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Lorelei Offline

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Beiträge: 8.101

14.07.2017 16:32
#1601 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erst nach einer ganzen Weile hatten Sarah und ihre Freundinnen ihre beiden großen Helden wieder ziehen lassen, die sich nun endlich auch wieder ihrem Alter entsprechend verhalten durften. Naja, zumindest soweit dies überhaupt gewollt war. Mit einem breiten Grinsen auf den Mundwinkeln bequemten sie sich in irritierend vertrauter Eintracht wieder zu ihren weitaus erwachsener wirkenden Damen, die sie mit Argusaugen von der Sitzecke im Garten aus beim gemeinsamen Toben mit den Kindern beobachtet hatten. Marc scheute sich natürlich nicht, seine unliebsame Stationsschwester mittels nur eines strengen und äußerst wirkungsvollen Oberarztblickes von der Hollywoodschaukel zu kicken, um den dadurch freigewordenen Platz neben seiner hochschwangeren Herzdame zu erobern, die ihn für sein ruppiges Vorgehen natürlich sofort mit einem finsteren Blick tadelte, welcher jedoch nicht lange standhielt, weil sie einfach nicht anders gekonnt hatte, als ihren kindischen Herzprinzen ungeniert anzuhimmeln, was dieser selbstverständlich genüsslich zu seinem Vorteil auskostete, indem er seinen zuckersüßen Haasenzahn prompt stürmisch niederknutschte. Das ließ dann wiederum auch die Dame des Hauses schließlich frustriert aufseufzend von der Gartenschaukel flüchten. Leider stolperte sie dabei direkt in die Arme derjenigen Person, die sie heute absichtlich auf Abstand gehalten hatte. Und dieses äußerst konsequente Verhalten behielt Dr. Maria Hassmann auch jetzt noch stoisch bei, als sie den dreisten Kerl, der sich ihr ungeniert mit seinem nervig charmanten Dauergrinsen zu nähern versuchte, auch körperlich betont von sich fern hielt. Strafe musste schließlich sein, redete sie sich einmal mehr ein, als sie abwehrend ihren Arm vorstreckte...

Maria: Wag es nicht, Cedric Stier!
Cedric (lässt es sich trotzdem nicht nehmen, sein hinreißend säuerlich dreinblickendes Zicklein weiter zu provozieren): Was denn, meine Liebe?
Maria (funkelt ihn mit finsterer Miene unmissverständlich an): Tatsch mich nur einmal an und du fängst dir eine.
Cedric (lässt sich ihre Worte genüsslich auf der Zunge zergehen u. dreht augenzwinkernd den Spieß gekonnt um): Interessante Wortwahl. Denn ich habe in der Tat einen wunderbaren Fang gemacht.

Cedrics offensiver Flirtversuch aller Abwehrversuche seiner Angebeteten zum Trotz blieb nicht ohne Gegenwirkung. Hinterhältig charmant zu sein, das hatte er wirklich drauf. Das musste sich auch Maria einmal mehr leidlich eingestehen. Aber jemand anders reagierte diesmal schneller als die widerspenstige Neurologin, die gerade mehrmals tief seufzte, auf die pomadigen Anmachsprüche des selbsternannten Charmebolzens. Marc hatte seinen Kopf von seiner ihn verliebt anlächelnden Freundin weggezogen und guckte nun ziemlich angeekelt zu dem sich belauernden Pärchen bei den angrenzenden Obstbäumen...

Marc: Boah, Alter, von dem Geschleime bekommt man ja Ohrenkrebs. Halt dich mal zurück, Mann! Hier sind Kinder anwesend.
Gretchen (klapst ihm dafür leicht auf den Arm): Marc!
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst u. grient meierlike zurück): Is so!
Er kann es nicht lassen. Menno! Dabei war das gerade so schön. Ich will noch mal.
Maria (funkelt provozierend in Cedrics Richtung): Wo er Recht hat, hat er Recht.
Marc (richtet seine zufrieden aufblitzenden Augen nun ebenfalls auf seinen Lieblingskontrahenten): Hm... Dass wir mal einer Meinung sein könnten, müsste in die Annalen des EKH eingehen. Aber bei dem Thema war das auch nicht sonderlich schwer.
Gretchen (zieht den Provokateur wieder zu sich, um ihn zu stoppen): Marc, jetzt lass sie doch!
Cedric (lässt sämtliche Spitzen gekonnt an sich abprallen u. bleibt mit stolzgeschwellter Brust die Coolness in Person): Ach, komm schon! Es läuft doch alles ziemlich prima. Alle sind gut versorgt und benehmen sich. Naja, mehr oder weniger.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Ziemlich ist relativ, mein Lieber.
Cedric: Ich spreche nur die Wahrheit aus, Baby. Schau mal da rüber!

Widerwillig ließ sich Maria von ihrem fürchterlich hartnäckigen Lebensgefährten an den Schultern packen und sanft herumdrehen. Sie blickte nun direkt auf die schrecklich gelbe Hüpfburg, auf der mittlerweile nur noch vereinzelt ein paar Kinder vergnügt herumhüpften, die ihr ausnahmslos unbekannt waren, aber vermutlich in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem einen oder anderen Kollegen aus dem Krankenhaus stehen mussten, welche sie wiederum ebenfalls nicht zu Sarahs großen Tag eingeladen hatte. Dieser Gedanke ließ die Sechsunddreißigjährige schon wieder hörbar ein- und wieder ausatmen. Rick konnte schleimen so oft und so lange, wie er wollte, dieser verdammte Hornochse hatte ihr das trotzdem alles eingebrockt. Das stand ebenso fest wie die Tatsache, dass sie ihn auf ewig dafür bluten lassen würde. Da konnte er noch so charmant sein. Oder noch so gut aussehen in der knackig sitzenden hellen Anzughose und dem weißen, provokant aufgeknöpften Hemd über seiner makellos gebräunten Haut und dem dunklen Brusthaar. Oder sich noch so gut unter ihren Fingerspitzen anfühlen, die ihn kurz versehentlich gestreift hatten. Schnell zog Maria ihre Hände wieder zurück und verschränkte ihre Arme in demonstrativer Abwehrhaltung vor ihrer Brust und zeigte ihm im wahrsten Sinne des Wortes ihre kalte Schulter, die unter dem weißen Carmenoberteil verführerisch hervorblitzte, sodass Cedric mehrmals versucht war, sie genau dort leicht mit seinen Fingerkuppen zu berühren.

Aber dann entdeckte die sichtlich eingeschnappte Neurochirurgin plötzlich ihre kleine Tochter, die ab heute unwiderruflich eine große war und die sich gerade zusammen mit Lilly Kaan und Schwester Sabine, die ihren Mann mittlerweile bei der Kleinkinderbetreuung unterstützte, auf die Picknickdecke vor der Hüpfburg gesetzt hatte. Die beiden Mädchen herzten und busselten Sissi und Anton, die anfangs mit einem verkniffenen Gesicht darauf reagierten, aber letztlich anfingen, herzerweichend zu lachen, und nahmen dann jeweils eins der Babys auf den Schoß, um nun einem spannenden Schauspiel zu folgen, welches Sabines angeheiratete Clownscousine mit gar nicht mal so großem Tamtam veranstaltete. Die Kinder, allen voran die beiden Babys, schauten der kunterbunt gekleideten Gestalt gebannt dabei zu, wie sie in Sekundenschnelle lustige Luftballonfiguren bastelte, nach denen sich die kleinen Fäustchen schnell voller Ungeduld ausstreckten. Sie liebten das quietschende Geräusch der Ballons unter ihren Fingerspitzen und Sarah und Lilly liebten den vergnügten Ausdruck auf den Gesichtern der beiden kleinsten Partygäste, die sie gleich wieder innig dafür knutschen mussten, während Schwester Sabine und ihrem Mann gerührt die Tränen in den Augen standen und sie heimlich Händchen hielten.

Ein herzerweichender Anblick, der auch die taffe Oberärztin letztendlich nicht kalt lassen konnte. Ohne noch einmal groß darüber nachzudenken, gab sie prompt ihren Widerstand auf und ließ sich nun doch bereitwillig von ihrem Haus- und Hofidioten umarmen, der daraufhin sanft sein stoppeliges Kinn auf ihre nackte Schulter setzte, nachdem er anhand ihrer ihm nun zugewandten Körperhaltung erleichtert ihr Entgegenkommen registriert hatte. Die Zähmung der Widerspenstigen konnte manchmal so einfach sein, dachte er nur und konnte sich sein selbstgefälliges Schmunzeln nicht verkneifen, während er verliebt an ihren blumig duftenden Haaren roch. Wenn Mary freiwillig bereit war, sich auch darauf einzustellen, was selten genug passierte. Umso mehr genoss Cedric jetzt diesen Moment stiller Eintracht, den er direkt auf seine lange Liste wunderbarer Momente mit seinen Lieben setzte. Er hatte es geschafft. Er war angekommen.

Cedric: Und? War das jetzt so schwer?
Maria (könnte ihn immer noch erwürgen, aber lässt es für den Familienfrieden bleiben): Halt die Klappe, du Mistkerl!
Cedric (schließt seine Arme noch fester um ihre Taille u. schnuppert verliebt an ihrem Haar): Hm, charmant, das klingt doch wieder nach meiner Frau.
Maria (tritt ihm unsanft mit der Ferse ihrer Keilsandale auf den Fuß, aber behält die angenehme Position zwischen seinen Armen bei): Wenn du mich noch einmal als deine Frau titulierst, fängst du dir wirklich noch eine.
Cedric (schmunzelt in ihr Haar hinein u. streift mit seinen rauen Lippen sanft ihre nackte Schulter u. ihren grazilen Hals, ehe er schließlich mutig zum Frontalangriff übergeht): Tja dann nehme ich lieber einen Kuss.
Maria (zögert einen kurzen Moment): Guter Deal.

Maria hatte sich gerade wieder zu ihrem Lebensgefährten umgedreht, der sie mit diesem gewissen Hauch von erregter Vorfreude angrinste, und wollte ihm sogar schon bereitwillig entgegenkommen, als ihre selbsternannte Busenfreundin Gretchen sie jedoch unbedarft zurück in die Realität katapultierte und hysterisch mit beiden Armen wedelnd auf das blinkende Babyphone auf dem Gartentisch aufmerksam machte. Aber da hatte es die Zweifachmutter auch schon selber registriert. Ihre interne Alarmanlage hatte nämlich ebenfalls schon angeschlagen. Und so weit weg von dem hochmodernen Haus im kanadischen Stil, in das sie mit ihrem Exehemann und den Kindern vor einigen Wochen eingezogen war, waren sie gar nicht. Die Terrassentür stand nämlich sperrangelweit offen. Die ungebetenen Gäste aus dem EKH hatten es sich natürlich nicht nehmen lassen, die günstige Gelegenheit ausgiebig auszunutzen, um die neuen heimischen vier Wände ihrer hochgeschätzten Kollegen ausführlich unter die Lupe zu nehmen. Scheiß-Tratschpack und elende Spione, dachte Maria nur verärgert, während sie die Person, die sie dafür verantwortlich machte, gespielt freundlich anlächelte. Den Eimer kaltes Wasser hatte er daher mehr als verdient. Cedrics perplexer Gesichtsausdruck war nämlich einfach zu göttlich und die Steilvorlage, die sie noch gebraucht hatte, stellte sie zufrieden fest, ohne sich dabei natürlich etwas vor dem arglosen Mann anmerken zu lassen.

Cedric: Sie beherrscht ihr Timing.
Maria: Deine gerechte Strafe, mein Lieber.

...säuselte Maria verführerisch in sein Ohr und entzog sich ihm, kurz bevor sie ihn leidenschaftlich geküsst hätte. Ganz bedröppelt und seine Lippen noch spitz nach vorn gestreckt blieb Cedric nun auf der sonnenverbrannten Wiese zurück und schaute seiner aufregenden Freundin hinterher, die mit einem betont sexy Hüftschwung, der ihren koralleroten Plisseerock herumwirbeln ließ und garantiert ihm gegolten hatte, ins Haus eilte, wo seine jüngste Tochter ungeduldig krähend auf ihre Mama wartete. Er war seinen Frauen rettungslos verfallen, stellte der Hahn im Korb einmal mehr fest, grinste amüsiert in sich hinein und beschloss spontan, rüber zu Sarah und Sissi zu gehen, um sein akutes Liebesbedürfnis zu teilen und ebenfalls eine der lustigen Luftballonfiguren zu ergattern, die seine beiden Mädchen bereits freudestrahlend in die Höhe reckten. Mal sehen, was seine Mary dazu dann wohl sagen würde. Aber eine Giftnatter zu formen, schien nicht allzu schwer zu sein, dachte der schwerverliebte Familienvater schmunzelnd und setzte seinen Plan direkt in die Tat um.

Marc und Gretchen hatten in der Zwischenzeit gar nicht mitbekommen, dass sie mittlerweile alleine in der gemütlichen Sitzecke im Stier-Hassmannschen Garten zurückgelassen worden waren. Immer wieder küssten sie sich zärtlich, neckten sich spielerisch, lächelten sich verliebt an und der glückliche werdende Vater konnte einmal mehr nicht widerstehen, seiner hinreißenden Herzprinzessin immer wieder zärtlich über ihre kugelrunde Körpermitte zu streicheln, unter der anscheinend ähnliches Rambazamba vonstatten ging wie drüben auf der Hüpfburg, die er vorhin noch selber ordentlich in Beschlag genommen hatte. Mit hoch gezogener Augenbraue schaute er zu seiner Süßen hoch, die daraufhin bestätigend nickte und dabei leicht erschöpft wirkte, weil die beiden Zwerge heute ganz besonders anstrengend waren und einfach nicht zur Ruhe kommen wollten. Sie wusste gar nicht, in welche Position sie noch rücken sollte, um noch etwas länger einigermaßen bequem sitzen bleiben zu können. Zu stehen fiel ihr noch schwerer. Vom Hochkommen aus der Hollywoodschaukel ganz zu schweigen. Dafür würde später vermutlich ein Seilzug von Nöten sein. Oder wahlweise auch ein Gabelstapler, falls Dr. Stier so etwas in seinem Geräteschuppen beherbergte.

Marc litt still mit seiner Traumfrau mit und deutete immer wieder auf seine schicke Designerarmbanduhr, einem Geschenk seiner werten Frau Mutter, was Gretchen mit einem Schmunzeln und einem konsequenten Kopfschütteln erwiderte, das wiederum ihn zum Schmunzeln brachte. Der Wink mit dem Zaunspfahl funktionierte zwar, aber sein stures Mädchen hier wegzubewegen, ohne Gewalt anwenden zu müssen, war eine andere Angelegenheit. Aber der schlaue Herr Doktor hätte nicht Medizin studieren müssen, um nicht doch noch schnell Abhilfe für ihre akuten Probleme zu schaffen, indem er sich mit Schwung auf der Hollywoodschaukel zurücklehnte und diese dadurch ordentlich hin und her schwingen ließ. Gretchen konnte nur den Kopf schütteln angesichts Marcs verrückter Flausen, die seltsamerweise sogar zu funktionieren schienen. Die ungeborenen Zwillinge wurden tatsächlich etwas ruhiger. Die werdende Mutter konzentrierte sich darauf, dass ihr nicht gleich schwindelig werden konnte, lehnte sich zur Seite und bettete ihr Haupt entspannt auf dem Schoß ihres tollkühnen Helden, der dadurch die Gelegenheit bekam, sich erst recht ausgiebig ihrer Schwangerschaftskugel widmen zu können, an der sich seine meisterhaften Chirurgenhände förmlich fest dockten, um nun auch auf seine ganz eigene Weise mit den Zwergen zu kommunizieren, die unverschämterweise ihre schöne Mama ärgerten, dem sofort Einhalt geboten werden musste.

Marc (vollkommen konzentriert in sein Tun): Und? Funktioniert’s?
Gretchen (hat die Augen geschlossen u. grient genießerisch vor sich hin): Ein bisschen.
Marc (kann sich sein glückliches Strahlen nicht verkneifen): Müsste eigentlich dieselbe Wirkung haben wie in einer Wiege. Da können sie sich schon einmal an das Schaukeln gewöhnen. Das nennt sich frühkindliche Prägung oder so ähnlich.
Gretchen (klappt ihre himmelblauen Augen wieder auf u. himmelt ihren Herzprinzen hingerissen an): Du bist süß.
Marc (seine Miene verfinstert sich augenblicklich u. er kneift ihr zum Protest sanft in die Seite): Hey! Keine Beleidigungen im Umkreis von fünf Metern um meine Belegschaft. Ich hab einen Ruf zu verlieren.
Gretchen (nutzt diese Steilvorlage gekonnt, um sein riesengroßes Ego zu kitzeln): Wenn überhaupt, dann immer noch Papas Belegschaft. Außerdem hältst du dich im Krankenhaus ja auch nicht daran.
Marc (guckt sein schlagfertiges Mädchen erst beeindruckt, dann verschlagen an): Ansichtssache.
Gretchen (beißt sich auf die Lippen u. versucht ihr Kichern zu unterdrücken): Ansichtssache?
Marc (lehnt sich wieder leicht zurück u. lässt die Schaukel gemächlich weiterschaukeln): Jep! Und jetzt in diesem Moment sehe ich eben dich gerne an.
Gretchen (strahlt über das ganze Gesicht, als sie zu ihm hoch schaut, während er, ganz vernarrt in ihren verträumten Anblick, sich zu ihr runterbeugt): Und du bist doch süß heute.
Marc (runzelt verblüfft seine Stirn): Was? Nur heute?
Erwischt! Hihi!
Gretchen (kann sich das vergnügte Grinsen nun doch nicht länger verkneifen): Ach? Möchtest du jetzt etwa auch gebauchpinselt werden?
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Oh! Führe mich nicht in Versuchung, Haasenzahn. Ich möchte noch viel, viel mehr. Du hast es mir schließlich versprochen. Deshalb... Die haben sich gerade alle verzogen. Die Gelegenheit ist günstig. Die maximale Verweildauer von einer Stunde ist eh gerade überschritten worden. Alles andere müsste erst neu verhandelt werden und ich leg schon mal vorsorglich mein mir zustehendes Veto ein.
Er kann es nicht lassen. Aber ich auch nicht. Das ist schließlich nicht nur unser Tag.
Gretchen (lässt sich nur ungern von ihm wieder in eine gerade Sitzposition hochschieben): Maaarc! Lilly wäre total enttäuscht, wenn du ihren Auftritt für Sarah verpassen würdest. Ihr habt so lange zusammen geübt. Ihr Papa ist doch auch schon nicht da heute.
Marc (seufzt leidend auf): Weil er’s genau richtig gemacht hat. Was selten genug vorkommt.
Gretchen (zieht einen hinreißenden Schmollmund, dem er nicht widerstehen kann): Gar nicht.
Marc (gibt sich wohl oder übel ihrer reizenden Argumentation geschlagen): Du bist so eine Nervensäge. Wahnsinn! Aber dann lass uns wenigstens das Beste daraus machen und noch ein bisschen rumknutschen und etwas fummeln, bis das drittklassige Showprogramm losgeht.

...lockte der freche Kerl seine hübsche Herzdame und senkte prompt seinen Kopf, um seinen Worten eindrucksvoll Taten folgen zu lassen. Gretchens Schmollmund, der ihm verführerisch entgegengereckt wurde, war einfach zu verlockend und nicht zu widerstehen. Das verdächtige „Klick“ aus dem Hinterhalt bekam das bis über beide Ohren verliebte Paar deshalb gar nicht erst mit. Das verdächtige Schmunzeln, das hinterher folgte und in einem leichten Hustenanfall mündete, dagegen schon. Frustriert registrierten beide, während sich ihre Lippen langsam wieder voneinander lösten, dass sie definitiv nicht mehr alleine auf weiter Flur waren. Tja, das stellte mittlerweile auch das verträumte Häschen fest, das hatte man nun davon, wenn man sich freiwillig den eigenen Jahrestag mit anderen teilte. Sie hatte es so gewollt.

Anna (senkt langsam das Kameraobjektiv wieder u. grient das verschmuste Paar ungeniert an): Erwischt!
Marc (meckert u. grummelt gewohnt meierlike vor sich hin): Mann, ey, gehst du jetzt neuerdings unter die Paparazzis, oder was? Na herrlich! Nirgendwo hat man hier seine Ruhe. Das ist ja wie im Stationszimmer auf der Drei. Von dort hätte ich wenigstens gleich in den OP flüchten können.

Und genau dorthin wünschte sich der verhinderte Verführer jetzt mit leichter Resignation zurück, als sich neben Hobbyfotografin Anna Kaan, die von ihrem alten Freund Cedric aus längst vergessenen Escort-Zeiten für die Momentaufnahmen des Tages engagiert worden war, auch Dr. Hassmann wieder zu ihnen auf die Hollywoodschaukel gesellte. Und sie war diesmal nicht alleine gekommen. Sie hatte eine hinreißende Gesellschaft mitgebracht, auf die sich nun sämtliche Augenpaare im Garten lenkten. Im Arm hielt sie nämlich ihre vor knapp zwei Wochen geborene Tochter Sophie, die müde immer wieder ihre kleinen Äuglein auf- und zuklappte, während sich ihre kleinen Fingerchen an Marias luftiger Carmen-Bluse festklammerten. Marc Meier war dadurch wieder aus dem Fokus der anwesenden Damen gerückt, was ihm natürlich ganz und gar nicht passte und er mit einem leidenden Aufseufzen quittierte. Aber aus dem Augenwinkel heraus riskierte auch der coole Oberarzt den einen oder anderen verstohlenen Blick auf das - O-Ton Gretchen Haase - niedlichste Baby der Welt, das nicht nur bei ihm akute Herzrhythmusstörungen ausgelöst, wenn auch nicht gleich zu heftigen verzückten Quietschattacken wie aus dem Block der anwesenden Kinderkrankenschwestern aus dem Elisabethkrankenhaus geführt hatte.

Denn urplötzlich wurde auch der werdende Papa wieder ganz hibbelig und rutschte unruhig auf der Hollywoodschaukel hin und her. Er dachte gerade daran, dass auch er bald so ein kleines zerbrechliches Bündel in den Armen halten würde und das sogar noch in doppelter Ausführung. Die Aufregung erwischte ihn mit voller Wucht, obwohl er sich doch insgeheim vorgenommen hatte, nicht gleich jedes Mal durchzudrehen und die Beherrschung zu verlieren, wenn die Zwerge sich etwas zu deutlich bemerkbar machten oder irgendwer ihm irgendwo irgendein Baby entgegenreckte. Der hysterische Auftritt seiner Mutter neulich im EKH vor seinem besten Freund und die amüsierten Blicke der tratschenden Kollegen waren ihm nämlich eine Lehre gewesen. Ab sofort wollten Gretchen und er es ruhig und überlegt angehen. Das war doch verdammt noch mal nur eine Geburt. Eine stinknormale, simple Geburt. Ein Kinderspiel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sein rasendes Herz war mal wieder Welten davon entfernt, was rational in seinem Kopf festgetackert worden war. Gretchen konnte an Marcs staunenden Augen jedenfalls genau ablesen, welche Gefühlsstürme gerade in ihm vorgingen und drückte liebevoll seine Hand, um ihn und sich zu beruhigen, während sie neugierig ihrer Freundin Maria zuhörte, die mit einem Mal einen ganz anderen Ausdruck im Gesicht bekommen hatte als noch vor wenigen Minuten. Sie wirkte ganz ruhig und sanft und lächelte sogar leicht in Dauerschleife, was ihr Lebensgefährte zufrieden registrierte, der mit zwei knallroten Luftballonschlangen in der Hand, die er sicherheitshalber direkt hinter sich ins Haus kickte, weil er sie nicht mehr gebraucht hatte, an der Terrassentür stehen geblieben war.

Maria: Fehlalarm. Sie hat nur Aufmerksamkeit gesucht.
Marc (stichelt zynisch, nachdem er sich schnell wieder eingekriegt hat, u. legt demonstrativ den Arm um seine Freundin): Ganz die Mama.
Gretchen (stupst ihren spöttisch grinsenden Freund tadelnd mit der Schulter an): Marc!
Anna (hat die Kamera beiseite gelegt u. einen Gartenstuhl zur Hollywoodschaukel herangezogen, auf dem sie nun Platz nimmt): Ganz schön viel Trubel für ihre ersten Tage zuhause. Du hast dir das sicher anders vorgestellt, oder, Maria?
Maria (ist dankbar für das ehrliche Verständnis ihrer ehemaligen Patientin): Ach, das stört sie nicht sonderlich. Im EKH ging auch ständig die Tür auf und sie wurde ungefragt in Fantasiesprache bespaßt. Man selbst wird unsichtbar, aber sie hat schon jeden einzelnen rumgekriegt, der sich nach ihr erkundigt hat. Selbst die Oberschwester.
Anna (lächelt u. erinnert sich wehmütig an ihre erste Zeit mit Lilly noch im Krankenhaus): Kommt mir bekannt vor. Wobei, Ausnahmen bestätigen die Regel.
Marc (spürt plötzlich, wie alle Augen auf ihn gerichtet werden): Wieso guckst du mich dabei jetzt an?
Anna (zuckt wissend mit den Schultern): Och, nur so! Du hast dich ja auch erst Wochen nach Lillys Geburt bei Mehdi gemeldet, nämlich erst nachdem er mit ihr zweimal vergeblich bei dir auf der Matte gestanden hat, nachdem wir schon Wochen zuvor von Heidelberg zurück nach Berlin gezogen waren und er fünf Zimmer neben deinem sein Büro bezogen hatte.
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst, obwohl der stechende Blick, den Haasenzahn jetzt auf ihn gelenkt hat, ihn unerklärlicherweise tierisch nervt): Ja, und?

Das ist wieder typisch Marc Meier. Kein Verständnis für das Glück anderer. Zum Glück hat sich das gelegt, was wohl auch ein bisschen Mehdis Hartnäckigkeit und Lillys Charme zu verdanken ist. Sie hat ihn geliebt, seitdem Mehdi sie ihm einfach dreist in die Arme gelegt und die beiden alleine gelassen hat. Zum Kennenlernen. Aber ich glaube, Marc würde es heute noch leugnen, dass es etwas mit ihm gemacht hat. Und jetzt wird er selber Vater. Wahnsinn!

Anna (ist nichts anderes von ihrem langjährigen Freund gewohnt): Och, nichts, nur so ein Gedanke. Danke übrigens, dass du an das Präsent für Lilly gedacht hast. Ich weiß, es wäre nicht nötig gewesen, aber für Lilly sind diese Tage auch eine aufregende Zeit.
Marc (wiegelt mit einer lässigen Handbewegung ab): Mehdi lag mir ja auch ewig damit in den Ohren. Obwohl ich immer noch nicht ganz kapiere, wieso, aber egal. Und du, du bist heute seine offizielle Vertreterin, oder was?
Anna (grinst): Quasi. Du weißt doch, er hat Bereitschaft. Viele kleine Babys haben ein Rendezvous mit ihm. Oder wohl eher die Mütter wollen unbedingt eins mit ihm haben. Seit der Berichterstattung über den engagierten Gynäkologen sind alle Berlinerinnen ganz heiß darauf, dass er sich um ihren Nachwuchs kümmert. Es ist total verrückt. Gabi hat mir da Geschichten erzählt, da fällst du vom Glauben ab. Manche sind sogar ganz außer sich, weil er ihnen für die nächsten Monate keine Termine bei sich geben will. Seine bevorstehende Elternzeit interessiert nur die wenigsten, obwohl alle ja quasi im selben Boot sitzen.
Gretchen (guckt verstohlen zu Marc rüber): Also mich interessiert sie schon.
Marc (bemerkt irritiert ihren eindringlichen Blick): Jetzt guck mich nicht so an, Haasenzahn! Als hätte mich dein Vater nicht für die ersten fünf Wochen freigestellt. Aber die Chirurgie kann man nicht ewig dicht machen, nicht so wie die Gyn. Kinder kommen da auch von ganz alleine.
Maria (spöttisch): Ach, ist das so? Da spricht aber der Experte. Wie viele Kinder hast du noch mal auf die Welt gebracht, Meier?
Marc (reagiert gereizt auf die Spötteleien seiner zickigen Kollegin): Mann, du weißt doch, wie es gemeint ist, Hassi. Aber wenn du es genau wissen willst, es waren zwei, eins im OP, eins im Fahrstuhl, Frau Kollegin. Und bei letzterem hab ich sogar nur einen Schnürsenkel als Hilfsmittel gebraucht.
Maria (wenn sie nicht gerade ihr Kind im Arm gehalten hätte, hätte sie dem arroganten Schnösel glatt applaudiert): Oh! Wow! Jetzt bin ich aber wirklich beeindruckt, Dr. Meier. Vielleicht sollte Mehdi seine freiwerdende Stelle mit deiner Wenigkeit besetzen, hm?

Ihr könnt mich alle mal. Dieser frustrierte Hühnerhaufen ist echt unsexy.

Anna (grinst zwischen den beiden sich anzickenden Oberärzten hin u. her): Jedenfalls steht Mehdis Telefon seitdem nicht mehr still. Und nachher kommt doch auch noch der rbb im EKH vorbei, um ihn zu interviewen. Wegen der Geschichte neulich und wegen der großen Demo morgen vorm Reichstag. Ihr kommt doch hoffentlich auch? Lilly ist schon ganz aufgekratzt deswegen. Sie hat zig Plakate gemalt und extra ihre Spielzeugkiste aussortiert für die Flüchtlingskinder.
Gretchen (nickt der bärenstolzen Mutter vorfreudig zu): Selbstverständlich.
Marc (guckt seine Freundin sichtlich empört an): Was? Spinnst du? Du bist hochschwanger.
Gretchen (zickt wortgewaltig zurück): Das ist keine Ausrede. Das ist die Voraussetzung. Schließlich demonstrieren morgen Schwangere und Mütter für eine sichere Zukunft ihrer Kinder in dieser Stadt und für mehr Engagement und Miteinander. Also, ich finde das großartig. Dieses Engagement sollte man würdigen. Damit nie wieder jemandem so etwas zustößt, was Mehdi durchleiden musste. Und viele andere auch, von denen nicht gleich die Medien berichten.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf u. schmollt): Ich glaube, bei euch drehen langsam die Hormone komplett durch. Aber bei Mehdi und dir ist das ja nichts Neues.
Gretchen (stupst ihn beleidigt mit dem Ellenbogen an): Ey!
Maria (wendet sich mitfühlend Lillys Mutter zu): Lilly hat es einigermaßen gefasst aufgenommen, oder? Das, was mit ihrem Vater passiert ist.
Anna (schluckt u. atmet einmal tief durch): Sie war letzte Woche noch sehr durcheinander und hat viel geweint. Sie hat es nicht verstanden. Aber wer tut das schon? Böse, dumme Menschen, die nicht kapieren, dass wir auf diesem Planeten alle gleich sind und die gleiche Daseinsberechtigung haben, gibt es überall auf der Welt. Man darf sich nur nicht zu sehr davon einschüchtern lassen. Mehdis Mutter und er haben viel mit ihr geredet. Auch über ihre Wurzeln. Und als sie gehört hat, was Berlins Schwangere während des „Festivals der Kulturen“ für diesen Sonntag geplant haben, war sie sofort Feuer und Flamme und will sich mit engagieren. Sie ist so toll. Kinder gehen ganz anders mit dieser Thematik um. Viel offener und selbstverständlicher. Von ihnen sollte man sich wirklich eine Scheibe abschneiden. Da kann man wirklich noch viel lernen.
Gretchen (greift sich bewegt an ihr Herz u. streicht sich anschließend ein kleines Tränchen aus dem Augenwinkel): Och, das ist so lieb von ihr. Ganz der Papa.
Marc (verdreht genervt die Augen): Oje! Offenbar zieht es jetzt alle vor die Kameras.
Gretchen (stellt das direkt klar): Nicht bewusst, deine Mutter schon.
Sabine (klatscht begeistert in ihre Hände u. erschrickt damit die Anwesenden, die ihr plötzliches Auftauchen aus dem Nichts noch nicht bemerkt haben): Oh, ja, Günni und ich sind schon ganz aufgeregt und freuen uns auf die Talkshow heute Abend mit Ihrer Mutter im Fernsehen, Dr. Meier.

Hilfe! Ich bin hier echt am falschen Ort. Hier sind doch wirklich nur Bekloppte.

Mittlerweile hatten sich auch die Gummersbachs wieder auf die Terrasse verirrt. Während Günni Klein-Anton bändigte, der wild auf seinen Armen herumzappelte und seinen Pflegepapa überall mit seinen Händen anzutatschen versuchte und dabei gefährlich auf sein lindgrünes Muscle-T-Shirt sabberte, leuchteten Sabines Augen schon voller Vorfreude auf das heutige Abendevent, das sie natürlich schon vor Wochen fest in ihrem Kalender notiert und mit ihren Fanclubfreundinnen ausführlich im Elke-Fisher-Forum diskutiert und analysiert hatte. Der Sohn von Sabines großem Idol konnte dieser freudigen Erwartung aber natürlich absolut nichts abgewinnen. Marc hatte nämlich schon den halben Vormittag genervt damit zugebracht, am Telefon die stetig steigende Nervosität seiner Mutter zu bändigen. Keine Ahnung, warum die selbsternannte Autorinnengöttin gerade heute so hypersensibel reagierte. Live war doch sonst immer ihr Steckenpferd gewesen, wunderte sich Elkes Sohn zum wiederholten Male und schüttelte schließlich entnervt den Kopf. Er beschloss, sich vorerst zu enthalten und vor den drängenden Fragen der Sonnenblumenkönigin - Sabine Gummersbach trug nämlich ein weißes Etuikleid mit riesigen Sonnenblumen darauf - schnell das Weite zu suchen. Das hatte er auch erfolgreich bei seiner Mutter versucht und seitdem hatte er sein Handy vorsorglich auf Aus gestellt. Mutters Pseudokarriere war jetzt Olis Job. Seiner war dagegen ein anderer.

Marc (wendet sich flink von dem verrückten Pärchen ab u. springt von der Hollywoodschaukel): Ja, ja, Papperlapapp, ich besorge uns erst mal was Flüssiges.
Das ist ja hier ansonsten nicht auszuhalten und ich spreche nicht von der Sommerhitze.
Gretchen (schaut schmunzelnd zu ihm hoch): Ich bleib beim Wasser, danke, Marc.
Marc (grient sie an u. gibt ihr einen kleinen Knutscher auf den ihm entgegengereckten Mund): Ist auf dem Rezeptblock notiert.
Gretchen (klimpert bittend mit ihren langen Wimpern): Bringst du mir auch noch was vom Buffet mit? Was Süßes. Und was Deftiges. Und...
Marc (feixt meierlike): ... was mit Schokolade. Schon klar. Sonst noch irgendwelche Herzenswünsche, Frau Doktor?
Gretchen (strahlt ihren Helden schwerverliebt an u. macht es sich auf der Hollywoodschaukel wieder bequem, auf der jetzt wieder etwas mehr Platz für sich u. ihre Babykugel ist): Nein, danke, das war’s vorerst. Ich bin wunschlos glücklich.
Marc (dreht sich mit rollenden Augen um u. schreitet davon): Okay!?!

Dann hoffe ich auch, dass das anhält. Ich hab nämlich heute noch was vor mit dir, Haasenzahn.

Anna (springt ebenfalls von ihrem Platz auf): Warte! Ich komm mit, Marc. Nachdem ich die ganze Zeit mit dem Fotoapparat unterwegs war, könnte ich jetzt auch was vertragen.
Marc (trottet lässig neben ihr her): Mir doch egal. Ähm... Du? Du schleichst hier doch schon etwas länger herum, Anna. Das war aber nicht Stiers Ernst, dass es hier heute auf diesem schrecklichen Rumsbums keinen richtigen Alk gibt, oder?
Anna (grient ihn von der Seite an, während sie langsam zusammen über die gemähte Wiese laufen): Willst du die positive oder die negative Antwort?
Marc (ahnt, was das zu bedeuten hat u. stöhnt frustriert auf): Auf jeden Fall die mit ordentlich Umdrehungen.
Anna (lehnt sich verschwörerisch in seine Richtung): Dann solltest du dich vertrauensvoll an Cedrics Schwiegereltern wenden.
Marc (bleibt abrupt mitten auf der Wiese stehen u. sieht sich nach denen um): Was? An die Expertin für Mord- und Totschlag?
Anna (lacht): Angst? Die könnte durchaus gerechtfertigt sein. Hannelores Spezialsommerbowle haut nämlich ordentlich rein. Aber verrate es nicht Maria. Cedric meinte, sie habe extra darauf bestanden, dass alles kinderfreundlich bleibt.
Marc (kann sich nun auch sein Lachen nicht verkneifen, guckt sich kurz nach seiner Kollegin um u. schreitet schließlich weiter voran): Ach, was, die ist doch nur angepisst, weil sie als Biomilchproduzentin nicht mittrinken darf.
Anna (gibt sich weiterhin geheimnisvoll): Das hast du jetzt behauptet.

