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Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.379

09.08.2019 09:08
#1651 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Doktor! Dr. Moeller. Angenehm!“, half die schöne Unbekannte Dr. Meier begleitet von einem umwerfenden Lächeln auf die Sprünge. - „Aber Sie können mich gerne Sandy nennen, wenn Sie mögen, Dr. Meier. Schließlich haben wir bald häufiger miteinander zu tun. Auf jeden Fall einer der verheißungsvolleren Vorzüge dieses altehrwürdigen Berliner Klinikums“, säuselte sie mit sexy Stimme und verteilte weiter fleißig Pluspunkte an das EKH, wobei sie ihr äußerst attraktives Gegenüber erneut mit deutlich spürbarem Interesse musterte, welches bei Marc jedoch die entsprechende Wirkung verfehlte. Kannte er doch Karrierefrauen ihres Kalibers nur zur Genüge, die neben ihrem eventuell durchaus vorhandenem Intellekt und ihrem anstrengenden Ehrgeizstreben den stets von ihnen verfochtenen Emanzipationsgedanken auch durchaus hinten anstellen konnten und nicht davor zurückschreckten, die simpelste aller Methoden für ihren Vorteil zu nutzen, um zu bekommen, was sie wollten, was bei der einen mehr, bei der anderen weniger funktionierte. All die Amseln, Hassmänninnen und Co. glichen sich doch ein Ei dem anderen. Das war so vorhersehbar und gähnend langweilig, notierte der selbsternannte Chirurgengott nur beiläufig in Gedanken und konnte sich dabei ein kleines Schmunzeln nicht verdrücken. Für ihn war daher der dampfende Kaffee in der Tasse, die er sich gerade wieder von der Anmeldung geschnappt hatte, bei weitem interessanter. Spürte er doch das belebende Koffein, welches direkt in sein Blut übergegangen war und das aufkommendes Gähnen, das sein übliches Mittagstief begleitete, verdrängte.

Einen kleinen spöttischen Kommentar konnte sich Marc aber dennoch nicht verkneifen. Ihr übertriebener, wenn auch verspielter und durchaus ansehnlicher Businesslook sprach schließlich Bände und war so weit von dem hippen Berlin seiner Zeit entfernt wie Dr. Gummersbach von seinem Heimatplaneten drei Galaxien hinter der Milchstraße. Und dann noch dieser Name. Verspielt und sexy, ja, aber nicht unbedingt Garant für akademischen Erfolg. Seine Neugier war fraglos geweckt. Es konnte sicherlich nicht schaden, ein bisschen nachzuhaken, was eine Ärztin wie sie, die augenscheinlich viel von sich hielt und am liebsten für sich den roten Teppich ausgerollt bekommen hätte, ausgerechnet im bescheidenen Berliner Elisabethkrankenhaus zu suchen hatte, das zwar für seine Herzlichkeit und sein familiäres Miteinander bekannt und geschätzt war, aber nicht unbedingt als hoch gelobtes Karrieresprungbrett galt, was es sicherlich in baldiger Zukunft noch werden würde, sobald der hochmoderne Anbau im Ostflügel endlich fertig war, wo er sich endlich so richtig austoben konnte, und Franz ihm das heilige Zepter überlassen hatte. Das roch doch schon danach, dass irgendetwas faul war im Staate Chirurgenhausen.

Marc: Candy Sandy. Mhm... Das passt.

...murmelte der gutaussehende Oberarzt deshalb ungeniert in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart und präsentierte dabei sein wirkungsvollstes Werkzeug neben seinen begnadeten Chirurgenhänden, seine Grübchen, bevor er anschließend, ohne den Meierschen Scanner-Blick von der attraktiven Blondine abzuwenden, seine Kaffeetasse in einem Zug leerte und dann auf einem der aufgeschlagenen Bücher auf Sabines Schreibtisch zwischenparkte, welches zufällig den Namen seiner Mutter trug. Er applaudierte sich insgeheim für den gelungenen Spruch, den die flirtbereite Ärztin mit einem verheißungsvollen Augenzwinkern kommentierte, ohne den leichten Spott hinter seiner markanten Stimme überhaupt wahrgenommen zu haben. Auch wenn sie sich taff und selbstsicher gaben und sich für unerschütterlich hielten, weil sie, oh Wunder, das Physikum geschafft und als Beste ihres Jahrgangs den Facharzt abgeschlossen hatten, reagierten sie doch in der Regel in seiner Gegenwart überwiegend gleich, analysierte Marc die Situation gelangweilt und wandte sich um, um ein paar Unterlagen aus seinem Fach zu holen und anschließend in Wichtig-Wichtig-Pose interessiert durchzugehen, was bei seinem Gegenüber vor dem Empfangstresen zu leichten Irritationen führte. Nichtbeachtung war die junge Doktorin offensichtlich nicht gewohnt, die eigentlich ihrem Status entsprechend mit einem würdigeren Empfang gerechnet hatte. Schließlich hatte sie einen weiten Weg auf sich genommen.

Dr. Cedric Stier hatte derweil nebenan in der Umkleide genug gehört. Ihm war schlecht. So richtig schlecht. Nicht nur wegen des seltsamen Flirtverhaltens seines Freundes und Kollegen Meier, der ihm damit unbewusst in den Rücken gefallen war. Er stand immer noch unter Schock und erst das Geräusch einer sich öffnenden Tür hinter ihm holte ihn zurück in die Gegenwart zu seiner jüngsten Tochter, die in seinen Armen noch immer zufrieden vor sich hin schlummerte, während sie sein graues T-Shirt voll speichelte. Es kam ihm sehr entgegen, dass genau in dem Moment, als er seine durcheinander geratenen Sinne wieder mit seinem unerschütterlichen Verstand in Einklang gebracht hatte, die Oberschwester die Umkleideräumlichkeiten gestürmt hatte. Ohne es anzukündigen und sie und ihren Protest überhaupt zu Wort kommen zu lassen, drückte er der perplexen Pflegeleiterin sein Kind in die Arme, erinnerte sie an einen dringenden Termin bei den Kollegen in der Pädiatrie und marschierte dann, ohne noch einmal darüber nachzudenken oder sich eine passende Strategie ausgedacht zu haben, im Sturmschritt rüber ins Schwesternzimmer, dessen Tür er wohlweislich hinter sich zumachte. Er konnte nicht anders. Er brauchte jetzt dringend Antworten, sonst würde er noch vollends durchdrehen.

Dort sorgte das plötzliche Auftauchen von Dr. Stier für den einen oder anderen Überraschungsmoment. - „Du?“, staunte nicht nur Dr. Meier schlecht, dessen freches Grinsen wieder deutlich Oberwasser bekam, weil ihm Cedrics wiederholt absonderliches Verhalten an diesem Tag irgendwie spanisch vorkam. Aber als Hahn im Hühnerstall musste man ja irgendwann wunderlich werden, schlussfolgerte er ohne einen spürbaren Hauch von Mitleid, während Dr. Moellers anziehendes Lächeln eine ganz neue verführerische Note bekam, der man sich kaum entziehen konnte, ob man wollte oder nicht. Als hätte die schöne Chirurgin nur darauf gewartet, ihm zu begegnen, sprach sie ihn direkt an. - „Du, hier? Also stimmen die Gerüchte. Dabei habe ich es für einen schlechten Scherz gehalten, als man mir davon berichtet hat. Aber Glückwunsch zum neuen Job! Niemand muss sich dafür grämen, wenn er wieder von unten neu anfangen muss. Kleine Schritte haben auch große Wirkung und dieses unscheinbare Haus im hintersten Winkel von Berlin kann gute Ärzte definitiv gebrauchen, wenn mich mein erster Eindruck nicht täuscht.“ Dass sie ihre Worte nicht sonderlich ernst gemeint hatte, wie es vielleicht für unbeteiligte Ohren geklungen haben könnte, diese sonderbaren Schwingungen kamen auch bei Marc Meier ungefiltert an, der eigentlich nur zwei Personen, einschließlich sich selbst, und eine halbe, aber deutlich vorlautere Person, kannte, die die Chuzpe besaßen, diesem Vollidioten von Möchtegernchirurgen verbal ordentlich etwas vor den Latz zu knallen. Abrupt horchte er demzufolge auf, legte seine Unterlagen, die sich als nicht so wichtig herausgestellt hatten, zurück in sein Fach und lehnte sich dann lässig gegen die Kommode unter den Postfächern. Sein Interesse, das kurzzeitig abgeflaut war, war jetzt definitiv wieder geweckt.

In Ping-Pong-Spiel-Beobachtungsmanier wanderte Marcs Kopf von einer Richtung zur anderen, auch wenn sein Wie-auch-immer-Kumpel sich anfänglich noch in Schweigen hüllte und die attraktive Blondine, die bei dessen Anblick ungefragt das Stationszimmer geentert hatte und nun in sexy Pose am Schreibtisch von Schwester Sabine lehnte, von wo aus sie Dr. Stier mit unergründlichem Blick über den Rand ihrer Designerbrille hinweg daueranlächelte, aus ausdruckslosen Augen einfach nur anstarrte, als stünde er vor einem Geist, durch den er hindurchblickte. Die Anspannung war nahezu mit den Händen greifbar. Also tat Dr. Meier das, was jeder vernünftige Mensch in dieser Situation gemacht hätte. Er griff beherzt zu. Schließlich hatte ein bisschen Ablenkung vom harten Chirurgenalltag noch nie geschadet. Dr. Stier wäre dahingehend sicherlich anderer Meinung als sein Spaß und Unterhaltung suchender Kollege und nicht nur er, aber die Befindlichkeiten von gerade mal halbwegs geduldeten Mitarbeitern, die noch dazu weniger erfolgreich waren als er, waren dem Oberarzt der Chirurgie schon immer herzlich egal gewesen.

Marc (blickt forschend zwischen den beiden hin u. her): Ach, ihr kennt euch?
Cedric (lässt die attraktive Lady mit seinen Blicken nicht mehr los u. spricht durch zusammengepresste Lippen): Wieso?
Marc (glaubt zu wissen, wo der Frosch die Locken hat u. nickt Cedric bestätigend zu): Hm... vielleicht... weil ihr euch so angeregt miteinander unterhaltet?
Sandy (fixiert Dr. Stier mit verführerischem Blick, nachdem sie kurz zu Dr. Meier rübergeblickt u. wohlwollend den eigenwilligen Spott in dessen Stimme mitbekommen hat): Tja, wenn man die schönste Zeit seines Lebens miteinander verbracht hat, braucht es nicht viele Worte.
Marc (fühlt sich in seiner Vermutung bestätigt u. folgt grinsend ihrem Blick zu Cedric, der keine Miene verzieht): Ach?
Cedric (strotzt nur so vor Zynismus, nachdem es endlich aus ihm herausgeplatzt ist, was sich die ganze Zeit schon angestaut hat): Pff, die schönste Zeit? Ja, klar, in deinen giftgrünen Augen muss es ja auch so ausgesehen haben. Hast ja auch genug profitiert. Dreieinhalb Jahre lang.

Okay? Bis eben dachte ich noch, der Tag kann nur noch beschissener werden. Aber das hier hebt die Stimmung doch wieder gewaltig. Der Fuchs lässt das Jagen nicht, trotz vollem Hühnerstall vor der Haustür. Das macht ihn mir fast schon wieder sympathisch. Fast! Aber wie kann man auch so eine Granate stehen lassen und ausgerechnet zu einer Giftspritze wie Dr. Hassi zurückgekrochen kommen? Die Gleichung geht nicht auf.

Marc (beobachtet die beiden ganz genau, wie sie sich gegenseitig belauern): Ah, daher weht der Wind? Das erklärt, wieso es auf einmal mindestens fünfzehn Grad kälter geworden ist. Damit wirkt die neue Klimaanlage irgendwie obsolet.
Cedric (funkelt den Sprücheklopfer mit finsterem Blick an): Halt die Fresse, Meier! Hier weht überhaupt kein Wind. Außer die Böen, die dich in Kyrillstärke gleich aus dem Stationszimmer fegen werden. Hast du nichts zu tun, jetzt, wo du endlich wieder auf Station sein darfst und ungeniert deine von dir eingeschüchterten Mitarbeiter herumkommandieren darfst?
Marc (verschränkt lässig seine Arme vor seiner Brust u. lehnt sich entspannt gegen die Fächerwand): Negativ. Mir scheint, hier wird mir gerade das bessere Unterhaltungsprogramm geboten. Man muss seine Schützlinge auch mal alleine walten lassen. Quasi aus dem Nest schupsen. Sonst lernen die’s ja nie. Ne ruhige Kugel schieben ist nicht. Die halbe Innenstadt ist gerade ohne Strom. Demo, Streik und Kinderkarussell auf den Straßen. Mit entsprechenden Folgen. Damit sollen die sich mal schön alleine rumschlagen. Ich bin eher Befürworter der praxisorientierten Ausbildung.
Sandy (nickt anerkennend mit ihrem hübschen Köpfchen): Sounds nice. Der Typ gefällt mir.
Cedric (schüttelt den Kopf u. hofft immer noch auf einen Albtraum, aus dem er gleich aufwachen wird): Der Schein trügt.
Sandy (lächelt unentwegt u. lässt sich nicht so leicht hinter die perfekte Fassade blicken): Immer die perfekte Antwort auf Lager, der Herr Doktor. Das hat mir damals schon imponiert.

Dieses Biest! Ich könnte sie... GRRR!!! Bleib ruhig, Mann! Das will sie doch nur. Sie wird sich nie ändern und das ist mir, im Grunde genommen, auch schnurzpiepegal. Mich interessiert vielmehr, was sie hier überhaupt will. Taucht aus heiterem Himmel wieder auf und gibt sich ganz besonders scheinheilig. Genauso wie sie sich damals mit meiner geklauten Unterschrift und meiner letzten Kohle mir nichts dir nichts in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf Nimmerwiedersehen davongestohlen hat. Ohne doppelten Boden im hinterlistigen Plan, den sie vor Typen wie Marc in ihrer Fake-Designertasche versteckt hält, und manikürte Krallen, die sie einem hinterrücks ins Fleisch rammen kann, geht sie doch nie aus dem Haus.

Cedric (rollt theatralisch mit den Augen u. kommt ein paar Schritte auf die falsche Schlange zu): Lass es, Sandy! Deine falsche Freundlichkeit ist doch nur Fassade. Genauso gefaked wie deine Designerklamotte.
Sandy (streicht sich demonstrativ ihr figurbetontes Kostüm zurecht u. mustert dann abfällig seinen ungewohnt legeren und, den Flecken auf seinem eng anliegenden T-Shirt nach zu urteilen, fast schon ungepflegten Aufzug): Gefällt sie dir? Sie ist nicht gefaked. Ich kann es mir leisten.
Cedric (hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig): Dann hast du wohl wieder einen Dummen gefunden, was?
Marc (hat sichtlich Spaß daran, die dahin geworfenen Einzelteile Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammenzuschustern): Wieder?
Cedric (ignoriert den kleinlauten Kollegen, der direkt neben ihm steht u. ihn hämisch von der Seite fragend angrient): Was zum Teufel hast du hier zu suchen? Dir konnte es doch damals nicht schnell genug gehen, aus Berlin zu verschwinden.
Sandy (hält seinem eisigen Blick stand): Ich bin eingeladen worden.
Cedric (glaubt ihr kein Wort): Sicher. Von wem? Pinocchio oder Münchhausen?
Sandy (lächelt u. kostet den kleinen Triumph genüsslich aus): Prof. Haase.
Marc (wundert sich jetzt genauso sehr wie Cedric, denn dieses Puzzleteil passt überhaupt nicht in das Bild, das er von ihr gezeichnet hat): Der alte Haase?
Cedric (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Bitte? Wieso in drei Gottes Namen sollte er das?
Sandy (genießt seine Verunsicherung sehr u. kostet sie genüsslich aus): Dass ihr Chirurgen euch immer so hochstilisieren müsst. Faszinierend. Das gibt’s in den Staaten nicht. Dort ist man schon bedeutend weiter. Nicht nur was die medizinische Forschung betrifft. Vermutlich holt man sich deshalb von dort Rat.
Cedric (seine Stimme überschlägt sich fast u. rutscht eine Oktave in die Höhe): Bei dir? Das kann nur ein schlechter Scherz sein. Wenn sich einer bedient, dann ja wohl du.

Fick die Henne! Das könnte lustig werden, wenn die hier wirklich ihre Show abziehen sollte. Ich sollte mir besser Popcorn besorgen. Diese Vorstellung hat definitiv Überlänge.

Marc (jetzt klingelt es endlich): Ach? Das heißt... dann sind Sie also...?
Sandy (legt ihr überzeugendstes Flirtlächeln auf, mit dem sie den gutaussehenden Chirurgen umschmeichelt): Wir waren doch schon beim „Du“, Dr. Meier. Ja, die bin ich. Aus Fleisch und Blut.
Marc (zischt kleinlaut): Nicht nur das.
Sandy (lässt den charmanten Chirurgen nicht aus den Augen, während sie auch immer wieder kurz zu Cedric rüber schielt, der kaum noch die Fassung wahren kann): Das Grey Sloan Memorial Seattle schickt mich als Dozentin, um euch Hinterwäldlermedizinern hinter der Mauer mehr Durchblick zu verschaffen. Scheint mir auch dringend nötig, so wie es hier auf der Baustelle aussieht.
Cedric (starrt sie mit offenem Mund an u. kann es nicht fassen): Du verarschst mich?
Sandy (kommt lässig auf ihn zu u. tätschelt ihn leicht am Arm): Cedric, mein Lieber, über das Stadium sind wir doch schon längst hinaus. Aber es freut mich wirklich sehr, dich zu sehen. Siehst gut aus.
Marc (jetzt, wo er die Zusammenhänge so langsam versteht, bleibt er skeptisch): Naja!?! Sie sind die Vortragsrednerin für den Neurologennachwuchs Ende der Woche? Komisch. Ihr Name stand gar nicht auf dem Zettel. Ich hätte eher mit Grey oder einem der Shepards gerechnet.
Sandy (ein bisschen Wehmut kommt auf): Sind leider verhindert. Es hat ein großes Unglück mitten in der City gegeben. Alle sind stark eingespannt.
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn, weil die Frau ihm nicht ganz geheuer ist): Nicht alle offenbar. Aber als wir vor ein paar Monaten zum Erfahrungsaustausch drüben im Grey Sloan waren, sind wir uns, glaube ich, nicht begegnet. Dabei haben wir doch alle Abteilungen durchlaufen. Zumindest die, auf die es ankommt. Was er die ganze Zeit gemacht hat, keine Ahnung.
Cedric (stimmt ihm zu u. gewinnt wieder etwas an Fassung): Das wüsste ich aber.
Sandy (sieht kess darüber hinweg u. nimmt am runden Tisch vorm Fenster Platz, wo sie beobachtet von zwei männlichen Augenpaaren sexy ihre schlanken, langen Beine übereinander schlägt): Ja, man hat mir von den beiden Berliner Chirurgen berichtet, die bei unseren Assistenzärzten und vor allem den Assistenzärztinnen einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben, aber mir war nicht klar, dass du einer von ihnen gewesen bist, Darling. Wir haben uns wohl nur um ein paar wenige Tage verpasst. Schade eigentlich. Das hätte ein sehr fruchtbarer Austausch werden können. Ich hab vor zweieinhalb Monaten im Grey Sloan angefangen.
Cedric (kommt einen Schritt auf sie zu u. funkelt sie von oben herab an): Es hat sich ausgedarlingt, Sandy! Heb dir deine Spitzfindigkeiten für deinen Boss auf! Mit wem musstest du schlafen, um an den Job zu gelangen, hm?

Klingelingeling! Startschuss zu Runde eins. Hornochse vs. Giftnatter! Und mir fehlt immer noch das Popcorn und ne Pulle Pils. Mhm... Ich glaube, ich krieg Hunger. Ich hätte doch mit Haasenzahn essen gehen sollen. Sie verpasst hier was und damit wird sie mir tagelang in den Ohren liegen. Garantiert!

Marc (weicht sicherheitshalber einen Schritt zurück): Hoho! Jetzt wird es aber interessant. Ich hab doch gesagt, hier läuft ein weitaus besseres Programm als bei den Pflasterklebern in der Notaufnahme.
Sandy (wirkt dann doch zusehends genervt von den unangebrachten hämischen Kommentaren ihres Berliner Kollegen): Dr. Meier, es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns jetzt bitte für ein paar...
Marc (hebt beide Hände in Unschuldspose hoch u. bewegt sich nicht vom Fleck, während er ihr pappfrech ins Wort fällt): Och? Alles klar! Kleines heimliches Stelldichein, hm? Waren wir nicht beim „Du“? Sorry, aber ich bin dem Hippokratischen Eid verpflichtet, falls Sie wissen, worum es sich dabei handelt, und es sieht so aus, als wären meine Dienste hier gleich von Nöten, was nicht heißt, dass es ihm helfen würde. Er war schon immer lediglich der nachnominierte Ersatzspieler, der den Platz für die richtig wichtigen Leute auf der Bank warm hält.
Sandy (guckt kurz irritiert zu Cedric hoch u. lächelt dann wieder, als sie sein genervtes Augenrollen registriert): Wow! Sein Ruf eilt ihm wirklich voraus. Er kommt ziemlich schnell zur Sache.
Cedric (verschränkt abweisend seine Arme vor seinem Körper u. lehnt sich mit dem Rücken gegen die Fächerwand, was dazu führt, dass einige Briefe zu Boden purzeln): Ist aber bei weitem nicht deine Kragenweite.
Marc (grinst verschmitzt): Das lassen wir aber mal schön den Experten beurteilen.
Cedric (zickt direkt zurück): Schade, dabei sehe ich gerade gar keinen.
Marc (nickt anerkennend u. schaut zu der Ärztin rüber, die das alles schmunzelnd von ihrem bequemen Sitzplatz aus beobachtet): Wow! Da muss einer aber wirklich noch sehr an Ihnen hängen, wenn er gleich die Verbalkeule schwingt. Ist aber eher nur ein Schaumschläger. Von dem her überwiegend ungefährlich.
Cedric (fällt ihm grimmig ins Wort): Marc, ich warne dich.

Cedric funkelte Marc mit bitterbösem Blick unmissverständlich an und drängte ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung Kaffeeküche zurück. In der Hoffnung, er würde dann durch die Zwischentür verschwinden. Aber sein Wie-auch-immer-Kumpel ließ den deutlichen Wink mit dem Zaunspfahl an sich abprallen. Er dachte nicht im Traum daran, sich so schnell verdünnisieren zu wollen, jetzt, wo es gerade spannend geworden war. Aber leider war das Schicksal an diesem Tag Marc Meier überhaupt nicht gewogen. Es hatte nicht nur auf äußerst mysteriöse Weise die Kaffeekanne geleert, die er gerade mit sehnsüchtigem Blick anvisiert hatte, sondern ließ im entscheidenden Moment auch noch plötzlich sein Handy losdudeln, welches er daraufhin missmutig aus seiner Kitteltasche zog. Auch wenn sich seine Miene jedes Mal erhellte, wenn er den Namen mit dem dazu passenden, in einer albernen Situation aufgenommenen Foto auf dem Display seines Smartphones aufploppen sah, kam Dr. Meier diese Störung diesmal ziemlich ungelegen und das verhehlte er seinem Gesprächspartner auch nicht, der, ohne eine positive Antwort abzuwarten, direkt mit seinem nervtötenden Monolog losgelegt hatte, was zu einer entsprechenden Reaktion führte, die man an Marcs leidendem Mienenspiel deutlich ablesen konnte, welches er den beiden ihn irritiert beobachtenden und sich gegenseitig weiterhin belauernden Kollegen im Stationszimmer nun präsentierte, während er den verbalen Dünnschiss des sehr beharrlichen Anrufers schließlich auf seine ganz eigene Weise ein Ende setzte...

Marc: Boah, Kaan, ehrlich, ey, du hast vielleicht Nerven, hier anzurufen. Hast du keine eigenen Probleme? Ach ja, die schleppst du ja ständig freiwillig mit dir rum. Muss an den kurzen Röcken liegen, unter die du so gerne guckst. ... Ja, toll, dass du denkst, ich könnte ein bisschen Aufmunterung an meinem ersten Arbeitstag gebrauchen. Gegen Worttourette hilft aber nur ein probates Mittel und ich hätte nicht gedacht, das ich das jemals sagen würde, aber nerv Gabi damit. Die deutet vielleicht sogar noch einen peinlichen Liebesschwur da rein und klebt dir dann auf ewig an der Backe. ... Bestens. Hört man, oder? ... Ey, ich bin der Chef hier. Ich komm schon klar. Die Chirurgie ist wie Moped fahren oder ne entspannte Nummer schieben. ... Witzig! Das mediterrane Klima tut deinem Humordefizit verdammt gut. ... Mittagspause? Darauf geschissen. Der überflüssigste Zeitpunkt des Tages. Also, wenn man nicht Haase heißt. ... Dass du das sagen würdest, wundert mich nicht, jetzt, wo du in deinem persönlichen Schlaraffenland weilst und dich wahrscheinlich schon komplett einmal durch die Toskana gefressen hast. Ich nehme dir immer noch übel, dass du dich Hals über Kopf verkrümelt hast, mein Lieber. Du, nein, sie schuldet mir immer noch einen halben Abend gestohlener Lebenszeit. ... Ich weiß. Lass du dir nur weiter fröhlich die Sonne auf deine dicke Plauze scheinen. Du hast es dir verdient. Sie weniger, aber du wolltest sie ja unbedingt dabei haben. Warum auch immer? ... Es regnet die ganze Zeit? Och, ne Tüte Mitleid. Was musstet ihr auch ausgerechnet mitten im Herbst in den Urlaub fahren? Selber schuld, wenn du mich fragst. Trostlose Gegenden hättet ihr auch ohne viel Aufwand außerhalb der Stadtgrenzen von Berlin angucken können. Ein Wunder, dass ihr es mit dem alten Schrottcamper deines Vaters überhaupt über die Alpen geschafft habt. Aber das hat Hannibal mit ein paar Elefanten ja auch geschafft, ne. Ist mit dem Bulli ja fast das Gleiche. Hähä! ... Jetzt bleib mal bitte auf dem Teppich, mein Freund! Wieso sollte ich dich vermissen? Seid ihr weg? Hab ich gar nicht mitbekommen. Es ist nämlich mehr oder weniger echt busy hier. ... Haha! Ich bin froh, dass du mich mal ausnahmsweise nicht ständig mit deinem talkshowverdächtigen Beziehungsgeheule nervst. Apropos, wie ist der Stand? Ist sie dir wieder davongelaufen? Dann sage ich nur, herzlichen Glückwunsch! ... Boah, Alter, du musst aufhören, mir ständig von eurem Liebesgesäusel erzählen zu wollen. Das ist abartig. Kannst froh sein, dass ich heute noch nichts gegessen habe, sonst müsste ich Stier und seiner Ex jetzt vor die Füße reihern. ... Nope, ne andere, keine Ahnung, frag besser nicht! Reine Zeitverschwendung. Das EKH ist mal wieder das reinste Irrenhaus. Kennste. Verpasst also nichts. Aber noch ne Woche Abstinenz gönn ich dir nicht. Haben wir uns verstanden? Wir müssen hier wieder Ordnung und Verstand reinbringen, sonst tanzen die Mäuse noch länger auf den OP-Tischen. ... Blendend. Die Drei hüpfen hier auch irgendwo rum. Also, die eine hüpft mehr als die anderen. ... Du weißt doch, wie sie ist. Sie kann nicht ohne mich. ... Hey! Versuch dich mal nicht in einen Intellekt hineindenken zu wollen! Das kann nur schiefgehen. Bei deiner Vita. ... Ja, ist nicht zu überhören. Da fällt mal eine Woche die Gitarrenstunde bei ihrem Lieblingsonkel aus und das kommt dabei heraus. Ein Wunder, dass sie euch noch nicht aus dem Land geworfen haben bei dem höllischen Geklampfe. Ich sollte das Ding zurückordern. ... Wenn’s hilft. Es wundert mich eh, was für eine Ruhe der Steppke weghat. Er ist eindeutig von dir. ... Och du, es gab da mal eine Zeit, in der nicht immer sicher war, was sie... egal. Ich muss Schluss machen. Ich hab hier nämlich noch einen Ringkampf zu betreuen. ... Nö! Sie ist auf jeden Fall die richtige Adresse. Sie interessiert sich wenigstens dafür, was ihr die ganze Zeit in italienischen Betten treibt. ... Hab ich Betten gesagt? Ich meinte, Berge. Ups! Äh... Das geht, glaube ich, gerade in die ganz falsche Richtung. Herrje, wie werde ich die Bilder bloß wieder los? Aber so langsam verstehe ich, warum du so sehr auf sie abfährst. ... Das wundert mich jetzt aber. Das hättest du mir auch eher sagen können. Dann hätte ich meine Zeit nicht mit diesem sinnlosen Telefonat verplempert, während dem sicherlich einige Patienten meine Hilfe gebraucht hätten. ... Ja, du mich auch. Arri...wie auch immer. Genießt die Zeit, bis der Alltag euch wieder auffrisst. Das passiert schneller, als du denkst. ... Jahaaa! Hör auf zu nerven, verdammt! Und neiiin, du holst sie jetzt nicht an den Hörer! Ey, ich warne dich! Ich hab einen dringenden Notfall. ... Doch, äh... irgendwo ist bestimmt einer. Das ist schließlich Berlin. ... Ja, mach ich. Jetzt leg endlich das blöde Handy weg, bevor sie es doch noch in ihre kleinen Fingerchen kriegt! ... Boah, dem scheint echt die Sonne aus seinem fetten Hintern. Unfassbar. Mehdi.

Sein guter alter Freund, der gerade zur ausgedehnten Quality-Time mit seiner Familie auf der anderen Seite der Alpen weilte, um nach der emotionsgeladenen Zeit der vergangenen Tage den Akku wiederaufzuladen, hatte es dann doch tatsächlich noch geschafft, Marc ein rundum zufriedenes Lächeln abzuringen, das er nicht einmal kaschierte, als er wieder zu Dr. Stier und Dr. Moeller rüberblickte, die nicht umhingekommen waren, dem Telefonat des Oberarztes zu lauschen, anstatt die aufgeladene Stimmung im Stationszimmer noch weiter hochzutreiben. Marc wollte gerade ringrichtermäßig noch etwas dazu anmerken, als sein Handy erneut laute Metallica-Klänge schmetterte, die den kleinen Aufenthaltsraum der chirurgischen Station vibrieren ließen. Ebenso wie sein arg strapaziertes Nervenkostüm, das mit jedem weiteren unnötigen Störgeräusch jeden Moment hochzugehen drohte.

Marc: Boah Kaan! Ich weiß nicht, ob du es schon wusstest, aber es stand vermutlich schon in deiner Geburtsurkunde, du NERVST. Du rufst jetzt nicht ernsthaft noch mal zurück, weil ich Lillyfee nicht hab ausreden lassen? Mann, dann mach eben an meiner Stelle ne Kissenschlacht mit ihr oder vertrete mich an der Gitarre, solange du die Saiten heile lässt. Ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr für eure Holiday Animation. Im Gegensatz zu dir, bei dem Hopfen und Malz dahingehend komplett verloren ist, arbeite ich an meiner Karriere. ... Jetzt nicht! Ich bin gerade Zeuge eines bevorstehenden Mord... Was? ... Wer? ... Ach so! ... Moment! Was haben Sie gerade gesagt? ... Wiederholen Sie! ... Das ist jetzt echt nicht wahr, oder? ... Das hab ich schon verstanden. ... Ey! Wollen Sie mich verarschen? Das war nur eine verdammte Floskel, Sie Blitzmerker! ... Okay, okay, keine Panik! Sie sollen sich wieder einkriegen, hab ich gesagt! Keiner rührt sich, bis ich unten bin! ... Nein, ICH mach das. ... Ja, das auch. ... Fürs Denken werden Sie nicht bezahlt, VERDAMMT. Also, ab an die Vorbereitungen! Schockraum eins! VIP-Behandlung! Halten Sie das mobile Röntgen bereit! Und halten Sie bloß die Klappe! Zu niemandem ein Wort, der nicht unbedingt involviert sein sollte! Das soll nicht die Runde machen. Sonst ist hier gleich die Hölle los. ... So eine Riesenscheiße, verdammt noch mal. Das hat uns heute gerade noch gefehlt. Der Tag wird echt immer besser. Aber ich hab’s ja herausgefordert. Super gemacht, Meier, ehrlich.

