte er sich was antun. Oh, Claudia, es ist so schrecklich.“
„Du meinst, er hat das mit Absicht gemacht, weil du ihn betrogen hast?“
„Mehdi war doch schon mal in Therapie, wegen seinen Depressionen nach der Trennung von Anna, seiner Exfrau. Ich fühle mich so schuldig, Claudia. Ich würde am liebsten zu ihm fahren, aber ich weiß nicht, ob das richtig wäre. Was, wenn er mich nicht sehen will? Ich könnte das nicht ertragen. Ich… ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch machen soll.“
„Ach, Süße! Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt in den Arm nehmen.“
„Und ich wäre wirklich froh, wenn du hier wärst.“
Die beiden jungen Frauen telefonierten noch eine ganze Weile miteinander. Gretchen redete sich alles von der Seele, was sie gerade belastete. Zwar wusste ihre Freundin auch nicht, was im Falle Mehdi die beste Entscheidung wäre, doch immerhin fühlte sich Gretchen nun etwas leichter ums Herz und fasste den Entschluss, Mehdi einfach eine SMS zu schreiben und darauf zu hoffen, dass er ihr wenigstens darauf antwortete. Das nächste Problem, das sich ihr nun stellte, war es, den richtigen Text für die Nachricht zu verfassen. Immer wieder tippte Gretchen etwas ins Textfeld, um es daraufhin wieder zu löschen. Hätte sie es auf Papier versucht, würde sie wahrscheinlich bereits in Bergen zerknüllter Zettel ersticken, so oft startete sie das Schreiben von vorn. Schließlich entschied sie, sich kurz zu fassen.

Lieber Mehdi! Ich würde gerne wissen, wie es dir geht. Bitte schreib mir zurück, wenn du kannst! Dein Gretchen.

Es war zwar nicht viel, aber in der Kürze lag bekanntlich die Würze. Und etwas Besseres fiel der Blondine nicht ein. Jetzt hieß es schlicht abwarten. Eine Stunde verging, aber Mehdi hatte noch nichts von sich hören lassen. Gretchen rang innerlich mit sich, eine weitere SMS an ihn zu verschicken. Vielleicht hatte er die erste gar nicht bekommen. Also tippte sie erneut.

Hallo Mehdi! Es interessiert mich wirklich sehr, wie es dir geht. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich. Bitte melde dich doch! Dein Gretchen.

Schließlich wagte sie, nach einer weiteren, etwas längeren Wartezeit, einen dritten Versuch. Und dieses Mal wollte sie offensiver vorgehen. Vielleicht verstand er ja dann, was sie wirklich für ihn empfand.

Mehdi! Ich vermisse dich so sehr und würde so gerne eine Antwort von dir bekommen, egal welche. In Liebe, Gretchen.

Endlich, nach zahlreichen weiteren Minuten, ertönte auf Gretchens Handy das Signal für den Eingang einer Kurznachricht. Aufgeregt nahm sie das Telefon in die Hand und erkannte erfreut, dass Mehdi ihr wirklich geantwortet hatte. Mit leicht zittrigen Fingern öffnete sie den elektronischen Posteingang. Doch was sie dort zu lesen bekam, versetzte ihr einen heftigen Stich in die Brust.

Hör auf, mir ständig Nachrichten zu schicken. Es nervt!

Das war zu viel für die angehende Chirurgin. Schwer getroffen warf sie ihr Handy auf ihr Bett und sich selbst gleich hinterher, um bäuchlings auf ihrer geblümten Tagesdecke zum Liegen zu kommen und ihr weiches Kopfkissen mit ihren vielen Tränen zu durchnässen. Jetzt war es quasi amtlich. Mehdi wollte nichts mehr von ihr wissen. Es fühlte sich so schrecklich an. Irgendwie konnte Gretchen gerade nachempfinden, wie Peter sich gefühlt haben musste, nachdem sie sich von ihm getrennt und die Flucht zurück nach Berlin aufgenommen hatte. Damals war ihr Exverlobter der Betrüger gewesen und sie tief enttäuscht und unheimlich sauer. Jetzt aber war sie es, die ihren Freund hintergangen hatte, mit seinem besten Kumpel. Und noch schlimmer, was ihr vorhin im Gespräch mit Claudia klargeworden war, sie hatte es genossen, Marc so nahe gewesen zu sein.
Es war einfach zum Verrücktwerden. Sie wusste nicht mehr, was sie eigentlich wollte und was nicht. Klar, sie wollte Mehdi zurück. Aber gleichzeitig empfand sie ein leichtes Bauchkribbeln, wenn sie daran dachte, was Marc alles mit ihr angestellt hatte. Seine leidenschaftlichen Küsse, der Sex, das hatte ihr insgeheim wirklich gefallen. Sie hatte jedes Mal gespürt, wie sehr er sie begehrte und sich darauf eingelassen, dass er ihren Körper eroberte. Sie war keines dieser dünnen Supermodels, mit denen Männer wie Marc üblicherweise verkehrten. Schon alleine, wenn sie an seine superschlanke Exverlobte dachte, verstand sie weniger, was er gerade an [i]ihr[/i ] fand. Sie wog derzeit zehn Pfund zu viel. Ihr Bauch war zwar immer noch flach, aber schon ein wenig schwabbelig. Von ihrem Hintern ganz zu schweigen. Mit dem konnte sie den Kardashian-Schwestern fast schon Konkurrenz machen. Trotzdem hatte sie mehrfach erfahren, dass Marc sie begehrte, beziehungswiese ihren Körper. Aber das andere, das Gefühlsmäßige, konnte sie ihm trotzdem nicht abnehmen. Marc war kein Mensch, der einer Frau ehrlich seine Liebe gestand. Vielmehr, so glaubte Gretchen, war das wohl eher eine Masche von ihm, um sich sein nächstes Betthäschen klarzumachen. Und sie war zweimal darauf hereingefallen. Aber das würde sie in Zukunft nicht mehr tun. Wenn er es wieder bei ihr versuchte, würde sie ihm einen ordentlichen Korb erteilen. Er würde schon noch merken, dass sie keine dieser „leichten Bräute“ war, die alles dafür tun würden, um mit einem solch attraktiven Typen in die Kiste zu steigen. Genauso würde Gretchen es machen. Sie würde stark sein und selbstbeherrscht. Und danach würde sie alles versuchen, um Mehdi wieder zurückzugewinnen. Denn Mehdi war der Mann, der ihr ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen konnte, nämlich von Liebe, Glück, Hochzeit und Kindern. Bei ihm konnte sie sicher sein, wenn er liebte, dann richtig. Und nie wieder würde sie dieses neue Glück so sehr mit Füßen treten, wie in den letzten Wochen. Allem voran würde sie in Marc Meiers Gegenwart keinen Alkohol mehr trinken. Ja, sie wusste endlich wieder, was und vor allem wen sie wollte – Mehdi.





