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Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.350

20.06.2018 12:56
#1626 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Und wer da unangemeldet im Türrahmen stehen geblieben war und zu dem verliebten Elternpaar rübergrinste, als würde ihm die Sonne aus dem Hintern scheinen, war eine echte und ungleich positive Überraschung, denn Marc und Gretchen konnten gar nicht anders, als nach dem ersten Überraschungsmoment vergnügt zurück zu schmunzeln. Das Bild, welches die unangemeldeten Besucher, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, nämlich boten, war einfach zu putzig, um ihnen auch nur in irgendeiner Weise für die nächste nervige Störung an diesem nun schon recht vorangeschrittenen Sonntagnachmittag böse sein zu können. Eine Kerze strahlte heller als die andere und die kleinste von ihnen leuchtete am intensivsten. Nicht nur wegen des warmen Zitronengelbs, in welches sie von Kopf bis Fuß gekleidet war. Unter der gleichfarbigen, mit kleinen Mäuschen bedruckten Decke lugten ein süßes Stupsnäschen und winzige Zappelfüßchen hervor, was wiederum nicht nur Gretchens, sondern vor allem auch das Herz eines nun großen Mädchens gleich mehrere Umdrehungen schneller schlagen ließ. Mit seinem bärenstolzen Lächeln überstrahlte der Wirbelwind alles und jeden und konnte damit sogar den stursten aller Esel bändigen und in seinen unmittelbaren Bann ziehen.

Und wenn Gretchen nicht selber schon total hingerissen von dem niedlichen Anblick ihrer Freunde gewesen wäre und genauer hingeschaut hätte, dann wäre ihr der ebenso gerührte Ausdruck in den Augen ihres eben noch lautstark grummelnden Lebensgefährten bestimmt schon längst aufgefallen, als dieser nämlich ziemlich perplex seinen Blick von seinem neuen kleinen Freund Lenny zunächst zu Lilly Kaan, die ihren Bruder stolz wie Bolle vorsichtig im Arm vor sich her trug und damit dem von zwei Mäusen umrahmten Aufdruck auf ihrem lilafarbenen T-Shirt, „Beste große Schwester der Welt“, alle Ehre machte, dann zu Gabi, die dicht hinter der Tochter ihres Freundes stand und die Neunjährige beim Halten des Babys mit einem bezaubernden Lächeln tatkräftig anleitete, und schließlich zu Mehdi lenkte, der hinter seinen Mädels vor lauter Glück und Dopaminüberschuss beinahe über dem Boden zu schweben schien, als er mit auf Gabis Schulter abgestütztem Kinn zu seinen beiden Kindern runterschaute und dabei sanft über den Arm seiner Freundin streichelte, die daraufhin genauso glücklich und verliebt zu dem freudestrahlenden Familienvater hochblickte.

Zumindest für Gabi Kragenow war Marc Meier in diesem Moment ziemlich schnell wieder abgehakt, lag doch ihr Hauptaugenmerk gerade ganz woanders. Dieser räusperte sich indessen nur, guckte noch einmal vergewissernd zu seiner Freundin, die sich ihre farblich passend zu ihrem rosa Hausanzug gewählte Kissenlandschaft in den Rücken geschoben hatte, um ihre Gäste nun besser mit ihrem gewohnt ansteckenden Strahlelächeln von Angesicht zu Angesicht begrüßen zu können, und versuchte, wieder Herr über die Situation zu werden. Zu viel Gefühlsduselei war einfach nicht angebracht. Das war eh noch nie seins gewesen, vor allem nicht, wenn man gerade von allem die Schnauze voll hatte und einfach nur alle Fünfe gerade sein lassen wollte. Das hatten sich Gretchen und er nämlich mehr als verdient nach diesem nicht enden wollenden Tag und das machte er seinem dauergrinsenden Gegenüber auch mehr als deutlich, als er dieses mit gewohnter unverblümter Meierscher Schnauze erst einmal ausgiebig ins Kreuzverhör nahm, was dem zufriedenen Ausdruck in Mehdis Gesicht jedoch keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Wie schon vorhin auf der Dachterrasse fühlte sich der zweifache Vater bestens unterhalten. Und das nicht nur er, wie sich gleich noch herausstellen sollte.

Marc: Ihr? Äh... Was willst denn du schon wieder hier? Hattest du dich nicht eben noch mit deinem neuen Busenfreund gegen mich verschworen?
Mehdi (grinst von einer Backe zur anderen u. zwinkert Gretchen im Hintergrund vielsagend zu, die sich ebenfalls ein wissendes Schmunzeln nicht verkneifen kann): Ach, und ich dachte, du hättest uns nicht mehr gehört, als du mich und Dr. Stier wie zwei begossene Pudel stehen gelassen hast und pöbelnd durch die Cafeteria gepoltert bist. Der widmet sich übrigens gerade mit vollem Körpereinsatz einer sehr aufregenden Neurochirurgin, die ihm immer mal wieder gerne entwischt, und ihren Mini-Mes. Da war ich schnell abgemeldet. So wie ich in den meisten Fällen auch bei dir.
Marc (kann sich nach dem gelungenen Konter nun auch ein Schmunzeln nicht mehr länger verkneifen u. schüttelt den Kopf, weil ihm allein schon beim Gedanken an ‚Hassi plus Stier‘ akute Übelkeit überkommt): Verständlich!
Lilly (drängelt sich mit ihrem Brüderchen im Arm zwischen Gabi u. Mehdi hindurch nach vorne zu ihrem Lieblingsonkel, der eigentlich gar nicht ihr Onkel ist): Meint ihr Sarahs Eltern? Die sind gerade knutschend im Fahrstuhl verschwunden, nachdem ich mich von meiner Freundin und ihren kleinen Schwestern verabschiedet habe. Hihi!
Marc (stöhnt u. versucht, die aufkommenden Bilder zu verdrängen): Na, hoffentlich bleibt der nicht schon wieder stecken. Wobei, hm... Ihm würde ich auf jeden Fall Absicht zutrauen.
Gretchen (strahlt die glückliche Familie an u. lockt sie zu sich ans Bett, während sie Gabi in ihrem hübschen Sommerkleid bewundernd mustert u. sich natürlich direkt mit ihr vergleicht): Marc, benimm dich! Hey Mehdi! Gabi! Wie schön, dass ihr noch einmal vorbeischaut! Wie geht’s dir? Alles gut überstanden?

Wow! Wie kann man schon nach ein paar Stunden wieder so wahnsinnig gut und frisch aussehen? Ich dagegen fühle mich, als wäre man zweimal mit dem Trecker über mich hinweggebrettert. Ich will gar nicht wissen, wie ich gerade im Spiegel aussehe. Der zerspringt vermutlich, wenn er mich zu Gesicht bekommt, was er zum Glück nicht tut, weil ich ja eh nicht aufstehen darf.

Gabi (blickt extra besonders lange zu Marc rüber, fixiert ihn einen Augenblick lang u. lacht schließlich, als sie sich wieder Gretchen zuwendet): Wie man’s nimmt. Nachdem die Kaans und meine Schwester und ihr Freund wieder gegangen sind, hatten Lenny und ich einen recht entspannten Nachmittag.
Lilly (quatscht pappfrech dazwischen u. grient die Freundin ihres Vaters keck an, während sie Baby Lenny verschmust an ihre Wange drückt): Ihr habt ja auch den halben Tag verschlafen.
Mehdi (streicht seiner Tochter liebevoll übers Haar, die daraufhin lächelnd zu ihm hochblickt): Das haben sie nach ihrem turbulenten Abenteuer heute Nacht gebraucht, mein Schatz.
Lilly (nickt verständnisvoll, knuddelt noch einmal innig mit ihrem Brüderchen u. reicht ihn dann an Gabi weiter, weil sie schnell zu den Zwillingen rüber huschen möchte): Ich weiß. Deshalb waren Sarah und ich auch ganz leise, als wir nach meinem Brüderchen geschaut haben. Er ist so süß, wenn er schläft.
Gabi (macht sich einen Spaß daraus, während sie Lennys Babydecke zurechtrückt u. schaut, ob er noch schläft): Und ich nicht, oder was?
Marc (lässt sich das natürlich auch nicht nehmen u. stichelt fröhlich zurück): War das jetzt eine Fangfrage? Du weißt, was es damit auf sich hat, oder?
Gabi (sie ist so glücklich im Moment, dass sie ihrem blöden Ex-Wie-auch-immer-Freund überhaupt nichts übel nehmen kann): Haha! Nie um einen Witz verlegen, der Dr. Meier, hm?
Marc (zwinkert fröhlich zurück u. lässt sich anmerken, wie es wirklich gemeint ist): Du kennst mich doch. Wenn sich die Gelegenheit bietet, schlag ich zu. Gute Pointen sollte man nie liegenlassen.
Mehdi (klappst dem Quatschkopf fröhlich auf die Schulter): Das ist wie mit Schokoriegeln.
Gabi (rollt mit den Augen u. tauscht sich mit ihrem kleinen Jungen in einer Geheimsprache aus, als sie ihm liebevoll ein kleines Küsschen auf die Wange gibt): Dafür müssten die auch erst einmal gut sein. Nicht, Lennymaus, hm?
Gretchen (kichert zustimmend): Stimmt!
Marc (lacht vergnügt): Na, da sind sich ja die Experten einig.
Gretchen (streckt ihrem Schatz kess die Zunge raus): Genau!
Mehdi (legt seine Arme nur noch fester um seine Freundin u. sein Kind): Was wir eigentlich damit sagen wollten, mein Herz, ihr seid beide unfassbar süß, wenn ihr schlaft und wenn ihr wach seid und überhaupt. Das gilt natürlich auch für dich, Lillymaus.
Marc (kann einfach nicht seine vorlaute Klappe halten): Damit gehe ich ja noch konform, mit dem Rest, naja...
Gretchen (warnt ihn): Marc!
Gabi (hört dem Sprücheklopfer gar nicht zu u. drückt Mehdi verliebt ein Küsschen auf die Wange, während dieser seiner hibbeligen Tochter einmal frech an die Nasenspitze tippt u. damit seinen Worten Taten folgen lässt): Gerade noch so gerettet, mein Lieber.

Hach... schaut sie euch an! Ich hab mir immer gewünscht, dass er so richtig tief in die Zuckerwatte voll Glück plumpst, eintaucht und sich fallen lässt. Es ist so schön, sie alle so glücklich strahlen zu sehen. Ich glaube, selbst Marc hat das endlich kapiert. So nett ist er noch nie zu Gabi gewesen.

Lilly (drängelt sich vor ihren Papa u. sieht ungeduldig zu Gretchen rüber): Genau! Darf ich noch mal nach den Zwillingen schauen, Gretchen? Ich bin auch ganz leise. Versprochen!
Gretchen (zwinkert erst Lilly, dann Mehdi zu, der seinen Arm um Gabis Schulter gelegt hat, die nun ebenfalls neugierig an das Babybettchen herantritt): Das weiß ich doch. Nur zu, Lilly, Schatz!
Lilly (quietscht leise vor Entzücken auf, als sie andächtig davor steht): Och! Sind die süüüüß. Zum Knuddeln. Wie Lenny! Den möchte ich auch die ganze Zeit nicht loslassen. Sarah hat total recht. Sie halten wirklich miteinander Händchen. Das ist mir vorhin gar nicht so aufgefallen, als wir schon einmal hier waren, aber da waren sie ja wach und haben uns die ganze Zeit aus ihren niedlichen kleinen Äuglein neugierig angeguckt.
Marc (ihm ist eigentlich nicht wohl dabei, dass schon wieder so viel Trubel um ihn herum herrscht, aber Lillys Begeisterung ist einfach nur Zucker u. wahnsinnig ansteckend): Die beiden haben ja auch ziemlich lange eine sehr enge Butze miteinander geteilt. Sie kennen’s nicht anders.
Mehdi (schmunzelt): Sehr charmant ausgedrückt, mein Lieber.
Gabi (kleinlaut): Och, das ist der Doktor Meier doch immer.
Marc (funkelt Mehdis Freundin unmissverständlich an): Den Unterton hat jetzt selbst Lilly verstanden.
Lilly (dreht sich verwundert nach den Erwachsenen um): Was hab ich?
Gabi (grinst u. gibt sich Marc gegenüber völlig unbeeindruckt, obwohl sie doch schon sehr gespannt auf seine Zwillinge ist, weswegen sie sich ja auch Mehdi u. Lilly angeschlossen hat): Nichts, Schätzchen! Er albert nur mal wieder rum. Er ist selber mehr Kind als die Drei hier zusammen.
Lilly (kichert zustimmend u. wendet sich schnell wieder dem kleinen Wunder zu): Hihi!
Marc (staunt, dass seine Ex-Nervensäge sich tatsächlich traut, so viel Chuzpe zu zeigen): Äh.. hallo? Er ist zufällig anwesend.
Gabi (ignoriert Gretchens Freund weiterhin mit voller Absicht u. schleicht um das kleine gläserne Bett mit Rollen herum, vor dem Lilly steht): Dürfen Lenny und ich auch mal schauen?
Lilly (macht der Freundin ihres Vaters vor dem Bettchen der Zwillinge natürlich sofort ein bisschen Platz): Unbedingt!
Gretchen (lächelt die Kollegin auffordernd an): Selbstverständlich! Kommt nur näher!
Gabi (hält Lenny liebevoll im Arm, guckt gebannt in das Zwillingsbettchen u. ist ehrlich beeindruckt): Wahnsinn! Wer hätte das für möglich gehalten?

Und ich hab immer gedacht, er hat irgendwas machen lassen, weil es bei uns nie klappen wollte. Obwohl ich doofe Kuh wirklich alles versucht habe, um es darauf ankommen zu lassen. Aber die Zwei sehen echt aus wie er. Ich hätte nie gedacht, dass er zu so was Tollem überhaupt im Stande ist. Ich hätte es ihm nicht zugetraut, gegönnt schon einmal gar nicht. Aber jetzt, wo ich sie sehe, die zwei Engel, da... Boah, Gabi, du fängst jetzt nicht an zu heulen! Du hast den ganzen Vormittag schon geheult. Zügle endlich deine Hormone! Er hat heute Nacht schon genug mitbekommen. Das musst du ihm jetzt auch nicht mehr antun. Ihr seid mehr als quitt. Aaahhh... scheiße, die Tränen kommen doch hoch. Denk an... scheiße, mir fällt nichts ein, mein Hirn ist wie leer gefegt, ähm... die unmanikürten Fußnägel der Oberschwester. Bäh! Geht doch!

Gretchen: Hättest du mich letztes Jahr gefragt, dann hätte ich nicht gewusst, was ich drauf hätte antworten sollen. Obwohl, doch! Das war immer mein... unser Traum und real fühlt er sich echt riesig an. Die Zwei sind so... so... Mir fällt kein Vergleich ein. Worte können sie nicht beschreiben.

...griente Gretchen, die ehrlich bewegt war, wie gerührt Gabi schien, die einstige Konkurrentin um Marcs Liebe glückstrahlend an und tippte mit ihrer linken Hand auf den freien Platz neben sich, damit sich die Krankenschwester zu ihr auf die Bettkante setzen konnte. Marcs ehemalige Verlobte zögerte nicht lange und nahm die freundliche Einladung ihrer einst so verhassten Kollegin dankbar an. Denn Schwester Gabi war dann doch noch nicht ganz so bei Kräften, wie sie es von sich geglaubt hatte. So lange lag die spontane Entbindung im Fahrstuhl nämlich auch noch nicht zurück und das eben war ihr erster kleiner Spaziergang über den Flur ihrer vertrauten Station gewesen. Und dabei hatte sie sich gefühlt, als würde sie wie auf Stelzen laufen. Total wackelig und unsicher. Sie war wirklich froh gewesen, dass ihr bodenlanges Kleid das ein bisschen vor den Blicken der neugierigen Tratschweiber der Station kaschiert hatte, die sich gerade ihre Gesichter am Fenster des Säuglingszimmers platt gedrückt hatten, das an diesem Wochenende dank des guten Rufes der Klinik und des weltbesten Gynäkologen - Gabi war mal wieder so was von überhaupt nicht objektiv - selbstverständlich sehr gut besucht war.

Als Gabi zu Marc rüber blickte, der zusammen mit Mehdi am Fußende von Gretchens Bett stehen geblieben war, konnte sie es immer noch nicht ganz fassen, dass es tatsächlich er gewesen war, der ihr in der Stunde der Not selbstlos geholfen hatte. Der Mann, für den Selbstlosigkeit außerhalb seiner Dienstzeiten bislang ein Fremdwort gewesen war. Der Mann, den sie lange Zeit geglaubt hatte zu lieben und krampfhaft an sich binden zu müssen. Der sie immer scheiße behandelt hatte. Dem sie trotzdem nachgelaufen war aus ziemlich oberflächlichen und sehr naiven Gründen, obwohl er nie einen Hehl daraus gemacht hatte, wie er wirklich zu ihr gestanden hatte. Den sie dafür gehasst hatte, weil er sie nicht hatte haben wollen. Im Nachhinein kam es ihr ziemlich albern vor, dass sie so lange an diesem beziehungsunfähigen Egomanen festgehalten hatte, dessen einzige erwachsene Charaktereigenschaft war, ein hervorragender Chirurg zu sein. Obwohl sie schon vom ersten Tag an gemerkt hatte, dass der dicke Haase ihm gehörig den Kopf verdreht hatte. Sie hatte sich seitdem ständig mit ihr verglichen. Aber sie hatte sich nie einen Reim darauf machen können, was alle Welt an dieser unscheinbaren und völlig durchschnittlichen Ärztin gefunden hatte. Selbst Mehdi war Gretchens ekelhaft nervigen Dauerlächeln und ihrem schrecklichen Gutmenschentum lange Zeit verfallen gewesen. Was für eine verrückte Ausgangssituation! Wie sollte sie das nur jemals ihrem Sohn erklären? Gab es dafür überhaupt eine Erklärung? Vermutlich würden sie später alle herzhaft darüber lachen. Oh Gott, dachte sie etwa gerade ernsthaft darüber nach, dass sie in Zukunft freiwillig noch mehr Zeit miteinander verbringen würden? Das war doch die wirkliche Verrücktheit an dieser ganzen Geschichte.

Und jetzt saß sie hier neben ihrer ehemaligen Konkurrentin. Seelenruhig und ohne jeglichen Groll. Gabi empfand Dr. Haase gegenüber nichts außer dieser tiefen Zufriedenheit, die wohl alle jungen Mütter miteinander teilten. Sie hatte endgültig mit der Vergangenheit abgeschlossen. Denn hier in ihren Armen lag jetzt ihre Gegenwart. Ihre Zukunft. Das Leben, das sie sich heimlich immer erträumt hatte. Zusammen mit dem Mann, der sich sehr überraschend als der wahre Mann ihrer Träume herausgestellt hatte, und dessen kleiner Tochter, die einfach nur umwerfend war und die sie unheimlich gern hatte. Genauso wie den kleinen Schatz, der sie gerade beim Gähnen voll sabberte, was ihr aber nichts ausmachte, denn ihre Bettnachbarin schien auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und reichte ihr ein Papiertaschentuch aus der Box auf ihrem Nachtschränkchen, mit dem sie Lennys kleines Malheur sofort mit einem ansteckenden Lachen wegwischen konnte. Mein Gott, waren sie albern, dachte sie dabei nur und schüttelte wiederholt den Kopf.

Und ja, sie war Marc dankbar. Und irgendwie auch Gretchen. So verrückt das auch klingen mochte. Denn letztendlich hatten sie doch jetzt alle über Umwege das gefunden, was ihnen alles auf der Welt bedeutete, was sie wirklich glücklich machte. Sie waren dort angekommen, wo sie hingehörten. Nie hätte sie gedacht, dass sie einen Menschen so sehr würde lieben können, wie sie es jetzt tat. Das war mit Marc nie so gewesen. Erst durch Mehdi hatte sie richtig gelernt, was es hieß, wirklich zu lieben und wiedergeliebt zu werden, ohne jemals zweifeln zu müssen. Und ihren gemeinsamen Sohn, ihr großes Glück, den hatte sie vom ersten turbulenten Moment an bedingungslos geliebt und sie war heilfroh, dass alles gut gegangen war. Das war ihr mit ihrem kleinen Engel Paul damals nicht beschieden gewesen. Aber er war immer bei ihr, das spürte sie tief in ihrem Herzen, und würde sein Brüderchen auf Erden immer beschützen. Vielleicht hatte er ja auch heute Nacht seine Flügelchen im Spiel gehabt. Wer wusste das schon? Alles war möglich. Das hatte sie in den letzten Wochen und Monaten gelernt. Warum also nicht auch endgültig Frieden zu schließen? Denn es gab weitaus Kostbareres auf dieser Welt.

Mit diesem aufrichtigen Lächeln, das sich unbemerkt auf ihre dezent geschminkten Lippen geschlichen hatte, schaute die frischgebackene Mama nun zu Gretchen, die ihr sichtlich angetan entgegenblickte und mit ihren himmelblauen Strahleaugen, welche Gabi einst bis in ihre Albträume verfolgt hatten, auf den schlummernden Säugling in ihren Armen deutete. Und bevor Mehdis Freundin ihr mit einem verschmitzten Augenzwinkern ein stilles Ja als Antwort hatte geben können, hatte die hibbelige Zwillingsmama nicht mehr länger widerstehen können und streichelte Lenny nun zärtlich über die rosige Wange. Ein Automatismus, dem bislang noch niemand hatte widerstehen können, der dem Kleinen zum ersten oder zweiten Mal in die dunklen Kulleraugen geschaut hatte, die genauso wie bei Lilly oder Mehdi oder Mehdis Mutter diese besondere Magie aufwiesen, der man sich nicht entziehen konnte. Gabi bemerkte gar nicht, dass sie, während sie so vor sich hinträumte, von einem dieser fesselnden haselnussbraunen Augenpaare, in das sie stundenlang hineintauchen konnte, intensiv vom Bettende aus beobachtet wurde, das sich jetzt jedoch beseelt Marc Meier zuwandte, der wiederum mit angehaltenem Atem Mehdis Tochter dabei zuschaute, wie diese sich in Holterdiepoltermanier ungeschickt einen Sessel neben das Bettchen der Zwillinge zurechtschob, sich wackelig darauf kniete und ihr Kinn dann auf ihren übereinander gelegten Ärmchen auf der Bettchenkante abstützte, um besser hineinsehen zu können.

Marc (murmelt mit mulmigem Gefühl kaum hörbar in seinen Dreitagebart, über den er sich gerade abwesend einmal mit seiner Hand streicht): Oje!
Mehdi (seine Lauscher nehmen jedoch jedes noch so kleine Signal wahr, egal wo es herkommt): Na, wieder alles im Lot, mein Freund? Du bist vorhin so schnell abgerauscht, da wollte ich mal vorsichtig nachschauen, ob du dich wieder, sagen wir mal so, abgeregt hast.
Marc (lässt sich durch die Kaansche Spitze natürlich sofort von den Kindern wieder ablenken): Sehr witzig! Sonst noch was? Wenn nicht, da ist die Tür! Die kann man von außen schließen. Da gibt es einen wahnsinnig tollen Mechanismus. Der nennt sich Türklinke. Das müsste dir als Stationsleiter ja nicht unbekannt sein. Ansonsten würde ich dir dringend eine Fortbildung in „Manierlichem Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen“ empfehlen.
Gretchen (warnt ihren Pappenheimer vom Bett aus): Marc!
Mehdi (beißt sich zwar auf seine Lippen, um das Lachen zu unterdrücken, aber es hat bereits seine Augen erreicht, die verdächtig auffunkeln, als sie zwischen Gretchen u. Marc immer wieder hin- u. her huschen): Och, du, ich muss schon zugeben, ich habe mich durchaus köstlich amüsiert gefühlt.
Gabi (kann ihre Schadenfreude natürlich ebenfalls nicht für sich behalten): Nicht nur du, Bärchen.
Marc (im ersten Moment sichtlich sprachlos, als er seinen Kopf in Richtung Gabi dreht u. überrascht feststellen muss, dass diese es sich neben Gretchen anscheinend längerfristig gemütlich gemacht hat): Musst du eigentlich immer jede Nichtigkeit gleich weitertratschen, die unter normalen Umständen eigentlich keine Sau interessiert?
Mehdi (kann es nicht mehr verhindern, als sich seine Mundwinkel automatisch nach oben ziehen): Oh! Meine Lippen sind wie immer versiegelt.
Gabi (schaut von Marc, der Mehdi kein Wort glaubt, zu Gretchen u. dann wieder auf ihr schlummerndes Baby in ihren Armen): Die von Schwester Sigrun eher weniger.
Marc (fährt hörbar die Kinnlade nach unten): Bitte?
Gabi (blickt seufzend von ihrem Kind wieder hoch u. fixiert den Blitzmerker mit ihren genervten Blicken): Vielleicht solltest du dir für deinen nächsten grandiosen Auftritt nicht unbedingt den Klinikpark aussuchen und das noch dazu zur Besuchszeit an einem der besucherstärksten Tage in der Woche, an einem sonnigen Sonntag im Sommer.

Verflucht noch mal! Das ist jetzt echt nicht wahr. Keine achtzehn Stunden auf der Welt und schon hab ich hier in diesem Irrenhaus nen neuen Ruf weg, der nichts, aber auch rein gar nichts mit meinem grandiosen Talent im OP zu tun hat. Na, prima! Ich kann mich hier nie wieder blicken lassen. Und wer ist schuld? Gabi? Hm... Sonst immer! Nee, die Stasi-Sabsi! Die hat doch die Katze aus dem Sack gelassen und mit ihren Voodootrommeln Mutter herzitiert, die hier jeden im Haus, inklusive mich, unüberhörbar runtergeputzt hat. Ich bin so was von am Arsch, ey! Wir sollten verduften. Also, du blöder Lachsack, bevor du dich an deinem dämlichen Grinsen verschluckst und röchelnd zu Boden gehst, rück die Scheißpapiere raus und wir sind quitt!

Marc (möchte sich am liebsten mit der flachen Hand gegen den Schädel hauen, aber das wäre dann vermutlich zu viel Genugtuung für die Lästerschwester): Witzig! Dir geht es anscheinend schon wieder blendend, was? Bist du nicht vor ein paar Stunden noch mit deinem fe... Hintern unelegant über den Fahrstuhlboden gerobbt?
Gabi (macht es sich auf Gretchens Bett so gemütlich, als wäre es ihr eigenes, u. fühlt sich pudelwohl dabei, dem Großmaul eins auszuwischen, weil er ja auch immer sofort herrlich darauf anspringt): Och, danke der Nachfrage, Marc! Ich kann mich nicht beschweren. Außerdem hab ich vorhin schon gesagt, wir haben beide ausgiebig geschlafen. Alles ist bestens. Wir könnten Bäume ausreißen, wenn wir darauf Bock hätten, was man von dir übrigens nicht unbedingt behaupten kann. Du siehst ein bisschen übernächtigt aus. Dabei wirken deine beiden Süßen hier doch ziemlich entspannt. Wieso bist du es also nicht?
Gretchen (kann sich ein vergnügliches Kichern an Gabis Seite nicht verkneifen): Gute Frage!
Marc (macht trotz der weiblichen Gegenwehr gute Miene zum bösen Spiel, blickt lächelnd auf den gähnenden Jungen unter Gabis Decke u. schaut dann großschnäuzig zu Mehdi rüber, der sichtlich gerührt auf seine kleine Familie blickt u. über den Dingen schwebt): Ja, toll, euch geht’s gut, ihr werdet geschont und wir werden hier von den Hyänen überrannt. Ich dachte, meine deutliche Beschwerde vorhin wäre bei dir angekommen, du Möchtegernchef vom Dienst. Aber nein, am Ende setzt du noch einen obendrauf und kreuzt selber mit deiner ganzen Bagage hier auf. Ein toller Freund bist du, Mehdi, echt ey.
Mehdi (gibt sich völlig unbeeindruckt): Du weißt doch, wie viel Mühe ich mir immer mit dir gebe.
Lilly (horcht interessiert auf): Was ist Bagage, Papa?
Mehdi (tritt zu ihr heran, streichelt ihr einmal über die langen dunklen Haare u. stützt sich dann hinter ihr mit beiden Händen an der Rückenlehne des Sessels ab, um auch noch einmal einen kurzen Blick auf die schlafenden Zwillinge zu erhaschen): Nichts, Lillymaus, nur so ein Spruch. Ähm... zu viel Besuch auf einmal. Und wo wir gerade beim Thema sind, eigentlich wollten wir nur noch einmal kurz bei euch reinschneien, bevor wir uns verabschieden.

Wie jetzt? Und dafür macht er so einen großen Aufriss? Rein, raus, aus die Maus. So einfach geht das. Eure Hintern bei uns platt zu drücken, gehört da definitiv nicht zur Eingewöhnungsphase dazu.

Marc (steht eine Sekunde lang auf dem Schlauch): Verabschieden?
Lilly (streckt ihr süßes Lockenköpfchen über den Sesselrand u. klärt den verdutzten Chirurgen prompt auf): Wir nehmen Lenny und Gabi jetzt mit nach Hause, Onkel Marc.
Gretchen (schaut überrascht zu Gabi, die ihr bestätigend zunickt u. ehrlich erleichtert wirkt): Das ist ja wunderbar.
Marc (fühlt sich erst einmal ziemlich überrumpelt u. weiß nicht, was er davon halten soll): Wie jetzt schon? Ist das nicht ein bisschen überstürzt, äh... früh? Der Schnellstarter ist doch gerade erst über die Zehn-Meter-Linie geflutscht.
Mehdi (sieht zärtlich zu seiner Freundin u. dem Baby rüber): Ach, das können wir schon einmal verantworten. Den beiden geht es gut. Von dem her ist alles okay. Ich bin ja da.
Gabi (schaut verliebt zu ihrem Traummann rüber, während sie ihr Baby zärtlich streichelt): Tja, es hat halt durchaus seine Vorzüge, einen ausgebildeten Gynäkologen und Neonatologen zu Hause zu wissen.
Gretchen (grinst u. freut sich im Gegensatz zu Marc mit ihnen mit): Mhm... stimmt! Wieso hab ich eigentlich nicht daran gedacht?
Marc (glaubt, sich verhört zu haben u. zeigt den beiden Damen erst einmal den Vogel, bevor er sich angefressen Gretchens behandelndem Arzt zuwendet): Bitte? Ganz witzig, Haasenzahn! Wirklich! Ein Saniteam, hier lacht sich gleich jemand tot. Aber jetzt mal im Ernst, ihr macht einfach so die Biege und lasst uns hier alleine versauern? Was bist du eigentlich für ein beschissener Freu... Arzt?

Das geht doch nicht. Der kann uns hier doch nicht alleine lassen und den Verrückten zum Fraß vorwerfen, die nur darauf warten, über uns herzufallen wie die Hyänen. Keiner hält mehr die Hausordnung ein, Platzverweise gelten sowieso nicht, mein Wort zählt anscheinend gar nicht mehr und überhaupt ist das alles total unverantwortlich den Kindern und mi... Haasenzahn gegenüber. Wir haben hier einen besseren Service erwartet und versprochen bekommen. Also, beim nächsten Kind, ääähhh... what... ääähhh... während der nächsten Stippvisite halten wir das definitiv schriftlich fest, Alter.

Gretchen (versucht, ihren eingeschnappten Freund zu bremsen): Marc! Da ist doch nichts weiter dabei.
Marc (grummelt): Noch nicht.
Mehdi (blickt die beleidigte Leberwurst ruhig u. besonnen an): Deine Sorge rührt mich, aber ich finde, die beiden sind zu Hause in vertrauter Umgebung ganz gut aufgehoben. Es hat keine Komplikationen gegeben und daher...
Marc (fällt ihm angesäuert ins Wort): Und Gretchen nicht, oder was? Ich bin auch Arzt. Wir kommen klar. Auch zu Hause. Du kannst uns also genauso gut diesen beschissenen Wisch rüberreichen und deinen Bienchenstempel draufdrücken. Wenn nicht, dann mache ich es eben selber.
Gretchen: Marc!
Mehdi (spürt genau, wie es Marc gerade geht u. versucht es ihm auf möglichst schonende u. verständliche Weise zu erklären): Jeder Fall ist anders und eurer im Speziellen. Das weißt du, Marc. Auch wenn alles bei euch routiniert abgelaufen ist, ist eine Zwillingsgeburt kein Pappenstiel. Weder für die Mama, noch für die beiden Kleinen. Sie müssen erst einmal wieder zu Kräften kommen. Ich hab die strikte Bettruhe nicht ohne Grund verordnet. Und hier habt ihr doch alles, was ihr benötigt. Eure Wundersterne und Gretchen sind hier bestens versorgt. Es wird sich um alles gekümmert. Euch wird alles abgenommen. Falls ihr Fragen habt oder Probleme auftreten, ist immer jemand von meinem Team für euch da. Außerdem hat es doch auch seine Vorteile, noch ein bisschen hier bleiben zu dürfen. Ihr müsst euch noch nicht stressen. Ihr könnt euch langsam aneinander gewöhnen, euch aufeinander einstellen. Ihr genießt quasi das Rund-um-sorglos-All-inclusive-Paket. Zu jeder Uhrzeit eine Mahlzeit, Windeln frei Haus, es gibt ein Bespaßungsprogramm, wenn ihr mögt. Wir können euch gerne auch noch einen größeren Fernseher reinstellen. Dein Netfix-Zugang müsste auch hier gelten, glaub ich. Also kannst du auch, so oft du willst, das Video deiner Mutter anschauen. Übrigens, ein tolles Interview. Sehr offen und ungewohnt tiefgründig, also bis ähm... naja. Sabine halt. Und wir wissen doch alle, dass ihr euch hier im EKH besonders wohl fühlt. Von dem her alles prima.
Marc (zeigt seinem Kumpel für die unnötige Belehrstunde den Vogel): Alles prima? Ist das dein weltberühmtes Rezept für alles, oder was? Haha! Du bist heute ein echter Witzbold. Die Überdosis Dopamin hat bei dir da oben wohl ein paar Querverbindungen gesprengt, was? Nichts, was eine OP ohne Narkose wieder herstellen könnte.

Tzz... kaum ist er wieder Vater geworden, traut er sich was und reißt die große Klappe auf. Pass bloß auf, dass ich sie dir nicht noch ordentlich poliere. Wir haben dasselbe studiert. Also, überwiegend. Ich kann mich also sehr wohl auch alleine kümmern. Eingewöhnen, tzz. Das bisschen Windeln wechseln kann ja wohl nicht so schwer sein. Obwohl ich schon zugeben muss, das mit den Vorteilen, da ist schon was dran. Von jetzt auf gleich alleine mit der ganzen Chose, wer würde da nicht Muffensausen kriegen? Also, der Angeber hier natürlich. Ich selbstverständlich nicht. Ich steh da so was von drüber.

Mehdi (grinst wissend u. schaut dann liebevoll zu Lilly rüber, die unentwegt die Zwillinge anhimmelt u. keine Sekunde aus den Augen lässt): Ich tue, was ich kann. Außerdem fängt morgen die Schule wieder an. Wir haben aus organisatorischen Gründen gar keine andere Wahl, als unsere Zelte wieder zuhause aufzuschlagen. Wir sollten uns in Routinen üben und unseren Alltag so normal wie möglich gestalten, auch wenn sich jetzt einiges geändert hat. Nicht, Lillybärchen?
Lilly (ist völlig abgetaucht u. hört gar nicht richtig zu): Hm?
Gretchen (schaut ebenfalls zu der süßen Maus rüber): Freust du dich denn schon auf deinen ersten Schultag auf dem Gymnasium, Lilly?
Lilly (dreht sich dann doch wieder zu den Erwachsenen um, die sie gespannt anschauen): Und wie!
Marc (das ist ihm dann doch zu viel Euphorie): Oh Gott!
Lilly (strahlt, mit Ausnahme von Marc, mit allen Anwesenden um die Wette): Ich kann es gar nicht erwarten, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich doch am liebsten zu Hause bei Lenny bleiben.
Marc (mischt sich kleinlaut ein): Dann schwänz doch!
Gretchen (guckt ihren vorlauten Freund ziemlich entgeistert an): Marc, red dem Kind keinen Unsinn ein!
Marc (amüsiert sich über Gretchens entsetztes Gesicht u. folgt seinen eigenen Erklärungen): Hab ich doch gar nicht. Sie hat gerade ein Geschwisterchen gekriegt. Das war nach der Vorgeschichte nicht zu erwarten und sollte daher als Ausrede genügen.
Mehdi (hält auch nicht viel von den unkonventionellen Meierschen Vorschlägen): Naja, zum Glück habe ich da auch noch ein Mitspracherecht. Und Anna sowieso.
Gabi (verzieht beim Stichwort ‚Anna’ kurz unmerklich das Gesicht u. grient dann Lilly an u. deutet auf den kleinen Mann an ihrer Brust): Du weißt aber schon, dass Neugeborene neunzig Prozent des Tages schlafen, oder Lilly? So viel verpasst du also nicht, wenn du in der Schule bist.
Marc (kann mal wieder seine schadenfrohe Klappe nicht halten): Na, da ist aber jemand optimistisch.

Ich weiß, ich sollte eigentlich friedlich bleiben, das bin ich auch, ich hab mich immer zurückgehalten, also, meistens, aber dir wünsche ich ganz besonders, dass die beiden Schlafmützen ihr ruhiges Temperament noch ändern und dir ordentlich die Hucke voll plärren werden, Marc, damit du keine Nacht mehr zur Ruhe kommen und so richtig scheiße aussehen wirst. Das hast du dir verdient. Es ist echt unnormal, wie gut der schon wieder aussieht. Und er ist viel zu gut drauf. Obwohl er die ganze Nacht Kinder auf die Welt geholt hat, inklusive meines. Oh Mann, ich krieg das echt nicht auf den Schirm.

Lilly (sieht verliebt zu ihrem Brüderchen rüber): Ich weiß, Gabi, aber ich schaue ihn auch gerne an, wenn er schläft. Ich könnte ihm stundenlang zuschauen. Das ist so spannend.
Mehdi (ehrlich gerührt): Aber von den vielen Stunden, die du ihm dabei zuschauen kannst, könntest du auch die eine oder andere abzweigen, um ein bisschen zur Schule zu gehen, hm. Was hältst du davon?
Lilly (denkt angestrengt darüber nach u. grient ihn dann zuckersüß an): Mhm... Also, wenn ich mir das noch mal genau überlege, dann... hm...
Mehdi (zieht die freche Maus innig in seine Arme u. knuddelt sie ordentlich durch): Hey, du Frechdachs! So war das aber nicht abgesprochen.
Lilly (kichert vergnügt u. versucht, sich vergeblich aus seinem Klammeraffengriff zu befreien): Hihi! Doch! Papa, ich hab doch nur Spaß gemacht. Ich freue mich schon riesig auf das neue Schuljahr. Ich kann es gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht. Die Ferien waren viel zu lang.
Marc (guckt ziemlich entgeistert auf die kleine Nervensäge, die sich gemütlich in ihren Sessel lümmelt): Oh Gott, und du willst eine richtige Schülerin sein? Kein Schüler weit und breit freut sich auf die Penne, außer denen, die es noch nicht besser wissen, weil sie noch nicht damit angefangen haben, so wie die nervige kleine Hassmann. Die ist in ihrem Wissensdurst noch schlimmer.
Lilly (streckt ihm frech die Zunge heraus): Gar nicht!
Gretchen (hat dazu auch ihre ganz eigene Meinung, die sie sehr zum Vergnügen von Marc nicht für sich behalten kann): Also ich bin auch immer gerne zur Schule gegangen.
Marc (zieht sie dafür prompt auf): Du warst ja auch die Ausnahme der Regel. Hast ja auch nie wirklich dazu gehört.
Gretchen (streckt ihm für die Frechheit prompt die Zunge heraus u. funkelt ihn an): Doch! Für mich war mein erster Tag an der weiterführenden Schule einer der schönsten meines Lebens. Ich erinnere mich noch heute gerne daran zurück.
Lilly (schmiegt sich an ihren Papa, der sich zu ihr gelümmelt hat, u. hört Gretchen gebannt zu): Echt?
Marc (lacht u. zieht sein Mädchen weiterhin auf): Ach, wirklich? Und wieso hab ich dann immer noch so eine piepsig verheulte Stimme im Ohr, die die ganze Zeit nervig gewettert hat, dass doch alles ach so scheiße an dieser blöden, blöden Schule sei, hm?

Ach, menno! Er macht es schon wieder. Wie damals. Er macht den schönen Moment kaputt. Das hat er bei unserem Wiedersehen auf dem Schulspielplatz auch schon getan. Ich fand’s trotzdem toll, ihn wieder getroffen zu haben. Das war Schicksal. Magie. Einfach wundervoll. Ich hab ihn mir so sehr her gewünscht, nachdem der Tag so katastrophal begonnen hatte, und dann war er plötzlich da. Zwar ganz anders wie in meiner Erinnerung, aber so was von präsent und prägnant. Mein Retter aus dem dunklen Tal der unglücklichen und unscheinbaren Einserschülerinnen. Ich wusste, ich würde ihn niemals vergessen können. Er war und ist meine große Liebe. Mein Held. Hach... Ich bekomme jetzt noch jedes Mal eine Gänsehaut, wenn er mich so zärtlich mit meinem Spitznamen aufzieht.

Gretchen (ärgert sich, dass er sie erwischt hat): Das war nur im ersten Moment so, bevor du... du...
Marc (stichelt genüsslich weiter): Bevor ich was, Haasenzahn?
Gretchen (muss plötzlich grinsen, weil sie sich trotz all der Differenzen doch eigentlich gerne an die gemeinsame Schulzeit mit Marc erinnert): Bevor du mich zum ersten Mal ‚Haasenzahn‘ genannt hast.
Marc (ist ehrlich beeindruckt von ihrem Konter, weiß aber zurückzuschlagen): Naja, irgendwie musste ich mich ja wehren. Schließlich hast du dich in deinem grottenhässlichen Tutu und mit deiner windschiefen Nerdbrille auf meinem Platz breitgemacht. Und ehrlich gesagt, sind Frischlinge an der Schule eine echte Plage und du warst ja damals die Königin von ihnen.
Gretchen (kommt nicht umhin, ihn dafür anzuschmachten): Das ist das schönste, was du je über mich gesagt hast.
Gabi (verdreht genervt die Augen u. wünscht sich dringend an einen anderen Platz): Oje! Ich hätte in meinem Bett bleiben sollen.
Mehdi (hört ebenso wie Lilly interessiert zu): Ach, so war das also damals? Kann es sein, dass du mir in deinen Schilderungen einiges vorenthalten hast, Marc?
Marc (grinst schelmisch): Die waren realistisch genug, um sich ein Bild machen zu können.
Gabi (hat genug gehört u. schwingt ihre Beine aus dem Bett, weil sie endlich gehen möchte): Boah, ihr und eure alten Kamellen, das interessiert doch heute niemanden mehr.
Lilly (lehnt sich neugierig über die Sessellehne): Kennt ihr euch wirklich schon so lange, Onkel Marc?
Marc (lehnt seinerseits nachdenklich am Fußende von Gretchens Bett u. lässt seine Freundin, die ihn mit ihren himmelblauen Augen hypnotisiert, nicht eine Sekunde aus den Augen): Mhm! Diese Frau verfolgt mich schon fast die Hälfte meines Lebens.
Gretchen (zwinkert erst ihm, dann Lilly kichernd zu): Er konnte schon früher unheimlich gut tolle Komplimente machen.
Lilly (macht ganz große Augen u. guckt vergewissernd zu ihrem Vater hoch, der ihr bestätigend zuzwinkert, während er Gabi beim Aufstehen aus dem Bett hilft): Echt?
Marc (geht zum Flirtangriff über): Sie hat die Vergangenheit schon immer blumiger abgespeichert, als sie eigentlich war. Heute nennt man das Fake News.
Gretchen (genießt das süße Spiel über alle Maßen): Ja, das hab ich, aber im Nachhinein hat sich schließlich auch herausgestellt, dass ich mich in manchen Dingen nicht getäuscht habe.
Lilly (klebt gebannt an ihren Lippen): In welchen denn, Gretchen?
Gretchen (guckt Marc direkt an u. lässt ihn mit ihren verliebten Blicken nicht mehr los): Dass er damals schon wahnsinnig in mich verliebt gewesen ist.

Da ist sie wieder, meine Träumerin. So war sie damals schon, als sie sich bockig hinter der Hecke versteckt hat und dachte, ich würde mich genauso über unser Wiedersehen freuen, nur weil ich ihre Meinung, dass Schule grundsätzlich scheiße und mehr als überflüssig ist, geteilt habe. Dabei war ich im ersten Moment einfach nur völlig baff gewesen. Ich hatte das Mädchen vom Spielplatz in Mitte nämlich auch ganz anders abgespeichert. Oh Gott, Meier, du bist ein noch viel schlimmerer sentimentaler Trottel als Haasenzahn und die ganze Bande hier zusammen. Werd wieder normal! Was sollen deine Kinder sonst von dir denken?

Marc (lacht u. schlägt charmant zurück): Das mit dem Wahn trifft es schon, denn sie hat mich in der Tat wahnsinnig gemacht. Wisst ihr eigentlich, wie nervig es ist, wenn man auf dem Schulhof keine ruhige Minute hat, weil man die ganze Zeit von so einem nervigen kleinen Ding aus der Unterstufe verfolgt wird, das sich Sachen einbildet, die gar nicht real waren.
Gabi (lehnt sich mit dem Rücken an die Fensterbank u. schaut unbeeindruckt von dem einem zur anderen, aus deren Augen unentwegt kleine, unsichtbare Liebespfeile auf Marc geschossen werden): Das trifft ja auch noch auf heute zu.
Mehdi (stellt sich zu seiner Freundin ans Fenster u. lehnt sich verschmitzt grinsend an ihre Schulter an, während er Baby Lenny sanft über das Köpfchen streichelt): Stimmt! Aber er hat jede Sekunde genossen.
Gabi (grient ihn an): Ja, das hab ich jetzt auch kapiert.
Marc (fühlt sich von dem Spott in den beiden Stimmen direkt provoziert): Hey! Wart ihr etwa dabei?
Gabi (weiß genau, wie sie erfolgreich zurücksticheln kann): Da du ja erst vor ungefähr neunzehn Stunden so was wie erwachsen geworden bist, würde ich behaupten, ja. Und er hier kennt dich ja eh am längsten. Äh... neben dir natürlich, Gretchen.

Das hier ist wirklich ein Irrenhaus. Ey, wenn’s Mehdi nicht macht, dann fälsche ich eben die Entlassungspapiere. Das wird mir jetzt echt zu viel hier.

Gretchen (zwinkert Gabi u. Mehdi vergnüglich zu, bevor sie sich dem neugierigen Mädchen zuwendet, das sich im Schneidersitz neben sie aufs Bett gelümmelt hat): Was wir dir mit unseren albernen Erinnerungen eigentlich sagen wollten, Lilly, Schatz, wir wünschen dir von ganzem Herzen einen erfolgreichen Start. Genieß die Zeit in der Schule, denn sie wird schneller wieder vorbei sein, als man das kleine und das große Einmaleins lernen kann. Es wird bestimmt spannende Begegnungen geben. Einige nicht so schön, andere dafür umso einprägsamer. Du lernst unheimlich tolle, spannende Dinge. Man schließt neue Freundschaften. Manche sogar fürs ganze Leben. Und manchmal trifft man auch einen ganz besonderen Menschen, der einen...
Marc (versteht genau, wie es gemeint ist): Haasenzahn, jetzt verklärst du aber wirklich. Es ist nur ein verschissener erster Schultag. Nicht die Nobelpreisverleihung. Da passiert in der Regel rein gar nichts. Außer dass du eine Reihe ziemlicher Witzfiguren als neue Klassenkameraden, neurotische und überforderte Lehrer und einen Stundenplan kriegst, der dir ziemlich viel Freizeit stehlen wird, die du auch anderweitig nutzen könntest.
Lilly (grient ihn zuckersüß an): Wie zum Beispiel um hierher zu kommen?
Marc (grinst zurück): Möglich, ja, aber ich glaube, in nächster Zeit ist hier die Besuchszeit deutlich eingeschränkt.
Lilly (blickt fragend zu ihrem Papa, der natürlich den Kopf schüttelt): Wirklich?
Mehdi (guckt eindringlich zu Marc am Fußende von Gretchens Bett): Vielleicht nur in diesem eng bemessenen Bereich des Krankenhauses, in dem nur wenige Egos Platz finden, aber wenn du deinen Onkel Marc ganz lieb fragst, dann macht er für dich bestimmt eine Ausnahme.
Lilly (guckt Marc aus ihren großen unwiderstehlichen Kulleraugen direkt an): Ja?
Marc (erwidert ihren intensiven Blick u. senkt dann seinen Kopf, weil er gegen die süße Maus nicht den Hauch einer Chance sieht): Ey, das ist emotionale Erpressung.
Gabi: Damit kennst du dich ja auch am besten aus.
Marc (funkelt die vorlaute Krankenschwester unmissverständlich an): Wie war das noch mal, hattet ihr nicht vor, zu gehen? Ist schon reichlich spät, nicht? Müssten die beiden nicht schon längst im Bett sein?
Mehdi (genießt es, seinen dauernörgelnden Freund noch ein bisschen hinzuhalten, u. nimmt seine Tochter u. Gretchen ins Visier, an die Lilly sich gekuschelt hat): Nö, finde ich nicht unbedingt, aber als dein behandelnder Arzt, Gretchen, achte ich natürlich auf die Ruhepausen. Die Besuchszeit ist jetzt wirklich vorbei.
Lilly (zieht eine hinreißende Zuckerschnute): Schade.
Gretchen (macht Marc einen Strich durch die Rechnung): Nein, nein, ihr könnt gerne noch bleiben, wenn ihr mögt.
Lilly (strahlt die Blondine begeistert an): Echt?
Marc (ihm passt das ganz u. gar nicht u. das zeigt er auch unmissverständlich): Haasenzahn!
Mehdi (blickt Lilly auffordernd an u. sie versteht): Ein andermal, hm?

Dr. Kaan hatte als aufmerksamer Arzt das hinter der Hand versteckte Gähnen von Gretchen natürlich registriert, lächelte seiner besten Freundin wissend zu, die sich bemühte, wach zu bleiben, und guckte dann seine beiden Herzdamen auffordernd an, die sich daraufhin aufmachten, seiner Bitte nachzukommen. Schließlich wandte sich Mehdi noch Marc zu, der den Aufbruch der befreundeten Familie wohlwollend zur Kenntnis nahm, wenn auch mit leichter Wehmut, was auch sein Freund mit einem milden Lächeln bemerkte.

Mehdi: Wenn ihr noch was braucht, dann könnt ihr euch zu jeder Zeit an meine Mitarbeiter wenden. Sie sind instruiert und naja, ihr kennt sie ja eh und umgekehrt.
Marc (seufzt u. nimmt es mit Humor): Und das nennst du also dein berühmt-berüchtigtes All-inclusive-VIP-Paket, wenn der Chef einfach mal so die Biege macht und seinen Job anderen überlässt.
Mehdi (grinst schelmisch, als er zu ihm tritt): Weißt du, Marc, ich hab mir heute einfach mal gedacht, ich nehme mir dich als Vorbild und delegiere ein bisschen. Das hast du mir doch immer geraten.
Marc (hebt anerkennend eine seiner Augenbrauen u. lacht): Schleimer!
Mehdi (tut es ihm gleich u. reicht ihm zum Abschied die Hand): Ich bin zwar nicht direkt vor Ort, aber du kannst dich jeder Zeit melden, falls was sein sollte oder ihr nicht weiterwisst. Ihr müsst euch dafür auch nicht schämen, es geht ausnahmslos jedem am Anfang so.
Marc (stöhnt entnervt auf u. drückt ihm extra fest das Patschehändchen): Alter, jetzt lass endlich deinen bescheuerten Beschützerinstinkt sein! Wir kommen klar. Hey, das sind nur Babys. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel.

Na, wenn du meinst? Ich lass dich mal in dem Glauben. Solange die Euphorie noch anhält, hört er eh nicht auf mich und findet alles knorke.

Mehdi (grinst wissend u. guckt vielsagend zu Gretchen, die ihm zunickt): Na dann!? Ich glaube, ihn hier hast du auf jeden Fall im Griff.
Marc (will ihm für den Spruch in die Seite boxen, aber da ist Mehdi schon zu Gretchen gegangen): Ey! Jetzt halt mal die Luft an, du!
Gretchen (reicht Mehdi ebenfalls schmunzelnd die Hand u. wird mit einem Küsschen auf die Wange belohnt): Danke, Mehdi! Für alles. Du warst mein Held in der... Du weißt schon.
Mehdi (lächelt): Das ist mein Job, Gretchen.
Gretchen (lächelt bewegt zurück u. ist fast schon wieder den Tränen nah): Du weißt, das ist mehr. Aber ihr habt euch eure Zeit für euch auch verdient. Ich freu mich ehrlich.
Mehdi: Ich mich auch.
Marc (nuschelt kleinlaut): Ich überleg noch.
Gabi (kann es nicht lassen, auch noch ihren Senf dazuzugeben): Aber nicht, dass er wieder auf die bescheuerte Idee kommt, Mehdi mitten in der Nacht am Telefon zu sich zu zitieren, um irgendwelche Wände einzureißen.
Marc (sein Kopf schießt katapultartig zu ihr herum): Ey, das war einmal und da stand ich...
Mehdi (schmunzelt u. schaut vielsagend von Gretchen zu Gabi u. dann zu Marc, der drohend seinen Finger erhebt): ...neben dir.
Marc: Wenn schon, dann hast du neben mir gestanden. Verdrehe hier mal nicht die Tatsachen, mein Lieber.
Gretchen (grient vergnügt zu den Streithammeln): Das sagt der Richtige.
Marc (funkelt sie an): Hey! Verbünde dich nicht ständig mit denen, sonst werden wir die nie wieder los.
Mehdi (lacht): Das war auch nie unsere Absicht.

Hach... er kann es nicht lassen, mein Marcischnuckiputzi. Er ist so durchschaubar. Wahnsinn! Aber ich weiß, dass du sie genauso gern hast wie ich. Deine Augen verraten dich. Im Grunde willst du gar nicht, dass sie gehen. Weil du nicht zugeben willst, dass Mehdis Rat doch ganz nützlich ist und du ganz genau weißt, wie toll es sein wird, unsere Kinder gemeinsam aufwachsen zu sehen.

Gretchen (schenkt ihrem Grummelkönig ihr bezauberndstes Lächeln u. wendet sich dann Gabi zu, die sich gerade verabschieden möchte): Ich zeige nur meinen guten Willen, mein Schatz. Also, Gabi, wir können gerne mal schwatzen, wie es mit den Kleinen so läuft, wenn du magst. Ich weiß zwar nicht, wie lange ich noch mit den beiden hier bleiben muss, der Lieblingsarzt meines Vertrauens hält sich dahingehend nämlich noch ziemlich bedeckt, aber von mir aus können wir das auch später nachholen, wenn wir uns dann zuhause häuslich eingerichtet haben und wissen, ob und wie es funktioniert.
Gabi (überrascht u. durchaus angetan von Gretchens Angebot): Ehrlich?
Gretchen (zwinkert ihr zu): Mütter müssen doch zusammenhalten, oder?
Gabi (schenkt ihr ein ebenso freundliches Lächeln, während sie sich bei Mehdi einhakt, der seine Hand über Lennys Köpfchen hält u. ebenso fröhlich zu Gretchen schaut): Definitiv!
Marc (hat endgültig genug von den Verschwörungen u. schiebt die Meute zur Tür): Boah, Leute, Abmarsch jetzt! Wir sind beide Ärzte. Wir wissen schon, was wir hier tun. Euren Senf könnt ihr auch für euch behalten oder euch selber aufs Biobutterbrot schmieren.
Gabi (grinst ihn ungeniert an): Sicher?
Marc (tritt näher als nötig an Gabi heran, was sie kurz irritiert, fixiert zufrieden ihre unsicher hin- u. her huschenden Pupillen u. lenkt seinen Blick dann lächelnd auf ihren kleinen Jungen): Darf ich?
Gabi (im ersten Moment überrumpelt nickt sie ihm schließlich zu, als er seine Hand vorsichtig an Lennys Wange legt u. den Jungen schelmisch angrinst): Ähm... okay?
Marc (beobachtet fasziniert, wie der Kleine kurz die Augen aufschlägt u. deutet an seiner kleinen Hand ein High Five an): Ich hoffe, du weißt, worauf du dich hier einlässt, mein Freund. Wenn sie Ärger machen oder nerven, und das werden sie definitiv, dafür kenne ich sie lange genug, dann schick mir ein Zeichen. Egal, was. Wir verstehen uns? So, und jetzt Patschehändchen her! Jawohl, so geht das! Kartoffel... Pommes! Yeah! Und pass auf, dass deine Alten morgen hier nicht schon wieder auf der Matte stehen. Deine Kumpels von der schnellen Brigade wollen nämlich endlich ihre wohl verdiente Ruhe haben. Das sollte auch in deinem Interesse sein.
Gabi (während Gretchen völlig hingerissen von dem Anblick ist, reagiert sie langsam genervt u. will gehen): Marc, bitte, jetzt!
Marc (kann sich nur schwer von dem Kleinen loseisen u. grient ihn an): Hörste? Mein Stichwort. Noch haben die Weiber die Macht, aber wir wissen ja beide, dass es nicht so ist. Also, mach’s gut und gib trotzdem gut auf sie acht! Nicht dass sie aus Versehen wieder einen Fahrstuhl betritt. Das bekommt deiner Mama nicht so gut. Ich kann ja nicht immer zur Stelle sein, wenn Not am Mann oder in dem Fall an der Frau ist. Mein Superheldenkostüm ist leider gerade in der Reinigung.

Marc schaute vergnügt von Lenny hoch in Gabis Gesicht. Doch die frisch gebackene Mama des kleinen Jungen hatte nur ein genervtes Kopfschütteln für den Spaßvogel vom Dienst übrig. Er schenkte ihr dennoch ein wohlwollendes Lächeln zum Abschied, als sie sich umdrehte und mit ihrem Sohn durch die von Mehdi offen gehaltene Tür schlüpfte. Marcs bester Freund verweilte jedoch noch einen Moment.

Mehdi: Wir werden uns bemühen, obwohl ich zugeben muss, dass ich mich meinen beiden Patenkindern auch nur schwer entziehen kann.
Gabi (hat sich noch einmal umgedreht u. lehnt sich von hinten an seine Schulter): Ja, aber jetzt ist er hier erst einmal der Star.
Marc (zwinkert ihr u. ihrem Jungen, auf den sie demonstrativ deutet, mit einem Lächeln zu): Sicher!
Gabi (nimmt die freundliche Geste diesmal an): Ich hab übrigens noch nicht ja gesagt, was deine Patenschaft betrifft. Ich will mir noch ein paar Optionen offen halten.
Marc (schiebt eine Hand lässig in seine Hosentasche u. hält mit der anderen zwei Finger hoch, um sie zusammenzuführen): Och, du siehst doch, wie dicke Lenny und ich miteinander sind. Du kannst mir also gar nicht widerstehen. Konntest du nie.
Mehdi (horcht belustigt auf): Das wüsste ich aber.
Gretchen (grient vom Bett aus zu der kleinen Gruppe an der Tür rüber): Ich auch. Kommt, gut nach Hause, und meldet euch, wie’s läuft.
Mehdi (winkt seiner besten Freundin von der Tür aus noch einmal zu): Versprochen! Ihr aber auch. Nicht dass ihr ganz in eurer Seifenblase verschwindet und uns vergesst.
Gretchen (grient zurück): Würden wir niemals tun.
Marc (seufzt u. schiebt Mehdi nun entschieden zur Tür hinaus, vor der Gabi mit Lenny schon ungeduldig wartet): Mal sehen. Und jetzt geht endlich, der Kleine gehört ins Bett.
Mehdi (drückt seinem Sohn schmunzelnd ein inniges Küsschen auf die Wange u. nimmt ihn Gabi ab, die sich gerade ihre Jacke anziehen will): Tja, deinem Patenonkel sollte man nie widersprechen.
Marc (strahlt von einer Backe zur anderen tiefste Zufriedenheit aus): Hey, hey, er hat es erfasst.
Gabi (ruft aus dem Vorzimmer noch einmal ins Zimmer): Tschüss, Marc! Gretchen?
Gretchen (schaut Familie Kaan-Kragenow wehmütig hinterher): Auf Wiedersehen! Tschüss, Lenny! Tschüss! Hach...
Marc (spürt die Erleichterung regelrecht körperlich u. lässt seine angespannten Schultern herabsinken): Boah, endlich! ... Moment! Äh... Mehdi, kann es sein, dass ihr was Entscheidendes vergessen habt?

Marc hatte gerade vorgehabt, die Zwischentür zu schließen, als ihm, während der halben Umdrehung, die er gerade machte, der hellbraune Wuschelkopf auffiel, der ihm bis zum Ellenbogen reichte und gespannt wie ein Flitzebogen zu ihm hochguckte, ohne den Anstand zu besitzen, ebenfalls gehen zu wollen.

Mehdi: Lillybärchen, kommst du?
Lilly: Ja, Papa, gleich! Ich wollte Onkel Marc nur noch was fragen.

...

Lorelei Offline

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05.07.2018 16:09
#1627 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dr. Meier wusste nicht, wie ihm geschah, als er wie in Zeitlupe ganz verdattert zu dem neunjährigen Mädchen herunterblickte, denn die wissbegierige Grinsemaus schien keinerlei Anstalten machen zu wollen, ihrem Vater und seinem noch nervigeren Anhängsel nach draußen zu folgen.

Marc: Oje, was kommt jetzt? Ich dachte, du wüsstest schon alles, was die Zwillingsthematik betrifft. Das hast du doch vorhin der Mini-Hassmännin schon sehr eindrucksvoll erklärt. Ihr Vater wird bestimmt heute Nacht Albträume davon bekommen.
Lilly (grient zuckersüß zu ihrem Lieblingsonkel hoch): Das war gut, oder?
Marc (nickt bestätigend mit dem Kopf u. guckt dann etwas ratlos zwischen Lilly, Mehdi, der zusammen mit dem Baby u. Gabi wieder in der Tür erscheint, u. Gretchen hin u. her): Äh… War das jetzt deine Frage? Dann, ja, äh… wäre das ja geklärt. Tschüssikovski! Bis bald!
Lilly (pendelt unsicher auf ihren Füßen hin u. her u. druckst ungewohnt herum): Nein, Onkel Marc, warte, ich ähm… ich wollte… Also, ähm...
Gretchen (macht ihr vom Bett aus, wo sie den beiden gespannt zuschaut, Mut): Nur raus mit der Sprache, meine Süße! Marc beißt nicht.
Marc (zwinkert seiner frechen Freundin vom Fußende des Bettes aus grinsend zu): Manchmal schon!
Gretchen (rollt demonstrativ mit den Augen): Marc!
Marc (lacht über seinen gelungenen Scherz u. begibt sich nun auf Augenhöhe mit der fast Zehnjährigen, die ihn seltsam nervös anschaut): Jaaahaaa! Also, Prinzessin Lillyfee, wo drückt denn der Schuh? Machst du jetzt deswegen einen auf Aschenbrödel? Denn die böse Stiefmutter, die haste ja schon und so schlimm ist die ja auch nicht. Also, manchmal.
Gabi (tritt nun auch wieder genervt an die Seite von Lillys Vater u. funkelt von dort aus Marc säuerlich an): Ich kann dich hören.
Marc (überhört die Zicke vom Dienst wohlwissendlich, obwohl er sich gerade königlich amüsiert, u. konzentriert sich ganz auf seinen jungen Fan): Upps! Oder hat es was mit deinem Brüderchen zu tun? Gut, es ist jetzt kein Mädchen geworden, das mag für dich vielleicht blöd erscheinen, aber, mein Gott, Mädchen, das kann jeder. Er hier ist was Besonderes. Ich dachte, du freust dich.
Lilly (strahlt ihren großen besten Freund aus leuchtenden Augen an): Das tue ich auch. Megadoll, Onkel Marc!
Marc (zuckt unschlüssig mit beiden Schultern): Na, dann ist doch alles prima.
Lilly (nickt u. kaut nervös auf ihrer Unterlippe herum, als sie ihm zögerlich in die frech auffunkelnden dunkelgrünen Augen blickt): Duuu, Onkel Marc?

Ich sollte einen Obolus verlangen, jedes Mal, wenn sie das sagt. Dann wäre ich jetzt ein reicher Mann und ihre Mutter wäre Mehdis Schulden bei mir endlich los. Aber ich bin ja nicht nachtragend, ne.

Marc (übt sich in Geduld, aber kann sich nur noch schwer konzentrieren): Jaaa?
Lilly (knabbert immer noch unsicher auf ihrer Unterlippe herum u. wippt in ihren schicken rosa Sandaletten vor ihm auf u. ab): Wenn du jetzt Lennys Patenonkel bist und Papa der von den Zwillingen, dann… dann…
Marc (staunt dann jetzt doch, ahnt jedoch noch nicht, worauf sie eigentlich hinauswill): Was dann?
Lilly (gibt sich einen Ruck u. schaut ihn nun doch auf die unverwechselbare Kaan-Art intensiv an, der man sich kaum entziehen kann): Dann… dann sind wir doch jetzt so was wie Familie und dann wäre es doch nur gerecht, wenn… Also… Ich weiß ja nicht, wie das damals so war, als ich so klein war wie mein Bruder. Ich weiß nur noch, dass du sehr selten da warst und wenn du da warst, dann wolltest du immer schnell wieder weg. Du wolltest nie mit mir spielen.
Gretchen (fühlt solidarisch mit der Kleinen mit u. wirft Marc einen vorwurfsvollen Blick zu): Ach, Marc!
Marc (schließt für einen Moment die Augen u. ärgert sich über sich selbst, weil sie doch mehr mitgekriegt hat, als er von der kleinen Nervensäge gedacht hat): Naja, ich bin ja auch Arzt und wurde immer gebraucht. Daran hat sich ja auch nichts geändert. Das hatte an sich doch nichts mit dir zu tun.
Lilly (schiebt ihre Hände tief in die Taschen ihrer Jeans u. denkt darüber nach): Hm!
Marc (hat eine kleine, aber feine Vorahnung, was sie von ihm wollen könnte u. sucht in Mehdis Augen, die stetig auf ihm ruhen, eine Antwort, die er ihm aber schuldig bleibt): Worauf willst du eigentlich hinaus, Lilly?
Lilly (sieht ihn, nachdem sie sich kurz bei ihrem Papa u. bei Gretchen versichert hat, aus ihren haselnussbraunen Kulleraugen wieder nachdrücklich an): Ich… ich wollte dich einfach nur mal fragen, ob du... ob du Lust hast, also... nur wenn du magst, auch mein Patenonkel zu sein. Also, so richtig. Willst du?
Marc: Äh...

Marc war vollkommen baff und fühlte sich ehrlich überrumpelt. Er hatte absolut keinen Schimmer, wie er darauf reagieren sollte. Mit dieser süßen Bitte, die so ehrlich herausgekommen war, wie sie auch gemeint gewesen war, hatte er nun wirklich nicht gerechnet und guckte dementsprechend verwirrt zu Mehdi und Gabi, die im Vorraum an der Tür standen und seine Reaktion gespannt beobachteten, und dann zu Gretchen, die ihm ermutigend zunickte, ja, ihn mit ihren inständigen Blicken nahezu dazu drängte, Lilly endlich die Antwort zu schenken, die sie hören wollte, was er nach einem tiefen kehligen Seufzer schließlich auch tat. Wie hätte er den Kulleraugen der Kleinen auch widerstehen könnten, die ihn regelrecht hypnotisierend in die Mangel genommen hatten. Man konnte ihnen nicht entkommen. Man konnte den Kaans nicht entkommen. Es ging nicht. Er hatte dahingehend schon alles probiert.

Er hatte mit Mehdis Exfrau geschlafen, bevor Mehdi und Anna sich überhaupt erst kennengelernt hatten. Er hatte ihr in ihrer Angst vor der Rache ihrer Schergen zur Flucht verholfen, die leider nur ein paar Kilometer vor Berlin frühzeitig an einem Baum geendet war. Er hatte gelogen, vertuscht, Mehdi zum Eigenschutz wesentliche Fakten wohlwissendlich vorenthalten und sich sogar mit ihm geprügelt, als alles, wie es nun mal hatte kommen müssen, doch noch mit einem Paukenschlag rausgekommen war. Er hatte ihn an seinem Tiefpunkt bei sich aufgenommen. Sie hatten sich gemeinsam im Selbstmitleid gesuhlt und trotzdem hatte er Mehdi wissentlich seine Kurzzeit-Wie-auch-immer-Blümchen-Beziehung ausgespannt, die er fälschlicherweise für seine zweite große Liebe gehalten hatte. Er hatte sich von dem selbstmasochistisch veranlagten Kerl dafür sogar in den Hintern treten lassen, damit er endlich in die Pötte kam. Er hatte es sogar ein klein wenig genossen, Mehdi in den ersten Wochen leiden zu sehen. Er hatte ihm sein Glück fieserweise immer wieder unter die Nase gerieben, bis der Depp schließlich seinen größten Bock geschossen hatte und eines Tages aus Versehen über Gabis Lattenrost gestolpert war.

Er hatte selten so viel gelacht wie an dem Morgen, als Mehdi vollkommen bedröppelt nach Hause gekommen war und die Welt und vor allem sich selbst nicht mehr verstanden hatte. Er hatte Spott und Hohn über ihn ausgekippt. Nicht nur wegen seines Rückfalls in akute Liebesblindheit, die mit keiner, auch mit der Hassmann nicht, hätte größer ausfallen können als mit Gabi Kragenow. Ausgerechnet die blöde Ziege, die ihm beinahe alles verbockt hätte. Aber die verbalen Schlagabtausche zwischen den langjährigen Freunden waren nie böse genug gemeint gewesen, dass Mehdi endgültig das Weite gesucht hätte. Im Gegenteil, sie waren sich näher denn je. Und das galt auch für seinen weiblichen Mini-Me, die ihn mir nichts, dir nichts um den Finger wickeln konnte, ohne dass man selbst es mitbekam. Diese subtile Einflussnahme war den Kaans bis ins Blut übergegangen. Man konnte sich dem nicht entziehen.

Marc: Das ähm... ist... nett, aber... spielt das denn überhaupt eine Rolle? Wir haben doch schon deine Räuberhöhle miteinander geteilt. Das heißt doch, wir sind Freunde, oder?
Lilly (himmelt ihn mit ihren Strahleaugen an): Die Besten!
Marc (wirkt merklich überfordert, weil sie nicht aufhört, ihn abwartend anzustarren): Und warum sollten wir dann daran etwas ändern? Wir wissen doch, wo wir stehen.
Lilly (schaut sich irritiert um): In einem Krankenzimmer auf Papas Arbeit.
Marc (schließt kurz die Augen u. muss selber darüber schmunzeln): Dein blitzgescheiter Verstand schlägt mich um Längen.
Mehdi (kann sich einen kleinen subtilen Einwurf nicht verkneifen, wofür er von Gabi einen Klaps auf den Arm kassiert u. von Marc einen äußerst finsteren Blick): Kriegen wir das schriftlich?
Marc (funkelt seinen rotzfrechen Kumpel finster an u. hebt den Zeigefinger): Hey!
Lilly (klammert sich an ihn u. guckt gespannt zu ihm hoch): Okay? Und das heißt? Ich dachte nur, ich meine, es wäre toll, wenn du… Das wäre mein größter Wunsch. Aber wenn du nicht willst, dann...
Marc (fällt der enttäuschten Zuckerschnute unwirsch ins Wort): Wer hat denn gesagt, dass ich nicht wollen würde?
Lilly (ihre samtbraunen Augen werden tellergroß u. sie immer hibbeliger): Also, willst du, Onkel Marc? Ehrlich?
Marc (verzieht keinerlei Miene u. lässt sich nichts anmerken): Würdest du dann aufhören, mich ständig zu onkeln?
Lilly (verzieht auch keine Miene, als sie wieder zu ihm hoch guckt): Nein!
Marc (stöhnt auf u. richtet sich langsam aus der Hocke wieder auf, um kurz zu Gretchen rüberzuschauen, die ihn ganz entzückt anhimmelt, was ihn das nächste Seufzen entlockt): Das hab ich befürchtet. Und muss ich jetzt dafür irgendwas tun? Also, in irgendein bescheuertes kirchliches Zeremoniell lasse ich mich nicht zwängen. Seit meinem Austritt hat mich keine Kirche mehr von innen gesehen. Bis auf die eine, in die… Egal! Bis auf die tödlichen Viren war da eh nichts echt gewesen.
Mehdi (grinst): Das ist eher symbolisch gedacht, Marc.
Marc (dreht seinen Kopf in Mehdis Richtung, versucht sich am Ameisenblick, der aber kläglich misslingt, weil das Grinsen von Gabi u. Mehdi viel zu ansteckend ist): Ach nee, der ist ja auch noch da. War das geplant? Hättest mich ja auch mal vorwarnen können, als du mich abgefüllt hast.
Mehdi (funkelt ihn amüsiert an): Och, dafür bist du doch noch nüchtern genug. Aber im Ernst, Marc, Lilly hat sich das schon lange gewünscht und ich hab ihr geraten, dich einfach mal spontan zu fragen. Denn auf meine Frage vor fast zehn Jahren hast du ja nie reagiert.
Gretchen (schüttelt vorwurfsvoll ihren Lockenkopf): Ach, Marc!
Marc (ignoriert den subtilen Unterton in Gretchens Stimme u. knufft Lilly einmal an die hochgereckte Nasenspitze): Ich weiß überhaupt nicht, was er meint.
Lilly (kichert u. schmiegt sich glücklich in seine Arme): Ich auch nicht. Aber danke, Marc, ich hab mir das sooooo gewünscht.
Marc (genießt ihre Umarmung sichtlich u. macht ausgiebig mit): Du hast das Onkel vergessen.
Lilly (grient ihn zuckersüß von unten herauf an): Ich dachte, ich komme dir ein Stück weit entgegen, jetzt, wo du ja gesagt hast.

Hilfe! Was mache ich eigentlich hier? Ich verliere gerade die Kontrolle über mich selbst. Da hält doch jemand die Fernbedienung gedrückt. Na, wartet!

Marc (glaubt, sich verhört zu haben u. blickt sich vergewissernd um): Boah, hat man da Töne? So ein freches kleines verzogenes Ding. Kein Wunder, dass es nach erzieherischer Orientierung sucht. Aber um mir entgegenkommen zu können, musst du schon noch ein paar Zentimeter wachsen. Und jetzt aber wirklich, Abmarsch, Fräulein! Lenny vermisst schon seine große Schwester. Hübsches T-Shirt übrigens.
Lilly (strahlt wie ein Honigkuchenpferd u. streicht sich stolz ihr lilafarbenes „Beste-Schwester-der-Welt“-T-Shirt zurecht): Danke, Onkel Marc!
Marc (stöhnt erneut auf, überlegt eine halbe Sekunde u. schlägt plötzlich heimtückisch zurück, indem er den Frechdachs unvermittelt packt, herumwirbelt u. mit dem Kopf nach unten festhält): Da ist es wieder. Na warte! Jetzt reden wir erst einmal Tacheles, Fräulein Kaan.
Lilly (quietscht vergnügt auf u. zappelt wie ein Fisch in der Luft): Niiiicht, Onkel Maaarc! Lass mich runter!
Marc (denkt nicht daran, sie runterzulassen): Wie war das?
Lilly (kichert trotz auswegloser Lage): Onkel Marc! Onkel Marc! Onkel Marc!
Marc (kitzelt sie zusätzlich, was sie noch mehr giggeln lässt): Ich hab dich nicht richtig verstanden.
Gretchen (will ihrer kleinen Freundin helfen): Marc! Lass sie bitte runter! Ihr wird noch schwindelig.
Marc (zwinkert ihr frech zu): Ich hab die kleine Kröte hier gemeint, Haasenzahn. Zu dir komm ich später noch.
Lilly (schlägt trotzig zurück): Ich bin nicht klein.
Marc (schleppt sie langsam in Ameisenschritten kopfüber zu Mehdi, der schmunzelnd mit Baby Lenny neben Gabi in der Tür steht, die den Jungen jetzt von ihm übernimmt u. liebevoll an sich gedrückt hält): Doch! Du reichst mir maximal bis unter die Achsel und bist leicht wie eine Feder. Definition demnach korrekt. Also, wie lautet das Zauberwort, Prinzessin? Ich kann dich noch ewig so festhalten.
Lilly (bekommt vor lauter Lachen kaum noch Luft): Schokopudding.
Marc (lässt sie für die freche Antwort ein kleines Stückchen herunterrutschen, was sie panisch aufquieken lässt): Falsch!
Lilly (bemüht sich unter Anstrengung um eine lustige Antwort): Glitzerstaub.
Marc (lässt sie noch ein Stück herunterrutschen, sodass sie mit ihren langen Haaren nur noch Zentimeter über dem Boden schwebt, was sie verleitet, ihm die Schnürsenkel seiner gelben Chucks öffnen zu wollen, aber ihre Arme reichen leider nicht heran): Ich warte.
Lilly (bekommt es nun doch ein bisschen mit der Angst zu tun u. gibt auf): Maaarc!

Hm…bin ich gut. Wer behauptet noch mal, Erziehung wäre Schwerstarbeit? Das ist so leicht wie dieses Federgewicht hier.

Marc (grinst zufrieden vor sich hin, zieht sie wieder ein Stück hoch u. lässt sie, immer noch kopfüber, zu Mehdi rüberschweben): Richtige Antwort. Damit hast du dir eine Eins in deinem Notenheft verdient. So, postwendend zurück. Ich glaube, die klei... große Lady ist dir abhanden gekommen. Nicht?
Mehdi (wirbelt seine Kleine vorsichtig wieder herum u. lässt sie sanft wieder Bodenkontakt aufnehmen): Alles gut, Lillymaus? Wenn ich ihn zurückärgern soll, dann gib mir Bescheid.
Marc (fordert ihn natürlich direkt heraus): Das traust du dich doch eh nicht.
Mehdi (blitzt vergnügt zurück): Ich würde es nicht riskieren.
Lilly (klammert sich erschöpft an die Taille ihres Papas u. guckt verschmitzt zu Marc rüber, der ihren fröhlichen Blick erwidert): Können wir das noch mal machen? Das hat Spaß gemacht.
Marc (gibt ihr einen kleinen freundschaftlichen Stups mit auf den Weg): Heute nicht mehr. Aber ich bin immer zu allen Schandtaten bereit, die wir miteinander aushecken können.
Gabi (flüstert Mehdi von hinten etwas zu): Und du bist dir wirklich sicher, dass er der Richtige für den Job ist? Also, verantwortungsbewusst klingt anderes.
Marc (hat sich erschöpft auf Gretchens Bettkante niedergelassen): Das hab ich gehört.
Gabi/ Mehdi (antworten synchron u. bekommen davon einen kleinen Lachanfall, der Lenny endgültig wach macht): Solltest du auch.
Lilly (kommt noch einmal fröhlich auf Marc zu getanzt): Hast du das ernst gemeint, Marc?
Marc (schnappt sich ihre beiden kleinen Hände u. macht mit ihren so miteinander verbundenen Armen Wellenbewegungen): Indianerehrenwort! Und ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis. Wenn Jungs dir ihr Wort geben, dann hast du sie an den Ei... äh... dann meinen sie’s auch so. Also, falls dir jemand blöd kommt, Anwesende ausgenommen, dann sag Bescheid. Dann mischen wir zusammen den Schulhof auf.
Gretchen (grient die beiden von der Seite an): Damit kennt er sich ja auch am besten aus.
Marc (stichelt zurück, aber mit einem lachenden Auge): Kinder sollten schon frühzeitig wissen, worauf sie sich da einlassen. Nicht jeder, der es scheint zu sein, ist so nett wie ich.
Gretchen (zitiert ihn aus der Erinnerung u. bekommt davon ebenfalls einen kleinen Lachflash, der ihr Zwerchfell in Mitleidenschaft zieht): Hach… Erinnerungen.
Marc (verdreht nuschelnd die Augen): Weiber!

Reich ihnen den kleinen Finger und sie nehmen gleich die ganze Hand und was da noch so dranhängt. Und wie soll ich mit zwei amputierten Armen jetzt operieren, hä? Daran denkt mal wieder keiner.

Lilly (ist voll in ihrem Element u. strahlt ihren Patenonkel glücklich an): Das wird megatoll. Holst du mich dann auch von der Schule ab?
Marc (runzelt die Stirn u. ist nicht mehr ganz so begeistert): Ist dein zehn Jahre angewachsener Orientierungssinn kaputt? Bist du dafür dann nicht ein bisschen zu alt?
Mehdi (lehnt sich seufzend an den Türrahmen): Ist man in der Hauptstadt leider nie.
Gretchen (versteht, wie es gemeint ist u. nickt leicht): Wohl wahr!
Lilly: Aber zur Musikschule begleitest du mich weiterhin jeden Donnerstag, oder?
Marc (fährt sich nachdenklich über seinen Dreitagebart u. schaut rüber zum Zwillingsbettchen): Je nachdem, wie mich die Zwerge beanspruchen werden. Oder ich bring die beiden stimmgewaltigen Stimmungskanonen einfach im Kinderwagen mit.
Gretchen (kichert): Und verbuchst du das dann unter musikalischer Früherziehung?
Marc (schaut seine freche Freundin ziemlich verdattert an u. schüttelt den Kopf): Also, ich bitte dich. Dafür hab ich meine Metallica-Platten.
Gretchen (schmunzelt noch mehr): Klar!

Die auf sehr mysteriöse Weise auf jeden Fall noch verschwinden werden. Hihi!

Lilly (hüpft begeistert auf der Stelle): Au ja! Und ich darf ihn dann schieben?
Marc (schmunzelt u. stellt sich das schon einmal bildlich vor): Wenn du die Kraft dafür hast. Außerdem kann ich schließlich nicht zulassen, dass du dir von dieser überehrgeizigen Langzeitstudentin doch noch diese albernen pädagogisch sinnfreien Kinderlieder andrehen lässt, für die vermutlich schon Erstklässler gedisst werden, wenn sie damit erwischt werden. Du gehörst schließlich jetzt zu den Großen.
Lilly (macht sich vor ihm extra groß): Genau! Und kann ich dann nach der Schule oder in den Ferien immer zu euch kommen, wenn ich mag? Zusammen mit Lenny?
Marc (bekommt es jetzt doch mit einem mulmigen Gefühl zu tun): Definiere ‚immer’!
Lilly (grient ihn hinreißend an): Na, immer immer!
Marc (lässt erschöpft den Kopf hängen u. auch der Seelenstreichler von Gretchen über seinen Rücken lässt ihn nicht darüber hinwegtrösten, dass er ihr nicht zu viel versprechen sollte): Du hast mir nicht verraten, dass es so anstrengend werden würde, als du mich zum Ja genötigt hast, Fräulein. Wir sollten vielleicht vertraglich etwas festlegen. Dann sind wir auf der sicheren Seite.
Lilly (blickt ihn aus ihren großen Kulleraugen ganz gespannt an): Heißt das, ich bekomme eine Taschengelderhöhung, wenn ich Marlene und Marlon babysitte?
Marc (fällt beinahe vom Glauben ab): Woah, jetzt legst du dich aber reichlich ins Zeug. Von babysitten war gar keine Rede.
Lilly (deutet fröhlich auf ihren Bruder in Gabis Armen): Ich hab dann aber Erfahrung.
Marc (ist ehrlich beeindruckt von ihrer schlüssigen Argumentation): Darüber reden wir vielleicht in fünf... sechs Jahren noch mal.
Lilly (zieht eine herrliche Zuckerschnute): Das dauert mir aber viel zu lange.
Marc (grinst u. deutet verschmitzt zu Lillys vergnügt schmunzelnden Vater): Du, mir auch, aber wenn wir jetzt an der Uhr drehen, hat das auch Konsequenzen und wir sollten vielleicht deinen Daddy noch ein bisschen schonen. Wenn wir jetzt die Zeitmaschine vorspulen würden, dann würde er es mit Teeny-Lilly zu tun bekommen und ich glaube, das macht sein liebesverirrtes Herz noch nicht mit.
Mehdi (reagiert ehrlich perplex): Hey!
Marc (blickt feixend eine Person weiter): Gabi ist ja auch gerade erst dem Teenyalter entwachsen. Eine Baustelle nach der anderen.
Gabi (sieht grummelnd über die subtile Anspielung hinweg, weil sie Lenny bändigen muss): Charmant! Können wir dann endlich? Er ist ehrlich drüber.
Mehdi (streichelt seinem kleinen Liebling über den mit einem gelben Mützchen bedeckten Kopf, was ihn ein bisschen beruhigt): Ja! Lillymaus, verabschiedest du dich bitte?
Lilly (wiederholt die verspielte Wellenbewegung mit ihren Armen u. schmiegt sich zum Abschied innig in Marcs Arme): Jahaaa, Papa!
Marc (drückt sie noch einmal an sich u. lässt das Klammeräffchen anschließend nur ungern wieder los): Los! Hopp! Du hast ihn gehört. Noch mal schlepp ich dich nämlich nicht raus. Ich hab irgendwie seit vorhin Rückenprobleme.
Lilly (kichert, nachdem sie Gretchen auch noch schnell zum Abschied gedrückt hat, u. blickt ihm intensiv in die Augen, was ihn kurz verwirrt): Weißt du, was?
Marc (äfft sie in derselben Tonstärke nach): Waaas?
Lilly: Ich hab dich ganz doll lieb, Onkel Marc. Echt super, dass du jetzt auch Papa bist. Ich komme euch ganz, ganz bald wieder besuchen. Versprochen!

Lilly hüpfte in die Höhe, um die stoppelige Backe ihres verdutzten Patenonkels mit einem kleinen Küsschen zu erwischen, und stürmte dann, nachdem sie auch ihrer großen Freundin Gretchen noch einmal wild zugewunken hatte, in die Arme ihres wartenden Papas, der Marc bedeutungsvoll zuzwinkerte, bevor Gabi und er sein süßes Töchterlein in ihre Mitte nahmen und die Familie sich schließlich endgültig aus dem Patientenzimmer von Mehdis bester Freundin verabschiedete, die gerade schwer schlucken musste und sichtlich mit den Tränen der Rührung zu kämpfen hatte. Marc, der einen Augenblick gebraucht hatte, um sich wieder einigermaßen zu fassen, schaute den Vieren kopfschüttelnd hinterher, bis er sich sicher sein konnte, dass sie auch die Außentür hinter sich verschlossen hatten, und drehte sich dann erleichtert aufseufzend zu seiner Süßen um, was ihn jedoch bei ihrem verheulten Anblick direkt den nächsten tiefen Seufzer entweichen ließ.

Marc: Nee, Gretchen, echt jetzt? Du heulst jetzt aber nicht wegen der schrecklich netten Familie? Da gibt es, weiß Gott, bessere und vor allem nachvollziehbarere Gründe.
Gretchen (schnieft u. blickt ihm hinreißend überzeugend entgegen): Nein, du kennst mich doch. Ich bleibe meinem Naturell treu. Du warst und bist der eigentliche Grund. Du bist immer der Auslöser gewesen.
Marc (dreht sich seufzend zu ihr herum u. entschließt sich, zu ihr unter die Bettdecke zu krabbeln): Das Los werde ich wohl nie los, was? Wie die kleine Kröte. Oh Gott, worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Ich bin nicht mehr zurechnungsfähig. Hättest mich ruhig mal stoppen können, Haasenzahn.
Gretchen (himmelt ihn ungeniert von der Seite an u. wischt sich mit einem Finger über ihre feucht schimmernden Augen): Das war echt sü…
Marc (hält ihr prompt den Zeigefinger vor die Zuckerschnute): Wehe, du sagst jetzt das böse S-Wort!
Gretchen (lacht u. spielt mit dem Feuer): Aber wenn es nun mal so ist?
Marc (fängt sie mit seinen unmissverständlichen Blicken ein): Dann riskierst du eine Kitzelattacke, die nicht so harmlos werden wird wie die eben bei Lilly. Ich werde da auch keine Rücksicht nehmen, selbst wenn die Gefahr besteht, dass Nähte platzen könnten. Aber dann zeigt sich wenigstens mal, ob der Dummschätzer wirklich chirurgisch was drauf hat, wenn er schon ständig behauptet, wir hätten das Gleiche studiert.
Gretchen (kann nicht anders, als ihn ungeniert anzugrinsen): Spinner!
Marc (verdreht leicht die Augen u. gibt auf): Ich hab das andere S-Wort gemeint.
Gretchen (schenkt ihm ihren süßesten Schmollmund, den er nicht widerstehen kann, ausgiebig zu küssen): Ich weiß. Ich dachte, doppelt hält besser.
Marc (intensiviert nach dem Kuss die Löffelchenstellung noch, zu der er herangerobbt ist, u. driftet, nachdem er noch einmal vergewissernd nach seinen schlafenden Zwillingen geschaut hat, langsam davon): Sowieso! Unser neues Lebensmotto.
Gretchen (schnappt sich seinen Arm u. schlingt ihn um ihren Körper, während sie mit ihren Gedanken noch ganz bei ihrem Besuch weilt): Ja! Du weißt schon, dass sie jetzt erst recht wahnsinnig verknallt in dich ist, oder?
Marc (schließt die Augen u. versucht, zu schlafen): Ich bin mir meiner Wirkung auf Frauen jeden Alters durchaus bewusst, Haasenzahn. Das ist die natürliche Reaktion auf mein Erscheinungsbild und meinen unverwechselbaren Charme. Daran musst du mich nicht erinnern. Das steckt in meiner DNA.

Und er ist doch süß! Der süßeste Papa und Patenonkel der Welt. Der Job ist wie für ihn gemacht. Er liebt ihn jetzt schon. So verspielt wie er eben mit Lilly war. Das wird bei Marlon und Marlene auch nicht anders sein. Ich kann es kaum erwarten, die drei zusammen herumalbern zu sehen.

Gretchen (kichert vergnügt in ihr Kissen): Angeber! Aber ich muss zugeben, da ist schon etwas dran. Oli war heute Nachmittag auch sehr charmant zu mir.
Marc (schmunzelt nun ebenfalls u. schiebt ihr sanft das Haar hinters Ohr, um sie dahinter liebevoll kraulen zu können): Psst, halt die Klappe!
Gretchen (versucht vergeblich, sich aus seiner hartnäckigen Umklammerung zu winden): Marc, das kitzelt.
Marc (denkt nicht daran, seine Position zu ändern, u. genießt): Ssshhh!
Gretchen (kann nicht aufhören, leise vor sich hin zu kichern): Marc?
Marc (versucht, sich nicht zu sehr von der Nervensäge ablenken zu lassen, ihre unmittelbare Nähe ist ihm nämlich schon aufregend genug): Hm? Ich bin gar nicht mehr wirklich da.
Gretchen (küsst ihn zärtlich auf die Hand, die sie hält): Das hab ich gemerkt.
Marc (nuschelt müde gegen Gretchens Ohr): Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so fertig gewesen bin und das, ohne wirklich was getan zu haben. Ich bin echt stehend k.o. Nicht mal während der beschissenen Pandemie war das so gewesen. Da hab ich ohne eine Minute Schlaf eine ganze Woche durchgearbeitet, während ihr einen auf Dornröschen gemacht habt.
Gretchen (genießt die Gänsehaut auf ihrer Haut, die sein warmer Atem bei ihr auslöst): Das hier lässt sich ja auch nur schwer miteinander vergleichen.
Marc: Ich würde es nicht noch mal darauf ankommen lassen.
Gretchen (schmiegt sich müde in seine Arme): Mhm! Alles gut?
Marc (träumt leise vor sich hin): Bestens! Hörst du das?
Gretchen (hat die Augen geschlossen u. sich Marcs Arm als zusätzliche Kopfstütze zurechtgelegt): Was denn? Das Martinshorn? Das ist an einem Krankenhaus nichts Ungewöhnliches.
Marc (schmunzelt gegen ihren Hals, den er von ihren langen widerspenstigen Haaren freigekämpft hat): Das meine ich nicht.
Gretchen (runzelt die Stirn u. macht keine Anstalten, ihre Augen wieder öffnen zu wollen): Du springst doch sonst immer sofort darauf an und bist der Erste in der Notaufnahme.
Marc (grinst): Dr. Meier ist, wie du sicherlich gemerkt hast, gerade out of order. Frag deinen Dad! Der hat dazu eine ganz eigene Meinung. Vermutlich hängt schon längst mein Steckbrief am Schwarzen Brett vor der Ambulanz. Und, Haasenzahn, wenn du nicht die ganze Zeit dazwischenquatschen würdest, dann würdest du es auch hören.
Gretchen (lauscht dann doch andächtig in die Stille des Abends hinein): Ich höre aber nichts.
Marc (seufzt zufrieden u. hält seine Augen ebenfalls geschlossen): Ja, eben. Das ist es.
Gretchen (spürt diese wohltuende Ruhe nahezu körperlich): Das ist schön so.
Marc (genießt die Stille sichtlich u. driftet langsam davon): Mhm!
Gretchen (dreht ihren Kopf leicht zur Seite, um ihren Herzprinzen intensiver anschauen zu können): Schläfst du etwa schon?
Marc (lässt die Augen zu u. grummelt mürrisch): Würde ich ja gerne, wenn ich nicht ständig dieses fiese Klingeln im Ohr hätte.
Gretchen (sieht ihn irritiert an): Woher?
Marc (klappt erst das eine, dann das andere Auge wieder auf u. blickt die süße Blitzmerkerin ziemlich entnervt an, bis er plötzlich lachen muss, weil sie ihn so herrlich verpeilt anguckt): Woher wohl? Noch nie was von der wichtigsten Regel aus dem Handbuch gehört? Schlafen, wenn sie schlafen!
Gretchen (schaut instinktiv nach ihren Kindern u. kichert dann gegen Marcs Arm, der sie fest umschlungen hält): Und du bist doch…
Marc (bringt unter der gelb-weiß gestreiften Bettdecke seine Hände ins Spiel, die sie leicht kitzeln): Haasenzahn, letzte Warnung!
Gretchen (die Gefühle, welche mit der Gänsehaut entfacht werden, die seine gezielten Berührungen ausgelöst haben, überfordern sie dann doch u. machen sie ganz wuschig): Maaarc, deine Hände!
Marc (summt vergnügt gegen ihr Ohr u. lässt dann seinen Kopf endgültig auf das Kopfkissen neben ihrem fallen): Die gehören genau da hin. Basta! Und jetzt entspann dich und schlaf!
Gretchen (summt nur noch leise vor sich hin, weil Marcs ruhiger Herzschlag sie zunehmend einlullt): Ai, ai, Chef, ähm... Papa Marc! Der beste... beste Papa der Welt. Das weiß ich. Mhm...
Marc: Duuu...

Marc, den der Gedanke, Papa zu sein, einmal mehr volle Breitseite erwischt hatte, hätte gerne noch etwas Witziges darauf gekontert, aber sein Sprüchedatenspeicher hatte sich soeben heruntergefahren, also sparte er sich seine Energie für spätere Gelegenheiten auf. Denn es war gerade so richtig gemütlich, mal ohne Dauerbeobachtung von Familie und Kollegium einfach nur alle Fünfe gerade sein lassen zu können, und so wurde er immer schläfriger. Genauso wie Gretchen, die seinen Arm, den er schon gar nicht mehr spürte, als zusätzliches Kopfkissen missbrauchte.

Das glückliche, babyverliebte Elternpaar war gerade erst ein paar Minuten davon geschwebt und klopfte an die Geheimtür zur gemeinsamen Traumwelt, als es unbemerkt unmittelbar neben ihnen in dem kleinen Zustellbettchen unruhig wurde, über das Gretchen unbewusst behutsam einen Arm gelegt hatte. Vier kleine Ärmchen wurden unkoordiniert in die Höhe gereckt und tippten gegen die Finger ihrer schlafenden Mama, die daraufhin kurz zusammenzuckte, aber noch nicht reagierte. Es wurde ausgiebig gegähnt und wild herumgestrampelt, während draußen vor dem Fenster gackernd ein Schwarm Wildgänse vorbeiflog, die in der Abenddämmerung den angrenzenden See ansteuerten. Und dann passierte es.

Nicht die Martinshörner der vor der Notaufnahme wartenden RTWs wurden plötzlich ohne Vorwarnung angeschmissen, nein, ein ganz bemerkenswerter Sirenengesang setzte mit einem Mal ein. Ein Gesangsduett, genauso unkoordiniert wie die Bewegungen der kleinen Körper, die dazu ausgeführt wurden. Und es klang diesmal nicht mehr ganz so schmeichelhaft wie beim ersten Mal, als es noch als schönste Melodie, die er jemals gehört hatte, seine Gehörgänge erobert hatte. Ein Ohrwurm sondergleichen, der ähnliche Auswirkungen auf ihn hatte wie die Hämmerchenschläge gegen seine Schädeldecke, die regelmäßig die sämtliche wohlklingenden Frequenzbereiche umgehende Stimme seiner überkandidelten Mutter bei ihm auslöste. Ja, Dr. Meier wurde davon sehr unsanft aus seinen beginnenden Träumen gerissen und mit ihm stürzte auch seine zauberhafte Bettgefährtin unsanft von der rosaroten Wattewolke herunter. Aber beide landeten zum Glück sehr, sehr weich.

Marc (klappt mühsam ein Auge nach dem anderen auf): Och nö! Und ich dachte schon, der Angriff der Killerkuscheltierhasen in meinem Traum wäre ein vermeidbares Übel gewesen. Aber das hier ist jetzt nicht wahr, oder? Sag mir bitte, dass wir noch träumen, Haasenzahn?
Gretchen (dreht sich müde zur Seite u. zieht das Bettchen mit den Schreihälsen noch näher heran): An und für sich wünsche ich mir, dass unser Traum niemals enden wird, aber nein, leider nicht, Schatz! Wir müssen der Realität ins Auge blicken. Anscheinend ist die Ruhe, die du so sehr schätzt, wenn du mal nichts zu tun hast, nicht so ihrs. Sie lieben das Chaos.
Marc (streckt sich nun ebenfalls u. schaut über seine Freundin hinweg in das Bett der kleinen Verräter): Das können sie nur von dir haben.
Gretchen (boxt ihn dafür in die Seite): Hey! Ich bin nun mal eine sehr kommunikative und aufmerksame Person. Das haben sie schon während der Schwangerschaft mitbekommen. Sie lieben Menschen um sich herum. Genauso wie ich. Deshalb waren sie den ganzen Tag auch so lieb, als wir Besuch hatten. Jetzt ist ihre Zeit.
Marc (wischt sich verschlafen über seine Augen, um wieder einigermaßen wach zu werden): Das machen sie doch mit Absicht.
Gretchen (streichelt den beiden Babys sanft über die Bäuchlein, aber sie hören nicht auf zu weinen): Gar nicht! Oder, ihr Süßen? Ihr doch nicht. Hey, nicht doch! Nicht so doll! Was ist denn, hm? Wir sind doch da. Mama und Papa sind da, ihr Zwei. Wir bleiben immer bei euch. Darauf könnt ihr euch verlassen.
Marc (wirkt nun auch langsam besorgt u. setzt sich neben seine Freundin auf die Bettkante): Und wie stellt man das jetzt wieder ab? Schon wieder an die Futterluke andocken? Aber du hast sie doch vorhin erst gestillt. Die können doch nicht schon wieder Kohldampf haben. Obwohl, wenn sie wirklich so sehr nach dir kommen, dann steckt das ja wohl auch in ihrer DNA.
Gretchen (grient nach dem subtilen Verweis amüsiert zur Seite): Geschickt kombiniert, Superpapa. Aber in dem Fall bin ich mir nicht ganz sicher. Irgendwas ist anders. Was schlägt denn dein schlauer Ratgeber vor, hm?
Marc (funkelt sie für den Spruch natürlich sofort an): Haasenzahn, überreiz es nicht! Hier herrscht schon genug Reizüberflutung. Dank der hässlichen bunten Hasen da hinten. Kein Wunder, dass die Zwerge da losplärren müssen. Jeder würde sich vor der Horde erschrecken. Oh, fuck, ich hätte Mehdi bitten sollen, die Geschenkpakete wegzuräumen, oder sie einfach Lilly andrehen sollen.
Gretchen (schenkt ihm ihr bezauberndstes Lächeln): Nein, die behalten wir. Vor allem das der Kaans. Die Mini-M-Shirts, die deinem marineblauen nachempfunden sind, sind so was von süß und kongenial.
Marc (guckt extra noch einmal auf den Ständer mit ihrem Tropf, an dem sie schon seit Stunden nicht mehr hängt, u. verifiziert, ob sie eventuell zu viel dosiert wurde): Kongenial?
Gretchen (schäumt nur so über vor Begeisterung): Ich würde sie ihnen am liebsten sofort anziehen, wenn sie nicht erst hineinwachsen müssten. Aber das geht bestimmt schnell. Meine beiden tapferen Mäuse. Hey, ihr beiden, nicht doch! Alles ist gut!
Marc (springt schließlich auf u. beugt sich über das Bettchen): Okay, das geht definitiv so nicht mehr weiter. Eure Stimmbänder machen sonst noch schlapp, bevor sie sich richtig entwickelt haben. Das ist nicht gut. Komm mal her, du! Dass ihr auch immer gleichzeitig losplärren müsst. Ihr wisst schon, dass dann die Problematik entsteht, dass einer von euch in der Warteschleife landen muss. Wir können nicht jedes Mal eine Münze werfen oder Ladies first walten lassen. Hey, war das etwa ein Einverständnis? Na, du bist gut. Nur drei Minuten älter und weißt schon, was sich gehört. Woher eigentlich? Also, von mir hast du das nicht. Aber du hast Recht, wir müssen irgendwie Gleichberechtigung walten lassen. Also, ene, mene Muh und raus bist... du. Na, Glück gehabt, was? Ich halt dich. Woah! Du machst ja dem Martinshorn da draußen richtig Konkurrenz. Nicht so laut! Meine Ohren sind noch nicht wach. Dreht das Volumen bitte wieder ein bisschen runter! Ihr seid ja zusammen schlimmer als, wenn eure Mama und eure Oma Bärbel aufeinander hocken würden.
Gretchen: Hey!

Gretchen wollte ihrem frechen Pappenheimer für diesen unmöglichen Spruch einen kleinen Seitenhieb mitgeben, aber da hatte er schon ihren gemeinsamen Sohn aus dem Bettchen gehoben und hielt ihn nun nur zwei Sekunden später demonstrativ mit einer Armlänge Abstand vor sich hin. Die Diagnose war eindeutig, dafür musste er noch nicht einmal ein Experte auf dem Gebiet von Baby-Meierdeutsch/ Meierdeutsch-Baby sein, was er natürlich auch sofort seiner verdutzten Freundin mitteilen musste, die schnell seinem Beispiel gefolgt war und sich nun ihrerseits ihrer kleinen Tochter zuwandte, die, nachdem sich ihr Zwillingsbruder ungefragt davongestohlen hatte, gleich noch ein paar Oktaven obendrauf legte in ihrem unmelodischen und unverständlichen Singsang, der sich tief in Gretchens Herz einbrannte.

Marc: Alter Schwede, wie kann jemand, der so entzückend und so unschuldig und rein aussieht, so erbärmlich…
Gretchen (warnt ihn eindringlich, während sie bei Marlene seufzend die gleiche Diagnose stellt): Sag es bloß nicht, Marc!
Marc (muss über ihren verdutzten Gesichtsausdruck schmunzeln): Auch gemerkt?
Gretchen (zieht eine beleidigte Schnute): Ich finde das überhaupt nicht witzig.
Marc (grinst vergnügt, während er das Baby immer noch auf Sicherheitsabstand hält): Du, ich auch nicht, aber ich lache auch über schlechte Pointen. Und jetzt?
Gretchen (funkelt ihn an u. kann sich eine kleine subtile Belehrstunde nicht verkneifen): Es könnte eventuell mit dem Stoffwechsel zu tun haben, von dem uns unsere Hebamme erzählt hat. Welche Mechanismen werden wohl jetzt gebraucht, hm, Herr Doktor?
Marc (staunt dann doch über die Courage seiner Freundin in dieser äußerst heiklen Situation u. nickt anerkennend seinem kleinen Schreihals zu): Es wird auch nicht witziger, wenn du versuchst, witzig zu sein, Haasenzahn. Das konntest du noch nie.
Gretchen (knuddelt ihr weinendes Mädchen u. betont das Gegenteil): Konnte ich wohl! Euer Papa erzählt den lieben langen Tag nur Unsinn.
Marc (blitzt zu ihr rüber u. erhebt seinen Oberlehrerzeigefinger, während er Marlon dann doch an sich gedrückt hält): Tue ich nicht. Meine Diagnosen sind immer stichhaltig.
Gretchen (genießt seine leichte Überforderung sichtlich): Ach, sind sie das?
Marc (droht ihr dann doch unmissverständlich): Haasenzahn!
Gretchen (spielt die Unschuld vom Lande u. schmust mit ihrem Mädchen): Ich hab nichts gesagt.
Marc (behält seine beiden Herzdamen eindringlich im Blick): Sicher! Also, was ist jetzt?
Gretchen (lehnt sich mit ihrem weinenden Mädchen im Arm an die Kopflehne ihres Bettes zurück): Tja, wenn du nicht das Personal rufen möchtest, das uns laut Aussage von Mehdi jeden Wunsch von den Augen ablesen darf, dann musst du wohl ran.
Marc (guckt sie an wie ein Postauto): Und was ist mit dir? Wollten wir nicht gleichberechtigt an die Angelegenheit herangehen?
Gretchen (grient ihn zuckersüß an u. macht es sich mit Marlene so richtig gemütlich in ihrem Bett): Ich darf nicht. Der Arzt meines Vertrauens hat mir strikte Bettruhe verordnet.
Marc (schließt für einen kurzen Moment die Augen u. atmet tief durch): Dieser Arsch, ey!

Bei dem kommt auch nur Grütze heraus. Aber die kann er wiederhaben. Postwendend. Rache ist... Meier.

Gretchen (hält Marlene sicherheitshalber die Ohren zu, was sie kurz irritiert, weswegen sie eine halbe Minute mit dem Weinen aufhört): Hey! Nicht vor den Kindern, Marc!
Marc (stöhnt entnervt auf u. lässt die Schultern hängen): So viel zum Thema all-inclusive, was? Darauf geschissen, äh... im wahrsten Sinne des Wortes. Der Blödkopp hat uns nur Unsinn verkauft. Aber das kriegt er so was von wieder. Ich werde Lenny immer nur mit bis zur Hutkrempe vollen Windeln wieder bei ihm abliefen, falls der Knirps mal seine beiden Spezies besuchen kommt.
Gretchen (grinst vergnügt u. deutet auf den roten Knopf neben ihrem Bett): Mach das, Marc! Du könntest aber auch immer noch die Schwestern rufen.
Marc (zeigt ihr den Vogel, während er mit Marlon weiter vor ihrem Bett auf- u. abläuft): Damit die dann überall herumtratschen können, dass der Meier unfähig wäre, sich um seine eigenen Kinder zu kümmern. Vergiss es, Haasenzahn! Den Job kriegen Lonny und ich schon alleine gebacken. Wir brauchen keine Assistenz. Die braucht niemand.
Gretchen (sieht hingerissen zu ihren beiden Männern rüber, die entschlossen zum Badezimmer rüber marschieren, vor dem Marc sich noch einmal augenrollend zu seinen süßen Mädels umdreht): Wenn du meinst?
Marc: Äh… streich das! Das war... die Müdigkeit. Verbuche es unter nicht zurechnungsfähig. Echte Kerle wie Marlon und ich brauchen keine bescheuerten Spitznamen. Merkt euch das! Das ist was für süße kleine Mädchen mit Ringellöckchen und blauen Kulleraugen. Sag ihr, sie ist gleich dran. Wir beeilen uns.
Gretchen (grinst den beiden ganz entzückt hinterher): Zu spät! Leni hat sich schon ein bisschen beruhigt und bei mir ist es schon abgespeichert. Hihi! Nehmt euch ruhig die Zeit, die ihr braucht.
Marc (wiegelt mit einer lockeren Geste ab u. schiebt mit der Hüfte die nur angelehnte Tür zum Waschraum auf, wo praktischerweise die Wickelkommode steht): Pff! Kinderspiel! So, mein Junge, mit deiner Assistenz sind wir damit doch fix durch. Oder? Give me five! Ja, oder so ähnlich. Geht auch. ... Boah... Großer Gott, dafür sind Chirurgenhände nun wirklich nicht gemacht.
Gretchen (kichert u. busselt immer wieder ihr kleines Mädchen zur Beruhigung): Alles okay bei euch?
Marc (nur ein Grummeln schallt durch den Raum): Halt die Klappe, Haasenzahn! Wir müssen uns hier konzentrieren. Das ist... wäh.... Scheiße! Diese bescheuerten Tücher sind auch bloß für’n Arsch. Wer hat diese kleinen unhandlichen Tütenpackungen eigentlich erfunden, ey? ... So, OP vollbracht. Hosen nicht mehr voll. Patient immer noch knatschig, aber sauber. Die nächste bitte!

Der bärenstolze Neudaddy hatte seinen Worten tatsächlich Taten folgen lassen. In Windeseile, nach Meierschen Maßstäben versteht sich, und ohne jegliche Gegenwehr waren die Windeln gewechselt, die Babys getauscht und das Prozedere eins zu eins wiederholt worden. Und kurz darauf hockte Dr. Meier auch schon wieder neben seinen drei Süßen auf dem Bett und schmachtete sie ungeniert von der Seite an, was selbstverständlich auf Gegenseitigkeit beruhte.

Gretchen: Du bist mein Held.
Marc (lächelt verschmitzt u. strotzt nur so vor Selbstgefälligkeit): Türlich! Ich wollte nur, dass du das nicht vergisst, während du dir hier mit den beiden einen fröhlichen Lenz machst.
Gretchen (grinst zurück): Angeber!
Marc: Seht ihr, eure Mama ist nie um Komplimente verlegen. Das geht jeden Tag so.

…griente Marc seine Herzprinzessin ungeniert mit tanzenden Grübchen an, sodass sie überhaupt nicht lange auf ihn böse sein konnte. Im Gegenteil. Gretchen genoss es sichtlich, als er sich pappfrech über die zappelnden Kinder hinweg zu ihr rüberbeugte, um ihr einen zarten Kuss zu entlocken, aus dem schnell zwei, drei und noch mehr wurden. Während sich die frischgebackenen Eltern danach entspannt links und rechts neben den Zwillingen im Bett niederließen, sie ausgiebig beobachteten und liebevoll herzten, bis sie sich vor Erschöpfung und unter dem aufwühlenden Eindruck eines langen, aufregenden Tages, der noch lange nachhallen würde, schließlich irgendwann unbemerkt ins Lummerland davonstahlen, war die Rasselbande noch ein ganzes Weilchen wach und beschäftigte sich mit sich und ihrer spannenden Umgebung, die es zu erkunden galt, solange es noch einigermaßen hell war.

Das bekam auch Marlenes und Marlons Opa mit, der nach einem aufreibenden Nachmittag im OP, der ihm ganz schön in die Knochen gegangen war, kurz bevor er zum wohlverdienten Abendessen nach Hause zu seinem Butterböhnchen fahren wollte, noch einmal bei seiner geliebten Tochter und ihrer kleinen Familie hatte vorbeischauen wollen. Doch als er mit einem Schmunzeln bemerkte, dass Gretchen und sein Schwiegersohn in spe tief und fest eingeschlafen waren, war er rücksichtsvoll im Vorraum des Zimmers stehen geblieben und begnügte sich mit einem Blick durch das Fenster, um das junge Familienglück gerührt auf sich wirken zu lassen. Dieses Bild brannte sich tief in sein Herz, das von einer nie gekannten Wärme umarmt wurde, die ungeahnte Heilkräfte entwickelte, denn die Strapazen der vergangenen Stunden waren mit einem Mal wie weggeblasen. Er fühlte eine Energie in sich wie schon lange nicht mehr. Mit stolzem Lächeln stand er da und konnte sich eine kleine verstohlene Glücksträne dennoch nicht verkneifen. Seine Große war jetzt tatsächlich Mama und er...

Großvater, murmelte der Professor leise vor sich hin und konnte es selbst fast nicht glauben, wenn er die sehr lebhafte Realität nicht direkt vor Augen gehabt hätte. Leider durch eine Glasscheibe getrennt, aber er wusste aus eigener Erfahrung, was für Eindrücke einem an einem solchen Wundertag begegneten. Eindrücke und Gefühle, die selbst den stärksten und coolsten Kerl umhauen konnten, den sonst nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen konnte. Kein Wunder, dass die Batterien dann irgendwann leer waren. Und auch seine beiden süßen kleinen Enkelchen folgten schnell dem Kreislauf der Natur und waren ihren Eltern schließlich ins Traumland gefolgt.

Doch Franz hatte sich entschlossen, noch ein Weilchen stehen zu bleiben und einfach nur zu genießen. Es dauerte nicht lange, da bekam er Gesellschaft. Sein Sohn und dessen Freundin wollten auch gerade nach den beiden neuen Familienmitgliedern schauen, wurden aber von Prof. Haase mit milder Stimme davon abgehalten. Marc und Gretchen hatten sich ihre Ruhe redlich verdient. Davon würden sie in nächster Zeit noch zehren, wusste er vorausschauend zu vermelden. Also klopfte er seinem Jungen wohlwollend auf die Schulter, bat ihn, später noch einmal nach ihnen zu schauen und hakte sich dann spontan bei seiner Schwiegertochter in spe ein, um sie und ihre kleine Tochter, die er immer wieder spielerisch neckte, indem er Celinchen an die Nasenspitze tippte und dann so tat, als hätte er ihr das süße Stupsnäschen geklaut, nach Hause zu begleiten. Nur Jochen hatte leider die Pechkarte gezogen. Er hatte schon wieder eine lange, lange, unendlich lange Nachtschicht vor sich und eigentlich überhaupt keinen Bock darauf, was man seinem Gesicht auch deutlich ablesen konnte, als er seinem Vater und Chantal sehnsüchtig hinterherschaute. Aber als er noch einmal durch das Glasfenster in das Zimmer seiner Schwester guckte, änderte er spontan seine Meinung.


Am nächsten Morgen wurde Dr. Meier schon sehr früh wach. Er wusste nicht genau, was es gewesen war, was ihn aufgeschreckt hatte, denn eigentlich hatte er so gut wie schon lange nicht mehr geschlafen, aber er glaubte, in der Dunkelheit eine Bewegung neben dem Bett bemerkt zu haben, was nicht nur ihn, sondern spontan auch seinen Vaterinstinkt geweckt hatte. Aber als er sich ausgiebig über die verschlafenen Augen gewischt hatte, die sich nur schwer an die Dunkelheit des noch sehr frühen Montagmorgens hatten gewöhnen können, bemerkte er seinen Irrtum. Neben dem Bett stand lediglich ein schlaksiger Kerl in einem schlecht sitzenden Pflegerkittel, der nach Baby Nummer eins auch Nummer zwei vorsichtig von dem großen in das kleine Bettchen verfrachtete. Marc schob daraufhin schwerfällig seine Beine unter der Bettdecke hervor, die er vorsichtig zurücklegte, um Gretchen nicht zu wecken, die mit einem seligen Lächeln auf den Lippen, welche durchaus zum ausgiebigen Küssen verlockten, was er auf seinem gedanklichen Plan für den Tag gleich dick und fett mit einem imaginären roten Filzstift markierte, tief und fest im Schlafmodus verweilte, und schlurfte um das Bett herum zu Pfleger Jochen, der ertappt zusammengezuckt war und den Freund seiner Schwester nun verunsichert entgegenschaute, das drohende Donnerwetter beinahe schon erwartend.

Marc: Was machste denn da?
Jochen (schiebt seine Hände tief in seine Kitteltaschen u. tritt vorsichtshalber zur Seite): Sorry, ich wollte dich nicht wecken. Aber ich hab auf meinem letzten Rundgang für heute gesehen, dass die Knirpse unruhig werden und hab mir gedacht, es ist vielleicht besser, wenn ich sie in ihr eigenes Bettchen verfrachte.
Marc (guckt skeptisch auf die Versuchsanordnung): Aha!
Jochen (baut sich mit stolzgeschwellter Brust vor Dr. Meier auf, der mit seinen Fingern sanft über die Gesichter der selig schlafenden Zwillinge streift): Scheint zu funktionieren.
Marc (würdigt Jochen keines Blickes u. lässt sich müde in den Sessel neben dem Bettchen fallen): Glück gehabt. Aber du warst ja schon immer eine Schlaftablette, ne.
Jochen (überhört die Meiersche Spitze wohlwissendlich u. atmet erleichtert aus): Alles gut bei euch? Braucht ihr noch was? Frühstück gibt’s wie immer nach dem Schichtwechsel. Ich glaube, Sabine steht im Plan.
Marc (blickt ungläubig zu ihm hoch): Was biste denn heute so hilfsbereit?
Jochen (wird mutiger, auch wenn die Müdigkeit nach der langen Nachtschicht ihm ganz schön viel abverlangt): Och, das bin ich doch immer.
Marc (lehnt sich im Sessel zurück u. grinst wissend): Gib’s zu! Kaan hat dich auf uns angesetzt?
Jochen (stimmt in das breite Grinsen mit ein): Papa.
Marc (zieht eine Augenbraue hoch u. nickt ihm zu): Verstehe! Also, von mir aus kannste die Biege machen. Ich bin ja dank dir jetzt eh wach und übernehme die Ablösung.
Jochen (die Anspannung fällt von ihm ab u. er schwebt schon fast zur Tür): Super! Dann komme ich heute wenigstens einmal früher hier raus.
Marc: Ja, ja, laber mich nicht voll. Da ist der Ausgang.

...nölte Dr. Meier im gewohnt herablassenden Oberarztton, der noch nicht richtig wach genug für eine ausgiebige Unterhaltung zu sein schien und erst einmal ausgiebig gähnen musste. Dabei fiel sein Blick zufällig auf die voll gestellte Zimmerecke hinter dem Kinderbett und er musste direkt wieder die Augen verdrehen.

Marc: Stopp! Änderung der Durchsage, Jo! Wenn du uns unbedingt noch was Gutes tun willst, dann sieh zu, dass du die dämlichen Hasen loswirst. Möglichst unauffällig, aber wirkungsvoll. Von denen bekommt man Albträume. Kein Wunder, dass die Kurzen heute Morgen einen leichten Schlaf haben.
Jochen (ist mitten in der Tür stehen geblieben u. guckt ziemlich ratlos zu seinem Schwager in spe rüber): Und was soll ich damit machen?
Marc (zuckt lediglich mit den Schultern): Keine Ahnung, sei erfinderisch! Der restliche Inhalt der Körbe scheint ja ganz brauchbar zu sein, aber...

Gretchen: Bring sie auf die Kinderstation, Jochen! Die freuen sich bestimmt darüber. Aber die niedlichen rötlich Gescheckten möchte ich unbedingt für Marlene und Marlon behalten und die Nilpferde von der Oberschwester auch.

Jochen und Marc schauten erst sich, dann Gretchen ziemlich verdattert an, die sich putzmunter an das Kopfende ihres Bettes gelehnt hatte und strahlend wie die aufgehende Sonne zwischen ihren beiden Männern hin und her blickte, bevor sie sich für einen kleinen Morgengruß ihren Babys zuwandte.

Marc: Du bist ja wach?
Gretchen (gähnt einmal ausgiebig hinter vorgehaltener Hand, was sich nicht hat vermeiden lassen, dann grient sie keck von Marc zu Jochen rüber): Ich hab fast mein ganzes Leben mit ihm zusammengewohnt. Ich erkenne seine Schritte, wenn er nachts durchs Haus stromert, im Schlaf. Da muss er nicht erst über einen der Präsentkörbe stolpern.
Jochen (schaut mit Händen in den Kitteltaschen mit Unschuldsmiene zu ihr rüber u. scannt dann den Geschenkeberg mit den Plüschhasen): Sorry! Also, in die Pädiatrie, ja? Gecheckt! Aber bei der Menge werde ich wohl mehrmals gehen müssen.
Marc (stöhnt wegen so viel Unfähigkeit entnervt auf): Nimm doch einfach einen Müllsack und pack die Dinger da rein, Mann. Was lernt ihr eigentlich auf der Schwesternschule, hm? Häkeln und Klatschblätter lesen?
Gretchen (wirft ihrem Pappenheimer einen tadelnden Blick zu): Marc!
Jochen (ist sichtlich eingeschnappt u. verweigert die Mithilfe): Ich war nie auf der Schwesternschule.
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart u. ergänzt seinen dienstlichen Auftrag um einen weiteren Punkt): Merkt man. Und apropos Müllsack, äh... vergiss den Beutel ausm Bad nicht.
Jochen (wird jetzt erst richtig sauer): Boah, Marc, ich bin nicht eure Putzfrau.
Marc (amüsiert sich königlich über den Haasschen Widerstand, erinnert ihn das doch irgendwie auch an Jochens Schwester): Doch bist du. Check deinen Vertrag! Wir haben hier das All-inclusive-Paket bei Mehdi gebucht. Außerdem bevor ich noch den Kampfmittelbeseitigungsdienst rufen muss, dann nehm ich lieber dich. Das ist quasi eine Beförderung auf der Hierarchieebene.
Jochen (fühlt sich mal wieder total verarscht u. veräppelt u. das passt ihm gar nicht): Na, super, damit kann ich ganz doll was anfangen, wenn nächsten Monat die Uni wieder losgeht.
Marc: Na, siehste, mit Dr. Meier kommt man weiter. Und jetzt hab dich nicht so! Die Oberschwester verlangt viel beschissenere Jobs von dir und dafür kannste dir erst recht nichts kaufen.
Jochen (ergibt sich seinem Schicksal als Depp vom Dienst, geht ins Bad u. kommt mit der Stinketüte zurück, die er nun skeptisch beäugt): Was ist denn da drin?
Marc (verzieht dann doch ehrlich betroffen sein Gesicht): Glaub mir, Jo, es ist besser, wenn du das nicht weißt.

Nachdem das geklärt war und Jochen missmutig die Kuscheltiere von den Geschenkkörben eingesammelt und in einen blauen Sack gesteckt hatte, den er vom Versorgungswagen aus dem Vorzimmer geklaut hatte, bekam Marc plötzlich einen spontanen Geistesblitz, der bei Gretchen unheilvolle Vorahnungen hervorrief. Aber bevor sie etwas dazu sagen konnte, hatte er sich den dicken Müllsack mit den flauschigen Hasen bereits geschnappt und schob Jochen damit vor sich her aus dem Zimmer, der gar nicht wusste, wie ihm nun schon wieder geschah, und seinen Hiwi-Job einmal mehr tierisch bereute.

Marc: Warte mal! Ich glaube, ich hab eine bessere Idee für den Friedhof der Kuscheltiere als die Pädiatrie.
Gretchen: Marc, was hast du vor?

Lorelei Offline

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20.07.2018 21:30
#1628 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Für Dr. Günther Gabriel ‚Günni’ Gummersbach hatte dieser noch recht junge Montagmorgen wie immer mehr oder weniger gewohnt routiniert begonnen. Der renommierte Berliner Pathologe und passionierte Hobby-Trekkie liebte Routinen. Er strukturierte damit aufs tunlichste genau seinen Tag und er hielt sich stets daran, auch wenn es ihm mit einem Baby im Haushalt immer wieder schwer fiel, diese auch penibel einzuhalten. Abweichungen jeder Art im stringenten Tagesplan machten ihn nervös, das war schon immer so gewesen. Unvorhersehbarkeiten, die man nicht selber kontrollieren konnte, bereiteten ihm Stress. Stress, der sein Blut so sehr in Aufruhr versetzen konnte, dass es sogar zu akuter Epistaxis führen konnte, wie er es am vergangenen Samstagabend einmal mehr wieder hatte erleben dürfen. Wenn auch bedingt aus positivem Stress, der sich jedoch gepaart mit sehr, sehr negativen Meierschen Drohungen wiederum nullte. Das Resultat war immer das Gleiche. Sein Körper, den er seit Kindesbeinen an kontrolliert und gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu seinem Vorteil perfektioniert hatte, rebellierte und er damit gleich mit. Aber mittlerweile kam er mit Unplanbarkeiten besser klar als noch vor einigen Monaten, bevor er mit einem überraschenden Liebes- und Familienglück gesegnet worden war, das ihm eine nie gekannte Ruhe und Ausgeglichenheit bescherte, die ihn über manche Dinge, die ihn sonst überfordert hätten, sogar recht lässig hinwegsehen ließ. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wirklich wohl in seiner Haut. Akzeptiert, geliebt, verstanden. Doch manche lieb gewonnene alltägliche Gewohnheit war dennoch geblieben. Seine innere Uhr war nun mal darauf gepolt und ließ ich nur schwer von intergalaktischer Sternzeit auf mitteleuropäische Zeit umstellen.

Günni war wie immer um Punkt 4 Uhr aufgestanden. Er hatte sich auf die Minute genau eine Stunde lang um seine Körperhygiene gekümmert und danach um die seines kränkelnden sechs Monate alten Pflegesohnes, weswegen er eine ungeplante weitere halbe Stunde im Bad hatte zubringen müssen, um dieses anschließend zu säubern und ausreichend zu desinfizieren. Während er seinen nun wieder recht munteren und properen Sohnemann mit einer weichen Scheibe Brot ablenkte, auf der er herumschmatzen oder die er wahlweise in ihre einzelnen Bestandteile auseinandernehmen konnte, bemühte er sich um die exakte Rezeptur seiner Muskelaufbaushakes, die er als Frühstücksersatz mit auf Arbeit hatte nehmen wollen. Denn um diese frühe Zeit rebellierte sein Magen noch gegen feste Nahrung, was sich anscheinend auch auf den kleinen Anton übertragen hatte. Und so verbrachte Günni eine weitere ungeplante Viertelstunde damit, den Küchenbereich und die nähere Umgebung zu reinigen, bevor er sich und sein Pflegekind noch einmal komplett neu einkleiden musste. Damit war die eine Stunde Frühsport, die er noch vor seiner Schicht im Krankenhaus hatte einlegen wollen, bereits abgetan. Und so konnte er sogar erstaunliche sieben Minuten früher zur Arbeit aufbrechen, wie er es eigentlich eingeplant hatte, nachdem er den nun wieder sehr schläfrigen Jungen, der ihn die ganze Zeit staunend bei seinem unplanmäßigen Morgenwerk beobachtet hatte, zu seiner Frau ins Bett gelegt hatte. Sein Bienchen verfügte nämlich über einen sehr tiefen und gesunden Schlaf und bekam von dem morgendlichen Männerhaushalt meist nicht viel mit. Nach dem aufregenden Wochenende, welches die Krankenschwester hinter sich hatte, schlief sie sogar noch seliger als zuvor und ließ sich durch nichts und niemanden, höchstens vielleicht durch Frau Fisher, die ihr durch die Blume ihr ausdrückliches Dankeschön übermittelte, aus der Ruhe bringen. Das liebte er so an ihr. Sie war sein Ruhepol, wenn er mal wieder zu nervösen Aussetzern tendierte. Anton schien das genauso zu gehen. Denn kaum hatte Günni den Jungen mit seinem Zipfel der mit der Milchstraße bedruckten Bettdecke zugedeckt, war er auch schon in Sabines Armen tief und fest eingeschlafen. Die beiden hatten ein so seliges Bild abgegeben, dass er dann beinahe doch noch verpasst hätte, dass er heute Frühdienst hatte.

Um eine Minute vor sechs hatte Dr. Gummersbach jedenfalls seinen Stammparkplatz neben dem Hintereingang des Elisabethkrankenhauses erreicht, welches, noch von angenehmer morgendlicher Stille und dem mystischen Nebel umgeben, der vom See herüberwaberte, friedlich vor ihm lag. Diese raren Momente ohne Hektik und Gewusel der chaosstiftenden Kollegen liebte er ganz besonders. Das war seine Zeit, während der er am produktivsten war. Wenn er mit der Welt, dem Universum und sich ganz im Einklang war. Deshalb schlenderte er auch an diesem noch jungen Morgen ganz besonders beschwingt in seinen Wirkungsbereich. Seine Katakomben im Keller, wo auch tagsüber diese besondere wohltuende Ruhe und Abgeschiedenheit herrschte, die er benötigte, um ungestört routiniert und penibel seinem Tageswerk nachgehen zu können, das für ihn mehr als nur Berufung war.

