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Lorelei Offline

Facharzt:


Beiträge: 10.053

09.08.2019 09:08
#1651 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Doktor! Dr. Moeller. Angenehm!“, half die schöne Unbekannte Dr. Meier begleitet von einem umwerfenden Lächeln auf die Sprünge. - „Aber Sie können mich gerne Sandy nennen, wenn Sie mögen, Dr. Meier. Schließlich haben wir bald häufiger miteinander zu tun. Auf jeden Fall einer der verheißungsvolleren Vorzüge dieses altehrwürdigen Berliner Klinikums“, säuselte sie mit sexy Stimme und verteilte weiter fleißig Pluspunkte an das EKH, wobei sie ihr äußerst attraktives Gegenüber erneut mit deutlich spürbarem Interesse musterte, welches bei Marc jedoch die entsprechende Wirkung verfehlte. Kannte er doch Karrierefrauen ihres Kalibers nur zur Genüge, die neben ihrem eventuell durchaus vorhandenem Intellekt und ihrem anstrengenden Ehrgeizstreben den stets von ihnen verfochtenen Emanzipationsgedanken auch durchaus hinten anstellen konnten und nicht davor zurückschreckten, die simpelste aller Methoden für ihren Vorteil zu nutzen, um zu bekommen, was sie wollten, was bei der einen mehr, bei der anderen weniger funktionierte. All die Amseln, Hassmänninnen und Co. glichen sich doch ein Ei dem anderen. Das war so vorhersehbar und gähnend langweilig, notierte der selbsternannte Chirurgengott nur beiläufig in Gedanken und konnte sich dabei ein kleines Schmunzeln nicht verdrücken. Für ihn war daher der dampfende Kaffee in der Tasse, die er sich gerade wieder von der Anmeldung geschnappt hatte, bei weitem interessanter. Spürte er doch das belebende Koffein, welches direkt in sein Blut übergegangen war und das aufkommendes Gähnen, das sein übliches Mittagstief begleitete, verdrängte.

Einen kleinen spöttischen Kommentar konnte sich Marc aber dennoch nicht verkneifen. Ihr übertriebener, wenn auch verspielter und durchaus ansehnlicher Businesslook sprach schließlich Bände und war so weit von dem hippen Berlin seiner Zeit entfernt wie Dr. Gummersbach von seinem Heimatplaneten drei Galaxien hinter der Milchstraße. Und dann noch dieser Name. Verspielt und sexy, ja, aber nicht unbedingt Garant für akademischen Erfolg. Seine Neugier war fraglos geweckt. Es konnte sicherlich nicht schaden, ein bisschen nachzuhaken, was eine Ärztin wie sie, die augenscheinlich viel von sich hielt und am liebsten für sich den roten Teppich ausgerollt bekommen hätte, ausgerechnet im bescheidenen Berliner Elisabethkrankenhaus zu suchen hatte, das zwar für seine Herzlichkeit und sein familiäres Miteinander bekannt und geschätzt war, aber nicht unbedingt als hoch gelobtes Karrieresprungbrett galt, was es sicherlich in baldiger Zukunft noch werden würde, sobald der hochmoderne Anbau im Ostflügel endlich fertig war, wo er sich endlich so richtig austoben konnte, und Franz ihm das heilige Zepter überlassen hatte. Das roch doch schon danach, dass irgendetwas faul war im Staate Chirurgenhausen.

Marc: Candy Sandy. Mhm... Das passt.

...murmelte der gutaussehende Oberarzt deshalb ungeniert in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart und präsentierte dabei sein wirkungsvollstes Werkzeug neben seinen begnadeten Chirurgenhänden, seine Grübchen, bevor er anschließend, ohne den Meierschen Scanner-Blick von der attraktiven Blondine abzuwenden, seine Kaffeetasse in einem Zug leerte und dann auf einem der aufgeschlagenen Bücher auf Sabines Schreibtisch zwischenparkte, welches zufällig den Namen seiner Mutter trug. Er applaudierte sich insgeheim für den gelungenen Spruch, den die flirtbereite Ärztin mit einem verheißungsvollen Augenzwinkern kommentierte, ohne den leichten Spott hinter seiner markanten Stimme überhaupt wahrgenommen zu haben. Auch wenn sie sich taff und selbstsicher gaben und sich für unerschütterlich hielten, weil sie, oh Wunder, das Physikum geschafft und als Beste ihres Jahrgangs den Facharzt abgeschlossen hatten, reagierten sie doch in der Regel in seiner Gegenwart überwiegend gleich, analysierte Marc die Situation gelangweilt und wandte sich um, um ein paar Unterlagen aus seinem Fach zu holen und anschließend in Wichtig-Wichtig-Pose interessiert durchzugehen, was bei seinem Gegenüber vor dem Empfangstresen zu leichten Irritationen führte. Nichtbeachtung war die junge Doktorin offensichtlich nicht gewohnt, die eigentlich ihrem Status entsprechend mit einem würdigeren Empfang gerechnet hatte. Schließlich hatte sie einen weiten Weg auf sich genommen.

Dr. Cedric Stier hatte derweil nebenan in der Umkleide genug gehört. Ihm war schlecht. So richtig schlecht. Nicht nur wegen des seltsamen Flirtverhaltens seines Freundes und Kollegen Meier, der ihm damit unbewusst in den Rücken gefallen war. Er stand immer noch unter Schock und erst das Geräusch einer sich öffnenden Tür hinter ihm holte ihn zurück in die Gegenwart zu seiner jüngsten Tochter, die in seinen Armen noch immer zufrieden vor sich hin schlummerte, während sie sein graues T-Shirt voll speichelte. Es kam ihm sehr entgegen, dass genau in dem Moment, als er seine durcheinander geratenen Sinne wieder mit seinem unerschütterlichen Verstand in Einklang gebracht hatte, die Oberschwester die Umkleideräumlichkeiten gestürmt hatte. Ohne es anzukündigen und sie und ihren Protest überhaupt zu Wort kommen zu lassen, drückte er der perplexen Pflegeleiterin sein Kind in die Arme, erinnerte sie an einen dringenden Termin bei den Kollegen in der Pädiatrie und marschierte dann, ohne noch einmal darüber nachzudenken oder sich eine passende Strategie ausgedacht zu haben, im Sturmschritt rüber ins Schwesternzimmer, dessen Tür er wohlweislich hinter sich zumachte. Er konnte nicht anders. Er brauchte jetzt dringend Antworten, sonst würde er noch vollends durchdrehen.

Dort sorgte das plötzliche Auftauchen von Dr. Stier für den einen oder anderen Überraschungsmoment. - „Du?“, staunte nicht nur Dr. Meier schlecht, dessen freches Grinsen wieder deutlich Oberwasser bekam, weil ihm Cedrics wiederholt absonderliches Verhalten an diesem Tag irgendwie spanisch vorkam. Aber als Hahn im Hühnerstall musste man ja irgendwann wunderlich werden, schlussfolgerte er ohne einen spürbaren Hauch von Mitleid, während Dr. Moellers anziehendes Lächeln eine ganz neue verführerische Note bekam, der man sich kaum entziehen konnte, ob man wollte oder nicht. Als hätte die schöne Chirurgin nur darauf gewartet, ihm zu begegnen, sprach sie ihn direkt an. - „Du, hier? Also stimmen die Gerüchte. Dabei habe ich es für einen schlechten Scherz gehalten, als man mir davon berichtet hat. Aber Glückwunsch zum neuen Job! Niemand muss sich dafür grämen, wenn er wieder von unten neu anfangen muss. Kleine Schritte haben auch große Wirkung und dieses unscheinbare Haus im hintersten Winkel von Berlin kann gute Ärzte definitiv gebrauchen, wenn mich mein erster Eindruck nicht täuscht.“ Dass sie ihre Worte nicht sonderlich ernst gemeint hatte, wie es vielleicht für unbeteiligte Ohren geklungen haben könnte, diese sonderbaren Schwingungen kamen auch bei Marc Meier ungefiltert an, der eigentlich nur zwei Personen, einschließlich sich selbst, und eine halbe, aber deutlich vorlautere Person, kannte, die die Chuzpe besaßen, diesem Vollidioten von Möchtegernchirurgen verbal ordentlich etwas vor den Latz zu knallen. Abrupt horchte er demzufolge auf, legte seine Unterlagen, die sich als nicht so wichtig herausgestellt hatten, zurück in sein Fach und lehnte sich dann lässig gegen die Kommode unter den Postfächern. Sein Interesse, das kurzzeitig abgeflaut war, war jetzt definitiv wieder geweckt.

In Ping-Pong-Spiel-Beobachtungsmanier wanderte Marcs Kopf von einer Richtung zur anderen, auch wenn sein Wie-auch-immer-Kumpel sich anfänglich noch in Schweigen hüllte und die attraktive Blondine, die bei dessen Anblick ungefragt das Stationszimmer geentert hatte und nun in sexy Pose am Schreibtisch von Schwester Sabine lehnte, von wo aus sie Dr. Stier mit unergründlichem Blick über den Rand ihrer Designerbrille hinweg daueranlächelte, aus ausdruckslosen Augen einfach nur anstarrte, als stünde er vor einem Geist, durch den er hindurchblickte. Die Anspannung war nahezu mit den Händen greifbar. Also tat Dr. Meier das, was jeder vernünftige Mensch in dieser Situation gemacht hätte. Er griff beherzt zu. Schließlich hatte ein bisschen Ablenkung vom harten Chirurgenalltag noch nie geschadet. Dr. Stier wäre dahingehend sicherlich anderer Meinung als sein Spaß und Unterhaltung suchender Kollege und nicht nur er, aber die Befindlichkeiten von gerade mal halbwegs geduldeten Mitarbeitern, die noch dazu weniger erfolgreich waren als er, waren dem Oberarzt der Chirurgie schon immer herzlich egal gewesen.

Marc (blickt forschend zwischen den beiden hin u. her): Ach, ihr kennt euch?
Cedric (lässt die attraktive Lady mit seinen Blicken nicht mehr los u. spricht durch zusammengepresste Lippen): Wieso?
Marc (glaubt zu wissen, wo der Frosch die Locken hat u. nickt Cedric bestätigend zu): Hm... vielleicht... weil ihr euch so angeregt miteinander unterhaltet?
Sandy (fixiert Dr. Stier mit verführerischem Blick, nachdem sie kurz zu Dr. Meier rübergeblickt u. wohlwollend den eigenwilligen Spott in dessen Stimme mitbekommen hat): Tja, wenn man die schönste Zeit seines Lebens miteinander verbracht hat, braucht es nicht viele Worte.
Marc (fühlt sich in seiner Vermutung bestätigt u. folgt grinsend ihrem Blick zu Cedric, der keine Miene verzieht): Ach?
Cedric (strotzt nur so vor Zynismus, nachdem es endlich aus ihm herausgeplatzt ist, was sich die ganze Zeit schon angestaut hat): Pff, die schönste Zeit? Ja, klar, in deinen giftgrünen Augen muss es ja auch so ausgesehen haben. Hast ja auch genug profitiert. Dreieinhalb Jahre lang.

Okay? Bis eben dachte ich noch, der Tag kann nur noch beschissener werden. Aber das hier hebt die Stimmung doch wieder gewaltig. Der Fuchs lässt das Jagen nicht, trotz vollem Hühnerstall vor der Haustür. Das macht ihn mir fast schon wieder sympathisch. Fast! Aber wie kann man auch so eine Granate stehen lassen und ausgerechnet zu einer Giftspritze wie Dr. Hassi zurückgekrochen kommen? Die Gleichung geht nicht auf.

Marc (beobachtet die beiden ganz genau, wie sie sich gegenseitig belauern): Ah, daher weht der Wind? Das erklärt, wieso es auf einmal mindestens fünfzehn Grad kälter geworden ist. Damit wirkt die neue Klimaanlage irgendwie obsolet.
Cedric (funkelt den Sprücheklopfer mit finsterem Blick an): Halt die Fresse, Meier! Hier weht überhaupt kein Wind. Außer die Böen, die dich in Kyrillstärke gleich aus dem Stationszimmer fegen werden. Hast du nichts zu tun, jetzt, wo du endlich wieder auf Station sein darfst und ungeniert deine von dir eingeschüchterten Mitarbeiter herumkommandieren darfst?
Marc (verschränkt lässig seine Arme vor seiner Brust u. lehnt sich entspannt gegen die Fächerwand): Negativ. Mir scheint, hier wird mir gerade das bessere Unterhaltungsprogramm geboten. Man muss seine Schützlinge auch mal alleine walten lassen. Quasi aus dem Nest schupsen. Sonst lernen die’s ja nie. Ne ruhige Kugel schieben ist nicht. Die halbe Innenstadt ist gerade ohne Strom. Demo, Streik und Kinderkarussell auf den Straßen. Mit entsprechenden Folgen. Damit sollen die sich mal schön alleine rumschlagen. Ich bin eher Befürworter der praxisorientierten Ausbildung.
Sandy (nickt anerkennend mit ihrem hübschen Köpfchen): Sounds nice. Der Typ gefällt mir.
Cedric (schüttelt den Kopf u. hofft immer noch auf einen Albtraum, aus dem er gleich aufwachen wird): Der Schein trügt.
Sandy (lächelt unentwegt u. lässt sich nicht so leicht hinter die perfekte Fassade blicken): Immer die perfekte Antwort auf Lager, der Herr Doktor. Das hat mir damals schon imponiert.

Dieses Biest! Ich könnte sie... GRRR!!! Bleib ruhig, Mann! Das will sie doch nur. Sie wird sich nie ändern und das ist mir, im Grunde genommen, auch schnurzpiepegal. Mich interessiert vielmehr, was sie hier überhaupt will. Taucht aus heiterem Himmel wieder auf und gibt sich ganz besonders scheinheilig. Genauso wie sie sich damals mit meiner geklauten Unterschrift und meiner letzten Kohle mir nichts dir nichts in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf Nimmerwiedersehen davongestohlen hat. Ohne doppelten Boden im hinterlistigen Plan, den sie vor Typen wie Marc in ihrer Fake-Designertasche versteckt hält, und manikürte Krallen, die sie einem hinterrücks ins Fleisch rammen kann, geht sie doch nie aus dem Haus.

Cedric (rollt theatralisch mit den Augen u. kommt ein paar Schritte auf die falsche Schlange zu): Lass es, Sandy! Deine falsche Freundlichkeit ist doch nur Fassade. Genauso gefaked wie deine Designerklamotte.
Sandy (streicht sich demonstrativ ihr figurbetontes Kostüm zurecht u. mustert dann abfällig seinen ungewohnt legeren und, den Flecken auf seinem eng anliegenden T-Shirt nach zu urteilen, fast schon ungepflegten Aufzug): Gefällt sie dir? Sie ist nicht gefaked. Ich kann es mir leisten.
Cedric (hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig): Dann hast du wohl wieder einen Dummen gefunden, was?
Marc (hat sichtlich Spaß daran, die dahin geworfenen Einzelteile Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammenzuschustern): Wieder?
Cedric (ignoriert den kleinlauten Kollegen, der direkt neben ihm steht u. ihn hämisch von der Seite fragend angrient): Was zum Teufel hast du hier zu suchen? Dir konnte es doch damals nicht schnell genug gehen, aus Berlin zu verschwinden.
Sandy (hält seinem eisigen Blick stand): Ich bin eingeladen worden.
Cedric (glaubt ihr kein Wort): Sicher. Von wem? Pinocchio oder Münchhausen?
Sandy (lächelt u. kostet den kleinen Triumph genüsslich aus): Prof. Haase.
Marc (wundert sich jetzt genauso sehr wie Cedric, denn dieses Puzzleteil passt überhaupt nicht in das Bild, das er von ihr gezeichnet hat): Der alte Haase?
Cedric (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Bitte? Wieso in drei Gottes Namen sollte er das?
Sandy (genießt seine Verunsicherung sehr u. kostet sie genüsslich aus): Dass ihr Chirurgen euch immer so hochstilisieren müsst. Faszinierend. Das gibt’s in den Staaten nicht. Dort ist man schon bedeutend weiter. Nicht nur was die medizinische Forschung betrifft. Vermutlich holt man sich deshalb von dort Rat.
Cedric (seine Stimme überschlägt sich fast u. rutscht eine Oktave in die Höhe): Bei dir? Das kann nur ein schlechter Scherz sein. Wenn sich einer bedient, dann ja wohl du.

Fick die Henne! Das könnte lustig werden, wenn die hier wirklich ihre Show abziehen sollte. Ich sollte mir besser Popcorn besorgen. Diese Vorstellung hat definitiv Überlänge.

Marc (jetzt klingelt es endlich): Ach? Das heißt... dann sind Sie also...?
Sandy (legt ihr überzeugendstes Flirtlächeln auf, mit dem sie den gutaussehenden Chirurgen umschmeichelt): Wir waren doch schon beim „Du“, Dr. Meier. Ja, die bin ich. Aus Fleisch und Blut.
Marc (zischt kleinlaut): Nicht nur das.
Sandy (lässt den charmanten Chirurgen nicht aus den Augen, während sie auch immer wieder kurz zu Cedric rüber schielt, der kaum noch die Fassung wahren kann): Das Grey Sloan Memorial Seattle schickt mich als Dozentin, um euch Hinterwäldlermedizinern hinter der Mauer mehr Durchblick zu verschaffen. Scheint mir auch dringend nötig, so wie es hier auf der Baustelle aussieht.
Cedric (starrt sie mit offenem Mund an u. kann es nicht fassen): Du verarschst mich?
Sandy (kommt lässig auf ihn zu u. tätschelt ihn leicht am Arm): Cedric, mein Lieber, über das Stadium sind wir doch schon längst hinaus. Aber es freut mich wirklich sehr, dich zu sehen. Siehst gut aus.
Marc (jetzt, wo er die Zusammenhänge so langsam versteht, bleibt er skeptisch): Naja!?! Sie sind die Vortragsrednerin für den Neurologennachwuchs Ende der Woche? Komisch. Ihr Name stand gar nicht auf dem Zettel. Ich hätte eher mit Grey oder einem der Shepards gerechnet.
Sandy (ein bisschen Wehmut kommt auf): Sind leider verhindert. Es hat ein großes Unglück mitten in der City gegeben. Alle sind stark eingespannt.
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn, weil die Frau ihm nicht ganz geheuer ist): Nicht alle offenbar. Aber als wir vor ein paar Monaten zum Erfahrungsaustausch drüben im Grey Sloan waren, sind wir uns, glaube ich, nicht begegnet. Dabei haben wir doch alle Abteilungen durchlaufen. Zumindest die, auf die es ankommt. Was er die ganze Zeit gemacht hat, keine Ahnung.
Cedric (stimmt ihm zu u. gewinnt wieder etwas an Fassung): Das wüsste ich aber.
Sandy (sieht kess darüber hinweg u. nimmt am runden Tisch vorm Fenster Platz, wo sie beobachtet von zwei männlichen Augenpaaren sexy ihre schlanken, langen Beine übereinander schlägt): Ja, man hat mir von den beiden Berliner Chirurgen berichtet, die bei unseren Assistenzärzten und vor allem den Assistenzärztinnen einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben, aber mir war nicht klar, dass du einer von ihnen gewesen bist, Darling. Wir haben uns wohl nur um ein paar wenige Tage verpasst. Schade eigentlich. Das hätte ein sehr fruchtbarer Austausch werden können. Ich hab vor zweieinhalb Monaten im Grey Sloan angefangen.
Cedric (kommt einen Schritt auf sie zu u. funkelt sie von oben herab an): Es hat sich ausgedarlingt, Sandy! Heb dir deine Spitzfindigkeiten für deinen Boss auf! Mit wem musstest du schlafen, um an den Job zu gelangen, hm?

Klingelingeling! Startschuss zu Runde eins. Hornochse vs. Giftnatter! Und mir fehlt immer noch das Popcorn und ne Pulle Pils. Mhm... Ich glaube, ich krieg Hunger. Ich hätte doch mit Haasenzahn essen gehen sollen. Sie verpasst hier was und damit wird sie mir tagelang in den Ohren liegen. Garantiert!

Marc (weicht sicherheitshalber einen Schritt zurück): Hoho! Jetzt wird es aber interessant. Ich hab doch gesagt, hier läuft ein weitaus besseres Programm als bei den Pflasterklebern in der Notaufnahme.
Sandy (wirkt dann doch zusehends genervt von den unangebrachten hämischen Kommentaren ihres Berliner Kollegen): Dr. Meier, es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns jetzt bitte für ein paar...
Marc (hebt beide Hände in Unschuldspose hoch u. bewegt sich nicht vom Fleck, während er ihr pappfrech ins Wort fällt): Och? Alles klar! Kleines heimliches Stelldichein, hm? Waren wir nicht beim „Du“? Sorry, aber ich bin dem Hippokratischen Eid verpflichtet, falls Sie wissen, worum es sich dabei handelt, und es sieht so aus, als wären meine Dienste hier gleich von Nöten, was nicht heißt, dass es ihm helfen würde. Er war schon immer lediglich der nachnominierte Ersatzspieler, der den Platz für die richtig wichtigen Leute auf der Bank warm hält.
Sandy (guckt kurz irritiert zu Cedric hoch u. lächelt dann wieder, als sie sein genervtes Augenrollen registriert): Wow! Sein Ruf eilt ihm wirklich voraus. Er kommt ziemlich schnell zur Sache.
Cedric (verschränkt abweisend seine Arme vor seinem Körper u. lehnt sich mit dem Rücken gegen die Fächerwand, was dazu führt, dass einige Briefe zu Boden purzeln): Ist aber bei weitem nicht deine Kragenweite.
Marc (grinst verschmitzt): Das lassen wir aber mal schön den Experten beurteilen.
Cedric (zickt direkt zurück): Schade, dabei sehe ich gerade gar keinen.
Marc (nickt anerkennend u. schaut zu der Ärztin rüber, die das alles schmunzelnd von ihrem bequemen Sitzplatz aus beobachtet): Wow! Da muss einer aber wirklich noch sehr an Ihnen hängen, wenn er gleich die Verbalkeule schwingt. Ist aber eher nur ein Schaumschläger. Von dem her überwiegend ungefährlich.
Cedric (fällt ihm grimmig ins Wort): Marc, ich warne dich.

Cedric funkelte Marc mit bitterbösem Blick unmissverständlich an und drängte ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung Kaffeeküche zurück. In der Hoffnung, er würde dann durch die Zwischentür verschwinden. Aber sein Wie-auch-immer-Kumpel ließ den deutlichen Wink mit dem Zaunspfahl an sich abprallen. Er dachte nicht im Traum daran, sich so schnell verdünnisieren zu wollen, jetzt, wo es gerade spannend geworden war. Aber leider war das Schicksal an diesem Tag Marc Meier überhaupt nicht gewogen. Es hatte nicht nur auf äußerst mysteriöse Weise die Kaffeekanne geleert, die er gerade mit sehnsüchtigem Blick anvisiert hatte, sondern ließ im entscheidenden Moment auch noch plötzlich sein Handy losdudeln, welches er daraufhin missmutig aus seiner Kitteltasche zog. Auch wenn sich seine Miene jedes Mal erhellte, wenn er den Namen mit dem dazu passenden, in einer albernen Situation aufgenommenen Foto auf dem Display seines Smartphones aufploppen sah, kam Dr. Meier diese Störung diesmal ziemlich ungelegen und das verhehlte er seinem Gesprächspartner auch nicht, der, ohne eine positive Antwort abzuwarten, direkt mit seinem nervtötenden Monolog losgelegt hatte, was zu einer entsprechenden Reaktion führte, die man an Marcs leidendem Mienenspiel deutlich ablesen konnte, welches er den beiden ihn irritiert beobachtenden und sich gegenseitig weiterhin belauernden Kollegen im Stationszimmer nun präsentierte, während er den verbalen Dünnschiss des sehr beharrlichen Anrufers schließlich auf seine ganz eigene Weise ein Ende setzte...

Marc: Boah, Kaan, ehrlich, ey, du hast vielleicht Nerven, hier anzurufen. Hast du keine eigenen Probleme? Ach ja, die schleppst du ja ständig freiwillig mit dir rum. Muss an den kurzen Röcken liegen, unter die du so gerne guckst. ... Ja, toll, dass du denkst, ich könnte ein bisschen Aufmunterung an meinem ersten Arbeitstag gebrauchen. Gegen Worttourette hilft aber nur ein probates Mittel und ich hätte nicht gedacht, das ich das jemals sagen würde, aber nerv Gabi damit. Die deutet vielleicht sogar noch einen peinlichen Liebesschwur da rein und klebt dir dann auf ewig an der Backe. ... Bestens. Hört man, oder? ... Ey, ich bin der Chef hier. Ich komm schon klar. Die Chirurgie ist wie Moped fahren oder ne entspannte Nummer schieben. ... Witzig! Das mediterrane Klima tut deinem Humordefizit verdammt gut. ... Mittagspause? Darauf geschissen. Der überflüssigste Zeitpunkt des Tages. Also, wenn man nicht Haase heißt. ... Dass du das sagen würdest, wundert mich nicht, jetzt, wo du in deinem persönlichen Schlaraffenland weilst und dich wahrscheinlich schon komplett einmal durch die Toskana gefressen hast. Ich nehme dir immer noch übel, dass du dich Hals über Kopf verkrümelt hast, mein Lieber. Du, nein, sie schuldet mir immer noch einen halben Abend gestohlener Lebenszeit. ... Ich weiß. Lass du dir nur weiter fröhlich die Sonne auf deine dicke Plauze scheinen. Du hast es dir verdient. Sie weniger, aber du wolltest sie ja unbedingt dabei haben. Warum auch immer? ... Es regnet die ganze Zeit? Och, ne Tüte Mitleid. Was musstet ihr auch ausgerechnet mitten im Herbst in den Urlaub fahren? Selber schuld, wenn du mich fragst. Trostlose Gegenden hättet ihr auch ohne viel Aufwand außerhalb der Stadtgrenzen von Berlin angucken können. Ein Wunder, dass ihr es mit dem alten Schrottcamper deines Vaters überhaupt über die Alpen geschafft habt. Aber das hat Hannibal mit ein paar Elefanten ja auch geschafft, ne. Ist mit dem Bulli ja fast das Gleiche. Hähä! ... Jetzt bleib mal bitte auf dem Teppich, mein Freund! Wieso sollte ich dich vermissen? Seid ihr weg? Hab ich gar nicht mitbekommen. Es ist nämlich mehr oder weniger echt busy hier. ... Haha! Ich bin froh, dass du mich mal ausnahmsweise nicht ständig mit deinem talkshowverdächtigen Beziehungsgeheule nervst. Apropos, wie ist der Stand? Ist sie dir wieder davongelaufen? Dann sage ich nur, herzlichen Glückwunsch! ... Boah, Alter, du musst aufhören, mir ständig von eurem Liebesgesäusel erzählen zu wollen. Das ist abartig. Kannst froh sein, dass ich heute noch nichts gegessen habe, sonst müsste ich Stier und seiner Ex jetzt vor die Füße reihern. ... Nope, ne andere, keine Ahnung, frag besser nicht! Reine Zeitverschwendung. Das EKH ist mal wieder das reinste Irrenhaus. Kennste. Verpasst also nichts. Aber noch ne Woche Abstinenz gönn ich dir nicht. Haben wir uns verstanden? Wir müssen hier wieder Ordnung und Verstand reinbringen, sonst tanzen die Mäuse noch länger auf den OP-Tischen. ... Blendend. Die Drei hüpfen hier auch irgendwo rum. Also, die eine hüpft mehr als die anderen. ... Du weißt doch, wie sie ist. Sie kann nicht ohne mich. ... Hey! Versuch dich mal nicht in einen Intellekt hineindenken zu wollen! Das kann nur schiefgehen. Bei deiner Vita. ... Ja, ist nicht zu überhören. Da fällt mal eine Woche die Gitarrenstunde bei ihrem Lieblingsonkel aus und das kommt dabei heraus. Ein Wunder, dass sie euch noch nicht aus dem Land geworfen haben bei dem höllischen Geklampfe. Ich sollte das Ding zurückordern. ... Wenn’s hilft. Es wundert mich eh, was für eine Ruhe der Steppke weghat. Er ist eindeutig von dir. ... Och du, es gab da mal eine Zeit, in der nicht immer sicher war, was sie... egal. Ich muss Schluss machen. Ich hab hier nämlich noch einen Ringkampf zu betreuen. ... Nö! Sie ist auf jeden Fall die richtige Adresse. Sie interessiert sich wenigstens dafür, was ihr die ganze Zeit in italienischen Betten treibt. ... Hab ich Betten gesagt? Ich meinte, Berge. Ups! Äh... Das geht, glaube ich, gerade in die ganz falsche Richtung. Herrje, wie werde ich die Bilder bloß wieder los? Aber so langsam verstehe ich, warum du so sehr auf sie abfährst. ... Das wundert mich jetzt aber. Das hättest du mir auch eher sagen können. Dann hätte ich meine Zeit nicht mit diesem sinnlosen Telefonat verplempert, während dem sicherlich einige Patienten meine Hilfe gebraucht hätten. ... Ja, du mich auch. Arri...wie auch immer. Genießt die Zeit, bis der Alltag euch wieder auffrisst. Das passiert schneller, als du denkst. ... Jahaaa! Hör auf zu nerven, verdammt! Und neiiin, du holst sie jetzt nicht an den Hörer! Ey, ich warne dich! Ich hab einen dringenden Notfall. ... Doch, äh... irgendwo ist bestimmt einer. Das ist schließlich Berlin. ... Ja, mach ich. Jetzt leg endlich das blöde Handy weg, bevor sie es doch noch in ihre kleinen Fingerchen kriegt! ... Boah, dem scheint echt die Sonne aus seinem fetten Hintern. Unfassbar. Mehdi.

Sein guter alter Freund, der gerade zur ausgedehnten Quality-Time mit seiner Familie auf der anderen Seite der Alpen weilte, um nach der emotionsgeladenen Zeit der vergangenen Tage den Akku wiederaufzuladen, hatte es dann doch tatsächlich noch geschafft, Marc ein rundum zufriedenes Lächeln abzuringen, das er nicht einmal kaschierte, als er wieder zu Dr. Stier und Dr. Moeller rüberblickte, die nicht umhingekommen waren, dem Telefonat des Oberarztes zu lauschen, anstatt die aufgeladene Stimmung im Stationszimmer noch weiter hochzutreiben. Marc wollte gerade ringrichtermäßig noch etwas dazu anmerken, als sein Handy erneut laute Metallica-Klänge schmetterte, die den kleinen Aufenthaltsraum der chirurgischen Station vibrieren ließen. Ebenso wie sein arg strapaziertes Nervenkostüm, das mit jedem weiteren unnötigen Störgeräusch jeden Moment hochzugehen drohte.

Marc: Boah Kaan! Ich weiß nicht, ob du es schon wusstest, aber es stand vermutlich schon in deiner Geburtsurkunde, du NERVST. Du rufst jetzt nicht ernsthaft noch mal zurück, weil ich Lillyfee nicht hab ausreden lassen? Mann, dann mach eben an meiner Stelle ne Kissenschlacht mit ihr oder vertrete mich an der Gitarre, solange du die Saiten heile lässt. Ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr für eure Holiday Animation. Im Gegensatz zu dir, bei dem Hopfen und Malz dahingehend komplett verloren ist, arbeite ich an meiner Karriere. ... Jetzt nicht! Ich bin gerade Zeuge eines bevorstehenden Mord... Was? ... Wer? ... Ach so! ... Moment! Was haben Sie gerade gesagt? ... Wiederholen Sie! ... Das ist jetzt echt nicht wahr, oder? ... Das hab ich schon verstanden. ... Ey! Wollen Sie mich verarschen? Das war nur eine verdammte Floskel, Sie Blitzmerker! ... Okay, okay, keine Panik! Sie sollen sich wieder einkriegen, hab ich gesagt! Keiner rührt sich, bis ich unten bin! ... Nein, ICH mach das. ... Ja, das auch. ... Fürs Denken werden Sie nicht bezahlt, VERDAMMT. Also, ab an die Vorbereitungen! Schockraum eins! VIP-Behandlung! Halten Sie das mobile Röntgen bereit! Und halten Sie bloß die Klappe! Zu niemandem ein Wort, der nicht unbedingt involviert sein sollte! Das soll nicht die Runde machen. Sonst ist hier gleich die Hölle los. ... So eine Riesenscheiße, verdammt noch mal. Das hat uns heute gerade noch gefehlt. Der Tag wird echt immer besser. Aber ich hab’s ja herausgefordert. Super gemacht, Meier, ehrlich.

...schimpfte Dr. Meier, dessen Halsschlagader merklich pulsierte, ungehalten vor sich hin und wünschte sich gleichzeitig in die ruhigeren Phasen des nicht so arbeitsintensiven Vormittages zurück, die er bis vorhin noch heftig verflucht hatte. Er fasste sich noch mit dem Handy in der Hand an den Kopf, um sich zu sortieren, und war, ohne noch einmal auf die anderen beiden Anwesenden zu reagieren, die ihn neugierig beobachteten und ihre eigenen Schlüsse gezogen hatten, im nächsten Moment auch schon mit wehendem Kittel zur Tür hinausgestürzt, was Sandy und Cedric die Gelegenheit gab, einmal ordentlich durchzuschnaufen. Ihre Blicke sprachen Bände und zum ersten Mal seit ihrem überraschenden Wiedersehen waren sie sich einig, was aber nur wenige Sekunden anhielt. Dann wurde nämlich, diesmal ohne Ringrichter als Zeugen, auch schon Runde zwei eingeläutet und die sollte es in sich haben.

Lorelei Offline

Facharzt:


Beiträge: 10.053

09.08.2019 09:08
#1652 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Sandy (guckt der sich schließenden Tür hinterher, durch die Dr. Meier soeben verschwunden ist): Charmant.
Cedric (rollt theatralisch mit den Augen): Und vor allem eines, arrogant.
Sandy (konzentriert sich wieder ganz auf ihr grimmig dreinblickendes Gegenüber): Wundern dich die typischen Eigenschaften eines aufstrebenden Chirurgen etwa immer noch? Dann guck mal in den Spiegel!
Cedric (schnauft verächtlich auf, als er ihren Blick erwidert): Selber. Aber eins kann man ihm wenigstens nicht nachsagen. Er ist nicht intrigant. Im Gegensatz zu dir.
Sandy (steht in einer eleganten Bewegung von ihrem Sitzplatz auf u. kommt in scheinheiliger Friedensabsicht auf ihn zu): Ach, komm schon, Ceddie! Du wirst mir doch nicht etwa immer noch die alten Geschichten nachtragen? Das ist so lange her.
Cedric (weicht ihr kopfschüttelnd aus u. fährt sie schließlich unvermittelt an, weil er es nicht mehr länger in ihrer unmittelbaren Gegenwart aushält): Boah, du bist so... so... Ich fasse es echt nicht, dass du hier bist.
Sandy (lehnt sich lässig an einen der Schreibtische vorm Fenster u. sieht ihn direkt an): Glaub mir, auch wenn es nicht so aussieht, ich hab mich nicht um diese Reise gerissen. Aber da drüben an der Westküste hat man einen ganz besonderen Sinn für Humor. Sie hielten es wohl für besonders witzig, ausgerechnet mich als ehemalige Berlinerin hierher zu schicken. Spart zum einen die Übersetzungskosten, zum anderen wichtige Ressourcen. Aber das ist allein deren Ansicht. Als Neue muss ich da wohl durch. Da muss man sich erst behaupten. Aber das ist dir hier sicherlich auch nicht unbekannt.
Cedric (hört ihr dann doch interessiert zu u. forscht forsch nach): Wie bist du bloß an den Job gekommen? Ich kenne das Auswahlverfahren. Neunundneunzig Prozent fallen durch das Raster. Selbst die Besten der Besten. Die nehmen nicht jede X-Beliebige.
Sandy (seufzt affektiert auf u. fährt sich mit einer Hand showwirksam durch ihre lange blonde Mähne, die in seidig weichen Wellen bis zu ihrem knackigen Hinterteil reicht, das am Tisch lehnt): Ich korrigiere. Derjenige mit dem Charme war nicht Dr. Meier, das bist eindeutig du. Ist er eigentlich Single? Er hat wirklich etwas Charismatisches an sich. Ich glaube, es hat gefunkt.

Das war so klar, dass sich die Gottesanbeterin sofort ein neues williges Opfer aussucht, sobald sie eines erspäht, das ihrer Karriere förderlich sein könnte. Zum Glück ist sie dabei beim Meier an die falsche Adresse geraten. Er hat weder was zu sagen noch würde er es wagen, so fixiert wie er auf die Tochter vom Chef und ihre beiden Kleinen ist. Vielleicht ist Sandy doch nicht mehr so ambitioniert wie früher. Ihr fehlt eindeutig der richtige Riecher. Sonst wäre sie gar nicht erst hier aufgekreuzt. Da ist definitiv etwas faul dran.

Cedric (übergeht ihre provozierenden Anspielungen wohlwissendlich): Was ist denn aus deinem heißgeliebten Harvard geworden? Du wolltest doch dort um jeden Preis hin? Hast dafür sogar meine Unterschrift auf dem Empfehlungsschreiben für das Stipendium der Medical School gefälscht. Gab es da nicht diesen jungen Professor, der dir verfallen war? Ja, da staunst du, was, ich weiß mehr, als du glaubst. Dein Anwalt hat sich während der Annullierungsverhandlungen bei meinem Anwalt verplappert. Wie hieß der noch gleich? Moeller, Miller, schieß mich tot? Was ist aus dem geworden? Oder hat man dich dort endlich durchschaut und entsprechende Konsequenzen gezogen?
Sandy (bleibt völlig ungerührt von seinen zielgenau gesetzten Spitzen u. fixiert ihn mit funkelnden Augen): Das hat man wohl. Ceddie, ich dachte, du wüsstest am ehesten, dass man mich nicht unterschätzen sollte. Ich hab die Fortbildungen wie erwartet mit summa cum laude bestanden und mich regulär in Seattle beworben. Ich bin die verschiedenen Auswahlverfahren durchlaufen und schließlich mit Kusshand genommen worden. Weil sie wussten, was sie kriegen würden.
Cedric (ist alles andere als beeindruckt u. das zeigt er ihr auch ungeschönt): Die Wölfin im Schafspelz?
Sandy (korrigiert ihn hochmütig): Nein, Klasse und Verstand.
Cedric (lacht hämisch auf): Also hast du doch mit jemandem geschlafen? In deinen Methoden hast du dich nicht sonderlich weiterentwickelt. Schade, dass du deine Fähigkeiten so weit unter Wert verkaufst, dabei hast du doch so viel mehr drauf.
Sandy (gibt sich völlig unbeeindruckt u. stützt sich mit beiden Händen lasziv am Schreibtisch ab): Ich verbinde eben immer das Förderliche mit dem Nützlichen und ich denke, du weißt, dass ich sehr gut darin bin.
Cedric (verzieht angeekelt das Gesicht, dreht sich um u. sucht die heruntergefallenen Papiere zusammen u. sortiert sie in das entsprechende Fach der Kollegen): Überzeugendes Plädoyer. Ich könnte kotzen.
Sandy: Ceddie, also, diese Wortwahl! Berlin wandelt sich immer mehr zu einer echten Gosse. Ein Glück, dass ich das nicht mehr miterleben muss.
Cedric (fährt pfeilschnell wieder zu ihr herum u. fixiert die eitle Natter mit eisigem Blick): Tja, tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber momentan bist du sehr präsent hier.
Sandy (schenkt ihm ihr schönstes Zahnpastawerbungslächeln als Flirtanreiz, während sie ihn noch einmal genau in Augenschein nimmt): Danke. Aber du siehst auch gut aus, ein bisschen übermüdet vielleicht und du lässt dich gehen. Das ist dir gar nicht ähnlich. Aber vermutlich langweilt man sich hier in diesem drittklassigen Krankenhaus zu Tode. Ich könnte vielleicht ein gutes Wort für dich einlegen. In Seattle werden immer noch die Besten der besten Chirurgen gesucht. Und da man dich dort bereits kennt, was angesichts deines Leistungsabfalls wahrlich erstaunlich ist, sehe ich kein Problem darin. Woran forschst du eigentlich gerade? Ich hoffe, der Vorfall in der Charité hat dich nicht entmutigt?
Cedric (funkelt betont gleichgültig zurück u. versucht angestrengt, seinen aufsteigenden Zorn in Schach zu halten): Witzig! Ich erarbeitete mir meinen Nimbus immer noch selber. Auf meine Weise. Auf professionellem Wege.
Sandy (schmunzelt): Wie auch sonst? Ich habe nichts Gegenteiliges von dir erwartet.

Okay, es reicht! Genug Honig um den Mund geschmiert. Ich hab echt die Schnauze voll. Maria könnte jeden Moment hier reinschneien und bei Gott, ich will nicht miterleben, wenn die beiden aufeinandertreffen. Dann steht hier kein Stein mehr auf dem anderen und der Bautrupp vom Ostflügel kann hier gleich noch mal von vorne anfangen.

Cedric (kommt einen Schritt auf sie zu u. schließlich zu dem Punkt, der ihm die ganze Zeit schon unangenehm auf den Magen drückt): Und ich erwarte von dir, dass du das absagst.
Sandy (gibt sich völlig ahnungslos): Was denn?
Cedric (hat sie längst durchschaut u. zeigt das auch unverhohlen, bis ihm plötzlich im Augenwinkel etwas Unscheinbares auffällt): Tue nicht so unschuldig, Sandy! Das liegt dir nicht. Du kannst vielleicht andere um den kleinen Finger wickeln. Marc, den Professor, deine neuen Kollegen in den USA, deinen... Ist das da etwa ein Ehering an deiner Hand? ... Aber hier wird das nicht funktionieren. Im Elisabethkrankenhaus weht ein ganz anderer Wind.
Sandy (reagiert für eine Millisekunde ertappt u. versteckt ihre Hand blitzschnell hinter ihrer großen ziegelroten Handtasche, fühlt sich aber nach seiner Ansage erst recht herausgefordert): Das wird sich noch zeigen.
Cedric (hat ihre seltsame Reaktion zwar mit einem Auge mitbekommen, aber ist so außer Rage, dass er sie nun aufgebracht von der Seite anblafft): Als ob dir das nicht bewusst wäre. Du weißt ganz genau, wer hier im Haus die neurochirurgische Abteilung leitet. Denkst du wirklich, du könntest hier so einfach mir nichts dir nichts auf deinen hohen Hacken hereinstolziert kommen und auf eine Zusammenarbeit mit ihr pochen? Das ist illusorisch, selbst für deine Verhältnisse.
Sandy (genießt es sehr, ihren aufgebrachten Exmann leiden zu sehen): Umso mehr wundert mich, dass du hier überhaupt genommen worden bist. Aber ihr hat schon immer dieser gewisse Biss gefehlt. Sie hat ja auch nicht um dich gekämpft. Deshalb ist sie immer noch hier und dümpelt auf einer mittleren Karriereposition vor sich hin, wartet auf den entscheidenden Durchbruch, der niemals eintreten wird, anstelle eines der ganz großen Krankenhäuser auf der Welt zu leiten.
Cedric (Sticheleien gegen seine geliebte Frau lässt er nicht auf sich sitzen u. blitzt den größten Fehler seines Lebens deshalb mit bitterbösem Blick unmissverständlich an): Wag es nicht, ihren Namen in den Dreck ziehen zu wollen! Sie hat weit mehr auf dem Kasten, als du je mit deinen Tricks und Spielereien leisten wirst. Du sagst das ab! Sofort! Haben wir uns verstanden?
Sandy (ist überrascht, mit welcher Vehemenz er seine erste Exfrau verteidigt u. spielt seelenruhig weiter die Unschuldige): Aber das geht nicht. Man erwartet mich hier schon sehnsüchtig. Das hat mir der Professor erst heute Morgen ausdrücklich in einer Mail bestätigt. Die Seminartermine stehen. Es gibt sogar eine Warteliste für jeden einzelnen Vortrag. Dieses Austauschprogramm zwischen unseren Krankenhäusern ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie ein Ausbildungszentrum von Weltniveau wie das Grey Sloan Memorial seinen Blick ausgerechnet auf eure mittelmäßige Provinzklitsche werfen konnte. Ihr braucht mich. Das kannst du nicht unter den Teppich kehren. Prof. Haase ist freundschaftlich mit meinem neuen Chef verbandelt. Die verlassen sich in Seattle alle auf mich. Auch wenn ich mir, weiß Gott, eine anspruchsvollere Aufgabe hätte vorstellen können.
Cedric (ihm platzt gleich endgültig der Kragen): Das ist mir scheißegal. Du weißt ganz genau, dass das mit euch beiden nicht funktionieren wird.
Sandy (ist so langsam genervt von seiner Beharrlichkeit): Mein Gott, Ceddie, es geht um ein paar Tage intensiven Forschungsaustausch und nicht um die Lösung der größten Probleme auf dieser Welt. Die kriegt niemand mehr gebacken. Aber wir sind doch alle alt genug, um professionell zu bleiben. Das war sie immer. Auch als wir beide unseren Spaß hatten.
Cedric (fällt der Natter wild gestikulierend ins Wort u. kann sich kaum im Zaun halten, ihr nicht doch an die Gurgel zu springen): Vorsicht! Du sollst Maria da raushalten, hab ich gesagt! Das ist eine Sache nur zwischen uns. Und ich sage dir, du nimmst jetzt deine Viertausend-Dollar-Handtasche und verschwindest damit aus dem Elisabethkrankenhaus. Ich zahl dir auch das Taxi zum Flughafen, wenn es sein muss. Und ich kläre das auch mit dem alten Haasen. Selbst wenn er mich dafür rausschmeißen sollte. Das Risiko gehe ich ein.
Sandy (lächelt unbeeindruckt u. rührt sich nicht vom Fleck): Immer noch der Kavalier und Gentleman. Das ehrt dich wirklich sehr, Ceddie. Ich hoffe, sie würdigt das entsprechend. So wie du sie verteidigst, könnte man fast meinen, dass ihr wieder...

Okay, es reicht! Ich bring sie um. Mary darf ihr um keinen Preis begegnen. Vor allem nicht mit einem benutzten Skalpell in der Hand.

Cedric (ihm platzt jetzt endgültig die Hutschnur): Hör endlich mit dem verdammten ‚Ceddie‘ auf! Das hab ich schon immer gehasst.
Sandy (hebt ihre beiden Hände in Unschuldspose hoch u. lächelt gespielt entschuldigend, während sie seine Nähe weiter provoziert): Okay, okay, ich vergaß, man sollte den Stier nie über Gebühr reizen. Das lernen die jungen Stierkämpfer schon in der Grundschule. Wobei das natürlich nicht fürs Schlafzimmer gilt.
Cedric (funkelt sie bitterböse an): Du hältst dich wohl für ganz besonders originell, was?
Sandy (streicht sich lasziv das Haar über eine ihrer Schultern): Och, so manch einer würde nichts Gegenteiliges behaupten.
Cedric (ihm ist es leid, ihr überhaupt zuhören zu müssen): Die kennen dich auch nicht so gut wie ich dich.
Sandy (lächelt geschmeichelt u. tätschelt leicht seinen Arm): Ach ja, deine klaren Diagnosen hab ich schon immer sehr an dir geschätzt.
Cedric (weicht ihr kopfschüttelnd aus u. lehnt sich erschöpft an die Fächerwand zurück): Deine Schmeicheleien funktionieren vielleicht bei deinen unwissenden Kollegen oder dem Professor, aber ein Wort von mir und sie hätten ein ganz anderes Bild von dir. Dann schauen wir mal, ob du deinen Vortrag noch halten darfst oder deine erschlichene Green Card hinfällig wird.
Sandy (würde ihm das durchaus zutrauen u. reagiert dementsprechend alarmiert u. zum ersten Mal wirkt ihre demonstrativ zur Schau gestellte Selbstsicherheit angeknackst): Das wagst du nicht?
Cedric (blickt ihr herausfordernd in die Augen): Kommt auf den Versuch an. Dann solltest du mich nicht länger provozieren.
Sandy (versucht, die Fassung zu wahren, während ihre aufblitzenden Augen sie verraten): Willst du mich erpressen?
Cedric (kommt nicht umhin, kurz zu lächeln u. hebt vieldeutig seine Augenbrauen): Das sind ja wohl eher deine Methoden.
Sandy (verliert so langsam die Lust an der lästigen Unterhaltung u. will dem Ganzen ein Ende setzen): Jetzt mal im Ernst, Cedric, mir ist vollkommen egal, was du, Dr. Meier oder Dr. Hassmann von mir halten. Das hier ist nur ein Job, ein verdammter Job von nicht mal zehn Tagen, um genau zu sein, und mein Job ist mir wichtig. Wichtiger als alles andere auf der Welt. Den werde ich mir nicht wegnehmen lassen, nur weil du nicht damit klarkommst, mich wiederzusehen. Ich hab mir das alles hart erarbeitet.
Cedric (schnauft spöttisch auf): Ja, sicher! Und wie hart! Immer den leichtesten aller Wege gewählt.
Sandy (ihr ist schon immer egal gewesen, was er von ihr hält u. das zeigt sie ihm auch mehr als deutlich): Na und? Ich bin nicht die Erste und sicherlich nicht die Letzte, die vielleicht ein bisschen trickst, um voranzukommen. Die richtig guten Jobs sind schließlich heiß begehrt und Frauenquoten sind den meisten Kliniken egal. Dort kommt es auf Leistung an. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht auch draufhabe.
Cedric: Das hab ich auch nie in Abrede gestellt. Wir haben dich schließlich ausgebildet. Es geht mir auch nicht um die Wahl der Mittel, sondern hauptsächlich um den Ort und den Zeitpunkt. Hier ist definitiv kein Platz für dich, nicht mal für zehn Tage. Begreif das endlich und geh, bevor es noch peinlich wird!
Sandy (hat ihn längst durchschaut u. zeigt belustigt mit dem Finger darauf): Ist es das nicht schon bereits? Es geht dir um sie. Aber ich glaube nicht, dass ausgerechnet Dr. Hassmann einen Beschützer braucht. Ich hab nichts gegen sie. Im Gegenteil. Ich schätze ihre Arbeit sehr und ich glaube, wir könnten uns gegenseitig wunderbar befruchten. Im Sinne eures Ausbildungsprogramms, versteht sich, und nicht wie in deinen schmutzigen Midlifecrisis-Fantasien. Ihr wollt doch hier vorankommen, oder etwa nicht? Ich meine, die Baustelle vorm Haus zeigt doch, dass ihr hoch hinaus wollt. Das ist die richtige Richtung.
Cedric (hat ihr fassungslos zugehört u. es platzt nun empört aus ihm heraus): Das ist nicht dein Ernst?
Sandy (zuckt locker mit den Schultern u. schaut sich zum ersten Mal etwas genauer in dem popeligen Stationszimmer um): Gut, ja, okay, der Ärztenachwuchs hier in Berlin und in den Staaten ist mir im Grunde genommen egal. Noch mehr Konkurrenz um die heißesten Posten. Aber die Forschung muss nun mal auch weiterkommen. Oder nicht? Die größten Probleme sind immer noch nicht gelöst. Alzheimer, Parkinson, Langzeitkoma, wir wissen noch nicht einmal annähernd, was in diesem faszinierenden Organ, dem Gehirn, wirklich passiert und warum und wie wir das alles steuern können, wenn wir die letzten Geheimnisse entschlüsselt haben. Wir können da ansetzen. Gemeinsam oder jeder für sich. Wer die Lorbeeren am Ende herauspickt, wird sich dann schon zeigen. Ich werde auf jeden Fall an vorderster Front dabei sein. Wir sehen uns in Stockholm.

Dr. Stier starrte seine unliebsame Exfrau die ganze Zeit mit ausdruckslosem Blick an und konnte es immer noch nicht fassen. Diese schonungslose Selbstsicherheit, mit der sie auftrat und einen komplett in ihren Bann ziehen konnte. Diese fast schon manipulative Art, mit der sie alles, was sie sagte, sehr überzeugend zu ihrem Vorteil drehen konnte. Dieses grenzenlose Ehrgeizstreben, das sie an den Tag legte. Das war immer noch äußerst faszinierend. Es wirkte ansteckend. Stimulierend. Und trotzdem konnte er nicht zulassen, dass Maria und Sandy sich begegneten. Denn dann würde definitiv Blut fließen und im Elisabethkrankenhaus kein Stein mehr auf dem anderen stehen bleiben, was echt schade wäre, denn es war ein sehr schöner und geschichtsträchtiger Gebäudekomplex.

Und er hatte immer noch diese ganz bestimmte Angst im Hinterkopf, die immer stärker gegen seinen Schädel hämmerte, solange er ihr direkt gegenüberstand. Sandy trat zu perfekt auf. Nicht nur in ihrem Äußeren, das immer noch wahnsinnig anziehend wirkte. Auch auf ihn. Sie taktierte zu überlegt. Als hielte sie noch irgendetwas zurück. Und das ließ ihn misstrauisch bleiben. Denn sie hatte noch mit keiner einzigen Silbe ihre gemeinsame Tochter erwähnt, die sie vor über einem Jahr bei ihm zurückgelassen hatte, weil ihr ihre verdammte Karriere wichtiger gewesen war als alles andere, was sie sich gerade hatten aufbauen wollen, bevor sein kometenhafter Aufstieg als Chirurg der Stunde in der Charité einen herben Rückschlag erlitten hatte. Mit dieser Niederlage war sie am allerwenigsten klargekommen, obwohl der Fehler, der jedem hätte passieren können und der am Ende auf tragische Weise ein Menschenleben gekostet hatte, eigentlich nur ihn betroffen hatte. Sie hätte zu ihm stehen können. Aber nein, sie hatte auf ihre Weise die Konsequenzen gezogen und dabei ihren wahren Charakter gezeigt, der mit ihrer äußeren Schönheit nichts, aber auch gar nichts gemein hatte. Welcher Mensch ließ sein eigenes Kind zurück? Wer tat so was?

Cedric wähnte sein kleines Mädchen bei Gretchen und Schwester Sabine in guten Händen, das stand außer Frage, aber am liebsten wäre er sofort zurück in die Cafeteria geeilt, um sie und ihre Schwestern sofort nach Hause zu bringen, wo die Mädchen, vor allem Sissi, fern von Sandys Tentakeln in Sicherheit wären. Die Gefahr, dass sie sich hier im Haus begegnen würden, war einfach zu groß und er mochte sich die möglichen Folgen auch gar nicht erst vorstellen. Sein Fluchtinstinkt war irrational, ja, aber er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass hier etwas gewaltig nicht stimmte. Und dazu reichte schon allein Sandys Omnipräsenz, der man nicht entkommen konnte. Sie hatte ihm schon einmal alles kaputtgemacht. Das würde er nicht noch einmal zulassen. Er verfluchte den Tag, an dem sie sich begegnet waren. Maria und er hatten sich, ohne es zu ahnen, den Feind direkt ins Haus geholt. Nicht nur als hochbegabte Studentin, die sie fördern wollten, sondern auch als Sarahs Babysitterin, die es gezielt darauf abgesehen hatte, ihn zu verführen, um das zu bekommen, was ihre Mentorin, die bis dato große Stücke auf sie gehalten hatte, schon hatte. Er würde es auf ewig bereuen, dass er sich darauf eingelassen hatte. Damals war er noch ein anderer gewesen. Genauso karrieregeil und süchtig von der Überholspur. Er hatte seiner kleinen Familie damit sehr viel Schmerz zugefügt. Das wusste er jetzt. Er konnte die Zeit, die er durch seine Dummheit verspielt hatte, nicht zurückspulen. Es gab nur einen Punkt, den er in diesem ganzen Irrsinn, der sein komplettes Leben auf den Kopf gestellt hatte, nicht bereute und das war Sissi. Sein Augenstern. Er würde für sie und ihre beiden Geschwister immer da sein und sie beschützen. Vor jeder dunklen Wolke, die sich bedrohlich über ihnen zusammenzog.

Und mit dieser unheilvollen Vorahnung schien Cedric Stier auch bald recht zu behalten. Als er seiner Exfrau nämlich nicht gleich auf ihre leidenschaftliche Rede über die Vorzüge ihres Chirurgenberufes antwortete, lenkte die ehrgeizige Neurochirurgin das Thema unvermittelt in genau diese Richtung, die sein Herz in akuten Aufruhr versetzte und seine Fluchtinstinkte erst so richtig in Gang brachte. Jetzt war er gezwungen, zu handeln.

Sandy: Cedric, hörst du mir überhaupt noch zu? Einen Dollar für jeden deiner Gedanken! Dann würde sich mein Aufenthalt in Berlin vielleicht doch noch auszahlen.
Cedric (blickt sie ausdruckslos an u. entscheidet sich, das Richtige zu tun u. zu gehen): Was? Egal! Mach doch, was du willst! Das tust du sowieso. Ich bin raus. Es gibt Wichtigeres im Leben.
Sandy (sieht ihm misstrauisch hinterher, wie er um die Ecke geht u. aus dem Zimmer verschwindet): Wie? Das war’s jetzt? Du gibst auf! Meine Güte, du hast wirklich deinen Biss verloren. Wo ist dein Ehrgeiz geblieben? Steckt der etwa schon in der Midlifecrisis? Jetzt warte doch mal!
Cedric (bleibt vor der Anmeldung noch einmal kurz stehen u. macht ihr kühl eine letzte Ansage): Lass mich! Mach dein Ding, aber lass uns damit in Ruhe!
Sandy (horcht verwundert auf u. liest zwischen den Zeilen): Verstehe. Wie geht es ihr?
Cedric (hat sich schon umgedreht, um schleunigst die Fahrstühle anzusteuern, verharrt nun aber für einen kurzen Moment in absoluter Schockstarre, denn mit dieser Frage hat er nicht mehr gerechnet): Was?
Sandy (schiebt sich aufdringlich in sein Blickfeld): Geht es ihr gut? Bestimmt geht es ihr gut, du kümmerst dich schließlich. Sie ist jetzt...
Cedric (fängt sich wieder, beißt sich auf die Lippen, um seinen Zorn zu regulieren, u. schenkt ihr den eisigsten Blick, den er aufzuwarten weiß): Eineinhalb. Aber war ja klar, dass du diese Nebensächlichkeit nicht mehr auf dem Schirm hast. Bei all den Projekten, die du verwirklichst. Glückwunsch zum Erfolg!
Sandy (widerspricht seinen unterschwelligen Vorwürfen vehement): Hab ich wohl. Cheyenne ist immer präsent, wenn ich...
Cedric (fällt der falschen Schlange zynisch ins Wort): Wenn du mal nicht im OP und darüber hinaus alles gibst, was? Und sie heißt Sissi, merk dir das! Sissi!
Sandy (schnauft verächtlich auf, weil sie sich übergangen fühlt): Du hast ihren Namen geändert? Dazu hattest du kein Recht.
Cedric (verschränkt abweisend seine Arme vor seinem Körper u. sieht sie kühl von der Seite an): Und ob ich das habe. Alle Rechte liegen bei mir, aber das kannst du ja nicht wissen. Du hast ja lediglich deinen Anwalt vorgeschickt, als es um die Annullierung unserer Ehe und das Sorgerecht für Sissi ging. Schieb mir jetzt nicht den schwarzen Peter zu, du wolltest das so. Außerdem hab ich nur den Zweit- mit dem Erstnamen getauscht. Sissi war schon immer ihr Rufname.
Sandy (schüttelt missbilligend den Kopf): Für dich und deine Schwester vielleicht. Ihr habt Cheyenne immer gehasst.
Cedric (kann sich ein zynisches Grinsen nicht verkneifen, bevor er wieder ernst wird): Wer würde das nicht? Er war ein Kompromiss, weil du unbedingt darauf bestanden hast. Gepasst hat er nie. Hättest du deine Tochter einmal genau angesehen, sie beobachtet, wie sie wirklich ist, dann hättest du das gemerkt. Er wäre spätestens, wenn sie in die Schule kommt, zum Problem geworden. Kinder können gemein sein zu anderen Kindern, vor allem wenn sie außergewöhnliche Namen tragen. Aber du musstest ja unbedingt mit deinem Kopf durch die Wand. Für eine exzentrische Person wie dich konnte es ja nicht exzentrisch genug sein.
Sandy (zickt beleidigt zurück): Jetzt wirst du ungerecht, Ceddie.
Cedric (ihm brennt jedes Mal die Hutschnur durch, wenn er den scheußlichen Spitznamen hört): Ich warne dich.
Sandy (hebt beide Hände in Unschuldspose): Jetzt krieg dich wieder ein! Seid wann bist du denn so empfindlich? Kann ich sie sehen?
Cedric (ein eiskaltes Händchen greift nach seinem Herzen): Wie bitte?
Sandy: Ich will sie sehen. Ich habe ein Recht dazu, Cedric.
Cedric (lacht höhnisch auf): Dem Anwalt nach zu urteilen, den du vorgeschickt hast, um uns beide so schnell wie möglich loszuwerden, nachdem du mit meiner gefälschten Unterschrift für das Stipendium und unseren letzten Ersparnissen bei Nacht und Nebel aus Berlin abgehauen bist, hast du alle Rechte dahingehend verwirkt.
Sandy (schaut ihn energisch an): Aber ich bin ihre Mutter.
Cedric (fühlt nichts außer Verachtung für diese Frau, was er nicht verhehlt): Ach, jetzt auf einmal fällt dir das ein? War das auch schon so, als sie ihre ersten Zähnchen bekommen hat und wochenlang nur geweint hat, bis sie all ihre Kräfte aufgeboten und aus Erschöpfung schließlich aufgegeben hat? Wo warst du, als sie sich plötzlich an meinem Schreibtisch hochgezogen hat und alleine losmarschiert ist wie eine Große, um die Welt um sie herum zu erkunden? Hundert Mal ist sie auf ihre Kniechen gefallen und hat sich ohne Hilfe wieder hochgerappelt. Oder als sie länger als jedes andere Kind in ihrer Kitagruppe gebraucht hat, bis sie zum ersten Mal ‚Papa‘ und Sarahs Namen gesprochen hat? Nein, das bist du nicht. Das bist du nie gewesen. Du warst ihr nie eine Mutter, auch nicht, als wir noch zusammengelebt haben und du es zumindest die ersten Wochen versucht hast und ziemlich schnell gemerkt hast, dass das alles nicht dein Ding ist. Du warst schneller wieder im OP, als manch einer für die Zeugung braucht. Du warst schon immer allein auf deine Karriere fixiert.
Sandy (fühlt sich angegriffen u. verteidigt sich): Menschen können sich ändern.
Cedric (schaut sie intensiv an, kann aber nichts entdecken, was ihn von seiner Meinung abbringen könnte): Das mag sein. Aber wenn man die vergangenen Minuten dieses sehr interessanten Gesprächs betrachtet, dann lässt das nur einen Schluss zu. Auf dich trifft das eher weniger zu.
Sandy (reagiert emotional aufgebracht): Das kannst du nicht beurteilen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich möchte sie doch nur wiedersehen. Ein kleiner Besuch. Eine Annäherung. Das kannst du mir nicht verwehren.
Cedric (weicht immer weiter von ihr zurück, weil ihm das alles nicht behagt): Das geht nicht.
Sandy (versucht ihn mit eindringlichen Blicken zu erweichen): Cedric, bitte! Ich bin in Berlin. Das sollte doch kein Problem sein.
Cedric (schüttelt unentwegt mit dem Kopf u. geht weiter rückwärts): Ich kann nicht. Du weißt nicht, wie es war. Sie hat so lange gebraucht, um zu verkraften, dass von einem Moment auf den anderen plötzlich alles anders war, was sie bislang gekannt hatte. Du hast ihr Urvertrauen erschüttert, Sandy. In einer Weise, die unverzeihlich und unumkehrbar ist. Ich hab gedacht, sie kommt nie darüber hinweg. Aber sie hat sich endlich gefangen. Dank ihrer großen Schwester und weil wir alles gegeben haben. Sie ist glücklich. Ein glückliches Kind. Nimm ihr das nicht weg! Sie ist noch so klein. Sie fremdelt bei Menschen, die sie nicht kennt. Und dazu gehörst du mittlerweile auch.
Sandy (ist dann doch entgegen ihres Charakters merklich erschüttert): Cedric, ich will doch nur...
Cedric (bleibt stehen u. nickt verständnisvoll in ihre Richtung): Ich weiß. Aber mein Job ist es, sie zu beschützen und das werde ich. Um jeden Preis. Ich kann nicht zulassen, dass sie wieder durcheinandergebracht wird. Ihr sensibler Charakter würde das nicht verkraften und das würde ich wiederum nicht verkraften. Tut mir leid.

Cedric hatte sich mehr von der Seele geredet, als er eigentlich vorgehabt hatte, aber anders hätte es seine Ex, die ihn mit großen Augen fast schon flehend angeblickt hatte, vermutlich nicht verstanden. Er konnte nicht anders. Zum Schutze aller. Er nickte ihr noch kurz zu und wollte dann so schnell wie möglich wieder zurück zu seinen Kindern und zu seiner Freundin, die er unbedingt noch vorwarnen musste, bevor sie sich schlimmstenfalls noch zufällig begegneten. Aber als er sich umdrehte, geschah das so abrupt, dass er der Person, die ihm gerade eilig entgegengekommen war, ohne Vorwarnung direkt in die Arme stolperte. Und diese Person war mächtig geladen, als sie dem überrumpelten Dreifachpapa unvermittelt sein Kind wieder in die Arme drückte und anschließend zum verbalen Rundumschlag überging...

Stefanie (fuchtelt wild mit ihren Händen vor seiner Nase herum, nachdem sie das weinende Kind wieder abgegeben hat): Dr. Stier, Sie... SIE! Wagen Sie es NIE wieder! Ich bin nicht Ihr Kindermädchen. Ich bin weder befugt, noch habe ich irgendein Interesse daran, in Ihr seltsames Familienkonstrukt mit hineingezogen zu werden. Schon schlimm genug, dass mir die Pflegekräfte abhanden kommen, weil die Enkel vom Chef in der Cafeteria ein tränenreiches Konzert von sich geben. Das lasse ich mir vielleicht noch gefallen, aber hier ist definitiv eine Grenze erreicht. Wenn Sie mit der Betreuung der Frucht Ihrer Lenden überfordert sind und nicht damit klarkommen, dass Ihre Frau hier ihren Mann stemmt, dann müssen Sie sich eine andere Lösung einfallen lassen. Dieses Krankenhaus ist nicht die Babysitternotrufhotline. Besorgen Sie sich anderweitig Hilfe oder verlassen Sie gleich ganz das Krankenhaus, Sie... Sie überhebliche Person, Sie! Schlimmer noch als der Meier. Unfassbar so was! Schwängern jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, diese verfluchten Akademiker. Und im Übrigen ist alles in Ordnung mit Ihrem Minihippo. Der Termin wäre erst in zwei Wochen gewesen, Sie Planungsgenie. Und jetzt raus hier! Kleinkinder haben hier auf Station und überhaupt nichts zu suchen, Herr Doktor. Auch Sie halten sich, verdammt noch mal, an die Besuchszeiten!

Oberschwester Stefanie klatschte dem verdutzten Chirurgen das ausgefüllte U-Heft seines Kindes gegen die Brust, funkelte ihn noch einmal aus stark geweiteten Pupillen bedrohlich an und wollte gerade das Stationszimmer stürmen, um sich endlich die ihr zustehende Pause zu gönnen, die ihr heute anscheinend jeder verwehren wollte, als ihr die fremde Frau hinter dem Empfangstresen auffiel, die dort definitiv nicht hingehörte. Und noch so einige andere Ungereimtheiten fielen der aufmerksamen Stationsleiterin sofort ins wachsame Auge.

Stefanie: Unfassbar, womit ich mich hier alles herumschlagen muss. Nur weil die ach so Studierten ihr Leben außerhalb des OPs nicht geregelt bekommen. Was mit mir ist, da fragt keiner nach. Und warum ist die Anmeldung schon wieder unbesetzt? Wieso ist hier keiner? Macht denn hier jeder nur noch das, was ihm gefällt? Das wird ein Nachspiel haben. Kaum ist der Meier wieder da, spielen die Hasen verrückt. Aber nicht mit mir! Und Sie? Wer sind Sie? Unbefugte haben im Stationszimmer nicht zu suchen. Verschwinden Sie!
Sandy (auch wenn sie sonst nicht viel erschüttern kann, die hiesige Oberschwester schon): Äh... Ich bin Doktor...
Stefanie (schmeißt ernüchtert die Hände in die Luft): Noch eine Ärztin, na wunderbar, hier muss irgendwo ein Nest von denen sein. Ich werde hier noch wahnsinnig.
Sandy (fühlt sich dann doch beleidigt u. wehrt sich): Entschuldigung, ich bin extra aus den Staaten angereist, um hier eine Vortragsreihe zu halten, Schwester...
Stefanie (lässt sich schwerfällig auf Sabines Schreibtischstuhl fallen u. guckt in die leere Kaffeetasse auf deren Platz, bevor sie doch wieder aufsieht u. den unverschämt gutaussehenden Gast genauer in Augenschein nimmt): Oberschwester! Brinkmann. Ach, Sie sind das? Sollten Sie nicht erst übermorgen eintreffen?
Sandy (schaut sich suchend nach Cedric um): Äh...ja, ich habe einen früheren Flug genommen. Das ist mit dem Professor abgesprochen.
Stefanie (springt missmutig von ihrem Platz wieder auf u. verlässt die Anmeldung auf flinkem Fuße): Egal! Der ist nicht da. Mitkommen! Ich soll Sie herumführen, sobald Sie eintreffen. Warum das keiner dieser Möchtegernakademiker machen kann, ist mir zwar ein Rätsel, aber mit mir kann man es ja machen. Das war das letzte Mal. Darauf können Sie sich was einbilden, Frau...?
Sandy (merklich überfordert): Moeller. Dr. Sandy Moeller.

Sandy wollte noch Cedric um Hilfe bitten, sie aus den Klauen dieser herrischen Schwester zu befreien, aber der hatte sich bereits umgedreht und war mit dem Kind auf dem Arm im Fahrstuhl verschwunden. Ihr Blick blieb noch an ihm und dem weinenden Baby haften, bis sich die Aufzugstüren geschlossen hatten. Der Anblick hatte sie durcheinandergebracht. Das hatte sie nicht erwartet. Und Oberschwester Stefanie hatte nicht erwartet, für jeden dahergelaufenen Gast den Hampelmann spielen zu müssen.

Stefanie (tippt ungeduldig mit dem linken Fuß auf dem Laminat herum): Was ist? Kommen Sie endlich! Ich hab nicht ewig Zeit. In einer Stunde fluten die Besucher unserer Patienten die Gänge und das Chaos bekommt neue Dimensionen, was natürlich mal wieder mir aufgebürdet wird, wie sollte es auch anders sein.
Sandy (starrt immer noch zum Aufzug): Das ist ein Kind?
Stefanie (ist dann doch irritiert von der Blitzmerkerin): Sehr treffsicher analysiert, Frau Doktor. Sie haben nicht in Deutschland studiert, oder?
Sandy (ist mit ihren Gedanken ganz woanders, als sie der grummeligen Schwester langsam den Flur hinunter folgt): Aber müsste es nicht schon viel größer sein?
Stefanie (bleibt abrupt am Ende des Ganges stehen u. guckt die Besucherin an, als hätte sie nicht mehr alle Latten am Zaun): Äh... nein, für ein Frühchen hat es sogar schon reichlich zugelegt. Es entwickelt sich prächtig. Seinem Alter entsprechend. Ich komme gerade mit ihm vom Kinderarzt. Aber was geht Sie das an, wenn ich fragen darf?
Sandy (jetzt fällt es ihr wie Schuppen von den Augen): Er hat noch ein Kind!
Stefanie (rollt theatralisch mit den Augen u. will schleunigst weitergehen): Tut mir leid, aber für den Klatsch und Tratsch in diesem Haus bin ich nicht zuständig. Wenn ich nicht eingreifen würde, würde sich hier nämlich niemand mehr auf seinen Job konzentrieren, sondern nur noch schwanger durch die Gegend stolzieren. Das letzte Jahr war katastrophal. Ich kam gar nicht mehr hinterher, die Lücken im Personalplan zu stopfen. Die Ärzte verteilen hier ihre Gene, wie es ihnen beliebt. Meier, Kaan, Ebersbusch, Stier, selbst der Gummersbach hat jetzt ein Kind und lenkt meine Schwestern ab. Bald arbeitet hier niemand mehr. Also können Sie sich glücklich schätzen, dass ich mich um Sie kümmere. Was ist jetzt, soll ich Sie nun herumführen, oder nicht?
Sandy: Vielen Dank, Oberschwester! Ich habe mir bereits ein Bild gemacht, als ich vorhin angekommen bin, und das schien mir sehr viel versprechend zu sein.

...murmelte die junge Chirurgin eine dahin geworfene Entschuldigung und ließ die verdutzte Oberschwester mitten auf dem Flur, am Abzweig zur gynäkologischen Abteilung, einfach stehen. Sie zückte ihr Handy aus ihrer Luxushandtasche und hielt es sich ans Ohr, während sie langsam den Gang der Chirurgie vor stolzierte, bis sie vor den Aufzügen zum Stehen kam, die sich alsbald wieder öffnen sollten. – „Hey! It’s me! … Yes! Better than we thought. I think I know how we can handle it. … There’s no problem, darling. … Definitely. He would wish he had never made this mistake. … Yes! I call you later. Bye!” Als sie mit einem zufriedenen Grinsen auf ihren stark geschminkten Lippen wiederauflegte und die geöffneten Fahrstuhltüren passierte, während sie in ihrer Handtasche kramte, bemerkte sie nicht, dass kurz zuvor jemand ausgestiegen war, sie kurz verwundert angesehen und dann auf direktem Wege eines der Büros auf dieser Etage angesteuert hatte.

Lorelei Offline

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28.08.2019 14:39
#1653 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dort im Sprechzimmer von Berlins begnadetstem Unfall- und Allgemeinchirurgen wartete die hübsche junge Dame nun schon eine geschlagene Viertelstunde und mit jeder Minute mehr, die ungenutzt verstrich, wurde der Hummelhaufen größer, welcher sie immer unruhiger auf dem lederbezogenen Wartesessel herumrutschen ließ, auf welchem sie Platz genommen hatte, nachdem sie einige Momente allein durch den verlassenen Praxisraum getraumwandelt war. Es waren gerade ruhige Augenblicke wie diese, von denen sie und ihr im Dauerladezustand befindlicher Akku zehrten. Waren diese doch im Laufe der vergangenen Wochen, den schönsten Wochen ihres Lebens wohlgemerkt, quasi non-existent geworden. Ihr Lächeln hätte daher nicht größer sein können, als sie es entdeckte. Das neue Foto, das er halbverdeckt von dem großen Computerbildschirm und der silbermetallenen M-Skulptur, einem Geschenk seiner egozentrischen Mutter zum bestandenen Medizinstudium übrigens, in einem bunt verzierten Rahmen auf seinem Schreibtisch platziert hatte. Eigentlich war es nicht seine Art, Bilder von seinen Lieben um sich herum aufzureihen. Erstens war das völlig unnötig und ziemlich letztes Jahrtausend, denn seine Kinder tobten sowieso ständig durch seine Gedanken. Ihre Mama ebenso. Wozu also eine Gedankenstütze? Zweitens war das in seinen Augen unprofessionell und megapeinlich und lenkte von seiner eigentlichen Berufung als Gottes Geschenk an die Medizinwelt ab. Patienten und Kollegen, die es definitiv nichts anging, könnten nämlich sonst einen falschen Eindruck von dem wortgewandten Chirurgen bekommen, dem ein Ruf vorauseilte, der im und außerhalb vom OP stets eindrucksvoll bewiesen wurde. Und drittens war er nicht so ein sentimentales Mädchen wie sein Kumpel Mehdi, der nur ein paar Zimmer weiter ganze Wände voller Bilder in seiner Praxis hortete. Vermutlich um sich von den hysterischen Frauen in seinem (Arbeits-)Leben abzulenken, dieser Weichspüler von einem Möchtegernmediziner.

Sie hatte seine Stimme schon im Ohr, was bei ihr einen kleinen Kicheranfall verursachte, und dennoch war es für die Ärztin im Mutterschutz erstaunlich, dass er das kleine Kunstwerk, das seine Lieblingspatentochter mit ganz viel Liebe zum Detail aus unzähligen bunten Mosaiksteinchen für ihn und ihre beste große Freundin, die das gleiche Geschenk nämlich ebenfalls bekommen hatte, zur Geburt seiner Kinder gebastelt hatte, dann doch entsprechend gewürdigt hatte, um Gretchen, Marlene, Marlon und Berlins neuem Superdaddy des Jahres einen würdigen Rahmen zu geben. Das war so süß und herzrührend, dass Gretchen beinahe schon wieder geweint hätte. Marcs weiche Seite, die er jetzt häufiger, als ihm bewusst war, offenbarte, ohne viel Aufhebens darum zu machen, haute sie jedes Mal aufs Neue um. Gerade diese Kleinigkeiten bedeuteten ihr immens viel und zeigten ihr, wie viel ihm an ihrem kleinen großen Wunder lag, das ihr gemeinsames Leben, das in der Vergangenheit eine Menge Widrigkeiten hatte überstehen müssen, nun unendlich bereicherte. Aber sie war heute schon ein paar Mal vor Rührung fast geplatzt, deshalb vermied Dr. Margarethe Haase jetzt einen weiteren Gefühlsausbruch in aller Öffentlichkeit, wobei ganz so öffentlich war es dann ja doch nicht. Schließlich war das hier Marcs Büro, wo niemand, mit Ausnahme von ihr, ungefragt Zutritt haben durfte, wenn ihm sein Leben und sein Arbeitsplatz lieb waren. Das war Marcs Schutzraum, seine Festung und irgendwie auch ihre, schließlich hatte sie hier bei ihm fast mehr Zeit verbracht als unten in der Notaufnahme, wo er vermutlich gerade in diesem Moment noch gebraucht wurde.

Deshalb war sie Marc auch nicht böse, weil er sie offenbar versetzt hatte. Denn Gretchen wusste, dass er das alles hier brauchte wie die Luft zum Atmen, um derjenige zu bleiben, der er schon immer gewesen war. Ein unglaublich talentierter und leidenschaftlicher Chirurg und geschätzter Oberarzt, der sich seit nunmehr sechs Wochen und anderthalb Tagen mit großer Hingabe einer zweiten großen Leidenschaft widmete, in die er zwar noch ein wenig hineinwachsen musste, bei der er sich aber bereits als großartiges Ausnahmetalent herausgestellt hatte. Marc ging in seiner neuen Aufgabe als Familienvater völlig auf, was er selbst von sich vermutlich am allerwenigsten erwartet hatte. Trotz Schlafmangel und durcheinander gewirbeltem Tagesablauf wirkte er zufriedener und ausgeglichener als je zuvor. Das zeigte auch das Foto vom ersten Tag zu Hause, das sein Vater nach dem feierlichen Einzug seiner Enkelchen ins Penthaus an der Spree in einem unbeobachteten Moment von seinem Sohn und seiner kleinen Familie aufgenommen hatte. Das pure Glück, das in Marcs dunkelgrünen Augen geschrieben stand, mit denen er völlig gebannt die Zwillinge in ihren Armen anschaute, wirkte ansteckend und es war gut möglich, dass Marc und sie nie wieder aufhören würden, verträumt vor sich hin zu lächeln, weil sie von ihren Kindern völlig verzaubert waren. Zu recht. Denn sie waren alle beide etwas ganz Besonderes.

Gretchen konnte nicht widerstehen und schob die wunderschöne Momentaufnahme ihrer kleinen entzückenden Familie, nachdem sie diese mit einem dicken Schmatzer voller Sehnsucht versehen hatte, gut sichtbar auf seinem Schreibtisch zurecht, schielte dann auf die digitale Zeitangabe auf dem Computermonitor und wurde wieder unruhig. Sie konnte nicht mehr länger bleiben, so gerne sie ihren heißgeliebten Schatz noch einmal gesehen hätte. Die Zwillinge sollten so langsam wieder nach Hause gebracht werden. Sie hatte viel mehr Zeit mit ihnen im Elisabethkrankenhaus verbracht, als sie eigentlich eingeplant hatte. Sie wollte doch stark bleiben und ihm Raum geben. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie das alles die paar Stunden ohne ihn auch alleine wuppen konnte. Als ausgebildete Chirurgin hatte sie schließlich ihre Multitaskingfähigkeiten verfeinert. Sie konnte das. Und ihr war auch überhaupt nicht mulmig bei dem Gedanken, auf sich allein gestellt zu sein. Sie war schließlich eine verantwortungsvolle und fürsorgliche Mutter, eine hervorragende Ärztin noch dazu, mit einem gut durchdachten Plan. Sie war auf alle Eventualitäten eingestellt. Also, mehr oder weniger. Vermutlich weniger. Denn in Wirklichkeit hatte sie keine Ahnung, was da alles Unvorhergesehenes noch auf sie zukommen könnte. Aber das ging wohl jeder jungen unerfahrenen Mutter so. Sie war auf jeden Fall gespannt.

Und so war es dann doch anders gekommen. Sie hatte sich wohl gefühlt an ihrer alten Wirkungsstätte, die Kinder auch. Und es hatte nun mal enorm viel Spaß gemacht, wieder etwas Zeit mit ihren Kollegen, allen voran mit Sabine, verbringen zu dürfen. Alle hatten sie rührend willkommen geheißen, hatten sie hingebungsvoll betüddelt und nicht genug von den süßen Hasen bekommen können, selbst als die Zwei die Cafeteria des Elisabethkrankenhauses mit einem Konzertsaal verwechselt hatten, in dem Schreigesang der extrem ohrenbetäubenden Art offenbar mächtig en vogue war. Vor allem im Duett mit einer quengligen hochunzufriedenen Eineinhalbjährigen, die ihren Papa vermisste und von einer überdrehten Schulanfängerin mit mal mehr und mal weniger Erfolg schief und schräg singend beruhigt wurde. Das hatte die Dimensionen des Niedlichkeitsfaktors der Kinder nur noch weiter in schwindelerregende Höhen gehoben und war bei allen gut angekommen. Bis vielleicht auf die Oberschwester, die brummiger als sonst zu ihrem Tisch rübergeschaut hatte, als sie für ihr Mittagessen angestanden hatte, welches sie dann widerwillig bei ihrem Ehemann, Dr. Fuchs, der auch nicht sehr glücklich aus der Wäsche geschaut hatte, hatte stehen lassen müssen, weil ihr Pieper die Chefin der Station woanders hingelotst hatte.

Ja, sie hatte keine andere Wahl, musste sich Gretchen schweren Herzens eingestehen. Sie musste jetzt wirklich los. Zu ihnen. Zu ihren kleinen süßen Babys. Die frischgebackene Mama hielt den Atem an bei dem Gedanken, dass diese beiden niedlichen Würmchen tatsächlich zu Marc und ihr gehörten. Sie hatten dieses Wunder hinbekommen. Es überwältigte sie jedes Mal von neuem, wenn sie daran dachte, dass ihr Märchen tatsächlich wahr geworden war. Das Märchen, für das sie immer belächelt worden war, selbst von der Person, die in ihren Träumen neben ihr immer die schillernde Hauptrolle gespielt hatte. Nach all den Jahren, die sie sich jetzt schon kannten, sich verzweifelt geliebt, ignoriert und geärgert, nicht vermisst und doch nicht vergessen hatten. Manch einer, der noch nie so richtig geliebt hatte, würde vermutlich über die Zeilen schmunzeln, die sie als Teeny seitenweise in ihr Tagebuch gekritzelt hatte und die über zwanzig Jahre später noch genauso hollywoodfilmkitschig klangen, obwohl sie mittlerweile von einer promovierten Medizinerin verfasst wurden, die bei all der Realität, die ihr Beruf nun mal mit sich brachte, das Träumen nie aufgegeben hatte. Selbst als der letzte Funken Hoffnung als rosarote Seifenblase verpufft war und sie sich schutzlos und mutterseelenallein auf der Welt gefühlt hatte, hatte sie nicht aufhören können, daran zu glauben. Irgendwann einmal würde sie mit Marc Meier zusammen sein, er würde sie als den Menschen respektieren, der sie nun mal war, mit all ihren Fehlern und Verrücktheiten, und sie genauso sehr lieben, wie sie ihn, und sie würden Kinder haben, die ihr Glück perfekt machen würden. Die schönsten Kinder der Welt, was jetzt nicht bedeutete, dass Anton Gummersbach, Sarah und Sophie Hassmann, Sissi Stier oder Lilly und Lenny Kaan nicht auch schön wären. Sie alle hatten ebenfalls einen festen Platz in ihrem Herzen und Gretchen freute sich wie verrückt darauf, sie alle an der Seite ihrer Kleinen groß werden zu sehen. Aber die Geburt von Marlene und Marlon war erst ein paar Wochen her, Gretchens Hormone spielten noch immer verrückt, genauso wie ihr Gedankenkarussell, das nie aufhörte, seine Runden zu drehen. Fünfzehn Minuten ohne die Zwillinge fühlten sich an wie fünfzehn Stunden. Die Sehnsucht war unermesslich groß und zog sie wie an unsichtbaren Fäden zu ihnen zurück. Sie musste los.

Aber kaum war die junge Mutter aufgesprungen und hatte sich vor lauter Hektik dabei mit ihrem bodenlangen Kleid und ihrem linken Fuß ungeschickt unter dem Sesselbein der zweiten Sitzgelegenheit vor Marcs Schreibtisch verhakt, da kam genau die Person, auf die sie sehnsüchtig gewartet hatte, auch schon mit wehendem Kittel im Eiltempo zur Tür hereingestürzt. Als hätte er es geahnt, fing er seine persönliche Tollpatschqueen, die im Umgang mit ihren Kleinen erstaunlicherweise den Haasschen Hang zu Ungeschicklichkeiten jeder Art überhaupt nicht an den Tag legte, gerade noch rechtzeitig auf, bevor sie mit dem hellblauen Laminat auf sehr unelegante Weise Bekanntschaft gemacht hätte, welches heute die Putzkolonne noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, weil der Büroinhaber diese mit genervt wütenden Worten wieder zur Tür hinauskompromittiert hatte, sodass diese in nächster Zeit vermutlich nicht mehr so schnell bei dem frisch aus der Elternzeit zurückgekehrten Oberarzt aufkreuzen würde.

Marc (atemlos): Haasenzahn?
Gretchen (ebenso außer Atem streicht sie sich die dicken Locken aus ihrem hitzig geröteten Gesicht): Huch! Ich wieder. Sorry! Wo kommst du denn auf einmal her? Ich wollte gerade wieder los.

...stammelte Marcs Lebensgefährtin noch etwas benommen, während sie sich fest an die starken Schultern ihres persönlichen Helden klammerte, der offenbar einen siebten Sinn besaß, was sie und ihre mangelnde Körperkoordination betraf, weil sie immer noch leicht schwankte. Auch wenn sie wieder festen Boden unter ihren zwei linken Füßen hatte, konnte sie ihn einfach nicht wieder loslassen. Es ging nicht. Wie zwei Magnete klebten sie aneinander fest. Aber er fühlte sich auch zu gut an und er roch so gut. Mhm... Nach Marc, seinem teuren Lieblingsaftershave, Babypuder, der bekannten Desinfektionsmittelmarke der Klinik und... Hatte er etwa geraucht? Nein, das würde er nicht. Seit Monaten hatte er tapfer durchgehalten und sie war positiv optimistisch, dass er auch weiterhin bemüht war, sein Lungenkrebsrisiko erfolgreich zu minimieren, ohne dass sie es ihm ständig durch die Blume erklären musste, was ihm mächtig auf den Keks ging, schließlich hatte er selbst für sich beschlossen, sein altes Laster endlich hinter sich zu lassen.

Gott, worüber sie schon wieder nachdachte. Gretchen, also wirklich! Seine unmittelbare Nähe brachte sie ganz schön durcheinander. Aber sie hatte ihn nun mal die vergangenen zwei Stunden, welche sie mit den Kindern schon hier verbracht hatte, sehnsüchtig vermisst. Gretchen musste selber darüber schmunzeln. Es war albern, ja, schließlich waren sie zwei eigenständige Persönlichkeiten, aber sie hatten in den letzten Wochen so viel Zeit miteinander verbracht, dass es für sie ganz natürlich war, ihn immer bei sich zu haben. Deshalb schmiegte sie sich noch ein bisschen inniger an ihren Traumprinzen, der überhaupt nicht verstand, wie ihm geschah, als er plötzlich ohne Vorwarnung von der heißesten Blondine Berlins leidenschaftlich niedergeknutscht wurde.

Denn die Situation war für den gestandenen Unfallchirurgen mehr als konfus, weil er extra hierher geeilt war, wenn auch mit leichter Zeitverzögerung, die nicht in seiner Macht gelegen hatte, um seiner Herzallerliebsten dringend etwas zu sagen, das der gerade bestehenden innigen Zärtlichkeit definitiv ein sehr abruptes Ende setzen würde. Er wollte es nicht, aber er hatte keine andere Wahl. Denn es eilte wirklich. Er war quasi auf dem Sprung. Er konnte nicht warten. Deshalb versuchte er, den süßen Goldengel nach einem weiteren sanft dahin gehauchten Kuss etwas auf Abstand zu schieben, um ihm direkt ins Gesicht schauen zu können. Aber der Blick in Gretchens aufgeschlossene, heitere, tiefblaue Augen, die so voller Liebe für ihn waren, machte die Angelegenheit für ihn nicht gerade leichter. Er seufzte gedrückt auf und ließ sich in den Patientensessel plumpsen, den seine Tollpatschqueen in ihrer typisch mitreißenden Art beinahe umgerissen hatte, sodass er jetzt Richtung Tür zeigte, und zog sie mit sich, damit sie sich in den anderen Sessel ihm gegenüber setzen konnte.

Von Angesicht zu Angesicht saßen die beiden nun da und hielten wie zwei schüchterne Teenager Händchen, ihre Knie berührten sich leicht und das verliebte Elternpaar schwieg sich erwartungsvoll an, jeder in seine eigene Gedankenwelt versunken, die unterschiedlicher nicht hätte sein können. Völlig unbedarft lächelte Gretchen immer wieder zu Marc rüber und dieser wusste immer noch nicht, wie er anfangen sollte. Er fühlte sich furchtbar deswegen und das spürte auch seine Freundin irgendwann, deren Antennen sich nach kurzen Fehlfrequenztendenzen nach und nach empfangsbereit aufrichteten.

Gretchen: Was ist los? Du wirkst angespannt. Der Tag entwickelt sich nicht so, wie du dir das vorgestellt hast, oder? Aber hier ist doch jeder Tag nie so wie der andere. Das macht doch gerade das Spannende unseres Berufes aus.
Marc (seine Pupillen wandern aufgewühlt hin u. her u. können sich nicht auf Gretchens wunderschöne Augen konzentrieren, die ihn gespannt fixieren): Ich hab gedacht, ich hab dich verpasst.
Gretchen (strahlt ihn verliebter denn je an): Das Gleiche habe ich auch gedacht. Sabine hat mir Bescheid gesagt, dass du mich sofort in deinem Büro sehen willst, aber du warst nicht da. Wieso die Umständlichkeit? Du hättest mich doch auch gleich auf meinem Handy anrufen können? War es so schlimm?
Marc (starrt sie irritiert an u. ist sich nicht sicher, wie viel sie weiß): Was?
Gretchen (spürt seine Verunsicherung u. drückt seine schweißnasse Hand ein bisschen fester, damit er weiß, dass sie immer für ihn da sein wird): Ich weiß, du willst als Oberarzt immer stark sein, das ist auch ganz in Ordnung, aber es ist kein Anzeichen von Schwäche, auch Gefühle zuzugeben. Wir Chirurgen sind keine Roboter, wir sind auch nur Menschen, denen Dinge nahegehen.

Mist! Die hohle Nuss hat gequatscht. Dann weiß es mittlerweile das gesamte Krankenhaus. Na prima! ... Moment! ... Ich hab der Stasi-Sabsi doch gar nichts gesteckt. Ich hab nur vorgefühlt, wie Haasenzahn gerade drauf ist. Wie kann sie also wissen, dass...? Nein, dann wäre sie nicht so ruhig. Verdächtig ruhig, um genau zu sein.

Marc (fährt sich mit seiner freien Hand über sein erschöpftes Gesicht u. traut sich kaum, ihr wieder in die Augen zu sehen, die ihn aufmerksam verfolgen): Wie viel weißt du?
Gretchen (seufzt traurig auf u. schaut ihn mitfühlend an): Ich weiß nur, dass der Junge nicht überlebt hat und dass Maria und du euch um die Organspende bemüht. Plötzlich war eine ganz bedrückte Stimmung in der Cafeteria und ich hab eine der OP-Schwestern gefragt. Sie sind alle sehr mitgenommen deswegen. Es ist für uns alle schwer, wenn man sich dem Kampf geschlagen geben muss. Gerade wenn es einen so jungen Menschen betrifft. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich die Eltern gerade fühlen müssen. Das ist schrecklich. Bitte mach dir nicht so viele Gedanken deswegen, Marc! Du hast nichts falsch gemacht.
Marc (blickt sie überrascht an u. wirkt leicht überfordert von ihren verständnisvollen Worten): Ach, ja, das... das ist echt übel.
Gretchen (legt auch seine andere Hand wieder in ihre, drückt diese fest u. schaut ihm dabei einfühlsam in die verwirrt hin u. her huschenden Augen, die ihr auszuweichen versuchen): Marc, wenn du reden willst?
Marc (schüttelt den Kopf u. bemüht sich um ein gequältes Lächeln): Alles gut. So schlimm es auch klingen mag, es ist und bleibt Routine. Die Hirntoddiagnostik läuft und die Eltern haben kapiert, dass es ihn nicht zurückbringen wird, wenn sie an ihm festhalten. Und eigentlich geht’s auch gar nicht darum.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort, weil sie spürt, wie aufgewühlt er noch immer ist): Nicht? Worum dann?

Fuck! Ich kann’s ihr nicht sagen. Sie wirkt so happy im Moment. Diese kleine heile Welt, in der sie immer ein paar Zentimeter über dem Boden schwebt, ist genau ihr Ding. Ich kann ihr das nicht nehmen. Verdammte Scheiße noch mal, wieso muss das auch so verdammt verzwickt sein? Hätte das nicht einfach nur ein stinknormaler stinklangweiliger Arbeitstag bleiben können? Nee, im EKH ticken die Uhren ja anders. Unter emotional katastrophal gibt’s nicht.

Marc saß nun so richtig in der Falle und verhedderte sich immer mehr bei der Suche nach den richtigen Worten, die es ohnehin nicht gab. Er hasste so was. Schließlich war er sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen. Aber Momente wie diese gehörten nun mal zu den Schattenseiten seines Berufes. Das war der Grund, warum er Patientengeschichten nie zu nah an sich heranlassen wollte. Das war das Erste, was er seinen talentfreien Assistenzärzten immer einbläute. Nie zu sehr engagieren, solange es nicht um das rein Medizinische ging. Man schleppte sie sonst ewig mit sich herum und fühlte sich scheiße deswegen. Er wollte das nicht. Am liebsten hätte er die ganze Geschichte delegiert, aber in diesem konkreten Fall gab es nun mal kein Vor und kein Zurück. Er war viel zu nah involviert. Deswegen fiel es ihm auch entgegen seiner Art unheimlich schwer, das auszusprechen, was er seiner Freundin dringend mitteilen musste. Er hatte Angst davor, dass ihr hinreißendes Lächeln, das selbst in den beschissendsten Situationen die dunkelsten Herzen erhellen konnte, erstarb. Das hatte sein Sonnenschein nicht verdient. Nicht jetzt, wo sie zusammen gerade die schönste Zeit ihres Lebens erlebten. Ihr gemeinsames Abenteuer, durch das sie schon genug Chaos hoch zwei um sich herum hatten. Deshalb druckste er auch erst einmal ungeschickt herum, was Gretchen anfangs nicht sonderlich verwunderte. Sein erster Arbeitstag hatte Marc doch mehr mitgenommen, als sich der frischgebackene Familienvater eingestehen wollte. So schien es zumindest für die mutterschutzbeurlaubte Stationsärztin, die sich seiner annehmen wollte.

Marc (lenkt geschickt ab): Wo... wo hast du eigentlich die Zwerge gelassen?
Gretchen (kommt nicht umhin, wie ein Honigkuchenpferd zu lächeln, wenn sie an die süße Rasselbande denkt): Bei Bine. Sie ist mit Sarah und den Kleinen raus in den Park. Marlon und Marlene war es dann doch mit den ganzen Erwachsenen um sie herum, die sie bestaunt haben wie das siebte Weltwunder, zu langweilig geworden und sie haben mit ihrem zuckersüßen Weinen den gesamten Speisesaal unterhalten, was angesichts der bedrückten Stimmung, die dort gerade herrscht, nicht die beste Ablenkung gewesen ist, denke ich. Wir haben sie nicht beruhigt gekriegt. Du weißt ja, wie sie manchmal sein können, wenn ihnen etwas nicht passt. Die Meier-Gene eben. Hihi! Aber eine Runde im Kinderwagen wird da bestimmt helfen und die Zuckermaus Sarah hat sich das so sehr gewünscht, dass ich nicht anders konnte, als es ihr zu erlauben, unseren Mini-Ferrari zu schieben. Also dreht sie jetzt mit ihrer Schwester eine kleine Runde damit, bis deine Mutter uns dann gleich abholt. Sie hat schon Bescheid gegeben, dass sie gleich da ist. Sie steht aber noch in der City im Stau.
Marc (starrt nachdenklich an ihr vorbei zur Tür): Gut,... gut.
Gretchen (will ihn aufheitern u. zieht ihn ein kleinwenig auf): Was denn? Keine Einwände vom Superdaddy?

Der Beschützer geht doch sonst immer mit ihm durch, wenn andere außer ihm unsere Wundersterne betüddeln. Er passt doch immer auf wie ein Wachhund, dass ihnen niemand zu nahe kommt, der in seinen Augen nicht dazu befähigt ist. Total süß und völlig überzogen. Aber ich liebe es, wenn er so ist. Er liebt die beiden so sehr. Hach... Ich auch.

