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Dieses Thema hat 151 Antworten
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Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

26.01.2012 17:28
#101 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Ein schellendes Geräusch zerriss die schöne Stille, die sich in Marcs Büro breitgemacht hatte und ihn nicht im Geringsten gestört hatte. Sein Handy klingelte! Widerwillig drängte er seine Träumereien und Grübeleien wieder in die Schublade zurück, aus der sie gekommen waren, und nahm ab.
„Meier“, rief er im gewohnten Ton, obwohl er schon lange gesehen hatte, dass Gretchen anrief.
Sie vermisst mich also auch!!
Hab ich grade „auch“ gedacht? Ich… vermisse sie doch nicht! Vielleicht… nur ein klitzkleines bisschen…

„Komm sofort nach Hause, Marc!“, giftete sie und legte auch gleich wieder auf. Irritiert schaute er sein Handy an, aus dem es nur noch tutete, und legte es weg.
Was war das denn jetzt? Eigentlich sollte sie die prächtigste Laune haben, die es gibt! Soll ich jetzt nach Hause gehen, um ihrer miesen Laune ausgesetzt zu sein?! Sicher nicht, so redet man nicht mit Marc Meier!
Andererseits… so wie sie geklungen hat… das hatte was… Teuflisches an sich. Sollte wohl doch nach Hause! Aber ich kann doch nicht einfach so weg… okay, dieses Mal machen wir eine Ausnahme. Immerhin frisst mir der Professor aus der Hand bis ich mich entschieden habe. Ab nach Hause. Will das Drama nicht noch verstärken. Hab ich sie wirklich vermisst?

So schnell wie möglich machte er sich fertig und fuhr nach Hause. Ihm gingen die schlimmsten Sachen durch den Kopf, die man sich vorstellen konnte. Die eine aus der Bar, die ihn mit ihren Augen gestalkt hatte (und dabei nicht bemerkt hatte, dass er absolut null Interesse hatte), lag jetzt in seinem Bett und wollte ihn überraschen und hatte stattdessen Gretchen überrascht; oh Gott, vielleicht hatte Dr. Thompson nach den gemeinen Abfuhren geplaudert!- aber würde sie das tun?! Ihn ergriff die Panik. Was war, wenn Gretchen sauer war, weil er ihr das nie erzählt hatte und er stattdessen mit ihrer besten Freundin darüber redete?!
Ach was Meier, beruhig dich, wahrscheinlich ist nur die Nutella alle und sie denkt, das wäre der Weltuntergang!
Einigermaßen ruhig setzte er die Fahrt fort, bis er dann vor seiner Wohnungstür stand und aufsperrte. Bevor er jedoch den Schlüssel aus dem Loch ziehen konnte, hatte Gretchen ihn schon gepackt und in die Wohnung gezerrt.
„Hast du sie noch alle?!“, schrie er daraufhin, richtete sich noch einmal die Jacke, die etwas verrutscht war, und schloss die Tür. „Was ist denn los, verdammt nochmal?“
„Was los ist?! Das fragst DU mich?!“, schrie sie ebenfalls, und das mit einer Kraft, er wunderte sich, wo sie die hernahm.
„Ja, das frag ich dich!“, sagte Marc etwas ruhiger, aber immer noch laut genug.
„Das solltest du doch am besten wissen! Ich dachte, du hättest damit aufgehört, mich aus deinem Leben auszuschließen, aber da hab ich mich wohl geirrt!“
Tja, sie hält die Lautstärke. Aber sie sollte wirklich auch auf den Kleinen achten…
„Hasenzahn, beruhig dich erst einmal, mach am besten die Übungen aus der Schwangerschaftsgymnastik!“
Oh, das hätte ich lieber nicht gesagt. Da war meine Zunge schneller als mein Gehirn…
„NENN MICH NICHT HASENZAHN!!!“
Autsch… mein Trommelfell!
Sie atmete aber tatsächlich tief durch, und als sie etwas ruhiger aussah, wagte Marc noch einmal, das Wort zu erheben.
„Jetzt sag schon, was hast du?“
„Eigentlich solltest du das am besten wissen“, murmelte sie, bevor sie zur Schlafzimmertür ging. Ihre Augen funkelten immer noch von der Wut. „Erklär mir das bitte mal!“, sagte sie und stieß die Tür auf.
Er schaute hinein. Alles, was er sagen konnte, war „oh“. Im Schlafzimmer lag seine Mutter. Bewusstlos.
Da… sollte sie eigentlich nicht sein.



Ja, jetzt ist er sprachlos. Wie kann er mir nur verschweigen, dass seine Mutter zu Besuch kommt?! Hallo?!
Aber… WIESO genau ist er sprachlos?! Wusste er etwa nicht, dass sie kommt? Egal, sauer bin ich trotzdem!

„Ich warte, Marc?!“, sagte sie halb erwartungsvoll und halb ironisch.
„Ja… also ähm…“, stammelte er, nach einer Erklärung suchend, die es eigentlich nicht gab.
„Jetzt krieg doch mal die Zähne auseinander! Wieso ist deine Mutter hier?“, verstärkte sich ihre Stimme wieder.
„Du solltest dich erst einmal beruhigen, okay?! Das hysterische Gekreische geht mir echt auf die Eier!“, stöhnte er augenrollend.
Ich… soll mich BERUHIGEN??!
„Ich soll mich nicht beruhigen, du sollst endlich reden, verdammt!“
„Was soll ich dir da groß sagen?! Sie ist eben hier“, meinte er genervt und ging zu seiner Mutter rüber, um den Puls zu fühlen.
Ich hasse es, wenn wir aneinander vorbeireden! So Margarethe, konkrete und eindringliche Fragen, dann kann er gar nicht ausweichen!
„Wie lange weißt du schon, dass sie uns… besuchen kommt?“, fragte sie und versuchte, ihre Wut einfach zu unterdrücken.
„Das ist doch vollkommen egal!“, wich er aus.
„Marc Olivier, WIE LANGE?!“, schrie sie. Okay, die Wut ging wohl wirklich nicht zu unterdrücken.
„Seit vier Monaten…“, antworte er zögerlich.
„WAS?!“
„Ja, aber Gretchen, reg dich bitte nicht auf, ich hab es einfach vergessen, okay?! Sie hat mich nicht einmal angerufen, woher soll ich wissen, dass sie auf einmal doch kommt…“
„Ach ja?! Sie hat dich nicht angerufen?“, sie hielt die Lautstärke immer noch bei, aber es hatten sich auch ein paar Tränen in ihre Augen geschlichen. „Und was ist das?!“
Sie lief zum Anrufbeantworter und ließ die letzten Nachrichten losgehen, alle vom vorherigen Tag, an dem sie gegrübelt hatte und das Klingeln einfach ausgeblendet hatte.

„Marc Olivier, denk daran, morgen warte ich am Flughafen! Hast du die Manuskripte durchgelesen?“
„Wieso geht hier nie jemand ran? Ich würde gerne auch einmal mit dir sprechen, anstatt mit dieser Maschine… immerhin müssen wir unseren Urlaub planen!“
„Olivier, ruf zurück!!!“


Kurz schwieg Marc, während Gretchen ihn erwartungsvoll musterte. Schließlich äußerte er sich doch: „Woher hat sie diese Nummer?“
Das ist das einzige, das ihn interessiert?
„Das ist jetzt nicht dein Ernst? Deine Mutter liegt bewusstlos im Schlafzimmer und du fragst dich, woher sie die Nummer deiner Wohnung hat?“
„Wieso ist sie eigentlich bewusstlos?“
Ja, jetzt sind wir beim „spaßigen“ Teil angelangt… wie kann er nur???

http://www.youtube.com/watch?v=kHg-PhseKOQ&ob=av2e (Coldplay- Trouble)

„Ich hab die Tür aufgemacht, dann hat sie mich und meinen Bauch angestarrt wie eine Erscheinung und dann ist sie umgefallen… ich frag mich nur, warum sie mich so angestarrt hat! Weiß sie das von uns?“, fragte Gretchen leise und plötzlich war die ganze Wut verflogen um einer Traurigkeit zu weichen.
„Ähm…“
Sein Stammeln ist wohl Antwort genug…
„Schon klar, Marc. Geh zu deiner Mutter, ich glaube sie wacht gleich auf“, sagte sie kraftlos und verkrümelte sich in die Küche.
„Ach komm schon, du wirst jetzt doch nicht schmollen?“, rief er ihr noch nach, bevor er tief seufzte und sich ans Bett setzte.
Marc… wie kannst du nur?! Ich dachte, ich bin etwas Besonderes für dich… du hast gesagt, du liebst mich… und trotzdem erzählst du deiner eigenen Mutter nicht, dass wir zusammen sind, zusammen leben und zusammen ein Kind bekommen. ZUSAMMEN!! Weißt du immer noch nicht, was das bedeutet? Machst du immer noch Alleingänge? Aber wie soll das klappen, wir sind doch ein Team, du, das Baby und ich. Marc, sag, dass es nicht wahr ist, bitte!...
…aber es ist wahr, Gretchen, schließ die Augen nicht immer vor der Wahrheit…

Langsam stand sie auf und näherte sich dem Schlafzimmer, aus dem jetzt leise Worte drangen.
Ich sollte nicht lauschen, das ist unter aller Sau… aber Marc hat sich auch nicht besser verhalten.
Sie linste durch den Spalt und beobachtete die beiden. Elke war wieder bei Bewusstsein und gerührt beobachtete Gretchen, wie Marc ihre Hand tätschelte und sagte: „Mutter, deine Auftritte waren auch schon einmal besser!“, aber nicht ironisch, sondern ganz normal und Elke lächelte sogar ein wenig.
„Hallo, mein Sohn!“, begrüßte sie ihn, und bevor sie das Thema Manuskript anschnitt, das bei ihr eigentlich auf der Dringlichkeitsskala auf Nummer eins stand, fragte sie: „Warum ist diese… Person in deiner Wohnung?“
Ich geb ihm jetzt noch eine Chance, er kann alles wiedergutmachen… wenn er ihr jetzt alles sagt!
„Ich… ähm… also sie ist…“, stotterte er.
Ja?! Wieso zögert er denn noch?
„Ich hab sie nur ein paar Tage aufgenommen, sie hat sich mit ihrer Mitbewohnerin gestritten“

Ich weiß, ich könnte mich selbst auch hauen
Gibts trotzdem Kommis?
Kommentare zur Story von Sophiee^^ (18)

Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

30.01.2012 17:06
#102 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Was??! Marc??
Ihr Herz hatte gerade ein großen Knacks bekommen, sie schluchzte laut auf, woraufhin Marcs Kopf sich in ihre Richtung drehte und er sie geschockt anstarrte. Sie hatte jedoch eine Entscheidung getroffen. So sollte er nicht mit ihr umgehen, und um ihm das zu zeigen, würde sie jetzt zu Mary gehen… und dort auch bleiben.
„Und sie ist schwanger…?“, fragte seine Mutter, aber er sagte nur: „Ja, sieht so aus, ne?!“ und ging raus zu Gretchen und versuchte zu retten, was noch zu retten war. Elke zuckte nur mit den Schultern, sie war zu erschöpft, um ihm zu folgen. Kurz darauf fiel sie in einen Schlaf, somit bekam sie den Streit zwischen dem Paar nicht mit.

Mary reichte Gretchen ein Taschentuch, in das sie kräftig schnäuzte. Sie hatte Mary die ganze Geschichte erzählt, aber sie fühlte sich keinen Deut besser. Ja, so war es. Wenn Gretchen etwas in den letzten Monaten gelernt hatte, dann dass der schönste Tag im Leben schnell zum schlimmsten werden kann.
„Aber Gretchen… überleg doch mal. Er hat doch gesagt, dass er es vergessen hat, dir zu erzählen. Vielleicht sagt er die Wahrheit?!“, versuchte Mary ihr schonend ihre Meinung nahezubringen.
„Wieso nimmst du ihn eigentlich immer in Schutz?“, schniefte sie sauer. Mary wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
„Aber… ich nehm ihn doch nicht in Schutz! Es ist scheiße, was er gesagt hat, aber…“
„Nein, kein Aber, Mary! Und es war nicht nur scheiße, es war… gemein, widerlich, verletzend,… er ist so ein Feigling, verdammt!“
„In welchem Verhältnis steht er denn zu seiner Mutter? Weil wenn sie kein besonders gutes haben, dann kann ich verstehen, dass er ihr nicht erzählt hat“
„Mary… alles, was ich jetzt von dir will, ist, dass du für mich da bist. Hör bitte auf, den Feigling in Schutz zu nehmen“, sagte Gretchen leise. Sie hatte keine Kraft mehr, sauer zu sein. Sie war einfach unglaublich enttäuscht von ihm und traurig, dass er es immer noch nicht auf die Reihe kriegte, sich gegen seine Mutter zu behaupten. Und das war ja wohl der Grund, warum er ihr nichts von ihrer Beziehung und von seiner Vaterschaft erzählt hatte. Er hatte Angst vor ihrer Reaktion, und auch wenn er immer so tat, als wäre seine Mutter die nervigste Person der Welt, so wusste Gretchen jedoch, dass er sie trotzdem liebte. Jeder liebte seine Mutter. Aber Marc hatte Gretchen mit seinem Verhalten sehr tief verletzt.
Warum kann er nicht einmal, nur einmal, über seinen Schatten springen?
Sie weinte und schluchzte an Marys Schulter, die ihr beruhigend über den Arm strich. Sie war so froh, dass sie Mary hatte. Sonst hatte sie nämlich keine Freunde hier; außer Maria und Katherine, aber die beiden waren ganz schön weit weg.
Wie konnte er nur? Mein Herz…er hat gesagt, er liebt mich. Und das tut er doch auch. Ich hasse seine scheiß Angst!!
„Er hat gesagt, dass er mich liebt“, flüsterte Gretchen. Mary drückte sie noch ein bisschen fester.
„Kannst du bitte zu Marc fahren und ein paar Klamotten von mir holen? Ich kann ihn jetzt nicht in die Augen schauen“, fuhr sie flüsternd fort.
„Natürlich“, flüsterte auch Mary. Kurz darauf war Gretchen völlig erschöpft eingeschlafen. Vorsichtig stand Mary auf, legte Gretchens Füße auf das Sofa und deckte sie liebevoll mit ihrer Kuscheldecke (das einzige, das sie mitgebracht hatte, als sie völlig durchnässt und zitternd bei Mary angekommen war) zu. Dann zog sie sich Schuhe an und verließ die Wohnung leise.



Ich bin so ein dummer Idiot! Warum habe ich mich wieder nicht getraut, Mutter zu sagen, dass wir zusammen sind?! Ich bin feige. Aber was hätte ich denn tun sollen? Wenn ich ihr die Wahrheit gesagt hätte, dann wäre sie wahrscheinlich an einem Herzinfarkt gestorben. So theatralisch wie sie immer tut, kann es doch nur so gehen. Und wenn sie dann Gretchen beleidigt hätte; sie wäre sicher total aufgelöst gewesen. Aber sie kennt doch meine Mutter. Ich lass sie nur an meinem Leben teilhaben, wenn es unbedingt sein muss.
Das bringt mich jetzt auch nicht weiter. Ich bin ein Feigling. Gretchen wird mir erst wieder verzeihen, wenn ich meiner Mutter alles sage.
Was soll ich denn jetzt tun?

Marc tigerte unruhig in seiner Wohnung herum. Seine Mutter schlief Gott sei Dank, sonst hätte er sie wahrscheinlich umgebracht. Ein Wunder, dass sie noch nicht mit dem Manuskript genervt hatte!
Oh… das Manuskript. Habe ich noch gar nicht gelesen… tja, Mutter, ich hatte eben ein eigenes Leben!
Moment… hatte?! Das ist aber schon übertrieben. Es wird doch genau so laufen, wie immer, wenn Gretchen für ein bis zwei Tage bei Dr. Thompson Unterschlupf sucht. Unser Ärger wird irgendwann verpuffen und wir werden uns vermissen, dann geht das mit der Versöhnung automatisch.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es dieses Mal nicht so laufen wird. Ich hab richtig Scheiße gebaut. Gretchen hasst Heimlichtuereien. Am besten bring ich das bald in Ordnung…aber zuerst muss ich Mutter zufriedenstellen und dieses scheiß Manuskript lesen! Vielleicht schaffe ich es ja noch… aber ein Problem gibt es noch:
Wo ist das verdammte Manuskript?!

Er begann, die ganze Wohnung auf den Kopf zu stellen. Das einzige, an das er sich erinnern konnte, war, dass er es im Krankenhaus ausgedruckt hatte und dann zu Hause gelesen hatte. Nur war er dummerweise drüber eingeschlafen und erst aufgewacht, als Gretchen ihn wachgeküsst hatte. Und dann hatte er das Manuskript total vergessen- für vier kurze, schöne Monate hatte er einfach nicht an die Probleme seiner Mutter gedacht. Kurz dachte er zurück, wobei sich ein Lächeln auf sein Gesicht schlich, bevor er sich wieder seiner Suche widmete. Er stellte das ganze Wohnzimmer auf den Kopf, bis er es nach einer langen Suche unter dem Sofa fand, staubig und ganz verknittert, aber solange es lesbar war, war ihm das egal.
Okay… ich werde das jetzt lesen. Und das, ohne wieder einzuschlafen. Ganz konzentriert, dann gebe ich Mutter Tipps, und dann kann sie ja wieder gehen.
Gequält seufzte er noch einmal auf, dann setzte er sich auf die Couch und versuchte, nicht mehr an Gretchen zu denken und konzentriert zu lesen.

Dr. Rogelt fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er hatte Monique das Leben genommen, das Leben, das er selbst so gerne gelebt hätte. Und nun war sie dasselbe Monster wie er es war. Genau das nahm sie ihm jetzt übel. Die einzigen Gefühle, die sie ihm gegenüber empfand, waren Wut und Hass. Aber irgendwie musste er sagen, dass es ihn auch reizte, mal so richtig mit ihr streiten zu können. Trotzdem überwogen die Schuldgefühle.
Ähm… das hat Mutter geschrieben?! Aber das klingt überhaupt nicht pathetisch… eher als hätte es irgendeine unerfahrene, Twilight-süchtige Jugendliche geschrieben. Ich muss sie fragen… das kann unmöglich sie geschrieben haben!
„Wir müssen weiterziehen… die Menschen hier werden so langsam misstrauisch“, erwähnte Renée mal eben so zwischen zwei Mahlzeiten.
„Ja, kein Wunder, so viele Menschen wie du killst… da würde ich auch misstrauisch werden“, erwiderte sie trocken wie immer.
„Du bist aber auch nicht ganz unschuldig. Immerhin hab ich nicht versucht, einen Werwolf anzugreifen“, begann er die Diskussion.

Werwölfe?! Mutter, bist du wirklich so tief gesunken?!
„Hallo?! Der hat mich total blöd angegafft mit seinem riesen Wolfsaugen. Er hat mich provoziert“, verteidigte sie sich, während sie ihre Nägel lackierte. Als Vampir war sie noch wunderschöner als sie eh schon war. Ihre Haare fielen immer perfekt und sie sah sogar super aus wenn sie einem Menschen die Kehle aufbiss, bis der Kopf abfiel.
Igitt… also, ich halte ja viel aus, aber… dass Mutter mal so eine Scheiße schreiben würde, das hätte ich nie gedacht.
„Klar, weil die Welt sich ja nur um dich dreht“, verdrehte er die Augen.
„Nein, falsch! Für mich dreht sie sich nämlich gar nicht mehr; falls es dir nicht aufgefallen sein sollte: ich bin tot!“, meinte sie spitz, bevor sie ihn mit ihrem Blick durchbohrte. Nachdem er mal kurz die Sprache nicht fand, weil ihre blauen Augen so verwirrend für ihn waren, versuchte er cool zu sein: „Überraschung! Ich auch“
„Und wer hat mir das angetan?“, fragte sie gespielt ahnungslos und tippte sich mit ihren frisch lackierten Fingernägeln ans Kinn. Renée mahlte mit den Zähnen. Er hasste es, wenn sie ihm das immer vorwarf. Er konnte damals einfach nicht anders. Ihr Hals war so wunderschön, so elfenbeinfarben und noch glitzernd vom Wasser, aus dem er sie gezogen hatte… und da dachte er sich: „hinterlasse ich mal mein Zeichen und mach sie zu meiner Frau, sodass sie auf ewig an mich gebunden ist!“

Alter… ein Knutschfleck hätte es auch getan!

Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

03.02.2012 08:53
#103 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Sorry, ich bin wieder mal ganz schön unzuverlässig...
Aber ab jetzt kommt wieder der 3-Tages- Rhythmus, hoffe ich halt


„Wir werden das schon gemeinsam schaffen!“, sagte er, wobei er das Wort „gemeinsam“ besonders betonte.
„WIR WERDEN DAS SCHON SCHAFFEN??“, schrie sie und warf blitzschnell eine Vase nach ihm, der er aber geschickt ausstellte- das hatte sie mittlerweile schon ziemlich oft getan, ihr Temperament war einfach nicht zu bremsen- bevor sie fortfuhr: „Jedes Mal, wenn ich aus meinem Blutrausch raus bin, würde ich am liebsten kotzen. Wir ernähren uns von Blut. Menschenblut, obwohl wir als Ärzte eigentlich verpflichtet sind, Leben zu wahren und nicht zu beenden“
„Wir sind schon lange keine Ärzte mehr“, flüsterte er, in dem Wissen, dass sie es ganz genau verstanden hatte, und er versteckte dabei seine Gefühle so gut es ging. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, Menschen zu töten“

Ähm… kein Kommentar!!
Monique verfiel in ein humorloses Lachen. „Ach ja?! Es ist jetzt auf einmal unsere Aufgabe, zu töten?“
„Schon mal was vom Gleichgewicht der Natur gehört? Wenn wir uns nicht so verhalten wie alle Vampire, bringen wir das Gleichgewicht durcheinander, capisce?“, versuchte er ihr nahezubringen.
„Boah, ich weiß echt nicht, warum ich einmal in dich verliebt war“, stieß sie zwischen ihren vor Wut gefletschten Zähnen hervor.
„War?! Was sollte das bedeuten, war?! Ist sie etwa nicht mehr in mich verliebt?!“, schossen ihm die Gedanken durch den Kopf, aber er erwiderte belustigt: „Willst du dich jetzt wieder prügeln, oder was?“

Was hat das denn bitte damit zu tun?!
Es war nämlich so, dass immer, wenn es ein Problem zwischen ihnen gab, es auf „Vampir- Art“ gelöst wurde. Das hieß, wer stärker war, hatte Recht. Und Dr. Rogelt hatte einen krassen Vorteil, da er älter und somit stärker war. Außerdem war er noch ein Mann, nicht zu vergessen. Das alles waren Faktoren, die ihn schon vor dem Kampf zum Gewinner ernannten.
„Ja!“, antwortete sie entschlossen, fuhr sich kurz durch die Haare und verließ die Wohnung, die mitten in einem Wald stand.
„Gut, wenn frau will, dann will sie eben“, dachte Dr. Rogelt und folgte ihr mit einem Grinsen raus zur Tür. Endlich konnte er seine Schuldgefühle kurz vergessen, da das Gefühl, Monique nahe zu sein, alles überschattete.

Genug! Das ist kacke! Wie soll ich Mutter da nur raushelfen?!

Marc schlug das Heftchen zu. Er hatte genug gelesen, um zu wissen, dass es dieses Mal noch viel schlimmer als sonst war. Am besten wäre es natürlich für alle, wenn seine Mutter aufhörte zu schreiben und auf eine ferne Insel auswanderte- ohne Internet- oder Telefonverbindung natürlich. Aber dazu würde er sie wohl kaum überreden können, denn Dr. Rogelt war eben ihr Leben- unglücklicherweise.
Er seufzte tief auf. Schon wieder hatte er sich vorgestellt, wie er das „Leben“ des Dr. Rogelt lebte. So wie Monique sich aufgeführt hatte, ähnelte es immerhin auch dem Verhalten von Gretchen zurzeit.
Ich muss das wieder in Ordnung bringen. Mutter ist eh nicht zu helfen.
Er nahm sein Handy in die Hand und drehte es gedankenverloren zwischen seinen Fingern.
Und was ist, wenn sie mich nicht ausreden lässt? Wenn sie mich anschreit? Und mich provoziert, bis ich dann wieder was Blödes sage, dass alles schlimmer macht? Oder wenn sie mich einfach wegdrückt? Ich würde es ihr nicht verdenken…
Verdammt! Wieso muss es immer so verfahren sein?!

Marc atmete noch einmal tief ein und fasste sich ein Herz. Er wählte die Nummer, die er schon auswendig konnte und drückte auf den grünen Knopf. Gespannt und vielleicht auch ein wenig nervös wartete er.
Ähm… was soll ich denn sagen, wenn sie abnimmt? „Hey, sorry wegen vorhin, meine Mutter nervt eben“… nein, damit kann ich sie nicht beeindrucken. Mist. Aber reden müssen wir trotzdem. Sonst fällt mir auch immer spontan etwas ein, also bitte…
Mit jedem Tuten in der Leitung wurde er ein Stück unruhiger. Wenn sie gar nicht abnehmen sollte, dann bedeutete das, dass sie entweder sauer oder traurig war. Beides Zustände, die er nie wollte.
Bitte nimm ab! Nimm ab!!
Plötzlich hörte er ihre Stimme, sie klang sogar fröhlich, sehr zu seiner Überraschung: „Hallo…“
„Gretchen, Gott sei Dank, es tut mir so leid…“, sprudelte es aus ihm hervor.
„…das ist die Mailbox von Gretchen Haase, Nachrichten nach dem Piep“
Gequält seufzte er auf, aber dann hörte er den Piep und beschloss dann doch etwas zu sagen: „Gretchen… wir müssen reden, bitte. Komm nach Hause…ich…vermisse dich“
„Marc Olivier?“, hörte er die raue Stimme seiner Mutter aus dem Schlafzimmer.
Nein… nicht sie auch noch!



http://www.youtube.com/watch?v=1P3gH1iTJKI (Leona Lewis- Bleeding Love)

„Marc…“, murmelte Gretchen unglücklich, immer noch im Halbschlaf. Sie träumte schlecht und schlief fast gar nicht. Sie war zwar noch nicht lange wieder bei Mary zu Hause, aber obwohl sie ein paar Monate hier gewohnt hatte, fühlte sie sich immer noch nicht wie zu Hause. In Marcs Wohnung hatte sie sich schon gleich am ersten Tag wohl gefühlt, sie hatte sogar schon Gestaltungsideen im Kopf gehabt, die sie in den kommenden Monaten bei Marc durchboxen wollte. Einiges klappte- die Teelichter im Badezimmer hatte er mit einem Brummen zur Kenntnis genommen, aber nichts dagegen getan-, anderes, wie rosarote Flauschteppiche, hatte er konsequent abgestritten, aber das hatte sie verstanden. Marc war immerhin Marc.
Marc… immer nur Marc, Marc, Marc! Ich kann an gar nichts anderes mehr denken! Aaaaaaaaaaaah!!
Langsam öffnete sie ihre Augen und ihr Blick war verschleiert von den Tränen. Marc lag nicht neben ihr. Daran war sie gar nicht mehr gewohnt. Sie dachte an alle glücklichen Momente mit ihm- und eigentlich war sie immer glücklich in seiner Nähe. Einfach nur wegen seiner Anwesenheit. Und jetzt, wo er nicht da war, ging es ihr schlecht. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, es war so, als würde etwas fehlen. Ja. Er fehlte. Sie fühlte sich einsam, und das, obwohl sie nie alleine war- das kleine Baby in ihrem Bauch war ihr ständiger Begleiter.
Schluck die Tränen runter… du bist stark…
Aber sie konnte es nicht. Sie fühlte sich schlecht, und die Tränen mussten einfach raus.
Vielleicht geht’s mir ja danach besser… soll ja eigentlich ganz befreiend sein… ich hab das bei Marc zwar noch nie so empfunden… als Erleichterung…
Also ließ Gretchen alles raus. Sie weinte zuerst lautlos und strich immer wieder über den Bauch, bis sie es nicht mehr aushielt und laut schluchzte.
Wieso ist jetzt auf einmal alles so verfahren?
Sie weinte lange und war ganz froh, dass Mary nicht da war, da sie sie sowieso nicht verstand und sie irgendwie versuchte aufzuheitern, obwohl das bei ihrer Situation sowieso nichts brachte. Andererseits fühlte sie sich so noch einsamer.
Ich… kann nicht mehr. Vielleicht sollte ich ihm einfach verzeihen…
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und versuchte, sich zusammenzureißen. Marc hatte einen Fehler gemacht, er musste ihn sich eingestehen und dann sollte er sich verdammt nochmal entschuldigen und seiner Mutter die Wahrheit sagen. Das war das Einzige, das sie verlangte. So viel war das ja nicht, aber es war genug, um ihm verzeihen zu können und wieder glücklich zu werden.
Sie bemerkte erst jetzt, dass sie auf dem Sofa geschlafen hatte. Noch mehr geplagt von Rückenschmerzen als sonst stand sie auf, um etwas Essbares zu suchen. Auch wenn sie traurig war, essen musste sie trotzdem. Und Schokolade hatte ihr zwar nie wirklich geholfen, aber sie hatte sie immerhin ein wenig getröstet. Und sie wurde auch gleich fündig, Mary hatte ihr ein paar Tafeln Schokolade und eine Packung Eis dagelassen, zusammen mit einem Zettel:

Ich hoffe, du freust dich ein wenig über diese kleine Aufmerksamkeit. Ich musste kurz etwas erledigen, ich glaube nicht, dass es allzu lange dauert. Und denkt immer dran: Kopf hoch, Prinzesschen, sonst fällt die Krone runter! ;)
Ich bin bald wieder mit Nachschub zurück! Mary


Ganz kurz schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, aber dann dachte sie daran, dass Marc sie in letzter Zeit auch oft Prinzesschen genannt hatte und sofort war das Lächeln aus ihrem Gesicht gewischt. Er versaute ihr aber auch wirklich alles…

Sophiee^^ Offline

Mitglied


Beiträge: 276

08.02.2012 18:55
#104 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Oh man... tut mir echt leid... aber wir hatten ein Problem mit dem Internet
Chiara, ich versprechs dir, ich schreibe bald zurück!!