Allmählich schaffte Gretchen es, sich mit diesen Gedanken zu beruhigen. Ihre Tränen waren längst getrocknet. Sie erhob sich von ihrem Bett und ging ins Bad, um sich frisch zu machen und die Spuren ihrer Traurigkeit zu beseitigen. Mit neuem Mut im Herzen, fasste sie einen Entschluss. Langsam ging sie nach unten. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Stimmen ihrer Eltern. Als sie den großen Raum betrat, war ihre Mutter allerdings gerade in der Küche verschwunden, wahrscheinlich, um das Abendessen vorzubereiten. Gretchen war das nur Recht. Sie hatte eine Frage an ihren Vater und keine Lust, dass ihre Mutter sich wieder einmal ungefragt ins Gespräch einmischte.
„Na, Kälbchen“, meinte Franz, der auf einem der Sofas saß und in einem Fachmagazin blätterte, von dem er sich kurz abwandte, als seine Älteste sich vor ihm aufstellte und ihn erwartungsvoll ansah.
„Kann ich kurz mit dir reden?“ fragte Gretchen ihren Vater.
„Na klar“, nickte dieser und klopfte mit der flachen Hand auf die Sitzfläche neben sich, um seiner Tochter anzuzeigen, dass sie sich zu ihm setzen sollte. „Was hast du denn auf dem Herzen, Kleines?“
„Papa, ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen“, begann Gretchen in einem recht leisen Tonfall. „Ich brauche dafür aber noch ein paar weitere Tage Urlaub. Ich weiß, wo Mehdi ist und dass es ihm gerade gar nicht gut geht. Ich möchte zu ihm und mit ihm reden.“ Dabei sah Gretchen ihren Vater bittend aus denselben blauen Augen an, die eindeutig er ihr vererbt hatte.
Franz Haase war gar nicht wohl dabei, als er hörte, was Gretchen vorhatte. Ihm war es bisher nur recht gewesen, dass sie nicht mehr mit dem Frauenarzt zusammen war. Doch scheinbar sah seine Tochter das ganz anders. Der Versuch, sie mit Meier zusammenzuführen, schien nicht gefruchtet zu haben. Der Professor wusste, dass er einschreiten musste, wenn er nicht wollte, dass seine Tochter erneut mit dem Halbperser anbandelte. Daher schüttelte er auf ihre Bitte vehement den Kopf.
„Was denkst du dir eigentlich?“ fragte er ungehalten. „Gerade jetzt, wo Dr. Meier auf eurer Station anfängt und vor allem in einer Zeit, in der diese enorme Grippewelle unser einsatzbereites Personal heftig dezimiert hat, willst du wegfahren? Wegen einem Kerl, der DICH verlassen hat?“
„Weil ich einen großen Fehler begangen habe, Papa“, versuchte Gretchen Mehdi zu verteidigen. „Ich will es ihm erklären, was da schiefgelaufen ist. Aber das geht nur, wenn ich direkt mit ihm spreche, nicht per Telefon oder in einem Brief. Ich möchte ihm dabei in die Augen sehen können, verstehst du? Ich möchte, dass er sieht, dass ich es ernst meine. Und… und dass ich ihn liebe.“ Den letzten Satz brachte sie fast tonlos hervor. Aber es reichte aus, um Franz Haase erkennen zu lassen, dass es seinem „Kälbchen“ wirklich wichtig war, zu Mehdi zu fahren und Schadensbegrenzung zu betreiben. Und plötzlich kam es ihm so falsch vor, dass er und Bärbel die ganze Zeit über versucht hatten, Gretchens Beziehung zu dem Gynäkologen zu torpedieren. Er wollte doch nur, dass sie glücklich war. Und wenn sie es nur mit dem Halbperser sein konnte, dann würde er es akzeptieren. Liebe und Glück konnte man nicht erzwingen. Es musste von selbst kommen. Anscheinend hatte Gretchen den richtigen Weg gefunden. Er würde sie nicht mehr aufhalten. Und das mit Bärbel bekäme er auch schon hin. Auch sie würde einsehen müssen, dass Margarethe eventuell doch besser an Dr. Kaans Seite aufgehoben war. Marc Meier war schließlich ein Frauenheld. Und die Gefahr bestand immer, dass er Gretchen eines Tages noch tiefer verletzen würde, als es Peter damals getan hatte.
„In Ordnung“, sagte Professor Haase schließlich sanftmütig. „Ich gebe dir drei weitere Urlaubstage dazu. Aber mehr geht beim besten Willen nicht. Wir brauchen dich in der Klinik, mein Kälbchen.“
Doch für Gretchen war das mehr als genug. Überglücklich drückte sie ihrem Vater einen feuchten Kuss auf die stoppelige Wange.
„Danke Papa“, rief sie aus. „Ich danke dir vielmals. Du weißt gar nicht, was mir das bedeutet. Vielleicht ist das meine letzte Chance, dass Mehdi mir verzeiht. Am besten, ich packe sofort meinen Koffer.“ Sogleich sprang sie vom Sofa auf und polterte kurz darauf die Treppe wieder nach oben. Der Lärm, den Gretchen dabei machte, lockte Bärbel Haase aus ihrer Küche. Verdutzt sah sie zu ihrem Mann, der sie nur vielsagend anlächelte.
„Was ist passiert, Franz“, fragte die rotblonde Frau irritiert.
„Unser Kälbchen folgt lediglich ihrem Herzen, mein Butterböhnchen“, lautete die knappe Antwort des grauhaarigen Mediziners.




Nachteule Offline

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11.11.2017 19:10
#34 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 34 – Die Aussprache


„Ich kann nicht glauben, dass du ihr das erlaubt hast“, rief Bärbel Haase empört aus und warf ihrem Mann einen missmutigen Blick dabei zu. „Du treibst sie damit wieder direkt in die Arme dieses Terroristen.“
„Halbperser“, verbesserte Professor Haase sie gelassen. „Seine Mutter stammt aus dem Iran, sein Vater ist Berliner und damit genauso deutsch wie du und ich.“
„Ja und darum soll der Typ harmlos sein?“ regte die Arztgattin sich weiter auf. „Man liest es doch jeden Tag in der Zeitung. Sogar richtige Deutsche kriegen diese Typen von der Igis unter ihre Fittiche und statten die dann mit gefährlichen Bomben aus. Tschickas nennt man solche Leute.“
„Erstens heißt das entweder ‚Ie-Es‘, Butterböhnchen, oder auf Englisch ‚Ei-Es‘. Außerdem heißt es ‚Dschihad‘. Und so nennt man nicht die ‚Typen‘, sondern es ist im Islam ein Begriff für den sogenannten ‚Heiligen Krieg‘. Die Leute, die dieser Bewegung angehören, sind dann die ‚Dschihadisten‘.“
„Das werde ich mir sowieso nicht alles merken können“, zuckte Bärbel gleichgültig mit den Schultern. „Vor allem nicht, wenn dieser Dr. Laan hier bald wieder aufschlägt und uns nachts im Schlaf alle kaltblütig ermordet.“
„Nun mach aber mal halblang, Bärbel“, war es nun Franz, der sich tierisch aufregte. „Dr. Kaan ist kein Terrorist. Und unsere Tochter liebt ihn aufrichtig. Ich finde es sogar mutig von ihr, dass sie ihm hinterherreisen will, um die Geschichte zwischen ihr und ihm und Dr. Meier wieder geradezubiegen.“

