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Nachteule Online

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Beiträge: 193

13.10.2017 22:35
#26 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 26 – Kampf dem Terror


„Papa!“ Gretchens Augen funkelten zornig auf. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
„Was denn?“ Verblüfft sah Professor Haase seine wutentbrannte Tochter an.
„Du kannst doch nicht allen Ernstes Marc Meier als Dr. Rössels Nachfolger einstellen!“ Noch immer konnte die junge Ärztin nicht fassen, was ihr Vater ihr gerade am Frühstückstisch mitgeteilt hatte.
„Natürlich kann ich das“, bestätigte der Chefarzt des EKH unbeirrt. „Dr. Meier hat nun einmal die besten Referenzen zu bieten.“
„Papa!“ Gretchen, nun ein wenig ruhiger in ihrer Tonart, jedoch immer noch deutlich entsetzt über die Nachricht des Morgens, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem Vater seinen neuen chirurgischen Oberarzt noch rechtzeitig auszureden. Franz Haase konnte ja nicht ahnen, warum sich seine Tochter so vehement gegen eine Zusammenarbeit mit seinem früheren und begabtesten Schützling sträubte, hatte er doch keinen blassen Schimmer, was zwischen den beiden in Greifswald vorgefallen war.
„Dr. Meier ist doch viel zu jung für diese Stelle“, fügte sie leiser geworden an.
„Kälbchen“, noch immer bevorzugte Professor Haase diesen kindlichen Kosenamen für seine einzige Tochter. „Dr. Meier hat die allgemeinchirurgische Station auf der Charité geleitet. Auf der CHARITÉ! Dann kann er das in unserem bescheidenen Hospital ja wohl besonders gut.“ Genüsslich biss er von seinem Marmeladenbrötchen ab, kaute den Bissen gründlich und fuhr nach einem abschließenden Schluck Kaffee mit seinen Ausführungen fort.
„Es wird dir nicht schaden, mein Mädchen, einen solchen Vorgesetzten zu haben. Von ihm kannst du noch eine ganze Menge lernen. Sieh es also positiv für deine Chirurginnen-Karriere!“
Gretchen seufzte. Egal, was sie sagte, ihr Vater sah in seinem zukünftigen Oberarzt nur das Beste. Jedenfalls arbeitstechnisch. Also musste Gretchen andere Geschütze auffahren, um den Professor im letzten Moment umzustimmen.
„Er ist der Sohn deiner Exaffäre“, raunte Gretchen ihm zu. „Meinst du, es ist richtig, wenn du durch ihn tagtäglich daran erinnert wirst, was du Mama wochenlang angetan hast?“ Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick zur Küchentür, hinter der Bärbel Haase gerade dabei war, eine zweite Kanne Kaffee zu präparieren.
Franz Haase warf einen scharfen Blick auf seine Tochter.
„Denkst du, das weiß ich nicht?“ zischte er ihr zu. „Im Übrigen finde ich, sollte man Berufliches und Privates trennen. Und wenn ich dich daran erinnern darf, warst du als Teenager jahrelang in eben diesen Marc Meier verliebt.“
„Ähm…“, stammelte Gretchen nun und wich verlegen dem stechenden Blick ihres Vaters aus. „Also erstens ist das lange her, zweitens bin ich längst drüber weg und drittens bin ich mit Mehdi zusammen.“
„Ein Gynäkologe, tzz“, murmelte Franz Haase kopfschüttelnd.
„Was hast du gegen Mehdi?“ fragte Gretchen wie beiläufig und schmierte sich gleichzeitig ein weiteres Nutellabrötchen.
„Na, ganz einfach“, antwortete der Vater. „Er spielt kein Golf.“
„Ach!“ entfuhr es Gretchen. Sie musste unweigerlich über diese Aussage schmunzeln.
„Dr. Kaan ist mir schon länger suspekt“, erklärte Franz Haase. „Der ist einfach nichts für dich, Kälbchen.“
„Weil er kein Golf spielt?“ fragte Gretchen mit lauterer Stimme und erhobenen Augenbrauen. „Hallo? Ist er deswegen ein schlechter Arzt oder was?“
„Gynäkologen sind keine richtigen Ärzte“, erwiderte der Professor schlicht und widmete sich wieder seiner Zeitung.“
„Ach nein? Was dann?“
„Jedenfalls kein richtiger Arzt, Herrgott nochmal!“ Allmählich wurde dem Chefarzt diese Diskussion zu blöd.