Die zwei Freunde lachten sich an und als die beiden sich weiter in Richtung Buffet vor bewegten, kamen ihn Lilly und Sarah fröhlich lächelnd von der Hüpfburg entgegen, ließen sich kurz knuddeln, nachdem sie frecherweise versucht hatten, Marc zu zwicken, und gingen dann eilig mit ihren Luftballontieren weiter ihres Weges. Die stolze Schulanfängerin wollte ihrer besten Freundin nämlich unbedingt persönlich ihre kleine Schwester vorstellen, die mittlerweile an Marias Brust eingeschlafen war. Ungeduldig wippte sie nun auf ihren Sandalenzehen vor der Hollywoodschaukel hin und her und schaute ihre Mutter inständig von der Seite an, während sich Lilly kaanlike zurückhielt und stattdessen Baby Anton bestaunte, den mittlerweile Sabine von ihrem Mann übernommen hatte, damit dieser sein vollgesabbertes T-Shirt säubern konnte.

Sarah: Mami, Mami, dürfen wir auf Sophie aufpassen? Bitte, bitte!
Maria (hält ihren Zeigefinger vor ihre Lippen u. flüstert eindringlich in Sarahs Richtung): Psst! Sie ist gerade eingenickt.
Lilly (senkt verlegen ihren Blick): Entschuldigung!
Maria (lächelt das schüchterne Mädchen an u. bedeutet ihr doch näher zu kommen): Kein Problem. Ihr dürft sie ins Bettchen bringen. Rick, du passt auf, dass sie keine Dummheiten machen!
Cedric (salutiert ihr spielerisch mit seiner mittleren Tochter auf dem Arm zu): Ai, ai, Frau Kapitänin! Sissi ist auch schon total groggy. Günni und ich haben beschlossen, den Kids etwas Ruhe zu gönnen. Ich denke, wir packen sie alle zusammen in ein Zimmer.
Sarah (hüpft begeistert auf der Stelle): In meins, in meins!
Günni (mittlerweile frisch gewaschen u. desinfiziert zurück auf der Terrasse schaut er unsicher von einer Person zur anderen): Ja?
Maria (ignoriert Cedrics albernes Schauspiel wohlwissendlich u. wendet sich ihrem ungeduldig hin und her wippenden Schulkind zu): Na, dann mal rein mit euch, aber seid bitte leise, ja! Sarah?
Sarah (strahlt wie ein Honigkuchenpferd u. kann ihren Blick nicht von ihrem süßen Geschwisterchen lösen): Ja, Mami. Ich pass ganz doll auf.
Maria (nickt ihr stolz zu u. kämpft plötzlich mit ihren aufsteigenden Glückstränchen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind u. die sie angestrengt zu vertuschen versucht): Gut! Na dann komm mal her, mein Schatz! Meine Große. Mein großes Mädchen!

Unvermittelt zog die stolze Mutter ihr Kind in die Arme und drückte es tigermamagleich an ihre Brust. Sarah wusste im ersten Moment nicht, wie ihr geschah, aber kuschelte sich anschließend doch kichernd an sie und wiegte sich mit ihr und Sophie sanft hin und her. Als Maria sie aber immer noch nicht wieder loslassen wollte, wurde die Fastsiebenjährige dann doch etwas ungeduldig und versuchte sich unbeholfen, aus der anstrengenden Krokodilsumarmung zu befreien.

Sarah: Mami, alles gut mit dir? Du kannst uns jetzt loslassen. Wir kommen auch alleine klar.
Maria (atmet heftig ein und aus u. will es am liebsten nicht wahrhaben): Sicher! Die Mami ist heute nur ein bisschen emotional.
Cedric (kann sich einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen): Ein bisschen?
Maria (zischt ihrem Lebensgefährten empört zu, der sich der Gartenschaukel auf leisen Sohlen von hinten genähert hat): Halt die Klappe!
Sarah (schaut mit großen Augen zu ihr hoch): Meinetwegen?
Maria (lächelt sie gerührt an u. streicht ihr sanft übers Haar): Ja, ein bisschen. Das ist nur dieser Tag. Das gibt sich gleich wieder.
Sarah (kontert frech u. selbstbewusst wie immer, dass es ihren Eltern fast die Sprache verschlägt): Ist schon okay, Mami. Ich bin jetzt zwar in der Schule, aber ich bin immer noch die gleiche und ich passe auf dich, Papi und meine Geschwister auf. Damit wir immer alle zusammen sind.
Maria (kann jetzt erst recht ihre Gefühle nicht mehr im Zaum halten): Och, meine schlaue Kleine, bring mich nicht noch zum Weinen. Hier, nimm deine Schwester, aber vorsichtig! Sie soll schlafen. Dass heute alles etwas anders ist als sonst, macht sie schon nervös genug. Sophie braucht ihren Schlaf. Der kommt uns am Ende auch zu Gute.

Maria war so gerührt von ihrer großen Kleinen, dass der fette Kloß in ihrem Hals ihr fast die Sprache geraubt hätte. Von ihrer akuten Bewegungslähmung ganz zu schweigen. Sie bemühte sich, ihre taffe Oberärztinnenfassung zu wahren, legte Sarah vorsichtig Sophie in die Arme und schaute ihr seufzend hinterher, wie sie, unterstützt von Lilly, zusammen mit ihrem Vater, der Maria noch einmal über seine heruntergezogenen Sonnenbrille hinweg zärtlich zugezwinkert hatte, ins Haus ging. Gretchen war so ergriffen von der Szene, dass sie spontan nach der Hand von Sabine gegriffen hatte, die sich, nachdem sie sich von ihrem Pflegekind verabschiedet hatte, das Günni ebenfalls ins Bettchen bringen wollte, gerade neben ihre beste Freundin auf die Hollywoodschaukel gesetzt hatte.

Gretchen: Gott, ist das süß.
Sabine (kann nur bestätigend nicken): Ja! Eine hinreißende Familie.
Gretchen (schwärmt u. streichelt dabei andächtig ihren Babybauch): Also wenn meine beiden nur annährend so werden, wäre ich schon die glücklichste Mama der Welt.
Oh Gott! Wann ist das passiert, dass aus einem simplen Eigenheim die Pforte zur Hölle geworden ist? Wird Zeit, dass die Kinder rauskommen, damit wir alle wieder annähernd normal werden, was bei Haase schon schwer genug ist.
Maria: Wenn ihr jetzt auch noch anfangt zu heulen, muss ich euch leider des Platzes verweisen.

...gab Dr. Hassmann zynisch von sich, als sie sich, einigermaßen wieder gefasst, ebenfalls wieder zwischen den beiden Kolleginnen auf der Gartenschaukel niederließ und vom Beistelltischchen etwas zu knabbern in die Hände nahm, das noch nicht von der sichtlich hungrigen Hochschwangeren verputzt worden war, die ihr neidisch dabei zugeschaut hatte.

Maria: Also, ihr habt heute echt die Ruhe weg, was, Meier und du? Wie kommt’s?

Eine ähnliche Frage hatte gerade auch Anna Kaan an den besten Freund ihres Exmannes gerichtet, der, nachdem er in einem Zug das Bowleglas geleert hatte, das ihm Frau Polizeiobermeisterin a. D. Hassmann zum Probieren gereicht hatte, sich mittlerweile einen großen Teller geschnappt hatte, um vom Buffet etwas Leckeres für seinen Lieblingsvielfraß zusammenzustellen. Marc schaute gar nicht erst auf, als er Mehdis Ex gewohnt lässig darauf antwortete...

Marc: Das Stadium, in dem alle durchdrehen, haben wir längst überschritten. Jetzt gehen wir’s locker an.
Anna (kann sich ihr wissendes Schmunzeln kaum verkneifen, als sie sich ebenfalls einen Teller schnappt u. diesen mit einigen Leckereien bestückt): Ach, wirklich? Ich war letzte Woche im Krankenhaus meine Unterlagen abgeben, als ihr gerade mit euren Eltern den Laden ziemlich aufgemischt habt.
Marc (schaut dann doch kurz zu ihr rüber): Ich habe nicht behauptet, dass unsere Eltern schon in diesem Stadium angelangt wären. Wenn es nach Gretchens Mutter gegangen wäre, dann würde Haasenzahn schon seit Wochen einer anderen Patientin auf der Gyn das Bett abspenstig machen. Und wenn wir nicht interveniert hätten, hätte der Professor, der Verwaltung zum Trotz, den Wisch sogar ohne Vorbehalt unterschrieben und er sollte es eigentlich besser wissen. Und dass meine Mutter grundlos ausflippt, ist ja wohl nichts Neues. Ich bin froh, dass die sich wenigstens heute alle zurückhalten und sich auch mal wieder um sich selbst kümmern. Der Professor und seine Frau sind in der Oper, nee, warte, irgendwas draußen, fünfstündige Sonderaufführung von... weiß der Geier... auf der Waldbühne, glaub ich. Und meine Ellis, frag lieber nicht. Ich schwöre, ich zerre meine Mutter persönlich auf den OP-Tisch, wenn sie heute Abend auch nur irgendetwas Peinliches über mich im Fernsehen von sich gibt. Das Skalpell ist schon gewetzt.
Anna (grinst u. greift erneut beim Buffet zu): Ich kenn sie nicht persönlich, aber was ich so von Sabine gehört habe...
Marc (fährt ihr sofort über den Mund): Oh Gott, glaub der kein Wort. Schon schlimm genug, dass ich Mutters Hardcorefan nicht mehr loswerde, weil Haasenzahn sich einbildet, sie unbedingt sozialisieren zu müssen.
Anna (schaut verstohlen zur Sitzecke rüber): Also, ich mag sie irgendwie. Sie hat etwas Verschrobenes an sich. Nicht ganz von dieser Welt, aber doch immer da. Sie ist echt. Sie ist ehrlich. Sie hat für jeden ein offenes Ohr und ich glaube, sie hat mehr Durchblick im EKH, als manch einer von euch hochwohlgeborenen Oberärzten glaubt. Dasselbe gilt übrigens auch für ihren Mann, den ich vorhin dank Lilly endlich auch mal kennenlernen durfte.
Marc (folgt ihrem Blick u. schüttelt den Kopf, als er die unbeholfene Krankenschwester eine Weile neben Hassi u. Haasenzahn beobachtet): Ah ja? Und du hast jetzt auch den Durchblick, oder was?
Anna (grient ihn leicht hibbelig an): In gewisser Weise schon, ja. Ab Montag dann auf jeden Fall. Noch ein Neuanfang. Ich fühle mich ein bisschen wie Lilly und Sarah an ihrem ersten Schultag. Ha, wie passend! Aber verrate es ihnen nicht. Ich will da kein großes Ding draus machen.
Marc (stellt Gretchens Teller kurz ab u. verschränkt seine Arme vor seiner Brust, als er Anna forschend in Augenschein nimmt): Ach, ja, da war ja was? Fängst du nicht übermorgen in unserer Reha-Abteilung als Azubine an? Mutig!
Anna (spürt auf einmal, wie die Aufregung wieder hochkommt): Ich hätte nicht gedacht, dass das auf einmal so schnell gehen würde. Ich bin Gretchen unendlich dankbar dafür, dass sie sich so bei ihrem Vater für mich eingesetzt hat. Aber ein bisschen Bammel hab ich schon noch.
Marc (mustert sie ganz genau): Rückzug ist keine Option, Anna. Diesmal nicht.
Anna (blickt ihm direkt in die Augen): Das habe ich auch nicht vor, Marc. Ich will das wirklich. Das ist genau das, was ich machen will. Für die Patienten. Aber vor allem auch für Lilly und natürlich für mich. Ich kann das.
Marc (keine Spur von Hohn oder Spott ist in seinem Blick zu bemerken, als er sich nach kurzem nachdenklichen Zögern Gretchens Teller wieder schnappt u. zur Getränkeecke weiterzieht): Na, dann... n’Guten, hm! Start, meine ich.

Marc hatte Gretchens Teller zu Ende beladen, guckte kurz darauf und sah dann wieder rüber in Annas Gesicht, auf dem sich genau das breite, ansteckende Lächeln abzeichnete, das sie für ihn immer schon sympathisch gemacht hatte. Er hatte nur wenige Freunde und darunter schon mal gar keine Frauen. Aber Anna, die zählte er schon dazu. Damals wie auch heute noch. Egal, was für Bullshit sie in der Vergangenheit verzapft hatte, wofür er sie zeitweise wirklich arg gehasst hatte. Aber da war er schon lange drüber weg. Denn alle Beteiligten hatten mittlerweile neue Wege eingeschlagen. Teilweise überraschende Wege, aber sie hatten alle etwas gemeinsam. Die Wege, die man eingeschlagen hatte, machten definitiv glücklich. Und er hoffte für Anna, dass auch sie endlich zur Ruhe fand und ankam.

Anna: Nanu? Keine Spitze in meine Richtung heute?
Marc: Wieso? Du hast dich doch jetzt für einen passablen Weg entschieden. Wer Medizin macht und respektiert, hat auch meinen Respekt verdient. Die eine oder andere hier anwesende Person natürlich ausgenommen.

Marc schaute demonstrativ zu Dr. Hassmann rüber, zu der sich nun auch Dr. Stier wieder gesellt hatte, der seiner Freundin hinter der Hollywoodschaukel kopfüber einen schleimigen Kuss auf die Lippen gedrückt hatte, was der beobachtende Unfallchirurg mit einem angeekelten Augenrollen kommentierte, ehe er sich wieder Lillys Mutter zuwandte. Aber Anna kannte ihren guten Freund gut genug, um zu verstehen, wie er seine Worte gemeint hatte. Sie nickte Marc lächelnd zu, reichte ihm eine Wasserflasche und griff dann selbst beherzt am Buffet noch einmal zu. Für sich und Lilly natürlich, auf deren Suche sie sich gleich noch machen würde. Ihr Auftritt stand nämlich unmittelbar bevor und sie sollte sich vorher noch ein bisschen stärken, damit ihr Lampenfieber nicht allzu groß wurde.

Dr. Meier war in der Zwischenzeit langsam wieder zu den drei Damen auf der Hollywoodschaukel getrottet, von denen sich eine gerade gefährlich schwankend erheben wollte. Er war so perplex von dem blasswangigen Gesicht seiner schwangeren Freundin und der Vorahnung, dass sie jeden Moment ohnmächtig zur Seite kippen könnte, dass er Maria unvermittelt Gretchens pappvollen Teller in die Hände drückte, um seiner Süßen zu Hilfe zu eilen, der jedoch bereits Schwester Sabine unter die Arme gegriffen hatte. Mindestens ebenso besorgt wie Gretchens aufgeregter Lebensgefährte, der mit seinen Worten mal wieder schneller agierte als mit seinem Denkapparat, der augenscheinlich unter einem akuten Aussetzer litt, wie zumindest seine irritierten Beobachter Hassmann und Stier gleichermaßen schlussfolgerten. Und nicht nur die.

Marc: So, das war’s. Das ist das Zeichen. Wir machen die Biege. Ich gucke mir das nicht noch mal an, Haasenzahn. Jetzt ist Schluss.
Gretchen (etwas irritiert von Marcs ruppiger Art, mit der er sie gepackt hat, fängt sie sich wieder u. guckt verwirrt zu Cedric u. Maria rüber, die beide synchron mit den Schultern zucken u. den aufgebrachten Chirurgen weiter interessiert beobachten, der sich in Hilfestellung hinter Gretchen platziert hat): Marc!
Marc (wedelt aufgewühlt mit seinem Zeigefinger vor ihrer Nasenspitze herum): Nee, ich diskutiere das nicht mit dir.
Maria (hat sich zusammen mit ihrem Freund auf der Schaukel zurückgelehnt u. beobachtet nun amüsiert das Meierliche Laienschauspiel): Oh! Das wäre mir neu.
Marc (zischt sie ungehalten an): Ach, halt doch die Klappe, Hassi! Du hast doch keine Ahnung.
Gretchen (wirft sich sauer zwischen die beiden): Marc, bitte! Es war doch gar nichts. Mir geht’s gut.
Sabine (guckt unsicher zwischen allen Beteiligten hin u. her u. hält Gretchen weiter behutsam am Arm fest, damit ihre Freundin nicht noch mal ins Schwanken gerät): Vielleicht wäre es doch besser...
Marc (hebt anerkennend eine Augenbraue, als er kurz auf die kleinlaute Krankenschwester blickt, u. schaut dann Gretchen dementsprechend schlaumeierhaft an): Mensch, Schwester Sabine, aus Ihnen wird ja doch noch eine passable Krankenschwester. Du solltest auf sie hören, Haasenzahn!
Sabine (fühlt sich unheimlich geschmeichelt u. lässt die sichtlich empörte Gretchen unbemerkt los): Danke, Dr. Meier.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme über ihrem Babybauch): Hallo? Ich stehe immer noch neben euch. Ihr könnt auch mit mir reden, wenn ihr was zu sagen habt.
Marc: Dann pflanz dich eben wieder hin, Haasenzahn, wenn dir immer noch schwindlig ist. Ich hol nur eben den Wagen.
Gretchen (rollt theatralisch mit ihren Augen, als sie sich ihm eindrucksvoll in den Weg stellt): Stopp! Marc, jetzt komm mal wieder runter! Niemand geht hier irgendwohin. Zumindest nicht bevor wir Lillys Konzert gehört haben.

Ich fasse es nicht, dass sie jetzt unbedingt auf Trotzköpfchen machen muss. Ey, das eben war doch offensichtlich. Das hier alles ist definitiv zu viel für sie und die Kurzen.

Marc (will immer noch protestieren, wird aber gar nicht erst zu Wort gelassen): Haa...
Gretchen (fährt ihm angesäuert über den Mund u. stemmt demonstrativ ihre Hände in die Hüften): Jetzt lass mich bitte ausreden, Marc! Dass ich schnell Kreislaufprobleme bekomme, müsste dir nicht neu sein. Das hat vor allem mit diesem Zustand hier zu tun, an dem du nicht gerade unschuldig bist. Es gibt einen Grund, warum ich aufstehen wollte und ich sehe gar nicht ein, wieso ich das jetzt mit dir vor unseren Freunden diskutieren muss. Aber bitte, wie du willst. Wenn du dich damit besser fühlst. Ich bin aufgestanden, weil ich, erstens, nicht mehr länger sitzen konnte und mir kurz die Beine vertreten wollte und zweitens, weil ich einem dringenden Bedürfnis folgen wollte und dem komme ich jetzt auch nach.
Maria (grinst spöttisch zu dem perplexen Oberarzt rüber, der mit seiner heruntergeklappten Kinnlade ein Bild für die Götter abgibt): Ich glaube nicht, dass sie damit dich gemeint hat, Meier.
Marc (lässt sich schwerfällig auf die Sitzbank gegenüber der Hollywoodschaukel fallen): Boah, ihr macht mich alle fertig heute, echt.
Gretchen (seufzt, geht einen Schritt auf ihn zu u. legt ihre Hand an seine Wange, damit er wieder zu ihr hochguckt): Marc, alles wieder gut? Ich bin dir nicht böse. Ich finde es sogar süß, wenn du immer gleich überreagierst.
Marc (protestiert direkt wieder): Ich hab nicht überreagiert. Ich bin Chirurg. Ich sortiere nur die Fakten.
Gretchen (lächelt u. ist sichtlich hingerissen von ihrem fürsorglichen Freund): Ich weiß, Schatz. Es ist nur, die Platzproblematik und die damit verbundenen anderen ähm... naja Einschränkungen lassen sich nun mal nicht damit lösen, dass du mich komplett in Watte packen möchtest. Die bleiben bestehen und werden vermutlich noch größer und größer. So fühlt es sich zumindest an. Ich versuche, mich irgendwie damit zu arrangieren. Mir bleibt auch nichts anderes übrig. Ich habe die vergangenen acht Monate nichts anderes getan und die letzten Wochen schaffen wir auch noch. Und wenn wirklich etwas wäre, dann würde ich mich schon melden. Lass uns entspannt bleiben! Glaub mir, das funktioniert am besten. Das hat doch auch die vergangenen Tage ganz gut funktioniert. Oder?
Marc (schaut sanftmütig zu ihr hoch u. nickt ihr leicht zu, dann senkt er den Kopf wieder u. wirkt ziemlich geknickt, weil er sich vor allem über sich selbst ärgert): Ist angekommen.
Gretchen (nickt zufrieden): Na, also. Darf ich dann...?
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart hinein): Nur zu!
Sabine (macht sich ebenfalls Sorgen um ihren niedergeschlagenen Vorgesetzten, nähert sich ihm vorsichtig, will ihm die Hand auf die Schulter legen, traut sich aber nicht u. tritt wieder an ihre Freundin heran, die dabei ist, zu gehen): Ich begleite die Frau Doktor, nur wenn es recht ist, Herr Doktor.
Marc (hat sich wieder einigermaßen gefangen u. wiegelt mit einer lockeren Armbewegung ab): Ja, ja, was steht ihr dann noch so lange hier herum, hm? Abmarsch, aber zz, ziemlich zügig! Je schneller du wieder da bist, umso schneller kannst du das hier während des Gitarrensolos auffuttern und dann machen wir wirklich die Biege. Das diskutieren wir dann aber wirklich nicht mehr. Wir haben dann schließlich noch ein richtiges Date.
Gretchen (guckt augenrollend zu ihren Freundinnen rüber): Danke, Marc, dein Verständnis ist mal wieder riesengroß.
Cedric (schmunzelt u. schnappt sich einen Happen vom Teller): Nicht nur das.
Marc: Alter!

Und während Marc seinen ehemaligen Erzfeind grimmig ins Visier nahm, der sich dreist auf Gretchens und Sabines Platz gesetzt hatte und ihn mit seinen unnötigen Wortmeldungen langweilte, waren die beiden Freundinnen kopfschüttelnd über den Terrasseneingang ins Haus gegangen. Dicht gefolgt von Anna Kaan mit dem Snackteller für ihre Tochter, die sie zusammen mit Sarah bei den schlafenden Babys vermutete. Ein anderer Teller war dagegen unbemerkt in den Besitz einer anderen hungrigen Ärztin übergegangen, die sich gerade gierig über das von Dr. Meier liebevoll arrangierte Menü für seine Herzdame hermachte. Und auch Dr. Stier griff beherzt zu, wie Marc nun empört feststellte...

Marc: Ey, das war mein Teller, also, Gretchens.
Cedric (kontert kleinlaut, nachdem er sich genüsslich ein Bruschettateilchen in den Mund geschoben hat): Das ist unkorrekt. Der gehört zur Kollektion aus unserem Esszimmerschrank. Ein Geschenk meiner Schwiegereltern zur Hochzeit.
Marc (glaubt sich verhört zu haben): Och, hab ich was verpasst?
Maria (funkelt den spöttisch grinsenden Mann eingeschnappt an): Haha! Du hättest ihn mir ja auch nicht direkt vor die Nase halten müssen, Meier. Ich hab vorhin gestillt. Ich brauche meine Nervennahrung.
Marc (will das gar nicht wissen u. wendet sich deshalb lieber seinem Lieblingsstreitpartner zu, um Frust abzubauen u. zu stänkern, leider mit eher mäßigem Erfolg): Und du, musst du dich wieder einschleimen, damit dich deine Exschwiegereltern wieder lieb haben, hm? Übrigens, interessante Storys, die deine Schwiegermama über dich ausplaudert. Hab sie gerade kennengelernt. Sehr sympathisch.
Maria (dreht den Spieß einfach um u. kommt Cedric damit zuvor): Doch nicht so entspannt, wie ich dachte.
Cedric (pflichtet seiner Liebsten feixend bei): Das unterschreib ich sofort.
Marc (ärgert sich maßlos darüber, dass er von den beiden aufs Korn genommen wird): Ach, ihr könnt mich alle mal. Als ihr euch noch gehasst habt, war ihr mir deutlich sympathischer.

Mit Schwung drehte sich der eingeschnappte Chirurg von seinen sich in ungewohnter Eintracht gegen ihn verschworenen Kollegen um und marschierte mit großen Schritten zurück zu den anderen Gästen, die sich einer nach dem anderen gerade von Marias Mutter ein leckeres Glas Sommerbowle einschenken ließen. Maria und Cedric guckten dem Flüchtenden nur schmunzelnd hinterher und widmeten sich dann schnell wieder den Leckereien auf ihrem erfolgreich eroberten Teller.

Cedric: Ich hab mich nicht lustig machen wollen. Die Steilvorlagen kamen nun mal von ihm. Er wirkt wirklich schrecklich unentspannt.
Maria: Hätte mich auch gewundert, wenn dem nicht die Düse gehen würde. Haase ist schließlich überreif.
Cedric (schaut ihr fasziniert beim Naschen zu): Sie hält sich aber tapfer. Du übrigens auch.
Maria (lässt ihr Teilchen direkt wieder auf den Teller plumpsen u. starrt ihn an): Was soll das denn bitteschön heißen?
Cedric (kann es nicht lassen, sie ein wenig zu provozieren): Naja, wenn man bedenkt, dass du mich vor nicht einmal einer halben Stunde noch filetieren und auf den Grill werfen wolltest. Apropos Grill, wollte dein Vater nicht grillen? Den sollten wir vorwärmen, damit wir nach dem Showteil auch gleich loslegen können.
Maria (guckt ihn einen Moment lang unberührt an u. genehmigt sich dann genüsslich das letzte Bruschettateilchen): Ich weiß nicht, was du meinst.
Cedric (beobachtet sie schmunzelnd): Türlich. Gib’s zu!
Maria: Was soll ich zugeben?
Cedric (grinst selbstzufrieden): Dass ich das alles hier perfekt geplant und durchdacht habe. Ich weiß, dass du mir das nicht zugetraut hast. Ich mir ja stellenweise auch nicht. Aber für dich wachse ich doch immer gerne über mich hinaus. Ich bin dir schließlich auch ein halbes Jahr lang hinterhergelaufen.
Idiot! Ich hätte ihn doch länger zappeln lassen sollen.
Maria (gibt sich betont unbeeindruckt): Dass ihr Chirurgen auch immer und überall gelobhudelt werden wollt. Faszinierend! Du bist ja schlimmer als Meier.

Und als hätte dieser es gerochen, stand er bei diesem Stichwort auch schon wieder vor dem befreundeten Paar und griente dieses mit einem bunten Glas in der Hand frech an, mit welchem er ihnen anschließend zuprostete, bevor er einmal ausgiebig daran nippte.

Marc: Das wage ich zu bezweifeln. Und jetzt rückt den verdammten Teller wieder raus, ihr Diebe! Hochschwangeren Frauen die Grundlebensmittel wegzufuttern ist nicht gerade die feine englische Art.
Maria (guckt etwas irritiert auf das Glas in seiner Hand): Hat meine Mutter etwa schon wieder Bowle gemacht? Ist da etwa Alkohol drin? Ich bring sie um. Das war so nicht abgemacht.
Marc: Tja, schade, dass du das nicht verifizieren kannst, Frau Oberplanmeisterin. Pech gehabt! Mehr beschwipste Früchte für uns. So heißt übrigens auch der Drink.

...griente Marc seine verdutzte Kollegin süffisant an, deren suchender Blick Bände sprach. Aber bevor Maria ihre Eltern für den Versuch, Cedrics Party zu sprengen, hätte zur Rede stellen können, nahm ihr eine andere Person die Sicht auf diese. Aufgeregt und etwas außer Atem war Anna Kaan aus dem Haus gerannt gekommen und hatte sich vor den drei Chirurgen in der Sitzecke aufgebaut, die nun irritiert zu ihr hochblickten. Es dauerte einen gefühlt ewig langen Moment, bis Lillys Mutter ihre Sprache wiedergefunden hatte. Doch das, was sie zu sagen hatte, sorgte für reichlich Unruhe unter den anwesenden Ärzten.

Anna: Ich glaube, wir haben ein Problem.

Lorelei Offline

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28.07.2017 22:53
#1602 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Was für ein Problem, Anna? Wo... steckt... Haasenzahn“, stieß Dr. Marc Olivier Meier nach etwa dreieinhalb sprachlosen Sekunden merklich alarmiert aus, während der man eine Stecknadel hätte fallen hören können und sich so einiges in den rasend hin und her springenden Gehirnwindungen des allseits beliebten und hochtalentierten Berliner Chirurgen getan hatte, und sprang unvermittelt von der Sitzbank auf, um sich nun gefährlich nah vor Anna Kaan zu positionieren, die daraufhin irritiert einen Schritt zurückschreckte und etwas durcheinander von einer Person zur anderen schaute, die sie alle mit großen Augen erwartungsvoll anstarrten. Auch Dr. Maria Hassmann und Dr. Cedric Stier waren mittlerweile, einer vagen Vorahnung der Kinder betreffend, von ihren Plätzen aufgestanden und blickten die sich sichtlich besorgt umblickende Frau im bodenlangen geblümten Secondhandsommerkleid mit eindringlichen Mienen an. Doch bevor Lillys Mutter auf die drängenden fragenden Blicke ihrer Freunde hätte reagieren können, bekam der rastlose werdende Familienvater, dessen Synapsen kurz vorm Implodieren standen, nach gefühlt endlos langem Schweigen endlich die Antwort auf seine dringliche Frage, jedoch von überraschend unerwarteter Seite...

Gretchen: Was ist mit mir?
Marc: Äh...?

...konnte der Angesprochene nur noch verwirrt stammeln und starrte die putzmunter vor ihm stehende und ihn auf ihre gewohnt liebreizende Art und Weise anstrahlende Blondine und ihre ebenso konsterniert dreinblickende Busenfreundin Sabine, die an ihr klebte wie eine Fruchtfliege am mit überreifen Obst gefüllten Weidenkörbchen, mit tellergroß erweiterten Augen an, als wären die beiden soeben mit einem Raumschiff hinter dem Haus notgelandet und täten nun ihre ersten vorsichtigen Schritte auf dem blauen Erdtrabanten. Es dauerte einige Sekunden, bis das kurzzeitig außer Gefecht gesetzte Gehirn des sonst so kleinlauten Oberarztes wieder hochgefahren war und er sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Als er dann auch die Motorik über sein äußeren Extremitäten wiedererlangt hatte, hielt Marc nichts mehr auf seinem Platz und er stürzte sich an der perplexen Anna vorbei, die wie ein Fisch an Land nach Luft geschnappt hatte, auf seine völlig verblüffte Freundin, die sich angesichts der fragenden Blicke, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren, verwundert umschaute, um sie mit seinen besitzergreifenden Fangarmen in Gefangenschaft zu nehmen und nie wieder loszulassen.

Sehr zur Verwunderung von Schwester Sabine, die bis eben als treue Schützenhilfe hinter der Hochschwangeren gestanden hatte und von ihrem rabiaten Chef unsanft zur Seite gedrängt worden war, wobei ihr ihr weißer Sonnenhut von ihrem blonden Bob gepurzelt war. Aber auch ein fragender Blick zu ihrem Ehemann, der ganz allein auf der zertrampelten Wiese neben der quietschgelben Hüpfburg stand und abwesend in den azurblauen Himmel über dem See blickte und demzufolge den kleinen Aufruhr unter den Kollegen auf der Terrasse gar nicht mitbekommen hatte, half der passionierten Hobbyastrologin nicht viel weiter, die ihrer besten Freundin doch gerade eben noch begeistert das aktuelle Tageshoroskop erklärt hatte. Dabei stand doch der Mars im Sternzeichen der Jungfrau und würde heute Abend die Bahn der Venus kreuzen, die wiederum ganz nah am Neumond am Firmament leuchten würde. Das in Verbindung mit den immer noch anhaltenden Perseiden war eine äußerst seltene und aufregende Konstellation, die aber außer Sabine Gummersbach und Sarah Hassmann, die den beiden Erwachsenen neugierig im Haus zugehört hatte, niemanden zu interessieren schien. Am allerwenigsten vermutlich ihren sehr geschätzten Doktor Meier, der seine Herzdame gerade mit einem so zärtlich besorgten Blick bedachte, dass dieser auch das kleine Herz der sterndeutenden Krankenschwester ordentlich zum Puckern brachte. Sabine konnte gar nicht anders. Sie musste sich flink in die Arme ihres Schnurzelchens schmiegen, der, ganz überrascht von der offenherzigen Liebesbekundung seines Purzelchens, erst dadurch wieder ins Hier und Jetzt auf die Erde in die Runde der versammelten Kollegen zurückkehrte und seiner Seelenpartnerin verliebt den breitkrempigen Hut wieder auf ihr hübsches Köpfchen setzte. Ohne Ausnahme alle Augenpaare waren auf das junge Glück gerichtet, das alsbald Eltern werden würde, aber offenbar noch nicht jetzt in diesem Augenblick, wie es für den Hauch einer Sekunde gerade noch den Anschein gehabt hatte, wovon selbst der zerstreute werdende Papa bis eben fast noch überzeugt gewesen wäre.

Marc: Ich dachte...
Gretchen (guckt verdutzt zu ihrem Freund u. wandert dann langsam mit ihren verwunderten Blicken eine Person nach der anderen ab): Was dachtest du? Was guckt ihr denn alle so komisch? Ist etwas passiert, während wir kurz im Bad waren und ja, einen kurzen, okay, einen etwas länger dauernden Moment bei den Babys verweilt haben? Aber die Drei sind so niedlich, wenn sie schlafen. Wie kleine Puppen in verschiedenen Größen, nur eben in echt.

...gab das putzmuntere Häschen schließlich arglos die in ihren Augen wohl plausibelste Erklärung für ihr kurzzeitiges Fernbleiben von sich und lehnte sich anschließend mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen zärtlich an die starke Schulter ihres verdutzten Freundes, der offenbar während ihrer kurzen Abwesenheit das Sprechen verlernt hatte. Merkwürdig, wirklich sehr merkwürdig, dachte Gretchen nur, hatte den Gedanken aber im nächsten Moment auch schon wieder vergessen, weil Marc so betörend nach den Köstlichkeiten vom Buffet duftete und weil ihm ein paar widerspenstige Strähnen ins Gesicht gerutscht waren, die sie ihm nun liebevoll aus der Stirn zu streichen versuchte, was irgendwie nicht zu funktionieren schien. Sie rutschten immer wieder zurück, was Marc schließlich auch tierisch nervte, aber Gretchen beließ es so, denn dies gab ihm eine extrem verwegene und jugendliche Note. Irgendwie sexy und unnahbar. Wie früher auf dem Schulhof, wenn ihn irgendetwas schwer beschäftigt hatte, Marc das aber auch auf hartnäckiges Nachfragen hin nicht hatte zugeben wollen, weswegen er sich letztlich meistens bockig in seine Ecke hinter der Hecke am Spielplatz verkrochen hatte, wo er jeden weggebissen hatte, der ihm auch nur einen Schritt zu nahe gekommen war. Gretchen wusste auch nicht, warum sie gerade jetzt daran zurückdenken musste, konnte aber auch nicht aufhören, den coolen Jungen vom Schulhof ungeniert von der Seite anzuschmachten, der schon damals ihr Herz im Sturm erobert hatte, was nicht unbeobachtet blieb. Dr. Stier und Dr. Hassmann, die nach Annas Ausruf für einen kurzen Moment ebenfalls irritiert gewesen waren, weil ja eventuell auch etwas mit ihren Kindern hätte sein können, konnten sich ihr wissendes Grinsen nun auch nicht mehr länger zurückhalten. Ebenso wenig wie ihre ungebetenen neunmalklugen Kommentare. Sehr zum Leidwesen von Dr. Meier, der in diesem Augenblick den perfekten Blitzableiter abgab.

Maria: Ob etwas passiert ist? Anscheinend nichts von Belang, aber ich denke, Dr. Meier sieht das anders.
Marc (schreckt ertappt auf u. zischt der zickigen Kollegin grimmig zu): Bitte?
Maria (schmunzelt süffisant in seine Richtung): Och, nichts. Oder doch?
Marc (stöhnt gereizt auf): Boah, du genießt das richtig, oder, Hassi?
Maria (grient ihn an, nachdem sie kurz vergewissernd zu ihrem schmunzelnden Lebensgefährten geschaut hat, der ihr wissend zunickt): Och, auch nicht mehr als du, denke ich.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor der Brust u. ignoriert die biestige Kollegin u. ihr treudoofes Anhängsel, das zu allem, was von ihr kommt, weicheimäßig ja und amen sagt): Sehr witzig!
Sabine (guckt fragend zu Gretchen, die auch nur unschlüssig mit den Schultern zucken kann): Ach so?
Gretchen (will noch mal nachhaken, kommt aber nicht mehr dazu): Was war denn nun?

Sarah: Mamiiii! Mami! Geht’s jetzt los?

...stürmte nun auch noch zur Erheiterung aller der Ehrengast des Tages in die aufgescheuchte Runde unter den Obstbäumen und lenkte damit endgültig alle erfolgreich von der blasswangigen Anna Kaan ab, die immer unruhiger geworden war, aber noch immer nicht zu Wort gekommen worden war. Jeder Versuch, sich bemerkbar zu machen, wurde ignoriert beziehungsweise überhaupt nicht wahrgenommen. Es war wie verhext. Alle waren plötzlich wie elektrisiert. Sarah war in ihrem wunderhübschen Wallekleidchen unvermittelt angerannt gekommen und hatte sich an die Taille ihrer Mutter gehangen und schaute nun niederschmetternd anbetungswürdig zu ihr hoch. Niemand hätte der zuckersüßen ABC-Schützin, die einen eindeutigen Schokobart über der Oberlippe trug, in dem Augenblick widerstehen können. Auch nicht ihr bärenstolzer Vater, der, nachdem er ihr grinsend die Schokolade mit dem Finger weggewischt und selber davon genascht hatte, pappfrech das Wortrecht übernahm und damit alle, bis auf Marc und eben Anna, zum Schmunzeln brachte.

