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Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

23.04.2012 19:53
#126 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Hey Leute!

Maaaaaan ich habs gestern verpennt was reinzustellen... dabei wäre gestern doch Jubiläum gewesen! Ein Jahr Image and video hosting by TinyPic ist vergangen seit ich den ersten Teil gepostet habe, und ich muss sagen, ich hatte wirklich Schiss damals... naja, eigentlich zeigt mir dieser Zeitraum auch wie langsam ich bin Aber ich hoffe mich zu bessern, denn manchmal hab ich euch treue Leser wirklich nicht verdient!
Viel Spaß mit diesem Teil, und die Entführung wird auch nicht mehr allzu lang andauern!


Mary wurde blass. Marc sah, dass sie verstanden hatte. Gretchen hatte ihr wohl ihre ganze Lebensgeschichte erzählt.
„Frank“, hauchte sie leise. Sie schloss ihre verquollenen Augen. „Es ist auf einmal alles so kristallklar“
„Ja“, sagte er genauso leise. „Wer sollte es denn sonst sein, wenn nicht er?“
„Mhm… aber wieso bist du dir so sicher? Er ist zwar der, der einen guten Grund hätte, aber…“
„Was denn für ein guter Grund bitte?“, unterbrach er sie, auf einmal wieder bissig.
„Er liebt sie“, erklärte sie nüchtern. Pfeile der Eifersucht bohrten sich in Marcs Herz. Ja, er liebte sie wahrscheinlich immer noch, aber die Grenze zwischen Liebe und Wahnsinn war klein. Er liebte sie so sehr, dass es zu viel war.
Aber doch sind da die Zweifel… was ist, wenn sie mit ihm gegangen ist? Sie hat ihn auch einmal geliebt. Und er hat alles, er kann ihr alles geben, was ich, der Gefühlskrüppel, ihr nie geben könnte. Vielleicht ist es doch sein Kind und Gretchen hat gelogen… vielleicht hat sie mir was vorgespielt…
Meier, hör auf mit dem Unsinn! Werde nicht wahnsinnig!

„…aber“, nahm Mary den Satz von vorhin wieder auf, „sie hat ihn so lange nicht mehr gesehen. Er war verschwunden, einfach weg, als hätte es ihn nie gegeben. Wieso taucht er dann jetzt wieder auf?“
„Es stimmt nicht“, rief Marc und trat aufgebracht gegen die Stehlampe, die daraufhin fast umfiel. Sie sah ihn verständnislos an.
„Es stimmt nicht, er war immer in ihrer Nähe. In Berlin sicher auch, sonst hätte er nicht gewusst, dass sie nach Washington kommt. Wahrscheinlich ist er hergekommen und hat an seinem Plan gearbeitet, sie zurückzuerobern. Dann ist er bei uns eingeliefert worden; sein Tumor war wieder da. Ich habe ihn operiert, ist ja meine Pflicht als Arzt. Ich habe Mehdi kontaktiert, damit er die Kripo Berlin herholt. Hier hätte die Polizei nie geglaubt, dass ich den legendären Frank Muffke, diesen Betrüger, gefunden habe. Aber bevor Mehdi die Berliner Kriminalpolizei überzeugen konnte, ist er schon abgehauen. Ich Idiot hätte doch die Polizei einschalten müssen…jedenfalls hab ich überall nach ihm gesucht, aber irgendwann habe ich ihn einfach vergessen, weil ich nicht den Hauch einer Spur hatte. Und das Leben war schön, ich wollte nicht immer an diesem Problem festhalten. Ich dachte, es löst sich von selbst, vielleicht wird er ja irgendwann erwischt, von Polizisten, dessen Arbeit es ist, ihn zu finden. Aber anscheinend sind die alle inkompetent“, ratterte er herunter. Jetzt sah sie ihn noch fassungsloser an.
„Er war im Krankenhaus? In UNSEREM Krankenhaus?“, fragte sie ungläubig.
„Ja“
„Wie hast du Gretchen von ihm ferngehalten? Er hat sicher versucht, sie zu sich zu locken“
„Ich hatte einfach verdammtes Glück“
„Scheiße“, sprach sie aus, was er dachte. „Und was machen wir jetzt?“
„Was sollen wir schon machen?! Wir gehen morgen wieder zur Polizei und hoffen, dass sie uns nicht für komplett durchgeknallt halten“
„Ehrlich gesagt würde ich mich lieber besaufen. Schlafen kann ich sowieso nicht“, murmelte sie leise. Sie strich sich über ihre schmerzenden Augen. Dieser Satz fiel bei ihnen jeden Abend.
Keine schlechte Idee.
„Vielleicht sollten wir wirklich…“, setzte Marc an.
„Nein“, sagte sie scharf. „Wir brauchen unsere Gehirnzellen mehr als Alkohol“
Wie so ne Lehrerin. Spaßverderberin. Naja, wahrscheinlich würde ich sowieso nur deprimiert ins Glas starren, von Spaß ist da nicht zu reden.
„Na dann… Nacht“, verabschiedete er sich und ging in seine momentane Bleibe.
Ich bin so froh, dass ich nicht zu Hause sein muss. Alleine.
„Gute Nacht!“, rief sie ihm nach.
Tzz. Als wäre diese Nacht gut. Oder die letzte. Ehrlich gesagt ist keine Nacht gut, wenn sie ohne Hasenzahn ist…
Wie die letzten Tage auch, nahm er sich eine Schlaftablette und schluckte sie herunter. Er war müde, so unendlich müde, aber er konnte doch nicht schlafen. Nur diese Tabletten halfen ihm in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte er schon vor Sonnenaufgang auf. Er seufzte, als er sah, dass es draußen noch dunkel war. Wie lange hatte er diese Nacht geschlafen? Vielleicht drei oder vier Stunden? Jedenfalls wurden diese Schlaftabletten immer nutzloser. Aber zumindest hielten sie die Träume ab.
Da er wusste, dass er unmöglich weiterschlafen konnte, obwohl er immer noch so müde war wie ein Bär im Winterschlaf, stand er auf. Er duschte und hoffte auf Erfrischung, aber das kalte Wasser, das über seinen Körper lief, erfrischte seine Haut nicht, sondern war einfach nur kalt. Er bekam eine Gänsehaut. Zitternd nahm er sich ein Handtuch, trocknete sich schnell ab und zog sich an. Dann begutachtete er sich im Spiegel.
Alter, das geht gar nicht. Schau dir mal die fahle Gesichtsfarbe an! Und die Ringe unter den Augen erst! Und irgendwie waren die Falten auf der Stirn vorher auch noch nicht da… kommt wahrscheinlich vom vielen Grübeln. Du siehst aus wie ein Zombie… ne, das wäre eine Beleidigung für die Zombies.
Meine Fresse, ich muss mehr schlafen! In der Studienzeit konnte ich vielleicht mehrere Tage durchmachen und immer noch frisch ausschauen, aber jetzt nicht mehr! Ich bin älter geworden… und mein Körper wohl auch.
Wenn ich doch nur schlafen könnte… ich bin den ganzen Tag müde, aber schlafen kann ich doch nicht. Verdammt!

Er klatschte sich eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht, damit er zumindest ein bisschen wacher wurde. Dann warf er seinem Spiegelbild noch einen Blick zu, bevor er in die Küche schlurfte, wo er hoffte, dass er die Kaffeemaschine bedienen konnte.
„Morgen“, kam es vom Küchentisch. Erschrocken drehte er sich vom Kühlschrank um, den er bereits geöffnet hatte. Schemenhaft erkannte er eine Frau. Mary.
„Morgen. Wieso sitzt du denn im Dunkeln?“, fragte er und schaltete daraufhin das Licht ein. Sie kniff die Augen zusammen, aufgrund des plötzlich so hell erleuchteten Raums.
„Konnte nicht schlafen“, erklärte sie knapp.
„Dann bin ich ja nicht der Einzige mit Schlafstörungen“, wollte er scherzen, aber sie brummte nur.
Okay, sie hat dann wohl kein Bock auf Konversation. Ist mir auch recht.
Mary sah ganz verwuschelt aus, sie hatte eine weite, mausgraue Jogginghose an und einen Riesenpulli. Der war ihr um mindesten drei Nummern zu groß. Außerdem war sie ungeschminkt, wobei sie doch sonst immer verrückt wurde, wenn nicht alles perfekt aussah. Er fand es interessant, mit einer Frau zusammenzuleben, die nicht Gretchen war. Denn Gretchen versuchte immer noch, immer perfekt auszusehen. Für ihn. Er schmunzelte. Es war schon süß, wie sehr sie sich immer noch Mühe gab, obwohl er genau wusste, dass sie sich nicht in Jeans quetschen wollte, sondern einfach ihre pinke Jogginghose anziehen und auch mal ungeschminkt mit zusammengebundenen Haaren auf dem Sofa lümmeln wollte.
„Kaffee ist schon gemacht“, murmelte sie noch, dann ließ sie ihren Kopf auf den Küchentisch sinken. Seufzend setzte sich Marc mit seiner Tasse ihr gegenüber und starrte deprimiert in den Kaffee. Wenn nicht mal „ich gebe die Hoffnung nie auf“- Mary guten Mutes war, was sollte diese Suchaktion dann werden? Ein Treffen deprimierter Menschen in ihren besten Jahren, die ihr Leben nicht mehr lebten, weil sie so unglücklich waren?
Nein, das durfte er nicht zulassen. Sie durften die Hoffnung nicht aufgeben. Gretchen war grade mal eine knappe Woche weg. Natasha Kampusch war zehn Jahre verschwunden und ist wieder aufgetaucht.
Und wir werden sie finden, und das so bald wie möglich. Ich will meine Tochter oder meinen Sohn auch mal zu Gesicht bekommen, und zwar, wenn es noch ein Baby ist, und nicht erst in zehn Jahren.
Er fasste neuen Mut. Irgendwer musste immerhin weitermachen. Und sie würden der Polizei klarmachen, dass sie wussten, wer der Entführer war, und sie würde ihnen verdammt nochmal glauben.
„Komm schon, zieh dich an, wir fahren jetzt zur Polizei“, rief Marc euphorisch. Er sprang auf, Mary nahm ihren Kopf überrascht wieder vom Tisch.

Sophiee^^ Offline

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Beiträge: 276

26.04.2012 18:04
#127 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Was? Aber die Polizeistation ist doch noch gar nicht geöffnet, es ist grade mal sieben Uhr“, sagte sie und räusperte sich, weil ihre Stimme piepsig klang.
Sieben Uhr? Wie lange sind wir denn hier untätig rumgesessen?
„Dann warten wir eben! Irgendeiner wird doch wohl Nachtschicht haben! Nachts passieren auch Verbrechen, schon vergessen?“
Er schnappte sich seine Jacke aus seinem Zimmer, nahm die Autoschlüssel und wartete ungeduldig auf Mary, die zehn Minuten darauf perfekt gestylt aus dem Badezimmer kam.
Wie könnten Frauen das nur?
„Los“, rief sie, zog sich ihre Jacke an und schob Marc zur Tür raus.
Auf einmal ist sie wieder voller Hoffnung… Gott sei Dank!
Entschlossen, heute mehr zu erreichen als die letzten Tage stiegen sie ins Auto. Marc wollte gerade losfahren, als es bei seinem Fenster plötzlich klopfte und er sein verhasstes „Marc Olivier“ vernahm.
„Bitte nicht“, seufzte er leise, und auch Mary lächelte gequält. Er kurbelte die Scheibe nach unten, und, wie auch nicht anders erwartet, begann seine Mutter zu quasseln.
„Marc Olivier, stell dir vor, mein neuer Roman steht kurz vor der Vollendung! Ich kann es spüren, es wird wieder ein Bestseller! Wie Dr. Rogelt und Monique weiter als Vampire zusammenleben, diese Leidenschaft, die Wut, die Lust! Es ist unglaublich, ich habe mich wieder einmal selbst übertroffen! Ach Olivier, du musst mich wieder zur Buchmesse begleiten, ich muss unbedingt erzählen, wie erfolgreich du doch bist… und da werde ich dann das neue Buch vorstellen… hach, das wird einfach grandios!“
Wieso tut sie mir das an?!
„Elke, es ist grade ganz schlecht“, warf Mary irgendwann ein. Er hätte sie knutschen können. Er war nämlich wegen dieser Dreistigkeit ganz sprachlos gewesen, und das passierte ihm nicht oft… naja, eigentlich nie. Da sah man mal, wie er sich verändert hatte.
„Was will die denn hier, Olivier?“, fragte seine Mutter, und sah ihn zum ersten Mal genauer an. Ihre Augen weiteten sich erschrocken.
„Oh mein Gott, du siehst ja furchtbar aus! Muss ich wieder einen Termin bei meiner Heilpraktikerin machen?“
Mutter, ich liebe dich auch… nicht.
„Ich bin Arzt, verdammt, ich brauch deine inkompetente Heilpraktikerin nicht!“, platzte es aus ihm heraus.
„Aber Olivier, was hast du denn auf einmal?“, sagte sie ganz überrascht.
„Nenn mich nicht Olivier!“
„Aber so heißt du nun mal“
„Nein, zum Teufel, ich heiße MARC! M-A-R-C!“, schrie er, ließ den Motor wieder an und fuhr einfach los. Seine zeternde Mutter ließ er zurück. Er umschloss fest das Lenkrad, seine Knöchel traten weiß hervor. Er knirschte mit den Zähnen.
Diese Frau macht mich wahnsinnig.
Mary legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. Ihre Hand war kühl, und er zuckte zusammen. Dann schüttelte er sie ab. Er wollte keinen Trost, er brauchte ihn nicht. Er hatte es schon fast 34 Jahre mit seiner Mutter ausgehalten, und es gab eine Zeit, da war sie noch viel schlimmer als jetzt. Er hielt das aus, er war nur wegen Gretchen so durchgedreht. Sie hatten Zeit verloren. Wertvolle Zeit, sie zerrann ihnen zwischen den Fingern. Das konnte er nicht gebrauchen, er brauchte all seine Energie, um Gretchen zu finden, da konnte er sich nicht von seiner Mutter volllabern lassen.
„Vielleicht solltest du ihr erzählen, dass Gretchen weg ist“, wagte Mary sich vorsichtig vor. Sie sah, wie sauer er war, und sie wollte auf keinen Fall seinen Gefühlsvulkan ausbrechen lassen.
„Was soll das helfen? Soll ich ihren „Dr. Rogelt- Fanclub“ als Suchmannschaft einsetzen?“
Bäh, ne, da wär das Schreckgespenst Sabine auch dabei! Nee, geht gar nicht!
„Nein, aber sie hat doch ein Recht darauf, es zu erfahren“
„Wieso sollte sie ein Recht haben, es zu erfahren?“
„Sie ist doch deine Mutter…“
Er machte eine Vollbremsung. Beinahe wäre der brandneue Audi hinter ihm in ihn reingefahren, und jetzt hupte der Fahrer aufgebracht. Marc hörte das alles nicht mehr, er hörte nur ein Pfeifen in seinen Ohren und er fragte sich, ob wohl Rauch aus seinen Ohren aufstieg.
„Meine MUTTER? Das meinst du doch nicht ernsthaft?! Eine Mutter ist für einen da, hört einem zu und liebt einen, so wie er ist. Alles, was meine MUTTER macht, ist, mit mir anzugeben, mich auf Buchmessen zu schleifen und mich als Co- Autor zu missbrauchen. Sie kommt immer nur, wenn sie etwas braucht. Wenn ich sie früher gebraucht habe, hat sie mir Spielzeug gekauft oder mir Geld gegeben, aber zugehört hat sie mir nie. NIE. Ich hab es schon lang aufgegeben, sie auf mich aufmerksam zu machen. Wenn sie da ist, tu ich das, was sie will, damit sie wieder abzischt. Sie nervt, und was anderes erwarte ich auch nicht von ihr. Also tut es mir leid, wenn ich meine MUTTER nicht über mein ganzes Leben aufkläre!“, schrie er. Mary wurde immer kleiner in ihrem Sitz. Marc atmete tief ein. Es hatte ihm gutgetan, seinem Ärger Luft zu machen, und jetzt hörte er auch die aufgebrachten Autofahrer, die hupten. Er fuhr weiter und kümmerte sich nicht um das Häufchen Elend, das neben ihm saß und sich die Tränen verkniff.
Nach weiteren Minuten voll mit eisigem Schweigen flüsterte sie plötzlich: „Sei froh, dass du eine Mutter hast. Denn sie liebt dich. Du solltest zufrieden damit sein. Ich hätte gerne eine Mutter, auch wenn sie so ist wie deine“
Na super, soll ich jetzt vor Mitleid zergehen? Was kann ich dafür, dass sich ihre Mutter umgebracht hat? Mannomann…
Ein wenig Mitleid empfand er aber dann doch, aber er schwieg eisern. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nicht, wie es ohne Mutter war. Mary hatte Recht; auch wenn Elke ihn in den Wahnsinn trieb, war sie trotzdem da. Zumindest meistens. Und manchmal hörte sie ihm sogar zu, wie damals, als er Opfer seiner Verweichlichung wurde und ihr von Gretchens Hochzeit erzählt hatte, und wie sehr ihn das fertigmachte. Er hatte zwar nicht zugegeben, dass er sie liebte, er meinte nur, dass sie weglaufe und dass ihm das auf die Nerven ging. Aber seine Mutter hatte doch verstanden.
Trotzdem. Sie macht mich einfach wahnsinnig, und genau jetzt kann ich ihre Prahlereien mit ihrem Buch nicht gebrauchen…
Marc beruhigte sich wieder und lockerte seinen Griff um das Lenkrad.
„Wir sind fast da“, sagte er ins Schweigen hinein. Irgendwie störte es ihn, dass sie jetzt wieder so traurig war.
Ach was. Die packt das schon. Außerdem bin ich ja nicht schuld daran. Ich war nur der Auslöser... ne, das war ja meine Mutter. Eben, ich hab keine Schuld.
Als sie parkten, schwieg Mary immer noch. Sie würdigte ihn keines Blickes und stolzierte hoch erhobenen Hauptes zur Polizeistation. Es sah aber nicht so aus. Sie war in sich zusammengesunken, und der Versuch, stolz zu sein, ließ sie nur noch zerbrechlicher aussehen. Marc seufzte.
„Es tut mir leid, ok? Aber wenn meine Mutter so eine gequirlte Scheiße redet sehe ich eben immer rot“, versuchte er es mit einer Entschuldigung. Sie schaute ihn immer noch nicht an, er seufzte wiederum.
„Ich hätte nicht so ausrasten dürfen, ich hätte nicht alles an dir auslassen dürfen und ich werde meine Mutter danach anrufen“, korrigierte er sich selbst.
Jetzt lächelte sie ihn an.
„Ist doch nicht so schwer, wie der Macho gedacht hat, ne?“, neckte sie ihn. Er zog einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen nach oben.
„Normalerweise würde ich mich nie entschuldigen, aber wenn du beleidigt bist, hilfst du mir leider kein bisschen weiter, also brauchst du dich nicht so überlegen fühlen“, meinte er immer noch schief grinsend.
„Boah, du bist so ein Idiot!“, regte sie sich auf und schlug ihn auf den Arm. Er lachte. Es fühlte sich gut an, zu lachen.
Ich darf bloß nicht verlernen zu Lachen. Das ist das beste Elixier der Welt, das einen nicht zerbrechen lässt.

Sophiee^^ Offline

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29.04.2012 12:32
#128 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Komm schon, wir gehen jetzt rein“
„Klar, Boss“, sagte sie und salutierte vor ihm. Er lachte wieder. Aber plötzlich erstarb sein Lachen abrupt.
Was mach ich hier eigentlich? Ich albere hier mit Gretchens bester Freundin rum, als gäbe es sie gar nicht. Marc, konzentrier dich aufs Wesentliche!
Mary schien seine Gedanken zu erraten und hörte auch auf zu lachen. Sie räusperte sich und klopfte dann energisch an die Tür. Alles war dunkel, die Polizeistation war wirklich noch nicht offen. Aber sie trommelten weiter gegen die Tür, bis ein missmutiger Nachtwärter, den sie wohl bei einem Nickerchen gestört hatten, öffnete und sie mit einem gereizten „Was?!“ begrüßte.
„Morgen. Wir müssten mal mit dem Kommissar sprechen“, kam Marc gleich zur Sache und wollte sich am Nachtwärter vorbeidrängen, aber dieser hielt ihn unsanft zurück.
„Moment, so einfach ist das nicht. Wer sind Sie?“
Tzz… er sieht uns an als wären wir Verbrecher. Als würden die freiwillig zu einem Kommissariat gehen… logisch denken scheint er wohl nicht so zu beherrschen?!
„Ich bin Dr. Mary Thompson, und das ist Dr. Marc Meier, und wir müssten wirklich dringend mit dem Kommissar sprechen, wegen des Falls Haase“, meldete Mary sich souverän zu Wort und reichte dem Wärter, der von ihr schwer beeindruckt zu sein schien, ihre manikürte Hand. Marc schnaubte nur.
„Wie Sie sehen können, ist noch zu. Hier kommt niemand rein, und der Kommissar ist auch noch gar nicht da…“, erklärte er und ignorierte Marc vollkommen, den er immer noch an der Schulter gepackt hielt.
„Könnten Sie uns nicht doch hineinlassen? Es ist so kalt draußen…“, sagte Mary mit einem Schmollmund. Sie streckte ihre Brust raus und spielte mit ihren Haaren.
Dieses… Luder!
Der Wärter rang noch ein bisschen mit sich, aber dann ließ er sich doch überzeugen und machte den beiden sogar eine frische Tasse Kaffee.
„Was war das denn grade?“, zischte Marc Mary zu, die an ihren Kaffee nippte.
„Ich hab meine Fähigkeiten als Frau eingesetzt, was sonst?“, erklärte sie langsam, so, als wäre er begriffsstutzig.
Ob Gretchen das auch mal gemacht hat?
„Aha. Für mich sah das eher nach sexueller Belästigung aus“
„Ach was, ich hab ihn doch noch nicht mal angefasst“
„Gott sei Dank, der ist ja mindestens fünfzig Jahre älter als du“
Bäh… widerlich!
„Fünfzig finde ich jetzt schon übertrieben…“
„Ich hab gesagt, MINDESTENS fünfzig. Und ich kenn mich bei Menschen aus, ich bin Arzt“
„Ja ja, freu dich doch, wir müssen nicht in der Kälte warten“, beendete sie das Thema.
Frauen!
Der Wärter kam mit Zucker und Milch zurück. Mary und er plauderten ein bisschen, wobei er sie eher mit Herzchen in den Augen anstarrte und sie redete. Sie hätte genauso gut von Geschlechtskrankheiten sprechen können und er hätte sie immer noch fasziniert angestarrt. Marc wendete angewidert den Kopf ab. Er hörte nicht zu.
Nach einer Weile wurde er ungeduldig. Wann kam dieser Kommissar endlich? Er warf einen vorsichtigen Blick zu den beiden hinüber, aber die plapperten immer noch.
Ich könnte mich ja ein bisschen umsehen… vielleicht finde ich ja Gretchens Akte… und dann kann ich lesen, was sie bis jetzt haben…
Leise stand er auf. Mary warf ihm einen kurzen Blick zu, verstand, was er vorhatte, und redete schnell weiter, damit der Wärter nichts merkte. Marc entfernte sich. Als er aus der kleinen Küche kam, sah er sich noch einmal verstohlen zu allen Seiten um. Dann machte er sich auf den Weg zum Büro des Hauptkommissars, mit dem sie gestern noch gesprochen hatten.
Bitte, lieber Gott, lass das Büro nicht abgeschlossen sein!
Er hatte Glück, das Büro war nicht zugesperrt. Er schaltete das Licht ein und sah sich schnell um. Ein Schreibtisch mit einem Drehstuhl, worauf eine Lederjacke schlampig aufgehängt war. Ansonsten war alles ordentlich. Keine Akten lagen auf dem Schreibtisch, jemand hatte sogar den Müll rausgebracht. Marcs Augen wanderten weiter. Neben dem Fenster standen zwei große Aktenschränke. Er näherte sich ihnen. „Aktuelle Fälle“ stand auf einer Schublade. Die anderen Akten waren sicher im Archiv oder sonst wo. Marc rüttelte daran. Er fluchte leise. Die Schubladen waren abgeschlossen. Alle.
Der Schlüssel muss irgendwo hier sein!
Fieberhaft sah er sich weiter um. Er ging auf den Schreibtisch zu. Hier war nur eine Schublade abgeschlossen, in den anderen waren aber nur uninteressante Papiere von Rechnungen, oder ausgeschnittene Zeitungsartikel, die von dem Erfolg der Polizei berichteten.
Das brauch ich alles nicht!! Verdammt!
Er dachte daran, wo er einen Schlüssel verstecken würde. Er sah überall nach, sogar die Taschen der Lederjacke suchte er ab, darauf bedacht, sie danach wieder genauso schlampig auf den Stuhl zurückzuhängen, wie sie war. Dann hatte er eine Eingebung: der Schlüssel zum Aktenschrank war sicher in der abgeschlossenen Schublade des Schreibtisches, und dieser Schlüssel würde sicher irgendwo bei Schreibtisch sein. Vielleicht irgendwo rangeklebt.
Tatsächlich, der Schlüssel war mit Tesafilm auf die Unterseite des Schreibtisches geklebt. Marc grinste kurz. Ihm wären sicher kreativere Verstecke eingefallen.
Marc schloss die Schublade auf. Eine Pistole befand sich darin, ebenso der Schlüssel des Aktenschranks, und eine Akte. Er sah die Akte an. „Margarethe Haase“ stand darauf. Er nahm sie vorsichtig, ja fast behutsam in die Hand und strich über den Namen. Dann öffnete er sie und las sich alles durch. Da standen ihre Aussagen, und, oh mein Gott, sie hatten Gretchens Eltern angerufen?! Waren die komplett irre? Bärbel Haase wäre doch schon lange auf dem Weg hierher, um ihr kleines Mädchen zu beschützen! Nein, er konnte nicht noch eine weitere Mutter gebrauchen, die alles nur noch komplizierter machte!
Marc fluchte wieder leise und blätterte schnell weiter. Da stand nur das, was er bereits selber wusste. Das einzige, was ihm vielleicht half, war die Karte von Washington, wo die Stellen markiert waren, die sie schon abgesucht hatten. Er holte sein Blackberry heraus und fotografierte schnell die Karte. Dann vibrierte sein Handy plötzlich.

Hab ein Auto gesehen. Ich schätze, der Kommissar kommt. Sieh nur, dass du weg kommst, wo auch immer du grade bist! Mary

Jetzt fluchte er doch ein bisschen lauter, er steckte sein Handy weg und versuchte eilig alles wieder so zu richten, wie es zuvor war. Er schloss die Schublade ab, suchte fieberhaft nach neuem Tesafilm, da der alte nicht mehr klebte, und klebte den Schlüssel schlampig wieder unter den Schreibtisch. Er hoffte nur, dass niemand etwas merkte, erst recht nicht der Kommissar.
Er hetzte auf die Tür zu, schaltete das Licht aus und rannte den Gang entlang. Er konnte gerade noch verlangsamen, als der Wärter und Mary aus der Küche kamen.
„Wo waren Sie denn? Ihr Kaffee ist kalt“, fragte der Wärter und starrte ihn erwartungsvoll an. Mary hampelte im Hintergrund herum und versuchte, ihm etwas zu signalisieren. Sie schnappte lautlos nach Luft.
Wie soll man das Rumgeturne denn bitte deuten?! Erstickt sie gerade?!
„Ich war auf dem Klo“, platzte es aus ihm heraus.
Das würde ich jedenfalls behaupten, wenn ich jemand decken müsste, der fremde Sachen durchwühlt!
Mary schlug die Hand gegen die Stirn.
Oh, das war wohl die falsche Antwort…
„Aber Mary, also, ich meine, Frau Doktor Thompson meinte, Sie wären frische Luft schnappen“, sagte der Wärter und starrte misstrauisch zwischen den beiden hin und her.
„Ähm… ja. Auf dem Klo ist ja auch ein Fenster, ne?“, erklärte Marc mehr schlecht als recht. Plötzlich öffnete sich die Tür und der Kommissar kam herein.
„Was ist denn hier los?“

Sophiee^^ Offline

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Beiträge: 276

02.05.2012 19:06
#129 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Tut mir leid, Boss, aber sie wollten unbedingt rein. Ich konnte sie doch nicht in der Kälte stehen lassen“, meinte der Wärter entschuldigend und nahm sich seine zerschlissene Jacke vom Haken. Kommissar Johnson bedachte ihn mit einem Blick, der sagte, dass er sie sehr wohl hätte warten lassen können, aber da war der Wärter schon mit einem Gruß auf dem Weg nach draußen. Er sah noch einmal hoffnungsvoll durch das Fenster hinein. Mary warf ihm eine Kusshand zu, dann schien er zufrieden zu sein und machte sich debil grinsend auf den Weg zu seinem Auto.
Boah, der hat seine Eier wohl schon bei der Geburt verloren…
„Na gut, die Herrschaften, wenn Sie mir dann bitte folgen würden?“, gab er sich betont freundlich und sie folgten ihm in das Büro, in dem Marc einige Minuten zuvor noch die Schubladen durchsucht hatte.
Er sieht eher so aus, als würde er noch gern ein Nickerchen in seinem Sessel machen. Ja, wir kommen wohl sehr ungünstig, und wem ist das scheißegal?
Genau, mir!