Mit eiligen Schritten lief er also die dunklen Gänge hinunter, bis er die Pathologie erreicht hatte. Er schloss die Tür auf, schob mit dem Rücken die schwere Stahltür auf und tippte dann routiniert mit dem Ellenbogen auf den Lichtschalter, welcher die kühlen, sterilen Hallen, die kaum ein lebendiger Menschen freiwillig zu Gesicht bekam, in das gewohnt künstliche Licht rückte, welches Dr. Gummersbach noch zusätzliche Genugtuung bescherte. Routinen. Hm... Er seufzte zufrieden vor sich hin und blickte sich um. Die Räumlichkeiten lagen noch genauso vor ihm, wie er sie am vergangenen Freitag pünktlich zum Dienstschluss hinterlassen hatte. Sein Werkzeug lag fein säuberlich, desinfiziert und abgezählt auf seinem angestammten Platz. Daneben mehrere Desinfektionssprays und ein Duzend noch unbenutzte Packungen mit Einweghandschuhen in verschiedenen Größen und Stärken. Ein neuer blütenweißer Kittel hing noch frisch in Folie verpackt am Kleiderständer, wo er gerade seine Jacke aufgehängt hatte. Nachdem er seinen Arztkittel ausgepackt und nach einem kurzen Prüfblick mit ärztlichem Schwung angezogen hatte, platzierte er seine Tasche wie immer auf dem freien Stahltisch neben der Tür, den er aus nicht nachvollziehbaren Gründen vorher jedoch noch einmal kurz desinfiziert hatte. Ebenso wie seine Hände. Ja, die gute, alte Routine leitete ihn in den Tag.

Anschließend nahm er seine Muskelaufbaushakes aus der Tasche, kontrollierte noch einmal die Verschlüsse und stellte die beiden Flaschen mit der milchig grün-gelben Flüssigkeit in das freie obere Fach seines XXL-Kühlschranks. Auf dem Papierausdruck an der Kühlschrankinnentür überprüfte er als nächstes gewissenhaft den Inhalt der verschiedenen Boxen. Mit einem genügsamen Kopfnicken registrierte er, dass alles noch immer seine Ordnung hatte und dass über das Wochenende lediglich ein linker Fuß, der später am Tag noch im General Hospital London erwartet werden würde, und mehrere DNA-Haarproben hinzugekommen waren, und schloss die Tür wieder, um zu seinem Schreibtisch zu gehen. Er fuhr den Computer hoch und legte dann akkurat in einer mit einem Lineal nachmessbaren Linie daneben seinen Notizblock, sein Aufnahmegerät sowie sein Arbeits- und sein Privathandy ab, stellte beide auf Vibrationsalarm und schob seine Stifte im selben Winkel zurecht, damit alles ein perfektes harmonisches und vor allem praktikables Bild abgab. Dann blickte er auf den Plan für den Tag, der direkt auf seinem Computerbildschirm erschienen war.

Grübelnd nahm der Pathologe zur Kenntnis, dass in einer Stunde der Abtransport für die Universitäten stattfinden würde. Also machte er sich auf, die einzelnen Leichenfächer zu inspizieren und mit seiner Liste abzugleichen, die er sich soeben ausgedruckt hatte. Alles musste schließlich seine Ordnung haben. Nicht dass es wie bei seinem zerstreuten Vorgänger zu Verwechselungen kam. Die Spender für die Anatomiekurse der Medizinstudenten waren schließlich nur rar gesät. Und auch hier galt es die Würde des Menschen hochzuhalten. Auch wenn nur wenige Mitarbeiter verstehen konnten, warum er die Toten mehr schätzte als die Lebenden. Dabei erklärte sich das doch von selbst. Sie konnten keine Widerworte mehr geben und sie akzeptierten ihn so, wie er nun mal war. Penibel. Planvoll. Pragmatisch. Präzise. Proper. Paradox. Pathologe.

Nachdem er in Gummersbachscher Langsamkeit und mit der Akribie von Mr. Spock die einzelnen Reihen der Kühlfächer entlang geschritten war und dabei auch noch einmal verifiziert hatte, ob die Kühlung auch richtig funktionierte, war er nun vor dem letzten Fach angelangt. Seine Nase hing tief über den Papieren, als er aus nicht nachvollziehbaren Gründen plötzlich einen Schritt zurückwich. Er war selber über sich überrascht und hätte dabei fast den Papierblock fallen gelassen. Aber er hatte mit einem Mal ein seltsames Gefühl bekommen und das hatte nichts damit zu tun, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Die vierzehn Stunden zwischen der letzten Mahlzeit des Tages und der ersten des neuen Tages, die er sich für einen gesunden Stoffwechsel auferlegt hatte, waren schließlich noch nicht vorbei gewesen. Dieses Gefühl, das sich langsam von seinem kleinen in Schutzhandschuhen steckenden Finger, der über der Türöffnungsmechanik des letzten Leichenfachs schwebte, über seinen linken Arm bis in seine Herzgegend ausbreitete, kannte er nicht und das beunruhigte ihn so sehr, dass sich diverse Phobien und Ticks, die er lange hinter sich gelassen geglaubt hatte, gleichzeitig in seinen Gedanken wieder breitmachten. Sie kämpften gegen den rationalen Verstand des Mediziners an, der schließlich mit leichter Zeitverzögerung obsiegte.

Was sollte da schon sein? Er war doch um diese Zeit wie immer alleine in der Pathologie, welche von den Kollegen noch mehr gemieden wurde als das Büro der stationsleitenden Oberschwester. Also schüttelte er sich einmal, folgte den mentalen Entspannungsübungen, die ihm seine Frau beigebracht hatte und die Sabine sich zur Abwehr von Dr. Meier und dessen Verbalattacken angeeignet hatte, um ohne Heulattacke über den Tag zu kommen, und brachte damit seinen schnellen Atemrhythmus wieder in ein normal verträgliches Maß. Er lächelte dabei sogar, weil der Gedanke an Sabine ihn glücklich machte, und setzte seine Arbeit schließlich ohne Umschweife fort. Er öffnete also das letzte Fach, schaute zunächst auf seinen Zettel und wollte schon ein Häkchen darauf setzen, das die Nichtbelegung bestätigte, als sein Kopf plötzlich hochschoss. Erst auf den zweiten Blick hatte Günni nämlich das bemerkt, vor dem ihn seine Vorahnung bereits hatte warnen wollen.

Überfordert und merklich entsetzt von dem skurrilen Bild, das sich ihm unerwartet offenbart hatte, wich er mehrere Schritte zurück und stieß dabei aus Versehen gegen den Seziertisch, von dem mit lautem Gepolter das sterile OP-Werkzeug und die Nierenschalen herunterfielen, was den sonst so besonnen wirkenden Pathologen noch zusätzlich erschreckte, weswegen er seine Unterlagen schließlich doch fallen ließ. Er taumelte weiter zurück, bis er an seinem Schreibtisch angelangt war. Hastig tastete er hinter seinem Rücken nach seinem Handy, wobei er seine Tischordnung reichlich durcheinander brachte, was ihn diesmal jedoch nicht in akute Unruhe versetzte, denn diesen Zustand hatte er bereits in einem äußerst kritischen Maß erreicht. Als er sein Smartphone endlich gefunden hatte, rief er leise eine Nummer auf, die, während er unbeholfen weiter zum Ausgang stolperte, gewählt wurde. Erst als er die vertraute Stimme von Sabine am anderen Ende der Leitung vernahm, wurde Günnis Herzschlag ruhiger und doch merkte seine Frau schnell, dass etwas mit ihrem Schnurzelchen nicht stimmte. Denn das, was er ihr ins Telefon flüsterte, während er aus seinem Labor regelrecht flüchtete, ergab für sie überhaupt keinen Sinn...

Günni: Purzelchen, ich glaube, mir geht’s heute nicht so gut. Ich... ich... hab mich wohl bei unserem Kleinen angesteckt. Ich... ich weiß auch nicht, was es ist. Aber es... Es ist seltsam. Auf eine sehr befremdliche Art. Ich verstehe überhaupt nicht, was... Hier... hier sind überall Hasen. Hasen überall. Ich sehe nur Hasen. Bunte Hasen. Rosa Hasen. Blaue Hasen. Ich... ich glaube, ich bleibe heute besser zu Hause... bei unserem Hasen äh... Anton. ... Ja, ja, das... mach ich. Bis... bis gleich, Sabine!


Jemand anderes im selben Krankenhaus wäre jetzt auch liebend gern nach Hause gefahren, wenn man ihn denn gelassen hätte. Aber seitdem er aus freien Stücken sein Doktorschild an der Tür hatte abgeben müssen, auch noch an einen in seinen Augen nachweislichen Nicht-Doktoren, hatte er nun mal keine andere Wahl, als den Gesellschafter für zwei süße Mini- und einen großen Ha(a)sen zu spielen. Und er erledigte diese hochverantwortungsvolle Aufgabe auch mit großer Leidenschaft und Hingabe, wenn es nicht die Momente gegeben hätte, in denen sich der vaterschaftsbeurlaubte Chirurg schrecklich langweilte. Er hasste es, nichts zu tun zu haben, das seinen Verstand in Schwung brachte. Dann wurde er nämlich schnell kribbelig und die Gedanken fuhren Achterbahn. Aber dagegen hatte der schlaue Fuchs mittlerweile ein probates Mittel gefunden. Wenn er schon nicht in seinem zweiten Zuhause operieren oder anderweitig seine stichhaltigen Diagnosen freiheraus durchdiskutieren durfte, dann ärgerte er eben die Mitarbeiter der Klinik mit diversen ausgetüftelten Streichen, was außer bei ihm nur auf wenig Gegenliebe stieß, wie er beim gemeinsamen Frühstück mit seiner Freundin gerade feststellen durfte, die, anstatt weiter an ihrem Nutellalöffel zu schleckern, ihn gerade vorwurfsvoll mit ihren himmelblauen Augen an die Wand zu tackern versuchte, während er ohne jegliches Gefühl von schlechtem Gewissen genüsslich an einem dick mit Butter bestrichenen Croissant aus Gretchens Lieblingsbäckerei herumknabberte, das er wie die anderen auch an diesem Morgen aufopferungsvoll für sie herangekarrt hatte. Er hatte ja jetzt Zeit.

Gretchen: Marc Meier, du bist so böse.
Marc (tippt sich mit einem Finger die Krümelreste von den Lippen, die sich direkt zu einem breiten Grinsen verziehen): Das nennst du böse? Hey, das war doch nichts im Vergleich zu damals, als ich dir...
Gretchen (funkelt den Spaßvogel sauer an, bevor er die Schublade mit Gemeinheiten noch weiter aufziehen kann, u. stellt das gerade erst angebrochene Nutellaglas, in dem ihr Teelöffel griffbereit steckt, zurück auf das Tablett auf ihrem Schoß): Marc, das hier ist nicht der Schulhof. Das ist ein Krankenhaus. Unser Krankenhaus. Ein Hort der Ruhe und der Rekonvaleszenz. Günni war ganz durcheinander, als er nach Hause gekommen ist, hat Sabine gesagt. Sie wusste überhaupt nicht, wie sie ihn beruhigen sollte. Auch nicht, nachdem schnell klar war, dass du hinter dem, wie hieß euer schönes Schild noch mal, das ihr an die Kühlfachtür gepinnt habt, ‚Friedhof der Kuscheltiere’, steckst. Du musst dich entschuldigen.
Marc (stöhnt entnervt die letzten Reste Schadenfreude heraus): Bitte? Ich hab mich noch nie entschuldigt.
Gretchen (fesselt ihn mit ihrem unmissverständlichen Blick): Bei mir schon.
Marc (rollt theatralisch mit den Augen): Mann, das war ein Scherz, ey. Nicht mal einer meiner besten. Obwohl, doch, definitiv Top Ten.
Gretchen (ärgert sich maßlos über den Kindskopf): Marc!
Marc (knickt dann doch ein wenig ein): Jochen und ich haben doch schon alles wieder weggeräumt, die Kids auf der Kinderkrebsstation sind happy und Günnis bescheuerte Ordnung haben wir auch wiederhergestellt. Der Beamer zum Universum, in dem sein Raumschiff in zweiter Reihe parkt, müsste also noch funktionieren. Es ist nichts kaputtgegangen und die präparierten Leichen sind auch rechtzeitig von den Hiwis abgeholt worden. Die sind von den unfähigen Studenten, die denken, der Anatomieintensivkurs in den Semesterferien bringt ihnen noch was für ihre nicht vorhandene Vita, vermutlich schon längst zu Schnitzeln verarbeitet worden. Also, alles beim Alten.
Gretchen (verschränkt schmollend ihre Arme über ihrem Frühstückstablett): Das ist trotzdem nicht das Gleiche. Ihr habt seinen Arbeitsplatz entweiht. Du weißt doch, wie eigen Günni damit ist. Du willst doch auch nicht, dass jemand in deinem Büro deine... deine Dings hier... Ferraris durcheinanderbringt.
Marc (grinst spöttisch u. lehnt sich provozierend zu ihr rüber): Haasenzahn, du und ich, wir haben auch schon sehr, sehr viele andere Bereiche dieses Krankenhauses entweiht und da hat auch kein Hahn danach gekräht. Nur gestöhnt, das wurde schon.

Wenn ich nicht gerade unpässlich wäre, würde ich ihn jetzt auch zu Schnitzel verarbeiten. Wo hat er nur die Energie für so einen Blödsinn her? Ich fasse es wirklich nicht.

Gretchen (wird augenblicklich puderrot im Gesicht u. versucht, die unpassenden Bilder mittels Kopfschütteln wieder loszuwerden): Toller Vergleich, Marc.
Marc (zwinkert der roten Tomate frech zu u. drückt einmal schnell seine Lippen auf ihren süßen schokoverschmierten Mund, um seine Worte eindrucksvoll zu untermauern): Finde ich auch. Mhm! Du schmeckst gut.
Gretchen (gibt entnervt auf, nachdem Marcs Kuss sie zusätzlich verwirrt hat): Dann lösch aber wenigstens das Video, ja! Bitte, Marc! Ich will nicht, dass es in die falschen Hände gerät. Wobei, das ist es ja schon.
Marc (lehnt sich entspannt ans Kopfende des Bettes zurück u. streckt seine Arme in die Höhe): Mhm! Obacht, Haasenzahn! Wer weiß, ob uns das nicht noch mal nützlich sein wird.
Gretchen (kann kaum glauben, was für ein Kindskopf er heute wieder ist u. widmet sich frustriert wieder ihrem Frühstück): Dir vielleicht.
Marc (rückt sich eins der Kissen zurecht, bettet sein Haupt darauf u. beobachtet vergnügt die Schmollhäsin dabei, wie sie ihr Croissant immer wieder mit Schmackes ins Nutellaglas tunkt): Hey, seine Frau hat mich in aller Öffentlichkeit bloßgestellt. Meine Rache war daher einfach nur gerecht.
Gretchen (ihr Croissant bleibt auf der Mitte des Weges zum Mund plötzlich stehen): Marc, Bine hat deiner Mutter mitgeteilt, dass ihr einziges Kind gerade zum ersten Mal Vater wird. Wo ist da bitte die Verhältnismäßigkeit, hm?
Marc (grinst u. kann sich genauso herrlich darüber aufregen wie seine Freundin): Ja, eben. Noch nicht mitbekommen, wir gehen damit gerade verdammt noch mal viral. Jeder in diesem verdammten Krankenhaus hat Mutters blödes TV-Interview mit Sabines Anruf gesehen. Und wer weiß, wer noch? Selbst Karsten und Susanne haben sich schon gemeldet. Von der Schnepfe in London ganz zu schweigen. Fehlt bloß noch, dass der schwedische Schönling hier auch noch aufkreuzt. Günnis Hasenphobie ist aber nur auf meinem Handy.
Gretchen (wedelt drohend mit ihrem Nutellacroissant vor seiner Grinsenase herum): Marc, ich warne dich, du wirst das nicht posten. Nicht einmal klinikintern. Klar?
Marc (leichte Resignation schwingt in seiner Stimme mit): Ach, komm schon. Das ist echt witzig. Wie die Dinger in der Kammer von der Decke gebaumelt haben, als er die Tür aufgemacht hat. Das ist kinowürdig. Weißt du, wie schwer das war, die da überhaupt fest zu bekommen?
Gretchen (verdreht die Augen u. versteht überhaupt keinen Spaß): Nein, das ist einfach nur gemein. Und unhygienisch noch dazu. Packst die ganzen Plüschhasen in eine der Kühlkammern wie in einem schlechten Gruselfilm. Also, wirklich, Marc.
Marc (verspürt eine tiefe Genugtuung, als er sich im Bett gemütlich zurücklehnt): Günni ist ein Putzfanatiker. In seiner Patho ist nichts unhygienisch. Nicht einmal die Virenstämme in seinem Kühlschrank. Und seine Leichen schon einmal gar nicht. Die sind reiner, als sie es je zu Lebzeiten gewesen sind.
Gretchen: Haha! Was ist eigentlich los mit dir? Mit deiner Energie könnte man das gesamte EKH für mehrere Wochen mit Strom versorgen.
Marc (grinst): Nix. Mehdi meinte doch, wir sollten uns selber um unser Vergnügungsprogramm kümmern, solange wir hier auf seiner Mädchenstation fest hängen.
Gretchen (schüttelt ungläubig ihren Kopf u. beißt dann endlich von ihrem Croissant ab, bevor die Schokolade heruntertropfen kann): Ich glaube nicht, dass er das so gemeint hat.
Marc (lässt seine Grübchen tanzen): Och du, Mehdi kann man so oder so interpretieren. Er ist ja auch mit der Schreckschraube zusammen.
Gretchen (fällt ihm mit vollem Mund ins Wort): Mwarc, du schollst schie nischt immer so schennen.
Marc (grinst gleich noch ein bisschen mehr, weil ihm plötzlich noch etwas einfällt): Aber wir könnten natürlich auch gleich noch hoch in die Cafeteria fahren. Da hält dein Vater nämlich gerade eine Mitarbeitervollversammlung ab, um die frohe Kunde noch weiterzuverbreiten.
Gretchen (ihre Augen beginnen augenblicklich vor Entzückung zu strahlen): Er verhält sich so süß, seitdem er Opa ist.
Marc (verdreht die Augen u. linst vorsichtig zur Zimmertür): Jep! Aber es geht auch ne Nummer kleiner, wenn du mich fragst. Die werden bestimmt gleich wieder bei uns auf der Matte stehen und sich die Nasen platt drücken.
Gretchen: Glaub ich nicht. Jochen meinte vorhin, er hat gestern auch niemanden mehr zu uns gelassen. Und Papa hat auch die Schwestern angewiesen, uns in den ersten Tagen in Ruhe zu lassen.
Marc (bleibt skeptisch u. zuckt mit den Schultern, bis ihn der Schalk wieder überkommt u. er sich mit wackelnden Augenbrauen verheißungsvoll zu ihr rüberbeugt): Sein Wort in Gottes Gehörgang. Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag? Ne Runde im Mini-Ferarri drehen? Ach nee, du darfst ja noch nicht aufstehen, ne? Aber ich kann dich gerne auch noch mal von einem richtigen Arzt untersuchen lassen. Mit mir ließe sich eventuell verhandeln.
Gretchen (erliegt seinem unwiderstehlichen Charme natürlich nicht): Du bist so witzig, Dr. Meier. Wahnsinn! Irgendwann komme ich bestimmt noch mal darauf zurück. Aber wenn dir langweilig ist und du dir unbedingt eine Beschäftigung suchen möchtest, dann kann ich dir sagen, dass du hier bei uns die allerallerbesten Möglichkeiten dazu finden wirst. Also, lass bitte die Kollegen in Ruhe und widme deine Energie lieber ihnen hier, hm!

...funkelte Gretchen ihren Pappenheimer an und deutete mit einem verliebten Blick zur Seite auf das Babybettchen mit ihren strampelnden Zwillingen, die ihren Eltern anscheinend gespannt beim Streitgespräch gelauscht hatten. Fast sah es so aus, als hätten sie sich ebenso amüsiert wie ihr frecher Papa, der natürlich prompt Gretchens Einladung annahm. Mit Schwung sprang er aus dem Bett, schnappte sich erst sein Mädchen und dann vorsichtig auch noch seinen kleinen Jungen und spazierte mit den beiden nun vor dem Fenster auf und ab, während er ihnen etwas über den wundervollen Ausblick aus dem Fenster und über die sonderbarsten Mitarbeiter dieser altehrwürdigen Klinik erzählte. Gretchen schaute den Dreien gerührt dabei zu und hatte den anfänglichen Ärger schnell wieder vergessen. Sie ließ ihr Frühstück vorerst links liegen und kostete lieber erst einmal genüsslich von ihrem wunderbaren Familienglück. Als sie es sich im Bett dafür noch ein bisschen gemütlicher machte, stieß sie zufällig auf Marcs Handy. Sie konnte einfach nicht widerstehen. Und das bemerkte auch Marc, dem bei Gretchens vergnügtem Gesichtsausdruck prompt der Schalk mit ihm durchging.

Marc: Ach nee, schaut mal! Die Mama lacht. Von wegen sie findet es nicht witzig.
Gretchen: Gar nicht.

...streckte sie dem frechen Kerl die Zunge heraus und schob das Corpus Delicti, mit dem sie erwischt worden war, schnell wieder unter Marcs Kopfkissen. Lachend setzte sich der Oberarzt außer Dienst zusammen mit den Kinder zu seiner erröteten Herzprinzessin aufs Bett und so verbrachte das verliebte Elternpaar noch einen wunderbaren Tag mit den beiden Rackern, dem noch viele weitere folgen würden, während welcher sicherlich noch einige Kollegen unter diversen Meierschen Scherzen zu leiden haben würden. Das war so gewiss wie die Liebe, die Marc und Gretchen zu ihren Kindern teilten oder Günni und Sabine zu den Sternen.

Lorelei Offline

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06.08.2018 13:59
#1629 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Gruß an meine zauberhafte Zwergenbande: Endlich seid ihr zuhause! Willkommen, ihr Süßen, in unserem gemeinsamen Abenteuer! Mama und Papa freuen sich darauf.


Acht Tage später war es dann schließlich soweit. Das Berliner Elisabethkrankenhaus konnte endlich aufatmen und wurde von Dr. Meier und seinen kindischen Späßen erlöst, was die Gefahr von potentiellen Tobsuchtsanfällen der Oberschwester auf ein normalverträgliches Minimum reduzierte, wovon vor allem Pfleger Jochen und Schwester Sabine profitierten, die an Stefanie Brinkmanns freiem Tag heimlich auf Station 3b für ihre Lieblingspatienten eine kleine Abschiedszeremonie organisiert hatten. Zusammen mit den versammelten Kollegen aus der Gyn und der Chirurgie hatten sie auf dem Gang vor dem Säuglingszimmer im Spalier gestanden, in das sich auch der vor Bärenfreude um Jahre jünger und agiler wirkende Professor nebst Gattin eingereiht hatte. Ebenso wie Dr. Kaan, der extra zu diesem besonderen Anlass mit Töchterchen und Sohnemann erschienen war und auf dessen Geheiß hin auch endlich das lang ersehnte Go gegeben worden war, für das sein bester Freund lange genug bei dem ebenfalls vaterschaftsbeurlaubten Kollegen hatte anklingeln und verhandeln müssen. So wurde Jungfamilie Meier-Haase würdig und nicht ohne Peinlichkeit verabschiedet, denn Gretchens Vater hatte sich auch an dieser Stelle natürlich eine kleine Ansprache nicht verkneifen können, die nicht nur ihn zu Tränen gerührt hatte.

Und nun, nur eine knappe Dreiviertelstunde später, waren sie endlich angekommen. Der Fahrstuhl hatte Gretchen Haase und Marc Meier soeben in der siebten Etage ihres Mehrfamilienhauses an der Spree ausgespuckt und der hochzufriedene Familienvater schob gerade ein Gepäcksstück nach dem anderen über den schmalen Flur vor seine Wohnungstür, die in den vergangenen zwei Wochen nur sehr selten, höchstens für eine schnelle Dusche und einen flinken Kleidungswechsel, durchschritten worden war. Alles beobachtet von seiner wunderschönen und vor purem Glück strahlenden Freundin, die eine weitere Träne der Rührung nicht hatte zurückhalten können. Dabei hatte sie beim Abschied von Mehdi und Sabine und den anderen lieben Schwestern und Ärzten im Krankenhaus schon Rotz und Wasser geheult, was so mancher Beobachter, ob Patient oder Kollege oder der eigene Freund, nicht wirklich hatte nachvollziehen können. Denn eigentlich sollte man doch erleichtert sein, wenn man das Krankenhaus, in dem man sich diesmal ausnahmsweise nicht beruflich für so lange Zeit häuslich eingerichtet hatte, endlich hinter sich lassen durfte. Aber das war nun mal typisch Dr. Margarethe Haase. Geballte Emotion pur. Die junge Chirurgin tickte eben anders als andere und ihre dicken Krokodilstränen waren doch auch Ausdruck ihres großen Glücks gewesen, das sie am liebsten mit der ganzen Welt teilen wollte. Aber vor allem natürlich mit ihrer großen Liebe Marc, mit dem sie nun hier stand. Im vom Sonnenlicht gefluteten Flur vor ihrem Zuhause, das sie zum ersten Mal zu viert betreten würden.

Apropos zu viert, irgendetwas stimmte in dem Bild noch nicht, das sich Gretchens Strahleaugen gerade bot. Und das betraf nicht das wiederholte Genörgel ihres Freundes, der erschöpft neben dem Taschenberg an der Wand lehnte und die Augen verleierte, weil er als Packesel missbraucht worden war.

Marc: Boah! Sag mal, wo kommt eigentlich der ganze Plunder her? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir so viele Taschen dabei gehabt haben, als wir dich ins EKH gehievt haben. Kein Wunder, dass der Lowinsky und seine Töle so blöd geguckt haben, als wir ihm unten den Aufzug abspenstig gemacht haben. Wir machen ja auch wirklich den Eindruck, als ob wir direkt von einer dreijährigen Weltreise zurückkommen. Fühlt sich auch ein bisschen danach an.
Gretchen (schmunzelt vergnügt): Haben wir auch nicht, Marc. Wir hatten gar kein Gepäck dabei, um genau zu sein. Im Gegensatz zu den diversen Fehlalarmen die Tage zuvor.
Marc (erinnert sich dunkel daran u. muss nun auch direkt grinsen): Stimmt! Wozu wir eigentlich damals diese blöde Babyparty veranstaltet haben, die wir Gott sei dank verpasst haben, wenn Hinz und Kunz uns zur Geburt sowieso noch mal alles doppelt schenken? Naja, zumindest sind wir die bescheuerten Hasen losgeworden. Die haben doch echt den Schuss nicht gehört.
Gretchen (kichert u. genießt die gewohnten Meierschen Tiraden): Bis auf ein besonders süßes Paar, das die Kleinen gar nicht mehr aus ihren Händchen geben. Hihi! Apropos, kann es sein, dass du in all der Hektik etwas Entscheidendes im Aufzug vergessen hast, mein Schatz? Ich will ja nicht pingelig wirken und als Helikoptermama schon mal gar nicht, darin ist meine Mutter nämlich die ungekrönte Königin, aber...

Nachdem Tasche fünf auf den anderen vier zu einem wackeligen Turm gestapelt vor der Tür verstaut worden war, drehte sich Marc verwundert zu seiner vorlauten Freundin um, die bildschön und entspannt in ihrem bodenlangen regenbogenfarbenen Wallewallekleid an dem schmalen Fenstersims neben der Treppe lehnte, welcher von einer wunderschönen, rosablühenden Orchidee besetzt war, der ein bisschen Wasser fehlte. Doch diese Tatsache war nicht der Grund, warum Gretchen langsam doch unruhig wurde und die Aufzugstür hypnotisierte. Jederzeit bereit, rechtzeitig loszueilen, um sich todesmutig zwischen die schließenden Türen zu schmeißen, falls nötig. Aber ihr Held in allen Lebenslagen reagierte schneller als ihr mäßig vorhandener Reflex, der jegliche sportliche Betätigung betraf, zu der sie unfreiwillig fähig war. Natürlich schaltete er direkt, sprang sofort mit flinken Füßen in den offen stehenden Fahrstuhl, der von Gretchens Handtasche blockiert war, welche er gleich auch noch mitnahm, wenn er eh schon dabei war, und kam anschließend gewohnt schelmisch grinsend mit einem Maxi-Cosi an jeder Hand zurück zu der schmunzelnden Neumama marschiert, als sei überhaupt nichts gewesen.

Gretchen (nimmt ihm die rosa Stoffhandtasche ab, die er sich unelegant wie einen Kindergartenbeutel um den Hals gehangen hat, u. grient ihren Helden vergnügt an): Gerade noch so gerettet, mein Lieber.
Marc (reagiert kleinlaut, wird dann aber von dem sich plötzlich schließenden Aufzug eines Besseren belehrt, zu dem er sich überrascht noch mal umdreht): Ich hab alles auf dem Schirm. Äh... quasi.
Gretchen: Sicher, Superdaddy! Wollen wir dann? Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich auf diesen Moment gefreut habe. Ich konnte in den letzten Tagen an nichts anderes denken.

...griente Gretchen ihren heldenhaften Herzprinzen mit einem zum Dahinschmelzen verleitenden Lächeln ungeniert an, nachdem sie sich zu den selig schlafenden Babys heruntergebeugt hatte, um ihnen jeweils einmal sanft über die zartrosa Wange zu streicheln, und deutete auf die noch geschlossene Wohnungstür mit ihren beiden Namensschildern. Marc seufzte geschlagen auf, setzte die beiden Babytragetaschen vorsichtig neben sich auf den Boden und kramte in seiner Hosentasche nach seinem Schlüssel. Nachdem er ihn ins Schloss gesteckt hatte, zögerte er jedoch, was Gretchen verwundert beobachtete, die vor den Kleinen noch einmal in die Hocke gegangen war, um die auf dem kurzen Weg zur Tür verloren gegangenen Plüschhasen wieder in ihre Arme zu legen.

Gretchen: Was ist denn? Wieso zögerst du? Wir können unser Lager natürlich auch gerne hier draußen aufbauen. Minimalismus soll ja im Moment in sein. Aber ich finde, drinnen ist es doch wesentlich gemütlicher.
Marc (zuckt mit den Schultern u. starrt unschlüssig die Tür an): Keine Ahnung! Ich hatte nur gerade so eine komische Eingebung.
Gretchen (steht wieder auf, nachdem sie die Zwillinge liebevoll zugedeckt hat u. sichergegangen ist, dass die Kuscheltiere dort sitzen, wo sie auch hingehören, u. grinst Marc schelmisch an, was diesem natürlich überhaupt nicht passt): Du und Eingebung?
Marc (löst seine Hand von dem Schlüssel u. zeigt mit dem Finger auf die vorlaute Göre): Vorsicht, ja! Deine Eltern haben sich vorhin ziemlich zurückgehalten, mal abgesehen von der peinlichen Rede deines Vaters zum Abschied, die er dank des Notrufs aus der Ambulanz diesmal wenigstens kurz gehalten hat. Und meine Ellis waren auch komisch, als wir vorhin unten bei ihnen in der Einliegerwohnung den Kinderwagen geparkt haben, weil das sperrige Monstrum nicht in den doofen Aufzug gepasst hat.
Gretchen (versteht nicht, worauf er hinaus will): Ja, und?
Marc: Findest du das nicht sonderbar? Die haben sich doch die ganze Zeit eingemischt, als wir auf Mehdis alberner Mädchenstation festsaßen, und jetzt, wo wir endlich wieder zuhause aufschlagen, lassen die uns in Ruhe? Im Leben nicht.
Gretchen (schaut vorsichtig zur Tür u. folgt seiner Eingebung): Du meinst...?

Oje! Wenn ich jetzt genauer darüber nachdenke, dann wäre das eindeutig Mamas Stil. Sie hat damals ja auch diesen doofen Clown als Überraschung zu meinem Geburtstag in die Villa bestellt, obwohl ich schon fünfzehn Jahre alt geworden bin und mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt habe und darauf bestanden habe, dass mit den kindischen Geburtstagstraditionen endlich Schluss sein muss. Sie hat nicht auf mich gehört. Wie immer. Ein Glück, dass ich mich damals nicht getraut habe, Marc die Einladung zu geben. Dann würden wir jetzt bestimmt nicht hier stehen. Obwohl, ich glaube, er hätte es witzig gefunden, denn Mama hatte sich in dem Jahr vertan und hatte anstatt des Loserclowns die Steven-King-Variante aus „Es“ erwischt. Im Nachhinein betrachtet, war es doch ein toller 15. Geburtstag. Meine Freundinnen waren total begeistert gewesen von dieser coolen Idee, Jochen sowieso, seitdem liebt er Horrorfilme über alles, und Papa und ich haben Mamas entsetztes Gesicht geliebt. Hihi! Sie hat bis heute nicht verstanden, worin der Fehler gelegen hat. Und wenn sie jetzt wieder...? Hm? Warum nicht? Ich bin seit neun Tagen sowieso im Dauerfeiermodus. Hihi!

Marc (nickt u. streicht sich unbehaglich über sein marineblaues M-Shirt): Jep! Das wäre doch genau ihr Ding. Blümchen und Girlanden. Häppchen und, oh Gott, ich will es gar nicht wissen.
Gretchen: Aber Mama hat doch hoch und heilig versprochen, dass sie keine Willkommensparty für die Zwillinge geplant hat?
Marc (wird zynisch, wenn ihm die Argumente ausgehen): Sie hat deinem Dad auch ewige Treue geschworen und hat trotzdem nach ihrem seltsamen Selbstfindungstrip einen zwielichtigen Inder angeschleppt. Das hast du selber mir erzählt.
Gretchen (reißt empört die Augen auf u. hofft, das niemand in der darunter liegenden Etage mitgehört hat): Im Vertrauen, Marc, im Vertrauen!
Marc (lauscht noch mal vorsichtig an der Tür): Ja, eben. Und ich vertraue meinen Instinkten und die schlagen gerade bedenklich Alarm. Aber sie soll nicht denken, dass ich meine Drohung, sie von der Terrassenbrüstung baumeln zu lassen, nicht wahr machen würde, falls sie hier irgendeinen Zirkus aufgefahren hat.
Gretchen (seufzt u. versucht, gelassen zu bleiben, auch wenn sie längst dieselben Bilder im Kopf hat): Selbst wenn, das finden wir nur heraus, wenn wir die Tür aufmachen. Ich will die Kleinen endlich aus den Dingern raushaben. Sie sehen so winzig darin aus. Vielleicht ist es ihnen ja unbequem?
Marc: Deshalb pennen sie auch so relaxed, seitdem ich das Auto gestartet habe, hm? Aber okay, auf deine Gefahr hin, Haasenzahn! Du hast es so gewollt.

...schob Marc seiner drängelnden Liebsten augenzwinkernd die Verantwortung zu, bevor er ihr und ihrem Drang, sich so kurz nach der Geburt zu viel zuzumuten und sich zu verheben, zuvorkam und die Griffe der beiden Maxi-Cosis wieder über seine Unterarme hing, nachdem er den Schlüssel im Schloss umgedreht hatte. Mit geschlossenen Augen tippte er die Tür auf und trat einen vorsichtigen Schritt in die Wohnung. Bevor er seine Augen wieder öffnete, lauschte er andächtig in die Stille des Lofts hinein. Er fühlte sich augenblicklich behaglich und legte, dicht gefolgt von seiner Freundin, einen Gang zu, bis er mit den Zwillingen in der Mitte des Raumes stehen blieb und das vertraute Ambiente und die übliche Haassche Besserwisserei auf sich wirken ließ. Dann hatte er sich eben getäuscht, na und, darauf geschissen. Aber aus Erfahrung wusste er, dass man vor Bärbel Haase nirgends sicher sein konnte. Dieselbe Regel galt übrigens auch für seine Mutter. Die einzige Gemeinsamkeit, die die beiden miteinander teilten. Neben ihren gemeinsamen Enkelchen versteht sich. Deshalb schaute er sich auch sicherheitshalber noch einmal genauer um. Nicht dass doch noch ein paar Clowns angriffslustig hinter einem der Sofas lauerten.

Gretchen: Von wegen.
Marc (strahlt vergnügt von einer Backe zur anderen, als er registriert, dass sie doch alleine sind): Tja, gerade noch so einem Balkonsturz entkommen, das liebe Butterböhnchen.
Gretchen (tippt ihn empört an, muss dann aber auch kichern): Marc, nenn sie nicht so! Das ist allein Papa vorbehalten.
Marc: Und was ist damit?

Marc deutete mit ausgestrecktem Arm, an dem zum Vergnügen seines erwachten Sohnes einer der Maxi-Cosis hin und herbaumelte, auf das schmale buntfarbige Banner über dem Kamin, auf dem in dicken, verschnörkelten Lettern und von vielen kleinen und großen pinken und blauen Herzchen umgeben „Willkommen Zuhause, Marlene und Marlon!“ geschrieben stand. Gretchen lächelte nur hingerissen. Sie fasste sich an ihr wild pochendes und sehr gerührtes Herz und suchte weitere Spuren im Appartement. Aber bis auf mehrere, wunderschön zusammengestellte, neue Blumensträuße auf der Kücheninsel, dem Kaminsims und den Kommoden und einem reichlich gefüllten Kühlschrank war alles beim Alten. Sie waren zuhause, endlich, seufzte sie in Gedanken und strahlte den Vater ihrer Kinder überglücklich an, der bei ihrem verträumten Anblick gar nicht anders gekonnt hatte, als zufrieden zurückzulächeln. Sie waren endlich daheim. Das Abenteuer konnte beginnen.

Gretchen: Also, ich finde es süß.
Marc (zwinkert der Träumerin wissend zu): Du bist doch enttäuscht, dass es keine Party zu euren Ehren gibt, oder?
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Nein! Klar, wäre es schon schön gewesen, mit all unseren Lieben zu feiern, aber die beiden hier hatten im EKH schon genug Chaos um sich herum. Wir inklusive. Von dem her...
Marc: Von dem her...

...nickte Marc zufrieden und schmiegte sich an die Seite seiner süßen Träumerin, die ihm für seine Geduld und Ausdauer ein kleines Küsschen auf die Wange drückte, das der Adressat wohlig seufzend zur Kenntnis nahm, bis der Schalk mit einem Mal wieder mit ihm durchging. Der bärenstolze Neudaddy folgte nämlich instinktiv einer spontanen Eingebung, die sein Hirn okkupierte und ihn zum sofortigen Handeln drängte.

Marc (beugt sich flüsternd über seine beiden Kinder, die er im Maxi-Cosi auf dem Couchtisch abgestellt hat): Kleiner Rundgang gefällig? Ihr sollt schließlich wissen, wohin wir euch entführt haben.
Gretchen (lacht): Du bist so ein Spinner, Marc Meier. Sie bekommen doch noch gar nichts mit.
Marc (dreht sich herausfordernd zu ihr herum u. schnappt sich beherzt die Maxi-Cosis): Weißt du’s?

Gretchen wollte ihren Pappenheimer gerade noch stoppen, aber da war es schon zu spät. Mit beiden Babytaschen bewaffnet stapfte Marc zurück zum Eingang des Penthauses, welcher noch offen stand. Er schob mit seinem ganzen Körpergewicht den Taschenhaufen vom Treppenhaus in die Wohnung und schloss dann die Tür hinter sich, was nicht gerade geräuscharm vonstatten ging. Prompt waren die Zwillinge wieder wach und schauten ihren vergnügt grinsenden Papa aus großen, müden, staunenden Kulleraugen an, während er langsam mit ihnen von einer Ecke zur anderen wanderte, um ihnen mit großer Begeisterung jeden einzelnen Zentimeter ihres neuen Zuhauses zu zeigen. So wie er es auch schon vor ein paar Tagen im Elisabethkrankenhaus veranstaltet hatte, als er ausnahmsweise noch einmal in alte Muster zurückgefallen war, weil sein Stellvertreter und Oberboss im OP gebraucht worden war, und für diesen die Einweisung der neuen Schar Assistenzärzte übernommen hatte, die seinem weisen Urteil nach natürlich auch dieses Jahr wieder den schlechtesten Jahrgang aller Zeiten bildeten. Aber das war momentan zum Glück nicht sein Problem.

Marc: Wunderbar. Ich hab eure Aufmerksamkeit. So gehört sich das. Was der Papa zu sagen hat, das gilt nämlich auch. Merkt euch das! Also, das war die Schwelle zur Außenwelt, die ihr nur mit unserer Erlaubnis überqueren dürft, wenn ihr alt genug dafür seid. So in siebzehn Jahren vielleicht. Verhandlungssache. Äh... ja, hier daneben haben wir die Garderobenecke, die meistens genauso unaufgeräumt ausschaut, wie sie es gerade ist. Wisst ihr, Unordnung ist die neue Ordnung, das sortiert den Kopf, der gerade mit Wichtigerem wie spannenden, wegweisenden OPs und dem Voranbringen der Chirurgie beschäftigt ist. Also haut euer Zeug einfach dahin. Irgendwann räumt es sich schon von selbst auf, hab ich die Erfahrung gemacht.
Gretchen (schüttelt ungläubig den Kopf, während sie dem Quatschkopf langsam hinterher stolpert): Marc! Bring den beiden keinen Unsinn bei!
Marc (grinst die Löwenmama ungeniert über die Schulter an u. ist hingerissen von ihrem perplexen Gesichtsausdruck): Unordnung. Unsinn. Da habt ihr’s. Sie liebt Alliterationen. Da kommt die Alltagsromantikerin durch. Liegt vermutlich daran, dass sie mit einunddreißig Jahren immer noch jeden Tag fleißig Tagebuch schreibt. Wisst ihr, eure Mama ist die Tochter ihrer Mutter und versucht immer, unbedingt alles anders zu machen als Misses Kaltmamsell. Aber im Grunde ist sie...
Gretchen (verschränkt empört ihre Arme vor ihrem Körper, als sie ihn ungehalten unterbricht): Gar nicht!
Marc (lässt das so stehen u. schreitet mit breitem Grinsen wenige Schritte weiter voran): Und ob! Und wir finden das gut so. Genau! Wir verstehen uns. Die Wendeltreppe hier, die ist übrigens für euch tabu. Nicht nur aus versicherungstechnischen Gründen, falls ihr euch an ersten Kletterversuchen versuchen solltet. Da oben ist nämlich unser Reich. Da, wo die Magie passiert, um genau zu sein. Und wenn ihr wissen wollt, ob dort oben im siebten Himmel euer Ursprung liegt, da muss ich euch leider enttäuschen. Wir haben sämtliche mathematischen Berechnungen eures Patenonkels noch mal gegengecheckt, ihr wisst ja, seine Gleichungen können recht einfältig sein, deshalb ist er ja auch mit Tante Gabi zusammen, und es kam immer dasselbe heraus. Das Wunder ist in einem anderen Paradies passiert, in einem echten sogar, das ihr sogar schon zweimal besucht habt. Unbewusst. Im Bauch einer im Mittelfeld sehr seekranken...
Gretchen (springt ihm aufgeregt ins Wort): Wehe, du sagst noch einen Satz mehr dazu!
Marc (zieht sie mit Vergnügen provozierend auf): Wozu? Viel geredet wird da oben nämlich auch nicht, denn ich weiß ganz genau, wie ich dieses zuckersüße Plappermäulchen zum Schweigen bringen kann. Da liegt euer Ursprung eigentlich begründet.
Gretchen (läuft augenblicklich knallrot an u. erleidet unter seinem sexy Schäkerblick eine Hitzewelle nach der anderen): Duuu...

Dieser Kindskopf! Menno! Mir fällt nichts ein, womit ich verbal zurückschlagen kann. Mein Kopf ist wie leergefegt, wenn er so Andeutungen macht. Ich weiß, dass ich das besser kann. Oh, oh! Er tut es schon wieder. Bleib stark, Gretchen! Unmöglich bei diesen Augen.

Marc (pirscht sich verheißungsvoll an die rote Tomate heran): Ja? Kostprobe gefällig?
Gretchen (an das Geländer der Holzwendeltreppe gedrängt, kann sie dem unverschämten Charmeur nicht entkommen, dessen Lippen nur noch Millimeter von ihren entfernt sind): Das... das kannst du vergessen, Marc.
Marc (liebt den trotzigen Ausdruck in ihrem bildschönen Gesicht über alles, zieht sich aber sicherheitshalber wieder zurück, bevor er noch eine gewischt bekommt u. vor den Kids ein völlig falscher Eindruck entstehen könnte): Wie schade! Chance vertan. Kenn ich nicht anders. Dabei sind wir doch gerade am schönsten Zimmer angekommen. Neben unserer Liebeshöhle versteht sich. Aber euer neues Kinderzimmer, für das wir hier in der Nische unter der Treppe extra einiges umgebaut und viele blaue Flecken kassiert haben, werdet ihr schon oft genug zu Gesicht bekommen, bis es euch vermutlich zum Hals heraushängt. Von dem her geht’s erst mal weiter mit der Tour durch die Casa Meier.
Gretchen (verschränkt trotzig die Arme vor ihrem Körper u. murmelt kleinlaut): Haase.
Marc (zwinkert der Schmollprinzessin frech zu u. konzentriert sich wieder auf seine Kleinen, die demonstrativ gähnen): Meier! Angenehm! Ab in den Wohnbereich! Hier könnt ihr herumtoben und herumlümmeln, wie ihr wollt. Nur eure Nutellafingerchen solltet ihr bitte von den weißen Ledergarnituren fernhalten. Die waren nämlich scheiße teuer. Platz ist jedenfalls genug. Die offene Raumgestaltung hier im Loft ist ja gerade der Burner. Der Plasmafernseher ist übrigens in UltraHD der neusten Generation und der Papa hat natürlich das ultimative Fußballabo abonniert, damit ihr kein Spiel der Ligen oder der EM und WM und die Champions League verpasst.
Gretchen (ist wie angewurzelt in der Diele stehen geblieben u. folgt ihren Lieben erst etwas zeitverzögert): Na, wunderbar.
Marc (grinst wie ein Honigkuchenpferd, als er Marlene u. Marlon, die ihre Äuglein schon wieder geschlossen haben, weiter herumführt): Eben. Du hast es erfasst. Dabei hat die Mama immer noch nicht die Taste gefunden, um ihr Schnulzen-Abo abzurufen, das der Papa ihr zusätzlich gebucht hat. Neben dem Märchenchannel, für euch natürlich. Obwohl...
Gretchen (ist so gebannt von dem, was er tut, das sie ihm nicht wirklich folgen kann): Was?
Marc (zuckt mit den Schultern, umschifft geschickt mit den Kindern, die ihm einiges an Muskelkraft abgewinnen, wie er immer mehr feststellt, die weiße Ledercouch u. den Esstisch, um in die offene Wohnküche zu gelangen): Aber egal. Weiter geht’s! Der Kamin ist natürlich tabu, der ist eigentlich nur Deko, es sei denn die Mama und ich haben sich gerade ganz, ganz doll... (sucht extra Gretchens Blick, der mehr als tausend Worte sagt) ... äh... das ist noch kein Thema für eure Hasenöhrchen, glaub ich, und sobald ihr euch alleine fortbewegen könnt und nicht mehr von mir ständig herumgeschleppt werden müsst, was echt anstrengend ist, wie ich gerade feststellen muss, werde ich mir ein entsprechendes Sicherheitskonzept ausdenken. Aber bis dahin ist ja zum Glück noch ganz viel Zeit. Kommen wir zum Herzstück der Wohnung, der Schlemmermeile, wo die Mama ganz viel Zeit verbringt. Zu meinem Leidwesen leider nicht mit der Essenzubereitung. Da hat sie noch enorme Defizite. Im Verzehr ist sie aber an der ersten Front dabei.
Gretchen (tippelt dem Frechdachs mit großen Schritten empört hinterher): Gar nicht wahr. Hört nicht auf euren Daddy! Der will mich nur wieder aufziehen und mich vor euch in ein schlechtes Licht rücken. Aber ich kann kochen, also, theoretisch.

Sehr souverän, Gretchen, also wirklich. Och nee! In meiner Vorstellung sieht das alles ganz anders aus.

Marc (grient seine Zwillinge an, die immer mal wieder ein Äuglein öffnen u. gleich darauf wieder schließen): Uuuhhh, jetzt sind wir aber beeindruckt.
Gretchen (funkelt ihn an): Ich hab mir jedenfalls fest vorgenommen, es noch richtig zu lernen, um euch dann, wenn ihr soweit seid, richtige Vollwertkost zu kredenzen. Ich hab mir dazu auch schon einen Haufen Bücher organisiert, die richtig tolle und einfache Rezepte für Babybreis mit gesunden, natürlichen Zutaten, ohne Zusatzstoffe, enthalten, und euer Patenonkel und seine Mama wollen mich dabei auch unterstützen. Ich baue auf ihre Erfahrung mit Lilly.
Marc (muss sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen): Hört, hört! Aber keine Bange, der Papa opfert sich und kostet vor. Die Durchwahl zur Notaufnahme kenn ich als Chef der Chirurgie ja in und auswendig.
Gretchen (zischt ihn sauer an): Boah! Du bist so gemein.
Marc (tänzelt vergnügt mit den beiden Maxi-Cosis um sie herum): Ich bin nur realistisch. Das ist der Unterschied. Und das sollte auch kein Vorwurf sein. Ich finde es süß, wie du dich bemühst.
Gretchen (beleidigt glaubt sie ihm kein Wort): Toll! Das brauchst du mir aber nicht ins Abschlusszeugnis schreiben.

Haasenzahn, wenn du wüsstest, dass du bei mir immer eine Eins kriegen wirst. Selbst wenn du die Ökomuttis vom Prenzelberg übertrumpfen willst, was du übrigens überhaupt nicht nötig hast. Aber das verraten wir der Mama nicht. Das bleibt unser Geheimnis. Klar, Lenchen, Lonny? Oh Mann, ich hab‘ schon wieder gesagt, äh... gedacht. Ich glaube, ich bin doch noch ein bisschen neben der Spur, was dank Franz mittlerweile die ganze Klinik weiß. Dabei hab ich doch gar nichts gemacht.

Marc (gibt ihr, um sie zu besänftigen, ein kleines Küsschen auf die Wange, bevor er seine Wohnungsführung im gleichen Elan fortsetzt wie zuvor): Wie du meinst, Haasenzahn. Dabei sind Zeugnisse mit meiner Unterschrift darunter echt tierisch was wert. Aber naja, wer nicht will, der hat schon. So, und nachdem wir die Küche passiert haben, geht’s den langen Flur hinunter. Auf der rechten Seite haben wir die Nasszelle, wo wir auch eigens für euch eine kleine Planschecke eingerichtet haben. Ich glaube, darauf freue ich mich am meisten. Hat im Krankenhaus auch immer riesigen Spaß gemacht. Vor allem für die Putzkolonne und euren Onkel Jo, der das alles wieder wegwischen musste. Hähä! Und hier direkt gegenüber liegt Gretchens Märchenreich. Ja, ihr hört richtig. Hier werden Kleinmädchenfantasien wahr, die sämtliche Lisa Plenskes der Welt blass vor Neid werden lassen. Eure Mama ist eben sehr sentimental und hängt an ihrem Kitsch aus ihrer unbefriedigenden Teenyzeit. Man sagt ja immer, Männer müssen kompromissbereit sein, wenn sie eine Frau, und noch dazu so ein Prachtexemplar von einer, dauerhaft in ihre eigenen vier Wände lassen wollen. Die einen opfern eine Schublade oder auch eine Hälfte ihres Kleiderschranks, das hier ist unser Kompromiss. Ihr altes Kinderzimmer hat hier Zuflucht gefunden, bevor ihr Bruder es sich unter den Nagel reißen konnte und in seine Bestandteile aufgelöst hätte, worüber ich übrigens überhaupt nicht böse gewesen wäre. Ich weiß, es passt eigentlich nicht so richtig in dieses coole Penthaus, aber es hat in gewisser Weise seinen Charme und im hippen Berlin ist alles erlaubt, was die Dimensionen sprengt. Von dem her...
Gretchen (schmachtet ihm hinterher): Das hast du jetzt echt süß gesagt.
Marc (überhört das Haassche Lob wohlwissendlich u. plappert munter weiter drauflos, obwohl die Zuhörerschar rapide sinkt): Es wird vorzugsweise als Gästezimmer genutzt für die Mutigen unter euch. Eure Patenschwester Lilly mag es jedenfalls sehr. Wenn ihr irgendwann genug voneinander haben solltet, dann können wir ja noch mal über eine Umdekoration zu einem zweiten Kinderzimmer nachdenken. Aber momentan klebt ihr ja noch aneinander wie eure Mama am Nutellaglas.
Gretchen (stupst ihn empört an): Hey!
Marc (bleibt unbeeindruckt): Und direkt daneben am Ende des Flurs, da passiert auch ganz viel Magie, wenn nicht sogar die Magie. Hier wird Geschichte geschrieben. Medizingeschichte nämlich.
Gretchen (verdreht die Augen vor so viel Angeberei u. drängelt sich vor in Marcs Büro): Von uns beiden.
Marc (muss jetzt doch lachen u. tippt bei seinen beiden Süßen ein High Five an, das leider nicht erwidert wird, weil die beiden zu seiner leichten Enttäuschung schon wieder eingeschlafen sind): Sicher! Bei den tausend Forschungsartikeln, die Dr. Haase schon geschrieben und rezensiert hat. Nicht?
Gretchen (lehnt sich lasziv an seinen Schreibtisch, der vor Büchern u. Fachzeitschriften fast schon überquillt): Eben. Du musst nur noch Korrektur lesen und dann hab ich dich übertrumpft.
Marc (seufzt laut auf u. legt den Rückwärtsgang wieder ein): Das wüsste ich aber. Also, wenn die Tür zu ist, dann heißt das, der Papa steckt im Prozess und will nicht gestört werden. Oberste Regel in diesem Haus.
Gretchen (folgt ihm auf dem Fuße): Das zeigt schon das kreative Chaos hier.
Marc (funkelt sie für diese Frechheit böse an): Hey! So eine Habilitation schreibt sich nicht von einem Tag auf den anderen. Das ist nicht so ein Kokolores wie deine Doktorarbeit, die du bis heute noch nicht fertig hättest, wenn dein Vater und ich dir nicht ordentlich in dein knackiges Hinterteil getreten hätten. Das hier ist meine Ordnung und die hat nun mal System. Also, bringt mir da bloß nichts durcheinander. Das ist sortiert, auch wenn es nicht danach aussieht. Der Papa muss schließlich jetzt zwei Mäulchen mehr stopfen und wenn ihr weiter so einen Hunger an den Tag legt wie eure Mama, dann könnte es kritisch werden, wenn ich nicht bald verdient befördert werde. Aber ich hab ja jetzt einen dicken Stein im Brett bei eurem Opa. Der vertritt mich sogar, damit ich euch euren Hintern abwischen kann.
Gretchen (schüttelt schmunzelnd ihren Lockenkopf u. stolziert provozierend sexy vor ihm zurück ins Wohnzimmer): Hach, ja, euer Papa neigt zu Übertreibungen und Selbstüberschätzung und ich wünsche mir manchmal, er wäre auch in anderen Bereichen schon weiter.
Marc (flitzt ihr empört hinterher): Bitte? Was soll das denn bitteschön heißen?
Gretchen (stibitzt sich eine Weintraube aus der Schüssel, die auf der Kücheninsel steht, u. schiebt sie sich genüsslich vor seinen immer größer werdenden Augen in den Mund): Nichts! Kommt! Wir müssen euch noch den allerallerschönsten Platz unseres Zuhauses zeigen. Denn hinter den großen Fenstern verbirgt sich unser kleines Paradies. In Anlehnung an unsere schönsten Urlaube.

...stachelte Gretchen ihren Liebsten mit demselben Enthusiasmus an, den er an den Tag gelegt hatte, als er die spontane Führung durch ihre luxuriöse und gemütliche Dachgeschosswohnung gestartet hatte, und schnappte sich den Tragegriff von Marlenes Maxi-Cosi, um vorneweg zu laufen. Als sie jedoch ungeschickt wie immer die Terrassentür aufgeschoben hatte, trauten sie und ihre kleine Tochter ihren Augen kaum. Sie befanden sich mitten in einem endlosen Sonnenblumenfeld. So machte es zumindest den Eindruck, als sie sich zu dem Strandkorb in der Mitte der Dachterrasse durchgekämpft hatten, auf dem sich Gretchen völlig überwältigt zusammen mit ihrer Kleinen niederließ, während Marc und Marlon alles gespannt vom Panoramafenster aus beobachteten.

Strike! Mann bin ich gut. Äh... wir sind gut. Teamwork. Klar! So ganz bin ich noch nicht darauf eingenordet, aber es wird langsam.

Gretchen: Marc? Was... was ist das alles hier?
Marc (schlängelt sich mit Marlon geschickt durch das Blumenmeer, bis er vor ihr steht u. sie angrient, als wäre überhaupt nichts gewesen): Wonach sieht es denn aus? Ich hab zwar nicht Biologie studiert und er hier auch noch nicht, aber es sieht wie Sonnenblumen aus, riecht nach Sonnenblumen, es sind biologisch betrachtet Sonnenblumen. Aber ich kann gerne noch mal bei Frau Schneider nachhaken. Irgendwo müsste ich noch ihre Nummer haben. Ach nee, mein Adressbuch ist mir doch vor einiger Zeit abhandengekommen.
Gretchen (verdreht die Augen, die vor Begeisterung noch azurblauer leuchten): Haha! Wieso hast du das gemacht?
Marc (spielt den lässigen Unschuldigen, den sie ihm natürlich nicht abnimmt): Wieso ich?
Gretchen (verliert ein bisschen die Geduld, weil er schon wieder mit ihr zu spielen versucht): Marc, du weißt, ich liebe meine Mama und ihre verrückten Ideen, aber das hier... das ist eindeutig deine Handschrift.
Marc (kann sich sein freches Grübchengrinsen nun nicht mehr länger verkneifen): Die Handschrift unter meiner Kreditkartenrechnung vielleicht. Der Rest... Naja... Nachdem sich deine Mutter neulich ausgiebig darüber ausgelassen hat, dass wir angeblich ihren, sie hat echt ‚ihren‘ gesagt, Dachgarten aufs Sträflichste vernachlässigt hätten. Als ob wir in den vergangenen Wochen keine anderen Probleme gehabt hätten. Tzz... deine Mutter und ihre verletzte Eitelkeit! Jedenfalls, nachdem du fast zwei Wochen lang in diesem stickigen kleinen Zimmer zubringen musstest und dich tausendmal darüber beschwert hast, wie gerne du doch mit dem Mini-Ferrari durch die Natur düsen wollen würdest, allen voran, weil gerade jetzt die Zeit deiner Lieblingsblumen beginnt und sie nun mal so strahlen wie du und die Spätsommersonne zusammen, bring ich den Spätsommer eben zu dir. Damit wir nicht ständig aus Berlin rausmüssen, um die blöden stinkenden Felder zu suchen. Du weißt, das würde eine Weltreise werden. Die heute hat mir schon gereicht.
Gretchen (fasst sich bewegt an ihr wild pochendes Herz): Ach Marc, das ist so süüü...
Marc (hebt drohend den freien Arm): Wehe!
Gretchen (lacht u. strahlt ihn schwerverliebt an): ...lieb von dir. Danke! Das ist... wow! Von einem Meer aus Blumen hab ich immer schon geträumt und ich bin anscheinend nicht die Einzige. Schau nur, wie die Kleinen gucken.
Marc: Tja, Blumenstrauß kann ja wohl jeder, ne. Hast ja die Deppen gesehen, die jeden Tag Mehdis Mädchenstation rauf- und runtergestakst sind und sich eine ordentliche Abreibung von Oberschwester Stefanie abgeholt haben.

Marc bezauberte seine Herzprinzessin mit seinem charmantesten Grübchenlächeln und setzte sich schließlich zu ihr in den Strandkorb. Gretchen schmiegte sich daraufhin glücklich an seine Seite und himmelte ihn an, während er behutsam Marlene und Marlon aus ihren unbequemen Sitzgelegenheiten befreite und zu sich und Gretchen in den Sessel holte. So saßen sie nun da, die kleine Familie Haase-Meier, und genossen den ausklingenden Sommer auf ihrer Dachterrasse und ließen das Ambiente jeder für sich auf seine Weise auf sich wirken. Es beflügelte auf jeden Fall die flirrenden Gedankengänge.

Marc: Tja, ihr beiden, das ist dann wohl das Highlight unserer kleinen Wohnungsführung. Ich bedanke mich für eure knapp bemessene Aufmerksamkeit. Ein Garten im siebten Himmel. Das hat nicht jeder. Und schon gar nicht in dieser Millionenmetropole. Man merkt gar nicht, dass wir mitten in der City leben. Kein Straßenlärm. Keine Touris, die schwatzend die Spree entlang schippern und mit ihrer Dauerknipserei jegliche Datenschutzregeln und Persönlichkeitsrechte ignorieren. Keine nervigen Nachbarn, die ihr mit eurem Geplärre ärgern könnt. Hier oben hört uns keiner. Außer die Zugvögel, die sich fieser Weise aufs Dachgeländer verirrt haben. Und ein bisschen Kultur gibt es auch noch. Wenn ihr eure Augen zusammenknipst und dort hinten den kleinen Punkt fixiert, dann könnt ihr sogar mit ein bisschen Glück den Fernsehturm sehen. Das ist die Toplage schlechthin und das coolste Zuhause, das man kriegen kann. Auf jeden! Also, macht die Augen auf, wenn ihr wieder munterer seid, hm.
Gretchen (kuschelt sich verliebt an seine Seite u. träumt mit ihm mit): Sie werden es lieben.
Marc (drückt ihr spontan einen liebevollen Kuss auf den Mund): Bin ich überzeugt von.
Gretchen (strahlt ihn aus leuchtenden Augen an): Ich auch.
Marc (verliert sich regelrecht in ihrem zärtlichen Blick): Was ist? Sollen wir reingehen? Ist doch ein bisschen frisch geworden seit dem letzten Mal, hm?
Gretchen (ist gerührt von seiner ehrlichen Fürsorge u. schmiegt sich noch enger an ihn, während sie ihre Kinder hält): Nein, geht schon. Lass uns noch ein Weilchen bleiben, ja! Es ist gerade so schön hier. Wir sind zuhause, Marc.
Marc: Jep! Sieht ganz danach aus.

Marc stimmte der Träumerin schmunzelnd zu und zog aus dem Seitenkasten des Strandkorbs eine orangerote kuschelweiche Decke hervor, die er Gretchen und den Kinder fürsorglich umlegte. Dann schmiegte er sich wieder an ihre Seite, legte seinen Arm behutsam über den Rücken der Babys und guckte auf das Meer aus Sonnenblumen, schüttelte darüber den Kopf und konzentrierte sich darauf, den fernen Fernsehturm zu fixieren, was ihm auch gelang, wie er zufrieden feststellte. Die Stille auf der Dachterrasse war Balsam für seine aufgewühlte Seele, aber nur so lange, wie sein Schnatterinchen ihr süßes Schnäbelchen hielt, was bekanntlich nie von langer Dauer war.

Gretchen: Weißt du was, Marc?
Marc (versucht, nicht allzu genervt zu wirken, was ihm jedoch misslingt): Ich befürchte, du wirst es uns gleich verraten.
Gretchen (blickt ihm direkt in die fragenden Augen): Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass wir es schaffen werden.
Marc (im ersten Moment irritiert von ihrem fesselnden Blick): Was denn?
Gretchen (schaut sich um u. streichelt ihre schlafenden Kinder, die sich mit ihren kleinen Fingerchen an den dünnen Stoff ihres Sommerkleides geklammert haben): Na, alles hier. Bis vorhin, als ich entlassen wurde, war ich noch unsicher. Ich meine, wir sind jetzt ganz auf uns alleine gestellt. Wir können nicht einfach so nach jemandem klingeln. Wir sind jetzt verantwortlich. Wir sind die Eltern. Von zwei kleinen Lebewesen, die uns brauchen. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Für eine ganz, ganz lange Zeit. Was ist, wenn wir was falsch machen? Das hat Auswirkungen, die wir überblicken müssen. Ich war sogar ein bisschen in Panik, dass ich am liebsten dageblieben wäre. Wenn Papa nicht so liebe Dinge über uns gesagt hätte. Von Stolz und Hingabe. Liebe. Verantwortung. Der Freude, die sie uns bringen werden. Da wird so viel zurückkommen, Marc. Ein ganzer Segen an Glücksgefühlen. Und jetzt. Hier. Mit euch. Ich fühle es. Ich weiß einfach, dass wir das meistern werden. Mit Leichtigkeit. Schau nur, wie brav sie gerade sind. Sie sind kleine Engel. Das wird toll werden. Ich freue mich drauf.
Marc: Definitiv die spannendste Operation ever.

...murmelte Marc ebenso überzeugt und lächelte die Mutter seiner Kinder voller Zärtlichkeit und Liebe an. Der Anblick, sie mit den Kindern zu sehen, überwältigte ihn jedes Mal. Er würde sich niemals daran sattsehen können. Und dennoch war da in seinem Hinterkopf so eine kleine fiese Stimme, die im Wechsel ‚Engelchen oder Bengelchen’ summte. Aber sie war schnell wieder vergessen, als die Zwillinge mit einem Mal wieder die Augen aufschlugen und ihn und Gretchen direkt in ihren Bann zogen. Es gab keinen Zweifel. Definitiv Engel.

Tja, wenn sich Dr. Meier mit dieser simplen Diagnose mal nicht getäuscht hatte.

Lorelei Offline

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21.08.2018 13:10
#1630 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Mein heiß geliebtes Tagebuch,

ich weiß, ich bin eine schrecklich treulose Tomate und mir fehlt das Schreiben mit dir riesig, um den Kopf freizubekommen, die tanzenden Gedanken zu sortieren, den Blick auf das Wesentliche zu schärfen, aber die Umstände haben sich nun mal geändert. Gravierend geändert. Um hundertachtzig Millionen Grad haben sie sich gedreht, um genau zu sein. Meine ganze Welt ist einmal komplett auf den Kopf gestellt worden. Auf links gedreht und herumgewirbelt. Wie in einem echten Tornado. In Turbogeschwindigkeit sozusagen. Dank zweier wunderschöner, einzigartiger und unendlich liebenswerter Geschöpfe, die Marc und mir die Welt bedeuten. Unseren beiden Wundersternen. Hach... ich weiß gar nicht, wo ich überhaupt anfangen soll. Mein Kopf ist so voller Eindrücke, Emotionen und Bilder, dass ich vermutlich platzen würde, wenn ich nicht endlich auch einen Teil davon mit dir teilen könnte. Mit euch teilen. Marlene und Marlon. Meine beiden Engelchen. Ihr Süßen, ich hoffe mal, dass ihr irgendwann einen Sinn hinter dem hormongesteuerten Gebrabbel eurer Mama finden werdet. Wenn nicht, nicht so schlimm. Ich weiß auch nicht, was ich hier gerade mache, aber was raus muss, muss eben raus. Gefühle darf man nicht für sich behalten. Was dann passiert, ist eine lange Geschichte, die euch der Papa bei Gelegenheit bestimmt mal erzählen wird, wenn er sich traut. Hihi!

Das sind gerade meine ersten freien Minuten seit... ich weiß gar nicht, wie lange. Ist es wirklich erst zwei Wochen her, seitdem wir das Krankenhaus verlassen haben? Dabei habe ich das Gefühl, dass wir uns schon vor Wochen in unsere kleine rosarote Blase zurückgezogen haben. Komisch! Entweder dreht sich die Erde langsamer als sonst oder die Zeitebenen haben sich komplett verschoben, seitdem wir Eltern geworden sind. Ist das überhaupt möglich? Muss ich bei Gelegenheit mal Sebastian Schebenborn fragen. Vielleicht ist das der fehlende Faktor X, den er für die Weiterentwicklung seiner Zeitmaschine noch gebrauchen könnte. Das könnte der Durchbruch sein. Oje! Was fasle ich da eigentlich? Seltsam, was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man vor lauter Glück platzen könnte. Bahnbrechende Erfindungen? Pff... Nebensächlichkeiten. Dabei ist doch die genialste Tatsache der Welt, dass wir jetzt Eltern sind. Eltern von zwei so süßen kleinen hinreißenden Babys.

Eltern! Juhu! Ich muss dieses Wort immer wieder aufs Neue erst einmal sacken lassen, bis ich es so richtig zu fassen bekomme. Alles ist so neu und toll und einzigartig. Man hat sich nie großartig Gedanken um die Bedeutung gemacht und welche Arbeit eigentlich dahinter steckt. Hut ab! Ich glaube, erst jetzt begreife ich so richtig, was für einen enormen Job Mama und Papa all die Jahre mit mir und Jochen zu bewältigen hatten. Vor allem Mama. (Mit uns in den Zwanzigern. Hihi!) Wir hätten das viel mehr wertschätzen müssen und das nicht nur an diesem einen von der Blumenindustrie ausgewählten Datum im Jahr, das ich, genauso wie Jochen, jedes Mal verpassen würde, wenn Mama uns nicht jedes Jahr aufs Neue mit winkenden Zaunspfählen explizit daran erinnern würde. Es ist der tollste und aufregendste Job auf der Welt. Das weiß ich jetzt. Jedes Mal, wenn ich euch Mäusen in die Augen blicke und Marc und mich darin wiederfinde. Ihr seid so unglaublich. Ja, ich neige gern zu Übertreibungen, aber hier sind sie wirklich angebracht. Ich weiß, dass es nervt, aber ich kann nun mal nicht anders, ich muss euch ständig anfassen und knuddeln, weil ich es sonst nicht anders begreifen kann, dass Marc und ich dieses Wunder hingekriegt haben. Ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen. Ich liebe euch so sehr. Quer durch die Galaxie über die Milchstraße und zurück.

Oje, was schreibe ich hier eigentlich? Das habt ihr nicht gehört, äh... gelesen! Ihr müsst eure Mama doch für total bescheuert halten. Auf jeden Fall für unfassbar sentimental. Alles sieht sie rosa und wunderwunderschön. Das sind nicht nur die Hormone, die immer noch total verrückt spielen, sodass ich manchmal denke, was ist eigentlich los mit dir, Gretchen. Nein, das seid ihr. Das ist Marc. Hach... Marc! Mein Marcischnuckiputzi. Euer Papa ist so eine Wucht. Der tollste beste, beste, beste Mann der Welt und diesmal stimmt die Überhöhung seiner Eigenschaften wirklich, die er sich gerne auf die Stirn schreibt, nicht nur wenn er seinen OP-Kittel trägt. Er kümmert sich wirklich rund um die Uhr um alles, was anfällt, noch bevor ich etwas merke und selber einschreiten kann. Ich weiß gar nicht, wann er sich das letzte Mal ein Päuschen gegönnt hat. Als hätte man ihn aufgezogen wie das Duracell-Häschen, das man mir immer nachgesagt hat, als damals in den Neunzigern immer diese bescheuerte Werbung lief, die alle, nur ich nicht, witzig fanden. Er wuselt durch das Haus wie ich an meinen effizientesten Tagen. Er kümmert sich, dass ich mich nicht überanstrenge, was eigentlich gar nicht möglich ist, weil mit euch zu kuscheln, alles ist, aber ganz bestimmt nicht anstrengend.

Aber okay, er hat ja schon recht. Ausnahmsweise! Also, sagt ihm das bloß nicht. Sonst wächst sein Ego wieder in unmessbare Höhen und ich bekomme Schwierigkeiten, ihn da wieder runterzuholen. Ich fühle mich nämlich immer noch ziemlich schlapp, wie durch den Fleischwolf gedreht und zum Spaß auch noch in den Cocktailmixer gesteckt, aber die körperlichen Beschwerden einer jungen Mutter interessieren euch bestimmt nicht, wenn ihr das hier irgendwann zu lesen bekommt. Außerdem habe ich ständig Heulkrämpfe. Jetzt nicht so schlimm, dass man sie als postnatal bezeichnen könnte. Ich habe extra bei eurem Onkel Mehdi nachgefragt. Das liegt alles im normalen Bereich. Aber was ist schon normal, wenn man vor ein paar Tagen erst zwei Babys auf einmal gesund auf die Welt gebracht hat und fast zeitgleich auch noch Patentante von einem pausbäckigen Jungen geworden ist, den man am liebsten auch gleich mit zu euch packen möchte, wenn eure Tante Gabi nicht wie eine Löwenmama über ihn wachen würde und es seit jeher darauf abgezielt hat, mir die Augen zu zerkratzen. Aber meine emotionalen Ausbrüche sind manchmal schon ziemlich anstrengend, in neunundneunzig Prozent der Fälle absolut nicht nachvollziehbar und ich weiß ganz genau, dass ich euren Daddy damit ziemlich überfordere. Auch wenn er es vor mir verbirgt, ich sehe ganz genau, wie es in ihm brodelt und dass es ihm einiges an Anstrengungen abverlangt, dazu nicht sofort Stellung zu beziehen und einen seiner gemeinen Sprüche rauszuhauen. Das rechne ich ihm hoch an. Und im Grunde ist das alles auch gar nicht so schlimm, wie es vielleicht den Anschein hat. Ein Blick auf euch zusammen mit eurem bis über beide Ohren in euch verknallten Papa genügt. Das ist meine Medizin. Mein Grund aufzustehen, auch wenn ich vor Müdigkeit jeder Zeit wieder an Ort und Stelle einschlafen könnte. Es hat schließlich niemand behauptet, dass es einfach wäre, Neugeborene zu Hause zu haben. Noch dazu zwei so süße Verbündete, die immer genau den unpassendsten Moment auswählen, um uns wieder aus unserem hart erkämpften Rhythmus zu locken.

Rhythmus, ach was, Rhythmus, ein geregelter Tagesablauf ist überhaupt nicht möglich. Seit der ersten Minute an, die wir verschmust zusammen auf der Dachterrasse verbracht haben, bis eure Großeltern uns doch noch spontan überfallen haben, bestimmt ihr, wie’s lang läuft und wir, allen voran Marc, spurten wie verrückt hin und her. Ohne wirklich einen Plan zu haben. Denn, um ehrlich zu sein, haben wir noch nicht so richtig herausgefunden, was, wann welches Weinen von euch bedeutet. Das tut uns echt leid. Wir bemühen uns. Wir müssen uns auch noch anpassen, aber wir werden besser. Auch wenn Marc noch keinen Unterschied heraushört, ich dagegen schon. Da sind gewisse Untiefen in euren Stimmen, die das eine oder andere bedeuten könnten. Die Betonung liegt auf „könnten“, denn gestern stimmte mal wieder gar nichts an meiner These, an der ich seit dreiundzwanzig Tagen unentwegt gefeilt habe, was Marc wiederum sehr belustigt hat. Der gemeine Kerl hat sich den Bauch gehalten vor Lachen und diesmal war nicht ich diejenige, die sich die Tränen von der Wange streichen musste. Wie konntet ihr mir nur so sehr in den Rücken fallen, hm? Wir müssen doch zusammenhalten, damit das alles hier funktioniert und nicht doch noch in Chaos ausartet. Und nach einer im Scherzgespräch mit Mama herausgepurzelten, unheilvollen Prophezeiung von Marcs Mutter könnte dies durchaus passieren. Elke meinte nämlich, Marc sei ein sehr unleidliches Kind gewesen, das ständig nach Aufmerksamkeit gesucht hat. Aber ihr doch nicht, oder? Obwohl...

Manchmal macht es wirklich den Anschein, als ob ihr euch auf der falschen Erdhalbkugel wähnt. So nachtaktiv wie ihr seid. Wie kleine Murmeltiere. Eingemummelt in eure Schlafsäcke seht ihr auch ein bisschen danach aus, was Marc immer mit der Vehemenz eines Löwenpapas von euch weist. Denn seine Kinder sollen nicht mit stinkenden Wildtieren verglichen werden, selbst wenn ihre Windeln manchmal so riechen, als hätte Marc sie direkt aus einem Pumakäfig geangelt. Das hat er wirklich gesagt. O-Ton Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens renommierter Unfall- und Allgemeinchirurg mit Chefarztambitionen und Uniabschluss mit Auszeichnung. Weder mit Hasen, Kälbchen, noch sonst was sollt ihr tituliert werden, weil ihr verdammt noch mal Homo sapiens seid. Das ist so süß. Wenn er euch verteidigt, dann seid ihr immer seine Kinder. Aber wenn wir alle zusammen bei uns oben in dem großen Bett kuscheln, dann sind es wieder unsere Babys. Unsere Wundersterne. Unsere Sonnenscheine. Sonnenscheine? Gibt’s davon überhaupt einen Plural? Hm... Wenn nicht, dann gibt es den eben ab sofort. Weil ihr so schön strahlt und unsere Herzen erwärmt. Hihi!

Hach... Marc! Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich ihn in diesen Momenten liebe. Papa zu sein, dazu ist er berufen. Wer hätte gedacht, dass der egomanische Chirurg, der keine Götter neben sich duldet und die eine oder andere OP auch mal aus dem Stehgreif ganz alleine bewältigt, weil alle um ihn herum ihn nerven und sowieso nichts können, mal darin seine Lebensaufgabe finden würde? Also, ich schon. Er, glaub ich, weniger. Ich hab seine Nervosität gespürt. Wie er sie überspielt hat. Im Krankenhaus mit seinen Streichen, die die Oberschwester in den Wahnsinn getrieben und Dr. Gummersbach eine Woche Sonderurlaub beschert haben, den er mit seinem Pflegesohn Anton ausgiebig genossen hat, weshalb Günni Marc, der sich sogar verschlüsselt dahingenuschelt bei ihm entschuldigt hat, am Ende auch nicht mehr wirklich böse sein konnte, aber dazu wäre Sabines Mann ebenso wie meine beste Freundin sowieso nicht fähig. Oder in den Telefonaten mit Mehdi, den er wegen Lenny regelrecht ausgehorcht hat. Aus Patenonkelpflicht natürlich, aber vor allem auch um sich Sicherheit zu holen für den Tag X, wenn wir dann auf uns alleine gestellt sein werden. Ich glaube, seine kleine Führung hier durch unser Heim war auch Ausdruck davon. So erpicht, wie er darauf war, sein gewohntes Terrain zurückzuerobern und in Einklang damit zu bringen, dass ab sofort zwei kleine Wesen mindestens für die nächsten achtzehn Jahre ihren Hauptwohnsitz bei uns angemeldet haben. Nicht mehr um ihn, sondern um sie beide wird sich von nun an die Sonne drehen. Jeden Tag und jede Nacht aufs Neue und ich liebe es. Das erleben zu dürfen, ist das Größte für mich. Es lindert jeden Schmerz, jede Strapaze, jede vergossene Träne. Genauso fühlt es sich an, das pure Glück.

Man kann es greifen. Ob ich müde bin oder hellwach, weil Marc plötzlich unvermittelt vor mir steht und mir unsicher eins der Babys reicht, weil er, was immer die große Ausnahme ist, denn er weiß ja schließlich in jeder Hinsicht immer alles besser, mit seinem Latein am Ende ist. In der Regel meist kurz vor fünf, neulich aber auch schon mal halb drei Uhr nachts. Das ist so süß und hinreißend ehrlich, dass man gar nicht anders kann, als ihn einfach nur anzubeten, selbst wenn seine Frisur gerade nicht mehr sitzt, sich tiefe Schatten unter seinen stets wachen Augen gebildet haben und er immer noch nicht das voll gesabberte T-Shirt vom Vortag gewechselt hat, was ihn aber meist auch nicht viel weiterbringt, wenn Leni weiterkräht und dabei einfach nur ihren großen Bruder vermisst, der nebenan genau das Gleiche empfindet, wenn er den leeren Platz neben sich bemerkt. Und schon geht der nächtliche zweistimmige Kanon wieder von vorne los und der kann, so schön er auch klingt, wirklich ganz schön schlauchen, vor allem wenn man nur mal fünf Minuten die Augen zumachen möchte. Es ist ja lieb, dass er mir so viel wie möglich abnehmen will, aber das muss er nicht. Ich schaff das auch, ich bin hochmotiviert. Als Mama hat man Kräfte, die man vorher noch nicht hatte und ich hab keine Ahnung, wo ich die immer herhole. Ich bin zwar noch nicht ganz wieder das flinke Häschen vom Dienst wie vorher, aber zumindest wieder einigermaßen mobil.

Ich war die ganze letzte Nacht wach und hab die beiden hin und hergewiegt, während ich Marc schlafen gelassen habe. Seine Batterien sind zwar immer aufgeladen. Keine Ahnung, wie er das macht. Das bringt der Job als Chirurg wohl mit sich, aber auch er muss mal innehalten. Das streitet er zwar immer vehement von sich, denn Männer von seinem Format brauchen keinen Schlaf, aber es ist so. Trotzdem musste ich mir heute Morgen einiges anhören, als er uns schlafend allesamt auf der Sofaliegewiese gefunden hat. Gut, nur ich habe geschlafen, die Zwillinge haben sich auf ihre Weise unterhalten und ihn damit zu uns runtergelockt. Der hat echt Ohren wie ein Luchs. Unfassbar! Der sture Kerl war so sauer und hat mich doch glatt nach oben verbannt. Jetzt sei ich dran mit ner Runde Chillen, hat er gesagt. Sofort und zz! Keine Widerrede! Idiot! Süßer Idiot! Wenn er so verschlafen ist und dabei versucht, ernst zu gucken, dann möchte man ihn am liebsten niederknutschen. Hab ich auch gemacht. Hihi! Kam übrigens auch sehr gut an. Aber ich muss aufpassen, dass er mich nicht erwischt. Auf Knopfdruck kann ich nämlich nicht schlafen. Das ist im Krankenhaus, wenn ich Bereitschaft hatte, auch immer schon so gewesen. Ich hab es versucht. Und das liegt nicht nur am prasselnden Regen auf unsere Dachfenster. Und wenn er wüsste, dass ich, anstatt zu schlafen, meinen rosa Puschelstift rausgeholt habe, um euch ein bisschen teilhaben zu lassen, was in den ersten Tagen so passiert ist, dann ist Polen offen. Deshalb mache ich jetzt an der Stelle auch vorerst Schluss. Ich höre nämlich verdächtiges Tapsen auf der Treppe. Oh! Ist es wirklich schon so spät? Ich glaube, es ist schon wieder Zeit zum Stillen. Ich muss.

Also, bis bald, liebes Tagebuch! Ganz so regelmäßig wie früher wird es wohl nicht werden, aber ich meld mich wieder. Versprochen!

Dein überglückliches und über den Wolken schwebendes Gretchen, das sich mit Marc und den Zwillingen in ihre kleine Seifenblase der Glückseligkeit eingemummelt hat und nie wieder rauskommen will

PS 1: Okay, ich bin noch ein bisschen eingerostet, das hast du sicherlich gemerkt, aber ich finde mich schon noch zurück in meinen altbewährten Stil, ansonsten male ich einfach noch ein paar Herzchen und Kussmünder mit Marcs und meinen Initialen, dann erkennst du mich bestimmt wieder. Hihi!

PS 2: Ups! Doppel-Ups! Dreifach-Ups! Bin tatsächlich von der ganzen Rasselbande erwischt worden und liege nun, nachdem Marc mich zur Strafe zur Erheiterung der Kinder einmal ordentlich durchgekitzelt hat, neben dem erschöpft zusammengesunkenen Neupapa, der alle Viere von sich gestreckt hält, und beobachte zusammen mit Leni und Marlon, wie sich seine Nasenflügel immer wieder sanft heben und senken. Das hat echt etwas Mantramäßiges. Was meinst du, wird wohl passieren, wenn ich ihm einmal über die Narbe streichle? Ach, ich mach’s einfach. Das mache ich viel zu gerne.

PS 3: Oh, oh! Das hätte ich nicht tun sollen. Marc hat nämlich nicht geschlafen. Er hat nur so getan. Er hat nur gedöst und seine Batterien aufgeladen. Für meine dreiste Frechheit erwartet mich nun die schlimmste Strafe von allen. Ja, er hat mich überwältigt und meine Hände aufs Kopfkissen gedrückt, bevor er sich auf mich gerollt und diesen sinnlichen Blick aufgelegt hat, der mich immer ganz wuschig macht. Aber das ist es nicht. Auch nicht die wilde Knutschattacke, die er sich nicht hatte verkneifen können und die mich vollends zum Lachen und die Kinder zum Staunen gebracht hat. Denn das kann man nun wirklich nicht als Strafe betrachten. Nein, aber dass Marc für mich kochen will, schon. Hilfe! Mamas Vorräte sind nämlich aufgebraucht (sie hatte für uns drei Wochen vorgekocht, aber ich hatte nun mal so einen Hunger) und er will improvisieren. Dabei ärgert er mich doch in der Küche immer nur, damit nicht auffällt, dass er dort noch schlechter aufgestellt ist als ich.


PS 4: Eure Mama kann so ein Lämmchen sein, unfassbar, aber im Grunde belügt sie sich doch nur selbst. Sie dachte ja auch immer, sie wäre als Teeny total niedlich gewesen. Niedlich verpeilt vielleicht und megaanhänglich und furchtbar anstrengend (Das ist sie heute noch, aber das habt ihr bestimmt schon gemerkt.). Ich kann nämlich sehr wohl kochen, ich hab nur nie Bock darauf gehabt. Reine Zeitverschwendung, wenn man jeden Tag Gott spielen darf. Und man will ja auch nicht, dass die ganzen kleinen Fresstempel und Lieferdienste im Kiez Pleite gehen. Man hat ja dahingehend auch eine gewisse soziale Verantwortung so als Berliner, ne. Und ich mache hier ja heute auch nur eine Ausnahme. Damit eure Mama nicht vom Fleisch fällt, was auch Auswirkungen auf euch hätte, und wegen Unterzuckerung nicht wieder in ein seelisches Ungleichgewicht fällt, das mir dann zugekreidet werden würde, wetze ich mal eben schnell die Messer. Ich hab ja gerade nichts Besseres zu tun, während euer Opa die geilen OPs abstaubt. Hach... ein bisschen vermisse ich es doch, was nicht heißt, dass ich es mit euch hier nicht auch ziemlich knorke finden würde, auch wenn ihr mich regelmäßig ko schlagt. Das scheint wohl in euren Genen zu liegen und kommt mir sehr, sehr bekannt vor. Äh... kleiner Gruß vom Papa, falls ihr es noch nicht gecheckt habt, wer hier gerade dazwischenquatscht. Ist ja sonst immer ihr Part, ne. Hähä!

PS 4 ½: Seht ihr, und er ist doch süüüüüüüüüß. Oh, oh, ich hab das böse S-Wort benutzt und das auch noch in Überlänge, aber ich lebe nun mal gerne gefährlich. Hihi! Die schlabberigen, ungesalzenen Nudeln (ihr wolltet Bäuerchen machen und Marc hat dadurch ein bisschen die Kochzeit aus den Augen verloren) mit Ketschup haben übrigens sehr deliziös geschmeckt. Minimalistisch, aber sehr, sehr lecker. Danke, mein Schatz! Ich lieb dich auch. Du bist der beste Beweis dafür, dass die Theorie, dass Liebe durch den Magen geht, keine Einbildung ist.

PS 4 ¾: Was bei jemandem, der gerne und egal was isst, auch nicht besonders schwierig ist.

PS 4 9/10: Euer Papa kann so ein Romantiker sein. Hach...

Scheiß auf PS: Haasenzahn, leg endlich dieses verdammte Buch weg oder ich heize heute noch damit den Kamin an! Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun. Ich glaube, die Pumaabteilung hat sich gemeldet. Versuchst du dein Glück oder lotsen wir diesmal mit Schnick-Schnack-Schnuck aus, wer freiwillig den Windelberg erklimmt? Mir soll schließlich keiner nachsagen, ich würde dich ständig in Watte packen. Scheinst ja wieder einigermaßen fit und schlagkräftig zu sein. Aua! Boah! Weiber! Wie man’s macht, macht man es anscheinend verkehrt. Aber nicht mit mir. Das hier, das kann ich. Ich bin schließlich nicht ohne Grund der Beste.

Lorelei Offline

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06.09.2018 09:49
#1631 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Liebes...

What the...? Was zur Hölle tust du da? Heißt du Mehdi? Ey, du entwickelst dich zu einer von ihnen. Merkst du noch was? Okay, reiß dich zusammen, Meier! Das alles tut nichts zur Sache. Also, von dem her... Wie ging das noch gleich?

Hey... Dingens hier... ähm... Tage... Du... ihr... wer auch immer checkt schon noch, wer oder was gemeint ist.

Äh... ja... Wo fang ich an? Damit es nicht allzu nach dem Kitsch klingt, den eure dauerverträumte Mama hier immer ungefiltert reinpfeffert, wenn sie nicht gerade neben euch mitten aufm Teppich eingepennt ist so wie gerade eben. Ich könnte beschreiben, sie sieht aus wie eine umgekippte Schildkröte, wenn ich fies wäre, was ich aber nicht bin, selbst wenn es der Realität entsprechen würde. Deshalb belassen wir es bei einem umgekippten Marienkäfer. Das ist niedlicher, passt zu ihr und wirkt weniger voluminös, was mir definitiv Charmepunkte einbringen wird, was jetzt aber nicht heißt, dass ich die sammeln würde. So was hab ich gar nicht nötig. Denn diese Frau, eure Mama, ist mir schließlich verfallen, seitdem sie an mir ihre zweifelhaften Lebensrettungsfähigkeiten austesten durfte, die erst jetzt ihre wahre Wirkung entfalten, nebenbei bemerkt. Jedenfalls ist Gretchens naturbedingter Ausfall gerade der perfekte Zeitpunkt für einen kurzen Systemcheck, dachte ich mir.

Das System ‚Family’ ist an und für sich schon eine grenzgeniale Erfindung. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran und ist wirklich überrascht, wie wenig nervig es sich trotz all dem Drumherum, auf das wir als Eltern achten müssen, anfühlt. Im Vergleich zum Vorgängermodell, wo es dauergehakt hat, bis Dad das Ruder wieder übernommen hat, der eindeutig die stärkeren Nerven behält in Bezug auf meine sehr spezielle Mutter. Aber das ist ein anderes Thema, mit dem ihr euch auseinandersetzten dürft, wenn Oma Elke euch gehörig auf den Keks geht und das wird sie definitiv, so wahr ihr Pseudonym Fisher heißt. Bitte googelt sie nicht und schaut euch auf keinen Fall ihre bescheuerten Spacebook-Einträge an. Sie denkt, sie wäre jetzt am Puls der Zeit, wo sie doch gerade erst auf den Internetzug aufgesprungen ist. Aber die Videos von ihren Leseauftritten sind alles, aber ganz bestimmt nicht witzig. Im Mittelalter wären die bestimmt als Folterinstrument durchgegangen. Aber das nur nebenbei bemerkt.

Auf jeden Fall ist das Elterndasein (oh Gott, was für ein bescheuertes oberspießiges Wort, hat das überhaupt schon mal jemand benutzt?) schön, jetzt nicht blümchenverträumt schön, so wie eure Mama es immer in den buntesten Farben malen würde, wenn ich ihr nicht den Tuschkasten weggenommen hätte, einer von uns beiden sollte schließlich realistisch bleiben, aber es ist ausbaufähig. Wenn man das ganze Chaos mal ausblendet, das das System ‚Chillarea’ ad absurdum gestellt hat, aber das ist auch eine andere Geschichte. Nach drei Wochen muss es ja noch nicht total perfekt funzen, oder? Wir sollten schließlich schon bei den Fakten bleiben. Damit keine Missverständnisse entstehen und die treten bei uns gewöhnlich häufiger auf. Unperfekt perfekt, so heißt es richtig. Das ist unser Familienmotto. Also, soweit so gut.

So, genug geschleimt. Spätestens jetzt ist eure Mama eh davon geschwebt und liest alles nur noch rosa verklärt. Das ist meine Chance. Ich hab ja hier eh ansonsten nicht mehr viel zu melden. Denn um es noch einmal klar und deutlich zu sagen. Dieser Eintrag hier ist ein Notruf an die Zivilisation da draußen! Falls es die überhaupt noch gibt? Soziale Kontakte, negativ. Ich hab das Gefühl, wir sind die letzten Menschen auf Erden. Total abhängig voneinander und ganz auf uns gestellt. Obwohl nicht ganz, die Telefone haben schon öfters mal gebimmelt, da draußen muss also noch jemand sein, der sich an uns erinnert, aber wir haben sie abgestellt, weil die Handys immer genau in dem Moment geklingelt haben, als die Zwillinge mal fünf Minuten ihre süßen Schnäbelchen gehalten haben, was eher selten der Fall ist. Konsequenzfaktor dementsprechend hoch.

Die Lebenserhaltungssysteme funktionieren soweit, alles andere ist irgendwie taub. Wobei, spürt man überhaupt noch was, wenn man zum Zombie mutiert ist? Keine Ahnung! Die letzte Staffel „The Talking Dead“ ist irgendwie an mir vorübergegangen. Euer Onkel Jo hat zwar ausgiebig gespoilered, er steht irgendwie auf dieses subtile Horrorgedöns (ich will mal nicht psychoanalysieren, woher das kommt), aber es ist nichts hängen geblieben. Mein Denkapparat hat schon vor einiger Zeit sein Betriebssystem komplett heruntergefahren und läuft nur noch im Brabbelmodus. Ach was, nicht mal das. Ich würde Luftsprünge machen, wenn ihr schon soweit wärt, uns auf verständliche Weise mitteilen zu können, was ihr eigentlich von uns wollt. Stattdessen wird entweder grundlos oder mit Grund geweint, gelacht, getrunken oder gekackt in wechselnden Reihenfolgen und in nicht nachvollziehbaren Mustern. Von wegen, da wäre ein System dahinter, Haasenzahn. So viel zu ihren verqueren hausfrauenpsychologischen Theorien, die sie sich bei ihrer Busenfreundin Mehdi im Stillkurs abgeguckt hat. Dafür müsste man dir eigentlich den Doktortitel entziehen, Fräulein, aber ich will ja nicht pingelig sein. Das hole ich nach, wenn du wieder auf Station bist und die sexy Besserwisserchefin raushängen willst. Hach... Träume aus einer entfernten Galaxie.

Das Raum-Zeit-Kontinuum hat sich aber tatsächlich total verschoben. Ich hab keinen Schimmer, ob Tag oder Nacht ist. Wochentage werden eh überschätzt. Und ist immer noch September oder schon Oktober? Keine Ahnung, wir wohnen zu hoch, um irgendeinen Jahreszeitenwechsel registrieren zu können. Gut, die ollen Sonnenblumen sind hinüber und die kläglichen Überbleibsel davon locken jetzt Vögelschwärme an, aber im Grunde ist es mir auch scheißegal. Wir folgen eh der Twin-Time und die folgt ihren ganz eigenen Gesetzen. Ja, wir tanzen nach eurer Pfeife, ihr kleinen Nervzwerge. So jetzt ist es raus. Ihr habt gewonnen. Ihr werdet immer gewinnen und das ist echt ein beschissenes Pokerspiel, wenn der Sieger vorher schon feststeht. Das ist nicht das Gleiche, wie wenn Karsten, Sven und ich uns ohne Worte dazu verabreden, den angeschäkerten Haasenzahn möglichst oft verlieren zu lassen. Am Ende waren wir diejenigen gewesen, die die Hosen runterlassen mussten, was wiederum mehr am Alkohol gelegen hat als am Strippoker an sich. Äh... Egal! Das Klassentreffen liegt eh gefühlt schon Jahrhunderte her, da wart ihr noch ein unscheinbares Auffunkeln der Sterne am Firmament, womit wir auch schon wieder bei den schwarzen Löchern im Raum-Zeit-Kontinuum wären.

Auch wenn es sich nicht so anfühlt, die Tage vergehen wahnsinnig schnell, obwohl wir kaum etwas getan haben. Wir (in dem Fall hauptsächlich Gretchen) machen zwar abends, wenn wir todmüde ins Bett fallen, immer ausschweifende Pläne für den nächsten Tag, damit wir endlich mal aus diesem kokonähnlichen Zustand rauskommen, der uns vollständig absorbiert hat, aber sobald der neue Tag begonnen hat, ist er auch schon wieder vorbei und wir sind zu überhaupt nichts gekommen. Es ist total verrückt. Gerade für jemanden, der es gewohnt ist, möglichst produktiv zu sein. Als Chirurg muss man das sein. Aber eure Mama und ich sind vom OP soweit entfernt wie die Sonne vom Planeten Erde. Da haben wir es wieder. Die Erde dreht sich gar nicht um die Sonne, in Wirklichkeit dreht sich alles nur um euch beide. Die Einzigen, die noch produktiv sind und das in wahnsinnig ergiebiger Weise, das seid ihr, zumindest dem Inhalt eurer Windeln nach zu urteilen, die definitiv Biokampfmittelstoffen zugeordnet werden könnten.

Ich glaube, wir haben bestimmt schon seit vier Tagen die Wohnung nicht mehr verlassen. Es könnten aber auch schon vierzehn Tage gewesen sein. Ich weiß es nicht. Ich hab kein Zeitgefühl mehr. Ich weiß nur noch, dass es sich wie eine Weltreise angefühlt hat, obwohl wir nur einen kleinen Spaziergang vor unserer Haustür entlang der Spree vorgehabt hatten, und ich es nicht noch mal wiederholen wollte. Aus gutem Grund. Denn wozu die ganze Mühe, wenn es am Ende eh ganz anders kommt. Den Stress ist es echt nicht wert. Erst einen riesigen Berg Zeug zusammenpacken, den kein Schwein braucht und den man kaum schleppen kann, es sei denn man hat zufällig einen Gabelstapler dabei, der auf den zugeparkten Gehwegen eh wenig nützlich ist, wenn man schon kaum mit dem Kinderwagen durchkommt. Dann alles noch zehnmal gegenchecken, damit wir auch ja nichts vergessen haben. Hat eigentlich nur noch die Skiunterwäsche und ein Kompass gefehlt. Am Ende flutscht dann aber doch das eine oder andere durch. Genau in dem Moment, während man unter Beobachtung steht und mit Müh und Not die Leute abwehrt, die völlig entzückt sind, auf echte menschliche Zwillinge getroffen zu sein, als würdet ihr irgendeinem seltsamen Kuriositätenkabinett entsprungen sein, die haben doch echt nicht mehr alle Latten am Zaun, geht das große Spucken los. Es ist echt erstaunlich, was da alles aus so kleinen Menschen rauskommen kann. Carrie ist da nichts dagegen. (Okay, das geht nicht gegen euch, aber eure Eltern neigen eben gerne zu Übertreibungen. Bildsprache sozusagen. Die versteht ihr doch schon, oder?)

Zumindest habt ihr die entzückten Omas vor dem Würstchenstand verscheucht, denn ich weiß ehrlich nicht, wie ich reagiert hätte, wenn die euch wirklich noch angetatscht hätten, so wie sie es anscheinend gerade vorgehabt hatten. Ihr wehrt euch schon selber, eigentlich müsste ich stolz auf euch sein, bin ich auch, wenn es nicht so eklig gewesen wäre, die Kotze aus eurem Million-Dollar-Vehikel zu kratzen, während ich gleichzeitig den völlig aufgelösten Haasenzahn trösten und den Würstchenbesitzer beschwichtigen musste, weil wir eine ganze Charge Servietten von seinem Stand aufgebraucht haben und er den Rest des Nachmittags aus Hygienegründen schließen musste. Dass die Berliner Urgesteine auch immer so empfindlich reagieren müssen. Nur weil ihr seine Theke kontaminiert habt. Die horrende Rechnung wegen seines Dienstausfalls ziehe ich euch übrigens irgendwann vom Taschengeld ab. Zumindest werden wir die nächsten Tage nicht verhungern, weil unser Kühlschrank jetzt mit Jumboportionen Currywurst und Fritten bestückt ist. Die besten und definitiv die teuersten der Stadt übrigens. Oh Gott, wenn das Butterböhnchen unsere neusten Ernährungsmethoden entdeckt, dann steht hier garantiert kein Stuhl mehr gerade. Aber was Mutti nicht weiß, macht Mutti nicht heiß, oder so ähnlich. Hähä!

Stresslevelleuchte im roten Bereich. Das könnt ihr euch sicherlich denken. Dabei bemühen wir uns doch, die Ruhe selbst zu bleiben. Kein Wunder, dass deshalb einige Organe ihre Leistungsfähigkeit herunterfahren. Ausgerechnet mein Hauptschaltorgan. Zere...dingsbums...brum. Ich krieg keinen klaren Gedanken mehr hin. Ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Die Zwerge haben die Atomuhr infiltriert und wir richten uns nun ganz nach ihnen. Ich hätte nie gedacht, dass zwei so kleine unschuldige Menschen einen so dermaßen fertig machen können, dass einem plötzlich alles egal wird. Man entdeckt Defizite an sich, die einem bislang noch nie in die Quere gekommen sind. Meine Kondition war noch nie so schlecht wie jetzt. Fast Haase-Niveau. (Okay, so schlecht nun auch wieder nicht. Ich kenne niemanden, der unsportlicher ist als sie und jetzt darf sie es wenigstens noch auf ihre überstandene Schwangerschaft schieben.) Dabei bin ich bis vor kurzem noch regelmäßig joggen gegangen, hab Mehdi beim Squash platt gemacht und er mich beim Golfen, aber das ist nie passiert. Videobeweis hin oder. Ich hab’s nicht live gesehen, also ist es auch nicht passiert. Und dann der Schlafmangel. Horror! Dabei bin ich früher eine ganze Woche ohne nennenswerten Schlaf ausgekommen, wenn im EKH die Hölle los war. So wie letztes Jahr während dieser beschissenen Pandemie, die alles bisher da Gewesene auf den Kopf gestellt hat. Das Adrenalin hat einen gepusht und wach gehalten, sodass man weit über seine Grenzen gehen konnte. Es ist definitiv ungesund und nicht nachahmenswert. Aber was man nicht alles macht, wenn man nicht will, dass die einzigen Menschen, die einem wirklich etwas bedeuten, einer nach dem anderen abnippeln.

Aber jetzt ist das was anderes. Es ist ein anderes Wachsein. Eine andere Aufmerksamkeit, die einen antreibt. Die Augen sind sowohl im Wach- als auch im Dämmerzustand immer auf sie gerichtet. Bei jedem Geräusch zuckt man zusammen und sprintet Usaint-Bolt-mäßig los, nur um zwei Sekunden später festzustellen, dass überhaupt nichts gewesen ist, außer vielleicht ein quer sitzender Pups oder Langeweile, weil man naturbedingt gezwungen ist, den ganzen Tag im gemütlichen Bettchen zu chillen. Und wozu macht man das Ganze? Der Lohn ist ein Lächeln. Ein simples Lächeln, wenn man das, was ihr mit euren Gesichtern veranstaltet, schon als Lächeln bezeichnen kann. Es ist so rein und ehrlich gemeint, dass es einen umhauen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist stehend ko, könnte auf der Stelle einschlafen, aber dieser Blick von euch pusht dich dermaßen, dass du auch die nächsten Stunden wieder durchhältst, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Außer schlafen, kacken und trinken ist euer Freizeitprogramm nun nicht gerade berauschend. Ich hätte da zwar einige Ideen, um dieses ein bisschen aufzuwerten, aber leider ist noch nicht mehr drin. Gretchen und ich starren euch an und ihr uns. Mehr braucht es nicht, um glücklich zu sein. Es ist umwerfend, wie die kleinen Glubschaugen einen anglühen können. Als könnten sie alles ergründen. Sie schauen so tief in dich rein, als würdest du nackt vor ihnen stehen. Eine seltsame Vorstellung, wenn man länger als nötig darüber nachdenken würde.

Ergibt das alles überhaupt einen Sinn? Ich hab echt keinen Schimmer, was ich hier gerade fabriziere und wie das nervige Teil überhaupt in meine Hände gekommen ist. Ach ja, jetzt fällt’s mir wieder ein. Ich glaube, das hab ich letzte Woche konfisziert, als Haasenzahn eine Reihe dämlicher Herzen ins Tagebuch pinseln wollte. Ja, genauso tickt eure Mama. Ein vierzehnjähriger Teeny im Körper einer erwachsenen Frau, die bereits zwei Kinder auf die Welt gebracht hat. Hallo? Und mir wird ständig vorgeworfen, ich wäre kindisch. Pah! Negativ! Ich bin ja wohl hier der Erwachsene, der als Einziger noch alles im Blick behält. Okay, ich hab den Fehler im System erkannt. Ein Erwachsener, der aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Tagebuch seiner Freundin voll kritzelt, anstatt sinnvoll produktiv zu sein.

Dabei hab ich mich eigentlich in mein Home Office zurückgezogen, um ein bisschen an meiner Habilitation zu werkeln. Mein anderes Baby, das genauso quengelig nach mir schreit wie ihr, wenn ihr euch gegenseitig vermisst. Es gibt da diese neue Studie aus der Schweiz, in die ich schon reinschnuppern durfte, als ich Anfang des Jahres für eine Weile im Alpenland weilte. Die Tests an den Probanten wurden auch anhand meiner Aufzeichnungen weiterentwickelt. Dabei hatte ich gedacht, meine Erkenntnisse wären bei denen im Mülleimer gelandet. Die haben sich bis jetzt nicht gezuckt. Und ich hab überhaupt nicht mehr daran gedacht. Auch weil damals gerade die Scheiße mit meiner Mutter war. Dann die Situation mit Dad, dem sie alles verheimlichen wollte. Es hat ewig gedauert, bis es endlich bei ihr klick gemacht hat und sie ihm nachgehetzt ist. Und mittendrin war Gretchen plötzlich schwanger. Und jetzt seid ihr schon hier. Seid fast groß. Dreißig Tage alt. Wahnsinn!

Meine Prioritäten haben sich erstaunlicherweise komplett verschoben. Klar, ich bin immer noch scharf darauf, zu habilitieren, gut, nicht unbedingt darauf, strohdummen Studenten irgendwas beizubringen, was sie bei ihrem Intelligenzdefizit eh nie raffen werden, aber Franz’ Sessel ist immer noch warm und die Schweizer Studienergebnisse, die mir zugeschickt worden sind, sind bahnbrechend... egal. Wie soll ich mich darauf konzentrieren und die Medizin revolutionieren, wenn da drüben zwei sabbernde Säuglinge auf mich warten und eine noch hinreißender schnarchende Blondine, die im Gegensatz zu mir scheinbar alles im Griff behält? Obwohl Multitasking bekanntlich nun wirklich nicht ihr Ding ist. Mit Baby an der Brust in einem Nutellaglas die Reste auslöffeln, ist schon allein aus motorischer Sicht keine gute Idee, nebenbei bemerkt. Keine Ahnung, wie eure Mama das macht. Sie kommt so viel besser mit euch aus. Sie weiß immer ganz genau, was anliegt, während ich meistens im Dunklen fische und beim Improvisieren über ungewaschene Strampler stolpere, die irgendwo im Weg herumliegen, weil sie’s noch nicht von alleine zur Waschmaschine geschafft haben.

Ich könnte ihr stundenlang dabei zuschauen, wenn sie mit euch schmust und im Halbschlaf fast von der Sofakante plumpst, wenn man nicht aufpasst. Ich kann meine Augen gerade nur darauf richten. Alles andere, Karriere, Forschung, OP-Pläne, wird unwichtig. Ich hätte nie gedacht, dass es so sein könnte. Mehdi, der alte Fuchs, hat nicht untertrieben. Von wegen ich helfe hier in den ersten Tagen mit ein bisschen aus und mach mich dann vom Acker, um das EKH am Laufen zu halten, wenn Haasenzahn wieder fit genug ist. Es geht nicht. Ich will hier gerade überhaupt nicht weg. Wir sind mit den beiden ein eingespieltes Team, also, überwiegend. Das ist bei weitem das interessantere Forschungsprojekt. Und das Wichtigste ist doch, dass es euch gut geht und ihr alles habt, was ihr braucht. Habt ihr doch, oder? Die Milchtanke müsste eigentlich gleich wieder öffnen? Vielleicht sollte ich doch kurz noch mal rüberschauen? Die Arbeit hier läuft ja nicht weg. Die Patienten fallrelevant sowieso nicht. Paraplegiker können schließlich in der Regel nicht weglaufen. Noch nicht. Die Anzüge mit den Elektroden, die sie wieder auf den Beinen halten sollen, sind eh noch nicht soweit entwickelt, dass wir sie in Serie schicken können. Obwohl die ersten Versuche mit den Exoskeletten wirklich viel versprechend verlaufen sind.

Außerdem sieht es eh nicht danach aus, dass euer Opa frühzeitig in Pension gehen wird, so wie er es an Silvester noch feierlich angekündigt hat. Da haben wir alle noch nicht gewusst, was das neue Jahr für spannende Überraschungen bieten würde. (Euch natürlich, wen sonst? Na gut, euren Kumpel Lenny natürlich auch.) Und was man so vom Flurfunk hört, lebt er gerade als aktiver Chirurg wieder auf. Das ist gut für ihn, für sein Herz und für mich und damit auch für Gretchens Herz. Also muss ich mich mit meiner Habilitation auch nicht sonderlich beeilen. Die Hassmann wird mit ihrer Dilettantenforschung eh nicht vor mir fertig. Die Zicke vom Dienst ist doch auch gerade mit ihren vier Quälgeistern (inklusive des großen Ochsenkopfs) vollauf beschäftigt. Von dem her... Einfach gechillt bleiben, Meier! Du hast fast vier Wochen vom Rest deines Lebens geschafft und sie waren zwar nervenaufreibend und wahnsinnig anstrengend, aber auch erfüllender als alles, was du bislang erlebt hast.

Oh Gott, Meier, sie hat dich angesteckt. Sie muss diese Papierblätter mit irgendwas eingesprüht haben, gegen das du nicht immun bist. Du bist ein schreckliches Kitschmonster geworden. Was sollen deinen Kleinen denn jetzt von dir denken, hm? Wenn du deinen Seelenquark wenigstens mit Füller geschrieben hättest, dann könntest du jetzt mit ner Tintenhexe deine Spuren wieder verwischen, die darauf hindeuten, dass du doch, zumindest was deine nicht vorhandenen literarischen Gene betrifft, mit deiner durchgeknallten Mutter verwandt bist, aber nein, es musste ja der teure Montblanc sein, den dir dein Chef geschenkt hat, als er dich vor sechs Jahren zum Oberarzt befördert hat. Prima, Mann, echt! Ganz großes Kino!

Oh fuck! Ja, ich weiß, keine Fluchwörter auf rosa Papier, aber es geht gerade nicht anders. Wo wir gerade bei dem Thema ‚Hexen’ waren, ich höre draußen gerade unheilvolle Stimmen, welche nicht nur Haasenzahn auf den Wecker gehen, die bis eben noch selig geschlafen hat, was sie sich wirklich verdient hatte. Können die sich nicht vorher ankündigen, damit wir uns rechtzeitig verdrücken können? Nein, das Duo infernale ist wieder da! Hilfe! Dabei hab ich gedacht, zumindest die eine ist noch ewig auf ihrer Erfolgswelle unterwegs und vertickt ihre Lebensweisheiten auf der Buchmesse. Wieso zum Geier tauchen die, seitdem ihr auf der Welt seid, nur noch im Doppelpack auf? Ist dieser Scheinfrieden ihre besondere Art, uns zu quälen? Und euch noch viel mehr. Ich höre schon wieder das bescheuerte ‚Gucci-Gucci-Du’. Was soll das? Frühkindliche Erziehung zum Handtaschenkauf, oder was? Und das von meiner Mutter. Einer Germanistin, Feministin. Bildungsbürgertum. Hallo? Was soll das bitte den Zwillingen bringen, hm? Klare Aussprache verhindert Missverständnisse und die hatten wir in der Vergangenheit schon zuhauf. Ey, euer Papa hatte es wesentlich leichter, als die beiden sich noch gehasst haben, weil die eine Oma der anderen Oma den Opa... Ups! Ich glaube, es wäre vielleicht nicht ratsam, dieses dunkle Familiengeheimnis noch einmal heraufzubeschwören. Ich muss einfach lernen, zu akzeptieren, im Heile-Welt-Zirkus gelandet zu sein. Und ihr beiden seid ja wohl der beste Grund dafür, sich damit irgendwie zu arrangieren.

Hä? Scheiße! Von wegen heile Welt. Das klingt nach Bitchfight. Hilfe! Wo sind die Notausgänge, wenn man mal welche braucht? Ich wäre dafür, eine Feuerleiter zu installieren, wisst ihr, so eine wie in amerikanischen Movies, die direkt vom Bürofenster aus die sieben Stockwerke runterführt. Der Nachteil, ich muss trotzdem raus in die Vorhölle, um euch zu schnappen und eure Mama vor den nächsten zweifelhaften Ratschlägen anno 1950 vs. 1970 zu retten. Tja, sieht ganz danach aus, als müsste ich mein Supermankostüm wieder aus der Reinigung holen. Dabei hatte ich doch heute noch was anderes auf der Agenda. Was war es noch gleich? Mann, ey, mein Hirn ist wirklich ein löchriger Käse geworden? Wäre ich doch mal lieber produktiv geblieben. Dann wäre ich jetzt gelassener, wenn ich mich gleich freiwillig in die Höhle der Löwinnen begebe. Falls ich es nicht überleben sollte, der Rest der Seite ist für meinen Nachruf gedacht. ‚Wäre er doch mal lieber ein egoistisches Arschloch geblieben...’ oder so ähnlich.

Wir hören voneinander (oder auch nicht).
Euer Dad - Clark Kent
(Nee, lieber nicht, mit Brille sieht einfach scheiße aus. Guckt euch die Bilder von eurer Mama aus unserer gemeinsamen Schulzeit an! Der lebende Beweis, dass es Puck, die Stubenfliege, wirklich gegeben hat.)

Lorelei Offline

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21.09.2018 21:00
#1632 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Etwa drei Wochen später

„Paaapaaa, wo bleibst du denn so lange?“, flötete die glasklare Kinderstimme ungeduldig durch das Treppenhaus des direkt an der Spree gelegenen Mehrfamilienhauses in Mitte und es dauerte einen langen Moment, bis das Echo eines sehr geschafft wirkenden Mannes zurückträllerte, der gerade mit seiner kostbaren Fracht in gemächlichen Schritten um die letzte Ecke des siebenstöckigen Treppenhauses geschlichen kam. - „Warum noch mal haben wir nicht den Fahrstuhl genommen, Lillybärchen?“, japste der fünfunddreißigjährige Familienvater nach Luft, während er sich erschöpft an den schmalen Fenstersims lehnte, um kurz durchzuschnaufen und die Tragehalterung seines Sohnes zu überprüfen, der von den Dreien wohl den wenigsten Stress aufzuweisen schien, denn er war wie immer, wenn er auf diese sanfte Art und Weise geschaukelt wurde, tief und fest an der Brust seines Vaters eingeschlafen. Als Mehdi das bemerkte, war von Erschöpfung schnell keine Spur mehr und er griente mit neu gewonnener Kraft vergnügt zu seiner fröhlich vor der einzigen Tür auf dieser Etage auf und ab hüpfenden Tochter, die sich nun kess vor ihm und ihrem kleinen Bruder aufbaute, den der stolze Papa liebevoll im Babytragetuch vor sich hertrug.

Lilly: Damit du wieder in Form kommst, Papa.
Mehdi (traut seinen Ohren kaum u. funkelt das freche Früchtchen tadelnd an): Hey, du Frechdachs! Das war aber nicht nett.
Lilly (presst ihre Lippen zusammen u. hält dem gespielt strengen Blick ihres Papas stand): Doch! Aber das kommt nicht von mir. Das hat Oma neulich gemeint. Und Gabi. Und Opa hat auch geschmunzelt.
Hilfe! Das ist eine Verschwörung höchster Priorität!
Mehdi (schaut vergewissernd an sich herunter, lässt sich nichts anmerken u. streichelt dabei Baby Lenny über das Köpfchen): Ach, haben sie das?
Lilly (versucht weiterhin angestrengt ihr Kichern zu unterdrücken): Ja!
Mehdi (zieht seinen minimal ausgeprägten Bauch extra ein u. baut sich kerzengerade vor seiner kecken Tochter auf): Also, ich fühle mich wohl und so extrem co-schwanger war ich nun wirklich nicht. Oder?
Die sieben Kilo sind doch schnell wieder runter. Wir sind schließlich gerade sieben Stockwerke hoch marschiert, obwohl es einen Aufzug gibt. Oder Lennymaus? Mit dir als Trainingspartner krieg ich das doch wieder hin.
Lilly (schmiegt sich kichernd an seine Seite u. tippt spielerisch an Lennys in süße gelbe Söckchen gehüllte Füßchen): Nein, ich hab doch nur Spaß gemacht, Papa. Du bist genau richtig, so wie du bist.
Mehdi (streicht seinem Mädchen gerührt über den Arm u. drückt es noch ein bisschen enger an sich): Danke, mein Engel! Das baut mich jetzt wieder auf.
Lilly (wippt sanft mit ihrem Papa auf der Stelle hin u. her): Weißt du, es ist immer gut, den Fahrstuhl stehen zu lassen. Und Lenny schläft doch immer ein, wenn wir mit ihm Treppen steigen gehen.
Mehdi (schmunzelt u. fährt mit seiner freien Hand über Lillys langes glänzendes Haar): Blöd, dass wir zuhause nur fünf Stufen bis zu unserer Wohnung haben, was? Wir sollten Marc und Gretchen also viel, viel öfter besuchen.
Lilly (linst an ihrem Papa vorbei die Treppe hinunter): Stimmt. Hihi! Auf jeden Fall! Aber eigentlich hab ich die Treppe genommen, weil ich schauen wollte, ob wir die Shakira treffen.
Mehdi (für den Hauch einer Sekunde verwirrt, bis es mit einem Mal klick macht): Die Shakira? Lebt die nicht mir ihrem Fußballer und ihren zwei Kindern in Spanien?
Lilly (jetzt schaut sie verwirrt drein u. lacht): Hä? Die Shakira ist doch ein Hund.
Mehdi (stimmt in ihr ansteckendes Lachen mit ein, während er Lenny zärtlich über die zartrosa geröteten Bäckchen streicht): Ach, die Shakira meinst du? Alles klar!
Lilly (tut es ihrem Papa gleich u. haucht ihrem Bruder ein Küsschen auf die Wange, woraufhin dieser im Schlaf kurz die Hand hebt, was sie mit Entzücken registriert): Ja, aber es sieht so aus, als wäre sie heute nicht da. Sonst hätte es bei Herrn Lowinsky doch gebellt, als wir an der Tür vorbeigekommen sind.
Mehdi (guckt auch noch mal die Treppe hinunter): Ja, sonst ist auf den Wachhund, der kein Wachhund sein will, immer Verlass.
Lilly (zieht eine hinreißende Schnute): Schade! Dabei hab ich mich so darauf gefreut, vielleicht mit ihr Gassi gehen zu dürfen. So wie schon einmal.
Mehdi (zieht sie spielerisch auf): Was? Noch mehr als auf die Zwillinge?
Lilly (schüttelt energisch den Kopf u. flitzt sofort zur Wohnungstür, vor der sie hibbelig stehen bleibt): Nein! Die toppt niemand, nur Lenny.
Mehdi (grient sein begeistertes Mädchen vergnügt an u. tritt auch an die Tür heran): Selbstverständlich!

Wie hab ich nur zwei so tolle Kinder hingekriegt? Wahnsinn!

Lilly (kreist mit ihrem Finger über dem Namensschild über der Klingel): Meinst du, Onkel Marc und Gretchen freuen sich, uns zu sehen, Papa?
Mehdi (zuckt mit den Schultern u. schiebt sich die Babytragehilfe u. seinen Rucksack etwas zurecht, weil sich sein Rücken bemerkbar macht): Das weiß ich nicht, aber ich denke schon. Auch wenn sie sich in den letzten Wochen nicht gemeldet haben, du bist und bleibst ihre Nummer eins. Wir müssen nur noch einen Weg finden, um ihren Kokon zu durchbrechen, in den sie sich eingemummelt haben. Wir haben es ja in den vergangenen Tagen und Wochen oft genug versucht. Aber da die beiden weder auf Anrufe, Smsen, Mails oder Telepathie reagieren, müssen wir sie eben auf diese Weise zu ihrem Glück zwingen. Gut, wir hätten vielleicht auch noch so als letzten Versuch der Kontaktaufnahme ganz oldschoolmäßig eine Brieftaube losschicken können. Das wäre schließlich günstig bei der riesigen Dachterrasse, aber ob sie auf deren Klopfen ans Fenster auch reagiert hätten?
Lilly (ein bisschen Enttäuschung schwingt in ihrer Stimme mit): Vermutlich nicht. Ich hab sie so vermisst, Papa. Marc hat nicht mal auf meinen Brief reagiert.
Mehdi (fühlt mit seinem Mädchen mit): Ich weiß, mein Schatz. Das ist unverzeihlich. Aber du musst ihn auch ein bisschen verstehen. Gretchen und er sind gerade zum ersten Mal Eltern geworden. Das ist eine enorme Umstellung. Das war es für uns schließlich auch. Das stellt einmal alles komplett auf den Kopf. Es ist also ganz verständlich, dass man sich in der ersten Zeit etwas zurückzieht. Das haben wir doch auch getan. Das geht nicht gegen dich. Er hat dich nicht vergessen. Gretchen und er sind nur anders fokussiert. Auf zwei der hinreißendsten Entschuldigungen überhaupt.
Lilly (nickt verständnisvoll, aber lässt immer noch unschlüssig ihren Zeigefinger über der Klingel schweben, bis sie sich entschließt, ihre Hände tief in den Taschen ihrer lilafarbenen Strickjacke zu vergraben): Ich weiß.
Mehdi (baut sie ermutigend auf): Hey, Kopf hoch! Heute machen wir doch eine Ausnahme. Heute gibt es keine Ausrede. Du hast es dir gewünscht, also wagen wir es einfach mal, hm? Heute darf sich niemand vor dir verstecken. Ganz im Gegenteil. Das ist dein Tag. Und das werde ich dem Schlawiner jetzt auch deutlich vor den Latz knallen. Er hat schließlich vor reichlichen fünf Wochen, auch was dich betrifft, Verantwortung übernommen. Noch mal entwischt er uns nicht. Versprochen!

Mehdi, der Lillys Enttäuschung gespürt hatte, die auch ihm ziemlich zu Herzen ging, drückte seine Tochter noch einmal fest an sich, die sich für diesen ganz besonderen Tag extra ein schickes Kleidchen angezogen hatte, und schob sie dann präsentabel an seine und Lennys Seite. Er wollte gerade die Türklingel drücken, als sich Lilly jedoch aufgeregt dazwischenquetschte. Sie hatte nämlich vor ihren Füßen einen unscheinbaren Post-it-Zettel bemerkt, der wohl vom Klingelschild heruntergefallen und an ihren grellpinken Turnschuhen kleben geblieben war. Sie hob ihn auf und hielt ihn ihrem überraschten Vater im nächsten Moment mit bangem Blick hin...

Lilly: Niiicht, Papa! Nicht klingeln! Auf keinem Fall! Guck mal, was da steht! ... „LETZTE WARNUNG: Wem sein Leben lieb ist und wer nicht in der Patho aufwachen möchte, nachdem man ihm unnarkotisiert einen Mäuseschädel auf seinen speckigen Klingelfinger genäht hat, sollte sich besser zurückhalten. Sonst ist Ärger vorprogrammiert, aber so was von. Dr. med. M. M.“ ... Iiihhh! Papa, geht das wirklich?

Marc Meier, wie er leibt und spinnt! Und so was schimpft sich Deutschlands Chirurgenkoryphäe Nummer eins. Da fühlt sich wohl jemand zu wohl in seiner kleinen Seifenblase, hm? Das können wir gerne ändern, mein Freund. Heute ist definitiv Schluss mit dem Verkriechen. Wer mein Mädchen unglücklich macht, der bekommt ebenfalls eine Extrabehandlung der besonderen Art. Mäuseschädel? Tzz... Meier! Zum Glück hat nie jemand herausgefunden, was du als angehender Medizinstudent nachts alles in den Anatomieräumen veranstaltet hast. Ich wünschte, es wären wirklich nur heimliche Partys gewesen, die ich mitzuverantworten hatte, weil du mich dazu gezwungen hast, Schmiere zu stehen.

Mehdi (verzieht angesichts von Marcs grenzwürdigem Humor sein Gesicht): Da bin ich mir bei ihm nicht so sicher.
Lilly (klebt den kreischgelben Zettel vorsichtig wieder über das Namensschild, sodass die lose Papierseite die Klingeltaste überdeckt, u. drückt dann aufgewühlt die Hand ihres Vaters): Du brauchst aber deine Finger, Papa, um Lenny zu halten, ihn zu wickeln, zu baden und um noch viele andere Babys auf die Welt zu holen und...
Mehdi (prompt geht der Schalk mit ihm durch u. er zwickt seine Große unvorbereitet in die Seite): Und vor allem um dich zu kitzeln.
Lilly (quietscht erschrocken auf u. hält sich schnell die Hand vor den Mund, als sie ihr eigenes Echo hört): Aaahhh... Niiicht, Papaaa! Ups! Entschuldige, Lenny!
Mehdi (schaut beruhigt auf seinen Sohn, der zum Glück durch Lillys aufgekratzte Stimme nicht aufgewacht ist): Mein Fehler! Und was machen wir jetzt? Wenn wir nicht klingeln, anrufen und virtuelle oder echte Brieftäubchen verschicken können?
Lilly (lehnt sich gegen die geschlossene Tür u. tippt leicht mit der Fingerkuppe daran): Ich könnte so leicht gegen die Tür tippen, so wie ich es immer mache, wenn ich von der Schule nach Hause komme, um Lenny bei seinem Nachmittagsschläfchen nicht zu wecken.
Mein Mädchen! Hach... Die haben wir toll hinbekommen, Anna.
Mehdi (platzt fast vor Stolz u. zeigt das auch überdeutlich): Ich hab so ein schlaues Kind. Wahnsinn! Was würde ich nur ohne dich machen?
Lilly (zieht ihn fröhlich auf): Immer nur Fahrstuhl fahren. Mir Omas Kekse wegnaschen und deinen co-schwangeren Bauch zusätzlich beanspruchen, bis du wirklich dick bist.
Und schon ist die Schwärmerei dahin. Selbst ohne dass sie sich sehen, färbt Marc immer mehr auf sie ab. Wären wir mal besser nicht hergekommen. Nein! Quatsch! Alles ist gut. Irgendwer muss ja mal nach dem Rechten schauen.
Mehdi (stupst den Frechdachs leicht mit der Schulter an u. tritt einen Schritt zurück, da die Tür jeden Moment aufgehen könnte): Boah! Du wieder!
Lilly (weicht auch sicherheitshalber ein Stück zurück u. hält ihren Papa im Blick): Nicht wieder kitzeln!
Mehdi (funkelt sie verschwörerisch an, während er seinen Sohn liebevoll über den Rücken streichelt): Du hast gerade Glück, dass ich alle Hände voll zu tun habe, aber ich komm darauf zurück.
Lilly (zieht eine hinreißende Zuckerschnute): Nein!
Mehdi (lacht u. deutet mit einer Kopfbewegung zur Tür): Doch! Aber vorher kümmern wir uns erst einmal um unsere Verschollenen, hm?
Lilly: Einverstanden, Papa!

...griente die Zuckermaus und salutierte ihrem fröhlich grinsenden Papa, so wie sie es sich bei ihrem Lieblingsonkel, der eigentlich gar nicht ihr Onkel war, abgeguckt hatte. Dann schritt sie mutig zur Tat. Lilly tippte erst ganz vorsichtig mit ihrem Zeigefinger an das massive Holz, dann nahm sie ihre anderen Finger mit hinzu und spielte leise einen Rhythmus nach, der ihr seit einigen Tagen als Ohrwurm im Kopf herumspukte. Erst reagierte niemand auf das melodische Tapsgeräusch an der Tür, aber nach einer Weile vernahm das Mädchen dann doch die vertrauten Stimmen aus dem Inneren der Dachgeschosswohnung und legte die Lauscher an die Tür, um besser mithören zu können. Mehdi schmunzelte über das entzückende Bild und konnte schließlich selber nicht widerstehen, es seiner Tochter nachzumachen. Und tatsächlich! Auch er hörte ein erstes Lebenszeichen von seinen beiden besten Freunden:

Marc: Boah, mach mich nicht verrückt, Haasenzahn. Da ist niemand. Wer soll da schon großartig sein?
Gretchen: Das weiß ich nicht, Marc. Aber da ist definitiv jemand an der Tür. Hörst du das denn nicht? Vorhin waren da Stimmen und jetzt kratzt doch jemand?
Marc: Du hörst Stimmen? So wie du die Stöpsel quaken hörst, obwohl die pennen? Oder wie die Stasi-Sabsi, wenn sie nachts auf der Waldlichtung ihre bekloppten Rituale aufführt? Du weißt aber schon, wie sich das anhört, hm?
Gretchen: Marc, bitte! Ich meine das ernst. Kannst du mich nicht einmal ernst nehmen?
Marc: Okay, du willst einen Beweis? Bitte, den kannste haben, Haasenzahn. Da ist verflucht noch mal nie... ma... Äääähhh... Was zum Geier... macht denn ihr hier?