Cedric: Der Alarm war vielleicht etwas vorzeitig, aber unser lieber Marc kommt ja gerne zu früh, nicht?
Marc (kann nur von den sanften Händen seiner Liebsten noch vor möglichen Handgreiflichkeiten zurückgehalten werden): Ey! Hast du dir die Witze von der albernen Clownin da drüben abgeschrieben oder was soll das? Auch wenn du jetzt neuerdings im Doppelpack daherkommst, bist du Gockel auch nicht witziger als sonst.
Sarah (guckt verdutzt zu ihrem Papa rüber, zuckt mit den Schultern u. schnappt sich besitzergreifend seine Hand, um ihn nun ungeduldig hinter sich herzuziehen): Was für ein Alarm? Ich meine doch, dass Lilly gleich auftreten wird. Mit der Gitarre. Ist das nicht aufregend? Kommt ihr alle mit rüber? Gleich geht’s los. Juhu! Ich freue mich so.
Cedric (versucht einen Blick von Lillys Mutter zu erhaschen, nachdem ihm wieder eingefallen ist, dass sie ja noch etwas sagen wollte, aber Sarah hat ihn schon ungeduldig von ihr u. Maria weggezogen): Ach so, ja, na dann? Gehen wir mal rüber zur Showbühne, hm? Mary, hab ich dir eigentlich schon verraten, was für ein megagutes Programm ich da auf die Beine gestellt habe?
Maria (traut ihren Ohren kaum u. will dem Angeber direkt die Meinung geigen, weil er den Bogen schon wieder gefährlich überspannt, kommt aber nicht dazu, weil sich ihr Kulleraugen in den Weg stellen): Wag es ja nicht, Rick!
Sarah (freut sich wie ein Honigkuchenpferd u. greift nun auch nach der Hand ihrer verdutzten Mutter, um sich auch bei ihr einzuhaken): Au jaaa! Mami, komm! Gretchen! Bienchen! Onkel Marc! Ihr auch!
Gretchen (guckt grinsend zu Marc, der seinen Kopf gequält runterhängen lässt, u. schaut dann auffordernd zu Sabine u. Günni): Selbstverständlich, mein Schatz! Ich freue mich doch auch schon. Kommst du, Marc? Danach hast du’s dann ja auch geschafft.
Marc (sofort geht ein Ruck durch seinen Körper u. er grinst wieder bis über beide Ohren): Dein Wort in Gottes Gehörgang, also, in meinen.
Gretchen (schmiegt sich verliebt schmunzelnd in seine Arme): Du bist so blöd, aber lieb hab ich dich trotzdem.

Sarahs Vorfreude auf Lillys Auftritt wirkte natürlich direkt ansteckend. Die Fastsiebenjährige schlenderte zwischen ihren Eltern zur provisorischen Bühne am Bootssteg und ließ sich von den beiden immer wieder an den Armen hoch wirbeln und jauchzte dabei glücklich vor sich hin. Für die Schulanfängerin war dies heute natürlich bislang der beste Tag in ihrem Leben. So viel stand definitiv fest. Gretchen guckte der süßen Familie angetan hinterher, blieb aber noch etwas zurück. Aber nicht weil ihr Körperumfang ihr mal wieder Probleme bereitete, nein, sie wollte nur ihren von Marc so liebevoll zusammengestellten Teller mitnehmen, um während Lillys Auftritt unbeobachtet ein bisschen zu naschen. Aber sie fand lediglich ein leeres Exemplar auf ihrem Platz, als sie zur Hollywoodschaukel zurückkehrte, und schaute deshalb fragend zurück zu Marc, der daraufhin lässig mit den Schultern zuckte und mit dem Kinn rüber zum Buffet deutete.

Marc: Da gab es ein kleines Missverständnis. Naja, Mundraub trifft’s wohl eher. Die zwei Pappnasen sind aber auch geizig, eh, und gönnen niemanden irgendetwas.
Gretchen (überrascht, aber denkt sich nichts weiter dabei): Oh! Dann... naja, schaue ich eben selber noch mal, was es so gibt, bevor es losgeht. Die Hauptakteurin fehlt ja eh noch, wenn ich mich so umschaue. Möchtest du auch was, Bine?
Sabine (lächelt ihrer aufmerksamen Freundin freundlich zu u. guckt anschließend verliebt zur Seite zu ihrem Mann, der ihr liebevoll den Arm um die Taille gelegt hat): Gerne! Du auch, Schnurzelchen?
Schnurzelchen? Oh Gott! Wo bin ich hier bloß gelandet? Definitiv im Gruselkabinett. Und was stellt Haasenzahn da gerade dar? Sterbender Schwan oder flügellahmer Pinguin? Schwan, definitiv, Schwan! Ein bisschen blass vielleicht in Ausführung und technischer B-Note, aber das sexy wackelnde Hinterteil holt es wieder raus.
Marc (noch etwas unschlüssig steht er wie bestellt u. nicht abgeholt vor der Hollywoodschaukel, von der sich Gretchen gerade ungelenk ihre Handtasche schnappt): Gut? Und dir geht’s...?
Gretchen (ahnt, was er sagen will, u. kommt ihm zuvor, während sie sich glücklich an ihn schmiegt u. ihm ein kleines Küsschen auf die Lippen presst): Bestens, Marc, bestens! Ihr müsst also nicht gucken, als wäre sonst was passiert. Kommst du, Sabine! Günni? Anna, was ist mit dir?
Günni/ Sabine (antworten ihr ehrfürchtig im Schmunzeln auslösenden Chor): Selbstverständlich, Frau Doktor.

Und schon schlenderten die Drei auch schon davon, um noch schnell vor dem angekündigten Showprogramm das Buffet zu plündern, und ließen Marc und Anna auf der mittlerweile verlassenen Terrasse zurück, während alle anderen Gäste, angefeuert von einer euphorischen Sarah Hassmann, die ihnen wild zuwinkte, langsam ihre Plätze vor der improvisierten Bühne am Bootsteg einnahmen. Marc wollte ihnen auch gleich folgen, hatte aber vorher noch ein Hühnchen mit Mehdis Exfrau zu rupfen, die ungewohnt ruhig und apathisch geblieben war, nachdem sie anfangs noch für solche Aufregung gesorgt hatte.

Marc: Apropos, Missverständnis, Anna, wo wir schon einmal dabei sind, das nächste Mal etwas mehr Taktgefühl, ja! Bei meinem überfälligen Mozartkügelchen verstehe ich nämlich überhaupt keinen Spaß. Klar?
Anna (wacht abrupt aus ihren Gedanken wieder auf u. richtet ein leises Stoßgebet gen Himmel, weil sie endlich erhört wird, u. stellt sich Marc in den Weg, als er gehen möchte): Warte, Marc! So war das doch überhaupt nicht gemeint. Ich habe doch gar nicht behauptet, dass etwas mit Gretchen oder den Kinder... Wobei... Das habt ihr euch doch selber eingeredet. Ihr habt mich ja gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Dann hätte ich das auch gleich aufklären können. Es gibt nämlich wirklich ein Problem, Marc. Ein ziemlich großes, wenn man bedenkt, worauf alle, und eine junge Dame ganz besonders, gerade gespannt warten. Das macht die Sache nicht gerade einfacher. Nicht nur für mich. Ich weiß ehrlich nicht, was ich noch machen soll.

Marcs Blick folgte verwundert Annas Arm, der zur improvisierten Konzertbühne neben der gut besuchten quietschgelben Hüpfburg zeigte, vor welcher man provisorisch einige Bank- und Stuhlreihen aufgebaut hatte, auf denen schon einige Gäste Platz genommen hatten, aber er wartete immer noch auf die Pointe, die jedoch ausgeblieben war.

Marc: Ja, und? Mann, Anna, rumzudrucksen ist nicht gerade hilfreich. Und noch eine zeitliche Verzögerung kann ich echt nicht gebrauchen. Im Gegensatz zu dir hab ich heute nämlich noch was vor.
Anna (schaut sich um, ob auch niemand anders zuhört, u. verrät es schließlich im Flüsterton, als sie noch näher an ihn herantritt): Ich weiß. Euer Jahrestag. Gretchen schwärmt davon schon ohne Ende. Aber die Welt dreht sich nicht nur um euch beide, auch wenn ihr das gerne so sehen möchtet. Ich gönne euch das auch, aber es geht um Lilly, Marc. Sie mag nicht mehr auftreten.
Marc (sichtlich überrascht starrt er die besorgte Mutter an u. versteht die Pointe nicht): Bitte?
Anna (wirft ratlos ihre Arme in die Luft u. guckt immer wieder in Richtung Wohnhaus): Ich hab schon alles versucht. Sie mag nichts essen. Sie mag nichts hören. Sie macht komplett dicht. Sie will nicht mehr. Sie hat sich hinter den Sofas verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen. Ich hab sogar versucht, Mehdi zu erreichen, damit er ihr gut zuredet, aber er steht gerade im OP. Irgendein längerer komplizierter Eingriff, ich weiß auch nicht.
Marc (noch mehr überrascht): Mehdi operiert? Kann der das überhaupt?
Anna (funkelt ihr Gegenüber angesäuert an, weil es sie nicht ernst nimmt): Marc, bitte, das ist nicht der Zeitpunkt für blöde Ärztewitze. Es ist ernst. Die warten alle auf Lilly. Und sie ist todunglücklich, weil sie niemanden, vor allem Sarah nicht, enttäuschen möchte. Sie hat solches Lampenfieber. Ich hab das total unterschätzt, Marc. Kannst du nicht noch mal mit ihr reden? Ihr habt so einen guten Draht zueinander. Ihr habt doch tagelang zusammen geübt.
Marc (mault meierlike): Weil ihr mich dazu genötigt habt, weil die Scheißmusikschule noch Ferien hat. Ich hab mir das auch nicht ausgesucht. Sie kommt immer mit der Klampfe an.
Anna (guckt ihn eindringlich an): Marc, bitte!
Marc: Boah, wieso muss eigentlich immer ich die Karren für euch aus dem Dreck ziehen, hm? Steht mir auf die Stirn getackert, mit mir kann man es machen, oder was?

...stellte Marc die rhetorische Frage mehr sich selbst als seinem hibbeligen Gegenüber, das unruhig mit beiden Füßen hin und her wippte und mit einem schräg verzogenen Gesicht und einem flatterig winkenden Arm ziemlich auffällig auf die ungeduldigen Blicke der wartenden Gastgeber reagierte, die fragend zur Bühne zeigten, wo lediglich eine einsame, an einen leeren Stuhl gelehnte, bunt beklebte Gitarre auf das bevorstehende Programm hindeutete. Aber bevor Anna Mehdis bestem Freund darauf antworten konnte, hatte dieser die Lösung bereits für sich selbst gefunden. Er raffte sich auf und ging schnurstracks zu der geöffneten Terrassentür, vor der er jedoch noch einmal kurz innehielt und sich zu Lillys Mutter umdrehte, die ihn mit großen Augen so durchdringend ansah, wie es Lilly auch manchmal machte, wenn er sie überrascht hatte.

Marc: Okay, bevor du oder irgendeine Genvariante von dir und dem Frauenversteher weiter nerven, Rollentausch. Ich übernehme die Kurze, du behältst die Mozartkugel im Blick. Wehe, du lässt sie auch nur eine Sekunde aus den Augen, dann ist nämlich ein für alle Mal Schluss mit den Nettigkeiten! Und bevor irgendwer fragt, wo sie bleibt, Künstler verspäten sich immer. Vor allem die, die sich tatsächlich für welche halten, obwohl sie eigentlich gar keine sind. Halt sie hin! Ich werde ja heute auch den liebenlangen Tag hingehalten. Das nennt sich dann also ausgleichende Gerechtigkeit, oder so.
Anna (ihr fällt ein zentnerschwerer Stein vom Herzen): Danke, Marc! Du... du bist...
Marc (wiegelt genervt ab): Ja, ja, behalte dein geheucheltes Gesäusel für dich oder schenke es deinem ominösen Chatfreund, den du uns immer noch vorenthältst, falls er überhaupt existiert. Du schuldest mir was. Obwohl... Das tust du ja eh schon, seitdem du Mehdi seiner Schuldlast mir gegenüber entbunden hast. Von dem her, vergiss es einfach!

Anna hätte den unnahbaren Chirurgen mit der großen Klappe am liebsten vor lauter Dankbarkeit in ihre Arme gezogen, aber da war er ihr auch schon entwischt und im Haus verschwunden. Außerdem hatte Gretchen ihr von den Sitzbänken am Ufer aufdringlich zugewinkt. Sie hatte ihrer neuen Freundin nämlich einen Platz neben sich und Sabine freigehalten und naschte dabei unentwegt von ihrem Teller, den sie zum verzückten Amüsement der anwesenden Kollegen, die sich ihre neugierigen Blicke nicht verkneifen konnten, auf ihrem gigantischen Babybauch abgestellt hatte. Lillys aufgewühlte Mutter kam nicht umhin, sich ebenfalls zu einem kleinen Lächeln hinreißen zu lassen, welches ihr unheimlich gut tat und ihre Anspannung merklich linderte. Anna schaute sich noch einmal zum Haus um, seufzte leise und begab sich dann auch endlich zu den anderen Partygästen. Marc würde das schon schaukeln. Würde er doch, oder?

Lorelei Offline

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28.07.2017 22:54
#1603 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während Anna noch einigermaßen zuversichtlich war, dass das vorbereitete Programm für die Schulanfängerin nicht ins Wasser fallen würde, und freundlich in die Runde der wartenden Konzertbesucher blickte, war ihr Retter in der Not noch nicht so wirklich davon überzeugt, was er hier gerade tat. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch durchschritt er den Wohnbereich des edelholzvertäfelten Hauses und blickte sich um. Er musste nicht lange suchen, um die vermisste Gitarristin zu finden. Sie hatte sich tatsächlich eine kleine Trutzburg zwischen Sessel und Couchlandschaft gebaut und nur ihre nackten, nervös hin und her wackelnden Füße guckten unter der beigefarbenen Decke hervor, die sie sich über den Kopf gezogen hatte, damit niemand sie entdecken konnte. Marc konnte nicht anders. Er musste direkt grinsen, weil die kleine Mäusedame genauso vorhersehbar agierte wie ihr werter Papa, wenn er einen seiner wenigen schlechten Tage hatte. Also dachte er auch nicht lange darüber nach, was zu tun war, und pflanzte sich direkt vor den Eingang des Schutzverstecks und stupste die Neunjährige grob mit seinen gelben Chucks an. Lillys Aufmerksamkeit war ihm spätestens dann gewiss, als er sie fast schon beiläufig lässig von der Seite anquatschte...

Marc: Nettes kleines Versteck, Lillyfee. Aber ist es auch einer Prinzessin wie dir überhaupt würdig? Oder spielst du Cinderella? Dann bräuchtest du aber für die Authentizität ein paar Staubflusen mehr hier drin. Ich befürchte aber, die Bude hier ist zu neu und zu steril und Stier und Hassmann sind zu pingelig, als dass du hier so was finden würdest. Draußen ist aber ein Sandkasten. Von dem her...
Lilly (fühlt sich sichtlich ertappt u. hält sich erschrocken die Hand vor den Flüstermund, an dem verräterische Schokospuren kleben): Psst! Nicht so laut, Onkel Marc! Die Babys schlafen doch nebenan. Wenn wir die wecken, krieg ich bestimmt noch mehr Ärger.
Wieso Ärger? Oje, das wird wohl doch eine schwierigere Geburt, als ich dachte. Sie ist ja völlig durch den Wind.
Marc (überlegt angestrengt, wie er vorgehen soll): Ach was, du machst es genau richtig.
Lilly (linst schüchtern unter der Decke hervor): Findest du?
Marc (lächelt die süße Maus sehr überzeugend an u. hat eine Idee): Na, logo, vor dem nervigen kunterbunten Remmidemmi da draußen kann man nur eins machen, sich nämlich schleunigst zu verkriechen. Die unerträgliche gute Laune ist echt nicht auszuhalten. Hast du noch einen Platz für mich?
Lilly (zögert eine kleine Sekunde u. rückt dann doch vorsichtig zur Seite, damit er sich der Länge nach in die hintere Ecke fläzen kann): Okay? Und was machen wir jetzt?
Marc (streckt schmunzelnd die Beine aus u. lehnt sich mit dem Rücken bequem an die Sofaseite): Na, du bist mir vielleicht eine Gastgeberin. Du bist doch diejenige, die sich hier häuslich eingerichtet hat, Lilly.
Lilly (läuft ertappt rot an): Stimmt! Darf ich dir was verraten, Onkel Marc?
Marc (nickt wissend, aber tut so, als wüsste er von nichts): Schieß los!

Na, das ging doch einfacher, als ich gedacht habe. Ich komme hier doch noch rechtzeitig weg. Halleluja!

Lilly (beißt sich nervös auf ihre Unterlippe u. knobelt mit ihren Fingern): Ich hab mich wirklich hier drin versteckt.
Marc (gespielt überrascht): Ach?
Lilly (guckt ihn ganz verlegen an): Ich weiß, dass das total albern und kindisch ist, aber ich kann da jetzt nicht raus.
Marc (greift zur Seite, um sich besser abzustützen, u. fasst dabei direkt in einen Haufen aus klebrigen Schokoladenpapier, wie er irritiert u. auch irgendwie amüsiert feststellt): Musst du doch auch nicht, wenn du nicht willst. Wenn ich ehrlich bin, will ich auch nicht wieder da raus.
Lilly (beobachtet verunsichert, wie sich ihr großer Freund die Hand an einem Zipfel der Decke abwischt): Ehrlich?
Marc (schaut ihr direkt in die fragend umherhuschenden Augen u. entlockt ihr ein kleines zaghaftes Lächeln): Es zwingt dich doch keiner. Außer mich vielleicht. Freiwillig bin ich nämlich bestimmt nicht hier. Also auf der Feier im Allgemeinen. Zu dir komme ich jedoch jederzeit gerne.
Lilly (schmiegt sich erleichtert an seine Seite): Ich hab dich auch gerne bei mir, Onkel Marc.
Marc (lächelt u. ist sichtlich hingerissen von der süßen Maus, die sich nicht traut): Na, das beruht auf Gegenseitigkeit. Echt scheiße, dass Mehdi heute nicht auch hier sein kann, hm? Ich glaube, wir hätten hier drunter echt viel Spaß zusammen haben können. Dein Schlossentwurf hat was, ist aber noch ausbaufähig.
Lilly (unweigerlich kullern die Tränchen): Die Babys im Krankenhaus brauchen Papa doch. Damit sie einen guten Start ins Leben haben.
Oje, sie glorifiziert schon wieder. Alter, beweg deinen fetten Arsch hierher! Das ist verdammt noch mal dein Job hier und nicht meiner.
Marc (ihm bricht das Herz, sie so unglücklich zu sehen, u. legt sanft einen Arm um ihre Schulter, um sie kurz, aber innig an sich zu drücken): Aber er fehlt dir trotzdem, oder?
Lilly (streicht sich die Tränchen schnell wieder weg u. strahlt auch schon wieder zu ihm hoch, wenn auch nur schwach): Er hat vorhin angerufen und mir viel Glück gewünscht.
Marc (nickt verständnisvoll): Und das hat nicht geholfen, hm? Gegen das Lampenfieber, meine ich.
Lilly (rückt etwas von ihm ab u. guckt ihn aus großen glasigen Augen an): Woher weißt du das?

Weil ich allwissend bin.

Marc (grinst triumphierend, weil er sie an der Angel glaubt): Ich bin Oberarzt. Ich weiß und kann alles. Und ich habe mit meinen Diagnosen noch nie fehl gelegen.
Lilly (kleinlaut): Doch.
Marc (reagiert etwas unwirsch auf ihren unerwarteten Einwurf): Bitte? Du hast kein Lampenfieber?
Lilly (schaut ihm ganz geknickt in die irritiert fragenden Augen): Doch, schon, aber ich glaube, es ist ein ganzer Lampenladen mit Fieber.
Marc (lacht herzhaft auf u. steckt die Kleine damit direkt an): Mist! Das hab ich unterschätzt. Sorry! Aber die Pointe war richtig gut, Lillymaus. Du hast es drauf. Nicht nur das.
Lilly (strahlt ihn für einen kurzen Moment an, dann kommt aber die Nervosität wieder hoch): Danke! Ich fühle mich trotzdem nicht wohl, Onkel Marc. Ich glaube, ich werde krank. Ich hab schrecklich Bauchweh, mir ist schlecht, meine Hände sind ganz schweißig und meine Knie sind totaler Wackelpudding. Ich kann da nicht raus. Ich glaube, ich hab alles vergessen. Ich kann nicht mehr spielen.
Marc (setzt zur gespielten Denkerpose an): Hm... Deine Symptome sind eindeutig.
Lilly (guckt ihn aus großen unsicheren Augen an): Und was mache ich jetzt? Alle warten auf mich. Sie werden total enttäuscht sein. Aber ich will nicht, dass Sarah enttäuscht ist. Sie hat sich so gefreut und ich hab sie doch so lieb. Bis zum Mond und wieder zurück.

Oh Gott! Ein Dramalevel wie ihr Vater. Hilfe! Es müsste Leitbögen geben für Situationen wie diese. Das wäre doch mal ein Geschäftsmodell, anstatt alberne Broschüren herauszugeben, wie „Windelwechsel leichtgemacht. Fünf Schritte, wie auch der unsicherste Papa zum wahren Profi wird“. Pah! So einen Unfug braucht doch kein Mensch. Stier vielleicht, aber ich nicht.

Marc (erwidert ihren eindringlichen Blick): Tja, ziemlich verzwickt das Ganze. Hm...? Dann wirst du wohl oder übel über deinen Schatten springen müssen.
Lilly (schaut ihm mit tellergroß erweiterten Augen in das zuversichtliche Gesicht): Und da rausgehen? Und was ist, wenn ich wirklich nicht mehr spielen kann?
Marc (kontert keck): Hast du’s schon probiert?
Lilly (zuckt kraftlos mit den Schultern): Geht nicht. Sarahs Papa hat meine Gitarre und die Noten vorhin schon zur Bühne gebracht, als Mama und ich hier heute Mittag angekommen sind und bei den Vorbereitungen geholfen haben.
Marc (verdreht schmunzelnd die Augen): Na, so ein Idiot aber auch.
Lilly (ihr ist überhaupt nicht zum Schmunzeln zumute): Gar nicht! Das ist allein mein Fehler. Ich hätte wissen müssen, dass ich noch nicht soweit bin, um vor Publikum zu spielen.
Marc (will ihr Mut machen): Aber das hast du doch schon. An Gabis Geburtstag neulich.
Lilly: Das war doch was ganz anderes, Onkel Marc. Da waren wir unter uns. Jetzt sind da draußen aber ganz viele Leute. Viel mehr, als ich gedacht habe. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich von Sarah nicht überreden lassen. Sie hat sich das so gewünscht und ich hab gedacht, ich kann das, kann ich aber nicht.
Marc (sieht das alles ganz locker): Na und? Die meisten kennst du doch auch aus dem Krankenhaus. Keiner tut dir was Böses.
Lilly (lässt geknickt den Kopf hängen): Und wenn doch?
Marc (seufzt nachdenklich u. sucht ihren Blick): Du denkst doch an Mehdi, oder?
Lilly (schaut wieder zu ihm hoch u. schüttelt aufgewühlt den Kopf): Nein, nicht so. Ich weiß, dass es ihm gut geht und ihm nicht noch mal so was passieren wird. Und ich weiß, dass er stolz auf mich ist, egal ob ich nun auftrete oder nicht.

Ach Süße! Was machst du bloß mit mir? Worüber reden wir hier eigentlich? Anna hätte vielleicht besser Haasenzahn fragen sollen. Sie wüsste, wie wir uns aus diesem Schlamassel herausziehen könnten. Wo ist hier das Hintertürchen, durch das wir verduften könnten?

Marc: Na, dann, wo liegt das Problem?
Lilly (senkt verlegen ihren Blick u. zieht sich wieder in sich zurück): Dass alle mich angucken werden und dann verspiele ich mich bestimmt.
Marc (rollt ungesehen mit den Augen): Wirst du nicht, Mäuschen. Wir haben doch zusammen trainiert. Setz dich nicht so unter Druck! Die da draußen sind nicht wichtig. Die haben eh keine Ahnung. Als ob auch nur einer von den Idioten jemals ein Instrument in den Händen gehalten hätte. Blende sie aus! Du musst hauptsächlich für dich spielen. Dann klappt das schon.
Lilly (bleibt skeptisch): Ich weiß nicht.
Marc (merkt, dass er sie wieder am Haken hat): Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis, Lillyfee. Weißt du, so unter Chirurgenkünstlern und ähm... Dings hier... Künstlern im Allgemeinen. Ohne Ausnahme jeder ist aufgeregt vor einem Auftritt, ob nun als Musiker, Bühnenschauspieler oder Gast in einer semipopulären Talkshow auf einem drittklassigen Sender, den keine Welt guckt. Alle haben vorher Lampenfieber.
Lilly (staunt u. hört ihm weiter gebannt zu): Echt?
Marc: Das ist ganz natürlich. Das gehört quasi zum Programm mit dazu. Weißt du, der Adrenalinhaushalt wird dadurch enorm angekurbelt. Man spürt zusätzliche Kräfte, die einen erst antreiben und pushen, da jetzt rauszugehen. Dieser zusätzliche Energieschub motiviert ungemein. Blut schießt durch die Venen. Das erklärt übrigens auch deinen rote Birne und die zusätzliche Schweißbildung. Die Synapsen im Gehirn sind hoch aktiviert. Man ist aufnahmebereiter. Konzentrierter. Man kann gar nicht mehr anders, als da dann rauszugehen und alles zu geben. Die angestaute Energie muss ja auch wieder irgendwohin. Und wenn du erst da oben stehst und die ersten Takte gespielt hast, ist die anfängliche Angst sofort vergessen. Und Gitarre spielen ist wie Fahrradfahren und Se... äh..., das verlernt man nicht.
Lilly (denkt angestrengt darüber nach u. findet es durchaus plausibel): Geht es dir auch so, wenn du auftrittst?

Was denn für Auftritte? Damals, als Mutter mich in ihrer pseudoexperimentalistischen Phase dazu genötigt hat, als Erziehungsmaßnahme in die blöde Theater-AG einzutreten? Ganz, ganz schlechtes Thema. Die Bühnenstücke waren eher lächerlich, als dass man davor Schiss haben musste. Pah! Iwo! Die Blamage war von vornherein mit eingeplant. Haasenzahn hat schließlich auch mitgespielt. Hähä!

Marc (schmunzelt in sich hinein): Oh, du, mein letztes Strandkonzert, das ist Jahre her und das hab ich auch nur durchgezogen, um die Mädels aus der Oberstufe auf der Klassenfahrt... ääähhh... Was ich eigentlich sagen wollte, ein bisschen vielleicht, aber das darfst du niemandem verraten. Das ist ein unausgesprochenes Geheimnis unter Dingens hier ähm... Musikern.
Lilly (stimmt ihm mit einem hinreißenden Lächeln zu): Okay!
Marc (schaut ungeduldig zur Terrassentür, vor der das Gemurmel am See langsam lauter wird): Und, denkst du, du kannst dich überwinden, da jetzt rauszugehen und ein bisschen zu zupfen?
Lilly (zieht sich wieder ängstlich in sich zurück): Das klingt mir alles noch zu theoretisch.
Marc (verdreht leicht angenervt die Augen): Jetzt klingst du wie meine Biolehrerin. Ähm... Aber dafür ist doch die Praxis da. Übung macht den Meister, wie man so schön sagt, und die paar Leute da draußen sind doch die perfekten Probanten dafür. Nicht sehr anspruchsvoll, vollgefressen, demnach zufrieden und sowieso ein bisschen angeschäkert von der Bowle von Sarahs Oma.
Lilly (schaut ihn aus ihren hypnotischen Mandelaugen eindringlich an): Du bist lustig, Onkel Marc. Ich traue mich trotzdem nicht.

Boah! Nicht schon wieder! Wir drehen uns im Kreis. Hilfe!

Marc (ist mit seinem Latein fast am Ende): Okay, dann... ähm... versuche es mal so, wie es die meisten anderen auch bei akutem Lampenfieber machen.
Lilly (reckt neugierig ihr Näschen in die Höhe): Wie denn?
Marc (muss unweigerlich grinsen): Das beste Mittel, um sich von der eigenen Nervosität abzulenken, ist, dass du dir die Leute im Publikum einfach nackt vorstellen musst.
Lilly (macht extragroße Augen u. fängt an zu kichern): Was? Das geht doch nicht, Onkel Marc.
Marc (ist merklich davon überzeugt): Und ob das geht! Das mache ich meistens auch so, wenn ich Fachvorträge halte.
Lilly (staunt ungläubig): Ehrlich? Ich kann das nicht. Dann müsste ich ja die ganze Zeit lachen. Ich will mir Onkel Günni und Tante Biene nicht nackt vorstellen.
Oh Gott! Diese Bilder... Wo kann man den Film wieder löschen? Der gehört auf den Index.
Marc (verzieht schockiert sein Gesicht): Okay, das ist ein Punkt. Hm? Und wenn du dir unter den Gästen nur eine einzige Person herauspickst, die du anschaust, während du spielst? Gretchen oder Sarah zum Beispiel. Für die ist die ganze Chose doch eh bestimmt. Das beruhigt, glaub mir, wenn du dir den Menschen ansiehst, dem du bedingungslos vertraust, den du auf deiner Seite weißt und der dir alles abnimmt, selbst falls du’s verhauen solltest, was du natürlich nicht tun wirst. Schließlich kannst du ja Gitarre spielen.
Lilly (denkt einen langen Moment darüber nach, der Marc wie eine Ewigkeit vorkommt): Hm? Das könnte vielleicht funktionieren.
Halleluja! Was für eine Geburt! Jetzt brauche ich dringend noch ein Glas „beschwipste Früchte“ oder ne Kippe.
Marc: Na, dann...Raus da, Prinzessin! Du schaffst das schon.

Als Lilly tatsächlich unter der Decke hervorkrabbelte und mit einem zuckersüßen verlegenen Lächeln auf den Lippen aufstand und anschließend ihr hübsches Sommerkleidchen zurechtzog, hätte Marc am liebsten laut in die Hände geklatscht, aber er konnte sich gerade noch so beherrschen. Yes, man, er hatte es immer noch drauf, klopfte er sich gedanklich auf die eigene Schulter und versuchte, ihr flink hinterher zu klettern, wobei die wackelige Deckendachkonstruktion jedoch nachgab. Sehr zum Amüsement von Lilly, die ihn kichernd beobachtete, als er das kratzige Wollteil schimpfend von sich strampelte und anschließend in einer eleganteren Bewegung zu der frechen Grinsefee aufsprang. Trotz des kleinen, unschönen Tollpatschmomentes, den er schnell in die Annalen des Nicht-Geschehen-Seins verdrängte, stand dem Chirurgen die Zufriedenheit deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber das gute Gefühl hielt nicht lange an. Denn als Lilly aus dem Fenster nach draußen zum See schaute, verschwand das hinreißende Lächeln auch schon wieder aus ihrem Gesicht und sie blickte scheu zu ihm hoch. Marc konnte sich ein lautes Seufzen nicht verkneifen...

Marc: Was ist denn jetzt wieder?
Lilly (greift vorsichtig nach seiner Hand, lässt sie nicht mehr los u. sieht bittend zu ihm hoch): Du, Onkel Marc, würde es dir etwas ausmachen, mich zu begleiten?
Marc (bleibt skeptisch, als er auf die kleine hochradioaktive Hand blickt u. das schüchterne Mädchen eindringlich mustert): Nicht unbedingt. Aber ich bring dich rüber, wenn du dir das wünschst. Ich wollte eh noch mal zum Getränkestand.
Lilly (drückt nun etwas kräftiger seine Hand): Nein, ich meine, ob du mit mir mit auf die Bühne gehst und mitspielst.
Marc (reißt merklich überrumpelt die Augen auf): Bitte?
Das kann doch nicht ihr Ernst sein? Sie verhohnepoppelt äh... verhohnepiepelt dich doch.
Lilly (fleht ihn aus ihren einnehmenden Samtaugen zuckersüß an): Bitte, Onkel Marc, nur das eine Mal! Ich fühle mich viel sicherer, wenn du dabei bist. Und es macht doch immer so viel Spaß, wenn wir zusammen musizieren. Das klappt viel besser, als wenn ich Frau Schnabelstedt in der Musikschule vorspielen muss. Sie mag die neuen Lieder nicht, die du mir beigebracht hast. Ich aber schon. Seit wir an Gabis Geburtstag damit angefangen haben, bin ich viel, viel besser geworden. Deinetwegen.
Marc (seufzt): Lilly...

Marc kämpfte sichtlich mit sich. Aber wie hätte er nach diesen eindringlichen Worten diesem Bambiblick noch länger widerstehen können? Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Nahezu unmenschlich. Wer hätte schon so grausam sein können? Er musste sich wohl oder übel geschlagen geben. Aber leider kam er gar nicht erst dazu, sich der Zuckermaus zu erklären, die ihn mit den gleichen fesselnden Augen wie ihr Vater zu hypnotisieren versuchte. Weil sein „Lieblingsfreund“ Nummer eins unvermittelt ins Zimmer gepoltert kam. Dieser Vollpfosten!

Cedric (schaut verwundert von der kleinen Person zur großen, die von Lilly innig gedrückt wird): Was ist denn nun? Ich dachte, Lilly wollte für Sarah ein paar Songs Gitarre spielen? Wir sitzen alle schon da drüben und warten. Oder soll ich die Clownin noch mal vorschicken? Ich glaube aber, deren Repertoire ist langsam aufgebraucht. Sarah hat schon herausgefunden, wie das mit den Karten funktioniert und erzählt es brühwarm ihren Freundinnen weiter.
Marc (stöhnt entnervt auf u. meckert den unsensiblen Störenfried direkt an): Jetzt mach mal die jungen Pferde nicht so scheu, du Nervensäge! Noch nie was vom akademischen Viertel gehört? Ach nee, hast du nicht, du hast es ja immer gänzlich ausgereizt und bist, wenn überhaupt, erst zum letzten Drittel in die Vorlesung reingeschneit.
Cedric (überhört die Meierschen Spitzen gekonnt): Haha! Das war doch immer deine Ausrede gewesen, wenn du mal wieder bei einem deiner Mädels versackt bist. Aber ich wusste nicht, dass dies auch für angehende Gymnasiastinnen gilt.
Lilly (stellt sich mit stolzgeschwellter Brust vor Sarahs Vater hin, der ihr frech zugezwinkert hat): Doch! Wir kommen gleich. Wir mussten nur... ähm... üben. Uns... abstimmen.
Marc (sein Kopf fährt irritiert zu ihr herum): Ey, ich hab noch nicht zugestimmt.
Lilly (grient ihn herzerweichend an): Doch!

Was mache ich eigentlich hier? Ich hätte mit Haasenzahn den ganzen Tag im Bett lümmeln und Morsezeichen der Zwerge deuten können. Das steht in jedem vernünftigen Dings hier... Beziehungsrahmenvertrag, Absatz Jahrestage und sonstige Verpflichtungen. Mich zum Horst zu machen, aber nicht. In seinem vielleicht. So dämlich wie der Drecksack schon wieder guckt.

Marc (ärgert sich maßlos über seine eigene Unnachgiebigkeit): Na, wie es ausschaut, bist du wieder gut drauf, hä? Na gut, aber das bleibt wirklich die Ausnahme, Lilly. Ein einziges Mal! Ich werde demnächst für dich nicht mehr so oft in die Presche springen können, Fräulein. Stier, rück mal deine bescheuerte Gitarre raus, zack, zack!
Cedric (guckt ihn etwas unwirsch an): Was willst du denn mit meiner Gitarre? Woher weißt du überhaupt, dass ich eine besitze?
Marc (grient ihn süffisant an): Denkst du etwa, ich wüsste nicht mehr, wie du immer die Erstsemestlerinnen mit deiner ekelhaften Schleimmasche angelockt hast, um ihm Seziersaal heimlich nachts Party zu machen? Ja, ja, Roxette-Songs covern. Weiß Maria eigentlich von deinem heimlichen Misstalent? Außerdem habt ihr mich neulich dazu genötigt, bei eurem überstürzten Umzug zu helfen. Ich hab das Teil da reingeschleppt. Sei froh, dass ich es dir nicht vor die Stirn geklatscht habe, du Blitzmerker. Verdient hättest du es.
Cedric (verdreht genervt die Augen, bleibt aber die Ruhe in Person): Ja, ja, lass mal gut sein, Kumpel! Ich müsste dafür aber kurz bei den Kids rein. Also halte bitte für einen Moment deinen Schnabel! Ich spiel immer für Sissi, wenn sie schlecht geträumt hat, musst du wissen. Sarah steht auch drauf. Aber du willst nicht wissen, wie Sophie darauf reagiert hat, als ich sie gestern mit Sheeran in den Schlaf wiegen wollte. Drama, sag ich nur, Drama.
Marc (blickt ihm ungläubig hinterher, als er sich einem der Zimmer zuwendet, u. wechselt mit Lilly vielsagende Blicke): Was sollte daran denn bitteschön neu sein? Das ist bei euch doch eh immer Programm. Steht das nicht sogar auf eurem Klingelschild?