„Also, was führt Sie zu solch früher Stunde hierher?“
Muss der so geschwollen reden?! Boah, geht mir das auf die Eier!
„Wir haben einen Hinweis“, begann Mary, bevor Marc auch nur „Piep“ sagen konnte.
„Aha?“, fragte Kommissar Johnson nun höchst interessiert. Er lehnte sich in seinem Sessel nach vorne.
„Ja, wir glauben, es ist Gretchen’s Exmann, Frank Muffke“, fuhr sie fort. Bei dem Namen stockte dem Kommissar zuerst einmal der Atem.
Er weiß also, von wem wir da reden…
Dann schien er noch einmal kurz nachzudenken, und er sah so aus, als würde er ihnen nicht glauben.
„Nein, wir glauben es nicht, wir WISSEN es“, korrigierte Marc sie.
„Wie können Sie sich da so sicher sein?“
„Ich weiß, was der kranke Typ schon ausgefressen hat, und Sie wissen das wahrscheinlich auch. Da ist doch so eine Entführung das kleinste Verbrechen in seinem langen Vorstrafenregister“, sagte Marc mit klarer Stimme. In jedes Wort packte er seine Überzeugung mit hinein, damit er glaubwürdiger erschien. Und tatsächlich: Kommissar Johnson zeigte kleine Risse in der Fassade.
„Sie sagten, er sei mit der Vermissten verheiratet gewesen?“
„Ja, unter dem Namen Alexis von Buren. Er hat ja viele verschiedene Identitäten, aber die Ehe war rechtlich nicht gültig. Die Kripo Berlin hatte ihn damals fast, aber dann konnte er wieder flüchten“, gab Mary Auskunft.
„Ich werde das überprüfen lassen“, sagte er schlicht, schaltete seinen Computer ein und beachtete sie nicht weiter. Sie saßen da wie bestellt und nicht abgeholt.
Was soll das heißen, „ich werde das überprüfen lassen“? Glaubt er uns nicht? Warum nicht? Sie WAREN verheiratet, verdammt nochmal, und der Wichser hat mir ins Bein geschossen! Oder die Polizei, wer auch immer das war, es war jedenfalls seine Schuld!
„Ich bin mir so sicher, weil er Lösegeld gefordert hat!“, platzte es aus Marc heraus. Da hatte seine Verzweiflung aus ihm gesprochen. Mary sah ihn warnend an. „Bist du jetzt völlig durchgedreht?“, schien sie ihn anschreien zu wollen, aber sie hielt die Klappe und versuchte, mitzuspielen.
„Wirklich?“
Der Kommissar war überrascht. Eine Lösegeldforderung nach fast einer Woche war höchst ungewöhnlich, normalerweise kamen die Forderungen gleich nach der Entführung.
„Ja. Er will 300.000 Dollar. Ich hab ihn an der Stimme erkannt“, spann Marc sein Lügennetz weiter. Mary schüttelte leicht den Kopf. Sie versuchte, gespielt fassungslos auszusehen, als sie quietschte: „Echt jetzt? Marc, das hast du mir nicht erzählt! Wie kannst du das nur verheimlichen?“
Mr. Johnson war immer noch ein wenig misstrauisch.
„Und er hat Sie auf dem Handy angerufen?“
„Ja“, antwortete Marc überzeugt, bevor er nachgedacht hatte.
Fuck, das war ne Falle! Voll reingetappt, Meier!
„Wahrscheinlich mit unterdrückter Nummer…“, meinte der Kommissar, und Marc stimmte ihm ein wenig verunsichert zu.
„Dann hätte ich gerne Ihr Handy, wir könnten ihn orten“
Für kurze Zeit herrschte eine unangenehme Stille.
Scheiße, ich hab grade nen Bullen angelogen. Und zwar keinen zweitrangigen, sondern den Hauptkommissar. Hoffentlich zieht das keine Folgen nach sich…die Wahrheit ist wohl das einzige, was mich noch retten kann…
„Na gut, das war gelogen! Ich bin verzweifelt, und ich seh doch, dass Sie uns nicht glauben, oder denken, dass wir unter Verfolgungswahn leiden“, gab Marc zerknirscht zu.
„Sie wissen, dass Sie gerade einen Beamten belogen haben?“
„Ja, aber aus Verzweiflung…“, sagte er kleinlaut und setzte seinen Dackelblick auf, den er eigentlich nur für Gretchen reserviert hatte. Der Kommissar schien noch einmal Gnade walten zu lassen, denn er drehte sich wieder ohne ein Wort zu seinem PC um und arbeitete weiter.
Mittlerweile kam Leben in die Polizeistation. Immer mehr Autos fuhren vor, Polizisten und Politessen stiegen aus, begrüßten sich, lachten gemeinsam und begannen dann an Fällen zu arbeiten. Andere stiegen in ihre Polizeiautos und fuhren Streife durch die ganze Stadt. Von den Polizisten, die Marc bereits kennengelernt hatte, und die mit Suchtrupps nach Gretchen suchten, war keine Spur. Und dann fiel ihm plötzlich ein Detail ein, das ihn glaubwürdig erschienen ließ.
Er war in Washington! Ich glaube, das sollte ich auch mal kurz erwähnen…
Er räusperte sich. Als er die Aufmerksamkeit von Herr Johnson immer noch nicht hatte, räusperte er sich etwas lauter. Er schaute genervt her.
Der hat seinen Morgenkaffee wohl noch nicht gehabt….
„Muffke war in Washington. Vor knapp vier Monaten. Sein Tumor war zurück, ich habe ihn persönlich operiert…“
Naja, besser gesagt, assistiert, weil die emanzipierte Kuh aus der Neurologie das Skalpell nicht aus der Hand geben wollte…
„…er war damals hier unter dem Namen Georg Müller“
Immer noch scheiß Name!
„Und dieses Mal…“, begann Mr. Johnson zögernd.
„Nein, ich lüge nicht. Sie können in den Krankenhausakten nachschauen. Er hatte Pass, Gesundheitsausweis, Versicherung, alles“
„Und wenn Sie wussten, dass er in mehr als zehn Ländern wegen Hochstapelei gesucht wird, warum, zum Teufel, haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet?“, zischte er bedrohlich.
Ja, das hätte ich tun sollen, aber nachher ist man immer schlauer.
„Ich wollte zuerst mal auf eigene Faust weiter. Sie hätten mir eh nicht geglaubt“, murmelte Marc niedergeschlagen, „Und die deutsche Polizei war zu langsam“
„Okay, jetzt ist es nun mal so. Der Muffke und seine Schwester, wir wissen nicht mal, ob das seine richtige Schwester ist, sind ein richtig dicker Fisch. Und dieser dicke Fisch gehört hinter schwedische Gardinen! Mit allen Mitteln! Wenn Sie wirklich recht haben, und er hinter der Entführung steckt, dann… Sie können sich nicht vorstellen…“
Kommissar Johnson fehlten die Worte.
Jaja, ich hab verstanden, er ist ein Superstar unter den Verbrechern. Na und? Er könnte genauso gut ein Lidl- Angestellter sein, wenn er mein Gretchen hat, dann gehört er auf jeden Fall eingebuchtet! Soll er doch in so einem Loch verrotten!

Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

06.05.2012 21:34
#130 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=3cYxub45g_M (Luttenberger*Klug-Frei Sein)

Mittlerweile wusste sie, wer ihr Entführer war. Nach ewigen Stunden des Unwissens war ihr der Gedanke plötzlich zugeflogen.
Was wäre, wenn Alexis, oder Frank, das wäre?
Ab diesem Zeitpunkt begann sie, den mysteriösen Entführer genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie sah genau hin, sie hörte genau hin, sie las in seinen Augen und ignorierte die Frau an seiner Seite vollkommen. Einmal hatte sie sogar gehört, wie er mit mehr oder weniger Talent Karaoke gesungen hatte. Da war sie sich komplett sicher gewesen… und sie hatte sich geärgert. Als hätte er nicht besseres zu tun! Sie hoffte, dass jemand durch seinen schiefen Gesang aufwachte und die Polizei rief. Wegen Ruhestörung vielleicht, und dann würden sie sie zufällig auch finden. Und sie würde endlich nach Hause kommen.
Sie schenkte ihm Aufmerksamkeit. Sie dachte, vielleicht würde er seinen Fehler einsehen und sie gehen lassen. Zuerst war er misstrauisch gewesen, aber dann genoss er ihre Anwesenheit wohl. Sie fand es einfach krank. Sie dachte, er wüsste, dass es vorbei war. Es hatte so geklungen, als er sie damals einfach am Ufer stehen ließ, mit nichts, außer den Scherben ihres Lebens, die sie mal wieder aufsammeln musste. Und sie war sauer auf sich selbst, dass sie so lange gebraucht hatte, um auf ihn zu kommen.
Aber ihr kleiner Plan war nicht aufgegangen. Er ließ sie nicht gehen, es schien sogar so, dass er sie noch länger hier festhalten wollte. Seine Komplizin/Frau war auch immer vorsichtiger geworden, da sie wohl Lunte gerochen hatte.
Und jetzt saß Gretchen an einem neuen Plan, den sie gemeinsam mit Wand-Sabine und Wand-Mehdi perfektionierte. Sie wollte ihm sagen, dass sie wusste, wer er war. Sie würde ihm ins Gewissen reden. Sie würde hoffen, dass er noch einen Funken Menschlichkeit besaß, dass er Mitleid haben würde, wenn sie nur lange genug weinend betteln würde.
Der Plan war riskant. Entweder sie schaffte es, und er ließ sie raus, oder sie würde hier für den Rest ihres Lebens verrotten. Wahrscheinlich würde er ihr sogar ihren Sohn wegnehmen und ihn in irgendein Heim stecken. Ihre Tränen kamen wieder. Sie wischte sie sich verstohlen weg, nickte den wichtigsten Menschen in ihrem Leben an der Wand zu und atmete noch einmal tief durch. Dann stand sie umständlich auf, legte den Brief wieder zu den anderen unter die Matratze und klopfte energisch an die massive Tür.
„Ja?!“, rief ihr eine missmutigen Frauenstimme von draußen zu.
Die Arme… rennt einem Mann nach, der sie nicht liebt und sie in kriminelle Machenschaften reinzieht und versaut ihr Leben…
…ach Quatsch, ich sollte kein Mitleid mit der doofen Ziege haben! Sie hat es sich selbst eingebrockt!

„Ich würde gerne mit Alexander reden“, rief sie, nachdem sie sich noch einmal geräuspert hatte.
„Und ich würde gerne im Lotto gewinnen“, kam es zynisch zurück.
„Tut mir leid, ich kann dir leider keinen Lottoschein kaufen“, erwiderte sie genauso bissig und wiederholte ihr Anliegen so lange, bis sie endlich nachgab und mit einem Brummen, das ganz nach „dann kriegt die Kuh eben wieder ihren Willen“ klang, wegging. Gretchens Herz klopfte schneller. Wenn sie es geschickt anstellte, wäre sie frei. Endlich wieder die kalte Novemberluft einatmen, mit Marc in der Fußgängerzone spazieren, mit Mary Liebesfilme schauen, Schokolade verdrücken und Packungen von Tempos vollheulen… hach, ist das Leben nicht schön?
Sie lächelte kurz glückselig, aber dann hörte sie Schritte. Sie setzte sich schnell aufs Bett und machte sich bereit für das Gespräch.
Ach was, auch in hundert Jahren wäre ich dafür nicht bereit. Ich spring einfach ins kalte Wasser! Ich schaffe das!
„Hallo, Gretchen, wie geht es dir heute?“, begrüßte er sie freudestrahlend, nachdem er die Tür vor Alex geschlossen hatte. Er versuchte sogar, sie zu umarmen, aber sie drückte ihn weg.
„Wie oft denn noch, du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, machte er ihr klar.
Er ist so dreist. Ich brauche keine Angst haben?! Ich bin nur seit weiß Gott wie vielen Tagen in diesem Loch eingesperrt, mit meinem Exmann, der so wie’s aussieht psychisch krank ist, und mit einer Zicke, die nichts besseres zu tun hat, als mir mein Leben, das eh gerade nicht das Schönste ist, zur Hölle zu machen! Und ICH soll keine Angst haben! Ich hatte sogar Angst, als ich noch nicht hier war. Jeden Tag hatte ich Angst, dass es meinem Kind vielleicht nicht gut gehen könnte. Ich weiß doch, was alles passieren kann, ich bin Ärztin. Und dann hab ich auch noch Angst, Marc zu verlieren. Immer wieder, jeden Tag aufs Neue. Mit der Angst muss ich leben, aber mir dieser Angst hier, mit der muss ich nicht zurechtkommen! Niemand erwartet von mir, dass ich stark bin. Aber wenn ich es nicht bin, komm ich hier nie wieder raus!
„Ich weiß es“, sagte sie trocken und sah auf den Boden. Er schaute verblüfft aus.
„Was weißt du?“, fragte er ahnungslos.
„Ich weiß, wer du bist“, flüsterte sie. Kurz sah sie Angst in seinen Augen aufflackern, aber dann setzte er eine Maske auf. Eine Maske des Unwissens, so als würde er sie nicht verstehen. Sie schnaubte leicht. Was für ein Trottel.
„Aha? Wer bin ich denn, ich würde es nämlich selbst gerne wissen“, sagte er.
Was soll das heißen? Er würde es selbst gern wissen?! Nein, diese Frage durchkreuzt meinen ganzen Plan! Weiß er nicht, wer er ist? Wieso tut er das dann hier? Kann ich ihm glauben?
Hat er vielleicht Amnesie?! Wegen der Gehirn- OP damals? Nein, das kann nicht sein. Das ist viel zu spät.
Glaub ihm nicht, Gretchen, er will dich nur verwirren! Stell eine Gegenfrage, eine, auf die er nicht vorbereitet ist. Dann weiß er nicht mehr, wie er flüchten kann.

„Warum hast du mich dann entführt, wenn du nicht weißt, wer du bist?“, fragte sie und starrte ihm unentwegt in die Augen. Und da sah sie es wieder: das leichte Flackern der Unsicherheit. Innerlich triumphierte sie. Sie hatte es geschafft, sie hatte ihm eins reingewürgt.
„Du bist die einzige, zu der ich eine Verbindung habe. Ich träume von dir, aber ich kenne dich nicht“
Was für ein dummer, dummer Trick. Das zieht bei mir nicht. Nicht mehr.
„Klar, und dann entführst du mich mal eben so. Bei dir piept‘s wohl! Ich weiß nicht, wer ich bin! Was soll das Gelaber?! Soll ich dir sagen, wer du bist?“, meinte sie drohend, und ging ein paar Schritte näher auf ihn zu. Er schluckte unauffällig, aber sie sah es genau.
„Du bist Frank Muffke, gesucht in über zehn Ländern wegen Hochstapelei, zusammen mit deiner Schwester, keine Ahnung wie die heißt. Interpol und die Kripo Berlin arbeiten schon seit fünfeinhalb Jahren an deinem Fall, aber du schaffst es immer wieder, ihnen durch die Finger zu schlüpfen. Ich hab dich als den arroganten, neureichen Schnösel Alexis von Buren kennengelernt. Es war wie im Märchen, auf einmal hast du dich in mich verliebt, mich geheiratet. Wenn das überhaupt echt war! Ich hab mir damals alles zurechtgeträumt mit dir, und dann hast du mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Für ein paar Monate dachte ich wirklich, du wärst der Richtige, mein Prinz, meine bessere Hälfte, obwohl ich bei dir nie Herzrasen oder Atemnot bekam, wie bei Marc. Denn das ist die Wahrheit: ich habe Marc immer geliebt und ich werde ihn immer lieben. Damals hat mir mein Verstand eingebläut, dass ich glücklich werden würde, aber mit dir wäre ich wahrscheinlich mit drei Kindern in einem perfekten Haus verrottet und hätte nie gelebt. Eigentlich kann ich froh sein, dass du ein Betrüger bist, sonst würde ich mich jetzt wahrscheinlich in deiner großen Villa langweilen. Weißt du was? Ich wünschte, ich wäre dir nie begegnet, du Tyrann!“
Gretchen ließ alles heraus, was sie seit seinem Verschwinden damals am 22. Mai 2010 in sich trug, verschlossen, für keinen sichtbar. Sie hatte auch lange nicht mehr in diese Kammer ihres Herzens geschaut, aber jetzt merkte sie wie sich etwas in ihr öffnete. Es war wie eine Befreiung, und sie konnte endlich wieder frei durchatmen. Frank saß am Boden, hatte den Kopf in die Hände gestützt und schwieg. Lange. Eisern. Er redete einfach nicht. Das machte Gretchen sicher, dass sie das Richtige getan hatte.
Aber irgendwann, als er immer noch keinen Ton von sich gegeben hatte, zweifelte sie doch. Was wäre, wenn er wirklich Amnesie hätte? Wenn seine Geschichte die Wahrheit wäre? Wenn sie das einzige wäre, an das er sich erinnern konnte, weil er sie immer noch… liebte?
„Na toll, Frau Kommissarin. Wir haben den Fall also aufgedeckt. Ich frag mich nur, was zur Hölle dir das bringen soll“, raunte er nach langer Zeit drohend. Sie hatte sich aufs Bett gesetzt.
Ja, was bringt mir das? So wie’s aussieht, lässt er mich eh nicht raus.
Daran hatte sie noch nicht gedacht. Daran, wie es weitergehen sollte, wenn sie ihm klargemacht hatte, dass sie alles wusste.
Aber sie fühlte es: sie fühlte, dass Rettung nahte.
Denn Frank war nicht der einzige gewesen, der ihren Worten interessiert gelauscht hatte.

Sophiee^^ Offline

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09.05.2012 21:23
#131 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Ja, das würde Ihre Karriere antreiben, Ihnen ganz neue Türen öffnen, blablabla“, schnaubte Mary auf einmal genervt. Die beiden Männer sahen sie fassungslos an.
Hat sie grade wirklich so mit ihm geredet?
„Wie meinen?“, fragte er verblüfft.
„Sie sind doch alle gleich! Sie denken alle an Ihre Karriere, die Menschen, die leiden, interessiert Sie nicht die Bohne. Es tut mir leid, aber es ist so. Es ist total egal, ob er ein dicker Fisch ist oder ein Kleinkrimineller, meinetwegen kann er auch bei MC Donald’s arbeiten, aber wenn er eine Person festhält und einsperrt, ist es ein Mistkerl, der auf jeden Fall eingebuchtet werden muss. Und wenn er dann noch so eine liebenswürdige Frau wie Gretchen entführt, dann… dann… ach, ich will gar nicht daran denken, was ich mit dem machen würde! Aber Sie… Sie könnten nach ihr suchen, stattdessen sitzen Sie hier und tun so, als würden Sie arbeiten, stattdessen spielen Sie Solitär“
Energisch stieß sie die angehaltene Luft aus. Marc konnte in diesem Moment für Mary nur Bewunderung aufbringen. Wie sie all das ausgesprochen hatte, das so lange in ihm gebrodelt hatte, das er aber nie sagen konnte, aus Angst. Aber sie hatte keine Angst. Sie war wirklich stark.
Wow… wie der sie anschaut. Als würde er sie am liebsten für ein paar Stunden zu einem Serienmörder sperren…
Kommissar Johnson war ganz rot im Gesicht, er war aber nicht imstande, etwas zu sagen. Zu sehr hatten auch ihn diese ehrlichen Worte beeindruckt, wenn sie ihn auch wütend gemacht hatten. Es war nicht die ganze Wahrheit: oft verzweifelte er zu Hause über diesem Fall. Nichts passte zusammen, der Täter hatte kein tatkräftiges Motiv, er kam einfach nicht darauf, was die Lösung sein könnte. Und Frau Haase war nirgendwo. In diesen sechs Tagen waren sie nahezu immer im Einsatz gewesen, hatten sie überall, wirklich ÜBERALL in ganz Washington gesucht. Alles abgegrast, vom Ronald Reagan Airport bis College Park und zurück. Sie hofften, dass sie noch in Washington war. Ihn nahm dieser Fall auch ziemlich mit, so sehr, dass er schon Teller gegen die Wand warf und deshalb im Hotel schlafen musste, weil er seine Frau an den Rand der Verzweiflung brachte. Und so war es bei beinahe jedem Fall, der aussichtslos schien. Er steigerte sich immer hinein, weil ihm das Wohl der Menschen am Herzen lag. Und dass sie ihm jetzt so zweifellos ihr Misstrauen zeigte, war für ihn wie ein Kübel Eiswasser, der über seinem Kopf ausgeschüttet wurde.
Er räusperte sich umständlich und schloss heimlich das „Solitär“-Fenster auf seinem PC.
„Wissen Sie, Frau…“, er hielt inne, weil ihm ihr Name entfallen war.
„Thompson“, gab sie ihm mit hoch erhobenem Kopf Auskunft.
„Frau Thompson. Wir Polizisten müssen auch auf unsere eigenen Gefühle achten. Wir müssen sachlich bleiben, sonst wären wir schon lange ein seelisches Wrack. Sie sind doch Ärztin, oder nicht?“
Okay, was kommt jetzt…??
Auf ihr zögerliches Nicken hin fuhr er fort: „Stellen Sie sich vor, dass bei jedem Patienten, der bereits in ihrem Krankenhaus gestorben ist, etwas in ihnen selbst stirbt. Da wäre nicht mehr viel von Ihnen übrig, oder? Ich will Sie jetzt nicht für Ihre Worte verurteilen, solche Gefühlsausbrüche haben wir hier oft, aber ich finde, Sie sollten noch einmal darüber nachdenken. Es mag vielleicht einiges wahr sein, aber nur, weil wir uns selbst auch schützen müssen. Ich kann Ihnen versichern, dass meine Polizisten alles in Gang setzen, um ihre Freundin zu finden. Und jetzt bitte ich Sie, zu gehen“
Oh man, irgendwie sieht er jetzt so verletzt aus…
Ohne ein Wort standen beide auf, Marc verabschiedete sich so höflich wie möglich, Mary stöckelte immer noch hochmütig zum Büro hinaus. Draußen trafen sie dann zu ihrer Überraschung Dr. Star. Und Marc wurde wütend.
Der sieht so aus, als würde er die Zeitung kaufen gehen, und nicht, als würde er dazu beitragen, Gretchen zu finden! Keine Spur von Sorge, Angst um sie oder zumindest Mitleid!
Er dachte nicht daran, dass er wahrscheinlich auch nichts dergleichen empfinden würde, ja vielleicht sogar Witze darüber machen würde, wenn das jemand anderes war, und war einfach nur stinksauer.
„Tag“, murmelte er niedergeschlagen und schaute sie dabei nicht an. Marc und Mary warfen sich einen Blick zu. Dr. Star wollte sich gerade an ihnen vorbeischieben, als Marc ihn am Arm packte und mit nach draußen schleifte. Ein paar Polizisten starrten ihnen misstrauisch nach, aber Marc zischte Dr. Star zu, dass er lächeln sollte, und er kam dem ohne Wiederstand nach. Er winkte einer Polizistin sogar zu, die sich daraufhin rotwerdend umdrehte.
Draußen angekommen schienen in Dr. Star die Lebensgeister wieder aufzuwachen und er zischte entrüstet: „Was soll das? Wieso schleifen Sie mich wie ein Höhlenmensch hierher?“
„Die Frage ist, warum du hier bist, Matthew“, sagte sie im gleichen Tonfall und sah ihn tötend an.
Wie die wieder schaut, da kriegt man richtig Gänsehaut!
„Darum, warum ihr wahrscheinlich hier ward. Zeugenbefragung. Ich hab sie am letzten Tag auch noch gesehen!“, erklärte er und verschränkte die Arme beschützend vor seiner Brust.
Wo hat der auf einmal seinen ganzen Stolz her?!
„Das ist uns schon klar, Matti“, begann nun auch Marc, und baute sich drohend vor ihm auf. „Aber wir wollen auch wissen, was du ihm sagen wirst“
Seit Gretchen weg ist, duze ich auf einmal jeden… und man nimmt es mir nicht mal übel!
„Mein Termin ist genau jetzt, und er fragt sich sicher schon, wo ich bin, also werde ich jetzt gehen“, sagte er, aber seine Stimme zitterte. Mary seufzte, sie wurde weicher. Wahrscheinlich brachte es eh nichts, ihn einzuschüchtern.
„Hör mal, wir wollten dir keine Angst machen…“
Ähm, doch! Immerhin war er der Letzte, der Gretchen gesehen hat! Und sonst redet der kleine Mistkerl von Frauenarzt nicht!
„…aber wir werden vor Sorge verrückt, und wir brauchen jede noch so kleine Information. Denn so langsam vertraue ich nicht mehr auf die Polizei, es dauert immer ewig, bis die mal was haben! Ich glaube einfach, wir wären alleine schneller!“
„Das ist total hirnverbrannt“, platzte es aus ihm heraus. Marc packte ihn beim Kragen, seine Wut kochte beinahe über. Drohend starrte er ihm in die vor Angst aufgerissenen Augen.
„Jetzt hör mir mal zu, du kleiner Pisser! Nur, weil wir die Hoffnung nicht aufgeben, sind wir nicht hirnverbrannt, klar?! Und zeig mal ein bisschen Mitleid, bist ja schließlich Frauenarzt. Du kommst heute Abend zu Marys Wohnung, und du wirst uns alles haarklein erzählen, kapiert?“
Dann schubste er ihn weg, richtete sich die verrutschte Jacke wieder und ging ohne ein Wort davon.
„Bitte, Matti, es ist uns wirklich wichtig“, sagte sie und drückte auf die Tränendrüse, „und es tut mir leid, aber Marc dreht beinahe durch. Er hätte dich sonst nie so angegriffen“
„Mary, jetzt komm endlich! Das ist kein Kaffeeklatsch hier!“, brüllte Marc über den ganzen Parkplatz, und bereitwillig ging sie zu ihm. Sie wollte ihm beruhigend über den Arm streichen, aber er stieß sie nur unsanft weg. Die Fahrt verlief schweigend. Marc brauchte all seine Energie, um sich auf den Verkehr zu konzentrieren, und nicht wieder umzukehren, um Dr. Star ein bisschen Grips in die Birne zu prügeln.
Wie mein Vater es bei mir immer versuchte. Aber anscheinend wurde ich nie schlauer. Es wäre schlauer gewesen, ihn nur zu hassen, und nicht zwischen Liebe und Hass zu wechseln. Das hat mir nur Schmerz gebracht.
Mary hielt es nicht mehr aus, dieses Schweigen. Er sah wieder so wütend, so aggressiv aus. Als müsste er sich beherrschen, um nicht ein paar Ampeln umzufahren.
„Ich glaube, er kommt“, sagte sie dann.
„Das würde ich ihm auch raten, sonst kriegt er was auf die Fresse!“, knurrte er bloß. Und dann wusste Mary, woher der Wind wehte, wusste, dass er wieder an seinen Vater dachte. Marc hatte auch oft von ihm geträumt, immer dann, wenn er nicht Gretchens Namen geflüstert hatte und seine Bettdecke so fest umfasste, als wäre es das Einzige, was er auf dieser Welt hatte. Sie hatte ihn oft gehört. Und sie war immer noch der Meinung, dass er sich öffnen musste, aber unter diesen Umständen wäre ihm das wohl zu viel. Das verstand sie. Ihr wuchs auch alles über den Kopf.
Sie überlegte, ob sie ihm ihre Hand erneut mitfühlend auf den Arm legen sollte, ließ es dann aber auf halbem Weg doch. Er würde sie sowieso nur wegstoßen, so wie er es immer getan hatte. „Nur alles schön verdrängen, das hat doch schon immer geklappt!“, dachte sie verächtlich und drehte sich weg. Er tat sich damit nur selbst weh, und er half ihr damit kein bisschen. Er half auch nicht, indem er Matti bedroht, der einzige neben Gretchen, dem sie vertraute in dieser gottverdammten Stadt.
Hoffentlich hört das alles jetzt auf. Es macht mich kaputt. Das will ich nicht. Ich will die beiden wiederhaben, ich werde es allen zeigen! Marc Meier ist stark! Ich schaffe das auch alleine, ich brauche keine Hilfe! Hilfe zu haben macht einen nur weich und schwach!
Das brauche ich nicht!

Sophiee^^ Offline

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13.05.2012 18:04
#132 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Danke für eure Kommentare, auch wenn ich jetzt ewig nichts dazu geschrieben habe. Aber irgendwie fehlt immer irgendwas, entweder die Zeit oder die Lust dazu
Bitte nehmt mir das nicht übel!

Liebe Grüße
Sophie


Sobald sie zu Hause waren, schmiss Marc Mary raus, mit der barschen Aussage: „Ich muss alleine sein“. Ein wenig beleidigt stöckelte sie davon und knallte die Tür zu, ein wenig zu theatralisch, wie Marc fand. Er schnaubte kurz darüber, tat die Autotür zu, die Mary offen gelassen hatte, und fuhr mit quietschenden Reifen davon.
Soll sie doch beleidigt sein. Mir doch egal, was das Weib von mir denkt. Sie hilft mir mit ihrem Geplapper und Geheule eh nicht. Ich brauch sie nicht. Alleine bin ich immer besser klargekommen, wieso jetzt dann nicht? Vielleicht hat sie mir eine Last von den Schultern genommen, als ich ihr von meinem Erzeuger erzählt habe, aber jetzt nutzt sie mir nichts. Nichts, verdammt. Die einzige, die mir bis jetzt geholfen hat, ist Gretchen. Und die ist nicht da, weil man sie mir genommen hat. Frank hat sie mir genommen. Ich hasse ihn, und wenn ich ihn in die Finger kriege, dann… dann werde ich ihn rösten und Haien zum Fraß vorwerfen! Nein, mir fällt noch was Grausameres ein! Ja, viel grausamer!
Marc fuhr ziellos durch die Stadt. Mit jedem Meter schlich sich auch seine Wut wieder davon. Schließlich blieb er irgendwo auf einem Parkplatz stehen. Er ließ die Schultern hängen. Was wollte er eigentlich? Er sollte froh sein, dass ihm jemand helfen wollte. Stattdessen stieß er sie genauso weg wie alle anderen zuvor, genauso wie er es bei Gretchen getan hatte. Er war eben so.
Aber war es nicht an der Zeit, seinen Stolz und seine brodelnde Wut herunterzuschlucken, sich zu entschuldigen und sich endlich helfen zu lassen? Für Gretchen?
Frustriert knirschte er mit den Zähnen. Manche ließen sich ständig helfen, also war es wohl nicht so schwer. Und trotzdem schaffte er es nicht. Warum nicht? Was war bei ihm anders?
Du kannst nicht jedem vertrauen. Eigentlich vertraust du niemandem, außer dir selbst. Manchmal vertraust du Gretchen, weil du sie liebst, aber komplett öffnen kannst du dich trotzdem nicht. Und wenn du vertraust, dann bist du immer misstrauisch.
Wahrscheinlich lernt man das Vertrauen als Kind. Und ich hab Vertrauen nie kennen gelernt, nur das Gegenteil, das Misstrauen.