...schimpfte Dr. Meier, dessen Halsschlagader merklich pulsierte, ungehalten vor sich hin und wünschte sich gleichzeitig in die ruhigeren Phasen des nicht so arbeitsintensiven Vormittages zurück, die er bis vorhin noch heftig verflucht hatte. Er fasste sich noch mit dem Handy in der Hand an den Kopf, um sich zu sortieren, und war, ohne noch einmal auf die anderen beiden Anwesenden zu reagieren, die ihn neugierig beobachteten und ihre eigenen Schlüsse gezogen hatten, im nächsten Moment auch schon mit wehendem Kittel zur Tür hinausgestürzt, was Sandy und Cedric die Gelegenheit gab, einmal ordentlich durchzuschnaufen. Ihre Blicke sprachen Bände und zum ersten Mal seit ihrem überraschenden Wiedersehen waren sie sich einig, was aber nur wenige Sekunden anhielt. Dann wurde nämlich, diesmal ohne Ringrichter als Zeugen, auch schon Runde zwei eingeläutet und die sollte es in sich haben.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.379

09.08.2019 09:08
#1652 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Sandy (guckt der sich schließenden Tür hinterher, durch die Dr. Meier soeben verschwunden ist): Charmant.
Cedric (rollt theatralisch mit den Augen): Und vor allem eines, arrogant.
Sandy (konzentriert sich wieder ganz auf ihr grimmig dreinblickendes Gegenüber): Wundern dich die typischen Eigenschaften eines aufstrebenden Chirurgen etwa immer noch? Dann guck mal in den Spiegel!
Cedric (schnauft verächtlich auf, als er ihren Blick erwidert): Selber. Aber eins kann man ihm wenigstens nicht nachsagen. Er ist nicht intrigant. Im Gegensatz zu dir.
Sandy (steht in einer eleganten Bewegung von ihrem Sitzplatz auf u. kommt in scheinheiliger Friedensabsicht auf ihn zu): Ach, komm schon, Ceddie! Du wirst mir doch nicht etwa immer noch die alten Geschichten nachtragen? Das ist so lange her.
Cedric (weicht ihr kopfschüttelnd aus u. fährt sie schließlich unvermittelt an, weil er es nicht mehr länger in ihrer unmittelbaren Gegenwart aushält): Boah, du bist so... so... Ich fasse es echt nicht, dass du hier bist.
Sandy (lehnt sich lässig an einen der Schreibtische vorm Fenster u. sieht ihn direkt an): Glaub mir, auch wenn es nicht so aussieht, ich hab mich nicht um diese Reise gerissen. Aber da drüben an der Westküste hat man einen ganz besonderen Sinn für Humor. Sie hielten es wohl für besonders witzig, ausgerechnet mich als ehemalige Berlinerin hierher zu schicken. Spart zum einen die Übersetzungskosten, zum anderen wichtige Ressourcen. Aber das ist allein deren Ansicht. Als Neue muss ich da wohl durch. Da muss man sich erst behaupten. Aber das ist dir hier sicherlich auch nicht unbekannt.
Cedric (hört ihr dann doch interessiert zu u. forscht forsch nach): Wie bist du bloß an den Job gekommen? Ich kenne das Auswahlverfahren. Neunundneunzig Prozent fallen durch das Raster. Selbst die Besten der Besten. Die nehmen nicht jede X-Beliebige.
Sandy (seufzt affektiert auf u. fährt sich mit einer Hand showwirksam durch ihre lange blonde Mähne, die in seidig weichen Wellen bis zu ihrem knackigen Hinterteil reicht, das am Tisch lehnt): Ich korrigiere. Derjenige mit dem Charme war nicht Dr. Meier, das bist eindeutig du. Ist er eigentlich Single? Er hat wirklich etwas Charismatisches an sich. Ich glaube, es hat gefunkt.

Das war so klar, dass sich die Gottesanbeterin sofort ein neues williges Opfer aussucht, sobald sie eines erspäht, das ihrer Karriere förderlich sein könnte. Zum Glück ist sie dabei beim Meier an die falsche Adresse geraten. Er hat weder was zu sagen noch würde er es wagen, so fixiert wie er auf die Tochter vom Chef und ihre beiden Kleinen ist. Vielleicht ist Sandy doch nicht mehr so ambitioniert wie früher. Ihr fehlt eindeutig der richtige Riecher. Sonst wäre sie gar nicht erst hier aufgekreuzt. Da ist definitiv etwas faul dran.

Cedric (übergeht ihre provozierenden Anspielungen wohlwissendlich): Was ist denn aus deinem heißgeliebten Harvard geworden? Du wolltest doch dort um jeden Preis hin? Hast dafür sogar meine Unterschrift auf dem Empfehlungsschreiben für das Stipendium der Medical School gefälscht. Gab es da nicht diesen jungen Professor, der dir verfallen war? Ja, da staunst du, was, ich weiß mehr, als du glaubst. Dein Anwalt hat sich während der Annullierungsverhandlungen bei meinem Anwalt verplappert. Wie hieß der noch gleich? Moeller, Miller, schieß mich tot? Was ist aus dem geworden? Oder hat man dich dort endlich durchschaut und entsprechende Konsequenzen gezogen?
Sandy (bleibt völlig ungerührt von seinen zielgenau gesetzten Spitzen u. fixiert ihn mit funkelnden Augen): Das hat man wohl. Ceddie, ich dachte, du wüsstest am ehesten, dass man mich nicht unterschätzen sollte. Ich hab die Fortbildungen wie erwartet mit summa cum laude bestanden und mich regulär in Seattle beworben. Ich bin die verschiedenen Auswahlverfahren durchlaufen und schließlich mit Kusshand genommen worden. Weil sie wussten, was sie kriegen würden.
Cedric (ist alles andere als beeindruckt u. das zeigt er ihr auch ungeschönt): Die Wölfin im Schafspelz?
Sandy (korrigiert ihn hochmütig): Nein, Klasse und Verstand.
Cedric (lacht hämisch auf): Also hast du doch mit jemandem geschlafen? In deinen Methoden hast du dich nicht sonderlich weiterentwickelt. Schade, dass du deine Fähigkeiten so weit unter Wert verkaufst, dabei hast du doch so viel mehr drauf.
Sandy (gibt sich völlig unbeeindruckt u. stützt sich mit beiden Händen lasziv am Schreibtisch ab): Ich verbinde eben immer das Förderliche mit dem Nützlichen und ich denke, du weißt, dass ich sehr gut darin bin.
Cedric (verzieht angeekelt das Gesicht, dreht sich um u. sucht die heruntergefallenen Papiere zusammen u. sortiert sie in das entsprechende Fach der Kollegen): Überzeugendes Plädoyer. Ich könnte kotzen.
Sandy: Ceddie, also, diese Wortwahl! Berlin wandelt sich immer mehr zu einer echten Gosse. Ein Glück, dass ich das nicht mehr miterleben muss.
Cedric (fährt pfeilschnell wieder zu ihr herum u. fixiert die eitle Natter mit eisigem Blick): Tja, tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber momentan bist du sehr präsent hier.
Sandy (schenkt ihm ihr schönstes Zahnpastawerbungslächeln als Flirtanreiz, während sie ihn noch einmal genau in Augenschein nimmt): Danke. Aber du siehst auch gut aus, ein bisschen übermüdet vielleicht und du lässt dich gehen. Das ist dir gar nicht ähnlich. Aber vermutlich langweilt man sich hier in diesem drittklassigen Krankenhaus zu Tode. Ich könnte vielleicht ein gutes Wort für dich einlegen. In Seattle werden immer noch die Besten der besten Chirurgen gesucht. Und da man dich dort bereits kennt, was angesichts deines Leistungsabfalls wahrlich erstaunlich ist, sehe ich kein Problem darin. Woran forschst du eigentlich gerade? Ich hoffe, der Vorfall in der Charité hat dich nicht entmutigt?
Cedric (funkelt betont gleichgültig zurück u. versucht angestrengt, seinen aufsteigenden Zorn in Schach zu halten): Witzig! Ich erarbeitete mir meinen Nimbus immer noch selber. Auf meine Weise. Auf professionellem Wege.
Sandy (schmunzelt): Wie auch sonst? Ich habe nichts Gegenteiliges von dir erwartet.

Okay, es reicht! Genug Honig um den Mund geschmiert. Ich hab echt die Schnauze voll. Maria könnte jeden Moment hier reinschneien und bei Gott, ich will nicht miterleben, wenn die beiden aufeinandertreffen. Dann steht hier kein Stein mehr auf dem anderen und der Bautrupp vom Ostflügel kann hier gleich noch mal von vorne anfangen.

Cedric (kommt einen Schritt auf sie zu u. schließlich zu dem Punkt, der ihm die ganze Zeit schon unangenehm auf den Magen drückt): Und ich erwarte von dir, dass du das absagst.
Sandy (gibt sich völlig ahnungslos): Was denn?
Cedric (hat sie längst durchschaut u. zeigt das auch unverhohlen, bis ihm plötzlich im Augenwinkel etwas Unscheinbares auffällt): Tue nicht so unschuldig, Sandy! Das liegt dir nicht. Du kannst vielleicht andere um den kleinen Finger wickeln. Marc, den Professor, deine neuen Kollegen in den USA, deinen... Ist das da etwa ein Ehering an deiner Hand? ... Aber hier wird das nicht funktionieren. Im Elisabethkrankenhaus weht ein ganz anderer Wind.
Sandy (reagiert für eine Millisekunde ertappt u. versteckt ihre Hand blitzschnell hinter ihrer großen ziegelroten Handtasche, fühlt sich aber nach seiner Ansage erst recht herausgefordert): Das wird sich noch zeigen.
Cedric (hat ihre seltsame Reaktion zwar mit einem Auge mitbekommen, aber ist so außer Rage, dass er sie nun aufgebracht von der Seite anblafft): Als ob dir das nicht bewusst wäre. Du weißt ganz genau, wer hier im Haus die neurochirurgische Abteilung leitet. Denkst du wirklich, du könntest hier so einfach mir nichts dir nichts auf deinen hohen Hacken hereinstolziert kommen und auf eine Zusammenarbeit mit ihr pochen? Das ist illusorisch, selbst für deine Verhältnisse.
Sandy (genießt es sehr, ihren aufgebrachten Exmann leiden zu sehen): Umso mehr wundert mich, dass du hier überhaupt genommen worden bist. Aber ihr hat schon immer dieser gewisse Biss gefehlt. Sie hat ja auch nicht um dich gekämpft. Deshalb ist sie immer noch hier und dümpelt auf einer mittleren Karriereposition vor sich hin, wartet auf den entscheidenden Durchbruch, der niemals eintreten wird, anstelle eines der ganz großen Krankenhäuser auf der Welt zu leiten.
Cedric (Sticheleien gegen seine geliebte Frau lässt er nicht auf sich sitzen u. blitzt den größten Fehler seines Lebens deshalb mit bitterbösem Blick unmissverständlich an): Wag es nicht, ihren Namen in den Dreck ziehen zu wollen! Sie hat weit mehr auf dem Kasten, als du je mit deinen Tricks und Spielereien leisten wirst. Du sagst das ab! Sofort! Haben wir uns verstanden?
Sandy (ist überrascht, mit welcher Vehemenz er seine erste Exfrau verteidigt u. spielt seelenruhig weiter die Unschuldige): Aber das geht nicht. Man erwartet mich hier schon sehnsüchtig. Das hat mir der Professor erst heute Morgen ausdrücklich in einer Mail bestätigt. Die Seminartermine stehen. Es gibt sogar eine Warteliste für jeden einzelnen Vortrag. Dieses Austauschprogramm zwischen unseren Krankenhäusern ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie ein Ausbildungszentrum von Weltniveau wie das Grey Sloan Memorial seinen Blick ausgerechnet auf eure mittelmäßige Provinzklitsche werfen konnte. Ihr braucht mich. Das kannst du nicht unter den Teppich kehren. Prof. Haase ist freundschaftlich mit meinem neuen Chef verbandelt. Die verlassen sich in Seattle alle auf mich. Auch wenn ich mir, weiß Gott, eine anspruchsvollere Aufgabe hätte vorstellen können.
Cedric (ihm platzt gleich endgültig der Kragen): Das ist mir scheißegal. Du weißt ganz genau, dass das mit euch beiden nicht funktionieren wird.
Sandy (ist so langsam genervt von seiner Beharrlichkeit): Mein Gott, Ceddie, es geht um ein paar Tage intensiven Forschungsaustausch und nicht um die Lösung der größten Probleme auf dieser Welt. Die kriegt niemand mehr gebacken. Aber wir sind doch alle alt genug, um professionell zu bleiben. Das war sie immer. Auch als wir beide unseren Spaß hatten.
Cedric (fällt der Natter wild gestikulierend ins Wort u. kann sich kaum im Zaun halten, ihr nicht doch an die Gurgel zu springen): Vorsicht! Du sollst Maria da raushalten, hab ich gesagt! Das ist eine Sache nur zwischen uns. Und ich sage dir, du nimmst jetzt deine Viertausend-Dollar-Handtasche und verschwindest damit aus dem Elisabethkrankenhaus. Ich zahl dir auch das Taxi zum Flughafen, wenn es sein muss. Und ich kläre das auch mit dem alten Haasen. Selbst wenn er mich dafür rausschmeißen sollte. Das Risiko gehe ich ein.
Sandy (lächelt unbeeindruckt u. rührt sich nicht vom Fleck): Immer noch der Kavalier und Gentleman. Das ehrt dich wirklich sehr, Ceddie. Ich hoffe, sie würdigt das entsprechend. So wie du sie verteidigst, könnte man fast meinen, dass ihr wieder...

Okay, es reicht! Ich bring sie um. Mary darf ihr um keinen Preis begegnen. Vor allem nicht mit einem benutzten Skalpell in der Hand.

Cedric (ihm platzt jetzt endgültig die Hutschnur): Hör endlich mit dem verdammten ‚Ceddie‘ auf! Das hab ich schon immer gehasst.
Sandy (hebt ihre beiden Hände in Unschuldspose hoch u. lächelt gespielt entschuldigend, während sie seine Nähe weiter provoziert): Okay, okay, ich vergaß, man sollte den Stier nie über Gebühr reizen. Das lernen die jungen Stierkämpfer schon in der Grundschule. Wobei das natürlich nicht fürs Schlafzimmer gilt.
Cedric (funkelt sie bitterböse an): Du hältst dich wohl für ganz besonders originell, was?
Sandy (streicht sich lasziv das Haar über eine ihrer Schultern): Och, so manch einer würde nichts Gegenteiliges behaupten.
Cedric (ihm ist es leid, ihr überhaupt zuhören zu müssen): Die kennen dich auch nicht so gut wie ich dich.
Sandy (lächelt geschmeichelt u. tätschelt leicht seinen Arm): Ach ja, deine klaren Diagnosen hab ich schon immer sehr an dir geschätzt.
Cedric (weicht ihr kopfschüttelnd aus u. lehnt sich erschöpft an die Fächerwand zurück): Deine Schmeicheleien funktionieren vielleicht bei deinen unwissenden Kollegen oder dem Professor, aber ein Wort von mir und sie hätten ein ganz anderes Bild von dir. Dann schauen wir mal, ob du deinen Vortrag noch halten darfst oder deine erschlichene Green Card hinfällig wird.
Sandy (würde ihm das durchaus zutrauen u. reagiert dementsprechend alarmiert u. zum ersten Mal wirkt ihre demonstrativ zur Schau gestellte Selbstsicherheit angeknackst): Das wagst du nicht?
Cedric (blickt ihr herausfordernd in die Augen): Kommt auf den Versuch an. Dann solltest du mich nicht länger provozieren.
Sandy (versucht, die Fassung zu wahren, während ihre aufblitzenden Augen sie verraten): Willst du mich erpressen?
Cedric (kommt nicht umhin, kurz zu lächeln u. hebt vieldeutig seine Augenbrauen): Das sind ja wohl eher deine Methoden.
Sandy (verliert so langsam die Lust an der lästigen Unterhaltung u. will dem Ganzen ein Ende setzen): Jetzt mal im Ernst, Cedric, mir ist vollkommen egal, was du, Dr. Meier oder Dr. Hassmann von mir halten. Das hier ist nur ein Job, ein verdammter Job von nicht mal zehn Tagen, um genau zu sein, und mein Job ist mir wichtig. Wichtiger als alles andere auf der Welt. Den werde ich mir nicht wegnehmen lassen, nur weil du nicht damit klarkommst, mich wiederzusehen. Ich hab mir das alles hart erarbeitet.
Cedric (schnauft spöttisch auf): Ja, sicher! Und wie hart! Immer den leichtesten aller Wege gewählt.
Sandy (ihr ist schon immer egal gewesen, was er von ihr hält u. das zeigt sie ihm auch mehr als deutlich): Na und? Ich bin nicht die Erste und sicherlich nicht die Letzte, die vielleicht ein bisschen trickst, um voranzukommen. Die richtig guten Jobs sind schließlich heiß begehrt und Frauenquoten sind den meisten Kliniken egal. Dort kommt es auf Leistung an. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht auch draufhabe.
Cedric: Das hab ich auch nie in Abrede gestellt. Wir haben dich schließlich ausgebildet. Es geht mir auch nicht um die Wahl der Mittel, sondern hauptsächlich um den Ort und den Zeitpunkt. Hier ist definitiv kein Platz für dich, nicht mal für zehn Tage. Begreif das endlich und geh, bevor es noch peinlich wird!
Sandy (hat ihn längst durchschaut u. zeigt belustigt mit dem Finger darauf): Ist es das nicht schon bereits? Es geht dir um sie. Aber ich glaube nicht, dass ausgerechnet Dr. Hassmann einen Beschützer braucht. Ich hab nichts gegen sie. Im Gegenteil. Ich schätze ihre Arbeit sehr und ich glaube, wir könnten uns gegenseitig wunderbar befruchten. Im Sinne eures Ausbildungsprogramms, versteht sich, und nicht wie in deinen schmutzigen Midlifecrisis-Fantasien. Ihr wollt doch hier vorankommen, oder etwa nicht? Ich meine, die Baustelle vorm Haus zeigt doch, dass ihr hoch hinaus wollt. Das ist die richtige Richtung.
Cedric (hat ihr fassungslos zugehört u. es platzt nun empört aus ihm heraus): Das ist nicht dein Ernst?
Sandy (zuckt locker mit den Schultern u. schaut sich zum ersten Mal etwas genauer in dem popeligen Stationszimmer um): Gut, ja, okay, der Ärztenachwuchs hier in Berlin und in den Staaten ist mir im Grunde genommen egal. Noch mehr Konkurrenz um die heißesten Posten. Aber die Forschung muss nun mal auch weiterkommen. Oder nicht? Die größten Probleme sind immer noch nicht gelöst. Alzheimer, Parkinson, Langzeitkoma, wir wissen noch nicht einmal annähernd, was in diesem faszinierenden Organ, dem Gehirn, wirklich passiert und warum und wie wir das alles steuern können, wenn wir die letzten Geheimnisse entschlüsselt haben. Wir können da ansetzen. Gemeinsam oder jeder für sich. Wer die Lorbeeren am Ende herauspickt, wird sich dann schon zeigen. Ich werde auf jeden Fall an vorderster Front dabei sein. Wir sehen uns in Stockholm.

Dr. Stier starrte seine unliebsame Exfrau die ganze Zeit mit ausdruckslosem Blick an und konnte es immer noch nicht fassen. Diese schonungslose Selbstsicherheit, mit der sie auftrat und einen komplett in ihren Bann ziehen konnte. Diese fast schon manipulative Art, mit der sie alles, was sie sagte, sehr überzeugend zu ihrem Vorteil drehen konnte. Dieses grenzenlose Ehrgeizstreben, das sie an den Tag legte. Das war immer noch äußerst faszinierend. Es wirkte ansteckend. Stimulierend. Und trotzdem konnte er nicht zulassen, dass Maria und Sandy sich begegneten. Denn dann würde definitiv Blut fließen und im Elisabethkrankenhaus kein Stein mehr auf dem anderen stehen bleiben, was echt schade wäre, denn es war ein sehr schöner und geschichtsträchtiger Gebäudekomplex.

Und er hatte immer noch diese ganz bestimmte Angst im Hinterkopf, die immer stärker gegen seinen Schädel hämmerte, solange er ihr direkt gegenüberstand. Sandy trat zu perfekt auf. Nicht nur in ihrem Äußeren, das immer noch wahnsinnig anziehend wirkte. Auch auf ihn. Sie taktierte zu überlegt. Als hielte sie noch irgendetwas zurück. Und das ließ ihn misstrauisch bleiben. Denn sie hatte noch mit keiner einzigen Silbe ihre gemeinsame Tochter erwähnt, die sie vor über einem Jahr bei ihm zurückgelassen hatte, weil ihr ihre verdammte Karriere wichtiger gewesen war als alles andere, was sie sich gerade hatten aufbauen wollen, bevor sein kometenhafter Aufstieg als Chirurg der Stunde in der Charité einen herben Rückschlag erlitten hatte. Mit dieser Niederlage war sie am allerwenigsten klargekommen, obwohl der Fehler, der jedem hätte passieren können und der am Ende auf tragische Weise ein Menschenleben gekostet hatte, eigentlich nur ihn betroffen hatte. Sie hätte zu ihm stehen können. Aber nein, sie hatte auf ihre Weise die Konsequenzen gezogen und dabei ihren wahren Charakter gezeigt, der mit ihrer äußeren Schönheit nichts, aber auch gar nichts gemein hatte. Welcher Mensch ließ sein eigenes Kind zurück? Wer tat so was?

Cedric wähnte sein kleines Mädchen bei Gretchen und Schwester Sabine in guten Händen, das stand außer Frage, aber am liebsten wäre er sofort zurück in die Cafeteria geeilt, um sie und ihre Schwestern sofort nach Hause zu bringen, wo die Mädchen, vor allem Sissi, fern von Sandys Tentakeln in Sicherheit wären. Die Gefahr, dass sie sich hier im Haus begegnen würden, war einfach zu groß und er mochte sich die möglichen Folgen auch gar nicht erst vorstellen. Sein Fluchtinstinkt war irrational, ja, aber er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass hier etwas gewaltig nicht stimmte. Und dazu reichte schon allein Sandys Omnipräsenz, der man nicht entkommen konnte. Sie hatte ihm schon einmal alles kaputtgemacht. Das würde er nicht noch einmal zulassen. Er verfluchte den Tag, an dem sie sich begegnet waren. Maria und er hatten sich, ohne es zu ahnen, den Feind direkt ins Haus geholt. Nicht nur als hochbegabte Studentin, die sie fördern wollten, sondern auch als Sarahs Babysitterin, die es gezielt darauf abgesehen hatte, ihn zu verführen, um das zu bekommen, was ihre Mentorin, die bis dato große Stücke auf sie gehalten hatte, schon hatte. Er würde es auf ewig bereuen, dass er sich darauf eingelassen hatte. Damals war er noch ein anderer gewesen. Genauso karrieregeil und süchtig von der Überholspur. Er hatte seiner kleinen Familie damit sehr viel Schmerz zugefügt. Das wusste er jetzt. Er konnte die Zeit, die er durch seine Dummheit verspielt hatte, nicht zurückspulen. Es gab nur einen Punkt, den er in diesem ganzen Irrsinn, der sein komplettes Leben auf den Kopf gestellt hatte, nicht bereute und das war Sissi. Sein Augenstern. Er würde für sie und ihre beiden Geschwister immer da sein und sie beschützen. Vor jeder dunklen Wolke, die sich bedrohlich über ihnen zusammenzog.

Und mit dieser unheilvollen Vorahnung schien Cedric Stier auch bald recht zu behalten. Als er seiner Exfrau nämlich nicht gleich auf ihre leidenschaftliche Rede über die Vorzüge ihres Chirurgenberufes antwortete, lenkte die ehrgeizige Neurochirurgin das Thema unvermittelt in genau diese Richtung, die sein Herz in akuten Aufruhr versetzte und seine Fluchtinstinkte erst so richtig in Gang brachte. Jetzt war er gezwungen, zu handeln.

Sandy: Cedric, hörst du mir überhaupt noch zu? Einen Dollar für jeden deiner Gedanken! Dann würde sich mein Aufenthalt in Berlin vielleicht doch noch auszahlen.
Cedric (blickt sie ausdruckslos an u. entscheidet sich, das Richtige zu tun u. zu gehen): Was? Egal! Mach doch, was du willst! Das tust du sowieso. Ich bin raus. Es gibt Wichtigeres im Leben.
Sandy (sieht ihm misstrauisch hinterher, wie er um die Ecke geht u. aus dem Zimmer verschwindet): Wie? Das war’s jetzt? Du gibst auf! Meine Güte, du hast wirklich deinen Biss verloren. Wo ist dein Ehrgeiz geblieben? Steckt der etwa schon in der Midlifecrisis? Jetzt warte doch mal!
Cedric (bleibt vor der Anmeldung noch einmal kurz stehen u. macht ihr kühl eine letzte Ansage): Lass mich! Mach dein Ding, aber lass uns damit in Ruhe!
Sandy (horcht verwundert auf u. liest zwischen den Zeilen): Verstehe. Wie geht es ihr?
Cedric (hat sich schon umgedreht, um schleunigst die Fahrstühle anzusteuern, verharrt nun aber für einen kurzen Moment in absoluter Schockstarre, denn mit dieser Frage hat er nicht mehr gerechnet): Was?
Sandy (schiebt sich aufdringlich in sein Blickfeld): Geht es ihr gut? Bestimmt geht es ihr gut, du kümmerst dich schließlich. Sie ist jetzt...
Cedric (fängt sich wieder, beißt sich auf die Lippen, um seinen Zorn zu regulieren, u. schenkt ihr den eisigsten Blick, den er aufzuwarten weiß): Eineinhalb. Aber war ja klar, dass du diese Nebensächlichkeit nicht mehr auf dem Schirm hast. Bei all den Projekten, die du verwirklichst. Glückwunsch zum Erfolg!
Sandy (widerspricht seinen unterschwelligen Vorwürfen vehement): Hab ich wohl. Cheyenne ist immer präsent, wenn ich...
Cedric (fällt der falschen Schlange zynisch ins Wort): Wenn du mal nicht im OP und darüber hinaus alles gibst, was? Und sie heißt Sissi, merk dir das! Sissi!
Sandy (schnauft verächtlich auf, weil sie sich übergangen fühlt): Du hast ihren Namen geändert? Dazu hattest du kein Recht.
Cedric (verschränkt abweisend seine Arme vor seinem Körper u. sieht sie kühl von der Seite an): Und ob ich das habe. Alle Rechte liegen bei mir, aber das kannst du ja nicht wissen. Du hast ja lediglich deinen Anwalt vorgeschickt, als es um die Annullierung unserer Ehe und das Sorgerecht für Sissi ging. Schieb mir jetzt nicht den schwarzen Peter zu, du wolltest das so. Außerdem hab ich nur den Zweit- mit dem Erstnamen getauscht. Sissi war schon immer ihr Rufname.
Sandy (schüttelt missbilligend den Kopf): Für dich und deine Schwester vielleicht. Ihr habt Cheyenne immer gehasst.
Cedric (kann sich ein zynisches Grinsen nicht verkneifen, bevor er wieder ernst wird): Wer würde das nicht? Er war ein Kompromiss, weil du unbedingt darauf bestanden hast. Gepasst hat er nie. Hättest du deine Tochter einmal genau angesehen, sie beobachtet, wie sie wirklich ist, dann hättest du das gemerkt. Er wäre spätestens, wenn sie in die Schule kommt, zum Problem geworden. Kinder können gemein sein zu anderen Kindern, vor allem wenn sie außergewöhnliche Namen tragen. Aber du musstest ja unbedingt mit deinem Kopf durch die Wand. Für eine exzentrische Person wie dich konnte es ja nicht exzentrisch genug sein.
Sandy (zickt beleidigt zurück): Jetzt wirst du ungerecht, Ceddie.
Cedric (ihm brennt jedes Mal die Hutschnur durch, wenn er den scheußlichen Spitznamen hört): Ich warne dich.
Sandy (hebt beide Hände in Unschuldspose): Jetzt krieg dich wieder ein! Seid wann bist du denn so empfindlich? Kann ich sie sehen?
Cedric (ein eiskaltes Händchen greift nach seinem Herzen): Wie bitte?
Sandy: Ich will sie sehen. Ich habe ein Recht dazu, Cedric.
Cedric (lacht höhnisch auf): Dem Anwalt nach zu urteilen, den du vorgeschickt hast, um uns beide so schnell wie möglich loszuwerden, nachdem du mit meiner gefälschten Unterschrift für das Stipendium und unseren letzten Ersparnissen bei Nacht und Nebel aus Berlin abgehauen bist, hast du alle Rechte dahingehend verwirkt.
Sandy (schaut ihn energisch an): Aber ich bin ihre Mutter.
Cedric (fühlt nichts außer Verachtung für diese Frau, was er nicht verhehlt): Ach, jetzt auf einmal fällt dir das ein? War das auch schon so, als sie ihre ersten Zähnchen bekommen hat und wochenlang nur geweint hat, bis sie all ihre Kräfte aufgeboten und aus Erschöpfung schließlich aufgegeben hat? Wo warst du, als sie sich plötzlich an meinem Schreibtisch hochgezogen hat und alleine losmarschiert ist wie eine Große, um die Welt um sie herum zu erkunden? Hundert Mal ist sie auf ihre Kniechen gefallen und hat sich ohne Hilfe wieder hochgerappelt. Oder als sie länger als jedes andere Kind in ihrer Kitagruppe gebraucht hat, bis sie zum ersten Mal ‚Papa‘ und Sarahs Namen gesprochen hat? Nein, das bist du nicht. Das bist du nie gewesen. Du warst ihr nie eine Mutter, auch nicht, als wir noch zusammengelebt haben und du es zumindest die ersten Wochen versucht hast und ziemlich schnell gemerkt hast, dass das alles nicht dein Ding ist. Du warst schneller wieder im OP, als manch einer für die Zeugung braucht. Du warst schon immer allein auf deine Karriere fixiert.
Sandy (fühlt sich angegriffen u. verteidigt sich): Menschen können sich ändern.
Cedric (schaut sie intensiv an, kann aber nichts entdecken, was ihn von seiner Meinung abbringen könnte): Das mag sein. Aber wenn man die vergangenen Minuten dieses sehr interessanten Gesprächs betrachtet, dann lässt das nur einen Schluss zu. Auf dich trifft das eher weniger zu.
Sandy (reagiert emotional aufgebracht): Das kannst du nicht beurteilen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich möchte sie doch nur wiedersehen. Ein kleiner Besuch. Eine Annäherung. Das kannst du mir nicht verwehren.
Cedric (weicht immer weiter von ihr zurück, weil ihm das alles nicht behagt): Das geht nicht.
Sandy (versucht ihn mit eindringlichen Blicken zu erweichen): Cedric, bitte! Ich bin in Berlin. Das sollte doch kein Problem sein.
Cedric (schüttelt unentwegt mit dem Kopf u. geht weiter rückwärts): Ich kann nicht. Du weißt nicht, wie es war. Sie hat so lange gebraucht, um zu verkraften, dass von einem Moment auf den anderen plötzlich alles anders war, was sie bislang gekannt hatte. Du hast ihr Urvertrauen erschüttert, Sandy. In einer Weise, die unverzeihlich und unumkehrbar ist. Ich hab gedacht, sie kommt nie darüber hinweg. Aber sie hat sich endlich gefangen. Dank ihrer großen Schwester und weil wir alles gegeben haben. Sie ist glücklich. Ein glückliches Kind. Nimm ihr das nicht weg! Sie ist noch so klein. Sie fremdelt bei Menschen, die sie nicht kennt. Und dazu gehörst du mittlerweile auch.
Sandy (ist dann doch entgegen ihres Charakters merklich erschüttert): Cedric, ich will doch nur...
Cedric (bleibt stehen u. nickt verständnisvoll in ihre Richtung): Ich weiß. Aber mein Job ist es, sie zu beschützen und das werde ich. Um jeden Preis. Ich kann nicht zulassen, dass sie wieder durcheinandergebracht wird. Ihr sensibler Charakter würde das nicht verkraften und das würde ich wiederum nicht verkraften. Tut mir leid.

Cedric hatte sich mehr von der Seele geredet, als er eigentlich vorgehabt hatte, aber anders hätte es seine Ex, die ihn mit großen Augen fast schon flehend angeblickt hatte, vermutlich nicht verstanden. Er konnte nicht anders. Zum Schutze aller. Er nickte ihr noch kurz zu und wollte dann so schnell wie möglich wieder zurück zu seinen Kindern und zu seiner Freundin, die er unbedingt noch vorwarnen musste, bevor sie sich schlimmstenfalls noch zufällig begegneten. Aber als er sich umdrehte, geschah das so abrupt, dass er der Person, die ihm gerade eilig entgegengekommen war, ohne Vorwarnung direkt in die Arme stolperte. Und diese Person war mächtig geladen, als sie dem überrumpelten Dreifachpapa unvermittelt sein Kind wieder in die Arme drückte und anschließend zum verbalen Rundumschlag überging...