Lorelei Offline

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12.10.2018 12:49
#1633 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Lilly: Na, was wohl? Euch besuchen, Onkel Marc! Hast du mich auch so doll vermisst wie ich dich?
Marc (vor lauter Überforderung ziemlich sprach- u. ratlos): Äh... Ist das jetzt ne Fangfrage?
Mehdi (genießt das bedröppelte Gesicht seines besten Freundes sichtlich): Für treulose Tomaten schon!
Marc (ärgert sich über Mehdis selbstgefälliges Grinsen): Ey, Vorsicht, ja!
Gretchen (wirkt ähnlich überrumpelt wie Marc u. wäre fast vom Sofa gepurzelt): Mehdi? Lilly? Seid ihr das etwa?
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. blockiert selbstbewusst den Eingang): Negativ! Das ist nur sein unwitziges Körperdouble in der XXL-Version.
Lilly (guckt mit hinreißender Zuckerschnute zwischen den beiden sich belauernden Männern hin u. her): Gar nicht!
Mehdi (fühlt sich angesichts von Marcs erwartbarer Reaktion ziemlich obenauf u. scannt hinter ihm den Raum, um herauszufinden, aus welcher Ecke Gretchens Stimme kommt): Die Wiedersehensfreude beruht auf Gegenseitigkeit. Danke der Nachfrage! Lenny und ich haben dich auch vermisst, Marc. Gretchen?

Die Wiedersehensfreude zwischen den engen Freunden hätte nicht größer ausfallen können, nachdem Dr. Meier mit solchem Schwung die Wohnungstür aufgerissen hatte, um Gretchens Hirngespinsten, die er jedoch gleich wieder relativieren sollte, sofort den Wind aus den Segeln zu nehmen, dass Lilly und Mehdi gerade noch so hatten zurückweichen können. Sonst hätte es ihre beiden neugierigen Nasen erwischt. Die Überraschung stand nicht nur den beiden Kaans ins Gesicht geschrieben. Auch dem befreundeten Chirurgen war die Verwirrung über ihr unangekündigtes Auftauchen deutlich anzumerken, auch wenn man den Arzt selber hinter dem dichten Bartwuchs, den ungekämmten Haaren, den dunklen Schatten unter den müde zusammengekniffenen Augen und der im Großen und Ganzen ebenfalls ungewöhnlich schlotterigen Erscheinung nur noch schwer als solchen ausmachen konnte.

Aber Mehdis Tochter freute sich viel zu sehr, ihren heiß und innig geliebten Patenonkel endlich wiederzusehen, als auf irgendwelche unwichtige Äußerlichkeiten zu achten, und flog dem völlig perplexen Mann prompt in die Arme, bevor dieser überhaupt irgendeine Gegenwehr hätte leisten können. Der Vierunddreißigjährige wurde dabei so sehr von dem süßen Wirbelwind überrumpelt, dass er ihn kaum halten konnte und sich einmal um hundertachtzig Grad mit ihm um seine eigene Achse drehte, bevor er schließlich kapitulieren und am Türrahmen Halt suchen musste. Sonst wäre er rücklings mit der kleinen Mäusedame ins Treppenhaus geplumpst, was vermutlich zu weiteren körperlichen Ausfallerscheinungen neben seinem schon bestehenden Muskelkater, der verzögerten Reaktionsfähigkeit und dem unübersehbaren Schlafmangel geführt hätte.

Während die beiden sich also herzlich begrüßten und Lilly die Klammeräffchenposition auf formvollendete Weise perfektionierte, gegen die selbst der stärkste Mann der Welt keinerlei Chance hätte sich zu wehren, hatte sich im Hintergrund auch Gretchen Haase endlich von der bequemen Wohnzimmercouch hochgerappelt, auf welcher sie der Länge nach unter ihrer pinken Schmusedecke neben dem Stubenwagen ihrer Zwillinge gelegen hatte, den sie im stoischen Rhythmus immer wieder mechanisch vor- und zurückgeschoben hatte, bis sie selber davon eingeschlafen war. Die aus dem Schlaf gerissene junge Mutter brauchte daher ein wenig, um wieder in Schwung zu kommen und erreichte nur mit langsamen Schlurfschritten die Tür, vor der man geduldig auf sie gewartet hatte. Ebenso wie ihr Freund, der gerade herzzerreißend gegähnt hatte, war sie absolut nicht auf Besuch eingestellt, was sie im ersten Moment sichtlich überforderte.

Gretchens strubbelige blonde Locken waren unelegant mit mehreren Schmetterlingsspangen hochgesteckt und standen nach ihrem viel zu kurzen Mittagsschläfchen wild in mehrere Richtungen gleichzeitig ab. Sie versuchte noch, sie zu bändigen, gab die vergebliche Liebesmüh aber schnell auf. Denn Mehdi und Lilly hatten sie schließlich bereits entdeckt. Und jetzt wäre es eh zu spät gewesen, um sich noch einmal umzuziehen oder die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Gretchen trug ihren gemütlichen rosafarbenen Hausanzug aus kuscheligem Fleece, den sie sich damals nach ihrem unüberlegten Rettungssprung von der Glienicker Brücke, um einen ihr bis dahin unbekannten Jogger aus der Havel zu ziehen, der aufgrund eines äußerst peinlichen Missverständnisses wiederum ihr zu Hilfe geeilt war, als die bei weitem bessere und vor allem bequemere Alternative zu einem triefendnassen Brautkleid gekauft hatte, und ihre gleichfarbigen Snoopy-Hausschuhe. Marc, bei dem sie sich mit einem bemühten Begrüßungsstrahlelächeln einhakte, hatte ein altes fleckiges Konzert-T-Shirt an und trug dazu eine dunkle zerschlissene Jeanshose. Ansonsten war er barfuss unterwegs. Die elternzeitbeurlaubten Ärzte aus dem Elisabethkrankenhaus waren kaum wiederzuerkennen und sahen ehrlich fertig aus und nicht nur sie. Das traf auch auf ihre nähere Umgebung zu.

Auch die schicke Penthauswohnung des frisch gebackenen Elternpaares hatte sich gravierend verändert. Sie glich eher einer unaufgeräumten Räuberhöhle als einer, zumindest in den Augen von Elke Fisher, streng nach Feng-Shui-Kriterien ausgerichteten Luxusimmobilie für Akademiker, die etwas auf sich hielten. Die Jalousien waren halb heruntergelassen und ließen an diesem wunderschönen goldenen Oktobertag nur wenige Sonnenstrahlen herein. Überall lagen Sachen und Babyspielzeug wild verstreut herum. Das Geschirr türmte sich auf der Kücheninsel, die den Wohnbereich von der Kochnische trennte, wo sich das gleiche Bild bot. Verwelkte Blumen in diversen dekorativen Vasen waren nicht weggeräumt worden. Ebenso wenig wie die verdorrten Sonnenblumen auf der angrenzenden Dachterrasse, an denen ein verliebtes Spatzenpaar gerade genüsslich die letzten Kerne herauspulte, wie man durch die ungeputzte Glasscheibe der Terrassentür hätte beobachten können, wenn man nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, mit fassungslosem Erstaunen den Rest der unordentlichen Dachgeschosswohnung in Augenschein zu nehmen, weil man es ansonsten nicht geglaubt hätte.

Auf dem Couchtisch stapelten sich diverse Elternzeitschriften und sonstige Babyliteratur neben einem dicken Band medizinischer Fachliteratur zum Thema „Notfälle bei Säuglingen und Kleinkindern“, auf welchem eine aufgebrauchte und eine angerissene Packung Windeln gefährlich schwankend balancierten, die vermutlich, sollten sie doch noch ins Rutschen geraten, die beiden leeren Gläser vom Tisch segeln lassen würden, die dort direkt an der Kante hinter der Fernbedienung und Gretchens Tagebuch unachtsam platziert worden waren. Und hinter dem Sofa stand ein Wäschekorb mit einem Berg ungewaschener Babywäsche darin. Aber Mehdi, dem ein Blick genügt hatte, um die Gesamtsituation zu erfassen, war zu höflich, um darauf näher einzugehen. Stattdessen zog er seine beste Freundin, die er seit fast fünf Wochen weder gesehen, noch gesprochen hatte, herzlich an sich, bevor sich seine übermütige Tochter auch noch fröhlich dazwischenquetschte und Gretchen, Lilly, Lenny und er ein dickes Sandwich bildeten, das Marc skeptisch von der Seite beäugte, der immer noch reichlich überfordert wirkte, so als ob man gerade mit einer fiesen langen OP-Nadel die Seifenblase aufgepiekst hätte, in die er sich zusammen mit seiner kleinen Familie behaglich eingenistet hatte.

Die aufgeweckte Fünftklässlerin zog sich als Erste aus der innigen Begrüßungsumarmung zurück, um das völlig überrumpelte Paar unter dem Türrahmen nun erst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn irgendetwas stimmte hier gewaltig nicht. Das war ihrer Spürnase nämlich gleich aufgefallen, als ihr Patenonkel nur widerwillig die Tür aufgemacht hatte. Eine Tür, die ins Chaos führen sollte. Nicht nur in ein gefühlsmäßiges Chaos. Und bekanntlich trug Lilly Kaan ihr Herz auf der Zunge. Das wurde Marc und Gretchen, die sich müde gegenseitig stützten und gute Miene zum bösen Spiel machten, schnell bewusst. Aber wie hätte man der kessen Grinsefee auch sonst widerstehen können? Schließlich hatte sie so was von Recht, wie Mehdi hinter vorgehaltener Hand seinem schlafenden Sohnemann im Babywickeltuch wenig später schmunzelnd ins Ohr flüsterte, um ihn an seinen Gedanken teilhaben zu lassen.

Lilly: Was ist denn hier passiert? Ist eine Bombe explodiert oder hat eure Putzfrau gekündigt? Hätte ich auch gemacht, wenn ich mich hier so umschaue.
Mehdi (versucht, den Eifer seiner vorlauten Tochter zu bremsen): Lilly!
Lilly (schaut irritiert zu ihrem Papa hoch, der sie eindringlich vor weiteren Anmerkungen warnt, während er seinen schlafenden Sohn im Babytuch hin u. her schaukelt, doch sie bleibt unbeeindruckt): Aber ist doch so! Und wie seht ihr überhaupt aus?
Marc (kratzt sich am Kopf u. blickt verwirrt zu Gretchen, die sofort rot angelaufen ist u. am liebsten im Erdboden versinken möchte, was vor den Kaans nicht unbemerkt bleibt): Äh... Wir sehen aus wie immer. Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Nur weil du uns ein paar Wochen nicht gesehen hast, erkennst du uns nicht wieder? Du siehst auch anders aus. Bist größer geworden, was? ... Und genauso ein Klugscheißer wie dein Daddy. Klugscheißerin! ... Was soll eigentlich der schicke Fummel? Ach, geht ihr wieder von Tür zu Tür und sammelt für die Armen der...
Aua! Ey, geht’s noch?
Gretchen (drückt Marcs Hand stärker, als es sein müsste, u. beugt sich dann zu Lilly herunter, die eifrig mit ihrem Kopf nickt u. Marc nicht aus den Augen lässt, der wiederum verständnislos Gretchen ins Visier genommen hat): Marc! Bitte! Wir sind nur nicht auf Besuch eingestellt, Lillymaus. Das ist alles. Wieso habt ihr denn nicht Bescheid gegeben, dass ihr vorbeikommen möchtet? Dann... dann hätten wir was vorbereitet und uns ähm...
Marc (hält Lillys bohrende Blicke nicht mehr länger aus u. murmelt abweisend in seinen Fünf-Wochen-Bart): Hätten wir nicht!
Gretchen (zieht trotzig eine Schmollschnute u. pflegt ihr schlechtes Gewissen, das mit einem Mal aufgeploppt ist): Hätten wir wohl!
Mehdi (lächelt seine beste Freundin gutmütig an): Das wäre doch nicht nötig gewesen, wir sind’s doch nur.

Gretchen, an der merklich das schlechte Gewissen nagte, strich sich unbehaglich über die Wange, nickte Lilly und Mehdi schließlich verlegen zu und drehte sich unwillkürlich um, wobei sie nun ebenfalls das Chaos bemerkte, das viereinhalb Wochen intensive Nestbildung alleine mit zwei neugeborenen Babys angerichtet hatten und das ihr bislang noch überhaupt nicht als so gravierend aufgefallen war, wie es sich jetzt ohne den Rosarote-Brille-Effekt tatsächlich herausstellte. Beschämt entschuldigte sie sich und flitzte auf einmal wie von der Tarantel gestochen zurück ins Wohnzimmer, um ein paar zerstreut herumliegende Sachen möglichst unauffällig hinter das Sofa zu räumen. Ein Kampf gegen Windmühlen, wie auch Marc bemerkte, der seiner hibbeligen Lebensgefährtin verständnislos hinterherblickte, als diese nun auch noch unkoordiniert anfing, die Küche aufzuräumen, während er unbewusst weiter mit einem Arm den Eingang blockierte, sodass seine ungebetenen Gäste und er weiterhin zwischen Tür und Angel miteinander reden mussten.

Lilly störte das jedoch wenig. Mit ihren strahlendschönen haselnussbraunen Augen himmelte sie wie eh und je ihren megacoolen Patenonkel an, der heute ziemlich ulkig auf sie wirkte. Und sie konnte es natürlich kaum noch erwarten, endlich die Zwillinge wiederzusehen, die, wie ein ungeduldiger Blick um ihr großes Vorbild herum verriet, in einer Ecke des Penthauses vor den großen halb zugezogenen Fenstern im Stubenwagen lagen und friedlich ihrem wohl verdienten Nachmittagsschläfchen frönten. Die Besucher schienen Marlene und Marlon jedenfalls nicht sonderlich zu stören, auch wenn ihre Mama gerade ziemlich planlos um sie herumwuselte, bis sie sich schließlich erschöpft wieder neben sie in den Sessel plumpsen ließ.

Die Einunddreißigjährige hatte aufgegeben. Wem sollte sie denn etwas vormachen? Sie war nun mal nicht die geborene Hausfrau und Gastgeberin, wie sie ihre Mutter gerne gesehen hätte. Das lag einfach nicht in ihren Genen, die sich eher an dem kreativen Chaos orientierten, das ihren Vater auszeichnete. Und auch ein bisschen an Marc, der sich an dem bisschen Durcheinander in der Dachgeschosswohnung überhaupt nicht zu stören schien. An den drei Störenfrieden dagegen schon, die seinen Plan für den Nachmittag, nämlich wie die Tage zuvor eben keinen Plan zu haben, mit ihrer übertriebenen Hektik und endlosen Energie ordentlich durcheinandergewirbelt hatten. Menschlichen Kontakt, der über das Babyduett seiner Zwillinge und den verträumten Beruhigungssingsang ihrer unmusikalischen Mutter hinausging, war er nämlich nicht mehr gewohnt. Und zu reagieren, wenn es am nötigsten war, auch nicht.

Lilly hatte nämlich nicht länger widerstehen können. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht nutzte sie einen unbeobachteten Moment ihres Lieblingsonkels aus und krabbelte unter Marcs Arm hindurch, um zunächst ins Loft zu gelangen und schließlich Gretchen auf der Sesselkante Gesellschaft zu leisten, die die freche Maus prompt in ihre Arme zog. Gemeinsam schaukelten die beiden verschmust hin und her und bestaunten die schlafenden Säuglinge, die beide die gleichen Strampelanzüge anhatten, wodurch sie überhaupt nicht mehr zu unterscheiden waren, was für Lilly, die natürlich direkt wusste, welches der Babys Marlon und welches Marlene war, unheimlich niedlich aussah. Gretchen hatte sofort gespürt, wie sehr sie die süße Zuckermaus vermisst hatte. Erst jetzt war der jungen Mutter überhaupt bewusst geworden, wie sehr Marc und sie sich in den vergangenen Wochen von der Außenwelt abgekapselt hatten. Bis auf die wenigen Spaziergänge draußen an der Spree, die meist aufgrund diverser Unplanbarkeiten chaotisch geendet hatten, waren sie nicht mehr vor der Tür gewesen. Und sie hatte weder zu Maria, Sabine oder Gabi Kontakt gehalten, obwohl sie es im hormongetränkten Glücksrausch kurz nach der Geburt versprochen hatte. Das musste endlich ein Ende haben, beschloss sie insgeheim und herzte das quirlige Mädchen, das sie so sehr vermisst hatte, gleich noch ein bisschen fester. So schnell würde sie Mehdis Tochter nicht mehr loslassen und Lilly hatte mit Gretchen dasselbe im Sinn, wie ihr fröhliches Gesicht verriet, das glücklich zu ihrer großen Freundin aufschaute.

Gretchen: Es ist echt schön, dass ihr hier seid.
Lilly (strahlt sie überglücklich an): Ehrlich? Wir wollten euch nämlich überraschen.
Marc (merkt erst jetzt, dass er überrumpelt worden ist, u. starrt mit offenem Mund zum Sofa rüber, wo die Getürmte neben Gretchen im Sessel lümmelt, als wäre es das Natürlichste der Welt): Na, das ist euch gelungen.
Mehdi (schaut Lilly vergnügt hinterher u. kann sich eine kleine Spitze auf Marc nicht verkneifen): Tja, das ist unsere Lieblingsübung. Wenn ihr schon sämtliche Kontaktaufnahmen abblockt, für die wir natürlich zum Teil auch Verständnis haben, und auf Einsiedlerkrebse im Funkloch Berlin-Mitte macht, dann müssen wir euch eben auf andere Weise zu eurem Glück zwingen.

Der hat aber auch die Weisheit mit Löffeln gefressen. Genau deswegen hab ich unsere Handys ja auch lautlos gestellt und vergessen, die leeren Akkus wiederaufzuladen. Ups! Völlig unabsichtlich natürlich. Hähä! Wer’s glaubt? Boah! Wieso scheint dem eigentlich so ekelhaft ansteckend die Sonne aus dem dicken Hintern? Müsste der nicht genauso scheiße aussehen, wie ich mich fühle? Irgendwas machen wir hier verkehrt. Ach ja, wir hätten die Tür nicht aufmachen sollen. Jetzt ist die Invasion perfekt. Danke Haasenzahn! Die Zeckenplage werden wir doch nie wieder los.

Marc (sein Kopf dreht sich ganz langsam wieder zu seinem spöttelnden Kumpel um, dem er anschließend den Vogel zeigt, bis er überrascht merkt, dass Mehdi auf Augenhöhe gar nicht alleine ist): Haha! Hast du wieder einen ganzen Clown auf einmal gefrühstückt? Sieht man.
Mehdi (schlingt stolz seine Arme um das schlafende Baby an seiner Brust): Danke! Ich... Wir freuen uns auch, dich zu sehen, mein lieber Marc.
Marc (verdreht ergeben die Augen u. begutachtet das Tragetuch samt niedlichem Inhalt): Das war keine Einladung.
Mehdi (grinst den sichtlich überforderten Mann ungeniert an): Ich weiß.
Lilly (schaut vom Sessel kurz zu den beiden miteinander flachsenden Männern an der Tür rüber u. bestaunt dann wieder ausgiebig die beiden schlafenden Säuglinge vor sich, die sie sofort in ihr Herz schließt): Ich freue mich auch, hier zu sein. Och, sind die süß. Guck mal, Papa!
Mehdi (blickt Marc auffordernd an, aber dieser reagiert kein Stück): Würde ich ja gerne, Lillybärchen, wenn man mich lassen würde.
Gretchen (mit dickem schlechten Gewissen im Gesicht sieht sie von Lilly zu Mehdi rüber): Und wir uns erst. Es tut uns wahnsinnig leid, dass wir uns seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus nicht mehr gemeldet haben. Ich hab einfach nicht daran gedacht. Wir mussten uns hier erst ein bisschen einleben und dann, als es sich so langsam eingependelt hat, ist alles irgendwie aus dem Ruder...
Mehdi (fällt seiner besten Freundin schnell ins Wort, damit sie kein schlechtes Gewissen bekommt, u. blickt sie verständnisvoll an): Hey! Ihr schuldet uns doch keine Erklärung, Gretchen. Wer, wenn nicht wir, würden das nicht verstehen, hm? Ein ruhiges sich aneinander Gewöhnen, das hab ich euch doch noch geraten.
Lilly (schlingt ihre Arme um Gretchens kuscheligen Jogginganzug, auf den sie total neidisch ist): Ich verstehe das auch, Gretchen. Wir sind euch auch überhaupt nicht böse. Wir haben uns auch ganz, ganz viel Zeit für Lenny genommen. Er ist so ein Schatz.

Das ist so lieb. Wenn ich könnte, würde ich die Kleine, entschuldige, die Große, sofort und auf der Stelle adoptieren und nie wieder loslassen. Sie wirkt auf einmal so erwachsen. Wann ist das passiert? Als wir uns ohne euch in unsere Seifenblase gekuschelt haben? Ich will nie wieder so lange so viel von ihr verpassen. Und von Lenny natürlich auch nicht. Mein größter Wunsch ist doch, dass Leni, Marlon und er gemeinsam aufwachsen und zu genauso tollen kleinen Persönlichkeiten werden wie meine Lilly hier. Ich hab dich unendlich lieb, ich hoffe, das weißt du, mein Schatz.

Gretchen (streicht dem Mädchen gerührt über den Kopf u. versucht, ihre aufkommenden Tränen zu unterdrücken, was ihr überhaupt nicht gelingt): Das ist lieb, Lilly. Es war halt alles ein bisschen chaotisch in letzter Zeit, zu wenig Schlaf und dabei haben wir das eine oder andere etwas schleifen lassen. Sorry!
Marc (kann nicht widerstehen, seine ewige Heulsuse ein wenig auf den Arm zu nehmen): Nur ein bisschen?
Gretchen (ihr Kopf schießt sofort herum, die Tränen sind schnell vergessen u. sie funkelt ihren Pappenheimer warnend an): Marc!

Mein Gott, wie sehr hab ich euch beide vermisst. Marc und Gretchen at its best. Naja, fast, die Müdigkeit hemmt ihre Bestform. Das wird schon wieder, ihr Zwei. Ich kenn mich damit aus. Wenn ihr wüsstet, wie nah ihr an der Normalität dran seid, dann wärt ihr schockiert und könntet euch beruhigt zurücklehnen. Das machen wir auch gleich. Wenn der Idiot hier uns endlich mal vorbeilassen würde, was Lennymaus? Du schlauer Schlingel verschläfst das Ganze auch noch, dabei könnte ich die eine oder andere Faust mehr gebrauchen. Zwei Fäuste für ein Halleluja oder so ähnlich.

Mehdi (lacht u. freut sich ehrlich, die gewohnte Stimmung zwischen den beiden aufzusaugen): Och, fällt gar nicht weiter auf.
Marc (tritt ihm leicht vors Schienbein): Schleimer!

Mehdi, der ganz genau wusste, wie diese nette Meiersche Geste gemeint war, zwinkerte seinem besten Freund vielsagend zu, während er liebevoll die Sturmfriese seines gähnenden Sohnemanns glatt strich, dem er gerade das gelbe Mützchen vom Kopf gezogen hatte, was von Marc fasziniert beobachtet wurde, dessen dunkelgrüne Augen förmlich an seinem zuckersüßen Patensohn kleben blieben, der sich in der kurzen Zeit, die sie sich nicht gesehen hatten, schon ziemlich entwickelt hatte. Eine Rasanz, die ihn auch jeden Tag bei seinen eigenen beiden Kindern wahnsinnig erstaunte. Deshalb merkte er auch nicht gleich, wie Mehdi ihn leicht mit der Schulter anstupste, der Marcs staunenden Blick natürlich mit Wohlwollen registriert hatte. Wenn Lenny nicht so fest im Wickeltuch an ihn geschnallt gewesen wäre, dann hätte er den Jungen seinem perplexen Patenonkel direkt in die Arme gedrückt, um mal zu schauen, was so passieren würde. Aber was noch nicht war, konnte ja noch werden, aber bestimmt nicht, wenn sie noch länger wie bestellt und nicht abgeholt auf der Türschwelle herumlungern würden. Lilly, Lenny und er waren schließlich gekommen, um zu bleiben.

Mehdi: Willst du uns nicht endlich reinlassen, hm?
Marc (wägt unschlüssig die Möglichkeiten ab u. weiß insgeheim, als er in Lennys müde blinzelnde Augen schaut, dass ihm die Entscheidung schon längst abgenommen worden ist): Um ehrlich zu sein, passt es gerade eher semioptimal. Es ist zwar nett, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, extra herzukommen, ohne uns vorzuwarnen wohlgemerkt, aber die Zwerge sind gerade erst vor einer Viertelstunde zum ersten Mal seit Stunden komplett weggeratzt und wir wollten eigentlich...

SCHLAFEN, wenn sie schlafen! Oberste Regel! Oh Mann, mit wie wenig man sich zufrieden gibt, wenn man Eltern ist. Wahnsinn! Das kann man echt keinem erzählen. Wir sind zu langweiligen Spießern mutiert. Wir sind wie er! ... Autsch!

Während der stolze Neupapa mit seinen Gedanken davon driftete, hatte sich Mehdis Tochter still und heimlich auf Zehenspitzen am Stubenwagen vorbei zu ihrem überrumpelten Patenonkel geschlichen und war ohne Vorwarnung auf dessen nackte Füße gesprungen, weswegen er kurz schmerzhaft zusammengezuckt war. Und ehe sich der sichtlich empörte Chirurg hätte weiter wehren können, hatte die süße Maus auch schon ihre Arme um seine Taille geschlungen, hatte ihr süßes Näschen zu ihm hochgereckt und begonnen, flüsternd auf ihn einzureden, wie ihr der Schnabel gewachsen war.

Lilly: Echt? Wir sind auch ganz, ganz leise, Onkel Marc! Versprochen! Siehst du, Lenny schläft auch schon wieder. Der schläft ständig. Und er steht voll darauf, wenn wir mit ihm herumlaufen. Am liebsten mag er Treppen steigen, weil das immer so schön schaukelt, wenn Papa sich anstrengt. Hihi! Ich würde ja auch gerne, aber ich bin noch zu klein, um meinen Bruder im Wickeltuch herumzutragen, hat Gabis Hebamme gesagt. Aber ich bin seit vergangenem Monat schon wieder zwei Zentimeter gewachsen. Ich denke, das wird noch werden. Dann kann ich richtig helfen.
Mehdi (grinst seine Zuckermaus stolz wie Bolle an): Auf jeden Fall, mein Schatz!

Das ist so was von unfair, dass er immer seine Kleine, Korrektur, Große, vorschickt. Das werde ich in Zukunft mit meinen beiden auch machen. Ich werde sie darauf trimmen, dich zu nerven, Mehdi, aber so was von. Jetzt haben wir die echt an der Backe. Super! Dabei warst du mal so gut im Rausschmeißen, Meier. Was ist aus deinem Durchsetzungsvermögen geworden? Das hat sich zusammen mit deinem Ego ins Nirwana verabschiedet. Schönen Gruß übrigens!

Marc (kann Lillys hinreißendem Bambiblick nicht länger widerstehen, worüber er sich im Nachhinein tierisch ärgert, u. wippt mit ihr auf seinen Füßen vorsichtig hin u. her, während er weiter gegen ihren nervigen Papa stichelt): Oh Mann, jetzt hast du mich aber echt kalt erwischt, Prinzessin Lillyfee. Das sehe ich ja jetzt erst. Ihr habt tatsächlich den kleinen Schnellstarter mit hergeschleppt. Im äh... ja... Was ist das? Sind die Dinger nicht eher für Mädchenschultern gedacht? Oh, ich vergaß, du bist ja eine von ihnen, Mädi. Ich nehme alles zurück.
Mehdi (überhört den spöttischen Unterton in Marcs Stimme wohlwissendlich): Über Dinge, die man(n) noch nicht selber ausprobiert hat, sollte man nicht vorschnell urteilen, mein Freund. Du weißt ja gar nicht, wie praktisch diese Tragehilfe ist. Man hat die Hände frei, eckt nirgendwo mit dem Kinderwagen in der U-Bahn an, ist damit wesentlich mobiler. Und die Vorteile für das Kind sind nicht von der Hand zu weisen. Der direkte Körperkontakt tut uns beiden gut, nicht Lenny? Er ist warm eingepackt, vor Umwelteinflüssen und sonstigen Stressfaktoren geschützt. Wir können uns die ganze Zeit ansehen, ich kann also direkt auf ihn reagieren, wenn ihm etwas fehlt. Er spürt meine Wärme, fühlt sich dadurch sicher und geborgen. Er hört meinen Herzschlag, meine Atmung, kann mich riechen.
Marc (grient ihn an u. verschwört sich mit Mehdis Tochter, der er bedeutungsvoll zuzwinkert): Na, ob das so von Vorteil ist?
Lilly (kichert): Hihi! Du bist lustig, Onkel Marc.
Mehdi (lässt sich nicht aus der Ruhe bringen u. streichelt verliebt über das Köpfchen seines wieder eingeschlafenen Sohnes): Ja, ja, macht euch nur lustig. Dabei ist es doch offensichtlich. Die Anhock-Spreiz-Stellung des Babys im Tragetuch ist nämlich ganz besonders gesund. Um Fehlstellungen der Hüfte zu vermeiden. Der Rücken wird abgestützt. Er kann aufrecht sitzen, der Kopf sitzt seitlich und ist nach hinten gut gestützt.
Marc (hat genug gehört): Bist du deren neues Werbegesicht oder hast du die Broschüre auswendig gelernt, du Streber?
Mehdi (lässt den Meierschen Spott gekonnt an sich abperlen): Muss ich nicht. Ich spüre die Vorzüge auch so. Durch die Nähe, die wir damit haben. Wir beide können uns ansehen und verstehen uns ohne Worte. Er fühlt sich wohl. Diese Position ähnelt nämlich der im Mutterleib. Wenn er deinen Herzschlag hört, beruhigt das ungemein. Und, was dich vielleicht aufhorchen lässt, mein Lieber, Säuglinge, die im Babywickeltuch getragen werden, schreien bis zu fünfzig Prozent weniger. Eben weil sie sich geborgen und beschützt fühlen.
Gretchen (horcht jetzt auch von der Seite auf): Ach?
Marc (verdreht die Augen, auch wenn man spürt, dass es dahinter ordentlich rattert): So ein Kokolores. Ich glaube nur Statistiken, die ich selber getest... äh... gefälscht habe.
Mehdi (spürt ganz genau, dass er ihn mit Argumenten geködert hat): Sicher! Trotzdem, probier’s ruhig mal aus! Wir haben euch schließlich auch zwei solcher wunderbarer Gerätschaften geschenkt und das nicht ohne Grund.

Mit einer Betriebsanleitung, für die man ein extra Hochschulstudium braucht. Pah! Haasenzahn verheddert sich doch schon, wenn sie sich nur die Hose hochzieht. Wie soll sie dann dieses Teil um sich herumgewickelt kriegen, ohne dass Lonny oder Leni da wieder aus Versehen herauspurzeln? No way! Das ist mir zu unsicher.

Marc (schüttelt skeptisch den Kopf): Sehe ich aus wie ein Känguru?
Mehdi (schmunzelt angesichts der Tatsache, dass sich seine Tochter gerade an seinen Kumpel klammert wie eben jenes beschriebene australische Beuteltier): Wieder so eine Fangfrage. Mhm?
Marc (hört Mehdis Spott deutlich heraus u. funkelt ihn dafür eingeschnappt an): Vergiss es! Das würden die beiden im Leben nicht mitmachen. Da wäre Ärger vorprogrammiert, wenn der eine aufm Rücken hängt und die andere vorne im Beutel oder umgekehrt. Das sieht vielleicht im Werbeprospekt ganz gut aus für Jungeltern, die mit Zwillingen komplett überfordert sind und jeden Scheiß mitnehmen, der angeblich entlasten soll, aber wenn die beiden Zwerge sich nicht gegenseitig sehen können, dann ist das Geflenne riesig. Weißt du überhaupt, was für einen Terror die beiden machen, wenn einer von beiden auch nur für fünf Sekunden nicht da ist? Das willst du nicht erleben. Außerdem hast du mal berechnet, wie schwer das doppelte Gewicht ist, wenn man beide gleichzeitig durch die Gegend schleppt? Dein starker Knochenbau würde das vielleicht mitmachen. Dafür isst du ja auch reichlich. Aber ich sehe darin absolut keinen positiven Effekt. Das ist furchtbar umständlich und du weißt doch, wie ungeschickt Haasenzahn sein kann, wenn man nicht aufpasst.
Gretchen (in ihrer Ehre gekränkt): Hey! Ich sage ja nicht, dass ich es nicht mal ausprobieren wollen würde. Wenn, dann aber nur eins auf einmal.
Marc (grinst zufrieden von der einen zum anderen): Siehste!
Mehdi (versteht, worauf Marc hinaus will): Wie du meinst? Du kennst deine Kinder besser als ich, was ich im Übrigen gerne aufholen möchte, wenn du uns endlich lassen würdest. Ich hab die beiden nämlich auch vermisst. Euch natürlich auch.

So ein Schleimer, ey! Werde bloß nie so wie er, Lennylein. Du musst zu den Coolen halten. Schulhofüberlebensstrategie Nummer eins.

Gretchen (ist auch wieder aufgestanden u. näher gekommen, um Lenny zu begrüßen u. das Babytragetuch in Betrieb genauer in Augenschein zu nehmen): Und wir ihn natürlich auch. Euch. Och, nein, wie groß er schon geworden ist. Wow! Wir hätten uns schon viel eher treffen sollen.
Mehdi (lächelt sie hinreißend an): Das hätten wir.
Gretchen (erwidert sein ansteckendes Lächeln u. wendet sich schließlich ihrem Pappenheimer zu, der angesichts des Süßholzraspelns schon wieder genervt die Augen verdreht): Marc, sei nicht so unhöflich! Wieso lässt du sie nicht endlich rein?
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst): Ey! Ich bin ja wohl die Nettigkeit in Person, ja.
Mehdi (spöttelnd): Sowieso!
Marc (schenkt seinem Freund zur Begrüßung den Ameisenblick): Vorsicht! Ich entscheide mich gleich wieder um, wenn du mir so kommst.
Lilly (klammert sich bettelnd an Marcs Arm): Nein! Ich hab mir das so gewünscht. Bitte, Onkel Marc!
Gretchen (nimmt seinen anderen Arm, der den Zugang versperrt hat, u. zieht Marc entschieden vom Türrahmen weg): Lass sie endlich rein, Marc! Es passt schon. Ihr seid immer bei uns willkommen. Wirklich! Komm, Lillyschatz, wir gehen wieder zurück zu Marlene und Marlon!
Lilly (nimmt Gretchens Hand u. zieht sie spontan mit sich zum Stubenwagen): Au ja! Guck mal, Papa! Sie halten immer noch Händchen, wenn sie schlafen. Ist das süß.
Mehdi (schaut ihr, angetan von ihrer Begeisterung, lächelnd hinterher): Definitiv! Ganz die Mama!
Marc (zwickt ihn für den Spruch in die Seite): Ey!
Gretchen (setzt sich neben das aufgeweckte Mädchen u. guckt über ihre Schulter zu den beiden Männern rüber, die ihre verliebten Blicke sofort richtig interpretieren): Ja, sie sind unzertrennlich.
Marc (stöhnt entnervt auf u. zeigt Mehdi u. Lenny mit einer einladenden Armbewegung, dass sie doch willkommen sind): Was sie darin demonstrieren, dass der eine der anderen alles nachmacht und umgekehrt. Schreien, scheißen, spucken und...
Mehdi (nickt ihm schmunzelnd zu): Verstehe!
Marc (hat die Schnauze voll u. schiebt den dicken Kerl zur Tür rein, nachdem er noch einmal schnell im Hausflur gecheckt hat, ob sie auch wirklich alleine gekommen sind): Gar nichts verstehst du. Mann, leidest du immer noch an Schwangerschaftsdemenz? Jetzt bleib da nicht so bescheuert wie die Jehovas vor der Tür hocken! Sonst kommen andere auch noch auf die Idee, hier aufzuschlagen und zu nerven. Dabei war ich eigentlich froh, dass wir bislang unsere ärztlich verschriebene Ruhe hatten.
Mehdi (nimmt seine charmante Einladung dankbar an): Siehst du, Lennymaus, er ist charmant wie eh und je, dein Patenonkel.

Boah, jetzt maust der dich auch noch. Armes Kind! Wenn er dich damit weiter nervt, mach ich ihm eine Ansage. Versprochen, Lenny! Du darfst hier jederzeit vorbeikommen. Bei ihm muss ich noch überlegen. Gut, er hat seine schlechtere Hälfte nicht mit dabei. Das werte ich schon einmal als positives Signal.

Marc rollte mit den Augen, ließ die beiden an der Gardarobe stehen, wo Mehdi endlich seinen mit Babyutensilien voll gepackten Rucksack fallen lassen konnte, und marschierte demonstrativ vor den beiden her, bis er sich schwerfällig neben Lilly und Gretchen auf die Couch fallen ließ, wo er erst einmal seufzend alle Viere von sich streckte, bis er sich nach einigen Sekunden, die sein lahmarschiger Kumpel gebraucht hatte, um mit Lenny aufzuschließen, wieder aufraffte.

Marc: Also, was verschafft uns die Ehre eurer Visite, hm? Doch nicht wirklich nur, weil ihr euch bescheuerterweise Sorgen gemacht habt oder du vor uns mit deinen Daddyqualitäten angeben willst?
Mehdi (grient ihn fröhlich von der Seite an u. schaut dann von Lenny über Marc zu Lilly): Wie gesagt, wir waren zuallererst natürlich an einem Lebenszeichen interessiert. Und ich konnte dieser süßen Maus hier einfach nicht ihren allergrößten Geburtstagswunsch abschlagen.

Mehdi war einen Moment hinter dem Stubenwagen stehen geblieben. Er hatte mit seinen Händen bedächtig über den weichen cremefarbenen Stoff gestrichen, der kunstvoll in den Korbwagen eingearbeitet war, und hatte die niedlichsten Zwillinge der Welt betrachtet, deren Anblick auch sein klopfendes Herz tief bewegte. Dann hatte er sich schockverliebt mit Lenny neben Marc aufs Sofa gesetzt. Lilly hatte sich natürlich sofort zwischen die beiden Männer gekuschelt und fröhlich von einem zum anderen geguckt, während ihre Fingerchen mit den aus dem Wickeltuch herauszappelnden Füßchen ihres Brüderchens gespielt hatten. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass es plötzlich mucksmäuschenstill um sie herum geworden war. Fassungslos blickte Gretchen von Mehdi zu Marc, der ebenfalls seine Augen ungläubig geweitet hatte, und dann zu Lilly, die mit ihrem kleinen Bruder kuschelte, mit dem die Zappelmaus ein Herz und eine Seele war. Sofort pochte das schlechte Gewissen wieder an ihre Tür. Wie hatten sie denn Lillys Geburtstag verpassen können? Waren sie wirklich so unaufmerksam geworden? Gretchen fühlte sich wie die schlechteste Freundin der Welt.

Gretchen: Ge... Geburtstagswunsch? Hast du gerade Geburtstag gesagt? Oh nein, haben wir etwa...? Marc, wir haben Lillys Geburtstag verschwitzt.

Lorelei Offline

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28.10.2018 08:07
#1634 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Gretchen sah ihren nicht minder bedröppelt dreinblickenden Freund an, als wäre gerade für sie eine ganze Welt zusammengebrochen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und konnte es einfach nicht fassen. Marc und sie hatten vor lauter Glück und Babyblase tatsächlich Lillys Geburtstag verschwitzt. Vor einem Jahr hatten sie Mehdi noch beigestanden, als er seine kleine Maus an diesem für ihn unendlich wichtigen Tag nicht bei sich haben konnte und jetzt das. Man konnte an ihrer sehr gesunden Gesichtsfarbe erkennen, dass sie sich für diesen unverzeihlichen Fauxpas in Grund und Boden schämte. Marc fühlte sich zwar auch ein bisschen unwohl dabei, so unvorbereitet bei völliger Ahnungslosigkeit ertappt worden zu sein, wollte aber kein großes Bohei darum machen, da das Sonnenscheinchen neben ihm offenbar überhaupt nicht unglücklich schien. Ganz im Gegenteil. Lilly nahm den beiden überhaupt nichts krumm und strahlte wie ein Honigkuchenpferd über das ganze Gesicht, wie es sich für ein Geburtstagskind ihres Alters - welches Alter eigentlich, überlegte Marc angestrengt und kratzte sich am Kopf - gehörte. Dementsprechend locker nahm dann auch Lillys frisch gekürter Patenonkel diesen kleinen Ausrutscher und überspielte ihn geschickt mit einer ordentlichen Portion Meierschen Charme, der jedoch nur zu zwei Dritteln positiv aufgenommen wurde.

Marc: So gerne ich deinen Diagnosen auch widerspreche, Haasenzahn, aber es sieht ganz danach aus. Ups!
Gretchen (findet das überhaupt nicht witzig u. traut sich kaum, Lilly u. Mehdi in die Augen zu schauen, die sie jedoch vergnügt anstrahlen): Oh nein, oh nein, oh nein, oh nein! Das tut mir so unendlich leid, Mäuschen. Wir haben das total verbummelt. Wir haben nicht einmal ein Geschenk für dich.
Lilly (nimmt ihrer verschämt lächelnden Freundin mit ihrer hinreißenden natürlichen Art sofort das schlechte Gewissen): Das muss es doch nicht, Gretchen. Ich hatte nur einen einzigen Wunsch zum Geburtstag. Oder nein, zwei. Der erste ist mir ja schon vor sechs Wochen erfüllt worden. Hihi! Und dann hab ich mir noch gewünscht, heute hier zu sein und jetzt bin ich hier. Alles ist gut. Das ist mein allerschönstes Geburtstagsgeschenk. Danke!

Puh! Da haben wir aber noch mal ordentlich Schwein gehabt, was? Aber es gehört ja auch nicht zu meinem neuen Jobprofil, ihr ne Riesenfete zu spendieren oder erwartet sie das jetzt etwa, seitdem sie mich zu ihrem offiziellen Patenonkel deklariert und mich damit ziemlich kalt erwischt hat? Partys dieser Größenordnung sind doch eigentlich nur was für Angeber und Konsorten wie Stier und sein kunterbunter Hühnerstall. Sollte ich jemals dieses Niveau erreichen, dann erschießt mich bitteschön!

Mehdi (platzt fast vor Stolz u. zieht sein Mädchen zu sich, um ihr einen dicken Schmatzer aufs Haupt zu setzen): Hab ich nicht ein bescheidenes Kind, hm?
Lilly (wehrt sich erst dagegen, aber schmiegt sich dann kichernd an seine u. Lennys Seite): Iiihh! Papa, du kitzelst.
Marc (wirkt äußerlich überhaupt nicht beeindruckt): Damit musst du jetzt nicht extra angeben, Mann.
Mehdi (zwinkert Lilly verschwörerisch zu): Tue ich aber gerne. Immer und immer wieder. Weil ich sehr, sehr stolz auf dich bin, Lillymaus.

...und wir letztes Jahr nicht zusammen feiern konnten. Leider! Weil... Nein, nicht zurückblicken, Mehdi! Das war in einem anderen Leben. Nur das Hier und Jetzt zählt.

Gretchen (nichts hält sie mehr auf ihrem Platz u. sie springt aufgeregt auf, um das Geburtstagskind auch noch einmal ordentlich zu drücken, u. sieht dabei bewegt zu Mehdi rüber, dessen Gedanken sie liest): Herzlichen Glückwunsch, Lilly! Mein Schatz, ich wünsche dir alles, alles Gute, weiterhin ganz viel Spaß in der Schule, spannende Freundschaften, unzählige Sternschnuppen, die dir den einen oder anderen Wunsch erfüllen, auch wenn du gerade mit deinem Brüderchen wunschlos glücklich bist, und an jeder Ecke ein Abenteuer, das dich fordert und nur noch mutiger macht, und natürlich dass du deinem Papa immer solche Freude bereitest. Ich hab dich ganz doll lieb.
Lilly (schaut strahlend zu ihrer großen Freundin hoch, die sie gar nicht mehr loslassen will u. sanft mit ihr hin u. her wippt): Danke, Gretchen, ich dich auch. Darf ich dann auch immer vorbeikommen, wenn ich mag?
Gretchen (lächelt den süßen Schatz aus feucht schimmernden Augen glücklich an): Marc und ich bestehen darauf. Das ist das Mindeste. Als Wiedergutmachung.
Marc (findet, dass Gretchen mal wieder total übertreibt u. verdreht dementsprechend die Augen): Bitte? Abgesprochen klingt aber anders.
Gretchen (schenkt ihrem nörgelnden Freund ihren überzeugendsten Wimpernklimpern-Schäkerblick): Marc!

Tja, so viel zum Thema in einer Beziehung herrschen Demokratie und Gleichberechtigung.

Marc (will natürlich nicht so leicht klein beigeben u. wendet sich wieder Lilly zu, die sich sichtlich wohl fühlt, so wie sie sich gerade neben ihm gemütlich auf die Couch lümmelt): Du willst also ernsthaft deinen Geburtstag bei uns feiern? Aber deine nervigen Schulfreundinnen hast du nicht auch noch extra hierher bestellt, ohne uns zu fragen?
Lilly (richtet sich wieder kerzengerade auf u. funkelt Marc mit Schmollschnute an): Franzi, Clara, Bibi und Sarah sind überhaupt nicht nervig. Die sind total nett und lustig und meine allerbesten Freundinnen. Und wir haben schon vorgefeiert. Wir haben bei Mama gestern Abend eine Pyjama-Party veranstaltet. Wir waren ganz lange auf, haben Popcorn und Apfelchips gemacht und Disneyfilme geguckt, bis wir auf der Liegewiese im Wohnzimmer, wo wir alles aufgebaut haben, eingeschlafen sind. Das war voll cool. Vor allem die Kissenschlacht heute Morgen, als wir noch vor Mama aufgewacht sind und uns zu ihr ins Schlafzimmer geschlichen haben. Das hat so viel Spaß gemacht. Wir wollten gar nicht damit aufhören, aber dann hat Mama uns nach Hause gefahren, weil sie doch heute im Krankenhaus Praktikum hat. Sie geht zwar jetzt auch wieder zur Schule, aber sie hat leider keine Herbstferien so wie wir. Ich hab dann zusammen mit Gabi, Lenny, Oma, Papa und Opa zuhause weiterfeiert. Wir haben ein zweites Frühstück gemacht und so. Das war auch total schön.

Hach... fast wie bei uns damals. Nur ohne Marc. Wobei... Hm?

Gretchen (gerät direkt ins Schwärmen u. schwelgt in Erinnerungen): Das klingt richtig aufregend. Mit meinen Freundinnen hab ich das früher auch gemacht.
Lilly (hört ihr interessiert zu): Echt?
Marc (genießt es sichtlich, seinen Haasenzahn aufzuziehen): Ach, du hattest tatsächlich eine Freundin?
Gretchen (funkelt ihren einstigen Schulkameraden für diesen gemeinen Spruch direkt an): Marc, bitte! Der Witz ist schon so alt wie du. Außerdem weißt du das ganz genau. Du hast uns doch damals auch das Zelten madig gemacht, gerade als wir...

Auch Marc Meier konnte sich noch lebhaft an diesen frühsommerlichen Abend im Garten der Familie Haase zurückerinnern, an dem er zufällig vorbeigekommen war, weil sein Moped auf dem Weg zur Disko eine Straße weiter liegen geblieben war. Als er gerade zum wiederholten Male stinkwütend auf das schrottreife Teil eingetreten hatte, auf das überhaupt kein Verlass gewesen war, war ihm das hell beleuchtete Zelt hinter der dicht bewachsenen Hecke aufgefallen und der Schalk war mit dem damals Sechszehnjährigen durchgegangen, nachdem er erstaunt festgestellt hatte, vor welchem Haus er sein Mofa in den Straßengraben geschmissen hatte. Er war heimlich um das Zelt herumgeschlichen und hatte von draußen einige Minuten gelauscht, was drinnen gerade so Unspannendes vor sich gegangen war und es hatte ihn ehrlich überrascht und auch ein bisschen beeindruckt, dass Haasenzahn und ihre seltsame Nerdclique gerade dabei gewesen waren, mittels unsinnigem Gläserrücken-Hokuspokus mit Zombies Kontakt aufnehmen zu wollen. Ein Spaß, den sich der passionierte Ghostbusters-Fan auch nicht hatte entgehen lassen wollen, aber unter seinen Bedingungen versteht sich, und vor allem nachdem er mit Schmunzeln registriert hatte, dass Gretchens kleiner Bruder im Benjamin-Blümchen-Schlafanzug am Fenster im ersten Stock geklebt hatte und ihm immer wieder Zeichen gegeben hatte, seiner Schwester doch bitte einen ordentlichen Streich zu spielen. Und wenn man schon so nett darum gebeten und energisch von einem Achtjährigen angefeuert wurde, konnte man ihm doch daraus auch fast zwei Jahrzehnte später keinen Vorwurf mehr machen. Oder etwa doch?

Marc: ...gerade als ihr mit der Geisterwelt kommunizieren wolltet, weil ihr euch erhofft habt, dort Freunde zu finden, weil es die in der Realität nicht gegeben hat.
Gretchen (verschränkt beleidigt ihre Arme vor ihrer Brust): Gar nicht! Steffis Großtante war gerade gestorben und sie wollte wissen...
Marc (grinst spöttisch): ...wo deren hässliche Klunker versteckt sind?
Gretchen (druckst herum u. ist ehrlich baff, dass er so leicht ins Schwarze getroffen hat): So was in der Art.
Marc (kriegt sich jetzt erst recht nicht mehr ein vor Lachen): Nee, ernsthaft? Und da wundert ihr euch immer noch, warum damals nie jemand etwas mit eurem Hexenzirkel aufm Schulhof zu tun haben wollte.
Gretchen (holt tief Luft u. versucht den Spaßvogel zu bremsen): Weil du überall herumerzählen musstest, wir wären auf irgendeinem bescheuerten Hexentrip unterwegs, würden Liebestränke brauen und unsere guten Noten wären nur das Resultat irgendeines Zaubers.
Marc (kann nicht aufhören, sie mit Blicken u. Gesten aufzuziehen): Waren sie das nicht? Also ich war immer skeptisch, wenn du Milchdienst hattest.
Gretchen (reagiert ein wenig genervt auf seine Albernheiten): Marc, müssen wir das wirklich ausdiskutieren? Das ist so lange her.

Aber ich spüre die Gänsehaut selbst jetzt noch. Die Gläser haben sich nämlich tatsächlich von alleine bewegt. Ich kann mir das bis heute nicht erklären. Aber dann ist er ja reingepoltert gekommen und hat unser Zelt beben lassen, dieser Idiot. Ich bekomme jetzt noch Herzrasen von diesem Schrecken, der vor allem Steffi ziemlich mitgenommen hat. Sie hat ihre Großtante nämlich wirklich gern gehabt. Seit diesem Tag war Okkultismus jedenfalls für uns gestorben. Sabrina auch. Und Marc Meier sowieso. Naja, für ungefähr sechsunddreißig Stunden. Denn irgendwie hat er ja schon an meinen Geburtstag gedacht. Wäre er sonst zum zweiten Mal außerhalb der Schule in unseren Garten gekommen, ohne dass ich ihn wegen Hausaufgabenhilfe dazu hätte zwingen müssen? Muss ich ihn bei Gelegenheit unbedingt mal fragen.

Lilly (lehnt sich an die Seite ihres Vaters u. schaut gespannt zu ihm hoch): Zelten wäre aber auch eine coole Idee? Können wir das nächstes Jahr machen, Papa?
Mehdi (muss nicht lange überlegen): Mal sehen, wenn das Wetter mitspielt. Es kann im Oktober nämlich schon recht kalt werden. Das müsstest du dann einkalkulieren.
Lilly (blickt sich um u. bleibt mit ihren neugierigen Kulleraugen am wunderschönen Ausblick aus den Panoramafenstern kleben): Wir können aber auch hier zelten. Hier oben können wir toll Sterne gucken. Wir müssen unbedingt das Teleskop mitbringen.
Marc (hat sich gerade noch mit seinen Blicken in Gretchens Funkelaugen verhakt, als er alarmiert aufhorcht): Bitte? Wieso klingt das mehr nach einer Ansage als nach einer Frage?
Lilly (grient ihn kess an): Na, weil es eine ist.
Marc (klappt ungläubig den Mund auf u. schnappt wie ein Karpfen an Land nach Luft): Aber nicht mit mir!
Lilly (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Wieso denn nicht?
Marc (blickt schnell wieder weg, weil er nicht weich geklopft werden möchte): Ja, weil... weil... deswegen und überhaupt.
Mehdi (grient den kleinlauten Mann herausfordernd an): Och, so als Lieblingspatenonkel könntest du meiner Tochter doch auch mal ein bisschen entgegenkommen. Schließlich hast du immer noch fast zehn Jahre aufzuholen.

Boah! Wie lange will er eigentlich noch darauf herumreiten? Als wäre ich nie da gewesen. Ich war da. Vielleicht nicht immer körperlich, denn meine Präsenz war im OP mehr gefordert als in einem rosa tapezierten Kinderzimmer, aber doch, ja, schon irgendwie.

Marc (glaubt sich verhört zu haben u. zeigt ihm den Vogel): Bei dir piept’s wohl? Ich hab euch vorhin die Tür aufgemacht, das ist schon Entgegenkommen genug für ein weiteres Lebensjahr.
Mehdi (amüsiert sich gerade königlich u. blickt konspirativ zu seiner Tochter, die ihn auch ohne Worte versteht): Wenn du meinst?
Marc (fühlt sich von den beiden auf den Arm genommen u. das hasst er bekanntlich wie die Pest, weswegen er auch schon wieder verbal um sich schlägt, aber auf die nette Art): Ja, meine ich! Also, hör auf, mir irgendeinen Floh ins Ohr setzen zu wollen! Das hat die letzten Jahre schon nicht funktioniert. Und das braucht es für uns auch gar nicht, denn wir verstehen uns auch so ohne großes Rumgeschwafel, oder Prinzessin Lillyfee? Wie alt sind wir denn jetzt eigentlich geworden, hm? Sieben?
Lilly (guckt ihn völlig empört an u. baut sich mit in die Hüften gestemmten Armen vor dem vergnügt grinsenden Kerl auf): NEIN! ZEHN!

Ups! Fettnäpfchenalarm! Hähä! Fast so wie bei Mehdi, als er an seinem Fünfunddreißigsten mit Schrecken festgestellt hat, dass er nun schnurstracks auf die fette Vier und die nächste Midlifecrisis zusteuert.

Marc (übertrieben beeindruckt lehnt er sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Sofa zurück u. ignoriert Gretchens warnenden Blick): Oh! Du hast zum ersten Mal genullt. Glückwunsch zur Zweistelligkeit! Das ist tatsächlich ein Grund zum Feiern.
Lilly (Marcs verschmitzter Grinseblick besänftigt die Zehnjährige sofort u. sie kuschelt sich wieder zu ihm auf die riesige Couchlandschaft): Danke, Onkel Marc! Das ist voll cool und ich fühle mich auch schon richtig erwachsen.
Marc (schmilzt bei ihrem vor Stolz platzenden Anblick nur so dahin u. das spüren auch Mehdi u. Gretchen, die sich verträumt lächelnd wieder zu ihren Zwillingen gesellt hat): Sowieso! Dann bist du ja jetzt schon zwei Schritte an der Volljährigkeit dran und einen an der viel, viel spannenderen Teenyzeit. Darüber freut sich dein Daddy sicherlich am allermeisten.

Jungs, Hormone, Zickereien, der perfekte Cocktail für den ach so coolen Angeberdaddy, aber er liebt ja Herausforderungen, sonst wäre er ja auch nicht mit der blöden Kuh zusammen.

Mehdi (ahnt genau, worauf Marc mit seinen Sticheleien hinauswill u. lässt sich trotz eines tiefen Seufzers, der ihm entfährt, überhaupt nichts anmerken): Nur kein Neid, mein Lieber. Du wirst staunen, wie schnell deine beiden da auch rankommen werden und dann wirst du dich an meine Worte erinnern. Mit Kindern rennt die Zeit nämlich so dermaßen schnell, dass man sich irgendwann wünscht, man könnte die Uhr noch mal zurückspulen. Gerade eben hab ich Lilly noch im Kinderwagen durch die Gegend kutschiert und jetzt ist sie schon eine große Schwester, die ihren kleinen Bruder im Kinderwagen durch die schönsten Ecken der Hauptstadt schiebt.
Gretchen (blickt zärtlich über den Rand des Zwillingsbettchens): Wobei sie am Anfang ja noch stillsteht. Also, die Zeit, nicht Lilly.
Mehdi (tritt verträumt lächelnd mit Lenny u. Lilly zu der glücklichen Zwillingsmama heran): Ich weiß, wie du das meinst. Wir könnten auch stundenlang vor seinem Bettchen stehen, oder Lillymaus?
Lilly: Ja, das beste Kino der Welt.

In stiller Eintracht vereint standen die Drei vor dem Stubenwagen der schlafenden Zwillinge und schwelgten tief in Gedanken, während Marc sie von der Seite dabei beobachtete, bis auch er sich schließlich dazu aufraffte, sich mit einzureihen. Der stolze zweifache Papa würde jedoch niemals zugeben, dass sein bester Freund mit allem, was er gesagt hatte, recht hatte. Nicht dass der selbsternannte Frauenflüsterer noch auf die dämliche Idee kam, nur weil er jetzt ebenfalls Vater geworden war, wäre er auf einmal sentimental geworden. Mitnichten! Er starrte nun mal auch gerne seine Kinder an, daran war überhaupt nichts auszusetzen, und das konnte bisweilen ein paar Minuten bis Stunden am Stück dauern. Zumindest jedoch nicht so lange, wie es dauerte, sein Kind in einem hässlichen grauen Stofffetzen um den eigenen Körper zu wickeln, stellte Marc mit Erstaunen fest. Denn Mehdi war gerade dabei, seinen strampelnden kleinen Sohn aus der Tragehalterung zu befreien, was nicht so unkompliziert aussah, wie er es vorhin noch beschrieben hatte, was vor allem für Marc eine große Genugtuung darstellte. Er fühlte sich damit bestens unterhalten und das zeigte der Schelm natürlich auch, was jedoch nicht bedeutete, dass sein veralberter Kumpel nicht gewusst hätte, damit geschickt umzugehen, um den Spieß nur eine Sekunde später einfach mal so mir nichts dir nichts umzudrehen.

Marc (seine Augen funkeln nur so vor Hohn u. Spott): Doch nicht so einfach wie gedacht, hm? Aber Hauptsache, du bist im Job geschickter mit den Händen.
Mehdi (obwohl die eine oder andere Schweißperle seine Stirn ziert, lässt er sich nichts anmerken u. hat plötzlich einen Geistesblitz): Geht schon! Danke, dass du mir und Lenny so offensichtlich deine Hilfe angeboten hast. Die nehmen wir doch gerne an. Oder Lenny? Jawohl! So ist’s richtig.
Marc (wird überrumpelt, als Mehdi ihm sein Patenkind unvermittelt in die Arme drückt): Immer wieder ger... Äh... Was wird das hier?
Lilly (lehnt sich stolz an seinen Arm u. drückt zärtlich Lennys kleine Hand, die sich in Marcs T-Shirt gekrallt hat u. es nicht mehr loslässt): Siehst du, er mag dich, Onkel Marc.
Marc (blickt dem Jungen skeptisch in die Augen, die sich gerade für zwei Millisekunden geöffnet haben u. ihn aus großen Pupillen skeptisch anstarren): Sicher? Er guckt, als säße gerade ein Pups quer.
Gretchen (schmilzt bei Marcs unbeholfenen Anblick nur so dahin u. bietet direkt ihre Hilfe an, während Mehdi das Wickeltuch zusammenfaltet u. zur Seite legt): Och, darf ich auch mal?
Mehdi (lässt Marc nicht aus den Augen, der sich überraschend geschickt anstellt): Aber sicher doch, Gretchen.

Lenny, das ist eindeutig eine Verschwörung. Mach dir nichts draus, die sind so. Aber wir beide halten doch zusammen, oder? Gegen die Mädchenübermacht müssen wir das doch tun. Dein Kumpel Marlon ist übrigens auch mit an Bord.

Gretchen (lässt sich ihr Patenkind vorsichtig von Marc übergeben, der ihn nur ungern wieder hergeben will, u. ist hin u. weg von dem Wonneproppen, der gerade herzerweichend gähnt u. ihr seine kleinen Händchen entgegenstreckt, die prompt eine lose Strähne ihres Haares erwischen u. energisch festhalten): Hey, mein kleiner Schatz, sehen wir uns endlich wieder. Ich bin Gretchen. Deine Patentante. Oh, da ist aber noch jemand müde, hm? Mehdi, er ist so ein Engel. Huch! Und ganz schön zupackend.
Mehdi (strahlt über das ganze Gesicht, während er seine Arme locker um Lillys Schultern legt u. das Mädchen liebevoll an sich gedrückt hält): Ich weiß.
Marc (blickt seiner Freundin neugierig über den Arm u. hält Lenny spontan seinen kleinen Finger hin, damit er die Haarsträhne von Gretchen wieder loslässt): Ist seine Tonspur kaputt oder wieso ist der so ruhig?
Mehdi (platzt nur so vor Stolz): Wenn er richtig ausgeschlafen hat, ist er besonders tiefenentspannt und strahlt die Welt an und die Welt zurück.
Lilly (blickt hibbelig von Lenny zur Wiege der Zwillinge): Ja. Dann liegen wir immer alle bei Gabi im Bett und es ist total schön. Duuu, Onkel Maaarc?
Gretchen (fällt der Kleinen unbedacht ins Wort): Apropos, wie geht’s Gabi eigentlich? Ihr hättet sie ruhig mitbringen können.
Marc (seine Begeisterung dafür hält sich in Grenzen): Och nee!
Gretchen (stupst ihn an, um weiteren verbalen Entgleisungen vorzubeugen): Marc!

Bloß nicht! Drei von Vier ist schon genug Energie für einen Nachmittag. Negative Schwingungen brauchen wir da nicht noch zusätzlich. Dafür gibt es schon meine Mutter.

Mehdi (fasst sich an den Hals u. weicht Gretchens fragenden Blicken für den Hauch eines Moments unbemerkt aus): Ihr geht’s gut. Danke.
Lilly (quatscht fröhlich drauflos, wie ihr der Schnabel gewachsen ist): Sie hat heute ihren babyfreien Nachmittag und ist mit Chantal und ihrer Schwester unterwegs. Friseur und Schminke, glaub ich. Ich wollte erst auch mit, aber dann wollte ich doch viel lieber zu euch.
Gretchen (fast sich unwillkürlich ins Haar u. seufzt): Ach?
Marc (will es gar nicht wissen u. hat plötzlich schreckliche Bilder vom ESC im Kopf, die komischerweise nicht verschwinden wollen): Oh Gott!
Lilly (ist von den Zwillingen schnell wieder abgelenkt u. in ihrem Übereifer nicht zu bremsen): Maaarc, wir können es ja wie im Krankenhaus machen und Lenny zu den Zwillingen legen? Sie haben sich noch gar nicht richtig begrüßt.
Marc (stellt sich sicherheitshalber vor das Bettchen seiner Kinder): Das ist ja auch nicht schwer, wenn die eigenen Kommunikationsstrategien noch recht einseitig ausgeprägt sind.
Lilly (schaut ihn an wie ein Fahrrad): Das heißt?
Marc (ringt mit sich): Ähm... Ich halte das für keine gute Idee.
Gretchen (nickt u. drückt Lenny liebevoll an ihre Wange, während sie ihn sanft hin u. her wiegt): Sie reagieren sehr sensibel auf jede Veränderung. Da müssen wir ein bisschen aufpassen. Sie waren in den letzten Tagen sehr unruhig und haben nur sehr unregelmäßig geschlafen.
Mehdi (nickt u. ist tief in Gedanken): Verstehe!
Marc (rollt mit den Augen, als er Mehdis verständnisvolles Kopfnicken bemerkt): Die Untertreibung des Jahres.
Lilly (hält ihre Hand in den Stubenwagen, um den beiden schlafenden Babys liebevoll über die Bäuchlein zu streicheln): Ach so.
Marc (grinst schelmisch): Außerdem ist der Wagen zu klein für drei. Sorry, leider nur ein Minivan.
Gretchen (schmunzelt über Marcs Witz, überlegt einen Moment u. wendet sich wieder Lilly zu): Obwohl es sich gezeigt hat, dass sie sich in Gesellschaft ganz besonders wohl fühlen. Wir könnten uns auch alle da drüben auf die Babydecke setzen. Da haben wir alle Platz und können kuscheln, wenn du magst.
Lilly (klatscht begeistert in ihre Hände): Supi-Idee, Gretchen!

Und ehe die Eltern von Marlene und Marlon noch hätten intervenieren können, hatte Lilly sich schon eins der Babys aus der Wiege geschnappt, es behutsam an sich gedrückt und war stolz wie Bolle schnurstracks zu der vor dem Kamin ausgebreiteten kunstvoll mit Märchenfiguren bestickten Decke marschiert, wo sie sich mit dem Kleinen vorsichtig hinsetzte, um ihn nun liebevoll betüddeln zu können. Empört war Marc dem Frechdachs hinterhergeflitzt, während Gretchen und Mehdi nur geschmunzelt hatten. Lilly ging so geschickt und behutsam mit dem Kind um, dass einem förmlich das Herz aufging. Sie hatte sich der Länge nach neben Marlon gelegt, den sie beruhigend streichelte, damit er nicht aufwachte, und betrachtete jetzt mit zunehmendem Vergnügen die Kuscheltierherde, die es sich ebenfalls auf der Babydecke bequem gemacht hatte und die aus mehreren unterschiedlich großen Hasen und zwei Nilpferden, jeweils eins in rosa und in blau, bestand. Auf ein Kopfnicken seiner besten Freundin hin hob Mehdi den anderen Zwilling aus seinem Bettchen, wiegte den schlafenden Schatz sanft hin und her und folgte Gretchen, die ihr Patenkind noch immer im Arm hielt, zur Wohnzimmermitte.

Und keine zwei Sekunden später lagen die drei Musketiere umgeben von den Plüschhasen friedlich in einer Reihe nebeneinander auf der Kuscheldecke, hielten im Halbschlaf immer wieder Händchen und Lilly hockte gespannt wie ein Flitzebogen zu ihren Füßen und kriegte sich vor Entzücken gar nicht mehr ein, während Gretchen und Mehdi verschwörerisch schmunzelnd auf den beiden Sofahockern hinter ihr Platz genommen hatten. Nur Marc stand noch ziemlich bedröppelt neben der Babydecke und wusste weder ein noch aus. Er befürchtete jeder Zeit einen Vulkanausbruch, der jedoch überraschenderweise ausgeblieben war. Demonstrationseffekt gleich null. Vier Tage nonstop durchgeheult und jetzt, während der Babyflüsterer und seine Mini-Mes ihnen nur für fünf Minuten die Aufwartung machten, die personifizierten Lämmchen schlechthin. Noch so eine unerklärliche Verschwörung, dachte er resignierend und schüttelte den Kopf, als er sich schwerfällig direkt neben Lilly auf den Boden pflanzte, die jedoch diesmal ausnahmsweise kein Auge für ihren heiß geliebten Patenonkel hatte, was ihn arg zu denken gab. Müde lehnte sich der frischgebackene zweifache Familienvater mit dem Rücken an Gretchens Sofahocker und ließ sich von seiner Herzdame zärtlich durch seine verwuschelten Haare streifen. Die Massage tat ihm gut, aber er ärgerte sich trotzdem immer noch, wie man an seinem deutlichen Grummeln bemerkte.

Marc: Das ist Meuterei.
Gretchen (schmiegt ihr Kinn sanft auf seinen Kopf u. schließt behaglich die Augen, während er nach ihren Händen schnappt u. sie nun vor seiner Brust besitzergreifend festhält): Ist es nicht, Marc! Ich finde es schön so. Schau nur! Ein Herz und eine Seele, unsere vier Mäuse. Genauso hab ich es mir immer vorgestellt.
Marc (grummelt noch mal u. öffnet dann die Augen, um sich selber ein Bild zu machen, das ihm merklich gefällt): Mhm!
Mehdi (freut sich ebenso über das stimmige Bild, wobei ihm aber immer noch etwas auf der Seele brennt): Geht mir genauso. Aber jetzt mal Butter bei die Fische! Was ist los bei euch? Kommt ihr wirklich zurecht? Ich wollte vorhin nichts sagen, aber wenn ihr Hilfe braucht, ist es keine Schande, das auch zuzugeben. Vor uns müsst ihr euch nicht verstellen. Aller Anfang ist schwer. Das ist mir auch nicht unbekannt. Ihr könnt euch immer melden.

Dr. Kaan hatte Marlons und Marlenes Eltern schon die ganze Zeit genau beobachtet und sich seinen Teil gedacht, als er seine beiden engsten Freunde nach einem kurzen Augenblick wohltuendem Schweigens schließlich mit sanfter Stimme aus ihren Gedanken riss. Unwirsch schüttelte Marc daraufhin den Kopf und drehte sich langsam zu ihm und Gretchen um, die verlegen neben Mehdi den Blick gesenkt hatte. Die Erschöpfung der anstrengenden vergangenen Tage war nun mal nicht zu verhehlen gewesen. Das hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen, aber was einen nicht umbrachte, machte einen nur noch stärker. Das war sein Mantra. Er war Chirurg, er hatte schon viel stressigere Tage erlebt, an denen überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen gewesen war. Diese beiden kleinen Windelträger hier würden ihn sicherlich nicht aus den Latschen kippen lassen. Da musste schon eine ganze Lawine auf ihn zurollen, bis er sich wirklich Sorgen um seine Standfestigkeit machen würde.

Marc (überspielt es mit einem freundlichen Lächeln): Passt schon! Wir sind ja nicht aus Zucker.
Mehdi (liest in Marcs Gesicht wie in einem Buch): Übermenschen aber auch nicht, auch wenn du dich in jeder Lebenslage gerne als den Besten der Besten titulierst. Ihr braucht auch mal eine Verschnaufpause, einen Moment für euch. Stress oder Unruhe in egal welcher Form kann sich auch auf die Kinder übertragen.
Gretchen (nickt u. drückt Mehdis Hand): Das wissen wir, Mehdi. Aber wir kommen soweit klar. Danke für dein Angebot. Wir werden schon noch irgendwann mal darauf zurückgreifen. Nur momentan müssen wir da alleine durch. Das ist doch bei anderen Eltern in der ersten Zeit genauso. Du musst dir keine Sorgen machen. Wir schaffen das. Das ist unser Ansporn.
Marc (stimmt ihr energisch bei, auch wenn seine Augen eine andere Sprache sprechen): Jep! Wir wuppen das schon irgendwie.
Mehdi (schaut sich noch mal um u. muss angesichts des offensichtlichen Durcheinanders prompt schmunzeln): Die Betonung liegt wohl auf irgendwie, hm?
Marc (fühlt sich in seiner Ehre gekränkt u. schlägt meierlike zurück): Nur kein Neid, mein alter Freund. Kann ja nicht jeder so perfekt agieren wie du Superpapi hier mit deiner ach so tollen james-bond-mäßigen Angeberbabytragehilfe. Gibt es da eigentlich ein Seitenfach, wo du alle deine gezuckerten Energieriegel unterbringen kannst? Um deine Kondition war es ja schon vor Gabis Schwangerschaft nicht besonders bestellt, aber vorhin hast du echt wie ein langsam verendendes Walross geklungen. Hättest besser den Fahrstuhl nehmen sollen. Mein Tipp fürs nächste Mal.
Mehdi (grinst schelmisch u. nimmt die Einladung gerne an): Oh, da muss aber wirklich viel im Argen liegen, wenn du mir freiwillig Komplimente machst. Auf die nächste Einladung komme ich gerne zurück.
Marc (ärgert sich, dass bei seinem Kumpel nicht mal mehr sticheln hilft): Sehr witzig! Bei dir aber auch, wenn du immer noch denkst, ich hätte dir jemals etwas Nettes gesagt. Du leidest wohl noch unter Schwangerschaftsdemenz, wenn du glaubst, ich würde dir Honig ums Maul schmieren. Du solltest eher in nächster Zeit auf Süßigkeiten verzichten, wenn du meine wahre Meinung hören willst.
Mehdi (versucht, wieder zu mehr Ernsthaftigkeit zurückzukehren): Nein, im Ernst, Marc, ich wollte nur mal schauen, ob ihr zurechtkommt, was ja soweit der Fall ist. Als Freund, nicht als Kollege oder als Gretchens Arzt.
Marc (kleinlaut): Ex-Arzt.
Gretchen (funkelt ihn an u. widmet sich wieder ihrem besten Freund): Marc! Jetzt lass ihn doch! Er will doch nur helfen. Danke Mehdi!
Mehdi (lächelt auf seine bekannt charmante Art): Kein Problem. Und sonst so? Eure Eltern sind doch sicherlich auch für euch da, oder? Ihr solltet mal meine erleben. Sie sind so entzückend im Umgang mit dem Kleinen und heute an Lillys Geburtstag haben sie sich auch wieder wahnsinnig ins Zeug gelegt. Wir haben euch Kuchen mitgebracht.

Anstatt sich mit ihm mit zu freuen, verschwand das verschmitzte Grübchengrinsen schlagartig aus Marcs Gesicht, das sich anfangs noch sehr wohlwollend zu Mehdis ungewohnter Schlagfertigkeit gezeigt hatte, und er blickte beunruhigt auf seine Freundin, die beim Stichwort „Eltern“ zusammengezuckt war und nun mit ihren aufkommenden Tränen zu kämpfen hatte. Mehdi wunderte sich zwar sehr über diese ungewöhnlich heftige Reaktion seiner besten Freundin, war sich aber keiner Schuld bewusst, auch wenn Marc ihm diese im nächsten Moment einzureden versuchte.

Marc: Na, prima, das haste ja wieder wunderbar hingekriegt, Kaan. Keine fünf Minuten im Raum und schon bringst du jemanden zum Heulen. Einfühlungsvermögen wie ein Holzhammer. Ich würde dein Jobprofil noch mal überdenken.
Mehdi (blickt sich ratlos um): Ich versteh nicht. Hab ich was Falsches gesagt?
Gretchen (streicht über seine Hand u. sieht ihn schließlich wieder an, nachdem sie ihre Tränen erfolgreich bekämpft hat): Nein, geht schon wieder, Mehdi. Es ist nur...
Marc (blickt seiner Liebsten verständnisvoll in die Augen u. übernimmt für sie das Sprechen, während er sich zu ihr auf den Hocker setzt u. sie in den Arm nimmt): Unsere Ellis sind heute und überhaupt kein gutes Thema für einen Smalltalk, Alter.
Lilly (horcht nun auch neugierig auf): Wieso denn nicht?
Marc (schließt für einen Moment ertappt die Augen u. dreht sich langsam zu der neunmalklugen Prinzessin um): Das ist nichts für kleine Mäuseohren, Lillyfee.
Lilly (sofort meldet sich Miss Trotzkopf): Ich bin aber nicht mehr klein. Ich gehöre jetzt auch zu den Großen.
Marc (bemüht sich, Geduld zu bewahren): Ja, aber große Segelohren kommen auch nicht so gut, oder?
Lilly (kichert u. schmeißt sich rücklings wieder auf die Babydecke): Hihi! Nein! Oh, ich glaube, Marlene wacht auf. Hey, meine Süße, mein kleiner Schatz! Guck mal, wer da ist!
Mehdi (zwinkert seinem Mädchen zu, das nun mit Marlene herzt u. busselt, u. konzentriert sich wieder voll u. ganz auf das Ausgangsgespräch): Dann pass mal gut auf sie auf, während sich die Erwachsenen unterhalten, Lilly. Also, was ist passiert?

Gretchen (will nicht so richtig mit der Sprache rausrücken): Nichts, ich...
Marc (übernimmt das Ruder, weil er merkt, wie sehr es seine Freundin noch belastet): Du kennst doch unsere Mütter, Mehdi. Schon eine allein hat eine Sprengkraft wie eine ganze Mine voll Dynamit, die direkt unter deinem fetten Hintern hochgeht.
Mehdi (ahnt so langsam, worauf er hinauswill): Verstehe!
Marc (schmeißt vor Ärger die Arme in die Luft): Nix verstehst du, Mann. Die sind total ausgetickt. Die haben zu lange die Windeln der Zwerge inhaliert oder Kollaps der Midlifecrisis geplagten Oma-Hormone, keine Ahnung. Was kreuzen die auch neuerdings ständig im Doppelpack auf? Die müssten es doch besser wissen, ey.
Gretchen (traut sich dann doch, mit der Sprache rauszurücken): Ich hab sie rausgeschmissen.
Mehdi (hat sie nicht richtig verstanden u. blickt ungläubig zu Marc): Du meinst, er hat sie rausgeschmissen?
Marc (schmeißt die Hände wieder in die Luft u. übt sich in der eingeschnappten Unschuldspose): War ja klar, dass du immer gleich bei mir die Schuld suchst.
Mehdi (kann nicht widerstehen, ihn aufzuziehen u. genießt sein bedröppeltes Gesicht, als es ihm gelingt): Erfahrungswerte.

Arsch! Kann ja nicht jeder so eine Vorzeigefamilie haben wie du. Wobei, ich will mal nicht aufzählen, was bei euch alles im Argen liegt. Da genügt nur ein schauriger Name: Gabi.

Gretchen (geht zur Ehrenrettung über, auch wenn sie sich in Grund u. Boden dafür schämt, wozu sie sich gezwungen gesehen hat, wie Mehdi sofort merkt u. mitfühlt): Nein, das war wirklich ich. Das Ganze ist jetzt fast drei Wochen her und ich hab’s einfach nicht mehr länger ausgehalten. Ständig müssen sich Mama und Elke in ihrer falsch verstandenen Fürsorge überbieten. Es ist zwar lieb, dass sie sich kümmern wollen und sie sind auch sehr süß zu den beiden, sie verwöhnen sie total, aber mir war das in dem Moment einfach zu viel.
Marc (schüttelt den Kopf, wenn er an diesen Tag zurückdenkt): Es ging einfach nicht mehr. Mit ihren Ratschlägen und Tipps, einer schlechter als der andere. Sie haben Gretchen damit total kirre gemacht. Sie haben sie nicht mal mehr zu Wort kommen lassen und sie ist die Mutter und nicht die beiden Verrückten. Ich wollte schon die Reißleine ziehen, aber Haasenzahn war schneller. Die Chuzpe solltest du öfter mal zeigen. Auch auf Station. Steht dir.
Gretchen (grämt sich zunehmend, als sich geschmeichelt zu fühlen): Marc, das ist nicht lustig.
Mehdi (blickt ungläubig von dem einen zur anderen): Naja, aber sind Großeltern nicht immer so? Sie platzen vor Stolz, wollen doch auch nur helfen und ihre Erfahrungen teilen. Sie sind übereifrig, ja, aber meinen das sicherlich nicht negativ.
Gretchen (guckt auf ihre Hände u. beginnt, nervös ihre Finger zu kneten): Deine Mama vielleicht. Obwohl, wenn es nach Soraya und Werner gegangen wäre, hätten wir damals nach unserem ersten Date auch sofort zusammenziehen und ich im EKH kürzer treten sollen, um mehr für Lilly da sein zu können.

What? Wie weit waren Lillys Großeltern denn in das kleine unbedeutende Techtelmechtel involviert? Das ging doch höchstens gefühlte zwei Stunden.

Marc (kann sich schon wieder tierisch darüber aufregen): Bitte? Das ist jetzt nicht euer Ernst? Spinnen die jetzt alle? Schaltet sich ab einem gewissen Alter das Hirn komplett ab oder was soll das? Ey, wir leben doch nicht mehr in den späten Siebzigern oder frühen Fünfzigern, dort würde ich nämlich das Butterböhnchen einordnen. Die haben agiert wie nahkampferprobte Leopardinnen. Hat die eine was bemäkelt, was eigentlich überhaupt nicht der Rede wert war, kam von der anderen ein neues Gegenargument, das natürlich viel, viel besser war, und hin und her das Ganze und so schaukelte sich das immer weiter hoch. Wenn ich nicht aus meinem Büro gekommen wäre, um dem Diventheater ein Ende zu bereiten, hätten die sich noch gegenseitig zerfleischt und ich hätte das Loft neu tapezieren können. Die Kids waren total aufgekratzt deswegen. Das hat wiederum Franz und Oli überfordert. Schreiende Säuglinge sind dann eben doch etwas Anderes als schreiende Patienten, die auf Chefarztbehandlung abfahren.
Mehdi: Und was denken die darüber?
Marc (rollt theatralisch mit den Augen): Frag besser nicht! Falls ich nach meiner Babyfreizeit je wieder im EKH anfangen sollte, hab ich vermutlich keinen Job mehr, wenn es nach dem Professor ginge.
Mehdi (schmunzelt): So schlimm?
Marc (ihm ist überhaupt nicht zum Lachen zumute): Schlimmer! Der war stocksauer und ich bin mir nicht sicher, auf wen alles. Ich glaube, die Haases denken mittlerweile, ich wäre von Wölfen aufgezogen worden. Meine Mutter hat echt jedes Kaliber gezogen.
Mehdi (kann sein Lachen nun nicht mehr zurückhalten): Es gab eine Zeit, da hätte man das tatsächlich glauben können.
Marc (hebt bedrohlich seinen Zeigefinger): Ey, das ist nicht witzig.
Gretchen (blickt Mehdi traurig an): Das ist es wirklich nicht gewesen, Mehdi. Ich hab mir nicht mehr anders zu helfen gewusst. Die haben mir wirklich die letzte Energie geraubt und ich war schon angespannt genug so kurz nach der Geburt. Ich hab ja für alles und jeden Verständnis, ich kann ihre Standpunkte wirklich verstehen und ich weiß auch, dass sie uns auf ihre Art eigentlich nur etwas Gutes tun möchten, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit dem Zirkus. Es ging schon lange nicht mehr nur um die Zwillinge und um die sollte es sich doch eigentlich drehen. Oder reagiere ich jetzt über? Wir sind doch jetzt der Elternpart. Das müssen sie einfach akzeptieren lernen.
Mehdi (sieht sie mit großen Augen an): Und dann hast du sie tatsächlich des Lofts verwiesen?

Oje! Was hab ich bloß gemacht? Mama war so enttäuscht und Papa, ich hab in seinen Augen gelesen, dass er Verständnis für uns hat, aber trotzdem fühl ich mich jetzt nicht mehr wohl dabei. Sie fehlen mir so.

Gretchen (nickt beschämt u. ist fast schon wieder den Tränen nahe): Ja, bis sie sich nicht endlich vertragen haben und akzeptieren, dass wir unseren eigenen Weg gehen möchten, dann brauchen sie sich nicht mehr bei uns melden. Keine Sonntagsessen. Keine Überlebenspakete aus dem teuersten Delikatessenladen Berlins oder der Haasschen Familienküche. Funkstille. Aus die Maus.
Mehdi (zieht scharf Luft durch seine Nasenflügel ein u. lässt sich Gretchens Worte noch einmal durch den Kopf gehen): Das nenne ich mal konsequent.
Marc (kann sich ein kleines schadenfrohes Grinsen dann doch nicht verkneifen, auf das Gretchen jedoch nicht näher eingeht, denn sie lässt weiterhin den Kopf hängen): Was an sich ja kein Nachteil ist.

Im Gegenteil. Jeder Tag ohne meine nervige Mutter ist ein guter Tag. Jetzt muss ich sie nur noch aus Dads Einliegerwohnung rauskriegen. Das machen die doch mit Absicht, dass die da unten seit Wochen campieren. Die beobachten uns. Big Mamma is watching you. Gibt es nicht irgendwo noch ne Buchmesse am Arsch der Welt, die sie noch nicht abgeklappert hat oder hat sie überall schon Hausverbot? Na, prima. Und ich muss es mal wieder ausbaden. Obwohl es schon gruselig ist, dass sie sich diesmal an Gretchens Ansage hält. Dad ist das auch unheimlich. Aber er ist ja auch der Einzige, der Verständnis für unsere Problematik hat und Superoma 2.0 unter Kontrolle hält.

Gretchen: Mittlerweile tut es mir ja auch schrecklich leid, aber jedes Mal, wenn ich daran denke, wühlt mich das von neuem innerlich auf und ich kann es nicht mehr zurücknehmen.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Dann musste der Paukenschlag auch sein.
Gretchen (blickt ihm direkt in die Augen): Denkst du wirklich?
Mehdi: Wenn es euch belastet, dann ja. Ihr habt hier mit zwei Babys schon genug zu tun. Ihr rotiert und rotiert und die Kleinen kommen dadurch auch nicht zur Ruhe. Das ist doch auch nicht in ihrem Sinne. Wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, dann regelt sich das schon von alleine. Sie sind genauso Eltern wie ihr und wissen insgeheim, was euch bedrückt und dass sie sich zumindest für den Moment zurückhalten sollten.
Gretchen (seufzt u. schaut auf die Kinder auf der Babydecke): Stimmt! Ich weiß manchmal gar nicht mehr, wo oben und unten ist, ob Tag oder Nacht ist, ob ich was gegessen habe und was überhaupt gerade auf der Welt passiert. Ich weiß, das klingt egoistisch, aber ich wünsch mir momentan nur am allermeisten ein Bad, fünf Minuten Entspannen, endlich mal die Haare richtig waschen, ohne dabei ständig unterbrechen zu müssen, weil die Zwillinge sich, warum auch immer, nicht beruhigen lassen.
Mehdi (lächelt): Das hat doch nichts mit Egoismus zu tun, Gretchen. Ihr als Eltern habt doch auch Bedürfnisse.
Marc (fixiert seine beiden süßen Plagegeister mit seinem verliebten Papa-Blick): Meine Rede. Aber leider ist die bei unseren Giftzwergen noch nicht angekommen.
Gretchen (hat kaum noch Kraft, Marc zurechtzuweisen): Marc, bitte, nenn sie nicht so! Sie sind doch noch so klein und hilflos.
Marc (korrigiert seine Wortwahl nur minimal u. grient Gretchen u. Mehdi an): Och, die beiden Zuckermäuse wissen sich schon zu helfen. Sie haben seit neustem eine echt perfide Strategie entwickelt. Anfangs war es ja noch ganz witzig, wie sie immer synchron das Gleiche wollten. Man konnte zwar nicht die Uhr danach stellen, aber wusste zumindest einigermaßen, was bei ihnen gerade Sache ist. Alles, was sie gemacht oder nicht gemacht haben, ist süß und hinreißend. Selbst jede voll geschissene Windel. Man schöpft daraus Energie für die nächste Duoflennattacke. Aber nichts da. Jetzt weint immer nur einer oder eine. Sind deren Bedürfnisse gestillt und man hat sich gerade hingesetzt oder hingelegt oder kümmert sich kurz um das Durcheinander hier, das sich unbemerkt um uns herum aufgetürmt hat, dann ist auch schon der andere dran und dann ist meist nicht sicher, ob er oder sie das Gleiche will oder uns einfach nur ärgern möchte, weil es ihnen Spaß macht. Ich tippe auf Letzteres. Ich hab das jetzt lange genug studiert.

Es ist echt faszinierend, Dr. Marc ‚Großmaul’ Meier in seiner natürlichen Umgebung fern seiner Komfortzone beobachten zu dürfen. Das Studienobjekt ‚Neupapa’ wäre durchaus eine Dissertation wert, aber ich bin dann doch mehr der Praktiker als der Theoretiker.

Mehdi (hat tierisch Spaß dabei, den Philosophien von Papa Marc zuzuhören): Oh ja, das ist genau das, was Säuglinge in ihren ersten Lebenstagen erreichen möchten.
Marc (funkelt ihn für den blöden Spruch finster von der Seite an): Deinen Zynismus kannst du dir gerne auf dein eigenes Butterbrot schmieren und es in den Toaster stecken. Vielleicht hört der dir ja zu, wenn du nicht zu laut auf der altbackenen Scheibe herumkaust.
Gretchen (ist mit ihren Gedanken schon wieder ganz woanders): Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal so richtig geschlafen habe. Doch, vorhin...
Mehdi (jetzt bekommt er ein schlechtes Gewissen): Und dann platzen ausgerechnet wir hier in eure Routine. Sorry! Wenn es dir hilft, wir waren uns der Gefahr durchaus bewusst. Mit Lenny ist in mancher Nacht auch nicht zu spaßen.
Marc (fühlt sich wieder obenauf): Jep! Du bist schuld, aber das ist an sich ja nichts Neues.
Mehdi (grient vergnügt zurück): Zumindest hast du deine gute Laune noch nicht ganz verloren. Das ist doch schon mal etwas, worauf man aufbauen kann. Der Rest wird schon.
Marc (seufzt): Woher nimmst du eigentlich immer deinen grenzenlosen Optimismus? Das ist echt anstrengend. Mit dem Potential bist du in deiner Damenbindenabteilung echt fehl am Platz. Mach doch mal was Sinnvolles, hm? Es findet sich bestimmt noch etwas, worin du Talent hättest. Wie wäre es mit Chirurgie?

Marc griente seinen besten Freund mit der letzten Kraft an, die er auf Autopilot noch aufzubieten wusste, und bemerkte dabei das verdächtige Mädchenkichern im Hintergrund, das sofort verstummte, als er sich mit angedeutetem Ameisenblick zu Lilly umdrehte. Er zwinkerte der frechen Göre unmissverständlich zu, die sich daraufhin schnell wieder den Babys zuwandte, die alle drei im Halbschlaf eine unkoordinierte, aber sehr süße Choreographie zappelten, welche Lillys ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr Vater hatte derweil Gretchen im Blick, die vor Erschöpfung jeden Moment von ihrem Hocker zu plumpsen drohte. Das war das letzte Signal, das Mehdi noch gebraucht hatte. Er hatte entschieden, dass es höchste Zeit war, zu handeln. Also sprang er unvermittelt von seinem Platz auf und baute sich entschlossen vor seinen beiden Pappenheimern auf, die irritiert zu ihm hoch starrten. Er würde keine Widerworte gelten lassen.

Mehdi: Weißt du was, du hast recht, Marc. Genau damit fang ich jetzt an.
Marc (klappt den Mund auf u. weiß nicht, was er sagen soll): Ernsthaft jetzt? Du, ich will dich jetzt nicht in deiner Ehre kränken und ich weiß auch, dass du einen ganz passablen Uniabschluss hast, aber ähm... Chirurgie ist jetzt nicht wirklich deins, glaub mir. Ich hab mit dir zusammen studiert.
Mehdi (lässt sich von seinem Entschluss nicht abbringen u. ist hochmotiviert): Nicht Chirurgie, ich hab da eher an was Soziales gedacht. So im Allgemeinen.
Gretchen (weiß auch nicht so recht, was sie von Mehdis Enthusiasmus halten soll): Mehdi, ich kann dir ehrlich nicht folgen.
Mehdi (tippt ihr einmal grinsend an die Nasenspitze u. schiebt dann ihren verdutzten Lebensgefährten in ihre Richtung): Musst du auch nicht. Du folgst jetzt deinem Marc. Ihr nehmt euch eine kurze Auszeit und kümmert euch erst mal um euch und Lilly und ich kümmern uns hier währenddessen um den Rest. Was denkst du, Schatz?
Lilly (springt ihrem Papa aufgekratzt zur Seite): Au ja! Und ich pass auf die Babys auf.
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn, als er die beiden ungläubig ins Visier nimmt u. für verrückt erklären möchte): Das ist nicht dein Ernst? Du schickst mir eine Siebenjährige als Babysitter für drei sechs Wochen alte Kinder?
Lilly (stemmt empört ihre Hände in die Hüften): Ich bin ZEHN, Onkel Marc!
Marc (beißt sich auf die Lippen, um nicht laut loslachen zu müssen): Das macht dich auch nicht direkt zur Weisen, Fräulein.
Lilly (für den Hauch eines Moments irritiert, dann geht der Schalk aber mit ihr durch): Doch! Ich wollte vorhin nichts sagen, als wir uns begrüßt haben, aber du hast echt dringend eine Dusche nötig, Onkel Marc. Und das Gestrüpp in deinem Gesicht ist echt hässlich. Ich weiß, das ist gerade irgendwie mega in und so. Und das tragen auch gerade viele Papas in meiner neuen Schule. Meinem Papa und deinem Papa steht das ja auch super, aber dich macht das echt alt und du willst doch sicherlich nicht, dass Marlene und Marlon denken, sie hätten einen voll alten Papa.
Marc (fühlt sich dermaßen überrumpelt, dass ihm nicht einmal mehr ein kesser Konterspruch einfällt): Bitte?
Mehdi (schaut warnend auf seine Tochter, die er sicherheitshalber in seine Arme zieht, bevor Marc lospoltern kann, was jedoch überraschend ausbleibt): Lilly!
Gretchen (kann zum ersten Mal wieder beschwingt auflachen u. grient Marc vergnügt von der Seite an): Tja, mein lieber Marc, Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund.
Marc: Ey! Das... nenne ich jetzt wirklich eine Verschwörung.

...grummelte der Chirurg ungehalten, nachdem sich seine freche Freundin auch noch zu den beiden dreisten Verschwörern hinzugesellt hatte, um unverschämterweise über ihn zu spotten, was eigentlich Hochverrat bedeutete, aber bevor der Groll zu groß werden konnte, überstimmt worden zu sein, ergab er sich lieber seinem schweren Schicksal. Denn nach einer ausgiebigen Dusche hatte er sich nämlich tatsächlich seit Tagen gesehnt. Er zog Gretchen von ihrem Hocker hoch, schenkte den Kaans noch einen letzten angedeuteten Ameisenblick und gemeinsam schlurften sie dann Arm in Arm in Richtung Badezimmer, vor dessen Tür sich die Einunddreißigjährige aber noch einmal nach ihren Besuchern umschaute, die sich bereits wieder zu den Babys gesetzt hatten, die allem Anschein nach jetzt alle drei putzmunter waren und bespaßt werden wollten.

Gretchen: Geht das wirklich für euch in Ordnung, Mehdi? Das wird jetzt aber nicht zur Gewohnheit, dass du uns hier aus der Patsche hilfst?
Mehdi (ein hinreißendes Lächeln ist die Antwort): Patsche? Welche Patsche?
Marc (will wie immer das letzte Wort haben): Richtige Antwort!
Gretchen (unsicher): Die perfekten Gastgeber klingt aber anders.
Mehdi (wirft nur so mit seinem Charme um sich, damit sie sich endlich wieder wohl fühlt): Dafür seid ihr aber die perfekten Eltern. Das gleich alles aus.
Marc (verdreht die Augen): Schleimer!

Und mit diesem letzten charmanten Gruß von Dr. Marc Olivier Meier an seinen schrecklich verständnisvollen Kumpel flog die Badezimmertür schließlich zu und Lilly und Mehdi waren für die nächsten eineinhalb Stunden auf sich alleine gestellt...

Mehdi: Und wir beiden Hübschen kriegen wir das hin?
Lilly (strahlt zu ihm hoch u. legt sich dann wieder zu den Babys auf die gemütliche Decke): Aber logo, Papa!

Lorelei Offline

Gynäkologe:


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16.11.2018 13:54
#1635 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

„Mhmmm... okaaay, ich geb’s nur ungern zu, aber... boah... das hab ich jetzt wirklich gebraucht“, schallte das Echo einer wieder deutlich an Kraft gewonnenen, jedoch hinter einem dichten Dunstvorhang verborgenen Männerstimme zufrieden durch den lichtgefluteten Raum. Nicht nur die Duschkabine, der er gerade in seiner ganzen Dunstschleier umwobenen Pracht entstiegen war, war in diesen undurchdringlichen Nebel gehüllt, sondern, nachdem er die Glastür aufgeschoben hatte, auch bald das gesamte Badezimmer der gemütlichen Penthauswohnung mitten in Berlin. Der modern gestaltete, großzügig geschnittene, helle Raum direkt unter dem Dach glich auch angesichts der gestiegenen Temperatur an diesem frühen Nachmittag wahrlich einem Wellnesstempel aus einer anderen Welt. Einem Paradies für die Sinne und des Wohlbefindens. Die großflächigen Spiegel über den beiden Waschbecken waren im Nu beschlagen. Wassertröpfchen perlten fast unsichtbar an den hellen backsteingemusterten Fliesen hinab und auch der athletisch definierte Männerkörper, der nur von einem locker um die Hüften geschwungenen Handtuch bedeckt war, glitzerte in diesem anmutigen Gewand, während er sich konzentriert seiner Gesichtsbehaarung widmete. Immer noch konnte sich Marc Meier dabei ein breites Grinsen nicht verkneifen, das sich in seinem Spiegelbild noch deutlicher zeigte, nachdem er den Spiegel mit einer Hand ruckzuck frei gewischt hatte.

Lilly Kaan hatte es doch wirklich faustdick hinter den Ohren. Hinter ihrer zurückhaltenden zuckersüßen Art versteckte sich eine echte vorlaute Berliner Göre. Ihr gerechtigkeitsliebender Vater konnte schon schonungslos direkt sein, aber in Mehdis Tochter hatte Dr. Meier seine Meisterin gefunden. Natürlich ratterte es schon gewaltig in seinem Oberstübchen, um einen gewieften Plan auszutüfteln als Revanche für ihre freche Ansage von vorhin. Aber momentan wirkte vor allem der Erholungsaspekt und so hatte sich der hochleistungsgeprüfte Chirurgenkopf schon längst wieder in den Offline-Modus abgeschaltet. Routiniert glitten dabei die Klingen seines Rasierers über sein Kinn. Einen Moment hatte er noch innegehalten, sich intensiv im Spiegel betrachtet und überlegt, zumindest noch einen hippen Oberlippenbart stehen zu lassen, aber dieser Gedanke war schnell wieder nach Absurdistan verflogen, als er plötzlich Lillys scherzhaft warnende Kicherstimme als eingebildeten O-Ton im Ohr nervig nachhallen gehört hatte. Und schon zogen sich Marcs Mundwinkel wieder nach oben. Er liebte dieses Kind, ja, und er ließ ihm auch gerne die eine oder andere kindliche Provokation durchgehen, aber eine überraschende Kitzelattacke nachher war auf jeden Fall drin, jetzt, wo er nach der Dusche wieder neue Kräfte gewonnen hatte. Auf sich sitzen lassen würde er die Kaansche Verschwörung nämlich nicht, so wahr er Marc Meier hieß und sich zum Patenonkel auf Probe berufen fühlte.

Als Marc schließlich mit seinem Verschönerungsprogramm fertig geworden war, das er als gottesgleicher Mediziner und Geschenk an die Frauenwelt natürlich absolut nicht nötig gehabt hatte, mal abgesehen von seinen tiefen Augenringen, die einem dauerbeschäftigten Vollblutchirurgen und zweifachen Neufamilienvater durchaus zugestanden werden durften, drehte er sich langsam um. Die Dampfschwaden im heimischen Hamam hatten sich mittlerweile gelegt und er genoss einen Moment das wunderschöne Bild, das ihm gerade geboten wurde. Kleopatra im Milchbad war nichts gegen diese sinnliche Aphrodite. Mit bedächtigen Schritten ging er auf den Schaumberg zu, welcher direkt unter der breiten milchglasigen Fensterfront aus der Badewanne herausragte. Er setzte sich auf den Wannenrand, betrachtete das bildhübsche, entspannte Frauengesicht mit den geschlossenen Augen, das komplett von süßlich duftenden watteweißen Wolken umgeben war und strich leicht mit den Fingerspitzen über den Schaum. Schlagartig öffneten sich die himmelblauen Kristalle und trafen auf seine dunkelgrünen Smaragde, die direkt vergnügt zu funkeln begannen.

Marc: Na, wie fühlst du dich?
Gretchen (strahlt wie die nachmittägliche Herbstsonne, die durch die Milchglasscheiben schimmert, u. fährt mit einer Hand über den warmen Schaum, der sie komplett einhüllt): Wie im Himmel.
Marc (grinst meierlike): Bei der Schaummenge auch kein Wunder. Hast du die ganze Pulle reingekippt?
Gretchen (beißt sich verlegen auf die Lippen, hält seinem schadenfrohen Blick aber stand): Nur ein bisschen.
Marc (liest in ihren Augen wie in einem Buch u. zwinkert wissend): Klar.
Gretchen (weiß genau, dass er sie ertappt hat u. lässt alles raus, was ihr gerade auf der Seele brennt): Sie ist mir aus der Hand gerutscht. Ich war so müde, dass ich meine Hände nicht mehr kontrollieren konnte. Ein Wunder, dass ich es bei meiner Tollpatschigkeit überhaupt unfallfrei hier reingeschafft habe. Eigentlich wollte ich auch noch meine Haare waschen, die haben es nämlich wirklich dringend nötig, aber ich hab keine Kraft mehr dazu. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich in letzter Zeit über den Tag gekommen bin. Ich bin so oft mit den Kindern hin und her geflitzt, hab sie betüddelt und getröstet, gestillt, gewickelt und in den Schlaf gewiegt, hab dabei mehr Kilometer im Loft zurückgelegt als so mancher Marathonläufer letztes Wochenende in den Berliner Straßen und jetzt krieg ich meine Arme nicht mal mehr hoch.

Diagnose eindeutig: absoluter Erschöpfungszustand. Dagegen hilft nur die höchst verträgliche Dosis Dr. Meier als rettendes Medikament.

Marc (streicht seiner Herzprinzessin mit einer Hand liebevoll über die Wange, während er sie eindringlich ansieht): Na, komm, lass das mal den Onkel Doktor machen, hm!
Gretchen (richtet sich etwas in der Wanne auf u. guckt ihn mit großen ungläubigen Augen an): Marc! Was... was machst du denn? Du hast doch schon geduscht, du musst nicht noch mit extra in die Wanne.
Marc (grient sie auf seine bekannt zweideutige Art an u. wirkt sehr entschlossen, als er plötzlich vom Wannenrand aufsteht): Ich muss nicht, ich will aber. Irgendwelche Einwände?
Gretchen (kleinlaut): Ja!
Marc: Gut, dann... hopp, Arschbombe! ... Nee, Spaß! Die heben wir uns fürs nächste Mal auf.

Und bevor er weiteren Widerspruch seiner Liebsten abgewartet hätte, der ihr schon auf der Zunge gelegen hatte, hatte Marc sein Handtuch fallen gelassen und war hinter Gretchen in die Wanne gestiegen, die er nun besitzergreifend in seine Arme zog. Erst wollte sie sich gegen seine freche Überrumplungsaktion wehren und zappelte wie eine Nixe im Sand ungehalten hin und her, sodass eine Menge Schaum über den Wannenrand schwappte, aber als sie ihren Herzprinzen hinter sich spürte, seine kühle Haut an ihrer, lehnte sie ihren müden Kopf schließlich an seine gestählte Brust und ließ es einfach geschehen. Sie fühlte sich unheimlich geborgen in seinen Armen und schloss genießerisch die Augen. Marc ging es auch nicht anders. Sie nach den ganzen Strapazen der letzten Zeit endlich wieder unmittelbar bei sich zu spüren, war unheimlich schön und berührend, auch wenn er sich gerade ein bisschen wie der Marshmellowman fühlte, so über und über mit Schaumbergen bedeckt, die auch schon den halben Badezimmerfußboden geflutet hatten. Der Vierunddreißigjährige schmunzelte nur, pustete die nervigen Seifenblasen so weit beiseite, dass er Gretchens Schulter erahnen konnte und gab seiner Süßen einen sanften Kuss darauf, welcher sie prompt erschaudern ließ. Schnell tauchte sie in das warme Nass ab, sodass nur noch ihre Nasenspitze herauslugte. Ein anbetungswürdiger, aber auch sehr amüsanter Anblick in den Augen von Dr. Meier, womit dieser natürlich nicht hinter dem Berg hielt.

Marc: Haasenzahn, ich weiß, was hinter deiner Taktik steckt, dich komplett unter Schaumwolken zu verstecken, aber das musst du nicht.
Gretchen (taucht ein Stückchen wieder auf, scheut aber seine unmittelbare Umarmung): Es ist aber angenehm und ich... ich...
Marc (blickt der Wassernixe eindringlich in die Augen, die scheu zu ihm aufschauen, nachdem sie sich den Schaum aus dem Gesicht gewischt hat): Ja?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick): Ich... bin halt noch nicht soweit.
Marc (runzelt verwundert die Stirn, bis ihm staunend etwas klar wird): Soweit wofür? Haasenzahn, was genau denkst du, tun wir hier gerade, hm?
Gretchen (atmet einmal tief durch u. versucht, sich ihm zu erklären, während sie sich zaghaft wieder an ihn schmiegt): Marc, ich hab Zwillinge auf die Welt gebracht. Das war eine überwältigende, einschneidende Erfahrung und sie ist gerade einmal ein paar Wochen her. Ich... ich bin eben noch lange nicht wieder so wie vorher, falls ich es überhaupt je wieder sein werde.
Marc (setzt ihr eine Schaumkrone auf den Kopf, um das scheue Rehlein zu necken): So niedlich verklemmt?
Gretchen (seufzt erschöpft, weil sie heute keine Kraft hat, sich gegen Marcs freche Spitzen zu wehren): Marc, das weißt du ganz genau.
Marc (dreht sein Mädchen so, dass sie ihn wieder ansehen kann): Hey! Schau mich mal an und tauch nicht gleich wieder unter einem Liter rosa Schaumbad ab! Mach dir über so einen Unsinn keinen Kopf! Ich hab dich schon als Teeny gekannt und da warst du, naja... bei weitem..., also... ich kann einiges ab.

Menno! Dieser schuftige Schuft! Für ihn ist das natürlich wieder megalustig und überhaupt nicht nachvollziehbar, weil er ein Mann ist, aber ich habe wirklich ein Problem damit. Der menschliche Körper ist wirklich zu Erstaunlichem fähig, das heißt aber nicht, dass das auch auf mich zutrifft.

Gretchen (boxt dem grinsenden Frechdachs für diesen dummen Spruch in die Rippen): Ey! Mach mir bitte das Bild nicht kaputt, das ich von mir habe. Ich weiß nämlich aus gut unterrichteter Quelle, dass ich damals schon gar nicht so schlecht angekommen bin, wie du mir immer einreden wolltest.
Marc (grinst noch ein Stückchen breiter): Ach, war das so?
Gretchen (traut sich, den Provokateur wieder direkt anzusehen, senkt ihren Blick aber schnell wieder): Ja! Aber...
Marc (will ihr die Verlegenheit nehmen): Kein Aber!
Gretchen (beginnt wieder, die Schaumwolken um sich zu schichten, was Marc königlich amüsiert): Doch! Mein Körper ist halt jetzt anders und ich hab mich selber noch nicht richtig daran gewöhnt.
Marc (rudert schnell zurück, als er merkt, wie verletzlich sie plötzlich auf ihn wirkt): Hey, ich hab doch nur Spaß gemacht. Der soll nicht auf deine Kosten sein. Wirklich nicht.
Gretchen (immer noch unsicher): Ehrlich?

Ach Süße! Das scheue Reh ist echt sexy und zum Vernaschen, aber ich dachte, wir wären schon einmal weiter gewesen. Wo kommt das denn auf einmal her?

Marc (streicht ihr die feuchten Locken aus dem Gesicht, bevor er es mit beiden Händen festhält, um ihr tief in die Augen zu blicken): Hör auf, dich zu stressen, Haasenzahn! Erstens, ist das totale Verschwendung der Ressourcen, die du den Kindern und mir auf verschiedene Art und Weise zugutekommen lassen könntest. Und du hast das auch überhaupt nicht nötig, denn das, was ich hier im Schutze des Wassers fühlen kann, fühlt sich verdammt gut an.
Gretchen (kann nicht anders, als zu lächeln): Spinner!
Marc (funkelt sie mit gewohntem Meier-Charme an, während er die schöne Nixe fest mit seinen Armen umschlingt): Hey! Don’t hassel the Hoff! Was er sagt, ist Gesetz. Und zweitens, was nun mal neun Monate braucht, um drauf zu kommen, um unsere beiden Süßen zu schützen und ihnen ein angenehmes Heim zu bieten, braucht auch mindestens so lange, um wieder runterzukommen. Das ist ein natürlicher Prozess. Ich bin Mediziner. Ich kenn die Realitäten, daher verstehe ich absolut nicht, was du, Hassi, Gabi und Co. euch schon wieder für einen unnötigen Druck macht. Wieso lässt du dir das einreden? Die Dings... äh... Klum und Prinzessin Blabla von Soundso sind nicht die Norm. Definitiv nicht. Also bleib auf dem Teppich! Äh... dem Schaumteppich, wollte ich sagen.

Hach... Ist er nicht toll? Mein Prinz! Ich lieb ihn so. Und ja, er hat ja recht, aber Frauen neigen nun mal schnell zu Verunsicherungen aller Art gerade in der Hinsicht, was total bescheuert ist.

Gretchen (fühlt sich ehrlich geschmeichelt u. von ihm angebetet, aber ein Hauch von Verunsicherung bleibt): Und magst du mich auch noch, falls es nicht wieder weggeht? Du weißt doch, dass ich dazu neige. Auch schon als Kind und Teenager. Und ich hab mit der Schwangerschaft nun mal unfassbar viel zugenommen. Mehr als die Norm und was gesundheitlich verträglich ist. Ich traue mich gar nicht, mich auf die Waage zu stellen, um zu schauen, wie viel.
Deshalb hab ich das blöde Teil auch gut versteckt. In einer der Mülltonnen vorm Haus. Schon vor Monaten. Weil ich wusste, dass du sonst auf dumme Gedanken kommen würdest.
Marc (ist schon fast mit seinem Latein am Ende, als ihm noch ein letzter Versuch einfällt, um ihr die Unsicherheit zu nehmen): Haasenzahn, du hast die Wahl, entweder du hörst mit diesem unsinnigen Gegrübel auf, das dir die Werbeindustrie und unsere Mütter eingeredet haben, oder ich zeig dir hier und jetzt, wie doll ich dich und jeden Zentimeter von dir mag.
Gretchen (spürt an seinem feurigen Blick, wie ernst er es meint u. stemmt sich mit beiden Händen gegen seinen Oberkörper, der sich gerade über sie zu beugen versucht): Maaarc! Lilly und Mehdi sind nebenan.
Marc (verschlingt sie mit seinen gierigen Augen u. ist von seinem Vorhaben nicht abzubringen): Na und? Sie haben doch gesagt, sie sind auf eigene Gefahr hier. Also?
Gretchen (verglüht zunehmend unter seinen herausfordernden Blicken u. versucht schnell, abzulenken): Und was ist die andere Option?
Marc (hält seine Verführungsofferte noch drei Sekunden in der Schwebe, dann mildert sich sein Gesichtsausdruck, er schaut sich um u. schnappt sich die mit rosa Blüten bedruckte Shampooflasche von dem zum Badewannenregal umfunktionierten Fensterbrett): Dass ich dir jetzt wie versprochen die Haare waschen werde.
Gretchen (sein Manöver funktioniert u. sie schmilzt nur so dahin): Das ist so süß von dir, Marc.

Boah! Da opfert man sich einmal und was ist der Dank? Man wird zum Antihelden gekürt. Prima! Arschkarte deluxe. Hätte ich mal auf die erste Option beharren sollen.

Marc (funkelt Gretchen unmissverständlich an): Hey! Mein Name und das böse S-Wort in einem Satz, das ist gegen die Regel! Schreib dir das hinter deine ungewaschenen Ohren! Aber das ändern wir gleich. Und wehe! Was hier drin passiert, das bleibt auch hier drin im Badezimmer. Ich will mir nämlich nicht noch nen blöden Spruch von Mister Oberschlaumeier und seiner noch findigeren Miniaturversion anhören müssen.
Gretchen (grient ihn schockverliebt an, bis es ihn zunehmend nervt): Denkst du bitte auch an die Pflege? Meine Locken sind ganz spröde geworden und ohne Glanz. Sie brauchen dringend eine Kur.
Marc (rollt mit den Augen, weil er nur Bahnhof versteht): Ich gleich auch, wenn du nicht endlich aufhörst, zu quatschen.
Gretchen (bringt sich in Position u. wartet gespannt darauf, dass er endlich anfängt): Ich meine ja bloß.
Marc (fühlt sich in seinem Ego gekränkt u. will sich nun erst recht beweisen): Du denkst, ich kann das nicht. Aber pass bloß auf! Ich bin in allem der Beste, das hätte ich dir auch gerne auf andere Weise gezeigt, aber wir wollen die da draußen ja nicht gleich schocken. Unsere Testbabysitter haben wir schließlich nicht für mehrere Stunden gebucht und wir beide wissen, wie anstrengend unsere Kücken auf Dauer sein können. Das kann ich ihnen nicht antun, sonst zieht Mehdi noch sein Angebot zurück und ich würde schon noch irgendwann mal darauf zurückgreifen wollen. Unter anderem der anderen Option wegen.
Gretchen (empört sich direkt wieder): Maaarc!
Marc (lacht): Keine Panik! Ich hab dir oft genug dabei zugesehen. Ich kann das. Also, stillhalten jetzt! Sonst läuft dir die Lauge in die Augen und du siehst nachher wirklich noch wie ein echter Zombie aus. Wobei, hm...? Vielleicht verschreckt er die Drei und wir haben dann endlich wieder unsere Ruhe. Ist einen Versuch wert.
Gretchen (kann nicht anders, als ebenfalls zu lachen): Du bist so ein Blödmann, Marc Meier.

Das wollte dieser natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Marc wirkte sehr entschlossen, als er sich ohne große Umschweife ans Werk machte. Mit geübtem Griff betätigte er die Brause, um Gretchens Haarpracht noch einmal kurz anzufeuchten, und drückte dann einen ordentlichen Klecks Shampoo in seine Hände, um anschließend sanft ihre Kopfhaut zu massieren. Anfangs reagierte Marcs Freundin noch recht skeptisch auf sein Hilfsangebot, lehnte sich bald jedoch genießerisch zurück und ließ ihn einfach machen. Und ihr Angeberprinz stellte sich gar nicht mal so ungeschickt an, wie sie mit einem Lächeln bemerkte. Die Einunddreißigjährige entspannte sich zusehends unter seinen geschickten Chirurgenhänden, die genau wussten, was sie taten, und wäre das eine oder andere Mal sogar fast für einen Moment weggedöst, was wiederum auch ihm die nötige Leichtigkeit gab, dieses komplizierte Unternehmen professionell anzugehen. Schließlich waren Gretchens Haare nun wirklich nicht leicht zu handeln und hatten in der Vergangenheit schon zu dem einen oder anderen tränenreichen Wutausbruch der Ärztin geführt, den er abgekriegt hatte.

Nachdem er die erfrischend nach Sommerblumen duftende Shampoolösung ausgespült hatte, kam Schritt zwei der Pflegeprozedur an die Reihe und als er damit fertig geworden war und die Haarkur lange genug eingewirkt hatte, spülte er auch diese aus und wickelte zum Abschluss seiner erfolgreichen Hilfsfriseurprüfung vorsichtig ein flauschiges Frotteehandtuch um ihre nasse Lockenpracht, das er jedoch nur mit Hilfe seiner Freundin zum Halten brachte. Wohlig aufseufzend lehnte sich Gretchen anschließend an ihren Helden, der zufrieden grummelnd wieder weiter ins warme Wasser gerutscht war. Mit verklärtem Schlafzimmerblick guckte sie über ihre Schulter und spitzte als Dankschön ihre rosa glänzenden Lippen. Marc konnte dieser süßen Einladung natürlich nicht widerstehen und erwiderte Gretchens zarten Kuss, der in eine minutenlange liebevolle Knutscherei ausartete, während der die verliebte Chirurgin immer wieder schwärmerisch über Marcs glatt rasierte Wange streichelte. Schließlich lag das glückliche Paar Schulter an Schulter in der Wanne, ließ noch ein bisschen heißes Wasser nachlaufen und hielt sich verschmust in den Armen. Sie hätten noch ewig weiter genießerisch schweigend ihre Seelen baumeln lassen können, wenn die glückliche Neumama nicht noch etwas auf dem Herzen gehabt hätte, das sie unbedingt loswerden wollte.

Gretchen: Weißt du, was ich glaube, Marc?
Marc (neckt sie spielerisch): Dass ich meinen Job verfehlt habe?
Gretchen (kichert mädchenhaft u. streift über seine nackte Brust): Auch, ja. Ich bestehe nämlich darauf, dass ich diesen Service ab sofort immer bekomme.
Marc (fühlt sich herausgefordert): Hoho! Unbedingt, aber was kriege ich dafür?
Gretchen (überlegt gespielt angestrengt u. klimpert dann verführerisch mit ihren Wimpern): Hm? Ein Lächeln.
Marc (fängt direkt Feuer u. will verhandeln): Mehr!
Gretchen (freut sich diebisch, dass sie ihn an der Angel hat u. spielt das Spiel eine Runde mit): Willst du jetzt etwa mit mir feilschen, Herr Doktor? Okay, dann... Hm? Vielleicht setze ich auch noch einen Kuss oder zwei. Und du darfst sie anfassen, wenn ich sie trocken gefönt habe. Obwohl sie natürlich viel, viel schöner und flauschiger sind, wenn sie luftgetrocknet sind, aber das dauert, wie du weißt, immer ewig.
Marc (rückt ihren verrutschten Handtuchturban mit einem vielsagenden Lächeln zurecht): Wow! Ich bin ein echter Glückspilz.
Gretchen (jetzt neckt sie ihn wiederum): Dass dir das jetzt erst auffällt?
Marc (versucht, das freche Früchtchen zu kitzeln, aber Gretchen weiß sich zu wehren, indem sie nach seinen Händen schnappt u. sie festhält): Hey! Nicht frech werden, Fräulein! Ich hab mich hier gerade ziemlich aufgeopfert, obwohl ich auch fast durch bin. Mein Akkuzustand liegt nämlich im nicht mehr messbaren Bereich. Kann also sein, dass wir hier nicht wieder rauskommen.

Mein armer, armer Held! Was kann man dagegen nur tun? Oh! Ich weiß. Die rettende Medizin, das bin ich. Hihi!

Gretchen (nickt verständnisvoll u. schmiegt sich wieder verschmust in seine Arme): Was ich anfangs eigentlich sagen wollte, ich glaube, wir haben das bislang alles ganz gut hingekriegt. Oder?
Marc (blickt der Mutter seiner Kinder tief in die Augen u. lächelt leicht): Ich denke schon, ja.
Gretchen (verliert sich in seinen funkelnden dunkelgrünen Augen): Du machst das echt ganz, ganz toll und du bist mir wirklich eine große Unterstützung, Marc.
Marc (spürt plötzlich ein ungewohntes Gefühl der Verlegenheit in sich aufsteigen u. weicht ihrem durchdringenden Blick für einen kurzen Augenblick aus): Du musst das nicht sagen. Das ist selbstverständlich.
Gretchen (lenkt seinen Blick wieder auf sich, indem sie ihre Hand an seine Wange legt): Ich weiß, ich will aber.
Marc (lächelt u. kann nicht widerstehen, ihr einen hauchzarten Kuss auf die Lippen zu setzen): Es fühlt sich gut an, das zu hören. Und vor allem fühlt es sich gut an, mal nichts zu hören.
Gretchen (schmiegt ihr Gesicht kichernd an seinen Hals u. horcht plötzlich auf): Ich weiß, wie du das meinst. Es ist tatsächlich ungewöhnlich ruhig. Meinst du, sie kommen zurecht? Wir sind schon ziemlich lange hier drin. Vielleicht sollten wir...
Marc (übernimmt für sie das Sprechen u. hält ihre Hand): ...noch ne Runde chillen. Auf jeden! Wer weiß, wann wir das nächste Mal dazu kommen werden. Aber du kannst dir natürlich auch nachträglich noch ein Rezept von Mehdi ausstellen lassen, wenn du sicher gehen willst. Kann er vielleicht bei der KV abrechnen. Du weißt doch, wie klamm er ist. Und jetzt mit zwei Kindern in zwei herausfordernden Lebensphasen, noch dazu mit einer anspruchsvollen Freundin...
Gretchen (springt ihm vorwurfsvoll ins Wort): Marc!
Marc (lacht): Ja, was? Stimmt doch. Und wenn jemand mit unserer Rasselbande klar kommt, dann ja wohl er. Der blüht doch erst auf, wenn er sein ausgeprägtes Helfersyndrom ausleben kann. Ich vertraue ihm da blind.

Geht mir genauso. Mehdi ist die richtige Wahl als Patenonkel. Und Sabine als... Oje, Bine, die hab ich ja total vergessen.

Gretchen (grient ihn an, bis ihr plötzlich ganz anders wird): Das solltest du ihm mal sagen.
Marc (schüttelt den Kopf): Um sein Ego zu streicheln, hat er ja Gabi.
Gretchen (stupst ihn für den Spruch leicht an u. wirkt auf einmal sehr ernst): Wir dürfen das nicht noch mal soweit kommen lassen, Marc.
Marc (sieht sie an wie ein Postauto): Bitte? Jetzt erst willst du was unternehmen? Ey, damit hätten wir schon vor nem Jahr anfangen sollen, als er diesen Zirkus losgetreten hat. Jetzt ist es zu spät. Den Geist, den er rief, wird er nie wieder los. Ich weiß leider, wie sie klammern kann.
Gretchen (versteht nur Bahnhof): Marc, was redest du da eigentlich?
Marc (stutzt): Äh... Gabi loswerden, was sonst?
Gretchen (schüttelt verwirrt den Kopf u. klärt den Irrtum schnell auf): Quatsch! Ich meinte doch, dass wir uns hier viel zu lange in unsere Babyblase zurückgezogen haben. Wir haben unsere Freunde und unsere Familie vernachlässigt.
Marc: Letztere hat sich das selber zuzuschreiben.
Gretchen (holt tief Luft u. legt ihre Hand beschwichtigend über Marcs Herz): Trotz alledem. Marc, ich will sie teilhaben lassen. Ich will teilhaben. Mama und Elke haben sich bestimmt schon längst wieder eingekriegt. Ich vermisse Papa und Oli und sie uns. Und Sabine ist bestimmt auch enttäuscht, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich weiß überhaupt nicht, was mit Anton ist und was es Neues im EKH gibt. Maria redet bestimmt auch kein Wort mehr mit mir. Dabei will ich unbedingt wissen, wie es den Kleinen geht. Wir sollten uns unbedingt treffen. Gabi hab ich ja auch versprochen, dass wir unsere Erfahrungen als junge Mütter miteinander teilen. Ich will nicht, dass sie sich ausgeschlossen fühlt. Ich finde das nicht in Ordnung, dass sie zu spontanen Treffen wie heute nicht mitkommt. Sie ist Mehdis Freundin und Lennys Mama. Ich will sie alle mit einschließen.

Alle alle? Oh Gott! Als ich vorhin die Tür aufgerissen habe, hab ich nicht gedacht, dass ich damit gleich das Tor zur Hölle öffnen würde. Unser kleiner Kreis mit K ist doch schon das Höchste der Gefühle.

Marc (die Überforderung hinsichtlich Gretchens plötzlichem Aktionismus ist ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, aber er versucht, sich zu beherrschen): Okay, okay, du bist wieder im Heile-Welt-Modus angelangt. Ich hab verstanden.
Gretchen (ärgert sich ein bisschen, dass er es ins Lächerliche ziehen möchte, dabei meint sie es ernst): Das meine ich nicht, außerdem ist das schon immer Teil meines Naturells gewesen. Meine unverwechselbar gute Laune liegt an den Zwillingen und an dir. Ich meine, ich fühle mich bereit, für da draußen.
Marc (versucht, ihr langsam zu folgen): Ah ja!?! Ich bin aber dafür, dass wir erst einmal mit kleinen Schritten vorangehen. Den kleinen Schritten einer siebenjährigen Zehnjährigen zum Beispiel, wo sie schon mal da ist. Alles andere, das... sehen wir dann.
Gretchen (schaut ihn an, überlegt einen Augenblick u. nickt schließlich mit dem Kopf): Einverstanden! Aber wir sollten uns unbedingt noch ein Geburtstagsgeschenk überlegen.
Marc (kratzt sich verwirrt am Hinterkopf): Äh... Wir haben sie rein gelassen, sie darf die Zwerge hüten, ich dachte, das reicht Lilly.
Gretchen (seufzt): Marc, sie ist ein Kind. Natürlich wünscht sie sich mehr, als sie sagen würde. Sie will überrascht werden. Lilly soll sehen, wie gern wir sie haben und dass wir an sie denken, auch wenn wir mit den Kleinen jetzt nicht immer Zeit für sie haben werden. Also, überleg dir was! Was Tolles. Was Spannendes. Was Originelles.
Marc (schüttelt überfordert den Kopf u. starrt sie an): Sonst noch was?
Gretchen (grient ihn zuckersüß an, bevor sie ihm einen Hauch von Kuss auf die Lippen setzt): Nein, für den Moment wäre es das gewesen, Onkel Marc. Hihi!
Marc (fühlt sich ein kleinwenig überfahren, auch wenn ihr süßer Kuss herrlich prickelnd nachhallt): Na wunderbar, die Verschwörung geht weiter, so viel zum Thema Auszeit und Erholung.
Gretchen (taucht noch einmal in das sich allmählich abkühlende Wasser ab): Also ich fühle mich erholt. Du nicht, Marci?
Marc (schnappt sich die Hand der Provokateurin u. zieht sie wieder hoch): Vorsicht, Haasenzahn, überspitz es nicht! Nicht solange ich so gute Laune habe.
Gretchen (sieht ihn mit ihren himmelblauen Kulleraugen wieder etwas ernster an): Wir sollten wirklich langsam wieder... Ich vermisse Marlene und Marlon schon so dolle.
Marc (grinst u. schmilzt bei ihrem hinreißenden Anblick nur so dahin): Das ist ein Argument, mit dem ich gerne mitgehe. Komm, ich helf dir raus, du Schaumprinzessin.
Gretchen (schmachtet ihrem charmanten Prinzen hinterher, als er aufsteht): Danke!

Mit einem gekonnten Sprung war Gretchens Lebensgefährte aus der Nasszelle gehüpft, hatte sich geschwind ein trockenes Handtuch von der Heizung geschnappt und es sich locker um die Hüften geschwungen und hatte dann beherzt nach dem rosa Bademantel gegriffen, welcher anziehbereit am Haken an der Tür gehangen hatte. Wie ein galanter Prinz aus einem ihrer Lieblingsmärchen half Marc seiner holden Angebeteten aus der Badewanne, umwickelte sie mit dem flauschigen Stück Stoff und trocknete sie sanft damit ab. Gretchen war so gerührt von seinem Bemühen, dass sie sich mit viel zu viel Schwung zu ihm umdrehte, um ihn küssen zu wollen. Dabei kam es jedoch, wie es kommen musste, die Haassche Tollpatschigkeit nahm prompt wieder überhand. Denn sie rutschte auf dem glitschigen Badezimmerfußboden aus, drehte sich noch einmal um eine halbe Umdrehung, verlor dabei den Bademantel, der nur locker um ihre Schultern gelegt worden war, und wäre fast mit ihrem Popo zuerst darauf gelandet, wenn der Held ihrer Tagebucheinträge nicht geistesgegenwärtig reagiert und sie gerade noch rechtzeitig aufgefangen hätte. Und so schwebte Prinzessin Ungeschickt plötzlich nur Millimeter über dem schaumgetränkten Boden in Marcs Armen, guckte ziemlich bedröppelt zu ihrem Retter ohne Rüstung hoch und man konnte im Sekundentakt beobachten, wie ihr Gesicht einmal komplett die Farbpalette im rosaroten Bereich durchging.

Marc nahm seine Heldentat im Gegensatz zu ihr mit Humor. Er stellte sicher, dass Gretchen wieder festen Bodenkontakt aufgenommen hatte und wickelte seine ungeschickte Freundin, die vor Kälte oder aus Schock zitterte wie Espenlaub, schnell wieder in ihren flauschigen Mantel, sorgte dafür, dass die Arme in die entsprechenden Ärmel schlüpften und verknotete den schweinchenrosafarbenen Bademantel anschließend mit dem dazugehörigen Gürtel, bevor die nicht ganz so jugendfreien Gedanken, die ihm bei ihrem bezaubernden Anblick in den Sinn gekommen waren, noch mit ihm durchgegangen wären.

Marc: Tja, wenn du immer noch Sorge hast, du würdest nach der Geburt nicht wieder die Alte werden, das hier eben war der Gegenbeweis.
Gretchen (schmollt u. setzt sich sicherheitshalber auf den Badewannenrand, weil sich ihre Beine noch immer wie Wackelpudding anfühlen): Sehr witzig, Marc.
Marc: Siehst du etwa, dass ich lache?

Marc hatte sich vor sie hingehockt und blickte seiner Schmollprinzessin intensiv in die wild schimmernden Augen. Gretchen hielt seinem Gänsehaut auslösenden Blick kaum stand. Sie schüttelte verlegen den Kopf, schmiegte sich an ihn und begann dann plötzlich selber aus vollem Herzen zu lachen, bis ihr die Tränen über die Wange liefen, die von Marc liebevoll weggeküsst wurden.