Ohne weiter auf Meiers nervtötende Sprüchesalven zu achten, schlich Cedric auf leisen Sohlen in das Zimmer seiner mittleren Tochter, die zum Glück ebenso wie Klein-Anton, den man neben die Eineinhalbjährige gebettet hatte, tief und fest ihr wohl verdientes Nachmittagsschläfchen hielt. Auf genauso leisen Sohlen schloss er die Zimmertür auch schon wieder hinter sich und reichte seinem skeptisch dreinblickenden Kumpel nun mit einem leicht mulmigen Gefühl im Bauch das Corpus delicti, nach dem er unverschämt verlangt hatte.

Marc (reißt Cedric die Gitarre förmlich aus der Hand u. lässt ihn danach einfach stehen): Ich hoffe, die ist auch gestimmt. Wenn nicht, bist du schuld, wenn Lilly ihr Konzert verhaut.
Lilly (schaut ihm protestierend hinterher): Was?
Marc: Wirst du nicht, Süße. Nur für den Fall der Fälle sollte man immer einen Schuldigen bestimmen. Das ist auch so ein ungeschriebenes Gesetz, weißt du. Macht der Bieber auch so, hab ich gehört.

...griente Marc erst keck seinen kleinen Schützling an, der ihm daraufhin wieder zufrieden zunickte und ihm schnell zur Terrassentür hinterher tapste, und schaute dann noch einmal mit spöttischer Miene auf seinen verdutzten Kollegen, der immer noch nicht verstanden hatte, was das alles hier überhaupt zu bedeuten hatte. Wann hatte er eigentlich die Kontrolle über seine eigene Feier verloren, fragte sich Dr. Stier verwirrt und hetzte den beiden mit flinken Füßen schließlich nach draußen hinterher, um Schlimmeres zu verhindern.

Cedric: Das erklärt aber immer noch nicht, was du jetzt vorhast, Meier.

Aber der Schelm dachte nicht im Traum daran, das nervige Nachfragen des sichtlich beunruhigten Gastgebers aufzuklären. Denn er war schon komplett fokussiert auf das, was gleich passieren würde. Augen zu und durch, war Marcs Devise. Je eher es vorbei war, umso eher war es auch schon wieder vergessen und er konnte sich endlich sein Häschen schnappen und mit ihm verduften. Und genau diese junge Dame pickte er sich jetzt auch im Publikum heraus, um sie ungeniert anzustarren, während sich Lilly Sarah zuwandte, die ihre drei Jahre ältere Freundin erwartungsvoll anlächelte. Das sichtlich nervöse Mädchen schnappte sich ihre Gitarre, legte sie sich mit einigen Mühen um die Schulter und setzte sich schließlich mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen auf ihren auf dem Steg bereitgestellten Stuhl. Ihr kleines Herzchen klopfte Lilly bis zum Hals, aber da sie ihren großen besten Freund an ihrer Seite wusste, war die Aufregung nicht mehr ganz so schlimm wie noch vorhin.

Ein erwartungsvolles Raunen ging durch die Reihen des Publikums, nachdem die beiden endlich die improvisierte Bühne am Seeufer geentert hatten. Und vor allem Gretchen Haase staunte Bauklötzchen, denn dass Marc mit in Lillys Auftritt involviert sein würde, war ihr neu. Doch weder ein fragender Blick zu Sabine zu ihrer Linken, die ebenso verwundert und doch sehr angetan mit den Schultern zuckte und aufgeregt nach der Hand ihres Mannes gegriffen hatte, noch zu Maria auf dem Sitzplatz direkt vor ihr, die ihren Freund sichtlich irritiert ansah, als dieser sich ohne ein Wort der Erklärung neben sie setzte, noch zu Anna zu ihrer Rechten, die Marc unendlich dankbar zunickte und dann ganz verzückt ihr Töchterchen in Augenschein nahm, dem sie nun kräftig die Daumen drücken würde, half ihr wirklich weiter. Aber schließlich bemerkte die verträumte Ärztin Marcs eindringlichen Blick, der nahezu hypnotisch auf sie gerichtet war, und alles um sie herum verschwand. Natürlich bis auf das aufgeregte Gezappel ihrer ungeborenen Kinder in ihrem Bauch, den sie sanft mit beiden Händen festhielt. Es gab nur noch sie beide. Und das Mikrofon, das Marc unwirsch in die Hand genommen hatte, um nun völlig unvorbereitet irgendetwas da reinzuquatschen, das zumindest für die anderen irgendeinen Sinn ergab. Denn er selbst hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was er hier eigentlich gerade machte und wie es überhaupt dazu gekommen war.

Marc: Ja, äh... Leute, kleine Planänderung. Wobei, eigentlich... nicht. Kannst das Reha-Team also gleich wieder abbestellen, Stier! Denn ihr seht mich gar nicht. Ich bin überhaupt nicht hier. Und falls das irgendwer später doch behaupten sollte, bekommt der was auf die... ääähhhh... bekommt der eine kleine, aber feine Sonderbehandlung im Krankenhaus, zu der ihr euch freiwillig melden werdet. Warzenentfernung, Hämorridenverödung, Darmspiegelung, Urinkulturen anlegen. Sucht euch was aus der Patientenpalette aus! Hähä! Nein, kleiner Scherz am Rande. Ich bin, wie gesagt, eigentlich gar nicht hier. Weil diese junge Dame hier ... (zeigt stolz auf das schüchterne Mädchen neben sich, das verlegen ins Publikum winkt u. hinter der riesigen Gitarre kaum zu erkennen ist) ... im Mittelpunkt stehen sollte. Sie hat lange geübt, um so gut zu werden, wie sie bereits ist, auch wenn sie selbst das noch nicht von sich denkt. Ich glaube aber, ihr werdet sie bestimmt vom Gegenteil überzeugen. Ihr wisst, was euch blüht, wenn ihr was Falsches sagt, ne. Es ist ihr allererster Auftritt vor großem Publikum. Also würdigt das entsprechend. Und für sie ist es natürlich auch eine ganz besondere Freude, diese junge Dame hier unten... (zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Zappeline in der ersten Reihe, die ihn u. Lilly mit Zahnlückenlächeln aufgeregt angrient) ... an ihrem großen Tag entsprechend zu feiern. Das ist für dich, Kröte. Unsere Lilly Superstar. Ohren auf und zuhören! Diese Konstellation wird es, wenn überhaupt, nur dieses eine Mal geben. Also, auf drei geht’s los, Lilly. Bereit?

„Juhu, Onkel Maaarc ist auch dabei“, flötete Sarah euphorisch in die Runde und konnte nur von ihrer Mutter vor weiteren unüberhörbaren Entzückungsbekundungen gebremst werden, die ihr sanft von hinten die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Marc guckte auffordernd zu Lilly und zählte mit den Fingern drei ab. Sie holte noch einmal tief Luft und nickte ihrem Duettpartner schließlich zu, sodass sie synchron mit ihrem Gitarren-a-cappella beginnen konnten, das natürlich bei den Gästen einschlug wie eine Bombe. Allen voran bei Marcs Freundin, die ganz verzückt vor sich hinschmachtete und gar nicht mitbekam, wie begeistert auch Schwester Sabine von der Darbietung von Dr. Meier und der außerordentlich begabten Tochter von Dr. Kaan war. Fröhlich wippte sie mit ihrem Mann zu den eingängigen Gitarrenklängen mit.

https://www.youtube.com/watch?v=ZJR8-KMamzQ

Maria Hassmann wirkte dagegen anfangs noch etwas verstört und konnte ihre ungläubigen Blicke nicht von ihrem verhassten Chirurgenkollegen abwenden, der Bryan-Adam-mäßig lässig in die Saiten haute, aber dezent im Hintergrund blieb, um Lilly Kaan nicht die Schau zu stehlen. Marias Lebensgefährten ging es auch nicht viel anders. Er hatte mit allem gerechnet. Dass Meier auf irgendeine verquere Art und Weise die Feier sprengen würde, zum Beispiel. Aber ganz bestimmt nicht mit so was. Er war vollkommen baff und irgendwie auch beeindruckt davon, in welche unerwarteten Dimensionen sich seine kleine, aber feine Party für seine älteste Tochter entwickelt hatte, die bis zur letzten Sekunde fast noch auf der Kippe gestanden hatte.

Cedric: Also wenn mir einer vorher erzählt hätte, dass ausgerechnet der Meier irgendwann bei uns im Garten aus freien Stücken eine Show bieten würde, um unsere Tochter zu bespaßen, ich hätte den sofort in die nächste Geschlossene überwiesen.
Maria: Meine Rede, mein Lieber. Meine Rede! Das ist alles so unwirklich.
Gretchen (schwärmt in den höchsten Tönen u. erntet damit von ihren Kollegen ungläubige Blicke): Unwirklich, aber so schön.
Sabine (ebenso schwärmerisch): Ja!
Anna: Lilly hatte tierisches Lampenfieber, müsst ihr wissen.

...versuchte Lillys bärenstolze Mutter gerade Marcs überraschendes Auftauchen auf der Bühne zu erklären, als sie plötzlich von ihrem Telefon abgelenkt wurde, auf dem sie schon die ganze Zeit nervös mit ihren Fingern herumgewischt hatte. Jetzt hörte sie endlich den vertrauten Ton, auf den sie ungeduldig gewartet hatte. Sie hatte ihn endlich an der Strippe und auch auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Wenn auch etwas verwackelt und verpixelt. Hauptsache, er verpasste nicht diesen besonderen Moment im Leben ihrer gemeinsamen Tochter.

Mehdi: Anna? Was ist los? Du hast mehrfach versucht mich zu erreichen? Ist was mit Lilly?
Anna: Das ist los, Mehdi. Schau mal!

Anna drehte ihr Handy so, dass auch ihr Gesprächspartner einen Blick auf die Seebühne erhaschen konnte. Der überrumpelte Oberarzt im Dienst reagierte so perplex darauf, dass er sofort das Reden einstellte und gebannt dem Gitarrenspiel seiner Tochter lauschte, die überraschend von seinem besten Freund auf einer zweiten Gitarre begleitet wurde und dies sogar mit gar nicht mal so großem Unwillen, wie man an Marcs verschmitztem Grinsegesicht deutlich ablesen konnte, das immer wieder zu Lilly schaute, die sich mit großem Eifer ins Zeug legte und damit ihr entzücktes Publikum regelrecht von sich einnahm. Das war sein Mädchen. Seine Lilly! Mehdi konnte seine Augen nicht von diesem wunderbaren Bild lösen.

Mehdi: Aber...
Anna (strahlt mit ihrer Tochter um die Wette, die offenbar keine Angst mehr hat, sich zu präsentieren): Ich gebe es nur ungern zu, aber das ist sein Verdienst.
Mehdi (ist den Tränen nahe): Echt? Und ich hatte schon die Befürchtung, sie will nicht auftreten. Lilly hatte solches Lampenfieber. Sie hat sich den ganzen Morgen zu Gabi ins Bett verkrochen und wollte nicht mehr rauskommen. Bis du geklingelt hast, Anna.
Gretchen (schiebt sich nun auch kurz vor den kleinen Bildschirm u. winkt Mehdi begeistert zu): Wirklich? Die Aufregung merkt man ihr gar nicht an. Sie wirkt so souverän und sicher. Sie spielt richtig, richtig toll, Mehdi. Du kannst stolz sein.
Mehdi (strahlt über das ganze Gesicht): Bin ich auch.
Anna (grient ihre Freundin keck von der Seite an): Ich weiß nicht, was du mit Marc gemacht hast, aber mach weiter so, Gretchen!
Gretchen (kichert wie ein kleines Mädchen u. guckt wieder gebannt nach vorn zu den beiden großen Talenten): Du wieder.
Sabine (winkt nun auch wie wild mit einem Arm vor der Smartphonekamera): Huhu, Dr. Kaan! Lilly hat wirklich ein außerordentliches Talent. Und der Herr Doktor natürlich auch.
Mehdi (versucht hinter den vielen Köpfen irgendetwas auf der Bühne zu erkennen): Zweifelsohne, Schwester Sabine. Es ist echt schade, dass ich gerade nicht bei euch sein kann.
Gretchen (lauscht andächtig den beiden harmonischen Gitarren, bis ihr verstört etwas auf dem Smartphonedisplay auffällt, auf das sie kurz wieder geschielt hat u. nun mit großen Augen kleben bleibt): Stimmt. Du fehlst. Äh... Sag mal, wo bist du eigentlich? Ist das etwa...?
Anna (registriert es jetzt auch, nachdem sie die ganze Zeit mit Filmen u. Lilly-Anhimmeln beschäftigt war): Sitzt du auf der Toilette?
Mehdi (fährt sich verlegen durchs Haar u. schiebt dabei seine dunkelgrüne OP-Haube vom Kopf runter): Ja, äh... nicht, was ihr denkt. Ich hab nur auf dem Weg vom OP in den Kreißsaal einen ruhigen Ort gesucht, um kurz mit euch telefonieren zu können. Ich will ja nicht drängeln, ich muss eh gleich weiter. Hier ist der Teufel los, kann ich euch sagen. Ein typischer Samstagnachmittag im Krankenhaus eben. Aber könntest du die Kamera bitte wieder etwas höher positionieren, damit ich unsere Maus richtig sehen kann, Anna? Du wackelst die ganze Zeit hin und her und ich hab das Gefühl, ich werde gleich noch seekrank.
Anna (jetzt fällt es ihr auch auf u. sie positioniert die Kamera neu): Oh! Sorry! Ist es so besser? Schau nur, ist sie nicht toll? Das ist unser Mädchen. Unsere kleine Zauberkünstlerin.
Mehdi (gerät unweigerlich ins Schwärmen u. kann sich das eine oder andere Glückstränchen nicht verkneifen): Ja! Nehmt ihr es bitte für mich auf, damit ich es später auch Gabi zeigen kann. Ich muss leider gleich wieder los. Sonst schaffe ich den Termin mit den Pressefuzzis nachher nicht rechtzeitig. Wenn ich könnte, würde ich ihn am liebsten schwänzen, um zu euch rüberkommen zu können.
Anna (lächelt verschmitzt u. hat vollstes Verständnis): Geht schon in Ordnung, Mehdi.
Gretchen (stimmt ihr zu u. zeigt wieder zur Bühne): Mach dir keinen Kopf! Wir vertreten dich würdig. Insbesondere er.
Sabine (lehnt sich verträumt zu Gretchen rüber): Ich wusste gar nicht, dass der Doktor Meier so gut Gitarre spielen kann, Frau Doktor.
Gretchen: Hm!

...summte Gretchen nur verliebt als Antwort, während sie sich vorstellte, sie wären ganz allein am Seeufer und Marc würde nur für sie spielen. Die hochschwangere Chirurgin war dermaßen hingerissen von der liebevollen Geste ihres Freundes, dass sie gar nicht anders konnte, als ihn ungeniert anzuhimmeln, was er natürlich direkt mitbekam, weswegen er sich trotz anfänglichem Widerwillen mächtig für sie ins Zeug legte. Und das wiederum spornte auch Lilly an, bei der keine Spur von Nervosität mehr zu spüren war und die zusammen mit Marc eine hinreißende Darbietung bot, die am Ende natürlich, wie sollte es auch anders sein, mit gebührenden Standingovations belohnt wurde. Den Ehrengast, für den die eigenwillige Aufführung hauptsächlich gedacht gewesen war, hielt dann natürlich nichts mehr auf ihrem Platz. Sarah stürmte zum Bootssteg, um ihre beste Freundin innig zu umarmen und zu knuddeln. Und bevor Dr. Meier auch noch daran glauben musste, legte er schnell Cedrics Gitarre beiseite und machte sich flinken Fußes aus dem Staub, um sich zu seiner Süßen zu gesellen, die ihn mit leuchtenden Strahleaugen begrüßte, welche sein adrenalingepushtes Herz direkt ein paar Takte höher schlagen ließen.

Marc: Und, wie war ich?
Gretchen (kichert mädchenhaft): Beeindruckend.
Maria (hegt da noch so ihre Zweifel, als sie sich zu den beiden umdreht u. ungeniert dazwischen plappert): Naja.
Cedric (kann sich auch eine kleine Spitze nicht verkneifen, während er den Arm um seine schmunzelnde Freundin legt): Irgendwie hab ich gewusst, dass er diese eine Frage auch in seinem Repertoire hat. Passt zu ihm und seinem verkümmerten Ego.
Marc (funkelt den lästigen Neider beleidigt an u. konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich auf seine Herzangebetete, um deren Schultern er locker seine Arme legt): Nope! Ich befürchte, ihr habt meine Eingangsrede außer Acht gelassen. Tja, ich glaube, ihr seid die Ersten, die jetzt dran glauben müssen. Was wäre euch lieber, Warzen oder Hühneraugen?
Gretchen (jetzt fällt es auch ihr wieder ein u. sie grient den Schelm über ihre Schulter hinweg kess an): Ach so, ja, du warst ja gar nicht da vorne mit dabei. Lilly war toll, oder? Sie wird immer besser.
Cedric (grient mit der Kollegin mit): Stimmt! Also ich habe da vorne auch nur ein äußerst talentiertes junges Mädchen gesehen. War da sonst noch was?
Maria (spielt das Spiel gleich mal mit): Ich wüsste nicht, was oder in dem Fall wer.
Marc (nickt wissend): Zu spät! Haasenzahn ist noch drin, aber euer Zeitfenster hat sich soeben geschlossen.
Cedric (grinst von einer Backe zur anderen): Tja, dein Pech, mein Lieber, mich wirst du in nächster Zeit nicht so häufig im Krankenhaus sehen.
Marc (funkelt den Angeber zufrieden an): Wieso Pech? Ich muss deine hässliche Visage nicht mehr ertragen. Dieser Tag entwickelt sich so langsam zu meinem Glückstag.
Gretchen (grient ihn verliebt an): Ach, echt?
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Jetzt erst recht, Haasenzahn. Du weißt ja, was passiert, wenn der Doktor Meier richtig gut drauf ist, ne.
Gretchen (windet sich flüsternd aus seinen Fangarmen, die sie von hinten spontan umschlingen): Maaarc!
Maria (dreht sich angewidert wieder zu ihrem Grinsefreund um): Oh Gott! Ich glaube, mir wird schlecht.

Sarah: Onkel Maaarc, noch maaaal!!!
Lilly: Au jaaa!!! Kommst du?

...schallte es jedoch plötzlich von der provisorischen Bühne zu dem Verführungskünstler rüber, für dessen Süßholzgeraspel Dr. Hassmann nur ein müdes Kopfschütteln übrig hatte, und machte ihm gehörig einen Strich durch die Rechnung. Perplex schaute er nach vorn zu den beiden verschworenen Grinsemädchen, die sich nun ungeduldig vor den drei Sitzreihen aufgebaut hatten und ihn mit dem Charme einer Spielzeugdampfwalze zu sich zu locken versuchten.

Marc: Das ist nicht euer Ernst?
Lilly/ Sarah (im Chor): Doooch!
Marc (lässt seinen Kopf gequält auf Gretchens Schulter fallen): Zu früh gefreut.
Gretchen (tätschelt ihm mit einer Hand sanft den Hinterkopf): Tue ihnen doch den Gefallen, Marc, hm?
Marc (grummelt unwillig in seinen Dreitagebart, während er ungeniert ihre zarten Streicheleinheiten genießt): Spielverderberin.
Maria (kann ihre Schadenfreude nicht verbergen): Wie war das noch mal mit der Verteilung von Pech und Glück, hm?
Marc (kontert prompt erfolgreich zurück): Ach, meinst du damit das blinkende Ding zwischen deinen Händen? Und es ist kein Vibrator.
Gretchen (klatscht ihm für den Spruch kraftvoll an den Arm): Marc!
Cedric (gibt sich Marcs Sprüchen gegenüber unbeeindruckt, nimmt Maria das blinkende Babyphone ab u. erhebt sich von seinem Platz): Soll ich gehen?
Maria (steht ebenfalls auf u. drückt Cedric mit sanfter Gewalt wieder auf seinen Platz zurück): Lass nur! Du bekommst schon noch oft genug die Gelegenheit dazu. Es ist Zeit für eine weitere Milchration. Die kannst du ihr leider nicht bieten.
Cedric (schaut seiner Traumfrau verliebt lächelnd hinterher, wie sie ins Haus geht): Okay, gib ihr einen Kuss von mir!
Marc (wedelt mit seiner Hand vor Cedrics ekelhaft strahlenden Augen herum): Äh... hallo? Hier spielt die Musik.
Sarah (kontert frech): Nein, aber da vorne.
Lilly (sieht ihren großen Helden unwiderstehlich bettelnd an): Onkel, Maaarc, nur eine Zugabe, ja? Zugaben sind auch ein ungeschriebenes Gesetz, hab ich gehört.
Boah! Das hat man nun davon, wenn man Kindern was beibringt. Der Bumerang kommt sofort zurück und knallt dir an die Rübe.
Marc (hat keine andere Wahl, als sich der geballten Mädchenpower geschlagen zu geben): Jetzt hetzt den Künstler doch nicht so! Kann man nicht mal fünf Minuten entspannen? Ich bin ja gleich da, ihr Nervkröten. ... Die Pflicht ruft, Haasenzahn. Aber danach stehlen wir uns wirklich davon. Noch mal mach ich das nämlich nicht mit. Also mach dich schon mal bereit!

...stöhnte Marc entnervt und lehnte seinen Kopf noch eine weitere Minute erschöpft gegen Gretchens Schulter. Sanft strich seine Freundin mit ihrer freien Hand über seine Wange, während sie bedächtig mit der anderen Hand ihren Babybauch tätschelte. Die Zwillinge hatten anscheinend auch Gefallen an dem besonderen Können ihres Papas gefunden und mussten dies ausdrücklich zur Geltung bringen. Sehr zum Leidwesen ihrer Mama, die zumindest auf Schwester Sabine sichtlich erschöpft wirkte. Aber bevor die emsige Stationsschwester der chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses ihren sehr geschätzten Oberarzt darauf hätte aufmerksam machen können, hatte dieser sich bereits wieder erhoben und war mit gequältem Gesichtsausdruck zurück zu Lilly und Sarah getrabt, die offenbar vorhatte, diesmal mitzumusizieren. Von irgendwoher hatte die Schulanfängerin nämlich eine Triangel in die Hände bekommen, die sie dem verdutzten Chirurgen nun stolz entgegenhielt. Jetzt war er aber definitiv in der Hölle angekommen, dachte er nur und griff sich Cedrics Gitarre, um einmal kurz und klangvoll „Highway to hell“ anzustimmen.

Sabine: Alles in Ordnung, Frau Doktor? Du siehst blass aus.
Günni (teilt die besorgte Meinung seiner Frau u. reicht Dr. Haase ein Erfrischungstuch aus seiner Notfalltasche, die er immer bei sich trägt): Das finde ich aber auch, Frau Dr. Haase.
Gretchen (nimmt das Tuch dankbar entgegen u. tupft sich damit die Schweißperlen von der Stirn u. kühlt sich kurz den Nacken): Danke! Ich glaube, das liegt hauptsächlich an der Sonne. Mir ist hier ziemlich warm geworden.
Günni (hilft der Schwangeren gentlemanlike auf): Sollen wir dich wieder rüber zur Hollywoodschaukel bringen?
Gretchen (guckt in die Richtung der Sitzecke u. seufzt ernüchtert auf): Danke! Aber dorthin ist mittlerweile auch die Sonne hingewandert. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich kurz drinnen frisch machen wollen.
Sabine (nickt ihr zu): Ich begleite dich. Ich wollte auch mal nach Anton schauen. Unser Schatz müsste langsam wieder wach geworden sein. Das ist seine Zeit.
Günni: Ich suche uns derweil einen Platz im Schatten. Ja, Purzelchen?
Sabine (strahlt ihn an wie die glitzernde Abendsonne, die sich im See spiegelt): Das ist sehr aufmerksam von dir, Schnurzelchen.
Gretchen: Ihr seid so süß zu mir, danke.

... guckte Gretchen angetan zwischen den beiden hin und her. Sabine nickte ihr zu, reichte ihrem Mann ihren Sonnenhut, den sie für den Moment nicht mehr brauchte, und hakte sich bei ihrer Freundin ein, die mal wieder nach dem viel zu schnellen Aufstehen mit ihrem Kreislauf zu kämpfen hatte und brachte sie unter erneuten vertrauten Gitarrenklängen ins Haus, wo ihnen Dr. Hassmann mit ihrem weinenden Baby entgegenkam, das sie mit sanften Worten zu beruhigen versuchte. Gretchen konnte gar nicht richtig darauf reagieren, so gerne sie auch Sophies rosige Wange gestreichelt hätte. Ihr wurde auf einmal wieder schummrig und sie musste sich mit beiden Armen an der Sofalehne abstützen. Was war das denn gerade gewesen, fragte sie sich arglos, aber da war Schwester Sabine ihr schon besorgt zur Seite geeilt.

Sabine: Frau Doktor?
Maria (kommt nun auch beunruhigt auf ihre jüngere Kollegin zu u. mustert sie oberärztinnenhaft): Alles in Ordnung, Gretchen? Du siehst mir aber gar nicht gut aus.
Gretchen (hat sich schon wieder gefangen, kann aber die Schweißperlen auf ihrer Stirn nicht hinter ihrem ungewöhnlich gezwungenen Lächeln verbergen): Geht schon. Das war vielleicht doch etwas viel gerade. Die Hitze, die Aufregung, die Turnübungen der beiden hier drin. Ähm... Was hat die Kleine denn? Was weinst du denn so herzzerreißend, hm?
Maria (lässt sich nicht von der Schwangeren ablenken u. greift unbemerkt nach ihrem Arm, um ihren Puls zu checken): Hunger, das Übliche. Es kann ihr nie schnell genug gehen. Aber wem sag ich das? Lenk nicht ab, Haase! Wenn du hier jetzt schlappmachst, kriegst du richtig Ärger mit mir. Ich gebe ja zu, dass ich schon sehnsüchtig die Minuten zähle, bis ich euch endlich alle wieder losgeworden bin, aber so definitiv nicht.
Gretchen (versucht sie zu besänftigen): Maria!
Maria (funkelt sie unmissverständlich an): In diesem Haus wird nicht widersprochen. Schreib dir das hinter die Ohren! Sabine, holen Sie Dr. Haase ein großes Glas Wasser aus der Küche. Und du, du legst dich einen Moment hin und akklimatisierst!
Gretchen (schaut sich hilflos um): Maria, ich kann nicht. Marc...
Maria (lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen u. guckt kurz vergewissernd aus dem Fenster in den Garten): Der ist mit den Kindern schon gut versorgt. So schnell lassen die ihn nicht aus ihren Klauen. Aber er wird mir die Hölle heiß machen, wenn ich mich nicht ordentlich um dich gekümmert habe. Also keine Widerrede! Das ist eine dienstliche Anweisung. Du legst dich jetzt ins Gästezimmer. Das Bett ist frisch bezogen. Ich wollte eigentlich meine Eltern da drin einquartieren, aber die können ruhig wieder ihren Weg nach Hause antreten. Ich kann nicht noch mehr Ärger gebrauchen. Ja, Miss Sophie, du bist ja gleich dran. Jetzt ist erst einmal die Mama mit Meckern dran.

Und bevor Gretchen noch einmal widersprechen konnte, hatte Maria sie mit ihrer freien Hand am Arm gepackt und zog sie ruppig hinter sich her in das hinterste Zimmer, wo sie sie mit sanfter Gewalt auf das gemütliche Doppelbett schob, obwohl sie dabei immer noch ihr krakeelendes Baby auf dem anderen Arm balancierte. Gretchen fühlte sich direkt entspannter, als sie sich schließlich der Länge nach hinlegen konnte. Vielleicht hatte sie diese kurze Verschnaufpause doch gebraucht. Nur fünf Minuten die Augen zumachen. Dann wäre sie auch bereit für den Höhepunkt des Abends. Ihre kleine intime Feier mit Marc zu ihrem ersten Jahrestag. Sabine, die den beiden Ärztinnen auf leisen Sohlen hinterher getrottet war, stand derweil noch etwas unschlüssig in der Tür. Maria nahm ihr das Wasserglas ab und stellte es neben das Bett aufs Nachtschränkchen, auf dem das aktuellste Familienfoto der wiedervereinten Familie Hassmann-Stier stand.

Sabine: Aber...
Maria (zwinkert erst Sabine, dann Gretchen vielsagend zu): Kein Aber, Schwester Sabine! Sie ruht sich jetzt erst einmal einen Moment aus. Dann ist sie später auch wieder fit für ihre besondere Abendgestaltung. Trinken nicht vergessen, Haase! In zehn Minuten bringen Sie ihr noch so ein Glas, Sabine. Und checken Sie, ob der Puls wieder rast oder abgesackt ist!
Sabine (nickt ihrer Oberärztin pflichtbewusst zu u. bemerkt im Hintergrund, wie im Nebenzimmer nun auch Anton u. Sissi anfangen sich zu melden): Jawohl, Frau Dr. Hassmann.
Maria (lächelt ungewöhnlich sanftmütig u. zieht sich langsam aus dem Raum zurück): Ich bin direkt nebenan, wenn du noch was brauchst, Gretchen, und stille erst einmal den kleinen Schreihals hier.
Gretchen: Ihr wieder.

...konnte Gretchen nur kopfschüttelnd auf die unerwartete und eigentlich überflüssige Hilfsbereitschaft ihrer beiden so unterschiedlichen Freundinnen antworten. Maria zwinkerte ihr wissend zu und starrte dann eindringlich auf die blonde Person, die ihr und Sophie den Ausgang versperrte. Bei Sabine dauerte es einen Moment, bis es endlich klick machte und sie folgte der grimmig dreinblickenden Oberärztin auf flinken Füßen aus dem Zimmer. Gretchen schaute ihnen noch nach, bis die Tür ins Schloss gefallen war, griff dann nach dem Wasserglas und nahm einen großen erholsamen Schluck daraus, dann legte sie sich wieder hin, drehte sich ein paar mal hin und her, bis sie die für sich perfekte Position gefunden hatte, und schloss schließlich ihre vor Müdigkeit schmerzenden Augen. Fast wäre sie auch gleich direkt weggenickt, wenn ihr Körper nicht etwas anders mit ihr vorgehabt hätte. Tischfußball der besonderen Art zum Beispiel. Es blieb nur eine Frage offen. Wer den ersten Ball geschossen hatte und sich nun als Sieger feierte?

Lorelei Offline

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20.08.2017 12:26
#1604 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Direkt eingetütet! Yeah! Ich hab’s immer noch drauf“, tanzte der junge Mann im schicken blauen Designerhemd, dessen oberste drei Knöpfe lässig offen standen, fröhlich jubilierend über das großzügige Rasengrundstück, welches hinter dem neuen Heim der Hassmann-Stiers zum angrenzenden kleinen See führte, von dessen Ufer aus zwei beleidigte, kleine, barfüßige Mädchen direkt hinterher wirbelten und sich dem Schelm schließlich protestierend in den Weg stellten, der sich gerade wie ein Weltmeister feierte. - „Gar nicht! Du schummelst, Onkel Marc“, merkte die Eine der beiden klagend an und brachte dabei ihre schönste Schmollschnute zur Geltung, während die Andere kichernd ihre Krakenarme ausbreitete, um sich an seine Seite zu schmiegen, und mit ihren faszinierend tiefgründigen Mandelaugen neunmalklug zu dem bestens aufgelegten Chirurgen hochblickte...

Lilly: Du hast uns hereingelegt. Schon wieder!
Sarah (stemmt schmollend ihre beiden kleinen Fäuste in die Hüften): Genau!
Oh Mann! Die zwei sind purer Zucker. Ich muss aufpassen, dass ich nicht direkt einen Diabetes mellitus entwickele, wenn das so weitergeht und mich hier keiner erlöst.
Marc (schaut sich gespielt verwundert um, so als ob er kein Wässerchen trüben könnte): Ach? Wie kommt ihr darauf? So was würde ich doch niemals tun. Tja, aber wenn ihr euch nicht darauf einigen könnt, was wir als Tor nehmen, dann hab ich eben schon einmal vorgelegt. Ronaldo zögert nämlich auch nicht, auch wenn er dabei im Gegensatz zu mir ziemlich bescheuert aussieht. Und ihr könnt nicht leugnen, dass ich nicht getroffen hätte. Obwohl ich zugeben muss, dass die Hüpfburg auch ein herrliches Ziel abgegeben hätte, wenn die Außerirdischen es nicht gerade zu bevölkern versuchen würden.

Demonstrativ blickte Marc zu der neongelben Hüpfburg direkt nebenan, auf welche gerade Schwester Sabine nach mehrmaligen Aufforderungsversuchen vonseiten der quietschvergnügten Lernschwesternbande von der Säuglingsstation des EKH unter Zuhilfenahme eines uneleganten Poschubsers ihres Ehemannes mühsam geklettert war, der dabei mit ungewohnter Leichtigkeit auf dem anderen Arm seinen Pflegesohn balancierte, der das seltsame Schauspiel seiner Familie auf unschlagbar treffende Art und Weise in Babysprache kommentierte. Jetzt konnten sich auch Marcs Fangirlies nicht mehr länger zusammenreißen und giggelten lautstark los, während sie sich jeweils an einer Seite ihres großen besten Freundes festkrallten, der es schon bereute, dass er sich nach der kleinen Zusatzeinlage als Lillys Hilfsgitarrist und Sarahs Triangellehrer von den beiden Nervkröten, die nicht müde zu kriegen waren, auch noch zu einem kurzen Fußballturnier hatte überreden lassen. Er war einfach zu weich geworden, schlussfolgerte er folgerichtig. Musste an der Hitze der Sonne liegen, die auch zu spätnachmittäglicher Stunde erbarmungslos auf das neu erworbene Angebergrundstück der Hassmann-Stiers herunterbrannte und dem einen oder anderen nicht nur in der Birne ziemlich zu schaffen machte.

Sarah: Das sieht aber ulkig aus.
Marc (schmunzelt mit den beiden mit): Hm! Künstlerisch nicht besonders wertvoll, in der B-Note durchgefallen würde ich sagen. Oder was denkt ihr?
Lilly: Wieso geht Onkel Günni denn nicht auch mit rauf? Er sieht ein bisschen verloren aus, so alleine wie er mit Anton davor steht und jedes Mal heftig zusammenzuckt, wenn Tante Biene zur Seite fliegt und Anton dazu vergnügt in die Hände klatscht.
Marc (kann bei dem grandiosen Bild, das ihm gerade geboten wird, nicht ernst bleiben): Keine Ahnung. Gummiallergie? Phobien? Sportattest?
Sarah (runzelt ihre kleine Denkerstirn u. folgt ihren ganz eigenen Interpretationen): Das sieht aber so aus, als ob das Bienchen keine Flügel hat.

Wenn sie welche hätte, müsste ich nicht ewig auf die Berichte warten und sie würde nicht bei der OP-Vorbereitung ständig trödeln. Zum Glück hab ich gerade meine Ruhe vor ihr und die Stasi-Sabsi kommt noch nicht so schnell wieder zurück auf Station. Ende August ist ja auch erst... Scheiße! Nächste Woche! Ich hab mal wieder ein Glück. Wahnsinn!

Marc (kleinlaut): Dafür hat sie aber einen Schuss.
Sarah (blickt ihm verständnislos in die zusammengekniffenen Schmunzelaugen): Was?
Marc (beißt sich auf die Lippen, um das Loslachen zu unterdrücken): Das wirst du irgendwann auch schon noch merken. Andere Frage. Wenn ihr schon die ganze Zeit Protest einlegen wollt, Bock auf eine Revanche? Es gibt dabei aber ein klitzekleines, nicht gerade unbedeutendes Problem, das wir, oder in diesem konkreten Fall ihr noch lösen müsst, wenn man es so sagen will. Äh... Wer holt jetzt eigentlich den Ball wieder aus dem Wasser? Der treibt langsam davon.
Lilly (sieht schlaumeierisch zu ihm hoch): Na der, der ihn reingeschossen hat, natürlich.
Sarah (stellt sich sofort auf Lillys Seite): Genau!

Diese hinterhältigen, kleinen...

Marc (durchaus angetan von ihrer zuckersüßen Hartnäckigkeit, aber das kann er auch): Bitte? Das ist aber nicht gerade Fairplay. Ihr seid doch die Torhüterinnen. Einmal im Tor, hat immer der Torwart den Freistoß. Ich dagegen bin Offensive und Stürmer in einem. Der Ball hat meinen Aufgabenbereich also verlassen. Das ist nicht mehr mein Job.
Sarah (verschränkt bockig ihre Arme): Das ist aber mein Ball. Den möchte ich gerne wiederhaben. Den hat mir nämlich Tante Biene geschenkt.
Marc (folgt seiner eigenen Logik): Dann soll die ihn eben holen.
Lilly (grinst u. greift nach Sarahs Hand): Sie ist beschäftigt. Und wir auch. Komm, Sarah, wir gehen auch noch mal auf die Hüpfburg und zeigen Biene, wie man richtig fliegen kann.
Sarah (hüpft begeistert in die Höhe u. verfehlt Marcs Füße dabei nur um wenige Millimeter): Au ja! Das macht megaviel Spaß.
Marc: Und mit mir nicht, oder was?