Traurig schaute sie die Schokolade an.
„Was hab ich nur getan, dass mich das Schicksal so bestraft? Was?“, fragte sie sich selbst leise. Sie konnte nicht daran denken, dass Leben in ihr heranwuchs und sie deshalb glücklich sein müsste, oder dass sie ihre große Liebe gefunden hatte, sie dachte nur noch an das Negative. Da fielen ihr zahlreiche Sachen ein. Daran denkend öffnete sie die Eispackung und schaufelte sich Löffel für Löffel Eis in den Mund.
Wieso immer ich? Und wieso muss Marc so ein Sturkopf sein? Manchmal wünsche ich mir, dass ich ihn nie getroffen hätte… und dann hätte ich mich nie verliebt.
Aber dann wäre ich noch unglücklicher. Jeder hat eben nur einen, der wirklich zu einem passt… eine große Liebe, und die ist eben Marc für mich… wer sich das ausgedacht hat, war sicher total besoffen. Das mit uns beiden wird nie ohne Streit funktionieren… die Versöhnung ist dann zwar besonders schön, aber es tut jedes Mal so verdammt weh… immer wenn er Scheiße baut…
Gretchen, du musst stark sein! Einmal! Du bist ohne ihn unglücklich, und das merkt auch der kleine Knirps…

Nachdenklich strich sie sich über den Bauch. Wie würde wohl eine Zukunft mit Marc aussehen? Würde sie wieder in 6- Monats- Turnus Nervenzusammenbrüche kriegen? Wahrscheinlich schon. Es ging einfach nicht anders, weil Marc, aber auch sie selbst, immer wieder irgendetwas Dummes sagten oder taten, das den anderen dann verletzte.
Vielleicht gewöhne ich mich ja irgendwann daran… an Marcs Sprüche, an sein Verhalten, an seine verdammte Angst… wenn ich nur wüsste, warum er nur so panische Angst vor Beziehungen hat! Ja, er hat sich angestrengt, und irgendwann wird er sicher eine normale Beziehung mit mir führen können- obwohl, bei uns ist es sicher nie normal. Jedenfalls, er hat sich gebessert. Seine Sprüche sind nicht mehr allzu beleidigend, und manchmal, aber wirklich nur manchmal, kann es sein, dass ich ein klitzekleines bisschen neurotisch reagiere. Aber was soll ich sagen, ich bin schwanger, da ist das ja normal… glaube ich…
Und er hat gesagt, dass er mich liebt… und ich bin mir fast sicher, dass er es ernst gemeint hat. Wieso sonst sollte er mich freiwillig bei sich zu Hause aufnehmen und meine Neurosen aushalten? Er würde sich doch nie die Mühe machen, wenn er keinen Sex bekommt… Gabi hat er ja auch rausgeschmissen, als sie noch schwanger war. Ich sollte ihm ein wenig entgegenkommen. Es tut zwar weh, aber irgendwie ist es sinnlos… ich komm sowieso nicht von ihm weg, und das will ich ja auch nicht. Wenn ich ihn mal anhöre, wird er sich schon entschuldigen… und das kann mir vielleicht helfen, diesen Streit zu vergessen…


„Komm schon, Gretchen, das hab ich doch nur so gesagt!“, redete Marc energisch auf sie ein, während sie immer noch schluchzte. Sie schnäuzte sich und sah ihn mit tränenverschleiertem Blick an.
„Aber sie ist deine Mutter! Du redest mit ihr doch sonst immer über Dinge, die dich beschäftigen“, erwiderte sie.
„Hallo, ich hab von meiner Mutter seit vier Monaten nichts mehr gehört, sie hat sich nur mal gemeldet, damit ich ihr scheiß Manuskript lese… wieso sollte ich mit ihr reden? Telefongespräche kosten sehr viel, und ich will mein Geld nicht sinnlos rausschmeißen“
Sinnlos? Ach ja??!
„Sinnlos?! Soll das heißen, dass du unsere Beziehung sinnlos findest? Du hättest von mir aus auch ne kleine SMS schicken können: „Hey Mutter, ich wollte nur sagen, dass ich jetzt mit „der Person“ zusammen bin und wir ein Kind erwarten. Du wirst Oma!“. Aber nein, stattdessen sagst du einfach nichts“
„Nein, ich finde sie nicht sinnlos, es ist nur…“
Marc zögerte.
„Ja?!“, fragte sie genervt. Ihre Tränen waren mittlerweile versiegt.
„…Mutter nervt.“
„Ach, sie nervt also? Das ist die beste Rechtfertigung die ich je gehört habe!“, meinte sie mit vor Ironie triefender Stimme.
„Man, mach es mir doch nicht so schwer…“, seufzte er, setzte seinen Dackelblick auf und näherte sich langsam. Alarmiert ging sie einen Schritt zurück, bis sie an das Sofa stieß. Er machte Anstalten, sie zu küssen, aber dieses Mal würde sie nicht schwach werden! Oh nein, nicht mit Margarethe Haase!
Sie trat ihm also auf den Fuß, wodurch ihr ganzes Körpergewicht auf seine Zehen einwirkte. Sofort wich er zurück und schrie: „Bist du total bescheuert?! Was sollte das denn?“
„Es kann sein, dass dein Dackelblick gezogen hat, als ich noch ein kleines Mädchen mit rosaroter Brille auf der Nase war, aber jetzt nicht mehr, Marc Meier!“, fauchte sie, bevor sie leiser und auch trauriger fortfuhr: „Du hattest vorhin die Chance, deiner Mutter alles zu sagen, aber nein, du erzählst ihr eine neue Lüge. Wieso schämst du dich für mich?“
„Ich… ich schäme mich nicht für dich, wirklich! Aber wenn Mutter das erfährt… sie wird dich fertigmachen, um dir zu zeigen, dass ich ihr gehöre und niemand anderem!“
„Und du machst auch noch fleißig mit“, flüsterte sie, nahm ihre Tasche und zog sich ihre Schuhe an.
„Was hast du vor?“, fragte er verwirrt.
„Ich gehe!“, sagte sie, drehte sich noch einmal um und sah ihm in die Augen. „Dieses Mal bist du zu weit gegangen“
Dann riss sie die Tür auf und verschwand im trüben Novemberdunst.
„Aber Gretchen!“, schrie er ihr noch hinterher, „Es tut mir leid!“
Nur leider konnte sie seine letzten Worte nicht mehr hören.


Er hat sich nicht mal entschuldigt… aber vielleicht holt er das nach. Ich will nicht weiter hier heulend herumsitzen. Morgen habe ich den nächsten Ultraschalltermin, da soll er dabei sein, und wir sollten glücklich sein. Immerhin ist das ein sehr wichtiges und schönes Erlebnis… und ich will es nicht ohne ihn erleben…
Ich ruf ihn jetzt an!

Sie holte entschlossen ihr Handy hervor, nach den ersten Nummern stoppte sie aber. Was sollte sie überhaupt sagen? Wenn sie seine Stimme hören würde, dann könnte sie vielleicht anfangen zu weinen… und das wollte sie nicht.
Ich… ich schreib ihm ne SMS!
Marc, wir müssen reden. Am besten heute noch. Gretchen.
Ja, das reicht.
Gretchen drückte auf „senden“ und wartete nervös auf die Antwort, die auch sofort kam.
Gut. Ich komm vorbei, wenn ich hier alles geregelt habe.
Geregelt… wie das klingt… als wäre seine Mutter ein Problem oder sowas…
…naja. Eigentlich ist sie das ja auch!

Sie atmete tief durch. Sie hoffte, dass sie oder Marc ihrem Glück nicht mehr selbst im Wege stehen würden. Ohne ihn konnte sie einfach nicht glücklich sein und sie sollte sich nichts vormachen. Ja, es war richtig gewesen, einen Schritt auf ihn zuzugehen.



„Ja, Mutter?!“, rief er genervt.
„Wo bist du?“, fragte sie irritiert.
Sie denkt also wirklich, dass ich immer noch an ihrem Bett sitze und ihr Patschehändchen halte? Nee du, nicht nachdem sie mir wieder so einen Bockmist eingebrockt hat!
„Jedenfalls nicht da wo du bist“, murmelte er, bevor er ins Schlafzimmer ging und seine Mutter mit Blicken tötete.
„Marc Olivier, schau mich nicht so an“, sagte sie empört, setzte sich auf und versuchte, ihre Frisur einigermaßen in Ordnung zu bringen.
„Ich schau dich an, wie ich will, klar?“, knurrte er nur, woraufhin seine Mutter überrascht aufschaute.
„Kannst du mir bitte den Grund deiner Zickerei nennen?“, fragte sie augenrollend, als sie sah, dass Marc immer noch den Ameisenblick aufgesetzt hatte.

Sophiee^^ Offline

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11.02.2012 15:07
#105 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Erstens, ich zicke nicht rum, und zweitens: DU!“
„Was ist mit mir?“
Noch irritierter kann sie nicht sein, oder? Sag mal, ist sie wirklich so ein Eisklotz, dass sie nicht merkt, was sie angerichtet hat?
„Du kommst einfach hier reingeschneit und als Willkommensgeschenk fällst du in Ohnmacht und verjagst Gretchen“
…bedeutet: du hast mir mal wieder mein Leben versaut.
„Ich bin nicht reingeschneit, ich hab dich mehrfach angerufen, und außerdem wusstest du ja, dass ich zu Besuch komme“, rechtfertigte sie sich ohne die Miene zu verziehen, „und was ist so schlimm daran, dass ich diese… diese Schwangere verjagt habe? Ich verstehe nicht mal, wieso du sie hier wohnen lässt. Ihre Probleme sollte sie selbst in die Hand nehmen“
Ich glaub… ich platze gleich! Wie kann man nur so ignorant sein?!
„Diese „Schwangere“ heißt Gretchen, und sie ist meine Freundin, capisce?!“
„Deine…Freundin?“, fragte Elke nach. Ihr Gesicht war auf einmal käseweiß.
„Ja, Mutter“, sagte Marc und fügte mit Stolz geschwellter Brust hinzu: „Und wir lieben uns, ich bin also doch nicht so wie du“
Und da bin ich froh drüber!
Plötzlich klingelte sein Handy. Eine SMS. Nein, besser: Eine SMS von Gretchen. Sein Herz klopfte auf einmal verdächtig laut, er hatte sogar Angst, dass seine Mutter es hören könnte. Mit zitternden Fingern öffnete er sie.
„Heißt das… du willst mit einer Schwangeren zusammen sein und das Balg eines anderen aufziehen?“, fragte sie beunruhigt, aber er hörte sie schon nicht mehr, zu konzentriert war er auf den kurzen Satz, den Hasenzahn ihm geschrieben hatte. Sein Hasenzahn!
Marc, wir müssen reden. Am besten heute noch. Gretchen.
Sie will reden! Sie will reden!! Juhuuuu!! Das heißt… sie gibt mir eine Chance. Und sie verzeiht mir dann… möglicherweise.
Lächelnd schrieb er zurück:
Gut. Ich komm vorbei, wenn ich hier alles geregelt habe.
„Olivier, warum grinst du denn jetzt so? Was war an der Frage so lustig?“, ihre Stimme wurde schrill.
Frage?!
„Tschuldige Mutter, ich hatte Besseres zu tun als dir zuzuhören“, erwiderte er mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht.
„Hör auf mit den Scherzen!“, quietschte sie laut.
Mein Gott, was ist mit ihrer Stimme passiert? Hat sie grade an nem Heliumluftballon gezogen oder was?
„Na gut, dann stell eben deine Frage“
„Du willst ein fremdes Kind großziehen?“
Okay… Eisklotz!
„Das ist mein Kind!“, meinte er und freute sich diebisch auf ihre Reaktion.
„Oh mein Gott…“, flüsterte sie und wurde noch eine Spur weißer, „…ich bin zu jung, um Großmutter zu werden!“
„Nein, bist du nicht“, sagte Marc trocken, „Ich lass dich dann mal alleine, denn egal wie du es drehst und wendest, du wirst Oma und ich werde Vater. Und wenn Gretchen wieder hier ist, erwarte ich von dir, dass du dich entschuldigst, sonst narkotisiere ich dich und steck dich in den nächsten Flieger nach Berlin, okay?!“
Er wartete gar nicht auf ihre Antwort und zog sich die Schuhe an, um zu Gretchen zu gehen… und, wie er hoffte, wieder alles geradebiegen zu können.
Er wollte gerade seine Wohnung verlassen, als es klingelte. Er hatte keinen Schimmer, wer das sein könnte. Irgendwo in den Tiefen seines Herzens hoffte er, dass es Gretchen sei, und dann öffnete er einfach, woraufhin eine wütende Mary in die Wohnung stürmte und ihn kampflustig anfunkelte.
„Ja, Sie können gerne reinkommen“, meinte er ironisch und schloss die Tür.
Das wird dauern… ich werde sie wohl ausreden lassen müssen.
„Ich wusste es!“, stieß sie hervor.
„Äh… was?“, fragte er verwirrt.
„Sie sind nicht bereit für eine Beziehung!“
Ist die nicht mehr ganz dicht oder was?
„Bitte?!“
„Es ist doch klar, dass Sie so dumme Fehler machen, wenn Sie nur sich selbst vertrauen!“
„Wieso sind Sie überhaupt hier?“, wechselte er sofort das Thema, da jetzt sicher so ein „Vertrauen-ist-die-Basis-jeder-Beziehung“-Vortrag folgen würde.
„Gretchen wollte, dass ich ein paar Klamotten für sie hole“, ließ sie sich darauf ein.
Klamotten?! Was?! Aber sie bleibt doch bei mir!
„Das wird nicht nötig sein“, sagte er, „wir haben uns so gut wie vertragen“
„Was soll das heißen, so gut wie?“
„Wir werden danach… reden“
„Können Sie das überhaupt?“, meinte sie frech.
Die hat nen Knall. Ich rede doch nicht mit jedem x-Beliebigen, aber mit Gretchen werde ich reden, wie ich sie…liebe.
„Wissen Sie, Sie brauchen nicht beleidigt sein. Ich habe in der Vergangenheit nur mit Ihnen geredet, damit Sie endlich Ruhe geben und mich nicht weiter nerven können“
„Das ist nicht wahr… ich weiß genau, dass es Ihnen gut getan hat. Sie wollen sich nur keine Schwächen eingestehen. Und jetzt, wo Ihre Mutter hier ist, verfallen Sie wieder in alte Muster“
„Tzz…alte Muster! Ich hab mich verändert…“
„Das mag ja sein, aber wenn Sie in alter Umgebung sind, kann es sehr oft sein, dass…“, versuchte sie zu erklären, wurde aber sofort unterbrochen.
„Hören Sie auf mit ihrer Psycho-Scheiße! Ich werde jetzt zu Ihnen nach Hause gehen, mit Gretchen reden und sie wieder mitnehmen, dahin, wo sie wirklich hingehört. Zu mir“
„Glauben Sie wirklich, dass es dieses Mal so einfach wird?“
„Ja… weil ich versuche, ihr alles zu sagen. Alles. Und dann haben SIE mir nichts mehr zu sagen- obwohl, ich lasse mir von Ihnen sowieso nichts befehlen“
Bevor Mary etwas darauf erwidern konnte, kam seine Mutter aus dem Schlafzimmer: „Marc Olivier…“
„Boah Mutter, nenn mich nicht so!“, schrie er und drehte sich zu ihr um. Elke musterte überrascht seine Besucherin.
„Wer ist das?“, fragte sie neugierig und hielt Mary ihre Hand hin: „Elke Fisher, Erfolgsautorin“
Marc verdrehte die Augen: „Das ist niemand, den du kennen musst, Mutter“
Dann wandte er sich zu Mary um: „Sie können dann auch wieder gehen- aber gehen sie bloß nicht zu Gretchen, ich möchte mit ihr alleine sein“
„Wieso denkst du denn an diese unmögliche Frau, die mich beinahe umgebracht hat, wenn du sie haben könntest?“, fragte seine Mutter und deutete auf Mary, die mehr als überrascht und danach panisch aussah. Sie und Dr. Meier? Nie im Leben!

Sophiee^^ Offline

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14.02.2012 11:21
#106 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Ich wünsche euch einen schönen Valentinstag

„Halt endlich mal deine Klappe!“, schrie er. Die beiden Frauen zuckten zusammen und verschränkten synchron ihre Arme vor der Brust.
„Marc, ich verbitte mir diesen Ton“, sagte seine Mutter. Und zeitgleich Mary: „Dr. Meier, wie sprechen Sie denn mit Ihrer Mutter?“
Überrascht schauten sich beide an und begannen zu lachen. Die Panik stand in Marcs Gesicht geschrieben.
Oh Gott… ich bin in einer Geisterbahn! Schreckgespenster! Aaaaaaaaaaah…
„Schön, wenn ihr euch so gut versteht, dann kann ich ja gehen“, sagte er nur, was die Frauen aber nicht bemerkten, da sie schon begonnen hatten, sich auszutauschen. Seine Mutter sprach über ihr Manuskript, das ihr „undankbarer Sohn“ immer noch nicht gelesen hatte, und Mary war sofort begeistert und wollte es sehen.
Irgendwie ist das gruselig… aber dann lassen sie mich zumindest in Ruhe.
Genervt verdrehte er die Augen, nahm seine Jacke und verschwand aus seiner Wohnung.
Jetzt bin ich mir sicher: sobald ich mich wieder mit Gretchen versöhnt habe, schicke ich meine Mutter nach Hause. Und Dr. Thompson schicke ich am besten mit. Mutter kann sie ja adoptieren, Eltern hat sie ja keine. Und dann hätte Mutter jemand neuen, den sie mit ihren dummen, unrealistischen und pathetischen Büchern nerven kann. „Dr. Rogelt – Breaking down: Zwischen Liebe und Hass“- schon der Titel ist scheiße. Gott sei Dank konnte ich bei ihr durchboxen, dass ich Arzt werden will, und nicht „Erfolgsautor“- würg! Wäre ich so wie sie, wenn ich Germanistik studiert hätte?... nein, ich stelle es mir nicht vor. Kann ich auch nicht. Nie im Leben würde ich so einen Käse schreiben, naja, bis auf die wenigen Male, als ich ihr aus ihrer Krise helfen musste. Und da war es besser als bei ihr… vielleicht sind ihre Bücher nicht nur scheiße, immerhin lesen es ja auch ein paar…alte Schachteln die keine eigenes Leben haben, zum Beispiel. Oder Verrückte wie Sabine, die nie einen abkriegen. Naja, jetzt hat sie ja einen: Dr. Gummersbach, ein Pathologe. Wie passend! Sie geben sicher ein…spezielles Pärchen ab. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn sie mal…- bäh, wieso denk ich jetzt dran?! Das Einzige, woran ich denken sollte, ist, wie ich Gretchen alles sage… denn nur wenn ich ihr alles sage, kann sie mir vertrauen. Dass Frauen auch immer riechen müssen, wenn man(n) lügt! Ich bin ja ein guter Lügner, aber wenn ich ihr gesamtes Vertrauen will, muss ich ehrlich sein. Oh nein… dann kann ich mich schon mal auf ihren Kuhaugenblick einstellen!
Marc seufzte tief. Er war schon fast da. Ihm fielen einfach nicht die richtigen Worte ein. Irgendwann beschloss er, dass es am ehrlichsten wäre, wenn er es einfach spontan machen würde. Als er an der letzten roten Ampel vor Dr. Thompsons und Gretchens- Teilzeit- Wohnung ankam, tippte er nervös auf das Amaturenbrett. Sofort ließ er es ärgerlich bleiben, aber dann kaute er auf seinen Lippen herum. Er konnte einfach nicht anders. Die Stille in seinem Auto machte ihn wahnsinnig. Sonst hatte sie ihn nie gestört, aber jetzt, wo er so nervös war, fühlte er sich unwohl. Und es schien ewig zu dauern, bis die Ampel auf Grün schaltete.
Scheiße! Ich pack das nicht…ich brauch AC/DC. Oder Queen. Irgendwas, das mich ablenkt!
Nervös fingerte er an dem Autoradio herum, bis er einen Sender gefunden hatte, der nicht nur rauschte. Aber es lief nur einer dieser schnulzigen Songs. Und irgendwie fühlte er sich angesprochen.

http://www.youtube.com/watch?v=qHm9MG9xw1o&ob=av2e (One Republic- Secrets)

Was soll das?! Will das Radio mich jetzt auch noch quälen?! Und überhaupt, ich will nicht mehr lügen. Hast du das noch nicht gecheckt, Gott oder wer auch immer da oben hockt und mein Leben versaut?!
Wenn das kein Zufall ist… kann man sich eigentlich von technischen Geräten verarscht fühlen? Klar… ich brauch nur Gretchen zu fragen. Immerhin schimpft sie immer mit dem DVD-Player, wenn er nicht tut, was sie will. Und das obwohl sie sich jetzt schon besser auskennt.

Er lächelte bei dem Gedanken, aber sein Lächeln verflog gleich wieder, da das Lied wie durch Zauberhand lauter wurde. Genervt drückte er weiter an dem Radio herum, aber das Lied schien ihn zu verfolgen. Es ließ sich kein anderer Sender einstellen, und dann hörte er hinter sich Autohupen. Er schaute auf. Die Ampel war grün. Das bedeutete wohl, dass er mit diesem Lied autofahren musste. Er fluchte still und fuhr weiter.
Es ist nicht so schlimm… ich halte das aus… ich bin eh bald bei… ah, da ist es ja!
Entgegen seiner Befürchtungen fand er sofort einen Parkplatz. Nervös fuhr er sich nochmal durch die Haare und klingelte.
Du schaffst das! Du bist Marc Meier! Und sie ist Gretchen Haase! Und ihr gehört zusammen! Niemand kann das kaputtmachen, NIEMAND!!
Er holte noch einmal tief Luft. Die Tür öffnete sich. Und Gretchen stand vor ihm. Ihre Augen waren immer noch ein wenig gerötet vom Weinen, und sofort bekam er ein noch schlechteres Gewissen. Ja, er würde es wiedergutmachen, aber er wollte doch, dass sie nie mehr wegen ihm leiden musste.
Als Gretchen Marc so schuldbewusst vor der Tür stehen sah, musste sie ein wenig schmunzeln, obwohl ihre Stimmung eigentlich das Gegenteil war. Aber er sah einfach viel zu süß aus, wie er auf seinen Lippen herumkaute und versuchte, ein gescheites Lächeln zustande zu bringen.
„Komm rein“, sagte sie und machte Platz. Unsicher betrat er die Wohnung. Sofort strömten Erinnerungen seiner ersten Tage in Washington auf ihn ein. Wie er sich Sorgen gemacht hatte, weil sie sich so komisch verhalten hatte, wie er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte und wie sie ihm gesagt hatte, dass er der Vater war. Wie sie in dieser Wohnung Sex hatten. Er schluckte. Die vergangenen Monate waren einfach so schön gewesen, und er hoffte, dass es so weiterging. Am besten für immer.
Unschlüssig, was er jetzt tun sollte, schaute er auf den Boden und verfluchte sogleich seine Angst. Er war Marc Meier, der hatte keine Angst- schon gar nicht vor einem simplen Gespräch.
Aber es ist nicht nur ein simples Gespräch- es geht um mei… unsere Zukunft.
Gretchen war auch unsicher. Sie setzte sich auf das Sofa, und forderte ihn auch auf, sich neben sie zu setzen. Es machte sie einfach wahnsinnig, wie er da stand. Zögerlich setzte er sich, mit ausreichend Sicherheitsabstand. Kluger Junge.
„Also… du wolltest reden“, räusperte sich Gretchen nach peinlichen Minuten des Schweigens.
Er schloss kurz die Augen und sammelte sich. Dann nahm er noch einmal tief Luft, öffnete seine Augen wieder und schaute ihr direkt in die blauen Augen. Ihr wurde kurz schwindlig, sie sah so viele verschiedene Gefühle in seinen Augen. Allen voran die Verzweiflung. Und dann begann er auch zu sprechen.
„Gretchen… es tut mir leid. Ich bin einfach ein elendiger Feigling… es war schon schwer für mich, dir meine Liebe zu gestehen, obwohl ich es schon so lange fühle… und als meine Mutter dann da war und mich so angeschaut hat, ich weiß nicht… ich kenne sie. Wenn ich ihr alles gesagt hätte, hätte sie dich so lange fertiggemacht, bis du freiwillig gegangen wärst, und dann hätte sie wieder mein Leben versaut… ich weiß, das ist keine Rechtfertigung, denn es ist ganz allein meine Schuld, aber sie denkt einfach nur an sich, und ich bin sozusagen ihr Eigentum. Ich bin lange damit klargekommen, sie kam mich ab und zu besuchen und ging zu meinen Vorträgen, dafür musste ich immer auf ihre Lesungen oder ihr unter die Arme greifen, wenn sie mal wieder Jahrestag hatte…und sie kann es einfach nicht haben, jemand neben mir zu sehen. Manchmal kam mir so vor, als würde sie nicht wollen, dass ich glücklich bin… Gretchen… ich hab noch nie darüber gesprochen, aber…“
Ihm versagte die Stimme. Er war nicht bereit für das. Verzweifelt brach er den Blickkontakt ab und schaute auf den Boden. Gretchen war schon beeindruckt von dem, was er gesagt hatte. Nie hätte sie gedacht, dass er mal so offen reden würde. Sie würde ihm die Zeit geben, die er brauchte. Langsam rutschte sie ein wenig näher zu ihm und legte sachte ihre Hand auf seinen Unterarm. Überrascht sah er auf. Sie lächelte ihn ermutigend an, gleichzeitig sagte ihr Blick: „Lass dir nur Zeit! Ich habe 15 Jahre auf dich gewartet, ich werde auch jetzt noch warten können“ Und er ließ sich Zeit, um Kraft zu sammeln. Gretchen strich ihm immer wieder beruhigend über den Rücken, obwohl sie sich geschworen hatte, ihn schmoren zu lassen. Aber jetzt, wo er hier so saß, wie ein Häufchen Elend, konnte sie nicht anders. Eigentlich hatte sie ihm schon verziehen, als er vor der Tür stand. Sein Blick hatte sich entschuldigt, und sie wusste sofort, dass sie nicht mehr böse sein konnte. Und jetzt, wo er mit ihr redete, konnte sie auch wieder Vertrauen aufbauen.
„Ich kann nicht… darüber reden. Aber ich will… du warst doch misstrauisch, wegen Dr. Thompson…“, fuhr er plötzlich fort, und als er ihren überraschten Blick sah, konnte er sogar kurz lächeln.
„…ich kenne dich mittlerweile. Nur du kannst auf solch absurde Gedanken kommen… nicht, dass sie unattraktiv wäre…“, jetzt stieß sie ihm spielerisch mit dem Ellbogen in die Seite, woraufhin er wieder lächelte. „…aber sie ist doch genauso verkorkst wie ich. Und sie ist in Dr. Reiner verknallt, auch wenn ich das absolut nicht nachvollziehen kann… naja, jedenfalls… sie hat etwas herausgefunden… aus meiner Vergangenheit“
Er holte noch einmal tief Luft. Gretchen hing an seinen Lippen.

Sophiee^^ Offline

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17.02.2012 18:53
#107 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Hallo Mädels!

Bei diesem Teil bin ich sehr unsicher. Ich weiß weder wie man sich fühlt noch wie man das alles verarbeitet...ich hab aber versucht mich so gut wie möglich in Marc hineinzuversetzen.
Naja. Lest selbst!


http://www.youtube.com/watch?v=EqWLpTKBFcU&ob=av2e (Coldplay- The Scientist)