Marc schaltete den Motor aus. Inzwischen war es dunkel geworden. Er hielt es im Wagen nicht mehr aus. Es war stickig, und er konnte nicht mehr atmen. Schnell stieß er die Autotür auf, er schloss mit zittrigen Fingern ab. Dann stützte er sich mit beiden Armen am Wagen ab. Er atmete tief ein und aus. Ein und aus. Das war überhaupt nicht schwer.
Es geht mir gut… es geht mir gut… ein und aus… man, wenn das ne Panikattacke werden soll…
Er versuchte, seine Atmung zu verlangsam und sich zu beruhigen. Sein Herz pochte wild.
Komm schon, Marc, sei keine Memme! Nicht die Hoffnung aufgeben, und auf keinen Fall jetzt durchdrehen!!
Aufgewühlt sah er sich auf der Suche nach Ablenkung um. Eine alte Straßenlaterne spendete so viel Licht, dass man grade mal ein Meter weit sehen konnte. Außerdem summte sie laut. Verwundert runzelte er die Stirn. Wo war er denn gelandet? Er konnte sich nicht mehr erinnern, wo er abgebogen hatte und wo er hingefahren war. Er wollte doch einfach nur mal weg, einmal flüchten. Und zum Dank hatte er sich jetzt verirrt, oder was? Und dann auch noch in so eine trostlose Gegend?
Er sah sich weiter um. Eine Einbahnstraße. Er seufzte. Na toll, dann musste er ja noch weiter hinein fahren, in eine Stadt, wo er bisher nur ein Krankenhaus und die Fußgängerzone gesehen hatte. Frustriert schlug er gegen die Autotür. Im Moment ging auch einfach alles schief!
Na gut, bevor ich mein Auto noch ganz demoliere, geh ich lieber ein Stück, um mich abzureagieren…
Eigentlich wollte er rennen, aber er hatte das Gefühl, dass er das sowieso nicht lange durchhalten würde. Wann hatte er denn zum letzten Mal etwas gegessen? Er wusste es nicht mehr. Sein Kopf war plötzlich wie leergefegt.
Naja, vielleicht tut mir das auch mal ganz gut… aber hoffentlich ist mein Auto noch da wenn ich zurückkomme…
So langsam wie möglich schlenderte er an der Straße entlang, vorbei an schmuddeligen Seitenstraßen und großen, alten Häusern, die irgendwie aussahen wie Fabriken. Alles erinnerte an eine Industriezone, aber wahrscheinlich eine ehemalige Industriezone. Jetzt tippte Marc eher darauf, dass hier die Penner und Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung lebten. Ziemlich düster, die Gegend. Es fehlte nur noch die zwielichtige Jungsgang, die mit aggressiven Schritten auf ihn zusteuerte. Seine Mundwinkel hoben sich leicht. Zumindest hätte er was zu tun, wenn er die Weicheier vermöbeln würde.
Am Ende der Straße sah er plötzlich einen heruntergekommenen Spielplatz.
Perfekt.
Schon wieder war da so eine Straßenlaterne, die Licht spendete. Wenig Licht, aber immerhin sah er was, nicht so wie davor, als er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Dieser Spielplatz beruhigte ihn irgendwie, und deshalb setzte er sich auf die regennasse Schaukel (was ihm herzlich egal war) und wippte ein wenig hin und her. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Es war zwar nicht die beste Luft hier, aber er genoss trotzdem das Gefühl, wie sich sein Brustkorb langsam hob und genauso langsam wieder sank. Ein bisschen Zeit alleine; nicht einsam, alleine. Das brauchte er jetzt, und er war froh um seine überstürzte Flucht.
Aber die Ruhe währte nicht lange. Plötzlich zerriss ein unnatürlicher Ton die Stille. Marc öffnete die Augen und fluchte, als er seinen Handyklingelton erkannte.
KÖNNT IHR MICH NICHT EINMAL IN RUHE LASSEN???!!
„WAS?“, schrie er gereizt in sein Telefon, ohne auf das Display zu schauen.
„Olivier, ich hab mir überlegt, wir könnten doch morgen…“, sprach seine Mutter ohne Punkt und Komma los.
Wieso labert die mich voll?! Kann sie mich nicht einmal in meinem Leben zufriedenlassen?!
„NEIN, MUTTER“, brüllte er ins Telefon und legte auf. Elke starrte am anderen Ende der Leitung verdutzt auf ihr Mobiltelefon. Was hatte er denn nur? Schon heute Morgen war er so gereizt gewesen. Aber sie wollte nicht lange beleidigt sein und hatte vor ihm ein Treffen vorzuschlagen, vielleicht zum Abendessen. Damit sie mal richtig reden konnten, wie sie es seit fast einem halben Jahr nicht mehr getan hatten. Sie wusste: Irgendwas war mit ihm los, und damit meinte sie nicht, dass er verrückt vor Liebe war. Nein, es war etwas anderes vorgefallen, etwas Schlimmes. Das wusste sie einfach. Sie war zwar nicht die beste Mutter, aber ihre Mutterinstinkte waren spitze. Und jetzt sagten sie ihr, dass es ihm nicht gut ging. Sie wollte aber nicht mehr anrufen, also schrieb sie ihm kurzerhand eine SMS.

Marc, was ist bloß los mit dir? Rede doch mit deiner Mutter!

Marc seufzte frustriert auf. Wieso war in dieser Gosse denn überhaupt ein Netz?!
Ach egal, ich schreib ihr das jetzt, wenn sies unbedingt wissen will…

Gretchen ist verschwunden. Seit sechs Tagen. Ich halte es nicht mehr aus, ich werde verrückt. Ich will sie finden, aber sie ist nirgendwo. NIRGENDWO. Aber bemüh dich nicht, mich zu trösten, das brauch ich nicht. Sei nur so gut und schmeiß keine Party deswegen.

Lange Zeit kam keine Antwort und Marc dachte, dass sie wieder beleidigt war, oder schon an ihrem neusten Roman weiterschrieb, nur dass Monique zum Ende des Buches hin noch entführt wurde. Das würde sicher einen prima Cliffhanger abgeben, dacht er verächtlich. Aber dann kam doch die Antwort, in Form von vier einfachen Worten, aber trotzdem fühlte er sich so verstanden und getröstet, wie er sich bei seiner Mutter seit langem nicht mehr gefühlt hatte.

Es tut mir leid.

Marc interpretierte die SMS nicht nur so, als: „Es tut mir leid, dass die Mutter deines Kindes verschwunden ist“, nein, er dachte, dass sie sich für alles entschuldigte. Dafür, dass sie fast nie für ihn da war. Dafür, dass sie immer nur kam, wenn sie etwas brauchte. Dafür, dass sie einmal im Jahr immer komplett durchdrehte.
Dafür, dass sie ihn damals nicht vor seinem Vater beschützt hatte und dafür, dass sie ihren Mann nicht zum Teufel geschickt hatte.
Es war vielleicht nur eine SMS, aber sie bedeutete ihm in diesem Moment mehr als alles andere.
Es tut ihr wirklich leid.
Kurz schwelgte Marc noch im Moment, als die Stille wieder durchbrochen wurde. Vom gleichen Klingeln wie zuvor.
Er kannte die Nummer nicht. Kurz schoss ihm ein Pfeil der Panik ins Herz. Was wäre, wenn jetzt die Lösegeldforderung kam? Oder wenn Kommissar Johnson ihm mitteilte, dass sie Gretchens Leiche gefunden hatten?
Er zwang sich, tief einzuatmen, drohte er doch wieder zu hyperventilieren. Dann ging er mir piepsiger Stimme ran: „Meier?“
„Marc!“, schluchzte eine Stimme am anderen Ende. Sie klang wie Gretchen.

Sophiee^^ Offline

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17.05.2012 17:13
#133 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Reingelegt

Aber das war wohl bloß Wunschdenken, denn die Stimme fuhr fort: „Marc, wo ist unser Gretchen?“
Es war Bärbel. Bärbel Haase, Gretchens Mutter. Wenn sie weinte klang sie viel jünger. So jung wie Gretchen. Die Freude, die ihn zuvor noch gepackt hatte, wich jetzt einer enormen Enttäuschung. Mit müder Stimme sagte er in ihr Schluchzen hinein: „Ich weiß es nicht, Frau Haase“
Er ließ sie eine Weile weinen. Danach quetschte sie ihn aus. Jedes Detail wollte sie wissen, und sie war ziemlich hartnäckig. Bereitwillig erzählte er ihr alles, was sie wissen wollte, aber immer mit dieser müden Stimme. Er war wirklich müde. Müde vom ständigen Kämpfen und Starksein.
Marc wollte sich nach einer halben Stunde verabschieden, als sie plötzlich mit starker Stimme fragte: „Versprechen Sie mir was?“
Oh nein! Ich kann ihr doch nicht versprechen, dass ich Gretchen finden werde! Ich meine, ich werde sie natürlich finden, aber falls nicht…
Marc spann den Gedanken nicht länger weiter und schluckte den Kloß in seinem Hals hörbar herunter. Bärbel bemerkte seine Nervosität, ging aber nicht weiter darauf ein. Es war ihr einfach zu wichtig. Gretchen war ihr einfach zu wichtig.
„Versprechen Sie mir, dass Sie nicht die Hoffnung aufgeben. Und sollte es auch noch so sinnlos erscheinen, weiterzusuchen. Sie schaffen das und Sie werden meine Margarethe finden. Ich glaube ganz fest daran“, sagte sie zuversichtlich.
Wieso ist sie so zuversichtlich? Sie kennt mich nicht. Sie mag mich nicht mal besonders, was ich auch verstehen kann. Das einzige, was sie so zuversichtlich erscheinen lassen könnte, ist Vertrauen. Aber wieso vertraut sie mir?
Bärbel Haase schien eine Fähigkeit zu haben, auch über tausende Kilometer und bloß über Telefon verbunden, in den Gedanken der Menschen zu lesen.
„Sie lieben sie. Das ist der beste Ansporn. Folgen Sie Ihrem Gefühl, und bringen Sie mich nicht dazu, in den nächsten Flieger zu steigen um Ihnen Grips in die Birne zu prügeln“, ermutigte sie ihn, obwohl sie zu Ende hin auch drohte. Er schluckte schon wieder. Ihre Worte lösten allerdings auch eine Wärme in ihm aus, die er schon länger vermisst hatte. Hoffnung. Endlich war sie wieder da.
„Ich verspreche es Ihnen“, sagte er mit kraftvoller Stimme. Bärbel legte einfach lächelnd auf. Sie wusste, sie konnte ihr Mädchen bald wieder im Arm halten. Sie hatte den Flug nämlich schon gebucht. Und wenn Gretchen in zwei Tagen noch nicht gefunden war, würde sie Marc wirklich verprügeln. Daran bestand kein Zweifel. Etwas beschwingter als die grauenvollen Tage zuvor stieg sie die Treppen nach oben um mit dem Packen zu beginnen.
Marc drehte sein Handy in den Händen.
Gretchens Mutter ist also doch nicht so verpeilt und auf Ehe aus, wie ich immer dachte. Naja. Falls sie wirklich hier wäre, und wenn Gretchen auch hier wäre, dann würde sie wahrscheinlich die Hochzeit verlangen. Aber sie hat mich wirklich ermutigt, mir Hoffnung gegeben. Mehr noch als alles andere. Allein dass sie für mich da war (im Gegensatz zu anderen Müttern) zeigt doch, dass sie jetzt in mir mehr sieht als den erbarmungslosen Macho, der alle Frauen nur ausnutzt und verletzt. Ja, ich glaube sogar, dass sie mich an der Seite von Gretchen akzeptiert hat. Und wenn Gretchen hier wäre, würde ich mich sogar drüber freuen.
Er steckte sein Handy ein, setzte sich wieder auf die Schaukel und stütze seinen Kopf in die Hände. Wie sollte es jetzt denn weitergehen? Sollte er einfach so zu Mary zurückfahren? Die Karte abklappern? Dr. Star ausquetschen? Aber würde das helfen? Die Polizei hatte doch schon überall gesucht. Ach verdammt, er wusste einfach nicht, wohin mit der Hoffnung, die er jetzt hatte. Wo sollte er bitte anfangen? Washington war so verdammt groß.
Aber vielleicht ist sie gar nicht mehr in Washington. New York, Paris, Dubai. Wer weiß, wo der Betrüger mit ihr hin ist…

Marc, wo zum Teufel steckst du?! Hab die Karte angeschaut, auch schon einen Plan gemacht, wo wir morgen anfangen können! Aber das geht verdammt nochmal nicht, wenn du dich draußen rumtreibst! Komm endlich Heim du Penner!!! Mary

Wow. Klingt wütend. Nur ist es mir scheißegal.
Marc machte sich nicht einmal die Mühe ihr zu antworten. Sollte sie doch sauer sein, er war ihr keine Rechenschaft schuldig. Pff, sie waren noch nicht mal Freunde! Kollegen, höchstens! Und sie benahm sich so wie seine Babysitterin.
Ja, vielleicht war er kindisch, aber Mary war gerade der letzte Mensch auf Erden, den er sehen wollte.
Er nahm wieder seine vorige Position ein, auf der Schaukel sitzend, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gelegt. Er starrte auf den Boden und grübelte. Grübelte darüber, was er tun könnte. Jedenfalls nicht „nach Hause“ fahren. Hierbleiben? Einen der tausenden Pläne austüfteln, wie er Gretchen doch noch finden könnte? Im Auto schlafen? Nein, schlafen konnte er sowieso nicht. Er war zwar voller neuer Hoffnung, aber zu angeschlagen, um aufzustehen, wo es hier doch trotz der Kälte, der Nässe und der Dunkelheit so gemütlich war. Und sein Kopf war leer, keine Ideen, wie er Gretchen finden könnte.
Ach Scheiße… wo soll ich bloß anfangen?!
Plötzlich schoben sich kleine rosarote Schuhe in sein Blickfeld, das auf den Boden gerichtet war. Überrascht schaute er auf. Vor ihm stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Höchstens sechs. Es hatte zwei Zöpfe, und ihre Haare waren so hellblond, dass sie in der Dunkelheit fast leuchteten. Genauso wie ihre großen, eisblauen Kulleraugen.
So könnte Gretchens und meine Tochter aussehen…
Er schüttelte ganz leicht den Kopf, bevor er die Gedanken bekam, die wohl jeder in dieser Situation bekommen würde.
Was tut dieses Mädchen denn hier?! Hat es denn nicht gelernt, vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein? Oder nicht einfach so vor jemand Fremden herumspazieren, dazu noch mit rosa Schneestiefelchen an, obwohl es nur regnet?
„Na? Was machst du denn hier ganz alleine?“, sprach er sie nach einigen Minuten des erstaunten Anstarrens an. Sie schaute ihn mit Augen so groß wie Tellern an und kaute unsicher auf ihrer Unterlippe. Aber dann entschied sie, dem traurigen Mann mit den schönen grünen Augen nicht zu antworten, sondern selbst eine Frage zu stellen.
„Wieso bist du so traurig?“
Traurig? Seh ich traurig aus?! Naja, ich bin ja traurig, aber das geht die Kleine wohl gar nichts an! Was redet sie überhaupt mit bösen fremden Männern wie mir?
„Wieso willst du das wissen?“, fragte er misstrauisch.
„Sag doch einfach“, ermutigte sie ihn.
„Wie heißt du überhaupt? Das würde ich schon gerne wissen, bevor ich dir meine Lebensgeschichte erzähle“, meinte er ironisch. Nur hatte er nicht miteingerechnet, dass Kinder keine Ironie, geschweige denn Sarkasmus verstanden.
„Ich bin Hanna. Aber ich will nur wissen, warum du so traurig bist“, kicherte sie. Entgegen seiner Gewohnheit lächelte er und stieg auf das Spiel mit ein.
„Gut, Hanna, ich bin Marc. Eigentlich sollte ich nicht mit fremden kleinen Mädchen plaudern, aber da du so süß bist, mach ich eine Ausnahme“
Kichernd errötete sie und auch er ließ sich zu einem Lächeln hinreißen. Dann sah sie ihn wieder erwartungsvoll an.
Wieso sind alle Frauen- sogar schon in dem Alter!- so neugierig?!
„Wieso ich so traurig bin, willst du wissen?“, zögerte er es noch ein bisschen heraus. Auf ihr heftiges Nicken hin seufzte er gespielt auf. Sie kicherte wieder. Das klang süß, gestand Marc sich ein, auch wenn er solche „plüschigen“ Worte nie benutzen wollte.
„Weißt du, ich suche jemanden, aber ich finde sie nicht“
„Wie beim Verstecken spielen?“
„Genau“, lächelte Marc.
„Und du suchst eine Frau? Ist das deine Freundin?“, bohrte sie weiter. Erstaunt musste er feststellen, dass in ihren kleinen Köpfchen wohl mehr als nur heiße Luft und Barbiepuppen rumspukten. Er nickte zögerlich. Daraufhin lächelte sie wieder.
„Ich sehe auch immer eine Frau, die Verstecken spielt. Aber niemand findet sie, deswegen schaut sie wohl auch immer so traurig aus“
„Tatsächlich? Niemand hat sie gefunden?“, heuchelte Marc Interesse. Ja, jetzt kam es wieder. Das, was ihn an Kindern am meisten nervte: das sinnlose Gelaber.
„Doch, ein Mann und eine Frau. Aber die lassen sie nicht aus ihrem Versteck heraus. Dabei will sie das doch. Sie ist doch so hübsch, da will sie sicher auch mal raus“
„Wie sieht sie denn aus?“, fragte er und wollte schon mit den Gedanken weiterschweifen, als die Beschreibung von der Frau ihn wie ein Kübel Eiswasser in die Realität zurückholte.

Jetzt vielleicht wieder ein bisschen mehr Hoffnung? Wie Marc?

Sophiee^^ Offline

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20.05.2012 18:43
#134 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Frank, lass mich gehen, bitte. Es bringt nichts, mich hier einzusperren“, flehte Gretchen.
„Oh nein, es bringt sogar sehr viel. Irgendwann wirst du mich wieder lieben“, lachte Frank mit einem verrückten Glitzern in den Augen. Mit energischen Schritten verließ er den Raum und ließ die Tür laut zufallen.
„Ich werde dich nie wieder lieben“, flüsterte sie hasserfüllt.
Frank war wieder verschwunden. Und Gretchen war wütend.
Auf sich selbst.
Wie blöd konnte ich sein?! An sein Gewissen appellieren, pff! Als hätte er eines, wenn er mich entführt, während ich schwanger bin! Jetzt weiß er nur, dass ich Bescheid weiß. Ich kann mich nicht mehr als unwissend hinstellen. Scheiße! Ich hab mir mein eigenes Grab geschaufelt! Ich komm hier nie wieder raus, nur wegen meiner eigenen Blödheit! Meine einzige Hoffnung ist, dass mich jemand sucht und auch findet! Oder dass mich jemand am Fenster stehen sieht. Aber wer schaut schon hier rauf?! Da draußen ist ja gar nichts. Nichts, außer so einem Spielplatz, wo kein Kind drauf spielt, weil alle Geräte kaputt sind.
Der Beweis: mein Schicksal ist besiegelt. Ich werde in diesem Drecksloch sterben. Und mein Sohn wird mit diesen Wahnsinnigen aufwachsen.
Hm, das wäre auch eine Theorie. Vielleicht liebt er mich gar nicht mehr (so sehr, dass er wahnsinnig wirkt!), sondern will nur mein Kind, weil seine ach so tolle Alex keine Kinder bekommen kann! Also bin ich hier die Brutmaschine, und sie nehmen mir meinen und Marcs wundervollen Sohn! Nein, das lass ich nicht zu! Das kann ich nicht! Da sterbe ich lieber, als meinen Sohn diesen Arschlöchern zu überlassen!
Los, Gretchen! Du brauchst einen Plan! Wenn du auch nicht mehr an deine eigene Freiheit glaubst, denk zumindest daran, dass dein Sohn in Freiheit leben soll!

Sie grübelte und feilte weiter an einem neuen Plan, der zu ihrer Freiheit führen sollte.
Vielleicht konnte sie warten, bis die beiden hereinkamen, und ihnen dann beim rausgehen die Tür an den Hinterkopf hauen?- Nein, das würde sicher nicht funktionieren. Wenn sie bewusstlos wären, dann würde die Tür zufallen, und alles was sie davon hätte, wäre, dass sie kein Essen bekam, weil die zwei da draußen ein Nickerchen hielten.
Vielleicht wäre es interessant zu erfahren, was passieren würde, wenn sie versuchte, das sichtbare Abflussrohr der Toilette mit irgendetwas zu zerstören und die Spülung einschalten würde. Sie müssten entweder alles selbst reparieren (was sie nicht konnten, Frank war noch nie ein Handwerkgenie gewesen und Alex sah auch nicht wirklich so aus, als könnte sie mit einem Schraubenzieher mehr anfangen als jemanden damit bewusstlos zu hauen), einen Handwerker holen (so dumm waren sie sicher nicht) oder Gretchen müsste auf eine andere Toilette gehen. Und dann war die Gelegenheit zur Flucht.- Aber nein, wenn sie auf einem anderen Klo wäre, würde Alex sicher wie ein Wachhund vor der Tür stehen, wenn sie nicht im Klo selbst wartete.
Vielleicht konnte sie mit ihrem überragenden Schauspieltalent ihren eigenen Tod vortäuschen, dann, wenn Alex sich zu ihr herunterbeugte, um sie höhnisch zu verspotten, briet sie ihr eins über und floh.- Nein, all das war zwecklos! Egal, wie gut sie schauspielern konnte, da war immer noch Frank, an dem würde sie nie vorbeikommen! Seit dem letzten Mal, dass sie ihn vor dem ganzen Entführungsmist gesehen hatte, schien er noch mehr Muskelmasse aufgebaut zu haben. Wahrscheinlich vertrieb er sich die Zeit mit Gewichte stemmen und krummen Dingen, die er drehte.
Das hilft mir nicht weiter!!! Diese Ideen sind nutzlos! Sie helfen mir nicht mal, mich besser zu fühlen! Aber ich weiß, wie ich mich besser fühle! Ich schreibe Marc einen Brief! Jawohl, das hat bis jetzt immer geholfen!

http://www.youtube.com/watch?v=wCcJuN47UcY&feature=related (Revolverheld feat. Marta Jandová- Halt dich an mir fest)

Lieber Marc!
Ich bin so sauer! Auf alles! Alles auf dieser beschissenen Welt! Warum hat es schon wieder mich getroffen?! Ich finde einfach keine Antwort. Wahrscheinlich hab ich in meinem früheren Leben viel mieses Karma gesammelt, das ich jetzt abarbeiten muss. Wahrscheinlich war ich davor der Erfinder der Atombombe und hab sie irgendwo mörderisch lachend abgeworfen, vielleicht war ich irgendein Serienkiller, der seine Opfer immer vor dem Tod gequält hat und ihnen dann die Haut abgezogen hat, um sie zu essen, oder ich war einfach nur eine Eintagsfliege, die länger als einen Tag gelebt hat! Ja, lach nur! Jedenfalls liegt es auf der Hand, dass ich böse war, und jetzt, als unschuldige, freundliche und herzensgute Frau, werde ich für all meine früheren Taten bestraft. Das ist so ungerecht! Und ich bin so wütend!
Auf Frank, diesen feigen Idioten! Was will der Arsch von mir?! Ehrlich gesagt denke ich, dass er psychisch krank ist. Er kann doch nicht wirklich glauben, dass ich ihm nach all der Scheiße, die er verzapft hat, noch verzeihe und glücklich in der Vorstadt seine drei Kinder aufziehe? Er kann auch nicht erwarten, dass ich all seine kriminellen Taten einfach so vergesse! Er hat Menschen umgebracht, Marc! Er hat ihr Vertrauen gewonnen, es gnadenlos ausgenutzt und sie ihrem Geld und ihren guten Glauben an die Menschheit beraubt! Er hat MICH geheiratet, mir alles vorgelogen, und mir Zeit geraubt, die ich hätte mit dir verbringen können! Und jetzt stiehlt er mir auch die Zeit mit dir, mit Mary, mit unserem Sohn! Nicht einmal Zeit für mich hab ich, weil ich immer denke, er könnte mich beobachten, meine Gedanken lesen! Ich kann mir nicht einmal wünschen, auf unserem Sofa zu sitzen und gemütlich Titanic zu schauen, mit Popcorn und Schokolade und Taschentüchern und allem, was sonst noch dazugehört! Ich hasse ihn!! ICH HASSE IHN!!! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal hassen kann, aber es gibt wohl für alles ein erstes Mal! Meine einzige Zuflucht sind diese schmutzigen Zettel, die ich mit meinen immer wahnsinniger werdenden Gedanken vollschreibe.
Ich komm mir wirklich so vor. Als würde ich verrückt werden. Die Anzeichen sind jedenfalls da. Verfolgungswahn, verrückte Gedanken (noch verrückter als normale Frauengedanken!), Angst vor jedem kleinen Geräusch! Platzangst bekomme ich auch schon. Ich werde wahnsinnig.
Na gut, auf meiner Hassliste Punkt zwei: SEINE BESCHISSENE KOMPLIZIN!!! Sie macht mir das Leben zur Hölle. „Alexandra“-oder wie sie sonst heißt!- ist die größte Zicke aller Zeiten, viel schlimmer als Gabi es je sein könnte! Sie ist gemein und widerlich und nimmt mir jede Selbstachtung. Sie versucht sogar immer, mich zu schlagen, oder mir sonst was anzutun. Liegt vielleicht daran, dass ich sie immer mal wieder verkloppen wollte, aber Frank ist immer dazwischengegangen. Hat wohl Angst, dass ich mich verletze. Das Aas! Bei ihr weiß ich zumindest, dass der Hass auf Gegenseitigkeit beruht, aber für ihn ist es wahrscheinlich so eine Wahnsinns-Liebe oder was weiß ich, was in seinem kranken Hirn vorgeht. Entweder das, oder er will uns unseren Sohn stehlen! Weil Alex keine Kinder bekommen kann. Wäre zumindest eine andere Möglichkeit. Aber ich werde alles tun, um unseren kleinen Marc zu beschützen.
Hab schon einige Pläne aufgestellt. Mein größter Plan, Frank damit zu konfrontieren, dass ich weiß, wer er ist, ist total in die Hose gegangen. Er hat ja kein Gewissen mehr, geschweige denn Mitleid. Dann hab ich noch, dass ich beide bewusstlos schlage (bin zwar ziemlich sauer auf beide, aber das wird wohl kaum funktionieren… sie sind eben zu zweit und die Mistkuh hasst mich auch ziemlich. Jetzt versteh ich den Spruch, dass Hass beflügelt) und abhaue. Oder dass ich die Toilette demoliere, dann auf ihr Klo gehe und abhaue, aber sie bewacht mich dann sicher wie so eine aggressive Bulldogge. Der letzte Plan wäre, mich totzustellen und ihnen wieder eins überzubraten, aber das funktioniert wegen oben genannten Gründen nicht. Verdammt!
Ach, ich hab ja gar nicht erwähnt, wen ich am meisten hasse!
MICH.
Ja, richtig gelesen. Ich hasse mich. Ich hasse mich dafür, dass ich so ausraste, obwohl das unserem Sohn sicher nicht guttut. Ich hasse mich auch dafür, dass ich daran geglaubt habe, dass an Frank noch irgendwas gut ist. Und ich hasse mich für die Hoffnung, die ich mir Tag für Tag mache, die aber die Nacht dann viel schlimmer macht, weil sie einfach nie erfüllt wird. Außerdem hasse ich mich noch für mein Gehirn, das einfach keine klugen Gedanken produziert, die mir auch weiterhelfen könnten, und stattdessen nur den Mist fabriziert, den ich hier im Wutrausch niederkritzle.
Was ich aber am meisten an mir hasse, ist mein Herz. Ich hasse es, weil es mit jedem Tag mehr bricht. Es ist nicht stark. Ich hab dich so lange nicht mehr gesehen, so fühlt es sich jedenfalls an. Ich vermisse dich, weil ich dich so sehr liebe. Und ich will mir nicht ausmalen, wie es dir dabei geht, denn das würde mich nur noch mehr zerreißen.
Weißt du, Marc, ich hatte früher eine Erzieherin im Kindergarten. Sie hieß Frau Schnippel. Und immer, wenn ich heulend zu ihr rannte, weil Jonas, der Junge, in den ich damals verknallt war, mir einen Schlammkuchen in die Haare geschmiert hatte, sagte sie zu mir, dass ich nur weinen solle. „Weinen erleichtert“, meinte sie. Und ich sagte daraufhin: „Aber ich will stark sein“. Und dann sagte sie lächelnd: „Wer liebt, ist immer schwach“. Das wahrste, das ich je in meinem ganzen Leben gehört habe.
Und jetzt, wo ich so sehr weinen will, kommt keine Träne. Es erleichtert mich nicht. Aber nur weil ich nicht weine, bin ich nicht stark. Weil ich dich liebe bin ich schwach. Wenn sie mir nur einmal drohen würden, würde ich zusammenklappen. Aus Angst, dich ganz zu verlieren. Deshalb bin ich nutzlos, und es ist sinnlos, Pläne meiner Flucht zu schmieden, denn ich würde es eh nie schaffen. Weil ich zu schwach bin. Das ist auch ein Grund, warum ich mich und mein schwaches Herz hasse.
Aber ich werde nie bereuen, dich zu lieben, und deshalb schwach zu sein. Es fühlt sich nämlich unbeschreiblich an, einfach bei dir zu sein. Auch wenn ich nur an dich denke, kann ich dieser Hölle entfliehen. Das ist ein gutes Gefühl, und dann kommt die Hoffnung, die ich so sehr hasse und die mich trotzdem für kurze Zeit aufbaut.
Tja, Marc, das ist wohl der verworrenste Brief, den du nie bekommen wirst. Damit etwas Licht ins Dunkel kommt, die Tatsachen:
Ich hasse Frank und Alexandra. Ich akzeptiere mich und meine starken Schwächen. Ich gebe nicht auf.
Und die wichtigste Tatsache: Ich liebe dich.
Gretchen.

Sophiee^^ Offline

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23.05.2012 16:52
#135 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=S8zo5szZ1Qo (Rihanna- Good Girl Gone Bad)

Es klopfte. Es war zum ersten Mal, dass jemand an diese Tür klopfte. Vielleicht war das ja die Polizei? Und sie würde Marc jetzt gleich in die Arme schließen, wie sie es sich seit Tagen ausmalte? Wie sie es seit Tagen vermisste? Sie konnte endlich ihre starken Schwächen rauslassen und sich die Augen aus dem Kopf weinen, weil sie so erleichtert war, und weil sie ihn so sehr liebte?
Vor Überraschung über das Klopfen, vergaß sie fast „Herein“ zu rufen. Aber dann räusperte sie sich und krächzte: „Herein?“. Die Situation war so surreal, dass das „Herein“ wie eine komische Frage klang. Und als jetzt Alex mit gesenktem Kopf- also ganz anders als sonst- eintrat, musste Gretchen sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Seit wann klopft die denn an?!
Einige Zeit lang starrte Gretchen sie nur an. Wie sie da stand, mit gesenktem Kopf, die Hände knetend und mit den Füßen auf dem Boden scharrend, als wäre sie die Schülerin und Gretchen die Direktorin, die sich gerade eine gerechte Strafe ausdachte. Nichts wollte Gretchen mehr, als sich eine Strafe für Alex ausdenken. Zu schlimm war sie von ihr behandelt worden. Aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie wusste selbst, wie unrealistisch diese Situation grade war, und langsam begann sie auch, sich unwohl zu fühlen.
Was will sie hier?! Warum starrt sie den Boden an, als wüsste er die Antwort auf all ihre Fragen? Warum ist sie so verlegen? Will sie mir etwas sagen? Spielt sie das alles nur? Will sie mir Hoffnungen machen, und sie dann zerstören? Was ist das für ein Trick, oder meint sie das wirklich ernst?
Okay, wenn ich nicht anfange zu fragen, werde ich es wohl nie erfahren.