Aber ehe sich Dr. Meier versehen konnte, waren die beiden frechen Mäuse ihm auch schon entwischt. Sie stolperten an dem sichtlich erschrockenen Pathologen vorbei, der sie hinter sich nicht gleich hatte kommen sehen, und erklommen im nächsten Moment auch schon das quietschgelbe Riesenminion, an dessen Rand sich eine blasse, blonde, gefährlich hin und her wankende Krankenschwester krampfhaft festklammerte, während der Rest der Hüpfburg ganz in der Hand der ähnlich wie in einem Synchronballett hüpfenden Lernschwestern war, in die sich Lilly und Sarah nun fröhlich mit einreihten, was für Sabines fehlenden Halt nicht gerade förderlich war.

Marc (schüttelt fasziniert den Kopf u. schaut den frechen Gören sprachlos hinterher): Diese kleinen Biester! Die Kerle werden es später mal schwer mit ihnen haben, aber so was von.
Viel Spaß, mein lieber Kaan! Und der Drecksack erst! Der hat das so was von verdient. Tja, das hat man davon, wenn man(n) während der Zeugung keine gescheite Anzahl an Y-Chromosomen zusammenbekommt. Naja, besser als wenn man nur Nieten verschießt, weil man selber eine ist.
Cedric: Was hast du gesagt? Haben sie dich endlich erlöst, hm? Also, nach der Bewährprobe hast du die Stelle als offizieller Haus- und Hofbabysitter definitiv sicher. Herzlichen Glückwunsch, mein Lieber! Wir können aber leider nur unter Tarif zahlen. Wir haben uns nämlich haustechnisch gerade finanziell ein wenig verausgabt. Ich hoffe, das ist trotzdem okay für dich, wo ich doch weiß, dass ihr sehr bald jeden Cent zweimal umdrehen müsst, weil ihr euch Knall auf Fall verdoppeln werdet? Mhm! Das schafft auch nicht jeder. Respekt!

...sprach ein sehr belustigter Familienvater den bedröppelt dreinblickenden Chirurgenkollegen unvermittelt an, der lächelnd die beiden Mädchen zwischen den übermütigen und offenbar deutlich angeschäkerten Krankenschwestern beobachtete. Die Stasi-Sabsi hatte es gerade wieder wankend von dem Ungetüm heruntergeschafft und lehnte sich nun, immer noch blass, aber erleichtert, an ihren außerirdischen Mann mit dem Baby-Alien, wie Marc noch halb im Augenwinkel mitbekommen hatte, bevor er sich mit Ameisenblick bewaffnet zu seinem spöttelnden Wie-auch-immer-Kumpel umdrehte, der sich wohl für den Witzbold des Jahres hielt, der er aber definitiv nicht war, zumindest nicht, was das Niveau seiner infantilen Bemerkungen betraf.

Marc: Du spuckst mir vielleicht Töne. Wer gibt denn hier ständig damit an, dass er seinen Hühnerhaufen voll im Griff hat, hä, und gleich ein ganzes Jahr weicheimäßig in Elternzeit gehen will, weil Frauchen Karriere machen will, was sie aber nicht schaffen wird, weil die besten und lukrativsten Plätze schon von mir besetzt sein werden? Dann zeig mal, was du wirklich drauf hast, du Angeber! Eine deiner unzähligen Stöpselinnen hat ihr Spielzeug verloren. Das schwimmt da drüben neben dem alten hässlichen Kahn. By the way, hast du vergessen, den am Steg festzuzurren oder macht damit gerade jemand einen kleinen Ausflug, um ungestört rumzuknutschen und unsittliche Dinge zu tun, die man vor Kinderaugen besser nicht tun sollte? Mhm... Die Idee hätte von mir sein können. Hast du Haasenzahn irgendwo gesehen?

...wechselte Marc urplötzlich das Thema und scannte im nächsten Moment akribisch jeden einzelnen Zentimeter des großzügig geschnittenen Gartens der Hassmann-Stiers, während Cedric unschön überrascht auf den knallroten Ball mit den schwarzen Punkten starrte, der immer wieder von der Gischt gegen das kleine Ruderboot geditscht wurde, das in krakeliger Kinderschrift in Glitzerfarben Sarahs Namen trug und das er am Mittag zusammen mit seiner Schwester für den krönenden Abschluss des bislang sehr gelungenen Schulanfangsfestes präpariert hatte.

Cedric: Ey, ihr habt aber nicht das Boot getroffen, oder? Mann, da ist für Nachher das Feuerwerk drin, du Vollpfosten. Wenn der Timer beschädigt ist und Wasser da rein gekommen ist, dann haben wir jetzt den Salat.
Marc (fährt abrupt zu dem verärgerten Familienvater herum u. guckt ihn ganz entgeistert an): Bitte was? Auch noch ein Feuerwerk? Spielt dazu dann auch noch die Staatskapelle? Du hast doch echt den Arsch offen, Stier. Findest du nicht, dass du so langsam ein bisschen übertreibst mit deinem Kinderbespaßungsprogramm? Das ist ein Zuckertütenfest und nicht der Berliner Opernball. Und zum Abi spendierst du der Kröte dann eine ganze Elefantenherde, die ein Wasserballett im rosa Tutu aufführt, oder was?
Cedric (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. motzt direkt zurück): Ach, du hast doch keine Ahnung, Meier. Werd du erst mal Vater, dann reden wir weiter.
Marc (grinst süffisant u. dreht sich abrupt von der beleidigten Leberwurst weg): Mhm... Mein Stichwort. Ich bin dann mal weg.
Cedric: Und was ist jetzt mit dem verkackten Ball da drüben? Marc? Ey? Arsch!

Aber der Angesprochene hörte dem misstrauisch hinterher blickenden Neurologen gar nicht weiter zu, der nun auch noch von seiner ältesten Tochter, die Hand in Hand mit ihrer besten Freundin Lilly wild auf der Hüpfburg herumhüpfte und offenbar Augen und Ohren überall zu haben schien, prompt auf das Schimpfschweinchen verwiesen wurde, womit sie zahlreiche Gäste in direkter Hörweite zum Lachen brachte, nur ihren bloßgestellten Papa nicht, der sich schließlich widerwillig geschlagen gab, die Hosenbeine hochkrempelte und mutig in das zweiundzwanzig Grad warme Wasser stieg, um das Corpus delicti zurückzuholen und das vorbereitete Feuerwerk noch ein weiteres Mal auf Funktionsfähigkeit zu checken. Marc stiefelte derweil in schnellen Schritten über den von der Sonne verbrannten Rasen zu dem für das Abendessen mit verschiedenen Salaten, Dips und Soßen neu arrangierten Buffet, wo er Gretchen vermutete, aber auch dort war keine Spur von seiner immer hungrigen Herzangebeteten, wie ihm der freundliche Pförtner vom Empfang des Elisabethkrankenhauses bestätigte, der sich gerade über die ersten Biogrillwürstchen hermachte, die der Vater von Dr. Hassmann fröhlich auf dem eigens von ihm mitgebrachten Grill vor sich hin brutzelte, obwohl direkt daneben das hochmoderne und noch unbenutzte Hightechmodell stand, das sein Schwiegersohn sich erst kürzlich für gemütliche Grillabende am See angeschafft hatte.

Der verwunderte Chirurg schnappte sich ein weiteres Glas Sommerbowle spezial zur Beruhigung, das ihm von Marias Mutter herzlich angepriesen worden war, die spätestens seit dem gemeinsamen Auftritt mit ihrer geliebten Enkelin einen Narren an dem charismatischen Kollegen ihrer einzigen Tochter gefunden hatte, der doch so viel besser zu ihrer Maria passen würde als dieser ungehobelte Holzklotz und Taugenichts, der sich hinterhältig zurück in ihre Familie geschlichen hatte und anscheinend vor Gott und der Welt Narrenfreiheit besaß. Oder wieso sonst besaß der unverschämte Kerl als Einziger die Dreistigkeit, jetzt hier öffentlich baden zu gehen und das auch noch vollständig bekleidet? Sich um die geladenen Gäste zu kümmern, blieb also wieder einmal an ihr und ihrem Mann hängen. Typisch! Und während Hannelore Hassmann sich maßlos über ihren impertinenten Ex- und Wiederschwiegersohn ärgerte und ihrem gutmütigen Gatten ihr Leid klagte, der nur unbeeindruckt mit der Nasenspitze gezuckt hatte und gemütlich die Grillzange zum Einsatz brachte, um die hungrige wartende Meute zufriedenzustellen, war Marc einige Schritte weitergewandert und wandte sich nun in weiser Voraussicht an Anna Kaan, die mit gezücktem Handy auf der Hollywoodschaukel lümmelte und Nachrichten textete. Sie hatte ihre Riemchensandalen von ihren Füßen geschoben, hielt die Knie angewinkelt und bemerkte Mehdis besten Freund erst, als dieser sich direkt vor sie stellte und ihr das Sonnenlicht nahm.

Anna: Marc?
Marc (mustert sie eindringlich mit verschränkten Armen): Fällt dir was auf?
Anna (guckt verwundert über den Rand ihrer Sonnenbrille zu ihm hoch): Die Schattierung der Abendsonne um deine Silhouette macht richtig was her. Ja, stimmt, das sollten wir ausnutzen. Wenn du mich ganz lieb darum bittest, halt ich es für Gretchen fest. Damit sie auch von dir zuhause ein schönes Foto aufhängen kann. Falls du also noch kein Geschenk für euren Jahrestag hast, könntest du dich damit noch vor einer größeren Peinlichkeit retten.
Marc (hat der verschmitzt grinsenden Frau ungläubig zugehört, jetzt platzt ihm aber der Kragen): Sag mal, willst du mich verarschen?
Seit sie ihre innere Mitte oder was auch immer wiedergefunden hat, muckt sie ganz schön auf. Fast wie früher. Daher hat Lilly das also. Ich hab’s befürchtet.
Anna (rudert freundlich zurück, als sie merkt, dass Marc ihre Sprüche überhaupt nicht witzig findet): Das war nett gemeint, Marc. Weil ich weiß, dass sich Gretchen darüber freuen würde. Ich hab ihr übrigens gerade das Video von dir und Lilly geschickt. Ist richtig gut geworden. Aber ihr wart ja auch gut. Danke noch mal. Lilly war danach richtig glücklich.

Anna strahlte ihren guten Freund aus vollster Überzeugung an, der noch immer eine leichte Variante seines gnadenlosen Ameisenblickes in seinen dunkel schimmernden Augen aufwies, der jedoch schnell wieder einem sanfteren Ausdruck gewichen war. Denn der Auftritt mit Annas Tochter, das konnte er nicht leugnen, hatte ihm richtig Spaß gemacht. Er würde sich aber trotzdem nicht wiederholen. Denn nur die Besten der Besten hörten schließlich auf, wenn es am schönsten war. Wenn überhaupt, dann würde er ab sofort nur noch für seine eigenen Sprösslinge etwas vorsingen, äh... in die Saiten hauen. Wie kam er denn jetzt auf Vorsingen? Nur weil er vorhin bei seinem ACDC-Intro etwas zu inbrünstig mitgesummt hatte? Das war nie passiert. Er war schließlich auch gar nicht aufgetreten. Niemand hatte ihn gesehen, geschweige denn gehört. Das war allein Lillys Bühne gewesen und die ihres nervigsten Fans natürlich, der ihm gerade zum Glück mal fünf Minuten nicht an der Backe klebte wie eine lästige Schmeißfliege.

Marc (wiegelt mit einer lockeren Armbewegung ab): Kein Ding! Ich bin an den Hippokratischen Eid gebunden. Wenn irgendwer Hilfe wimmert, geht irgendein Automatismus los. Lässt sich nicht verhindern. Denn dann würde ich mich strafbar machen. Also, Schwamm drüber! Aber eine Sache schon noch. Da ist immer noch unser Deal, Anna. Solltest du nicht eine ganz bestimmte Person im Auge behalten, während ich ähm... beschäftigt bin, hm?
Anna (legt ihr Telefon neben ihr halbleeres Bowleglas auf den Gartentisch u. blickt sich suchend um): Oh! Das... Vorhin hat sie noch neben mir gesessen. Ich habe euer Video bearbeitet und die erste Kopie an Mehdi verschickt. Als ich wieder rüber gesehen habe, war sie dann weg. Aber ich glaube, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sabine bei ihr gewesen ist.
Marc: Sabine!

...murmelte Marc nur gedankenverloren, drehte sich auf der Stelle um und ließ seine gute alte Freundin einfach ohne ein weiteres Wort der Erklärung in der Sitzecke zurück. Anna blickte verwundert zur Seite, aber auch Sarahs Tante Elisabeth, die mit Blick auf das Wasser in einem gemütlichen Liegestuhl neben ihr saß und mit einem Strohhalm an ihrem Cocktail nippte und die alle wegen ihres Faibles für die Königshäuser Europas Sissi nannten und auf der aus grenzenloser Geschwisterliebe und Dankbarkeit auch der allseits beliebte schnuckelige Vorname von Cedrics mittlerer Tochter beruhte, wusste nicht, was dieser sonderbare Auftritt gerade zu bedeuten hatte. Sie war nämlich viel zu beschäftigt damit, ihren Lachanfall zu bändigen. Denn ihr großer Bruder kam gerade pudelnass vom See zurückgewatet. Mit einem leicht angenervten Ausdruck im Gesicht und seiner glitzernd roten Trophäe in der Hand, die er nun aus einem unerklärlichen Impuls heraus wie einen Volleyball in die Hüpfburg kickte. Direkt in die Arme seiner glücklichen Tochter, was Cedric jedoch gar nicht richtig mitbekommen hatte, weil er gerade sein pitschepatschenasses Hemd auswrang.

Das seichte Wasser bis zum Ende des schmalen Bootsstegs hatte nämlich so seine Tücken bewiesen. Von wegen knietief und kinderfreundlich, wie es in der Immobilienbroschüre beschrieben worden war. Cedric war eigentlich ganz gut bis zu dem verloren gegangenen Ball vorangekommen, hatte ihn sich geschnappt, hatte noch kurz in dem alten Holzkahn nach dem Rechten geschaut und war dann aber auf dem kurzen Weg zurück zum Ufer über irgendetwas gestolpert. Er war mit seinem großen Zeh daran hängen geblieben und hatte sich der Länge nach wortwörtlich nass gemacht. Einmal eine Komplettdusche. Bei dem vorherrschenden Sommerwetter eigentlich ganz angenehm, wenn auch unangenehm für das Gesamterscheinungsbild. Zumindest in seinen Augen. Die anwesenden Kolleginnen waren dagegen ganz anderer Meinung. Sie waren sichtlich angetan von dem ungeplanten Wet-T-Shirt-Wettbewerb im Programmheft, in dem Dr. Stier einen sehr guten Eindruck hinterlassen hatte. Dennoch guckte er ziemlich bedröppelt aus der Wäsche, als er unter dem schallenden Applaus seiner johlenden Gäste poseidonmäßig dem glasklaren Wasser entstieg. Ein Bild für die Götter war das. Und auch eins für die Hobbyfotografin Anna, die diesen göttlichen Moment natürlich direkt für Sarahs Fotoalbum für die Ewigkeit festhielt.

Marc Meier hatte Cedrics glanzvollen Auftritt derweil überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt und war in der Zwischenzeit zielgerichtet zur Hüpfburg spaziert, vor der sich die Gummersbachs auf eine Picknickdecke gesetzt hatten und ihr Pflegebaby bespaßten, das wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag und wild zappelnd Arme und Beinchen in die Höhe reckte, während es von Sabine und Günni liebevoll das gut genährte Bäuchlein gestreichelt bekam. Der verdutzte Oberarzt war zwar kurz davon abgelenkt, weil Anton mal wieder sein besonderes Lachen aufgesetzt hatte, das furchtbar ansteckend wirkte und nicht von dieser Welt schien, aber sprach das Familienglück schließlich im nächsten Moment auf seine bekannt forsche Art unvermittelt an...

Marc: Schwester Sabine, wo steckt Haasenzahn? Sie hängen doch sonst immer wie ein zweiter Schatten an ihrem properen Hinterteil.
Sabine (zuckt erschrocken zusammen u. rappelt sich flink von der karierten Decke auf): Oh, Herr Doktor, wir haben Sie gar nicht kommen gesehen. Anton ist so drollig, wenn er rückwärts über die Decke zu robben versucht, obwohl seine Motorik das noch gar nicht richtig hergibt. Er ist ziemlich eigenwillig, was seinen starken Bewegungsdrang betrifft, müssen Sie wissen.
Muss ich... NICHT! Noch mehr unnützes Wissen blockiert nur die wichtigen Dinge. Wie zum Beispiel, wo zum Teufel sich Haasenzahn versteckt hält und wieso?
Marc (verdreht leidend die Augen u. wird langsam ungeduldig): Ja, ja, hinreißend. Also? Wo ist sie?
Günni (hält mit einer Hand seinen robbenden Pflegesohn fest u. schaut Richtung Haus): Die Frau Doktor hat sich einen Moment hingelegt, Dr. Meier.
Sabine (nickt mitfühlend): Ihr war einen Moment nicht so gut und die Frau Doktor Hassmann meinte...
Marc (fährt der arglose Stationsschwester stinksauer über den Mund): Verdammt, warum sagen Sie das denn nicht gleich? Wenn Sie nicht endlich damit aufhören, dauerzufaseln, werden Sie es nie zur Oberschwester bringen, Schwester Sabine.
Sabine (ihre blauen Augen leuchten freudig überrascht auf): Das würden Sie mir zutrauen, Dr. Meier?
Marc (schüttelt unwirsch den Kopf u. ist mit seinen Gedanken schon längst woanders): Jetzt nicht! Und in Zukunft nicht!

...fiel der sichtlich beunruhigte Oberarzt seiner übertrieben freundlich und euphorisch dreinblickenden Stationsschwester uncharmant ins Wort und ließ sie und ihren bedröppelten Mann direkt stehen, um mit eiligen Schritten zum Haus zu laufen, welches er im nächsten Moment auch schon schwer atmend und mit unruhig klopfendem Herzen betrat. - „Haasenzahn?“, rief er verunsichert in die augenscheinliche Leere des modern eingerichteten Wohnzimmers und bekam nach kurzem Warten, während dem er das Blut, das in Sturzbächen zu seinem Herzen gepumpt wurde, in seinen Ohren rauschen hörte, aus zwei angrenzenden Zimmern fast zeitgleich auch prompt eine entsprechende Antwort, jedoch mit jeweils unterschiedlicher Aussagekraft.

Maria (meckert hassmannlike durch die geschlossene Kinderzimmertür): Meier, geht das auch verdammt noch mal etwas leiser? In diesem Haushalt leben Kinder, falls dir das in deiner geistigen Umnachtung noch nicht aufgefallen ist. Also, Lautstärke runterdrehen! Klar?
Gretchen (äußert sich etwas weniger energisch durch die geschlossene Gästezimmertür gegenüber): Ich bin hier, Marc.

Selbstverständlich folgte der konsternierte Unfallchirurg lediglich der liebreizenderen Stimme der beiden befreundeten Ärztinnen in den hinteren Winkel des geräumigen Holzhauses. Er guckte sich jedoch zur eigenen Sicherheit vorher noch einmal vergewissernd um, ob die hormongeladene Helikoptermama nicht doch noch jeden Moment mit einem Nudelholz bewaffnet aus dem Babyzimmer herausgepoltert kommen könnte, was zum Glück nicht der Fall war, bevor er sich dem Gästezimmer gegenüber näherte. Mit klopfendem Herzen tippte Marc kurz geräuscharm an den Rahmen aus Teakholz und schlüpfte anschließend schnell durch die Tür, die er hinter sich direkt wieder schloss. Was ihn dann jedoch in dem kleinen unscheinbaren Raum erwartete, ließ sein wild schlagendes Herz einmal kurz aussetzen. Er registrierte selber gar nicht, wie sich seine Füße in schnellen Schritten auf das Bett zu bewegten, in das sich Gretchen, so gut es eben in ihrem Zustand möglich war, hineingekuschelt hatte. Sie wirkte unter der beigefarbenen Bettdecke furchtbar blass und erschöpft auf den sich beunruhigt fühlenden Oberarzt, der sich prompt auf die Bettkante setzte und seine Hand tief seufzend an ihre gerötete Wange legte. Verlegen schaute die Hochschwangere zu ihrem Herzprinzen hoch, der sie verliebt wie immer anlächelte, und es ging ihr flugs wieder etwas besser.

Gretchen (flüstert kaum hörbar): Tut mir leid.
Marc (runzelt verwundert die Stirn): Was tut dir leid?
Gretchen (kämpft mit den aufsteigenden Tränchen u. wimmert herzerweichend): Ich hab schlapp gemacht, Marc.
Marc (lächelt sanftmütig u. verständnisvoll u. wischt mit dem Zeigefinger liebevoll einzelne Kullertränen von ihrer Wange): Nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest, mein Engel.
Gretchen (schnieft u. blinzelt die unaufhörlich kullernden Tränen angestrengt weg): Doch! Weil... weil... ich mich doch so auf diesen Tag heute gefreut habe.
Marc (sieht die hinreißende Heulsuse eindringlich an): Und?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick): Das weißt du ganz genau, Marc.
Marc (gibt sich betont unwissend u. bringt Gretchen damit leicht auf die Palme, was natürlich seine Absicht ist): Ach, tue ich das?
Gretchen: Marc!
Marc (grient die ungekrönte Schmollkönigin auf seine typisch spitzbübische Art an): Du musst es schon aussprechen, Haasenzahn.
Gretchen (der Groschen fällt u. die Tränen sind sofort vergessen, als sie den charmanten Provokateur ein weiters Mal gereizt von der Seite anfährt): Maaarc!
Marc (lacht u. tippt wie selbstverständlich auf seine teuere Designerarmbanduhr am Handgelenk): Sag es! Ich warte und das übrigens schon eine ganze Weile, die mich viele Nerven, mein Gehör und meinen rechten Passfuß gekostet hat. Ich glaube, mit mir ist heute nicht mehr viel anzufangen, wenn das so weitergeht. Ich werde hier als Kindersklave missbraucht, das war so nicht abgemacht.
Idiot! Ich weiß gar nicht, wieso ich immer wieder auf ihn reinfalle. Ach so, weil er...
Gretchen (verdreht theatralisch die Augen u. gibt schließlich nach): Okay?!? Unter Umständen, vielleicht, eventuell könntest du doch Recht gehabt haben. Der große, weise, allwissende Dr. Meier hat es vorausgesagt und ich hab mich stur gestellt und hab es ausgeblendet. Ja, ich habe mich überanstrengt, aber nur ein klitzekleines bisschen, weil es so warm ist und ich wegen heute allgemein ziemlich aufgeregt bin. Aber ich ruhe mich wirklich nur aus. Fünf Minuten. Ich bin gleich wieder fit und für dich da. Dann können wir auch.

Ach, mein Engel, das ist wieder so typisch für dich. Immer mit dem Sturköpfchen durch die Wand und zuerst alle anderen, bevor du auch mal drankommst. Eigentlich gehört dir der Hintern versohlt und die Versuchung ist groß, das auch noch nachzuholen. Ich hab jetzt schließlich mehr als nur einen Wunsch frei.

Marc (grinst zufrieden über das ganze Gesicht u. drückt ihr einen kleinen Kuss auf die selbstbewusst in die Höhe gereckte Nasenspitze): Das nenne ich doch mal eine Ansage. Das ist mein Mädchen.
Gretchen (lehnt sich schmollend in ihre Kissen zurück): Du bist so blöd.
Marc (ist völlig hingerissen von seinem Schmollhäschen): Und du bist...
Gretchen (richtet sich alarmiert wieder ein wenig auf, was sie ziemlich aus der Puste kommen lässt): Ich warne dich.
...süßer als jede einzelne, vermutlich schon längst zerflossene Süßigkeit in Sarahs sechzehn Zuckertüten.
Marc (tippt sie nur leicht mit dem Zeigefinger an u. schiebt ihr Trotzköpfchen zurück auf das weiche Kissen): Du sollst dich doch nicht aufregen. Okay?
Gretchen (setzt ihr schönstes Schmolllächeln auf): Dann darfst du mich aber auch nicht ständig provozieren. Oder überraschen. Oder...
Marc (schaut sie erwartungsvoll an): Ja?
Gretchen (strengt ihr Lockenköpfchen an): Ja, warte, ich komm noch drauf. Ich muss mich nur sortieren.
Marc (grinst): Oh, das kann dauern.
Gretchen (klapst ihm leicht mit beiden Händen auf den Arm u. lehnt sich dann erschöpft wieder in ihre Kissen zurück): Blödmann! Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du so... so... so bist. Ich hab das Gefühl, hier oben ist alles total durcheinander geraten. Ich kann nicht mehr richtig denken, von kontern ganz zu schweigen. Ich glaube, ich habe sogar vergessen, wie es ist, Chirurgin zu sein.
Marc (schüttelt den Kopf): Das glaube ich nicht. Du bist das zwar noch nicht so lange, aber das kann man nicht vergessen. Das ist wie Fahrradfahren und Sex.
Gretchen (boxt sich ihr Kopfkissen zurecht, auf das sie sich schließlich schwer seufzend bettet): Toller Vergleich, wo ich doch für beides momentan nicht gerade prädestiniert bin.
Marc (kniet sich vor das Bett u. lehnt sich mitfühlend zu ihr vor): Schatz, es ist alles in bester Ordnung. Wie immer. Also, so gut wie. Für die restlichen Prozente sorgen wir dann schon noch. Später.
Gretchen (sieht ihren Traumprinzen, der ihr frech zugezwinkert hat, aus großen faszinierten Augen an): Dann bist du wirklich nicht enttäuscht?
Marc (reagiert verdutzt, während er liebevoll ihr eiskaltes Patschehändchen streichelt): Enttäuscht? Wieso enttäuscht?

Weil ich eine hoffnungslos übermütige und sich selbst überschätzende Närrin bin. Wenn mich niemand stoppen würde, würde ich vermutlich selbst im neunten Monat noch beim Berlin-Marathon mitlaufen und dabei hasse ich doch Laufen. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Nein, ich hab es gewusst, ich wollte es nur nicht wahrhaben. Weil ich unbedingt dabei sein wollte.

Gretchen (kämpft erneut mit den Tränen): Weil, weil... ich unseren Jahrestag vermasselt habe.
Marc (grient sie völlig hingerissen an): Glaub mir, Liebes, da braucht es eindeutig mehr für.
Gretchen (senkt verschämt ihren Kopf): Und wenn mehr nicht drin ist, Marc? Ich weiß, du hast dir viel, viel mehr versprochen von heute Abend. Und ich will ja auch. Wollte. Ich hab mir das so schön vorgestellt.
Marc (seufzt u. schaut dem schüchternen Häschen lange in die verweinten Augen, die immer wieder unsicher zu ihm hoch blinzeln): Haasenzahn, jetzt schau mich mal an! Denkst du wirklich, ich wäre ernsthaft davon ausgegangen, dass wir heute Abend zur Feier des Tages das Kamasutra rauf und runter zelebrieren würden? Ich gebe zu, der Gedanke klingt durchaus verlockend und ich weiß aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass wir dazu durchaus in beeindruckender Lage sein würden und für Experimente jeder Art bin ich immer empfänglich. Das weißt du. Dein Angebot vorhin hat mir im ersten Moment ziemlich die Beine weggezogen. Das kannst du mir glauben. Du bist und bleibst der absolute Wahnsinn. Unberechenbar und immer für eine Überraschung gut und dafür liebe ich dich unendlich. Aber ich bin kein Idiot, Gretchen. Davon laufen hier schon genug andere herum. Ich weiß, was möglich ist und was nicht. Das ist auch vollkommen okay für mich. Das war es in den vergangenen Wochen schon, während der ich dich immer wieder deswegen aufgezogen habe, wofür ich mich jetzt und hier offiziell entschuldige, und das wird es auch im Endspurt sein. Mein Schildkrötchen! Wir müssen nichts überstürzen und künstlich überhöhen, nur weil heute dieser eine besondere Tag ist, der mir übrigens genauso viel bedeutet wie dir, auch wenn ich es vielleicht nicht oft genug gesagt und stattdessen andauernd Scherze darüber gemacht habe. Aber Schatz, davon gibt es noch zigtausende und jeder einzelne ist besonders, weil ich sie zusammen mit dir verbringen darf. Selbst wenn du gerade so aktiv bist wie ein Nachtschattengewächs oder die voll gefressene Pandadame, die sich der Berliner Zoo für mehrere Hunderttausende im Jahr von den Reisfressern ausgeliehen hat. Du bist übrigens auch jeden einzelnen Cent wert. Ich würde sogar mein letztes Hemd dafür geben, um den Tag mit dir verbringen zu dürfen. Jeden einzelnen Tag, der noch kommen wird in unserem anstehenden Abenteuer.
Gretchen (hängt gebannt an seinem intensiven Blick u. jedes Wort von ihm trifft sie mitten ins Herz): Wirklich?
Marc (sieht ihr tief bewegt in die hoffenden Augen): Wirklich!
Gretchen (ein kleiner Restzweifel nagt dann doch noch an ihr): Aber der Tag sollte doch besonders werden.
Marc (kontert pfeilschnell): Ist er doch auch.
Gretchen (kann endlich wieder lächeln, weil sie ihm glaubt): Du bist ein charmanter Lügner, Marc Meier.
Marc (richtet sich gespielt empört auf): Wann hab ich denn gelogen, deiner werten Meinung nach, hm?
Gretchen (grient ihn plötzlich zuckersüß an): Du wolltest gar nicht hier sein.
Marc (kontert direkt gewohnt selbstbewusst): Aber ich bin hier!
Gretchen (freut sich ehrlich darüber): Also hattest du doch Spaß?
Marc (zögert seine Antwort einen kurzen Moment hinaus, damit seine gewählten Worte besonders eindrucksvoll zur Geltung kommen): Haasenzahn, ich weiß nicht, ob du es in deinem Weltschmerzdelirium mitbekommen hast, wenn nicht, dann schau mal auf die Nachricht, die dir Mehdis Ex gerade geschickt hat, aber ich stand vorhin vor der halben Belegschaft unseres Krankenhauses und hab mich komplett zum Affen gemacht. Mehr Spaß geht also nicht.

Er ist und bleibt mein Held! Mein Marc! Hach... ich liebe dich für immer und ewig.

Gretchen (ihre Augen strahlen wieder vor lauter Glück): Stimmt! Lilly und du, ihr wart so toll. Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet.
Marc (grinst verschmitzt): Du, ich auch nicht.
Gretchen (lächelt hingerissen): Aber ich fand es richtig süß von dir, dass du dich von ihr hast überreden lassen.
Marc (streicht sich zufrieden über seine stolzgeschwellte Brust): Die Firma dankt und nimmt zu jeder Zeit in jedweder Form Trinkgeld an. Alles wieder gut?
Gretchen (nickt lächelnd): Fast!
Marc (runzelt verwundert die Stirn): Nur fast?
Gretchen (schiebt sich ihre Hände unter das Kopfkissen u. schmachtet Marc neben sich verliebt an): Spielst du auch mal nur für mich alleine Gitarre?
Marc (schmunzelt u. setzt zur Denkerpose an): Eigentlich hab ich vorhin auf dem Höhepunkt meine kurzweilige Karriere beendet.
Gretchen (verzieht enttäuscht ihr Gesicht u. guckt demonstrativ an die Decke, wo sich verschwommen ein kleiner Spielfilm abspielt): Oh! Verstehe! Dabei hab ich mir das immer gewünscht. In meinen Träumen, als ich ein Teenager war. Ich hab mich damals mit Steffi und Susanne immer heimlich an den Strand geschlichen, wo die älteren Klassenstufen zusammen am Lagerfeuer gesessen haben, Geschichten erzählt, geflirtet, getrunken und Stockbrot gegessen haben, obwohl bei uns Schülern aus der Unterstufe in den Zimmern im Landschulheim schon lange das Licht hätte aus sein müssen und Frau Behrenbusch immer wie ein bissiger Wachhund auf uns aufgepasst hat, und hab mir vorgestellt, du würdest nur für mich Gitarre spielen. Der Wind in deinem Haar hat dir etwas richtig Verwegenes gegeben. Wie ein sexy Pirat, nur ohne Augenklappe und ähm... hinkendem Holzbein.
Marc (schüttelt bei der Vorstellung feixend den Kopf): Hätte mir auch nicht gestanden und mir vermutlich sämtliche Chancen bei den Mädels aus dem Mädcheninternat in Bayern verbaut, die zur gleichen Zeit im Landschulheim waren.
Gretchen (verliert sich regelrecht in ihre Schwärmerei von damals): Der Strand, das Lagerfeuer, über uns unendlich viele Sterne, Meerrauschen im Hintergrund. Also, ich fand das total romantisch. Finde ich immer noch. Schade, dass wir neulich, als wir an der Ostsee waren, nicht daran gedacht haben, deine Gitarre mitzunehmen. Ich glaube, wir waren zu spontan.

Von Weltschmerz in den Romantikmodus in weniger als fünf Sekunden. Neuer Rekord!

Marc (grinst vergnügt vor sich hin u. taucht in Gretchens zuckersüßen Tagtraum mit ein): Sind wir doch immer. Mit Strand kann ich vielleicht nicht unbedingt dienen, dafür müssten wir erst den Sandkasten der Mini-Hassmännin plündern, aber ein Strandkorb wartet zuhause auf unserer Dachterrasse. Die verwelkten Sommerblumen um uns herum tun es doch bestimmt auch als Kulisse für unser kleines, privates, intimes Date? Wir haben doch noch ein Date, oder?
Gretchen (grient ihren Traumprinzen ungeniert an u. schmiegt ihre Hand an seine): Denkst du, wir können über Berlin auch den Sternschnuppenregen sehen? Sabine meinte, die Perseiii...dingsbums würden noch mindestens eine Woche anhalten. Und dann ist da heute Abend auch noch so ein weiteres Himmelsspektakel. Ich hab nicht genau zugehört, aber es soll toll werden.
Marc (schaut ihr fasziniert in die leuchtendblauen Augen): Noch mehr Wünsche für die Kleinen? Haben wir neulich nicht schon genug gesammelt?
Gretchen (folgt ihrer ganz eignen Haasschen Überzeugung, mit der sie Marc prompt um kleinen Finger wickelt): Es kann nie genug davon geben und wenn es nur hilft, die beiden wieder etwas in Schach zu halten.
Marc (legt seine Hand instinktiv auf ihren Bauch unter der Decke u. spürt die Bewegungen der beiden strampelnden Babys deutlich): So schlimm?
Gretchen (will eigentlich nicht, aber fängt unkontrolliert wieder an, leicht zu weinen): Hm! Sie scheinen, eine ganze Fußballweltmeisterschaft an nur einem Tag abhalten zu wollen. Sie kommen eindeutig nach dir.

Na, das hoffe ich doch! Hey, nicht so doll, ihr beiden! Eure Mama braucht auch mal fünf Minuten für sich. Wir verstehen uns doch, oder?

Nein, Gretchen, nicht schon wieder! Nicht schon wieder weinen! Sonst vergraulst du Marc doch noch. Irgendwann ist seine Geduld mit dir nämlich auch zu Ende. Meine aber auch. Ich will mich nicht so fühlen. Ich hab euch doch so lieb. Ich möchte doch nur so gerne wenigstens mal zehn Minuten Siesta halten dürfen. Geht das? Bitte, ihr zwei! Dann dürft ihr auch wieder Finale spielen. Ich bastle euch auch einen Pokal, wenn ihr wollt.


Marc (massiert intuitiv ihren Bauch u. beobachtet dabei Gretchens Gesicht, das Bände spricht): Oh ha! Die Sturzbäche wieder. Weltuntergang, Klimakatastrophe oder was anderes?
Gretchen (zuckt überfordert mit den Schultern u. versucht irgendwie, Marcs Massage zu genießen, was ihr aber nicht gelingt): Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist, Marc. Mir wird das alles zu viel momentan.
Marc (bettet seinen Kopf sanft neben ihrem u. schaut ihr tief bewegt in die feucht schimmernden Augen, während eine Hand weiter zärtlich ihren Babybauch streichelt): Ich verrate dir ein Geheimnis. Mir auch. Dich so zu sehen und nichts tun zu können, was hilft, macht es für mich auch nicht gerade einfacher.

Er ist so lieb. Wieso muss er gerade jetzt so lieb sein? Wenn er wenigstens seine Witzchen machen würde, würde mich das ein bisschen davon ablenken, dass ich nicht mehr kann und will und überhaupt. Wenn der Bienenschwarm nicht endlich damit aufhört, heb ich wirklich noch von ganz alleine ab, was zumindest einen entscheidenden Vorteil hätte. Ich müsste nicht mehr mit der Schwerkraft ringen und die hat sich noch mehr gegen mich verschworen als ihr beiden süßen Frechdachse.