„Mein…mein Vater war immer ein guter Mensch. Ich habe ihn über alles geliebt… ich konnte ihm alles erzählen, zum Beispiel damals, als ich in ein Mädchen aus meiner Grundschul-Parallelklasse verknallt war, es mir aber nicht eingestehen wollte… er sagte, ich soll es ihr sagen. Er hat gesagt, lieben ist keine Schwäche… es ist eine Stärke. Und deshalb bin ich zu ihr gegangen… aber sie hat nur gelacht und es allen anderen erzählt. Ich war die Witzfigur, und ich war sauer auf meinen Vater, weil er mir diesen Rat gegeben hatte. Er hat daraufhin gesagt, dass ich das verstehen würde, wenn ich älter wäre, und dann soll ich bloß nicht zu ihm kommen und mich entschuldigen. Jetzt weiß ich, was er meinte, aber besuchen werde ich ihn sicher nicht…“
Er biss die Zähne zusammen und ballte seine Hände zu Fäusten zusammen, bis seine Knöchel ganz weiß waren. Beunruhigt versuchte Gretchen, seinen Blick einzufangen, aber er starrte stur weiter auf den Boden.
„…mein Vater war mir immer wichtiger als meine Mutter. Ich verstand mich einfach nicht gut mit ihr… ja, sie ist meine Mutter und ich liebe sie, auch wenn ich sie oft auf den Mond schießen wollte, und immer noch will… du darfst das nicht, und das lässt du bleiben…blablabla. Und mein Vater erlaubte mir immer alles, und das fand ich cool. Als sie dann ihren ersten Doktor Rogelt Band geschrieben hatte und von einer Nacht auf die andere berühmt war, war es noch schlimmer. Ich will jetzt nicht all die Schuld auf sie abwälzen, aber… sie hat uns hängenlassen. Wir fühlten uns vernachlässigt. Und mein Vater wurde auch unruhiger und viel strenger, was ich nicht verstehen konnte. An meinem zehnten Geburtstag dann… ich war aufgeregt, logisch, wegen den Geschenken. Aber niemand war da, um mich strahlend mit geöffneten Armen zu empfangen und den Kuchen anzuschneiden. Ich dachte mir nichts dabei, aber als ich dann alles ausgepackt hatte und immer noch niemand da war, beschloss ich, nachzuschauen. Das Schlafzimmer meiner Eltern war ein Schlachtfeld. Der Spiegel war kaputt, es lagen Klamotten rum, und da war auch… Blut… und Mutter saß auf dem Klo und heulte…ich konnte mir keinen Reim drauf machen. Dann kam plötzlich Mutters beste Freundin. Und dann haben sie geredet… ich hab gelauscht, ich wollte doch wissen, was los war. Und Mutter sagte dann, dass mein Vater sie… geschlagen hatte. Ich hoffte, dass sie dumme Witze macht… und danach, als sie mich sah, hat sie alles abgestritten. Ich konnte aber spüren, dass sie die Wahrheit sagte. Und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte… Vater hatte sich nie mehr gemeldet, außer Nachrichten, auf denen er um Entschuldigung winselte. Er war nicht mehr mein großes Vorbild. Und je länger er weg war und mich mit meiner instabilen Mutter alleine ließ, desto mehr wuchs meine Wut, und irgendwann hasste ich ihn richtig. Ja, als zehnjähriger kann man auch hassen.
Als er sich dann irgendwann mal blicken ließ, brodelte die Wut in meinem Inneren. Ich wusste aber nicht, was ich sagen sollte. Er sah so stark aus, und ich hatte Angst, dass er mir auch etwas tun würde, ich war ja erst zehn. Als ich abends im Bett lag, konnte ich immer das Weinen meiner Mutter hören und die Schreie meines Vaters. Ich erkannte ihn nicht wieder. Er behauptete immer wieder, dass sie ihn betrogen hatte, und sobald sie es abstritt, schlug er sie und stellte sonst noch irgendwelche Sachen an. Ihre Freundin wollte immer wieder die Polizei rufen, aber sie konnte sie immer davon abbringen, da sie sagte, er meine es doch nicht so und er würde sich bessern, wenn er erst einmal mit der Therapie beginnen würde. Aber er begann nie damit. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Als sie sich stritten, bin ich dazwischengegangen und hab auch einen Schlag abbekommen. Es tat so weh. Nicht nur meine Wange, nein, viel mehr schmerzte es in meinem Herzen. Ich weinte aber nicht. Mein Vater schaute mich geschockt an, dann starrte er auf seine Hände und haute ab. Ich dachte, jetzt sei der Spuk endlich vorbei, aber ein paar Tage später war er wieder da und machte weiter, als wäre nichts passiert. Nur schlug er mich jetzt auch, da er Angst hatte, dass ich alles erzählen konnte. In den Ferien schlug er mich dann bis zur Bewusstlosigkeit… und als ich aufwachte, sah ich ihn nie wieder. Er musste Sozialstunden machen. Sozialstunden! Ich hätte ihn gerne im Knast vergammeln sehen, aber immerhin lebten wir jetzt ohne diesen Psychopathen. Mutter war eine andere geworden. Sie verschanzte sich in ihrem Schlafzimmer… und ich hatte immer noch diese Wut in mir. Und als ich dann aufs Gymnasium kam und dich mit deinen Eltern sah, wie sie dich glücklich in die Arme schlossen, wusste ich, dass ich an dir alles auslassen konnte.
Ich weiß, alles, was ich dir in der Vergangenheit angetan habe, ist nicht wiedergutzumachen, aber ich war jung und dumm und so unglaublich wütend, und du warst das perfekte Opfer.“
Jetzt sah Marc auf. In seinen Augen spiegelten sich der Schmerz und die Wut, die wohl noch immer tief in ihm vergraben war. Er wandte sich ab, als er Tränen in Gretchens Augen sah. Heiser begann er wieder zu sprechen: „Versteh doch, ich konnte nicht mit dir darüber reden… weil du jetzt ein anderes Bild von mir hast. Und ich brauch dein Mitleid nicht. Es ist alles schon so lange her, und ich will jetzt einfach mit dir leben und glücklich sein“
„Das…das will ich auch“, flüsterte Gretchen und umarmte ihn von hinten. Fest drückte sie ihn an sich, während ihre Tränen lautlos flossen. Ihr wurde so vieles klar. Die ganzen Sprüche, sein Machogehabe waren nur ein Schutz, damit er nicht angreifbar war.
Marc spürte ihren großen Bauch an seinem Rücken, und trotz seiner bedrückten Stimmung konnte er lächeln. Gretchen war ein großer Teil seiner Vergangenheit, sie war seine ganze Gegenwart und auch seine Zukunft. Ihre gemeinsame Zukunft. Ohne Hürden. Denn jetzt waren keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen. Er drehte sich in ihren Armen um und schlang selbst seine Arme um sie. Engumschlungen saßen sie auf dem Sofa. Marc vergrub sein Gesicht an ihrer Halsbeuge und sog ihren Duft ein. Sie strahlte so etwas Beruhigendes aus, obwohl sie wieder heulte. Aber er wusste das sowieso schon, als er begann zu sprechen. Sie war eben emotional. Er wollte auch weinen. Aber er konnte nicht. Er hatte seit damals nicht mehr geweint. Und er war sich fast sicher, dass er auch in Zukunft nicht weinen würde.
Später, viel später begannen sie von der Zukunft zu sprechen. Was sie noch alles zusammen machen würden, wie ihr Kind heißen sollte, ob wie auch irgendwann heiraten würden oder wo sie in Berlin leben wollten. Marc fühlte sich frei. Er konnte seine Vergangenheit zwar nicht löschen, aber er konnte sie akzeptieren. Er war erleichtert, dass sie jetzt alles wusste, und Gretchen war einfühlsam genug, um zu wissen, dass er nicht mehr darüber sprechen wollte. Auch wenn er jetzt eine Weile geredet hatte, er war immer noch Marc Meier, und der redete eben nicht gerne über Gefühle. Sie war schockiert, aber jetzt musste sie einmal die Starke von Beiden sein. Und deshalb hatte sie auch begonnen zu sprechen. Ihnen fielen immer mehr verrückte und lustige Sachen ein, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnten.
„Nein, vergiss es Marc, du kannst das Elisabethkrankenhaus nicht Margarethenkrankenhaus nennen, sobald du Chefarzt bist. Aber ich finde die Idee schon mal ganz süß“, grinste sie ihn an.
Falls ich überhaupt nach Berlin gehe…
„Ich, der Chefarzt des EKHs? Ich weiß nicht…“, murmelte er.
„Was ist denn los?“, fragte Gretchen beunruhigt. Das war ein plötzlicher Stimmungsumschwung.
„Gretchen, ich muss mit dir über noch etwas sprechen“, schluckte er, „Dr. Jumper hat mir eine Festanstellung angeboten“
Gretchen fiel das Lächeln für einen Moment aus dem Gesicht, aber dann versuchte sie, die Situation noch zu retten: „Das...ist toll, Marc“
„Nein, ist es nicht“, blieb er realistisch, „Ich weiß, dass du nach Berlin willst, zu deiner Familie. Und ich versteh das auch. Und ich will bei dir bleiben. Ich werde absagen“
„Aber… aber das ist so eine riesen Chance für dich und deine Karriere, das kannst du doch nicht einfach so wegwerfen“, versuchte sie ihn zu überzeugen.
„Doch, kann ich“, sagte er.
„Das wäre aber ein Rückschritt in deiner Karriere,… komm schon, Marc, denk noch einmal drüber nach“
„Meine Karriere ist mir im Moment ziemlich egal. Ihr beide seit wichtiger“, sagte er und legte seine Hand behutsam auf ihren Bauch. Das Baby trat mal wieder wie verrückt. Es schien immer zu spüren, wenn seine Mutter glücklich war, weil sein Vater etwas richtig gemacht hatte.
Sie fiel ihm wieder in die Arme und schluchzte.
Klar. Sie kann nicht sagen: „Okay, Marc, danke, dass du das für mich tust“, nein, sie muss gleich Freudentränen heulen. Ja, das ist mein Hasenzahn.
„Du bist so lieb“, brachte sie stockend hervor und heulte sein Hemd voll.
„Jaja, ist gut jetzt“, sagte er und sie hörte tatsächlich langsam, aber sicher, auf zu weinen.
„So, Hasenzahn, und was jetzt?“
„Weißt du noch, was morgen ist?“, fragte sie ihn verheißungsvoll.
Morgen? Ist morgen was Wichtiges? Mist, ich weiß es nicht!
„Ähm… ich glaube, da ist irgend ein…Fest?!“, stotterte er unsicher. Sie verdrehte die Augen und schlug ihm sacht auf den Arm.
„Marc Meier, wie kann man so etwas nur vergessen?“, tadelte sie ihn, „Morgen hab ich einen Termin bei Dr. Star. Und da werden wir erfahren, wer die Wette gewonnen hat“
„Echt? Dann hab ich einen Wunsch bei dir frei?“
„Wie kann man sich nur so sicher sein?“, fragte sie. Sie selbst war sich nicht mehr sicher, dass es ein Mädchen werden würde. Sie dachte, all ihre Träume wären eine Art Voraussage, aber jetzt hatte sie auch immer öfter von einem kleinen Jungen mit Marcs Augen geträumt. Vielleicht sollte sie mal Sabine anrufen, immerhin kannte sie sich mit dem ganzen Zeug aus. Oder vielleicht stand in ihrem Horoskop etwas.
„Hey“, grinste er sie an, „Marc Meier zeugt nur Jungs“
„Sicher“, lächelte sie und kuschelte sich an seinen Arm.

Sophiee^^ Offline

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20.02.2012 12:18
#108 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Danke für die lieben Kommis und viel Spaß mit diesem Teil

Sie lagen lange so da. Aber irgendwann war jeder schöne Moment vorbei, denn Marcs Handy klingelte.
Ich schwöre, wenn das Mutter ist, dann reiß ich ihr persönlich den Kopf ab!
„Meier“, meldete er sich, aber dann sprach er gleich auf Englisch weiter: „Sorry… ich hatte etwas Dringendes zu erledigen… nein, das konnte nicht bis Feierabend warten…bitte?! Was soll das heißen?... wer hat das angeordnet?...aber ich hab morgen frei!... ja, ist ja gut. Auf Wiedersehen!“
Er steckte sein Handy weg. Dann begann er leise zu fluchen.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, seufzte Gretchen.
„Ich muss morgen arbeiten, weil ich heute geschwänzt hab… verdammte Scheiße!“
„Heißt das… du kannst nicht mit?“
„Vielleicht kannst du den Termin verschieben! Ruf den Gynäkologen doch mal an!“
„Okay…wo ist denn mein Handy?“
Sie rannte in der ganzen Wohnung rum und durchstöberte alles, aber sie fand es einfach nicht. Als Gretchen gerade bei ihm vorbeirauschte, sah er es jedoch. Er grinste.
„Hasenzahn?“
„Was denn?“, fragte sie genervt, während sie in einer Schublade wühlte.
„Schon mal in deiner Hosentasche nachgeschaut?“
„Nein, wieso?“, fragte sie geistesabwesend. Er kam auf sie zu und zog ihr Handy aus ihrer Hosentasche.
„Jetzt grins nicht so“, murmelte sie, „bei dem großen Bauch sehe ich das einfach nicht. Ich kann nicht mal meine Füße sehen“
Und dann schluchzte sie wieder los.
Scheiße… was geht denn jetzt ab? Wieso zur Hölle heult sie jetzt?
„Hasenzahn,… was geht?“
„Alles, was Füße hat und sie auch sieht“, weinte sie weiter.
Hormone. Viel zu viele Hormone. Mist.
„Komm schon, das ist doch nicht schlimm“, tröstete er sie, aber er musste schon ein wenig grinsen, „Viele Leute sehen ihre Füße nicht“
„Du meinst, viele FETTE Leute“
„Boah Hasenzahn, jetzt hör schon auf zu heulen, jede Schwangere ist fett, das ist eben der Nachteil“
„Danke, dass du so einfühlsam bist“, sagte sie und wählte die Nummer von ihren Gynäkologen.
„Dr. Star? Hier ist Gretchen Haase. Ich wollte nur einmal fragen… was? Nein, ich weine nicht… okay, ich weine doch… ist aber nicht schlimm, ich heule immer… was ich Sie fragen wollte… nein, verdammt, mein Freund tut mir nichts… gut, dann wär das mal geklärt… so, ich wollte nur fragen, morgen hab ich ja einen Termin… könnte ich den eventuell verschieben… nach sechs Uhr? Ginge das? Nein?... aber wieso nicht? Können Sie nicht eine Ausnahme machen? Bitte?...na gut, dann eben nicht. Tschüss“, sauer legte sie auf.
Sie kann ihn nicht verschieben? Ich dachte, Frauenärzte sind immer so einfühlsam…
Erwartungsvoll schaute er sie an.
„Ich kann ihn nicht verschieben… aber du musst dabei sein. Das ist wichtig“, flüsterte sie.
Er drückte sie wieder an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Weißt du was? Ich stehle mich einfach kurz davon. So lange kann es ja nicht dauern, und die Gynäkologische Station ist ja nur um die Ecke“
Sie lächelte: „Okay. Dann machen wir es so“
„Du Gretchen? Wir müssten dann auch mal wieder nach Hause“
„Ist deine Mutter da?“
„Ja, aber dieses Mal kann ich ihr nicht helfen. Wenn sie dich nicht akzeptiert, kann sie sich ihr Manuskript sonst wohin stecken“
„Marc!“, rief Gretchen empört.
„Was? Ist doch so“
„Müssen wir wirklich zu deiner Mutter?“
„Ja. Sie hat aus unserer Wohnung sicher schon einen Yoga-Tempel gemacht“
„Okay“, seufzte Gretchen widerwillig und ließ sich von Marc aus der Wohnung ziehen. Sie schloss noch ab, während Marc schon auf dem Weg zu seinem Auto war.
„Stopp!“, rief sie plötzlich. Er fuhr herum.
„Was ist denn noch?“
„Mary weiß nicht, dass ich wieder nach Hause gehe“
„Doch, weiß sie“
„Woher denn?“, fragte sie erstaunt.
„Sie ist in unserer Wohnung. Sie wollte mir eine Predigt halten, und dann ist meine Mutter gekommen und sie haben sofort gekuschelt“
„Hä?“
„Mary und meine Mutter waren gleich ein Herz und eine Seele“, erklärte er augenverdrehend.
„Aber deine Mutter ist ein Drachen“, platzte es aus ihr heraus, kurz darauf entschuldigte sie sich kleinlaut.
Ja. Ist sie. Aber sie ist trotzdem meine Mutter.
„Wir schaffen das schon“, sagte er, legte einen Arm um ihre Schulter und schlenderte mit ihr zu seinem Auto.



In Marcs und Gretchens Wohnung ging es währenddessen bunt zu. Mary und Elke verstanden sich prächtig. Mary hatte sich schon immer für Literatur begeistern können und Elke war in ihrem Element, als sie die Geschichte ihrer 58 Bände Dr. Rogelt in Kurzfassung erzählte. Mary bat sie daraufhin, ihr die Bände zu schicken, sie würde sie zu gerne lesen.
Sie wussten zwar nicht, warum, aber sie waren sich vom ersten Augenblick an sympathisch gewesen. Jetzt wurde ihr schon fast mädchenhaftes Gegacker von der Türklingel unterbrochen, da Marc seinen Schlüssel vergessen hatte. Mary stand auf und ging zur Tür. Sie war überrascht, Gretchen zu sehen. Sie hatte gedacht, Dr. Meier würde es wieder irgendwie versauen, aber sie war froh, dass Gretchen glücklich war. Denn so sah sie aus, wenn man den leicht nervösen Ausdruck außer Acht ließ.
Mary ist tatsächlich hier? Bei Marcs Mutter? Das kann ich nicht glauben. Wie kann man nur so eine hinterhältige Schlange sympathisch finden? „Die Liebe ist frei“- pff, das mag ja sein, aber das heißt ja nicht gleich, dass sie einen verheirateten Mann abschleppen muss! Und Papa hat es auch noch zugelassen, und das obwohl er Mama liebt. Aber ich sollte die alten Geschichten lieber ruhen lassen… vielleicht ist sie jetzt ja anders… netter, weil ich mit ihrem Sohn zusammen bin. Naja, das, was Marc berichtet hat, lässt zwar nicht darauf schließen, dass sie mich gleich in die Arme schließt- das wär auch irgendwie gruselig- aber sie wird mir wohl nicht den Kopf abreißen…
…oder doch? Bei der Frau weiß man ja nie!

Marc schob sie mit leichtem Druck in das Wohnzimmer, wo seine Mutter auf dem Sofa saß. Gretchen machte Anstalten, seine Hand zu nehmen, aber sie ließ es dann doch bleiben, als sie Elkes Eisblick sah. Er merkte es jedoch und nahm ihre Hand. Sie war ihm sehr dankbar und schenkte ihm ein kleines Lächeln. Ihre freie Hand legte sie auf ihren Bauch.
„Guten Tag“, sagte sie und räusperte sich gleich darauf, weil ihre Stimme extrem piepsig klang.
Elke nickte nur und musterte sie abfällig.
War ja klar. Noch nie ne Schwangere gesehen, hä? Ach nee, war sie ja selber mal. Gott sei Dank! Ich kann sie mir aber nicht vorstellen, so kugelrund… damals war sie sicher total verzweifelt, weil sie plötzlich so fett war.
Gaaaaaaanz ruhig, Gretchen, du darfst nicht über sie herziehen, immerhin bist du ebenfalls schwanger… und demnach, was Marc erzählt hat, war sie auch einmal normal. Ihr Schmerz hat sie zu dem gemacht, was sie jetzt ist. Aber eine gute Rechtfertigung ist das auch nicht, Marc hat sich ja geändert.
Die guckt immer noch so! Wieso bemühe ich mich eigentlich, freundlich zu sein?! Ich bin immer noch sauer… sie behandelt mich mies, und das nur, weil ich mit Marc zusammen bin?! Eine normale Mutter sollte mich mit offenen Armen und Keksen empfangen… das würde wohl MEINE Mutter machen.

Sophiee^^ Offline

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23.02.2012 13:37
#109 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Eisiges Schweigen. Marc fragte sich, was seine Mutter wohl für ein Problem hatte. Sie musste sich doch nur entschuldigen, dann würde Gretchen die beste Schwiegertochter der Welt sein…ähm… Schwiegertochter? Leicht schüttelte er den Kopf. Dann durchbohrte er Elke mit einem Blick, der sagte: „Wenn du dich nicht sofort entschuldigst, kannst du deine nächsten Romane im Krankenhaus schreiben“
Sie seufzte leise. Dann musste sie wohl über ihren Schatten springen, obwohl sie nicht verstand, was genau sie falsch gemacht haben sollte. Sie räusperte sich leicht. Gretchen nahm ihren Blick vom Boden, den sie in den letzten Minuten sehr interessant gefunden hatte, und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen… mein Verhalten war nicht in Ordnung“, sagte sie, und sie stellte sich so ehrlich, wie sie konnte. Gretchen schluckte ihre Entschuldigung und sah Marc lächelnd und vielleicht auch ein wenig triumphierend an. Er lächelte sie ebenfalls an. Sie versanken in ihren Augen und ihnen war nicht klar, wie offensichtlich ihre Liebe gerade war. Mary seufzte leise und sogar Elke wurde klar, dass sie sich damit abfinden musste. Ihr Sohn war verliebt, vielleicht liebte er sie sogar. Und er wurde Vater. Anscheinend brauchte er sie nicht mehr.
Seine Augen sind sooooooo schöööön. Haaaaaaaaaaach. Dieses Grün… und wie sie funkeln, wie Smaragde… er sieht richtig glücklich aus… wegen mir… ooooooh, ich bin auch sooo glücklich! Es schmerzt zwar immer wieder, wenn er was anstellt, aber ich kann ihm einfach nicht lange böse sein… und wieso sollte ich unsere gemeinsame Zeit verplempern? Wir sind auch nicht mehr die jüngsten.
Elke fühlte sich ausgeschlossen, deshalb beschloss sie, diesen magischen Moment zu zerstören. Ihr „Marc Olivier“ brachte ihn mal wieder auf die Palme. Gretchen musste ein wenig lächeln. Die beiden waren schon ein komisches Mutter-Sohn- Gespann. Sie schaute zu Mary, die sich ebenfalls das Lachen verkniff.
Wir werden sicher eine komische Familie- und wenn meine Eltern auch noch mit von der Partie sind… hm, hoffentlich meucheln sie sich nicht gegenseitig nieder... würde ich meiner Mutter sogar zutrauen. Naja. Weihnachten mit der ganzen Familie wird dann wohl in Zukunft ins Wasser fallen…
Aber ich hoffe trotzdem, dass sie wieder geht. Sie würde doch nur unsere gemeinsame Zeit kaputtmachen… und das will ich nicht, immerhin hab ich schon fünfzehn Jahre gewartet! Ich sollte mal mit Marc reden, wenn sie weg ist. Er will sie ja auch nicht dahaben. Aber vielleicht fällt es ihm nicht leicht, sie einfach so wegzuschicken? Immerhin ist sie seine Mutter und…
…Margarethe, wie blond bist du heute eigentlich wieder?! Das ist Marc Meier, und Marc Meier sagt, was er denkt- und schert sich nicht um die gebrochenen Herzen, die er zurücklässt! Bei seiner Mutter wird das doch nicht anders sein, so ein Muttersöhnchen ist er bestimmt nicht… wobei… soweit ich weiß, hat er ihr von meiner… Hochzeit erzählt. Und das hat ihn beschäftigt. Hach, ich könnte immer noch Luftsprünge machen, wenn ich daran denke, dass es ihn mitgenommen hat. Ihn! Seine harte Schale ist durch mich gebrochen und hat einen weichen Kern freigesetzt… den aber nur ich sehe! Hihi! Jetzt kann ich endlich auch mal egoistisch sein… er gehört jetzt mir! Er und seine Augen…

Gretchen himmelte ihren Freund immer noch an, während er mit seiner Mutter über den neuen Dr. Rogelt Roman diskutierte.
„Mutter, ich kann dir dieses Mal echt nicht helfen! Das ist totale Scheiße was du da geschrieben hast!“
„Marc!“, „Olivier!“, „Dr. Meier!“, ertönte es zeitgleich von allen drei Frauen vorwurfsvoll.
Soviel zu „bei seiner Mutter könnte er ja viel sensibler sein“…
Er seufzte gequält auf. Jetzt hatte er schon drei von diesen Quälgeistern. Eigentlich wollte er seine kostbare Zeit nur einer von diesen Nervensägen widmen, aber zuerst musste er irgendwie seine Mutter loswerden. Und so dicke wie Dr. Thompson mit ihr schien, würde die dann gleich hinterherdackeln.
„Ja was denn? Ich sag doch nur die Wahrheit! Und ich hab eben nicht Germanistik studiert, Gott sei Dank!“
„Mein Leben ist zu Ende…“, seufzte Elke theatralisch auf. Marc strich sich geschafft übers Gesicht. Die letzten Monate ohne seine Mutter waren so schön gewesen… sie konnte ihn nur telefonisch nerven, und da er sie ja im Handy gespeichert hatte, wusste er immer, wann er besser nicht drangehen sollte. Und ihre E- Mails hatte er sich immer gelangweilt durchgelesen, einen Satz zurückgeschrieben und sie dann gelöscht. Ja, es hatte durchaus auch seine Vorteile, dass ein ganzer Ozean zwischen ihnen war. Bis jetzt.
„Dann kannst du uns zumindest nicht mehr nerven“, bemerkte er trocken und scherte sich nicht über die bösen Blicke, die nicht nur von Elke kamen.
Naja… aber es ist schon was Wahres dran. Da könnte sie uns echt nicht mehr nerven… hihi…
Gretchen schämte sich für ihren Gedanken, und ihre Wangen überzog wieder eine sanfte Röte. Sie murmelte etwas von „Küche… Essen machen“ und verschwand dann, um ihren Magen zu beruhigen, der schon lange nach Essen schrie.
„Ja, dass sie die ganze Zeit isst, war ja auch zu erwarten“, murmelte Elke, woraufhin sie die bösen Blicke auf sich zog. Ja, die Meierische Wohnung war an diesem Tag voll mit diesen Blicken.
„Olivier… was soll ich nur tun?“, fragte sie und griff verzweifelt nach seinem Unterarm. Unangenehm berührt schüttelte er ihren Arm ab, bevor er wie üblich mit seinem „Wie oft hab ich schon gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst?“ antwortete. Und dann mischte sich Mary ein, worüber er ganz froh war. Nun ja… eigentlich war er sogar ziemlich froh und erleichtert, als er realisierte, was sie gerade gesagt hatte.
„Ich könnte dir doch bei deinen Romanen helfen, Elke“
Ihn durchzuckten zwei Gedanken: „Wieso zum Teufel duzt sie meine Mutter?“ und „Halleluja, ich bin also doch nicht der am meisten Gestrafte auf der Welt“.
Elke wandte ihren Blick von ihrem Sohn und durchbohrte nun Mary mit ihren durchdringenden braunen Augen. Sie hielt dem aber stand, bis Marcs Mutter sie dann fragte: „Kannst du das denn?“
Mary druckste herum: „Nun ja… ich habe immer schon gerne geschrieben… und ich war auch ganz gut in Deutsch, bevor…“
Sie biss sich auf die Zunge. Nein, sie würde ihr sicher nicht erzählen, was mit ihrem Vater war. Dass Dr. Meier es wusste, war ihr auch ein wenig zuwider. Ja, sie hatte es ihm freiwillig gesagt, aber doch nur, damit er sich öffnete. Was dann auch geklappt hatte… für grade mal zehn Minuten.
„Bevor?“, fragte Elke. Wenn es um ihre Romane ging, kannte sie keine Gnade. Zu Marys Überraschung nahm Dr. Meier sie in Schutz.
„Lass sie, Mutter“, sagte er mit diesem Blick, der keine Widerrede zuließ. Den kannte sie als Mutter nur zu gut. Den hatte Marc immer aufgesetzt, als er etwas unbedingt wollte. Und wenn sie es ihm nicht gab, dann würde er schmollen. Jedenfalls war das früher, als er noch ein Kind und als alles gut war, noch so.
„Na gut“, sagte sie widerwillig, „wir können es ja mal versuchen“
Marc machte innerlich einen Luftsprung, hatte er doch jetzt noch weniger Lust als sonst, einen ihrer schmalzigen Liebesromane zu schreiben. Mary lächelte Elke gutmütig an.
„Ich werde mich anstrengen“, grinste sie. Als seine Mutter dann den Satz „Na dann los, wir wollen doch keine Zeit verschwenden“ in den Raum warf und aufstand um sich den Mantel anzuziehen, war er vollends glücklich. Grinsend verabschiedete er sich. Das war ja leicht gewesen, seine Mutter loszuwerden.
Gretchen stand mit einem Brötchen im Türrahmen und verfolgte interessiert die Abschiedsszene.
Jaaaaaaaaaa… wir sind sie los… aber die arme Mary… sie muss nun ihre gesamte Freizeit mit diesem Monster verbringen. Aber sie scheint es ja nicht anders zu wollen… immerhin hat sie den Vorschlag gemacht, ihr zu helfen…
Gretchen erwischte sich dabei, wie sie ein wenig neidisch wurde.
Sie ist vielleicht ein Monster, aber sie ist Marcs Mutter… wir werden unser ganzes Leben lang mit ihr zu tun haben. Sie hasst mich. Wieso hasst sie mich nur? Ja, ich weiß ja, dass ich sie „fast umgebracht“ habe, aber das doch nur, weil sie sich meinen Vater gekrallt hat und in ihre Liebeshöhle geschleift hat… bäh… ich will das Bild nicht vor Augen haben!!
Sie ist so nachtragend… ich hab ihr doch auch verziehen… quasi. Sie soll doch einsehen, dass das so nicht weitergehen kann. Ich pack das nicht, wenn sie mich so behandelt, als wäre ich gerade mal Marcs Putzfrau. Vielleicht sollte ich sie mal auf einen Tee einladen. Ich meine, es kann doch nicht sein, dass sie Mary gleich ins Herz schließt und mich außen vor lässt. Immerhin bin ICH mit Marc zusammen! Man… in meinem Leben ist doch auch echt alles kompliziert!

Mary grüßte schnell noch in ihre Richtung, woraufhin sie kurz lächelte und winkte. Dann verschwand Mary in dem trüben Novemberwetter. Marc und seine Mutter hatten Gretchen allerdings noch nicht bemerkt, und Gretchen ging schnell wieder zurück in die Küche, als sie Elke sagen hörte: „Mary würde viel besser zu dir passen. Schlanker, klüger und selbstbewusster. Außerdem lässt sie sich nicht gleich schwängern“
Gretchen stiegen die Tränen in die Augen. Warum musste sie nur so gemein sein?! Es stimmte ja… sie war nicht perfekt. Und sie wollte es auch nicht sein. Perfekte Menschen gab es nur in Sitcoms, wo alle wunderschön und erfolgreich und fröhlich waren.
„Mutter, wenn du noch einmal so etwas sagst, kannst du dir überlegen, was auf deinem Grabstein stehen wird“, sagte er mit schneidender Stimme. Beleidigt wandte sie sich von ihm ab und verließ mit dem Versprechen, von sich hören zu lassen, aus der Wohnung. Mit einem erleichterten Aufatmen knallte er die Tür zu. Endlich war sie weg.

Sophiee^^ Offline

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26.02.2012 19:12
#110 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

So hier gehts auch wieder weiter
Aber der nächste Teil kommt erst am Samstag, hab nämlich Projekttage und bin nicht daa


Gretchen versuchte währenddessen die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, wegzuwischen. Marc sollte sie nicht so sehen. Sie heulte viel zu oft, sie wollte nicht mehr so zerbrechlich sein.
„Endlich sind wir die los…“, rief er Richtung Küche und setzte gleich nach: „Was gibt’s denn zu essen?!“
Jetzt konnte sie sogar schon leicht lächeln.
„Es gibt das, was du dir jetzt machen wirst!“, grinste sie ihn an, als er selbstsicher wie immer auf sie zukam.
„Das heißt?“
„Ich hab schon gegessen. Hab keinen Hunger mehr, und ich bin einfach nur müde, also werde ich dir jetzt sicher nichts kochen“, erklärte sie ihm. Sie machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Sie war wirklich sehr müde nach diesem mehr als aufreibenden Tag.
„Warte!“, rief er ihr nach. Sie steckte noch einmal den Kopf durch die Küchentür.
„Was denn?“
„Ich… muss noch etwas mit dir besprechen“, meinte er und fuhr sich nervös durch die Haare.
„Kann das nicht warten?“, seufzte Gretchen. Jetzt würde sie sowieso nichts mitbekommen, was er sagen würde.
„Naja, eigentlich…“, setzte er an, wurde aber gleich wieder von ihr unterbrochen.
„Gut!“
Ich kann jetzt einfach nicht über etwas reden. Jedes zweite Wort würde ich nicht verstehen und die Augen fallen mir auch schon die ganze Zeit zu. Und sie tun weh. Ich sollte echt aufhören, so lange zu heulen… aber so einfach wird das wohl nicht werden.
Erleichtert, dass sie sich jetzt endlich eine Mütze Schlaf holen konnte, zog sie sich die Schuhe aus und legte sich dann in voller Montur ins Bett. Kurz darauf war sie schon erschöpft eingeschlafen.



Jetzt haut die einfach ab! Ich sage ihr, dass ich reden will, und sie würgt mich einfach so ab! Frechheit! Was soll denn aus meiner Autorität werden?! Egal… eigentlich ist es mir auch ganz recht, dass ich ihr noch nichts davon sagen muss, dass der Chefarzt sicher nicht begeistert von meiner Entscheidung sein wird. Vielleicht feuert er mich sogar… geht das überhaupt, bei einem Stipendium? Sicher… er kann es mir entziehen. Aber wir haben hier doch schon alles organisiert… sie hat hier ihren Frauenarzt, und sie wird hier unser Kind bekommen… wenn er mich feuern würde, müssten wir nach Berlin, aber ich will sie ungern fliegen lassen… soll ja auch nicht das Beste sein, schwanger zu fliegen. Okay, dann rede ich eben später noch mit ihr. Sie hat es mir ja jetzt verboten, und dann hab ich noch ein wenig Ruhe… vor dem Sturm. Wenn ich nur wüsste, wie sie darauf reagiert…
Ich will irgendwie nicht hierbleiben. Berlin ist viel schöner. Da kommt zumindest zwischendurch mal die Sonne raus, nicht so wie hier, wo es dauernd regnet… aber das Angebot ist so…perfekt für mich. Ich arbeite hier ganz gerne, außer wenn die Thompson nervt. Aber so deprimiert wie die grade wegen ihrem Reiner ist, wird die eh nicht mehr lange durchhalten. Vielleicht hört sie auch irgendwann damit auf, mich die ganze Zeit mit Fragen zu löchern… aber ich lehne ab! Ja, ich lehne ab! Das habe ich Gretchen auch schon gesagt!...
…NEIN! Ich denke jetzt nicht mehr darüber nach! Ich werde jetzt was essen und dann schlafen! Basta!... aber was genau soll ich essen?!

Ratlos schaute er sich in der Küche um. Er öffnete den Kühlschrank, sah darin aber nur einige Bierflaschen, Gemüse, Milch, Joghurt und Schokolade. War ja klar. Gretchen hatte wahrscheinlich davor schon den Kühlschrank geplündert. Genervt seufzte er auf. Er nahm sich schließlich die Milchpackung und die Schokolade. Er biss davon ab und spülte mit der Milch nach. Es war immerhin besser als nichts.
Dann ging er ins Schlafzimmer und sah dort ein schlummerndes Gretchen. Er lächelte kurz, zog sich bis auf die Boxershorts aus und legte sich daneben. Im Schlaf suchte Gretchen nach seiner Hand. Er gab sie ihr nur zu gerne. Sie murmelte: „Da bist du ja endlich!“, schmiegte sich an ihn und war eingeschlafen. Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar.
„Ich werde für immer bei dir bleiben“, flüsterte er und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Kurz darauf war auch er eingeschlafen.