„Na, was wird hier denn so heiß und innig diskutiert?“ fragte Bärbel Haase fröhlich und nichtsahnend, als sie mit einer frisch aufgefüllten Kaffeekanne an den Frühstückstisch zurückkam.
„Papa findet, ich sollte mich von Mehdi fernhalten“, erzählte Gretchen mit trotzig verschränkten Armen.
„Was, der tolle Araber?“ Bärbel Haases Augen begannen bereits wieder zu leuchten, wenn sie an den feschen Freund ihrer Tochter dachte.
„Halbperser, Mama“, murrte Gretchen augenrollend.
„Ja, wahrscheinlich ist er auch so einer von diesen klammheimlichen Terroristen“, mischte sich nun wieder Franz Haase dazwischen. „Und wer weiß, vielleicht plant er bereits den großen Anschlag auf unser schönes Krankenhaus.“
„Was?“ Bärbels große Begeisterung wich augenblicklich einem blanken Entsetzen. „Aber Gretchen, das geht doch nicht! Du kannst uns doch nicht so einer Gefahr ausliefern! Nachher entführt der uns noch und nimmt uns als Geiseln.“
„Mama, Papa!“ Wütend stand Gretchen vom Frühstückstisch auf und störte sich auch nicht daran, dass sie dabei ihre Kaffeetasse umstieß, deren Inhalt sich sofort großflächig über die Tischdecke verteilte.
„Meine schöne Tischdecke“, regte sich Bärbel Haase sogleich auf und versuchte zu retten, was zu retten war, während Gretchen mit Zornestränen die Treppe hochstampfte und in ihr Zimmer verschwand.
„Wir müssen verhindern, dass das Schlimmste eintrifft, Franz“, flehte Bärbel unterdessen ihren Mann an, der sie fragend ansah.
„Inwiefern, mein Butterböhnchen?“
„Na, wir müssen sie von dem Dr. Laan fernhalten.“
„Dr. Kaan, meinst du. Und wie sollen wir das anstellen?“
„Na ja, sie braucht ein Date, ein Date mit dem neuen Oberarzt.“
„Mit Dr. Meier?“ Franz Haase glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Bärbel, ich denke nicht, dass unsere Tochter in nächster Zeit und überhaupt in ihrer gesamten Zukunft etwas mit einem Arzt anfangen sollte. Du weißt, wie Ärzte sind, vor allem Chirurgen.“
„Aber sicher doch“, lächelte Bärbel wissend und stupste ihren Mann an der Nasenspitze an. „Ich bin doch selbst mit einem verheiratet. Und wenn du es genau wissen willst, so übel sind Chirurgen gar nicht.“
„Aber Dr. Meier? Butterböhnchen, ich weiß einfach nicht, ob das so richtig wäre.“ Franz verzog sein Gesicht skeptisch und blickte seine Frau dabei intensiv an.
„Du meinst, weil er der Sohn deiner Exgeliebten ist?“
„Du weißt also…?“ fragte der Professor erstaunt.
„Ja“, nickte Bärbel. „Und ich weiß, dass Dr. Meier der Marc Meier ist, der unserer Tochter in der Schule das Leben schwer gemacht hat. Genau, wie ich weiß, dass Margarethe ihn immer noch nicht ganz aus ihrem Herzen verbannt hat.“
„Wie meinst du das?“
„Brummelchen“, es war selten, dass Bärbel ihren Mann mit dem Kosenamen ansprach, den sie ihm schon zu Anfang ihrer Ehe verpasst hatte und nur verwendete, wenn sie etwas Bestimmtes von ihm haben oder ihn von etwas überzeugen wollte. „Vor einigen Wochen hatten unsere Tochter und ich ein ernstes Gespräch, quasi unter Frauen. Und da hat Margarethe mir erzählt, dass sie Marc Meier zufällig wiedergetroffen hätte. Sie war total durcheinander und glaubte, ihrem Dr. Laan Unrecht zu tun, weil sie ständig an Dr. Meier denken müsse. Sie liebt ihn noch, Franz.“
„Bist du dir da sicher, Butterböhnchen?“
„Zu hundert Prozent, mein Brummbärchen.“
„Und du meinst, es würde ausreichen, wenn Dr. Meier ihre Gefühle wenigstens ansatzweise erwidert oder es zumindest den Anschein hat, damit sie Dr. Kaan den Laufpass erteilt?“
„Genau. Und dann musst du den Türken nur noch im Krankenhaus loswerden.“
„Ist das nicht etwas gemein, Butterböhnchen?“
„Ist dir dein Krankenhaus und das Leben deiner Angestellten und Patienten nun wichtig oder nicht?“
„Natürlich ist es das.“
„Siehst du, Franz. Und darum müssen wir es schaffen, dass Margarethe sich von diesem Terroristen trennt.“
„Aber wieso denn ausgerechnet mit Hilfe von Dr. Meier?“
„Ist dir Gunnar Neumann als Schwiegersohn in Spe lieber?“
„Selbstverständlich nicht!“ echauffierte sich der Chefarzt bei dem Gedanken, Gretchen könnte etwas mit diesem langweiligen Spießer anfangen, welcher ein Sohn von Bekannten war, mit denen sich die Haases nicht gerade gerne abgaben, geschweige denn, mit diesen auch noch verwandt sein zu wollen.