In dem Moment erklangen von der Diele her eindeutige Geräusche, die davon zeugten, dass Gretchen gerade dabei war, mitsamt ihrer großen schweren Reisetasche die Treppe hinabzusteigen. Dabei kämpfte sie ein paar Sekunden lang mit dem Gleichgewicht und wäre die Stufen beinahe unglücklich heruntergepurzelt, konnte sich jedoch gerade noch am Geländer festklammern.
„Kind“, rief der Professor. Der sich inzwischen in den Flur begeben hatte, besorgt aus. „Was willst du denn mit dem vielen Gepäck? Du fährst doch sowieso nur drei Tage fort.“
„Eine Frau kann nicht genug Sachen mitnehmen, Papa“, erklärte Gretchen und lächelte dabei schief, während sie vorsichtig versuchte, die restlichen Stufen bis zum sicheren Fußboden der Diele zu bewältigen.
„Eben“, bestätigte Bärbel, die mittlerweile hinzugekommen war. „Dennoch, Margarethe, verstehe ich nicht, warum du dem Kerl auch noch hinterherfährst, obwohl er dich so Knall auf Fall verlassen hat.“
„Er hatte einen guten Grund, Mama“, erwiderte Gretchen und schaffte es, die schwere Tasche neben der antiken Dielenkommode anzustellen.
„Nur, weil du einmal mit dem Dr. Meier…“, verharmloste Bärbel das Geschehene.
„Nicht nur einmal“, gab Gretchen kleinlaut zu. „Genaugenommen waren es zwei Male, die ich am liebsten ungeschehen machen würde, wenn ich es könnte. Ich habe Mehdi sehr verletzt. Und jetzt weiß ich auch, was in Peter vorgegangen sein muss, als ich ihn wegen seinem Seitensprung mit Sandra verlassen habe. Ich bin nicht viel besser als er. Das hat Mehdi nicht verdient. Ich liebe ihn, wirklich. Und darum muss ich unbedingt zu ihm und ihm alles erklären, was da war.“
Noch immer war Bärbel von Gretchens Absichten nicht überzeugt.
„Aber der Dr. Meier passt doch so gut zu dir, mein Kind“, stellte sie mit Nachdruck fest. „Er sieht gut aus, ist charmant…“, worauf Gretchen nur ein kurzes zynisches Auflachen übrig hatte, „…und ist, genau wie dein Vater, ein hervorragender Chirurg. Und er wird auf jeden Fall besser bezahlt als so ein Seelenklempner.“
„Mehdi ist Frauenarzt, kein Psychologe“, berichtigte Gretchen ihre Mutter, die sie zuvor fassungslos angesehen hatte angesichts ihrer hochtrabenden Worte über Marc Meier.
„Ja und?“ entgegnete Bärbel abwertend. „Sind doch beides keine richtigen Ärzte. Habe ich doch recht oder Franz?“ Eindringlich und auf Bestätigung hoffend sah sie zu ihrem Mann auf.
„Eigentlich schon“, pflichtete er seiner Frau bei. „Aber…!“ Weiter kam er nicht, denn seine Frau unterbrach ihn abrupt.
„Na siehste“, freute sich Bärbel darüber, dass Franz ihr in dieser Sache wenigstens Recht gegeben hatte.
„Ach“, meinte Gretchen und funkelte ihre Eltern gefährlich an. „Und darum sollte ich keine Beziehung mit Mehdi haben? Nur weil er kein ach so toller Top-Chirurg ist wie Marc Meier? Papa, ich dachte, wenigstens du hältst zu mir. Aber stattdessen unterstützt du Mama nur bei ihren komischen Ansichten. Danke auch! Und wisst ihr was? Ich rufe mir jetzt ein Taxi zum Bahnhof. Und dann bin ich erstmal weg und versuche meine Beziehung zu retten. MIT EINEM UNRICHTIGEN ARZT“, rief sie aufgebracht hinterher, während sie sich auf den Weg zum Telefon machte.

Der Abschied von ihren Eltern war frostig. Gretchen vermied es, ehe sie ins wartende Taxi stieg, weitere Worte mit ihnen zu wechseln, bis auf das obligatorische „Tschüss“. Sie war froh, als sie am Hauptbahnhof angekommen war. Gemäß den Angaben Azitas wusste sie, welchen Zug sie nehmen musste. Sie löste das entsprechende Ticket und wartete auf den IC, mit dem sie über Hannover direkt bis zu Mehdis derzeitigem Aufenthaltsort durchfahren konnte. Als der Zug am Bahnsteig einfuhr und sie kurz darauf einen schönen Platz in einem der mittleren Abteile gefunden hatte, lehnte sie sich gemütlich zurück, stöpselte sich die Kopfhörer ihres MP3-Players in die Ohren und schloss entspannt die Augen. Sie fühlte, dass sie das Richtige tat. Bald würde auch Mehdi das einsehen können. Sie gehörten doch zusammen, sie beide!