Piep. Piep. Piep.
Piep. Piep. Piep.
Verdammter Wecker ey!
Mit einem Schlag auf den Wecker waren seine ganzen Sorgen auf einmal weggewischt. Er drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen (dachte er doch, er hätte heute frei, weil sie heute endlich herausfinden würden, was für eine „Art“, wie er es ausdrückte, Baby sie bekommen würden), als er plötzlich eine Stimme aus dem Wohnzimmer hörte.
Natürlich. Marc Meier darf nicht EINMAL ausschlafen!
Als er genauer hinhörte, entpuppte es sich als Gretchens Stimme.
Wer denn sonst, ne?! Aber redet sie mit sich selbst? Wenn, dann könnte sie das auch leiser machen!
Er streckte sich kurz, da er sowieso nicht weiterschlafen könnte, und lauschte. Sie redete nicht mit sich selbst, das war ihm mittlerweile klar. Sie telefonierte auf Englisch, also war es wohl nicht ihre Mutter. Aber mit wem dann?
„…bitte… ich bitte Sie, es sind doch nur zehn Minuten!... was soll das?! Wieso schreien Sie mich jetzt an?... ich habe Ihnen doch gar nichts getan!... bitte, dann lassen wir es eben!... wissen Sie was? Sie sind ein herzloser Mensch!... nein, das nehme ich nicht zurück!...Marc, ich meine Dr. Meier wäre das auch sehr wichtig!... was soll das heißen, das glauben Sie nicht?... was reden Sie da bitte?... das wird mir jetzt echt zu blöd, ich diskutiere hier nicht mehr mit Ihnen weiter, Sie Sturkopf! Auf Wiedersehen!“
Wütend legte sie auf. Das war doch unverschämt. Dass dieser Mann sich traute, so mit ihr zu reden. Zum Glück war sie ihm bei der Arbeit nie begegnet.
„Mit wem hast du denn telefoniert?“, fragte Marc sie. Sie zuckte zusammen.
„Musst du dich so anschleichen?!“, umging sie die Frage und drehte sich um. Marc stand da, nur in einer Boxershorts bekleidet, mit verstrubbelten Haaren und noch müden Augen. Sie konnte gar nicht anders, als seinen muskulösen Oberkörper zu betrachten. Dieser Mann gehörte ganz ihr. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Plötzlich sehnte sie sich nach seiner Nähe. Sie hatten wirklich lange keinen Sex mehr gehabt.
Marc grinste vor sich hin. Er konnte es also immer noch, sie dazu zu bringen, alles zu vergessen.
Bevor sie anfängt zu sabbern und sich auf mich zu stürzen, hätte ich aber schon gerne eine Antwort.
„Es schmeichelt meinem Ego wirklich, dass du mich so anschmachtest, aber ich habe dir gerade eine Frage gestellt“, stellte er klar, während er näher zu ihr hinging. Dumpf klangen seine Worte an Gretchens Ohren. Sie schüttelte leicht den Kopf, dann sah sie ihm in die Augen und fragte total neben der Spur: „Wie…ähm… was?“
Er grinste immer noch.
„Anstatt zu sabbern könntest du mir ja zuhören“
Sofort wurde sie rot und sah weg. Nach einer Weile, in der sie sich vergeblich bemüht hatte, ihr heißes Gesicht wieder abzukühlen, fragte sie leise: „Kannst du bitte noch einmal wiederholen, was du gesagt hast?“
Ach, wie süß sie doch ist. Schämt sich dafür, dass sie ihren Freund anschmachtet.
„Ich habe dich gefragt, mit wem du telefoniert hast“
Als sie an das Gespräch dachte, verzog sie das Gesicht. Es war doch echt erstaunlich, wie kalt und ignorant Menschen sein konnten.
„Also… ich hab mit deinem Chef telefoniert“, sagte sie und knetete sich die Hände.
Was hat sie?! Wieso?! Was hat er gesagt? Ist sie deshalb sauer?
„Aber wieso?“, fragte er.
„Ich wollte ihn nur fragen, ob er dir heute nur zehn Minuten freigeben kann, damit du beim Ultraschall dabei sein kannst“, flüsterte sie und schaute auf den Boden, „aber er hat sich ziemlich klar ausgedrückt“
Warum hab ich nur nie gecheckt, was für ein Arsch er ist! Schreit er doch einfach so MEINE FREUNDIN an! Ist der total bekloppt?! Er kennt sie doch nicht einmal. Und dann versucht er mir einzureden, dass es sowieso nicht klappt. Aber eins kann ich ihm versprechen… ich werde heute dabei sein, wenn wir erfahren, ob es ein Sohn oder eine Tochter wird.

Sophiee^^ Offline

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03.03.2012 14:01
#111 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Hör doch nicht auf den! Er glaubt nicht mehr an die Liebe, weil er geschieden ist“
„Aber das heißt doch nicht, dass er dir verbieten kann, dein eigenes Kind zu sehen!“, rief sie aufgebracht.
„Doch, das kann er! Ich bin trotzdem dabei, ich schleich mich einfach weg“
„Gestern dachte ich noch, dein Chef ist ein netter Mann mit Familie, seine Kinder studieren Medizin und er ist glücklich mit seiner Frau, wie man sich eben jeden Chef vorstellt… aber anscheinend ist er nicht so…“
„…wie dein Vater“, unterbrach er sie lächelnd.
„Wie auch immer… du kriegst Ärger!“, sagte sie eindringlich.
„Ich hatte damals mit fünfzehn keine Angst vor Ärger und habe es heute immer noch nicht!“, sagte er.
„Damals ging es aber nicht um deinen Job“
„Ach, der schmeißt mich nicht raus“, sagte er und hoffte, dass das auch stimmte.
„Und wieso bist du dir da so sicher? Ich sag’s dir, der hat was Böses an sich!“
„Hast du jetzt mit Sabine getauscht, oder was?!“
Hoffentlich nicht. Die ist mir an ihrem ersten Tag als Schwesternschülerin schon auf den Geist gegangen.
„Hör mal, bevor du jetzt explodierst, muss ich dir noch etwas sagen…“, sagte er schnell bevor sie ein böses Wort über ihre wunderschönen Lippen bringen konnte.
„…bevor er mir von dem Angebot erzählt hat, hat er mich ganz schön verunsichert. Er hat gesagt, dass Liebe sowieso nicht für ewig hält und dass ich diese Chance nicht verpassen darf… und es ist mir so vorgekommen, als würde er mich am liebsten dazu zwingen“, erklärte er und kratzte sich am Kopf, „Ich kann verstehen, wenn du…“
„Marc, willst du nicht noch einmal darüber nachdenken? Ich meine, ich will auch nicht, dass du es irgendwann bereust… und ich kann mir auch ein Leben in Washington vorstellen, solange es an deiner Seite ist“, sagte sie. Dann wollte sie ihn umarmen, aber er drückte sie weg.
„Ich weiß genau, dass du nicht hierbleiben willst. Du willst zurück nach Berlin, sobald ich mein Jahr hier absolviert habe. Und ich will hier auch nicht bleiben“
„Aber das ist so eine große Chance für dich!“, versuchte sie ihn erneut zu überzeugen.
„Nein! Ich will nicht, dass du für mich hierbleibst! Irgendwann bereust DU es, dann gehst du weg und ich werde genauso scheiße wie mein Chef“
„Soll das heißen, ich soll alleine zurückgehen?“, flüsterte sie. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie weinte leise. Er wollte sie und sein Kind nicht dabeihaben, wenn er große Karriere machte. Sie würden schließlich die ganzen Frauen verschrecken, die er anschleppen würde. Sie schluchzte auf.
Marc brauchte ein Weilchen, um die Situation einzuschätzen. Was genau hatte er jetzt angestellt, dass sie heulte? Was bildete sie sich wieder ein? Er wollte alleine hierbleiben?!
Dass ihr Köpfchen auch immer auf so Schnapsideen kommt…
„Was? Nein, ich will nicht alleine hierbleiben! Ich gehe mit euch zusammen zurück, das habe ich doch schon gesagt“, wollte er sie überzeugen, bevor sie wieder zu Mary rannte und ihr die Ohren vollheulte.
„Aber…“, wollte sie widersprechen.
„Kein aber! Und ich muss jetzt zur Arbeit! Ich sag meinem Chef, dass er nicht so mit dir reden soll und dann sage ich ab!“
„Er feuert dich, wenn du ihn zusammenscheißt, das ist dir klar, nicht?“
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen.
Er zog es vor, nicht zu antworten, und sagte stattdessen: „Wir sehen uns heute“
Dann drückte er ihr einen Kuss auf den Mund und verschwand im Badezimmer, um sich fertigzumachen. Er schloss ab, um ihr zu zeigen, dass er nicht mehr weiterdiskutieren würde. Sie seufzte. So ein Dickschädel! Aber dann lächelte sie. Er verzichtete auf einen riesigen Karrieresprung, um mit ihr und ihrem gemeinsamen Kind wieder zurück nach Berlin zu gehen. Was war er nur für ein Traummann… sie träumte ein wenig von der Zukunft, als plötzlich ihr Handy klingelte.



Wer kann das denn sein?
Sie nahm ihr Handy vom kleinen Couchtisch und meldete sich: „Haase?“
„Frau Haase, hier spricht Frau Stiegelmayer“, vernahm sie eine kratzbürstige Frauenstimme.
Die Stiegelmayer? Was will die denn von mir? Ich hab doch nichts angestellt?! Und wieso klingt sie so unfreundlich?
„Guten Tag… ähm… was kann ich für Sie tun?“, versuchte sie cool zu bleiben.
„Sie könnten mir erklären, was in Sie gefahren ist?!“, sagte Frau Stiegelmayer schneidend.
Also… sie kommt immerhin gleich auf den Punkt… aber ich hab doch nichts getan! Was haben heute denn alle?!
„Ich… verstehe nicht“, meinte Gretchen hilflos.
„Was glauben Sie eigentlich, was Sie in Washington tun? Däumchen drehen?! Ich kann verstehen, dass Sie ihrem Mann einen Karrieresprung ermöglichen und wegen Ihres Babys kürzer treten wollen, aber das bedeutet nicht, dass Sie sich bei Ihrem Chefarzt beschweren dürfen“
„Aber… das war doch ganz anders! ich habe mich nicht beschwert, es ist nur, dass…“, verteidigte sie sich sofort, wurde aber unterbrochen: „Diesen trotzigen Ton können Sie sich sparen!“
Sag mal… provoziert die mich?!
„Sie müssen mir zuhören! Ich habe ihn lediglich gefragt, ob er Dr. Meier heute zehn Minuten lang entbehren könnte, damit er mit mir zusammen zum Ultraschalltermin gehen kann. Wissen Sie, heute werden wir nämlich erfahren, was es wird, und das ist sehr wichtig“, erklärte sie. Frau Stiegelmayers Ton wurde sofort versöhnlicher.
„Ja… ich kann Sie verstehen, weil ich auch eine Frau bin. Aber Ihr Freund ist gestern ohne Erlaubnis der Arbeit ferngeblieben und muss das heute absitzen. Tut mir leid. Ihr Chef scheint die Wichtigkeit dieses Termins nicht zu verstehen, und er hat mich gebeten, Sie wieder nach Deutschland zu holen“
Ist der irre?! Ich geh nirgendwo hin, jedenfalls nicht ohne Marc…
„Aber… aber… das ist doch… entschuldigen Sie…“, stotterte sie.
„Es tut mir leid. Ich werde versuchen, Sie da wieder herausboxen, aber ich kann Ihnen nichts versprechen. Sie sollten Ihren Chef nicht mehr provozieren“
„Danke“, sagte Gretchen.
„Auf Wiederhören“, verabschiedete sich Frau Stiegelmayer und legte auf, ohne auf ihren Abschied zu warten.
„Tschüss“, murmelte Gretchen nur und legte ihr Handy weg.
Er will mich in Berlin haben? Er will einfach so über mein Leben bestimmen? Wieso macht er das? Bin ich ihm im Weg? Was für ein Arschloch. Er hat wahrscheinlich Angst, dass ihm so ein guter Chirurg wie Marc durch die Lappen gehen könnte, und deshalb will er mich weghaben. Er hat Marc ja auch irgendwas erzählt, das ihn verunsichert. Irgendwas von wegen „die Liebe hält sowieso nicht für immer, ich habe eine Scheidung hinter mir, blabla“. Gott sei Dank arbeite ich dort nicht mehr! Als Chefarzt sollte man doch offen für die Wünsche der Ärzte sein. Sonst sind sie unglücklich, und unglückliche Ärzte sind schlechte Ärzte. Ich meine, klar, man kann uns nicht alles erlauben, zum Beispiel den Dienst zu schwänzen um zu irgendeinem Star Trek Fantreffen zu gehen, aber mit seiner Freundin das Geschlecht des gemeinsamen Kindes herauszufinden, ist schon ein guter Grund, um sich freizunehmen. Man! Mein Vater hätte uns sicher gelassen, auch wenn ich nicht seine Tochter wäre, da bin ich mir sicher!
Marcs Chef ist ein Arschloch!!!

Gretchen saß wie apathisch auf dem Sofa. Sie konnte es nicht fassen. Sie würde es nicht aushalten, ohne Marc wieder nach Berlin gehen zu müssen. Und als Schwangere zu fliegen wollte sie auch nicht, da würde sie sich unwohl fühlen.

Sophiee^^ Offline

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06.03.2012 18:02
#112 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Was ist denn los?“, fragte Marc sie eher uninteressiert, als er startbereit war und sah, dass sie über etwas grübelte.
„Frau Stiegelmayer hat mich gerade angerufen“, sagte sie, ohne den Blick vom Boden zu nehmen,
„Wer?“, fragte Marc überrascht.
„Die Frau, die dich nach Washington geschickt hat“, sagte sie genervt.
„Ist ja gut! Und wieso schaust du dann so aus, als hätte man dir deine Schokolade weggenommen?“
„Sie hat gesagt, dass dein Chef mich zurück nach Berlin schicken will“
„Was?!“, rief er aufgebracht. Sie schaute ihn dann doch an.
„Reg dich bitte nicht auf! Ich will nicht, dass du ihn provozierst“, wollte sie ihn besänftigen. Ja, sie fand es auch scheiße, was er gesagt hatte, aber das war noch kein Grund, dass Marc seinen Job riskieren sollte.
„Aber er hat MICH doch provoziert! Redet mir ein, dass die Ehe sowieso nur scheiße ist und dass man es nur in der Karriere weit bringen kann! Und dann tut der sowas! Wichser!“
„Marc! Bitte beruhige dich jetzt, du kannst doch später mit ihm reden. Wir sehen uns dann!“, sagte sie, stand auf, gab ihm einen Kuss und schickte ihn dann zur Tür. Er murrte nur, sah dann aber ein, dass es nicht viel brachte, wenn er sich jetzt aufregte. Dann verließ er die Wohnung.
Wie kann man nur so herzlos sein?! Nur, weil er geschieden ist, heißt das doch nicht, dass er uns alles versauen kann. Was für ein Arsch! Wenn ich nicht so sauer wäre, würde er mir leid tun!
Gretchen schüttelte den Kopf. Das war wirklich das Letzte. Aber sie würde jetzt nicht mehr darüber nachdenken, sie wollte gute Laune haben. Sie ging zum Spiegel und betrachtete sich. Sie sah richtig gesund aus. Ihre Augen waren vom vielen Weinen am Vortag noch gerötet, aber ihre Haut strahlte und hatte eine gesunde Farbe. Sie lächelte. Sogar ihre Haare sahen nicht so schlimm aus wie sonst. Sie wusste nicht, warum, aber manchmal fühlte sie sich mit großem Bauch viel schöner als ohne, und das obwohl sie so dick war. Aber das gehörte ja eben dazu, das hatte Marc ihr ja klargemacht. Lächelnd ging sie ins Bad und machte sich bereit. Sie freute sich richtig auf den heutigen Tag. Sie würde endlich erfahren, was sie in sich trug. Sie war nicht eine von den Frauen, die bis zur Geburt warten konnten, um es dann zu erfahren. Am liebsten hätte sie es schon gewusst, als sie es herausgefunden hatte. Jetzt wollte sie es so schnell wie möglich wissen, damit sie sich darauf einstellen konnte. Tja, ihre Ungeduld war eben manchmal störend. Aber heute Abend könnte sie dann endlich entscheiden, ob sie einen rosa Strampler kaufen sollte oder doch einen blauen. Obwohl ein Junge in einem rosa Strampler sicher auch süß aussehen würde. Sie kicherte.
Ich freu mich darauf, Mutter zu sein.



Im Gegensatz zu Gretchen war Marc nicht entspannt. Er war eher stocksauer. Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr er durch Washington und hoffte, dass er nicht sofort zum Chefarztbüro stürmte und diesem Arsch eine in die Fresse hauen würde. Dann wäre er nämlich sofort gefeuert, und dass wäre ihm dann auch zuwider. Gerade jetzt brauchte er ja das Geld. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, hätte er es viel lieber, wenn der Chefarzt nie mit ihm geredet hätte, wenn er ihn nie gesehen hätte. Dann wäre er noch so wie in seiner Vorstellung. Marc dachte nämlich sehr ähnlich wie Gretchen, auch wenn er froh war, dass es keine Treffen in der Cafeteria mit den üblichen Ansprachen gab.
Scheiße. Das sollte das beste Jahr meiner Karriere, nein, meines Lebens werden, und jetzt würde ich am liebsten meinen eigenen Chef umbringen. Nicht förderlich für meine Karriere, da hätte ich immer eine negative Bewertung. Verdammt, verdammt, verdammt… ich muss mich beruhigen. Die Schicht wird sicher nicht anstrengend. Ich muss wahrscheinlich eh nur Papierkram machen, ich bin doch für keine OPs eingetragen, ich hätte ja eigentlich frei. Ich werde mich einfach im Büro verbarrikadieren. Und der Tag ist dann auch bald vorbei. Und dann werde ich verdammt nochmal mein Kind sehen!
Er fuhr auf den Krankenhausparkplatz und stellte den Motor ab. Er blieb noch einen Moment sitzen und atmete tief durch. Er war immer noch rasend vor Wut, aber es half ihm nichts, wenn er jetzt alles zusammenschreien würde. Trotzdem wollte er seinen Chef nicht sehen, zur Sicherheit.
Er stieg aus und schlenderte langsam auf das Krankenhaus zu. Er versuchte so auszusehen wie immer. Also setzte er sein unwiderstehliches Lächeln auf und suchte seine Station auf. Er erkundigte sich kurz bei der trotteligen Schwester, was alles in der Zwischenzeit passiert sei und sagte, dass er den Rest des Tages in seinem Büro verbringen würde. Er war schon fast aus dem Schwesternzimmer raus, als er sie noch sagen hörte: „Aber Doktor Meier, sie operieren doch heute mit dem Chefarzt“
WAS tu ich?! Aber… davon weiß ich nichts. Scheiße!! Ich kann den nicht sehen…
„Ach ja?“, knurrte er sauer. Sie zuckte aufgrund seines Tones zusammen und schaute ihn verschreckt an.
„Ja, der komplizierte Bruch von Mister Harris wurde auf heute verschoben“
Das macht der doch mit Absicht. Er will, dass ich ausraste. Er provoziert es. Was hat der denn für ein Psycho- Problem?! Oder er will mich unglücklich sehen, weil er denkt, dass Gretchen Schluss gemacht hat und wieder nach Berlin geht, und dann sagen „ich hab es Ihnen doch gesagt“. Nein, ich war vielleicht mal ein karriereorientiertes Arschloch, meine Karriere ist mir immer noch sehr wichtig, aber so wie er will ich nie werden!
„Na gut“, grollte er mit tiefer Stimme und wollte die restliche Zeit in seinem Büro verbringen. Die Schwester seufzte und sah ihm nach. Er klang so sexy, wenn er sauer war, auch wenn sie nicht genau verstand, wieso.
Er stürmte zu seinem Büro und knallte dann die Tür zu. Er war geladen vor Zorn, aber er zwang sich, tief ein und auszuatmen. Er musste sich beruhigen. Einen Rausschmiss konnte er sich nicht leisten. Er konnte trotzdem für nichts garantieren, wenn sein Chef auch nur ein falsches Wort sagen würde. Gequält seufzend zog er sein Handy heraus und schrieb eine SMS.
Scheiße. Ich halt das nicht aus, bin so sauer auf den Typ und muss mit dem operieren. Am liebsten würde ich alles zusammenschreien. Hoffentlich ist es bald vorbei. Bis später, ich freu mich auf den Termin bei Dr. Star!
Gretchen lächelte in der Wohnung, als sie seine Worte sah. Marc war wohl mal wieder die Testosteronbombe schlechthin.
Hey Schatz, reg dich nicht auf! Du packst das! Ich will dich nicht verprügelt im Krankenhaus besuchen müssen, also versuch dich zu beherrschen ;)
Marc schnaubte.
Sie sagt, ich soll mich nicht aufregen, und dann nennt sie mich SCHATZ. Da könnte sie mir doch gleich erzählen, wo sie überall mit Mehdi… bäh, nein, ich darf mich jetzt nicht auch noch selbst aufregen…
Ich freu mich auch auf unseren Termin, du Testosteronbombe! Ich liebe dich.
Kam kurz darauf eine neue SMS. Er grinste verliebt.
Das ist schön zu hören :D
Jetzt war Gretchen die, die schnaubte. Das war doch typisch Marc.
Marc!
Er konnte direkt ihre vorwurfsvolle Stimme hören und er lachte.
Na gut. Ich dich ja auch, auch wenn du mich wahnsinnig machst. Muss jetzt aufhören. Ab in den OP zu der Ausgeburt des Bösen!
„Tzz… und dann vergleicht er mich mit Sabine!“, flüsterte sie lächelnd.
Auf geht’s. Ich pack das. Ich bin ganz professionell, und wenn er mich auf das Angebot anspricht, sag ich ihm ruhig und korrekt meine Meinung. Bin hier ja in einem freien Land.
Er straffte noch einmal die Schultern und machte sich dann auf den Weg zum OP. Er grüßte alle, die ihn grüßten, zurück, und versuchte so zu tun, als wäre alles wie immer.
„Huhu, Doktor Meier!“, rief plötzlich jemand.

Sophiee^^ Offline

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09.03.2012 15:00
#113 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Oh nee… warum hat die denn so gute Laune?! Immerhin hat sie Zeit mit meiner Mutter verbracht.
„Ja, wie schön Sie zu sehen“, sagte er knurrend, was sie aber nicht bemerkte. Sie strahlte ihn mit ihren weißen Zähnen an.
Die denkt echt, ich hab das grade ernst gemeint?!
„Wie geht es Ihnen denn? Mir geht es gut. Sehr gut sogar. Ich wusste gar nicht, dass Sie so eine faszinierende und eigenständige Mutter haben. Sie ist wirklich eine beeindruckende Person, so gebildet und freundlich… und wie gut sie schreiben kann! Ich hab ein neues Vorbild“, schwärmte sie. Marc starrte sie verblüfft an. So fröhlich hatte er sie noch nie gesehen. Nicht einmal damals, als er Gretchen extra viel Schokolade gebracht hatte und diese sie dann mit Mary geteilt hatte. Ja, das war wirklich der Moment, wo Mary glücklich war. Aber jetzt stand sie hier und schwatzte vor sich hin und klang so lebensfroh, dass es direkt untypisch für sie war. Und er müsste lügen, wenn er sagen würde, dass ihn das auch glücklich machte. Es nervte ihn einfach. Wollten ihn alle bestrafen? Er könnte zu Hause liegen und sich um nichts Sorgen machen, und wurde stattdessen über seine „erfolgreiche und intelligente“ Mutter zugequatscht.
„Dr. Thompson, freut mich echt, dass Sie sich so gut mit meiner Mutter verstehen, Sie können dann ja wieder zu ihr gehen. Ich muss jetzt“, brummte er genervt und rieb sich über die Augen.
„Aber wir haben doch jetzt die OP“, lächelte sie und schaute ihn mit ihren großen Augen an.
Was? Die auch noch da drinnen?
Er ließ sie einfach stehen. Sie folgte ihm ein wenig verwirrt in den Waschraum vor dem Operationssaal und wusch sich wie Dr. Meier die Hände. Draußen auf dem Gang hörten sie Geschrei und sie schauten nach draußen, aber da rannte nur ein nackter Patient, gefolgt von einer ganzen Schar Schwestern, durch das Krankenhaus und schrie: „Rettet die Eisbären!“
Nee echt… heute hat die Psychiatrie wohl vergessen, die Türen abzuschließen…
Kurz darauf waren beide bereit. Er atmete noch einmal tief durch, blendete das „Sie schaffen das“- Gelaber von Mary aus, die dachte, er wäre nervös vor dieser komplizierten OP, obwohl er das nie war, und stieß die Tür zum OP auf, wo Prof. Jumper bereits mit einem schleimigen Lächeln wartete. Marc sah zuerst nur rot, dann zwang er sich, wieder runterzukommen und nickte ihm zu. Dann begannen sie zu operieren. Es war sehr ruhig, was Marc sehr zu entspannen schien.
Vielleicht lässt er mich auch einfach in Ruhe.
Nach einigen Stunden hatten sie die Operation beendet. Es war alles gut verlaufen, der Bruch würde ohne Zweifel heilen. Marc war müde und geschafft. Zu Beginn der OP hatte er seine ganze Konzentration dafür gebraucht, gegenüber dem Chefarzt nicht frech oder unfreundlich zu werden. Jetzt verließ er den OP und hoffte, dass alles glatt gehen würde. Er würde sich in seinem Büro verkrümeln, sich dann kurz wegschleichen und dann würde er mit dem Chefarzt sprechen.
Er schaute auf die Uhr. 15:23 Uhr. In einer halben Stunde war Gretchens Ultraschalltermin. Vorfreude ergriff ihn. Er würde endlich herausfinden, ob er Vater eines kleinen Gretchens oder eines kleinen Marcs werden würde. Auf sein Gesicht schlich sich ein Lächeln. Wer hätte das gedacht, dass er, der Obermacho des Schulhofes, mal mit der größten Niete zusammen sein würde. Er hätte es jedenfalls nie für möglich gehalten, aber jetzt war es so und er war unbeschreiblich glücklich darüber.

Nach zwanzig Minuten steckte er den Kopf aus seinem Büro und schaute, ob die Luft rein war. Der Flur war leer, was ziemlich ungewöhnlich war, aber es war ihm nur recht. Langsam setzte er einen Fuß auf den Flur, der andere folgte. Er war es gewohnt, sich wegzuschleichen. Das hatte er immerhin schon in seiner Jugend gelernt, als er sich abends auf Partys geschlichen hatte, oder als er aus den Wohnungen der zahlreichen Frauen geschlichen war. Er war lautlos. Wenn er wollte, konnte ihn niemand hören. Und genau das wollte er jetzt. Er schlich den Flur entlang, bis zur Treppe und stieg ein Stockwerk nach oben. Er sah das Ziel schon vor sich, als sich auf einmal jemand vor ihn stellte.
Was zum Teufel…?!
Er sah auf.
Scheiße!
Dieser Mann hatte ihm gerade noch gefehlt.
„Doktor Meier, wohin des Weges?“, fragte Dr. Jumper und grinste ihn an. Marc kam es so vor, als würde er sich absichtlich so schleimig benehmen, nur damit er zusagte. Sein Ego war zwar groß, aber er war nicht blöd. Von so einer Tour wollte er sich nicht beeinflussen lassen. Aber er machte gute Miene zu bösem Spiel und erwiderte das Lächeln.
Nur… was soll ich jetzt sagen?
„Nun ja, ich hab da eine schwangere Patientin eingeliefert bekommen und ich bräuchte den Rat von Dr. Star“, sagte er selbstsicher und lehnte sich an die Wand.
Perfekte Ausrede, Meier! Lügen kannst du immer noch wie ne Eins! Ob es förderlich ist, wenn ich ihn anlüge, ist doch eh egal…
„Ach ja? Was hat sie denn?“, spielte der Chefarzt mit, aber Marc hatte das Gefühl, dass der Chefarzt schon eine Ahnung von seinem wirklichen Grund hatte. Immerhin war er ja nicht blöd, sonst hätte er es nie so weit gebracht.
Ja, ein scharfer Verstand ist nicht zu verachten… nur haben ihn meistens genau die Leute, bei denen ich es lieber nicht sehen würde….
„Sie ist ausgerutscht auf dem Eis… nichts besonderes, ich wollte nur seine Meinung mit einbeziehen“, spielte Marc es mit gelangweilter Stimme herunter.
„Sie sind wirklich gründlich“, meinte der Professor und verengte seine Augen zu Schlitzen, „und es hat wirklich nichts damit zu tun, dass Ihre Frau heute einen Termin hier hat in exakt… zehn Minuten?“
Jetzt ist mal fertig mit dem Katz-und-Maus-Spiel! Überprüft der mich oder was? Das grenzt ja schon nahezu an Stalking! Zuerst verfolgt er mich und jetzt der Scheiß! Also echt!
„Der Termin ist heute?“, fragte er gespielt überrascht, „Das habe ich wegen der Arbeit ganz vergessen! Naja, ist ja auch nicht so wichtig… meine Freundin wird mir schon alles berichten“
„Ja, dann können Sie auch zurück auf Ihre Station gehen“, sagte er und schob ihn mit leichtem Druck zur Treppe. Marc sah gerade noch, wie Gretchen aus dem Aufzug am anderen Ende des Flurs stieg und lächelnd zum Büro ging. Sie war mal wieder wunderschön. Er schaute sie an und wusste: er musste dabei sein!
„Aber meine Patientin…“, protestierte er schwach.
„Das übernehme ich! Gerade wurde ein Notfall eingeliefert. Sein Leben hängt am seidenen Faden, also zeigen Sie, was Sie können!“, rief er und klopfte ihm noch einmal auf die Schulter. Dann fügte er noch hinzu: „Aus Ihnen kann was werden, also verschließen Sie sich nicht vor Ihrer Chance!“
Scheiße… nein, ich will den Typ jetzt nicht operieren… ich will zu Hasenzahn! Verdammt! Aber der Hippokratische Eid… man, den könnte ich manchmal echt verfluchen!
Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Weg zum OP. Er hoffte nur, dass es schnell ging, damit er Hasenzahn noch abfangen konnte, bevor sie ging. Nicht einmal sein Handy konnte er holen, um ihr eine SMS zu schicken, weil er von Dr. Jumper kontrolliert wurde.
Vielleicht hat er auch übertrieben… vielleicht geht alles ganz schnell, Dr. Star nimmt ne andere Patientin vor Hasenzahn und ich kann doch noch dabei sein… mist… Hasenzahn wird stinksauer sein…
Er klammerte sich an diese letzte Hoffnung, zog sich um und machte sich steril. Leider dauerte die OP ziemlich lange, und als er mit wehendem Kittel den Krankenhausflur entlang, die Treppe runter und zu Dr. Stars Büro stürmte und hineinplatzte, sah er dort nur eine schwarzhaarige Diva mit einer Zigarette in der Hand sitzen, die ihn von oben bis unten abcheckte und wahrscheinlich abtreiben wollte.
„Ist Doktor Haase hier?“, fragte er Dr. Star atemlos, der vor Verblüffung kein Wort herausgebracht hatte.
„Nein, sie ist schon gegangen. Sie hat lange auf Sie gewartet“, sagte er und schenkte ihm einen entschuldigenden, mitfühlenden Blick. Marc schloss die Tür und ließ sich daran hinuntergleiten.
„Scheiße…“

Sophiee^^ Offline

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12.03.2012 19:31
#114 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Gretchen wartete schon seit fünf Minuten auf Marc. Sie wurde langsam unruhig. In fünf Minuten würde die Untersuchung beginnen… und sie würde herausfinden, ob sie einen Sohn oder eine Tochter bekommen würde.
Wo bleibt er denn? Er hat gesagt, er kommt… er hat es versprochen…
Sie saß auf dem Stuhl vor Dr. Stars Schreibtisch. Er war noch nicht da. Unsicher, was sie währenddessen tun sollte, schaute sie sich um. Sie war schon immer neugierig gewesen, und verstohlen schaute sie zu dem Blatt Papier, das auf dem Schreibtisch lag.
Nein, ich darf das nicht lesen… das ist privat… ich sollte wirklich nicht… ach, scheiß drauf!
Sie stand auf und ging um den Tisch herum. Sie begann leise zu lesen: „Sehr geehrter Dr. Star, das hier ist die zweite und letzte Mahnung…Sie sind gebeten, den folgenden Betrag in der kommenden Woche zu begleichen, ansonsten werden wir rechtliche Wege einleiten müssen…“
Gretchens Augen weiteten sich, als sie den Betrag am Ende des Mahnbriefes von der Bank sah.
Wow… das ist ganz schön viel Geld… warum hat er denn solche Schulden?
Sie hörte seine Stimme von draußen, legte schnell das Blatt zurück und setzte sich wieder. Als er eintrat, lächelte sie ihn kurz unschuldig an. Sie bekam ein schlechtes Gewissen, aber sie versuchte sich zu trösten, indem sie sich sagte, dass sie eine Frau war und die waren nun mal neugierig. Und sie würde es ja auch niemanden erzählen. Also war es ja auch kein Problem.
Wo bleibt Marc nur? So langsam könnte er schon auftauchen… ich will, dass er dabei ist…er muss einfach.
„Also… können wir dann beginnen?“, fragte Dr. Star und versuchte es mit einem müden Lächeln.
Deshalb ist er also immer so traurig… er hat Schulden…
„Ähm… können wir nicht noch warten? Auf Marc?“, fragte sie unsicher und schaute ihn mit ihrem Hundewelpen- Blick an.
„Na gut…“, sagte er. Eine unangenehme Stille breitete sich aus. Sie fühlte sich unwohl. Immer wieder schielte sie auf die Uhr, wo die Sekunden wie Stunden zu vergehen schienen. Irgendwann wurde es ihr zu bunt. Sie nahm ihr Handy raus und schrieb Marc eine SMS.
Wo zum Teufel steckst du?!
Dann blickte sie sich weiter um und schenkte Dr. Star immer wieder entschuldigende Blicke.
Marc, verdammt nochmal, wo bist du? Bitte… du hast es versprochen… das hier ist wichtig, da kannst du deinen Job ruhig hinten anstellen…
Ihr Blick blieb an Dr. Stars Armbanduhr hängen. Sie stutzte.
Was ist denn das? Die ist doch brandneu. Aber das kann er sich unmöglich leisten, bei den Schulden! Es sei denn, er ist ziemlich dumm! Oder er ist ein Shopaholic und hat deswegen Schulden… obwohl, ne, bei den Klamotten… haben eigentlich alle Gynäkologen so einen miesen Kleidungsgeschmack?
Rein aus Zeitvertreib und Interesse fragte sie: „Neue Uhr?“
Er sah auf, dann lächelte er verlegen. „Ja“
„Sieht ziemlich teuer aus…“, wagte sie sich weiter.
„War sie auch“, grinste er.
„Geschenkt bekommen oder…“, stellte sie eine Frage in den Raum.
„Ne, ich hab mir mal was gegönnt“
Naja, ich denke ja auch, dass man sich mal was gönnen sollte, aber doch nicht, wenn man eh schon knapp bei Kasse ist… irgendwas ist da faul, ich hab ein schlechtes Gefühl.
„Haben Sie im Lotto gewonnen oder so?“
„Also wirklich, nur weil ich Frauenarzt bin, heißt das nicht, dass ich kein Geld verdiene!“, rief er.
Upps… er ist ja mal empfindlich…
Verschreckt schaute sie ihn an. Er entschuldigte sich sofort mit der Aussage, dass er in wenig überarbeitet war.
Das glaub ich ihm nicht… vielleicht hat er ja Probleme oder so… vielleicht sollte ich…
…NEIN, ich werde NICHT rumschnüffeln! Ich konzentrier mich auf mein Leben! Nicht jeder will meine Hilfe, sonst würde er mich ja fragen. Oder er hat die Schulden schon bezahlt und hat wieder Geld. Was weiß ich, ich werde mich nicht einmischen! Kommt eh immer nur eine Katastrophe raus!