Stefanie (fuchtelt wild mit ihren Händen vor seiner Nase herum, nachdem sie das weinende Kind wieder abgegeben hat): Dr. Stier, Sie... SIE! Wagen Sie es NIE wieder! Ich bin nicht Ihr Kindermädchen. Ich bin weder befugt, noch habe ich irgendein Interesse daran, in Ihr seltsames Familienkonstrukt mit hineingezogen zu werden. Schon schlimm genug, dass mir die Pflegekräfte abhanden kommen, weil die Enkel vom Chef in der Cafeteria ein tränenreiches Konzert von sich geben. Das lasse ich mir vielleicht noch gefallen, aber hier ist definitiv eine Grenze erreicht. Wenn Sie mit der Betreuung der Frucht Ihrer Lenden überfordert sind und nicht damit klarkommen, dass Ihre Frau hier ihren Mann stemmt, dann müssen Sie sich eine andere Lösung einfallen lassen. Dieses Krankenhaus ist nicht die Babysitternotrufhotline. Besorgen Sie sich anderweitig Hilfe oder verlassen Sie gleich ganz das Krankenhaus, Sie... Sie überhebliche Person, Sie! Schlimmer noch als der Meier. Unfassbar so was! Schwängern jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, diese verfluchten Akademiker. Und im Übrigen ist alles in Ordnung mit Ihrem Minihippo. Der Termin wäre erst in zwei Wochen gewesen, Sie Planungsgenie. Und jetzt raus hier! Kleinkinder haben hier auf Station und überhaupt nichts zu suchen, Herr Doktor. Auch Sie halten sich, verdammt noch mal, an die Besuchszeiten!

Oberschwester Stefanie klatschte dem verdutzten Chirurgen das ausgefüllte U-Heft seines Kindes gegen die Brust, funkelte ihn noch einmal aus stark geweiteten Pupillen bedrohlich an und wollte gerade das Stationszimmer stürmen, um sich endlich die ihr zustehende Pause zu gönnen, die ihr heute anscheinend jeder verwehren wollte, als ihr die fremde Frau hinter dem Empfangstresen auffiel, die dort definitiv nicht hingehörte. Und noch so einige andere Ungereimtheiten fielen der aufmerksamen Stationsleiterin sofort ins wachsame Auge.

Stefanie: Unfassbar, womit ich mich hier alles herumschlagen muss. Nur weil die ach so Studierten ihr Leben außerhalb des OPs nicht geregelt bekommen. Was mit mir ist, da fragt keiner nach. Und warum ist die Anmeldung schon wieder unbesetzt? Wieso ist hier keiner? Macht denn hier jeder nur noch das, was ihm gefällt? Das wird ein Nachspiel haben. Kaum ist der Meier wieder da, spielen die Hasen verrückt. Aber nicht mit mir! Und Sie? Wer sind Sie? Unbefugte haben im Stationszimmer nicht zu suchen. Verschwinden Sie!
Sandy (auch wenn sie sonst nicht viel erschüttern kann, die hiesige Oberschwester schon): Äh... Ich bin Doktor...
Stefanie (schmeißt ernüchtert die Hände in die Luft): Noch eine Ärztin, na wunderbar, hier muss irgendwo ein Nest von denen sein. Ich werde hier noch wahnsinnig.
Sandy (fühlt sich dann doch beleidigt u. wehrt sich): Entschuldigung, ich bin extra aus den Staaten angereist, um hier eine Vortragsreihe zu halten, Schwester...
Stefanie (lässt sich schwerfällig auf Sabines Schreibtischstuhl fallen u. guckt in die leere Kaffeetasse auf deren Platz, bevor sie doch wieder aufsieht u. den unverschämt gutaussehenden Gast genauer in Augenschein nimmt): Oberschwester! Brinkmann. Ach, Sie sind das? Sollten Sie nicht erst übermorgen eintreffen?
Sandy (schaut sich suchend nach Cedric um): Äh...ja, ich habe einen früheren Flug genommen. Das ist mit dem Professor abgesprochen.
Stefanie (springt missmutig von ihrem Platz wieder auf u. verlässt die Anmeldung auf flinkem Fuße): Egal! Der ist nicht da. Mitkommen! Ich soll Sie herumführen, sobald Sie eintreffen. Warum das keiner dieser Möchtegernakademiker machen kann, ist mir zwar ein Rätsel, aber mit mir kann man es ja machen. Das war das letzte Mal. Darauf können Sie sich was einbilden, Frau...?
Sandy (merklich überfordert): Moeller. Dr. Sandy Moeller.

Sandy wollte noch Cedric um Hilfe bitten, sie aus den Klauen dieser herrischen Schwester zu befreien, aber der hatte sich bereits umgedreht und war mit dem Kind auf dem Arm im Fahrstuhl verschwunden. Ihr Blick blieb noch an ihm und dem weinenden Baby haften, bis sich die Aufzugstüren geschlossen hatten. Der Anblick hatte sie durcheinandergebracht. Das hatte sie nicht erwartet. Und Oberschwester Stefanie hatte nicht erwartet, für jeden dahergelaufenen Gast den Hampelmann spielen zu müssen.

Stefanie (tippt ungeduldig mit dem linken Fuß auf dem Laminat herum): Was ist? Kommen Sie endlich! Ich hab nicht ewig Zeit. In einer Stunde fluten die Besucher unserer Patienten die Gänge und das Chaos bekommt neue Dimensionen, was natürlich mal wieder mir aufgebürdet wird, wie sollte es auch anders sein.
Sandy (starrt immer noch zum Aufzug): Das ist ein Kind?
Stefanie (ist dann doch irritiert von der Blitzmerkerin): Sehr treffsicher analysiert, Frau Doktor. Sie haben nicht in Deutschland studiert, oder?
Sandy (ist mit ihren Gedanken ganz woanders, als sie der grummeligen Schwester langsam den Flur hinunter folgt): Aber müsste es nicht schon viel größer sein?
Stefanie (bleibt abrupt am Ende des Ganges stehen u. guckt die Besucherin an, als hätte sie nicht mehr alle Latten am Zaun): Äh... nein, für ein Frühchen hat es sogar schon reichlich zugelegt. Es entwickelt sich prächtig. Seinem Alter entsprechend. Ich komme gerade mit ihm vom Kinderarzt. Aber was geht Sie das an, wenn ich fragen darf?
Sandy (jetzt fällt es ihr wie Schuppen von den Augen): Er hat noch ein Kind!
Stefanie (rollt theatralisch mit den Augen u. will schleunigst weitergehen): Tut mir leid, aber für den Klatsch und Tratsch in diesem Haus bin ich nicht zuständig. Wenn ich nicht eingreifen würde, würde sich hier nämlich niemand mehr auf seinen Job konzentrieren, sondern nur noch schwanger durch die Gegend stolzieren. Das letzte Jahr war katastrophal. Ich kam gar nicht mehr hinterher, die Lücken im Personalplan zu stopfen. Die Ärzte verteilen hier ihre Gene, wie es ihnen beliebt. Meier, Kaan, Ebersbusch, Stier, selbst der Gummersbach hat jetzt ein Kind und lenkt meine Schwestern ab. Bald arbeitet hier niemand mehr. Also können Sie sich glücklich schätzen, dass ich mich um Sie kümmere. Was ist jetzt, soll ich Sie nun herumführen, oder nicht?
Sandy: Vielen Dank, Oberschwester! Ich habe mir bereits ein Bild gemacht, als ich vorhin angekommen bin, und das schien mir sehr viel versprechend zu sein.

...murmelte die junge Chirurgin eine dahin geworfene Entschuldigung und ließ die verdutzte Oberschwester mitten auf dem Flur, am Abzweig zur gynäkologischen Abteilung, einfach stehen. Sie zückte ihr Handy aus ihrer Luxushandtasche und hielt es sich ans Ohr, während sie langsam den Gang der Chirurgie vor stolzierte, bis sie vor den Aufzügen zum Stehen kam, die sich alsbald wieder öffnen sollten. – „Hey! It’s me! … Yes! Better than we thought. I think I know how we can handle it. … There’s no problem, darling. … Definitely. He would wish he had never made this mistake. … Yes! I call you later. Bye!” Als sie mit einem zufriedenen Grinsen auf ihren stark geschminkten Lippen wiederauflegte und die geöffneten Fahrstuhltüren passierte, während sie in ihrer Handtasche kramte, bemerkte sie nicht, dass kurz zuvor jemand ausgestiegen war, sie kurz verwundert angesehen und dann auf direktem Wege eines der Büros auf dieser Etage angesteuert hatte.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


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28.08.2019 14:39
#1653 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dort im Sprechzimmer von Berlins begnadetstem Unfall- und Allgemeinchirurgen wartete die hübsche junge Dame nun schon eine geschlagene Viertelstunde und mit jeder Minute mehr, die ungenutzt verstrich, wurde der Hummelhaufen größer, welcher sie immer unruhiger auf dem lederbezogenen Wartesessel herumrutschen ließ, auf welchem sie Platz genommen hatte, nachdem sie einige Momente allein durch den verlassenen Praxisraum getraumwandelt war. Es waren gerade ruhige Augenblicke wie diese, von denen sie und ihr im Dauerladezustand befindlicher Akku zehrten. Waren diese doch im Laufe der vergangenen Wochen, den schönsten Wochen ihres Lebens wohlgemerkt, quasi non-existent geworden. Ihr Lächeln hätte daher nicht größer sein können, als sie es entdeckte. Das neue Foto, das er halbverdeckt von dem großen Computerbildschirm und der silbermetallenen M-Skulptur, einem Geschenk seiner egozentrischen Mutter zum bestandenen Medizinstudium übrigens, in einem bunt verzierten Rahmen auf seinem Schreibtisch platziert hatte. Eigentlich war es nicht seine Art, Bilder von seinen Lieben um sich herum aufzureihen. Erstens war das völlig unnötig und ziemlich letztes Jahrtausend, denn seine Kinder tobten sowieso ständig durch seine Gedanken. Ihre Mama ebenso. Wozu also eine Gedankenstütze? Zweitens war das in seinen Augen unprofessionell und megapeinlich und lenkte von seiner eigentlichen Berufung als Gottes Geschenk an die Medizinwelt ab. Patienten und Kollegen, die es definitiv nichts anging, könnten nämlich sonst einen falschen Eindruck von dem wortgewandten Chirurgen bekommen, dem ein Ruf vorauseilte, der im und außerhalb vom OP stets eindrucksvoll bewiesen wurde. Und drittens war er nicht so ein sentimentales Mädchen wie sein Kumpel Mehdi, der nur ein paar Zimmer weiter ganze Wände voller Bilder in seiner Praxis hortete. Vermutlich um sich von den hysterischen Frauen in seinem (Arbeits-)Leben abzulenken, dieser Weichspüler von einem Möchtegernmediziner.

Sie hatte seine Stimme schon im Ohr, was bei ihr einen kleinen Kicheranfall verursachte, und dennoch war es für die Ärztin im Mutterschutz erstaunlich, dass er das kleine Kunstwerk, das seine Lieblingspatentochter mit ganz viel Liebe zum Detail aus unzähligen bunten Mosaiksteinchen für ihn und ihre beste große Freundin, die das gleiche Geschenk nämlich ebenfalls bekommen hatte, zur Geburt seiner Kinder gebastelt hatte, dann doch entsprechend gewürdigt hatte, um Gretchen, Marlene, Marlon und Berlins neuem Superdaddy des Jahres einen würdigen Rahmen zu geben. Das war so süß und herzrührend, dass Gretchen beinahe schon wieder geweint hätte. Marcs weiche Seite, die er jetzt häufiger, als ihm bewusst war, offenbarte, ohne viel Aufhebens darum zu machen, haute sie jedes Mal aufs Neue um. Gerade diese Kleinigkeiten bedeuteten ihr immens viel und zeigten ihr, wie viel ihm an ihrem kleinen großen Wunder lag, das ihr gemeinsames Leben, das in der Vergangenheit eine Menge Widrigkeiten hatte überstehen müssen, nun unendlich bereicherte. Aber sie war heute schon ein paar Mal vor Rührung fast geplatzt, deshalb vermied Dr. Margarethe Haase jetzt einen weiteren Gefühlsausbruch in aller Öffentlichkeit, wobei ganz so öffentlich war es dann ja doch nicht. Schließlich war das hier Marcs Büro, wo niemand, mit Ausnahme von ihr, ungefragt Zutritt haben durfte, wenn ihm sein Leben und sein Arbeitsplatz lieb waren. Das war Marcs Schutzraum, seine Festung und irgendwie auch ihre, schließlich hatte sie hier bei ihm fast mehr Zeit verbracht als unten in der Notaufnahme, wo er vermutlich gerade in diesem Moment noch gebraucht wurde.

Deshalb war sie Marc auch nicht böse, weil er sie offenbar versetzt hatte. Denn Gretchen wusste, dass er das alles hier brauchte wie die Luft zum Atmen, um derjenige zu bleiben, der er schon immer gewesen war. Ein unglaublich talentierter und leidenschaftlicher Chirurg und geschätzter Oberarzt, der sich seit nunmehr sechs Wochen und anderthalb Tagen mit großer Hingabe einer zweiten großen Leidenschaft widmete, in die er zwar noch ein wenig hineinwachsen musste, bei der er sich aber bereits als großartiges Ausnahmetalent herausgestellt hatte. Marc ging in seiner neuen Aufgabe als Familienvater völlig auf, was er selbst von sich vermutlich am allerwenigsten erwartet hatte. Trotz Schlafmangel und durcheinander gewirbeltem Tagesablauf wirkte er zufriedener und ausgeglichener als je zuvor. Das zeigte auch das Foto vom ersten Tag zu Hause, das sein Vater nach dem feierlichen Einzug seiner Enkelchen ins Penthaus an der Spree in einem unbeobachteten Moment von seinem Sohn und seiner kleinen Familie aufgenommen hatte. Das pure Glück, das in Marcs dunkelgrünen Augen geschrieben stand, mit denen er völlig gebannt die Zwillinge in ihren Armen anschaute, wirkte ansteckend und es war gut möglich, dass Marc und sie nie wieder aufhören würden, verträumt vor sich hin zu lächeln, weil sie von ihren Kindern völlig verzaubert waren. Zu recht. Denn sie waren alle beide etwas ganz Besonderes.

Gretchen konnte nicht widerstehen und schob die wunderschöne Momentaufnahme ihrer kleinen entzückenden Familie, nachdem sie diese mit einem dicken Schmatzer voller Sehnsucht versehen hatte, gut sichtbar auf seinem Schreibtisch zurecht, schielte dann auf die digitale Zeitangabe auf dem Computermonitor und wurde wieder unruhig. Sie konnte nicht mehr länger bleiben, so gerne sie ihren heißgeliebten Schatz noch einmal gesehen hätte. Die Zwillinge sollten so langsam wieder nach Hause gebracht werden. Sie hatte viel mehr Zeit mit ihnen im Elisabethkrankenhaus verbracht, als sie eigentlich eingeplant hatte. Sie wollte doch stark bleiben und ihm Raum geben. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie das alles die paar Stunden ohne ihn auch alleine wuppen konnte. Als ausgebildete Chirurgin hatte sie schließlich ihre Multitaskingfähigkeiten verfeinert. Sie konnte das. Und ihr war auch überhaupt nicht mulmig bei dem Gedanken, auf sich allein gestellt zu sein. Sie war schließlich eine verantwortungsvolle und fürsorgliche Mutter, eine hervorragende Ärztin noch dazu, mit einem gut durchdachten Plan. Sie war auf alle Eventualitäten eingestellt. Also, mehr oder weniger. Vermutlich weniger. Denn in Wirklichkeit hatte sie keine Ahnung, was da alles Unvorhergesehenes noch auf sie zukommen könnte. Aber das ging wohl jeder jungen unerfahrenen Mutter so. Sie war auf jeden Fall gespannt.

Und so war es dann doch anders gekommen. Sie hatte sich wohl gefühlt an ihrer alten Wirkungsstätte, die Kinder auch. Und es hatte nun mal enorm viel Spaß gemacht, wieder etwas Zeit mit ihren Kollegen, allen voran mit Sabine, verbringen zu dürfen. Alle hatten sie rührend willkommen geheißen, hatten sie hingebungsvoll betüddelt und nicht genug von den süßen Hasen bekommen können, selbst als die Zwei die Cafeteria des Elisabethkrankenhauses mit einem Konzertsaal verwechselt hatten, in dem Schreigesang der extrem ohrenbetäubenden Art offenbar mächtig en vogue war. Vor allem im Duett mit einer quengligen hochunzufriedenen Eineinhalbjährigen, die ihren Papa vermisste und von einer überdrehten Schulanfängerin mit mal mehr und mal weniger Erfolg schief und schräg singend beruhigt wurde. Das hatte die Dimensionen des Niedlichkeitsfaktors der Kinder nur noch weiter in schwindelerregende Höhen gehoben und war bei allen gut angekommen. Bis vielleicht auf die Oberschwester, die brummiger als sonst zu ihrem Tisch rübergeschaut hatte, als sie für ihr Mittagessen angestanden hatte, welches sie dann widerwillig bei ihrem Ehemann, Dr. Fuchs, der auch nicht sehr glücklich aus der Wäsche geschaut hatte, hatte stehen lassen müssen, weil ihr Pieper die Chefin der Station woanders hingelotst hatte.

Ja, sie hatte keine andere Wahl, musste sich Gretchen schweren Herzens eingestehen. Sie musste jetzt wirklich los. Zu ihnen. Zu ihren kleinen süßen Babys. Die frischgebackene Mama hielt den Atem an bei dem Gedanken, dass diese beiden niedlichen Würmchen tatsächlich zu Marc und ihr gehörten. Sie hatten dieses Wunder hinbekommen. Es überwältigte sie jedes Mal von neuem, wenn sie daran dachte, dass ihr Märchen tatsächlich wahr geworden war. Das Märchen, für das sie immer belächelt worden war, selbst von der Person, die in ihren Träumen neben ihr immer die schillernde Hauptrolle gespielt hatte. Nach all den Jahren, die sie sich jetzt schon kannten, sich verzweifelt geliebt, ignoriert und geärgert, nicht vermisst und doch nicht vergessen hatten. Manch einer, der noch nie so richtig geliebt hatte, würde vermutlich über die Zeilen schmunzeln, die sie als Teeny seitenweise in ihr Tagebuch gekritzelt hatte und die über zwanzig Jahre später noch genauso hollywoodfilmkitschig klangen, obwohl sie mittlerweile von einer promovierten Medizinerin verfasst wurden, die bei all der Realität, die ihr Beruf nun mal mit sich brachte, das Träumen nie aufgegeben hatte. Selbst als der letzte Funken Hoffnung als rosarote Seifenblase verpufft war und sie sich schutzlos und mutterseelenallein auf der Welt gefühlt hatte, hatte sie nicht aufhören können, daran zu glauben. Irgendwann einmal würde sie mit Marc Meier zusammen sein, er würde sie als den Menschen respektieren, der sie nun mal war, mit all ihren Fehlern und Verrücktheiten, und sie genauso sehr lieben, wie sie ihn, und sie würden Kinder haben, die ihr Glück perfekt machen würden. Die schönsten Kinder der Welt, was jetzt nicht bedeutete, dass Anton Gummersbach, Sarah und Sophie Hassmann, Sissi Stier oder Lilly und Lenny Kaan nicht auch schön wären. Sie alle hatten ebenfalls einen festen Platz in ihrem Herzen und Gretchen freute sich wie verrückt darauf, sie alle an der Seite ihrer Kleinen groß werden zu sehen. Aber die Geburt von Marlene und Marlon war erst ein paar Wochen her, Gretchens Hormone spielten noch immer verrückt, genauso wie ihr Gedankenkarussell, das nie aufhörte, seine Runden zu drehen. Fünfzehn Minuten ohne die Zwillinge fühlten sich an wie fünfzehn Stunden. Die Sehnsucht war unermesslich groß und zog sie wie an unsichtbaren Fäden zu ihnen zurück. Sie musste los.

Aber kaum war die junge Mutter aufgesprungen und hatte sich vor lauter Hektik dabei mit ihrem bodenlangen Kleid und ihrem linken Fuß ungeschickt unter dem Sesselbein der zweiten Sitzgelegenheit vor Marcs Schreibtisch verhakt, da kam genau die Person, auf die sie sehnsüchtig gewartet hatte, auch schon mit wehendem Kittel im Eiltempo zur Tür hereingestürzt. Als hätte er es geahnt, fing er seine persönliche Tollpatschqueen, die im Umgang mit ihren Kleinen erstaunlicherweise den Haasschen Hang zu Ungeschicklichkeiten jeder Art überhaupt nicht an den Tag legte, gerade noch rechtzeitig auf, bevor sie mit dem hellblauen Laminat auf sehr unelegante Weise Bekanntschaft gemacht hätte, welches heute die Putzkolonne noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, weil der Büroinhaber diese mit genervt wütenden Worten wieder zur Tür hinauskompromittiert hatte, sodass diese in nächster Zeit vermutlich nicht mehr so schnell bei dem frisch aus der Elternzeit zurückgekehrten Oberarzt aufkreuzen würde.

Marc (atemlos): Haasenzahn?
Gretchen (ebenso außer Atem streicht sie sich die dicken Locken aus ihrem hitzig geröteten Gesicht): Huch! Ich wieder. Sorry! Wo kommst du denn auf einmal her? Ich wollte gerade wieder los.

...stammelte Marcs Lebensgefährtin noch etwas benommen, während sie sich fest an die starken Schultern ihres persönlichen Helden klammerte, der offenbar einen siebten Sinn besaß, was sie und ihre mangelnde Körperkoordination betraf, weil sie immer noch leicht schwankte. Auch wenn sie wieder festen Boden unter ihren zwei linken Füßen hatte, konnte sie ihn einfach nicht wieder loslassen. Es ging nicht. Wie zwei Magnete klebten sie aneinander fest. Aber er fühlte sich auch zu gut an und er roch so gut. Mhm... Nach Marc, seinem teuren Lieblingsaftershave, Babypuder, der bekannten Desinfektionsmittelmarke der Klinik und... Hatte er etwa geraucht? Nein, das würde er nicht. Seit Monaten hatte er tapfer durchgehalten und sie war positiv optimistisch, dass er auch weiterhin bemüht war, sein Lungenkrebsrisiko erfolgreich zu minimieren, ohne dass sie es ihm ständig durch die Blume erklären musste, was ihm mächtig auf den Keks ging, schließlich hatte er selbst für sich beschlossen, sein altes Laster endlich hinter sich zu lassen.

Gott, worüber sie schon wieder nachdachte. Gretchen, also wirklich! Seine unmittelbare Nähe brachte sie ganz schön durcheinander. Aber sie hatte ihn nun mal die vergangenen zwei Stunden, welche sie mit den Kindern schon hier verbracht hatte, sehnsüchtig vermisst. Gretchen musste selber darüber schmunzeln. Es war albern, ja, schließlich waren sie zwei eigenständige Persönlichkeiten, aber sie hatten in den letzten Wochen so viel Zeit miteinander verbracht, dass es für sie ganz natürlich war, ihn immer bei sich zu haben. Deshalb schmiegte sie sich noch ein bisschen inniger an ihren Traumprinzen, der überhaupt nicht verstand, wie ihm geschah, als er plötzlich ohne Vorwarnung von der heißesten Blondine Berlins leidenschaftlich niedergeknutscht wurde.

Denn die Situation war für den gestandenen Unfallchirurgen mehr als konfus, weil er extra hierher geeilt war, wenn auch mit leichter Zeitverzögerung, die nicht in seiner Macht gelegen hatte, um seiner Herzallerliebsten dringend etwas zu sagen, das der gerade bestehenden innigen Zärtlichkeit definitiv ein sehr abruptes Ende setzen würde. Er wollte es nicht, aber er hatte keine andere Wahl. Denn es eilte wirklich. Er war quasi auf dem Sprung. Er konnte nicht warten. Deshalb versuchte er, den süßen Goldengel nach einem weiteren sanft dahin gehauchten Kuss etwas auf Abstand zu schieben, um ihm direkt ins Gesicht schauen zu können. Aber der Blick in Gretchens aufgeschlossene, heitere, tiefblaue Augen, die so voller Liebe für ihn waren, machte die Angelegenheit für ihn nicht gerade leichter. Er seufzte gedrückt auf und ließ sich in den Patientensessel plumpsen, den seine Tollpatschqueen in ihrer typisch mitreißenden Art beinahe umgerissen hatte, sodass er jetzt Richtung Tür zeigte, und zog sie mit sich, damit sie sich in den anderen Sessel ihm gegenüber setzen konnte.

Von Angesicht zu Angesicht saßen die beiden nun da und hielten wie zwei schüchterne Teenager Händchen, ihre Knie berührten sich leicht und das verliebte Elternpaar schwieg sich erwartungsvoll an, jeder in seine eigene Gedankenwelt versunken, die unterschiedlicher nicht hätte sein können. Völlig unbedarft lächelte Gretchen immer wieder zu Marc rüber und dieser wusste immer noch nicht, wie er anfangen sollte. Er fühlte sich furchtbar deswegen und das spürte auch seine Freundin irgendwann, deren Antennen sich nach kurzen Fehlfrequenztendenzen nach und nach empfangsbereit aufrichteten.

Gretchen: Was ist los? Du wirkst angespannt. Der Tag entwickelt sich nicht so, wie du dir das vorgestellt hast, oder? Aber hier ist doch jeder Tag nie so wie der andere. Das macht doch gerade das Spannende unseres Berufes aus.
Marc (seine Pupillen wandern aufgewühlt hin u. her u. können sich nicht auf Gretchens wunderschöne Augen konzentrieren, die ihn gespannt fixieren): Ich hab gedacht, ich hab dich verpasst.
Gretchen (strahlt ihn verliebter denn je an): Das Gleiche habe ich auch gedacht. Sabine hat mir Bescheid gesagt, dass du mich sofort in deinem Büro sehen willst, aber du warst nicht da. Wieso die Umständlichkeit? Du hättest mich doch auch gleich auf meinem Handy anrufen können? War es so schlimm?
Marc (starrt sie irritiert an u. ist sich nicht sicher, wie viel sie weiß): Was?
Gretchen (spürt seine Verunsicherung u. drückt seine schweißnasse Hand ein bisschen fester, damit er weiß, dass sie immer für ihn da sein wird): Ich weiß, du willst als Oberarzt immer stark sein, das ist auch ganz in Ordnung, aber es ist kein Anzeichen von Schwäche, auch Gefühle zuzugeben. Wir Chirurgen sind keine Roboter, wir sind auch nur Menschen, denen Dinge nahegehen.

Mist! Die hohle Nuss hat gequatscht. Dann weiß es mittlerweile das gesamte Krankenhaus. Na prima! ... Moment! ... Ich hab der Stasi-Sabsi doch gar nichts gesteckt. Ich hab nur vorgefühlt, wie Haasenzahn gerade drauf ist. Wie kann sie also wissen, dass...? Nein, dann wäre sie nicht so ruhig. Verdächtig ruhig, um genau zu sein.

Marc (fährt sich mit seiner freien Hand über sein erschöpftes Gesicht u. traut sich kaum, ihr wieder in die Augen zu sehen, die ihn aufmerksam verfolgen): Wie viel weißt du?
Gretchen (seufzt traurig auf u. schaut ihn mitfühlend an): Ich weiß nur, dass der Junge nicht überlebt hat und dass Maria und du euch um die Organspende bemüht. Plötzlich war eine ganz bedrückte Stimmung in der Cafeteria und ich hab eine der OP-Schwestern gefragt. Sie sind alle sehr mitgenommen deswegen. Es ist für uns alle schwer, wenn man sich dem Kampf geschlagen geben muss. Gerade wenn es einen so jungen Menschen betrifft. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich die Eltern gerade fühlen müssen. Das ist schrecklich. Bitte mach dir nicht so viele Gedanken deswegen, Marc! Du hast nichts falsch gemacht.
Marc (blickt sie überrascht an u. wirkt leicht überfordert von ihren verständnisvollen Worten): Ach, ja, das... das ist echt übel.
Gretchen (legt auch seine andere Hand wieder in ihre, drückt diese fest u. schaut ihm dabei einfühlsam in die verwirrt hin u. her huschenden Augen, die ihr auszuweichen versuchen): Marc, wenn du reden willst?
Marc (schüttelt den Kopf u. bemüht sich um ein gequältes Lächeln): Alles gut. So schlimm es auch klingen mag, es ist und bleibt Routine. Die Hirntoddiagnostik läuft und die Eltern haben kapiert, dass es ihn nicht zurückbringen wird, wenn sie an ihm festhalten. Und eigentlich geht’s auch gar nicht darum.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort, weil sie spürt, wie aufgewühlt er noch immer ist): Nicht? Worum dann?

Fuck! Ich kann’s ihr nicht sagen. Sie wirkt so happy im Moment. Diese kleine heile Welt, in der sie immer ein paar Zentimeter über dem Boden schwebt, ist genau ihr Ding. Ich kann ihr das nicht nehmen. Verdammte Scheiße noch mal, wieso muss das auch so verdammt verzwickt sein? Hätte das nicht einfach nur ein stinknormaler stinklangweiliger Arbeitstag bleiben können? Nee, im EKH ticken die Uhren ja anders. Unter emotional katastrophal gibt’s nicht.

Marc saß nun so richtig in der Falle und verhedderte sich immer mehr bei der Suche nach den richtigen Worten, die es ohnehin nicht gab. Er hasste so was. Schließlich war er sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen. Aber Momente wie diese gehörten nun mal zu den Schattenseiten seines Berufes. Das war der Grund, warum er Patientengeschichten nie zu nah an sich heranlassen wollte. Das war das Erste, was er seinen talentfreien Assistenzärzten immer einbläute. Nie zu sehr engagieren, solange es nicht um das rein Medizinische ging. Man schleppte sie sonst ewig mit sich herum und fühlte sich scheiße deswegen. Er wollte das nicht. Am liebsten hätte er die ganze Geschichte delegiert, aber in diesem konkreten Fall gab es nun mal kein Vor und kein Zurück. Er war viel zu nah involviert. Deswegen fiel es ihm auch entgegen seiner Art unheimlich schwer, das auszusprechen, was er seiner Freundin dringend mitteilen musste. Er hatte Angst davor, dass ihr hinreißendes Lächeln, das selbst in den beschissendsten Situationen die dunkelsten Herzen erhellen konnte, erstarb. Das hatte sein Sonnenschein nicht verdient. Nicht jetzt, wo sie zusammen gerade die schönste Zeit ihres Lebens erlebten. Ihr gemeinsames Abenteuer, durch das sie schon genug Chaos hoch zwei um sich herum hatten. Deshalb druckste er auch erst einmal ungeschickt herum, was Gretchen anfangs nicht sonderlich verwunderte. Sein erster Arbeitstag hatte Marc doch mehr mitgenommen, als sich der frischgebackene Familienvater eingestehen wollte. So schien es zumindest für die mutterschutzbeurlaubte Stationsärztin, die sich seiner annehmen wollte.

Marc (lenkt geschickt ab): Wo... wo hast du eigentlich die Zwerge gelassen?
Gretchen (kommt nicht umhin, wie ein Honigkuchenpferd zu lächeln, wenn sie an die süße Rasselbande denkt): Bei Bine. Sie ist mit Sarah und den Kleinen raus in den Park. Marlon und Marlene war es dann doch mit den ganzen Erwachsenen um sie herum, die sie bestaunt haben wie das siebte Weltwunder, zu langweilig geworden und sie haben mit ihrem zuckersüßen Weinen den gesamten Speisesaal unterhalten, was angesichts der bedrückten Stimmung, die dort gerade herrscht, nicht die beste Ablenkung gewesen ist, denke ich. Wir haben sie nicht beruhigt gekriegt. Du weißt ja, wie sie manchmal sein können, wenn ihnen etwas nicht passt. Die Meier-Gene eben. Hihi! Aber eine Runde im Kinderwagen wird da bestimmt helfen und die Zuckermaus Sarah hat sich das so sehr gewünscht, dass ich nicht anders konnte, als es ihr zu erlauben, unseren Mini-Ferrari zu schieben. Also dreht sie jetzt mit ihrer Schwester eine kleine Runde damit, bis deine Mutter uns dann gleich abholt. Sie hat schon Bescheid gegeben, dass sie gleich da ist. Sie steht aber noch in der City im Stau.
Marc (starrt nachdenklich an ihr vorbei zur Tür): Gut,... gut.
Gretchen (will ihn aufheitern u. zieht ihn ein kleinwenig auf): Was denn? Keine Einwände vom Superdaddy?