Marc (geht nicht weiter darauf ein, was Gretchen dann doch verwundert): Heute nicht.
Gretchen (hakt vorsichtig nach): Was ist denn los? Du bist komisch. Wieso wolltest du mich unbedingt sprechen? Sabine meinte, es sei dringend, aber du hast noch kein Wort gesagt. Oh! Da fällt mir ein, ich sollte Cedric noch Bescheid geben, damit er weiß, wo seine Mädchen gerade stecken. Nicht, dass er Panik bekommt, weil sie vom Mittagstisch verschwunden sind.
Marc (nuschelt mystisch in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart, über den er mit einer Hand immer wieder unbewusst streicht): Panik verursacht bei ihm, wenn überhaupt, jemand anderes.
Gretchen (kann ihm nicht folgen): Wie meinst du das denn jetzt?
Marc (fängt sich wieder, atmet noch einmal tief durch u. konzentriert sich jetzt voll u. ganz auf seine Freundin, die ihn mit großen Kulleraugen neugierig anschaut): Glaub mir, das willst du nicht wirklich wissen. Ähm... Okay, du willst wissen, was los ist, gut, dann ähm... bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Aber du musst mir versprechen, nicht gleich auszuflippen. Lass mich erst ausreden! Dann Hysteriemodus. Obwohl der eigentlich nicht unbedingt...
Gretchen (blickt ihn ganz verdattert an, bevor sie ihm empört ins Wort fällt): Marc, verarsch mich nicht! Rede mit mir! Was ist hier los? Hat es was mit der schick gekleideten jungen Frau zu tun, die ich hier vorhin auf Station gesehen habe? Wer ist das? Eine neue Kollegin? Papa hat gar nicht erwähnt, dass er jemanden eingestellt hat. Was macht sie hier? Sie hat irgendetwas Seltsames in ihr Handy gesprochen. Ich hab nicht alles verstanden, weil der Fahrstuhl gerade erst die Türen geöffnet hatte, aber mir war das irgendwie suspekt. Jetzt nicht, weil sie englisch gesprochen hat, sondern der Grundtenor hatte etwas Angriffslustiges, Bedrohliches, ich weiß auch nicht. Nur so ein Gefühl. Also, was ist? Hier stimmt doch was nicht. Und jetzt rede dich bitte nicht schon wieder raus, Marc!

...verriet Gretchen ihr siebter Sinn. Doch die Ausmaße dessen, was ihr Partner ihr gleich mitteilen würde, nachdem er ihren Verdacht mit einem mitgenommenen Kopfschütteln verneint hatte, ahnte sie nicht. Und während Dr. Meier noch einen Moment zögerte und schließlich eine ungewohnt ernste Chirurgenmiene aufsetzte, um seiner argwöhnischen Freundin mit sanfter Stimme behutsam das beizubringen, was ihn die ganze Zeit schon beschäftigt hatte, seitdem er vorhin das Stiersche Schmierentheater links liegen gelassen hatte und stattdessen schnurstracks in die Notaufnahme geeilt war, tapste zur selben Zeit ein dreifacher Familienvater unruhig vor dem OP-Trakt im Erdgeschoss auf und ab.

Dr. Stier haderte schwer mit sich. Immer wieder drehte er sich um und suchte fahrig den Flur ab, wo emsige Mitarbeiter in ihren grünen OP-Kasacks hin und her wuselten, die den Neurochirurgen außer Dienst aber nicht sonderlich beachteten, während sie ihre Patienten in die Behandlungsräume schoben oder aus dem OP holten. Er war jeder Zeit auf der Hut und bereit zu gehen und er hätte auch am liebsten sofort die Beine in die Hand genommen, wenn er gekonnt hätte. Er musste sich entscheiden und er hatte sich entschieden, doch hineinzugehen. Er hatte keine andere Wahl. Er würde nicht drumherumkommen, egal, wie er es drehte und wendete. Er musste es Maria sagen, bevor sie es anderweitig mitbekam und der große Krater, den der Geist aus der Vergangenheit mit seinen blutrot manikürten Fingernägeln aufgerissen hatte, noch größer wurde und sie alle verschlingen würde. Alles andere wäre nur feige gewesen. Und er war nicht feige. Im Gegenteil. Er würde sich von dem, was gerade passiert war, nicht einschüchtern lassen. Nicht von ihr. Von niemandem. Niemals. Maria und die Kinder waren ihm schließlich das Wichtigste auf der Welt. Sie hatten absoluten Vorrang, sprach er sich in Gedanken erneut Mut zu und öffnete die Eingangsschleuse. Und im Vorraum von OP 1 traf er dann tatsächlich direkt auf die gesuchte Person, die sich gerade an einem der Waschbecken für den nächsten Eingriff steril machte und ihn nun verwundert via Spiegel anschaute, denn mit ihm und seiner Begleiterin hatte sie hier an diesem Ort überhaupt nicht gerechnet.

Maria (starrt irritiert auf das schlafende Baby in seinen Armen u. reagiert dementsprechend fassungslos): Was willst du denn hier? Kinder haben im OP nichts zu suchen, Cedric. Das weißt du doch. Bist du völlig bescheuert, sie mit hierher zu bringen? Du widersetzt dich damit jedweder Vorschrift, aber das machst du ja sowieso ständig. Was wundert mich das also?
Cedric (legt schützend seine Hände um das kleine Köpfchen an seiner Brust): Hast du einen Moment?
Maria (dreht sich mit hoch gehobenen nassen Händen zu ihm um u. sieht ihn an, als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun): Nein, natürlich nicht. Oder was denkst du, weswegen ich hier bin? Weil ich mir gerne stundenlang die Hände schrubbe, bis die Epidermis komplett abgerubbelt ist? Ich hab keine Zeit. Ich muss gleich da rein. Ich warte nur noch auf den Meier, der wie immer eine Extraeinladung braucht. Ich hab es so satt. Für wen hält der sich eigentlich?
Cedric (tritt vorsichtig einen Schritt auf sie zu u. zwinkert unmissverständlich den OP-Schwestern zu, die neugierig durch das Bullauge an der Schiebetür zu ihm u. dem Baby schauen u. kichernd miteinander tuscheln): Es ist aber wichtig.
Maria (folgt seinem Blick u. ihr grimmiger Oberärztinnenblick bewirkt, dass sich die Tratschbasen schnell in den OP zurückziehen): Glaub mir, das hier ist bedeutend wichtiger.
Cedric: Nach deinen Maßstäben solltest du mir vielleicht doch eine Minute zuhören. Es könnte deine Sicht auf jeden Fall verändern.
Maria (funkelt ihn an u. verschränkt die Arme vor ihrem Körper u. ärgert sich im Nachhinein, weil sie sich durch diese unbewusste Bewegung jetzt noch mal neu steril machen muss): Herrgott noch mal, Rick, wir haben vorhin schon genug Zeit mit Quatschen verplempert. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Du behauptest doch ständig und überall, dass du der King im Improvisieren bist, dann tue doch einfach mal das, was dir liegt und behellige mich nicht damit. Ich muss mich konzentrieren.
Cedric (versucht vergeblich, sich Gehör zu verschaffen): Aber...?
Maria (schiebt ihn entschieden zurück zum Ausgang u. drückt mit dem Fuß auf die Taste, die die Schleusentür öffnet): Kein Aber! Hast du die anstehenden Untersuchungen mit Wischnewski besprochen? Gut, ich gehe davon aus. Und tschüss!
Cedric (bewegt sich sehr zum Ärger von Maria nicht vom Fleck, sodass sich die Metalltür von alleine wieder hinter ihm schließt): Ja, schon, das hat noch Zeit, aber...

GRRR!!! Dieser Kerl macht mich rasend. Er gibt doch ständig und überall damit an, wie lässig er die Leute um den Finger wickeln kann. Dann kann es doch nicht so schwer sein, drei kleine Mädchen zu bändigen. Wobei mir ja eher der Sinn danach ist, dass sie ihn ordentlich in die Mangel nehmen. Er hat es nicht anders verdient, so wie er sich heute aufführt.

Maria (lässt ihn gar nicht erst ausreden u. schaut dabei auf ihre schlafende Tochter, die im Gegensatz zu ihren Eltern die Ruhe weghat): Müsstest du nicht schon längst mit den Kindern wieder zu Hause sein? Was machst du also noch hier? Und wo ist der Rest der Bande überhaupt? Wobei ich froh sein kann, dass du mit ihnen nicht gleich eine ganze Touristenführung durch den OP-Trakt durchgeführt hast. Dir und Motte würde ich das zutrauen.
Cedric (muss dann doch kurz schmunzeln, weil sie trotz anstrengendem OP-Plan offenbar immer noch zu Scherzen aufgelegt ist, was seine Stimmung deutlich hebt): Wir haben tatsächlich kurz darüber nachgedacht. Nein, natürlich nicht. Gretchen und Schwester Sabine passen auf sie auf. Ich hab gerade durch die Fenster des Glasdurchgangs gesehen, wie sie mit dem Zwillingskinderwagen in Richtung Park unterwegs waren. Sarah ist fast geplatzt vor Stolz, weil sie ihn schieben durfte, obwohl sie kaum über den Griff gucken konnte. Hör mal, ich muss wirklich...
Maria (lässt ihn gar nicht erst ausreden, obwohl die Bilder, die gerade vor ihrem inneren Auge auftauchen, sie durchaus amüsieren u. beruhigen, was ihr kurz vor der OP gut tut): Du musst gar nichts. Das müssen wie immer andere. Das spielt dir wieder wunderbar in die Karten, hm? Nur nicht zu viel Aufwand, was? Einmal schöne Augen gemacht und schon nimmt man dir alles ab. Das passt zu dir. Aber so funktioniert das nicht, Cedric. Haase ist schon genug ausgelastet. Mit dem Meier sowieso und mit ihren Mini-Mes und jetzt ist auch noch... Lass mich einfach meinen Job machen und du erledigst deinen. Das war der Deal. Nachverhandeln ist nicht, mein Lieber. Das heißt, die Kids, allen voran unsere Schlummerfee hier, möglichst weit weg vom EKH parken und bespaßen, bis sie müde in ihre Bettchen fallen. Das ist der Leitfaden für die nächsten achtzehn Jahre. Das sollte doch endlich mal da oben bei dir angekommen sein.
Cedric (fährt sich mit seiner freien Hand aufgewühlt über seinen stoppeligen Siebentagebart): Das ist der Plan. Ich bring sie auf jeden Fall hier noch weg, bevor...

Sie darf Sissi nicht in ihre Finger kriegen. Mist! Ich hätte Gretchen vorwarnen sollen. Was ist, wenn sie ihr direkt in die Arme laufen? Nee, eher unwahrscheinlich. Der Park ist ja hinten raus. Gut verdeckt von der Großbaustelle. Aber sicher ist sicher.

Maria (bleibt skeptisch, was seine Babysitterqualitäten betrifft u. verhehlt das vor ihm nicht, während sie ihn stehen lässt u. die Waschbecken ansteuert, um ihre Hände erneut zu desinfizieren): Bevor was? Bevor sie mitkriegen, dass du doch nicht der Superdaddy bist, für den du dich vor deinen Fans ausgibst, hm? Ein bisschen mehr Bescheidenheit stände dir gut zu Gesicht, mein Lieber. Als Eltern losen wir sowieso ständig ab. Das steht so in der Gebrauchsanweisung. Gewöhn dich daran!
Cedric (lässt jede Kritik an sich abprallen, weil es Wichtigeres zu besprechen gibt): Trotzdem, es geht kein Weg daran vorbei. Ich hab schon ein Schlupfloch gesucht, aber es gibt keins. Wir kommen da nicht mehr raus. Wir haben wirklich ein Problem.
Maria (horcht dann doch verwundert auf, als sie mit dem Händewaschen fertig ist u. kurz zur OP-Tür linst, von wo aus man ihr gerade durch das kleine Fenster ein Zeichen gegeben hat): Ich weiß.
Cedric (seine Augen weiten sich ungläubig): Du weißt es? Und da bleibst du so ruhig?
Maria (dreht sich wieder zu ihm herum u. zuckt mit den Schultern, während sie ein betroffenes Gesicht macht): Was bleibt mir auch anderes übrig. Irgendwer muss doch einen kühlen Kopf bewahren.
Cedric (ist ehrlich gesagt sprachlos): Wow! Du überraschst mich immer wieder, Mary. Das ist echt groß. Und was machen wir jetzt?
Maria (ist ehrlich erstaunt darüber, dass er sich so ungewohnt niedergeschlagen gibt): Na, was wohl? Was denkst du, wieso ich hier als blauer Schlumpf verkleidet stehe, hm? Halloween ist schließlich erst in zweieinhalb Wochen. Apropos, wo wir gerade beim Thema sind, vergiss nicht, dass du für die Kostüme der Mädchen zuständig bist. Steht auf deinem Hausaufgabenzettel ganz weit oben. Mich überrascht eher, dass dich das so sehr mitnimmt.
Cedric (stöhnt leidend auf): Na, ich hab ja wohl auch allen Grund dazu. Das ist eine Katastrophe. Ich hätte nicht mal in meinen schlimmsten Albträumen mehr damit gerechnet. Wieso jetzt?
Maria (kommt beschwichtigend einen Schritt näher, während ihr Blick fest auf ihrem schlafenden Kind ruht): Nun lass mal die Kirche im Dorf, Rick! Es ist beschissen, ja, aber wir haben hier schon einiges anderes ausgestanden. Epidemien, Polizeieinsätze, Meier als Interimschef. Oh Gott, wenn ich daran zurückdenke, dann müssen wir wirklich handeln.
Cedric (fühlt sich immer noch unwohl bei der ganzen Geschichte, aber Marias stoische Ruhe baut ihn wieder ein wenig auf): Ich hätte nicht gedacht, dass du das so leicht hinnimmst. Ich könnte das nicht. Mir geht ehrlich die Düse.
Maria (wundert sich dann doch über seinen ungewohnten Gefühlsausbruch): Ich wusste nicht, dass ihr euch so nah steht.
Cedric (blickt sie irritiert an, weil er kurz von seinem Kind abgelenkt ist, das seine Händchen müde aus der Tragehilfe in die Höhe gestreckt u. dabei seinen Hals gestreift hat): Äh... wie bitte? Das ist ja wohl offensichtlich.

Hab ich was verpasst? Er wirkt ja völlig fertig. So hab ich ihn noch nie erlebt.

Maria (würde ihm gerne über den Arm streichen, um ihn zu beruhigen u. auch ihr Kind hätte sie gerne geknuddelt, um sich ein bisschen Trost abzuholen, aber sie darf nicht, solange sie für den OP keimfrei bleiben will): Baby, ich habe den Eindruck, dass du heute ein bisschen überfordert von allem wirkst. Wenn ich dich vorhin zu hart angegangen haben sollte, dann tut es mir leid. Ich wollte dich nicht bloßstellen. Aber dieses Krankenhaus ist das reinste Irrenhaus. Da gehen die Pferde schnell mit einem durch. Gerade an Tagen wie diesen, die wirklich nur komplett für die Tonne sind. Ich hab’s nicht so gemeint, also, gemeint schon, aber du verstehst schon. Schnapp dir die Kinder und geh nach Hause! Du kannst hier für den Moment sowieso nichts ausrichten.
Cedric (fühlt sich nicht wohl dabei, sie mit der ganzen Scheiße alleine zu lassen): Bist du sicher? Also willst du es dabei belassen? Die Taktik fahre ich auch, aber ich glaube nicht, dass das unser Problem lösen wird. Es wird sich nicht in Luft auflösen, wenn wir es ignorieren. Im Gegenteil. Da kommt noch mehr. Da bin ich mir sicher. Sie... Hey, ich könnte mit dem Professor sprechen? Wenn er erst erfährt, was...
Maria (stoppt ihn in seinem plötzlichen Übereifer): Das könnte schwierig werden, Rick.
Cedric (sieht sie verwirrt an): Wieso? Ich weiß, dass man mit ihm reden kann. Er wird verstehen, dass das nicht geht.
Maria (kommt ihm so nahe, wie sie es gerade noch so verantworten kann, u. klärt ihn mit gefassten Worten auf): Kann man nicht. Weil er gerade da drin narkotisiert auf meinem Tisch liegt. Ich warte nur noch auf den Meier, der gerade mit Gretchen redet, die hoffentlich nicht gleich den nächsten hysterischen Anfall kriegt und uns dazwischenfunkt, und dann legen wir los. Es ist höchste Eile geboten. Ich erkläre dir nachher alles, wenn ich nach Hause komme. Mach dir keine Sorgen! Wir kriegen das hin. Ich bin schließlich die Beste für den Job.

Dr. Stier wirkte dermaßen vor den Kopf gestoßen, dass die Informationen, die Maria ihm gerade so schonend wie möglich mitgeteilt hatte, erst nach und nach bei ihm durchsickerte. Für einen kurzen Moment vergaß er sogar, wieso er überhaupt in den OP-Bereich gekommen war. Erst als er der Neurochirurgin zur Schleuse folgte und durch das winzige Fenster in den OP schaute und die Person auf dem OP-Tisch als diejenige identifizierte, die sie benannt hatte, wurde ihm bewusst, dass sie die ganze Zeit aneinander vorbeigeredet hatten. Er sah die Mutter seines Kindes an, das er instinktiv noch ein bisschen fester gegen sein aufgewühltes Herz drückte, und wollte etwas sagen, aber es kamen keine Worte aus seinem Mund. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Nichts wäre dem gerecht geworden. Doch Maria hatte ihn verstanden und nickte ihm mitfühlend zu. Auf ein Zeichen hin ließ sie sich von einer der OP-Schwestern den Mundschutz und die OP-Handschuhe reichen, nachdem sie ihr Baby, das in Cedrics Armen kurz müde die Äuglein geöffnet und sie angeschaut hatte, noch einmal sanft angelächelt hatte. Als Motivation für die anstehende OP. Dann ließ Dr. Hassmann ihren verdutzten Lebenspartner im Vorraum zurück. Diesem wurde sofort bewusst, als sich die schwere Schleusentür mit einem lauten Klacken hinter ihr wieder schloss, dass er Maria jetzt nicht mehr von Sandy und seiner bösen Vorahnung erzählen konnte, um sie nicht aus dem Konzept zu bringen. Und auch Gretchen Haase wünschte sich im selben Moment, Marc und sie hätten aneinander vorbeigeredet. Aber seine Worte waren klar und unmissverständlich gewesen. Doch die Tochter von Prof. Haase wollte sie nicht wahrhaben.

Marc: Gretchen, hast du mich verstanden? Dein Vater... er... hatte einen Unfall.

Lorelei Offline

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17.09.2019 14:16
#1654 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Gretchen schüttelte unablässig den Kopf und zupfte einen hartnäckigen unsichtbaren Fusel von ihrem geblümten Kleid, während sie im Sessel gegenüber Marcs eindringlichen Blicken betont auswich, die zunehmend beunruhigt auf sie gerichtet waren. Aber Franz’ Tochter wollte oder konnte nicht auf ihn hören. Genau mit dieser Reaktion hatte der sichtlich mit ihr mitleidende Oberarzt gerechnet und es machte ihn fertig, seine große Liebe dermaßen verzweifelt zu sehen. Aber was hätte er anders tun können? Außer ihr so behutsam wie nur möglich die schreckliche Wahrheit zu übermitteln, die auch ihn ziemlich kalt erwischt hatte. Doch sie kam überhaupt nicht bei der jungen Chirurgin an, die stur Marcs vorsichtige Annäherungsversuche abwehrte. Gretchen Haase wirkte völlig neben der Spur und schien mit ihren Gedanken, die sie konzentriert für sich zu sortieren versuchte, um sich zu vergewissern, ganz woanders zu sein. Dabei sprach sie mehr mit sich selbst als mit ihrem unmittelbaren Gegenüber, der ihre wild gestikulierenden Hände zu fassen versuchte, um sie zu beruhigen, damit sie ihm endlich in die Augen sah und verstand. Aber Dr. Meier bekam seine Freundin einfach nicht zu greifen, die, einer plötzlichen Eingebung folgend, unerwartet aufgesprungen war und nun ziellos in seinem Praxiszimmer auf und ab zu laufen begann, während sie aufgeregt ihre Sicht der Dinge vortrug, um Marcs Worten, die sie nicht glauben wollte und konnte, etwas entgegenzuhalten.

Gretchen: Nein, nein, das... das kann gar nicht sein. Du irrst dich. Du musst etwas missverstanden haben, Marc. Wir haben ihn doch gerade noch gesehen. Er hat die Zwillinge gedrückt, hat mir und Sabine einen schönen Tag gewünscht, sie gebeten, auf uns aufzupassen, und ist dann los zur Uni. Er hält doch dort heute Mittag die Eröffnungsvorlesung für den neuen Medizinstudentenjahrgang. Sie müsste eigentlich in diesen Minuten angefangen haben. Er war schon total hibbelig deswegen gewesen. Du weißt doch, wie sehr er sich immer freut, die neuen Gesichter zu begrüßen, die Hochmotivierten unter ihnen mit seinen Anekdoten aus seinem Chirurgenalltag zu schocken und ihnen dann, wenn diejenigen panisch aus dem Saal geflüchtet sind, die sich dann doch nicht mehr so sicher sind, ob Medizin das Richtige für sie ist, seine Sicht auf seine große Leidenschaft näherzubringen. Er liebt das. Das ist sein Element. Genauso wie wenn er an vorderster Front mit uns im OP stehen darf. Er wirkt dabei so voller Elan und Esprit, fühlt sich wieder so jung wie wir, als wir damals angefangen haben. Das ist richtig rührend. Es geht ihm gut. Das weiß ich. Ich bin seine Tochter. Ich spüre das.

Ach, Haasenzahn, meine kleine, süße, unschuldige Träumerin, manchmal wünsche ich mir für dich wirklich mehr Märchen im Leben, wo immer nur das Beste passiert, wie unsere beiden stimmgewaltigen Miniaturausgaben. Eine Welt, in der man immer noch an das Gute glauben kann, das dann auch immer höchstverlässlich eintrifft, wie es in den herabpurzelnden Sternschnuppen oder in Sabines Horoskopalmanach fürs nächste Jahrtausend vorherbestimmt ist. Aber, und das ist die bittere Wahrheit, life sucks manchmal ordentlich. Und die Packung emotional-katastrophal hätte ich dir echt gerne erspart. Und mir auch. Ich hab keine Zeit für diesen ganzen Scheiß, verdammt. Warum immer wir? Kann es nicht einmal auch mal endlich genug sein? Mann, ey, das ist echt scheiße ungerecht.

Marc hatte die zerstreute Professorentochter bei ihrem unkoordinierten Gang durch sein Büro argwöhnisch beobachtet und fuhr sich unbehaglich mit einer Hand über sein ermattetes Gesicht, dann gab er sich schließlich einen Ruck und sprang ebenfalls von seinem Platz auf. Er schob die beiden Sessel zur Seite und folgte seiner Freundin zum Fenster, vor dem sie gedankenverloren stehen geblieben war und auf den Mitarbeiterparkplatz hinunterschaute, wo sie angestrengt nach der in die Jahre gekommenen Familienkutsche ihres Vaters Ausschau hielt, welche sie jedoch zwischen den Reihen unterschiedlichster Automarken, die in ihren Augen alle gleich aussahen, nicht finden konnte, was ihr erleichtert das bestätigte, was sie die ganze Zeit über gedacht hatte. Er war nicht hier. Ergo war alles gut. Es ging ihm gut. Es musste ihm gut gehen. Alles andere wäre... Nein, nein, nein, besser nicht darüber nachdenken, das würde sie sonst nur noch mehr verrückt machen, schüttelte sie sich und klammerte sich mit beiden Händen verkrampft ans Fensterbrett.

Marc war dicht hinter der Tochter seines hoch geschätzten Mentors stehen geblieben und legte seine Arme um ihre Taille und zog sie sanft an sich. Gretchen versuchte noch schwach, sich aus seiner unmittelbaren Umarmung herauszuwinden, die ihr seltsamerweise untypisch unbehaglich vorgekommen war, ließ es sich dann aber doch gefallen, von ihm gehalten zu werden. Sie wusste nicht wieso, aber sie brauchte seinen Halt gerade jetzt in diesem Moment und griff instinktiv nach seinen beiden Händen und hielt sie vor ihrem Körper fest gedrückt. Marc positionierte sein Kinn auf ihrer rechten Schulter, wobei er unmerklich aufseufzte, weil er endlich ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte, und folgte ihrem Blick nach draußen. Dabei fiel nur ihm der dunkle Sportwagen auf, der in halsbrecherischer Art und Weise an der Klinikbaustelle vorbeigerauscht war und nun in zweiter Reihe sein Auto und das von Dr. Rössel zuparkte und aus dem sich gerade seine Mutter in divengleicher Eleganz herausschwang, was von den Bauarbeitern, die sie eben noch wegen ihre riskanten Fahrweise anklagen wollten, mit anerkennenden Pfiffen begleitet wurde.

Angesichts der Absurdität dieses Augenblicks konnte sich Marc ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen und schmiegte seinen Grinsemund und seine Nase gegen Gretchens grazilen Hals, schnupperte ihren süßen betörenden Duft und ignorierte für einen Moment ihre ansonsten angespannte Körperhaltung, während er weiter durch die Fensterscheibe lugte. Als hätte Elke Fisher den Blick ihres Sohnes bemerkt, schaute sie zu seinem Bürofenster hoch, während sie ihr lindgrünes Designerkostüm zurechtrückte und ihre teure Handtasche schulterte. Er nickte ihr zu und fühlte sich mit einem Mal seltsam erleichtert, jetzt da er wusste, dass er die Last nicht mehr würde alleine tragen müssen.

Marc: Tja, um bei deinen Worten zu bleiben, „schocken“ ist wirklich das Stichwort, wobei er sich das auf die Weise sicherlich nicht vorgestellt hat.

...sprudelten die Worte plötzlich unbedacht aus seinem Mund und er hätte sich dafür am liebsten ohrfeigen wollen, weil ihm die Verbalkeule zum blödesten Zeitpunkt herausgerutscht war. Er war so ein Idiot. Unsensibel bis zum Gehtnichtmehr. Ein Wunder, dass Gretchen noch nicht längst vor ihm davongelaufen war. Er hätte es nicht anders verdient gehabt. Aber die Einunddreißigjährige war nur unmerklich in seinen Armen zusammengezuckt. Als hätte ein Teil von ihr verstanden, was er ihr die ganze Zeit schon hatte sagen wollen und was der andere, der irrationalere Teil von ihr nicht hatte akzeptieren wollen. Und ganz leise und mit Bedacht, als sie sich dann doch langsam zu ihm umdrehte und seinen Blick schließlich ängstlich erwiderte, wobei sich immer mehr Tränen in ihren bildschönen Augen sammelten, die ihr in diesem Moment noch überhaupt nicht bewusst gewesen waren, sprach er weiter und hielt sie dabei fest, damit sie nicht weiter ins Bodenlose stürzte.

Marc: Hör mal, Haasenzahn, das war blöd ausgedrückt. Ich hab nicht nachgedacht, aber es gibt keinen anderen Weg, dir das schonender beizubringen. Ich versuche das schon die ganze Zeit mit eher mäßigem Erfolg und ehrlich gesagt ist das auch gar nicht meine Art. Du kennst mich. Ich urteile nach Faktenlage und folge nicht emotionalen Dingens hier ähm... Ich könnte dich anlügen, aber... ich kann das nicht. Ich muss wissen, dass du verstehst, was ich dir sage. Okay?
Gretchen (schließt für eine kurze Sekunde noch einmal die Augen, um sich zu wappnen, dann sieht sie ihn entschlossen an): Ich hör dir zu, Marc.
Marc (vergewissert sich noch einmal eindringlich bei seiner Freundin, die mit einem Mal seltsam gefasst auf ihn wirkt, bevor er dann vorsichtig die Fakten auf den Tisch packt): Sicher? Okay! Ähm... Du hattest mit allem, was du gesagt hast, recht. Franz war tatsächlich auf dem Weg zur HU. Er war schon fast da, er muss die Gebäude der medizinischen Fakultät schon gesehen haben, als er mit seinem Rad den toten Winkel eines abbiegenden LKWs gestreift hat. Ich weiß, das hört sich jetzt schlimm an, ist es auch, aber...
Gretchen (hält sich schockiert die Hand vor den Mund u. hört auf zu atmen, schaut kurz zu ihm hoch u. schnell wieder weg, weil sie das, was in seinen eindringlichen Augen geschrieben steht, nicht lesen will u. kann, sie verdrängt lieber, während ihr Puls zu rasen beginnt): Was? Nein, nein, du lügst! Er ist... Weißt du, was? Ich beweise dir das und rufe ihn gleich mal auf seinem Handy an. Und du weißt, dass er es hasst, während seiner Vorlesungen gestört zu werden. Den Anschiss, den hast du dir jetzt selber eingebrockt, mein Lieber. Wenn er dich jetzt rausschmeißt und wir bald mittellos auf der Straße stehen, ist das allein deine Schuld. ... Mist! Wo ist denn mein Handy? ... Noch in der Tasche im Kinderwagen und der ist... Na prima! Dann... dann gib mir schnell deins! Marc, bitte! Ich muss Papa anrufen.
Marc (schaut ihr unglücklich bei ihrer verzweifelten Suche zu u. greift dann nach ihren beiden wild umher tastenden Händen, damit sie ihn endlich wieder anschaut): Haasenzahn, hör mir zu! Verdammt, du musst mir zuhören!
Gretchen (versinkt hinter dem dichten Tränenschleier, der sich unbemerkt vor ihre Augen geschoben hat, u. leugnet weiter): Nein... nein! Ich will nicht. Lass mich, Marc! Wie... wie kannst du nur so gemein sein, nachdem wir gerade so unendlich glücklich gewesen sind? Soll das einer deiner üblichen Scherze sein? Was soll das? Bestellst mich hierher und erzählst dann so eine hanebüchene Geschichte. Ist das so ein irres Begrüßungsritual unter euch zurückgekehrten Chirurgen? Findest du das witzig? Ich finde das überhaupt nicht witzig. Du bist nicht witzig. Du warst noch nie witzig. Damals nicht und jetzt... Das... das ist geschmacklos. Damit hast du endgültig den Bogen überspannt, Marc. Selbst wenn du mich eine Petze nennst, was du in der Vergangenheit schon oft genug getan hast, ist es mir egal. Ich werde das Papa sagen und du wirst die Konsequenzen tragen müssen.

...wisperte die weinerliche Stimme, die sich immer mehr in die Gefühlslawine hineingesteigert hatte, die erbarmungslos auf sie niedergerollt war, um seine Worte nicht an sich heranzulassen. Sie prallte an der Wand ab, die Gretchen um sich herum aufgebaut hatte. Vor lauter Tränen, die unaufhörlich ihre Augen fluteten, konnte sie nichts mehr erkennen. Aber Marcs ernster Gesichtsausdruck, der konzentriert auf sie gerichtet war und der meilenweit entfernt von dem typischen Meierschen Spott und Humor war, der den ungehobelten Holzklotz seit Schulhofzeiten ausmachte, war ihr dennoch schmerzlich bewusst. Sie spürte seinen Blick, der sich wie ein Skalpell in ihr holprig pochendes Herz bohrte. Ihr Verstand hatte mittlerweile erfasst, was ihr Herz noch nicht im Stande war, zu akzeptieren. Sie versuchte, sich von Marc loszureißen, aber er hielt sie eisern fest. Solange, bis sie endlich fähig war, ihm wieder in die Augen zu blicken. Gretchen schluckte schwer, als sie seinen mitgenommenen Blick bemerkte. Das war so gar nicht der coole unnahbare Chirurg, der sämtliche Emotionen von seiner Station fernhielt, als wären sie ein toxisches Gift, gegen das es kein Heilmittel gab. Er litt wirklich. Um sie und um... Und plötzlich machte es „klick“. Sie hatte verstanden und jetzt gab es kein Halten mehr. Sämtliche Dämme brachen. Gretchens Knie knickten ein und Marc schaffte es gerade noch so, seine Freundin in den Bürosessel zu hieven, vor den er sich anschließend hinhockte.

Marc (mit sorgenvoller Stimme wendet er sich an sie): Haasenzahn? Bist du okay?
Gretchen (schließt die Augen, um den Schmerz, der sie in gewaltigen Wellen erfasst hat, nicht zu nah an sich heranzulassen): Es geht nicht um mich, Marc. Ich bin unwichtig. Wie schlimm ist es?
Marc (drückt ihre eiskalte zitternde Hand u. streift sanft mit der anderen Hand über ihre tränennasse Wange, während er sie einfach nur voller Mitgefühl u. Liebe ansieht): Gretchen?

So schlimm? Oh Gott! Nein, bitte nicht! Ihm darf nichts passiert sein. Ich brauch ihn doch. Wir brauchen ihn. Er ist doch unser Fels in stürmischer Brandung, wobei es auf dem Wannsee eher selten hohen Wellengang gibt. Wer soll denn Marlene und Marlon beschützen, Jochen in den Hintern treten, damit er endlich sein Studium anpackt, mich trösten, wenn Marc mal wieder gemein gewesen ist, ihn zu Höchstleistungen im OP antreiben und Mamas Elan bremsen und sie im Arm halten, als wären sie noch immer zwanzig? Wer, wenn nicht er? Nein, Gretchen! Denk nicht an so was! Er ist hier. Ich spüre das. Alles wird gut. Es wird alles gut werden. Das ist ein böser Albtraum und wir wachen gleich alle auf.

Gretchen (öffnet ihre Augen wieder u. sieht ihn unvermittelt an): Nein, fang nicht so an, Marc! Du musst mich nicht schonen. Ich... ich kann das aushalten. Ich will nur, dass du ehrlich zu mir bist. Das bist du mir schuldig.
Marc (sieht aufgewühlt in ihren verheulten Augen hin u. her u. seufzt lautstark auf): Und ich will, dass du dich zuerst beruhigst. Damit du mir aufmerksam zuhören kannst und nicht dem Schreckensszenario hinterherrennst, das sich gerade auf der Mattscheibe in deinem süßen Hirn abspielt. Ich kenn dich doch.
Gretchen (fährt unvermittelt aus der Haut, weil sie die Ungewissheit nicht mehr länger aushält): Marc, bitte! Er... er war mit dem Fahrrad unterwegs. Wir haben ihn noch gesehen und... Oh Gott, ich hätte ihn aufhalten können. Mama hat ihn immer gewarnt und ihn angebettelt, endlich damit aufzuhören und mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, wie es sich für eine Person seines Renommees und seiner Position gehört, aber er wollte nie auf uns hören. Er wollte nicht zum alten Eisen gehören. Er wollte nicht verkalken und verfetten, hat er immer gekontert und hat, nur um uns zu ärgern, immer extra die längere Strecke bis zum EKH genommen. Die, die ich nie geschafft habe.
Marc (nickt nachdenklich): Ja, das klingt nach ihm.
Gretchen (sieht ihn inständig an): Ich bin Chirurgin, Marc. Du musst dich meinetwegen nicht zurücknehmen. Ich... ich kann mir vorstellen, wie schlimm...
Marc (fällt ihr unvermittelt ins Wort u. fasst sich aufgewühlt an den Kopf): Kannst du nicht. Nicht einmal annähernd. Gordon hat uns Fotos vom Unfallort gezeigt. Wenn du das Fahrrad siehst, eingeklemmt und auf die Größe einer Büroklammer zusammengefaltet, dann... dann... scheiße ey, dann kann man kaum glauben, wie glimpflich er davongekommen ist. Versprich mir! Du guckst dir die verdammten Bilder auf keinen Fall an! Hast du mich verstanden?
Gretchen (kann ihm kaum zuhören, weil ein ganz eigener Film vor ihrem inneren Auge abläuft): Was bedeutet ‚glimpflich’, Marc? Ich bin nicht dumm. Wir haben in der Vergangenheit genug ähnliche Fälle gehabt, in Berlin passiert so was ständig, die Radwege sind eine Katastrophe, und die sind alles andere als gut ausgegangen.
Marc (spürt, wie ihm tonnenschwere Steine vom Herzen herunterkullern): Glimpflich bedeutet, dass er ne Armee von Schutzengeln auf dem klapprigen Gepäckträger dabeihatte, aber das liegt vermutlich bei euch in der Familie. Die sind immer zur Stelle, egal, was und wie skurril oder bedrohlich es ist. Und man kann von Glück sprechen, dass sie ihn direkt vor dem Campus der Mediziner wieder runtergelassen haben, wenn auch auf sehr schmerzhafte Art und Weise. Dort konnte man ihm sofort Erste Hilfe leisten.

Oh Gott! Ich mag mir das gar nicht vorstellen. Papa! Mein Papa! Wie geht es ihm? Was ist mit ihm? Ich halte das nicht mehr aus. Rede mit mir, Marc! Bitte! Ich muss wissen, was los ist.

Gretchen (ein Funken Hoffnung glimmt auf): Wirklich? Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Marc! Wo ist er? Wie geht’s ihm? Kann ich zu ihm? Ich muss ihn sehen. Bitte!
Marc (hält sie fest, als sie unvermittelt vom Sessel hochspringen u. aus dem Büro stürmen will): Er ist schon in der Vorbereitung. Wir wollten nicht unnötig Zeit verstreichen lassen. Hassmann wartet bereits im OP auf mich. Eigentlich müsste ich schon längst dort sein. Aber ich wollte erst mit dir reden.
Gretchen (schaut ihn mit großen tränenunterlaufenen Augen an, als sie ihm ängstlich ins Wort fällt): Er muss operiert werden?
Marc (nickt ihr mitgenommen zu): Jep! Er hatte mehr Glück als Verstand, wobei Verstand haben in dem Moment durchaus auch andere gezeigt. Oder nenn es Instinkt! Keine Ahnung. Ich glaube ja nicht an diesen ganzen überirdischen Kram. Schicksal und Konsorten. Aber heute könnte der Tag gekommen sein, an dem ich anfangen würde, nicht mehr vehement daran zu zweifeln. Zwei hinter ihm radelnde Radfahrer haben jedenfalls geistesgegenwärtig reagiert, als sie den blinkenden Brummi neben sich gesehen haben, der an dem Fußgängerübergang nicht mal abgebremst hat. Der hat einfach rübergezogen, als wäre er der King of the road. Dabei ist es dort doch offensichtlich, dass es auf dem Campus vor Fahrradjunkies nur so wimmelt. Nachdem wildes Winken und Klingeln nicht funktioniert hat, haben die Zwei Franz intuitiv ins Sandwich genommen und zu Boden gerissen, bevor er überhaupt registriert hat, was da Gewaltiges auf ihn zukommt. Er war bis vorhin nicht ansprechbar. Der Schock, verständlich. Die drei Räder waren platt, aber die Drei sind halbwegs glimpflich davongekommen. Die Jungs liegen bei Dad in der Charité. Ich hab schon mit ihm telefoniert. Der Typ, der unter Franz gelandet ist und übrigens genau zu derselben Veranstaltung wollte wie dein Vater, hat sich das Schlüsselbein, den linken Arm und das rechte Bein gebrochen. Hüftluxation ist auch noch im Angebot sowie ne schwere Gehirnerschütterung hat er ebenfalls davongetragen. Er hat sich erst in den OP schieben lassen wollen, nachdem Dad ihm versichert hat, dass es dem Professor gut geht. Der andere, ein Physikstudent, der wohl in Lichtgeschwindigkeit die Flugkräfte berechnet hat und den Deckel zugemacht hat, ist bis auf drei gebrochene Finger nahezu unverletzt, steht aber unter Schock. Ich glaube, der hat noch nicht wirklich gerafft, was für eine Meisterleistung ihnen da zusammen gelungen ist. Alles im Bruchteil von ein paar Sekunden. Es ist irre, aber ich bin echt froh.
Gretchen (fängt an zu zittern, sodass Marc sie zu sich rüber zieht, um sie zu halten): Und Papa?
Marc (reagiert emotionaler als gewollt, aber fängt sich schnell wieder): Dein Dad ist echt ein zäher Hund, was mir wirklich Hoffnung macht. Für dich und seine Enkelchen. Ein paar Prellungen und Hämatome überall dort, wo Haut auf Berliner Beton und harten Asphalt getroffen ist, aber als vorbildlicher Helmträger, das kann Bärbel ihm also nicht übel nehmen, ist ihm nichts weiter passiert. MRT war o.B. Wir haben ihn von oben bis unten durchgecheckt. Er hat sich nur ziemlich verheddert in dem Knäuel aus Extremitäten und Fahrradspeichen. Durch den Kiez radeln ist also vorerst nicht mehr drin. Der rechte Fuß ist angeknackst, die Sehnen sind überdimensional gedehnt, aber noch im Rahmen, ein Band im Knie könnte in Mitleidenschaft gezogen worden sein, die Achse ist leicht verzogen, äh... die Hüfte, aber darum kümmern wir uns später. Wichtiger ist erst einmal...
Gretchen (hält sich bang die Hand vor den Mund, während sie sich den Fakten u. dem Tränenmeer ergibt): Was?

Oh Gott! Er war nicht ansprechbar, hat er gesagt. Was ist, wenn... Nein, nein, nicht daran denken, Gretchen! Es ist alles gut. Er lebt. Mein Gott, er lebt. Und wir können zu ihm.

Marc (wirkt sehr nachdenklich u. mitgenommen): Sein rechter Arm oder genauer gesagt die rechte Hand. Die war eingeklemmt zwischen Bordstein und Erstretter. Hätte er mal den Lenker losgelassen. Das Gelenk ist ein Puzzlehaufen. Instabile dislozierte distale Radiusfraktur. Die Quetschungen gehen tief, bis in den Nerven- und Sehnenbereich. Sieht ziemlich übel aus. Bandnudelsalat vom Feinsten. Da müssen wir sofort ran, wenn wir ihre Funktionalität gewährleisten wollen.
Gretchen (der Schock lähmt sie regelrecht): Marc, Papa ist Chirurg. Er braucht seine Hände.
Marc (zwinkert ihr zu u. wischt ihr mit beiden Daumen die Tränen aus dem Gesicht): Eben drum. Deshalb steht das ja auch auf Platz eins unsere To-do-Liste. Aber es war mir wichtig, zuerst mit dir zu reden. Damit du verstehst und nicht...
Gretchen (spricht geschafft für ihn weiter): ...ausflippst?
Marc (grient sie mit einem schwachen Lächeln aufmunternd an): Das hast du nie schöner ausgedrückt, mein Schatz.
Gretchen (stupst ihn schniefend an u. lehnt sich noch einmal gegen seine starke Schulter): Ich habe verstanden.
Marc (guckt auf die Uhr, dann zur Tür u. hat es plötzlich sehr eilig): Gut, dann... ich sollte dann mal... Hassmann reißt mich sonst unbetäubt in Stücke, wenn ich nicht bald bei ihr im OP aufkreuze. Die und ihr peinliches Möchtegernchefinnengehabe. Dabei liegt der eigentliche Chef doch direkt vor uns. An seiner Position wird sich nichts ändern. Der würde ihr was husten, wenn er nicht schon im Narkosenirwanaland wäre.

Bitte, bitte, mach, dass alles gut ausgeht! Wir brauchen ihn doch. Leni, Marlon, Mama, Jochen, Marc und ich. Am liebsten würde ich ja selber ran, wenn ich nicht... Menno! Warum musste das auch passieren? Ausgerechnet jetzt. Wieso heute? Warum überhaupt? Es war doch alles gut. Ich will in unsere Blase zurück. Und Papa packen wir auch in Watte dort mit ein und schmeißen den Fahrradschlüssel weg, damit er nie wieder auf dumme Gedanken kommt.

Gretchen (will ihren Freund ziehen lassen, als sie jedoch plötzlich von einer Welle Emotionen erfasst wird, die sie heftig aufrüttelt): Du... du! Jage mir nie wieder so einen Schrecken ein, Marc! Das hättest du auch anders...
Marc (hält die Hände in Unschuldspose hoch, als er den bohrenden Zeigefinger auf seiner Brust bemerkt, u. erhebt sich schwerfällig von seinem Platz): Ich weiß.
Gretchen (springt ihm aufgewühlt hinterher, packt ihn unvermittelt am Kragen seines Kittels u. drängt ihn anklagend gegen die Tür): Du bist schuld!
Marc (weiß im ersten Moment nicht, wie ihm geschieht): Bitte? Ich wüsste nicht, dass ich am Steuer eines Zubringers gesessen hätte. Klar, als Kind ist man kurz versucht, sich das als mögliche Karrierelaufbahn vorzustellen, aber in einer unförmigen ungelenkigen Kiste stundenlang geradeaus zu fahren, ist dann doch gähnend langweilig im Vergleich zu einem spannenden komplizierten Eingriff im OP, wo ich übrigens war, als es ihn umgerissen hat. Ich habe also ein Alibi, Fräulein Kommissar.
Gretchen (drischt immer noch wie eine wild gewordene Furie auf seinen Oberkörper ein): Dreh mir nicht das Wort im Mund um, Marc! Du hast das heraufbeschworen. Du wolltest das.
Marc (sieht ihr verständnislos dabei zu, wie sie ihre Hände nach einem weiteren ungelenken Versuch, ihn zu boxen, kraftlos wieder sinken lässt): Bitte?
Gretchen (fängt wieder an zu schluchzen): Du wolltest um jeden Preis etwas zu tun kriegen. Dir war langweilig. Du warst frustriert, weil heute einer dieser Tage war, bis... Du wolltest eine OP. Und jetzt liegt Papa bei euch auf dem OP-Tisch. Dieser Preis ist eindeutig zu hoch, Marc.

Marc (hält sein Mädchen fest, deren Schläge immer schwächer werden u. nicht mehr treffen): Hey, ssshh! Haasenzahn! Du reagierst vollkommen irrational. Ich hab dich davor gewarnt. Das ist der Schock. Setz dich bitte wieder hin! Ich sage Schwester Sabine, dass sie dir etwas zur Beruhigung bringen soll. Irgendwas Pflanzliches aus Mehdis rosa Giftschrank.
Gretchen (ist schon wieder den Tränen nahe u. lässt sich erschöpft in seine Arme fallen): Das ist nicht der Schock, Marc. Ich... Ich weiß doch auch nicht. Tut mir leid. Das ist mir gerade alles zu viel. Eben waren wir noch im Paradies mit unseren Kleinen und jetzt... Wir hätten unsere Komfortzone nicht verlassen dürfen.
Marc (packt sie an den Schultern, damit sie ihn wieder ansieht): Das hätte den Unfall auch nicht verhindert. Solche Sachen passieren.
Gretchen (weint jetzt ungehemmt): Doch! Ich hätte ihn nicht aufgehalten und er wäre pünktlich losgefahren. Er wäre sicher an der Uni angekommen und nicht in diesen schrecklichen Verkehrsunfall geraten.
Marc (zieht sie in eine tröstende Umarmung u. drückt seine Lippen auf ihre Wange): Schatz, hey! Gib dir jetzt nicht die Schuld! Niemand hat Schuld. Das war ein Unfall. Ein schrecklicher Unfall. Der Fahrer wird zur Verantwortung gezogen werden und wir... Hassi und ich kriegen das hin, okay? Franz hat uns nicht ohne Grund eingestellt. Wir sind die Besten, aber psst! Ihr steckst du das nicht! Die kriegt sonst nen Höhenflug und so wie es gerade ausschaut, sollte sie besser Bodenhaftung bewahren, um nicht den Überblick auf ihrer Station zu verlieren. Gefahr von falschen Schlangen, du verstehst.
Gretchen (schnieft u. wischt sich die Tränen aus ihrem erhitzten Gesicht): Du gibst doch sonst nie Versprechen ab, Marc. Du findest das unprofessionell. Wir sollen Angehörigen nie etwas versprechen.
Marc (lächelt sie an u. lehnt seine Stirn gegen ihre): Lass das mal den Dr. Meier entscheiden! Ausnahmen mache ich nur in Ausnahmesituationen. Der Professor ist so eine. Er... Er würde es nicht anders handhaben.
Gretchen (erwidert schwach sein Lächeln): Das stimmt. Er ist unverbesserlich und stur...
Marc (tippt mit seinem Zeigefinger sanft an ihr Herz, um ihr Mut zu machen): ... und er packt das. Hey! Wer in seinem Alter noch Fahrrad fährt und das in bemerkenswerter Regelmäßigkeit, der...
Gretchen (knufft ihn leicht in den Arm u. lässt ihn schließlich los): Lass ihn das bloß nicht hören, sonst hast du auf ewig Skalpellverbot hier!
Marc (lächelt u. ist erleichtert, dass sie zu ihrer gewohnten Leichtigkeit zurückgefunden hat): Das will ich natürlich nicht riskieren. Ich wollte damit nur sagen, er ist fit. Er verfügt über eine außerordentlich gute Kondition und das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum er einigermaßen heil da wieder rausgekommen ist und das alles den Umständen entsprechend überwiegend zufriedenstellend weggesteckt hat. Naja, bis auf das Handgelenk, aber ich bin gut im Puzzeln. Frag die Nervkröten! Die können dir das bestätigen.
Gretchen (nickt ihm zu u. versinkt langsam wieder in ihren Gedanken): Ja!

Marc (legt seine Hand sanft an ihre tränenfeuchte Wange u. drückt ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen): Du, ich muss jetzt wirklich runter in den OP, aber du... Du bleibst erst mal schön hier in meinem Büro und kommst erst mal runter. Hm?
Gretchen (will ihm widersprechen u. würde ihn am liebsten begleiten): Ich will aber...
Marc (schüttelt entschieden den Kopf u. deutet demonstrativ zur Sitzecke): Keine Widerrede! Du kannst später zu ihm. Du musst deinen Pulslevel runterfahren, bevor du wieder zu den Zwergen gehst. Sie haben deine Sensibilität vererbt bekommen. Die merken sonst gleich, dass was nicht stimmt und dann ist Polen offen. Und du heulst doch sowieso schon für drei.
Gretchen (fasst sich aufgewühlt an den Hals): Oh nein, ich hab die Kinder vergessen. Ich muss Sabine ablösen. Die Oberschwester war schon sauer, weil wir sie so sehr in Beschlag genommen haben.
Marc (hält die Türklinke bereits in der Hand, als er sich noch einmal zu der Schönheit umwendet): Nope! Meine Mutter ist da. Sie ist gerade angekommen. Soll sie doch erst mal ihren Omafaktor ausspielen, solange wir nicht wissen, was Sache ist. Vielleicht fährt sie euch auch besser gleich nach Hause. Hm? Das kann nämlich eine Weile dauern.
Gretchen (fasst sich erleichtert an ihr Herz u. begleitet ihn zur Tür, die er bereits geöffnet hat): Danke, Marc!
Marc (schüttelt den Kopf u. tritt aus dem Zimmer auf den Flur, wo ihm plötzlich ein kleiner Tumult zu Ohren kommt): Dank mir nicht jetzt! Dank mir lieber, wenn wir... Was zum...? Oh fuck! Butterböhnchen im Anmarsch. Die hatte ich ja gar nicht mehr auf dem Schirm. Ich hab sie angerufen und... Scheiße! Wenn die weiter so herumzetert, weiß bald ganz Berlin Bescheid, dass der Professor für unbestimmte Zeit unpässlich sein wird.

„Wo ist er? Wo ist mein Mann? ... Kommen Sie mir nicht so, Oberschwester! Ich habe allen Grund der Welt, mich hier aufzuspielen. Mein Mann zahlt Ihren Gehaltsscheck, falls Sie es vergessen haben, meine Liebe. Ich will jetzt SOFORT wissen, was mit ihm los ist! Was ist mit meinem Mann? Mein Schwiegersohn wollte am Telefon nichts Näheres sagen, aber es klang alarmierend genug, um... Ah! Da ist er ja! Dr. Meier? Margarethe? Kinder, da seid ihr ja endlich! Offenbar scheint hier niemand zu wissen, was mit deinem Vater ist“, tönte das unheilvolle Echo der krächzenden Frauenstimme immer lauter vom Stationszimmer über den gesamten Flur der chirurgischen Station. Marc verdrehte die Augen, als er Bärbel Haase mit einem verschnupften Jochen, dessen ebenso kränklich wirkenden Freundin und Klein-Celinchen im Schlepptau plötzlich auf sich zukommen sah, was von Gretchen nicht unbeobachtet blieb, die den irritierten Oberarzt anstupste und vorausschauend in die andere Richtung lenkte, von wo aus man auch schnell in den OP-Bereich finden konnte. Marc nickte ihr erleichtert zu, drehte sich um und flitzte in Windeseile über den Flur der Gynäkologie zum nächsten Treppenhaus davon.

Gretchen: Geh nur! Ich kümmere mich sie und erkläre ihnen alles. Toi, toi, toi, Marc! Ich weiß, ihr kriegt das hin.

Lorelei Offline

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06.10.2019 12:55
#1655 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Ich habe es immer gesagt. Hab ich es nicht gesagt, Margarethe? Aber er wollte ja nicht auf mich hören, dieser Kindskopf. Irgendwann musste so etwas ja mal passieren. Mein armer, armer Brummbär!“ Die sorgenschwangere Stimme von Bärbel Haase schwang unheilvoll von der kleinen Sitzecke, wo Jochen, Chantal und Celine mittlerweile Platz genommen hatten, zu Gretchen herüber, die gerade einen Anruf entgegengenommen hatte und sich deshalb ein paar Meter von ihrer Familie entfernt hatte, die bis eben wild durcheinander auf sie eingeredet hatte, bis sie sie halbwegs hatte beruhigen können. Von ihrem Fensterplatz hinter Marcs Schreibtisch aus schaute sie mit dem Handy am Ohr auf die angrenzende Klinikbaustelle herab, den neuen Anbau am Ostflügel, der mit seiner Backstein anmutenden Fassade und dem vielen Glas immer konkretere Formen annahm und vom gerade einsetzenden Sonnenuntergang eindrucksvoll zur Geltung gebracht wurde. Die hochmoderne chirurgische Abteilung, die seit einigen Monaten über mehrere Etagen entstand, war einer der großen Träume, den ihr Vater als Höhepunkt seiner bemerkenswerten Karrierelaufbahn hier am Klinikum noch hatte verwirklichen wollen. Die junge Professorentochter schüttelte aufgewühlt den Kopf, als sie daran dachte, mit wie viel Freude und Begeisterung er ihr immer davon berichtet hatte, vor allem als die Planung nach so vielen Jahren nervenaufreibendem Hin und Her mit dem Berliner Senat endlich konkret geworden war.

Nein, damit fängst du gar nicht erst an, Gretchen! Sprich nicht in der Vergangenheit! Er ist immer noch hier. Die Säule, das Fundament, das Dach, nein, das Herz dieser Klinik. Das wird er immer bleiben. Egal, wie das alles hier ausgehen wird. Immer positiv bleiben! Marc und Maria kriegen das hin. Ganz bestimmt!

In den Vergangenheitsmodus zu verfallen, war genauso unangebracht wie die anhaltende Vorwurfschleife ihrer Mutter, die gerade wie ein aufgescheuchtes Huhn Spurrillen in das Laminat von Marcs Büro trampelte, was zwar angesichts der aktuellen Situation durchaus nachvollziehbar war, aber nicht nur ihr ziemlich auf den Keks ging. Denn sie versuchte gerade, der vertrauten Stimme am anderen Ende der Mobilfunkleitung zu folgen, die freundlich auf sie einredete und sie schließlich erfolgreich auf andere Gedanken brachte. Wie machte er das bloß? Er schaffte es immer wieder. Das war seine Superkraft. Selbst wenn sie gerade Hunderte Kilometer voneinander trennten. Die Stimmen im Hintergrund nahm Gretchen daher nur noch halbherzig wahr.

Jochen (merklich genervt): Mama, jetzt setze dich doch endlich hin! Mir ist schon ganz schwindelig von deinem Herumgerenne.
Bärbel (läuft weiter aufgewühlt von einer Ecke zur anderen): Ach, Junge, ich mach mir doch nur Sorgen um deinen Vater.
Chantal (fängt Bärbel ab, als sie gerade die nächste Runde starten will): Das wissen wir doch, Bärbel. Uns geht es doch genauso. Aber Schuldzuweisungen bringen uns jetzt auch nicht weiter. Die bringen niemandem etwas. Doktor M kriegt das schon wieder gerade gebogen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der ist doch eine echt coole Socke und die Hassmann hat es auch verdammt drauf. Darauf sollten wir vertrauen. Ha...aaatschiii! Darauf geniest und besiegelt.
Bärbel (quetscht sich seufzend zwischen das junge Paar auf das schmale Designersofa u. reicht Jochens Freundin, die ihre kleine Tochter gerade liebevoll in den Schlaf wiegt, ein Taschentuch, bevor sie ihr u. anschließend auch Jochen u. Celine mütterlich besorgt an die Stirn fasst): Ja, das sollten wir. Gesundheit, mein Kind! Ihr wisst, dass ihr eigentlich ins Bett gehört, oder?
Jochen (rollt genervt mit den Augen, während er müde seinen dröhnenden Schädel an die unbequeme Sofalehne schmiegt, weil er seine überfürsorgliche Mutter schon den ganzen Tag an der Backe hat, worum er sie nicht gebeten hat u. woran sich vermutlich auch in näherer Zukunft nichts ändern wird): Ja, Mama, aber zuhause würde uns nur die Decke auf den Kopf fallen.
Bärbel (springt wie aufs Stichwort wieder hektisch auf u. schüttelt eine Sofadecke auf, die sie anschließend über ihre drei Schützlinge legt, damit sie nicht frieren): Wohl wahr. Wenn uns doch nur endlich jemand Bescheid geben könnte, wie die Operation denn so läuft. Das Warten macht mich noch wahnsinnig.
Jochen (obwohl er merklich erschöpft ist, kann er seine freche Klappe nicht halten): Auch nicht mehr als sonst.
Chantal (knufft ihn empört in die Seite, schmunzelt aber ebenso wie er): Jojo, echt, ey! Musste das jetzt wirklich sein?
Jochen (grient seine Freundin aus glasigen Augen an, bis er hinter sich bemerkt, was seine Mutter jetzt schon wieder vorhat): Ja, schon, irgendwie fühle ich mich jetzt schon wesentlich besser. Zum Bäume ausreißen reicht’s noch nicht, aber... Äh... Mama, was machst du da?

Gretchen (senkt für einen kurzen Moment ihr Telefon u. schaut ebenso irritiert wie ihr kleiner Bruder zu ihrer Mutter rüber, die doch gerade tatsächlich damit beginnt, unkoordiniert Marcs Büro aufzuräumen): Die OP hat doch gerade erst angefangen, Mama. Sie ist kompliziert, ja, aber machbar. Vertraue den Ärzten und setz dich bitte wieder hin! Du musst das nicht tun. Marc mag es nämlich gar nicht, wenn man ungefragt seine Sachen umräumt. Er ist da sehr eigen. ... (schüttelt den Kopf u. konzentriert sich wieder auf ihr Telefonat) ... Tut mir leid, Mehdi. Ich war kurz abgelenkt. Mama dreht gerade durch und ich... ich weiß auch nicht, wo mir der Kopf steht. Das ist gerade alles zu viel. ... Danke! Das ist echt lieb von dir. Dass das so schnell die Runde macht, ist sicherlich auch nicht gerade in Papas Sinne. Aber die Kollegen sind alle ziemlich durch den Wind deswegen. ... Was sagst du? ... Nein, das ist doch Quatsch. Macht euch keine Sorgen! Das wäre irrsinnig, wenn ihr deswegen jetzt euren verdienten Urlaub abbrecht. Ihr braucht die Zeit für euch. ... Das ist lieb gemeint, aber... Wir wissen doch noch gar nichts Genaues, Mehdi. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm und er waltet morgen schon wieder seines Amtes. Du kennst ihn doch. Wenn er gezwungen ist, stillzusitzen und nichts zu tun hat, dann wird er schnell grantig und poltert die Station zusammen. Die Schwestern werden sich freuen. Gestandene Chirurgen als Patienten sind per se eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Und wie es mit der Klinik weitergeht, das ist doch unwichtig im Moment. Darum kümmern wir uns später, wenn Papa wieder okay ist. Du kannst das doch aus der Ferne auch nicht überblicken. Außerdem sind Marc, Maria und Dr. Rössel doch auch noch da und Marcs Vater hat uns auch jede Hilfe zugesichert. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass wir improvisieren müssen. Wir kommen zurecht. ... Es muss. Aber lieb, dass du dich gemeldet hast. Es ist echt schön, deine Stimme zu hören. Das beruhigt ungemein. ... Das mit der Schlaftablette, das hast du jetzt aber gesagt. ... (kann nicht anders, als zu lächeln) ... Ja, ich hab sie gehört. Danke! Ist angekommen. Gib Lilly und Lenny einen Kuss von mir und genießt die Zeit! Wir tauschen dann, wenn wir das durchgestanden haben. ... Ja, genau. Weil er im Grunde seines Herzens auch lieber mit eurem Hippi-Bulli durch die Pampa fahren würde, als mit seinem neusten Technikschätzchen stundenlang sinnlos in Berlin im Stau zu stehen. Wir melden uns, sobald die OP vorbei ist. ... Ja, mach ich. Momentan schlafen sie und ich bin echt froh, dass sie das alles noch nicht mitbekommen. ... Hm! Grüße auch an Gabi! Tschüß, Mehdi!

Nachdem sie wiederaufgelegt hatte, wanderte Gretchen noch mit ihrem Handy in der Hand, das sie gedankenverloren gegen ihre Lippen tippte, vor dem Fenster auf und ab, wo ihr gerade ein spektakulärer Ausblick geboten wurde, der den goldenen Oktober nicht malerischer hätte zeichnen können. Aber von dem dramatischen Abendrot am Himmel über Berlin bekam die aufgewühlte Chirurgentochter kaum etwas mit und auch nicht, dass sie beobachtet wurde. Nicht nur von ihrer eigenen Mutter, die ihre nervösen Fingerchen trotz der mehr als deutlichen Ansagen ihrer Kinder kaum bei sich behalten konnte und von ihrem Sesselplatz aus unbemerkt von den anderen am Wandregal entlang tastete, welches erkennbar eine zarte Staubschicht aufwies, was die passionierte Hausfrau und Mutter nicht auf sich sitzen lassen konnte und mit einem missbilligenden Kopfschütteln kommentierte, bevor sie, wie immer auf alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet, ein unbenutztes Putztuch aus ihrer altmodischen beigen Handtasche zauberte und direkt loslegte. Sondern auch von Marcs Mutter, die standesgemäß auf dem bequemen Chefsessel ihres erfolgreichen Sohnes Platz genommen hatte und eines seiner Zwillingsbabys sanft im Arm hin und her wiegte, während das andere Kind an der Brust seines Opas eingeschlafen war, der mit der ureigenen Meierschen Gelassenheit auf der anderen Seite des Schreibtisches in einem der Patientensessel lümmelte und aus jeder Pore Zuversicht ausstrahlte.

Prof. Dr. Dr. Olivier Meier war kurz nach seiner Ehefrau im Elisabethkrankenhaus eingetroffen und hatte sich zusammen mit ihr ihrer Enkelkinder angenommen, solange sich Marcs Freundin um ihre völlig aufgelöste Mutter gekümmert hatte. Auch wenn es nicht nötig gewesen war, waren sie alle geblieben. Sie hatten nicht mit den Zwillingen nach Hause fahren wollen, solange nicht sicher war, was denn nun wirklich Stand der Dinge war. Keiner der Anwesenden versuchte sich anmerken zu lassen, wie schwer ihm das Warten dennoch fiel. Es war eben doch eine andere Geschichte, wenn man selber direkt oder indirekt betroffen war. Und so machte eben jeder das Beste aus der angespannten Situation und Prof. Meier war wie immer die Ruhe in Person, was ansteckend wirkte. Zumindest auf Elke und ihre beiden Enkelchen, die von der allgemeinen Unruhe, die um sie herum herrschte, zum Glück nichts mitbekommen hatten. Dazu waren sie noch viel zu klein und zogen es lieber vor, dem Lummerland einen weiteren Abstecher abzustatten.

Olivier, der eine Weile nur still beobachtet hatte, konnte sich die allgemeine Anspannung schließlich nicht mehr länger mitansehen, welche sich in einem beharrlichen Schweigen äußerte, das sich wie eine tonnenschwere Last auf sämtliche Gemüter gelegt hatte. Es war furchtbar, wie jeder Einzelne auf seine Weise litt. Dem musste er ein Ende setzen. Das war quasi Teil seines hippokratischen Eides, den er vor über fünfunddreißig Jahren guten Gewissens abgelegt und ohne Ausnahme stets pflichtbewusst befolgt hatte. Also nickte er der sehr geschäftigen Frau seines besten Freundes augenzwinkernd zu, die daraufhin peinlich berührt ihr Putztuch wieder einsteckte, als hätte sie überhaupt nichts gemacht, sich verlegen lächelnd ihr blondes Haar hinter ihr Ohr klemmte und sich dann mit Hingabe wieder ihren Grippalinfekt geschwächten Schützlingen auf dem Sofa widmete, denen das nicht ganz so recht war wie der überfürsorglichen Übermutter der Nation, die sie in einer Tour betüddelte, als wären sie genauso alt wie Klein-Celinchen, die es als einzige überhaupt nicht störte, von ihr umsorgt zu werden, und tippte dann frech grinsend auf den freien Platz neben sich.

Gretchen guckte Marcs Vater daraufhin unwirsch von der Seite an, erwiderte aber schließlich sein aufmunterndes Lächeln und setzte sich zu ihm und Marlene in den freien Sessel vor dem Büroschreibtisch. Er reichte ihr die süße Maus in die Arme, weil er spürte, dass seine Schwiegertochter in spe schon wieder den Tränen sehr nahe war. Und die Kleine zu halten, beruhigte die junge Mutter tatsächlich für den Moment. Sie schmiegte Leni an ihre Wange, drückte und busselte den kleinen Engel und ließ sich von Olivier anschließend in den Arm nehmen, dem sie unendlich dankbar für seine Anteilnahme war. Sie war froh, das alles nicht alleine durchstehen zu müssen. Keiner im Raum sagte ein Wort und doch spürte man durch die Blicke und Gesten den Zusammenhalt. Nur gemeinsam war man stark und man wünschte Franz natürlich nur das Beste, dessen chirurgischer Eingriff jetzt bereits über eine Stunde andauerte.

Nur dessen Frau konnte immer noch nicht stillsitzen. Während sich Jochen und Chantal, die ihre von der Erkältung geschaffte Prinzessin im Arm hielt, der Länge nach unter die kuschelige Decke auf das schmale Designersofa lümmelten, war sie unvermittelt wieder aufgesprungen und drehte ihre gefühlt einhundertste Runde durch das Büro ihres hoffentlich zukünftigen Schwiegersohns. Begleitet von einem missbilligenden Seufzen von Frau Fisher, die sich das Elend in ockerfarbenem Leinen schließlich auch nicht mehr länger mitansehen konnte. Sie konnte diese schreckliche Person partout nicht ausstehen, nicht zuletzt weil die einstige Affäre mit dem Professor immer noch in fernen Weiten über der Beziehung aller zueinander schwebte, worüber man selbstverständlich nie wieder auch nur ein Wort verlieren würde, und weil sie sich seit Wochen in einer albernen Konkurrenzsituation um die Gunst ihrer süßen kleinen Enkelchen gegenüberstanden. Bärbel Haase war altbacken, spießig hoch zehn, alles andere als sexy und weltgewandt, also das komplette Gegenteil einer Frau mit Format so wie sie. Sie konnte sich bis heute nicht erklären, was ein Mann wie Franz an so einer verhuschten Person überhaupt gefunden hatte, dass er letztendlich sogar aus freien Stücken zu ihr zurückgekehrt war. Und dann ihre nervige Stimme und ihre ganze fahrige und einfältige Art, die kaum auszuhalten war, wenn man länger als nötig gezwungen war, mit ihr zusammen zu sein. Aber irgendwann musste auch mal Schluss sein mit dem ewigen Theater, das doch nun wirklich niemandem etwas brachte. Am allerwenigsten Prof. Dr. Franz Haase, der durch die Verbindung ihrer Kinder nun mal auch Teil ihres Lebens war, ob Elke es wollte oder nicht.

Deshalb sprang die selbsternannte Erfolgsautorin schließlich auch über ihren Schatten und stellte sich mit ihrem Enkelkind im Arm zu Franz’ Frau ans Fenster, die gerade abwesend auf die hereinbrechende Dunkelheit schaute, welche sich wie eine finstere Wand über die gold schimmernden Birkenwipfel zog und ihre leuchtend bunten Farben schließlich verschluckte. Der Herbst wurde immer spürbarer. Nicht nur weil Bärbels Schwiegertochter in spe gerade beherzt in ihr Taschentuch geschnieft hatte und sich nun mit sanfter Singstimme bei ihrem Kind dafür entschuldigte, weil es dadurch wieder wach geworden war und leise zu wimmern begonnen hatte. Sondern auch weil es immer zeitiger finster wurde. Ein unheilvolles Omen, das die Dunkelheit in ihrem Herzen nur noch mehr verschlimmerte. Sie fröstelte leicht und hielt die Arme um ihren zitternden Körper geschlungen. Damit es sich zumindest so anfühlte, als würde sie jemand halten. Aber niemand konnte ihr Halt geben. Denn die Person, die schon fast ihr ganzes Leben dafür zuständig war, lag gerade betäubt und schutzlos auf dem OP-Tisch und niemand konnte ihr sagen, wie das alles am Ende ausgehen würde. Sie fühlte sich hilflos und allein, obwohl sie das augenscheinlich gar nicht war. Denn sie hatte schließlich all ihre Lieben um sich und diese unmögliche Person, die sie nicht ausstehen konnte, deren allumfassende Anwesenheit sie aber wegen dem Glück ihrer Kinder duldete. Ja, sie war mutterseelenallein. Es fühlte sich zumindest so an. Denn ein Teil von ihr fehlte. Der wichtigste Teil, ohne den sie nicht leben konnte. Das wurde Bärbel Haase gerade zum wiederholten Male schmerzlich bewusst.

Aber da gab es dieses besondere Licht, das plötzlich direkt vor ihr auftauchte. Marcs Mutter hielt der verdutzten Bärbel nämlich ihren gemeinsamen Enkel vor die Nase, der sie mit so einem Leuchten in seinen hellwachen blauen Augen anschaute, die denen von Franz so unheimlich ähnlich waren, dass es ihr sofort wieder warm ums Herz wurde und die Sorgen nicht mehr ganz so schwer erschienen. Mit einem dankbaren Lächeln auf ihren schmalen Lippen nahm sie den Jungen von Elke entgegen, die ihr nur stumm zunickte und ihren unbemerkt wohlwollenden Blick schnell wieder senkte, und drückte das glucksende Wesen glücklich gegen ihre Brust, bevor sie mit ihm im Arm im Zimmer auf und ab wanderte und Marlon eine kleine Anekdote aus der Kindheit seiner Mutter und seines Onkels zu erzählen begann. Die Starautorin schien jedoch keine große Sache daraus machen zu wollen und wandte sich von den beiden schnell wieder ab, aber sie spürte die wohlmeinenden Blicke von Olivier und Gretchen, die sich in ihre Haut bohrten wie kleine erfrischende Hyaluronspritzen. Sie zuckte nur unmerklich mit den Schultern und setzte sich schnell wieder in ihren Sessel.

Um sich abzulenken, zog Elke das fünfhundert Seiten starke Manuskript aus ihrer italienischen Luxushandtasche, das sie vor wenigen Stunden zur Zwischenansicht in ihrem Verlag vorgestellt hatte. Mit eher mäßigem Erfolg wohlgemerkt, was sie sich auch im Nachhinein nicht wirklich erklären konnte und was noch immer mächtig an ihrem überdimensional gesteigerten Ego kratzte. Als ob ein fiktiver Roman im Tagebuchstil mit jeder Menge Flashbacks, Traumsequenzen und Zukunftsvisionen völlig aus der Zeit gefallen wäre? Pff, von wegen! Sie spürte sein Potential. Es war ihre Inspiration. Ihr Antrieb. Die ersten vierhundertdreiundneunzig Seiten hatten sich fast schon von ganz alleine geschrieben und sie hatte noch viel mehr Ideen im Kopf, die gleich für mehrere Bände reichen würden. Ob es daran gelegen hatte, dass sie unverhofft von der Muse geküsst worden war oder ob es die überwältigenden Glücksgefühle nach der Geburt ihrer ersten Enkelchen gewesen waren, die ihre Finger förmlich über die Tastatur hatten schweben lassen, sie spürte jedenfalls diese ganz besondere Leichtigkeit wieder, die sie schon während ihres Studiums angetrieben hatte, als sie sich allen Zweiflern zum Trotz aus vollster Überzeugung darauf eingelassen hatte, ihren Lebensunterhalt zukünftig mit dem Schreiben verdienen zu wollen. Zu einer Zeit, als die meisten, die sich dieser brotlosen Kunst hingegeben hatten, schon längst wieder aufgegeben hatten. Doch sie hatte es nie bereut. Ja, gut, in einer kurzen, sehr entscheidenden Phase ihres Lebens vielleicht schon, die Marc Olivier und sie geprägt hatte, aber diese dunkle Zeit der Verbitterung war längst passé. Seitdem ihr geliebter Mann, ihr corazón, wieder an ihrer Seite weilte und sie die allumfassende Kraft der Liebe wieder als solche spürte.

Und der Zuspruch ihrer Fanbase, die Elke mit wenigen vielversprechenden Zeilen auf ihren neu gegründeten Social-Media-Kanälen gefüttert hatte, gab ihr Recht. Diese kleine verrückte Krankenschwester zum Beispiel, die ihr seit Jahren treuherzig hinterherdackelte und den Vorsitz ihres Berliner Fanklubs sowie komischerweise auch die Patenschaft ihrer Enkelchen innehielt, wie sie vorhin zufällig von der hibbeligen Person erfahren hatte, als sie im Park den Kinderwagen mit den Zwillingen von ihr übernommen hatte, hatte sich vorhin gar nicht mehr eingekriegt vor Lobeshymnen. Sie war auf dem richtigen Weg. Sie war überzeugt. Allen Unkenrufen zum Trotz. Durch sie fühlte sie sich erst recht motiviert und herausgefordert, ihren nächsten großen Serienromanerfolg auf den Weg zu bringen. Und so begann die hochmotivierte Schriftstellerin auch ohne Umschweife, die Anmerkungen durchzugehen, die sie sich vorhin beiläufig im Büro ihrer Verlegerin notiert hatte, die nach dem Erfolg der hochemotionalen Krebsbiographie ihrer Topautorin und der ausverkauften Lesetour durch Norddeutschland gerne mit der ernsteren Schiene, die sie damit eingeschlagen hatte, weitermachen wollte, vielleicht auch im Zusammenspiel mit dem Wiederaufleben der eigentlich abgeschlossenen Dr.-Rogelt-Reihe, nur weniger trivial. Diese Ankündigung würde auf der bald beginnenden Leipziger Buchmesse einschlagen wie eine Bombe, hatte Renate theatralisch wie immer heraufbeschworen, Elke damit jedoch nicht überzeugt. Denn war eine chaotische junge Medizinstudentin, die ihren Platz in der Welt noch suchte, etwa trivial oder weniger ernsthaft? Nein, im Gegenteil. Sie war ihr jüngeres Ich, mit dem sie sich wieder jung und ernst genommen fühlte. Sie war jemand, mit dem sich ihre Leserinnen identifizieren konnten. Nicht so wie bei dem alternden Schürzenjäger Rogelt, der in der schnelllebigen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts völlig aus der Zeit gefallen wirkte und kaum noch anbetungswürdig war. Für sie gab es daher keinen Weg zurück und wenn sie dafür sogar ihren Verlag wechseln müsste. Diese Ankündigung hatte dann gewirkt.

Elke Fisher kam aber nicht weit mit ihrer Überarbeitung, denn kaum hatte sie ihren Montblanc-Füllfederhalter gezückt und die erste Seite ihres neuen Buchpreis verdächtigen Werkes umgedreht, da wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Alle Köpfe drehten sich herum und jeder Einzelne im Raum war mindestens ebenso erstaunt, ihn jetzt schon wiederzusehen, wie Dr. Meier, die vielen fragenden Gesichter in seinem Sprechzimmer vorzufinden. Das Unbehagen über die Invasion in seine kleine bescheidene Oase der Ruhe und Konspiration stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber wozu hatte man denn lästige Kolleginnen, die sich gerne mit ihren breiten Hüften in den Vordergrund drängelten und den liebenlangen Tag nichts anderes taten, als sich reden zu hören? So blieb ihm noch ein kleiner Moment, um sich zu sammeln und den brauchte er wirklich, so geschafft und müde wie er in dem blauen OP-Kasack wirkte, den er noch immer anhatte. Ebenso wie seine „sehr“ geschätzte Fachkollegin aus der Neurologie, die spontan das Wort ergriff, nachdem sie sich aufmerksamkeitswirksam zwischen den Angehörigen ihres gemeinsamen Patienten positioniert hatte.

Maria: Okay, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Dabei dachte ich immer, du wärst eher der Einzelgängertyp. Typ lonely cowboy und so. Aber gut, dass du an deiner sozialen Kompetenz arbeitest, Meier. Das bringt dich bestimmt weiter.
Marc (grummelt in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart u. würdigt die lästernde Kollegin, die sich pappfrech an ihm vorbei geschoben hat, keines Blickes mehr): Witzig!
Maria (zwinkert ihm vielsagend zu u. konzentriert sich dann auf die Gesichter, die sie fragend anstarren): Frau tut, was sie kann.
Gretchen (schaut die beiden Chirurgen mit offenem Mund an, während sie ihr Kind an sich gedrückt hält): Marc? Maria? Was... was macht ihr denn hier? Wieso seid ihr schon hier? Ist etwas passiert? Warum macht ihr Pause?
Marc (fährt sich mit einer Hand über sein Kinn u. guckt unbehaglich von einer Person zur nächsten, dann geht er schließlich auf Gretchen u. Marlene zu): Wenn’s nur ne Pause wäre.
Gretchen (Unruhe kommt plötzlich in ihr auf u. sie erhebt sich langsam mit ihrem schlafenden Baby aus dem Sessel): Wie... wie meinst du das?
Bärbel (kommt aus der Sofaecke ebenfalls hinzugeeilt): Was hat das zu bedeuten?
Jochen (erhebt sich schwerfällig vom Sofa, obwohl ihm alles wehtut u. ihm durch das Fieber schwindelig ist): Ja, Marc, was ist mit Papa?

Aber der von allen Seiten Angesprochene rührte sich nicht und blickte lieber gebannt auf seine kleine Tochter, die schlafend in Gretchens Armen lag. Er hatte nie etwas Unschuldigeres gesehen als diesen zauberhaften Engel, den nichts auf der Welt erschüttern konnte. Lenis Großmutter hatte schließlich das penetrante Schweigen satt, das plötzlich unheilvoll über den Köpfen aller schwebte, und stemmte sich am Schreibtisch hoch, um als nächstes ihrem Jungen die Leviten zu lesen, der daraufhin zusammenzuckte und endlich reagierte. Marc hatte gar nicht gemerkt, dass er kurz mit den Gedanken ganz woanders gewesen war.

Elke: Marc Olivier, jetzt steh da doch nicht herum, wie bestellt und nicht abgeholt! Das ist ja nicht auszuhalten. So habe ich dich nicht erzogen. Klare Worte, anstatt wie eine Statue in der Weltgeschichte herumzustehen! Lernt ihr so was denn nicht auch im Studium?
Olivier (versucht es im Gegensatz zu seiner Frau auf die ruhige, diplomatische Art): Marc?
Marc (konzentriert sich mit seinen Augen erst auf seinen Vater, dann auf Gretchen u. Bärbel u. die Zwillinge in ihren Armen): Ähm... Vielleicht sollte erst mal jemand die Kinder übernehmen? Was macht ihr eigentlich noch hier? Wolltet ihr nicht...?
Gretchen (wird immer ungeduldiger, weil er schon wieder nur herumdruckst): Das ist doch wohl offensichtlich. Marc, jetzt sag schon! Was ist passiert?
Marc (guckt vergewissernd zu seiner Kollegin, die ihm verständnisvoll u. überhaupt nicht mehr zynisch zunickt, aber als sie für ihn übernehmen will, kommt er Dr. Hassmann zuvor): Okay? Ähm... Ich war kurz abgelenkt. Ich will euch nicht beunruhigen,...
Jochen (quatscht kleinlaut dazwischen): Das tust du aber.
Gretchen (legt ihre Hand an Marcs Arm, um ihn zu animieren, weiterzusprechen): Aber?
Marc (bleibt an ihren himmelblauen Augen hängen, die ihm gut zureden, u. holt tief Luft, bevor er das ausspricht, was doch jeder schon insgeheim ahnt): Es hat Komplikationen gegeben.

Nein, nein, bitte nicht! Papa!

Bärbel (fasst sich bestürzt an ihr Herz u. Olivier kann die Frau seines Freundes gerade noch so von hinten abstützen, als sie schwankt): Oh Gott! Margarethe?
Gretchen (schaut besorgt zwischen ihrer Mutter, Marc u. Maria hin u. her): Was für Komplikationen? Du hast doch gemeint, ihm ginge es den Umständen entsprechend gut und er hätte keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen?
Maria (nimmt sich ihrer an, um sie nicht noch weiter zu beunruhigen): Nichts, was wir nicht wieder unter Kontrolle bekommen würden. Oder, Meier?
Marc (zeigt einen eher gequälten Gesichtsausdruck, während er Gretchens Hand drückt u. seine Freundin nicht eine Sekunde aus den Augen lässt): Wie man’s nimmt. Das war ja auch am Anfang so. Wir sind gut reingekommen in die OP. Die Splitter ließen sich gut sortieren und mit ner Platte zusammenbasteln. Wir wollten gerade den Nervenbereich angehen und die ersten Tests verliefen überraschend positiv, als...
Jochen (hat sich zu den Ärzten geschleppt u. lehnt mit dem Rücken an der Wand): Als was?
Marc (guckt den leichenblassen jungen Mann misstrauisch an u. weicht mit Gretchen ein paar Zentimeter von ihm zurück): Als plötzlich die Apparate verrückt gespielt haben.
Bärbel (hat sich wieder etwas gefangen u. klammert sich an das zappelnde Baby in ihren Armen): Und das heißt?
Marc (blickt sie mitgenommen an u. versucht sich darauf zu besinnen, professionell zu agieren): Es... es ist sein Herz. Es sind plötzlich Rhythmusstörungen aufgetreten, deren Ursache wir erst klären müssen, bevor wir weitermachen können.
Gretchen (versucht, angestrengt zu verstehen, was er da gerade gesagt hat, u. die Konsequenzen zu überblicken): Das heißt, ihr konntet nicht...?

Sie konnten ihn nicht fertig operieren. Das heißt... Oh nein! Uns läuft die Zeit davon. Papa!

Maria (schüttelt frustriert mit dem Kopf): Das Handgelenk ist erst mal nur provisorisch geschient. Wir konnten noch nicht ins Detail gehen, eben weil die Herzprobleme uns ein Rätsel sind. Es hat nichts darauf hingedeutet, als wir vorhin losgelegt haben. Wir hatten ihn einmal komplett durchgecheckt. Es gab keine Auffälligkeiten.
Gretchen (tritt aufgeregt an ihre Seite): Er hatte schon einmal Herzprobleme. Eine Angina Pectoris. Vor gut anderthalb Jahren, glaub ich.
Maria (steht ihrer befreundeten Kollegin mitfühlend bei): Das wissen wir, Gretchen. Es muss auch nichts heißen. Vielleicht liegt es am Adrenalinabfall oder einer verstopften Arterie, die wir auf den Bildern nicht sehen konnten, aber wir müssen das erst abklären, bevor die Sisyphusarbeit beginnt.
Marc (ist eher selten einer Meinung mit seiner zickigen Kollegin): Vielleicht reagiert er auch auf die Narkose. Wir haben damals während der Ebola-Pandemie alles in ihn reingepumpt, was geht. Vielleicht zeigen sich jetzt erst die Langzeitfolgen und er ist gegen jedes gängige Mittel immun geworden. Das eine hebt das andere auf. Das kann auch aufs Herz gehen. Das müssen wir erst testen. Er war bis dato ja nie krank. Die Check-ups während der Nachsorge waren alle o. B. Gut, die letzten hat er geschwänzt. Deshalb ist uns das auch nicht aufgefallen. Jedenfalls können wir heute nicht mehr weitermachen. So viel ist zumindest klar.
Gretchen (nickt nachdenklich, während sie ihre Tochter an sich drückt u. sich an die Seite von Marc schmiegt, der zärtlich über Marlenes Wange streichelt u. immer noch Gretchens Hand hält): Verstehe!
Maria (sieht ihre jüngere Kollegin eindringlich an, damit sie versteht): Aber lange können wir die OP nicht hinauszögern. Die Hand muss dringend operiert werden. Die motorischen Ausfallerscheinungen, über die er geklagt hat, waren massiv und wären unumkehrbar, wenn wir nicht...
Marc (ärgert sich, weil Maria es dramatischer darstellt, als es vielleicht ist): Das ist uns bewusst. Schön die Hufe flach halten, Hassi! Wenn wir jetzt in Hektik verfallen, ist das auch kontraproduktiv. Erst mal schauen wir, was die Kardiologen sagen.

Wir können nur hoffen, dass die nichts finden und es lediglich eine einmalige Geschichte war. Wir müssen so schnell wie möglich da wieder ran, verdammt.

Bärbel (hat noch nicht wirklich verstanden, was man ihr gerade eben gesagt hat, u. reicht Marc hibbelig ihren Enkel): Wo ist er? Können wir zu ihm?
Marc (schmiegt den Jungen überrascht an sich u. wirkt leicht überfordert von Bärbels Anliegen u. ihren bittenden Kulleraugen): Wir haben ihn auf die Intensiv überwiesen. Sobald die ersten Ergebnisse da sind, könnt ihr...
Gretchen (legt ihre Hand an seinen Arm u. sieht ihn mit demselben Blick wie ihre Mutter an, nur im Gegensatz zu Bärbel kann er Haasenzahn nichts abschlagen): Bitte, Marc! Wir... wir wollen ihn sehen. Jetzt! Bitte! Bitte, bitte, bitte!
Maria (kommuniziert mittels vielsagenden Blicken mit Dr. Meier, der gerade von seinem Sohn abgelenkt wird, der mit seinen kleinen Händchen hellwach an ihm herumtastet): Okay, ich übernehme das. Kommt mit! Aber höchstens fünf Minuten und erst mal nur die Tochter und seine Frau. Der Unfall hat den Professor ganz schön geschafft.
Jochen (will dem widersprechen, aber wird erst gar nicht beachtet): Aber ich will auch wissen, wie’s ihm geht. Ich komm mit.

Fuck! Wie sieht der eigentlich aus? Ist heute schon die Nacht der lebenden Toten? Halloween ist doch erst in zwei Wochen. Mann, seht ihr beschissen aus. Scheiße! Gar nicht witzig! Wie lange hocken die eigentlich alle schon zusammen? Sind die Panne?

Marc (wacht urplötzlich wieder auf u. blickt erst irritiert, dann alarmiert von Jochen zu Chantal u. Celine, die auf dem Sofa liegen geblieben sind u. aus glasigen Augen erschöpft zu ihm u. den anderen rüber sehen): Nur über meine Leiche! Du gehst erst mal nirgendwohin, mein Freund. Und sie auch nicht. Nicht bevor wir euch Blut abgenommen haben.
Jochen (kommt eingeschnappt zwei Schritte auf ihn zu): Spinnst du jetzt völlig? Was soll das denn jetzt?
Marc (weicht ihm aus u. schiebt Gretchen mit der Kleinen, die hinter ihm stehen, weiter von der wandelnden Bazillenschleuder weg): Meine Station, meine Anweisungen! Und ihr verseucht mir hier nicht die ganze Station mit euren Viren. Schon schlimm genug, dass ihr es in dem Zustand überhaupt in die Nähe der Kurzen gewagt habt. Habt ihr Erstsemestler überhaupt kein Verantwortungsbewusstsein? Denkt hier überhaupt jemand mit? Das ist unverantwortlich so was. Und so was will Kinderarzt werden. Das weiß ich, zu verhindern.
Jochen (lässt das natürlich nicht auf sich sitzen u. wehrt sich): Ey, wir haben sie doch überhaupt nicht angefasst. Wir haben immer Abstand gehalten. Zu jedem. Mama hat uns sowieso die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Von dem ganzen Kräutertee, den sie in uns reingepumpt hat und den eklig riechenden Essenzen, mit denen sie uns eingeschmiert hat, könnten wir das halbe Krankenhaus ausräuchern. Außerdem bin ich kein Erstsemestler, verdammt noch mal, ich steig direkt im vierten Semester wieder ein.
Marc (kontert schnippisch u. wenig beeindruckt): Merkt man. Deshalb hockst du ja auch hier und drehst Däumchen, anstatt in der Uni die Bücher aufzuschlagen und dich über die gängigen Grippeviren zu informieren, die dieses Jahr im Umlauf sein werden. Hast du überhaupt schon deinen Semesterbeitrag bezahlt?
Jochen (verschränkt beleidigt seine Arme): Ich wäre hingegangen, wenn...
Marc (lässt den ewigen Studenten gar nicht erst ausreden u. mutiert schnurstracks wieder zum Oberarsch der Station): Ja, ja, um Ausreden nie verlegen, der angehende Herr Doktor. Lektion eins im Medizinstudium für Dummies, Ärzte werden nie krank, weil sie ganz genau wissen, wie sie’s verhindern können. Also packt eure sieben Sachen und lasst euch von Sabine ein Isolierzimmer geben, falls sie es schafft, heute überhaupt mal wieder hier aufzukreuzen. Ey, wo steckt die Frau schon wieder? Immer das Gleiche mit ihr. Ich hab es so satt. Hier ist ein echter Schlendrian eingetreten, während ich weg war. Wird Zeit, dass hier wieder ordentlich durchgegriffen wird.
Gretchen (ist kurz von ihrem Baby abgelenkt gewesen u. verteidigt nun ihren erkälteten Bruder vor ihrem grummeligen Freund): Maaarc! Es ist gut jetzt! Er kann doch nichts dafür, dass er ein bisschen Schnupfen hat. Wir stehen alle enorm unter Druck, seitdem das alles passiert ist. Du hast doch eben noch gesagt, niemand hat Schuld.
Marc (fühlt sich immer noch unbehaglich): Trotzdem...

So, wie mein Sohn schon gesagt hat, wird Zeit, dass hier endlich mal jemand durchgreift in diesem Kindergarten.

Olivier (nimmt Gretchen das schlafende Mädchen ab u. drängt Marc zu den Besuchersesseln vor dem Schreibtisch, damit er sich endlich zusammen mit Marlon auf seine vier Buchstaben setzt): Nichts da trotzdem, sondern eben weil! Du gehst jetzt erst einmal mit deiner Mutter zu Franz, Gretchen. Elke und ich halten hier die Stellung und bringen euch nachher nach Hause. Das war ein langer und aufwühlender Tag für uns alle.
Gretchen (nickt den beiden erleichtert zu u. hakt sich bei ihrer Mutter ein, der das alles sichtlich zu viel ist): Danke, Oli!
Elke (beobachtet von ihre Chefposition aus): Das ist doch selbstverständlich.
Marc (bemerkt erst jetzt den strengen Blick seiner Mutter, der die ganze Zeit schon an ihm klebt, u. nölt dementsprechend): Ey, das ist immer noch mein Büro.
Olivier (tauscht vielsagende Blicke mit seiner Frau aus u. beugt sich dann mit seiner Enkelin zu Marc herunter): Für den Moment nicht. Du hast jetzt erst einmal Sendepause, mein Sohn, und kommst runter. Und ich weiß auch schon, wer dich dabei unterstützen kann. Währenddessen kümmere ich mich um Jochen und seine Freundin und die Kleine. Wäre doch gelacht, wenn wir euch nicht wieder fit bekommen würden. Und bevor du wieder herummeckerst, ich weiß, dass ich hier nicht angestellt bin, Marc, aber außergewöhnliche Umstände bewirken außergewöhnliche Lösungsansätze. Das kann man mir nicht vorhalten.

Prof. Meier hatte gesprochen und sein eingeschnappt vor sich hin grummelnder Sohnemann hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. Konnte er auch nicht, denn plötzlich hielt er beide Babys im Arm. Marlene war durch ihren Bruder wach geworden und beide schauten ihren Papa nun mit ihren süßen Kulleraugen an und strampelten so wild mit ihren Beinchen und Ärmchen, dass sie kaum zu bändigen waren. Auch wenn sie alles andere als Ruhe ausstrahlten, bewirkten die Zwillinge doch genau das bei dem angespannten Chirurgen, der wie auf heißen Kohlen in dem Sessel hin und her gerutscht war. Er wurde direkt ruhiger und die Sorgenfalten, die sich tief in seine Stirn gemeißelt hatten, glätten sich wieder und wurden von kleinen Lachfältchen abgelöst, die sich um seine Augenpartie gebildet hatten. Marc war so sehr auf die beiden fixiert, dass er gar nicht mitbekam, wie Gretchen und Bärbel Dr. Hassmann aus dem Zimmer gefolgt waren und wie sein Vater zusammen mit Schwester Sabine, die hektisch ins Büro ihres Oberarztes geeilt gekommen war, als hätte sie seine drohende Ansage über die ganze Station gehört, einen Behandlungsraum für Jochen und Chantal aufgetrieben hatten. Nur Elke saß ihm noch gegenüber und konnte sich kaum noch auf ihr Manuskript konzentrieren, weil der Anblick ihres verstummten Sohnes mit seinen beiden Kindern sie dermaßen fesselte, dass sie ihren mütterlich gerührten Blick nicht mehr von den Dreien abwenden konnte.

Marc (spricht mal mehr, mal weniger in Gedanken mit den beiden Zwergen, die er liebevoll an sich schmiegt, bis sie einer nach der anderen sanft an seiner Brust wieder einschlafen): Euch geht’s gut, oder? Immer happy. Immer positiv. Immer hungrig. Immer ein Extrem, während das andere lauert. Richtig so! Aber ihr habt jetzt nicht vor, direkt loszuplärren, oder? Essenszeit müsste erst in einer guten halben Stunde wieder sein. Gönnen wir der Mama den Moment. Und die vollgeschissenen Hosen heben wir uns schön für zuhause auf. Oder wir spannen den Opa ein. Den, der denkt, er könnte zwei Krankenhäuser gleichzeitig führen, dieser olle Angeber. Soll er doch mal zeigen, wie weit seine Multitaskingfähigkeiten wirklich gehen. Ihr habt bestimmt nicht gedacht, dass ihr so lange hier herumhocken und zusehen müsst, wie die Erwachsenen durchdrehen. Ich auch nicht. Nachdem erst nichts los war und eure Mama dann genau im richtigen Moment mit euch hier aufgekreuzt ist, wollte ich schon alles zusammenpacken und mit euch nach Hause fahren, um zu chillen. Aber es kommt ja immer anders, als man denkt. Sonst wäre ich vermutlich auch gar nicht erst mit eurer Mama zusammengekommen. Man sagt ja immer, das Chaos kommt nie alleine. Eure Mama ist das beste Beispiel dafür. Eine Naturgewalt, was nicht nur für sie alleine gilt. Ihr habt das in den Genen wie euer anderer Opa. Es kommt immer gebündelt. In Wellen. Man ist ihnen schutzlos ausgeliefert und dann darf man raten, wie’s weitergeht. Immer dieser blöde Cliffhangermist. Seid froh, dass ihr euch den Scheiß noch nicht antun müsst. Bleibt einfach so, wie ihr seid, dann kann euch nichts auf der Welt passieren. Das verspreche ich euch.
Elke (lächelt versonnen): Nie die Zuversicht verlieren, mein Junge! Das ist gut. Das ist die richtige Einstellung.
Marc (nimmt ihren nichtigen Kommentar wie immer mit Humor, auch wenn er sich ein bisschen ertappt fühlt): Das sagt gerade die Richtige. Du bist ja immer noch hier?
Elke (lässt sich von ihrem vorlauten Sohn gar nicht erst provozieren): Solange man mich braucht, bin ich da. Das ist Teil meines Jobs. Ich bin Mutter. Und komme jetzt bloß nicht auf die Idee, das herunterzuspielen, Marc Olivier. Ich war immer für dich da. Und das gilt auch in Zukunft für die beiden und dein Mädchen.
Marc (verdreht gespielt leidend die Augen u. beugt sich dann verschwörerisch grinsend zu seinen Zwillingen herab): Leni, Lonny, ich könnte jetzt sagen, das hört sich wie eine Drohung an, ist es auch, aber das Leben ist ja auch kein Kinderkarussell, ne. Also, für euch schon. Noch. Ihr Glückspilze.
Elke (schüttelt schmunzelnd den Kopf u. ist froh, dass er sich endlich wieder eingekriegt hat): Ihr bekommt das mit Franz doch wieder hin, oder? Er ist gerade Großvater geworden. Er braucht seine Hände, um euch zu unterstützen. Und wir wissen doch beide, dass er ohne das Elisabethkrankenhaus auch nicht kann.
Marc (blickt wieder zu ihr rüber u. ist überrascht über den Hauch von Mitgefühl): Wie war das noch mal mit der Zuversicht? Ich bin der beste Chirurg, den ich kenne.
Elke (sieht ihn eindringlich an): Das nenne ich gesundes Selbstbewusstsein. Das hast du von mir. Du hast also einen Plan?
Wie bitte? Als ob ich irgendetwas von dir hätte, mal abgesehen von dem Tinnitus, der sich sporadisch immer mal wieder meldet.
Marc (guckt von ihr zu den Kindern u. dann zu dem Stapel Akten, der noch unbearbeitet auf seinem Schreibtisch liegt): Chirurgen haben immer einen Plan und wenn nicht, sind sie gerade dabei, einen zu schmieden und der ist meistens genial. Also, meine zumindest. Was die Hassmann macht, interessiert mich nicht.

Lorelei Offline

Facharzt:


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12.11.2019 12:15
#1656 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Und eben jene von Dr. Marc Olivier Meier mehr oder minder geschätzte Kollegin aus dem sechsten Stock war tatsächlich gerade dabei, den einen oder anderen Plan abzuwägen, von dem sie jedoch keiner wirklich überzeugen konnte, während die Zwillingseltern mit ihren sechs Wochen alten Babys von Prof. Meier und Elke Fisher nach Hause begleitet wurden, nachdem Gretchen kurz bei ihrem verunfallten Vater auf der Intensivstation vorbeigeschaut hatte, wo Bärbel Haase gegen jeden oberschwesterlichen Widerstand hinweg auch über Nacht die Stellung halten würde. Es war wirklich zum Haare raufen. Sie kam keinen Schritt voran. Unzählige Male hatte Dr. Hassmann nun schon auf die Bilder des Professors geblickt, hatte die neusten Untersuchungsergebnisse akribisch studiert, welche Marcs Anfangsverdacht einer akuten allergischen Reaktion auf die gängigen Narkotika bestätigt hatten, hatte die Bilder, um sie zu visualisieren, sogar auf die große Leinwand geworfen, vor der sie gerade im Vorlesungssaal der Klinik stand, und sie ausgiebig betrachtet, ja nahezu verinnerlicht, aber die rettende Idee war ihr noch immer nicht eingefallen. Es war zu verzwickt, auch wenn sich Franz’ Werte nach der abgebrochenen OP wieder wesentlich stabilisiert hatten, was Familie Haase erleichtert zur Kenntnis genommen hatte.