„Tut mir wirklich leid, wir können nicht länger warten! Ich hab auch noch andere Patientinnen“, riss er sie, wie Gretchen meinte, ein wenig eingeschnappt aus ihren Gedanken.
„Aber können wir denn nicht…“, wollte sie protestieren, aber er warf ihr einen Blick zu, der keine Widerrede zuließ. „Okay“, flüsterte sie enttäuscht. Sie legte sich auf die Behandlungsliege.
Er hat bestimmt zu tun… oder dieser doofe Chefarzt hat sich wieder eingemischt…
Traurig darüber, dass sie diesen Moment alleine erleben musste, schwieg sie während der gesamten Untersuchung. Dr. Star schmierte ihr das kalte Gel auf den Bauch und begann dann mit der Untersuchung. Das Baby war auch bald gefunden.
„Wollen Sie wissen, in welcher Farbe sie das Kinderzimmer streichen werden?“, lächelte er sie, plötzlich wieder versöhnlich, an.
Egal was es wird, ich kann das Kinderzimmer rosa, gelb, blau, grün oder rot streichen. Macht doch keinen Unterschied.
Ein wenig patzig antwortete sie: „Sagen Sie mir einfach das Geschlecht ohne diese doofen Ansprachen“
Er verdrehte unauffällig die Augen und zeigte auf den Bildschirm: „Hier können Sie sehen…“
Aber Gretchen hörte ihn gar nicht mehr, als er dann doch eine Ansprache über „wie schön es ist, die Babys wachsen zu sehen und dann auf die Welt zu holen“ hielt. Sie sah nur dieses kleine Wesen auf den Bildschirm.
Das ist meins. Das ist Marcs. Das ist unseres. Wow…
Dr. Star beendete seine Rede, indem er lauter wurde und Gretchens Aufmerksamkeit erlangte.
„Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen…“



Scheiße, scheiße, scheiße…ich hab alles versaut. Wie immer. Aber dieses Mal war ja gar nicht ich Schuld. Was hat der für ein Problem? Nur weil er geschieden und total frustriert ist und nur für seinen Job lebt, heißt das nicht, dass er mir Probleme aufhalsen kann. Aber trotzdem, er hat MIR die Suppe eingebrockt, und er ist zu stolz beziehungsweise ich hab zu viel Respekt vor seiner Stellung, um ihn die Suppe auslöffeln zu lassen. Verdammt. Das macht mich so sauer! Bestimmt der doch einfach über mein Leben! Ich geh jetzt zu ihm, Respekt hin oder her! Es ist sicher lange her, dass ihm jemand den Kopf gewaschen hat, und es wird ihm sicher ganz gut tun!
Wut hatte Marc immer schon angetrieben, etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde. Wenn er rot sah, war es meistens schwer, ihm und seiner spitzen Zunge zu entkommen, deshalb hatte er sich an seinen „schlechten“ Tagen immer tunlichst von denen ferngehalten, die ihm etwas anhaben konnten, natürlich nur beruflich. Er war meistens in seinem Büro, oder noch besser, zu Hause geblieben und hatte den Kontakt abgeblockt. Überraschenderweise hatte das immer ziemlich gut geklappt. Bis heute. Aber in diesem Moment war ihm ziemlich egal, wenn er gefeuert werden würde. Klar, die Arbeit hier gefiel ihm, aber nicht, wenn er so einen Kotzbrocken als Chef hatte. Und selbst wenn er Washington verlassen müsste, im EKH hatte er eine Stelle sicher, immerhin war Gretchen die Tochter vom Chef, und das hatte auch seine Vorteile. Plötzlich konnte er seine Bedenken vom Morgen nicht mehr verstehen. Sie würden irgendwie nach Berlin kommen und dort weiterleben und –arbeiten, da war es tausendmal besser als hier. Hier war zwar die Arbeit herausfordernder und im EKH waren die Fälle manchmal ziemlich langweilig, aber zumindest wären sie zu Hause, und man würde ihm nicht mehr das Leben schwer machen.
Zu Hause…
Seine katastrophale Stimmung hellte sich ein wenig auf, als er an sein Zuhause zurückdachte. Er dachte immer, das Gedöns um das wundervolle Zuhause wäre vollkommen überbewertet und er hatte auch nicht gezögert, als man ihm angeboten hatte, hierher zu kommen, aber jetzt, wo er so lange weg war, vermisste er Berlin schon sehr.
Schau an, was aus dir geworden ist! Naja, zumindest kann ich jetzt für einen kurzen Moment wieder der Alte sein, und dann muss ich nur noch hoffen, dass Gretchen mir nicht meinen göttlichen Kopf abreißt!

Sophiee^^ Offline

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16.03.2012 17:19
#115 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Tut mir leid, gestern war ich den ganzen Tag nicht zu Hause...
Dafür geht's heute wieder weiter!


Er rappelte sich auf und klopfte sich den Schmutz von den Hosen. Zielstrebig machte er sich auf den Weg zu Prof. Jumper- über den Namen musste er immer ein wenig schmunzeln-, um ihm gehörig die Meinung zu sagen, komme, was wolle. Kurz darauf klopfte er auch schon energisch gegen die Tür und öffnete sie, ohne auf das „Herein“ seines Chefs zu warten. Er knallte die Tür zu, den Professor ließ das ziemlich unbeeindruckt, was Dr. Marc Meier nur noch mehr auf die Palme brachte.
„Was kann ich für Sie tun, Dr. Meier?“, fragte er freundlich und gab ihm ein Zeichen, Platz zu nehmen.
„Wie kommen Sie eigentlich dazu?“, rief er aufgebracht und ignorierte den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er blieb stehen und nahm seine Angriffshaltung ein.
„Wozu?“, fragte er ahnungslos nach.
Jetzt provoziert der mich auch noch!
„Erst machen Sie mir dieses… dieses Angebot, dann reden Sie mit meiner Freundin als wäre sie irgendeine nutzlose Putzfrau, obwohl sie so viel Licht und Leben in dieses kalte Krankenhaus gebracht hat, und dann verfolgen Sie mich auch noch und schauen auf meinen Terminplan! Und dann setzen Sie alles daran, dass ich bei einem der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Vaters nicht dabei sein kann. Warum das alles? Es hat keinen Sinn; wenn Sie mich absichtlich quälen, dann werde ich erst recht nicht annehmen“, schrie er und kümmerte sich nicht darum, dass er mit seinem Chef sprach.
…du Arschloch!
„Sie übertreiben“, spielte er alles herunter und lächelte, „ich habe Sie doch nicht verfolgt, ich habe Sie nur darauf aufmerksam gemacht, dass Sie im OP gebraucht werden“
„Och bitte, die hätten Sie auch ganz gut alleine durchführen können, so unbegabt sind Sie jetzt echt nicht“
„Wow, jetzt wirst du persönlich… solltest vielleicht einen Gang zurückschalten“, rief seine Vernunft ihm zu, aber er ignorierte es.
„Wie reden Sie eigentlich mit mir? Ich bin Ihr Chef, haben Sie ein wenig Respekt!“
Aha, er zeigt also schon Risse in der Fassade. Weiter so!
„Ich finde nicht, dass Sie sich meinen Respekt verdient haben“, sagte er barsch. Dr. Jumper verengte seine Augen zu Schlitzen.
„Allein wegen meines Postens sollten Sie Respekt haben, Sie undankbarer Flegel!“
Tzz… als würde mir das was tun. Erwartet er jetzt, dass ich um Reue und Vergebung winsle?!
„Ich werde Ihnen erst Respekt zollen, wenn Sie sich aus meinem Privatleben raushalten und sich für Ihr Verhalten entschuldigen. Sie können jeden Menschen auf der Welt wie Dreck behandeln, aber nicht meine FRAU!“, rief er, und überhörte dabei die Tatsache, dass er Gretchen gerade als seine Frau bezeichnet hatte.
„Ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht hätte. Sie wurde frech und ich habe sie zurechtgewiesen, das ist alles“, verteidigte er sich, wieder ganz gefühllos. Es machte Marc rasend, wenn er so tat, als wäre nichts.
„Dazu haben Sie nicht das Recht“
„Und SIE haben nicht das Recht, den Dienst zu schwänzen!“, griff er ihn jetzt an.
„Ich wollte nur mein Kind sehen. Zum ersten Mal live dabei sein, die anderen Male haben Sie mich ja auch nicht weggelassen. Sie sind ein herzloser Kotzbrocken“
Das Engelchen auf seiner Schulter schüttelte den Kopf und zog sich zurück, während das Teufelchen Samba tanzte und ihm immer wieder zuschrie: „Weiter so! Er hat’s verdient!“
„Das ist genug! So lasse ich mich nicht behandeln! Sie sind ab sofort für zwei Wochen beurlaubt!“, schrie er, „Und jetzt RAUS!“
„Wie schön, dass wir uns einigen konnten“, meinte Marc bissig und ging auf die Tür zu. Als er schon draußen war, steckte er noch einmal den Kopf durch die Tür und zischte: „Ich lehne Ihr Angebot übrigens ab, falls es noch stehen sollte. Tja, da ist Ihnen aber ein guter Chirurg durch die Lappen gegangen, was?“
Dann knallte er die Tür genauso laut zu wie vorhin. Alle Krankenschwestern, Ärzte und Pfleger, sogar einige Patienten, starrten ihn an. Der Streit war ganz schön heftig gewesen. Umso überraschter waren sie, als Marc lächelte und sich auf den Weg in die Umkleide machte, um sich umzuziehen und nach Hause zu fahren, wo, so dachte er zumindest, ein total wütendes und enttäuschtes Gretchen wartete.
Aber das bieg ich hin. Ich erklär ihr alles, und dann wird sie mir sagen, ob ich wirklich einen Jungen gezeugt habe, wie es mir mein Gefühl schon die ganze Zeit sagt.

„Gretchen?! Ich bin zu Hause!“, schrie er in die dunkle Wohnung, „Du hör mal, es tut mir total leid, aber das Arschloch von Chef hat mich zu einer OP gerufen, bitte sei nicht sauer…“
Komisch… wieso sind die Lichter nicht an? Schläft sie schon? Oder ist sie gar nicht hier?
Eine innere Unruhe packte ihn. Er schaltete die Lichter an und suchte nach ihr. Überall. Eigentlich war sie ja nicht zu übersehen- wegen ihrer Schönheit natürlich- aber er fand sie nicht. Sie war nicht da.
Wieso zur Hölle ist sie nicht da?! Sie kann doch nicht einfach zu Mary abhauen, wenn sie meine Erklärung noch nicht mal angehört hat! Ich ruf sie an!
Er nahm sein Handy aus der Jackentasche, las schnell die SMS von ihr, die sehr wütend klang, und plötzlich war er sich nicht mehr so sicher, ob es ihr schwerfallen würde, einfach so zu Dr. Thompson abzuhauen. Er tippte ihre Nummer, die er schon auswendig konnte, ein und wartete. Er war angespannt. Schon immer war er ungeduldig gewesen, eine Eigenschaft, die er mit Gretchen teilte. Das Tuten spannte ihn auf die Folter, bis ihm eine nette Dame aus irgendeiner Maschine erklärte, dass Gretchen nicht erreichbar sei und er es später versuchen sollte.
Ich will sie aber JETZT hören, nicht später! Es kann doch nicht sein, dass sie wieder so sauer ist… ne, noch so einen Tag wie gestern halt ich nicht aus…
Kurzerhand rief er Dr. Thompson an, die allerdings auch erst beim gefühlten hundertsten Tuten abnahm und sehr genervt klang.
„Ja?!“
„Wo ist sie?“, rief er.
„Wer? Ihre Mutter ist bei mir“
„Wen interessiert schon meine Mutter?!“, schrie er so laut und aufgebracht, dass Elke es hören konnte und gleich drauflos zeterte: „Also, Marc Olivier, ich muss doch sehr bitten…“
Er ignorierte es einfach und brüllte noch einmal: „Wo ist Gretchen?! Sie brauchen sie nicht zu verstecken, ich hab für alles eine Erklärung. Sie muss mich anhören!“
„Gretchen?“, fragte Mary verblüfft, „Sie ist nicht hier, sorry. Ich hab sie heute auch noch nicht gesehen“
Was…? Aber, wo ist sie denn dann??!
„Aber… aber… wo ist sie dann?“, teilte er seine Gedanken mit Dr. Thompson.
„Ich habe keine Ahnung… aber was wollten Sie ihr denn erklären?“
„Naja, mein Chef hat Stress gemacht und ich konnte nicht zum Ultraschalltermin… ich dachte, sie wär sauer und mal wieder bei Ihnen untergekommen“, murmelte er niedergeschlagen. Er fühlte sich unwohl. Irgendwas stimmte da nicht.
„Nein… tut mir leid. Hier ist sie nicht“, wiederholte sie und klang dabei sehr besorgt. „Wo kann sie denn sein?“
„Ich hab keine Ahnung“
„Marc Olivier, anstatt diese unmögliche Frau zu suchen, könntest du mir auch einmal einen Besuch…“, begann seine Mutter eingeschnappt.
„Mutter, halt endlich mal den Rand!“; schrie er, so laut, dass er es tatsächlich schaffte, sie zum Verstummen zu bringen. Es gab eben doch noch Wunder.
„Ich hab kein gutes Gefühl bei der Sache“, fuhr er etwas leiser fort. Die Unruhe breitete sich weiter in ihm aus, aber er versuchte, sich nicht mit verschiedenen Bildern von Gretchen, überall verletzt und blutig, verrückt zu machen.
„Ich weiß nicht… vielleicht sollten Sie einfach mal abwarten. Sie ist gern alleine, wenn Sie über etwas nachdenken muss“, meinte Mary. Auch sie fühlte sich unwohl, unterdrückte es aber. Sie ließ sich sehr leicht von anderen in ihrer Panik anstecken, und am Ende würde Gretchen fröhlich wie immer vor ihrer Haustür stehen und sie hätte sich umsonst verrückt gemacht. Ja, so würde es sein.
Ich soll warten?! Wie soll ich denn in so einer Situation warten?
Trotz seiner Gedanken zwang er sich, ruhig zu bleiben und legte ohne ein weiteres Wort auf.

Sophiee^^ Offline

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19.03.2012 14:50
#116 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Mädels!
Danke für eure Kommentare

Jetzt kommt endlich das Kapitel, wo ihr die Wahrheit erfahrt, und das gleich in zwei Dingen! Viel Spaß dabei


Wenn sie wirklich weg ist und bald wieder kommt… das wäre das Beste, das ich mir erhoffen könnte. Aber vielleicht ist sie auch irgendwo ausgerutscht und liegt irgendwo am Straßenrand, ganz hilflos der Nacht und der Kälte ausgeliefert. Oder sie ist irgendwo und betrinkt sich. Ne, das geht ja nicht, sie ist schwanger, das würde sie unserem Baby nicht antun. Vielleicht sollte ich mal Dr. Star anrufen. Und mir weniger Sorgen machen. Ich sollte noch ein wenig warten…
Aufgewühlt tigerte er durch seine Wohnung. Er fuhr sich immer wieder durchs Haar. Er war nervös. Sehr nervös. Warum war er in letzter Zeit immer so nervös? Das passte ihm gar nicht. Er wollte das nicht, er wollte nicht so angreifbar sein. Aber er hatte sich angreifbar gemacht, indem er Gretchen alles erzählt hatte. Gretchen war ja keine Gefahr für ihn. Kurz schmunzelte er. Sobald er wieder in der Realität war, verging es ihm wieder. Sie war weg, und er hatte dieses Gefühl, dass sie an diesem Tag nicht wiederkommen würde. Und eigentlich täuschte ihn sein Gefühl nicht, dachte er. Aber er war es nicht so gewohnt, auf sein Gefühl oder gar auf sein Herz zu hören, er hatte sich immer auf seinen Kopf verlassen, was als Chirurg auch sehr wichtig war.
Scheiß aufs Warten, oder ob der Frauenflüsterer denkt, dass ich paranoid bin, ich ruf den jetzt an!
Er rief also im Krankenhaus an und ließ sich mit dem Gynäkologen verbinden.
„Guten Tag, Dr. Star“, grüßte er ihn freundlich und versuchte, nicht zu ungeduldig zu klingen.
„Guten Tag, Herr…?“, erwiderte eine fragende Männerstimme, die wieder einmal ziemlich deprimiert klang.
Kann eigentlich kein Gynäkologe mal fröhlich sein?! Naja, bei dem Job… schon verständlich…
„Dr. Meier. Meine Freundin, Dr. Haase, war heute bei Ihnen. Wann ist sie denn gegangen?“
„Kurz vor halb fünf ungefähr, denk ich“
Wieso klingt er denn jetzt so nervös?!
„Sind Sie sicher, dass sie das Krankenhaus verlassen hat?“, machte er auf Detektiv.
„Ja, ganz sicher. Ich hab sie noch auf dem Parkplatz gesehen. Warum fragen Sie überhaupt?“, meinte er gehetzt.
„Es geht Sie zwar nichts an, aber… sie ist noch nicht nach Hause gekommen“
Und es ist schon fast acht…
„Ach tatsächlich?“
Dr. Star kaute auf seiner Lippe. Sie war verschwunden? Aber warum? Hatte dieser Typ etwa damit zu tun, der seine Schulden bezahlt hatte und nach ihr gefragt hatte?
„Ja… aber wenn sie nicht bei Ihnen ist… ach ja, und was ist denn bei der Untersuchung herausgekommen?“, fragte er neugierig.
„Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Die ärztliche Schweigepflicht kennen Sie ja selbst zur Genüge“
„Aber… aber ich bin der Vater“
„Sie sind mit der Patientin weder verheiratet noch verwandt, und ich müsste erst ihre Erlaubnis einholen, um es Ihnen zu sagen“, sagte er kühl. Marc legte sauer auf.
Der hat mir sowas von gar nicht geholfen. Pff, ärztliche Schweigepflicht. Ich bin der Vater, also bin ich mit dem Kind verwandt, das reicht doch! Wieso war er überhaupt so nervös? Es gab doch keinen Grund dazu. Ach verdammt! Hasenzahn, wo steckst du bloß?!



Gretchen streckte und reckte sich. Blinzelnd öffnete sie die Augen. Es war dunkel. Wieso war es denn so dunkel? Es kam ihr nicht so vor, als wäre noch Nacht. Hatte Marc die Rollläden runtergelassen? Aber das tat er doch sonst nie. Sie konnte sich diese komische Untergangsstimmung nicht erklären. War es etwa draußen auch so dunkel? Na super, so ein Wetter konnte die Laune, die sie seit dem Tag zuvor hatte, doch nur heben!
Als sie sich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, setzte sie sich auf. Da fielen ihr zwei Dinge auf:1. Sie hatte höllische Kopfschmerzen und fühlte sich ganz benebelt, und 2. Marc lag nicht neben ihr. Konnte er auch gar nicht, denn sie lag auf einem Einzelbett, um genau zu sein, einem harten, ungemütlichen Einzelbett.
Wo zur Hölle bin ich?! Bei Mary? Nein, da hab ich ein gemütliches Doppelbett, in dem grade Marcs Mutter schläft. Aber wo bin ich dann? Ich weiß noch, dass ich sauer auf Marc war… oder bin… ach egal, jetzt gibt es wichtigeres zu klären. Also, ich war sauer auf Marc, bin gegangen… ich wollte zur U- Bahn. Vielleicht bin ich am Bahnhof? Kann man da auch schlafen? Aber ich schlaf doch nicht wie ein Penner neben einer U- Bahn! Vielleicht Hotel? Ne, wenn die Betten da wirklich so ungemütlich und die Zimmer so kalt und leer wären, würde ich nie mehr hingehen!
WO BIN ICH?!

Krampfhaft versuchte Gretchen sich an etwas zu erinnern, was nach dem Ultraschalltermin geschehen war. Sie war ein Stück gegangen… in Richtung der nächsten U- Bahn- Haltestelle. Die U- Bahn würde sie dann zu ihrer Wohnung bringen. Sie wollte nachdenken, nicht wieder kopflos zu Mary flüchten. Sie war sauer auf Marc gewesen, aber sie wollte den Kopf freikriegen. Vielleicht war ihm etwas- wahrscheinlich in Form seines kalten Chefs- dazwischengekommen. Er wollte ganz sicher dabei sein. Sie erinnerte sich, dass sie ihn angerufen hatte, er aber nicht abgenommen hatte. Daraufhin hatte sie beschlossen, sich ein wenig zu beeilen, weil sie schon ein wenig außer Atem war, und in der Wohnung auf ihn zu warten, ihn vielleicht ein bisschen zappeln zu lassen und ihm dann freudestrahlend zu verkünden, dass er einen Sohn bekam.
Sofort wurden Gretchens angestrengt nachdenkende Züge weich. Sie bekam einen Sohn von Marc! Einen richtig kleinen Macho und Herzensbrecher, falls er denn nach seinem Vater kommen sollte. Sie sah schon vor sich, wie er aufwuchs und sie auf Trab hielt. Und dann, wenn sie noch ein Kind bekommen würden, was er für ein toller großer Bruder sein würde! Der coolste überhaupt, würde Marc jetzt mit einem Grinsen sagen. Gretchen hatte sich immer einen großen Bruder gewünscht, einer, der sie vor Marc Meier beschützte und ihm eine verpassen würde, wenn er sie mal wieder verletzt hatte. Meine Güte, wenn sie diesen Bruder wirklich hätte, würde Marc wahrscheinlich lange nicht mehr leben!
Träumerisch lächelnd strich sie sich über den Bauch, während sie sich im Zimmer, wenn man es überhaupt als Zimmer bezeichnen konnte, umsah. Es war ein kahler Raum, richtig spartanisch eingerichtet. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett und ein Waschbecken. Und, was sie noch mehr entsetzte: eine Toilette, in der Ecke des Zimmers. Zögerlich stand sie auf. Da stimmte etwas wirklich nicht. Es war zwar finster, aber sie wusste, dass sie diesen Raum noch nie gesehen hatte. Was sollte sie denn hier? Sie kam sich vor wie in einem Gefängnis. Langsam ging sie auf die riesige, massive Tür zu und versuchte, sie zu öffnen. Sie war verschlossen. Verzweifelt rüttelte sie daran, nichts bewegte sich. Panisch wanderten ihre Augen hin und her, und sie realisierte etwas.
Ich bin eingesperrt.
Sie hasste es, eingesperrt zu sein. Besonders in so einem kleinen, kahlen Raum. Sie würde jetzt nicht behaupten, dass sie klaustrophobisch war, aber große, offene und helle Räume waren ihr immer schon lieber gewesen. Und damals, als sie in der Kühlkammer im Labor eingeschlossen war, war sie nicht nur wegen der Kälte zusammengebrochen. Die Panik hatte sie ausgeknockt, und sie hatte auch schon aufgegeben und nur mehr gehofft, dass sie jemand finden würde.
Ganz ruhig… ganz ruhig… ich kann Wasser trinken und werde sicher länger überleben… aber ich brauche auch was zum Essen… ich hab Hunger… großen Hunger…. Kein Wunder, ich muss ja auch für zwei essen!
Sie klopfte an die Tür.
„Hallo?! Ist da jemand?“, krächzte sie und räusperte sich kurz darauf. Sie fühlte sich noch immer nicht ganz klar im Kopf.
Verdammt, was ist hier los?! Wo bin ich?! Was soll ich hier?! Wie komme ich überhaupt hierher?! Alleine sicher nicht… aber was ist… oh Gott… hat mich jemand… entführt??! Aber wieso?! Ich hab doch niemandem etwas getan! Niemand hätte einen Grund, mir zu schaden! Ich bin doch ein herzensguter Mensch, und ich bin schwanger! Wer macht sowas? Helft mir doch! Ich tu doch niemandem was!
Ihr stiegen Tränen in die Augen. Das durfte nicht wahr sein!
Plötzlich öffnete sich die Tür, und sie traf sie unsanft im Rücken. Ohne es zu merken hatte sie sich an die Tür gelehnt auf den Boden gesetzt. Sie rieb sich den Rücken und drehte sich dann um. Vor ihr stand eine Person, ganz in schwarz gekleidet. Und ihr wurde klar, dass all ihre Gedanken stimmten. Sie war entführt worden! Verdammt nochmal, war das ein schlechter Scherz?! Zu ihrer Angst gesellte sich auch die Wut darüber, da sie sich keinen Grund vorstellen konnte, warum man ausgerechnet SIE entführen sollte.
Die Person war zierlich; Gretchen war sich ziemlich sicher, dass es eine Frau war. Und da sah sie auch ihre Chance, ihren einzigen Strohhalm, an den sie sich klammern konnte. Ihr Fluchtinstinkt regte sich. Sie konnte fliehen, diese Frau konnte sie leicht außer Gefecht setzen. Die ganzen Selbstverteidigungskurse waren doch nicht umsonst gewesen. Sie dachte nicht darüber nach, dass sie wahrscheinlich sowieso nicht weit kommen würde. Sie musste es versuchen.
Die Frau schmiss ihr Brot vor die Füße.
„Iss“, befahl sie barsch. Verstohlen blickte Gretchen zu ihr auf, dann setzte sie sich aufrecht hin und brach ein Stück von dem Brot ab. Sie aß es schnell fertig, sie war aber immer noch hungrig. Die Frau schaute ihr gelangweilt und ein wenig ungeduldig zu, wie sie das Brot verschlang, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Auf einmal hielt Gretchen sich den Bauch und schrie, so durchdringend, dass die Frau zusammenzuckte. Kurz war sie wie gelähmt, dann setzte sie sich neben Gretchen und wollte ihr aufhelfen. Aber Gretchen rammte ihr ihren Ellbogen in den Bauch, stand unbeholfen auf und rannte los, auf die schwere Tür zu. Die Frau hatte sich schnell gefangen und packte Gretchen bei ihren Haaren, so grob, dass sie noch einmal schrie.
„Du kleine Schlampe…“, rief die Frau und wollte sie gerade mit der flachen Hand ins Gesicht schlagen, als eine weitere, männliche Stimme ertönte: „Lass sie!“
Und dann erinnerte Gretchen sich.

Bitte lasst mich am Leben!

Sophiee^^ Offline

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22.03.2012 17:29
#117 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Tut mir leid, leute, aber ich liebe Drama (solange es nicht zu lang dauert ) Und außerdem kommen auch schöne Dinge auf euch zu.

Ich weiß noch nicht, wann ich mal wieder (nach einer gefühlten Ewigkeit) eure Kommis beantworten kann... aber ich freue mich über jeden kleinen Satz!