Der Beschützer geht doch sonst immer mit ihm durch, wenn andere außer ihm unsere Wundersterne betüddeln. Er passt doch immer auf wie ein Wachhund, dass ihnen niemand zu nahe kommt, der in seinen Augen nicht dazu befähigt ist. Total süß und völlig überzogen. Aber ich liebe es, wenn er so ist. Er liebt die beiden so sehr. Hach... Ich auch.

Marc (geht nicht weiter darauf ein, was Gretchen dann doch verwundert): Heute nicht.
Gretchen (hakt vorsichtig nach): Was ist denn los? Du bist komisch. Wieso wolltest du mich unbedingt sprechen? Sabine meinte, es sei dringend, aber du hast noch kein Wort gesagt. Oh! Da fällt mir ein, ich sollte Cedric noch Bescheid geben, damit er weiß, wo seine Mädchen gerade stecken. Nicht, dass er Panik bekommt, weil sie vom Mittagstisch verschwunden sind.
Marc (nuschelt mystisch in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart, über den er mit einer Hand immer wieder unbewusst streicht): Panik verursacht bei ihm, wenn überhaupt, jemand anderes.
Gretchen (kann ihm nicht folgen): Wie meinst du das denn jetzt?
Marc (fängt sich wieder, atmet noch einmal tief durch u. konzentriert sich jetzt voll u. ganz auf seine Freundin, die ihn mit großen Kulleraugen neugierig anschaut): Glaub mir, das willst du nicht wirklich wissen. Ähm... Okay, du willst wissen, was los ist, gut, dann ähm... bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Aber du musst mir versprechen, nicht gleich auszuflippen. Lass mich erst ausreden! Dann Hysteriemodus. Obwohl der eigentlich nicht unbedingt...
Gretchen (blickt ihn ganz verdattert an, bevor sie ihm empört ins Wort fällt): Marc, verarsch mich nicht! Rede mit mir! Was ist hier los? Hat es was mit der schick gekleideten jungen Frau zu tun, die ich hier vorhin auf Station gesehen habe? Wer ist das? Eine neue Kollegin? Papa hat gar nicht erwähnt, dass er jemanden eingestellt hat. Was macht sie hier? Sie hat irgendetwas Seltsames in ihr Handy gesprochen. Ich hab nicht alles verstanden, weil der Fahrstuhl gerade erst die Türen geöffnet hatte, aber mir war das irgendwie suspekt. Jetzt nicht, weil sie englisch gesprochen hat, sondern der Grundtenor hatte etwas Angriffslustiges, Bedrohliches, ich weiß auch nicht. Nur so ein Gefühl. Also, was ist? Hier stimmt doch was nicht. Und jetzt rede dich bitte nicht schon wieder raus, Marc!

...verriet Gretchen ihr siebter Sinn. Doch die Ausmaße dessen, was ihr Partner ihr gleich mitteilen würde, nachdem er ihren Verdacht mit einem mitgenommenen Kopfschütteln verneint hatte, ahnte sie nicht. Und während Dr. Meier noch einen Moment zögerte und schließlich eine ungewohnt ernste Chirurgenmiene aufsetzte, um seiner argwöhnischen Freundin mit sanfter Stimme behutsam das beizubringen, was ihn die ganze Zeit schon beschäftigt hatte, seitdem er vorhin das Stiersche Schmierentheater links liegen gelassen hatte und stattdessen schnurstracks in die Notaufnahme geeilt war, tapste zur selben Zeit ein dreifacher Familienvater unruhig vor dem OP-Trakt im Erdgeschoss auf und ab.

Dr. Stier haderte schwer mit sich. Immer wieder drehte er sich um und suchte fahrig den Flur ab, wo emsige Mitarbeiter in ihren grünen OP-Kasacks hin und her wuselten, die den Neurochirurgen außer Dienst aber nicht sonderlich beachteten, während sie ihre Patienten in die Behandlungsräume schoben oder aus dem OP holten. Er war jeder Zeit auf der Hut und bereit zu gehen und er hätte auch am liebsten sofort die Beine in die Hand genommen, wenn er gekonnt hätte. Er musste sich entscheiden und er hatte sich entschieden, doch hineinzugehen. Er hatte keine andere Wahl. Er würde nicht drumherumkommen, egal, wie er es drehte und wendete. Er musste es Maria sagen, bevor sie es anderweitig mitbekam und der große Krater, den der Geist aus der Vergangenheit mit seinen blutrot manikürten Fingernägeln aufgerissen hatte, noch größer wurde und sie alle verschlingen würde. Alles andere wäre nur feige gewesen. Und er war nicht feige. Im Gegenteil. Er würde sich von dem, was gerade passiert war, nicht einschüchtern lassen. Nicht von ihr. Von niemandem. Niemals. Maria und die Kinder waren ihm schließlich das Wichtigste auf der Welt. Sie hatten absoluten Vorrang, sprach er sich in Gedanken erneut Mut zu und öffnete die Eingangsschleuse. Und im Vorraum von OP 1 traf er dann tatsächlich direkt auf die gesuchte Person, die sich gerade an einem der Waschbecken für den nächsten Eingriff steril machte und ihn nun verwundert via Spiegel anschaute, denn mit ihm und seiner Begleiterin hatte sie hier an diesem Ort überhaupt nicht gerechnet.

Maria (starrt irritiert auf das schlafende Baby in seinen Armen u. reagiert dementsprechend fassungslos): Was willst du denn hier? Kinder haben im OP nichts zu suchen, Cedric. Das weißt du doch. Bist du völlig bescheuert, sie mit hierher zu bringen? Du widersetzt dich damit jedweder Vorschrift, aber das machst du ja sowieso ständig. Was wundert mich das also?
Cedric (legt schützend seine Hände um das kleine Köpfchen an seiner Brust): Hast du einen Moment?
Maria (dreht sich mit hoch gehobenen nassen Händen zu ihm um u. sieht ihn an, als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun): Nein, natürlich nicht. Oder was denkst du, weswegen ich hier bin? Weil ich mir gerne stundenlang die Hände schrubbe, bis die Epidermis komplett abgerubbelt ist? Ich hab keine Zeit. Ich muss gleich da rein. Ich warte nur noch auf den Meier, der wie immer eine Extraeinladung braucht. Ich hab es so satt. Für wen hält der sich eigentlich?
Cedric (tritt vorsichtig einen Schritt auf sie zu u. zwinkert unmissverständlich den OP-Schwestern zu, die neugierig durch das Bullauge an der Schiebetür zu ihm u. dem Baby schauen u. kichernd miteinander tuscheln): Es ist aber wichtig.
Maria (folgt seinem Blick u. ihr grimmiger Oberärztinnenblick bewirkt, dass sich die Tratschbasen schnell in den OP zurückziehen): Glaub mir, das hier ist bedeutend wichtiger.
Cedric: Nach deinen Maßstäben solltest du mir vielleicht doch eine Minute zuhören. Es könnte deine Sicht auf jeden Fall verändern.
Maria (funkelt ihn an u. verschränkt die Arme vor ihrem Körper u. ärgert sich im Nachhinein, weil sie sich durch diese unbewusste Bewegung jetzt noch mal neu steril machen muss): Herrgott noch mal, Rick, wir haben vorhin schon genug Zeit mit Quatschen verplempert. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Du behauptest doch ständig und überall, dass du der King im Improvisieren bist, dann tue doch einfach mal das, was dir liegt und behellige mich nicht damit. Ich muss mich konzentrieren.
Cedric (versucht vergeblich, sich Gehör zu verschaffen): Aber...?
Maria (schiebt ihn entschieden zurück zum Ausgang u. drückt mit dem Fuß auf die Taste, die die Schleusentür öffnet): Kein Aber! Hast du die anstehenden Untersuchungen mit Wischnewski besprochen? Gut, ich gehe davon aus. Und tschüss!
Cedric (bewegt sich sehr zum Ärger von Maria nicht vom Fleck, sodass sich die Metalltür von alleine wieder hinter ihm schließt): Ja, schon, das hat noch Zeit, aber...

GRRR!!! Dieser Kerl macht mich rasend. Er gibt doch ständig und überall damit an, wie lässig er die Leute um den Finger wickeln kann. Dann kann es doch nicht so schwer sein, drei kleine Mädchen zu bändigen. Wobei mir ja eher der Sinn danach ist, dass sie ihn ordentlich in die Mangel nehmen. Er hat es nicht anders verdient, so wie er sich heute aufführt.

Maria (lässt ihn gar nicht erst ausreden u. schaut dabei auf ihre schlafende Tochter, die im Gegensatz zu ihren Eltern die Ruhe weghat): Müsstest du nicht schon längst mit den Kindern wieder zu Hause sein? Was machst du also noch hier? Und wo ist der Rest der Bande überhaupt? Wobei ich froh sein kann, dass du mit ihnen nicht gleich eine ganze Touristenführung durch den OP-Trakt durchgeführt hast. Dir und Motte würde ich das zutrauen.
Cedric (muss dann doch kurz schmunzeln, weil sie trotz anstrengendem OP-Plan offenbar immer noch zu Scherzen aufgelegt ist, was seine Stimmung deutlich hebt): Wir haben tatsächlich kurz darüber nachgedacht. Nein, natürlich nicht. Gretchen und Schwester Sabine passen auf sie auf. Ich hab gerade durch die Fenster des Glasdurchgangs gesehen, wie sie mit dem Zwillingskinderwagen in Richtung Park unterwegs waren. Sarah ist fast geplatzt vor Stolz, weil sie ihn schieben durfte, obwohl sie kaum über den Griff gucken konnte. Hör mal, ich muss wirklich...
Maria (lässt ihn gar nicht erst ausreden, obwohl die Bilder, die gerade vor ihrem inneren Auge auftauchen, sie durchaus amüsieren u. beruhigen, was ihr kurz vor der OP gut tut): Du musst gar nichts. Das müssen wie immer andere. Das spielt dir wieder wunderbar in die Karten, hm? Nur nicht zu viel Aufwand, was? Einmal schöne Augen gemacht und schon nimmt man dir alles ab. Das passt zu dir. Aber so funktioniert das nicht, Cedric. Haase ist schon genug ausgelastet. Mit dem Meier sowieso und mit ihren Mini-Mes und jetzt ist auch noch... Lass mich einfach meinen Job machen und du erledigst deinen. Das war der Deal. Nachverhandeln ist nicht, mein Lieber. Das heißt, die Kids, allen voran unsere Schlummerfee hier, möglichst weit weg vom EKH parken und bespaßen, bis sie müde in ihre Bettchen fallen. Das ist der Leitfaden für die nächsten achtzehn Jahre. Das sollte doch endlich mal da oben bei dir angekommen sein.
Cedric (fährt sich mit seiner freien Hand aufgewühlt über seinen stoppeligen Siebentagebart): Das ist der Plan. Ich bring sie auf jeden Fall hier noch weg, bevor...

Sie darf Sissi nicht in ihre Finger kriegen. Mist! Ich hätte Gretchen vorwarnen sollen. Was ist, wenn sie ihr direkt in die Arme laufen? Nee, eher unwahrscheinlich. Der Park ist ja hinten raus. Gut verdeckt von der Großbaustelle. Aber sicher ist sicher.

Maria (bleibt skeptisch, was seine Babysitterqualitäten betrifft u. verhehlt das vor ihm nicht, während sie ihn stehen lässt u. die Waschbecken ansteuert, um ihre Hände erneut zu desinfizieren): Bevor was? Bevor sie mitkriegen, dass du doch nicht der Superdaddy bist, für den du dich vor deinen Fans ausgibst, hm? Ein bisschen mehr Bescheidenheit stände dir gut zu Gesicht, mein Lieber. Als Eltern losen wir sowieso ständig ab. Das steht so in der Gebrauchsanweisung. Gewöhn dich daran!
Cedric (lässt jede Kritik an sich abprallen, weil es Wichtigeres zu besprechen gibt): Trotzdem, es geht kein Weg daran vorbei. Ich hab schon ein Schlupfloch gesucht, aber es gibt keins. Wir kommen da nicht mehr raus. Wir haben wirklich ein Problem.
Maria (horcht dann doch verwundert auf, als sie mit dem Händewaschen fertig ist u. kurz zur OP-Tür linst, von wo aus man ihr gerade durch das kleine Fenster ein Zeichen gegeben hat): Ich weiß.
Cedric (seine Augen weiten sich ungläubig): Du weißt es? Und da bleibst du so ruhig?
Maria (dreht sich wieder zu ihm herum u. zuckt mit den Schultern, während sie ein betroffenes Gesicht macht): Was bleibt mir auch anderes übrig. Irgendwer muss doch einen kühlen Kopf bewahren.
Cedric (ist ehrlich gesagt sprachlos): Wow! Du überraschst mich immer wieder, Mary. Das ist echt groß. Und was machen wir jetzt?
Maria (ist ehrlich erstaunt darüber, dass er sich so ungewohnt niedergeschlagen gibt): Na, was wohl? Was denkst du, wieso ich hier als blauer Schlumpf verkleidet stehe, hm? Halloween ist schließlich erst in zweieinhalb Wochen. Apropos, wo wir gerade beim Thema sind, vergiss nicht, dass du für die Kostüme der Mädchen zuständig bist. Steht auf deinem Hausaufgabenzettel ganz weit oben. Mich überrascht eher, dass dich das so sehr mitnimmt.
Cedric (stöhnt leidend auf): Na, ich hab ja wohl auch allen Grund dazu. Das ist eine Katastrophe. Ich hätte nicht mal in meinen schlimmsten Albträumen mehr damit gerechnet. Wieso jetzt?
Maria (kommt beschwichtigend einen Schritt näher, während ihr Blick fest auf ihrem schlafenden Kind ruht): Nun lass mal die Kirche im Dorf, Rick! Es ist beschissen, ja, aber wir haben hier schon einiges anderes ausgestanden. Epidemien, Polizeieinsätze, Meier als Interimschef. Oh Gott, wenn ich daran zurückdenke, dann müssen wir wirklich handeln.
Cedric (fühlt sich immer noch unwohl bei der ganzen Geschichte, aber Marias stoische Ruhe baut ihn wieder ein wenig auf): Ich hätte nicht gedacht, dass du das so leicht hinnimmst. Ich könnte das nicht. Mir geht ehrlich die Düse.
Maria (wundert sich dann doch über seinen ungewohnten Gefühlsausbruch): Ich wusste nicht, dass ihr euch so nah steht.
Cedric (blickt sie irritiert an, weil er kurz von seinem Kind abgelenkt ist, das seine Händchen müde aus der Tragehilfe in die Höhe gestreckt u. dabei seinen Hals gestreift hat): Äh... wie bitte? Das ist ja wohl offensichtlich.

Hab ich was verpasst? Er wirkt ja völlig fertig. So hab ich ihn noch nie erlebt.

Maria (würde ihm gerne über den Arm streichen, um ihn zu beruhigen u. auch ihr Kind hätte sie gerne geknuddelt, um sich ein bisschen Trost abzuholen, aber sie darf nicht, solange sie für den OP keimfrei bleiben will): Baby, ich habe den Eindruck, dass du heute ein bisschen überfordert von allem wirkst. Wenn ich dich vorhin zu hart angegangen haben sollte, dann tut es mir leid. Ich wollte dich nicht bloßstellen. Aber dieses Krankenhaus ist das reinste Irrenhaus. Da gehen die Pferde schnell mit einem durch. Gerade an Tagen wie diesen, die wirklich nur komplett für die Tonne sind. Ich hab’s nicht so gemeint, also, gemeint schon, aber du verstehst schon. Schnapp dir die Kinder und geh nach Hause! Du kannst hier für den Moment sowieso nichts ausrichten.
Cedric (fühlt sich nicht wohl dabei, sie mit der ganzen Scheiße alleine zu lassen): Bist du sicher? Also willst du es dabei belassen? Die Taktik fahre ich auch, aber ich glaube nicht, dass das unser Problem lösen wird. Es wird sich nicht in Luft auflösen, wenn wir es ignorieren. Im Gegenteil. Da kommt noch mehr. Da bin ich mir sicher. Sie... Hey, ich könnte mit dem Professor sprechen? Wenn er erst erfährt, was...
Maria (stoppt ihn in seinem plötzlichen Übereifer): Das könnte schwierig werden, Rick.
Cedric (sieht sie verwirrt an): Wieso? Ich weiß, dass man mit ihm reden kann. Er wird verstehen, dass das nicht geht.
Maria (kommt ihm so nahe, wie sie es gerade noch so verantworten kann, u. klärt ihn mit gefassten Worten auf): Kann man nicht. Weil er gerade da drin narkotisiert auf meinem Tisch liegt. Ich warte nur noch auf den Meier, der gerade mit Gretchen redet, die hoffentlich nicht gleich den nächsten hysterischen Anfall kriegt und uns dazwischenfunkt, und dann legen wir los. Es ist höchste Eile geboten. Ich erkläre dir nachher alles, wenn ich nach Hause komme. Mach dir keine Sorgen! Wir kriegen das hin. Ich bin schließlich die Beste für den Job.

Dr. Stier wirkte dermaßen vor den Kopf gestoßen, dass die Informationen, die Maria ihm gerade so schonend wie möglich mitgeteilt hatte, erst nach und nach bei ihm durchsickerte. Für einen kurzen Moment vergaß er sogar, wieso er überhaupt in den OP-Bereich gekommen war. Erst als er der Neurochirurgin zur Schleuse folgte und durch das winzige Fenster in den OP schaute und die Person auf dem OP-Tisch als diejenige identifizierte, die sie benannt hatte, wurde ihm bewusst, dass sie die ganze Zeit aneinander vorbeigeredet hatten. Er sah die Mutter seines Kindes an, das er instinktiv noch ein bisschen fester gegen sein aufgewühltes Herz drückte, und wollte etwas sagen, aber es kamen keine Worte aus seinem Mund. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Nichts wäre dem gerecht geworden. Doch Maria hatte ihn verstanden und nickte ihm mitfühlend zu. Auf ein Zeichen hin ließ sie sich von einer der OP-Schwestern den Mundschutz und die OP-Handschuhe reichen, nachdem sie ihr Baby, das in Cedrics Armen kurz müde die Äuglein geöffnet und sie angeschaut hatte, noch einmal sanft angelächelt hatte. Als Motivation für die anstehende OP. Dann ließ Dr. Hassmann ihren verdutzten Lebenspartner im Vorraum zurück. Diesem wurde sofort bewusst, als sich die schwere Schleusentür mit einem lauten Klacken hinter ihr wieder schloss, dass er Maria jetzt nicht mehr von Sandy und seiner bösen Vorahnung erzählen konnte, um sie nicht aus dem Konzept zu bringen. Und auch Gretchen Haase wünschte sich im selben Moment, Marc und sie hätten aneinander vorbeigeredet. Aber seine Worte waren klar und unmissverständlich gewesen. Doch die Tochter von Prof. Haase wollte sie nicht wahrhaben.

Marc: Gretchen, hast du mich verstanden? Dein Vater... er... hatte einen Unfall.

Lorelei Offline

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17.09.2019 14:16
#1654 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Gretchen schüttelte unablässig den Kopf und zupfte einen hartnäckigen unsichtbaren Fusel von ihrem geblümten Kleid, während sie im Sessel gegenüber Marcs eindringlichen Blicken betont auswich, die zunehmend beunruhigt auf sie gerichtet waren. Aber Franz’ Tochter wollte oder konnte nicht auf ihn hören. Genau mit dieser Reaktion hatte der sichtlich mit ihr mitleidende Oberarzt gerechnet und es machte ihn fertig, seine große Liebe dermaßen verzweifelt zu sehen. Aber was hätte er anders tun können? Außer ihr so behutsam wie nur möglich die schreckliche Wahrheit zu übermitteln, die auch ihn ziemlich kalt erwischt hatte. Doch sie kam überhaupt nicht bei der jungen Chirurgin an, die stur Marcs vorsichtige Annäherungsversuche abwehrte. Gretchen Haase wirkte völlig neben der Spur und schien mit ihren Gedanken, die sie konzentriert für sich zu sortieren versuchte, um sich zu vergewissern, ganz woanders zu sein. Dabei sprach sie mehr mit sich selbst als mit ihrem unmittelbaren Gegenüber, der ihre wild gestikulierenden Hände zu fassen versuchte, um sie zu beruhigen, damit sie ihm endlich in die Augen sah und verstand. Aber Dr. Meier bekam seine Freundin einfach nicht zu greifen, die, einer plötzlichen Eingebung folgend, unerwartet aufgesprungen war und nun ziellos in seinem Praxiszimmer auf und ab zu laufen begann, während sie aufgeregt ihre Sicht der Dinge vortrug, um Marcs Worten, die sie nicht glauben wollte und konnte, etwas entgegenzuhalten.

Gretchen: Nein, nein, das... das kann gar nicht sein. Du irrst dich. Du musst etwas missverstanden haben, Marc. Wir haben ihn doch gerade noch gesehen. Er hat die Zwillinge gedrückt, hat mir und Sabine einen schönen Tag gewünscht, sie gebeten, auf uns aufzupassen, und ist dann los zur Uni. Er hält doch dort heute Mittag die Eröffnungsvorlesung für den neuen Medizinstudentenjahrgang. Sie müsste eigentlich in diesen Minuten angefangen haben. Er war schon total hibbelig deswegen gewesen. Du weißt doch, wie sehr er sich immer freut, die neuen Gesichter zu begrüßen, die Hochmotivierten unter ihnen mit seinen Anekdoten aus seinem Chirurgenalltag zu schocken und ihnen dann, wenn diejenigen panisch aus dem Saal geflüchtet sind, die sich dann doch nicht mehr so sicher sind, ob Medizin das Richtige für sie ist, seine Sicht auf seine große Leidenschaft näherzubringen. Er liebt das. Das ist sein Element. Genauso wie wenn er an vorderster Front mit uns im OP stehen darf. Er wirkt dabei so voller Elan und Esprit, fühlt sich wieder so jung wie wir, als wir damals angefangen haben. Das ist richtig rührend. Es geht ihm gut. Das weiß ich. Ich bin seine Tochter. Ich spüre das.

Ach, Haasenzahn, meine kleine, süße, unschuldige Träumerin, manchmal wünsche ich mir für dich wirklich mehr Märchen im Leben, wo immer nur das Beste passiert, wie unsere beiden stimmgewaltigen Miniaturausgaben. Eine Welt, in der man immer noch an das Gute glauben kann, das dann auch immer höchstverlässlich eintrifft, wie es in den herabpurzelnden Sternschnuppen oder in Sabines Horoskopalmanach fürs nächste Jahrtausend vorherbestimmt ist. Aber, und das ist die bittere Wahrheit, life sucks manchmal ordentlich. Und die Packung emotional-katastrophal hätte ich dir echt gerne erspart. Und mir auch. Ich hab keine Zeit für diesen ganzen Scheiß, verdammt. Warum immer wir? Kann es nicht einmal auch mal endlich genug sein? Mann, ey, das ist echt scheiße ungerecht.

Marc hatte die zerstreute Professorentochter bei ihrem unkoordinierten Gang durch sein Büro argwöhnisch beobachtet und fuhr sich unbehaglich mit einer Hand über sein ermattetes Gesicht, dann gab er sich schließlich einen Ruck und sprang ebenfalls von seinem Platz auf. Er schob die beiden Sessel zur Seite und folgte seiner Freundin zum Fenster, vor dem sie gedankenverloren stehen geblieben war und auf den Mitarbeiterparkplatz hinunterschaute, wo sie angestrengt nach der in die Jahre gekommenen Familienkutsche ihres Vaters Ausschau hielt, welche sie jedoch zwischen den Reihen unterschiedlichster Automarken, die in ihren Augen alle gleich aussahen, nicht finden konnte, was ihr erleichtert das bestätigte, was sie die ganze Zeit über gedacht hatte. Er war nicht hier. Ergo war alles gut. Es ging ihm gut. Es musste ihm gut gehen. Alles andere wäre... Nein, nein, nein, besser nicht darüber nachdenken, das würde sie sonst nur noch mehr verrückt machen, schüttelte sie sich und klammerte sich mit beiden Händen verkrampft ans Fensterbrett.

Marc war dicht hinter der Tochter seines hoch geschätzten Mentors stehen geblieben und legte seine Arme um ihre Taille und zog sie sanft an sich. Gretchen versuchte noch schwach, sich aus seiner unmittelbaren Umarmung herauszuwinden, die ihr seltsamerweise untypisch unbehaglich vorgekommen war, ließ es sich dann aber doch gefallen, von ihm gehalten zu werden. Sie wusste nicht wieso, aber sie brauchte seinen Halt gerade jetzt in diesem Moment und griff instinktiv nach seinen beiden Händen und hielt sie vor ihrem Körper fest gedrückt. Marc positionierte sein Kinn auf ihrer rechten Schulter, wobei er unmerklich aufseufzte, weil er endlich ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte, und folgte ihrem Blick nach draußen. Dabei fiel nur ihm der dunkle Sportwagen auf, der in halsbrecherischer Art und Weise an der Klinikbaustelle vorbeigerauscht war und nun in zweiter Reihe sein Auto und das von Dr. Rössel zuparkte und aus dem sich gerade seine Mutter in divengleicher Eleganz herausschwang, was von den Bauarbeitern, die sie eben noch wegen ihre riskanten Fahrweise anklagen wollten, mit anerkennenden Pfiffen begleitet wurde.

Angesichts der Absurdität dieses Augenblicks konnte sich Marc ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen und schmiegte seinen Grinsemund und seine Nase gegen Gretchens grazilen Hals, schnupperte ihren süßen betörenden Duft und ignorierte für einen Moment ihre ansonsten angespannte Körperhaltung, während er weiter durch die Fensterscheibe lugte. Als hätte Elke Fisher den Blick ihres Sohnes bemerkt, schaute sie zu seinem Bürofenster hoch, während sie ihr lindgrünes Designerkostüm zurechtrückte und ihre teure Handtasche schulterte. Er nickte ihr zu und fühlte sich mit einem Mal seltsam erleichtert, jetzt da er wusste, dass er die Last nicht mehr würde alleine tragen müssen.

Marc: Tja, um bei deinen Worten zu bleiben, „schocken“ ist wirklich das Stichwort, wobei er sich das auf die Weise sicherlich nicht vorgestellt hat.

...sprudelten die Worte plötzlich unbedacht aus seinem Mund und er hätte sich dafür am liebsten ohrfeigen wollen, weil ihm die Verbalkeule zum blödesten Zeitpunkt herausgerutscht war. Er war so ein Idiot. Unsensibel bis zum Gehtnichtmehr. Ein Wunder, dass Gretchen noch nicht längst vor ihm davongelaufen war. Er hätte es nicht anders verdient gehabt. Aber die Einunddreißigjährige war nur unmerklich in seinen Armen zusammengezuckt. Als hätte ein Teil von ihr verstanden, was er ihr die ganze Zeit schon hatte sagen wollen und was der andere, der irrationalere Teil von ihr nicht hatte akzeptieren wollen. Und ganz leise und mit Bedacht, als sie sich dann doch langsam zu ihm umdrehte und seinen Blick schließlich ängstlich erwiderte, wobei sich immer mehr Tränen in ihren bildschönen Augen sammelten, die ihr in diesem Moment noch überhaupt nicht bewusst gewesen waren, sprach er weiter und hielt sie dabei fest, damit sie nicht weiter ins Bodenlose stürzte.

Marc: Hör mal, Haasenzahn, das war blöd ausgedrückt. Ich hab nicht nachgedacht, aber es gibt keinen anderen Weg, dir das schonender beizubringen. Ich versuche das schon die ganze Zeit mit eher mäßigem Erfolg und ehrlich gesagt ist das auch gar nicht meine Art. Du kennst mich. Ich urteile nach Faktenlage und folge nicht emotionalen Dingens hier ähm... Ich könnte dich anlügen, aber... ich kann das nicht. Ich muss wissen, dass du verstehst, was ich dir sage. Okay?
Gretchen (schließt für eine kurze Sekunde noch einmal die Augen, um sich zu wappnen, dann sieht sie ihn entschlossen an): Ich hör dir zu, Marc.
Marc (vergewissert sich noch einmal eindringlich bei seiner Freundin, die mit einem Mal seltsam gefasst auf ihn wirkt, bevor er dann vorsichtig die Fakten auf den Tisch packt): Sicher? Okay! Ähm... Du hattest mit allem, was du gesagt hast, recht. Franz war tatsächlich auf dem Weg zur HU. Er war schon fast da, er muss die Gebäude der medizinischen Fakultät schon gesehen haben, als er mit seinem Rad den toten Winkel eines abbiegenden LKWs gestreift hat. Ich weiß, das hört sich jetzt schlimm an, ist es auch, aber...
Gretchen (hält sich schockiert die Hand vor den Mund u. hört auf zu atmen, schaut kurz zu ihm hoch u. schnell wieder weg, weil sie das, was in seinen eindringlichen Augen geschrieben steht, nicht lesen will u. kann, sie verdrängt lieber, während ihr Puls zu rasen beginnt): Was? Nein, nein, du lügst! Er ist... Weißt du, was? Ich beweise dir das und rufe ihn gleich mal auf seinem Handy an. Und du weißt, dass er es hasst, während seiner Vorlesungen gestört zu werden. Den Anschiss, den hast du dir jetzt selber eingebrockt, mein Lieber. Wenn er dich jetzt rausschmeißt und wir bald mittellos auf der Straße stehen, ist das allein deine Schuld. ... Mist! Wo ist denn mein Handy? ... Noch in der Tasche im Kinderwagen und der ist... Na prima! Dann... dann gib mir schnell deins! Marc, bitte! Ich muss Papa anrufen.
Marc (schaut ihr unglücklich bei ihrer verzweifelten Suche zu u. greift dann nach ihren beiden wild umher tastenden Händen, damit sie ihn endlich wieder anschaut): Haasenzahn, hör mir zu! Verdammt, du musst mir zuhören!
Gretchen (versinkt hinter dem dichten Tränenschleier, der sich unbemerkt vor ihre Augen geschoben hat, u. leugnet weiter): Nein... nein! Ich will nicht. Lass mich, Marc! Wie... wie kannst du nur so gemein sein, nachdem wir gerade so unendlich glücklich gewesen sind? Soll das einer deiner üblichen Scherze sein? Was soll das? Bestellst mich hierher und erzählst dann so eine hanebüchene Geschichte. Ist das so ein irres Begrüßungsritual unter euch zurückgekehrten Chirurgen? Findest du das witzig? Ich finde das überhaupt nicht witzig. Du bist nicht witzig. Du warst noch nie witzig. Damals nicht und jetzt... Das... das ist geschmacklos. Damit hast du endgültig den Bogen überspannt, Marc. Selbst wenn du mich eine Petze nennst, was du in der Vergangenheit schon oft genug getan hast, ist es mir egal. Ich werde das Papa sagen und du wirst die Konsequenzen tragen müssen.

...wisperte die weinerliche Stimme, die sich immer mehr in die Gefühlslawine hineingesteigert hatte, die erbarmungslos auf sie niedergerollt war, um seine Worte nicht an sich heranzulassen. Sie prallte an der Wand ab, die Gretchen um sich herum aufgebaut hatte. Vor lauter Tränen, die unaufhörlich ihre Augen fluteten, konnte sie nichts mehr erkennen. Aber Marcs ernster Gesichtsausdruck, der konzentriert auf sie gerichtet war und der meilenweit entfernt von dem typischen Meierschen Spott und Humor war, der den ungehobelten Holzklotz seit Schulhofzeiten ausmachte, war ihr dennoch schmerzlich bewusst. Sie spürte seinen Blick, der sich wie ein Skalpell in ihr holprig pochendes Herz bohrte. Ihr Verstand hatte mittlerweile erfasst, was ihr Herz noch nicht im Stande war, zu akzeptieren. Sie versuchte, sich von Marc loszureißen, aber er hielt sie eisern fest. Solange, bis sie endlich fähig war, ihm wieder in die Augen zu blicken. Gretchen schluckte schwer, als sie seinen mitgenommenen Blick bemerkte. Das war so gar nicht der coole unnahbare Chirurg, der sämtliche Emotionen von seiner Station fernhielt, als wären sie ein toxisches Gift, gegen das es kein Heilmittel gab. Er litt wirklich. Um sie und um... Und plötzlich machte es „klick“. Sie hatte verstanden und jetzt gab es kein Halten mehr. Sämtliche Dämme brachen. Gretchens Knie knickten ein und Marc schaffte es gerade noch so, seine Freundin in den Bürosessel zu hieven, vor den er sich anschließend hinhockte.

Marc (mit sorgenvoller Stimme wendet er sich an sie): Haasenzahn? Bist du okay?
Gretchen (schließt die Augen, um den Schmerz, der sie in gewaltigen Wellen erfasst hat, nicht zu nah an sich heranzulassen): Es geht nicht um mich, Marc. Ich bin unwichtig. Wie schlimm ist es?
Marc (drückt ihre eiskalte zitternde Hand u. streift sanft mit der anderen Hand über ihre tränennasse Wange, während er sie einfach nur voller Mitgefühl u. Liebe ansieht): Gretchen?