Die begnadete Neurochirurgin hasste Momente wie diese. Nicht nur weil ihr Patient von ihr sehr geschätzt wurde und er vermutlich der einzige Chirurg auf diesem Planeten war, den sie wirklich respektierte und dessen Wort ihr etwas bedeutete. Sondern vor allem weil sie es nicht gewohnt war, zu resignieren. Das war überhaupt nicht ihre Art. Das stand ihr als Nummer Eins auf ihrem Gebiet überhaupt nicht zu. Denn es gab immer einen Weg, nur musste dieser noch gefunden werden und die Zeit drängte. Spätestens morgen müssten Meier und sie einen zweiten Versuch wagen und dabei durfte diesmal nichts schiefgehen. Dabei war Maria der Gedanke, dass Marc und sie dann zwangsläufig, also zumindest in Karrierehinsicht, denjenigen auf den Gewissen haben könnten, der über die letzte Sprosse, die es noch auf der Leiter nach ganz oben zu erklimmen galt, zu entscheiden hatte, eher nebensächlich und überhaupt nicht relevant. Das war nicht die Art und Weise, wie Dr. Hassmann Chefärztin werden wollte. Es ging ihr wirklich um die Person. Sie mochte Prof. Haase. Nicht nur wegen seiner begnadeten Fähigkeiten als Chirurg und seines etwas eigenwilligen Chefarzthumors. Er hatte sie an ihrem Lebenstiefpunkt übernommen, hatte sie nie hinterfragt und sie ihr Ding machen lassen, obwohl sie nicht immer auf ihrem von anderen, vor allem männlichen, Ärzten neidisch beäugten Posten hatte verweilen können, weil sie als alleinerziehende Mutter auch noch einen zweiten Vierundzwanzig-Stunden-Job zu meistern hatte. Ein Punkt, der andernorts ein Ausschlusskriterium nach oben gewesen wäre, aber nicht im Berliner Elisabethkrankenhaus, wo sie die Chance bekommen hatte, sich als Oberärztin zu beweisen, und das hatte sie auch. Dieser Freiraum und die Fördermöglichkeiten hatten sie zu der brillanten Chirurgin gemacht, die sie mittlerweile war. Eine der Besten, wenn nicht sogar die Beste, auch wenn sie sich gerade nicht als solche fühlte.

Und die Tochter des Professors mochte sie ebenso gern. Mehr sogar, als sie es je vor ihrer nervigen Kollegin zugeben würde, die sie vorhin unter Tränen noch einmal am Bett ihres Vaters zur Seite genommen hatte. Obwohl sie sich immer geschworen hatte, weibliche Konkurrenz im OP und darüber hinaus nie wieder zu nah an sich heran zu lassen. Weder beruflich und vor allem nicht privat. Das hatte sie nämlich schon einmal bitterlich bereut. Ebenbürtigkeit und gegenseitige Anerkennung existierten nicht in diesem hochkomplexen Metier. Neid und Missgunst dafür umso mehr. Jede kämpfte für sich alleine im Haifischbecken Chirurgie und das hatte sie die Assistenzärztinnen unter ihren Assistenten, die ihr im Laufe ihrer Ausbilderinnenzeit über den Weg gestolpert waren, immer spüren lassen. Auch dieses ganz besondere Exemplar einer vorlauten Göre, der sie anfangs überhaupt nichts zugetraut hatte, weil sie der festen Überzeugung gewesen war, das verträumte Blondchen hätte den Job nur durch reichlich Vitamin B von ganz oben und nicht wegen ihres diagnostisches Könnens bekommen. Doch Gretchen Haase hatte sie überrascht, fast noch mehr, wie sie vermutlich Marc Meier überrascht hatte, der, wenn er nicht gerade im OP glänzte und minder intelligente Machosprüche von sich gab, doch die meiste Zeit nur mit den unteren Körperregionen dachte. Gerade weil sie an ihre Schülerinnen eben ganz besondere Ansprüche stellte. Als Frau in einer chauvinistisch geprägten Männerdomäne, wo es immer noch genug Hinterwäldlermediziner gab, die mit talentierten Chirurginnen, die mehr wussten und konnten als sie, nicht umgehen konnten, musste Frau sich behaupten können.

Und Gretchen war ihr mit ihrer unerträglichen herzlichen und offenen Art ans Herz gewachsen, eben weil sie nicht eine dieser überambitionierten Chirurginnen war, der es hauptsächlich um die Karriere ging und nicht um den Patienten an sich, wobei es darunter auch durchaus Karrierebiester gab, die auch nicht davor zurückschreckten, über Leichen zu gehen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Dr. Hassmann es auch nicht anders gehandhabt. Dr. Haase war da ganz anders. Sie käme niemals auch nur auf den Gedanken, den Patienten nicht immer an die erste Stelle zu stellen. Man konnte sie nicht nicht mögen. Weder wenn sie gerade mal wieder riesigen Bockmist gebaut und ihre Kompetenzen überschritten hatte, emotional überreagierte oder ihr das einzige wirklich passable Männerexemplar in diesem Krankenhaus vor der Nase wegzuschnappen versuchte und vor allem nicht, wenn sie gerade völlig neben sich stand, weil sie sich Sorgen um ihre Lieben machte. Gretchen vertraute ihr, die richtigen Entscheidungen zu treffen und das machte das Ganze für die taffe Neurochirurgin nicht gerade leichter. Schließlich war das nicht irgendein Patient, den sie da auf dem Tisch hatte. Sie war es gewohnt unter Druck zu arbeiten, ja, dann war sie immer am produktivsten, aber nicht wenn es diese Art von emotionalem Druck war. Seitdem sie ihre Tochter Sophie vor wenigen Wochen zur Welt gebracht hatte, reagierte sie viel dünnhäutiger, wenn es um die Menschen um sich herum ging. Sie durfte sich davon nicht ablenken lassen.

Konzentration, Maria! Auch wenn es schon spät ist und der nächste Milchstau sich bereits ankündigt. Du ziehst das jetzt durch!

Deshalb war es vielleicht auch nicht gerade die beste Idee gewesen, gerade jetzt, während sie eigentlich schon längst zu Hause bei ihren Kindern hätte sein sollen, einen Multitaskingmarathonversuch der besonderen Art einzulegen. Denn auf ihrem auf dem Rednerpult aufgeklappten Laptop war nicht nur die Akte von Prof. Haase aufgeschlagen, sondern auch eine leere DinA4-Seite und ihr umfangreicher Terminkalender, auf welchem in riesigen roten Lettern auf das anstehende Neurochirurgenkolloquium hingewiesen wurde, das in zwei Tagen hier im EKH genau in diesem Saal stattfinden sollte, den sie zu Inspirationszwecken aufgesucht hatte, weil sie es allein in den vier Wänden ihres Büros nicht mehr länger ausgehalten hatte. Der Chefarzt selbst hatte ihr dieses besondere Projekt, das Teil des Austauschprogramms mit dem Chirurgenausbildungszentrum in Seattle war, ans Herz gelegt. Eben jener Chef, dessen Herz vorhin verrückt gespielt hatte und um dessen Hand sich sämtliche ihrer Gedanken drehten. Dr. Hassmann konnte sich nicht auf die Ausarbeitung ihres Vortrages konzentrieren, solange das nicht geklärt war. Also drehte sie sich von ihrem Computer wieder weg, lief einige Schritte über die Empore und guckte wieder hoch zu den auf die Leinwand projizierten Röntgenbildern. Die Oberärztin war so sehr darauf fixiert, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich oben am Ende der Treppe, welche sich an der Seite des Saals die Stuhlreihen entlang schlängelte, eine der großen Schwenktüren geöffnet hatte.

Maria war gerade dabei, einem Gedankenblitz nachzuspüren, der die Möglichkeit, die Narkoseproblematik bei ihrem herzanfälligen Patienten zu übergehen, wahrscheinlich machen könnte, wobei sie mit ihren talentierten Chirurgenhänden gestenreich Bilder in die Luft zeichnete, als sie sich mit einem Mal beobachtet fühlte. Dieses unangenehme Gefühl, das sich einstellte, wenn jemand plötzlich wie aus dem Nichts hinter einem auftauchte und einem ein eiskalter Lufthauch in den Nacken pustete, ließ die Härchen an ihren Armen sich aufrichten. Sie wollte es anfangs ignorieren und schob es auf die Müdigkeit nach dem langen und ziemlich übel verlaufenen Arbeitstag, der hinter ihr lag. Aber die Gänsehaut, die Millimeter für Millimeter ihren gesamten Körper eroberte, ließ sich nicht vertreiben und das lag sicherlich nicht daran, dass der unbelegte Vorlesungsraum heute noch nicht beheizt worden war. Die Kälte kroch förmlich bis in die Knochen und dieses unbehagliche Gefühl im Rücken nahm immer mehr überhand, bis sie es nicht mehr länger aushalten konnte und sich langsam umdrehte. In dem Moment hörte sie es dann auch. Das Klackern von teuren Absatzschuhen auf den alten Holzdielen der Treppe übertönte in der Dunkelheit ihren still vor sich hin plätschernden Gedankenfluss.

Da war tatsächlich jemand im Saal, warnten sie ihre Instinkte. Doch Maria konnte in der nur spärlich beleuchteten Krankenhausaula niemand Genaues erkennen. Auch nicht, als sie sich ihre Brille wieder auf die Nase setzte. Sie blinzelte zwei Mal, starrte in die Dunkelheit, versuchte, ihre müden Augen daran zu gewöhnen. Aber da war nur ein grauer Schatten, der langsam die Stuhlreihen entlang die Treppe hinabstolzierte. Doch die Neurochirurgin hätte nicht in ihren kühnsten Albträumen damit gerechnet, wer sich da still und heimlich an sie herangeschlichen hatte. Wie eine Leopardendame auf der Jagd. Heimtückisch. Gefährlich. Immer ihr nahendes Ziel vor Augen. Hungrig, aber noch nicht hungrig genug, um direkt zuzuschlagen. Lieber abwartend. Beobachtend. Sie genoss viel mehr das triumphierende Gefühl des ultimativen Überraschungsmoments, der ihrer Beute jegliche Fluchtmöglichkeit raubte. Sie wurde in die Defensive gedrängt, lag nun direkt auf dem Präsentierteller im grellen Lichtschein der einzigen Lichtquelle direkt über dem Pult und das behagte Maria Hassmann ganz und gar nicht, auch wenn sie sonst immer gerne im Mittelpunkt stand. Es war zu spät, um sich noch zu beherrschen. Sie war überrumpelt worden. Sie hatte mit solch einem Auftritt schließlich auch nicht gerechnet. Wer hätte das auch? Nicht nach all der Zeit und erst recht nicht von dieser Person. Jede Emotion war ihr demzufolge anzusehen.

Die Überraschung, gepaart mit fassungslosem Entsetzen, stand der völlig perplexen Oberärztin deutlich ins Gesicht geschrieben, als sich die Person aus einer längst vergessenen Vergangenheit schließlich zu erkennen gab und mit einem verschwörerisch anmutenden Grinsen auf ihren dunkelrot geschminkten Lippen keck auf einem der leeren Sessel in der ersten Reihe Platz nahm. Sie strich sich ihr langes seidenweiches strohblondes Haar in den Nacken, schlug ihre endlos langen schlanken Beine sexy übereinander, um die roten Sohlen ihrer sündhaftteuren Pumps Aufmerksamkeit haschend zur Geltung zu bringen, die übrigens farblich perfekt zu ihrer riesigen Businesstasche passten, die die Kostümträgerin wichtig-wichtig neben sich auf den Boden gestellt hatte, und blickte von ihrem ganz gezielt gewählten Platz aus übertrieben interessiert über den Rand ihres Designerbrillengestells auf die Bilder an der Leinwand hinter Dr. Hassmann, die wie ein verlorener Clown völlig regungslos vor ihrer ungebetenen Zuschauerin auf der leeren Bühne stand, die sie nun mit ihrem unverhohlen triumphierenden Blick in die Mangel nahm, noch bevor Maria überhaupt die Gelegenheit bekam, wieder Luft zu holen. Systemabsturz. Ihr brillanter Verstand war noch nicht fähig, die einzelnen Fäden zusammenzuweben, um zu verstehen, was hier gerade vonstatten ging. Die versteckte Kamera war es jedenfalls nicht. So viel war zumindest klar. Billigfernsehen und schlechtes Schauspiel lagen ihr nämlich nicht. Ihrem Gegenüber dagegen schon. Die Blondine hatte sichtlich Spaß daran, wie man beobachten konnte.

Sie?!? Das... ist... jetzt... nicht... wahr, oder? Ich halluziniere doch. Aber wieso zur Hölle? Ich bin weder dehydriert, noch unterzuckert, noch überarbeitet, gut, ja, ein bisschen vielleicht, noch bin ich plötzlich verrückt geworden, wobei Eigendiagnosen liegen mir nicht sonderlich, sagt man mir nach. Aber ein kleiner Routinecheck wäre vielleicht doch angebracht, weil ich förmlich spüre, wie mein altes Magengeschwür wieder lebendig wird. Ich sehe schon Trugbilder. Himmel steh mir bei!

Sandy: Sind das seine Bilder? Ich hab schon gehört, dass es den Professor ziemlich übel erwischt haben soll. Aber so übel? Die reinste Übertreibung, was? Was für Dilettanten. Diese niedliche kleine Klinik ist wirklich die größte Gossipklitsche, die ich je erlebt habe und ich komme aus dem Land, das den Gossip erst erfunden hat. Wenn du mich fragst, meine liebe Kollegin, dann würde ich es mit einem lokalen Anästhetikum probieren. Auf Naturbasis. Ist zwar nicht unbedingt der Burner, ich schieße lieber aus vollen Kanonen, aber wenn’s nicht anders geht. Die Nebenwirkungen sind quasi non-existent. Es ist herzschonend und das ist doch das eigentliche Problem und nicht dieses kleine Puzzle auf den Bildern, oder? Ein Kinderspiel für Chirurginnen wie uns.
Maria (braucht einen Moment, um ihre Sprache wiederzufinden u. klappt schnell den Laptop zu, damit die Verbindung zum Projektor gekappt wird): Ich wüsste nicht, was Sie das angehen sollte. Die Bilder sind vertraulich.
Sandy (lächelt mit dem Mut zur Gehässigkeit, während sie die ihr sehr vertraute Oberärztin ausgiebig mustert, was dieser sichtlich unangenehm ist): Unter Chirurginnen gibt es doch nichts, was vertraulich ist. Wir schwimmen doch quasi in einem Boot, aber diese Zeiten sind wohl vorüber. Also sind wir wieder beim „Sie“ angelangt, hm? Schade eigentlich, dabei haben wir doch so vieles gemeinsam, Frau Doktor.

Das ist definitiv ein Albtraum. Und in Albträumen darf man doch zu Waffen jeder Art greifen, nicht? Mir mein Skalpell an ihr schmutzig zu machen, erscheint mir dabei aber eher unspannend und unspektakulär. Da fehlt der nötige Bums dahinter. Ich könnte mir den Bulldozer unten von der Baustelle ausleihen. Erst die hässliche Angeberhandtasche platt machen und dann... Mhm... Wäre eine Überlegung wert. Auch wenn es für sie noch zu milde wäre. Und eigentlich löst sich das Monster aus Albträumen doch auch immer von ganz alleine auf, wenn man die Augen schließt. So erzähle ich es zumindest immer meiner Motte, wenn sie schlecht geschlafen hat. Aber dieses unschöne Exemplar einer Schmeißfliege scheint mir hartnäckiger zu sein. Innerlich versteinert durch krankhaften Ehrgeiz und irrsinniges Weltmachtstreben. Verschleiert durch ihre blendende Optik, die nur auf eines abzielt. Was hat sie nur vor? Was will die blöde Kuh hier? Sie müsste doch wissen, dass sie hier in Berlin keinen Fuß mehr in die Tür kriegt und bei mir schon mal gar nicht. Sie ist es nicht einmal wert, auch nur einen Gedanken an sie zu verschwenden. Was fällt der überhaupt ein, mir Tipps geben zu wollen? Die kann mich mal kreuzweise und das ist noch harmlos ausgedrückt.

Maria (langsam kriecht die alte Wut auf die verhasste Blondine wieder in ihr hoch, aber noch kann sie sich beherrschen): Ich wüsste nicht, was. Es sei denn, hohle Phrasen wären plötzlich salonfähig geworden. Naja, in den Staaten vielleicht. Dort wird mit einem stumpfsinnigen Twitteraccount neuerdings ja auch Politik gemacht. Damit bist du... Sie hier aber an der falschen Adresse. Hier wird auf einem anderen Niveau gearbeitet. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, was Sie hier überhaupt zu suchen haben. Aber das wird die Security klären. Wir haben manchmal abends sehr seltsame Gäste hier, die postwendend in der Geschlossenen landen könnten. Ich habe zufällig immer einen Freifahrtsschein dabei. Interesse?
Sandy (nickt durchaus anerkennend in die Richtung ihrer einstigen Mentorin u. wägt eine andere Herangehensweise ab, die sie für einen kurzen Moment triumphieren lässt, denn sie kann Marias hinter Sarkasmus verschleierte Verunsicherung förmlich riechen): Immer noch der gleiche bissige Humor. Gefällt mir. Da werden Erinnerungen wach.
Maria (verdreht genervt die Augen u. wendet sich verärgert ab, um zusammenzupacken): Bei mir definitiv nicht. Aber was ehemalige eher mittelmäßige Schüler von mir machen, ist mir im Grunde genommen auch ziemlich schnuppe.
Sandy (fixiert die wieder an Souveränität gewonnene Chirurgin mit ihren aufblitzenden grünen Augen u. schlägt schließlich mit großem Vergnügen hinterrücks zu, denn noch hat sie etwas in der Hinterhand): Ach? Sag bloß, er hat dir nichts gesagt? Das ist jetzt aber wirklich interessant. Dabei war ich doch dem Gerücht aufgesessen, ihr wärt euch wieder, sagen wir mal so, näher gekommen. Aber so ist er unser lieber Ceddie. Ihm fehlt eindeutig die Durchsetzungskraft im Handling mit starken emanzipierten Frauen, die sich nehmen, was sie wollen. Deshalb ist er vermutlich auch nur die Vertretung von. Wobei... Hm? Seinen Namen hab ich jetzt nicht auf dem OP-Plan entdecken können, als ich mich hier ein bisschen umgeschaut habe. Dabei wirkt eure kleine niedliche Klitsch... Klinik doch eher übersichtlich, als dass man etwas oder jemanden übersehen könnte. Aber vielleicht war das auch die richtige Entscheidung. Seien wir doch mal ehrlich, ein Chirurg mit seinem vergeudeten Talent passt doch gar nicht hierher.

What the...? Was läuft hier eigentlich? Wollt ihr mich verarschen? Soll das etwas heißen, dass er...? Weiß er etwa, dass sie...? Und wieso redet er dann nicht mit mir? Dieser verdammte Idiot lässt mich direkt in ihr offenes Messer laufen. Ich sehe doch, wie sie’s genießt, dieses hinterhältige Biest. Genau wie damals. Scheinheilig und verlogen. Mit einem perfekt inszenierten Timing, damit die Durchschlagskraft besonders effektiv wirkt. Der Grad ihrer Gerissenheit ist nicht mal auf einer Messskala zu finden. GRR!!! Ich könnte sie auf der Stelle umbringen. Aber wie gesagt, an ihr mache ich mir meine Finger nicht schmutzig.

Maria (versucht, sich trotz der anhaltenden subtilen Provokationen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, packt ihren Laptop ein u. lässt die Tasche dann aber noch auf dem Rednerpult stehen, als sie ihre Konkurrentin doch noch anherrscht): Was willst du hier, Sandy?
Sandy (genießt den kleinen Emotionsausbruch ihrer ehemaligen Mentorin u. kostet ihn genüsslich aus): Ach, auf einmal kennt man sich doch wieder? Ich freue mich auch über unser Wiedersehen, Maria. Es ist ziemlich viel Zeit vergangen.
Maria (hält ihre geballten Fäuste am Henkel ihrer Tasche fest, während sie abschätzig zu der gehässigen Person herunterblickt): Spar dir die Spitzfindigkeiten für deinen neuen Gönner auf oder hat er dich und dein recht vorhersehbares Taktieren etwa bereits durchschaut? Sind die Jahre im gelobten Land etwa schon vorbei? Dein Durchhaltevermögen lässt messbar nach. Du entschuldigst, wenn ich kein Mitleid habe.
Sandy (lässt den Hassmannschen Zynismus unbeeindruckt an sich abperlen): Im Gegenteil. Ich bin genau dort angekommen, wo ich hingehöre. On the top. Dafür müsstet ihr euch vermutlich noch viele Jahre abstrampeln. Ich verstehe sowieso nicht, wie ihr das überhaupt aushaltet, unter euren Verhältnissen zu bleiben. Dabei hab ich mal zu euch aufgeblickt.

Wir wissen wohl beide, aus welcher Position heraus. Ich könnte kotzen.

Maria (schnauft verächtlich auf, ignoriert die Bilder, die in kurzen Sequenzen vor ihrem inneren Auge plötzlich wieder aufblitzen, u. würdigt ihre Konkurrentin keines Blickes mehr, als sie ihre Tasche schnappt u. gehen will): Schön für dich. Wenn du dann den Raum verlassen würdest! Ich muss abschließen.
Sandy (denkt nicht im Traum daran, aufzustehen u. lehnt sich entspannt in ihrem Sessel zurück): Er hat dir wirklich nichts erzählt, oder? Das ist erstaunlich angesichts seiner Reaktion vorhin. Man hätte fast meinen können, dass er dich... Naja, egal. Ich hab mich schon immer getäuscht, was ihn betrifft. Überwiegend heiße Luft. Jedenfalls hatte ich gedacht, wir könnten uns austauschen, bevor wir uns auf die Studenten stürzen müssen. Ich hab noch Licht bemerkt und als ich dich hier drin gesehen habe, habe ich mir gedacht, es gäbe keine bessere Gelegenheit, unser Verhältnis neu aufzufrischen.
Maria (bleibt auf halbem Weg zu den drei Stufen, die von der Bühne herunterführen, stehen u. starrt das blonde Gift irritiert an): Welches Verhältnis? Wovon zum Geier redest du?
Sandy (genießt einen weiteren kleinen Triumph u. verhehlt das nicht): Na, was wohl, unser gemeinsames Kolloquium über neurochirurgisches Know-how und den zukünftigen Weg unserer sehr spannenden Disziplin. Ich habe gehört, es gab Anfragen aus Kliniken aus ganz Deutschland, um daran teilzunehmen. Großes Publikum liegt mir. Dir doch auch, oder?
Maria (schnappt hörbar nach Luft u. drückt ihre Laptoptasche mit verschränkten Armen gegen ihren bebenden Brustkorb): Unser was? Ich höre hier immer „unser“?
Sandy (lächelt scheinheilig): Ich nenne es eher Ironie des Schicksals. Wir haben doch immer gerne geteilt, nicht? Warum nicht auch eine Bühne und ein paar attraktive Chirurgenanwärter?
Maria (funkelt ihr gehässiges Gegenüber bitterböse an u. verlässt mit schnellen Schritten das Podium): Fick dich, Sandy!

Sehr souverän, Maria! Wirklich sehr souverän. Aber das ist mir mittlerweile auch egal. Ich gebe mir diese Person keine Sekunde mehr. Die kann sich ihren dämlichen Vortrag sonst wohin stecken. Ich stell mich doch nicht mit der da auf eine Bühne, auf der mein Name klebt. Never ever! Wird Zeit, der versteckten Kamera den Strom abzudrehen.

Sandy (klatscht theatralisch Beifall u. schaut der flüchtenden Oberärztin grinsend hinterher, wie sie wütend gleich zwei Treppenstufen auf einmal nach oben nimmt): Hoho! Die Frau Doktor kommt ja mal richtig aus sich heraus. Das hast du früher nicht getan. Da hast du gar nichts gesagt, nur stumm hingenommen und vor dich hingestarrt. Ein echter Chirurgenroboter eben. Aber wie dem auch sei. Wir sind beide älter geworden, du mehr, und hoffentlich auch klüger. Ich bin jetzt hier und ich bin dafür, dass wir das Beste daraus machen. Mir passt das ehrlich gesagt auch nicht. Aber die Vorlesungstermine stehen. Morgen kommt mein Assistent mit der Technik, um ein paar Zaubertricks vorführen zu können. Hier im hintersten Winkel Berlins scheint man ja noch nicht wirklich im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen zu sein. Euer Netz hier ist echt unterirdisch, fast sogar schon nicht mehr medizinisch verantwortbar. Du kannst mir ja bei Gelegenheit dein Vortragsprogramm mailen. Nicht dass es da Überschneidungen gibt. Ich will mir nicht wieder nachsagen lassen, meine Theorien würden auf den Ideen anderer beruhen. Es ist doch kein Problem, wenn ich vorlegen werde, oder? Als Gast aus dem Ausland stünde mir doch die Vorrede zu, nicht? Zumal der Professor wohl jetzt ausfallen wird, um mich gebührend willkommen zu heißen. Oder übernimmt das jetzt Dr. Meier? Mhm... Der ist hot. Soll nicht nur im Medizinischen so richtig was drauf haben. Ich habe nur Gutes über ihn... ähm... das Austauschprogramm unserer Kliniken gehört. Bei Gelegenheit musst du mir mal erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Ich meine, ihr steht ja nicht unbedingt im German Medical Ranking auf Platz eins. Nicht mal in den Top einhundert. Jedenfalls hab ich euch nicht entdecken können, aber vielleicht hab ich euch auch nur übersehen. Kommt in Zukunft nicht wieder vor.
Maria (bleibt wie erstarrt etwa auf der Hälfte der Treppe stehen u. dreht sich langsam wieder zu ihr um): Was soll das heißen? Willst du damit andeuten, dass die ausgerechnet dich hierher geschickt haben? Du bist die Ärztin vom Seattle-Grey-Sloan-Memorial? Entschuldige, wenn ich lachen muss. Das ist doch ein schlechter Witz.

Das kann gar nicht sein. Niemand ist so blöd, jemanden wie sie einzustellen und auf echte Patienten loszulassen, um denen dann dilettantisch am Hirn herumzuschnippeln. Das ist mal wirklich hirnverbrannt im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich kann mir denken, wie sie an den Job gekommen ist. Dieselbe alte, effektive Masche. Wie langweilig. Du bist so vorhersehbar, Kindchen. Jetzt tust du mir sogar ein bisschen leid. Ach, was, ganz bestimmt nicht! Jeder Gedanke an dich ist verschwendete Lebenszeit.

Sandy (genießt ihren Triumph u. steht erhaben von ihrem Platz auf, um Maria zur Treppe zu folgen): Ich trage es dir nicht nach, dass der Groschen erst so spät gefallen ist. In deinem Alter rückt man den ersten Vergesslichkeiten schließlich immer näher. Die Synapsen werden spröde. Eiweiße verstopfen die Botengänge. Forschst du eigentlich noch auf dem Gebiet oder ist Parkinson immer noch dein Steckenpferd? Hm... Man muss das nehmen, wo die Erfolgsaussichten noch greifbar sind, nicht? Wobei? Naja. Ich bin gespannt auf dein Dossier. Ach, und... Glückwunsch zur kleinen Familie! Mangelnde Produktivität kann man diesem Krankenhaus auf jeden Fall nicht nachsagen. Sag ihm einen lieben Gruß von mir! Er weiß, dass er sich melden soll. Ich werde mich nicht in Luft auflösen, auch wenn er mich vor dir und vor allem vor sich selbst gerne ignorieren würde. Schönen Abend noch und viel Erfolg mit dem aktuellen Fall, Frau Dr. Hassmann! Ich bin mir sicher, jemand mit deinem Können meistert das mit Links.

Und bevor die Angesprochene darauf reagieren konnte, war der böse Spuk auch schon wieder vorbei. Mit einem breiten Grinsen auf ihren glutroten Lippen war der dämonische Geist aus der Vergangenheit erhaben an ihr vorbeistolziert und verpuffte schließlich als graue Staubwolke in der abendlichen Dunkelheit. Die große Tür am Ausgang des Auditoriums, wo Dr. Moeller noch einmal kurz innegehalten hatte, um selbstzufrieden zurückzuschauen, schwenkte noch quietschend zurück, sodass grelle Neonlichtstrahlen vom Flur des Foyers hereintanzten und Marias Blick trübten, aber Dr. Hassmann blieb wie festgewurzelt auf der Treppe stehen. Unfähig, etwas zu sagen, geschweige denn zu denken. Systemabsturz, der zweite. Das Wiederhochfahren ließ diesmal auf sich warten. Zu viele völlig konfuse Komponenten mussten neu justiert werden, die irgendwie nicht zusammenpassen wollten und das Chaos in ihrem Kopf nicht linderten, sondern noch verstärkten.

Maria hatte gar nicht wahrgenommen, wie viele Minuten bereits verstrichen waren, als plötzlich ein gewaltiger Ruck durch ihren Körper ging. Mit kerzengeradem Rücken stand sie auf der drittletzten Stufe der Treppe und betrachtete die leeren Stuhlreihen neben sich. Ihre braunen Augen funkelten gefährlich in der Dunkelheit auf, nachdem sie wieder einigermaßen zu sich gekommen war. Sie klemmte sich ihre Tasche unter den Arm und sprintete dann mit einem Mal los, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. Direkt an der irritierten Oberschwester vorbei, die gerade zur nächsten Verbalkeule übergehen wollte, die der strengen Stationsleiterin jedoch im Halse stecken blieb, was den versammelten Lernschwestern der unbeliebten Abendschicht zumindest kurzweilig eine Atempause verschaffte. Beinahe wäre sie sogar noch über Dr. Gummersbach gestolpert, der, auf dem Weg zu eben jener resoluten Chirurgin, tief in eine Akte versunken neben seiner verträumt vor sich hin lächelnden Frau und ihrem gemeinsamen Pflegekind, das Schwester Sabine im Sportwagen langsam vor sich her schob, durch das abendlich beleuchtete und herbstlich dekorierte Foyer promenierte. Die forsche Oberärztin war dermaßen in Rage geraten, dass sie nichts und niemand hätte stoppen können. Sie war so geladen, dass sie sogar ihr Auto vergaß, an das sie sich sowieso nicht erinnern konnte, es überhaupt benutzt zu haben, weil sie den dunklen Jaguar ihres Lebensgefährten am frühen Morgen wegen akuter Parkplatzstreitigkeiten ungewohnter Weise vor dem Hintereingang geparkt hatte, und marschierte stattdessen im schnellen Fußschritt schnurstracks auf ihr neues Zuhause zu, das nur wenige Minuten hinter dem Elisabethkrankenhaus direkt am See lag und in dem noch Licht brannte. Dr. Stier würde sich auf einiges gefasst machen müssen. So viel war gewiss, als sich Marias Schlüssel, begleitet von übellaunigem Fluchen, mit der abgesperrten Haustür abmühte.

Durch die Geräusche aufgeschreckt, kam der Hausmann auf Zeit wie auf Kommando aus einem der Zimmer geeilt. Wie immer lässig gestylt in Bluejeans und eng anliegendem ausgeblichenen weißen T-Shirt, welches jedoch verräterische Spuren vom gemeinsamen Abendbrot mit den Kindern aufwies, was ihn jedoch nicht weiter störte. Vorsichtig schloss er die mit bunten Disneystickern, die fünf große Buchstaben ergaben, beklebte Tür hinter sich, lauschte noch einmal mit einem Ohr daran und tapste dann mit dem technisch neusten Babyphone mit Bildschirm in der Hand und einem seligen Lächeln auf den Lippen auf nackten Sohlen durch das großzügig geschnittene Wohnzimmer in dem holzvertäfelten Haus im Skandinavienstil, um seine große Liebe gebührend willkommen zu heißen. Schließlich wusste er, welch harter Tag hinter der viel beschäftigten Neurochirurgin lag. Den wollte er ihr gerne noch ein bisschen versüßen, bevor er gezwungen war, die Hosen herunterzulassen. Im übertragenen Sinne, versteht sich. Die Hoffnung auf eine wortgetreue Umsetzung dieses Plans hatte er nach der nachmittäglichen Begegnung der ganz besonders unschönen Art bereits wohlwissendlich ad acta gelegt. Noch wollte er aber keinen Gedanken daran verschwenden. Damit hatte sich sein sich zermaterndes Hirn schließlich schon den Rest des Nachmittags beschäftigt, bis ihn seine drei Mädchen erfolgreich von den aufziehenden dunklen Wolken abgelenkt hatten.

Aber Cedrics liebreizende Freundin reagierte eher steif auf seine überschwängliche Umarmung samt verunglücktem Kussversuch und sein zusammenhangslos dahin gebrabbeltes Geplapper. Maria starrte ihr extrem gutgelauntes Gegenüber nur stumm aus ausdruckslosen müden Augen an, als sie ihren Haustürschlüssel geräuschvoll in die kleine Schale auf dem Schuhschrank neben dem Eingang gleiten ließ. Der Vorwurf stand unübersehbar und unüberhörbar im Raum, aber Cedric schien die sich abkühlende Stimmung überhaupt nicht wahrzunehmen. Dazu war er noch viel zu angeknipst. Das in eine Überdosis Dopamin getränkte Adrenalin pulsierte in seinen Adern. Das Glücksgefühl, das seine Kinder in ihm bewirkt hatten, musste einfach raus. Der elternzeitbeurlaubte Neurochirurg nahm Maria gentlemanlike die Tasche ab, platzierte diese vorsichtig auf der Kommode und schob seine Lebensgefährtin, die sich gerade, um Contenance bemüht, ihrer hohen Hacken entledigt hatte, dann langsam in Richtung der XXL-Familiencouch, welche fast den halben Raum der offen geschnittenen Wohnung einnahm, während er weiter in seiner gewohnt lässigen Art überdreht auf seine ungewohnt wortkarge Partnerin einredete, ohne zu bemerken, dass ein gewaltiger Donnerschlag drohend in der Luft lag. Und damit war definitiv nicht das sich verschlechternde Wetter über dem Wannsee gemeint. Denn mit jedem weiteren Wort von dem arglosen Familienvater klatschte ein weiterer dicker Regentropfen geräuschvoll gegen die Fensterscheiben hinter der Sofalandschaft, aus denen sich schnell ein gewaltiger Herbstschauer entwickelte, der laut Berliner Wetterbericht die ganze Nacht anhalten sollte.

Cedric: Hey Baby! Da bist du ja endlich! Wir haben dich früher erwartet. War noch so viel los auf Station? Das tut mir leid. Ich tue es nur ungern, aber ich muss dich leider enttäuschen. Das Zubettbringen fällt heute flach. Die Mausebande ist vor fünf Minuten hundemüde in ihre Koje gefallen, was wirklich ein hartes Stück Arbeit war. Jede Kraniotomie ist ein Kinkerlitzchen im Vergleich dazu. Ich glaube, wir haben ganze fünf Bücher und eine erfundene Vampirgeschichte durch, die angeblich nicht spannend genug war, obwohl ich mich wirklich bemüht habe, die gruseligen Stellen besonders auszuschmücken. Ansprüche haben unsere Kinder, unfassbar. Der Meier hat Sarah damit echt einen Wurm ins Ohr gepflanzt. Was hat er sich eigentlich dabei gedacht, ihr so einen hanebüchenen Unfug einzutrichtern? Das funktioniert vielleicht bei ihrer Freundin, die ist schließlich drei Jahre älter, aber doch nicht bei einer Schulanfängerin, deren Fantasievermögen gerade erst in den Anfängen steckt. Das potenziert sich doch. Apropos potenzieren. Die Mini-Haase-Meiers. Du hättest sie erleben müssen. Die Kinder waren so aufgekratzt wegen der beiden. Dabei haben Klein-Gretchen und Klein-Marc nichts anderes getan, als die ganze Zeit durchzuschlafen, woran unsere Drei sich gerne bei Gelegenheit ein Beispiel nehmen könnten. Die eine hat die andere angestachelt und es ging hoch her in den vergangenen Stunden. Ich warne dich schon mal vor. Sarahs fixe Idee, dass ihre nächsten Geschwister auch Zwillinge werden sollen, ist noch nicht vom Tisch. Aller hoch- und weniger wissenschaftlichen Argumente zum Trotz. Motte verfolgt da ihre eigene Theorie. Aber sie hat sich wie eine Königin gefühlt, weil sie mit ihrer Schwester den Zwillingswagen durch den Krankenhauspark kutschieren durfte, was auf die spazierenden Patienten ziemlichen Eindruck gemacht hat. Die beiden waren echt zum Knutschen. Ich konnte die Knutschkugeln heute Abend nicht trennen. Ich weiß, oberste Regel, jede in ihrem eigenen Bett, damit gar nicht erst irgendwelche Mätzchen entstehen, aber du hättest die Zwei erleben sollen. Ein Herz und eine Seele. Das Marienkäferchen fühlt sich von seiner großen Schwester beschützt und das ist gerade jetzt wirklich das Beste für sie. Ähm... Naja, jedenfalls meldet der Papa hiermit Vollzug. Das Entertainmentprogramm hat gefruchtet. Sie sind endlich eingeschlafen. Strike! Yeah! Ich bin so gut. Okay, ich sehe deinen skeptischen Blick, es ist noch ausbaufähig, ich weiß, aber gönn mir den kleinen Erfolg. Die vergangene Ferienwoche war schließlich die reinste Katastrophe. Sie sind mir auf der Nase herumgetanzt und ich hab es auch noch mit mir machen lassen. Da kann man noch so viel studiert haben, aber ich habe mich trotzdem wie der letzte Loser gefühlt. Elterndiplom ungenügend. Guck dich bitte nicht um! Ich räume gleich noch auf. Das hab ich nicht mehr geschafft. Unsere Jüngste ist übrigens auch gewickelt und hat ihr Schlummerfläschchen bekommen, aber wenn du noch mal bei ihr vorbeischauen willst, kein Problem. Sie liebt es doch, ob wach oder im Halbschlaf, mit der Mama zu kuscheln und noch ein bisschen zu nuckeln. Vielleicht schaffen wir es ja diesmal zumindest bis nach Mitternacht, bis die Alarmsirene wieder schrillt. Ein bisschen Durchatmen können wir wohl beide gut gebrauchen. Wobei... Was ist? Du sagst ja gar nichts. Alles okay bei dir? Du hast doch was? Das sehe ich dir doch an. Ist was mit dem Professor? Hat der alte Haase die OP gut überstanden? Ich dachte, du meldest dich noch mal.

Maria: ICH mich melden? Ich glaube, es HACKT, Freundchen! Wenn überhaupt, dann anders herum. Dann wird ein Schuh draus.

...fuhr die sichtlich geladene Oberärztin ihren augenfällig völlig arglosen Lebenspartner unvermittelt an, nachdem sie ihn geduldig hatte ausreden lassen, obwohl sie die ganze Zeit über kurz vorm Platzen gewesen war und nur noch ein winziger Funken gefehlt hatte, um ihn geradewegs in den Boden zu stampfen, weil der selbsternannte Superdaddy eine unerträgliche Scheinheiligkeit an den Tag gelegt hatte. Selbst jetzt noch, nachdem sie ihn heftig angefahren hatte, strotzte er nur so vor unerträglicher Ignoranz. Als ob sich dumm oder tot stellen je etwas bei ihr bewirkt hätte. Im Gegenteil! Das brachte sie nur noch mehr auf die Palme. Doch er stand einfach nur da, zwischen all dem herumliegenden Spielzeug, den verstreuten Holzklötzchen, die mal Türmchen gewesen waren, und quietschbunten Kuscheltieren, die jeweils ein Zwillingspärchen bildeten. Irgendwie genauso verloren. Ziemlich bedröppelt sah Cedric die tobende Furie an, deren bildschönes Gesicht eine ungesunde Farbe angenommen hatte, bekam keinen Ton mehr heraus und verstand die Welt nicht mehr. Als hätte es ihm die Sprache verschlagen und das hatte es auch tatsächlich.

Es dauerte einen langen Moment, bis der Groschen dann doch noch bei dem konsternierten Familienvater fiel und auf der Kante tänzelnd zu Boden knallte und das schlechte Gewissen, welches bereits den halben Nachmittag Bestand gehalten hatte, sich gleich noch mit zurückmeldete. Auf diese Weise hatte er ihr nämlich die schlechten Nachrichten nicht übermitteln wollen. Er hatte sich doch einen Plan zurechtgelegt. Ausgefeilt war er nicht unbedingt gewesen, dazu hatte ihm die Zeit und die Idee gefehlt, aber er hatte Maria erst verwöhnen und in Sicherheit wiegen wollen, bevor er sie so schonend wie nur möglich darauf hätte ansprechen wollen. Aber dieser Plan war ein Griff ins Klo gewesen. Er hätte es von Anfang an wissen sollen. Er hätte es ihr nicht verschweigen dürfen, als er vor dem OP das Gespräch mit ihr gesucht hatte. Aber in Anbetracht der Tatsachen, die mit dem Unfall des Professors noch zusätzlich eingetreten waren und alles verkompliziert hatten, hatte er den Schwanz eingezogen. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Dementsprechend ratlos war er jetzt immer noch. Er wusste nicht, wie er seinen Kopf wieder heil aus der Latrine ziehen sollte. Es würde die Situation nicht besser machen. Es war nun mal unwiderlegbar ein Fakt. Der schlimmste Teil seiner Vergangenheit, mal abgesehen vom frühen Unfalltod seiner Eltern, der ihn und seine Schwester in jungen Jahren zu Vollwaisen gemacht hatte, war nach Berlin zurückgekehrt und es sah nicht so aus, als würde er nur für eine kurze Stippvisite in der Hauptstadt verweilen wollen. Die einzige Klarheit nach Sandys provokantem Überraschungsauftritt vorhin im Stationszimmer der Chirurgie, der immer noch in seinen Gedanken nachschwang, so gerne er auch das völlig unerwartete Wiedersehen verdrängt hätte.

Cedric (weiß im ersten Moment nicht, was er sagen soll): Mary, das ähm...
Maria (funkelt ihn bitterböse an): Ja? Kommt da noch was? Außer heißer Luft? Oder hast du dich gerade eben schon verbal verausgabt? Wenn sich jemand hätte melden sollen, dann ja wohl eindeutig du, mein Freund! Oder wann dachtest du, mir davon erzählen zu wollen, hm? Am Sankt-Nimmerleins-Tag? Wird doch bestimmt nicht auffallen, hm? Eine nervige Kollegin mehr im EKH fällt ja sowieso nicht auf. Sicher nicht!
Cedric (lässt sich schwerfällig neben ihr aufs Sofa plumpsen u. ärgert sich über sich selbst am meisten, was sich in stetem Kopfschütteln äußert): Das war so klar, dass der Meier im OP seine Klappe nicht halten würde.
Maria (will eigentlich ruhig bleiben, fährt dann aber doch aus der Haut): Ach, sag bloß, er wusste auch Bescheid? Das ist ja wunderbar. Jeder kleinste Idiot im Krankenhaus ist im Bilde. Wir planen einen kleinen Vortrag, um unseren Dilettantennachwuchs zu bespaßen, und die Rednerinnen überraschen sich dann gegenseitig dabei. Weil doppelt hält besser, was? Daran sind sie ja gewöhnt. Sie haben ja schon immer gerne geteilt. Ihr Wissen und den Mann.

Das war so klar. Diese hinterhältige Schlange! Als ob ausgerechnet sie den Ball flach halten würde. Nach meinem Abgang vorhin bestimmt nicht. Das Miststück hat ihr aufgelauert. Ich hätte es verhindern können, ich Idiot. Stattdessen hab ich Mary blindlings in ihr rostiges Messer laufen lassen.

Cedric (schließt die Augen, um sich zu sortieren, u. weiß genau, egal, was er jetzt sagt, es wird es nicht besser machen): Sie war bei dir? Das hätte ich mir eigentlich gleich denken können.
Maria (verschränkt abweisend die Arme u. köchelt innerlich weiter nach): Wow! Ein Blitzmerker ist an dir verloren gegangen, Cedric.
Cedric (versucht, sich zu erklären, mit eher mäßigem Erfolg, wie man an Marias halbherziger Reaktion ablesen kann): Ich wollte es dir sagen.
Maria (würde ihn am liebsten ignorieren, aber so erschöpft u. mutlos, wie sie sich gerade fühlt, kommt sie von der Sofalehne nicht mehr hoch): Sicher.
Cedric (betont seine Unschuld u. sucht ihr Vertrauen): Nein, ehrlich! Ich wollte dich warnen. Aber was hätte ich denn tun sollen? Ich war doch selber total vor den Kopf gestoßen. Sie zu sehen, das... Scheiße, sie hat mich kalt erwischt. Ich hätte nicht im Leben damit gerechnet, dass sie sich je wieder blicken lassen würde.

Soll ich jetzt Mitleid mit dir haben, oder was? Vergiss es! Du hattest deine Chance, Rick.

Maria (jetzt platzt es aus ihr heraus): Reden! Reden bringt immer was, Cedric. In dem Stadium waren wir doch schon einmal.
Cedric (lässt resigniert die Schultern hängen, die ganze Anspannung lastet schwer auf ihm): Ich weiß. Aber hättest du es wirklich wissen wollen, so kurz bevor du unseren Chef auf dem Tisch hattest? Das hätte alles nur verkompliziert.
Maria (spürt, dass er es ehrlich meint u. seufzt frustriert auf, weil sie eigentlich stinksauer auf ihn sein müsste): Das tut es auch sowieso.
Cedric (lümmelt sich dicht neben sie an die Sofalehne): Das kannst du laut sagen.
Maria (hat nicht die Kraft, ihm auszuweichen, also geht sie schließlich auf ihn zu, weil sie spürt, wie sehr er leidet u. überfordert ist): Was zum Teufel will sie hier? Sie muss doch wissen, dass ihr in Berlin niemand einen roten Teppich ausrollen würde, nachdem sie hier so viel verbrannte Erde hinterlassen hat. Hat Prof. Haase überhaupt eine Ahnung, wen er sich da ins Haus geholt hat?
Cedric (dreht den Kopf langsam zur Seite, um seine große Liebe anzusehen u. fühlt erleichtert, dass sie bei ihm ist): Ich habe keine Ahnung, aber definitiv nichts Gutes.
Maria (macht die gleiche Bewegung, sodass sie sich wieder in die Augen sehen, in denen sie deutliche Verzweifelung u. Ratlosigkeit liest, was ihr eben noch heftig brodelndes Herz schließlich erweicht, obwohl sie sauer sein müsste): Definitiv! So wie sie sich aufgespielt hat, das geht auf keine Kuhhaut. Ich hätte sie am liebsten gegen die Wand geklatscht, aber dann hätte ich dem Hausmeister morgen die giftgrünen Flecken erklären müssen. Das war es mir dann doch nicht wert.
Cedric: Hat sie das?

War doch klar, dass sie es nicht lassen konnte. Sie hat doch auch damals alles darauf angelegt, dass Mary uns erwischen musste. Das war von Anfang an ihr Ziel. Sie verfolgt immer einen Plan, um dann im idealen Moment zuzuschlagen. Deshalb muss ich mein Mädchen schützen. Ich kann sie nicht zu ihr lassen. Es geht nicht. Das würde mich umbringen.

Maria (selbst schwarzer Humor hilft hier nicht weiter): Du kennst sie am besten von uns.
Cedric (schließt die Augen, weil er es nicht wahrhaben will): Sie kann gar nicht anders, als sich aufzuspielen. Provozieren um jeden Preis. Das steckt in ihrer dunklen DNA. Die Gottesanbeterin hat Karriere gemacht und muss es jedem unter die Nase reiben. Haase, Meier und ganz besonders uns. Sie genießt diesen Triumph, es geschafft zu haben.
Maria (versucht, wieder einen klaren Gedanken zu finden, um zu verstehen, was das alles soll): Also ist es ein Spiel? Ein ziemlich perfides, wenn du mich fragst. Ich an ihrer Stelle hätte nicht im EKH angeklopft. So abgebrüht muss man erst mal sein. Ist sie wirklich im Grey-Sloane angestellt? Ihr wart doch dort, Marc und du, während des letzten Chirurgenaustauschs im Frühjahr. Du hättest mir das sagen müssen, wenn ihr euch über den Weg gelaufen seid. Hattest du Schiss, dass ich ausflippen würde? Bin ich jetzt ausgeflippt? Die Frau bewirkt nichts bei mir. Im Gegensatz zu ihr hab ich noch so was wie Achtung vor mir selbst.
Cedric (schüttelt den Kopf u. kann das alles immer noch nicht fassen): Sie ist noch nicht so lange in Seattle, sagt sie. Ich hab vorhin ein bisschen recherchiert. Ihre Angaben sind alle nachprüfbar. Da gibt es nichts zu beanstanden. Wenn man mal von unserem Hintergrund absieht, der nun mal nicht jedem bekannt ist, was auch gut so ist, ist es nur logisch, dass sie sie geschickt haben und Prof. Haase sie mit Kusshand eingeladen hat. Sie hat die Kurse in Harvard tatsächlich bestanden und ist kurz danach nach Seattle gewechselt. Du kennst den guten Ruf des Ausbildungszentrums. Der ist ihr auch nicht unbekannt. Sie sucht sich immer die besten Adressen, um ihre Vita aufzuhübschen. Alles, was sie weiter voranbringen kann auf ihrem Weg nach oben. Das hat sie in Berlin schon so gehandhabt und jetzt in den Staaten. Sie ist dort tatsächlich Chirurgin in der Neuro. Ein Kollege, der Marc und mich damals in Seattle betreut hat, hat mir das bestätigt. Sie scheinen dort ziemlich von ihr angetan zu sein.
Maria (schüttelt fassungslos den Kopf): Was für eine Verschwendung.
Cedric (seufzt frustriert auf): Wem sagst du das? Und noch ne News, sie scheint frisch verheiratet zu sein.
Maria (lacht spöttisch auf): Das war ja klar, dass sie sich schnell wieder einen neuen Idioten suchen würde. Als ob sie je einen Schritt alleine getätigt hätte.
Cedric (verdreht die Augen): Sie hat nichts dazu gesagt, aber sie trägt einen ziemlich teuren Klunker an ihrem Finger. Und sie heißt jetzt Moeller. Nichts mehr mit Meise oder Stier, was ihr wohl zu profan und zu wenig international war als Titel auf ihrem preisgekrönten Doktorschild. Sie hat sich ihren Tutor geangelt und der soll dort auch einen ziemlich hohen Posten übernehmen, sagt der Kollege. Aber so ganz sicher ist das wohl noch nicht. Keine Ahnung. Vielleicht macht sie deshalb hier bei uns die Werbetour?
Maria (reagiert eher zynisch denn beeindruckt): Tzz... es geht doch nichts über Anpassung. Dieses verlogene Stück. Und welche Rolle spielt das EKH dabei? Was verspricht sie sich davon? Noch mehr Ruhm und Ehre? Ausgerechnet von uns, die sie abgezogen hat wie ein Hütchenspieler? Dann hätte sie besser an der Charité klingeln sollen. Die nehmen doch jeden, der sich anbiedert und einschleimt.
Cedric (zuckt mit den Schultern u. fasst sich gleichzeitig an den Magen, in dem es mächtig rumort): Wir sollten trotzdem aufpassen, Maria. Ich hab ein ganz ungutes Gefühl.
Maria (liest in seinen beunruhigten Augen u. stimmt ihm kopfnickend zu): Damit bist du nicht alleine. Ich werde einen Teufel tun und mich zusammen mit ihr auf eine Bühne stellen. Das kann sie sich knicken und wenn wir die ganze Schose absagen müssen. Ich habe eh gerade keinen Nerv dafür. Wir haben andere Probleme als die Weiterbildung unserer Schützlinge, die sowieso nur eher mäßige Quacksalber abgeben würden, wenn du mich fragst.
Cedric (greift wie zufällig nach ihrer Hand, die an der Sofalehne ruht): Wir werden vielleicht keine andere Wahl haben.
Maria (sieht ihn verständnislos an): Wie meinst du das? Erpresst sie dich? Womit? Man hat immer eine Wahl, Rick.
Cedric (blickt ihr eindringlich in die Augen u. sein ganzes Emotionschaos wird offenbar): Nicht unbedingt. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihr wirklich nur um die Vorträge geht oder ob das alles nur vorgeschoben ist. Sie will Sissi sehen und hat sich dabei unmissverständlich ausgedrückt.
Maria (drückt seine Hand u. sieht ihn mitfühlend an): Oh Rick!

Oh Gott, ich blöde Kuh, ich kreise nur um mich selbst und habe überhaupt nicht an die Kleine gedacht. Das ist schrecklich. Was kann denn das Würmchen für seine egoistische Erzeugerin, die sie abgelegt hat wie ein altes Kleidungsstück? Wir müssen das verhindern. Die Geschichte hat ihr damals schon so sehr zugesetzt, dass sie immer noch nicht richtig über dem Damm ist, auch wenn Sarah als Schwester alles gibt. Wir dürfen sie da nicht mit reinziehen.

Cedric (erträgt Marias mitleidigen Blick nicht u. weicht ihm aus): Nicht! Schau mich nicht so an! Ich bin okay. Ich werde mich davon nicht beeindrucken lassen.
Maria (sieht ihn liebevoll von der Seite an u. sucht seine Nähe): Das solltest du auch nicht.
Cedric (lässt sich der Länge nach aufs Sofa sinken u. platziert seinen dröhnenden Schädel auf ihrem Schoß, damit seine Freundin seine Haare kraulen kann): Weißt du, vielleicht hätte ich auch anders reagiert, wenn sie gleich nach ihr gefragt hätte. Wenn sie nur einmal ehrliches Interesse gezeigt hätte, anstatt lediglich im Nachgang ihrer bescheuerten Angeberei oder was auch immer das sollte. Aber nichts. Da kam nichts. Die ganzen Monate nicht. Kein Wort. Kein Brief. Kein Anruf. Keine Erklärung. Kein Nachfragen. Nichts. Sie hat sich entschieden, diesen Weg zu gehen, mit aller Konsequenz. Dann soll sie ihn auch gehen. Sie kann nicht plötzlich Ansprüche stellen, wo keine sind.
Maria (streicht ihm zärtlich über die stoppelige Wange, damit er sich beruhigt): Das werden wir auch nicht zulassen.
Cedric (sieht aufgewühlt hoch u. sucht ihren Blick, der sehr entschlossen wirkt): Wir?
Maria (schaut ihn eindringlich an): Denkst du etwa, ich hätte mir den Stress, ein geplatztes Magengeschwür und das ganze Chaos hier angetan, um beim ersten gravierenden Problem sofort einzuknicken? ‚Sorry, hab mich geirrt. Das ist nichts für mich.’ Ich lass mir doch von dieser dahergelaufenen Karrieretussi nicht in die Petrischale spucken. Geht’s noch? Die soll erst mal an mir vorbeikommen, dann wird sie schon sehen, dass sie bei uns an die falsche Adresse geraten ist. Das gilt für hier und auch für das Elisabethkrankenhaus.
Cedric (grinst schockverliebt zu ihr hoch): Wow! Du fährst ja richtig große Geschütze auf, aber die Verteidigerin der familiären Werte steht dir. Das ist richtig sexy.
Maria (findet das überhaupt nicht witzig u. das zeigt auch ihr eingefrorenes Gesicht): Rick, ich warne dich! Ich kann auch anders.
Cedric (plötzlich wieder bierernst): Ich weiß. Und ich schätze es sehr, dass du so für uns einstehst. Zumal das nicht selbstverständlich ist.
Maria (sieht ihn irritiert an): Jetzt sei nicht albern. Natürlich ist das selbstverständlich. Ich hab mich auf das alles hier eingelassen und das aus reinem Gewissen. Ich wusste genau, auf was ich mich einlasse und sag jetzt nicht, ich hätte zu lange gezögert. Ein bisschen Bedenkzeit stand mir ja wohl zu, bevor Motte und ich unser ganzes Leben für euch umgekrempelt haben.
Cedric (kann seinen Blick nicht von ihr abwenden): Trotzdem sehe ich doch, wie du auf Sissi reagierst.
Maria (guckt ihn ganz verdattert an u. weist den Verdacht weit von sich): Ich reagiere gar nicht.
Cedric (sieht sie intensiv an, was sie ein bisschen nervös macht): Vielleicht nicht bewusst. Du hast sie angenommen, ohne eine große Sache daraus zu machen. Wir haben nie darüber gesprochen. Ich weiß, dass das manchmal noch hochkommt. Ich hab vollstes Verständnis dafür. Das ist dein gutes Recht. Sie wird uns immer daran erinnern, was für eine riesige Scheiße ich damals gebaut habe, aber...
Maria (fällt ihm aufgewühlt ins Wort): Rick, du irrst dich, wenn du denkst, dass ich sie...
Cedric (lässt sie gar nicht erst ausreden): Aber, und das ist der entscheidende Punkt, sie ist das Beste, was aus dieser vermaledeiten Verbindung hervorgegangen ist. Sie kann nichts dafür. Du hast sie als Teil unserer Familie akzeptiert und integriert. Das rechne ich dir hoch an. Auch dass du dir nichts anmerken lässt, wenn sie dich immer wieder Mama nennt. Ihr neues Lieblingswort. Das ist wirklich groß von dir. Sissi kennt das nicht anders. Natürlich sucht sie deine Nähe. Sie mag dich sehr. Sie guckt sich das von Sarah ab. Sie lebt es ihr vor. Und du hast selber gemerkt, wie positiv sie sich entwickelt hat, seitdem sie mit ihrer Schwester unzertrennlich ist. Ich liebe unsere Familie. Ich bin unendlich froh darüber, dass wir das hingekriegt haben. Ich kann deshalb nicht zulassen, dass Sandy...

Das werden wir auch nicht, du sentimentaler Idiot. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Ich hab’s geahnt. Vom ersten Moment an. Dieser Mann bedeutet eine Menge Ärger.

Maria (jetzt unterbricht sie ihn u. hält ihren Zeigefinger gegen seine rauen Lippen): Ssshhh! Dieser Name wird niemals diese Mauern erobern. Ist das klar? Und jetzt krieg dich endlich wieder ein, Cedric Stier! Wenn du jetzt noch anfängst zu heulen, ist das nicht so sexy, wie du vielleicht denkst.
Cedric (verdreht die Augen u. schüttelt dann schmunzelnd den Kopf, als die Anspannung langsam abfällt): Da will man dir einmal ein Kompliment machen, eins, das wirklich Bedeutung hat, und will dir sagen, wie sehr...
Maria (schiebt ihn von sich weg u. steht entschlossen auf, noch bevor er zu Ende sprechen kann): Ja, ja, ist gut jetzt! Du bist eindeutig viel zu emotional im Moment, um rational auch nur irgendetwas beurteilen zu können. Wir lassen uns von dem ganzen Mist nicht unterkriegen. Ist angekommen. Aber vom nur Drumherumquatschen wird nichts. Schließt du bitte draußen ab und stellst die Alarmanlage an! Und leg endlich diesen blöden Stasiapparat beiseite! Wir waren uns doch einig, dass wir unsere Kinder nicht überwachen wollen. Sie sind zwar klein und vorlaut, aber doch schon eigenständige Persönlichkeiten. Jede hat ihr Recht auf Privatsphäre.
Cedric (schaltet nach einem kurzen vergewissernden Blick darauf den Monitor aus, auf dem er entdecken konnte, wie Sarah im Schlaf ihre kleine Schwester fest im Arm hält, u. legt das Babyphone zufrieden auf den Tisch, dann steht er auf u. geht Maria hinterher): Weißt du, Mary, du bist wirklich eine bemerkenswerte Frau. Einzigartig, klug, selbstbewusst, verdammt heiß, aber wenn’s um Romantik geht, da läufst du gleich davon.
Maria (bleibt vor der Kinderzimmertür mit den sechs Schmetterlingsbuchstaben stehen u. räkelt sich sexy am Türrahmen, nachdem sie sich noch einmal nach Cedric umgedreht hat, der sie mit feurig funkelnden Augen fixiert): Das würde mir zu denken geben, mich in Zukunft vielleicht ein bisschen mehr ins Zeug zu legen. So wie du’s immer mit den Kindern machst. Nie unter hundert Prozent. So, jetzt aber genug geflirtet. Ich schau kurz nach Sophie und gehe dann duschen. Ich muss mir endlich den ganzen Dreck und den Tod von der Haut schrubben.
Cedric (kann es nicht lassen, sie herauszufordern): Kann ich mit?
Maria (zwinkert ihm verheißungsvoll zu u. verschwindet dann mit einem breiten Lächeln in Sophies Zimmer): Plump, aber netter Versuch. Vielleicht?

Mein Gott, wie sehr ich diese Frau doch liebe.

Cedric (grient in sich hinein, während er von der Tür aus beobachtet, wie Maria ihr kleines Baby an sich drückt u. leise mit ihm spricht, bis ihn plötzlich der Schreck in die Glieder fährt): Ich will mir ja nicht nachsagen lassen, dass ich mich nicht ins Zeug legen würde. Moment! Hast du gerade „Tod“ gesagt? Damit meinst du jetzt aber nicht den Professor?
Maria (legt seelenruhig ihr schlafendes Kind zurück in sein Bettchen u. deckt es liebevoll zu, während sie den vergangenen Tag nicht mehr zu nah an sich herankommen lässt): Nein, natürlich nicht. Ich meine den Jungen, der heute... Nein, lass uns bitte nicht die Arbeit hierher holen! Das gehört hier definitiv nicht hin. Weder die Sache mit „Du weißt schon wem“ und wie wir damit umgehen werden, noch die abgebrochene OP vom Chef. Ich hab mir darüber schon genug den Kopf zerbrochen. Morgen ist auch noch ein Tag.
Cedric (nickt ihr zu u. horcht erneut auf): Ihr habt die OP abgebrochen? Waren seine Verletzungen so gravierend? Braucht ihr Hilfe? Ich erinnere mich da an einen Fall, den mir ein Kollege in den Staaten erzählt hat. Einer der Chirurgen, der jetzt aber nicht mehr dort arbeitet, hatte sich auch schwer an der Hand verletzt, sein Karriereende schien unausweichlich, bis man ihn in einem komplizierten Eingriff wieder...
Maria (stellt sich dem grübelnden Chirurgen entschieden in den Weg): Rick!
Cedric (etwas überrumpelt, weil seine Freundin plötzlich wieder dicht vor ihm steht u. ihn zur gegenüberliegenden Badezimmertür drängt): Mhm?
Maria (raunt ihm verheißungsvoll ins Ohr): Wie war das noch mal mit, der Job hat zuhause nichts zu suchen? Ich nehme aber gern auch Anregungen anderer Art an.
Cedric: Soso? Na, dann! Ich drehe schon mal das heiße Wasser an. Wobei, könnte auch sein, dass ich eine Abkühlung gebrauchen werde. An dir verbrennt man sich definitiv die Finger, was für einen Chirurgen sehr gefährlich sein kann.

...griente Cedric die sexy Verführerin, die ihre Arme um seine Schultern gelegt hatte, viel versprechend an und schob mit dem Rücken die Badezimmertür auf, während sich Marias Lippen fordernd auf seine legten. Ein bisschen Zerstreuung in dem ganzen emotionalen Chaos konnte schließlich nicht schaden. Denken konnte man auch später noch. Und so fiel die Tür schließlich mit einem leisen Klacken ins Schloss.

Lorelei Offline

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12.12.2019 13:20
#1657 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Andernorts in Berlin stand dagegen etwa zur selben Zeit eine Tür sperrangelweit offen. Die Tür zu einem luxuriösen Dachgeschossappartement in Mitte um genau zu sein. Ein sehr geschaffter, aber doch bemühter frisch gebackener Familienvater hatte dort nämlich nach einer harten Schicht im Krankenhaus gerade alle Chirurgenhände voll zu tun. Er war gerade dabei, von seinem alten Herrn die beiden Maxi-Cosis mit seinen wild strampelnden Babys zu übernehmen, inklusive diverser mit unzähligen Babyutensilien voll gepackten Täschchen, die Opa Olli noch zusätzlich unter den Armen klemmen hatte wie ein waschechter Packesel, als die bildhübsche Frau an ihrer Seite plötzlich endgültig schlapp machte. Doch Dr. Meier reagierte geistesgegenwärtig. Er bekam seine Liebste gerade noch so unter den Achseln zu greifen, als die Erdanziehungskräfte ihren Tribut zollten und die herzzerreißend vor sich hin gähnende Vollblutmama den Türrahmen hinabzurutschen drohte, was an Eleganz und Grazie, die Gretchen Haase für gewöhnlich von Natur aus zu eigen war, leider zu wünschen übrig ließ. Was nebenbei bemerkt auch auf Marcs vorsichtigen Versuch zutraf, die auf halb acht in seinen Armen hängende Blondine unbeschadet in die gemeinsame Wohnung bugsiert zu bekommen. Aber sie hatten ja auch nicht vorgehabt, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Der Preis an das Traumpärchen des Tages ging heute offenbar an jemand anderen in Berlin. Jemanden, der das blitzgescheite Köpfchen seiner zauberhaften Freundin nicht durch temporär bedingte Unachtsamkeit gegen den Türrahmen seiner eigenen Haustür stupsen lassen würde.

Olivier (sieht das drohende Unglück, noch bevor die anderen beiden es sehen): Vorsicht!
Gretchen (fasst sich an den dröhnenden Schädel, der unelegant gefährlich hin u. her schwingt): Huch! Aua!
Marc (versteckt sein reumütiges Gesicht in Gretchens Lockenmeer, das ihm die Sicht versperrt): Zu spät. Tschuldigung!
Gretchen (da ihr zunehmend schwindelig wird, klammert sie sich umso fester an ihren persönlichen Rettungsanker, der sich so gut unter ihren Fingern anfühlt): Alles gut. Ich bin gar nicht so müde.
Marc (lacht u. greift erneut beherzt zu, um seine Prinzessin sicher in ihr Märchenreich zu transportieren): Unverkennbar!

Gretchen hatte nämlich schon auf dem Weg nach Hause kaum noch die Augen offen halten können und sich an ihren beiden Kindern ein Beispiel genommen, die nichts mehr mochten, als während der Fahrt durch die abendlich beleuchtete Hauptstadt im schaukelnden BMW ihres Papas ins kunterbunte Traumland abzudriften. Der heutige Abend schien jedoch eine Ausnahme der Regel zu bilden, denn im Gegensatz zu ihrer übermüdeten Mama hatten die Meier-Haasschen Zwillinge absolut kein Interesse an einem Date mit dem schwer bepackten Sandmännchen gezeigt, das in der Berliner Innenstadt gerade eifrig sein Schlafsäckchen ausgeleert und dabei die komplette Ladung anscheinend direkt über dem Lockenköpfchen von Haasenzahn Haase ausgekippt hatte, was diese im Gegensatz zu ihrer munteren Rasselbande dankbar angenommen hatte. Die großen dunklen Augen ihrer Großmutter, die die Zwillingsbabys auf der Rückbank der flotten neuen Familienkutsche hypnotisch taxiert hatten, schienen irgendwie interessanter gewesen zu sein, ebenso wie die filigranen Starautorinnenfinger, die sich während der Fahrt nach Hause nicht hatten zurückhalten können, sie ständig zu krabbeln und zu knuddeln. Wer hätte gedacht, dass Elke Fisher derart verschmust sein konnte? Ihr Sohn sicherlich nicht. Der ärgerte sich nämlich immer noch darüber.

Denn Marlene und Marlon Meier waren seitdem aufgekratzter denn je, was nicht besonders hilfreich war, wenn man gerade ihre völlig erschöpfte Mama, die jeden Moment einzuschlafen drohte, zur Sofalandschaft rüber zu schleppen versuchte, was gar nicht so einfach war. Und Deutschlands größter Sprücheklopfer vor dem Herrn würde einen Teufel tun und das auf Haasenzahns nicht der Rede werten Schwangerschaftsüberbleibselpölsterchen schieben. So taktlos war er dann doch nicht. Nicht an diesem Tag, der seine große Liebe sichtlich mitgenommen hatte, was bei ihm wiederum furchtbares Bauchgrummeln verursacht hatte. Trotzdem schien die zarte Blondine mit jedem Meter schwerer zu werden, den er mit ihr zusammen ungelenk im Halbdunkeln durch das geräumige Wohnzimmer tapste. Und es war auch nicht gerade besonders förderlich, dass er dabei intensiv beobachtet wurde. Nicht nur von vier neugierigen Babyaugen, die von ihrer Pole Position im Babysitz aus Bauklötzchen staunten, was ihre Eltern gerade Lustiges miteinander veranstalteten. Marc musste sich gar nicht umdrehen, er spürte die vergnügten Grinseblicke seines Vaters, der seine Enkelchen fest im Griff hatte, auch so im Nacken und das brachte den Vierunddreißigjährigen erst so richtig auf die Palme. Schadenfreude, die man an ihm abarbeitete und nicht wie gewohnt er an anderen, war ein Gift, das ihm äußerst bitter schmeckte.

Marc (zischt brummend durch seine zusammengepressten Lippen, ohne Olivier eines Ameisenblickes zu würdigen): Ein Ton und du wirst den Fahrstuhl nach unten nicht mehr brauchen, Dad. Ich glaube, du erinnerst dich noch, wie sich das anfühlt, oder? Mama hat damals ganze Arbeit geleistet, als du unfreiwillig auf nicht gerade sanfte Weise jede Treppenstufe nach unten einzeln knutschen musstest.
Olivier (schmunzelt in sich hinein, spürt aber plötzlich imaginär jeden einzelnen Muskel, der damals bei seinem Treppensturz in Mitleidenschaft gezogen worden ist, u. findet das nun doch nicht mehr witzig): Hab ich was gesagt?
Marc (ärgert sich, weil er in seinem Dad seinen Meister gefunden hat, einen, der eine noch viel größere Klappe hat als er selbst): Jetzt schon.

Gretchen: Mwaaarc, ich kann heute Nacht nicht alleine schlafen. Kommsu? Büüütte!

Irritiert blickte Marc auf seine nuschelnde Freundin herab, die er gerade so vorsichtig wie nur möglich auf dem ausladenden Sofa abgesetzt hatte, wobei er sich beinahe einen Bandscheibenvorfall zugezogen hätte, den er nur hatte abwenden können, weil er von seinem vorlauten Vater abgelenkt gewesen war. Trotzdem tat ihm jeder einzelne Knochen weh, als er mühsam vor Gretchen in die Hocke ging, um ihr besser zuhören zu können. Er hatte nämlich keinen blassen Schimmer, was die süße Schlafmütze gerade gemeint hatte. Sein persönliches Dornröschen war jedoch sofort zur Seite weggekippt, als sie das weiche Sofaleder unter sich gespürt hatte. Sie hatte sich eins der bestickten Zierkissen unter den verwuschelten Lockenkopf geschoben und schien schon fast auf einem anderen Planeten angekommen zu sein. Die Einunddreißigjährige war zu erschöpft, um ihre Augen noch einmal aufzubekommen. Und so bemerkte sie auch nicht die verwirrten Blicke ihres Liebsten, die er mit seinem wie ein Honigkuchenpferd grinsenden Vater austauschte, nachdem er ihre Beine hochgelegt und sie liebevoll mit der rosa-rot karierten Decke zugedeckt hatte, welche griffbereit über der Sessellehne gelegen hatte.

Marc: Seit wann pennst du denn alleine? Wir schlafen doch ohne Ausnahme immer zusammen. Das geht gar nicht anders. Du sagst doch immer, du könntest überhaupt nicht einschlafen, wenn ich nicht...
Olivier (tritt mit den beiden Maxi-Cosis ein paar Schritte näher u. kann sich einen frechen Kommentar nicht verkneifen, so gerührt ist er von den beiden Schwerverliebten): Interessante Dinge erfährt man hier.
Marc (sein Kopf schießt sofort ertappt herum u. er erhebt sich mit erhobenen Zeigefinger langsam von seinem Platz): Ey! War noch was? Opapflicht erfüllt, würde ich sagen, alter Mann. Tür zu! Von außen! Aber zz! Ziemlich zügig!
Olivier (stellt die Maxi-Cosis vorsichtig ab u. beugt sich noch einmal verschwörerisch grinsend zu seinen beiden Enkeln herunter): Immer wieder charmant euer Vater. Und so dankbar. Der perfekte Rausschmeißer. Von wem er das wohl hat? Mhm... Tschüss, meine Süßen! Mein Gott, ihr seid zum Auffressen niedlich, wenn ihr mich so anschaut. Genauso wissbegierig und aufgeweckt wie euer Papa, als er so alt war wie ihr. Passt mir gut auf ihn und eure Mama auf, ja! Und du, mein lieber Sohn, falls noch was sein sollte, Elke und ich sind für euch da. Zu jeder Zeit. Egal, wie spät es ist. Du kannst immer zu uns runter kommen.
Marc (verdreht die Augen, weil er es leid ist, dass seine Eltern ihm ständig auf die Pelle rücken, u. massiert sich die schmerzenden Muskeln, um sich von der anstrengenden Fürsorge abzulenken): Ja, ja, so langsam wird es unheimlich, wie sehr sich Mama bemüht. Wird Zeit, dass die Muse sie wieder küsst, damit sie abgelenkt ist. Sie ist echt unerträglich anstrengend, wenn sie so ist.

War es eigentlich einfacher, als sie noch nicht so ekelhaft harmonisch aneinander geklebt haben wie ein penetrantes blutsaugendes Mückenpaar, das über einer dreckigen Pfütze am Waldrand kreist? Ich kann mich nicht erinnern. Aber das hier ist definitiv echt drüber. Wird Zeit, dass wir sie wieder in ihre Villa in den Grunewald verbannen. Hätte ich doch bloß nicht Dad meine alte Wohnung überlassen. Ich hätte sie teuer weitervermieten können. Mein Fehler. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben, dass Mutter sich da auch noch mit einnistet und sich offenbar pudelwohl fühlt, obwohl sie es früher immer gehasst hat, in meiner minimalistischen Butze auch nur fünf Minuten zu verbringen, waren irgendwie nicht absehbar.

Olivier (grient ihn ansteckend an): Du weißt, Elke meint es nur gut. Ich glaube ja, sie denkt, sie müsse ein paar Dinge nachholen, die sie bei dir versäumt zu haben glaubt. Aber das ist Unsinn. Euer Verhältnis ist schließlich seit jeher sehr... naja... speziell. Aber das mit dem Küssen übernehme ich natürlich gerne.
Marc (verzieht angeekelt sein Gesicht): Boah Dad, echt ey, mir ist schon schlecht. Ich hab schon Magendrücken. Da muss ich mir jetzt nicht auch noch vorstellen, wie ihr den Abend ausklingen lasst.
Olivier (lacht u. klopft ihm aufmunternd auf die Schulter): Hey, wir kriegen das mit Franz schon wieder hin. Er ist ein zäher Kerl. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Mach dir nicht zu sehr einen Kopf. Das tut er auch nicht. Du hast ihn doch eben gehört. Es gibt immer einen Weg. Deine Aufgabe sind jetzt diese drei Hübschen hier. Ich kümmere mich um den Rest. Die Vorlesungen von Franz kriege ich schon noch irgendwie in meinem Terminkalender unter. Ich habe mich bereits mit der Fakultät in Verbindung gesetzt. Als Chef genießt man den entscheidenden Vorteil, dass man nicht ständig vor Ort sein muss. Die Notaufnahme der Charité läuft auch ohne mich reibungslos weiter. Von dem her lass das mal den Papa machen! Ich werde nachher auch noch mal ein bisschen recherchieren. Ich glaube, ich erinnere mich da an einen Fall vor ein paar Jahren. Ein Kollege aus der Kardio. Tremor nach einer komplizierten Handverletzung. Genauso verzwickt, aber die amerikanischen Kollegen haben das wieder hervorragend hingekriegt. Ich war selber nicht live dabei im OP, damals war ich nach einem Erdbeben auf einem Hilfseinsatz in Südamerika, aber der Kollege von damals ist mittlerweile zu einem der besten Herz-Thorax-Chirurgen der Welt aufgestiegen, seine Hände sind gold wert. Genauso wie die von Franz, die bald wieder Marlene und Marlon hochstemmen werden. Das ist keine Hypothese, das ist Fakt.

Dein Wort in Gottes Gehörgang, Dad, also genauer gesagt in meinen. Wenn es doch wirklich immer so einfach wäre. Aber dann könnte auch jeder Vollhorst Chirurg sein, sogar Gretchens kleiner Bruder, und ich weiß nicht, ob das von Vorteil wäre.

Marc (der Motivationsschub seines Vaters tut ihm gut u. er will eigentlich darauf noch etwas erwidern, ist aber zu müde, um konzentriert zu denken): Das ist nicht... Danke!
Olivier (lächelt zuversichtlich u. drückt seinen Sohn zum Abschied noch einmal kurz innig an sich): Schon gut. Wie gesagt, wir sind unten auf Abruf. Deine Mutter hört nie vor drei mit dem Schreiben auf. Erst recht nicht nach dem verhunzten Termin heute im Verlag. Sie ist so geladen, sie wird die ganze Nacht durchschreiben.
Marc (kann sich ein kleines Lächeln nun auch nicht länger verkneifen): Was das Küssen schwieriger macht, hm? Gott sei dank. Bilder gelöscht. Nacht, Dad!
Olivier (schüttelt angesichts der Frechheiten seines Sohnes den Kopf u. blickt gutmütig zu Gretchen, bei der er einen kurzen Moment verharrt, u. dann wieder zu Marc): Lass sie schlafen! Sie braucht das.
Marc: Ich weiß.

Marc nickte seinem verständnisvollen Vater zum Abschied leicht zu. Sie brauchten nicht viele Worte, um sich zu verständigen. Olivier erwiderte die Geste mit einem aufmunternden Lächeln, das ansteckend wirkte. Er ließ die beiden Maxi-Cosis, die er zwischen Couch und Sessel abgestellt hatte, noch einmal leicht schaukeln, zwinkerte den beiden darin munter vor sich hin glucksenden Babys fröhlich zu und drehte sich dann um und verließ das Appartement seines Sohnes. Dieser guckte ihm nur unwirsch hinterher, bis er bemerkte, dass er noch immer seine Straßenklamotten anhatte. Er entledigte sich seiner abgelatschten Chucks und seiner schwarzen Lederjacke, die er achtlos über die Armlehne des Sessels schmiss, und hockte sich dann vor seine beiden Kinder, um sie auch aus ihren Winteranzügen zu befreien, was gar nicht so einfach war, weil sie quirlig mit ihren Ärmchen und Beinchen strampelten. Sie zu bändigen, war ein belebendes Gefühl für den stolzen Familienvater, das zu einem Dauergrinsen führte, welches ihm merklich gut tat.

Marc: Hey ihr Zwei, mal ganz ruhig mit den jungen Pferden! Was seid ihr denn so aktiv jetzt? Freunde, das ist echt kontraproduktiv. Eigentlich ist es höchste Zeit für die Koje, ihr Spaßvögel.
Gretchen (nuschelt verschlafen in ihr Sofakissen): Nicht Bettchen! Bei mir bleiben! Alle. Gemeinsam. Schlafen. Nur ein bisschen dösen. Mhm...
Marc (schmunzelt, weil die schlafende Prinzessin unheimlich süß aussieht, wenn sie im Schlaf zusammenhangslos spricht): Okay? Was will die Mama uns mit ihrem Gemurmel sagen? Antwort A: Kommt, lasst uns die Nacht zusammen verbringen. Klingt sehr verführerisch, wenn auch nicht ganz jugendfrei. B: Ich bin die Meisterin im Multitasking, ich kann schlafen und schmeiße gleichzeitig den Haushalt und wickle die Kinder, während ich eine Patientendiagnose durchdiskutiere. C: Schlafen wird eh überbewertet, das können wir auch noch, wenn wir die Radieschen von unten betrachten.
Gretchen (protestiert im Halbschlaf u. streckt ihre Hand nach dem Spaßvogel aus, die aber ins Leere greift): Maaarc!
Marc (sein breites Grinsen wird immer größer, je ungeschickter sich sein Dornröschen anstellt): Du schläfst ja gar nicht. Du tust nur so! Genau die gleiche Masche wie ihr beiden Frechdachse. Daher kommt das also. Aber ist ja auch nur logisch, so kommt man auf jeden Fall leichter die sieben Etagen hoch, hm. Auf Papas Kosten. Na vielen Dank auch. Die nächste Massage, die zahlst du. Oder übernimmst du sie auch gleich selber, Haasenzahn? Mhm... sehr verlockend! Das loggen wir gleich mal ein, bevor es den Nachwirkungen der Schwangerschaftsdemenz zum Opfer fällt.
Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute, als sie sich schließlich zu dem Quatschkopf umdreht): Witzig. Nein, ich bin wirklich völlig ko, Marc.
Marc (nickt verständnisvoll in ihre Richtung, während er seine kleine Rasselbande bändigt): Okay, war ein beschissener Tag. Einmal lasse ich dir das noch durchgehen. So, und ihr beiden, keine Diskussion, es geht ab ins Bett. Sonst schaffen wir ja nie das richtige Timing, das jeden von uns zufrieden stellt und wir waren schon einmal ganz nah dran. Also, beinahe. Einmal in... sechs Wochen. Die Quote ist... ähm... ausbaufähig. Aber darin sind wir ja alle Meister, ne.

Mit stolzer Miene blickte Marc auf seine beiden Kinder herab, nahm Marlene auf den Arm, die ihn mit ihrem süßen Engelsgesicht unentwegt anschaute, und schnappte sich mit der anderen Hand den Griff von Marlons Maxi-Cosi, um mit den beiden nach nebenan ins Kinderzimmer zu gehen, wo er die Zwillingsbabys bettfertig machen wollte. Aber er hatte nicht mit der Hartnäckigkeit ihrer Mutter gerechnet, die mit einem Mal wieder recht munter erschien und sich mühsam unter ihrer Kuscheldecke hervorkämpfte, in die sie sich total verheddert hatte.

Gretchen: Warte, Schatz! Marc, können wir nicht...? Ich meine... Ich will... Ich kann heute wirklich nicht alleine schlafen. Es geht nicht. Ich brauch euch um mich. Ich will euch bei mir haben.
Ach Haasenzahn, denkst du etwa, ich wüsste das nicht?
Marc (dreht sich schmunzelnd zu ihr um): Pyjamaparty auf der Couch?
Gretchen (klappt dann doch müde ein Auge nach dem anderen wieder auf u. setzt ihr süßestes Überzeugungslächeln auf, dem Marc natürlich keine Sekunde widerstehen kann): Ja, bütte, Marc! Wie in den vergangenen Wochen. Unser kleiner Kokon der Gemütlichkeit. Nur wir vier.
Marc (strahlt in ihre Richtung u. kommt mit den beiden Kindern wieder auf sie zu): Antwort A also. Guter Plan. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob sie nicht doch noch mal zuschlagen möchten. Ihre Signale sind heute irgendwie nicht so recht deutbar. Störsender Oma Elke hat sie hibbelig gemacht. Du hast sie zwar vorhin, bevor wir im EKH los sind, schon gestillt. In der Hoffnung, sie würden dann rasch im Auto einpennen, aber Pustekuchen. Irgendwie haben die Zwerge heute Abend andere Pläne. Wie sieht’s bei dir aus? Hast du denn Hunger? Ich könnte uns was machen.
Gretchen (nimmt ihm glücklich Marlene ab und kuschelt mit der süßen Maus, zu der sich auch Marlon gleich noch gesellt, nachdem Marc ihn abgeschnallt u. zu ihr aufs Sofa gelegt hat): Nicht wirklich. Ich hab keinen Appetit. Aber danke, Marc!
Marc (diese Antwort gefällt ihm ganz u. gar nicht u. er schreitet entgegen seiner Art direkt zur Tat): Nix da, ein echter Haase hat immer Appetit. Ich kenn die Raupe Nimmersatt gar nicht anders. Ich schau mal, was der Kühlschrank so zu bieten hat. Wäre doch gelacht, wenn wir die Mama nicht zufrieden stellen könnten. Ne, Marlon, Leni? Genau! Abgemacht!

Marc griente seine Freundin übermütig an, die daraufhin eine hinreißende Schmollschnute zog, bevor sie es sich neben den beiden Säuglingen auf der riesigen weißen Couch wieder gemütlich machte, und schlurfte dann lässig nach nebenan in die offene Küche. Der Blick in den Kühlschrank versprach zwar nicht unbedingt ein Drei-Gänge-Sterne-Menü, dazu hätte man vielleicht mal einkaufen gehen müssen, aber Not machte erfinderisch. Und der Hunger trieb bekanntlich alles rein, egal welche Konsistenz es hatte. Und der passionierte Nichtchefküchenmeister hatte auch tatsächlich schon etwas ins Auge gefasst. Der penetrante Geruch, welcher von der gesamten Kühlzelle Besitz genommen hatte, war schließlich nicht zu ignorieren. Marc rümpfte die Nase, als er über die Kücheninsel hinweg wieder zu seiner Liebsten schaute, die jedoch gar nicht Notiz von ihm nahm, weil sie vollkommen von den Zwillingen eingenommen war. Ein Anblick, der auch den taffen Chirurgen wahnsinnig glücklich machte, sodass er fast schon wieder vergaß, was er eigentlich in der Küche gewollt hatte.

Marc: Hm... Okay, äh... Wir könnten natürlich auch beim Italiener um die Ecke bestellen oder aber... Was ist das denn da in dem hässlichen großen Topf? Wie ist der denn hier rein gekommen? War deine Mutter heute noch mal da? Ich dachte, sie wäre den ganzen Tag mit ihrem anderen Kind beschäftigt gewesen? Bäh! Was ist das? Das Zeug stinkt ja widerlich. Das hat sämtliche Lebensmittel aus dem Kühlschrank vertrieben. Ey, kein Wunder, dass Jo geflüchtet ist und mit seinem Anhang Asyl im EKH gesucht hat. Aber jetzt, wo er das gesamte Krankenhaus mit seinem Bazillenzirkus verseucht hat, wäre es vielleicht angebracht, vorbeugend einzugreifen. Findest du nicht? Ich will nicht, aber die Wirkung hat sich rumgesprochen. Wenn sie was kann, dann das. Und wenn deine Mutter schon nicht als Krankenschwester taugt, dann... Also Hühnersuppe à la Mamma, einverstanden? ... Haasenzahn?

Marc hatte den riesigen blümchenbedruckten Kochtopf, der offensichtlich schon ein paar Jahrzehnte hinter sich hatte, bereits auf den Herd gewuchtet und guckte nun etwas verwirrt auf die verschiedenen Punkte des Touchdisplays, von denen er ganz sicher wusste, dass einer der Richtige sein würde. Nur welcher? Hm...? Gott, wie peinlich war das denn bitteschön? Sie wohnten jetzt schon wie lange hier in dem Penthouse? Fast ein Jahr. Und er hatte das hochmoderne Teil, auf das er unbedingt bestanden hatte, obwohl die Anschaffung ein ganzes Monatsgehalt verschlungen hatte, noch nicht ein einziges Mal angerührt. Aber Marc würde sich die Blöße nicht geben, konnte er auch nicht, denn er hatte sich ablenken lassen, weil seine Herzprinzessin nicht auf seinen Vorschlag reagiert hatte, was, wenn es um Essensangelegenheiten aller Art ging, eher ungewöhnlich für die süße Raupe Nimmersatt war.

Und als er sich umdrehte, wusste er auch wieso. Mademoiselle hatte sich erneut still und klammheimlich auf Siebenmeilenstiefeln ins Schlummerland davongestohlen und das, welch ein Skandal, ohne sich gebührend mit einem anständigen Gute-Nacht-Küsschen von ihm zu verabschieden, das er sich, mit der potentiellen Möglichkeit auf eine Ausweitung auf eine ausgedehnte nicht jugendfreie Knutscherei, eigentlich nach diesem beschissenen Tag redlich verdient hätte. Marc konnte gar nicht anders und ließ seine Grübchen vergnügt tanzen. Das war wieder so typisch Haasenzahn. Sie ließ ihn einfach hängen. Aber man konnte der kessen Blondine dafür nicht lange böse sein. Wie auch? Sie war hinreißend, wenn sie schlief. Süß und unschuldig. Zum Niederknien. Vor allem wenn Haasenzahn mitten im Tiefschlaf plötzlich unbewusst anfing zu quatschen und die irrsten Sachen zu erzählen. Dabei hatte er schon viele interessante Dinge erfahren, die sie sich von Angesicht zu Angesicht sicherlich nicht getraut hätte zu sagen. Auf diese Weise hatte er auch erfahren, wie lange sie schon unsterblich in ihn verknallt gewesen war und wie sehr sie wirklich auf ihn abfuhr. Das Hochgefühl wegen seines hochbrisanten Geheimwissens würde Marc bis an sein Lebensende in sich tragen. Es würde jede dunkle Wolke sofort wieder vertreiben.

Der verknallte Chirurg seufzte schmachtend auf. Er ließ den unbenutzten Herd unversehrt und tapste auf flinken nackten Sohlen zurück zum Sofa, das von Gretchen Haase komplett in Beschlag genommen worden war. Er hockte sich vor sie hin und betrachtete die schlafende Schönheit eine ganze Weile, die nichts mehr um sich herum mitbekam. Auch nicht, wie ihre Kinder, die sie beschützend zwischen sich und die Sofalehne gebettet hatte, immer wieder ungeschickt nach ihr tasteten. Bevor sie ihr Gesicht erreicht und sie damit sicherlich geweckt hätten, setzte Marc dem bunten Treiben jedoch ein abruptes Ende. Er schnappte sich seine Rasselbande und setzte sich mit den beiden auf den flauschigen Teppich vor die Couch. Liebevoll drückte er Marlene und Marlon an sich, spielte mit ihren kleinen Fingerchen und begann, ohne es wirklich zu bemerken, zu flüstern und hörte nicht mehr damit auf...

Marc: Tja, so ist sie, eure Mama. Impulsiv und unberechenbar. Sie kann quatschen wie eine Weltmeisterin, ohne Punkt und Komma und meistens auch ohne Sinn, doch wenn sie dann damit aufhört, fehlt’s einem komischerweise gleich wieder. Sie war den ganzen Nachmittag schon eher einsilbig unterwegs, was echt untypisch für sie ist und wohl an der Sorge um euren Opa gelegen hat, aber keine Bange. Wir kriegen das schon wieder hin. Er nimmt die Sache schließlich lockerer als wir alle zusammen. So ist er eben. Zäh wie ein altes Stück Leder. Und Hassi... Wir... Äh... Ich... bin schließlich der Beste. Eure Mama hat sich das jetzt verdient. Sie muss endlich zur Ruhe kommen. Sie war den ganzen Tag dermaßen unter Strom, dass man die halbe Innenstadt, die heute durch den Stromausfall lahm gelegt worden war, wieder hätte beleuchten können. Gönnen wir ihr ihren Schlaf. Seid ihr dabei? Aber logo! Das sind meine Kinder! Hey! Wie sich das anhört? Geil, oder? Also machen wir einen Deal. Ihr haltet euch zurück. Kein Alarm, nur weil es unten rum vielleicht ein bisschen nass geworden sein könnte. Ich lege gleich mal eine Inspektion zwischendurch ein, um das zu checken. Joah, sieht doch gut aus. Zwei Haken drunter. Wir verstehen uns. Und getrunken habt ihr auch. Also alles roger in Kambodscha. Okay, ja, der war schlecht, aber so richtig, aber es hat mich ja keiner gehört. Vor allem Mutter nicht. Ich glaube, das hätte ihr zu denken gegeben. Ihr wisst schon, der Apfel fällt nicht weit vom Baum oder so. Von dem her ist jeder rundum zufrieden. So gefällt das dem Papa. Lonny, irgendwelche Einwände, mein Junge? Du guckst so komisch. Nicht dass du... Oah nee! Nee, nee, nee! Bitte! Mein Guter, wir hatten doch eine Abmachung. Kein Geflenne, damit die Mama ausnahmsweise einmal durchpennen kann. Halte dich doch bitte an deine kleine Schwester! Sie zieht das total cool durch. Wie eine Große. Was machen wir denn jetzt? Nee, Leni, bitte, nicht du auch noch! Du musst doch nicht auf Kommando, nur weil Marlon schon... Jetzt guck doch nicht so verkniffen, meine Süße! Hey, hey, hey! Die Mama hat dich auch lieb, wenn sie nicht gerade aktiv ähm... involviert ist. Wir... wir schaukeln das schon alleine. Genau! Schaukeln! Eure Wiegen. Die Idee. Hopp! Nichts, wie hin da! Die Sirenen gehen erst an, wenn die Tür zu ist, ja? ... Gott sei dank! Wer behauptet, mit Kindern hat man es schwer, der hat doch keine Ahnung. Wir wuppen das mit Leichtigkeit. Oder... auch... nicht! Hey! Hey! Sssshhh! Alles gut! Ich bin doch da. Ich geh nicht weg.

Kaum hatte der stolze Daddy es gesagt und die Zwillinge in ihr Kinderzimmer verfrachtet, da ging der beliebte Meier-Haassche Singsang auch schon in kraftvoller Tonqualität mehrstimmig, aber nicht wirklich melodisch so richtig los. Und Marc gab alles, um dem etwas entgegenzuhalten. Er zog Grimassen, streichelte die beiden, von der Nasenspitze bis zum kleinen Zeh, wechselte immer wieder ihre Position und auch die Wiegen, denn es hätte ja sein können, dass der eine oder die andere das andere Bettchen lieber mochte, was aber nicht der Fall war. Sie zeigten beide die gleiche Abneigung gegenüber dem abendlichen Zubettgehen. Er zupfte an den über den Bettchen hängenden Mobiles herum, die Gretchens Mutter in einem Volkshochschulkurs für ihre Enkelchen gebastelt hatte und die einfach nicht anspringen wollten. Er fing sogar untypischerweise leise zu singen an, mehr um sich selber zu beruhigen als die Zwerge, aber nichts hatte Erfolg. Er ärgerte sich sogar darüber, dass er Lilly Kaan seine kostbare Gitarre überlassen hatte, weil das Geklampfe, worauf die süße Maus bei ihrem Brüderchen schwor, diesmal vielleicht ausnahmsweise gewirkt hätte. Aber die Kleinen wollten sich nicht beruhigen lassen. Da konnte er sich auf den Kopf stellen, was er tatsächlich für einen kurzen verzweifelten Moment auch in Betracht gezogen hätte. Marc konnte es kaum ertragen, seine beiden Wundersterne dermaßen leiden zu sehen. Das war unmenschlich, gegen jede Genfer Konvention. Es musste doch irgendetwas geben, fragte er sich verzagt, aber niemand konnte ihm Antwort gegeben. Obwohl er kurz überlegt hatte, ob er nicht vielleicht seinen Kumpel Mehdi im Italienurlaub aus dem Bett klingeln sollte, was er jedoch schnell wieder verwarf, weil dieser sich die Auszeit mit seiner Familie und seinem nervigen Anhängsel mehr als verdient hatte. Was würde er dafür geben, jetzt mit ihm tauschen zu können? Aber nicht weil er unbedingt gerne Zeit mit Gabi Kragenow hätte verbringen wollen, nein, eher fror die Hölle zu. Aber ein ruhiger Ort irgendwo in der Pampa hatte doch schon etwas Verlockendes an sich.

Und während er so darüber nachgrübelte, fiel Marcs Blick zufällig auf eine Geschenktasche, die, als wäre sie das Zeichen, auf das er nur gewartet hatte, hinter dem Korksessel hervorlugte, welcher hinter den beiden Babybettchen in der Nische unter der Treppe stand und von Gretchen während des Stillens immer gerne als gemütliche Sitzgelegenheit benutzt wurde. Er zögerte erst und linste noch einmal vorsichtig durch den Türspalt ins Wohnzimmer. Dort drehte sich Gretchen unruhig auf der Couch hin und her. Kein gutes Zeichen, dachte er nur und entschied schließlich, doch über seinen Schatten zu springen. Er machte die Schiebetür wieder zu und zog das Geschenk, ein letztes Überbleibsel von der Babyparty vor der Geburt der Zwillinge, an dem eine riesige Grußkarte prangte, welche kunstvoll von Kinderhand gestaltet worden war, hinter dem Sessel hervor. Dann packte er es aus, betrachtete es einen Moment lang, stöhnte dabei immer wieder leidend auf und legte es schließlich, nachdem er noch einmal nach seinen beiden Schreizwergen geschaut, die Vor- und Nachteile abgewogen und den Mechanismus verinnerlicht hatte, doch an, obwohl er sich immer mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte und nie einer dieser albernen Väter hatte werden wollen, die mit stolz geschwellter Brust damit herumliefen, als wären sie die Heros des Kiezes, gleichzeitig aber auf dem Spielplatz dem Spott und Hohn anderer leidgeprüfter Elternpaare ausgesetzt waren, denen sie in einem unbeobachteten Moment politisch unkorrekt den Stinkefinger zeigten. Aber heute hatte er keine andere Wahl. Er war mit seinem Latein am Ende. Deshalb erinnerte er sich an den Rat seines Streberfreundes von vor ein paar Tagen. Zu irgendetwas würde es schon nützlich sein und Dr. Meier würde noch staunen, wie sehr.

Denn kaum hatten seine beiden weinenden Babys im Tragegurt Platz genommen und er hatte die letzten Sicherheitsvorkehrungen abgeschlossen, da war der Spuk auch schon wieder vorbei. Marlene und Marlon gaben keinen Mucks mehr von sich, als wäre ihr kleines Konzert ohne stehende Ovationen und Zugaben einfach zu Ende gegangen und man hätte den Ausschalter gedrückt, der bis eben für ihn unauffindbar gewesen war. Sie staunten nur ungläubig vor sich hin, weil sie sich plötzlich in der Vertikalen befanden und dem Papa so unheimlich nah waren. Sie konnten sogar seinen rasenden Herzschlag spüren, der sich erst nach und nach wieder einkriegte, und das wirkte unheimlich beruhigend auf die beiden, die sich zufrieden an ihn geschmiegt hatten. Marc war dermaßen perplex deswegen, dass er einen Moment brauchte, um wieder die richtigen Worte zu finden, die er schließlich mit ganz viel Liebe und einer gehörigen Portion seines ihm eigenen Meierschen Charmes an seine Sprösslinge richtete...