„Da ist mir Dr. Meier als Kälbchens Freund wesentlich lieber.“
„Na, dann ist doch alles bestens“, grinste Bärbel und schenkte sich noch eine dampfende Tasse Kaffee ein. „Du auch noch, mein Brummelchen?“
Franz Haase nickte. Anschließend machte er ein nachdenkliches Gesicht. Hatte Bärbel eventuell Recht? Dr. Kaan war ihm schon länger ein Dorn im Auge. Ein Arzt, der nicht golfen ging und ständig abgelaufene Medikamente einsammelte, um sie angeblich an Organisationen der Afrikahilfe zu spenden, der konnte keine normalen Absichten haben. Vielleicht brauchte er die Medikamente ja, um mit deren Hilfe Sprengsätze zu bauen. Franz Haase beschloss, Dr. Kaan in nächster Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen. Vor allem aber würde er verhindern, dass Gretchen weiterhin so viel Zeit mit diesem Kerl verbrachte. Und wenn er dafür sorgen musste, dass sie sich wieder ernsthaft in Dr. Meier verliebte, dann war das halt so.





Nachteule Online

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Beiträge: 193

13.10.2017 22:36
#27 RE: Love is Magic - Nachteules Story Zitat · antworten

Kapitel 27 – Der perfekte Schwiegersohn


„Marc, stimmt das?“ Mit Tränen in den Augen stand Gabi im Türrahmen zwischen dem Stationsflur und Dr. Meiers bisherigem Büro. „Du machst wirklich die Biege?“
„Japp“, lautete die schlichte Antwort des gutgelaunten Chirurgen, der gerade dabei war, die Schubladen seines Noch-Schreibtisches zu entleeren und den Inhalt sorgsam auf Kartons zu verteilen.
„Wieso?“ Gabis Stimme zitterte.
„Ich habe halt woanders eine super Oberarztstelle bekommen“, grinste der Angesprochene fröhlich.
„Aber… aber…!“ Weiter kam die zierliche Brünette nicht.
„Na, bringst du den Satz auch noch zu Ende?“ fragte Marc flapsig. „Am besten heute noch?“
„Du kannst doch nicht einfach deine Stelle wechseln!“
„Und ob ich das kann“, erwiderte Marc und ließ sich nicht beirren.
„Und wo gehst du hin?“
„Das geht dich nichts an, Gabi.“
„Bleibst du wenigstens in Berlin?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, flötete der Oberarzt geheimnisvoll und packte munter weiter seine sieben Sachen in die Umzugskartons.
„Werden wir uns jemals wiedersehen?“ In Gabis Stimme klang ein letztes Stück Hoffnung mit. Es hatte sie tief getroffen, von Kollegen zu erfahren, dass ihr Ex-Verlobter die Charité anscheinend verlassen würde. Und nun sah sie schwarz auf weiß, dass es stimmte, und es erteilte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust.
„Ich hoffe nicht“, antwortete Marc rücksichtslos. Dass er damit Gabis gänzliche Wut auf sich herausforderte, ignorierte er bewusst. Wieso sollte es ihm etwas ausmachen, dass sie verletzt war, weil er das Krankenhaus für immer verließ? Er liebte sie nicht, hatte sie nie geliebt. Stattdessen arbeitete er in Zukunft mit der Frau eng zusammen, die seit Wochen sein Denkzentrum beschäftigte wie nichts und niemand sonst – Hasenzahn. Er freute sich schon sehr darauf und konnte seinen ersten Arbeitstag seit Jahren im EKH kaum erwarten.