Unterdessen befand sich Familie Kaan, dick eingemummelt in Anorak, Handschuhen und Schal, hoch oben auf einem der vielen Deiche der Küstenregion und ließ sich den frischen, aber trotz der kalten Temperaturen nicht unangenehmen Wind um die Nase wehen. Schnee lag längst keiner mehr in dieser Region. Gestern noch hatte es hin und wieder heftig geregnet. Der heutige Tag jedoch war umso schöner. Es hatte am Morgen Raureif gegeben, der sich wie Spinnennetze an den kahlen Büschen und Bäumen niedergelassen hatte. Alles wirkte wie in einer Märchenwelt, was vor allem Lillys zartes Kindergesicht zum Strahlen brachte. Fröhlich hüpfte sie vor den Erwachsenen her über die Deichkuppe. Ihre Begeisterung und ihre gute Laune wirkten ansteckend. Und insgeheim dankte Mehdi seinen Eltern dafür, dass sie zusammen mit seiner Tochter hergekommen waren. Er hatte sie gebraucht, die Liebe und den Zusammenhalt seiner Familie. Dass die Umstände für ihre Ankunft so dramatisch gewesen waren, war ihm klar. Aber niemand redete mehr darüber, schon allein Lilly zuliebe. Sie sollte nicht noch einmal darunter leiden, dass es ihrem Vater wegen einer kaputten Beziehung schlecht ging. Darum hatte ihr niemand erzählt, dass er vor ein paar Tagen beinahe ertrunken wäre. Sie glaubte, er mache einfach mal Urlaub, weil er im Krankenhaus immer so viel zu tun hatte und ihn die viele Arbeit stresste. Allerdings wunderte sie sich schon ein wenig, warum Gretchen nicht mit ihm gefahren war, wo sie doch jetzt seine Freundin war und Lilly sie längst in ihr Herz geschlossen hatte. Doch Mehdi wich immer aus, wenn seine Tochter auf die blonde Ärztin zu reden kam. Zum Glück nahm ihm seine Mutter sämtliche Erklärungen ab, indem sie Lilly sagte, dass Gretchen nun einmal sehr stark gebraucht würde im Krankenhaus und sich deshalb keinen Urlaub nehmen könnte. Aber vielleicht käme sie ja noch nach.
Mehdi konnte nicht glauben, was Azita seiner Tochter da gesagt hatte. War es etwa möglich, dass sie…? Nein, seine Mutter würde ihm doch nicht so in den Rücken fallen und Gretchen bitten, ihm nachzureisen! Sie wusste doch, wie verletzt er war und dass er bereits mit der Beziehung abgeschlossen hatte. Er blickte sie erschrocken an und sie schenkte ihm ein Lächeln, aus dem er nicht schlau wurde. Ein klein wenig hatte er noch die Hoffnung, dass er sich täuschte und seine Frau Mama sich endlich mal nicht in seine Liebesangelegenheiten einmischte.
Die Kaans hatten sich für diesen Tag ein straffes Programm vorgenommen, das in erster Linie die Erkundung der Region beinhaltete. Der Deichspaziergang gehörte ebenso dazu wie der Besuch eines Heimatmuseums in der kleinen Stadt und das Stöbern in zahlreichen kleinen Souvenirgeschäften. Am späten Nachmittag, als man sich zu Fuß wieder auf den Weg zum Hotel machte, war Lilly stolze Besitzerin eines typischen, hellblau-weiß-gestreiften Fischerhemdes und eines knallgelben Friesennerzes, den sie nun stolz anstelle des langweiligen, lilafarbenen Anoraks trug. Wer auch immer diesem fröhlichen kleinen Mädchen begegnete, lief Gefahr, sofort von ihrer Begeisterung angesteckt zu werden. Die runden, blaugrauen Augen leuchteten vor Glückseligkeit. Und der kleine, dunkelblonde Engel wurde noch glücklicher, als er in der Hotellobby einen hellblonden Lockenkopf erblickte.
„Gretchen“, rief die Kleine ungeachtet der anderen Gäste des Hotels, die sich vielleicht von dem Jubelgeschrei der Siebenjährigen hätten gestört fühlen können. Wie ein wildgewordener Vogel seine Flügel, breite sie ihre Arme aus und flatterte direkt auf die Ärztin zu, die ziemlich überrascht auf den plötzlichen Überfall reagierte.
„Lillymaus“, sagte sie daher erstaunt. „Du bist ja auch hier.“
„Aber klar“, erwiderte das Mädchen. „Wir machen doch alle Urlaub hier.“
„Achso“, meinte Gretchen und schenkte Lilly ein aufrichtiges Lächeln, ehe sie ihren Blick den erwachsenen Kaans zuwandte, deren Gesichter nicht unterschiedlicher hätten wirken können. Während Azita sie triumphierend und Josef sie weniger eindeutig, aber doch irgendwie freudig überrascht ansah, schien Mehdi regelrecht überfahren zu sein vom unerwarteten Auftauchen seiner Exfreundin. Fassungslos blieb er auf der Stelle stehen und starrte er sie nur an.
„Hallo, Mehdi“, sagte Gretchen schlicht und lächelte dabei so freundlich wie möglich. „Hallo Azita, Josef.“
Während seine Eltern Gretchens Gruß erwiderten, rang Mehdi weiterhin um Fassung. Abwartend sahen ihn alle an. Doch er brachte kein Wort über seine Lippen, weder ein freundliches, noch ein wütendes. Nichts konnte er sagen. Er war wie erschlagen von der Situation. Einzig Lilly verstand nicht, was hier gerade passierte. Verwirrt sah sie ihren Vater an, der immer noch wie angewurzelt dastand.
„Papa, freust du dich denn gar nicht, dass Gretchen auch hergekommen ist? Sie wollte uns alle überraschen. Ist doch so, nicht wahr?“ Dabei wandte sie sich jetzt der Blonden zu, die sie vorerst gar nicht mehr wahrnahm und stattdessen weiterhin nur zu hoffen schien, dass Mehdi jetzt endlich mal was sagte. Egal was, wenigstens ein einziges Wort.
Lilly Kaan war nicht dumm. So jung sie auch war, sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Und dies machte sie nervös. Was war mit Gretchen und ihrem Papa nur los? Hatten sie sich gestritten? Aber das konnte man doch wieder in Ordnung bringen! Lilly wollte nicht, dass Gretchen genauso fortging wie ihre Mutter. Und daher tat sie das logischste, das ein Kind wie sie nur tun konnte. Sie nahm Gretchens Hand und zog sie mit sich in Mehdis Richtung, bis beide direkt voreinander standen. Dann nahm sie auch Mehdis Hand und legte diese auf Gretchens.
„Ich weiß ja nicht, was mit euch los ist“, sagte das Mädchen. „Aber wenn ihr euch gestritten habt, dann könnt ihr doch darüber reden und euch wieder vertragen. Wenn ich mich mit meiner Freundin Emma im Kindergarten gestritten habe, dann hat Frau Schnippel das auch immer so mit uns gemacht. Wir haben dann darüber geredet, was uns am anderen stört und wie man das ändern kann. Und dann war alles wieder gut. Ihr geht am besten wohin, wo ihr alleine miteinander reden könnt. Oma, Opa und ich gehen nämlich jetzt in die Teestube und essen leckeren Kuchen.“
Der Vehemenz dieses bezaubernden Mädchens konnte sich einfach niemand entziehen. Weder Mehdi noch Gretchen machten Anstalten, dieser liebenswürdigen Bitte nicht nachzukommen. Doch kaum waren die übrigen drei Kaans außer Sicht und Hörweite, atmete Mehdi einmal tief durch und sah Gretchen emotionslos an. Es war für den Außenstehenden nicht deutlich, was er gerade dachte und fühlte. Gretchens Blick ruhte gebannt auf ihm, während sie nervös vor ihrem Bauch ihre Hände knetete. Schließlich öffnete Mehdi seine Lippen, um etwas zu sagen. Es war alles andere als schön.
„Geh wieder“, presste er hart hervor.
„W… was?“ fragte Gretchen irritiert.
„Hau ab!“ schrie er sie nun förmlich an. Die anderen Gäste in der Hotellobby warfen ihm zum Teil unverständliche Blicke zu.
„Aber Mehdi“, warf Gretchen getroffen ein, während in ihren Augen die ersten Tränen schimmerten. „Du hast Lilly doch gehört. Wir können über alles nochmal reden. Ich möchte doch nur, dass du weißt, dass es mir leid tut.“
„Ist mir egal“, knurrte Mehdi nur.
„Mehdi, ich weiß nicht, wie das alles passieren konnte, das mit Marc. Ich weiß nur, dass ich das so nicht wollte. Ich liebe doch dich.“
„Ach, hör doch auf damit“, giftete Mehdi weiter. „Ich weiß doch, wie das ist, sobald Marc Meier auf der Bildfläche erscheint. Ihr Frauen verliert dann sofort jegliches Bewusstsein für Vernunft und Verstand. Glaub mir, du bist nicht die Erste, die er mir abspenstig gemacht hat.“
„Wie meinst du das?“ fragte Gretchen wieder irritiert.
„Na, weißt du denn gar nicht, wie der ach so feine Herr Oberarzt es mit den Frauen hält?“ Auf Mehdis Gesicht stahl sich ein zynisches Grinsen, als er dies aussprach, da er hoffte, sie würde Marc Meiers Frauengeschichten noch nicht kennen. Doch er wurde eines besseren belehrt.
„Ich weiß, dass er viele Affären hatte und vielleicht noch hat“, entgegnete sie gefasst.
„Ach?“ entfuhr es Mehdi überrascht. „Und trotzdem lässt du dich auf diesen Idioten ein?“
„Ich habe doch versucht, dir zu erklären, dass es ganz anders war“, versuchte Gretchen sich zu rechtfertigen. „Ich war beide Male betrunken. Und Marc war es definitiv auch. Du weißt, dass man im trunkenen Zustand Dinge macht, die man normalerweise nie tun würde. Was heißt, dass es mir zu keinem Zeitpunkt ernst war und ich es zutiefst bereue, was passiert ist.“
„Ich würde dir so gerne glauben, Gretchen, aber ich kann es nicht.“