Marc: Boah, ey, wirklich? Ihr seid mir vielleicht zwei Füchse, ey. Ihr nutzt auch wirklich jede Gelegenheit, um mich auf die Probe zu stellen, was? Wie eure Mama. Unfassbar. Aber das war das letzte Mal. Das schwöre ich euch. Und wehe ihr verratet das eurem Onkel Mehdi! Wisst ihr, was ich mir dann anhören müsste? Ich lach ihn aus, wenn der Vollhorst mit eurem Kumpel damit dämlich durch die Gegend latscht und die Blicke sämtlicher williger Weiber auf sich zieht und bin selber nicht viel besser. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Unkonventionell ist das neue Konventionell und scheiß doch drauf, was andere davon halten. Das ist doch eh nur der Neid, der aus ihnen spricht. Und nur fürs Protokoll, was für eure Mama gut ist, kann ja nicht so schlecht sein. Und wir müssen es irgendwie schaffen, dass Haasenzahn heute Nacht durchschlafen kann. Sie braucht ihre Kräfte für das, was da noch auf uns zukommen wird, was noch nicht ganz so klar ist, aber darum kümmern wir uns noch. Darin sind wir uns doch einig, oder? Jawohl! Stummes Einverständnis ist ein Einverständnis. 3 zu 0. Mega! Wie Hertha letztens gegen die Weißwurschfresser. Okay, dann... ähm... starten wir mal ne kleine Proberunde durch die Wohnung. Aber kein Mucks, wenn wir an Haasenzahn vorbeikommen! Deal? Deal!

Um den Schwur zu besiegeln, legte Marc seine flache Hand gegen die Miniaturausgabe einer niedlichen kleinen Hand seiner Tochter, deren winzige Fingerchen sich in seinem hellblauen Hemd festgekrallt hatten und nur ungern wieder loslassen wollten, und wiederholte das Spiel mit seinem Sohn, den er nur leicht antippte, weil dessen Position im Tragerucksack auf dem Rücken etwas ungünstig war, aber es schien dem kleinen Jungen zu gefallen und das war doch die Hauptsache. Die Drei wanderten anschließend gut gelaunt durch das Wohnzimmer, blieben mucksmäuschenstill vor der tief und fest schlafenden Zweifachmama stehen, die Marc behutsam mit der verrutschten quietschrosa Decke zudeckte, in die sie sich sofort, irgendetwas Unverständliches murmelnd, wieder behaglich einmummelte. Marc lächelte nur, als er das beobachtete. Er strich Gretchen ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht, streichelte mit dem Daumen ihre leicht gerötete Wange, was ein zauberhaftes Lächeln bei ihr bewirkte, so als hätte sie ihren Herzprinzen tatsächlich bemerkt, und guckte dann verliebt auf seine Zwillinge herab, die ihn aus immer müder werdenden Augen anschauten, die der Schwerkraft kaum noch widerstehen konnten. Er war auf dem richtigen Weg, stellte Marc hochzufrieden fest. Also schlenderte die Bande weiter, hinter der Couchlandschaft an den Panoramafenstern vorbei, welche heute jedoch einen spektakulären Ausblick auf den nächtlichen Himmel über Berlin verwehrten, denn ganze Regentropfenströme perlten die deckenhohen Scheiben hinab, in welchen sich nicht nur die Wohnzimmerbeleuchtung glitzernd spiegelte, die er vorhin für Gretchen leicht heruntergedimmt hatte.

Marc hielt inne und betrachtete einen Moment lang das Bild von sich und den Zwillingen in der Babytrage, die er sich umgeschnallt hatte. Es wirkte etwas gewöhnungsbedürftig auf ihn, aber irgendwie gefiel ihm der Anblick. Es machte etwas mit ihm. Er konnte nur nicht beschreiben, was genau es war. Gedankenverloren tätschelte er Marlene am Köpfchen, das sie müde an seine Brust geschmiegt hatte und spielte gleichzeitig mit dem strampelnden Füßchen von Marlon und spürte, wie glücklich ihn das machte. Genau so sollte es sein. Der perfekte Moment, von dem Haasenzahn immer romantisch verklärt in bedeutungsschwangeren Bildern schwadronierte, dachte er nur und guckte schmunzelnd auf die Krankenhausmotivstrampelanzüge, die sich in der Fensterscheibe spiegelten und die Schwester Sabine für die vier kurz hintereinander geborenen Kinder der einzelnen Stationen des EKH mit ganz viel Liebe zum Detail bestickt hatte, und schlenderte dann langsam weiter an der Kücheninsel vorbei, den schmalen dunklen Flur hinunter, am Gästezimmer, Gretchens eigenwilligem Reich wohlgemerkt, das zu einem Windellager umfunktioniert worden war, und dem Badezimmer vorbei bis hin zu seinem Arbeitszimmer, vor dem er abrupt stehen blieb, weil ihm plötzlich aufgefallen war, dass er seinen Kindern sein kleines Reich, in dem die Magie passierte, noch gar nicht richtig gezeigt hatte. Das war doch jetzt die perfekte Gelegenheit dafür, dachte der passionierte Chirurg und schob die nur angelehnte Tür auf und ging mit den beiden hinein.

Marc: So, da wären wir also. Ich weiß, etwas spinnwebenverhangen. Ich war lange nicht hier drin und eure Mama hat die Tafel mit meinen Forschungsergebnissen geklaut, aber daran seid ihr nicht ganz unschuldig, meinen Lieben. Ihr kleinen Zeitfresser, ihr. Hier also passiert die Magie. Also, die andere Magie. Die mit eurer Mama, die äh... ist nicht jungendfrei und sollte euch nicht weiter tangieren. Das hier dagegen schon. Chirurgen haben eigentlich nie frei, muss ich euch sagen, sie sind immer im Dienst. Nur für ganz besondere Menschen wie euch machen sie mal eine Ausnahme. Aber psst, das bleibt ein Geheimnis! Nur unter uns.

...flüsterte Marc in die zum Anbeißen niedlichen kleinen Ohren seiner Kinder, bevor er sich vorsichtig mit ihnen an seinen Schreibtisch setzte, auf dem noch das gleiche professionelle Chaos herrschte, das der Chirurg in Elternzeit vor einigen Wochen hier hinterlassen hatte, als er seine Forschungsarbeit vorerst auf Eis gelegt hatte. Seine Habilitation konnte noch warten. Die nassen Windeln seiner gerade erst geborenen Zwillinge dagegen nicht. Aber dieses hochdelikate Problem bestand zum Glück im Moment nicht. Also nahm er sich die Zeit und zeigte Marlene und Marlon alles, was ihm wichtig war. Er fuhr seinen Computer hoch, zeigte auf ein paar Artikel, die er mit sehr viel Zuspruch erfolgreich für diverse Fachzeitschriften verfasst hatte, und klickte sich durch die Bildergalerie, die überraschenderweise hauptsächlich ihre Mama zeigte. Auf Ausflügen mit der Belegschaft, im und neben dem OP, während der Mittagspause und noch viel mehr. Bilder, an denen er länger kleben blieb als gewollt. Aber er konnte sich einfach nicht an ihnen sattsehen, vor allem nicht an den ganz besonderen Fotos, die Schwester Sabine noch im Kreißsaal von ihm und seiner jungen Familie geknipst hatte. Bis ihn das Aufblinken einer Email plötzlich von seinem akuten Schmachtanfall ablenkte. Er erschrak, als er die Vielzahl unbeantworteter Mails in seinem Postfach entdeckte, die in den vergangenen Wochen aus gutem Grund liegen geblieben waren. Er ließ sie jedoch außer Acht und klickte stattdessen die gerade eben hereingekommene oberste Nachricht an und staunte nun nicht schlecht.

Marc: Alter Schwede! Wow! Das ging ja fix. Euer Opa ist ein echter Angeber. Aber unter uns, das macht er nur, weil er sich Freiraum verschaffen muss. Eure Oma Elke ist ja auch auf die Dauer nicht auszuhalten. Wohldosiert statt konzentriert ist die Devise. Hähä! Okay, dann schauen wir mal, was er da Schönes gefunden hat. Interessant. Ein Anhang ist auch dabei. Hey! Nicht einschlafen, ihr Zwei! Das ist verdammt wichtig. Das könnte der Durchbruch sein, um eurem anderen Opa zu helfen. Nicht dass ihr auf die Idee kommt, dass wir das hier in Zukunft ständig so handhaben werden. Nee, das gute Teil hier schnallen wir schön Opa Franz um, sobald er von der Reha zurückkommt, in die ich ihn nach der OP schicken werde, ob er will oder nicht.

Und während Dr. Meier bereits eifrig Pläne schmiedete, die seine Hoffnung auf einen guten Ausgang des Ganzen schürten, und dabei interessiert die Unterlagen studierte, die sein Vater ihm gemailt hatte, waren seine beiden kleinen Assistenten still und heimlich ihrer Mutter ins Traumland gefolgt.

Lorelei Offline

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28.12.2019 12:45
#1658 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Die Reise der Familie Haase ins kitschig rosarot dekorierte Lummerland währte bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages an und hätte noch ewig so wohlig friedlich und sorgenfrei weitergehen können, wenn Marlons und Marlenes Mutter nicht mit einem Mal jäh aus ihrem Schlaf hoch geschreckt wäre. - „Papa, nicht! Was machst du denn? Ich kann das. Lass mich doch einmal mein Ding machen! Wie soll ich denn eine hervorragende Chirurgin werden, wenn du mir nie etwas zutraust. Ich schaff das. Ich habe schließlich das Gleiche studiert wie du. Da staunst du, was? Keine Diskussion! Ich operiere dich. Basta! ... Hä? Moment! ... Wieso denn dich? Das kann gar nicht... Schwester Sabine, du hast schon wieder die falsche Akte mitgebracht. Da steht... Wieso steht da dein Name drauf? Papa? Du bist auf einmal so blass. Was ist mit dir? Papa? Gib mir das Skalpell! Du zitterst ja. Setz dich bitte! Ich mach das. Nein! PAPAAA!!!“

Ihr eigener Schrei hatte die junge Ärztin derart aufgewühlt, dass sie direkt aus ihrer Tieftraumphase aufgewacht und gegen die Sofalehne katapultiert worden war, an welcher sie nun kerzengerade lehnte. Noch ziemlich benommen blickte sie sich um und wusste für den ersten Moment nicht, wie sie überhaupt hier hingekommen war und warum ihr Herz dermaßen aufgeregt klopfte, dass es ihr fast aus der Brust zu springen drohte. Doch es dauerte nicht lange, bis Gretchen Haase die Situation erfasst hatte und sich erinnerte. Bildsequenzen strömten in Zeitlupe wie im Abspann auf einer Kinoleinwand auf sie zu, teilweise gespickt mit echten Erinnerungen, teilweise Produkte von Hirngespinsten ihrer sehr lebhaften Fantasie, die mal wieder mit ihr durchgegangen war, sodass sie immer noch glaubte, sie würde einen Arztkittel tragen und nicht ihr geblümtes Lieblingskleid, das nach der Nacht auf der Wohnzimmercouch mittlerweile ziemlich zerknittert aussah. Sie musste die Augen schließen, weil sie die Bilder kaum ertragen konnte, aber das machte es auch nicht besser. Es fiel Gretchen schwer, den dicken Kloß, der sich wie aus dem Nichts in ihrem Hals gebildet hatte, wieder loszuwerden. Zu nah gingen ihr die Ereignisse des vergangenen Tages.

Eben noch hatte sie von ihm geträumt. Von ihrem großen schlaksigen und einzig wahren Helden. Wie sie als kleines Mädchen auf seinem Schreibtisch gesessen hatte, welcher ihr riesig und Jahrhunderte alt vorgekommen war, und von ihrer persönlichen Trutzburg aus ihre dünnen, in rosa Glitzerstrumpfhosen gehüllten Beinchen herunterbaumeln lassen hatte. Er, der große Herr Doktor, den nichts, aber auch gar nichts hatte erschüttern können. In seinem adretten weißen Arztkittel, welcher nie auch nur einen einzigen Fleck aufgewiesen hatte, woran sicherlich ihre Mutter einen großen Anteil gehabt hatte. Ihr Papa mit dem verwuschelten lockigen Haar und dem lustigen Schnurbart, wie er Anfang der Achtziger Mode gewesen war, der stets ein breites freundliches warmes Lächeln angedeutet hatte und den sie nie hatte widerstehen können, mit ihren kleinen zierlichen Fingern die Konturen entlang zu streichen und ihn zu zwirbeln, nachdem er sie mit seinen großen Chirurgenpranken zu sich rübergezogen hatte. Auf den bequemsten Thron der Welt, seinen Chefsessel, der Jahrzehnte überdauert hatte und jetzt noch am gleichen Fleck in seinem Büro im Erdgeschoss des EKH stand, wo er ihr vor vielen, vielen Jahren unzählige spannende Geschichten erzählt hatte, bis er irgendwann in den OP gerufen worden war, wo sie ihm ein Vierteljahrhundert später selbst mit Rat und Tat als Ärztin zur Seite stehen würde, was sie sich damals als kleines schüchternes pausbäckiges Mädchen noch überhaupt nicht richtig hatte vorstellen können. Der Floh hatte sich jedoch bereits in ihr Ohr eingenistet, bevor sie nur wenige Zeit später dem süßesten Jungen von ganz Berlin auf dem Schulhof das Leben retten sollte, wodurch ihr Entschluss endgültig Konturen angenommen hatte.

Ihr Weg war immer vorgezeichnet gewesen. Er hatte sie geleitet, auch wenn sie nach ihrem Abitur entschieden hatte, woanders zu studieren, womit sie ihrem Vater, der unheimlich stolz darauf gewesen war, dass seine Älteste ebenfalls Medizin studieren wollte, sehr wehgetan hatte. Aber sie hatte das tun müssen. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie etwas alleine schaffen wollen. Das hatte sie stärker und selbstbewusster werden lassen, auch wenn es nach außen hin vielleicht nicht immer den Eindruck erweckt hatte. Und die Trennung auf Zeit hatte ihrem engen Verhältnis keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Es hatte sie einander nur noch näher gebracht. Er hatte endlich begriffen, dass das kleine Mädchen mit den geflochtenen blonden Zöpfchen, das nach dem Kindergarten und der Schule stundenlang auf seinem Schreibtisch gehockt und seinen albernen Anekdoten gespannt gelauscht hatte, während ihr kleiner Bruder davon gelangweilt immer im Besuchersessel eingeschlafen war, erwachsen geworden war. Auch wenn es vielleicht zu jener Zeit nicht unbedingt jeden Bereich ihres Lebens betroffen hatte. Aber sie hatte ja auch nichts dafür gekonnt, dass ihr bisheriges Liebesleben derart desaströs verlaufen war und sie sich mit fast Dreißig manchmal noch wie ein verrückter Teenager aufgeführt hatte. Doch er hatte sie immer verstanden, hatte sie so hingenommen, wie sie nun mal war, neurotisch, chaotisch und ganz besonders liebenswert, und sie vertraute seinem Rat und seinen Lebensweisheiten. Er hatte als Einziger ebenfalls gespürt, dass das mit Marc vielleicht doch noch was werden könnte. Dafür liebte sie ihn. Sie war nun mal schon immer eher ein Papakind gewesen und würde es auch immer bleiben, selbst wenn sie jetzt ihre eigene kleine Familie gegründet hatte. Deshalb nahm sie sein Unfall auch so sehr mit, dass sie in der Finsternis des hereinbrechenden neuen Tages um Atem ringen musste. Ihr Herz stolperte gewaltig bei jedem Gedanken daran. Denn es war noch gar nicht so lange her, dass sie ihn schon einmal beinahe verloren hätte. Noch einmal würde sie das nicht aushalten können. Sie brauchte ihn doch. Jedes Kind, egal wie alt es war, brauchte doch seinen Vater.

- „Marc?“, hauchte sie leise in die Dunkelheit der sich verabschiedenden Nacht. Sie brauchte jetzt jemanden, an dem sie sich festhalten konnte, der ihr Schutz bot und ihr bestätigte, dass alles gut gehen würde. Aber als ihre Hand zitternd zur Seite tastete, war da zu ihrem Erstaunen niemand. - „Marc?“ Jetzt war Gretchen Haase richtig wach. Sie streckte sich, um nach hinten zu greifen und die Leselampe zu erwischen. Aber als ihr Licht den großen Wohnzimmerraum in ein wohliges orangefarbenes Licht tauchte, war das nur die Bestätigung dafür, dass die junge Mutter tatsächlich ganz alleine war und auf der riesigen Familiencouch fast verloren ging, was das deprimierende Gefühl, welches sie beim abrupten Aufwachen aus dem Tiefschlaf umhüllt hatte, nur noch mehr verstärkte. Das würde kein schöner Tag werden, dachte sie nur seufzend und strampelte sich die rosa-rot karierte Decke von den Füßen, in die sie sich im Schlaf total verheddert hatte, und machte sich schließlich auf die Suche.

Doch weit musste sie gar nicht gehen. Ein kleines rosafarbenes Nachtlicht schimmerte durch den Spalt der Kinderzimmertür. Erwartungsfroh und noch immer etwas verschlafen tapste Gretchen auf flinken Füßen dorthin und schob die Schiebetür vorsichtig auf. Und plötzlich ging die Sonne auf. Da lag er also. Mit weit von sich gestreckten Beinen, mehr neben als auf dem mit weißem Stoff bezogenen Korksofa. Mit je einer Hand in einer der Babywiegen, in denen zwei Unschuldsengelchen seelenruhig schliefen und kein Wässerchen trüben konnten. Der Anblick ihrer drei größten Schätze auf der Welt weckte auch die letzten Lebensgeister von Margarethe Haase und die Trübsalgedanken von eben waren mit einem Mal wie weggeblasen. Dieses Glück, das da gebündelt vor ihr lag, überwiegte alles. Jeden düsteren Gedanken. Jede Sorge. Jedes Angstgefühl. Sie brauchte keine Antwort mehr auf ihre Frage, denn sie wusste sie schon selbst. Es würde alles gut werden. Denn sie hatten sich und dazu zählte auch die Person, die sich gerade im Krankenhaus von ihrer letzten OP erholte.

Lächelnd beugte sich Franz’ Tochter über ihre Zwillinge und strich leicht mit den Fingerspitzen über ihre zartrosa Pausbäckchen. Sie widerstand tapfer dem Drang, Marlon und Marlenchen hoch zu nehmen und mit ihnen innig zu schmusen und widmete sich stattdessen ausgiebig dem besten Daddy der Welt, der natürlich auf gleicher Ebene stand wie ihr eigener Vater wohlgemerkt. Sie hob die ockerfarbene Decke hoch, die Marc heruntergerutscht war und wollte sie gerade wieder über den wie ein Stein Schlafenden legen und sich zu ihm kuscheln, als er mit einem Mal direkt aus dem Tiefschlaf hoch schreckte und Gretchen damit gleich mit erschreckte, wodurch sie unsanft mit ihrem süßen Hinterteil auf dem weichen Teppichboden neben dem Zweisitzersofa landete.

Marc: Anwesend! Die Windelpolizei ist im Dienst.
Gretchen (rappelt sich mühsam wieder hoch u. klopft sich die zerknitterten Sachen zurecht): Huch! Marc, Mensch erschreck mich doch nicht so! Ich dachte, du schläfst tief und fest.
Marc (ist noch nicht wirklich wach, bis ihn ein Stich im unteren Rückenbereich unvermittelt hochfahren lässt): Was? Wie? Hä? Oah... Aaahhh! Verdammt! Dieses Scheißsofa bringt mich noch mal um. Das ist ein Foltergerät, echt ey. Gretchen? Was... was machst du denn schon hier?
Gretchen (amüsiert sich königlich über ihren süßen Morgengrummel, der sich mit unkoordinierten Armbewegungen wieder einzurenken versucht u. schließlich leidend aufgibt u. vom Sofa langsam unelegant zu Boden rutscht, wo er eingeschnappt sitzen bleibt): Psst! Nicht so laut! Sie schlafen.

Diese kleinen Verräter!

Marc (guckt irritiert von einer Wiege zur anderen): Jetzt? Na prima! Und wieso nutze ich dann nicht die Gelegenheit? Die ganze Nacht scheuchen sie mich herum und jetzt... Wie spät ist es eigentlich?
Gretchen (setzt sich schmunzelnd zu ihm auf den gemütlichen cremefarbenen Teppich u. schmiegt sich in freudiger Erwartung eines innigen Guten-Morgen-Kusses an ihn): Kurz vor fünf, glaub ich. Hast du dich die ganze Nacht um sie gekümmert? Marc, das musst du doch nicht. Du hättest mich doch wecken können.
Marc (merkt erst mit etwas Zeitverzögerung die erwartungsfroh gespitzten Erdbeerlippen seiner zauberhaft lächelnden Freundin u. kann natürlich nicht lange widerstehen): Mhm... Andersrum funktioniert es doch auch. Dafür bin ich doch da. Und hierfür sowieso. Mhm...

Dieser Spinner! Mein süßer Spinner! Hach...

Gretchen (genießt den verspielten Kuss sehr u. kuschelt sich verliebt an ihren Traumprinzen, der mit seinen verwuschelten Haaren u. den Kissenabdrücken in seinem Gesicht verdammt sexy aussieht): Trotzdem. Wir waren doch für Aufgabenverteilung und du hast doch in dieser Woche Frühschicht.
Marc (grient sie meierlike an): Arbeitsteilung hatten wir doch auch. Also, die Zwerge und ich. Und wir waren sehr produktiv.
Gretchen (staunt einmal mehr über sein Engagement, das ihm augenscheinlich wie selbstverständlich erscheint): Sie schreien und du rennst? Marc, das ist doch nicht fair.
Marc (seufzt u. streckt sich vorsichtig noch einmal, um seine angeschlagenen Knochen u. Muskeln wieder einzurenken): Nichts im Leben ist fair. Das hat man gestern erst gesehen.
Gretchen (wird abrupt wieder traurig): Ich weiß.

Boah, Meier, du elender Holzklotz! Ablenken und nicht mit dem Skalpell in der Wunde bohren! Das kannst du später noch. Beim richtigen Patienten. Der hält das eher aus.

Marc (muntert sie auf, bevor der nächste Wasserfall einsetzen kann, u. zieht sie in seine Arme): Hey! Ich hab alles im Griff. Dr. Meier hat immer alles im Griff. Am liebsten dich.
Gretchen (lässt sich ein kleines Lächeln abringen): Wirklich? War es sehr schlimm heute Nacht? Komisch. Ich hab gar nichts gemerkt.
Marc (ist hingerissen davon, wie niedlich verschlafen u. verpeilt sie ihn gerade anguckt): Das hab ich gemerkt. Aber das war ja auch Sinn und Zweck unseres kleinen Deals.
Gretchen (versteht nur Bahnhof): Deal?
Marc (neckt sie auf charmante Marc-Weise): Die Begriffsstutzigkeit haben sie auf jeden Fall von dir. Sonst hätten sie sich vielleicht auch fünf Minuten daran gehalten, die Mama in Ruhe zu lassen, so wie wir es ausgemacht haben. So wie jetzt. Aber wir haben viel umgesetzt in den tränenfreien Pausen.
Gretchen (schaut ihn aus großen staunenden Augen an): Wie meinst du das? Wollten wir nicht alle zusammen im Wohnzimmer schlafen? Ich hab euch vermisst, als ich aufgewacht bin.

Herrlich! Also falls die Grimms irgendwann noch mal ein Dornröschen suchen sollten, hier habt ihr die ideale Darstellerin dafür. Die Berliner Symphoniker hätten direkt neben ihr ein Galakonzert geben können und Haasenzahn hätte es nicht mitgeschnitten. Und da sagt man eigentlich mir nach, ich würde wie ein Stein pennen. Gerne! Wenn man mich mal lassen würde, Freunde. Aber fünf Minuten vor Dienstantritt nützt mir das auch nichts mehr.

Marc (kann sich ein freches Schmunzeln nicht verkneifen): Haben wir doch auch. Also im Viertelstundenrhythmus. Mehr oder weniger. Hast du uns nicht bemerkt? Sonst merkst du doch immer, wenn du beobachtet wirst und wir haben dich ganz genau beobachtet, als wir uns wiederholt zu dir gerobbt haben. Du hast uns im Schlaf sogar herrlich witzig begrüßt und dich dann sehr besitzergreifend an uns gekuschelt, bevor du uns wieder deinen entzückenden Rücken zugekehrt hast.
Gretchen (hält sich beide Hände vors Gesicht u. schämt sich): Oh Gott, das tut mir leid. Ich war so kaputt. Ich weiß noch nicht mal, wie ich es überhaupt bis zum Sofa geschafft habe.
Marc (grient sie an u. reibt sich demonstrativ über den unteren Rückenbereich): Ich dafür umso mehr. Frag meinen Rücken!
Gretchen (verdreht die Augen): Okay, ich hab’s kapiert.
Marc (zwinkert ihr frech zu, bevor er seine Freundin wieder fest in seine Arme einschließt): Sicher?
Gretchen (boxt ihn sanft in die Seite): Ey! Marc, das ist nicht witzig. Mir tut das wirklich leid.
Marc (protestiert übertrieben gespielt): Au! Merkt man! Womit hab ich das denn verdient? Dabei hab ich mich doch heute Nacht multitaskingmäßig echt außerordentlich verausgabt.
Gretchen (bemerkt im Augenwinkel den Zwillingsbabytragerucksack, den sie von Mehdi, Gabi u. Lilly geschenkt bekommen haben u. den Marc achtlos hinter die Couch gekickt hat, u. zählt schmunzelnd eins und eins zusammen): Hast du das? Du meinst, windelpolizeimäßig?
Marc (guckt sie amüsiert an): Bitte? Wie kommst du denn auf den absonderlichen Trichter?

Wie er gerade guckt! Zum Schießen! Hach... Und er ist wirklich der beste Daddy der Welt und er merkt es noch nicht mal. Süüüüssss!

Gretchen (jetzt genießt sie es, den ewigen Quatschkopf aufzuziehen): Das hast du gerade gesagt, als du aufgewacht bist.
Marc (weist diesen irrsinnigen Verdacht vehement von sich): Hab ich nicht! Mit solchen Banalitäten gebe ich mich erst gar nicht ab. Die Kids wissen, wie es läuft äh... oder nicht läuft. Wie auch immer. Wir haben ziemlich viel geschafft. Sie haben mir geholfen, einen Plan zu entwickeln. Die geborenen, zukünftigen Chirurgen, glaub mir! Wir sollten die Studiumsunterlagen für 2028 schon mal anfordern.
Gretchen (schaut ihn etwas verdutzt an): Was denn für einen Plan?
Marc (blickt ihr auf einmal ziemlich ernst in die himmelblau funkelnden Augen): Ich weiß jetzt, wie wir als nächstes bei deinem Vater vorgehen werden.
Gretchen (merkt, wie ihr Puls plötzlich wieder steigt u. sieht aufgewühlt in seinen dunkelgrün schimmernden Augen hin u. her): Du willst ihn heute noch operieren?
Marc (nickt ihr zu u. sucht als Bestätigung ihren Blick): Auf jeden Fall. Da geht kein Weg daran vorbei.
Gretchen (ist noch zu durcheinander, um das zu verarbeiten): Aber...?

Ist das nicht viel zu früh? Macht sein Herz das überhaupt mit?

Das wird es! Es ist stärker, als du denkst, vor allem wenn es an dich und die Kurzen denkt. Vertrau mir! Ich weiß, was ich tue.


Marc (streicht ihr sanft über den Arm, um sie zu beruhigen u. wird dabei von einem Geräusch abgelenkt): Komm! Die Rasselbande ist am Aufwachen. Ich erkläre dir gleich alles, was ich vorhabe, beim Frühstück.
Gretchen (bleibt überfordert auf ihren vier Buchstaben sitzen): Aber du frühstückst doch nie?
Marc (springt mit einem Satz auf, wobei er seine Schmerzen ignoriert, die mit einem Mal wie weggeblasen sind, u. reicht ihr gentlemanlike die Hand, um ihr aufzuhelfen): Ich nicht, aber die Raupen Nimmersatt der Familie. Und ohne eine ausreichende Dosis Koffein krieg selbst ich die Faktenlage nicht auf die Kette. Ich spring vorher nur schnell noch unter die Dusche und dann... Es sei denn... Willste mit? Noch dösen sie ja. Also, fünf Minuten hätten wir.
Gretchen (lässt sich von ihm aufhelfen u. starrt dem frechen Kerl mit offenem Mund hinterher, wie er, nachdem er sein verlockendes Angebot augenbraunwackelnd einen Moment in der Luft hat schweben lassen, feixend das Kinderzimmer verlässt): Marc!
Marc: The same procedure as every day. Hätte mich auch gewundert. Wobei, ich wundere mich gerne. Nur so als Tipp fürs nächste Mal.

...grinste Marc noch einmal frech durch den Türspalt und war im nächsten Moment auch schon verschwunden und Gretchen hörte nebenan die Dusche rauschen. Kopfschüttelnd wandte sie sich ihren beiden Kindern zu, die tatsächlich gerade eine nach dem anderen die müden Äuglein öffneten. Gretchen wirkte mehr als erstaunt. So viel Quatsch wie er auch im Kopf hatte, Marc schien tatsächlich einen siebten Sinn zu besitzen, was die Zwillinge betraf. Sie hob die beiden einen nach der anderen aus ihren Bettchen, knuddelte ausgiebig mit ihnen, sog ihren betörenden Babyduft auf und nahm sie dann mit nach nebenan in die Küche, wo sie, mit den beiden Säuglingen jonglierend, mit einem routinierten Fingertipp die hochmoderne Kaffeemaschine betätigte und sich anschließend an den Esstisch setzte, um die Kleinen, die immer unruhiger in ihren Armen zappelten, zu stillen.

Berlins sexiest Oberarzt alive, der nicht mal zehn Minuten später nur mit einem um die Hüften gewickelten Handtuch aus dem Badezimmer heraus stolziert kam, übernahm dann den Rest und deckte den Frühstückstisch. Naja, für seine bescheidenen Verhältnisse. Besonders viel Mühe gab er sich nicht dabei. Er erwärmte neben einem labberigen Aufbackbrötchen vom Vortag, das er nach kurzer Suche in einem der Küchenschränke gefunden hatte, einen Becher Milch für Gretchens Morgenkakao und stellte danach das obligatorische Nutellaglas auf den Tisch, das für einen guten Start in den Tag auf keinem Fall fehlen durfte, wie ihm die dankbaren Schmachtblicke von Haasenzahn bestätigten. Anschließend zog es ihn schnell zur Kaffeemaschine hin, aus der es schon verführerisch duftete. Er nahm seine Tasse in die Hand, lehnte sich mit dem nackten Rücken gegen die Kühlschranktür und beobachtete seine hungrigen Babys bei der Nahrungsaufnahme und ließ ihre über beide Backen strahlende Mama auch nicht aus den Augen, die immer wieder verstohlen zu ihm rüberschaute, weil sie sich beobachtet fühlte und dieses Prachtexemplar von einem gut aussehenden Männerkörper einfach nicht zu ignorieren war.

Davon animiert, berichtete Marc ihr schließlich in aller Ausführlichkeit von seinem gewagten OP-Plan. Dr. Haase wirkte anfangs noch etwas skeptisch und fragte viel nach, aber aus ihrer Erfahrung als Chirurgin wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatten, um die motorischen Fähigkeiten des Armes ihres Vaters zu bewahren. Also gab sie ihrem Oberarzt schließlich ihr Okay, was dieser zufrieden zur Kenntnis nahm. Beim gemeinsamen Abschied an der Wohnungstür konnte Gretchen ihre aufgewühlten Gefühle aber nicht mehr länger im Zaun halten, was auch ihrem Partner nicht entging, der gerade mit seinem Sohn schmuste, während sich Gretchen mit ihrer Tochter im Arm an Marcs Seite schmiegte.

Marc (streicht seiner Freundin eine verirrte Träne von der Wange): Hey! Das ist immer noch Routine, kein Grund zum Flennen. Er würde das nicht wollen.
Gretchen (schnieft leise gegen seinen Jackenärmel u. schaut dann hoffend zu ihm hoch): Ich weiß. Aber es ist nun mal mein Papa, den ihr da auf dem Tisch habt. Das ist nicht irgendein Patient. Es kann so viel passieren.
Marc (sieht ihr tief in die Augen, die sich bereits wieder mit dicken Krokodilstränen füllen): Vertraust du mir?
Gretchen (verfängt sich in seinem zuversichtlichen Blick u. versucht, sich zu beruhigen): Immer.
Marc (lächelt): Na also, Hassi und ich wissen, was auf dem Spiel steht. Es ist eine Fifty-Fifty-Geschichte, ich weiß, aber ich bin optimistisch.
Gretchen (nickt ihm zu u. die Tränen versiegen wieder): Dann bin ich es auch.
Marc (strahlt sie zufrieden an u. streichelt dabei über Marlenes Wange): Gut! Und was habt ihr Drei heute so vor, während ich mich aufopfere und für euren Unterhalt aufkomme?
Gretchen (zuckt unschlüssig mit den Schultern): Nicht viel. Ich werde mich zurückhalten und nicht unangemeldet im EKH auftauchen, auch wenn ich allen Grund dafür hätte. Versprochen! Das war gestern einfach alles zu viel. Ich kann das unseren Wundersternen nicht noch mal zumuten und mir, ehrlich gesagt, auch nicht.
Marc (schielt noch mal auf den Plan auf dem Whiteboard, das Gretchen neben die Tür geschoben hat, damit es nicht im Weg steht): Braves Mädchen. Und wer steht heute als euer Plus 1 auf der Zwillingsbespaßungsliste? Hm... Lass mich mal schauen! Oh!

Fuck! Wieso stehen hier eigentlich überall diese bescheuerten Fettnäpfe herum?

Gretchen (muss ebenso schlucken, als sie kurz auf die Tafel blickt, aber fängt sich schnell wieder): Er hat sich extra für heute für uns frei genommen. Für unseren ersten gemeinsamen Ausflug in den Zoo. Ich hab noch immer nicht das neue Eisbärbaby gesehen. Er hat sich so darauf gefreut.
Marc (kann nicht anders als zu lächeln): Das läuft euch doch nicht weg. Und die Kids hätten eh noch nicht viel mitgeschnitten.
Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Ich weiß, aber wenn wir noch länger warten, dann ist das Eisbärbaby groß und nicht mehr so niedlich und...
Marc (lacht u. drückt ihr einen kleinen Kuss auf den verführerischen Schmollmund): ...bleibt immer noch ein Berliner Bär. Soll ich unten Bescheid geben? Ich warne dich aber vor. Tiere im Allgemeinen und vor allem hinter Gittern sind nicht so ihrs. Mutter packt dann ihre Greenpeace- und WWF-Unterlagen aus und hält dir stundenlang einen Vortrag. Willst du das?
Gretchen (seufzt auf): Das ist nicht nötig. Wir Drei machen uns einen schönen entspannten Tag hier auf der Couch. Es ist nur...
Marc (horcht besorgt auf): Was denn?
Gretchen (nimmt seine Hand u. schmiegt sich mit Marlene an ihn und Marlon): Gibst du mir Bescheid, wie es gelaufen ist? Ich muss das wissen. Sonst...
Marc (lehnt seine Stirn sanft gegen ihre u. lächelt): ... sonst hört das Kribbeln nicht auf und du schlägst doch noch mit den Kurzen im EKH auf und ärgerst die Oberschwester mit einem erneuten Konzertauftritt unseres Erfolgsduos? Selbstverständlich. Wenn es sein muss, noch direkt aus dem OP. Pass auf, in ein paar Tagen steht er hier wieder auf der Matte und erzählt seinen Enkeln alberne Anekdoten anno 1970. Wenn es sein muss, verbringt er seine ganze Reha hier bei uns und stemmt die Babys und keine Hanteln. An dem Rehaprogramm feile ich aber noch. Ein Schritt äh... Handgriff nach dem anderen.
Gretchen (blickt ihm tief bewegt in die Augen): Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?
Marc (grinst sie meierlike an u. fühlt sich beflügelt): Jep! Du sprichst ja auch sehr, sehr viel, während du schläfst. Jedes zweite Wort ist mein Name. Danke übrigens! Mein Ego fühlt sich echt geschmeichelt.
Gretchen (reißt ungläubig die Augen auf): Tue ich nicht!
Marc: Tust du wohl! Leugnen ist nicht, wir haben jetzt Zeugen, Haasenzahn.

...grinste Marc seine große Liebe provokant an, bevor er seinen kleinen Sohn behutsam zurück in den Stubenwagen legte und seinem kleinen Mädchen zum Abschied einen Kuss auf die Stirn setzte, was er bei seinem großen Mädchen auch gleich noch nachholte. Und ehe Gretchen auf herrliche Haassche Art und Weise gegen seine Anspielungen protestieren konnte, war der freche Herr Doktor auch schon zur Tür hinausmarschiert. Sein Weg führte ihn, wenn auch verspätet, direkt ins Elisabethkrankenhaus.

Lorelei Offline

Facharzt:


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20.01.2020 16:19
#1659 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dr. Meier war nicht der Einzige, der an diesem frühen Dienstagmorgen ungewohnt spät dran gewesen war. Auch Dr. Hassmann hätte ihren Frühschicht bedingten Dienstantritt zum ersten Mal in ihrer bemerkenswerten Karriere fast verpasst, weil sie am Vorabend unbedacht den Sportflitzer ihres Lebensgefährten, den sich die erfolgsverwöhnte Oberärztin als Entschädigung für die alltäglichen Mühen pappfrech unter den Nagel gerissen hatte, hinter dem Elisabethkrankenhaus stehen gelassen hatte, was sie vor wenigen Minuten ganz schön in die Bredouille gebracht hatte, als sie, nachdem sie ausgerechnet heute Morgen zusammen mit der gesamten Familie verschlafen hatte, zuhause eine leere Garage vorgefunden hatte, denn von der Familienkutsche, die die Kinder in die Kita und den Ferienhort bringen sollte, fehlte seltsamerweise auch jede Spur, worum sie sich aber nach einem hektischen, aber nicht wirklich weiterführenden Streitgespräch mit ihrem unfähigen und noch völlig verschlafenen Göttergatten nicht weiter hatte kümmern können, denn ihr war bereits die Zeit davongelaufen. Eine kurze Dusche und ein schnelles Styling sowie eine innige Busselattacke auf jedes ihrer Kinder, die noch tief und fest in ihren Bettchen vor sich hingedöst hatten und zu denen sich ihr dreister Papa rotzfrech dazugelegt hatte, weswegen er als Einziger keinen Abschiedskuss abbekommen hatte, hatten genügen müssen.

Dementsprechend in Eile hastete die morgenmuffelige Neurochirurgin gerade auf schwindelerregend hohen Hacken über den durch die angrenzende Klinikbaustelle verschmälerten Parkplatzbereich und umschiffte dabei in tänzerischer Manier jedes einzelne vom Regen der vergangenen Nacht vollgelaufene Schlagloch, wobei sie, gedankenverloren wie sie in dem Moment gewesen war, das letzte leider nicht verfehlte und, um einen Sturz zu vermeiden, ihrem unliebsamen Kollegen aus der Unfallchirurgie fast vors Auto gestolpert wäre und damit unfreiwillig beinahe den Rang als erste Notfallpatientin des Tages eingenommen hätte, wenn der aufmerksame Autofahrer nicht geistesgegenwärtig reagiert hätte und noch rechtzeitig auf die Bremsen gesprungen wäre, bevor er mit elegantem Schwung seine zum Glück noch völlig unversehrte BMW-Limousine gekonnt rückwärts in die mit seinem Namen versehene Parklücke manövrierte. - „Aber sonst geht’s noch, hm?“

Marc war schon drauf und dran gewesen, verbal zu entgleisen, als er wild gestikulierend aus seiner nigelnagelneuen Familienkutsche gesprungen und direkt auf die übellaunige Unglückskönigin zumarschiert war, die sich doch tatsächlich auch noch erdreistet hatte, sich mit ihren dreckigen Chirurginnengriffeln an der frisch polierten Motorhaube seines BMWs festzukrallen, um mit einem hektisch aus ihrer Manteltasche gezogenen Papiertaschentuch mehr schlecht als recht ihre teuren bordeauxroten Pumps trocken zu tupfen. Er bekam jedoch gar nicht erst die Gelegenheit, sich in gewohnter Meier-Manier über das gedankenlose Verhalten seiner unliebsamen Chirurgenkollegin aufzuregen, weil diese in ähnlich verbal ausartender Lautstärke, welche die Bauarbeiter auf der Klinikbaustelle nebenan neugierig gemacht hatte, schon wie ein Rohrspatz vom Leder zog und mehr mit sich selbst schimpfte als mit ihrem rücksichtslosen Kollegen, der ihr an diesem äußerst misslungenen und viel zu frühen Morgen gerade noch gefehlt hatte.

Mit provozierender Grinsemiene war dieser nämlich vor der grantelnden Oberärztin stehen geblieben und beobachtete nun aus nächster Nähe das äußerst possierliche Ballettschauspiel der Kollegin Hassmann, die sich, während sie versuchte, auf einem äußerst wackeligen Bein die Balance zu halten, darüber gleich noch mehr aufregte als über die Tatsache, dass sie den kurzen Weg von ihrem gemütlichen neuen Zuhause bis zur ihrer Arbeitsstätte heute ungewohnt zu Fuß hatte zurücklegen müssen und das auch noch ohne vorher etwas gegessen zu haben. Vom ersten Kaffee des Tages ganz zu schweigen. Sie hatte schon geahnt, dass das nur schiefgehen konnte und sie hatte sich trotzdem ihren knappsten Bleistiftrock, die höchsten Stöckelschuhe und den hellsten und wetterunbeständigsten Mantel, den sie besaß, angezogen. Wem hatte sie eigentlich etwas beweisen wollen, fragte sie sich von sich selbst genervt, während sie unelegant von einem Bein auf das andere wippte. Ihre schicken neuen Schuhe waren ruiniert, ihre Strumpfhosen durchnässt und ihre nassen Füße fühlte sich jetzt schon wie Eisklumpen an und zu ihrem großen Glück fühlte sie sich auch noch hartnäckig beobachtet. Nicht nur von dem Bautrupp nebenan, dem sie an diesem Morgen nach dem gestrigen Zwischenfall erneut ein beeindruckendes Schauspiel geliefert hatte. Nicht, dass sich daraus noch eine tägliche Serie entwickeln würde. Aber bitte nicht mit dem ollen Meier als ihren gemeinen Gegenspieler. Der bekam schon im OP genug Publicity, als ihr lieb war.

Maria: Herrschaftszeiten noch einmal! So ein verdammter Mist, verdammter! Die sind noch nicht mal bezahlt und schon ruiniert. Von wegen wasserbeständig. Die reklamiere ich. Und wann wird sich eigentlich mal um diese verdammten Schlaglöcher hier gekümmert? Je länger die Bauarbeiten dauern, umso größer werden die Dinger. Die Zustände hier sind gemeingefährlich. Ein Wunder, dass noch nichts passiert ist. ... JA, WAS? Was gibt es da zu glotzen, Meier? Hast du nichts Besseres zu tun?
Marc (lehnt sich cool gegen die Fahrertür seines Wagens u. kann sich ein schadenfrohes Schmunzeln einfach nicht verkneifen, denn die seltsamen Verrenkungen, die Maria unter dem vergnügten Applaus u. den Pfiffen der Bauarbeiter, ungelenk aufführt, sind zu albern): Nö! Es ist zwar nicht unbedingt meine Art, aber kann man dir irgendwie behilflich sein?
Maria (gibt entnervt auf, schlägt seine helfende Hand aus, die instinktiv nach ihrem Arm greift, als sie gefährlich zur Seite kippt, da sie die Bordsteinkante hinter sich nicht bemerkt hat, u. schlüpft schwankend wieder in ihre nassen Pumps u. wirft das schmutzige Taschentuch achtlos unter das Auto): Indem du endlich deinen Führerschein abgibst? Ja, gerne. Sehr zuvorkommend, Herr Doktor. Nicht nur für die Passanten. Du musst dir also was Neues einfallen lassen für deine tägliche Patientenakquise, anstatt hier auf dem Parkplatz auf sie zu lauern und sie heimtückisch von hinten umzunieten. Bist du dir eigentlich für nichts zu schade? Ach, was frage ich überhaupt?
Marc (sein schelmisches Grinsen wird immer breiter, als er neben der sehr frustriert dreinblickenden Kollegin, die wütend ihre Handtasche geschultert hat u. mit unsicherem quietschenden Gang vor ihm abzuhauen versucht, Richtung Klinikeingang läuft): Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Frau Doktor. Was denn so gereizt an diesem herrlichen Morgen? Zu wenig Schlaf abbekommen? Entschuldige, dir das sagen zu müssen, aber das sieht man. Tja, kleiner Tipp für die Zukunft, vielleicht beim nächsten Mal an die Pariser denken. Dann fällt die Sintflutgefahr im Kinderzimmer vielleicht nicht ganz so verheerend aus. Oder du versuchst es mit mehr Make-up. In der Drogerie für gehobenes Klientel um die Ecke sind die Anti-Aging-Produkte gerade im Angebot, hat meine Mutter gemeint. Sonst fürchten sich noch deine Patienten, falls sie nicht schon bei deinem natürlich anmutenden Anblick direkt einen Hirnschlag erlitten haben. Das Gehirn ist doch ein erstaunliches Wunder der Natur. Es schaltet sich einfach aus, wenn es ihm zu viel wird. Tja, du hast eindeutig die richtige Berufung gewählt, werte Kollegin.
Maria (würdigt den übertrieben gut gelaunten Kollegen keines Blickes mehr, als sie mit Schwung die gläserne Eingangstür aufstößt u. sie ihm anschließend entgegenschmeißt in der Hoffnung, ihn vielleicht zu treffen, was leider misslingt): Witzig! Da spricht wohl der Experte, hm? Fünf Minuten Vater und schon fühlt er sich dazu prädestiniert, die Schlaumeierklappe noch weiter aufzureißen. Kommt aber auch nur heiße Luft raus. Aber von jemandem, dessen Augenringe bis zu den Kniekehlen reichen, lasse ich mir bestimmt keine Ratschläge geben, was mein nächtliches Zeitmanagement angeht. Im Gegensatz zu dir, der vermutlich die ganze Nacht Scheuklappen auf den Ohren hatte, armes Gretchen übrigens, hab ich gearbeitet.

Dr. Meier zeigte sich von dem zickigen Konterschlag seiner Neurochirurgenkollegin eher wenig beeindruckt. Dennoch betrachtete er für einen kurzen Moment sein Spiegelbild in der sich hinter Dr. Hassmann schließenden Zwischentür, welche sie ihm ebenfalls mit Schmackes entgegen geschoben hatte. Kaum merklich strich er mit seinem Zeigefinger über die seiner Meinung nach nicht der Rede werten Schatten unter seinen wachen Augen, was von dem freundlichen Pförtner, der die beiden sich ankeifenden Oberärzte ganz genau beobachtet und ihnen zur morgendlichen Begrüßung aus dem Minifenster seiner kleinen quadratischen Kabine kurz zugenickt hatte, amüsiert zur Kenntnis genommen wurde, und folgte der Xanthippe schließlich flinkfüßig durch das zu dieser frühen Stunde nur spärlich beleuchtete Foyer zum Fahrstuhl, den Maria leider nicht rechtzeitig in Betrieb zu setzen vermochte, denn der Fuß, den Marc usaint-bolt-mäßig zwischen die sich schließenden Stahltüren geschoben hatte, kam ihr und der Lichtschranke in die Quere.

Es war eindeutig. Sie hatte heute Morgen einfach kein Glück. Vielleicht wäre es sogar besser, wenn sie auf all die negativen Vorzeichen hören sollte, die offensichtlich überall auf sie lauerten, und erst gar nicht den OP betreten würde. Aber diesen Triumph gönnte sie dem Klinikgroßmaul nicht. Sie hatte leider keine andere Wahl, als seine völlig überflüssige Anwesenheit erdulden zu müssen. Und Marc hatte sie auch nicht. Sonst hätte er während der kurzen Fahrt nach oben in die chirurgische Abteilung, wo ihr gemeinsamer Patient, der gleichzeitig auch noch ihr Chef war, sicherlich bereits mit einem monologähnlich vorbereiteten Anschiss wegen ihrer unverschämten Verspätung sehnsüchtig auf die Visite wartete, vielleicht sein schadenfrohes Mundwerk gehalten. Aber das wäre nun mal entgegen seinem Naturell gewesen. Schließlich frönte er gerne seinem Hobby. Also genoss er auch weiterhin das allmorgendliche Zwiegespräch mit seiner „Lieblingskollegin“, das für ihn fast schon zur Routine geworden war und ihn zumindest ein bisschen dafür entschädigte, dass seine wirkliche ungekrönte Lieblingskollegin Nummer eins zumindest in beruflicher Hinsicht noch eine ganze Weile dem Elisabethkrankenhaus entbehrt bleiben würde, was im Übrigen auch für seinen Kumpel von Station 3a galt, der sich dreisterweise in den verlängerten Mutterschaftsurlaub verabschiedet hatte und ihn mit dem ganzen Scheiß und den dafür verantwortlichen Clowns, mit denen er sich im EKH herumschlagen musste, alleine gelassen hatte, die faule Socke.

Marc (grinst Maria süffisant an, während er auf der Schwelle des Aufzugs stehen bleibt u. damit wissentlich die Türen blockiert): Ach? So nennt man das neuerdings? Aber das ist auch nur zu verständlich. Jede Minute, die man gezwungen ist, mit diesem Möchtegernchirurgen zu verbringen, mit dem du das Bett und den Vorhof zur Hölle teilst, artet irgendwann zwangsläufig in Arbeit aus. Aber erwarte bitte kein Mitleid von mir. Du gibst dich schließlich, warum auch immer, freiwillig wieder mit ihm ab. Obwohl, hm..., doch, ja, ein bisschen tut er mir schon leid. Also, äh... du natürlich. Tschuldigung, Freud’scher Versprecher.
Maria (zeigt sich immun gegenüber jeglicher Art von Meierschen Hohn u. Spott u. lehnt sich augenrollend gegen die hintere Fahrstuhlwand, um so viel Abstand wie nur möglich zwischen sich u. diesem dreisten Kerl zu bringen, der sich mit seiner großen Klappe nun auch noch in die enge Stahlkabine quetscht, die definitiv viel zu klein für sie zwei ist): Mann, Meier, wirst du eigentlich nie erwachsen? Ich dachte jetzt, wo du Vater bist und endlich einmal richtige Verantwortung zu tragen hast, wären wir dahingehend einen Schritt weiter, aber offensichtlich hab ich dich mal wieder überschätzt. Mein Fehler. Ich hätte nicht auf Gretchen hören sollen. Ich wusste doch, sie übertreibt. Ist es auch mal möglich, mit dir ein ernsthaftes Gespräch auf Augenhöhe zu führen? Du nervst.
Marc (nimmt sich extra viel Zeit, um auf die Taste für den 3. Stock zu drücken u. fährt dann zu der sichtlich genervten Neurochirurgin herum, bevor er sich lässig mit verschränkten Armen seitlich gegen die Wand neben dem Display lehnt): Grundsätzlich möglich, ja, aber ob ich das auch will? Hm...? Lass mich überlegen! ... Negativ! Meine Sprechstunde fängt erst in zweieinhalb Minuten an und das soll nicht nach einer Einladung klingen.

Warum tue ich mir das eigentlich jeden Tag an? Es war ein so entspanntes Arbeiten in den vergangenen Wochen. Ohne ihn!

Maria (stöhnt leidend auf u. schüttelt den Kopf): Also manchmal frage ich mich wirklich, wie jemand mit deiner Laisser-faire-Einstellung zum Oberarzt berufen werden konnte?
Marc (wedelt grinsend mit seinen beiden Händen vor ihrem genervten Gesicht hin u. her): Es sind diese beiden Goldstücke hier. Sie sind dafür geschaffen, jeden Tag Glanztaten zu vollbringen. Und das nicht nur im OP.
Maria (wehrt den Angeber mit ihren Händen angeekelt ab): Boah, Meier, lass mich bloß mit euren Blümchensexgeschichten in Ruhe! Dafür hab ich noch zu wenig Kaffee intus. Und das ist wiederum keine Einladung für ein Kaffeekränzchen gleich im Stationszimmer. Im Gegensatz zu dir und deinen dilettantischen Übungen für den nächsten Comedy Contest hab ich heute noch viel vor.
Marc (lacht, weil die taffe Frau Doktor sich in seiner unmittelbaren Gegenwart immer so wunderbar herrlich aufregen kann, obwohl sie das eigentlich gar nicht zeigen will): Du bist sicherlich nicht die Einzige, die sich in dieser Nacht Gedanken gemacht hat, während die Windelbrigade gechillt hat, was nebenbei bemerkt auch mein Verdienst war. Haasenzahn kann also gar nicht übertreiben. Und im Übrigen ist mein Repertoire weit gefächerter, als deine in die Jahre gekommene bessere Hälfte und du euch jemals vorstellen könntet, aber Blümchen sind auch mal ganz nett, nebenbei bemerkt.
Maria (rollt unbeeindruckt mit den Augen u. beobachtet die Fahrstuhlanzeige, welche ausgerechnet heute ungewöhnlich lange braucht, um endlich den ersten Stock anzuzeigen): Wenn du Applaus haben willst, hättest du vielleicht besser zu Hause bleiben sollen, womit du nicht nur mir einen Gefallen tun würdest. Haase springt da bestimmt mehr drauf an.
Marc (nickt gedankenverloren mit dem Kopf u. streicht sich über seinen angespannten Brustkorb): Tut sie und sie einverstanden.

Oh bitte! Diesem dauerverknallten Typen ist doch wirklich nicht mehr zu helfen. Muss ich mir das wirklich antun? Dafür hab ich nicht den besten Abschluss meines Jahrgangs hingelegt. Hirnlose Unterhaltungen kann ich auch mit meinen minderbemittelten Assistenzärzten führen. Die lernen wenigstens noch was daraus. Mit Ausnahme von... Nein, verschwende bloß keinen Gedanken an sie! Sie zieht doch den Saft für ihren Giftcocktail aus deinen unbeherrschten Reaktionen. Bleib souverän! Sie kann dir gar nichts! Halt dich an die Absprachen mit Rick! Das ist immer noch dein Revier. Du stellst die Regeln auf. Auch für diesen Großkotz hier.

Maria (hat bei dem Müll, den ihr Kollege die ganze Zeit von sich gibt, irgendwann den Faden verloren u. versucht ihn erst gar nicht wiederzufinden): Womit? Damit, dass du ihre Abwesenheit am Rest der Belegschaft abarbeitetest, die du mit deiner Arroganz und deiner ewigen Besserwisserei in den Wahnsinn treiben willst?
Marc (grinst meierlike, wirkt aber überraschend schnell wieder ernst): Du überschätzt mal wieder meine Möglichkeiten, Maria. Das schaffen die Flitzpiepen hier nämlich schon von ganz alleine. Eigentlich hab ich Gretchens Vater gemeint. Ich habe heute Nacht einen Plan entwickelt, den ich ihm gleich vorstellen werde, bevor ich ihn auf direktem Wege in den OP bugsieren werde. Wenn du magst und mir nicht dauernd reinquatschst, dann kannst du auch mitkommen. Du darfst sogar zuschauen und gegebenenfalls die elektrischen Impulse setzen, um seine Leitungen zu checken. Aber ich denke nicht, dass ich daneben greifen werde. Ich hab das alles visuell schon ganz genau vor Augen.
Maria (wirkt für einen kurzen Moment überrascht vom abrupten Themenwechsel): Ach, wie nett!
Marc (grient die zickige Oberärztin überheblich an, die ihn skeptisch mustert, bevor er wieder auf die Fahrstuhlanzeige blickt, welche ewig braucht vom ersten in den zweiten Stock): Bin ich doch immer. Boah, was braucht die lahme Kiste denn heute so lange? Ich wollte schon längst bei Franz sein. Der dreht doch am Rad, wenn wir nicht bald weitermachen. Ich will vorher noch ein komplettes Screening bei ihm durchziehen, bevor wir endgültig loslegen. Nur zur Sicherheit.

Ach, was soll’s. Ich hab schon mit schlimmeren Kollegen zu tun gehabt, die mir ans Bein pissen wollten. Ich steh da drüber.

Maria (tritt plötzlich einen Schritt auf ihn zu, was Marc kurz irritiert): Ich muss dich leider enttäuschen, mein lieber Marc. Wenn überhaupt, dann lege ich Hand an den Professor an. Ich hab mir nicht die halbe Nacht mit einem schreienden Baby auf dem Arm um die Ohren geschlagen, um dann nicht die Lorbeeren zu ernten. Mein Plan ist der bessere und risikoärmere.
Marc (wirkt wenig beeindruckt u. lehnt sich mit verschränkten Armen zurück an die Fahrstuhlwand): Hoho! Mutige These, die erst noch zu beweisen wäre, Frau Kollegin.
Maria (reagiert gereizt auf seine unangebrachten Gehässigkeiten): Was willst du eigentlich? Der Professor ist immer noch mein Patient. Das Chirurgische haben wir gestern erfolgreich hinter uns gebracht, jetzt ist der neurologische Part dran. Das ist immer noch mein Steckenpferd oder hast du dich in nur einer Nacht neuerdings auf feinchirurgische Eingriffe spezialisiert? Ich traue dir zwar viel zu, aber Feingefühl in diesem Bereich gehört da nicht dazu.

Was nicht heißt, dass ich nicht auch dazu fähig wäre, mir das mit Leichtigkeit draufzuschaffen. Ich bin schließlich der Beste und das ist doch genau das, was sie so sehr ärgert. Und dass ihr eine ordentliche Portion Dreistigkeit abhandengekommen ist. Die hätte sie sich mal besser beim Kuhmann abgucken sollen, anstatt sich blind vor Liebesgeilheit wieder auf ihn und den Ärger, den er im Schlepptau hat, zu stürzen. Kein Wunder, dass sie so gereizt ist. Das liegt bestimmt am blonden Gift, das hier neuerdings versprüht wird. Hassi ist mir viel zu abgelenkt, als dass ich sie freiwillig an Franz herumdoktern lasse.

Marc (zuckt mit den Schultern u. hypnotisiert schon fast die Fahrstuhlanzeige, die sich überhaupt nicht zu bewegen scheint, ebenso wenig wie der Aufzug selbst): Daran ist auch nichts auszusetzen, solange ich immer noch die Leitung der OP innehalte, was im Übrigen auch für das große Ganze hier gilt.
Maria (ist es langsam leid u. stöhnt entnervt auf, während sie ebenso ungeduldig auf die Liftanzeige starrt, die auf der Zwei verharrt, ohne dass sich die Türen geöffnet hätten): Meier, du willst mir doch jetzt nicht ernsthaft mit Kompetenzstreitigkeiten ankommen? Sind wir hier im Kindergarten? Sollten wir uns nicht in erster Linie auf den Patienten konzentrieren? Unseren Chef, falls du’s vergessen hast. Er liegt weder im Koma, noch lässt sich über seine Zurechnungsfähigkeit streiten. Wenn einer die Leitung hat, dann ja wohl immer noch er, auch wenn er dafür gerade nicht die Hand heben kann, aber dafür sind wir schließlich seine Hände. Also, was ist jetzt? Gehen wir’s an oder nicht? Ich brauche dafür nicht deine Erlaubnis.
Marc (guckt auf das Display u. ist froh, gleich den dritten Stock erreicht zu haben): Okay, bitte, dann... schieß mal los, Frau Doktor! Was ist dein ach so toller grandioser Plan, der den alten Herrn wieder ins Spiel bringen soll? Ich will mir schließlich nicht nachsagen lassen, auch noch einen Geschlechterkampf angezettelt zu haben. Ladies first! Gleichberechtigung wird hier doch seit jeher großgeschrieben, auch wenn es wenig ersichtlich ist, da die Hälfte der Ärztinnen, die ihren Facharzt gerockt haben, mit Ausnahme von dir gerade im Mutterschutz ist. By the way, wieso du eigentlich nicht? Du wirkst immer noch leicht bis mittelschwer gestresst.
Maria (zischt zynisch zurück, ohne auf die letzte Spitze näher einzugehen): Wie nobel von dir.
Marc (wiegelt lässig ab u. hört die Uhr bereits fröhlich ticken): Ja, ja, lass strecken! Den Bienchenstempel kannst du mir auch nachher ans Schwarze Brett tackern. Du hast für deinen kleinen Vortrag Zeit, bis wir den 3. Stock erreicht haben. Oh! Wie schade, das ist jetzt echt dumm. Da wären wir ja schon. Tja, Pech gehabt. Chance vertan, ich bin am Zug.

Dr. Meier hatte nur darauf gelauert, dass die Fahrstuhltüren sich endlich öffnen würden, was auch gerade in dem Moment passierte, als er seinen letzten süffisanten Kommentar abgegeben hatte, den seine verschnupft dreinblickende Kollegin mit einem missbilligenden Schnaufen kommentiert hatte. Eine hibbelige Stationsschwester, die schwer mit Aktenmappen bepackt war, welche sich unbemerkt gefährlich zur Seite neigten, stand plötzlich vor ihnen und blickte die beiden sich gegenseitig belauernden Oberärzte vom Flur der chirurgischen Station aus gewohnt arglos an und wollte sie gerade vorfreudig begrüßen, als sie jedoch von Dr. Hassmann unvermittelt eine Maulsperre verpasst bekam, bevor diese mit Schmackes die Taste drückte, welche die Türen des Aufzugs sofort wieder schließen ließ. Nicht nur zur Überraschung von Schwester Sabine, die wie eine Kaulquappe an Land die geschlossene Stahltür anstarrte und heftig um Atem rang, weswegen ihr völlig entging, wie eine Patientenmappe nach der anderen langsam zu Boden segelte.

Maria: Schwester SABINE, jetzt NICHT! Dr. Meier und ich sind gerade mitten in einem konspirativen Austausch und möchten nicht gestört werden.
Marc: Äh... Sind wir das?

Dr. Meier beobachtete leicht irritiert, wie die Neurochirurgin anschließend auch noch sehr bestimmt auf die rote Stopptaste einhämmerte, nachdem sich die Türen wieder geschlossen hatten, was den Fahrstuhl, der gerade wieder starten wollte, mit einem heftigen Ruck endgültig zum Stillstand brachte. Er nutzte diese sehr verlockende Möglichkeit zwar auch gerne und zu jeder ihm bietenden Gelegenheit, aber dann war seine Mitpassagierin in der Regel eine niedliche verpeilte Blondine mit unfassbar schönen blauen Augen, mit der er ganz andere konspirative Gespräche hier drin führte. Mit Dr. Hassmann an seiner Seite wirkte der Aufzug dagegen mit einem Mal ziemlich beengt und das behagte ihm nicht. Ebenso wenig wie die verstörend erotisch angehauchte Stimmung, die dem winzigen Raum den Sauerstoff entzog. Deshalb war es nur verständlich, dass sich einzelne Bereiche seines Hochleistungsprozessors in den Ruhemodus verabschiedeten. Er hörte also nicht nur aus Prinzip nicht zu, was seine unliebsame Kollegin ihm so dringend mitzuteilen hatte. Doch als immer wieder der Name des Professors fiel und gewisse Parallelen zu seinem eigenen OP-Plan offenbar wurden, horchte Marc doch wieder auf und er war am Ende von Marias sehr leidenschaftlich und gestenreich geführten Monolog merklich erstaunt. Dass er jedoch so gar nicht auf ihren Vorschlag reagierte, ärgerte die Oberärztin und das verhehlte sie auch nicht.

Maria (funkelt ihn zickig an): WAS? Wenn du den Plan so scheiße findest, dann kannst du das ruhig sagen. Es ändert trotzdem nichts an der Tatsache, dass das die einzige Option ist, die uns noch bleibt, wenn wir sein Herz schonen wollen. Noch mal lasse ich mich nämlich von Rhythmusstörungen nicht überrumpeln. Deshalb bleibt es bei der Lokalen. Er ist wach und wird uns die ganze Zeit mit Rückmeldungen unterstützen.
Marc (lehnt sich entspannt an die Fahrstuhltür zurück u. zeigt sich absolut nicht beeindruckt oder in irgendeiner Weise überrascht): Ich hab nichts gesagt, weil ich das Ganze erst einmal sacken lassen wollte, aber wir können es auch gerne noch mal im Detail durchgehen, wenn’s dir hilft.
Maria (ärgert sich wahnsinnig über seine Ignoranz u. Arroganz): Meier, wir haben nicht die Zeit, um lange zu diskutieren. Wir haben nur ein eng begrenztes Zeitfenster. Wir können die OP nicht mehr länger hinausschieben. Dahingehend sind wir uns doch einig?
Marc (nickt kaum merklich mit dem Kopf u. hält ihrem drohenden Giftpfeilblick stand): Definitiv. Ich bin nur, sagen wir mal so, überrascht.
Maria (runzelt misstrauisch die Stirn u. lässt den Kollegen nicht aus den Augen, der doch bestimmt schon wieder irgendetwas Fieses auszuhecken versucht): Wieso? Kommt jetzt wieder irgendeine Geschmacklosigkeit von dir? Sind wir über das Stadium nicht schon längst hinaus?
Marc (schmunzelt u. kann es nicht lassen, sie noch ein bisschen länger zappeln zu lassen): Ansichtssache. Aber ich muss zugeben, dass ich gerade erst verstanden habe, wieso du ausgerechnet diese Richtung eingeschlagen hast. Die Neurochirurgie ist wirklich deins. Auf erschreckend authentische Art und Weise. Ich hab bis dato nur noch nicht überblicken können, wie weit deine Fähigkeiten wirklich gehen.

Will der mich verarschen? Ausgerechnet jetzt? Der hat vielleicht Nerven. Aber nicht mit mir, Freundchen! Ich hab es so satt, dein neues Spaßobjekt spielen zu müssen. Kaum zu glauben, dass ich das jemals sagen würde, aber es wäre doch wesentlich entspannter, wenn Haase wieder diesen Platz einnehmen würde.

Maria (bleibt angesichts dieser ungewohnten Schleimspur skeptisch, denn irgendetwas stimmt hier doch gewaltig nicht): Ach, komm schon! Bleiben wir bitte ernst!
Marc (in seinem erstarrten Gesicht ist keine Gefühlsregung erkennbar, nur das leichte, von seinem Zwerchfell ausgelöste Zucken seines Oberkörpers verrät ihn): Das bin ich doch. Du siehst es nur nicht. Vielleicht bist du doch nicht so gut, wie ich eben gedacht habe. Wäre es daher nicht ratsamer, an deinem Talent noch ein bisschen weiter zu feilen? Ich meine, das zeigt doch erst, wie weit deine hellseherischen Fähigkeiten wirklich gehen können, wenn du selbst mein unknackbares Gehirn knacken kannst, zumindest in Teilen. Das hat noch keiner geschafft und das ist wirklich unheimlich. Aber anscheinend bist du doch genau richtig in deinem Job.
Maria (ihr reißt so langsam der Geduldsfaden): Meier, wenn du unbedingt jemanden verarschen willst, dann such dir ein anderes Opfer, PJler oder Sabine oder wen auch immer, aber lass mich damit in Ruhe. Ich hab, das hast du schon richtig erkannt, einen Job zu erledigen. Entweder wir machen das gemeinsam oder ich übernehme die alleinige Verantwortung, was mir im Übrigen auch lieber wäre, schließlich bist du emotional viel zu nah dran.
Marc (ist jetzt selber kurz irritiert): Bitte?

An welcher halluzinogenen Droge hat die denn heute Morgen geschnüffelt?

Maria (verdreht genervt die Augen, weil er sich betont begriffsstutzig gibt): Er ist der Großvater deiner Kinder. Und es hat schon einen Grund, warum wir keine Angehörigen operieren sollten. Gestern haben wir eine Ausnahme gemacht, aber heute... Du willst doch Gretchen sicherlich später noch in die Augen sehen können, falls es... Aber das steht ja zum Glück nicht zur Debatte, wenn ich das übernehme. Du entschuldigst.
Marc (hält sie auf, als sie sich dreist an ihm vorbeidrängeln u. ihre Hand den Stoppschalter lösen will): Woah! Stopp! Ich hab dir einen kurzen Blick in meine Schaltzentrale gewährt, ja, aber das war’s dann auch schon. Ich bin sehr wohl im Stande, Privates und Berufliches auseinanderzuhalten. Franz ist wie jeder andere Patient auch. Es macht keinen Unterschied, wer er ist und welche Position er innehat. Ich weiß nicht, ob es mich beunruhigen sollte, dass du anscheinend noch nicht richtig wach bist heute Morgen. Aber gerne auch noch mal für besonders begriffsstutzige Oberärztinnen und Multitasking und Kuhmänner überforderte Neumamis, du hast gerade zu achtundneunzig Prozent meinen OP-Plan wiedergegeben, den ich mir heute Nacht während eines heiß und innig umjubelten Babyduetts aus den Rippen geleiert habe.
Maria (guckt ihn nun wiederum an wie ein Postauto): Das ist jetzt nicht dein Ernst? Deshalb machst du mich so link von der Seite an? Das hättest du auch gleich sagen können. Wir könnten schon längst im OP stehen.
Marc (beugt sich leicht zu ihr heran u. kann das Sticheln nicht lassen): Meine liebe Maria, ich würde so einiges tun, wenn es sein muss, um meine Karriere voranzubringen, sogar was Illegales oder was richtig Blödes, aber dich anzumachen, käme mir nicht mal in den Sinn, wenn du die letzte Frau auf Erden wärst.
Maria (kullert mit den Augen u. starrt ihn ungehalten an, bis es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt): An dir ist ein echter Komiker verloren gegangen, was die Frage aufwirft, wie du überhaupt so schnell eine Methodik entwickeln konntest, die, soweit ich weiß, in Deutschland noch kaum jemand in Betracht gezogen hat? ... Moment! ... Wie lange war dein Vater noch mal am Grey Sloane Memorial beschäftigt? Sag nicht, er war bei der Entwicklung dieses Eingriffes selbst anwesend?
Marc (fährt sich mit einer Hand unbehaglich über den Brustkorb, lässt die Skeptikerin aber keine Sekunde aus den Augen): Fast. Aber er hat Patient null gekannt und mit ihm und den Chirurgen, die ihn operiert haben, fast zwanzig Jahre lang zusammengearbeitet, sie teilweise sogar ausgebildet.
Maria: Das war so klar.

Alleine hat der Angeber doch noch nie etwas gebacken bekommen. Er kriegt alles in den Hintern geschoben und unser einer muss sich jeden Millimeter Respekt erst erkämpfen.

Marc (ihm gefällt der missbilligende Klang in ihrer Stimme nicht): Was? Dass ich der Beste bin und wir endlich mal loslegen sollten? Meine Rede. Also schwing endlich deine nassen Hufe!
Maria (lässt die Nervensäge noch ein wenig zappeln): Okay, wir stellen dem Professor unser Vorhaben vor. Soll er doch entscheiden, wem er seine Zukunft quasi in die Hände legen will.
Marc (zögert eine Entscheidung bewusst hinaus, weil er ihr nicht das Gefühl geben will, recht zu haben): Deal!

Marc schaute Maria noch einen langen Moment in die wild funkelnden Augen, die mit seinen dunkelgrünen Smaragden einen kleinen Kampf ausfochten, dann spuckte er plötzlich in seine rechte Hand und wollte die Vereinbarung mit seiner Kollegin per Handschlag besiegeln, aber diese sah ihn dabei nur angeekelt an, schüttelte den Kopf und löste schließlich die Stopptaste des Aufzug. Es gab einen Ruck und die Türen öffneten sich wieder. Sabine hatte die heruntergerutschten Akten gerade mit Hilfe von Jochen Haase wieder aufgelesen und neu sortiert, der auf der Suche nach dem Freund seiner Schwester in seinem lässigen mausgrauen Morgenmantel gähnend vorbeigeschlurft war, und hätte sie beim lauten Plinggeräusch der Fahrstuhltüren vor lauter Schreck fast erneut fallen gelassen, was der Sohn vom Professor gerade noch so verhindern konnte. Überrascht schauten die beiden die in seltener Eintracht aus dem Aufzug herausschreitenden Oberärzte an. Irgendetwas war da doch oberfaul, dachten beide gleichzeitig, aber bevor sie etwas dazu sagen konnten, übernahm Dr. Meier chefarztmäßig das Wort.

Marc: Was steht ihr hier herum? Habt ihr nichts zu tun? Zack, zack an die Arbeit! Die Hintern der Patienten lassen sich nicht von alleine abwischen.
Jochen (wirkt mehr als überrascht u. immer noch geschwächt von seinem schweren grippalen Infekt, der ihn gestern mit seinen Lieben unfreiwillig hierher gebracht hat): Aber... aber...?
Marc (guckt den leichenblassen jungen Mann unwirsch an, hält sich die Hand schützend vor den Mund u. weicht einen Schritt von Jochen zurück): Was ist? Ist Stottern jetzt das neuste Symptom deiner akuten Schwänzeritis?
Jochen (verteidigt sich beleidigt): Ey, ich schwänze nicht, ich bin...
Marc (schiebt sich an ihm vorbei u. lässt ihn einfach stehen): Im Weg, wie immer.
Maria (drängelt sich augenrollend ebenfalls vorbei): Unfassbar so was!
Sabine (leicht verunsichert schaut sie von einer Partei zur nächsten): Guten Morgen, Frau Dr. Hassmann! Dr. Meier!
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart u. schaut sich grummelnd auf seiner Station um): Dito! Und bevor Sie anfangen zu schwafeln und die neusten Horoskope auspacken, die niemand mit Verstand interessiert, und wir gar nicht mehr hier wegkommen. Geben Sie den Assis Bescheid! Die Morgenvisite muss warten. Dr. Hassmann und meine Wenigkeit haben was Besseres vor.
Sabine (schaut ihn mit großen Kulleraugen erstaunt an): Und was, wenn ich fragen darf, Herr Doktor?
Marc (verdreht genervt die Augen u. geht an ihr vorbei): Dürfen Sie nicht. Noch nie was von Patientengeheimnis gehört? Vermutlich nicht. Und ich will sicher gehen, dass nicht gleich das ganze Krankenhaus Bescheid weiß. Wir haben ja gestern erlebt, wo das alles hinführt.
Jochen (drängelt sich eilig an Sabine vorbei u. trägt aufgeregt sein Anliegen vor): Ey, so war das aber nicht abgesprochen, Marc. Was ist mit Chantal, Celine und mir? Es war überhaupt nicht nötig, uns hier die ganze Nacht festzuhalten. Das grenzt schon fast an Freiheitsberaubung.
Maria (tippt ungeduldig auf ihre Armbanduhr u. hat schon fast das Zimmer vom Professor erreicht): Meier, wird das heute noch was?
Marc (guckt sichtlich genervt von Jochen, den er schon fast vergessen hatte, zu Maria am Ende des Flurs): Nenn es doch gleich Sippenhaft! Damit wären am Wortursprung schon ganz nah dran. Schließlich liegt dein Dad nur zwei Zimmer weiter. Und er geht nun mal vor. Du entschuldigst uns!

...zwinkerte Dr. Meier dem überraschten Sohn des Professors vieldeutig zu, der nun fragend zwischen Schwester Sabine und Dr. Hassmann, zu der Marc gerade aufgeschlossen hatte, hin und her schaute. Kurz bevor Maria und er das Zimmer ihres VIP-Patienten betreten wollten, drehte sich sein Kopf aber noch mal zu den beiden Personen vor dem Schwesternzimmer um.

Marc: SABINE, sind Sie zur Statue mutiert? Kardio anpiepen! Konsil jetzt! Und schnappen Sie sich einen Assi und OP vorbereiten, aber zz, ziemlich zügig!
Sabine (bekommt vor lauter Aufregung keinen klaren Satz raus): Aber der ist doch schon...
Maria (ist ziemlich genervt davon, dass wie jeden Morgen nichts vorangeht auf Station): Was? Belegt? Welcher Idiot...?
Marc (lässt sich von ihr nicht das Zepter aus der Hand reißen, das ist schließlich immer noch seine Station, auf der allein er das Sagen hat): Egal. Rausschmeißen! Der Professor geht vor.
Jochen (läuft den beiden Ärzten langsam hinterher): Wie? Ihr wollt Papa noch mal operieren und das erfahre ich mal ebenso nebenbei?
Marc (zuckt ungerührt mit den Schultern): Ja, sorry, dass deine Auffassungsgabe im Grippedelirium dermaßen mies ist, Jo. Vielleicht legst du dich doch besser wieder hin und klingelst mal bei deiner Schwester durch. Sie weiß Bescheid, was wir mit ihm vorhaben.
Maria (hält ihre Hand bereits über der Türklinke): Können wir dann oder willst du vorher noch ein Aufgebot bestellen?
Marc (verzieht keine Miene u. drückt die Tür auf, vor der sie gemeinsam stehen): Haha! Wer ist hier der Komiker unter uns, hm?
Sabine (drückt ihre Aktenmappen dem verdutzten Jochen in die Arme u. flitzt eilig über den Flur): Aber... aber... Dr. Meier, Dr. Hassmann, der Herr Professor ist doch schon im OP.
Marc: Wie bitte?

Vollkommen perplex drehte sich Dr. Meier zu der hibbeligen Stationsschwester um, die während ihres Sprints über den Flur der Chirurgie so ein Tempo entwickelt hatte, dass sie ihren Oberarzt beinahe umgerannt hätte, und so bekam er gar nicht mit, was Dr. Hassmann in dem Patientenzimmer von Prof. Haase vorfand, nachdem sie die Tür aufgeschoben hatte. Nämlich niemanden. Das Bett war weg. Der Haase war ausgeflogen. Die H(a)äsin jedoch nicht. Denn gerade als sich Maria zu ihrem ebenso fassungslosen Kollegen umwandte, kam Bärbel Haase aus dem Badezimmer herausspaziert, wischte sich an einem Handtuch ihre Hände ab und blickte überrascht auf die Besucher im Zimmer ihres Mannes.

Maria: Was hat das zu bedeuten?
Bärbel: Oh! Da seid ihr ja endlich! Guten Morgen, Marc! Guten Morgen, Frau Dr. Hassmann!

Die Ruhe, die Franz’ Frau auf die beiden Oberärzte ausstrahlte, wirkte noch zusätzlich verwirrend. Marc drängelte sich eilig an ihr vorbei in das Zimmer und guckte in jede Ecke, aber Jochens Vater war tatsächlich nicht da. Mit ausgestrecktem Zeigefinger ging er anschließend auf Schwester Sabine zu, die sich zu Bärbel gestellt und ängstlich den Kopf gesenkt hatte. Sie wusste nicht, was sie jetzt schon wieder falsch gemacht hatte.

Marc (ist außer sich): Was soll das heißen, er ist bereits im OP? Wer hat das angeordnet? Dr. Hassmann und ich wollten vorher noch ein komplettes Screening vornehmen. Ohne die neusten Werte legt hier keiner Hand an den Professor an. Haben wir uns verstanden?
Maria (kleinlaut): Ich hätte es auch nicht besser formulieren können.
Marc (seine Augen formen sich zu kleinen Schlitzen, die den Raum scannen u. dann mit Ameisenblick die ängstliche Krankenschwester fixieren, die langsam zur Tür hinaus zu flüchten versucht): Deshalb hab ich es ja auch übernommen. Also, was geht hier vor, Sabine?
Bärbel (versteht die Aufregung nicht u. nimmt Sabine in Schutz): Die Voruntersuchungen sind doch bereits alle gelaufen. Soweit ich das verstanden habe, gab es keine Beanstandungen. Was war ich froh darüber. Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugetan, weil ich mir solche Sorgen um ihn gemacht habe.
Marc (ihm wird immer mulmiger zumute, weil er spürt, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt, aber er nimmt sich trotzdem seiner Schwiegermutter in spe an): Das wäre nicht... Es ist ja auch soweit alles... Naja, wir sind auf den Eingriff gut vorbereitet, Bärbel.
Maria (wird von einem unguten Gefühl erfasst, das sie sich nicht erklären kann): Trotzdem bleibt eine Frage offen. Wir haben keinen unserer Assistenzärzte angewiesen, die Untersuchungen vorzunehmen, geschweige denn den OP startklar zu machen.
Bärbel (klärt die beiden vertrauensselig auf): Oh, das hat diese freundliche Frau Doktor übernommen. Mir ist der Name gerade entfallen. Blond, groß gewachsen, sehr schlank. Die ist neu hier, nicht? Amerikanerin, glaub ich, aber man will ja keine Vorurteile haben. Sie wirkt sehr kompetent. Mein Mann ist auch sehr angetan von ihr. Deshalb hat er ihrem OP-Plan auch so schnell zugestimmt. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da wurde sein Bett schon aus dem Zimmer geschoben. Das ist jetzt zwanzig Minuten her.
Marc (guckt sie völlig entgeistert an): Welche neue Ärztin? Es gibt keine neue Ärztin im EKH und die, die die Kompetenzen für einen Eingriff dieser Größenordnung hätten, sind gerade alle im Mutterschutz oder leiden an hysterischen Anfällen, Anwesende mit eingeschlossen.
Maria (ihr fällt sämtliche Farbe aus dem Gesicht, als ihr mulmiges Gefühl sich in eine riesige dunkle Wolke verwandelt, die sie völlig einzuhüllen droht): Das darf ja wohl nicht wahr sein. Was fällt der ein?
Marc: Wem?

Aber bevor Dr. Meier eine Antwort darauf bekam, hatte Dr. Hassmann ihn schon zur Seite geschupst und war, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, wie eine wild gewordene Furie aus dem Zimmer gerannt. Ein fragendes, ein irritiertes und ein sehr verunsichertes Gesicht blieben zurück. Die Blicke wanderten von dem einen zur anderen und zurück und es dauerte einen langen Moment, bis Sabines Flüsterstimme Marcs Ohr erreicht hatte. Der Chirurg konnte kaum glauben, was die verpeilte Stationsschwester ihm da gerade mitgeteilt hatte, aber diese Offenbarung ließ ihn mindestens genauso schnell über die Flure des Krankenhauses flitzen und so erreichte er den OP-Bereich nur fünf Sekunden nach Dr. Hassmann, die sich, zu allem bereit, der Betreffenden schon in den Weg gestellt hatte.

Sabine: Dr. Moeller.

Lorelei Offline

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18.02.2020 14:05
#1660 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Man hätte eine OP-Nadel fallen hören können, solch eine Totenstille herrschte in dem von kühlem Neonröhrenlicht künstlich hell erleuchteten Vorraum des OP-Bereichs, als der Topchirurg des Elisabethkrankenhauses fast schon in Supermanflugmanier durch die Schleusentür gestürmt kam, die postwendend hinter ihm krachend zurück ins Schloss knallte. Dr. Marc Olivier Meier schien zu allem bereit, um das Schlimmste noch zu verhindern. Auch wenn er absolut keine Ahnung hatte, wieso ihn ein mehr als ungutes Gefühl ohne Umwege direkt hier hin geleitet hatte. Aber es war schon zu spät. Imaginäre Feuerblitze schossen bereits aus den zu gefährlichen kleinen Schlitzen geformten dunkelbraunen Augen geräuschlos durch den halbsterilen Waschraum und ein Aufflackern des hoch entzündlichen Feuers, welches sich akut auszubreiten drohte, konnte nur dank der laufenden Wasserhähne verhindert werden, vor denen die mit tödlichen Blicken von Dr. Hassmann fixierte und bereits in kompletter OP-Montur gekleidete Gastdozentin aus den Vereinigten Staaten gerade stand, um sich den Vorschriften entsprechend für die anstehende OP steril zu machen.

Eine OP, die in den Augen mehr als nur eines hiesigen Fachkollegen eigentlich nicht in ihrem Kompetenzbereich lag, welcher für die wenigen Tage ihres Aufenthalts in Berlin schon eng bemessen genug gewesen war. Aber das schien sie überhaupt nicht zu tangieren. Im Gegenteil. Unbeeindruckt von dem hinter ihr entstehenden Tumult wusch sich Dr. Sandy ehem. Stier nunmehr Moeller in aller Seelenruhe die Hände und man musste schon ganz genau hinsehen, um das provokante schmallippige Lächeln zu bemerken, das ihr auffällig geschminktes Spiegelbild ihr unterstützend entgegenbrachte. Maria hatte es sehr wohl bemerkt und die Zündschnur, welche von ihren durchnässten Louboutins bis unter die drei stählernen Waschbecken reichte, verpuffte in Sekundenschnelle zu einer Spur Staub auf dem gefliesten Krankenhausfußboden. Wenn es nicht eigentlich erst kurz vor halb acht Uhr morgens gewesen wäre, hätte man durchaus meinen können, es hätte bereits Highnoon geschlagen. Und der in alltagsmodisches Schwarz gekleidete Totengräber wäre auch gerade noch rechtzeitig zum baldigen Totengeleit erschienen. Für eine kurze Sekunde fühlte es sich für Dr. Meier fast so an, als wäre er unfreiwillig Teil eines bizarren Westerns geworden, der definitiv niemals den Weg ins lineare Fernsehprogramm schaffen würde und falls doch, dann mit seiner FSK-Null-Wertung neben Bernd-dem-Brot höchstens ins Nachtprogramm von KIKA, bis er sich schließlich auf seine besondere Rolle in diesem Spiel besann und doch noch geistesgegenwärtig reagierte.

Marc konnte gerade noch so dazwischengrätschen, bevor die aufgebrachte Oberärztin der hiesigen Neurochirurgie ihr nicht minder talentiertes Gegenüber an dem künstlich durch Haarextensions verlängerten blonden Pferdeschwanz gepackt und aus dem OP-Vorbereitungsraum geschleift hätte. Die halbherzigen Schläge, welche eigentlich ihrer ärgsten Konkurrentin gegolten hatten, die sich mit ihrer unerträglich impertinenten und besitzergreifenden Art in Dinge eingemischt hatte, die sie definitiv nichts angingen, bekam dafür ihr liebreizender Kollege ab, der unbedacht vor die Flinte geraten war und doch eigentlich nur hatte helfen wollen. Marc konnte die wild um sich schlagenden Chirurginnenhände kaum bändigen und ärgerte sich im Nachhinein tierisch darüber, sich überhaupt eingemischt zu haben. Das konnte nur an einer kurzen Sekunde geistiger Umnachtung gelegen haben, die ihn, warum auch immer, erfasst hatte. Aber Runde eins des Berliner Neurochirurginnen-Bitchfights „Jealous Hassi vs. sexy Blondi“ war bereits eingeläutet worden und so wurde er unvermittelt in die unfreiwillige Rolle des unliebsamen Ringrichters gedrängt. Eine Rolle, auf die er weiß Gott gerne verzichtet hätte.

Dabei hatte sein Tag doch so gut angefangen. Angehimmelt von seinen Lieben in den wohligen vier Wänden eines niedlichen kleinen Kinderzimmers. Bewundert von seinen neidischen Kollegen, die ganz genau wussten, dass sie es niemals soweit bringen würden wie er. Angefeuert von der Stasi-Sabsi und Gretchens verpeiltem kleinen Bruder. Und Frauenboxen wurde seiner Meinung nach sowieso überschätzt, wobei er nichts daran auszusetzen hatte, wenn sehr knapp geschnittene Bikinis, eine Wagenladung Schlamm und mehrere Umdrehungen feinster Berliner Braukunst im Spiel waren. Aber nichts davon war hier gegeben, um sich zumindest zu betäuben, und sich die Hassmann im sexy Zweiteiler vorzustellen, bereitete dem zynischen Chirurgen direkt akute Übelkeit. Außerdem spürte er bereits erste Anzeichen eines beginnenden Tinnitus, weil die nervigste Person des Hauses, die mit ihrem seltsamen präklimakterischen Verhalten heute sogar Schwester Sabine und die Oberschwester vom Thron gestoßen hatte, die pseudoamerikanische Kollegin und ihn dermaßen wortgewaltig anblaffte, dass ihm bereits nach wenigen Sekunden die Ohren bluteten. Spätestens jetzt wäre wohl der Moment gekommen, es sich vielleicht doch noch mal zu überlegen, Mehdis Beispiel zu folgen und noch die eine oder andere Woche Elternzeit dranzuhängen. Das wäre auf jeden Fall wesentlich entspannter und vor allem ungefährlicher als die Show, in die er aus Versehen gerade hineingezogen worden war. Sein Astralkörper hatte sogar schon eine kleine Schramme davongetragen, weil Dr. Hassmann sich mit aller Kraft aus seinem Klammergriff zu befreien versuchte, weil sie sich nicht davon abhalten lassen wollte, Dr. Moeller an die Gurgel zu springen, die ihr noch immer provokant ihre sexy Kehrseite zugedreht hatte.

Maria: Was fällt dir ein? Tickst du noch ganz sauber? RAUS AUS MEINEM OP!!!
Marc (hält sie an beiden Handgelenken eisern fest u. an sich gedrückt, damit sie weder sich selbst noch sonst wem etwas antun kann): Hey! Jetzt komm mal wieder runter, Hassi! Was ist denn in dich gefahren? Beruhige dich! Außerdem ist das, wenn überhaupt, mein OP, um das mal klarzustellen.
Maria (versucht sich vergeblich von ihrem überheblichen Kollegen loszureißen u. zetert lautstark, dass fast die Stahlwände wackeln): ICH BIN RUHIG!
Sandy (stellt den Wasserhahn schließlich ab u. dreht sich in Zeitlupe langsam zu Dr. Meier u. Dr. Hassmann um, die sie abschätzend mit einem falschen Lächeln auf ihren knallrot geschminkten Lippen mustert): Sicher! Dein Tonfall erinnert mich stark an die Verhältnisse damals in der Chirurgischen an der Charité. In Seattle geht es auch manchmal etwas ruppiger zu. Mensch, das fühlt sich richtig heimisch bei euch an. Vielleicht verlängere ich meinen Aufenthalt noch.
Maria (zerrt an Marc, der sie immer noch eisern festhält, um ihrer Kontrahentin endlich an die Gurgel springen zu können): Wag es bloß nicht, du Natter! Du denkst wohl, du könntest dir alles erlauben, was? Wie kommst du überhaupt darauf, dir die OP unter den Nagel zu reißen? Das steht dir nicht zu!
Sandy (genießt es sichtlich zu provozieren): Och, wenn ich schon ich schon mal da bin, helfe ich doch gerne aus. Du wirktest gestern etwas... naja... sagen wir mal so... überfordert. Und komplizierte Fälle dieser Art liegen mir erfahrungsgemäß. Schon vergessen? Ich lasse mir gerne etwas einfallen.
Maria (will es eigentlich nicht zulassen, aber lässt sich doch provozieren u. echauffiert sich nun gestenreich, was ihr dabei hilft, sich von Marc zu befreien, der sich daraufhin mit ausgebreiteten Armen schützend zwischen die beiden sich ankeifenden Damen stellt): Wie bitte? Du bist doch nicht mehr ganz dicht. Ich wiederhole mich nur einmal. RAUS HIER, aber in Lichtgeschwindigkeit!

Mann ey, die Frau hat echt Eier. Dabei wirkte sie gestern so harmlos, als sie schon den Kuhmann ins Stolpern gebracht hat, aber das ist an sich ja auch nicht besonders schwer. Als Hahn im Hühnerstall fällt der doch ständig auf die Fresse.

Marc (findet das alles sehr amüsant u. versucht auf seine Weise die Wogen zu glätten): Ich bin ja eigentlich auch ein Verfechter von „Dreistigkeit siegt“, aber in diesem Fall...
Sandy (klimpert verführerisch mit ihren langen geschwungenen Wimpern in Marcs Richtung, nachdem sie ihre frisch desinfizierten Hände luftgetrocknet hat): Ach? Noch eine Gemeinsamkeit mehr. Mhm... Das deutet auf eine mehr als befriedigende Zusammenarbeit hin. Wie gut, dass uns eine lange OP bevorsteht, während der wir das näher erläutern können, Dr. Meier.
Marc (wirkt dann doch kurzzeitig verblüfft angesichts ihres unverhohlenen, sehr forschen Auftretens u. wiegelt lässig ab, bevor er sich dann langsam darauf vorbreitet, seine Straßenklamotten gegen die dunkelblaue OP-Kleidung zu tauschen, was nicht unbeobachtet bleibt): Äh... Negativ! Das geht mir dann doch ein bisschen zu schnell für meinen Geschmack. Und Franz ist und bleibt Chefsache. Also, mein Fall. Ladies, das war das Stichwort. War äh... nett mit euch, aber ich würde dann schon mal loslegen, während ihr hier äh... euch noch schnell die Näschen pudert oder die neusten Diätrezepte austauscht oder was auch immer.
Maria (nachdem der arrogante Angeber ihr den Weg freigemacht hat, baut sie sich mit unverhohlener Drohgeste vor ihrer verhassten Neurochirurgenkollegin auf, die sie unbeeindruckt mustert, während sie immer wieder ungeniert zu Dr. Meier rüberstiert, der ihr einen äußerst appetitlichen Anblick beschert): Was bildest du dir eigentlich ein, uns in die Suppe spucken zu wollen? Diese OP ist unser Eingriff. Unsere Verantwortung. Wer hat dir überhaupt die Erlaubnis erteilt, dich hier im OP-Bereich aufhalten zu dürfen? Du hast hier keinen Zutritt. Du hast als Krankenhausfremde keine Berechtigung, überhaupt an einer OP teilzunehmen, geschweige denn überhaupt hier zu sein. Spar dir also deine Energie für deinen bescheuerten Vortrag auf und lass uns unsere Arbeit machen!
Sandy (lässt ihre einstige Konkurrentin genüsslich auflaufen): Doch die habe ich. Ganz offiziell.
Marc (nachdem er sich in Windeseile umgezogen hat, weil ihm die aufdringlichen Blicke der Möchtegernstarkollegin ziemlich auf den Senkel gegangen sind, baut er sich mit verschränkten Armen neben den beiden Zimtzicken auf u. zuckt, immer noch mehr als amüsiert, unbeeindruckt mit den Schultern): Das wüsste ich aber.

Franz: Den OP-Zugang habe ich ihr gewährt. Was ist hier los? Dr. MEIER? Dr. HASSMANN? Ist das der Tonfall und die Art und Weise, mit der wir hier im Haus professionell auftreten? Soll das der erste Eindruck sein, den sie ihren Kollegen in Seattle über unser renommiertes Elisabethkrankenhaus übermitteln soll? Ich denke nicht. Ein bisschen mehr Respekt vor unserem Gast, der sich in einer Art und Weise einzubringen versucht, die ich in meinem Zustand nicht für möglich gehalten habe. Es obliegt allein meiner Verantwortung, dass ich das Know-how und das Talent von Dr. Moeller mit in diese OP eingebracht wissen möchte, wenn sie schon einmal hier ist. Sie bringt die nötige Erfahrung mit, gerade weil sie in Seattle von den hiesigen Kollegen über einen ganz ähnlichen Fall instruiert worden ist. Wir haben meinen schwierigen Fall ausführlich besprochen, die Bedenken der Kardiologen konnten wir gemeinsam ausräumen und ich gehe vollkommen konform mit ihrem, sagen wir mal so, etwas unkonventionellen Plan. Also zeigt euch gefälligst von eurer besten Seite! Teamwork wird schließlich hier im Elisabethkrankenhaus großgeschrieben und ist Teil unseres Ausbildungskonzepts. Haben wir uns verstanden? Operation beendet. Also... diese hier zumindest.

Die beiden hochgeschätzten Oberärzte des altehrwürdigen Elisabethkrankenhauses waren so sehr in die Unterredung mit ihrer unverschämt dreisten Konkurrenz aus Amerika vertieft gewesen, dass sie gar nicht mitbekommen hatten, wie sich die Schleusentür von OP 1 wie von Zauberhand geöffnet hatte, von wo aus ihnen der Professor plötzlich mit grimmiger Chefarztmiene vom OP-Tisch aus aufmerksamkeitswirksam zuwinkte, auf dem er schon vor geraumer Zeit Platz genommen hatte. Die lokale Anästhesie wirkte bereits, doch sein blitzgescheiter Verstand war immer noch hellwach und seine Ohren waren ebenso gespitzt. Dass irgendetwas vor sich ging, darauf hatten ihn die OP-Schwestern gebracht, die, anstatt sich um ihn zu kümmern, neugierig durch das Bullauge in den Vorbereitungsraum gespickt hatten und das verräterische Tuscheln und Kichern nicht hatten lassen können. Nach seiner ermahnenden Ansage hin hatten sie schuldbewusst für ihn die Schleuse geöffnet und so konnte auch er sehen, was nicht zu überhören war. Dementsprechend ertappt blickten die drei Ärzte nun zu dem unpässlichen Chefarzt rüber. Nur eine der drei Personen im Vorraum des OPs war sich überhaupt keiner Schuld bewusst und grinste siegessicher die neue alte Liebe ihres Exmannes an, die sich davon natürlich sofort wieder provoziert fühlte, sich aber diesmal im Zaum halten konnte. Auch dank Dr. Meier, der instinktiv ihr Handgelenk gepackt hatte und dieses nun fest umschlossen hielt, um seine ungewohnt impulsive Kollegin von der nächsten Dummheit abzuhalten, in die er bei seinem Glück unweigerlich mit hineingezogen worden wäre.

Sandy (blickt scheinheilig durch die OP-Tür in Richtung des Patienten): Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Professor. Nur noch eine kleine Vorbesprechung mit meinen sehr geschätzten Kollegen hier und dann legen wir auch schon wie besprochen los.
Maria (klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Wie bitte?
Franz (lächelt seinen Gast wohlwollend an, bevor er seine beiden besten Chirurgen eindringlich ins Visier nimmt, denen dieser Plan sichtlich nicht behagt): Das will ich wohl hoffen. Es ist nämlich definitiv kein Spaß, hier liegen zu müssen, ohne selber eingreifen zu können. Also, auf geht’s, Kinder! Ich freue mich, dass ihr euch so gut versteht. Das macht es einfacher. Also, hopp, hopp! Noch mal steril machen und dann gehen wir’s an! Oh, was würde ich dafür geben, selber mit euch Jungspunden noch mal mitwirken zu können, Medizingeschichte zu schreiben. Hach ja...
Marc: Wir?

Marc blickte mit immer größer werdenden Augen von seinem VIP-Patienten, der jetzt doch etwas benommen auf ihn wirkte und wieder hinter der sich schließenden OP-Schleuse verschwand, zu seiner engsten Kollegin neben sich, die kopfschüttelnd Cedrics zweiter Exfrau hinterher starrte, die sich wieder aufgemacht hatte, sich die Hände zu waschen und das mit einer stoischen Ruhe, die Maria noch zusätzlich auf die Palme brachte. Jetzt war der Faden endgültig überspannt und das verhehlte sie auch nicht, egal ob der Professor noch mithören konnte oder nicht.