Marc: Na also, da ist sie wieder, mein bezaubernder Haasenzahn.
Gretchen (schaut ihren Helden sichtlich gerührt an): Danke!
Marc (schmunzelt): Allzeit bereit, weißte ja.
Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Wehe, du meinst das jetzt zweideutig!
Marc (kann nicht widerstehen, sie mit einem bedeutungsvollen Augenzwinkern hochzunehmen): Du kennst mich doch.
Gretchen (blickt aufgewühlt zwischen seinen sie herausfordernd anfunkelnden Augen hin u. her): Ja, eben.
Marc (belässt es bei der kleinen Andeutung u. klatscht lachend in die Hände, bevor er aufspringt): Hopp! Genug geschmachtet und geträumt! Haare fönen und anziehen, aber pronto! Wir sollten Mehdi endlich da draußen ablösen. Der tönt zwar große Sprüche, wenn der Tag lang ist, aber in Wirklichkeit kommt der doch auch nur geradeso über die Runden so wie wir. Noch mehr Chaos können wir nun wirklich nicht gebrauchen. Das würde unsere nicht vorhandene Ordnung durcheinander bringen und wir haben schließlich viel investiert, damit es so hingeworfen aussieht.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. folgt dem Quatschkopf auf wackeligen Füßen zum Badezimmerspiegel, um sich nun um ihre langen lockigen Haare zu kümmern, wobei sie von ihrem Freund intensiv beobachtet wird): Spinner!

Lorelei Offline

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02.12.2018 13:22
#1636 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dass dem überhaupt nicht so war, sollte sich jedoch schon recht bald herausstellen, als Gretchen und Marc nur wenig später frisch erholt und umgezogen Hand in Hand zurück in ihr gemeinsames Wohnzimmer schlenderten, das zu ihrer großen Überraschung innerhalb der vergangenen sechsundsiebzig Minuten einmal komplett von oben bis unten und von links nach rechts gedreht worden war. Denn entgegen Marcs Annahme, die bei dem frischgebackenen zweifachen Papa und weltbesten Chirurgen ein besonders gutes und vor allem schadenfrohes Gefühl hinterlassen hatte, hatten Mehdi und Lilly nicht noch mehr Unordnung in der Casa Meier-Haase angerichtet. Ganz im Gegenteil. Sie schienen alles im Griff gehabt zu haben und das nicht nur, weil jeder von beiden jeweils einen der sehr aufgeweckt wirkenden Zwillinge auf dem Arm schaukelte, während der Dritte im Bunde, Lenny, aus seiner Pole Position im Stubenwagen seiner Freunde fröhlich zuschaute, den die Kaans extra an den gedeckten Esstisch herangeschoben hatten.

Ja, nicht nur, dass der große Familientisch vorm Panoramafenster für ein verspätetes Kaffeekränzchen mit leckerem Kuchen eingedeckt war, nein, überall glänzte und funkelte es in der Wohnung. Das seit Tagen aufgetürmte Geschirr war in die Spülmaschine geräumt worden und die Wäscheberge waren auf kleinen Füßen in die Waschmaschine gewandert, welche nun beide in der hintersten Ecke der Küche leise vor sich hin arbeiteten, und auch das Bilderbuchchaos vor und auf der Wohnzimmercouch hatte sich wie von Geisterhand gelüftet. Marc und Gretchen fielen gleichzeitig die Kinnladen herunter, als sie sich irritiert in ihren eigenen vier Wänden umschauten, und sie hätten sie auf den ersten Blick fast nicht wiedererkannt, wenn sich die fleißigen Heinzelkaanchen nicht aufmerksamkeitswirksam mit den Zwillingskindern vor sie hingestellt hätten und sie unter dem unverständlichen Gegluckse von Baby Lenny angrienen würden, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Aber das konnten sie sehr wohl!

Marc (klammert sich sichtlich sprachlos an die Hand seiner mindestens ebenso verdutzten Freundin): Was zum Geier...?
Lilly (jubelt fröhlich u. winkt mit dem Ärmchen von Baby Marlene, das sie verschmust an sich gedrückt hält): Überraschung!
Marc (nimmt ihr das Kind, das ihn mit großen Augen anglüht, vorsichtig ab u. drückt es liebevoll an sich, während er sich noch mal umschaut, um sicher zu gehen, dass er nicht einer Sinnestäuschung erlegen ist): Das ist die Untertreibung des Jahres.
Gretchen (kann es ebenfalls nicht fassen u. blickt sichtlich überwältigt von Lilly zu Mehdi, der ihr schmunzelnd Marlon in die Arme reicht, den sie sofort herzt u. busselt): Die Heinzelmännchen waren da. Schau nur, mein Schatz! Das ist ja der Wahnsinn.
Marc (nuschelt kleinlaut in seinen nicht vorhandenen Dreitagebart, während er Marlene an seine Wange schmiegt u. diese zarte Berührung sichtlich genießt): Das ist einer der wenigen Momente, in denen ich deine scharfsinnige Diagnose unterstreichen würde. Ihr habt sie doch echt nicht mehr alle.
Mehdi (legt seiner besten Freundin sanft eine Hand auf die Schulter u. bittet sie u. Marc gestenreich zu Tisch): Könnte man so sagen. Gern geschehen!
Marc (schüttelt fassungslos immer wieder den Kopf u. fühlt seine Papa- u. Hausmannehre angekratzt): Alter Angeber!
Gretchen: Maaarc!

...tadelte Gretchen ihren nörgelnden Freund, bevor dieser sein Meiersches Sprüchewörterbuch noch weiter aufschlagen konnte, packte ihn am Arm und zog ihn mit zum Tisch, wo sie zwischen Mehdi und Lilly Platz nahmen, die sich inzwischen ihren kleinen Bruder auf den Schoß gesetzt hatte, damit dieser ebenso wie die Zwillinge den besten Blick auf die Kaansche Kuchenauswahl genießen konnte, welche vor allem Gretchen und ihren knurrenden Magen überzeugte.

Gretchen (von ihren Emotionen sichtlich überwältigt): Ihr seid verrückt. Mensch, ihr seid zu Besuch hier. Wir sollten uns um euch kümmern und nicht umgekehrt. Das geht doch nicht, dass ihr uns hier den Haushalt schmeißt. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, Mehdi.
Mehdi (ignoriert lächelnd Marcs genervtes Augenrollen): Doch! Für unsere liebsten Freunde nur das Beste.
Ich reihere gleich im Strahl, wenn der nicht endlich mit der Schleimtour aufhört. Wem will er eigentlich was beweisen? Den Superdaddystatus klaut dir schon keiner, Alter. Also, vorerst.
Lilly (knuddelt ausgiebig mit ihrem Bruder, der ihr dafür ein hinreißendes Lächeln schenkt, das sie entzückt aufquieken lässt): Genau! Hihi! Hey, du!
Gretchen (fasst sich zusammen mit der kleinen Hand ihres strampelnden Sohnes gerührt an ihr Herz u. ist schon wieder sehr nah am Wasser gebaut): Ihr habt wirklich gezaubert. Danke! Das sieht toll aus.
Lilly (lehnt sich schmunzelnd mit Lenny an Gretchens u. Marlons Seite): Nein, Oma hat gezaubert. Mit Papas Hilfe. Das ist alles von meinem Geburtstag übrig geblieben. Greift ruhig zu! Es ist noch genug da.
Gretchen (grinst das aufgeweckte Mädchen neben sich unentwegt an u. lässt sich von ihr umständlich ein reichlich verziertes Stück Erdbeersahnetorte reichen, das natürlich mit der Kopfseite zuerst auf den Teller plumpst): Unbedingt! Ich hab nämlich einen Bärenhunger.
Lilly (fühlt sich sichtlich wohl als Gastgeberin u. Babybespaßerin u. belädt nun auch ihren eigenen Teller mit einem leckeren, mit bunten Smarties dekorierten Stück Marmorkuchen): Super!
Marc (bekommt, nachdem er Lilly ausgiebig neben sich beobachtet hat, plötzlich einen Geistesblitz u. springt unvermittelt vom Tisch auf): Apropos, da fällt mir gerade noch was ein.
Mehdi (will gerade nach der Kaffeekanne greifen, als er unsanft unterbrochen wird): Äh... Marc?

Mehdi blickte seinem Kumpel verwundert hinterher, nachdem dieser ihm gerade überstürzt seine sechs Wochen alte Patentochter in die Arme gedrückt hatte. Sämtliche Tischgäste, inklusive der Babys, schauten gespannt den Flur hinunter und staunten nicht schlecht, als Marc nur zwei Minuten später mit seiner Gitarre in der Hand zurück ins Wohnzimmer marschiert kam und der perplexen Zehnjährigen das Instrument unkommentiert einfach in die Hand drückte und sich dann, als wäre überhaupt nichts gewesen, wieder neben Gretchen auf den Stuhl setzte und sich auf dreiste Weise das noch unangetastete Tortenstück seiner Freundin auf seinen Teller lud, um es sich im nächsten Moment selber genüsslich in die Futterluke zu schieben. Gretchen war so perplex, dass sie erst gar nicht mitbekommen hatte, wie ihr der Kuchen geklaut wurde. Und die anderen schauten ebenso irritiert auf den sehr hungrigen Chirurgen, der sich betont gleichgültig gab, nachdem er das ekelhaft süße rosarote Tortenstück hastig hinuntergeschlungen hatte.

Gretchen: Ähm... Marc?
Marc (sieht dann doch kurz von seinem Teller auf, versucht aber, die verwunderten Blicke zu ignorieren, die ihn von allen Seiten einkesseln): Ja, was? Du wolltest doch, dass ich ihr noch was zum Zehnjährigen schenke. Stichwort ‚originell’.
Gretchen (macht extragroße Augen, als sie begreift, was er vorhat, u. guckt verblüfft zu Lilly rüber, die mit einer Hand vorsichtig über die Saiten der am Tisch lehnenden Gitarre streift): Aber...?
Lilly (wirkt ein bisschen überfordert, als sie zwischen Gretchen u. Marc hibbelig hin u. her schaut, der ihr ermutigend zuzwinkert): Du schenkst mir deine Gitarre? Echt?
Mehdi (ist ehrlich baff u. weiß nicht, was er dazu sagen soll): Marc, das... das ist zu viel. Das musst du nicht. Wir haben doch gesagt, dass...
Marc (wirkt langsam ein bisschen genervt, weil seine grenzgeniale Idee nicht zündet, u. lässt Mehdi gar nicht erst ausreden): Wer redet denn hier von müssen? Wollen!
Lilly (stimmt ihrem Papa zu u. widmet sich wieder ihrem Bruder, der wild mit seinen kleinen Beinchen strampelt u. um Aufmerksamkeit ringt): Das kann ich nicht annehmen, Onkel Marc. Ich freue mich doch schon, dass ich heute überhaupt hier sein darf. Mit Leni und Marlon und meinem kleinen Schatz hier.
Marc (schiebt sich hastig noch ein Stück Torte in den Mund u. blickt dann verwundert zur Seite): Kannst du wohl! Jedes Kind, das spielen kann und sich einigermaßen motiviert fühlt, sollte dafür auch ein ordentliches Instrument in der Hand haben und nicht diese unsägliche Kinderklampfenleihgabe aus der Musikschule, die von talentlosen Helikopterelternkids schon längst kaputt gezupft wurde. Das Teil geht echt gar nicht. Hat man ja beim Schulanfang der Kröte gemerkt. Kein Wunder, dass ihr da nichts Richtiges lernt.

Marc Meier, du ignoranter Mistkerl, du überraschst mich immer mehr. Was sechs Wochen Hochgefühl so mit einem machen können, faszinierend.

Mehdi (ist einmal mehr beeindruckt vom plötzlichen Engagement seines besten Freundes u. lehnt sich mit Marcs Tochter auf seinem Stuhl zurück): Marc, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Marc (verdreht genervt die Augen, beobachtet noch einen Moment, wie Mehdi die kleine Marlene betüddelt u. übernimmt sie dann wieder von ihm): Das ist auch gut so. Dann sind wir jetzt hoffentlich für die letzten Jahre quitt, Alter.
Mehdi (schmunzelt u. prägt sich das entzückende Bild vom glücklichen Vater mit seiner Tochter ein, die, sobald sie ihn spürt, direkt an Marcs Brust einschläft): Ach, so ist das?
Gretchen (schmust mit ihrem kleinen Sohn u. ist einmal mehr hingerissen von Marlons Papa): Das ist so süß von dir, Marc.
Marc (will kein großes Ding daraus machen u. funkelt sie von der Seite unmissverständlich an): Haasenzahn!

Und er ist doch süß! Megasuperduperdupisüß! Er hat sich echt Gedanken gemacht. Dass er sich tatsächlich von seiner Gitarre trennen würde. Wow! Die hat doch damals schon so toll zu seiner schwarzen Lederjacke und den verwuschelten Haaren gepasst. Hach... David Hasselhoff in jung. Und jetzt gibt er sie weg. Dabei hat er noch nie so richtig nur für mich gespielt. Sondern immer nur für die doofen Puten aus der Oberstufe, die sich beim Überlebenstraining in der Natur nicht mal einen Tag lang selbst versorgen konnten und mit ihren hohen Hacken und kurzen Röcken und ihrem dämlichen Gekicher total fehl am Platz gewesen waren. Im Gegensatz zu Marc, der wusste, wie man ein Feuer entfacht. Ein Feuer im Herzen. Hihi!

Gretchen (schwärmerisch): Die hattest du doch schon, als wir bei den Pfadfindern am Lagerfeuer gesessen haben.
Mehdi (grinst verschmitzt u. gönnt sich zur Feier des Tages auch noch ein Stück persisches Gebäck): Seine Aufrissmasche, verstehe. Aber ich hätte auch nicht gedacht, dass ausgerechnet der Meier mal bei den Pfadfindern gewesen sein soll. Obwohl, geschickt ist er ja, sowohl im OP, als auch an der Klampfe und mit den Kleinen sowieso, soweit ich das einordnen kann, was ich hier bislang gesehen habe.

Das war die grandiose Idee meines Direx nach ausgiebiger Konspiration und Was-weiß-ich-noch mit meiner Mutter, die meine unerklärten Fehlstunden in der Schule mit dem Aufbau von irgendwelchen bescheuerten sozialen Kompetenzen im dämlichen Feriencamp kompensieren wollte. Verschwendete Lebenszeit, aber so was von, aber meine Versetzung war gesichert und die Campgirls waren heiß. Vor allem die Kehrseite von Berlins tollpatschigster Schülerin, die, warum auch immer, einem verletzten Igel, oder war es ein Stinktier, Waschbär, Berliner Bär, hinterher gerobbt ist und dabei dummerweise im einzigen Kanalrohr weit und breit stecken geblieben ist und uns alle mit der Suche nach ihr eine Nacht am Lagerfeuer gekostet hat. War übrigens meine Idee, so zu tun, als säße eine riesige Spinne in ihrem von Dreck und Laub verfilzten Haar. Wer weiß, vielleicht war da sogar wirklich eine. Wir konnten jedenfalls gar nicht so schnell gucken, so schnell war sie wieder draußen. Hab Haasenzahn nie wieder so schnell flitzen sehen. Und von ihrem panischen Gekreische hatte ich eine Woche lang Tinnitus. Ich glaube, der Wald hat sich bis heute nicht von ihrem grandiosen Auftritt erholt, weil sie mit ihrem markerschütternden Schrei auch sämtliche Wildtiere für immer vergrault hatte.

Marc (guckt leicht angesäuert zu seinem spöttelnden Freund): Kunstbanause. Das kann auch nur ein Waldorfschüler sagen. Aber besser Gitarre spielen, als seinen Namen tanzen und nur Blätter fressen können. Damit kommt man auf jeden Fall an äh... weiter. Eine richtige Gitarre muss nämlich auch eine Geschichte haben.
Lilly (guckt neugierig zu ihrem Patenonkel rüber): Welche denn?
Marc (räuspert sich, nachdem Gretchen u. Mehdi ihn jeweils warnend gegen die Schienbeine getreten haben): Die... aua... musst du erst selber finden.
Lilly (lässt nicht locker u. beguckt sich immer wieder das Instrument zu ihrer Linken): Hat das was mit den nackten Frauen zu tun, die hier drauf kleben?

Scheiße! Die Playboybunnyaufkleber hätte ich vielleicht noch vorher abfriemeln sollen.

Marc (windet sich ertappt u. versucht, mit den Fingern an den abgegriffenen Aufklebern herumzukratzen): Ääähhh... Die... kannste überkleben, wenn’s sein muss. Aber kein Glitzerkram, ja! Eine Gitarre muss schließlich cool aussehen.
Mehdi (amüsiert sich gerade königlich über das verdutzte Gesicht seines besten Freundes): Geradeso herausgewunden, mein Freund.
Marc (funkelt ihn beleidigt von der Seite an, wird aber von seiner Tochter abgelenkt, die ihm gerade im Halbschlaf genüsslich auf sein frisch angezogenes T-Shirt sabbert): Hm... witzig! Na prima, das findest du anscheinend auch, Lenchen. Auch das noch. Das war dann mein letztes sauberes Kleidungsstück. Werd ich wohl den Rest der Woche oben ohne rumlaufen müssen.
Gretchen (kann sich ihr Schmunzeln auch nicht verkneifen): Och, ich hätte nichts dagegen.
Marc (grinst schelmisch zurück u. widmet sich dann wieder seinem Problem): Sowieso.
Lilly (beobachtet kichernd, wie sich Marc unbeholfen mit einer Serviette abmüht, den Fleck wegzuwischen, u. lässt sich von ihrem Papa Lenny abnehmen, weil sie nun unbedingt zur Gitarre greifen möchte): Darf ich die wirklich behalten, Onkel Marc? Das wäre echt super. Ich hab mir schon immer eine eigene Gitarre gewünscht.
Mehdi (neckt sie schmunzelnd u. ist hingerissen von ihrer kindlichen Freude): Immer?
Lilly (grient ihren Papa zuckersüß an, bevor sie wieder gespannt auf Marc blickt): Fast immer. Hihi! Aber was ist denn, wenn du auch mal spielen möchtest, Onkel Marc? Willst du den Zwillingen denn nicht mal was vorspielen? Also mein Bruder steht da voll drauf.
Gretchen (übernimmt für Marc das Sprechen, der immer noch mit seinem voll gesabberten T-Shirt u. mit Grummeln beschäftigt ist): Ich glaube, sie sind noch nicht so musikalisch, Lilly.
Mehdi (ahnt, worauf das hinausläuft u. kann nicht widerstehen, seinen Kumpel zu necken): Vielleicht mögen sie einfach kein Metallica oder ACDC in Konzertlautstärke.
Gretchen (kichert): Das ist auch so eine Theorie, die ich...
Marc (sein Kopf schießt sofort hoch, als er den gesammelten Spott bemerkt, ebenso wie sein drohender Zeigefinger): Vorsicht! Darauf sind sie während deiner Schwangerschaft immer voll abgefahren. Mozart kann ja jeder und gebracht hat der auch noch niemandem was.
Gretchen (grient ihn vergnügt von der Seite an): Ach? Hat deine Mutter neulich nicht gemeint, sie hätte während ihrer Schwangerschaft ausschließlich Klassik gehört?
Marc (funkelt sie entnervt an u. schmeißt die Serviette auf den Tisch): Und, hörst du mich etwa den ganzen Tag Klassik spielen?
Lilly (will beherzt loslegen u. positioniert bereits die Gitarre auf ihrem Schoß): Soll ich es mal versuchen? Ich glaube, einen Song hab ich noch drauf. Der ging doch, glaub ich, warte, so!

Was? NEIIIN!!! Das geht nicht gut. Das hab ich letzte Woche schon probiert. Seitdem schlafen wir alle vier mittelmäßig schlecht.

Marc (schnappt sich, während er Marlene balanciert, schnell das Instrument, bevor Lilly in die Saiten hauen kann): NEIN! Nicht! Das würde nur ihre Stimmbänder strapazieren. Siehst du? Sie sind gerade extrem relaxed. Das sollten wir nicht ähm... unnötig unterbinden, wenn sie schon mal dabei sind. Äh... Moment! Waren sie etwa die ganze Zeit so?
Mehdi (schmunzelt u. zwinkert Lilly bedeutungsvoll zu): Ja, die absoluten Vorzeigekinder, aber wir haben bei eurem Nachwuchs auch nichts anderes erwartet.
Marc (lehnt die Gitarre gegen das Sofa hinter sich u. schaut nachdenklich von Marlene zu Marlon, der an Gretchens Brust mittlerweile ebenfalls eingedöst ist): Irgendwas machen wir falsch.
Gretchen (streicht ihrem schlummernden Sohn liebevoll über das Köpfchen, was ein zufriedenes Glucksen bewirkt, das Gretchen tief im Herzen rührt): Machen wir nicht, Marc.
Mehdi (genießt das Bild, das die stolzen Eltern abgeben): Denke ich auch nicht. Ihr meistert das hervorragend. Habt Vertrauen in euch!
Gretchen (fühlt sich wohl, das zu hören u. blickt ihren besten Freund u. Vertrauten lächelnd von der Seite an): Echt?
Lilly (schiebt ihren Stuhl neben ihren u. schmiegt sich an Gretchens u. Marlons Seite): Ja!
Marc (holt mit dem Arm aus u. tippt der kleinen Prinzessin sanft mit der Fingerkuppe auf die Nasenspitze): Von dir Profi nehmen wir das gerne an.
Lilly (kichert u. wechselt die Seiten, um sich nun an Marc u. Marlene zu schmiegen): Und ich nehme die Gitarre gerne an. Aber nur geliehen. Bis du sie mal brauchst. Elvis funktioniert als Schlaflied total gut. Das müsst ihr mal probieren. Und du musst dazu singen.
Marc (verdreht die Augen, weil er sich von einer Zehnjährigen belehren lässt, u. guckt vielsagend zu Mehdi rüber): Gut zu wissen.
Mehdi (blickt megastolz zu seiner Tochter): Das ist doch ein Deal?

Boah! Solche Langweiler! Es ist echt nicht auszuhalten. Bescheiden ohne Ende. Man könnte euch das letzte Hemd klauen und ihr würdet noch die Unterhose hinterher schmeißen.

Marc (seufzt u. blickt von Gretchen zu Mehdi, der ihm bedeutungsvoll zuzwinkert, bevor er sich wieder Lenny widmet, der auch dazu neigt, seinen beiden Freunden ins Schlummerland folgen zu wollen): Prinzessin Lillyfee, jetzt sei nicht immer so schrecklich bescheiden! Nimm dir auch mal das, was dir zusteht! Sie ist deine. Keine Widerrede! Pimp sie mit Glitzer und Einhörnern oder was gerade angesagt ist! Bei uns würde sie eh nur in der Ecke herumstehen und einstauben. Noch bist du motiviert, also sollst du auch darauf spielen. Gitarren sind dazu da, bespielt zu werden.
Lilly (kippelt mit ihrem Stuhl nach hinten, um die Gitarre zu greifen): Darf ich?
Marc (kann mit seinem freien Arm gerade noch so verhindern, dass sie mitsamt dem Stuhl nach hinten umkippt): Ich meinte nicht hier. Auf keinen Fall hier!
Lilly (klammert sich an seinen Arm u. ist froh, dass er sie gehalten hat): Okidoki, Onkel Marc, ich hab doch nur einen Witz gemacht.
Marc (guckt wissend zu ihr runter u. ist plötzlich irritiert, weil sie ihm nahezu hypnotisch ins Gesicht starrt): Hat man gerade gemerkt. Äh... Wieso glotzt du mich so an? Hab ich noch irgendwo Spucke von Marlene kleben?
Lilly (stützt ihren Ellenbogen auf die Stuhllehne u. macht auf Denkerinnenpose): Also, ich weiß nicht. Ich glaube, ich fand es doch cooler mit Bart.
Marc: Bitte?

Na warte, du! Nicht mit Dr. Meier! Die Rache ist mein. Jetzt hat es sich ausgeprinzessint.

Marc glaubte, sich verhört zu haben und schaute dementsprechend ziemlich bedröppelt aus der Wäsche, als seine Hand instinktiv über sein glatt rasiertes Kinn wanderte, das sich eigentlich ziemlich gut anfühlte so ohne kratzigen und mit ersten grauen Härchen durchsetzten Sechs-Wochen-Bart. Doch dann bemerkte er Lillys freches Gekicher direkt vor seiner Nase, welches gleich noch zwei weitere noch frechere Nachahmer gefunden hatte. Das Zeichen für Dr. Meier, sich endlich für die unverschämten Dreistigkeiten des Tages zu revanchieren. Ohne seine Miene zu verziehen, zog er mit stoischer Ruhe den Stubenwagen der Zwillinge zu sich heran, bettete vorsichtig seine kleine Tochter darin, gab der Zappeline einen sanften Kuss auf die Wange und sprang danach in einer leichten Drehbewegung unversehens von seinem Stuhl auf. Er wollte sich nämlich den Überraschungsmoment zunutze machen und den zehnjährigen Frechdachs auf der Stelle schnappen, aber Lilly Schlaumeier hatte ihren Patenonkel längst durchschaut und war flink noch vor ihm losgeflitzt. Und so startete eine lustige Verfolgungsjagd erst mehrere Runden um den Esstisch herum, dann durch das halbe Penthaus, bis die beiden Hitzköpfe irgendwann im abgestorbenen Sonnenblumenfeld auf der Dachterrasse landeten. Hinter Gretchens mit einer dunkelblauen Plane zugedeckten Strandkorb hatte er Lilly endlich erwischt und schleppte die wild zappelnde und krakeelende Maus nun kopfüber zurück in die warme Wohnung.

Alles unter den wachsamen Augen von Gretchen und Mehdi, die mit ihren schlafenden Babys im Arm mittlerweile die Location gewechselt und einen besseren Beobachtungsposten für dieses ganz besondere Schauspiel auf den Fenster zugewandten Wohnzimmersesseln gefunden hatten. Unter den schmunzelnden Blicken der beiden dicken Freunde lud der Triumphator die kecke Göre schließlich der Länge nach auf der gegenüberliegenden Couchlandschaft ab und schickte ihr noch eine letzte unmissverständliche Meiersche Botschaft mit auf den Weg, indem er sie ordentlich durchkitzelte. Lilly hatte schon Bauchweh vor lauter Lachen, aber so leicht aufgeben wollte sie nicht und wehrte sich dementsprechend. Aber irgendwann fand auch der größte Spaß sein Ende. Die Gemüter beruhigten sich, Marc kuschelte mit seinem plötzlich ganz lammfrommen Patenkind auf dem Sofa, die Zwillinge mit Lenny Kaan im Stubenwagen, in dem doch überraschenderweise Platz für drei war, und es wurde schließlich langsam Zeit, wieder aufzubrechen, wie ein neugieriger Blick von Mehdi auf die Uhrzeit auf seinem Smartphone verriet, welches schnell den Weg zurück in die Seitentasche seines Rucksacks fand, den er schon packfertig neben den Sessel gestellt hatte.

Mehdi: Lillybärchen, es wird wirklich Zeit.
Lilly (will sich noch nicht von ihrem Lieblingsonkel trennen, den sie nun extra fest umklammert hält): Oooch, jetzt schon?
Mehdi (auch wenn er gerne noch länger bei seinen Freunden bleiben wollen würde, lässt er sich von Lillys hinreißender Schmollschnute nicht erweichen): Naja, wir hatten ausgemacht, dass wir nach Hause kommen, bevor es dunkel wird.
Marc (schlingt seine Arme um sein Patenkind u. spöttelt in Mehdis Richtung): Immer noch Schiss vor finsteren Ecken?
Gretchen (ist kurz im Sessel weggenickt u. richtet sich nun empört wieder auf): Marc!
Marc (merkt, dass er einen Fehler gemacht hat u. rudert hastig zurück): Okay, ja, der war schlecht.

Kann ja keiner ahnen, dass er noch an dem blöden Überfall zu knabbern hat. Das ist ewig her, na gut, ja, so lange nun auch wieder nicht, aber die hirnlosen Arschlöcher sind doch auch geschnappt und im Schnellverfahren weggeurteilt worden. Du warst in der Presse, euer Team in der Sozialstation hat neue Unterstützer gefunden, damit das mit deiner Superdaddyzeit auch da funzt, die Babybauchparade vorm Reichstag war das Highlight im Berliner Kalender dieses Jahr und ein Bundesverdienstkreuz gibt’s wahrscheinlich auch noch obendrauf für besonderes soziales Engagement. Blablabla. Also, stay relaxed, alter Mann! Die Kiddies können’s doch auch.

Mehdi (hebt beschwichtigend die Hand u. hockt sich vor Lilly hin): Nein, alles gut, es war nur ein langer Tag für deinen Bruder, Lilly. Und du hast doch heute auch noch was vor. Oder hast du das etwa vergessen?
Lilly (springt wie angeknipst vom Sofa auf): Okay! Schade! Aber wir kommen bald, bald wieder. Versprochen!
Gretchen (zieht die süße Maus in eine dicke Abschiedsumarmung u. beobachtet hinter ihr, wie Mehdi Lenny vorsichtig aus dem Stubenwagen hebt u. für draußen vorbereitet): Auf jeden Fall, meine Süße. Da freuen wir uns. Eigentlich wollten wir mit den Zwillingen auch noch mal raus an die frische Luft, aber wenn es schon so spät ist, dann reicht vielleicht auch eine kleine Runde auf der Dachterrasse.
Marc (überlegt einen Moment u. rappelt sich dann auch langsam auf): Kein Ding, Haasenzahn, Meier übernimmt. Die Zwerge und ich bringen euch zur Haltestelle.
Mehdi (ist ehrlich beeindruckt): Oh! Das nenne ich mal Service. Womit haben wir das denn verdient?
Marc (verdreht genervt die Augen): Ja, ja, krieg dich wieder ein, Alter! Ich verbinde nur das Nützliche mit dem äh... Unnützen.
Gretchen (stupst dem frechen Sprücheklopfer mäkelnd in die Seite u. schaut dann augenrollend zu den Kaans): Ihr wisst, wie es gemeint ist.
Lilly (nickt im gleichen Rhythmus wie ihr Papa mit dem Kopf u. hüpft aufgeregt vor dem Korbwagen der Zwillinge auf u. ab): Darf ich dann den Kinderwagen schieben? Oh, bitte, bitte, bitte, Onkel Marc! Darauf freue ich mich schon so lange.

Warum immer ich? Da ist man einmal nett und zuvorkommend, denkt mit, reicht den kleinen Finger und wird gleich mit dem ganzen Arm mitgezogen. Vielleicht sollte ich mir das mit dem Onkelsein doch noch mal überlegen. Bin da irgendwie viel zu schnell reingerutscht.

Marc (lässt demonstrativ den Kopf hängen u. hadert mit seinem Vorschlag): Den müssten wir erst bei meinen Eltern unten abholen. Der ist in der Einliegerwohnung meines Dads zwischengeparkt, weil die doofe Karre nicht in den Scheißaufzug passt.
Mehdi (jetzt zieht er ihn wiederum auf): Schiss vor finsteren Ecken, Dr. Meier?
Marc (bohrt seinen Finger tief in Mehdis gut gepolsterten Oberbauch u. marschiert dann eingeschnappt an ihm vorbei zur Garderobe vor): Arsch! Seht zu, dass ihr endlich Land gewinnt! Ihr habt uns schon lange genug Zeit gestohlen.
Mehdi (kann sich einen kleinen Seitenhieb auf den Grummelkönig nicht verkneifen, als er ihm mit Lenny auf dem Arm zur Tür folgt): Och, und wir dachten, wir hätten euch Zeit geschenkt.
Lilly (zieht sich kichernd zwischen ihrem Papa u. Marc Schuhe u. Jacke an): Haben wir, Papa. Und nächstes Mal gibt es noch viel mehr davon.
Marc (murmelt in seinen nicht mehr vorhandenen Drei-Tage-Bart, grient Lilly dabei aber verschmitzt an, was ihr zeigt, dass er sich freuen würde): Oh Gott!
Gretchen (stolpert flink hinterher u. verschwindet für ein paar Sekunden im Kinderzimmer der Zwillinge): Darauf kommen wir auf jeden Fall zurück, meine Süße. Warte, Marc! Ich helfe dir beim Anziehen der Kinder. Ist schon ganz schön kalt draußen, oder?
Marc (hält sie im Türrahmen auf u. klaut ihr die mit niedlichen Schneeflocken bedruckten dunkelblauen Fleeceanzüge der Zwillinge mit den farblich dazu passenden Mützchen): Du bleibst schön hier, Fräulein, und chillst ne Runde! Wenn ich sage, ich übernehme, dann heißt das auch, der Papa übernimmt.
Gretchen (tapst ihm grinsend hinterher, nachdem sie mit Mehdi u. Lilly vielsagende Blicke getauscht hat, u. beobachtet ihn gerührt dabei, wie er geschickt die beiden Babys warm einpackt): Aber...?
Marc (grient sie zufrieden von der Seite an, als er fertig ist u. beide Babys auf einmal mit Leichtigkeit durchs Zimmer schleppt): Keine Widerrede! Du hast dir die Ruhepause nach dreieinhalb Stunden Kaanscher Dauerbespaßung mehr als verdient. Sobald wir raus sind, geht’s in die Heia! Ärztliche Anweisung! Hier, meine beiden Kollegen sagen das auch. Pennen, wenn sie pennen, oberste Regel.

Euer Papa ist so ein Spinner. Aber ich liebe ihn über alles. Vor allem wenn er so verspielt und glücklich ist wie jetzt. Und damit habt ihr ganz viel zu tun, wisst ihr das eigentlich?

Gretchen (verdreht die Augen, schmiegt sich dann aber doch verschmust an seine Seite u. übernimmt für einen Moment noch einmal das kleine Zwillingsmädchen, weil zwei auf einmal auch für Super-Marc dann doch etwas unhandlich ist): Blödmann!
Lilly (verabschiedet sich überschwänglich von ihrer großen Freundin u. schnappt sich dann den kleinen Zwillingsjungen mitsamt der Babyschale, in die Marc ihn gerade gelegt hat): Tschüß, Gretchen! Tschüß, Marlene! War echt schön bei euch. Ich übernehme dann auch mal, Onkel Marc, ja?
Marc (guckt Lilly überrumpelt hinterher, wie sie die Tür aufmacht u. mit Marlon im Treppenhaus verschwindet): Hey! Nicht so schnell! Chill mal ein bisschen! Wir kommen ja gleich. Dein Daddy kommt mal wieder nicht aus dem Knick.
Gretchen (schaut dem stolzen Mädchen wehmütig hinterher, bevor sie sich ihrem besten Freund u. seinem Kleinen zuwendet): Ja, tschüß, meine Maus! Lenny! Er ist so süß, Mehdi. Er hat nicht einmal geweint, als ihr hier ward. Hast du gehört? Du bist ein Süßer und so brav. Ich mag ihn gar nicht gehen lassen.
Mehdi (beobachtet gerührt, wie Gretchen sanft über Lennys zart gerötete Wange streicht u. macht es bei ihrer Tochter nach): Du meldest dich, wenn was ist, ja? Auf Marc baue ich zwar auch, aber du kennst ihn ja. Nicht wieder sechs Wochen warten, hm! Zum Hörer greifen und die Kurzwahl drücken!
Gretchen (lächelt verlegen u. lässt sich von Mehdi noch mal zum Abschied drücken): Du aber auch. Und sag Gabi bitte liebe Grüße! Ich wollte mich eh schon längst bei ihr melden.
Marc (drängelt sich nörgelnd dazwischen, nachdem er hastig in seine Sneaker u. seine Jacke geschlüpft ist): Boah, jetzt komm schon! Sonst kommen wir hier heute nie raus und dann können wir uns das Ganze auch sparen. Ist eh immer ein Mörderaufwand da raus zu gehen.
Mehdi (seufzt u. zwinkert Gretchen zum Abschied noch einmal bedeutungsvoll zu): Tja, was soll ich sagen? Ich fand’s auch schön mit euch. So ruhig und entspannend. Wir sehen uns.
Gretchen: Ja, bis dann, Mehdi!

Mit Freudentränchen in den Augen beobachtete Gretchen, wie versiert Mehdi seinen kleinen Sohn in das Tragetuch setzte, welches er sich wieder um den Körper geschlungen hatte. Vorsichtig schwang der bärenstolze Familienvater seinen Parka darüber, zog den Reißverschluss so weit hoch, wie es ging, kontrollierte dann noch einmal, ob Lenny auch wirklich einen guten Halt darin hatte und ob er es warm hatte, und schulterte anschließend seinen Rucksack, wobei er jedoch nicht mit Marcs Hilfestellung rechnen konnte, denn Lillys Patenonkel hatte ihm unberührt dabei zugesehen, bis ihm plötzlich auf den letzten Drücker noch eingefallen war, dass sie ja auch noch die Gitarre mitnehmen mussten, die er Lilly zum Geburtstag geschenkt hatte. Mit meiertypisch verschmitztem Grübchenlächeln kam er zurück zur Tür marschiert, wo er die sperrige Gitarrentasche schließlich wie einen Rucksack schulterte, weil ihm letztlich nichts anderes übrig geblieben war, denn alle anderen hatten ja bereits die Hände voll, und ließ sich dann von Gretchen seine kleine süße Tochter reichen, die von der allgemeinen Aufbruchsstimmung ebenso wenig mitbekommen hatte wie die anderen beiden Schlummerkönige.

Aber Marc verließ die Wohnung natürlich nicht, ohne seiner Angebeteten noch einen kleinen Schmatzer auf die Wange zu drücken. Als er danach jedoch mit einer subtilen Armbewegung die hölzerne Wendeltreppe zum Schlafzimmer hoch zeigte, konnte Gretchen nicht anders, als beherzt loszulachen. Sie war doch wirklich mit dem größten Quatschkopf der Nation zusammen. Als Antwort auf seine unmissverständliche ärztlich verordnete Anweisung streckte sie ihrem Alltagsbeschützer einfach frech die Zunge heraus. Eine Provokation, die ihr Freund natürlich nicht auf sich sitzen lassen wollte. Prompt packte Marc Gretchen am Kragen ihres lila karierten Hemdblusenkleides und zog sie zu sich und Marlene heran, um sie unter den staunenden Augen der versammelten Kaans und seiner Kinder unter dem Türbogen noch einmal hollywoodreif niederzuknutschen. Gretchen war noch völlig benebelt von Marcs unerwartet leidenschaftlichen Kuss, der sie beinahe in die Knie gezwungen hatte, dass sie nicht mehr mitbekam, wie er hoch erhobenen Hauptes und mit triumphaler Grinsemiene bewaffnet an den schmunzelnden Wartenden vorbeimarschierte und die Wohnungstür schließlich leise hinter sich zuzog.

Draußen angekommen, schlenderten Dr. Kaan und Dr. Meier dann in stiller Eintracht Lilly hinterher, für die das absolute Highlight ihres Geburtstages natürlich das Schieben des eindrucksvollen Zwillingskinderwagens war, den sie nach einer kurzen, aber nachhaltigen Unterhaltung mit Marcs Eltern, welche die Bande gerne noch zu sich hereingebeten hätten, wenn ihr ungeduldiger Sohn nicht darauf gedrängt hätte, die Kaans unbedingt genau jetzt und auf keinem Fall zu spät zur U-Bahn bringen zu müssen, stolz wie Bolle den Spazierweg an der Spree entlang vor sich her schob. Auf die Passanten und Touristen, die an ihnen vorüberhasteten, schindete das schnittige Design ziemlich viel Eindruck, wobei sich vor allem die Spaziergängerinnen wohl mehr nach den beiden attraktiven Papas umschauten, die in einvernehmlichem Schweigen nebeneinander her trotteten. Mehdi hielt seinen Sohn liebevoll fest, der nur anhand seines hellgelben Mützchens als Baby unter der dunkelgrünen Parkajacke zu erkennen war, und schien in seiner ganz eigenen Welt zu schweben, während die Gedanken seines Kumpels noch an dem sensationellen Kuss mit Gretchen hingen, weswegen ihm die Begegnung mit seiner nervigen Mutter überhaupt nichts ausgemacht hatte, obwohl diese natürlich sofort noch auf der Türschwelle damit angefangen hatte, wie unzuverlässig ihr einziges Kind doch geworden war, das ihr angeblich ihre Enkelchen vorenthalten würde, auf die sie sich deshalb sofort wie eine Löwin gestürzt hatte. Marcs dunkelgrüne Argusaugen glühten vor diebischer Freude, als er an Elkes empörten, aber doch auch milden Gesichtsausdruck und Olis Schmunzeln dachte, und blieben die ganze Zeit am Rücken seiner großen Patentochter kleben, die sich in ihrem Freude bedingten Übereifer immer weiter von den beiden stolzen Familienvätern entfernt hatte, sich aber noch in Sichtweite befand, welche man, Marcs Meinung nach, schon ein bisschen verkürzen könnte.

Marc: Hey, Mary Poppins, schalt mal nen Gang runter! Nicht gleich davonflattern! Das ist ein Spaziergang, keine Olympiade im Kinderwagenschnellschieben. Bleib in Sichtweite! Mitte ist was anderes als euer Ökokiez, wo abends die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Lilly (bleibt einen Moment stehen, steckt ihr neugieriges Näschen in den Kinderwagen u. wartet, bis die beiden Männer wieder bis auf drei Meter zu ihr u. den Zwillingen aufgeschlossen haben): Okidoki, Onkel Marc! Marlene hat anfangs ein bisschen gemeckert, deine Mama hat aber auch ein ziemlich lautes Organ, sie ist aber schon wieder eingeschlafen. Und Marlons Äuglein klappen auch immer wieder zu. Es ist total süß, wie er dagegen anzukämpfen versucht.
Marc (grinst zufrieden wie ein Honigkuchenpferd, auch wenn er sich mit dem sperrigen Gitarrenkoffer auf dem Rücken wie ein Packesel fühlt): Super! Dann haben wir hoffentlich bis zur Raubtierfütterung vor der Schlafenszeit mal etwas Ruhe. Kenn ich so gar nicht.
Mehdi (wacht aus seinen Gedanken wieder auf u. schaltet sich in das Gespräch der beiden mit ein): Hey! Das pendelt sich schon ein mit den beiden. Nur Geduld und Zutrauen. Ihr macht das schon. Ihr könnt nichts falsch machen.
Marc (rollt theatralisch mit den Augen u. setzt seine Füße wieder in Bewegung, als Lilly mit dem Kinderwagen wieder losrollt): Dein Wort in Gottes Gehörgang, also, in meinen. Hähä!
Mehdi (schenkt ihm ein schwaches Lächeln u. schlendert langsam hinterher): Solange ihr entspannt bleibt, auf eure Instinkte vertraut und euch nicht zu viel einen Kopf macht, wird das schon. Da gehen alle jungen Eltern durch und glaub mir, ich hab auf meiner Station schon alle Variationen in sämtlichen Stadien gesehen. Ihr liegt auf jeden Fall weit im oberen Feld.
Marc (klapst dem Möchtegernexperten grinsend leicht auf den Arm u. schiebt Lennys verrutschtes Mützchen wieder zurecht): Du musst es ja wissen, Herr Oberexperte. Aber den belehrenden Unterton, den kannste das nächste Mal zu Hause lassen. Sie ist die Zehnjährige, nicht Gretchen und ich.
Mehdi (grinst zurück u. weicht einer Tourigruppe aus, die ihnen gerade schnatternd entgegengekommen ist): So war das nicht gemeint.
Marc (ist etwas angenervt von den laut quasselnden Touristen, bis ihm etwas auffällt, das ihn doch für einen Moment staunen lässt): Lass stecken! Ist angekommen. Du, so langsam verstehe ich das mit diesem Wickelding, das du ständig trägst. Hast du die Mädels gesehen, die sich gerade nach uns umgedreht haben? Lenny ist ein Weibermagnet.
Mehdi (dreht sich irritiert um u. bemerkt nun auch die kichernde Frauengruppe, die an der stählernen Fußgängerbrücke über der Spree stehen geblieben ist u. ihnen interessiert hinterherschaut): Das war eigentlich nicht die Intension, warum ich meinen Sohn so nah bei mir trage, sondern Nähe und Wärme, Urvertrauen.

Och, nee, nicht die Schallplatte schon wieder. Was ist denn heute mit dem los? Was is’n der gleich so empfindlich? Mehdi versteht auch gar keinen Spaß mehr. Dabei ist es doch genial, welche Macht wir plötzlich haben. Das ist eine Superkraft, von der James Bond nur träumen kann.

Marc (verdreht leidend die Augen): Mein Gott, was bist’n heute so verstockt? Ich wollte dich nicht gleich verkuppeln, auch wenn du es verdient hättest, sondern dir nur ein gutes Gefühl vermitteln. Männer, die mit Kindern umgehen können, lösen bei Frauen aller Altersklassen direkt einen Eisprung aus. Siehst ja die Wirkungskraft im Experimentierfeld.
Mehdi (kann bei Marcs medizinischem Sachverstand nur den Kopf schütteln): Ich weiß nicht, ob das wirklich so in den Vater-Kind-Ratgebern steht, die du bei mir aus dem Bücherregal entwendet hast. Und ich will dir nicht die Illusionen nehmen, aber hier bin immer noch ich der Mann mit dem Sachverstand. Ich hab Gynäkologie studiert.
Marc (spöttelt direkt drauflos, als ihm diese Steilvorlage auf dem Serviertablett geliefert wird): Und darauf bist du auch noch stolz, was? Ein hoffnungsloser Fall, sag ich doch. Aber das wusste ich schon, bevor du dich offenen Auges auf - jetzt zitiere ich ausnahmsweise mal meine Mutter - „die personifizierte Boshaftigkeit“ eingelassen hast. Apropos, und bei euch so? Sonst kommst du aus dem ekelhaften Schwärmen gar nicht mehr heraus, dass dir die Hummeln aus dem Hintern fliegen, aber heute bist du ganz schön wortkarg, was nicht heißt, dass mir diese urmännliche Eigenart nicht gefallen würde, aber ein bisschen Input wäre schon drin gewesen. Zumal sich Haasenzahn plötzlich berufen fühlt, nen Mütterclub ins Leben zu rufen, der schon während der Schwangerschaften unserer Süßen ziemlich anstrengend war. Ey, wenn die unser Loft als ihr neues Clubhaus wählen, spring ich sofort vom Dach. Vielleicht leiht mir Mary Poppins ja ihren Regenschirm.
Mehdi (lässt sich nichts anmerken u. folgt langsam dem Kinderwagen): Alles prima.
Marc (wundert sich dann doch): Wie? Mehr nicht? Keine dunklen Geheimnisse wie Berge von stinkenden Windeln und ungewaschener Schmutzwäsche? Und was bedeutet dann dieser Unterton?
Mehdi (gibt sich betont gleichgültig): Welcher Unterton?
Marc (zuckt mit den Schultern u. studiert intensiv Mehdis Gesicht, bis dieser es nicht mehr aushält u. ertappt weggucken muss): Keine Ahnung, irgendwas ist komisch. Deine Stimme klingt anders, wenn du versuchst, mir was vorzumachen. Ich weiß nur nicht, wieso? Happy ist anders.
Mehdi (sieht ihn dann doch wieder an): Da ist nichts, Marc.
Marc (glaubt ihm kein Wort u. stellt ihn deshalb prompt zur Rede): Was ist los? Hat sie wieder was angestellt? Ist sie deshalb nicht mitgekommen? Ich wusste es. Hey, ich dachte, wir wären spätestens seit Lennys Sturzgeburt im stecken gebliebenen Fahrstuhl miteinander im Reinen? Haasenzahn macht mich einen Kopf kürzer, wenn wir das nicht endlich wie Erwachsene auf die Reihe kriegen. Du weißt, ich hab da echt keinen Bock drauf, aber an mir soll’s nicht liegen.

Mehdi war abrupt stehen geblieben und streichelte nachdenklich über das Köpfchen seines Babys an seiner Brust, das auch immer schläfriger geworden war, während er sich beim Blick auf die ruhig vor ihnen liegende Spree Marcs Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ, die der sonst so vorwitzige Chirurg wirklich ehrlich gemeint hatte. Aber Mehdi konnte es nicht sagen. Es ging nicht. Das, was er selber noch nicht verstanden hatte, wollte einfach nicht über seine Lippen kommen. Doch sein bester Freund blieb hartnäckig dran. Marc kannte Mehdi lange genug, auch in seiner dunkelsten Zeit, um zu wissen, wann bei ihm wirklich etwas im Argen lag und das schien gerade der Fall zu sein, wie ihm seine juckende Spürnase verriet.

Mehdi (zögert): Marc,...
Marc (hat verstanden u. dreht sich seufzend zum Ufergeländer um, auf dem er sich jetzt direkt neben Mehdi mit beiden Händen abstützt): Also, doch! Griff direkt ins Fettnäpfchen, was? Ich hab’s gewusst. Ey, wieso sagst du denn die ganze Zeit nichts?
Mehdi (druckst ungewohnt herum): Das ist nicht so einfach zu erklären.
Marc (stöhnt entnervt auf, weil er bekanntlich nicht gerade der Geduldigste ist): Dann versuch’s halt mit einfachen klaren Worten! Ein Buchstabe nach dem anderen. So schwer kann das doch nicht sein? Du hast mir das ganze letzte Jahr ein Ohr abgekaut wegen ihr, bis ich schließlich kapituliert und es akzeptiert habe. Hey, ich mach nicht mal mehr Witze, also, nicht mehr so viele wie sonst. Nachvollziehen werde ich es wohl nie. Aber wenn ich das jetzt bereuen muss, dann sag’s einfach!

Marcs Ansage hatte gesessen. Er war ihm wirklich ein Freund. Schonungslos, direkt, aber vielleicht war es auch genau das, was er jetzt brauchte. Mehdi atmete noch einmal tief durch und spannte seine Schultern, als er sich langsam wieder seinem Kumpel zuwandte, der ihn gespannt und mit leichter Sorge von der Seite musterte und definitiv kein Herausreden mehr akzeptieren würde. Das erkannte er an Marcs funkelnden Augen, die ihn in Schutzhaft genommen hatten. Mehdi löste sich erneut von ihnen und schaute sich noch einmal vergewissernd nach Lilly um, die gar nicht weit weg von den beiden an einer Parkbank Halt gemacht hatte, um sich über den Kinderwagen zu beugen und in ihrer hinreißenden Art den Zwillingen ein Schlaflied vorzutragen, dem auch ein paar Passanten hingerissen lauschten. Noch zögerte der Halbperser. Dann hielt er seinem kleinen Sohn Lenny aber plötzlich die Öhrchen zu, was bei dessen Patenonkel zu noch mehr Irritationen führte, als eh schon bestanden, und sprach leise das aus, was selber noch nicht wirklich bei ihm angekommen war und wie eine verzerrte Stimme aus weiter Ferne klang, die nach seinem Herzen griff, das sich plötzlich unter starken Krämpfen zusammenzog...

Mehdi: Sie ist weg.

Lorelei Offline

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16.12.2018 14:15
#1637 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Zwei streitende Krähen, die sich todesmutig vom obersten Ast einer mächtigen Eiche ins Flussbett der Spree gestürzt hatten und dabei erschrocken feststellen mussten, dass sie bei der Jagd nach einer weggeworfenen Semmel auch nasse Flügel bekommen konnten, übertönten die kraftlose Flüsterstimme seines besten Freundes, sodass Marc für einen kurzen Moment vom Geschehen abgelenkt war. Erst als der Nachhall seine Synapsen erreichte und er den Widersinn bemerkte, fing sein suchender Blick den Halbperser wieder ein, der sich mit hängenden Schultern mit dem Rücken gegen das Ufergeländer gelehnt hatte und in die Weite blickte, während er sanft über das Köpfchen seines unschuldigen kleinen Babys streichelte, das zum Glück von alldem noch nichts ahnte, was seinen Vater sichtlich bedrückte. Lenny schlummerte friedlich an der Brust seines Daddys, während bei seinem Patenonkel immer mehr Fragezeichen vor seinen dunkelgrünen Augen zu tanzen begannen, dass ihm fast schwindelig davon wurde.

Marc: Wie... weg?
Mehdi (driftet mit seinen Gedanken immer weiter davon): Weg eben.
Marc (wirkt reichlich überfordert u. die Informationsaufnahme verzögert sich dementsprechend): Weg von allem Normalen, oder was? Das wäre ja an sich nichts Neues bei ihr. Äh... Moment! Hat Lilly nicht gemeint, sie ist mit Jos kleiner Freundin und ihrer Schwester unterwegs, um, was weiß ich, ihre hässlichen Extensions zu erneuern und den Farbtopf aufzufrischen. Hast du Schiss, dass du sie nach ihrem Besuch beim Gesichtsspachtler nicht mehr wiedererkennst? Sie ist ein Chamäleon, war sie schon immer. Ihre Wandlungsfähigkeit müsste gerade dir doch nicht unbekannt sein. Gabi stolziert doch schon seit über drei Jahren bei dir über die Station und versext mit ihrem wackelnden Hinterteil und ihrem Ausschnitt bis zum Bauchnabel nicht nur dich, sondern sämtliche werdende Papas und hält dadurch die Scheidungsrate in Berlin überdurchschnittlich hoch. Das heißt doch nicht, dass sie gleich weg ist. So wie sie immer an dir klebt, das ist manchmal richtig peinlich zuzuschauen.
Mehdi (bleibt gefährlich ruhig, was Marc dann doch zunehmend beunruhigt): Ist sie aber und ich hab nichts bemerkt. Beim Geburtstagsbrunch mit Lilly heute Morgen schien noch alles in Ordnung gewesen zu sein. Sie war richtig fröhlich, fast überschwänglich im Umgang mit dem plappernden Geburtstagskind, hat mit ihr Geschenke ausgepackt und sich sogar mit meiner Mutter gut verstanden.
Marc (starrt ihn ungläubig von der Seite an u. man kann seinem Gehirn beim Verarbeiten förmlich zusehen, wie die einzelnen Bereiche langsam einrasten): Was an sich ja nicht schwierig... Woah! Stopp! Du meinst das ernst, oder? Mit ‚weg’ meinst du wirklich im Kerkelingschen Sinne ‚weg’?
Mehdi (nickt apathisch mit dem Kopf u. weicht Marcs eindringlichem Blick aus): Hm!
Marc (fasst sich an den Hals u. weiß ehrlich nicht, was er dazu sagen soll, stattdessen beginnt er direkt hochzufahren): Willst du mich verscheißern? Nee, oder? Das glaub ich jetzt nicht. Die haut doch nicht einfach so mir nichts dir nichts ab? Was hat man der denn in den Stilltee gekippt?

Genau darüber zermatere ich mir auch seit heute Mittag das Hirn und komme immer wieder zu demselben Schluss. Es gibt keinen.

Mehdi (zuckt unwirsch mit den Schultern u. versucht, seine innere Unruhe von seinem Sohn fernzuhalten, den er fest umschlungen hält): Ich weiß doch auch nicht. Es war wie immer. Harmonisch. Wir sind gleich, nachdem meine Eltern aufgebrochen sind, los und haben uns ganz normal voneinander verabschiedet. Gut, sie konnte sich nur schwer von unserem Wonnepropen hier trennen, aber das ist immer so, wenn einer von uns mit ihm für längere Zeit spazieren geht. Ein herzliches Ritual, über das wir immer gemeinsam lachen müssen. Und sie wollte sich ja eh gleich mit Tina und Chantal in der Stadt treffen. Ich hab mir also nicht großartig einen Kopf gemacht. Sie war auch schon weg, als ich noch mal zurück in die Wohnung gehetzt bin, weil wir auf halben Weg zur U-Bahn festgestellt haben, dass wir die Kuchenkisten für euch auf dem Küchentisch stehen gelassen hatten. Ich weiß auch nicht wieso, ich hatte gleich so ein komisches Gefühl, als ich zur Tür rein bin.
Marc (hält Mehdis verzagten Blick kaum aus u. versucht, seine Gedanken zu sortieren): Und da denkst du gleich, sie...? Boah... Das ist wieder so typisch. Diese Frau, sie... Mann, sie wollte das doch hier. Den ganzen Kram. Happy Family um jeden Preis und am liebsten sofort und auf der Stelle. Das hat sie bei mir auch schon versucht auf nahezu krankhafte Weise, aber du hast es doch ernst gemeint. Du hattest die Eier, das durchzuziehen. Ich verstehe zwar bis heute nicht, wieso, aber hey, sie könnte es nicht besser getroffen haben. Zig Frauen würden auf der Stelle mit ihr tauschen wollen, wenn sie die Chance dazu bekämen.
Mehdi (verzieht keinerlei Miene, als er kurz etwas einwirft, das ihm ein bisschen Hoffnung schenkt): Wow! Das hört sich ja fast wie eine Liebeserklärung an.
Marc (starrt den großen Kerl jetzt erst recht ungläubig von der Seite an): Na, wenigstens hast du deinen Humor noch nicht verloren. Dann ist ja gut. Hätte ich bei ihr schon längst, aber mich fragt ja keiner. Ey, wenn sie Sicherheit sucht, du bist ne Bank. Daher check ich es echt nicht, was da in sie gefahren sein soll. Außerdem würde die doch niemals den Hosenpuper alleine lassen. No way.
Mehdi (schaut dann doch hoffend wieder auf u. hört im Hintergrund Lillys liebliche Singstimme am Kinderwagen der Zwillinge): Die Hoffnung hab ich ja auch, aber...
Marc (sieht ihm entschieden in die suchenden Augen): Nein, ohne Aber! Wer weiß, was bei ihr schon wieder ausgehakt hat. Kam in der Vergangenheit schon öfters mal vor. Da sollte man nicht zu viel Brimborium drum machen. Die Frau versteht doch kein normaler Mensch. Sorry, nichts gegen dich, aber is so.
Mehdi (holt plötzlich ein Stück Papier aus seiner Jackentasche, das er vorsichtig auseinanderfaltet): Der Zettel hier ist aber unmissverständlich. Den hab ich im Schlafzimmer auf dem Kopfkissen gefunden. Sie muss ihn da hingelegt haben, kurz nachdem wir zum ersten Mal los sind. Und ich glaube, ein paar Sachen von ihr sind auch weg. Ich hab nicht extra nachgeschaut, aber... ich spür das.

Er spürt das? Wie kann man bei der überhaupt was spüren? Boah, so eine verdammte Scheiße, ey! Was denkt die blöde Kuh sich eigentlich? Ach, was, wann hat die je in ihrem beschissenen Leben mal über irgendetwas nachgedacht?

Marc (reißt ihm den Zettel unsanft aus der Hand u. beginnt halblaut zu lesen): „Mehdi, ich liebe dich über alles, aber ich glaube, ich kann das alles nicht.“ ... Hä? Hat die den Arsch offen? Was soll die Scheiße? Sie macht dir ne rührende Liebeserklärung und nimmt dann ihre Siebenmeilenstiefel in die Hand? Das ist doch ein Widerspruch an sich. Diese Frau ist ein Widerspruch an sich.
Mehdi (läuft nachdenklich auf der Stelle auf u. ab): Ich hätte einfach besser auf die Zeichen achten sollen. Ich war so euphorisch in meinem Glück, dass ich nicht gesehen habe, dass ihr das alles zu viel wird, dass sie unglücklich ist. Ich hätte es sehen müssen, Marc. Gerade ich.
Marc (stellt sich vor ihm hin u. packt seinen Freund an den Schultern, rüttelt ihn aber nicht wegen des schlafenden Babys an seiner Brust, auch wenn er es gerne getan hätte): Woah! Stopp! Du fängst jetzt nicht wieder damit an, die Schuld bei dir zu suchen. Du machst alles richtig. Du hast immer alles richtig gemacht, mal abgesehen davon, dass du einen echt irren Hang zu nicht gerade unkomplizierten Frauen hast. Sie ist diejenige, die das Problem hat, wobei die Frage ist, was überhaupt das Problem ist. Sie schien doch total happy mit dem Kurzen zu sein, der im Gegensatz zu ihr echt unkompliziert und pflegeleicht ist. Keine Ahnung, nach wem er kommt. Oder hat er heute auch nur einmal die Schleusen aufgemacht und sich bei seinem Lieblingsonkel über irgendwelche Unzulänglichkeiten wie Lillys schiefes Gitarrenspiel beschwert? Negativ! Seine Stimmung hat sich sogar auf die Zwillinge übertragen. Er ist echt Gold wert, wenn wir mal wieder auf dem Zahnfleisch laufen.
Mehdi (streichelt melancholisch über Lennys Köpfchen): Ist sie auch. Sie liebt unseren Jungen.
Marc (kann sich nicht zurückhalten, seine vorlaute Klappe eine Spur zu weit aufzureißen): Jep, deshalb gibst du ihm jetzt die Brust.
Mehdi (versucht, ihn zurückzuhalten): Marc!
Marc (ihm reißt jetzt erst recht der Geduldsfaden u. er wird so laut, dass sich die ersten Passanten nach ihm umdrehen): Ja, was? Ist doch wahr. Die Frau regt mich dermaßen auf. Ich fasse es einfach nicht, dass die sich wirklich aus dem Staub gemacht haben soll.
Mehdi (sieht sich beunruhigt nach Lilly um, die ganz vernarrt in den Kinderwagen starrt u. von dem Gespräch der beiden zum Glück nichts mitzubekommen scheint): Bitte, halt dich zurück, Marc!
Marc (folgt seinem Blick u. wird direkt leiser, was nicht bedeutet, dass er nicht immer noch wahnsinnig aufgebracht ist): Ich soll mich zurückhalten? So wie du etwa, die Flinte gleich ins Korn werfen? Ich fass es echt nicht, dass du den Scheiß schon den ganzen Tag mit dir herumschleppst und nicht einmal deine Beißerchen auseinanderkriegst. Stattdessen drehst du unsere Wohnung auf halb Neun und lässt zu, dass wir uns wie totale Anfänger fühlen. Danke aber auch, du Superdaddy und Elternversteher.
Mehdi (ist mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders, um entsprechend auf Marcs Vorhaltungen reagieren zu können): Ich wollte dich und Gretchen nicht unnötig beunruhigen. Ich hab doch schon alles versucht, ihr zigmal hinterher telefoniert, bei ihren Freundinnen nachgehakt, aber die wussten auch nichts. Sie waren genauso vor den Kopf gestoßen. Sie will nicht gefunden werden. Ich muss ihr einfach Zeit geben.

Hä? Zeit wofür? Damit sie sich nach Ouagadougou absetzen kann? Letztes Jahr hätte ich ihr freiwillig das Oneway-Ticket besorgt und dort noch jemanden bestochen, der ihr die Papiere abnimmt, damit sie auch wirklich nicht wieder zurückkehren kann, das dumme Stück. Aber jetzt ist das doch was anderes. Jetzt gibt es den Schnellstarter.

Marc (glaubt, er hört nicht richtig): Wofür? Die Frau war schon immer unberechenbar oder hast du in deinem Liebesrausch etwa schon vergessen, was sie mir und Gretchen damals alles angetan hat? Ich hab dich von Anfang an gewarnt. Hab Spaß, leb dich aus, aber nimm bloß keine von beiden und vor allem verlieb dich nicht. Aber wann hast du je auf mich gehört, hä? Boah, es ist echt nicht auszuhalten, wie ruhig du da bleiben kannst, du Stoffel, ey. Ich kann da wirklich nicht mehr länger dabei zuschauen.
Mehdi (blickt den schimpfenden Rohrspatz voller Zuversicht an u. wird dadurch tatsächlich ruhiger): Weil ich sie wie kein anderer kenne und ihr vertraue.
Marc (hält demonstrativ den Zettel hoch u. wedelt damit vor seiner Nase herum, bis ein Windstoß kommt u. diesen über das Geländer weht): Äh... Hallo? Das sieht nicht so aus, als könnte man ihr trauen. Ey, die will dich mit Kind und Kegel sitzen lassen. Das steht hier schwarz auf... Ups! ... nass. Sorry!
Mehdi (will den Zettel noch greifen, schafft es aber nicht u. beobachtet nun, wie dieser wie ein Blatt im Wind langsam ins Wasser segelt): Das ist das Zeichen.
Marc (starrt Mehdi an, als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun): Was denn für ein bescheuertes Zeichen? Dass Liebe wirklich blind macht? Diese These unterschreib ich, was dich betrifft, sofort.
Mehdi (kann sogar schon wieder ein wenig lächeln, als er sein Kinn sanft auf Lennys Köpfchen bettet): Niemals aufzugeben. Sie ist die Frau, mit der ich mein Leben teilen möchte und daran wird sich niemals etwas ändern. Ich werde für sie da sein und um sie kämpfen. Da kann sie nichts dagegen tun. Das ist unser vorbestimmter Weg.

Okay? Ich hoffe, das stört keinen, aber ich reihere hier jetzt gleich über die Brüstung.

Marc (zeigt ihm den Vogel): Alter, die hat dich so was von verhext, dir ist echt nicht mehr zu helfen. Weißt du was, ich versuch’s auch gar nicht mehr.
Mehdi (legt seine Hand freundschaftlich auf Marcs Schulter u. blickt ihm sanft in die wild hin u. her huschenden eingeschnappten Augen): Ist schon okay. Es bedeutet mir viel, dass du mir helfen willst und ich jederzeit auf dich bauen kann. Aber ich weiß einfach, dass das nur eine Kurzschlussreaktion war. Sie wird zurückkommen, wenn sie’s nicht sogar schon ist.
Marc (hat berechtigte Zweifel daran u. fühlt sich nicht wohl dabei): Und was hast du jetzt vor?
Mehdi (schaut in Lillys Richtung u. lächelt, als ihr strahlender babyverliebter Blick seinen trifft): Wir fahren nach Hause.
Marc (fährt sich unbehaglich unter seiner Jacke über seinen Brustkorb u. wird das beklemmende Gefühl einfach nicht los): Ich weiß nicht. Ich hab kein gutes Gefühl dabei. Kommt, lasst uns umdrehen und ihr pennt einfach bei uns, bis geklärt ist, was... keine Ahnung... bis sie sich wieder eingekriegt hat und wir mehr wissen. Wir könnten rumtelefonieren. Spann die Stasi-Sabsi ein! Deren gespitzte Ohren sind doch überall. Irgendwo muss sie ja sein. Viele Optionen hat sie nicht. Ich weiß noch von der Hochzeitsgästeliste, dass sie nicht gerade viele Freunde hat. Lilly kann in Gretchens Mädchenalbtraumzimmer schlafen und du nimmst die Couch. Wäre auch ganz praktisch für alle. Du wärst mittendrin im Durcheinander und könntest die Babynachtschicht übernehmen. Haasenzahn und ich könnten endlich mal durchschlafen.
Mehdi (blickt seinem Freund schwer gerührt in die Augen u. klopft ihm auf die Schulter): Ganz uneigennützig, der Herr Doktor.
Marc (grient ihn meierlike von der Seite an): Immer.
Mehdi (schüttelt den Kopf): Danke für das Angebot, aber wir kommen schon zurecht.
Marc (folgt Mehdis Blick zu Lilly, die am Ende des Spazierwegs ungeduldig mit dem Kinderwagen gegenüber der U-Bahn-Station auf die beiden wartet): Sicher? Und wie erklärst du ihr, dass Gabi nicht da ist, wenn ihr nach Hause kommt?
Mehdi: Lilly übernachtet heute bei ihrer Freundin aus dem dritten Stock.
Marc (nickt leicht mit dem Kopf, während er Lenny beobachtet, der ausgiebig gähnt u. sich dann mit seinen kleinen Händchen unter Mehdis Jacke an sein T-Shirt klammert): Geschicktes Manöver, aber sie ist nicht doof. Sie ist zehn mit der Weisheit und dem Durchblick einer Dreizehnjährigen. Irgendwann wird ihr auffallen, dass etwas oder in dem Fall jemand fehlt. Und ihm hier auch. Spätestens, wenn er Hunger kriegt, der kleine Rabauke.
Mehdi (legt seine Hand über die von Lenny): Das ist kein Manöver. Das mit Franzi war schon lange ausgemacht. Es sind Ferien. Und er, er ist eh an sein Fläschchen gewöhnt. Gabi kann nicht genug Milch produzieren, um ihn zu stillen. Ich denke, das ist auch Teil ihrer Krise.
Marc (reißt seine Augen auf u. weicht überfordert einen Schritt zurück, weil plötzlich ein Bild von Gabis Brüsten vor seinem inneren Auge auftaucht): Too much information, Alter. Ich kann dich also nicht umstimmen?
Mehdi (schenkt seinem treuen Freund ein schwaches Lächeln): Das ist lieb gemeint, aber wir sollten jeder in unseren Routinen bleiben.
Marc: Okay? Wie du meinst? Ich will mir später aber nicht nachsagen lassen, ich hätte nicht gefragt.

...grummelte Marc in seinen nicht vorhandenen Dreitagebart, den er unbemerkt kraulte, und fing von der Seite Lillys ungeduldigen Blick ein, mit dem sie zu den beiden Männern rüberschaute. Er nickte ihr leicht mit dem Kopf zu, setzte sein schönstes Patenonkelgesicht auf und ging dann zusammen mit den beiden Kaan-Männern zu der Fünftklässlerin rüber, die die Drei anstrahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Lilly: Wo bleibt ihr denn so lange? Ich dachte, wir wollten zeitig zuhause sein. Franzi wartet doch auf mich.
Mehdi (zieht seine Maus in seine Arme u. wippt mit ihr auf der Stelle auf u. ab): Ich weiß, mein Schatz.
Marc (grient die drei Kaans fröhlich an): Dein Papa und ich hatten nur noch kurz was zu bequatschen.
Lilly (schaut ihn neugierig an): Was denn?
Marc (bemerkt Mehdis leicht panischen Blick u. schickt ihm einen beruhigenden zurück, bevor er sich vor Lilly hinhockt u. ihr die Gitarrentasche hinhält): Nicht der Rede wert. Unwichtiger äh... Männerkram. Bier, die neusten Sportergebnisse und Frau... ääähhh... egal. Viel wichtiger ist, dass du gut auf das Teil hier aufpasst.
Lilly (nimmt Marcs Geschenk ehrfürchtig entgegen): Mach ich, Onkel Marc. Danke noch mal! Ich werde sie in Ehren halten. Versprochen! Franzi wird solche Augen machen, wenn ich gleich damit bei ihr auftauche. Wir könnten eine Band gründen. Sie spielt Blockflöte und ich Gitarre. Hihi!
Mehdi (räuspert sich verlegen u. will Lillys Enthusiasmus etwas ausbremsen): Und Franzis Mutter wird sich erst freuen. Darüber reden wir aber noch mal.
Marc (lächelt die Zehnjährige verschmitzt an): Ich muss danken, Prinzessin. Du hast die Zwerge erstaunlich gut im Griff.
Lilly (wächst neben dem Kinderwagen gleich ein paar Zentimeter mehr in die Höhe): Siehst du, hab ich doch gesagt. Ich muss nicht erst fünfzehn werden, um sie babysitten zu können. Wann soll ich wiederkommen?
Marc (schmeißt theatralisch seine Arme in die Höhe, kann sich ein herzhaftes Auflachen aber nicht verkneifen, weil die Kleine einfach grandios ist): Woah, dein Engagement in allen Ehren, aber wir sind doch alle noch in der äh... Probephase.
Lilly (schmiegt sich kichernd an ihn): Hihi! Hat man gesehen.
Marc (macht ein extra betroffenes Gesicht u. will sich den Frechdachs schnappen, um ihn ordentlich durchzukitzeln): Was? Na warte, du!

Ich lass mir doch nicht nachsagen, dass ich nicht wüsste, was ich hier tue. Den Zahn solltest du eher deinem Papa ziehen.

Mehdi (blickt unruhig auf die Menschenmenge vor der U-Bahn-Station u. fängt Lilly auf, die sich vor Marc hinter ihm verstecken möchte): Lillybärchen, kommst du, bitte! Die nächste Bahn kommt gleich.
Lilly (wird doch noch von Marc erwischt u. in die Mangel genommen): Ja, Papa, kann losgehen. Huch... Onkel Maaarc!
Marc (anstatt Lilly zu kitzeln, streicht er seinem quirligen Patenkind noch einmal zärtlich durchs Haar, während er Mehdi eindringlich beobachtet): Nur ruhig mit den jungen Pferden! Das mit der Kinderbetreuung, das testen wir noch ein bisschen aus. Jeder an seinen Versuchskaninchen. Dann sprechen wir uns wieder.
Lilly (schmiegt sich zum Abschied schmunzelnd in seine Arme): Einverstanden!
Marc (nähert sich flüsternd ihrem Ohr u. deutet mit seinem Blick auf ihren Papa, der sich gerade rührend von den Zwillingen im Kinderwagen verabschiedet): Versprichst du mir was?
Lilly (drückt den Gitarrenkoffer fest an sich u. ist stolz wie Bolle): Ich pass auf deine Gitarre auf. Versprochen! Bis du sie wiederhaben willst.
Marc (grinst verschmitzt u. schielt vorsichtig zur Seite, wo Mehdi steht u. rührselig auf Marlene u. Marlon guckt, während er sein eigenes Baby streichelt): Das auch, ja, aber hab auch ein Auge auf den Papa, ja! Sollte dir was komisch vorkommen, dann meldest du dich bei mir, okay?
Lilly (runzelt verwundert die Stirn, denkt sich aber nichts dabei u. beobachtet vergnügt, wie sich ihr Vater ungelenk nach Lennys Mützchen bückt, das ihm während der letzten Streicheleinheit vom Köpfchen gerutscht ist): Mach ich. Ich pass doch immer auf ihn und meinen kleinen Bruder auf.
Marc (drückt ihr lächelnd einen kleinen Kuss aufs Haar u. steht dann übertrieben mühselig wieder auf): Wie es sich für die Familienchefin gehört. Na, dann ist ja gut. Ich setze diesen Bienchenstempel schon mal unter deine Bewerbung. So, und jetzt, seht zu, dass ihr endlich Land gewinnt! Auf Dauer seid ihr doch ganz schön lästig.
Lilly (stupst ihn kichernd an, schnappt sich ihre Gitarre u. hüpft fröhlich zu ihrem Papa u. Lenny, die schon an der Ampel auf sie warten): Gar nicht! Ich hab dich trotzdem ganz doll lieb. Du bist echt ein toller Papa. Tschüß!
Marc (ist einmal mehr überrumpelt von dem quirligen Wirbelwind, der immer genau das sagt, was er gerade denkt): Äh... Ja, macht’s gut! Kaan!
Mehdi: Dr. Meier!

Die beiden Freunde belauerten sich zum Abschied noch einen kurzen Moment mit bedeutungsvollen Blicken. Marc eher aus Unverständnis und leichter Sorge, Mehdi aus Dankbarkeit für seine bedingungslose Freundschaft, womit er seinem besten Freund das ungute Gefühl nehmen wollte, das er selber schon zur Genüge empfand, aber so richtig wirkte es bei beiden nicht. Die Beklommenheit blieb. Aber nicht für lange. Denn Lilly zupfte plötzlich ungeduldig am Ärmel von Mehdis Jacke, um ihm zu zeigen, dass die Fußgängerampel bereits auf Grün geschaltet hatte. Mehdi nahm seine Tochter an die Hand und die beiden überquerten die viel befahrene Straße. Auf der anderen Seite angekommen, blieb Lilly jedoch noch einmal kurz stehen, um ihrem Patenonkel und den Zwillingen ein letztes Mal wild zuzuwinken. Marc hielt seine Hände fest um den Kinderwagengriff gedrückt und nickte ihr mit einem bemühten Lächeln zu. Dann drehte sich das fröhliche Mädchen um und Mehdi wurde mit seinen beiden Kindern von der Menschentraube auch schon verschluckt, welche die Treppenstufen zur U-Bahn-Station ansteuerte. Ein tiefer Seufzer entwich daraufhin Marcs Kehle, als er seinen Blick langsam wieder auf den Kinderwagen lenkte, um nach dem Rechten zu schauen. Wie unschuldige kleinen Engelchen lagen Marlene und Marlon schlummernd vor ihrem stolzen Vater, unwissend, wie gemein und ungerecht die Welt außerhalb ihrer Schutzzelle doch sein konnte, und plötzlich ergriff ihn eine unbändige Wut, die er kaum zu bändigen wusste.

Schwuppdiwupp hatte er sein Handy aus seiner Hosentasche gezogen und durchsuchte nun angestrengt sein Adressbuch, weil er nicht sicher war, ob er ihre Nummer überhaupt noch darin gespeichert hatte, denn es hatte mal eine Zeit gegeben, in der er alles, was mit ihr zu tun gehabt hatte, unwiederbringlich aus seinem Leben gestrichen hatte. Gerne würde er das auch heute noch sagen, aber dann müsste er seinen dauerverknallten Kumpel und seine Mini-Mes auch ausschließen und das kam für Marc überhaupt nicht in Frage. Denn etwas Gravierendes hatte sich geändert. Vor exakt sechs Wochen hatte sich die Welt nämlich für alle komplett um hundertachtzig Grad gedreht. Der Fokus war ein anderer. Und dieser lag gerade angespannt auf seinem Mobiltelefon. Doch, da war sie, bemerkte Marc erleichtert, als er doch noch fündig geworden war, und zögerte nicht, ihre Nummer zu wählen. Er hielt sich sein Smartphone ans Ohr, während er langsam mit dem Kinderwagen den Weg zurück zu seiner Wohnung entlang schlenderte. Die Resignation kam nach nur wenigen Schritten. Aber was hatte er auch erwartet? Natürlich ging lediglich ihre Mailbox ran. Wie feige war das denn, dachte er wütend und ballte die Faust um den Kinderwagengriff, bis die Knöchelchen weiß hervorstanden. Schon allein ihre aufgezeichnete Stimme konnte Marc kaum ertragen. Aber was raus musste, musste eben raus. Diesmal würde er nicht stillschweigen. Das hatte Dr. Meier die Erfahrung mit Mehdis Exfrau gelehrt, deren kleines schmutziges Geheimnis er viel zu lange für sich behalten hatte, bis es für alle Beteiligten fast zu spät gewesen wäre. Deshalb sprach er ihr auch, ohne groß darüber nachzudenken, aufs Band, nachdem der lästige Piepston ertönt war...

Marc: So, du hörst mir jetzt zu, du dumme... Kuh. Egal, was gerade in dich gefahren ist oder welche Defizite du gerade warum auch immer kompensieren musst, hör auf damit! Er hat das nicht verdient. Er ist der verdammte Jackpot. Darauf warst du doch immer aus? Wieso raffst du das nicht endlich? Er würde alles für dich tun. Sogar jetzt noch hat er dieses unerträgliche Vertrauen in dich. Keine Ahnung wieso, aber er ist so. Die einen würden sagen, es ist Naivität. Ich sage, es ist reine Dummheit. Es ist nervend und ich würde ihn deswegen gerne ab und an gegen die nächste Wand klatschen. Aber er ist die große dicke Ausnahme der Regel. Er ist derjenige, der sich niemals zurück in einen stinkenden Frosch verwandeln würde. Also rück dein verrutschtes Krönchen zurecht und geh verdammt noch mal nach Hause! Weglaufen ist keine Option. Niemals. Anna ist das beste Beispiel dafür. Nichts ist es wert, so ein Leben aus einer Laune heraus oder aus Angst oder was auch immer zurückzulassen. Es gibt für alles eine Lösung. Also, krieg dich wieder ein, Gabi, sonst kriegst du’s mit mir zu tun. Ich hab dich schon einmal gewarnt. Verarschst du ihn, dann... Scheiße! Mailbox ist voll. ... Super! Das hat mir gerade noch gefehlt. Ey, das dumme Drecksstück baut echt nur Scheiße. Und wer darf’s ausbaden? Ich. Der Meier wieder. Er hat ja so ein dickes Fell. Das kotzt mich an, echt ey.

Marc Meier war immer noch auf Hundertachtzig. Auch als er sein Telefon wieder eingesteckt hatte, konnte er nicht damit aufhören, in Gesprächslautstärke vor sich hin zu schimpfen, während er mit dem Kinderwagen in strammer Geschwindigkeit den ungepflasterten Spazierweg zurückmarschierte, wobei er unbemerkt einige Aufmerksamkeit auf sich zog. Irritierte Passanten schauten dem wilden Rohrspatz kopfschüttelnd hinterher. Touristen begannen aufgeregt zu tuscheln und wichen bei dem bösen Blick in seinen wild funkelnden Augen erschrocken zurück. Einige Jugendliche hielten sogar ihre Smartphones gezückt. Bis dem erregten Familienvater schließlich so richtig der Kragen platzte. Unvermittelt drehte er sich um und funkelte seine plötzlich verstummten Beobachter mit bitterbösem Ameisenblick an, bevor er die Straße kreuzte und das Mehrfamilienhaus ansteuerte, in dem er zusammen mit seiner kleinen Familie die heile Welt auslebte, von der jeder nur träumen konnte...

Marc: Ja, wat? Dit is Berlin. Hier wird der jute Gossenjargon schon mit der Muttermilch uffjesaucht. Wenn dit zu stark für euch is, dann sucht euch verdammt noch ma nen anderen Scheißhotspot. Und jetzt runter hier, dit is Privatjelände!

Olivier: Ähm... Marc? Alles in Ordnung mit dir? Geht’s dir gut? Du wirkst... leicht... angespannt.
Marc: Jetzt nicht, Dad!

...meckerte der aufgebrachte Chirurg weiter ungehobelt vor sich hin, der seinen Vater gar nicht hinter sich bemerkt hatte, der gerade ein fröhliches Lied summend mit einem Besen seine Terrasse von dem goldgelben Laub befreit hatte, welches über Nacht heruntergerieselt war, und bei dem seltsamen Tonfall in der Stimme seines Jungen verdutzt aufgeschaut hatte. Von der Lautstärke aufgeschreckt, blickte auch Elke Fisher verwundert durch die offen stehende Terrassentür der ehemaligen Junggesellenbude ihres Sohnes, die sie zusammen mit ihrem Mann Olivier mittlerweile immer wieder gerne auch längerfristig als äußerst praktische Zweitwohnung in der Berliner Innenstadt nutzte, und bekam nur noch mit, wie ihr einziges Kind maulend den Kinderwagen vor ihrem Göttergatten abstellte und auf direktem Weg mit ihren Enkelchen die Haustür ansteuern wollte. Noch so ein unverschämtes Verhalten würde sie ihrem Bengel diesmal aber nicht durchgehen lassen.

Elke: Marc Olivier, nicht in diesem Ton!
Marc (zischt eingeschnappt zurück, weil das letzte, was ihm heute noch gefehlt hat, seine Mutter ist): Doch genau in diesem Tonfall, Mama! Manchmal muss man auch mal Tacheles reden. In diesem Sinne schönen Abend noch!
Olivier (blickt ratlos zu seiner Frau, die mit aufgeklappten Mund schwer atmend vor der Terrassentür steht u. mittlerweile gar nichts mehr versteht): Aber...
Marc (bleibt doch noch kurz vor dem Terrassengeländer stehen u. sieht seufzend zu den beiden rüber, während er sich bemüht, seine beiden Kinder ruhig zu halten): Kein Vortrag, bitte! Wir kommen morgen mal für ein Stündchen mit den Kurzen vorbei. Jetzt ist echt Schicht im Schacht. Sorry! Kümmert ihr euch um das Monsterteil hier? Gut, dann... bis... morgen!
Elke: Oh!

Mehr als ein Glucksen brachte Marcs Mutter vor Erstaunen über seine ehrliche Entschuldigung und sein offensichtliches Entgegenkommen nicht über ihre stark geschminkten Lippen, aber da war ihr Junge auch schon mit den Zwillingen im Haus verschwunden. Olivier lehnte den Besen gegen die Hauswand, ging auf seine konsternierte Frau zu und zog sie spontan in seine Arme. Ein Kuss auf die erogene Stelle hinter ihrem linken Ohr genügte, um die verstört dreinblickende Erfolgsautorin, die gerade mitten aus ihrem kreativen Schreibprozess gerissen worden war, wieder deutlich milder zu stimmen und ihren schnellen Atem zu beruhigen. Sie lächelte ihren verschmitzt grinsenden Mann dankbar an, strich über seine Schläfen, wie sie es immer gerne tat, wenn sie sein Gesicht liebevoll betrachtete, und folgte ihm schließlich wieder nach drinnen in die warme Stube.

Lorelei Offline

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31.12.2018 16:11
#1638 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Während Prof. Dr. Dr. Olivier Meier den Kinderwagen seiner Enkel wieder auf seiner angestammten Parkposition im Flur der Einliegerwohnung unterbrachte und seiner Liebsten anschließend mit verträumtem Blick weiter beim Schreiben ihrer neusten Romanidee zuschaute, war sein grummeliger Sohnemann bereits mit dem Fahrstuhl nach oben in den siebten Stock des Mehrfamilienhauses gefahren. Leise öffnete er die Wohnungstür des Penthauses und balancierte die Babyschale mit den schlafenden Zwillingen nach nebenan ins abgedunkelte Kinderzimmer, wo er sie vorsichtig abstellte. Marc hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen eingekriegt, auch wenn noch keine Reaktion von seiner einstigen Lieblingsfeindin auf seinem Handy eingetroffen war, wie er seufzend nach einem kurzen Kontrollblick festgestellt hatte, aber damit hatte er auch nicht wirklich gerechnet. Genauso wenig hatte er aber auch damit gerechnet, dass seine liebreizende Freundin, die er eigentlich eine Etage über dem Babyzimmer tief und fest schlafend glaubte, wie ein Derwisch von einer Ecke zur anderen durch den Wohnbereich wuselte.

Von seiner plötzlichen Rückkehr überrascht ließ Gretchen alles stehen und liegen und stürmte auch schon zu ihrem Freund rüber und fiel ihm so überschwänglich um den Hals, dass er fast den Halt verloren hätte, nur um sich im nächsten Moment sofort wieder von dem überrumpelten Mann zu lösen und durch den schmalen Türspalt, den Marc offen gelassen hatte, nach ihren gemeinsamen Kindern zu schauen, die er friedlich in ihrem Reich schlafen gelassen hatte. Sie war so gerührt von ihren süßen Engelchen, dass sie sich ihrem Herzprinzen gleich noch ein zweites Mal spontan an den Hals warf, nachdem sie mit ansteckender Euphorie bemerkt hatte, dass er alles im Griff gehabt hatte, aber das hatte sie ihm selbstverständlich auch schon vorher zugetraut. Schließlich war Marc Meier ihr Ritter in edler Rüstung, die nebenbei bemerkt diesmal nicht gewohnt arztweiß war, sondern aus dunklem und irgendwie muffig riechendem Leder bestand, was an ihm wie immer aufregend sexy aussah, sodass sie direkt heftiges Herzflattern bekam, als sie sich verträumt unter seine alte Lederjacke in seine starken Arme schmiegte und ihm ein warmes Gefühl von Heimkommen bescherte, das ihn ehrlich berührte und den Stress der vergangenen Minuten zumindest temporär verblassen ließ.

Gretchen: Da seid ihr ja schon wieder? Ich hab euch so vermisst.
Marc (weicht überfordert einen Schritt zurück u. schält sich erst einmal aus seiner Jacke, die im Zusammenspiel mit seiner heißen Freundin, die ihn wild u. ungezähmt abgeknutscht hat, wie eine Sauna gewirkt hat): Äh... ja? Wir... dich... auch, aber so lange waren wir jetzt auch nicht weg. Sag mal, wolltest du nicht pennen?
Gretchen (räumt ihrem Schussel die Schuhe hinterher, die er mitsamt der Jacke achtlos vor die Garderobe gekickt hat): Das hab ich versucht, aber ich konnte einfach nicht einschlafen. Das ist doch immer so. Wenn man unbedingt will, dann klappt das meistens nicht. Schäfchen zählen funktioniert bei mir nicht und ich schlaf doch immer so ungern ohne dich. Außerdem fühle ich mich gerade wie... wie...
Marc (beendet ihren Satz mit wissendem Schmunzeln u. schlurft barfuß zum nächstbesten Sessel, in den er sich schwerfällig hineinfläzt): ...angeknipst?
Gretchen (schwebt ihm leichtfüßig hinterher u. setzt sich pappfrech auf seinen Schoß, um noch ein bisschen weiter mit ihrem Schatz zu schmusen): Ja, quasi.
Marc (schlingt seine Arme besitzergreifend um ihren wohlproportionierten Körper u. vergräbt seine Nase schmunzelnd in ihrem wohlig nach einem Sommertag duftenden Haar, was ihn direkt ruhiger werden lässt): Fällt auch überhaupt nicht auf. Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass ausgerechnet der Frauenflüsterer den Schalter gedrückt hat.
Gretchen (stupst ihn leicht an, muss dann aber auch herzhaft lachen): Blödmann! Du, ich hab mir was überlegt.
Marc (fährt sich müde mit einer Hand über sein Gesicht u. ahnt schon das Schlimmste, denn wenn Haasenzahn so überdreht ist, dann hat das meistens zumindest für ihn nichts Gutes zu bedeuten): Oje, was kommt jetzt?

So sehr Gretchen auch Marcs Klammeräffchenumarmung genoss und noch ewig mit ihm hätte weiterschmusen können, lag ihr dennoch dringend etwas auf dem Herzen, das sie unbedingt mit ihm teilen wollte. Also sprang die Jungmama, angeknipst wie sie war, unvermittelt wieder auf und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das große Whiteboard, welches sie präsentabel vor der Couchlandschaft aufgebaut hatte und drehte es in seine Richtung. Aber der frischgebackene Vater und Patenonkel war noch zu sehr in seinen Gedanken versunken, als dass er richtig wahrnehmen konnte, was seine Herzangebetete dort in verschiedenen Farben mit einer Legende am Rand mit großen Lettern und Zahlen tabellarisch darauf gekritzelt hatte, auch wenn sich ein Teil seines Chirurgenhirns schon darüber wunderte, wieso sie sein sperriges Arbeitsutensil aus seinem Büro gezerrt hatte und wo eigentlich seine darauf befindlichen Aufzeichnungen für seine Habilitation abgeblieben waren, an denen er irgendwann gerne weitergetüftelt hätte, wenn seine Zwerge einigermaßen aus dem Gröbsten raus waren. Aber das war dem ehrgeizigen Chirurgen momentan total egal. Nicht so Gretchen, die gar nicht aufhören konnte, wild durcheinander zu quasseln, weswegen Dr. Meier auch nur die Hälfte von dem mitbekam, was sie ihm gerade überschwänglich vortragen wollte.

Gretchen: Also, ich habe noch einmal darüber nachgedacht, worüber wir vorhin im Bad geredet haben und ich will das wirklich durchziehen.
Marc (hat den Faden schon verloren, bevor sie richtig angefangen hat): Ähm... Was... genau... jetzt?
Gretchen (schaut ihn aus großen Augen ganz gespannt an): Na, dass wir unbedingt etwas ändern müssen. Unser kleiner Kokon hier ist wirklich schön und behaglich und ich liebe es wirklich, wenn nur wir Vier zusammen sind, wir miteinander kuscheln und unseren leicht chaotischen Alltag irgendwie bewältigen, ohne dass uns gleich jemand unter die Hände greifen muss. Aber wir müssen auch mal wieder raus. Unter Menschen. Das hat mir der wirklich schöne Nachmittag mit Mehdi, Lenny und Lilly gezeigt.
Marc (zieht ein eher unbegeistertes Gesicht): Ah... ja? Du, das hatte ich gerade und ich bin wirklich bedient, aber so was von.
Gretchen (setzt sich auf die Armlehne von seinem Sessel u. streicht ihrem Grummelkönig sanft über den Unterarm): Ich meine unter Erwachsene. Unter Menschen, die wir teilhaben lassen wollen. Und da spreche ich nicht nur von unseren Eltern, auch wenn ich mit ihnen angefangen habe. Ich bin nämlich über meinen Schatten gesprungen, Marc.
Marc (legt seine Hand über ihre u. schaut müde, aber doch mit tanzenden Grübchen zu der hibbeligen Ärztin hoch): Das muss aber ein riesiger Satz gewesen sein.
Gretchen (verdreht die Augen u. lässt sich vor dem Quatschkopf nicht unterkriegen): Sehr witzig! Aber schön, dass ich wenigstens deine ungeteilte Aufmerksamkeit habe. Irgendwie wirkst du gerade ziemlich durch den Wind. Ist was?
Marc (zögert einen Moment zu lange, ob er das ansprechen soll, was ihn gerade schwer auf den Magen drückt u. Gretchens Hochstimmung bestimmt ein Ende setzen würde): Ähm...
Gretchen (bemerkt gar nicht, dass er etwas sagen will, u. redet weiter munter drauflos): Jedenfalls hab ich vorhin Papa in der Klinik angerufen. Er war erst ziemlich kurz angebunden, wollte mich sogar an seine Sekretärin verweisen, vermutlich weil er immer noch ein bisschen grummelt wegen neulich, aber das Eis ist ziemlich schnell gebrochen, als ich ihm von Marlene und Marlon erzählt habe, wie lieb die beiden sind und wie schön es war, dass sie heute Besuch von ihrem kleinen Freund Lenny hatten. Ich glaube, er hat sogar ein bisschen geweint. Zumindest hat er tief geschluckt und dann verraten, dass Mama uns schon lange nicht mehr böse ist und dass sie ihm ständig in den Ohren liegt, dass sie beide mal wieder vorbeikommen möchten. Aber sie war sich unsicher, ob sie damit nicht schon wieder zu weit vorpreschen würden, was totaler Blödsinn ist. Ich vermiss sie doch auch. Das hab ich ihr dann auch gesagt. Denn ich habe sie auch gleich noch angerufen, nachdem Papa gesagt hat, wie sehr sie sich freuen würde, von mir zu hören. Es war gleich wie immer zwischen uns, nur das wir bestimmt zehn Minuten lang nur geheult haben. Siehst du, allein schon wenn ich nur daran denke, kommen mir schon wieder die Tränen.

Unser doofer Streit war doch auch wirklich albern und total unnötig. Stattdessen sollten wir uns lieber über unsere beiden Sonnenscheinchen freuen. Nichts zählt mehr als das und ab sofort werden wir uns auch daran halten. Das haben wir so abgemacht und nicht nur das.

Marc (wischt ihr mit dem Finger eine einzelne verstohlene Träne von der Wange u. benetzt damit verträumt lächelnd seine Lippen): Ich kann dir versichern, das ist definitiv wie immer.
Gretchen (stupst ihn kichernd an u. schmiegt sich dann verliebt wieder an seine Seite): Ihr tut das alles auch wahnsinnig leid, wie das neulich aus dem Ruder gelaufen ist. Sie konnte sich das auch nicht erklären. Aber deine Mutter regt sie halt manchmal noch immer ziemlich doll auf und umgekehrt genauso. Natürlich bist du nicht von Wölfen aufgezogen worden. Das hat sie nicht so gemeint. Aber stell dir vor, sie hat sich sogar schon mit Elke zusammengesetzt, mit Papa und Oli als schlichtende Beobachter versteht sich, und sie haben sich gegenseitig versichert, dass sie sich in Zukunft nicht mehr in die Erziehung unserer Kleinen einmischen werden.
Marc (horcht dann doch interessiert auf): Das glaubst du doch selbst nicht? Weißt du, wie die mich vorhin schon wieder zur Schnecke gemacht hat? Nur weil Lilly und Lenny dabei waren, hat sie sich nicht ganz so peinlich aufgeführt wie sonst immer. Die Frau lebt doch in einer vollkommen anderen Dimension als wir vier. Und deine Mutter erst, die ist erst recht nicht von dieser Welt.
Gretchen (nimmt lächelnd seine Hand u. verhakt ihre Finger mit seinen, bevor sie ihn mit ihren himmelblauen Augen wieder in den Bann zieht): Ja, der Punkt geht an dich. Hihi! Jedenfalls freue ich mich, dass wir diese dumme Geschichte endlich aus der Welt geschafft haben. Für uns und vor allem für unsere Babys. Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich konnte dann nicht anders. Ich hab ja gesagt.
Marc (bekommt plötzlich ein seltsames Engegefühl in der Brust): Ja, wozu?
Gretchen (beißt sich auf die Lippen u. schaut vorsichtig zwischen seinen sie unruhig belauernden Augen hin u. her): Dass wir am Wochenende mit der ganzen Bande zum Sonntagsessen erscheinen.
Marc (lässt geknickt den Kopf fallen): Och, Gretchen!
Gretchen (tätschelt liebevoll seine Hand u. pflegt ihr schlechtes Gewissen): Ja, ich weiß, das ist unser letzter Tag, aber sie freut sich doch so und ich konnte nicht schon wieder absagen. Jochen war kein würdiger Ersatz für uns, obwohl er es versprochen hat. Der hat sich nämlich gedrückt und seine Rückkehr ins Studium vorgeschoben. Der faule Kerl will nämlich auch nur kommen, wenn wir da sind. Zwecks Gerechtigkeit und was weiß ich. Und das heißt doch auch nicht, dass wir von nun an gleich wieder jeden Sonntag hingehen müssen, aber schon so ein- bis zwei-, dreimal im Monat. Wir schauen einfach mal, wie die Kleinen in der anderen Umgebung zurechtkommen werden. Sieh es als Abenteuer. Das schürt ihre Neugier und dient ihrer Entwicklung.

Na wunderbar, ich krieg heute wirklich noch die volle Breitseite ab. Der Meier kann’s ja verknusen, was? Moment! Was hat sie gesagt?

Marc (hebt anmerkend einen Finger): Das war schon immer ein Abenteuer, bei dem sich selbst Harrison Ford in die Hose scheißen würde. Auch ohne die Zwerge, Haasenzahn. Moment! Wie meinst du das mit unserem letzten Tag?
Gretchen (schaut abwechselnd zwischen ihm u. der vollgekritzelten Tafel hin u. her): Na, du fängst doch nächsten Montag wieder an zu arbeiten. Hast du das etwas vergessen? Deshalb hab ich ja auch diesen Plan hier in Angriff genommen. Mit deinem neuen Dienstplan, den Terminen beim Kinderarzt und mit der Hebamme und so weiter. Er ist noch nicht ganz ausgefeilt, aber ein Anfang, um den Überblick zu behalten.
Marc (bekommt tellergroße Augen u. starrt fassungslos auf das Whiteboard): Bitte? Das war doch irgendwann Mitte Oktober, wenn ich meinen Dienst auf Station wiederaufnehmen werde?
Gretchen (sieht ihm nachdrücklich in die weit aufgerissenen Augen): Marc, wir haben Mitte Oktober. Sogar schon ein bisschen drüber. Schau mal in deinen Kalender! Papa hat sich eh gewundert, wieso du dich noch nicht auf seine Emails gemeldet hast. Er wollte sich schon mit dir absprechen wegen nächster Woche.
Marc (ihm wird plötzlich ganz flau im Magen u. er rutscht unruhig im Sessel hin u. her): Oh, fuck, das hatte ich jetzt echt nicht auf dem Schirm. Ich dachte, wir haben noch ein paar Wochen.
Gretchen (holt tief Luft u. kämpft mit den plötzlich aufsteigenden Tränen, will aber vor ihm stark bleiben): Ich auch, Marc.
Marc (bemerkt überfordert, dass sie leise anfängt zu weinen u. zieht sie auf seinen Schoß, um das Sensibelchen zu trösten): Haasenzahn, hey, nicht gleich wieder heulen! Das ist kein Weltuntergang. Stark bleiben! Für die Kurzen! Sonst schwimmen wir hier bald in einem Ozean, wenn sie auch noch miteinsteigen und das könnte jederzeit passieren. Du kennst doch unsere beiden Frechdachse. Immer bereit, ihre Eltern zu ärgern. Von wem sie das wohl haben, hm? Obwohl, so ein Pool mitten auf dem Dach hätte schon was.
Gretchen (bemüht sich, sich wieder einigermaßen einzukriegen u. schmiegt sich verschmust an ihren Märchenprinzen, der immer den richtigen Spruch findet, um sie zu beruhigen): Danke!
Marc (streicht ihr gefühlvoll über die benetzte Wange): Hey! Wenn du willst, könnte ich auch noch ein paar Tage dranhängen, hm? Alles kein Problem. So scharf darauf, die Pappnasen im EKH wiederzusehen, bin ich nämlich wirklich nicht.
Gretchen (schaut ihren Helden aus glasigen Augen mit klopfendem Herzen an): Das würdest du echt tun?
Marc (verliert sich in ihrem herzerweichenden Blick u. es ist für ihn entschieden): Ich würde alles für euch tun. Das weißt du doch. Das ganz große Paket. Erinnerst du dich?

Wow! Es passiert wirklich. Von wegen es würde niemals so sein, wie ich es mir immer erträumt habe. Er stellt seinen Job tatsächlich hinter die Menschen, die er liebt und die ihn lieben. Hach... Das kann ich nicht zulassen.

Gretchen (rückt etwas von ihm ab, um ihm nun ernst in die Augen schauen zu können, auch wenn das durch den dichten Tränenschleier, der sie umgibt, etwas ulkig aussieht): Das Paket ist größer, als wir gedacht haben, hm?
Marc (lächelt sanft): Definitiv. Aber je größer die Überraschung, umso schöner. Und Herausforderungen zu meistern, damit kennen wir uns ja wohl am besten aus, oder? Schließlich hab ich sechs Jahre lang ein nerviges blondes Mädchen mit riesiger Hornbrille und Mundsperre abgewehrt, mir meinen Lieblingsplatz auf dem Schulhof abspenstig zu machen. Und du hattest einen echt harten Hund als Oberarzt und was hat es dir gebracht? Du kommst mit deinem Chirurgenausweis jetzt überall rein, wo du hinwillst.
Gretchen (hat sich wieder einigermaßen gefangen): Das ist so lieb von dir, Marc, aber das geht nicht und das weißt du.
Marc (guckt sie ziemlich bedröppelt an): Wieso? Ich bin der Chef. Ich kann tun und lassen, was ich will und ich tue gewöhnlich immer das, was ich will und ich will momentan nirgendwo anders sein als bei unseren Schlafräubern.
Gretchen (ihr geht das Herz auf, ihn so leidenschaftlich reden zu hören): Ich weiß und das kannst du ja auch. Nur Papa rechnet nun mal fest mit dir. Du weißt doch, die Uni hat letzte Woche wieder angefangen. Die Vorlesungen starten am Montag. Er kann sich nun mal nicht zweiteilen und gleichzeitig lehren und im Elisabethkrankenhaus operieren. Für die wichtigen OPs hat er dich vorgesehen und so war das ja auch von vornherein abgemacht. Es war schon sehr großzügig von ihm, dass er dich gleich ganze sechs Wochen freigestellt hat, um mich zu unterstützen. Ich glaube, darauf war er selber ganz schön neidig, weil er das bei Jochen und mir nicht hatte, aber du musst jetzt wieder übernehmen und es ist okay für mich. Wirklich. Und es ist ja auch nicht so, dass er dich gleich für Doppel- und Nachtschichten einteilen würde. Überstunden sind passé, das hat er mir hoch und heilig versprochen. Damit du schnell wieder bei uns sein kannst.
Marc (fühlt sich ehrlich überrumpelt u. weiß nicht, was er dazu sagen soll): Tja, was soll man machen? Es tut mir leid.
Gretchen (streichelt ihm liebevoll über die Wange, ohne den Blick von seinen treuen Augen zu lösen, die sie voller Liebe anglühen): Muss es nicht, Marc! Schau, ich muss doch auch lernen, mit unseren beiden Süßen alleine zurechtzukommen. Das ist mein Ansporn. Und damit das klappt, suche ich mir Unterstützung, also, jetzt nicht so wie du denkst oder deine Mutter, die uns jederzeit ein Kindermädchen besorgen würde, falls es wirklich mal chaotisch werden sollte und das wird es definitiv werden. Du kennst doch unsere Rasselbande. Deshalb hab ich ja auch diesen Plan hier gemacht. Papa hat mir seine und deine Arbeitszeiten gemailt, Oli mir seine in der Charité und Elkes Kalender für die nächsten Wochen. Ach, mit deinen Eltern hab ich übrigens auch telefoniert.
Marc (merklich überfordert von ihrem grenzenlosen Enthusiasmus): Was du nicht sagst? Wie lange waren wir noch mal weg? Drei Tage oder dreißig Minuten?
Gretchen (lächelt verschämt): Ja, ich war nicht zu bremsen. Angeknipst eben. Hihi! Jedenfalls, was Elke betrifft, solange sie an ihrer neuen Romanreihe tüftelt, bleibt sie eh die meiste Zeit in der Stadt, die sie, wie sie sagt, als Inspirationsquelle braucht. Das Ganze spielt wohl auch in Berlin, keine Ahnung. Wobei, wenn du mich fragst, ich ja denke, in Wirklichkeit will sie unbedingt in deiner Nähe sein.
Marc (rollt theatralisch mit den Augen): Sicher!

Damit sie mir jederzeit vorwerfen kann, wie unzulänglich ich in jedem Bereich meines... Korrektur... ihres Lebens bin. Danke! Das ist seit vierunddreißig Jahren der Normalzustand.

Gretchen: Ich darf jederzeit zu ihr kommen, wenn ich Hilfe mit den Zwillingen brauche. Die Zeit der Lesereisen ist mittlerweile vorbei, der wichtigen Buchmessen ebenfalls und noch ist es etwas hin, bis das Weihnachtsgeschäft angekurbelt wird und die Zweitauflage von ihrem Krebstagebuch erscheint. Das ist total süß von ihr und Oli wäre natürlich auch immer zur Stelle.
Marc (um seine Überforderung zu kompensieren, wird er direkt zynisch): Weil die in der Charité ja nichts anderes tun, als ihre Eier zu schaukeln, was? Chef müsste man sein. Ach, bin ich ja bald wieder.
Gretchen (leicht vorwurfsvoll): Marc! Also, ich finde das sehr nett und entgegenkommend von deinen Eltern. Gerade nach dem blöden Streit von neulich, der ihnen übrigens auch wahnsinnig leidtut. Du kannst also auch mit gutem Gewissen wieder den Vordereingang benutzen und musst dich nicht wie ein Verbrecher hintenherum durch die Tiefgarage ins Haus schleichen, weil du unbedingt ihre Begegnung meiden willst.

Wann hab ich das je getan?

Marc (seufzt theatralisch auf): Sonst noch was, das ich wissen muss?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. macht es sich wieder verschmust auf seinem Schoß bequem): Nein, die Zeiten stehen soweit und ich denke, unsere Schnuckelchen und ich kriegen das hin. Ach, Sabine hab ich übrigens auch angerufen. Sie hat sich so gefreut. Ich hatte ja ein echt schlechtes Gewissen, weil ich mich so lange nicht bei ihr gemeldet habe, aber sie hatte totales Verständnis für unsere Situation. Dass wir alle uns erst kennenlernen und uns erden mussten, wie Günni im Hintergrund bemerkt hat. Er geht übrigens auch total auf in seiner Pflegevaterrolle, hat Bine gemeint, und ist gar nicht mehr so hypochondrisch und sonderbar wie früher. Er freut sich schon wie ein kleiner Junge darauf, wenn er seinen Jungen in einem Monat zum ersten Mal mit auf diese Convention mitnehmen darf, du weißt schon, diese Star-Dings-Wars-Sache oder wie die heißt. Also, ich weiß ja nicht, ob das das Richtige für ein Kleinkind ist. Meinst du, sie werden ihn auch verkleiden? Aber naja, wenn es die beiden glücklich macht. Jedem seins eben, nicht?
Marc (schaltet bei dem Thema langsam ab): Ah ja?
Gretchen (kann vor Begeisterung gar nicht aufhören zu reden): Und Anton, dem geht’s auch richtig, richtig gut. Er wächst und gedeiht, der kleine Schatz. Nur letzte Woche hat er ein bisschen gekränkelt. Deshalb ist Sabine ein paar Tage zu Hause geblieben. Aber sie freut sich schon riesig, als sie gehört hat, dass du nächste Woche wieder auf Station sein wirst. Sie hat extra ihre Schicht getauscht, damit sie in deiner sein kann.
Marc (seine Begeisterung ist eine andere): Aha?

Mir bleibt auch nichts erspart. Dann tausche ich eben auch noch mal um und bleib gleich ganz hier. Ich kann mir echt nicht vorstellen, nächste Woche schon wieder mit den unfähigen Pappnasen im OP zu stehen. Mir scheint das alles meilenweit entfernt und das ist exakt die Distanz, mit der man sich die Stasi-Sabsi vom Hals halten sollte.

Gretchen (zubbelt die ganze Zeit hibbelig an ihm herum, sodass er im Sessel nicht wegdösen kann, auch wenn er es gerne möchte): Ja, und hast du gewusst, dass Maria schon seit zwei Wochen wieder arbeitet? Wow! Sie ist echt eine Powerfrau, wie sie Job und Familie auf die Reihe kriegt. Wahnsinn! Ich wollte sie auch direkt dazu ausquetschen, aber erst ging ewig lang keiner ans Telefon und als ich sie endlich an der Strippe hatte, hat sie nur ziemlich genervt aufgestöhnt. Ich glaube, ihr ist gar nicht aufgefallen, dass wir uns seit der Geburt der Zwillinge nicht mehr gesprochen haben. Ich hab ein Treffen vorgeschlagen, zusammen mit Sabine und den Kindern, aber die Antwort ist sie mir schuldig geblieben. Im Hintergrund gab es ziemlichen Rabatz. Erst hat ein Baby geweint, dann das andere und Sarah, glaub ich, hat auch noch ordentlich gequengelt. Maria ist dann mit dem Telefon meckernd Cedric hinterhergerannt, du kennst sie ja, wie sie mit ihm sein kann, und sie hat dabei ganz vergessen, dass wir noch telefoniert haben. Mir war das dann unangenehm, weiter zu lauschen, also habe ich aufgelegt. Genau in dem Moment, als du mit Marlene und Marlon zurückgekommen bist. Aber ich werde unser Treffen auf jeden Fall auf dem Schirm behalten. So ein Austausch kann uns allen nicht schaden. Vielleicht hol ich Gabi auch noch mit dazu. Ich weiß, das ist auf der einen Seite ziemlich heikel, wegen der Sache mit Maria und Mehdi damals, aber wir sind doch alle Mütter und sollten zusammenhalten. Und die alten Geschichten sind doch längst ähm... Geschichte.

Beim Stichwort ‚Gabi’ horchte Marc dann doch wieder auf, der kurz davor gewesen war, neben Gretchen doch noch entspannt einzunicken. Ihm wurde plötzlich ganz blass um die Nasenspitze. Er räusperte sich und fuhr sich unbehaglich über die Narbe auf seinem Nasenrücken und Gretchen spürte seine plötzliche Unruhe natürlich auch direkt körperlich.

Gretchen: Das war jetzt ein bisschen viel, oder? Tut mir leid, aber ich sprühe gerade nur so über vor Ideen, als hätte ich mein Gehirn ewig nicht benutzt. Ich sag doch, ich muss wieder mehr unter Leute.
Marc (ihm fällt darauf nicht einmal ein kesser Spruch ein, was Gretchen dann doch stark verwundert): Das ist es nicht. Das alles ist wirklich schön und nett. Mach, wonach dir der Sinn ist, solange du mich außen vor lässt, aber die Kragenow würde ich aus deinen Plänen besser streichen.
Gretchen (schaut ihn arglos an): Wieso?
Marc (bringt es ohne Umschweife auf den Punkt, damit es endlich raus ist): Sie ist weg.
Gretchen (blickt ihm leicht irritiert in die Augen): Wie weg?
Marc (muss plötzlich herzhaft auflachen, weil das alles so absurd klingt): Es ist echt unheimlich, wie sehr du mich manchmal imitierst. Steht dir aber, so ein bisschen Intellekt.
Gretchen (reagiert genervt auf seinen unangebrachten Spott): Marc, bitte! Was ist los? Hat Mehdi irgendetwas gesagt, das ich wissen muss? Er war doch wie immer. Gut, ein bisschen verhalten und kontrolliert vielleicht, aber das hab ich auf die Müdigkeit geschoben. Ihn hab ich übrigens auch mit auf den Plan geschrieben und Lillys Gitarrenstunde jeden zweiten Donnerstag natürlich auch. Wir dürfen das nicht schleifen lassen, dass du sie aller zwei Wochen von der Musikschule abholst. Sie freut sich doch immer so, wenn du mit ihr übst. Sabine will mir noch Mehdis Dienstzeiten schicken. Er fängt doch auch nächste Woche wieder an zu arbeiten.
Marc (das überrascht ihn dann doch): Ach? Dann... solltest du ihn eventuell auch rausstreichen oder ihn besser zu deinem ominösen Müttergeheimtreff einladen. Da passt er gut hin.
Gretchen (jetzt ist sie erst recht total verwirrt): Wieso?
Marc (kann sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen): Du wiederholst dich, Haasenzahn.
Gretchen (guckt ihn bitterernst an): Marc, bleib bitte einmal ernst, ja! Ich verstehe überhaupt nicht, wo jetzt schon wieder das Problem liegt.

Dito! Das wäre dann mal die richtige Millionenfrage für „Wer wird Millionär“ und Mehdi hätte die Kohle nun wirklich verdient. Wer, wenn nicht er?

Marc (atmet tief durch u. kommt ungeschönt ihrer Bitte nach): Ich meine das ernst. Sie ist weg, hab ich doch gesagt. Sie hat ihre nachgemachten Designersiebenmeilenstiefel gepackt und Arrivederci. Sayonara. Tschö mit ö.
Gretchen (reißt ungläubig die Augen auf, als sie versteht, was er ihr damit sagen möchte): Was? Sie ist weg? Das glaub ich nicht.
Marc (wirkt plötzlich sehr gefasst, auch wenn er selber immer noch sehr betroffen u. wütend ist): Ist aber so. Tatsache, not Fake News.
Gretchen (hält sich fassungslos eine Hand vor den Mund u. versucht zu verstehen, was nicht zu verstehen ist): Aber sie würde doch niemals...
Marc (kann seine vorlaute Klappe nicht halten, obwohl er weiß, dass es mehr als unangebracht ist): Sag niemals nie. Es hätte ja auch nie jemand gedacht, dass ausgerechnet sie sich mal rettungslos in unseren Kuschelbär verknallen würde.
Gretchen (sieht ihren spöttelnden Freund plötzlich mit großen Augen an): Marc, das ist ein Hilferuf und wir haben ihn nicht gehört. Wir waren so sehr auf uns fokussiert und haben gar nicht mitbekommen, dass... Moment! Wieso hat Mehdi denn vorhin nichts gesagt? Wusste er es etwa noch nicht? Hat sie etwa am Telefon mit ihm Schluss gemacht, während ihr...?
Marc (stöhnt entnervt auf u. beendet ihr Gedankenkarussell, bevor es richtig Fahrt aufnimmt): Du kennst ihn doch. Der macht komplett zu wie eine Auster und will immer alles mit sich selbst ausmachen, der Idiot.

Dabei hab ich ihn immer gewarnt. Nicht immer gleich verlieben, du Dorfdepp, ey!

Gretchen (macht sich direkt große Sorgen um ihren besten Freund u. fasst sich an ihr wild bebendes Herz): Der Arme! Das ist nicht gut. Wo ist er jetzt?
Marc (stutzt für einen kurzen Moment): Äh... zuhause, wo sonst?
Gretchen (schaut ihn an, als hörte sie nicht richtig): Ich fasse es nicht, dass du ihn in dieser Situation alleine nach Hause gehen lassen hast.
Marc (auf diesen Vorwurf ist er nicht vorbereitet): Äh... Er ist nicht alleine. Außerdem hatte ich die Zwillinge und er wollte nicht...
Gretchen (lässt ihn nicht ausreden, so aufgebracht ist sie): Marc, es ist nicht Lillys Aufgabe, sich um die Sorgen ihres Vaters kümmern zu müssen. Sie ist noch ein Kind.
Marc (die beleidigte Leberwurst meldet sich, weil Gretchen ihn nicht hat ausreden lassen): Und wessen dann?
Gretchen (blickt ihm entschieden in die Augen): Du musst zu ihm!
Marc (weicht etwas von ihr ab u. zeigt ihr überfordert den Vogel): Bitte? Ich bin gerade erst reingekommen. Ich gehe heute garantiert nirgendwo mehr hin.
Gretchen (fleht ihn an): Marc, bitte, er braucht dich. Er braucht einen Freund.

Der braucht eher einen Therapeuten, wenn du mich fragst. Dass das mit der blöden Kuh so ausgehen würde, das hätte ihm jeder Wahrsager auf der Welt vorhersagen können. Da sieht man es mal wieder, ich hätte Schwester Sabine und ihr Sterndeutungsbuch auf ihn ansetzen sollen. Mein Fehler!

Marc (fühlt sich immer unbehaglicher): Wieso denn immer ich?
Gretchen (redet eindringlich auf ihn ein u. hofft auf sein gutes Herz): Weil du sein bester Freund bist. Ich würde es ja auch machen, aber ich kann hier gerade nicht weg. Leni und Marlon werden gleich Hunger bekommen.
Marc (überspielt seine eigene Unruhe mit den üblichen Witzchen): Verfügst du neuerdings über telepathische Fähigkeiten?
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht zum Lachen zumute): Eine Mutter merkt das. Außerdem ziehen meine Brüste. Es ist gleich wieder soweit.
Marc (grinst schelmisch, als er demonstrativ seinen Blick auf ihr hübsches Dekolletee lenkt): Jetzt hast du meine volle Aufmerksamkeit.
Gretchen (erst ernst, dann immer flehender): Marc, bitte! Bitte, bitte, bitte! Geh zu Mehdi! Lass ihn bitte heute nicht alleine!
Marc (spürt, dass er keine andere Wahl hat, u. resigniert): Boah, na schön, gut, dann gehe ich eben, aber ich will nachher keine Beschwerden hören, von wegen ‚ich kann ohne dich nicht einschlafen und du hättest heute Windeldienst gehabt‘ und so.
Gretchen (sieht ihn gerührt an u. rückt sein zerknittertes T-Shirt zurecht, an das sie sich verzweifelt geklammert hat): Du bist mein Held.

Damit hab ich auch noch keinen Blumentopf gewonnen. Aber den hätte ich wenigstens dem Dreckstück Gabi an die Rübe knallen können, damit sie wieder vernünftig wird. Wobei, kann sie das überhaupt buchstabieren? Vermutlich nicht.

Marc (wird weich, wenn sie ihn so verknallt anhimmelt): Krieg ich wenigstens was dafür?
Gretchen (schmachtet ihren Schatz mit klimpernden Wimpern u. verführerischem Lächeln an): Anerkennung. Freundschaft. Vertrauen.
Marc (gibt sich nur ungern damit zufrieden u. würde gerne noch einen Kuss abstauben): Deals und Pläne zu schmieden, sollten wir noch üben, aber du hast ja jetzt genug Zeit dafür, wenn ich weg bin.
Gretchen (lächelt u. ist froh, dass sie ihren Grummel überzeugen konnte): Und ich werde währenddessen noch einmal versuchen, Gabi zu erreichen. Sie ist überfordert, das sind wir doch alle manchmal, aber das ist doch kein Grund, gleich wegzulaufen. Es wäre doch gelacht, wenn wir das zusammen nicht wieder hinkriegen würden. Sie liebt ihn doch und sie weiß, dass sie immer zu mir kommen kann.
Marc (stöhnt entnervt auf, weil sie selbst jetzt noch an das Gute glauben kann): Viel Spaß, aber mach dir nicht allzu große Hoffnungen! Diese Frau ist ein hoffnungsloser Fall und Mehdi ein hoffnungslos verknallter Trottel.
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf u. zieht ihren skeptischen Grummelfreund noch einmal in eine innige Umarmung): Es ist nie zu spät, zu hoffen.
Marc (grinst u. erliegt ihrem unverwechselbaren Charme): Das hätte jetzt auch von ihm sein können.
Gretchen (haucht sanft über seine gespitzten Lippen): Siehst du, alles wird gut werden. Das weiß ich.

Wie bei uns.

Marc (genießt den zarten Kuss sehr): Träumerin!
Gretchen (kuschelt sich an ihn u. sieht ihm noch einmal aus voller Überzeugung in die skeptischen Augen): Aber genau das liebst du ja auch so sehr an mir. Und ich liebe dich, weil du der beste Freund der Welt bist, weil du immer das sagst, was du denkst und du mit deinen Überzeugungen jede Herausforderung meisterst, die sich dir in den Weg stellt.
Marc (seufzt geschlagen): Haasenzahn, stell das Baggern ein! Du musst mich nicht weiter überzeugen. Ich bin ja schon weg.

Und ehe er sich versah, stand Marc Meier auch schon wieder abschiedsbereit in seiner Wohnungstür, bekam ein weiteres verdientes Küsschen mit auf den Weg und noch eins obendrauf, bevor Gretchen zu den Zwillingen ins Kinderzimmer ging, die wie erwartet angefangen hatten zu weinen, und dann war er auch schon unterwegs auf einer Mission, die er eigentlich nie gewollt hatte, aber damit war er nicht alleine.

Lorelei Offline

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14.01.2019 13:58
#1639 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Auch in einem ruhigen Hinterhof im Stadtteil Prenzlauer Berg hatte jemand nicht gewollt, so urplötzlich und völlig unerwartet vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, wenn doch alles noch bis vor ein paar Stunden nahezu perfekt gewesen zu sein schien. Aber die schnuckelige Altbauwohnung im Parterre eines vierstöckigen Mehrfamilienhauses war immer noch genauso leer, wie er sie vor ein paar Stunden völlig ratlos und konsterniert verlassen hatte, als er vor zwei Minuten mit Lilly und Lenny nach Hause gekommen war. Es passte einfach nicht zusammen. Alles fühlte sich an wie in einem schlechten Sonntagabendspielfilm. Als könnte er sich selbst zuschauen, was physikalisch überhaupt nicht möglich war, aber sein Verstand spielte ihm diesen Streich. Und soweit dies überhaupt möglich war, versuchte er, sein brodelndes Gefühlsdurcheinander im Zaum zu halten, um seine Kinder nicht unnötig zu verunsichern, aber der tiefe Kummer kratzte bereits an der Oberfläche, auch weil die schonungslose Stimme seines besten Freundes noch immer in seinem Ohr nachhallte, der das ausgesprochen hatte, was er selbst sich nicht getraut hatte zuzugeben, weil die Hoffnung immer noch größer gewesen war als die bittere Erkenntnis, dass er sich vielleicht doch in ihr getäuscht haben könnte.

Denn sie war nicht, wie Mehdi sehnlich gehofft hatte, zurückgekommen und hatte Lilly, Lenny und ihn an der Haustür mit ihrem umwerfenden Lächeln begrüßt, das sein Herz immer kleine Hüpfer machen ließ. Stattdessen hatte seine rosarote Brille immer mehr Risse bekommen. Und nicht nur die. Auch sein mit Pflastern geflicktes Herz und der Gedanke an das große allumfassende Glück, das sie in den vergangenen Wochen und Monaten miteinander geteilt hatten. Das war echt gewesen. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Ihre Liebe, die sich vor fast genau einem Jahr für beide so überraschend entfaltet hatte, war mit jedem Tag größer und inniger geworden. Gekrönt durchs Lennys Geburt, der ihr gemeinsames Glück nur noch perfekter gemacht hatte. Die vergangenen Wochen mit dem kleinen Mann waren unvergleichlich schön gewesen. Sie hatten alle auf Wolke sieben geschwebt. Es hatte nie Missstimmung gegeben, obwohl Lenny ab und an doch ganz schön an ihrem Nervenkostüm gezerrt hatte, wenn er mal wieder sehr entschlossen war, die Nacht zum Tag zu machen, worin er sehr konsequent sein konnte. Aber das war doch normal mit einem so kleinen Menschen im Haushalt, der seine Bedürfnisse noch nicht anders mitzuteilen wusste.

Er hatte sich rührend um seine und auch um Lillys Bedürfnisse als große Schwester gekümmert, die parallel die Herausforderung, an die weiterführende Schule gewechselt zu haben, mit ansteckender Leichtigkeit gemeistert hatte, und auch Bella hatte immer auf ihn zählen können. Er war für sie da gewesen, hatte ihr über die Nachwirkungen der Geburt hinweggeholfen und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Er hatte sie getröstet, als das mit dem Stillen nicht klappen wollte und sie sich völlig unnütz gefühlt hatte und sich tagelang nicht aus ihrem Bett hatte aufraffen können. Er hatte sie aufgefangen, hatte ihr all seine Liebe und Zuversicht geschenkt, die sie bedingungslos geteilt hatte, als sie gemerkt hatte, dass sie zusammen alles auf der Welt schaffen konnten. Sie waren ein tolles, aufeinander eingespieltes Team. Ein glückliches Paar, das sich auch Zeit für sich nahm, wenn sich spontan die Möglichkeit dafür ergab, weil Lilly wie mit Pattex an Lennys Wiege klebte und nicht mehr von dort wegzubekommen war oder die bärenstolzen Großeltern mit dem Kleinen eine größere Runde im benachbarten Park drehten. Ihre gemeinsame Tanzleidenschaft hatten sie zwar vorerst auf Eis gelegt, da sie zuhause gerade mehr gefordert waren als auf einer Tanzfläche mit einem mehr als anstrengenden Lehrer, doch selbst dort hatte es unvergesslich schöne Momente gegeben, in denen sie zusammen mit ihrem Baby und Lilly spontan durch die gesamte Wohnung getanzt waren. Ihr liebliches Lachen tönte selbst jetzt noch in seinen Ohren und er spürte sie mit jeder Faser seines Körpers, obwohl sie nicht da war und er vor Sorge, wo sie denn gerade steckte, fast umkam. Nein, er hatte sich wirklich nicht getäuscht. Ihr verliebtes Lächeln war immer echt gewesen. Ihre Liebe war echt. Gabriella Kragenow war sein Anker und er ihrer und das würde hoffentlich auch immer so bleiben.

Irgendetwas anderes musste also vorgefallen sein. Mehdi konnte sich Gabis kopflose Flucht von einem Moment auf den anderen einfach nicht erklären. Sie hatte keinen Grund dafür gehabt. Sie waren ein eingespieltes Team. Sie vertrauten einander. Warum war sie dann nicht zu ihm gekommen? Wieso dachte sie, sie könnte das alles nicht, wenn doch das Gegenteil der Fall war? Die Bilder von ihren glücklich strahlenden, fesselnden dunkelgrünen Augen, die voller Liebe an ihm klebten, wenn er mit Lenny und Lilly alberte, waren omnipräsent. Sie verfolgten ihn überall hin. Er fühlte ihre Anwesenheit nahezu körperlich, auch wenn sie gerade offensichtlich nicht bei ihm war. Das war doch verrückt. Er spürte sie tatsächlich schmerzlich. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, das Blut rauschte in seinen Ohren und die Gedanken tobten in seinem Kopf. Sie suchten pausenlos nach einer plausiblen Erklärung, die ihm, so sehr er sich auch anstrengte, nicht einfallen wollte. Aber er durfte sich jetzt nicht gehen lassen. Er durfte sich seinem Kummer nicht ergeben, wie er es schon einmal getan und bitter bereut hatte. Er musste stark bleiben, auch wenn es gerade noch einen weiteren Abschied zu verkraften galt, der dazu führte, dass eines der bunt bedruckten Kinderpflaster auf seinem schon arg gebeutelten Herzen mit Hauruck heruntergezogen wurde. Dabei hätte er sich doch am liebsten mit seinen beiden Kindern unter die nächste Bettdecke verkrochen und wäre aus diesem Schutzkokon nicht wieder hervorgekommen, wie es ihm Marc und Gretchen in den vergangenen Wochen vorgemacht hatten.

Aber mit rosa Zahnbürste, Hanna-Montana-Schlafanzug und Lieblingsbarbiepuppe bewaffnet stand sein großes Mädchen jetzt hibbelig vor ihm und seinem zappelnden Sohn in der Tür, griente die beiden auf seine unverwechselbar süße Art an, der noch niemand je hatte widerstehen können, und dachte dabei insgeheim, sein Papa würde es nicht merken, wenn es hinter seinem Rücken auch noch die Gitarre von seinem heiß geliebten Onkel Marc mit nach oben zu seiner Freundin schmuggeln würde, wo Lilly sie zusammen mit ihr neu gestalten wollte. Sie hatte auch schon konkrete Bilder im Kopf, die mit sehr viel bunter Farbe, Flamingos und Schmetterlingen zu tun hatten. Aber trotz des an Fahrt aufnehmenden Gedankenkarussells in seinem Kopf waren die Augen von Dr. Kaan wachsam geblieben und so hielt er das Musikinstrument seiner Tochter schneller in der Hand, als diese hatte gucken können. Und schon war die hinreißende Schmollschnute wieder da, die er so sehr an seiner Maus liebte, die aber schnell wieder dem fröhlichen Kinderlachen weichen musste, weil Lilly sich schon seit Tagen auf die Übernachtung bei ihrer Freundin gefreut hatte.