„Versuche es doch wenigstens! Du kannst mir vertrauen. Ich werde mich nie wieder auf sowas einlassen, schon gar nicht mit Marc.“
„Du wirst in Zukunft ständig mit ihm zu tun haben, Gretchen“, erklärte Mehdi mit bitterem Ernst.
„Beruflich, Mehdi“, warf Gretchen ein. „Privat muss ich ihn ja gar nicht sehen. Ich kann da strikt trennen.“
„Ach!“ Mehdis Augenbrauen hoben sich ungläubig. „Und was ist dann mit uns? Wir haben uns auch im Krankenhaus kennengelernt.“
„Das ist doch vollkommen was anderes“, winkte Gretchen ab. „Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass du ein echt toller Typ bist. Ich habe mich sogar mit der Hassmann um dich gestritten.“
„Ja, das habe ich mitbekommen“, nickte Mehdi und klang bereits besänftigter. Die Erinnerung an Hassmanns Einsperraktion am Abend des Ärzteballs amüsierte ihn immer noch ein wenig. Die resolute Neurologin war selbst vor einer perfiden Tat wie das Einschließen der Kollegin in der Damentoilette nicht abgeneigt gewesen, um Gretchen von ihm fernzuhalten. Gebracht hatte es Dr. Hassmann jedoch nichts. Noch am selben Abend hatte Mehdi Gretchen geküsst und ihr seine Liebe gestanden. Die darauffolgende Nacht hatten sie zusammen in seinem Bett verbracht. Er war nie glücklicher gewesen, als in dem Moment, als Gretchen ihm signalisierte, dass sie ebenso für ihn empfand.
„Du hast mir wirklich gutgetan“, sagte er plötzlich, nachdem er ein wenig in Gedanken versunken gewesen war. „Nach der ganzen Sache mit Anna, hat es sich so richtig angefühlt, mit dir zusammen zu sein. Ich hätte mir durchaus mehr vorstellen können. Aber dann kam leider Herr Dr. Meier dazwischen, wieder einmal.“
„Wieso ‚wieder‘?“ fragte Gretchen mit einer Mischung aus Neugier und Betroffenheit. Es schien, als wenn Mehdi durch Marcs Schuld schon einmal sehr verletzt worden war. Mehdi sah ein, dass Gretchen keine Ruhe geben würde, bis er ihr die Wahrheit gesagt hatte.
„Komm“, sagte er und zog Gretchen mit in eine Sitzecke, in der sie ungestört reden konnten.
„Bevor ich mit Anna zusammen kam, mit der Marc damals übrigens auch kurz was gehabt hatte“, fuhr er fort, „gab es ein Mädchen namens Carmen. Sie studierte einige Semester unter uns, ebenfalls Medizin an der HU. Sie war sehr hübsch, aber auch etwas zurückhaltend. Ich fand sie toll. Und irgendwie passte alles zwischen uns. Aber dann habe ich mich blöderweise auf eine Wette mit Marc eingelassen, nachdem er gemerkt hat, dass mir Carmen gefiel.“
„Eine Wette?“
„Bitte, unterbrich mich nicht!“
„Tschuldigung!“
„Schon okay. Auf jeden Fall machte Marc sich einen Spaß daraus, den männlichen Kommilitonen ihre, wie soll ich sagen“, er hob seine Finger zu angedeuteten Gänsefüßchen in die Luft, „‘Objekte der Begierde‘ abspenstig zu machen. Und weißt du warum? Weil Marc Meier es noch nie leiden konnte, wenn die anderen Typen die heißesten Frauen für sich klarmachen konnten und er nur zugucken konnte. Er war regelrecht erpicht darauf, immer die hübschesten und vor allem die meisten Frauen abzubekommen. Er hat sie in der Regel abgeschleppt, verführt und nach einer Nacht wieder fallengelassen. So hat er es auch mit Carmen gemacht. Am Anfang machte er ihr schöne Augen und hinreißende Komplimente auf ihre Figur und ihr Aussehen. Plötzlich nahm sie mich gar nicht mehr wahr. Für sie gab es immer nur Marc. Marc hier, Marc da. Irgendwann war es dann soweit. Er ist mit ihr ausgegangen, hat sie mit in unsere WG genommen, während ich mit den anderen auf einer Geburtstagsfeier war, und mit ihr geschlafen. Am nächsten Morgen war er dann ziemlich mies zu ihr und hat sie später nicht einmal mehr von der Seite angesehen. Carmen hat, mehr als jede andere Frau vor und nach ihr, darunter gelitten, wie er sie ab dann behandelt hat, so sehr, dass sie keine andere Möglichkeit sah, als den Studienort zu wechseln. Verstehst du, Gretchen, was ich meine? Und warum ich so allergisch auf Marc reagiere in dieser Sache? Er will nichts anderes, als dich mir wegzunehmen. Er benutzt dich, weil er es nicht erträgt, dass du meine Freundin bist… ähm… warst. Er wird sie nie ändern.“
„Er hat gesagt, dass er mich liebt“, erklärte Gretchen fast tonlos, aber laut genug, dass Mehdi es dennoch hören konnte.
„Was?“ fragte dieser ungläubig. „Er hat… Und du? Hast du ihm auch…?“
Gretchen schüttelte den Kopf.
„Ich habe ihm klargemacht oder wenigstens versucht, dass ich mit dir zusammen bin und dich liebe. Ich glaube aber nicht, dass er es verstanden hat.“
„Siehst du“, meinte Mehdi schließlich gehässig. „So läuft das bei ihm mit den Frauen. Er lügt ihnen das Blaue vom Himmel, nur um sie ins Bett zu bekommen. Nebenbei zerstört er einige glückliche Beziehungen, so wie unsere. Und ihr Frauen fallt auch immer wieder drauf rein.“
„Keine Ahnung“, zuckte Gretchen ratlos mit den Achseln. „Er klang schon sehr ernst, als er mir das gesagt hat, also, was er für mich empfindet und so.“
„So macht er es immer. Typisch Meier!“
„Wie geht es denn nun weiter?“ fragte Gretchen, um auf den eigentlich Punkt des Gespräches und allem voran ihrer Reise hierher zurückzukommen. „Mit uns, meine ich?“
„Gretchen“, Mehdi seufzte tief durch. „Es hat mich sehr verletzt, was da im Haus deiner Eltern passiert ist. Ich… ich brauche halt noch etwas Zeit, um in Ruhe über alles nachzudenken. Du weißt, dass das sehr schwierig ist, wenn man Lilly in der Nähe hat.“ Er lächelte zum ersten Mal und Gretchen erwiderte dieses Lächeln. „Ich meine, ich muss das erstmal verdauen, das mit Marc und dir. Aber vielleicht… vielleicht kann ich dir irgendwann verzeihen, weil ich dir glaube. Weil du normalerweise ein aufrichtiger Mensch bist und deine Worte gerade sehr ehrlich klangen. Ich will dir an dieser Stelle nichts versprechen. Aber du bekommst die Gelegenheit, mir in nächster Zukunft zu beweisen, dass dir mehr an mir liegt als an Marc. Bis dahin sollten wir ein wenig auf Abstand bleiben. Verstehe mich nicht falsch. Ich glaube an uns, ich versuche es jedenfalls. Ich will dir nur keine falschen Hoffnungen machen. In Ordnung?“
„Okay“, nickte Gretchen und atmete erleichtert aus.
„Wo bleibst du über Nacht?“ fragte Mehdi nun interessiert. „Ich meine, weil du ja kaum noch heute Abend wieder nach Berlin zurückfahren kannst.“
„Weiß nicht“, meinte Gretchen. „Ich bin recht spontan hierhergefahren, nachdem deine Mutter mir Bescheid gegeben hat, was passiert ist.“
„Meine Mutter also.“ Mehdi konnte nicht anders, als augenrollend zu grinsen. War ja klar, dass Azita sich hinter seinem Rücken in die Angelegenheit zwischen ihm und Gretchen einmischen würde.
„Hast du schon gefragt, ob hier im Hotel ein Zimmer frei ist? Ich könnte sonst auch ein gutes Wort für dich einlegen. Weißt du, ich bin hier sowas wie ein Held.“
„Wieso das?“ Gretchen verstand nicht so recht, was Mehdi damit meinte.
„Ach, hat Mama dir das nicht gesagt?“ fragte er erstaunt.
„Nein, was denn? Sie sagte nur, dass du fast ertrunken wärst. Mehdi, hast du versucht…?“
„Ich? Ach was!“ unterbrach der Gynäkologe sie forsch. „Ich bin lediglich einem älteren Herrn hinterhergesprungen, der versehentlich ins Wasser gefallen ist. Allerdings habe ich die Temperaturen, die da im Moment herrschen, unterschätzt und irgendwann meine Kräfte verloren. Zum Glück war das Rettungsboot der DLRG schnell zur Stelle. Sonst hätte es bitter für uns zwei Männer ausgesehen.“
„Oh mein Gott, Mehdi!“ rief Gretchen erschrocken aus und hielt sich die flache Hand vor den Mund.
„Ist ja noch alles gutgegangen“, beschwichtigte er. „Auf jeden Fall hat man mich nach meinem mutigen Einsatz hier gefeiert. Sogar in der Zeitung war ein Bericht über mich drin.“
„Und ich habe gedacht, also, nachdem deine Mutter mich angerufen hat, dass du…“,
„Ja, was denn?“
„Dass du dir was antun wolltest.“
„Ehrlich? Tja, so ist meine Mutter eben. Sie dramatisiert gerne alles hoch.“
„Es klang aber wirklich ernst. Mehdi, ich habe mir richtig große Sorgen um dich gemacht.“
„Echt?“
„Ja. Ich hätte mir das nie verziehen, wenn dir ernsthaft was geschehen wäre.“
„Was ja zum Glück nicht passiert ist.“
Für Mehdi war das Thema damit auch beendet. Er schickte Gretchen umgehend zur Rezeption, damit sie sich eine Unterkunft für die Nacht suchen konnte. Sie hatte Glück und bekam im selben Hotel ein Einzelzimmer, wenn dieses auch zum Hinterhof hinausging, statt zum Wasser. Sie war zufrieden. Das Wiedersehen mit Mehdi war besser gelaufen als gedacht. Er gab ihr eine neue Chance. Und sie würde sie nutzen, weil sie Mehdi liebte und wieder mit ihm zusammen sein wollte, nach diesem Gespräch mehr denn je.