Maria: Nur über meine Leiche!
Marc (will die angespannte Situation mit einem seiner üblichen Sprüche auflockern, scheitert dabei aber kläglich an Marias Mangel an Humor): Soll ich? Du weißt, für meine Karriere würde ich nicht davor zurückschrecken, auch wenn ich dich im Grunde überdurchschnittlich gut leiden kann.
Maria (funkelt ihn mit bitterbösem Blick an): Sehr witzig, Meier.
Marc (grient sie übertrieben fröhlich an): Ich muntere dich doch immer wieder gerne auf, falls Bedarf sein sollte. Negative Schwingungen als Folge eurer PMS oder akuter Unterzuckerung gehören schließlich nicht in den OP. Also, Kauleiste nach oben! Mhm... Das kannst du noch besser.
Sandy (guckt schmunzelnd über ihre rechte Schulter zu den beiden sich belauernden Oberärzten rüber, während sie sich weiter stoisch die Hände desinfiziert): Komm schon, Maria! Der guten alten Zeiten willen, hm?
Maria (giftet direkt zurück): Du kannst dir deine beschissenen guten Zeiten sonst wohin stecken.
Marc (weicht nicht von Marias Seite u. blickt ihr argwöhnisch in die zu kleinen Schlitzen geformten Augen, die Dr. Moeller keine Sekunde unbeobachtet lassen): Kennt ihr euch näher?
Maria (schupst ihn unsanft zur Seite u. geht zu der ihr verhassten Person rüber, die sich davon nicht beeindrucken lässt): Halt die Klappe, Marc! Das geht nur sie und mich etwas an.
Marc (guckt misstrauisch von der einen Ärztin zur anderen u. beschließt, sich nicht weiter einzumischen u. stellt sich schulterzuckend ebenfalls vor eines der Waschbecken, um sich steril zu machen): Okay?!? Vermitteln ist eh nicht so meins. Ich pack lieber an und das ist mein Stichwort. Ich geh dann schon mal vor und tue das, wovon ihr sicherlich schon einmal gehört habt, als ihr die Medizinfibel auswendig gelernt habt, nämlich operieren, während ihr hier weiter Schminktipps, Männer oder was auch immer austauscht.

Das ist mir hier eindeutig zu viel Zickenzirkus im Moment. Und da sind Haasenzahn und Mehdis schlechtere Hälfte noch nicht mal anwesend. Irgendwie fehlen sie mir hier, so als positiver Puffer, als Gegengewicht, gut gegen böse. Aber ich hab ja schon immer gesagt, dass mir Frauen im OP suspekt sind, Ausnahmen nicht ausgeschlossen.

Maria (ignoriert Marc u. seine dämlichen Sprüche u. baut sich unmissverständlich neben Sandy auf, die sich auch weiterhin unbeeindruckt zeigt): Du wirst diesen OP nicht betreten. Haben wir uns verstanden?
Sandy (tritt schließlich vom Waschbecken zurück u. hält ihre Hände op-bereit hoch): Was willst du tun? Mir ein Bein stellen? Ich weiß nicht, ob das Prof. Haase gefallen wird, wo wir doch bereits alles bis ins Detail besprochen haben.
Maria (schenkt ihr ein verächtliches Lachen): Wobei du sicherlich, wie ich dich kenne, das eine oder andere Detail weggelassen hast, sonst würde er nicht so entspannt der OP entgegenblicken. Du weißt ganz genau, an welchen Rädchen du drehen musst, aber das sind hier definitiv der falsche Ort und die falsche Zeit, um irgendetwas zu beweisen. Er weiß nichts von dir. Und du weißt nichts über den Fall.
Sandy (lässt sich nicht von ihrer einstigen Mentorin einschüchtern, sondern fühlt sich davon erst recht animiert, obenauf zu bleiben): Och, mir hat der Blick auf die Bilder gestern Abend genügt, die du mir gezeigt hast. Ich weiß genau, was ich hier tue.
Marc (horcht dann doch verwundert neben den beiden auf): Du hast mit ihr Interna besprochen? Sag mal, geht’s noch?
Maria (weist das vehement von sich): Hab ich nicht! Sie war zufällig in der Aula, als ich gerade die Vortragsreihe vorbereiten wollte. Aber das tut hier nichts zur Sache.
Marc (wedelt gestenreich mit seinen frisch desinfizierten Händen vor Marias Gesicht hin u. her): Finde ich schon, wenn du so fahrlässig mit vertraulichen Patientendaten umgehst. Ey, der Chef hält uns hier täglich vor...
Maria (zickt ihn wegen seiner ungebetenen Einmischungen böse von der Seite an): Ich habe weder Vertraulichkeiten ausgeplaudert, noch... Sie ist diejenige, die... Meier, misch dich verdammt noch mal nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen. Du verstehst nicht, worum es hier geht.
Marc (blickt sie misstrauisch an u. teilt genervt aus): Äh... Entschuldige, aber der Professor geht mich sehr wohl etwas an. Er ist mein... ähm... Chef und... sein Wort ist nun mal Gesetz. Du hast ihn gehört. Also können wir den Kindergarten endlich hinter uns lassen und da rein gehen? Zeit ist Geld, wie du vielleicht weißt. Und ich habe keinen Bock, meine Station noch länger unseren unfähigen Assistenzärzten zu überlassen. Die lassen doch keinen Stein auf dem anderen, wenn sie unbeobachtet tun und lassen können, was sie wollen.
Sandy (schleicht sich wimpernklimpernd auf Marcs Seite): Das ist doch der erste richtig gute Vorschlag an diesem noch recht jungen Morgen, hm.

Dr. Moeller zwinkerte den beiden Oberärzten vergnügt zu und bevor Dr. Hassmann entsprechend darauf reagieren konnte, war die Gastneurochirurgin auch schon im OP verschwunden, wo ihr von zwei OP-Schwestern erst in die Handschuhe und dann in neue sterile OP-Kleidung geholfen wurde. Maria, die ihr nachblickte, kochte innerlich und auch der kühle Wasserstrahl aus dem Wasserhahn, vor dem sie sich grummelnd hingestellt hatte, konnte ihr Gemüt nicht abkühlen. Im Gegenteil. Wenn man genau hinschaute, konnte man aus dem Waschbecken kleine Dampfschwaden aufsteigen sehen, die sich langsam im Raum verteilten. Ein Sündenbock war für die angespannte Chirurgin schnell gefunden und der war sich absolut keiner Schuld bewusst, als er der OP-Besucherin lässig in Richtung Schleuse hinterher marschierte. Vor der Tür blieb er aber noch einmal stehen, um sich umzublicken, wo denn seine sehr „geschätzte“ Kollegin Hassmann abgeblieben war.

Maria: Du fällst mir in den Rücken. Verstehst du das unter professioneller Zusammenarbeit, Marc? Na vielen Dank aber auch! Darauf kann ich auch gut und gerne verzichten.
Marc (verdreht genervt die Augen u. kommt noch einmal zu der dauerschlechtgelaunten Zimtzicke zurück): Mein Gott, jetzt krieg dich wieder ein, Hassi! Wenn sie ein bisschen mitspielen will, bitte, dann lass sie doch. Es ist doch selbst für einen Blinden nicht zu übersehen, dass sie sich unbedingt bei Franz einschleimen will und so viel wie ich über sie gehört habe, scheint sie ja auch was drauf zu haben. Also, medizinisch, menschlich... naja... egal. Wen interessiert’s? Ein bisschen zu viel gesunder Ehrgeiz hat doch noch niemandem geschadet. Soll sie sich doch profilieren, wenn sie das anmacht. Wir haben sie immer im Blick und können jederzeit sofort eingreifen, falls sie Mist zu bauen versucht. By the way, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mir so einfach von so einer dahergelaufenen Parvenütussi aus Hinterfotzenhausen das Skalpell aus der Hand reißen lasse. No way! Das ist nämlich mit meinen beiden Goldstücken hier verwachsen.
Maria (hat ihm nur halbherzig zugehört u. schüttelt den Kopf): Du verstehst es immer noch nicht. Diese Frau ist gefährlich. Sie ist nicht so harmlos, wie sie aussieht. Sie ist zu allem fähig. In jeglicher Hinsicht.
Marc (lacht u. gibt sich völlig unbeeindruckt, während er immer wieder einen Blick in den OP riskiert, damit er rechtzeitig eingreifen kann, falls sich die Gastdoktorin zu weit hinauslehnen sollte): Tzz... das bin ich auch. Meine liebe Maria, ich habe Gabi und das Singvögelchen überlebt, mit Frauen aus der Liga kenn ich mich aus. Ich bin mittlerweile immun dagegen. Du könntest sie mir auf den Bauch binden, da rührt sich nichts.
Maria (ist von so viel Ignoranz u. Selbstüberschätzung mehr als genervt u. das zeigt sie ihm auch unmissverständlich, während sie gleichzeitig in ihre blaue OP-Kleidung schlüpft): Deine Ignoranz ist wirklich unerträglich, Meier. Es geht nicht um sie oder was sie kann oder nicht kann oder wenn sie bestochen hat, um die Empfehlung für Harvard zu bekommen. Von ihrem Job in Seattle ganz zu schweigen. Mir wäre es auch ehrlich gesagt egal, ob du dumm genug wärst und auf sie hereinfällst.
Marc (fällt ihr vehement ins Wort): Hey, ich bin alles, aber nicht dumm. Denkst du, ich hätte nicht durchschaut, was sie hier vorhat? Reine Profilsucht. Vermutlich weil sie da drüben unter all den Topchirurgen völlig untergegangen ist und sich hier freischwimmen will. Du bist doch auch Chirurgin. Ihr fahrt doch ständig eure manikürten Krallen aus und nehmt euch das, was euch in dieser unerträglich frauenfeindlichen Welt angeblich zustehen würde. Wundern dich die typischen Eigenschaften einer übereifrigen Möchtegerntopplayerin wirklich?
Maria (schüttelt seufzend den Kopf): Du hast nicht einmal annähernd eine Ahnung, Marc.
Marc (zuckt mit den Schultern u. ist es langsam leid, ständig weibische Hieroglyphen lesen zu müssen): Um was geht es dir dann? Weil sie kurz nach ihrer Pubertät mal was mit ihm hatte? Du machst dich lächerlich, Maria. Ich hätte nicht gedacht, dass du eine von der eifersüchtigen Sorte bist. Okay, ja, du hast dich mal mit Haasenzahn aufm Klo geprügelt, weil ihr aus mir nicht ersichtlichen Gründen euren Narren an Mehdi gefressen hattet, als er gerade labil genug gewesen war, um auf eure peinlichen Avancen anzuspringen, aber das hier... Entschuldige, dir das sagen zu müssen, das ist ja sonst nicht meine Art, aber du bist echt drüber. Mein Gott, es ist doch kein Geheimnis, dass er früher alles flachgelegt hat, das nicht bei Drei auf den Bäumen war. Wir waren alle keine Kostverächter damals. Die Zeiten haben wir doch längst hinter uns gelassen. Der Kuhmann ist dermaßen spitz auf dich, dass du dir wirklich keine Sorgen machen musst, höchstens dass die Röhre wieder heißläuft. Und schon gar nicht wegen einer wie der da. Ich glaube, die Haare und die Titten sind nicht echt.
Maria (ist mittlerweile nicht mehr wütend, sondern nur noch enttäuscht u. frustriert, mit dem Stationsmacho diese endlose Diskussion führen zu müssen): Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig Durchblick du hast. Und du schimpfst dich Chirurg. Tzz... Aber darum geht es nicht.
Marc (hat genug diskutiert u. will sie eigentlich stehen lassen, aber irgendetwas hält ihn noch zurück): Und worum dann, zum Teufel? Weil sie dir ne geile OP vor der Nase wegzuschnappen versucht? Dagegen gibt es ein probates Mittel, du Blitzbirne. Du ziehst dir endlich die blöden Latexhandschuhe über und gehst da rein, verdammt. Du darfst auch mehr, als nur die Leitungen löten, wenn es sein muss. Du hast Glück, dass du heute einen meiner netteren Tage erwischt hast.
Maria (bleibt ganz ruhig, als sie sich von ihm erst in ihre OP-Handschuhe helfen lässt u. dann mit ihm zusammen zur OP-Schleuse rüberläuft, doch dann platzt es plötzlich aus ihr heraus): Mann, es geht um das Kind, du Idiot.
Marc (steht auf dem Schlauch, bis es beim Blick in Marias erstarrtes Gesicht doch endlich klick macht): Kind, welches Kind denn? Bist du etwa doch wieder...? Scheiß die Wand an! Der braucht noch nicht mal seine hässlichen Billigdesignerhosen runterlassen und jede fruchtbare Frau im Umkreis von fünf Metern ist direkt schwanger. Sollte sich vielleicht mal als Spender bei der Samenbank bewerben, dann klappt’s auch wieder mit den Finanzen, jetzt wo er zum Hausmann verdammt ist und du die Kröten. ... Moment mal! Du meinst...? Sie ist...? Ach, du Scheiße!

Die Kuckucksmutter! Deshalb stand Stier gestern total neben sich. Fuck! Der hat doch echt die Hühnerkacke am Schuh kleben! Und wer darf’s ausbaden?

Maria (bleibt vor der Schleusentür stehen u. beobachtet ihre Konkurrentin misstrauisch durch das kleine Bullauge): Du sagst es.
Marc (stellt sich neben sie u. schaut ebenfalls durch das Minifenster): Und wieso zieht die dann hier so eine Show ab? So dreist muss man erst mal sein.
Maria (versucht, ruhig zu bleiben u. sich nicht von neuem aufregen zu lassen): Taktik. Sie will uns in Sicherheit wiegen, keine Ahnung. Aber gute Absichten sind es nicht, die sie hierher geführt haben, selbst wenn es ihr wirklich um die OP des Professors gehen würde. Oder die blöde Vortragsreihe, die ich mir mit ihr teilen muss und die mir mittlerweile dermaßen egal ist. Rick dreht schon genug am Rad. Wir müssen die Kleine schützen. Das hat oberste Priorität.
Marc (würde sich am liebsten die Haare raufen, aber die OP-Haube sitzt bereits fest u. seine Hände sind steril): Okay, warte! Das... das alles schafft ganz neue Voraussetzungen. Du kannst da nicht rein.
Maria (sieht ihn ganz entgeistert von der Seite an): Bitte? Spinnst du jetzt? Ich dachte, wir ziehen endlich an einem Strang?
Marc (versucht angestrengt, seine Gedanken zu sortieren, ohne dabei den Gast im OP aus den Augen zu lassen): Das funktioniert auch nur, wenn das Gleichgewicht gehalten wird. Und wenn hier einer emotional viel zu sehr involviert ist, dann bin das nicht ich als Vater seiner Enkel und bester Chirurg ever, sondern du.
Maria (folgt seinem Blick u. rückt angespannt ihren Mundschutz zurecht): Ich hab sie unter Kontrolle.
Marc (lacht zynisch hinter seinem Mundschutz auf, den er sich gerade ebenfalls übergezogen hat): Ja, merkt man. So wie du neuerdings alles unter Kontrolle hast. Supermutter und Superchirurgin in Personalunion. Du, ich sorge mich weder um dich noch um sie, ich hab nur Sorge, dass Franz dabei unter die Räder gerät, wenn ihr euch gleich gegenseitig mit den Skalpells massakriert. Ich hab echt keinen Bock, euch dann wieder zusammenflicken zu müssen. Von der Erklärung, die ich dann Haasenzahn schulde, ganz zu schweigen.
Maria: Lass das mal schön meine Sorge sein! Ich hab alles im Griff.

Mit neu gewonnener Entschlossenheit blickte Maria plötzlich auf und ihrem OP-Partner noch einmal kurz in das mehr als skeptische Gesicht, das er ihr daraufhin präsentierte, dann gab sie sich einen Ruck und drückte mit dem Ellenbogen auf den Türöffner. Die Schleuse öffnete sich wieder und die Anästhesistin, der Patient und alle anwesenden OP-Schwestern sowie die Gastchirurgin schauten ungeduldig zu den beiden Oberärzten rüber, die lange genug auf sich hatten warten lassen. Und das taten sie immer noch. Denn kaum war Dr. Meier, der absolut keinen Bock darauf hatte, den Schiedsrichter in diesem irren Spiel geben zu müssen, seiner Kollegin durch die Tür gefolgt, öffnete sich hinter ihnen eine andere Schleusentür und eine sehr gehetzt wirkende Schwester Sabine kam tapsig auf die beiden zugelaufen. Sie wichen instinktiv einen Schritt zurück und die Schleuse schloss sich von alleine wieder, was alle Anwesenden im OP frustriert aufseufzen ließ.

Sabine (atemlos): Herr Doktor, Herr Doktor...!
Marc (dreht sich in Zeitlupe genervt zu der hibbeligen Stationsschwester um, die sich aufdringlich zwischen Dr. Hassmann u. ihn geschoben hat): Jetzt nicht, Sabine! Dr. Hassmann und ich befinden uns gerade wieder mitten in einer Phase konspirativen Austauschs und die selten gute Harmonie zwischen uns sollten wir ausnutzen, um endlich mit der OP zu starten. Aber ich kann Sie auch gerne zu Prof. Haase weiterlotsen, wenn Sie sich unbedingt den nächsten Anschiss abholen möchten, Schwester Sabine. Einer allein ist Ihnen ja wohl nicht genug, hm.
Sabine (zuckt ängstlich zusammen, als sie hinter Dr. Meier einen kurzen Blick durch das schmale Türfenster riskiert u. dabei das grimmige Professorengesicht entdeckt): Aber, aber...
Maria (ihre Zündschnur ist heute eindeutig zu kurz, um nun auch noch die lahmarschige Krankenschwester ertragen zu müssen): Geht das auch in ganzen Sätzen oder brauchen wir noch zusätzlich einen Dolmetscher? Wir haben ja auch sonst nichts zu tun.
Marc (nickt anerkennend in Marias Richtung): Gut! Du bist wieder auf Spur. Die richtige Einstellung für das gleich anstehende Gemetzel. Auf geht’s! Messer gewetzt!
Maria (folgt ihm kopfschüttelnd zurück zur Tür): Witzig!
Marc (grient die genervte Kollegin durch den Mundschutz an): Immer wieder gerne, wenn das nächste Tief mit zuckertriefendem Namen droht.
Sabine (stellt sich mutig vor die beiden vor die Schleuse, um sie am Durchgehen zu hindern, u. wedelt aufgeregt mit ihren Armen vor ihren irritierten Gesichtern): Aber Herr Doktor, die... die Notaufnahme erwartet gleich mehrere RTWs. Im Schwimmbad in der Schollstraße hat es Chloralarm gegeben. Die Schüler klagen über Atemnot und Reizungen der Haut. Wir bekommen gleich jede Menge Patienten und Dr. Rössel ist doch heute nicht da. Und der Herr Professor fällt ja auch ähm... aus, soweit ich das beurteilen kann.
Marc (schaut die verpeilte Krankenschwester unwirsch an u. dann zu Maria, die genervt mit den Augen rollt): Die diagnostischen Beurteilungen überlassen Sie mal lieber denen, die sich damit auskennen. Schüler, sagen Sie? Sind nicht gerade Ferien?
Sabine (ist ganz mitgenommen von der Situation): Ja, schon, aber in der Halle finden vormittags Schwimmkurse für die Horte der umliegenden Grundschulen statt. Im supergünstigen Ferientarif.
Marc (stöhnt entnervt auf, zögert eine halbe Sekunde u. reißt sich schließlich die OP-Haube u. den Mundschutz vom Kopf): Wie wunderbar! Mir bleibt heute auch nichts erspart.

Scheißtag! Ich bin echt am Arsch!

Maria (sieht ihren Kollegen ungeduldig an, während ihr Arm bereits über dem Türöffner schwebt): Meier?
Marc (will eigentlich nicht, aber gibt sich resigniert geschlagen): Okay, okay, das gibt Chaos hoch zehn und ausgerechnet heute hat der Rössel seinen freien Tag wegen der Beerdigung seiner Mutter. Ich bin auf dem Weg. Trommeln Sie alle Assis zusammen, die Sie finden können, Sabine! Ist die Pädiatrie informiert? Wir werden ein paar Betten mehr brauchen. Und am besten auch noch einen direkten Zugang zur nächsten Schokopuddinglieferung.
Sabine (atmet erleichtert auf, als sie merkt, dass Dr. Meier ihr bereitwillig folgen will): Wird gemacht, Herr Doktor.
Marc (sieht die Krankenschwester irritiert an, die ihn unentwegt mit ihren riesigen Glubschaugen verstrahlt anstarrt u. sich nicht vom Fleck zu rühren scheint): Gut! Was stehen Sie hier noch herum? Abmarsch, aber zz, ziemlich zügig!
Sabine: Ja, äh... ja!

...stammelte Schwester Sabine aufgeregt. Sie schaute noch einmal vergewissernd zu Dr. Hassmann, die daraufhin genervt ihren Blick abwandte, und legte schließlich den Rückwärtsgang ein. Mit seufzenden Blicken sah Dr. Meier der verpeilten Krankenschwester hinterher, wie sie mit ihren zwei linken Füßen aus dem OP-Vorraum hinausstolperte. Er entledigte sich seiner unbenutzten OP-Kleidung, in die er sich eben erst mühsam hineingezwängt hatte, und stopfte sie sauer in die entsprechende Tonne und wandte sich, bevor er sich verabschiedete, noch einmal kurz an seine Kollegin Hassmann.

Marc: Gott, was würde ich alles für fähiges Personal geben? Versprichst du mir, dass du das hinkriegst?
Maria (blickt ihn kurz, aber bestimmt an): Das ist immer noch ein OP und keine Kirche, Meier. Seit wann geben wir also Versprechen ab? Dass ich die Beste bin, ist schließlich kein Geheimnis.
Marc (lässt sich trotz ihrer Selbstüberschätzung zu einem kleinen ermutigenden Lächeln hinreißen u. drückt für sie auf den Türöffner): Das juckt die da drin aber nicht die Bohne. Kriegst du das hin? Ich meine, mit ihr zusammen? Wir können immer noch tauschen, was mir ehrlich gesagt tausendmal lieber wäre als eine Meute Badehosenträger mit ihren hysterischen Helikoptereltern. Soll ich ne Münze werfen oder spielen wir gleich Stein-Schere-Papier?
Maria (will noch etwas sagen, wird aber nicht gelassen): Marc,...
Marc (nickt ihr entschlossen zu): Lass stecken! Beim nächsten Mal gibst du mir den Vorzug. Halt mich auf dem Laufenden! Wenn dir irgendetwas nicht koscher vorkommt, meld dich! Ich bin sofort zur Stelle. Im Gegensatz zu dir hab ich nämlich heute schon was versprochen. Gretchen gegenüber. Also, halt die Stellung und lass dir nicht das Skalpell aus der Hand nehmen. Dein... Unser Plan ist gut.
Maria (ist sichtlich überrascht, dass er sich ohne Murren zurückzieht u. ihr freie Bahn lässt): Danke für dein Vertrauen!
Marc: Beweis es erst mal und mach ihn da drin wieder handlungsfähig! Der Rest erledigt sich dann schon von selbst. Wirst sehen!

...gab Marc noch mystisch von sich und drehte sich, bevor er es sich noch anders überlegen konnte, dann rasch um, um die Waschräumlichkeiten zu verlassen. Mit merklich sichtbaren mulmigen Gefühl im Bauch. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, die beiden Kampfzicken mit Gretchens Vater alleine zu lassen. Das konnte schon unter normalen Umständen nur schiefgehen. Aber er hatte keine andere Wahl, wenn die Alternative war, dass woanders auf Station in Sekundenschnelle alles eingerissen werden könnte, was er sich mühsam jahrelang aufgebaut hatte. Im OP wartete man dagegen bereits sehnsüchtig auf Dr. Hassmann, die sich jedoch vor ihrem unfreiwilligen Gast nicht die Blöße gab. Schließlich wurde sie nicht nur von Sandy, sondern auch von Prof. Haase eindringlich beobachtet, der es sich während des komplizierten Eingriffs an seiner rechten Hand natürlich nicht nehmen ließ, seinen hochprofessionellen Senf dazuzugeben. Doch jede Art von Provokation ließ die Oberärztin zenmäßig an sich abprallen. Der OP war ihr Tanzbereich. Hier fühlte sie sich wohl. Hier konnte ihr niemand das Wasser reichen. Weder Meier, noch die Person ihr direkt gegenüber, deren Anwesenheit sie bewusst ignorierte. Schon völlig auf ihr Vorhaben konzentriert wandte sich Maria an eine der medizinisch-technischen Assistentinnen neben sich, nickte ihr und den ihr vertrauten Kollegen aus ihrem Team zu und machte sich dann ans Werk, wobei der davon sichtlich überraschten Dr. Moeller einzig und allein die Statistenrolle übrig blieb, was ihr absolut nicht zu passen schien, aber auch sie hielt sich vor dem Chefarzt zurück, der den beiden sich anschweigenden Chirurginnen während der gesamten Operation, die mehrere Stunden dauern sollte, aufmerksam mit seinen leicht verschleierten Blicken folgte. - „Mausi, Musik an!“

Lorelei Offline

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09.03.2020 13:29
#1661 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Mittlerweile waren ein paar Stunden vergangen und das von Dr. Meiers Gedankenkarussell anfangs heraufbeschworene Chaosszenario war tatsächlich im befürchteten Maße eingetreten. Na gut, ganz so katastrophal wie während der Pandemie vor über einem Jahr stellte sich die Situation nicht unbedingt dar, aber das lag natürlich im Auge des individuellen Betrachters. Der Geräuschpegel in der Ambulanz war auf jeden Fall exorbitant laut und drohte jeden Moment die Messgerätschaften zu sprengen. Man konnte sein eigenes Wort kaum verstehen. Überall schwirrten die aus dem Schwimmbad evakuierten Kinder in sämtlichen Altersklassen kreischend durch die Krankenhausgänge, verfolgt von ihren panischen Eltern und Erziehern, die sie vergeblich zu bändigen versuchten, und dem hektischen Pflegepersonal, das für die Weiterbehandlung ihrer kleinen Patienten dringend ein paar Einwilligungserklärungen unterschrieben gesehen haben wollten. Der an einen Schwarm Heuschrecken erinnernde Kinderzirkus stellte für mehrere Stunden im EKH alles auf den Kopf, bis ein Kind nach dem anderen dann doch irgendwann vor Erschöpfung in den Armen besonders nervenstarker Krankenschwestern zusammensackte und sich fürsorglich trösten ließ.

Trotz all der Hektik, diverser Heul- und Panikattacken und des unübersichtlichen Gewusels - schließlich trafen auch noch andere, wirkliche Notfälle in der Notaufnahme ein - schienen die Klinikmitarbeiter alles gut im Griff zu haben. Auch dank des sehr besonnenen Verhaltens ihres leitenden Oberarztes, der, auch wenn er auf Außenstehende mehr als genervt wirkte und das nicht nur einmal mehr als deutlich machte, sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, immer den Überblick behielt und, wenn es sein musste, auch noch ein zweites oder drittes Mal mit stoischer Gelassenheit der verängstigten alleinerziehenden Mutter oder dem genervt alles hinterfragenden Familienvater, der ungeplant aus einer wichtigen Vorstandssitzung von seiner überbesorgten Partnerin hierher beordert worden war, die Behandlung ihrer Jüngsten erklärte. Auch wenn er berechtigterweise mit dem Schlimmsten gerechnet hatte und das musste man, schließlich befand man sich nicht in irgendeinem Hinterwäldlerkrankenhaus, sondern im berühmt berüchtigten Berliner Elisabethkrankenhaus, das Pandemien, Katastrophen und Dramen aller Art anzog wie das Licht die Motte, war Dr. Marc Olivier Meier relativ schnell Herr über die Chaoslage geworden, welche sich lautstark vor, in und neben der Notaufnahme dokutainmentverdächtig beobachten ließ.

Mit schwungvollen Schritten wanderte er von einem Zimmer zum nächsten, hörte sich geduldig die Klagen der mal mehr, mal weniger hysterischen Eltern an und blödelte während der Untersuchung mit den Kindern, denen die Aufregung um sich im Gegensatz zu den anwesenden Erwachsenen überhaupt nichts auszumachen schien. Mal abgesehen von dem einen oder anderen Teenagergeschwisterkind, das sich angesichts der dramatischen roten Flecken und der sich teilweise ablösenden Epidermis hauptsächlich Sorgen um ihre Außenwirkung auf ihren Insta-Accounts machten, während Marc anderen Kindern beherzt die Handys abnahm, nachdem diese die einmalige Chance gewittert hatten, mit den verwackelten Bildern aus einem waschechten Emergency Room einen kleinen publikumswirksamen Horrorfilm drehen zu können. Aber an Dr. Meiers Ameisenblick und dem resoluten Vorgehen der sehr genervten Oberschwester Stefanie, die einmal mehr eindrucksvoll für sich bestätigt bekommen hatte, dass Rotzgören definitiv nicht ihr Ding waren, selbst wenn ihre innere Uhr genauso lautstark tickte wie der Tinnitus symptomatische Nachklang der wiederholt möglichst dezent in Gespräche aller Art eingeschobenen Babywunschäußerungen ihres Mannes Dr. Fuchs, der sich wiederum mit einer fadenscheinigen Ausrede aus dem Trubel in der Ambulanz herausgehalten hatte, waren sie nicht vorbeigekommen und hatten sich, nun extraklein mit Hut, von den herumwuselnden Assistenzärzten und Pflegekräften erfolgreich behandeln lassen. Der Schmerzpegel ließ sich also für alle Beteiligten in jeglicher Hinsicht auf einem möglichst niedrigen Level halten.

Dementsprechend zufrieden drückte Dr. Meier die letzte Tür auf dem lang gezogenen Gang im Erdgeschoss zu, gab einer übereifrigen Assistenzärztin, die sich endlich mal richtig hatte beweisen können, noch letzte Anweisungen und benutzte anschließend laut aufseufzend den Desinfektionsspender neben der Eingangstür der Notaufnahme, vor der er kurz Luft schnappen und sich vielleicht von Gordon eine Zigarette schnorren wollte, der gerade mit einem seiner Hiwis im Nieselregen eher lustlos seinen schlammbeschmierten Krankenwagen schrubbte. Marc spürte seit langem mal wieder das dringende Bedürfnis, eine Zigarette rauchen zu wollen. Das lag nicht unbedingt an den Entzugserscheinungen, die ihn ab und an plagten, oder an dem Trubel, der um ihn herum herrschte und den er kompensieren wollte. Nein, er war eigentlich ganz froh darüber gewesen, sich beschäftigen zu können. Je komplizierter die Lage, umso größer war seine Motivation, die er jedoch viel lieber im OP ausgelebt hätte und das war wohl auch der Punkt, warum er gerade um die Raucherecke herumscharwenzelte wie ein Junkie um den Görlitzer Park. Als er registrierte, dass Gordon ihn bemerkt hatte und bereits seine Kippenschachtel aus seiner Sanijacke zog, um dem Chirurgen bereitwillig eine anzubieten, zögerte Marc einen Moment lang und schüttelte dann abweisend den Kopf. So leicht würde er es sich nicht machen. Er konnte auch woanders auf ganz andere, bequemere und vor allem weniger geruchslastige Art und Weise schwach werden. Er nickte dem blonden Sanitäter kurz zu, der froh war, dass er nun doch nicht teilen musste und sich den vorletzten Klimmstängel aus seiner Schachtel nun selber zwischen seine breit grinsenden Lippen schob, und trat schließlich wieder den Rückweg an.

Immer wieder wanderte Marcs Blick dabei fast schon automatisiert hinunter zu seiner rechten Kitteltasche, in die er seine Hand geschoben hatte und aus der er abwechselnd seinen Notfallpieper und sein Handy hervorzückte, die er anschließend resigniert wieder zurückschob, weil er doch nicht, wie er hoffte, kontaktiert worden war. Gretchens Vater war jetzt bereits seit über drei Stunden unter der Fuchtel der beiden Kampfzicken und so langsam machte sich Unruhe in ihm breit. Ein Gefühl, das er bei sich nicht kannte, zumindest nicht im Zusammenhang mit einem Patienten. Aber Prof. Dr. Franz Haase war nun mal nicht irgendein Patient. Er war sein direkter Vorgesetzter. Sein Mentor und Ausbilder, der ihn schon so oft aus der Scheiße gezogen und mehr als nur ein Auge zugedrückt hatte, wenn er aus Profilierungssucht und Selbstüberschätzung wiederholt seine Kompetenzen überschritten hatte oder ungerecht und ungeduldig einem Kollegen gegenüber gewesen war. Von den Fußtritten, die er gebraucht hatte, um endlich das mit seiner Tochter auf die Reihe zu kriegen, ganz zu schweigen. Der Professor war der herausragende Chirurg, zu dem er neben seinem eigenen Spiegelbild und dem seines Vaters, der leider erst sehr spät wieder in sein Leben getreten war, aufblickte. Nicht nur in beruflicher Hinsicht. Für ihn war Franz ein Vorbild.

Marc hoffte, dass er das auch mal so gut hinbekommen würde wie der Professor mit seinen Kindern, äh... aus nicht erwähnenswerten Gründen Jochen mal ausgenommen. Aber Gretchen hatte er gut hinbekommen. Mhm... Gretchen. Sein Sonnenstrahl an dunklen verregneten Tagen wie diesen. Und ihr gemeinsames Wunder. Die Zwillinge. Hach... Marcs Gedanken schweiften ruckzuck ab und ein breites glückseliges Lächeln schlich sich auf die bis eben noch verkniffenen Mundwinkel des Chirurgen. Er blickte erneut auf sein Telefon, nachdem er die Schiebeeingangstür passiert hatte, dann schaute er sich um. Die Uhr im Wartebereich der Notaufnahme, wo mehr als ein Duzend Menschen orientierungslos umherwuselte und anschließend wild durcheinander quasselnd auf ihn zustürmte, als sie den Leiter der Ambulanz als solchen erkannt hatten, was dieser jedoch mit einer abweisenden Geste sofort in die Schranken wies, bestätigte ihm, dass es bereits kurz nach halb zwölf war. Laut ihrem Plan hätten sie schon längst fertig sein müssen. Irgendwas lief da schief, verriet ihm die juckende Narbe auf seinem Nasenrücken. Er konnte nicht mehr länger warten. Er musste handeln. Jetzt!

Gerade als Schwester Sabine auf ihn zugelaufen kam, drehte Dr. Meier sich vor ihr abrupt um, ignorierte demonstrativ ihr Rufen und steuerte stattdessen das Treppenhaus an. Erst kurz vor der Glastür bemerkte er die Spiegelung darin und dass er von der hibbeligen Krankenschwester wie eine verrückte Stalkerin verfolgt wurde und blieb widerwillig stehen, was er vermutlich gleich noch bereuen würde. Wie so vieles, was mit dieser seltsamen Person, die Haasenzahn aus unerklärlichen Gründen ihre BFF nannte, zusammenhing, die ihm aber wiederum grundsätzlich tierisch auf den Senkel ging.

Sabine: Aber Herr Doktor, wo... wo laufen Sie denn hin? Alle warten doch schon auf Sie.
Marc (seufzt frustriert auf, lässt den Kopf kurz hängen u. dreht sich dann ganz langsam zu der aufgeregten Stationsschwester um, die einen wilden Hexentanz vor ihm aufführt, zumindest sieht es für ihn so aus): Tja, dann sind sie ja schon dran gewöhnt und können noch ein bisschen länger warten, weil’s so viel Spaß macht. Ich kann jetzt nicht.
Sabine (hört auf, unruhig vor ihm auf u. ab zu wippen u. starrt ihm irritiert in die belustigten Augen, die sie kurz eindringlich fixieren u. sich dann schnell abwenden u. dem Desinfektionsspender zuwenden, auf den er sichtlich genervt einhämmert, um sich erneut gründlich seine talentierten Chirurgenfinger zu säubern): Aber, aber...
Marc (verdreht die Augen u. will eigentlich nicht ewig mit der verpeilten Schwester herumdiskutieren): Nix aber! Oder kriegen Sie es nicht gebacken, die Kinder irgendwo auf Station unterzubringen? Das ist nicht mein Problem, das betrifft Ihren Kompetenzbereich und der ist eigentlich schon begrenzt genug gestaltet. Also dürfte das ja wohl nicht so schwer sein. Dann stellen Sie eben ein paar Liegen mehr auf den Flur. Die weniger akuten Fälle werden doch sowieso nach dem Mittag wieder entlassen. Der Rest heute Abend, wenn die Schwellungen und Rötungen abgeklungen sind und die Kinder wieder als solche erkennbar sind und nicht mehr wie Freddy Krüger 2.0 ihre Geschwister erschrecken. Salben sind nachbestellt. Die Eltern werden sich also schon wieder einkriegen. Alles halb so schlimm. Hier geht es schließlich nicht um Leben und Tod. Bei anderen dagegen schon, also, in äh... beruflicher Hinsicht. War’s das dann? Oder brauchen Sie noch ne extra Anweisung, um ne neue Kanne Kaffee aufzusetzen? Hiermit erteilt! Abtreten!
Sabine (hat ihrem Oberarzt nicht so richtig folgen können u. starrt ihn immer noch völlig konsterniert aus großen Augen an): Ja, ähm... nein, ähm... Eigentlich...

Herr Gott noch mal, die Trantüte bringt mich noch mal ins Grab. Jetzt weiß ich, wie es sich in der „Twilight Zone“ anfühlen muss. In ihrer Gegenwart können Jahre vergehen, in denen nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert. Die perfekte Begleitung für Mr. Spock auf der endlos langen Reise zum Mars, aber definitiv nicht meine auf dem Weg in den OP.

Marc (hält mit ausgestrecktem Arm die schwere Tür zum Treppenhaus auf): Mein Gott, Sabine, wann lernen Sie endlich, sich kurz und knackig auszudrücken? Wissen Sie eigentlich, wie viel Zeit wir damit sparen könnten? Zeit ist Geld und unser Kliniketat ist schon echt eng kalkuliert.
Sabine (senkt schuldbewusst den Kopf): Das tut mir leid, Herr Doktor.
Marc (irgendwo in den Untiefen seines Unterbewusstseins tut Sabine ihm schon irgendwie leid, was an der imaginären Stimme von Gretchen liegen könnte, die ihm gerade telepatisch ein schlechtes Gewissen einzureden versucht, was er aber nicht hat): Und hören Sie auf, sich ständig und überall zu entschuldigen! Das nervt. Sonst wird das doch nie was mit der Karriere im Pflegebereich oder was auch immer Sie mit Ihrem lächerlich langweiligen Leben anfangen wollen. Ich muss in den OP. Das dauert mir hier alles eindeutig viel zu lange.
Sabine (ist schon fast den Tränen nahe, weil sie mal wieder die volle Breitseite der schlechten Laune ihres Oberarztes abbekommen hat, will sich aber stark zeigen u. folgt der Stimme von Günni in ihrem Kopf, der ihr Selbstbewusstsein immer wieder aufbaut, was langsam Früchte trägt): Und die Visite? Einige Patienten, wie Jochen Haase zum Beispiel, haben schon wiederholt danach gefragt und die Oberschwester drängt auch darauf, weil wir doch gleich das Mittagessen verteilen sollen. Wir werden sonst nicht bis zur Besuchszeit fertig, weil wir doch auf einen Schlag gleich zweiunddreißig Patienten mehr auf dem Plan haben.
Marc (lässt die Tür wieder los u. fasst sich mit der flachen Hand ins Gesicht): Scheiße, die Visite! Die fehlt ja auch noch. Na prima! Mir bleibt heute auch nichts erspart. Okay, Kommando zurück! Die Assis und PJler stehen in fünf Minuten vor dem Schwesternzimmer und ich hoffe, sie sind alle richtig gut vorbereitet. Wir ziehen das schnell durch und dann gehört die Station wieder Ihnen. Oder den Kids. Das hängt davon ab, wie viel Pudding Ihre Kolleginnen und Sie organisieren konnten und ob die Pampe schmeckt, die Sie ihnen zur Aufmunterung auftischen wollen.
Sabine (freut sich, dass sie sich erfolgreich durchgesetzt hat u. zeigt ihrem Oberarzt ihr schönstes Strahlelächeln, was ihn wiederum überhaupt nicht berührt): Jawohl, Herr Doktor! Der Herr Jochen hat gefragt, ob Sie vielleicht mit seinem Zimmer beginnen könnten. Er fühlt sich schon wieder einigermaßen fit und plant heute Nachmittag in die Wiederholungsvorlesung von seinem Pädiatriekurs zu gehen, den er gestern leider verpasst hat. Und Chantal muss doch auch noch ihren Krankenschein auf der Orthopädie abgeben, falls sie jetzt noch länger als Physiotherapeutin ausfällt, aber eigentlich hatten ihre Tochter und sie schon wieder eine gesunde Farbe im Gesicht, als ich vorhin bei den Dreien vorbeigeschaut habe.
Marc (zieht argwöhnisch eine Augenbraue hoch u. betrachtet irritiert das seltsam verzogene Gesicht vor sich): Ach, plant er das? Was Sie nicht sagen?

Das kann sich das wehleidige Faultier mal schön abschminken. Ich schreibe hier den Drehplan und nicht unser Möchtegernstudent für Arme.

Sabine (bewegt sich nicht vom Fleck u. blickt ihrem Oberarzt arglos in die Augen): Ja!
Marc (fühlt sich langsam von ihr veräppelt, weil sie ihn penetrant mit verstrahltem Lächeln anstarrt, anstatt zu spurten, wie es sich für eine anständige Krankenschwester eigentlich gehört): Was stehen Sie hier noch herum, als hätten Sie die U-Bahn verpasst? Schluss mit Yoga! Abmarsch, wenn möglich schon gestern! Aber vorher flitzen Sie noch mal schnell runter in den OP und schauen nach, was da los ist! Haasenzahn... Ähm... Dr. Haase hat sich schon ein paar Mal nach ihrem Vater erkundigt.
Sabine (ist sichtlich gerührt vom Mitgefühl für Gretchens Vater in seiner Stimme): Wird erledigt, Herr Doktor! ... Oh! Wie mir scheint, hat sich das bereits erledigt, Dr. Meier. Schauen Sie nur!

Mitgenommen vom Schicksal des zukünftigen Schwiegervaters ihres sehr geschätzten Oberarztes nickte Schwester Sabine Dr. Meier übereifrig zu und griff dann an ihm vorbei an die Türklinke, um schnell den Weg zu nehmen, den er gerade vorgehabt hatte zu gehen. Genau in dem Moment sah sie jedoch zwei Frauen im adretten OP-Blau die Treppe hochkommen. Eine der beiden schien es besonders eilig zu haben, an der anderen vorbeizukommen. Sabine wollte ihnen freundlich die Tür aufhalten, reagierte dafür aber einen Tick zu spät. Sie konnte gerade noch zur Seite springen, als Dr. Hassmann schwungvoll die Glastür aufstieß, welche die Krankenschwester leicht an der Hüfte touchierte. Maria hatte die beiden Personen im Eingangsbereich der Notaufnahme gar nicht wahrgenommen. So fokussiert war sie auf ihrem Weg nach oben gewesen, welchen sie ungern mit einem unsinnigen aufgedrängten Gespräch mit ihrem nervigen Anhängsel verplempern wollte, das provokant popowackelnd vor ihr her stolziert war, seitdem sie vor wenigen Minuten den OP-Tisch verlassen hatten, als wäre das schäbige Kliniktreppenhaus ein Laufsteg auf der Berliner Fashionweek. Tzz... als ob Marineblau die neue Trendfarbe der Saison wäre. Damit sah die blöde, besserwisserische Bitch wie jede andere drittklassige Möchtegernchirurgin aus, die sie in ihrem OP, wenn überhaupt, lediglich geduldet hatte. Dem Professor zuliebe, der schließlich nicht ahnte, wen er sich da ins Haus geholt hatte.

Erst als ihr Kollege die davon eilende Neurochirurgin ansprach und ihr dann auch noch aufdringlich hinterher marschierte, drehte sie sich noch einmal schnell zu ihm um, wiegelte aber mit einer lässigen Handbewegung jedweden Gesprächversuch sofort ab. Ihre Brüste drohten jeden Moment ihren OP-Kittel zu sprengen. Es war höchste Zeit für die mittägliche Stippvisite bei ihrem Baby zu Hause. Cedric und sie hatten sich darauf geeinigt, die Kinder in nächster Zeit aus triftigem Grund vom Elisabethkrankenhaus fernzuhalten und das Stillen ihres jüngsten Sprösslings besser in den heimischen vier Wänden vorzunehmen. Außerdem musste sie dringend raus aus diesem Irrenhaus von Klinik, bevor sie an der schlechten Parfumluft noch erstickte, die ihr seit Stunden penetrant in der Nase kribbelte.

Marc: Äh... Hassi? Ich weiß, das kommt jetzt vielleicht unerwartet, ihr wart schließlich nur über drei Stunden im OP, aber hast du uns nichts mitzuteilen?
Maria (als sich ihr nerviger Kollege ihr plump in den Weg stellen will, zeigt sie sich davon unbeeindruckt u. geht schnurstracks an ihm vorbei in Richtung Ausgang): Meier, nerv mich nicht! Nicht jetzt! Ich bin auf dem Weg zu meiner... Das... geht dich nichts an. Ich bin schon viel zu spät dran.
Marc (schiebt sich schnell in ihr Blickfeld, sodass sie nicht an ihm vorbeikommt): Timingprobleme kennen wir hier alle. Das beantwortet aber nicht meine Frage.
Maria (stöhnt genervt auf u. zeigt ihm schließlich mit dem Daumen u. den Mundwinkeln nach oben an, dass alles gut gelaufen ist): Da du ja bekanntlich weißt, dass ich die Beste auf meinem Gebiet bin, sollte die Antwort von vornherein eigentlich klar sein. Du kannst Gretchen also beruhigen. Sie kann aufhören, meinen Handyspeicher mit Nachrichten vollzuspamen. Der OP-Bericht folgt nachher per Mail. Von mir aus setze ich Haase auch ins CC. Zufrieden? Ich muss. Sabine, ich bin dann mal eine Stunde außer Haus. Piepen Sie mich an, falls was Dringendes reinkommen sollte!
Sabine (nickt ihr treuselig hinterher, nachdem sie zu den beiden Oberärzten vor dem Ausgang aufgeschlossen hat): Jawohl, Frau Doktor. Die Kollegen in der Neurologie wissen Bescheid.
Marc (blickt der flüchtenden Neurochirurgin irritiert hinterher, wie sie mit schnellen Schritten durch die Notaufnahme das Krankenhaus verlässt, u. schüttelt den Kopf): Das war ja mal wieder äußerst informativ und da sagt man eigentlich, Frauen, gerade die im mittleren Alter und mit mittelmäßiger Karrierestrategie, würden einen ohne Sinn und Komma dauerzuquatschen.

Vielleicht entwickelt sich dieser Tag ja doch noch zu meinem Glückstag. Ich muss Haasenzahn Bescheid geben. Sie hockt doch bestimmt seit Stunden mit den Zwergen hibbelig neben dem Telefon und terrorisiert jeden, den sie kennt, nur um mich nicht damit zu nerven. ... Süß!

Und während die Gedanken des verliebten Chirurgen schon wieder in die Ferne abdrifteten, bemerkte er nicht, wie sich von hinten eine Person ungesehen an Schwester Sabine und ihn herangepirscht hatte und sich schließlich aufdringlich zwischen sie drängelte.

Sandy: Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne auch an mich wenden, Dr. Meier. Die OP verlief planmäßig. Gar nicht mal so diffizil, wie ich gedacht habe. Ich habe mein Bestes gegeben. Ähm... Die Frau Doktor natürlich ebenfalls, auch wenn sie während des gesamten Eingriffs ein bisschen mundfaul geblieben ist. So kenne ich sie gar nicht. Dabei war sie früher eine ziemlich passable und mitteilsame Ausbilderin. Naja, kennt man ja, Chirurginnen lassen sich nur ungern in die Karten blicken und fürchten den Kontrollverlust. Professor Haase ist jedenfalls bereits wieder auf seinem Zimmer und erholt sich von den Strapazen. Die Kollegen haben ihm etwas Pflanzliches gegeben, damit er ein wenig zur Ruhe kommt. Gegen Ende ging der Puls dann doch wieder hoch, aber kein Grund zur Sorge.
Marc (überrascht davon, dass die blonde Gastärztin plötzlich flirtbereit vor ihm steht, sucht er den Blickkontakt zu Sabine, die mit ihren Gedanken mal wieder in anderen Sphären schwebt u. Dr. Hassmann verstrahlt hinterher grinst): Sabine?
Sabine (zuckt erschrocken zusammen u. erkennt an seinem unmissverständlichen Blick, was sie als nächstes zu tun hat): Ich bin schon auf dem Weg und schaue nach ihm. Soll ich der Frau Doktor Bescheid geben? Sie hat mir über den Vormittag hinweg schon ein paar Smsen geschrieben und möchte...
Marc (nickt ihr überraschend anerkennend hinterher, als sie auf ein ausdrückliches Zeichen von ihm endlich die Klappe hält u. verschwindet, um dem nachzugehen, wofür sie schlecht bezahlt wird): Nee, das übernehme ich. Geht doch.
Sandy (klimpert verführerisch mit ihren langen geschwungenen Wimpern, als sie sich aufdringlich vor die sich zurückziehende Krankenschwester in Marcs Blickfeld schiebt): Hut ab! Sie haben Ihre Mitarbeiter wirklich gut im Griff, Dr. Meier.
Marc (denkt für den Hauch einer Sekunde an Dr. Hassmann, schüttelt darüber aber irritiert den Kopf u. widmet sich lieber dem Handy in seiner Kitteltasche, das er herausfischt): Mal mehr, mal weniger. Vor ner Stunde sah es hier noch ganz anders aus. Ein Schlachtfeld. Kindergarten hoch zehn. Definitiv nicht empfehlenswert.

Aber zum Glück ist das jetzt nicht mehr mein Problem. Delegierung sei dank. Sollen sich doch die Assis vom Wischnewski mit den krakeelenden Hosenscheißern herumschlagen, wenn sie sich unbedingt beweisen wollen. Meine Prioritäten liegen woanders. Jetzt, wo das mit Franz auch geklärt ist.

Sandy (legt ihr schönstes Flirtlächeln auf, als sie sich seitlich neben ihn an den Türrahmen lehnt): Wem sagen Sie das. Und ich hab mich schon gewundert, warum hier so viele Kinder durch die Gänge toben. Ich hoffe, das ist nicht der Normalzustand?
Marc (zuckt desinteressiert mit den Schultern u. tippt sich durch sein Handydisplay): Gott bewahre! Was das Kompetenzniveau einiger unserer Nachwuchskräfte betrifft, könnte man durchaus keinen Unterschied bemerken, aber die hab ich dauerhaft an der Backe. Das hier ist zum Glück nur ne Momentaufnahme. Chloralarm im Schwimmbad ein paar Straßen weiter. Wir waren die erste Anlaufstation. Nervig, aber Routine.
Sandy (spürt, dass sie auf einer Wellenlänge liegen u. lässt ihn nicht mehr aus den Augen, auch wenn er ihren Blicken auszuweichen scheint, was sie erst recht anspornt): Ach? Erzählen Sie mehr! Wir haben uns noch gar nicht richtig unterhalten, seitdem ich hier bin. Schade, dass wir das nicht im OP nachholen konnten. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden?
Marc (ist mit seinen Gedanken ganz woanders u. überlegt, ob er Gretchen schreiben, sie anrufen oder in der Mittagspause kurz bei ihr und den Kurzen vorbeischauen soll, aber dann wäre leider kein fähiger Oberarzt mehr im Haus, was nicht unbedingt ratsam wäre): Hm... vielleicht?
Sandy (bleibt hartnäckig dran u. ringt um Aufmerksamkeit): Ich habe schließlich schon viel von Ihnen gehört, der Professor schwärmt ja in den höchsten Tönen von Ihnen.
Marc (blickt dann doch kurz von seinem Smartphone auf u. wundert sich, dass sie immer noch vor ihm steht u. ihn aufdringlich anglotzt): Nur das Beste vermutlich.
Sandy (zeigt ihm ihr schönstes Zahnpastalächeln, um ihn zu bezirzen, was eher semierfolgreich ist): Definitiv. Ihre Qualitäten sind weit über die Landesgrenzen Berlin-Brandenburgs bekannt. Ihre Publikationen, die ich in einigen medizinischen Fachzeitschriften und Onlinemagazinen entdecken konnte, lesen sich bemerkenswert gut. Ihre im Zuge der im vergangenen Jahr in Berlin aufgetretenen Ebolafälle überarbeiteten Pandemiepläne sind ja mittlerweile in den meisten deutschen Kliniken Standard. Und ihr Forschungsansatz hinsichtlich der Paraplegie klingt wirklich viel versprechend. Auf dem Gebiet tut sich ja einiges im Moment.
Marc (ist angeekelt von der Schleimspur, auf der man fast schon auszurutschen droht, aber lässt sich nichts anmerken): Jep! Nicht zu knapp. Gerade die Entwicklungen in der Medizintechnik erweitern das Optionsspektrum um ein Vielfaches, um den Leuten wieder auf die Beine zu helfen. Aber die Tüftelei hat halt auch ihren Preis. Und die Patienten sind zu ungeduldig. Von jetzt auf gleich läuft da nichts.
Sandy (nickt anerkennend): Das ist bei uns in den Staaten nicht viel anders, auch wenn dort die Möglichkeiten natürlich bei weitem größer sind als in Ihrem niedlichen kleinen Krankenhaus. Das hat wirklich Charme. Wie Sie auch. Ich freue mich schon darauf, näher mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Vielleicht ergibt sich ja beim nächsten komplizierten Fall die Möglichkeit, gemeinsam zu operieren. Ich bin noch knapp zehn Tage hier. Mit Aussicht, meinen Aufenthalt noch zu verlängern. Falls Sie mich wieder brauchen sollten. Ich glaube, wir würden uns wunderbar ergänzen.
Marc (ist merklich erstaunt darüber, wie hartnäckig sie an ihm gräbt, obwohl er überhaupt keine Signale sendet, u. schiebt sein Handy vorerst zurück in seine Kitteltasche, nachdem er einen Daumen-nach-oben-Smiley verschickt hat): Das haben schon viele geglaubt...

...und sich gewaltig verkalkuliert. Ich hab gedacht, ich bilde mir das nur ein, aber die hat ja wirklich die ganz große Baggerschaufel rausgeholt. Wenn die in dem Tempo so weitermacht, dann steht der BER morgen und unser schicker neuer Anbau ebenso. So langsam verstehe ich, wieso der Kuhmann seine Finger nicht von ihr lassen konnte. Die hat ihn bettbereit gequatscht. Der hat gar keine andere Wahl gehabt. Der Arme. Fast tut er mir leid. Die Betonung liegt auf „fast“. Das nenne ich wirklich konsequent. Wo die lang stöckelt, wächst kein Grashalm mehr. Zielstrebig und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. So was kotzt mich an, echt.

Sandy (glaubt, den sexy Oberarzt in der Falle zu haben, u. flirtet offensiv weiter): Auch das habe ich gehört.
Marc (rückt scheinheilig etwas näher an sie heran, um Miss Strahlelächeln ein bisschen aus der Reserve zu locken): Schade, wie mir scheint, wissen Sie ja dann schon alles.
Sandy (spürt ein aufregendes Prickeln in seiner Gegenwart, das ihr eine wohlige Gänsehaut beschert, u. pirscht sich weiter vor): Och, das eine oder andere Geheimnis ließe sich doch bestimmt noch entlocken? Wollen wir das alberne „Sie“ nicht endlich sein lassen? Das hört sich so sperrig an. In Amerika ist das alles viel lockerer und ungezwungener.

Marc ließ als Antwort seine Grübchen spielen und schaute der verführerischen Gastdoktorin, die davon sichtlich angetan wirkte, betont etwas länger in die funkelgrünen Augen, die durch die großen Brillengläser riesig und eher wenig glanzvoll erschienen, als er müsste und folgte ihr schließlich nach draußen vor die Tür in die Raucherecke, wo sich Dr. Moeller von einem der wartenden Rettungsassistenten vor der Notaufnahme eine Zigarette schnorrte, der extragroße Pupillen bekam angesichts der blonden Schönheit, die plötzlich vor ihm stand und nicht ihm, sondern dem Meier schöne Augen machte. Gordon musste neidvoll anerkennen, dass der unverschämte Oberarzt es tatsächlich draufhatte. Er musste überhaupt nichts machen und bekam trotzdem immer die geilsten Schnitten ab. Dabei hatte er doch mit Dr. Haase schon den Fang seines Lebens gemacht. Diese wunderbare, sanfte, kluge, eindrucksvolle Persönlichkeit hockte jetzt mit ihren beiden Kindern vertrauensselig zu Hause und dieser Mistkerl von Chefarztanwärter flirtete an seinem zweiten Arbeitstag nach der Elternzeit schon wieder ungeniert mit der erstbesten hübschen Frau, die ihm über den Weg gelaufen war. Wie schäbig und herzlos war das denn bitteschön? Das hatte die Tochter vom Professor wirklich nicht verdient, dachte Gordon Tolkien verärgert und erinnerte sich an die Zeit, als er einmal sehr verknallt in den herzensguten Goldengel gewesen war, der ihm damals fast schon schicksalhaft immer wieder in die Arme geflattert war, sich aber nie wirklich für ihn interessiert hatte, was ihn lange Zeit sehr gewurmt hatte. Misstrauisch beäugte er die beiden intensiv in ein Gespräch vertieften Ärzte und zog schließlich verstimmt von dannen, um sich neue Kippen zu besorgen, in erster Linie um sich zu beruhigen, aber auch um den Meier noch zu schonen. Ansonsten hätte er ihm vermutlich gleich seine geballte Faust in die widerliche Grinsevisage gerammt, mit der er die sexy Lady von oben bis unten in altbewährter Meier-Manier abcheckte. Dabei konnte der Sanitäter doch gar nicht ahnen, was Dr. Meier mit seinem offensiven Verhalten eigentlich bezweckte. Vielleicht hätte er ihm dann sogar bereitwillig Erste Hilfe geleistet.

Marc: Sie... du meinst, so ein richtig großes schmutziges Geheimnis? Och, das findet sich in dem alten Gemäuer hier an allen Ecken und Enden. Wir betonen zwar immer, eine große Familie zu sein, aber du weißt ja sicherlich, wie das in guten Familien so läuft, oder? Nicht Tolkien? Was glotzt du so? Ich glaube, dein RTW hat da hinten an der Ladeklappe noch nen riesigen Rotzfleck. Hat da etwa eins der Bälger vorhin hingekotzt? Sollteste besser noch mal drüber wischen, bevor die Typen von der Hygiene noch die Nase rümpfen. Die haben momentan irgendwie jeden aufm Kieker, der aus der Reihe tanzt.
Sandy (lässt sich von Marcs besonderer Aura u. seinem selbstbewussten Auftreten völlig einlullen u. beobachtet ihn ganz genau dabei, wie er rotzfrech den attraktiven Rettungsassistenten verscheucht, der daraufhin seufzend seiner Wege geht): Das hört sich definitiv interessant an.
Marc (merkt mit großem Vergnügen, wie sie förmlich an seinen Lippen klebt u. treibt das Spiel weiter voran, indem er ihr zunächst die Zigarette klaut u. einmal genüsslich daran zieht): Mhm... auf jeden Fall interessanter als die Vorträge der werten Frau Hassmann.
Sandy (lacht herzhaft auf nach diesem mehr als gelungenen Scherz u. teilt bereitwillig die Zigarette mit ihm): Naja, das ist ja an sich auch nicht schwer.
Marc (findet das überhaupt nicht witzig, tut aber so, um sie in die Falle zu locken, die er ihr interessehalber stellt, um sie besser einschätzen zu können): Also hast du von unseren Klatschbasen noch nicht die Top-Ten-Highlights gehört, wer mit wem schläft oder dass unser Haus zum Beispiel seit neuestem ein ganz besonderes Maskottchen sein Eigen nennt?
Sandy (wundert sich zwar, wohin das führen soll, aber hört seiner markanten sexy Stimme gerne weiter zu): Du meinst so was wie den Berliner Bären? Ungewöhnlich, aber wenn es der Identitätsstiftung dient, warum nicht?
Marc (registriert mit großer Genugtuung, wie sie am Haken baumelt, zieht noch ein letztes Mal an der Kippe, die irgendwie nicht so gut geschmeckt hat wie früher, u. reicht sie ihr wieder): Ja, schon, aber doch eher menschlicher. Das Menschliche liegt uns hier nämlich, wie der Professor sicherlich schon in Dauerschleife erwähnt hat, sehr am Herzen. Und dieses besondere Wesen hat irgendwas mit den Leuten hier gemacht. Seitdem sind alle umsichtiger und achten mehr aufeinander. So richtig beschreiben kann man es nicht, aber leugnen kann man es auch nicht. Die Schwestern können sehr kratzbürstig werden, wenn man es nicht wert genug schätzt.
Sandy (lächelt ihn unentwegt interessiert an, während sie den Zigarettenrauch verführerisch in seine Richtung pustet): Jetzt machst du mich aber wirklich neugierig, Marc. Kann man es sehen? Ist es irgendwo ausgestellt?
Marc (bemüht sich sehr, nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen, weil ihm der penetrante Zigarettenrauch seltsamerweise überhaupt nicht gut bekommt): Nee, das wäre auch irgendwie sehr spooky, so klein und schutzlos wie er ist.
Sandy (kann ihm nicht so richtig folgen): Er?

Mein Gott, das geht ja einfacher, als ich dachte. Dabei ist der Versuchsaufbau noch nicht mal wirklich ausgereift. Also doch nicht so abgebrüht und nur auf ihren Vorteil bedacht. Damit lässt sich doch was anfangen.

Marc (gibt sich betont gleichgültig u. genießt für einen Moment den leicht verwirrten Ausdruck in ihrem bildhübschen Gesicht, bis er dann plötzlich aus dem Hinterhalt gnadenlos zuschlägt, um ihre Reaktion ganz genau studieren zu können): Jep! Er heißt übrigens Anton, um genau zu sein. Unser Anton. Klingt banal und wenig einfallsreich, ich weiß, aber da wir solch einen Fall noch nicht hatten, haben wir uns einfach beim Alphabet bedient. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätten wir das Naheliegende gewählt und sie Elisabeth getauft, wobei das wiederum auch nicht unbedingt besser geklungen hätte. Jedenfalls seitdem man ihn hier, also gleich da hinten vor dem Hintereingang vor nem knappen Dreivierteljahr gefunden hat, gehört er irgendwie mit zum Inventar. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht in Begleitung seiner Pflegeeltern hier auf Stippvisite vorbeischneit. Oh! Hab ich noch gar nicht erwähnt, dass unser EKH-Maskottchen ein Findelkind ist? Man kann ja davon halten, was man will. Jeder steckt mal in Schwierigkeiten oder in einer Lebenskrise, die einem ausweglos erscheint. Vielleicht ging’s der Erzeugerin wirklich extrem beschissen, sie wurde bedroht, misshandelt oder sie wusste in ihrer Situation einfach keinen anderen Ausweg mehr, um ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen, als ihn vor einem Krankenhaus abzulegen. Das zeugt schon davon, dass noch eine gewisse natürlich angeborene Fürsorglichkeit da gewesen ist, auch wenn es echt scheiße kopflos war, was sie oder ihn oder wen auch immer geritten hat, so zu handeln. Da steckt man nicht drin. Keine Ahnung, mehr wissen wir nicht. Sie hat sich nie wieder gemeldet, war einfach weg. Von einem Moment auf den anderen. Als hätte es sie nie gegeben. Als wäre unser Mini-Spock einfach vom Himmel gepurzelt. Plötzlich ganz allein auf sich gestellt. Das hat uns alle hier im Haus sehr bewegt, wobei ich an diese ganze Geschichte natürlich eher rational rangegangen bin. Polizei, der ganze Apparat, europaweite Suchaktion. Leider ohne Ergebnis. Aber wenn man nicht gefunden werden will, dann ist das halt so. Die meisten Kollegen, allen voran die Kolleginnen wollten nicht wahrhaben, dass es vielleicht doch pure Absicht gewesen ist. Ein nicht gewolltes Kind. Weggeworfen wie... Naja, die ethisch-moralische Keule halten andere hoch. Die Schwestern sind echt durchgedreht wegen ihm und mit denen möchte man es sich als Arzt nicht unbedingt verscherzen. Die wollen ihn gar nicht mehr hergeben, deshalb ist er jetzt quasi Ehrenmitglied in unserem besonderen Klub hier. Eine Schwester ist sogar gerade dabei, ihn zu adoptieren, wenn alles klappt und wir Oberärzte mit unseren Empfehlungsschreiben nicht zu dick aufgetragen haben. Du hast sie vorhin übrigens kennengelernt. Nicht unbedingt meine erste Wahl, aber... Alles okay bei dir? Ist dir nicht gut? Du bist auf einmal so blass. Liegt das an den Kippen? Unser Sonnyboysani mischt da manchmal echt übles Zeug rein. Das kann nicht jeder ab, der nicht tough genug ist.
Sandy (sämtliche Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen, als ihr die Parallelen bewusst werden u. sie versteht in ihrer Schockstarre nicht, wieso ausgerechnet er sie auf diese perfide Art u. Weise angreift, wo er doch damit überhaupt nichts zu tun hat): Das... Was... willst du mir damit eigentlich...? Ich... Ich sollte... Ich muss jetzt leider los. Ter...mine.
Marc (genießt es sehr, die taffe Neurochirurgin an ihrer Achillesferse erwischt zu haben u. verfolgt mit Genugtuung, wie sie sich plötzlich hektisch zurückzieht): Oh, schade, Schwester Sabine wäre bestimmt gleich mit dem Kleinen hier vorbeigekommen. Dann hättest du ihn kennenlernen können. Wenn man sich mit ihm gut stellt, dann ist das quasi das Aufnahmeritual für diese Klinik. Aber du, wenn es dir gerade nicht passt, dann... ein anderes Mal? Ich muss auch weiter. Lästige Pflichten erfüllen. Angehörige informieren. Und Visite und so. Das nimmt einem leider keiner ab. Wie so vieles anderes auch auf dem Weg nach oben. Aber das kennt ihr da drüben im gelobten Karriereland sicherlich auch. Man sieht sich, Candy Sandy!

...gab Marc Dr. Moeller noch vieldeutig mit auf den Weg, dann nickte er ihr zu, drehte sich um und verschwand mit einem breiten zufriedenen Grinsen wieder im Inneren der Notaufnahme. Er wusste nicht, wieso er das überhaupt getan hatte. Ja, er war neuerdings auf irgendeine bizarre Weise und vor allem auf Initiative von Gretchen hin mit der Hassmann und ihrem schrecklich nervigen Hahn im Korb befreundet und er mochte Cedrics und Marias Kinder mehr, als er es sich jemals eingestehen würde. Aber er fühlte sich nicht als deren Fürsprecher. Das war nicht seine Art. Es war einfach aus einem inneren Antrieb heraus entstanden und hatte sich dann verselbständigt. Die aufgeblasene Karrieretussi hatte es quasi herausgefordert mit ihrem anbiedernden Flirtverhalten oder warum auch immer sie sich an ihn geschmissen hatte und ihn auf ihre Seite hatte ziehen wollen. Je mehr sie ihn gefordert hatte, umso konkreter hatte sich dieser kleine Plan in seinem Hirn entsponnen, um wenigstens für einen kurzen Moment hinter ihre schnörkellose Fassade blicken zu wollen, welche sie hinter ihrer Fake-Brille, den Fake-Haaren, den Fake-Titten und ihrem durchaus bemerkenswerten chirurgischen Talent fast noch mehr perfektioniert hatte als ihre einstige Mentorin, mit der sie irgendetwas vorhatte. Das verriet ihm sein Instinkt. Schließlich kannte er sich bestens damit aus, wie man lästige Konkurrenz auf die Ersatzbank verbannte. Doch wirklich schlauer war er nicht daraus geworden. Aber diese subtile kleine Standpauke hatte einfach sein müssen. Mit Menschen, die aus niederen Beweggründen ihre Kinder zurückließen, wollte der frisch gebackene Zweifachpapa einfach nichts zu tun haben. Die widerten ihn dermaßen an, dass er fast schon körperlich darauf reagierte. Deshalb brauchte Marc jetzt auch mindestens einen kleinen Sprint durch das Treppenhaus, um wieder runterzukommen. Danach würde er endlich Gretchen anrufen, ihrer lieblichen erleichterten Stimme und den niedlichen Babygeräuschen im Hintergrund lauschen und könnte dann endlich auch wieder hochmotiviert und zufrieden seinem eigentlichen Tagwerk nachgehen.

Sandy war derweil wie vom Blitz getroffen vor dem Ausgang der Ambulanz stehen geblieben. Sie zitterte leicht, was nicht nur an der frischen Oktoberbrise lag, die vom See herauf in zunehmenden Böen und mit immer stärker werdendem Regen zum EKH herüberwehte, und wusste überhaupt nicht, was sie fühlen, geschweige denn denken sollte. Dr. Meier hatte sie kalt erwischt. Damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht von seiner Seite aus. Noch bis vor zwei Minuten hätte sie schwören können, dass sie beide aus demselben Holz geschnitzt waren. Das hatte den Chirurgen auch so wahnsinnig interessant für sie gemacht, neben seinem unwerfenden Äußeren und seiner sympathisch überhebenden Art. Er sagte frei heraus, was er dachte und scherte sich nicht darum, was andere davon hielten. Ein gestandener Mann mit Ambitionen. Fast so wie ihr Ex früher und meilenweit von ihrem aktuellen Partner entfernt, der sich lieber duckte und sie die Drecksarbeiten erledigen ließ. Aber da hatte sie sich wohl getäuscht, wie sie sich in vielen Dingen getäuscht hatte, seitdem sie wieder Berliner Boden betreten hatte, was sie mittlerweile schon ein wenig bereute. Aber was hatte sie denn erwartet? Verbrannte Erde ließ sich nun mal nicht so leicht wieder neu kultivieren. Deshalb kam ihr der Anruf, der sich gerade nervig auf ihrem Handy ankündigte, auch völlig ungelegen. Doch obwohl sie noch durcheinander und um Contenance bemüht war, schließlich war sie soeben auf eine Art und Weise bloßgestellt worden, wie es selbst Cedric Stier nicht gewagt hätte, nahm sie das Telefonat an. Beobachtet von einem neugierigen himmelblau leuchtenden Augenpaar, das, auf den nächsten Einsatz wartend, im Führerhaus seines blank polierten RTWs wieder Platz genommen hatte und fasziniert seine Blicke nicht von der sexy Lady in dem eng geschnittenen Kostüm abwenden konnte, die gerade aufgebracht in ihr Smartphone sprach. Noch gerade laut genug, dass auch eine hellhörige Krankenschwester darauf aufmerksam wurde, die auf der Suche nach ihrem Oberarzt gerade zur Tür der Notausnahme hinausschaute.

Sandy: Du hast mir gerade noch gefehlt. ... Jetzt tue mal nicht so, als ob du mich nicht verstehen würdest, Honey. Deine Eltern sind nach der Jahrtausendwende aus Österreich ausgewandert. Du verstehst mich besser als dich selbst. ... Ich bin überhaupt nicht schlecht gelaunt. Ich bin stinkwütend, um genau zu sein. Dieser ekelhaft verschworene Haufen hier geht mir so was von auf die Eierstöcke. ... Frag nicht! Mehr als Instrumente reichen und die Nervenbahnen checken, hat sie mich nicht gelassen. Reine Provokation, aber egal. Sie wehrt sich nur. In Anbetracht der Tatsachen steht ihr das zu. ... Was? Verscheißere mich nicht! Es macht es nicht leichter, dass sie jetzt wieder mit ihm zusammen ist und wie eine Löwenmutter jeden wegbeißt, der ihnen zu nahe kommt. Das an sich ist schon der Witz des Jahrhunderts. ... Wag es bloß nicht, mir deswegen Vorhaltungen zu machen! Du hast mir das doch erst eingebrockt, weil du deine vorlaute Klappe nicht halten konntest. ... Nein, jetzt verdrehe mal nicht die Tatsachen, mein Lieber! Alles lief bestens. Die Unterschriften waren schon gesetzt. Keiner hätte es je erfahren. Wenn du dich nicht, beschwipst wie du warst, bei unserer Einstandsfeier vor lauter Selbstüberschätzung vor unseren neuen Chefs verplappert hättest, stünde ich jetzt nicht vor diesem Problem. Jetzt stellen alle Fragen. Das hat sich rumgesprochen bis runter in die Patho. Was denkst du, wie ich hätte reagieren sollen? Es ist dein Glück, dass sich zufällig dieses bekloppte Austauschprogramm mit Berlin ergeben hat. ... Der Plan ist für die Tonne. Das hab ich dir von vornherein gesagt. Du kennst ihn nicht. Ich erkenne ihn ja selbst kaum wieder. Er ist anders. Er hat sich um hundertachtzig Grad gedreht. Er wird mich niemals an sie heranlassen. Nicht solange die hier zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Es ist kaum auszuhalten diese Heile-Welt-Harmonie. Ich muss hier weg. Ich glaube, einer der Ärzte, über den ich an ihn herankommen wollte, hat mich auf dem Kieker. Ich muss aufpassen. ... Nein, ich überlege mir was. Du kennst mich. Ich finde immer einen Weg. Sonst wären wir auch nicht da, wo wir jetzt sind. ... Yes! I call you later, darling.

Lorelei Offline

Facharzt:


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23.03.2020 14:25
#1662 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Währenddessen war im dritten Stock des altehrwürdigen Backsteinbaus, vor dem Dr. Moeller soeben ihre Handtasche geschultert, noch einmal misstrauisch die Fassade hochgeguckt und sich anschließend auf der Suche nach einem Taxi mit schnellen Stöckelschuhschritten in Richtung Parkplatz verabschiedet hatte, so langsam die alltägliche Routine wiedereingekehrt. Der Patientenüberhang war erfolgreich auf verschiedene Stationen verteilt worden. Für jeden kleinen Patienten war ein Bett gefunden worden und ihre Angehörigen hatten sich auch endlich beruhigt und warteten nun brav im Wartebereich die Besuchszeit ab, um das Personal, das wegen ihnen schon gestresst genug gewesen war, beim Verteilen des Mittagsessens nicht zu stören, welches ihre Kinder nach den ganzen Turbulenzen des Vormittags mehr als verdient hatten. Und die um wenige Stunden verschobene Visite war, bis auf ein Zimmer, das sich Dr. Meier extra bis zum Schluss seines Rundgangs aufgehoben hatte, erfolgreich abgeschlossen worden. Seitdem Marc mit seiner Freundin telefoniert und ihr die guten Nachrichten über ihren Vater mitgeteilt hatte, war die Laune des Oberarztes so weit in den positiven Bereich gerutscht, dass er seinen nervigen Assistenzärzten und AiPlern ausnahmsweise sogar eine Verschnaufpause von fünfzehn Minuten gegönnt hatte, welche diese sich natürlich nicht hatten nehmen lassen. Bevor es sich ihr sonst so grummeliger Ausbilder vielleicht noch anders überlegt hätte, waren sie ausgeschwärmt und schnell im Fahrstuhl und dann in der Cafeteria, am Imbiss um die Ecke oder in der Raucherecke verschwunden.

Und so stand der Leiter der chirurgischen Abteilung nun alleine auf dem Flur vor dem Zimmer dreier ganz spezieller Patienten, auf die er sich schon diebisch gefreut hatte, vor allem nachdem er von Gretchen von diversen, ihn betreffenden Beschwerden erfahren hatte, für welche es eigentlich, wie er ihr betont hatte, absolut keinen Grund gegeben hatte. Vorsicht war schließlich immer noch besser als Nachsicht und Gretchens Bruder, dessen Freundin und ihr Kind hatten gestern Abend wirklich keinen guten Eindruck auf ihn gemacht, was ihn und seinen Vater dazu animiert hatte, das zu tun, was ein guter Arzt in Fällen wie diesen nun mal zu tun gedachte. Die Meinung eines potenziellen Möchtegernmedizinstudenten, der mit seinen fünfundzwanzig Lenzen noch nicht mal das vierte Semester bewältigt hatte, spielte daher überhaupt keine Rolle und das sollte er auch zu spüren bekommen. Da konnte er sich noch so oft wehleidig bei seiner großen Schwester am Telefon ausheulen.

Marc zögerte noch einen kleinen Moment hinaus, den die um ihn herum wuselnden Krankenschwestern und Pfleger nutzten, um die schwer beladenen Essensausgabewagen an ihm vorbeizuschieben, bevor er sich die jeweiligen Patientenmappen unter den Arm klemmte, ein möglichst nichts sagendes Gesicht aufsetzte und schließlich, ohne anzuklopfen, das Patientenzimmer betrat, wo er direkt von zwei fröhlichen Augenpaaren begrüßt wurde, die ihn vom Fensterplatz aus vergnügt angrienten, was fast schon ansteckend wirkte, wenn der Blick des Oberarztes nicht zunächst bei dem ihn finster anstarrenden Bleichgesicht im ersten Bett hängen geblieben wäre. Schon seit Stunden hatte der infektgeplagte Medizinstudent in Lauerstellung hier nämlich schon wie auf Kohlen gesessen, hatte immer wieder bei seinen Pflegerkollegen nachgehakt, aber nichts war passiert und das passte ihm gar nicht, denn Jochen Haase wusste ganz genau, wieso das so war, was er vor dem arroganten Fatzke, in den seine Schwester aus ihm nicht nachvollziehbaren Gründen dauerverschossen war und der sich jetzt mit breiter Brust chefarztmäßig vor seinem Bett aufspielte, nicht verbarg.

Jochen: War das Absicht?
Marc (versucht, sich betont gleichgültig zu geben, aber kann sein amüsiertes Grinsen nicht für sich behalten): Deine Geburt? Ich hoffe doch nicht, dass Menschen so was Böses planen.
Jochen (lehnt sich eingeschnappt in seinem Bett zurück): Du fühlst dich wohl in deiner Position ganz besonders erhaben, hm? Gehst du mit allen deinen Patienten so um? Wird Zeit, dass Papa wieder übernimmt.
Marc (kratzt sich kurz verwirrt hinter dem Ohr, als er merkt, dass er aus Versehen Gretchen zitiert hat, was ihm noch nie passiert ist, u. blickt dann über sich selbst schmunzelnd auf die vorwitzige Person in dem Bett vor sich): Nur mit denen, die trotz eindeutiger Symptomatik bis vor kurzem noch hartnäckig behauptet haben, gar kein Patient zu sein, aber schön, dass du das endlich einsiehst, Jo. Einsicht ist aller Tugend Anfang oder so ähnlich. Was deinen alten Herrn betrifft, den lassen wir mal schön aus dem Spiel. Der hat sich hingelegt. Der Eingriff war schließlich nicht ohne. Obwohl, ja, doch, leider ohne mich.
Jochen (rollt theatralisch mit den Augen): Ein Saniteam, bitte! Hier lacht sich gleich jemand tot. Du verstehst, dass sich mein Mitgefühl, weil du nicht an ihm herumschnippeln durftest, in Grenzen hält. Können wir dann endlich unsere Entlassungspapiere haben? Der Zustand hier ist doch albern. Ich will endlich raus hier und bei Papa vorbeischauen und dann zur Uni. Ich will nicht noch mehr verpassen.
Marc (schiebt den vorlauten Kerl zurück ins Bett, als er versucht aufzustehen): Woah! Stopp, Kleiner! Anweisungen erteilen, kannst du, wenn überhaupt, wenn du dein Physikum bestanden, dein Studium abgeschlossen und deinen Facharzt eingetütet hast. Bis dahin, was vermutlich ein dauerhafter Zustand bleiben wird, bin ich derjenige, der hier die Diagnostik überblickt.
Jochen (seine Augen formen sich zu kleinen Schlitzen, mit denen er wütend zu Marc hoch guckt, der sich davon völlig unbeeindruckt zeigt, u. sich dann um Unterstützung ringend bei seiner Freundin vergewissert, die sich aber zusammen mit ihrer kleinen Tochter im Bett nebenan kichernd raushält): Na toll, ich wäre schon viel weiter, wenn du uns hier nicht so lange festgesetzt hättest. Das war überhaupt nicht verhältnismäßig, Marc.
Marc (klemmt sich die Aktenmappen vor die Brust u. blickt oberlehrerhaft zu ihm runter): Ob verhältnismäßig oder nicht, das liegt immer noch in meinem Ermessensspielraum. Ich bin schließlich derjenige mit dem Doktorschild, das dir wohl auf ewig verwehrt bleiben wird. Bleiben wir also bitte bei den Tatsachen! Oder leidest du etwa doch an den schweren Symptomen eines Grippedeliriums? Dabei hab ich bei dir und deinen Mädels doch überhaupt keine Influenza diagnostiziert. Egal. Du wärst nämlich schon weiter, wenn du nicht sechs Jahre lang zwischen BWL, Ethnologie, Jura und Medizin hin- und hergeschwankt wärst. Irgendwann muss man sich mal entscheiden.
Jochen (funkelt den Klugscheißer beleidigt an u. kontert vieldeutig): Das sagt gerade der Richtige.
Marc (hat ihn schon richtig verstanden u. wirft den Spielball gekonnt zurück): Dass ich der einzig wahre Richtige für deine Schwester bin, das ist ja auch kein Geheimnis. Das war es nie. Selbst nicht, als du in deinen hässlichen Hochwasserhosen zu uns rüber gewatschelt bist und den Schulhof deiner Grundschule mit dem der Oberstufe verwechselt hast, weil du sie unbedingt verteidigen wolltest, was sie aber auch ohne einen achtjährigen Steppke ganz gut alleine hingekriegt hat.
Jochen (schnauft verächtlich auf u. dreht sich eingeschnappt auf die andere Seite): Pff!
Marc (ärgert sich über Jochens abfällige Reaktion u. zeigt ihm das auch mit gebührender Strenge): Also, willst du noch länger rumquatschen oder doch endlich raus hier? Deine Entscheidung, Jo. Aber da das bei dir bekanntlich immer etwas länger braucht, widme ich mich erst einmal Ladies first. ... Na, wen haben wir denn hier? Da ist aber jemand wieder richtig munter, hm?

Marc ließ den dauernörgelnden Fünfundzwanzigjährigen zur Strafe erst einmal links liegen und widmete sich stattdessen Jochens Freundin, die unkommentiert dem Meier-Haasschen Theater zugeschaut hatte, während sie ihre kleine Tochter bändigte, die auf ihrem Bauch fröhlich herumturnte, als wäre nie etwas gewesen und das auch lautstark dem lustigen Herrn Doktor mitteilte, der sich gerade mit verschmitztem Grinsen zu ihr runterbeugte.

Celine: Ma...Ma...!
Marc (die Kleine ist so niedlich tollpatschig in ihrer ganzen Art, dass er gar nicht anders kann, als sie frech anzugrinsen): Und klug ist sie auch noch. Klüger als ihr schmollender Pseudopapi, aber das ist ja auch nicht sonderlich schwer. Ihr erstes Wort ist gleich mein Vorname. Ich fühle mich geehrt, junge Dame. Hallo! Geht’s dir gut?
Chantal (schaut schmunzelnd dabei zu, wie er das Patschehändchen ihrer Tochter schüttelt, die ihn daraufhin gar nicht mehr loslassen will): Wenn es seinem Ego nützt, dann lassen wir Onkel Marc mal in dem Glauben, nicht Schatz? Aber eigentlich hast du ja mich, deine Mama, gemeint.
Celine (brabbelt wie zur Bestätigung): Ma...ma!
Marc (fasst sich verspielt an sein Herz, grient die Einjährige dabei vergnügt an, die ihn mit großen Kulleraugen beobachtet, u. nimmt sie dann ihrer Mutter kurz ab, um sie näher zu untersuchen): Das war jetzt aber ein gewaltiger Stich in mein Herz, Celine, was aber auch zeigt, dass du wieder halbwegs gesund bist. Genauso muss man nämlich mit frechen Kerlen umgehen. Das lernt er da drüben auch noch, falls er jemals fertig wird mit seinem Langzeitstudium. Schau mich mal an! Ja. Keine glasigen Augen mehr. Kein Fieber.
Chantal (nickt erleichtert mit dem Kopf u. versucht die aufkommenden Glückstränchen zu bändigen): Die Zäpfchen haben geholfen. Und die Schwestern waren echt lieb zu ihr heute Nacht, als sie so doll gequengelt und die halbe Station wach gehalten hat.
Marc (reicht ihr das zappelige Mädchen wieder, das ihn angrient wie ein Sonnenscheinchen): Ich glaube eh, bei ihr war euer Infekt schon wieder am Abklingen. Kinder stecken so was lockerer weg als... Naja... Wie sieht’s bei dir aus?
Chantal (grient ihn mit breiter Grinsemiene an, während er sie kurz durchcheckt): Ich hab einen Bärenhunger. Mein Magen hängt schon in den Kniekehlen. Ist das normal? Wann kommen denn die Kollegen mit dem Mittagessen? Zwölf ist doch schon durch.
Marc (zieht sich zufrieden ans Bettende zurück u. notiert etwas auf seinem Klemmbrett): Es war ziemlich viel los in der Notaufnahme. Das hat zu einigen Verzögerungen geführt. Der Wagen mit dem Ekelfraß steht aber schon draußen aufm Flur. Die sind nur noch zwei, drei Zimmer entfernt, glaub ich. Noch genug Spielraum, um rechtzeitig zu flüchten. Aber du kannst ruhig mit ihr hoch in die Kantine gehen, wenn du magst. Ich lasse in der Zwischenzeit eure Entlassungspapiere fertigmachen. Und weil du mich an einem guten Tag erwischt hast, lege ich sogar noch einen zusätzlichen Tag zur Erholung oben drauf. Den Krankenschein für die drei Tage legt Sabine dir dann auf dem kurzen Dienstweg ins Fach von deinem Chef.
Chantal (springt erleichtert aus dem Bett u. zieht sich ihren Kapuzenpulli über ihre wilden rot leuchtenden Locken, dann nimmt sie ihre Tochter auf den Arm u. geht zum Bett ihres Freundes rüber, der eingeschnappt immer noch die Schränke anguckt u. nicht die drei Personen vor ihm): Supi! Wir schauen gleich mal vorbei, was es heute so in der Cafeteria gibt. Du kannst dich uns gerne anschließen, falls du nach der Visite jetzt Zeit hast?
Marc (zwinkert ihr geheimnisvoll zu u. streichelt dann Chantals Tochter sanft über die Wange, die dadurch ihr heftiges Strampeln einstellt u. ihn mit großen Augen fasziniert anstarrt): Danke für das Angebot, aber ich hab gleich schon was vor. Spezialauftrag von ganz oben.
Chantal (lacht, weil sie eine Ahnung hat, was er damit meinen könnte, u. wendet sich ihrem Schmollfreund zu, der dann doch neugierig wieder zu ihnen hoch guckt): Sollen wir dir was mitbringen, Jochi?
Marc (quatscht kleinlaut dazwischen): Vielleicht gibt’s ja „Gute Laune“ im Supersparpaket. Er scheint sie nötig zu haben.
Jochen (dreht sich beleidigt wieder weg u. zieht die gelb-weiß gesteifte Bettdecke über sich, unter der er heftig husten muss): Ach, lasst mich doch alle in Ruhe, ey.
Chantal (flüstert ihrer Tochter schmunzelnd etwas ins Ohr, zieht dann plötzlich die Bettdecke von Jochens Gesicht, der sich nicht dagegen wehrt, als sie ihn spontan abknutscht, u. verlässt anschließend mit Celine kichernd das Zimmer): Okay, da hilft nur eine große Portion Wackelpudding. Ich schau mal, was wir auftreiben können. Da, hast du’s gesehen, Celinchen. Die Mundwinkel vom Papa haben eindeutig kurz gezuckt. Die Bestellung ist eingeloggt.

Und es stellt sich immer wieder von neuem die Frage, was so eine coole Göre wie sie eigentlich von einem Lahmarsch wie ihn will. Eindeutige Geschmacksverwirrung. Vielleicht hätte ich doch noch ein CT verordnen sollen, bevor ich sie alle hier rausschmeiße.

Marc (hält seiner Schwägerin in spe grinsend die Tür auf u. schließt sie hinter den beiden wieder, dann wendet er sich mit ernster Miene seinem grummeligen Patienten zu): Jetzt lass doch deine üble Laune nicht an den beiden aus! Ich kann doch auch nichts dafür, dass du bei jedem klitzekleinen Kindergarteninfekt sofort „Hallo, hierher! Ich hab noch nicht“ rufst und es ausgerechnet heute hier ein wenig stockt.
Jochen (schlägt die Bettdecke wieder auf, unter der es ihm eindeutig viel zu warm ist, u. rutscht stöhnend zum Kopfende des Bettes hoch): Du bist der Oberarzt, das betonst du doch ständig, das liegt immer noch in deinem Ermessensspielraum. Du hast uns doch hier festgesetzt und hast uns dann stundenlang hängen lassen.
Marc (so langsam ist er die ewige Zickerei leid): Du bist wie jeder andere Patient auch. Extrawürste gibt es nicht. Weder für dich, noch für deinen Dad. Wenn die Luft in der Notaufnahme brennt, dann müssen alle zurückstecken. Du arbeitest hier lange genug, um das eigentlich wissen zu müssen.
Jochen (kommt dann doch langsam ins Grübeln): Also war es keine Absicht? Von Sabine weiß ich aber, dass du nicht bei ihm im OP warst. Und die Assibande ist doch vorhin in kompletter Mannschaft hier vorbeimarschiert. Ihren Angstschweiß konnte man bis hierher riechen. Und normalerweise klappert ihr doch bei der Visite der Reihe nach ein Zimmer nach dem anderen ab.
Marc (stöhnt entnervt auf u. hat keinen Bock, das noch länger auszudiskutieren): Jochen...
Jochen (studiert sein Gesicht ganz genau u. platzt dazwischen): Es war Absicht! Du grinst, du Arsch!
Marc (versucht sich an einem eher neutralen Gesichtsausdruck, scheitert aber kläglich): Ich grinse nur, weil ich feststellen muss, dass du manchmal zickiger als deine Schwester sein kannst. Hut ab! Wenigstens ein Diplom, das du je in den Händen halten wirst.
Jochen (dreht sich beleidigt zur Seite): Du kannst mich mal!
Marc (schmunzelt über Jochens kindische Reaktion): Hey! Das war ein Kompliment. Also für deine Schwester. Außerdem, so wie du dich hier gerade aufführst, könnte man dich fast für einen echten Arzt halten. Die sind ja bekanntlich die schlimmsten Patienten, die es gibt.
Jochen: Du sprichst jetzt aus eigener Erfahrung?
Marc (deutet mit ausdrucksloser Miene demonstrativ zur Tür): Jep, dein Vater liegt nur zwei Zimmer weiter. Aber wirklich nett, dass du mal nach ihm gefragt hast. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, was nicht zu erwarten war, wenn man bedenkt, wer sich an ihm ausprobieren durfte. Was mit der Hand ist, die ersten Tests laufen in den kommenden Tagen. Die Reha wird aber langwieriger. Du kannst dir also denken, was er davon halten wird.
Jochen (lehnt sich seufzend zurück auf sein Kissen, unter dem er ein Taschentuch hervorzieht, in das er anschließend geräuschvoll hineinschnäuzt, bevor er es zu den anderen benutzten in den Mülleimer neben seinem Bett schmeißt u. nicht trifft): Das weiß ich. Ich hab mit Gretchen telefoniert. Sie findet es übrigens auch unfair, dass du uns hier grundlos in Quarantäne hältst.
Marc (bleibt völlig unbeeindruckt): Über die Gründe entscheide immer noch ich und du kannst nicht leugnen, dass es euch bis gestern echt beschissen ging und ehrlich, auch jetzt noch siehst du nicht unbedingt wie das blühende Leben aus. Ich hätte euch nicht hier behalten brauchen, ja, das stimmt, wir haben schließlich keine Betten zu verschenken und von Quarantäne war überhaupt keine Rede. Ich wollte nur ein bisschen entgegenkommend sein. Deine Schwester und eure Mutter standen wegen eurem Vater schließlich völlig neben sich und ich glaube nicht, dass es euch besser gegangen wäre, wenn ihr in eurem Zustand zuhause auf den Ausgang der Dinge gewartet hättet.
Jochen (lenkt dann doch langsam ein): Okay, ja, vielleicht hast du recht. Ich bin dir auch dankbar. Aber können wir endlich einen Schlussstrich darunter setzen? Ich will nach Hause. Ich brauche dringend neue Klamotten. Die hier hab ich letzte Nacht durchgeschwitzt und Gordon, der Depp, hat die Hälfte vergessen, als er mir vorhin eine Tasche mit Wechselsachen vorbeigebracht hat. Und so langsam meldet sich auch bei mir der kleine Hunger an.
Marc (deutet mit einer ausladenden Armbewegung zur Tür): Das klingt doch schon mal positiv. Es steht dir frei. Aber lass mich, nur der Form halber, noch mal auf deine Werte gucken.
Jochen (seufzt resigniert auf): Von mir aus. Wenn’s nicht zu lange dauert.

Während Dr. Meier das Klemmbrett an Jochens Bett in Augenschein nahm, schwang Gretchens Bruder seine Beine aus dem Bett, schlüpfte in seine Krankenhausschlappen und holte sich eine Sweatjacke aus dem Schrank, die ihm sein Kumpel Gordon heute Morgen aus der gemeinsamen WG mit ein paar anderen Sachen mitgebracht hatte. Ihm war immer noch kalt, seine Nase lief andauernd, der Hustenreflex war nervig und besonders fit fühlte er sich auch nicht, aber das musste er Marc ja nicht unbedingt aufs Butterbrot schmieren. Gerade als er den Reißverschluss seiner Jacke hochgezogen hatte und sich umdrehte, um seiner Freundin und seiner Ziehtochter in die Kantine zu folgen, bemerkte er jedoch die hochgezogene Augenbraue und Marcs konzentriertes Stirnrunzeln und dieser Gesichtsausdruck seines Schwagers in spe gefiel ihm gar nicht. Das hatte nichts Gutes zu bedeuten.

Jochen: Ach komm schon, Marc! Du tust doch bloß so! Haben wir das Spiel jetzt nicht schon lange genug gespielt? Es wird langsam langweilig. Setz einfach deinen Meier unter den Doktor und wir vergessen das Ganze. Ehrlich, ich hab’s kapiert. Ich verpetze dich auch nicht bei Papa. Ich grüße ihn sogar von dir, wenn ich aus der Cafeteria zurück bin.
Marc: Sabine?

Marc hatte Jochen gar nicht richtig zugehört und war mit dem Patientenblatt in der Hand zur Tür gegangen, welche er öffnete, um seine Stationsschwester auf sich aufmerksam zu machen, die mal wieder sonst wo steckte, aber nicht an ihrem Platz neben dem Essensausgabewagen, gegen den er fast gelaufen wäre, weil er die Tür blockiert hatte.

Marc: Boah! Was ist das denn für ein Saustall hier? Wo steckt die denn schon wieder? SABINE!
Sabine: Auf dem Weg, Dr. Meier.

...kam es wie aufs Stichwort aus einem der angrenzenden Zimmer gerufen und die tollpatschige Krankenschwester rückte eine Sekunde später, über ihre eigenen Füße und den Essensausgabewagen stolpernd, auch direkt in sein Blickfeld, was noch eine Sorgenfalte mehr auf Marcs Stirn verursachte. Nicht nur bei ihm.

Marc: Noch mal Blut abnehmen, Blutbild und Blutkultur anlegen! Und Abstrich der Schleimhäute!
Jochen (will sich protestierend an ihm vorbei durch die Tür schieben): Mann, Marc, das ist doch jetzt nicht dein Ernst? Was hab ich dir eigentlich getan? Nur weil du Gretchen jetzt nicht mehr ärgern kannst, lässt du das jetzt an mir aus?
Marc (hält ihn mit ausgestrecktem Arm auf Abstand u. im Zimmer): Bild dir mal bloß nichts darauf ein! Erste Lektion auf dem Weg zum lang ersehnten Doktorschild: Diagnostische Genauigkeit anstatt dauerhafter Schlendrian. Deine Werte von heute Morgen passen nicht so recht zu denen von gestern Abend. Eigentlich müsstest du... Egal. Das muss nichts heißen. Ich will nur noch mal gegenchecken, dass wir nichts übersehen haben. Nicht dass du doch noch ansteckend bist. So wie deine Faulenzitis. Bis dahin kannst du es dir hier drin wieder gemütlich machen. Glückwunsch! Manch einer träumt davon, in unserem Luxusressort heimisch zu werden. Und du bekommst den Service, inklusive leckerem Mittagessen, gleich gratis. Sabine, ich will die Ergebnisse in spätestens einer Stunde auf dem Tisch haben. Machen Sie denen da unten Druck. Er ist schließlich nicht irgendein Patient und die Betten werden auch nicht mehr, wenn sie von unserem Dauerpraktikanten in Dauerbeschlag genommen werden. Ich bin dann erst mal drüben bei Franz, also Prof. Haase. Falls was sein sollte, Assis einbinden! Wo steckt der lahmarschige Haufen eigentlich schon wieder? Na die kriegen was zu hören, wenn ich die erwische. Die denken wohl, nur weil hier ein paar Kids herumschwirren, könnten sie auch einen auf Ferienlager machen.
Jochen (starrt Marc mit heruntergeklappter Kinnlade hinterher, wie er im Eilschritt das Zimmer verlässt, u. dann zu Sabine): Äh... Marc? Hallo? Ey, wir haben das noch nicht ausdiskutiert. ... Der tut doch nur so, oder?
Sabine (streicht sich eine verrutschte Haarsträhne hinters Ohr u. schaut ihren verunsicherten Kollegen in typisch mystisch verklärter Sabine-Manier an): Es steht mir nicht zu, darüber ein Urteil zu bilden, Jochen, aber aus meiner Erfahrung heraus weiß ich...
Marc (blickt überraschend noch mal zur Tür rein): Äh... Sabine! Nicht quatschen, arbeiten!
Sabine: Jawohl, Herr Doktor!

...antwortete die freundliche Krankenschwester pflichtbewusst und nicht ohne ein bedeutungsvolles Augenrollen in Jochens Richtung ihrem Oberarzt und machte auf der Schwelle kehrt, um die nötigen Behandlungsutensilien aus dem Materialraum gegenüber zu holen. Und ehe der verdutzte Medizinstudent und jetzige unfreiwillige Patient darauf reagieren konnte, hatte Marc die Tür auch schon vor seiner Nase zugeschoben. Der Zwangsaufenthalt im EKH hielt somit an. Und das galt nicht nur für Haase Junior. Für alle Beteiligten kündigten sich ganz neue Herausforderungen an.