„Du bist so ein Arsch, Marc Meier“, schleuderte ihm Gabi getroffen entgegen. „Ich wünsche dir alles erdenklich Schlechte und dass dich nie wieder auch nur eine halbwegs attraktive Frau an ihre Wäsche lässt oder du dir beim nächsten Sex eine todbringende Krankheit einfängst.“ Damit machte sie kehrt und verschwand im Laufschritt, was von Marc nur mit einem amüsierten Auflachen quittiert wurde. Sollte sie ihn doch verfluchen, wie sie wollte, seine gute Laune konnte heute nichts und niemand trüben. Er freute sich, denn heute Abend würde er seinem neuen Chef und dessen Familie einen Besuch abstatten. Franz Haase hatte es sich nämlich nicht nehmen lassen, seinen neuen Oberarzt zum Essen einzuladen, vorgeblich, um ihn in seine zukünftigen Aufgabenbereiche einzuweisen.
„Margarethe, meine Tochter, wird übrigens auch anwesend sein“, hatte der Professor ihm erklärt. „Schließlich ist sie in Zukunft eine ihrer beiden Assistenzen. Auch der zweite Assistenzarzt, Herr Knechtlsdorfer, wird uns beehren. Sie können dann mit den zweien schon einmal anbandeln, wie man so schön sagt.“ Er hatte ein lautes Lachen folgen lassen, in das Marc höflicherweise mit eingestiegen war, und seinem ehemaligen Schützling und zukünftigen leitenden Chirurgen freundschaftlich auf den Rücken geklopft. „Meier, Sie werden das Ding schon rocken“, hatte der Professor angefügt.
Ja, vor allem rocke ich Ihre Tochter, ließ Marc einen spitzbübischen Gedanken zu. Wie hätte er ahnen können, dass es auch im Interesse des Professors war, dass er und Hasenzahn sich näher kamen?




„Was ist denn das für ein Essen?“ fragte Mehdi Kaan am frühen Nachmittag interessiert, während er und seine Freundin eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa saßen und ihre rar gewordene Zweisamkeit genossen. Lilly war vor gut einer Stunde von ihren Großeltern abgeholt worden, wo sie bis Sonntagabend bleiben würde. Dass sowohl Mehdi als auch Gretchen am Samstag nicht arbeiten mussten, kam ihnen also besonders gelegen. Sie hatten in der letzten Zeit wieder verschiedene Schichten gehabt und sich daher nur selten gesehen. Gretchen hatte deshalb auch zu Hause geschlafen, da sie sich in Mehdis Wohnung einsam fühlte ohne ihn. Aber das Wochenende, so nahm sie sich vor, sollte alleine ihrem Freund und ihr gehören. Keine Störung, kein Bereitschaftsdienst, es konnte also nur herrlich werden.
„Och“, antwortete Gretchen betont beifällig. „Meine Eltern erwarten irgendeinen wichtigen Besuch. Und sie möchten gerne, dass ich dabei bin.“ Sie sah Mehdi tief und wehmütig in die Augen. Sie hatte wirklich nicht die geringste Ahnung, welchen hohen Herrn ihre Eltern ihr in wenigen Stunden präsentieren wollten. Sie machten ein großes Geheimnis daraus. „Ich wünschte, du könntest dabei sein“, seufzte sie jämmerlich. „Schade, dass du Spätschicht hast heute.“
„Dafür haben wir den morgigen Tag ganz für uns“, tröstete Mehdi sie und drückte sie fest an sich. „Und einen Teil vom Sonntag auch noch, ehe meine Eltern Lilly wieder nach Hause bringen.“
„Ich freu mich schon auf morgen“, flüsterte Gretchen und strich behutsam über Mehdis mit einem hellblauen Hemd bekleidete Brust, während sie ihre Wange fest gegen seine kräftige Schulter presste. Womit hatte sie nur so einen Freund verdient, der so warmherzig, so verständnisvoll war, der es aushielt, dass sie so oft getrennte Arbeitszeiten hatten, selten gemeinsame Nächte miteinander verbringen konnten und überhaupt so weit voneinander entfernt wohnten, Mehdi im nördlichen Reinickendorf, Gretchen im südlichen Zehlendorf? Mehdi hätte Gretchen längst gefragt, ob sie zu ihm ziehen wollte, traute sich aber nicht, da er einfach nicht wusste, wie ernst sie die Beziehung nahm. Und er wollte Lilly nicht überfordern. Sie hatte lange gebraucht, fast so lange wie er selbst, um das Weggehen der Mutter zu verkraften. Gretchen war Mehdis erste Freundin seit der Trennung von Anna. Und er wollte alles richtig machen, was sie und ihn anging, nichts überstürzen und sie wohlmöglich damit unter einen enormen Druck setzen. Schließlich war ihre gescheiterte Verlobung erst einige Monate her. Nein, er und Gretchen hatten Zeit. Erst einmal wollte er seine junge Liebe zu ihr genießen und festigen und erst dann, Schritt für Schritt, den Weg in eine – hoffentlich – gemeinsame Zukunft wagen.