Viel Spaß mit dem ein wenig kreativen Teil
Eure Sophie


Ziellos trieb er im Wasser. Er dachte an nichts und niemanden. Er war ganz alleine, aber er fühlte sich nicht einsam. Ganz im Gegenteil.
Er war glücklicher als je zuvor.
Fasziniert beobachtete er alle bunten Fische, die sich an dem Riff tummelten und erschrocken wegschwammen, als er die Hand nach ihnen ausstreckte.
„Lass das! Die sind doch giftig!“, hörte er von hinten. Erschrocken fuhr er herum. Da war niemand. Er sah sich um. Niemand, wenn man mal die ganzen Meerestiere und Korallen wegzählte, die bekanntlich auch nicht sprechen konnten, war da. Als er sich wieder zu dem schönen Riff umwandte, dachte er auch nicht länger an den Einwand. Der Anblick, der sich ihm bot, war auch einfach zu wundervoll. Langsam streckte er wieder seine Hand aus, wartete auf einen Ruf, der ihn warnen sollte, und als nichts kam, berührte er eine Koralle. Unmengen von Fischen schwammen davon, die sich bis jetzt im Riff versteckt hatten. Enttäuscht schaute er ihnen nach. Wieso schwammen sie denn alle weg? Er tat ihnen doch nichts.
Er ließ seinen Blick weitergleiten und fühlte sich immer noch phänomenal, auch wenn die Fische keine Bekanntschaft mit…ähm…Dr.… ähm… jedenfalls, IHM machen würden. Langsam brachte er ein wenig Abstand zwischen sich und dem Riff und tauchte weiter. Es war ihm gar nicht bewusst, wie lange er schon unter Wasser war, ohne Luft zu holen. Das beklemmende Gefühl und die Stiche in der Brust setzten einfach nicht ein, wie sonst, wenn der Körper vor Sauerstoffmangel warnen wollte. Er fühlte sich, als wäre er nicht mehr ganz da, und trotzdem war da dieses Gefühl, dieses atemberaubende, einfach unbeschreibliche Gefühl, das ihn voll und ganz mit Zufriedenheit erfüllte.
Er ließ sich wieder treiben und sah an die Wasseroberfläche. Das Wasser glitzerte mystisch. Naja, eigentlich war es ja nicht mystisch. Man konnte es mit ganz einfachen physikalischen Gesetzen erklären: das Wasser brach das Licht der Sonne und deshalb glitzerte es in allen Farben des Regenbogens. Oder wie ein Blütenmeer. Es faszinierte ihn. Wie Philipp Otto Runge doch so schön sagte: „Die Farbe ist die letzte Kunst, die uns noch immer mystisch ist und bleiben muss, die wir auf wunderlich ahnende Weise wieder nur in den Blumen verstehen“
„Klingt wie ein Satz aus Hasenzahns albernen Frauenzeitschriften, die einem zu „dem wirkliche Ich“ führen wollen“, dachte er amüsiert. Sein Herz schien einen Sprung zu machen. Hasenzahn, sein Hasenzahn. Wo war sie überhaupt?
Er schaute sich kurz um, als er sie nicht erblickte, zuckte er nur gleichgültig mit den Schultern und schenkte der Wasserschildkröte, die gerade vorbeischwamm, einen wissenden Blick, als könnte sie seine Gedanken lesen: „Wahrscheinlich liegt die faule Gans am Strand und lässt sich grillen. Dabei ist es hier im Wasser doch viel angenehmer“
Er ließ sich noch eine Weile im Meer treiben, aber dann wurde er doch irgendwann unruhig. Er sehnte sich nach ihr. Irgendwie kam es ihm vor, als hätte er sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Dabei war es doch erst… angestrengt runzelte er die Stirn. Er dachte nach. Wann hatte er sie denn zum letzten Mal gesehen? Er wusste es nicht mehr.
„Dann wird es wohl nicht so wichtig sein…so vergesslich bin ich jetzt wirklich nicht, soweit ich mich erinnere…“
Er dachte noch einmal zurück, aber ihn empfing nur gähnende Leere. Das Einzige, an das er sich erinnerte, waren die vielen Fische, wie sie davongeschwommen waren und wie er sich gerade telepathisch mit einer Schildkröte unterhalten hatte. Er wurde leicht panisch. Das Gefühl, das ihn bis jetzt in eine warme Decke des Glücks gehüllt hatte, war plötzlich weg, und er wollte nach Luft schnappen, dachte er doch, er würde ertrinken. Sein Blick flog wie zufällig nach unten, in den finsteren Abgrund. Wie weit war er denn vom Strand weg? Er konnte sich nicht erinnern, so weit geschwommen zu sein. Wo ist das Riff überhaupt? Er kniff die Augen zusammen. Er konnte es in der Ferne erahnen, und er sah nur verschwommen, wegen des Wassers, das ihm auf einmal nicht mehr so glitzernd vorkam, sondern eher trüb und dreckig. Neben ihm schwamm sogar eine Coca Cola Light Dose. Wieder sah er nach unten, und die Panik wurde von Sekunde zu Sekunde größer, so wie die Finsternis immer finsterer wurde. Er fröstelte. Die Angst gab ihm einen Adrenalinstoß, und schnell schwamm er mit kräftigen Zügen nach oben, an die Wasseroberfläche, hin zu dem weißen Lichtfleck.
Er konnte es sich nicht erklären. Was war plötzlich mit ihm los? Es war doch alles so friedlich hier… aber jetzt fühlte er die Enge in der Brust, die ihm das Schwimmen nicht gerade erleichterte. Nach einer gefühlten Ewigkeit war er endlich oben angekommen.
Als hätte er jahrelang die Luft angehalten, schnappte er jetzt mehrmals tief nach Luft. Das Gefühl, zu ertrinken, ebbte langsam ab, aber diese unerklärliche Angst lähmte ihn, als würde sie ihm jetzt einen Tribut abverlangen, dass sie ihm vorher so viel Kraft gegeben hatte. Unruhig blickte er sich schnell um, um sich einen Überblick zu verschaffen. Leicht verschwommen sah er einen gelb- weißen Strich am Horizont, den Strand, und dahinter graue, finstere Felsen, die bedrohlich aufragten. Palmen waren nur wenige. Erst jetzt fiel ihm auf, wie karg diese Insel… wie hieß sie noch gleich?... wirklich war. Überhaupt kam es ihm vor, als würde er die Insel zum ersten Mal sehen.
„Aber das geht doch nicht… ich bin mit… mit… Hasenzahn doch schon länger hier… oder?!“
Sein eigenes Unwissen machte ihn wahnsinnig. Was war mit ihm los? Er schüttelte den Kopf. Vielleicht hätte er die Koralle doch nicht anfassen sollen. Aber wer hatte ihm überhaupt gesagt, dass sie giftig war? Da war doch niemand gewesen… oder etwa doch?
„Was soll der Scheiß? Ich bin doch nicht senil!“
Er beschloss, zur Insel zu schwimmen, bevor er noch jämmerlich ertrank. Er zwang seine gelähmten Muskeln, endlich ihre Arbeit zu machen. Sie taten ihm zwar weh, aber nach einer kurzen Zeit war er trotzdem schon an der Insel angelangt.
„Komisch. Ich war doch gerade erst noch auf dem offenen Meer“, sagte er leise, als er außer Atem am Strand ankam. Der Strand war verlassen. Da stand nur ein Strandhaus, wo eine gelangweilte Kellnerin im Hoola- Kostüm und Blumenkette um den Hals Kaugummi kaute. Er nahm sich das Handtuch, das plötzlich neben ihm aufgetaucht war, und trocknete sich ab.
Die innere Unruhe verdrängend ging er auf den Stand zu und fragte das Mädchen, das ihn mit Blicken zu verschlingen drohte: „Wo sind denn alle? Ich mach doch nicht alleine hier Urlaub“
„Oh doch, das machst du. Du und ich sind die einzigen Personen hier“, schnurrte sie und setzte einen unwiderstehlichen Schmollmund auf.
„Aber… aber…“, er brach ab, seufzte und versuchte, mit der eigenen Verwirrtheit klarzukommen. „Hasenzahn war doch auch mal hier“
„Ich kenne keinen Hasen“, meinte sie und verdrehte die Augen. Noch so ein Verrückter hier auf ihrer Insel.
„Nein, Hasenzahn, meine Freundin“, sagte er, und der Gedanke an sie beruhigte ihn ein wenig.
„Du Prachtexemplar hast eine Freundin? Naja, das war ja klar…“, seufzte sie, dann sagte sie: „Sag mir Hasenzahns richtigen Namen, vielleicht kenne ich sie ja“
„Kein Problem, sie heißt…“, erschrocken brach er wieder mitten im Satz ab. Wie hieß sie noch einmal? Das gab es doch nicht! Das war die Frau, die er liebte und immer lieben wird, er konnte doch nicht ihren Namen vergessen! Er wusste ja, wie sie aussah. Lange, goldene Locken, strahlend blaue Augen, die aussahen, wie dieses Meer, weibliche Figur, die ihm immer wieder den Atem nahm, ihr Lächeln, ihr Schönheitsfleck auf dem Oberschenkel, das aussah wie ein Herz, das ihn immer wieder daran erinnerte, was für ein großes Herz sie doch hatte…er kannte sie wie kein anderer; da musste er doch ihren Namen wissen!
Die Panik nahm wieder Überhand; er strich sich immer wieder durch die Haare. Er schaute seine Hände an. Sie kamen ihm ganz fremd vor. War er ein anderer geworden?
„Könnte ich bitte einen Spiegel bekommen?“, fragte er atemlos vor Angst. Ihm wurde gerade nämlich etwas bewusst: er hatte nicht nur Hasenzahns richtigen Namen vergessen, sondern auch seinen.
Er betrachtete sich. Muskulöser Körperbau, gebräunte, reine Haut, kleine Bartstoppeln, die zu seinem Ärger auch schon ein wenig grau waren, braune, verstrubbelte Haare, eine Nase mit einer kleinen, leicht gebogenen Narbe darauf, und smaragdgrüne Augen, die, je nachdem in welchen Licht er stand, manchmal auch braun wirkten. Geschockt berührte er sein Gesicht. Das war wirklich er. Er war sich fremd. Er fühlte sich nicht wie dieser Mann, der ihn durch den Spiegel genau in die Augen schaute. Er sah aus wie ein Frauenaufreißer, ein Macho. Er berührte leicht die Narbe auf seiner Nase und zuckte zusammen. Sie schmerzte, obwohl sie verheilt aussah. Geschockt weiteten sich seine Augen.
„Bist du sicher, dass sonst niemand hier ist?“, fragte er. Er bekam aber keine Antwort. Das Strandhaus samt Mädchen war weg, ebenso der Strand und das Meer. Es war alles schwarz, und nur mit dem Spiegel in der Hand wurde ihm etwas bewusst.
Er wusste nicht, wer er war. Aber etwas wusste er: er war allein. So allein wie nie zuvor.

Geschockt fuhr Marc hoch. Er schwitzte. Dann sprang er wie von der Tarantel gestochen auf und rannte ins Bad. Er schaute sich im Spiegel an.
Ich bin Dr. Marc Meier. Zusammen mit Dr. Gretchen Haase, Hasenzahn, mit der ich auch ein Kind erwarte. Meine Mutter heißt Elke Fisher. Ich wurde von meinem Vater geschlagen, deshalb verhalte ich mich wie ein Gefühlskrüppel. Ich war ein Macho, ein Aufreißer, und obwohl diese Seite in mir manchmal immer noch zum Vorschein kommt, habe ich mich für die Liebe entschieden und bin glücklich.
Warum fühle ich mich dann nicht so?

Langsam hob er die Hand und berührte seine Narbe. Mit einem Aufschrei ließ er von der Narbe ab. Sie schmerzte, mehr als damals, als sein Vater ihm die Nase gebrochen hatte.
Was hat das nur zu bedeuten?
In dieser Nacht lag Marc wach. Er fand keinen Schlaf. Der Traum beschäftigte ihn, obwohl er keinen Schimmer hatte, was er bedeuten könnte.

Sophiee^^ Offline

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25.03.2012 12:23
#118 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=Ou_aTbmz7zY (Linkin Park- It's Esiar To Run)

Gehetzt wanderte er durchs Schlafzimmer und fuhr sich immer wieder fahrig durch die Haare. Seine Augen suchten ruhelos den ganzen Raum ab. Diese innere Unruhe machte ihn wahnsinnig. Wenn er doch bloß wüsste, warum er sich so fühlte.
Als seine Beine irgendwann müde wurden, brach er das Gerenne ab und setzte sich seufzend auf das Bett. Er strich sich über das Gesicht und schloss die Augen. Irgendwas stimmte da nicht. So war es ihm noch nie gegangen. Er war noch nie so panisch gewesen, er hatte immer, in jeder für manche aussichtlosen Situation, einen kühlen Kopf bewahrt. Wie zum Beispiel damals, als die Opfer der Massenkarambolage der Stadtautobahn eingeliefert wurden. Obwohl er schon viele Wunden, Knochenbrüche und entzündete Schnitte gesehen hatte, war es doch eine ganz neue Erfahrung für ihn als jungen Arzt gewesen. Und er hatte die Situation gemeistert. Wenn man es mit Gretchens träumerischen Worten sagen würde: „Er hatte den bösen Drachen bezwungen und die Königin gerettet“
Gretchen!
Schlagartig wurde ihm bewusst, warum er so ruhelos war. Sie war weg! Seit sie gestern im Krankenhaus war, hatte er sie nicht mehr gesehen, obwohl er sie immer wieder angerufen und Mary terrorisiert hatte. Wie konnte er nur vergessen, dass die Frau, die er liebte und die Mutter seines ungeborenen Kindes war, einfach so verschwand?
Er holte tief Luft. Er hatte es vergessen. In seinem Traum hatte er auch alles vergessen. Er wusste nur, dass er ihren Spitznamen noch wusste. Nicht einmal seinen eigenen Namen hatte er gekannt.
Wo ist sie nur?
Er holte sein Handy aus der Tasche seiner Hose. Das künstliche, in der Dunkelheit unpassend wirkende Licht blendete ihn. Er kniff seine Augen zusammen, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte.
Keine Anrufe.
Keine SMS.
Gretchen würde nie irgendwo untertauchen, ohne sich zu melden. Das tut sie nicht. Sie weiß, was sie mir damit antut. Und so sauer kann sie doch nicht sein, dass sie einfach weggeht. Oder vielleicht doch?
Scheiße! Mein Traum- Ich hat recht. Ich kenne sie nicht. Und mich noch viel weniger.

Trotzdem gab er die Hoffnung nicht auf und tippte ihre Nummer erneut ein. Er wartete. Und wartete. Es klingelte, und für einen kurzen Moment dachte er wirklich, dass Gretchen abnehmen würde. Aber dann teilte ihm nur eine Frauenstimme aus irgendeiner Maschine mit, dass die Nummer gesperrt wurde.
Wütend schmiss er sein Handy in die Ecke. Was sollte das bedeuten, gesperrt?
Er sprang auf. Er zog sich an, nahm sich Jacke und Schlüssel und verließ die Wohnung.
Draußen empfing ihn eine beißende Kälte. Wie tausend Nadelstiche bohrte sie sich in die freie Haut seines Gesichts. Warum war es denn nur so kalt? Sie hatten grade mal Anfang November. Er ging ein paar Schritte. Eigentlich wollte er sich beruhigen und einen freien Kopf kriegen, aber das war gar nicht so leicht, wenn die Gedanken wie ein Schneesturm in seinem Kopf wirbelten. Er atmete tief ein und aus.
Das funktioniert gar nicht. Es beruhigt mich kein bisschen, wenn ich tiefer atme als sonst. Mutter liegt falsch. Ihr Yoga bringt’s nicht. Nicht mal ansatzweise. Stattdessen fühle ich mich, als würde mir der Sauerstoff nur mehr Energie geben.
Einem Impuls folgend rannte er los. Er rannte, so schnell wie noch nie zuvor. Und er wusste nicht, was sein Antrieb war. War es vielleicht, weil er sich besser fühlte, wenn er sich körperlich verausgabte? Oder weil er ein wenig wärmer bekam und die Kälte ihm nun tröstlich über die erhitzten Wangen strich?
Oder war es, weil er verdammt nochmal vor der Angst wegrannte, die sein Herz mit einem eiskalten Griff umfing und fest zudrückte?
Was war, wenn Hasenzahn etwas zugestoßen wäre?
Er wusste nicht, was er dann tun sollte. Würde er trauern, und so wie alle anderen nach einer bestimmten Zeit wieder weitermachen wie vorher? Konnte er das überhaupt? Liebte er sie überhaupt genug, sodass er trauern konnte?
Natürlich tust du das. Du würdest doch alles für sie tun. Sogar sterben, wenn es sonst keine Möglichkeit gäbe.
Aber einfach so tun, als wäre nichts gewesen, und wieder…
…leben?
Weg mit den Gedanken! Weg damit! Ihr geht es sicher gut. Sie ist nicht tot. Sonst würde ich mich noch mieser fühlen. Ich bin zwar oft der Elefant im Porzellanladen, aber meine Intuition funktioniert ganz gut. Und ich würde spüren, wenn sie Schmerzen hätte. Genauso wie sie spüren wird, wie es mir geht.
Ich muss mich beruhigen. Das ist die einzige Möglichkeit. Und ich muss zurück. Heute kann ich sowieso nichts mehr machen, ich bin viel zu aufgewühlt. Ich muss schlafen.
Da frag ich mich nur, ob ich heute überhaupt noch ein Auge zumachen kann, bei all den Gedanken…

Er ließ die Schultern hängen. Er war kraftlos, obwohl er vorhin noch vor Kraft gestrotzt hatte. Mit gesenktem Kopf drehte er sich um und machte sich auf den Weg zurück zur Wohnung. Die Wohnung, in der er wohnte, aber auch Hasenzahn. Es gab immer mal wieder Pausen in ihrem Zusammenleben, weil sie beide mit ihrem Dickschädel durch die Wand wollten. Irgendwann kam immer einer angekrochen und hatte sich entschuldigt. Marc musste feststellen, dass das fast immer er war. Naja, das konnte daran liegen, dass er meistens Schuld war. Vielleicht war Gretchen tatsächlich ein wenig sturer als er, wahrscheinlich weil sie eine Frau war, und die wollen eben ihren Willen. Er lächelte müde.
Nur schienen es immer sie beide zu sein, die das Unglück anzogen. Zuerst hatten sie so lange gebraucht, um zusammenzukommen, und jetzt war sie einfach weg. Verschwunden. So, als wäre sie nie da gewesen, und es alles nur ein langer Traum war. Er wäre dann alleine nach Washington gegangen, hätte große Karriere gemacht und haufenweise Frauen aufgerissen, während Gretchen einfach in Berlin geblieben wäre und irgendeinen X- Beliebigen geehelicht hätte. Und es wäre ihnen egal gewesen. Gretchen wäre zu stolz und kraftlos gewesen, um um ihn zu kämpfen, und er hätte ab und an an sie gedacht, sie aber nicht vermisst. Vielleicht wäre er dann glücklicher.
Vielleicht auch nicht.
Es gäbe viel zu viel, was er nicht erlebt hätte. Er hätte ihr nie seine Liebe gestanden. Er hätte nie mit ihr geschlafen. Er wäre nicht auf dem Weg, Vater zu werden. All diese kleinen Momente, die das Leben lebenswert machten, hätte er nicht erlebt. Er hätte nie seine/n Tochter/Sohn auf dem Ultraschallbild gesehen. Er wäre immer noch so oberflächlich und würde niemanden an sich ranlassen. Ja, wahrscheinlich hätte er Mary gebumst.
Er schloss die Augen. Was für eine grausame Vorstellung!
Schon seit einiger Zeit stand er vor seiner Wohnungstür und fror sich den Arsch ab. Er spielte mit seinem Schlüssel. Er zwang sich, tief Luft zu holen, die Gedanken sein zu lassen und endlich reinzugehen, wo ihn ihr Duft empfangen würde.
Sei doch nicht so ne Memme!
Drinnen blieb er erst einmal stehen. Er atmete flach, damit er nicht zu viel von Gretchens Parfüm riechen musste. Nach einer Weile zog er sich die Jacke und die Schuhe aus, schmiss den Schlüssel auf den Tisch und ging ins Schlafzimmer. Er ließ sich aufs Bett fallen. Dann blickte er verzweifelt an die Decke. Seine Gedanken kreisten immer noch um sie.
Wo ist sie? Was macht sie? Wer hat sie mir weggenommen? Wurde sie entführt? Wer hätte denn ein Motiv?
Motiv? Jetzt denkt doch nicht so, als würde es sich um ein Verbrechen handeln! Du bist nicht bei Gericht.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden schlief er vor Erschöpfung ein.
Am nächsten Morgen griff er sich noch einmal an seine Narbe. Sie schmerzte nicht mehr.

Sophiee^^ Offline

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30.03.2012 17:25
#119 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Gretchen genoss die kalte Luft, schien sie doch ihr erhitztes Gemüt ein wenig abzukühlen. Sie war wirklich sauer auf ihn. Wahrscheinlich war es nicht seine Schuld, dass er nicht gekommen war, aber ihre Wut konnte sie trotzdem nicht unterdrücken. Wenn sie wütend war, war sie am liebsten alleine. Früher hatte sie sich immer in ihrem rosaroten Zimmer eingeschlossen und ihre Mutter eisenhart ignoriert. So konnte sie schon immer am besten nachdenken, und das war es, was sie jetzt tun wollte: nachdenken.
Manno… ich hab mir das so schön vorgestellt. Dass wir beide ganz aufgeregt sind, dass er neben mir sitzt und meine Hand hält. Dann schauen wir beide gebannt auf den Bildschirm und wenn wir es nicht selbst schon erkennen, wird Dr. Star sagen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen einen Sohn!“. Ich würde vor Freude weinen, und auch Marc müsste sich ein paar Tränen verkneifen- obwohl das ziemlich unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlich hätte er einen Freudentanz aufgeführt, und irgendwas gelabert von „Marc Meier zeugt nur Jungs“. Aber ich will auch noch ein Mädchen. Wir sind doch jetzt für immer zusammengeschweißt, und so eine richtig kleine Familie mit ihm…
Stopp! Denk daran, du bist sauer auf ihn, und du musst darüber nachdenken, wie lange du ihn zappeln lässt!
Ach, was mach ich mir eigentlich vor… Ich bin mir eh sicher, dass wenn ich ihn so schuldbewusst dastehen sehe und er mich mit seinem Hundewelpen-Blick anschaut, nicht mehr sauer sein kann. Vielleicht bleibt die Enttäuschung noch ein bisschen, aber dann wird er sicher irgendwas planen, wie er es wieder geradebiegen kann. Vielleicht ein Candlelight-Dinner? Ach, das wäre so romantisch…
Oje, das mit dem Sauer-sein klappt ja hervorragend. Ich träume hier wieder rum. Ich sollte besser an etwas anderes denken.

Und das tat sie dann auch. Sie sah nach vorne und dachte an die Zukunft. Sie schmiedete Pläne, wie sie das Kinderzimmer einrichten würde, wenn sie in Berlin eine größere Wohnung oder vielleicht sogar ein kleines Haus haben würden. Hier in Washington wollte sie sich nämlich nicht so fest niederlassen. Vielleicht eine Wiege, die dann sowieso im Schlafzimmer stehen würde. Dort würde ihr kleiner Sohn dann schlafen. Und dann, sobald Marc sein Jahr absolviert hatte, würde sie ihren Vater bitten, ihm wieder eine Festanstellung zu geben und während der Wohnungssuche würde sie wohl oder übel bei ihren Eltern wohnen müssen, denn Marcs Wohnung war nicht groß genug. Oder vielleicht würden sie sich wohl doch ein paar Wochen zusammenquetschen, denn wieder bei ihren Eltern zu wohnen würde nur alte Erinnerungen hervorrufen. Und von ihrer Mutter jeden Tag vollgequatscht werden wollte sie auch nicht. Allerdings eignete sie sich sicher ganz gut als Babysitterin. Sie wäre sicher noch vernarrter in ihren Enkel als Gretchen. Gretchen lächelte. Sie vermisste ihre Mutter.
Apropos Mama! Ich muss sie anrufen! Und Papa auch! Sie müssen es ja wissen!
Gretchen kramte in ihrer Tasche, auf der Suche nach ihrem Handy, das von ihrer Tasche irgendwie immer verschlungen wurde. Sie blieb stehen, als sie plötzlich ein Rascheln hörte. Alarmiert sah sie auf. Das wäre ja wie in einem dieser Horrorfilme: die arme, unschuldige Frau war unaufmerksam, etwas raschelte, und dann passierte etwas Schreckliches.
„Hallo?!“, rief sie laut, „Ist da jemand?!“
Ja, ich komm mir wirklich vor wie in einem Horrorfilm!
Es war wieder still. Sie suchte wieder ihr Handy. Sie hatte es dann auch bald gefunden und wollte gerade die deutsche Vorwahl eintippen, als sie gepackt wurde und jemand ihr ein Tuch vor die Hand hielt.
„Wie bei den Medizinstudenten“, war ihr letzter Gedanke, bevor sie in Ohnmacht fiel.
Später hörte sie Stimmen. Sie sprachen Englisch, diese Menschen.
„Hast du alles?“, raunte eine sehr weiblich klingende Stimme.
„Klar. Sie ist wirklich schwer“, schnaufte ein Mann. Eine Stimme, die ihr irgendwie bekannt vorkam.
WAS sagt der da?! Es ist doch logisch, dass ich schwer bin! Immerhin bin ich schwanger, hallo?! Hat der etwa keine Augen im Kopf?
Und wer ist das überhaupt, der mich da rumschleift?

„Schau, das ist ihr Handy… sie hat schon vier verpasste Anrufe und eine SMS… scheiße, sie wird wach! Nimm noch so ein Tuch!“
Sie hob die Hand, um zu protestieren, aber sie war zu schwach und konnte nichts dagegen tun, wieder in Ohnmacht geschickt zu werden.


Es stimmt… ich bin entführt worden… aber warum, verdammt? Ich hab doch gar nichts getan! Was wollen diese Menschen von mir??
Und diese Stimme… sie kommt mir so… bekannt vor. Als hätte ich sie schon tausendmal gehört… aber das kann doch nicht sein! Ich merke mir die Menschen und ihre Stimmen! Es ist nicht so, dass ich jemals jemanden vergessen könnte! Susanne Krupp hab ich ja auch nicht vergessen! Obwohl es auch ziemlich schwierig wäre, jemanden zu vergessen, der einen acht Jahre lang das Leben zur Hölle gemacht hat, einfach nur, weil sie mich ignoriert hat und mir das Gefühl gegeben hat, wertlos zu sein… und genau so fühle ich mich gerade auch. Wertlos. Sonst würde man mir nicht meine Freiheit nehmen. Was haben die denn für ein Problem?
Was ist, wenn sie mir etwas antun wollen?

Auf Gretchens Gesicht schlich sich ein ängstlicher Ausdruck. Die Frau schaute sie immer noch mit einem tötenden Blick an und hielt die Hand erhoben, aber sie schien sie nicht schlagen zu wollen. Die männliche Stimme hatte sie davon abgehalten. Gretchen wandte ihren Blick ab. Diese Augen waren so kalt. Sie schienen aufrichtig zu hassen. Nur hatte Gretchen diese Frau noch nie gesehen, da war sie sich vollkommen sicher. Was könnte sie denn für einen Grund für all das haben?!
„Lass sie“, wiederholte die Stimme schroff. Er kam zur Tür herein. Gretchen reckte den Hals, um zumindest einen winzigen Blick auf ihn zu erhaschen, aber die Frau verdeckte ihn fast vollkommen.
Trotzdem konnte sie erkennen, dass der Mann muskulös gebaut war und große Füße hatte, die in dunklen Schuhen steckten. Überhaupt war er dunkel gekleidet. Wie sollte es bei einer Entführung auch sonst sein?
Er kommt mir so bekannt vor… ich kenne ihn… ganz sicher… aber wieso weiß ich nicht, woher?
Ach… vielleicht sieht er auch nur jemandem ähnlich…

Die beiden sprachen leise miteinander. Sie versuchte alles, um sie zu hören, aber hier hatte sie es wohl hier mit fledermausartigen Menschen zu tun. Wie konnte man dieses Gemurmel auch nur verstehen, wenn man nicht über ein erstklassiges Gehör hatte?
Naja… ich hab es jedenfalls nicht. Hab den IPod wohl manchmal zu laut aufgedreht…
Plötzlich strich die Frau dem Mann vertraulich über den Arm und lachte leise. Ihm schien es unangenehm zu sein, also schüttelte er ihre Hand, die immer noch auf seinem Arm verweilte, nicht gerade zärtlich ab. Und sie verwandelte sich wieder in dieses gefühllose Monster, wie sie sich Gretchen bis jetzt immer gezeigt hatte. Aber Gretchen war sofort alles klar.
Sie liebt ihn. Und er sie wohl nicht. Oder nicht genug. Sie leidet an unerfüllter Liebe. Was sie aber nicht sympathischer macht…sie hat den schlechten Weg gewählt… sie hat sich nicht wie ich für den Schokolade-und-Titanic-Zug entschieden (wo man zwar fett wird, aber nicht gemein, und man aus den ganzen Liebesfilmen wieder Hoffnung schöpft- oder den DVD-Player aus dem Fenster wirft), sondern für Ich-leg-mir-eine-undurchdringliche-Maske-zu-und-behandle-alle-wie-Dreck-Zug. Mit so was kenn ich mich aus. Gabi war da ähnlich. Und bei unerfüllter Liebe bin… WAR ich sowieso immer Spitzenreiter.
Oh Gott! MARC! Wo bist du nur? Machst du dir Sorgen? Geht es dir gut? Ich will mit dir reden!!