Gretchen (Marcs liebevoller u. verständnisvoller Umgang mit ihr bringt sie gleich noch mehr zum Schluchzen): Ich kann gar nicht fassen, dass du mich immer noch so gern hast. Ich bin momentan unausstehlich und ständig lasse ich meine schlechte Laune an dir aus. Das will ich eigentlich gar nicht. Aber ich habe seit einer Woche nicht mehr richtig geschlafen. Und wenn ich es doch mal schaffe, einzuschlafen, wecken die beiden Rabauken mich spätestens nach einer halben Stunde wieder auf, weil sie zu den unmöglichsten Zeiten eine wilde Party schmeißen möchten, wofür ich absolut keine Kraft mehr habe. Ich weiß gar nicht, woher sie das haben. Vermutlich weil sie meine letzten Energiereserven angezapft haben. Ich fühl mich jedenfalls nur noch dick und hässlich. Ich hab Wasser in den Beinen. Meine Blase ist auf Dauerbetrieb eingestellt. Ich kann keinen Weg mehr alleine gehen, weil mir ständig die Puste ausgeht oder ich gar nicht erst hochkomme. Mir tut alles weh. Ich kann meine Füße nicht mehr sehen, was vielleicht auch besser so ist, weil ich so nicht sehen muss, wie ich Big-Foot-Abdrücke auf der trockenen Wiese hinter dem Haus hinterlasse. Sarah freut sich bestimmt darüber, wenn sie sie entdeckt und ihr Forschungsequipment auspacken kann. Ich musste sogar die Golfschuhe von meinem Vater anziehen, weil ich weder in meine, noch in deine Schuhe mehr hineinpasse, und die passen eigentlich zu gar nichts und hierzu erst recht nicht. Dabei wollte ich doch heute hübsch aussehen. Ich wollte das heute wirklich. Ich habe das nicht nur so dahergesagt. Ich wollte wenigstens noch einmal raus und etwas erleben. Zusammen mit dir. Ich wollte für dich schön sein, damit du mit mir angeben kannst, und für fünf Minuten hab ich mich auch tatsächlich so gefühlt. Weil ich gemerkt habe, wie du mich anschaust. Ich glaube, die anderen waren auch ganz schön beeindruckt. Ich bin ja auch ziemlich auseinander gegangen, seitdem ich im EKH aufgehört habe. Das Kleid hier ist das letzte Kleidungsstück, in dem ich nicht wie eine Presswurst aussehe, sondern nur wie ein außer Form geratener Regenbogen. Hab ich zumindest gedacht. Bis eben. Ach, Marc, es ist alles so schrecklich. Ich kann mich gerade selbst nicht besonders leiden.

Oje! Apocalypse now ist ein Scheiß dagegen.

Marc (schmiegt sich an die Seite des Trauerkloßes u. hält ihn schmunzelnd fest in seinen Armen): Dann übernehme ich das eben jetzt für uns beide. Ich mag dich nämlich genauso, wie du bist. Unberechenbar, oder na gut, vorhersehbar, vorlaut, klug und schlagkräf...fertig. Und du bist alles, aber bestimmt nicht unausstehlich und hässlich schon mal gar nicht. Mir kannst du ruhig glauben. Ich hab einen Blick für schöne Frauen. Und apropos Regenbogen, findet man an dessen Ende nicht immer einen Schatz? Ich glaube, ich hab ihn gefunden.
Gretchen (lässt sich durch seinen unverwechselbaren Charme tatsächlich zu einem kleinen Lächeln hinreißen, hält sich aber im nächsten Moment auch schon wieder den Bauch, weil sie das nervige Ziehen kaum noch aushält): Danke, du Schmeichler! Die Kobolde am Ende des Regenbogens sind aber ziemlich... Ooohh! Jetzt fängt das schon wieder an. Mit mir ist heute wirklich nicht mehr viel anzufangen. Ich glaube, mehr als kuscheln im Strandkorb ist nicht mehr drin. Tut mir leid.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu u. robbt zum Bettende vor, um sich nun ausgiebig ihren schmerzenden Füße zu widmen, die er zunächst einmal von den hässlichen Schuhen befreit): Nix da! Lass das mal schön meine Sorge sein.
Gretchen (strampelt ihn ungelenk von sich weg): Marc, ich meine das wirklich ernst.
Marc (hält einen Fuß fest u. beginnt sie trotz heftigem Widerstand mit sanftem Druck zu massieren): Ernst ist mein zweiter, äh... dritter Vorname.
Gretchen (schaut erschöpft zu ihm runter): Maaarc, bitte! Ich will das nicht. Mir ist das unangenehm.
Marc (lässt schließlich los u. hält seine Hände in Unschuldspose hoch): Okay? Ist angekommen. Heute wirkt anscheinend gar nichts mehr.

Hätte nicht gedacht, dass ich mit meinem Medizinerlatein mal ans Ende geraten könnte. Darauf hätte Mehdi mich mal besser vorbereiten sollen, anstatt ständig wildfremden Leuten unter den Rock zu gucken oder sich vermöbeln zu lassen. Wobei, an letzterem hat er ja keine Schuld. Alter, wieso bist du heute nicht hier? Du wüsstest, was zu tun ist. Aber dafür räche ich mich noch an dir. Du bist mir eh wegen Prinzessin Lillyfee noch megaviel schuldig. Das wirst du niemals zurückzahlen können, mein nerviger Freund.

Gretchen (lockt ihren ratlosen Freund mit einem hinreißenden Lächeln wieder hoch zum Kopfende des Bettes, wo sie ihn schnell in ihre Arme schließt u. mit ihren Gedanken davon driftet): Danke für dein Verständnis, Marc! Ich weiß, ich bin momentan ziemlich...
Marc (knipst mit Zeigefinger u. Daumen ihre süße Schnute zu): Jetzt stopp mal deine Selbstgeißelung, Haasenzahn! Das bringt doch nichts. Alles ist gut, würde eine ganz bestimmte Person jetzt sagen, wenn sie den Termin hier nicht geschwänzt hätte. Und davon warst du doch vorhin auch noch überzeugt, hm?
Gretchen (lächelt unsicher, nachdem er ihre Lippen, die er nicht widerstehen konnte, sanft zu küssen, wieder loslässt, u. hadert immer noch mit sich u. der Gesamtsituation): Weißt du, ich liebe es, schwanger zu sein. Die vergangenen Monate waren unglaublich schön und unvergesslich. Aber ich glaube mittlerweile, es war vielleicht doch keine so gute Idee, ausgerechnet im Hochsommer schwanger zu werden. Ich hab die Nebenwirkungen total unterschätzt.
Marc (blickt ihr ungläubig in die ihn schüchtern fixierenden blauen Kristalle u. bügelt diesen völlig absurden Gedanken ganz schnell meierlike ab): Haasenzahn, das will ich nicht gehört haben. Klar? Das war mit Abstand die allerallerallerbeste Idee, die wir je hatten.
Gretchen (strahlt ihn mit ihren großen leuchtenden Augen erwartungsvoll an): Ja?
Marc (nickt ihr eifrig zu u. schnappt sich ihr kleines Patschehändchen, um es mit seinem über ihrem Babybauch zu verschränken): Aber so was von! Das nennt sich selbstprovozierende Prophezeiung, oder so ähnlich. Außerdem muss ich dich korrigieren. Du bist nicht im Hochsommer schwanger geworden, sondern zu einer völlig anderen Jahreszeit. Nachdem du nämlich bei eisigen Minustemperaturen mit deinem äußerst attraktiven Hinterteil auf eher zweifelhafte und hochakrobatische Art und Weise einen steilen Schneehang runtergerutscht bist und wir uns anschließend im Spaßbad wiederaufwärmen mussten. Obwohl, wenn ich mir das jetzt so genau überlege, dann hast du vielleicht doch recht. Es war doch ziemlich heiß in unserer Liebesgrotte. Vor allem du warst extrem heiß und willig. Ich hab mir ganz schön die Finger an dir verbrannt, du Luder. Mit entsprechender Wirkung. Von wegen Nebenwirkungen. Aber gut, dass du die mit deinem Lieblingsarzt des Vertrauens besprichst und nicht mit dem nächstbesten dahergekommenen Apotheker oder schlimmer noch, Mehdi.

Er ist so ein Spinner. Aber er hat recht. Ich wünschte, wir könnten uns noch einmal in diese Zeit zurückkatapultieren, als alles noch so frisch und völlig schwerelos und unbeschwert war. Dann könnte ich zumindest meinen Rodelunfall korrigieren.

Gretchen (läuft augenblicklich rot an, als sie an ihren ersten Liebesurlaub mit Marc im Paradies zurückdenkt u. was sie währenddessen dort alles angestellt haben): Marc, du bist unmöglich. Wie kannst du ausgerechnet jetzt daran denken?
Marc (zwinkert der knallroten Tomate vielsagend zu, während seine frechen Chirurgenfinger unter der Decke demonstrativ auf Wanderschaft gehen): Was heißt denn hier ‚ausgerechnet jetzt’? Vielleicht denke ich ja ständig daran zurück. An unsere sexintensivste Zeit. Mhm... Gerade jetzt, wo wir so aktiv sind wie Pandabären im Winterschlaf. Das soll jetzt aber keine Kritik sein.
Gretchen (die aufsteigende Hitze, die seine Berührungen bewirken, verwirrt sie zusehends): Maaarc!
Marc (genießt lachend ihr perplexes Gesicht u. konzentriert sich auf seine liebevolle Bauchmassage): Greeetchen, vielleicht ist da oben bei dir im Oberstübchen doch einiges ganz schön durcheinander geraten. Mit Mathe hast du’s nicht mehr so, oder? Dann rechne mal bitteschön acht Monate zurück, Fräulein Haase!
Gretchen (rollt theatralisch mit den Augen u. ignoriert die Gefühlsexplosionen in ihrem Körper, die sie völlig durcheinander bringen): Ich weiß, was vor acht Monaten war, Marc. Das Resultat ist schließlich nicht mehr zu übersehen.
Marc (nach einem kurzen Kuss auf ihre gigantische Babymurmel grinst er ihr pappfrech ins Gesicht): Gut, dann ist deine Schwangerschaftsdemenz ja doch noch nicht so ausgeprägt. Ich hatte schon Sorge. Nicht dass du mich darüber auch noch vergisst.
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf, weil man mit dem Quatschkopf einfach nicht richtig reden kann): Du bist so blöd.

Aber danke für die Ablenkung! Ich hab das gebraucht.

Marc (gespielt ernst): Nein, bin ich nicht. Ich denke nur gerade für zwei, äh... vier. Und ich überlege gerade eine Strategie, wie wir dich und deine fußballbegeisterten Mitbewohner jetzt unbeschadet hier raus kriegen, ohne Aufsehen zu erregen. Ich würde ja gerne deine Tagebuchillusionen erfüllen und dich heldenhaft da raus tragen, aber ich bin mir nicht so sicher, ob meine Bandscheibe das noch mitmachen würde. Meinst du, Stier hat irgendwo eine Sackkarre? Obwohl, ein Gabelstapler tut es bestimmt auch.
Gretchen (tippt ihn empört an den Arm): Marc, du bist unmöglich. Kannst du nicht ein bisschen mehr Verständnis aufbringen? Mir ist wirklich nicht so gut heute und ich will einfach nur noch nach Hause.
Marc: Naja, du bist nun mal... unheimlich... schwer. Das lässt sich nicht leugnen. Obwohl ich zugeben muss, dass es echt seine Vorteile hat, jetzt einmal ungeniert behaupten zu können, dass du wirklich, aber so richtig wirklich dick bist.

Marc griente seine empörte Freundin auf unwiderstehliche Art und Weise an und sprang, bevor Gretchen noch einmal mit ihrem Arm hätte ausholen können, wieder aus dem Bett. Aber der Veralberten kam gar nicht in den Sinn, sich für Marcs Spruch zu revanchieren. Erstens, hatte er durchaus recht mit seiner uncharmanten Behauptung und zweitens, lenkten sie die Wundersterne in ihrem Bauch schon wieder eindrucksvoll mit ihrer ganz eigenen Homeparty ab. Ihr blieb regelrecht die Luft zum Atmen weg. Also musste jemand anderes die Rächerin der gefoppten Frauen dieser Welt spielen. Und dieser jemand stand auch schon wie aufs Stichwort prompt wortgewaltig parat und guckte mit seinem zuckersüßen Baby auf dem Arm amüsiert von seinem Platz an der geöffneten Tür aus zwischen dem sich heftig anflirtenden Paar hin und her und dachte sich so seinen eigenen Teil...

Lorelei Offline

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02.09.2017 13:48
#1605 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Maria: Haase, ich hätte dir mittlerweile mehr Selbstachtung zugetraut. Aber du bist wohl unbelehrbar, was seine kindischen Spielchen betrifft. Ich könnte ihm aber immer noch Hausverbot erteilen, falls du das möchtest. Ich bin dir als Gast nämlich verpflichtet. Und ich hab nun mal Hausrecht.
Marc (fährt erschrocken zu der ungebetenen Beobachterin herum u. erstarrt regelrecht bei ihrem überraschenden Anblick): Boah Hassi, kannst du nicht anklopfen? Hast du nicht noch...? Och nee, sie tut es schon wieder! Das ist doch Absicht. Ey, ist das deine kranke Art, uns von eurem Angebergrundstück zu vertreiben? Dann herzlichen Glückwunsch! Ist dir gelungen. Wir gehen. Also, wenn Haasenzahn dann mal soweit ist.
Maria (grient ihr perplexes Gegenüber süffisant an u. setzt noch einen obendrauf, weil sie gerade so gut in Fahrt ist): Frau tut, was sie kann.
Marc (hält sich demonstrativ die Augen zu, um nicht plötzlich zu erblinden, während Gretchen den frechen Sprücheklopfer zu stoppen versucht, indem sie vergeblich an seinem Hemdsaum zieht): Haha! Ey, pack endlich deine Brüste ein, Maria! Deine eigenwillige Selbstreklame wirkt nicht bei jedem und bei mir schon mal gar nicht. Dazu müsste ich ein bisschen betrunkener sein. Oder komatös. Oder im Fieberwahn.

Marc wollte gerade sein reichlich gefülltes Sprüchekonto plündern, aber nachdem er sich dann doch aus Versehen wieder zu der zickigen und ungewohnt freizügigen Oberärztin umgedreht hatte, fiel ihm als erstes nicht nur seine große Kinnlade herunter, sondern auch etwas Entscheidendes in den Blick, dem er sich nicht mehr rechtzeitig hatte entziehen können. Es war wie bei einem schweren Unfall. Man musste einfach hingucken. Man konnte gar nicht anders. Die verräterischen Augen klebten förmlich daran, obwohl der vorlaute Chirurg, der alles andere als prüde war, es definitiv nicht gewollt hatte. Irgendein niederer Instinkt musste ihn wohl übermannt haben. Oder die Körperfresser aus seiner Lieblingshorrorserie mussten irgendwie unbemerkt von ihm Besitz ergriffen haben. Marc zerrte an seinem Kopf und befahl ihm mental mehrmals, sich endlich von dem Unheil abzuwenden, was ihm nach in seinen Augen viel zu langem Zaudern schließlich auch gelang.

Die Frau machte ihn mit ihrer neusten Geheimwaffe eindeutig fertig und sie hatte sichtlich Spaß daran. Das war verdammt noch mal unfair und unprofessionell und überhaupt nicht akzeptabel. Freundschaft hin oder her. Es gab Dinge im Leben eines Mannes, die musste man(n) nicht unbedingt so hautnah mitbekommen. Das veränderte viel zu sehr den Blickwinkel auf seine schärfste Konkurrentin und könnte ihren unvermeidbaren beruflichen Kontakt um Jahre zurückwerfen, falls er nicht bald die Löschtaste fand. Dabei schaute sich Dr. Meier eigentlich recht gerne Brüste an und die formschönen Exemplare von Dr. Hassmann waren ihm auch nicht zum ersten Mal untergekommen, wenn auch nicht in dieser beeindruckenden natürlichen Größe. In irgendeinem verstaubten Regal im Keller in der Villa seiner Mutter lagerten sogar noch stapelweise alte Playboyausgaben, die er ebenso wie seine Fußballbilderkarteileichen der letzten fünf Weltmeisterschaften aus dem Effeff nach Erscheinungsdatum sortieren konnte.

Maria (kontert dem ungewohnt verlegen agierenden Machoangeber mit einem süffisanten Grinsen auf den frisch nachgezogenen Lippen): Ich habe ja auch nie behauptet, bei dir landen zu wollen, Meier. Das hast du dir auf der Weihnachtsfeier vor drei Jahren nur eingebildet. Wie so vieles. Und überhaupt, wer will das schon? Also, außer Dr. Haase natürlich. Aber Schwangere haben nun mal eine recht eigenwillige Sicht auf die Dinge.
Marc (kann sich nicht mehr länger beherrschen u. dreht sich mutig wieder zu der Gewitterziege um): Witzig! Man könnte meinen, dein bescheuertes Gebrabbel sei dir mit der Muttermilch eingeschossen, aber die wird dir ja gerade zum Glück schon wieder abgesaugt.
Gretchen (klopft dem unverschämten Sprücheklopfer peinlich berührt auf den Arm): Maaarc!
Marc (wendet seinen Kopf grinsend zu der hochrot angelaufenen Blondine herum): Ja, ist doch so. Wenn sie je wieder als Chirurgin wahrgenommen und respektiert werden möchte, sollte sie nicht ständig mit ihren Milchtüten vor mir herumwedeln. Ich hab ein fotografisches Gedächtnis. Das lässt sich nicht so leicht zurückspulen. Alt und Entfernen funktioniert da nicht.
Maria (springt auf diese doppeldeutige Provokation natürlich sofort beleidigt an): Ach, denkst du etwa, Mutterschaft und Karriere verträgt sich nicht, oder was?
Marc (weicht lieber mal sicherheitshalber einen Schritt zurück, weil er merkt, dass er in seiner Euphorie etwas zu weit gegangen ist): Das hab ich so nie behauptet.
Maria (funkelt ihn sauer an, während sie weiterhin liebevoll über das Köpfchen ihres Babys streichelt, das immer noch einen gewaltigen Hunger hat): Dann solltest du Neandertaler auch deine Klappe nicht so weit aufreißen. Im Gegensatz zu euch männlichen Chirurgen sind Karrierefrauen wie Gretchen und ich wenigstens zu Multitasking fähig.
Gretchen (stellt sich prompt auf die Seite ihrer sehr geschätzten Mentorin, auch wenn sie immer noch der Schwerkraft folgt u. im Bett liegen bleibt): Genau!
Na super, ein bisschen Orangenhaut hier und ein paar Neurosen da und das Hormonbombenkommando ist glücklich wiedervereint.
Marc (ist zwar durchaus beeindruckt von so viel Emanzenverbundenheit, aber wirft den Pfeil gekonnt auf seine zickige Kollegenemanze zurück): Ach, deshalb hat dir die Kleine auch gerade auf die Schulter gespuckt, hm? Beeindruckend! Das versteht man also unter Multitasking?
Maria (schaut ärgerlich an sich herunter u. wird plötzlich hektisch): Mist! STIIIER! DEIN JOB ist angesagt. Mann, Meier, lenk mich nicht ständig ab!
Marc: Sagt mir diejenige, die damit offenherzig angefangen hat.

...gab Marc natürlich direkt schlagfertig zurück und fand so schnell zu seiner alten Stärke zurück, während er ungeniert auf die üppige Oberweite seiner nicht besonders wertgeschätzten Kollegin aus der Neurologie starrte, die sich schnell ihr Oberteil im Carmenstyle wieder hochzog, nachdem sie mit Sophies Lätzchen das kleine Malheur von ihrer Schulter beseitigt hatte. Und während ihre kleine Tochter mit ihren unschuldigen Kulleraugen völlig unbeeindruckt in der Gegend herumschaute und aus irgendeinem Grund an dem grinsenden Gesicht von Dr. Meier kleben blieb, kam plötzlich ihr pitschnasser Papa zur Tür hereinspaziert und tropfte erst einmal die Türschwelle voll. Sehr zur Verwunderung seiner völlig verblüfften Lebensgefährtin, die im ersten Moment gar nicht wusste, was sie dazu sagen sollte, und deren sich nun perplex anschauenden Freunde.

Cedric: Mary, meine Liebe, du hast mich gerufen. Hier bin ich.
Maria (starrt den halbnackten Mann erst einige Sekunden sprachlos an u. deutet dann nach kurzem Zögern mit ausgestrecktem Arm auf seinen vor Feuchtigkeit glitzernden muskulösen Oberkörper): Das... sehe ich. Ähm... Kannst du mir das bitte erklären?
Cedric (wischt sich mit seinem tropfenden Hemd völlig gelassen über die nackte Brust, von der immer noch in Zeitlupe Wassertropfen herabperlen): Ich hab eine kleine Abkühlung gebraucht.
Marc (verschränkt amüsiert seine Arme): Wer braucht die nicht.
Gretchen (findet das alles überhaupt nicht witzig): Marc!
Marc (grient sein Meckerlieschen meierlike an): Ja, was? Nach dem, was ich gerade sehen musste. Ich war darauf auch nicht vorbereitet.

Er kann es nicht lassen. Was passiert dann erst, wenn ich regelmäßig mit Stillen beschäftigt bin? Macht er dann einen Comedyclub auf, oder was? Aber ohne mich!

Maria (funkelt erst Marc, dann Cedric missmutig an): Ach, komm, als ob du nicht freiwillig da hingestarrt hättest wie ein sabbernder Hund.
Cedric (guckt verwundert von der einen zum anderen u. nickt dann der erschöpften Gretchen kurz aufmunternd zu, was sie freundlich erwidert): Worum geht’s?
Maria (blitzt den arglosen, halbnackten Mann mit wütenden Funkelaugen an): Das ist nicht witzig, Rick. Die Kinder sind deinem schlechten Beispiel hoffentlich nicht gefolgt, oder? Du weißt ganz genau, dass wir die Erlaubnis der anderen Eltern brauchen, wenn wir sie zum Planschen in den See lassen. Ich kann die Aufsichtspflicht nicht garantieren. Du etwa?
Cedric (grinst, als sei sein seltsamer Auftritt die natürlichste Reaktion der Welt gewesen): Jetzt reg dich nicht auf, Mary! Noch ist die Hüpfburg interessanter als die Wasserwiese. Ich halte mich an deine Vorgaben.
Marc (zwinkert ihm wissend zu): Na klar!
Cedric (bedeutet ihm drohend, sein vorlautes Mundwerk zu halten): Überwiegend.
Maria (bleibt skeptisch, aber reicht ihm dann doch ihr gemeinsames Kind): Gut! Würdest du dann bitte kurz übernehmen? Bäuerchen ist schon gemacht, aber kann sein, dass da noch was nachkommt. Sie hatte einen gewaltigen Zug, nachdem sie erst nicht wollte.
Marc (kann sich einen frechen Spruch nicht verkneifen): Eure Tochter wird mir immer sympathischer. Ich finde ihren Papa nämlich auch ziemlich zum Kotzen.
Gretchen (zischt ihren vorlauten Freund müde von der Seite an): Marc, es reicht langsam.
Marc (grinst weiter ungeniert von einer Person zur anderen): Finde ich auch.
Maria (reagiert dementsprechend zynisch): Ein Saniteam! Hier lacht sich gleich jemand tot.
Cedric: Hm... Wie gut, dass ich darauf vorbereitet bin. Ich muss mich eh umziehen. Bis gleich!

...erwiderte er lässig und war prompt auch schon mit seinem süßen Töchterchen auf dem Arm zur Tür hinaus, ohne überhaupt auf Marcs alberne Kommentare reagiert zu haben. Maria schüttelte nur fassungslos den Kopf, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und sie sich wieder zu ihren befreundeten Kollegen umgedreht hatte, die sich ihr Schmunzeln nicht hatten verkneifen können. Allen voran Marc, Gretchen dagegen eher weniger. Sie hatte immer noch mit anderen Dingen zu kämpfen.

Maria: Ich schwör’s, irgendwann bring ich diesen Kindskopf noch um.
Marc (gibt sich verschwörerisch): Wir können schweigen wie ein Grab. Oder Gretchen?
Gretchen: Hm...

...murmelte Gretchen nur abgelenkt und massierte dabei konzentriert ihren Bauch, der von einem heftigen Ziehen durchzuckt wurde, das diesmal stärker war als die vorangegangenen Male. Abermals blieb ihr die Luft weg und ihr Kopf wandelte sich langsam zu einer leuchtenden überreifen Tomate, was nicht unbemerkt blieb. Ihre Freundin Maria, die sich nach Cedrics albernem Auftritt wieder einigermaßen beruhigt hatte, trat skeptisch näher und reichte ihr das noch halbvolle Wasserglas vom Nachttisch.

Maria (mustert sie misstrauisch): Alles in Ordnung? Sabine sollte dir doch noch ein Glas bringen.
Gretchen (lächelt leicht gequält zu ihr hoch, als sie das Glas entgegennimmt u. kurz daran nippt): Hat sie auch. Das ist schon mein Drittes. Danke!
Maria (ist nicht wirklich überzeugt u. guckt fragend zu Marc rüber): Schon gut.
Marc (beobachtet seine durstige Freundin arglos beim Trinken u. erwidert irgendwann Marias eindringlichen Blick, den er jedoch missinterpretiert): Okay, das leerst du noch, dann machen wir die Düse. Nicht dass unsere liebreizende Gastgeberin noch mal ihre C-Körbchen auspackt.
Maria (kann nicht widerstehen, auf seine kleine Spitze einzugehen): Mhm... Dr. Meier, ich kann mich gerade noch so beherrschen.
Marc (starrt sie ungeniert an): Das können nur die wenigsten.
Maria (zwinkert Gretchen vielsagend zu, die die gekünstelten Flirtversuche der beiden gar nicht richtig wahrnimmt): Ich weiß. Dabei liebe ich Männer, die wesentliche Dinge richtig einzuschätzen wissen. Und seltsamerweise ist mir gerade sehr danach, dich abzuknutschen.

Äh... Hilfe! Was passiert hier gerade? Für die sexuellen Belästigungen bin doch eigentlich ich zuständig und das bedeutet nicht, dass ich ihr ein Angebot machen würde. Eher friert die Hölle zu oder Gummersbach gewinnt den Medizinnobelpreis.

Marc (Marias Forschheit überrumpelt ihn dann doch u. er rudert hastig zurück): Okay? Jetzt ist es wirklich an der Zeit, hier die Biege zu machen. Ich weiß, ich bin scharf, aber die Anziehung zwischen uns ist doch nur Einbildung und liegt sicherlich an den Hormonen, die die Bindung zu deinem Kind gerade wieder stimuliert hat, oder?
Maria (lacht gelöst auf, weil sie den Obermacho der Station mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat): Weiß nicht. Ich versuche nur schon den ganzen Nachmittag, die nervige Bande da draußen, die meinen Garten zertrampelt, endlich loszuwerden. Ihr seid die Ersten, die tatsächlich darauf eingehen. Das schürt irgendwie sonderbare Gefühle der Dankbarkeit bei mir. Ihr habt nicht zufällig noch Platz in eurer hässlichen neuen Familienkutsche?
Marc (verschränkt abwehrend die Arme): Sorry, aber das Mozartkügelchen hat die ganze Rückbank gebucht. Ich weiß nur noch nicht, wie ich sie dahin bekomme.
Maria (schmunzelt): Verständlicherweise.
Gretchen (fühlt sich ungerecht angegangen): Hallo? Ich bin auch noch hier. Ich kann euch hören. Und ich bin sehr wohl noch fähig, selber zu laufen. Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht.
Marc (schlägt die Bettdecke weg u. hilft seinem Schmollhäschen ungeschickt, sich aufzurichten, bevor er sich hilfesuchend an seine charmante Kollegin wendet, die seiner unmissverständlichen Bitte genervt aufstöhnend zustimmt): Sehr gut, dann packen wir’s auch an. Ich versuche es rechts, du links. Maria?
Gretchen (schüttelt ihn barsch ab): Ich hab doch gesagt, ich kann selber aufstehen.

Gretchen wehrte erst Marcs, dann Marias helfende Hand schroff ab und versuchte, unterstützt von Marc, der sich von ihr nicht so leicht hatte wegschupsen lassen, sich mühsam alleine aus dem Bett zu erheben, aber das eigenwillige Schmollhäschen musste schnell feststellen, dass ihm doch die nötigen Kräfte fehlten, um sich erfolgreich hoch zu hieven. Die schweren Beine gaben nach und prompt landete die Schwangere wieder auf ihrem properen Popo und guckte nun dementsprechend bedröppelt und verlegen von einer Person zur anderen, die in seltener Eintracht bemüht ihr Schmunzeln zu unterdrücken versuchten. Das tollpatschige Häschen sah aber auch in seiner unbeholfenen Hilflosigkeit herzerweichend niedlich aus. Das empfand selbst Gretchens sehr geschätzte Kollegin so, bevor sie sich von dem ruppigen Chirurgen an ihrer Seite zu einem weiteren Versuch überreden ließ. Maria hatte sich widerwillig unter Gretchens linken Arm eingehakt und Marc hatte sich Gretchens rechten Arm um die Schulter gelegt. Er zählte gerade von drei herunter, als sich Gretchens Unwohlsein erneut eindrucksvoll zurückmeldete. Die schwere Dame ließ sich wie ein nasser Kartoffelsack zurück aufs Bett fallen, noch bevor die beiden mehr oder weniger befreundeten Ärzte ihr hätten hoch helfen können.

Gretchen (schaut irritiert an sich herunter): Oh, oh!
Marc (reagiert jetzt doch leicht gereizt auf Gretchens augenscheinliche Widerspenstigkeit u. übertriebene Unbeholfenheit): Wie oh, oh? Also, ein bisschen unterstützen musst du uns schon, Haasenzahn, sonst hocken wir bis morgen früh noch hier im Zirkus des Wahnsinns fest.
Maria (mustert das immer blasser werdende Häschen geheimnisvoll vorausschauend): Das jedoch glaube ich eher weniger.

Die beiden Starchirurgen des Elisabethkrankenhauses tauschten verwunderte Blicke miteinander aus, während sich Gretchens Finger tief in die Matratze gruben und sich verkrampften. Eine schier endlos anhaltende Welle durchzog ihren geschwächten Körper und riss sie förmlich mit sich. Die Hochschwangere atmete schwer. Sie schwitzte unangenehm. Ihr Puls begann zu rasen. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, bis es sie richtig schmerzte und ihre Wangenknochen wieder verdächtig dunkle Farbnuancen annahmen. Während Dr. Meier noch völlig arglos war und mit einer Engelsgeduld konzentriert einen dritten Hebeversuch anvisierte, um endlich hier wegzukommen und zu dem wesentlich entspannteren Teil des Abends überzugehen, auf den er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte, keimte bei Dr. Hassmann schon ein leiser Verdacht auf, der jedoch nichts mit Gretchens offenkundiger fehlender Fitness zu tun hatte. Doch bevor sie diesen kleinlaut hätte äußern können, um Bewegung in das Ganze zu bringen, kam Maria ihr trotteliger Exehemann in die Quere, der, nachdem er seine jüngste Tochter zurück in ihr Bettchen gebracht hatte, frisch umgezogen und belustigt am Türrahmen gelehnt stehen geblieben war und das seltsame Schauspiel der drei miteinander ringenden Ärzte beobachtete und nicht unkommentiert lassen konnte...

Cedric: Braucht ihr irgendwie Hilfe?
Marc (raunzt ihn direkt uncharmant wie immer an): Nein!
Gretchen (kämpft mit sich): Da...nke!
Maria (gibt sich geheimnisvoll, als sie mit Cedric vielsagende Blicke austauscht, die er jedoch nicht gleich rafft): Das wird sich noch zeigen. Gretchen?

Die Angesprochene reagierte sichtlich verlegen auf die eindringlichen Blicke ihrer Vorgesetzten, die offenbar als Einzige verstanden hatte, was gerade mit ihr los war, und guckte vom Bett aus nacheinander von einer Person zur anderen und wieder zurück. Sie fühlte sich nicht gut. Gar nicht gut. Sie hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte es gehofft, ja, und angestrengt versucht, zu verstehen, was gerade mit ihr passierte. Aber alle Anzeichen sprachen mittlerweile dafür. Die Beweislage war nicht mehr zu übersehen. Sie war eindeutig. Die beste Diagnose, die sie je gestellt hatte, auch wenn sie deren weitere Auswirkungen noch nicht vorausschauen konnte. Das wurde Dr. Gretchen Haase spätestens klar, als sie noch ein weiteres Mal vergewissernd an sich herabblickte und dann schnell die Augen schloss. Ein letzter verzweifelter Versuch, es doch noch einmal auszublenden. Aber es ging nicht. Dazu waren die Symptome zu konkret. Aber ihr fiel es sichtlich schwer, das auch offen zuzugeben, ohne gleich in einem Tränenmeer auszubrechen, das drängend gegen ihre geschlossenen Augenlider schwappte. Sie musste ruhig bleiben. Sie durfte jetzt nicht in Panik geraten. Das würde vor allem Marc überfordern. Und wenn er es war, war sie es selbstverständlich auch. Das war ein Kreislauf, der dann nicht mehr zu stoppen gewesen wäre und alle in ihrem Umkreis mitgerissen hätte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und sie hatten schließlich noch Zeit. Zeit, sich genau zu überlegen, wie sie nun vorzugehen hatten. Sie hatten das tausendmal geübt. Überwiegend unfreiwillig und ungeplant. Weil es sich immer wieder zufällig so ergeben hatte. Sie waren dadurch mittlerweile bestens auf alle Eventualitäten vorbereitet. Waren sie doch, oder? Sie hatten doch vorhin noch zusammen besprochen, den Endspurt ruhig angehen zu lassen.

Doch wieso fühlte es sich dann jetzt nicht mehr so sicher an wie noch wenige Minuten zuvor, als sie verliebt in Marcs Armen geschwelgt hatte, gingen Gretchen die unterschiedlichsten Fragen durch den Kopf, sodass sie dadurch fast schon Kopfschmerzen bekam. Von den imaginären Rauchzeichen, die ihr Brummschädel von sich gab, ganz zu schweigen. Sie musste sich beruhigen. Sie musste unbedingt ruhig bleiben. Selbst wenn die Wundersterne in ihrem Bauch anderer Meinung waren und sie wieder und wieder piesackten. Wenigstens einer musste einen klaren Kopf behalten. Sie war schließlich Ärztin. Eine gute noch dazu. Ja, sie hatten Zeit. Sie hatten doch noch Zeit, oder? Was hatte die Hebamme noch mal neulich in der letzten Kursstunde gesagt? Und Mehdi? Welche Schritte waren jetzt wichtig? Mehdi! Wo war eigentlich Mehdi? Und was war mit ihrem Jahrestag? Sie wollte Marc doch unbedingt überraschen. Und er sie. Das hatte sie im Gespür gehabt. Deshalb hatte er doch den ganzen Tag gequengelt wie ein trotziger kleiner Junge, nicht so lange auf der Party bleiben zu wollen. Die Feier! Oh nein, sie durfte das jetzt nicht vermasseln. Und vor allem durfte sie jetzt nicht weinen. Auf keinem Fall weinen! Sie war schließlich die Erwachsene. Sie war die Mutter. Mutter? ... Ich werde Mutter. Oh mein Gott! ... Der Kopf der studierten Stationsärztin war mit einem Mal wie leergefegt, als sie schließlich leise etwas in die angespannte Stille des kleinen Gästezimmers murmelte, während sie ihre widersprüchlichen Gedanken zu sortieren und angestrengt den sich wiederholenden Schmerz wegzuatmen versuchte, der ihren erschöpften Körper ein weiteres Mal förmlich innerlich zerriss.

Gretchen: Tut mir leid!
Marc (reagiert wieder mal gereizt, weil er sich gerade einen Bruch hebt, ohne dass er von seinen angeblichen Freunden Unterstützung erhält): Boah, nicht schon wieder. Haasenzahn, du musst dich verdammt noch mal nicht ständig entschuldigen. Dein Zustand ist schon Erklärung genug. Und wenn du jetzt nicht mitmachst, roll ich dich hier raus. Das schwör ich dir.
Gretchen (hört ihm gar nicht richtig zu u. guckt verschämt zu Maria hoch, die anfangs noch nicht ganz versteht, was ihre Freundin gerade von ihr will): Doch, muss ich! Entschuldigung! Maria, die Reinigung übernehmen wir natürlich.
Maria (folgt verwundert Gretchens Blick u. nickt ihr schließlich wissend zu): Kein Thema.
Marc (starrt seiner Liebsten völlig perplex in ihr schweißnasses Gesicht, an dem einige dicke verirrte Haarsträhnen kleben, die er ihr nun liebevoll aus der Stirn streicht): Reinigung? Wovon zum Geier sprichst du? Du bist ja völlig durch den Wind.
Gretchen (kann ihre aufsteigenden Tränen nun nicht mehr länger zurückhalten u. lässt sich schluchzend von dem überforderten Chirurgen trösten, der sich fragend neben sie gesetzt hat): Ja, bin ich.
Marc (zieht sie verunsichert in seine Arme u. drückt sie sanft): Haasenzahn?
Cedric (kommt nun auch leicht beunruhigt auf das Bett zu u. legt seine Hand auf die Schulter seiner Freundin, die Gretchen mit ihren stechend scharfen Augen fixiert hält): Was ist denn los?