So schlimm? Oh Gott! Nein, bitte nicht! Ihm darf nichts passiert sein. Ich brauch ihn doch. Wir brauchen ihn. Er ist doch unser Fels in stürmischer Brandung, wobei es auf dem Wannsee eher selten hohen Wellengang gibt. Wer soll denn Marlene und Marlon beschützen, Jochen in den Hintern treten, damit er endlich sein Studium anpackt, mich trösten, wenn Marc mal wieder gemein gewesen ist, ihn zu Höchstleistungen im OP antreiben und Mamas Elan bremsen und sie im Arm halten, als wären sie noch immer zwanzig? Wer, wenn nicht er? Nein, Gretchen! Denk nicht an so was! Er ist hier. Ich spüre das. Alles wird gut. Es wird alles gut werden. Das ist ein böser Albtraum und wir wachen gleich alle auf.

Gretchen (öffnet ihre Augen wieder u. sieht ihn unvermittelt an): Nein, fang nicht so an, Marc! Du musst mich nicht schonen. Ich... ich kann das aushalten. Ich will nur, dass du ehrlich zu mir bist. Das bist du mir schuldig.
Marc (sieht aufgewühlt in ihren verheulten Augen hin u. her u. seufzt lautstark auf): Und ich will, dass du dich zuerst beruhigst. Damit du mir aufmerksam zuhören kannst und nicht dem Schreckensszenario hinterherrennst, das sich gerade auf der Mattscheibe in deinem süßen Hirn abspielt. Ich kenn dich doch.
Gretchen (fährt unvermittelt aus der Haut, weil sie die Ungewissheit nicht mehr länger aushält): Marc, bitte! Er... er war mit dem Fahrrad unterwegs. Wir haben ihn noch gesehen und... Oh Gott, ich hätte ihn aufhalten können. Mama hat ihn immer gewarnt und ihn angebettelt, endlich damit aufzuhören und mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, wie es sich für eine Person seines Renommees und seiner Position gehört, aber er wollte nie auf uns hören. Er wollte nicht zum alten Eisen gehören. Er wollte nicht verkalken und verfetten, hat er immer gekontert und hat, nur um uns zu ärgern, immer extra die längere Strecke bis zum EKH genommen. Die, die ich nie geschafft habe.
Marc (nickt nachdenklich): Ja, das klingt nach ihm.
Gretchen (sieht ihn inständig an): Ich bin Chirurgin, Marc. Du musst dich meinetwegen nicht zurücknehmen. Ich... ich kann mir vorstellen, wie schlimm...
Marc (fällt ihr unvermittelt ins Wort u. fasst sich aufgewühlt an den Kopf): Kannst du nicht. Nicht einmal annähernd. Gordon hat uns Fotos vom Unfallort gezeigt. Wenn du das Fahrrad siehst, eingeklemmt und auf die Größe einer Büroklammer zusammengefaltet, dann... dann... scheiße ey, dann kann man kaum glauben, wie glimpflich er davongekommen ist. Versprich mir! Du guckst dir die verdammten Bilder auf keinen Fall an! Hast du mich verstanden?
Gretchen (kann ihm kaum zuhören, weil ein ganz eigener Film vor ihrem inneren Auge abläuft): Was bedeutet ‚glimpflich’, Marc? Ich bin nicht dumm. Wir haben in der Vergangenheit genug ähnliche Fälle gehabt, in Berlin passiert so was ständig, die Radwege sind eine Katastrophe, und die sind alles andere als gut ausgegangen.
Marc (spürt, wie ihm tonnenschwere Steine vom Herzen herunterkullern): Glimpflich bedeutet, dass er ne Armee von Schutzengeln auf dem klapprigen Gepäckträger dabeihatte, aber das liegt vermutlich bei euch in der Familie. Die sind immer zur Stelle, egal, was und wie skurril oder bedrohlich es ist. Und man kann von Glück sprechen, dass sie ihn direkt vor dem Campus der Mediziner wieder runtergelassen haben, wenn auch auf sehr schmerzhafte Art und Weise. Dort konnte man ihm sofort Erste Hilfe leisten.

Oh Gott! Ich mag mir das gar nicht vorstellen. Papa! Mein Papa! Wie geht es ihm? Was ist mit ihm? Ich halte das nicht mehr aus. Rede mit mir, Marc! Bitte! Ich muss wissen, was los ist.

Gretchen (ein Funken Hoffnung glimmt auf): Wirklich? Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Marc! Wo ist er? Wie geht’s ihm? Kann ich zu ihm? Ich muss ihn sehen. Bitte!
Marc (hält sie fest, als sie unvermittelt vom Sessel hochspringen u. aus dem Büro stürmen will): Er ist schon in der Vorbereitung. Wir wollten nicht unnötig Zeit verstreichen lassen. Hassmann wartet bereits im OP auf mich. Eigentlich müsste ich schon längst dort sein. Aber ich wollte erst mit dir reden.
Gretchen (schaut ihn mit großen tränenunterlaufenen Augen an, als sie ihm ängstlich ins Wort fällt): Er muss operiert werden?
Marc (nickt ihr mitgenommen zu): Jep! Er hatte mehr Glück als Verstand, wobei Verstand haben in dem Moment durchaus auch andere gezeigt. Oder nenn es Instinkt! Keine Ahnung. Ich glaube ja nicht an diesen ganzen überirdischen Kram. Schicksal und Konsorten. Aber heute könnte der Tag gekommen sein, an dem ich anfangen würde, nicht mehr vehement daran zu zweifeln. Zwei hinter ihm radelnde Radfahrer haben jedenfalls geistesgegenwärtig reagiert, als sie den blinkenden Brummi neben sich gesehen haben, der an dem Fußgängerübergang nicht mal abgebremst hat. Der hat einfach rübergezogen, als wäre er der King of the road. Dabei ist es dort doch offensichtlich, dass es auf dem Campus vor Fahrradjunkies nur so wimmelt. Nachdem wildes Winken und Klingeln nicht funktioniert hat, haben die Zwei Franz intuitiv ins Sandwich genommen und zu Boden gerissen, bevor er überhaupt registriert hat, was da Gewaltiges auf ihn zukommt. Er war bis vorhin nicht ansprechbar. Der Schock, verständlich. Die drei Räder waren platt, aber die Drei sind halbwegs glimpflich davongekommen. Die Jungs liegen bei Dad in der Charité. Ich hab schon mit ihm telefoniert. Der Typ, der unter Franz gelandet ist und übrigens genau zu derselben Veranstaltung wollte wie dein Vater, hat sich das Schlüsselbein, den linken Arm und das rechte Bein gebrochen. Hüftluxation ist auch noch im Angebot sowie ne schwere Gehirnerschütterung hat er ebenfalls davongetragen. Er hat sich erst in den OP schieben lassen wollen, nachdem Dad ihm versichert hat, dass es dem Professor gut geht. Der andere, ein Physikstudent, der wohl in Lichtgeschwindigkeit die Flugkräfte berechnet hat und den Deckel zugemacht hat, ist bis auf drei gebrochene Finger nahezu unverletzt, steht aber unter Schock. Ich glaube, der hat noch nicht wirklich gerafft, was für eine Meisterleistung ihnen da zusammen gelungen ist. Alles im Bruchteil von ein paar Sekunden. Es ist irre, aber ich bin echt froh.
Gretchen (fängt an zu zittern, sodass Marc sie zu sich rüber zieht, um sie zu halten): Und Papa?
Marc (reagiert emotionaler als gewollt, aber fängt sich schnell wieder): Dein Dad ist echt ein zäher Hund, was mir wirklich Hoffnung macht. Für dich und seine Enkelchen. Ein paar Prellungen und Hämatome überall dort, wo Haut auf Berliner Beton und harten Asphalt getroffen ist, aber als vorbildlicher Helmträger, das kann Bärbel ihm also nicht übel nehmen, ist ihm nichts weiter passiert. MRT war o.B. Wir haben ihn von oben bis unten durchgecheckt. Er hat sich nur ziemlich verheddert in dem Knäuel aus Extremitäten und Fahrradspeichen. Durch den Kiez radeln ist also vorerst nicht mehr drin. Der rechte Fuß ist angeknackst, die Sehnen sind überdimensional gedehnt, aber noch im Rahmen, ein Band im Knie könnte in Mitleidenschaft gezogen worden sein, die Achse ist leicht verzogen, äh... die Hüfte, aber darum kümmern wir uns später. Wichtiger ist erst einmal...
Gretchen (hält sich bang die Hand vor den Mund, während sie sich den Fakten u. dem Tränenmeer ergibt): Was?

Oh Gott! Er war nicht ansprechbar, hat er gesagt. Was ist, wenn... Nein, nein, nicht daran denken, Gretchen! Es ist alles gut. Er lebt. Mein Gott, er lebt. Und wir können zu ihm.

Marc (wirkt sehr nachdenklich u. mitgenommen): Sein rechter Arm oder genauer gesagt die rechte Hand. Die war eingeklemmt zwischen Bordstein und Erstretter. Hätte er mal den Lenker losgelassen. Das Gelenk ist ein Puzzlehaufen. Instabile dislozierte distale Radiusfraktur. Die Quetschungen gehen tief, bis in den Nerven- und Sehnenbereich. Sieht ziemlich übel aus. Bandnudelsalat vom Feinsten. Da müssen wir sofort ran, wenn wir ihre Funktionalität gewährleisten wollen.
Gretchen (der Schock lähmt sie regelrecht): Marc, Papa ist Chirurg. Er braucht seine Hände.
Marc (zwinkert ihr zu u. wischt ihr mit beiden Daumen die Tränen aus dem Gesicht): Eben drum. Deshalb steht das ja auch auf Platz eins unsere To-do-Liste. Aber es war mir wichtig, zuerst mit dir zu reden. Damit du verstehst und nicht...
Gretchen (spricht geschafft für ihn weiter): ...ausflippst?
Marc (grient sie mit einem schwachen Lächeln aufmunternd an): Das hast du nie schöner ausgedrückt, mein Schatz.
Gretchen (stupst ihn schniefend an u. lehnt sich noch einmal gegen seine starke Schulter): Ich habe verstanden.
Marc (guckt auf die Uhr, dann zur Tür u. hat es plötzlich sehr eilig): Gut, dann... ich sollte dann mal... Hassmann reißt mich sonst unbetäubt in Stücke, wenn ich nicht bald bei ihr im OP aufkreuze. Die und ihr peinliches Möchtegernchefinnengehabe. Dabei liegt der eigentliche Chef doch direkt vor uns. An seiner Position wird sich nichts ändern. Der würde ihr was husten, wenn er nicht schon im Narkosenirwanaland wäre.

Bitte, bitte, mach, dass alles gut ausgeht! Wir brauchen ihn doch. Leni, Marlon, Mama, Jochen, Marc und ich. Am liebsten würde ich ja selber ran, wenn ich nicht... Menno! Warum musste das auch passieren? Ausgerechnet jetzt. Wieso heute? Warum überhaupt? Es war doch alles gut. Ich will in unsere Blase zurück. Und Papa packen wir auch in Watte dort mit ein und schmeißen den Fahrradschlüssel weg, damit er nie wieder auf dumme Gedanken kommt.

Gretchen (will ihren Freund ziehen lassen, als sie jedoch plötzlich von einer Welle Emotionen erfasst wird, die sie heftig aufrüttelt): Du... du! Jage mir nie wieder so einen Schrecken ein, Marc! Das hättest du auch anders...
Marc (hält die Hände in Unschuldspose hoch, als er den bohrenden Zeigefinger auf seiner Brust bemerkt, u. erhebt sich schwerfällig von seinem Platz): Ich weiß.
Gretchen (springt ihm aufgewühlt hinterher, packt ihn unvermittelt am Kragen seines Kittels u. drängt ihn anklagend gegen die Tür): Du bist schuld!
Marc (weiß im ersten Moment nicht, wie ihm geschieht): Bitte? Ich wüsste nicht, dass ich am Steuer eines Zubringers gesessen hätte. Klar, als Kind ist man kurz versucht, sich das als mögliche Karrierelaufbahn vorzustellen, aber in einer unförmigen ungelenkigen Kiste stundenlang geradeaus zu fahren, ist dann doch gähnend langweilig im Vergleich zu einem spannenden komplizierten Eingriff im OP, wo ich übrigens war, als es ihn umgerissen hat. Ich habe also ein Alibi, Fräulein Kommissar.
Gretchen (drischt immer noch wie eine wild gewordene Furie auf seinen Oberkörper ein): Dreh mir nicht das Wort im Mund um, Marc! Du hast das heraufbeschworen. Du wolltest das.
Marc (sieht ihr verständnislos dabei zu, wie sie ihre Hände nach einem weiteren ungelenken Versuch, ihn zu boxen, kraftlos wieder sinken lässt): Bitte?
Gretchen (fängt wieder an zu schluchzen): Du wolltest um jeden Preis etwas zu tun kriegen. Dir war langweilig. Du warst frustriert, weil heute einer dieser Tage war, bis... Du wolltest eine OP. Und jetzt liegt Papa bei euch auf dem OP-Tisch. Dieser Preis ist eindeutig zu hoch, Marc.

Marc (hält sein Mädchen fest, deren Schläge immer schwächer werden u. nicht mehr treffen): Hey, ssshh! Haasenzahn! Du reagierst vollkommen irrational. Ich hab dich davor gewarnt. Das ist der Schock. Setz dich bitte wieder hin! Ich sage Schwester Sabine, dass sie dir etwas zur Beruhigung bringen soll. Irgendwas Pflanzliches aus Mehdis rosa Giftschrank.
Gretchen (ist schon wieder den Tränen nahe u. lässt sich erschöpft in seine Arme fallen): Das ist nicht der Schock, Marc. Ich... Ich weiß doch auch nicht. Tut mir leid. Das ist mir gerade alles zu viel. Eben waren wir noch im Paradies mit unseren Kleinen und jetzt... Wir hätten unsere Komfortzone nicht verlassen dürfen.
Marc (packt sie an den Schultern, damit sie ihn wieder ansieht): Das hätte den Unfall auch nicht verhindert. Solche Sachen passieren.
Gretchen (weint jetzt ungehemmt): Doch! Ich hätte ihn nicht aufgehalten und er wäre pünktlich losgefahren. Er wäre sicher an der Uni angekommen und nicht in diesen schrecklichen Verkehrsunfall geraten.
Marc (zieht sie in eine tröstende Umarmung u. drückt seine Lippen auf ihre Wange): Schatz, hey! Gib dir jetzt nicht die Schuld! Niemand hat Schuld. Das war ein Unfall. Ein schrecklicher Unfall. Der Fahrer wird zur Verantwortung gezogen werden und wir... Hassi und ich kriegen das hin, okay? Franz hat uns nicht ohne Grund eingestellt. Wir sind die Besten, aber psst! Ihr steckst du das nicht! Die kriegt sonst nen Höhenflug und so wie es gerade ausschaut, sollte sie besser Bodenhaftung bewahren, um nicht den Überblick auf ihrer Station zu verlieren. Gefahr von falschen Schlangen, du verstehst.
Gretchen (schnieft u. wischt sich die Tränen aus ihrem erhitzten Gesicht): Du gibst doch sonst nie Versprechen ab, Marc. Du findest das unprofessionell. Wir sollen Angehörigen nie etwas versprechen.
Marc (lächelt sie an u. lehnt seine Stirn gegen ihre): Lass das mal den Dr. Meier entscheiden! Ausnahmen mache ich nur in Ausnahmesituationen. Der Professor ist so eine. Er... Er würde es nicht anders handhaben.
Gretchen (erwidert schwach sein Lächeln): Das stimmt. Er ist unverbesserlich und stur...
Marc (tippt mit seinem Zeigefinger sanft an ihr Herz, um ihr Mut zu machen): ... und er packt das. Hey! Wer in seinem Alter noch Fahrrad fährt und das in bemerkenswerter Regelmäßigkeit, der...
Gretchen (knufft ihn leicht in den Arm u. lässt ihn schließlich los): Lass ihn das bloß nicht hören, sonst hast du auf ewig Skalpellverbot hier!
Marc (lächelt u. ist erleichtert, dass sie zu ihrer gewohnten Leichtigkeit zurückgefunden hat): Das will ich natürlich nicht riskieren. Ich wollte damit nur sagen, er ist fit. Er verfügt über eine außerordentlich gute Kondition und das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum er einigermaßen heil da wieder rausgekommen ist und das alles den Umständen entsprechend überwiegend zufriedenstellend weggesteckt hat. Naja, bis auf das Handgelenk, aber ich bin gut im Puzzeln. Frag die Nervkröten! Die können dir das bestätigen.
Gretchen (nickt ihm zu u. versinkt langsam wieder in ihren Gedanken): Ja!

Marc (legt seine Hand sanft an ihre tränenfeuchte Wange u. drückt ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen): Du, ich muss jetzt wirklich runter in den OP, aber du... Du bleibst erst mal schön hier in meinem Büro und kommst erst mal runter. Hm?
Gretchen (will ihm widersprechen u. würde ihn am liebsten begleiten): Ich will aber...
Marc (schüttelt entschieden den Kopf u. deutet demonstrativ zur Sitzecke): Keine Widerrede! Du kannst später zu ihm. Du musst deinen Pulslevel runterfahren, bevor du wieder zu den Zwergen gehst. Sie haben deine Sensibilität vererbt bekommen. Die merken sonst gleich, dass was nicht stimmt und dann ist Polen offen. Und du heulst doch sowieso schon für drei.
Gretchen (fasst sich aufgewühlt an den Hals): Oh nein, ich hab die Kinder vergessen. Ich muss Sabine ablösen. Die Oberschwester war schon sauer, weil wir sie so sehr in Beschlag genommen haben.
Marc (hält die Türklinke bereits in der Hand, als er sich noch einmal zu der Schönheit umwendet): Nope! Meine Mutter ist da. Sie ist gerade angekommen. Soll sie doch erst mal ihren Omafaktor ausspielen, solange wir nicht wissen, was Sache ist. Vielleicht fährt sie euch auch besser gleich nach Hause. Hm? Das kann nämlich eine Weile dauern.
Gretchen (fasst sich erleichtert an ihr Herz u. begleitet ihn zur Tür, die er bereits geöffnet hat): Danke, Marc!
Marc (schüttelt den Kopf u. tritt aus dem Zimmer auf den Flur, wo ihm plötzlich ein kleiner Tumult zu Ohren kommt): Dank mir nicht jetzt! Dank mir lieber, wenn wir... Was zum...? Oh fuck! Butterböhnchen im Anmarsch. Die hatte ich ja gar nicht mehr auf dem Schirm. Ich hab sie angerufen und... Scheiße! Wenn die weiter so herumzetert, weiß bald ganz Berlin Bescheid, dass der Professor für unbestimmte Zeit unpässlich sein wird.

„Wo ist er? Wo ist mein Mann? ... Kommen Sie mir nicht so, Oberschwester! Ich habe allen Grund der Welt, mich hier aufzuspielen. Mein Mann zahlt Ihren Gehaltsscheck, falls Sie es vergessen haben, meine Liebe. Ich will jetzt SOFORT wissen, was mit ihm los ist! Was ist mit meinem Mann? Mein Schwiegersohn wollte am Telefon nichts Näheres sagen, aber es klang alarmierend genug, um... Ah! Da ist er ja! Dr. Meier? Margarethe? Kinder, da seid ihr ja endlich! Offenbar scheint hier niemand zu wissen, was mit deinem Vater ist“, tönte das unheilvolle Echo der krächzenden Frauenstimme immer lauter vom Stationszimmer über den gesamten Flur der chirurgischen Station. Marc verdrehte die Augen, als er Bärbel Haase mit einem verschnupften Jochen, dessen ebenso kränklich wirkenden Freundin und Klein-Celinchen im Schlepptau plötzlich auf sich zukommen sah, was von Gretchen nicht unbeobachtet blieb, die den irritierten Oberarzt anstupste und vorausschauend in die andere Richtung lenkte, von wo aus man auch schnell in den OP-Bereich finden konnte. Marc nickte ihr erleichtert zu, drehte sich um und flitzte in Windeseile über den Flur der Gynäkologie zum nächsten Treppenhaus davon.

Gretchen: Geh nur! Ich kümmere mich sie und erkläre ihnen alles. Toi, toi, toi, Marc! Ich weiß, ihr kriegt das hin.

Lorelei Offline

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06.10.2019 12:55
#1655 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Ich habe es immer gesagt. Hab ich es nicht gesagt, Margarethe? Aber er wollte ja nicht auf mich hören, dieser Kindskopf. Irgendwann musste so etwas ja mal passieren. Mein armer, armer Brummbär!“ Die sorgenschwangere Stimme von Bärbel Haase schwang unheilvoll von der kleinen Sitzecke, wo Jochen, Chantal und Celine mittlerweile Platz genommen hatten, zu Gretchen herüber, die gerade einen Anruf entgegengenommen hatte und sich deshalb ein paar Meter von ihrer Familie entfernt hatte, die bis eben wild durcheinander auf sie eingeredet hatte, bis sie sie halbwegs hatte beruhigen können. Von ihrem Fensterplatz hinter Marcs Schreibtisch aus schaute sie mit dem Handy am Ohr auf die angrenzende Klinikbaustelle herab, den neuen Anbau am Ostflügel, der mit seiner Backstein anmutenden Fassade und dem vielen Glas immer konkretere Formen annahm und vom gerade einsetzenden Sonnenuntergang eindrucksvoll zur Geltung gebracht wurde. Die hochmoderne chirurgische Abteilung, die seit einigen Monaten über mehrere Etagen entstand, war einer der großen Träume, den ihr Vater als Höhepunkt seiner bemerkenswerten Karrierelaufbahn hier am Klinikum noch hatte verwirklichen wollen. Die junge Professorentochter schüttelte aufgewühlt den Kopf, als sie daran dachte, mit wie viel Freude und Begeisterung er ihr immer davon berichtet hatte, vor allem als die Planung nach so vielen Jahren nervenaufreibendem Hin und Her mit dem Berliner Senat endlich konkret geworden war.

Nein, damit fängst du gar nicht erst an, Gretchen! Sprich nicht in der Vergangenheit! Er ist immer noch hier. Die Säule, das Fundament, das Dach, nein, das Herz dieser Klinik. Das wird er immer bleiben. Egal, wie das alles hier ausgehen wird. Immer positiv bleiben! Marc und Maria kriegen das hin. Ganz bestimmt!

In den Vergangenheitsmodus zu verfallen, war genauso unangebracht wie die anhaltende Vorwurfschleife ihrer Mutter, die gerade wie ein aufgescheuchtes Huhn Spurrillen in das Laminat von Marcs Büro trampelte, was zwar angesichts der aktuellen Situation durchaus nachvollziehbar war, aber nicht nur ihr ziemlich auf den Keks ging. Denn sie versuchte gerade, der vertrauten Stimme am anderen Ende der Mobilfunkleitung zu folgen, die freundlich auf sie einredete und sie schließlich erfolgreich auf andere Gedanken brachte. Wie machte er das bloß? Er schaffte es immer wieder. Das war seine Superkraft. Selbst wenn sie gerade Hunderte Kilometer voneinander trennten. Die Stimmen im Hintergrund nahm Gretchen daher nur noch halbherzig wahr.

Jochen (merklich genervt): Mama, jetzt setze dich doch endlich hin! Mir ist schon ganz schwindelig von deinem Herumgerenne.
Bärbel (läuft weiter aufgewühlt von einer Ecke zur anderen): Ach, Junge, ich mach mir doch nur Sorgen um deinen Vater.
Chantal (fängt Bärbel ab, als sie gerade die nächste Runde starten will): Das wissen wir doch, Bärbel. Uns geht es doch genauso. Aber Schuldzuweisungen bringen uns jetzt auch nicht weiter. Die bringen niemandem etwas. Doktor M kriegt das schon wieder gerade gebogen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der ist doch eine echt coole Socke und die Hassmann hat es auch verdammt drauf. Darauf sollten wir vertrauen. Ha...aaatschiii! Darauf geniest und besiegelt.
Bärbel (quetscht sich seufzend zwischen das junge Paar auf das schmale Designersofa u. reicht Jochens Freundin, die ihre kleine Tochter gerade liebevoll in den Schlaf wiegt, ein Taschentuch, bevor sie ihr u. anschließend auch Jochen u. Celine mütterlich besorgt an die Stirn fasst): Ja, das sollten wir. Gesundheit, mein Kind! Ihr wisst, dass ihr eigentlich ins Bett gehört, oder?
Jochen (rollt genervt mit den Augen, während er müde seinen dröhnenden Schädel an die unbequeme Sofalehne schmiegt, weil er seine überfürsorgliche Mutter schon den ganzen Tag an der Backe hat, worum er sie nicht gebeten hat u. woran sich vermutlich auch in näherer Zukunft nichts ändern wird): Ja, Mama, aber zuhause würde uns nur die Decke auf den Kopf fallen.
Bärbel (springt wie aufs Stichwort wieder hektisch auf u. schüttelt eine Sofadecke auf, die sie anschließend über ihre drei Schützlinge legt, damit sie nicht frieren): Wohl wahr. Wenn uns doch nur endlich jemand Bescheid geben könnte, wie die Operation denn so läuft. Das Warten macht mich noch wahnsinnig.
Jochen (obwohl er merklich erschöpft ist, kann er seine freche Klappe nicht halten): Auch nicht mehr als sonst.
Chantal (knufft ihn empört in die Seite, schmunzelt aber ebenso wie er): Jojo, echt, ey! Musste das jetzt wirklich sein?
Jochen (grient seine Freundin aus glasigen Augen an, bis er hinter sich bemerkt, was seine Mutter jetzt schon wieder vorhat): Ja, schon, irgendwie fühle ich mich jetzt schon wesentlich besser. Zum Bäume ausreißen reicht’s noch nicht, aber... Äh... Mama, was machst du da?

Gretchen (senkt für einen kurzen Moment ihr Telefon u. schaut ebenso irritiert wie ihr kleiner Bruder zu ihrer Mutter rüber, die doch gerade tatsächlich damit beginnt, unkoordiniert Marcs Büro aufzuräumen): Die OP hat doch gerade erst angefangen, Mama. Sie ist kompliziert, ja, aber machbar. Vertraue den Ärzten und setz dich bitte wieder hin! Du musst das nicht tun. Marc mag es nämlich gar nicht, wenn man ungefragt seine Sachen umräumt. Er ist da sehr eigen. ... (schüttelt den Kopf u. konzentriert sich wieder auf ihr Telefonat) ... Tut mir leid, Mehdi. Ich war kurz abgelenkt. Mama dreht gerade durch und ich... ich weiß auch nicht, wo mir der Kopf steht. Das ist gerade alles zu viel. ... Danke! Das ist echt lieb von dir. Dass das so schnell die Runde macht, ist sicherlich auch nicht gerade in Papas Sinne. Aber die Kollegen sind alle ziemlich durch den Wind deswegen. ... Was sagst du? ... Nein, das ist doch Quatsch. Macht euch keine Sorgen! Das wäre irrsinnig, wenn ihr deswegen jetzt euren verdienten Urlaub abbrecht. Ihr braucht die Zeit für euch. ... Das ist lieb gemeint, aber... Wir wissen doch noch gar nichts Genaues, Mehdi. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm und er waltet morgen schon wieder seines Amtes. Du kennst ihn doch. Wenn er gezwungen ist, stillzusitzen und nichts zu tun hat, dann wird er schnell grantig und poltert die Station zusammen. Die Schwestern werden sich freuen. Gestandene Chirurgen als Patienten sind per se eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Und wie es mit der Klinik weitergeht, das ist doch unwichtig im Moment. Darum kümmern wir uns später, wenn Papa wieder okay ist. Du kannst das doch aus der Ferne auch nicht überblicken. Außerdem sind Marc, Maria und Dr. Rössel doch auch noch da und Marcs Vater hat uns auch jede Hilfe zugesichert. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass wir improvisieren müssen. Wir kommen zurecht. ... Es muss. Aber lieb, dass du dich gemeldet hast. Es ist echt schön, deine Stimme zu hören. Das beruhigt ungemein. ... Das mit der Schlaftablette, das hast du jetzt aber gesagt. ... (kann nicht anders, als zu lächeln) ... Ja, ich hab sie gehört. Danke! Ist angekommen. Gib Lilly und Lenny einen Kuss von mir und genießt die Zeit! Wir tauschen dann, wenn wir das durchgestanden haben. ... Ja, genau. Weil er im Grunde seines Herzens auch lieber mit eurem Hippi-Bulli durch die Pampa fahren würde, als mit seinem neusten Technikschätzchen stundenlang sinnlos in Berlin im Stau zu stehen. Wir melden uns, sobald die OP vorbei ist. ... Ja, mach ich. Momentan schlafen sie und ich bin echt froh, dass sie das alles noch nicht mitbekommen. ... Hm! Grüße auch an Gabi! Tschüß, Mehdi!

Nachdem sie wiederaufgelegt hatte, wanderte Gretchen noch mit ihrem Handy in der Hand, das sie gedankenverloren gegen ihre Lippen tippte, vor dem Fenster auf und ab, wo ihr gerade ein spektakulärer Ausblick geboten wurde, der den goldenen Oktober nicht malerischer hätte zeichnen können. Aber von dem dramatischen Abendrot am Himmel über Berlin bekam die aufgewühlte Chirurgentochter kaum etwas mit und auch nicht, dass sie beobachtet wurde. Nicht nur von ihrer eigenen Mutter, die ihre nervösen Fingerchen trotz der mehr als deutlichen Ansagen ihrer Kinder kaum bei sich behalten konnte und von ihrem Sesselplatz aus unbemerkt von den anderen am Wandregal entlang tastete, welches erkennbar eine zarte Staubschicht aufwies, was die passionierte Hausfrau und Mutter nicht auf sich sitzen lassen konnte und mit einem missbilligenden Kopfschütteln kommentierte, bevor sie, wie immer auf alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet, ein unbenutztes Putztuch aus ihrer altmodischen beigen Handtasche zauberte und direkt loslegte. Sondern auch von Marcs Mutter, die standesgemäß auf dem bequemen Chefsessel ihres erfolgreichen Sohnes Platz genommen hatte und eines seiner Zwillingsbabys sanft im Arm hin und her wiegte, während das andere Kind an der Brust seines Opas eingeschlafen war, der mit der ureigenen Meierschen Gelassenheit auf der anderen Seite des Schreibtisches in einem der Patientensessel lümmelte und aus jeder Pore Zuversicht ausstrahlte.

Prof. Dr. Dr. Olivier Meier war kurz nach seiner Ehefrau im Elisabethkrankenhaus eingetroffen und hatte sich zusammen mit ihr ihrer Enkelkinder angenommen, solange sich Marcs Freundin um ihre völlig aufgelöste Mutter gekümmert hatte. Auch wenn es nicht nötig gewesen war, waren sie alle geblieben. Sie hatten nicht mit den Zwillingen nach Hause fahren wollen, solange nicht sicher war, was denn nun wirklich Stand der Dinge war. Keiner der Anwesenden versuchte sich anmerken zu lassen, wie schwer ihm das Warten dennoch fiel. Es war eben doch eine andere Geschichte, wenn man selber direkt oder indirekt betroffen war. Und so machte eben jeder das Beste aus der angespannten Situation und Prof. Meier war wie immer die Ruhe in Person, was ansteckend wirkte. Zumindest auf Elke und ihre beiden Enkelchen, die von der allgemeinen Unruhe, die um sie herum herrschte, zum Glück nichts mitbekommen hatten. Dazu waren sie noch viel zu klein und zogen es lieber vor, dem Lummerland einen weiteren Abstecher abzustatten.

Olivier, der eine Weile nur still beobachtet hatte, konnte sich die allgemeine Anspannung schließlich nicht mehr länger mitansehen, welche sich in einem beharrlichen Schweigen äußerte, das sich wie eine tonnenschwere Last auf sämtliche Gemüter gelegt hatte. Es war furchtbar, wie jeder Einzelne auf seine Weise litt. Dem musste er ein Ende setzen. Das war quasi Teil seines hippokratischen Eides, den er vor über fünfunddreißig Jahren guten Gewissens abgelegt und ohne Ausnahme stets pflichtbewusst befolgt hatte. Also nickte er der sehr geschäftigen Frau seines besten Freundes augenzwinkernd zu, die daraufhin peinlich berührt ihr Putztuch wieder einsteckte, als hätte sie überhaupt nichts gemacht, sich verlegen lächelnd ihr blondes Haar hinter ihr Ohr klemmte und sich dann mit Hingabe wieder ihren Grippalinfekt geschwächten Schützlingen auf dem Sofa widmete, denen das nicht ganz so recht war wie der überfürsorglichen Übermutter der Nation, die sie in einer Tour betüddelte, als wären sie genauso alt wie Klein-Celinchen, die es als einzige überhaupt nicht störte, von ihr umsorgt zu werden, und tippte dann frech grinsend auf den freien Platz neben sich.