„Was willst du?“, fragte Gretchen barsch und beobachtete den schmutzigen Boden jetzt auch interessiert.
Scheiße. Das war ja toll von mir. Falls ich irgendeine Chance auf die Erkundung ihrer menschlichen Seite hatte, dann ist sie jetzt flöten gegangen.
Während Gretchen schon auf das höhnische Lachen wartete, hob Alex den Kopf. Ihre Augen waren gerötet. Überrascht hielt Gretchen inne, als sie das sah. Alex hatte…geheult? Konnte sie das überhaupt, oder floss nur Gift aus ihren hochnäsigen Augen?
Feuer spuckend könnte ich sie mir jedenfalls besser vorstellen als heulend…
„Ist das wahr?“, fragte sie geradeheraus, und, tatsächlich, sie schniefte dabei!
Ähm… weiß die nicht, dass ich meistens nichts checke, wenn`s drauf ankommt?!
„Was genau…?“, fragte Gretchen verpeilt. Sie erwartete das Augenverdrehen, aber Alex sprach nur leise weiter, sodass Gretchen sich bemühen musste, sie zu hören.
„Du warst mit ihm verheiratet? In Berlin? Du hast ihn geliebt, und er dich? Er ist ein Betrüger, und er heißt wirklich Frank? Nicht Alexander? Er wird von der Polizei gesucht, und das nicht nur, weil wir dich entführt haben?“, fragte sie. Unendlich viele Fragen hatte sie, aber sie stoppte erstmal, damit Gretchen ihre Gedanken ordnen konnte.
Sie hat gelauscht. Logisch. Hätte ich auch, hätte jeder, nicht nur Frauen, auch Männer hätte das interessiert. Und sie ist verunsichert. Traurig. Verletzt. Weil Frank sie anscheinend angelogen hat. Ich kann sie auf meine Seite ziehen, dann komm ich hier raus! Niemand darf eine Frau, die liebt, unterschätzen, aber noch weniger darf man eine von einem Mann verletzte Frau unterschätzen!
„Er hat dir davon wohl nichts erzählt, hm?“, sagte Gretchen mit sanfter Stimme. Alex schüttelte nur stumm den Kopf.
Jetzt, wo sie so verunsichert ist, zeigt sie ihr wahres Gesicht. Sie ist also doch kein herzloses Monster. ER hat sie nur zu so einem Menschen gemacht! ARSCH!
„Wo ist Frank… ähm… oder Alexander?“
„Nicht hier. Einkaufen, denke ich“, sagte sie regungslos. Gretchen beantwortete ihre Fragen.
„Also… ja, ich war mit ihm verheiratet. Es war zuerst wie im Märchen, und ich dachte wirklich, er wäre der Richtige, vor allem, weil Marc, meine große Liebe, so ein Arsch war. Er ist ein Betrüger, die Kripo hatte ihn fast, aber er konnte flüchten. Ich war da nicht ganz unschuldig, ich hab ihn laufen lassen. Ich war so dumm. Ich weiß nicht, ob er mich wirklich geliebt hat, aber sonst hätte er mich wohl kaum entführt… oder was für einen Grund hat er dir genannt?“
„Lösegeld. Er meinte, er braucht dringend Geld, und Banken wollte er nicht mehr ausrauben“, antwortete sie immer noch tonlos.
„Und du hast das geglaubt?“, wagte Gretchen sich weiter vor. Jetzt lachte sie, aber es klang trocken.
„Natürlich hab ich es geglaubt, weil ich ihn liebe, das Arschloch. Und er hat mich nur angelogen. Oh mein Gott, wie dumm war ich nur?! Und was war ich für eine blöde Kuh?! Ich hab mich da wirklich reinzerren lassen! Wer außer mir ist bitte so dermaßen verblendet vor Liebe, dass er bei einer Entführung mitmacht, wegen eines zwielichtigen Typen, den man in der Gosse kennengelernt hat und grade mal einen knappen Monat kennt?! Wer ist so blöd, hä?! WER?!“, brüllte sie aufgebracht, und dann kamen die Tränen. Sie flossen, und sie waren nicht giftig. Es waren ganz normale, salzige Tränen. Schluchzer schüttelten ihren Körper, während sie sich auf den Boden sinken ließ, die Knie an den Körper zog, sie mit den Armen umschlang und sich hin- und herwiegte, wie ein Kleinkind.
Gretchen wusste nicht, was sie mit der Frau anfangen sollte, die gerade einen Nervenzusammenbruch erlitt. Sie konnte sich nicht ganz überwinden, sah sie doch immer die Bilder vor sich, wie sie von ihr verhöhnt, beleidigt oder geschlagen wurde. Aber dann riss sie sich zusammen und zeigte den guten Menschen, der in ihr steckte. Sie setzte sich neben Alex, legte den Arm um sie und wiegte sich mit ihr im Takt ihrer pochenden Herzen. Sie beruhigten einander. Und Gretchen begann, Alex zu verstehen. Alex war blind vor Liebe gewesen, sie hätte alles getan, um Frank zu bekommen. Und Frank, was tat er? Nutzte sie aus, weil er sie nicht alleine entführen konnte. ER war der Böse. Das Biest. Sie beide waren die Opfer. Alex das Opfer der Liebe zu einem Mann, der sie nicht liebte, und sie das Opfer der Liebe eines Mannes, den sie nicht liebte.
„Oh Gott, was hab ich nur getan? Ich bin eine kriminelle Mistkuh“, schluchzte sie weiter, aber sie beruhigte sich allmählich. Sie wischte sich die Tränen weg.
„In die kriminelle Sache wurdest du nur hineingezogen, über die Bezeichnung „Mistkuh“ muss ich noch nachdenken“, versuchte Gretchen die Stimmung aufzulockern, und Alex lachte tatsächlich ein wenig.
„Ich denke, ich bin eine Mistkuh. Wir hätten nämlich Freunde werden können. Tja, das hab ich mal ganz schön verbockt“, grinste sie schief, als plötzlich neue Tränen flossen.
Sie ist so schwach… sie tut mir leid.
Gretchen, die, wie alle wussten, unter dem „großes-Herz-Syndrom“ litt, verzieh der verzweifelten Frau in ihren Armen all ihre Taten und wollte sie einfach wieder glücklich sehen. Und glücklich wäre sie nur ohne Frank, und wenn sie nicht im Gefängnis vergammeln würde.
„Alex, so heißt du doch, oder?“
Alex nickte und wirkte dabei wie ein kleines Mädchen.
„Wenn du hilfst, mich hier raus zu bekommen, werde ich der Polizei nicht erzählen, dass du bei der ganzen Sache beteiligt warst. Du kannst neu anfangen“
Alex` Augen wurden groß.
„Wirklich?“, fragte sie misstrauisch. Gretchen nickte überzeugt. „Ohne Witz?“. Gretchen nickte erneut. „Wieso sollte ich dir vertrauen?“
„Weil wir beide Opfer der Liebe sind“, teilte sie ihre Gedanken. Und Alex verstand.
„Okay. Ich vertraue dir. Und ich hoffe, dass ich die einzige bin, die in Zukunft mein Leben versauen wird“
Sie besiegelten ihr „Abkommen“ mit einem Handschlag. Dann erklärte Gretchen, wie Alex sie rauslassen sollte, aber plötzlich hörten sie Schritte.
„Ist das…“, begann Gretchen flüsternd. Alex nickte heftig. Sie flüsterte zurück: „Er sollte noch gar nicht hier sein! Schnell, aufs Bett! Ich überleg mir was!“
Gretchen raffte ihr Zeug zusammen, versteckte den neuen Brief bei den anderen unter der Matratze und setzte sich aufs Bett. Dann vertraute sie auf ihr Schauspielkönnen und versuchte finster auszusehen.
Frank öffnete die Tür und starrte auf den Boden, wo er Alex mit verheultem Gesicht liegen sah.
„Was is’n hier los?“, fragte er misstrauisch, hatte er die starke Alex doch noch nie heulen sehen.
„Die Schlampe hat mir eins übergebraten. Mal wieder. Nur diesmal so fest, dass ich heulen musste“, zischte Alex hasserfüllt und Gretchen bewunderte sie für ihr Schauspieltalent.
Oder spielt sie das überhaupt nicht und unser Abkommen ist gestorben?!
Frank grinste. Sein Misstrauen war wie weggeblasen.
„Immer noch das gleiche Feuer, nicht wahr, Sternchen?“, sagte er und sah Gretchen direkt in die Augen. Alleine dass er diesen verhassten Spitznamen benutzte ließ sie fast überkochen, aber sie achtete auf Alex, die sich kaum beherrschen konnte und energisch die Zähne aufeinander biss, damit sie ihm nicht die schlimmsten Schimpfwörter, die ihre drei älteren Brüder sie gelehrt hatten, an den Kopf warf.

Bisschen mehr Hoffnung Leute? Haltet durch, Rettung naht! :D

Sophiee^^ Offline

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26.05.2012 13:54
#136 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Viel Spaß mit dem Teil :)

„Manches ändert sich eben nie, GOLDIE“, blaffte sie ihn wütend an. Er lachte nur ein kehliges Lachen, hielt Alex die Hand hin, ohne auf sie zu achten, aber sie stand alleine auf und klopfte sich den Schmutz von den Hosen.
„Lass uns unsere kostbare Zeit nicht mit der verschwenden, Alexander“, sagte sie herablassend und musterte Gretchen abschätzig von oben nach unten.
Sie schaut mich an wie ein Stück Schinken, der es nicht wert ist, gegessen zu werden!...
…sie kann das echt gut! Wenn ich das nur auch könnte!

Gretchen schaute, so hoffte sie zumindest, genauso feindselig zurück und wartete, bis sie wieder draußen waren. Sie war wieder alleine, aber seit Langem fühlte sie wieder Zuversicht. Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste, denn eine liebende Frau war unberechenbar. Vielleicht ließ Alex sich ja wieder von Franks Geschleime einwickeln? Egal, sie war Gretchens einzige Hoffnung, und die Hoffnung war stärker als die Furcht. Sie vertraute Alex, so verrückt es auch klang.
Und dann bin ich frei. FREI! Ich kann alle meine Lieben wieder in die Arme schließen! Ich kann mit ihnen reden, lachen, spinnen, weinen… nie wieder alleine und einsam sein! In einem Krankenhaus arbeiten, Menschen helfen, einfach nur in einer Sommerwiese-wenn dann wieder Sommer ist- daliegen und in den Himmel schauen… träumen… mit Marc… hach, Marc… ich liebe dich so sehr, und bald kann ich dich wieder küssen… mich in deinen Armen verkriechen… oh man, wie ich mich da drauf freue!
Gretchen lächelte breit. Lange hatte sie nicht mehr so gelächelt, und sie merkte, dass ihre Mundwinkel dabei ein wenig schmerzten. Trotzdem konnte sie nicht aufhören. Sie fühlte sich berauscht, als wäre sie betrunken. Auch wenn sie noch nicht so oft betrunken war, sie hielt einfach nichts davon, sich grundlos zu betrinken. Außerdem war sie dazu viel zu verklemmt, wie sie sich selbst eingestehen musste. Bevor sie einen Drink bestellte, dachte sie immer daran, wie sie sich wohl verhalten würde, wenn sie dann betrunken war. Deshalb blieb es meistens bei einem Drink.
So verklemmt ist das jetzt aber auch nicht. Was ist denn so falsch daran, wenn mir etwas an meinen Gehirnzellen lag und immer noch liegt?! Damals im Studium jedenfalls war ich ziemlich überrascht, dass sie montags im Hörsaal nicht alle eingeschlafen sind. Und dass sie noch denken konnten, als der Professor etwas fragte. Ja, es war besser von mir, nicht mitzusaufen. Zumindest sind da nicht diese ganzen Nebenwirkungen, die am nächsten Tag da sind. Verkatert sein ist das Letzte, das weiß ich noch aus Las Vegas! Bäh, denk nicht daran!
Naja, aber wenn ich auch mal Party gemacht hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht so ausgeschlossen gewesen… immerhin hatte ich nur Gigi und später dann Peter. Egal. Jetzt ist diese Zeit eh vorbei.

Sie grinste immer noch. Es war komisch, hier alleine in diesem Raum zu sitzen und zu lächeln. Ohne nennenswerten Grund, also, Frank kannte zumindest keinen.
Ich sollte wohl damit aufhören, falls er wieder reinkommt…
Also versuchte sie, wieder so unglücklich auszusehen wie in den letzten Tagen. Es war zwar schwierig, das Grinsen zu verbergen, aber sie schaffte es dann doch. Sie musste nur an etwas anderes denken als an ihre baldige Flucht, falls Alexandra Wort hielt.
Sie merkte, wie müde sie war. Wie lange hatte sie denn nicht geschlafen? Wenn sie schlief, dann dauerte es nur einige Stunden, bis sie schweißgebadet aus Alpträumen aufwachte. Sie war danach immer erschöpfter als vor dem Schlafengehen.
Sie legte sich aufs Bett und war gleich tief eingeschlafen.

„Hey, Mum, aufwachen“, rief eine weit entfernte Stimme. Blinzelnd öffnete Gretchen die Augen und schaute sich um. Gleißendes Sonnenlicht war da, aber komischerweise war es nicht heiß, da ein leiser Luftzug für Abkühlung sorgte. Geblendet vom Sonnenlicht hielt Gretchen sich die Hand schützend vor die Augen. Sie war sehr verschlafen, als wäre sie gerade aus einem Dornröschenschlaf aufgewacht.
Als sie sich einigermaßen an das Sonnenlicht gewöhnt hatte, nahm sie die Hand weg, kniff aber immer noch die Augen zusammen und vermied es, in die Sonne zu sehen.
„Hallo, jemand zu Hause?!“, rief die Stimme wieder. Sie klang nach einem kleinen Rotzlöffel, vielleicht sechs Jahre alt. Verärgert sah sie sich um. Woher kam diese Stimme, und warum ließ sie sie nicht in Ruhe schlafen?! Sie war wie ein lästiges Klingeln in den Ohren, wie nach einem langen und sehr lauten Konzert.
Egal, wohin sie schaute, sie sah niemanden, erst recht keinen rotzfrechen kleinen Jungen, der sie hier beim Faulenzen störte. Aber sie sah die schöne Umgebung. Sie war in einem Park, grüne Wiesen, ein Springbrunnen, an dem sich ausnahmsweise mal keine Obdachlosen wuschen, die Schatten spendenden Bäume, der blaue Himmel und die strahlende Sonne. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass Sommer war.
Genießerisch vergaß sie die Stimme und schloss die Augen wieder. Sachte strich sie über das weiche, grüne Gras und atmete die frische Luft tief ein. Ihre Lebensgeister erwachten, und sie legte sich ins Gras.
Hier ist es schön. Ich liebe den Sommer.
„Boah jetzt penn nicht gleich wieder ein!“
Schlagartig schlug sie die Augen wieder auf, setzte sich gerade hin und schaute sich alarmiert um. Nichts. Die Grillen zirpten, und eine fluffige weiße Wolke hatte sich auf den blauen Himmel geschlichen.
„Wo bist du, und wieso störst du mich die ganze Zeit?!“, keifte Gretchen laut.
„Ich bin hier unten, Mum“, antwortete die Stimme amüsiert.
Mum?! Hat der mich gerade Mum genannt?!
Misstrauisch schaute Gretchen nach unten, konnte aber nur ihren großen Bauch sehen, der ihr, wie üblich, die Sicht versperrte.
Will der Kleine mich verarschen?
„Ja, du schaust in die richtige Richtung, schon mal ein Anfang“, lachte die Stimme, bevor sie ernst hinzufügte: „Ich bin in deinem Bauch“
Nun lachte Gretchen überrascht auf.
Da sitzt sicher so ein Halbstarker hinter dem nächsten Busch und will mich für dumm verkaufen.
„Haha schon klar. Komm raus, ich hab dich hinter dem einen Busch gesehen“, flunkerte sie und hoffte, dass der Bub ein schlechtes Gewissen bekam und sich zeigte. Aber die Stimme lachte nur wieder und meinte: „Mum, ich mein es ernst. Ich bin in deinem großen Bauch drinnen. Ist auch ganz gemütlich hier, aber ich hab einen großen Hunger, also iss endlich mal was!“
Gretchen, durch die Worte verunsichert, kaute auf ihrer Unterlippe.
Könnte das wirklich wahr sein? Mein Sohn spricht da mit mir? Nach dem Ton zu urteilen klingt er jedenfalls ganz nach Marc, so frech…
„Beweg endlich deinen dicken Hintern, ich hab KOHLDAMPF!“, rief er nun etwas lauter und Gretchen tätschelte amüsiert ihren Bauch.
…und so beleidigend. Aber ich bin ja abgehärtet. Schon süß, wie sehr er mich herumkommandieren will, obwohl ich doch am längeren Hebel sitze…
„Ach man Mama, wenn du nicht bald gehst, kriegen wir kein Eis mehr“, nörgelte er.
Eis? Es gibt Eis?
„Bin schon unterwegs“, beeilte sich Gretchen zu sagen, stand schnell auf und ließ sich von der drängelnden Stimme ihres Sohnes zum Eiswagen führen, der an der Straße, die an den Park grenzte, parkte.
Schon lustig. Ich rede mit meinem Sohn, der in mir drinnen wächst. Ob die anderen ihn auch hören? oder höre nur ich ihn?...
…hm, eher letzteres. Der Eisverkäufer schaut schon so komisch, weil ich ihn gefragt habe, was für eine Sorte er will…

„Nimm doch Erdbeere“, forderte er sie auf.
„Meine Lieblingssorte…“, flüsterte sie gerührt.
Also ist er doch nicht komplett Marc. Er hat auch was von mir.
„Hasenzahn, aufwachen!“, rief plötzlich der Eisverkäufer, als er ihr das Eis reichte.
„Wie bitte?“, fragte sie verblüfft, aber plötzlich begann alles zu verschwimmen und die Stimme ihres Sohnes wurde leiser…


„Hasenzahn, aufwachen!“, rief eine Stimme. Langsam öffnete sie die Augen und erkannte ein Gesicht über ihren Kopf gebeugt.
„Marc?“

Sophiee^^ Offline

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29.05.2012 13:40
#137 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Jetzt geht's wieder mit Marc weiter

„Sie hat blonde Locken, ganz lange. Sie sieht fast aus wie ein Engel. Mehr hab ich nicht von ihr gesehen, aber ich hätte auch gerne solche Haare. Meine Mama hat mir auch mal Locken gemacht, und dann hat meine Lehrerin auch gesagt, dass ich wie ein kleines Engelchen aussehe, obwohl ich mich wie ein Teufelchen aufführe“, meinte sie kichernd.
Blonde Locken…Gretchen. Sie hat Gretchen gesehen.
„Was? Was hast du gesagt? Blonde Locken? Wie sieht sie denn sonst noch aus?“, unterbrach er sie, bevor sie weiterreden konnte. Verblüfft hielt Hanna inne. Was hatte er denn plötzlich? Er sah so anders aus wie vorhin, fast nicht mehr so traurig, eher ungeduldig.
„Mehr hab ich nicht von ihr gesehen. Sie war ganz ganz weit weg“, erklärte sie entschuldigend. Er hielt sich zurück, sonst hätte er Hanna wahrscheinlich durchgeschüttelt. Stattdessen sagte er eindringlich: „Ich will jetzt, dass du mir ganz genau erklärst, wo du diese Frau gesehen hast!“
„Hanna?! Was tust du denn da draußen? Und wer ist das?!“, schrie plötzlich eine ziemlich aggressive Männerstimme. Ein Mann kam hergestapft, packte Hanna grob am Arm und zog sie weg.
„Hey, ganz vorsichtig“, rief Marc, als er sah, wie gequält Hanna dreinschaute.
„Du hast mir gar nichts zu sagen“, blaffte er ihn an.
„Papa, bitte schrei nicht…“, setzte Hanna verängstigt an. Aber er starrte sie nur sauer an.
„Regen Sie sich ab, Ihre Tochter war nur kurz hier“, versuchte er den Mann zu besänftigen. In ihm selbst brodelte die Wut. Wie konnte er nur so mit seiner reizenden Tochter umspringen?!
Dann schrie er Marc an: „Was willst du von ihr?! Lass dich hier nicht mehr blicken, Perversling!“
Nichts sagen, Marc. Du gießt nur Öl ins Feuer. Und am Ende bezahlt nur Hanna.
„Klar. Sorry“, sagte er und winkte Hanna noch kurz zu. Sie starrte ihn wieder mit ihren großen Augen an. Ihr Vater schrie noch kurz, dass sie nie mit Fremden reden dürfe, und nahm sie dann auf den Arm und trug sie fort. Aber Hanna schaute Marc immer noch in die Augen, dann zeigte sie mit ihrem Finger auf das alte Fabrikgebäude gegenüber. Gretchens Gefängnis.
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er das Gebäude. Ziemlich heruntergekommen, mit wenigen Fenstern, soweit er das im Licht der schummrigen Straßenlaterne beurteilen konnte. Und doch breitete sich die Hoffnung weiter aus. Hanna hatte Gretchen gesehen. Da oben. Er musste nur noch hoffen, dass es nicht aus Hannas Einbildung entsprungen war und dass Gretchen noch da oben war. Aber die Zuversicht ließ ihn nicht mehr los. Mit jeder Faser seines Körpers glaubte er daran, dass Gretchen da drinnen war. Und er wollte sich nicht ausmalen, wie sein Herz zerbrechen würde, wenn sie doch nicht dort wäre.
Er bemerkte nicht einmal, dass es wieder anfing zu regnen und dass er bis auf die Knochen durchnässt war, so glücklich war er. Dann fischte er wieder sein Handy heraus.

Mary!!! Ich weiß, wo Gretchen ist! Komm mit den Bullen hierher! Ich seh leider keinen Straßennamen, aber es sieht aus wie ein altes Industriegebiet, und hier ist so ein verfallener Spielplatz. Such einfach mein Auto.
SIE IST HIER, ICH WEISS ES EINFACH!!!


Als sofort darauf Marys Zusage kam, konnte er zum ersten Mal seit fünfdreiviertel Tagen durchatmen. So, dass er sich befreit fühlte, beruhigt.
Er wartete, bis der Streifenwagen ohne großes Getöse, man wollte Frank immerhin nicht verscheuchen, an der gegenüberliegenden Straßenseite parkte. Kommissar Johnson, zwei Polizisten und Mary stiegen aus. Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass noch zwei Polizeiwägen vorfuhren.
Also glauben sie mir…
„Was ist in dich gefahren? Hast du Gretchen da oben gesehen, oder was?“, blaffte Mary ihn gleich flüsternd an. Dieser Ort war unheimlich, und sie wollte nicht zu laut sein, falls gleich eine Drogenbande kam und sie verschleppen würde.
„Nicht ich, aber Hanna“, antwortete er wahrheitsgemäß und starrte wieder zu den Fenstern hoch. Nichts ließ darauf schließen, dass Gretchen wirklich da oben saß und sich wahrscheinlich die Augen ausheulte. Nichts, außer sein Gefühl.
„Hanna?“, fragte Mary.
„Ein Mädchen. Sie hat eine Frau da oben gesehen. Mit blonden, langen Locken“, erklärte er kurz angebunden.
„Marc, bist du dir sicher, dass du es dir nicht eingebildet hast? Ich meine, hier ist doch nichts… und niemand“, blieb Mary skeptisch.
„Ich bin nicht verrückt, okay?“, erwiderte Marc genervt von ihrem Misstrauen.
Das hat mir gerade noch gefehlt! Miss „Ich vertraue jedem blind, auch wenn ich noch so oft auf die Schnauze falle“ glaubt mir nicht! Als würde ich mich sowas einbilden! Und bei so einer ernsten Sache würde ich sie nie verarschen…
„Aber…“, wollte sie einwerfen, aber Marc brachte sie mit einer Geste zum Schweigen.
„Mary“, begann er trocken, „Wenn du mir nicht glaubst, warum bist du dann mit einer gesamten Armada an Polizisten hier aufgetaucht?“
Er machte eine ausschweifende Bewegung. Die Polizeiautos standen lautlos in einer Anordnung auf der Straße vor dem Fabrikgebäude, vielleicht waren noch mehr Autos hier, verborgen im Dunkeln.
Unsicher kaute sie auf ihrer Unterlippe. Marc fiel auf, dass sie es vermied, ihn anzuschauen.
Was hat sie denn?

Sophiee^^ Offline

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02.06.2012 20:31
#138 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Als er dachte, dass sie gar nicht mehr antworten würde und er schon einen Spruch á la „Hast du heute die Zahnpasta mit Superkleber verwechselt oder wieso kriegst du die Zähne nicht auseinander?“ auf der Zunge hatte, flüsterte sie dann doch mit einem müden Lächeln: „Ich schätze, es ist… die Hoffnung“
Die Hoffnung, dass ich nicht vollkommen durchgeknallt bin… ja, das kenn ich nur zu gut!
Marcs Entschlossenheit war immer noch da, und Marys Antwort brachte ihn zum Lächeln.
„,Logisch ist sie da drinnen´, würde Gretchen sagen, wenn das ein Film wäre. ,Sonst gäbe es ja kein Happy End und Filme ohne Happy End sind das Letzte´“
Mary musste tatsächlich grinsen, aber nur ganz kurz. Sie vermied den Blickkontakt noch immer. Plötzlich holte sie tief Luft, als müsste sie sich für etwas stärken.
„Hör mal, Marc, ich muss dir…“, wollte sie sagen, wurde aber von Kommissar Johnson unterbrochen: „Herr Meier, könnten Sie uns bitte erklären, warum Ihre Freundin uns alle aus dem Bett geklingelt hat?“
Herr DOKTOR Meier, meine Fresse, ist ein Titel so schwer zu merken?!
„Wir sind nur Kollegen“, stellte er zu aller erst klar, woraufhin Mary ein „Gott sei Dank“ in ihren nicht vorhandenen Bart nuschelte. Er ignorierte sie und fuhr fort: „Ein junges Mädchen hat eine blondgelockte Frau dort oben gesehen“
Er wies zum Fenster, das Hanna ihm gezeigt hatte.
„Es ist wenig, ich weiß, aber es ist immerhin mehr, als Sie bis jetzt gefunden haben“
Leichter Vorwurf klang aus seiner Stimme.
„Es wäre doch möglich, oder? Wer sollte denn schon in so einem heruntergekommen Gebäude leben, außer Ratten?“, stärkte Mary Marc nun doch die Schulter. Bei dem Gedanken an Ratten schüttelte es sie leicht. Sie wollte auf gar keinen Fall mit Gretchen tauschen, aber wer wollte das schon?
„Illegale Einwanderer vielleicht?“, meinte Herr Johnson ironisch, lenkte aber ein, als er sah, dass Marc fast explodierte vor Ungeduld: „Na gut, wir durchsuchen das Gebäude. Aber bitte machen Sie sich nicht zu viele Hoffnungen“
Moment mal…
Der Kommissar war gerade auf dem Weg zu der Gruppe seiner Polizisten, als Marc ihn einholte und mit unterdrücktem Zorn sagte: „Was soll das heißen? Ich gehe mit, das ist meine Freundin!“
Es ist lächerlich, aber… Gretchen soll mein Gesicht als erstes sehen, wenn sie wieder frei ist.
„Das ist absolut inakzeptabel. Wenn Sie verletzt werden…“
„…bin ich eben verletzt. Ich gehe auf jeden Fall rein, ob Sie wollen oder nicht“, beendete er den Satz des Kommissars wild entschlossen. Kommissar Johnson war doch milde erstaunt, wie furchtlos Marc sich gab, und dass er sich nicht davon abbringen ließ. So mutig konnte nur ein Dummkopf sein… oder ein Mann, der liebte. Unbemerkt von Marc lächelte er kurz, nur um dann streng zu antworten: „Na gut. Aber Sie bleiben immer hinter mir, keine unüberlegten Aktionen, Sie sagen keinen Mucks und Sie ziehen sich diese…“
Mr. Johnson nahm seiner jungen Kollegin ein Kleidungsstück ab und hielt es dem ungläubig dreinblickenden Marc vor die Nase.
„…kugelsichere Weste an. Falls Schüsse fallen sollten“
Sogar jetzt blieb Marc mutig, obwohl der Kommissar dachte, es würde ihm ein bisschen Angst einjagen, eventuell angeschossen zu werden. Trotzig verschränkte er die Arme vor der Brust.
„Ach kommen Sie, das ist echt lächerlich. Sowas brauch ich nicht, ich wurde schon mal angeschossen, und zwar am Bein. Da hätte mir so ein Teil nicht geholfen“, markierte er den großen Macker. Mr. Johnson dachte amüsiert, dass er wohl nicht nur verliebt war, sondern ein außerordentlicher Dummdödel dazu.
„Sie sind nicht Superman. Sie sind ein normaler Mann, so wie ich auch, und normale Männer sterben in der Regel, wenn eine Kugel sie ins Herz trifft. Das müssten Sie als Arzt ja wissen. Los, anziehen“, kommandierte er.
Na gut. Wir verschwenden eh nur Zeit mit dem unnützen Gelaber.
Murrend zog er sich die Weste unter seiner durchnässten Jacke an. Es war schweinekalt, er spürte seine Zehen nicht. Aber es machte ihm nichts aus. Er sah gerade, wie ein Kraftprotz von Polizist die zeternde Mary in einem Polizeiwagen einschloss.
Besser so. Wenn sie mit wäre, wäre wahrscheinlich alles schiefgegangen. Das ist Männersache.
„Gut, wir durchsuchen das Gebäude erst einmal auf Hinweise. Falls etwas verdächtigt wird, sofort zu mir kommen. Wir werden diesen Mistkerl fassen!“, meinte Mr. Johnson.
In rasantem Tempo hatten sich alle Polizisten versammelt und wurden verschiedenen Stockwerken und Gängen des Gebäudes zugeteilt. Er hielt sich immer dicht an Mr. Johnson, der souverän und ernst blieb. Keine Spur von Kampfgeist oder vielleicht Aufregung zeigte der Kommissar, er war einfach unglaublich konzentriert.
Dann gingen sie ins Gebäude. Auf leisen Sohlen suchten sie alles ab, und sie fanden sehr viel. Manchmal lag ein schmutziger Waschlappen auf dem Gang, oder eine verwaiste Chipstüte lag in einer Ecke. Marcs Zuversicht nahm zu. Hier lebte auf jeden Fall jemand.
Schließlich kamen sie nach kurzer Zeit in einen Raum. Ein großzügiger Raum, ausgestattet mit allem. Dort war ein Doppelbett, ein Mini-Kühlschrank brummte in der Ecke. Ein Fernseher. Auf einem Tisch war ein Notebook. Und dann war da noch eine… Karaokemaschine?!
Okay. Wer zum Teufel singt freiwillig Karaoke, abgesehen von Frauen und Schwulen?
„Gut, hier ist wohl das Versteck des Entführers“, gab ein Polizist Auskunft, der den Raum inspiziert hatte. „Es gibt alles, was man zum Leben braucht, und noch viel mehr. Geld braucht der Täter jedenfalls keines“
Auf einmal hörten sie Schritte. Sie hallten durch die Gänge, und es war klar, dass kein Polizist so trampeln würde. Sie tauschten einen Blick. Das war er. Und er war auf dem Weg hier her.
Wenn ich ihn sehe, dann poliere ich ihm sowas von die Fresse!
Der Entführer betrat den Raum. Zum Glück schaltete er nicht das Licht ein, denn drei Polizisten, Marc und der Hauptkommissar hatten sich im Raum versteckt, weitere warteten hinter der nächsten Ecke auf den Befehl. Der Entführer, der wirklich große Ähnlichkeit mit Frank hatte, ging seelenruhig zu seinem Kühlschrank, nahm sich ein Bier daraus und wollte es sich auf seinem Bett gemütlich machen, als er innehielt. Irgendwas kam ihm komisch vor. Er fühlte sich so… beobachtet. Also stand er wieder auf. Misstrauisch lief er durch den Raum, auf den Lichtschalter zu. Er knipste das Licht an.
Und dann ging plötzlich alles ganz schnell.

http://www.youtube.com/watch?v=koJlIGDImiU&ob=av2n (Enrique Iglesias- Hero)

Marc fühlte sich wie in einem Film, wo ein ungeduldiger Zuschauer vorspulte. Die Polizisten stürmten auf Frank zu, der keinerlei Möglichkeit hatte sich zu wehren. Er lag auf dem Boden, strampelte und schrie, ob denn alle verrückt seien. Aber all das nahm Marc nur durch einen Schleier wahr. Es interessierte ihn nur, dass sie Frank hatten. Zu gerne hätte er ihm zwar ins Gesicht gespuckt, aber jetzt gab es wichtigeres. Er musste Gretchen finden.
Er sah sich um, aber keiner der Bullen, die jetzt von überall her in das Zimmer stürmten, beachtete ihn. Langsam schlich er an der Wand entlang zur Tür hinaus. Dann, als er genug Abstand zwischen sich und dem Menschenauflauf gebracht hatte, rannte er los. Er lief bis ans Ende des Ganges, dann ein Stockwerk nach oben. Er war im zweiten Stock, dort, wo Hanna ihm ein Fenster gezeigt hatte. Jede Tür stieß er auf, bis er zu einer kam, die verschlossen war. Verzweifelt rüttelte er daran.
„Gretchen?!“, schrie er verzweifelt und rüttelte noch fester. „Mach verdammt nochmal die Tür auf“
Er dachte nicht daran, dass sie vielleicht nicht öffnen könnte, oder dass das der falsche Raum war. Vielleicht war Gretchen auch gar nicht mehr dort. Vielleicht hatte Frank Lunte gerochen und sie rechtzeitig weggeschafft.
Mit der Faust hämmerte er gegen die Tür.
„Wie wärs mit einem Schlüssel?“, sagte plötzlich eine Frauenstimme neben ihm. Er zuckte zusammen. In dem Zwielicht konnte er die Frau nicht erkennen. Er schwieg.
„Schon klar. Du vertraust mir nicht, weil hier eigentlich niemand sein sollte. Aber ich bin hier. Und ich habe den Schlüssel. Du kannst es ja mal probieren“
Sie drückte ihm den Schlüssel in die Hand. Er wollte sie festhalten, aber sie war schon weg. Vom Ende des Ganges rief sie noch: „Ich bin Alex, und Gnade dir Gott, wenn du der Polizei von mir erzählst… dann werde ich mein nächstes Verbrechen an dir verüben, nicht, dass ich vorhätte, nochmal so einen Fehler zu machen“
Was geht hier ab…??
Marc dachte sich, dass er auch später über diesen mysteriösen Auftritt grübeln konnte, und steckte den Schlüssel mit zittrigen Händen ins Schloss. Jetzt galt es, Gretchen zu befreien. Und da musste er dieser Frau einfach vertrauen. Er drehte den Schlüssel, und die Tür sprang einen Spalt auf. Langsam öffnete er sie noch weiter. Tastend fuhr er an der Wand entlang, bis er zum Lichtschalter kam und ihn betätigte. Das Licht flimmerte. Der Raum war klein. Aber all das nahm er nicht wahr.
Er sah nur sie.