Lorelei Offline

Facharzt:


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13.04.2020 10:21
#1663 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

In erster Linie traf das natürlich auf Deutschlands beliebtesten und begnadetsten Unfall- und Allgemeinchirurgen, das chirurgische Ausnahmetalent schlechthin, Dr. Marc Olivier Meier, zu, der nur zwei Tage später nach einer mehr als anstrengenden, Babys im Doppelpack bedingten, schlaflosen Nacht mit eher lustloser Miene im Vorlesungssaal des Elisabethkrankenhauses Platz genommen hatte und nun gähnend durch die mit ekelhaft hoch motiviertem Chirurgennachwuchs voll besetzten Reihen blickte und sich dabei einmal mehr fragte, während er mit beiden Händen seinen Kaffeepot umklammerte wie ein Ertrinkender seinen Rettungsring, wie zum Teufel er überhaupt hierhergekommen war. Aber nur ein Blick zur Seite auf die beiden freien Plätze neben sich war selbsterklärend. Denn davor auf der knarzenden Treppe direkt vor dem Notausgang standen mit konspirativ zusammengesteckten Köpfen Lolek und Bolek, besser bekannt unter ihren medizinischen Pseudonymen Dr. Hassmann und Dr. Stier, die, ihren Gesichtern nach zu urteilen, mindestens genauso viel Bock auf diese Pflichtveranstaltung hatten wie er auch. Vor allem wenn man wiederholt gezwungen war, zu der eifrig erklärend über die Bühne hüpfenden Person hinunterzuschauen, welche das gesamte Podium sowie, seine Wenigkeit und die beiden Flitzpiepen neben sich ausgenommen, fast den kompletten Saal mit ihren eher fragwürdigen Ausführungen für sich eingenommen hatte.

Eigentlich war es faszinierend zu beobachten, wie die sabbernden Gesichter der frisch aus dem Ei geschlüpften Möchtegernchirurgen, die zahlreich die Gunst der Stunde genutzt hatten, um aus den schlecht ausgeleuchteten Katakomben ihres aus endlosen, mies bezahlten Nachtschichten bestehenden, tristen Hiwi-Daseins herauszukommen und sich wenigstens einmal während ihrer im Sande verlaufenden Karrieren als akzeptierte Mitglieder ihrer Zunft zu fühlen, mehr an den endlos langen schlanken Beinen, dem aufgeplatzten obersten Designerblusenknopf und den blutrot geschminkten Lippen der attraktiven Dozentin klebten als an den hinter ihr auf die Großleinwand projizierten Bildern ihrer inhaltlich durchaus bemerkenswerten Präsentationsdarbietung. Sie gab sich wirklich Mühe, ihre hieb- und stichfesten Forschungsansätze möglichst interessant darzustellen, wobei sie durchaus auch schauspielerisches Talent an den Tag legte. Jeder Witz und jede Pointe war ganz gezielt zwischen ihre Erkenntnisse platziert. Mit jedem Lacher ihres Publikums wurde die Brillenträgerin mutiger, gab sich offen und redegewandt, setzte neben ihrem brillanten Fachwissen, an welchem zu Marcs großer Enttäuschung nichts auszusetzen war, auch ihren Bombenkörper gestenreich ein und suchte in der einen oder anderen flüchtigen Minute auch immer wieder wie zufällig den Blickkontakt zu den eigentlichen Adressaten ihres sicherlich nicht zum ersten Mal durchgespielten Bühnenprogramms, die ihr jedoch betont die kalte Schulter zeigten, als hätten sie nicht bemerkt, was einem geschulten Auge wie dem von Dr. Meier nicht entgehen konnte.

Wie er doch Selbstbeweihräucherungen dieser Art hasste und dann auch noch in einer Disziplin, die doch niemanden auf diesem Planeten wirklich hinter dem Ofen hervorholen konnte. Denn wer in Gottes Namen spezialisierte sich schon freiwillig auf Neurochirurgie? Pff! Wie langweilig und im wahrsten Sinne des Wortes kleingeistig! Warum sich am Kleinen festhalten, wenn man stattdessen gleich alles auf einmal haben konnte? Als Allgemein- und Unfallchirurg war man schließlich viel breiter aufgestellt. Man musste sich in Sekundenbruchteilen entscheiden können. Und da man sich in sämtlichen Fachgebieten bestens auskannte, war man doch durch diesen bemerkenswerten Spezialistenvorteil viel näher dran am tatsächlichen Gottesstatus, den doch jeder wahre Chirurg anstrebte, der etwas auf sich hielt, oder wie diese Pappnasen in den voll besetzen Reihen vor ihm höchstens in ihren feuchten Träumen anvisierten, aber im realen Klinikalltag nicht einmal annähernd erreichen würden. Diese ganze Schose hier, welche unter dem wenig einfallsreichen Arbeitstitel „Der aktuelle Forschungsstand in den Neurowissenschaften sowie die neusten neurochirurgischen Arbeitstechniken im digitalen Wandel“ angekündigt worden war, war doch im Grunde völlig vergeudete Lebenszeit, die er viel besser zuhause im Bett bei seinen drei Goldschätzen hätte verbringen können, dachte zumindest der Teil des brillanten Meierschen Hochleistungsprozessors, welchen die Rettungsdosis Koffein bereits erreicht hatte.

Aber nein, er hatte als offizielle inoffizielle Vertretung von Prof. Haase, der bekanntlich auf längere Sicht ausfallen würde, auch wenn dieser Außenstehenden gegenüber etwas Gegenteiliges behaupten würde, Anwesenheitspflicht und sollte einen regulären Ablauf der verschiedenen Kolloquiumsbeiträge in den nächsten Tagen gewährleisten. Aber was war schon regulär, wenn man jemandem wie dieser Frau Dr. Sowieso zuhören musste, die allein schon einen Orgasmus bekam, wenn sie sich selber reden hörte, und die es sich erstaunlicherweise während der kurzen Begrüßungszeremonie vorhin auf der Bühne überhaupt nicht hatte anmerken lassen, dass er sie erst vor zwei Tagen ziemlich hatte auflaufen lassen und auch vor Dr. Hassmann und Dr. Stier hatte sich Candy Sandy ungewöhnlich handzahm gezeigt. Ein Grund mehr für die beiden, den lästigen Bazillus, welcher, der beeindruckt dreinblickenden Zuschauerschar nach zu urteilen, das Elisabethkrankenhaus weitläufig zu infizieren drohte, keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Lächerlich in Marcs Augen, was der vorwitzige Oberarzt natürlich nicht für sich behalten konnte. Oder stand neuerdings in seinem erweiterten Portfolio ‚Zickendompteur’? Der Buchstabe Z im Zusammenspiel mit Dompteurtätigkeiten war nämlich schon auf Lebenszeit besetzt. Mit seinen Zwillingen, mit denen Marc jetzt gerne getauscht hätte, denn sie durften im Gegensatz zu ihrem Papa schlafen, wo und wann immer sie mochten. Die unbequemen Holzpulte in der historischen Krankenhausaula hatten sich dagegen für ein erweitertes Nickerchen als ungeeignet herausgestellt, wie er während eines ersten Testlaufs ausprobiert hatte, als die übermotivierte Gastchirurgin nach einem in seinen und Hassis Augen übertriebenen Begrüßungsapplaus den Vortragsreigen vor etwa zwanzig Minuten gestartet hatte.

Marc (mustert seine beiden Kollegen ganz genau, die Dr. Moeller argwöhnisch aus der Ferne beobachten u. sich darüber, vor neugierigen Studentenohren geschützt, flüsternd austauschen): Aber sonst geht’s euch noch gut, hm? Jetzt macht euch doch mal locker und pflanzt euch endlich her! Die Studenten gucken schon misstrauisch und wundern sich, wieso ihr hier die ganze Zeit einen auf nervösen Platzwart macht. Rausschmeißen könnt ihr sie immer noch, wenn sie die Abschlusstests nicht bestehen, von deren Glück sie noch nichts wissen. Für dich ist es vielleicht eine berufliche Perspektive neben deinem hochanspruchsvollen Kitazweitjob, Stier, aber sie muss ihr Licht doch nicht so weit unter den Scheffel stellen. Wenn du gesehen und gehört werden willst, hättest du Blondi nicht den Vortritt lassen sollen, Hassi. Ich ahne, was du damit bezweckst. Kluge Taktik. Mit Aufmerksamkeit ködern. Aber am Ende zählt sowieso, wer die besseren Argumente hat und wenn ich mir dich so anschaue, mhm... muss ich schon sagen, wie Mitte vierzig wirkst du in dem knappen Fummel nicht unbedingt. Sexy, aber nicht nuttig. Hättest dich aber nicht extra für uns so dolle aufbrezeln müssen. Ist die Mühe nicht wert. Ich weiß, in deinem Alter hat man nicht mehr so viele Optionen, aber... Sag mal, klebt da etwa noch das Preisschild dran? Holla die Waldfee, ich sollte die Gehaltszettel unserer Oberärzte noch mal genauer in Augenschein nehmen, jetzt wo ich wieder Chef bin und du dir hier die Zeit mit... was auch immer vertreibst. Aber steht dir auf jeden Fall besser als dein zu weit gewordener OP-Kittel. Darin wirkst du immer so blass und verloren. Kannst fast mit ihr mithalten, wenn du dich an schlechten Kopien orientierst. Die Frage ist nur, wer kopiert wen?

Eigentlich hatte Dr. Hassmann ihn vom ersten Moment an ignorieren wollen. So wie sie es immer tat, seit dem Zeitpunkt, als sie sich vor ungefähr fünf Jahren zum ersten Mal in diesem Krankenhaus beruflich in die Quere gekommen waren. Aber seitdem sie sich vor einer guten halben Stunde ein letztes Mal vor den beiden Eröffnungsvorträgen besprochen und anschließend mit geheuchelter Freundlichkeit die Gastdozentin aus den Staaten vorgestellt und ihr den Vortritt gelassen hatten, spürte sie seine Blicke im Rücken. Sie wusste sie nicht einzuordnen. Einerseits registrierten ihrer Fühler die üblichen Gehässigkeiten, die der großmäulige Oberarztkollege schon von Natur aus an den Tag legte, wenn er sich einen Spaß daraus machte, seine engsten Kollegen auflaufen sehen zu wollen. Andererseits war da auch noch etwas anderes. Etwas, das sie sich nicht erklären konnte, weil es ziemlich absurd war und eher zu Gretchen Haase passen würde und nicht zu ihrem ach so tollen Freund. Sie würde fast behaupten, sie spürte so etwas wie einen Hauch von Mitgefühl. Eine Eigenart, für die Dr. Meier nicht unbedingt bekannt war.

Als hätte er sich irgendwann unbemerkt auf ihre Seite geschlichen, was eigentlich überhaupt nicht sein konnte, denn seitdem der Professor ausgefallen war, was dieser übrigens auch drei Tage nach seinem hochdramatischen Fahrradunfall noch nicht so richtig wahrhaben wollte, betonte er ja großspurig überall und jedem, dass er ab sofort das Sagen hatte und alle nach seiner Pfeife tanzen sollten, was aber lediglich eine Halbwahrheit war, denn sie hielt schließlich dieselben Befugnisse inne. Sie teilten sich den heiß begehrten Job. Gleichberechtigt. Als Team. Das hatte Prof. Haase nicht nur einmal vor versammelter Mannschaft in Chefarztmanier während der täglichen Visite an seinem Krankenbett betont, was Angeber Marc stets mit einem hinter ihrem Rücken gestöhnten Brummen kommentiert hatte, welches nur für ihre Ohren bestimmt gewesen war.

Das machte sie rasend. Wie konnte jemand mit seinem Sachverstand und seiner diagnostischen Kombinationsgabe noch so kindisch sein? Sein neuer Zweitjob als Zwillingsdaddy hatte Marc nicht wirklich weitergebracht, auch wenn Gretchen stets etwas Gegenteiliges behauptete, wenn sie am Telefon mal wieder hartnäckig Kontakt und Mamaverbundenheit mit ihr suchte, aber in ihrer rosaroten Blase war Haase ja auch nicht unbedingt objektiv. Dass er sich auch nach seiner Rückkehr aus der Elternzeit überhaupt nicht verändert hatte, hatte sich gerade eben mal wieder eindrucksvoll gezeigt. Marc konnte es einfach nicht lassen. Dabei hatte sie doch gerade ganz andere Probleme. Sexy Probleme in einer 34, während sie sich heute Morgen mit Müh und Not in eine sehr schmal geschnittene 38 gezwängt hatte, die mit einer falschen Bewegung jeden Moment gesprengt werden könnte. Deshalb war sie vorhin nur eine Stunde vor dem Start der gut besuchten Vortragsreihe, die sie mangels helfender Hände und aus Weigerung einer freiwilligen Kontaktaufnahme fast im Alleingang auf die Beine gestellt hatte, extra noch in ihrem Büro verschwunden, hatte sich dort verschanzt und literweise Muttermilch abgepumpt, mit der man sämtliche Neugeborenen auf der Station von Dr. Kaan zwei Tage lang hätte versorgen können, wenn ihre eigene Tochter nicht schon so scharf darauf gewesen wäre, die im Übrigen immer noch genau dort zusammen mit Schwester Sabine verweilte, die sie ausnahmsweise mit diesem ganz besonderen Babysitterjob beauftragt hatte, weil Rick unbedingt darauf bestanden hatte, ihr heute in der Aula beizustehen, was im Grunde lächerlich war. Sie brauchte keinen Beistand. Weder von ihm, noch von dem Sprücheklopfer. Mit dem Miststück da vorne würde sie schon alleine fertig werden. Es war ja schließlich auch nicht das erste Mal. Sie wusste, wer die Bessere war und das würden die sabbernden Studenten auch noch begreifen, die sich um die giftige Natter scharrten, als hätte sie den heiligen Gral erfunden. Pff! Hätte sie wohl gerne. Gut schauspielern, das konnte sie auch.

Aber Maria hatte einfach keinen Nerv dafür, sich jetzt auch noch mit Marc Meier auseinandersetzen zu müssen, der offenbar nur eine Tasse Kaffee aus Sabines Spezialvorrat gebraucht hatte, um wieder zur Höchstform aufzulaufen. Der Typ hatte vielleicht Nerven. Das hatte sie zum ersten Mal an diesem Tag von ihrer lästigen Konkurrentin ablenken lassen, die sie nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, seitdem diese sich, bewaffnet mit Laptop, gut aussehendem Assistenten und jeder Menge Technik zum Angeben, auf dem Podium breit gemacht hatte, und die sich wie eine olympische Goldmedaillengewinnerin in der Aufmerksamkeit sonnte, die ihr gerade von ihrem Publikum zuteil wurde. Diese Verräter! Grr! Aber sie würde sich nicht aufregen. Sie war die Ruhe selbst. Mit sich und der Welt im Einklang. Sie würde dieser Person kein Futter hinwerfen. Das hier war immer noch ihr Tanzbereich. Sie hatte hier im EKH das Sagen und niemand sonst. Trotzdem hatte sich Dr. Hassmann kurz von ihrem Kompagnon aus dem Konzept bringen lassen. Hatte er etwa recht oder wieso glotzte der Meier sie so unverschämt von der Seite an, als hätte sie ihre Klamotten vergessen?

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass er sie vielleicht nur verarscht hatte, konnte sie dem Impuls nicht widerstehen, der in ihr hochkrabbelte wie ein Käfer an einer Baumrinde, und musste sich vergewissern. Vorsichtig schaute sie sich um, um sicher zu gehen, dass sie auch nicht dabei beobachtet wurde, und klopfte dann hastig ihr Kostüm ab, um nach dem ominösen Preisschild zu suchen, welches, wie sie entgeistert feststellen musste, tatsächlich, nicht zu übersehen, unter ihrem pastellfarbenen Blazer hervorblitzte. Schnell zerrte sie mit Hilfe von Cedric, der, abgelenkt durch Sandys ausschweifende Rede, das Missgeschick seiner Lebensgefährtin auch eben erst bemerkt hatte, das winzige Stück Pappe vom hinteren Saum ihres nigelnagelneuen megasexy Bleistiftrocks, welcher Gott sei dank dadurch keinen Schaden genommen hatte, und funkelte Dr. Meier anschließend finster von der Seite an, der sich sein dreckiges Grinsen natürlich nicht verkneifen konnte, das sie ihm am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte, wenn sie sich nicht gerade mitten unter hundertfünfundachtzig, aus ganz Deutschland angereisten Neurochirurgenkollegen befunden hätte, die von Cedrics Ex geradezu in den Bann gezogen wurden, was sie noch zusätzlich auf die Palme brachte. Mehr noch als die Tatsache, dass sie sich gleich noch dem Fachduell mit der fiesen Hexe würde stellen müssen.

Maria: Witzig! Hast du sonst noch irgendetwas Geistreiches mitzuteilen? Wenn nicht, dann wären wir hier fertig. Dein Part ist erledigt, was im Übrigen auch für den Rest der Woche gilt. Dort ist die Tür, Dr. Meier.
Marc (grient die sichtlich verschnupfte Kollegin zufrieden von der Seite an, die trotz ihres peinlichen Fauxpas noch nicht mal rot geworden ist, u. denkt nicht im Traum daran, ihrer subtilen Bitte Folge zu leisten): Wie gesagt, in Motivationsfragen immer zuerst den Meier fragen. Wie in anderen Dingen übrigens auch. Ich glaube, ich komme gerade erst wieder in Hochform. Das hat sie da vorne übrigens auch schon mitbekommen. Sonst hätte sie in den vergangenen Tagen sicherlich nicht so auffällig die Hufe flach gehalten. Oder habt ihr was von ihr gehört? Ich hab schon gehofft, die ganze Schose hier fällt flach und wir können endlich mal wieder so richtig ausschlafen, aber dann hat der Professor mir heute Morgen noch ne Erinnerungsmail mit dem überarbeiteten Ablaufplan geschickt. Du kannst ihn umbringen und gegen nen Laternenpfahl titschen und er steht trotzdem am nächsten Tag als Erster auf der Matte. Das darf ich gar nicht Haasenzahn erzählen. So wie ich sie kenne, macht sie dann den zweiten Platz und sie ist nicht unbedingt für ihre Sportlichkeit bekannt.
Cedric (verdreht genervt die Augen, überlegt einen Moment, was Marc mit der Andeutung wegen Sandy gemeint haben könnte, doch der Gedanke verschwindet genauso schnell, wie er aufgekommen ist, u. setzt sich schließlich doch seufzend in die Sitzreihe neben Marc): Wenn du heute schon die große Klappe hast, dann nutze sie doch bitte dort, wo sie auch tatsächlich Gehör findet. Auf deiner Station, wo du ungeniert Chef spielen darfst. Was machst du überhaupt hier? Du bist doch gar nicht im Thema.
Marc (genießt es sehr, seinen Ex-Erzfeind auf die Schippe zu nehmen, der sich als Ritter in der Not peinlich vor seine Exfrau u. Wiederfreundin positioniert hat, die nach kurzem Zögern auf dem Außensitz Platz genommen hat): Dito! Müsstest du nicht eigentlich stinkende Windeln wechseln?
Cedric (weist den Sprücheklopfer genervt in die Schranken, was aber wenig Wirkung zeigt): Marc!
Marc (lacht vergnügt u. weckt damit die Aufmerksamkeit einiger Medizinstudenten, die mit deutlichem Abstand neben ihm in der Reihe sitzen u. leicht genervt von der Dauerquatscherei der hochwohlgeborenen Chirurgen wirken, sich aber nicht trauen, etwas zu sagen): Och, ich wollte das spektakuläre Schauspiel nicht versäumen. Es wurde ja viel versprochen und einiges auch gehalten. Das überrascht mich schon. Da steckt ja doch mehr dahinter als nur heiße Luft in den Silikonkammern.
Cedric (folgt Marcs Blick nach vorne zum Podium u. seufzt frustriert auf): Treffend analysiert, Herr Kollege. Ich habe ja auch nie behauptet, dass sie nicht einiges auf dem Kasten hat. Leider.
Marc (will eigentlich nicht zuhören, aber bleibt dann doch an dem einen oder anderen durchaus interessanten Gedankengang der Referentin hängen, die zufällig auch gerade zu ihm u. Cedric hochguckt u. demonstrativ zum Dauerlächeln ansetzt): In der Tat. Sie weiß genau, was sie tut.

Heilige Scheiße! Intrigant und intellektuell vielseitig aufgestellt. Eine durchaus interessante Mischung, jedoch mit ordentlichem Sprengstoffpotential. Wäre ich Chef, also, so richtig, richtig, käme ich gar nicht drum herum, ihr nen Vertrag unter ihr hübsches Näschen zu halten. Aber zum Glück geht der Kelch noch an mir vorüber. Den Stress tue ich mir nicht an. Man sieht ja am Kuhmann, was es aus einem macht. Er kommt an die Vierzig definitiv am nächsten ran. Obwohl er eigentlich noch ein, zwei Jährchen Luft bis dahin hätte. Aber die saugt sie ja gerade auf mit ihrem Dauergequatsche. Definitiv ne Frequenz zu hoch. Das erklärt das Jaulen vom Pförtnerhund da draußen.

Cedric (merkt, dass Marc plötzlich abgelenkt wirkt, ärgert sich u. holt ihn schnell zurück): Sonst noch was? Du musst wirklich nicht bleiben. Ich bin ja auch noch da.
Marc (guckt ihn irritiert wieder an): Was nicht wirklich einen Vorteil verspricht. Was biste denn so nervös?
Maria (mischt sich nun auch genervt von der Seite ein u. springt dann wieder von ihrem Platz auf, weil sie es nicht länger aushält zu warten): Niemand ist hier nervös. Warum auch?
Marc (analysiert ganz genau die angespannten Mienen des Chirurgenpaares): Ja, warum auch?
Cedric (sieht ihn unmissverständlich von der Seite an): Marc, lass es einfach! Okay? Du hattest deinen Spaß. Wir haben alle gelacht. Es ist nett, dass du uns unterstützen willst, aber das ist wirklich nicht nötig. Der Orgakram ist durch, den Rest erledigen wir. Du hast doch sicherlich auch noch etwas anderes zu tun? Ist die Notaufnahme überhaupt besetzt?
Marc (lehnt sich entspannt in seinen Sessel zurück): Nö! Wozu hab ich denn einen Haufen Assis an der Backe, die mir die Drecksarbeiten abnehmen? Aber ich höre hier immer „wir“? Dabei steht dein Name doch gar nicht im Ablaufplan. Hab ich was verpasst? Sag bloß, du gibst auch noch ne Sondervorstellung außerhalb des Kika-Ferienprogramms? Ein Grund mehr, sitzen zu bleiben, um dir beim Auflaufen zuzusehen.
Maria (reagiert genervter, als sie will, auf seine ewigen Sticheleien): Meier, ich weiß, du hältst dich für das Comedytalent schlechthin unter der Berliner Ärzteschaft und du kannst dich gerne austoben, wo und wann immer du willst, solange du uns damit in Ruhe lässt. Das ist wirklich nicht angebracht im Moment.

Okay!?! Das war vielleicht doch einen Tick über das Ziel hinausgeschossen, aber ich dachte, sie stehen da drüber. Haasenzahn hatte mich gewarnt. Aber aus der Ferne ist man immer schlauer.

Marc (spürt, dass seine Kollegin es ernst meint u. nimmt ebenfalls eine gefasste Miene an): Okay, was ist hier los? Ich dachte, ihr wolltet euch nicht von der da aus dem Konzept bringen lassen. So toll ist ihre Show nun wirklich nicht, auch wenn sie ganz schön aufgefahren hat. Täusche ich mich oder ist das da ein echter 3-D-Drucker? Was zum Geier will sie denn bis nächste Woche da ausdrucken? Eine Kopie der Space Needle als neues chirurgisches Instrument? Da haben wir wesentlich interessantere Dinge live vor Ort in Seattle erleben dürfen. Oder, Cedric? Jetzt piss dich doch wegen ihr nicht ein! Was kann sie euch denn schon groß?
Cedric (hat keinen Nerv, das ausgerechnet mit dem unsensibelsten Menschen auf Erden zu erörtern u. weicht auf den äußersten Sitzplatz aus): Du hast doch keine Ahnung.
Marc (guckt von Cedric zu Maria rüber u. ist, von sich selbst überrascht, alarmiert): Ja, weil ihr die Zähne nicht auseinander bekommt. Was’n los?
Maria (zischt den vorlauten Kerl an u. schiebt sich auf den freigewordenen Platz zwischen die beiden): Wenn du’s genau wissen willst...
Marc (quatscht kleinlaut dazwischen, was gar nicht gut ankommt): Von wollen kann gar keine Rede sein.
Cedric (plötzlich platzt es doch aus ihm heraus, was die ganze Zeit in ihm gebrodelt hat): Sie war bei uns.
Marc (wirft überrascht seinen Kopf wieder herum): Wann? Ich dachte, ihr hättet nichts mehr von ihr gehört, seitdem sie wie aus dem Nichts am Montag in Berlin aufgekreuzt ist? Hast du mir gestern nicht erst gesagt, dass die Frau ganze zwei Tage lang von der Bildfläche verschwunden war und du dich mit der ganzen Orga alleine abrackern musstest, bis ich dir, selbstlos wie ich bin, unter die Arme gegriffen habe? Selbst der Professor war leicht nervös deswegen und hat extra noch mal bei seinem Spezi in Seattle angerufen, weil er dachte, das ganze Programm sei gestorben. Warum auch immer, was ihn ja nicht unbedingt tangieren sollte. Du wolltest dein Vortragsprogramm doch auch noch entsprechend anpassen.
Maria (versucht ruhig zu bleiben u. sich nicht zu echauffieren, obwohl sie allen Grund dazu hätte): Hab ich auch und ich werde einen Teufel tun und es genau in dem Umfang vortragen. Selbst wenn es ihre Redezeit sprengt und sie bis nächsten Freitag nicht mehr vortanzen darf. Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Denkt, wir rollen dem Prinzesschen hier den Teppich aus. Ich roll sie gleich darin ein und werf sie in den Wannsee, wenn sie unbedingt will.

Holla die Waldfee, da ist aber jemand so richtig stinkig. Ich würde es ihr sogar zutrauen und freiwillig Schmiere stehen. Die Frau geht mir auch langsam richtig auf den Sack. Für wen hält die sich eigentlich? Für die Erfinderin der Hirnforschung? Ey, schon die alten Ägypter haben in Hirnen herumgestochert. Teilweise sogar mit Erfolg.

Marc (nimmt ebenso wie Maria die Gastdoktorin erneut ins Visier, die ganz in ihrem Element scheint, als sie einen weiteren interessanten Fall ausschweifend vorträgt): Was hat sie getan? Ich dachte, sie hätte verstanden, dass hier bei uns ein ganz anderer Wind weht, als sie in ihrer naiven Vorstellung geglaubt hat.
Cedric (horcht verwundert auf): Wie meinst du das? Hast du etwa mit ihr geredet?
Maria (wirkt ebenso alarmiert u. geht Marc unvermittelt an): Das hast du nicht! Was fällt dir ein?
Marc (hält beide Hände in Unschuldspose hoch, während er die genervten Blicke der vor ihm sitzenden Jungärzte ignoriert, die sich von der eifrigen, nicht themenrelevanten Diskussion zunehmend gestört fühlen): Woah! Ich bin hier nicht der Buhmann, nur weil ich ganz subtil ein paar Fakten auf den Tisch gelegt habe, wie wir hier arbeiten und gegenseitig agieren. Du weißt schon, dieser ganze „Wir-sind-eine-Familie“-Kram, Stasi-Sabsi inklusive.
Cedric (fährt sich mit einer Hand unwirsch über seinen Dreitagebart u. beobachtet ebenfalls ganz genau, was auf dem Podium gerade vor sich geht): Du denkst aber nicht ernsthaft, dass sie sich wegen deiner Ansage, wie auch immer sie gelauten haben mag, ich will es gar nicht so genau wissen, zurückgezogen hat? Du kennst sie nicht.
Marc (kann sich ein breites wissendes Grinsen nicht verkneifen): Dieses Kaliber aber schon. Du hast nicht zufällig mal von einer gewissen Dr. Amsel gehört? Eine unbedeutende Kinder-... Allgemein-... wie auch immer. Die wollte zwar Krieg, aber war noch harmlos dagegen. So was riech ich drei Meilen gegen den Wind.
Maria (funkelt ihn misstrauisch an): Was mischst du dich überhaupt ein? Das geht dich nichts an, Marc. Halt dich da bitte raus! Wir kommen schon klar.
Marc (hebt die Hände wieder hoch u. wiegelt ab): Sieht man. Sorry, kommt nicht wieder vor. Dabei wollte ich doch eigentlich nur wissen, mit wem ich es zu tun habe. Das steht mir als Chef, Interimschef, schließlich zu.
Maria (schüttelt genervt mit dem Kopf): Pff! Und? Hat dich das jetzt schlauer gemacht?
Marc (grinst mit einem leichten Hauch von Schadenfreude, der nicht gut ankommt): Nö, aber eure Reaktion schon. N’bisschen übertrieben, wenn ihr mich fragt. Die Moeller kocht doch auch nur mit Wasser.
Cedric (kontert patzig): Dich fragt aber keiner.
Maria (versucht sich wieder zu fangen u. zu ihrer Souveränität zurückzufinden): Marc, es ist ja allgemein bekannt, dass zwischenmenschliche Belange nicht so dein Ding sind, aber kleiner Tipp, es ist nie übertrieben, vorsichtig zu sein. Zumal...
Marc (jetzt wird er hellhörig): Zumal was?

Jetzt wird es interessant. Endlich! Ich wäre sonst noch eingeschlafen.

Cedric (reagiert dünnhäutig): Mann, das hab ich doch schon gesagt. Nach zwei Tagen absoluter Funkstille, während der wir fast schon geglaubt haben, das alles sei nur ein böser Spuk gewesen, stand sie gestern Abend kurz vorm Schlafengehen der Kinder plötzlich bei uns auf der Matte.
Marc (weitet ungläubig seine Pupillen, guckt nach vorne u. dann wieder zu dem besorgten Ärztepaar, deren Gesichter Bände sprechen): Ihr verarscht mich doch?
Maria (funkelt ihn zickig an): Immer bei jeder Gelegenheit liebend gern, aber in dem konkreten Fall sind wir diejenigen, die verarscht wurden.
Marc (fährt sich mit einer Hand über sein Stoppelkinn u. versucht, die Fakten zu sortieren, während er zu Dr. Moeller runterblickt, die von alldem nichts mitbekommt, weil sie völlig in ihrem Thema versunken ist): Alter Schwede, ich will jetzt nicht beeindruckt wirken, aber die hat es echt drauf. Dabei dachte ich, ich hätte sie geknackt. Sie ist doch ausgebuffter, als sie aussieht. Mann, Mann, Mann, dabei ist es doch so offensichtlich. Sie wollte euch... dich provozieren. Damit du genauso reagierst, wie du jetzt reagierst. Damit du am Ende hier wie der Depp dastehst und sie glänzen kann, weil sie ja sonst nicht viel mehr zu bieten hat. Außer ne ordentliche Auslage, in die die ersten Reihen jeden Moment reinpurzeln, wenn sie sich noch weiter vorbeugen.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme, während sie sich auf ihrem Sessel zurücklehnt): Vielen Dank für die ausführliche Analyse, Dr. Freud.
Cedric: Aber er hat doch recht. Sandy tut nie etwas ohne Hintergedanken.
Maria (zickt ihren Lebensgefährten ungehalten an): Erwähne ihren Namen nie wieder in meiner Gegenwart!
Marc (ist sichtlich irritiert davon, wie dünnhäutig die sonst so taffe Neurochirurgin reagieren kann, wenn sie sich mal nicht kontrolliert): Wieso habt ihr sie überhaupt rein gelassen? Ich dachte, rechtlich bist du auf der sicheren Seite.
Maria (ist mit ihren Gedanken schon wieder bei gestern Abend): Das war Sarah.
Marc (steht kurz auf Schlauch): Bitte?
Cedric (klärt ihn auf, auch wenn er sich eigentlich nur ungern zurückerinnern möchte): Maria war gerade bei Sophie im Zimmer und hat sie gestillt und ich habe Sissi zum Schlafen hingelegt, als Sarah zur Tür spaziert ist.

Das war so klar. Von wegen alles unter Kontrolle im Kälberstall. Da tanzen die Motten Samba.

Marc (reißt die Augen immer weiter auf u. kann es nicht fassen): Nee, oder? Leute, ich bin zwar derjenige mit der wenigsten Erfahrung auf diesem Gebiet, das gebe ich ungern zu, aber so viel weiß ich schon. Ihr lasst ihr viel zu viel durchgehen. Ey, die kleine Kröte ist dermaßen vertrauensselig und furchtlos, dass sie sogar alleine durch halb Berlin spaziert, als gehöre ihr die ganze Welt, in der sich alle umarmen und lieb haben. Wie in den Hörspielen, die sie sich immer reinzieht. Es gibt niemanden in der Klinik, mit dem sie nicht per du ist. Von der Küchenaushilfe bis zum Pathologen. Wie könnt ihr zulassen, dass sie sie anquatscht? Eine völlig Fremde, verdammt.
Cedric (blitzt ihn eingeschnappt an): Ey, von dir lasse ich mir ganz bestimmt keine Vorwürfe einreden, Marc. Dazu bist du noch nicht lange genug Vater.
Marc (regt sich tierisch darüber auf): Solltest du aber, wenn das dabei herauskommt. Guckt sie euch doch mal an! Sie hat euch genau da, wo sie euch haben will und ihr checkt es noch nicht mal, ihr Blitzbirnen.
Maria: Das ging doch alles viel zu schnell. Bis wir gemerkt haben, dass sie mit jemandem an der Tür spricht, war es schon zu spät.
Cedric (könnte sich dafür ohrfeigen, weil er nicht schnell genug reagiert hat): Sie hat sie mit der Tatsache geködert, dass sie sich kennen, weil sie vor Urzeiten mal ihre Babysitterin war, an die sie sich natürlich nicht mehr erinnern kann, aber damit waren sie für Sarah Freunde und schon hatte sie sie zu uns ins Wohnzimmer eingeladen. Und ich Depp komme auch noch in dem Moment mit Sissi auf dem Arm rein.
Marc (muss ebenfalls schlucken): Scheiße! Sie hatten Kontakt?
Cedric (ärgert sich maßlos darüber, dass er noch nicht mal Worte dafür findet): Ja. So viel zum Thema Vermeidungsstrategie.
Maria (streicht ihm leicht über den Arm): Es braucht sich niemand Vorwürfe machen, du am allerwenigsten, Rick.
Cedric (wirkt niedergeschlagen wie selten): Trotzdem fühlt es sich scheiße an. Ich krieg das Bild einfach nicht aus dem Kopf.
Marc (weiß ehrlich nicht, was er dazu sagen soll): Und jetzt?
Cedric (zuckt kraftlos mit den Schultern): Keine Ahnung. Sie hat nicht viel gesagt. Sie hatte sie auf dem Arm, das konnte ich ihr schlecht verweigern, nachdem sie sich gesehen haben, und hat sich dann aber recht schnell wieder verabschiedet, als sie gemerkt hat, dass Sissi viel zu müde war, um überhaupt irgendetwas mitzukriegen. Ein Glück. Sie hat nicht viel von ihr mitbekommen.
Maria: Dafür stellt Motte jetzt aber Fragen.
Marc (lacht halbherzig auf): Jep, so kennen wir deinen Minime ja auch nicht anders.
Cedric (riskiert wieder einen Blick nach vorne u. registriert beruhigt, dass Sissis Mutter gerade nicht zu ihnen hochguckt u. sich ihren Teil denkt): Es bleibt ein schaler Beigeschmack. Sie hat keine Ansprüche gestellt. Sie hat weder gefragt, ob sie wiederkommen darf, noch...
Marc (nickt wissend): Alles klar!
Maria (regt sich gleich wieder auf, weil er es so lax abtut): Nichts ist klar, Marc. Das macht sie ja auch so unberechenbar. Da steckt ein Plan dahinter. Ich weiß, du willst das nicht hören, Rick. Aber so wie sie sich vorhin verhalten hat. So wie sie sich wegen gestern überhaupt nichts hat anmerken lassen. Und Schwester Sabine hat vorhin auch so komische Andeutungen gemacht.
Marc (hebt oberlehrerhaft die Hand, um noch etwas anzumerken): Äh... Ich würde nicht unbedingt die Stasi-Sabsi als verlässliche Quelle betrachten. Sie filtert ihr Wissen aus einem vier Wochen alten Astroblatt.
Maria (schweift mit ihren Gedanken davon u. steht unvermittelt auf): Ich gehe noch mal zu ihr.
Marc (sieht der abwesend wirkenden Oberärztin irritiert hinterher, wie sie sich an Cedric vorbeiquetscht u. dann die letzten drei Stufen der Treppe hochgeht): Zu Sabine?
Maria (dreht sich nicht noch einmal um u. schiebt murmelnd die schwere Tür auf): Sophie. Ich glaube, sie hat Hunger.
Cedric (sieht ihr ebenfalls nachdenklich nach u. springt dann auf): Warte! Ich komm mit.

Dr. Stier war so schnell mit Dr. Hassmann aus dem Saal verschwunden, dass Marc keine Gelegenheit mehr bekam, noch etwas Entscheidendes anzumerken. Denn das abrupte Verschwinden der beiden hiesigen Neurochirurgen war nicht unbemerkt geblieben, wie man an dem triumphalen Lächeln der Rednerin ablesen konnte, wenn man genauer hinschaute, was Dr. Meier aber nicht tat. Denn er wurde plötzlich von ganz anderer, unerwarteter Seite abgelenkt.

Marc: Äh... Ich weiß nicht, ob die Taktik so klug ist, eurer Ex-Ex die Show zu überlassen.

Lorelei Offline

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01.05.2020 17:02
#1664 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Welche Show denn? Bin ich zu spät? Hab ich Maria etwa schon verpasst? Oh nein! Dabei habe ich mich doch extra noch beeilt.“ - „Psst! Ruhe da hinten! Ist das zu fassen? Die quatschen ja immer noch, die hochwohlgeborenen Chirurgen des Hauses. Halten sich wohl für was Besseres, typisch EKH“, zischte es genervt und unterstützt durch das simultane Kopfnicken seiner unmittelbaren Sitznachbarn aus einer der mittleren Saalreihen, was auch die Gastdozentin auf dem Podium aufschnappte, die daraufhin leicht verstimmt von ihrem Redemanuskript auf ihrem Laptop aufschaute, welches sie eigentlich gar nicht gebraucht hätte, denn sie hatte ihren hochanspruchsvollen Fachvortrag auch so detailgetreu im Kopf. - „Alles in Ordnung in den hinteren Rängen? Ich hoffe doch, man hört mich auch bis zu den billigen Plätzen da oben? Traut euch ruhig und kommt näher! Noch beiße ich nicht. Aber wem das alles hier zu anspruchsvoll erscheint, dem empfehle ich meine Sprechstunde im direkten Anschluss an diese Veranstaltung oder warum nicht gleich einen kompletten Fachwechsel. Dafür ist es nie zu spät, falls man sich geirrt haben sollte, was auf meine Wenigkeit selbstverständlich nicht zutrifft. Ich wusste schon immer, was ich wi... wie sehr mich das menschliche Gehirn in seiner ganzen komplizierten Schönheit mit all seinen teils noch unerforschten Facetten fasziniert. Sie hoffentlich auch, Frau...?“

Die aufblitzenden giftgrünen Augen von Dr. Moeller scannten über den Rand ihres rot umrahmten Designerbrillengestells hinweg den Saal, doch sie konnte hinter all den interessierten Zuhörern, die zu einer großen undefinierten Masse verschwommen waren, welche der redegewandten Neurochirurgin schmunzelnd zugestimmt hatte, nur eine kleine unscheinbare Hand hinter einem blonden Lockenberg aufgeregt herumwedeln sehen und konzentrierte sich, davon merklich unbeeindruckt, schnell wieder auf den Punkt, den sie soeben begonnen hatte, in aller Ausführlichkeit zu erörtern. - „Tschuldigung! Ich bin schon leise. ... Könntet ihr eventuell eure Taschen...? Das wäre nett. ... Das ist ja wie im Kino hier, genauso eng, stickig, nur ohne das Popcorn. ... Dürfte ich bitte vorbei? Gleich da vorne ist mein Platz. Ich weiß, ich hätte den anderen Eingang nehmen sollen, aber wie das so ist, im Nachhinein ist man immer schlauer. Das ist wie nach einer vermasselten OP. Das ist euch bestimmt noch nicht passiert. Mir im Übrigen auch nicht. Nur... egal. Danke! ... Dankeschön! ... Danke euch! Und jetzt wieder Blick nach vorne! ... Hui! Sie ist gut, nicht?“ Einige wenige Köpfe drehten sich erneut missbilligend herum, doch die aufgeweckte Weißkittelträgerin, die mit ihrem Auftritt für Unruhe in den hinteren Reihen gesorgt hatte, lächelte charmant darüber hinweg. - „Jahaa, ich bin schon still. ... Puh! Geschafft! Ziemlich anspruchsvolles Publikum hier, findest du nicht? Also genau dein Ding. Eigentlich müsstest du da vorne stehen.“ - „Haasenzahn?“

Es kam selten vor, aber Dr. Meier war tatsächlich sprachlos, als er sein noch immer müdes Chirurgenhaupt in Richtung der ihm sehr vertrauten feengleichen Stimme lenkte, welche urplötzlich zusammenhangslos, aber sehr melodisch in seinem Hörorgan herumzuspuken begann und deren flüsternder Nachklang ihm eine dicke Gänsehaut überall auf seinem Körper bescherte, und er auf einmal eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt wild winkend auf sich zu stolpern sah, die ihn regelrecht umgehauen hätte, wenn er nicht bereits gesessen hätte. Er musste sich mehrmals über die Augen reiben, um wieder klar sehen zu können, aber das war tatsächlich Gretchen ‚Haasenzahn’ Haase, die sich, tollpatschig veranlagt, wie sie nun mal auf unverwechselbar hinreißende Art und Weise war, durch die Reihen der andächtig lauschenden Neurochirurgennachwuchskräfte kämpfte und dabei nicht nur einmal aus Versehen aneckte und aufgeklappte Laptops in Schieflage verfrachtete, wie man an den angesäuerten Mienen beobachten konnte, die durch die unverschämte Zuspätkommerin von dem hochinteressanten Vortrag abgelenkt wurden, beim Anblick der hochrot angelaufenen Wangen und der sich aufrichtig entschuldigenden himmelblauen Augen, die sie nahezu hypnotisch in Geiselhaft genommen hatten, der sympathischen jungen Frau aber nicht lange böse sein konnten. Aber das bekamen weder Dr. Meier, noch Dr. Haase mit, denn die beiden Ärzte hatten nur noch Augen für sich, sobald sie sich fast und schließlich direkt gegenüberstanden.

Gretchen strahlte ihren mehr als überraschten Lebensgefährten erwartungsfroh von der Seite an, der mit ihrem Auftauchen absolut nicht gerechnet hatte und dementsprechend ziemlich bedröppelt aus der Wäsche schaute, und nahm dann schnell auf einem der freien Sitze neben ihm Platz. Komischerweise saß er ganz allein am äußersten Rand der vorvorletzten Reihe. Leider am völlig falschen Ende, sodass sie peinlicherweise einmal komplett den Hörsaal hatte durchqueren müssen, um zu ihm zu gelangen, nachdem sie ihn eine ganze Weile vergeblich darin gesucht hatte, was nicht unbemerkt und auch nicht unkommentiert geblieben war. Aber das genervte Aufstöhnen und kollektive „Ruhe bitte!“ hatte sie gar nicht wirklich mitbekommen. Ebenso wenig wie die Worte der leidenschaftlich über ihre Berufung philosophierenden Gastrednerin auf der Bühne. Die Jungchirurgin hatte sich extra beeilt und war nun dementsprechend außer Puste. Ein leichter Schweißfilm schimmerte auf ihrer Alabasterhaut, welche durch die fortdauernde Babypause sowohl im Spätsommer, als auch während der ungewöhnlich warmen Herbsttage in der letzten Zeit nur wenige Sonnenstrahlen abbekommen hatte und nun unter dem weiten Arztkittel und der sich darunter befindlichen offenherzigen weinroten Blümchenbluse hervorblitzte. Ihre Wangen glühten fiebrig, ihre stahlblauen Augen funkelten vorfreudig und ihre zu einem anbetungswürdigen Lächeln geschwungenen Erdbeerlippen leuchteten so verführerisch, dass es dem bis über beide Ohren verknallten Oberarzt schwer fiel, dem Drang zu widerstehen, seine Herzangebetete vor dem versammelten Publikum hollywoodreif niederzuknutschen und der nervig hochschlau dauerreinquasselnden Person da vorne auf dem Podium damit endgültig die Show zu stehlen, damit auch dem Letzten in diesem Raum klar wurde, wer hier im EKH wirklich der Quell aller Wertschätzung war.

Oder träumte er etwa nur? Nein! Die skurrile Situation fühlte sich ziemlich real an, als hätte er sie so oder so ähnlich schon einmal erlebt, damals während der alljährlichen todlangweiligen Märchenaufführungen in seiner alten Schule, die er bis auf die wenigen Ausnahmen, in denen er aus in seinen Augen eher fragwürdigen pädagogischen Gründen gezwungen gewesen war, gegen seinen Willen mitzuspielen und sich bis auf die Knochen zu blamieren, immer geschwänzt und dafür jedes Mal einen ganzen Monat Nachsitzen riskiert hatte. Und nicht nur sie. Als die zarte kleine Hand seiner Freundin über sein, an die wahre „Hand Gottes“ erinnerndes, wichtigstes Arbeitsutensil strich, dem widrige Umstände heute eine unfreiwillige Zwangspause aufgebürdet hatten, sie sich leicht an ihn lehnte und er den prickelnden Stromstoß verspürte, den jede einzelne Berührung von ihr stets in ihm auslöste und elektrisierend durch seinen gesamten Körper wandern ließ, ohne dass ihre Kleidung dafür extra statisch aufgeladen sein musste, was auch schon vorgekommen war, wenn auch weniger angenehm, war eindeutig klar, dass diese Wahnsinnsfrau definitiv echt war. Sie war per definitionem die Verkörperung von echt. Eine pure Naturgewalt, die jeden, allen voran ihn selbst, in den Bann ziehen konnte wie keine andere. Sie war der Wahnsinn, auf jede erdenkliche Art und Weise. Und er war endgültig hellwach und strotzte nur so vor Aufmerksamkeit, die jemand anders, der gerade zufällig in die Richtung blickte, wo vor nicht einmal fünf Minuten noch Dr. Stier und Dr. Hassmann in verschwörerischer Eintracht zusammen gesessen hatten, gerne auch für sich beansprucht hätte. Dafür brauchte es noch nicht einmal den mittlerweile kalt gewordenen, Tote aufweckenden, stärksten Kaffee der Welt, den Schwester Sabine ihm an besonders nervigen Tagen wie diesen kredenzte, ohne dass er sie dafür extra anschnauzen musste. Er war im Himmel. Sie war der Himmel. Haasenzahn. Mhm... Oh Gott! Falls je jemand eine Maschine entwickeln sollte, die fähig sein würde, seine Gedanken zu lesen, dann würde er jetzt definitiv dringend eine Überweisung für die Klapse benötigen. Er war doch wirklich unrettbar verloren in dem Zustand akuter Verknalltheit, den er absolut unfähig war, zu kaschieren. Aber wieso auch? Er war schließlich megastolz auf das, was sie zusammen hatten.

Gretchen (himmelt ihren Schatz verliebt von der Seite an u. wartet gespannt auf eine Reaktion seinerseits, die jedoch ausbleibt): Hallo!
Marc (ist immer noch völlig sprachlos u. leicht benebelt von dem blumigen Duft, der Gretchen umgibt u. ihn zunehmend verhext): Hallo?
Gretchen (strahlt ihn mit großen Kulleraugen an u. schielt dann kurz hinter ihm neugierig zum anderen Hörsaalausgang): Wo wollen die beiden denn hin?
Marc (ist vollkommen neben der Rolle u. starrt seine neue Sitzpartnerin einfach nur an): Hm?
Gretchen (lächelt, weil sie merkt, welche Wirkung sie auf ihn hat): Na, Maria und Cedric? Ist es schon vorbei? Dabei habe ich mich doch extra beeilt, um nichts zu verpassen. Aber bis ich Mama alles erklärt hatte mit den Zwillingen, da war der Zeiger schon ziemlich weit vorgerückt und ich musste mich ganz schön sputen.
Marc (seine Festplatte hängt immer noch fest): Verpassen?

Hach... Ist er nicht süß, wenn er so verpeilt guckt? Muss ja wirklich ein spannender Vortrag gewesen sein. Menno! Wenn Mama mich nicht so sehr in Beschlag genommen hätte, dann hätte ich es bestimmt noch rechtzeitig geschafft. Aber jetzt bin ich ja da. Bei ihm. Bei Marc.

Gretchen (streichelt Marc sanft über die leicht stoppelige Wange u. blickt ihm dabei intensiv in die verklärten Augen, die sie unentwegt angucken): Erde an Marc! Auf welchem Planeten schwebst du denn gerade? Hab ich dich etwa beim Schlafen ertappt? Das ist ja wie damals beim Schultheater im Audimax. Da hast du es auch immer vorgezogen, während der Aufführungen in der letzten Reihe zu schlafen, wenn du nicht geschwänzt oder dich mit den irrsinnigsten Ausreden vor deinem Auftritt gedrückt hast.
Marc (lässt sich zu einem verschmitzten Lächeln hinreißen, nachdem er langsam wieder zu sich gekommen ist): Mhm? Lass mich überlegen! Definitiv die Venus. Wolltest du die nicht auch mal spielen? Aber dann hat dir die dumme Pute Susanne Leibfried die Rolle vor der Nase weggeschnappt. Mhm, was alles aus dir hätte werden können, wenn man dein Talent nur früher entdeckt hätte? Vielleicht n’ Bulle in der Eifel oder auf dem harten Kopfsteinpflaster der Hauptstadt. Reiterstaffel, das wäre doch was. Talent für Stunts haste ja. Brauchst du auch bei deinem Hang zu Tollpatschigkeiten aller Art. Oder doch eher Komödie? Ja, da sehe ich dich eher drin.
Gretchen (klapst dem süßen Charmeur sanft auf die Brust u. schmiegt sich dann entspannt an seine Schulter, um dem Vortragsprogramm zu lauschen): Spinner! Das war „Romeo und Julia“ und nicht „Antigone“, du Banause. Also, was hab ich verpasst? Ist sie das? Du hast gar nicht erwähnt, wie hübsch sie ist. Sie ist noch keine Dreißig, oder?
Marc (hat nur Augen für den blonden Engel neben sich u. legt instinktiv ihre zarte kleine Hand in seine, die er nicht vorhat, jemals wieder loszulassen): Hm? Ach die? Keine Ahnung. Juckt mich nicht die Bohne. Mir hat mal jemand sehr Weises gesagt, dass innere Werte mehr zählen sollten und was das betrifft, liegt ihr Konto weit im Minus, auch wenn sie, nur weil ein paar verpeilte Idioten hier ihrem kurzen Rock hinterher sabbern, glaubt, sie sei der Nabel der Welt. Da bekomme ich aber Ohrenkrebs von. Ist sie immer noch nicht fertig? Die quatscht doch schon gefühlt seit Stunden. Das halte ich keine Woche aus.
Gretchen (schaut sich die Rednerin nun ganz genau an, lauscht interessiert u. beobachtet angetan die erwartungsvolle Atmosphäre im Saal): Dabei macht sie doch einen sympathischen Eindruck. Gut, Marias Meinung lasse ich mal außen vor, sie ist dahingehend nicht objektiv genug, aber Papa hält große Stücke auf sie und das nicht erst seit der geglückten OP. Ihre Vita ist beeindruckend. Und das in dem Alter. Wenn ich da bedenke, wie lange ich allein für meinen Facharzt gebraucht habe, oje, das darf man niemandem erzählen.

Ich erinnere dich gerne daran, wenn ich mal wieder einen gut platzierten Gag brauche. Aber im Gegensatz zu ihr hast du dir deinen Facharzt wenigstens mit viel Schweiß und Fleiß auf ehrlichem Weg hart erarbeitet und ihn dir nicht auf eher fadenscheinige Weise ermogelt. Man hat immer die Wahl und da ist es egal, wie lange man dafür braucht.

Marc (lacht, weil seine herzensgute Freundin mal wieder nur das Gute in jedem Menschen sucht): Dein Vater ist ja auch sediert und deshalb ist sein Blick, naja, ein bisschen getrübt.
Gretchen (drückt leicht seine Hand, um ihn zu maßregeln): Ist er nicht und das weißt du.
Marc (grinst u. kann nicht widerstehen, noch einen nachzulegen): Jep! Er kneift die Arschbacken zusammen, aber das sind gerade auch die einzigen Muskeln, die noch kraftvoll zukneifen können.
Gretchen (lässt seine Hand abrupt wieder los u. guckt ihren vorlauten Freund verärgert von der Seite an): Marc, das ist unverschämt. Er tut mir so leid.
Marc (seufzt leise auf, weil er merkt, dass er über das Ziel hinausgeschossen ist, u. guckt Franz’ Tochter nun eindringlich an): Haasenzahn, lass dir das bloß nicht vor ihm anmerken! Dann wäre die Stimmung hier endgültig im Keller, wobei, das ist sie ja bereits. Dafür muss er noch nicht mal mit nem Laster kollidieren. Der rast auch so ungebremst auf uns zu.
Gretchen (horcht verwundert auf u. blickt instinktiv zum Podium runter): Wie meinst du das? Etwa wegen ihr? Macht sie den beiden etwa doch Druck? Ich wusste es. Maria war so kurz angebunden, als ich ihr heute Morgen am Telefon viel Erfolg gewünscht habe. Sind Cedric und sie deshalb so schnell verschwunden, bevor das Kolloquium überhaupt so richtig losgegangen ist?
Marc (stöhnt leidend auf u. schaut sie dann leicht verschwörerisch von der Seite an): Haasenzahn, ich glaube nicht, dass du mitbekommen willst, wenn es erst so richtig losgeht.
Gretchen (reibt sich unruhig über die Hände, während sie weiterhin die Situation im Hörsaal analysiert): Doch so schlimm? Ich hatte es im Gefühl. Sabine hat vor zwei Tagen auch so komische Andeutungen gemacht. Sie wusste das, was sie vor dem Krankenhaus aufgeschnappt hat, nicht richtig einzuordnen und ich ehrlich gesagt auch nicht. Dazu bin ich nicht wirklich im Bilde. Weder Maria, noch Cedric haben je wirklich über Sissis Mutter gesprochen. Und du warst auch sehr einsilbig, was euer erstes Aufeinandertreffen betrifft, also, mal abgesehen von deiner Schimpftirade, weil sie dir in den OP-Plan gepfuscht hat.
Marc (stutzt, denn dieselbe Schallplatte hat er vorhin auch schon mal gehört): Was denn immer für bescheuerte Andeutungen? Die jüngste Henne im Hühnerstall hat doch nur die Hosen voll. Drauf geschissen, im wahrsten Sinne des Wortes. Runde eins im neurochirurgischen Bitchfight hängt noch in der Warteschleife fest. Die richtigen Kabel müssen noch zusammengelötet werden. Du hast also außer Eigenwerbung noch nichts Spannendes verpasst, aber an der Situation wird sich auch nichts ändern, wenn nachher Hassi das Ruder übernimmt, mit dem sie die Ex-Babysitterin vorher noch mit Schmackes von der Werbeplattform kicken wird.
Gretchen (guckt ihn verstimmt an): Marc, sie hat auch einen Namen, einen richtig schönen. Miss Sophie.

Die Schallplatte hat doch echt nen Sprung. Wird dringend Zeit, eine neue aufzulegen. Irgendwas Versextes. Jep, danach wäre mir jetzt.

Marc (wiegelt mit einer lockeren Armbewegung lässig ab u. konzentriert sich lieber auf das wirklich Wesentliche): Ja, papperlapapp! Und jetzt zu dir! Was genau machst du eigentlich hier? Du hast heute Morgen gar nicht erwähnt, dass du vorbeikommen möchtest.
Gretchen (hält ihm schmunzelnd den Spiegel vor): Doch, habe ich. Nachdem ich kurz mit Maria telefoniert habe, habe ich bestimmt eine halbe Stunde lang beim Frühstück über ihren Vortrag referiert und dass ich sie gerne moralisch und persönlich unterstützen möchte, weil ich doch weiß, dass ihr die Geschichte mit Cedrics Exfrau zu schaffen macht, auch wenn sie das niemals offen zugeben würde. Aber sie war komisch am Telefon. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Deshalb habe ich gedacht, ich komme einfach spontan zum Vortrag vorbei. Damit sie sieht, dass wir alle geschlossen hinter ihr stehen. Ich hab dich sogar gefragt, was du davon hältst, aber du hast es ja vorgezogen, am Küchentisch noch ein ausgedehntes Nickerchen zu halten, du Schlafmütze.
Marc (guckt sie mit großen Augen an u. weist jeden Verdacht entschieden von sich): Hab ich nicht! Ich hab nur meine Augen geschont. In weiser Voraussicht, weil ich wusste, dass ich den liebenlangen Tag hier auf diese blöde Leinwand glotzen muss, die auch nicht wirklich Neues verspricht. Die Luft ist ziemlich raus, hm?
Gretchen (kichert, weil ihr Pappenheimer vehement abzulenken versucht): Ach, so nennt man das also neuerdings? Du warst sogar so müde, dass du überhört hast, wie die Kaffeemaschine fertig geworden ist. Nicht mal die Röstaromen, die durch das gesamte Dachgeschoss geströmt sind, haben dich wach bekommen. Mich dagegen umso mehr. Ich fühle mich fit wie schon lange nicht mehr.
Marc (ärgert sich, weil sie ihn ertappt hat): Ja, ich hatte ja auch eine harte Schicht hinter mir, weil die Prinzessin auf der Erbse unbedingt ausschlafen wollte. Wie nennst du das immer? Ausgleichende Gerechtigkeit oder so?
Gretchen (kann sich gerade noch so im Zaum halten, nicht laut loszulachen): Och, du bist so süß, wenn du ohne Kaffee aus dem Haus musstest, aber danke trotzdem, dass du noch mal eingesprungen bist. Nach dem fünften Mal in nur zwei Stunden, konnte ich wirklich nicht mehr. Ich kam nicht mehr hoch. Es ging nicht. Ich weiß es echt zu schätzen, dass du dich um unser Gesangsduo gekümmert hast. Ich weiß auch nicht, was sie ausgerechnet heute Nacht hatten. Vielleicht haben sie ja tatsächlich die Sorge um ihren Opa gespürt. Wir waren schließlich alle in den letzten Tagen ziemlich neben der Spur. Aber mittlerweile sind sie wieder ziemlich entspannt.

Diese kleinen Verräter! Na wartet, bis ich euch wieder in der Mangel habe. Dann heißt es Kitzelattacke hoch zwei.

Marc (verdreht die Augen u. schüttelt dann den Kopf): Das ist wieder so typisch. Kaum ist der Papa aus dem Haus, lässt der unbändige Aufmerksamkeitsdrang automatisch nach. Das wird langsam pathologisch und sollte uns zu denken geben. Wo stecken die Racker überhaupt?
Gretchen (bekommt direkt ein Strahlen ins Gesicht, wenn sie an ihre beiden Babys denkt, was Marc fasziniert beobachtet): Mama dreht gerade ein paar Runden mit ihnen im Klinikpark und wenn es gut läuft, auch noch um den See. Also habe ich genug Zeit, um hier...
Marc (ihm fällt erst jetzt ein entscheidendes Detail auf, das unbedingt Klärungsbedarf verdient hat): Um was? Ähm... eine Frage vorweg. Wieso trägst du eigentlich einen Kittel?
Gretchen (rückt sich ihren Arztkittel zurecht, der etwas zu spack sitzt, weswegen sie ihn offen gelassen hat): Naja, ich dachte, damit ich nicht zu sehr auffalle und Eindruck schinde, wenn wir unseren Gast...
Marc (schmunzelt u. deutet zur Seite zu den anderen Vortragsbesuchern, von denen nicht ein Einziger, auch die Dozentin nicht, einen Arztkittel trägt, was auch Gretchen gerade peinlich berührt bewusst wird): Nicht auffallen? Na, das hat schon mal geklappt. Vor allem nach deinem Aufsehen erregenden Tanz durch die Reihen.
Gretchen (läuft direkt rot an u. will sich den Kittel schnell unbeholfen von den Schultern schieben): Ups!
Marc (findet ihre Reaktion hinreißend u. rückt den Kragen ihres Arztkittels schnell wieder zurecht, damit er richtig gut sitzt, wobei er ihr frech zuzwinkert): Stopp! Lass nur! Er steht dir außerordentlich gut.
Gretchen (fühlt sich unheimlich geschmeichelt von dem ungewohnten Kompliment): Echt? Danke! Dabei hatte ich das Gefühl, er wäre ein bisschen eingelaufen seit dem letzten Mal. Sehe ich nicht noch hochschwanger darin aus?
Marc (grient sie meierlike an): Nein, überhaupt nicht. Er gibt dir so ein gewisses professionelles Profil, was jedoch als Zaungast in einer Vorlesung außerhalb der Reihe nicht unbedingt einen Vorteil verspricht, aber...
Gretchen (flüstert immer leiser, damit niemand ihren kleinen Flirt mithören kann): Aber was?
Marc (nähert sich ihrem süßen kleinen Ohr, das er am liebsten angeknabbert hätte, u. haucht verführerisch hinein): Mich macht das unheimlich an.
Gretchen (reißt die Augen auf u. weicht ihm verlegen aus): Maaarc!
Marc (liebt es sehr, wenn ihre Prüderie wieder niedlich zum Vorschein kommt u. versucht, noch mehr herauszukitzeln): Was denn? Ist so! Seit dem ersten Tag, an dem du hier für Chaos gestiftet hast.
Gretchen (richtet sich kerzengerade auf u. protestiert leise): Ich habe überhaupt nicht für Chaos gesorgt. Im Gegenteil, ich habe nur aufgeräumt, was du in deiner Überheblichkeit übersehen hast, mein Lieber. Ich habe Leben gerettet. Das ist meine Berufung.
Marc (lächelt u. ist einmal mehr völlig hingerissen von seiner temperamentvollen Herzdame): Ach nee, stell dir vor, meine auch. Gib’s zu!
Gretchen (schaut den Provokateur irritiert an): Was soll ich denn zugeben? Dass du hier der Babo bist? Der begnadetste, außerordentlichste, beste Oberarzt überhaupt?

Das sollte ich mir unbedingt in mein Portfolio meißeln. Dieses Zeugnis ist mehr wert als jedes Diplom, das ich je gemacht habe und noch machen werde.

Marc (lacht): Das auch, ja. Danke für die Blumen! Aber dass du überhaupt weißt, wer der Babo ist.
Gretchen (fühlt sich mal wieder von ihm herausgefordert u. versucht, keck zu kontern): Stell dir vor, ich habe auch Kinder. Ich habe mich in die Materie eingelesen. Ich will vorbereitet sein. Außerdem bin ich Berlinerin. Da weiß man so was.
Marc (beobachtet sie fasziniert während ihrer impulsiven Ausführungen u. kann das freche Grinsen nicht sein lassen): Ich bin beeindruckt. Vor allem weil unsere Kinder ja auch schon im fortgeschrittenen Teenyalter sind und sich Jugendsprache in fünfzehn Jahren auch nicht sonderlich verändern wird. Mega geil, ne?
Gretchen (merkt, dass sie dieses Duell nicht gewinnen kann u. verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrem Körper): Sehr witzig!
Marc (lacht, wirkt dann aber schnell wieder ernst, was auch Gretchen verwundert auffällt): Definitiv! Aber um zum Thema zurückzukommen, ich meinte eigentlich etwas anderes.
Gretchen (sieht ihn nun neugierig an): Was denn?
Marc (schaut ihr intensiv in die Funkelaugen, die seine nicht loslassen wollen): Gib’s zu! Du hast es vermisst, stimmt’s? Das alles hier, also, die Angeberin da vorne mal ausgenommen, den Kittel, die Herausforderung, die Stasi-Sabsi, den neusten Gossip aus dem Schwesternzimmer, den OP, die Hektik in der Notaufnahme, in allererster Linie mich und mein strenges Regime.
Gretchen (fühlt sich ertappt u. spielt es schnell geschickt herunter): Aber eingebildet sind wir gar nicht, hm?
Marc (sieht sie nun ohne einen Hauch von Ironie an, was auch Gretchen spürt u. ihr Herz schneller schlagen lässt): Gib’s zu! Du trägst den Kittel nicht ohne Grund. Du hast ihn bewusst gewählt. Aber nicht weil du deinen Namen für eine kurze Schicht zwischendurch gerne auf dem Dienstplan wiederfinden möchtest. Du trägst ihn mit Stolz. Das sieht man dir an. Er ist ein Teil von dir. Genauso wie die Überreste von der letzten Mahlzeit unserer Wundersterne, die du aus dem hellen Stoff nicht ganz wegbekommen hast. Du wolltest ein bisschen Klinikluft schnuppern und etwas hören, das dich geistig mehr fordert als die tausend Babyratgeber, die ungelesen hinter unserer Couch vermodern. Du wolltest unter Menschen, die dir ebenbürtig sind. Aber dann hätte ich nicht unbedingt den Kreis hier gewählt. Von denen hier kann dir natürlich keiner das Wasser reichen. Also, außer mir natürlich.
Gretchen (ist fast den Tränen nah, so gerührt ist sie, aber sie kann sich gerade noch so beherrschen): Es ist echt erstaunlich, wie gut du mich kennst, Marc.
Marc (lächelt u. lässt seine Grübchen tanzen): Ich hab dich ja auch lange genug studiert. Schon damals aufm Spieler und auf dem Schulhof, später dann im OP und jetzt mit den Kurzen. Du bist mein Lieblingsforschungsobjekt. Unheimlich wandelbar und spannend ohne Ende.
Gretchen (kann ihren Blick nicht von dem Charmeur lösen): Und du meins. Ist es schlimm, dass ich ihretwegen jetzt ein schlechtes Gewissen habe? Ich will auch gar nicht lange bleiben. Nur so lange, bis Maria...
Marc (nimmt der Zwillingsmama die Sorge u. streichelt zärtlich ihr kleines eiskaltes Patschehändchen): Quatsch! Du leistest jeden Tag Übermenschliches. Mehr als alle Pappnasen hier zusammengenommen. Die halten sich für gottesgleich, nur weil sie in Gottes Meisterwerk herumschnippeln dürfen und dabei nicht einmal annähernd ahnen, was es damit wirklich auf sich hat, aber drücke nur einem ein wimmerndes Baby in die Arme und sie würden allesamt mit der Titanic untergehen.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr wild pochendes Herz): Das hast du jetzt richtig schön gesagt, Marc.
Marc (lächelt, fährt sich mit der Zunge leicht über die angerauten Lippen u. beugt sich dann ganz nah an seine süße Freundin heran): Du bist schön. Und ehrlich, du siehst wahnsinnig heiß in dem Arztkittel aus, den ich dir jetzt gerne ganz langsam von den Schultern streifen würde und nicht nur ihn. Komm, lass uns hier verschwinden!
Gretchen (errötet, als er auch noch hartnäckig versucht, sie zu küssen u. schaut sich hektisch nach allen Richtungen um, aber zu ihrer Erleichterung werden sie nicht beobachtet): Mwaaarc, nicht hiiier!
Marc (grinst sie vergnügt an, nachdem er doch noch einen unschuldigen kleinen Kuss stibitzen konnte, u. zieht sie mit auf die beiden Außenplätze der Sitzreihe, um den Hörsaal auf schnellstem Weg verlassen zu können): Gut, dann eben Locationwechsel! Wie lange noch mal ist deine Mutter mit den Zwergen unterwegs? Das sollten wir unbedingt ausnutzen.

Das ist doch jetzt nicht sein Ernst? Was ist denn plötzlich in ihn gefahren? Ich glaube, in seiner Kaffeetasse muss etwas anderes drin gewesen sein als Kaffee. Hat sich Sabine etwa schon wieder heimlich an Liebestränken ausprobiert? So wie damals, als das zwischen Marc und mir nicht funktionieren wollte. Hilfe! Die gehören doch unter das Betäubungsmittelschutzgesetz.

Gretchen (kann mit seinem plötzlichen Enthusiasmus nicht mithalten u. weicht ihm aus, als er sie von ihrem Platz hochziehen möchte): Marc, das geht nicht. Du hast Verantwortung. Du bist hier Gastgeber. Papa verlässt sich auf dich. Ich kann doch auch nicht einfach...
Marc (lässt sie gar nicht erst ausreden u. kommt ihrem süßen kleinen Ohr wieder ganz nah, während seine frechen Fingerchen andere Wege suchen, um sie zu überzeugen): Erlaubnis erteilt! Meinst du, es gibt unser kleines Versteck unter dem Dach noch? Das ließe sich doch bestimmt herausfinden, hm?
Gretchen (schmilzt in seiner unmittelbaren Nähe immer mehr dahin, sodass es ihr zunehmend schwerfällt, ihm noch länger zu widerstehen, u. findet kaum noch einen klaren Gedanken, bis ihr plötzlich neben sich ein Schatten ins Auge fällt, der sie abrupt in die Realität zurückkatapultiert): Bestimmt, wenn du vorher auf magische Weise die dicken Staubschichten in der Dachkammer verschwinden lässt. Und die vergilbten Laken und Bettbezüge mit dazu, die dort seit Jahrzehnten vergessen von der Welt auf den Wäscheleinen hängen, in denen man sich immer so schnell verheddert, wenn man nicht aufpasst. Die waren mir schon immer unheimlich, vor allem wenn die Sonne durch die dreckigen Fenster geschienen hat und alles noch gespenstiger wirken lassen hat. Wir waren seit Monaten nicht mehr dort, Marc. Was ist, wenn... Das glaube ich jetzt nicht.
Marc (hat damit gerechnet, dass sie sich zieren würde u. baggert hartnäckig weiter an seiner Lieblingsblondine, die sich unter seinen zarten Berührungen unter ihrem Kittel windet, um sie von seinem verlockenden Plan zu überzeugen): Ach, komm schon! Der guten alten Zeiten willen. Wenn schon Schnuppervisite außer der Reihe, dann auch richtig. Ich könnte dich natürlich auch in den Dienstplan eintragen. Während dieser bescheuerten Konferenz drücken sich meine Assis nämlich um jeden noch so kleinen Job. Das wäre eine Win-Win-Situation für alle. Aber das würde irgendwie viel weniger Spaß machen. Außerdem interessiert es doch eh keine Sau, ob ich hier jetzt Aufsicht halte oder nicht? Soll sich doch der Kuhmann um seinen Weiberharem kümmern. Den hat er sich schließlich selber eingebrockt. Also soll er die Suppe auch wieder selber auslöffeln. Ich bin raus. Und du auch. Äh... Haasenzahn? Was ist denn jetzt?
Gretchen (fährt ungläubig die Kinnlade herunter): Das gibt es nicht. Was machst du denn hier?

Durch eine Bewegung, die sie im Augenwinkel neben sich bemerkt hatte, war Berlins Baggerkönig Nummer eins plötzlich abgemeldet, denn Gretchen schaute die voll besetzten Sitzreihen entlang und wurde auf jemanden aufmerksam, der sich dort gerade ebenso mühsam hindurchkämpfte wie sie vor ein paar Minuten und mit dem sie hier nun wirklich nicht gerechnet hatte. Und auch Dr. Meier stutzte, als er, nachdem keinerlei Reaktion von seiner Liebsten zurückgekommen war, ihren erstaunten Blicken zur Seite folgte...

Lorelei Offline

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24.05.2020 16:47
#1665 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Och nee, das Mensch gewordene Verhüterli! Was macht denn der hier? Ey, mit dem Timing wirst du aber auf Dauer arbeitslos, mein Freund. Wirkt das nicht eher kontraproduktiv auf deine Statistik“, stöhnte der sichtlich überraschte Chirurg auf und ließ entnervt den Kopf hängen, als er die dämlich grinsende, widerlich braungebrannte Visage des hiesigen Frauenarztes unelegant auf sich und Gretchen zu stolpern sah, die schon hibbelig auf den freien Platz neben sich geklopft hatte. Getreu dem altbekannten Kinderreim, ‚mein rechter, rechter Platz ist leer, wobei der abgerockte Sitzplatz neben Haasenzahn, der definitiv schon bessere Zeiten gesehen hatte, de facto der linke war. Link war es auf jeden Fall, hier einfach so unangemeldet aufzukreuzen und seinem engsten und einzigen Freund tölpelhaft in die Parade zu fahren. Das war’s dann wohl mit einem vergnüglichen Ausgang des todlangweiligen Vormittags, der sich erst mit Gretchens Auftauchen deutlich ins Positive verbesserte hatte, schlussfolgerte der liebeshungrige Oberarzt resigniert und ärgerte sich insgeheim über das hocherfreute Gesicht seiner kichernden Freundin, die es offensichtlich gar nicht erwarten konnte, den dreisten Überraschungsbesucher gebührend willkommen zu heißen, was er in Marcs Augen definitiv nicht verdient hatte. Was dachte Kaan eigentlich, wer er war? Der König von Takatukaland? Nur weil ihm die Sonne aus seinem fetten Hintern schien, seitdem er seine bekloppten, Glücksrausch hervortäuschenden Opioide gegen den fatalen Zustand akuter realer Dauerverknalltheit getauscht hatte. Erst heulte er ihm die Hucke voll und haute fünf Minuten später einfach so von einem Tag auf den anderen in den vorgezogenen Honeymoon nach Scheißitalien ab, ohne ihn zu fragen, und tauchte nun genauso unverhofft wieder im wolkenverhangenen Berlin auf, als wäre nichts gewesen, dieser unzuverlässige Blödmann.

Während Marc Meier beleidigt bockte wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielszeug weggenommen und durch ein nicht wirklich solides Substitut ersetzt hatte, und sich lieber wieder auf den Fachvortrag zu konzentrieren versuchte, dem er gerade mehr oder weniger unfreiwillig beiwohnte, weil eine andere Ablenkung leider gegenwärtig nicht zur Verfügung stand, ließ sich der frisch aus dem Urlaub und der Elternzeit zurückgekehrte Oberarzt der Frauenheilkunde und ungekrönte Lieblingskollege sämtlicher Mitarbeiter des Elisabethkrankenhauses, allen voran der Mitarbeiterinnen wohlgemerkt, die charmante Einladung seiner besten Freundin natürlich nicht entgehen und nahm sie dankbar an, nachdem er sich mit Müh und Not durch die Reihe ihn genervt anstarrender Neurochirurgen gekämpft hatte, die sich so langsam veräppelt fühlten angesichts der ständigen Unterbrechungen durch die hiesige Ärzteschaft, die offenbar kein wesentliches Interesse an dem internationalen Symposium zeigte und viel lieber privaten Unterhaltungen nachging, welche zwar durchaus auch interessant für die einen oder anderen gespannten Lauscher einiger in unmittelbarer Nähe befindlicher Zuhörer waren, aber nicht so sehr wie die hochinteressanten Ausführungen des neusten Stars der internationalen Neurochirurgie, die extra aus den Staaten angereist war, um ihre Erkenntnisse mit ihnen zu teilen. Tja, wenn die nur wüssten. Dabei wusste momentan nur eine Person im Saal, was Dr. Sandy Moeller, ehem. Stier, davor Meise, mit ihrem souveränen Auftritt eigentlich bezweckte. Nämlich sie selbst höchstpersönlich.

Wie zufällig huschte Sandys Blick gerade nach oben in die Richtung von Dr. Meier, diesem ungehobelten Allgemeinchirurgen, der ihr vor zwei Tagen aus ihr nicht nachvollziehbaren Gründen übel mitgespielt hatte, wovon sie sich zwar erholt, aber womit sie noch nicht wirklich abgeschlossen hatte. Sie hatte zugelassen, dass er seitdem hartnäckig in ihrem Kopf herumspukte und sie zu Dingen verleitete, die sie bis dato weit von sich geschoben hatte und die akut ihren Plan gefährdeten. Und das ärgerte sie noch mehr als die Tatsache, dass er ihr im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrzahl der anwesenden Fachkollegen überhaupt keine Aufmerksamkeit schenkte, weder jetzt während ihrer Rede, noch vorhin, als sie sich kurz hinter der Bühne begrüßt und zusammen mit Dr. Hassmann den Ablaufplan für die nächsten Tage besprochen hatten, die ihr ebenso demonstrativ die kalte Schulter gezeigt hatte. Diese Eiskönigin mit ihrem kühlen, kontrollierten Chefinnenhabitus machte sie rasend. Die glaubte wohl immer noch, dass sie über ihr stünde und sie lediglich die kleine Assistentin wäre, die ihr zuarbeitete, dabei hatte die kleine Assistentin sie schon um mindestens zwei Karriereschritte überholt. Das war doch der pure Neid, der aus der alten verbitterten Schachtel sprach, weil sie nicht damit klar kam, dass andere erfolgreicher waren und sie mit all den Ablenkungen um sie herum auf ihrer Position in Berlin karrieretechnisch nicht mehr viel weiter vorankommen würde. Und dazu dann noch dieses ständige verschwörerische Tuscheln mit dem hiesigen McSexy, der ihr dabei vielsagend immer wieder zugezwinkert hatte, damit sie nicht vergaß, was er ihr neulich mit auf den Weg gegeben hatte.

Fast hätte sie geglaubt, die beiden hätten miteinander etwas am Laufen. Eine wahrlich schräge Vorstellung, so meilenweit entfernt, wie die beiden nicht nur vom Wesen her waren. Aber warum würde der Meier die Hassmann sonst derart subtil verteidigen? Die beiden wirkten vertraut, aufeinander abgestimmt. Die Pointen schossen nur so wie Pistolenkugeln zwischen den beiden hin und her. Das ging doch über das übliche kollegiale Verhältnis hinaus, welches der Professor nervtötend in Dauerschleife immer wieder hervorgehoben hatte, seitdem er nach seiner OP wieder bei einigermaßen klarem Verstand gewesen war. Aber dann hatte sich Ceddie zu ihnen gesellt, hatte mit Dr. Meier kumpelhaft gescherzt und dabei mit ihm zusammen so getan, als wäre sie unsichtbar. Dieser fiese miese Kerl konnte sie immer noch genauso wie damals auf die Palme bringen. Als wüsste sie nicht, welche Reaktion sie immer noch bei ihm bewirken konnte. Das konnte man nicht kaschieren, so sehr man sich auch anstrengte und um betonte Lockerheit im Umgang mit ihr vor anderen bemühte. Dr. Hassmann und er hatten es zwar nicht nach außen gezeigt, dazu waren sie viel zu professionell, aber die reanimierte Liebe war den beiden derartig aus sämtlichen Poren gekrochen, dass es kaum auszuhalten gewesen war, wenn man direkt daneben gestanden hatte. Definitiv reine Provokation, um sie vor ihrem Auftritt zu verunsichern, was natürlich nicht funktioniert hatte. Etwas anderes konnte es nicht gewesen sein, auch wenn sie sich gestern Abend bei ihnen zuhause ebenfalls schon ein Bild davon hatte machen können. Was hatte sie eigentlich geritten, dort spontan aufzukreuzen? Sie hatte keinen blassen Schimmer. Aber was sie beobachtet hatte, hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die beiden, die sich in Sandys Erinnerung noch bis aufs Blut gehasst hatten, woran sie nebenbei bemerkt nicht gerade unschuldig gewesen war, hatten sich in ein ekelhaft perfektes Bilderbuchfamilienleben neu eingerichtet, das um weiten harmonischer und strukturierter verlief als ihr erster von vornherein zum kläglichen Scheitern verurteilter Versuch im spießigen Reihenhaus vor ein paar Jahren. Sie hatten sie ausrangiert. Als hätte es die kleine Episode mit ihr in der tragenden Hauptrolle nie gegeben. Als hätte sie nie stattgefunden. Sie spielte keine Rolle mehr im Leben ihrer Kleinen, die unentwegt Maria mit ihren ängstlichen, müden, kleinen Augen fixiert hatte, während sie sie gehalten hatte. Dieses wimmernde Bündel, das so herrlich gerochen hatte. Sie hatte Cheyennes Geruch fast schon vergessen gehabt. Jetzt hatte sie ihn die ganze Zeit in der Nase. Er machte etwas mit ihr, das sie nicht kontrollieren konnte. Ebenso wie das Bild, das sie die ganze Nacht verfolgt hatte, was sie nicht mehr loswurde, auch jetzt nicht. Die Wut auf das ach so glückliche, einträchtige Chirurgenpaar wuchs seitdem von Minute zu Minute nur noch stärker an als zuvor, war kaum zu bändigen und hatte sie nur bestätigt in ihrem Vorhaben. Jetzt erst recht!

Sie hatte sich revanchieren wollen, aber sie hatte es dann doch gelassen, ihrer einstigen Mentorin noch einen mitzugeben, um sie vor der Eröffnung der Veranstaltung aus dem Konzept zu bringen. Im Nachhinein hatte sie das bereut, aber der Vorfall mit Dr. Meier vor zwei Tagen hatte sie gelehrt, auf diesem Terrain hier vorsichtig zu sein. Freund oder Feind waren im Berliner Elisabethkrankenhaus nicht einfach herauszufiltern. Hier hielt seltsamerweise jeder mit jedem zusammen. Alle, selbst die unerträgliche Oberschwester und ihr treudoofer blonder Schatten, der sie zufällig überallhin verfolgte, als würde sie es trotz des naiven Gebarens von Schwester - sie hatte ihren Namen vergessen - nicht merken, die sie, warum auch immer, als neuen Staatsfeind Nummer eins auserkoren hatten und im Gegensatz zu den meisten Kollegen, wie allen voran Prof. Haase, wenig gastfreundlich mit ihr umgingen, waren eine verschworene Einheit, was es nicht einfach für sie machte, wo sie doch allzu gerne im Mittelpunkt stand. Aber sie musste sich zurückhalten, um außerhalb ihres kongenialen Fachwissens, das sie hier auf dieser Bühne nur ansatzweise darbieten konnte, nicht weiter aufzufallen.

Mit merklichem Interesse beobachtete Dr. Moeller über den Rand ihrer Designerbrille hinweg, wie sich gerade ein weiterer Arzt - zumindest sah der äußerst attraktive Typ mit den dunklen verwuschelten Haaren für sie in seinem blütenweißen Arztkittel so aus - zu Dr. Meier und seiner blonden Begleitung setzte, mit der er die ganze Zeit über heftig geturtelt hatte und die sie mittlerweile als diejenige identifiziert hatte, deren tölpelhafter Auftritt vorhin zu einer kurzen Unterbrechung ihres Redebeitrags geführt hatte. Was fand eigentlich jemand wie er an so einer unscheinbaren Person wie ihr, fragte sie sich, während sie ihr Vortragsthema souverän auf den nächsten interessanten Präzedenzfall lenkte, der ihr während ihrer kurzen, aber sehr bemerkenswerten Laufbahn als Neurochirurgin im OP oder auch im Umfeld eines entfernten Kollegen, den es sicherlich nicht tangierte, wenn sie die Lorbeeren für sich einstrich, begegnet war. Jemandem wie ihm, der genauso süchtig nach Anerkennung und Erfolg um jeden Preis war wie sie und der jede Konkurrenz, und mochte sie noch so unbedeutend wirken oder dem genauen Gegenteil davon entsprechen, mit seiner sexy arroganten Art und der großen Klappe geschickt aus den Weg zu beißen verstand, hätte sie mehr zugetraut als ein Tête-à-Tête mit einer Krankenschwester, die von Weitem betrachtet noch nicht einmal besonders hübsch auf sie wirkte. Naturblond und Locken waren doch schon seit dem letzten Jahrtausend out.

Aber egal. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit Belanglosigkeiten wie dem Beziehungsgeflecht der hiesigen Chirurgenschaft auseinanderzusetzen. Dazu war ihr temporärer Aufenthalt in Berlin viel zu eng getaktet und ihr fehlte eindeutig das nötige Interesse. Das galt nämlich jemand anderem. Und dieser Jemand war gerade wie aufs Stichwort wieder durch eine der beiden riesigen Schwenktüren am Ende des Saals geschritten gekommen und blieb dort demonstrativ Arm in Arm mit seiner neuen alten Flamme stehen, um ihr von dort oben betont gleichgültig die Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, die Sandy sich erhofft hatte. Und auch jemand anderes, der ebenso wenig wie Dr. Haase und Dr. Meier die Rückkehr ihrer beiden befreundeten Neurochirurgenkollegen im Hintergrund bemerkt hatte, wurde aufmerksam, fast schon déjà-vu-verdächtig beäugt...

Mehdi (grient Marc u. Gretchen fröhlich an, während er die letzten beiden Plätze, die sie noch voneinander trennen, passiert u. sich schließlich schwer ausatmend auf einen davon setzen kann): Na!
Gretchen (lächelt unentwegt in seine Richtung): Na!
Marc (schaut unwirsch zwischen den beiden hin u. her): Na?

Okay, das wird mir jetzt echt zu spooky hier. Dabei befinden wir uns noch nicht mal auf dem Krankenhausspeicher, wo es nach Haasenzahn angeblich spuken soll, was sie aber nicht davon abgehalten hat, sich dort mit mir wiederholt zu treffen, um nicht nur Geister und Staubwölkchen zu vertreiben, nachdem unser kleines gemütliches Geheimversteck im Keller des Ostflügels leider von Bulldozern platt gemacht worden ist, was definitiv eine Wiederauffrischung verdient hätte, so wie wir es gerade besprochen haben, aber der Kerl hat einfach ein unheimliches Gespür dafür, im entscheidenden Moment den Spielverderber zu mimen. Was ist das? Späte Rache? Weil er die schöne Prinzessin nicht gekriegt hat und sich stattdessen mit der biestigen Magd abfinden muss? So n’Arsch ey!

Gretchen (ihre aufrichtige Freude wirkt nicht auf jeden ansteckend): Mehdi? Was machst du denn hier? Ich dachte, ihr kommt erst am Samstagabend zurück.
Mehdi (grinst über beide Backen): Ja, kleine spontane Planänderung.
Marc (kann sich einen frechen Spruch nicht verkneifen, um die Oberhand zurückzubekommen, die im Übrigen demonstrativ auf Gretchens rechtem Oberschenkel ruht): Hab ich das Memo verpasst, ‚wir treffen uns alle um zehn zum vergnüglichen Fachaustausch am Chirurgenstammtisch’? Wobei... Hm... Ob der dich wirklich weiterbringt auf deinem lahmen Karrierefahrrad? Hatte das nicht nen Platten, als du es vor Monaten irgendwo in die dunkle Abstellkammer gestellt hast?
Mehdi (freut sich einen Ast, das befreundete Paar wiederzusehen u. zeigt das auch mit breitem Grinsen, egal wie sehr Marc stichelt, denn er weiß ganz genau, wie es gemeint ist): Ich weiß ja nicht, was du heute noch so vorhast, aber als ich gehört habe, dass hier heute ein Vortrag ist, dachte ich mir,...
Marc (kann es nicht ertragen, wenn sein kleingeistiger Freund den Oberschlauberger gibt u. fällt ihm deshalb schnell ins Wort): ...dachtest du, setze ich mich doch spontan zwanzig Stunden hinter das Steuer eines nicht mehr wirklich fahrtüchtigen Campers und tuckere damit mal quer durch halb Europa. Alle Wege führen ja auch irgendwie nach Berlin, ne.
Mehdi (grient den Klugscheißer vergnügt von der Seite an): So ungefähr.
Gretchen (blickt ihn mit großen strahleblauen Augen an): Wirklich?
Marc (kann über diese hinreißend kindliche Naivität nur den Kopf schütteln): Du glaubst auch wirklich jeden Scheiß, den er dir auftischt, hm? Das erklärt einiges in der Vergangenheit. Inklusive euer Essverhalten.
Gretchen (tritt ihm empört auf den Fuß): Marc! Kannst du dich nicht einfach auch freuen?
Marc (hat mit dem Tritt seiner Freundin nicht gerechnet u. reagiert dementsprechend übertrieben wehleidig): Au! Die Absätze deiner Stiefel sind waffenscheinpflichtig, Haasenzahn.
Gretchen (funkelt ihn hochzufrieden an): Siehste mal!
Mehdi (kann sich an dem sich belauernden Paar nicht sattsehen): Mensch, als wäre ich nie weg gewesen. Ich freue mich auch außerordentlich, dich wiederzusehen, Marc. Und dich natürlich auch, Gretchen.
Gretchen (nickt ihm ehrlich erfreut zu): Und wir uns erst.
Marc (starrt seine Freundin verkniffen von der Seite an, weil er nicht zugeben will, dass er doch von leichter Freude erfüllt ist): Wir? Seit wann kommentierst du eigentlich ständig alles im Plural? Sind wir jetzt neuerdings die Twins oder unsere Zwerge?
Gretchen (beugt sich kichernd zu ihm rüber u. richtet mit beiden Händen konzentriert den Kragen von seinem pastellrosafarbenen Polohemd, das ihm unverschämt gut steht): Schon immer. Seitdem wir zusammen sind. Und in meiner Fantasie vielleicht auch schon ein bisschen länger. Dir ist es nur noch nicht aufgefallen. Aber das ist Teil des Gesamtpakets, das wir zusammen einvernehmlich beschlossen haben. Wir sind ein großes, dickes „Wir“.
Marc (lacht u. ist einmal mehr schockverknallt): Dick hast du jetzt aber gesagt.
Gretchen (stupst ihn leicht von der Seite an): Mann, du Blödi!

Ich wusste, das würde einen Haken haben. Papierkram ist einfach nicht meins. Ich bin Chirurg. Diese Hände hier sind für Größeres bestimmt, allen voran herauszufinden, was sich unter diesem hübschen, zu heiß gewaschenen Kittel noch so alles verbirgt. Mhm...

Ha! Ist es nicht zum Kringeln, wie bedröppelt er gerade guckt? Ja, Marc, in einer Beziehung, noch dazu in einer so gefestigten wie der unseren, gibt es immer wieder Neues zu entdecken, was eigentlich bereits mehr als offensichtlich ist. Also für jeden anderen, außer dir. Aber ich lieb dich auch, Schatz.

Wow! Die beiden! Einfach unverwechselbar. Mhm... Sie haben mir echt gefehlt. Ich merke das jetzt erst. Beim nächsten Mal packe ich sie einfach alle vier mit in Papas Bulli. Platz ist ja genug. Denn auf das Unterhaltungsprogramm hier möchte ich für nichts auf der Welt verzichten.


Mehdi (schmunzelt): Schön, dass sich hier nicht wirklich viel verändert hat während meiner Abwesenheit.
Marc (das ist der Stachel, der immer noch nervig piekst u. deshalb schnell gezogen werden muss): Die niemandem, wirklich niemandem hier aufgefallen ist. Dir etwa?
Gretchen (rollt genervt von der üblichen Stichelei mit den Augen): Marc!
Marc (lässt sich auch von ihrem sexy Augenaufschlag nicht davon abbringen, seine Pointen unterzubringen, die viel zu lange in der Warteschleife hängen geblieben sind): Aber zumindest kann ich nachvollziehen, warum du gerade diesen Neurovortrag als Ausgleich für deine ausgedehnte Quality Time gewählt hast. Gerade in deinem Alter, in dem die Zellen beginnen, auffällig weniger zu werden, ist es wichtig, sich fortwährend weiterzubilden und auch mal um die Ecken zu gucken. Damit das Oberstübchen auch in Zukunft auf Dauer gut funktioniert. Aber es ist ja allgemein bekannt, dass du was am Kopf haben musst, wenn man es freiwillig so lange mit Schwester Gabi aushalten muss. Apropos, hast du es endlich geschafft, sie loszuwerden? Glückwunsch! So weit waren wir ja vor deiner abrupten Abreise auch schon fast gewesen. Hätte sie mich nicht an meinem guten Tag erwischt. Ich drück da mal ein Auge zu, dass ihr euch einfach so mir nichts, dir nichts verpisst habt.

Oh! Da ist ja wirklich jemand beleidigt, weil ich ihn angeblich sitzengelassen habe. Dabei war das gar nicht so bezweckt, wir waren nur spontan und haben uns treiben lassen. Kommt nicht wieder vor. Äh... naja... unter Vorbehalt. Hängt davon ab, wie er sich in Zukunft benimmt, vor allem meiner Süßen gegenüber.

Mehdi (lässt sich nichts anmerken u. die üblichen Provokationen gewohnt an sich abprallen): Witzig! Immer noch der Spaßvogel vom Dienst. Der hat wohl nie Sendepause. Oder sollte ich besser Klassenclown sagen? Echt, ich hätte wirklich gerne bei euch in der Schule mal Mäuschen gespielt. Obwohl, ich hab mit ihm zusammen studiert. Da war er auch nicht anders. Schlafen in der letzten Reihe, wenn er überhaupt mal zur Vorlesung erschienen ist. So viel zum Thema Präsenzstudium.
Gretchen (kichert u. verbündet sich mit Mehdi, der ihr wissend zunickt): Rate mal, wie ich ihn vorhin hier vorgefunden habe!
Marc (ärgert sich, weil sein Kumpel es gewagt hat, den Spielball erfolgreich zurückzuschießen u. seine Freundin den Pass auch noch weiter verwertet): Ey! Präsenz kann man auch auf vielfache Weise deuten.
Mehdi (zwinkert ihm u. Gretchen bedeutungsvoll zu): In etwa so, wie dir das Wissen von ganz alleine zugeflogen ist?
Marc (lehnt sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück u. legt seinen Arm entspannt auf die Lehne von Gretchens Sessel): Ich hätte es nicht treffender formulieren können.
Gretchen (bekommt so langsam Bauchschmerzen vom zu vielen Kichern u. übernimmt, bevor das mit den beiden noch ausartet, das Thema): Ja, genau! Wo hast du denn Gabi und deine beiden Mäuse gelassen, Mehdi?

Na hoffentlich weit, weit weg. Eine Spaßbremse für den Moment reicht.

Mehdi (strahlt Gretchen mit leuchtenden Augen an): Lilly hat gerade ihre Mutter auf Station überrascht. Sie hat mindestens genauso verblüfft geguckt wie ihr eben. Annas Frühschicht ist gerade zu Ende gegangen. Berufsschule ist erst nächste Woche wieder und Lilly kann daher die restlichen Ferientage bei ihr bleiben. Ihr hättet sie sehen müssen. Sie hat sich so auf Anna gefreut. Und sie hat ihr eine Menge zu erzählen.
Gretchen (grinst wissend u. guckt vergewissernd zu Marc rüber, der nur die Augen verdrehen kann): Das kann ich mir vorstellen.
Mehdi: Und Gabi und Lenny erholen sich zuhause von den Strapazen der langen Reise. Kurz vorm Wochenende und dem Ferienende war schon einiges los auf den Straßen, aber wir sind zum Glück einigermaßen gut durchgekommen, wenn auch nicht unbedingt stressfrei. Lenny war während der gesamten Fahrt sehr unruhig. Ich glaube, wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätten wir unseren Aufenthalt in der Toskana noch verlängern können. Aber kaum waren wir zuhause angekommen, war mein Junge wieder die Ausgeglichenheit in Person. Faszinierend. Von wem er das bloß hat? Gabis Schwester will nachher vielleicht bei den beiden vorbeischauen. Ihre Mutter ist in der Stadt. Sie hat ja ihren ersten Enkel noch immer nicht kennengelernt.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr Herz u. guckt Mehdi gespannt an): Wie schön! Ist das der Grund, weshalb ihr schon zurück seid?
Mehdi (lächelt u. wird dann aber plötzlich ernst): Nicht ganz. Es haben sich überraschend ein paar Überschneidungen ergeben. Und du siehst, ich trage einen Kittel.
Marc (zwinkert auffällig Gretchen zu, die den Wink mit dem Zaunspfahl natürlich sofort auf sich bezieht): Was nicht unbedingt etwas über Kompetenz aussagen muss.
Gretchen (ärgert sich u. zeigt das auch): Maaarc!
Marc (lacht u. hört Mehdi nur mit halben Ohr zu): Was denn?
Mehdi (ignoriert den Klugscheißer wohlwissendlich u. erklärt Gretchen den Sachverhalt): Es ist so, die Uniklinik Erfurt hat mich telefonisch kontaktiert, ob ich eine Drillingsmutter übernehmen kann. Sie befindet sich erst der dreißigsten Woche und es sind unerwartet Komplikationen aufgetreten. Wir wollen schauen, ob wir die Kinder noch ein Weilchen drinnen behalten können. Eins der Babys ist im Vergleich zu den anderen noch sehr schwach und würde eine Frühgeburt zu dem Zeitpunkt nur schwer überstehen. Deshalb müssen wir mit äußerster Vorsicht vorgehen. Auf dem Rückweg haben wir schon in Thüringen gestoppt, aber meine Möglichkeiten sind hier in Berlin besser. Daher sind wir übereingekommen, dass sie ins Elisabethkrankenhaus verlegt wird. Sie wird jeden Moment eingeflogen. Deshalb bin ich schon zwei Tage früher zurück.
Gretchen (hört ihm aufmerksam zu): Weil du der Beste bist.
Marc (hat da so seine berechtigten Zweifel, die er natürlich nicht für sich behält): Naja!?!
Gretchen (guckt ihn tadelnd von der Seite an): Marc, muss ich dich erinnern, wer unsere Zwillinge auf die Welt geholt hat?
Marc (gibt sich betont unbeeindruckt, auch wenn der Gedanke an die Geburt seiner Kinder sein Herz schneller schlagen lässt u. ein verknalltes Dauergrinsen auf seine Lippen zaubert): Nö! Mein Gedächtnis funktioniert hervorragend. Vor allem mein Schmerzgedächtnis. Die meiste Arbeit ging ja wohl von mir aus. Ich hab bis heute manchmal Symptomschmerzen, weil du so arg zudrücken musstest. Hey, diese Hände sind teuer versichert.
Gretchen (sieht zu Mehdi rüber u. verdreht theatralisch die Augen): Weil ich vielleicht Schmerzen hatte, du Experte.
Marc (zeigt mit dem Zeigefinger frech an ihr vorbei): Ich dachte, er ist der Experte?
Gretchen (funkelt den Schlaumeier keck an): Ist er auch. Der Experte auf dem Gebiet von Mehrlingsgeburten in Deutschland. Das würdest du auch wissen, wenn du nur einmal - und hier zitiere ich ausnahmsweise mal meinen Oberarzt - ‚um die Ecke gucken’ würdest.
Marc (ist durchaus beeindruckt, lässt das aber schon aus Prinzip nicht durchblicken): Muss ich nicht. Sein Büro ist auf meinem Flur nur zwei Zimmer weiter.

GRR!!! Ruhig, Gretchen! Dieser Klugscheißer macht mich manchmal wahnsinnig. Dabei weiß ich ganz genau, wie sehr Marc Mehdis Meinung schätzt und seinen Beruf respektiert, eben weil er durch die Geburten unserer Kinder, die uns auf unvergessliche Weise so eng miteinander verbunden haben, einen ganz neuen Blick auf sein Metier gewonnen hat.