„Zieh dir was Schönes an“, rief Bärbel ihrer Tochter hinterher, als diese sich gerade auf den Weg ins Obergeschoss machte, um sich in ihrem Zimmer für das bevorstehende Abendessen mit den Überraschungsgästen zurechtzumachen. Während sie sich in ihrem Zimmer gerade das Haar bürstete, klingelte es unten an der Haustür. Sogleich ertönte die helle Stimme ihrer Mutter dumpf an ihr Ohr. Weitere Stimmen wurden hörbar, von denen Gretchen nur diejenige ihres Vaters ausmachen konnte. Kurz darauf klingelte es ein weiteres Mal. Während Bärbel die Haustür erneut öffnete, schritt Gretchen gemächlich die Treppe herunter und glaubte, gerade auf der drittletzten Stufe angekommen, ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Besucher erkannte, der sie in diesem Augenblick direkt ansah und seine Mundwinkel zu einem erfreuten Lächeln verzog.
Es war dieser überraschende Anblick, der Gretchen völlig aus dem Kontext brachte. Sie verlor nicht nur kurzzeitig ihre Sprache, sondern spürte auch ihr Herz klopfen, heftiger und schneller als das Rattern eines Dieselmotors. Um nicht den Halt zu verlieren, verkrampfte sie ihre Hand um das Treppengeländer, als wolle sie ihre Finger in das glänzend polierte Holz bohren.
Für Marc ging in jenem Augenblick, als er sie erblickte, die Sonne auf. Selten hatte er so etwas Schönes gesehen, dachte er bei sich. Auch sein Herz klopfte hart gegen seine Brust. Sie sah atemberaubend aus in ihrem schlichten marinefarbenen Kleid mit V-Ausschnitt, das ihr bis zu den Knien ging. Ihre schlanken Beine wurden durch eine dunkle Strumpfhose und tiefdunkelblaue Stiefeletten mit Absatz perfekt betont, während ihr die goldenen Locken verspielt über die Schultern hingen. Auch ihr Makeup hatte Gretchen auf ihren Blau-Look abgestimmt, dabei aber nicht übertrieben. Kurzum – sie sah einfach perfekt aus in den Augen ihres zukünftigen Oberarztes.
„Margarethe“, holte ihre Mutter sie aus ihren Gedanken. „Dr. Meier kennst du ja schon.“ Sie zwinkerte und ließ die beiden für einen Augenblick alleine im Flur stehen, ehe der Professor sich zu ihnen gesellte und seinen alten und neuen Mitarbeiter gebührend begrüßte.
„Meier!“ Der freundschaftliche Schlag auf den Rücken des attraktiven Jungchirurgen war ein wenig übertrieben und nahm Marc für einen Sekundenbruchteil den Atem. Schnell fing er sich wieder und grinste seinem neuen Chef vergnügt entgegen.
„Herr Professor“, erwiderte Dr. Meier freundlich und ließ sich von Professor Haase die Hand schütteln.
„Schön, dass Sie es noch einrichten konnten“, meinte dieser nicht minder freundlich und wandte sich dann an seine Tochter, die immer noch sprachlos am Treppenabsatz stand.