Mehdi (schaut Lilly mit der nötigen väterlichen Autorität abwartend an, während er seinen Sohn im Tragetuch sanft hin u. her wiegt): Lillybärchen!
Lilly (schmollt, als sie merkt, dass sie mit ihrem Plan nicht durchkommen wird): Och, menno, du Spielverderber, das wäre so ein Spaß gewesen.
Mehdi (stellt das eroberte Instrument zu seinem Rucksack neben den Garderobenschrank u. streicht der Schmollliese liebevoll durch ihr zerwuscheltes Haar): Ich weiß. Ihr könnt morgen üben. Tagsüber. Bei uns. Hm?
Lilly (will ihn noch ein bisschen länger zappeln lassen u. schmollt noch zehn Sekunden länger als nötig, dann strahlt sie ihn u. ihren Bruder wieder an): Na gut! Du hast ja recht. Ihre beiden kleinen Geschwister schlafen bestimmt schon. Und der olle Nachbar von ganz oben, der meckert doch immer, wenn ich noch so spät Gitarre übe. Dabei stimmt das doch gar nicht. Der ist gar nicht richtig sauer. Der tut bloß so. Franzi hat nämlich beobachtet, wie er sich dann immer extra auf den Balkon setzt und mit einem breiten Lächeln zuhört. Ich glaube, der ist ziemlich einsam.
Mehdi (gibt seiner schlauen Tochter einen dicken Schmatzer auf die Stirn u. zieht das verdutzte Mädchen anschließend in eine innige Krokodilsumarmung): Was ihr alles so wisst? Trotzdem, nicht zu viel Unsinn treiben, ja! Du weißt, ich hab meine Ohren überall. Und sag Franzis Mutti bitte einen lieben Gruß von mir!
Lilly (schmiegt sich an ihn): Mach ich!
Mehdi (drückt sie noch fester an sich u. will sie gar nicht gehen lassen): Hast du alles? Gut, dann wünsche ich dir einen schönen Abend, aber nicht zu lange aufbleiben, ja? Morgen früh Punkt zehn wieder hier bei uns auf der Matte. Dann unternehmen wir was Schönes. Überleg dir was!
Lilly (wundert sich, dass ihr Papa sie so lange festhält u. zappelt sich mühsam frei): Au ja! Vielleicht ins Kino gehen, da gibt es doch diesen neuen Disneyfilm, obwohl, mit Baby ist das vielleicht etwas unpraktisch. Dann lieber aufs Tempelhofer Feld, um dort Drachen steigen zu lassen. Das wäre schön.
Mehdi (lächelt sie wehmütig an): Wird eingeloggt.
Lilly (nickt ihrem Papa fröhlich zu u. streichelt dann ihrem Brüderchen zärtlich über die Wange): Tschüss, Papa, tschüss Lenny! Schlaf schön, mein Schatz! Morgen Abend sing ich dir wieder ein Schlaflied vor und Papa und Gabi vielleicht auch. Versprochen!
Mehdi (seufzt u. kann seine Tränen kaum zurückhalten, als er sie langsam ziehen lässt): Hach... mein Mädchen!
Mein kleiner Sonnenschein selbst bei trübem Wetter.
Lilly (wundert sich dann doch über ihren sehr sentimentalen Papa u. bleibt noch einen Moment länger in der offenen Tür stehen, um ihn ganz genau zu mustern): Alles in Ordnung mit dir, Papa? Irgendwie bist du heute komisch. Ich glaube, das war es, was Onkel Marc mir vorhin sagen wollte, als er meinte, ich solle doch ein bisschen auf dich aufpassen.
Marc? Er hat was gesagt? Dabei bin doch ich derjenige, der ihn immer... Reiß dich zusammen, Mehdi! Du bist ein offenes Buch. Nicht nur für ihn. Wenn das nur so einfach wäre.
Mehdi (strengt sich zu einem bemühten Lächeln an u. winkt seiner Großen mit Lennys Hand nach): Ach, das täuscht. Wir sind nur müde. War ein langer Tag. Alles ist gut, Lillymaus. Bis morgen!
Lilly (kräuselt die Stirn, als sie noch einmal forschend in seine Augen blickt u. knuddelt dann ausgiebig noch mal ihren kleinen Bruder, der gerade aufgewacht ist u. herzzerreißend an Mehdis Brust gähnt): Okidoki! Bis morgen, Lennylein! Pass schön auf den Papa und deine Mama auf! Morgen übernehme ich dann wieder. Hihi!

Lilly löste sich von ihrem kleinen Bruder, der niedlich das Gesicht verzogen hatte, nachdem sie ihn ohne Vorwarnung heftig abgebusselt hatte. Sie hüpfte hoch und drückte ihrem sichtlich überraschten Papa auch noch ein kleines Abschiedsküsschen auf die Wange, bevor sie sich umdrehte und wie ein Wirbelwind zur Tür hinausstürmte. Mehdi hörte noch, wie sie die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend bis in den dritten Stock hochflitzte, wo sie zweimal kurz klingelte und von ihrer Freundin schließlich herzlich aufgenommen wurde, die schon den ganzen Nachmittag ungeduldig auf die Zehnjährige gewartet hatte. Jetzt war er also wieder alleine und Mehdis Herz wurde merklich schwer, als er die Wohnungstür langsam ins Schloss schob. Aber ganz alleine war er ja nicht. Durch Lillys Geknuddel war Lenny endgültig wach geworden und schaute nun aufgeweckt zu seinem Papa hoch, der prompt lächeln musste, als er in das Gesicht seines strahlenden Sohnemannes schaute, in dem er so viel von seiner Bella wiedererkannte. Derselbe fesselnde Ausdruck in den Augen, die tief in seine Seele blicken konnten. Mehdi musste unweigerlich aufseufzen und streichelte liebevoll über die zartrosa gerötete Wange des fröhlich glucksenden kleinen Mannes, den er anschließend aus der Tragehilfe befreite, um ihn noch inniger an sich drücken zu können.

Lenny gab ihm die nötige Kraft, um sich darauf zu besinnen, dass schon alles wieder gut werden würde und so schlenderte er nun mit dem heftig strampelnden Zappelphilipp durch die Wohnung, wo er überall das Licht einschaltete, weil mittlerweile die Abenddämmerung eingesetzt hatte. Vor der Badezimmertür blieb er jedoch stehen. Er hatte plötzlich wieder dieses seltsame Gefühl im Bauch, welches ihn schon vorhin beim Betreten der Wohnung beschlichen hatte. Er guckte kurz über seine Schulter zu der nur angelehnten Schlafzimmertür, horchte in die bedrückende Stille hinein, welche sich nach dem nicht gerade geräuscharmen Abgang seines quirligen Mädchens wie riesige Pranken schleichend um seinen gesamten Körper gelegt hatte, und schaute schnell wieder auf seinen kleinen Sohn herab, der ihn mit großen Kulleraugen anglühte. Lenny war jetzt wichtig und nichts anderes. Weder er und sein Selbstmitleid, noch die Sorgen um seine verschollene Freundin, in deren Händen es jetzt lag, zu reagieren oder eben nicht, denn er konnte nicht mehr geben als seine bedingungslose Liebe, der sie sich immer sicher sein konnte, sonst würde er noch daran kaputtgehen. Und Mehdi wusste schon ganz genau, wie er sich und sein Baby jetzt ablenken konnte. Der Gedanke daran trieb ihm sogar ein kleines Lächeln auf die Lippen.

Mehdi: Und wir beiden Hübschen, was machen wir jetzt, wo wir doch unverhofft Strohwitwer sind? Hm... ich weiß. Wir machen uns einen schönen Männerabend, nur wir beide. Was hältst du davon? ... Prima! Das hab ich mir gedacht. Und ich weiß auch schon, womit wir anfangen werden. Ich glaube, es ist höchste Zeit für einen Badetag für unser Lennybärchen. Ja, darüber freust du dich doch immer, oder mein Schatz? Na, dann... komm mal mit!

Wie sehr sich der Junge tatsächlich darauf freute, sollte sich in den nächsten zwanzig Minuten zeigen, die auch für den stolzen Zweifachpapa eine sehr, sehr nasse Angelegenheit werden sollten. Sein T-Shirt und seine Jeanshose trieften vor Nässe, als Mehdi den heftig krakeelenden und strampelnden kleinen Kerl beruhigend summend in ein flauschiges Handtuch wickelte und anschließend mit ihm vorsichtig zur anderen Ecke des Badezimmers balancierte, möglichst ohne auf dem völlig eingeweichten Fußboden auszurutschen. Mangels Alternativen legte er das Baby vorerst sicherheitshalber in den gefüllten Wäschekorb neben der Waschmaschine, bevor er mutig den Rückweg antrat. Er schnappte sich alles an Handtüchern, was er kriegen konnte und robbte auf allen Vieren zurück zur Badewanne, wobei er angestrengt versuchte, so viel Wasser wie möglich aufzuwischen, das während seiner ungeplanten Duscheinlage über Bord gegangen war. Und in der Tat war mehr Wasser auf den Badezimmerfliesen gelandet, als sich noch in der kleinen Babywanne befand, welche von einer Reihe gelber Quietschentchen und quietschgrüner Froschfiguren umgeben mittig in der raumfüllenden Badewanne stand. Mehdi schüttelte den Kopf und wischte sich die feuchten Haarsträhnen aus seinem schweißnassen Gesicht. Er konnte es einfach nicht begreifen. Jedes Mal das gleiche Prozedere, aber er liebte es. Deshalb konnte er sich sein Grinsen auch nicht verkneifen.

Mehdi: Wie kann ein so tapferer Junge wie du nur so viel Angst vor Wasser haben? Dabei ist es doch nur Wasser. Das natürlichste Element der Welt. Lilly war da ganz anders damals. Sie hat baden immer geliebt schon als kleines Baby. Vielleicht sollte ich euch beide beim nächsten Mal zusammentun, hm? Dann droht auch keine Flutung der Kellerräume unter uns.

Der wieder deutlich fröhlicher gestimmte Familienvater schmunzelte in sich hinein, wrang einen Lappen nach dem anderen aus und startete rückwärts noch einmal von vorne mit seiner unkoordinierten Putzaktion. Begleitet von einem plötzlich munter glucksenden Lenny. Ja, war das denn die Möglichkeit? Kaum trocken gelegt und dem gefährlichen Nass entkommen, lachte er ihn jetzt etwa aus? Na, warte, dachte sich Mehdi mit Schalk in den Augen und drehte sich um, um seinem frechen Sohn eine Grimasse zu schneiden. Doch er erstarrte mitten in der Bewegung. Sein irritierter Blick glitt langsam von dem feucht glitzernden Fußboden, auf dem er noch immer in seiner durchnässten Kleidung hockte, über die glitzergoldenen Pumps vor dem zum Babykörbchen umfunktionierten Wäschekorb, dann die dazugehörigen schlanken Beine empor bis zu dem dunklen Minirock und dem ockergelben Oversize-Pullover, der an einer Seite sexy verrutscht war und eine ihrer Schulterpartien freigelegt hatte, bis hin zu dem engelsgleichen, blassen, ungewohnt fast ungeschminkten Gesicht, das schuldbewusst zu ihm schaute, bis sie seinen völlig erstaunten, sie tief ins Mark treffenden Blick nicht mehr länger standhalten konnte und stattdessen auf ihr strampelndes Kind im Wäschekorb blickte, was ihr endgültig die Tränen in die Augen trieb.

Mit staunend geweiteten Pupillen verfolgte der konsternierte Halbperser, dessen Herz für einen Moment ausgesetzt haben musste, denn er konnte sich weder bewegen, noch atmen, geschweige denn sonst irgendetwas tun, wie die brünette Schönheit den kleinen Mann im flauschigen quietschgelben Babybadetuch hochhob und unter heftigen Schluchzern an sich drückte. - „Darf ich?“, flüsterte sie dabei kaum vernehmbar, bis ihre Stimme brach, und traute sich dann doch, ihr Gegenüber noch einmal direkt anzusehen. Mehdi nickte nur mit einem schwachen Lächeln. Er konnte nicht sprechen. Seine Lippen klebten aufeinander, als wären sie mit Sekundenkleber festgeklebt. Sie lächelte dankbar zurück und drückte den fröhlich quietschenden Jungen glücklich gegen ihre tränennasse Wange, bevor sie ihn nach nebenan ins Schlafzimmer brachte, um ihn dort zu wickeln, wieder anzuziehen und schließlich in sein Bettchen zu legen.

Mehdi blieb währenddessen wie erstarrt im Badezimmer zurück. Nur ganz langsam kehrte wieder Leben in seinen Körper und er versuchte sich aufzurichten. Doch er taumelte und musste sich mit beiden Händen am Wannenrand abstützen, bevor er sich auf die Kante setzte und innehielt, um seine wild tosenden Gedanken zu sortierten. Er vergaß fast, wieder Luft in seine Lungen zu pumpen, als er schließlich gebannt zur Tür starrte, die ebenso offen stand wie die gegenüberliegende. Mit wild pochendem Herzen beobachtete er jede ihrer eingespielten Bewegungen. Er sah die Liebe in ihren Augen, die im Schein des Nachtlichts an der Wiege auf ihr Kind schauten und nur ein einziger Gedanke rauschte dabei durch seinen völlig konfusen Kopf, während sich eine einzelne Träne aus seinem Augenwinkel stahl: Er hatte sich tatsächlich nicht in ihr getäuscht.

Lorelei Offline

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06.02.2019 13:17
#1640 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so ruhig war es in der gemütlichen Sechszimmerwohnung der Patchworkfamilie Kaan-Kragenow geworden. Die Anspannung war zum Greifen nahe, doch keiner traute sich, etwas zu sagen. Mehdi hatte sich inzwischen seiner nassen Kleidung entledigt und sich umgezogen, nachdem er den Badezimmerfußboden noch eben schnell fertig trocken geschrubbt und Lennys Sachen und die feuchten Handtücher in die Waschmaschine gesteckt und diese angestellt hatte. Nun werkelte er geschäftig in der Küche, räumte geräuschlos die Spülmaschine ein und beseitigte die letzten Spuren von Lillys Kindergeburtstag am Morgen. Der hibbelige Halbperser war viel zu aufgewühlt, um stillzustehen und die sonderbare Situation, die sich zwischen ihnen aufgetürmt hatte, auf sich wirken lassen zu können. Er musste irgendetwas tun, sonst würde er noch durchdrehen. In ihm kribbelte es von den beiden kleinen Zehen bis zu seinen dunkelbraunen Haarspitzen und er wurde noch nervöser, als er merkte, wie Gabi plötzlich hinter ihm in der Küchentür stehen blieb und ihn mit scheuem Blick, der ihm durch und durch ging, beim unkoordinierten Herumwirbeln in der Küche beobachtete.

Fahrig fuhr sich die Neunundzwanzigjährige mit einer Hand über die Finger der anderen, die verkrampft das Babyphone festhielt, an welches sie sich klammerte wie an eine Rettungsboje im tiefen weiten Meer. Sie wusste einfach nicht, wie sie Mehdi jetzt begegnen sollte. Aber noch länger hätte sie sich auch nicht hinter Lennys Wiege verstecken können. Der Kleine schlief friedlich in seinem Bettchen und ahnte zum Glück nicht im Geringsten, was seine Eltern und vor allem sie selbst gerade umtrieb. Sie bekam heftiges Herzklopfen, als sie daran dachte, wie ihr süßer Schatz müde seine kleinen Ärmchen in die Höhe gereckt hatte. Erst in die eine, dann in die andere Richtung. Als versuchten seine Händchen, sich an irgendetwas festhalten zu wollen. Ob Säuglinge in dem Alter schon so bildhaft träumen konnten, fragte sich die Jungmutter aufgewühlt. Es schien tatsächlich den Anschein zu haben. Deshalb hatte sie sich auch nur schwer von dem niedlichen Anblick ihres kleinen Sohnes lösen können. Auch nicht als Mehdi hastig ein paar Kleidungsstücke, eine dunkle Hose und einen grauen Hoodie, aus dem gemeinsamen Kleiderschrank gezogen hatte, um sich diskret nebenan in Lennys Kinderzimmer umzuziehen. Er nahm so viel Rücksicht. Gabi musste leise aufseufzen. Dabei spürte sie doch, wie durcheinander auch er war. Er suchte verständlicherweise nach einer Erklärung und ahnte dabei nicht, dass es ihr genauso ging. Denn die gab es nicht. Und je länger sie wartete und damit diese unerträgliche Stille provozierte, welche sich über sämtliche Räume der Wohnung gelegt hatte, die doch eigentlich immer von fröhlichem Kinderlachen erfüllt waren, machte alles nur noch viel schlimmer.

Gabi musste endlich etwas sagen, aber sie wusste nicht, wie und wo sie anfangen sollte. Der dicke Kloßpfropfen, der sich in ihrem Hals quergestellt hatte, lähmte ihren Sprachmechanismus, während ihre Nervenbahnen ein Stockwerk höher hoch sensibilisiert waren und jede noch so kleine Veränderung deutlich wahrnahmen. Die Art und Weise, wie Mehdi ihr auch jetzt wieder den Rücken zugewandt hatte, seine ganze angespannte Körperhaltung, die bemühte Konzentration auf das, was er gerade tat, was überhaupt nicht nötig gewesen wäre, verrieten ihr alles. Sie hatte ihn tief verletzt und ihn so zu sehen, brach ihr das Herz. Das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte all das nicht gewollt. Aber was genau hatte sie dann gewollt? Gabi wusste darauf keine Antwort. Und schon passierte es. Dicke Tränen kullerten unaufhörlich über ihre Wange, die die junge Frau kaum aufzufangen wusste. Und dann diese schreckliche Ruhe, die sie umgab. Sie bekam davon eine Gänsehaut. Sie zitterte am ganzen Leib und die Beklemmung nahm wieder Oberhand. Sie hielt die Stille kaum noch aus. Aber bevor die aufgewühlte Krankenschwester dagegen ankämpfen konnte, war es überraschenderweise Mehdi, der dagegen antrat und sie damit sichtlich überrumpelte.

Mehdi: Willst du... einen Tee? Ich... mach uns Tee, hm?

Seine Stimme zitterte leicht und man merkte ihm deutlich an, wie viel Überwindung es ihn gekostet haben musste, den ersten Schritt zu wagen, um sich zu ihr umzudrehen. Die bedrückende Stille, die sie beide wie ein viel zu enger Mantel umgeben hatte, war auch für ihn nicht mehr länger auszuhalten gewesen. Das waren doch nicht mehr sie. So kannte er ihr gemeinsames Zuhause nicht, wo tagein, tagaus lautes und fröhliches Gewusel herrschte. Ein perfekt ausgewogenes Durcheinander, das er über alle Maßen schätzte und das ihr gemeinsames Reich erst zu dem Zuhause machte, das es stets gewesen war, seitdem Lilly, Gabi und er sich spontan in diese schnuckelige Altbauwohnung verliebt hatten. Doch die Verletzlichkeit in Gabis Augen zu sehen, den Kummer, den ihre leicht gekrümmte Körperhaltung und der gesenkte Blick ausstrahlten, taten Mehdi im Herzen weh. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen und nie wieder losgelassen, aber er konnte nicht. Irgendetwas in ihm hielt ihn davon ab und lenkte ihn stattdessen erst einmal zur Spüle, wo er als nächstes den Wasserkocher auffüllte. Wieder etwas, das er tun konnte.

Während das Wasser langsam zu kochen begann, holte Mehdi zwei große, mit riesigen bunten Buchstaben, welche die Worte ‚Chefarzt’ und ‚Oberschwester’ ergaben, bemalte Tassen aus dem Hängeschrank über der Spüle, ein selbst gestaltetes Spaßgeschenk von Lilly aus dem Ferienhort übrigens, und dazu eine mit orientalischen Ornamenten bedruckte Blechdose. Der Halbperser musste unweigerlich die Augen schließen, nachdem er deren Deckel geöffnet hatte und die vertrauten Wohlgerüche seine Nasenflügel leicht vibrieren ließen. Tief sog er den verführerischen Duft seiner Kindheit in sich auf und musste prompt lächeln. Er fühlte sich plötzlich deutlich leichter und von einer zentnerschweren Last befreit und schaute schließlich über seine Schulter. Direkt in die fesselnden smaragdgrünen Funkelsterne seiner Liebsten, die jede seiner Bewegungen mit angehaltenem Atem verfolgt hatte.

Mehdi: Die persische Spezialmischung von meiner Mutter magst du doch auch am liebsten, oder? Mit zwei Löffeln Honig?
Gabi: Chrrrm... Gerne. Danke.

...verhaspelte sich Gabi beim Luftholen, die ganz überrascht von Mehdis herzlichem Lächeln gewesen war, das wie ein Stromschlag auf ihr kummergeplagtes Herz wirkte. Sie spürte, wie ihr heiß wurde, wie ihr Puls zu rasen begann und wie sie kontinuierlich rot wurde, was sie überhaupt nicht gewohnt war. Obwohl ihr immer noch zum Heulen zumute war, war sie für Mehdis Versuch, das Eis zu brechen, sehr dankbar. Er war einfach der beste Mann der Welt. Sie nickte ihm mit einem schwachen Lächeln zu, stellte das Babyphone in die Mitte des Küchentischs neben den großen Geburtstagsstrauß, den Lillys Großeltern heute Morgen für ihren Liebling mitgebracht hatten, und es kam ihr vor, als wäre die kleine Familienfeier schon Ewigkeiten her. Sie setzte sich auf ihren angestammten Platz, fuhr mit einem Finger die Blüten einer der wunderschönen Sonnenblumen nach und blickte immer wieder durch die Durchreiche in das angrenzende Wohnzimmer, welches ohne das quirlige Mädchen, das dort sonst immer freudestrahlend herumtanzte und sämtliche Blicke auf sich zog, ziemlich verlassen auf sie wirkte. Plötzlich wurde der Neunundzwanzigjährigen wieder ganz kalt ums Herz. Was hatte sie nur getan? Wie hatte sie das nur tun können, fragte sie sich verzweifelt. Und schlagartig war das Gefühlstohuwabohu wieder da, das sie heute von einer Sekunde auf die andere völlig aus der Bahn geworfen hatte. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und fing wieder leise an zu wimmern.

Mehdi hatte gerade das heiße Wasser über die Teegeheimrezeptur seiner Mutter gekippt, als er Gabis Schluchzer hinter sich bemerkte und bemühte sich, zu ihr zu eilen. Er setzte sich ihr gegenüber an den Küchentisch, schob ihr eine der dampfenden Tassen zu, welche den ganzen Raum nach nur wenigen Sekunden in eine verführerisch duftende Oase der Behaglichkeit verwandelten, und schob dann seine Hand hinterher über ihre, die wie bei einem Stromstoß zusammenzuckte, als sie Mehdis sanfte Streicheleinheit bemerkte. Die brünette Schönheit blickte augenblicklich wieder auf, verfing sich in seinen langen dunklen Wimpern, die perfekt zu seinem ebenmäßigen Gesicht und seinen gütigen kastanienbraunen Augen passten, die sie ganz ruhig, ohne sie zu hinterfragen, anschauten, und konnte nicht verhindern, dass sie noch heftiger weinen musste. Gabi konnte es kaum ertragen, dass Mehdi sie so ruhig und ohne Schuldzuweisung ansah. Dabei hatte sie doch große unentschuldbare Schuld auf sich geladen. Sie konnte sich das nicht verzeihen.

Mehdi: Was ist denn nur los, meine Schöne? Mein Liebling, warum die vielen Tränen? Was geht nur in dir vor?

...fragte der Halbperser besorgt, aber mit bemühter Zurückhaltung, um sie nicht zu sehr zu überfordern, und streichelte dabei immer wieder tröstend über ihren Handrücken. Die von ihm mit sanfter Stimme Angesprochene schloss die Augen und versuchte angestrengt, ihre aufkommenden Schluchzer und den Schluckauf herunterzuschlucken, der immer dann auftrat, wenn sie etwas enorm beschäftigte, was ihr auch ganz gut gelang, doch einzelne dicke Krokodilstränen kullerten immer noch unaufhörlich ihre erschreckend blasse Wange hinab. Mehdis unmittelbare Nähe, seine Herzlichkeit, die Güte in seinen tiefgründigen braunen Augen machten ihr zunehmend zu schaffen. Gabi konnte nicht anders und zog ihre Hand zurück, um im nächsten Moment mit beiden Händen die warme Teetasse zu umfassen. Sie brauchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte, während sie sich im freien Fall glaubte. Der vertraute Geruch von Orange, Ingwer, Zimt und irgendetwas Unbestimmtem, aus dem Soraya Kaan stets ein großes Familiengeheimnis machte, beruhigte sie sogar ein wenig, aber ihre Gedanken schwirrten immer noch so durcheinander durch ihren Kopf, dass sie glaubte, er könnte jeden Moment zerspringen. Sie wusste nicht, was sie Mehdi erwidern sollte. Und dass er trotz alledem so liebevoll und geduldig mit ihr umging, machte alles nur noch viel schwerer. Sie fühlte sich einfach nur elend und total fehl am Platz.

Mehdi: Du weißt, du kannst mir alles sagen. Egal was. Ich nehme dir nichts übel. Du kennst mich. Zusammen können wir alles schaffen.

Mehdis tiefe Samtstimme umschmeichelte sie, hüllte sie in die vertraute Wärme, die sie so sehr brauchte wie die Luft zum Atmen, heute mehr denn je. Natürlich wusste sie das. Genau diese besondere Eigenart, dass er immer nur das Beste in einem sah, liebte sie auch so sehr an ihrem Traummann, auch wenn sie nicht daran glaubte, zumindest nicht, was sie selbst betraf. Sie konnte es nicht in Worte fassen. Es ging nicht. Sie hatte ihn tief verletzt. Das las sie in seinen müde hin- und herschwankenden Augen, unter die sich dunkle, sorgenvolle Schatten gelegt hatten. Und trotzdem war er jetzt für sie da und hielt treu zu ihr, obwohl sie das nicht verdient hatte. Das war einfach zu viel für die sensible Jungmama. Sie konnte dem eindringlichen Blick ihres gefühlvollen Partners nicht länger standhalten und schaute wieder auf ihre zitternden Finger, die sich an der Teetasse wärmten, sich aber immer noch ziemlich klamm anfühlten. Gabi hatte bis jetzt gar nicht gemerkt, wie durchgefroren sie eigentlich war.

Gabi: Mehdi, ich... Ich weiß nicht... Es... es tut mir... nicht... leid. Doch, ja,... natürlich! Gott, was ist bloß los mit mir? ... Natürlich... Ich meine... Es... es ist unverzeihlich. Ich kann es mir ja selbst nicht erklären. Geschweige denn... verzeihen.

Ihre eben noch verloren geglaubte Stimme hatte sich mit einem Mal gelöst und Gabi stammelte ohne Sinn und Komma verzweifelt drauflos, ärgerte sich aber im gleichen Moment darüber, wie dumm sie doch eigentlich war. Sie war so dumm. Und er... Er war so lieb und verständnisvoll. Der perfekte Mann, von dem jede Frau nur träumen konnte. Er war - wie hatte Marc Meier es so unverblümt auf ihre Mailbox gepoltert - der Jackpot, der einzige, den sie in ihrem Leben vermutlich je kriegen würde. Mehdi Kaan war der tollste Mann der Welt, der selbst jetzt noch an sie glaubte, obwohl sie es total vermasselt hatte. Sie hatte ihn wahrlich nicht verdient. Und das ließ ihren Kummer nur noch viel größer erscheinen.

Gabi: Ich mach dich unglücklich.

...flüsterte sie kaum hörbar in seine Richtung und schloss die Augen, um den aufsteigenden Tränenfluss zu unterbinden und weil sie sich vor seiner Reaktion fürchtete. So sah sie auch nicht, wie Mehdi merklich erschüttert mit dem Kopf schüttelte und nach ihren Händen zu schnappen versuchte, die sich verzweifelt an ihrer Teetasse festklammerten.

Mehdi: Das ist doch Blödsinn. Gabi, Maus, wir beide zusammen, das ergibt doch erst das ganz große Glück. Wir haben uns vielleicht nicht unbedingt gesucht, aber gefunden, als wir uns am meisten gebraucht haben und das ist genau richtig so. Das alles hier, wir sind das Beste, was uns je passieren konnte. Das gilt für jetzt und für immer.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer blitzte für eine Millisekunde vor ihrem inneren Auge auf. Die tiefunglückliche Frau blinzelte und ließ sich für einen kurzen Moment von seinem eindrucksvollen Blick einfangen, der völlig überzeugend das bestätigte, was ihr Liebster soeben mit Inbrunst gesagt hatte. Gabi glaubte ihm jedes einzelne Wort und musste deshalb erst recht wieder weinen. Aber sie wollte nicht, dass er sie so sah und schaute schnell wieder weg, was Mehdi dazu animierte, mit seinem Stuhl näher an ihren heranzurücken. Zärtlich umschloss er mit beiden Händen ihr bildhübsches Gesicht, um die heißen Tränen aufzufangen, die ihre blassrosa Wangen benetzten.

Mehdi: Hey! Schau mich mal an, Bella!
Gabi (versucht schmerzlich, ihm noch immer auszuweichen): Ich kann nicht.
Mehdi (sucht eindringlich ihren Blick u. senkt seinen Kopf): Wieso denn nicht, meine Schöne?
Gabi (kann doch nicht länger widerstehen, ihn anzusehen u. schmilzt bei seinem treuen Hundeblick nur so dahin): Weil... weil... ich dann erst recht weinen muss und ich nicht will, dass du mich so... Oh Gott, siehst du! Es geht schon wieder los. Was ist bloß los mit mir, Mehdi? Ich bin zu einer fürchterlichen Heulsuse mutiert. Du musst mich für eine völlig hysterische Kuh halten.
Mehdi (lächelt sie an u. streichelt mit beiden Daumen zärtlich über ihre feuchten Wangen): Ich halte viel von dir, sehr, sehr viel sogar, aber dieses Bild kommt mir dabei nicht in den Sinn. Überhaupt nicht. Denn ich liebe dich. Hörst du! Ich liebe dich.
Gabi (ihre Stimme bricht): Sag das bitte nicht!

Gabi war bei diesem gefühlvollen Satz, der ihr alles auf der Welt bedeutete, merklich zusammengezuckt und konnte nicht verhindern, dass ihre Schleusen wieder weit aufgingen. Mehdi deutete dies als positives Zeichen und lächelte, weil Gabis Augen etwas ganz anderes verrieten als ihre verführerischen dunkelroten Lippen, die sie angestrengt zusammenpresste, um die nächsten Schluchzer im Keim zu ersticken. Er fühlte sich dazu animiert, einen Kussversuch anzudeuten, um seine Worte entsprechend zu untermauern, den er aber im letzten Moment zurückhielt, als er ihre abwehrende Körperhaltung registrierte. Stattdessen lehnte er seine Stirn sanft gegen ihre und begann, mit tiefer mandelweicher Flüsterstimme, die sich wie ein wärmender Schutzmantel um ihre zartbesaitete Seele legte, auf seine zitternde Freundin einzureden...

Mehdi: Doch! Das sollte ich viel, viel öfter sagen. Wenn ich das in letzter Zeit versäumt haben sollte, dann tut es mir aufrichtig leid und ich hole es hiermit doppelt und dreifach wieder nach. Ich liebe dich über alles, Bella.
Gabi (schluckt schwer u. kämpft weiter mit ihren Tränen): Ich dich doch auch. Mach es mir doch bitte nicht so schwer!
Mehdi (schaut sich gespielt verwundert um, um mit ein wenig Lockerheit die angespannte Stimmung zwischen ihnen zu vertreiben): Schwer, wieso schwer? Dabei ist es doch so leicht. Du bist hier. Das ist alles, was ich wissen muss.
Gabi: Ja! Du auch.

...hauchte die Verzweifelte und ließ zum ersten Mal Mehdis Nähe auch wirklich zu. Seine liebevollen Worte taten ihr gut, machten die Angelegenheit aber auch nicht leichter für sie. Denn es war eine Tatsache, dass sie ihre Familie im Stich gelassen hatte. Die Familie, die sie sich immer gewünscht hatte. Die ihr überraschend zugefallen war, als sie am meisten eine gebraucht hatte. Die ihr bis dato mehr gefehlt hatte, als sie sich je hätte eingestehen können. Die ihr alles auf der Welt bedeutete. Gabi konnte es sich selbst nicht erklären, was sie da geritten hatte. Wie sollte sie es ihm dann erklären können, dem Mann, den sie über alles liebte und ohne den sie nicht sein konnte? Das hatten ihr die vergangenen Stunden ohne ihn gezeigt.

Mehdi: Aber sicher doch. Ich werde immer da sein, wo du bist. Wir werden da sein. Lilly, Lenny und ich. Wir sind eine Familie. Wir gehören zusammen.
Gabi (sieht ihn unter dichtem Tränenschleier an): Ich dachte, ich hätte euch verloren.
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn u. schaut sie entgeistert an): Wie kommst du darauf?
Gabi (seufzt verzweifelt auf u. klammert sich an ihre noch unberührte Tasse Tee): Der Zettel. Dieser dumme, blöde, bescheuerte Zettel.
Wieso nur hab ich ihn überhaupt geschrieben? Damit hab ich alles kaputtgemacht.
Mehdi (versucht, ihr die Unsicherheit mit typischem Kaanschen Charme u. einer kleinen Brise Humor zu nehmen): Welcher Zettel? Ich sehe keinen.
Gabi (kennt ihn gut genug, um zu wissen, wann er schauspielert u. wann nicht): Du hast ihn gelesen, oder?
Bitte, bitte, bitte, hab ihn nicht gelesen! Dann ist das alles nicht passiert.
Mehdi (legt seine Hand über ihre an der Tasse): Er existiert nicht mehr. Er ist nicht wichtig. Weil du jetzt da bist.
Gabi (schluckt u. versucht angestrengt herauszufinden, was er gerade wirklich denkt): Aber...?
Mehdi (schüttelt den Kopf u. lächelt sie sanft an): Kein Aber, Liebling! Tun wir so, als hätte es ihn nie gegeben, als hätte ich ihn nie gefunden, als wäre er nicht in der Spree gelandet.

Es hat ihn aber gegeben. Das lässt sich nicht einfach so aus der Welt schaffen, indem man ihn... Wie? In der Spree gelandet? Was hat das denn jetzt zu bedeuten? War er etwa so sauer und enttäuscht, dass er ihn zerknüllt und...? Oh Gott, was hab ich bloß angerichtet?

Gabi (kann das aber nicht vergessen u. das schlechte Gewissen nagt sehr an ihr): Kann ich aber nicht. Mehdi, ich...
Mehdi (sieht sie eindringlich an, als er sie kurz, aber bestimmt unterbricht): Maus, du musst nur versprechen, zu mir zu kommen, wenn dich etwas bedrückt. Ich bin da für dich. Immer. Egal, was ist. Kopflos einfach wegzulaufen, das ist...
Gabi (klebt wie eine Biene an der Wabe an seinen vollen geschwungenen Lippen u. beendet auf ihre Weise seinen angefangenen Satz): ...verrückt, ich weiß. Sag es einfach frei heraus! Ich bin verrückt. Ich bin eine verrückte, blöde Kuh, die immer gleich Panik bekommt, sobald es kompliziert wird. Dass ich überhaupt auch nur denken konnte, dass ich ohne euch...
Mehdi (streichelt sanft über ihre Hand, um sie zu beruhigen): Sssh! Hey, hey, hey! Beruhige dich! Trink einen Schluck von deinem Tee, dann sieht die Welt schon ganz anders aus!
Gabi (flüstert u. kommt seiner Aufforderung schließlich nach): Wenn die Welt doch wirklich so einfach wäre.

Dann gäbe es keine Kriege, keinen Hass, keine Idioten auf den wichtigsten Machtpositionen der Welt, niemand würde irgendwem auflauern, nur weil er nicht in ihr verqueres vorsintflutliches Weltbild passt, alle hätten sich lieb, würden massenweise Herzchensmileys verschicken, sich respektieren, so wie man ist, ich würde mir nicht ständig einen Kopf machen und wäre nicht so eine bescheuerte blöde Kuh mit Hang zur Beziehungsdramaqueen, der Schrecken eines jeden Mannes.

Der erste Schluck des mittlerweile lauwarmen Heißgetränks hatte Schwester Gabi tatsächlich gut getan. Ihr wurde merklich wärmer. Ihr Herz raste weniger vor Aufregung und innerer Unruhe, das Gedankenkarussell drehte in einer eher gemächlicheren Geschwindigkeit seine Runden, doch das furchtbar schlechte Gewissen, das auf ihr lastete, das war geblieben. Deshalb hielt sie auch weiterhin ihren Kopf leicht gesenkt und schaute lieber auf die goldgelbe, aromatisch duftende Flüssigkeit in ihrer Teetasse, welche sie nach kurzem Überlegen schließlich ganz leerte. Sie verspürte den Drang, aufzustehen und stellte das leere Trinkgefäß in die Spüle. Dann begann sie langsam durch die Küche zu wandern. Dabei blickte sie immer wieder verstohlen auf das Babyphone in der Tischmitte, das aber, wie der grüne Leuchtpunkt ihr verriet, ruhig geblieben war. Sie musste laufen, sie musste sich irgendwie bewegen, um wieder klarer sehen zu können.

Etwas anderes hatte sie auch den ganzen Tag über nicht gemacht. Immer weiter laufen. Immer weiter geradeaus. Ein irrer Marathon quer durch die ganze Stadt lag hinter ihr. Das war verrückt. Von wegen sie sei nicht verrückt. Also normal war das auf keinem Fall. Erst recht nicht bei den wechselhaften Herbsttemperaturen und mit dem Schuhwerk. Fast automatisch wanderte ihr Blick zu ihren Glitzerpumps und erst jetzt bemerkte Gabi, wie sehr ihre Füße eigentlich schmerzten. Sie hatte sich Blasen gelaufen, überall zwickte und drückte es unangenehm. Auf der Stelle auf- und abzuwippen half auch nicht dagegen, also schlüpfte sie vorsichtig aus ihren hohen Fakedesignerschuhen. Ein nicht gerade angenehmer und eleganter Anblick in ihren Augen, aber selbst das war ihr mittlerweile egal. Sie fühlte sich einfach nur wahnsinnig erschöpft.

Mehdi, der Gabi geflissentlich von der Seite beobachtet hatte, während er nachdenklich an seinem lauwarmen Tee genippt hatte, merkte, wie seine Liebste wieder immer tiefer in ihrer Gedankenwelt zu versinken drohte, die ihm heute, warum auch immer, bislang verschlossen geblieben war. Er wollte ihr zuvorkommen, ihr einen Teil ihres Päckchens abnehmen und folgte ihrem Beispiel. Er stand ebenfalls vom Küchentisch auf, räumte seine Tasse weg und tippte dann leicht an die Schulter seiner Freundin, die gerade aus dem Fenster auf den kleinen liebevoll gestalteten Balkon guckte, der über und über mit farbenfrohen Herbstblumen bestückt war. Die Lichterketten, die Lilly um die Rankgitter gehängt hatte, waren gerade angesprungen und es schien fast so, als wären mitten in Berlin Sterne plötzlich greifbar geworden.

Erschrocken zuckte Gabi zusammen und drehte sich langsam wieder zu ihrem Liebsten um, der sie mit seinen treuherzigen dunklen Augen direkt in seinen unmittelbaren Bann zog. Wie hatte sie nur je daran denken können, dem entkommen zu können, dies überhaupt zu wollen? Er war ein Teil von ihr. Der beste Teil von ihr sogar, weil er ihre guten Seiten herausgekitzelt hatte, an die sie selber nicht mehr geglaubt hatte nach all dem, was sie in der Vergangenheit vermasselt und seinen Freunden und sich selbst eingebrockt hatte. Ohne ihn konnte sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen. Und doch ging es nicht und das machte sie tieftraurig, was auch Mehdi bemerkte, der vorsichtig seine Arme um ihre Schultern gelegt hatte und sich an sie schmiegte.

Mehdi: Gabi?
Gabi: Hm?
Mehdi: Was ist los mit dir?

Mehdis eindringlicher Blick, die Ruhe, die er ausstrahlte, ging Gabi durch und durch. Sie konnte sich nicht von seinen faszinierenden Mandelaugen lösen. Es ging nicht. Er konnte tief in sie rein sehen und ihr ging es genauso. Gebannt schaute sie den Mann an, den sie über alles liebte und der ihre zarte kleine Hand mit seiner großen Bärentatze umschlossen hatte, und ließ sich von ihm wie ferngesteuert nach nebenan ins Wohnzimmer führen, wo sie sich nebeneinander auf das knallrote Sofa setzten, welches so viele Geschichten über sie beide erzählen konnte. Vor allem die schönen, die gerade ihren Kopf und ihr heftig pochendes Herz fluteten.

Gabi: Ich hatte gehofft, du hättest ihn nicht gefunden.

...fing Gabi plötzlich unvermittelt an und Mehdi verstand erst nicht, was sie damit gemeint hatte, bis es ihm siedendheiß wieder einfiel. Ebenso wie der Schmerz und der Schock, den er beim Auffinden dieses kleinen Stück Papiers empfunden hatte, das sein Kumpel, ob mit Absicht oder nicht, später in der Spree versenkt hatte. Gabi hatte seine Gedanken gelesen und es tat ihr in der Seele weh, ihn so zu sehen. Sie war schuld, dass er so leiden musste. Weil sie mit sich und mit ihren konträren Gefühlen nicht im Reinen war. Die Person, die es am wenigsten verdient hatte, hatte ihr bescheuertes Chaos im Kopf abbekommen. Das hatte sie nicht gewollt. Aber sie konnte es auch nicht mehr rückgängig machen, so gerne sie es gewollt hätte.

Gabi: Mehdi, ehrlich, im Nachhinein... Ich kann dir das wirklich nicht erklären. Nicht dass du denkst, ich hätte das auf irgendeine Weise geplant oder forciert. Nein, das hab ich wirklich nicht. Ich hab nicht mal Sachen mitgenommen. Ich bin einfach los, ohne nachzudenken. Als hätte sich plötzlich ein Schalter umgelegt, den ich nicht unter Kontrolle hatte. Als ich dann irgendwann realisiert habe, was ich gerade dabei bin zu tun, wollte ich es nur noch rückgängig machen. So schnell wie möglich. Ich bin die letzten Kilometer wie eine Bekloppte gerannt. Aber als ich dann vorhin hier angekommen bin, war alles ruhig. Ihr wart nicht da. Und der Zettel, den ich verschwinden lassen wollte, auch nicht. In dem Moment ist für mich eine ganze Welt zusammengebrochen. Ich hab gedacht, ich hab alles kaputtgemacht. Alles, wovon ich je geträumt habe. Alles, was wir zusammen aufgebaut haben. Nur weil ich... ich... ich weiß nicht. Das ist unentschuldbar.
Mehdi (würde ihr unendlich gerne aus ihrem Gefühlsdilemma heraushelfen, nur weiß nicht, wie): Maus?
Gabi (ist so tief in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nicht auf ihn reagiert u. weiter bedächtig drauflos plappert): Ich habe gedacht, ihr kommt nicht wieder zurück. Ich hab gedacht, ich hab euch verloren. Ich hab mich in die hinterste Ecke vom Schlafzimmer verkrochen und hab nur noch geheult. Dann hab ich aber plötzlich den Schlüssel gehört und Lilly ist in ihr Zimmer vorbeigestürmt. Ihr habt geredet und gelacht und ich kam mir total schäbig vor. Ich hab gedacht, welches Recht habe ich eigentlich noch, mich dazusehnen zu wollen. Ich hab mich nicht mehr getraut, rauszukommen. Ich bin so eine egoistische Kuh. Ich hab Lillys Geburtstag total ruiniert. Weil ich nur an mich gedacht habe. Nein, ich hab überhaupt nicht nachgedacht.
Mehdi (versucht sie zu beruhigen): Das hast du nicht.
Gabi (sieht ihn hoffend an u. wischt sich einige verstohlene Tränen aus dem Augenwinkel): Wirklich? Oh Gott, ich hab gedacht, was denkt sie jetzt bloß von mir und dass es nie wieder so sein wird wie vorher. Dabei hab ich sie doch so gern. Ich wäre ihr so gerne eine richtige Freundin, aber ich stelle mich total bescheuert an. Ich stelle mich in Familiendingen immer bescheuert an. Dabei will ich das gar nicht.
Mehdi (streicht ihr liebevoll die Tränenspur von der Wange u. sieht sie eindringlich an): Hey! Sssh! Lilly hat nichts gemerkt. Sie ist noch total beseelt von dem Nachmittag mit den Zwillingen und Marc ist sowieso ihr Held. Nach einem Treffen mit ihm und Gretchen ist die Welt sowieso rosarot. Also, alles ist gut, mein Herz. Mach dir keine Gedanken deswegen!
Gabi (schüttelt energisch den Kopf u. die Gefühle platzen wieder aus ihr heraus): Nichts ist gut, Mehdi. Ich bin weggelaufen. Das kann man nicht schönreden.
Mehdi (seufzt nachdenklich): Das passiert doch jedem einmal.

Einer Gretchen Haase bestimmt nicht. Die ist über allem erhaben. Die hat selbst den Meier weich gekriegt. Und Anna auch nicht, sie ist... Oh Gott! Bin ich denn total geisteskrank? Ich hab dadurch sein altes Trauma wieder aufplatzen lassen. Wie konnte ich nur? Und er... er... Müsste er mich nicht anschreien und mir Vorhaltungen machen? Ich hab’s nicht anders verdient.

Gabi (kann nicht glauben, wie er so ruhig bleiben kann, während sie alles falsch gemacht hat): Wie kannst du nur so locker damit umgehen? Ich fühle mich fürchterlich. Weil ich überhaupt nicht weiß, was mit mir los ist und wieso ich das gemacht habe. Ich kenn mich so nicht, Mehdi. Klar, der einfache Weg ist natürlich verlockend. Das hab ich immer so gehandhabt. Wenn’s schwierig wird, hab ich gekniffen oder hab mir Sachen ausgedacht, was alles meist nur noch verschlimmbessert hat. Ich musste mich immer irgendwie durchwurschteln, weil ich nie jemanden auf meiner Seite hatte. Niemand hat je an mich geglaubt. Selbst meine Mutter, die es eigentlich müsste, hat mir nie geglaubt. Aber ich habe jetzt Verantwortung. Für den Kleinen. Für euch. Das ist eine Riesensache. Da kann man sich nicht einfach rauswinden, wie’s einem passt. Vielleicht kann ich das alles wirklich nicht. Vielleicht bin ich dem nicht gewachsen.
Mehdi (legt seine Hand beruhigend über ihre): Hey, sag doch so was nicht!
Gabi (zieht ihre Hand schnell wieder weg u. guckt betroffen darauf, weil sie Mehdi nicht in die Augen schauen kann): Aber es stimmt doch. Ich bin eine schlechte Mutter, Mehdi.
Mehdi (schüttelt energisch den Kopf u. versucht, ihr die Sorge zu nehmen): Nein, das bist du nicht. Red dir das nicht ein! Lenny liebt dich. Du hast ihn doch gerade erlebt. Wie er sich gefreut hat, seine Mama zu sehen. Wie glücklich er ist, wenn du bei ihm bist. Du trägst das in dir. Vertrau dir!
Gabi (weiß nicht, wie sie ihm ihre innere Zerrissenheit erklären soll): Aber ich fühle mich trotzdem so, Mehdi. Ich fühle mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Kein Wunder bei dem Vorbild, das ich hatte. Ihr könnt das alle so viel besser als ich. Das steckt in euch. Ihr wisst immer ganz genau, was mit ihm los ist, während ich immer gleich Panik kriege, etwas falsch zu machen. Und ich hab das Gefühl, ich mache ständig alles falsch. Die Windeln sitzen nicht richtig, das Fläschchen ist zu heiß, ich packe ihn nicht richtig warm ein, wenn wir rausgehen wollen. Ich sitze oft stundenlang an seinem Bettchen, weil ich Schiss habe, er könnte sich in seinem Schlafsack verheddern, während er schläft. Dabei sind die doch extra so konstruiert, dass nichts passieren kann. Aber ich drehe trotzdem am Rad. Sobald er weint, bin ich im Alarmmodus und denke mir, es könnte sonst was sein. Aber da ist nichts. Und ich sehe doch auch die Blicke deiner Mutter, vor allem wenn nichts aufgeräumt oder der Kühlschrank leer ist, wenn sie spontan mit Werner auf Kontrollbesuch vorbeikommt. Ich werde es ihr niemals recht machen können. Aber das war ich ja auch schon vorher gewohnt. Ich bin eben nicht zum Hausmütterchen geboren. Das liegt mir einfach nicht. Dieser ganze Haushaltskram, ich hasse das. Aber das ist auch nicht der Punkt. Das Wichtigste ist unser Sohn. Ihm soll es gut gehen. Bei dir und Lilly beruhigt er sich immer viel, viel schneller und dann denke ich manchmal, wenn ich mich so doof anstelle, wieso braucht ihr mich überhaupt noch. Ihr seid ohne mich viel besser dran. Weil ich euch dann nicht enttäuschen kann. Denn ich ertrage es nicht, euch enttäuscht zu sehen.

Wow! Ich hab nicht geahnt, wie tief das alles bei ihr geht. Warum bist du denn nicht zu mir gekommen, Liebes? Alles runterzuschlucken tut dir nicht gut. Du musst das nicht mit dir alleine ausmachen. Ich bin doch da. Wir sind da. Wir würden dir das niemals krumm nehmen. Ich weiß doch aus eigener Erfahrung, dass man seine Sorgen nicht ewig alleine mit sich rumschleppen kann, nur weil man andere nicht enttäuschen möchte. Das macht einen kaputt. Ich will nicht, dass du leidest. Zusammen sind wir stärker, als du denkst. Aber das musst du als Einzelkämpferin wohl erst noch lernen. Ich werde dir dabei helfen. Zusammen schaffen wir das. Wir können alles schaffen, wenn wir nur zusammenhalten.

Mehdi (hat ihr ruhig u. besonnen zugehört u. erklärt ihr nun seine Sicht der Dinge, während er tröstend den Arm um sie legt): Du könntest uns nie enttäuschen, Liebling. In keinerlei Weise. Niemals. Und was Lilly betrifft, unsere Maus verfügt nun mal über eine erstaunliche, ganz natürliche Art, andere für sich einzunehmen. Sie lacht und die ganze Welt, einschließlich Lenny, lacht mit ihr mit. Du hättest Marc heute mal erleben sollen, wie klein mit Hut er geworden ist, als sie ihn mir nichts dir nichts um den kleinen Finger gewickelt hat. Mach dir bitte nicht so einen enormen Druck, Gabi! Niemand verlangt das von dir. Wir am allerwenigsten. Auch meine Mutter nicht. Sie ist, wie sie ist, eine persische Mutter eben mit einem unendlich großen Herzen, das sie gerne auf der Zunge trägt, vor allem bei Menschen, die sie in ihr Herz geschlossen hat. Sie meint es immer gut. Sie mag dich wirklich. Weil sie weiß, wie glücklich du mich machst. Du gibst dein Bestes und das ist gut so. Du musst nicht alleine kämpfen. Zusammen können wir alles hinkriegen.
Gabi (hört ihm gebannt zu, ist aber immer noch völlig gefangen in ihrem Kummer): Möchte ich doch auch gar nicht. Aber ich hab mir das immer gewünscht. Die perfekte kleine Familie, um die ich mich kümmern kann. Ich wollte es mal besser machen. Ich dachte, ich kann das. Stattdessen versage ich als Mama völlig.
Mehdi (weiß nicht, wie er ihr noch helfen kann u. redet ihr weiterhin gut zu): Das stimmt doch gar nicht. Du bist großartig mit unserem Krümel. Ich sehe euch doch jeden Tag zusammen. Da passt kein Blatt Papier dazwischen.
Gabi (traut sich dann doch, ihn scheu wieder anzusehen): Und warum fühlt sich das dann so komisch an? Was will ich denn noch mehr? Müsste ich als Mama nicht glücklicher sein? Wieso fühlt es sich nicht so an?
Mehdi: Weil du unsicher bist. Durcheinander. Das ist doch normal in der ersten Zeit.
Gabi (schüttelt aufgewühlt den Kopf u. der ganze Kummer bricht wieder aus ihr heraus): Nichts ist normal, Mehdi. Was ist, wenn das so bleibt? Was ist, wenn ich nie das Bild erreichen werde, das ich von mir gesehen habe? Wenn ich nie meine und eure Erwartungen erfüllen werde? Was bin ich denn für eine Mutter, wenn ich es nicht mal fertig bekomme, für ihn zu sorgen? Er braucht mich am meisten und ich kann ihm nicht das geben, was er am meisten braucht. Ihr wärt ohne mich einfach viel, viel besser dran. Dann kann er ein genauso herzenslieber Mensch werden wie seine große Schwester und wird nicht so verkorkst wie ich.

Das meinst du doch nicht ernst, Liebling? Ich lasse es nicht zu, dass du dich so schlecht redest. Du bist großartig und ich liebe dich genauso, wie du bist, und das werde ich dir auch beweisen.

Mehdi (packt sie sanft an der Schulter u. schüttelt sie leicht): Hey, diesen Gedanken schieben wir jetzt ganz weit beiseite. Du bist genau die richtige Mama für Lenny. Ihr könnt auch Nähe empfinden, wenn du ihn nicht stillst. Darauf können wir uns einstellen, haben wir doch bereits. Unsere Kuschelstunden sind legendär und noch weit ausbaufähig.
Gabi (schaut ihn traurig an): Aber es ist nicht das Gleiche, ich merke doch, dass ihm was fehlt.
Mehdi (blickt ihr direkt in die Augen u. sagt es ihr schonungslos ins Gesicht, um sie endgültig aufzurütteln): Du fehlst ihm, mein Herz. Du bist alles, was ihm fehlt. Alles andere, das pendelt sich ein. Wir sind doch gerade erst dabei, uns einzugrooven. Niemand hat je behauptet, das sei einfach. Auch nicht für jemanden, der jahrelang auf der Gyn gearbeitet hat und damit das Babydiplom mehr als nur einmal bestanden hat und demnach wissen sollte, wie der Hase wirklich läuft. Er hoppelt. Es ist holprig. Wir suchen uns einfach unseren Weg. Ob der nun ein paar krumme Geraden nimmt, das ist egal, Hauptsache, wir gehen ihn gemeinsam. Ich bin für dich da, Bella. Immer. Verschließ dich nur nicht vor mir! Du kannst immer auf mich zählen.
Gabi (ist zu Tränen gerührt): Woher nimmst du bloß diese ganze Zuversicht, Mehdi?
Mehdi (lächelt, als er merkt, dass sie wieder fast ganz bei ihm angekommen ist): Aus unserer Liebe. Weil ich Vertrauen in uns habe und an uns glaube. Und wenn es sein muss, lege ich auch noch ein paar Prozentpunkte oben drauf, falls dir davon ein wenig fehlen sollte und du unsicher bist. Zusammen ergeben wir ein riesiges gigantisches Plus.
Gabi (ist noch nicht so wirklich überzeugt): Ein Haufen minus und ein riesiges Plus ergeben aber kein Dauerplus, Mehdi. Ich war zwar eine Niete in der Schule, aber so viel weiß ich schon.
Mehdi (lächelt ermutigend): Dann machen wir uns eben ganz eigene Regeln. Dann passt das schon. Wir passen gegenseitig auf uns auf.
Gabi (kann nicht anders, als ihn fasziniert anzustarren): Du siehst die Welt ziemlich positiv.
Mehdi (verliert sich in ihrem fesselnden Blick): Gerade weil ich sie lange Zeit nicht so gesehen habe, weiß ich, was wirklich zählt. Du und ich, die Kinder. Das ist genau richtig so.
Gabi (das schlechte Gewissen nagt noch immer sehr an ihr): Ich hab dir und den Kindern unendlich wehgetan, Mehdi. Das kann ich mir nicht verzeihen.
Mehdi (verschränkt seine Finger mit ihren u. drückt diese fest): Dann tue ich es eben für dich, wenn du es momentan noch nicht kannst. Ich bin der Mann, die starke Schulter, um bei dem Klischee zu bleiben, das gehört sich so.

Wieso nur ist er so großartig? Warum steht er bedingungslos zu mir? Niemand hat das je für mich getan. Ich hab dich nicht verdient, Bärchen.

Gabi (langsam kullern wieder ein paar Tränen ihre Wange hinab): Ich kann gar nicht glauben, dass du nach all dem Schlamassel, den ich verursacht habe, immer noch zu mir hältst.
Mehdi (lächelt verliebt u. schließt seine aufgewühlte Freundin fest in seine Arme): Darfst du aber, meine Schöne. Ich liebe dich und unsere kleine Familie. Ich glaube an uns. Zusammen können wir alles schaffen. Ich werde das niemals aufgeben.
Gabi (sieht ihn aus glasigen Augen voller Liebe an): Das kann ich auch nicht. Ich liebe dich doch auch, Mehdi. So sehr, dass ich es manchmal selbst nicht fassen kann.
Mehdi (grinst glücklich vor sich hin u. lehnt seine Stirn gegen ihre): Na, siehst du, den Sonnenschein hab ich vermisst.
Gabi (seufzt einmal tief auf u. sucht eindringlich seinen Blick): Ich kann dir aber nicht versprechen, dass es nicht noch mal vorkommen könnte, dass ich durchdrehe und vor lauter Panik oder... keine Ahnung das Weite suchen könnte. Ich laufe aber nicht vor dir weg, das musst du mir glauben, sondern in erster Linie vor mir selbst.
Mehdi (versteht aus eigener Erfahrung ganz genau, wie sie das gemeint hat u. gibt ihr den Halt, den sie so dringend sucht): Dann weiß ich schon mal Bescheid und lass dir den Freiraum, den du brauchst. Wenn wir nur immer miteinander reden, dann kriegen wir das schon hin.
Gabi (blickt unsicher in seinen treuen Augen hin u. her): Sicher?
Mehdi (nickt bestätigend u. schenkt ihr sein überzeugendstes Lächeln): Tausend Prozent sicher und noch viel mehr.
Gabi (ein riesiger Stein löst sich von ihrem Herzen u. sie atmet wieder befreit auf): Du hast mir echt gefehlt heute. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemanden, euch, so sehr vermissen könnte. Es war furchtbar.
Mehdi (lächelt u. umschmeichelt ihre zarten Lippen mit einem sanft dahin gehauchten Kuss, der ihm wie eine süße Erlösung erscheint, bevor er sie wieder liebevoll ansieht): Wo bist du nur den ganzen Tag gewesen, meine schöne Vagabundin?
Gabi (lässt einen tiefen Seufzer los u. schüttelt den Kopf, als könnte sie es selber immer noch nicht glauben): Vagabundin trifft es gut, wenn man bedenkt, dass ich mir eigentlich nur die Haare machen wollte, mich mal wieder so richtig als Frau fühlen wollte, einen netten Nachmittag mit meinen Freundinnen verbringen wollte. Das war der Plan, bis alles irgendwie...

Gabi verdrehte gequält die Augen und begann dann, als sie Mehdis gespannte Miene bemerkte, die sie neugierig musterte, langsam zu erzählen, wobei sie es sehr genoss, dass er sie und sich liebevoll in die weiche Kuscheldecke eingehüllt hatte, die farbdominant auf der Sofakante gelegen hatte. Sie fror nämlich immer noch fürchterlich, auch wenn ihr mittlerweile ein großer Stein vom Herzen gekullert war, weil sie wieder dorthin gefunden hatte, wo sie definitiv und ohne jeden Zweifel hingehörte. In die Arme des Mannes, den sie liebte und der sie bedingungslos liebte und so hinnahm, wie sie nun mal war. Total verkorkst, hysterisch, unberechenbar und hormonell extrem aufgeladen und durcheinander.

Lorelei Offline

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06.02.2019 13:19
#1641 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Gabi: ...in eine komplett falsche Richtung gedreht ist. Ich weiß nicht, wie das überhaupt passieren konnte. Ich hab bis dato gar nicht gemerkt, wie sehr mich das alles belastet hat und wie sehr das in mir schon geschlummert hat. Alles war doch wie immer gewesen. Gut, es war ein besonderer Tag. Lillys Geburtstag, der echt schön gewesen ist und Spaß gemacht hat. Eine willkommene Abwechslung. Ebenso wie mein geplanter Mädelsnachmittag, der längst überfällig gewesen ist. Dachte ich. Ich hab doch eigentlich nur auf meine Mädels gewartet, als ihr Drei zu Hanni und Nanni los seid. Aber ihr wart kaum zur Tür raus, da hat mein Telefon geklingelt. Tina, verplant wie sie nun mal ist, hat eine Lieferung für ihren Laden total verschwitzt und solange sie noch keine Mitarbeiter eingestellt hat und Tayfun auf Fabriksuche im Brandenburgischen unterwegs ist, ist sie ganz auf sich gestellt und muss sich selber um alles kümmern. Wenn du mich fragst, das wird nie was. Du kennst doch meine Schwester und ihre hochtrabenden Pläne, vor allem seitdem sie auf ihrem Nachhaltigkeitstrip ist und nur noch rein bio und ökologisch produzieren lassen will. Dabei ist der Laden noch nicht mal auf. Sie hat noch keine einzige von ihr designte Klamotte verkauft, außer an mich, weil ich nett sein wollte. Die Sachen passen mir noch nicht mal, weil ich immer noch meine Schwangerschaftspfunde mit mir rumschleppe. Hätte sie es nicht bei ihrem Kosmetikerkram belassen können? Das hat sie doch gelernt, aber nein, sie will ja unbedingt eine hippe Berliner Modedesignerin spielen. Dass Tayfun da überhaupt mitmacht, das muss wahre Liebe sein. Jedenfalls hat mein Schwesterchen genauso spontan für heute abgesagt, wie sie gestern zugesagt hat. Das war der erste Dämpfer gewesen. Und ich hatte kaum aufgelegt, da hatte ich auch schon Chantal an der Strippe, die das Gleiche vorhatte, nur mit der besseren Ausrede. Celinchen ist krank. Sie hat irgend so einen blöden Virus aus der Kita mit heimgeschleppt. Jochen hat es auch schon erwischt. Der leidet wie ein Hund, hätte die Kleine aber betreut, damit wir uns endlich mal sehen können. Nur Chanti wollte das nicht. Sie ist zwar immun gegen jegliche Viren aller Art, sie wollte aber nichts riskieren wegen mir und dem Baby, also ist sie auch zu Hause geblieben. Das ist ja auch verständlich. Sie kann das auch so gut mit Kind und Kegel. Im Gegensatz zu... Naja, egal, aber es hat mich trotzdem runtergezogen. Da hat man einmal was vor, was aufgrund der Umstände eh nicht so häufig stattfinden wird, und alles geht schief. Plötzlich stand ich ganz alleine da. In der leeren Wohnung. Ihr wart schon weg. Hinterherkommen wollte ich nicht, weil... Du weißt schon. Ich wäre mir total blöd vorgekommen.

Mehdi (sieht sie mitfühlend an, während er sie fest im Arm hält u. immer wieder zärtlich streichelt): Gretchen hat aber nach dir gefragt.

Gabi (nickt nachdenklich mit dem Kopf u. redet, ohne darauf näher einzugehen, weiter ihren Frust von der Seele, was ihr sichtlich gut tut, wie auch Mehdi bemerkt): Ich weiß auch nicht so genau, was dann über mich gekommen ist. Ich hab mich hier umgeschaut und plötzlich war mir ganz komisch zumute. Ich hab mich furchtbar allein gefühlt, nicht zugehörig. Als wäre das alles gar nicht mein Leben, das ich hier lebe. Ich hab von der Zimmerdecke auf mich herabgeblickt, so bescheuert das auch klingen mag, und mich gefragt, ob das wirklich das Leben ist, was du dir immer vorgestellt hast. Windeln, Haushalt, der ganze Trott. Jeden Tag das Gleiche und ich bin nicht mal gut darin. Dazu musst du nicht mal deine Mutter fragen. Das war mir auf einmal alles zu viel. Ich hab keine Luft mehr bekommen. Die Wände haben sich auf mich zu bewegt, so wie damals im Fahrstuhl und in dieser bescheuerten Kammer, wo ich eingesperrt war, und ich musste sofort raus. Ich bin regelrecht geflüchtet. Gerannt, um genau zu sein. Ich weiß gar nicht mehr, wie weit und wie lange. Ich hatte nicht nur die Orientierung, sondern sämtliches Zeitgefühl verloren. Als ich wieder einigermaßen zu mir gekommen bin, stand ich mitten in Marzahn zwischen den ganzen trostlosen Plattenbauten, die eigentlich abgerissen gehören. Vor dem alten Wohnblock, wo Tina und ich damals nach dem Tod unseres Vaters gewohnt haben. Ich hab keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin und was ich da überhaupt wollte. Mein Blick glitt über die vielen Klingelschilder, aber Mamas Name war nicht mehr da. Wie auch. Sie hat sich ja letztlich ganz für Usedom und ihr neues Leben dort entschieden. Fern der Großstadt mit all ihren Verlockungen. Fern vom Alkohol. Fern von... mir. Vor nicht mal einem Monat haben Tayfun und du doch noch ihre letzten Sachen abgeholt und zu ihr in die Reha gebracht. Ich weiß das alles. Was sollte ich also da? Seit ich sechzehn war, hab ich keinen Fuß mehr in unser altes Viertel gesetzt. Ich wollte da nie wieder hin. Ich will auch heute nicht mehr da hin. Ich war immer stolz darauf, es irgendwie da raus geschafft zu haben. Ich pass da definitiv nicht mehr hin. Die Gerüche, der trostlose Anblick, dieselben Leute wie früher, die nie weitergekommen sind, die nie etwas aus sich gemacht haben, die sich abgefunden haben. Ich will nie wieder in dieses Leben zurück. Ich hab mich dort wie ein Fremdkörper gefühlt. War ich auch, so wie die Leute mich dort angeglotzt haben. Ich hab dann sofort kehrtgemacht und bin wieder losgelaufen. Immer weiter. Immer geradeaus. Doch ich wusste nicht, wohin. Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich hin kann. Weder zu Tina, noch zu Chantal. Die beiden hätten mir garantiert ordentlich den Kopf gewaschen, so viel ist klar. Sie hätten es nicht verstanden. Ich verstehe es ja selbst nicht. Sie sind so viel weiter als ich. Dabei sind sie viel jünger als ich. Sie sind glücklich mit ihrem Leben, sind angekommen, wissen genau, was sie wollen und ziehen es durch, ohne es zu hinterfragen. Ich dachte immer, mir geht es genauso. Aber es hat sich plötzlich alles so komisch und unwirklich angefühlt. Ich weiß wirklich nicht, wieso und woher das gekommen ist. Und das hat auch überhaupt nichts mit dir zu tun. Du bist nicht das Problem. Ich bin das. Ich bin diejenige, die nicht klarkommt. Denkst du, das ist noch der Babyblues oder hatte ich so was wie einen Nervenzusammenbruch? Das alles ergibt doch gar keinen Sinn. Ich hab mir das hier doch immer gewünscht.

Mehdi (hört seiner Freundin geduldig zu u. streicht ihr dabei immer wieder liebevoll über den Rücken, um sie zu beruhigen): Das ist beides möglich. Jeder geht mit so einer neuen Situation anders um. Jeder verhält sich anders. Empfindet anders. Vielleicht hast du auch einfach nur mal raus gemusst, um einen neuen Blickwinkel zu finden.
Gabi (nickt nachdenklich u. schüttelt dann den Kopf): Aber dafür gleich zweimal quer durch ganz Berlin latschen? Das ist total durchgeknallt. Als ich das nächste Mal wieder hochgeguckt habe, da stand ich, was auch total verrückt ist, mitten im Park zwischen dem Schwesternwohnheim und dem Elisabethkrankenhaus.
Mehdi (schmunzelt leicht): Du hast dir instinktiv die Orte gesucht, die dir vertraut sind.
Gabi (streicht sich verwirrt über die Stirn u. versucht, all die einfliegenden Gedanken zu sortieren, die ihr Kopfschmerzen bereiten): Ja, ich weiß auch nicht. Keine Ahnung, was ich dort gesucht habe. Alles war wie immer. Die RTWs trudelten nach und nach ein. Die Kollegen verströmten die gleiche Hektik wie immer. Jeder schimpfte. Doch alle wirkten trotz all der Routine und dem Leid der Patienten glücklich mit dem, was sie taten. Jeder, der über die Wiese hetzte, hatte ein Lächeln auf den Lippen. Es war total surreal. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben. Da waren zum einen Sabine, die mit irrem Blick in den Augen ihren kleinen Anton im Sportwagen vor sich her geschoben hat, die gemeinsam Günni abholen wollten, der auch dieses zufriedene Leuchten im Gesicht hatte, das man so gar nicht von ihm kennt und den unheimlichen Kerl fast sympathisch macht, und zum anderen die Hassmann, total gestresst und bärbeißig wie immer, die im Park ihre Kinder von Dr. Stier in Empfang genommen und fest in die Arme geschlossen hat und ihn plötzlich abgeknutscht hat, als gäbe es kein morgen mehr, als sie dachte, sie sieht keiner, und mit einem Mal ganz anders auf einen gewirkt hat. Gelassen, mit sich im Reinen. Als wäre das die reinste Selbstverständlichkeit. Wenn selbst die beiden das hinbekommen, wieso dann ich nicht? Was stimmt nicht mit mir, dass ich mich so komisch fühle, dass ich einfach ohne Plan weglaufe?
Mehdi (versucht, ihr mit sanfter Miene zu helfen): Maus,...
Gabi (schüttelt ihn bittend ab): Nein, lass nur! Ich... sortiere mich gerade. Das hab ich den ganzen Tag schon versucht, ohne wirklich daraus schlauer zu werden. Ich habe die Leute eine ganze Weile beobachtet, wie sie ihr Leben leben und sich völlig zufrieden mit sich und der Welt fühlen. Komischerweise hab ich überall nur Familien gesehen. War heute etwa Familientag im EKH? Es war auf einer Seite beruhigend, zu wissen, dass es möglich ist, andererseits auch sehr beängstigend, weil ich das Gefühl hatte, dass ich das nicht kann. Alles ist irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten. Ich bin aus dem Gleichgewicht. Vielleicht nur ein paar Millimeter, aber ich hatte das Gefühl, ich kann nicht mehr zurück und das hat mich echt fertig gemacht. Einerseits zu wissen, wie sehr ich euch damit enttäusche, andererseits kann ich auch nicht ertragen, euch enttäuscht zu sehen, wenn ich weiter so mache wie bisher. Ich weiß, das klingt alles total abstrus, es ergibt keinen Sinn, aber ich kann es nicht anders beschreiben. Es ist so verwirrend. Ich glaube, Sabine hat mich auf der Parkbank weinen sehen, aber ich wollte nicht, dass mich jemand so sieht. Also bin ich schnell weiter. Runter am See entlang, wo wir damals mit Lilly Eis laufen waren, über die Wiese, wo wir im Sommer immer in der Sonne gelegen haben, wenn wir heimlich unsere Mittagspause ausgedehnt haben. Ich bin immer weiter gelaufen, bis zu der kleinen Waldlichtung, die man sieht, wenn man ganz oben auf der Dachterrasse der Cafeteria steht und sich auf die Zehenspitzen stellt. Dort, wo die Trauerstelle für die Schmetterlingskinder ist.
Mehdi (lächelt wissend): Du warst bei Paul?

Gabi (schluchzt leise auf u. lächelt dabei sehnsuchtsvoll): Ja, ich hab stundenlang vor seinem Grab gehockt, sogar noch, als es leicht angefangen hat zu regnen. Ich hab’s gar nicht wirklich wahrgenommen. Ich hab das viele Laub weggemacht, hab die kleinen Engels- und Schmetterlingsfiguren sauber gewischt, die Kerzen angezündet und den verwelkten Blumenstrauß weggeschmissen. Ich hab dann furchtbar heulen müssen, weil ich während meines planlosen Umherirrens durch Berlin nicht mal daran gedacht hatte, einen neuen mitzubringen. Ich war so lange nicht mehr bei ihm gewesen. Aber es hat ihn scheinbar nicht gestört, glaub ich. Ich hab mir vorgestellt, wie er jetzt wohl aussehen würde und das hat mich auf irgendeine Weise beruhigt. Er wäre jetzt anderthalb, ein bisschen älter als Chantals Celine. Er könnte schon laufen, würde bestimmt ständig Mama brabbeln und die ganze Zeit vor sich hin lächeln. Ich hab mir sein Lachen vorgestellt und es war wunderschön. Ich glaube sogar, ich hab seine Stimme gehört. Und das hat mir unendlich viel Trost gegeben.
Mehdi (nickt mitfühlend u. drückt ihre zarte kleine zitternde Hand): Das ist gut, mein Herz. Es ist gut, dass du eine Stelle hast, wo du ihm nah sein kannst. Er ist dein Schutzengel. Das hat er heute wieder bewiesen.
Gabi (legt ihre Hand über Mehdis u. schmiegt sich an seine starke Schulter): Ja, das ist er wohl. Es tut immer noch unfassbar weh, dass ich ihn nie kennenlernen durfte, dass das damals alles so schnell gehen musste, ohne dass ich es wirklich realisiert habe, aber der Gedanke an ihn hat mich wieder wachgerüttelt. Ich hab mich gefragt, was er wohl jetzt denken würde, wenn er mich vor Nichts weglaufen sieht und ich hab mich echt wahnsinnig geschämt. Ich wäre ihm auch gerne eine gute Mutter gewesen und das will ich doch für sein Brüderchen auch sein. Ich kann das, wenn ich mir mehr Mühe gebe, wenn ich die Ansprüche an mich selbst runterschraube und einfach instinktiv das tue, was ich für richtig halte und mich weniger mit anderen vergleiche, die das eindeutig besser können als ich. Aber dafür hab ich vielleicht schon viel zu viel kaputtgemacht. Ich hab Paulchen gefragt, was ich denn jetzt machen soll. Und da passierte etwas Seltsames. In dem Moment kam ein heftiger Windstoß auf, der mich fast von den Füßen gekippt hätte. Seine Grablichter haben geflackert und ich bin vor Schreck furchtbar zusammengezuckt. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich an das wilde Rauschen der Baumwipfel über mir denke. Das war echt spooky. Zumal im selben Moment mein Handy vibriert hat und aus meiner Hand geflutscht ist. Direkt in den nassen Laubhaufen, den ich zusammengefegt hatte.
Mehdi (lächelt verschmitzt u. ist ehrlich froh, dass seine Freundin endlich wieder zu sich findet): Das war dann wohl ich. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich versucht habe, dich zu erreichen.
Gabi (blickt ihm scheu in die Augen): Ich weiß und es tut mir sehr leid, dass ich nicht reagiert habe. Ich konnte einfach nicht. Noch nicht. Ich weiß nicht, warum ich zuerst auf seine Nachricht getippt habe, vermutlich weil seine dämliche Grinsevisage gerade aufgeleuchtet hat, als ich mein Telefon wieder aus dem Laub gefischt habe. Aber Marcs Voicemail war der letzte Fußtritt, den ich noch gebraucht habe. Er hat mir die Augen geöffnet.
Mehdi (ist ehrlich erstaunt): Marc?

Gabi (schließt für einen kurzen Moment die Augen u. schüttelt dann den Kopf, weil es auch ihr total absurd erscheint): Das hört sich jetzt vielleicht bescheuert an, weil er ja nicht sein biologischer Vater gewesen ist und ich egoistische Kuh ihn nur unter allen Umständen gerne dazu gemacht hätte, wenn das damals alles funktioniert hätte, was es Gott sei dank nicht hat, zumindest nicht in diesem Sinne, aber in dem Moment fühlte es sich so an, als würde mein Paul durch ihn sprechen. Und ich bin sofort nach Hause geeilt. Weil ich es keine Sekunde mehr ohne euch aushalten konnte.
Mehdi (grinst mit leichtem Schalk in den Augen, was auch auf sie ansteckend wirkt): Wow! Dass ausgerechnet Marc einmal solchen Einfluss auf uns haben könnte, hätte wohl keiner von uns gedacht, er vermutlich am allerwenigsten. Aber er ist da, wenn man ihn braucht, unbeholfen zwar und mit beängstigenden offenen Worten, aber da. Das muss man ihm hoch anrechnen.
Gabi (nuschelt betreten): Naja, ich wäre ihm gerne überhaupt nichts schuldig.
Mehdi (neugierig): Was hat er gesagt?
Gabi (verdreht die Augen, bleibt dann aber an einem Gedanken hängen, der sie nachdenklich stimmt): Die üblichen Beschimpfungen, aber er hat mir aufgezeigt, was ich an euch habe und hier drin in meinem Herzen weiß ich das auch. Ich will es besser machen, Mehdi. Das bin ich euch, mir, Paul, schuldig. Ich will, dass er... ihr stolz auf mich seid. Ich will es richtig machen. Ich werde nicht mehr davonlaufen. Versprochen!
Mehdi (sieht sie gerührt von der Seite an u. streicht zärtlich über ihre Wange): Du bist uns gar nichts schuldig, Maus, das nur mal vorweg. Hauptsache, du bist mit ganzem Herzen hier bei uns, wo du hingehörst.
Gabi (lächelt überzeugt): Das bin ich.
Mehdi (schmilzt bei ihrem wunderschönen Lächeln nur so dahin): Ich werde dich immer wieder daran erinnern, wenn es sein muss. Was kann ich tun, damit es dir besser geht?
Gabi (ist ehrlich gerührt von seiner Fürsorge u. dass er ihr so lange zugehört hat): Mir geht es schon viel, viel besser. Danke!
Mehdi (lächelt): Das sehe ich. Also, was kann ich dir Gutes tun? Noch einmal die persische Spezialmischung?
Gabi (blickt ihm intensiv in die Augen, die sie neugierig mustern): Der unvergleichliche Halbperser wäre mir lieber. Mir reicht schon, wenn du mich nur hältst und nicht mehr loslässt.
Mehdi (schlingt die Kuscheldecke nur noch fester um sie, nachdem er ihrer süßen Bitte sofort nachgekommen u. noch näher an seine anschmiegsame Freundin herangerückt ist): Dein Wunsch ist mir Befehl. Du zitterst ja. Ist dir kalt?
Gabi (nickt verschämt u. schmiegt sich unter der Decke an seinen kuscheligen Pulli): Es geht. Dank dir.

Mehdi (streicht ihr liebevoll durchs Haar, das sich aus ihrem verwuschelten Zopf gelöst hat): Ich wusste schon immer, dass die beste Medizin, die ich verschreiben kann, ich selbst bin.
Gabi (zieht einmal heftig an den Kordeln seines Kapuzenhoodies u. grient ihn dann verschmitzt von unten herauf an): Angeber!
Mehdi (strahlt sie unentwegt an, weil er überglücklich ist, sie wiederzuhaben): Aber es wirkt. Du lächelst wieder. Meine Mission ist erfüllt.
Gabi (schiebt sich plötzlich die Hände vors Gesicht, weil er sie so intensiv ansieht, was ihre Temperaturkurve heftig nach oben treibt): Sieh mich bitte nicht so an! Ich sehe total furchtbar aus. Ich bin total verschwitzt, meine Augen sind vom vielen Weinen ganz rot und geschwollen, mein Make-up ist verwischt und ich krieg bestimmt davon noch ekelige Pusteln.
Mehdi (blickt sie voller Liebe an, um ihr die letzten Unsicherheiten zu nehmen): Für mich bist du wunderschön.
Gabi (würde dem Charmeur ja gerne glauben, wenn sie sich nicht immer noch so komisch fühlen würde): Ich weiß nicht, ob das das richtige Kompliment für eine Frau ist, die sich gerade zurück in ein hässliches Entlein verwandelt hat. Dabei hatte ich heute eigentlich vorgehabt, mich generalüberholen zu lassen.
Mehdi (schmunzelt leicht): Ich bin immer noch überzeugt davon, dass du das gar nicht nötig hast.
Gabi (rollt mit den Augen u. lehnt sich dann erschöpft an seine Seite): Alter Charmeur! Aber zumindest eine Tönung wäre noch drin gewesen.
Mehdi (zwinkert ihr frech zu u. streicht dann ihren zerzausten Zopf zur Seite, um anschließend mit seiner Nasenspitze leicht über ihren Hals u. die von ihrem verrutschten Pullover freigelegte Schulterpartie streifen zu können): Das ‚alt’ hab ich aber überhört. Ich sage nur das, was ich denke und außerdem trägst du dein Potential schon in deinem Namen, Bella.
Gabi (bekommt von der sanften Berührung u. seinen Worten eine zarte Gänsehaut, die sich über ihren gesamten Körper ausbreitet): Du bist aber auch der Einzige, der mich so nennt.
Mehdi (streift mit seinen Lippen hauchzart ihren grazilen Hals empor bis hinter ihr linkes Ohr, bevor er sie wieder frech von der Seite angrient): Mhm... mein Privileg. Ich Glückspilz.

Ist er das wirklich? Glücklich? Trotz des Chaos, das ich in sein Leben gebracht habe?

Gabi (ist sichtlich hingerissen von seinem schelmischen Lächeln, das die letzten Zweifel aber nicht ganz vertreiben kann): Mehdi, bist du mir wirklich nicht mehr böse? Ich könnte es verstehen. Ich hab nie gefragt, wie es dir eigentlich geht.
Mehdi (setzt sich mit ihr aufrecht hin u. blickt ihr tief in die Augen): Das war ich nie. Ich hab daran geglaubt, dass du es mir erklären wirst und das hast du getan. Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir diese Vertrauensbasis gefunden haben. Ich hoffe, das bleibt so.
Gabi (seufzt erleichtert auf): Ich auch.
Mehdi: Na, siehst du, alles ist gut.

Mit zufriedenem Lächeln beobachtete Mehdi, wie seine Freundin sich wieder an ihn kuschelte, seine Hand nahm und diese fest gegen ihr wild pochendes Herz drückte, das sich langsam an seinen beruhigenden Herzschlag anpasste und schließlich im gleichen Takt tanzte. Sie hatte die Augen geschlossen und summte wohlig seufzend vor sich hin, während er entspannt seinen Kopf an ihre Halsbeuge schmiegte. Ihr melodisches Summen klang wie Musik in seinen Ohren, die sein Herz umschmeichelte und von dem Kummer reinigte, den er heute zeitweise empfunden hatte. Er konnte nicht anders, als leise mitzusummen, obwohl er das Lied gar nicht kannte, das ihr im Kopf herumspukte, was Gabi wiederum animierte, wieder aufzuschauen. Sie lächelten sich an und lachten plötzlich ungehalten los. Ganz ohne Grund, aber doch von ganzem Herzen. Als wäre das alles, was passiert war, nur ein ferner, kaum greifbarer Spuk gewesen. Ein leichtes Knistern lag mit einem Mal in der Luft. Das spürten beide und hielten inne. Ihre Blicke verfingen sich ineinander. Aus dem langsamen Walzer, den ihre Herzen gemeinsam getanzt hatten, wurde plötzlich ein feuriger Salsa, der sie mitriss. An den Kordeln seines Kapuzenpullovers zog Gabi, die sich langsam auf dem roten Sofa zurückgelehnt hatte, Mehdi über sich. Er hatte den Atem angehalten und sie blickten sich tief in die Augen, die sich gegenseitig belauerten und ungläubig abschätzten, was wohl als nächstes passieren könnte. Dürften sie es riskieren oder war es nach dem ganzen Spuk noch zu früh? Für Gabi Kragenow war die Antwort klar. Für Dr. Kaan ebenso.

Gabi: Ich glaube, ich weiß jetzt, was mir noch gefehlt hat.
Mehdi (schmunzelt wissend u. spielt liebend gern mit, während er gefährlich nah über ihr schwebt): Ach?
Gabi (genießt den feurigen Blick, den er ihr gerade schenkt u. zieht ihn noch einmal fest an den Kordeln zu sich heran, bis nur noch Millimeter sie voneinander trennen): Komm her, du!
Mehdi (seine Lippen schweben schon verführerisch über ihren): Ich weiß nicht, wie viele heilsame Küsse ich verschreiben kann, die der Situation angemessen wären.
Gabi (klimpert aufreizend mit ihren langen dunklen Wimpern, während sie intensiv in seinen Funkelaugen hin- u. herschaut): Auf jeden Fall so viele, bis ich sie nicht mehr zählen kann.
Mehdi (verschränkt seine Finger mit ihren u. drückt ihre Hände über ihren Kopf ins weiche Sofakissen): Verstehe! Das ist eine recht komplizierte Gleichung.
Gabi (schüttelt den Kopf u. lässt sich zunehmend von seiner unmittelbaren Nähe verwirren): Nein, sie ist nicht schwer. Überhaupt nicht. Sie ist ganz leicht. Du hattest recht.
Mehdi (hält noch immer inne u. sieht sie mit feurigen Augen u. klopfendem Herzen an): Ist sie das?
Gabi (verliert sich atemlos in seinem fesselnden Blick): Jetzt ja?
Mehdi (der Schalk geht plötzlich mit ihm durch): Ich glaube, jetzt verstehe ich, was du damit meintest, als du sagtest, du wolltest dich mal wieder so richtig als Frau fühlen. Das tangiert doch eindeutig mein Jobprofil.
Gabi (verdreht die Augen u. der schöne spannungsgeladene Moment ist dahin): Na toll, da schütte ich dir einmal mein Herz aus, versinke metertief im Selbstmitleid in der Grube, die ich mir selbst geschaufelt habe und zehn Sekunden später schmunzelst du darüber und erinnerst mich auch noch daran, dass du ab nächster Woche wieder arbeiten bist und ich hier alleine versauern werde.
Mehdi (neckt sie mit sanften Küssen, die ihr Gesicht bedecken, um die temperamentvolle Frau zu besänftigen): Das würde ich nie tun. Niemals. Ich nehme dich sehr, sehr, sehr ernst.
Gabi (genießt die prickelnden Küsse sehr u. wünscht sich mehr): Wie ernst?
Mehdi (gespielt überlegend): Mhm... Das wird sich zeigen, wenn du nicht mehr mitzählen kannst.
Gabi (schmunzelt): Ich glaube, ich habe dir gesagt, wie schlecht ich in Mathe war, oder?
Mehdi (grinst schelmisch zurück): Das ist eine Variable, die ich nur auf eine Weise nachprüfen kann. Mhm... Eins... zwei... drei... mhm... vier... fünf... sechs...

...neckte der flirtende Charmeur seine verführerische Freundin augenzwinkernd, die unter seinen starken muskulösen Armen und seinem feurigem Blick dahin schmolz wie süße Schokolade in der Sonne, und schenkte ihr die Antwort auf ihre dahingehauchte Frage mit dem ersten von vielen, unzähligen Küssen, die sie losgelöst bis zur Ekstase und weit darüber hinaus miteinander teilten. Sie hatten sich wieder und das musste schließlich entsprechend gefeiert werden. So leise wie vorhin würde es definitiv nicht mehr in der gemütlichen Altbauwohnung am Prenzlauer Berg werden. Hierhin gehörte das pure, pulsierende, sehnsuchtsgeladene Leben und das riss das glücklich vereinte Paar gerade nicht gerade geräuschlos mit sich.

Lorelei Offline

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27.02.2019 16:07
#1642 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Atemlos sahen sie sich an, nachdem sie sich nach endlosen gefühlvollen Minuten, die sich wie Stunden angefühlt hatten, wieder voneinander lösten. Einerseits beschämt, weil sie beide kaum glauben konnten, was gerade mit ihnen passiert war. Andererseits unendlich glücklich und beseelt, weil sie sich endlich wieder hatten. Nichts und niemand würde sie je wieder voneinander entfernen können, beschlossen sie in stillem Einvernehmen, während sie sich unter der kuschelweichen Sofadecke aneinander schmiegten und sich einfach nur sprachlos in die Augen schauten, denn sie wussten beide, dass der andere gerade das Gleiche dachte. Sie vertrauten einander. Sie liebten sich. Sie waren wie zwei verloren geglaubte Puzzleteile, die überraschend und doch passgenau ineinander passten. Sie bauten aufeinander. Sie gehörten unabdingbar zusammen. Ohne jeden Zweifel. Und das fühlte sich großartig an. Nicht nur wie ein Rausch, den sie seit über einem Jahr lebten und auch gerade eben wieder hautnah und sehr intensiv miterleben durften, als die Gefühle füreinander sie überwältigt und wie eine heftige Woge in einen Strudel der Leidenschaft mitgezogen hatten. Als Gabi und Mehdi daran zurückdachten, zauberte sich ein gleichmäßiges Lächeln auf die Lippen des verliebten Paares, das gar nicht damit aufhören konnte, sich immer wieder zärtlich zu küssen. Besonders Mehdi stand das Glück buchstäblich ins Gesicht geschrieben, an das er immer geglaubt hatte und das er natürlich direkt mit seiner Herzdame teilen wollte, deren lange zerwuschelte brünett gefärbte Haare er ihr gerade liebevoll aus ihrem Strahlegesicht strich, das ihm genauso entspannt und gelöst mit leuchtenden Augen entgegenschaute, dass man sich gar nicht daran sattsehen konnte.

Mehdi: Mhm... was hat dieser Ort nur an sich?
Gabi (stutzt noch immer leicht benebelt von dem eben Erlebten): Welcher? Unsere Wohnung, was ist mit der? Ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen, weißt du doch. Das ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung.
Mehdi (schmunzelt über ihre süße Verpeiltheit u. lehnt sich wieder leicht über sie): Ich weiß, aber ich hab eigentlich dein Sofa gemeint.
Gabi (muss nun ebenfalls kichern u. lässt sich nicht nur von ihm, sondern auch von wunderschönen Erinnerungen einhüllen): Unser Sofa.
Mehdi (neckt die Schönheit mit einem verspielten Küsschen auf die Nasenspitze): Selbstverständlich.
Gabi (verliert sich in seinen faszinierenden braunen Augen, die über ihr schweben wie himmlische Gestirne): Meinst du, wir sind jetzt quitt?
Mehdi (jetzt guckt er ziemlich verdutzt aus der Wäsche, als er zu ihr runterblickt): Inwiefern?
Gabi (ist immer noch ein bisschen verunsichert wegen vorhin): Naja, damals nach unserer ersten gemeinsamen Nacht bist du auch abgehauen und heute bin ich das.
Mehdi (streicht Gabi zärtlich über ihr glühendes Gesicht, das sich verlegen zur Seite gedreht hat): Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Ich war verwirrt damals. Sehr verwirrt und verunsichert, was das jetzt zu bedeuten hatte. Wir waren Kollegen. Ich hab dich geschätzt. Ich wollte nichts durcheinanderbringen. Mein Leben war schon kompliziert genug. Ich hatte einen Berg an Problemen und dachte, das verkompliziert jetzt alles. Das entschuldigt natürlich nicht, dass ich mich damals still und heimlich rausgeschlichen habe. Das bereue ich immer noch sehr. Ich schulde uns ein Aufwachen. Aber du hast mich damals... Hach... Eine Naturgewalt hat mich erwischt und seitdem nicht mehr losgelassen.

Geht mir genauso. Ich darf mich nie wieder so sehr verunsichern lassen. Ich brauch ihn doch genauso sehr, wenn nicht sogar noch mehr, wie er mich.

Gabi (kann nicht widerstehen u. dreht sich über ihren Freund, um ihn ungestüm niederzuknutschen): Mit der Verwirrung und der Verunsicherung sind wir uns ziemlich ähnlich, nur die wahre Naturgewalt, das bist eindeutig du gewesen. Oder was war das gerade eben?
Mehdi (verliert sich in ihrem sinnlichem Blick, mit dem sie ihn nach dem Wahnsinnskuss bedenkt u. wird fast verrückt davon, sie Haut an Haut zu spüren): Mhm... Du weißt es, das Selbstbewusstsein eines Mannes wiederaufzubauen.
Gabi (verdreht die Augen u. stupst ihn leicht an): Du bist ein ganz schöner Macho, Mehdi.
Mehdi (wechselt mit ihr erneut die Position u. schaut ihr herausfordernd in die Funkelaugen, die ihn belauern): Danke für das Kompliment! Naja, ich bin Südländer, also, ein halber, das Temperament muss doch schon irgendwie in mir schlummern.
Gabi (zwinkert ihm verheißungsvoll zu): Kitzeln wir es doch noch mal heraus, hm?

Gabi hatte erneut Feuer gefangen. Diesen aufregenden Mann, der gleichzeitig sanftmütig wie heißblütig sein konnte und der sie gerade mit seinem sexy muskulös definierten Körper in die Sofakissen drückte, mit Haut und Haaren zu spüren, machte sie rasend vor Lust. Sie konnte nicht anders. Sie musste ihn spüren. Sie vergrub ihre Finger tief in seiner wilden Mähne und schmiegte sich verheißungsvoll an ihn, während sich ihre Beine unter der Decke ineinander verknoteten und ihre Zungen einen leidenschaftlichen Tanz miteinander aufführten. Ihre aufeinander eingespielten Sinne reagierten auf jeden noch so kleinen Impuls. So auch auf das verdächtige Knacksen eines technischen Geräts in direkter Hörweite, welches das Weinen aus dem Nebenzimmer noch zusätzlich verstärkte. Die immer weiter in Ekstase zu versinken drohenden Eltern schreckten sofort hoch und schauten sich atemlos vor Begierde an.

Es dauerte ein, zwei Sekunden, bis wieder genügend Sauerstoff ihre informationsverarbeitenden Synapsen erreicht hatte und sie verstanden, was das zu bedeuten hatte. Daraufhin schmunzelten sie ungehalten los. Sie umarmten sich, nickten sich einmal vielsagend zu und standen dann taumelnd von dem roten Sofa auf, wobei der Gentleman der alten Schule seiner wunderschönen Freundin zuvorkommend aufhalf, denn sie hatte noch sehr wackelige Knie. Das gab sich aber, nachdem sie wieder sicheren Stand gefunden hatte. Gabi schlang sich die kuschelweiche Sofadecke um ihren Alabasterkörper und Mehdi kramte seine Flugzeugmotivunterhose unter der Couch wieder hervor, bevor er flink in diese hineinschlüpfte und sich anschließend noch seinen grauen Hoodie über seinen verschwitzten Oberkörper zog. Eine Verschwendung in Gabis verklärt schimmernden Augen. Aber was sollte man machen? Sie waren nun mal in erster Linie Eltern eines sechs Wochen alten Babys mit ganz eigenen Bedürfnissen und einem Zeitplan konträr zu ihrem. Und erst ganz weit danach kam irgendwann die verlockende Paarkomponente, der sie gerade in wilder Leidenschaft mit ausdrücklicher Wiederholungsgefahr gefrönt hatten.

Mehdi (summt beim Anziehen melodisch vor sich hin): Tja, die auf Dauerempfang gestimmten Antennen eines Kindes, wenn sich seine Eltern gerade ganz doll lieb haben. Das alte Spiel.
Gabi (dreht sich schwungvoll zu dem verschmitzt grinsenden Familienvater um u. schmachtet ihn unverhohlen an, während sie sich verschmust an ihn lehnt): Sag das noch mal!
Mehdi (leicht abwesend): Das alte Spiel?
Gabi (klapst dem Spaßvogel sanft gegen den gestählten Brustkorb u. hält sich dann mit beiden Händen an den Kordeln seines Kapuzenpullovers fest): Nein, das Andere!
Mehdi (zieht seine Schmusefee schmunzelnd in seine Arme u. guckt ihr tief in die Augen): Dass wir uns lieben. Er spürt das. Deshalb kann man es ihm auch nicht übel nehmen.
Gabi (schüttelt verträumt den Kopf u. schaut dann in Richtung Flur): Nein, natürlich nicht. Darf ich zu ihm gehen?
Mehdi (gibt Gabi einen sanften Kuss auf ihre gespitzten Lippen): Du musst mich das nicht extra fragen, mein Herz. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Und sein Tonfall klingt irgendwie danach, dass er gerne seine wunderschöne Mama bei sich haben möchte.
Gabi (schlingt beide Arme um seinen Hals u. verweilt noch einen kleinen Moment): Du Charmeur.
Mehdi (grinst sie verliebt an): Und ich... Ich... Hast du heute schon was gegessen?
Gabi (blickt ihm beschämt in die fröhlich leuchtenden Augen): Nein, seit heute Vormittag nicht mehr. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.
Mehdi (streicht ihr zärtlich die zerzausten Haare zurecht u. lächelt dabei sanft): Na dann, weiß ich, was ich zu tun habe. Was hältst du von... hm... Pizza oder... Pizza?
Gabi (schmiegt sich kichernd an seine Brust): Das ist eine sehr schwierige Entscheidung. Ich würde sagen, hm... Pizza.
Mehdi (grient sie schelmisch an): Gute Entscheidung. Dein Wunsch ist mir wie immer Befehl. Ich ruf bei „Robertos“ an, bestelle das Übliche und mach uns dazu einen kleinen Salat. Was hältst du davon?

Mehdi legte zärtlich beide Hände um das hitzig gerötete Gesicht seiner Freundin, blickte ihr noch einmal sehnsuchtsvoll in die Augen, die ihn voller Liebe anglühten, und drückte seinen Mund gefühlvoll auf ihren, der ihm erwartungsvoll entgegengeschwebt war. Das war ihm Antwort genug. Er ließ die Mutter seines Sohnes schließlich ziehen und verschwand mit dem Festnetztelefon, das er im Flur von der Station genommen hatte, in der Küche. Und Gabi schwebte, während ihr Freund in erstaunlich gutem Italienisch telefonierte, mit verliebt tänzelnden Bewegungen ins Schlafzimmer, um nach ihrem gemeinsamen Kind zu schauen, dessen Tränen sie sehr berührten. Mit verliebtem Dauerlächeln im Gesicht, weil er seine Liebste nebenan leise ein Schlaflied summen hörte, begann der bärenglückliche Familienvater und Hobbykoch anschließend einzelne Zutaten aus dem Gemüsefach des Kühlschranks herauszuholen, um sie als nächstes zu einem leckeren Salat zu verarbeiten. Als Gabis wunderschöne Singstimme lauter wurde, blickte er jedoch kurz wieder auf und lächelte sie verträumt an. Die Neunundzwanzigjährige stand wie eine wahr gewordene Göttin in der Tür und hielt ihren kleinen Sohn im Arm, der nicht damit aufhören wollte, mürrisch vor sich hin zu wimmern. Lennys Signale waren eindeutig. Und Mehdis auch. Jede Pore seines Körpers strahlte es aus. Er war wahnsinnig verliebt in Mutter und Kind. Und auch Gabi Kragenow strahlte pures Mutterglück aus, als sie den kleinen Schreihals sanft gegen ihre Backe drückte, um ihn mit sanfter Stimme zu beruhigen.

Gabi: Ich glaube, da hat noch jemand Hunger bekommen.
Mehdi (grinst die beiden schelmisch an, legt das Salatmesser zur Seite u. kommt auf die beiden zu): Da kommen wohl eindeutig meine Gene zum Vorschein, hm, aber es ist ja auch eine Unsitte, getrennt zu essen. Oder Lennymaus? Wir essen gleich alle zusammen, wie sich das gehört, mein Schatz. Damit sich keiner alleine oder ausgeschlossen fühlen muss. Setzt euch ruhig hin! Ich mach ihm das Fläschchen fertig. Bis der Pizzadienst kommt, dauert es eh noch ein wenig. Du kennst doch unseren Stammitaliener. Um diese Zeit ist da Hochsaison und da nützt es nichts, dass er gleich um die Ecke ist.
Gabi: Danke!

...lächelte die glückliche Neumama den Mann ihrer Träume an, der immer genau das Richtige sagte und genau wusste, wie er Lenny und ihr etwas Gutes tun konnte. Sie liebte ihn unendlich. Jeden Augenblick, den sie gemeinsam verbrachten, noch ein bisschen mehr. Und mit ihrem kleinen Sohn ging es ihr genauso. Dass sie noch vor Stunden völlig durch den Wind durch die Straßen Berlins geirrt war, hatte Gabi mittlerweile komplett aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Denn sie hatte beschlossen, sich ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Auf ihre beiden hungrigen Lieblingsmänner. Die bis über beide Ohren verliebte Frau ließ ihren kleinen Engel unter der Kuscheldecke verschwinden, welche sie als improvisierten Kleidungsersatz gewählt hatte, bis nur noch sein Köpfchen herausguckte. Sie wollte, dass er es warm hatte und sie wollte ihn spüren, ganz nah, Haut an Haut, wenn sie ihm gleich das Fläschchen geben würde. Dann fühlte es sich für beide fast so an, als würde sie ihn stillen. Das gab ihr und auch Lenny ein gutes Gefühl, der direkt ruhiger geworden war, als er das klopfende Herz seiner Mutter unter ihrer Brust gespürt hatte.

Diese Innigkeit der beiden war ein ganz besonderer Anblick. Er rührte Mehdi so sehr, der mit dem Fläschchen in der Hand neben dem Stuhl der beiden in die Knie gegangen war, dass es ihm die Glückstränen in die Augen trieb. Seine Bella ging so natürlich und ungezwungen mit dem Jungen um. Sie musste sich keine Sorgen machen. Sie konnte das. Sie war eine tolle Mutter. Aufmerksam, mitfühlend, behutsam, ganz sie selbst. Und das bezeugte der stolze Zweifachpapa seiner abwesend vor sich hin lächelnden Freundin auch, die es immer noch nicht richtig glauben konnte, mit seinem intensiven Blick, mit dem er Lenny und sie gerade zärtlich bedachte, als er Gabi das Milchfläschchen reichte.

Mehdi: Na, siehst du! Es geht doch. Du hast die wunderschönste, sinnlichste und liebevollste Mama der Welt, mein Junge. Da kann man fast neidisch werden.
Gabi (droht fast schon wieder ihren überbändigen Gefühlen zu erliegen u. in Tränen auszubrechen, beruhigt sich aber schnell wieder, weil sie vor ihrem Sohn nicht auch noch als ewige Heulsuse dastehen möchte): Alter Charmeur! Du machst mich mit deiner permanenten Süßholzraspelei ganz verlegen.
Mehdi (zieht ein gespielt betroffenes Gesicht u. neckt sie anschließend zärtlich): Irgendwie klappt das noch nicht so richtig, mit dem Alter weglassen und so.
Gabi (grient ihn herausfordernd an, bevor sie sich dann ganz ihrem Sohn u. seinem Fläschchen widmet): Deshalb sollst du dich ja auch bewegen, alter Mann. Hast du der tollsten und verführerischsten Mama der Welt nicht einen leichten Salat zur deftigen Pizza versprochen? Ich hab nämlich annähernd so einen großen Hunger wie unser süßer Schatz hier. Ich könnte ein ganzes Mammut verspeisen, wenn’s die noch geben würde und ich mich nicht eigentlich vegan ernähren wollen würde.
Mehdi (seufzt u. legt seine Hand an Lennys Köpfchen, während er verträumt zu ihr hochguckt): Gleich! Ich schau euch nur so gerne zu.

Der Anblick von Lenny unter der Decke an Gabis Brust, ihr liebevoller Umgang mit ihm, damit er nicht zu hastig an dem Fläschchen nuckelte, der Schalk und die Freude in ihren smaragdgrün schimmernden Augen waren das Schönste, was er je gesehen hatte. Der bis über beide Ohren vernarrte Familienvater konnte sich nicht daran sattsehen und hockte noch ein ganzes Weilchen neben den beiden und schaute ihnen einfach nur zu, während er immer wieder zärtlich über Lennys dunklen Haarschopf streichelte, der unter der bunt karierten Decke niedlich hervorlugte, und mit Gabi verliebte Blicke austauschte. Als der sechs Wochen alte Säugling ausgetrunken und pappsatt und zufrieden Bäuerchen gemacht hatte, brachte Lennys Mama ihn wieder nach nebenan in sein Bettchen und Mehdi widmete sich erneut dem verspäteten Abendessen für die Erwachsenen. Gabi wollte gerade zu ihm aufschließen und sich von hinten an seinen muskulös definierten Rücken schmiegen, wobei sie der Versuchung fast nicht hätte widerstehen können, ihre Decke, die sie lediglich an den beiden über ihrem Dekolletee verknoteten Zipfeln festhielt, zu Boden sinken zu lassen, als es plötzlich unerwartet an der Wohnungstür hartnäckig zu klingeln begann.

Die irritierte Krankenschwester schaute gleichzeitig mit ihrem Freund, der sich erschrocken umgedreht hatte, auf die Küchenuhr, die kurz nach halb acht anzeigte, dann zurück auf die Schlafzimmertür, die sie nur angelehnt gelassen hatte, und bekam direkt Panik, dass der penetrante Klingelton eventuell Lenny wieder wecken könnte. Sie wusste, dass er dann nicht wieder zu beruhigen wäre und ihnen eine harte Nacht bevorstehen würde. Dafür hätten heute alle Drei nicht mehr die Kraft gehabt. Also galt es schnell zu handeln.

Mehdi: Ist das etwa schon die Pizza? Seit wann sind die bei „Robertos“ denn so flink? Ich habe doch gerade erst vor nicht mal zwanzig Minuten dort angerufen und ich hab sie noch ausdrücklich gewarnt, nicht zu... Gabi?

Bevor Mehdi überhaupt reagieren konnte, war Lennys überfürsorgliche Mutter schon zur Wohnungstür gesprintet und hatte diese mit Schwung aufgerissen. Doch mit dem, was sie davor erwartete, hatte Gabi Kragenow nicht gerechnet. Und ihrem völlig verdutzten Gegenüber vor der Tür, der nicht einmal die Zeit bekam, um Luft zu holen, geschweige denn ihren äußerst aufreizenden Anblick überhaupt zu genießen, auf den sie in ihrem Übereifer gar nicht geachtet hatte, ging es genauso. Denn über ihn ergoss sich, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte, eine Schimpftirade sondergleichen, welche selbst den hartgesottensten Berliner im ersten Moment zusammenzucken lassen hätte.

Gabi: Mann, wieso kapiert ihr Flitzpiepen denn nie, dass hier nicht geklingelt werden soll. Seid ihr alle Analphabeten? Ist der Zettel so unmissverständlich? Da steht doch klar und deutlich, dass hier ein Baby schläft, verdammt noch mal. Es ist sogar noch von meiner Ziehtochter zusätzlich bildlich veranschaulicht worden. Für die ganz Blöden unter euch. Aber zumindest seid ihr heute mal überpünktlich mit der Pizzalieferung. Da wäre glatt ein Trinkgeld fällig. Wobei... Äh... Was machst denn du hier?

Die Löwenmama hatte sich gewaltig und sehr gestenreich in Rage geredet, wobei ihr fast ihr provisorisches Kleidungsstück heruntergerutscht wäre, was dann Dinge preisgegeben hätte, die der Mann, der ihr gegenüberstand und sie anstarrte, als wäre sie ein Alien aus einer weit entfernten Galaxie, definitiv nie wieder hatte sehen wollen, auch wenn man nicht leugnen konnte, dass diese sehr ansehnlich gewesen wären. Erst als sie sich mit der Hand, die nicht krampfhaft den Knoten der Decke vor ihrem splitterfasernackten Körper festhielt, die wilden Haarsträhnen, die Mehdi ihr vorhin leidenschaftlich zerwuschelt hatte, aus ihrem immer noch erhitzt leuchtenden Gesicht gestrichen hatte, bemerkte sie ihren Irrtum und guckte nun ähnlich verdutzt aus der Wäsche wie der perplexe Lederjackenträger vor ihr, der mit deutlich messbarer zeitlicher Verzögerung, die er gebraucht hatte, um die ihm unfreiwillig präsentierten Bilder zu verarbeiten, seine verloren geglaubte große Klappe wiedergefunden hatte.

Marc: Äääähhh... Die gleiche Frage kann direkt postwendend zurückgegeben werden. Was hast’n du hier zu suchen?
Gabi (kontert schnippisch, nachdem auch sie ihre Fassung wiedergefunden hat): Falls du’s vergessen haben solltest, ich wohne hier.
Marc (versucht zu verstehen, was er nicht verstehen kann u. will u. wird dementsprechend meierlike zynisch): Ach? Mein aktueller Wissensstand beruht auf anderen Daten.
Gabi (weiß ganz genau, wie es gemeint ist u. fühlt sich ungerechterweise angegriffen, weswegen sie zurückstichelt, wie sie es in seiner Gegenwart immer gerne tut): Och, sechs Wochen ohne deine heiß geliebte Chirurgie und die Gehirnzellen schrumpfen schon? Das tut mir aber leid. Ich wusste nicht, dass sich Stilldemenz auch auf Väter übertragen kann.
Marc (tritt ungestüm auf die Türschwelle u. beugt sich gefährlich nah zu der keifenden Gewitterziege rüber): Ganz dünnes Eis, Gabi, ganz dünnes Eis! Du bist die Letzte, der es zusteht, hier soweit den Mund aufzureißen, dass man dir ohne Skalpell die Mandeln rausreißen könnte. Was ziehst du hier eigentlich für eine Show ab?
Gabi (merkt, dass sie zu weit gegangen ist u. rudert mit ernster Miene zurück): Das ist keine Show, Marc.

Sieht aber, dem Bühnenbild nach zu urteilen, ganz danach aus und der dumme Dorfdepp fällt auch sofort wieder darauf rein. Waren das die Zeichen, die er gemeint hat? Ein bisschen Laienschauspiel und nackte Haut und die Gehirnzellen setzen aus? Alter, du lernst es nie.

Marc (funkelt sie argwöhnisch an u. versucht hinter ihre Fassade zu blicken, ohne dabei ständig auf Gabis verführerische Auslagen gucken zu müssen): Was dann? Ach, was, es interessiert mich nicht. Es kotzt mich nur an, dass unser Romantiknerd dir so leicht, wie du gerade bekleidet bist, wieder auf den Leim gegangen ist. Er ist ein hoffnungsloser Fall und du nutzt das aus. Gabi, ich hab dich von Anfang an gewarnt. Vielleicht hätte ich mich deutlicher ausdrücken sollen, aber du bist ja genauso taub auf den Ohren wie er blind vor Liebesgeilheit. Hast du meine Nachricht vorhin überhaupt bekommen? Hast du überhaupt irgendwas kapiert? Aber wo nichts ist, kann anscheinend auch nichts... Dann noch mal mit Punkt und Komma und doppelt rot unterstrichen. Mehdi ist definitiv der Falsche für irgendwelche Spielchen. Das kannst du mit mir machen, wie du’s schon einmal erfolglos versucht hast, aber nicht mit ihm. Du weißt ganz genau, wie gutgläubig er ist. Er ist die ehrlichste Haut, die ich kenne. Haasenzahn ausgenommen, denn sie spielt außer Konkurrenz. Aber wenn du dich, warum auch immer, unbedingt in den Mittelpunkt drängen willst, den der Kleine dir aus gutem Grund abspenstig gemacht hat, dann such dir verdammt noch mal eine andere Bühne. Mehdi verarschst du nicht. Und meinen Patensohn und Lilly erst recht nicht. Die Drei haben schon genug hinter sich, als sich jetzt auch noch mit deinem albernen postnatalen Aufmerksamkeitsdefizit auseinandersetzen zu müssen. Tust du ihnen weh, dann kriegst du’s mit mir zu tun und glaub mir, ich schrecke nicht davor zurück, dass du ne Frau bist. Dir sollte noch in Erinnerung sein, dass ich nicht zimperlich mit dir umgehe, wenn’s darauf ankommt, und damit meine ich nicht unsere seltsame Begegnung der dritten Art im Fahrstuhl vor ein paar Wochen. So nett wirst du mich nie wieder erleben.
Gabi (fühlt sich wie ein Schulmädchen vor dem Direx, der ihr schlechtes Gewissen angekratzt hat u. versucht, sich verzweifelt Gehör zu verschaffen): Marc, bitte!
Marc (wedelt mit seinem Oberlehrerzeigerfinger gefährlich vor ihrer Nasenspitze hin u. her, damit sie die Klappe hält u. ihm einmal zuhört): Nee, jetzt rede ich. Als Mehdis langjährigster Kumpel und mehr oder weniger unfreiwilliger Patenonkel eurer Kinder steht mir das zu. Ich will nämlich nicht für nichts und wieder nichts durch den Scheißabendverkehr gedüst sein, um dann hier bei euch in zweiter Reihe zu parken. Weißt du, ich fand es immer extrem witzig, dass er sich ausgerechnet in das intriganteste Miststück dieses Planeten verguckt hat. Aber er stand ja auch schon vorher auf ziemlich kompliziert. Dabei hätte er die freie Auswahl gehabt. Wozu ist er denn Frauenarzt geworden, ey? Aber er wollte nicht auf mich hören und hat jegliche Warnungen in den Wind geschossen. Weil es einmal etwas Aufregendes in seinem Leben gegeben hat. Das war auch noch lustig, als ihr es locker gehalten habt. Ein bisschen Spaß, what else. Ihr seid beide erwachsen. Wobei ich bei dir nicht so sicher bin. Egal. Ich meine, er hat das gebraucht, damit er nach diesem ganzen Liebeshickhack und dem Drama um Lilly ein Stück weit Selbstbewusstsein zurückbekommt, ohne wieder auf Tabletten zurückgreifen zu müssen, die ihn noch stumpfsinniger gemacht haben, als er es eh schon war, zumindest in Bezug auf seine Frauengeschichten. Ich hab keine Ahnung, was er ausgerechnet in dir gesehen hat und ich werde es auch nie kapieren, aber offenbar ist da was und es funktioniert erschreckenderweise. Es funzt zwischen euch. Das hab selbst ich gemerkt, obwohl es nervt, und ich hab weiß Gott alles probiert, um es zu ignorieren. Aber aussitzen ist nicht. Selbst du bist einigermaßen erträglich geworden, was ich nie auch nur ansatzweise gedacht hätte nach dem ganzen Scheiß, den du Gretchen und mir eingebrockt hast. Ich hab gedacht, okay, Schwamm drüber. Wenn selbst Haasenzahn dir verzeihen kann und in dir so was wie eine... (deutet Gänsefüßchen an u. man merkt ihm deutlich an, dass es ihm überhaupt nicht passt)... Freundin sieht, mit der sie ihren ganzen Babykram und Rückbildungsgymnastik, oder was auch immer, bequatschen kann. By the way, meld dich bei ihr, sonst schickt sie noch die ganze Kavallerie herüber und das willst du ganz bestimmt nicht erleben. ... Wo war ich? ... Ach so. ... Hier, Fräulein, hört der Spaß aber jetzt auf. Ihr habt ein Kind miteinander. Ihr habt Verantwortung. Zusammen. Kneifen ist da nicht. Und irgendwelche Egotrips erst recht nicht. Aber offenbar hast du den Knall immer noch nicht gehört. Ich hab keine Ahnung, was da in dich gefahren ist, aber du biegst das wieder gerade. Haben wir uns verstanden? Ich hab nämlich keinen Bock, den Kerl wieder aufbauen zu müssen. Das hat das letzte Mal schon Jahre meines Lebens gekostet und dafür ist es mir echt zu kostbar.

Was soll das? Wieso mischt er sich überhaupt ein, wenn das mit uns ihm nicht passt? Das geht ihn gar nichts an.

Gabi (fühlt sich schrecklich bloßgestellt u. jedes seiner Worte wirkt wie ein kleiner Nadelstich, der sich in ihr Herz bohrt): Mann, was denkst du eigentlich, was ich hier mache, hm? Denkst du, mir ist das leicht gefallen?
Marc (zuckt mit den Schultern u. blickt sie mit verschränkten Armen abwartend an): Du, keine Ahnung. Ich hab spätestens dann aufgehört, dich verstehen zu wollen, als du mich zur Hochzeit erpressen wolltest.
Gabi (reißt entnervt die Arme in die Luft, was beinahe die Decke herunterrutschen lässt, die sie gerade noch so festhalten kann): Ich war in Panik, verdammt noch mal. Du weißt nicht, wie das ist.
Marc (seine tellergroßen Augen, die angestrengt versucht haben, im Hintergrund einen festen Punkt wie die rote Couch zu suchen, richten sich wieder auf Gabi): Hey, ich hab Zwillinge zuhause. Da steht Panik an der Tagesordnung und zwar in doppelter Ausführung. Aber das ist kein Grund, gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Klar bringen die uns an unsere Grenzen, aber du hast das so gewollt, also steh verdammt noch mal dazu! Der Knirps, der euch verdammt gut gelungen ist und das obwohl ihr zwei total durchgeknallt seid, braucht euch beide und ich hab weiß Gott Besseres zu tun, als euch ständig in den Arsch treten zu müssen, weil ihr die Zähne nicht auseinander bekommt. Es ist doch bislang alles soweit gut gegangen. Ich weiß überhaupt nicht, was du hast. Selbst das im Fahrstuhl hast du hervorragend gewuppt. Mit meiner bescheidenen Hilfe wohlgemerkt, aber...
Gabi (sieht ihn ehrlich berührt an, was seinen aufgeregten Redefluss unterbricht): Ich liebe ihn, Marc.

Oh Gott! Das ist mir jetzt echt zu viel. Haasenzahn, ich ertrage ja alles, ich mach alles, aber das nächste Mal ist das deine Baustelle. Ich ziehe das weiße Fähnchen und verdünnisiere mich. Bevor sie sich noch komplett nackig macht.

Marc (verdreht entnervt die Augen): Boah, bleib mir bloß mit so was von der Backe. Ich will’s nicht hören. Ey, manchmal denke ich echt, ich bin in einer schlechten Pilcherverfilmung gelandet. Meine Mutter und das, was sie Literatur nennt, ist schon schlimm, aber das hier... Wieso muss ich mir eigentlich diesen ganzen Scheiß immer antun? Ich bin Chirurg, verdammt noch mal. Ich bin zu, weiß Gott, Höherem berufen.
Gabi (eingeschnappt): Ich hab dich nicht hergebeten.
Marc (reagiert ziemlich verärgert über ihren schnippischen Einwurf): Und ich hab dich nicht gebeten, Mehdi anzubaggern, nur weil er sonst keine abbekommen hätte. Egal, du schuldest mir jedenfalls einen Abend mit meinen Zwillingen. Wegen dir und deinem Baby-was-auch-immer-Blues hab ich zum ersten Mal die Raubtierfütterung verpasst. Den Moment krieg ich nicht wieder und du wirst ja auch nicht jünger.
Gabi (besänftigend): Marc,...
Marc (wiegelt abweisend ab u. wendet sich zum Gehen um): Ja, ja behalt’s für dich, Gabi! Oder spende es dem Mütterhilfswerk oder Mehdis Sozialstation. Die brauchen jeden Cent. Es wird bald Winter. Nicht gerade die ideale Zeit für weitere Demos für eine gute heile Welt vorm Reichstag.

Gabi wollte den nölenden Chirurgen gerade stoppen und sich noch mal aufrichtig bei ihm für das eine oder andere Missverständnis entschuldigen, als der Bewegungsmelder im Hausflur plötzlich hinter Dr. Meier ansprang und einen Schatten im rotem Umhang präsentierte, der zwei Pizzakartons in der Hand hielt. „Äh... Tschuldigung! Is dit hier bei Kaan-Krachenow?“ Marc musterte den abgehalfterten Studenten, der abwartend auf der untersten Treppenstufe im Lichtschein der Flurbeleuchtung stehen geblieben war, einmal abschätzig von seinem albernen Werbekäppi, der windschiefen Nerdbrille, der knallroten Jacke bis zu seinen ausgelatschten Sneakern und verdrehte genervt die Augen. Ihm blieb heute auch nichts erspart. Aber dann entdeckte er die beiden riesigen Pizzakartons und ein verschlagenes Strahlen schlich sich zurück auf sein Grübchen gespicktes Chirurgengesicht, in welchem eben noch der Protest gegen jegliche Freundschaftsintervention gestanden hatte, die er in Zukunft tunlichst vermeiden wollen würde, egal was Haasenzahn dazu sagen würde.

Marc: Seh ich etwa so aus? Gott bewahre, nee! Um die zu ertragen, braucht es echt andere Kaliber. Naja, zumindest hab ich jetzt was für die andere Raubtierfütterung. Hat sich der Weg, den ich mir echt hätte sparen können, zumindest doch noch gelohnt. Kommst also gerade so noch mal davon, Gabi. Man sieht sich... nicht! Beim nächsten Mal empfehle ich dringend einen Dings hier ähm... Seelenklemmi... äh... Pseudopsycho... Therapeuten. Mir fehlt eindeutig zu viel kostbare Lebenszeit, um mir ständig euren Scheiß anhören zu müssen. Das nächste Playdate mit den Kiddies handelst du am besten mit Haasenzahn persönlich aus. Ich bin raus. Tschö mit ö und noch viel Spaß beim... Ich will’s gar nicht wissen. Ich hab heute schon genug gesehen. Bist übrigens nicht so der Farbtyp für bunt karierte Decke.

...maulte der charmante Schelm gewohnt meierlike mit einem vielsagenden Augenzwinkern in Richtung Gabi, die daraufhin genervt mit den Augen rollte und sichtlich froh war, Mehdis besten Freund endlich loszuwerden. Er schnappte sich in einem unbeobachteten Moment den obersten Pizzakarton aus den Händen eines sehr verwirrt dreinblickenden Lieferdienstmitarbeiters, dessen Kopf wie ein Ping-Pong-Ball von einer Partei zur anderen wechselte, und hüpfte dann mit elegantem Schwung die drei Treppenstufen hinunter und war auch schon zum Hauseingang hinaus, bevor die anderen darauf reagieren konnten. - „Wat war’n dat für’n Vogel?“

Gabi: Man kann sich seine Freunde eben nicht aussuchen. Leider. Die plumpsen einem vor die Füße wie Vogelschiss oder ein ausgespuckter Kaugummi. Stimmt so.

...erwiderte Gabi lapidar, die mit ihren Gedanken schon wieder ganz woanders war. Sie schnappte sich den übrig gebliebenen Karton und warf dem Lieferboten einen Zehn-Euro-Schein hin, den dieser dann aber mehr als skeptisch beäugte. - „Äh... Momentchen, Fräulein, dat waren zwei Pizzen, die Sie bestellt ham. Tschuldigung, aber dit is zu wenig. Mein Chef springt mir sonst uff’n Deckel und ick bin scho gewaltig im Rückstand mit meinen Lieferungen. Der schmeißt mir raus, wenn die Kasse scho wieder ni stimmt.“ Die von ihm scheu Angesprochene blieb in der Tür stehen und musterte den einen Kopf kleineren Mann, der sich kaum traute, der halbnackten Frau in die Augen zu schauen, weil sein Blick durch seine leicht beschlagene Brille sonst unweigerlich auf Augenhöhe an etwas anderem kleben geblieben wäre, mit missbilligendem Gesicht.

Gabi: Man bekommt eben nicht immer das, was man sich wünscht. Sehen Sie’s als... lebensbildende Lektion. Nur so kommt man weiter. Glauben Sie mir, ich kenn mich damit aus. Außerdem haben Sie uns nur eine Pizza geliefert. Eine Pizza, ein Schein. In diesem Sinne sogar noch mit Trinkgeld. Wenn Sie das nächste Mal klingeln, gibt’s übrigens keins. Dann gibt’s höchstens einen Satz heiße Ohren. Und jetzt verzieh dich! Schönen Abend noch.

„Aber...“, wollte der kleinlaute Pizzabote seiner gereizt klingenden Kundin noch schnell widersprechen, aber da hatte diese bereits die Tür vor seiner Nase zugemacht. Unverrichteter Dinge musste er also wieder das Weite suchen, wobei immer mehr der Entschluss in ihm reifte, sich besser einen anderen Nebenjob neben dem zeitraubenden Lehramtsstudium zu suchen. Die Berliner in diesem Viertel hier waren definitiv die durchgeknalltesten Kunden. Mit denen war nicht gut Kirschen essen, selbst wenn sie wie diese Göttin gerade eben einem Hochglanzmagazin entsprungen zu sein schienen.

Mehdi: Maus, das war ja wirklich schon der Pizzadienst. Was habt ihr denn so lange beredet? Wolltest du wieder feilschen? Haben die wieder die Oliven und den Schafskäse vergessen? Immer das Gleiche. Moment! Das ist ja nur eine. Hä? Aber ich bin mir sicher, dass ich zwei bestellt habe.

...kam Mehdi Gabi fröhlich entgegen, als diese mit einem belustigten Grinsen im Gesicht kopfschüttelnd in die gemütliche Küche trat, wo sie erst einmal verblüfft stehen blieb und Bauklötzchen staunte. Der große Familientisch war nämlich bereits liebevoll von dem Halbperser gedeckt worden, der beim Blick auf den einzelnen Pizzakarton in Gabis Händen ebenfalls irritiert stehen geblieben war. Der bunte Salat war fertig drapiert. Sogar an die Fetakäsewürfel als Topping hatte er gedacht, welche die beiden so sehr liebten. Auf den beiden Pizzatellern lagen jeweils zwei Schokoherzen auf einer Kindergeburtstagsserviette und mehrere Stumpenkerzen hatte der romantische Oberarzt auch noch mittig neben dem großen Geburtstagsblumenstrauß auf dem Küchentisch platziert. Für das perfekte Ambiente für ein romantisches Dinner zu zweit an diesem wunderschönen Herbstabend. Gabi war so gerührt von seinem Bemühen, dass sie ihrem Freund wortlos den Pizzakarton reichte und sich von ihm an ihren Platz führen ließ. Gentlemanlike rückte er ihr sogar den Stuhl zurecht. Sie schmolz förmlich dahin, aber die Begegnung mit Marc drückte Schwester Gabi dennoch auf die Stimmung. Dieser unmögliche und eigentlich hochgradig beziehungsunfähige Kerl hatte es mal wieder schonungslos auf den Punkt gebracht und das ärgerte sie. Aber etwas war anders. Sie nahm es ihm nicht übel.

Gabi: Den anderen Pizzakarton hat Marc geklaut. Quasi als Wegpfand.
Mehdi: Marc war hier?

Verdutzt guckte Mehdi seine Freundin an und ließ sich neben ihr auf den Stuhl plumpsen. Sie nickte nur unbehaglich und schüttelte dann den Kopf. Das alles war so absurd. Der ganze Tag war absurd gewesen und sie wollte ihn, mal abgesehen von den Momenten, die sie mit ihrem Liebsten und ihrem großen kleinen Schatz verbracht hatte, am liebsten aus dem Gedächtnis streichen. Aber er wirkte nach.

Gabi: Jap!
Mehdi: Was wollte er denn?
Gabi (will erst herumdrucksen, besinnt sich dann aber auf die Wahrheit): Sich aufspielen, was sonst, und... Nein, eigentlich nicht. Er... hat dich wie ein Löwe verteidigt. Es war richtig süß, ihm dabei zuzuschauen.
Mehdi (ist ehrlich beeindruckt u. lehnt sich mit einem wissenden Lächeln auf seinem Stuhl zurück, während er an den Nachmittag mit Marc an der Spree zurückdenkt): Wow! So langsam wird er mir unheimlich. Der fürsorgliche Familienvater steht ihm.
Gabi (rollt mit den Augen u. schnappt sich eine Gurkenscheibe aus der Salatschüssel, an der sie zur Ablenkung knabbert): Was soll ich da sagen? Er geht mir mit seiner ständigen Klugscheißerei tierisch auf den Keks. Dabei geht ihn das doch überhaupt nichts an. Nur weil er gerade mal ein Jahr Beziehung und anderthalb Monate Babyterror überlebt hat, ohne gleich wieder alles zu vermasseln, heißt das nicht, dass er gleich der große Zampano ist. Als ob er es besser machen würde?
Mehdi (gibt einen undefinierbaren Laut von sich, der Gabi aufhorchen lässt): Chhm!?!
Gabi (schaut ihn mit großen Augen neugierig an): Was soll das bedeuten? Etwa, dass sie auch...? Ihr ward doch den ganzen Nachmittag bei ihnen. Oh bitte, bitte, sag, dass sie auch an ihren Ansprüchen eines perfekten kleinen Familienidylls gescheitert sind! Wie chaotisch ist es wirklich? Muss das Dachgeschoss abgerissen werden? Er sah gar nicht so übel aus, wie ich gedacht habe. Aber im Verstellen ist er schon immer gut gewesen.
Mehdi (beißt die Lippen zusammen, um ein verräterisches Schmunzeln zu unterdrücken, was ihm mehr schlecht als recht gelingt): Würde es dir damit besser gehen?

Also doch! Die Welt ist doch gerecht. Halleluja! Jetzt kann ich beruhigt schlafen gehen.

Gabi (liest zwischen den Zeilen u. in seinem verschmitzt grinsendem Gesicht): Och, so ein bisschen.
Mehdi (das Grinsen wird immer breiter, aber er lässt sich nicht in die Karten schauen): Dir ist schon klar, dass ich mich als Patenonkel der süßesten Zwillinge der Welt zu absolutem Stillschweigen verpflichtet habe. Ich hab zwar nichts unterschrieben, aber ich würde ihm zutrauen, dass er uns den Wochenvorrat benutzter Windeln von Leni und Marlon auf den Balkon schmeißt, ohne dass wir es merken, falls ich jemals aus dem Nähkästchen plaudern sollte.
Gabi (legt ihren überzeugendsten Schäkerblick auf, um ihn zu überreden): Nur ein kleines winziges Detail, bitte, Bärchen! Ich verspreche dir auch, regelmäßig nachzugucken, ob er seine Drohungen in die Tat umgesetzt hat. Ich weiß, wie er tickt.
Mehdi (findet es hinreißend, wie sehr sie bohrt): Ich wusste gar nicht, wie neugierig du sein kannst.
Gabi (funkelt ihn vieldeutig an, während sie verheißungsvoll über seinen Oberkörper streicht): Ich kann noch ganz anders, mein Lieber.
Mehdi (beugt sich schmunzelnd zu ihr rüber, um ihr sanft über die Lippen zu hauchen): Ich weiß und ich liebe jede deiner Eigenarten.
Gabi (lässt sich fast durch seinen süßen Kuss aus dem Konzept bringen): Du Schuft, du lenkst ab. Ich will doch nur wissen, ob die Zwerge ihnen wenigstens ein bisschen die Nerven rauben. Wenn sie durchschlafen würden, wäre ich echt enttäuscht. Ich hab mir nämlich gewünscht, dass er ordentlich zu tun kriegt. Der mit seiner großen Klappe und nichts dahinter.