Mein Gott! Passiert das gerade wirklich? Ich bin umgeben von lauter Idioten. Einer schlimmer als der andere. Dabei ist das gerade wirklich ein besonderer Moment. Boah, Maria, jetzt werd du nicht auch noch sentimental! Einer muss hier ja wohl einen klaren Kopf behalten.

Maria (legt ihre Hand auf seine u. schaut ihm vielsagend in die Augen): Falsche Wortwahl, Rick.
Marc (schaut irritiert zu den beiden tuschelnden Personen hinter sich): Hä? Was quatscht ihr denn da so blöde? Packt lieber mal mit an! Sie muss nach Hause. Ihr seht doch, dass sie völlig fertig ist. Das liegt alles an deinem übertriebenen Aufgebot heute, Stier. Weniger ist mehr, verdammt!
Gretchen (will ihm gerade widersprechen u. etwas klarstellen, als es sie erneut unerwartet packt): Ja, das... ähm... Marc? ... Oooohhh... Es geht wieder los.

Gretchen klammerte sich plötzlich krampfhaft mit beiden Händen an die Bettkante, um den nötigen Halt zu bekommen, während sie von einem weiteren heftigen Schmerz im Unterleib durchgerüttelt wurde. Der Schweiß stand ihr mittlerweile schon auf der Stirn. Ihr wunderschönes regenbogenfarbenes Kleid war durchgeschwitzt und klebte an ihrer Haut. Ihr Puls raste. Ihr Herz klopfte wie verrückt in ihrer Brust. Sie hatte überall auf der Haut rote Flecken bekommen. Und Marc saß einfach nur da und guckte seiner Süßen arglos ins Gesicht. Die beobachtende Neurochirurgin hätte dem begriffsstutzigen Vollidioten am liebsten eine gescheuert, um seinen stockenden Denkapparat wieder in Gang zu setzen. Aber wo nichts war, konnte man anscheinend auch nichts wieder in Betrieb nehmen. Das war bei ihrem Mann schließlich genauso, der sie anstarrte, als hätte er gerade die Bahn verpasst.

Marc: Was geht los?
Cedric (es hat endlich “klick” gemacht u. er guckt mit immer größer werdenden Augen zu seiner Freundin an seiner Seite, die ihm schmunzelnd bestätigend zunickt): Oh!
Marc (steht komplett auf dem Schlauch u. wirkt ziemlich verloren in dem mittelgroßen Raum, dessen Wände sich plötzlich seltsamerweise auf ihn zu zu bewegen scheinen): Was oh?
Cedric (sein besorgter Blick wird immer eindringlicher): Worauf wartest du dann noch? Sollten wir nicht...?
Maria (bleibt die Ruhe selbst u. hält mit ihren Blicken Dr. Meier fixiert): Man denkt ja immer, er verdient als Oberarzt ganz gut Kohle und manch einer hält sogar an dem Glauben fest, er sei sein Geld tatsächlich wert, aber irgendwie habe ich den Eindruck, die Groschen, die er zu viel bekommt, blockieren seinen gesunden Menschenverstand.
Cedric (folgt verwundert ihrem Blick): Ah! Jetzt verstehe ich, was du meinst. Du hast natürlich in allen Punkten Recht. Wie immer.

...griente Dr. Stier seine große Liebe an und zog sie noch fester in seine Arme, weil er sie gerade hinreißend fies und sanft zugleich empfand. Und während die beiden immer noch gespannt darauf warteten, dass bei ihrem sonst so neunmalklugen Angeberkollegen endlich der letzte Groschen fiel und sie dieses große Wunder entsprechend feiern konnten, kam noch jemand weiteres in das Gästezimmer am Ende des Flurs gestolpert und guckte überrascht von einem Eck zum anderen.

Sabine: Oh! Entschuldigung! Stör ich? Ich dachte, ich bringe der Frau Doktor noch ein Glas Wasser, aber sie sind schon...
Marc (raunzt die emsige Krankenschwester aus purer Gewohnheit direkt an u. springt von seinem Platz an der Seite von Gretchen auf, die hilflos von einem zum anderen schaut): Na prima, noch ein ungebetener Gast mit ungebetenen Weisheiten. Aber mir soll’s recht sein. Anpacken, Schwester Sabine, aber zackig! Die Pappnasen da drüben sind dazu anscheinend nicht in der Lage.
Sabine (schaut überfordert von dem einen zum anderen u. schließt sich schließlich aus pflichtverbundener Gewohnheit dem Aktionismus von Dr. Meier an): Jawohl, Herr Doktor Meier! Ich muss nur... Würden Sie vielleicht...?
Maria: Was?

Pflichtbewusst nickte die emsige Krankenschwester ihrem strengen Vorgesetzten zu, der unmissverständlich auf die schwer atmende Frau im Bett gedeutete hatte, die unwirsch zu ihrer besten Freundin rübergeschaut hatte, die natürlich, entgegen ihrer Hoffnung, mal wieder gar nichts verstanden hatte. Sabine stellte erst das Wasserglas vorsichtig auf der Kommode neben der Tür ab und hielt der verdutzten Oberärztin nun ihr sechs Monate altes Pflegekind hin, das mucksmäuschenstill in ihren Armen geschlummert hatte. Dr. Hassmann wusste gar nicht, wie ihr geschah, aber da hielt sie den kleinen Jungen auch schon in ihren Armen und musste dabei zusehen, wie ihr dämlicher Kollege mit seiner noch dämlicheren Stationsschwester die arme Schwangere unsanft aus dem Bett zerrte. Erst eine fast schon beiläufige Bemerkung von Schwester Sabine riss Dr. Meier schließlich aus seinem unkoordinierten Vorhaben und Gretchen plumpste dadurch wieder unelegant zurück auf die weiche Matratze, welche mittlerweile ihren Aggregatszustand gewechselt hatte.

Sabine: Aber die Decke ist ja ganz nass.
Marc: Was?
Gretchen: Marc? Ich... Ich versuche die ganze Zeit, euch...

...versuchte Gretchen erneut angestrengt auf ihre Misere aufmerksam zu machen, als es sie ein weiteres Mal innerlich förmlich zerriss. Sehr zum Nachteil von Schwester Sabine, deren Hand dabei beinahe zerquetscht wurde, was diese mit einem kurzen Aufquieken kommentierte, welches den schlafenden Anton auf Marias Arm wieder auf den Plan brachte. Es dauerte jedoch immer noch zwei, drei ellenlange Sekunden, während der sich Dr. Stier und Dr. Hassmann wissende Blicke zugeworfen hatten, bis es bei Deutschlands jüngstem und bestem Chirurgentalent endlich „klick“ machte. Mit tellergroß erweiterten Augen starrte Marc zu seiner verlegen zu ihm herauf lächelnden Lebensgefährtin herab, die abrupt verstummt war, nachdem sie seine fragenden Blicke bemerkt hatte, und verlor dabei selber das Gleichgewicht und musste sich zu ihr aufs Bett setzen.

Marc: Aber, aber... Das... das... kann doch gar nicht sein? Es ist doch noch nicht... Wir haben doch noch... Wir haben doch gerade... Wir wollen doch... feiern.
Gretchen (schaut ihm beruhigend in die unruhig hin u. her huschenden Augen, wird aber durch heftige Schmerzen schnell wieder von ihm abgelenkt): Kann es wohl, Maaa... Mmmhhh... Aaauuu.... Aaauuu... Aaaauuuu... Ich glaube, jetzt geht es so richtig los.
Sabine (hüpft hyperaktiv auf der Stelle auf u. ab, nachdem auch bei ihr zeitverzögert endlich der Groschen gefallen ist): Es geht los? Es geht los! Oh! Wie aufregend, Frau Doktor!
Cedric (grinst zufrieden zur Seite u. zieht seine schmunzelnde Freundin noch fester in seine Arme, weil er sich ehrlich für das befreundete Paar freut): Klatsch! Hast du’s auch gehört?
Maria (grient ihn vergnügt an, während sie den kleinen Zappelphilipp auf ihren Armen zu bändigen versucht): Eine ganze Wagenladung Cents, ja. Damit könnten wir die Clownin da draußen bezahlen.
Marc (hat sich wieder ein wenig gefangen u. springt unvermittelt auf): Jetzt hört doch mal auf damit, Mann! Bist du sicher?
Gretchen (blickt ihm direkt in die Augen): Sicherer geht nicht, wenn die Fruchtblase bereits geplatzt ist.

Die... die... die... WAS? Ach, du Scheiße! Es... es... geht wirklich los!

Marc (verfällt in akute Hektik, läuft vor dem Bett auf u. ab u. scheucht alle, die ihn beobachten, damit auf): Scheiße! Das sind gar keine vorbereitenden Kontraktionen wie in den vergangenen Tagen. Das sind verdammt noch mal richtige Wehen. Die Zwillinge wollen raus. Sie wollen raus. Jetzt!
Maria (kann sich einen gehässigen Spruch nicht verkneifen): Und die Millionenfrage gewinnt...
Cedric (hält sie sanft zurück, weil er weiß, dass sein Freund das in dem Moment am wenigsten gebrauchen kann): Mary!
Gretchen (hat die beiden gar nicht gehört u. hängt gebannt an Marcs panisch aufgerissenen Augen, als er vor dem Bett abrupt wieder zum Stehen kommt): Ja!
Marc (fasst sich an den Kopf u. ist völlig durch den Wind): Und da bleibst du noch so ruhig? Wie lange geht das schon?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick u. versucht sich aufs Atmen zu konzentrieren, weil sie schon die nächste Wehe im Anmarsch spürt): Ich glaube den ganzen Nachmittag schon.
Cedric (nun auch ziemlich alarmiert): Was?
Maria (ihr geht es ähnlich u. sie lässt dadurch fast Anton fallen, den sie nun behutsam an sich drückt): Haase!

Ich fasse es nicht. Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein. Hat sie denn gar nichts von mir gelernt? Und ich bemühe mich hier ernsthaft, ihr die Freundin zu sein, die sie sich in ihren rosaroten Illusionen immer vorstellt, obwohl ich das gar nicht will. Damit ist jetzt endgültig Schluss. Haase, du hast verspielt, ein für alle mal. Ich tue mir den Stress nicht noch mal an.

Marc (nun reißt ihm endgültig die Hutschnur u. er läuft wie ein Verrückter neben dem Bett hin u. her): Bist du irre, Haasenzahn? Wieso sagst du denn keinen Ton?
Gretchen (versteht es ja selbst nicht u. muss schon wieder weinen): Ich... ich dachte...
Marc (macht ihr ungerecht Vorwürfe): Du dachtest...?
Maria (stellt sich ihm in den Weg, um ihn zu bremsen): Meier, jetzt hör auf, in das frisch verlegte Parkett Spurrillen reinzulaufen und mach ihr keine Vorwürfe! Sie wird schon ihre Gründe haben. Jeder reagiert anders in diesem Moment. Das kannst du mir wirklich glauben.
Cedric (stimmt seiner Freundin zu): Jep! Ich hab Stunden gebraucht, um Maria auf die bescheuerte Krankenbarre zu kriegen.
Maria (fährt direkt zu ihm herum u. funkelt ihn erbost an): Das stimmt doch gar nicht. Das war ganz anders. Du bist ausgeflippt und hast...
Marc (zischt die beiden wütend an u. schiebt die Störenfriede unsanft aus dem Weg, weil er wieder zu Gretchen will): Wollt ihr mich verarschen?
Gretchen (versucht es ihrem aufgeregten Schatz unter Tränen zu erklären): Marc, ich hab mir wirklich nichts weiter dabei gedacht. Ich dachte, das muss so sein, weil es sich ähnlich angefühlt hat wie bei den letzten Malen und da war doch immer nichts gewesen.
Marc (echauffiert sich regelrecht u. schmeißt seine Arme in die Luft): Nichts gewesen? Nichts gewesen?
Sabine (flüstert vorsichtig, weil sie sich nun auch zunehmend Sorgen um ihre beste Freundin u. Lieblingsärztin macht): Jetzt aber schon, oder?
Gretchen (nickt ihr wimmernd zu u. lässt sich von ihrer besten Freundin umarmen, die hilflos neben ihr Platz genommen hat): Ja, Sabine, es ist deutlich schlimmer als neulich. Schlimmer als du dir vorstellen kannst. Es ist wa... Ooohhh.... Da ist schon wieder eine.
Sabine (wird nun zusehends hysterisch u. springt aufgeregt vor dem Bett auf u. ab u. macht alle verrückt damit): Ich hab es auch gespürt.
Maria (zynisch): Na, das bringt uns jetzt aber ganz bestimmt weiter, Schwester Sabine.

Gretchen klammerte sich wieder an die Bettkante und atmete angestrengt den pochenden Schmerz weg, der sie erneut erfasst und in die Knie gezwungen hatte. Fast zeitgleich setzten sich Dr. Meier und Schwester Sabine wieder links und rechts neben sie aufs Bett und griffen spontan jeweils nach ihren Händen, um sie dabei zu unterstützen. Längst war bei Marc der anfängliche Ärger verflogen und machten der Sorge und der Aufregung Platz, die ihn mit ganzer Wucht erfasst hatten. Am liebsten hätte er jetzt auf der Stelle losgeheult, wenn er kein Mann und kein Chirurg gewesen wäre und er sich von Dr. Hassmann und Dr. Stier nicht beobachtet gefühlt hätte. Das wäre jetzt aber auch wirklich vollkommen unpassend gewesen. Er durfte Gretchen jetzt auf keinem Fall überfordern. Denn dann würde sie nämlich auch überreagieren. Ein Teufelskreis, aus dessen Verantwortung, die sie ihm mit Sicherheit zuschieben würde, er sich gerne herausstehlen wollen würde. Er musste jetzt stark bleiben. Er war stark. Er war Oberarzt. Unfallchirurg. Der Beste seiner Zunft. Immer Herr der Dinge. Immer klar im Kopf. Und dank Mehdi wusste er mittlerweile besser über die Materie Bescheid, als er es je von dem weichgespülten Frauenarzt hatte hören wollen. Denn es ging hier um Gretchen. Sein Gretchen. Die schönste und tapferste Schwangere, die er kannte.

Sie hatten so viel mitgemacht in den vergangenen Wochen und Monaten. Sie hatten alle Holprigkeiten überwunden. Jede Übelkeit. Jeden Fettnapf. Jede nächtliche Heißhungerattacke. Jeden Aussetzer. Und jede verbale Schlacht, die sie miteinander ausgefochten und mit wildem Knutschen für beendet erklärt hatten. Sie waren bestens darauf vorbereitet, was nun kommen würde. Nichts konnte mehr passieren. Außer dass er jetzt doch noch ausflippte. Und Marc spürte bereits, wie es in ihm gewaltig brodelte. Aber er würde es nicht zulassen. Für Gretchen würde er stark bleiben. Und für das große Wunder in ihrem anbetungswürdigen Bauch, das er sich so sehr gewünscht hatte wie noch nie zuvor irgendetwas in seinem Leben. Neben Haasenzahn versteht sich. Die Zwerge wollten jetzt Teil dieses Lebens werden und Gretchen und er würde sie dementsprechend begrüßen. Denn es war wirklich ein geiles, aufregendes, fantastisches Leben. Ein Leben, das diese beiden Herzenswünsche unendlich bereichern würden. Die Vorfreude darauf war auch jetzt noch grenzenlos. Sie war unmittelbar greifbar. Jetzt, wo er sein Mädchen festhielt, sie unterstützte und...

Verdammte Scheiße, was passiert hier gerade? Sie wollen raus! ... Das hieß, er... er... würde jetzt gleich jeden Moment tatsächlich Vater werden. Vater! Jetzt! Jetzt? Und hier? Sie mussten jetzt... Ja, was eigentlich? Wie war noch mal das Prozedere, das sie hundertmal durchdacht und unfreiwillig durchprozediert hatten, wobei Mehdi und seine Kolleginnen jedes Mal vermutlich den meisten Spaß gehabt hatten? Mehdi! Er musste Mehdi anrufen. Das war Schritt eins von... keine Ahnung. Heilige Scheiße! Er war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Er war auf leidenschaftliches Rumknutschen und wildes Rumfummeln unter Sternen vorbereitet, um ihr Jubiläum gebührend zu feiern, aber doch nicht darauf, dass es ausgerechnet heute noch ernst werden würde, stellte Marc mit wachsender Panik fest, während er weiterhin liebevoll Gretchens zarte, kleine, eiskalte Hand tätschelte und langsam auch ein bisschen quetschte. Erst ein Blick zur Seite, in ihre feucht schimmernden, himmelblauen Kristalle, die ihn trotz all der Schmerzen voller Hoffnung und Zuversicht anblinzelten, ließ seinen aufgeregten Pulsschlag augenblicklich ruhiger werden. Und nicht nur den. Auch er selbst wurde merklich ruhiger, seine angespannten Muskeln lösten sich und er widmete sich konzentriert wieder der Aufgabe, die ihm laut nervigster Hebamme Berlins - und damit war einmal nicht Dr. Kaan gemeint - ausnahmslos zustand, nämlich seinem Engel und sich selbst Mut zuzusprechen, dass sie diese erste Etappe ihres aufregenden Abenteuers unbeschadet überstehen würden, weil sie sich hatten und es zusammen durchstehen würden.

Marc: Geht’s?
Gretchen (erwidert sein zartes Lächeln u. fühlt sich prompt besser): Geht wieder, ja. Danke!
Marc (blickt ihr gebannt in die feucht glitzernden Augen u. verliert sich darin, sodass er für einen Moment jegliches Zeitgefühl verliert): Gar nichts für, Haasenzahn.
Gretchen (hängt ebenfalls regelrecht gefesselt an seinem intensiven Blick, der voller Liebe ist u. sie unheimlich beruhigt, u. merkt gar nicht mehr, was um sie herum passiert): Mhm!
Maria (lächelt debil vor sich hin u. spürt seltsamerweise eine sonderbare Vorfreude in sich aufsteigen, die sie sich nicht erklären kann): Ich hab doch gesagt, wenn die richtigen Wehen kommen, wirst du’s definitiv merken.
Marc (wird prompt aus seinen Gedanken gerissen u. schaut irritiert zu seiner vorwitzigen Kollegin hoch): Haha! Sehr witzig! Wirklich ein sehr hilfreicher Beitrag, Frau Doktor.
Maria (das sanfte Lächeln weicht einem eher zynischen): Immer wieder gern, Dr. Meier. Ich bin doch immer da, wenn Gott Allwissend mal nicht weiterweiß. Also, ständig.
Cedric (seine innere Unruhe lässt sich auch durch Marias Spitzen nicht so leicht stoppen u. so blickt er fragend zu dem werdenden Elternpaar): Soll ich einen Krankenwagen rufen?
Marc (zeigt seinem Kumpel, der es doch nur nett gemeint hat, den Vogel u. wendet sich auffordernd seiner treudoofen Stationsschwester zu, die auf der anderen Seite von Gretchen sitzt u. unruhig die Linien auf Gretchens Handinnenfläche nachzeichnet): Spinnst du? Wir sind hier Luftlinie neunhundert Meter vom EKH entfernt, da warte ich doch nicht extra auf nen RTW. Bis der bekiffte Sani hier eintrudelt, hab ich Haasenzahn schon selber fünfmal ins Krankenhaus gefahren. Sabine, auf drei! Eins. Zwei. Drei! ... Jawohl! Geht doch.
Sabine (fühlt sich sichtlich erleichtert): Danke, Dr. Meier.
Gretchen (schwankt unsicher hin u. her, als sie wieder steht): Irgendwie ist mir schwindelig.
Marc (guckt Sabine unmissverständlich drohend an, während er Gretchen nicht eine Sekunde loslässt): Wehe, Sie lassen sie los! Dann sind das Einzige, was Sie im Stationszimmer noch abholen können, bevor ich Ihnen endgültig Hausverbot erteile, neben einer zerfledderten Ausgabe von „Dr. Rogelt“ und dem Autogramm meiner Mutter, Ihre Entlassungspapiere.
Gretchen (tadelnd): Marc!

Diesmal klappte die Verständigung mit seiner sonst so begriffsstutzigen Stationsschwester einwandfrei. Mit Schwung hatten die beiden die Schwangere aus dem Bett gehievt und hielten sie nun sicher in ihrer Mitte, während eine erneute Wehe ihr beinahe die Beine weggezogen hätte. Als Marc sich mit Gretchen in Richtung Zimmerausgang bewegen wollte, stellte sich ihm jedoch unerwartet die Gastgeberin des Hauses in den Weg. Und sie schien ziemlich entschlossen zu sein, was nicht nur bei ihm auf starke Verwunderung stieß.

Maria: Stopp! Du fährst hier nirgendwohin und schon gar nicht mit ner Schwangeren im Auto.
Marc (raunzt sie dafür verständnislos an): Bitte? Hast du gerade nen Schlaganfall oder was soll die Scheiße, Maria? Natürlich fahren wir jetzt. Du wolltest uns doch vorhin noch unbedingt loswerden.
Maria (stellt sich direkt vor ihn hin u. guckt ihn auffordernd an): Hauch mich mal an!
Marc (zeigt ihr mit seiner freien Hand den Vogel u. sucht Blickkontakt mit Cedric, der seiner geliebten Frau auch nicht ganz folgen kann): Was? Du spinnst doch! Schieb deinen fetten Arsch zur Seite! Wir müssen los. Wir können natürlich auch bei euch im Wohnzimmer eine Sturzgeburt einleiten, wenn du das unbedingt willst. Die Reinigung zahlen wir dann aber nicht. Ich hoffe, ihr habt eine Elementarversicherung und nen guten Therapeuten für eure Kids, falls sie dabei zuschauen möchten.
Gretchen (versucht, die Streitenden zu beruhigen, während sie verständnislose Blicke mit Sabine austauscht): Marc!
Cedric (wendet sich fragend an seine Freundin): Maria?
Maria (rollt theatralisch mit den Augen): Mann, reg dich ab, Meier! So war das doch gar nicht gemeint. Aber ich weiß, dass du reichlich von der Spezialbowle von meiner Mutter getrunken hast.
Gretchen (schaut nun auch verwundert zu ihrem Liebsten, der sich keiner Schuld bewusst ist): Du hast Alkohol getrunken?
Marc (kann seiner Kollegin immer noch nicht ganz folgen u. versucht, sich an ihr vorbeizudrängeln): Nein, ich hab... Das... das ist doch scheißegal. Das hat sich doch schon längst wieder abgebaut. Das war doch eh bloß Obst.
Maria (stemmt sich vehement gegen den Türrahmen, damit er nicht vorbeikommen kann): Du triefst aus sämtlichen Poren, Meier. Diesmal könnte selbst ich dich ausnahmsweise wirklich mal als süß bezeichnen. Du ahnst nicht mal im Geringsten, was da alles drin steckt. Aber ich kann meine Mutter gerne herholen und sie ruft ihre Kollegen von der Verkehrskontrolle an, wenn du das unbedingt riskieren möchtest. Den Spaß macht sie öfters mal, nicht erst, seitdem sie im Ruhestand ist. Vor allem wenn sie gereizt ist und ihren angestauten Ärger abbauen möchte.
Cedric (traut seinen Ohren kaum): Was?
Marc (schaut ungehalten von der einen zum anderen u. wieder zurück): Boah, ihr habt sie doch echt nicht mehr alle. Mir wird das jetzt echt zu blöd hier. Abmarsch! Sabine! Haasenzahn! Hopp, hopp im Galopp!

...motzte Marc gewohnt grummelig seine in seinen Augen völlig durchgeknallte Kollegin an und schupste sich zusammen mit Schwester Sabine und Gretchen einfach an ihr vorbei nach draußen ins Wohnzimmer, wo sie prompt Dr. Gummersbach in die Arme stolperten, der seinem unguten Gefühl gefolgt war und nach seiner verehrten Gattin schauen wollte, die schon vor geraumer Zeit mit ihrem Pflegesohn im Haus verschwunden war und nicht zur Party am See zurückgekehrt war.

Günni: Oh! Was ist denn...?
Marc (fällt dem begriffsstutzigen Kerl prompt ins Wort): Nicht dumm rumstehen! Mit Anpacken! Los! Bevor Ihr Frauchen schlapp macht.
Günni (löst völlig perplex seine erschöpfte Gattin ab, die von Gretchens nächster Wehe fast zu Boden gerissen worden wäre): Selbstverständlich, Dr. Meier! Huch! Frau Dr. Haase?
Gretchen (schaut den irritierten Pathologen peinlich berührt an u. rappelt sich mit seiner tollpatschigen Hilfe mühsam wieder hoch): Entschuldigung! Wehen.
Günni (wird von einer leichten Panikattacke erfasst u. muss nun selber gestützt werden, von Sabine): Wehen?
Marc (ist selber merklich beeindruckt, als er Gretchen erneut unter die Arme greift): Meine Güte, haben die einen Zug.
Gretchen (schmunzelt leidend): Woher sie das wohl haben? Dein Nachwuchs! Definitiv!
Marc (stimmt ihr grinsend zu, wirkt aber schnell wieder sanftmütiger): Geht’s dir gut?
Gretchen (seufzt vor Erschöpfung auf u. schleppt sich weiter mühsam zur Haustür): Marc, ich habe Wehen. Was denkst du denn?
Marc (kleinlaut): Tschuldigung! Mein Fehler.
Gretchen (muss plötzlich grinsen): Jetzt bist du aber derjenige, der sich entschuldigt.
Marc (fasst sich gespielt ertappt mit seiner freien Hand an die Stirn): Ups! Kommt nie wieder vor.
Maria (hält mit ihrer vorlauten Meinung nicht vor dem Tor, im wahrsten Sinne des Wortes): Das wäre ja mal ganz was Neues.
Marc (blitzt die Zimtzicke dafür direkt an): Ach, halt doch die Klappe, Hassmann! Du bist doch bloß neidisch.
Maria (blitzt ihn kurz, aber intensiv an, bevor sie von Cedric am Arm gepackt u. weggezogen wird): Worauf? Auf die Strapazen, die euch gleich bevorstehen? Bestimmt nicht!
Cedric (sieht ihr eindringlich in die Augen, um sie vor weiteren Entgleisungen fernzuhalten): Mary! Hm?
Gretchen (versucht ihren Liebsten, dem schon wieder ein Spruch auf den Lippen liegt, trotz stetig steigender Schmerzen in die Schranken zu verweisen): Marc!
Marc (wird von ihrem intensiven Blick abgelenkt): Hm?
Gretchen (bringt ihn mit ihren blauen Augen wieder auf Spur): Ich glaube, ich wäre jetzt doch gerne bei Mehdi.
Marc (räuspert sich ertappt u. schreitet weiter voran): Das ist doch mal ein Wort. Ich auch, Haasenzahn, ich auch.

Oh Gott, Alter! Ich hoffe, wenigstens du bist vorbereitet. Ich schaff das nur mit deiner Hilfe.

Cedric (kann sich einen kleinen Kommentar als Denkhilfe dann doch nicht verkneifen, während er zusammen mit Maria das werdende Elternpaar zur Tür begleitet): Und worauf wartet ihr dann noch?
Marc (funkelt den Klugscheißer meckernd an): Darauf, dass ihr endlich die Scheißtür aufmacht. Ich hab beide Hände voll zu tun.
Gretchen (will schon wieder eingreifen, als es sie erneut packt): Marc! Oooohhh...
Sabine (quietscht alarmiert): Schon wieder. Die Wehen kommen in immer schnelleren Abständen, Dr. Meier.
Maria (zynisch): Was Sie nicht sagen, Schwester Sabine. Das ist die Natur der Dinge.
Marc (schaut seine Kollegin an, als hätte sie nicht mehr alle Latten am Zaun): Natur der Dinge? Pah! Anstatt hier ständig klugzuscheißen, könntest du auch mal was Nützliches tun und mir mein Jackett bringen. Das liegt noch auf der Hollywoodschaukel. Da sind meine verdammten Autoschlüssel drin.
Maria (rührt sich nicht vom Fleck): Einen Teufel werde ich tun.
Gretchen (sieht ihren Freund eindringlich von der Seite an): Marc, ich glaube auch nicht, dass es eine gute Idee wäre, wenn du in deinem Zustand fahren würdest.
Marc (starrt die beiden Ärztinnen völlig entgeistert an): Jetzt fang du doch nicht auch noch damit an! Und was heißt hier Zustand? Mein Zustand ist ganz normal.
Cedric (hat da auch so seine berechtigten Zweifel): Naja?
Marc (deutet mit ausgestecktem Zeigefinger auf ihn): Alter, ich warne dich.
Gretchen (drückt Marcs Hand immer fester): Oh, ooohh...
Marc (ignoriert seine zerquetschten Finger, auch wenn er es kaum aushält, so doll wie Gretchen gerade zugreift): Neue Wehe?
Gretchen (sieht sich um): Auch! Nein, es ist nur, ich habe meine Tasche auch vergessen.
Sabine (nickt ihrer Freundin pflichtbewusst zu u. macht sich direkt auf den Weg): Ich gehe schon. Ihr könnt die Frau Doktor ja schon einmal in unser Auto setzen. Oder Schnurzelchen? Du fährst uns doch gleich ins Krankenhaus, oder?
Günni (lächelt seiner Frau verliebt hinterher): Sehr, sehr gerne, Purzelchen. Es wäre mir eine Ehre.

Schnurzelchen und Purzelchen? Ich werd hier noch wahnsinnig.

Marc (schaut irritiert zwischen dem Alienpaar hin u. her): Bitte? Ich fahr doch nicht mit nem Leichenwagen in der Notaufnahme vor. Das ist definitiv gegen die Natur der Dinge.
Gretchen (reißt sich plötzlich mit letzter Kraft von ihm los u. stellt sich ihm nun wütend in den Weg): Marc, jetzt setz mich in das blöde Auto, verdammt! Ich will unsere Kinder nicht hier im Flur zur Welt bringen, sondern im Krankenhaus, wo uns alle Mittel und Wege zur Verfügung stehen und Mehdi auf uns und vor allem auf dich aufpassen kann. Und du bedankst dich bei Bine und Günni. Ist das klar? Das ist nämlich eine sehr nette Geste, dass sie uns fahren.
Maria (sieht schmunzelnd zu Cedric, der sich sein Grinsen auch nicht verkneifen kann): Oh! Jetzt beginnt die kritische Phase.
Marc (Gretchens Ansage noch im Ohr, rutscht seine Stimme gleich eine Oktave höher): Kritische Phase?
Maria (klärt ihr perplexes Gegenüber süffisant auf): Na, wenn die Frau Dr. Haase Widerworte gibt, dann ist es wirklich ernst.
Marc: Ach, ihr könnt mich alle mal. Zum Wagen! Hopp! Günni!

Mit seiner freien Hand zeigte Dr. Meier seiner gehässigen Chirurgenkollegin den Stinkefinger und schob anschließend mit Hilfe eines leicht verwirrt dreinblickenden Dr. Gummersbach seine Freundin zu dessen zufällig direkt vor der Haustür geparkten Wagen. Mit einigen Mühen hatten die beiden die Hochschwangere auf die Rückbank gehievt. Marc wollte sich gerade zu ihr setzen, um ihr während der kurzen Fahrt ins Krankenhaus die Hand halten zu können, aber da hatte sich schon Schwester Sabine vorgedrängelt. Sie reichte ihrer sehr verehrten Stationsärztin ihre rosa Handtasche und Marcs Jacke und lächelte Dr. Meier von ihrem eroberten Platz aus verlegen durchs Fenster an, dem es regelrecht die Sprache verschlagen hatte vor dieser unverschämten Dreistigkeit. Günni hatte derweil schon den Motor gestartet und tippte ungeduldig im Takt der Titelmelodie seiner Lieblingsserie auf das Lenkrad. Marc blieb also keine andere Wahl. Er knallte widerwillig die hintere Tür zu und pflanzte sich anschließend grummelnd auf den unliebsamen Beifahrerplatz, von dem er erst einmal einen Berg nerviges Babyspielzeug in den Fußraum schieben musste.

Marc (grummelt eingeschnappt in seinen Dreitagebart): Das hat ein Nachspiel.
Maria (guckt vergnügt durch die offene Beifahrerscheibe zu Gretchen hinter, um ihr ein letztes Mal Mut zu machen): Na, das hoffe ich doch. Wir sind schließlich schon alle gespannt.
Cedric (legt ihr sanft den Arm um die Schulter u. zwinkert der vorfreudig erregt lächelnden Ärztin zu, der jedoch mit der nächsten Wehe auch schon wieder das Lächeln vergeht): Und wie!
Sabine (schaut unwirsch von einer Person zur anderen u. kümmert sich schließlich um ihre hechelnde Freundin neben sich): Wie meinen? Du musst atmen, Frau Doktor! Wie die Frau Blume im Hebammenkurs gesagt hat. Ein und aus. Ein und aus.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. harrt der Dinge): Ich bin hier wirklich unter Irren.
Gretchen (spricht ihn mit sanfter Engelsstimme an): Marc,...?
Marc (schaut dann doch noch mal zu ihr hinter, vergisst augenblicklich den Groll u. guckt sie aufmunternd an): Du ausgenommen. Jetzt fahr schon los, Gummersbach! Oder wartest du noch auf den Tüv? So viele Desinfektionsmittel gibt es in ganz Berlin nicht, falls wir hier in deinem ET-Mobil loslegen müssen.
Günni (wird schlagartig blass u. lässt den Wagen anrollen): Oh, oh!
Cedric (verabschiedet sich mit einem aufmunternden Lächeln): Viel Glück euch beiden!
Maria: Das werden sie brauchen.

...erwiderte Maria zynisch auf die aufmunternden Abschiedsworte ihres gutmütigen Lebensgefährten, aber diese waren bei Marc und Gretchen gar nicht mehr angekommen, denn Günnis Auto fuhr bereits langsam aus der Ausfahrt vom Grundstück. Arm in Arm schaute das vorfreudig erregte Paar dem pechschwarzen Wagen hinterher, bis plötzlich ein weiterer Arm vor ihren Augen wild herumwirbelte, als würde er winken. Alarmiert schauten sie an sich herunter und bemerkten den Fehler. Im selben Moment kam auch schon der dunkle Volkswagen mit quietschenden Reifen im Rückwärtsgang zurück aufs Grundstück gebraust. Verfolgt von einer Staubwolke. Cedric und Maria konnten gar nicht so schnell gucken, da war Sabine schon aus dem Auto gesprungen und hatte sich mit einem entschuldigenden Lächeln ihren Jungen geschnappt und hatte sich unter dem heftigen Protest des Beifahrers wieder auf ihren Platz gesetzt und die Hintertür geschlossen.

Sabine: Entschuldigung! Ich weiß auch nicht, wie wir Anton vergessen konnten. Das ist uns noch nie passiert.
Marc: SABINE!
Sabine: Wir... müssen. Frau Doktor? Herr Doktor?
Cedric: Sicher!

...entgegnete Cedric den Abschiedsworten der seltsamen Krankenschwester sichtlich verwirrt und schon war das Auto auch schon wieder aus dem Blickfeld von Dr. Hassmann und Dr. Stier verschwunden, als wäre nie etwas passiert. Völlig konsterniert schauten sie sich in die Augen und fingen dann mit einem Mal synchron an zu lachen. Schließlich hielten sie sich kopfschüttelnd in den Armen.

Maria: Das ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?
Cedric: Ehrlich gesagt bin ich mir überhaupt nicht sicher, was gerade passiert ist.
Maria (streckt plötzlich ihre Hand aus): Ich bin mir aber sicher.
Cedric (guckt verwundert auf die zarte, kleine Hand, die ihm hingehalten wird): Inwiefern?
Maria (klärt ihn ungeniert auf): Du schuldest mir einen Hunni.
Cedric (ist damit absolut nicht einverstanden): Hatten wir uns nicht auf einen Fuffi geeinigt?
Maria (grient ihn süffisant an): Fünfzig darauf, dass die beiden die Party sprengen würden. Und die anderen Fünfzig, sagen wir mal so, für höhere Gewalt.
Cedric (lacht): Im übertragenen Sinne.
Maria (schaut ihm übertrieben ernst in die aufblitzenden blauen Augen): Alles andere wäre nicht realistisch genug gewesen. Nicht bei Meier und Haase.
Cedric (zieht zwei orangefarbene Scheine aus seiner hinteren Hosentasche u. reicht sie ihr nach kurzem Zögern feierlich): Stimmt! Du hast es vorausgesehen. Du hast das dritte Auge. Also hast du die Wette auch gewonnen.
Maria (nimmt die Scheine grinsend entgegen, drückt sie an ihre Lippen u. schiebt sie anschließend mit einem lasziven Lächeln in ihren Ausschnitt, wo sie hoffentlich nicht verloren gehen werden): Ich glaube, so langsam finde ich doch Gefallen an unserer kleinen Feier.
Cedric (kann seinen intensiven Blick nicht von der sexy Lady wenden): Ach? Sag bloß? So richtig gesprengt haben sie sie ja eigentlich gar nicht. Vielleicht sollten wir noch mal neu verhandeln, hm?