Sophiee^^ Offline

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06.06.2012 19:14
#139 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Hier kommt der Teil auf den ihr euch schon seit Ewigkeiten freut. Viel Spaß

Gretchen. Sein Gretchen, wie sie dort friedlich schlummerte. Jedenfalls hoffte er, dass sie schlummerte. Konnte es vorher nicht schnell genug gehen, so kostete er jetzt den Moment aus. Langsam ging er auf sie zu. Er prägte sich jedes Merkmal ihres Körpers neu ein. Ihre blonden, wirren Locken, die schlampig zu einem Knoten gebunden waren. Ihr großer Babybauch, in dem sein Kind heranwuchs. Die dreckigen Klamotten, die sie zuletzt anhatte. Ihr Gesicht, das im Schlaf so wunderschön aussah, auch wenn es schmutzig, von Mascara verlaufen und an der Wange ein wenig aufgeschwollen war.
Was hat er dir angetan, Gretchen?
„Du bist so wunderschön…“
Er kniete jetzt vor ihr und strich ihr eine wirre Strähne aus dem Gesicht, wie er es so oft tat, wenn sie schlief und er dabei zusah.
„Hasenzahn, aufwachen!“, rief er liebevoll. Er beugte seinen Kopf über sie, als sie sich streckte und langsam die Augen öffnete.
„Marc?“, fragte sie ungläubig. „Ist das wieder ein Traum?“
„Kneif mich. Ich bin aus Fleisch und Blut“, lächelte er sie an. Sie lächelte genauso glücklich zurück und kniff ihm tatsächlich in den Arm.
„Du bist es wirklich“, sagte sie, setzte sich abrupt auf und starrte ihn staunend an. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie begann zu schluchzen. Beruhigend strich er ihr über den Arm.
„Ich dachte…ich dachte… ich seh dich nie wieder…“
„Aber wie kannst du nur sowas denken? Unkraut vergeht nicht“, versuchte er, sie zum Lachen zu bringen, aber ihr Grinsen scheiterte kläglich und ließ sie nur noch mehr schluchzen. Er zog sie in eine feste Umarmung und zeigte somit nicht die Tränen, die in seinen Augen schimmerten. Freudentränen. Wie lange hatte er nicht mehr geweint?
„Ich…will nach Hause…“
„Wir können gehen. Du bist frei“, sagte er mit erstickter Stimme und räusperte sich gleich darauf. Er musste stark sein, damit sie endlich wieder schwach sein durfte. Er blinzelte die aufsteigenden Tränen weg und drückte Gretchen nur noch fester. Wenn sie nicht so schwer wäre, würde er sie glatt durch den Raum schleudern.
Es war ihm erst nach einer Weile bewusst, dass er wirklich Gretchen in den Armen hielt. Nach einer langen, grausamen, furchtbaren, nervenaufreibenden, scheiß Woche. Die schlimmste Woche seines Lebens, das toppte nicht mal Gabi mit ihrer Schwangerschaft damals. Tatsächlich umarmte er sie jetzt nach dieser Woche. Und sie war echt. Er lächelte. Er war glücklich, nein, mehr; er könnte Bäume ausreißen, einen Freudentanz aufführen, vor Glück schreien. Sie war da. Er war da. Sie waren endlich wieder vereint. Und das hieß, er konnte sie endlich wieder küssen.
Sanft löste er sich von ihr, um ihr in ihre wunderschönen, klaren Augen zu schauen. Er legte seine Hand an ihre Wange und strich ihr mit einem Daumen ihre Tränen weg, die immer noch reichlich flossen. Seine Mundwinkel waren einfach nicht mehr nach unten zu kriegen, er fühlte sich gerade so unbeschreiblich. Endlich konnte er wieder in diese Augen schauen, die der Frau gehörten, die jetzt seine Welt war. Das hatte er in den letzten Tagen begriffen. Sie und ihr gemeinsames Kind, das war seine Zukunft.
Langsam überwand er die letzten Millimeter zu ihren spröden Lippen. Er war nicht mehr weit davon entfernt, sie zu küssen. Sie, seine Traumfrau.
Oh Gott, ich liebe sie so sehr!
Sein Herz klopfte laut und unkontrolliert. Er hatte Angst, dass es aus seiner Brust sprang und wirklich bei Gretchen landete, nicht nur sinnbildlich gemeint. Denn in sein Herz hatte sie sich schon vor langer Zeit hineingeschlichen, auch wenn ihm das nicht immer bewusst war und er es nicht wahrhaben wollte. Und jetzt, nach diesen Hindernissen, die sie überwunden hatten, wartete ein langes, glückliches Leben auf sie. Und er wollte sich hineinstürzen, als würde er einfach von einer Klippe springen und nicht wissen, ob ihn unten das wunderschöne Meer erwartete oder doch scharfe Klippen. Aber all das war ihm gerade egal. Alles, woran er denken konnte, waren diese Lippen, die er gerade sanft mit seinen berührte. Sein Herz pumpte weiter Blut durch seinen Körper und hielt dabei Rekordgeschwindigkeit. Wie sehr er das doch vermisst hatte, wie sehr er SIE vermisst hatte. Er legte seine Hand auf ihren großen Bauch und fühlte, dass sein Kind auch ziemlich aufgeregt war.
Gretchen legte ihre Hand auf seine und hielt sie ganz fest, bevor sie den Kuss erwiderte. Nach diesen Tagen-oder waren es Wochen gewesen?- fühlte sie sich endlich wieder befreit und voller Hoffnung. Sie war frei. Und sie küsste gerade die Liebe ihres Lebens, den Vater ihres Sohnes, Marc Meier. Den sie schon immer geliebt hatte, liebte und lieben wird. Sie lächelte und küsste sanft zurück. Es fühlte sich an, als würde in ihrem Inneren ein Gefühlstornado wirbeln. Glückseligkeit, Hoffnung, Erleichterung, Lebensenergie, Freude. Liebe. Oh ja, und wie sie diese beiden Spinner hier liebte. Sie drückte Marcs Hand fester, während er den Kuss intensivierte. Es fühlte sich so unbeschreiblich gut an, ihn zu küssen. Und wieder und wieder zu küssen. Sie wollte gar nicht mehr aufhören. Aber irgendwann verlangten ihre Lungen nach Luft.
Und ihr Bauch verlangte nach Essen, was er mit einem lauten Bauchknurren zeigte.
Sich tief in die Augen schauend lachten beide. Gretchens Freudentränen waren versiegt, und staunend starrte sie Marcs unwiderstehliche Grübchen an. Seine Augen strahlten sie so unvergleichlich glücklich an, dass sie dachte, sie würde jetzt in Ohnmacht fallen. Aber sie riss sich zusammen. Diesen Moment durfte sie nicht kaputt machen.
„Na, da hat wohl jemand Hunger?“, scherzte Marc mit seinem Dauergrinsen im Gesicht und nahm den Blick von ihr, um ihren Bauch zu betrachten. Und ihr wurde klar, dass jetzt genau der richtige Moment war, um es ihm zu sagen. Und plötzlich stiegen ihr wieder Freudentränen in die Augen.
„Marc“, jauchzte sie und schmiss sich ihm in die Arme, sodass er fast hintenüber kippte. Verblüfft hielt er sie fest und musste trotz der Tatsache, dass sein Rücken ein Klagelied sang, lachen. Da war sie wieder. Sein verrückter Hasenzahn.
„Du bekommst einen Sohn!“, rief sie laut.
Was?
Marc war außer Stande, zu antworten. Er realisierte nicht einmal, was sie gesagt hatte. Meinte sie das ernst? Er bekam einen Sohn? Ein echtes Kind, das nur heulte, wenn es beim Fußballspielen gefoult wurde und nicht, wenn irgendeine Schnulze lief?
„Ich… ich bekomme einen Sohn“, sagte Marc leise, so als wollte er die Worte erst einmal kosten. Gerade als Gretchen begann zu zweifeln, ob es wirklich der richtige Moment war, schlich sich ein dickes Strahlen auf sein Gesicht. Und er strahlte sie an, sodass sie einfach zurückstrahlen musste. Es ging nicht anders. Diesem Lächeln konnte sich sicher nicht einmal der missmutigste Mensch der Welt entziehen!
Ich bekomme einen Sohn! Einen SOHN! Ich werde bald einen Sohn haben, ich werde ihm alles beibringen können, vom Fußballspielen bis zum Frauen aufreißen. Dieses Leben wird einfach der Hammer!
„Ich bekomme einen Sohn!“, rief er laut, und dieses Mal wirbelte er sie tatsächlich in der Luft herum. Sie lachte befreit. Das war wohl das Adrenalin.
„Marc, wenn du mich weiterhin so herumschleuderst, wird dem Kleinen ganz schwindlig“, rief sie, obwohl sie es genoss, durch den Raum zu fliegen. Marc tat direkt so, als wiege sie so viel wie eine Feder. Lange würde er das sicher nicht aushalten.
„Dann weiß mein Sohn, wie es ist, wenn man die Frau seiner Träume zum ersten Mal sieht“, rief Marc, und sie beruhigten sich wieder. Langsam ließ er sie wieder herunter, um ihr tief in die Augen zu schauen. Sein Lächeln war voller Liebe, ihre Augen strahlten Rührung aus.
„Ist das wahr? Dir war schwindlig?“, flüsterte sie.
„Naja, vielleicht lag es auch daran, dass ich eine leichte Gehirnerschütterung vom Fußballspielen hatte“, grinste Marc sie an. Entgegen seiner Erwartung schaute sie ihn nicht vorwurfsvoll an, sondern grinste noch breiter als er selbst.
„Ach, mein Marc. Unromantisch wie immer“
Daraufhin legte sie ihre Arme um ihn und lehnte ihren Kopf gegen seine Brust. Er schmiegte sich an sie und drückte sie noch ein bisschen fester. Beide schlossen die Augen. Sie waren überwältigt, von dieser vertrauten Geste, von dem romantischen Moment, von sich. Jetzt waren sie nicht mehr „Marc“ und „Gretchen“, sie waren „Marc und Gretchen“. Und das war ein unbeschreibliches Gefühl, so unbeschreiblich, dass Gretchen wieder Tränen aus den Augen flossen und Marcs Hemd dabei nass wurde.
Sie waren zusammen und das war das Einzige, das zählte.

Ich hoffe, ich konnte eure Erwartungen erfüllen

Sophiee^^ Offline

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10.06.2012 11:36
#140 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Vier Polizisten waren in ihren intimen Moment geplatzt, schienen aber nicht besonders schuldbewusst zu sein. Sie hatten nur den Raum durchsucht und auch unter der Matratze schauten sie nach, aber dort war nichts. Da Gretchen nur Augen für Marc hatte, merkte sie nicht, dass ihre vielen Briefe fehlten, die sie geschrieben hatte. Als der Kommissar kam, stellte er nur ein paar Fragen und schlug dann vor, dass sie nach Hause fahren sollten. Am nächsten Tag war immer noch genug Zeit, um eine Aussage zu machen.
Sie nahmen die vielen Treppen nach unten. Es war immer noch stockfinster, aber die Wolkendecke war aufgebrochen und zeigte einen wunderschönen Sternenhimmel. Marc legte Gretchen seine noch feuchte Jacke um die Schulter, in die sie sich dankbar hineinschmiegte. Sie ließen sich nie los. Arm in Arm gingen sie in die Nacht hinaus und vergaßen fast, dass es Mary auch noch gab. Hektisch schlug sie gegen die Scheibe des Autofensters, um auf sich aufmerksam zu machen. Gemeinsam liefen die beiden zum Auto, schlossen mit dem Schlüssel, welcher in der Fahrertür steckte, auf und Gretchen ließ sich von Mary zerquetschen. Beide heulten wie ein Schlosshund, und es verging viel Zeit, bis sie sich wieder lösten und Gretchen wieder in Marcs Armen war, die sich bis zu diesem Augenblick unglaublich leer angefühlt hatten.
„Dann lass ich euch mal nach Hause fahren“, sagte Mary und strich sich mit den Händen über die tränennassen Augen.
„Komm, wir fahren dich noch nach Hause“, sagte Marc, und dankbar nahm sie sein Angebot an. Als sie im Auto saßen, änderte sie jedoch ihre Meinung und sagte, er solle sie doch bitte zu Matthew Star fahren.
„Was willst du denn bei dem Gynäkologen?“, fragte er misstrauisch.
„Ich will nur nicht alleine sein“, erklärte sie nüchtern, aber sogar Marc erkannte, dass das nur eine Ausrede war. Gretchen nahm sich vor, Mary genauer auszuquetschen, wenn etwas Gras über die Sache gewachsen war. Aber alles, was sie jetzt wollte, war zu Hause zu sein, mit Marc. Und zu spüren, dass er wirklich bei ihr war, und sich zu vergewissern, dass das keiner dieser Träume war, wo sie aufwachte und heulen musste, weil ihre Hoffnung kaputt gemacht wurde. Vom Beifahrersitz strahlte sie ihn überglücklich an.
Wenn das ein Traum ist, dann fühlt er sich ziemlich echt an. Besonders das Glücksgefühl.
Mary hatten sie bald abgeliefert, und im Auto war es still. Es war diese Stille, wo niemand etwas sagen musste, da das Auto voller Glück war. Worte passten da nicht mehr hinein. Gretchen hörte nicht eine Sekunde auf, Marc anzusehen. Seine braunen, zerzausten Haare. Seine Augen, die im Licht des Scheinwerfers grün glänzten. Seine Nase mit seiner Narbe, die seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen schien. Und seine Lippen, die so perfekt auf ihre abgestimmt waren, dass es immer wieder eine neue Erfahrung war, diese Lippen mit ihren zu berühren.
„Wenn du mich so anstarrst, fahr ich gleich gegen den nächsten Baum“, bemerkte Marc beiläufig. Aber sie sah, dass er sie im Augenwinkel beobachtete.
„Ach ja? Mache ich dich etwa nervös?“, meinte sie und schaute ihn mit Bambiblick und Schmollmund an.
„Nein… ich bin nur etwas… zerstreut, wenn du so schaust, als wäre ich ein Kunstobjekt in einem Museum“
„Zerstreut also, ja?“
„Genau. Weißt du, ich kann dich ja verstehen, immerhin bin ich überdurchschnittlich attraktiv und sexy, da muss man einfach hinschauen“, grinste er plötzlich und versuchte, seine Augen nicht von der Straße zu nehmen.
Mr. Ego hat gesprochen. Wie hab ich das nur vermisst.
„Du hast vollkommen recht“, sagte sie ohne Sarkasmus und begann wieder, ihn zu mustern.
„Wie jetzt?“, verstand Marc sie nicht. Sonst schnaubte sie immer und sagte etwas von „Mr. Ego“. Das war gar nicht Gretchen-typisch.
„Ich habe nur bestätigt was du gesagt hast. Du bist überdurchschnittlich attraktiv und sexy“, raunte sie und näherte sich ihm. So, dass es gefährlich wurde. Marcs Gedanken fuhren Achterbahn. Was zum Teufel machte sie da? Kaum waren sie wieder vereint, brachte sie ihn dazu, von der Fahrbahn abzukommen, weil sie ihn scharf machte? Damit sie sich wieder verlieren konnten? Nein, er würde stark bleiben. Er beschloss, nichts zu antworten, aber ihre letzten Worte spukten immer wieder in seinem Kopf herum. Er konnte sie einfach nicht abstellen, und auch nicht die Fantasien, die er bekam, wenn er an die Zeit nach der Autofahrt dachte. Ein paar Schweißtropfen erschienen auf seiner Stirn.
Gretchen merkte, dass sie ihn ziemlich nervös gemacht hatte und lachte sich ins Fäustchen. Es tat ihr nicht leid. Aber sie tat das nicht nur, um ihn zu reizen. Vor allem tat sie es, weil sie sich schon einmal in Stimmung bringen wollte. Denn wenn sie zu Hause waren, wollte sie ihm endlich wieder nahe sein, so nahe, wie sie es lange nicht mehr waren.
Vor allem wegen mir, weil ich keinen Sex wollte. Die meiste Zeit fand ich mich unattraktiv mit dem großen Bauch. Außerdem dachte ich, dass unser Sohn irgendwie merkt, was wir beide da treiben. Auch wenn es total absurd war. Wenn er doch etwas merken würde, könnte er sich nicht erinnern. Aber jetzt, jetzt will ich einfach. Es muss sein.
Still lächelnd schaute sie aus dem Fenster, sah die Lichter der Großstadt an ihr vorbeiziehen. Marc beruhigte sich auch, als er sah, dass sie ihn nicht weiter reizte. Er sandte ein Dankeschön in den Himmel. Wenn sie weitergemacht hätte, wären sie sicher irgendwo in einem Graben gelandet. Männer konnten eben doch nicht so viel Multitasking wie Frauen.
Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich bin frei. Ich sitze neben Marc. In einem Auto, und nicht in so einem winzigen, stinkigen Raum, wo man einfach klaustrophobisch werden muss. Frank wurde festgenommen. Hoffentlich vergammelt er im Knast und kommt NIE NIE NIE wieder raus. Wie konnte ich nur damals Mitleid mit ihm haben? „Gretchen, ich will nicht ins Gefängnis. Mein Vater ist im Gefängnis gestorben“. Pff. Er hat mein Mitleid sowas von gar nicht verdient! Was war denn mit seinem Vater? Er war im Gefängnis, und weiter? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und Frank wollte seinem Vater nacheifern? Sollte man nicht aus Fehlern lernen, auch wenn er den Fehler nicht selbst gemacht hat? Naja, jetzt bin ich mir aber sicher, dass er psychisch krank ist. Ist mir aber egal. Ich hätte nie gedacht, dass ein Leiden eines Menschen mir egal sein könnte, aber es ist so. Er hat es verdient, mehr als jeder andere auf dieser Welt!
Ich sollte wohl nicht mehr an ihn denken. Keinen einzigen Gedanken verschwende ich mehr an ihn. An wen soll ich keine Gedanken mehr verschwenden? Keine Ahnung!

Gretchen lächelte über sich selbst und ließ ihren Blick über die Stadt gleiten. Es war so schön, frei zu sein. Zu wissen, dass man überall hin gehen konnte, ohne jemandem Rechenschaft zu schulden. Oder von jemandem festgehalten zu werden.
Ich hoffe, Alexandra konnte noch abhauen. Ich würde es ihr wünschen, sie ist doch noch so jung.
Sie wandte sich wieder Marc zu, der ihren Blick bemerkte und auch kurz herschaute. Sie lächelten sich an, dann musste Marc wieder auf die Straße schauen. Kurz darauf waren sie schon angekommen. Sie stiegen aus und gingen Arm in Arm zu ihrer Wohnung. Marc schloss auf, und kaum war die Tür geschlossen, fiel Gretchen schon über ihn her. Er wurde gnadenlos niedergeknutscht. Allerdings löste sie sich gleich wieder und grinste ihn verschmitzt an.
„Ich will erst noch duschen“, sagte sie, löste sich aus seiner Umklammerung und machte sich auf den Weg zum Bad. Marc dachte, ob sie ihn wohl verarschen würde. Aber als er hörte, dass sie das Badezimmer abschloss, seufzte er auf und setzte sich auf das Sofa. Die Zeit verstrich langsam, und er schaltete den Fernseher ein. Es kam ihm jedoch bald absurd vor, fernzusehen, wenn er doch so viele sinnvollere Sachen machen konnte. Also schaltete er ihn wieder aus, saß wie auf glühenden Kohlen und wartete, dass Gretchen fertig geduscht hatte.
In Rekordtempo kämmte sie ihre Haare und stellte sich unter den warmen Wasserstrahl der Dusche. Das tat gut. Sie wusch sich ihre langen Haare und rubbelte mit einem Waschlappen den Schmutz von ihrem Körper. Nach der Dusche fühlte sie sich wieder vorzeigbar, sie machte sich nicht die Mühe, ihre Haare zu föhnen (die nach dem Föhnen eh immer aussahen, als hätte sie einen Stromschlag gehabt) und verließ das Bad, nur mit einem Handtuch um ihren Körper geschlungen.
Marc schluckte, als er sie so sah. Ihre nassen Haare lockten sich bereits und ihre Haut schimmerte noch feucht. Der Babybauch wölbte sich sichtlich unter dem Handtuch. Bevor er ihren Anblick noch näher studieren konnte, war sie schon bei ihm und küsste ihn leidenschaftlich. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung schaltete sich sein Hirn wieder ein.
„Hey, ganz ruhig. Ich dachte, du willst nicht… also, ähm… weil du… schwanger bist?“, stammelte er verunsichert und schenkte ihr einen süßen Hundeblick, woraufhin sie lächeln musste.
„Dann hab ich meine Meinung eben geändert“, grinste sie verschmitzt.
„Aber…“, wollte er widersprechen, aber sie hielt ihm den Finger an die Lippen.
Warum er jetzt nicht will ist mir auch nicht klar???
„Es ist sicher nicht so gruselig wie du jetzt denkst“, lächelte sie.
„Woher willst du das wissen?“, fragte er trotzig. Gretchen verdrehte die Augen und stand auf, den lauernden Blick von Marc auf sich. Sie löste das Handtuch und ließ es fallen, sodass sie vollkommen nackt vor ihm stand. Seine Augen wurden groß wie Teller, als ihr ein „Upps“ über die Lippen kam. Dann stürzte sie sich wieder auf ihn, und er erinnerte sich nicht mehr an seine Einwände.
Sie genossen es, sich nahe zu sein, sich endlich wieder zu sehen, zu spüren, zu riechen, zu lieben.

Sophiee^^ Offline

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14.06.2012 20:12
#141 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Sorry dass ich in letzter Zeit so unregelmäßig poste
Und jetzt werdet ihr auch bis nächsten Sonntag nichts von mir hören, bin da im Urlaub

Danke an euch alle!


http://www.youtube.com/watch?v=GjyWK3srVno (Die Ärzte- Hurra)

Was bisher geschah…

Marc und Gretchen waren glücklich. Bedingungslos. Seit Gretchen seit jenem verregneten Abend im November wieder bei Marc war, war das schon so. Auch wenn die Entführung eine sehr schlimme Zeit für beide war, hat sie ihnen die Augen geöffnet: ihr gemeinsames Leben konnte so schnell zu Ende sein. Und deshalb genossen sie jeden Moment zusammen. Gretchen war fast den ganzen Tag im Krankenhaus und wartete, dass Marc eine kleine Pause machte. Denn dann hatten sie Zeit für sich. Marc merkte, dass er die Arbeit nur mehr so nebenher erledigte. Es machte ihm Spaß, ja, aber noch mehr Spaß hatte er mit seinem Hasenzahn und seinem noch ungeborenen Sohn. In seiner spärlichen Freizeit erkundeten sie die Stadt, suchten schon einmal Sachen für ihren Sohn und schauten in deutschen Möbelkatalogen wegen Babymöbeln nach. Denn kurz nach dem Geburtstermin, der auch schon festgelegt war, hatte Marc sein Jahr absolviert, und da er ja nicht in Washington blieb, wollten sie so schnell wie möglich zurückfliegen. Marc dachte sogar an eine gemeinsame Wohnung, von der er Gretchen aber noch nichts erzählte. Aber wenn er sich bei solchen Gedanken erwischte, wusste er:
Sie waren kein Drama- Pärchen mehr. Alles lief glatt. Keiner verpasste einen Termin und der eine war deswegen sauer auf den anderen, sie waren nicht schlecht gelaunt und ließen ihre Laune an dem anderen aus, sie verwöhnten sich gegenseitig und waren glücklich, dass sie sich hatten. Und sie hielten sich fest, so fest, dass sie nicht mehr trennen konnte. Jetzt waren sie endlich nur ein normales Pärchen, das ein Kind erwartete. Ein Mann und eine Frau. Marc und Gretchen.

Gretchen hatte die Entführung erstaunlich gut verdaut. Sie hatte alle Gerichtstermine hinter sich gebracht, und als Frank aussagte, er hätte eine Komplizin gehabt, hatte sie ihn als psychisch krank hingestellt. Dass er sich die zierliche, blonde Frau Anfang zwanzig nur eingebildet hatte. Und am Ende glaubte er sogar selbst, dass er sich das eingebildet hatte. Gretchen war es egal, dass sie sich damit strafbar gemacht hatte, und Marc hatte auch nichts von der mysteriösen Frau erzählt. Sie wollte sich einfach nicht daran erinnern. Sie hatte sich einmal bei Mary alles von der Seele geredet, auch Marc hatte sie von der schlimmen Zeit berichtet, aber dann hatte sie die beiden gebeten, nicht mehr darüber zu sprechen. Sie lenkte sich mit „Babyplanung“ ab, war sehr oft bei Marc und Mary im Krankenhaus, schlenderte über den Weihnachtsmarkt, kaufte Weihnachtsgeschenke und plante das Weihnachtsfest zusammen mit ihrer Mutter, die überraschenderweise mit ihrem Papa und Jochen in Washington aufgetaucht war. Und es half tatsächlich: sie vergaß. Manchmal hatte sie Alpträume bei denen sie sogar weinte, aber wenn Marc sie sanft weckte, wusste sie nicht mehr, wovon sie handelten. Und in Marcs starken Armen fühlte sie sich geborgen und konnte gleich wieder einschlafen. Ihr Bauch wurde immer dicker und stolz präsentierte sie ihn vor der gesamten Menschheit. So lebte Gretchen Haase, ein normales Leben mit Menschen, die sie liebte. Das war es, was sie immer wollte, und jetzt genoss sie es in vollen Zügen.

Marc fand es manchmal schon ziemlich komisch, dass er 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche glücklich war. Oft grinste er so lange, dass ihm danach die Mundwinkel wehtaten. Er war noch nie so glücklich gewesen. Die ersten Wochen starrten ihn alle im Krankenhaus mit offenen Mündern an, besonders der trottelige Sabine/Gabi-Verschnitt. Sie konnte einfach nicht glauben, dass sie 48 Stunden am Stück nicht von ihm runtergemacht wurde, ja, dass er sie sogar ANGELÄCHELT hatte. Dadurch war sie natürlich umso mehr verloren, auch wenn sie wusste, dass sie keinerlei Chancen hatte. Deshalb himmelte sie die Grinsebacke immer nur heimlich an. Marc merkte davon gar nichts. Zuerst wäre er sowieso am liebsten durch den Krankenhausflur getanzt, aber irgendwann wollte er doch wieder Respekt haben und deshalb wurden natürlich wieder einige zusammengeschissen. Aber die waren es ja eh gewohnt. Wenn jemand nervte, dann sagte er es eben. Und danach lächelte er so süß, dass sie (zumindest das weibliche und homosexuelle Personal) wieder vergaßen, wie gemein er zuvor gewesen war. Marc war glücklich. Er hätte nie gedacht, dass es sich so gut anfühlen würde, etwas richtig zu machen, jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Gretchen und der Knirps waren sein Leben. Und er liebte es.

Mary ging es auch gut. Über Dr. Reiner (der übrigens wieder eine glücklich vereinte Familie hatte) war sie so gut wie hinweg- es stimmte, die Zeit heilte wirklich alle Wunden!- und sie hatte auch schon jemand neuen gefunden. Matthew Star. Matti, mit dem sie seit dem Studium befreundet war. Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal zusammenkommen würden, sie konnte es sich einfach nicht vorstellen. Aber dann war es doch geschehen. Und endlich war auch sie glücklich. Matthew war so anders als alle anderen Männer; er war einfühlsam, verständnisvoll, lieb. Und trotzdem war da dieser kleine Schimmer Gefahr, der von ihm ausging. Manchmal schien er ganz woanders zu sein, manchmal kamen wie aus dem Nichts Wutausbrüche, vor denen auch Mary nur weglaufen konnte. Aber sie gewöhnte sich daran, weil sie begann, ihn zu lieben. Mit ihm führte sie eine normale Beziehung, auch wenn der Anfang ziemlich schwierig war. Denn an besagtem Abend, an dem Marc und Gretchen wieder zusammengefunden hatten, hatte Matthew ihr ein fürchterliches Geständnis gemacht. Aber sie verdrängte es, und es passierte, was passieren musste: sie vergaß…nur war das in ihrem Fall nicht so gut wie in Gretchens.

Bärbel und Franz Haase hatten sich wieder zusammengerauft, vor allem wegen der Nachricht, dass Gretchen entführt wurde. Jochen machte eine Pause in seinem Studium und kam nach Hause zurück. In ihrer Villa in Berlin saßen sie jeden Tag zusammen, hofften und bangten um Gretchens Leben und erzählten sich Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Seit langem fühlte Jochen sich wieder zugehörig zu dieser Familie, hatte er doch oft nicht gewusst, worüber er mit seinen Eltern reden sollte. Aber jetzt waren sie wieder Familie, mit Mutter, Vater, Bruder und Schwester. Und als Bärbel das Gefühl hegte, dass Gretchen bald befreit werden würde, kaufte sie sich drei Tickets nach Washington und sie flogen, ohne zu wissen, ob Gretchen wirklich frei war. Aber sie war es! Sie blieben über Weihnachten, und die ganze Familie Haase, Marc, seine Mutter und Mary feierten zusammen das Fest der Liebe. Elke und Bärbel mussten sich ein wenig zusammenreißen, aber wenn man ein paar Sticheleien nicht mitzählte, war es doch ein harmonisches Fest.