In Berlin bereitete sich währenddessen ein gutgelaunter Oberarzt auf seine erste Schicht seit Jahren im EKH vor und freute sich bereits darauf, seinen „Hasenzahn“ wiederzutreffen.




Nachteule Offline

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02.12.2017 20:39
#35 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 35 – Back At Home

Ein gutgelaunter Dr. Marc-Olivier Meier betrat an diesem Montagmorgen Anfang März, bewaffnet mit einem vollgepackten Karton, das Elisabethkrankenhaus in Zehlendorf und steuerte leichtfüßig auf den zentralen Fahrstuhl am Ende der Eingangshalle zu. Ein paar hübsche Lernschwestern kreuzten seinen Weg und lächelten ihm zu. Er quittierte dies mit einem anzüglichen Augenzwinkern, was die beiden jungen Damen schüchtern aufkichern und die Köpfe zusammenstecken ließ. Marc war sich durchaus seines attraktiven Erscheinungsbildes auf die Damenwelt bewusst. Aber diese zwei Mädchen interessierten ihn nicht sonderlich, hatte er es doch auf einen bestimmten, neunundzwanzigjährigen Lockenkopf abgesehen, der ihm vor einigen Monaten gehörig den Kopf verdreht hatte. Noch immer hatte er das Bild vor Augen, das sich ihm bot, als er damals in der Brautmodenboutique in Mitte auf Gabi gewartet hatte. Gretchen in diesem wunderschönen cremeweißen Kleid – sein Herz klopfte noch immer aufs heftigste bei der Erinnerung an diese Szene.