„Was ist denn das für ein Benehmen? Begrüßt man so seinen zukünftigen Vorgesetzten, hm?“
„Ähm… klar… nee… natürlich nicht“, stotterte Gretchen noch immer leicht überwältigt vom Anblick des jungen Mannes in seinem lässigen Marken-Outfit, bestehend aus einer dunkelgrauen Stoffhose zu schwarzen, sportlichen Halbschuhen, einem blütenweißen Oberhemd, dessen oberste zwei Knopfreihen er offen trug, und einem schwarzen, ebenfalls offenen Jackett. Seine Haare waren wie immer topgestylt. Marc sah aus, wie frisch aus einem Modemagazin entsprungen. Dazu ließ er seine unwiderstehlichen Grübchen springen, als er einige Schritte auf Gretchen zuging und ihr seine schlanke Chirurgenhand zur Begrüßung entgegenhielt. Zaghaft erwiderte Gretchen den Gruß. Die Berührung mit seiner warmen Haut jedoch war fast wie ein Stromschlag. Leicht erschrocken zog sie ihre Hand zurück und versuchte krampfhaft, ihre Gedanken wieder zu ordnen, was ihr nur schwer gelang.
„Kommt ihr zwei?“ fragte Professor Haase, der mit Genugtuung die prickelnde Spannung dieser beiden jungen Menschen neben sich bemerkte und heimlich in sich hineinschmunzelte.
Na, das läuft doch wie geschmiert, dachte der Fast-Sechzigjährige sich grinsend. Er betrat gutgelaunt sein Wohnzimmer, während Gretchen und Marc ihm langsam folgten.
Erst in der „guten Stube“ bemerkte Gretchen auch den anderen Gast, den ihr Vater an diesem Abend eingeladen und der es sich bereits auf einem der gelben Kord-Sofas gemütlich gemacht hatte.
„Ach, Herr Knechtlsdorfer“, sagte Gretchen überrascht und streckte dem Kollegen und Ausbildungskonkurrenten, der sogleich von seinem Hosenboden aufsprang, die Hand hin.
„Servus, Frau Kollegin“, sagte der junge Österreicher grinsend und erwiderte Gretchens Handgruß. Anschließend wurde er vom Professor seinem künftigen Oberarzt vorgestellt und hatte nichts Besseres zu tun, als sich bei diesem schamlos anzubiedern.
Gleich trieft es hier nur so vor Schleim, dachte Gretchen angewidert und verdrehte innerlich die Augen.
„Wissens“, säuselte Maurice Knechtlsdorfer während der Vorspeise dem bemüht aufmerksamen Dr. Meier entgegen. „I hob ja schon so a Massa ghört von Eana. Se sans aana von den Besten. I gfrei mi wia a Schnitzel mit eana zu operieren, Herr Dockta.“
„Äh… ja“, war daraufhin nur Dr. Meiers verwirrter Kommentar. Der freute sich wie ein Schnitzel, mit ihm im OP zu stehen? Seltsame Ansichten hatte dieser Wiener Bushido-Verschnitt, wirklich!
Gretchens Gedanken schienen eine ähnliche Sprache zu sprechen wie die des Oberarztes. Auch sie musste klammheimlich schmunzeln über die „Ausführungen“ ihres Assistentenkollegen. Dabei streifte fast zufällig der Blick Marcs, der ihr gegenübersaß, den ihren. Verlegen sah Gretchen nach unten, dann jedoch wieder, wie von einer magischen Macht gelenkt, direkt in Marcs Augen. Sie spürte eine aufwallende Hitze in sich aufsteigen. Ihr Herz bubberte bereits wieder. Seine Anwesenheit machte sie nervös, aber zugleich freute sie sich, dass er an diesem Abend hier war, hier im Haus ihrer Eltern. Sie dachte keine Sekunde an Mehdi, der jetzt gerade im Krankenhaus seinen Dienst verrichtete.
Das Essen verlief ohne große Zwischenfälle. Es wurde gegessen, getrunken und gesprochen. Franz Haase ließ es sich nicht nehmen, Anekdoten aus Dr. Meiers Assistentenzeit preiszugeben. Und siehe da – sowohl Gretchen als auch Knechtlsdorfer machten große Augen – auch ein Marc Meier war nicht frei von Fehlern.
„Einmal musste ich ihn sogar des OPs verweisen“, plauderte Franz Haase munter aus.
„Ach“, meinte Gretchen nur und blickte ihren Vater höchstinteressiert an.
„Das ist doch lange her“, versuchte Marc abzuwiegeln.
„Ja, aber ich finde es immer noch recht amüsant“, fuhr der Professor schmunzelnd fort. „Sie hatten am Vortag wohl zu lange und zu doll mit ihren Kumpels gefeiert.“
„Ach, du hast Kumpels?“ fragte Gretchen belustigt und sah Marc mit blitzenden Augen an.