Mehdi blieb jedoch in Berlin; über die Nachricht, dass genau er das Kind seiner beiden besten Freunde auf die Welt holen sollte, hatte er sich sehr gefreut. Trotzdem war er zu beschäftigt mit der Suche nach Lilly und Anna. An Heilig Abend kam dann das Wunder: Lilly stand vor seiner Tür, alleine, frierend und weinend. Es war das schönste Geschenk, das Gott ihm machen konnte. Er steckte sein kleines Mädchen in die warme Badewanne, holte den kleinen Weihnachtsbaum ins Badezimmer und kochte heißen Kakao. Als er meinte, dass er gar kein Geschenk für sie habe, sagte sie, dass sie glücklich sei, dass sie endlich wieder bei ihrem Papa sein konnte, weil sie ihn so lieb habe und vermisst hatte. Daraufhin zog er sie in seine Arme und weinte Freudentränen. Dass er ganz nass wurde, weil seine Lillymaus gerade noch im Wasser gelegen hatte, war ihm piepegal. So feierten die beiden Weihnachten: in ihrem Badezimmer, mit warmen Kakao und Keksen. Anna kam am nächsten Tag, entschuldigte sich für alles, aber Mehdi wollte einfach nur die Scheidung. Lilly wollte ihre Mutter auch einige Zeit nicht sehen, und in dieser Zeit versuchten sie, sich wieder ein Leben aufzubauen. Irgendwann kehrte wieder der Alltag ein. Lilly war immer abwechselnd bei ihrer Mutter und ihrem Vater. Mehdi war so glücklich. 2011 schien ein tolles Jahr zu werden, denn er lernte auch eine Frau kennen und verliebte sich sofort, obwohl sie eigentlich gar nicht sein Typ war: karrierebewusst, tough und manchmal ein wenig zickig. Das war Frau Stiegelmayer. Zuerst sträubte sie sich noch und Mehdi musste sich ziemlich anstrengen, aber dann bröckelte ihr Widerstand und sie kamen zusammen, auch wenn es zu Beginn nur heimlich war.

Sabine und Günni waren immer noch glücklich miteinander. Die beiden hatten Gott sei Dank nichts von der Entführung mitbekommen, so wie niemand aus dem EKH. Sonst wäre Sabine wahrscheinlich vor Sorge durchgedreht. Sie war schon ziemlich misstrauisch, als in dem Horoskop ihrer Lieblingsärztin stand, dass ihr Leben sich von grundauf ändern würde, aber alles Negative auch etwas Positives bringen würde. Aber dann kam ihr Günni mit Rosen ins Stationszimmer und gratulierte ihr zum Halbjährigen. Und sie vergaß alles um sich herum, als er sie schick ausführte und meinte, nicht jedes Paar würde es soweit schaffen. Ach, ihr Günni. Sie war so glücklich. Und es machte ihr auch nichts aus, dass Gabi die beiden zum „Schrulligsten Paar des Elisabeth- Krankenhauses“ gekrönt hatte.

Gabi sparte Geld. Sie wusste nicht, wie lange sie nicht mehr shoppen gewesen war. Sie vermisste es zwar, aber sie brauchte das Geld. Sie bezahlte damit eine Therapie. Auch wenn sie versuchte, sich durchzuschlagen, war sie zusammengebrochen. Als sie als eine der Letzten mitbekommen hatte, dass Gretchen Haase, „die fette Kuh“, schwanger war, hielt sie es einfach nicht mehr aus. Warum hatten alle dieses Glück, und sie nicht? Sie war es leid, das dumme Miststück zu sein. Alle Männer dachten, sie wollte nur etwas Schnelles, aber sie wollte eine Beziehung. Nein, mehr: sie wollte Hochzeit, Familie, Haus im Grünen. Warum dachten die Männer, dass manche Frauen anders waren in dieser Hinsicht? Wenn es um das Glück des Lebens ging, wollten doch alle dasselbe: eine Beziehung. Die, die keine wollten, waren schon zu oft gescheitert. Und die Frauen, die keine Kinder wollten, hatten vielleicht ein Trauma zu verarbeiten. Jedenfalls war das ihre Meinung. Aber sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie suchte überall nach ihrem Mr. Right, erzählte ihrem Therapeuten von ihren Fortschritten, sagte ihm einfach alles; als sie ihn sah, wie er eine andere Frau küsste, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen: sie wollte IHN. Ihren Therapeuten. Sie hatte nie gemerkt, wie attraktiv und liebenswürdig er doch war. Es war ihr egal, dass er eine Freundin hatte. Sie wusste nicht, ob sie wieder den gleichen Fehler machte, aber sie musste es riskieren. Und tatsächlich: nach einigen weiteren Intrigen, die nicht immer gut ausgingen, kamen sie doch zusammen. Sie ergänzten sich perfekt. Und sie begannen, sich zu lieben.

Alexandra fühlte sich gut. Sie strebte eine Modelkarriere an, in die sie sich ziemlich hineinhängte. Sie wusste einfach nicht, was sie sonst mit ihrem Leben machen sollte. Auch wenn sie nie wieder kriminell wurde (sie klaute nicht einmal kleine Fläschchen Nagellack, wie sie es gemacht hatte, seit sie dreizehn war) konnte man nicht sagen, dass sie aus diesem Fehler gelernt hatte. Sie trieb sich immer noch mit den falschen Männern herum und es endete so, wie es enden musste: sie wurde schwanger und verlor somit ihren Modeljob. Also suchte sie ihre Adoptivschwester Maria in New York auf und wurde von ihr und ihrem Mann, Dr. Reiner, aufgenommen.

So spielt das Leben, aber es ist unsere eigene Entscheidung, was wir daraus machen. Ob wir lange traurig herumsitzen und der Vergangenheit nachtrauern, oder ob wir unser Leben in die Hand nehmen und in die Zukunft schauen.

Ich hoffe es hat euch gefallen!

Sophiee^^ Offline

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24.06.2012 19:51
#142 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

So, ich bin braungebrannt wieder aus dem Urlaub zurück, und hier ist ein neuer Teil für euch!

Bin schon ganz aufgeregt wegen dem EM Spiel heute, wie ihr wisst bin ich Italienerin und 100% Italien- Fan
Ich hoffe, ihr nehmt mir nicht übel, dass ich das hier schreibe: FORZA ITALIA


3 Monate später

„MARC!“, kreischte Gretchen, als sie der Situation entgegenblickte, vor der sie sich immer schon gefürchtet hatte. Marc, der in der Küche saß und seinen täglichen Morgenkaffe trank, konnte nur die Augen verdrehen.
Was hat sie denn jetzt schon wieder? Ist ihr Lockenstab, mit dem sie sich immer ein paar Locken dazumogelt, etwa verschwunden? Oder ins Klo gefallen?
Marc schmunzelte, stand dann seufzend auf, klopfte sich die Brotkrümel von seiner Hose und schlenderte gemächlich in Richtung Badezimmer, von wo er ihr Kreischen immer noch hörte. Vor ein paar Monaten noch wäre er ziemlich genervt von so einer Situation gewesen, aber jetzt konnte er darüber nur lächeln. Es brachte eh nichts, sich aufzuregen. Man hatte nichts davon. Es war vielleicht schwerer, über all die kleinen Dinge, die einen verrückt machen, hinwegzusehen und glücklich zu sein, und manchmal hielt er es auch nicht mehr aus, aber er übte fleißig, das zu lernen. Nach ein paar Minuten war der Ärger eh meistens verflogen, weil er daran dachte, was er alles hatte.
Er hatte Gretchen, die er über alles liebte (obwohl er es immer noch nur selten sagte, wo hingegen Gretchen es jeden Tag-mehrmals- zum Thema machte), sie war schwanger mit seinem Sohn, der sehr sehr bald auf die Welt kommen würde, war sie doch schon am Anfang des neunten Monats, er hatte einen Job, in dem er sich vollkommen entfalten konnte, den er aber leider bald aufgeben musste, um nach Berlin zurückzukehren. Und besagter letzter Punkt war auch einer der Gründe, warum er so glücklich war: vielleicht wurde er im EKH unterfordert, aber das Schöne war, dass er wieder in Berlin war! Ja klar, Sabine würde wieder nerven und er müsste sich auch mit Gabi herumschlagen, aber doch war es seine Heimatstadt, und er wollte, dass sein Sohn auch in der wunderschönen deutschen Hauptstadt aufwachsen wird.
Marc grinste.
Dann kann ich ihm auch beibringen, wie man all die leichtgläubigen Frauen in die Kiste bringen kann. Ich hatte ja meinen Spaß, und es dauert lange, bis man die Richtige findet und sich zähmen lässt. Naja. Gretchen wird mich allerdings köpfen, wenn sie erfährt, dass ich ihn so erziehen will. Aber was ist gegen ein wenig Spaß einzuwenden? Er muss ja nicht gemein sein… ach, der wird sein Leben genauso legendär führen wie ich, immerhin ist er mein eigen Fleisch und Blut!
Grinsend öffnete Marc die Badezimmertür und prustete sogleich los. Der Anblick, der ihm gerade geboten wurde, war einfach zu komisch. Hasenzahn stand auf dem Toilettendeckel, in der anderen Ecke ihres Erzfeindes, den allerdings nur sie so sah. Panisch starrte sie dorthin und versuchte, sich so dünn wie möglich zu machen, damit sie weit genug von der einen Ecke entfernt war.
„Was tust du da?!“, lachte Marc. Er konnte einfach nicht aufhören und hielt sich den Bauch.
„Das ist nicht lustig“, zischte Gretchen ihm zu und meinte gleich daraufhin mit weinerlicher Stimme: „Mach sie weg!“
„Was soll ich wegmachen?“, fragte er und unterdrückte das Lachen. Als er in ihr hilfloses Gesicht schaute, zuckten wieder seine Mundwinkel und er musste sich auf die Lippen beißen, um nicht wieder schallend loszulachen.
„Die…die, die…“, stotterte Gretchen angsterfüllt.
Okay, jetzt wird’s gruselig. Warum stottert sie denn? Da drüben ist doch nichts!
Marc wollte die Ecke genauer inspizieren, um für Gretchen den Prinzen zu spielen, und machte einen Schritt darauf zu.
„Pass bloß auf!“, kreischte Gretchen wieder und stoß dabei in Frequenzbereiche hinauf, bei denen Hunde wahnsinnig wurden.
„Was zur Hölle ist denn da? Da ist doch nichts“, grinste er und zeigte dabei seine weißen Zähne. Er drehte sich wieder zu Gretchen um, die immer noch in der gleichen Position verharrte.
„Okay, ich werde dir jetzt sagen, was da ist…“, begann sie und atmete tief durch. Sie murmelte etwas vor sich hin, was ganz nach dem Motto ihrer Schwangerschaftsgymnastikgruppe klang: „Ich bin eine wunderschöne Frau und ich lasse mir nichts von anderen anhaben. Das Schönste ist, wenn Leben in einem heranwächst und ich bin etwas ganz Besonderes“
Marc musste sich wieder höllisch zusammenreißen. Das war einfach zu absurd. Wovor hatte sie denn bitte Angst?! Lag da drüben ein böses Frauenmagazin mit einem schlanken Model vorne drauf und sie wollte, dass er es entfernte?
Erwartungsvoll schaute er sie an. Sie schien seinen Blick zu spüren, öffnete die Augen wieder und quietschte: „Da drüben ist eine Spinne. Mach sie weg!“
„Eine… Spinne?“, fragte Marc ungläubig. Schon wieder musste er grinsen.
Ich muss das lassen. Am Abend hab ich dann wieder Kieferschmerzen von dem ganzen Gegrinse.
„Grins nicht so blöd“, fauchte sie. Sie wollte sich damit verteidigen. Sie hatte eben wahnsinnige Angst vor Spinnen. Die waren haarig und eklig und krochen überall hin…brr. Es schüttelte sie leicht. Als er immer noch keine Anstalten machen, das böse Vieh zu entfernen, setzte sie noch eins drauf: „Bitte tu sie endlich weg. Oder töte sie. Sie ist riesig, eklig und hat so lange Beine…“
Gemächlich schlenderte Marc in die Ecke und suchte die „riesige“ Spinne.
„Du weißt schon, dass wir Menschen tausendmal größer sind und sie viel mehr Angst vor uns haben als umgekehrt?“, sagte er nebenbei. Er kniff die Augen zusammen, und dann sah er sie: ein dicker Weberknecht hing in der oberen Ecke des Badezimmers.
„Mir egal, dass wir größer sind. Spinnen sind bösartig“, meinte sie trotzig. Gespannt beobachtete sie ihren Prinzen, wie er sie vor der bösen Spinne rettete. Sie lächelte leicht. Hätte ihr jemand vor einem Jahr erzählt, dass Marc sie eines Tages vor einer Spinne retten würde, hätte sie es nie geglaubt. Marc hätte sie doch höchstens ausgelacht oder ihr die Spinne auf den Kopf gelegt, so wie er es schon einmal in der Schule gemacht hatte und daraufhin ein deftiges Haasches Kreischkonzert durch die Schulflure hallte. Und er hätte sie ausgelacht. Na gut, das hatte er gerade eben auch, aber eben… anders. Liebevoll.
Benehmen sich Frauen immer wie kleine Mädchen, wenn sie schwanger sind? Das könnte doch mal in Gretchens Ratgeber stehen…ähm… den ich NICHT heimlich unter der Bettdecke gelesen habe… höchstens mal durchgeblättert, ich hab ja keinen Schiss vor der Zukunft… der ziemlich nahen Zukunft…aber trotzdem ist es gut, ein paar Infos zu haben. Hab mich ja nie für das Thema interessiert…
Marc packte gedankenverloren die Spinne, ging ganz nahe damit an Gretchen vorbei und schmiss sie aus dem Fenster. Dann atmete er die kühle, aber erfrischende Luft ein. Es war Anfang Februar. Der Geburtstermin war in zwei Wochen. Also nur mehr zwei Wochen seelische Vorbereitungszeit.
Schaffte er das wirklich?
Er hatte irgendwie das Gefühl, dass er ein grauenhafter Vater werden würde. Er würde sein Kind niemals schlagen, aber wäre er auch oft zu Hause? Würde er Gretchen mit allem alleine lassen, bis sie ihn hasste? So wie es bei vielen Familien geschah? Würde er irgendwas mit einer Krankenschwester anfangen? Würde er sein Kind überhaupt richtig kennenlernen? Oder würde er wieder den Job über alles stellen?
Nein! Daran denke ich jetzt nicht! Ich werde zwar sicher kein Bilderbuchvater, aber ich werde für meinen Sohn da sein. Es wäre ja noch schöner, wenn ich jetzt eine Panikattacke bekommen würde! NEIN! Ich bin Dr. Marc Meier, und ich habe bis jetzt alles geschafft! Alles, was ich mir vorgenommen habe! Genau…
Trotz seiner Gedanken konnte er seine Angst doch nicht ganz unterdrücken. Er starrte nachdenklich aus dem Fenster. Gretchen, die sich von ihrem Standposten heruntergetraut hatte, merkte, dass er über etwas nachdachte. Sie konnte sich auch schon denken, worüber. Sie dachte auch ständig daran. Sie hatte auch Angst, dass sie eine schlechte Mutter werden könnte. Diese Angst hatten wohl alle, die Eltern wurden.
Sie umarmte ihn von hinten. Er lächelte leicht, als er ihre Hände auf seinem Bauch und ihren Bauch in seinem Rücken spürte. Sie lehnte ihren Kopf an seinen Rücken und er murmelte: „Unser Sohn wird mich nicht mögen“
Gretchen lächelte und sagte: „Nein, wird er nicht“
Empört löste er sich aus der Umarmung und starrte sie vorwurfsvoll an. Da sah er, dass sie das nicht ernst gemeint hatte. Ihre Mundwinkel zuckten. Tja, das war dann wohl die Retourkutsche von vorhin, als er sich über sie lustig gemacht hatte.
„Ich meinte damit: er wird dich nicht mögen, er wird dich lieben“, verbesserte sie sich rasch und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Er erwiderte es.
„Er wird uns beide lieben. Aber… aber hast du nicht auch Angst, dass alles anders kommt, als du es dir erwartest?“
„Natürlich habe ich Angst. Wer hätte das nicht, Marc“
Er knirschte verunsichert mit dem Kiefer. So kannte Gretchen ihn gar nicht. Er war offener geworden in letzter Zeit, aber über seine Ängste hatte er nie ein Wort verloren. Aufmunternd schaute sie ihn an und sagte mit vollster Überzeugung: „Du wirst ein ganz toller Vater“
Er atmete tief durch. „Meinst du?“
„Nein, das weiß ich“

Sophiee^^ Offline

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28.06.2012 11:02
#143 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Sie umarmten sich wieder. Nach einiger Zeit blitzte in Gretchens Augen der Schalk auf.
„Jedenfalls wirst du ein guter Vater, wenn du nicht immer so grinst wie der Grinsekater. Das ist echt angsteinflößend“, witzelte sie.
Grinsekater?!
„Wer zum Teufel…“, begann Marc, als sie sich ruckartig löste und ihn mit großen Augen anstarrte.
„Sag mir nicht, du kennst den Grinsekater nicht!“, rief sie.
„Na gut- aber ich kenne ihn nicht“, meinte er schulterzuckend.
„Wir müssen sofort Alice im Wunderland schauen! Ich liebe den Film“, schwärmte sie und verschwand ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Er folgte ihr.
Alice im Wunderland? Echt jetzt?! Ne, keine zehn Pferde, nicht einmal zehn Schwiegermamas namens Bärbel bringen mich dazu, diesen Schrott zu schauen! Das ist ein Mädchenfilm! Und da gibt es eine Figur, die heißt Grinsekater! Das kann doch nicht ihr Ernst sein! Ich sehe es schon vor mir: wenn ich nicht will, dass Marc Jr. schwul wird, darf ich die beiden nie alleine lassen! Fehlt noch, dass sie ihn in einen Matrosenanzug steckt, wenn er erst mal das Licht der Welt erblickt hat.
„Du schaust dir in aller Ruhe Alice im Wunderland an, und ich gehe jetzt zur Arbeit“, wiegelte er ab und achtete nicht auf ihren enttäuschten Gesichtsausdruck.
„Ich möchte ihn aber mit dir zusammen anschauen“, sagte sie mit großen Kulleraugen, die er ebenfalls ignorierte. Er nahm sich seine Jacke, die unordentlich auf dem Boden lag, gab Gretchen noch einen Abschiedskuss und verschwand mit den Worten „Wenn ich pünktlich sein will, muss ich jetzt gehen. Alice wird wohl nicht wegrennen, außer der Grinsekater ist hinter ihr her“ aus der Tür. Kurz war Gretchen noch enttäuscht, aber dann lächelte sie über diesen Knallkopf und machte es sich mit Salzbrezeln und einer Decke auf dem Sofa gemütlich. Es stimmte, Alice rannte ihnen nicht davon, und sie brachte Marc schon noch dazu, diesen Film anzuschauen.
So lief es bei ihr tagein-tagaus. Damit sie sich nicht langweilte, suchte sie sich sogenannte „Aufgaben“, die sie bis am Abend erledigen musste. Und heute wollte sie Marc dazu bringen, Alice im Wunderland anzuschauen. Dazu brauchte sie nur den Film, ihren überzeugendsten Schmollmund und vielleicht ein paar Flaschen Bier. Sie grinste. Sie hatte eine tagesfüllende Aufgabe gefunden.
Manchmal macht sie echt komische Sachen. Ich frage mich, was sie wohl den ganzen Tag so macht. Ich könnte mir nicht vorstellen, nicht zu arbeiten, den ganzen Tag zu Hause zu hocken oder alleine in der Stadt herumzulaufen. Mary hat ja auch nur einmal die Woche frei. Oh nee. Die seh ich ja auch wieder. Seit sie mit dem komischen Vogel Dr. Star zusammen ist, kriegt sie ihr Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Das nervt vielleicht! Also, ich war jedenfalls nicht so. Nie. Auch wenn ich Gretchen noch so sehr liebe, wie ein vertrottelter „Grinsekater“ laufe ich nicht durch die Flure.
Marc hatte wohl die Wochen vergessen, an denen er genau so durch die Flure geschlendert, getanzt, gehüpft und geschwebt war. Oder vielleicht hatte er sie auch verdrängt. Den Klatsch des Krankenhauses hatte er auch überhört. Sie hatten sogar Wetten abgeschlossen, ob er drogenabhängig oder einfach nur höllisch verknallt war. Anders konnten sie sich dieses „Meierische Phänomen“ nicht erklären. Irgendwann ebbte aber auch der letzte Klatsch ab und sie akzeptierten, dass er wohl glücklich war. Nicht jeder schaffte das, und dafür wurde er beneidet, aber die meisten freuten sich für ihn (es gab aber auch noch ein Grüppchen, das Gretchen über alles hasste; wenn sie nicht wäre, hätten die Frauen freie Bahn!).
Er fuhr also wie jeden Tag mit einem sanften Lächeln auf den Lippen die zehn Minuten zu seinem Arbeitsplatz, schlug die Autotür schwungvoll zu und schlenderte mit seinem Autoschlüssel spielend auf seine Station. Er nahm sich einen Kaffee und ließ sich alle Akten der aktuellen Fälle von der Schwester geben. Er überflog sie schnell und machte sich dann auf zur Visite.
Wie immer führte er sie routiniert durch. Bis er in dieses eine Zimmer kam.



Liebes Tagebuch!
Seit einiger Zeit habe ich ein sehr spannendes Hobby zum Zeitvertreib: ich stelle mir selbst Aufgaben, die ich an einem oder mehreren Tagen erledigen muss, und als Belohnung bekomme ich abends eine extra Tafel Schokolade.
Das alles hat vor ein paar Wochen angefangen. Ich war einfach gelangweilt. Das ich glücklich war (und bin!!!) hat gar nichts gegen meine Langeweile tun können. Ich habe alles ausprobiert. Meine Facebook-Sucht habe ich erfolgreich überwunden, als mir eines Tages klar wurde, dass es sinnlos ist, stundenlang im Internet herumzuhängen. Ich habe einfach Abstand von diesem Hobby gebraucht.
Alles habe ich ausprobiert: von A wie „Angelo, den Leiter des Italieners um die Ecke, in ein Gespräch verwickeln, das nicht von Spaghetti oder Pizza handelt“ (obwohl die Gespräche ziemlich interessant waren; man weiß als Deutsche nicht so viel über Pizza und Co. wie ein Italiener- auch wenn ich denke, dass er kein richtiger Italiener ist und nur so tut…der Akzent ist jedenfalls gespielt!) über H wie „Häkeln“ bis Z wie „Zeitvertreibe finden, die nicht komplett sinnlos sind“. Ich bin fast verzweifelt in den Stunden, in denen ich alleine war. Also bin ich immer bei Marc auf der Arbeit herumgehangen oder habe mir die Zeit im Babygeschäft in der Fußgängerzone vertrieben…
Und dann kam der Tag.
Ich bin wie immer vor Marc aufgewacht, habe geduscht, mich eingecremt, mir die Fingernägel lackiert und was frau eben sonst noch tut, wenn mann immer noch schläft. Manchmal habe ich aber auch schon mit dem Frühstück begonnen (hatte eben Bärenhunger!), auch wenn ich es schön fände mit Marc zusammen zu frühstücken. Naja, jedenfalls waren meine Nägel frisch lackiert, als er auf einmal ins Bad kam und meinte: „Warum ist das Frühstück noch nicht aufgedeckt?“
Oh man, ich habe ihm schon mal vor Monaten diesen Vortrag gehalten! Nur, weil ich die Frau bin, die zudem nicht arbeitet, heißt das nicht, das ich alles im Haushalt tun muss! In diesem Aspekt komme ich auf jeden Fall nach meinem Vater!
Ich habe mir also ein Herz genommen und anstatt zu explodieren, wie ich es gerne getan hätte, habe ich ihm meine Sicht der Dinge noch einmal erklärt. Und was tut er?! Er grinst mich nur doof an und sagt: „Du bist trotzdem die Frau“. Grrrrrrrrr! Das hat mich dann doch sauer gemacht. Gerade hatte ich ihm doch noch gesagt, dass ich als Frau nicht alles tun musste, und er sagte das einfach so, als wären meine Worte gleich interessant gewesen wie ein Blatt, das vom Baum fällt.
Also habe ich still beschlossen, ihm eine Lektion zu erteilen. Ich hab an diesem Tag einen Plan ausgetüftelt, dass er sich auch mal selbst das Frühstück macht. Es war ziemlich schwierig, eine Lösung zu finden, und ich habe den ganzen Tag gebraucht, bis mir ein Geistesblitz kam. Also habe ich schon mal einen ganzen Tag herumgebracht, und er ist überraschend schnell herumgegangen. Und ich habe mich auf meine Rache gefreut!
Wir sind also wie immer eng umschlungen eingeschlafen. Am nächsten Morgen bin ich in seinen Armen aufgewacht und habe mich geborgen gefühlt, wie immer. Normalerweise wäre ich nach zehn Minuten kuscheln genießen aufgestanden, weil ich einfach hibbelig bin, aber dieses Mal nicht, oh nein! Ich bin stur liegengeblieben und habe so getan, als würde ich noch schlafen. Ich hatte wirklich die Absicht, noch einmal einzuschlafen, aber ich konnte nicht. Ich bin eben nicht so die Langschläferin. Je später es wurde, desto lauter wurde die leise Stimme in meinem Kopf, dass ich Marc jetzt wecken sollte. Aber ich tat es nicht.
Es war komisch, aber wenn ich in Marcs Armen liege, dann scheint er einfach nicht aufwachen zu wollen. Ich habe mich einmal zurückerinnert, und mir ist klar geworden, dass er immer nach mir aufgewacht ist. Vielleicht gab es ein paar Ausnahmen, aber die bestätigen immerhin die Regel.
Naja, weiter im Text. Marc schlief stur weiter, genauso wie ich liegen blieb. Als sein Wecker klingelte, schloss ich schnell die Augen und atmete so ruhig wie möglich. Dann ist er endlich aufgewacht. Ich glaube, er war ziemlich überrascht, als er mich immer noch in seinen Armen liegen sah. Ich habe wohl wirklich so ausgesehen, als ob ich schlafen würde, denn er hat mich angestupst und geflüstert: „Gretchen? Bist du tot?“. Ich musste mich so anstrengen, nicht zu lachen! Er hat dann die Uhrzeit gesehen, und auch, dass er ziemlich spät dran war. Fluchend ist er aufgesprungen und hat sich fertiggemacht. Und er ist ohne Frühstück aus dem Haus gegangen.
Noch hatte mein Plan nicht funktioniert. Ich wiederholte das jetzt jeden Tag. Einmal schaltete er den Wecker im Schlaf aus und kam nur rechtzeitig zum Krankenhaus, weil er aufs Duschen verzichtete, ein anderes Mal hatte er mich „geweckt“, um Kaffee zu kochen… aber es besserte sich jeden Tag. Am fünften Tag bin ich aufgewacht, und Marc war nicht mehr da!
Also bin ich aufgestanden (ich gestehe, ich hatte auch Angst, dass ihm etwas zugestoßen war) und ich bekam fast einen Schock, als ich in die Küche kam. Das Frühstück war aufgedeckt, und das reichlich! Marc saß mit einem Grinsen am Küchentisch und sagte: „Glaub ja nicht, dass ich das jetzt jeden Tag mache“
Das Siegesgefühl, das ich verspürte, war einfach unglaublich. Und dann kamen mir viele Ideen für weitere Aufgaben die ich meistern konnte. Ich muss zugeben, meistens dreht es sich um Marc. Aber ich denke nicht, dass er mein kleines Spiel versteht oder weiß, dass es existiert.

Sophiee^^ Offline

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02.07.2012 19:25
#144 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Ich habe die Aufgaben in drei Klassen eingeteilt, die, die leicht umzusetzen waren (für die hatte ich nur einen Tag Zeit), dann die Aufgaben, die im Mittelfeld lagen (zwei-drei Tage, je nachdem, wie schwer genau die Aufgabe war) und die anspruchsvollen Aufgaben (für diese gibt es kein Zeitlimit. Manches braucht eben seine Zeit!). Manchmal war es mir nicht möglich, eine Aufgabe zu lösen, und aus Frust habe ich die Tafel Schokolade doch verputzt. Ja, so kennst und liebst du mich, liebes Tagebuch.
Bitte verurteile mich jetzt nicht! Ich weiß, es ist ein sehr spezielles Hobby, wo ich auch manchmal ein wenig meine Mitmenschen manipulieren muss, aber es macht so viel Spaß! Es ist abwechslungsreich und kreativ… und ich weiß, was ich den ganzen Tag lang tun kann. Es gibt ja auch die sinnvolleren Aufgaben (die, wo ich Marc nicht erziehen muss), zum Beispiel die, wo ich Mary bei einem ihrer Probleme helfe, ohne, dass sie das mitkriegt, oder wo ich Sachen für unseren Sohn entscheide. Die Kleidung ist ein sehr heikles Thema… ob ich den Matrosenanzug bei Marc durchboxen kann, ist eine andere Frage. Er würde darin SO süß aussehen!!! So ein süßer, kleiner, blauer Matrose mit Schiffsmütze! Ahoi! Hihi :)
Die leichte Aufgabe für heute ist, dass ich Marc dazu bringe, „Alice im Wunderland“ anzuschauen.
Die Bedingungen:
->Er muss es selbst wollen, nicht nur, weil er mir einen Gefallen tun will- das heißt, ich darf ihm auch keinen Sex versprechen; sonst zählt es nicht (eventuell Zeitverlängerung, vielleicht ist die Aufgabe doch schwieriger, als ich dachte…)
->Er muss den ganzen Film anschauen
Das Ziel:
->Der Film muss ihm gefallen (schwierig!!!)-
->Er muss grinsen wie der Grinsekater, wenn der Film vorbei ist
->Er muss zugeben, dass das ein toller Film ist, auch wenn er nicht seinem Geschmack entspricht
Die Planung:
->Zuerst muss ich den Film ausleihen
->Dann muss ich noch Bier kaufen (er muss ja nicht komplett nüchtern sein; das wird meine Aufgabe auf jeden Fall erleichtern! Hihi!). Außerdem noch Schokolade, und vielleicht sollte ich mich mal wieder im Kochen üben… du weißt ja, dass ich in diesem Fall AUCH nach meinem Vater komme!
->Ab ins Krankenhaus, ich könnte Marc schon einmal ein bisschen einwickeln. Wenn ich es geschickt anstelle, tut er alles was ich will.
Ein mögliches Szenario: ich komme in sein Büro, er schaut auf, lächelt; ich muss auf jeden Fall zurücklächeln, und das so unwiderstehlich, dass er willenlos wird! Das habe ich auch schon öfters vor dem Spiegel geübt (wobei ich aber immer lachen musste… es ist witzig, mich selbst unwiderstehlich lächeln zu sehen!)…okay, weiter im Text: ich lächle also zurück, ich frage ihn wie es im Job so gelaufen ist (da könnte er immer stundenlang mit stolz geschwollener Brust reden…tzz!), sag ihm, dass ich stolz auf ihn bin… ja, das ist gut. Aber es reicht nicht, um ihn einzuwickeln. Hmm. Vielleicht sollte ich mich schön machen. Sonst tauche ich ja immer in Jogginghose auf (die sind eben bequemer, das weiß jede Frau!). Mal schauen, ob mir überhaupt noch meine Jeans passen…
->Nach dem wichtigsten Schritt in dieser Aufgabe gehe ich nach Hause, räume ein bisschen auf, koche und mache es auf der Couch so richtig gemütlich. Wenn Marc nach Hause kommt, wird er sich (wie immer) zuerst auf die Couch fallen lassen. Und ich lass ihn gar nicht aufstehen. Ausnahmsweise können wir im Wohnzimmer essen. Dann kommt das Betteln. Und er wird schmelzen!
So, liebes Tagebuch. Diese Aufgabe wird wieder einmal toll. Und sie wird die Zeit des ganzen Tages fressen :D
Wenn ich alles heute noch schaffen will, dann muss ich jetzt los! Wünsch mir Glück!
Dein Gretchen


„Hey Marc“, sagte Gretchen. Ihr Schmollmund war unwiderstehlich, ihre Haare lockten sich wunderschön bis über ihre Schultern, sie trug einen türkisen Pulli, der perfekt ihre dezent geschminkten Augen betonte. Sie sah toll aus. So hübsch hatte sie sich lange nicht mehr gemacht. Warum auch? Meistens saß sie eh nur zu Hause. Marc sagte nichts zu ihrem ein wenig gammeligen Aussehen (was sie ziemlich überraschte, hatte er doch früher immer einen dummen Spruch auf den Lippen gehabt). In diesem Zeitraum hatte sie fast vergessen, was es für ein tolles Gefühl war, in den Spiegel zu schauen, eine wunderschöne Frau zu sehen und zu denken: „Wow. Das bin ich“. Zumindest für diesen Moment ist man dann zufrieden mit sich selbst. Bis ein Mann daherkommt und einen schief anschaut, dann ist das Selbstbewusstsein dahin.
„Ich dachte mir, ich könnte dich mal besuchen kommen“, fuhr sie fort. Sie bekam keine Antwort. Aber das wunderte sie auch nicht. Sie redete immerhin mit einem Spiegel.
Oh man, das ist doch albern. Wie oft hab ich schon mit Marc geredet, wie oft habe ich ihn eingewickelt, und das ohne vorheriges Training? Ich brauche das nicht, ich weiß schon, wie ich mich verhalten muss. Diese Aufgabe schaffe ich auch. Auf jeden Fall.
Gretchen lächelte ihr Spiegelbild an. Ihrer ein wenig versteckten Verrücktheit folgend, sammelte sie Luft in ihren Wangen, bis sie aussahen wie Hamsterbacken, und schlug mit beiden Händen dagegen, damit die Luft entwich und ein „Pupssound“ entstand. Dann grinste sie. Als ihr die Idee kam, ihr eigenes Spiegelbild anzumachen, prustete sie los. Trotzdem versuchte sie es, als sie sich die Lachtränen vorsichtig aus den Augen wischte, um das Make-Up nicht zu ruinieren.
„Hey Baby, tat`s weh, als du vom Himmel gefallen bist?“
Sie grinste. Dieser Tag konnte nur genial werden.