Gretchen guckte Marcs Vater daraufhin unwirsch von der Seite an, erwiderte aber schließlich sein aufmunterndes Lächeln und setzte sich zu ihm und Marlene in den freien Sessel vor dem Büroschreibtisch. Er reichte ihr die süße Maus in die Arme, weil er spürte, dass seine Schwiegertochter in spe schon wieder den Tränen sehr nahe war. Und die Kleine zu halten, beruhigte die junge Mutter tatsächlich für den Moment. Sie schmiegte Leni an ihre Wange, drückte und busselte den kleinen Engel und ließ sich von Olivier anschließend in den Arm nehmen, dem sie unendlich dankbar für seine Anteilnahme war. Sie war froh, das alles nicht alleine durchstehen zu müssen. Keiner im Raum sagte ein Wort und doch spürte man durch die Blicke und Gesten den Zusammenhalt. Nur gemeinsam war man stark und man wünschte Franz natürlich nur das Beste, dessen chirurgischer Eingriff jetzt bereits über eine Stunde andauerte.

Nur dessen Frau konnte immer noch nicht stillsitzen. Während sich Jochen und Chantal, die ihre von der Erkältung geschaffte Prinzessin im Arm hielt, der Länge nach unter die kuschelige Decke auf das schmale Designersofa lümmelten, war sie unvermittelt wieder aufgesprungen und drehte ihre gefühlt einhundertste Runde durch das Büro ihres hoffentlich zukünftigen Schwiegersohns. Begleitet von einem missbilligenden Seufzen von Frau Fisher, die sich das Elend in ockerfarbenem Leinen schließlich auch nicht mehr länger mitansehen konnte. Sie konnte diese schreckliche Person partout nicht ausstehen, nicht zuletzt weil die einstige Affäre mit dem Professor immer noch in fernen Weiten über der Beziehung aller zueinander schwebte, worüber man selbstverständlich nie wieder auch nur ein Wort verlieren würde, und weil sie sich seit Wochen in einer albernen Konkurrenzsituation um die Gunst ihrer süßen kleinen Enkelchen gegenüberstanden. Bärbel Haase war altbacken, spießig hoch zehn, alles andere als sexy und weltgewandt, also das komplette Gegenteil einer Frau mit Format so wie sie. Sie konnte sich bis heute nicht erklären, was ein Mann wie Franz an so einer verhuschten Person überhaupt gefunden hatte, dass er letztendlich sogar aus freien Stücken zu ihr zurückgekehrt war. Und dann ihre nervige Stimme und ihre ganze fahrige und einfältige Art, die kaum auszuhalten war, wenn man länger als nötig gezwungen war, mit ihr zusammen zu sein. Aber irgendwann musste auch mal Schluss sein mit dem ewigen Theater, das doch nun wirklich niemandem etwas brachte. Am allerwenigsten Prof. Dr. Franz Haase, der durch die Verbindung ihrer Kinder nun mal auch Teil ihres Lebens war, ob Elke es wollte oder nicht.

Deshalb sprang die selbsternannte Erfolgsautorin schließlich auch über ihren Schatten und stellte sich mit ihrem Enkelkind im Arm zu Franz’ Frau ans Fenster, die gerade abwesend auf die hereinbrechende Dunkelheit schaute, welche sich wie eine finstere Wand über die gold schimmernden Birkenwipfel zog und ihre leuchtend bunten Farben schließlich verschluckte. Der Herbst wurde immer spürbarer. Nicht nur weil Bärbels Schwiegertochter in spe gerade beherzt in ihr Taschentuch geschnieft hatte und sich nun mit sanfter Singstimme bei ihrem Kind dafür entschuldigte, weil es dadurch wieder wach geworden war und leise zu wimmern begonnen hatte. Sondern auch weil es immer zeitiger finster wurde. Ein unheilvolles Omen, das die Dunkelheit in ihrem Herzen nur noch mehr verschlimmerte. Sie fröstelte leicht und hielt die Arme um ihren zitternden Körper geschlungen. Damit es sich zumindest so anfühlte, als würde sie jemand halten. Aber niemand konnte ihr Halt geben. Denn die Person, die schon fast ihr ganzes Leben dafür zuständig war, lag gerade betäubt und schutzlos auf dem OP-Tisch und niemand konnte ihr sagen, wie das alles am Ende ausgehen würde. Sie fühlte sich hilflos und allein, obwohl sie das augenscheinlich gar nicht war. Denn sie hatte schließlich all ihre Lieben um sich und diese unmögliche Person, die sie nicht ausstehen konnte, deren allumfassende Anwesenheit sie aber wegen dem Glück ihrer Kinder duldete. Ja, sie war mutterseelenallein. Es fühlte sich zumindest so an. Denn ein Teil von ihr fehlte. Der wichtigste Teil, ohne den sie nicht leben konnte. Das wurde Bärbel Haase gerade zum wiederholten Male schmerzlich bewusst.

Aber da gab es dieses besondere Licht, das plötzlich direkt vor ihr auftauchte. Marcs Mutter hielt der verdutzten Bärbel nämlich ihren gemeinsamen Enkel vor die Nase, der sie mit so einem Leuchten in seinen hellwachen blauen Augen anschaute, die denen von Franz so unheimlich ähnlich waren, dass es ihr sofort wieder warm ums Herz wurde und die Sorgen nicht mehr ganz so schwer erschienen. Mit einem dankbaren Lächeln auf ihren schmalen Lippen nahm sie den Jungen von Elke entgegen, die ihr nur stumm zunickte und ihren unbemerkt wohlwollenden Blick schnell wieder senkte, und drückte das glucksende Wesen glücklich gegen ihre Brust, bevor sie mit ihm im Arm im Zimmer auf und ab wanderte und Marlon eine kleine Anekdote aus der Kindheit seiner Mutter und seines Onkels zu erzählen begann. Die Starautorin schien jedoch keine große Sache daraus machen zu wollen und wandte sich von den beiden schnell wieder ab, aber sie spürte die wohlmeinenden Blicke von Olivier und Gretchen, die sich in ihre Haut bohrten wie kleine erfrischende Hyaluronspritzen. Sie zuckte nur unmerklich mit den Schultern und setzte sich schnell wieder in ihren Sessel.

Um sich abzulenken, zog Elke das fünfhundert Seiten starke Manuskript aus ihrer italienischen Luxushandtasche, das sie vor wenigen Stunden zur Zwischenansicht in ihrem Verlag vorgestellt hatte. Mit eher mäßigem Erfolg wohlgemerkt, was sie sich auch im Nachhinein nicht wirklich erklären konnte und was noch immer mächtig an ihrem überdimensional gesteigerten Ego kratzte. Als ob ein fiktiver Roman im Tagebuchstil mit jeder Menge Flashbacks, Traumsequenzen und Zukunftsvisionen völlig aus der Zeit gefallen wäre? Pff, von wegen! Sie spürte sein Potential. Es war ihre Inspiration. Ihr Antrieb. Die ersten vierhundertdreiundneunzig Seiten hatten sich fast schon von ganz alleine geschrieben und sie hatte noch viel mehr Ideen im Kopf, die gleich für mehrere Bände reichen würden. Ob es daran gelegen hatte, dass sie unverhofft von der Muse geküsst worden war oder ob es die überwältigenden Glücksgefühle nach der Geburt ihrer ersten Enkelchen gewesen waren, die ihre Finger förmlich über die Tastatur hatten schweben lassen, sie spürte jedenfalls diese ganz besondere Leichtigkeit wieder, die sie schon während ihres Studiums angetrieben hatte, als sie sich allen Zweiflern zum Trotz aus vollster Überzeugung darauf eingelassen hatte, ihren Lebensunterhalt zukünftig mit dem Schreiben verdienen zu wollen. Zu einer Zeit, als die meisten, die sich dieser brotlosen Kunst hingegeben hatten, schon längst wieder aufgegeben hatten. Doch sie hatte es nie bereut. Ja, gut, in einer kurzen, sehr entscheidenden Phase ihres Lebens vielleicht schon, die Marc Olivier und sie geprägt hatte, aber diese dunkle Zeit der Verbitterung war längst passé. Seitdem ihr geliebter Mann, ihr corazón, wieder an ihrer Seite weilte und sie die allumfassende Kraft der Liebe wieder als solche spürte.

Und der Zuspruch ihrer Fanbase, die Elke mit wenigen vielversprechenden Zeilen auf ihren neu gegründeten Social-Media-Kanälen gefüttert hatte, gab ihr Recht. Diese kleine verrückte Krankenschwester zum Beispiel, die ihr seit Jahren treuherzig hinterherdackelte und den Vorsitz ihres Berliner Fanklubs sowie komischerweise auch die Patenschaft ihrer Enkelchen innehielt, wie sie vorhin zufällig von der hibbeligen Person erfahren hatte, als sie im Park den Kinderwagen mit den Zwillingen von ihr übernommen hatte, hatte sich vorhin gar nicht mehr eingekriegt vor Lobeshymnen. Sie war auf dem richtigen Weg. Sie war überzeugt. Allen Unkenrufen zum Trotz. Durch sie fühlte sie sich erst recht motiviert und herausgefordert, ihren nächsten großen Serienromanerfolg auf den Weg zu bringen. Und so begann die hochmotivierte Schriftstellerin auch ohne Umschweife, die Anmerkungen durchzugehen, die sie sich vorhin beiläufig im Büro ihrer Verlegerin notiert hatte, die nach dem Erfolg der hochemotionalen Krebsbiographie ihrer Topautorin und der ausverkauften Lesetour durch Norddeutschland gerne mit der ernsteren Schiene, die sie damit eingeschlagen hatte, weitermachen wollte, vielleicht auch im Zusammenspiel mit dem Wiederaufleben der eigentlich abgeschlossenen Dr.-Rogelt-Reihe, nur weniger trivial. Diese Ankündigung würde auf der bald beginnenden Leipziger Buchmesse einschlagen wie eine Bombe, hatte Renate theatralisch wie immer heraufbeschworen, Elke damit jedoch nicht überzeugt. Denn war eine chaotische junge Medizinstudentin, die ihren Platz in der Welt noch suchte, etwa trivial oder weniger ernsthaft? Nein, im Gegenteil. Sie war ihr jüngeres Ich, mit dem sie sich wieder jung und ernst genommen fühlte. Sie war jemand, mit dem sich ihre Leserinnen identifizieren konnten. Nicht so wie bei dem alternden Schürzenjäger Rogelt, der in der schnelllebigen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts völlig aus der Zeit gefallen wirkte und kaum noch anbetungswürdig war. Für sie gab es daher keinen Weg zurück und wenn sie dafür sogar ihren Verlag wechseln müsste. Diese Ankündigung hatte dann gewirkt.

Elke Fisher kam aber nicht weit mit ihrer Überarbeitung, denn kaum hatte sie ihren Montblanc-Füllfederhalter gezückt und die erste Seite ihres neuen Buchpreis verdächtigen Werkes umgedreht, da wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Alle Köpfe drehten sich herum und jeder Einzelne im Raum war mindestens ebenso erstaunt, ihn jetzt schon wiederzusehen, wie Dr. Meier, die vielen fragenden Gesichter in seinem Sprechzimmer vorzufinden. Das Unbehagen über die Invasion in seine kleine bescheidene Oase der Ruhe und Konspiration stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber wozu hatte man denn lästige Kolleginnen, die sich gerne mit ihren breiten Hüften in den Vordergrund drängelten und den liebenlangen Tag nichts anderes taten, als sich reden zu hören? So blieb ihm noch ein kleiner Moment, um sich zu sammeln und den brauchte er wirklich, so geschafft und müde wie er in dem blauen OP-Kasack wirkte, den er noch immer anhatte. Ebenso wie seine „sehr“ geschätzte Fachkollegin aus der Neurologie, die spontan das Wort ergriff, nachdem sie sich aufmerksamkeitswirksam zwischen den Angehörigen ihres gemeinsamen Patienten positioniert hatte.

Maria: Okay, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Dabei dachte ich immer, du wärst eher der Einzelgängertyp. Typ lonely cowboy und so. Aber gut, dass du an deiner sozialen Kompetenz arbeitest, Meier. Das bringt dich bestimmt weiter.
Marc (grummelt in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart u. würdigt die lästernde Kollegin, die sich pappfrech an ihm vorbei geschoben hat, keines Blickes mehr): Witzig!
Maria (zwinkert ihm vielsagend zu u. konzentriert sich dann auf die Gesichter, die sie fragend anstarren): Frau tut, was sie kann.
Gretchen (schaut die beiden Chirurgen mit offenem Mund an, während sie ihr Kind an sich gedrückt hält): Marc? Maria? Was... was macht ihr denn hier? Wieso seid ihr schon hier? Ist etwas passiert? Warum macht ihr Pause?
Marc (fährt sich mit einer Hand über sein Kinn u. guckt unbehaglich von einer Person zur nächsten, dann geht er schließlich auf Gretchen u. Marlene zu): Wenn’s nur ne Pause wäre.
Gretchen (Unruhe kommt plötzlich in ihr auf u. sie erhebt sich langsam mit ihrem schlafenden Baby aus dem Sessel): Wie... wie meinst du das?
Bärbel (kommt aus der Sofaecke ebenfalls hinzugeeilt): Was hat das zu bedeuten?
Jochen (erhebt sich schwerfällig vom Sofa, obwohl ihm alles wehtut u. ihm durch das Fieber schwindelig ist): Ja, Marc, was ist mit Papa?

Aber der von allen Seiten Angesprochene rührte sich nicht und blickte lieber gebannt auf seine kleine Tochter, die schlafend in Gretchens Armen lag. Er hatte nie etwas Unschuldigeres gesehen als diesen zauberhaften Engel, den nichts auf der Welt erschüttern konnte. Lenis Großmutter hatte schließlich das penetrante Schweigen satt, das plötzlich unheilvoll über den Köpfen aller schwebte, und stemmte sich am Schreibtisch hoch, um als nächstes ihrem Jungen die Leviten zu lesen, der daraufhin zusammenzuckte und endlich reagierte. Marc hatte gar nicht gemerkt, dass er kurz mit den Gedanken ganz woanders gewesen war.

Elke: Marc Olivier, jetzt steh da doch nicht herum, wie bestellt und nicht abgeholt! Das ist ja nicht auszuhalten. So habe ich dich nicht erzogen. Klare Worte, anstatt wie eine Statue in der Weltgeschichte herumzustehen! Lernt ihr so was denn nicht auch im Studium?
Olivier (versucht es im Gegensatz zu seiner Frau auf die ruhige, diplomatische Art): Marc?
Marc (konzentriert sich mit seinen Augen erst auf seinen Vater, dann auf Gretchen u. Bärbel u. die Zwillinge in ihren Armen): Ähm... Vielleicht sollte erst mal jemand die Kinder übernehmen? Was macht ihr eigentlich noch hier? Wolltet ihr nicht...?
Gretchen (wird immer ungeduldiger, weil er schon wieder nur herumdruckst): Das ist doch wohl offensichtlich. Marc, jetzt sag schon! Was ist passiert?
Marc (guckt vergewissernd zu seiner Kollegin, die ihm verständnisvoll u. überhaupt nicht mehr zynisch zunickt, aber als sie für ihn übernehmen will, kommt er Dr. Hassmann zuvor): Okay? Ähm... Ich war kurz abgelenkt. Ich will euch nicht beunruhigen,...
Jochen (quatscht kleinlaut dazwischen): Das tust du aber.
Gretchen (legt ihre Hand an Marcs Arm, um ihn zu animieren, weiterzusprechen): Aber?
Marc (bleibt an ihren himmelblauen Augen hängen, die ihm gut zureden, u. holt tief Luft, bevor er das ausspricht, was doch jeder schon insgeheim ahnt): Es hat Komplikationen gegeben.

Nein, nein, bitte nicht! Papa!

Bärbel (fasst sich bestürzt an ihr Herz u. Olivier kann die Frau seines Freundes gerade noch so von hinten abstützen, als sie schwankt): Oh Gott! Margarethe?
Gretchen (schaut besorgt zwischen ihrer Mutter, Marc u. Maria hin u. her): Was für Komplikationen? Du hast doch gemeint, ihm ginge es den Umständen entsprechend gut und er hätte keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen?
Maria (nimmt sich ihrer an, um sie nicht noch weiter zu beunruhigen): Nichts, was wir nicht wieder unter Kontrolle bekommen würden. Oder, Meier?
Marc (zeigt einen eher gequälten Gesichtsausdruck, während er Gretchens Hand drückt u. seine Freundin nicht eine Sekunde aus den Augen lässt): Wie man’s nimmt. Das war ja auch am Anfang so. Wir sind gut reingekommen in die OP. Die Splitter ließen sich gut sortieren und mit ner Platte zusammenbasteln. Wir wollten gerade den Nervenbereich angehen und die ersten Tests verliefen überraschend positiv, als...
Jochen (hat sich zu den Ärzten geschleppt u. lehnt mit dem Rücken an der Wand): Als was?
Marc (guckt den leichenblassen jungen Mann misstrauisch an u. weicht mit Gretchen ein paar Zentimeter von ihm zurück): Als plötzlich die Apparate verrückt gespielt haben.
Bärbel (hat sich wieder etwas gefangen u. klammert sich an das zappelnde Baby in ihren Armen): Und das heißt?
Marc (blickt sie mitgenommen an u. versucht sich darauf zu besinnen, professionell zu agieren): Es... es ist sein Herz. Es sind plötzlich Rhythmusstörungen aufgetreten, deren Ursache wir erst klären müssen, bevor wir weitermachen können.
Gretchen (versucht, angestrengt zu verstehen, was er da gerade gesagt hat, u. die Konsequenzen zu überblicken): Das heißt, ihr konntet nicht...?

Sie konnten ihn nicht fertig operieren. Das heißt... Oh nein! Uns läuft die Zeit davon. Papa!

Maria (schüttelt frustriert mit dem Kopf): Das Handgelenk ist erst mal nur provisorisch geschient. Wir konnten noch nicht ins Detail gehen, eben weil die Herzprobleme uns ein Rätsel sind. Es hat nichts darauf hingedeutet, als wir vorhin losgelegt haben. Wir hatten ihn einmal komplett durchgecheckt. Es gab keine Auffälligkeiten.
Gretchen (tritt aufgeregt an ihre Seite): Er hatte schon einmal Herzprobleme. Eine Angina Pectoris. Vor gut anderthalb Jahren, glaub ich.
Maria (steht ihrer befreundeten Kollegin mitfühlend bei): Das wissen wir, Gretchen. Es muss auch nichts heißen. Vielleicht liegt es am Adrenalinabfall oder einer verstopften Arterie, die wir auf den Bildern nicht sehen konnten, aber wir müssen das erst abklären, bevor die Sisyphusarbeit beginnt.
Marc (ist eher selten einer Meinung mit seiner zickigen Kollegin): Vielleicht reagiert er auch auf die Narkose. Wir haben damals während der Ebola-Pandemie alles in ihn reingepumpt, was geht. Vielleicht zeigen sich jetzt erst die Langzeitfolgen und er ist gegen jedes gängige Mittel immun geworden. Das eine hebt das andere auf. Das kann auch aufs Herz gehen. Das müssen wir erst testen. Er war bis dato ja nie krank. Die Check-ups während der Nachsorge waren alle o. B. Gut, die letzten hat er geschwänzt. Deshalb ist uns das auch nicht aufgefallen. Jedenfalls können wir heute nicht mehr weitermachen. So viel ist zumindest klar.
Gretchen (nickt nachdenklich, während sie ihre Tochter an sich drückt u. sich an die Seite von Marc schmiegt, der zärtlich über Marlenes Wange streichelt u. immer noch Gretchens Hand hält): Verstehe!
Maria (sieht ihre jüngere Kollegin eindringlich an, damit sie versteht): Aber lange können wir die OP nicht hinauszögern. Die Hand muss dringend operiert werden. Die motorischen Ausfallerscheinungen, über die er geklagt hat, waren massiv und wären unumkehrbar, wenn wir nicht...
Marc (ärgert sich, weil Maria es dramatischer darstellt, als es vielleicht ist): Das ist uns bewusst. Schön die Hufe flach halten, Hassi! Wenn wir jetzt in Hektik verfallen, ist das auch kontraproduktiv. Erst mal schauen wir, was die Kardiologen sagen.

Wir können nur hoffen, dass die nichts finden und es lediglich eine einmalige Geschichte war. Wir müssen so schnell wie möglich da wieder ran, verdammt.

Bärbel (hat noch nicht wirklich verstanden, was man ihr gerade eben gesagt hat, u. reicht Marc hibbelig ihren Enkel): Wo ist er? Können wir zu ihm?
Marc (schmiegt den Jungen überrascht an sich u. wirkt leicht überfordert von Bärbels Anliegen u. ihren bittenden Kulleraugen): Wir haben ihn auf die Intensiv überwiesen. Sobald die ersten Ergebnisse da sind, könnt ihr...
Gretchen (legt ihre Hand an seinen Arm u. sieht ihn mit demselben Blick wie ihre Mutter an, nur im Gegensatz zu Bärbel kann er Haasenzahn nichts abschlagen): Bitte, Marc! Wir... wir wollen ihn sehen. Jetzt! Bitte! Bitte, bitte, bitte!
Maria (kommuniziert mittels vielsagenden Blicken mit Dr. Meier, der gerade von seinem Sohn abgelenkt wird, der mit seinen kleinen Händchen hellwach an ihm herumtastet): Okay, ich übernehme das. Kommt mit! Aber höchstens fünf Minuten und erst mal nur die Tochter und seine Frau. Der Unfall hat den Professor ganz schön geschafft.
Jochen (will dem widersprechen, aber wird erst gar nicht beachtet): Aber ich will auch wissen, wie’s ihm geht. Ich komm mit.

Fuck! Wie sieht der eigentlich aus? Ist heute schon die Nacht der lebenden Toten? Halloween ist doch erst in zwei Wochen. Mann, seht ihr beschissen aus. Scheiße! Gar nicht witzig! Wie lange hocken die eigentlich alle schon zusammen? Sind die Panne?

Marc (wacht urplötzlich wieder auf u. blickt erst irritiert, dann alarmiert von Jochen zu Chantal u. Celine, die auf dem Sofa liegen geblieben sind u. aus glasigen Augen erschöpft zu ihm u. den anderen rüber sehen): Nur über meine Leiche! Du gehst erst mal nirgendwohin, mein Freund. Und sie auch nicht. Nicht bevor wir euch Blut abgenommen haben.
Jochen (kommt eingeschnappt zwei Schritte auf ihn zu): Spinnst du jetzt völlig? Was soll das denn jetzt?
Marc (weicht ihm aus u. schiebt Gretchen mit der Kleinen, die hinter ihm stehen, weiter von der wandelnden Bazillenschleuder weg): Meine Station, meine Anweisungen! Und ihr verseucht mir hier nicht die ganze Station mit euren Viren. Schon schlimm genug, dass ihr es in dem Zustand überhaupt in die Nähe der Kurzen gewagt habt. Habt ihr Erstsemestler überhaupt kein Verantwortungsbewusstsein? Denkt hier überhaupt jemand mit? Das ist unverantwortlich so was. Und so was will Kinderarzt werden. Das weiß ich, zu verhindern.
Jochen (lässt das natürlich nicht auf sich sitzen u. wehrt sich): Ey, wir haben sie doch überhaupt nicht angefasst. Wir haben immer Abstand gehalten. Zu jedem. Mama hat uns sowieso die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Von dem ganzen Kräutertee, den sie in uns reingepumpt hat und den eklig riechenden Essenzen, mit denen sie uns eingeschmiert hat, könnten wir das halbe Krankenhaus ausräuchern. Außerdem bin ich kein Erstsemestler, verdammt noch mal, ich steig direkt im vierten Semester wieder ein.
Marc (kontert schnippisch u. wenig beeindruckt): Merkt man. Deshalb hockst du ja auch hier und drehst Däumchen, anstatt in der Uni die Bücher aufzuschlagen und dich über die gängigen Grippeviren zu informieren, die dieses Jahr im Umlauf sein werden. Hast du überhaupt schon deinen Semesterbeitrag bezahlt?
Jochen (verschränkt beleidigt seine Arme): Ich wäre hingegangen, wenn...
Marc (lässt den ewigen Studenten gar nicht erst ausreden u. mutiert schnurstracks wieder zum Oberarsch der Station): Ja, ja, um Ausreden nie verlegen, der angehende Herr Doktor. Lektion eins im Medizinstudium für Dummies, Ärzte werden nie krank, weil sie ganz genau wissen, wie sie’s verhindern können. Also packt eure sieben Sachen und lasst euch von Sabine ein Isolierzimmer geben, falls sie es schafft, heute überhaupt mal wieder hier aufzukreuzen. Ey, wo steckt die Frau schon wieder? Immer das Gleiche mit ihr. Ich hab es so satt. Hier ist ein echter Schlendrian eingetreten, während ich weg war. Wird Zeit, dass hier wieder ordentlich durchgegriffen wird.
Gretchen (ist kurz von ihrem Baby abgelenkt gewesen u. verteidigt nun ihren erkälteten Bruder vor ihrem grummeligen Freund): Maaarc! Es ist gut jetzt! Er kann doch nichts dafür, dass er ein bisschen Schnupfen hat. Wir stehen alle enorm unter Druck, seitdem das alles passiert ist. Du hast doch eben noch gesagt, niemand hat Schuld.
Marc (fühlt sich immer noch unbehaglich): Trotzdem...

So, wie mein Sohn schon gesagt hat, wird Zeit, dass hier endlich mal jemand durchgreift in diesem Kindergarten.

Olivier (nimmt Gretchen das schlafende Mädchen ab u. drängt Marc zu den Besuchersesseln vor dem Schreibtisch, damit er sich endlich zusammen mit Marlon auf seine vier Buchstaben setzt): Nichts da trotzdem, sondern eben weil! Du gehst jetzt erst einmal mit deiner Mutter zu Franz, Gretchen. Elke und ich halten hier die Stellung und bringen euch nachher nach Hause. Das war ein langer und aufwühlender Tag für uns alle.
Gretchen (nickt den beiden erleichtert zu u. hakt sich bei ihrer Mutter ein, der das alles sichtlich zu viel ist): Danke, Oli!
Elke (beobachtet von ihre Chefposition aus): Das ist doch selbstverständlich.
Marc (bemerkt erst jetzt den strengen Blick seiner Mutter, der die ganze Zeit schon an ihm klebt, u. nölt dementsprechend): Ey, das ist immer noch mein Büro.
Olivier (tauscht vielsagende Blicke mit seiner Frau aus u. beugt sich dann mit seiner Enkelin zu Marc herunter): Für den Moment nicht. Du hast jetzt erst einmal Sendepause, mein Sohn, und kommst runter. Und ich weiß auch schon, wer dich dabei unterstützen kann. Währenddessen kümmere ich mich um Jochen und seine Freundin und die Kleine. Wäre doch gelacht, wenn wir euch nicht wieder fit bekommen würden. Und bevor du wieder herummeckerst, ich weiß, dass ich hier nicht angestellt bin, Marc, aber außergewöhnliche Umstände bewirken außergewöhnliche Lösungsansätze. Das kann man mir nicht vorhalten.

Prof. Meier hatte gesprochen und sein eingeschnappt vor sich hin grummelnder Sohnemann hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. Konnte er auch nicht, denn plötzlich hielt er beide Babys im Arm. Marlene war durch ihren Bruder wach geworden und beide schauten ihren Papa nun mit ihren süßen Kulleraugen an und strampelten so wild mit ihren Beinchen und Ärmchen, dass sie kaum zu bändigen waren. Auch wenn sie alles andere als Ruhe ausstrahlten, bewirkten die Zwillinge doch genau das bei dem angespannten Chirurgen, der wie auf heißen Kohlen in dem Sessel hin und her gerutscht war. Er wurde direkt ruhiger und die Sorgenfalten, die sich tief in seine Stirn gemeißelt hatten, glätten sich wieder und wurden von kleinen Lachfältchen abgelöst, die sich um seine Augenpartie gebildet hatten. Marc war so sehr auf die beiden fixiert, dass er gar nicht mitbekam, wie Gretchen und Bärbel Dr. Hassmann aus dem Zimmer gefolgt waren und wie sein Vater zusammen mit Schwester Sabine, die hektisch ins Büro ihres Oberarztes geeilt gekommen war, als hätte sie seine drohende Ansage über die ganze Station gehört, einen Behandlungsraum für Jochen und Chantal aufgetrieben hatten. Nur Elke saß ihm noch gegenüber und konnte sich kaum noch auf ihr Manuskript konzentrieren, weil der Anblick ihres verstummten Sohnes mit seinen beiden Kindern sie dermaßen fesselte, dass sie ihren mütterlich gerührten Blick nicht mehr von den Dreien abwenden konnte.

Marc (spricht mal mehr, mal weniger in Gedanken mit den beiden Zwergen, die er liebevoll an sich schmiegt, bis sie einer nach der anderen sanft an seiner Brust wieder einschlafen): Euch geht’s gut, oder? Immer happy. Immer positiv. Immer hungrig. Immer ein Extrem, während das andere lauert. Richtig so! Aber ihr habt jetzt nicht vor, direkt loszuplärren, oder? Essenszeit müsste erst in einer guten halben Stunde wieder sein. Gönnen wir der Mama den Moment. Und die vollgeschissenen Hosen heben wir uns schön für zuhause auf. Oder wir spannen den Opa ein. Den, der denkt, er könnte zwei Krankenhäuser gleichzeitig führen, dieser olle Angeber. Soll er doch mal zeigen, wie weit seine Multitaskingfähigkeiten wirklich gehen. Ihr habt bestimmt nicht gedacht, dass ihr so lange hier herumhocken und zusehen müsst, wie die Erwachsenen durchdrehen. Ich auch nicht. Nachdem erst nichts los war und eure Mama dann genau im richtigen Moment mit euch hier aufgekreuzt ist, wollte ich schon alles zusammenpacken und mit euch nach Hause fahren, um zu chillen. Aber es kommt ja immer anders, als man denkt. Sonst wäre ich vermutlich auch gar nicht erst mit eurer Mama zusammengekommen. Man sagt ja immer, das Chaos kommt nie alleine. Eure Mama ist das beste Beispiel dafür. Eine Naturgewalt, was nicht nur für sie alleine gilt. Ihr habt das in den Genen wie euer anderer Opa. Es kommt immer gebündelt. In Wellen. Man ist ihnen schutzlos ausgeliefert und dann darf man raten, wie’s weitergeht. Immer dieser blöde Cliffhangermist. Seid froh, dass ihr euch den Scheiß noch nicht antun müsst. Bleibt einfach so, wie ihr seid, dann kann euch nichts auf der Welt passieren. Das verspreche ich euch.
Elke (lächelt versonnen): Nie die Zuversicht verlieren, mein Junge! Das ist gut. Das ist die richtige Einstellung.
Marc (nimmt ihren nichtigen Kommentar wie immer mit Humor, auch wenn er sich ein bisschen ertappt fühlt): Das sagt gerade die Richtige. Du bist ja immer noch hier?
Elke (lässt sich von ihrem vorlauten Sohn gar nicht erst provozieren): Solange man mich braucht, bin ich da. Das ist Teil meines Jobs. Ich bin Mutter. Und komme jetzt bloß nicht auf die Idee, das herunterzuspielen, Marc Olivier. Ich war immer für dich da. Und das gilt auch in Zukunft für die beiden und dein Mädchen.
Marc (verdreht gespielt leidend die Augen u. beugt sich dann verschwörerisch grinsend zu seinen Zwillingen herab): Leni, Lonny, ich könnte jetzt sagen, das hört sich wie eine Drohung an, ist es auch, aber das Leben ist ja auch kein Kinderkarussell, ne. Also, für euch schon. Noch. Ihr Glückspilze.
Elke (schüttelt schmunzelnd den Kopf u. ist froh, dass er sich endlich wieder eingekriegt hat): Ihr bekommt das mit Franz doch wieder hin, oder? Er ist gerade Großvater geworden. Er braucht seine Hände, um euch zu unterstützen. Und wir wissen doch beide, dass er ohne das Elisabethkrankenhaus auch nicht kann.
Marc (blickt wieder zu ihr rüber u. ist überrascht über den Hauch von Mitgefühl): Wie war das noch mal mit der Zuversicht? Ich bin der beste Chirurg, den ich kenne.
Elke (sieht ihn eindringlich an): Das nenne ich gesundes Selbstbewusstsein. Das hast du von mir. Du hast also einen Plan?
Wie bitte? Als ob ich irgendetwas von dir hätte, mal abgesehen von dem Tinnitus, der sich sporadisch immer mal wieder meldet.
Marc (guckt von ihr zu den Kindern u. dann zu dem Stapel Akten, der noch unbearbeitet auf seinem Schreibtisch liegt): Chirurgen haben immer einen Plan und wenn nicht, sind sie gerade dabei, einen zu schmieden und der ist meistens genial. Also, meine zumindest. Was die Hassmann macht, interessiert mich nicht.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.379

12.11.2019 12:15
#1656 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Und eben jene von Dr. Marc Olivier Meier mehr oder minder geschätzte Kollegin aus dem sechsten Stock war tatsächlich gerade dabei, den einen oder anderen Plan abzuwägen, von dem sie jedoch keiner wirklich überzeugen konnte, während die Zwillingseltern mit ihren sechs Wochen alten Babys von Prof. Meier und Elke Fisher nach Hause begleitet wurden, nachdem Gretchen kurz bei ihrem verunfallten Vater auf der Intensivstation vorbeigeschaut hatte, wo Bärbel Haase gegen jeden oberschwesterlichen Widerstand hinweg auch über Nacht die Stellung halten würde. Es war wirklich zum Haare raufen. Sie kam keinen Schritt voran. Unzählige Male hatte Dr. Hassmann nun schon auf die Bilder des Professors geblickt, hatte die neusten Untersuchungsergebnisse akribisch studiert, welche Marcs Anfangsverdacht einer akuten allergischen Reaktion auf die gängigen Narkotika bestätigt hatten, hatte die Bilder, um sie zu visualisieren, sogar auf die große Leinwand geworfen, vor der sie gerade im Vorlesungssaal der Klinik stand, und sie ausgiebig betrachtet, ja nahezu verinnerlicht, aber die rettende Idee war ihr noch immer nicht eingefallen. Es war zu verzwickt, auch wenn sich Franz’ Werte nach der abgebrochenen OP wieder wesentlich stabilisiert hatten, was Familie Haase erleichtert zur Kenntnis genommen hatte.