Du kannst ja richtig hinterhältig sein. Mhm... Das ist einerseits äußerst sexy und verführerisch, aber auch, was ihn betrifft, gerechtfertigt.

Mehdi (stützt sein Gesicht mit beiden Händen u. den Ellenbogen auf der Tischplatte ab u. schaut sie bemüht geheimnisumwoben an): Die beiden haben zwei kleine sechs Wochen alte Säuglinge zu Hause, was denkst du denn?
Gabi (grient ihn plötzlich hochzufrieden an, wird dann aber schnell auch wieder nachdenklich): Okay, ich könnte auch Lilly fragen, aber das ist mir Antwort genug. Danke! Er sah auch ehrlich fertig aus. Er hatte ja ganze Autoreifen als Schatten unter den Augen. Und hat er was mit seinen Haaren gemacht? Irgendwas war anders. Egal. Ehrlich gesagt hätte ich nie auch nur ansatzweise gedacht, dass ich das jemals über ihn sagen würde, aber ich bin echt froh, dass du ihn hast. Weißt du, ich hab nie verstanden, was das mit euch beiden ist. Ihr seid so unterschiedlich. Er ist... Grrr... Ich kann ihn nicht ausstehen. Niemand, der euch nicht kennt, würde denken, dass ihr befreundet seid. Aber es fühlt sich auf irgendeine schräge Art gut an, zu wissen, dass er auf dich aufpasst, wenn’s drauf ankommt.
Mehdi (lächelt milde u. schaut ihr direkt in die Augen, die aufgewühlt hin- u. herhuschen): Auf uns.
Gabi (seufzt erschöpft auf): Ja, auf uns. Ich musste mich ja auch unbedingt wieder in sein Blickfeld rücken, ich blöde Kuh. Ich hab nie gewollt, dass ich so ein Chaos stifte. Jetzt hab ich ihn, die Zwillinge, den dicken Haasen auch noch mit reingezogen. Das wollte ich nicht. Ich kann mich da nie wieder blicken lassen, Mehdi, was jetzt nicht heißt, dass ich das je gewollt hätte. Die denken doch jetzt bestimmt sonst was von mir. Dass ich total unfähig bin und sie haben doch auch Recht damit.
Mehdi (streicht ihr sanft über die Schulter): Hey, ssshhh! Damit fangen wir erst gar nicht wieder an. Das tun sie nicht und selbst wenn, dann haut Gretchen ihm schon auf seine Million-Dollar-Chirurgenpfötchen, klimpert zweimal mit ihren langen Wimpern und Marc ist sanft wie ein Lämmchen. Alles ist gut. Denk nicht mehr so viel darüber nach, was war! Denk an das jetzt und hier, denk an die Pizza!
Gabi (lächelt wieder): Spinner! Aber gut, ich hab wirklich einen Bärenhunger.
Mehdi (grient sie verliebt an u. lehnt seine Stirn gegen ihre): Das ist mein Mädchen.

Gabi strich zärtlich über Mehdis warme Hand, die ihre umschlossen hielt, malte verträumt die dünnen Linien seiner Handinnenseite nach und war ehrlich froh, dass er bedingungslos zu ihr hielt und egal, was war und noch sein würde, für sie da war. Erleichtert seufzte sie auf und schnappte sich den Pizzakarton und öffnete den Deckel, um die verführerisch dampfenden Teigstücke als nächstes auf die beiden mit ganz viel Liebe drapierten Teller zu verteilen. Der Lachflash, der sie mit einem Mal erfasste, als sie verwundert auf den Inhalt der Schachtel blickte, ließ Mehdi jedoch irritiert aufschauen. Aber als auch er sah, was sie so sehr zum Lachen gebracht hatte, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen und sie sich den Bauch halten musste, konnte auch er nicht mehr an sich halten und schnaubte befreit auf.

Gabi: Okay, jetzt würde ich echt gerne bei ihm Mäuschen spielen. Marcs Gesicht wird bestimmt ein Bild für die Götter werden. Ha! Ein Bild vom selbsternannten Gott für die Götter.
Mehdi (zieht eine gespielt enttäuschte Schnute u. verschluckt sich fast, als er erneut loslachen muss): Er hat meinen Karton erwischt. Oje! Das gibt Ärger. So schnell sehen wir den hier nicht wieder.
Unser Glück!
Gabi: Armes Bärchen, jetzt kommst du gar nicht auf deine notwendigen WW-Punkte. Tja, da werden wir wohl teilen müssen. Warte! So geht’s am besten.

...summte die schöne Sirene spielerisch und schnappte sich ein Pizzastück, um damit um den Tisch herum zu flitzen. Pappfrech nahm sie auf Mehdis Schoß Platz und hielt ihrem verdutzten Lebensgefährten das mit ganz viel Käse, Rucola, Oliven und Tomaten belegte Teigstück hin. Er konnte dieser charmanten Bitte natürlich nicht widerstehen und biss gierig zu, wobei er sich fast schon wieder verschluckt hätte. Er hatte nämlich abermals an Marc denken müssen. Er wusste, dass sein Freund ausflippen würde, sobald er zuhause den Kartondeckel hob. Das Gesicht hätte auch er allzu gerne gesehen.

Gabi (streicht ihm zärtlich über den Rücken): Alles gut, mein Nimmersatt?
Mehdi (hustet mehrfach, bis er sich langsam wieder beruhigt hat): Du willst nicht wissen, wie und wie lange er mich mit den übelsten Sprüchen beschimpft hat, als ich das mal in seiner Anwesenheit bestellt habe. Ich hab tagelang unsere WG putzen müssen als Strafe für meine abscheuliche Esskultur. Dabei wollte ich mich doch nur gesund ernähren trotz Fastfood. Aber er ist ja bekanntlich allergisch auf jegliche Form von Grünzeug. Ein Wunder, dass er trotzdem so fit aussieht.
Gabi (schüttelt den Kopf u. wischt ihm fürsorglich über den verschmierten Mund): Dass du dir auch immer alles von ihm gefallen lassen musst.
Mehdi (grient sie schelmisch an): Ein zufriedener Marc, ein zufriedener Mehdi.
Gabi (denkt, sie hört nicht richtig u. schaut ihn dementsprechend perplex an): Ach? Das ist also die geheimnisumwitterte Losung eurer Freundschaft?
Mehdi (grinst gleich noch ein bisschen mehr): So ähnlich, ja. Bleib cool, zeig dich unnahbar, mach mehr Sport, vorzugsweise Golf oder auch Squash, lern was Richtiges und nicht diesen Mädchenkram und verlieb dich auf keinen Fall in die Frau, die einen selbst schon ordentlich den Kopf verdreht hat, selbst wenn man es unter vorgehaltenem Skalpell vehement leugnet.
Gabi (verzieht das Gesicht u. findet das gar nicht mehr so witzig): Bärchen, sag mal, kann es sein, dass du mir die Pizza auch noch verleiden willst? Der Meier ist mir nämlich schon gehörig auf den Magen geschlagen.
Mehdi: Hach... Mist! Du hast mich ertappt. Ich hab nämlich auch einen Riesenhunger und wollte mehr herausschlagen.

...griente der Schelm mit frechem Augenzwinkern seine süße Freundin an und biss dann vor deren perplexen Augen herzhaft von dem Pizzastück ab, das Gabi sich gerade selber genüsslich einverleiben wollte. Sie kabbelten darum, ohne Sieger oder Verlierer, bis sie einvernehmlich beschlossen, sich zunächst einmal ausgiebig der äußerst deliziösen Vorspeise zu widmen, die hauptsächlich aus heißen luftigen Küssen bestand, mit denen sie sich ihr romantisches Abendessen auf ganz besondere Weise versüßten.

Auch später noch, als sie sich dann doch noch der leckeren italienischen Teigspeise widmeten, bevor diese noch ganz kalt geworden wäre, blieb Gabi eng umschlungen auf Mehdis Schoß sitzen. Sie konnte nicht anders und wollte ihm unbedingt so nah wie möglich sein, nachdem sie ihn den halben Tag schmerzlich vermisst hatte, und auch Mehdi genoss die Nähe zu seiner anschmiegsamen Freundin sehr, die er immer wieder zärtlich streichelte und küsste, um sich zu versichern, dass sie immer noch da war. Er hatte sie jetzt schon eine ganze Weile einfach nur sprachlos vor Glück angesehen, was das Beobachtungsobjekt seines wild pochenden Herzens zunehmend irritierte, bis Gabi es nicht mehr länger aushielt und ihn hibbelig danach fragte.

Gabi: Was denkst du?
Mehdi (als hätte man ihn aus einem verlockenden Gedanken gerissen, schaut er sie plötzlich sehr entschlossen an): Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht verrückt und es ist sehr spontan, aber was hältst du davon, wenn wir wegfahren würden?
Gabi (fühlt sich mehr als überrumpelt u. richtet sich auf seinem Schoß auf): Wegfahren? Jetzt? Einfach so?
Mehdi (lächelt sie unbeirrt an): Ja, warum denn nicht? Das war alles ein bisschen viel in letzter Zeit. Du hast vollkommen recht, wir müssen mal raus hier. Lassen wir den schnöden Alltag einfach mal hinter uns und wagen etwas. Eine kleine Auszeit für die Seele. Lilly hat noch eine ganze Woche Ferien und ob ich jetzt diesen Montag oder erst nächsten Montag wieder auf Station anfange, das macht kaum einen Unterschied. Ich hab doch eine äußerst fähige Vertretung. Ich kann Kate sofort anrufen.
Gabi (ist ehrlich gerührt von seinem Vorschlag, aber auch ein bisschen überfordert): Mehdi, du musst das nicht vorschlagen. Nur weil ich ein bisschen durcheinander bin und mir das alles ein wenig über den Kopf gewachsen ist, müssen wir nicht gleich unseren Leben komplett über den Haufen werfen. Es ist doch im Grunde schön so, wie es ist. Einfach nur hier sitzen, gemeinsam essen, Käsewürfel klauen und kuscheln. Für mich gibt es nichts Schöneres im Moment und ich glaube auch nicht, dass ich dich in nächster Zeit wieder loslassen werde. Es geht irgendwie nicht. Meine Hände sind irgendwie hier festgeklebt.
Mehdi (schlingt seine Arme nur noch fester um ihre Taille u. blickt seiner Schmusequeen, die sich an ihn geklammert hat, tief in die Augen): Ich lass dich auch nicht mehr los. Versprochen! Aber Bella, das heute, das war ein Zeichen. Das hat etwas zu bedeuten. Das können wir nicht unter unseren nicht vorhandenen Teppich kehren, als wäre nichts gewesen. Und ich sag ja auch nicht, dass wir gleich alles umkrempeln sollten, was wir uns als tägliche Routinen mit einem Baby und einem großen Schulkind hart erkämpft haben. Nur mal durchschnaufen, etwas Abstand kriegen, um neue Energie zu tanken, um dann zu schauen, was wir ändern könnten, damit du mich und Lenny wieder genauso glücklich anstrahlst wie gerade eben.
Gabi (schnieft u. versucht angestrengt, die aufsteigenden Tränen wieder runterzuschlucken): Du bist zu gut zu mir.
Mehdi (lächelt sie an u. streicht über ihre Wange): Wir sind gut zueinander. Das ist das, was zählt. Wir sind zusammen. Wir sind eine Familie. Es ist mein Job, euch Drei glücklich zu machen. Ich werde mir immer etwas einfallen lassen. Also sag ja, hm?
Gabi (zögert erst u. strahlt ihn schließlich an): Okay, ja! Ja, ja, ja!
Mehdi (schwebt direkt davon u. wirbelt glücksgeladen mit seiner Freundin durch die Küche): Hm, dieses süße Wort aus deinem Mund klingt wie Musik in meinen Ohren.

Okay, wenn das wieder einer von seinen von mir missverstandenen Heiratsanträgen wird, das wäre dann der wievielte, der dritte, oh Gott, dann kipp ich auf der Stelle weg.

Gabi (wird schwindelig von seiner ansteckenden Energie u. klammert sich an seinen kuscheligen Kapuzenpullover, während sie versucht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren): Du spinnst, aber ich liebe es, wenn du so spontan bist. Und wo wollen wir hinfahren? Wieder in dieses schicke Glashaus mitten auf dem See? Ich weiß nicht, keinen Grund unter den Füßen zu haben, ist mir irgendwie unheimlich, zumal wenn wir unseren Kleinen dabeihaben. Oh Gott, wir haben ein Baby dabei, Mehdi. Ist das logistisch überhaupt machbar? Mir ist schon zu viel, wenn ich nur mit ihm im Supermarkt um die Ecke unterwegs bin.
Mehdi (lacht u. sucht eindringlich ihren Blick): Das ist an sich eine schöne Idee, aber ich glaube, Marcs Golfkumpel wohnt jetzt dauerhaft mit seiner neuen Freundin darin. Keine Ahnung. Hätten wir ihn vorhin vielleicht fragen sollen, aber du hast ihn ja schnell wieder weggeschickt.
Gabi (schnippisch): Haha!
Mehdi (sieht seine ungeduldige Freundin mit verträumtem Blick an): Nein, ich hab gedacht, warum erfüllen wir uns nicht einfach einen lang gehegten Traum. Warum immer nur davon reden und Bilder malen, wenn man auch hinfahren könnte?
Gabi (steht völlig auf dem Schlauch u. zubbelt hibbelig an den Kordeln seines Hoodies): Gott, Mehdi, du machst mich ganz wuschig damit, wenn du nicht endlich mit der Sprache herausrückst.
Mehdi (ist völlig hingerissen von ihrer hibbeligen Art u. zieht die Auflösung extra hinaus): So nervös auf einmal?
Gabi (tippt ihm eingeschnappt gegen den Brustkorb): Und du bist doch ein Schuft. Ein Wolf im Schafspelz, jetzt kommt es heraus. Vielleicht sollten wir das mit dem Kurztrip doch lassen?
Mehdi (gibt sich besonders geheimnisvoll, als er seiner hinreißend eingeschnappt wirkenden Freundin mit dem Zeigefinger einmal frech über das neugierige Näschen fährt): Wer hat denn was von Kurztrip gesagt?
Gabi (stutzt u. klappt ungläubig die Kinnlade herunter): Wie jetzt?
Mehdi (lächelt u. stützt seinen Kopf auf ihrer Schulter ab, während er sein Gesicht sanft gegen ihres schmiegt u. seine Arme um ihren Bauch schlingt): Naja, Lilly hat noch acht Tage Ferien. Und ich hab da an was Dauerhaftes gedacht, also, jetzt nicht dauerhaft im wortwörtlichen Sinne, was jetzt nicht heißt, dass wir es nicht so empfinden würden, wenn wir erst einmal da sind, aber auf jeden Fall so, dass sich der Aufwand für Kind und Kegel lohnen wird.

Gabi drehte sich leicht, was ihr emotionales Schwindelgefühl nur noch verstärkte, und blickte ihren Freund mit großen Kulleraugen fragend an, der ihre Reaktion ganz genau studierte. Sie konnte ihm immer noch nicht folgen. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was er vorhatte und das machte sie wahnsinnig. Es war aufregend und prickelnd und sie platzte fast vor Anspannung. Das spürte auch der Halbperser, der seine hibbelige Liebste nicht mehr länger auf die Folter spannen wollte. Also rückte er schließlich mit den Bildern heraus, die sich in seinem Kopf schon zu einem wunderschönen Gemälde zusammengeschlossen hatten. Es war ein toller Plan, spontan, ja, und überhaupt nicht durchdacht, aber der perfekte Weg, um wieder diese Leichtigkeit, dieses Schwebegefühl herauszukitzeln, das ihre Beziehung von Tag eins an ausgemacht hatte, und jetzt war der Moment gekommen, um ihn endlich auch einmal in die Tat umzusetzen. Auch er war schon ganz euphorisch und flüsterte verträumt vor sich hin, während er den sonnengelben Farbtupfern vor seinem inneren Auge folgte...

Mehdi: Piazza Almerica. Sonnenuntergang. Nur du und ich. Lenny und Lilly.
Gabi (klebt gebannt an seinen Lippen): Hm?
Mehdi (öffnet die Augen u. klärt sie schließlich lächelnd auf): Toskana.
Gabi (ihre großen Kulleraugen werden tellergroß u. sie starrt ihn völlig ungläubig an): Toskana? In Italien?
Mehdi (grient sie schelmisch an): Ja, da ist es geographisch verortet, glaub ich, aber ich kann auch gerne noch mal in Lillys Atlas nachschlagen.
Gabi (glaubt, er will sie veräppeln u. das passt ihr gar nicht): Bist du verrückt geworden? Wie soll das gehen? Das können wir uns doch gar nicht leisten. Und wie sollen wir da überhaupt hinkommen?
Mehdi: Mhm... Im Prinzip ist das ganz einfach. Wir verlassen unser wunderschönes Berlin, diesen einzigartigen Kiez, der unser Zuhause ist, und fahren nach München, dann über die Alpen und dann campen wir am schönsten Ort der Welt, genau hier.

Gespielt überlegend machten sich Mehdis Gedanken und seine feinfühligen Finger auf Wanderschaft, um die Reiseroute abzuklären, wobei er mit äußerster Präzision und Geschicklichkeit vorging, was selbst die skeptische Dame in seinen Armen zunehmend verwirrte und aus dem Konzept brachte. Der reiselustige Halbperser, dessen eine Hand sich eben noch tief in Gabis Wallemähne vergraben hatte und sie hinter ihrem Ohr zärtlich gekrault hatte, fuhr mit seinem Zeigefinger bedächtig ihren schlanken Hals hinab, umspielte dann ihre Schlüsselbeine, um anschließend verführerisch ihr verlockendes Dekolletee hinabzuwandern, wobei er sich fast seine frechen Fingerchen verbrannt hätte, die seine Freundin nun fest mit einer Hand umschlossen hielt, während sie ihn aus glasig schimmernden Augen anschaute. Ihr Herz klopfte ihr mittlerweile bis zum Hals und sie wusste überhaupt nicht mehr, ob sie noch träumte oder er es wirklich ernst meinte mit seinem verwirrenden Spiel, das sie zunehmend um den Verstand brachte. Dabei brauchte sie doch gerade jetzt einen klaren Kopf, um sich nicht schon wieder zu verlieren. Es war zu verlockend, einfach in die Ferne abzutauchen.

Gabi: Mehdi, bitte, im Ernst jetzt! Ich bin heute echt zu nah am Wasser gebaut, um mich noch mal verarschen zu lassen.
Mehdi (drückt sanft ihre Hand u. schaut sie an): Das würde ich niemals tun, mein Herz. Ich meine immer alles ernst, was ich sage. Ich halte das für eine tolle Idee. Die beste, die wir je hatten. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Du kannst zur Ruhe kommen. Wir alle können zur Ruhe kommen. Wir bekommen einen neuen Blickwinkel auf das, was uns wichtig ist, und schaffen uns Erinnerungen für die Tage, wenn mal wieder alles überhand nimmt. Das ist unser erster großer Urlaub als Familie. Das wird wundervoll werden.
Gabi (verliert sich in seinen treuen Augen, in denen sie die Bilder fast schon sehen kann): Du willst also wirklich mit uns in die Toskana?
Mehdi (lächelt u. steckt sie mit seiner ehrlichen Begeisterung an): Unbedingt! Das ist der Ort für uns. Glaub mir!
Gabi (ist hin- u. hergerissen von seinem Plan, der auch vor ihren Augen immer mehr Formen annimmt, die sie in den Bann ziehen): Wirklich?
Mehdi (nickt): Lilly wird ausflippen. Fast so sehr wie du.
Gabi (stupst ihn an): Hey!
Mehdi (lacht u. wird ein bisschen sentimental): Seit sie mit ihrer Mutter so lange dort war, hängt ihr Herz auch ein bisschen an Italien. Sie liebt die Sprache. Und vielleicht ist das ja unser Schicksalsweg. Weil ich auch so viel damit assoziiere. Sie erzählt zwar nicht viel darüber, aber ich sehe das in ihren Augen. Und irgendwie hab ich auch dieses Bild vor Augen, wie wir alle zusammen von dem Steinplateau auf das Tal hinabblicken, wo damals schon meine Eltern mit mir als Baby auf dem Arm gestanden haben. Die Olivenhaine beim Sonnenaufgang. Dieser leichte Nebel, der durchs Tal wabert, bis die orangegelbe Sonne ihn verdrängt und einen mit ihrer Wärme ummantelt. Das ist pure heilsame Magie. Nicht nur für die Seele.
Gabi (lässt sich von ihm in diesen Traum entführen): Das hört sich echt schön an.
Mehdi (schaut sie ganz verklärt an): Das ist es auch. Dieser freie Blick auf die Landschaft, der einsame Bauernhof, diese unendliche Weite, das macht etwas mit einem. Und dann dieser unverwechselbare Geruch. Der bleibt einem auf ewig in Erinnerung. Genau von dort kommen übrigens auch die Kräuter von Mamas Tee, aber psst, das ist ein Geheimnis. Lass uns diese Erinnerungen wecken, Bella! Für unser Familienalbum. Ich war damals sogar noch jünger als Lenny, als wir direkt nach meiner überraschend viel zu frühen Geburt dorthin gefahren sind, und wir waren später auch noch so oft dort. Nur mit Lilly haben wir es nie dahin geschafft. Ich hatte gerade erst fertig studiert und dann hab ich meinen ersten Job hier an der Klinik angetreten. Eigentlich schade. Aber jetzt weiß ich wieso. Weil wir das machen sollen. Wir Vier. Und wer kann schon behaupten, in der Toskana Drachensteigen gewesen zu sein. Das hab ich Lilly nämlich für morgen versprochen. In Tempelhof ist das irgendwie nicht das Gleiche. Mhm... Das wird toll werden. Das ist Erholung pur. Das brauchen wir. Gerade jetzt. Ich möchte dir so gerne alles zeigen.
Gabi (muss ihn mit Händen u. Lippen stoppen, sonst würde er gar nicht mehr damit aufhören zu schwärmen): Du musst nicht noch mehr Werbung schalten, Bärchen. Lenny und ich sind schon überzeugt. Lilly muss ich gar nicht erst fragen. Du hattest uns schon allein beim Stichwort „Toskana“. Aber es erklärt noch nicht die Frage, wie wir dahin kommen sollen. Der Mercedes ist viel zu beengt für uns Vier. Weißt du, was wir alles brauchen werden für Lenny? Windeln, Milchpulver, Babytücher, Unmengen an Wechselkleidung. Wie kalt ist es da eigentlich schon? Müssen wir Wintersachen mitnehmen? Oh Gott! Die ganze Planung wird Tage beanspruchen. Das werden wir niemals schaffen. Vielleicht sollten wir es doch lassen. Das ist mehr Stress, als wir momentan gebrauchen können. Im Frühjahr wäre die Reise doch bestimmt auch schön.
Mehdi (lässt gar nicht erst zu, dass sie wieder resigniert): Nichts da! Lass mich das mal machen! Das kriegen wir mit Leichtigkeit hin. Wir, die wir nur von Luft und Liebe leben. Passend für einen Trip nach Italien, findest du nicht?
Gabi (blickt ihn eindringlich an, weil er gerade die Bodenhaftung zu verlieren droht): Mehdi!
Mehdi (schmunzelt u. sieht sie mit begeistert auffunkelnden Augen an): Tja, und was unseren fahrbaren Untersatz betrifft, mein Vater hat doch den ganzen Sommer über unseren alten Bulli wieder aufgemotzt. Letzte Woche hat er ihn beim Tüv vorgestellt. Er ist wie neu. Da kriegen wir alles rein. Auf jeden Fall. Unser erster Roadtrip als Familie, das wird genial werden. Los! Lass es uns angehen! Ich rufe schnell oben bei Franzis Mutter an und geb Bescheid, dass wir Lilly morgen früher abholen werden. Die wird vielleicht Augen machen. Oh, ich freu mich darauf.
Gabi (muss zweimal hinhören, bis ihr plötzlich entsetzt etwas klar wird u. sie fassungslos den Mund aufmacht, um erst einmal schwer nach Luft zu schnappen): Stopp! Das ist nicht dein Ernst? Mehdi, bei aller Liebe, ich bin ja gerne auf engstem Raum mit dir zusammen, so wie gerade jetzt auch, aber ich werde ganz bestimmt nicht mit einem Neugeborenen campen gehen. Nicht im Herbst und überhaupt nicht. Ich weiß, damals waren das noch andere Zeiten. Man hat sich über Vieles nicht so einen Kopf gemacht, wie es die ganzen Helikoptereltern tun, die dich als Elternsprecher auf den Elternabenden in Lillys Schule regelmäßig in den Wahnsinn treiben, und ich liebe auch die Geschichte deiner Eltern, wie sie sich genau an dem Ort unsterblich verknallt haben und du nur ein Jahr später auf dem Weg dorthin beinahe in dieser alten Klapperkiste geboren worden bist. Aber beim Zelten in freier Wildbahn hört bei mir der Spaß definitiv auf.
Mehdi: Wer hat denn was von Zelten gesagt? Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ganz in der Nähe von dem schnuckeligen Bauernhof ein Outlet der Mailänder Designer ist? Müssen die nicht gerade ihre ganzen Sommerkollektionen loswerden? Mhm... Keine Ahnung, aber für meine Lillymaus wird sich bestimmt etwas finden. So, ich geh dann mal packen. Lilly besteht bestimmt darauf, dass wir Marcs Gitarre mitnehmen. Als Einschlafhilfe für unser Schnuckelchen. Was er wohl von dem Ganzen hält?

...griente der Charmeur neckisch gegen Gabis Ohr, bevor er kurz sanft an ihrem Ohrläppchen knabberte, um anschließend entschlossen zur Tat zu schreiten und die Reiseplanung richtig anzugehen. Verschlagen grinsend tänzelte Mehdi dafür aus der Küche. Verfolgt von einem äußerst skeptischen dunkelgrünen Augenpaar, das ihm nach einigem Zögern ins Schlafzimmer zu Lenny folgte, der, seinem verschlafenem Gegluckste nach zu urteilen, ebenfalls noch etwas zu den Plänen seiner Eltern sagen wollte. Es klang auf jeden Fall nicht negativ, was das breite Lächeln seiner Mama, das sich mit einem Mal auf ihr hübsches Gesicht gezeichnet hatte, nur noch mehr verstärkte. Ebenso wie die Glücksgefühle von Lennys Papa, der die Reaktion seiner Liebsten im Augenwinkel sichtlich zufrieden registriert hatte.

Lorelei Offline

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15.03.2019 09:33
#1643 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Während an einer Ecke Berlins schon fleißig geplant und Koffer gepackt wurden, war man an einer anderen, in Berlin-Mitte gelegenen Ecke sichtlich froh darüber, es ohne weitere Umwege irgendwie durch den abendlichen Hauptstadtverkehr nach Hause geschafft zu haben, wo man endlich alle Viere gerade sein lassen konnte, wie es sich für einen frisch gebackenen Vater von zwei anstrengenden Zwillingsbabys, die seine ganze ungeteilte Aufmerksamkeit benötigten, gehörte. Zumal wenn man diesen beschwerlichen Weg vom Prenzlauer Berg einmal quer durch die diversen Berliner Touristenhotspots völlig unnötig hatte auf sich nehmen müssen. Und deshalb war er, neben dem beständigen Müdigkeitsgefühl, das den geschäftigen Neudaddy schon den ganzen Tag über begleitete, vor allem eines, er war sauer. Sauer auf sich selbst, weil er sich dämlicherweise dazu hatte überreden lassen, wobei er doch insgeheim ganz genau gewusst hatte, dass er sich eine Einmischung definitiv würde sparen können. Sauer auf Haasenzahn, weil sie ihn mit ihren ganz subtilen weiblichen Methoden dazu verführt hatte, doch nachzuschauen, ob in Dumpfbackenhausen alles in Ordnung war. Und ganz besonders sauer auf den Mittelpunkt allen Übels, Gabi Kragenow, die er durch Mehdi nun dauerhaft an der Backe kleben hatte und das passte ihm gar nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er sich ernsthaft für den winzigkleinen Hauch eines Augenblicks wegen der hysterischen Kuh Sorgen gemacht hatte.

Sorgen, er? Pff! Was ging ihn ihr bescheuertes Beziehungstheater überhaupt an? Das dilettantische Schauspiel konnten sie in ihren eigenen vier Wänden aufführen und zwar ohne Publikum, das sich sowieso nicht für die beiden interessierte wie der Rest der Welt, inklusive ihm selbst, auch, was sie vermutlich auch, Gabis sexy Verkleidung nach zu urteilen, nach der ungeplanten Halbzeitpause während der Vorpremierenaufführung gerade ausgiebig ausübten. Bäh! Mehdis bester Freund verzog angewidert sein Gesicht, als er an diese Begegnung der dritten Art vor der Kaanschen Haustür zurückdachte, die ihm zumindest temporär die gute Meierlaune verhagelt hatte, und kickte seine Schuhe unachtsam unter die Garderobe, nachdem er sich auf leisen Sohlen in die heimische Dachgeschosswohnung zurückgeschlichen hatte. Wie es scheint aber nicht leise genug. Denn sein sachtes Aufseufzen, während er sich seiner Jacke entledigte, die er anschließend an einen Haken zwischen Gretchens rosarote Geschmacksverirrungen an die Garderobe hängte, traf auf wachsame Haasenohren.

Als hätte sie nur darauf gewartet, wurde mit einem Mal die Schiebetür vom Kinderzimmer aufgeschoben und eine sehr hübsche blond gelockte Neumami quetschte sich durch den schmalen Spalt, den sie offen gelassen hatte. Immer darauf bedacht, ihre beiden zuckersüßen Engelchen nicht aufzuwecken, die gerade erst eingeschlafen waren, und doch achtsam genug, um die verfrühte Rückkehr ihres Lebenspartners mit gewissem Argwohn zu betrachten. Schließlich war sie es gewesen, die Marc auf diese besondere Mission geschickt hatte, die ihr sehr am Herzen gelegen war. Sie konnte es nämlich ebenso wenig wie ihr Grummelkönig, der es natürlich niemals offen vor Zeugen zugeben würde, ertragen, ihren besten Freund unglücklich zu wissen. Deshalb stellte Gretchen ihren Pappenheimer auch prompt mit samtigweicher Flüsterstimme zur Rede.

Gretchen: Marc, was machst du denn schon wieder hier?
Marc (richtet sich verwundert auf, nachdem er seine Sneaker doch noch ins Schuhregal geräumt hat, damit sie nicht als Stolperfalle im Eingangsbereich des Penthauses herumliegen): Äh... so langsam entwickelt sich diese Frage zu einem echten Kalauer. Dabei ist heute noch nicht mal Karneval. Obwohl, n’bisschen schon. Ich komme doch gerade von Dick und Doof, aber frag nicht, wer von beiden sich als wer auch immer verkleidet oder eben nicht verkleidet hat. Weniger Verkleidung ist nicht immer mehr, lass dir das gesagt sein, wobei dir das natürlich am allerbesten steht.
Gretchen (wischt sich über ihre müden Augen u. guckt ihr schelmisch grinsendes Gegenüber ganz verdattert an, das Gretchen in ihrem hübschen blumig gemusterten Blusenkleid einmal komplett von oben nach unten scannt u. für gut befindet): Marc, du sprichst in Rätseln. Wolltest du nicht bei Mehdi bleiben? Ich bin davon ausgegangen, dass du länger bei ihm... also über Nacht...
Marc (fällt der Schönheit flapsig ins Wort u. deutet mit seinem Grinseblick auf das große quadratische Mitbringsel in seinen Händen): Die Betonung liegt auf „nicht“. Dem bin ich gefolgt und ich war sogar erfolgreich. Guck, hier! Ich hab sogar eine Pizza geschnorrt. Das Mindeste, wenn du mich fragst, bei dieser bescheuerten Geschichte, in die wir uns wegen nichts und wieder nichts haben reinziehen lassen. Lust auf Abendessen, nachdem die Raubtiere, wie mir scheint, versorgt sind? Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du dich heute noch an den Herd stellen willst. Wir wissen doch beide, wie das immer ausgeht.
Gretchen (verschränkt ihre Arme vor ihrer Brust u. funkelt den Schelm eingeschnappt an): Marc!
Marc (lacht): Dachte ich mir. Komm, Essen fassen! Bevor du mir noch ganz vom Fleisch fällst. Wäre echt schade drum, wo ich doch immer gerne was zum Anfassen hab.

Gretchens schelmisch grinsender Freund deutete auf den großen quadratischen Karton in seinen Händen und schritt dann frech voran in den Wohn- und Essbereich ihrer gemeinsamen Penthauswohnung. Wenn er schon nicht zum Beziehungscoach taugte, wozu sich in seinen Augen niemand berufen fühlen sollte, wenn ihm sein Leben und seine Ruhe lieb waren, hatte er zumindest seinen evolutionären Drang befriedigen können und als Jäger ordentlich Beute gemacht. Dahingehend hatte sich der kleine Spontantrip zu Mehdi doch noch gelohnt. Und jetzt, wo er so darüber nachdachte und Gretchens herrlich verdutztes Gesicht beobachtete, das ihm sabbernd hinterherstarrte, wie er barfuß durch das Loft latschte, fiel ihm auch auf, dass er tatsächlich ordentlichen Kohldampf schob. Und so wie seine Freundin ihn gerade anschmachtete, ging es ihr anscheinend genauso. Wenn Dr. Meier sich da mal nicht getäuscht hatte. Aber das wäre in der vergangenen Stunde, die er, seiner bescheidenen Meinung nach, unnütz verplempert hatte, auch nicht das erste Mal gewesen.

Gretchen (nachdem sie sich wieder gefangen hat, flitzt sie dem unverschämten Sprücheklopfer flink hinterher): Marc, das ist nicht witzig. Es ist ernst. Ich hatte dich gebeten, bei ihm zu bleiben. Ich hab kein gutes Gefühl dabei, ihn alleine zu wissen.
Marc (schiebt die Babyzeitschriften zur Seite, die sich auf dem Esstisch schon türmen, u. platziert den Pizzakarton in der Mitte, dann dreht er sich wieder zu seiner Freundin um, die ihn abwartend betrachtet): Er ist nicht allein.
Gretchen (seufzt): Lilly und Lenny zählen aber nicht.
Marc (lächelt frech): Ich finde schon, aber die hab ich auch nicht gemeint.
Gretchen (stutzt u. weitet ungläubig ihre himmelblauen Augen, während sie sich mit beiden Händen an einem der Küchenstühle festhält): Und was dann? Dass er... Du meinst...? Nein!
Marc (merkt noch nicht, dass Gretchen nicht auf der gleichen Frequenz funkt wie er, u. grinst deshalb zufrieden vor sich hin): Doch! Und da das jetzt geklärt ist, ohne sinnlos ausschweifend werden zu müssen, können wir auch essen. N’guten!
Gretchen (die Fantasie scheint mit ihr durchzugehen u. ihr wird plötzlich ganz anders): Aber... aber das geht doch nicht.
Marc (zuckt mit den Schultern u. pflanzt sich lässig auf den freien Stuhl vorm Panoramafenster): Ich hab’s gesehen. Es geht. Leider.
Gretchen (hält sich schockiert die Hand vor den Mund u. muss sich ebenfalls hinsetzen): Oh nein, oh nein, oh nein! Du hättest das verhindern müssen, Marc.

Was? Ich glaube, meine Schallplatte kriegt gerade einen Sprung.

Marc (will gerade in den Pizzakarton gucken, als er entgeistert wieder zur Seite blickt u. sich regelrecht echauffiert): Bitte? Ey, sag mal, geht’s noch? Damit kommst du mir jetzt? Das hab ich schon die ganze Zeit gesagt, aber du meintest immer, er sei erwachsen und wüsste, was er da tut. Jetzt ist es dafür zu spät. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen, also... in den symbolischen, was auch sonst. Und so wie die an seinem fetten Hintern klebt, ist das schon pathologisch.
Gretchen (ihr bleibt die Spucke weg u. sie muss sich mit einer Hand hektisch Luft zu fächeln, was Marc äußerst irritiert verfolgt): Zu spät? Marc, aber das ist ja furchtbar. Ich wusste es. Ich hab es immer gewusst. Ich wusste, dass da immer noch was ist zwischen den beiden. Sie hat es immer weit von sich geschoben, weil sie nach vorne blicken wollte, was ja auch richtig ist nach allem, was war. Aber sie haben so viel durchgemacht. Natürlich bleibt da was hängen, wenn man so lange verheiratet war und ein Kind miteinander hat. Aber ich dachte, jetzt, wo sie sich gefangen hat und wieder vollständig genesen ist, sich eine neue berufliche Perspektive gesucht hat, die sie ausfüllt, und ständig mit diesem mysteriösen Mann im Internet flirtet, von dem sie immer nichts erzählen will, obwohl ihre Augen sie verraten, ist sie über Mehdi hinweg. Ich hätte mehr auf sie achten sollen. Wir hätten mehr auf sie achten sollen. Sie ist doch unsere Freundin. Vielleicht hat sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass Gabi es vermasselt, wobei ich davon nie ausgegangen bin. Ich dachte nur, sie wäre überfordert gewesen und hat eine Auszeit gebraucht. Ich dachte, sie kommt auf jeden Fall zurück und dass Mehdi das auch weiß.
Marc (versteht nur noch Bahnhof u. schaut die wild sinnierende Blondine konsterniert von der Seite an): Äh... Haasenzahn, ich kann mich irren, aber kann es sein, dass wir nicht denselben Film gucken?
Gretchen (schmeißt seufzend ihre langen Locken in den Nacken u. guckt ihn anschließend mit ernsthaft besorgter Miene an): Marc, das ist ein ganz, ganz blöder Film. Das Drehbuch gefällt mir ganz und gar nicht. Ich meine, er lässt sich von ihr trösten. Das... das ist nicht gut. Weder für ihn, noch für Anna, noch für...
Marc (hebt seinen Arm, damit sie ihren wirren Gedankenfluss unterbricht): Moment! Wieso Anna? Wie kommst du denn jetzt auf die?
Gretchen (wirkt jetzt völlig irritiert): Aber du hast doch gesagt, Mehdi wäre nicht allein gewesen?

Ha! Haasenzahn, du bist der Knaller!

Marc (kann nicht anders, als laut loszulachen, nachdem er die einzelnen Fäden ihrer wirren Theorie zusammengesponnen hat): Ist er auch nicht. Die Hauptrolle an der Seite des Dorfdepps des Jahres hat Anna schon lange jemand anders weggeschnappt. Leider. Vielleicht hätte ich das „leider“ mehr hervorheben sollen. Ist der Groschen jetzt gefallen?
Gretchen (jetzt fällt es ihr wie Schuppen von den Augen): Oh!
Marc (grient sie an u. ist hingerissen von Gretchens herrlich verpeilter Art): Jep! Oh! Weißt du, ich war echt angepisst, dass du mich dahin geschickt hast, obwohl wir beide gewusst haben, dass wir uns da besser nicht einmischen sollten. Quasi in den Vorhof zur Hölle. So fühlte es sich nämlich an, da beinahe inflagranti reingeplatzt zu sein. Fünf Minuten früher und ich hätte... Bäh! Wie werde ich die Bilder bloß wieder los? Die Teufelin ohne Prada ist nämlich die letzte Person auf Erden, die ich heute gerne hüllenlos hätte sehen wollen. Dich dagegen... Mhm... Interessanter Gedanke. Den könnten wir eigentlich gleich noch einmal aufgreifen.
Gretchen (ihre himmelblauen Augen werden tellergroß): Oh!

Oh nein, er ist mitten in ihre Versöhnung geplatzt. Wie peinlich!

Marc (neckt sie mit einem kleinen Stupser an ihr süßes Näschen): Ja, oh, da staunst du, was? Ich hab einiges über mich ergehen lassen müssen und das war echt kein Spaß, mich wegen nichts und wieder nichts da reinziehen zu lassen. Aber für dein Gesicht eben hat es sich definitiv gelohnt. Es ist echt hinreißend zu sehen, was für Filme sich da oben abspielen, wenn die Kinderkassetten mal ausgestellt sind und sich die Babyblase bedingt ruhiggestellten Gehirnregionen mal wieder ordentlich austoben dürfen. Ich würde dir als Chirurgin da aber eher eine medizinische Auffrischung empfehlen und keine Entwicklung einer neuen Telenovelafarce. Das ist so was von Anfang der Zweitausender. Das will doch heute keiner mehr sehen.
Gretchen (hält sich die Hände vors Gesicht u. schämt sich in Grund u. Boden): Mann, Marc, das ist wirklich nicht witzig. Ich hab mir ehrlich Sorgen gemacht. Nach allem, was du mir vorhin erzählt hast. Ich dachte nur...
Marc (rückt mit seinem Stuhl näher zu ihrem heran u. zieht sein verlegenes Häschen in seine Arme): Ja, du dachtest nur, aber es ist süß, wenn du das tust. Das ist Gretchen Haase pur, genauso wie ich sie mag.
Gretchen (stupst ihn leicht mit der Schulter an u. muss dann ebenfalls über sich selbst lachen, während sie sich bereitwillig in seine starken Arme schmiegt): Blödmann!
Marc (neckt sie mit seiner Nasenspitze, die er frech gegen ihre stupst): Nein, Blödfrau! Wenn überhaupt, dann trifft diese Beschreibung nur auf eine Person zu und der hab ich heute ordentlich gesagt, was ich von ihr halte. Das war längst überfällig.

Oh nein! Das ist nicht gut. Er hält doch kein Blatt vor dem Mund. Oje! Wie sollen wir den Schlamassel nur je wieder geradebiegen? Ob ich die Zwei anrufen soll, um mich zu entschuldigen? Gretchen, geht es noch peinlicher? Ja, wenn ich da aufgetaucht wäre und nicht Marc und seine große Klappe.

Gretchen (bekommt ein ganz ungutes Gefühl in der Bauchgegend): Wirklich? Aber ein bisschen nett warst du schon, oder?
Marc (grient sie verschlagen an): Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Das trifft es doch auf den Punkt. Also weiß jetzt jeder, woran der andere ist.
Gretchen (richtet sich empört wieder auf u. ahnt das Schlimmste): Maaarc! Beleidigungen und Vorwürfe sind überhaupt nicht angebracht bei einer überforderten Jungmama im Panikmodus.
Marc (relativiert schnell wieder): Die Diagnostik überlassen wir mal anderen, hm. Alles ist gut, okay? Es sind nur ein paar Dinge gesagt worden, die mal gesagt werden mussten und ich denke, die Botschaft ist endlich angekommen. Sonst hätte er sie doch auch nicht so schnell wieder zurückgenommen. Er hat einfach nicht die Eier, sie länger zappeln zu lassen, was sie für dieses ganze Theater echt verdient hätte.
Gretchen: Marc!
Marc (lächelt u. wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab): Schon gut. Und bei euch so? Bist du mit unseren nimmersatten Raupen ganz alleine klargekommen? Respekt! Der erste Probelauf für nächste Woche, wenn ich nicht mehr hier, sondern am OP-Tisch stehen werde.
Gretchen (ihre Augen beginnen bei dem Gedanken an die beiden direkt zu leuchten): Ja! Gewickelt, gestillt, Schnütchen geputzt und beim Einschlafen angehimmelt.
Marc (seufzt leise auf u. schaut sehnsüchtig in Richtung Kinderzimmer): Mhm, das perfekte Abendprogramm. Schade, dass ich das verpasst habe.
Gretchen (schnappt sich seine Hände u. streicht zärtlich darüber): Dafür war ihr Papa auf großer Mission unterwegs, auf die wir echt stolz sind.
Marc (rollt mit den Augen, weil er nicht mehr daran denken möchte): Pff! Nicht der Rede wert. Auf die hätte ich gerne verzichtet. Schließlich haben sie’s selber irgendwie wieder hingekriegt. Frag mich nicht, wieso! Dabei wollte ich eigentlich mit ihm die ganze Nacht feiern, dass er sie endlich los ist.
Gretchen (hat ihn durchschaut u. himmelt ihn ungeniert an): Gar nicht! Trotzdem, danke! Es bedeutet mir echt viel, dass du hingefahren bist.
Marc (wiegelt lässig ab u. lenkt das Gespräch geschickt in eine andere Richtung): Ach, da war doch nichts dabei. Obwohl, doch, ich hab diese Pizza hier erlegt und hab damit meine jahrtausendealten evolutionären Pflichten als Mann und Versorger zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Apropos voll, voller Magen. Komm, Essen fassen! Du hast gerade gestillt, du brauchst dringend neue Kalorien.

Marc konnte nicht widerstehen und neckte seine Freundin auf gewohnt charmante Weise, die sich mit einer anbetungswürdigen Schmollschnute bei dem Schelm dafür revanchierte, die unbedingt geküsst gehörte, was er selbstverständlich auch direkt mit großer Hingabe in die Tat umsetzte. Die verführerischste Vorspeise, die er sich nur vorstellen konnte und seiner Herzprinzessin ging es nicht anders. Doch Gretchens Bauch sprach eine andere Sprache, die einer hungrigen Wölfin nämlich und die sollte man besser nicht warten lassen. Also zwickte Marc sie in die Seite und ehe Gretchen nach seinen frechen Fingern schnappen konnte, hatte er den Deckel des Pizzakartons auch schon umgeklappt und präsentierte nun mit einer einladenden Armbewegung stolz den Inhalt. Umnebelt von dem leckeren Geruch der mittlerweile nicht mal mehr lauwarmen Pizza bemerkte der Oberarzt erst auf den zweiten Blick, was mit dieser nicht stimmte. Als er nämlich sah, was sich unter dem Karton verborgen hatte, verschlug es ihm nicht nur die Sprache, sondern auch den Appetit auf jegliche Teigspeisen italienischer Art und das vermutlich für alle Zeit.

Marc (springt völlig entrüstet auf, als hätte er seine Hand in eine mit verschiedenen Toxinen kontaminierte Petrischale gehalten): Was zum...? Dieser elende... Die hat er doch mit Absicht bestellt. Na, warte, der kriegt was zu hören, dass ihm die Segelohren schlackern werden.
Gretchen (rollt mit den Augen u. will ihn stoppen, bevor er die leckere Pizza unangerührt in den Küchenmüll wirft): Maaarc! Nicht wieder die Grundsatzdiskussion! Mehdi konnte doch gar nicht wissen, dass du vorbeikommen würdest.
Marc (stemmt seine Hände in die Hüften u. poltert weiter drauflos, wie ihm der Schnabel gewachsen ist): Jetzt erst recht! Von wegen dumm und blöd und in hormoneller Panik, die hat mich ausgetrickst. Die wusste ganz genau, dass das... Wobei, sie konnte ja wirklich nicht wissen, dass ich die mitnehmen würde. Aber egal, es geht mir hier um das Prinzip. Wie kann ein normalsterbliches menschliches Wesen überhaupt auch nur daran denken, so was freiwillig zu sich zu nehmen. Bäh! Das ist ja ekelhaft und widerspricht jeglicher Esskultur.
Gretchen (Gretchen Schlaumeier meldet sich mit frechem Grinsegesicht zurück): Indem er gesund bleiben will und der Ernährungsfarbenlehre folgt. Hm...könnte mir vielleicht auch helfen, meine Schwangerschaftspfunde abzubauen. Eigentlich gar nicht so schlecht. Danke, dass du sie mitgebracht hast, Marcilein. Du sorgst so gut für mich.
Marc (ihr seltsamer Vortrag bringt ihn dann doch kurzzeitig aus dem Konzept u. er setzt sich wieder zu ihr an den Tisch): Der bitte was?
Gretchen (hat sich ein Pizzastück geschnappt u. genüsslich davon abgebissen): Ja, du hast richtig gehört. Ernährungsfarbenlehre. Die gibt es nämlich wirklich. Das hab ich mal in einem der Weight-Watchers-Bücher gelesen, die Mehdi damals beim Abnehmen geholfen haben. Es muss nämlich nicht immer nur tierische Fette auf ölig glitschigen Teigen mit dicker Käsekruste geben. Es geht auch anders, bewusster.
Marc (zieht skeptisch die Augenbrauen hoch u. wagt einen letzten Blick auf das Corpus delicti, das ihm allein schon vom Anblick den Magen umdreht): Doch, das ist die einzig wahre Art und Weise, eine Pizza zu verarbeiten. Tomaten sind schon hart an der Grenze, aber gehören wohl dazu wie der Stiefel zu Italien, aber Rosenkohl hat auf ner Pizza definitiv nichts zu suchen. Das ist abartig.
Gretchen: Das ist Lauch, Marc. Und Brokkoli.
Marc (sein Magen verschnürt sich zunehmend u. er schiebt den Pizzakarton weit von sich): Egal! Es ist beides grün und widerlich. Von Ananas gepaart mit Lachs ganz zu schweigen. Und was sollen die weißen Würfel darstellen? Wollte er mit Gabi „Mensch ärgere dich nicht“ spielen? Ja, das hat mal nicht geklappt. Guck dir mal die Kombi an, das geht gar nicht. Jeder Pizzabäcker in Neapel würde sich die Kugel geben, wenn er das hier sehen müsste. Ich glaube, wir müssen Mehdi mal ärztlich untersuchen. Mit dem stimmt was nicht. Obwohl, das ist mir schon aufgefallen, bevor er sich ausgerechnet auf das Miststück eingelassen hat. Wenn wir nicht aufpassen, erzieht sie ihn noch zum... Vorsicht! Böses V-Wort! ... Veganer. Dann wäre seine Metamorphose zur Frau gänzlich vollzogen.
Gretchen (seufzt erschöpft auf): Marc!
Marc: Nee, im Ernst, dem werde ich jetzt ordentlich was um die Ohren pusten. Das hätte ich vorhin auch gerne getan, wenn er sich nicht vor mir versteckt hätte, der feige Hund. Das macht er ja gerne, wenn man ihn auf frischer Tat erwischt.

*Pling* ... Auf dem Handy, das neben dem Pizzakarton auf dem Berg von Babyzeitschriften thronte, ploppte in genau dem Moment, als er sich dazu entschieden hatte, mit Mehdi ein Hühnchen zu rupfen, eine Nachricht auf und Marc traute seinen Augen kaum, als er kurz auf das aufleuchtende Display schielte. Als hätte er einen Geist beschworen und dieser klingelte auch sofort durch. Unheimlich, schüttelte es ihn und er schnappte sich das Smartphone, bevor Gretchen es tun konnte.

Marc: Kaum schreit man ihn herbei, da kommt der Teufel auch schon angeschissen und... Wie bitte? Der hat sie doch nicht mehr alle. Ist der jetzt komplett übergeschnappt? Wie kommt er denn jetzt auf die dämliche Idee, sich auch noch davonzustehlen? Ey, vor nicht mal fünf Minuten hat er mir noch die Hucke voll geheult, weil sie ihm angeblich sein pflasterbeklebtes kleines Herzchen gebrochen hat, und jetzt herrscht auf einmal la dolce vita, oder was?
Gretchen (versucht an ihm vorbeizugucken, um einen Blick auf die Handynachricht zu erhaschen): Was ist denn? Ist das etwa Mehdi? Kann ich bitte mein Telefon wiederhaben, Marc?
Marc (denkt nicht daran, es ihr zurückzugeben u. schmollt erst einmal eine Runde wie ein bockiges kleines Kind vor sich hin): Wieso schreibt er jetzt dir und nicht mir, dass er sich in den Süden verabschieden will? Ey, ich hab mich den halben Tag für ihn aufgeopfert, damit er nicht wieder knietief in der nächsten Depression versinkt und ein heißer Kandidat für das neue Adipositaszentrum im EKH wird. Und das ist jetzt der Dank dafür? Dieser Vollpfosten kriegt nen Arschtritt von ihr und legt ihr dafür gleich den Himmel über Italien zu Füßen. Toskana, ey, der spinnt doch.

Gretchen, die nicht ganz verstehen konnte, was jetzt schon wieder das Problem war, rückte hibbelig auf den Stuhl neben ihren grummeligen Partner und stibitzte ihm das Handy, bevor er ihren besten Freund von seinen in seinen Augen absurden Plänen abhalten konnte. Mit bewegtem Herzen huschten ihre immer größer werdenden Augen über das Display mit Mehdis Nachricht und mit jeder weiteren Zeile wuchs auch ihre Begeisterung, während Dr. Meier deswegen eher zwiespältige Gefühle plagten.

Liebes Gretchen, lieber Marc (ich weiß, du liest mit ),
Gabi, Lenny, Lilly und ich melden uns hiermit für die nächsten Tage ab und tauschen Berlin gegen ein Abenteuer. Wir tanzen förmlich dem Sonnenuntergang entgegen. Denn Träume sollte man fliegen lassen, wann immer sie einem in den Sinn kommen, und das tun wir jetzt auch. Weg mit den Grübeleien. Weg aus dem Alltag. Immer der Sonne entgegen. Pass mir gut auf meine Patenengelchen und auf Marc auf und gib ihnen einen dicken Kuss von mir! Ich weiß es echt zu schätzen, dass er heute hier war. Du bist ein wahrer Freund. Nicht nur für mich. Macht euch bitte keine Sorgen. Uns geht’s gut. Blendend sogar. Mit Aussicht aufs Paradies. Wir sind dann mal weg... in der Toskana. Der echten, nicht die im Traum. Euer Mehdi


Gretchen (schmilzt bei Mehdis Zeilen regelrecht dahin): Das ist Liebe, Marc. Hach...
Da möchte man glatt mit ihnen tauschen. Die Toskana um diese Jahreszeit muss unvergleichlich schön sein. Hoffentlich denken sie daran, uns eine Postkarte zu schicken.
Marc (beobachtet die blond gelockte Träumerin argwöhnisch von der Seite): Für mich ist das ein ganz großer Scheißhaufen.
Gretchen (plumpst direkt wieder von ihrer rosaroten Wolke, auf der sie gerade gen Süden fliegen will): Marc!
Marc (verschränkt grummelig seine Arme vor seiner Brust): Ist doch so. Ich mühe mich ab, damit er sich nicht ins Tal der Tränen stürzt, schenk ihnen Zeit, die ich hier viel besser und vorteilhafter hätte einbringen können, hör mir sogar ihren ganzen weibischen Scheiß an und er... dieser Verräter...
Gretchen (wischt sich ein kleines Freudentränchen aus dem Augenwinkel, als sie ihr Handy wieder weglegt): Ist er nicht! Mehdi hat es mehr als jeder andere verdient, glücklich zu sein und das ist er. Lies doch nur!
Marc (blickt sie ungläubig von der Seite an): Nee, oder? Du heulst jetzt aber nicht wegen den beiden Knalltüten?
Gretchen (strahlt ihn aus tränenfeuchten Augen überglücklich an): Ich hab gewusst, dass sie zurückkommt. Sie gehören doch zusammen.
Marc (zieht schmunzelnd eine Augenbraue hoch): Das erklärt deine gewagte Theorie von vorhin. Wie war das noch mal mit Anna und Mehdi? Fragen wir doch mal Gabi, was sie davon hält? Gib mir noch mal dein Handy!

Okay, ja, ich hab mich getäuscht. Das kann doch jedem mal passieren.

Gretchen (blickt beschämt auf die Tischplatte u. dann ihn wieder an): Haha! Nein, im Ernst, Marc, ich verstehe das voll und ganz. Jeder ist doch mal überfordert und reagiert dann anders, als von einem erwartet wird. Diese ganzen Erwartungen. Wir Mütter stehen heute unter einem enormen Druck. Nicht nur von außen, sondern auch von einem selbst. Die eigenen Ansprüche sind manchmal so hoch. Da kann einem schnell alles zu viel werden. Es muss noch nicht mal einen konkreten Auslöser geben. Man gerät plötzlich in Panik und läuft davon, weil man keinen anderen Ausweg sieht und niemanden enttäuschen möchte, der sich auf einen verlässt. Aber man kann nicht vor den eigenen Problemen weglaufen. Das macht sie nicht kleiner und unsichtbar schon gar nicht. Und im Grunde weiß man doch, wo man hingehört und dass man zusammen alles schaffen kann. Gabi hat Mehdi an ihrer Seite, einen tollen Vater und einfühlsamen Partner. Er ist für sie da und weiß ganz genau, was in ihr vorgeht. Diese Auszeit ist genau das Richtige. Sie wird ihnen gut tun.

Während Gretchen mit lächelndem Herzen vor sich hin sinnierte und ein kleiner Teil von ihr sich insgeheim wünschte, mit Gabi tauschen zu können, aber nur weil sie sich auch sehr nach warmen Sonnenstrahlen als Seelenstreichler sehnte, die Mitte Oktober in Berlin schon ziemliche Mangelware geworden waren, und sie plötzlich diesen betörenden Duft von frischen Tomaten, Basilikum und Zitronen in der Nase hatte, die ihr den Mund wässrig machten, war es neben ihr verdächtig still geworden. Marc hatte ihr die ganze Zeit zugehört, sonderbarerweise ohne ständig kleinlaut reinzuquatschen, wie man es von dem Großmaul sonst gewohnt war, und kaute nun gedankenverloren an einem Pizzastück, das er vor ein paar Minuten noch nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätte. Das wunderte dann auch Gretchen, als sie zu ihrem schweigsamen Freund rüberschaute.

Gretchen: Marc?
Marc (abwesend): Hm?
Gretchen (mustert ihn misstrauisch): Alles okay bei dir? Du isst Pizza.
Marc (guckt auf das bunt belegte Teil in seiner Hand u. schiebt es sich in den Mund): Sieht schlimmer aus, als es am Ende schmeckt. Der Hunger treibt es rein.
Gretchen (bleibt skeptisch, als er sich noch ein weiteres großes Stück aus dem Pizzakarton genehmigen will): Ah, ja? Und was denkst du wirklich?
Marc (zögert erst u. schmeißt das kalte Pizzastück dann doch angewidert wieder in den Karton, um sich anschließend seufzend zu seiner Freundin umzudrehen, die ihn gespannt von der Seite anschaut): Was ihr Frauen immer damit bezweckt? Schon klar, ihr könnt nicht anders. Euer Hochleistungsprozessor läuft im Dauerbetrieb und zwar in jeglichen Belangen. Bei uns Männern ist das aber anders. Kommt es euch denn gar nicht in den Sinn, dass wir auch einfach mal an gar nichts denken wollen? Wir kümmern uns den ganzen Tag, bewältigen die kompliziertesten Operationen, nicht nur im Krankenhaus, sorgen dafür, dass immer etwas Warmes oder in dem Fall Kaltes auf dem Tisch steht und schaffen sogar noch die stinkenden Windeln in die Tonne, bevor die Bundesliga läuft und ihr uns an die Wäsche wollt. Dazwischen muss auch mal Zeit für eine Denkpause sein.
Gretchen (hat ihrem Lieblingsmachomann vergnügt zugehört, aber merkt, dass etwas nicht stimmt, weil er ausnahmsweise mal nicht mit ihr mitlacht): Doch schon, wenn es wirklich so ist. Aber dich beschäftigt doch was, das sehe ich doch. Ist es immer noch wegen Mehdi? Marc, Gabi hat zu ihm zurückgefunden, sie haben sich ausgesprochen, offensichtlich versöhnt und fahren jetzt sogar mit ihren Kindern in ihren ersten gemeinsamen Familienurlaub, das ist alles, was wir wissen müssen. Mach dir nicht so viele Sorgen!
Marc (grummelt in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart hinein): Das ist es doch gar nicht. Es geht nicht um sie.
Gretchen: Nicht? Um wen denn dann?

Arglos suchten Gretchens himmelblaue Augen Marcs Blick. Der Vierunddreißigjährige seufzte nur und schaute sie schließlich eindringlich an. Es dauerte einige Sekunden, bis es bei Gretchen klick machte und sie verstand, um wen es ihm wirklich ging und das überraschte sie dann schon.

Gretchen: Um mich? Aber... Marc, ich bin doch hier.
Noch.
Marc (um nicht zu zeigen, wie sehr es ihn beschäftigt, grient er sie gewohnt schelmisch an): Das ist nicht zu überhören.
Gretchen (bleibt ernst): Hey, zieh das jetzt bitte nicht ins Lächerliche! Ich sehe doch, wie wichtig dir das ist.
Marc (rudert reumütig zurück): Das wollte ich doch gar nicht. Ich kann Steilvorlagen nur nicht ungenutzt liegenlassen.
Gretchen (schnell wieder versöhnt): Ich weiß. Also, was ist los, mein Schatz?
Marc (druckst ungewohnt herum u. will ihr nicht in die Augen schauen, tut es dann aber doch, weil er nicht anders kann): Nichts! Nur... Du... du würdest doch... Ich meine, du würdest mir doch sagen, wenn dir das hier, unser ganzes Babychaos, zu viel werden würde, oder? Vieles läuft nicht unbedingt rund, das haben wir auch nicht erwartet, es sind nun mal Zwillinge und zwar ganz eigenwillige, aber ich dachte, wir kommen soweit klar mit unseren Rabauken.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr Herz, dann schnappt sie sich Marcs Hand, um sie sanft zu drücken): Das beschäftigt dich also die ganze Zeit? Marc,...

Scheiße! Alter, was ist eigentlich los mit dir? Kaum ist Mehdi weg und du entwickelst dich zu seinem Double?

Marc (kann ihren rührseligen Blick kaum ertragen, weil er sich plötzlich ziemlich albern vorkommt): Nee, lass nur, war ne blöde Frage.
Gretchen (sucht seinen Blick): War sie nicht. Es ist wichtig, dass wir das besprechen. Und weißt du, es macht mich unheimlich glücklich, dass wir diese Ebene gefunden haben, auf der wir miteinander über alles reden können. Du kannst immer zu mir kommen und umgekehrt gilt das genauso. So schnell wirst du mich nämlich nicht los. Ich käme gar nicht auf den Gedanken, vor dir, vor uns wegzulaufen. Dafür bin ich dir schon viel zu lange nachgelaufen. Ich folge dir, mit Unterbrechung, seitdem ich elf bin und ich werde immer bei dir sein. Das ist eine Tatsache und ein Versprechen.
Marc (seufzt mit verschmitztem Blick auf): Eigentlich müsste mir das Angst machen.
Gretchen (grient ihn wissend an): Und uneigentlich?
Marc (lächelt sie hingerissen an u. drückt ihre beiden zarten kleinen Hände): Ich hab mich schon viel zu sehr an meine persönliche Nervensäge gewöhnt.
Gretchen: Hey!

...zwickte Gretchen Marc gespielt empört in die Seite, lachte dann aber auch aus ganzen Herzen los und schmiegte ihr Gesicht gegen seine Wange. Minutenlang hielten sie sich so innig fest und Marc strich mit dem Daumen bedächtig über ihre weiche Haut, die der eines Babypopos glich. Dann schaute er seine Herzdame plötzlich wieder auf so ernste Weise an, dass es Gretchen eine Gänsehaut bescherte.

Marc: Ich wollte doch nur gesagt haben, dass ich verstehen würde, wenn du auch mal... also für dich sein möchtest. Du machst hier einen Riesenjob, das steht dir zu.
Gretchen (ist ehrlich gerührt u. schmachtet ihn ungeniert an): Das gilt für dich aber auch.
Marc (schaut sie ungläubig an): Du gibst mir einen Freifahrtsschein? Siehst du mich in irgendeiner Weise überfordert?
Nein, du bist doch mein Held und Helden scheitern nie.
Gretchen (lächelt sanft u. drückt seine Hand, die sie schon eine ganze Weile nicht mehr losgelassen hat): Das nicht, aber ich bin erstaunt, nein, das ist das falsche Wort, ich bin sehr, sehr stolz auf dich, dass du bislang so tapfer durchgehalten hast. Ich hätte gedacht, wenn überhaupt, dann würdest eher du als Erster flüchten wollen.
Marc (zieht schmunzelnd eine Augenbraue hoch): Bitte? So schätzt du mich also ein? Ich bin empört. Haasenzahn, einen Dr. Meier sollte man niemals unterschätzen. Hab ich dir das nicht während meiner ersten Lehreinheit beigebracht?
Gretchen (schmiegt sich kichernd an seine Seite): Kann sein, aber ich war vermutlich zu sehr davon abgelenkt, dass du dir von dem nervigen Professorentöchterchen, das man dir vor die Nase gesetzt hat, in nichts hast reinreden lassen wollen. Dabei hast doch selbst du schnell festgestellt, dass ich immer recht behalte.

Hoho! Aufmüpfig wie eh und je! Das finde ich jetzt echt rattenscharf.

Marc (ist sichtlich beeindruckt von ihrem Konter): Touché! Aber im Ernst, Gretchen, egal wie schwierig das hier wird mit unserer Vierundzwanzigstundenbeschäftigung, du kannst immer auf mich zählen. Wenn Not am Mann oder in dem Fall an den Babys ist, bin ich sofort zur Stelle, auch wenn ich wieder im EKH über den Patientenakten hocke. Meine Telefone, selbst die im OP, werden stets auf euch eingerichtet sein.
Gretchen (schlingt ihre Arme um ihn u. schließt ihre Augen): Das ist noch so weit weg.
Marc (seufzt mit immer schwerer werdendem Herzen auf): Ein Tag, Haasenzahn.
Gretchen (will noch nicht daran denken u. sieht ihn mit schmachtendem Blick wieder an): Lass uns nicht mehr davon reden!
Marc (nickt schmunzelnd u. schaut ihr aufgeschlossen in die Augen): Okay! Was dann? Die ekelige Pizza rühre ich definitiv nicht mehr an. Die ist deine. Aber Vorsicht! Die legt sich schnell quer im Magen.
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf u. schiebt den Pizzakarton zur anderen Seite des Tisches, um sich nun ganz ihrem Freund zu widmen, auf dessen Schoß sie es sich prompt bequem gemacht hat): Danke! Aber ich habe auch keinen Appetit mehr. Mir ist nämlich gerade eingefallen, dass ich dir noch was versprochen habe.
Marc (kann sich nicht daran erinnern, aber ein Blick in die leuchtend blauen Augen direkt vor seiner Nase verrät etwas sehr Verheißungsvolles): Ach ja?
Gretchen (setzt zu einem verführerischen Schlafzimmerblick an u. klimpert mit ihren langen geschwungenen Wimpern): Ja, nach unserer Episode im Bad vorhin schulde ich dir doch noch einmal Haare durchwuscheln.
Marc (verliert sich in ihren Funkelaugen u. lächelt sie verheißungsvoll an): Ach? Erzähl mir mehr!
Gretchen (kichert mädchenhaft): Marc!

Damit hatte Gretchen nun endgültig Marcs ungeteilte Aufmerksamkeit geweckt und er zögerte nicht, das äußerst charmante Angebot seiner hinreißend unschuldig dreinblickenden Freundin direkt in die Tat umzusetzen. Sanft umfassten Marcs filigrane Hände ihr bildschönes Gesicht. Seine weichen Lippen drückten sich sachte, aber bestimmt auf ihren süßen Erdbeermund, der seinem verlockend entgegenlächelte, bevor seine Finger mit der Präzision eines einsatzbereiten Chirurgen in dem Meer aus goldblonden Locken eintauchten und seine Nase diesen einzigartigen Duft ihrer frisch gewaschenen Haare förmlich aufsog, während Gretchen sich bemühte, nicht laut loszulachen, weil seine liebevollen Berührungen sie beharrlich kitzelten und sie dem Drang, sich zu rühren, kaum standhalten konnte. Das bemerkte auch der in seine Streicheleinheiten vertiefte Oberarzt, der sie nun mit deutlichem Schalk und einer großen Portion Sehnsucht in den smaragdgrün schimmernden Augen anschaute und schließlich herauszufordern versuchte.

Marc: Haasenzahn, ich glaube, du weißt, wobei mir Haare durchwuscheln am besten gefällt, oder?
Gretchen: Ja.

...säuselte Gretchen wahrheitsgemäß und schenkte ihrem Gegenüber ihr sinnlichstes Lächeln, was Marc für einen kurzen Moment den Atem raubte. Diese kleine Hexe, dachte er nur und musterte die Schönheit nun ganz genau, die keinerlei Miene verzogen hatte, an deren bebenden Lippen er aber deutlich ablesen konnte, dass sie sich verzweifelt darum bemühte, ein lautes Kichern zu unterdrücken. Das Häschen versuchte also zu spielen. Das konnte er auch. Darin war er schließlich der Beste. Und der Beste scheute nun mal keinerlei Herausforderung und schon gar nicht, wenn sie von seiner vorlauten Freundin kam, die er plötzlich ohne Vorwarnung schulterte und rüber zur Couchlandschaft schleppte, wo er sie vorsichtig absetzte, bevor er sich raubtiermäßig über sie beugte. Dabei hatten sich ihre ineinander verhakten Blicke nicht einmal gelöst.

Marc: Mhm, gut, ganz nach dem Geschmack von Dr. Meier.
Gretchen: Du Neandertaler!

...schimpfte und tobte die entführte Sirene schließlich wehrhaft, die heftig gegen Marcs muskulösen Oberkörper boxte, mit dem er sie immer mehr einzunehmen drohte. Sie war gefangen. Unter seinen starken Armen, den feinfühligen Fingern, die ihre zerzauste Lockenmähne richteten, um sie anschließend erneut frech durchzuwuscheln, und seinen funkelnden Smaragdaugen, die sie in seinen Bann zogen. Gretchen war ganz vernebelt von seiner unmittelbaren Nähe, seinen intensiven Blicken, seinen sachten Berührungen. Sie war vollkommen wehrlos, aber sie wollte sich auch nicht wehren. Sie wollte ihm nah sein, so nah, wie es zwei Menschen, die sich bedingungslos liebten, nur möglich war. Und damit war sie nicht alleine. Auch Marc kam förmlich um vor Sehnsucht und wild aufbrodelnden Gefühlen.

Gretchen (driftet mit ihren Gedanken davon): Mein Held!
Marc (schmunzelt): Ach, auf einmal wieder? Wie war das noch gleich mit dem Neandertaler und so?
Gretchen (ihre Augen blitzen feurig auf): Da musst du dich verhört haben.
Marc: Ach, hab ich das?

...schmunzelte Marc, dessen Gesicht dem von Gretchen immer näher kam, bis sich erst ihre Nasenspitzen sanft berührten und flugs ihre Lippen, die sich erst spielerisch neckten, um sich dann fast zu verschlingen. Nicht nur ihre Herzen brannten. Jede kleine Faser ihres Körpers war von dem Feuer entfacht, das ihre Herzen erfüllte. Hände suchten und fanden einander. Glühende Lippen bahnten sich einen Weg auf einem aufregenden Pfad. Die Gedanken drifteten davon, ließen Sehnsüchte walten und doch war man wachsam genug, um immer noch einen Teil der Umgebung wahrzunehmen. Plötzlich schnellte nämlich Marcs Kopf von Gretchens verlockendem Dekolletee wieder hoch, das er eben noch, einen Knopf nach dem anderen, von dem lästigen Stück Stoff ihres bordeauxroten Hemdblusenkleides befreit hatte. Verwirrt sah Gretchen zu dem sich suchend umblickenden Mann hoch. Dabei hatte sie sich doch eigentlich schon auf direktem Wege ins Paradies geglaubt. Schließlich waren sie sich schon so lange nicht mehr so nahe gewesen wie jetzt gerade eben.

Gretchen: Marc, was ist? Alles in Ordnung?
Marc (sieht sich verwirrt um): Weiß nicht. Hast du das eben nicht gehört?
Gretchen: Was denn? Ich höre nur unsere klopfenden Herzen.
Marc (fährt sich einmal durch seine zerwuschelten Haare): Hm! Aber...
Gretchen (packt nach seinem T-Shirt u. zieht ihn wieder ungestüm zu sich herunter): Kein Aber! Halt die Klappe und küss mich lieber!
Marc (kommt dieser Bitte nur allzu gerne nach, aber blickt dann doch noch mal kurz auf): Nichts lieber als das! Mhm... Mir gefällt deine neu geweckte Energie. Aber sag mal, wo ist eigentlich das Babyphone?
Gretchen (purzelt wieder von ihrer rosaroten Wolke u. landet sanft auf den Sofakissen): Das hab ich schon neben unser Bett aufs Nachtschränkchen gestellt. Aber ich hab die Tür einen Spalt offen gelassen. Es ist nichts. Die beiden schlafen tief und fest. Sie sind total platt nach diesem aufregenden Tag.
Marc (ist im ersten Moment noch skeptisch, aber widmet sich dann schnell wieder seinem Anliegen): Gut zu wissen. Wo waren wir noch mal stehen geblieben? Ah... bei den beiden Hübschen hier! Lang ist’s her, hm? Aber doch wiedererkannt.

...griente Marc seine Lieblingsblondine plötzlich wieder neckisch an, als hätte er den Papamodus schon längst wieder auf stand-by geschaltet. Gretchen schüttelte nur den Kopf, als er sein Grinsegesicht wieder zwischen ihren beiden prallen Brüsten versenkte, die unter ihrem halb aufgeknöpften Blusenkleid sexy hervorblitzten. Ihr Freund war so ein Quatschkopf, dachte sie nur. Unverbesserlich und unheimlich liebenswert. Aber sie liebte ihn genau deswegen und vor allem wenn er so schöne Dinge mit ihr anstellte, die sie schnell alles um sich herum vergessen ließen. Während Gretchen komplett davonschwebte und sich seinen gefühlvollen Lippen und seinen feinfühligen Händen hingab, blieben Marcs sämtliche Sinne äußerst wachsam und so fiel ihm plötzlich auch ein seltsames Phänomen auf, dem der Herr Doktor im Selbstversuch unbedingt nachgehen wollte, wie es sich für einen Wissenschaftler seines Formats geziemte. Seine Ergebnisse waren jedoch nicht nur für ihn ernüchternd. Er hatte sich tatsächlich nicht getäuscht.

Gretchen (zerfließt fast vor lauter Sehnsucht unter seinen Händen): Marc, wieso hörst du auf? Mach weiter, bitte!
Marc: Würde ich ja gerne, aber ich glaube, da reagiert gerade jemand sehr eifersüchtig darauf, wenn ich meinen beiden prall mit Milch gefüllten Freundinnen hier zu nahe komme. Da besteht anscheinend doch eine gewisse telepathische Verbindung.

Marc schaute seine perplexe Freundin an wie ein gerade auf frischer Tat ertappter Schuljunge und deutete erst auf das Kinderzimmer, in dem sich zwei Erdbewohner deutlich bemerkbar machten und dann auf ihre beiden wunderschönen Brüste, die er abwechselnd noch einmal wild und innig küsste, um seine vage Hypothese unter Zeugen zu falsifizieren. Aber das Resultat blieb unmissverständlich das Gleiche.

Gretchen (starrt ungläubig zu ihm hoch): Das glaube ich jetzt nicht.
Marc (gibt sich gefasst, obwohl nicht nur sein Herz gerade tausend Tode stirbt): Ich bin nicht der Typ für vage Theorien, Haasenzahn. Tja, da muss wohl der Papa ran.
Gretchen (kann sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen): Ich glaube, du hast nicht genau hingehört. Das bedarf unserer beiden Hände.
Marc (hält seine beiden wichtigsten Chirurgenwerkzeuge demonstrativ hoch): Und was machst du dann, wenn dieses erstaunliche Paar und Gottes Geschenk an die Menschheit ab Montag zumindest hier für geraume Zeit nicht mehr ständig verfügbar ist?
Gretchen (grient ihm frech entgegen, während sie sich langsam auf dem Sofa aufrichtet u. anschließend zwei Knöpfe ihrer Bluse wieder zuknöpft): Naja, die Gefahr, dass mir jemand an die Brüste möchte, reduziert sich minimal. Ich denke, Marlon, Marlene und ich, wir kommen schon klar. Außerdem hab ich immer noch meine Plantafel und ich kann improvisieren.
Marc: Was erst einmal zu beweisen wäre, Frau Doktor Oberschlau.

...zwinkerte Marc seiner bedröppelten Freundin herausfordernd zu, ehe er dann als Erster von der Couch aufsprang, um seine Rasselbande zur Rede zu stellen. Man hatte ihn zwar davor gewarnt, dass Kinder das Liebesleben ihrer Eltern potenziell gefährden könnten, aber auf diese Weise, dass er an ihre wunderhübsche Mama noch nicht einmal mehr auf Papierblattnähe herankommen durfte, war ihm dann doch neu. Das war gemein und der selbstbewusste Oberarzt, der nie um einen Spruch verlegen war, konnte das nur schwer verknusen. Aber kaum hatten Gretchen und er die Schlafräume der Zwillinge betreten, schauten ihnen zwei Unschuldsengelchen sondergleichen verschlafen und mucksmäuschenstill aus der gemeinsamen Wiege entgegen, die das stolze Elternpaar entzückt den Rest des Abends bestaunen durfte. Die euphorischen Glücksgefühle und die wild flatternden Schmetterlinge im Bauch, die sich beim Anblick der beiden noch um ein Vielfaches potenzierten, waren unermesslich. Gretchen und Marc hätten nicht glücklicher sein können.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


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31.03.2019 13:46
#1644 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Von diesem ganz besonderen heimeligen Gefühl, von dem jede einzelne Zelle ihrer Körper erfüllt war, zehrte das verliebte Paar auch noch einen ganzen Tag und eine Nacht später, als der Alltag die glücklichen Eltern endgültig wiederhaben sollte. Der erste reguläre Arbeitstag von Dr. Meier nach der Geburt der Zwillinge stand nämlich an und auch seine hochgeschätzte Lieblingskollegin Nummer eins war schon ganz aufgeregt deswegen, auch wenn die Ärztin im Mutterschutz nicht wie Marc heute an die OP-Tür klopfen durfte, um ihr großes Talent wieder unter Beweis zu stellen, und weiterhin ihre Mutterschaft in vollen Zügen mit ihren beiden süßen Zwergen zu Hause in ihrer Kuschelhöhle genießen durfte. Wie ein Derwisch wirbelte Dr. Haase schon den halben Morgen munter durch das von der aufgehenden Herbstsonne erst ganz zaghaft geküsste Loft, ohne dass die eigentliche Hauptperson etwas davon mitbekam. Diese schlief nämlich noch tief und fest den Schlaf der Gerechten, was sie sich auch redlich verdient hatte, nachdem sie sich, ohne zu zögern, aufgeopfert und die halbe Nacht neben dem Bettchen von zwei äußerst beharrlichen Schlafräubern um die Ohren geschlagen hatte. Doch dann lockte Berlins renommiertesten Chirurgen plötzlich ein wohl bekannter, erquickender Duft aus seinen wilden Träumen, in denen er komischerweise in einem heruntergekommenen Wohnmobil die Berge der Alpen hatte bezwingen müssen.

Schlaftrunken und verwirrt von den surrealen Traumbildern, die nicht zu dem leckeren Kaffeegeruch passen wollten, strich sich Marc Meier über seine müden Augen und er staunte nicht schlecht, als er selbige schließlich langsam öffnete und auf ein reichlich gedecktes und mit ganz viel Liebe dekoriertes Frühstückstablett guckte, welches ihm die Dame des Hauses unbemerkt aufs Bett geschmuggelt hatte, in welchem sie es sich selber wieder neben ihm bequem gemacht hatte. Die hibbelige Einunddreißigjährige hatte nicht widerstehen können und knabberte bereits heimlich an einem noch warmen Schokocroissant, während sie versuchte, sich in eine besonders sexy Pose zu verrenken, die ihr irgendwie nicht gelingen wollte, weil die Nähe zur Bettkante sie schon zweimal beinahe selbige mit großem Gepolter hinunterpurzeln lassen hätte, weswegen sie sich schließlich mit einem sinnlichen Lächeln begnügte, das sie nun dem sie erstaunt anschauenden Morgenmuffel schenkte, der ihr heute gar nicht so morgenmuffelig erschien wie sonst immer, wenn die Arbeit rief und er noch nicht die erste Tasse Kaffee intus hatte, vor welcher man ihn besser nicht ansprechen sollte, wenn man unbeschadet über den Tag kommen wollte.

Und diese von Herzen kommende Botschaft seiner Traumprinzessin traf auch direkt ins Schwarze. Schokobeschmierte Lippen küsste er nämlich am liebsten, nicht nur wenn er gerade erst wach geworden war, und das tat er dann auch mit äußerster Hingabe, welche dann doch dazu führte, dass Gretchen mitsamt der Bettdecke und dem bedrohlich wackelnden Tablett fast vom Bett gerutscht wäre, wenn Marc sie nicht rechtzeitig gepackt und in seine starken Arme gezogen hätte, aus denen er sie in nächster Zeit nicht wieder entlassen würde, egal, was der Wecker auf Gretchens Nachtschränkchen zu vermelden hatte. Haasenzahn sah nun mal zum Vernaschen süß aus mit ihren wild verwuschelten Locken und der sinnlichen Schokoschnute, die das schönste Lächeln der Welt zierte, und nur in sein hellblaues Lacoste-Hemd gehüllt, das ihr kaum über ihren äußerst ansehnlichen Po reichte, auf welchem er nur allzu gerne seine beiden talentierten Chirurgenhände positioniert hätte. Marcs sämtliche Sinne waren geweckt und nicht nur die. Und das lag ganz bestimmt nicht nur am Kaffeeduft, der verführerisch in der Luft lag und die Lebensgeister anregte.

Marc: Mhm... so wird man(n) doch gerne geweckt. Womit hab ich das denn verdient?
Gretchen (kuschelt sich verschmust an seinen bettwarmen Körper u. guckt ihm dabei schwer verliebt in die sie frech anfunkelnden Augen, die sich in ihren verhaken): Guten Morgen, mein Schatz! Ich wollte dir einen angenehmen Start in deinen ersten Arbeitstag bereiten. Weil du doch heute wieder im Krankenhaus anfängst. Und weil du heute Nacht unbedingt darauf bestanden hast, dich um die Kinder zu kümmern, obwohl ich gesagt habe, dass ich das übernehme, damit du heute Morgen ausgeschlafen und fit für die Arbeit bist.
Marc (schmunzelt u. ist hingerissen von seinem persönlichen Goldengel, der unbedingt geküsst gehört): Das bin ich doch immer. Ich bin Chirurg. Das hab ich mir antrainiert. Ich komme auch ohne aus. Hiermit aber nicht.
Gretchen (kichert nun ebenfalls, als sich ihre Lippen ganz sachte berühren): Das hab ich gemerkt, als ich vorhin versucht habe, den Stein wach zu bekommen.

Ach? Deshalb hat der olle Camper so gewackelt? Und ich dachte, das liegt an etwas anderem. Hähä!

Marc (kratzt sich verwundert hinter dem Ohr u. stellt sich vor, was sie beim Weckversuch alles angestellt haben könnte): Hast du?
Gretchen (nickt lachend): Hm, ich hab halt gedacht, ich gebe damit etwas zurück.
Marc (ist einmal mehr fasziniert von dem sinnlichen u. herzensguten Wesen in seinen Armen): Du... bist unglaublich. Wie lange wuselst du denn hier schon heute Morgen herum? Es ist noch nicht mal sechs.
Gretchen (flunkert nicht sehr überzeugend): Fünf Minuten.
Marc (sieht es ihr an): Sicher? Die Aufbackbrötchen dampfen noch und ein guter Kaffee zieht gewöhnlich...
Gretchen (wird direkt rot u. will kein großes Ding darum machen): Marc!
Marc (lacht u. kann nicht widerstehen, sie ein kleinwenig aufzuziehen): Okay! Aber dir ist schon bewusst, dass ich vor zehn nichts runterbekomme? Wie lange leben wir jetzt schon zusammen und wie oft hast du mich da ausgiebig frühstücken sehen? Dir dabei zuzuschauen, wie du dir dein fünftes Nutellabrötchen schmierst, zählt dabei nicht.
Gretchen (ertappt richtet sie ihren Blick auf das Tablett): Ähm...

Ups! Aber mir ging es doch hauptsächlich um den Moment. Nur wir zwei. Kuschelnd im noch warmen Bett, bevor du losmusst. Eigentlich will ich gar nicht, dass du gehst. Aber die Patienten brauchen dich. Und Papa sowieso. Der muss dringend einen Gang runterschalten, so auf Strom, wie er gerade ist. Das ist nicht gut für sein Herz und für Mamas auch nicht.

Marc (lächelt wissend, während er ihr liebevoll mit dem Zeigefinger den Schokorest vom Mund wischt u. sich damit dann über seine Lippen fährt, bevor er anschließend nach seinem Kaffeepot greift u. vorsichtig daran nippt): Schon gut, Haasenzahn, danke! Der Kaffee ist dir echt klasse gelungen. Jetzt noch eine Zigarette und der Tag ist gerettet.
Gretchen (aus ihren Gedanken gerissen schaut sie ihn ganz verdattert an): Marc!
Marc (lacht): Spaß! Du weißt doch, dass ich mir die Dinger verkneife und je länger ich das tue, umso besser klappt es auch. Die alte Gewohnheit bleibt aber im Gedächtnis. Das ist ein Automatismus. So wie du dir dein Schokocroissant auch nicht verkneifen kannst.
Gretchen (trotzig): Kann ich wohl!
Marc: Und wie kommen dann die verräterischen Schokospuren an deinen Mund, hm? Also, die Zahnfee war das nicht, die schlägt eher Alarm, wenn sie dich so sieht. Aber ich kann das gerne noch einmal näher untersuchen. Ich bin Arzt, ich darf das.

...zwinkerte Marc der Schokoholikerin schelmisch zu, die trotzig ihre Arme um sein seidenweiches hellblaues Hemd geschlungen hatte, welches sie vorhin heimlich aus seiner Schrankseite stibitzt hatte, um es während seiner Abwesenheit den ganzen Tag und darüber hinaus zu tragen. Konsequent wollte die Schmollprinzessin seinen Detektivaugen ausweichen, was ihr aber nicht gelang, weil er immer wieder neckisch ihren Blick suchte, bis sie es nicht mehr länger aushalten konnte und loslachen musste. Das war Marc Genugtuung genug. Er hörte auf, sie zu ärgern, legte zärtlich seinen Arm um ihre Schulter, um sich mit ihr ans Kopfende des Bettes zu schmiegen, und schnappte sich dann noch einmal die verführerisch dampfende Kaffeetasse vom Frühstückstablett. Genießerisch seufzend genehmigte sich der Oberarzt einen Schluck nach dem anderen, bis die Tasse mit seinem rettenden Koffeinspender leer war. Sehr zum Wohlwollen von Gretchen, die den kaffeesüchtigen Mediziner kichernd von der Seite beobachtete, während sie sich sein prägnantes Seitenprofil einprägte. Für die Stunden, die sie bald ohne ihren Traumprinzen verbringen würde. Ihr Herz wurde merklich schwer, als sie daran dachte und doch freute sie sich mit ihm mit. Die Arbeit als Chirurg war ein Teil von ihm, genauso wie von ihr auch, und sie spürte den Elan und die kindliche Freude in seinen Augen, die sie fröhlich von der Seite anfunkelten, um zu erforschen, was der süße Blondschopf wohl gerade schon wieder dachte.

Marc: Also, wenn ich gewusst hätte, dass mich so ein Service erwarten würde, hätte ich meinen Dienst schon eher vorgezogen.
Gretchen (grient ihn wissend an): Gar nicht!
Marc (stellt die leere Kaffeetasse wieder zurück aufs Tablett, hebt dieses vom Bett herunter u. stellt es auf sein Nachtschränkchen, dann schaut er seiner Freundin schließlich tief in die Augen, die ihn nicht eine Sekunde losgelassen haben): Hm... Vielleicht... auch... nicht. Irgendwie fühlt es sich komisch an, gleich loszumüssen. Irgendwie nicht real. Wie in einem anderen Leben. Ganz weit weg. Ich hab mich irgendwie an den Ist-Zustand gewöhnt.
Gretchen (lächelt ihn glücklich an, als er das sagt): Ich glaube, wir waren noch nie so lange zusammen. Ich meine, die ganze Zeit, ohne Unterbrechung, nur auf einem Fleck und ohne uns anzunerven.

Ich hätte auch nie gedacht, dass es so sein könnte. So schön, lässig und entspannt. Mal abgesehen von der musikalischen Untermalung unserer nicht musikalischen Kinder, die immer genau den richtigen Moment erwischen, um uns herauszufordern. Mhm... meine Gene!

Marc (um nicht zu zeigen, dass es ihm ähnlich geht, neckt er sie wieder zärtlich): Das will schon was heißen. Bekomme ich jetzt dafür einen Durchhalteorden oder einen Bienchenstempel in mein Poesiealbum?
Gretchen (hat ihn direkt durchschaut u. spielt gerne mit): Ich wusste gar nicht, dass du eins führst, aber wenn du magst?
Marc (schaut sie gespielt empört an): Hey, nicht frech werden! Das ist mein Job.
Gretchen (grient ihn zuckersüß an): Du hast damit angefangen.
Marc (reckt beide Arme in die Höhe u. lacht aus ganzem Herzen): Schuldig im Sinne der Anklage.
Gretchen (hält plötzlich inne u. blickt ihm tief bewegt in die Augen): Marc, das waren ehrlich die glücklichsten und schönsten Wochen meines Lebens. Ich wünschte, es könnte ewig so weitergehen.
Marc (strahlt sie an, weil er genauso fühlt): Das wird es und es wird noch besser werden.
Gretchen (gefangen von seinem intensiven Blick): Ja?
Marc (schaut aufgewühlt in ihren himmelblauen Augen hin u. her): Na logo, aber so was von.
Gretchen (lächelt, aber kann sich ein kleines Tränchen nicht verkneifen, das ihr über die Wange kullert): Wir werden dich vermissen.
Marc (küsst ihr die einzelne Träne von der Wange u. sieht Gretchen danach eindringlich an): Hey, das hört sich wie Abschied an. Das ist aber kein Abschied. Ich bin doch gar nicht aus der Welt.
Gretchen (die Schleusenöffnung ist nun nicht mehr aufzuhalten): Aus unserer schon.

Och menno! Jetzt muss ich doch weinen. Dabei hab ich mich doch den ganzen Morgen zusammengerissen. Ich will doch stark sein. Für ihn. Für unsere Wundersterne. Für mich. Ich will nicht, dass er denken könnte, ich würde hier den ganzen Tag nur weinend auf ihn warten.

Och nee, nee, nee, nee! Du heulst jetzt nicht, Haasenzahn! Nicht deswegen. Sonst kann ich hier nicht weg.


Marc (zieht seine Heulsuse fest in seine Arme, um sie zu trösten): Ach, die paar Stunden werden wir schon schaffen. Ich hätte auch nie gedacht, wie schwer es mir fallen würde, euch hier zurückzulassen. Ich würde euch am liebsten einpacken und mitnehmen. Das EKH ist schließlich unser zweites Zuhause. An das sollen sie sich gleich schon mal gewöhnen.
Gretchen (Marcs Aufmunterungsrezept wirkt auf der Stelle): Das käme unter Umständen etwas komisch, wo doch im OP schon so wenig Platz ist und so kleine OP-Kleidung gibt es gar nicht.
Marc (merkt zufrieden, dass sie wieder lachen kann): Doch! Die hab ich doch aus den Staaten extra mitgebracht. In Baby-XXXS. Da wachsen sie noch rein und dann können wir gemeinsam loslegen. Oder aber ich baue den OP-Tisch gleich hier auf. Im Loft haben wir doch genügend Platz für die ganze Mischpoke. Wobei, auf den einen oder die andere könnte ich echt gerne verzichten.
Gretchen (kann nicht anders, als laut loszukichern, während sie ihren Lockenkopf an seine Halsbeuge schmiegt): Ja, klar, du Spinner!
Marc (funkelt sie an, während er ihr zärtlich ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht streicht): Hey, don’t hassel the Hoff! Sonst muss der Herr Doktor seine feinfühligen Chirurgenfinger noch anderweitig zum Einsatz bringen. Obwohl, interessanter Vorschlag. Ist eingeloggt.
Gretchen (sieht schockiert zu ihm hoch u. trifft auf einen sehr entschlossen wirkenden Blick, der nur eines bedeutet): Wehe!
Marc: Mhm, das ist mein Stichwort. Du hast es nicht anders gewollt, Frau Dr. Haase. Ab in den OP! Doktorspielchen, bevor es ernst wird!

...grinste Dr. Meier seine sichtlich empört dreinblickende Partnerin ganz verschlagen an. Er wartete noch kurz den Überraschungsmoment ab und stürzte sich schließlich mit Inbrunst auf sie. Gegenwehr war nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Kaum hatte er sich versehen, da hatte ihn die Wildkatze schon herumgewirbelt und küsste ihn um den Verstand. Bald wusste er nicht mehr, wo oben und unten war und das Karussell nahm in Lichtgeschwindigkeit immer mehr Fahrt auf. Und nicht nur ihm war ganz schwindelig zumute, als er einige Minuten später seine flackernden Augenlider wieder aufmachte und auf das von der Morgensonne angestrahlte güldene Lockenmeer blickte, das sich auf seiner nackten Brust in seiner ganzen seidigweichen Anmut ausgebreitet hatte, dass man gar nicht anders konnte, als mit allen zehn Fingern hineinzugreifen, um zu ertasten, ob es wirklich real war und das war es. Und wie. Wie reinste Seide fühlte es sich an. Er spürte Gretchens schnellen Herzschlag direkt auf seiner Haut und der sinnliche Blick, mit dem sie erschöpft, aber glücklich zu ihm hochguckte, ließ auch sein Herz noch ein paar Pirouetten mehr drehen. Marc hatte sich entschieden. Nichts und niemand auf der Welt würde ihn jetzt von hier wegbewegen können. Es gab nur einen Ort auf diesem Planeten, wo er jetzt in diesem Moment sein wollte. Hier bei ihr. Bei Haasenzahn. Der Frau, mit der er jeden noch so kleinen Augenblick seines Lebens teilen wollte.

Aber wie das so war mit den eigenen Wunschträumen, ihre Halbwertzeit hielt nur so lange an, bis der Verstand sich wieder einschaltete. Und die Vernunft klopfte schneller wieder an die Tür, als man es vermutet hätte. Wobei, inwiefern ein hässlicher, von einem handwerklich unbegabten Vater für seine dauerunglücklich verliebte Teenytochter zusammengewerkelter Wecker, der nervtötend in Dauerschleife „Aufstehen, Traumfrau, aufstehen!“ säuselte, etwas mit Vernunft zu tun hatte, das zweifelte der Oberarzt im Liebesrausch dann doch gewaltig an. Und Gretchen brauchte einiges an Überredungskunst, um den liebestrunkenen Chirurgen aus dem gemeinsamen Bett zu bewegen. Dass sie sich nackt, wie Gott, dieser unvergleichliche Künstler, sie geschaffen hatte, aus seinen Armen herauszuwinden versuchte, war dabei nicht gerade hilfreich. Diese äußerst verlockende Tatsache regte Marcs Sinne auf ganz andere, nicht gerade jugendfreie Art und Weise an, sodass Dr. Haase zu härteren Bandagen greifen musste, was gar nicht so einfach war. In Dr. Meier hatte sie schließlich ihren Meister gefunden, der dies natürlich wie immer genüsslich auszukosten verstand.

Gretchen: Marc, du musst los. Du willst doch bestimmt nicht an deinem ersten Arbeitstag zu spät kommen?
Marc (wackelt vieldeutig mit den Augenbrauen, während er sich wieder gefährlich über sie beugt): Glaub mir, Haasenzahn, wenn Dr. Meier kommt, dann ganz bestimmt nicht zu spät. Er kommt genau dann, wenn es darauf ankommt.
Gretchen (guckt ihn sichtlich empört an, während sie ihn mit beiden Händen auf Sicherheitsabstand hält): Boah, Marc, du solltest dich mal hören! Das... das ist jetzt wirklich nicht angebracht.
Marc (kann einfach nicht damit aufhören, das aufregende Spiel, sie zu provozieren, immer weiter voranzutreiben): Nicht? Hm... Wer hat denn damit angefangen?
Gretchen (neigt schwer dazu, seinem unwiderstehlichen Charme zu erliegen): Also, ich... ich nicht.
Marc (lacht u. ist hingerissen davon, wie sehr sie sich windet): Ansichtssache, Haasenzahn, Ansichtssache. Apropos... (er riskiert einen weiteren Blick unter die Bettdecke u. genießt das, was er sieht) ... Ich glaube, wir haben immer noch etwas nachzuholen, jetzt, wo die Sittenpolizei ausnahmsweise mal nicht zur Stelle ist und gleich Alarm schlägt.
Gretchen (seine feurigen Blicke, mit denen er sie zu verführen versucht, machen sie sichtlich nervös): Maaarc, bitte!
Marc: Dein Wunsch ist mir wie immer Befehl. Ich richte mich da ganz nach dir. Ich weiß ja, dass du weißt, was du da tust.

Boah, dieser unmögliche Kerl! Muss er denn ausgerechnet jetzt so... so... so sein? Mir fehlen da echt die Worte. Er macht mich ganz wuschig, wenn er mich so ansieht. Hilfe!

Marc genoss es sichtlich, mit dem Feuer zu spielen. Er liebte es, Gretchens Temperament in den unmöglichsten Situationen herauszukitzeln. Und ihr sich immer rötlicher verfärbendes Gesicht war einfach nur göttlich anzusehen und auch das, was man so unter der Bettdecke erkunden konnte, war definitiv einen weiteren Blick wert, der sich zu riskieren lohnte. Gretchen kämpfte indes schwer mit sich, seinen sich zärtlich vorantastenden Händen und seinen feurigen Küssen zu entkommen, aber einer von beiden musste schließlich vernünftig bleiben, wenn sie keinen Ärger mit ihrem Chef, der gleichzeitig ihr Vater war und in weniger als einer Stunde fest mit Dr. Meiers Rückkehr rechnete, riskieren wollten. Also nahm die mutterschutzbeurlaubte Stationsärztin ihre letzten Kräfte zusammen, zwickte den dreisten Verführer fest in die Seite, als er am wenigsten damit gerechnet hatte, da er gerade seinen nächsten Frontalangriff wagen wollte, und kullerte sich wenig kunstvoll mit lautem Gepolter vom Bett. Schnell schnappte sie sich ein paar Sachen aus dem Kleiderschrank und flitzte dann damit die Treppe hinunter, bevor Marc sie erwischen konnte, der mit Grinsegesicht auf der obersten Stufe stehen geblieben war und seiner flüchtenden Freundin amüsiert hinterherschaute.

Gretchen: Marc, jetzt aber wirklich! Ab unter die Dusche, Zähne putzen und dann Abmarsch in die Klinik!
Marc (amüsiert sich königlich über ihren herrlichen comedyreifen Abgang, der überhaupt nicht zu ihrem niedlichen herrischen Tonfall passt): Ja, Mutti!
Gretchen: Ey!

...funkelte Gretchen empört noch einmal zu dem Provokateur im Schlafzimmer hoch und ärgerte sich dabei maßlos darüber, wie lässig er am Treppengeländer lehnte und sie auf diese typische Art und Weise angriente, die sie immer ganz wuschig machte. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass sie ihn endlich loswurde. Denn Marcs Anblick, nackt wie Gott, Elke Fisher und Olivier Meier ihn geschaffen hatten, brachte sie ziemlich durcheinander. So durcheinander, dass sie erst auf den zweiten Blick bemerkte, weshalb er sie die ganze Zeit so unerträglich penetrant von oben angrinste, ohne dabei etwas Neunmalkluges zu erwidern, was man sonst so von ihm gewohnt war. Langsam guckte sie an sich herunter und wusste endlich, wieso. Sie hatte sich nämlich auch noch nicht angezogen. Mit hochrotem Kopf drehte sich die Einunddreißigjährige auf der Stelle um und versteckte sich vor den schmachtenden Blicken ihres unverschämten Freundes im Kinderzimmer, wo er ihr kurz darauf schließlich Gesellschaft leistete. Diesmal jedoch nicht im Adamskostüm, das ihm bekanntlich außerordentlich gut stand, sondern geschniegelt und gestriegelt und in den attraktiven leitenden Oberarzt der chirurgischen Station des Berliner Elisabethkrankenhauses verwandelt, den sie über alle Maßen liebte und verehrte.

Marc: Und? Wieder eingekriegt? Kann ich mich so sehen lassen oder muss ich noch die Sittenpolizei um Rat fragen, hm?
Gretchen (schaut ihn gebannt an): Jetzt, ja.
Marc (wagt noch einen letzten vergeblichen Flirtversuch, der seine frechen Grübchen tanzen lässt): Schade, eigentlich hab ich gehofft, dass du mir die Klamotten noch mal vom Leib reißt.

Gretchen hatte es für einen kurzen Moment die Sprache verschlagen. Denn Marc sah unverschämt gut aus. Frisch geduscht, rasiert, die Haare leicht nach hinten gekämmt. Eine widerspenstige Strähne fiel ihm immer wieder neckisch in die Stirn, was ihm diesen besonderen jugendlichen Charme verlieh, den sie so sehr an Deutschlands ehemals jüngsten Oberarzt mochte. Sie konnte nicht widerstehen und strich ihm einmal sanft durchs Haar, bevor sie ihm den Kragen seines hellblauen Designerhemdes zurechtrückte. Eben jenes Hemdes, das sie vorhin noch selber getragen hatte, einerseits, um ihn zu provozieren und verführerisch aus den Schlaf zu locken, andererseits, weil sie so gerne seine Hemden anzog, jetzt, wo sie fast wieder hineinpasste. Erstaunt über seine Kleiderwahl blickte sie ihrem Traumprinzen in die Augen, die ihren Blick neckisch gesucht hatten. Gretchen war so gerührt, dass sie ihre Tränen schon wieder kaum zurückhalten konnte.

Gretchen (haucht leise seinen Namen): Marc!
Marc (merkt, wie aufgewühlt sie plötzlich ist u. versucht, sie mit einem frechen Spruch aus der Reserve zu locken): Damit ich zumindest etwas von dir habe, wenn du schon nicht hautnah und zum Anfassen dabei sein kannst. Ich hab mir überlegt, dass ich von den Zwergen auch noch was klaue, die Schnuller vielleicht, und sie in meine Kitteltaschen packe, aber das wäre vielleicht doch gemein, wo sie doch immer so viel zu meckern haben und ich will es dir nicht noch schwerer machen, als es eh schon ist. Ohne diese beiden talentierten Hände hier als zusätzliche Stütze.
Gretchen (grinst ihn wissend an u. schmiegt sich an seine Seite): Gar nicht.
Marc (schaut bewegt in das Bettchen seiner Zwillinge u. hält ihnen seine Finger hin): Ich weiß nicht, ob mich das beunruhigen soll, dass sie auf einmal einträchtig ihre Schnuten halten.
Gretchen (beobachtet ihn gerührt): Sie sind aber wach.
Marc (guckt schelmisch zur Seite): Wer wäre das nicht bei der hübschen Mama.
Gretchen (fühlt sich direkt geschmeichelt u. klammert sich noch inniger an seinen Arm): Maaarc!
Marc (schaut zusammen mit Gretchen auf die gemeinsamen Kinder u. spürt plötzlich ein nie gekanntes Engegefühl in der Brust, das ihn überrumpelt): Denkst du, ihr kommt klar? Noch könnte ich alles abblasen. Ich glaube, Franz würde es verstehen, wenn er nicht sogar selber mit mir tauschen wollen würde, um hier die Stellung zu halten.
Gretchen (ist sehr gerührt von seinem Vorschlag, versucht aber die Ernsthaftigkeit zu bewahren): Ich weiß. Er konnte sich gestern ja auch nur schwer von den Kleinen trennen, als wir nach Hause wollten, weil du ja versprochen hattest, auch noch bei deinen Eltern vorbeizuschauen. Es war so süß, ihn so vernarrt zu sehen. Er liebt es, Opa zu sein. Ich glaube, er hätte noch stundenlang mit den beiden auf unserem alten Teppich herumlungern können. Es war so ein schöner Tag bei meinen Eltern. Ich hab das echt vermisst.
Marc (stimmt ihr ohne Worte zu): Also, was ist? Ein Anruf und...

Nein, das können wir nicht machen. Papa verlässt sich auf ihn und ich mich auf ihn.

Gretchen: ...und man wartet auf dich. Wir drei machen uns hier einen schönen Tag, oder Marlon und Lenchen? Genau! Guck, wie sie uns anstrahlen! Sie freuen sich auch.
Marc (seufzt u. sein Herz fühlt sich plötzlich wie ein tonnenschwerer Klumpen Materie an): Das macht es auch nicht gerade leichter.
Gretchen (drückt liebevoll seine Hand): Hey! Heute Nachmittag hast du uns doch schon wieder. Die Zeit wird wie im Fluge vergehen, du weißt doch, wie das im Krankenhaus immer ist, und schon kuscheln wir wieder auf dem Teppich.
Marc: Dafür müssten wir erst einmal so einen Staubfänger haben, wie ihn deine Mutter bei sich zu Hause für guten Geschmack hält, was er definitiv nicht ist.
Gretchen (grinst mit ihm mit): Dann eben die Decke.
Marc (kann nicht anders, als mit der süßesten Mami der Welt mit zu schmunzeln): Okay, ich nehme dich beim Wort. Date mit den Kids vorm Kamin. Ist eingeloggt. Und wie sieht dein Notfallplan aus?
Gretchen: Es gibt keinen.
Marc (schaut sie ganz verdattert an): Bitte? Und wozu hast du dann neulich meine Tafel vollgekritzelt? Ich dachte, deine Mutter wollte vorbeischauen und dir helfen? Die lag dir doch damit gestern die ganze Zeit in den Ohren.
Gretchen: Ja, schon, aber da wusste sie ja auch noch nicht, dass Jochen und Celinchen krank sind. Sie wollte gleich heute Morgen mit ihrem Rundumsorglospaket bei Chantal vorbeischauen, um sie aufzupäppeln. Du weißt doch, wie skeptisch unser Vater geguckt hat. Er denkt mal wieder, Jochen würde simulieren und die Uni schwänzen wollen. Dabei hat die noch gar nicht richtig angefangen. In der ersten Vorlesung des neuen Semesters passiert doch eh noch nicht viel, außer dass man sich in die Listen einträgt. Jedenfalls, damit du beruhigt bist, Elke hat mich auf dem Schirm, falls was sein sollte, was ich aber nicht glaube. Wir Drei wuppen das schon.
Marc (fährt sich unbehaglich mit einer Hand über die linke Brust): Ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll, dass du dich ausgerechnet auf meine Mutter verlässt. Mit ihr ist man in der Regel eher verlassen. Und Dad hat doch heute seinen OP-Marathon. Domino-Transplantation. Den ganzen Tag. Da könnte man glatt neidisch werden, wenn er sie für uns organisiert und nicht für die blöde, blöde Charité geplant hätte. Wird echt Zeit, dass unser neuer Anbau endlich fertig wird. Dann klauen wir ihnen die geilen OPs.

Mann, mir gefällt das echt nicht. Mutter kriegt doch gar nichts mit, was um sie herum passiert, wenn sie mitten in ihrem kreativen Prozess steckt.

Gretchen (schaut ihn ganz entschlossen an): Tue ich aber. Du hast doch gestern gesehen, wie vernarrt sie in ihre Enkelchen ist. Komm, du musst jetzt wirklich los, Marc, wenn du rechtzeitig zum Schichtwechsel in der Klinik sein willst. Alles ist gut. Heute ist ein wunderbarer Tag, um Leben zu retten.
Marc (sieht sie ganz amüsiert an): Bitte? Das hört sich an, wie aus einem Kitschroman entnommen. Warst du wieder heimlich am Bücherregal meiner Mutter? Ich sehe es schon kommen und du wirst zu ihrer Co-Lektorin degradiert, während sie ihren Enkeln aus den deutschen Klassikern vorträgt. Gott, bewahre!
Gretchen (schmiegt sich kichernd in seine Arme): Nein, ich wollte das nur schon immer mal sagen.
Marc (bleibt misstrauisch): Aha? Fehlt eigentlich nur noch, dass du mir einen guten Tag wünschst und mir ein Fresspaket in die Hand drückst.
Gretchen (versucht, möglichst ernst auszuschauen, während sie ihm direkt in die Augen sieht): Woher du das schon wieder weißt?
Marc (guckt sie ganz entgeistert an): Was? Das ist nicht dein Ernst, Gretchen?
Gretchen (lacht): Spaß! Aber ich hab kurzzeitig darüber nachgedacht. Mama hat uns doch gestern die Reste vom Sonntagsessen mitgegeben. Also, wenn du willst, packe ich dir schnell noch eine Tupperdose? Ich könnte dir aber auch ne Stulle schmieren?

Oh Gott, ich wusste, dass das irgendwann passieren könnte, aber sie verwandelt sich doch jetzt nicht wirklich ernsthaft in ihre eigene Mutter? Das Heimchen am Herd steht ihr gar nicht, zumal das auch noch verdammt noch mal mordsgefährlich ist bei ihrem Hang für Tollpatschigkeiten aller Art. Ey, funktionieren die Brandmelder an der Decke eigentlich noch? Das hätte ich vorher checken müssen. Sorry, aber ich kann hier echt nicht weg.

Marc (hebt seinen Oberlehrerzeigefinger u. wedelt damit bedrohlich vor ihrer süßen Nasenspitze herum): Untersteh dich! Kommt gar nicht in die Tüte, dass du dich auf deinem süßen Hinterteil ausruhst, nur weil du gerade nicht zurück in die Klinik kannst, um dich dort ständig überall ungefragt einzumischen. Du bist in erster Linie Chirurgin und kein Hausmütterchen, das hier den Haushalt schmeißt und neue Rezepte aus deinen dämlichen Mädchenzeitschriften ausprobiert, die dann eh nicht schmecken. Ich hab nicht Jahre meines Lebens dafür aufgeopfert, damit du eine einigermaßen anständige Ausbildung bekommst. Ich will nicht, dass du dich verstellst und unter deinen Ansprüchen verweilst. Ich will, dass du so bleibst, wie du bist. Haben wir uns verstanden?
Gott, ist er süß, wenn er sich aufregt. Hach... Ich glaube, ich lasse ihn doch nicht gehen.
Gretchen (legt ihre Arme um seinen Hals u. himmelt ihn unverhohlen an): Wie denn?
Marc (kann diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen): Neurotisch, verplant...
Gretchen (zieht ihm am Hinterkopf an den Haaren): Bin ich gar nicht.
Marc (streicht sich nach der Haasschen Attacke über den Kopf): Au! Leicht reizbar, hab ich noch vergessen, total vorhersehbar, ständig hungrig, tollpatschig natürlich und...
Gretchen (jetzt hebt sie ihren Zeigefinger u. warnt ihn): Pass jetzt bloß auf, was du sagst, mein Lieber!
Marc (nimmt die Herausforderung gerne an): ...die beste Mama für unsere Zwillinge, die ich mir nur vorstellen kann. Ich weiß, dass du das hier hinbekommst. Du hast schon so viel mehr hinbekommen. Deinen Facharzt. Du bist Mehdi losgeworden. Du hast deinen kleinen Bruder großgezogen und hast in ihm so was wie Ehrgeiz geweckt. Und das Wichtigste, du hast mich rumbekommen.

Was ja auch die schwierigste Herausforderung von allen war, weil du dir das mit uns so lange nicht eingestehen wolltest, mein Lieber.

Gretchen (ist einmal mehr überrascht von ihrem Märchenprinzen u. fällt ihm wieder um den Hals): Ach Marc, das war jetzt so lieb von dir. Mach, dass du hier raus kommst, sonst muss ich noch weinen!
Marc (stupst sie frech an die Nasenspitze an): Tust du das nicht sowieso ständig? Die Zwerge wundern sich schon, dass du mehr heulst als sie.
Gretchen (funkelt ihn an u. will ihn zur Tür schieben, kann seinem Charme aber nicht widerstehen): Hey!
Marc (lacht u. widmet sich nun ausgiebig seinen Zwillingen, die er nacheinander liebevoll hochhebt u. an sich drückt, um sich dann schweren Herzens von ihnen zu verabschieden): Aber gut, und ihr beiden, ihr passt mir schön auf die Mama auf! Dass hier keine wildfremden Typen oder irgendwelche Irren an der Tür klingeln und ihr irgendwelche Verträge oder was auch immer andrehen. Ihr wisst doch, wie gutgläubig sie immer ist. Und dass sie sich nicht überanstrengen soll. Ihr wisst, dass sie dazu neigt. Frauen und Multitasking und so. Das ist, aber das verrate ich nur euch, ein Märchen. Diese Superkraft, von der die Genderindustrie immer redet, die existiert nicht. Das liegt in eurer Verantwortung. Also, schön brav bleiben, ja! Nicht zu viel weinen und sich beschweren! Die Mama kümmert sich doch und der Papa ist bald zurück. Versprochen! Ich helfe nur ein bisschen eurem Opa bei ein paar Notfällen, die hoffentlich spektakulär genug sind, damit sich der Aufwand lohnt, dann bin ich auch schon wieder hier. Die meiste Zeit verpennt ihr doch sowieso. Von dem her bin ich eigentlich gar nicht weg gewesen.

Mit immer schwerer werdendem Herzen beugte sich der frisch gebackene Familienvater noch einmal über die Wiege seiner Zwillinge, die ihrem Papa neugierig entgegenschauten, drückte jedem von beiden noch ein kleines Küsschen auf die Stirn, strich mit seinen Händen über die strampelnden Füßchen, die hibbelig in die Höhe gereckt wurden und drehte sich dann um, um zu gehen. Länger hätte er es nämlich nicht mehr ausgehalten, dann wäre auch er in Tränen ausgebrochen, was überhaupt nicht seine Art gewesen wäre. Schon gar nicht vor den Kindern. Schließlich heulten Männer nicht. Mehdi vielleicht schon. Wer mit der Kragenow zusammen sein musste und die zweitsüßesten Kinder der Welt hatte, durfte das. Aber er nicht. Helden und Chirurgen flennten nicht! Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

Mit wissendem Lächeln folgte Gretchen ihrem wehmütigen Freund zur Wohnungstür, dessen Klinke er bereits heruntergedrückt hatte. Sie hielt ihm seine Jacke hin. Er nahm sie mit einem schwachen Lächeln dankbar entgegen, schlüpfte elegant hinein und schnappte sich dann seine Arzttasche, die er sich quer über die Schulter hängte. Und bevor er reagieren und seine Freundin zum Abschied noch einmal innig an sich ziehen konnte, hatte diese sich schon sehnsüchtig in seine Arme geschmissen und drückte ihm einen süßen Kuss auf die Lippen, der auf dem Weg zum Krankenhaus noch lange nachhallen würde.

Gretchen: Ich wünsche dir einen schönen Tag, Marc.
Marc (grinst sie zufrieden an): Also doch! Jetzt hörst du dich doch an wie eine dieser verträumten Jungfern in einem von Mutters Groschenromanen oder in einer dieser schlecht synchronisierten Arztserien, die von der Realität in einem echten Krankenhaus wie unserem so weit entfernt sind wie die Milchstraße vom Ku’damm.
Gretchen (schaut ihm keck ins Grinsegesicht): Ich will doch nur die Erwartungen erfüllen, Herr Doktor.
Marc (kann seinen Blick nicht von seiner frechen Freundin lösen): Das hoffe ich doch, Frau Doktor.
Gretchen (stellt sich noch einmal auf die Zehenspitzen u. beugt sich zu einem letzten Abschiedskuss auf die Wange zu ihm rüber): Erzählst du mir dann von deinem Tag, von deinen Operationen, den Patienten?
Marc (spürt einmal mehr, wie verknallt er in sie ist, was er sich eigentlich nicht anmerken lassen will, aber sie merkt es trotzdem): Selbstverständlich. Ich bin zwar nicht mehr dein Ausbilder, aber immer noch verantwortlich, dass du auf dem Laufenden bleibst.
Gretchen (kichert verliebt): Mach mich stolz, mein Held! Und grüß mir Sabine bitte schön von mir!

Marc zwinkerte Gretchen ein letztes Mal vielsagend zu, was das Lächeln in ihrem bildschönen Gesicht nur noch größer und ansteckender machte. Und mit diesem lächelnden Gesicht vor Augen, das ihn über den Tag begleiten würde, schloss der Chirurg schließlich die Tür hinter sich und Gretchen war von nun an auf sich alleine gestellt mit ihren beiden Kindern, die auch irgendwie spürten, dass irgendetwas anders war als sonst. Aber es beunruhigte sie nicht, denn sie hatten immer noch die lustige Stimme ihres Papas im Ohr, als sie fast zeitgleich mit ausgestreckten Ärmchen nebeneinander einschliefen und zumindest ihrer Mama einen angenehmen Start in die neue Woche bereiteten.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


Beiträge: 9.350

22.04.2019 10:23
#1645 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Auch für Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens weltbester Chirurgengott und Superdaddy in Personalunion, schien der Start in die erste Arbeitswoche seit langem relativ entspannt zu verlaufen. Zumindest so lange, bis der gutgelaunte Oberarzt, dessen vorfreudiges Grinsen, das sich bis zu seinen Ohrläppchen erstreckte, sogar auf den sonst so griesgrämig dreinblickenden Pförtner am Eingangstor ansteckend wirkte, mit seiner dunklen Familienlimousine die Parkflächen auf dem Klinikgelände erreicht hatte. Denn diese waren nämlich zu seiner großen Verwunderung ausnahmslos belegt. Auch diejenige mit seinem nicht zu übersehenden Namensschild drauf, was eigentlich überhaupt nicht sein konnte und Marc natürlich nicht auf sich sitzen lassen wollte. Auch wenn er verdienterweise kurz eine kleine und sehr befriedigende Auszeit für seine neu gegründete Familie genommen hatte, hieß das nicht, dass jeder, der weniger verdiente als er, jetzt machen konnte, was er wollte. Im Sinne von, kaum war der Kater aus dem Haus, tanzten die Mäuse auf den OP-Tischen. Aber nicht mit Dr. Meier! Er war immer noch der leitende Chef der Chirurgie, der Prestigeabteilung des Hauses, welche die ganz dicken Scheine reinbrachte, und der sollte gefällig in der ersten Reihe parken, wo er auch seinem Rang entsprechend hingehörte. Das war oberstes Gesetz und das wusste jeder, der sich nicht traute, sich unbedacht mit ihm anzulegen, was sich erfahrungsgemäß nur zu seinem Nachteil auswirken konnte. Und so kam es, wie es kommen musste. Selbst der hinterste Winkel des Berliner Elisabethkrankenhauses bekam ganz schnell mit, wer ab sofort nicht nur auf Station lautstark und unmissverständlich wieder das Sagen haben würde.

- „Meier, hier!“, fauchte der allseits beliebte Chirurg auch schon, ohne mit der Wimper zu zucken, gewohnt rechthaberisch-charmant in sein gezücktes Handy, während er den Motor seines Wagens nicht gerade umweltbewusst weiterlaufen ließ. - „Sagen Sie der... Jep, genau der oder kennen Sie noch einen? ... Sehr witzig! Ist das hier neuerdings ne Clownsschule oder immer noch das Unfallkrankenhaus Nummer eins in Berlin? ... Das war keine rhetorische Frage, Sie Vollpfosten, das ist ernst gemeint. Sind Sie neu oder grundsätzlich unfähig? Seid wann herrscht denn hier im EKH so ein Schlendrian? Da ist man mal ausnahmsweise zwei Monate weg und dann so was hier. Unfassbar! ... Ich weiß, dass das nicht die Beschwerdestelle ist, verdammt noch mal. Hören Sie mir überhaupt zu? Oder muss ich Ihnen erst mit ner rostigen Pinzette den dicken Schleimpfropfen rauspulen, der ihre eh nicht gerade hellhörigen Lauschorgane okkupiert hält? ... Ob ich was bitte? Das geht Sie gar nichts an. Glauben Sie mir, einen schlechten Tag von mir wollen Sie nicht erleben. ... Stecken Sie sich Ihre schleimige Entschuldigung sonst wohin! Wir sind hier nicht in der Charité, sondern in einem richtigen Krankenhaus. Also, rufen Sie gefälligst endlich die Hassmann aus! Ihr fetter Jaguarhintern blockiert meine Parkbucht. ... Ja, wann denn sonst? Jetzt und nicht in hundert Jahren! Wenn sie nicht in fünf Minuten ihren viel zu engen Bleistiftrock hier runter schwingt, hole ich mir den Abschleppdienst an die Strippe und der kümmert sich dann um die hässliche Midlifecrisis-Karre ihrer schlechteren Hälfte. Wobei, hmm... wäre eigentlich nicht schade drum. So wie die verlotterte Abschleppschleuder vom Stier schon vor sich hinrostet. ... Jep, endlich haben Sie’s kapiert, Gratulation, ich bin jetzt wieder dauerhaft hier. Also passen Sie auf, was Sie sagen und sagen Sie es weiter! Hopp! Los jetzt! Ich hab nicht ewig Zeit. Die Uhr tickt. Nicht nur für die Patienten, die wegen Ihnen jetzt an ner läppischen Sepsis verrecken, weil ich es nicht mehr rechtzeitig auf Station geschafft habe.“

Nachdem er ohne abschließendes Grußwort wieder aufgelegt hatte, tippte Marc ungeduldig mit seinen Fingern auf dem Lenkrad herum und folgte dabei unbemerkt der Melodie des Radiosongs, den er nicht kannte, aber doch leise mitsummte, weil die Vorfreude, endlich wieder als Chirurg Großes leisten zu können und seine minderbegabte Meute auf Station herumscheuchen zu dürfen, größer war als der Ärger, der ihm jeden Moment bevorstehen würde. Denn Dr. Maria Hassmann kam nur kurz nach seinem dringenden „Notruf“ mit wehendem Kittel aus dem Krankenhausgebäude geeilt. Und wenn nicht die Rüttelmaschine auf der Baustelle direkt nebenan für die Erschütterungen ursächlich gewesen wäre, dann hätte man sicherlich an der Art und Weise ihrer großen Stöckelschuhschritte, die sich tief in den jahrzehntealten Berliner Asphalt hämmerten, ablesen können, wie geladen die achtunddreißigjährige Neurochirurgin tatsächlich war, die sich nun mit verschränkten Armen und bitterbösem Blick vor dem in zweiter Reihe haltenden BMW ihres nicht geschätzten Kollegen Meier aufbaute und diesen über den Lärm der Baustellenarbeiten hinweg gewohnt biestig anschnauzte...

Maria: Aber sonst geht’s dir noch gut, Meier?
Marc (freut sich wie ein kleines Kind an Weihnachten auf den gleich bevorstehenden Schlagabtausch mit seiner sehr geschätzten Kollegin u. schenkt ihr ein besonders schadenfrohes Grinsen als Begrüßung, als er langsam die Seitenscheibe herunterlässt): Geht es mir doch immer, wenn ich meine hochgeschätzte Kollegin sehe. Guten Morgen übrigens!
Maria (Meiers unverhohlener Zynismus u. sein provokantes Dauergrinsen bringen die Chirurgin erst so richtig auf Fahrt): Das Gute im Morgen hat sich mit deinem Auftauchen direkt wieder verflüchtigt. Deine falsche Freundlichkeit kannst du dir sonst wohin stecken, Meier. Sag mal, tickst du noch ganz richtig, mich aus der Visite zu holen, nur weil du mit deinem viel zu großen Ego nicht in eine Parklücke passt? Bist du heute Morgen von der Wickelkommode deiner Kinder geplumpst oder leidest du grundsätzlich an Idiotitis? Wobei, den Verdacht hatte ich schon länger, hab mich nur durch Haases Blauäugigkeit etwas davon ablenken lassen. Damit ist aber ab heute Schluss.
Marc (lässt sich durch ihre herrliche Schimpftirade überhaupt nicht aus der Ruhe bringen): Nicht eine, diese!
Maria (starrt ihn an, als hätte sie sich verhört): Wie bitte? Das ist nicht dein Ernst?
Marc (lehnt lässig seinen Arm auf die heruntergelassene Scheibe u. guckt sie völlig unbeeindruckt an): Ich bin Chirurg, ich meine grundsätzlich immer alles ernst, was ich sage und tue. Und im Übrigen wollte ich es dir nur leichter machen.
Maria (ärgert sich, dass sie dem unverschämten Schaumschläger nicht gleich folgen kann): Leichter?
Marc (freut sich still in sich hinein, als der erste Stachel sitzt): Naja, damit du nicht öffentlich zugeben musst, dass du offensichtlich an gravierenden Augenproblemen leidest.
Maria (steht merklich auf dem Schlauch): Augenprobleme?
Marc (genießt die akute Verpeiltheit seiner sonst so wortjonglierenden Kollegin sichtlich u. tritt noch einmal genüsslich nach): Und an Worttourette offenbar auch. Oder wieso wiederholst du ständig, was ich sage? Macht dich irgendwie geistreicher, Frau Kollegin.

Hähä! Hab ich heute eigentlich schon erwähnt, wie geil ich es finde, wieder hier zu sein? Der Spaß hat mir echt gefehlt.

Maria (fühlt sich schrecklich veralbert u. das passt ihr ganz u. gar nicht): Meier, du kannst mich mal!
Marc (schenkt ihr sein schönstes falsches Lächeln, während er mit ausgestrecktem Arm auf die Parkschilder zeigt): Long time ago, war ich mal so kurz umnachtet, dass ich fast... naja... egal. C’est la vie. Jedenfalls würde ich es jetzt damit belassen, wenn du endlich die peinliche Aufreißschleuder von deinem ... Was ist er noch mal? ... Göttergatten aus meiner Parkbucht wuchtest. Die verschandelt nicht nur die Landschaft, sondern versperrt auch die Sicht auf das „Dr. Meier“-Schild. Mhm... Könnte man auch mal wieder polieren. Also, falls du magst? Putzen liegt doch in eurer Veranlagung, nicht?
Maria (dieser Stachel ist einer zu viel u. ihr platzt endgültig der Kragen): Definitiv auf den Kopf gefallen. Ich park doch nicht um, nur weil es dir nicht in den Kram passt. Es ist schon schwierig genug, hier auf dem Gelände überhaupt eine Lücke zu finden. Oder ist dir noch nicht aufgefallen, dass ein Großteil der Parkflächen wegen der Großbaustelle für den Ostflügel weggefallen ist? Park doch vorm Hintereingang! Da hat man extra ein paar zusätzliche Stellen geschaffen und behellige mich nicht damit.
Marc (nimmt ihr die weiteren Ausführungen ab): Na, ich hoffe doch auch genügend Frauenparkplätze, damit du mit deinem ausladenden Hinterteil auch richtig reinpasst. Also, wird das jetzt noch was oder soll ich das für dich übernehmen? Lass mal den Schlüssel rüberwachsen!
Maria (verschränkt abweisend ihre Arme vor ihrem Körper u. bewegt sich nicht vom Fleck): Weil du jetzt, wo du für immer und ewig auf bedienungsfreundliche und Sprit sparende Familienkutschen verdammt bist, so gerne mal wieder mit einem richtigen Sportwagen herumfahren willst, oder was?
Marc (lacht u. beugt sich noch ein kleines Stückchen näher an die Zynikerin heran): Nö! Ich dachte nur, ich bin ausnahmsweise mal nett, da sich doch seit deiner Schwangerschaft deine Dioptrienzahl offenbar merklich verschlechtert hat, wenn du nicht mal mehr die einfachsten Hinweisschilder lesen kannst. Und hier auf den Wegen sind doch auch immer Patienten und Kollegen unterwegs. Safty first, sagt man doch so schön, oder? Und als Mediziner ist man dem doch verpflichtet. Ich kenn da übrigens einen richtig guten Optiker. Der hat meine Mutter richtig gut eingestellt mit ihren Lesehilfen. Ihr seid doch fast ein Alter, oder?

Ich... bring... ihn... um. Ganz langsam, damit wir beide was davon haben. Eigentlich schade, dass ich noch nicht im OP war, dann hätte ich wenigstens ein Skalpell mitnehmen können, mit dem ich ihn in seine winzig kleinsten Bestandteile hätte zerlegen können. Im Anatomiekurs, der heute wieder startet, hätte man bestimmt von ihm Gebrauch machen können. Obwohl, so viel dran ist an dem Angeber sowieso nicht. Je größer das Schandmaul, desto kleiner...