Sophiee^^ Offline

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05.07.2012 17:22
#145 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Mutter, was machst du hier?“, fragte Marc fassungslos, als er in das nächste Zimmer kam. Es war ein Einzelzimmer mit Blick auf den Park, also war der Mann Mitte vierzig wohl Privatpatient. Was noch schlimmer war: er lag im Bett und grinste Marcs Mutter auf eine Art und Weise an, die Marc aufstoßen ließ.
„Marc, was für eine Überraschung…“, begann sie, aber sie schien kein schlechtes Gewissen zu haben. Im Gegenteil, sie lächelte zurück.
„Wieso Überraschung?! Immerhin arbeite ich hier“, sagte Marc trocken.
So wie’s aussieht, hat sie zu tun. Sie hat wohl nen neuen Lover. Schon wieder. Kann sie sich nicht einmal wie eine normale Mutter verhalten? Und sich vielleicht Männer in ihrem Alter suchen?...
…oh mein Gott, ich kenne den doch! Den hab ich operiert. Und er hat… einen Penisbruch. Das ist nicht wahr, oder?!! Er hat sich sein bestes Stück gebrochen, als er und meine Mutter… bääh, weg mit diesem Bild!!!

„Tut mir leid, Miss, aber es ist nicht Besuchszeit“, sagte die Schwester. Elke ignorierte sie.
„Zurück zu deiner Frage, ich besuche nur Fernando. Er ist Spanier“, sagte seine Mutter verzückt.
Marc warf einen Blick auf die Krankenakte.
„Er heißt Angelo und ist Italiener“, verbesserte er. Seine Mutter winkte ab.
„Wie auch immer… solange er fit genug ist“
„Worüber redet ihr denn, principessa?“, mischte er sich nun auf Englisch ein. Er hatte einen grauenhaft gespielten italienischen Akzent. „Was sagt der Arzt? Werde ich wieder fit?“
„Wir reden nicht über deine Werte, Dummerchen“, lachte sie. „Das ist mein Sohn“
„Oh, super. Ich bin Angelo. Deine Mutter ist einfach der Hammer“
Oh mein Gott… holt mich hier raus! Pieper, melde dich!!! Irgendein Notfall, solange ich nur flüchten kann!
„Ja, das interessiert mich echt“, sagte er mit vor Sarkasmus triefender Stimme. Die beiden lachten. Sie dachten, er sagte das nur aus Spaß. Ihr Gekicher ließ ihn eine Grimasse ziehen.
Er studierte die Krankenakte erneut und ratterte die Fakten herunter, sodass er schnell genug aus diesem Zimmer flüchten konnte.
„So, Herr…“
Marc hielt inne. Dieser Name war unmöglich auszusprechen. Er konnte kein Italienisch und somit ließ er den Nachnamen einfach weg.
„…Angelo, die Operation ist gut verlaufen, noch ein paar Tage Beobachtung und für die nächsten drei Monate kein Geschlechtsverkehr. Schönen Tag noch“
Angelo blieb perplex zurück, während Marc mit wehendem Kittel regelrecht aus dem Zimmer flüchtete. Er hoffte, seine Mutter würde bei ihrer Muse bleiben und ihm nicht hinterherstöckeln, aber wie so üblich erfüllte sich seine Hoffnung nicht.
„Marc Olivier!“, rief sie und, wie man an den laut hallenden Schritten erkannte, schloss sie schnell auf.
„Boah Mutter nenn mich nicht so! In diesem Krankenhaus kennt noch keiner meinen zweiten Namen und für den letzten Monat soll das auch so bleiben!“, gab er gereizt zurück. Inzwischen lief Elke neben ihm her.
„Naja, wie auch immer. Du warst meine Chance zu gehen. Jetzt, wo Angelo außer Gefecht gesetzt ist, ist er nicht mehr interessant. Trotzdem, zu schade, in ihm fließt heißes Italo-Blut…“
„Mutter, ich will wirklich keine Details hören. Außerdem erkennt jeder im Bereich von fünf Kilometern, dass er kein echter Italiener ist. Ich wette, er war noch nie in Italien, sonst könnte er den Dialekt zumindest ein bisschen besser nachahmen“, stellte er trocken fest.
„Bist du zum Sprachforscher mutiert? Ich glaube er ist echt… made in Italy“, kicherte seine Mutter. Ja wirklich, sie kicherte.
Was hat die denn geraucht?
„Tut auch nichts mehr zur Sache. Ich muss weiterarbeiten“, würgte er seine Mutter ab, die gerade ein neues Thema anschneiden wollte. Er beschleunigte seine Schritte so, dass seine Mutter auf ihren 15cm Stöckeln nicht nachkam und blieb erleichtert vor dem Aufzug stehen, der sich gerade öffnete. Ohne die Menschen zu beachten, die aus dem Fahrstuhl herauskamen, stellte er sich hinein und drückte die 5 für die Cafeteria.
Plötzlich umfassten ihn zwei Arme von der Seite. Er erschrak, entspannte sich aber gleich, als er die ihm wohlbekannte Stimme hörte, die in sein Ohr flüsterte: „Na Marc, wieso bist du denn so geschafft?“
„Die Visite hätte besser gehen können. Zuerst war alles routiniert und professionell wie immer, und dann komme ich in dieses eine Zimmer und- bumm!- nur noch Peinlichkeiten“, verriet er ihr. „Naja, egal. Willst du auch was essen?“
Er schaute Gretchen in die blauen Augen und er grinste.
„Was stelle ich nur für dumme Fragen? Natürlich willst du was essen. Wie immer“
„Hey“, lächelte Gretchen und schlug ihm sachte gegen den Arm. „Ich bin wegen dir hier, aber ich kann auch wieder gehen“
„Ich glaub dir kein Wort. Bist doch nur wegen dem ekligen Cafeteriafraß hier“
„Gar nicht wahr! Und es ist überhaupt nicht eklig…“
„Ja, stimmt. Man kann das Essen genießen, wenn man sich nicht um die Figur schert“, neckte er sie weiter.
„Marc Meier, du bist echt der eitelste Mann, den ich je getroffen habe“, stellte Gretchen grinsend fest. Er zwinkerte ihr zu.
„Nur weil ich meinen Körper nicht mit triefendem Fett vollstopfen will, heißt das nicht, dass ich eitel bin“
„Aha, und dass du dir die Brust rasierst ist keine Eitelkeit?“, konterte sie. Das saß.
„Ich rasier mir die Brust überhaupt nicht“, verteidigte er sich, aber seine Stimme war schon in höhere Tonlagen gerutscht. Nun konnte er nicht mehr darüber lachen. Sie ging wirklich zu weit!
„Ach ja, ich vergaß. Du nimmst dir ne Pinzette und zupfst sie aus“, setzte sie noch einen drauf. Sie konnte sich das Lachen fast nicht verkneifen. Marc antwortete nicht, löste sich stattdessen aus ihrer Umarmung und schmollte, bis der Aufzug angekommen war. Gretchen hatte solange Zeit, sich wieder einzukriegen, und als Marc die Cafeteria ansteuerte, kam sie ihm fast nicht nach, so schnell, wie er ging.
„Marc, komm schon, das war doch nur ein Witz“, sagte sie.
Ich kann ihr Grinsen immer noch heraushören. Ich lass mich nicht dissen.
Marc nahm sich einen Apfel, das einzig Gesunde beim Buffet, und setzte sich ans Fenster. Er schaute hinunter auf die Straße, wo sich viele schwarze Regenschirme tummelten. Es goss wie aus Strömen. Schon wieder. Er seufzte. Zurück in Berlin würde es hoffentlich anders sein. Vielleicht lag ja schon Schnee. Sein Blick schweifte in die Ferne, aber nur solange, bis Gretchen schnaufend an den Tisch kam, sich setzte und begann, einen Burger zu verdrücken.
Mit halb vollem Mund begann sie wieder: „Also ich fand es lustig. Ich weiß nicht, warum du jetzt so beleidigt bist. Ich kann auch über mich selbst lachen“
Unter den ganzen schwarzen Regenschirmen sah er plötzlich einen pinken aufleuchten. Es erinnerte ihn so an Gretchen, dass er grinsen musste. Wie sie damals mit ihrem pinken Schirm ins Taxi gestiegen war und ihn davor gewarnt hatte, dass er jetzt mit Madonna arbeiten würde, und dann doch alles ganz anders kam. Jetzt saß sie hier, mit einem fetten Burger in der Hand, einem dicken Bauch und langen Stopsellocken und pfiff auf die Karriere. Sie war heute besonders schön. Sie war so geschminkt, dass ihre Augen perfekt zur Geltung kamen, ihre Locken sahen aus, als hätte sie mit Lockenstab nachgeholfen und sie hatte keinen Jogginganzug an, wie sonst immer. Jeans und Pulli, wobei ihr großzügiger Ausschnitt unglücklicherweise von einen Tuch überdeckt war. Er erwischte sich beim Träumen und ließ es sofort sein.
„Schluck erst mal runter. Als Prinzessin sollte man bessere Manieren haben“, lachte er sie an. Wie immer waren seine Grübchen zu sehen und sie schwelgte einen Moment in diesem süßen Anblick, dann riss sie sich wieder am Riemen und lächelte wie automatisch zurück.

Sophiee^^ Offline

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10.07.2012 20:11
#146 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Wieder gut drauf?“, fragte sie nur knapp und nahm einen großen Bissen. Diese Burger waren in Amerika einfach himmlisch!
„Ich musste nur grade dran denken, wie du heute Morgen auf dem Klodeckel gestanden bist und ,Mach sie weg! Mach sie weg!’ gekreischt hast. Das macht alles wett“, sagte er triumphierend.
Sie kaute noch eine Weile und schluckte.
Vermutlich sucht sie eine schlagfertige Antwort.
Aber alles, was ihr einfiel, war: „Man, die Spinne war verdammt groß!“
„Ich musste fast eine Lupe nehmen, um sie zu finden“
„Jetzt verdrehst du die Tatsachen!“
Marc grinste. Er versuchte, aufzuhören, aber es ging nicht, und schließlich prustete er los. Die Erinnerung an den Morgen, Gretchen, die vor ihm saß und ihn mit großen, vorwurfsvollen Augen ansah, und dann noch der pinke Regenschirm und die „Madonna“-Erinnerung- das war einfach zu viel. Und sie konnte es im nicht einmal übel nehmen, denn sie dachte daran, was für ein Bild das wohl gewesen sein musste, als sie vor der riesigen, ekligen, haarigen, bösartigen Spinne geflüchtet war. Und sie musste auch lachen. Aber das währte nicht lange, denn Marcs Mutter kam hereinstolziert, sah die beiden sogleich und kam mit energischen Schritten auf sie zu. Marc hatte sie noch nicht bemerkt und lachte sich weiter kaputt, aber Gretchen hatte aufgehört und flüsterte: „Oh oh“. Bei sich dachte sie: „Der Auftritt des bösen Drachen naht“
„Ähm Marc, wieso ist deine Mutter hier?“, fragte sie leise, und das brachte auch ihn dazu, aufzuhören. Er drehte sich um und sah, wie sie wie Hurrikan Katrina auf sie zustürmte.
Na, das kann ja was werden.
„Marc Olivier!“, schrie sie durch den halben Saal. Alle Augenpaare richteten sich auf sie, und Marc legte seinen Kopf auf den Tisch und flüsterte. „Das darf nicht wahr sein“
„Das nennst du also arbeiten, ja?!“,rief sie, als sie angekommen war.
„Ich hab gerade Pause“, meinte er trocken. Das war die einzige Art, wie man sich Hurrikan Elke entgegenstellen konnte.
„Und die konntest du nicht mit mir verbringen?“
„Oh Gott, nein“, blieb Marc ehrlich, aber ein Tritt unter dem Tisch von Gretchen brachte ihn dazu, noch etwas hinzuzufügen: „Ich wusste doch nicht, ob du das wolltest. Dieser Fraß hier ist nichts für dich“
„Das sehe ich“
Elke begutachtete missbilligend den Burger in Gretchens Händen. Sie ließ ihn sofort sinken und legte ihn auf den Teller, obwohl sie immer noch extremen Hunger hatte.
„Trotzdem, das verletzt mich sehr“, kam sie wieder auf das eigentliche Thema.
Oh mein Gott, ihre Hormone spielen verrückt! Ist wohl gerade ne schwere Zeit in den Wechseljahren…
„Du warst doch auch nur wegen deinem Fake- Italiener hier“, verteidigte Marc sich. Er hatte keinen blassen Schimmer, was das werden sollte. Er sah, dass Gretchen etwas sagen wollte, aber er gab ihr mit einem Blick zu verstehen, dass sie das nicht überleben würde. Das letzte, was er jetzt brauchte, war, dass Gretchen die Supernanny spielte.
„Das stimmt nicht! Ich wollte dich auch besuchen“, rief sie.
„Mutter, sei leiser, verdammt nochmal“, zischte er sie an. Elke setzte sich auf den letzten freien Stuhl, direkt neben ihn.
„Stattdessen verbringst du deine Zeit lieber mit Dickerchen, die du eh immer an der Backe kleben hast“, seufzte sie, seinen Einwand ignorierend.
Dickerchen ist zwar einer der harmlosen Spitznamen- hat sie Gretchen doch schon Kugelfisch, wandernde Hormonbombe und Brutmaschine genannt- aber trotzdem, es ist echt zu viel, was sich Mutter in letzter Zeit leistet!
„Ey, mal ganz vorsichtig…“, setzte Marc an, aber Gretchen legte ihre Hand auf seine und unterbrach: „Elke, ich bin mir sicher, Marc wollte dich nicht kränken. Ich bin auch gerade erst gekommen und das wusste er nicht mal“
„Ja klar, du weißt ja alles“, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton. Marc verdrehte die Augen. Jetzt ging das wieder los. Sie war eifersüchtig auf Gretchen, weil er mit ihr mehr Zeit verbrachte. So langsam platzte ihm der Kragen und er wand ein: „Mutter, mach mal halblang! Ich hab jetzt keine Zeit für dein theatralisches Gehabe! Such dir doch einfach einen neuen, dem du den Penis brechen kannst und lass mich in Ruhe. Ich hab das echt satt“
Dann stand er auf und düste davon. Kurz darauf ging sein Pieper.
Endlich Ablenkung. Mutter versaut mir auch immer wieder die gute Stimmung.



Kraftlos ließ Elke die Schultern sinken. Täuschte es sie oder wurde das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn immer schlimmer? Er schien ihr zu entgleiten… seit er begonnen hatte, ein eigenes Leben zu führen. Ein richtiges Leben, ohne diese ganzen Affären. Es kam ihr so vor, als würde er mit knapp 34 Jahren erwachsen werden. Und es passte ihr nicht. Früher war er immer für sie da. Und jetzt verbrachte er nicht mal seine Freizeit mehr mit ihr, sei sie auch noch so kurz! Da stimmte doch etwas gewaltig nicht!
Und Elke wusste auch, was.
Diese Frau, die unbeholfen neben ihr saß und nervös ihre Hände knetete, mit ihren großen, blauen Bambiaugen auf den Boden schaute und sie, das gefährliche Raubtier, immer eines schnellen Blickes bedachte. Sie schnaubte leicht. Gretchen. Dieser Name klang wie ein Mädchen, das auf Almwiesen aufgewachsen war, dem Opa auf der Alm geholfen hatte und täglich drei Stunden ins Tal gewandert war, um zur Dorfschule zu gehen. Und so sah sie auch auf den ersten Blick aus. Sie musste sich nur noch Zöpfe flechten, dann wäre es perfekt.
Aber sie war das komplette Gegenteil. Sie war doch selbstständig genug, um einen Job als Ärztin in einem der renommiertesten Krankenhäuser zu bekommen, ihren Sohn zu zähmen und mit ihm eine Familie zu gründen. Naja, den Job hatte sie aufgegeben. Es gab eine Zeit, in der Elke das auch ohne zu zögern gemacht hätte, aber damals kam alles anders.
Ihr war klar: Die beiden würden glücklich sein, und sie, Elke, würde alt und verschrumpelt in einem Altersheim enden, wo niemand sie zu ihrem beruflichen Erfolg beglückwünschen würde. Die senilen alten Frauen würden sie nur fragen, ob sie Enkelkinder hätte, und würden sich dann an den Bildern von Babys ergötzen, die die Brutmaschine noch auf die Welt bringen würde.
Sie wusste nicht, ob sie das zulassen könnte. Aber wenn sie Marc so sah, so glücklich und mit sich im Reinen, so zufrieden und lachend, dann durchströmte sie ein warmes Gefühl. Auch wenn er nicht wegen ihr so glücklich war.
„Elke… nimm dir das nicht so zu Herzen, ja? Marc ist ein wenig gestresst. Tief im Inneren hat er sich gefreut, dass du ihn besuchen wolltest“, begann Gretchen vorsichtig. Sie wusste immer noch nicht genau, wie sie mit Marcs Mutter umgehen sollte, auch wenn sie wesentlich besser darin geworden war. Elke hatte ihr sogar das „Du“ angeboten.
Genau das meinte Elke! Gretchen mochte sie nicht einmal, und trotzdem hatte sie das Bedürfnis, ihr Gutes zu tun. Sie war wohl einfach durch und durch ein guter Mensch.
„Bei dir hat man ihm aber nicht angesehen, dass er gestresst war“, erwiderte Elke, ohne ihren Gegenüber eines Blickes zu würdigen.
Gretchen geriet in Erklärungsnot.
Was soll ich denn da antworten? Ehrlich sein? Ihr sagen, dass Marc nur von ihr genervt ist und mich gerne sieht? Mich mehr liebt? Nein, das kann ich doch nicht!
Bevor Gretchen etwas Unverständliches stammeln konnte, fuhr Elke fort: „Ich verstehe das nicht! Wann hat sich unser Verhältnis so verändert?“
Verändert? Das war doch immer so. Marc tut ihr einen Gefallen und sie lässt ihn dafür in Ruhe. Ich hab immer gedacht, das wäre wie ein unausgesprochener Pakt zwischen den beiden. Hat Marcs Mutter davon keine Ahnung?!
Wie es scheint nicht, denn sie scheint wirklich fieberhaft nach einer Antwort zu suchen. Ich kann sie ihr geben. Dieses Mal die Wahrheit. Wenn Elke es nicht weiß, dann werden wir nie als Familie zusammenwachsen. Nur dann kann sie etwas ändern, und dann kann Marc auch mehr für ihr Verhältnis zueinander tun.

„Elke, es wird dir nicht gefallen, was ich dir jetzt sage…“

Sophiee^^ Offline

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13.07.2012 20:19
#147 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Freitag der 13te *O*

Gretchens entschlossene Stimme holte Elke aus ihren Grübeleien. Sie schenkte ihr nun ihre volle Aufmerksamkeit.
„…es ist so: ihr hattet nie ein gutes Verhältnis“
Nach einem kurzen Überraschungsmoment lachte Elke schallend.
„Wie witzig du heute bist, dummes Ding. Natürlich hatten wir ein gutes Verhältnis. Wir sind jede Woche zusammen Abend essen gegangen, er hat mich bei meinen Romanen unterstützt, ich bin zu seinen Vorträgen erschienen…“
„Das heißt nicht, dass ihr gut miteinander ausgekommen seid…“
„Was soll daran schlecht sein?“, unterbrach Elke.
„Unterbrich mich nicht!“
Gretchen war klar, dass sie gerade mit dem Feuer spielte, aber das musste einfach gesagt werden. Ob Marc dann sauer war, daran wollte sie jetzt nicht denken.
„… es ist so: Marc ist mit dir zu Buchmessen gegangen und hat deine Romane gelesen, damit du ihn danach in Ruhe lässt. Es mag sein, dass du ihm wichtig bist, aber nur, wenn du ihm Anerkennung schenkst. Und das tust du in letzter Zeit einfach nicht. Deswegen kannst du ihm… naja, gestohlen bleiben“
„Das sagst du nur, damit du ihn für dich alleine hast!“, protestierte Elke lautstark. Schon wieder drehten sich viele zu ihnen um.
„Nein, ich will ihn doch gar nicht für mich alleine! Ich will doch nur, dass wir eine Familie werden!“, verteidigte sie sich mit gedämpfter Stimme.
„Pff… sobald das Ding da ist, wird er nicht einmal mehr wissen, dass er eine Mutter hat“
„Das „Ding“ ist dein Enkelsohn!“, sagte Gretchen empört. Sie wurde wütend. „Außerdem verhältst du dich nicht wie eine Mutter! Hast du noch nie!“
„Aha? Wie verhalte ich mich dann?“, sagte Elke bedrohlich ruhig.
„Wie jemand, der kommt, wenn es ihm passt, oder wenn er selbst etwas braucht. Wenn Marc diesen Jemand braucht, ist er nicht da… und jetzt kümmert es ihn einfach nicht mehr“
„Aber warum kümmert es ihn nicht?“, schwankte Elkes Stimmung um. Die Erklärung klang plausibel, auch wenn sie es nicht glauben wollte.
„Weil er jetzt mich hat“, rutschte es ihr einen Tick zu früh raus. Verlegen wandte sie den Blick ab.
Dieser Satz hatte Elke tief im Inneren verletzt, wenn sie es doch auch schon lange selbst wusste. Und da sie sich nicht mit ihrer Verletzlichkeit auseinandersetzen konnte, setzte sie ihre gleichgültige Maske auf.
„Gut, danke für diese sehr verständliche Erklärung der Psychologie von zwei Gefühlsverkrüppelten, Pummelchen“, sagte sie sarkastisch, erhob sich und stöckelte aus dem Raum. Unglücklich schaute die junge Frau ihr hinterher. War sie doch nicht zu direkt gewesen? Musste sie sich auf einen Streit einstellen? Zwischen Marc und seiner Mutter, oder würde Marc wieder sie als Zielscheibe nehmen, wie so oft in früheren Zeiten?
Gretchen strich sich über die Haare und atmete aus. Es schien, als hätte sie die Luft angehalten. Bekümmert dachte sie noch einmal an Elke, die für einen Sekundenbruchteil sehr verletzt ausgesehen hatte, dann beschloss sie, dass es nichts half, wenn sie sich jetzt die Stimmung vermiesen ließ. Immerhin hatte sie eine Mission. Das Einwickeln hatte nicht so gut geklappt (auch wenn sie Marc schon träumen gesehen hatte), deshalb musste sie umso besser kochen. Ab nach Hause, und dann konnte ihre Challenge beginnen!



Marc hatte gerade den Notfall erstversorgt, den er reinbekommen hatte, als er schon wieder Schritte durch die Flure hallen hörte.
Entweder das ist die Ehefrau von dem Mann der gleich auf meinen OP- Tisch liegt…oder es ist meine Mutter. Sonst hat hier niemand Stöckelschuhe an.
„Marc!“
Er wartete vergeblich auf das „Olivier“. Überrascht, dass es ausblieb, drehte er sich zu seiner Mutter um, die auf ihn zugestürmt kam, anstatt gleich die Flucht zu ergreifen.
Wie hat sie mich gefunden? Seit wann kennt sie sich in diesem Laden hier aus?
„Mutter…“, erwiderte er, als sie angekommen war, und zog eine Augenbraue hoch. Elke rang mit sich. Sie wollte wissen, ob Gretchen wieder einmal recht hatte, wusste aber nicht, wie sie anfangen sollte.
„Nun ja… also… du bist so schnell rausgestürmt vorhin“, begann sie. Nun zog Marc auch die zweite Augenbraue hoch.
Was soll das? Als würde es sie jemals interessieren, wie’s mir geht. Wenn ich früher sauer auf sie war, hat sie mich eine Weile in Ruhe gelassen und ich hab meinen Zorn unterdrückt. Bei unserer nächsten Begegnung taten wir immer so, als wäre nichts passiert, und meinen aufgestauten Zorn hab ich an Schwester Sabine oder Gretchen ausgelassen…
…kein Wunder, dass ich sie jetzt anschreie, bei Gretchen darf ich das ja nicht mehr. Wenn ich nicht riskieren will, dass sie gleich zurück nach Deutschland rennt!

„Ja. Ich hatte zu tun“, log er. Der Pieper war ja erst nach seinem ziemlich theatralischen Abgang losgegangen.
„Während du weg warst, haben Gretchen und ich uns ein wenig unterhalten“, fuhr Elke nach einer Pause fort, in der sie seine Aussage auf eine Lüge untersuchte. Aber es waren keine Anzeichen einer Lüge zu erkennen. Marc schaute sie direkt an, die Augenbrauen mittlerweile wieder gesenkt, seine Körperhaltung war gerade, er schwitzte nicht und er knetete auch nicht nervös die Hände. Entweder er war ein ausgezeichneter Lügner oder er sagte die Wahrheit. Elke glaubte die zweite Option.
Oh mein Gott… bitte nicht!
„Aha…“
Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Hatte Gretchen wirklich geholfen oder hatte sie Elke Sätze ins Ohr gepflanzt, die diese falsch interpretierte und sie vielleicht glauben ließ, dass Marc:

a)Bald sterben würde
b)Nicht der Vater des Kindes war und es nicht wusste
c)Den Mord an seiner Mutter plante

Vielleicht dachte sie auch, dass alle Möglichkeiten wahr sein könnten. Innerlich schüttelte er den Kopf.
Gretchen, was hast du getan?
„Du weißt, dass ich kein Fan von ihr bin und auch nie sein werde… aber dir zuliebe beginne ich, sie an deiner Seite zu akzeptieren“
„Mutter, mach hinne, ich hab gleich ne OP“, sagte Marc mehr aus Fluchinstinkt denn aus Pflichtbewusstsein. Die Ärzte und Schwestern im OP müssten sowieso auf ihn warten.
„Sie meinte, wir hätten kein gutes Verhältnis, Olivier! Und dass wir nie eins hatten!“, sagte sie entrüstet und legte sich die Hand auf die Brust.
Elke Fisher is back! Bitte tötet mich jetzt.
„Was redet sie denn für einen Müll? Wir verstehen uns blendend! Du ich muss jetzt, wiedersehen Mutter“, kramte er eine weitere Lüge hervor und machte sich auf in Richtung OP.
„Aber ich beginne, ihr zu glauben!“, rief ihm seine Mutter nach. Er winkte noch einmal ohne sich umzudrehen und kickte die Tür zum Waschsaal vor dem OP auf. Wütend wusch er sich die Hände.
Was hat Gretchen wieder angestellt?! Sie sollte doch wissen, dass meine Mutter ihr kein Wort glaubt und dass sie sich so nicht beliebt macht! Echt jetzt! Sie muss sich immer einmischen! Obwohl… Mutter meinte, sie hat begonnen, ihr zu glauben. Was soll das bedeuten? Werden die beiden dicke Freunde und ich muss Elke jede Woche auf den Sonntagskuchen einladen?! Bäh! Ich will nicht zu so einem spießigen Vorstadtvater werden! So sehr lass ich mich nicht zähmen! Das kann sie vergessen!
Ich dachte, sie wüsste, wo wir stehen. Ich möchte, dass es so bleibt. Nur, weil ihre Familie so eng zusammengeschweißt ist, heißt das nicht, dass das bei meiner auch so sein muss. Veränderungen sind nicht immer gut. Sie sind kräftezehrend und manchmal ist es danach nicht besser! Ich glaube, das sollte ich ihr mal eintrichtern. Egal, welcher Plan in ihrem süßen Köpfchen heranreift, ich werde es unterbinden müssen.
Mein Verhältnis mit Mutter ist doch ok. Wir helfen einander, besuchen wichtige Veranstaltungen des anderen, … ich bin eben nicht so dicke mit Elke wie sie mit Bärbel. Und das will ich auch gar nicht.

Marc sah nicht ein, dass er sich in diesem Moment selbst belog. Er wollte, dass sich etwas veränderte. Seine Mutter trieb ihn in den Wahnsinn. Sie war anders als alle anderen Mütter. Manchmal fühlte er sich nicht als ihr Sohn. Er brauchte sie nicht.
Dachte er jedenfalls.