„Woas is denn nun im OP gwesen, Herr Professor?“ hakte nun Maurice Knechtlsdorfer voller Interesse nach.
„Ist doch nicht der Rede wert“, winkte Marc ab, dem das Ganze nun unangenehm zu werden drohte.
„Och bitte, Papa, erzähl weiter“, flehte Gretchen.
„Ich würde es auch gerne hören“, stimmte Bärbel Hände klatschend mit ein.
Professor Haase holte tief Luft und setzte zur Fortsetzung seiner Erinnerungsgeschichte an.
„Also, es begann damit, dass Dr. Meier, was ich bis dahin schon von ihm gewohnt war, in letzter Minute in den OP gerannt kam, da hatten wir bereits mit dem Eingriff begonnen. Nun gut, der andere Assistenzarzt war auch anwesend und hielt brav die Haken. Es handelte sich um eine Schilddrüsen-OP. Ich bat Dr. Meier, die Entfernung eines der Schilddrüsenlappen vorzunehmen. Dabei stellte er sich aber total ungeschickt an. Irgendwann war ich so genervt, dass ich Dr. Müller, den anderen Assistenten, bat, die Entfernung zu übernehmen, während nun Meier die Haken hielt. Er stand mir gegenüber. Plötzlich merkte ich, dass er immer unruhiger wurde. Ich sah ihn an und stellte fest, dass er käseweiß im Gesicht war. Ich fragte ihn, ob es ihm nicht gut ginge. Er antwortete, dass ihm schon etwas schlecht sei und er sich gerne übergeben würde. Daraufhin habe ich ihn des OPs verwiesen und ihn einige Zeit später in mein Büro rufen lassen, wo ich ihn zur Rede stellte. Ich wollte halt wissen, warum er oft zu spät zum Dienst käme und warum er sich an diesem Tag beinahe in die Patientin übergeben hätte. Eigentlich wusste ich schon, dass er regelmäßig die Nächte durchfeierte und auch bei den Mädels nichts anbrennen ließ. Ja, ja, Meier“, Franz Haase erhob demonstrativ und fuchtelnd seinen Zeigefinger, „Ihre Frauengeschichten waren in der ganzen Klinik bekannt. Aber wir waren ja alle mal jung und haben uns die Hörner abgestoßen, was? Haha! Na, auf jeden Fall habe ich Ihnen derart die Leviten gelesen, dass Sie sich danach wirklich am Riemen gerissen haben. Sie brachten die exzellentesten Noten bei Ihren Facharztprüfungen hervor und zeigten immer mehr, welch ein chirurgisches Talent in Ihnen steckt.“ Franz machte eine kurze Pause und sah seinen ehemaligen Schützling anerkennend an.
„Nachdem Sie vorzeitig Ihren Facharzt gemacht hatten, wollte ich Sie gerne zu meinem jüngsten Oberarzt machen. Aber leider kam mir, beziehungsweise uns, das Angebot der Charité dazwischen. Ich bedauerte es jahrelang, Sie nicht hatte halten zu können. Aber mit Ihrem Talent war es schon klar, dass sich die größeren und bedeutenderen Kliniken um Sie reißen würden. Hach! Und nun bin ich sowas von stolz, dass Sie wieder zur großen Familie des EKH gehören. Butterböhnchen, darauf sollten wir mit einem guten Wein anstoßen. Meinst du nicht?“
„Natürlich, Franz“, nickte Bärbel. „Schließlich haben wir Dr. Meiers Rückkehr noch gar nicht richtig gefeiert.“
„Recht hast du, meine Liebe“, säuselte Franz Haase seiner Frau zu und erhob sich von seinem Platz, da der Nachtisch inzwischen verputzt und alle Anwesenden scheinbar pappsatt waren und sich geschafft in ihren Stühlen zurücklehnten. Also bat sie der Hausherr höflich, sich ins Wohnzimmer zu begeben, während er aus dem Keller mehrere Flaschen seines besten Rotweins holte.