Mehdi (nickt den beiden mit Genugtuung zu): Mensch, so viel Lob auf einmal bin ich gar nicht mehr gewohnt. Das macht den Einstieg leichter. Danke für die Blumen, Marc! Eine solche Anerkennung hört man doch gerne. Gerade von einem so versierten Kollegen wie dir. Ich weiß gar nicht, wieso ihr hier ständig die Chirurgie in den Vordergrund rückt, wir Gynäkologen haben auch viel zu erzählen. Nicht nur über die anhaltend hohen Patientenzahlen, die eure im Übrigen, um zu der Statistik vom Anfang zurückzukommen, bei weitem übertreffen. Geboren wird nämlich immer. Aber ich will ja nicht angeben oder irgendwelche Missverhältnisse anklagen, die es durchaus auch bei uns gibt, auch wenn das EKH die Dinge zum Glück anders angeht als manch andere Kliniken, die zu reinen Profitunternehmen mutiert sind, wo die Geburtsstationen gar keine Rolle mehr spielen, weil sie kein Geld einbringen. Das muss man sich mal geben. Von der Hebammenproblematik mal ganz zu schweigen. Solche wichtigen Themen darf man nicht unter den Teppich kehren. Das geht jeden etwas an.
Gretchen (schaut Mehdi zustimmend an u. genießt das perplexe Gesicht von ihrem Freund, dem die Kinnlade herunterklappt): Doch das solltest du. Weißt du, ein weiser Mensch hat mal gesagt, man solle sich nehmen, was man will, wenn man denn weiß, was man will.
Mehdi (ahnt, woher das wohl gekommen sein könnte u. guckt genau in die Richtung): Ach?
Marc (gähnt einmal gelangweilt, um den nervigen Blicken der beiden zu entkommen): Na, wir wollen die Kirche mal schön im Dorf lassen, hm.
Gretchen (wird immer mutiger u. kontert vergnügt zurück): Ich wusste gar nicht, dass Berlin neuerdings ein Dorf ist?
Marc (funkelt sie unmissverständlich an): Kommt auf den Stadtteil an. Guck mal, wohin es ihn verschlagen hat, das erklärt so einiges.
Mehdi (nickt schmunzelnd u. kommt schnell zum Thema zurück, bevor Marcs Aufmerksamkeitsspanne weiter nachlässt): Jedenfalls, vielleicht überlegt ihr ja mal, jetzt wo Maria und du vom Chefarzt die vorübergehende stellvertretende Leitung übernommen habt, die nächste Symposiumsreihe in unsere Richtung zu lenken. Ein bisschen Bestätigung kann nie schaden. Zur Mitarbeitermotivation und darüber hinaus.
Marc (verzieht keine Miene, auch wenn der Punkt, der seine werte Kollegin Hassmann betrifft, ihn übel aufstoßen lässt): Ich glaube, dir ist da unten in Bella Italia die Höhenluft nicht gut bekommen. Oder woher kommt plötzlich dein Elan?
Mehdi (grient ihn an u. strotzt nur so vor Lebensfreude): Nö, im Gegenteil, eigentlich geht es uns wunderbar. Wir hatten eine unvergesslich schöne Zeit.
Gretchen (ist fast schon ein bisschen neidisch deswegen): Das sieht man dir an. Du siehst richtig gut erholt aus, Mehdi
Mehdi (strahlt sie an, wird dann aber schnell wieder ernst, als er daran denkt, was seine Freunde in den letzten Tagen durchmachen mussten): Danke! Du aber auch. Trotz der Umstände. Nach allem, was passiert ist. Tut mir leid, dass ich nicht bei euch sein konnte.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. drückt seine Hand): Das muss es nicht. Ihr habt euch die Auszeit mehr als verdient. Und wir sind doch nach dem ersten Schock einigermaßen klargekommen.
Marc (nimmt einen ebenso ernsten Gesichtsausdruck an, weil Witze bei dem Punkt wirklich nicht angebracht sind): Jep! Franz ist ein zäher Kerl. Nicht kaputt zu kriegen. Er hält einiges aus. Mehr als manch Jüngerer mit weniger Problemen.
Gretchen (kann darüber nicht lachen): Ja, was auf mein Nervenkostüm nicht unbedingt zutrifft. Aber Marc hat Recht, Papa ist auf einem guten Weg. Die ersten Tests stehen zwar noch aus, solange die Wundheilung läuft, aber wir sind zuversichtlich, dass die Nerven gut verheilen werden.
Mehdi (lächelt zuversichtlich): Das hört man doch gerne. Ich hab kurz mit ihm gesprochen. Er sieht gut aus. Kaum zu glauben, dass das alles erst ein paar Tage her ist.
Gretchen (guckt ihn überrascht an): Ach, du hast ihn besucht? Das ist aber nett von dir.
Marc (verdreht die Augen u. denkt sich seinen Teil): Ja, und wie nett.

Oller Schleimer! Doch ein Wolf im Schafspelz. Der will doch auch nur, dass er ihm ein paar seiner Forschungen finanziert. Wobei, welche Forschungen? Kinder kommen doch schon immer, wie sie wollen. Ich erinnere da mal an meinen Patensohn, der es ganz besonders eilig hatte und ich keine Wahl. Aber gut, dass Mehdi, unfit wie er ist, auch mal an den Eileitern vorbei die eine oder andere Karrieresprosse empor zu hangeln versucht. Vielleicht überlege ich mir das mit dem Austauschprogramm doch noch. Reden kann er ja. Ist ja auch ein Meh..ädchen. Und verdient hätte er es auch. Nicht nur weil manche Dinge wirklich scheiße laufen in unserem System. Sondern vor allem weil ich seinen Gehaltszettel kenne. Als Patenonkel von Lenny und Lilly muss ich schließlich dafür sorgen, dass die Taschengeldkasse auch weiterhin klingelt.

Mehdi (ist dann doch kurz irritiert u. dreht sich suchend um): Äh... nein, nicht direkt. Wir haben uns gerade eben kurz am Eingang unterhalten. Er sitzt doch dort zusammen mit deinem Bruder.
Gretchen (glaubt, sie hört nicht richtig): Wie der sitzt dort? Das kann doch gar nicht sein. Er ist doch auf seinem Zimmer. Er soll sich doch schonen und seinen Arm ruhig halten. Das... Nein, das glaube ich jetzt nicht. Was...? Grrr! Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet! ... Hallo? ... Entschuldigung! ... Ja, ich bin’s wieder. ...Tschuldigung! Ich muss hier durch. Ein dringender Notfall! ... Danke!

Gretchen folgte mit ihren Blicken hektisch Mehdis Zeigefinger, der in Richtung Ausgang auf der anderen Seite des Saals zeigte und traute ihren Augen nicht. Auf den beiden Notsitzen, welche man für Zuspätkommer oder gehandikapte Zuhörer direkt neben die Tür gestellt hatte, saßen doch tatsächlich ihr kleiner Bruder in kompletter Pflegermontur, der gerade einmal genüsslich gegähnt hatte und sich dann an seiner Nase kratzte, bevor er sich wieder ausgiebig dem Inhalt seiner Kaffeetasse widmete, die er mit beiden Händen umklammert hielt, und ihr sehr viel munterer wirkender Vater, der, adrett im grauen Anzug anstatt im gepunkteten Patientenhemd gekleidet, interessiert dem Vortragsprogramm lauschte, welchem die Mutterschutz beurlaubte Stationsärztin schon lange nicht mehr folgte. Das war der Punkt, an dem Gretchen Haase natürlich nichts mehr auf ihrem Platz hielt. Unter den irritierten Blicken ihres Lebensgefährten und ihres gemeinsamen besten Freundes sprang sie plötzlich auf und begann, sich mit mehreren gemurmelten Entschuldigungen bewaffnet unkoordiniert durch die voll besetzte Sitzreihe zu kämpfen, die sie vorhin schon mit Müh und Not bezwungen hatte. Den Protest der entnervt aufstöhnenden Studenten, die zum wiederholten Male aufstehen und ihre Tische zurückklappen mussten, auf denen ihre Laptops standen, bekam sie gar nicht mit. Denn die besorgte Chirurgin war voll und ganz auf ihren unvorsichtigen Vater konzentriert, der sich nur zwei Tage nach seiner hochkomplizierten Handoperation eigentlich noch hätte schonen müssen.

Lorelei Offline

Facharzt:


Beiträge: 10.053

21.06.2020 13:59
#1666 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Marc und Mehdi schauten der aufgebrachten Professorentochter ziemlich bedröppelt hinterher, wie sie, ohne zu stolpern oder etwas kaputtzumachen, in Rekordzeit durch die voll besetzte Sitzreihe wuselte und nun geladen wie ein Duracellhäschen die letzten Stufen der knarzenden Seitentreppe erklomm. Ihr Ziel ganz genau im Blick, das sein drohendes Ungemach jedoch noch nicht auf sich zu kommen sah, war es doch noch völlig im Bann seines redegewandten Gastes aus Amerika. Dann blickten die beiden Oberärzte sich plötzlich an, lasen dabei in den Augen des anderen, dass sie gerade exakt das Gleiche gedacht hatten und konnten sich das simultane Schmunzeln natürlich nicht mehr länger verkneifen. Dieser gelungene Abgang der Sonderklasse war schließlich ‚Gretchen Haase at its best’ gewesen. Das war fernsehpreisverdächtig und gehörte definitiv in die Top Ten der skurrilsten Highlightszenen der ungekrönten beliebtesten Chaosärztin des EKH.

Niemand hätte so einen Auftritt besser hinlegen können als dieses bezaubernde Wesen, das immer seinem großen Herzen folgte und eben genau das tat, was ihm gerade durch den Kopf ging. Die Emotionen mussten raus. Egal, auf wessen Kosten und mit welcher Konsequenz. Genau das machte Gretchen Haase nun mal einzigartig und es war einfach nur herrlich, ihr dabei zuzusehen, wie sie mal wieder ein riesiges Fettnäpfchenfass aufmachte, vor allem wenn man die Reaktionen der Personen um sie herum exakt vorhersagen konnte. Der Professor würde ganz schön einpacken müssen. Das war gewiss. Und das vor versammeltem Publikum. Wenn Haasenzahn nicht aufpasste, dann könnte das durchaus in die Annalen des EKH eingehen, dachte nicht nur Marc Meier und konnte den leichten Hauch von Schadenfreude nicht verbergen, der sich auf seine Grinselippen geschlichen hatte. Auch Dr. Kaan schaute seiner besten Freundin fasziniert hinterher und ließ seine Gedanken direkt hinterherfliegen.

Mehdi: Ist es nicht schön, zurückzukommen und zu entdecken, dass alles beim Alten geblieben ist? Die Menschen, die Reaktionen, die vertraute Stimmung, das gute Gefühl. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das alles doch so sehr fehlen würde. Dabei sind die letzten Monate doch wie im Fluge vergangen.
Marc (sein Blick klebt an Haasenzahn u. das vergnügte Grinsen in seinem Gesicht wird immer breiter, je länger er sie dabei beobachtet, wie sie immer mehr in Rage gerät): Mhm! Kaum zurück, und das mit was für einer Naturgewalt, mhm..., renkt sich alles wieder an den richtigen Stellen ein. Als hätte ohne sie gar nichts funktioniert. Ein echtes Faszinosum.
Mehdi (denkt Marcs Gedanken zu Ende u. richtet seinen Blick dann wieder auf seinen verträumt dreinblickenden Freund): Als wäre sie nie weg gewesen. Das EKH ohne sie nicht vorstellbar.
Marc (nickt, ohne es zu merken, im Takt mit Mehdi mit): Definitiv nicht empfehlenswert. Ohne sie ist alles irgendwie weniger...
Mehdi (schmunzelt): Rosa?
Marc (wacht langsam wieder aus seinem Tagtraum auf u. guckt seinen Klugscheißerfreund verwirrt von der Seite an): Bitte?
Mehdi (lacht, weil er ganz genau weiß, was Marc gerade denkt u. fühlt): Och, nur so ein Gedanke.
Marc (gibt sich damit zunächst zufrieden u. sich wieder seinen Gedanken hin): Du weißt schon, wie ich es meine. Klar ist es cool, zurückzukommen, um die eingerosteten Chirurgenfinger wieder das tun zu lassen, wofür sie bestimmt sind. Trotzdem ist es nicht das Gleiche. Es fehlt halt was. Nicht nur dass wir dauerunterbesetzt sind. Der Kaffee schmeckt fad. Vom Kantinenfraß ganz zu schweigen. Die Leute ziehen eine Fresse. Ein nichtiger Fall jagt den nächsten. Der Papierkram stapelt sich, ohne dass er weniger wird. Es macht einfach weniger Spaß, die Assis auflaufen oder Patienten die Komplexität ihrer Erkrankungen verstehen wollen zu sehen. Irgendwas hakt doch immer. Und wenn es der Süßigkeitenautomat um die Ecke ist. Doch jetzt funzt es wieder. Als hätte sie das Gleichgewicht wiederhergestellt.
Mehdi (studiert Marcs Gesicht ganz genau u. ist sichtlich angetan von so viel Offenheit, an der sein bester Freund nur wenige teilhaben lässt): Nur wie sie es kann. Gib’s zu! Du hast sie vermisst. Also, außerhalb eurer Babyblase.
Marc (kommt endlich wieder zu sich, schüttelt den Kopf über das, was ihn gerade sentimental hat werden lassen, u. blitzt seinen nervig verständnisvollen Freund ungehalten an): Nun hör doch mal auf! Nur weil es sich hier im Symposium weitgehend um Gehirne dreht, soweit ich das mitbekommen habe, ich hab irgendwann aufgehört, Candy Sandy zuzuhören, heißt das nicht gleich, dass du meine Schädeldecke aufhebeln sollst, um an ein bisschen Weisheit ranzukommen.
Mehdi (nimmt diese Steilvorlage nur allzu gerne an): Nur ein bisschen?
Marc (verdreht die Augen u. nimmt sich den frechen Kerl jetzt erst so richtig vor): In Italien gab es wohl auch nur Clowns zum Frühstück, hm? Ich kann nicht behaupten, dass man dir deine Fressanfälle nicht ansehen würde. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber du hast in der Woche sogar noch mehr zugelegt als während Gabis gesamter Schwangerschaft, in der du mit ihr nicht nur essenstechnisch mithalten wolltest. Die WWs werden sich an dir dumm und dämlich verdienen. Aber du weißt ja aus eigener Erfahrung, dass deren Erfolgsquote mit dir rückläufig wird. Kannst du dir das überhaupt leisten bei deinem schmalen Gehalt, Dickie? Ach, ich vergaß, ich hatte dir ja die Schulden erlassen und den Rest davon der wahren Verursacherin deines Lebenschaos aufgedrückt, was aber auch nicht bedeutet, dass wir je auf einen grünen Zweig kommen werden. By the way, sie macht sich gar nicht mal so schlecht als Azubi auf der Orthopädischen, auch wenn sie alterstechnisch die Mutter der meisten anderen neuen Lernschwestern sein könnte. Sie läuft jetzt mit Chantal mit, was echt schräg ist, weil alle denken, sie sei der Profi und nicht umgekehrt.
Mehdi (rollt ebenfalls mit den Augen u. zupft sich den engen Arztkittel zurecht, der tatsächlich etwas zu spack sitzt): Das liegt am Kittel. Ich war auf eine Rückkehr noch nicht eingestellt. Mein Spind ist noch ausgeräumt und ich hab mir einfach den Kittel vom Wischnewski geschnappt.
Marc (lacht): Um Ausreden genauso wenig verlegen wie Haasenzahn.
Mehdi (stimmt in sein ansteckendes Lachen mit ein): Ich weiß, ich soll kluge Köpfe nicht kopieren, aber dazu sage ich einfach mal, dito.

Boah! Seit wann hat der denn so eine große Fresse, wenn ich ihm eine Spitze nach der anderen reindrücke? Für eine Millisekunde hätte ich fast geglaubt, ich würde mich freuen, ihn hier im Hamsterrad wieder begrüßen zu dürfen. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Aber ich hab mich getäuscht. Seine weibische Dauerquasselei und Klugscheißerei nervt einfach nur.

Marc (seufzt leicht entnervt auf u. lehnt sich auf seinem Sitzplatz zurück, nachdem er kurz in seine Kaffeetasse geguckt u. frustriert festgestellt hat, dass der Inhalt mittlerweile ungenießbar eiskalt geworden ist): Ich schwör’s dir, noch mal kommst du mir nicht so leicht davon. Düst, ohne das mit mir abzustimmen, einfach in den Urlaub ab und lässt mich mit dem ganzen Scheiß hier alleine. Weißt du eigentlich, was hier los war? Die Mäuse haben auf den OP-Tischen getanzt. Hier wieder Ordnung reinzubringen, die unseren Maßstäben entspricht, wird uns Monate kosten. Zumal der Professor jetzt auch nicht so schnell zurückkommen wird. Ich hab gedacht, wir wuppen das gemeinsam und räumen den Saustall mal so richtig auf, aber nee, jetzt hab ich wieder Hassi am Hacken und die ist zurzeit echt mies drauf und das liegt nicht an ihrer PMS. Eigentlich hättest du ne Abmahnung verdient wegen Dienstverweigerung usw., aber da du gleich vier Patienten auf einmal mitbringst, wenn alles gut läuft, wovon ich ausgehe, du bist schließlich du, dann gleicht sich das auch wieder aus. Also, ich verzeih dir.
Mehdi (lehnt sich in der gleichen lässigen Bewegung schmunzelnd auf seinem Sessel zurück wie sein großmäuliger Freund): Du liebst es echt, Chef spielen zu dürfen, hm?
Marc (kontert gewohnt klugscheißerisch): Ich spiele nicht, ich bin!
Mehdi (nickt anerkennend u. schaut sich dann zum ersten Mal so richtig in dem bis auf den letzten Platz besetzten Auditorium um u. lässt die Atmosphäre auf sich wirken): Ist das der Spruch, der dann auf deiner neuen Interims-Visitenkarte stehen wird? Gut gewählt! Deshalb sitzt du auch hier oben und stehst nicht da unten. Dabei liebst du es doch auch, dich vor anderen zu profilieren. Delegieren ist alles, was? Ist sie das?
Marc (ist auf den abrupten Themenwechsel noch nicht eingestellt, weil er gerade entspannt seine Augen geschont hat): Und schon wieder dieselbe langweilige Platte? Was ist denn heute los? Legt doch mal was Neues auf!
Mehdi (kann seinem genervten Unterton nicht ganz folgen): Hä? Ist sie nicht die Neue? Schwester Sabine hat da was angedeutet, als sie neulich mit Gabi telefoniert hat.
Marc (reißt die Augen wieder auf u. starrt unwirsch zur Seite): Wohl eher die Alte. Die neue Alte oder junge neue Ex, Verflossene, Sorgerechtsverweigerin. Wie auch immer. Da steigst du sowieso nicht dahinter. Das ist zu hoch für dich. Aber einen Tipp kann ich dir trotzdem mitgeben. Halt dir besser die Augen zu! Du verknallst dich doch immer so schnell. Du und dein sentimentaler Hang für mysteriöse, starke Frauen, die sich nehmen, was sie wollen und dabei nicht besonders wählerisch sind. Aber wenn du mehr wissen willst, kannste ja ihn fragen, falls Stier und du euren bescheuerten Beef endlich ad acta gelegt habt. Der toppt dich in deiner Vorliebe für Kompliziertheiten aller Art nämlich noch um Weiten. Der hat echt ein Händchen für so was. Wahrscheinlich steht er auf SM. Aber jedem das Seine, ne. ... Na, doch zurück? Ich dachte schon, du würdest kneifen, Hassi. Oh Cedric, du bist ja auch da! Hab dich gar nicht bemerkt in ihrem breiten Schatten.

Marc guckte nicht gerade unauffällig über seine Schulter zu Dr. Stier rüber, der gerade zusammen mit Dr. Hassmann zwei Stufen der quietschenden Holztreppe hinuntergeschritten war, um nun mit synchron vorm Körper verschränkten Armen bequem an der Fensterbank eines der großen Panoramafenster zu lehnen, welche auch an dunklen Oktobertagen den Vorlesungssaal mit Tageslicht fluteten. Der Neurochirurg in ausgedehnter Elternzeit hatte ihn erst nicht bemerkt, aber nachdem Dr. Haase, die er hier übrigens auch nicht erwartet hatte, soeben aufmerksamkeitswirksam aufgesprungen und einmal quer durch den gesamten Saal gehoppelt war, hatte er ihn entdeckt und dann immer wieder argwöhnisch zu ihm rübergeblickt, was nicht unbeobachtet und unkommentiert geblieben war. Dass Marc hier war, war ja schon seltsam genug, aber Cedric wunderte sich am meisten darüber, was ausgerechnet Dr. Kaan so kurz vor Marias Vortrag hier zu suchen hatte. Hatte es nicht geheißen, er wäre im Urlaub und würde nicht so schnell aus seiner verlängerten Elternzeit zurückkehren, in welcher der selbsternannte Ärztinnenflüsterer, wenn es nach ihm gegangen wäre, auch für immer hätte bleiben können? Hätte er doch wenigstens einmal Schwester Sabine aufmerksam zugehört, die Maria und ihm eben erst ausdauernd ein Ohr abgequatscht hatte, bis seine jüngste Tochter ihn mit ihrem gnadenlosen Geschrei noch gerade rechtzeitig vor weiteren Anekdoten oder der neusten Horoskopprognose der redseligen Krankenschwester gerettet hatte. Er war definitiv keine Einbildung. Er war da. Aber was wollte er hier? Und wieso glotzte Marc ihn auch schon wieder so nervig penetrant von der Seite an?

Das war eine der wenigen wirklich wichtigen Fragen neben der Tatsache, die gerade vor ihm auf dem Podium stattfand und allmählich auf ihren Höhepunkt zusteuerte und die er betont zu ignorieren versuchte, was für den dreifachen Familienvater nicht so einfach zu handeln war. Nicht nur weil Maria ihm unentwegt in sein Ohr meckerte, um ihre Anspannung loszuwerden, die ihr Publikum, und eine Adressatin darunter ganz besonders, auf keinen Fall mitbekommen sollte. Der zusätzliche Stress in den vergangenen Tagen hatte nicht nur bei ihr Spuren hinterlassen. Auch er war gereizt und fahrig und hätte heute Morgen nach einer schlaflosen Nacht am Frühstückstisch fast seine älteste Tochter lautstark angeschnauzt, die ihn mit ihren neugierigen Fragen, die Sandys gestriger Auftritt nun mal automatisch mit sich gebracht hatte, fast aus der Haut hätte fahren lassen, wenn im gleichen Moment nicht die Mutter ihrer engsten Schulfreundin an der Haustür geklingelt hätte, um die beiden in den Ferienhort zu begleiten. Am meisten ärgerte er sich über sich selbst, weil er für einen kurzen Moment die Kontrolle verloren hatte, was Maria, wie sie ihm im Nachhinein liebevoll versichert hatte, auch hätte passieren können. Aber sie kannte Mottes Marotten am besten und war dahingehend weitaus geduldiger als er. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Er würde auf der Hut bleiben. Immer mit einem wachsamen Auge bei ihr, um rechtzeitig die Zeichen erkennen und entsprechend gegenwirken zu können. Deshalb wollte er sich auch entgegen Marias Rat das Symposium nicht entgehen lassen. Es war offensichtlich, dass Sandy mit ihrem bemerkenswerten Auftritt seine Aufmerksamkeit und die seiner Frau suchte. Was auch immer sie damit bezweckte. Man konnte ihr nicht entkommen. Weder hier, noch auf der Toilette oder in Marias Büro, wo sie ihrem jüngsten Zuwachs gerade eben einen kleinen heilsamen Besuch abgestattet hatten, bevor Maria gleich die Showbühne erklimmen würde, um dem hinterhältigen Biest einmal mehr zu zeigen, wo der Hammer wirklich hing.

Deshalb kam ihm die willkommene Ablenkung gerade wie gerufen, auch wenn Dr. Kaan auf der Liste seiner Staatsfeinde Nummer eins direkt nach Sandy und noch weit vor Marc Meier auf Platz zwei folgte, was jedoch nur in der Welt von Dr. Stier rational zu erklären war. Seine Freundin sah die Dinge dagegen ganz anders. Der Körperkontakt mit Sophie hatte ihr gut getan. Sie hatte sich wieder beruhigt. Maria war ganz bei sich und auf ihren Auftritt fokussiert, der in wenigen Minuten beginnen sollte, falls sich Dr. Moeller an den vorher abgesprochen Zeitplan hielt, wonach es gerade sehr zu ihrem Unmut aber nicht aussah. Sie hatte Dr. Kaan freundlich zugenickt, dessen Anwesenheit sie ebenfalls überrascht hatte, was dieser charmant lächelnd erwidert hatte, bevor er wegen Marcs Sprüchen theatralisch die Augen verleiert hatte, und hatte sich dann ganz auf Dr. Meier konzentriert, dessen hämisches Gegrinse auch ihm mittlerweile tierisch auf den Senkel ging. Konnte er sich nicht wenigstens heute zurückhalten? Er kannte doch die Fakten und hatte zumindest einen Hauch von Verständnis gezeigt, dieser Person da unten nicht die Bühne zu geben, die sie sich erhofft hatte. Aber nein, konnte er nicht. Er war Marc Meier. Immer einen blöden Spruch auf den Lippen. Egal, wie beschissen die Lage war. Leider waren ein paar Zeugen zu viel um ihn herum. Ansonsten hätte Cedric ihm jetzt gerne sein spöttisches Schandmaul poliert. Eigentlich wäre das doch die perfekte Therapie gewesen, um den ganzen Scheiß, der mit Sandys Auftauchen in Berlin wieder hochgekommen war, zumindest für den Moment zu vergessen. Aber diese Frau war zu präsent, um sie so leicht vergessen zu können. Das war auch Maria Hassmann bewusst, als sie nach einem kurzen Blick auf ihre schicke Designerarmbanduhr wieder zu ihrer jüngeren Konkurrentin hinuntersah und dann augenrollend zu Marc rüberswitchte, dessen subtile Sticheleien sie natürlich nicht überhört hatte.

Maria: Meierlein, um einen so komplexen Sachverhalt wie das weibliche Gehirn analysieren zu wollen, dazu müsstest du vermutlich noch einmal ganz von vorne studieren. Aber selbst das würde dich nicht wirklich weiterbringen, weil du dieses spannende Geheimnis niemals lüften wirst, egal wie gut du bist. Aber vielleicht klappt es ja im nächsten Leben und du wirst als Frau wiedergeboren. Die Männer tun mir jetzt schon leid.
Marc (ist durchaus beeindruckt von ihrer Cleverness, behält dies aber wohlweislich für sich): Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du an Reinkarnation glaubst. Das widerspricht doch schon von vornherein der grauen Theorie, die ihr hier eine Woche lang zu unserer aller Langeweile vortragen wollt.
Maria (rollt merklich genervt mit den Augen u. guckt erneut auf ihre Armbanduhr u. dann zum Podium hinunter, auf welchem Dr. Moeller gerade sehr zu ihrem Ärger zur Höchstform aufzulaufen scheint): Das ist doch gerade das Schöne daran. Es gibt unzählige Betrachtungsmöglichkeiten, was auf die männlichen Hirnzellen bekanntlich nicht unbedingt zutrifft. Die sind eher einfach gestrickt und nicht so komplex und manchmal gar nicht erst zu finden. Aber du kannst mich gerne vom Gegenteil überzeugen, Dr. Meier. Beim nächsten Versuch. Die nächste Comedynummer kannst du dir also gerne für später aufheben, falls das hier zu trocken für dich sein sollte. Ist sie immer noch nicht fertig? Ich fass es nicht. Es sollte lediglich um eine kleine Einführung gehen. Das große Buffet ist doch erst für die nächsten Tage vorgesehen.
Marc (folgt ihrem finsteren Blick u. ist ebenso wenig angetan von dem, was er sieht u. hört): Du, ich hab dich gewarnt, aber wer nicht hören will, muss fühlen. Aber um dich zu beruhigen, das Programm eignet sich durchaus auch als Schlaftablettenersatz. Man hat mich nur nicht gelassen, dies so richtig auszukosten. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Och, bist du nicht gleich dran? Ich schüttele schon mal mein Kopfkissen auf.
Mehdi (bezieht das natürlich schmunzelnd auf sich): Och, armer Marc! Dabei kommt es doch als junger Vater auf jede Minute an, hm?
Marc (funkelt zurück): Witzig!
Mehdi (grient ihn fröhlich an u. widmet sich dann erst einmal ausgiebig der Begrüßung der im sexy Businesskostüm gekleideten Oberärztin, was jedoch nicht jedem passt): Dito! Also falls ihr noch Unterstützung benötigt beim Krankenhausleiten oder was auch immer euch gerade bedrückt, ich hätte da noch ein paar Kapazitäten frei, jetzt wo ich wieder da bin.
Marc (guckt ihn unwirsch von der Seite an): Du warst echt lange auf Entzug, was? So engagiert hab ich dich das letzte Mal am Buffet von Günnis Hochzeit erlebt. Ich dachte, es liegt eine schwierige Geburt vor dir?
Mehdi: Die versuchen wir, möglichst weit hinauszuzögern.
Maria (klimpert mit ihren langen geschwungenen Wimpern verführerisch in Mehdis Richtung): Ich halte es mir vor. Danke für das Angebot, Dr. Kaan! Und herzlich willkommen zurück! Nicht jeder bekommt die Umstellung so galant hin, Familie, Haushalt, Job, Verantwortung, Anwesende nicht ausgeschlossen.
Cedric (ihm gefällt der intensive Blickkontakt zwischen den beiden ganz u. gar nicht): Verbündest du dich jetzt etwa mit ihm? Was will er überhaupt hier?
Marc (ist amüsiert von dem peinlichen Hauch Eifersucht, der merklich zu ihm u. Mehdi rüberschwappt): Die Liste der moralischen Unterstützer, die eine Topchirurgin wie du eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte, ist länger als deine Leitung, Stier. Kompliment! Jetzt weiß ich auch, wen du gerade gemeint hast, Hassi.
Cedric (funkelt ihn an): Du kannst mich mal, Marc.
Marc (zischt vergnügt zurück): Wäre nicht unbedingt meine erste Intention, wenn ich mir dich so anschaue. Siehst echt scheiße aus heute. N’bisschen wenig Schlaf abbekommen, hm? Mädelshaushalt halt. Und wenn jetzt noch ein Gesicht mehr hinzukommt, das man sich merken muss, dann... Ich würde nicht behaupten, ich hätte Mitleid, aber...
Mehdi (knufft ihm in die Seite, um den Wortakrobaten zu stoppen): Marc!
Maria (schaut unbeeindruckt von Marc zu Mehdi, zwinkert diesem vieldeutig zu u. geht dann nach einem kurzen intensiven Augenkontakt mit Cedric ein paar Stufen weiter die Treppe hinunter, damit Sandy kapiert, dass ihr Vortrag so langsam ein Ende finden soll, was diese zwar bemerkt, aber natürlich dezent ignoriert): Eigentlich dich, aber egal. Ich muss. Die Bühne gehört nicht nur ihr. Mehdi!
Mehdi (nickt der taffen Oberärztin charmant zu u. schaut dann freundlich zu Dr. Stier rüber, der nur genervt die Augen verdreht u. sich dagegen entscheidet, seiner Liebsten nach unten folgen zu wollen, was als ihr Partner dann doch zu viel des Guten gewesen wäre): Maria! Dr. Stier?
Cedric (wiegelt mit einer lockeren Geste ab, zögert erst u. entscheidet sich dann, sich neben Marc auf den äußersten Sitzplatz der Reihe zu setzen, weit genug entfernt von Dr. Kaan, den er stoisch ignoriert): Ja, ja, wie dem auch sei. Wird Zeit, dass wir dem Ganzen hier endlich ein Ende setzen.
Marc (lässt diese Steilvorlage nicht ungenutzt): Wieso Ende? Jetzt fängt der Spaß doch erst so richtig an. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Popcorn und was zum Runterspülen. Und vielleicht auch noch ne Ladung glibberige Götterspeise, die reichlich auf der Bühne verteilt wird.
Mehdi (ist leicht überfordert von der seltsamen Stimmung um ihn herum): Ähm... Kann mir mal jemand verraten, was überhaupt das Problem ist?

Und während sich Marc einen Spaß daraus machte, sich auf einige wenige höchst mysteriös anmutende Andeutungen zu konzentrieren, die Mehdi jedoch nicht wirklich durchzublicken verstand, da Cedric sofort zischend von der Seite intervenierte, weil Dr. Hassmann gerade auf dem Podium Dr. Moeller mit kaum merklichem aufgesetzten Lächeln das letzte abschließende Wort abschnitt, um gleich darauf selber selbstbewusst ans Mikrofon zu treten, ohne ihre Vorrednerin, die ihr unter dem anhaltenden Applaus ihrer begeisterten Zuhörerschaft diplomatisch das Feld überlassen hatte, eines weiteren Blickes zu würdigen, widmete sich seine aufgewühlte Freundin einem ganz anderen Problem. Nämlich ihrem sturen Vater, vor dem sich Gretchen mit in die Hüfte gestemmten Händen und empörtem Blick aufgebaut hatte, was jedoch lediglich auf ihren kleinen Bruder Eindruck schindete, der sie zuerst bemerkt und sich dabei vor Schreck an seinem Kaffee verschluckt hatte, den er jetzt nicht gerade ansehnlich über sein weißes Pflegeroutfit hustete.

Jochen (wischt, unterbrochen vom heftigen Husten, genervt über die dunklen Kaffeeflecken auf seinem von Mutti frisch gewaschenen weißen Pflegerkasack): Boah, Gretchen, musst du uns so erschrecken? Guck dir mal die Sauerei an! Das krieg ich doch nie wieder raus.
Gretchen (ignoriert ihren vorlauten Bruder u. konzentriert sich ganz auf ihren Vater, der angetan von dem, was er in den vergangenen Minuten gehört hat, in den Applaus des Publikums mit einsteigt, soweit das seine Einschränkung ermöglicht): Papa, was machst du hier?
Franz (erst durch Jochens Hustenanfall blickt er irritiert auf, so sehr hat ihn der Fachvortrag der Austauschchirurgin nämlich gefesselt): Kälbchen?
Gretchen (ist maßlos enttäuscht von ihm u. zeigt das auch, indem sie ihrem Papa im mütterlich anmutenden Tonfall nicht gerade leise die Leviten liest): Deine Operation ist gerade mal zwei Tage her. Du musst dich doch schonen, Papa. Du gehörst in dein Bett.
Franz (richtet sich kerzengerade auf seinem Stuhl auf, während er seinen bis zum Ellenbogen eingegipsten Arm mit seiner gesunden Hand demonstrativ in Schonhaltung hält): Schonen? Ich? Mich? Wofür? Noch ist der Sargdeckel nicht zugefallen. Ich bin an der Hand operiert worden, nicht an meinen sonstigen Extremitäten oder meinem Gehirn. Ich bin ansonsten topfit und wiederhergestellt. Ich bin der Chefarzt hier. Ich verkörpere dieses Krankenhaus. Ich habe Präsenzpflicht.
Gretchen (schüttelt fassungslos über so viel Unvernunft den Kopf): Die haben Marc und Dr. Hassmann auch, die dich würdig als Gastgeber vertreten. Das weißt du. Deine Pflicht ist es, in erster Linie wieder gesund zu werden, Papa. Du weißt ganz genau, was passiert, wenn du deine Hand zu früh zu sehr wieder belastest. Willst du das wirklich riskieren? Deine ganze Karriere für diesen einen Moment der Unvernunft?
Franz (lässt wie immer jedwede Kritik u. Sorge an sich abprallen): Lass das mal schön meine Sorge sein, Margarethe. Ich weiß, was ich mir zutrauen kann und was nicht. Und das alles hier werde ich mir für nichts auf der Welt nicht entgehen lassen. Selbst wenn morgen eine Pandemie nie gekannten Ausmaßes ausbrechen würde. Wir haben schließlich lange genug darauf hingearbeitet, diesen Stellenrang auch im internationalen Wettbewerb zu erreichen. Dafür stehe ich mit meinem Namen. Ja, ich wurde ausgebremst, aber ich zeige das nicht. Das hat etwas mit Professionalität zu tun.

Ja, professioneller Dummheit vielleicht. Dass ihr Chirurgen auch nie zugeben könnt, dass es keine Schande ist, auch mal Schwäche zeigen zu dürfen. Es weiß doch jeder, was dir passiert ist. Niemand hält dir vor, wenn du dich für eine Zeit zurückziehst. Aber nein, immer mit dem Kopf durch die Wand. Die Beulen und Hämatome zeugen dann noch von Stärke, hm? So ein Quatsch! So können auch nur Männer denken. Das sollte man vielleicht einmal neurochirurgisch analysieren, wenn wir schon mal hier sind.

Gretchen (ist mit ihrem Latein so langsam am Ende u. sucht bei ihrem Bruder Unterstützung, der aber nur gelangweilt vor sich hin gähnt, nachdem sich sein Husten gelegt hat): Papa! Sei doch bitte vernünftig! Mir zuliebe und für Mama. Und... du? Du! Ich fasse es nicht, dass du da mitmachst, Jochen. Du solltest auf ihn aufpassen.
Jochen (zieht eine beleidigte Schnute, weil ihm schon wieder die Schuld zugeschoben wird, dabei kann er doch nichts dafür, dass sein Vater dermaßen stur ist): Mach ich doch. Ey, was gehst du mich denn jetzt von der Seite an, Schwesterherz? Denkst du mir macht das Spaß, dass Marc mir das aufgedrückt hat.
Franz (echauffiert sich lautstark, was die Aufmerksamkeit einiger Zuhörer in den letzten Reihen generiert, nachdem der Applaus abgeklungen u. Dr. Hassmann ans Pult getreten ist): Wie bitte? Ich brauche keinen Aufpasser, ich bin Chef hier. Das untergräbt meine Autorität!
Jochen (diese alte Leier beeindruckt seine beiden Kinder nicht sonderlich): Nichts gegen dich, Papa. Ich finde das überhaupt nicht witzig. Erst stellt Marc mich bloß und probt an mir ein Exempel, das auch nur er mit seinem seltsamen Sinn für Humor versteht. Angeblich damit ich kapiere, was in meinem zukünftigen Berufsfeld alles auf mich zukommen wird und worauf es bei jedem noch so kleinen Infekt bei den kleinen Hosenscheißern in meiner Obhut ankommt. Als ob ich das nicht wüsste. Ich arbeite schließlich seit Wochen auf der Kinderstation, um später im Studium weiter zu sein als die anderen Pappnasen, die im Anatomiekurs regelmäßig reihenweise umkippen wie Eintagsfliegen. Aber er hat bei mir das komplette Programm durchgezogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Als wäre ich fünf und nicht fünfundzwanzig. Ey, ich hab wirklich einen halben Tag geglaubt, ich hätte mir einen seltenen Virus eingefangen. Marc hat mich echt stundenlang in dem Glauben gelassen, nachdem er angeblich festgestellt hat, dass mit meinen Blutwerten etwas nicht stimmen kann, bis er dann feixend mit seinem blöden Männerschnupfen angekommen ist, der sich nur unwesentlich von Kindergartenviren unterscheidet, die er tatsächlich in meinem Blut gefunden hat. Hey, damit wäre es bewiesen, ich bin offiziell noch ein Kind. Aber darf man einem Kind literweise Blut abzapfen für nichts und wider nichts? Ich hab mich gefühlt wie ein Vampir und sah echt auch so aus. Celine hatte Angst vor mir, als ich Stunden nach den beiden endlich nach Hause gehen durfte. Ja, und weißt du, was das Beste ist, Gretchen? Chantal schreibt er noch einen Tag krank, während ich schon am nächsten Tag wieder hier antanzen durfte. Kaum bin ich wieder genesen, muss ich jetzt die Drecksarbeiten für ihn erledigen, obwohl ich noch nicht mal auf seiner Station eingeteilt bin und eigentlich für die Uni meine Stunden im EKH runterschrauben wollte. Nur weil der Meier sonst keinen hat, auf dem er herumhacken kann. Ich muss den Babysitter mimen und bekomme von Papa auch immer nur die Breitseite ab, wenn ich nicht mitspiele, wenn er sich Dinge herausnimmt, die sich andere Patienten nicht trauen würden. Findest du das fair, Gretchen?

Oje, der Arme! Nein, Gretchen, kein Mitleid! Das ist wirklich ernst. Wir müssen ihn vor sich selbst schützen. Weil er nicht wahrhaben will, dass auch er als Chefarzt und Professor der Medizin nicht unantastbar ist und tatsächlich in Zukunft kürzer treten muss. Aber er lässt sich ja weder von mir, Mama, Marc oder Dr. Hassmann etwas sagen. GRR! So stur ist er.

Gretchen (zeigt sich verständnisvoll, auch weil sie über Marcs kleinen Scherz mit Jochen, den er als Lerneinheit außer der Reihe tituliert hat, nicht wirklich lachen kann): Ist es nicht. Papa, du kannst von ihm nicht verlangen, dass er hier alles stehen und liegen lässt, nur weil du dich heimlich an der Oberschwester vorbeischleichen möchtest. Apropos,...
Franz (lässt seine Tochter gar nicht erst weiterreden, weil er ungeduldig beobachtet, wie sich auf der Bühne die Gastdozentin verabschiedet u. Dr. Hassmann ihren Platz überlässt): Das ist mein Krankenhaus, ich entscheide. Und was hast du eigentlich hier zu suchen, Kälbchen? Müsstest du nicht bei deinen Kindern sein? Wo hast du denn meine Enkelchen gelassen?
Gretchen (spürt eingeschnappt, dass seine Aufmerksamkeit schwindet u. ihr die Argumente ausgehen, aber eins hat sie noch u. das sollte es in sich haben): Die sind bei Mama, die gerade mit dem Kinderwagen im Park eine kleine Runde dreht, bevor sie dich mit ihnen überraschen möchte, falls sie es nicht sogar bereits getan hat. Mal sehen, was sie davon hält, wenn sie dein leeres Zimmer vorfindet und Panik bekommt, weil sie nicht weiß, wo du dich während deiner Rekonvaleszenz überall herumtreibst.
Franz (reagiert höchstalarmiert u. springt mit leichten unfallbedingten Anlaufschwierigkeiten von seinem Platz auf): Jochen! Wir gehen.

Na, toll! Mit einem Mal klappt es doch. Sehr souverän, Gretchen, wirklich. Mit deinem Überzeugungstalent solltest du Chirurgin werden. Oder Mama. Oder beides. Hihi!

Jochen konnte gar nicht so schnell gucken, da hatte sich sein gehandicapter Vater auch schon mit seinem gesunden Arm bei ihm untergehakt, um ihn fordernd zum Ausgang des Hörsaals zu manövrieren. Gretchen blickte den beiden seufzend hinterher, wie sie im gemäßigten Schritttempo für ihre Verhältnisse durchaus flink durch die zurückschwingende Tür marschierten. Dass währenddessen jemand hinter sie getreten war, merkte sie erst, als die Person sie vorsichtig mit dem Zeigefinger an der Schulter anstupste und anschließend mit sanfter Stimme ansprach.

Mehdi: Alles in Ordnung, Gretchen?
Gretchen (dreht sich langsam herum u. ist immer noch so durcheinander, dass sie am liebsten wie ein kleines Mädchen losheulen möchte): Warum muss er nur immer so unvernünftig sein? Er weiß doch, wie knapp das alles war. Wir hätten ihn fast verloren. Schon wieder.
Mehdi (streift der sichtlich aufgewühlte Ärztin sanft über den Arm u. als er spürt, wie nah ihr das alles geht, zieht er sie spontan in eine tröstende Umarmung): Das ist seine Art, damit umzugehen, Gretchen. Jeder verarbeitet so einen Schockmoment, wie er ihn erlebt hat, anders. Die einen resignieren und versinken in der Depression und glauben, nichts wird je wieder gut werden. Wieder andere stürzen sich in Aktionismus, als wäre nichts gewesen, als wären sie unbesiegbar, und lenken sich ab. Außerdem ist dein Vater der Boss, das legt man nicht so leicht ab. Er schon einmal gar nicht. Er will alles unter Kontrolle behalten, eben weil er sie vor kurzem für eine Millisekunde im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hand gegeben hat. Er hält sich daran fest, eben weil er das braucht. Das ist einerseits positiv, also für ihn, denn er bleibt optimistisch, andererseits schürt das natürlich die Sorge, weil er sich im Übermut vielleicht zu viel zumuten könnte. Aber du musst dich deswegen nicht sorgen, Gretchen. Er ist der Fels in der Brandung. Der fällt nicht einfach um. Er war immer da und wird nur neu geschliffen. Du wirst sehen, alles wird gut.
Gretchen (die Umarmung u. seine verständnisvollen Worte tun ihr sichtlich gut): Weißt du, was, Mehdi?
Mehdi (lockert die Umarmung, um besser in die leuchtend blauen Strahleaugen seiner besten Freundin blicken zu können, die ihn unentwegt fixiert halten): Was denn?
Gretchen (tippt ihm einmal sanft gegen den Brustkorb, dann löst sie sich endgültig wieder von ihm): Ich bin echt froh, dass du wieder da bist.
Mehdi (lächelt verschmitzt): Sag bloß, du hast mich ein bisschen vermisst?
Gretchen (hält Daumen u. Zeigefinger in einem Miniabstand vor seine Nase u. stimmt dann in sein ansteckendes Lachen mit ein): Vielleicht? Es fühlt sich auf jeden Fall gut an. Es kann nämlich nie schaden, immer einen Mehdi an seiner Seite wissen zu dürfen. Dann fühlt sich alles irgendwie... leichter an.
Mehdi (fühlt sich ehrlich geschmeichelt u. zwinkert ihr zu): Ich gebe mir Mühe, auch in Zukunft für euch da zu sein. Versprochen! Nur jetzt muss ich leider passen. Ich muss los. Der Heli ist da. Ich muss meine Patientin abholen.
Gretchen (nickt ihm wissend zu u. drückt ihn zum Abschied noch einmal leicht an sich): Alles klar. Viel Glück! Ich hoffe, ihr kriegt das hin. Nein, ich weiß, dass ihr das hinkriegt.
Mehdi (streichelt ihr noch einmal über den Rücken, lässt sie dann los u. geht an ihr vorbei zur Tür): Bestimmt! Es ist die Hoffnung, die einen zu Höchstleistungen animiert. Das gilt im Übrigen auch für deinen Vater. Es kann natürlich trotzdem nicht schaden, immer ein Auge auf ihn zu haben. Nicht dass er auf die Idee kommt, sich heimlich selbst zu entlassen. Vielleicht wäre das ja was für deinen Bruder, hm? Der sucht doch ständig neue Herausforderungen, jetzt wo er doch wieder studiert. Ach, und bevor ich es vergesse, wenn du dich mal wieder leichter fühlen willst, was hältst du davon, wenn ihr mit den Kleinen mal bei uns vorbeikommt? Ich kenne mindestens eine Person, die würde sich mega über euren Besuch freuen.
Gretchen (zwinkert ihm vergnügt zu): Da ist sie nicht die Einzige.
Mehdi (nickt ihr schmunzelnd zu u. drückt dann mit dem Rücken die schwere Saaltür auf): Gut, abgemacht!
Gretchen (schaut ihm lächelnd nach u. fühlt sich tatsächlich leichter): Samstag?
Mehdi (hält seinen Daumen bestätigend hoch u. verschwindet dann schnell durch die Tür, als sein Pieper ein weiteres Mal in seiner Kitteltasche anspringt): Dann testen wir all die Leckereien, die wir aus der Toskana mitgebracht haben. Wir haben den Bulli bis zur Decke damit voll gepackt. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir da noch mit reingepasst haben.
Gretchen: So viel zum Thema, sich leichter fühlen. Hihi! Bis dann, Mehdi!

Ach, der Mehdi, der macht es richtig. Er nimmt das Leben leicht, genauso wie man es tun sollte. Weil jeder Tag zählt. Und jeder einzelne Tag sollte auch der beste seines Lebens sein. Ja, genauso machen wir es auch, Marc und ich. Ups! Marc! Da war doch was?

Nachdem Mehdi gegangen war, drehte sich Gretchen in einer ballerinagleichen Bewegung um und blickte schmunzelnd in den Saal hinunter. Die Stationsärztin in Elternzeit bemerkte durch das zunehmende Gemurmel, dass sich in der Zwischenzeit etwas auf dem Podium getan hatte und flitzte dann, weil sie nichts verpassen wollte, schnell zurück auf ihren Platz, was ihr diesmal ohne Gemecker gewährt wurde, weil durch den Wechsel der Referentinnen eine kleine Pause entstanden war, die der eine oder andere nutzte, um sich die Füße zu vertreten, vor dem Klinikeingang zu rauchen, sich etwas zu essen zu holen, das eben Gehörte mit seinem Banknachbarn ausführlich zu besprechen oder um das direkte Gespräch mit der attraktiven Gastdozentin zu suchen, die umringt von ihren, hauptsächlich männlichen, Fachkollegen am Rand der Bühne stand und mit einem Auge immer Dr. Hassmann im Blick behielt, die während der letzten Vorbereitungen für ihren Vortrag tunlichst vermied, ihre lästige Konkurrentin auch nur eines Blickes zu würdigen. Aber nicht so Dr. Meier. Dieser konnte sich sein Grübchendauergrinsen nämlich nicht verkneifen, als sich seine Freundin völlig außer Atem wieder neben Cedric und ihn setzte und ihn verliebt von der Seite anschmachtete, als wäre überhaupt nichts gewesen. Das weckte nicht nur Marcs Forschungsinstinkt. Eine seiner geschickten Chirurgenhände konnte nicht widerstehen und strich ihr sanft zwei verirrte Haarsträhnen aus dem erhitzten Gesicht und verweilte schließlich in dem watteweichen Lockenmeer, das so herrlich nach Sommer und Lavendel duftete.

Marc (wickelt bedächtig eine von Gretchens Locken um den Zeigefinger u. lässt sie langsam wieder abrollen, während er sein Mädchen nicht eine Sekunde aus den Augen lässt): Na, abreagiert? Alle Leviten gelesen, Frau Dr. Haasenzahn? Oder kommt noch ein Kapitel dazu?
Gretchen (rollt vielsagend mit den Augen u. kuschelt sich dann besitzergreifend an seinen linken Arm): Frag besser nicht! Ein Sack Flöhe ist einfacher zu hüten. Und hier? Hab ich was verpasst? Wie war der Vortrag? Sie scheint ja ganz schön gefragt zu sein. Na, ob Maria das gefällt?
Marc (guckt schmunzelnd von Cedric, der keine Miene verzieht u. gebannt den Bühnenrand beobachtet, zum Podium, wo Dr. Hassmann unsichtbare Giftpfeile in Richtung ihrer redseligen Kontrahentin verschießt, u. dann wieder zu Gretchen, die ihn erwartungsvoll von der Seite ansieht): Der Zickenkrieg hält sich noch in Grenzen. Da hab ich mir irgendwie mehr von versprochen.
Cedric (horcht dann doch auf u. zischt ungehalten zur Seite, ohne seinen Blick nach vorn abzuwenden): Marc, bitte, jetzt!
Marc (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern): Was denn? Das ist ein Tatsachenbericht. Ich halte mich nur an die Fakten. Solltest du übrigens auch. Scheinst mittlerweile ziemlich abgemeldet zu sein, hm? Ist das nicht genau das, was du gewollt hast? Glückwunsch! Gerade so noch die Kurve gekriegt, Kumpel.
Gretchen (bemüht sich, diplomatisch zu bleiben u. begrüßt erst einmal in ihrer ansteckend liebenswürdigen Art Marias Freund, der den Sprücheklopfer neben sich keines Blickes würdigt): Marc, jetzt lass ihn doch bitte in Ruhe! Hallo Cedric!
Cedric (die Anwesenheit von Dr. Haase wirkt tatsächlich beruhigend auf ihn u. der Groll auf Marc verfliegt): Gretchen! Kleiner Ausflug zurück ins Berufsleben? Oder schaust du nur nach, ob er hier schon wieder Blödsinn treibt?
Marc (reagiert eingeschnappt auf Cedrics lahmen Versuch, witzig zu sein): Was heißt denn hier ‚wieder’? Ich frag dich doch auch nicht nach dem Sinn und Unsinn des Ganzen hier.
Gretchen (ignoriert Marc u. lächelt Cedric an): So ungefähr. Ich wollte unbedingt das Team „Dr. Hassmann“ unterstützen.
Cedric (lässt sich von ihrem unverwechselbaren Charme anstecken u. lächelt zurück): Wer will das nicht?
Marc (lässt diese Steilvorlage nicht ungenutzt, bevor er sich dazu entschließt, einen ganz anderen Weg einzuschlagen, u. Gretchens Hand schnappt u. sein Mädchen, das damit nicht gerechnet hat, mit Schwung an Cedric vorbeizieht): Darauf willst du nicht ernsthaft eine Antwort, oder? Ich glaube, das dauert hier noch einen Moment, solange die Autogrammstunde anhält. Was hältst du davon, wenn wir das entsprechend ausnutzen, so wie wir es vorhatten, bevor die ganzen Pappnasen hier aufgekreuzt sind und uns den letzten Nerv geraubt haben, hm?
Gretchen (lässt sich atemlos mitreißen): Okay!
Marc (bleibt überrascht auf der Treppe stehen u. blickt in ihr glühendes Strahlegesicht, nachdem Gretchen durch einen Schwung zu viel gegen seinen Astralkörper geprallt ist u. sich nun an ihm festklammert): Okay? Äh... Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin gemacht? Keine Vorhaltungen, dass wir unseren Kollegen gegenüber zu wenig Engagement entgegenbringen? Also, nicht dass sie das gebrauchen würden, aber zu meiner Verteidigung, ich hocke hier schon fast zwei Stunden fest. Eigentlich hab ich mein Soll schon mehr als erfüllt.
Gretchen (stupst ihn kichernd mit beiden Händen am Oberkörper an, guckt dann entschuldigend nach rechts zu Cedric, der das Turtelpaar jedoch nicht weiter beachtet, u. zieht Marc jetzt selber die letzten beiden Treppenstufen zum Ausgang hoch): Spinner! Wir sind ja gleich zurück. Komm! Ich brauche jetzt dringend ein bisschen Trost.
Marc (nickt wissend u. kann sich ein vorfreudiges Grinsen nicht verkneifen, als er von Gretchen nach draußen gezerrt wird): Ihr Wunsch ist mir wie immer Befehl, Frau Doktor. Die genaue Diagnostik überlassen wir aber dem diensthabenden Oberarzt. Bis zu unserem Dachversteck hoch schafft der es aber nicht. Hier besteht, wie mir scheint, akuter Handlungsbedarf. Notfall. Da muss der Fachmann ran. Ist gegenüber nicht der Elektroraum? Komm, lass uns den mal auschecken, bevor hier die Batterien wieder heißlaufen und eine der beiden die Hütte abfackelt! Dann ist es besser, der Sicherungskasten ist in der Nähe, um notfalls eingreifen zu können.

Lorelei Offline

Facharzt:


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09.07.2020 12:42
#1667 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Und während das verliebte Ärztepaar kichernd den Raum mit dem gelben Warnschild direkt gegenüber des Vorlesungssaals ansteuerte, wechselte Cedrics Blick angespannt immer wieder von Maria, die gerade ihren Laptop aufgebaut und mit dem Beamer verbunden hatte und nun konzentriert ihr Redemanuskript am Pult sortierte, und Sandy hin und her, die im Gespräch mit einigen Fachkollegen am Seitenrand der Bühne stand und immer wieder auffällig zu ihm hochblickte. Es dauerte nicht lange, dann hatte sie jedoch genug von ihren aufdringlichen Fans, die sie mit ihren wenig intelligenten Fragen langweilten und sie ließ sie mit einer in ihren Augen plausiblen, aber doch eher fadenscheinigen Ausrede einfach stehen und stöckelte in sexy Manier die Treppe hoch, was die Aufmerksamkeit für sie nicht weniger werden ließ. Doch die junge Neurochirurgin im schicken, äußerst schmal geschnittenen Businesskostüm, die solche Blicke gewohnt war, wollte ausnutzen, dass ihr Exmann gerade alleine war. Und diesem war nicht gerade wohl zumute, als er feststellte, dass seine unliebsame Vergangenheit plötzlich vor ihm stehen blieb und ihn mit ihrem übertriebenen Zahnpastawerbelächeln auf diese ganz gewisse Weise anschaute, die andere Männer schwindlig werden und zu Dummheiten verleiten ließ, welche erfahrungsgemäß später nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten.

Sandy: Na, wie war ich?
Cedric (ein seltsames Déjà-vu-Gefühl überfällt ihn u. lässt ihn abfällig die Nase rümpfen, dabei will er sich eigentlich gar nicht in ein Gespräch verwickeln lassen, kann sich diesem aber nicht entziehen): Immer auf der Suche nach Bestätigung, die hochwohlgeborene Frau Doktor. Wird dir das auf Dauer nicht langweilig? Aber mit mir als Adressaten bist du leider an der falschen Adresse. Wenn du unbedingt Bestätigung brauchst, ich glaube, da unten gibt es einige Kollegen, die sie dir mit Kusshand geben würden. Und noch vieles anderes mehr, wie mir scheint. Die wenigen Fans, die einen noch anhimmeln, weil sie nicht den Hauch einer Ahnung haben, wen sie da wirklich vor sich haben, sollte man nicht so plump verprellen. Das schmälert die Außenwirkung und die zählt doch bei dir mehr als der Inhalt, über den es sich im Übrigen auch diskutieren lässt, was aber in diesem Sinne keine Einladung darstellt.
Sandy (nickt über so viel Gegenwind anerkennend mit ihrem Kopf u. streicht sich in Modelpose lasziv durch ihr langes strohblondes Haar, während sie an der Fensterbank lehnt): Tja, leider fehlt ihnen das nötige Format. Ich stehe mehr auf gestandene Männer, die sich schon profiliert haben und sich nicht zu schade sind, einem die Meinung zu sagen, die sie auch wirklich so meinen. Diese Ehrlichkeit hab ich immer an dir geschätzt, Darling.
Cedric (bei diesem Kosewort läuft es ihm eiskalt den Rücken hinunter): Sandy, was willst du noch? Du hattest doch deinen Auftritt. Gratuliere! Wie immer eine glänzende Darbietung, an der es nichts auszusetzen gibt. Deine Anwesenheit mal ausgenommen, aber auch daran kann man etwas ändern. Schon den Flugplan von Tegel gecheckt?
Sandy (zwinkert ihm verführerisch zu): Danke, du weißt, wie sehr ich deine Anerkennung schätze.
Cedric (hat keine Lust auf eine weitere Diskussion, die zu nichts führt, u. bügelt sie unsanft ab): Spar’s dir einfach, okay?
Sandy (ärgert sich über seine ablehnende Haltung, wo es doch gerade so gut gelaufen ist, u. rückt ihm weiter auf die Pelle, indem sie sich dreisterweise eng an ihm vorbeidrängelt u. so tut, als würde sie stolpern, weshalb sie zunächst mit ihrem knackigen Hinterteil auf seinem Schoß landet, anstatt auf dem freien Platz neben ihm in der vorvorletzten Sitzreihe): Ich glaube, du weißt ganz genau, was ich will, Darling.
Cedric (wehrt sie hastig ab u. reagiert mehr als gereizt auf ihren aufdringlichen Versuch, ihm näher zu kommen, doch darüber lacht sie nur, als sie auf ihrem neuen Sitzplatz ihre langen, schlanken Beine sexy übereinander schlägt): Du bist ganz schön aus der Übung, Sandy. So platte Sprüche und sprunghafte Gesten hätte ich dir gar nicht zugetraut. Lernt man das als studentische Hilfskraft an amerikanischen Universitäten? Naja, für deinen neuen Mann scheint es ja gereicht zu haben. Wann lernen wir ihn denn mal kennen? Weiß er eigentlich, was du hier die ganze Zeit treibst?
Sandy (lehnt sich entspannt zurück u. legt ihren Arm locker um die Lehne von Cedrics Stuhl, weshalb er erneut zurückzuckt): Und du bist noch genauso unwitzig wie früher. Aber zumindest der alte Charme ist geblieben. Mhm... Man fühlt sich gleich wieder heimisch. Man bekommt fast Lust, zu bleiben.

Nur über meine Leiche. Oder ihre. Das hast du jetzt nicht ernsthaft gedacht? So weit bringt sie dich schon. Bleib ruhig! Lass dich nicht provozieren und der Spuk ist bald vorbei.

Cedric (ärgert sich über ihr Vorpreschen u. fühlt sich zunehmend unwohl in ihrer Nähe, zumal er die brennenden Blicke von Maria auf sich gerichtet spürt, die natürlich mitbekommen hat, was im oberen Bereich der Aula vor sich geht): Was willst du, Sandy?
Sandy (fällt ohne Umschweife mit der Tür ins Haus): Eine zweite Chance.
Cedric (der Blickkontakt mit Maria, die ihn mit grimmigem Blick fragend vom Podium aus anstarrt, hat ihn kurz abgelenkt, umso überraschter reagiert er nämlich): Bitte was?
Sandy (genießt seinen verwirrten Gesichtsausdruck sehr u. setzt deshalb mit Vergnügen noch einen oben drauf): Oh, Ceddie, wenn ich gewusst hätte, dass ich mir noch Hoffnungen ausrechnen darf, dann hätte ich...
Cedric (fällt ihr wütend ins Wort, nachdem er sich wieder gefangen hat): Ernsthaft jetzt? Wer ist hier noch mal unwitzig, hm?
Sandy (weicht lachend wieder einen Zentimeter von ihm ab, behält den rauchig verführerischen Tonfall aber bei, mit dem sie ihn offensiv zu umgarnen versucht): Okay, okay, ich bin eine moderne Frau, ich lasse es immer auf den Versuch ankommen. Hat ja bislang auch immer gut geklappt. Aber dieses sexy Unnahbare steht dir. Mhm... der Bart, die graumelierten Schläfen. Du siehst immer noch verdammt gut aus für dein Alter. Ich muss zugeben, du bringst mich ganz schön aus dem Konzept.
Cedric (verdreht genervt von dem plumpen Anmachversuch die Augen u. guckt wieder zu Maria runter, die auch aus der Ferne seine Blicke richtig interpretiert, was sie beruhigt u. auf das konzentrieren lässt, was sie gleich vorhat): Sicher! Das da wäre? Gleich die Weltherrschaft oder begnügst du dich erst einmal damit, deinen OP-Katalog mit fremden Federn auszustaffieren, wie du es schon immer gerne getan hast, ohne dass die dummen Idioten, denen du mit deinem tiefen Ausschnitt den Kopf verdreht hast, es merken?
Sandy (grinst vergnügt u. kann es sich nicht verkneifen, diese Steilvorlage zu nutzen): Och, du gehst aber streng mit dir ins Gericht, Ceddie. Als dumm hätte ich dich nie bezeichnet. Du bist ein Mann und die sind bekanntlich in manchen Dingen ziemlich einfach gestrickt. Ich leugne nicht, dass es durchaus von Vorteil ist, sich auf Neurowissenschaften spezialisiert zu haben. Der Erfahrungsschatz ist nahezu unermesslich.
Cedric (stöhnt wegen wiederholter Spitzfindigkeiten entnervt auf): Im Ernst jetzt, Sandy! Stehle mir nicht die Zeit! Sag, was du zu sagen hast und dann verpiss dich!
Sandy (der neckische Unterton verschwindet u. sie gibt sich plötzlich ungewohnt reumütig): Das gestern Abend... Ich weiß auch nicht, was mich dazu... Es ist blöd gelaufen, das gebe ich zu.
Cedric (glaubt dem intriganten Miststück kein Wort, spürt aber trotzdem dieses mulmige Engegefühl in der Brust, das ihn spätestens seit gestern hartnäckig verfolgt): Was du nicht sagst? Blöd gelaufen ist die Untertreibung des Jahrhunderts.
Sandy (schaut ihm direkt in die misstrauischen Augen u. lässt sie mit ihrem Fesselgriff nicht mehr los): Wir haben beide aus unseren Fehlern gelernt. Du bist wieder mit deiner Exfrau zusammen. Das überrascht, aber ihr hattet ja schon immer diese ganz besondere Chemie miteinander. Du hast dir hier wieder was aufgebaut, was sicherlich nicht einfach war nach dem, was in der Charité alles vorgefallen ist. Jeder andere hätte vermutlich den Doktorhut an den Nagel gehängt. Aber du bist anders. Das ist beeindruckend. Auch wie du ihr hier den Vortritt lässt, obwohl du sicherlich auch einiges zu sagen hättest. Ich respektiere das. Es ist in der Zwischenzeit sehr viel Wasser die Havel hinuntergeflossen. Wir haben uns damals aus wilder Leidenschaft in etwas gestürzt, dessen Fundament von vornherein an auf sehr wackeligen Füßen gestanden hat. Vielleicht waren wir noch nicht bereit dafür, diesem aufregenden Gefühl eine ernsthafte Note aufzusetzen. Diesen Hauch grässliche Spießigkeit, den es wohl braucht, wenn man sich parallel zur durch die Decke schießenden Karriere etwas aufbaut, das Bestand hat. Das ist mir mittlerweile klar geworden. Wir sind beide reifer geworden. Vor allem reifer an Erfahrung. Wir sind beide dort angekommen, wo wir hingehören. Auf unterschiedlichem Level, ja, aber wer will sich schon mit solchen Spitzfindigkeiten aufhalten. Lass uns also vernünftig bleiben und einen Neustart versuchen!

Vernünftig bleiben? Das Stichwort ‚vernünftig’ existiert doch gar nicht in ihrem Wörterbuch der Intrigen und Schachzüge. Und das ist ja wohl eindeutig einer davon, aus dem ich noch nicht so richtig schlau werde. Es ist über ein Jahr her, dass sie, mit Ausnahme meiner letzten Ersparnisse und meiner gefälschten Unterschrift für ihr erschlichenes Stipendium in Harvard, sang- und klanglos alles stehen und liegen gelassen hat, inklusive unseres Kindes, das bis heute nicht versteht, was da eigentlich passiert ist. Zum Glück! Und jetzt taucht sie als schillernder Phönix aus der Versenkung wieder auf und stellt plötzlich Ansprüche, die auf noch wackeligeren Füßen stehen als unsere sogenannte Beziehung damals, die aus der Not heraus, aus Verzweifelung und aus Trotz geboren war und doch in Wahrheit nie wirklich eine gewesen ist und wenn überhaupt lediglich in der Horizontalen funktioniert hat. Zumindest so lange, wie wir uns noch gegenseitig ertragen konnten. Als wäre sie nur mal kurz beim Friseur um die Ecke gewesen. Tzz... Die tickt doch nicht mehr ganz sauber. Aber nicht mit mir! Ich hab die Schnauze voll davon, dass sie hier alles durcheinander bringt. Ich will endlich mein Leben zurück. Unser Leben. Sarahs, Sissis, Sophies, Marias und meins. Berlin gehört uns.

Cedric (hält ihrem intensiven Blick zunächst stand, muss dann aber doch blinzeln, weil er ihr die plötzliche Reumütigkeit absolut nicht abnimmt): Das ist doch nicht dein Ernst? Aus welcher trivialen Ärztedramasoap hast du dir denn den Monolog zusammengeklöppelt? Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Noch so ein Versuch, dich hinterrücks meiner Familie aufzudrängen, und ich rufe die Polizei. Ein Kontaktverbot ist schneller aufgestellt, als du neurochirurgisches Symposium sagen kannst. Auf das solltest du dich konzentrieren. Alles andere ist und bleibt tabu.
Sandy (die Härte in seinen sehr entschlossenen Augen lässt sie kurz innehalten u. sie lässt sich für den Hauch eines Moments hinter die Fassade blicken): Ich bin immer noch ihre Mutter.
Cedric (eine leise Stimme in seinem Hinterkopf lässt ihn kurz darüber nachdenken, ob er damit vielleicht doch zu weit gegangen ist, aber aus Sorge um seine Kinder lässt er sich davon nicht beirren): Die keine Ahnung davon hat, was Muttersein überhaupt bedeutet. Also bleib lieber bei den Dingen, mit denen du dich wirklich auskennst! Und ich spreche nicht vom Hochschlafen. Das wird hier am EKH nicht funktionieren, selbst nicht wenn du dich Dr. Meier nackt auf den Bauch binden würdest.
Sandy (fühlt sich direkt wieder angegriffen u. wehrt sich): Jetzt werde nicht ungerecht, Ceddie. Ich bemühe mich hier wirklich um eine friedliche Annäherung.
Cedric (kann ihr nicht vertrauen u. das zeigt er ihr auch unmissverständlich): Friedlich? Indem du hier zum Angriff pfeifst und gleich im ersten Vortrag sämtliche Pfeile aus deinem Köcher verschießt? Keine Chance. Du hast gesehen, wie sie auf dich reagiert hat. Das... das werde ich nicht noch einmal zulassen. Das wühlt sie viel zu sehr auf.
Sandy (die altbekannte Wut steigt wieder in ihr auf u. lässt sich nur schwer bändigen): Und mich nicht, oder was? Du kannst sie mir nicht vorenthalten. Dazu hast du kein Recht. Sie ist mein Kind.
Cedric (bleibt ganz klar bei seiner Haltung u. holt sich bei Maria, die immer noch mit angehaltenem Atem unruhig zu ihm hochblickt, die nötige Unterstützung dafür): Das tue ich gar nicht. Ich halte mich nur an das Gesetz.
Sandy (funkelt ihn wütend an u. zeigt dabei so langsam ihr wahres Gesicht): Gesetze kann man ändern.
Cedric (fühlt sich davon nicht wirklich beeindruckt u. lehnt sich in seinem Sessel zurück): In den Staaten vielleicht, wenn man nicht aufpasst und aus Wut und Ignoranz dem Falschen die Zügel in die Hand gibt. Aber selbst die würden nicht so blöd sein. Wir leben Gott sei Dank in einem Rechtsstaat und das ist auch gut so. Denn das Kindeswohl zählt zuallererst. Ich kann nicht zulassen, dass du sie noch mal so sehr durcheinander bringst. Die Abmachung, die unsere Anwälte geschlossen haben, auf die du bestanden hast, die du, zusammen mit der Annullierung unseres Eheintermezzos, unterschrieben hast, wenn ich dich daran erinnern darf, die sämtliche Ansprüche hinfällig macht, gilt. Dir konnte es doch damit gar nicht schnell genug gehen, alle Brücken nach Berlin einzureißen. Du hast all deine Rechte abgetreten. Freiwillig und, soweit ich das beurteilen darf, denn du hast ja bei der Verkündung mit Abwesenheit geglänzt, bei klarem Verstand. Und mit Kopfsachen kennst du dich ja bekanntlich aus, so wie du das ständig betonst. Das kannst selbst du nicht mehr rückgängig machen. Es geht hier um einen Menschen und nicht um eine Sache, die man links liegen lässt, wenn man das Interesse verloren hat. Hierfür gibt es keine Rücktrittsversicherung wie bei einer Reise, die du, egal aus welchen Gründen, nun doch nicht mehr antreten willst. Du hast diesen Weg gewählt, also musst du auch die entsprechenden Konsequenzen tragen. Außerdem, wer vertraut schon einer Mutter, die, ohne mit der Wimper zu zucken, ihr Kind zurücklässt, weil ihr die Karriere wichtiger ist als alles andere? Ich glaube, das ist vor jedem Gericht der Welt ein ausschlaggebendes Argument.
Sandy (springt empört von ihrem Platz auf u. kann sich nicht mehr zurückhalten, ihm mit ausgestrecktem Zeigefinger zu drohen, was nicht unbeobachtet bleibt u. den einen oder anderen Gast des Symposiums irritiert): Das wirst du noch bereuen.
Cedric (bleibt ganz ruhig auf seinem Platz sitzen u. lässt sich nicht einschüchtern): Ha! Wusste ich’s doch. Und schon zeigt sie ihr wahres Gesicht. Du solltest dich mehr in Beherrschung üben, Dr. Moeller, wenn du eine wirklich große Chirurgin werden willst. Aber wenn das Menschliche fehlt, dann wird das wohl nichts. Das kann selbst eine beeindruckende Vita nicht wettmachen.
Sandy (ihre giftgrünen Augen formen sich hinter den Brillengläsern zu kleinen Schlitzen): Du hast keine Ahnung, wie mein wahres Gesicht wirklich aussieht, du elender Mistkerl. Du wirst mich noch kennenlernen und dann wirst du den Tag bereuen, an dem wir uns begegnet sind.

...giftete Sandy Cedric ungehalten an, der zu alter Kraft zurückgefunden hatte und deshalb einen vielsagenden Blick mit Maria austauschte, die, kurz bevor sie ihren Vortrag starten wollte, angesichts der Entwicklungen in den oberen Rängen des Vorlesungssaals den Atem angehalten hatte, was etwas verstörend auf ihr erwartungsfrohes Publikum gewirkt hatte, das nun endlich mit einem durchaus spannenden Programm befriedigt werden würde. Doch dann bemerkte die aufgebrachte Gastdoktorin hinter sich Schritte. Irritiert drehte sie sich um und rollte mit den Augen, weil einer der nervigen Fragensteller von vorhin erneut beharrlich ihre Aufmerksamkeit suchen wollte, wofür sie momentan aber absolut keinen Nerv hatte. Ebenso wenig wie auf ihren hemdsärmeligen Assistenten, der sie, schleimig anbiedernd wie immer, hartnäckig an die Sprechstunde erinnern wollte, die sie eigentlich nach ihrem Vortragsprogramm einberaumt hatte. Doch die Neurochirurgin winkte nur ab. Sie war wütend, nein, sie war fuchsteufelswild. Sie hatte sich nicht in die Karten blicken lassen wollen, aber ihr verhasster Ex hatte sie dermaßen gereizt, dass sie sich fast verraten hätte. Ihr Plan wankte gefährlich und das war nicht gut. Sie musste dringend runterkommen, bevor sie die nächsten Schritte einleiten konnte. Also ließ sie sowohl Fan und Assistenten, die ihr daraufhin bedröppelt hinterherblickten, als auch Exmann stehen und stürmte ohne ein weiteres Wort der Erklärung schnell die letzten Treppenstufen hoch und aus dem Ausgang hinaus auf den Flur des Foyers, wo sie direkt in die starken Arme eines stattlichen Südländers stolperte, der gerade die Tür zum Auditorium öffnen wollte und die stürmische Brillenträgerin nun mit seinen großen faszinierenden dunkelbraunen Augen verständnisvoll besorgt anblickte.

Mehdi: Alles in Ordnung, Doktor...?
Sandy (reagiert leicht verwirrt auf die plötzliche Nähe des attraktiven Fremden, der sie aufgefangen hat u. immer noch festhält): Stier. Meise. Äh... nein, Moeller.
Mehdi (ist zwar kurzzeitig irritiert, aber lächelt auf charmante Kaan-Art darüber hinweg): So viele Namen, da kann man schon mal durcheinander geraten, hm?
Sandy (starrt den gutaussehenden Mann im blütenweißen Arztkittel mit großen Augen durch die leicht beschlagene Designerbrille an, die durch den Beinahezusammenprall leicht verrutscht ist): Ja, ähm... nein, also... ich...
Mehdi (nimmt ihr galant die Unsicherheit): Oh! Klar! Ich bin auch im Dienst. Hab nur in der Hektik mein Handy hier liegengelassen. Was man nicht im Kopf hat, hat man...
Sandy (fängt sich wieder u. rückt hastig von ihm ab): Ja, ich äh... ich muss dann auch weiter. Termine.
Mehdi (reicht ihr erst die Hand u. dann mit der anderen ihre Tasche, die ihr während des Zusammenpralls heruntergefallen ist u. aus der einige Dokumente sowie ein kleines dünnes weinrot gerahmtes Büchlein hervorblitzen): Hat mich gefreut, Frau Kollegin Moeller. Man hat uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Dr. Kaan. Oberarzt. Leiter der hiesigen Gynäkologie und Kinderwunschklinik sowie Neonatologie.
Sandy (seine Hand brennt sich förmlich in ihre ein, doch sie schafft es, sie schnell wieder zu lösen, schnappt sich hastig ihre Aktentasche, schiebt die verrutschten Papiere u. ihren Laptop wieder rein u. flüchtet regelrecht vor dem aufdringlichen Frauenarzt): So einer hat mir zu allem Übel gerade noch gefehlt. Die moralischen Instanzen lauern auch überall in diesem Drecksladen.

...murmelte Dr. Moeller kopfschüttelnd zu sich selbst und war selber überrascht von sich, wie merkwürdig aufwühlend sie die Begegnung mit dem gutaussehenden Oberarzt empfunden hatte, dessen freundliche charmante Art sie seltsam verwirrt hatte. Sie musste dringend raus aus diesem Irrenhaus von Krankenhaus, wo sie offensichtlich von allen Ecken und Seiten belauert wurde, bevor sie noch komplett vergaß, weswegen sie überhaupt hier war, dachte sie nur und wollte das auch direkt in die Tat umsetzen, wobei sie aber leider die falsche Richtung für ihren abrupten Abgang wählte. Der Klinikausgang lag eigentlich auf der anderen Seite des Foyers. Dr. Kaan wollte sie noch darauf hinweisen, aber da war die Gastdozentin schon eilig um die nächste Ecke verschwunden.

Mehdi hatte der flüchtenden Neurochirurgin noch irritiert hinterhergesehen und sich dabei an einige Details erinnert, die Marc ihm vorhin durch die Blume zugeflüstert hatte, was auch ihn, der eigentlich die Gegenwart von Menschen schätzte, denen er in der Regel unvoreingenommen begegnete, schließlich darin bestätigte, dass diese mysteriös anmutende junge Frau vielleicht doch nicht ganz so koscher war, wie sie sich vor anderen selbstdarstellerisch präsentierte. Aber er besann sich dann schnell wieder darauf, weshalb er eigentlich zum Vorlesungssaal zurückgekehrt war, und vergaß den Gedanken genauso schnell wieder, wie er aufgeblitzt war. Als er an der Sitzreihe angekommen war, in der er vorhin zusammen mit Marc und Gretchen gesessen hatte, saß dort aber nur noch Dr. Stier ganz versunken in Gedanken und mit einem seltsam verzogenen Lächeln im Gesicht, während sich Dr. Hassmann am Redepult gerade lautstark räusperte, um die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu generieren, was ihr mit einem lockeren, als Ärztescherz dekorierten Spruch auch auf Anhieb gelang. Alle Sympathien lagen auf ihrer Seite. Auf der von Dr. Kaan dagegen eher weniger, aber das lag weniger an einem plötzlich eingetretenen Mangel seines natürlich anmutenden Charmes, als viel mehr an seinem Gesprächspartner, der ihn erst, nachdem er ihn angesprochen hatte, überhaupt bemerkte.

Mehdi: Entschuldigung, aber haben Sie zufällig mein Handy gesehen?
Cedric (starrt verwirrt zu ihm hoch, weil er ihn nicht herannahen gehört hat): Was?
Mehdi (lächelt den Neurochirurgen freundlich an u. deutet auf die freien Plätze neben ihm): Mein Telefon. Es muss mir hier vorhin aus der Kitteltasche gerutscht sein, als ich aufgestanden bin.
Cedric (verliert diesmal keine Energie darauf, seinen unliebsamen Kollegen abzuwehren u. blickt unter seine beiden Nachbarsitze u. findet das gesuchte Mobiltelefon auch auf Anhieb u. reicht es Dr. Kaan): Oh! Sicher! ... Hier!
Mehdi (ist sichtlich angetan davon, dass man auch, ohne zu stänkern, unkompliziert miteinander kommunizieren kann): Oh! Danke! Alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen aus, als ob Sie gerade einen Geist gesehen haben.
Cedric (rollt nur erschöpft mit den Augen u. versucht sich dann auf Marias Vortrag zu konzentrieren, dessen Anfang ihm offenbar entgangen ist, wie er irritiert feststellt): Wohl eher einen hartnäckigen Poltergeist.
Mehdi (glaubt, nicht richtig gehört zu haben u. hakt neugierig nach, was er besser hätte sein lassen sollen): Bitte?
Cedric (merkt erst jetzt, mit wem er es überhaupt zu tun hat u. reagiert dementsprechend gewohnt patzig): Haben Sie nichts Besseres zu tun, Dr. Kaan? Kinder kriegen oder hüten zum Beispiel?
Mehdi (schmunzelt, weil sie so schnell zum gewohnten Umgangston miteinander zurückgefunden haben): Hab ich. Ich wollte nur freundlich sein.
Cedric (verschränkt beleidigt seine Arme vor seiner Brust u. würdigt ihn keines Blickes mehr): Heben Sie sich die Schleimtour für andere auf, die sie damit nerven können.
Mehdi (verzieht die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln, steckt sein wiedergewonnenes Smartphone ein u. zieht sich langsam zurück): Okay?!? Wohl auf dem falschen Fuß erwischt, hm? Mein Fehler. Sagen Sie Maria einen lieben Gruß von mir! Ich würde ja gerne noch bleiben und ihr zuhören, aber, wie gesagt, meine Patientin wartet. Vielleicht schaffe ich es ja, in den nächsten Tagen noch mal hier vorbeizuschneien. Das Programm klingt sehr vielversprechend.
Cedric (ärgert sich u. zeigt das auch): Tun Sie, was Sie nicht lassen können!
Mehdi (hat schon mit einem Fuß die nächste Treppenstufe erklommen, als er sich noch einmal zu ihm umwendet): Gretchen und Marc sind schon gegangen?
Cedric (reagiert merklich gereizt auf die erneute Ablenkung): Sehe ich aus wie die Auskunft?
Mehdi (ahnt, was los ist u. gibt diplomatisch nach): Eher wie... egal. Ich möchte die nette Stimmung zwischen uns nicht konterkarieren. Ich muss. War wie immer sehr... aufschlussreich mit Ihnen, Dr. Stier.

Mehdi hatte beide Hände in Unschuldspose hochgehoben und blickte dann von Dr. Stier, der seinen Blick genervt abgewendet hatte, zum Podium hinunter, auf welchem Dr. Hassmann soeben mit professioneller Leichtigkeit ihren hochkomplexen Fachvortrag begonnen hatte. Er hörte der renommierten Neurochirurgin einen Moment lang angetan zu, was sie zum aktuellen Stand der Parkinsonforschung zu sagen hatte, nickte ihr charmant zu, als er ihren überraschten Blick auf sich und Dr. Stier gerichtet bemerkte und drehte sich dann um und verließ den Saal genauso schnell, wie er gekommen war. Für einen Moment blieb er aber noch einmal stehen und horchte verwundert auf, weil er glaubte, ein verdächtiges Geräusch in dem Technikraum gegenüber gehört zu haben, dachte sich aber nichts weiter dabei und steuerte schließlich mit großen Schritten direkt auf die Aufzüge zu. Die nächsten Untersuchungen bei seiner neuen Patientin standen an und hatten oberste Priorität. Deshalb auch sein Telefon. Er musste unbedingt erreichbar bleiben, falls sich weitere Komplikationen herausstellen sollten, was er nicht hoffte, aber jeder Zeit für möglich hielt.

In eben jenem Elektroraum, an welchem der diensthabende Oberarzt der Gynäkologie soeben vorbeigerauscht war, brannten nicht nur die verschiedenen Lämpchen, welche die Stromversorgung im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses regulierten. Es brannte auch die darin befindliche Luft und das nicht zu knapp. Sämtlicher Sauerstoff hatte sich verflüchtigt, nachdem der Raum von zwei liebestollen Klinikmitarbeitern erobert und zweckentfremdet worden war. Dr. Meier hatte seine Trost suchende Freundin gegen die Tür gedrängt, hielt mit beiden Händen ihre zarten kleinen Chirurginnenhände über ihrem wilden Lockenkopf fixiert und konnte nicht genug von Gretchens heißen Küssen bekommen, mit denen sie ihn beinahe überfallartig überrumpelt hatte, kaum dass sie die winzige Kammer betreten hatten, in welcher man nicht viel mehr tun konnte, wenn man keine Elektrotechnikerlehre vorweisen konnte, als sehr, sehr nah beieinander zu stehen.

Der bis über beide Ohren verknallte Oberarzt fühlte sich fast in die Zeit zurückversetzt, als sie gerade frisch zusammengekommen waren und nicht die Finger voneinander lassen konnten. Egal, wo sie gerade gewesen waren, ob im Schwesternzimmer, in der Umkleide, im OP-Vorbereitungsraum, im OP-Saal, in seinem Büro oder dem Sprechzimmer eines engen Kollegen, auf der Dachterrasse der Cafeteria, im Wäschezimmer, in der Teeküche, auf irgendeinem weit verzweigten Korridor, im Aufzug, im Glasdurchgang zwischen den Gebäudetrakten, im Treppenhaus oder der Patho oder in ihren heimlichen Liebesverstecken hier im Krankenhaus, von denen nur sie beide etwas wussten, es hatte ihn immer wieder wie magisch zu den sinnlichen Lippen seiner verführerischen Assistenzärztin gezogen, die förmlich dazu einluden, immer und immer wieder geküsst zu werden. Sie waren wie füreinander gemacht. Seine Lippen passten perfekt auf Gretchens süßen Erdbeermund, den stets ein bezauberndes Lächeln zierte, das einen schwindelig machen konnte. Er war berauscht von dem Gefühl, dass nur ein Kuss von Haasenzahn in ihm auslösen konnte. Er war süchtig danach und war es immer noch. Marc konnte nicht genug davon kriegen und seiner Freundin ging es nicht anders.

Von wegen zurückhaltend und verklemmt, so wie der einstige Held vom Schulhof seine pummelige Schulkameradin vor seiner Clique immer spöttisch eingeschätzt hatte, wenn sie mal wieder besonders anhänglich und er ganz besonders genervt von dem komischen Gefühl gewesen war, das ihre unmittelbare Nähe seit ihrer allerersten Begegnung auf dem Spielplatz in Mitte manchmal in ihm ausgelöst hatte. Es war ein Automatismus gewesen. Er hatte sie von sich stoßen müssen, weil er nicht anders damit hatte umgehen können, dass sie und ihre seltsame, freundlich naive Art ihn zunehmend verwirrt hatten. Und je gemeiner er zu ihr gewesen war, umso länger hatte sein Selbsterhaltungsdrang auch angehalten. Eine Zeit lang. Dann mussten neue Geschütze aufgelegt werden. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren. Mit Gretchen ‚Haasenzahn’ Haase konnte man nicht befreundet sein. Und mehr schon mal gar nicht. Das wäre sein gesellschaftlicher Untergang gewesen. Auch wenn er im Nachhinein zugeben musste, ab und an doch über das ‚Was wäre wenn’ nachgedacht zu haben. Jetzt jedoch konnte es ihm nicht nah genug gehen. Schließlich galt es doch herauszufinden, was seine begnadeten Chirurgenhände so alles Spannendes unter dem sexy Arztkittel entdecken konnten, den sie extra für ihn, glaubte er zumindest, heute angezogen hatte.

Mit Inbrunst klebte Gretchen Haase an ihm fest, ihre frechen Fingerchen waren überall und nirgends und ihre Zunge tanzte mit seiner einen aufregenden Tanz, der definitiv auch zu mehr einlud, wenn nicht diese eine kleine Stimme im Hinterkopf gewesen wäre, die nur sie beide hören konnten und die ganz besonders hartnäckig sein konnte. Und dieses anfängliche Wispern wurde seltsamerweise immer lauter, je intensiver sie sich dem Glücksrausch hingaben, in dessen Strudel sich das glückliche Zwillingselternpaar bereitwillig hineingestürzt hatte, um wenigstens für einen kurzen Moment, von denen sie nur noch wenige hatten, seitdem ihre beiden Wundersterne auf der Welt waren, nur für sich sein zu dürfen. - „Frau Doktor?“

- „Ist das...?“ - „Nicht darauf reagieren!“ - „Aber wenn doch...?“ - „Psst! Kein Aber! Oder seit wann wird Dr. Meier während der Behandlung widersprochen? Na, du traust dich was, Haasenzahn.“ - „Marc, du bist unmöglich! Nicht! Nicht kitzeln!“ - „Und wenn doch?“ - „Dann... dann...“ - „Dann was? Ich höre.“ - „Dann... dann passiert was, aber so richtig.“ - „Uuuhhh!“ - „Frau Doktor Haase!“ - „Fuck! Definitiv nicht das. Das ist mein Tinnitus.“ - „Marc, bitte!“ - „Mehr? Dein Wunsch ist mir Befehl. Du weißt doch, ich bin super im improvisierten Trösten, wenn ich mal nicht schuld bin.“ - „Witzig! Sehr witzig! Marc, nicht! Wir sollten...“ - „Oh, doch! Mein Behandlungsplan ist noch nicht fertig und ich mache keine halben Sachen.“ - „Dr. Haase?“ - „Mwaaarc! Du...“ - „Psst! Vielleicht geht sie ja wieder, wenn wir nicht reagieren?“ - „Wunschdenken, Marc!“ - „Apropos wünschen, ich werde hier gerade während meiner Lieblingsbeschäftigung gestört, ich glaube, ich wünsche mir jetzt auch ein bisschen Trost von dir.“ - „Spinner!“ - „Hey! Du kannst so charmante Komplimente verteilen, Haasenzahn. Wahnsinn!“ - „Ey! Jetzt lass mich doch! Sabine kann uns hören.“ - „Aber es übersteigt ihre nicht vorhandene Vorstellungskraft, zu was wir hier drin alles noch fähig sein könnten, wenn wir...“ - „Maaarc!“ - „ Hallo? Ist da jemand? Ich hab euch doch hier reingehen sehen.“ - „Einfach ignorieren! Noch bin ich nicht im Dienst und somit nicht auf Empfang gepolt. Wo waren wir noch mal stehen geblieben? Ah... ja! Ich sollte noch einmal dein Herz abtasten. Irgendwas hört sich da gerade suspekt an und dieser Blusenknopf ist so was von überflüssig. Und der hier auch.“ - „Mwaaarc, bütte! Du machst mich ganz wuschig, wenn du...“ - „Mein Plan. Mhm... ich bin so gut. Und du riechst so gut.“ - „Dr. MEIER!“ - „Und dahin der Moment! Ich ewiger Glückspilz. Dieses Krankenhaus ist wirklich eine Geisterbahn. Hinter jeder Kurve versteckt sich ein neues geltungssüchtiges Gespenst.“ - „Aber nicht Sabine.“ - „Ja? Gretchen, ich bin’s! Hast du was gesagt? Ich höre euch so schlecht durch die Tür.“ - „Boah, die Frau hat vielleicht Nerven! Sollen wir ihre veraltete Stasiabhöranlage etwa noch mit dem Notfallwagen hier reinkarren?“

Die penetrante Stimme von Schwester Sabine war tatsächlich keine Einbildung gewesen, wie sich das liebestolle Chirurgenpaar nun doch schmerzlich eingestehen musste. Aber Marc und Gretchen wollten sich nur ungern voneinander lösen. Es ging nicht. Zu schön war der Moment. Zu berauschend das Glücksgefühl, von dem sie nicht genug kriegen konnten. Doch die herzensgute Krankenschwester, die mit hochrotem Kopf und dem Stier-Hassmannschen Maxicosi bewaffnet verlegen vor der dunkelblauen Tür mit dem gelben Energieschild auf und ab tippelte, war eine von der hartnäckigen Natur. Das wussten beide und so gaben sie schließlich resigniert dem Gummersbachschen Drängen nach, wobei Sabine sich natürlich keinerlei Schuld bewusst war. Die pflichtbewusste Stationsschwester war schließlich nicht nur um den Nachwuchs von Dr. Hassmann und Dr. Stier bemüht, der sich in ihrer unmittelbaren Obhut befand und mit wachsamen Augen dem Tun seiner Babysitterin folgte, die ihn sanft hin und her schaukelte, während sie vorsichtig mit den Fingerkuppen ihrer anderen Hand gegen den Türrahmen tippte. Den Kopf dabei leicht eingezogen, weil sie bereits ein Donnerwetter von ihrem Oberarzt erwartete, das hoffentlich die Anwesenheit der süßen Sophie Hassmann schmälern würde.

Sabine: Bist du da drin, Gretchen? Ich will wirklich nicht stören.
Marc (flüstert in Gretchens Ohr, bevor er noch einmal genüsslich daran knabbert, was Gretchen kichern lässt): Tut sie aber.
Gretchen: Marc! Sabine, ich komm gleich.
Marc (fühlt sich nun erst recht angestachelt): Das wüsste ich aber. Ich könnte natürlich auch nachhelfen. Warte! Das geht ganz schnell.
Gretchen (wehrt den liebestollen Chirurgen mühsam ab, sodass er nun mit seinen frechen Fingern gegen die Tür gedrückt wird u. nicht sie): Marc, untersteh dich! Halt deine Frühlingsgefühle bitte im Zaum!
Marc (genießt es sehr, wenn ausnahmsweise mal sie das Kommando übernimmt): Äh... Ich will ja nicht klugscheißen, aber hast du mal auf den Kalender geguckt. Es ist Herbst.
Gretchen (verdreht die Augen): Wie auch immer. Was ist denn, Sabine?

Sabine (wedelt sich mit ihrer freien Hand, die nicht die Babyschale mit der mittlerweile eingeschlafenen Sophie Hassmann trägt, über ihr erhitztes Gesicht): Deine Mutter... Also, sie... Du solltest vielleicht... Sie war sehr aufgebracht wegen dem Professor, der aus seinem Zimmer verschwunden ist. Sie hat alle aufgescheucht und jetzt... Ähm... Also, er ist wieder da. Keine Bange! Jochen hat sich um ihn gekümmert. Sie waren wohl Kaffeetrinken. Jedenfalls, die Zwillinge reagieren sehr sensibel auf die angespannte Lage. Sie weinen jetzt schon bestimmt dreißig Minuten durch und wir haben alles versucht. Vom Fläschchen über die Windeln und eine improvisierte Schaukel. Aber der Professor ist jetzt auch sehr ungehalten. So kurz nach der OP ist das doch zu viel Trubel für ihn, meint Bärbel. Er muss sich doch schonen. Wenn du vielleicht...? Also, nur wenn der Herr Dr. Meier möchte...
Marc (hat genug gehört u. stöhnt entnervt auf): STOPP, Sabine! Schluss mit dem Herumfaseln! Das Denken über das, was Dr. Meier möchte oder nicht, übernimmt dann doch besser derjenige, der die Instrumente dafür hat.
Sabine (wird noch eine Spur röter im Gesicht u. weicht devot von der immer noch geschlossenen Tür zurück): Oh! Selbstverständlich! Wenn das so ist...
Gretchen (rückt Marcs rosafarbenes Polohemd zurecht, das durch die wilde Knutscherei, etwas in Mitleidenschaft gezogen worden ist): Marc, das war jetzt aber nicht nett. Sabine, wir kommen gleich.
Sabine (ist schon dabei, sich diskret zurückzuziehen, weil sie auch noch nebenan schauen will, wie lange der Vortrag von Dr. Hassmann noch dauern wird): Ja, ähm... weitermachen! Ich gebe Bescheid, dass Hilfe naht. Ach, und Dr. Meier, ich soll Ihnen von Ihren Assistenzärzten ausrichten, dass Patient und OP jetzt vorbereitet sind. Alles läuft nach Plan.

Schön wär’s! Mein Plan war ein anderer. Aber das ist der bekannte Fluch dieses Krankenhauses. Vielleicht sollten wir mal über den Besuch eines Exorzisten nachdenken.

Marc (fährt sich unwirsch mit einer Hand über sein Gesicht, nachdem er erleichtert die immer leiser werdenden Tippelschritte vor der Tür vernommen hat): Boah, die Frau macht mich wahnsinnig. Vielleicht sollte sie sich besser in den Hörsaal setzen. Näher an ein funktionierendes Gehirn und einen Leitfaden, wie man es entsprechend benutzt, wird sie in ihrem Leben nicht mehr herankommen.
Gretchen (verdreht missbilligend die Augen, während sie sich ihren verrutschten Arztkittel zurechtzubbelt u. ihre Blusenknöpfe zuknöpft): Jetzt lass sie doch, Marc! Sie hat es doch nur gut gemeint. Ich wollte sowieso gleich nachschauen, wie es den Kleinen geht. Ich habe solche Sehnsucht nach den beiden.
Marc (stimmt ihr lächelnd zu, weil es ihm genauso geht): Schon okay, besser wir erlösen Franz. Nicht dass er noch auf dumme Gedanken kommt. Kinder können durchaus den Fluchtinstinkt wecken. Also, hab ich gehört. Stier hat da so Erfahrungen gemacht, weißt du.
Gretchen (schaut ihn mit großen Augen an): Musst du nicht zurück?
Marc: In den Hörsaal? Negativ! Wie gesagt, ich hab mein Soll mehr als erfüllt. Mehr ist echt zu viel verlangt. Der Stier wird ihr schon das Patschehändchen halten, falls die Ex ihre Krallen doch noch ausfährt. Außerdem hab ich in einer halben Stunde einen Eingriff. Bis dahin will ich die Zeit sinnvoll nutzen und mit meinen Lieben verbringen. Das hab ich mir nämlich verdient, nachdem ich mich hier gerade dermaßen verausgabt habe.
Gretchen (schmachtet ihn kichernd an): Ach, Marc, das hast du jetzt echt schön gesagt.
Marc (schüttelt den Kopf u. guckt ihr ungläubig in das Strahlegesicht): Hey, guck mich nicht so an!
Gretchen (verzieht verunsichert die Mundwinkel): Wie guck ich denn?
Marc (schmunzelt u. streicht ihr das von ihm verwuschelte Haar zurecht): So als würdest du mich jeden Moment auffressen wollen. Aufregender Gedanke. Behalt den bei! Das holen wir heute Abend nach. Die Kurzen werden knülle sein nach dem Tag im EKH bei ihrem übermütigen Opa. Jetzt weiß ich, von welcher Seite her sie ihr Temperament haben.
Gretchen (blickt ihm gerührt in die Augen u. greift nach seiner Hand, die in ihren Locken herumfummelt): Du, Marc, versprichst du mir was?
Marc (kneift misstrauisch die Augen zusammen, als er ihren seltsamen Gesichtsausdruck bemerkt): Also, wenn ich gewusst hätte, dass ein einziges Versprechen, das ich dir ausnahmsweise gegeben habe, als ich einmal nüchtern war, gleich so weite Kreis ziehen würde, dann hätte ich mir das eventuell noch mal...
Gretchen (strahlt ihn keck an): ...dann hättest du trotzdem ja gesagt.
Marc (klebt an ihren himmelblau aufleuchtenden Augen): Hätte ich?
Gretchen (schlingt beide Arme um seinen Nacken u. schmiegt sich an ihn): Ja, weil du mich bedingungslos liebst und alles für mich tun würdest.
Marc (brummt in seinen Dreitagebart): Na, wenn Sie sich da mal nicht überschätzen, Dr. Haase. Von wegen bedingungslos, ich hab das Gefühl, es kommen jeden Tag neue hinzu, wenn ich nicht aufpasse.

Damit könnte er durchaus Recht haben. Er hat nämlich nicht nur mich bekommen, sondern gleich auch meine gesamte Familie. Da braucht man starke Nerven und viel Geduld.