Der Aufzug kam prompt, nachdem Marc ihn per Tastendruck angefordert hatte. Er stieg in den großen, silberglänzenden Fahrkorb und drückte den Knopf für die dritte Etage, auf der sich SEINE Station befand. Wenig später erreichte er diese und atmete einmal genießerisch durch, bevor er den ihm immer noch bekannten Weg zum Stationszimmer einschlug. Am Empfang saß, hochkonzentriert über eine Akte gebeugt, eine ihm ebenfalls noch sehr vertraute Dunkelblonde, die er sogleich ansprach.
„Guten Morgen, Schwester Sabine.“
Angesprochene zuckte kurz zusammen und blickte zunächst erschrocken auf, verwandelte ihren Blick dann jedoch in den Ausdruck purer Wiedersehensfreude.
„Herr Doktor Meier“, rief die kleine Stationsschwester begeistert aus. „Sie sind wieder hier.“
„In der Tat“, erwiderte Marc schmunzelnd und stellte den schweren Karton vor sich ab. „Ist Dr. Rössel schon hier?“
„Selbstverständlich“, hörte er einen Sekundenbruchteil später hinter sich einen ebenfalls vertrauten, sonoren Bass sagen. Marc drehte sich um und sah in das freundliche Gesicht des alten Mannes, der ihn bis vor wenigen Jahren gemeinsam mit Professor Dr. Haase ausgebildet hatte. Die beiden Chirurgen begrüßten sich angemessen per Handschlag. Da sie in diesem Fall aus einem ähnlichen Muster gestrickt waren, ließen sie sich keine Zeit für einen Smalltalk, sondern gingen sofort zur Übergabe des Zepters vom alten zum neuen Stationsoberarzt über. Marc spürte, dass Dr. Rössel der Abschied schwerfiel. Er war bereits am vergangenen Freitag offiziell vom Kollegium des Krankenhauses in den Ruhestand verabschiedet worden, hatte aber bis vor wenigen Minuten noch seine letzte reguläre Schicht gehabt. Er schien es einfach nur hinter sich bringen und schnellstmöglichst nach Hause fahren zu wollen. Marc konnte dies verstehen. Er erinnerte sich noch sehr gut an seinen letzten Tag in dieser Klinik, bevor er zur Charité gewechselt war. Damals war es ihm auch schwer gefallen, dies alles nach all den Jahren zurückzulassen. Er hatte sich immer wohlgefühlt am EKH, hatte sich vor allem mit dem Professor sehr verbunden gefühlt. Er spürte, dass er nach Hause gekommen war. Hier gehörte er hin, an dieses kleine, vergleichsweise bescheidene Krankenhaus im Süden der Hauptstadt. Hier hatte seine Medizinerkarriere begonnen, hier sollte sie, wenn es nach ihm ging, irgendwann enden, am liebsten an der Seite Hasenzahns.

Marc war, nachdem Dr. Rössel ihm den Schlüssel für sein neues Büro überlassen hatte, in ebensolches gegangen und hatte die nächsten Minuten damit verbracht, den Karton mit seinen wichtigsten, beruflichen Habseligkeiten auszupacken. Bücher wurden in die leeren Regalfächer gestellt, Lieblingsfüller und Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch positioniert und nicht zuletzt das Skelett in Miniaturausgabe, ein stets gewürdigtes Geschenk des Professors zum erfolgreichen Abschluss der Facharztprüfung vor gut vier Jahren, sichtbar auf die Anrichte unterm Fenster platziert. Als sein Werk vollbracht war, sah Marc sich zufrieden um. Ein paar Bilder an den Wänden fehlten noch. Ansonsten war alles perfekt. Marc würde sich in diesem Büro durchaus wohlfühlen können.

„Und?“ fragte ihn urplötzlich eine tiefe Stimme in seinem Rücken. „Glücklich, wieder daheim zu sein?“
Marc drehte sich um und erblickte das erfreute Gesicht seines früheren und zukünftigen Chefs.
„Herr Professor“, erwiderte er ebenso freundlich.
„Willkommen zurück, Meier“, sagte der Professor und klopfte seinem einstigen Schützling begütigend auf die Schulter. Dabei ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen und begann plötzlich zu schmunzeln, ehe er sich in Richtung Fenster bewegte. Vor der Kommode blieb er stehen und nahm das kleine Plastikskelett in die Hand.
„Das haben Sie noch?“ fragte er freudig.
„Natürlich“, nickte Marc. „Ich habe es all die Jahre immer in meinem Büro stehen gehabt. Es hat mir Glück gebracht.“
„So sollte es auch sein“, bestätigte Franz Haase sanftmütig. „Ich muss zugeben, es erfüllt mich mit Stolz zu sehen, dass Sie mein bescheidenes Abschiedsgeschenk in Ehren gehalten haben. Und noch stolzer bin ich, dass Sie begriffen haben, wohin Sie gehören. Ich bin mir sicher, Sie werden unserem kleinen Krankenhaus guttun mit Ihrer Erfahrung, die Sie in den vergangenen Jahren an der Charité gesammelt haben. Und ich brauche mich sicherlich nicht mit meiner Absicht vor Ihnen zu verstecken, dass ich eines Tages Großes mit Ihnen vorhabe.“
„Wie meinen Sie das, Herr Professor?“ fragte Marc leicht verunsichert.
„Ich spreche von meinem Stuhl, Meier“, antwortete Professor Haase unverblümt. „Sie wissen, ich bin nicht mehr der Jüngste. Meine Zeit als Chefarzt ist begrenzt. Meine Frau drängt schon lange, dass ich bald in Rente gehen soll. Ein paar Jahre gebe ich mir aber noch. Sie wissen es selbst – das Herz hängt an der Chirurgie und vor allem an dieser Klinik. Es ist mein Lebenswerk, das ich vor zweieinhalb Jahrzehnten als kränkelndes Huhn von meinem Vorgänger übernommen und quasi aus dem Sumpf geholt habe. Die Finanzen stehen so gut wie lange nicht. Der Berlin-Potsdamer Klinikverbund, kurz BPKV, zu dem auch das Weststadtkrankenhaus gehört, ebenso wie das Luise-Margarethe-Hospital, an dem ich einst meinen Facharzt machte und dem meine Tochter ihren Vornamen verdankt, bescheinigt mir seit Jahren beste Arbeit im Bereich der krankenhausinternen Finanzen. Wie Sie merken, werde ich eines Tages meinem Nachfolger ein schweres, aber vielversprechendes Erbe hinterlassen. Es schadet nicht, bereits jetzt auszukundschaften, wer einmal meinen Platz hier übernehmen könnte. Sie haben sehr gute Chancen, Meier. Aber verlassen Sie sich nicht darauf. Auch Frau Dr. Hassmann wusste mich während der Zeit, als sie mich für eine Weile als Klinikleiterin vertrat, von ihrer Kompetenz zu überzeugen. Wichtig ist, dass der zukünftige Chef sich mit diesem Haus identifiziert und bereit ist, alles für den Erhalt des EKH zu geben. Und dies ist etwas, dass ich Ihnen durchaus zutraue, Meier.“
Stillschweigend hatte Marc seinem Chef bei dessen Ausführungen zugehört. Es überraschte ihn, dass dieser bereits jetzt, noch vor seiner ersten Schicht im EKH, mit dem Gedanken spielte, ihn in ein paar Jahren zu seinem Nachfolger auf dem Chefsessel zu machen. Aber es ehrte ihn zugleich. Dieses Vertrauen, das Professor Haase ihm seit jeher schenkte, fühlte sich wunderbar an. Marc lächelte dem älteren Mann zu.
„Ich werde mich anstrengen, Sie in keinster Weise zu enttäuschen, Herr Professor“, sagte er ohne jeglichen Anschein des Anbiederns, sondern vollkommen aufrichtig und entschlossen. „Vor allem möchte ich Ihnen danken für das Vertrauen, das Sie in mich setzen.“
„Ich habe Sie ausgebildet. Ich weiß, was ich von Ihnen erwarten darf“, meinte Professor Haase und erwiderte Marcs Lächeln. Dann streckte er dem jungen Kollegen seine Hand hin, da er das Willkommensgespräch für sich als beendet ansah und Dr. Meier nicht länger als nötig von der Arbeit abhalten wollte. „Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an Ihrem ersten Tag und vor allem auch uns als Klinik, dass Sie, wie ich zu wissen meine, unserem Haus alle Ehre machen.“
Marc erwiderte den Handdruck und versprach: „Ich werde mein Bestes geben, Herr Professor.“
„Sicher“, nickte dieser und wandte sich zur Tür. Bevor er diese von außen hinter sich schloss, hielt er jedoch noch einmal inne und drehte sich kurz zu seinem neuen Oberarzt um.
„Ich vertraue darauf, dass Sie aus meiner Tochter eine hervorragende Chirurgin machen. Von Ihnen kann mein Kälbchen nur das Beste lernen – vom Besten, nach ihrem Vater wohlgemerkt.“ Franz Haase lachte über seinen eigenen Witz und verließ endgültig an diesem Tag die chirurgische Station, ehe Marc nur im Entferntesten ein Wort über Gretchen verlieren konnte. Jener fragte sich ohnehin schon, wo die gnädige Dame sich denn gerade herumtrieb. Es war ohnehin Zeit, das Team der Station zur morgendlichen Visite zusammenzurufen. Daher ging Marc zurück ins Stationszimmer, um Sabine strikte Anweisungen zu erteilen.
„Sabine, Visite vorbereiten“, befahl er im strengen Ton. „Und piepen Sie bitte Hasenzahn… ich meine, Frau Dr. Haase an!“
„Aber Dr. Haase ist doch beurlaubt“, wandte die Krankenschwester kleinlaut ein.
„Bitte?“ quiekte Marc und hoffte, er habe sich schlicht verhört.
„Na“, setzte Sabine zur Erklärung an. „die Frau Doktor musste doch dringend verreisen, weil dem Dr. Kaan irgendwas passiert ist. Dr. Kaan ist nämlich auch im Urlaub, müssen Sie wissen.“
„Oh!“ Mehr bekam der sonst so schlagfertige Marc Meier nicht heraus. Dass Gretchen Mehdi hinterhergefahren war und es diesem wohlmöglich schlecht ging, behagte ihm nicht, da er das ungute Gefühl nicht los wurde, eine Menge mit diesen Umständen zu tun zu haben. Er kannte Mehdi. Hatte dieser etwa versucht, sich etwas anzutun? Hatte Marc mit seiner Aktion in der Villa Haase am Ende dafür gesorgt, dass Gretchen und der Frauenversteher sich noch näher kamen? Zweifel kamen in Marc auf. Wenn er Gretchen nicht endgültig an den Gynäkologen verlieren wollte, vor allem, wenn er sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte, musste er unbedingt mit ihr reden.
„Sabine“, herrschte er die Stationsschwester an. „Visite um zehn Minuten nach hinten verschieben und Knechtlsdorfer Bescheid sagen! Ich bin kurz in meinem Büro.“
„In Ordnung, Herr Doktor“, erwiderte Sabine unterwürfig.