Der Wein mundete herrlich. Selbst Gretchen sagte nicht nein zu dem ein oder anderen Glas. Dies bewirkte, dass sich bei den Hausbewohnern und ihren Gästen die Stimmung schnell lockerte und bei manch einem gewisse Hemmungen fielen. Bärbel, die schon nüchtern schwer zu ertragen war in ihrer recht penetranten und naiven Art, legte eine alte Schallplatte mit seichten Liebesschnulzen aus den Siebzigern auf und begann, lasziv um ihren Mann herumzutänzeln. Maurice Knechtlsdorfer erzählte etwas mehr Blödsinn als sonst, wobei ihm auch diesmal niemand zuhörte, während Gretchen anfing, in Marcs perfekt gestylten Haaren zu fummeln, die sich wie immer so weich wie die eines Babys anfühlten. Der schneidige Oberarzt hingegen trank gegen den abtörnenden Anblick der immer freizügiger werdenden Professorenfrau an, sonst hätte er es schlicht nicht ertragen. Es wurde ein zunehmend wilderes Gelage, während dem Maurice Knechtlsdorfer plötzlich mitten auf dem Sofa einnickte und dies mit einem sehr lauten Schnarchen demonstrierte. Bärbel, die ihre Arme eng um den Hals ihres Mannes geschlungen hatte und gerade langsam mit ihm zu Gainsbourgs „Je t’aime“ tanzte, hielt inne und zeigte kichernd auf den schlafenden Österreicher, was auch Franz Haase einigermaßen amüsierte.
Plötzlich geschah etwas, von dem der nüchterne Marc Meier die letzten Wochen oft geträumt hatte, von dem er selbstbewusst annahm, dass es irgendwann tatsächlich passieren würde, aber nicht so schnell und vor allem nicht mit mehreren Promille Alkohol im Blut. Gretchen stand vom Sofa auf, sah ihm dabei tief in die Augen und nahm – sie konnte selbst nicht sagen, warum eigentlich – seine Hand, um ihm ebenfalls hoch- und ihn hinter sich herzuziehen, während sie langsam die Treppenstufen in den ersten Stock hochtaumelte. Bereitwillig kam Marc mit ihr und folgte ihr in ihr Zimmer. Der Anblick ihres noch immer vorhandenen Jungmädchentraumes entlockte ihm ein leises, amüsiertes Auflachen. Dieses wurde jedoch unterbrochen, als Gretchen ihn mit viel Elan rücklings auf ihr Bett schubste und gleichzeitig mit einem Fuß ihre Zimmertür zustieß, während sie sich über ihn beugte und ihn gnadenlos mit leidenschaftlichen Küssen bedachte, dabei sein Hemd so stürmisch aufriss, dass die Knöpfe nur noch durch die Gegend flogen und sich selbst hektisch ihres Kleides entledigte. Dabei hätten sich fast ihre langen Locken im Reißverschluss verfangen. Mit ein wenig Gefluche und Gejammer wegen des unangenehmen Ziepens an der Kopfhaut, schaffte es die blonde Ärztin aber schließlich doch, das marineblaue Kleidungsstück auszuziehen und es gemeinsam mit dem Lacoste-Hemd ihres Bettgespielen dem Fußboden bekannt zu machen.
Unten im Wohnzimmer war es der älteren Generation Haase nicht verborgen geblieben, dass Gretchen und Dr. Meier zusammen das Spielfeld verlassen hatten. Verschwörerisch zwinkerte Bärbel und stupste ihren Mann in die Seite.
„Das läuft doch wie geschmiert“, grinste sie siegessicher. Franz Haase nickte.
„Sehr gut ist das, Butterböhnchen“, stimmte er zu.
„Ich sag es dir, Franz – das mit dem Dr. Laan wird bald gegessen sein. Und dann haben wir ihn, den Dr. Meier, unseren perfekten Schwiegersohn.“
Bärbel stellte sich leicht auf ihre Zehenspitzen und drückte Franz einen dicken Kuss mitten auf den Mund. Im Hintergrund schnarchte Maurice Knechtlsdorfer zufrieden auf dem gelben Sofa vor sich hin und lutschte wie ein Baby an seinem Daumen. Es war Bärbel ein großes Vergnügen, diesen Anblick mit der Kamera des Smartphones ihres Mannes für die Nachwelt festzuhalten. Dass sie dabei leider beim versuchten Ausschalten der Kamera eine andere Funktion betätigte, bekam sie, technisch unbegabt, wie sie nun einmal war, gar nicht mit. Stattdessen gab sie Franz sein Handy zurück und kuschelte sich wieder an ihn, während eine digitale Brieftaube zum Postdienst antrat und ganze Arbeit leistete.





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