Ihr stiegen die Tränen in die Augen. Sie wollte sich aber vor diesen Monstern keine Blöße geben und strich sie verstohlen weg.
„Ach nee, die Planschkuh fängt an zu heulen“, rief sie plötzlich laut und beugte sich schadenfroh zu Gretchen herunter. Sie zuckte zusammen und rutschte ein Stück von diesen furchteinflößenden, kalten Augen weg.
„Du hast Angst? Ja, das kannst du auch haben“, zischte sie und ihre Augen funkelten wütend.
Schluck den Kloß runter. Nicht weinen. Nicht anfangen. Nicht eine einzige Träne wirst du vergießen in deren Anwesenheit. Das sind sie nicht wert.
Sie schwieg hartnäckig. Als die Frau wieder etwas sagen wollte, mischte sich auch der mysteriöse Mann ein: „Alexandra, ich hab dir gesagt, du sollst sie in Ruhe lassen!“
Er sagte es in einem ruhigen, aber doch drohendem Ton, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann wandte er sich an Gretchen, er versuchte sie offensichtlich beruhigen. Er strahlte sie mit blauen Augen an, und sie schauten so warm, so liebevoll, dass Gretchen sich fragte, wie zur Hölle er so etwas wie eine Entführung verbrechen konnte. Er hatte zwar wirklich die Absicht, sie zu beruhigen, aber dieser Blick machte ihr nur noch mehr Angst. Auf einen hasserfüllten, kalten, verrückten, ausdrucklosen Blick hatte sie sich schon seelisch vorbereitet, aber diese Wärme, die in diesem lag… erinnerte sie an jemanden. An jemanden, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Sophiee^^ Offline

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02.04.2012 11:31
#120 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Wer, wer, WER ist das, VERDAMMT NOCHMAL??!
Ach Mist… ich kann nicht nachdenken… ich steh noch unter Schock. Zumindest hab ich nicht vergessen, wie man als Ärztin arbeitet. Ich hab das meiste ja sowieso beim Meister persönlich gelernt… ach, Marc! Ich will sofort zu dir! In deine Umarmung flüchten… einfach deinem Herzen lauschen, wie es klopft, und mir einbilden, dass es nur noch für mich schlägt… hören, wie du dich über deinen Chef aufregst… deine Lippen spüren… dein Gesicht sehen, wenn du erfährst, dass ein kleiner Marc mich gerade tritt… Marc Meier…deine Stimme und deine Augen sind tausendmal beruhigender als das, was der Typ da grade versucht…

Als sie die eiskalte Hand des Mannes auf ihrer Schulter spürte, zuckte sie noch mehr zusammen als zuvor. Sie versuchte, ihn nicht wie ein verschreckter Hase anzustarren. Aber das Anstarren ließ sich wohl nicht vermeiden, denn ihre Augen wollten sich einfach nicht von diesen Zügen lösen, die sie kannte. Da war sie sich hundertprozentig sicher, jetzt, wo er ihr so unangenehm nah war. Er riss den Blick auch nicht los, aber immer noch war da dieser Ausdruck, der Gretchen in einen panikartigen Zustand brachte. Sie schaute weg und strengte sich an, nicht zu hyperventilieren.
„Keine Angst, Gretchen… du bist in Sicherheit“, raunte er an ihrem Ohr. Sein Atem ließ sie erschauern, sie schlug ihm auf die Hand und stand umständlich auf, um ein paar Schritte zwischen sich und diesem Psychopathen zu bringen. In Sicherheit?! Das war sie davor doch erst recht gewesen! In Marcs Armen war der einzige Ort, wo sie sich bedingungslos sicher fühlte, und jetzt wollte dieser… dieser Wahnsinnige ihr weismachen, dass sie in diesem kalten, kahlen Raum mit zwei vollkommen Fremden sicher war?!
Was zum Teufel hat er genommen? Und woher…
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, krächzte sie verzweifelt und räusperte sich schnell. Alexandra, wenn sie wirklich so hieß, schnaubte amüsiert.
„Als würden wir einfach mal so…“, setzte sie an.
„Halt die Klappe!“, schrie er und schaute sie eiskalt an, sodass sie ganz klein wurde. Alle Wärme und, ja, sie konnte es nicht anders deuten, Liebe war aus seinem Blick verschwunden. Kleinlaut wollte sie sich entschuldigen, „Alexander, ich…“, aber er machte nur eine knappe Handbewegung und sie schwieg. Und dann bedachte sie Gretchen mit einem tötenden Blick.
Aha? Alexander und Alexandra? Das passt ja. Jetzt bin ich mir sicher, dass sie wenig kreativ sind, was Namen anbelangt. Sie kann ich wohl nicht fragen, wie ich meinen Sohn nennen könnte. Aber das würde ich sowieso nie.
Alexander, oder wie auch immer er sonst hieß, wandte sich wieder ihr zu, eine Aufmerksamkeit, auf die sie gerne verzichtet hätte.
„Ich kenne deinen Namen eben! Warum, ist doch völlig egal! Jedenfalls sollte es dir egal sein…“, erklärte er, und näherte sich wieder. Hinter Gretchen war die Wand.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie leise, als er wieder ganz nahe vor ihr stand. Sie schloss die Augen. Seine Nähe schien sie zu erdrücken.
Ich… ich halte das nicht aus!
Auf einmal wurde er ganz schroff: „Ist das hier ne Fragerunde? Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Wir waren…ähm… sind quitt! Du kriegst gleich was zu Essen. Keine Angst… es ist genug, um diesem…“, er zeigte abfällig auf ihren Bauch, den sie mit ihren Händen schützte, da sie fürchtete, dass dieser Blick töten konnte, „…SPROSS nicht unterzuernähern! Bon Appetit!“
Dann ging er mit großen, energischen Schritten auf die Tür zu, ließ die dumm grinsende Hexe zuerst hinaus und knallte die Tür zu.
Gretchen stand noch eine Weile wie erstarrt da. Sie atmete schwer. Sie zwang sich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er war weg. Weg. Und hoffentlich würde er nicht so schnell wiederkommen.
Ganz ruhig… reg dich nicht auf… setz dich aufs Bett… tief ein- und ausatmen… und dann… ja, dann… kannst du die Tränen endlich fließen lassen...
So lag sie da. Schluchzend, mit dem Gesicht zur Wand gedreht, und hoffte, dass das alles nur ein Albtraum war, aus dem sie bald aufwachen würde.



Die Sonne schien durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen. Marc stöhnte. Es ging ihm bescheiden, wenn man es nett ausdrücken möchte. Geschlafen hatte er so gut wie gar nicht.
Das war aber ein ganz schön wirrer Traum. Dass ich durch die Nacht renne, auf der Suche nach Hasenzahn, die auf mysteriöse Art und Weise verschwunden ist… also wirklich, lächerlicher geht’s nicht mehr. Ich befinde mich doch nicht in einem Thriller, das ist das normale Leben. Normal. Naja, ich muss zugeben, mit Hasenzahn war es aber manchmal wirklich merkwürdig und alles andere als normal, aber das ist dann doch ein Tick zu viel.
Marc rieb sich über die Stirn und öffnete langsam die Augen. Er erwartete das gleißend helle Licht, das ihn geweckt hatte, aber es war nur ein schmaler Streifen, der auf das Bett fiel. Genauer gesagt, auf Gretchens Seite. Die leer war.
Wo ist die denn schon wieder hin?
Er stand vorsichtig auf- wegen seines Kopfschmerzes- und suchte die ganze Wohnung nach ihr ab. Und dann, ganz plötzlich, durchzuckte die Erkenntnis ihn wie ein Blitz.
Das alles war gar kein Traum.
Es war die Wirklichkeit. Sie war nicht da. Verschwunden, weg, einfach so, als wäre sie nie da gewesen. Aber er hatte doch Erinnerungen daran, wie es mit ihr war. Er war nicht verrückt, er hatte sie sich nicht eingebildet. Einem Impuls folgend griff er sich wieder an die Narbe auf seiner Nase, die, die ihn daran erinnerte, wie er gelernt hatte, zu hassen. Sie schmerzte jedoch nicht mehr. Aber er wurde wieder unruhig.
Gretchen war weg, und es war seine Aufgabe, sie zu finden.
Mittlerweile glaubte er nicht mehr daran, dass sie sauer war und ihm eines auswischen wollte. Nein, sie wusste, wann genug war. Außerdem würde sie ihn doch schon lange vermisst haben und zurückgekrochen kommen. Entschlossen ging er ins Bad, duschte, machte sich fertig und zog sich an.
Jetzt gehe ich sie suchen. Genug Zeit hab ich ja…
Auch wenn Marc wusste, dass es sinnlos sein würde, durch Washington zu rennen, alle ihre Lieblingsplätze abzuklappern und zu denken, dass sie irgendwo sein würde, musste er es trotzdem machen. So untätig rumzusitzen, während sie vielleicht in Gefahr war, wollte und konnte er nicht.
Also fuhr er mit seinem Auto durch die ganze Stadt, Ausschau haltend nach einem blonden Lockenkopf mit einem großen Schwangerschaftsbauch.
Es hat keinen Sinn. So finde ich sie nie.
Er parkte, stieg aus und machte sich auf den Weg in die Fußgängerzone. Ruhelos hetzte er durch die ganze Einkaufsmeile. Einige Menschen starrten ihm verwundert hinterher, weil er offensichtlich so aufgewühlt nach etwas suchte. Er rannte von Geschäft zu Geschäft, zu denen Gretchen ihn auch immer geschleift hatte- auch wenn er immer leidig seufzend gewartet hatte, bis sie einem Heulkrampf nahe aus der Umkleidekabine kam und dann doch nichts kaufen wollte, weil sie ja „zu fett und hässlich“ für diese „bezaubernden“ Kleidungsstücke wäre- und fragte die Verkäufer, ob sie sie gesehen hätten. Er wusste, wie verzweifelt und schwach er wirkte und auch aussah, aber ausnahmsweise war es ihm egal, und warum? Ja, warum? Weil er sich genau so fühlte, darum!
Ich dreh durch! All diese glücklichen Pärchen; wurden die zusammengeführt um mich zu quälen? Was machen die überhaupt an so einem Tag draußen? Wenn ich könnte und nicht dieses Problem hätte, würde ich den ganzen Tag im Bett rumliegen und mich von Hasenzahn bedienen lassen. Wieso ist überhaupt so ein schönes Wetter? Es ist nicht mal klirrend kalt wie heute Nacht… im Gegenteil, es ist richtig warm. Immer noch kein triftiger Grund, um rauszugehen, finde ich. Die können sich ihr debiles Grinsen sonst wohin stecken. Denkt hier keiner an mich? Hallo?! Geht endlich nach Hause und kümmert euch um die lästigen kleinen Problemchen, die gewöhnliche Pärchen so haben, wie zum Beispiel „du hast gestern wieder nicht abgewaschen, du hörst mir nicht zu“. Verdammte Hacke ey…
Peinlich berührt musste Marc an die vielen Streits mit genau diesen dummen Gründen denken, die er schon mit Gretchen ausgefochten hatte. Und meistens waren sie dann auseinandergegangen, weil keiner nachlassen wollte.
Naja, so ist es eben, wenn man als Dickschädel durchs Leben geht- man wartet darauf, dass man den eigenen Willen DOCH noch durchsetzt, und alles was man bekommt, sind Probleme. Dieses widerliche Schicksal gibt es also wirklich… es sollte mal zu meinen Gunsten handeln, finde ich. Es arbeitet gegen mich, schon immer und wird es wahrscheinlich auch immer. Vielleicht ist das Schicksal ja auch ein Psychopath der irgendwo hockt und unser Leben steuert… verdammt, das ist MEIN Leben, und ICH würde gern bestimmen, wie’s weitergeht! Und JETZT will ich mein nerviges Gretchen zurück!
Er schnitt eine säuerliche Grimasse und streunte weiter durch die Stadt. Er beachtete die mitleidigen Blicke der Menschen nicht, die wohl dachten, er sei der Psychiatrie entkommen und wüsste jetzt nicht, wohin mit seinem ganzen Wahnsinn. Eine Wuthöhle, wo er all seinen Frust rausschreien konnte, könnte er jetzt aber wirklich gut gebrauchen.

Sophiee^^ Offline

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05.04.2012 20:31
#121 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Irgendwann, als der Himmel wieder wolkenverhangen war, es dunkler und seine Beine müder wurden, gab er es auf. Er rannte zu seinem Auto, stieß dabei ein paar Mülltonnen um und wäre wahrscheinlich wegen Vandalismus angezeigt worden, wenn er nicht wie ein Irrer weggefahren wäre. Es würde ihn nicht einmal wundern, wenn er ein Geisterfahrer wäre, so durch den Wind war er. Aber er hatte ein Ziel: er holte sich Verstärkung. Zuerst Mary und seine- er schluckte- „von kreativem Geist durchströmte“ Mutter, und wenn Gretchen dann immer noch nicht auftauchen würde, würde er die Polizei mit einbeziehen.
Als er vor Marys Wohnung zum Stehen kam, atmete er einmal tief durch. Als das nichts half, schlug er ein paar Mal mit den Händen auf das Armaturenbrett. Er fühlte sich aber nicht besser. Es half nicht. Er seufzte, stellte den Motor ab und ging zur Wohnung, um zu klingeln. Es war ihm egal, dass er total durcheinander war und wahrscheinlich keinen geraden Satz sagen konnte, ohne alles vor Wut und Verzweiflung kaputtzuhauen. Er wollte einfach nur ein bisschen Hilfe, zum ersten Mal in seinem Leben bat er jemanden freiwillig um Hilfe.
„Sie müssen mir helfen“, sagte er schroff und drängte sich an Mary vorbei in die Wohnung, wo er sich gehetzt umsah.
„Guten Abend, Mary, wie geht es Ihnen denn heute?“, meinte sie zynisch und schloss die Tür.
Was hat die denn? Ich dachte, sie ist überglücklich, seit sie die bezaubernde Anwesenheit meiner werten Frau Mutter genießen darf?
„Es tut mir leid, Ihnen das… ne, ehrlich gesagt tut’s mir nicht leid, zu sagen, dass mir Ihr seelischer Zustand scheißegal ist“, schnappte er genauso bissig zurück und dann fragte Mary doch nach.
„Was zur Hölle haben Sie heute gefrühstückt? Ein paar Nägel vielleicht? Könnte Ihre Laune erklären“
Sie schaute ihn mit vor Ärger zusammengekniffenen Augen an und er starrte mit demselben Ausdruck zurück.
„Ich hab gar nichts gefrühstückt… und wieso ich hier bin: Sie müssen mir helfen“, wiederholte er.
„Wenn Sie sich so verhalten, dann sicher nicht“, sagte sie trotzig und verschränkte die Arme schützend vor der Brust. Marc näherte sich ihr und starrte ihr direkt in die Augen. Sie konnte seinem Bick nicht länger standhalten und schaute unangenehm berührt weg.
„Hallo, das winzige Erbsenhirn schon mal eingeschalten? Ich würde doch nicht ausgerechnet zu Ihnen kommen, wenn es nicht verdammt wichtig wäre, und das wüssten Sie genau, wenn sie nicht schmollend wie ein kleines Kind in der Ecke sitzen würden“, zischte er. „Dieses Ekelpaket“, dachte Mary, aber sie murmelte: „Ich sitz überhaupt nicht in der Ecke rum…“
„Verdammt, ich sag Ihnen, wenn Sie nicht sofort…“, setzte er an, sie zusammenzufalten, aber sie unterbrach ihn und fragte endlich: „Na gut, Sie gehen ja sowieso nicht, wenn ich Sie bitte. Was wollen Sie?“
Geht doch!
„Gretchen ist weg. Seit fast genau einem Tag. Das ist nicht ihre Art. Sonst ruft sie immer drei Mal an, wenn sie nur um die Ecke beim Bäcker ist um sich Schokolade zu kaufen. Bitte, Sie müssen mir helfen, Sie zu finden. Ich hab sie heute den ganzen Tag gesucht, sie ist nicht aufzufinden“, sprudelte es verzweifelt aus ihm hervor und seine arrogante Maske bröckelte. Mary wurde sofort versöhnlicher und schlug einen sanften Ton an, obwohl sie auch sehr besorgt war. Sie wusste aber, dass sie die Starke geben musste um ihn zu beruhigen.
„Natürlich helfe ich Ihnen. Wollen Sie erstmal einen Kaffee? Heute bringt die Suche sowieso nicht mehr viel“, sagte sie, und ihre eigenen Worte taten ihr weh. Sie wusste, wie man sich fühlte, wenn man entführt worden war. Deshalb wollte sie nicht untätig herumsitzen, das hatte sie wohl mit Marc gemeinsam, der sich wie ein Häufchen Elend auf die Couch gesetzt hatte und den Kopf in die Hände stützte. Ihr Blick schweifte nach draußen, es war bereits stockfinster. Es würde aber doch nichts helfen, wenn sie sich die Zehen abfrieren und mit Taschenlampen durch die Dunkelheit kämpfen würden.
„Ich hätte lieber einen Schnaps…“, murmelte er niedergeschlagen.
„Okay, aber nur ein Glas… saufen bringt noch viel weniger“, sagte sie leise und ging in die Küche. Auch sie gönnte sich einen Schnaps, den sie mit einem Zug herunterstürzte. Dann goss sie noch einen in ein kleines Schnapsglas und brachte es Marc.
„Wo ist eigentlich meine Mutter?“, fragte er irgendwann in die Stille hinein. Mary seufzte.
„Eigentlich ist heute alles ganz gut gegangen, wir haben zusammen ein paar Kapitel verfasst, aber dann hat sie irgendwie so getan, als wäre ich ihre Putze… naja, dann war ich sauer, wir haben uns gestritten, sie meinte, ich störe sie beim meditieren und zehre an ihrer kreativen Energie, dann hab ich gesagt, sie sei total irre… und dann hat sie sich ein Hotelzimmer genommen, um nicht „von undankbaren Gören angeschrien zu werden“.“
Marc lachte humorlos.
„Ja, das klingt ganz nach meiner Mutter. Sie ist wohl doch nicht so, wie Sie sie sich vorgestellt hatten“
„Nein… irgendwie nicht“
Dann war es eine Weile still.
„Wissen Sie… ich bin froh, dass ich hergekommen bin. Ich hätte nie gedacht, dass ich Ihre Anwesenheit mal der Einsamkeit vorziehen würde, aber so ganz alleine würde ich verrückt werden“, sagte Marc leise.
„Mir würde es genauso gehen“, meinte Mary und schaute ihn von der Seite an. Er sah sehr müde und traurig aus. Alle Wut war verflogen. Und tatsächlich, er sah sogar einsam aus, obwohl er bei ihr war, und es gab ihr einen Stich, wenn sie daran dachte, wie er nachts wieder ganz alleine durch seine Wohnung streifen würde, wo er überall an Gretchen würde denken müssen. Und dann fasste sie einen Entschluss.
„Ich finde, Sie sollten hierbleiben. In dem Zustand will ich Sie nicht nach Hause lassen“
„Hey, Mary, Sie sind attraktiv und so, aber Gretchen ist die Einzige für mich“
Erschrocken sah sie vom Boden auf und starrte ihn an. Aber als sie sein schwaches Grinsen sah, musste sie selbst ein wenig lachen über diesen Knallkopf.
„Du… Sie wissen genau, wie ich das meine“, sagte sie, stand auf und ging. „Sie wissen ja, wo sie schlafen können“, rief sie ihm noch über die Schulter zu, „Gute Nacht!“
„Nacht“, murmelte er noch niedergeschlagen.
Aha. Jetzt soll ich auch noch hier schlafen. Kann ja sein, dass sie es gut meint, wegen den Erinnerungen an Gretchen und so, aber hier, in ihrem Zimmer, wo ich schlafen werde, warten noch mehr Erinnerungen. An die Zeit, als ich gerade erst in Washington angekommen war und noch keine Ahnung hatte, was mit Gretchen los war. Und natürlich die Zeit, bevor ich sie gefragt habe, ob sie zu mir zieht. Da war ich immer alleine in der einen Wohnung, sie in dieser. Ganz schön dumm von uns war das, besser gesagt, von mir. Ich dachte, ich brauche noch ein wenig Abstand, und wollte deswegen auch mal alleine sein. Und als ich dann alleine war, so, wie ich es wollte, hab ich sie vermisst. So sehr, dass ich mitten in der Nacht hierher gefahren bin, mir vor der Tür den Arsch abgefroren habe und mich nicht getraut habe, zu klingeln. Tzz, wie jämmerlich war ich da… falsch, wie jämmerlich bin ich noch! Ich lass mich hier runterziehen von diesen Gedanken, obwohl die Erinnerungen so schön sind.
Es reicht, Marc Olivier Meier! Hör auf zu jammern und geh schlafen, damit du morgen einen klaren Kopf hast und fit bist und deinen Hasenzahn nach Hause holen kannst!

Marc stand auf, verzichtete auf so unnötige Dinge wie Zähne putzen oder sich waschen, ging ins ehemalige Schlafzimmer von Gretchen und zog sich bis auf die Boxershorts aus. Dann legte er sich ins Bett und verbannte alle Gedanken, die ihn wach hielten. Stattdessen dachte er an alle schönen Momente, und er schlief dann ruhig mit einem seligen Lächeln ein.



An einem anderen Ort jedoch konnte Gretchen nicht einschlafen. Wie auch? Sie hatte das Gefühl, von der inneren Unruhe zerrissen zu werden, die sie befallen hatte, seit dieser Mann- Alexander- so nahe neben ihr stand und sie in diese blauen Augen geschaut hatte, die Wahnsinn ausstrahlten. Was anderes konnte sich Gretchen nicht mehr vorstellen. Sie fand, dass sie fantasiert hatte, als sie dachte, dass er sie voll Liebe angeschaut hatte. Wie konnte ein Mann, der sie entführt hatte, sie auch mögen oder gar lieben? Das war komplett absurd. Und seitdem lag Gretchen auf diesem Bett und starrte an die Decke. Zuerst zählte sie die Risse, die die Decke durchzogen, und kurz hatte sie Angst, dass ihr die Decke nicht nur sprichwörtlich, sondern WIRKLICH auf den Kopf fallen würde. Sie schob den Gedanken schnell weg, um sich nicht in noch mehr Panik zu versetzen als sonst schon.
Irgendwann, als sie schon viele Stunden hellwach dalag, begann die Decke, Formen anzunehmen. Formen von Gesichtern. Zuerst sah sie ihre Mutter vor sich, und es schien, dass sie sagen wollte: „Kind, wo bist du denn jetzt schon wieder hineingeraten?“. Ihr Vater kam dazu und stimmte ihrer Mutter zu, obwohl sie doch immer noch getrennt waren. Dann war da plötzlich Jochen, der sie mit seinem typischen, süßen Grinsen anschaute und meinte: „Schwesterherz, verlier nicht den Verstand und tu endlich was, um hier rauszukommen. Ich möchte meinen Neffen auch mal zu Gesicht bekommen“. Sie lächelte leicht. Es stimmte. Sie wurde wahnsinnig. Die Zeit zog sich hin wie Kaugummi und sie saß hier rum. Sie konnte zumindest an einem Plan arbeiten, wie sie hier wieder rauskommen könnte.

Sophiee^^ Offline

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08.04.2012 14:27
#122 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Ihrer plötzlichen Entschlossenheit folgend stand sie auf und stellte sich aufs Bett, das dabei leicht quietschte. Sie hoffte inständig, dass die beiden „beinahe-Turteltauben“ sie nicht hörten. Dann sah sie aus dem kleinen Fenster. Es war zwar finster, aber eine Straßenlaterne spendete zwielichtiges Licht. Sie konnte eine Straße erkennen, die wohl nicht sehr befahren war. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein kleiner, heruntergekommener Spielplatz.
Bin ich hier im Ghetto, oder was?!
Es war niemand da; wie lächerlich war es doch zu denken, dass sie hier jemand hören oder gar sehen würde.
Ich gebe aber nicht auf. Am Tag ist hier sicher mehr los.
Was sind das überhaupt für Entführer? Normalerweise werden Geiseln doch in alten Fabriken festgehalten, weit entfernt von Zivilisation.
Naja, besser für mich. Tagsüber kommt hier jemand vorbei, ich schreie einfach so laut ich kann um Hilfe, und dann wird derjenige doch die Polizei rufen.

Seufzend stieg sie wieder vom Bett und legte sich darauf. Sie wollte schlafen, vor diesem Albtraum einfach mal flüchten, und von einer besseren Zeit, von der Zukunft träumen. Von ihrer und Marcs.
So lag sie da; sie starrte wieder an die Decke und ließ sich von Mary, Mehdi, sogar von Schwester Sabine Geschichten erzählen, die ihr eigener Kopf produzierte. Aber plötzlich verschwanden alle diese Gesichter und machten dem von Marc Platz.
Es machte ihr zu schaffen, ihn zu sehen, weil sie ihn so sehr vermisste, dass es ihr innerlich tausende Stiche gab, und trotzdem war er der einzige, der sie ein wenig beruhigte. Seine Haare, sie erinnerte sich, wie es sich anfühlte, mit den Händen durchzustreichen. Seine Wange, von Stoppeln überzogen, die sie kratzten, wenn er sie küsste, und wie sie dann immer protestierte. „Rasier dich doch einfach“, warf sie ihm immer an den Kopf. Gretchen konnte wieder ein wenig lächeln. Der Dreitagebart stand ihm zwar ausgezeichnet, aber zum Küssen war er wirklich unpraktisch. Ihr Blick wanderte weiter über den imaginären Marc. Er blieb an seinen Lippen hängen, und ihre Sehnsucht gab ihr wieder einen Stich. Sie konnten so weich sein, wenn er sie zärtlich küsste, oder so hart, wenn er vor Verlangen fast verglühte und sie mit sich zog. Sie erinnerte sich, wie atemlos sie immer war, wie beherrschungslos sie oft waren, wie sie einfach alles um sich herum vergessen konnten. Sie seufzte. Und dann schaute sie ihm in die grünen Augen. Als ihre Blicke sich trafen, begann er zu lächeln, und es erschienen diese extrem süßen Grübchen in seinen Wangen. Sie wusste noch zu genau, wie er eine Woche nicht mehr gelächelt hatte, aus Protest, weil sie seine Grübchen genau mit diesen Worten beschrieben hatte. „Ich bin nicht süß“, hatte er trotzig gesagt, und dabei war er es doch. Er meinte, sie sollte ihren Wortschatz mal überdenken, und Worte wie „süß“, „putzig“ oder „zum Knuddeln“ daraus verbannen. Aber sie hatte nur gelacht und gesagt, dass sie nur ehrlich sei.
Jetzt begann Marc zu sprechen: „Gib nicht auf, Gretchen. Ich suche dich, überall, und ich werde nicht ruhen, bis ich dich wieder in meine Arme schließen kann. Du darfst nur nicht aufhören, zu hoffen. Wir schaffen das gemeinsam. Ich liebe dich“
Und dann verschwand er genauso wie alle anderen zuvor auch. Ihr schossen die Tränen in die Augen. Obwohl sie alle diese Menschen so sehr liebte, war Marc doch der einzige, der ihr Mut gemacht hatte.
Ja, verdammt nochmal, ich komme hier raus! Und das besser heute als morgen! Wie ging das nochmal mit den Haarspangen? Schwester Sabine hat es mir doch gezeigt, weil ich meinen Schlüssel zur Speisekammer verloren hatte und ich dort meine ganze Schokolade deponiert hatte.
Ich kann das! Ich schaffe das! Ich bin Gretchen Haase!

Sie stand wieder auf, da sie sowieso nicht schlafen konnte, und suchte zuerst ihre Haare und dann den Raum ab. Alle Spangen, mit denen sie ihre Haare gebannt hatte, hatten sie ihr weggenommen und in diesem Raum war eh nichts zu finden. Sie fluchte leise.
Wie kommen die bitte auf die Idee, dass ich Schlösser knacken kann? Manno… wieso müssen sie auch in dieser Sache gründlich sein?
„Komm schon, wir schauen doch nur kurz nach“, vernahm sie plötzlich die Stimme von Alexander. Sie erstarrte. Sie fasste sich aber schnell wieder und legte sich so leise wie möglich aufs Bett, wo sie das Gesicht zur Wand drehte.
„Ich weiß nicht, was das bringen soll. Sie schläft sicher, oder sie rennt im Raum herum. Es kann auch sein, dass sie heult, und helfen kannst du ihr dabei eh nicht… und wenn ich so darüber nachdenke, solltest du das auch gar nicht, immerhin hast du sie entführt. Ihre Gefühle sollten dir scheißegal sein“, sagte Alexandra kalt.
„Nicht ICH hab sie entführt, sondern WIR. Du warst zufällig dabei… wo hab ich denn den verdammten Schlüssel?“, brummte er barsch.
„Tzz, wir… als würde es ein „wir“ geben“, murmelte sie und klang dabei komischerweise angeschlagen.
„Logisch gibt es ein „wir““, sagte der Mann plötzlich mit honigsüßer Stimme.
„Wirklich?“, hauchte sie leichtgläubig.
„Wirklich“, bestätigte er ihr, und Gretchen höre das Geräusch eines Kusses. Angewidert hielt sie sich die Ohren zu, als es nicht aufhörte.
Er spielt mit ihr, noch mehr als mit mir. Ist sie wirklich so blind? Das hat er doch nur gesagt, damit sie nicht durchdreht und seinen „Plan“- der mir leider unbekannt ist- durchkreuzt. Wie kann man nur so dumm sein?
Ach, Margarethe, genau so bist du doch auch. So ist jede Frau. Bei dem Mann, den man liebt, ist man eben leichtgläubig.

Irgendwann hörten sie doch auf und begannen wieder zu reden. Gretchen nahm die Hände von den Ohren.
„Du hast mir aber trotzdem noch nie gesagt, warum du sie entführt hast“, bohrte sie plötzlich los.
Er murmelte nur etwas von: „Lösegeld… guter Fang“
Die Frau gab sich anscheinend zufrieden, aber Gretchen hätte wirklich gern den echten Grund erfahren. Finanziell waren sie nicht gerade auf dem Höchepunkt, alleine wegen der ganzen Babysachen, die Gretchen schon besorgt hatte, bevor das alles hier passiert war und sie mit Marc glücklich und zufrieden zusammengelebt hatte.
Dann schien Alexander den Schlüssel wohl gefunden zu haben. Er steckte ihn ins Schloss und drehte drei Mal, und schon standen beide im Raum. Gretchen schloss schnell die Augen und atmete so langsam und ruhig wie möglich.
„Hab ichs nicht gesagt?“, sagte sie triumphirend, „sie schläft… wie ein Baby“
Auf einmal begann sie zu kichern.
„Ein Baby, das ein Baby bekommt. Ist das nicht witzig?“
Ist die total durchgeknallt?! Als wäre das witzig… haha, ich lach mich tot…
Er brummte nur etwas Undefinierbares und sagte dann enttäuscht: „Sie scheint wohl wirklich zu schlafen. Naja, dann gehen wir eben wieder…“
Er wandte sich wieder zur Tür, als er es sich anders überlegte.
„Geh schon mal vor, ich schau noch was nach“
„Hier?“, war sie plötzlich wieder misstrauisch.
„Ja… ich muss schauen, ob die Heizung funktioniert“
„Kann dir das nicht egal sein?“
„Nein, ich will sie und das…“, er schluckte, „…Baby ja schließlich nicht umbringen“
Gott sei Dank!
„Wieso bist du denn noch hier? Vertrau mir doch!“, schnauzte er sie dann an, und Gretchen hörte, wie sie zögernd den Raum verließ.
Oh nein, jetzt bin ich allein mit ihm…
Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr Atme sich panisch beschleunigte. Er merkte das auch und sagte mit tiefer Stimme: „Solltest du nicht schlafen? Ich dachte, Babys spüren, wenn die Mutter aufgewühlt ist“
Ach was, ich bin doch nicht aufgewühlt! Ich schlafe super, ICH BIN JA NUR IN DEN HÄNDEN EINES MIESEN PSYCHOPATHEN!!!
Sie krächzte: „Könnten Sie unter diesem Bedingungen etwa schlafen?“
Er lachte heiser, und sein Lachen hatte etwas Verrücktes an sich.

Sophiee^^ Offline

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11.04.2012 15:18
#123 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

„Warum?“, sagte sie auf einmal mit klarer, lauter Stimme, „Warum das alles? Was haben Sie für einen Grund?“
„Naja, dein Freund oder deine Eltern kratzen sicher ein großes Sümmchen zusammen“, lachte er immer noch.
„Verarschen Sie mich nicht! Sie könnten Millionärskinder entführen, da würden Sie viel mehr bekommen. Stattdessen haben Sie sich mich ausgesucht“
„Glaub doch, was du willst. Ich bin dir keine Rechenschaft mehr schuldig“
Nicht mehr? Hat er gerade wirklich „mehr“ gesagt?! Also kenne ich ihn??
„Woher kenne ich Sie bloß?“, sagte sie, und es erzielte damit genau die Reaktion, die sie erwartet hatte.
„Ähm… du kennst mich nicht. Du bist mir auch völlig fremd, aber dein… Freund ist Oberarzt, sogar ein gut bezahlter. Es geht mir nur ums Geld, und jetzt geh ich. Schlaf endlich“
Ich hab richtig gelegen. Ich kenne ihn. Nur woher? Und wie lange ist das her? Hab ich ihm vielleicht Unrecht getan? Oder hat… hat Marc ihm Unrecht getan und er will sich jetzt rächen?
Als er schon dabei war, die Tür zu schließen, fragte sie ihn noch schnell: „Kann ich vielleicht Papier und Stift bekommen?“
„Klar“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. Er verließ den Raum. Und daraufhin hörte sie noch Alexandra zischen: „Bist du übergeschnappt? Sie kann was auf einen Zettel schreiben, und dann steht hier in null Komma nichts die Polizei“
Er lachte spöttisch.
„Das gibt es nur in Filmen, Alex“
Ja, „Alex“, aber Filme können auch Wirklichkeit werden. Das wirst du schon noch merken, du hast dich nicht umsonst mit Gretchen Haase angelegt.