Die begnadete Neurochirurgin hasste Momente wie diese. Nicht nur weil ihr Patient von ihr sehr geschätzt wurde und er vermutlich der einzige Chirurg auf diesem Planeten war, den sie wirklich respektierte und dessen Wort ihr etwas bedeutete. Sondern vor allem weil sie es nicht gewohnt war, zu resignieren. Das war überhaupt nicht ihre Art. Das stand ihr als Nummer Eins auf ihrem Gebiet überhaupt nicht zu. Denn es gab immer einen Weg, nur musste dieser noch gefunden werden und die Zeit drängte. Spätestens morgen müssten Meier und sie einen zweiten Versuch wagen und dabei durfte diesmal nichts schiefgehen. Dabei war Maria der Gedanke, dass Marc und sie dann zwangsläufig, also zumindest in Karrierehinsicht, denjenigen auf den Gewissen haben könnten, der über die letzte Sprosse, die es noch auf der Leiter nach ganz oben zu erklimmen galt, zu entscheiden hatte, eher nebensächlich und überhaupt nicht relevant. Das war nicht die Art und Weise, wie Dr. Hassmann Chefärztin werden wollte. Es ging ihr wirklich um die Person. Sie mochte Prof. Haase. Nicht nur wegen seiner begnadeten Fähigkeiten als Chirurg und seines etwas eigenwilligen Chefarzthumors. Er hatte sie an ihrem Lebenstiefpunkt übernommen, hatte sie nie hinterfragt und sie ihr Ding machen lassen, obwohl sie nicht immer auf ihrem von anderen, vor allem männlichen, Ärzten neidisch beäugten Posten hatte verweilen können, weil sie als alleinerziehende Mutter auch noch einen zweiten Vierundzwanzig-Stunden-Job zu meistern hatte. Ein Punkt, der andernorts ein Ausschlusskriterium nach oben gewesen wäre, aber nicht im Berliner Elisabethkrankenhaus, wo sie die Chance bekommen hatte, sich als Oberärztin zu beweisen, und das hatte sie auch. Dieser Freiraum und die Fördermöglichkeiten hatten sie zu der brillanten Chirurgin gemacht, die sie mittlerweile war. Eine der Besten, wenn nicht sogar die Beste, auch wenn sie sich gerade nicht als solche fühlte.

Und die Tochter des Professors mochte sie ebenso gern. Mehr sogar, als sie es je vor ihrer nervigen Kollegin zugeben würde, die sie vorhin unter Tränen noch einmal am Bett ihres Vaters zur Seite genommen hatte. Obwohl sie sich immer geschworen hatte, weibliche Konkurrenz im OP und darüber hinaus nie wieder zu nah an sich heran zu lassen. Weder beruflich und vor allem nicht privat. Das hatte sie nämlich schon einmal bitterlich bereut. Ebenbürtigkeit und gegenseitige Anerkennung existierten nicht in diesem hochkomplexen Metier. Neid und Missgunst dafür umso mehr. Jede kämpfte für sich alleine im Haifischbecken Chirurgie und das hatte sie die Assistenzärztinnen unter ihren Assistenten, die ihr im Laufe ihrer Ausbilderinnenzeit über den Weg gestolpert waren, immer spüren lassen. Auch dieses ganz besondere Exemplar einer vorlauten Göre, der sie anfangs überhaupt nichts zugetraut hatte, weil sie der festen Überzeugung gewesen war, das verträumte Blondchen hätte den Job nur durch reichlich Vitamin B von ganz oben und nicht wegen ihres diagnostisches Könnens bekommen. Doch Gretchen Haase hatte sie überrascht, fast noch mehr, wie sie vermutlich Marc Meier überrascht hatte, der, wenn er nicht gerade im OP glänzte und minder intelligente Machosprüche von sich gab, doch die meiste Zeit nur mit den unteren Körperregionen dachte. Gerade weil sie an ihre Schülerinnen eben ganz besondere Ansprüche stellte. Als Frau in einer chauvinistisch geprägten Männerdomäne, wo es immer noch genug Hinterwäldlermediziner gab, die mit talentierten Chirurginnen, die mehr wussten und konnten als sie, nicht umgehen konnten, musste Frau sich behaupten können.

Und Gretchen war ihr mit ihrer unerträglichen herzlichen und offenen Art ans Herz gewachsen, eben weil sie nicht eine dieser überambitionierten Chirurginnen war, der es hauptsächlich um die Karriere ging und nicht um den Patienten an sich, wobei es darunter auch durchaus Karrierebiester gab, die auch nicht davor zurückschreckten, über Leichen zu gehen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Dr. Hassmann es auch nicht anders gehandhabt. Dr. Haase war da ganz anders. Sie käme niemals auch nur auf den Gedanken, den Patienten nicht immer an die erste Stelle zu stellen. Man konnte sie nicht nicht mögen. Weder wenn sie gerade mal wieder riesigen Bockmist gebaut und ihre Kompetenzen überschritten hatte, emotional überreagierte oder ihr das einzige wirklich passable Männerexemplar in diesem Krankenhaus vor der Nase wegzuschnappen versuchte und vor allem nicht, wenn sie gerade völlig neben sich stand, weil sie sich Sorgen um ihre Lieben machte. Gretchen vertraute ihr, die richtigen Entscheidungen zu treffen und das machte das Ganze für die taffe Neurochirurgin nicht gerade leichter. Schließlich war das nicht irgendein Patient, den sie da auf dem Tisch hatte. Sie war es gewohnt unter Druck zu arbeiten, ja, dann war sie immer am produktivsten, aber nicht wenn es diese Art von emotionalem Druck war. Seitdem sie ihre Tochter Sophie vor wenigen Wochen zur Welt gebracht hatte, reagierte sie viel dünnhäutiger, wenn es um die Menschen um sich herum ging. Sie durfte sich davon nicht ablenken lassen.

Konzentration, Maria! Auch wenn es schon spät ist und der nächste Milchstau sich bereits ankündigt. Du ziehst das jetzt durch!

Deshalb war es vielleicht auch nicht gerade die beste Idee gewesen, gerade jetzt, während sie eigentlich schon längst zu Hause bei ihren Kindern hätte sein sollen, einen Multitaskingmarathonversuch der besonderen Art einzulegen. Denn auf ihrem auf dem Rednerpult aufgeklappten Laptop war nicht nur die Akte von Prof. Haase aufgeschlagen, sondern auch eine leere DinA4-Seite und ihr umfangreicher Terminkalender, auf welchem in riesigen roten Lettern auf das anstehende Neurochirurgenkolloquium hingewiesen wurde, das in zwei Tagen hier im EKH genau in diesem Saal stattfinden sollte, den sie zu Inspirationszwecken aufgesucht hatte, weil sie es allein in den vier Wänden ihres Büros nicht mehr länger ausgehalten hatte. Der Chefarzt selbst hatte ihr dieses besondere Projekt, das Teil des Austauschprogramms mit dem Chirurgenausbildungszentrum in Seattle war, ans Herz gelegt. Eben jener Chef, dessen Herz vorhin verrückt gespielt hatte und um dessen Hand sich sämtliche ihrer Gedanken drehten. Dr. Hassmann konnte sich nicht auf die Ausarbeitung ihres Vortrages konzentrieren, solange das nicht geklärt war. Also drehte sie sich von ihrem Computer wieder weg, lief einige Schritte über die Empore und guckte wieder hoch zu den auf die Leinwand projizierten Röntgenbildern. Die Oberärztin war so sehr darauf fixiert, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich oben am Ende der Treppe, welche sich an der Seite des Saals die Stuhlreihen entlang schlängelte, eine der großen Schwenktüren geöffnet hatte.

Maria war gerade dabei, einem Gedankenblitz nachzuspüren, der die Möglichkeit, die Narkoseproblematik bei ihrem herzanfälligen Patienten zu übergehen, wahrscheinlich machen könnte, wobei sie mit ihren talentierten Chirurgenhänden gestenreich Bilder in die Luft zeichnete, als sie sich mit einem Mal beobachtet fühlte. Dieses unangenehme Gefühl, das sich einstellte, wenn jemand plötzlich wie aus dem Nichts hinter einem auftauchte und einem ein eiskalter Lufthauch in den Nacken pustete, ließ die Härchen an ihren Armen sich aufrichten. Sie wollte es anfangs ignorieren und schob es auf die Müdigkeit nach dem langen und ziemlich übel verlaufenen Arbeitstag, der hinter ihr lag. Aber die Gänsehaut, die Millimeter für Millimeter ihren gesamten Körper eroberte, ließ sich nicht vertreiben und das lag sicherlich nicht daran, dass der unbelegte Vorlesungsraum heute noch nicht beheizt worden war. Die Kälte kroch förmlich bis in die Knochen und dieses unbehagliche Gefühl im Rücken nahm immer mehr überhand, bis sie es nicht mehr länger aushalten konnte und sich langsam umdrehte. In dem Moment hörte sie es dann auch. Das Klackern von teuren Absatzschuhen auf den alten Holzdielen der Treppe übertönte in der Dunkelheit ihren still vor sich hin plätschernden Gedankenfluss.

Da war tatsächlich jemand im Saal, warnten sie ihre Instinkte. Doch Maria konnte in der nur spärlich beleuchteten Krankenhausaula niemand Genaues erkennen. Auch nicht, als sie sich ihre Brille wieder auf die Nase setzte. Sie blinzelte zwei Mal, starrte in die Dunkelheit, versuchte, ihre müden Augen daran zu gewöhnen. Aber da war nur ein grauer Schatten, der langsam die Stuhlreihen entlang die Treppe hinabstolzierte. Doch die Neurochirurgin hätte nicht in ihren kühnsten Albträumen damit gerechnet, wer sich da still und heimlich an sie herangeschlichen hatte. Wie eine Leopardendame auf der Jagd. Heimtückisch. Gefährlich. Immer ihr nahendes Ziel vor Augen. Hungrig, aber noch nicht hungrig genug, um direkt zuzuschlagen. Lieber abwartend. Beobachtend. Sie genoss viel mehr das triumphierende Gefühl des ultimativen Überraschungsmoments, der ihrer Beute jegliche Fluchtmöglichkeit raubte. Sie wurde in die Defensive gedrängt, lag nun direkt auf dem Präsentierteller im grellen Lichtschein der einzigen Lichtquelle direkt über dem Pult und das behagte Maria Hassmann ganz und gar nicht, auch wenn sie sonst immer gerne im Mittelpunkt stand. Es war zu spät, um sich noch zu beherrschen. Sie war überrumpelt worden. Sie hatte mit solch einem Auftritt schließlich auch nicht gerechnet. Wer hätte das auch? Nicht nach all der Zeit und erst recht nicht von dieser Person. Jede Emotion war ihr demzufolge anzusehen.

Die Überraschung, gepaart mit fassungslosem Entsetzen, stand der völlig perplexen Oberärztin deutlich ins Gesicht geschrieben, als sich die Person aus einer längst vergessenen Vergangenheit schließlich zu erkennen gab und mit einem verschwörerisch anmutenden Grinsen auf ihren dunkelrot geschminkten Lippen keck auf einem der leeren Sessel in der ersten Reihe Platz nahm. Sie strich sich ihr langes seidenweiches strohblondes Haar in den Nacken, schlug ihre endlos langen schlanken Beine sexy übereinander, um die roten Sohlen ihrer sündhaftteuren Pumps Aufmerksamkeit haschend zur Geltung zu bringen, die übrigens farblich perfekt zu ihrer riesigen Businesstasche passten, die die Kostümträgerin wichtig-wichtig neben sich auf den Boden gestellt hatte, und blickte von ihrem ganz gezielt gewählten Platz aus übertrieben interessiert über den Rand ihres Designerbrillengestells auf die Bilder an der Leinwand hinter Dr. Hassmann, die wie ein verlorener Clown völlig regungslos vor ihrer ungebetenen Zuschauerin auf der leeren Bühne stand, die sie nun mit ihrem unverhohlen triumphierenden Blick in die Mangel nahm, noch bevor Maria überhaupt die Gelegenheit bekam, wieder Luft zu holen. Systemabsturz. Ihr brillanter Verstand war noch nicht fähig, die einzelnen Fäden zusammenzuweben, um zu verstehen, was hier gerade vonstatten ging. Die versteckte Kamera war es jedenfalls nicht. So viel war zumindest klar. Billigfernsehen und schlechtes Schauspiel lagen ihr nämlich nicht. Ihrem Gegenüber dagegen schon. Die Blondine hatte sichtlich Spaß daran, wie man beobachten konnte.

Sie?!? Das... ist... jetzt... nicht... wahr, oder? Ich halluziniere doch. Aber wieso zur Hölle? Ich bin weder dehydriert, noch unterzuckert, noch überarbeitet, gut, ja, ein bisschen vielleicht, noch bin ich plötzlich verrückt geworden, wobei Eigendiagnosen liegen mir nicht sonderlich, sagt man mir nach. Aber ein kleiner Routinecheck wäre vielleicht doch angebracht, weil ich förmlich spüre, wie mein altes Magengeschwür wieder lebendig wird. Ich sehe schon Trugbilder. Himmel steh mir bei!

Sandy: Sind das seine Bilder? Ich hab schon gehört, dass es den Professor ziemlich übel erwischt haben soll. Aber so übel? Die reinste Übertreibung, was? Was für Dilettanten. Diese niedliche kleine Klinik ist wirklich die größte Gossipklitsche, die ich je erlebt habe und ich komme aus dem Land, das den Gossip erst erfunden hat. Wenn du mich fragst, meine liebe Kollegin, dann würde ich es mit einem lokalen Anästhetikum probieren. Auf Naturbasis. Ist zwar nicht unbedingt der Burner, ich schieße lieber aus vollen Kanonen, aber wenn’s nicht anders geht. Die Nebenwirkungen sind quasi non-existent. Es ist herzschonend und das ist doch das eigentliche Problem und nicht dieses kleine Puzzle auf den Bildern, oder? Ein Kinderspiel für Chirurginnen wie uns.
Maria (braucht einen Moment, um ihre Sprache wiederzufinden u. klappt schnell den Laptop zu, damit die Verbindung zum Projektor gekappt wird): Ich wüsste nicht, was Sie das angehen sollte. Die Bilder sind vertraulich.
Sandy (lächelt mit dem Mut zur Gehässigkeit, während sie die ihr sehr vertraute Oberärztin ausgiebig mustert, was dieser sichtlich unangenehm ist): Unter Chirurginnen gibt es doch nichts, was vertraulich ist. Wir schwimmen doch quasi in einem Boot, aber diese Zeiten sind wohl vorüber. Also sind wir wieder beim „Sie“ angelangt, hm? Schade eigentlich, dabei haben wir doch so vieles gemeinsam, Frau Doktor.

Das ist definitiv ein Albtraum. Und in Albträumen darf man doch zu Waffen jeder Art greifen, nicht? Mir mein Skalpell an ihr schmutzig zu machen, erscheint mir dabei aber eher unspannend und unspektakulär. Da fehlt der nötige Bums dahinter. Ich könnte mir den Bulldozer unten von der Baustelle ausleihen. Erst die hässliche Angeberhandtasche platt machen und dann... Mhm... Wäre eine Überlegung wert. Auch wenn es für sie noch zu milde wäre. Und eigentlich löst sich das Monster aus Albträumen doch auch immer von ganz alleine auf, wenn man die Augen schließt. So erzähle ich es zumindest immer meiner Motte, wenn sie schlecht geschlafen hat. Aber dieses unschöne Exemplar einer Schmeißfliege scheint mir hartnäckiger zu sein. Innerlich versteinert durch krankhaften Ehrgeiz und irrsinniges Weltmachtstreben. Verschleiert durch ihre blendende Optik, die nur auf eines abzielt. Was hat sie nur vor? Was will die blöde Kuh hier? Sie müsste doch wissen, dass sie hier in Berlin keinen Fuß mehr in die Tür kriegt und bei mir schon mal gar nicht. Sie ist es nicht einmal wert, auch nur einen Gedanken an sie zu verschwenden. Was fällt der überhaupt ein, mir Tipps geben zu wollen? Die kann mich mal kreuzweise und das ist noch harmlos ausgedrückt.

Maria (langsam kriecht die alte Wut auf die verhasste Blondine wieder in ihr hoch, aber noch kann sie sich beherrschen): Ich wüsste nicht, was. Es sei denn, hohle Phrasen wären plötzlich salonfähig geworden. Naja, in den Staaten vielleicht. Dort wird mit einem stumpfsinnigen Twitteraccount neuerdings ja auch Politik gemacht. Damit bist du... Sie hier aber an der falschen Adresse. Hier wird auf einem anderen Niveau gearbeitet. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, was Sie hier überhaupt zu suchen haben. Aber das wird die Security klären. Wir haben manchmal abends sehr seltsame Gäste hier, die postwendend in der Geschlossenen landen könnten. Ich habe zufällig immer einen Freifahrtsschein dabei. Interesse?
Sandy (nickt durchaus anerkennend in die Richtung ihrer einstigen Mentorin u. wägt eine andere Herangehensweise ab, die sie für einen kurzen Moment triumphieren lässt, denn sie kann Marias hinter Sarkasmus verschleierte Verunsicherung förmlich riechen): Immer noch der gleiche bissige Humor. Gefällt mir. Da werden Erinnerungen wach.
Maria (verdreht genervt die Augen u. wendet sich verärgert ab, um zusammenzupacken): Bei mir definitiv nicht. Aber was ehemalige eher mittelmäßige Schüler von mir machen, ist mir im Grunde genommen auch ziemlich schnuppe.
Sandy (fixiert die wieder an Souveränität gewonnene Chirurgin mit ihren aufblitzenden grünen Augen u. schlägt schließlich mit großem Vergnügen hinterrücks zu, denn noch hat sie etwas in der Hinterhand): Ach? Sag bloß, er hat dir nichts gesagt? Das ist jetzt aber wirklich interessant. Dabei war ich doch dem Gerücht aufgesessen, ihr wärt euch wieder, sagen wir mal so, näher gekommen. Aber so ist er unser lieber Ceddie. Ihm fehlt eindeutig die Durchsetzungskraft im Handling mit starken emanzipierten Frauen, die sich nehmen, was sie wollen. Deshalb ist er vermutlich auch nur die Vertretung von. Wobei... Hm? Seinen Namen hab ich jetzt nicht auf dem OP-Plan entdecken können, als ich mich hier ein bisschen umgeschaut habe. Dabei wirkt eure kleine niedliche Klitsch... Klinik doch eher übersichtlich, als dass man etwas oder jemanden übersehen könnte. Aber vielleicht war das auch die richtige Entscheidung. Seien wir doch mal ehrlich, ein Chirurg mit seinem vergeudeten Talent passt doch gar nicht hierher.

What the...? Was läuft hier eigentlich? Wollt ihr mich verarschen? Soll das etwas heißen, dass er...? Weiß er etwa, dass sie...? Und wieso redet er dann nicht mit mir? Dieser verdammte Idiot lässt mich direkt in ihr offenes Messer laufen. Ich sehe doch, wie sie’s genießt, dieses hinterhältige Biest. Genau wie damals. Scheinheilig und verlogen. Mit einem perfekt inszenierten Timing, damit die Durchschlagskraft besonders effektiv wirkt. Der Grad ihrer Gerissenheit ist nicht mal auf einer Messskala zu finden. GRR!!! Ich könnte sie auf der Stelle umbringen. Aber wie gesagt, an ihr mache ich mir meine Finger nicht schmutzig.

Maria (versucht, sich trotz der anhaltenden subtilen Provokationen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, packt ihren Laptop ein u. lässt die Tasche dann aber noch auf dem Rednerpult stehen, als sie ihre Konkurrentin doch noch anherrscht): Was willst du hier, Sandy?
Sandy (genießt den kleinen Emotionsausbruch ihrer ehemaligen Mentorin u. kostet ihn genüsslich aus): Ach, auf einmal kennt man sich doch wieder? Ich freue mich auch über unser Wiedersehen, Maria. Es ist ziemlich viel Zeit vergangen.
Maria (hält ihre geballten Fäuste am Henkel ihrer Tasche fest, während sie abschätzig zu der gehässigen Person herunterblickt): Spar dir die Spitzfindigkeiten für deinen neuen Gönner auf oder hat er dich und dein recht vorhersehbares Taktieren etwa bereits durchschaut? Sind die Jahre im gelobten Land etwa schon vorbei? Dein Durchhaltevermögen lässt messbar nach. Du entschuldigst, wenn ich kein Mitleid habe.
Sandy (lässt den Hassmannschen Zynismus unbeeindruckt an sich abperlen): Im Gegenteil. Ich bin genau dort angekommen, wo ich hingehöre. On the top. Dafür müsstet ihr euch vermutlich noch viele Jahre abstrampeln. Ich verstehe sowieso nicht, wie ihr das überhaupt aushaltet, unter euren Verhältnissen zu bleiben. Dabei hab ich mal zu euch aufgeblickt.

Wir wissen wohl beide, aus welcher Position heraus. Ich könnte kotzen.

Maria (schnauft verächtlich auf, ignoriert die Bilder, die in kurzen Sequenzen vor ihrem inneren Auge plötzlich wieder aufblitzen, u. würdigt ihre Konkurrentin keines Blickes mehr, als sie ihre Tasche schnappt u. gehen will): Schön für dich. Wenn du dann den Raum verlassen würdest! Ich muss abschließen.
Sandy (denkt nicht im Traum daran, aufzustehen u. lehnt sich entspannt in ihrem Sessel zurück): Er hat dir wirklich nichts erzählt, oder? Das ist erstaunlich angesichts seiner Reaktion vorhin. Man hätte fast meinen können, dass er dich... Naja, egal. Ich hab mich schon immer getäuscht, was ihn betrifft. Überwiegend heiße Luft. Jedenfalls hatte ich gedacht, wir könnten uns austauschen, bevor wir uns auf die Studenten stürzen müssen. Ich hab noch Licht bemerkt und als ich dich hier drin gesehen habe, habe ich mir gedacht, es gäbe keine bessere Gelegenheit, unser Verhältnis neu aufzufrischen.
Maria (bleibt auf halbem Weg zu den drei Stufen, die von der Bühne herunterführen, stehen u. starrt das blonde Gift irritiert an): Welches Verhältnis? Wovon zum Geier redest du?
Sandy (genießt einen weiteren kleinen Triumph u. verhehlt das nicht): Na, was wohl, unser gemeinsames Kolloquium über neurochirurgisches Know-how und den zukünftigen Weg unserer sehr spannenden Disziplin. Ich habe gehört, es gab Anfragen aus Kliniken aus ganz Deutschland, um daran teilzunehmen. Großes Publikum liegt mir. Dir doch auch, oder?
Maria (schnappt hörbar nach Luft u. drückt ihre Laptoptasche mit verschränkten Armen gegen ihren bebenden Brustkorb): Unser was? Ich höre hier immer „unser“?
Sandy (lächelt scheinheilig): Ich nenne es eher Ironie des Schicksals. Wir haben doch immer gerne geteilt, nicht? Warum nicht auch eine Bühne und ein paar attraktive Chirurgenanwärter?
Maria (funkelt ihr gehässiges Gegenüber bitterböse an u. verlässt mit schnellen Schritten das Podium): Fick dich, Sandy!

Sehr souverän, Maria! Wirklich sehr souverän. Aber das ist mir mittlerweile auch egal. Ich gebe mir diese Person keine Sekunde mehr. Die kann sich ihren dämlichen Vortrag sonst wohin stecken. Ich stell mich doch nicht mit der da auf eine Bühne, auf der mein Name klebt. Never ever! Wird Zeit, der versteckten Kamera den Strom abzudrehen.

Sandy (klatscht theatralisch Beifall u. schaut der flüchtenden Oberärztin grinsend hinterher, wie sie wütend gleich zwei Treppenstufen auf einmal nach oben nimmt): Hoho! Die Frau Doktor kommt ja mal richtig aus sich heraus. Das hast du früher nicht getan. Da hast du gar nichts gesagt, nur stumm hingenommen und vor dich hingestarrt. Ein echter Chirurgenroboter eben. Aber wie dem auch sei. Wir sind beide älter geworden, du mehr, und hoffentlich auch klüger. Ich bin jetzt hier und ich bin dafür, dass wir das Beste daraus machen. Mir passt das ehrlich gesagt auch nicht. Aber die Vorlesungstermine stehen. Morgen kommt mein Assistent mit der Technik, um ein paar Zaubertricks vorführen zu können. Hier im hintersten Winkel Berlins scheint man ja noch nicht wirklich im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen zu sein. Euer Netz hier ist echt unterirdisch, fast sogar schon nicht mehr medizinisch verantwortbar. Du kannst mir ja bei Gelegenheit dein Vortragsprogramm mailen. Nicht dass es da Überschneidungen gibt. Ich will mir nicht wieder nachsagen lassen, meine Theorien würden auf den Ideen anderer beruhen. Es ist doch kein Problem, wenn ich vorlegen werde, oder? Als Gast aus dem Ausland stünde mir doch die Vorrede zu, nicht? Zumal der Professor wohl jetzt ausfallen wird, um mich gebührend willkommen zu heißen. Oder übernimmt das jetzt Dr. Meier? Mhm... Der ist hot. Soll nicht nur im Medizinischen so richtig was drauf haben. Ich habe nur Gutes über ihn... ähm... das Austauschprogramm unserer Kliniken gehört. Bei Gelegenheit musst du mir mal erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Ich meine, ihr steht ja nicht unbedingt im German Medical Ranking auf Platz eins. Nicht mal in den Top einhundert. Jedenfalls hab ich euch nicht entdecken können, aber vielleicht hab ich euch auch nur übersehen. Kommt in Zukunft nicht wieder vor.
Maria (bleibt wie erstarrt etwa auf der Hälfte der Treppe stehen u. dreht sich langsam wieder zu ihr um): Was soll das heißen? Willst du damit andeuten, dass die ausgerechnet dich hierher geschickt haben? Du bist die Ärztin vom Seattle-Grey-Sloan-Memorial? Entschuldige, wenn ich lachen muss. Das ist doch ein schlechter Witz.

Das kann gar nicht sein. Niemand ist so blöd, jemanden wie sie einzustellen und auf echte Patienten loszulassen, um denen dann dilettantisch am Hirn herumzuschnippeln. Das ist mal wirklich hirnverbrannt im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich kann mir denken, wie sie an den Job gekommen ist. Dieselbe alte, effektive Masche. Wie langweilig. Du bist so vorhersehbar, Kindchen. Jetzt tust du mir sogar ein bisschen leid. Ach, was, ganz bestimmt nicht! Jeder Gedanke an dich ist verschwendete Lebenszeit.

Sandy (genießt ihren Triumph u. steht erhaben von ihrem Platz auf, um Maria zur Treppe zu folgen): Ich trage es dir nicht nach, dass der Groschen erst so spät gefallen ist. In deinem Alter rückt man den ersten Vergesslichkeiten schließlich immer näher. Die Synapsen werden spröde. Eiweiße verstopfen die Botengänge. Forschst du eigentlich noch auf dem Gebiet oder ist Parkinson immer noch dein Steckenpferd? Hm... Man muss das nehmen, wo die Erfolgsaussichten noch greifbar sind, nicht? Wobei? Naja. Ich bin gespannt auf dein Dossier. Ach, und... Glückwunsch zur kleinen Familie! Mangelnde Produktivität kann man diesem Krankenhaus auf jeden Fall nicht nachsagen. Sag ihm einen lieben Gruß von mir! Er weiß, dass er sich melden soll. Ich werde mich nicht in Luft auflösen, auch wenn er mich vor dir und vor allem vor sich selbst gerne ignorieren würde. Schönen Abend noch und viel Erfolg mit dem aktuellen Fall, Frau Dr. Hassmann! Ich bin mir sicher, jemand mit deinem Können meistert das mit Links.

Und bevor die Angesprochene darauf reagieren konnte, war der böse Spuk auch schon wieder vorbei. Mit einem breiten Grinsen auf ihren glutroten Lippen war der dämonische Geist aus der Vergangenheit erhaben an ihr vorbeistolziert und verpuffte schließlich als graue Staubwolke in der abendlichen Dunkelheit. Die große Tür am Ausgang des Auditoriums, wo Dr. Moeller noch einmal kurz innegehalten hatte, um selbstzufrieden zurückzuschauen, schwenkte noch quietschend zurück, sodass grelle Neonlichtstrahlen vom Flur des Foyers hereintanzten und Marias Blick trübten, aber Dr. Hassmann blieb wie festgewurzelt auf der Treppe stehen. Unfähig, etwas zu sagen, geschweige denn zu denken. Systemabsturz, der zweite. Das Wiederhochfahren ließ diesmal auf sich warten. Zu viele völlig konfuse Komponenten mussten neu justiert werden, die irgendwie nicht zusammenpassen wollten und das Chaos in ihrem Kopf nicht linderten, sondern noch verstärkten.

Maria hatte gar nicht wahrgenommen, wie viele Minuten bereits verstrichen waren, als plötzlich ein gewaltiger Ruck durch ihren Körper ging. Mit kerzengeradem Rücken stand sie auf der drittletzten Stufe der Treppe und betrachtete die leeren Stuhlreihen neben sich. Ihre braunen Augen funkelten gefährlich in der Dunkelheit auf, nachdem sie wieder einigermaßen zu sich gekommen war. Sie klemmte sich ihre Tasche unter den Arm und sprintete dann mit einem Mal los, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. Direkt an der irritierten Oberschwester vorbei, die gerade zur nächsten Verbalkeule übergehen wollte, die der strengen Stationsleiterin jedoch im Halse stecken blieb, was den versammelten Lernschwestern der unbeliebten Abendschicht zumindest kurzweilig eine Atempause verschaffte. Beinahe wäre sie sogar noch über Dr. Gummersbach gestolpert, der, auf dem Weg zu eben jener resoluten Chirurgin, tief in eine Akte versunken neben seiner verträumt vor sich hin lächelnden Frau und ihrem gemeinsamen Pflegekind, das Schwester Sabine im Sportwagen langsam vor sich her schob, durch das abendlich beleuchtete und herbstlich dekorierte Foyer promenierte. Die forsche Oberärztin war dermaßen in Rage geraten, dass sie nichts und niemand hätte stoppen können. Sie war so geladen, dass sie sogar ihr Auto vergaß, an das sie sich sowieso nicht erinnern konnte, es überhaupt benutzt zu haben, weil sie den dunklen Jaguar ihres Lebensgefährten am frühen Morgen wegen akuter Parkplatzstreitigkeiten ungewohnter Weise vor dem Hintereingang geparkt hatte, und marschierte stattdessen im schnellen Fußschritt schnurstracks auf ihr neues Zuhause zu, das nur wenige Minuten hinter dem Elisabethkrankenhaus direkt am See lag und in dem noch Licht brannte. Dr. Stier würde sich auf einiges gefasst machen müssen. So viel war gewiss, als sich Marias Schlüssel, begleitet von übellaunigem Fluchen, mit der abgesperrten Haustür abmühte.