Gretchen (grient ihren Grummelkönig zuckersüß an u. wird dann plötzlich ernst): Okay, ernsthaft jetzt! Versprichst du mir, dass du auf Papa aufpassen wirst? Du kennst ihn. Ihm gefällt seine Situation ganz und gar nicht. Er kann nicht ruhig liegen bleiben. Er wird alles versuchen, um vorzeitig entlassen zu werden, wenn er sich nicht sogar gleich selbst entlässt. Von der anstehenden Reha fang ich gar nicht erst an. Die wird er niemals freiwillig mitmachen, Marc. Die Physiotherapeuten haben Angst vor ihm. Keiner traut sich an den Chef ran. Weil keiner Schuld haben will, wenn...
Marc (legt beide Hände an ihre Schultern u. schaut sein Mädchen intensiv an): Oh, das wird er. Er muss nämlich erst an Dr. Meier vorbei.
Gretchen (schaut ihm hoffnungsvoll in die Augen): Wirklich?
Marc (lächelt u. wechselt dann direkt in seinen geliebten Oberarztmodus): Lass das mal meine Sorge sein. Ansonsten kann ich immer noch unsere Geheimwaffe einsetzen.
Gretchen (starrt ihm irritiert in die verschwörerisch aufblitzenden Funkelaugen): Geheimwaffe? Jochen?
Marc (klappt den Mund auf u. schüttelt unwirsch den Kopf): Haasenzahn, ich bitte dich. Dass Jo nicht als Babysitter taugt, hat er doch schon bewiesen. Ich denke eher kleiner, aber mit wesentlich mehr Potential, was auch effektiv ist, denn sie sind ja ständig zu zweit unterwegs.
Gretchen (der Groschen fällt u. sie muss direkt grinsen): Stimmt, wenn die beiden bei ihm sind, dann wird er immer gleich ruhiger, denkt weniger nach und ist ganz er selbst, so wie er wirklich ist. Weißt du, der Papa aus meiner Kindheit.
Marc (stimmt ihr zu u. macht ihr Mut): Das wird schon mit dem alten Herrn. Und damit das so bleibt...
Gretchen (schnappt sich seine Hand u. drückt sie fest): Das denke ich auch. Danke! Du bist der Beste!
Marc (grient sie verschmitzt an): Ich weiß. Das drucke ich mir auf meine neue Visitenkarte. Neben Mehdis Anmerkung von vorhin.
Gretchen (lächelt zurück, bis ihr plötzlich ein Gedanke kommt, der sie noch mehr strahlen lässt): Ach, da fällt mir noch was ein. Mehdi hat uns am Wochenende eingeladen.
Marc (zieht eine Augenbraue hoch u. schaut sie skeptisch an): Och nee! Was will der Weichspüler denn jetzt schon wieder? Der ist echt anhänglich, seitdem er wieder auf Berliner Boden ist und ordentlich Krankenhausluft inhaliert hat. Ey, das wird aber nicht so eine peinliche Pärchenveranstaltung. Davon hatten wir echt schon genug, als er noch die Hassmann gebumst hat. Mit Gabi setze ich mich bestimmt nicht länger als nötig an einen Tisch. Dann tut es mir nicht leid, wenn ich passe.
Gretchen (funkelt ihn eingeschnappt an): Marc, das ist, wenn überhaupt, ein Playdate. Für unsere gemeinsame Rasselbande. Gepaart mit einem leckeren italienischen Essen für die Größeren von uns. Und du willst doch Lilly bestimmt nicht enttäuschen.

Boah! Wie hinterhältig! Das Argument zieht immer und man kann noch nicht mal böse sein.

Marc (stützt sich mit einem Arm an der Tür ab u. grient sie an): Dir ist aber schon klar, dass Leni, Marlon und Lenny frühestens in anderthalb bis zwei Jahren einigermaßen dazu in der Lage sein werden, das, was sie dann brabbelnd und krabbelnd miteinander veranstalten, als Versuch zu spielen, zu interpretieren.
Gretchen (wirkt durchaus beeindruckt): Wow, Superdaddy! Du hast echt den Durchblick.
Marc (reagiert mehr als empört auf die freche Spitze seiner Freundin): Na warte, du Frechdachs! In meine Kompetenzen lasse ich mir nicht reinreden, Fräulein. Und was meine Freizeitplanung anbelangt, darüber ist das letzte Wort noch nicht gefallen.
Gretchen (schaut ihn triumphierend an): Doch ist es. Marlene, Marlon und ich, du bist überstimmt.
Marc (guckt sie mit großen Augen fasziniert an): Boah! Dass du auch immer das letzte Wort haben musst.
Gretchen (tippt ihn keck an u. wendet sich dann schmunzelnd der Tür zu): Dafür bin ich ja auch eine Frau.

Marc wollte den blonden Frechdachs gerade schnappen, um ihn für seine unverschämten Frechheiten ordentlich durchzukitzeln. Denn niemand machte ungestraft Scherze über ihn und seine Fähigkeiten als Arzt und Neudaddy, aber Haasenzahn war ausnahmsweise einmal schneller als er. Wo hatte sie denn auf einmal die Kondition dafür her? Gretchen hatte unbemerkt die Türklinke hinuntergedrückt und war flink aus dem Zimmer geeilt. Aber er wusste ja, dass er sie spätestens am Fahrstuhl wiedereinholen würde. Also schritt er gemächlich aus der Tür, rückte sein pastellrosafarbenes Polohemd zurecht, steckte eine Hand lässig in die Hosentasche seiner weißen Arzthose und ging dann mit einem breiten zufriedenen Grinsen bewaffnet mit schnellen Schritten seiner Freundin hinterher, die tatsächlich vor dem Aufzug stehen geblieben war, dessen Digitalanzeige anzeigte, dass es noch mindestens fünf Stationen dauern würde, bis er sie erreichen würde. Genug Zeit also, die man mit Teenyknutschen verbringen konnte, was die beiden Schwerverliebten auch direkt beeindruckend in die Tat umsetzten.

Lorelei Offline

Facharzt:


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11.08.2020 20:43
#1668 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Wenn es um die tagtäglich von neuem ausgefochtenen Weltmeisterschaften im Ausdauerknutschen im Berliner Elisabethkrankenhaus ging, konnte auch ein weiteres unsterblich ineinander verliebtes Pärchen mit den Meier-Haases eindrucksvoll mithalten, wobei man, nebenbei bemerkt, dazu sagen sollte, dass es durchaus auch Verfechter in der altehrwürdigen Klinik am Wannsee gab, die sie nach Punkten sogar noch vor die ihre Dauerturtelei überall und nirgends zur Schau tragenden Eltern der Enkelchen des Professors setzen würden, wobei das vermutlich an den hohen Sympathiewerten eines der beiden Beteiligten gelegen haben könnte. An diesem herbstlich schönen spätnachmittäglichen Samstag jedenfalls suchten verführerische rote Lippen immer wieder wie zufällig die unmittelbare Nähe eines mit sich und der Welt zufriedenen Grinsegesichts, das sich eigentlich konzentriert den verschiedenen Töpfen und unzubereiteten Lebensmitteln auf der Arbeitsplatte in der heimischen Küche widmen sollte, wo sich schon seit Stunden fleißig zu schaffen gemacht wurde, aber fortwährend mit bemerkenswerter Penetranz eine Reihe von Ablenkungsmanövern gestartet wurden, was dann doch so langsam nicht mehr nur dem Zufall zuzurechnen schien.

Dieses aufregende Manöver ließ sich der verliebte Hobbykoch selbstverständlich nur allzu gerne gefallen, wusste er doch ganz genau, wieso seine Herzallerliebste ausgerechnet heute so besonders anschmiegsam war und ihre zarten Fingerchen nicht bei sich behalten konnte, die schon wieder beharrlich unter seine rosafarbene „Chefkoch“-Küchenschürze krabbelten und sich dort zu schaffen machten. Einem Geschenk, das er zu seinem vorletzten Geburtstag von einem ganz besonderen Menschen geschenkt bekommen hatte, den er heute zusammen mit seiner kleinen Familie zum Essen eingeladen hatte. Sie hatten von ihrem spontanen Urlaubstrip so viele Leckereien und tolle Rezepte aus der Toskana mitgebracht, dass Mehdi einfach nicht hatte widerstehen können, sie mit seinen liebsten Menschen zu teilen. Nur langsam wurde die Zeit knapp, um das aufwendige mehrgängige Menu, das er sich für diesen besonderen Tag ausgedacht hatte, noch rechtzeitig fertig zu bekommen, wenn seine sexy Freundin weiterhin andauernd um ihn herumscharwenzelte, um ihn ganz subtil vom Gegenteil seines Plans zu überzeugen.

Gabi Kragenow war nämlich im Gegensatz zum äußerst gastfreundlichen Dr. Kaan nicht gerade bekannt dafür, gerne zu teilen. Vor allem nicht mit den Gästen, die jeden Moment polternd auf der Matte stehen würden, um ihr den letzten Nerv zu rauben. Seit zwei Tagen schon versuchte sie hartnäckig, Mehdi diese alberne Pärchenabend-Playdate-wie-auch-immer-Idee aus dem Kopf zu schlagen, aber allmählich gingen ihr die Argumente aus. Deshalb musste sie so kurz vor knapp zu härteren Bandagen übergehen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Leider war ihr Plan ziemlich nach hinten losgegangen, denn sobald sie die weichen Lippen ihres gutaussehenden Freundes mit ihren berührt hatte, setzte ihr Verstand komplett aus, ihr Herz schlug Purzelbäume und ihr Bauch kribbelte angenehm, was nicht nur die verführerischen Essensdüfte bewirkten, welche sich in der kompletten Altbauwohnung verteilt hatten. Gabi verlor sich regelrecht in den sinnlichen Küssen, die sie mal wild, mal ganz sachte miteinander teilten, dass sie beinahe schon wieder vergessen hatte, dass sie nicht alleine in der Küche war.

Lenny schlummerte im Tragetuch an ihrer Brust, Mehdis Hand wachte sachte über seinem Lockenköpfchen und Lilly hüpfte auch vor lauter Vorfreude ständig kichernd um sie herum, weil sie es kaum erwarten konnte, dass Marc und Gretchen mit den Zwillingen endlich vor der Tür standen. Aber das ärgerte Gabi weniger als die Tatsache, dass sie irgendwann auf dem Weg in das perfekte kleine Familienglück, das ihr - sie konnte sich bis heute nicht erklären, wie ihr geschehen war und womit sie das überhaupt verdient hatte - geradewegs in den Schoß gefallen war, ihre Durchsetzungskraft verloren hatte. Aber einen Versuch hatte sie noch. So leicht gab sich eine Kragenow nämlich nicht geschlagen. Hinsichtlich des sexy Oberarztes, den sie sich geangelt hatte, war sie schließlich stets sehr hartnäckig geblieben und es hatte sich ausgezahlt. Also schmiegte sich die mutterschutzbeurlaubte Krankenschwester wieder verführerisch von hinten an den muskulösen Rücken ihres Freundes, der gerade konzentriert die Soße in einem der zahlreichen Töpfe umrührte, welche auf dem Küchenherd vor sich hin köchelten, und säuselte melodisch in sein rechtes Ohr...

Gabi: Duuu, Mehdimaus?
Mehdi (ahnt am Klang ihrer säuselnden Stimme schmunzelnd, was sie bezweckt, legt den Holzlöffel daraufhin beiseite, dreht den Temperaturregler am Herd herunter u. wendet sich anschließend mit breitem wissenden Grinsen zu ihr um): Ja, mein Herz?
Gabi (schnappt sich seine beiden Hände u. hält sie spielerisch fest, während sie Mehdis erwartungsfrohes Grinsegesicht keine Sekunde aus den Augen lässt): Wir könnten doch...
Mehdi (schmunzelt immer mehr, weil er ganz genau weiß, worauf sie hinauswill, gibt sich aber ahnungslos): Ja?
Gabi (ahnt frustriert, dass er weiß, was sie vorhat, bleibt aber dabei, ihn umstimmen zu wollen): Naja, es spricht doch eigentlich nichts dagegen, wenn wir einfach behaupten, dass es nun doch nicht klappt. Das war doch eh alles ziemlich kurzfristig angesetzt. Wir könnten doch sagen, ich sei plötzlich krank geworden. Oder du. Oder Lenny hat Fieber bekommen. Du kennst doch Marc. Da springt doch sofort der Oberarztmodus an und er setzt gleich die schützende Glasglocke über seine ach so heilige Familie, sobald jemand in seinem Umkreis auch nur niest oder so tut. Hast du von Chantal gehört, was er neulich mit Jochen abgezogen hat? Also ich könnte da im Nachhinein nicht darüber lachen.
Mehdi (ist durchaus beeindruckt von ihrem Manöver u. versucht mit ärztlicher Professionalität sein vergnügtes Schmunzeln zurückzuhalten): Ja, hab ich, aber bei dem Anfangsverdacht, ist solche Sorgfalt durchaus angebracht.
Gabi (ist merklich erleichtert, dass er so leicht auf ihren Zug aufspringt): Na, siehst du. Ich ruf Gretchen an und sag ab.

Gott, ich liebe diese Frau. Ist sie nicht süß, wenn sie sich geschickt herauszuwinden versucht und dabei nichts unversucht lässt? Immer wieder eine neue Idee in petto. Woher das wohl kommt? Hach... Fast wäre ich versucht, ihr zuzustimmen. Aber was machen wir dann mit dem ganzen Essen? Ich könnte es natürlich zur Flüchtlingsinitiative mitnehmen, ich hab übermorgen Dienst, aber... Ach, es ist sowieso genug für alle da.

Mehdi (legt beide Hände an ihre Schultern, um sie daran zu hindern, sofort zum Telefon zu sprinten): Weil?
Gabi (seufzt resigniert auf, weil sie gemerkt hat, dass er ihr Manöver durchschaut hat): Weil... weil... Mensch Mehdi, du weißt ganz genau, wieso. Ich kann mir durchaus etwas Spannenderes vorstellen, als ausgerechnet mit dem Prinzenanwärterpaar des Elisabethkrankenhauses meinen Samstagabend zu verplempern.
Mehdi (sieht ihr tief in die Augen u. lächelt sie ohne einen Hauch von Ironie an): Du bist echt süß, wenn du mit dir ringst.
Gabi (wird direkt bockig, weil er sie so penetrant anschaut): Und du nimmst mich nicht ernst.
Mehdi (behält seinen intensiven Blick bei, der seine Wirkung nicht verfehlt): Doch, das tue ich. Ich nehme dich immer ernst. Du musst dich nicht verstecken. Niemand nimmt dir etwas übel.
Gabi (damit hat er genau den wunden Punkt bei ihr erwischt, der ihr immer noch im Kopf herumspukt): Doch, ich mir. Und du weißt, was er neulich gesagt hat. Er hat Recht. Die Genugtuung in seinem Gesicht muss ich mir nicht noch mal geben.

(Rückblick) „So, du hörst mir jetzt zu, du dumme... Kuh. Egal, was gerade in dich gefahren ist oder welche Defizite du gerade warum auch immer kompensieren musst, hör auf damit! Er hat das nicht verdient. Er ist der verdammte Jackpot. Darauf warst du doch immer aus? Wieso raffst du das nicht endlich? Er würde alles für dich tun. Sogar jetzt noch hat er dieses unerträgliche Vertrauen in dich. Keine Ahnung wieso, aber er ist so. Die einen würden sagen, es ist Naivität. Ich sage, es ist reine Dummheit. Es ist nervend und ich würde ihn deswegen gerne ab und an gegen die nächste Wand klatschen. Aber er ist die große dicke Ausnahme der Regel. Er ist derjenige, der sich niemals zurück in einen stinkenden Frosch verwandeln würde. Also rück dein verrutschtes Krönchen zurecht und geh verdammt noch mal nach Hause! Weglaufen ist keine Option. Niemals. Anna ist das beste Beispiel dafür. Nichts ist es wert, so ein Leben aus einer Laune heraus oder aus Angst oder was auch immer zurückzulassen. Es gibt für alles eine Lösung. Also krieg dich wieder ein, Gabi, sonst kriegst du’s mit mir zu tun. Ich hab dich schon einmal gewarnt. Verarschst du ihn, dann...“ (Marc auf Gabis Mailbox, etwa eine Woche zuvor)

Mehdi (hat die Worte auch noch im Ohr, denn Gabi hat ihm Marcs harsche Ansage auf ihrer Mailbox, die sie, warum auch immer - vielleicht als mahnende Erinnerung - noch nicht gelöscht hat, irgendwann in den vergangenen Tagen vorgespielt): Das ist seine Art, sich mitzuteilen, dass er sich Sorgen macht.
Gabi (verdreht die Augen u. sieht Marc wieder vor sich, wie er ihr vor der Haustür die nächste schroffe Ansage macht, die sich gewaschen hat): Siehst du, er ist überzeugt davon, dass ich dir nur Kummer bereiten werde. Ich mach dich unglücklich.
Mehdi (lächelt sie unentwegt an): Was du aber nicht tun wirst.
Gabi (spürt einmal mehr, wie sehr sie geliebt wird, was sie emotional werden lässt): Das sagst du nur, weil du mich liebst und weißt, mit meinem Temperament umzugehen.
Mehdi (nimmt ihre zarte kleine Hand u. legt sie, mit seiner darüber, über seine linke Brustseite): Weil ich weiß und hier drin fühle, dass du mich auch liebst. Aus ganzem Herzen. Und dass Marc dir eine Ansage gemacht hat oder auch zwei, wie auch immer, zeugt doch nur davon, dass du ihm etwas bedeutest.
Gabi (seufzt frustriert auf u. schüttelt heftig mit dem Kopf): Pff! Ich habe fast zwei Jahre sinnlos damit verschwendet, wirklich alles zu versuchen, damit er mich mag und du willst ehrlich nicht wissen, wozu er mich alles gebracht hat. Ich hab mich für ihn zum Affen gemacht. Ich hab gelogen und manipuliert. Ich hab Leute verletzt. Da hab ich keinen Bock mehr drauf. Ich weiß genau, was er von mir hält, weil es auf Gegenseitigkeit beruht.

Er ist mir egal. Und eigentlich sollte es mir auch egal sein, was er von mir denkt. Es zählen allein Mehdi, Lenny und Lilly.

Mehdi (streicht ihr sanft eine verirrte Haarsträhne aus dem erhitzten Gesicht): Ach, Süße, wenn ich gewusst hätte, wie sehr dir das noch auf der Seele brennt, dann hätte ich nicht so groß aufgetischt.
Gabi (hält ihn auf, weiter zu sprechen, indem sie ihre Finger über seinen Mund legt): Ach, darum geht es doch auch gar nicht. Das haben wir doch ausführlich besprochen. Nächtelang. Ich fühle mich nur...
Mehdi (legt seinen Kopf leicht schräg u. hört ihr verständnisvoll zu): Wie?
Gabi (zuckt mit den Schultern u. versucht, sich zu sammeln): Ich weiß auch nicht. Ich weiß, ich sollte mich nicht vergleichen, aber das macht doch jede unsichere junge Mutter ganz automatisch in den ersten Wochen, wo so vieles Neues auf einen zukommt. Diese ganze Verantwortung. Man will partout keinen Fehler machen und zuckt doch jedes Mal zusammen, wenn es doch nicht so läuft wie erhofft. Und wenn dann dieses Sinnbild eines perfekten kleinen Familienidylls hier vor mir hockt, dann fühle ich mich wieder wie vor meiner kleinen Panikattacke neulich. Klein und unnütz und total fehl am Platz.
Mehdi (zieht seine verunsicherte Freundin in eine tröstende Umarmung u. hält sie fest): Das bist du nicht.
Gabi (klammert sich jetzt erst recht an seinen starken Körper, der verdammt verführerisch nach leckerem Essen duftet): Ich weiß doch auch nicht, woher das alles kommt und ich will das auch gar nicht, ich hab’s ja auch begriffen, aber ich werde trotzdem total unsicher, während die beiden Pappnasen das alles perfekt hinbekommen. Ich sehe sie schon vor mir. Wie sie sich anhimmeln, aus dem Schwärmen nicht mehr herauskommen. Alles ist toll und unkompliziert und wir sind ja ach so verliebt.
Mehdi (kann sich dann doch ein kleines Lächeln nicht verkneifen): Och, Perfektion wird doch total überschätzt. Das gibt es gar nicht. Bei Marc und Gretchen schon mal gar nicht. Das kannst du mir ruhig glauben. Ich hab’s gesehen. Lilly ist meine Zeugin. Sie rudern genauso wie wir. Das ist total normal. Wir sind alle total normal.
Gabi (wirkt noch nicht wirklich überzeugt, als sie sich langsam wieder von ihm löst u. sich wieder auf das Baby in ihren Armen konzentriert): Echt?
Mehdi (nickt u. blickt ihr intensiv in die mit Tränen gespickten Augen, während er die Hand über das Köpfchen seines Sohnes legt, der ruhig im Tragetuch vor sich hin döst): Deshalb finde ich es doch auch so schön, dass wir uns austauschen können. Wir sitzen doch alle im selben Boot. Zusammen schippern wir schon über die unruhige See. Wobei Lenny jetzt nicht unbedingt dafür bekannt ist, so schnell aus der Ruhe zu kommen. Unsere etwas turbulente Rückreise mal ausgenommen. Sieh ihn dir an, den süßen Mäuserich! Kann kein Wässerchen trüben und fühlt sich bei der Mama am wohlsten.
Gabi (er hat es tatsächlich geschafft, sie zum Lachen zu bringen): Ich glaube, so langsam hast du sämtliche Metaphern durch, Mehdi.
Mehdi (schmunzelt, dreht sich plötzlich um, schnappt sich ein Küchentuch u. schiebt einen kleinen Topf von der heißen Herdplatte, nachdem er einen seltsamen Geruch hinter sich bemerkt hat): Ich gebe mein Bestes. Hat’s denn geholfen? Kann ich noch was tun? Also, außer eine neue Soße anzurichten? Weil die hier offensichtlich nicht überlebt hat.
Gabi (seufzt u. schaut sich in dem Küchenchaos um, das er seit Stunden um sie herum kreiert hat): Um mich zu überzeugen, doch den Abend mit den beiden Pappnasen und ihren ach so perfekten kleinen Ebenbildern zu verplempern? Ich glaube, ich brauche noch einen Moment. Du ja offensichtlich auch. Vielleicht sollten wir das Ganze doch verschieben oder ganz canceln, hm? Es soll sich ja niemand überfordert fühlen, wobei das ja total normal ist.

Doch ehe Mehdi seiner frustriert dreinblickenden Freundin möglichst diplomatisch auf ihre subtile Spitze antworten konnte, kam ihm seine kleine Tochter zuvor, die gerade wie ein Wirbelwind aufgeregt in die Küche gehüpft kam. Sie drängelte sich zwischen den beiden hindurch und riss ungestüm die Tür zum Balkon auf, um, nachdem sie ihr Teleskop zur Seite geschoben und einen der Rattansessel neu positioniert hatte, auf den sie anschließend kletterte, hinunter auf den sonnegefluteten Innenhof zu blicken und das dortige Schattenspiel zu beobachten, das die Abendsonne farbenfroh kreierte. Aber Lillys Interesse galt etwas ganz anderem, das sie natürlich jedem in ihrem Bannkreis direkt auf die Nase binden musste. Doch nicht jeder in diesem Haushalt teilte ihre Begeisterung.

Lilly (ihr Gesicht ziert eine hinreißende Schmollschnute, während sie ohne Punkt u. Komma drauflos plappert): Sind sie endlich da? Wo bleiben die denn? Von meinem Fenster kann ich gar nichts sehen. Und hier auch nicht. Menno! Meint ihr, sie kommen noch? Aber sie haben’s doch versprochen. Ich hab gestern extra mit Mamas Telefon noch mal bei Onkel Marc in der Praxis angerufen. Er hat zwar genölt, wie er es immer gerne macht, um mich zu ärgern, aber hat schließlich ja gesagt, bevor er ganz doll dringend in den OP gemusst hatte.

Enttäuscht schob Lilly die Balkontür wieder zu, quetschte sich erneut zwischen dem verschmusten Paar hindurch und schmiegte sich anschließend mit nach oben geschobenem Kinn und bebender Unterlippe an den Bauch ihres Papas, der seinem Mädchen daraufhin sanft über den Kopf streichelte, während er Gabi vielsagend in die Augen blickte, die diese daraufhin demonstrativ verdrehte. Und keine Sekunde später war die Zehnjährige auch schon wieder versöhnt und aus der Küche gestürmt, um einen besseren Beobachtungsposten zu suchen.

Lilly: Ich hab die Fenster im Wohnzimmer noch nicht probiert. Von da kann man doch auch auf die Straße gucken.
Gabi (funkelt Mehdi vieldeutig an, der schmunzelnd seiner Tochter durch die Durchreiche ins Wohnzimmer hinterherblickt): Ich hasse dich.
Mehdi (richtet seinen Blick wieder auf seine eingeschnappte Freundin u. ist einmal mehr hingerissen von ihr): Was hab ich denn getan?
Gabi (tippt ihm sanft gegen den Brustkorb, überlegt einen Moment u. schmiegt sie sich dann wieder innig an ihn): Tue nicht immer so unschuldig! Das beeindruckt vielleicht deine Patientinnen, aber ich nehme dir das nicht ab. Ständig deine Tochter vorzuschicken, ist ganz schön ausgebufft, mein Lieber. Da bleiben einem nicht mehr viele Wahlmöglichkeiten.
Mehdi (lächelt verknallt u. legt den Arm um sie): Ich bin eben ein ausgebufftes Kerlchen. Manipulativ und impulsiv. Wenn man täglich mit Frauen zu tun hat, bleibt irgendwann etwas hängen. Und sie mag halt ihren Patenonkel.
Gabi (verdreht theatralisch die Augen, kann dem frechen Kerl aber nicht böse sein, wenn er so papaverträumt guckt): Patenonkel, pff! Was hat er denn schon groß für sie getan, hm? Diese Fähigkeit hat er doch, wenn überhaupt, erst vor fünf Minuten entdeckt. Aber wenn das mal nicht irgendwann nach hinten losgeht, wenn sie älter wird und aus der allgemeinen Vernarrtheit akute Verknalltheit wird.
Mehdi (lacht): Neidisch?
Gabi (glaubt, sie hört nicht richtig, schüttelt den Kopf u. konzentriert sich wieder auf ihren eigentlichen Job): Ich bitte dich. Von der Krankheit bin ich Gott sei dank schon lange geheilt. Hier sind mir eindeutig viel zu viele Marc-Sympathisanten um mich herum. Kein Wunder, dass mein Unterbewusstsein sich dagegen wehrt. Ich muss Lenny noch fertigmachen, bevor Hanni und Nanni doch noch hier antanzen. Aber vielleicht haben wir ja Glück und sie haben es sich anders überlegt. Kann ich mal sein Fläschchen haben?
Mehdi (mit nur einer Armbewegung nach hinten greift er danach u. reicht es ihr): Bitteschön!
Gabi (schaut ihn mit großen ungläubigen Augen an u. setzt sich dann mit Lenny auf einen der Küchenstühle): Jetzt wirst du mir unheimlich.
Mehdi (legt seine Arme um die Stuhllehne u. beugt sich grinsend zu den beiden runter): Weißt du, wir sind schon ein ziemlich eingespieltes Team. Das ist schon näher dran an Perfektion, wie es manch einer schafft, der nicht so viel Chaos um sich herum aufgetürmt hat.
Gabi (lacht, schaut verliebt zu ihm hoch, stibitzt sich ein kleines Küsschen u. widmet sich nun ganz ihrem hungrigen kleinen Sohn, der sie mit den gleichen dunklen Augen anhimmelt wie sein Vater, der sich zeitgleich dem Küchenchaos wieder zuwendet): Du spinnst. Anstatt andauernd Lebensratschläge zu geben, für die du langsam mal Entgelt verlangen solltest, um unsere klamme Haushaltskasse zu unterstützen, wolltest du dich nicht ums Essen kümmern? Irgendwas riecht da gerade suspekt und es ist nicht die Windel von unserem Jungen. Das kommt, glaub ich, aus dem Ofen.
Mehdi (flitzt alarmiert zurück zum Herd): Oh! Verflixt! Ich wollte doch den Braten wenden. Und die Gemüseplatte muss auch noch rein. Wo hab ich denn die Gewürze gelassen? Ah, da! Wenn ihr mich bitte entschuldigt! Die Operation könnte etwas länger dauern.
Gabi (lacht aus vollem Herzen, was auf ihren kleinen Sohn ganz besonders Eindruck schindet, der sie nun mit großen faszinierten Augen ansieht): Ich habe nichts anderes erwartet. Die Nummer vom Pizzaservice liegt übrigens im Schieber unter der Spüle. Also, nur so nebenbei bemerkt. Spätestens seit letzter Woche sind wir bei denen ja allseits bekannt.
Mehdi: Haha! Auf einmal wieder gute Laune, hm? Dann hab ich ja einen guten Job gemacht. Darauf kommt es an. Das hier wuppe ich dagegen so nebenbei.

Mehdi war gerade dabei, die Ofentür zu öffnen und wedelte den heißen Dampf zur Seite, um einen besseren Überblick zu bekommen, wobei er erleichtert feststellen konnte, dass sein Noteinsatz gerade noch rechtzeitig erfolgt war, als es an der Wohnungstür klingelte. Umgeben von der heißen Luft, die ihn umnebelte, bis er das rettende Fenster über der Spüle geöffnet hatte, blickte er zu Gabi am Küchentisch rüber, die sich ein schadenfrohes Grinsen natürlich nicht verkneifen konnte, bevor sie ihre Lippen auf das dunkel behaarte Köpfchen ihres Sohnes legte, während sie diesem das Fläschchen reichte. Ehe der passionierte Hobbykoch etwas sagen konnte, übernahm jedoch jemand anderes das Kommando in der Casa Kaan. Aufgeregt stürmte ein dunkelblondes kleines Mädchen durch die Wohnung, überwand geschickt das rote Sofa und die Sessellandschaft sowie den italienisch dekorierten und reichlich gedeckten Esszimmertisch und riss mit ordentlichem Schwung die Wohnungstür auf, vor welcher sich eine groß gewachsene Blondine im blümchenbedruckten Hemdblusenkleid fast erschreckte. Mit einer so stürmischen Begrüßung hatte Gretchen Haase nämlich nicht gerechnet und mit dem, was darauf folgte, auch nicht.

Lilly (stemmt beide Hände in die Hüften u. guckt nach einem kurzen Moment gegenseitiger Verwirrung verdutzt in den Hausflur, wobei ihr Hals immer länger wird, als sie versucht, an Gretchen vorbeizugucken): Ihr seid zu spät!
Gretchen (im ersten Moment sprachlos, dann grinst sie verschmitzt zu dem aufgeweckten Mädchen mit dem nicht gerade dezenten lilafarbenen „Beste-große-Schwester-der-Welt“-T-Shirt herunter): Wow! Das... das ist mit Abstand die charmanteste Begrüßung, die ich je bekommen habe. Und dabei bin ich das eigentlich gewohnt, denn ich bin schließlich mit jemandem zusammen, der stets einen besonders großen Wert auf äh... ja... Höflichkeiten legt. Hihi! Hey, Lillymaus! Ich freu mich auch, dich zu sehen, mein Schatz.
Lilly (die Tatsache, dass Gretchen ganz alleine im dunklen Hausflur steht, verwirrt sie zusehends u. die eben noch vorfreudigen Mundwinkel ziehen sich enttäuscht nach unten u. beginnen verdächtig zu beben): Aber... aber... ich dachte... Sind Marc und die Zwillinge gar nicht bei dir? Wieso kommst du denn alleine? Ich wollte doch... Ich hab mich doch so auf euch gefreut.
Gretchen (das enttäuschte Kindergesicht nimmt sie unheimlich mit, sodass ihr fast selber die Tränen kommen, weshalb sie hastig vor Lilly in die Knie geht u. sie aufmunternd anguckt): Oh nein, oh nein, nicht traurig werden! Wenn du weinst, dann muss ich auch. Das kam jetzt völlig falsch rüber, Lilly, Schatz. Ich bin nicht alleine. Marc kommt gleich. Er dreht noch mit den Kleinen eine Runde mit dem Kinderwagen um den Block, bis sie sich hoffentlich beruhigt haben. Das wäre sonst eher ein sehr lauter Empfang geworden und ich weiß nicht, ob die Nachbarn und ihr das so gerne mitbekommen hättet. Heute sind die beiden nämlich mal keine Engel.

Doch sind sie schon, nur eben sehr, sehr laute. Lauter als ein voll besetztes Stadion bei einem Hertha-Stadtderby-Heimspiel. Oh Gott, wo kommt das denn auf einmal her? Seit wann weiß ich denn, was ein Heimspiel oder ein Derby ist? Ach so, weil Marc heute eins verpasst, mir damit tagelang in den Ohren lag und erst nach harten Verhandlungen seine vor Urzeiten gekaufte und wie ein Heiligtum verehrte Karte an Oli abgetreten hat. Und ich weiß nicht, ob es noch Zufall war oder doch eher stiller Meierscher Protest, dass wir vorhin extra zweimal ums Stadion herumgefahren sind. Von wegen ich nehme eine Abkürzung, dieser Schlawiner.

Gabi (kommt neugierig mit dem Baby auf dem Arm aus der Küche geguckt): Alles in Ordnung?
Mehdi (schaut durch die Durchreiche von der Küche über den gedeckten Tisch in den Wohnbereich zur Tür, um seine beste Freundin ebenfalls zu begrüßen): Lillymaus, sagst du Gretchen bitte noch mal richtig hallo!
Lilly (schnieft die aufgekommenen Tränchen schnell weg u. schaut Gretchen nun wesentlich fröhlicher an): Hallo!
Gretchen (zerfließt fast, so hinreißend findet sie die süße Maus, u. nimmt sie fest in den Arm, um sie nicht wieder loszulassen; dann bemerkt sie jedoch hinter Lillys Rücken Mehdi u. Gabi u. winkt mit ihrer freien Hand in deren Richtung, während sie sich mühsam aus der Hocke wieder aufrichtet): Hallo! Na, das klingt doch schon viel, viel besser. Marc und die Zwillinge freuen sich nämlich mindestens genauso doll auf dich. Es ist nur... Naja, Säuglinge eben. Ich kann euch sagen, die Herfahrt war nicht wirklich ein Spaziergang. Kein Wunder, dass sämtliche Nerven blank liegen. Die Innenstadt von Berlin ist an einem Samstagnachmittag definitiv nicht empfehlenswert. Wir haben jetzt fast eine Stunde bis hierher gebraucht. Sämtliche Ampeln waren auf rot geschaltet. Überall uneinsichtige Touris, Fußballfans und Spaziergänger, die nicht wirklich auf die Straßenverkehrsordnung geachtet haben. Marc hat, gelinde ausgedrückt, ziemlich gereizt darauf reagiert. Ihr kennt ihn ja. Das hat sich auch auf die Kinder übertragen und sie haben geschrien wie am Spieß. Ein echter Spießrutenlauf, wenn man es so sagen will, wenn auch im Auto. Wir haben wirklich überlegt. Wir standen kurz davor, euch abzusagen,...
Gabi (guckt demonstrativ zu Mehdi rüber, der daraufhin nur wissend grinst u. sich schnell in die Küche zurückzieht): Ach, tatsächlich?

Ich hab heute echt kein Glück. Außer mit Mehdi und mit dir natürlich, mein Engelchen. Zusammen schaffen wir das, die vier Pappnasen ein, zwei Stunden auszuhalten. Es ist ja nicht für immer.

Gretchen: ...aber da waren wir bereits in eurer Straße angekommen, wo es natürlich wie immer keinen Parkplatz gab, aber Marc wollte nichts unversucht lassen. Er hat mich vor eurer Tür rausgelassen und jetzt nutzt er den kurzen Weg hierher für einen kleinen Spaziergang mit dem Kinderwagen. Ich hoffe, das bringt sie zur Ruhe. Ansonsten, naja..., wir können es versuchen, aber... Also wer behauptet, dass Babys schaukelnde Autos mögen und mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit direkt einschlafen, das gehört in das Reich der Mythen.
Mehdi (trocknet seine Hände an einem Wischtuch ab u. kommt nun ebenfalls aus der Küche u. gesellt sich schmunzelnd zu seiner Freundin u. dem Baby): Aber jetzt hast du es ja geschafft. Hallo noch mal, Gretchen! Magst du Gretchen nicht endlich rein bitten, Lillybärchen?
Lilly (bekommt leuchtende Augen u. wird ganz hibbelig, als sie Gretchens Hand schnappt u. sie in die Wohnung zieht): Ja, natürlich! Hereinspaziert, Gretchen! Kann ich Onkel Marc entgegenlaufen? Oh bitte, Papa! Ich möchte so gerne noch mal den Kinderwagen schieben. Das war neulich so schön. Bitte, bitte, bitte, Papa!
Mehdi (spürt die erwartungsvollen Blicke der Mädchen auf sich gerichtet u. hält Lilly noch mal auf, die, ohne seine Antwort abzuwarten, direkt zur Tür hinausstürmen will): Aber nur bis zur Hofausfahrt. Dort wartest du auf die Drei. Es ist schon spät und du hast ja gerade gehört, was im Kiez heute los ist. Und nimm dir eine Jacke mit! Berlin ist nicht die Toskana. Es ist schon ganz schön frisch geworden.
Lilly (verleiert die Augen u. flitzt nölend an ihm vorbei zur Garderobe, wo sie sich ihre Jacke u. ihre knallpinken Sneaker schnappt, hineinschlüpft u. dann schnell an den drei Erwachsenen vorbei aus der Tür rennt): Boah Papa, wirklich! Ich bin keine fünf mehr.

Gott, wie süß! War das gerade wirklich mein kleiner schüchterner Engel Lilly, mit der ich immer Verstecken im Krankenhaus gespielt habe, als ich versucht habe, mich mit ihr anzufreunden, was ja auch hervorragend funktioniert hat?

Gabi (kann sich eine Spitze nicht verkneifen, als sie Gretchens verdutzten Blick bemerkt, der an Mehdi hängen geblieben ist): Tja, wir sind mit einem hinreißend süßen, wohlerzogenen Kind über die Alpen gezogen und haben ein Präpupertier wieder mitgebracht.
Mehdi (findet das überhaupt nicht witzig u. nimmt erst einmal Gretchen gentlemanlike Tasche u. Jacke ab u. hängt beides an einen Kleiderhaken an der Garderobe): Das halte ich für ein Gerücht.
Gabi (kann mit Vergnügen nicht damit aufhören, den eingeschnappten Familienvater weiter liebevoll zu necken): Genauso wie die Tatsache, dass Lilly unsterblich in ihren Patenonkel verknallt ist? Schau, wie schnell wir abgemeldet sind. Sogar Lenny, und dessen Charme ist eigentlich unübertroffen. Es ist echt faszinierend, wie Väter von Töchtern manche Dinge so leicht ausblenden, andere dagegen nicht.
Gretchen (schmunzelt): Oh ja, hihi!
Mehdi (rollt mit den Augen, weil sich plötzlich alle gegen ihn verschworen haben, tippt seinen Sohn an der Nasenspitze an, der in Gabis Armen aufgeregt zappelt, als würde er die lachenden Mädels unterstützen wollen, u. verzieht sich schnell wieder auf sicheres Terrain in seiner Küche): Äh... Wird Zeit, dass Marc hier endlich aufkreuzt. Ich glaube, Lenny und ich sind hier eindeutig in der Unterzahl. Oder Kumpel? Wenn ihr mich kurz entschuldigen würdet, kleine Küchenkrise zu bewältigen.
Gabi (zwinkert ihm vieldeutig zu, worauf er aber nicht mehr reagiert, weil er schon um die Ecke verschwunden ist): Klein?

Hach... Die perfekte Harmonie. Eine tolle Familie. Ich freu mich so für die beiden und ihre Kleinen, dass alles wieder beim Alten ist. So ein kleiner Urlaub zwischendurch scheint heilsame Wirkung zu haben. Könnte ich mir auch vorstellen. Naja, vielleicht, wenn Papa wieder auf der Höhe ist und doch die Reha-Maßnahme akzeptiert. Dann könnten wir vielleicht...? Mhm... wenn es nur nicht so viel Aufwand bedeuten würde. Der kleine Abstecher hierher hat ja schon enorm viel Energie und Zeit gekostet.

Gretchen (verfolgt vergnügt das kleine Scharmützel, bis ihr Blick den kleinen Charmebolzen in Gabis Armen entdeckt): Na, euch geht’s gut, das merkt man richtig. Na, und wen haben wir denn hier? Hey, kleiner Mann! Schön, dich wiederzusehen. Mensch, du bist ja schon wieder ein bisschen gewachsen. Darf ich?
Gabi (zögert für den Hauch einer Sekunde u. reicht ihr den Säugling schließlich mit einem Lächeln u. einer Warnung): Sicher! Aber er hat gerade sein Fläschchen gekriegt und sein Bäuerchen ist noch nicht...
Gretchen (reagiert schneller als gedacht u. zieht noch gerade rechtzeitig ein Spucktuch aus einer Seitentasche ihres Maxikleides): Zu spät. Uuuhhh... Fein gemacht, Lennymaus! Gott, ist der süß. Und wie der einen anguckt. Hach... Er wird später die Herzen erobern. Ja, das wirst du. Meins hast du schon.
Gabi (durchaus überrascht von Gretchens schneller Reaktion): Beeindruckend.
Gretchen (wirkt ein bisschen verlegen, als sie das benutzte Tuch zu ihren Sachen an der Garderobe legt, nachdem sie Lenny noch mal die Schnute damit abgewischt hat): Ich weiß. Sonst bin ich ja außerhalb des OPs eher für meine Ungeschicklichkeit bekannt, aber man entwickelt erstaunliche Kräfte, wenn man täglich zwei Babys auf einmal jongliert. Keine Ahnung, das sind so Handgriffe, die gehen sofort auf einen über. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das kann.
Gabi (schaut schmunzelnd zu Mehdi rüber, als sie auf dem Weg ins Kinderzimmer an der Küchentür vorbeigeht): Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Gretchen (schmust mit dem kleinen Mann, während sie Gabi ins Babyzimmer folgt): Ja, nicht? Und wir beiden Hübschen, was machen wir jetzt?
Gabi (ist auch im ersten Moment überfragt u. ärgert sich, dass sie nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub noch nicht die Zeit gefunden hat, um aufzuräumen): Eigentlich wollte ich ihn noch umziehen, bevor ihr..., aber... ach, egal.
Gretchen (schaut sich staunend mit Lenny in seinem Zimmer um): Das kann ich doch übernehmen. Woran hast du denn gedacht? Wow! Hier ist ja eine richtige kleine Babyboutique entstanden. Willst du umsatteln?
Gabi (ist merklich stolz auf die neue Babykollektion, die sie sich u. Lenny gegönnt hat): Nein. Obwohl..., ich könnte meiner Schwester vorschlagen, in ihrem Laden eine kleine Ecke für hochwertige, nachhaltige Babyklamotten einzurichten. Dann würde der vielleicht auch besser laufen. Nein, ich bin nur noch nicht zum Einräumen gekommen, seitdem wir zurück sind. Wie du siehst, ich konnte nicht widerstehen. Mehdi hatte mich ja damit geködert, neben unserem Trip in die Olivenhaine und Weinberge auch mal ein paar italienische Boutiquen anzusteuern. Ich meine, wenn man schon einmal da ist. Aber kaum standen wir davor, haben Lilly und ich diesen süßen kleinen Babyoutletstore direkt gegenüber entdeckt und haben ihn fast leer gekauft. Ich glaube, wir haben einen ganzen Tag darin verbracht. Das sah alles so niedlich aus. Ich hab mir gar nicht vorstellen können, dass die Auswahl fürs Jungs auch so umfangreich ist. Aber warum soll man Jungs nicht auch niedlich ausstaffieren? Vor allem wenn die Sommerkollektion gerade im Sale ist. Ich hoffe, wir haben die richtige Größe erwischt, damit das alles nächstes Jahr noch passt. Lenny wächst doch so schnell.

Zum Neidisch werden. Hach... Nein, ich bin nicht neidisch. Mir geht’s doch genauso. Ich war doch neulich auch wieder in diesem niedlichen kleinen Laden, wo wir damals die Krankenhausmotivbodies gekauft haben, mit denen wir Lenny, Leni, Marlon, Anton und Sophie Hassmann ausgestattet haben. Hach... wir sollten unbedingt mal wieder alle zusammenfinden, um niedliche Gruppenfotos zu schießen. Mhm... super Idee! Geht nicht demnächst ein neuer Kurs bei unserer Hebamme los? Rückbildungsgymnastik mit Kind und Kegel. Das wäre doch die Gelegenheit. Muss ich nachher mal fragen.

Gretchen (lächelt verträumt u. spürt dieselbe Begeisterung wie Gabi): Also falls ihr dann noch einen Abnehmer sucht, ich verweise dann mal dezent auf Lennys Patengeschwister.
Gabi (spürt Mehdis Blick im Rücken, der, am Türrahmen lehnend, von der Küche in das gegenüberliegende Zimmer guckt, u. seufzt leise auf): Ach, da fällt mir ein, wir haben da was für euch.
Gretchen (fasst sich gerührt mit einer Hand an ihr Herz, nachdem sie Lenny auf die Wickelkommode gelegt u. mit seinen strampelnden Beinchen gespielt hat): Ein Mitbringsel? Das wäre doch nicht nötig gewesen, Gabi. Wir wollten euch eigentlich auch was mitbringen, als Dankeschön für die Einladung, aber der Blumentopf steht noch ungegossen bei uns auf der Dachterrasse. Sorry! Das war vorhin alles ziemlich hektisch, als wir los sind.
Gabi (hat ihr gar nicht richtig zugehört, da sie hektisch in einem Klamottenhaufen auf dem kleinen Sofa in der Ecke herumwühlt, aus dem sie von ganz unten einen kleinen Beutel hervorzieht, dessen Inhalt sie prompt herausholt u. vor Gretchen ausbreitet): Naja, nachdem Lilly und Mehdi immer so geschwärmt haben von unserer gemeinsamen Rasselbande, ist das auch bei mir hängen geblieben. Irgendwie klingt das ja ganz süß mit den drei Musketieren.
Gretchen (bekommt ganz leuchtende Augen, als sie die tollen, hochwertigen Sachen ausgebreitet auf der Wickelkommode sieht): Ja, nicht?
Gabi: Ich hab nicht explizit danach gesucht, aber kurz bevor wir aus dem Laden geschmissen worden sind, weil es wohl doch eine begrenzte Aufenthaltsdauer gegeben hat, wobei die wohl wirklich gedacht haben, wir kaufen ihnen den Store leer, hab ich zufällig die Sachen an einem Ständer neben der Kasse entdeckt. Sie sind nichts Besonderes. Nur das Motiv passte so gut und Lilly war auch gleich Feuer und Flamme. Es gibt sie in verschiedenen Farben, aber weil Sabine mal meinte, ihr würdet nicht so sehr auf diese genderspezifische Unterscheidung bestehen, hab ich rosa und blau mal ausgenommen. Du hast die freie Wahl. Wobei, nicht ganz. Lenny hat nach dem blassgelben Strampler gegriffen, als die Verkäuferin die drei Teile eingepackt hat. Die war vermutlich froh, die ollen Ladenhüter endlich los zu sein.
Gretchen (wirkt ziemlich baff, als sie einen Body nach dem anderen in Augenschein nimmt, dann besinnt sie sich, sucht zwei Teile aus u. den Gelben überlässt sie Lenny): Das... Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist so lieb von euch. Danke! Sie werden sie lieben.
Gabi (zieht ihren Sohn um, damit Gretchen sieht, wie der Strampler angezogen aussieht): Davon bin ich überzeugt.
Gretchen (summt verträumt vor sich her, während sie Gabi beobachtet): Die drei Musketiere. Ich weiß, das klingt bestimmt kitschig, aber ich stell mir auch immer vor, wie die Drei zusammen aufwachsen, die dicksten Freunde werden,...
Gabi (legt Lenny vorsichtig in sein Bettchen neben der Wickelkommode u. guckt dann zu Gretchen wieder rüber): Das „Dick“ hab ich aber überhört. Er ist nur groß. Das verwächst sich noch.
Gretchen (lacht): Du weißt, wie es gemeint ist. Wie Geschwister halt. Wie eine verschworene Bande.

Das hab ich mir als Kind auch immer gewünscht. Aber Jochen war immer zu klein und die anderen Kinder, außer Steffi, wollten nie mit mir spielen. Die meisten Ferien habe ich immer alleine mit meiner „Pop Rocky“ und dem Quellekatalog in meinem Baumhaus verbracht, das ein Patient von Papa als Dank für eine gelungenen Operation uns in den Garten gesetzt hat, und hab mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wie Robin Hood durch den Wald zu toben und Menschen in Not zu helfen. Einmal hat das ja auch geklappt, aber das ist eine andere Geschichte.

Gabi (kommt nicht umhin, in das ansteckende Lachen mit einzusteigen, woraufhin ihr Sohn sie seltsam aus dem Bettchen anschaut): Und der Musketierstrampelanzug ist ihr Markenzeichen?
Gretchen (hält sich kichernd den Mund zu, weil sie Lenny mit ihrem Lachen nicht erschrecken möchte, dem müde immer wieder die Äuglein zufallen): Vorerst. Nein, aber... wenn Marc nachher mit ihnen da ist, zieh ich Marlene und Marlon auch die Strampler an und wir schauen mal.
Gabi (will eigentlich auf Distanz bleiben, aber das nette Gespräch, das sich zwischen ihnen entwickelt hat, wirkt dem entgegen): Das ist das Gute daran, dass sie noch so klein sind, sie können uns nicht widersprechen.
Gretchen (grinst): Genau. Und uns Eltern sollte doch erlaubt sein, sie niedlich anzuziehen. Um ihre Niedlichkeit noch zu unterstreichen. Solange sie uns lassen.
Gabi (nickt gedankenverloren): Definitiv.
Gretchen (folgt Gabi auf leisen Sohlen zur Tür, nachdem sie Lenny schlafen gelegt haben): Du strahlst richtig. Dir steht das Mamisein.
Gabi (drückt vorsichtig die Tür vom Kinderzimmer zu, an der sie auch noch mal kurz lauscht, bevor sie Gretchen wieder anguckt): Echt?
Gretchen (sieht sie eindringlich an): Nein, wirklich. Wir sind doch alle mal verunsichert. Das ist ganz normal. Es sollte nur nicht...
Gabi (fühlt sich unangenehm berührt): Er hat’s dir gesagt?

Oh, verflixt, Gretchen, kannst du nicht erst nachdenken, bevor du den Mund aufmachst? Ihr wart gerade auf einem so guten Weg und du grätschst dazwischen.

Gretchen (linst zur offenen Küchentür rüber, hinter der Mehdi eifrig werkelt, u. wirkt leicht verunsichert, weil sie es doch angesprochen hat, obwohl sie Marc versprochen hat, es nicht zu tun): Tut mir leid, ich sollte nicht... Im Grunde geht es mich auch gar nichts an, es ist nur, er ist mein bester Freund, mein engster Vertrauter, mein Seelenverwandter. Ich spüre doch, wenn etwas nicht in Ordnung ist und ehrlich, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt.
Gabi (müsste sich eigentlich darüber ärgern, weil Gutmensch Haase mal wieder ungefragt ihr Leben analysiert, aber tut es seltsamerweise nicht, was sie sich selber nicht erklären kann): Ich hab eigentlich Marc gemeint.
Gretchen (kichert verlegen u. würde sich am liebsten ein Loch graben, in dem sie sofort verschwinden kann): Oh, ja, natürlich, den hab ich ja auch gemeint.
Gabi (nickt wissend u. mit einem leichten Schmunzeln u. geht langsam den Flur vor ins Wohnzimmer): Sicher?
Gretchen (folgt ihr langsam u. setzt sich zu ihr auf die Couch): Er... Du weißt, wie er ist. Er kann ziemlich schroff reagieren, wenn ihm etwas nicht passt. Aber im Grunde seines Herzens meint er es doch nur gut.
Gabi (will dieses seltsame Gespräch nicht weiterführen u. weicht aus): Ich bezweifele, dass er auch nur einen Millimeter seines nicht wirklich ausgeprägten Herzens für mich freimachen würde. Außerdem hat er auch gar keinen Grund dafür.
Gretchen: Mehdi und die Kinder füllen es aber aus und du gehörst auch dazu. Er hat akzeptiert, dass ihr zusammengehört. Gerade deswegen hat er auch so unbeherrscht reagiert. Egal wie oder was genau er zu dir gesagt hat, er hat es gut gemeint. Wirklich. Du bist ihm wichtig.

Jetzt wird es wirklich unheimlich. Dasselbe Gespräch hatte ich doch vorhin schon mit Mehdi. Haben die sich abgesprochen?

Und während sich Gabi Gretchens Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ und Gretchen, abgelenkt durch die verführerischen Gerüche, welche von der Küche durch das kleine Fenster über dem Esstisch zu ihr und Gabi herüberwehten, nicht länger widerstehen konnte und unbedingt nachschauen wollte, was Mehdi da gerade alles veranstaltete, wurde unvermittelt die Tür aufgerissen und die Kavallerie, angeführt von Lilly Kaan mit Marlene im Arm, marschierte in die Kaansche Wohnung ein. Lautstark verfolgt von der genervt anklingenden Stimme der Person, die doch angeblich alles so gut meinte und trotzdem die ganze Zeit in einer Tour meckerte.

Marc: Boah, nie wieder! Der Verkehr war schon scheiße. Aber diese Gegend hier ist echt indiskutabel. Der hinterletzte Fleck auf Erden. Man kann keinen Meter gehen, ohne ungebeten einen unqualifizierten Ratschlag abzubekommen. Ey, was denken sich diese Ökoprenzelsberger eigentlich? Wenn die Zwerge heulen wollen, dann sollen sie’s doch tun. Das hat nichts mit Überforderung oder Unfähigkeit seitens des Erzeugers zu tun. Die haben ihren eigenen Kopf und das ist gut so. Verdammte Scheiße noch mal.
Lilly (wendet sich kichernd zu dem Meckerkönig noch mal um, bevor sie leise die Tür zu Lennys Kinderzimmer öffnet u. mit Marlene darin verschwindet): Scheiße sagt man nicht!
Marc (kontert oberschlaubergerhaft u. flitzt ihr mit Marlon im Arm alarmiert hinterher, als er merkt, was sie vorhat): Wieso? Hast du doch auch gerade benutzt. Außerdem, was hetzt du denn so? Willst du mit Leni den Berlinmarathon gewinnen? Zu spät. Der war schon vergangenes Wochenende. Und pass bitte mit ihr auf! Drück sie nicht so fest an dich und halt ihren Kopf oben! Ja, genau so.
Lilly (guckt noch mal aus der Tür u. grient ihn neunmalklug an, während alle Augen auf die beiden gerichtet sind): Onkel Marc, ich weiß, was ich hier tue. Ich bin Profi darin. Frag meinen Bruder! Wie lange willst du eigentlich noch herummeckern? Bis sie wieder aufwachen und mit meckern können? Dann herzlichen Glückwunsch, lange kann es nicht mehr dauern.

Momentchen mal! Hat die mich gerade gemeiert? Na, warte, Fräulein Neunmalklug. Das letzte Wort hab immer noch ich!

Marc (ihm klappt die Kinnlade herunter u. er blickt sich vergewissernd um, wobei sein Blick zunächst an Gretchen u. Gabi haften bleibt, die in ungewöhnlicher Eintracht zusammen auf der Couch sitzen, u. dann an Mehdi, der mit verschränkten Armen u. Grinseblick am Türrahmen der Küche lehnt): Sach mal, seit wann wird eigentlich Dr. Meier ständig widersprochen? Lernt man das auf deiner neuen Walldorfschule?
Mehdi (kann nicht widerstehen, darauf zu antworten): Willst du darauf eine ehrliche Antwort?
Marc (funkelt ihn an u. trägt Marlon hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei ins Kinderzimmer, wo Lilly Marlene schon neben Lenny ins Bettchen gelegt hat, was Marc überhaupt nicht passt): Halt die Klappe! Hältst du es wirklich für eine gute Idee, die beiden bei dem Riesenbaby zu parken?
Lilly (stemmt empört beide Hände in die Hüften): Mein Bruder ist kein Riesenbaby. Er ist ganz normal für sein Alter. So wie ich auch.
Marc (schmunzelt u. ist einmal mehr hingerissen von seiner Patentochter): Sagt wer, dein Vater? Der sieht die Dinge doch eh immer nur durch seine rosarote Brille.
Lilly (streckt ihm frech die Zunge heraus, bevor ihre Aufmerksamkeit wieder ganz bei den niedlichen Babys ist, denen sie zaghaft über den Bauch streichelt): Die Medizin! Außerdem haben sich die drei Süßen neulich doch auch schon so gut verstanden.
Mehdi (dreht sich schmunzelnd wieder um u. geht zurück in die Küche): Ich lass euch dann mal. Ihr kommt zurecht? Hallo noch mal, Marc!
Marc (zögert erst u. bettet dann Marlon auch neben Lenny u. Leni in das breite Kinderbettchen): Ja, ja, du mich auch. Aber wenn er die beiden wieder aufweckt, dann ist das allein deine Schuld und du kümmerst dich.
Lilly (salutiert ihm verspielt pflichtbewusst u. hockt sich dann vor das Bettchen, um die drei tief u. fest schlummernden Babys ausgiebig zu bestaunen): Okidoki, Onkel Marc! Ich hab doch gesagt, das funktioniert.
Marc: Unfassbar so was.

...schüttelte Marc ungläubig den Kopf. Musste er sich doch tatsächlich von einer Zehnjährigen belehren lassen. Aber nicht mit ihm. Die Rache würde kommen. Kalt serviert. Er schaute den vier Kindern noch einen Moment lang zu und zog sich dann langsam und vor sich hin grummelnd zurück. Im Wohnzimmer wurde der stolze Zwillingspapa nämlich schon sehnsüchtig erwartet.

Gabi: Ich glaube, ich hab Hallus. Wer noch mal ist der Typ und wo hat er Marc gelassen? Man müsste ihm eigentlich dankbar sein.
Gretchen (beobachtet kichernd, wie sich Marc dabei abmüht, aus seiner Lederjacke zu kommen, die er schließlich frustriert auf den Schuhhaufen im Flur schmeißt): Ich wollte mich ja eigentlich zurückhalten und nicht so viel schwärmen, ich weiß ja, dass ich damit nerven kann, aber ich kann nicht anders, wenn er so ist. Er geht voll und ganz auf in seiner neuen Aufgabe. Es ist echt faszinierend, ihn dabei zu beobachten.
Marc (ignoriert die tratschenden Mädels wohlwissentlich, während er sich erschöpft in einen der Sessel um den Couchtisch fläzt, u. schaut mit ausgestrecktem Hals immer wieder in Richtung Flur, wo die Tür zum Kinderzimmer ist, die er im Auge behalten möchte): Was in drei Gottes Namen ist es das wert?
Mehdi (linst wie aufs Stichwort von der Küche durch das kleine Fenster ins Wohnzimmer): Ich hab ein mehrgängiges Menü vorbereitet. Die Antipasti stehen schon bereit. Zehn Minuten noch.
Marc (verzieht angewidert sein Gesicht): Boah, nee ey, da hätten wir auch gleich den Pizzaservice rufen können.
Gabi: Meine Rede.
Marc (nimmt die vorlaute Dame, die er eigentlich konsequent ignorieren will, direkt ins Visier, um ihr einmal mehr eins reinzuwürgen): Na, wieder da? Oder sind die Siebenmeilenstiefel schon geputzt? Mich wundert, dass dich Tim Mälzer für Arme mit seiner Kochobsession noch nicht wieder in die Flucht geschlagen hat.
Gretchen (funkelt den Sprücheklopfer vorwurfsvoll an): Marc!
Marc (zwinkert frech zu ihr rüber, als er plötzlich von anderer Seite überrumpelt wird): Anwesend! ... Hey! Was zum...?
Lilly (quetscht sich zu ihm in den Sessel u. versucht vergeblich, ihn mit einer Kitzelattacke zu animieren aufzustehen): Onkel Maaarc! Wir wollten doch noch Gitarre üben. Ich wollte dir vorspielen, was ich in den Ferien alles gelernt habe. Es gibt da so ein tolles italienisches Wiegenlied. Da steht Lenny voll drauf. Das klappt bei den Zwillingen bestimmt auch. Wenn sie wieder wach sind, probieren wir das gleich mal aus.
Mehdi (lächelt): Geht nur! Ich brauche noch einen Moment.
Marc (lässt sich nur widerwillig von der Nervensäge mitziehen, wobei er mit angedeutetem Ameisenblick Gretchen u. Gabi ins Visier nimmt, die ihn schmunzelnd beobachten): Ich wusste, das hat einen Haken. Das artet ja richtig in Arbeit aus und das an meinem freien Wochenende. Das war so aber nicht abgesprochen. Ich könnte jetzt relaxed im Stadion sitzen und zwei Reihen hinter der Trainerbank zugucken, wie die Union untergeht. Aber nee, ich hab ja Pflichttermin. Das kriegt ihr alle wieder, aber so was von.
Gretchen (schaut den beiden vergnügt hinterher, wie sie im Flur verschwinden, u. hört kurz darauf, wie die Tür von Lillys Zimmer zufällt, u. grient dann Gabi neben sich an): Sicher, Marcilein! ... Na, hab ich zu viel versprochen?
Gabi (runzelt die Stirn u. tauscht vielsagende Blicke mit Mehdi aus, der noch mal kurz durch das kleine Fenster zu den Mädels rüber grinst, nachdem er auf dem reichlich dekorierten Tisch einige seiner Köstlichkeiten abgestellt hat): So langsam verstehe ich, was du meinst. Es passt nur nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe. Ich krieg’s nicht zusammen.

Lorelei Offline

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26.10.2020 16:21
#1669 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

- „Onkel Marc, hast du mir überhaupt zugehört? Onkel Maaarc!!!“, nölte es nach einer Weile ungeduldig von dem überdimensionalen knallpinken Sitzball aus, auf dem das aufgeweckte zehnjährige Mädchen fröhlich vor ihrem innig angehimmelten Ehrengast herumwippte, als säße sie auf einer riesigen Schiffsschaukel auf dem Berliner Rummel, wobei sie fachkundig ihre mit Schmetterlingen und feenartigen Wesen bunt beklebte Gitarre balancierte, die eben erst verklungen war. Ihr melodischer Klang schwang noch leicht in dem großzügig geschnittenen Kinderzimmer nach, sodass man fast versucht war, die bekannte Melodie leise mitzusummen, um das wohlig warme Ambiente in dem abendlich orange-gelb beleuchteten Raum noch zusätzlich zu untermalen. Aber das Ein-Mann-Publikum von Lillys durchaus beeindruckenden Künsten an der Klampfe, die ihren einstigen Besitzer übrigens schon ein halbes Leben lang begleitet hatte, bis dieser sie während einer nicht wirklich feierlichen Geste spontan als nachträgliches Geburtstagsgeschenk seinem Patenkind überlassen hatte, schien davon gar nichts zu bemerken. Kämpfte er doch noch immer mit der gesundheitlich fragwürdigen, ekelhaft weichen Matratze und den unzähligen rosa-lila-pinken Kissen und anderen merkwürdigen Subjekten, die ihn fast begraben hätten, als er auf der Suche nach einer bequemen Sitzgelegenheit pappfrech das für seine Beine viel zu kurze Kinderbett okkupiert hatte, was er mittlerweile aber bereute.

Ebenso wie die Tatsache, dem unverfrorenen Charme der dauerlächelnden Fünftklässlerin ohne Gegenwehr einfach so erliegen zu sein, die eigentlich gar nicht viel machen musste, um ihn, den selbstbewussten, taffen, hoch qualifizierten Chirurgengott, den nichts, aber auch gar nichts umhauen konnte, mir nichts dir nichts um den kleinen Finger zu wickeln. Wie war das nur möglich? Fünf Minuten im Bannkreis der versammelten Kaans und er entwickelte sich zu einer noch weichgespülteren Version, als sie der nervige Erzeuger dieser kleinen bezaubernden Nervensäge je sein konnte. Das fragte sich der Vierunddreißigjährige verwundert, während er sich skeptisch in dem in seinen Augen zweitkitschigsten Mädchenzimmer, das er je mehr oder weniger freiwillig besichtigt hatte, umschaute und die störende Hanna-Montana-Motivbettdecke beiseite schob, unter der er schließlich sichtlich schockiert den Grund für seine seit Minuten anhaltenden akuten Rückenprobleme entdeckte, was Dr. Marc Olivier Meier endgültig sprachlos machte.

Ohne diagnostisches Rezept und entsprechende fachkundige Einweisung sollten unerfahrene Familienväter und noch unerfahrenere Patenonkel definitiv kein Kinderzimmer ihrer Schützlinge betreten, war seine direkte überforderungsbedingte Schlussfolgerung. Die Langzeitfolgen wären nicht vorhersehbar und die Bilder könnten einen eventuell ein ganzes Leben lang in Albträumen verfolgen, so wie es nicht mal „Chucky, die Mörderpuppe“ fertig bringen könnte. Dementsprechend abwesend starrte Marc auf den mit reichlichem Sicherheitsabstand hochgehaltenen Gegenstand in seiner linken Hand, als er doch noch auf den bohrenden Blick seiner ungeduldig hin und her wippenden Patentochter reagierte, die von ihrer großen Gitarre fast komplett verdeckt wurde, welche nur Zentimeter über dem pastellrosafarbenen flauschigen Teppich schwebte, von welchem ein seltsamer blumiger Duft ausging. Jeder Zeit startbereit, wieder für musischen Genuss der Extraklasse benutzt zu werden, für den der Oberarzt außer Dienst jedoch im Moment nicht wirklich ein Ohr hatte. Denn sein hochsensibles Hirn war gerade sehr damit beschäftigt, die gerade erst entstandenen Bilder zu verarbeiten, woran es erstmalig in seiner über ein Jahrzehnt anhaltenden bemerkenswerten Karrierelaufbahn zu scheitern drohte.

Marc: Anwesend! Also, äh... mehr oder... weniger. Eher... weniger.
Lilly (rollt mit dem Gymnastikball näher an ihn heran u. blickt ihm erwartungsvoll in die weit aufgerissenen verwirrten Augen): Und was hältst du nun davon?
Marc (merklich irritiert hält er eins der Subjekte, die er unter der Bettdecke gefunden hat, an seinem ungesund verdrehten Bein hoch u. weiß wirklich nicht, was er dazu sagen soll): Äh... was?
Lilly (reagiert verstimmt u. lehnt erst einmal die Gitarre neben sich an ihren Schreibtisch, bevor sie bockig ihre Arme verschränkt): Lennys Schlummerlied! Hallo! Du hörst mir ja wirklich nicht zu. Dabei hab ich mir solche Mühe gegeben. Das Lied ist nämlich gar nicht so einfach. Obwohl Elvis Presleys „Love me tender“ dieselbe Wirkung hat, behauptet Papa, mag ich das hier lieber. Das erinnert mich so schön an Italien. Da war es so schön, ich hatte schon ganz vergessen, wie schön es da ist, Onkel Marc. Hast du überhaupt irgendetwas von dem mitbekommen, was ich dir erzählt habe?

Großer Gott, es gibt einfach Dinge, die sollte man(n) niemals zu Gesicht bekommen. Die verstörenden Bilder könnten nie wieder weggehen. Also Marlene wird definitiv mit den Jungs auf Matchboxautos getrimmt, wenn sie alt genug dafür ist, bevor ich die beiden zusammen mit Lenny ins Stadion mitnehme. Das hier tue ich ihr nicht an, auch wenn Haasenzahn ihre Mutter ist und sie sicherlich einen noch viel größeren Fundus mit den hässlichen Dingern auf Papas Speicher hat. Hilfe! Wo bin ich da nur rein geraten? Wieso bereitet einen niemand darauf vor? Da muss es doch eine Warnung geben, verdammt noch mal, Mehdi, ey, du Flitzpiepe.

Marc (schüttelt abwesend den Kopf, bis er merkt, wie das rüberkommt, u. versucht sich zu sammeln, was ihm angesichts der Tatsachen sichtlich schwerfällt): Äh... sorry, Lillyfee. Ich bin dabei. Panne mit dem generalüberholten Bulli kurz vor Plauen, Ruckelpartie über die Alpen, Toskana, Bauernhof, verhedderter Drachen, Retter in der Not, Musik am Lagerfeuer, Gabis Plumps in die Weinpampe, Lennys Dauergeschrei auf der Rückfahrt bis kurz hinter Erfurt, wo auf unseren Gynäkologieexperten im wahrsten Sinne des Wortes ein Berg Arbeit gewartet hat. Das hab ich schon gecheckt. Ich war nur abgelenkt von den dreiundzwanzig stinkenden Barbies, die meinen Rücken malträtiert haben. Mein Chiropraktiker wird sich freuen. Dein Sparschwein eher weniger. Ich hoffe, es ist gut gefüllt, um meine Auslagen zu begleichen. Aber jetzt bin ich voll und ganz für dich da. Um auf deine Frage zurückzukommen, du bist gut, aber das muss ich dir ja nicht extra sagen, das weißt du. Daran solltest du niemals zweifeln und lass dir bloß nichts einreden von Leuten, die eh keinen Schimmer haben. Die sind doch bloß neidisch, weil sie völlig talentfrei sind im Gegensatz zu dir. Aber über meine verschandelte Gitarre, die sich in Tinkerbells Zupfinstrument verwandelt hat, sollten wir noch mal reden. Was ist aus meinen nackten Frauen geworden? Ey, das war damals eine Heidenarbeit, überhaupt an die Bilder ranzukommen. Der Chef vom Kiosk gegenüber vom Gymi wundert sich bis heute, wohin die „Playboy“-Ausgaben am Erscheinungstag immer verschwunden sind, bevor er sie überhaupt in der Grabbelecke hinterm Tresen ausstellen konnte. Man war das eine geile Zeit. Karsten musste Schmiere stehen und den Alten ablenken und hat sich dabei fast immer in die Hose gemacht. Dieser Donnerstag im Monat war immer der einzige Tag, an dem wir ausnahmsweise mal pünktlicher als Haasenzahn zum Unterricht erschienen sind. Hähä!
Lilly (starrt den schelmisch grinsenden Oberarzt mit großen Kulleraugen an): Vierzehn!
Marc (sieht sie nun vollends verwirrt an): Bitte?
Lilly (verdreht die Augen u. nimmt ihm merklich enttäuscht die kleine Puppe ab, um sie wieder richtig einzurenken u. dann vorsichtig zurück zu den anderen ans Kopfende ihres Bettes zu setzen): Es sind vierzehn Barbies, Onkel Marc. Und sie stinken nicht. Sie sind nicht in China hergestellt worden.
Marc (schmunzelt über ihren Schlaubergerinnenton, der ihm sehr vertraut ist): Sicher?
Lilly (verschränkt beleidigt ihre Arme vor ihrem Körper u. rutscht dabei fast von ihrer wackeligen Sitzgelegenheit): Ja, das sind alles Originale. Nachhaltig und wieder verwertbar. Für jeden Monat, den Mama geschlafen hat, eine. Frag meine Oma! Sie hat sie sorgfältig ausgewählt. Ansonsten hätte ich den anderen Teil meiner Spielzeugsammlung nämlich auch nicht den Kindern im Flüchtlingsheim gespendet.
Marc (hebt beide Hände in Unschuldspose hoch u. grient das neunmalkluge Mädchen keck von der Seite an): Oh, ganz der Papa, hm?
Lilly (zieht eine hinreißende Schmollschnute, während sie ihn eindringlich ansieht): Ach, Maaarc, musst du immer alles gleich ins Lächerliche ziehen? Das ist ein ernstes Thema. Das ist mir wichtig. Weißt du, andere Kinder haben es nämlich nicht so schön wie du und ich.
Marc (plötzlich wieder bierernst, bis der Schalk doch erneut mit ihm durchgeht, weil er nicht anders kann): Das ist mir bewusst und ich lobe dein Engagement. Wirklich. Da können sich andere in deinem Alter, die den ganzen Tag vor ihren Spielekonsolen und Handys hocken und gar nichts von der immer komplizierter werdenden Welt da draußen mitbekommen, eine Scheibe von abschneiden. Aber um noch mal auf das Lächerliche zurückzukommen, das du beiläufig erwähnt hast und das das Leben irgendwie heiterer macht, äh... wie noch mal genau ist Gabi in den Weinbottich geplumpst? Eigentlich ist sie doch ziemlich trinkfest und lässt sich nicht so leicht von ein paar Gläsern ausknocken. Das weiß ich aus leidlicher Erfahrung. Ich hab’s schließlich oft genug versucht, während ich sie mir gleichzeitig vergeblich schön gesoffen habe. Oder muss dein Papa neuerdings zu subtileren Methoden greifen, um sie zu hal...? Äh... egal! Das schießt jetzt über das Ziel hinaus. Was wolltest du sagen?
Lilly (verdreht die Augen, freut sich aber, dass sie doch noch seine Aufmerksamkeit gewonnen hat, u. erzählt die Anekdote ausschweifend ein weiteres Mal): Wir haben bei der Weinlese mitgeholfen und haben dann zugeguckt, wie die Erntehelfer danach bei einem großen Fest auf dem Bauernhof, wo wir geschlafen haben, mit nackten Füßen in riesigen Bottichen auf den frischen Trauben herumgehüpft sind. Das sah nach richtig viel Spaß aus und wir wurden angestachelt, mitzumachen. Das war voll ekelig, aber auch megalustig, vor allem als Gabi plötzlich das Gleichgewicht verloren hat und der Länge nach in den roten Trauben gelandet ist. Mit ihrem schicken weißen Kleid, das Papa ihr gerade erst geschenkt hat. Das sah aus wie nach einem Blutbad in einem Horrorfilm und sie klang auch danach. Ich wusste gar nicht, wie doll sie schimpfen kann. Sogar auf Italienisch, obwohl sie gar kein Italienisch kann so wie ich. Ich musste Lenny die Ohren zuhalten. Hihi!
Marc (amüsiert sich gerade königlich, sodass er sich nicht mehr an dem Barbiepublikum in seinem Rücken stört): Ich kann’s mir bildlich vorstellen. You made my day, Lillyfee. Aber seit wann kennst du dich eigentlich mit Horrorfilmen aus? Bist du dafür nicht noch ein bisschen zu jung? Oh, alles klar! Das wahre Leben erzählt mit, hm?

Der wahre Horrorfilm ist ja der, dass der Dorfdepp immer noch unsterblich in die blöde Kuh verknallt ist. Die kann machen, was sie will, abhauen und ihm das Blaue vom Himmel versprechen, und er klebt trotzdem noch an ihren grell geschminkten Lippen wie an einem ekelhaftsüßen Lolli aus dem Süßigkeitenautomaten, der längst abgelaufen ist. Das werde ich nie verstehen, will ich auch gar nicht. Schon schlimm genug, dass ich unter Vortäuschung falscher Tatsachen hinterhältig hierher gelockt worden bin und mir statt Hertha nun ihre wenig appetitliche Dauerturtelei angucken muss. Bäh! Ich leide mit dir, Lillyfee.

Lilly (hat die Stichelei auf Gabis Kosten gar nicht mitbekommen u. grient ihr Gegenüber zuckersüß an): Und da das so ulkig war, haben wir uns alle solidarisch mit zu ihr fallen lassen, haben uns darin gewälzt, uns mit Weintrauben beworfen und so gelacht, bis wir nicht mehr konnten, weil wir solche Bauchschmerzen bekommen haben. Das war toll. Der megacoolste Urlaub aller Zeiten.
Marc (zieht skeptisch eine Augenbraue hoch): Alle? Oh Gott!
Lilly (bekommt direkt leuchtende Augen, wenn sie daran zurückdenkt): Nicht, was du denkst, Onkel Marc. Lenny hat vom Kinderwagen aus zugeguckt, aber ich glaube, er hat das sogar verschlafen, die süße Schlafmütze. Weißt du, er verpasst immer die besten Momente und weint erst, wenn es wirklich nicht angebracht ist, aber dann extrem ausdauernd. Das kann sogar eine ganze Reise dauern, obwohl er sonst immer total lieb ist. Ich glaube, er wäre wie wir alle gerne noch ein bisschen länger geblieben. Aber Papa, Tante Julietta, Mario, ich, die Nachbarsmädchen und die anderen Urlaubsgäste haben mitgemacht und sind auch reingesprungen.
Marc (horcht misstrauisch auf): Mario, welcher Mario? Ich höre immer Mario.
Lilly (verdreht leicht genervt die Augen u. klärt ihn noch mal auf): Ich hab dir doch vorhin von ihm erzählt. Hast du mir doch nicht zugehört? Er ist schon dreizehn und der Sohn von unserer Herbergsmama Julietta. Die hat immer auf uns aufgepasst, wenn Papa und Gabi ein romantisches Date hatten. Mario hat meinen Drachen aus dem Olivenbaum gefischt, als der sich darin total verheddert hat, und repariert. Der fliegt jetzt wie eine Eins. Ich zeig’s dir, wenn wir das nächste Mal zum Tempelhofer Feld raus fahren. So haben wir uns kennengelernt. Er hat mir auch das Schlummerlied für Lenny auf der Gitarre beigebracht. Er kann echt toll spielen und ist auch gerade erst großer Bruder geworden. Sein Bruder ist aber nicht so pflegeleicht wie meiner. Eines Nachts hat er so doll geschrien, dass er das ganze Haus wach gehalten hat. Gabi war so genervt, weil sie Angst hatte, er würde Lenny damit anstecken, da hat Papa uns einfach geschnappt, wir sind mit Opas Bulli auf eine kleine Anhöhe in der Nähe gefahren und haben dort geschlafen. Am nächsten Morgen sind wir dann von einem spektakulären Sonnenaufgang geweckt worden und Papa hat gemerkt, dass das derselbe Ort war, wo er als Kind schon mit Oma und Opa im Bulli gecampt hat. Toll, nicht? Dort sind wir dann den Rest der Woche geblieben, obwohl Gabi campen eigentlich gar nicht mag, bis Papa den Anruf gekriegt hat wegen der Drillinge.
Marc: Ah ja!?!

...summte Marc nur gelangweilt, denn das war der Moment, als sich sein stets aufmerksamkeitsbemühtes Hirn wieder verabschiedet und die Müdigkeit übernommen hatte. Nachwirkung einer weiteren schlaflosen Nacht, an der zwei unschuldige kleine Menschen ebenfalls regen Anteil genommen hatten. Während der frisch gebackene Zwillingspapa also seinen Augen einen kleinen Schonmoment gönnte, schwelgte seine Patentochter weiter in ihren schönen Urlaubserinnerungen, bis sie plötzlich in ihren Erzählungen innehielt und Marc eindringlich anschaute, dessen Unterbewusstsein, ob es wollte oder nicht, direkt darauf ansprang, als hätte es gemerkt, wie ausdauernd er von dem kleinen Mädchen angestarrt wurde.

Lilly: Duuu, Onkel Maaarc?
Marc (ahnt schon am Tonfall, was gleich kommen könnte, irrt sich dabei aber gewaltig, als er sie grinsend mit ähnlicher Stimmlage nachäfft): Jaaa?
Lilly (rollt nun ganz nah mit ihrem Sitzball an Marc heran u. fängt an zu flüstern, was ihr Gegenüber natürlich verwundert): Kann ich dich mal was fragen?
Marc (würde gerne noch weiter vor sich hin dösen, öffnet aber langsam ein Auge nach dem anderen u. sieht das seltsam herumdrucksende Mädchen nun direkt an): Klaro! Du bist ein Kind. Kinder dürfen das in der Regel. Das liegt in eurer Natur. Solange ihr Fragen stellt und euch die Welt erklärt, wie sie euch gefällt, müssen wir Erwachsene uns keine Sorgen machen, zumal du ja bald in das Alter kommen wirst, in dem das Kommunikationsbedürfnis kontinuierlich nachlassen wird, was für mein Nervenkostüm gut ist, für Mehdis eher weniger, aber als ob ich mir je Sorgen um dich gemacht hätte, Miss Neunmalklug.
Lilly (kichert, als er sie leicht an der Nase anstupst, sodass sie fast von ihrem Ball heruntergerutscht wäre, wirkt dann aber schnell wieder ernst): Ey, Onkel Maaarc!
Marc (lacht): Ich hab nichts gemacht.
Lilly (steigt in sein ansteckendes Lachen mit ein u. wirkt gleich viel mutiger): Gar nicht. Wie immer. Hihi! Du, sag mal, wann hast du gemerkt, dass du Gretchen magst?
Marc (fühlt sich sichtlich überrumpelt von der Frage, mit der er überhaupt nicht gerechnet hat): Bitte?
Lilly (sieht ihn mit großen leuchtenden Augen neugierig an): Also so richtig, richtig gern hast?
Marc (schaut sein Gegenüber nun wiederum mit großen verdutzten Augen an): Äh... wie kommst du denn jetzt da drauf?
Lilly (druckst dann doch wieder herum u. wird sogar ein bisschen rot, weil er nicht gleich so reagiert hat, wie sie gehofft hat): Och, nur so. Du hast doch gesagt, ich darf alles fragen, was ich will und das wollte ich immer schon mal von dir wissen.

Okaaay?!? Was wird das hier? Versteckte Kamera? Hat Haasenzahn sie vorgeschickt, aber wieso? Bei uns ist doch alles klar. Oder? Nee, oder? Scheiß die Wand an! Oh, oh, Mehdi! Jetzt tust du mir doch ein bisschen leid. Aber nur ein klitzekleines Bisschen. Wir wollen es ja nicht gleich übertreiben.

Marc (ahnt, worauf sie eigentlich hinauswill u. versucht geschickt, es aus ihr herauszukitzeln): Tatsächlich? Oder ist das ein subtiler Versuch, abzulenken, weil es eigentlich um jemand ganz anderen geht, hm? Wie hieß der Typ noch mal, der Drachenbezwinger und mein mittelmäßiger Konkurrent an der Gitarre? Massimo?
Lilly (jetzt guckt sie ziemlich verdutzt aus der Wäsche): Hä? Mario, wieso?
Marc (lässt sie gar nicht erst ausreden, weil er sein Grinsen kaum noch zurückhalten kann): Und sein Bruder heißt nicht zufällig Luigi?
Lilly (starrt ihn ungläubig an): Woher weißt du das?
Marc (gerät dann doch kurz aus der Fassung, bis der Lachflash ihn wieder übermannt): Oh Gott, die Klischeemaschine wurde wieder angeworfen. Aber was wundert mich das bei den Kaans. Das ist eure Superkraft. Ihr zieht so was doch magisch an. Ich sage nur Oberarzt und Krankenschwester, das alte Spiel.
Lilly (reagiert so langsam ziemlich angefressen): Onkel Maaarc, so langsam glaube ich, dass du es bist, der ablenken will. Ich hab dich doch nur etwas gefragt.
Marc (ist beeindruckt von ihrer Hartnäckigkeit u. lehnt sich ans Kopfende zu den versammelten Barbiepuppen zurück): Das hab ich auch.
Lilly (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Ich hab aber zuerst gefragt.
Marc (hat in Lilly seine Meisterin gefunden u. grient sie vergnügt an): Dann darf ich aber im Gegenzug auch zuerst Mehdi sagen, was das Herz seiner Tochter gerade am allermeisten bewegt, hm? Damit hätte sich der Ausflug hierher doch noch gelohnt, wenn ich schon nichts zu beißen kriege wie abgemacht.
Lilly (reißt die Augen weit auf): Das wagst du nicht?
Marc (verschränkt vergnügt seine Arme vor seiner Brust u. vergewissert sich bei den dekorativ aufgereihten Barbiepuppen in seinem Rücken): Ich würde es nicht auf den Versuch ankommen lassen, Prinzessin Lillyfee.
Lilly (dreht sich eingeschnappt von ihm weg): Ach menno, da will ich einmal ein ernsthaftes Gespräch auf Augenhöhe mit dir führen und du machst dich nur lustig über mich. Wieso denken eigentlich alle, dass ich noch ein kleines Kind bin? Lenny und die Zwillinge, die sind klein. Hey, ich gehe doch schon auf die weiterführende Schule. Ihr könnt richtig mit mir reden.
Marc (rudert direkt zurück, als er merkt, dass er zu weit gegangen ist, u. rutscht zu dem schmollenden Mädchen an die Bettkante vor, dem er die Hand sanft auf die Schulter legt, damit es ihn wieder ansieht): Das ist mir bewusst. Und ich bin nicht alle, so viel schon mal vorweg. Ich behandele jeden auf Augenhöhe, an dem mir etwas liegt. Unabhängig vom Alter oder sonst was. Ich dachte, wir wären schon einmal an dem Punkt gewesen, der Erwachsenengespräche oder so was in der Art betrifft, und du hast doch hoch und heilig versprochen, noch so lange wie möglich Kind bleiben zu wollen. Warum jetzt der Sinneswandel? Oder hab ich doch Recht? Das hab ich nämlich in der Regel immer. Das beweist mein Doktorschild, das ich heute ausnahmsweise mal nicht dabei habe. Aber Dr. Meier hat den Durchblick. Nicht nur im Medizinischen. Wobei ich medizinische Fragen aber lieber beantworte.

Okay, ich geb’s zu, ein präpubertierender Teeny zusätzlich zu den drei Schreizwergen wäre mir dann doch auch zu viel. Du hast mein Mitgefühl, Alter. Wir stehen den ersten Anflug gemeinsam durch. Ich hoffe, du revanchierst dich dann, wenn es wirklich soweit ist. So in dreißig Jahren oder so. Du hast die Nahkampfausbildung, ich den kühlen Kopf in Extremsituationen, einschließlich Pandemien, Wölfen im Schafspelz und so weiter.

Lilly (sieht ihn seufzend wieder an u. spürt erleichtert, dass er es diesmal ernst meint): Daran hat sich doch auch gar nichts geändert. Ich wollte doch nur wissen, wie das damals so war. Deine Geschichte. Gretchens Version kenn ich ja schon.
Marc (schmunzelt wissend): Ach, tust du das? Na, das ist ja auch nicht sonderlich schwer. Sie hat sie schließlich in den buntesten Farben jedem erzählt, den es nicht interessiert hat. Daraus könnte man in ihren Augen eine ganze Primetimeserie machen. Weißt du, was für einen harten Stand ich im EKH seitdem habe? Aber egal, Chirurgen sind schließlich hart im Nehmen. Du hast mich was gefragt und da du schon groß bist, verdienst du auch eine Antwort. Aber vorher verrate ich dir noch etwas Grundlegendes. Also, Ohren gespitzt, junges Fräulein! Die Info könnte dir auf deinem weiteren Weg durchaus nützlich sein und die kriegt nicht jeder. Aber von denen, die es im Hinterstübchen vielleicht schon ahnen, halten sich sowieso nur die wenigsten daran, weil das zwischen Jungs und Mädchen echt eine komplizierte Angelegenheit ist. Das kann man nicht in zwei Sätzen zusammenfassen. Das ist hochkomplex. Das sind zwei komplett verschiedene Planeten, von denen der eine den anderen nicht versteht und umgekehrt, was alles noch konfuser macht. Also überleg dir genau, ob du wirklich schon so weit in die Erwachsenenwelt hinblicken willst, Lillyfee.
Lilly (wird so langsam ungeduldig, weil er die ganze Zeit nur um den heißen Brei herumredet): Onkel Maaarc!
Marc (nickt lachend u. klopft auf den freien Platz neben sich, den Lilly begeistert annimmt, weil sie sich jetzt an seine Seite schmiegen kann): Okay, das interpretiere ich dann mal als ein eindeutig positives Zeichen. Aber zu meiner Verteidigung, ich hab dich gewarnt. Also, um es auf den Punkt zu bringen, Jungs, und das betrifft so ungefähr jedes Alter, Lenny und Marlon mal ausgenommen aus Gründen, die dir sicherlich bekannt sein sollten, reden gewöhnlich nicht so gerne über dieses ganze Gefühlsgedöns, das Beziehungen nun mal mit sich bringen, wenn man sich doch einmal aus mehr oder weniger nicht nachvollziehbaren Gründen darauf eingelassen hat. Deshalb könntet ihr Mädchen euch das andauernde Nachfragen eigentlich sparen. Das kostet sowieso nur unnötig eine Menge Energie, die man anderweitig sinnvoller nutzen könnte. Für den Weltfrieden, Klimaprojekte, Mehdis Nebentätigkeiten.
Lilly (hört ihm gebannt zu): Und wieso nicht?
Marc (setzt zu einer kurzen künstlerischen Denkpause an, erklärt dann aber recht schnell weiter, als er merkt, wie hinreißend süß Lilly an seinen Lippen klebt): Tja, weil sie im Grunde Angst haben. Das ist das große dunkle Geheimnis, das niemals ans Tageslicht gelangen darf. Also, psst! Die Info ist nur für dich und nicht für deine Freundinnen. Die müssen das noch selber alleine herausfinden. Aber da ich davon ausgehe, dass du dich nur mit den Schlauen von ihnen abgibst, werden sie sicherlich schnell auf den Trichter kommen.
Lilly (runzelt verwundert mit der Stirn u. denkt lange darüber nach): Sie haben Angst? Aber wieso denn? Wir beißen doch nicht.

Ich glaube, es könnte sie verschrecken, wenn ich erwähne, dass ich durchaus auch gegenteilige Erfahrungen gemacht habe, die unter anderem auch die Person betreffen, mit der sie sich neuerdings dauerhaft die Wohnung teilt, aber das ist eine andere Geschichte, die tief im dunklen Keller für immer vergraben bleiben wird. Schließlich ist das alles schon schräg genug, dass ich, obwohl ich sie los bin, jetzt trotzdem wieder gezwungen bin, sinnlos Zeit mit ihr zu verbringen. Danke Mehdi, ein toller Freund bist du. Dein fragwürdiger Frauengeschmack hat mir schon immer den letzten Nerv gekostet.

Marc (gibt sich betont ernst, obwohl er am liebsten schmunzeln möchte, weil sie ihn so herrlich verpeilt anguckt): Jep, vor selbstbewussten starken Mädchen wie dir, die Dinge hinterfragen und eine Meinung haben. Sie haben die Buxe voll, weil sie insgeheim wissen, dass sie euch nicht im Geringsten das Wasser reichen können. Deshalb leugnen sie auch gerne, weisen jeden Verdacht, dass da was sein könnte, als Hirngespinst von sich, stellen sich extra doof oder werden ganz besonders ekelhaft gemein. Oder aber es interessiert sie einfach nicht. Sie haben noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, was vermutlich auf die meisten von ihnen zutrifft, wenn sie nicht gerade stänkern. Weil sie Angelegenheiten, die für sie selbstverständlich sind, für nicht weiter erwähnenswert halten. Für sie ist die Sache klar, also sollte das auch für ihr Gegenüber gelten. Aber Frauen quatschen halt gerne. Noch ausdauernder als Lenny und die Zwillinge zusammen die Welt zusammenschreien können. Das ist evolutionsbedingt so angelegt. Hat, glaube ich, was mit Nestbau oder so zu tun. Keine Ahnung. Es gibt keinen Ausschalter, es sei denn, man knutscht sie nieder. Aber das funktioniert auch nur beim ersten Versuch. Denn sie durchschauen einen schneller, als man den ersten Schnitt bei einer Blinddarm-OP setzen kann. Sie sezieren jedes noch so kleine Detail, das sie aus ihren mundfaulen Männern herausgekitzelt haben und interpretieren es auf ihre Weise, was meistens zu noch mehr Missverständnissen führt und daher ziemlich nervig sein kann, was natürlich nicht auf dich zutrifft. Dir höre ich nämlich zu, wenn ich nicht gerade im Zwillingskoma weile, wofür ich mich im Übrigen nicht entschuldigen werde. Das halte ich für selbstverständlich.
Lilly (grient ihn an): Selbstverständlich. Heißt das, für dich war immer selbstverständlich, dass du Gretchen magst?

Was heißt schon ‚immer’? ‚Immer’ ist ein ziemlich weit gefasster Begriff. Aber das sind einundzwanzig Jahre, zwei Monate und dreieinhalb Wochen auch. Unfassbar, dass ich sie seit der Siebten kenne und mich noch an jede noch so kleine unbedeutende Begebenheit mit ihr erinnern kann. Vom Spieler in Mitte bis eben, als sie mich angeguckt hat und dann Gabi so einen komischen „Ich-hab’s-dir-doch-gesagt“-Blick zugeworfen hat. Ey, was sollte das eigentlich? Verrät sie ihr etwa Interna? Na, warte, du! Lass mich das hier noch fix zu Ende bringen, dann knöpfe ich mir dich vor, Haasenzahn!

Marc (will eigentlich nicht tiefer in die Materie einsteigen, aber Lillys niedliche Beharrlichkeit hat ihn dazu gebracht, dass seine Gedanken unweigerlich genau dorthin schweifen): Nicht immer, aber sie... Sie konnte schon ziemlich hartnäckig sein. Fast so hartnäckig wie du, große Maus. Aber sie... sie ist speziell. Das war sie schon immer. Sie fällt auf und ist mit nichts und niemandem auf diesem Planeten vergleichbar. Keine ist wie sie. Sie ist ein echtes Unikat und kann nicht als Blaupause herhalten, auch wenn du das gerne hättest, um zu verstehen, was gerade Seltsames mit dir passiert. Wir sind kein Abziehbild, das du dir auf meine alte Klampfe patschen kannst. Das mit uns ist... Es gibt nicht ausreichend Worte, um das mit uns zu beschreiben. Es ist... kompliziert und das ist noch weit untertrieben. Vieles lässt sich nicht erklären. Aber das ist gut so, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden, eigene Erfahrungen sammeln und wenn es seine Zeit dauert, dann ist das halt so. So wie wir’s gemacht haben, ist vielleicht nicht unbedingt empfehlenswert, ganz bestimmt nicht, aber man kann eben nicht vorhersehen, was passieren wird. Einiges hätte man sich sparen können, definitiv, anderes dagegen.... Naja, es kommt sowieso immer anders, als man denkt. Und irgendwie ist das ja auch das Spannende. Jeder Tag mit ihr ist neu. Unvorhersehbar. Aber eins ist klar, so jemanden wie sie vergisst man nicht so schnell wieder. Sie beeindruckt. Auf jede erdenkliche Weise. Ignorieren ist nicht. Verarschen auch nicht. Sie beißt sich fest wie ein fleischfressendes Bakterium, das sich durch die Gedärme wühlt, und das kann manchmal echt wehtun. Man kann gar nicht anders, als irgendwann nachzugeben.
Lilly (nickt leicht mit den Kopf, während sie ihm gebannt zuhört): Ich weiß, was du meinst. Ich hab sie auch vom ersten Moment an gemocht. Total. Sie hat mir Schokolade geschenkt.
Marc (grinst u. ist einmal mehr schockverliebt, obwohl die betreffende Person noch nicht mal mit im Raum ist): Das ist auch nicht schwer. Ihre Kitteltaschen sind meistens voll mit dem klebrigen Zeugs, das ist nicht hygienisch, aber dein Vater tickt ja genauso. Der Schokoautomat auf Station kann gar nicht so schnell wieder aufgefüllt werden, da war er schon wieder dran. In einem anderen Leben hätten sie vermutlich zusammen einen Süßigkeitenladen aufgemacht und die Bestände vermutlich alle selber aufgefuttert.
Lilly (sieht ihn mit großen Augen neugierig an, während sie sich immer fester an Marcs Arm hängt): Ist es komisch für dich?
Marc (kann ihr im ersten Moment nicht folgen, weil sie gerade die Blutzufuhr von seinem Arm abklemmt): Äh... was jetzt genau? Dass sich dein Papa manchmal seltsam verhält, ja, das äh... sollte eigentlich bekannt sein. Er nennt es Charakter, ich äh... Macken und davon hat er verdammt viele. Aber die machen ihn ja nicht unbedingt unsympathischer. Es ist nur erschreckend, wie sehr du ihm immer ähnlicher wirst. Er analysiert ja auch so gerne und denkt, er hätte einen durchschaut. Dabei ist er Welten davon entfernt, unser Möchtegernexperte. Tja, Frauenarzt eben. Das, was ich dir vorhin über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erzählt habe, gilt für ihn jedenfalls nicht. Er ist die große, dicke Ausnahme, auf die man, und Frau, sich verlassen kann.
Lilly (versucht angestrengt, sich Gehör zu verschaffen): Nein, ich meine, weil er doch auch..., bevor Mama wieder wach geworden ist, so doll in Gretchen verliebt gewesen ist.

Wie? Was? Hä? Was soll das denn jetzt? Der Schieber im Keller war doch abgeschlossen und der Schlüssel an der tiefsten Stelle im Wannsee versenkt.

Marc (wirkt merklich überrumpelt u. muss erst einmal schwer schlucken): Das weißt du noch? Ääähhh... Eigentlich war das gar nicht so...
Lilly (will das nicht auf sich sitzen lassen, lockert ihre Umarmung u. schnappt sich hinter ihm die Barbiepuppe, die ein Hochzeitskleid trägt): Das ist wieder so typisch von euch Erwachsenen, dass ihr denkt, wir Kinder kriegen nichts mit. Aber Kinder kriegen viel, viel mehr mit, als ihr euch vorstellen könnt. Weißt du, es war total schön mit ihr, Papa hat endlich wieder gelächelt und ich hab mir immer gewünscht, dass Papa und Gretchen mal heiraten und wir eine richtige Familie werden.
Marc (reißt schockiert die Augen auf, weil er mit so einem Umschwung um 180 Grad nicht gerechnet hat, wobei seine Stimme leicht hysterisch klingt): Was?
Lilly (drückt die Puppe an sich u. streichelt ihr liebevoll übers Haar, während sie immer mehr ins Schwärmen gerät): Das wäre sooo schön gewesen. Ich glaube, ihr würde ein Hochzeitskleid richtig gut stehen. Mit den großen Locken und einem Blumenkranz im Haar. Ich habe gerade erst gelernt, wie man einen bindet. Ich bin talentiert darin. Ich hätte so gerne Blumen gestreut. Ich hatte schon eine genaue Vorstellung, wie mein Kleid aussieht, aber das sollte wohl nicht sein. Dann... dann musst du eben herhalten.
Marc (wirkt merklich überfordert, als sie ihn plötzlich auffordernd anblickt): Wie bitte?
Lilly (setzt die Barbie zurück auf ihren Platz zu ihrem schicken Bräutigam-Ken u. grient Marc frech von der Seite an): Du musst dich aber beeilen. Ich will als euer Blumenmädchen nämlich niedlich und süß auf den Fotos aussehen und mein nächster Wachstumsschub ist bestimmt nicht mehr lange hin. Ich will ja nicht mit der Trauzeugin verwechselt werden. Obwohl... Geht auch beides?

...

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