Sophiee^^ Offline

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17.07.2012 17:33
#148 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=vqjGEb4QtYg (Adele- Rolling in the Deep)

„There's a fire starting in my heart,
Reaching a fevered pitch and it's bringing me out the dark.“


Gretchen hatte ihren momentanen Lieblingssong voll aufgedreht, während sie in der Küche stand und ihre lecker duftende Soße umrührte. Die Nudeln kochten bereits im Wasser, und sie hatte sich auch erinnert, das Wasser zu salzen. Das vergaß sie sonst immer. Den Salat hatte sie auch schon zubereitet, und die Soße, die so gut duftete, dass ihr das Wasser im Mund zusammenlief… nun ja, die war aufgewärmt. Ihre Mutter hatte sich Sorgen gemacht, ob sie sich denn gesund genug ernährte, und deshalb hatte sie nach dem Weihnachtsessen, dass ebenfalls sie gekocht hatte, nur noch in der Küche gestanden und ihr Soßen, Klöße und Suppen eingefroren. Gretchen war ihr dankbar dafür. Schon oft hatte sie Marcs Laune damit aufgebessert, wenn er von der Arbeit genervt war. Sie hatte gelernt, dass nicht nur Sex seine Laune besserte, sondern auch gutes Essen. Selbstgemachtes Essen (mehr oder weniger).
Oh Gott, wenn ich mich nur an den einen Abend erinnere, werde ich ganz rot… er war total geschafft von der Arbeit und ich hatte weder etwas gekocht noch etwas bestellt. Da war er schon ziemlich grummelig. Er war es eben gewohnt, dass Essen auf dem Tisch stand, egal ob gekocht, bestellt oder aufgewärmt. Und weil eben nichts da war, ist er direkt auf mich zu gekommen, hat mich nicht einmal begrüßt, und hat mich einfach niedergeknutscht. Mein Hirn schaltet da ja immer ein paar Sekunden aus, aber als er begonnen hat, an meinem Pulli zu fummeln, war ich wieder klar im Kopf. Ich hab mich von ihm gelöst. War ja die Zeit, wo ich mich für meinen Bauch ein wenig geschämt habe. Bei Marc hatte man ja immer Angst, dass er einen nicht hübsch genug finden würde und dann weg wäre. Naja, bei dem ALTEN Marc, vor der Entführung. Jetzt hab ich davor keine Angst mehr. Jedenfalls wollte er wissen, was los war, dann hab ich ihm meinen Standpunkt klar gemacht, und er? Was tut er? Er sagt doch tatsächlich, dass ich ihn auch anders befriedigen konnte. Sprich: Ihm einen blasen. Ich bin so rot geworden… das war wirklich peinlich! Soweit ich mich erinnere tu ich das nur, wenn ich besoffen bin oder wenn ich nicht mehr denke sondern einfach handle. Aber in diesem Moment war ich bei Verstand und ich bin ja… naja, prüde wäre jetzt übertrieben, aber… ich habe ein gewisses Schamgefühl. Habs dann nicht gemacht. Hab nur was von Duschen gehen gemurmelt und das Badezimmer hinter mir abgeschlossen, dass er nicht auf dumme Ideen kam. Darüber haben wir nie wieder geredet. Vielleicht sollte ich mich doch mal gehen lassen… wenn das Baby da ist.

„Finally, I can see you crystal clear,
Go ahead and sell me out and I'll lay your ship bare,
See how I'll leave with every piece of you,
Don't underestimate the things that I will do“


Sie schwang die Hüften zu den Zeilen des Songs, summte mit und rührte weiter in der Soße. Sie schmeckte sie kurz ab, was ein Fehler war, denn jetzt meldete sich ihr Bauch lautstark zu Wort. Die Soße war ausgezeichnet, und sie hatte Hunger. Aber sie wollte auf Marc warten. Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr. Er kam erst in einer viertel Stunde, wenn viel Verkehr war, konnte es länger dauern.
Ich hoffe, dass die Straßen frei sind… sonst sterbe ich vor Hunger.

„There's a fire starting in my heart,
Reaching a fever pitch and it's bring me out the dark”


Kurz ging sie noch einmal ins Wohnzimmer, um ihr Werk zu betrachten. Auf den kleinen Couchtisch hatte sie zwei von den schönen, weißen Porzellantellern gedeckt und die dickbauchigen Weingläser. Naja, sie würde nur Orangensaft trinken, aber Marc wollte sie die Freude machen. Es würde dem Knirps zwar wahrscheinlich nicht mehr schaden, aber ihr war trotzdem nicht wohl bei dem Gedanken, Alkohol zu trinken.
Ihr Blick schweifte weiter zu den Sitzkissen, die für ein wenig mehr Komfort sorgen sollten. Sie saßen sich gegenüber. Sie mochte es einfach, Marc während dem Essen in die Augen zu schauen. Wenn er etwas erzählte, leuchteten seine Augen oft richtig, und wenn er lächelte, dann schienen sie Licht und Wärme und Liebe auszustrahlen… wenn es kein sarkastisches Lächeln war. Da leuchteten sie zwar auch, aber mehr so, dass man lachen musste. Außer er war gemein sarkastisch, dann schleuderte sie immer ein Kissen nach ihm. Sie grinste. Hoffentlich ging es heute nicht so weit.
Sicherheitshalber hatte sie noch ein paar Sixpack Bier neben der Couch versteckt. Von Marcs Platz aus sah man sie nicht, und sie würde sie erst nach dem Essen und dem hoffentlich erfolgreichen Einwickeln und Betteln herausholen, wenn sie eng aneinander geschmiegt auf dem Sofa saßen und in die verrückte Welt von Alice eintauchen würden…jedenfalls einer von ihnen. Marc würde wohl nur dumme Kommentare machen und genervt aufstöhnen. Vielleicht würde er sich auch über den Vergleich zum Grinsekater aufregen, weil sie gar nichts gemeinsam hatten. Schon wieder musste Gretchen lächeln. Ihr war jetzt schon klar, dass sie protestieren würde, wenn er diese Behauptung machte. Er war eben ein Grinsekater. Ihr ganz persönlicher, kuscheliger Grinsekater.

„The scars of your love remind me of us,
They keep me thinking that we almost had it all.
The scars of your love, they leave me breathless,
I can't help feeling“


Schnell eilte sie in die Küche zurück, um nach ihren Nudeln zu sehen. Sie mussten bald raus. Fieberhaft suchte sie nach einem Sieb. Als sie dachte, sie musste sich vor Verzweiflung die Haare ausreißen, fand sie es endlich. Ganz im Hintergrund des Eckschrankes. Sah ziemlich verstaubt aus. Sie hatten es ja auch nur selten benutzt.
Gretchen, wenn du Mutter bist, musst du kochen können. Ich denke, wenn ich zurück in Berlin bin und der erste Babystress mal vorbei ist, ist das erste, was ich tue, mich bei einem Kochkurs einschreiben! Jawohl! Den Kleinen kann ich ja bei Mama lassen. So viel hat sie ja nicht zu tun, und sie würde sich freuen, ihren Enkel anbeten zu können.
Gretchen goss die Nudeln in das Sieb und wartete, bis der Dampf sich verzogen hatte. Dann gab sie die Nudeln in einen schöneren Topf und brachte ihn zum Tisch. Die Soße hatte auch genug geköchelt und der Salat war vorhin schon fertig gewesen. Jetzt fehlte nur noch einer: Marc.
Wenn er nicht bald kommt, wird alles kalt. Dann war die Mühe umsonst…
…Quatsch, es wäre nie umsonst! Ich mache ihm damit eine Freude, auch wenn ich alles nochmal aufwärmen muss…

Mittlerweile lief der Refrain des Songs. Gretchen sang lautstark mit und tanzte durch das Wohnzimmer, um sich die Zeit zu vertreiben.

„We could have had it all,
Rolling in the deep,
You had my heart inside your hand,
And you played it to the beat“


Plötzlich strampelte der Kleine, ziemlich stark. Gretchen musste ihr Gehüpfe einstellen und sie hielt sich den Bauch. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihrem Unterleib aus. Und Gretchen geriet in Panik.
Was ist los? Hat er mich so stark getreten? Nein, das sind doch Wehen… Wehen?! Aber der Termin ist doch erst in zwei Wochen… er will doch nicht früher raus?! Nein, das schaffe ich nicht! Ich bin komplett unvorbereitet! Alleine packe ich das nie… ich will noch nicht, ich bin für die Schmerzen nicht bereit… wir wissen doch noch nicht einmal den Namen! Es ist noch so viel zu tun! Mehdi kommt erst in einer Woche an um das Kind zu holen… ich hab es ihm doch versprochen. Er hat sich darauf gefreut, uns zu sehen! Er weiß zwar, dass Babys nicht nach Arbeitszeiten kommen, aber jetzt… nein, jetzt nicht!
Völlig überwältigt von ihren Gedanken und dem Schmerz setzte sie sich auf das Sofa. Ihr Kopf war wie leergefegt. Sie hatte keine Ahnung mehr, was die Leiterin der Schwangerschaftsgymnastikgruppe ihnen geraten hatte, in solchen Situationen zu tun. Aber Gretchen verlangsamte wie automatisch ihre Atmung und atmete tief ein und aus, ein und aus. Wie ein Mantra dachte sie nur an diese beiden kleinen Worte. Ein und aus. Sie beruhigte sich, ihr rasendes Herz wurde ruhiger und der Schmerz ebbte ab. Falls das eine Wehe war, dann eine ziemlich kurze. Und als der Schmerz verklungen war, konnte sie auch wieder denken. Sie schaute auf den Fußboden und auf das Sofa. Ihre Fruchtblase war schon einmal nicht geplatzt. Das beruhigte sie noch mehr. Sie dachte daran, wie Marc wohl durchgedreht wäre: „Doch nicht auf das teure Sofa, das müssen wir ersetzen!“. Und dann wäre er genauso aufgeregt gewesen wie sie gerade war. Richtig nervös und aufgeregt hatte sie ihn eigentlich noch nie erlebt. Sie fragte sich, was dann wohl passierte. Vielleicht begann er dann wie ein Wasserfall zu reden…oder er behielt doch Ruhe und rief einfach den Notarzt oder fuhr sie ins Krankenhaus… obwohl, sie konnte sich auch vorstellen, dass er wegrennen oder in Ohnmacht fallen und sie dann mit dem ganzen Stress alleine lassen würde.
Soll ich ihn anrufen und ihm davon erzählen?! Aber er kommt doch sowieso gleich nach Hause…
Ihr Blick fiel auf den schön gedeckten Tisch und die DVD, die auf dem DVD- Player lag. Sie schnaubte.
Was mache ich hier eigentlich? Vertreibe mir die Zeit mit diesen Aufgaben, obwohl ich Marc damit nicht gerade eine Freude mache… na klar, es macht Spaß, aber es gibt viel wichtigeres in dieser Zeit so kurz vor der Geburt, verdammt nochmal! Ich sollte mich mehr informieren, Namen heraussuchen, die mir gefallen, Windeln wechseln üben, mir nachts den Wecker stellen, um mich an das Aufstehen zu gewöhnen, vielleicht ein Babyphon kaufen… gleich morgen fange ich damit an. Und ich sollte hoffen, dass es dann nicht zu spät ist…

Hoffe es gefällt euch.
Sophie

Sophiee^^ Offline

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Beiträge: 276

21.07.2012 12:23
#149 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Erschöpft legte sie sich auf die Couch. Es verstrich nur wenig Zeit, als sie den Schlüssel im Schloss hörte, die Tür aufging und Marc sein übliches „Bin zu Hause! Was gibt’s zu essen?“ vom Stapel ließ. Sie lächelte leicht, stand auf und ging auf ihn zu, um ihn einen Kuss zu geben. Zufrieden schnaubte er und wollte den Kuss vertiefen, als sie sich löste. Sie zog ihn an der Hand zum Couchtisch und sagte: „Hier ist dein Essen, du Macho“
Marc schnupperte und merkte, dass er nichts Verbranntes roch. Im Gegenteil: es duftete köstlich und er bekam gleich noch mehr Hunger. Also ließ er sich gleich auf das Kissen fallen und schöpfte sich eine ordentliche Portion Nudeln mit Soße auf den Teller, während Gretchen ihm Wein einschenkte. Er schaute kurz misstrauisch, dann zuckte er die Schultern und nahm einen Schluck.
Versteh schon. Bier ist ihm lieber. Mir schmeckt keins von beidem richtig…
Gretchen bemühte sich, ein unbekümmertes Gesicht zu machen, obwohl ihr der Schrecken immer noch tief in den Knochen saß. Was wäre, wenn der Frechdachs in ihr beschloss, dass er früher rauswollte? Vielleicht sollte sie doch schon ins Krankenhaus gehen, wie Dr. Star es ihr einmal vorgeschlagen hatte? Aber das kostete doch viel zu viel, und im Moment brauchten sie das Geld für das ganze Babyzeug. Sie erinnerte sich, als sie noch ein Mädchen war und ihre Mutter eine Freundin eingeladen hatte. Sie sagte, die ersten Wochen nach der Geburt waren die schlimmsten. Und Mann und Frau sollten sich nicht zu oft sehen, da es sehr viel Streitstoff und Gereiztheit gab. Gretchen konnte sich vorstellen, dass Marc ihr Drama nicht lange mitmachen würde. Und dann wäre sie allein mit der Last einer alleinerziehenden Mutter auf den Schultern.
Quatsch, was denk ich denn da? Marc lässt mich nicht im Stich. Er liebt mich doch, und Liebende tun sowas nicht. Er wird für mich da sein, er wird arbeiten, ich werde beim Baby bleiben, wir werden sicher streiten, aber ich muss mich dann einfach bemühen, zu schlichten. Ich weiß doch, wie stur er ist. Und ich, naja, ich bin auch nicht gerade ein Engel in dieser Hinsicht. Alles, was ich sonst noch tun kann, ist, eiserne Nerven bewahren und schlafen, wann immer es geht. Nichts mit Grey’s Anatomie schauen bis tief in die Nacht, kein Kaffee nach drei Uhr… daran muss ich mich gewöhnen.
Marc hatte die ganze Zeit geschwiegen. Auch wenn er offener geworden war, redete er nicht gerade viel. Normalerweise übernahm Gretchen diesen Part. Sie war so ungewöhnlich still heute Abend. Interessiert musterte er sie. Sie schien weit weg zu sein, sie drehte mit ihrer Gabel nur ein paar Nudeln auf, ohne sie zu essen. Sonst hatte sie nach dieser Zeit schon zwei Portionen vertilgt. Höchst seltsam. Er hatte bereits alles aufgegessen. Er hatte eben extremen Hunger. Auch das Weinglas war schon ausgetrunken. Er schöpfte sich noch Nudeln nach, aber den Wein ließ er. Er mochte Wein nicht besonders gerne. Er trank ihn nur, wenn er musste. Und wenn Gretchen ihm schon eingeschenkt hatte, er konnte doch keinen Trichter nehmen und den Wein zurückschütten.
„Hasenzahn, gar keinen Hunger? Sonst isst du doch immer ein halbes Schwein“, scherzte er. Sie schreckte zwar auf, schien ihn aber nicht gehört zu haben. Eine tiefe Denkfalte zierte ihre Stirn.
Ihr Verhalten war schon merkwürdig, dachte Marc. Eigentlich war er immer der, der abschweifte, vor allem, wenn sie über irgendetwas laberte, das ihn keinen Deut interessierte.
Ich könnte Marc fragen, ob Mehdi den Flug umbuchen könnte… aber dann müsste ich ihm von heute erzählen. Was ist, wenn er durchdreht? Ich bin doch selbst durchgedreht, wie schlimm wird es dann bei ihm?
Ach Mensch… wir haben doch ausgemacht, ehrlich zu bleiben…ich muss ehrlich sein. Ich muss es ihm sagen. Jetzt.

„Gretchen, hallo?!“, rief Marc bereits zum dritten Mal und grinste, als sie zusammenzuckte. „In welchem Universum wart du grade? Oder hast du von mir geträumt?“
Sie lächelte leicht. Er hatte das Gefühl, dass es jetzt ernst wurde, deshalb ließ er das Grinsen bleiben.
„Marc… ich muss dir was sagen…“, sagte sie und räusperte sich, da ihre Stimme so piepsig klang. „Ich glaube… ich glaube ich hatte heute eine Wehe…“
Seine Augen weiteten sich.
„Wie… so richtig?“, fragte er dämlich.
„Ja, Marc, so richtig…“, äffte sie ihn nach. Dann lachte sie hysterisch. „Ich vertreib mir hier die Zeit mit blöden Hobbys und denke nicht einmal daran, was wäre, wenn alles anders käme… wenn er früher rauskommen würde… wie ich es schaffen würde, wenn du nicht hier wärst… ich bin allein nicht stark genug für das. Ich schaffe das nicht, Marc, ich schaffe das nicht“
Sie war immer schneller mit den Worten geworden. Marc hatte Mühe ihr zu folgen, er merkte, wie aufgewühlt sie war. Ihre Stimme erstarb, einzelne Tränen rannen ihr über die Wangen. Er wusste, dass ihre Hormone verrückt spielten, aber auch er hatte leichte Panik bekommen. Heute Morgen wusste er noch nicht einmal, ob er wirklich bereit war, und jetzt hatte Gretchen eine Wehe gehabt. Wie sollte er damit umgehen?
Ihm war klar, dass jetzt erst ihr helfen musste. Er hatte noch genug Zeit, sich über seine Gedanken klar zu werden, aber Gretchen brauchte ihn jetzt. Er kroch zu ihr rüber und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte an seiner Schulter.
„Weißt du was? Ich glaube, wenn jemand auf dieser Welt das schafft, dann bist das du“, versuchte er ihr Mut zu machen.
„Aber… aber…“, schluchzte sie weiter. Marc hielt ihr einen Finger an die Lippen.
„Du bist diejenige, die jedes meiner Probleme gelöst hat… auch wenns meistens ziemlich genervt hat, dass du dich eingemischt hast. Du hast Gabi verjagt, du hast mir geholfen, offener zu sein… über meinen Erzeuger zu reden… du bist stark, Gretchen“, fuhr er fort.
Sie vergrub ihr Gesicht immer noch an seiner Schulter. So verweilten sie eine Weile. Irgendwann ebbte ihr Schluchzen ab. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, blieb aber immer noch an Marcs starke Schulter gelehnt.
Das fühlt sich gut an. Marc hat aber Unrecht. Ich bin nicht stark. Ich bin nur stark, wenn es um ihn geht. Wenn er mich stützt, wenn er die Quelle meiner Kraft ist.
Gretchen beruhigte sich wieder und kuschelte sich in seine Arme. Dann flüsterte sie: „Marc… ich hab Angst“
Angst… vor der Zukunft...
Er wusste nicht, was er erwidern sollte. Klar, er hatte auch Angst… aber das wollte und konnte er nicht zugeben.
„Viele Menschen haben Angst…“, antwortete er deshalb. Sie schnaubte.
„Ja, alle außer der legendäre Marc Meier. Der hat keine Angst, der macht Angst“
Marc atmete tief durch. Er hatte das Bedürfnis, zu flüchten. Aber er wusste, dass er es jetzt zugeben musste. Sonst wäre Gretchen wieder der Meinung, dass er ihr nicht vertraute, sie nicht liebte, gelangweilt wäre oder sonstigen Scheiß. Das wollte er nicht.
„Ehrlich gesagt, habe ich ziemlichen Schiss…“, sagte er leise. „Besonders jetzt. Ich dachte immer, du bist die, die nicht durchdreht, wenn das Baby da ist. Aber jetzt… jetzt ist mein einziger Gedanke, wegzurennen. Was ich nicht tun werde… aber trotzdem hab ich das Gefühl, dass ich nicht bereit bin, Vater zu werden…“
Daraufhin umarmte ihn Gretchen. Sie drückte ihn fest an sich. Dann lachte sie leise.
„Zumindest können wir jetzt zusammen ängstlich sein“
Marc löste sich und sah Gretchen eindringlich in die Augen. Dann sprach er: „Nur, dass das klar ist: Nichts, was ich gerade gesagt habe, verlässt je den Raum. Das war nur für dich bestimmt. Ich bin kein schwacher Waschlappen, und das soll auch so bleiben“
Gretchen musste sich das Grinsen verkneifen.
So ein Macho… aber er hat es wieder geschafft! Er hat mir die Angst genommen und mich zum Lachen gebracht, obwohl ich dachte, die Angst würde niemals fortgehen… naja, zumindest bis zu dem Augenblick, wo der Bursche von zu Hause auszieht und sein Leben so richtig beginnt.
Marc blickte sie immer noch eindringlich an, so dass sie sich gezwungen fühlte, folgende Worte auszusprechen: „Ay Ay Sir“ und dabei salutierte. Nun grinste auch er, und sie erinnerte sich an all die Dinge, die sie noch machen musste. Vielleicht, kam ihr in den Sinn, vielleicht konnten sie das gemeinsam machen.
„Wie wärs, wenn wir uns einen Namen überlegen?“, schlug sie vor.
Marc, der bereits wieder an seinen Platz zurückgekehrt war und die schon ein wenig kalten Nudeln weiteraß, verschluckte sich. Er hustete eine Weile.
„Muss… muss das heute sein?“
„Naja, es wäre schon eine gute Idee. Wenn er früher kommt. Ohne Namen darf er nicht nach Deutschland fliegen“
„Okay. Wir machen es so: du suchst dir ein paar Namen aus, und ich schau dann, was mir dazu einfällt. Abgemacht?“
„Abgemacht“, sagte Gretchen lächelnd und schüttelte die Hand, die Marc ihr mit einem unwiderstehlichen Lächeln entgegenhielt.

Habt ihr ein paar Vorschläge für Namen? Ich weiß nämlich nicht, wie ich den Knirps nennen soll...

Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

25.07.2012 13:50
#150 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Hallöchen!

Vielen vielen Dank für die Kommentare und die Namensvorschläge! Ich werde die meisten für Gretchens "Namensliste" benutzen

@Greta: ich bin auch Italienerin


Nach dem Essen wollte Gretchen gleich das Namensbüchlein holen, dass sie sich vor ein paar Tagen gekauft hatte. Eigentlich wusste sie schon immer, wie sie ihre Kinder nennen würde, schon, als sie noch ein pummeliger, pferdeliebender, mit Hornbrille und Zahnspange gesegneter Teenager war. Den Jungen wollte sie David nennen und das Mädchen Sofia. Aber jetzt dachte sie sich: was wäre, wenn dem Kleinen der Name nicht gefallen würde? Wenn er sie ewig dafür hassen würde, so wie Marc seine Mutter wegen des Zweitnamens hasste? Es gab so viele verschiedene Namen. Zugegeben, nicht alle machten besonders viel her (sie dachte da an Wilbert, Friedhelm oder Hugo- bei letzterem würde der Kleine ja nicht wissen, ob jemand ihn rufen würde oder nur einen Drink bestellen wollte…), aber mindestens genauso viele schöne wie schreckliche Namen gab es auf dieser Welt. Deshalb wollte sie das Buch einmal (oder mehrere Male) durchblättern und die Namen, die ihr gefielen, notieren. Vielleicht bekam sie bei einem bestimmten Namen ein schönes Gefühl im Bauch und wusste dann, dass das der richtige war. Wer weiß? Immerhin hatte das Universum sie und Marc zusammengeführt (für sie beide zwar das Beste, das ihnen je passieren konnte, aber für ihre Mitmenschen… naja, eine ziemliche Schnapsidee), da konnte es ihr wohl auch ein Zeichen bei dem richtigen Namen geben.
Bevor Gretchen jedoch weiter in diesen Gedanken schwelgen konnte, hielt Marc sie an der Hüfte fest und stellte sich dicht hinter sie. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Was hast du denn vor?“
Sie genoss zwar seine Nähe, aber aufgrund des extremen Stressgefühls, das sie verspürte, wenn sie an die Geburt dachte, reagierte sie ziemlich Gretchen-untypisch und sagte ganz normal: „Marc, lass mich los, ich muss Namen aussuchen“
Er dachte jedoch nicht daran, sie loszulassen, und sie konnte sich aus eigener Kraft nicht befreien. Er hatte seine Arme fest um ihren Bauch geschlungen, also stand sie mit genervtem Gesichtsausdruck untätig da und tippte mit dem Fuß immer wieder auf den Boden. Sie wartete. Dass er müde wurde, dass es ihm auf die Nerven ging. Aber er vergrub nur das Gesicht in ihren so herrlich duftenden Haaren und blendete die Welt aus. Den Stress wegen der Arbeit, die unterdrückte Wut, die er verspürte, wenn er an seine Mutter dachte, die Angst, kein guter Vater zu sein… all das vergaß er an diesem schönen Ort, wo er sich geborgen fühlte.
Nach einiger Zeit, in der sie so verharrten, wurde sie zunehmend ungeduldiger und knurrte: „Maaaaaarc, lass mich los, wenn ich das Buch habe, kannst du mich ja wieder umarmen… oder was du sonst noch vorhast“
„Ich denk gar nicht dran“, murmelte er.
Also sah sie sich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen. Sie trat ihm auf den Fuß, woraufhin er erschrocken aufschrie und sie reflexartig losließ. Bevor er sie wieder zu Fassen bekam, war sie schon davongestürmt. Er folgte ihr schlurfend ins Schlafzimmer und sah, wie sie eine Tasche mit lauter Babykram durchwühlte. Strampler hatte sie bereits gekauft, obwohl er gesagt hatte, sie solle warten, weil sie ja noch gar nicht wussten, wie groß das Baby sein würde. Ein Schnuller kullerte auf den Boden, und er sah noch weitere Gegenstände, vor denen er früher kopflos geflüchtet war: Fläschchen, Söckchen, Kuscheltiere, Lätzchen, ein Schal, sogar Windeln hatte sie schon gekauft. Er dachte daran, was Gretchen ihm einmal gesagt hatte, als sie im siebten Monat war und er ein Gespräch mit ihrer Mutter mitbekommen hatte, wo die beiden über den richtigen Kindergartenplatz diskutierten. Auf sein ungläubigen Gesichtsausdruck hin sprach sie: „Besser zu früh als zu spät“. So erklärte er sich auch jetzt dieses Rambazamba in seinem Schlafzimmer.
Er bückte sich, um den Schnuller aufzuheben. Er betrachtete ihn. Ein ganz normaler Schnuller, hellblau. Er hatte etwas Extravagantes erwartet, immerhin war es Gretchen.
Sanft legte er die Hand auf ihre Schulter. Sie wühlte immer noch in der Tasche.
„Fang heute nicht mehr damit an. Ich weiß zwar, dass du in letzter Zeit nach dem Motto „was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ lebst, aber jetzt würde ich gerne mit dir gemütlich auf dem Sofa liegen und einfach nichts tun“, versuchte er sie, davon abzubringen, ihn zu so später Stunde noch verrückt zu machen.
„Aber… der Name soll perfekt sein“, erwiderte sie, ohne ihn anzuschauen.
„Gretchen, schau mich mal bitte an“, forderte er sie auf. Sie drehte sich genervt um und schaute ihm in die Augen. Sie glänzten nicht, aber sie strahlten Ruhe und Ehrlichkeit aus. „Der Name muss nicht perfekt sein. Egal, wie schön er ist, irgendeinem auf der Welt wird er nicht gefallen. Den perfekten Namen gibt es eben nicht. Also, stress dich nicht. Du brauchst Ruhe. Gleich morgen fährst du mit mir zum Krankenhaus und du erzählst Dr. Star, was passiert ist. Er ist ja vom Fach, ne? Ich hab die Gyn- Kurse immer geschwänzt und hab deswegen keine Ahnung… aber jetzt legst du dich mit mir auf das Sofa und wir ruhen uns aus“
Zerknirscht stand sie auf und gab ihm ihre Hand.
„Okay“
Zusammen legten sie sich aufs Sofa, wie Marc gesagt hatte. Als sie in einer einigermaßen bequemen Lage waren, schloss er genießerisch die Augen und schien wegzudämmern. Gretchen wollte sich zwar auch ausruhen, aber ihre Gedanken rasten immer noch um das Wie?, das Wo? und das Wann?. Sie hatte einfach Angst bekommen. Es war zwar durchaus besser, mit Marcs warmen Körper neben ihrem und mit seinen Worten im Herzen, aber doch schaltete sich ihr Kopf einfach nicht aus. Sie musste etwas dagegen unternehmen. Und dann fiel ihr siedend heiß wieder ein, warum sie sich heute so eine Mühe gemacht hatte, das Essen, das Bier… diese Aufgabe wollte sie aber noch lösen. Für einige Zeit würde es ihre letzte sein, und diese sollte nicht scheitern.
Marc befand sich währenddessen im schönen Land zwischen Schlaf und Wachen. Er sah schon die Anzeichen seines Traumes vor sich… eine trockene Steppe, ein paar Grasbüschel, Aasgeier flogen am strahlend blauen Himmel und warfen Schatten auf die Erde… die Sonne brannte erbarmungslos herab… es war heiß, schwül, einfach nicht zum Aushalten, und doch genoss Marc dieses Gefühl, einen friedlichen Traum in einem fremden Land zu haben. Bevor er jedoch weiter im Schlaf versinken konnte, wurde er unsanft von Gretchen wachgerüttelt.
„Marc?“, flüsterte sie. „Schläfst du schon?“
„Wieso flüsterst du? Wir sind alleine hier“, sagte er genervt. Er öffnete die Augen. Sein Traum war zwar sehr ungewöhnlich für seinen Geschmack, aber zumindest im Schlaf war es schön seine Ruhe zu haben.
„Ich kann nicht schlafen“, flüsterte sie weiter.
„Boah hör auf zu flüstern“, brummte Marc.
„Okay“, rief sie laut. „Wusste gar nicht, dass du schlecht hörst“
„Sorry aber ich bin hundemüde“, meinte er etwas versöhnlicher.
„Kannst du… kannst du einfach mit mir einen Film schauen?“, wurde sie wieder leise und schaute mit großen, bittenden Augen zu ihm hinauf.
Seufzend setzte er sich ein bisschen auf.
„Gut“, stimmte er zu. „An welchen Film hättest du gedacht?“
In Gretchen waren die Lebensgeister wieder geweckt und sie sprang aufgeregt auf. Als sie die DVD bereits in der Hand hielt, blieb sie ertappt stehen und drehte sich zu Marc um. Er konnte immer noch kneifen. Wenn er es versprach, könnte er nicht mehr flüchten.
„Versprichst du mir, dass du ihn mit mir anschaust?“
Misstrauisch runzelte er die Stirn. Aber gegen diese großen Augen hatte er keine Chance.
„Na gut… versprochen“
Da er über einen hohen Intelligenzquotient verfügte, konnte er sich schon denken, welchen Film sie anschauen wollte. Alice im Wunderland. Oder sonst einen Mädchenfilm. Ein Teil von ihm hoffte allerdings immer noch, dass Gretchen ihm eine Freude machen würde. Zum Beispiel mit einem Actionfilm. Stirb langsam vielleicht, oder Spiderman. Er seufzte. So würde es wohl nicht kommen. Aber er wollte ihr den Gefallen tun, solange sie zu so später Stunde nicht mehr austickte.
Die DVD war schon in den Player geschoben und sie spulte ungeduldig vor. Die Werbung interessierte ja niemand. Irgendwann lief der Film, Gretchen kuschelte sich wieder an Marc und tauchte in die Welt ein. Er hatte mit Wohlwollen die Bierdosen entdeckt und leerte eine nach der anderen. Trotz der Kommentare, die er sich nicht verkneifen konnte und trotz der Tatsache, dass er nach der Hälfte des Films eingeschlafen war und anscheinend unruhig träumte, war sie zufrieden. Er hatte ihr den Gefallen getan. Zwar war es nicht ganz so abgelaufen wie sie es sich erhofft hatte, aber trotzdem hatte sie es geschafft, die Panikattacke zu überwinden. Marc hatte Recht; sie durfte nicht durchdrehen. Auch sie hatte erwartet, dass sie alles überstehen würde, während Marc das alles nicht aushalten würde. Sie hatte sich geschworen, ihm dann zur Seite zu stehen. SIE musste die starke Schulter sein, vor allem da sie jetzt wusste, was Marc alles durchgemacht hatte und was er für Ängste hatte. Aber sie war fest davon überzeugt, dass er ein großartiger Vater werden würde. Er sah einfach so aus, als könnte er gut mit Kindern. Vielleicht hatten Kinder ihn in der Vergangenheit gegruselt, aber sie hatten ihn sicher gemocht. Lilly auf jeden Fall. Und ihr Sohn würde ihn vergöttern. Sie musste nur hoffen, dass ihr Sohn auch auf sie hören würde, konnte sie sich doch schon denken, was Marc ihm für Flausen in den Kopf setzen wird.

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