Durch die Geräusche aufgeschreckt, kam der Hausmann auf Zeit wie auf Kommando aus einem der Zimmer geeilt. Wie immer lässig gestylt in Bluejeans und eng anliegendem ausgeblichenen weißen T-Shirt, welches jedoch verräterische Spuren vom gemeinsamen Abendbrot mit den Kindern aufwies, was ihn jedoch nicht weiter störte. Vorsichtig schloss er die mit bunten Disneystickern, die fünf große Buchstaben ergaben, beklebte Tür hinter sich, lauschte noch einmal mit einem Ohr daran und tapste dann mit dem technisch neusten Babyphone mit Bildschirm in der Hand und einem seligen Lächeln auf den Lippen auf nackten Sohlen durch das großzügig geschnittene Wohnzimmer in dem holzvertäfelten Haus im Skandinavienstil, um seine große Liebe gebührend willkommen zu heißen. Schließlich wusste er, welch harter Tag hinter der viel beschäftigten Neurochirurgin lag. Den wollte er ihr gerne noch ein bisschen versüßen, bevor er gezwungen war, die Hosen herunterzulassen. Im übertragenen Sinne, versteht sich. Die Hoffnung auf eine wortgetreue Umsetzung dieses Plans hatte er nach der nachmittäglichen Begegnung der ganz besonders unschönen Art bereits wohlwissendlich ad acta gelegt. Noch wollte er aber keinen Gedanken daran verschwenden. Damit hatte sich sein sich zermaterndes Hirn schließlich schon den Rest des Nachmittags beschäftigt, bis ihn seine drei Mädchen erfolgreich von den aufziehenden dunklen Wolken abgelenkt hatten.

Aber Cedrics liebreizende Freundin reagierte eher steif auf seine überschwängliche Umarmung samt verunglücktem Kussversuch und sein zusammenhangslos dahin gebrabbeltes Geplapper. Maria starrte ihr extrem gutgelauntes Gegenüber nur stumm aus ausdruckslosen müden Augen an, als sie ihren Haustürschlüssel geräuschvoll in die kleine Schale auf dem Schuhschrank neben dem Eingang gleiten ließ. Der Vorwurf stand unübersehbar und unüberhörbar im Raum, aber Cedric schien die sich abkühlende Stimmung überhaupt nicht wahrzunehmen. Dazu war er noch viel zu angeknipst. Das in eine Überdosis Dopamin getränkte Adrenalin pulsierte in seinen Adern. Das Glücksgefühl, das seine Kinder in ihm bewirkt hatten, musste einfach raus. Der elternzeitbeurlaubte Neurochirurg nahm Maria gentlemanlike die Tasche ab, platzierte diese vorsichtig auf der Kommode und schob seine Lebensgefährtin, die sich gerade, um Contenance bemüht, ihrer hohen Hacken entledigt hatte, dann langsam in Richtung der XXL-Familiencouch, welche fast den halben Raum der offen geschnittenen Wohnung einnahm, während er weiter in seiner gewohnt lässigen Art überdreht auf seine ungewohnt wortkarge Partnerin einredete, ohne zu bemerken, dass ein gewaltiger Donnerschlag drohend in der Luft lag. Und damit war definitiv nicht das sich verschlechternde Wetter über dem Wannsee gemeint. Denn mit jedem weiteren Wort von dem arglosen Familienvater klatschte ein weiterer dicker Regentropfen geräuschvoll gegen die Fensterscheiben hinter der Sofalandschaft, aus denen sich schnell ein gewaltiger Herbstschauer entwickelte, der laut Berliner Wetterbericht die ganze Nacht anhalten sollte.

Cedric: Hey Baby! Da bist du ja endlich! Wir haben dich früher erwartet. War noch so viel los auf Station? Das tut mir leid. Ich tue es nur ungern, aber ich muss dich leider enttäuschen. Das Zubettbringen fällt heute flach. Die Mausebande ist vor fünf Minuten hundemüde in ihre Koje gefallen, was wirklich ein hartes Stück Arbeit war. Jede Kraniotomie ist ein Kinkerlitzchen im Vergleich dazu. Ich glaube, wir haben ganze fünf Bücher und eine erfundene Vampirgeschichte durch, die angeblich nicht spannend genug war, obwohl ich mich wirklich bemüht habe, die gruseligen Stellen besonders auszuschmücken. Ansprüche haben unsere Kinder, unfassbar. Der Meier hat Sarah damit echt einen Wurm ins Ohr gepflanzt. Was hat er sich eigentlich dabei gedacht, ihr so einen hanebüchenen Unfug einzutrichtern? Das funktioniert vielleicht bei ihrer Freundin, die ist schließlich drei Jahre älter, aber doch nicht bei einer Schulanfängerin, deren Fantasievermögen gerade erst in den Anfängen steckt. Das potenziert sich doch. Apropos potenzieren. Die Mini-Haase-Meiers. Du hättest sie erleben müssen. Die Kinder waren so aufgekratzt wegen der beiden. Dabei haben Klein-Gretchen und Klein-Marc nichts anderes getan, als die ganze Zeit durchzuschlafen, woran unsere Drei sich gerne bei Gelegenheit ein Beispiel nehmen könnten. Die eine hat die andere angestachelt und es ging hoch her in den vergangenen Stunden. Ich warne dich schon mal vor. Sarahs fixe Idee, dass ihre nächsten Geschwister auch Zwillinge werden sollen, ist noch nicht vom Tisch. Aller hoch- und weniger wissenschaftlichen Argumente zum Trotz. Motte verfolgt da ihre eigene Theorie. Aber sie hat sich wie eine Königin gefühlt, weil sie mit ihrer Schwester den Zwillingswagen durch den Krankenhauspark kutschieren durfte, was auf die spazierenden Patienten ziemlichen Eindruck gemacht hat. Die beiden waren echt zum Knutschen. Ich konnte die Knutschkugeln heute Abend nicht trennen. Ich weiß, oberste Regel, jede in ihrem eigenen Bett, damit gar nicht erst irgendwelche Mätzchen entstehen, aber du hättest die Zwei erleben sollen. Ein Herz und eine Seele. Das Marienkäferchen fühlt sich von seiner großen Schwester beschützt und das ist gerade jetzt wirklich das Beste für sie. Ähm... Naja, jedenfalls meldet der Papa hiermit Vollzug. Das Entertainmentprogramm hat gefruchtet. Sie sind endlich eingeschlafen. Strike! Yeah! Ich bin so gut. Okay, ich sehe deinen skeptischen Blick, es ist noch ausbaufähig, ich weiß, aber gönn mir den kleinen Erfolg. Die vergangene Ferienwoche war schließlich die reinste Katastrophe. Sie sind mir auf der Nase herumgetanzt und ich hab es auch noch mit mir machen lassen. Da kann man noch so viel studiert haben, aber ich habe mich trotzdem wie der letzte Loser gefühlt. Elterndiplom ungenügend. Guck dich bitte nicht um! Ich räume gleich noch auf. Das hab ich nicht mehr geschafft. Unsere Jüngste ist übrigens auch gewickelt und hat ihr Schlummerfläschchen bekommen, aber wenn du noch mal bei ihr vorbeischauen willst, kein Problem. Sie liebt es doch, ob wach oder im Halbschlaf, mit der Mama zu kuscheln und noch ein bisschen zu nuckeln. Vielleicht schaffen wir es ja diesmal zumindest bis nach Mitternacht, bis die Alarmsirene wieder schrillt. Ein bisschen Durchatmen können wir wohl beide gut gebrauchen. Wobei... Was ist? Du sagst ja gar nichts. Alles okay bei dir? Du hast doch was? Das sehe ich dir doch an. Ist was mit dem Professor? Hat der alte Haase die OP gut überstanden? Ich dachte, du meldest dich noch mal.

Maria: ICH mich melden? Ich glaube, es HACKT, Freundchen! Wenn überhaupt, dann anders herum. Dann wird ein Schuh draus.

...fuhr die sichtlich geladene Oberärztin ihren augenfällig völlig arglosen Lebenspartner unvermittelt an, nachdem sie ihn geduldig hatte ausreden lassen, obwohl sie die ganze Zeit über kurz vorm Platzen gewesen war und nur noch ein winziger Funken gefehlt hatte, um ihn geradewegs in den Boden zu stampfen, weil der selbsternannte Superdaddy eine unerträgliche Scheinheiligkeit an den Tag gelegt hatte. Selbst jetzt noch, nachdem sie ihn heftig angefahren hatte, strotzte er nur so vor unerträglicher Ignoranz. Als ob sich dumm oder tot stellen je etwas bei ihr bewirkt hätte. Im Gegenteil! Das brachte sie nur noch mehr auf die Palme. Doch er stand einfach nur da, zwischen all dem herumliegenden Spielzeug, den verstreuten Holzklötzchen, die mal Türmchen gewesen waren, und quietschbunten Kuscheltieren, die jeweils ein Zwillingspärchen bildeten. Irgendwie genauso verloren. Ziemlich bedröppelt sah Cedric die tobende Furie an, deren bildschönes Gesicht eine ungesunde Farbe angenommen hatte, bekam keinen Ton mehr heraus und verstand die Welt nicht mehr. Als hätte es ihm die Sprache verschlagen und das hatte es auch tatsächlich.

Es dauerte einen langen Moment, bis der Groschen dann doch noch bei dem konsternierten Familienvater fiel und auf der Kante tänzelnd zu Boden knallte und das schlechte Gewissen, welches bereits den halben Nachmittag Bestand gehalten hatte, sich gleich noch mit zurückmeldete. Auf diese Weise hatte er ihr nämlich die schlechten Nachrichten nicht übermitteln wollen. Er hatte sich doch einen Plan zurechtgelegt. Ausgefeilt war er nicht unbedingt gewesen, dazu hatte ihm die Zeit und die Idee gefehlt, aber er hatte Maria erst verwöhnen und in Sicherheit wiegen wollen, bevor er sie so schonend wie nur möglich darauf hätte ansprechen wollen. Aber dieser Plan war ein Griff ins Klo gewesen. Er hätte es von Anfang an wissen sollen. Er hätte es ihr nicht verschweigen dürfen, als er vor dem OP das Gespräch mit ihr gesucht hatte. Aber in Anbetracht der Tatsachen, die mit dem Unfall des Professors noch zusätzlich eingetreten waren und alles verkompliziert hatten, hatte er den Schwanz eingezogen. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Dementsprechend ratlos war er jetzt immer noch. Er wusste nicht, wie er seinen Kopf wieder heil aus der Latrine ziehen sollte. Es würde die Situation nicht besser machen. Es war nun mal unwiderlegbar ein Fakt. Der schlimmste Teil seiner Vergangenheit, mal abgesehen vom frühen Unfalltod seiner Eltern, der ihn und seine Schwester in jungen Jahren zu Vollwaisen gemacht hatte, war nach Berlin zurückgekehrt und es sah nicht so aus, als würde er nur für eine kurze Stippvisite in der Hauptstadt verweilen wollen. Die einzige Klarheit nach Sandys provokantem Überraschungsauftritt vorhin im Stationszimmer der Chirurgie, der immer noch in seinen Gedanken nachschwang, so gerne er auch das völlig unerwartete Wiedersehen verdrängt hätte.

Cedric (weiß im ersten Moment nicht, was er sagen soll): Mary, das ähm...
Maria (funkelt ihn bitterböse an): Ja? Kommt da noch was? Außer heißer Luft? Oder hast du dich gerade eben schon verbal verausgabt? Wenn sich jemand hätte melden sollen, dann ja wohl eindeutig du, mein Freund! Oder wann dachtest du, mir davon erzählen zu wollen, hm? Am Sankt-Nimmerleins-Tag? Wird doch bestimmt nicht auffallen, hm? Eine nervige Kollegin mehr im EKH fällt ja sowieso nicht auf. Sicher nicht!
Cedric (lässt sich schwerfällig neben ihr aufs Sofa plumpsen u. ärgert sich über sich selbst am meisten, was sich in stetem Kopfschütteln äußert): Das war so klar, dass der Meier im OP seine Klappe nicht halten würde.
Maria (will eigentlich ruhig bleiben, fährt dann aber doch aus der Haut): Ach, sag bloß, er wusste auch Bescheid? Das ist ja wunderbar. Jeder kleinste Idiot im Krankenhaus ist im Bilde. Wir planen einen kleinen Vortrag, um unseren Dilettantennachwuchs zu bespaßen, und die Rednerinnen überraschen sich dann gegenseitig dabei. Weil doppelt hält besser, was? Daran sind sie ja gewöhnt. Sie haben ja schon immer gerne geteilt. Ihr Wissen und den Mann.

Das war so klar. Diese hinterhältige Schlange! Als ob ausgerechnet sie den Ball flach halten würde. Nach meinem Abgang vorhin bestimmt nicht. Das Miststück hat ihr aufgelauert. Ich hätte es verhindern können, ich Idiot. Stattdessen hab ich Mary blindlings in ihr rostiges Messer laufen lassen.

Cedric (schließt die Augen, um sich zu sortieren, u. weiß genau, egal, was er jetzt sagt, es wird es nicht besser machen): Sie war bei dir? Das hätte ich mir eigentlich gleich denken können.
Maria (verschränkt abweisend die Arme u. köchelt innerlich weiter nach): Wow! Ein Blitzmerker ist an dir verloren gegangen, Cedric.
Cedric (versucht, sich zu erklären, mit eher mäßigem Erfolg, wie man an Marias halbherziger Reaktion ablesen kann): Ich wollte es dir sagen.
Maria (würde ihn am liebsten ignorieren, aber so erschöpft u. mutlos, wie sie sich gerade fühlt, kommt sie von der Sofalehne nicht mehr hoch): Sicher.
Cedric (betont seine Unschuld u. sucht ihr Vertrauen): Nein, ehrlich! Ich wollte dich warnen. Aber was hätte ich denn tun sollen? Ich war doch selber total vor den Kopf gestoßen. Sie zu sehen, das... Scheiße, sie hat mich kalt erwischt. Ich hätte nicht im Leben damit gerechnet, dass sie sich je wieder blicken lassen würde.

Soll ich jetzt Mitleid mit dir haben, oder was? Vergiss es! Du hattest deine Chance, Rick.

Maria (jetzt platzt es aus ihr heraus): Reden! Reden bringt immer was, Cedric. In dem Stadium waren wir doch schon einmal.
Cedric (lässt resigniert die Schultern hängen, die ganze Anspannung lastet schwer auf ihm): Ich weiß. Aber hättest du es wirklich wissen wollen, so kurz bevor du unseren Chef auf dem Tisch hattest? Das hätte alles nur verkompliziert.
Maria (spürt, dass er es ehrlich meint u. seufzt frustriert auf, weil sie eigentlich stinksauer auf ihn sein müsste): Das tut es auch sowieso.
Cedric (lümmelt sich dicht neben sie an die Sofalehne): Das kannst du laut sagen.
Maria (hat nicht die Kraft, ihm auszuweichen, also geht sie schließlich auf ihn zu, weil sie spürt, wie sehr er leidet u. überfordert ist): Was zum Teufel will sie hier? Sie muss doch wissen, dass ihr in Berlin niemand einen roten Teppich ausrollen würde, nachdem sie hier so viel verbrannte Erde hinterlassen hat. Hat Prof. Haase überhaupt eine Ahnung, wen er sich da ins Haus geholt hat?
Cedric (dreht den Kopf langsam zur Seite, um seine große Liebe anzusehen u. fühlt erleichtert, dass sie bei ihm ist): Ich habe keine Ahnung, aber definitiv nichts Gutes.
Maria (macht die gleiche Bewegung, sodass sie sich wieder in die Augen sehen, in denen sie deutliche Verzweifelung u. Ratlosigkeit liest, was ihr eben noch heftig brodelndes Herz schließlich erweicht, obwohl sie sauer sein müsste): Definitiv! So wie sie sich aufgespielt hat, das geht auf keine Kuhhaut. Ich hätte sie am liebsten gegen die Wand geklatscht, aber dann hätte ich dem Hausmeister morgen die giftgrünen Flecken erklären müssen. Das war es mir dann doch nicht wert.
Cedric: Hat sie das?

War doch klar, dass sie es nicht lassen konnte. Sie hat doch auch damals alles darauf angelegt, dass Mary uns erwischen musste. Das war von Anfang an ihr Ziel. Sie verfolgt immer einen Plan, um dann im idealen Moment zuzuschlagen. Deshalb muss ich mein Mädchen schützen. Ich kann sie nicht zu ihr lassen. Es geht nicht. Das würde mich umbringen.

Maria (selbst schwarzer Humor hilft hier nicht weiter): Du kennst sie am besten von uns.
Cedric (schließt die Augen, weil er es nicht wahrhaben will): Sie kann gar nicht anders, als sich aufzuspielen. Provozieren um jeden Preis. Das steckt in ihrer dunklen DNA. Die Gottesanbeterin hat Karriere gemacht und muss es jedem unter die Nase reiben. Haase, Meier und ganz besonders uns. Sie genießt diesen Triumph, es geschafft zu haben.
Maria (versucht, wieder einen klaren Gedanken zu finden, um zu verstehen, was das alles soll): Also ist es ein Spiel? Ein ziemlich perfides, wenn du mich fragst. Ich an ihrer Stelle hätte nicht im EKH angeklopft. So abgebrüht muss man erst mal sein. Ist sie wirklich im Grey-Sloane angestellt? Ihr wart doch dort, Marc und du, während des letzten Chirurgenaustauschs im Frühjahr. Du hättest mir das sagen müssen, wenn ihr euch über den Weg gelaufen seid. Hattest du Schiss, dass ich ausflippen würde? Bin ich jetzt ausgeflippt? Die Frau bewirkt nichts bei mir. Im Gegensatz zu ihr hab ich noch so was wie Achtung vor mir selbst.
Cedric (schüttelt den Kopf u. kann das alles immer noch nicht fassen): Sie ist noch nicht so lange in Seattle, sagt sie. Ich hab vorhin ein bisschen recherchiert. Ihre Angaben sind alle nachprüfbar. Da gibt es nichts zu beanstanden. Wenn man mal von unserem Hintergrund absieht, der nun mal nicht jedem bekannt ist, was auch gut so ist, ist es nur logisch, dass sie sie geschickt haben und Prof. Haase sie mit Kusshand eingeladen hat. Sie hat die Kurse in Harvard tatsächlich bestanden und ist kurz danach nach Seattle gewechselt. Du kennst den guten Ruf des Ausbildungszentrums. Der ist ihr auch nicht unbekannt. Sie sucht sich immer die besten Adressen, um ihre Vita aufzuhübschen. Alles, was sie weiter voranbringen kann auf ihrem Weg nach oben. Das hat sie in Berlin schon so gehandhabt und jetzt in den Staaten. Sie ist dort tatsächlich Chirurgin in der Neuro. Ein Kollege, der Marc und mich damals in Seattle betreut hat, hat mir das bestätigt. Sie scheinen dort ziemlich von ihr angetan zu sein.
Maria (schüttelt fassungslos den Kopf): Was für eine Verschwendung.
Cedric (seufzt frustriert auf): Wem sagst du das? Und noch ne News, sie scheint frisch verheiratet zu sein.
Maria (lacht spöttisch auf): Das war ja klar, dass sie sich schnell wieder einen neuen Idioten suchen würde. Als ob sie je einen Schritt alleine getätigt hätte.
Cedric (verdreht die Augen): Sie hat nichts dazu gesagt, aber sie trägt einen ziemlich teuren Klunker an ihrem Finger. Und sie heißt jetzt Moeller. Nichts mehr mit Meise oder Stier, was ihr wohl zu profan und zu wenig international war als Titel auf ihrem preisgekrönten Doktorschild. Sie hat sich ihren Tutor geangelt und der soll dort auch einen ziemlich hohen Posten übernehmen, sagt der Kollege. Aber so ganz sicher ist das wohl noch nicht. Keine Ahnung. Vielleicht macht sie deshalb hier bei uns die Werbetour?
Maria (reagiert eher zynisch denn beeindruckt): Tzz... es geht doch nichts über Anpassung. Dieses verlogene Stück. Und welche Rolle spielt das EKH dabei? Was verspricht sie sich davon? Noch mehr Ruhm und Ehre? Ausgerechnet von uns, die sie abgezogen hat wie ein Hütchenspieler? Dann hätte sie besser an der Charité klingeln sollen. Die nehmen doch jeden, der sich anbiedert und einschleimt.
Cedric (zuckt mit den Schultern u. fasst sich gleichzeitig an den Magen, in dem es mächtig rumort): Wir sollten trotzdem aufpassen, Maria. Ich hab ein ganz ungutes Gefühl.
Maria (liest in seinen beunruhigten Augen u. stimmt ihm kopfnickend zu): Damit bist du nicht alleine. Ich werde einen Teufel tun und mich zusammen mit ihr auf eine Bühne stellen. Das kann sie sich knicken und wenn wir die ganze Schose absagen müssen. Ich habe eh gerade keinen Nerv dafür. Wir haben andere Probleme als die Weiterbildung unserer Schützlinge, die sowieso nur eher mäßige Quacksalber abgeben würden, wenn du mich fragst.
Cedric (greift wie zufällig nach ihrer Hand, die an der Sofalehne ruht): Wir werden vielleicht keine andere Wahl haben.
Maria (sieht ihn verständnislos an): Wie meinst du das? Erpresst sie dich? Womit? Man hat immer eine Wahl, Rick.
Cedric (blickt ihr eindringlich in die Augen u. sein ganzes Emotionschaos wird offenbar): Nicht unbedingt. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihr wirklich nur um die Vorträge geht oder ob das alles nur vorgeschoben ist. Sie will Sissi sehen und hat sich dabei unmissverständlich ausgedrückt.
Maria (drückt seine Hand u. sieht ihn mitfühlend an): Oh Rick!

Oh Gott, ich blöde Kuh, ich kreise nur um mich selbst und habe überhaupt nicht an die Kleine gedacht. Das ist schrecklich. Was kann denn das Würmchen für seine egoistische Erzeugerin, die sie abgelegt hat wie ein altes Kleidungsstück? Wir müssen das verhindern. Die Geschichte hat ihr damals schon so sehr zugesetzt, dass sie immer noch nicht richtig über dem Damm ist, auch wenn Sarah als Schwester alles gibt. Wir dürfen sie da nicht mit reinziehen.

Cedric (erträgt Marias mitleidigen Blick nicht u. weicht ihm aus): Nicht! Schau mich nicht so an! Ich bin okay. Ich werde mich davon nicht beeindrucken lassen.
Maria (sieht ihn liebevoll von der Seite an u. sucht seine Nähe): Das solltest du auch nicht.
Cedric (lässt sich der Länge nach aufs Sofa sinken u. platziert seinen dröhnenden Schädel auf ihrem Schoß, damit seine Freundin seine Haare kraulen kann): Weißt du, vielleicht hätte ich auch anders reagiert, wenn sie gleich nach ihr gefragt hätte. Wenn sie nur einmal ehrliches Interesse gezeigt hätte, anstatt lediglich im Nachgang ihrer bescheuerten Angeberei oder was auch immer das sollte. Aber nichts. Da kam nichts. Die ganzen Monate nicht. Kein Wort. Kein Brief. Kein Anruf. Keine Erklärung. Kein Nachfragen. Nichts. Sie hat sich entschieden, diesen Weg zu gehen, mit aller Konsequenz. Dann soll sie ihn auch gehen. Sie kann nicht plötzlich Ansprüche stellen, wo keine sind.
Maria (streicht ihm zärtlich über die stoppelige Wange, damit er sich beruhigt): Das werden wir auch nicht zulassen.
Cedric (sieht aufgewühlt hoch u. sucht ihren Blick, der sehr entschlossen wirkt): Wir?
Maria (schaut ihn eindringlich an): Denkst du etwa, ich hätte mir den Stress, ein geplatztes Magengeschwür und das ganze Chaos hier angetan, um beim ersten gravierenden Problem sofort einzuknicken? ‚Sorry, hab mich geirrt. Das ist nichts für mich.’ Ich lass mir doch von dieser dahergelaufenen Karrieretussi nicht in die Petrischale spucken. Geht’s noch? Die soll erst mal an mir vorbeikommen, dann wird sie schon sehen, dass sie bei uns an die falsche Adresse geraten ist. Das gilt für hier und auch für das Elisabethkrankenhaus.
Cedric (grinst schockverliebt zu ihr hoch): Wow! Du fährst ja richtig große Geschütze auf, aber die Verteidigerin der familiären Werte steht dir. Das ist richtig sexy.
Maria (findet das überhaupt nicht witzig u. das zeigt auch ihr eingefrorenes Gesicht): Rick, ich warne dich! Ich kann auch anders.
Cedric (plötzlich wieder bierernst): Ich weiß. Und ich schätze es sehr, dass du so für uns einstehst. Zumal das nicht selbstverständlich ist.
Maria (sieht ihn irritiert an): Jetzt sei nicht albern. Natürlich ist das selbstverständlich. Ich hab mich auf das alles hier eingelassen und das aus reinem Gewissen. Ich wusste genau, auf was ich mich einlasse und sag jetzt nicht, ich hätte zu lange gezögert. Ein bisschen Bedenkzeit stand mir ja wohl zu, bevor Motte und ich unser ganzes Leben für euch umgekrempelt haben.
Cedric (kann seinen Blick nicht von ihr abwenden): Trotzdem sehe ich doch, wie du auf Sissi reagierst.
Maria (guckt ihn ganz verdattert an u. weist den Verdacht weit von sich): Ich reagiere gar nicht.
Cedric (sieht sie intensiv an, was sie ein bisschen nervös macht): Vielleicht nicht bewusst. Du hast sie angenommen, ohne eine große Sache daraus zu machen. Wir haben nie darüber gesprochen. Ich weiß, dass das manchmal noch hochkommt. Ich hab vollstes Verständnis dafür. Das ist dein gutes Recht. Sie wird uns immer daran erinnern, was für eine riesige Scheiße ich damals gebaut habe, aber...
Maria (fällt ihm aufgewühlt ins Wort): Rick, du irrst dich, wenn du denkst, dass ich sie...
Cedric (lässt sie gar nicht erst ausreden): Aber, und das ist der entscheidende Punkt, sie ist das Beste, was aus dieser vermaledeiten Verbindung hervorgegangen ist. Sie kann nichts dafür. Du hast sie als Teil unserer Familie akzeptiert und integriert. Das rechne ich dir hoch an. Auch dass du dir nichts anmerken lässt, wenn sie dich immer wieder Mama nennt. Ihr neues Lieblingswort. Das ist wirklich groß von dir. Sissi kennt das nicht anders. Natürlich sucht sie deine Nähe. Sie mag dich sehr. Sie guckt sich das von Sarah ab. Sie lebt es ihr vor. Und du hast selber gemerkt, wie positiv sie sich entwickelt hat, seitdem sie mit ihrer Schwester unzertrennlich ist. Ich liebe unsere Familie. Ich bin unendlich froh darüber, dass wir das hingekriegt haben. Ich kann deshalb nicht zulassen, dass Sandy...

Das werden wir auch nicht, du sentimentaler Idiot. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Ich hab’s geahnt. Vom ersten Moment an. Dieser Mann bedeutet eine Menge Ärger.

Maria (jetzt unterbricht sie ihn u. hält ihren Zeigefinger gegen seine rauen Lippen): Ssshhh! Dieser Name wird niemals diese Mauern erobern. Ist das klar? Und jetzt krieg dich endlich wieder ein, Cedric Stier! Wenn du jetzt noch anfängst zu heulen, ist das nicht so sexy, wie du vielleicht denkst.
Cedric (verdreht die Augen u. schüttelt dann schmunzelnd den Kopf, als die Anspannung langsam abfällt): Da will man dir einmal ein Kompliment machen, eins, das wirklich Bedeutung hat, und will dir sagen, wie sehr...
Maria (schiebt ihn von sich weg u. steht entschlossen auf, noch bevor er zu Ende sprechen kann): Ja, ja, ist gut jetzt! Du bist eindeutig viel zu emotional im Moment, um rational auch nur irgendetwas beurteilen zu können. Wir lassen uns von dem ganzen Mist nicht unterkriegen. Ist angekommen. Aber vom nur Drumherumquatschen wird nichts. Schließt du bitte draußen ab und stellst die Alarmanlage an! Und leg endlich diesen blöden Stasiapparat beiseite! Wir waren uns doch einig, dass wir unsere Kinder nicht überwachen wollen. Sie sind zwar klein und vorlaut, aber doch schon eigenständige Persönlichkeiten. Jede hat ihr Recht auf Privatsphäre.
Cedric (schaltet nach einem kurzen vergewissernden Blick darauf den Monitor aus, auf dem er entdecken konnte, wie Sarah im Schlaf ihre kleine Schwester fest im Arm hält, u. legt das Babyphone zufrieden auf den Tisch, dann steht er auf u. geht Maria hinterher): Weißt du, Mary, du bist wirklich eine bemerkenswerte Frau. Einzigartig, klug, selbstbewusst, verdammt heiß, aber wenn’s um Romantik geht, da läufst du gleich davon.
Maria (bleibt vor der Kinderzimmertür mit den sechs Schmetterlingsbuchstaben stehen u. räkelt sich sexy am Türrahmen, nachdem sie sich noch einmal nach Cedric umgedreht hat, der sie mit feurig funkelnden Augen fixiert): Das würde mir zu denken geben, mich in Zukunft vielleicht ein bisschen mehr ins Zeug zu legen. So wie du’s immer mit den Kindern machst. Nie unter hundert Prozent. So, jetzt aber genug geflirtet. Ich schau kurz nach Sophie und gehe dann duschen. Ich muss mir endlich den ganzen Dreck und den Tod von der Haut schrubben.
Cedric (kann es nicht lassen, sie herauszufordern): Kann ich mit?
Maria (zwinkert ihm verheißungsvoll zu u. verschwindet dann mit einem breiten Lächeln in Sophies Zimmer): Plump, aber netter Versuch. Vielleicht?

Mein Gott, wie sehr ich diese Frau doch liebe.

Cedric (grient in sich hinein, während er von der Tür aus beobachtet, wie Maria ihr kleines Baby an sich drückt u. leise mit ihm spricht, bis ihn plötzlich der Schreck in die Glieder fährt): Ich will mir ja nicht nachsagen lassen, dass ich mich nicht ins Zeug legen würde. Moment! Hast du gerade „Tod“ gesagt? Damit meinst du jetzt aber nicht den Professor?
Maria (legt seelenruhig ihr schlafendes Kind zurück in sein Bettchen u. deckt es liebevoll zu, während sie den vergangenen Tag nicht mehr zu nah an sich herankommen lässt): Nein, natürlich nicht. Ich meine den Jungen, der heute... Nein, lass uns bitte nicht die Arbeit hierher holen! Das gehört hier definitiv nicht hin. Weder die Sache mit „Du weißt schon wem“ und wie wir damit umgehen werden, noch die abgebrochene OP vom Chef. Ich hab mir darüber schon genug den Kopf zerbrochen. Morgen ist auch noch ein Tag.
Cedric (nickt ihr zu u. horcht erneut auf): Ihr habt die OP abgebrochen? Waren seine Verletzungen so gravierend? Braucht ihr Hilfe? Ich erinnere mich da an einen Fall, den mir ein Kollege in den Staaten erzählt hat. Einer der Chirurgen, der jetzt aber nicht mehr dort arbeitet, hatte sich auch schwer an der Hand verletzt, sein Karriereende schien unausweichlich, bis man ihn in einem komplizierten Eingriff wieder...
Maria (stellt sich dem grübelnden Chirurgen entschieden in den Weg): Rick!
Cedric (etwas überrumpelt, weil seine Freundin plötzlich wieder dicht vor ihm steht u. ihn zur gegenüberliegenden Badezimmertür drängt): Mhm?
Maria (raunt ihm verheißungsvoll ins Ohr): Wie war das noch mal mit, der Job hat zuhause nichts zu suchen? Ich nehme aber gern auch Anregungen anderer Art an.
Cedric: Soso? Na, dann! Ich drehe schon mal das heiße Wasser an. Wobei, könnte auch sein, dass ich eine Abkühlung gebrauchen werde. An dir verbrennt man sich definitiv die Finger, was für einen Chirurgen sehr gefährlich sein kann.

...griente Cedric die sexy Verführerin, die ihre Arme um seine Schultern gelegt hatte, viel versprechend an und schob mit dem Rücken die Badezimmertür auf, während sich Marias Lippen fordernd auf seine legten. Ein bisschen Zerstreuung in dem ganzen emotionalen Chaos konnte schließlich nicht schaden. Denken konnte man auch später noch. Und so fiel die Tür schließlich mit einem leisen Klacken ins Schloss.

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