„Komm schon, steh endlich auf!“, rief Mary und rüttelte an Marcs Schulter. Er brummte nur etwas Unverständliches und drehte sich auf die andere Seite. Er war müde, geschafft und ohne Hoffnung.
Es waren jetzt fünf Tage seit Gretchens Verschwinden vergangen. Mary hatte sich auch freigenommen. Zusammen hatten sie alles noch einmal systematisch abgeklappert, und, so komisch es auch klingen mag, die Angst und Sorge um Gretchen hatte die beiden zusammengeschweißt. Während Mary jeden Tag aufs Neue der Überzeugung war, sie zu finden, schwand Marcs Mut mit jedem Tag, und diese hoffnungslosen Gedanken schlichen sich immer hartnäckiger in seinen Kopf.
Du wirst sie nie finden. Du wirst sie nie wiedersehen. Du wirst dein Kind nie sehen.
Du bist allein.

Aber er hatte immer dagegen angekämpft, sie zurückgedrängt, bis sie abends, wenn er alleine im Bett lag, wiederkamen. Er konnte froh sein, wenn er einschlafen konnte.
„Los, wir müssen wieder zur Polizei, die sagten doch, wir sollten heute kommen. Los, verdammt!“
Mary zerrte immer hartnäckiger an seiner Bettdecke, die er eisern festhielt, genauso, wie er seine Augen geschlossen ließ.
Er wollte nicht in diese kalte, grausame Welt, die ihm alles berauben wollte, was ihm wichtig war.
Mary fluchte sauer vor sich hin. Es konnte doch nicht sein, dass er bereits nach FÜNF TAGEN den Mut verloren hatte! Typisch Männer! Wenn sie etwas nicht sofort haben konnten, waren sie nicht mehr selbstbewusst und hoffnungsvoll. Sie benahmen sich wie Kleinkinder. Frauen sind stärker, redete sie sich ein. Obwohl es für sie auch alles andere als leicht war, wollte sie sich nicht den Tränen hingeben. Sie wollte Gretchen finden, koste es, was es wolle. Für Marc, für Gretchen und deren Kind, aber auch für sich selbst. Gretchen war die beste Freundin, die sie je hatte.
„Na gut! Dann geh ich eben alleine, du Sturkopf! Sollen die Polizisten doch wissen, wie unwichtig dir dein Anliegen ist! Dann werden sie sich wahrscheinlich noch einen Kaffee holen, bevor sie Gretchen endlich suchen!“, versuchte sie es anders. Und siehe da: es funktionierte. Sobald man ihm unterstellte, dass ihm ihr Auftauchen nicht wichtig war, wurde er sauer, und Wut war immer noch sein bester Antrieb.
„Wir gehen da jetzt hin, und sie werden sich auf die Suche machen, bevor wir wieder aus der Polizeistation raus sind“, knurrte er. Dann sprang er euphorisch auf.
„Duschen?“, fragte Mary. Er sah sie nur verwundert an. Sie wurde ein bisschen rot. So, wie er vor ihr stand, nur mit einem T-Shirt und Boxershorts bekleidet, passierte ihr immer wieder, dass sie Sachen sagte, die ihr peinlich waren. „Also, ob du noch duschen willst, wollte ich wissen“, murmelte sie mit gesenktem Kopf, damit er ihre hochroten Wangen nicht sah.
„Keine Zeit“, meinte er knapp, zog sich schnell an, ging kurz ins Bad, um sich Wasser ins Gesicht zu schmeißen und kurz darauf war er es, der auf sie wartete, da sie sich noch nicht gerührt hatte, aus Verwunderung darüber, dass er so blitzschnell fertig war.
„Wo bleibst du denn?“, rief er ungeduldig und spielte an seinem Schlüssel herum. Sie riss sich aus ihrer Starre und ging ihm trotzig entgegen. Er hielt ihr die Tür auf.
„Wie freundlich“, sagte sie in einem honigsüßen, ironischen Ton und machte sich sofort auf den Weg zu seinem Auto. Er schnaubte nur und setzte sich hinters Steuer. Nur, weil sie sich jetzt ansatzweise mochten, hieß das nicht, dass sie es auch zeigten.
„Wohin muss ich?“, fragte er schnell, da er sich den Weg zum Präsidium auf dieser einen Fahrt nicht gemerkt hatte. Sie beschrieb ihm den Weg, an jeder roten Ampel klopfte sie ungeduldig auf dem Armaturenbrett herum, und als sie dann endlich ankamen, mussten sie noch geschlagene zwanzig Minuten warten. Sie schauten immer wieder auf die Uhr. Die Zeit verstrich langsam, jede Minute kam ihnen wie eine kleine Ewigkeit vor.
Schließlich kam ein etwas dicklicher Polizist auf sie zu und bat sie, mitzukommen. Sie kamen in ein Büro. Ein Mann, höchst wahrscheinlich ein Kommissar, stand auf und reichte ihnen die Hand.
„Nehmen Sie doch Platz, Kommissar Johnson mein Name. Was kann ich für Sie tun?“, stellte er sich förmlich vor.
Sie schilderten ihr „Anliegen“ wiederum und ärgerten sich ein bisschen, dass sie ihm vor ziemlich genau drei Tagen genau das gleiche erzählt hatten und er es offensichtlich vergessen hatte.
Als sie geendet hatten, schwiegen sie ein Weilchen.
„Sie sagten, Ihre Lebensgefährtin sei seit fünf Tagen verschwunden. Wissen Sie auch die ungefähre Uhrzeit?“, bohrte Mr. Johnson nach.
Ich weiß zwar nicht, was es helfen soll… aber bitte…
„Um vier Uhr hatte sie den Termin beim Gynäkologen, und laut ihm ist sie um kurz vor halb fünf gegangen. Er hat sie noch auf dem Parkplatz gesehen“, gab er bereitwillig Auskunft. Mary saß schweigend neben ihm und starrte auf den Boden.
„Wohin wollte sie denn gehen?“
„Höchstwahrscheinlich auf die Bahnstation, um zu uns nach Hause zu fahren“, entgegnete er schnell, da warf Mary plötzlich etwas ein. „Oder zu mir“
Der Polizist schaute verwirrt.
„Warum sollte sie Sie denn besuchen wollen? Sie haben doch gesagt, Sie wären im Krankenhaus gewesen“, fragte er interessiert nach. Marc warf Mary einen warnenden Blick zu, aber sie hatte bereits beschlossen, dem Polizist zu erzählen, dass er mal wieder Mist gebaut hatte.
„Nun ja, Dr. Meier hatte Gretchen versprochen, beim Termin dabei zu sein, aber er war verhindert. Vielleicht war sie wütend und wollte bei mir unterkommen“
„Ach?“, meinte der Kommissar nur und zog eine Augenbraue hoch, „Kommt das oft vor, dass Frau Haase Sie „besucht“?“
„Das ist doch vollkommen egal! Fakt ist, sie ist weg, und Sie müssen sie suchen, verdammt nochmal“
Marc war schnell dazwischengegangen und aufgesprungen, um diese lächerlichen Fragen zu stoppen. Am Ende dachte man noch, er selbst hätte sie entführt.
„Beruhigen Sie sich bitte, sonst muss ich Sie der Polizeistation verweisen“, sagte er scharf. Marc wanderte ein Weilchen unruhig herum, bevor er sich wieder setzte.
„Aber er hat schon recht. Diese Gedanken bringen uns nicht weiter, wir haben schon viel zu viel Zeit verschwendet. Schicken Sie doch einfach einen Suchtrupp los“, sagte sie ebenfalls ihre Meinung.
„Das haben wir bereits“, entgegnete er. Marc sprang wieder auf und starrte ihn so fassungslos an, als hätte er behauptet, dass Schweine seit Neustem fliegen konnten.

Sophiee^^ Offline

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14.04.2012 18:15
#124 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

Danke an die Leser und Kommischreiber.

„Und das sagen Sie uns erst jetzt? Haben Sie eine Spur? Wieso befragen Sie uns noch, wenn Sie sie doch schon suchen?“
Bullen, also wirklich…
„Herr Meier, setzen Sie sich wieder hin“, befahl er.
„Doktor Meier“, knurrte dieser nur leise und setzte sich wiederwillig hin.
„Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen, nein, wir haben noch keine Spur. Und dieses Gespräch ist dazu da, um Anhaltspunkte über den Ort des Verschwindens oder mögliche Täter“, sein Blick schweifte kurz zu Marc, „zu erfahren. Wir brauchen Informationen. Vielleicht wissen Sie ja, wer einen Grund hätte, Frau Haase zu entführen“
„Ich kenne keinen. Sie ist ein herzensguter Mensch und die Letzte, die so etwas verdient hätte. Wo auch immer sie gerade ist, wahrscheinlich kann sie sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass ihr Entführer durch und durch böse ist, denn solche Menschen gibt es in ihrem Weltbild nicht. Sie ist die beste Freundin, die es gibt“, sagte Mary so leise, dass die beiden Männer ihr angestrengt zuhören mussten. Jetzt waren ihr doch ein paar Tränen gekommen, die sie verstohlen wegwischte.
Besser hätte ich sie nicht beschreiben können… mein Gretchen… mein wunderschönes Gretchen…
„Na gut… Ihre Personalien haben wir ja bereits, ebenso eine Beschreibung plus Foto der Vermissten“, er kramte ein wenig in seinen Unterlagen, „und wenn wir etwas Neues herausfinden, werden wir Sie kontaktieren. Schönen Tag noch“, verabschiedete er sich, und kurz darauf war er wieder voll vertieft in seine Papiere. Mary und Marc standen zögernd auf und verließen das Büro. Als sie schon draußen waren, rief der Kommissar ihnen noch etwas nach, das bei beiden Gänsehaut verursachte: „Ebenso sind Sie verpflichtet, sich zu melden, wenn der Entführer Lösegeld fordert“
Langsam gingen sie wieder Richtung Auto. Dieses Mal ließ er Mary fahren.
„Sag mal, was sollte das?“, zischte er auch gleich wütend als sie eingestiegen waren.
„Was denn?“, sagte sie nur ahnungslos, während sie das Auto wieder in den Verkehr einschleuste,
„Vielleicht war sie wütend und wollte bei mir unterkommen“, äffte er ihre Stimme in einer hohen Tonlage nach und blitzte sie von der Seite an, während sie immer noch konzentriert auf den Verkehr war.
„Naja, er sagte, jede Information…“, begann sie, wurde aber gleich unterbrochen: „Ja, aber schon mal überlegt, dass mich das belasten könnte? Ich sag dir, Polizisten sehen in jedem Menschen einen Täter. Vermutlich denkt er jetzt, ich habe ihre Leiche im Keller liegen“
Marc schluckte unauffällig den Kloß in seinem Hals herunter.
Eigentlich hab ich das ja auch… eine Leiche im Keller, wenn man es so nennen kann…
„Quatsch! So schlimm sind Polizisten nicht… und außerdem kannst du es eh nicht mehr ändern!“, sagte sie mit ihrer „Diskussion beendet“- Stimme.
„Ich hätte dich nie miteinbeziehen sollen“, murmelte er nur wütend und starrte stur aus dem Fenster. Beide schwiegen eisern.
Bei Mary angekommen liefen sie beide gleich in ihre Zimmer und dachten nach. Sie versuchten, sich an jedes noch so kleine Detail aus Gretchens Leben zu erinnern. Nicht zum ersten Mal streifte Marc der Gedanke, dass er vielleicht schuld daran war. Dass irgendein Typ, dessen Frau er gebumst hatte, oder irgendeine Verflossene sich rächen wollte. Aber waren diese Leute wirklich so bescheuert, dass sie eine unschuldige, SCHWANGERE Frau gefangen hielten? Er schüttelte den Kopf. Nein, die Welt war grausam, aber dass sie so grausam war, daran wollte er nicht einmal denken.
Nach und nach kamen ihm die absurdesten Gedanken.
Ihre Mutter hat sie entführt und wieder mit nach Berlin genommen, weil sie sie so sehr vermisst hat… oder ihr Vater meinte, es sei das Beste für sie, nicht mehr bei mir zu sein… oder Mehdi, der liebeskranke Idiot, glaubt immer noch, dass sie ihn auf irgendeine völlig hirnverbrannte Weise liebt.. vielleicht hat auch meine Mutter sie irgendwohin gebracht, weil sie mich für sich alleine haben will…
…nein, diese Gedanken bringen mich nicht weiter! Niemand, wirklich NIEMAND von ihnen würde mir und ihr so etwas antun! Also wahrscheinlich doch die Möglichkeit wegen der Lösegelderpressung… wie viele Menschen wohl entführt werden? Wie viel Geld erpresst wird? Wie viele nie wieder gefunden werden?
Oder wie viele sterben?
MEIER, HÖR VERDAMMT NOCHMAL AUF MIT DIESEN HOFFNUNGSLOSEN GEDANKEN!!! Die berauben dir alle Kraft, allen Mut und jeglichen Glauben an die gute Menschheit, der bei dir sowieso nicht gerade ausgeprägt ist! Reiß dich zusammen! Für dich, für Gretchen und für euer Kind…

Verzweifelt rieb er sich über die Augen. Egal, wie fest verschlossen er in einem Raum in seinem hintersten Gehirnstübchen diese trüben Gedanken hielt, irgendwie fanden sie immer wieder die Zahlenkombination des Raumes und knackten die Schlösser auf, um in sein Bewusstsein vorzudringen und ihm seinen Schlaf zu rauben. Kaum waren sie da, bissen sie sich in seinen Gehirnwindungen fest und ließen nicht mehr los. Er konnte dann nur hoffen, dass er vor Erschöpfung einschlief, weil sonst war an Schlaf nicht zu denken.
Ich muss nachdenken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand Gretchen entführt, nur um Geld zu erpressen. Wer entführt denn schon eine Schwangere? Das ist mehr als herzlos, das ist abgrundtief böse! Und ich bin nicht einmal Millionär; ich verdiene ganz gut, aber es gibt viel wohlhabende Männer in dieser gottverdammten Stadt, Obama zum Beispiel. Diese Stadt hat mir im Großen und Ganzen nur Unglück gebracht… abgesehen von Gretchen und unserem Kind natürlich. Aber in Berlin wäre das alles genauso abgelaufen, aber ohne diese verflixten Probleme!
Okay… wer könnte mir etwas antun wollen? Mal ehrlich, Gretchen hat keine Feinde. Die Brillenschlange mag mich zwar nicht besonders, aber die hat nicht genug Eier in der Hose um das durchzuziehen. Die hätte nach einem Tag schlapp gemacht und sich heulend bei mir entschuldigt, um sich dann wieder nach London zu verpissen…

Es machte Marc wahnsinnig, nur so dumm herumzusitzen, deshalb schwang er sich, wie so oft in den letzten Nächten, aus dem Bett und verließ die Wohnung lautlos. Er achtete nicht auf das leise Schluchzen, das aus Marys Zimmer kam. Er hatte nicht den Nerv, sie jetzt zu trösten. Er musste mit sich selbst klarkommen, und außerdem war er eh nicht so gut im Trösten… meistens war er es ja, der Frauen zum Weinen brachte.
Jedenfalls war das früher so… und da hat es mich einen Dreck geschert… mein Gott, was war ich nur für ein Mensch? Mein Vater hat mich verdorben für diese Welt. Ich hätte wissen sollen, dass ich anders sein muss als er. Stattdessen bin ich bissig und gefühllos… Moment, ich korrigiere mich: ich WAR bissig und gefühllos… Gretchen hat mich aus diesem Sog gezogen, sie hat mich zu einem guten Menschen gemacht. Und auch wenn ich mich weigere, die Organisationen für streunende Hunde und Katzen mit Geld zu unterstützen (wo Gretchen meinte, das wäre mehr als eine gute Tat, dafür würde ich in den Himmel kommen… sie hat wohl nicht an all die MENSCHENLEBEN gedacht, die ich bereits gerettet hab), bin ich trotzdem ganz nett geworden. Gretchen, ich danke dir. Du bist die Beste auf der Welt, und ich hätte dich nicht einmal verdient, wenn ich der beste Mensch auf der Welt wäre!
Ich verspreche dir, wenn ich dich finde, lese ich dir jeden Wunsch von den Augen ab!

Lautlos öffnete er die Tür und schloss sie wieder. Dann schloss er den Reißverschluss seiner Jacke. Es war saukalt, wie immer in den letzten Tagen. Die Sonne ließ sich nie blicken, abgesehen von dem Tag, als er völlig von Sinnen durch die Stadt gerannt war und nach seiner Traumfrau gesucht hatte. Aber da hätte er sich strömenden Regen gewünscht, das hätte mehr zu seiner Stimmungslage gepasst.
Gretchen, mein Gretchen… ich liebe dich, so sehr…du musst zurückkommen… du gehörst zu mir, nur zu mir, und jeder Ort, wo du bist, ist schlecht, wenn er nicht bei mir ist…
Seine Gedanken kreisten immer weiter, immer zielloser, und irgendwann waren sie sinnlos, da er darüber nachdachte, wer wohl bei der nächsten EM gewinnen würde, und er hoffte, dass es Deutschland sei, da er dieses Land und besonders die Hauptstadt so sehr liebte… und vermisste…
Aber genau diese normalen, sorgenfreien Gedanken konnten ihn ein wenig ablenken und taten ihm gut. Er war dabei, sich gegen all diesen Wahnsinn, der in den letzten Tagen herrschte und ihm nach und nach seinen Verstand raubte, eine Schutzmauer zu bauen. Er wusste, dass er darüber nachdenken musste, wer der Entführer war, wie es Gretchen wohl ging, wo sie war, ob sie verletzt war… aber sein größter Wunsch war, es zu vergessen. Wenigstens für ein paar Minuten, dann konnte er die Mauer ja wieder einreißen lassen. Und das Schönste war, er konnte sie immer und immer wieder bauen, da sie ja nichts kostete. Er hatte zwar Geld, aber nicht so viel wie der widerliche Schleimbeutel Frank Muffke. Er verzog das Gesicht. Er verstand immer noch nicht, wie Gretchen ihn heiraten konnte. Und es war eine schlimme Zeit gewesen, als er Frank in Washington erneut operieren musste.
Plötzlich weiteten sich seine Augen. Innerhalb von Sekunden wurde ihm bewusst, wie dumm er doch war. So schnell er konnte, rannte er zurück.
„Mary!“, schrie er atemlos, als er in ihr Zimmer gestürmt kam. Sie lag auf dem Bett und wischte sich verblüfft ihre Tränen weg, als er plötzlich dastand. Seine Brust hob und senkte sich rasch.
„Ich weiß es!“, stieß er zwischen den Zähnen vor. „Ich weiß, wer sie entführt hat. Frank, Frank Muffke hat sie. Ihr Exmann.“

Und, seid ihr der gleichen Meinung wie Marc?

Sophiee^^ Offline

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Beiträge: 276

19.04.2012 19:16
#125 RE: Story von Sophiee^^ Zitat · antworten

http://www.youtube.com/watch?v=WV84qaiJdpc (James Morrison- Wonderful World)

Lieber Marc!
Ich schreibe dir jetzt einen Brief, obwohl ich weiß, dass er dich nie erreichen wird. Es ist albern, ich weiß, und wahrscheinlich wirst du mich auslachen, wenn ich dir einmal davon erzählen werde (falls ich hier je wieder rauskomme). Aber irgendwie fühle ich mich dir näher, zumindest ein klitzekleines bisschen. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Fragen, meinen steigenden Wahnsinn kann ich mir hier auf diesem schmutzigen Stück Papier von der Seele schreiben…
Du kannst dir nicht vorstellen, was in mir vorgeht. Angst, Wut, Verzweiflung…und du. Ich vermisse dich. Deine Küsse, deine Berührungen, deine starken Arme um meinen Körper, dein Atem, der über mein Gesicht streicht, deine Hand, die sich auf meinen Bauch legt… all das läuft in Endlosschleife in meinen Gedanken ab.
Aber ganz besonders vermisse ich deinen Blick. Er kann so vieles sagen, aber bevor ich ihn entschlüsseln kann, hast du mich schon eingefangen, eingewickelt in deinen Blick, und ich drifte ab in eine andere Welt, eine Welt mit dir, unsere eigene kleine Welt, wo alles schön ist…ohne Schrecken, ohne Angst, ohne Streit, ohne Probleme. Nur gefüllt mit Liebe. Unserer unendlich großen, weiten Liebe (oh mein Gott, wie kitschig das klingt! Aber du kennst mich ja…).
Die letzten Wochen mit dir waren so unbeschreiblich. Obwohl wir uns manchmal gezofft haben, waren wir doch ein ganz gutes Team. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, als ich mal realistisch und nicht träumerisch darüber nachgedacht habe. Ja, ich habe sogar Pro und Contra abgewogen. Mein Gott, war ich da blöd! Als könnte man eine Anleitung für eine Beziehung aufstellen. Du hast mir aber bald gezeigt, dass es so nicht läuft, und jetzt weiß ich, wie irrsinnig das war. Dich in eine Rolle zu stecken, genau auf dich zugeschneidert, und du passt trotzdem nicht hinein, weil du anders bist, einfach, weil du DU bist. Und es dauerte ein wenig, bis ich verstanden habe, dass ich mich in DICH verliebt habe, nicht in die Vorstellung einer perfekten Beziehung. Und deshalb entschuldige ich mich in diesem Moment dafür, dass ich dich gezwungen habe, mit mir Spaziergänge zu machen, obwohl du viel wichtigeres zu tun hattest und keine Lust hattest; ich entschuldige mich dafür, dass ich unbedingt alles von dir wissen wollte, obwohl du noch nicht bereit warst, all deine Geheimnisse freizugeben; und ich entschuldige mich auch dafür, dass ich wollte, dass du zu allen Routineuntersuchungen mitmusstest. Die Beziehung mit dir war so anders als alle anderen, die ich zuvor hatte, sie war besser; sie wurde nie langweilig, und dafür bin ich dir wirklich dankbar.
Manchmal habe ich richtig Angst vor meinen Gefühlen. So stark waren sie noch nie, und ich weiß, dass deine auch stark sind. Vielleicht nicht so stark wie meine, aber trotzdem sind sie da und geben mir das Gefühl, geliebt zu werden. Und ich habe Spaß. Und das gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben. Ich meine, wer will schon ein Leben ohne Spaß?
Ach Marc, es zerreißt mir so langsam das Herz, dass ich- dass WIR- nicht bei dir sein können. Ich hab solche Angst. Ich weiß nicht, wo ich bin, wie ich hierhergekommen bin (mal sicher nicht mit einem Privat- Jet, so, wie es hier aussieht…) und schon gar nicht, warum ich eigentlich hier bin. Ich weiß gar nichts!!! Nicht einmal, ob es Tag oder Nacht ist, weil die Wolkendecke hinter dem kleinen Fenster ober meinem Bett nie aufbricht. Ich hab seit Tagen nur diesen hässlichen, trostlosen kleinen Raum gesehen (und er hat eine Toilette in der Ecke!!! Würg!).
Schon den ganzen Tag liege ich hier in diesem ungemütlich harten Bett und starre abwechselnd an die Decke und auf den Boden. Sie nehmen die Form der Gesichter der Menschen an, die ich am meisten liebe… meine Eltern, mein Bruder… Mary…Mehdi (ja, auch wenn du es nicht gern lesen wirst, ihn liebe ich auch!... wie einen Freund), sogar Gigi hab ich einmal gesehen (obwohl ich mit ihr nichts mehr anfangen kann). Schwester Sabine beehrt mich mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit und faselt etwas von meinen Horoskopen und will mir einen Tee gegen böse Geister brauen… und dann bist da noch du… während die anderen mich zum Lachen bringen, bringst du mir Zuversicht, dass alles wieder gut wird, dass ich geliebt werde… dass wir das gemeinsam schaffen… ich hoffe, du benimmst dich wirklich so wie dein Mauer-Ich und versuchst alles Mögliche, um mich zu finden!
Immer, wenn ich dich sehe, will ich am liebsten weinen. Aber für heute habe ich meinen Tränenvorrat wohl schon aufgebraucht…
Marc, ich vermisse dich so! Wo bist du? Was machst du? Suchst du nach mir? Machst du dir Sorgen? All diese Fragen! Am liebsten würde ich meinen Kopf ausschalten, einfach nicht mehr denken und schlafen, solange bis der Alptraum ein Ende hat. Aber ich kann nicht! Ich bin leider nicht Dornröschen, auch wenn ich es mir noch so sehr wünsche. Nur wenn ich vor Erschöpfung beinahe umkippe, kann ich ins Land der Träume entschwinden, aber dort warten nur noch schlimmere Alpträume auf mich. Monster, Grimassen, böse Clowns, alles ist dabei… abstrakte Träume haben mir schon immer am meisten Angst eingejagt. Ich fühle mich wieder wie ein Kind. Am liebsten würde ich zu meiner Mutter ins Bett kriechen, dorthin konnte ich zumindest immer flüchten, wenn mich die Angst mit ihren eiskalten Fingern gepackt hat, und traumlos weiterschlafen…
Jetzt mal im Ernst… ich begreif das einfach nicht! Hab ich etwas Unrechtes getan, dass man mich hier einsperrt?! Wer hasst mich so, dass er mich entführt, während ich schwanger bin? Wer ist zu so etwas überhaupt fähig? Wer ist so herzlos? Wenn ich zumindest einen Anhaltspunkt hätte, wer es sein könnte, aber ich erinnere mich nicht!
Es sind zwei. Eine Frau und ein Mann. Die Frau kenne ich nicht, noch nie gesehen oder gehört, aber der Mann… sein Blick jagt mir Angst ein, und er ist trotzdem so vertraut…Er kommt mir so bekannt vor, aber mein Kopf ist in dem Zusammenhang nur wie ein schwarzes Loch. Es liegt mir auf der Zunge, aber ich komme einfach nicht darauf. Ich kann mich nur daran erinnern, wie ich nach Hause wollte, um auf dich zu warten, dich vielleicht ein bisschen zappeln zu lassen und dann- Blackout. Ich kann mich nur noch an sinnlose Bruchstücke erinnern, wie mich jemand gepackt hat, wie ich langsam zu mir gekommen bin, wie sie mein Handy genommen haben, und dann haben sie mich wieder betäubt. Als ich aufwachte, dachte ich, ich träume nur schlecht…
Mittlerweile sind sicher viele Tage vergangen, so fühlt es sich jedenfalls an. Vielleicht fünf? Oder doch erst drei? Es fühlt sich jedenfalls wie tausende an… meine Güte, ich werde noch ganz verrückt! Nicht nur, dass ich dir hier schreibe, ohne dass du es je lesen wirst, nein, plötzlich fängt auch noch die Wand an, mit mir zu reden und mein Zeitgefühl veräppelt mich…
Ich will dich wiedersehen. Ich muss. Auch wenn ich versuche, standhaft zu bleiben, halte ich das langsam aber sicher nicht mehr aus. Die Sehnsucht zerfrisst mich. ICH WILL HIER RAUS!!!
MARC, SAG MIR, WAS ICH TUN SOLL!!! Ich will hier WEG, aber es ist alles abgeriegelt! Ich will RAUS! Noch nie in meinem Leben war der Wunsch, einfach draußen zu sein, die Sonne oder den Regen zu spüren, die Luft tief einzuatmen, so groß wie jetzt! Erst jetzt verstehe ich, wie wichtig unsere Freiheit doch ist! Nur der Gedanke an dich, an unsere Liebe und die Hoffnung, doch noch irgendwann hier rauszukommen, halten mich aufrecht.
Ich werde nicht aufgeben. Ich bleibe stark, für unser Kind, für dich, aber auch für mich selbst. Ich weiß, dass du niemals aufgeben würdest, deshalb werde ich es auch nicht tun. Wir sind Kämpfer, schon unser ganzes Leben lang, und der kleine Macho in meinem Bauch wird auch ein Kämpfer sein (bei den super Eltern ganz sicher!).
JA, ES STIMMT: WIR BEKOMMEN EINEN SOHN!!!
Einen richtig kleinen Marc. Hoffentlich bekommt er so viel wie möglich von dir… aber ich hoffe, das Arschloch-Gen ist bei dir geblieben! ;D
Mist, jetzt heul ich schon wieder… mein Vorrat ist wohl doch nicht so begrenzt, wie ich dachte. Bevor das Blatt vollständig durchnässt wird, hör ich lieber auf. Auch wenn ich noch hunderte von Seiten schreiben könnte… über dich… und über uns.
Dein Gretchen.
PS: Ich liebe dich, always and forever!


Gretchen las sich noch einmal den Brief durch und verkniff sich ein paar Tränen. Das war ihr erster Brief, den sie an Marc geschrieben hatte, gleich nachdem sie den Stift und das Papier bekommen hatte. Sie hatte sich zwar ein wenig gewundert, dass der Typ ihr es einfach so gegeben hatte, als wäre es das Selbstverständlichste, einer Gefangenen etwas zum Schreiben zu geben. Als sie später noch bei der Tür gelauscht hatte, hatte er zu der leise zeternden Alex gesagt, dass Gretchen eben gern schrieb, und da war sie sich endgültig sicher gewesen, dass sie ihn kannte. Es war wahr; sie schrieb gerne. Das bedeutete zwar nicht, dass sie es auch konnte, aber es tat ihr einfach gut. Wie oft hatte sie Tagebuch geschrieben, als sie traurig, wütend, verletzt, oder einfach nur glücklich war? Unzählige Male… und nachdem sie ihre Gefühle mit dem kleinen, liebgewonnenen Buch geteilt hatte, war es ihr gleich besser oder noch besser gegangen. Und jetzt, in dieser schweren Zeit, tat es ihr auch gut, und wenigstens für eine kurze Zeit konnte sie dem Wahnsinn hier entschwinden.
In diesen Tagen hatte sie immer mal wieder versucht, Hilfe zu holen. Besonders am ersten Tag stand sie den ganzen Tag auf ihrem Bett und schrie zum Fenster hinaus. Es war ihr egal gewesen, dass diese Giftschlange sie herunterzerren wollte, sie hatte gezetert und geschrien, bis sie schlussendlich heiser und weinend auf dem Bett zusammengebrochen war, weil sie einfach nicht mehr konnte. Das war der schlimmste Augenblick ihres Lebens. Sie fühlte sich hilflos, verlassen und alleine. So unendlich alleine. Und sie war verzweifelt. Noch nie hatte sie sich so leblos gefühlt, und für einen Moment hatte sie sich gefragt, ob es nicht besser wäre, jetzt zu sterben.
Aber dieser Gedanke war schwach. Sie hatte beschlossen, schwachen Gedanken keine Chance mehr zu lassen. Sie nahmen ihr nur den Mut, und diesen Mut brauchte sie mehr als alles andere, wenn sie hier rauskommen wollte.
Und das war definitiv ihr größter Wunsch: Sie wollte hier raus!
Denn die Welt war schön, und sie wollte frei sein; frei wie ein Vogel, fliegen und leben, zusammen mit Marc, ihrer großen Liebe.

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