Maria (verzieht keinerlei Miene, während sie überlegt, ob sie sich nicht besser davonstehlen soll, bevor sie noch Ohrenbluten von seinen infantilen Witzen bekommt): Man merkt richtig, dass du lange nicht mehr unter erwachsenen Menschen gewesen bist. Man sollte die Patienten besser vorwarnen.
Marc (genießt ihr resignierendes Gesicht sehr u. mustert die zweifache Mutter meierlike einmal komplett von Kopf bis Fuß): Nö, aber du offenbar auch nicht. Sagt man nicht immer, eine Schwangerschaft bringt erst so richtig einen Charakter zum Erblühen? Du weißt schon, innere Schönheit kippt nach außen, und so. Nur ich weiß nicht, irgendwie siehst du aus wie immer. Vielleicht ist das bei Spätgebärenden anders? Keine Ahnung, kenn mich damit nicht aus. Du bist ja auch schon eine ganze Schippe älter als wir. Bist jedenfalls immer noch genauso kratzbürstig und renitent wie vorher. Worauf der Stier so alles abfährt? Naja, aber die paar Pfunde mehr stehen dir. An dir war ja sonst immer nicht viel dran. Das war vermutlich auch der Grund, wieso ich damals auf der Weihnachtsfeier nicht hartnäckiger drangeblieben bin. Mhm... Erinnerungen. Ich dachte eigentlich, wenn ihr euch schon ein Haus in direkter Nähe zum Elisabethkrankenhaus kauft, wieso läufst du dann nicht jeden Tag hierher? Wäre das nicht um ein Vielfaches praktischer? Wegen der mangelnden Parkplätze. Der CO²-Quote. Dem guten Karma. Aber das fürchtet sich vermutlich vor deinem Bleichgesicht. Mutest dir ein bisschen viel zu, hm? Karriere plus einen Kuhstall voll Kinder ist halt nicht jedermanns Sache. Und wie gesagt, jeder Gang macht doch auch schlank. Täte dir nicht schlecht. Dann säße dein Leinenrock auch am Hintern nicht so äh... (sein spöttisches Grinsen wird immer breiter, als die grimmige Oberärztin ihm plötzlich kommentarlos den Rücken zuwendet, um ihren Wagen anzusteuern) ... spack. Aber wie gesagt, wenn der Stier darauf steht und du dich wohl fühlst, ist das doch die Hauptsache. Ähm... Hassi? War unsere Unterhaltung schon beendet? Dabei hätte es mich echt noch brennend interessiert, wie sich deine schlechtere Hälfte in ihrem neuen Job als Hausmann und Kindersitter so bewährt hat. Es fällt ja vielen schwer, in dem Alter noch mal umschulen zu müssen, aber in irgendwas wird er schon gut sein, wenn’s die Neuro schon nicht war. Naja, ein andermal. Vielleicht bei der nächsten OP? War jedenfalls wie immer sehr nett mit dir. Ich soll dir übrigens Grüße von Haasenzahn ausrichten. Oder, nee, warte! Die waren für die Stasi-Sabsi bestimmt. Ich verwechsele immer, wer von euch beiden ihre Busenfreundin ist. Komisch, dabei seid ihr mental doch von zwei ganz unterschiedlichen Planeten. Dir jedenfalls auch einen schönen Tag noch.

Treffer versenkt! Strike! Mhm... Ich bin so gut. Merk dir das! Meier is back! Mich wirst du nicht so leicht wieder los wie dein windelschleppendes Weichei, das seine nicht vorhandene Karriere freiwillig gegen einen Schrank voll rosa Strampler eingetauscht hat. Da reicht es nicht, mit eurer Schrottlaube, die Anfang des Jahrtausends vielleicht noch halbwegs cool gewesen ist, mir den Weg zu versperren. Ich komme überall durch. Weil ich nun mal die unangefochtene Nummer eins bin und du immer ein Schattengewächs bleiben wirst.

Damit hatte Dr. Meier es auf die Spitze getrieben. Die imaginäre Rauchwolke über dem Kopf von Dr. Hassmann loderte mittlerweile meterhoch und hatte fast das Dachterrassengeländer der Cafeteria erreicht. Und Marc konnte froh sein, dass die sonst so wehrhafte Kollegin aus der Neurologie kein OP-Werkzeug dabei hatte, mit welchem man auf seine Autoreifen hätte einstechen oder den glänzenden Lack dieses wunderschönen geräumigen Neuwagens hätte zerkratzen können. Mit grimmiger Miene und Giftpfeil blitzenden Augen hatte sich die taffe Medizinerin kommentarlos umgedreht und unbemerkt von ihm mit ihren hochhackigen Designerpumps wütend gegen einen der Vorderreifen getreten, was sie besser nicht hätte tun sollen, wenn sie ihren bevorstehenden OP-Tag ohne weitere Probleme überstehen wollte. Hoch erhobenen Hauptes, weil sie sich vor ihrem nervigen Kollegen nicht die Blöße geben wollte, humpelte sie nun zu dem schwarzen Jaguar, der die Parklücke des größten Oberarschlochs dieses Krankenhauses, wenn nicht sogar des ganzen Planeten, blockierte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg sie ein. Im Wissen, dass sie das gehässige Grinsen eines noch nicht ganz volljährigen Mannes verfolgte, auf das sie liebend gern eingeschlagen hätte, aber als Chirurgin waren ihr ihre Hände nun mal heilig und dieser Sprüche klopfende Idiot war es definitiv nicht wert, sie sich an ihm schmutzig zu machen. Maria ließ den Motor aufheulen, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr dann mit Karacho zielsicher aus der Lücke.

Ihr spöttelnder Beobachter wäre dabei fast an seinem selbstgefälligen Grinsen erstickt und auch ein drohender Myokardinfarkt wäre beinahe denkbar gewesen, denn die um Kontenance bemühte Oberärztin war nur wenige Zentimeter vor Marcs nigelnagelneuem Auto zum Stehen gekommen. Außenstehende wie die Bauleute, die in der Ferne vor dem im Rohbau befindlichen neuen Klinikanbau auf den kleinen Disput der Ärzte auf dem angrenzenden Parkplatz aufmerksam geworden waren, hätten nicht beurteilen können, ob sich ihre Stoßstangen nun geküsst hatten oder nicht. Auf jeden Fall war es sehr, sehr knapp gewesen und es war plötzlich mucksmäuschenstill auf dem im Bau befindlichen Krankenhausgelände. Dr. Hassmann wartete bewusst noch einen Moment ab, den sie nutzte, um ihren Rückspiegel in die richtige Position zu rücken. Den panischen Ausdruck in den Augen des unangefochtenen Angeberkönigs Nummer eins wollte sie sich nämlich nicht entgehen lassen. Zufrieden und mit sich im Reinen legte Maria ihre Hand wieder über den Schaltknüppel und trat schließlich aufs Gas, um mit quietschenden Reifen davonzubrausen und sich einen wesentlich ruhigeren und stressfreien Parkplatz hinter der Klinik zu suchen. Und sie hatte sogar Glück. Dr. Gummersbach schien heute nicht da zu sein und so lenkte sie den Jaguar ihres Lebensgefährten, welchen sie wie bereits die Tage zuvor mangels Alternative von diesem ausgeliehen hatte, gekonnt auf die für die Pathologie reservierte Stellfläche.

Der Angstschweiß tropfte Marc noch immer auf die Hände, die sich panisch um das Lenkrad seines Babys gekrümmt hatten, was ihn, neben dem lauten Johlen und Applaudieren der Bauarbeiter hinter dem Bauzaun, schlagartig wieder aufwachen ließ. Kurz bevor ihm der Sauerstoff ausging, nahm er wieder Luft, schüttelte fassungslos den Kopf, murmelte in Richtung der Orange-Westen-Träger „Weiber“, die ihm dafür wissend zunickten und ein mitleidiges Lächeln schenkten, und peilte dann versiert die freigewordene Parklücke mit seinem Namen an, wo er seine Familienkutsche schließlich heil und sicher abstellte. Ein Sieg wie dieser tat doch immer wieder gut, dachte Marc, als er sich abschnallte und mit seinem Schlüsselbund spielend anschließend das Auto verließ. Die Knappsten waren immer noch die Besten. Und schon nahm die gute Laune wieder von dem selbstbewussten Chirurgen Besitz, der einen letzten Handgruß an die Bauarbeiter absetzte, die sich nach dem kleinen Schauspiel nun auch wieder ihrer Arbeit widmeten, welche dem hochmodernen Ergänzungsanbau der chirurgischen Abteilungen an der Ostseite des Elisabethkrankenhauses dienen sollte, bevor er sich dann fröhlich summend mit schwungvollen Schritten in Richtung Haupteingang bewegte.

Marc: Äh... ja, das nenne ich dann mal einen gelungenen Start in den Tag. Wobei, die Reaktionszeit wäre vielleicht noch ausbaufähiger. Hm... Also, alles wie immer. Auf geht’s ins Getümmel. Der Nächste, bitte!

Und der Nächste, Korrektur, die Nächste wartete auch bereits voller Sehnsucht auf ihren sehr geschätzten und lang vermissten Oberarzt, der gerade genießerisch der belanglosen Fahrstuhlmusik gelauscht hatte, während er eine Etage nach der nächsten passiert hatte, bis der Aufzug im dritten Stock endlich Halt gemacht hatte. Die schweren Stahltüren öffneten sich und Dr. Meier konnte einen ersten tiefen Luftzug nehmen. Die alte Vertrautheit war sofort wieder da. Es fühlte sich an, als wäre er gar nicht so lange weg gewesen. Der typische Desinfektionsgeruch, gepaart mit dem Angstschweiß seiner talentfreien Assistenzärzte und dem frühmorgendlichen Kaffeeduft, der von der Teeküche herüberwehte, umhüllten ihn und trugen ihn regelrecht aus dem Fahrstuhl, von wo aus er direkt das Stationszimmer der Chirurgie ansteuerte, in dem man bereits sehnsüchtig auf ihn gewartet hatte. Ja, es war amtlich. Dr. Meier war wieder zuhause angekommen.

Und wie das so mit dem eigenen Zuhause war, es gab trotz des großen Wohlfühlfaktors immer etwas, das einen störte. In diesem konkreten Fall war das eine sehr hibbelige blonde Krankenschwester, die ihm, wenn er nicht aufgepasst hätte, vor packender Wiedersehensfreude beinahe noch in die Arme geflattert wäre, wenn sie nicht im letzten Moment noch gemerkt hätte, was sie da gerade arbeitsrechtlich Verwerfliches vorgehabt hatte, das ihrem bestehenden Arbeitsverhältnis, welches schon kompliziert genug war, nicht gerade dienlich gewesen wäre. Diesen Riesenfauxpas durfte bekanntlich nur eine Blondine unbeschadet riskieren und diese hütete gerade sein anderes Heim. Inklusive ihrer beiden gemeinsamen neuen Mitbewohner, die er jetzt schon wahnsinnig vermisste, wie Marc voller Sehnsucht auffiel, während er sich seine ungewohnt hyperaktive Stationsschwester auf Sicherheitsabstand hielt, die ihn angrinste, als hätte sie irgendwelche nicht verschreibungspflichtige, selbst zusammengebraute, pflanzliche Substanzen unbekannter Herkunft und Qualität zu sich genommen, die sie ihm vielleicht auch noch in den Kaffee mixen könnte, wenn er nicht weiter achtgab.

Sabine: Herr Dr. Meier! Endlich! Wie schön! Sie sind wieder da!
Marc (schmunzelt über Sabines ansteckende kindliche Freude u. freut sich insgeheim sogar auch ein bisschen, die trantüdelige Nervensäge wiederzusehen): Jep! Live und in Farbe und zum Anfassen. Ihre Auffassungsgabe ist mal wieder unübertroffen, Schwester Sabine.
Sabine (versteht direkt wieder alles falsch): Ich... ich soll Sie anfassen, Herr Doktor? Aber... aber das... das geht doch nicht.
Marc (als sie zögerlich ihre Arme noch ein weiteres Mal einladend ausbreitet, weicht er instinktiv einen Schritt zurück u. wählt die Tür zur Umkleide anstatt des direkten Weges durch das Schwesternzimmer, dessen Zugang ihre bemerkenswerte Erscheinung sowie ihr blitzgescheiter Verstand leider blockiert halten): Äh... nein, das war rein rhetorisch gemeint, Schwester Sabine. Ich gehe mich dann mal umziehen. Wird ein langer Tag.
Sabine (schaut ihrem Chef ziemlich verwirrt hinterher, als dieser blitzschnell hinter der blauen Tür verschwindet): Ja, tun Sie das, Herr Doktor.

Schwester Sabine brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen. Aufgeregt und durcheinander, wie sie nach dem ersten Wiedersehen mit Dr. Meier war, dachte sie nicht sonderlich nach und, anstatt sich an den Empfang zu setzen, wo bekanntlich ihr Platz war, folgte sie ihrem Oberarzt pflichtbewusst über das Stationszimmer in die Umkleide und blieb dort stumm wie ein Fisch unter dem Türrahmen stehen. Marc störte sich anfangs nicht daran, dass er beobachtet wurde, und hängte seelenruhig seine schwarze Lederjacke über den Kleiderbügel in seinem Spind und stellte anschließend seine Tasche darin ab. Aber als er seine dunkelgraue Designerhose gegen seine weiße Arzthose tauschen wollte, waren ihm die ganz und gar nicht unschuldig wirkenden Blicke der schrulligen Krankenschwester in seinem Rücken doch zunehmend unangenehm und er drehte sich mit der ausgezogenen Hose in der Hand zu Sabine um, die sich überhaupt keiner Schuld bewusst schien und ihn immer noch unheimlich penetrant anstrahlte, als wäre er der romantisch verklärte Held einer ihrer Lieblingsbücher, was die ganze Situation noch skurriler wirken ließ, denn die waren bekanntlich von seiner eigenen Mutter geschrieben worden. Das war dann auch dem wortgewandten Mediziner zu viel des Guten, was er seiner anhänglichen Untergebenen auf typische Meier-Weise auch als nächstes beizubringen versuchte, wobei er jedoch ganz außer Acht gelassen hatte, dass Sabine Gummersbach bekanntermaßen nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte war. Aber jeder Mensch wuchs doch an seinen Herausforderungen. Oder etwa nicht? Es kam auf den Versuch an und der könnte durchaus witzig enden.

Marc: Ähm... Sabine, ich weiß, Sie haben vermutlich noch nicht viele von ihnen gesehen und die Wirkung dieses Prachtexemplars von einem wohl definierten Männerarsch ist erfahrungsgemäß manchmal nicht zu kontrollieren, aber der uneingeschränkte Blick darauf ist eigentlich nur einer einzigen Person hier in Berlin gegönnt und die ist eine Ihrer direkten Vorgesetzten und ich weiß aus Erfahrung, dass sie sehr schnell sehr, sehr eifersüchtig werden kann. Dann passieren meist sehr viele merkwürdige Dinge und das wollen Sie sicherlich nicht erleben.
Sabine (starrt ihr Gegenüber mit großen Augen an): Ich... versteh... nicht.

So viel zum Thema, mehr Spaß am Arbeitsplatz für ein gutes Arbeitsklima. Drauf geschissen!

Marc (verdreht die Augen, als er merkt, dass seine Gags zu hoch für Schwester Sabine sind u. dementsprechend nicht zünden, u. setzt sich frustriert aufseufzend auf die Holzbank, um als nächstes in die weißen Hosenbeine zu schlüpfen): Äh... ja, das hätte mir von vornherein klar sein können. Okay, mein Fehler, dann noch mal zum Mitschreiben für die Alltagsblinden unter euch. Haben Sie an diesem Morgen nichts Besseres zu tun, als mir die ganze Zeit auf den Allerwertesten zu starren? Wenn Sie unbedingt einen Blick darauf haben wollen, bitte, nur zu, jeder darf mal, aber in Zukunft suchen Sie sich ein anderen Arsch, den Sie mit Ihren Voodooblicken traktieren können. Wir haben ja genug Patienten auf den Zimmern, die Sie damit nerven können. Und es hat sogar den Vorteil, dass Sie das als medizinisch notwendige Untersuchung tarnen könnten. Wenn Sie’s unbedingt so nötig haben, dann suchen Sie sich einen aus, Sie haben die freie Auswahl, oder gehen Sie gleich runter ins Sargbaustudio zu Ihrem Göttergatten. Wenn der seine Muskelaufbaushakes weiter modifiziert, wird das vielleicht auch mal was mit einem ähnlich gut proportionierten Podex. Nur so als Tipp.

Oh, oh weh! Was... Was mache ich denn hier? Was wollte ich denn? Ich... ich weiß es nicht.

Sabine (merkt erst jetzt, dass sie Dr. Meier die ganze Zeit grundlos angestarrt hat u. wendet schnell ihren Blick ab, als er aufsteht u. sich extra langsam u. showwirksam seine Arzthose über seinen knackigen Chirurgenhintern zieht): Oh Ent... Ent... Entschuldigung! Mir war gar nicht bewusst, dass ich... Ich... ich war nur so aufgeregt, weil Sie wieder da sind. Ich wollte doch alles vorbereiten und Ihnen einen angenehmen Empfang... Ich ähm... schau dann mal, ob... ob Ihr Kaffee schon durchgelaufen ist.
Marc (genießt es sichtlich, als sich die rote Tomate flink im Rückwärtswatschelgang ins Nebenzimmer verabschiedet, wobei sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert wäre): Na, zumindest wissen Sie noch, wo Ihre Kernkompetenz liegt, dann ist ja noch nicht Hopfen und Malz verloren.
Sabine (steckt ihren blonden Bubikopf noch einmal durch die Tür u. sieht ihren Oberarzt irritiert an, der sich wieder hingesetzt hat u. gerade in seine weißen Socken schlüpfen will): Oh, ich wusste nicht, dass Sie zum Frühstück ein Bier haben möchten, das ist ungewöhnlich, aber ich könnte Ihnen eins besorgen. Wir hatten doch mal diesen Patienten mit den hartnäckigen Nierensteinen, die ausgeschwemmt werden sollten. Da müssten noch ein paar Dosen auf Lager sein.
Marc (lässt die zweite Socke zu Boden sinken u. fasst sich mit der flachen Hand an die Stirn, bevor die Zündschnur endgültig reißt): Boah, Sabine, HIRN EINSCHALTEN UND RAUS HIER! Hat man denn hier in diesem Puff überhaupt keine Privatsphäre? Mann, ey!

Vielleicht hätte ich doch besser zuhause bleiben sollen? Das Idiotitisniveau ist immer noch genauso hoch wie vor meiner kleinen Auszeit. Aber was hab ich eigentlich erwartet? Eine Konfettikanone zur Begrüßung und Applaus vom Band? Wir sind hier doch nicht bei RTL.

Sabines seltsames penetrantes Verhalten an diesem Morgen regte Dr. Meier dermaßen auf, dass er gar nicht mitbekommen hatte, dass er mittlerweile Gesellschaft bekommen hatte in der Umkleide. Die freundliche Kollegin aus dem sechsten Stock hatte sich nach seiner harschen Ansage an Schwester Sabine, die daraufhin flink wie ein Hase wieder im Stationszimmer verschwunden war, spöttisch grinsend zu dem grummelnden Mann umgedreht, der sich gerade ungelenk seine Arztsocken über die Füße zu stülpen versuchte, während sie die Tür ihres geöffneten Spindes mit einer Hand festhielt und vorsichtig mit ihrem leicht geschwollenen Fuß aus ihrem rechten Stöckelschuh schlüpfte, ohne sich dabei den Schmerz anmerken zu lassen, den sie sich in ihrer aufsteigenden Wut unbedacht selbst zugefügt hatte. Egal, ob es wehtat, diesmal würde sie selbstbewusst und souverän parieren. Nur weil der Meier sich in blinder Selbstüberschätzung für den Prinzenanwärter auf den Chefarztthron hielt und anscheinend hier im Haus ungeschoren machen konnte, was er wollte, hieß das nicht, dass sie das auch tun musste. Schleimen konnten andere. Die letzte Schlacht war noch lange nicht geschlagen. Und es machte auch immer noch viel zu viel Spaß, sich immer wieder aufs Neue mit diesem impertinenten Kerl anzulegen.

Ja, sie hatte die Ruhe und die entspannte Atmosphäre auf Station in den Wochen seiner Abwesenheit durchaus genossen und zu ihrem Vorteil genutzt, aber ein bisschen vermisst hatte Dr. Hassmann ihren nervigen Erzkonkurrenten und dessen blondgelockten Schatten dann doch, aber sie würde einen Teufel tun und ihm das jemals zeigen. Nicht nachdem er sie gerade eben so plump vorgeführt hatte und sie das auch noch mit sich hatte machen lassen. Die schlaflosen Nächte in letzter Zeit zollten anscheinend doch ihren Tribut, analysierte die Neurochirurgin reflektiert, ausgerechnet zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber als Mutter von zwei Mädchen in einem sehr komplizierten Alter und einem Ziehkind, das sich nicht mehr nur ihrer großen Schwester, sondern auch ihr gegenüber plötzlich sehr anhänglich zeigte, wuchs man nun mal an seinen Herausforderungen. Und das Greenhorn hier war noch lange nicht auf dem Niveau, auf dem sie ihn als ihr ebenbürtig werten würde. Weder mit, noch ohne Kittel. Um an diesen Punkt zu gelangen, würde Marc Meier noch eine ganze Menge voll geschissener, stinkiger Windeln wechseln müssen.

Maria: Privatsphäre? Hier? Wie lange noch mal arbeitest du schon hier, Meier? Länger als ich, oder? Privatsphäre gibt’s nicht. Die muss man vorne am Tor abgeben. Das ist vertraglich vereinbart. Guck mal in das Kleingedruckte in deinem Arbeitsvertrag! Steht unter dem mickrigen Betrag, der sich dein Gehalt schimpft.
Marc (stöhnt entnervt auf, als er sich umdreht u. als erstes direkt in Marias gehässiges Gesicht blickt): Ja, du mich auch!
Maria (genießt es, den Angeberkönig mit seinen eigenen Zitaten hochzunehmen): Long time ago, besaß ich schon genug Selbstachtung, um nicht auf deine schalen Sprüche reinzufallen.
Marc (gibt sich vor ihr völlig unbeeindruckt u. zieht sich weiter an): Was machst du eigentlich hier? Müsstest du nicht eigentlich zu Hause hocken und im Stundentakt dreckige Windeln wechseln? Ach, ich vergaß, du hast dir ja deinen persönlichen Haussklaven angelacht, der das für dich übernimmt. Das nenne ich mal gelungene Emanzipation und Integration. Glückwunsch! Es geht aufwärts mit ihm.
Maria (denkt nicht daran, näher darauf einzugehen, um dem Großmaul noch mehr Steilvorlagen zu liefern, u. schenkt ihm stattdessen ihr schönstes falsches Lächeln): Danke! War wie immer sehr nett, mich mit dir zu unterhalten. Man lernt so viel über das männliche Wesen und sonstige Belanglosigkeiten, aber jetzt muss ich wieder los. Im Gegensatz zu dir bin ich hier, um zu arbeiten. Sabine, die Visite auf der Neuro ist passé, Hannes übernimmt, ich bin dann die nächsten Stunden im OP, falls was sein sollte.
Sabine (flötet pflichteifrig aus dem Schwesternzimmer in die Umkleide, während sie die vor sich hin glucksende Kaffeemaschine hypnotisiert): Ist notiert, Frau Dr. Hassmann. Ich gebe Ihnen dann Bescheid, wenn Ihr Mann mit Ihrer Tochter zum Sti...

So viel zum Thema, „Privatsphäre“. Herrlich! Danke, Sabine! Sie haben mal wieder ganze Arbeit geleistet und in weniger als einer Sekunde das eingerissen, wofür ich zwei anstrengende Minuten unnötiger Konversation mit einem Neandertaler verschwendet habe. Läuft heute echt bei mir. Und wenn sich Rick wieder nicht an die Absprachen hält, dann gnade ihm Gott. Wir müssen das endlich hinbekommen, verdammt noch mal. Oh, Mann, ich spür schon wieder, wie mir die Milch einschießt, nur beim Gedanken an ihn und seine akute „Verlässlichkeit“.

Maria (stöhnt erschöpft auf, weil sich die vorlaute Krankenschwester mal wieder in mehr einmischt, als sie eigentlich angeht, wofür man ihr noch nicht mal böse sein kann, weil Sabine es bekanntlich nicht besser weiß): Ja, ja, versuchen Sie erst gar nicht, sich in einen brillanten Intellekt hineindenken zu wollen, daran können Sie nur scheitern, Schwester Sabine. Und ob er wieder scheitert, das wird sich noch zeigen. Er ist auf Bewährung und weiß, was ihm blüht, wenn er noch mehr Minuspunkte sammelt. Wozu hab ich ihm denn diese bescheuerte Family-App installiert, die Sie mir empfohlen haben? Die Timeline kann sogar meine große Tochter richtig deuten und das gehört für sie als Erstklässlerin definitiv nicht zu ihren Hausaufgaben.
Marc (hört nur mit einem Ohr halbherzig zu u. murmelt still vor sich hin, bis es wieder aus ihm herausplatzt, womit er vorhin bei der trantüdeligen Sabine stehen geblieben ist): Blöde Kuh! Der Kuhmann kann einem nur leidtun. Deinen Führerschein hast du wohl genauso wie deinen Doktortitel in der Lotterie gewonnen, hm? Ich will dich ja nicht enttäuschen, wie so viele und einer im Speziellen, aber das fällt auf. ... Außerdem sollten Sie eigentlich wissen, dass ich nie frühstücke, Schwester Sabine. Oder wie lange arbeiten Sie schon hier? Viel zu lange, wenn es nach mir geht, was übrigens auf alle hier im Raum befindlichen weiblichen Personen zutrifft.
Sabine (klimpert hinter der Tür geschäftig mit dem Geschirr, das sie gerade aus dem Hängeschrank über der Spüle geholt hat): Selbstverständlich, Herr Doktor, das weiß ich doch. Ihr erster Espresso des Tages wäre dann servierfertig.

...flötete die gewissenhafte Krankenschwester vorsichtig, um nicht schon wieder unbedacht anzuecken, in Richtung Umkleide, wo Dr. Hassmann gerade ihre nudefarbenen Designerpumps gegen ihre bequemeren orthopädiefreundlichen OP-Schlappen getauscht hatte. Mit wehendem weißen Kittel machte die Neurochirurgin eine halbe Umdrehung um ihre eigene Körperachse, um ihren neu gewonnenen Bewegungsradius auf die Probe zu stellen, und genoss dabei einen letzten Blick auf das Prachtexemplar, das Dr. Meier selbstverliebt für den Knackarsch schlechthin hielt, der unter ihren fachmännischen Augen aber eher lediglich Durchschnitt war, wofür sie nicht einmal ihre Brille gebraucht hätte, deren Etui sie gerade zusammen mit ihrem Pieper in ihre Kitteltasche gesteckt hatte. Über ihren eigenen Gedanken lachend blinzelte sie gegen das durch das Oberlicht hereinflutende Sonnenlicht an, welches den auf der Holzbank sitzenden viereinhalb Jahre jüngeren Oberarzt unverschämt jugendlich wirken ließ, was der Achtunddreißigjährigen dann doch irgendwie gegen den Strich ging, und knallte, um diesen völlig überflüssigen Neidgedanken wieder loszuwerden, schwungvoll ihre Spindtür zu und verschwand dann ohne eine weitere Giftpfeilspitze aus dem Aufenthaltsraum der Chirurgie, was Marc erleichtert zur Kenntnis nahm. Noch mehr verplemperte Zeit zur Unzeit kurz nach sieben mit seiner biestigen Erzkonkurrentin verbringen zu müssen, die sich für die Größte ihrer Zunft hielt und nicht einsehen wollte, dass sie lediglich mittlerer Durchschnitt war und hier im Haus niemals die oberste Sprosse der Karriereleiter erklimmen würde und mit dem hässlichen Schuhwerk schon mal gar nicht, war nun wirklich grobe Zeitverschwendung, vor allem wenn man noch nicht die nötige Koffeindosis intus hatte, um unversehrt über den Tag zu kommen.

Beim Stichwort „dringend benötigte Koffeinzufuhr“ sprang der Motor dann auch richtig an. Mit Schwung schnellte der gut gelaunte Oberarzt von der Sitzbank auf und zog sich seine weiße Arzthose noch einmal ordentlich zurecht, die etwas an seinen Hüften zu schlackern schien, was ihn aber nicht weiter störte. Er schlüpfte lässig in seine Krankenhausturnschuhe und schnappte sich seinen blütenweißen Kittel von dem Kleiderbügel in seinem Spind, den er flink über seine Schultern warf. Als er diesen endlich anhatte und andächtig glatt strich, fühlte er sich direkt ruhiger. Nicht nur seine Mundwinkel, auch die Schultern gingen nach oben, der ganze Körper streckte sich und er wirkte wieder wie der gestandene selbstbewusste Chirurg, vor dem man besser Respekt haben sollte. Allen voran biestige und überehrgeizige Kolleginnen aus der neurologischen Abteilung, die nicht mal in tausend Jahren an das Niveau eines Arztes wie ihn herankommen würden. Von seinen eigenen Gedanken amüsiert, grinste Dr. Meier in sich hinein, während er seine restlichen Straßensachen in den Spind räumte. Bevor er die Spindtür schloss, holte er noch schnell sein Arbeits- und sein Privathandy aus seiner Tasche und guckte parallel auf die beiden Displays, um zu schauen, ob seine Herzangebetete ihm vielleicht eine Nachricht geschrieben hatte und das hatte sie tatsächlich, was ihn ehrlich freute, wie das verliebte Grinsen in seinem Gesicht zeigte.

Der süße Goldengel hatte ihm doch tatsächlich ein Bild der andächtig schlafenden Zwillinge geschickt, was ihn direkt schmunzeln ließ. Die beiden Verräter schienen es ihrer Mama allem Anschein nach leicht machen zu wollen, was seiner bescheidenen Papameinung nach echt unfair war, aber der erste Eindruck täuschte meist. Marlene und Marlon trugen schließlich auch eine große Portion Haase-Gene in sich und die hatten es bekanntlich ziemlich in sich. Die Erfahrung hatte er schließlich während der vergangenen einundzwanzig Jahre und vor allem in den letzten drei Jahren zur Genüge gemacht. Und mit diesem Wissen im Kopf verstaute er die beiden Handys jeweils in einer seiner Kitteltaschen, schnappte sich dann noch schnell seinen Pieper aus dem obersten Fach seines Schrankes und knallte dann ebenso geräuschvoll wie seine von Frust und Neid zerfressene Kollegin kurz zuvor die Tür zu, um mit einem breiten zufriedenen Grübchengrinsen bewaffnet nach nebenan ins Schwesternzimmer zu schlendern, wo bereits eine dampfende Espressotasse an seinem angestammten Platz vor dem von der Morgensonne angestrahlten Fenster auf ihn wartete.

Ebenso wie eine sichtlich neugierige Krankenschwester, die hibbelig auf ihrem Stuhl an der Anmeldung hin und her rutschte und immer wieder schüchtern zu ihrem Oberarzt rüberblickte, der gerade eine Handvoll Briefe und Fachmagazine aus seinem Fach genommen hatte. In dem Moment, als er sich schließlich damit an den runden Tisch vorm Fenster gesetzt hatte, um an seinem Espresso zu nippen und seine liegen gebliebene Post durchzugehen, hielt es sie nicht mehr länger an ihrem Platz und sie kam mit ihrem Drehstuhl ganz langsam und vorsichtig vom Empfangstresen aus zu ihm rüber gerollt. Dieser seltsame Vorgang blieb natürlich nicht unbemerkt. Als Marc kurz verwundert über den Rand seiner letzten Gehaltsabrechnung schaute, deutete Sabine dies als positives Zeichen, um mit ihrem nervtötenden Redeschwall einzusetzen, der Gretchens bester Freundin schon die ganze Zeit auf der Seele gebrannt hatte und nachhaltig in Marcs Ohren nachhallen sollte. Jetzt war der Moment gekommen, an dem er sich dann doch Frau Dr. Hassmann zum Schlagabtausch zurückwünschte. Mit der war man zumindest noch annähernd auf Augenhöhe. Aber die Erfahrung hatte ihm heute bereits gelehrt, dass die meisten Wünsche nicht in Erfüllung gingen. Auch nicht der, wie man auf die Schnelle Sabines Ausschalter fand, ohne unsittliche Handlungen vornehmen zu müssen, die gegen einen verwendet werden konnten. Aber, was Dr. Meier nicht wusste, diesen Ausschalter, den gab es nicht. Sabine war ganz in ihrem Element und hörte gar nicht damit auf, verklärt vor sich hin zu schwärmen und den Neupapa ausquetschen zu wollen.

Sabine: Ach, Herr Dr. Meier, es ist so schön, dass Sie wieder da sind. Ich habe das vielleicht vorhin noch nicht deutlich genug gesagt, aber ich... ich meine, die Kollegen auf Station freuen sich wirklich sehr, dass Sie endlich wieder Ihren Dienst antreten. Wir haben Sie sehr vermisst. Ohne Sie war es einfach nicht das Gleiche.
Marc (nuschelt in seinen nicht mehr vorhandenen Dreitagebart u. geht unbeeindruckt weiter seine Post durch, während er seinen Kaffee genießt, u. stößt dabei auf einen interessanten Artikel im Chirurgenblatt, der seiner Habilitation eventuell dienlich sein könnte): Selbstverständlich.

Wenn die einzige kompetente Person im Umkreis Ferien macht. Mhm... Moment! Das ist aber interessant. Die sind mit der Entwicklung der neuen Orthesen ja schon viel weiter, als ich dachte. Scheiße! Ich muss mich echt ranhalten, um den Anschluss nicht zu verlieren, sonst ist meine Habilitation schon überholt, bevor ich sie überhaupt niedergeschrieben habe.

Sabine (bekommt in ihrem schwärmerischen Übereifer gar nicht mit, dass ihr nicht mehr zugehört wird): Ich will ja nicht sagen, dass ich nicht gerne mit dem Herrn Professor zusammenarbeite. Er ist eine wahre Koryphäe auf seinem Gebiet und die Assistenzärzte hängen an seinen Lippen und an seinen magischen Händen. Wir hatten so viele neue spannende Fälle, müssen Sie wissen. Er hat eine ganz eigene Art, an die Dinge heranzugehen. Ganz unaufgeregt und souverän. Mit einer Selbstverständlichkeit, die wirklich beeindruckend ist. Aber es ist wirklich höchste Zeit, dass Sie zurückkommen, Herr Doktor. Die Frau Professor, also die Bärbel hat sich nämlich zunehmend Sorgen gemacht, dass sich ihr Mann übernehmen könnte. Die Klinikleitung, Ihre Vertretung auf der chirurgischen Station, die vielen stundenlangen OPs und dann noch die Bauarbeiten am Nebentrakt, die sich wohl zu verzögern scheinen. Und jetzt kommen auch noch die neuen Studenten und die Amerikaner.
Marc (horcht dann doch kurz irritiert auf): Was?
Sabine (freut sich wie ein kleines Kind, dass sie die neusten Kliniknachrichten weitergeben kann): Eine neue Delegation von unserem Partnerkrankenhaus in Seattle hat sich doch für die nächsten Tage angekündigt. Für eine Seminarreihe im Fachbereich Neurologie und Neurochirurgie. Arbeitstechniken im digitalen... Oh je, jetzt hab ich den genauen Titel schon wieder vergessen. Die Frau Doktor Hassmann übernimmt jedenfalls zusammen mit der amerikanischen Kollegin die Leitung. Die Kollegen sind alle schon ganz aufgeregt deswegen.

Okay!? Da ist man mal eine Minute weg und schon übernimmt der Emanzenzirkus. Wird wirklich Zeit, dass hier mal wieder jemand das Zepter in die Hand nimmt, damit hier nicht mehr nur Kindergartenforschung betrieben wird. Nicht jemand, ich!

Marc (schaltet beim Hassmann-Thema sofort entnervt wieder ab u. liest konzentriert seinen Fachartikel weiter): Die wieder. Kriegt den Hals nicht voll.
Sabine (gerät sofort ins Schwärmen u. lässt sich auch von dem gelangweilten Gesicht von Dr. Meier nicht davon abhalten): Was für eine Powerfrau! Gerade noch einmal Mutter geworden, leitet sie die Neurochirurgie mit links, bewältigt eine Operation nach der anderen und forscht sogar noch an ihrem Parkinsonprojekt weiter. Wahnsinn! Schwester Greta meinte sogar, sie stünde mit ihrer Studie kurz vorm Durchbruch. Das wird den Professor freuen. Er hält doch so große Stücke auf sie. Nicht nur er, auch die Patienten, denen sie mit ihrer Arbeit helfen kann, ihr schon recht beschwerliches Leben besser zu meistern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sie das alles managt und das mit drei kleinen Kindern zuhause, die doch auch ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Aber der Dr. Stier, der ist ein wahrer Gentleman und kümmert sich großartig um Sarah und ihre Schwestern. Er nimmt ihr so viel ab. Hach... eine richtig moderne Familie. Apropos, wie geht es denn Ihren beiden Kleinen, Herr Doktor? Die Frau Doktor hat schon so viel erzählt am Telefon neulich. Sie schwärmt richtig von Ihnen und den Zwillingen. Wie machen sich die beiden denn?
Marc (antwortet knapp, ohne von dem Fachmagazin aufzuschauen): Hauptsächlich machen sie ein. Babys halt. Liegt in der Natur.
Sabine (ist doch ein bisschen enttäuscht, weil sie nicht mehr in Erfahrung bringen kann, also forscht sie weiter munter nach): Ach so? Und der Alltag? Kommen Sie soweit zurecht? Ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor. Ich habe der Frau Doktor schon zugesichert, dass ich jederzeit als Babysitter einspringen könnte, falls sie Hilfe benötigen. Ich würde dann zwar meinen Anton mitbringen, aber er wird Sie nicht stören, er ist ein sehr ruhiges und besonnenes Kind. Ich bin jederzeit für Sie da. Versprochen.
Marc (hat ihr nicht zugehört u. ahnt daher nicht, was er da kurz u. bündig kommentiert, um sie abzuwimmeln): Prima!
Sabine (freut sich aufrichtig, wenn sie helfen kann): Wie schlafen die beiden denn? Schlafen sie schon durch? Nein, das wäre wohl zu früh nach erst sechs Wochen, oder? Obwohl Kinder in dem Alter Studien zufolge ja bis zu achtzehn Stunden am Tag schlafen. Also unser Anton ist da ein ganz pflegeleichtes Kind. Vom ersten Tag an hat er die Nächte durchgeschlafen und macht Günni und mir am Tag solche Freude mit seinem munteren Wesen. Sie müssten ihn erleben, Dr. Meier. Er ist unser Goldschatz.
Marc (murmelt unbeeindruckt vor sich hin u. ist weiterhin ganz vertieft in den Artikel, in dem er einiges mit einem leuchtendgrünen Marker anmerkt): Glückwunsch!
Sabine (strahlt stolz wie Bolle vor sich hin u. lässt sich mutig zu immer weiteren Anmerkungen hinreißen): Ja, nicht? Kinder sind solch ein Geschenk. Dass uns dieses Glück beschert wurde, ist ein wahres Wunder. Das finden Sie doch auch, oder, Dr. Meier? Die Frau Doktor schwärmt ja richtig von Ihren Qualitäten als Vater. Wie Sie nächtelang vor der Wiege stehen und... Also, ich finde auch, dass Ihnen diese Rolle wunderbar steht, Herr Doktor.

Was? Haasenzahn hat bitte was? Sie hat die Stasi-Sabsi nicht ernsthaft durchs Schlüsselloch gucken lassen?

Marcs Geduldsfaden war zwar mittlerweile weit genug gespannt, um einiges aushalten zu können, ohne gleich aufbrausend werden zu müssen, aber irgendwann war auch mal der Punkt erreicht, an dem es genug war und man ihn wieder straffer ziehen musste, wenn man als Chef und Sklaventreiber ernst genommen werden wollte. Zu viele Vertraulichkeiten mit dem Personal waren einfach nicht angebracht. Sie konnten gegen einen verwendet werden und das wollte er auf keinem Fall riskieren. Sein Privatleben war ihm heilig. Er wollte nicht, dass Gretchen und er schon wieder in den Mittelpunkt aller Unterhaltungen der Klatsch- und Tratschabteilung gerückt wurden. Gab es denn nichts Besseres zu tun? Sich um die Patienten zu kümmern, zum Beispiel? Das war verdammt noch mal ein Krankenhaus und nicht die Boulevardsparte der Berliner Zeitungsredaktion.

Marcs Kopf schoss unvermittelt hoch und der leicht gereizt wirkende Oberarzt, der ganz langsam sein Fachmagazin zugeklappt und zu seinen anderen Papieren gelegt hatte, blickte Schwester Sabine jetzt unmissverständlich an, die vor lauter Schreck ein paar Millimeter mit ihrem Schreibtischsessel zurückgerollt war, denn sie ahnte, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben könnte. Sie konnte nur nicht definieren, was genau es diesmal gewesen sein könnte, denn sie hatte es doch nur gut gemeint. Gretchen Haase war ihre engste und beste Freundin. Ihre einzige Vertraute neben ihrem Mann. Sie wollte an ihrem Leben teilhaben, sich mit ihr über ihr Glück freuen, das sie mehr als verdient hatte, und dazu gehörte nun mal auch ihre große Liebe Dr. Meier, mit der sie vom ersten Moment an mit gefiebert hatte und die sie immer noch als wahnsinnig faszinierend empfand. Sie konnte nicht anders. Außerdem hatte sie ihrer verehrten Frau Doktor versprochen, dass sie auf ihn aufpassen und ihm alles abnehmen würde, was ihn nicht unbedingt tangieren musste.

Marc: Schwester Sabine, ich glaube, es hackt. Hören Sie sofort auf, mir private Fragen stellen zu wollen! Sie nehmen sich in Ihrer mickrigen Position ganz schön viel heraus, wissen Sie das eigentlich? Das bedeutet Chuzpe. Das ist aller Ehren wert und auch völlig in Ordnung, wenn Sie mich damit nicht die ganze Zeit belangen würden. Gretchen ist nicht da, also behalten Sie Ihre nichtige Meinung gefälligst für sich!
Sabine (zuckt ängstlich zusammen): Oh! Entschuldigung! Ich dachte nur...
Das alte Spiel! Die Weiber denken einfach zu viel.
Marc (verdreht wissend die Augen): Ich weiß ja nicht, was sich gerade bei Ihnen da oben im Oberstübchen genau abspielt, vermutlich nicht viel, und es ist mir auch eigentlich völlig Wurst, aber so viel vorweg, ich bin immer noch Ihr Oberarzt. Verstanden? Private Fragen im, vor, nach dem Dienst sind absolut tabu. Ich weiß zwar nicht, wie Sie es genau geschafft haben, vermutlich haben Sie Haasenzahn irgendwas in den Kakao gemixt oder Sie haben sie bei einem schamanischen Ritual verhext. Was weiß ich, wieso sie Sie unbedingt adoptieren musste und wir Sie seitdem ständig an der Backe haben, aber mich beinhaltet diese Übereinkunft nicht. Wir sind keine Freunde. Wir sind nicht einmal Bekannte. Wir stehen in einem Arbeitsverhältnis mit genau festgelegten Aufgaben, damit jeder weiß, wo er genau steht. Das heißt, wenn Sie einen Fehler machen, muss ich ihn ausbaden und darf Sie feuern.
Sabine (wird immer kleiner auf ihrem Drehstuhl): Selbstverständlich, Herr Doktor.
Marc (er weiß nicht, wieso, aber er hat plötzlich sogar ein bisschen Mitleid mit dem Häuflein Elend, das vor ihm in sich zusammengesunken ist): Sie sind nicht gefeuert, Schwester Sabine. Ich wollte nur noch einmal die Vertragsbedingungen unseres Verhältnisses klarstellen und die lauten, strikte Trennung von privat und dienstlich. Ist das endlich da oben angekommen oder brauchen Sie es noch einmal in verschriftlichter Form? Dafür müssen Sie sich aber selber an den Rechner setzen, falls Sie wissen, wie der angeht. Für die Drecksarbeiten sind nämlich auch Sie zuständig.
Sabine (fühlt sich furchtbar nach der harschen Ansage ihres Chefs u. bemüht sich sehr, nicht vor ihm schon wieder in Tränen auszubrechen): Ich habe verstanden.
Marc (nickt zufrieden, als er sich in geschmeidigen Bewegungen langsam von seinem Platz erhebt): Gut! Sie können froh sein, dass Sie einen guten Tag erwischt haben, als Haasenzahn Sie, warum auch immer, zur Patentante unserer Kinder auserkoren hat, aber das kann sich jederzeit ändern, wenn Sie nicht endlich Ihre Neugier bremsen und zur Tagesordnung übergehen. Trommeln Sie die Assibande zusammen! Wird Zeit, dass hier endlich auch mal richtig gearbeitet wird. Visite in fünf Minuten. Und weil ich heute so nett bin, dürfen Sie von mir aus auch den in Ihren Augen Fähigsten der Flachpfeifen aussuchen, der mir dann die aktuellen Fälle vorstellt. Eine kleine Prüfung am Morgen hebt doch immer die Stimmung. Finden Sie nicht?

Als Sabine nicht gleich erwartungsfroh auf sein Friedensangebot einging, das er nutzen wollte, um die angekratzte Stimmung etwas zu heben, weil er doch gemerkt hatte, dass er mit seinen harten Worten über die Strenge geschlagen hatte, wurde Marc misstrauisch und kam langsam auf seine Stationsschwester zu. Erschrocken von seiner unmittelbaren Nähe sprang diese aus ihrem Sessel und sah sich unwirsch in dem Schwesternzimmer um. In all der Euphorie, ihren sehr geschätzten Oberarzt wieder hier auf Station begrüßen zu dürfen, hatte sie eine Sache nämlich aus den Augen verloren. Und sie wusste nicht, wie sie ihm das jetzt beibringen sollte, ohne noch mehr Ärger zu riskieren, und geriet dadurch unweigerlich ins Stottern, was den Chirurgen noch mehr verwunderte.

Marc (seine Stimme klingt leicht gereizt, nachdem Sabine nicht gleich reagiert): Was ist? Arbeit statt Yoga! Wieso bewegen Sie sich nicht endlich Ihre vier Buchstaben? Oder muss man hier neuerdings alles selber machen?
Sabine (traut sich kaum, ihn anzusehen u. organisiert stattdessen die schon bestehende penible Ordnung auf ihrem Schreibtisch neu): Ähm... Ich... weiß... nicht, wie ich es sagen soll.
Marc (ärgert sich u. fragt sich, wieso er sich überhaupt so lange mit ihr abgibt): Was? Übersteigt das jetzt etwa schon Ihre Kompetenzschwelle? Das hätte ich wissen müssen, als ich gefragt habe. Okay, dann...
Sabine (wedelt aufgeregt mit ihren Händen vor seinem Gesicht herum u. versucht, den Faden wiederzufinden): Nein, nein, ähm...
Marc (weicht sicherheitshalber einen Schritt zurück u. versucht es auf die meierisch diplomatische Art): Was? Mann, nicht faseln, frei heraus damit! Ich fress Sie schon nicht auf, wenn es was Schlimmes ist.

Falls doch, dann aber schon! Schmeckt aber vermutlich reichlich zäh.

Sabine (dieser lockere Spruch nimmt ihr nicht gerade die Angst): Wie man’s nimmt. Also, die Visite, die...
Marc (verliert so langsam die Geduld mit ihr): Was ist mit der?
Sabine (kneift ängstlich die Augen zusammen): Die Visite läuft bereits, Dr. Meier.
Marc (starrt sie ungläubig an u. hält sie für noch irrer u. unfähiger, als er es eh schon glaubt): Wie bitte? Das kann doch gar nicht sein. Weil ich ja offensichtlich hier vor Ihnen stehe.
Sabine (druckst herum, weil sie merkt, wie sehr ihm diese Tatsache nicht passt): Nun, ja, der Professor, er...
Marc (jetzt wird ihm alles klar u. er fasst sich fassungslos an seinen Kopf): Der Professor?
Sabine (öffnet langsam wieder ihre Augen u. nickt ihm schüchtern zu): Ja, Prof. Haase meinte, er würde heute Morgen noch einmal für Sie einspringen, bevor er dann später an der Universität zur Vorlesung erwartet wird. Weil Sie doch heute Ihren ersten Tag haben und es erst einmal ruhig angehen lassen sollen. Sich in die Akten einlesen, die er ihnen zur Ansicht ins Büro gelegt hat. Erst einmal ankommen. Sich wieder reinfinden, hat er gesagt.
Marc (kann das alles nicht glauben u. resigniert mit hängendem Kopf): Ankommen?
Sabine (guckt ihn ganz verstrahlt an): Ja, herzlich Willkommen, Dr. Meier.

Na wunderbar! Gretchen ist im Mutterschutz und jetzt behandelt er mich statt ihrer wie ein kleines Kind, dem man noch nicht die Stützräder vom Fahrrad nehmen möchte, weil man ja anecken könnte. Dabei bin ich hier schon ewig im Dienst und kenn mich besser aus als vermutlich er selbst. Entweder meint er es wirklich nur gut oder das ist jetzt die Rache dafür, dass ich sein unschuldiges kleines Kälbchen geschwängert habe. Das ist also der Dank dafür, dass ich dich zu einem glücklichen und ausgeglichenen Opa gemacht habe, Franz? Wirklich, prima! Danke, ey!

Marc war sauer. Nein, sauer war das falsche Wort, um zu beschreiben, wie er sich in diesem Moment fühlte. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie ihn diese völlig grundlose Zurückstufung in seiner Ehre als Chirurg beleidigte. Als hätte er in den sechs Wochen, die er nicht hier gewesen war, all das vergessen, was er sich innerhalb des letzten Jahrzehnts hart erarbeitet hatte. Er brauchte keine Schonbehandlung. Nicht deswegen. Im Gegenteil, er wollte endlich wieder so richtig gefordert werden. Also schnaufte er einmal ordentlich durch, um den Ärger nicht weiter an sich heran zu lassen. Er öffnete die Augen, schnappte sich seine Unterlagen und marschierte hoch erhobenen Hauptes an der staunenden Krankenschwester vorbei, die extra ihren Kopf eingezogen hatte, weil sie damit gerechnet hatte, dass er völlig ausflippen würde, wenn man ihn auf diese Art und Weise ungefragt übergehen würde. Dr. Meier war nun mal nicht derjenige, der sich gerne das Skalpell aus der Hand nehmen ließ, auch nicht von seinem eigenen Chef persönlich, der gleichzeitig auch noch sein Schwiegervater in spe und der Großvater seiner Kinder war, auf den er sonst immer große Stücke hielt. Dass dem aber tatsächlich so war, sollte sich jedoch gleich noch herausstellen. Denn auf dem Weg zu seinem Büro war Dr. Meier vor dem OP-Plan stehen geblieben und traute dort seinen Augen kaum.

Marc (schnipst laut mit den Fingern): SABINE!
Sabine (murmelt leise vor sich hin u. grämt sich mittlerweile, weil sie extra wegen ihm ihren Dienstplan getauscht hat): Zu früh gefreut. Ich bin noch nicht entlassen.
Marc: Gleich schon, wenn Sie nicht sofort Ihre vier Buchstaben hierher schwingen. Was verdammt noch mal hat das hier zu bedeuten?
Sabine (eilt aus dem Schwesternzimmer zu ihm auf den Flur der Station): Ja, Dr. Meier?
Marc (deutet mit ausgestrecktem Arm auf den unbeschriebenen OP-Plan): Was ist das hier?
Sabine: Das ist der OP-Plan, Herr Doktor.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf): Das sehe ich. Verarschen kann ich mich selber. Wieso ist der bis auf die lächerlichen Kindergarteneingriffe der Hassmann komplett leer gefegt? Der Professor hält uns ständig vor, keine Ressourcen liegen zu lassen. Die OPs müssen eng getaktet sein, damit wir wirtschaftlich bleiben. Der Anbau finanziert sich nicht von alleine. Wer ist hierfür verantwortlich? Die Ebersbusch macht doch die Vertretung von Dr. Haase, oder? Ne völlige Fehlbesetzung, wie immer.
Sabine (druckst unsicher herum): Ähm... ja, aber sie... sie ist nicht... Also, der Grund ist eigentlich...
Marc (ihm reißt endgültig der Geduldsfaden u. er fällt der stotternden Krankenschwester unwirsch ins Wort): Fangen Sie nicht schon wieder so an, Schwester Sabine!
Sabine (ringt überfordert nach den richtigen Worten): Entschuldigung! Also, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.
Marc (atmet ganz langsam ein u. wieder aus, um nicht sofort gänzlich auszuflippen, wonach ihm tatsächlich ist): Wie wäre es denn damit, einfach von vorne, hm?
Sabine (nickt ergeben): Es ist wirklich merkwürdig. Wir können uns das auch nicht erklären, Herr Doktor. Vor allem nicht nachdem, was am Wochenende hier los war. Wir sind von Patienten förmlich überrannt worden, nachdem es doch die Massenpanik beim Marathonlauf gegeben hat. Aber die meisten der Patienten konnten gestern Abend schon wieder entlassen werden. Die Knochenbrüche sind alle gerichtet und die Fleisch- und Schürfwunden genäht worden. Der Rest der Patienten soll im Laufe des Tages entlassen werden. Ansonsten...
Marc (ahnt so langsam, worauf das alles hinauslaufen könnte): Ansonsten was?
Sabine (kichert verlegen, weil es ihr selbst unheimlich ist): Naja, Sie wissen doch, ein- bis maximal zweimal im Jahr gibt es doch dieses seltsame Phänomen und heute ist es wieder...

Das ist jetzt nicht wahr? Nicht ausgerechnet heute! Wollt ihr mich verarschen? Ich hab mich auf ein Gemetzel und ein Blutbad gefreut. Mann, ey! Schöne Scheiße aber auch!

Marc (beendet für Sabine den angefangenen Satz): Sagen Sie nicht, ausgerechnet heute sind uns die Patienten ausgegangen?
Sabine (atmet erleichtert aus, weil er es doch gefasster aufgenommen hat, als gedacht): Das haben Sie jetzt richtig schön zusammengefasst, Dr. Meier.
Marc: Na wunderbar, die legendäre Flaute, von der immer mal wieder die Rede ist, die aber nie eintritt. Tote Hose ausgerechnet an meinem ersten Tag. Läuft bei mir! Es hat sich echt gelohnt, heute aufzustehen.

...resümierte Marc zynisch und kehrte Sabine den Rücken zu, die ihm mitleidig hinterherschaute, als er mit hängenden Schultern zu seinem Büro trottete, dessen Tür er dann mit einem lauten Knall hinter sich zuschmiss, um seinen Ärger und seinen Frust zumindest teilweise abzureagieren. Aber dass dieser noch größer werden könnte, ahnte der op-hungrige Chirurg zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Denn da hatte er auch noch nicht gesehen, was für einen Berg Patientenakten und Verwaltungskram der Professor ihm auf den Tisch gelegt hatte, damit er sich in aller Ruhe wiedereinarbeiten konnte. Von wegen Schongang. Darüber würde er mehrere Stunden sitzen müssen. Jetzt war Dr. Meier endgültig bedient.

Lorelei Offline

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05.05.2019 17:03
#1646 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Dass es dann aber doch anders kam als befürchtet und er nicht unter einer gigantisch großen Papierlawine verschüttging, hatte Dr. Meier nur einer Person auf diesem Planeten zu verdanken, oder genauer gesagt einer großen mit ihren zwei kleinen zuckersüßen munteren Begleitern, die den ernüchterten Chirurgen in genau dem Moment überraschen sollten, als er es am nötigsten gebraucht hatte. Der zum Nichtstun verdammte, schwere Medizinerschädel hatte bereits gefährliche Schieflage bekommen und drohte jeden Moment den wackeligen Aktenstapel von seinem überladenen Schreibtisch zu fegen. Marc hatte sich nämlich doch noch, und das sogar ohne allzu große Überwindung, dazu aufgerafft, den Papierberg, den der Professor ihm als zum Nachdenken anregende Hinterlassenschaft vererbt hatte, abzuarbeiten. Wenn er schon einmal dabei war, dann konnte er es auch gleich hinter sich bringen. Das war seine nicht wirklich überzeugende Motivation, die sich deutlich in dem leidenden Gesicht des zurückgekehrten Oberarztes widerspiegelte, als er sich nach diversen nur für ihn und seine geschlossenen vier Wände bestimmten, stumm dahingeschimpften Flüchen schließlich in seinem bequemen Sessel hinter den Schreibtisch klemmte.

Drumherumkommen wäre ohnehin nicht drin gewesen, auch wenn er gewöhnlich um Ausreden der ganz spontanen und kreativen Art nicht wirklich verlegen war. So gut kannte er seinen Mentor und Schwiegervater in spe nämlich, der ihn vorhin mit ekelhafter Gute-Laune-Miene und ganz eigenem unkomischen Haasschen Humor bewaffnet nach der Visite auch noch einen kurzen Kontrollbesuch abgestattet hatte, um ihn, O-Ton Prof. Dr. Franz Haase, „an Bord seines Traumschiffes“ auf das Herzlichste wieder zu begrüßen und ihn an einige Termine am frühen Nachmittag zu erinnern, die er wegen seiner unabdingbaren Anwesenheit bei der Begrüßung der Erstsemestler in der ersten Vorlesung des neuen Semesters an der medizinischen Fakultät zu seinem Bedauern leider nicht persönlich wahrnehmen konnte. Und nein, es handelte sich natürlich nicht um ein wegweisendes Operationsverfahren, das der Chefarzt des EKH in die begnadeten Hände seines meist geschätzten Chirurgen geben wollte, damit dieser es dann in einem ihn fordernden, hochkomplizierten, mehrstündigen Eingriff am lebenden Objekt hätte erproben dürfen. Tja, damit wäre einmal mehr eindrucksvoll bewiesen worden, dass man auf Wunschträume, die sich im Kopf bereits zu einem spannenden Film entwickelt hatten, scheißen konnte. Das ärgerte ihn. Es frustrierte ihn zusehends und es langweilte ihn so wahnsinnig, dass er am liebsten hätte schreien wollen, wofür er vermutlich von Dr. Gummersbach unbeabsichtigt den ewigen Titel des „Nerds des Tages“ geerbt hätte, ohne vorher die engere Auswahlrunde für die abstimmungswilligen Kollegen durchlaufen zu haben. Weil in den vergangenen Tagen und Wochen nichts wirklich Spannendes im Elisabethkrankenhaus passiert zu sein schien, wie Dr. Meier beim kurzen Durchstöbern der Patientenmappen zu seiner großen Frustration feststellen musste.

Alles, was vor ihm lag, waren Routinefälle gewesen. Mal abgesehen von dem kuriosen Fall eines fünfundvierzigjährigen Hobbyhandwerkers, der sich mit einer rostigen Kreissäge Marke DDR-Eigenbau, die schon bessere Tage gesehen hatte, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion horrorfilmverdächtig seinen halben Arm abgesäbelt hatte, den Prof. Haase während eines stundenlangen, kniffligen, feinchirurgischen Eingriffs, der mindestens genauso blutig vonstattengegangen war wie das Missgeschick selbst, wieder so erfolgversprechend rangetackert hatte, dass der „Vollprofi“ unter den Berliner Reihenhausnachbarn keine Nachwirkungen mehr spüren würde. Es sei denn, er würde weiterhin ohne professionelle Anleitung in seiner Freizeit alleine an seinem neu gekauften, sanierungsbedürftigen Haus herumwerkeln wollen, in dessen Keller er diese gefährliche Arm-ab-Maschine gefunden und nicht gerade erfolgreich wiederaufgemotzt hatte, die eher für den nächsten geplanten Thrillerdreh in den Fundus von Babelsberg gehörte als in ungeschickte private Hände.

Ein weiterer flüchtiger Blick in die Unterlagen hatte Marc dann noch verraten, dass er zudem einen seiner wenigen Lieblingspatienten verpasst hatte, der ihn schon die meiste Zeit seines Berufslebens begleitet hatte. Mehr notgedrungen, als wirklich gewollt. Eine unfreiwillige, aber doch mehr als passende Schicksalsgemeinschaft sozusagen. Jonathan Hahn, der Schüler, dem Dr. Meier zusammen mit seinem Vater vor einigen Monaten ein neues Herz transplantiert hatte, war nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Reha vor nicht mal vier Tagen zur Nachsorge im Elisabethkrankenhaus gewesen. Dabei handelte es sich um einen dieser wenigen Eingriffe, der dem Vierunddreißigjährigen auf ewig in Erinnerung bleiben würde, nicht nur weil diese schwierige Operation auch seine eigene Pumpe ordentlich zum Rotieren gebracht hatte. Das Leben des Jungen hatte nämlich auf Messers Schneide gestanden. Es war wirklich sprichwörtlich fünf vor zwölf gewesen, als das Schicksal doch noch im positiven Sinne zugeschlagen hatte. Jonathans allerletzte Chance, sie wurde genutzt und das auf eindrucksvolle und sehr einprägsame Weise. Marcs erste Herz-OP war ein Meilenstein in seiner Vita gewesen, auf die er nicht nur als Mediziner megastolz gewesen war. Mit kribbeligen Fingern hatte Dr. Meier deshalb die aktuellen Werte des mittlerweile Achtzehnjährigen studiert, hatte sie regelrecht in sich aufgesogen und mehrfach gegengecheckt, um sicherzugehen, dass die Flitzpiepen im Labor auch ja nichts übersehen hatten. Hatten sie nicht. Jonathan war ihm nach all den Jahren, die er mehr im Krankenhaus als in der Schule hatte verbringen müssen, wie ein guter Freund an das eigentlich gar nicht so harte Chirurgenherz gewachsen. Und die Erleichterung, wie gut es dem Teenager mittlerweile nach dem lebensrettenden Eingriff und den mühsamen Therapien danach wieder ging, war dem stolzen Oberarzt deutlich anzumerken, als er sich zufrieden in seinem Schreibtischsessel zurücklehnte und über seine müden Augen wischte.

Ganz so viel Glück war anderen Patienten nicht vergönnt gewesen. Es hatte mehrere vermeidbare, aber auch alters- und krankheitsbedingte Todesfälle gegeben und einem jungen Fußgänger, einem Tagestouristen aus Norwegen, ein stattlicher Hüne in Marcs Alter, hatte die selbstmörderische Waghalsigkeit zweier hirnverbrannter Raser, die den nächtlichen Ku’damm mit dem Hockenheimring während eines Formel-eins-Rennens verwechselt hatten, beinahe das Leben gekostet, welches er nun wohl für immer im Rollstuhl würde bewältigen müssen. Das Leben war doch manchmal wirklich scheiße ungerecht, dachte Marc, als er mit zunehmender Akribie die OP-Berichte studierte, die seine Vertretung gewohnt detailgetreu niedergeschrieben hatte, sodass er fast glaubte, aktiv dabei gewesen zu sein, und das deprimierte ihn. Das Schicksal von Patienten war ihm sonst nie wirklich nahegegangen, aber die letzten Wochen und Monate hatten irgendetwas mit ihm gemacht, das er sich nicht erklären konnte. Er war unprofessionell weich geworden und wenn Gretchen oder Mehdi das mitbekommen würden, würden sie vermutlich mit dem Finger auf ihn zeigen und sicherlich sagen, „siehste, mein lieber Marc, in dem leeren Chirurgenkörper steckt doch so etwas wie ein echter Mensch mit Gefühl und Empathie“.

Pah! Von wegen. In euren kitschigen Einhornträumen vielleicht. Aber der Typ hier könnte eventuell ein weiterer passender Kandidat für meine Fallstudie sein. Neben Anna, dem abgestürzten Artisten und der verunglückten Bahnradfahrerin. Mhm... Mal sehen. Noch liegt die Habi auf Eis. Aber ich könnte mit dem Antauen schon mal anfangen, wenn ich hier durch bin. Ist ja eh nichts weiter Erwähnenswertes dabei, wie mir scheint.

Marc wischte sich noch einmal über seine schweren Augenlider, die nach dem ermüdenden Aktenstudium der Schwerkraft zu erliegen drohten, und griff dann instinktiv zur Seite, wobei einige Mappen ins Rutschen gerieten, wodurch die bereits bestehende Unordnung auf seinem Schreibtisch noch zusätzlich kreativ hervorgehoben wurde. Aber seine mittlerweile dritte Kaffeetasse an diesem späten Montagvormittag war zu seiner Enttäuschung leider schon von ihm ausgetrunken worden. Er wollte schon fast wieder zum Telefonhörer greifen, um seine lahmarschige Stationsschwester auf Trapp zu bringen, aber er verkniff sich diese Schikane, die lediglich seinem eigenen Vorteil diente. Außerdem war er froh, Schwester Sabine mal nicht dauerhaft an der Backe kleben zu haben. In den letzten Stunden war sie aller zehn Minuten unter fadenscheinigen Gründen hereingeschneit gekommen, hatte ihm ungebeten ungenießbare, selbstgebackene Kekse serviert, sich tausendmal für jede noch so bedeutungslose Kleinigkeit entschuldigt, ihn mit ihren Glubschaugen, ohne auch nur einmal zu blinzeln, nervig angestarrt, obwohl er sie bereits mehrfach lautstark des Zimmers verwiesen hatte, und hatte allein durch ihre bloße Anwesenheit seine eh schon nicht konstante Konzentration nachhaltig aus dem Konzept gebracht. Und er war sich mittlerweile ziemlich sicher, dass sie jemand, oder in dem konkreten Fall eine ganz bestimmte blondgelockte Person, auf ihn angesetzt hatte. Aber nicht mit Dr. Meier! Er brauchte keine Gouvernante, die, wenn überhaupt, höchstens zum Kaffeekochen taugte. Er würde auch ohne zusätzliche Koffeinzufuhr auskommen müssen, das schaffte er schließlich zuhause beim Babysitten auch, wenn er den merklich kleiner gewordenen linken Stapel auf seinem Schreibtisch bis zur Mittagspause durchgeackert haben wollte.

Fast hatte er es sogar schon geschafft, seufzte Marc erleichtert auf, als er eine der letzten Aktenmappen aufschlug und darin überraschend auf einen weiteren bekannten Namen stieß. Frau Schmitz, Gretchens All-time-favorite-Patientin. Er würde nie vergessen, was für einen Ärger diese ihm mit ihren nichtigen Wehwehchen bereitet hatte, weil die nervige Professorentochter, die man ihm als nicht besonders helle wirkende Schnupperassistentin aufgedrückt hatte, ihn an ihrem ersten Tag mit ihrer aus dem Blauen heraus treffgenauen Diagnose mächtig hatte auflaufen lassen. Er war damals so sehr auf sich und seine Karriere fokussiert gewesen, dass er diesen allem Anschein nach unkomplizierten Fall auf die leichte Schulter genommen hatte. Wenn er die Patientin wieder weggeschickt hätte, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, wäre die fidele alte Dame heute nicht mehr am Leben und würde das Flugfeld in Tempelhof nicht mit ihren Rollerskates unsicher machen. Die Frau war wirklich nicht totzukriegen und diesmal hatte es nicht mal an ihm gelegen. Moment! Marc stutzte. Hatte er gerade Rollschuhlaufen gelesen? In dem Alter? War die nicht schon hundert? Dr. Meier musste zweimal auf die krakelige Handschrift des Sanitäters gucken, der die Erstanamnese am Unfallort vorgenommen hatte, aber da stand wirklich, dass die Dreiundachtzigjährige sich beim Rollschuhfahren den linken Fuß verknackst und den kleinen Finger der rechten Hand gebrochen hatte. Marc grinste in sich hinein und schnappte sich die nächste Mappe vom Stapel. Haasenzahn würde vielleicht Augen machen, wenn er ihr davon später erzählen würde. Er seufzte abermals auf, als er für einen kurzen Moment an seine hinreißende Freundin dachte, die vermutlich gerade zuhause den Spaß ihres Lebens hatte, während er hier unter Papierbergen zusehends verschimmelte. Er hatte ja ansonsten nicht viel zu berichten.

Seit heute Morgen, als er seinen Dienst wiederangetreten hatte, hatte sich noch nicht viel auf Station getan. Das Phänomen, wie er es mit einer großen Portion Galgenhumor kurz und knackig nannte, zog immer weitere Kreise. Bis auf die üblichen Streitereien mit der bärbeißigen Oberschwester, die sich von den Ärzten grundlos gegängelt fühlte und der vermutlich auch ziemlich langweilig war, und ein paar Entlassungspapieren, die er unterschrieben hatte, unter anderem diejenigen von Frau Schmitz, die erstaunlicherweise mehr über seinen aktuellen Lebensstatus und dem seiner Stationsärztin Bescheid wusste, als ihm lieb war, wie ihm auch ein irritierter Blick auf Schwester Sabine verraten hatte, die plötzlich ganz kleinlaut geworden war und sich so rasend schnell aus dem Patientenzimmer verabschiedet hatte, wie er es sich manchmal auch aus seinem Büro wünschen würde, und einer nicht der Rede werten Platzwunde an der Stirn eines kleinen Jungen, der sich im Ferienhort geprügelt hatte, und die er getapt hatte, während er dem Siebenjährigen ein paar nützliche Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben hatte, die bei der besorgten Mutter und dem erzürnten Vater aber leider nicht die gleiche Wirkung erzielt zu haben schienen wie bei dem tapferen kleinen Kerl, war nichts weiter vorgefallen und der große Zeiger auf der Wanduhr drehte sich nur quälend langsam voran.

Genauso behäbig fühlte er sich auch. Deshalb gab Marc den Impulsen seines Körpers schließlich auch nach und ließ die letzte Patientenmappe, die er noch aktualisieren wollte, unberührt vor sich liegen und platzierte stattdessen seine ineinander verschränkten Arme darauf, auf denen sein akuten Akkunotstand meldender Schädel ein gemütliches Lager fand. Aber nicht lange, sondern für lediglich achtundzwanzig Sekunden, um genau zu sein. Denn genau in dem Moment, als sich seine schweren Augenlider schließlich der Schwerkraft hingaben, ging plötzlich unvermittelt die Tür auf. Wie er es doch hasste, wenn man vorher nicht angeklopft hatte. Ungebetener Besuch zur Unzeit war doch wirklich die Pest und dementsprechend reagierte Dr. Meier auch. Ihm platzte letztlich der Kragen und er polterte direkt ungehalten los, während er mit noch geschlossenen Augen langsam den Kopf wieder von der Schreibtischablage hob...

Marc: Jetzt NICHT, VERDAMMT noch mal! Wann werden Sie das endlich raffen, Schwester? So schwer kann das doch nicht sein. Bei der Schmitz konnte es Ihnen doch auch nicht schnell genug gehen, Ihren dicken Hintern wieder durch die blöde Tür zu quetschen.
Gretchen (zuckt erschrocken zusammen u. zieht ihren wild umherhüpfenden Lockenkopf schnell wieder zurück durch den Türspalt, den der sperrige Zwillingskinderwagen blockiert hält, den sie gerade ungeschickt durch die Tür zu bugsieren versucht hat): Okay, dann... kommen wir eben später wieder, mein Schatz, wenn du mehr Zeit für uns hast. Tschüß, Papa Marc!
Marc: Was? NEIN! Was... was macht ihr denn hier? Ist was passiert?

Wie vom Blitz getroffen riss Marc seine Augen wieder auf, nachdem er anstelle des einschläfernden monotonen Klangs seiner unfähigen Stationsschwester völlig überraschend die liebliche Stimme seiner süßen Freundin vernommen hatte, mit der er heute hier im Krankenhaus definitiv nicht gerechnet hatte. Auch nicht mit ihren beiden kleinen Begleitern, die im Zwillingskinderwagen, dessen Griff Gretchen auf der Türschwelle fest mit beiden Händen umklammert hielt, munter vor sich hin strampelten und fröhliche Glucksgeräusche von sich gaben. War er eben noch völlig ohne Kraft und Energie gewesen, hielt ihn jetzt nichts mehr auf seinem Platz. Mit wenigen Schritten umrundete er seinen Schreibtisch und schnappte sich die Vorderachse des schnittig designten Kinderwagens und zog ihn langsam der Länge nach in sein Büro herein, bevor sein Überraschungsbesuch seine Worte in die Tat umsetzen und sich noch auf der Schwelle wieder umdrehen konnte.

Mit einem umwerfenden Lächeln kommentierte die junge Mutter den sehr plötzlichen Stimmungsumschwung ihres Grummelkönigs, den sie so oder so ähnlich schon erwartet hatte, weswegen sie sich mit einer Reaktion auf seinen barschen Tonfall zurückhielt, und folgte leichtfüßig dem Mini-Ferrari, wie Marc und Gretchen den sportlichen roten Kinderwagen scherzhaft nannten, der sich wie von Zauberhand von ganz alleine in Richtung Sitzecke zu bewegen schien, und schloss leise die blaue Tür hinter sich. Die Überraschung hatte sich auf jeden Fall gelohnt, dachte die Zwillingsmama voller Zufriedenheit, während sie ihren überdrehten Freund hingerissen von der Seite betrachtete, der gar nicht an sich halten konnte und erst den einen und dann den anderen Zwilling aus ihrem fahrbaren Untersitz befreite und liebevoll an sich drückte und immer wieder herzte, bevor er mit den beiden Säuglingen vor der weißen Ledercouchgarnitur in der kleinen Sitzecke seines Sprechzimmers auf dem Boden Platz nahm.

Mit leichter Verzögerung, weil sie sich von dem entzückenden Anblick nicht hatte lösen könne, folgte Gretchen schließlich Marcs Beispiel. Sie breitete noch schnell die pastellfarbene Decke aus, die auf dem Sofa gelegen hatte, strich ihr bodenlanges geblümtes Blusenkleid und ihre lilafarbene Strickjacke glatt und setzte sich dann vorsichtig neben ihre drei Lieben auf den Boden. Schulter an Schulter saß das frisch gebackene Elternpaar jetzt da und schaute verliebt auf ihre beiden kleinen Wunder, die Marc abwechselnd in die Luft reckte und dann vor Glück jauchzend unter seinem Arztkittel an seine Brust drückte. Er wirkte unendlich beseelt, aber auch immer noch ein wenig überrumpelt von dem süßesten Überfallkommando der Welt, das ihn gerade noch rechtzeitig aus seinem Mittagstief geholt hatte. Marcs Akku hatte sich von einem auf den anderen Moment wiederaufgeladen und er strotzte nur so vor neu gewonnener Energie, die sich in zart dahingehauchten Küssen an seine hinreißende Freundin entlud, die vergnügt vor sich hinkicherte, während sie ihn schockverliebt bei seinen Neckereien mit den Zwillingen beobachtete, und ihrem Pappenheimer schließlich eins der Babys abnahm, bevor er noch völlig überdrehte und es noch mal wie Superman und Superwoman durch die Lüfte wirbeln ließ, was in Anbetracht der Tatsache, wie klein Marlon und Marlene noch waren, vielleicht etwas zu übermütig gewesen wäre. Aber seine Freude war ehrlich und echt. Sie wirkte ansteckend. Und Gretchen gönnte ihrem Freund diese Momente der Ausgelassenheit. Er liebte die beiden nun mal. Genauso sehr wie sie ihn und ihre kleine Familie, die ihr alles auf der Welt bedeutete und die nur zusammen ein großes Ganzes ergab. Vielleicht auch ein Grund, wieso sie sich zu diesem Spontanüberfall entschlossen hatte.

Gretchen (bedenkt die Kleinen u. deren Papa mit liebevollen Blicken): Nein, alles ist gut, Marc. Wir waren nur zufällig in der Nähe und haben uns gedacht, wenn wir schon einmal hier sind, warum schauen wir dann nicht mal, was der Papa gerade so macht.
Marc (grinst wissend zur Seite, während er seine kleine Tochter sanft gegen seine Backe gedrückt hält u. sich nicht daran stört, dass sie ihm gerade mit sichtlichem Vergnügen den Kragen seines frisch gewaschenen Arztkittels voll sabbert): Zufällig? Soso?
Gretchen (merkt mit leicht geröteten Wangen, dass er ganz genau weiß, dass sie ein bisschen geflunkert hat): Ja, quasi.
Marc (amüsiert sich königlich darüber, wie schnell sie sich doch verrät, u. neckt sie zärtlich mit liebevoll gemeinten Worten, während er sich zusammen mit Marlene an die Seite seiner verlegen lächelnden Freundin lehnt): Du weißt ja, was ich grundsätzlich von deinen spontanen Einfällen halte, Haasenzahn. Der hier war auf jeden Fall einer der besseren Sorte, wenn nicht sogar der Beste ever. Muss an ihrem guten Einfluss gelegen haben, ne Leni? Genau, du und Marlon stimmt mir zu, oder?

Boah! Dieser... blöde Idiot! Dabei haben wir uns solche Mühe gegeben, ihn spontan zu überraschen. Okay, ja, ich geb’s zu, vielleicht nicht ganz so spontan, wie es vielleicht aussieht, aber wenn es doch von Herzen kommt. Wieso weiß er nie, das auch richtig wertzuschätzen?

Gretchen (stupst den dreisten Kerl sanft mit der Schulter an, während sie mit einer Hand über Marlenes Wange streichelt, die in einem gesunden Rosa strahlt): Hey! Du weißt ja gar nicht, was für eine logistische Meisterleistung das war.
Marc (schmunzelt jetzt erst recht): Eben drum.
Wie zum Teufel seid ihr bloß hierhergekommen, wenn ich unser Auto habe, hm?
Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute, die zum Küssen einlädt): Mensch, jetzt verdirb uns bitte nicht unsere Überraschung! Wir haben uns so auf dich gefreut.
Dito!
Marc (lächelt hingerissen u. stupst mit seiner Nase ihr süßes Stupsnäschen an, bevor er dieselbe Geste bei seinem kleinen Sohn wiederholt, der seinen Papa daraufhin mit großen Kulleraugen anschaut, sodass Marc sich nicht mehr davon lösen kann): Tue ich nicht. Ich find’s echt cool.
Gretchen (blickt ihm scheu in die Augen, während sie ihrem kleinen Sohn, den sie im Arm hält, zärtlich durch den zarten Flaum seines Haares streicht): Ehrlich?

Meier, du bist so ein weichgespülter Sofapuper. Du hältst es nicht mal eine Stunde ohne die Drei aus. Was soll bloß aus dir werden, hm? Das ist mir scheißegal, Hauptsache, ihr seid jetzt hier bei mir. Die Dauerkarten schenk ich euch.

Marc (legt seine Hand über die von Gretchen über Marlons Köpfchen u. beugt sich zu einem zarten Kuss auf ihre gespitzten Erdbeerlippen heran): Du ahnst gar nicht, wie gut es tut, euch zu sehen, nachdem ich hier heute gefühlt nur Däumchen gedreht habe. Ich bin überflüssig geworden.
Gretchen (kann ein kleines Kichern nicht unterdrücken, weil seine Haartolle, die ihm immer wieder neckisch ins Gesicht fällt, sie an ihrer Nase kitzelt): Wieso? Was ist passiert?
Marc (stöhnt leicht gereizt auf u. nimmt ihr Marlon ab, um sich dann der Länge nach auf die Decke zu legen, mit den beiden Babys auf seinem Bauch, die er behutsam mit beiden Armen festhält): Das ist es ja eben, es ist nichts passiert. Gar nichts. Niente. Das ist kein Krankenhaus, sondern ein Geisterhaus im wahrsten Sinne des Wortes. Oder hast du die Steppenläufer nicht über die Flure rollen sehen? Das Aufregendste, was heute passiert ist, ist der starke Kaffee, den Sabine durch den Filter gejagt hat. Aber Tote wecken kann der auch nicht. Dabei läge das eigentlich auf der Hand, sie hat doch extra in das Metier eingeheiratet. Aber nicht mal dafür ist sie zu gebrauchen.

Oje, seine Laune ist ja wirklich unterirdisch. Das hat er sich sicherlich anders vorgestellt. Er wirkt immer so unausgeglichen, wenn er nicht operieren darf.

Gretchen (lehnt sich ebenfalls auf der Decke zurück u. schmiegt sich verschmust an seine Seite, um ihn aufzumuntern u. zu trösten): Och, mein armer, armer Marci!
Marc (funkelt seine anschmiegsame Freundin gefährlich von der Seite an): Vorsicht! Ein bisschen mehr Mitgefühl, bitte! Auf Mitleid reagiere ich ganz allergisch.
Gretchen (kann sich eine kleine Spitze nicht verkneifen): Nur auf Mitleid?
Marc (seine dunkelgrünen Augen sprühen nur so vor Schalk u. Übermut, während er sich mit seinen beiden Babys verschwört): Boah, hört sie euch an! Da lässt man eure Mama mal fünf Minuten alleine und schon wird sie aufmüpfig und übermütig.
Gretchen (grient die Drei vergnügt an): Das ist meine Überlebensstrategie, um mit dir mithalten zu können, mein Lieber.
Marc (nickt anerkennend u. kann sich sein breites Grinsen nicht mehr länger verkneifen): Hört, hört!

Du bist so scharf, wenn du mir widersprichst. Warte nur ab, bis ich heute nach Hause komme! Ich glaube, wir haben da noch etwas nachzuholen.

Gretchen (tippt ihn sanft mit dem Zeigefinger an u. streichelt dann über den Rücken ihrer beiden Kinder, die es sehr gemütlich finden auf dem Bauch ihres Papas): Außerdem sollen sie sich schon einmal an den Ton gewöhnen, der zwischen uns herrscht.
Marc (liebt es sehr, von ihr herausgefordert zu werden u. spielt liebend gern mit): Und der wäre? Streitlustig und flirty?
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf, stützt sich mit einem Ellenbogen ab u. schaut ihrem verschmitzten Herzprinzen tief in die Augen, die sie vergnügt anfunkeln): Ich würde es als liebevoll neckisch beschreiben. Vertraut und harmonisch.
Marc (hört ihr andächtig zu, ohne es ins Lächerliche zu drehen, was sie in typischer Gretchen-Manier von sich gibt): Ach?
Gretchen (nickt leicht mit dem Kopf, während sie ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lässt): Sie spüren, wie sehr wir uns lieben und respektieren. Das gibt ihnen Halt und Geborgenheit. Dann vermissen sie dich auch weniger, wenn du mal nicht da bist.

Ob das wirklich so einfach funktioniert wie in Gretchens verklärter Tagebuchwelt? Merken sie das wirklich jetzt schon? Sie sind doch erst wenige Tage alt und vor allem erst einmal hauptsächlich mit Atmen, Schlafen, Trinken, Pipi machen, Spucken und Sabbern vollends ausgelastet. Och nee, Lonny, nicht du auch noch. Na, prima! Ich hätte den Kittel vorher zumachen sollen. Deine Reaktionszeit ist mittlerweile wirklich unterirdisch, Meier.

Marc wischte sich mit dem Saum seines nicht mehr ganz so sauberen Arztkittels über sein voll gesabbertes Designerhemd, das jetzt definitiv nicht mehr verführerisch nach Haasenzahn roch, die es heute Morgen nur für ihn extra angezogen hatte, um ihn auf ganz besondere Weise wach zu bekommen. Ein Flashback, der ihn schmunzeln ließ. Er ignorierte Marlons kleines Missgeschick, das man so oder so nicht wieder rückgängig machen konnte, und zwinkerte stattdessen erst einmal wissend Gretchen zu. Er hatte seine Freundin nämlich längst durchschaut und das wusste sie auch, wie man an ihren niedlichen geröteten Wangen ablesen konnte.

Marc: Jetzt kommen wir dem Punkt doch langsam näher.
Gretchen (seufzt leise auf u. lässt schließlich alles raus): Okay, ja, ich geb’s zu. Du hast uns gefehlt. Sehr doll sogar.
Marc (grinst zufrieden): Durchhaltedauer vier Stunden, das ist neuer Rekord.
Gretchen (klappst dem dreisten Sprücheklopfer sanft auf den Arm, bemerkt den Fleck auf seinem Hemd u. wischt nun auch noch ungeschickt darauf herum, sodass er noch größer wird): Du Blödi! Das ist wirklich ernst gemeint. Aber nicht, dass du jetzt denkst, ich würde schon wieder nur klammern wollen. Das war einfach ein Bedürfnis. Eine Herzensentscheidung.
Marc (kann es nicht lassen, seine zauberhafte Prinzessin dafür zu necken): Och, auch nicht mehr als sonst.
Gretchen (lässt ihn prompt wieder los, setzt sich im Schneidersitz aufrecht hin u. verschränkt beleidigt ihre Arme vor ihrem Körper): Hey, ich schnapp mir die beiden gleich wieder und gehe.
Marc (legt seine Hand sanft über Gretchens Arme u. zieht sie wieder auseinander, bis er eine Hand von ihr festhalten kann): Negativ, ihr geht mir nirgendwohin. Ihr seid schließlich die beste Medizin gegen Langeweile in diesem Puff hier.
Gretchen (verdreht die Augen): Marc, rede nicht so abfällig über unsere Arbeitsstelle!
Marc (stöhnt gequält auf): Ich wäre froh, wenn es hier wenigstens so was wie Arbeit geben würde. Mann, ich hab mir das ganz anders vorgestellt. Aufregender. Sinnvoller. Weißt du, so ein richtig schönes, blutiges Intermezzo zum Anfang, das mich fordert und den Assis aufzeigt, dass sie ihre Berufswahl eventuell noch einmal neu bedenken sollten.

Menno! Es war gerade so schön zwischen uns, so ehrlich und vertraut, und dann sagt er wieder so etwas. Das ist einfach Marc Meier, wie er leibt und lebt.

Gretchen (will es eigentlich nicht, aber klingt dann doch belehrend, als sie ihm eindringlich in die Augen sieht): Marc, du musst aufhören, dir ständig zu wünschen, dass irgendwo etwas Schlimmes passiert. Das bewirkt nicht nur schlechtes Karma, sondern ist ein echt schlechtes Omen, dessen Auswirkungen dann meist nicht mehr aufzuhalten sind. Wir sind schließlich Mediziner geworden, um Leben zu retten und nicht andersherum. Wir sollten es also schätzen, wenn nicht gleich wieder irgendwo eine Katastrophe passiert. Davon hatten wir in der Vergangenheit schon zur Genüge.
Marc (guckt sie gerührt, aber doch auch mit einem Hauch von Schalk in den Augen von der Seite an, während er seinen Kindern, die kurz davor sind, einzunicken, zärtlich über den Rücken streichelt): Da ist sie wieder, die Verfechterin für alles Gute in dieser beschissenen Welt. Das gleicht doch gleich alles wieder aus, was ich heraufbeschwört habe.
Gretchen (schüttelt den Kopf angesichts dieses unverbesserlichen Quatschkopfs): Ich finde es keine Schande, ein guter Mensch zu sein. Wann hat das angefangen, dass das nicht mehr zählt? Ich bin so erzogen worden und ich bin stolz darauf. Das bin ich und diese Werte werde ich auch weitergeben.
Marc (lächelt sie aufrichtig an): Ich weiß und genau dafür liebe ich dich.

Ein Liebesgeständnis, ohne ihn dazu gedrängt zu haben, hach... ich bin im Himmel.

Gretchen (schmilzt nur so dahin u. kuschelt sich wieder an seine Seite): Ich liebe dich auch, Marc, und deshalb wollten wir Drei dir eine kleine Freude machen. Du hast heute Morgen so unentschlossen gewirkt und als du gesagt hast, du würdest uns am liebsten einpacken und mitnehmen wollen, da hat sich plötzlich dieser Plan im Kopf entsponnen und naja, hier sind wir.
Marc (grinst u. ist einmal mehr hingerissen von seiner persönlichen Märchenprinzessin, die immer genau das sagt u. tut, was sie gerade denkt): Ja, das seid ihr. Unverkennbar. Verstehe. Was ich aber nicht verstehe, wie seid ihr überhaupt hierhergekommen? Die Limousine steht doch unten auf dem Parkplatz und den musste ich mir heute Morgen echt hart erkämpfen. Du bist mit den beiden aber nicht durch das stickige Drecksloch, das sich U-Bahn schimpft, gekommen? Boah, da ist doch gerade heute wieder die Hölle los. Streikt nicht schon wieder irgendwer in diesem Irrenhaus von Hauptstadt?
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Quatsch, nein! Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich mit unserem Monsterkinderwagen heil und sicher da runtergekommen wäre. Das ist schon bei uns im Haus kompliziert. Das Berliner Busliniennetz wäre zwar eine Alternative gewesen, aber dann hätten wir dreimal umsteigen müssen und wären sicherlich vor heute Nachmittag nicht hier angekommen. Aber der Zufall wollte es so, dass wir es doch hinbekommen haben.
Marc (kleine imaginäre Fragezeigen steigen über seinen Kopf auf): Der Zufall?

Wieso spricht sie eigentlich ständig in Rätseln? Hat das was mit ihrem Märchentick zu tun? Kann sie etwa wirklich zaubern und das verrät sie mir erst jetzt? Oder hat die Alienfraktion aus der Tiefkühlabteilung die Drei einfach hergebeamt? Zutrauen würde ich es Spock und Spockline. Dann wären sie zumindest für etwas nütze.

Gretchen: Ich hab doch anfangs erwähnt, dass wir zufällig in der Nähe waren. Elke hatte kurz nach dem Frühstück nach uns geschaut und gemeint, sie würde später in eurer Villa im Grunewald mal nach dem Rechten schauen wollen. Ein paar Sachen holen, ihre Diktiersoftware, die Enzyklopädien und so, weil Oli und sie doch länger bei uns im Haus bleiben wollen.
Marc (stöhnt entnervt auf): Meine Mutter? Die plant echt dauerhaft, mir auf die Nerven gehen zu wollen.
Gretchen: Marc, es doch süß von ihr, dass sie gerade jetzt den Drang verspürt, in deiner Nähe sein zu wollen. Solange sie sich von uns gebraucht fühlt, werden Oli und sie auf jeden Fall in der Einliegerwohnung wohnen bleiben. Außerdem sagt sie, sie fühlt sich von der pulsierenden Metropole direkt vor ihrer Haustür zum Schreiben ihrer neuen Romanreihe inspiriert. Der erste Band ist schon fast fertig. Wusstest du das? Nächste Woche will sie einen ersten Entwurf an den Verlag schicken und sie ist sehr zuversichtlich.

Es ist ein Albtraum. Dabei schreibt sie doch noch nicht mal mehr an ihrer peinlichen Version eines durchgeknallten Horrorromans, sondern will sich mit ihrer neuen Ärztinnenreihe ein hippes, neues, jüngeres Klientel erschließen. Pff! Als ob sich irgendwer aus der Spacebook- und Netfix-Generation für die Tagebücher einer minderbegabten Medizinstudentin interessieren würde. Das floppt so was von. Und wer darf sie dann wieder trösten und aus ihrer nächsten Depression ziehen? Dad... und ich!

Marc (rollt mit den Augen u. schmiegt sich zum Trost an seine vor sich hin dösenden Babys): Na super, mir bleibt auch nichts erspart. Also hat sie euch hergebracht, wenn ich das richtig verstanden habe?
Gretchen (nickt lächelnd): Genau. Sie nimmt uns nachher auf ihrem Rückweg auch wieder mit. Sie wollte von Mehdis Vertretung noch ein neues Rezept abholen. Also passt das ganz gut zusammen. Und wir wollten dich ja auch nicht allzu lange von der Arbeit abhalten.
Marc (der Galgenhumor geht mit ihm durch): Welche Arbeit?
Gretchen (streicht ihm liebevoll über den Arm): Das konnte ich ja vorher nicht wissen. Dann wären wir nämlich schon viel früher vorbeigekommen. Oder, ihr Süßen, hmm? Außerdem wollte ich mal bei meinen Mädels vorbeischauen. Sie sind doch schon ganz gespannt auf die Zwei. Bine hat mich schon gesehen und will gleich den anderen Bescheid geben, wenn die Mittagessen an die Patienten verteilt sind.
Marc (lässt sie gar nicht erst ausreden u. suhlt sich im Selbstmitleid): Schon klar, lasst mich nur alle hier im Stich. Mit dem Meier kann man es ja machen. Er hat hier ja eh nichts mehr zu melden. Dein Dad macht sich einen Spaß daraus und schnappt mir die Visite vor der Nase weg, lässt mir aber die Stützräder dran und drückt mir die Drecksarbeiten auf, während er sich nachher an der Uni von dem neuen Haufen unfähiger Studenten feiern lassen darf. Die Hassmann scheißt auf Kollegialität und blockiert den ganzen Tag mit ihrem Zitterbackekram den OP und ich muss mich hier durch die angestaubten Akten wühlen. Sieht so die Arbeit eines kompetenten Chirurgen aus? Diese begnadeten Hände gehen ein, wenn sie nicht was Sinnvolles unter die Finger kriegen. Selbst in jeder piefigen kleinen Krankenhausserie wird ständig das Skalpell gewetzt. Oder hast du Dr. Brinkmann und Co je hinterm Schreibtisch hocken sehen?

Hihi! Papa und Marc sind sich so ähnlich. Er hat auch einmal etwas ganz Ähnliches gesagt. War das nicht sogar an meinem ersten Tag hier auf Station? Ich liebe Déjà-vus wie diese. Die bringen selbst einen Marc Meier zurück auf den harten Boden der Tatsachen, was er manchmal auch wirklich braucht, muss ich zugeben.

Gretchen (schmiegt sich noch enger an ihn u. streichelt dem sichtlich Leidenden zärtlich über den Kopf): Och, so schlimm?
Marc (reagiert wie ein bockiges kleines Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat): Schlimmer! Und da heißt es immer, die Notaufnahmen würden aus allen Nähten platzen. Pflegenotstand, Ärztemangel und so weiter. Von wegen.
Gretchen (kann im Gegensatz zu ihm an allem etwas Positives abgewinnen): Sieh es doch mal so, du bekommst zum Einstieg eine zusätzliche Verschnaufpause gegönnt für die Zeiten, wenn es wirklich wieder ganz arg kommen sollte. Das kann schneller passieren, als du jetzt vielleicht glaubst.
Marc (wirkt nicht sehr überzeugt): Hast du in Sabines Glaskugel geguckt?
Gretchen (grient ihn zuversichtlich an): Muss ich nicht. Ich weiß das. Und die beiden hier wissen das auch. Schließlich brauchen wir deine zusätzliche Energie auch. Und wenn du unbedingt eine sinnvolle Aufgabe für deine talentierten Hände suchst, dann probiere es mal mit den beiden hier.
Marc (schaut verliebt dabei zu, wie die glückliche Neumami mit ihren beiden Babys schmust): Gib’s zu! Das Foto, das du mir heute Morgen geschickt hast, war ein Täuschungsmanöver. Die beiden haben doch den Zwergenaufstand geprobt und meine Mutter und du habt euch nicht mehr anders zu helfen gewusst und seid auf schnellstem Wege hierher geeilt. Richtig so! Man muss auch Niederlagen zugeben können. Und wir, wir kommen doch wunderbar aus, oder Leni, Lonny?
Gretchen (kann nicht anders, als laut loszulachen): Du bist so ein Angeber, Marc. In jedweder Hinsicht. Unfassbar! Aber wenn es dir damit besser geht, wenn du das denkst, belassen wir dich eben in dem Glauben.

Gretchen griente den Schelm an, der ihretwegen gerade anbetungswürdig seine Grübchen tanzen ließ, und konnte nicht widerstehen, ihm noch einen dicken Schmatzer auf die neckisch grinsenden Lippen zu drücken, aus welchem fast noch eine innige Knutscherei entstanden wäre, wenn sie nicht auch gleichzeitig ihre kleine Rasselbande hätten bändigen müssen. An die Couch gelehnt hielt jeder der beiden eins der Babys fest an sich gedrückt und lachte es an und die beiden überglücklichen Eltern hätten auch gerne noch ewig so weitergemacht und ihr kleines Familienidyll genossen, wenn nicht plötzlich die Tür aufgerissen worden wäre und eine hektische Stationsschwester ins Büro ihres Chefs gepoltert gekommen wäre, dass selbst die beiden Säuglinge aufgeschreckt wurden, die sich verschreckt mit ihren kleinen Fingerchen an ihren Papa und ihre Mama klammerten. Völlig außer Atem wollte Schwester Sabine sich erklären, aber Dr. Meier war schneller als sein lästiges Stationsanhängsel, das es sich offenbar zu seiner Hauptaufgabe gemacht hatte, ihn in den Wahnsinn zu treiben und immer genau im falschen Moment irgendwo in diesem Krankenhaus hereinzuplatzen, dass man ihm fast dafür einen Pokal hätte überreichen können.

Marc: Boah, Sabine, geht’s noch? Ich habe Ihnen schon hunderttausend Mal erklärt, dass Sie nicht ständig unangemeldet hier reinplatzen sollen. Sehen Sie das Ding da, das extra in die Wand eingebaut ist? Der Architekt dieses Krankenhauses hat sich dabei etwas gedacht, als er dieses große Loch da hat reinschlagen lassen. Das schimpft sich Tür und wenn die zu ist, dann bleibt die auch zu, bis ich es erlaube. Oder haben Sie gehört, dass ich „ja“ gesagt hätte, nachdem Sie geklopft haben? Ach, nee, ich hab mich gar nicht getäuscht, das haben Sie ja gar nicht. Also, retour, aber in Lichtgeschwindigkeit!
Gretchen (versucht, die Wogen zu glätten, bevor diese noch auf ihre schlummernden Babys übertragen werden): Marc, nun lass sie doch! Und wenn es wichtig ist? Hallo Sabine!
Sabine (tippelt schüchtern auf der Stelle auf u. ab u. traut sich nur ihre beste Freundin anzusehen, den bösen Blicken von Dr. Meier weicht sie bewusst aus): Hallo Frau Doktor!
Marc (funkelt die unliebsame Krankenschwester ungehalten an u. zeigt dabei auf seine beiden Kinder in Gretchens u. seinen Armen): Ich entscheide, ob etwas wichtig ist oder nicht. Die beiden hier sind jetzt wichtig und dass sie, verdammt noch mal, ihre Ruhe haben. Fehler erkannt, Sabine? Gut! Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell man doch ein bisschen Verstand in einen leeren Schädel hämmern kann. Wir wollen bis auf weiteres nicht gestört werden.
Sabine (nickt ihrem polternden Oberarzt devot zu, ist aber gleichzeitig auch sichtlich überfordert von der Gesamtsituation, denn sie muss dringend noch etwas loswerden u. weiß nicht, wie): Aber... aber...
Marc (bemüht sich um Geduld u. Zurückhaltung, was ihm merklich schwerfällt angesichts der grenzenlosen Inkompetenz, die ihn umgibt): Ohne Wenn und Aber. Verstanden?

Wenn die weiter so rumstammelt und sich völlig planlos gibt, dann schmeiß ich sie endgültig raus. Ich hab echt die Schnauze voll, ihr grenzenloses Unvermögen weiter durch das Krankenhaus zu schleppen, nur weil Haasenzahn ihr großes Herz an sie verloren hat.

Sabine (nimmt all ihren Mut zusammen u. stellt sich schließlich der ausweglosen Situation, der sie sowieso nicht entkommen kann): Aber ich hab Sie doch mehrfach angepiept, Herr Doktor. Sie haben aber nicht reagiert, also blieb mir keine andere Wahl, als Sie... Ähm... Entschuldigung! Also, der Gordon hat sich gemeldet. Er bringt gleich einen Patienten. Man weiß nicht, wie, aber dieser scheint wohl irgendwie in der Nähe des Ostbahnhofs an die Oberleitung geraten und...
Marc (fährt sich mit seiner freien Hand über das Gesicht u. resigniert): ...geröstet worden zu sein.
Gretchen (stupst ihn empört mit der Schulter an): Maaarc!
Marc (schämt sich nicht für seine unpassende Anmerkung u. guckt verwundert auf seinen Pager, den er aus seiner Tasche gezogen hat, dreht ihn mehrfach hin u. her u. schüttelt ihn): Na wunderbar. Das Ding ist auch gut durch, die Batterien sind leer. Läuft heute echt bei mir. Kümmern Sie sich darum! Den ganzen Tag passiert absolut nichts und wenn man dann mal fünf Minuten chillen will, kommen wieder die Irren dieser Welt ins Spiel.
Sabine (nimmt den Pieper ehrfurchtsvoll entgegen, den ihr Oberarzt ihr gereicht hat, nachdem er von der Decke aufgestanden ist, u. steckt ihn ein): Das tut mir leid, Herr Doktor.
Marc (rollt mit den Augen u. versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren): Nicht Sie, Sabine, Sie... Ach, auch egal! Sorry, ihr Zwei, der Papa muss. Geld ranschaffen, damit wir euch eine anständige Ausbildung garantieren können.
Gretchen (lässt sich von ihrem charmanten Freund aufhelfen u. schmunzelt): Bis nachher, ja?
Marc (drückt die kleinen Mäuse noch einmal innig an sich u. schaut dann zu deren Mama): Seid ihr noch so lange im Haus, bis ich wieder...?
Gretchen (schaut lächelnd dabei zu, wie Marc ein Kind nach dem anderen zurück in den Kinderwagen legt u. sich von ihnen verabschiedet): Ich denke schon.

Mann, da nimmt man einmal was hin und dann kommt doch alles wieder ganz anders. Diese Klinik ist wirklich ein Geisterhaus.

Marc (löst sich nur schweren Herzens von den Zwillingen u. flüstert ihrer Mama anschließend noch sanft etwas ins Ohr): Du bringst mir Glück.
Gretchen (blickt ihm voller Liebe in die Augen): Du bist mein Glück.
Marc (grinst verschmitzt u. ist prompt wieder ganz der Alte): Das klang jetzt fast poetisch. Tut dir gut, wieder unter erwachsenen Leuten zu sein, Haasenzahn.
Gretchen (spielt den Spaß gerne mit): Dir auch.
Marc (schaltet nach einem kurzen dahingehauchten Kuss wieder komplett in den Oberarztmodus u. marschiert schnurstracks zur Tür): So, genug mit dem Rumgeschleime! Dafür werde ich nicht bezahlt. Gott wurde gerufen, also kommt er auch. Will mir ja nichts nachsagen lassen. Sabine!
Sabine (hebt zögerlich ihre Hand u. stolpert ihrem herrischen Oberarzt zur Tür hinterher): Hier! Ich mach mich dann schon mal auf den Weg und bereite alles vor.
Marc (versperrt ihr plötzlich den Weg, indem er seinen Arm am Türrahmen abstützt): Stopp! Negativ! Sie halten hier mal schön die Stellung und spielen den Platzhalter, solange ich ähm... ja äh... beschäftigt bin.
Sabine (fasst sich an ihr vor Aufregung wild klopfendes Herz u. ihre Wangen fangen merklich zu glühen an): Oh, das... Es... es ist mir eine Ehre, Herr Doktor.
Marc (verdreht die Augen u. tauscht mit Gretchen einen vielsagenden Blick aus): Ja, ja, was hab ich noch mal zum ungebetenen Schleimen und In-den-Hintern-kriechen am Arbeitsplatz gesagt? Faseln Sie nicht rum, kümmern Sie sich lieber darum, dass auf eurer Stippvisite niemand den Zwergen zu nahe kommt, der nicht mit ihnen verwandt ist oder in irgendeiner patenschaftlichen Verbindung mit ihnen steht. Man weiß ja nie, wo die vorher ihre Griffel reingehalten haben.
Sabine: Wird gemacht, Dr. Meier. Sie können sich auf mich verlassen.
Marc (grinst zufrieden aus der Wäsche, als er sich vor der Tür noch mal zu den beiden Damen umdreht): Geht doch. Wie man doch auf einfache Ansagen entsprechend lösungsorientiert reagieren kann.
Gretchen (schüttelt den Kopf angesichts seines übertriebenen Gehabes): Du bist unmöglich, Marc.
Marc (schiebt sich noch einmal an Sabine vorbei, schupst sie unsanft zur Seite u. kommt seiner Freundin noch einmal sehr, sehr nahe): Nope, ich tue nur das Unmögliche. Ich bin schließlich Chirurg. Das ist mein Job. Bis später, Frau Dr. Haase!

Wie kann jemand nur so unwiderstehlich charmant und gleichzeitig so widerlich arrogant sein? Und man verfällt ihm trotzdem jedes Mal aufs Neue. Mir ist schon wieder total kribbelig zumute.

Gretchen (sein hollywoodreifer Kuss bringt sie dann doch kurz aus dem Konzept, sie taumelt u. muss sich an Sabine klammern): Ja, bis dann, Marc! Hach... ist er nicht süß, wenn er sich ungeniert aufspielen darf?
Sabine (wartet ab, bis Dr. Meier aus dem Zimmer verschwunden ist, u. kichert dann mädchenhaft, bis es ihr peinlich wird u. sie sich verlegen auf ihre Lippen beißt): Das kann ich nicht beurteilen, Frau Doktor, aber ich gebe zu, er wirkt heute ausgeglichener als sonst. Er hat heute noch gar nicht richtig mit mir geschimpft, obwohl ich ihn mit den Anweisungen des Professors ziemlich verärgert habe. Aber das liegt vielleicht auch daran, weil erst sehr wenig los gewesen ist auf Station. Und sein Horoskop ist ihm heute wirklich wohlgesinnt. Heute ist einer dieser Tage, an denen sein Können wirklich zählt und wertgeschätzt werden wird.
Gretchen (weil es ansteckend auf sie wirkt, kichert sie ungehalten mit ihr mit, auch noch, als Sabine längst damit aufgehört hat): Das wird er gerne hören, wenn er denn an Horoskope glauben würde. Ich weiß, ich muss damit aufhören, ihn ständig in den Himmel zu heben, weil er das eigentlich nicht verdient hat, vor allem nicht wenn er so ist wie gerade eben, aber es geht nicht anders. Er ist nun mal toll. Der tollste Papa der Welt.
Sabine (freut sich aufrichtig mit ihrer Freundin mit): Das sieht man ihm an. So wie er mit den beiden gerade umgegangen ist, das ist herzerwärmend.
Gretchen (gerät direkt ins Schwärmen): Ja! Ich glaube, er merkt das gar nicht. Aber es ist in ihm und ich liebe es, ihm dabei zuzusehen, wenn er es, ohne darüber nachzudenken, aus sich herauskitzelt und selber von sich überrascht ist, wie gut das klappt.
Sabine (ist sichtlich angetan von Gretchens Freude): Verständlicherweise.
Gretchen (fällt Sabine spontan um den Hals): Ach, Bine, du hast mir sooo gefehlt. Ich verspreche dir, es wird nie wieder so eine lange Funkstille geben. Ich schäme mich mittlerweile richtig dafür, dass ich mich bis vorgestern nicht gemeldet habe. Das war so nicht geplant.
Sabine (knuddelt Dr. Haase einmal freundschaftlich u. geht dann wieder auf berufliche Distanz, weil sie Schritte auf dem Flur gehört hat): Aber da war doch nichts dabei, Gretchen. Ihr seid gerade erst zum ersten Mal Eltern geworden. Natürlich liegt da der Fokus in den ersten Tagen allein bei den beiden Wonneproppen, die euch verständlicherweise mit niemandem teilen möchten. Das ist ein einschneidendes Ereignis gewesen. Da muss man jede Sekunde aus den Vollen ausschöpfen und das scheint Dr. Meier allem Anschein nach gemacht zu haben. Wenn er denkt, man sieht ihn nicht, lächelt er nämlich die ganze Zeit vor sich hin. Das hat die Oberschwester vorhin missverstanden und auf sich bezogen. Sie hat gedacht, er würde sich über sie lustig machen, weil er nicht damit aufgehört hat. Dabei lächelt er doch nur vor lauter Babyglück und kann gar nicht anders, was, da gebe ich dir vollkommen recht, tatsächlich sehr süß zu beobachten ist. Ich habe mich da auch ein bisschen hinreißen lassen. Ich glaube, das hat Dr. Meier nicht so gefallen.

Gretchen wollte darauf gerade noch etwas erwidern und Sabine vom Gegenteil überzeugen, als die beiden Freundinnen plötzlich von einem großen Schatten vor der offen gelassenen Tür abgelenkt wurden, die sich wie von Geisterhand langsam in ihre Richtung bewegte. Die Person, die dafür verantwortlich war, bemühte sich nicht, extra anzuklopfen, nachdem sie die geöffnete Tür bemerkt hatte, und trat selbstbewusst in das Zimmer, als wäre es ihr eigenes, und staunte dann nicht schlecht, wen sie anstatt Dr. Meier in dessen Büro vorfand. Die Überraschung und die Freude hätten auf beiden Seiten nicht größer sein können.

Franz: Dr. Meier, eine Sache noch... Oh! Kälbchen? Wollt ihr etwa zu mir?
Gretchen (ist ebenso überrascht u. kichert vor Vergnügen, während Sabine dezent in den Hintergrund rückt u. erst einmal einen Blick in den Kinderwagen wagt): Das bietet sich an, wenn man bedenkt, in wessen Büro wir gerade stehen. Hallo Papa!
Franz (fasst sich vor Freude an sein Herz u. eilt zu seinem Mädchen, um es fest in seine Arme zu ziehen): Ach, wie schön! Man kann die Kinder nicht frühzeitig genug an unseren Familienbetrieb heranführen. Wisst ihr noch, wie eure Mama immer mit euch hier in den unmöglichsten Situationen unangekündigt aufgekreuzt ist und alle für sich vereinnahmt hat, wie nur sie es kann? Marc hat sich bestimmt auch gefreut, euch zu sehen. Wo steckt der Junge denn? Ich wollte eigentlich noch schnell etwas mit ihm besprechen, bevor ich los muss. Ich bin schon ganz schön spät dran. Aber wozu hat man denn das akademische Viertel?

Ist das süß! Papa kann manchmal so süß sein. Herrlich!

Gretchen (herzt ihren Vater einmal innig zur Begrüßung u. lässt ihn dann schnell wieder los): Er ist gerade raus. Eigentlich hättet ihr euch in die Arme laufen müssen. Ein Notfall in der Ambulanz. Starkstromunfall, glaub ich.
Franz (kann nicht widerstehen u. beugt sich über den Kinderwagen, aus dem ihn vier strahlendblaue Augen neugierig entgegenblicken): Endlich passiert hier mal wieder was. Wurde auch Zeit, der Junge saß ja hier wie auf heißen Kohlen. Na, und ihr beiden, habt ihr Spaß so ganz alleine mit eurer Mama?
Gretchen (stellt sich mit verklärtem Blick zwischen Sabine u. den stolzen Opa): Ich glaube, das sieht man den beiden an.
Franz (schaut kurz mit warmem Blick zu seiner Tochter hoch, freut sich über den glücklichen Ausdruck in ihren strahlenden Augen u. widmet sich dann wieder voller Hingabe seinen beiden Enkelchen, denen er sanft über die Köpfchen streichelt, bevor er ihre verrutschte Decke wieder zurechtrückt): Nicht nur ihnen. Mein Gott, sie ähneln dir und Jochen so sehr. Das fühlt sich gerade wie eine Zeitreise an. Plötzlich ist man wieder Anfang dreißig. Noch nicht ganz grün hinter den Ohren, den Abschluss gerade erst in der Tasche, die Tinte unter dem Arbeitsvertrag ist noch nicht ganz trocken, aber der Kopf ist schon voller Pläne.
Gretchen (schmiegt sich an den Arm ihres sichtlich gerührten Papas u. kämpft ebenso mit ihren Freudetränen): Ach, Papa, du bist echt süß, wenn du sentimental wirst.

Peiiinliiich!

Franz (bemerkt plötzlich die mitfühlenden Blicke von Schwester Sabine im Rücken, die ungefragt damit begonnen hat, den Schreibtisch ihres Oberarztes aufzuräumen u. die bearbeiteten Akten zu sortieren, u. richtet sich wieder in ganzer Chefarztstatur auf): Kälbchen, ich bin immer noch im Dienst und sollte eigentlich schon längst auf dem Weg zur medizinischen Fakultät sein.
Gretchen: Na, dann mal los und viel Spaß mit den neuen Studenten! Ich hoffe, es sind ein paar fähige Kandidaten dabei. Wir brauchen gute Ärzte. Sie zittern bestimmt schon vor lauter Ehrfurcht.
Franz (wedelt mit seinem Chefarztzeigefinger mahnend vor dem frechen Näschen seiner Tochter hin u. her): Na, na, nicht frech werden, Fräulein! Es ist noch gar nicht so lange her, da standest du selbst an gleicher Stelle. Nur nicht hier an der HU, sondern in Köln, was ich dir immer noch ein bisschen nachtrage, was ich eigentlich nicht sollte, denn du bist auch so zu einer hervorragenden Chirurgin gereift, auf die deine Mutter und ich sehr, sehr stolz sind.
Gretchen (jetzt kullert dann doch ein kleines Tränchen ihre zartrosa gerötete Wange hinab): Ach Papa, du machst mich ganz verlegen. Es ist auch komisch, hier zu sein, ohne wirklich involviert zu sein. Ich hab dieselbe Anspannung gespürt wie Marc eben, als der Notfall reingekommen ist.
Franz (streicht ihr liebevoll über den Arm): Du hast jetzt aber auch eine wunderbare Aufgabe, die dich strahlen lässt. Nur ich, ich hab ein Problem.
Gretchen (schaut ihn besorgt an): Was ist denn los? Ist wieder was mit deinem Herzen? Wieso sagst du denn nichts? Mama hat schon gemeint, es wäre ganz schön viel gewesen in letzter Zeit. Aber dafür hast du ja jetzt Marc.
Franz (lächelt u. ist einmal mehr beeindruckt u. gerührt von Gretchens reinem Herzen): Stimmt. Aber keine Sorge, meiner Pumpe geht es hervorragend. Deshalb schwinge ich mich auch gleich aufs Rad und radle zur Uni, wie es sich für einen fitten Professor wie mich auch gehört. Ich kann nur leider nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Ich habe gerade von meiner Sekretärin die Mitteilung bekommen, dass die Kollegin aus dem Grey Sloan Memorial nicht erst übermorgen, sondern heute schon anreisen wird, oder genauer gesagt bereits angereist ist. Sie landet in einer Stunde in Tegel.
Sabine (meldet sich aus dem Hintergrund schüchtern zu Wort): Ich kümmere mich darum, dass sie rechtzeitig vom Flughafen abgeholt wird, Herr Professor. Und ich gebe der Frau Dr. Hassmann bzw. Dr. Meier Bescheid, sobald beide wieder aus den OPs herauskommen werden.
Franz (nickt anerkennend in Sabines Richtung): Mitdenkende Mitarbeiter lob ich mir. Vielen Dank, Schwester Sabine.
Gretchen: Und zur Not bin ich ja auch noch eine Weile im Haus, Papa.
Franz (hebt schon wieder seinen Chefarztzeigefinger): Nichts da! Du genießt mal schön deinen Mutterschutz und Sie passen auf, dass meine Tochter den auch wirklich einhält, Schwester Sabine! Und achten Sie bitte darauf, dass die neugierigen Kollegen, die draußen schon auf euch warten, meinen Enkelchen nicht allzu nahe kommen!

Meine Güte, Papa ist ja schlimmer als Marc.

Gretchen (will ihrem überfürsorglichen Vater widersprechen, ist damit aber wie immer wenig erfolgreich): Papa!
Franz (lächelt ganz unschuldig, bis ihm plötzlich etwas einfällt, das ihm noch auf der Seele brennt): Ich meine doch nur. Kinder in dem Alter sind nun mal noch sehr empfindlich. Du, sag mal, Gretchen, hast du eigentlich etwas von deinem Bruder gehört?
Gretchen (weiß, woher der Wind weht u. nimmt ihn ihm auch gleich wieder aus den Segeln): Papa, du kannst ihm ruhig glauben, dass er nicht simuliert. Er ist wirklich krank, Celine auch. In ihrer Kita geht gerade was rum. Und Mama hat mir vorhin erst eine SMS geschrieben, dass Chantal auch ziemlich schlapp gewirkt hat, als sie ihr heute Morgen die Tür geöffnet hat. Sie will den ganzen Tag bei ihnen bleiben. Allein diese Tatsache wird Jochen sicherlich schnell wieder auf die Beine bringen. Und den einen verpassten Anatomiekurs und das Seminar bei deinem Kollegen aus der Pädiatrie kann er doch auch nachholen. Du bist doch vor Ort, also kannst du ihn auch offiziell entschuldigen. Jetzt guck nicht so! Ich hab Jochen noch nie so ernst erlebt, er will das jetzt wirklich durchziehen mit dem Medizinstudium. Und falls er doch wieder auf die Bremse drücken sollte, dann trete ich ihm in den Hintern und mach ihm Beine. Versprochen!
Franz (seufzt schwerfällig auf u. lässt sich schließlich wieder zu einem Lächeln hinreißen): Du wirst eine gute Mutter sein, mein Kind.
Gretchen (weiß nicht, wo das auf einmal herkommt u. spürt schon wieder, wie ihr die Tränen aufsteigen): Ach, Papa, jetzt bring du mich nicht auch noch zum Weinen! Ich bin schon die ganze Zeit so furchtbar emotional, dass Marc mich ständig damit aufzieht. Den Kollegen wollte ich so eigentlich nicht entgegentreten.
Franz (schmunzelt u. verabschiedet sich wie ein Gentleman der guten alten Schule): Die Damen, und der Herr natürlich, ich bin dann mal für die nächsten Stunden außer Haus. Ich schaue dann gegen fünfzehn Uhr noch einmal rein, falls die Kollegin aus Amerika bereits hier eingetroffen sein sollte und herumgeführt werden möchte. Im Vorlesungssaal ist bereits alles vorbereitet worden. Die genaue Terminierung der einzelnen Vorträge klären wir dann, sollte sich daran auch noch etwas geändert haben, wenn ich nachher wieder da bin.
Sabine (nickt ehrfurchtsvoll u. hält ihrem Chef die Tür auf): Sehr wohl, Herr Professor.
Franz (streicht seinen beiden Enkelchen noch einmal andächtig über die Wange u. verabschiedet sich dann): Schwester Sabine! Kälbchen!
Gretchen (beim Stichwort „Kälbchen“ verdreht sie die Augen, muss dann aber auch genauso verschmitzt darüber lachen wie ihr Vater, der sie zum Abschied noch einmal kurz an sich gedrückt hat): Papa!

Er kann es nicht lassen. Dabei bin ich als Mama jetzt definitiv nicht mehr das Kücken unserer Familie. Das ist eigentlich immer noch Jochen oder nein, meine beiden Süßen hier und Celinchen natürlich. Ich muss mich nachher unbedingt noch mal bei ihnen melden.

Sabine (blickt Gretchen abwartend an, während sie immer noch die Tür aufhält, die der Professor vor wenigen Sekunden durchschritten hat): Und jetzt?
Gretchen (schaut sich unschlüssig in Marcs Büro noch mal um u. klemmt sich dann hinter den Kinderwagen, den sie langsam aus dem Zimmer schiebt): Eine kleine Stippvisite bei den Schwestern im Stationszimmer und dann hm... Cafeteria? Ich glaube, ich könnte schon ein frühes Mittagessen vertragen. Was meinst du, Sabine?
Sabine (strahlt sie an wie ein Atomkraftwerk): Das ist eine hervorragende Idee, Frau Doktor.
Gretchen (legt freundschaftlich den Arm um Sabines Schulter, während sie mit ihr und den Kindern langsam zum Stationszimmer der Chirurgie vor schlendert): Bine, hörst du endlich mal mit dieser förmlichen Anrede auf! Ich fühle mich ganz komisch dabei. Ich bin doch privat hier und unser Oberarzt und unser Chefarzt haben dir gerade beide die Absolution erteilt, eine ausgedehnte Pause mit uns verbringen zu dürfen.
Sabine (senkt verlegen den Blick): Oh! Entschuldigung! Alte Angewohnheit.
Gretchen (stupst ihre Freundin kichernd an): Ja, irgendwie wird man die nie los, was?

Sabine schaute Gretchen erst ganz ernst von der Seite an. Als die Krankenschwester aber merkte, wie sich Gretchens Mundwinkel fröhlich nach oben verzogen, konnte auch sie nicht mehr an sich halten und lachte zusammen mit ihrer besten Freundin gackernd los, die mit ihren zuckersüßen Zwillingsbabys natürlich schnell die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kollegen der gesamten Station auf sich ziehen sollte.

Lorelei Offline

Gynäkologe:


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29.05.2019 16:38
#1647 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Es hatte eine Weile gedauert, aber irgendwann hatten es Gretchen und Sabine dann doch geschafft, sich von ihren neugierigen Kollegen loszueisen, die sie fast eine Dreiviertelstunde lang völlig in Beschlag genommen hatten. So entzückt und hingerissen waren sie nämlich von den süßen Enkelchen des Professors gewesen, die seit ihrer Geburt vor über sechs Wochen bereits ordentlich an Gewicht und Größe zugenommen hatten und ihren Eltern immer ähnlicher wurden, wie munter von allen Seiten kommentiert wurde. Sie hatten alles wissen wollen und am meisten hatte sie natürlich interessiert, wie sich Dr. Meier denn als frisch gebackener Familienvater bislang so geschlagen hatte. Jeder hatte da so seine eigenen Theorien entwickelt, vor allem diejenigen, die heute schon das Vergnügen mit dem mürrischen Chirurgen gehabt hatten und sich dabei eine große Portion seiner „guten“ Laune abgeholt hatten. Aber Dr. Haase hatte sich, mit Ausnahme von Schwester Sabine und Reha-Azubine Anna Kaan, betont zurückhalten mit ihren himmelhoch jauchzend klingenden Schwärmereien auf ihren Oberarzt und Vater ihrer beiden Kinder, die aufmerksame Beobachter und Kenner der beliebten Stationsärztin aber auch so an ihrer Nasenspitze hatten ablesen können. Dieses Geheimnis wollte die vor Glück alles und jeden überstrahlende Neumama allein für sich und Marc behalten, aber sie war trotzdem sehr berührt davon, mit wie viel aufrichtiger Freude und Anteilnahme die Kollegen und Kolleginnen ihr und den Kleinen begegneten.

Mittlerweile hatten Sabine und Gretchen den Eingang der Cafeteria erreicht und schauten sich nun in dem großen Speisesaal um, welcher bislang nur von einigen wenigen Klinikmitarbeitern und Patienten besucht war. Sie wollten ein ruhiges Plätzchen in einer Seitennische finden, wo sie ungestört weiter miteinander quatschen konnten und die im Kinderwagen zufrieden vor sich hin schlummernden Zwillinge nicht gleich wieder von den nächsten verzückten, Hochfrequenzbereiche erklimmenden Aufseufzern der Kollegen aufgeschreckt werden konnten. Doch zu ihrer großen Überraschung mussten sie feststellen, dass ausgerechnet ihr Stammplatz, der gemütliche Fensterplatz in der Ecke, einer der wenigen bereits belegten Tische war, aber das störte die Freundinnen nicht sonderlich. Denn die Person, die es sich dort im Schutze einer großen Säule mit ihrem diätlastigen Mittagessen und einigen Papieren, die sie interessiert studierte, gemütlich gemacht hatte, hatte vor allem Dr. Haase bei der kleinen Wiedersehensfeier gerade eben im Stationszimmer der Chirurgie vermisst.

Von der Aussicht auf eine freudige Begegnung und ein leckeres Mittagessen angestachelt, umschiffte Gretchen mit dem Kinderwagen und mit Sabine im Schlepptau auf flinken Füßen geschickt die noch überwiegend leeren Cafeteriatische und blieb schließlich vor dem Vierertisch in der Nische hinter der Säule stehen, wo ihre beiden kleinen Engelchen auf jeden Fall genug Ruhe für ihr ausgedehntes Mittagsschläfchen haben würden. Erwartungsvoll blickte sie auf die dunkelhaarige Ärztin herab, die erst, nachdem einige Momente verstrichen waren, verwundert zu ihrem ehemaligen Schützling und dessen Anhängsel aufschaute, das sie ähnlich verstrahlt anguckte wie sein großes blond gelocktes Idol, das mittlerweile seiner Lieblingsautorin, die ganz zufällig auch noch Gretchens Schwiegermutter ins spe war, merklich den Rang abgelaufen hatte. Als Dr. Hassmann bemerkte, wer sie da während ihrer verdienten Mittagspause in ihrer Entspannungszone störte, die eigentlich niemand ungefragt betreten durfte, wenn ihm sein Leben und sein Arbeitsplatz lieb waren, stöhnte sie sichtlich genervt auf. Nach der unschönen Begegnung mit Dr. Meier am Morgen blieb ihr heute aber auch wirklich nichts erspart.

Lästige Pflichten auf Station, die sie nicht auf ihre unfähigen Assistenzärzte hatte abwälzen können, weil diese in ihrem ersten und zweiten Jahr noch nicht soweit waren wie die Person, die gerade zufällig vor ihr stand und in ihrem mädchenhaft anmutenden Blümchenkleid noch nicht einmal annähernd kompetent aussah, und ihre ganze OP-Planung verzögert hatten. Ein eher unbefriedigendes Ergebnis bei einem ihrer Studienprobanden, welches nun ihre monatelange Arbeit in Frage stellte. Dann noch diese dämliche Seminarreihe mit den Amerikanern, die ihr der Professor zusätzlich aufgebrummt hatte und die ihren schon eng kalkulierten Zeitplan völlig durcheinandergewirbelt hatte. Jetzt sollte sie auch noch deren Aufpasserin und Cityführerin spielen, zusammen mit dem Meier, der als Allgemeinchirurg bei einer Tagung im Fachbereich „Neurologie und Neurochirurgie“ fachlich dafür überhaupt nicht aufgestellt war und sich nur dank seiner Position als Liebling vom Chef ungeniert in jeden Dreck einmischen durfte, den eigentlich nur sie vor ihrer Tür kehren sollte. Oder seit wann waren seine schmierigen Wichsgriffel für Feingefühl während eines feinchirurgischen Eingriffs und die neusten digitalisierten Operationsmethoden prädestiniert? Dazu fehlte diesem selbstgerechten Egomanen eindeutig genügend Hirnmasse. Und das Gehirn war ja wohl das Leitthema dieser Vorträge, für die sie noch nicht eine Zeile in ihr Manuskript geschrieben hatte. Sie konnte improvisieren, sie war eine Frau, multitaskingfähig und innovativ, aber der Meier, der konnte noch nicht mal anständig einparken. Und Rick, dieser unzuverlässige Mistkerl, war auch noch nicht mit ihrer Kleinen hier aufgekreuzt, was Maria Hassmann gerade am meisten von allem auf die Palme brachte.

Und nun hatte sie der Schatten vom Meier auch noch erreicht und sie ahnte, was das zu bedeuten hatte und das gefiel der taffen, kontrollierten Oberärztin ganz und gar nicht, die eigentlich nur ihre Ruhe und Konzentration für die zweite Hälfte ihrer Dienstschicht gesucht hatte, die am frühen Nachmittag enden würde, falls nicht noch etwas Unerwartetes dazwischen kommen sollte. Bei ihrem Glück heute konnte man das definitiv nicht ausschließen. Das hatten Gretchen Haase und Sabine Gummersbach gerade bewiesen. Aber Smalltalk unter Müttern war ihr nun mal genauso zuwider wie diese ekelhaften Freundschaftsrituale, die ihre jüngere Kollegin so sehr liebte und ihr ständig aufzubürden versuchte, obwohl diese ganz genau wusste, dass ihr das überhaupt nicht lag. Und schon wieder wurde sie von Haases unverwechselbarem kindlich naivem Charme überrumpelt, ohne wirklich Gegenwehr leisten zu können. Es war doch wirklich zum Verrücktwerden.

Ohne dass sie eine positive Antwort abgewartet hätte, parkte Gretchen, die Maria mit ihrem nervigen, glücksseligen Zahnpastawerbungslächeln begrüßt hatte, den sperrigen Zwillingskinderwagen vor der Fensterfront, drehte ihn so, dass Marlene und Marlon vor neugierigen Blicken und den Sonnenstrahlen, die gerade die Dachterrasse fluteten, geschützt waren und Maria und sie den besten Blick auf die beiden Zuckerschnuten haben konnten, und setzte sich pappfrech neben ihre gute Freundin und Kollegin, während Schwester Sabine noch zögerte, deren feinsinnige Fühler eine gewisse Anspannung und Gereiztheit bei der unzugänglichen Neurochirurgin diagnostiziert hatten. Deshalb entschied sich die passionierte Hobbyastrologin, die über das Gefühlsleben ihrer Kollegen zum Teil besser Bescheid wusste als diese selbst, erst einmal sicherheitshalber aus der Schusslinie zu verschwinden. Und sie nutzte diesen Moment, um zwei Teller mit dem aktuellen Tagesgericht zu besorgen, wie sie es mit ihrer besten Freundin ausgemacht hatte, die sofort zum Frontalangriff überging, nachdem sich Sabine mit einem verlegenen Kichern und einem an Pantomime erinnernden, seltsamen Gestikulierspiel für einen kurzen Augenblick von den beiden verabschiedet hatte.