Zurück in seinem neuen beruflichen Refugium, setzte Marc sich an seinen Schreibtisch und nahm das Telefon zur Hand, während er Gretchens Handynummer aus dem schwarzen Notizbuch ablas, in dem er die Daten all seiner bisherigen Eroberungen verwahrte. Seine Hand zitterte, während er wählte. Er vertippte sich ein paar Mal, hatte aber schließlich die richtige Zahlenreihe eingegeben und lauschte nun ungeduldig dem Tuten, das eine erfolgreiche Verbindung signalisierte. Doch musste er Augenblicke später feststellen, dass Gretchen ihn weggedrückt hatte. Also versuchte er es nochmal und nochmal. Immer wieder das gleiche Spiel! Anscheinend wollte sie nicht mit ihm reden. Vielleicht lag sie längst in den Armen dieses Blödmannes und ließ sich von seinem Liebesgesülze einnehmen. Marc wurde schlecht bei dieser Vorstellung. Seine zuvor so glanzvolle Laune war tief gesunken. Es gab nur ein Mittel, diesen beschissenen Start in sein neues berufliches Leben für sich abzumildern. Er musste sich abreagieren. Und das beste Mittel dazu war, den Schwestern, Pflegern und Assistenzärzten seiner Station einmal mehr als deutlich zu machen, WER jetzt hier das sagen hatte. Marc Meier war wieder da – und zwar gewaltig. Die arme Sabine, die es an diesem Tag besonders hart erwischt hatte, ertappte sich bei dem unkeuschen Gedanken, ihren neuen Chef, auf den sie sich zuvor so sehr gefreut hatte, dahin zu wünschen, wo der sprichwörtliche Pfeffer wächst. Dass sie, da sie Dr. Haases und Dr. Kaans momentane Situation so unbedacht ausgeplaudert hatte, selbst Schuld war an Dr. Meiers schlechter Laune, darauf wäre sie beim besten Willen nicht gekommen.

Marc grübelte abends zu Hause darüber nach, was er tun könnte, um Mehdi doch noch von Gretchen wegzubekommen. Er hatte einiges versucht. Er war so ehrlich wie möglich zu Gretchen gewesen, nicht nur damals in Greifswald, sondern auch in ihrem rosaroten Mädchenzimmer. Er hatte sich eines Teils seiner gefühlten Männlichkeit beraubt, indem er einer Frau zum ersten Mal in seinem Leben gestanden hatte, dass er sie liebte. Und sie? Sie hatte ihn stattdessen davongejagt und war dem Trottel von der Frauenstation hinterhergefahren. Was musste er noch tun, damit sie endlich von seiner Aufrichtigkeit überzeugt war?




Fernab, in einer kleinen Stadt tief im Westen, vergrub Dr. Margarethe Haase gerade ihr tränennasses Gesicht in ihrem Kopfkissen. Ja, sie hatte einen wunderschönen Tag mit Familie Kaan verlebt. Sie hatten einen Ausflug auf einem Katamaran zu einer der Nordseeinseln gemacht, was vor allem Lilly gefreut hatte. Und ja, beim gemeinsamen Strandspaziergang hatte Mehdi ihre Hand genommen und sie angelächelt. Gretchen hätte glücklich sein sollen. Sie hatte sogar Marcs Versuche, sie anzurufen, rigoros abgeblockt. Aber warum fühlte es sich auf einmal so falsch an, was sie tat? Warum war sie hier anstatt in Berlin, wo sie ihren neuen Chef in seiner ersten Schicht hätte in die Patientenfälle einweisen müssen? Woher kamen die Zweifel, der Gedanke, dass sie eigentlich gar nicht hier sein sollte? Sie wollte das nicht. Aber sie spürte, dass sie nicht anders konnte. Sie war gefangen zwischen zwei Männern. Ja, sie liebte Mehdi, aber genauso sehr, wenn nicht noch ein bisschen mehr, liebte sie IHN – Marc Meier.




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