Gretchen: Hallo, Maria! Wie schön, dich zu sehen.
Maria (überspielt ihr Genervtsein mit gewohntem Zynismus u. einer ordentlichen Brise Chirurgenhumor): Haase! Na, schon Sehnsucht bekommen? Verständlicherweise. Uns Chirurginnen kribbelt es doch schon in den Fingern, wenn man mal keinen Tag im OP stehen und Wunder vollbringen darf. Diesen gesunden Ehrgeiz hätte ich zwar bei dir nicht unbedingt erwartet, aber... steht dir.
Gretchen (grient ihre stets auf Angriff gepolte Freundin wissend an u. guckt dann verliebt auf ihre beiden Babys im Kinderwagen, den sie sanft mit einem Arm hin u. her schaukelt): Danke! Mit Wunder vollbringen kenn ich mich aus. Sieht man, oder? Hihi! Wow! Ich werde heute ja richtig mit Lob überschüttet. Das bin ich gar nicht gewohnt. Wobei du da ja eher von dir auf andere schließt, was ich echt wertschätze. Wie du das alles wuppst, wie du Familie und Karriere in Einklang bringst, das ist wirklich beeindruckend. Hut ab!
Maria (kann nicht anders, als in Gretchens ansteckendes Grinsen miteinzusteigen u. auch einem kurzen Blick in den Kinderwagen kann sie nicht widerstehen): Schleimerin!
Gretchen (beobachtet gerührt, wie ergriffen die sonst so zynische Chirurgin auf die schlafenden Zwillinge reagiert, ohne es selbst zu merken): Ja, ich freue mich auch dich zu sehen, Maria. Ich dachte schon, wir hätten dich verpasst, weil dein Name die ganze Zeit auf dem OP-Plan stand.
Maria (fängt sich schnell wieder, als sie Gretchens Blicke bemerkt, u. gibt die taffe selbstgerechte Oberärztin, das Bild, das ihr am meisten liegt): Da gehört er ja auch hin.
Gretchen (schmunzelt u. fühlt sich direkt wohl in der gewohnten Haifischbeckenatmosphäre): Definitiv.

Ein Selbstbewusstsein wie ein Elefant, das nur ein Marc Meier noch toppen kann. Ich will ja nicht behaupten, dass ich neidisch darauf wäre, aber manchmal wünsche ich mir auch, ein bisschen mehr über den Dingen stehen zu können. Aber das kommt vielleicht noch mit den Jahren als Mama und Chirurgin. Momentan kann ich mir aber nicht vorstellen, mit Maria zu tauschen. Für sie ist das vielleicht der richtige Weg, so früh schon wieder im OP stehen zu wollen. Ich dagegen will momentan nur bei meinen Wundersternen sein und nirgendwo sonst. Außer bei Marc vielleicht. Hach... Hoffentlich geht es dem Notfall gut. Das klang echt übel.

Maria (kann sich gar nicht mehr richtig auf ihr Essen konzentrieren, weil ihre Blicke ständig zu den schlafenden Zwillingen rüberhuschen, was bei ihr die gewohnten mütterlichen Symptome auslöst, die sie im Krankenhaus nicht wirklich gebrauchen kann u. stoisch zu ignorieren versucht): Was hast du mit den beiden gemacht? Hast du sie mit Sabines Stimme narkotisiert? Sollte ich vielleicht auch mal ausprobieren, wenn es abends mal wieder länger dauert? Die wirken total tiefenentspannt. Im Gegensatz zu ihrem Erzeuger.
Gretchen (legt ihre Hand liebevoll über die blassrosa Decke, unter der ihre Kinder schlafen, u. kann nicht aufhören, von ihnen zu schwärmen): Das sind sie auch. Also, meistens. Du weißt ja, wie das mit solch wunderbaren Energiebündelchen ist, die auf jedes Detail ihrer Umgebung reagieren, alles aufsaugen und aufmerksam hoch zwei sind. Irgendwie mögen die beiden es total, wenn es turbulent um sie wird.
Maria (kann sich einen kleinen Seitenhieb auf das ungekrönte Traumpaar des EKH natürlich nicht verkneifen): Dann haben sie ja die richtigen Eltern abgekriegt.
Gretchen (grient sie vergnügt an): Danke! Du wirfst ja heute richtig mit Komplimenten um dich.

Sabine (platzt im selben Moment unbedarft, wie sie nun mal ist, dazwischen): Ja, das haben sie. Das perfekte Elternpaar. Das sagt übrigens auch mein Mondkalender.

Maria (schaut irritiert zu der Krankenschwester hoch, die wie aus dem Nichts hinter ihr plötzlich wiederaufgetaucht ist u. sich ungefragt in Dinge einmischt, die sie in ihren Augen nichts angehen sollten): Gewöhn dich mal nicht dauerhaft daran, nur weil du mich in einem guten Moment abgepasst hast. Und wer hat Sie jetzt um Ihren nichtigen Einwurf gebeten, Schwester Sabine?
Gretchen (blickt gerührt zwischen ihren beiden Freundinnen hin u. her): Ach, Sabine, Marc und ich sind alles andere als perfekt, aber lieb von dir, dass du das so siehst.
Maria (verdreht die Augen): Das wundert mich nicht.
Sabine (lächelt verlegen u. balanciert das Essenstablett wackelig auf den Tisch): Oh, Entschuldigung, Frau Doktor! Das wollte ich nicht. Ich... Ich habe hier Pasta à la cala... ähm... na... brese, für dich. Und mit Thunfisch und Artischocken für mich. Oh, jetzt hab ich ganz vergessen, zu fragen, ob Sie auch noch etwas wollten, Frau Dr. Hassmann.
Maria (nuschelt zynisch zwischen zwei Happen ihres Mittagessens, dem sie sich wieder widmen möchte, um danach so schnell wie möglich vor der drohenden Inquisition verduften zu können): Mal abgesehen von meiner Ruhe, hm?
Sabine (steht unschlüssig neben dem Vierertisch u. weiß nicht so recht, wie sie reagieren soll): Oh! Das... Soll ich vielleicht... später...?
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Dr. Hassmann meint das nicht so. Setz dich doch zu uns, Bine! Dein Teller sieht aber auch lecker aus.
Sabine (strahlt sie an): Ja, nicht?

Die leutselige Krankenschwester, die plötzlich wie aus dem Nichts mit einem überladenen Tablett bewaffnet am Tisch wiederaufgetaucht war, hatte wie eine Hundertwattglühbirne kurz vorm Durchknallen gestrahlt, als sie sich unbedarft in das locker geführte Gespräch der befreundeten Ärztinnen hatte einmischen wollen, worauf Dr. Hassmann nur eher reserviert reagiert hatte, während Gretchen dankbar ihren lecker duftenden Nudelteller entgegengenommen, diesen vorsichtig abgesetzt und dann mit einer Hand auf den Stuhl neben ihrem getippt hatte, damit sich Sabine endlich zu ihnen gesellen konnte, die der charmanten Einladung ihrer besten Freundin natürlich liebend gern gefolgt war, was bei ihrem direkten Gegenüber aber nicht auf Gegenliebe gestoßen war. Maria konnte sich bis heute nicht erklären, was Gretchen an dieser schrulligen Person überhaupt fand, die, wenn überhaupt, höchstens einmal im Quartal einen brauchbaren Kommentar von sich gab, der in Ansätzen ihre durchaus bestehende Bauernschlauheit verriet, sie aber nicht wirklich von ihren fachlichen und sonstigen Qualitäten überzeugte.

Gleich und Gleich gesellt sich gern, vermutlich. Und was mache ich dann noch hier? Vielleicht wäre jetzt der passende Moment gekommen, um endlich zu verduften, bevor sie mich noch in ein Gespräch verwickeln, das mich sowieso nicht interessiert. Ich bin Chirurgin und keine Labertasche. Dafür fehlt mir eindeutig die Zeit. Und die Geduld. Und ich werde schon gar nicht dafür bezahlt.

Aber zu spät. Dr. Hassmann konnte schon am aufgeregten Mienenspiel ihrer befreundeten Chirurgenkollegin ablesen, dass ihr noch sehr viel auf dem Herzen lag, was sie, warum auch immer, unbedingt ausgerechnet bei ihr loswerden wollte. Und da Maria nun mal dem Hippokratischen Eid verpflichtet war, konnte sie es doch nicht zulassen, dass Dr. Haase vor lauter Anspannung in aller Öffentlichkeit platzte. So ergab sie sich seufzend ihrem Schicksal. Und solange Cedric mit Sophiechen noch nicht da war, konnte sie sowieso nicht zurück in den OP. Also hieß es, Ohren zu und Aushalten. Eine Taktik, die sich die viel beschäftigte Neurochirurgin schon lange zu eigen gemacht hatte, um Unnützes vom Nützlichen zu separieren und kostbare Ressourcen zu sparen.

Gretchen (schnuppert genüsslich an dem deliziös duftenden Nudelgericht u. legt sich Gabel u. Löffel zurecht, während sie gleichzeitig ihre sprudelnden Gedanken neu sortiert): Danke, Sabine! Mein Gott, sieht das alles gut aus. Jetzt merke ich erst so richtig, was für einen Bärenhunger ich eigentlich habe. In letzter Zeit vergesse ich ständig zu essen, weil ich so auf meine Kleinen fixiert bin. ... Wo waren wir noch mal stehen geblieben? ... Ach ja! Was ich damit eigentlich sagen wollte, um zum Thema zurückzukommen, Maria, Marc und ich haben das total unterschätzt. Ich meine jetzt nicht die ganze Zwillingsthematik und was damit auf uns zukommt, darauf waren wir eigentlich ganz gut eingestellt, wir sind mittlerweile ein richtig gut eingespieltes Team geworden, sondern dass sie so gerne diesen geräuschintensiven Krankenhaustrubel um sich herumhaben möchten. Je mehr Menschen um sie herum, umso wohler fühlen sie sich komischerweise. Wie zum Beispiel vorhin im Stationszimmer, als alle gedrängelt haben, weil sie den besten Blick auf meine Süßen haben wollten. Kein Mucks von den beiden. Sie haben alle angestrahlt und sich von ihrer besten Seite gezeigt. Sie sind sogar direkt eingeschlafen. Das muss wohl daran liegen, dass ich damals während meiner Schwangerschaft noch so lange hier gearbeitet habe. Leni und Marlon haben die Geräusche, das Stimmenwirrwarr, den täglichen Irrsinn total vermisst. Umso knatschiger waren sie dann manchmal bei uns zu Hause, wenn es besonders ruhig war und wir völlig ko auf dem Sofa gelegen haben. In Momenten wie diesen entwickeln sie immer ihre größte Energie. Aber ich liebe es. Das ist die schönste Herausforderung, die es gibt. Aber das kennst du bestimmt.

Maria hatte der schwärmenden Neumama geduldig zugehört, auch wenn es ihr sichtlich schwergefallen war und sie am liebsten die Plätze getauscht hätte, und hielt nun mit ihrer Meinung natürlich nicht vor dem Tor, oder in dem konkreten Fall vor der Terrassentür, welche gerade neben ihnen von einer fröhlich schwatzenden Lernschwesterngruppe geräuschvoll aufgeschoben wurde, die es sich beim Vorbeigehen natürlich nicht hatte nehmen lassen, einen ausgedehnten Blick auf die Enkelchen des Professors zu erhaschen, um dann auf der Dachterrasse bei einer Zigarettenpause verzückt über sie tuscheln zu können. Das war doch wirklich ein Irrenhaus hier, dachte die achtunddreißigjährige Oberärztin nur, die den laut kichernden Tratschbasen da draußen, die sich am Fenster die Nasen platt drückten, einen bitterbösen Blick schenkte, welcher schließlich die entsprechende Wirkung zeigte. Die drei Mädels drehten sich erschrocken um und liefen vor bis zum Terrassengeländer, wo sie in aller Ruhe und ohne Aussicht auf eine mögliche Abmahnung weitertratschen konnten.

Maria: Und da hast du dir also gedacht, Schluss mit dem Rosa-Blase-Dasein und bring sie für erste Schwimmversuche zurück ins Haifischbecken? Mutig, aber irgendwie auch nachvollziehbar.
Gretchen (lacht augenzwinkernd): Quasi. Aber die Kollegen haben sich echt gefreut, sie zu sehen und umgekehrt. Die waren vorhin alle so lieb zu uns, oder Bine?
Sabine (hat ebenso aufmerksam ihrer Vertrauten gelauscht u. schaut lächelnd von ihrem Mittagessen auf, dem sie sich gerade zu widmen beginnt): Ja, Frau Doktor, ich meine, Gretchen. Die Oberschwester hat sogar ganz glasige Augen bekommen, bevor sie alle wieder barsch an ihre Pflichten erinnert hat.
Maria (verdreht genervt von der allgemeinen Harmoniehysterie die Augen u. konzentriert sich wieder auf ihr eigenes beschauliches Mittagessen, um sich abzulenken): Was ihr nicht sagt?
Gretchen (wickelt die Spaghetti gekonnt mit ihrer Gabel auf u. schiebt sie sich genüsslich in den Mund, bevor sie Maria wieder fest ins Visier nimmt): Und du so? Wie geht es dir und deiner Familie? Was macht die Kleine? Und die Großen natürlich?
Maria (will sich nichts aus der Nase ziehen lassen u. hält sich daher kurz angebunden): Läuft.
Gretchen (diese so typische Reaktion ihrer guten Freundin weckt natürlich erst recht ihr Interesse u. das von Schwester Sabine, die neugierig von ihrem Nudelteller aufschaut): Also, ich muss schon sagen, ich finde das große, große Klasse, wie ihr das macht, wie Cedric sich einbringt und dich hier walten lässt, während er die komplette Elternzeit übernimmt. Ich glaube, das würde nicht jeder machen. Aber das ist es doch, was zählt. Zeit mit den Kindern zu verbringen. Noch eine Generation vor uns war das nicht selbstverständlich, dass der Vater eine so tragende Rolle übernimmt. Obwohl es bestimmt viele gemacht hätten, wenn sie die Chance gehabt hätten. Wenn ich da an meinen Vater denke. Er blüht richtig auf, wenn er mit seinen Enkelchen zusammen ist.

Ich hab’s gewusst. Sie wird nicht locker lassen und versucht es durch die Hintertür. Scheißmädchenstammtisch! Ich sitze in der Falle und das Schlimmste ist, nur einer kann mich da rausholen und auf den ist definitiv kein Verlass. Die Lobhudelei kannst du also stecken lassen, Haase! Die hat er nun wirklich nicht verdient. Nicht, nachdem er es heute augenscheinlich schon wieder so richtig schön vermasselt. Fünf Minuten gebe ich ihm aber trotzdem noch. Aber nur weil ich gerade in so netter Gesellschaft bin.

Maria (wiegelt lässig ab u. stochert betont in ihrem Salat herum): Gretchen, lass es einfach, okay? Alles läuft zur allgemeinen Zufriedenheit. Punkt drunter.
Gretchen (versucht, in ihrem Gesicht zu lesen, aber irgendwie ist der Antennenempfang heute gestört): Okay? Ich wollte es nur mal gesagt haben. Dieses moderne Elternmodell, das ist toll. Das hat Zukunft.
Maria (dass Gretchen so schnell einen Haken drunter setzt, lässt sie wieder mutiger werden): Den Meier konntest du davon aber anscheinend nicht überzeugen, hm? Er ist eben emanzipatorisch noch nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen. Wenn du mich fragst, noch nicht mal im zwanzigsten.
Gretchen (grient sie vergnügt an, bis ihr Blick wieder verklärt an ihren Kindern kleben bleibt): Er ist ja auch ein ganz anderer Typ von Mann. Klar, er liebt unsere Kinder über alles, er kann gar nicht ohne sie, und die Trennung von ihnen heute Morgen ist ihm echt schwergefallen, aber er braucht das hier, dieses Unmögliche-schaffen-Können. Das ist einfach er und ich respektiere das total und er respektiert, dass ich das noch nicht kann. Ich bewundere dich deshalb total, Maria. Ehrlich. Ich könnte das nicht. Ich halte es keine Sekunde ohne die beiden aus. Marc könnte dir da ein Lied von singen. Ich traue mich noch nicht einmal auf die Toilette. Ich hab viel zu viel Schiss, dass ich etwas verpassen könnte. Jeden Tag verändern die Kinder sich, lernen etwas Neues dazu, bekommen mehr von ihrer Umgebung mit und ich will das alles miterleben. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Jeden einzelnen Augenblick würde ich am liebsten festhalten wollen. So viele Seiten hat mein Tagebuch gar nicht, um das alles aufzuschreiben, wie ich mich fühle und wie glücklich Marlene und Marlon mich machen. Aber es ist hier drin. In meinem Herzen, das nur für euch schlägt, meine beiden süßen Wundersterne. Hach... Ich könnte euch ewig beim Schlafen zugucken. Das denkt wohl jede Mutter. Peinlich, ich weiß, aber ich kann nicht anders. Ich bin ein Klammer-Ha(a)se.

Maria seufzte unmerklich auf. Damit hatte Haase sie voll erwischt. Direkt auf die Zwölf und ausgeknockt. Gretchen hatte mit ihrer unbedarften Art den Finger in ihre Wunde gedrückt, obwohl sie eigentlich sonst immer für ihr Feingefühl bekannt war. Auch wenn es vielleicht nach außen nicht unbedingt den Anschein machte, darauf legte Maria nämlich auch besonders viel Wert, fiel es der selbstbewussten Oberärztin und zweifachen Mutter ganz und gar nicht leicht, loszulassen. Mit Sarah war das damals anders gewesen. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, da sie sich auf ihren Mann nicht hatte verlassen können und er irgendwann weg und sie mit Sarah plötzlich auf sich alleine gestellt gewesen war. Sie hatte für sie gesorgt. Sie hatten das irgendwie hinbekommen. Weil sie ein Team waren und weil Sarah nun mal ein ganz besonderes Mädchen war. Aber jetzt war alles ganz anders. Sie war anders, ohne wirklich zu wissen, wie das alles hatte passieren können. Der Mistkerl hatte sich auf die fieseste aller Arten wieder in ihr Leben geschlichen. Er hatte sie ausgetrickst und sie hatte sich entgegen jedweder Vernunft Knall auf Fall wieder verliebt, obwohl sie es lange Zeit nicht hatte wahrhaben wollen, bis letztendlich das Schicksal sich ins Spiel gebracht hatte, um sich einen ganz besonderen Spaß mit ihnen zu machen. Aber es war gut so, wie es gekommen war. Sie war da, wo sie sein wollte. Es gab kein Zurück. Sie war in jedweder Hinsicht zufrieden und mit sich im Reinen. Ja, man konnte durchaus behaupten, dass sie glücklich war. Ihr neues Familienleben war vielleicht nicht unbedingt perfekt und es entsprach ganz bestimmt nicht der Norm, aber es funktionierte soweit. Rick hatte sich verändert. Er stand zu seiner Verantwortung und zu seinem Wort. Er liebte seine Mädchen und hatte es ihr überlassen, zu entscheiden, wie sie die Elternzeitregelung nun genau einteilen wollten, damit jeder das Beste daraus für sich mitnehmen konnte. Fifty-Fifty oder Zwanzig-Achtzig?

Sie hätte es verstanden und möglicherweise auch akzeptiert, wenn Cedric darauf bestanden hätte, auch weiterhin ihre Vertretung auf Station zu übernehmen, das stand einem Neurochirurgen seines Formats und mit seinen Erfahrungen auch zu, aber sie hatte zurück an die Front gewollt. In diesem Sinne war sie dem Meier wohl ähnlicher, als sie ahnte. Sie brauchte das. Genauso wie die Luft zum Atmen und die Nähe zu ihrer Familie, die sich auf einen Schlag von einem harmonischen, in sich ruhenden Zweierteam in eine riesige chaotische Großfamilie verwandelt hatte. Eine Situation, die ihr bis heute nicht ganz geheuer war, die sie aber gegen nichts auf der Welt wieder eintauschen wollte. Dieser Zwiespalt beschäftigte Maria jede Sekunde des Tages. Sie hatte lange mit sich gehadert und sich letztlich dafür entschieden, vor zwei Wochen wieder auf Station einzusteigen. Zwar noch nicht ganz in Vollzeit, das hätte Prof. Haase auch nie von seiner besten Neurochirurgin verlangt, aber doch mit allen Pflichten und Aufgaben, die in einer Klinik wie dieser nun mal anstanden und das waren eine Menge, was der Oberärztin früher nichts ausgemacht hätte. Aber jetzt flitzten ihre Gedanken sofort nach Hause, sobald sie auch nur fünf Minuten Ruhe hatte oder mit anderen Babys und deren sentimentalen Müttern konfrontiert wurde. Dieses ganze Emotionale, was dann wie eine riesige Welle auf sie niederschlug und sie mit sich riss, machte sie ganz kirre und deshalb war es auch nicht gerade dienlich, dass Gretchen genau jetzt in den höchsten Tönen davon schwärmte.

Gretchen (wedelt mit ihrer Hand vor dem Gesicht der abwesend wirkenden Chirurgin hin u. her): Ähm... Maria?
Maria (guckt verwundert auf das sich vor ihren Augen bewegende Pendel, das sich, nachdem sie die Schärfe reguliert hat, als Gretchens Hand herausstellt): Hm?
Gretchen (runzelt die Stirn): Alles gut bei dir? Du wirkst auf einmal meilenweit entfernt.
Maria (versucht, sich mit Müh und Not wieder zu fangen): Das... täuscht. Das... ist Teil meiner ähm... Entspannungsübung. Weißt du, man schafft das alles nur mit der nötigen Disziplin, einer ausgefeilten Organisation und ausreichend Pausen, um wieder Kraft zu tanken. .... Wenn man denn einen lässt.
Gretchen (nickt verständnisvoll): Verstehe. Quasi eine Art Meditation im Schnelldurchlauf. Ich hab mich auch schon daran versucht, als ich diese heftigen Einschlafprobleme in der ersten Zeit hatte. Ich war todmüde, konnte aber partout nicht einschlafen. Marc ging es genauso. Unser Unterbewusstsein hat ständig auf jedes noch so kleine Geräusch gewartet, die Gedanken sind ständig auf Achse, weil ja was mit den Babys sein könnte. Ist doch klar, dass man da kein Auge zubekommt. Das war schwer, aber gleichzeitig auch wahnsinnig schön, weil wir fast schon telepathisch mit unseren süßen Zuckerschnuten verbunden sind.

Sabine (schaut ganz verklärt in die Runde): Oh, das kenne ich. So ging es Günni und mir auch, als unser Anton die ersten Tage bei uns verbracht hat. Wir wollten ihn keine Sekunde alleine lassen. Unser Sternschnuppchen schläft sogar heute noch regelmäßig bei uns im Bett, damit er nie wieder das Gefühl bekommt, im Stich gelassen worden zu sein. Es ist immer jemand bei ihm. Heute ist Günni dran. Er ist mit ihm zu seiner Familie nach Göberitz gefahren. Dort sind auch alle ganz begeistert von unserem Jungen.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr Herz): Oh, das ist schön, Bine. Es ist gut, dass er bei euch ist.
Sabine (strahlt mit der Sonne um die Wette, als sie mit ihren Gedanken davondriftet): Ja.
Gretchen (schiebt ihren Teller etwas beiseite u. sieht Sabine ganz gespannt von der Seite an): Habt ihr eigentlich noch einmal etwas von den Nachforschungen gehört? Ist dabei etwas rumgekommen?
Sabine (schüttelt mitgenommen mit dem Kopf): Nein, die sind schon vor einer ganzen Weile eingestellt worden. Es ließen sich keinerlei Hinweise finden, wer das Baby vor unser Krankenhaus gelegt haben könnte, hat uns die freundliche Polizistin vor ein paar Wochen mitgeteilt, die den Fall seitdem engagiert betreut hat. Niemand hat etwas beobachtet und auch die diversen Kameras in der Umgebung haben leider nichts Verwertbares aufgezeichnet. Die Suchplakate hängen zwar noch in den entsprechenden Einrichtungen hier in Berlin und auch europaweit, aber die Kommissarin Nadja Böhme hat uns im Vertrauen gesagt, wenn sich bis jetzt niemand gemeldet hat, dann will man wohl nicht gefunden werden. Man deutet es zumindest als positives Zeichen, dass man ihn vor einer medizinischen Einrichtung abgelegt hat. Man wollte sichergehen, dass er gut versorgt ist und über das EKH kann man Anton immer finden, falls man ihn doch zurückhaben oder wissen möchte, was mit ihm passiert ist. Aber die Wahrscheinlichkeit, seine leiblichen Eltern zu finden, ist eher gering, meint die Polizei. Und in Antons Geburtshoroskop konnte ich auch keine Spuren entdecken. Dabei habe ich wiederholt sämtliche Sternenkonstellationen durchgeforstet und geprüft. Wir haben sogar eine Schamanin befragt. Sie konnte uns nur das bestätigen, was wir schon wussten. In den Sternen steht nämlich, dass Günni, Anton und ich perfekt miteinander harmonieren. Jupiter stand damals im Steinbock und wurde sogar noch von der Jungfrau gekreuzt. So etwas ist ganz, ganz selten. Als hätte es genauso sein sollen. Als wäre es vorherbestimmt gewesen, dass wir uns begegnen würden.

Hach... Eigentlich ein schöner Gedanke, wenn es nicht so traurig wäre. Ich meine für ihn. Vielleicht findet Anton nie heraus, wo er herstammt und warum das alles passieren musste. Aber mit Sabine und Günni hat er das ganz große Los gezogen. Sie lieben ihn. Sie haben ihn als ihr Kind angenommen, obwohl das alles so kurz nach ihrer Hochzeit so schnell gegangen ist und Sabine noch gar nicht so weit war für ein kleines Baby, das ganz viel Liebe und Obhut braucht. Aber sie machen das toll. Ich finde das heldenhaft und ich glaube auch, dass die Drei gut zusammenpassen.

Gretchen (drückt mitfühlend Sabines Hand): Das ist traurig, auch wenn es für euch gleichzeitig das ganz große Glück bedeutet.
Sabine (ihre blauen Augen beginnen plötzlich noch eine Nuance heller zu leuchten als zuvor): Ja, stell dir vor, Gretchen, das Jugendamt hat uns sogar in Aussicht gestellt, unseren Jungen ganz offiziell adoptieren zu dürfen. Ich meine, so richtig und für immer.
Gretchen (schaut Sabine mit großen Augen an u. zieht sie spontan in eine dicke Umarmung): Nein? Bine, aber das ist ja großartig. Wieso erzählst du das denn erst jetzt? Das ist ja eine Riesenneuigkeit. Die müssen wir feiern.
Sabine (muss bei all der überschwänglichen Freude stark mit sich ringen, nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen): Danke! Ihr wart doch noch ganz in eure Welt vertieft und da wollten wir nicht... Es ist ja auch noch nicht spruchreif. Das ist alles noch in der Schwebe. Das ist ein langwieriger Prozess und er bedeutet einen enormen bürokratischen Aufwand. Es müssen unzählige Anträge ausgefüllt werden, wir werden genaustens unter die Lupe genommen, unser ganzes Umfeld, unser Arbeitsplatz, unser Zuhause, unsere Freunde. Ich weiß nicht, ob sie uns am Ende geeignet halten werden, für ihn zu sorgen.
Gretchen (drückt ihre Hand u. macht Sabine Mut): Das werden sie. Ganz bestimmt.
Sabine (sieht sie hoffend an): Meinst du?
Gretchen (nickt u. muss sich nun auch ein kleines Tränchen aus dem Auge wischen): Ihr gehört doch zusammen. Wir stehen euch auf jedem Fall zur Seite, wenn ihr bei all dem Hilfe braucht. Ich könnte, ich weiß nicht, Marc bitten, ein Empfehlungsschreiben aufzusetzen. Das macht man doch so, oder? Ich kenn mich damit nicht so richtig aus. Du, Maria?
Maria (wirkt abgelenkt): Hm?
Sabine (druckst verlegen herum u. sucht ebenfalls den Blick von Dr. Hassmann, die zwar mit einem Ohr interessiert zugehört hat, aber gerade mit ihren eigenen kleinen Problemchen beschäftigt ist, die sie in ihr Smartphone tippt): Naja, eigentlich...
Gretchen (lächelt wissend u. streicht über Sabines Hand): Ich kann aber auch meinen Vater fragen. Das schindet bestimmt Eindruck, wenn das ganze Krankenhaus geschlossen hinter euch steht. Und die Oberschwester kriegen wir bestimmt auch bezirzt. Wir schicken sie einfach mit Antons Kinderwagen einmal um den Park. Dann ist das schon gewuppt. Ja, und Mehdi und das Team von der Säuglingsstation, die ihn mit euch in den ersten Tagen und Wochen betreut haben, sind bestimmt auch sofort mit an Bord. Anton ist doch ein Teil von uns, oder, Maria?
Maria (obwohl sie ungeduldig auf eine Antwort auf ihre Sms wartet, steckt sie das Mobiltelefon wieder in ihre Kitteltasche u. schaut nun irritiert zwischen ihren beiden Tischnachbarinnen hin u. her, da sie dann doch kurz den Faden verloren hat): Ge...nau.

Was mach ich eigentlich noch hier? Wieso noch mal hab ich mich nicht gleich verpisst, als Miss Piggy und Bibo hier aufgekreuzt sind? Du wirst nachlässig, Mary. Du bist Oberärztin, eine pfiffige noch dazu, die passende Ausrede hätte sich doch finden lassen können. Aber nein, jetzt sitzt du hier fest beim Mütterstammtisch des Wahnsinns. Hilfe! Und Rick, dieser elende Mistkerl, ist immer noch nicht da. Mir platzen gleich die Hupen, wenn er nicht gleich mit Sophie aufkreuzt. Bei jedem sentimentalen Babykommentar von Haase läuft bei mir die Milchanlage heiß. Ich kann für nichts mehr garantieren, wenn ich hier gleich die gesamte Cafeteria flute.

Gretchen (nickt ihren Freundinnen andachtsvoll zu, während sie mit ihrer Gabel in ihrem mittlerweile lauwarmen Nudelgericht herumrührt u. das eben Gehörte sacken lässt): Das hört sich für Außenstehende alles einfach an, aber wenn man wirklich drin steckt, dann ist das alles...
Maria (fällt ihr ins Wort, bevor die Quasselstrippe noch weiter ausholen kann): Du sagst es.
Gretchen (lächelt Maria unentwegt an): Ich hoffe, du bist jetzt nicht enttäuscht, dass ich nicht mit dir tauschen wollen würde.
Maria (schaut ihrer Kollegin neidisch dabei zu, wie sie sich eine große Nudelportion auf die Gabel lädt u. genüsslich in den Mund schiebt, während auf ihrem eigenen Teller die bescheidenen Reste eines nicht wirklich deliziösen Cesarsalats unappetitlich vor sich hin dümpeln): Für die Enttäuschungen sind ja auch nicht wir, sondern die Männer zuständig. Oder was sagen Sie dazu, Schwester Sabine?
Sabine (verschluckt sich fast an einer Nudel, weil sie unerwartet von Dr. Hassmann in das Gespräch involviert wird): Ich? Ähm... Nun ja, also, so wirklich mitreden kann ich da nicht, Frau Doktor. Denn mein Günni hat Anton und mich noch nie enttäuscht. Im Gegenteil. Er ist unser leuchtender Meteorit im Orbit.
Gretchen (klopft Sabine behutsam auf den Rücken, damit der Hustenreflex schnell unterbunden wird, bevor die Zwillinge noch davon aufgeweckt werden): Das hört man doch gerne. Wie mir scheint, haben wir Drei das ganz große Los gezogen und die perfekten Väter für unsere Kinder abbekommen. Dann können wir ja alles mit Leichtigkeit schaffen, hm?
Maria (bleibt dahingehend skeptisch, wie ihr ebenfalls ein erneuter Blick auf ihr Handy verrät): Ach ja, zumindest etwas wird sich nie ändern.
Gretchen (blickt interessiert von ihrem Teller auf): Was denn?
Maria (schiebt ihr Telefon zurück in ihre Kitteltasche u. blickt Gretchen erst in die unschuldig dreinblickenden blauen Augen, dann demonstrativ auf ihren Teller): Deine grenzenlose Naivität. Und dein großer Appetit. Na, hoffentlich überträgt sich das nicht auf eure Kinder.
Gretchen (guckt auf ihren Teller, den sie erstaunlich schnell leergeputzt hat, u. dann in das Grinsegesicht der Oberärztin, die gerade die kläglichen Reste ihres bescheidenen Mittagsmahls zusammenschiebt): Sehr witzig! Aber ich weiß, dass ich mich hundertprozentig auf Marc verlassen kann. Er wirkt vielleicht nicht so, ihr wisst ja, wie er manchmal sein kann, aber er ist wie ausgewechselt, wenn er mit den Zwillingen zusammen ist.
Maria (grinst spöttisch, nachdem sie sich ihre Salatreste doch noch gegönnt hat): Weil er nun mit Menschen zu tun hat, die annähernd in seinem Alter sind?

Diese Frau ist mir wirklich ein Rätsel und manchmal wundere ich mich darüber, dass wir überhaupt so eng miteinander befreundet sind. Wie kann man nur so... so... GRRR! Ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen. Gibt es da irgendwo einen Knopf, wo die mütterlichen Instinkte ausgeschaltet werden, sobald man über die Schwelle unseres Krankenhauses tritt und anstatt einer ordentlichen Portion Glückshormonen wird dann eine Schippe Zynismus über einem ausgekippt? Anders kann ich mir das nicht erklären, dass sie das alles so kalt lässt, während ich emotional total am Durchdrehen bin. Ich meine, das ist doch der Wahnsinn. Sabine wird Anton adoptieren. Und ich bin auch Mama.

Gretchen (lässt sich von Maria nicht ärgern u. dreht den Spieß gleich mal um): Also, zumindest etwas wird sich tatsächlich niemals ändern.
Sabine (spricht mit vollem Mund u. greift zur Serviette, als ihr dieser Fauxpas bewusst wird): Was denn, Frau Doktor?
Maria (stöhnt leicht gereizt auf): Hatten wir das nicht schon? Es ehrt mich zwar, dass du mich so sehr schätzt, dass du mich unbedingt kopieren musst, aber wir sind gerade nicht im OP, wo du damit durchaus Erfolg haben könntest, und irgendwann ist auch mal genug der Lobhudelei.
Gretchen (verdreht die Augen u. muss plötzlich lachen): Dein grenzenloser Zynismus, ja, der toppt sogar noch dein immenses Ego.
Maria (nickt anerkennend u. schiebt ihren leeren Teller beiseite): Touché! Ich muss schon sagen, du schlägst dich wacker, Haase. Dabei hätte ich gedacht, dass du dich gänzlich zum Hausmütterchen zurückentwickeln würdest, sobald du das EKH hinter dir lässt.
Gretchen (der Schlagabtausch mit ihrer ehemaligen Mentorin macht ihr sichtlich Spaß, weil sie sich endlich wieder herausgefordert fühlt): Nur weil ich längerfristig zu Hause bleiben werde und den besten Grund der Welt dafür habe, heißt das nicht, dass ich meinen Job komplett aus den Augen verlieren werde. Nein, dazu hab ich viel zu lange darauf hingearbeitet und ich gebe auch zu, dass es mir fehlt, mit dir, Marc oder Papa am OP-Tisch zu stehen. Ich will auf jedem Fall später wieder als Chirurgin arbeiten und die Leitung der Station traue ich mir immer noch zu. Nur jetzt kann ich mir das noch nicht vorstellen. Sie sind noch so klein und brauchen mich. Und ich brauch sie.
Maria (beobachtet ganz genau, wie Gretchen auf ihre beiden Kinder reagiert, die sie liebevoll betrachtet u. spürt schon wieder, wie mit ihr die Hormone durchgehen, weshalb sie immer wieder hektisch an ihrem Arztkittel herumzupft, der ihr langsam zu eng wird): Und Meier wäre wohl heillos überfordert, wenn ihr tauschen würdet und er das alleine wuppen müsste, hm? Das hab ich mir schon gedacht, als eure Babybombe damals geplatzt ist. Da kann er noch so laut prallen, zwei auf einen Streich geschafft zu haben. Männer. Tzz... Das ist wieder so typisch. Große Klappe, dicke Eier, aber nichts dahinter. Multitasking in dem Sinne liegt ihnen nicht und seien wir doch mal ehrlich, das ist auch gut so. Die Evolution wird sich schon etwas dabei gedacht haben, dass wir hierbei obenauf sind.
Gretchen (lacht): Och du, im Windeln wechseln und gleichzeitig das andere Baby festhalten ist Marc ein Weltmeister. Er hätte dafür sogar ein Abziehbild in einem seiner Hanutas verdient. Kann es sein, dass du nur von dir und Cedric ablenken möchtest? Wir erzählen hier die ganze Zeit und du... Was ist eigentlich mit dir, hm?
Maria (zieht ihren Kittel über ihrer dunkelgrauen Designerbluse zurecht u. verschränkt selbstbewusst ihre Arme vor ihrer Brust): Nein, das hab ich gar nicht nötig.
Sabine (gluckst amüsiert auf, womit sie die Blicke der beiden Ärztinnen auf sich zieht): Gewiss, Frau Doktor.
Maria (funkelt die vorlaute Krankenschwester alarmiert an): Schwester Sabine, sagen Sie, müssten Sie nicht längst wieder auf Station zu ihren niederen Tätigkeiten zurück sein und Tabletts abräumen und so? Ich wüsste nicht, dass in Ihrem Arbeitsvertrag eine so ausgedehnte Mittagspause festgehalten wäre.
Sabine (traut sich mal was u. guckt selbstbewusst zu der schnippischen Neurochirurgin rüber, während sie sich über ihre mit Tomatensoße verschmierten Fingerspitzen leckt): Oh, das ist keine Pause in dem Sinne, Frau Doktor, sondern ich befinde mich mitten in einem hochoffiziellen Spezialauftrag von Dr. Meier.

Oh, ich wusste es, irgendwas ist da im Busch. Sonst würde Maria die ganze Zeit auch nicht so verkniffen gucken. Kommt es nur mir so vor oder schaut sie auffällig oft auf ihr Handy und zum Ausgang? Dass wir in ihre Mittagsmeditationspause geplatzt sind, daran kann es nicht nur liegen. Klar, sie ist genervt, das ist sie immer, aber da steckt doch mehr dahinter. Und meine findige Biene ist wie immer bestens im Bilde. Hach... das hab ich vermisst. Wir schmeißen uns die Bälle gegenseitig hin und her. Das war wirklich eine wahnsinnig gute Idee, heute spontan hierher zu kommen. Oder, meine Süßen? Schlaft ihr nur! Ich erzähle euch das später alles noch mal nach. Hihi! Das wird eine megatolle Gute-Nacht-Geschichte.

Gretchen (hat Maria längst durchschaut u. bohrt genüsslich weiter nach, während sie sanft den Kinderwagen hin u. her wiegt): Jetzt versuchst du aber wirklich abzulenken, Maria.
Maria (gibt sich gewohnt gleichgültig, obwohl ihr Blick immer wieder auffällig zu ihrer Armbanduhr huscht, auf welcher der große u. der kleine Zeiger die Zwölf bereits passiert haben): Nicht, dass ich wüsste. Ich versuche nur, sicherzugehen, dass es nicht schon wieder irgendwo in diesem vermaledeiten Krankenhaus hakt. Du weißt, wie eng besetzt wir an allen Ecken und Enden sind.
Gretchen (nickt leicht mit dem Kopf): Ja, Papa hat mir gestern, als wir Mama und ihn mit den Zwillingen besucht haben, ein Lied davon gesungen, aber bis jetzt hat er noch jeden Engpass kompensieren können. Das ist seine Superkraft. Dann läuft er immer zur Höchstform auf.
Maria (weiß, wovon das Professorentöchterchen spricht u. verdreht dementsprechend die Augen): Na, hoffentlich taugt der Amidoc auch was, den er mir für das blöde Auffrischungsseminar aufs Auge gedrückt hat. Inkompetente Kollegen sind mir ein Graus.
Gretchen (ignoriert die spöttisch zuckenden Mundwinkel ihrer Freundin, die beim letzten Satz betont in ihre Richtung schaut): Ich hab davon gehört. Aber bislang hat der Austausch zwischen unseren Kliniken doch immer super geklappt. Marc und Cedric haben doch damals jenseits des großen Teichs auch viel mitnehmen können.
Maria (kann es nicht lassen, noch eine weitere Spitze rauszuhauen): Sprichst du von den beiden Veilchen? Ja, in der Tat, die sahen gut aus. Hat ihnen etwas männlich Herbes geben, findest du nicht?
Gretchen (rollt mit den Augen, muss dann aber auch darüber lachen): Sehr witzig! Dass das alles ganz anders gewesen war, als es den Anschein hatte, wissen wir ja mittlerweile, auch wenn sie ein großes Geheimnis darum machen, was sie gar nicht müssten, weil sie nun mal nur ihren Job gemacht haben und da kann nun mal immer etwas passieren, ob in der Luft oder hier am Boden. Ich meine das große Ganze. Es ist ein Glücksgriff, dass gerade unser kleines Haus ausgewählt wurde, um voneinander zu lernen.
Maria (kontert gewohnt pragmatisch): Das war kein Glück. Beziehungen halt. So läuft das Geschäft, wenn du mit den Großen auf Dauer mithalten willst. Und seien wir doch mal ehrlich, dazu zählt das EKH in Berlin nun nicht gerade. Vielleicht irgendwann einmal, wenn der Gebäudeanbau endlich fertig ist und wir nicht mehr durch den Schlamm waten müssen, sondern technisch auf dem allerneusten Stand sind.

Ach menno! Also romantisch klingt das nicht. Für mich ist ein Krankenhaus wie unser EKH immer noch das, was es dem Namen nach sein sollte, ein Krankenhaus, das in erster Linie dazu da ist, kranken Menschen zu helfen, und kein Wirtschaftsunternehmen, das partout keine roten Zahlen schreiben darf.

Gretchen: Solange jeder voneinander profitieren kann, ist alles erlaubt, sagt mein Vater immer.
Sabine (horcht mit einem Mal auf u. wird hibbelig): Oh je, ich wollte doch Bescheid geben, dass die Frau Doktor, ich habe schon wieder ihren Namen vergessen, es klang, glaube ich, wie eine Süßigkeit, ähm... in einer Stunde am Berliner Flughafen ankommen wird.
Maria (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab u. guckt erneut fast schon beiläufig zum Eingang der Cafeteria): Keine Bange, Sabine, diesmal haben Sie nichts verbaselt. Der Professor hat mich bereits instruiert. Das Taxi ist bestellt, vermutlich ist es sogar schon vor Ort. Ein Assi holt die Kollegin ab und bringt sie erst einmal ins Hotel. Hier gebrauchen kann ich sie nämlich heute nicht. Ich hab noch einiges auf der Agenda. Und so ein spannender Vortrag für unsere geschätzten Nachwuchsgötter in Weiß schreibt sich nicht von alleine.
Gretchen (schiebt die leeren Teller zusammen, stellt sie zurück auf das Tablett u. grient Maria dabei vergnügt von der Seite an): Ich bin davon überzeugt, dass du den auch improvisieren könntest, Maria.
Maria (funkelt die freche Göre an, während sie sich auf ihrem Stuhl für einen kurzen Entspannungsmoment zurücklehnt): Immer noch Schleimerin! Gott sei Dank ist es ne Ärztin, die sie diesmal herschicken und nicht dieser Flitzpiepe vom letzten Mal, der überhaupt nichts Neues in petto hatte außer sein überdimensional gesteigertes Ego beim Betrieb der OP-Roboterarme. Damit sind wir emanzipationstechnisch wenigstens nicht ganz so schlecht aufgestellt.
Gretchen (kichert): Du meinst, weil ich immer noch ausfalle.
Maria (nickt anerkennend mit dem Kopf, bis sie ihre vorlaute Kollegin mit Vergnügen wieder auf den Boden der Realität zurückholt): Haase, gesundes Selbstbewusstsein, gratuliere! Das war ein ganzes Stück harte Arbeit bis dahin, hm? Naja, mit dem Meier als Lehrmeister auch kein Wunder. Du bist viel zu fokussiert auf ihn gewesen. Selbst ist die Frau, vergessen? Aber wenn ich dich mitzählen soll, dann solltest du schon mehr als nur drei Monate als Stationsärztin auf der Kappe haben. Dein lausiger OP-Katalog erreicht lediglich die Grundanforderungen für den Erwerb des Chirurgentitels auf deinem Doktorschild. Ups, das hab ich noch gar nicht gesehen, das hast du ja gerade gar nicht dabei. Schade, dann können wir gar nicht auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Tja, war nett mit dir! Bis bald! So in hm... drei Jahren oder wie lange verschwindest du jetzt genau im Mutterschutz?
Gretchen (schüttelt vergnügt mit dem Kopf, weil ihre Freundin mal wieder auf der Charmestraße Fahrt aufnimmt): Dafür hab ich aber etwas anderes dabei oder besser gesagt jemanden. Ich habe vergessen, wie hoch deine Ansprüche sind.
Maria (kleinlaut): In allen Belangen, versteht sich.
Gretchen (grinst sie wissend an): Bist du deshalb so kurz angebunden, jedes Mal, wenn ich dich auf Cedric und die Kinder ansprechen will?
Maria (lässt einen langen tiefen Seufzer los): Gretchen, ich weiß, du hast jede Menge Redebedarf, nachdem du endlich Flügel bekommen und deine Babyblase für eine kurze Stippvisite verlassen hast, aber manche Dinge sind einfach nicht der Rede wert.
Sabine (im gewohnt monotonen Sabine-Ton entfährt ihr doch glatt ein kleiner Kommentar): Na...ja!?!
Maria (ihr Kopf fährt sofort zu ihr herum): Sabine, irgendwelche sachdienstlichen Anmerkungen, nur der Vollständigkeit halber, damit ich Bescheid weiß?
Sabine (zieht verlegen ihren Kopf ein u. blickt suchend zum Eingang der Cafeteria): Ähm... nein, noch... nicht, denke ich.
Maria (sinkt resignierend auf ihrem Stuhl zurück): Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.

Okay, ich bin soweit. Wenn er nicht in den nächsten zwei Minuten hier auftaucht, mit einem hungrigen Kind im Arm und einer akzeptablen Erklärung in der Babytasche, dann bring ich ihn um.

Gretchen beobachtete das wechselhafte Mienenspiel ihrer befreundeten Kollegin ganz genau. Ihr war schon vor einer Weile aufgefallen, dass sie immer wieder verstohlen zum Cafeteriaeingang blickte und nervös auf ihren vier Buchstaben hin und her rutschte, als säße sie auf glühendheißen Kohlen, obwohl sie sich konzentriert darum bemühte, dass es niemandem in dem sich langsam füllenden Speiseraum auffiel. Aber mittlerweile kannte sie Maria Hassmann gut genug, um zu wissen, wann sie sich verstellte und wann sie etwas so sehr beschäftigte, dass sie beinahe die Kontrolle darüber verlor. Diese Fahrigkeit hatte sie noch nicht so häufig an der selbstbewussten Neurochirurgin beobachtet, die mit ihrer schonungslos direkten Art schon den einen oder anderen PJler und Assistenzarzt zum Weinen und zum Umdenken seiner Karriereplanung gebracht hatte, und wenn dann nur in Bezug auf eine einzige Person, nämlich diejenige, mit der sie dauerhaft Heim und Bett und im Wechselspiel die Station und den OP teilte.

Gretchen: Ist wirklich alles okay, Maria? Du wirkst ein bisschen... naja... gelinde ausgedrückt ähm... angespannt.
Maria (gibt ihre Schutzhaltung schließlich auf, weil sie’s endgültig leid ist): Dazu hab ich auch allen Grund.
Sabine (weiß ganz genau, wo der Hund begraben liegt u. versucht, die sichtlich erschöpfte Oberärztin auf ihre ganz eigene verständnisvolle Weise zu beruhigen): Ihm wird sicherlich nur etwas dazwischen gekommen sein, Frau Dr. Hassmann. Er ist bestimmt gleich da und alles ist gut.
Maria (ihr platzt endgültig die Hutschnur u. sie regt sich tierisch über Sabines Anmaßung auf): Alles ist gut? Sind Sie noch ganz bei Trost? Nichts ist gut, Sabine! Was geht Sie das überhaupt an, verdammt?
Sabine (zuckt ängstlich zusammen u. schämt sich, weil sie mal wieder nicht den Mund halten konnte): Entschuldigung! Ich wollte doch nur...
Maria (schnippisch): ...sich einmischen, was sonst? Das ist ja hier im Haus auch gang und gäbe. Als würden wir uns mitten in der fünfzehnten Staffel einer drittklassigen Krankenhaussitcom befinden, aber da spiel ich nicht mit.
Gretchen (versucht mit sanfter Stimme zu schlichten): Maria, Sabine hat es doch nur gut gemeint. Du wartest auf ihn, oder, Cedric?
Sabine (ihr Mundwerk ist mal wieder schneller als ihr Verstand u. ihre Obacht vor Dr. Hassmann): Nein, auf sie, die kleine Frau Doktor, also, das Fräulein Sophie.
Maria (blickt die vorlaute Krankenschwester unmissverständlich an, die daraufhin hochrot anläuft u. beschließt, jetzt doch besser den Mund zu halten, wenn sie keine Abmahnung riskieren möchte): Sabine!
Gretchen (kommt dem eigentlichen Problem auf Tippelschritten näher): Oh, verstehe! Cedric bringt sie dir zum Stillen vorbei, nicht?
Maria (reagiert äußerst patzig u. noch mehr eingeschnappt, als sie es eh schon ist): Siehst du ihn hier irgendwo oder sieht das für dich wie stillen aus, was wir hier tun?
Gretchen (tauscht mit Sabine vielsagende Blicke aus): Nein. Das mit eurer Einteilung, das... klappt wohl doch noch nicht so gut, hm? Aber am Anfang ist das doch normal. Man muss sich erst einmal naja... eingrooven. So nennt Mehdi es zumindest. Das ist bei mir und Marc auch nicht viel anders. So einen richtigen Rhythmus haben wir auch noch nicht gefunden. Die Zwillinge haben nun mal ihren eigenen Kopf und es ist wahnsinnig spannend, herauszufinden, was sie von uns wollen.

Herrgott noch mal, das darf doch alles nicht wahr sein! Muss ich mir wirklich Tipps von jemandem abholen, der seit fünf Minuten Mutter ist?

Maria (presst die Lippen aufeinander, um ihre ungebändigte Wut zu kontrollieren): Wenn man einen verlässlichen Partner hätte wie deinen hoch gelobten Marc Meier, dann vielleicht schon. Aber den sehe ich ja auch nicht im Umkreis von fünf Metern um euren Kinderwagen. Er hat es nicht so mit dem Führen von Fahrzeugen, was?
Gretchen (spürt, wie geladen sie ist u. versucht, die Ruhe zu bewahren): Aber auch nur weil er gerade in der Notaufnahme ist bzw. im OP und...
Maria (hebt abwiegelnd die Hand, während ihre innere Unruhe immer mehr in den kritischen Bereich rutscht): Spar dir dein Mitgefühl, Haase! Die Energie wirst du noch brauchen. Glaub mir, der Moment wird definitiv kommen. Es ist ja nicht so, dass ich mir das nicht ausgesucht hätte. In den ersten Tagen bin ich noch jedes Mal aller zwei Stunden rübergefahren, was letztlich logistisch und zeitlich nicht die beste aller Ideen gewesen ist, wenn man gleichzeitig eine ganze Station zu leiten und ein halbes Duzend untalentierter Assistenzärzte zu bändigen hat. Zumal meine Kleine genau dann immer nicht wollte, wenn ich bei uns zu Hause auf der Matte stand, und lieber verpennt hat, während sich ihre Mutter die Hacken platt gelaufen hat. Und da haben wir eben den Spieß einfach umgedreht und Rick soll herkommen, wenn sie soweit ist. Das hat auch anfangs ganz gut funktioniert. Es hat sich eingependelt. Wir haben unser Zeitfenster gefunden, die Kollegen respektieren das, aber Sophies Vater kriegt es einfach nicht gebacken, seine Billigimitatuhr zu lesen. Das Fenster ist schon seit einer Dreiviertelstunde sperrangelweit offen, aber von Mister „Ich weiß und ich kann alles besser als Deutschlands Superdaddy des Jahres“ keine Spur. Mir explodieren gleich die Brüste, wenn er nicht bald hier aufkreuzt. Aber dann gnade ihm Gott. Ich werde ihn teeren und federn und an seinem schmierigen Tom-Selleck-Gedächtnisbart durch den OP-Trakt ziehen, nachdem Sophiechen ihr Bäuerchen gemacht hat.
Gretchen (ist ziemlich baff von Marias heftiger Gefühlsexplosion u. ihr fehlen die Worte, um entsprechend darauf zu reagieren): Oh!

Oh je! Ich kenn sie. Ich würde ihr zutrauen, dass sie das wirklich durchzieht. Ähm... im wahrsten Sinne des Wortes.

Sabine (ist ebenso peinlich berührt): Das tut mir leid, Frau Doktor. Aber Sie könnten doch...
Maria (funkelt sie missbilligend an, als sie Sabines eindeutigen Blick bemerkt): Nein, kann ich nicht, weil ich so blö... weil die verdammte Milchpumpe zusammen mit der Ersatzpumpe, die ich gestern extra zum Reinigen mit nach Hause genommen habe, genau dort liegen geblieben ist. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser unfähige Idiot daran denkt, sie einzupacken, ist verschwindend gering. Der hat schließlich bis heute nicht kapiert, was in eine anständig gepackte Babytasche gehört. Das kann man ihm fünfhundert Mal vorbeten und alles griffbereit hinlegen. Sie bleibt trotzdem genau dort liegen, wo ich sie in sein Blickfeld gerückt habe. Ich hab’s von vornherein gewusst, auf ihn ist einfach kein Verlass. Das alles ist eine Riesenschnapsidee. Ja, das war es sogar wirklich, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen Sophie... Egal. Es geht mir hier verdammt noch mal ums Prinzip.
Gretchen (streicht ihrer aufgeregten Freundin beruhigend über den Rücken): Beruhige dich! Er kommt bestimmt gleich. Vielleicht ist ihm wirklich nur etwas dazwischen gekommen. Meine Schwiegermutter hat mich vorhin auch angerufen, dass sie mich und die Zwillinge erst später abholen kann, weil ihr noch ein dringender Termin beim Verlag dazwischen gekommen ist und draußen auf den Straßen muss heute die Hölle los sein. Sie hat durch die Lautsprechanlage geschimpft wie ein Rohrspatz.
Maria (sieht sie völlig entgeistert an): Sehe ich etwa so aus, als ob mich das interessieren würde?
Sabine (beim Stichwort ‚Elke Fisher’ u. Verlag leuchten ihre Augen wissbegierig auf): Also, mich schon?
Maria (funkelt sie bitterböse an): Sabine, nicht jetzt!
Gretchen (versucht, leise u. ruhig zu bleiben, denn allmählich gucken vereinzelte Kollegen immer wieder neugierig zu ihnen rüber): Maria,...
Maria (lässt die Gutmütigkeit in Person erst gar nicht zu Wort kommen u. wettert jetzt erst so richtig los): Lass es einfach, Gretchen! In deiner heilen rosa getünchten Welt aus Herzchen und Blüten ist vermutlich das größte Problem die Auswahl der richtigen Strampler, womit euer Duo besonders possierlich aussieht, damit ihre grundverschiedenen Großmütter erst gar nicht auf den Gedanken kommen, aufeinander loszugehen.
Gretchen (seufzt): Das trifft es eigentlich ganz...
Maria (fällt ihr angesäuert ins Wort): Duracell-Haase, gibt es bei dir eigentlich irgendwo einen Ausschaltknopf? Und bitte verrate mir nicht, dass nur der Meier weiß, wo der genau liegt, denn dann müsste ich mich auf der Stelle übergeben. Ich hab’s gewusst, ich hab’s von vornherein gewusst, dieser unmögliche Kerl macht das mit purer Absicht, um mich mürbe zu machen, damit ich irgendwann nachgebe und er hier wieder übernehmen kann. Das ist alles Taktik. Ein Spiel ganz nach seinen Regeln. Das liebt er doch. Je mehr Chaos, je mehr Unorganisiertheit, je mehr Kindergeburtstag mit Hüpfburg und Pipapo, desto mehr reg ich mich auf. Wisst ihr, genau das war sein eigentlicher hinterlistiger Plan. Mich schwängern, damit er mich dann nach und nach in den Wahnsinn treiben kann. Aber nicht mit mir. Das macht mir gar nichts aus. Soll er doch nur. Ich kenn jeden seiner Tricks. Meine sind besser und vor allem effektiver. Dafür muss ich mir noch nicht mal die Hände schmutzig machen. Ich weiß ganz genau, dass Sophie zurückschlagen wird. Wenn sie Hunger hat, dann ist sie unerbittlich. Dagegen stinkt jede Krankenwagensirene an. Vermutlich heult sie schon die ganze Zeit und er ist derjenige, der völlig verzweifelt ist und nicht weiterweiß. Genieß es nur, mein Lieber! Denn das ist nichts im Vergleich zu dem, was dich erwartet, wenn du erst hier auftauchst.
Gretchen (weitet plötzlich ihre Augen, als sie an Maria vorbeischaut): Naja, eigentlich...
Maria (gestikuliert wild vor Gretchens Gesicht herum): Haase, du sollst mich ausreden lassen, verdammt noch mal! Ist das denn zu viel verlangt? Du wolltest doch, dass ich rede und jetzt rede ich. Also, Klappe jetzt!
Sabine (sucht ebenso dringlich den Blick von Dr. Hassmann): Aber...

Gretchen und Sabine, die besten Blick auf den Eingangsbereich der Cafeteria hatten, wollten die sich immer mehr in Rage schimpfende Neurologin dringend auf etwas aufmerksam machen und gestikulierten dabei auch wild vor Marias feurig funkelnden Augen hin und her, die überallhin schwenkten, aber partout nicht dahin, wohin sie sollten. Sonst wäre der wortgeladenen Chirurgin nämlich aufgefallen, worauf die beiden aus gewesen waren. Aber Maria ließ sie einfach nicht zu Wort kommen. Und so nahm das Schicksal schließlich seinen Lauf. Die Freundinnen konnten sie nicht mehr rechtzeitig davor warnen, dass sie neben den anderen anwesenden Mittagsgästen in der Cafeteria, die immer wieder neugierig zu ihnen rübergeschielt hatten, schon längst sehr interessierte Zuhörer bekommen hatten.

Lorelei Offline

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22.06.2019 22:29
#1648 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Ein attraktiver und, seinem freundlich grinsenden Gesicht nach zu urteilen, äußerst gut gelaunter Mann, dessen jugendliches Alter von knapp Ende dreißig man lediglich erahnen konnte, dank seines verwegenen Siebentagebarts, der verwuschelten Haare und des sportlich legeren Freizeitlooks, bestehend aus einer knackig eng sitzenden Bluejeans, weißen Sneakers und einem schlichten hellgrauen Muscle-Shirt, das fast vollständig von der dunkelblauen Babyrucksacktrage bedeckt war, welche er vor seinem stattlichen Astralkörper trug und aus welcher ihm ein kleiner dunkelbrauner Schopf entgegenschaute, war nämlich vor etwa zweieinhalb Minuten in weiser Voraussicht mit etwas Sicherheitsabstand hinter Marias Stuhl stehen geblieben und beobachtete die sich in immer weitere Höhen echauffierende Oberärztin mit verschmitzt funkelnden Augen. Auch wenn er nur ihre sexy Kehrseite direkt vor sich hatte, da sie ihn noch nicht bemerkt hatte, so konnte er sich ihre vor Rage geröteten Wangen und ihre Feuerblitze versprühenden Augen ganz genau vorstellen und ihm wurde dabei ganz warm ums Herz. Während er bedächtig mit einer Hand dem in der Babytrage ruhig vor sich hin dösenden Säugling liebevoll über den Rücken tätschelte und Gretchen Haase und Schwester Sabine zur Begrüßung kurz wortlos zunickte, um den Überraschungsmoment zu wahren, hielt er mit der anderen Hand lässig den Griff eines Buggykinderwagens fest, in welchem ein weiteres Kind ungeduldig auf seinen vier Buchstaben hin- und herrutschte, das wiederum von noch einem, aber deutlich größeren Kind mit einem fast schon in den Kniekehlen hängenden knallpinken Flamingo-Rucksack auf dem Rücken, aus welchem unübersehbar der Kopf eines riesigen Einhorns herauslugte, das fast schon den Boden der Cafeteria knutschte, gerade aus seiner misslichen Lage befreit wurde.

Der stolze Dreifachpapa schien sich, wie man an seinen immer breiter grinsenden Mundwinkeln ablesen konnte, gerade königlich zu amüsieren, je lauter die keifende Chirurgin wurde, die ihm immer noch unwillkürlich den Rücken zugewandt hielt, während sie vor ihren Freundinnen, die ihn wiederum nicht aus den Augen ließen und den Atem angehalten hatten, offensichtlich genau über ihn herzog, was er so oder so ähnlich schon bedeutend eindrucksvoller gewohnt war. Er konnte es nicht lassen und musste seine persönliche Xanthippe einfach noch einen Moment länger im Stillen beobachten und zu den unscheinbaren Lachfältchen um seine markanten braungrünen Augen mischten sich noch kleine Herzchen, die sie noch heller strahlen ließen, während seine große Tochter angestrengt damit beschäftigt war, ihre kleine Halbschwester erfolgreich aus dem Buggy zu heben und auf ihre zappligen kleinen Füßchen zu stellen, die ruckzuck losgeflitzt wären, wenn die schlaue Siebenjährige den unbändigen Wirbelwind nicht in eine dicke, fette schwesterliche Krakenumarmung gezogen und festhalten hätte, wogegen man sich nicht allzu lange wehrte. Denn die Schwerkraft, in diesem Fall verkörpert durch das riesige Einhornkuscheltier, ein Geschenk ihres großen besten Freundes zur Einschulung, in ihrem Rucksack, zog Sarah Hassmann und Sissi Stier unweigerlich zu Boden, was sie gickelnd kommentierten, bis die große Schwester ihrer kleinen Kumpanin den Finger auf die Zuckerschnute drückte, weil sie ihrem Papa doch versprochen hatten, sich leise an die Mama heranzupirschen. Noch schien der Plan aufzugehen, auch wenn der halbe Speisesaal bereits auf die versammelte Familie Hassmann-Stier aufmerksam geworden war.

Nachdem die bezaubernde Freundin von Dr. Meier und die leicht verpeilt dreinblickende Stationsschwester der Chirurgie ihre stummen Zuschauer jedoch bemerkt hatten und ihr nicht minder sympathisches Gegenüber immer deutlicher auf sie aufmerksam zu machen versuchten, konnte er nicht mehr länger ruhig bleiben und so begrüßte Dr. Stier die illustre Damenrunde auf gewohnt charmante Art und Weise mit einem zahnpastawerbungsverdächtigen Lächeln und der üblichen Brise Chirurgenhumor. Ebenso wie es ihm zwei seiner kleinen Töchter gleich noch nachmachen sollten, was vor allem Gretchen und Sabine zu Herzen rührte, Maria jedoch mehr als überraschte. Das Familienoberhaupt der Hassmann-Stiers war nämlich, gelinde ausgedrückt, während der ersten Sekunden erst einmal völlig sprachlos und vielleicht auch ein wenig überfordert, hatte Dr. Hassmann doch ein ganz anderes Bild erwartet, das sie in aller Ausführlichkeit gerade eben erst auf ihre ganz eigene markante Art und Weise wortgewaltig mit ihrer ehemaligen Assistenzärztin und Schwester Sabine besprochen hatte, die gerade in gespannter Kinopremierenerwartung von einer Person zur anderen schauten.

Cedric: Ladies! Na, alles klar in Elisabethtown? Ich wusste gar nicht, dass ihr heute zum Kaffeekränzchen verabredet seid. Aber das trifft sich gut. Es ist schön, dass wir mal wieder alle aufeinander treffen. Das war schon lange überfällig.
Gretchen (lächelt Dr. Stier u. seine Kinder freudestrahlend an): Das finde ich aber auch. Hallo Cedric! Na, hast du’s endlich geschafft, hm?
Sabine (begrüßt den Herrn Doktor ebenso freundlich, der Dr. Haase als Antwort vielsagend zuzwinkert): Guten Tag, Dr. Stier! Die Frau Doktor hat schon sehnsüchtig auf sie und die kleine Frau Doktor gewartet.
Cedric (zwinkert den beiden Damen vergnügt zu u. konzentriert sich dann auf die wirkliche Dame seines Herzens, die ganz steif auf ihrem Stuhl hockt u. ungewöhnlicherweise weder reagiert, noch etwas sagt): Mein täglich Los. Hach...ja, da hab ich wohl wieder in die Glückstrommel gegriffen, was, Motte?
Sarah (winkt fröhlich in die Runde u. begrüßt dabei auf ihre hinreißende Art gleich mal sämtliche Besucher der Cafeteria, die natürlich mit ihren neugierigen Blicken an der Rasselbande kleben bleiben): Ja! Hihi! Hallo alle zusammen! Hallo Mami!
Sissi (plappert ihrer großen Schwester prompt nach u. streckt angestrengt ihre Ärmchen nach Maria aus, die aber immer noch nicht reagiert): Mama, da!
Gretchen (schaut gerührt zu Sabine rüber): Gott, wie süß, sie sagt Mama zu ihr.
Sabine (findet das genauso anrührend u. fasst sich an ihr pochendes Herz): Ja.
Maria (begreift erst mit reichlicher Zeitverzögerung, wer da eigentlich die ganze Zeit schon hinter ihr steht u. fährt erschrocken herum u. als sie in die hoch erfreuten Gesichter blickt, schnell wieder zurück): Wie lange steht der schon hinter mir?

Oh, oh, das könnte jetzt lustig werden. Also, nicht dass ich plötzlich schadenfroh geworden wäre. Nein, ganz bestimmt nicht. Aber etwas Comedyhaftes hat das Ganze schon. Was man in den Wald ruft, kommt nämlich manchmal auch schallend wieder zurück. Und wie schallend! Hach... Gott, wie süß, die drei Mädchen sind aber auch wirklich purer Zucker. Aber ich hatte ja heute auch noch keinen Nachtisch gehabt. Den gönne ich mir jetzt. Ist schließlich ganz besonders kalorienarm.

Gretchen (peinlich berührt lächelt sie erst Maria, dann Sabine u. schließlich Cedric u. die Kinder an): Lange genug, denke ich.
Sarah (schmiegt sich zusammen mit ihrer kleinen Schwester an ihre Mutter): Fünf Minuten, Mami. Oder auch zehn oder zwanzig. Vielleicht auch zweieinhalb.
Cedric (grinst vergnüglich wie ein Honigkuchenpferd, während er sein schlafendes Baby im Tragegurt sanft hin- u. herschaukelt, Maria nicht eine Sekunde aus den Augen lässt u. Sarah sanft über den Kopf streichelt): Das ist sehr präzise, mein Schatz. Mathe liegt dir wirklich, obwohl deine Klassenlehrerin uns etwas anderes weismachen will.
Sarah (quietscht vor Freude auf, als sie den großen Kinderwagen hinter Gretchen in der Ecke entdeckt): Hallo Gretchen! Hallo Tante Biene! Oh! Sind das etwa die Zwillinge? Darf ich mal gucken?
Gretchen (mit einer einladenden Armbewegung greift sie nach dem Kinderwagen u. dreht ihn leicht, damit Sarah besser hineinsehen kann): Aber selbstverständlich, meine süße Maus. Wer so lieb fragt, darf das natürlich.
Sarah (ihre neugierigen Augen beginnen zu leuchten, als sie ihre Nase in den Kinderwagen steckt u. ihre kleine Schwester es ihr direkt nachmachen will, dabei aber frustriert feststellen muss, dass sie zu klein ist, um heranzukommen): Woher weißt du eigentlich, wer wer ist, Gretchen? Die sehen immer noch total gleich aus. Gleich süß. Och, jetzt hat eins der beiden gegähnt. Wie süüüüssss! Na, du? Wirst du etwa wach? Ihr schlaft aber auch ganz schön viel, hm? Macht meine Schwester auch immer. Ich bin die Sarah und das ist meine andere kleine Schwester, die Sissi. Wir haben uns schon einmal gesehen, aber ich weiß nicht, ob ihr das noch wisst.
Gretchen (hilft der kleinen Tochter von Dr. Stier, die droht, vor versammelter Mannschaft in Tränen auszubrechen, hoch, damit sie auch in den Zwillingskinderwagen schauen kann): Also, im Prinzip ist das ganz einfach, Sarah. Oh! Warte! Da will noch jemand... Hui, da ist aber jemand schon ganz schön schwer geworden. So, Sissimaus, kannst du auch schauen? Prima! Also, mal abgesehen von den Namen, die meine Mama ihnen extra auf die Strampler gestickt hat, guckt mal, hat Marlon hier diese niedliche kleine Sommersprosse hinter dem Ohr. Die hat er von mir. Und Marlene, sie ist ein klitzekleines bisschen größer als ihr großer Bruder und sie lächelt immer besonders süß, wenn sie schläft. Ganz wie der Papa.

Was... zum... Henker? Ich glaub das alles nicht. Das ist jetzt nicht euer Ernst? Wollt ihr mich verarschen oder wird hier gerade für die versteckte Kamera gedreht? Was läuft hier gerade? Heile Welt Berlin, Wannsee Edition 2.0, oder was?

Maria (braucht einen Moment, bis sie all ihre abstrusen Gedanken sortiert, die Situation auf das Genaueste analysiert u. den Alleinschuldigen ausgemacht hat): Was zum...? Was hat das...? Sag mal, kannst du mir mal erklären, wieso du jetzt erst hier aufkreuzt, Stier? Und wieso hast du überhaupt die Kinder dabei? Wieso ist Sarah nicht im Ferienhort und die Kleine in der Kita? Hast du dir wieder irgendeine Eigenmächtigkeit geleistet? Spinnst du? Das war so nicht abgesprochen, Rick.

Während Gretchen Sarah und Sissi, die sich fest an die Hand ihrer großen Schwester geklammert hatte, geschickt von ihren Eltern weggelotst hatte, um ihnen zusammen mit Sabine die Zwillinge im Kinderwagen zu zeigen und ihnen alles zu erklären, was sie wissen wollten, war Maria mit elegantem Schwung unvermittelt von ihrem Platz hochgeschossen und hatte Cedric am Ellenbogen gepackt und etwas abseits zum Fenster gezogen, wo sie ihn prompt zur Rede stellen wollte, während sie ihm vorsichtig das achteinhalb Wochen alte Baby abnahm, das erst jetzt die Augen geöffnet hatte, nachdem es die nicht gerade leise klingende Stimme seiner Mama gehört hatte. Sophie glühte Maria mit einem Mal so herzerwärmend und eindringlich an, dass es die aufgebrachte Neurochirurgin fast schon wieder aus dem Konzept gebracht hätte. Aber nur fast, denn Cedrics Anwesenheit alleine, seine unpassende Lässigkeit, mit der er alles als cool und selbstverständlich abtat, dieses penetrante Dauergrinsen, das der Angeberdaddy ihr und der Kleinen schenkte und das ihr furchtbar auf den Keks ging, brachten sie schnell wieder auf die nötige Betriebstemperatur. Aber Dr. Stier wusste erfahrungsgemäß damit umzugehen. Das provozierte Dr. Hassmann jedoch noch zusätzlich und so nahm das Wortgefecht des wiedervereinten Exehepaars schließlich seinen Lauf, das von mehreren Seiten von neugierigen Augenpaaren verfolgt wurde.

Cedric (sucht auf seine ganz eigene humorvolle Art u. Weise beschwichtigend Marias Nähe): Was keifst du denn schon wieder so laut herum, Bloody Mary? Keine Assistenzärzte in der Nähe, die du herumkommandieren könntest? Tja, wenn die sich verstecken, dann muss ich wohl mal wieder herhalten. Mach ich doch gerne. Wo ich gebraucht werde, bin ich doch sofort zur Stelle.
Maria (kocht innerlich u. beißt die Zähne zusammen, um vor Sophie, die sich verschmust an ihre Wange schmiegt, nicht noch ausfällig zu werden): Witzig!
Cedric (lächelt sie u. die Kleine unentwegt an, weil es kein schöneres Bild auf der Welt gibt): Eben. Humor ist doch immer noch die beste Medizin gegen alles. Nicht, mein Spatz? Jetzt lass uns doch erst einmal ankommen, Baby. Ich weiß gar nicht, was du hast. Wir sind doch immer noch im Zeitfenster und Sophie hat sich auch noch nicht beschwert.
Maria (drückt das kleine Mädchen behutsam an sich u. versucht, obwohl sie stinksauer ist, möglichst leise zu sprechen, weil sie spürt, dass Cedric u. sie von mehreren neugierigen Augenpaaren in der Cafeteria verfolgt werden): Nicht beschwert? Ich glaube, es hackt. Denkst du etwa, dass das hier ein Spiel ist? DSDOCBSB, Deutschland sucht den obercoolsten Babysitter Berlins, oder was? Hey, ich muss mich auf dich verlassen können, damit das alles seinen geordneten Gang läuft. Ich hab einen eng getakteten Zeitplan, den du übrigens auch auf deinem Handy hast, verdammt. Wenn du wenigstens einmal am Tag darauf schauen könntest, käme mir das echt gelegen. Wenn ein Rädchen nicht ins andere hakt, dann bricht hier das völlige Chaos aus. Ich hätte eigentlich schon längst wieder auf Station sein sollen. Es gibt Probleme mit einem der Hirnschrittmacher und das sind echte Probleme. Nicht so wie deine unsinnige Bummelei, die ich gerade heute wirklich nicht gebrauchen kann. Stattdessen warte ich hier stundenlang auf euch. Das funktioniert so nicht, Rick, wirklich nicht.
Cedric (hat sich ihre Schimpftirade geduldig angehört u. streift ihr u. Sophie leicht über den Arm): Och, du hattest doch charmante Gesellschaft und so viel später sind wir doch gar nicht....
Maria (verdreht die Augen u. weicht ihm u. seiner zärtlich gemeinten Geste aus): Überspann den Bogen nicht, Cedric! Ich hab immer noch mehr Pfeile im Köcher, mit denen ich besser zielen kann als du. Also, wo warst du die ganze Zeit? Es dauert normalerweise fünf Minuten von unserem Haus bis hierher. Und wieso sind die Kinder nicht im Hort? Sie sind doch dort bis fünfzehn Uhr angemeldet. Damit Sophie wenigstens einen halben Tag halbwegs ihre Ruhe hat und du im Übrigen auch. Du weißt genau, wie das in der ersten Ferienwoche gelaufen ist, als wir sie beide bei euch zuhause gelassen haben. Du hast behauptet, du schaffst das, aber dein Wehleiden klingelt mir jetzt noch im Ohr. Also, hör auf, dich hier so aufzuspielen!
Cedric (bleibt lässig u. entspannt, obwohl ihm ein leichter Schauer über den Rücken läuft, als er an die Chaostage zuhause zurückdenkt): Wenn du zwischen deiner glühenden Schimpftirade einmal Luft geholt hättest, hätte ich dir das schon längst beantworten können, meine Liebe.
Maria (kommt ihm gefährlich nahe u. drängt ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger gegen die Fensterscheibe): Ganz dünnes Eis, Rick, ganz dünnes Eis! Spar dir deine Spitzfindigkeiten für deine Grabrede auf und jetzt raus mit der Sprache! Ich hab nicht ewig Zeit für den Kindergarten hier.

Kindergarten trifft es gut. Hihi! Gretchen, du wolltest doch nicht lauschen. Aber wenn sie nun mal so laut sprechen. Zum Glück sind die Kinder abgelenkt.

Cedric (hebt seine Arme in Unschuldspose u. lacht, als er sein kleines Baby wieder von Maria übernimmt, das seine Bewegung mit den Augen verfolgt hat, was nur eine Reaktion zur Folge haben kann, nämlich spaßeshalber in die Luft gewirbelt zu werden): Sophiechen und ich wären doch pünktlich hier bei dir gewesen, nicht, mein Engel, das wären wir, wenn ich nicht genau in dem Moment, als wir beide zur Tür raus wollten, zwei Anrufe bekommen hätte.
Maria (weicht wieder etwas von ihm ab u. schaut sich, einer Vorahnung folgend, seufzend nach ihrer großen Tochter um, die gerade angeregt mit Gretchen spricht, die wiederum immer noch Sissi hochhält, damit diese in ihrer ganz eigenen Sprache fröhlich mit den Zwillingen babbeln kann): Was hat sie angestellt? Hat sie ihre Lehrerin etwa wieder zum Heulen und mit ihrer hervorragenden Allgemeinbildung vor den anderen Kindern bloßgestellt oder liegt das wieder an diesem taktlosen Tierarztsohn, der ständig Streit mit ihr sucht? Fängt das alte Theater etwa schon wieder an? Wieso haben die ihn nicht auf seiner neuen Schule gelassen? Unser Bezirk ist doch für den überhaupt nicht zuständig. Ich war so froh, dass wir diesen Teufelsbraten endlich los waren. Nur weil er dort nicht zurechtkam, was man nach lediglich vier Wochen nun wirklich nicht behaupten kann, muss er jetzt Motte wieder terrorisieren. Ich hab wirklich die Schnauze voll von diesem ganzen Mist, Rick.
Cedric (grient seine erzürnte Partnerin entspannt von der Seite an, während er am Fensterbrett lehnt u. sein Baby herzt u. immer wieder in die Luft hebt, was beiden merklich Freude macht): Es sind Ferien. Sarah kann tun und lassen, was sie will und das macht sie auch. Finn-Kevin Frauenlieber hin oder her. Ich verstehe ja, dass du kein Vertrauen in mich hast, aber unserer Tochter kannst du schon ein bisschen mehr zutrauen.
Maria (funkelt ihn ungehalten an): Rick, hör auf, um den heißen Brei herumzureden! Ich hab dich was gefragt, verdammt.
Cedric (nickt charmant lächelnd, während er sein Baby sanft in den Armen wiegt): Okay, wir wollen ja nicht, dass sie als Erstes immer nur lauter Schimpfworte zu hören bekommt. Sophie könnte sonst einen falschen Eindruck von uns bekommen. Diesen umfassenden Wortschatz schieben wir mal umsichtig in ihre zukünftige Teenyzeit, die zum Glück erst in dreizehn, vierzehn Jahren vor uns liegen wird.
Maria (nutzt die Gelegenheit geschickt, um dem Angeberdaddy einen Denkzettel zu verpassen, den er nicht so schnell wieder vergessen wird): Du weißt schon, dass Kinder, vor allem Mädchen, immer früher in die Pubertät kommen, oder?
Cedric (verzieht merklich das Gesicht u. seufzt milde auf): Äh... diese Statistik ist mir irgendwie entgangen. Wie auch immer. Erst ist sowieso Sarah dran. Oh je! Hoffentlich stellt sich nicht irgendwann heraus, dass die kleine Nervensäge, die sie seit der Kita stalkt, in Wirklichkeit in unsere Tochter verknallt ist und sie deshalb ständig grundlos piesackt, bis der nächste Krankenwagen bestellt werden muss. Apropos…
Maria (blickt ihm ungehalten in die Augen): Rick!
Cedric (seufzt merklich auf): Ja, ähm... wo waren wir noch mal stehen geblieben? Die Anrufe. Also, die Sache ist die, sowohl die Betreuerin in Sarahs Hort als auch die Erzieherin aus Sissis Kinderkrippengruppe haben mich fast zeitgleich angerufen, weil sie sich gewundert haben, wieso ich die Kinder noch nicht abgeholt habe.
Maria (kann ihm nicht richtig folgen): Wie bitte?

Das ist ein Scherz, oder? Wollt ihr mich heute alle für dumm verkaufen? Steht irgendetwas auf meiner Stirn, dass man immer weiter draufhauen darf, oder was? Heißt das etwa, dass wir sie jetzt auch für den Rest der Woche ununterbrochen an der Backe haben? Wieso, verdammt? Die Kita-Gebühren sind doch schon hoch genug, dann soll sich’s gefälligst auch für uns auszahlen.

Cedric (rollt leicht mit den Augen, bevor er endlich mit der Sprache herausrückt): Ja, fünfundneunzig Prozent der Kitas und Ferienhorte in gesamt Berlin und näherem Brandenburg hatten heute nur bis halb zwölf geöffnet, weil die Erzieherinnen und, ich glaube auch die Lehrer und Hortner, heute doch zum Oberlandesgericht nach Potsdam ziehen wollen. Dort gehen die Tarifverhandlungen in die heiße Phase und sie hoffen, mit ihrer Demo durch die Hauptstadt etwas erreichen zu können. Du kannst dir nicht vorstellen, was draußen auf den Straßen bereits los ist. Dabei hat die Hauptkundgebung noch gar nicht angefangen. Die City ist komplett dicht. Wir sind quasi durch ein Labyrinth gelaufen, um irgendwie noch einigermaßen rechtzeitig hier sein zu können. Ich hab dein Auto irgendwo abstellen müssen. Keine Ahnung, ob ich die Seitenstraße jemals wiederfinden werde. Aber vielleicht mit der Hilfe von Sarahs fotographischem Gedächtnis. Sie hat’s mir zumindest versprochen.
Maria (schüttelt fassungslos den Kopf u. muss das Gesagte erst einmal sacken lassen): Na wunderbar, die streiken schon wieder und das erzählen die uns erst jetzt? Haben die noch nie etwas von berufstätigen Eltern gehört? Betreuungskräfte fallen ja auch wie Sternschnuppen vom Himmel, was? Ich hab ja für alles Mögliche Verständnis und ich wäre an ihrer Stelle auch garantiert mitgelaufen und hätte das größte Protestplakat hochgehalten, aber da hört es bei mir nun wirklich auf. Die hätten uns informieren müssen. Beim nächsten Elternabend werden die was zu hören bekommen, aber so was von. Das ist unverantwortlich so was. Wir können ja auch nicht die Notaufnahme schließen, wie wir Lust und Laune haben, selbst wenn wir scheiße bezahlt werden würden.
Cedric (greift sich unbehaglich an den Hals u. druckst ungewohnt vor seiner geifernden Partnerin herum): Äh... ja, unter Umständen könnte es sein, dass Sarah einen Zettel in ihrem Hausaufgabenheft hatte, schon ein paar Tage alt, den wir irgendwie... naja... verbummelt haben. Aber wer guckt da auch schon rein in den Ferien, zumal es doch ihre allerersten sind.
Maria (sieht ihn mit ernster Miene an): Wir? Schieb deine Unfähigkeit, den Überblick zu behalten, nicht immer auf andere, Cedric! Du wolltest das so. Grundschule und Kita, dein Tanzbereich, OP- und Wickeltisch meine Angelegenheit. Apropos, gib mir endlich die Stöpseline! Ich merk doch, dass sie immer unruhiger wird. Da kannst du sie noch so oft in die Luft wirbeln. Und bevor mir noch endgültig die Brüste platzen, verabschieden wir uns erst einmal vorerst. Aber denk nicht, dass damit unsere kleine Diskussion beendet ist. Ich hab gerade erst angefangen, mein Lieber.
Cedric (reicht ihr schmunzelnd das Baby, nachdem er es noch einmal sanft auf die Stirn geküsst hat u. nuschelt in seinen Dreitagebart, während er mit seinen Blicken demonstrativ Marias Dekolletee fixiert, wo ein Knopf ihrer Bluse aufzuplatzen droht): Ja, Mutti, das war uns irgendwie klar.
Maria (funkelt ihn ungehalten an): Mutti mich noch mal und du fängst dir eine!
Cedric (verkneift sich sein Feixen, bis ihm plötzlich noch etwas einfällt u. er nach der Tasche im Babybuggy greift): Äh... Mary, ich hab übrigens deine Milchpumpe mit eingepackt, das Ersatzteil lag komischerweise auch bei uns zuhause rum, ähm... falls du... Ich meine, um die drohende Explosionsgefahr ein wenig abzumildern. Die Kollegen haben doch gerade Mittag.
Maria (dreht sich noch einmal zu ihm um, schenkt dem Spaßvogel einen bitterbösen Blick u. schnappt sich gleich die gesamte Babytasche samt Inhalt): Du... GRR! Wir sprechen uns noch.
Cedric: Ich freu mich schon, Baby.

Cedrics Unfähigkeit, die einfachsten Termine einzuhalten und all die anderen Unzulänglichkeiten, womit er sie tagtäglich absichtlich auf die Palme brachte, waren Maria ab dem Moment völlig egal, als sie ihr süßes kleines Baby wieder im Arm hielt. Wie Sophie sie mit ihren braungrünen Augen anstrahlte, ganz rein und unschuldig, noch völlig arglos, was die Welt, die um sie herum in den schillerndsten Farben erschien, mit einem machen konnte, das war die reinste Medizin. Vor allem für die Nerven und ihren brodelnden Hormonhaushalt. Sofort ging Marias Puls wieder runter und sogar ein kleines Lächeln huschte über die verkniffenen Mundwinkel der angespannten Neurochirurgin. Aber sie würde einen Teufel tun und das diesem taktlosen Tunichtgut zeigen, der sich offenbar für das Geschenk an die Menschheit hielt. Sie würde ihn schmoren lassen. Wenn es sein musste bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und noch darüber hinaus. Er hatte es nach der Aktion heute nicht anders verdient.

Maria drückte ihren kleinen Engel zärtlich an sich, schulterte die voll gepackte Babytasche und marschierte mit Sophie zielsicher an den mittlerweile reichlich gefüllten Tischen in der Cafeteria vorbei, bis sie, verfolgt von vielen interessierten Augenpaaren, die staunend das ungewohnte Mutterglück der spröden Chirurgin bewunderten, aus dem Speisesaal verschwunden war. Cedric strich sich mit seiner Hand über den Brustkorb, während er den beiden versonnen nachschaute, dann drehte er sich wieder um, tauschte mit Sabine und Gretchen und seiner großen Tochter einen vielsagenden Schmunzelblick aus und nahm dann auf einem der freien Stühle am Tisch der beiden Platz. Der tiefe Seufzer, der ihm dabei entfuhr, als er seine Beine endlich ausstrecken durfte, war den Freundinnen Erklärung genug und sie grienten den erschöpften Dreifachvater vergnügt an, der für einige wenige Sekunden seine müden Augenlider geschlossen hatte.

Cedric: Tja, gerade noch so der nächsten Standpauke der Oberdirektorin entkommen. Ich werde immer besser. Und dank der magischen Fähigkeiten unserer Jüngsten komme ich um den nächsten Anschiss vielleicht auch noch herum.
Gretchen (setzt sich zu ihrem Kollegen an den Tisch): Och, im Grunde meint sie das nicht so. Je mehr sie sich aufregt und wie ein Rohrspatz schimpft, umso mehr...
Sarah (lehnt sich kichernd an die Seite ihres Papas, der sie dafür prompt fest in eine Krakenumarmung zieht, zu der sich Sarahs schüchterne kleine Schwester auch noch tapsig hinzugesellt): ...umso mehr Liebe spricht aus ihr.
Cedric (lacht aus vollem Herzen, weil der Spruch mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit aus Sarahs Mund geschossen gekommen ist): Da spricht die erfahrene Assistenzärztin. Ex-Assistenzärztin. Und ihre zukünftige Assistentin auf Lebenszeit.
Gretchen (schmunzelt u. fasst sich gerührt an ihr Herz, als sie Sarah anschaut): Sowieso! Das hast du jetzt aber richtig lieb zu Ende gesprochen, Sarahmaus.
Sarah (strahlt ihre große Freundin mit leuchtenden Kulleraugen an): Das sagt Papi auch immer und dann regt sich Mami immer so herrlich auf. Hihi!
Gretchen (zwinkert dem Mädchen frech zu u. tauscht dann mit Sabine einen vielsagenden Blick aus, die sich ebenfalls wieder an den Tisch gesetzt hat, nachdem sie die Zwillinge liebevoll zugedeckt hat): Ich kann es mir bildlich und akustisch vorstellen. Also, ich hab das vorhin Maria schon gesagt, aber ich wiederhole mich gerne noch einmal, ich finde das echt richtig, richtig toll, wie ihr das alles meistert. So manche gestresste Mutter wäre sicherlich neidisch auf euer Elternkonzept, Cedric.
Cedric (grient zufrieden u. von sich überzeugt in die Runde): Danke für die Blumen, Frau Dr. Haase! Aber ehrlich gesagt, so locker und leicht, wie es vielleicht den Anschein macht, ist es definitiv nicht. Jeder neue Tag ist ein neuer Kampf und man weiß nie, wie er ausgehen wird. KO ist man auf jeden Fall, egal was passiert. Es ist das reinste Chaos, unvorhersehbar und immer wieder anders. Man wurstelt sich irgendwie durch. Aber solange am Ende des Tages alle lächeln und zufrieden sind und das ist meine Mary auch, auch wenn man es ihr nicht unbedingt anmerkt, aber psst, nicht weitersagen (!), kann es nicht so schlimm gewesen sein.
Gretchen (stimmt in sein ansteckendes Grinsen mit ein u. ist beeindruckt, wie souverän er mit allem umgeht): Stimmt. Da spricht der erfahrene Papa.
Cedric (drückt seine beiden Mädchen noch einmal stolz an sich, bevor er die Zappelinen schließlich wieder loslässt): Hm… erfahren ist anders, man wird nur weiser und improvisiert die meiste Zeit, je tiefer man bis zum Hals drinsteckt in dem Abenteuer seines Lebens. Motte, holst du für deine Schwester bitte den Hochstuhl von da drüben! Ich würde es ja selber machen, aber der Papa ist gerade ein bisschen geschafft. Heute überhaupt durch die Stadt zu kommen, das war das reinste Abenteuer. Sämtliche Straßen in der Innenstadt sind dicht. Warnstreik der Erzieher und ich glaube, da gab es auch noch einen Vorfall am Ostbahnhof. Stromausfall. Die Ampeln sind ausgefallen. Keine S-Bahn weit und breit fährt mehr. Ich musste das Auto irgendwo stehen lassen und wir sind die letzten zwei Kilometer hierher quasi im Zickzackkurs gesprintet. Das Fitnessstudio kann ich mir also für heute sparen.
Gretchen (zeigt ehrliches Mitgefühl für ihren guten Freund): Du Armer! Und dann kriegst du auch noch die volle Breitseite von Maria ab. Wir werden ein gutes Wort für dich bei ihr einlegen, wenn sie zurückkommt.
Cedric (lacht): Falls sie zurückkommt. Danke, aber das schaff ich schon noch alleine. Ich bin schließlich ein moderner, mitdenkender, Multitasking erprobter Mehrfachpapa, der weiß, wie man auch mit den widrigsten Situationen klug und besonnen umgeht, also, soweit es mir meine Möglichkeiten zulassen. Darin hab ich mich in den vergangenen Wochen meisterlich geschult und ich würde mir sogar ein gutes Zeugnis ausstellen, wenn Maria mich einmal machen lassen würde, wie ich gerne wollte. Aber ein bisschen an sie halten, sollte ich mich vielleicht schon. Des Hausfriedens willen. Es würde vieles einfacher machen, aber das ist doch gerade der Spaß.

Gretchen und Sabine nickten dem engagiert agierenden Vater von drei kleinen Mädchen verständnisvoll zu, während dieser belustigt beobachtete, wie seine Älteste auf seine Bitte hin den klobigen Holzkinderstuhl herankarrte und Sarahs kleine Halbschwester deswegen die süßeste Schmollposition einnahm, die er je an ihr gesehen hatte, als sie ihre Sitzgelegenheit vor die Füße gestellt bekam, gegen die sie sich mit Händen und Füßen bockig zur Wehr setzte. Die Erstklässlerin musste einige Tricks aus der Hosentasche ziehen, bis sich die Eineinhalbjährige von ihr überreden ließ, auf dem hohen wackeligen Ungetüm Platz zu nehmen, welches ihr auch zuhause schon immer unheimlich gewesen war und stets für viele dicke Krokodilstränen gesorgt hatte, wie Sarah ihrer großen besten Freundin eifrig erklärte, die ihr verzaubert von der Seite dabei zuschaute, wie geübt und liebevoll sie mit ihre kleinen zuckersüßen Schwester umging, die plötzlich ganz still und artig geworden war, als sie endlich ihre bequeme Sitzposition eingenommen hatte.

Sarah (hält Sissi die Ohren zu u. flüstert, damit die süße Maus nicht mithören kann): Sie will immer wie Mami, Papi und ich auf richtigen Stühlen sitzen, weißt du, für Erwachsene und so, und sie versteht nicht, dass sie dafür noch zu klein und ungeschickt ist. Sie macht immer einen Riesenaufstand deswegen und wenn wir uns dann doch von ihr überreden lassen, rutscht sie immer sofort runter. Wir halten sie natürlich fest, keine Frage, aber das Theater ist meistens riesig. Weißt du, Gretchen, sie ist noch nicht so schlau wie ich und vergisst immer, was dann passiert, wenn sie keinen Halt findet. Total witzig, aber auch richtig, richtig süß. Sie zieht dann immer eine total niedliche Schmollschnute. Ja, genauso wie jetzt, aber sie meint das nicht so.
Gretchen (beobachtet gerührt, wie Sarah mit ihrer kleinen Schwester umgeht): Och, das kommt bestimmt noch. Sie wird sich viel von dir abschauen, mein Schatz.
Sarah (nickt stolz mit dem Kopf u. zieht sich den letzten freien Stuhl heran, gegen den sie sich nun mit ihrem ganzen Körper lehnt, sodass dieser immer wieder leicht nach vorne kippelt): Das denke ich auch und im Prinzip mag sie es ja auch, mit uns auf Augenhöhe sein zu dürfen. Aber ihr solltet auch aufpassen, wenn die Zwillinge mal soweit sind. Das ist echt anstrengend und sie wird immer schwerer. Ich bekomme sie manchmal schon gar nicht mehr richtig hoch. Dabei schleppe ich sie doch immer so gerne hin und her. Das liebt sie ganz besonders.
Gretchen (blickt schmunzelnd zu Cedric rüber, der gerade herzzerreißend gähnt): Das werden wir beherzigen. Danke für den Tipp, Sarahmausi. Du hast deine Schwestern sehr gern, oder?
Sarah (strahlt Gretchen an wie ein Honigkuchenpferd u. gibt Sissi demonstrativ einen dicken Schmatzer auf die Wange, was diese gar nicht lustig findet u. mit eben jener besagten niedlichsten Schmollschnute der Welt quittiert): Ja, total.
Gretchen (grient die beiden Geschwister hingerissen an u. vergewissert sich bei Sabine, die ihrer Freundin eifrig zustimmt): Das merkt man.

Was merkt man? Verdammt, ich glaube, ich war kurz weg. Hat aber zum Glück niemand gesehen. Mann bin ich knülle. Nicht mal nach der Achtundvierzig-Stunden-Marathon-OP beim Neurogott persönlich, der ich in Seattle beiwohnen durfte, war ich so fertig wie jetzt.

Cedric (wischt sich mit einer Hand über seine müden Augen u. schaut dann zu seiner Großen rüber, die hibbelig zwischen Gretchen, Sissi u. dem Zwillingskinderwagen herumspringt): Motte, sag mal, habt ihr schon gegessen? Ich hab gar nicht gefragt, ob es im Ferienhort noch Mittagessen gab oder ob eure Hortner schon vorher die Schotten dicht gemacht haben. Ich hab ja für alles und jeden Verständnis und ich bin der King im Improvisieren, aber ausgerechnet heute hätte das nicht unbedingt sein müssen mit dem Streik.
Sabine (macht ein mitfühlendes Gesicht, das sie mit Gretchen teilt): Das tut mir leid, Herr Doktor. Ich hab davon in den Nachrichten gehört.
Gretchen (lächelt verlegen in die Runde): Ich nicht, ehrlich gesagt, aber ich bekomme allgemein nicht viel mit im Moment.
Cedric (zieht sie dafür leicht auf): Ich glaube, die beiden Schlafmützen im Kinderwagen würden dir bestimmt eine Entschuldigung schreiben, wenn sie schon könnten.
Gretchen (grient frech zurück): Mit Sicherheit. Das ist ja auch das Gute an Kindern. Man hat jetzt immer die perfekte Ausrede für alles und jeden und niemand nimmt es einem übel.
Cedric (guckt wissend in Richtung der Chirurgenkollegin, die vielsagend mit den Augen zwinkert, wird aber von seiner Tochter abgelenkt): Was Marc sicherlich großzügig auslegt, was?
Gretchen (wirft den Spielball gekonnt zurück): Du doch auch, oder?
Cedric (schmunzelt): Man(n) tut, was man(n) kann.
Sarah (hüpft fröhlich zu ihrem Vater rüber, der sich dank Sarah erfolgreich um eine Antwort drückt): Es gab schon etwas zum Mittag, Papi, aber das war total ekelig. Ich weiß gar nicht, was das genau gewesen ist. Das weiß man irgendwie nie so richtig. Irgendetwas Grünes, Schleimiges. Die meisten Kinder haben das nicht angerührt und das hat die Hortnerinnen ganz schön gestresst, vor allem als Finn-Kevin und Paul-Benedikt angefangen haben, damit herumzuwerfen. Hihi! Das war ein Spaß.
Cedric (fährt sich müde übers Gesicht u. kann nicht glauben, was für Geschichten er da schon wieder zu hören bekommt): Das haben sie nicht ernsthaft?

Diese Information sollten wir vielleicht besser von Mary fernhalten. Sonst flippt sie noch völlig aus heute. Vor allem falls sich herausstellen sollte, dass mein Unschuldsengel hier aktiv mitgewirkt haben sollte. Nein, das hat sie bestimmt nicht. Ich hätte es vielleicht früher schon, aber das waren damals andere Zeiten und als Junge darf man das auch. Man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen.

Sarah (grinst vor lauter Begeisterung u. beginnt eifrig zu erzählen): Doch! Die haben sich dann sogar geboxt, weil Paul-Benedikt mich mit dem Schleim fast getroffen hätte, aber ich hab mich noch rechtzeitig geduckt und der Finn-Kevin hat es dann voll abbekommen. Mitten ins Gesicht. Das sah echt lustig aus. Wie Hulk. Er fand das aber gar nicht witzig und ist brüllend auf ihn drauf gesprungen. Er musste dann sogar ins Krankenhaus, glaub ich, weil er komisch hingefallen ist. Das gab einen richtigen Aufstand und dann wollte keiner mehr diese komischen grünen Schleimklopse essen, die aussahen, als wären sie schon einmal von einer Kuh vorgekaut worden. Ich hätte also schon noch Hunger, großen Hunger. Und Sissi auch, oder was sagst du dazu, Schneckchen?
Sissi (klopft mit ihren Fingern wild auf ihrem kleinen Tischchen herum u. ihre Zuckerschnute ist aufnahmebereit): Sissi, au, Sissi au. Happa.
Cedric (gibt sich beim Blick auf seine beiden süßen Mäuse seufzend geschlagen u. zückt sein Portemonnaie aus seiner Hosentasche): Na, dann? Meine beiden Knutschkugeln sollen heute auf keinen Fall hungrig nach Hause gehen. Sonst kriegt der Papa wieder einen auf den Deckel. Aber nicht wieder so viel Süßkram! Du weißt, was deine Mutter davon hält. Wir wollen sie doch nicht unnötig verärgern. Sie hat heute schon genug am Hals hier auf Arbeit, glaube ich.
Sarah (steckt den großen blauen Schein schnell in ihre hintere Hosentasche u. flitzt zur Essensausgabe davon, wo sie sich dreist vordrängelt): Ja, Papi, weiß ich doch. ... Hallo! Darf ich mal! Das ist ein Notfall. Danke!
Cedric (rollt mit den Augen, als er Sarahs unwiderstehliche Dreistigkeit bemerkt, die ihm irgendwie bekannt vorkommt): Seitdem Maria wieder auf Diät ist, weil sie sich einbildet, zwei Monate nach der Geburt unserer Tochter ein paar Schwangerschaftspölsterchen zu viel auf den Hüften zu haben, ist sie ziemlich unleidlich.
Gretchen (grient Dr. Stier zusammen mit Sabine verschmitzt an): Och, auch nicht mehr als sonst, denke ich. Wenn ich da mich anschaue im Vergleich, dann...
Cedric (fällt ihr schnell charmant ins Wort, bevor sie mehr sagen kann): Mindestens genauso bezaubernd.
Sabine (unterstützend): Genau.
Gretchen (fühlt sich geschmeichelt): Ihr beiden. Danke. Ehrlich gesagt, achte ich gar nicht so sehr darauf, weil Marc und ich mit den beiden hier ziemlich beschäftigt sind.
Cedric (nickt seiner sympathischen Kollegin freundlich zu u. folgt ihrem u. Sabines Blick zu dem Zwillingskinderwagen): Das kann ich mir vorstellen. Und das ist also der weltberühmte Nachwuchs, der die Zukunft dieses Krankenhauses sichern soll? The next Generation. Mensch, hätte ich Marc gar nicht zugetraut, dass ihm solch ein Glanzstück gelingen würde.

Cedric, der in Gretchens himmelblauen Augen die tiefen Gefühle ablesen konnte, welche die bezaubernde Ärztin für seinen einstigen Studienrivalen und jetzt irgendwie wieder Freund empfand, konnte nicht widerstehen und beugte sich zu dem Kinderwagen rüber, den die glückliche Mama etwas näher an den Tisch herangezogen hatte und in dem Marlene und Marlon Meier friedlich vor sich hin schliefen, eifrig Händchen hielten und von dem lauten Stimmenwirrwarr in der mittäglich gefüllten Krankenhauskantine überhaupt nichts mitbekamen. Von dieser ureigenen Ruhe hätte er auch gerne etwas abgehabt, aber bei drei Mädchen und einer anspruchsvollen Chefin zu Hause war das nur eine weit entfernte Wunschvorstellung. Aber er war glücklich und würde das alles für nichts auf der Welt wiedereintauschen wollen. Seine ins Stolpern geratene Karriere konnte pausieren, die Zeit, die er mit seinen Kindern verbringen durfte, würde er auf ewig auskosten. Das gab ihm so viel mehr und das sah man dem Neurochirurgen in Elternzeit auch an.

Gretchen: Das würde Marc bestimmt auch über deinen Nachwuchs sagen.
Cedric (lacht): Nee, ich glaube nicht, aber er hat ja auch nicht auf meine Glückwunschmail reagiert. Unsere Kommunikation ist, sagen wir mal so, schon immer etwas kompliziert gewesen, woran ich auch nicht ganz unschuldig bin, muss ich zugeben.
Gretchen (lächelt verlegen): Das liegt wohl auch ein bisschen an mir. Wir waren so vertieft in unsere neue Welt, die so toll und überwältigend ist, dass wir das Drumherum ein bisschen außer Acht gelassen haben. Sorry noch mal!
Cedric (nickt verständnisvoll): Du, kein Ding, hätten wir vielleicht auch so gehandhabt, wenn...
Sarah (schlängelt sich flink mit ihrem voll beladenen Tablett an den Kantinengästen vorbei zurück zum Fenstertisch): Papiii!
Cedric (hat ein bisschen Sorge, dass gleich ein Unglück passieren könnte, so ungestüm wie die Kleine herangerannt kommt): Selbsterklärend, oder?
Gretchen/ Sabine (schmunzeln gemeinsam): Ja!

Es waren noch keine fünf Minuten vergangen und schon war der ungekrönte Wirbelwind des Elisabethkrankenhauses wieder am Tisch angekommen. Mit einem großen Tablett bewaffnet, das sie vorsichtig darauf abstellte, weil es ihr dann doch etwas schwer geworden war und beim Herannahen gefährliche Schieflage entwickelt hatte. Nachdem sie einmal kurz durchgeschnauft hatte, begann sie damit, jedem ihrer Tischpartner ein Schälchen mit leckerem Inhalt vor die Nase zu setzen, über das sich Sissi Stier natürlich am meisten von allen freute, die fröhlich losquietschte und linkshändisch ihren großen Löffel zum Einsatz brachte, bevor sich Sarah neben sie setzen und sie noch rechtzeitig vom Kleckern abhalten konnte. Natürlich gab es die Leibspeise der kleinen Frau Dr. Hassmann, wie sollte es auch anders sein.

Sarah (freut sich wie ein Honigkuchenpferd im Schlaraffenland): Sie hatten heute tatsächlich Milchreis mit Kirschen auf dem Plan. Ist das toll. Ich hab gleich für alle eine Schale mitgebracht. Eine für mein Schwesterherz. Ich hab auch schon geguckt, dass keine Kerne drin sind. Keine Sorge, Papi. Dann eine für mich, eine für dich, Gretchen, und für Tante Biene natürlich und für den Papa auch, der es heute nicht leicht mit uns hatte.
Cedric (ist merklich gerührt von seinem großen Mädchen, als er zu Gretchen u. Sabine rüberblickt): Was soll man dazu sagen, hm?
Sarah (schaut ihn ungläubig von der Seite an): Na, danke natürlich.
Cedric (lacht beherzt auf u. salutiert pflichtschuldig): Selbstverständlich. Manchmal ist dein Papa aber auch wirklich vergesslich, hm? Danke noch mal, Motte!
Sarah (grient ihren Vater frech mit Zahnlückenlächeln an): Ja, ich weiß. Du hättest uns ja heute auch fast in der Schule und im Kindergarten vergessen.
Cedric (grinst zurück, ohne einen Hauch von Reue zu verspüren, auch wenn er vor seinem vorlauten Töchterlein so tut als ob): Schuldig im Sinne der Anklage. Auch wenn es nur ein kleines Versehen war, das wir noch rechtzeitig ausgebügelt haben.
Gretchen (lächelt das goldige Mädchen hingerissen an): Das ist sehr lieb von dir, meine Süße, an den Nachtisch hatten Sabine und ich nämlich noch gar nicht gedacht.
Sabine (nickt zustimmend u. blickt das erwartungsfrohe Mädchen direkt an, das hibbelig auf ihrem Stuhl zwischen Sissi u. Gretchen hin u. her rutscht): Danke, Fräulein Sarah! Das ist sehr aufmerksam von dir. Das ist nämlich auch meine Leibspeise.
Sarah (strahlt zufrieden in die Runde u. lässt dann Sissi nicht mehr aus den Augen, die schon wieder eifrig gekleckert hat): Echt? Bitte, bitte! Und ein Schälchen für Mami hab ich auch noch mitgebracht. Damit sie nicht mehr böse ist, weil wir doch zu spät gekommen sind.
Cedric (rückt mit seinem Stuhl näher an seine beiden Mädchen heran u. streicht Sarah liebevoll übers Haar, das zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden ist, welcher immer wieder fröhlich hin u. her schwingt, weil Sarah einfach nicht stillsitzen kann): Motte, Mama ist doch nicht böse deswegen. Sie hat nur viel zu tun auf Station und du kennst sie doch, wenn sie zu viel unnötigen Stress bekommt. Das hat mit dir oder deinen Schwestern rein gar nichts zu tun. Höchstens mit mir, aber das ist ein anderes Thema, das Mama und ich unter uns klären werden.
Gretchen (kann nicht widerstehen u. nimmt einen Löffel von der leckeren Süßspeise): Von wem sie dieses aufmerksame Wesen wohl hat?
Cedric (lacht u. schlägt ebenfalls beherzt zu, was alle animiert, es ihm nachzumachen): Ich würde ja behaupten...

Maria (taucht wie aus dem Nichts hinter ihm wieder auf u. fährt dem Angeber schnippisch in die Parade): Vorsicht! Lasst euch bloß nichts einreden! War ja klar, dass er gleich wieder seine meterlange Schleimspur hinterlassen würde, sobald ich auch nur für fünf Sekunden von der Bildfläche verschwinde. Ich weiß, er hält sich für das eindrucksvollste Geschöpf unter der Sonne, unantastbar und gottesgleich auf jedem Gebiet, aber erfahrungsgemäß ist nur die Hälfte davon wahr, was der Schwätzer euch weiszumachen versucht.

Lorelei Offline

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22.06.2019 22:29
#1649 RE: Story von Lorelei Zitat · Antworten

Ohne es gleich zu bemerken, war Dr. Hassmann, begleitet von der besten Laune, die ihr bislang an diesem Tag zuteil geworden war, wieder zu ihrer Familie und ihren Kolleginnen in die Cafeteria zurückgekehrt. Während sie ihr süßes kleines Baby sanft auf dem Arm hin und her wiegte, das sichtlich pappsatt gegen das Einschlafen ankämpfte, war sie direkt hinter Cedrics Stuhl vor dem Vierertisch stehen geblieben und nahm nun mit ihrem messerscharfen Blick eine ganz bestimmte Person ins Visier, was temporär zu einer leichten Verwirrung unter den Anwesenden führen sollte, die so schnell mit der Rückkehr der zynischen Ärztin nicht gerechnet hatten.

Maria: Mitkommen!
Gretchen/ Sabine/ Sarah (wie aus einem Mund): Ich?
Maria (rollt mit den Augen u. deutet zur Terrassentür): Er!

Marias Ansage war unmissverständlich und duldete keinen Widerspruch. Die Neurochirurgin drückte Gretchen ungefragt ihre Tochter in den Arm, damit diese sich in der Zwischenzeit, während sie sich gleich Rick vorknöpfen würde, zusammen mit Sarah liebevoll um das kleine Bündel Mensch kümmern konnte, das müde seine kleinen Hände in die Höhe reckte und dabei prompt eine Strähne von Gretchens langen Haaren erwischt hatte, drehte sich um und verschwand ohne ein weiteres erklärendes Wort mit wehendem Arztkittel durch die Glastür auf die Dachterrasse des Krankenhauses. Cedric, der die Reaktion seiner missgestimmten Lebensgefährtin unkommentiert verfolgt hatte, seufzte nur unmerklich auf und nahm sich noch schnell einen Löffel von seinem leckeren Mittagessen, um zumindest gleich gestärkt in den Kampf ziehen zu können. Er stellte die halbleere Schüssel Milchreis zu der leer geputzten seiner mittleren Tochter auf das kleine Tischchen an ihrem Hochstuhl, wo er eine dankbare Abnehmerin dafür fand, schickte Dr. Haase und Schwester Sabine noch flink einen entschuldigenden Blick über den Tisch und schlurfte schließlich nicht wirklich motiviert, aber doch entschlossen nach draußen zum Schafott. Ein Gang, der ihm nicht unbekannt war.

Die mitleidigen Blicke von Gretchen und Sabine, die ihm hinterhergeschaut und nun damit begonnen hatten, gemeinsam mit Sarah das niedliche Mädchen zu bespaßen, das neugierig zu ihnen hochguckte und plötzlich herzerweichend lächelte, als es ihre großen Schwestern entdeckt hatte, die sich vor Gretchen in Sophies Blickfeld geschoben hatten, bekam er gar nicht mehr mit. Denn Cedrics Hauptaugenmerk lag in dem Moment auf seiner Herzangebeteten, die sich erschöpft über das Terrassengeländer gelehnt hatte, vor dem sie mit nur einem nachdrücklichen Oberärztinnenblick gerade ein Grüppchen nervig schwatzender Lernschwestern verscheucht hatte, die schnell das Weite gesucht hatten. Denn die Highnoon-Atmosphäre war ihnen nicht entgangen. Selbst die Singvögel in dem angrenzenden Birkenwäldchen hatten ihr fröhliches Gezwitscher eingestellt, die Herbstsonne hatte sich wohlweislich hinter dunklen Wolken verkrochen und es war mucksmäuschenstill geworden auf der - mit Ausnahme von Dr. Stier und Dr. Hassmann - menschenleeren Dachterrasse. Den selbstbewussten Chirurgen beeindruckte das jedoch nicht sonderlich. Im Gegenteil. Es motivierte ihn sogar, noch einen Schritt nach vorn zu wagen, bis er direkt neben der sinnlichen Amazone stand, die ihn nun mit feurig funkelnden Augen ansah, nachdem sie ihn hinter sich bemerkt hatte. Doch ehe sie ihre sirenengleiche Stimme erheben konnte, um ihn mal wieder durchaus gerechtfertigt zur Sau zu machen, hatte er schon gesprochen, worauf Dr. Hassmann jedoch überraschend verhalten reagierte, was wiederum ihn irritierte.

Cedric (hebt seine Hände in Unschuldspose): Bevor du gleich anfängst, lass mich nur noch sagen,... es tut mir leid. Okay?
Maria (verzieht keine Miene, während sie ihn mit leichtem Spott eindringlich mustert): Was genau jetzt? Nur um noch einmal alle Punkte zusammenzubekommen. Denn die waren in der Gänze doch allerhand.
Cedric (will eigentlich nicht genervt wirken, klingt aber doch danach, als er langsam ein- u. wieder ausatmet): Mary?
Maria (überlegt einen langen Moment, dann dreht sie sich wieder von ihm weg u. blickt über die Balustrade in den sich langsam herbstlich orange-gelb verfärbenden Krankenhauspark): Lass es einfach, okay! Ich habe heute schon genug unnötige Energie verschwendet.
Cedric (hakt vorsichtig nach, weil ihn diese verdächtig ruhige Reaktion seiner aufbrausenden Freundin dann doch wundert): Und warum genau zitierst du mich dann showwirksam nach draußen?
Maria (grinst ihn plötzlich unerwartet von der Seite an, nachdem sie einmal verstohlen zu den Panoramafenstern der Cafeteria geschielt hat): Erziehungsmaßnahme.
Cedric (lacht beherzt auf): Erziehungsmaßnahme? Du erziehst mich? Sollte es nicht eher heißen, wir erziehen die Kinder?
Maria (ihr ist überhaupt nicht zum Lachen zumute u. sie reagiert dementsprechend zynisch): Wow! Es kommt ja doch noch was bei dir an. Wobei doch nach den Bildern von eben der Eindruck entstehen könnte, dass sie eher dir auf der Nase herumtanzen und dich erziehen und nicht umgekehrt.
Cedric (wagt sich noch einen weiteren Schritt nach vor, bis er Maria vor dem Geländer eingekesselt hat): Hey! Ich meine das ernst.
Maria (weicht ihm nicht aus, obwohl seine unmittelbare Nähe sie provozieren soll): Mir liegt nichts ferner. Das solltest du auch. Mir geht nur deine lässige Herangehensweise gewaltig gegen den Strich. Mann, Rick, wenn wir schon diese kleine Angelegenheit nicht hinbekommen, dann...
Cedric (fällt ihr prompt ins Wort, um sie vom Gegenteil zu überzeugen): Es hat doch immer geklappt.
Maria (funkelt ihn ungehalten an u. lässt ihren ganzen Ärger heraus): Weil du dich immer erfolgreich rausredest, mein Lieber. Für dich gibt es keine Fehler, du improvisierst gleich wild drauflos, ohne nach links und rechts zu gucken. Das klappt vielleicht zweimal oder auch dreimal, weil du verdammt viel Glück hattest, aber die Kinder brauchen Struktur und einen geregelten Tagesablauf, verdammt noch mal. Dein Laisser-faire ist an manchen Stellen einfach nicht angebracht. Das endet nur im Chaos und Chaos ist das letzte, was ich gebrauchen kann. Der Meier nervt mich heute schon genug mit seiner großspurigen, überheblichen Art.
Cedric (sieht sie mitfühlend an): Das hab ich schon gehört.
Maria (lässt erschöpft die Schultern hängen u. schweift mit ihren Blicken in die Ferne): Ich will doch einfach nur nach Hause kommen, den Irrsinn hier hinter mir lassen und gut ist, ohne dir noch hinterher räumen zu müssen.

Stattdessen muss ich mich mit dem Meier, Chirurgietouristen, unserem Familienwahnsinn und Haases rosaroter Blase herumschlagen. Von Sabines seltsamer Sterndeutung ganz zu schweigen.

Cedric (stellt sich direkt hinter seine Lebensgefährtin u. umschließt sie mit seinen Armen): Baby, ich habe es mir doch zur Aufgabe gemacht, dir so viel wie möglich abzunehmen. Das gehört zu unserem Deal. Dass es dabei auch manchmal hakt, ist nur natürlich. Wir sind keine Maschinen. Ich weiß, du willst immer alles unter Kontrolle behalten.
Maria (widerspricht dem vehement u. will sich von ihm lösen): Negativ, ich will nicht, sondern ich habe alles unter Kontrolle.
Cedric (hält sie eisern fest u. drängt sie, ihn anzusehen): Ich will das auch gar nicht in Abrede stellen, Maria. Du bist toll in allem, was du tust, aber es täte dir, und uns, gut, wenn du ein bisschen, nur ein klitzekleines Bisschen davon abgeben könntest. Das spart Energiereserven, die du anderweitig erfolgversprechend einsetzen könntest. Du kannst mir vertrauen. Ich baue keinen Mist. Ich nehme das alles sehr ernst. Ich hab die Kids ständig im Blick.
Maria (seufzt schwermütig auf): Und sie dich.
Cedric (schmunzelt gegen ihren Hals, an dem er gerade kurz genießerisch geschnüffelt hat, weil ihre direkte Nähe ihn ganz schön kirre macht): Eifersüchtig? Ist es das, was dich stört, weil ich jetzt mehr Zeit mit ihnen...?
Maria (dreht sich noch in der Umarmung wieder zu ihm um u. fährt ihm über den Mund): Eifersüchtig? Ich? Darauf, dass ich der vernünftigere Teil von uns beiden bin? Tzz... träum weiter!
Cedric (funkelt sie herausfordernd an): Unvernünftig stände dir aber auch gut zu Gesicht, meine Liebe. In solchen Momenten hatten wir immer unsere geilste Zeit, Bloody Mary. Ich weiß, du willst immer und überall den Überblick behalten, aber das musst du nicht. Niemand, wir und die Kinder am allerwenigsten, verlangt von dir, perfekt sein zu müssen. Mir ist bewusst, dass das dein Anspruch ist. In unserem Job ist das auch ganz selbstverständlich, da musst du dir, Meier hin oder her, auch keine Sorgen machen. Aber du kannst es auch ruhiger angehen lassen. Du musst niemandem etwas beweisen. Ich bin doch auch noch da.
Maria (hasst es, wenn er recht hat u. dreht den Spieß einfach um): So wie eben auch? Ich hab mich wieder auf dich Vollidioten eingelassen, das ist mehr Unvernünftigkeit, als einem im Leben lieb sein sollte.
Cedric (hält sie nun am Kragen ihres blütenweißen Arztkittels fest u. blickt ihr fesselnd in die wild funkelnden braungrünen Augen, die ihn zu verschlingen drohen): Charmant. Dein bitterböser, treffsicherer Humor ist zurück. Dann bin ich ja doch noch gut weggekommen.
Maria (streift ihm lasziv mit einer Hand über den eng anliegenden Stoff seines hellgrauen T-Shirts, um anschließend mit ihren Fingern in die Gürtelschlaufen seiner Jeans zu fahren, mit denen sie ihn mit einem Ruck ganz nah zu sich heranzieht): Dass du für immer und ewig bei mir auf Bewährung bist, das sollte dir schon Strafe genug sein.
Cedric (genießt das Prickeln u. das Knistern, das plötzlich in der Luft liegt): Ich empfinde es nicht als Strafe. Für mich zählt mehr das, ich zitiere, ‚immer und ewig’.

Was ist bloß in ihn gefahren? Hat der Wolf zu viel Kreide gefressen? Das ist schrecklich abturnend.

Maria (rollt mit den Augen u. lässt ihn wieder los): Was ist bloß bei dir schief gelaufen, dass du auf einmal so ein grauenhafter Romantiker geworden bist?
Cedric (ist nicht auf den Mund gefallen): Der gute Einfluss unserer Töchter und dass wir nach all der Zeit immer noch so wahnsinnig heiß aufeinander sind.
Maria (verzieht angewidert ihre Mundwinkel): Mich deucht, dich trüben deine Sinne, mein Lieber.
Cedric (packt sie grob u. schlingt seine Arme immer fester um ihre Taille): Da siehst du mal, was für eine Wirkung du auf mich hast, Baby.
Maria (will sich eigentlich aus seiner dreisten Machoumarmung herauswinden, gibt sich aber nicht besonders viel Mühe dabei): Boah, Rick, wann hörst du endlich mit diesem fürchterlich trivialen Baby-Baby auf? Das war schon in den frühen 2000ern lächerlich.
Cedric (liebt es, wenn sie sich künstlich aufregt): Finde ich nicht unbedingt, aber wir könnten ja noch mal brainstormen, um ein treffenderes Kosewort für dich zu finden, hm, Bloody Mary.
Maria (stemmt beide Hände gegen seinen Brustkorb, damit er etwas lockerer lässt): Im Ernst, Cedric, wir müssen uns besser absprechen. Stundenpläne zu schreiben und Erinnerungsmails hin und her zu texten, reicht anscheinend nicht aus. Es haut trotzdem nie hin.
Cedric (hebt oberlehrerhaft den Zeigefinger): Nur fürs Protokoll. Wir sind hier. Trotz des Chaos in der Stadt. Die Kinder sind pappsatt und zufrieden. Sie werden unterhalten und sie unterhalten, wie man allem Anschein nach sieht, wenn du dich einmal umblicken würdest. Du bist Oberärztin in der Prestigeabteilung der Chirurgie. Du wirst von den Kollegen für deine Arbeit geschätzt. Du bist nach weniger als sechs Wochen wiedereingestiegen. Respekt, die Chuzpe haben nur wenige. Du behältst die Übersicht, teilst aus und kommandierst, siehst dabei auch noch verdammt sexy aus. Du kannst dir deine Zeit so einteilen, wie’s dir angenehm ist. Du hattest sogar die Gelegenheit, dich bei der Tochter vom Chef einzuschleimen. Ich würde sagen, das ist im Grunde genommen ein ganz gelungener Tag.
Maria (kann sich nach dieser oberschülerhaften Erklärung ein Schmunzeln nicht verdrücken): Witzig.
Cedric (grient sie verschmitzt an): Siehste, und schon hab ich einen weiteren Teil meiner Abmachung erfüllt. Ich hab dich nicht nur motiviert, sondern auch zum Lachen gebracht an einem Tag, an dem du offensichtlich noch nicht viel zum Lachen hattest. Alles andere übernehme ich dann, wenn wir zuhause wieder ungestört sind.
Maria (lacht herzhaft auf): Wann sind wir zuhause je ungestört, hm?
Cedric (schmiegt sich verführerisch an seine Traumfrau): Och du, ich hab da eine besondere Absprache mit dem Sandmännchen. Wenn sein Glitzerstaub verteilt ist, könnte ich mit einer Fußmassage anfangen und mich dann langsam nach oben steigern. Deine sexy Beine empor, bis hin...
Maria (lässt sich für eine kurze Sekunde gehen, bis sie seine frechen Griffel plötzlich unter ihrem Kittel auf ihrem Hinterteil spürt u. ihn empört wegschupst): Du hast drei kleine Mädchen an der Backe, denen Uhrzeiten, Sandmänner und sonstige Ablenkungsmanöver völlig egal sind, bist der King auf dem Spielplatz und hast immer noch genug Energie, um ständig nur an Sex zu denken?
Cedric (lässig): Ich bin ein Mann.
Maria (spöttisch abwertend): Und was für einer.
Cedric (grinst): Ich sag doch immer, du hast mit mir das ganz große Los gezogen. Du kannst mich so oft, wie du willst, gegen die Wand klatschen und ich verwandele mich trotzdem nicht wieder in einen Frosch zurück, den du Sarah dann zum Sezieren vorsetzen könntest, die daran bestimmt reichlich Spaß hätte. Und du weißt, ich bin gut in dem, was ich tue. Ein bisschen Entspannung täte dir nämlich nicht schlecht.
Maria (verdreht die Augen): Deine ständige Angeberei hängt mir ganz schön zum Hals raus, weißt du das eigentlich? Das ist nicht sexy, es bewirkt eher das Gegenteil.
Cedric (aus dem frechen Grinsen wird ein verwegenes Lächeln): Wenn du willst, dass ich die Klappe halte, wüsste ich eine Methode.
Maria (hält ihn mit beiden Händen auf Abstand, als er mit seinen Grinselippen immer näher kommt): Das hättest du wohl gerne. Aber nach der Aktion heute sollte ein bisschen Strafe schon drin sein.
Cedric (zieht sie wieder an sich): Och, wie schade, dabei weißt du gar nicht, was du verpasst. Oh, doch, das weißt du schon.
Maria: Selbstverliebtes Arschloch!

Maria genoss das Spiel mit dem Feuer sichtlich, löste es doch ihre inneren Blockaden, die sich im Laufe des Vormittags angestaut hatten, aber sie konnte und wollte nicht mehr zulassen. Nicht jetzt und nicht hier. Sie hatte heute schließlich schon genug getan, was ihre Souveränität als taffe und unnahbare Oberärztin zum Wanken gebracht hatte. Also tat sie nur so und deutete den heißen Kuss, der sich anbahnte und dem sie kaum selber widerstehen konnte, lediglich an und zog Cedric tänzelnd weiter zum Rand der Terrasse, wo sie vor neugierigen Blicken durch die großen Fassadenfenster ein wenig geschützt waren, was Dr. Stier auf seine selbstverständlich männliche Weise interpretierte. Seine Hände und Lippen verharrten eisern an Ort und Stelle, was Dr. Hassmann ärgerte, gleichzeitig aber auch sehr amüsierte. Dahingehend würde er sich wohl nie ändern, aber das wollte sie auch nicht. Das machte doch erst den Reiz, der von dem Mistkerl ausging, aus.

Cedric: Ich wusste doch, dass du nie genug von mir kriegen kannst.
Maria (klappst ihm empört auf die frechen Finger u. entzieht sich seinem dreisten Kussversuch): Boah, Rick, deine Versuche werden auch immer plumper. Das ist irgendwie unsexy, aber das ist auch eigentlich nicht der Punkt.
Cedric (zwinkert ihr vieldeutig zu u. weicht ihr nicht von der Seite): Sondern? Welcher Punkt denn dann?
Maria (hält ihn mit einer Armlänge auf Abstand): Auf jeden Fall nicht auf dem Niveau, mit dem dein Zweithirn den ganzen Tag denkt. Es geht mir grundsätzlich ums Prinzip, Rick. Ich habe keine Lust, unsere Familienangelegenheiten vor aller Welt auszubreiten. Ich habe Jahre gebraucht, um mir Respekt und einen entsprechenden Ruf zu erarbeiten. Du weißt doch, wie das hier in dieser Gossipklitsche läuft. Wenn du hier ständig mit der gesamten Family aufschlägst und dann auch deine Finger nicht bei dir behalten kannst, dann...
Cedric (fällt ihr schnell ins Wort, bevor sie noch weiter ausholen kann): Dann hätten wir uns nicht in der Cafeteria, dem Newsroom des Krankenhauses treffen sollen.
Maria (funkelt den vorlauten Kerl unmissverständlich an): Du bist immer noch nicht witzig.
Cedric: Und du verstehst es anscheinend immer noch nicht. Erstens, es liegt nun mal in der Natur, dass wir die Finger nicht voneinander lassen können. Das haben wir noch nie gekonnt, Baby, und das ist gut so.
Maria (reagiert eher schnippisch als überzeugt): Rick, ich bitte dich, das muss vor der versammelten Pressemeute nun wirklich nicht sein.
Cedric (blickt ihr herausfordernd in die Augen): Wieso? Weil ich dir peinlich bin? Das bin ich gewohnt.
Maria (verliert so langsam die Geduld mit diesem Idioten): Nein. Ich halte es nun mal so, dass Beziehungen am Arbeitsplatz nichts zu suchen haben. Dass Meier und Haase sich nicht an die Regeln halten, drauf geschissen, wenn sie unbedingt Romantic-Comedy spielen wollen, bitte, dann ist das ihr Ding, aber ich will das nicht.
Cedric: Du weißt aber schon, dass es hier im EKH kein Geheimnis ist, wie heiß wir aufeinander sind. Zweitens gehen die Kinder hier ein und aus. Sarah ist hier groß geworden. Die Kollegen lieben sie und lassen ihr einiges durchgehen, wie zum Beispiel, als sie sich vorhin vorgedrängelt hat. Dass du Familie hast und das auch auslebst, das rüttelt überhaupt nicht an deiner Stellung hier in der Klinik. Im Gegenteil, das macht dich als Chirurgin nur menschlicher.
Maria: Sympathie zählt aber nicht in unserem Beruf.
Cedric: Gretchen Haase würde dir da etwas anderes erzählen.
Maria (verdreht die Augen): Ich bin froh, dass ich nicht sie sein muss.
Cedric (dreht sich demonstrativ um): Och, naja...
Maria (zieht ihn prompt wieder zu sich zurück): Ich warne dich.
Cedric (liebt es, sie zu provozieren): Was denn? Etwa doch eifersüchtig? Dabei wollte ich eigentlich nur anmerken, was für Vorteile unsere neue Konstellation hat, auch für deine Karriere.
Maria (zeigt ihm den Vogel): Wie bitte?

Der spinnt doch. Der hat doch eindeutig zu viel Zucker gelöffelt.

Cedric (bleibt ernst): Naja, das Erste, was ich über dieses renommierte Krankenhaus erfahren habe, ist, dass Familie hier über alles zählt. Der Professor hat mir während meines Bewerbungsgesprächs eine Dreiviertelstunde lang einen Monolog über seine moderate Familienpolitik gehalten. Das ist der Kitt, der hier alles zusammenhält. So eine Atmosphäre, dieser familiäre Zusammenhalt, die gegenseitige Rücksichtnahme, das alles, das gibt es nur noch in ganz wenigen Kliniken, wo doch eigentlich nur noch Kostendruck und