Anstatt etwas darauf zu erwidern, beschloss Maria lieber zu handeln und ihrem Gefühl zu folgen, das sie nach den aufwühlenden Ereignissen um Gretchen Haase und Marc Meier gerade aufs Heftigste übermannt hatte. Sie drückte ihrem perplexen Partner spontan einen innigen Kuss auf die Lippen, der vermutlich noch endlos lange gedauert hätte, wenn nicht plötzlich hinter ihnen ihre kleine Tochter hervorgewirbelt gekommen wäre und sie mit ihrem ungestümen Verhalten voneinander getrennt hätte.

Sarah: Mamiii! Papiii! Da seid ihr ja! Nicht schon wieder rumknutschen! Das könnt ihr auch später noch. Alle warten auf euch.
Maria (streicht sich ertappt über die sensibilisierten Lippen): Oh?
Sarah (strahlt die beiden mit ihren Kulleraugen an): Opa grillt doch schon fleißig und er braucht noch Nachschub.
Cedric (ebenso noch leicht verwirrt von dem Kuss u. den Ereignissen eben): Oh! Ja, äh... selbstverständlich! Wir kommen.
Sarah (klatscht begeistert in die Hände u. schaut sich suchend um): Supi! Habt ihr Onkel Marc und Gretchen gesehen?
Maria (schließt für einen kurzen Moment die Augen u. befürchtet schon das Schlimmste): Äh... Ja, die... sind leider schon gegangen.
Sarah (zieht enttäuscht eine Schnute): Echt? Das ist aber schade. Wohin denn?
Cedric (springt seiner Frau schnell auf seine Art zur Seite): Ja, in der Tat. Das hätte noch spannend werden können.
Maria (warnt ihn mit mahnendem Blick): Rick!
Cedric (lacht): Sie waren noch verabredet. Mit zwei ganz besonderen Menschen.
Sarah: Ach so? Na dann, kommt ihr?

...gab sich die arglose Sechsjährige mit der Antwort ihres Vaters zufrieden. Sie griente ihre Eltern fröhlich von unten herauf an und schnappte sich jeweils eine Hand der beiden. Maria und Cedric schauten sich vielsagend in die wissend aufblitzenden Augen und guckten noch mal vergewissernd hinter sich auf den schmalen Kiesweg, der von einer Staubwolke überzogen war, die Günnis VW Sekunden zuvor hinterlassen hatte, dann schlossen sie die Haustür hinter sich. Außer den beiden hatte zum Glück noch niemand bemerkt, was das Schicksal mit ihren beliebten Kollegen heute noch vorhatte. Ansonsten hätte Sarahs kleine Feier an ihrem großen Tag sicherlich noch einen anderen Ausgang genommen, aber noch war sie ja im vollen Gange.

Lorelei Offline

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Beiträge: 8.101

14.09.2017 21:31
#1606 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt war etwas im Gange. Etwas Gewaltiges. Etwas Geniales. Etwas Grundfeste Erschütterndes. Das schon recht dünn gesäte Nervenkostüm eines sonst sehr besonnenen Berliner Chirurgen köchelte nämlich gerade vor sich hin. Mit Potential zur Steigerung, versteht sich. Doch er bemühte sich, Ruhe zu bewahren. Ja, das tat er wirklich. Was blieb ihm auch anderes übrig, nachdem man ihn gegen seinen Willen auf den unliebsamen Beifahrerplatz verbannt hatte? Welten entfernt von seiner Süßen, die gerade unvorstellbare Schmerzen durchzustehen hatte, ohne dass sie sich schützend an seine starke Schulter stützen durfte. Weil sich die nervigste Frau der Welt - nach seiner und Gretchens Mutter - und ihr kleiner Hosenpuper unverschämterweise vorgedrängelt hatten. Aber er war die Ruhe selbst. Mehr oder weniger. Eher weniger. Denn er tippte auch immer wieder, ohne dass er es selber mitbekam, im Takt eines der Lieder, die er vorhin auf Sarahs ABC-Schützinnenfest zusammen mit Lilly Kaan auf der Gitarre vorgetragen hatte, nervös mit den Fingerspitzen auf dem blitzblank polierten Armaturenbrett herum, was auch seinem unfreiwilligen Chauffeur zunehmend Schnappatmung bereitete, der sich nur bedingt davon abhalten konnte, aus dem Seitenfach an der Tür eines der zahlreichen, in verschiedensten Farbnuancen vorrätigen, fusselfreien Mikrofasertücher hervorzuzaubern, um in einem unbeobachteten Moment Dr. Meier hinterher zu wischen.

Aber da Dr. Gummersbach um die angespannte Gemütslage des Chirurgen wusste, vor dem er ab und an im Dienst in stressigen Situationen durchaus Angst bekam, hielt er sich zu seiner eigenen Sicherheit lieber zurück und versuchte, so weit es ihm möglich war, seine Manie zurückzuhalten, indem er sich gänzlich auf die Straße und die darauf spazierenden Menschen konzentrierte, denen er immer wieder vorsichtig ausweichen musste, wenn sie unbedacht seinen Weg kreuzten. Leider tat der patente Pathologe damit aber anscheinend genau das Gegenteil von dem, was von ihm erwartet wurde. Die innere Unruhe seines neben ihm sitzenden Kollegen brach nämlich plötzlich wie ein Wirbelsturm hervor, wodurch selbst der Ruhepol Sabine Gummersbach auf ihrem Platz auf der Rückbank des schwarzen Volkswagens kurz zusammenzucken musste, die sich gerade fürsorglich um ihre befreundete Patientin kümmerte, die zwar ungewöhnlich ruhig geblieben war, seitdem sie sehr beengt zusammen im Auto saßen, aber doch auch sehr mit den Umständen zu kämpfen hatte, welche ein freudiges Ereignis ankündigten, das alle in Atem hielt und einen Menschen ganz besonders.

Marc: Boah, Gummersbach, du alte Schlaftablette, hast du deinen Führerschein bei den Weinbergschnecken gemacht? Jetzt tritt endlich das Gaspedal durch, verdammt noch mal! Dazu ist es doch da. Wir haben es eilig. Da kann man ja gar nicht mehr zuschauen, so langsam bewegt sich die Karre.
Gretchen (greift mit letzter Kraft nach der Kopfstütze von Marcs Sitz u. funkelt den ewigen Meckerkönig tadelnd an): Marc!
Marc (dreht sich ertappt auf dem Beifahrersitz zu ihr um u. ist irritiert, wie nah ihr bildhübsches Gesicht ihm plötzlich ist): Was? Alles okay bei dir?
Gretchen (sieht ihn unmissverständlich aus zusammengekniffenen Augen an, nachdem sie sich schwer ausatmend wieder gegen die Rücklehne gelehnt hat, um zu entspannen): Es wäre alles okay, wenn du Günni nicht so angehen würdest. Er bemüht sich doch.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. guckt demonstrativ wieder nach vorn, kann sich einen kurzen Blick auf die Tachonadel aber nicht verkneifen, die unbeweglich in einer Position verharrt): Er bemüht sich? Wer das im Zeugnis stehen hat, ist durchgefallen, Haasenzahn. Durchgefallen! Hast du das nicht gesehen? Gerade hat uns eine alte Omma mit ihrem zweijährigen Enkel überholt. Und die waren zu Fuß unterwegs. Zu Fuß!
Gretchen (reibt sich am Ohr, um das Klingeln zu vertreiben, u. tauscht mit Sabine vielsagende Blicke aus, die gerade Baby Anton in den Schlaf summt, was auch Gretchen ein bisschen schläfrig macht): Marc, du musst das nicht alles wiederholen. Wir haben dich schon verstanden.
Marc (gestikuliert wild mit den Armen vor sich herum u. lässt sie schließlich erschöpft in seinen Schoß fallen): Ja, aber anscheinend er nicht. Leg endlich einen Gang zu, Mann! Das ist keine Kaffeefahrt. Das ist ja nicht mal Schrittgeschwindigkeit, was du hier betreibst. Das ist unverantwortlich, echt. Aber was hab ich erwartet von jemandem, der erst in Aktion tritt, wenn wir unsere Skalpelle schon längst wiedereingepackt haben und das OP-Licht ausgegangen ist.

Ich hätte selber fahren sollen. Dann wären wir jetzt schon im Kreißsaal. Vielleicht würden die Zwerge sogar schon in unseren Armen liegen und uns anlächeln. Wir wären happy und er könnte sich wieder in sein Kellerloch verkriechen und tote Organe auseinander nehmen, um daraus alberne Ohren zu basteln oder was auch immer er da unten eigentlich treibt. Mann, Günni ist weiter weg von neu erschaffenem Leben als jeder andere von uns und ausgerechnet der Totengräber kutschiert uns hier durch die blühenden Landschaften Berlins. Mehr Ironie geht nicht. Danke da oben! Wer auch immer sich das ausgedacht hat?

Günni (versucht, nicht nervös zu werden, obwohl er spürt, dass er vor lauter Stress gleich einen Schluckauf bekommen wird): Tut mir leid, Dr. Meier, aber ich halte mich nur an die Straßenverkehrsordnung.
Marc (starrt ihn an, als sei er ein Alien von einem anderen Stern): Bitte? Willst du mich vergackeiern? Wozu die SVO? Das ist ein verdammter Feldweg, mehr nicht.
Sabine (hat dazu auch eine klare Meinung, die sie sich sogar traut, mutig vor ihrem Chef auszusprechen): Eben drum, Dr. Meier.
Marc (dreht sich mit einschüchterndem Ameisenblick zu der vorlauten Krankenschwester um, welcher auch direkt seine Wirkung zeigt): Sie halten mal schön die Bälle flach, Schwester Sabine, und die Hände von Haasenzahn fest. Ist das klar? Und hören Sie mit dem schrecklichen Gejaule auf. Das ist nervtötend. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie der Kleine dabei überhaupt pennen kann.
Gretchen (versucht angestrengt, ruhig zu bleiben, obwohl es ihr bei Marcs ausfallendem Verhalten schwerfällt): Maaarc!

Kann er sich nicht einmal zusammenreißen? Für mich ist das auch nicht leicht, so eingequetscht zwischen Sabine, Antons Maxi-Cosi und Günnis Notfallsets. Was hat er da eigentlich alles drin? Reicht das alles auch für eine Notgeburt im Auto? Nein, ich will nicht! Ich will nicht im Auto entbinden. Faaaahrt endlich looossss, verdammt! Oh, nein, nicht fluchen! Gretchen, fluchen ist gar nicht gut. Denk an das Schwangerenyoga! Tiefenentspannung ist angesagt. Blende alles aus und konzentriere dich ganz auf dich und deinen Körper! Wenn das so einfach wäre. Eingeklemmt zwischen zwei Hochs und einem Unwettertief, das sich gleich auf Günni stürzt und ihn vermutlich verschlingt. Und wer fährt uns dann ins Krankenhaus?

Marc (guckt seiner Herzprinzessin alarmiert in die wild funkelnden Augen): Wehe?
Gretchen (schaut ihren bedröppelten Pappenheimer direkt an, während sie sich wieder auf ihre Atmung zu konzentrieren versucht): Du!
Marc (kann ihr nicht ganz folgen): Was?
Gretchen (seufzt erschöpft u. hält sich den Bauch, der fast schon hinter Günnis Autositz eingequetscht ist): Marc, wir fahren hier doch nicht zum ersten Mal entlang. Du weißt ganz genau, dass der Weg zu Marias neuem Haus über den Panoramaweg am See entlangführt.
Günni: Exakt! Wir dürfen gar nicht schneller fahren als Schrittgeschwindigkeit. Außerdem ist heute außerordentlich viel los hier am See. Vermutlich wegen der letzten beiden Ferientage.
Marc (rauft sich verzweifelt die Haare): Boah, das darf doch jetzt alles echt nicht wahr sein. Wenn das so weitergeht, kommen die Kinder doch noch im Wagen zur Welt.
Günni (wird jetzt doch ernsthaft nervös): Ääähhh... Ich... ich könnte vielleicht schon noch... zwei... drei... Kmh...?
Sabine (legt ihre Hand sanft auf seine Schulter): Wirst du nicht, Schnurzelchen. Kein Risiko. Wir schaffen das schon noch rechtzeitig. Oder Gretchen?
Gretchen (stöhnt abgelenkt): Mhmmm.... Ooohhh... Aaahhh...
Sabine (tauscht fragende Blicke mit Dr. Meier aus, weil sie sich nicht mehr so sicher ist): Also, hoffe ich?

Die Angesprochene konnte nicht mehr Zuversicht versprechen. Die nächste Wehe hielt Gretchen gedanklich und körperlich fest, während Marc sich hibbelig an der Kopfstütze seines Sitzes festklammerte, bis sich seine Freundin wieder etwas erholt hatte und ihm erschöpft zulächelte. Also ermutigend wirkte das nicht gerade. Zumal Günnis Wagen schon wieder anhalten musste, weil sich eine rücksichtslose Touristenfahrradgruppe an ihnen vorbeigedrängelt hatte und sie nun notgedrungen in Schneckengeschwindigkeit hinterher tuckern mussten. Es war wirklich zum Verzweifeln und der empörte Oberarzt konnte sich kaum noch beherrschen. Nur ein Blick in Gretchens himmelblaue Augen hielt Marc noch in Schach. Aber wer wusste schon, wie lange noch? Hurrikan Meier war schließlich unberechenbar, wenn er einmal Fahrt aufgenommen hatte. Hoch Haase blieb dagegen unerschütterlich. Noch.

Gretchen: Es... geht... mir... uns... gut. Keine Bange, Marc! Ich halte das aus. Wirklich.
Marc (reibt sich mit der flachen Hand über den angespannten Brustkorb, während er bemüht lächelnd die beiden Damen u. den jungen Mann in ihrer Mitte, dem immer wieder die Äuglein zufallen, auf der Rückbank ansieht): Ich mache mir keine Sorgen, Haasenzahn. Ich wäre nur wesentlich entspannter, wenn wir fachkräftiges Personal um uns herum hätten. Das geht jetzt nicht gegen Sie, Schwester Sabine. Es ist nur...
Sabine (lächelt ihren sehr geschätzten Oberarzt zuversichtlich an u. tupft Gretchen mit einem kühlenden Tuch aus Günnis Notfallset die Stirn): Ich habe das schon richtig verstanden, Dr. Meier. Noch haben wir Zeit. Alles ist gut. Wir sind bei Ihnen.
Marc (nuschelt unwirsch in seinen Dreitagebart, während er sich auf seinem Sitz zurücklehnt u. apathisch der in schreckliches buntes Lurex gekleideten Fahrradgruppe hinterher starrt, die in Zweierreihen die schmale Straße blockiert): Mhm!
Hoffentlich! Eine Geburt im Auto kommt definitiv und überhaupt nicht in Frage. Was schreibt man denn dann in die Geburtsurkunde? Sorry, schiefgelaufen? Kieselweg am Wannsee? Pah! Nicht mit mir!
Sabine: Ist denn Dr. Kaan schon informiert? Erwartet er uns?

...durchbrach die hilfsbereite Krankenschwester schließlich arglos die kurzzeitig eingetretene Stille in der zwangszusammengewürfelten Fahrgemeinschaft und bemerkte irritiert die plötzlich immer blasser werdenden Gesichter des werdenden Elternpaares. Marc hielt sich die Hand vor den Mund, als er Gretchen anblickte, die ihm mit großen staunenden Augen entgegenschaute und dann nervös mehrmals blinzelte.

Marc: Scheiße! Mann, das war eben noch Punkt eins meiner To-do-Liste gewesen, bevor ihr mit eurem bescheuerten „Du-darfst-aber-heute-nicht-mehr-fahren“ angefangen habt.
Gretchen (ist wieder mal den Tränen nahe): Tut mir leid!
Marc (schnallt sich unter den ungläubig entsetzten Blicken von Dr. Gummersbach ab u. dreht sich auf seinem Sitz so herum, dass er Gretchens zarte kleine Hand erreichen kann): Du entschuldigst dich für gar nichts. Verstanden? Wenn überhaupt ist Hassi Schuld mit ihrer dämlichen helikoptermütterlichen Hysterie. Rückt mal lieber meine Jacke raus! Ich weiß, sie ist eine gute Kopfstütze, aber mein Handy steckt noch in der Seitentasche.
Sabine (reicht ihm ergeben die Jacke über Antons neugieriges Köpfchen hinweg): Bitte, Dr. Meier!
Günni (guckt immer wieder leicht panisch zur Seite, wo Dr. Meier auf dem Sitz herumhampelt u. ihn damit zunehmend nervös macht): Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich wieder anschnallen könnten, Dr. Meier. Ich muss auf den Sicherheitsaspekt be...be...bestehen. Bitte!
Marc (blendet Günnis Gestotter komplett aus u. sucht hektisch sämtliche Jackentaschen ab, bis er fündig geworden ist u. sich erleichtert aufseufzend mit dem Handy in der Hand in seinen Sitz zurücklehnt): Ja, ja, Sie kriegen nachher noch einen Bienchenstempel in Ihr Dienstheft für vorbildliches... Was-auch-immer. ... Hm... Mehdi? ... Mehdi? ... Mehdi! Da ist er! Alter, ich hoffe, du bist da.

...murmelte Marc in Gedanken vor sich hin, während er in Windeseile seine kurze Freundesliste in seinem Smartphone runterscrollte. Schon wählte es die entsprechende Nummer. Nach dem dritten Klingeln nahm auch schon direkt jemand am anderen Ende der Leitung ab, aber bevor dieser jemand etwas hätte erwidern können, hatte ihm der hibbelige werdende Vater auch schon das Wort genommen und textete nun unter den ungläubig hin- und herwandernden Blicken von Günni, Gretchen, Anton und Sabine gewohnt markant meckernd das Telefon voll.

Marc: Alter, na endlich! Häkelst du noch eine hässliche Unterhose oder was ist da bei euch los, dass ihr ewig braucht, um ranzugehen? Mann, komm unter dem Rock vor, egal bei wem du gerade drunter steckst! Sexy hin oder her, es gibt jetzt richtig was zu tun. Lass alles stehen und liegen! Und warte unten in der Ambulanz auf uns!
Mehdi (kurzzeitig irritiert): Marc, bist du das?
Marc (steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil ihn anscheinend jeder zu verarschen versucht): Mann, Alter, schläfst du schon? Jetzt komm in die Hufe und lass das Sandmännchen stehen! Wir erwarten dich T minus zwei Minuten unten an der Rampe zur Notaufnahme, falls Günni doch noch das Gaspedal findet. Ansonsten zeig ich es ihm. Ich habe so die Schnauze voll, das kannst du mir glauben.
Günni (verteidigt krampfhaft sein Lenkrad): Dr. Meier!
Gretchen (murmelt leicht genervt von der Rückbank): Marc!
Mehdi (versteht immer noch nicht wirklich, was Marc eigentlich von ihm will, da er abgelenkt ist): Günni? Wieso Günni? Was ist denn...? Warte! Ich... Ich muss noch...
Marc (jetzt platzt ihm endgültig die Hutschnur): Sag mal, hast du den Arsch offen? Wir warten nicht. Du hast uns versprochen, dass wir uns jederzeit melden können und eine Sonderbehand... Hallo? Ey, bist du noch dran? ... Der hört mir gar nicht zu. Ey, ständig belehrt der einen und genießt das auch noch, aber wenn es wirklich ernst wird, klappt der die Löffel runter. Ein Scheißfreund bist du, echt, Mehdi! Dir vertraue ich noch mal.

Völlig verdutzt drehte sich Marc mit dem Handy am Ohr zu den Mädels auf der Rückbank um, die ebenso irritiert mit den Schultern zuckten. Er bemerkte Gemurmel im Hintergrund und versuchte angestrengt, mitzuhören. Aber das Gespräch war gedämpft. Mehdi schien die Sprechmuschel zuzuhalten. Sein Freund sprach tatsächlich mit jemandem, war dann aber auch im nächsten Augenblick sofort wieder für Marc da, dessen Halsschlagader, für Mehdi unsichtbar, mittlerweile gewaltig angewachsen war und heftig zu puckern begonnen hatte. Jeder im Auto befürchtete jeden Moment höchste Explosionsgefahr. Aber die blieb offenbar aus, als er dann doch endlich einen zufrieden stellenden Zuhörer gefunden hatte.

Mehdi: Entschuldigung! Ich glaube, ich muss das Interview hier an der Stelle abbrechen. Die Pflicht ruft. Tut mir leid, dass ich nur so wenig Zeit für Sie hatte. Aber das ist der Normalzustand hier auf meiner Station an einem Wochenende im Spätsommer. Die Auswirkungen der besinnlichen Tage im vergangenen Dezember, wenn Sie verstehen. Wir haben ja soweit alles...? Alles andere können Sie dann morgen Nachmittag auf der Demo mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Verein besprechen. ... Ja! ... Das darf ich Ihnen leider nicht verraten. Ärztliche Schweigepflicht. Aber ich bin nun mal ein gefragter Mann, wie Sie sicherlich gemerkt haben, als ich Sie so lange habe warten lassen. Dafür noch mal Entschuldigung. Und vielen Dank, dass Sie uns die Möglichkeit geben, über unser Anliegen zu berichten. Auch wenn es schmerzhaft war, ich bin froh, dass sich dadurch jetzt etwas in Bewegung setzt. ... Ja, danke und auf Wiedersehen! ... Marc? Entschuldige! Ich habe die Fernsehleute schon den ganzen Nachmittag vertrösten müssen. Hier war der Teufel los, kann ich dir sagen. Aber jetzt ist es ruhiger und ich bin wieder ganz für dich da. Also, wo drückt der Schuh?

Arsch! Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr einschleimen, du Hans Wurst, du.

Marc (nuschelt eingeschnappt in seinen Dreitagebart): Wurde auch mal Zeit.
Mehdi (lehnt sich entspannt in seinen Chefsessel zurück, nachdem sein Besuch gegangen ist, u. schlussfolgert): Jetzt noch mal in der Kurzversion, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Du kommst ja in Stresssituation meistens nicht auf den Punkt.
Marc (traut seinen Ohren kaum u. regt sich direkt meierlike auf): Bitte? Ey, verarsch mich nicht! Nicht heute! Nicht jetzt! Das ist kein Witz, verdammt!
Mehdi (lächelt wissend vor sich hin u. streicht dabei mit dem Daumen zärtlich über das Porträtfoto seiner kleinen Tochter auf dem Schreibtisch): In welchen Abständen kommen denn die Wehen? Ist die Fruchtblase schon geplatzt?
Marc (überrascht, dass sein angeblicher Freund dann doch so schnell in den Routinemodus geschaltet hat): Geht doch! Fast hätten wir uns einen anderen Experten gesucht.
Gretchen (hat dazu natürlich auch direkt etwas zu sagen): Hätten wir nicht. Jetzt gib ihm endlich Bescheid, Marc!
Mehdi (grient vergnügt vor sich hin, weil die Vorfreude ihn so richtig gepackt hat): Das wäre aber schade.
Marc (schmollt immer noch): Kommt darauf an.
Mehdi (konzentriert sich auf seinen Job, um Marc nicht noch weiter zu provozieren): Also, jetzt wirklich im Ernst. Marc, die Fakten?
Marc (nach einem kurzen vergewissernden Blick nach hinten konzentriert auch er sich wieder auf das Wesentliche): Jep, sie hat sich bereits bei den Hassmanns verabschiedet. Und die Wehen kommen so grob in Abständen zwischen fünf und zehn Minuten. Oder Gretchen?
Gretchen (nickt u. versucht sich mit Hilfe von Sabine auf ihre Atmung zu konzentrieren u. sich nicht von dem zappelnden Anton im Maxi-Cosi ablenken zu lassen): Mhm!

Also, ich liebe Anton ja wirklich, aber wenn der Kleine weiter so herumruckelt, wird mir auch noch schlecht. Außerdem drückt der Gurt so und ich weiß überhaupt nicht, wie ich sitzen soll. Das ist schon recht eng hier. Meine linke Pobacke ist schon eingeschlafen und mir tut der Rücken so weh. Ich hoffe, ich pack das alles. Vielleicht hätten wir doch noch mal üben sollen. Theorie ist halt doch noch etwas anderes als die Praxis. Oh... ooohhh... Ich glaube, gleich geht es wieder los. Hilfe! Ich will jetzt wirklich endlich ins Krankenhaus. Ich will zu Mehdi. Bitte nicht falsch verstehen, Marcischnuckiputzi, aber ich will jetzt unbedingt zu Meeehdiii!

Sabine (schaut ihrer gequält lächelnden Freundin zuversichtlich in die Augen u. atmet konzentriert mit): Exakt, Dr. Meier! Siebeneinhalb Minuten seit der letzten. Tendenz weniger.
Mehdi (lauscht gespannt mit, während er aus seiner Ablage eine Akte heraussucht u. aufschlägt, um sich darauf etwas zu notieren): Gut, das ist gut.
Marc (will sich seine Anspannung nicht anmerken lassen u. überspielt das Ganze mit einem Witz): Gut? Du hast keine Ahnung, wie’s hier drin aussieht. Wir sind mit einem verdammten Leichenwagen unterwegs, der hier erst einmal eine bescheuerte Prozession am See entlangfährt. Das ist wie in einem verdammt misslungenen Sat1-Dienstagsmovie.
Mehdi (grinst, als die Bilder vor seinem inneren Auge auftauchen, schnappt sich die Akte u. springt aus seinem Sessel auf): Verstehe! Ein Glück, dass heute Samstag ist. Ich gebe meinem Team Bescheid und warte unten auf euch.
Marc (nuschelt kaum hörbar): Danke, Mann!
Mehdi (steht schon vor seiner Bürotür, als er noch einmal innehält): Und Marc?
Marc (noch immer unruhig, aber etwas beruhigter, seitdem er zumindest Mehdi auf seiner Seite weiß): Hm?
Mehdi: Hey, mein Freund, es ist soweit. Freu dich! Alles andere ist unwichtig. Ihr müsst nicht aufgeregt sein. Ihr schafft das. Du schaffst das. Das ist ein großer Tag an eurem großen Tag, du Glückspilz. Besser geht’s nicht. Also, bleib entspannt und scheiß die anderen nicht an. Wir sind alle auf derselben Mission unterwegs. Eurer Mission. Und ich freu mich unendlich für euch. Ich bin die ganze Zeit bei euch. Wir sehen uns gleich.
Marc: Ja!

...murmelte Marc noch ins Telefon, bevor er auflegte, und schaute dabei verträumt lächelnd seiner Süßen in die Augen, die seinen Blick genau richtig gedeutet hatte. Es trat Ruhe ein im Wagen von Dr. Gummersbach, was auch diesen merklich beruhigte und entspannte. Sie hatten den Kiesweg am See mittlerweile verlassen und die Fahrradgruppe hinter sich gelassen und fuhren nun die übrigen fünfzehneinhalb Meter auf der frühabendlich gut besuchten Hauptstraße entlang. Günni wurde sogar so übermütig, dass er dann doch kurz beschleunigte, um mit Schwung die Einfahrt zum Gelände des Elisabethkrankenhauses zu nehmen. Seine überraschten Fahrgäste wurden regelrecht in ihre Sitze gedrückt. Auch Marc Meier, der seinen verliebten Blick daraufhin von seinem Mädchen löste und nun verwundert den tollkühnen Pathologen in Augenschein nahm, der sich sogar zu einem ungewohnten Lächeln hatte hinreißen lassen. Der Kerl war einfach nur spooky, dachte Marc nur kopfschüttelnd und konnte seine große Klappe natürlich nicht zurückhalten.

Marc: Jetzt? Jetzt gibst du Gas? Das hätte Ihnen auch schon viel früher einfallen können, Alonso für Arme.
Günni: Ich bin lediglich auf die Sicherheit meiner Mitmenschen bedacht, Dr. Meier.
Marc: Ja, ja, dann spende von mir aus der Welthungerhilfe oder marschiere morgen den Marsch der Mütter mit. Aber jetzt mach wirklich hinne, Günni! Die Zeit drängt.

Doch Dr. Gummersbach ließ sich auch in diesem Fall nicht belehren. Er war der Fahrer. Er hatte die Kontrolle über das Fahrzeug. Sein Fahrzeug. Und deshalb hielt er sich auch exakt an die Verkehrsbegrenzung, die für die Fahrt durch den Klinikpark vorgeschrieben war. Als er jedoch gewohnt routiniert den Ärzteparkplatz ansteuern wollte, wo er den hintersten Stellplatz sein Eigen nennen durfte, kam ihm jedoch unvermittelt der Arm von Dr. Meier in die Quere. Der erschrockene Pathologe trat sofort wie befohlen auf die Bremsen.

Marc: Stopp!
Günni (tastet den linken oberen Quadranten seines Brustkorbes ab in Befürchtung eines drohenden Herzinfarktes): Was ist, Dr. Meier?
Marc (schaut ihn an, als sei er nicht ganz richtig im Kopf): Äh... Ich weiß ja nicht, was du vorhast, aber wir steuern jetzt direkt die Notaufnahme an. T minus zwei Sekunden. Hopp! Los, Mann!
Günni (rührt sich nicht vom Fleck u. hält mit zitternden Händen das Lenkrad fest): Aber das ist doch verboten.
Marc (guckt ihm unmissverständlich in die ängstlich hin u. her zuckenden Augen): Verboten ist der gelbe Pullunder, den du heute über deinem hässlichen Hemd trägst. Aber jedem das Seine. Mach bitte einmal das, was man dir sagt! Klar? Dr. Kaan erwartet uns da. Ich nehm’s auch auf meine Kappe, falls du dir gerade in die Hose machst.
Günni (zögert noch, aber hält seine Hand bereits unbemerkt über dem Schaltknüppel): Aber...
Sabine (legt ihm aufmunternd die Hand auf die Schulter): Kein Aber! Drück mal ein Auge zu, hm! Für die Frau Doktor. Sie kann doch nicht mehr so weit laufen in ihrem Zustand.
Gretchen: Danke, Günni, dass du uns hergefahren hast. Die letzten Meter schaffe ich auch nooo... Oohhh... Uuuhh...

...stöhnte Gretchen erneut auf und begann hechelnd zu atmen. Während Dr. Meier und Schwester Sabine die Hochschwangere besorgt in Augenschein nahmen, gab sich Günni schließlich doch einen Ruck, legte den Rückwärtsgang ein und schoss unvermittelt zurück auf den Weg. Dann legte er den ersten Gang wieder ein und tuckerte vorschriftsmäßig in Schrittgeschwindigkeit zur nahe gelegenen Notaufnahme, wo er direkt vorm Eingang zum Stehen kam. Der Stressschweiß stand ihm bereits auf der Stirn, aber innerlich war er zufrieden, dass er so vorausschauend gehandelt hatte. Dr. Kaan und Hilfspfleger Jochen warteten bereits an der Tür. Marc war noch, als das Auto die kleine Rampe hoch rollte, zum Entsetzen von Dr. Gummersbach aus dem Wagen gesprungen und hielt nun Gretchens Autotür auf, vor der sich Jochen mit einem Rollstuhl positioniert hatte, in den sich die Hochschwangere jedoch nur ungern hineinsetzen wollte. Mehdis bittender Blick konnte sie diesmal nicht erweichen und sie zögerte, auszusteigen, obwohl Marc ihr bereits hilfsbereit die Hand hinhielt.

Jochen: Na, ihr legt vielleicht ein Timing vor. Kompliment, Schwesterchen!
Gretchen (guckt leicht überfordert aus dem Auto auf ihren frech grinsenden kleinen Bruder): Das ist nicht witzig, Jochen. Was machst du überhaupt hier?
Jochen (grient sie gewohnt haaselike an): Spätschicht. Ich bin heute den Kinderärzten der Geburtshilfe zugeteilt. Geil, ne? Als hätte ich’s vorausgesehen.
Lass das bitte nicht wahr sein! Ich weiß nicht, ob ich Jochen dabeihaben möchte. Und unsere Eltern? Wo sind...? Wir müssen Mama und Papa noch Bescheid geben.
Marc (verdreht die Augen, als er kurz vergewissernd zu Mehdi schaut, der ihm zur Begrüßung ermutigend auf die Schulter klopft): Na, das hat uns gerade noch gefehlt.
Mehdi (wackelt vielsagend mit seinen breiten dunklen Augenbrauen): Och, ich finde, er stellt sich gar nicht mal so schlecht an. Fürs erste Mal. Und er will doch Kinderarzt werden, nicht? Dann lernt er heute eines der spannendsten Kapitel seiner Ausbildung kennen.
Jochen (nickt dem Oberarzt freundlich zu, während er ungeduldig auf seine Schwester wartet): Danke, Dr. Kaan!
Gretchen (funkelt Jochen zickig an u. bewegt sich nicht vom Platz): Schleimer!
Mehdi (lächelt von der einen zum anderen Haasen u. wieder zurück): Na, hier ist aber jemand noch ziemlich gut aufgelegt. Das sind die besten Voraussetzungen. Hallo erst mal, ihr beiden! Dann kommt mal bitte mit! Schauen wir uns das Ganze doch mal an, was eure Racker da gerade veranstalten, hm? Ich habe das Gefühl, heute seid ihr richtig hier.
Marc (streckt seinem Freund für die Spitze die Zunge raus): Haha, Witzbold!

War ja klar, dass er darauf herumreiten würde. Nur weil wir uns einmal, gut, zwei... dreimal ein klitzekleines bisschen vertan haben. Für das letzte Mal kann ich nichts. Das war meine Mutter. Scheiße! Meine Eltern... können warten. Die Untersuchung ist erst einmal wichtiger.

Gretchen (lässt sich wackelig von Mehdi u. Marc aus dem Auto helfen): Muss ich mich da wirklich reinsetzen, Mehdi? Ich habe gerade erst eine Wehe hinter mir. Es geht gerade wieder einigermaßen.
Sabine (nickt u. schiebt von hinten aus dem Auto nach): Sieben Minuten.
Jochen (grient seine Schwester neunmalklug an): Versicherungstechnische Gründe.
Mehdi (streicht seiner besten Freundin mitfühlend über den Arm): Er hat recht. Du kennst das Prozedere, Frau Dr. Haase.
Scheiß-Ärzte! Menno! So hab ich mir das aber nicht vorgestellt.
Gretchen (gibt sich widerwillig geschlagen u. lässt sich mit Marcs u. Mehdis Hilfe in den Rollstuhl plumsen): Ja, leider.
Marc (stützt sich mit beiden Armen an den Armlehnen ab u. guckt seiner Schmollprinzessin ermutigend in die Augen): Und wenn ich dich fahre, hm? Kleines Wettrennen über die Station? Mit ein paar Umdrehungen klappt das bestimmt gut. Hier lauert bestimmt keine Hassmann mit nem Promillemessgerät.
Mehdi (blickt schmunzelnd zwischen den beiden hin u. her): Muss ich das verstehen?
Gretchen (lächelt Marc verliebt an u. ist direkt wieder glücklich): Gerne! Aber nicht so schnell. Den Übermut heben wir uns für später auf. Wenn sie dann da sind.
Ich kann’s kaum noch erwarten.
Marc (drückt seiner Prinzessin einen dicken Schmatzer auf die gespitzten Lippen u. schreitet zur Tat): Gebongt!
Jochen (motzt eingeschnappt, als Marc ihn unsanft vom Rollstuhl wegschupst): Ey, das untergräbt meine Autorität, wenn du mir vor den Patienten das Arbeitswerkzeug aus der Hand reißt.
Marc: Welche Autorität, Schwester Jochen? Oder hab ich dein erstes Staatsexamen verpasst? Ach nee, du hast ja ein Semester ausgesetzt. Warum noch mal? Selbstfindung? Langeweile? Talentlosigkeit?

...griente Marc sein eingeschnapptes Gegenüber süffisant an und marschierte mit einem demonstrativen Triumphlächeln Rollstuhl schiebend an Jochen und Mehdi vorbei, um zusammen mit Gretchen als Erste schwungvoll den Eingang zur Notaufnahme zu entern, aus der ihnen gerade eine sichtlich übelgelaunte Oberschwester entgegenstapfte, die beim Anblick der stöhnenden Stationsärztin kurz irritiert innehalten musste. Mit einem frechen vorfreudigen Grinsen auf den Lippen und Pfleger Jochen vor sich herschiebend trabte auch Dr. Kaan an der perplexen Krankenschwester vorbei, die den Vieren verwundert hinterher blickte, ehe sie sich wieder gefangen hatte und schnurstracks auf den widerrechtlich vor dem Eingang geparkten Wagen zu spazierte, aus dem sich gerade Schwester Sabine mühsam mit dem Maxi-Cosi und Baby Anton auf dem Arm herauskämpfte.

Stefanie: Ja, ist das denn die Möglichkeit? Was erlauben Sie sich? Sie können hier nicht einfach stehen bleiben. Das ist die Notaufnahme und kein Parkplatz. Sie blockieren die Rettungswege, verdammt noch mal. Ich bin ja schon einiges von euch hochwohlgeborenen Ärzten gewohnt, aber dass Sie sich auch von diesen Tyrannen, die sich alles herausnehmen, instrumentalisieren lassen, enttäuscht mich schwer, Dr. Gummersbach. Fahren Sie jetzt SOFORT den Wagen weg oder ich vergesse mich! Wir erwarten jede Minute eine RTW mit einem Unfallopfer. Da hinten kommt er schon. LOS! Worauf warten Sie denn noch? Machen Sie PLATZ!

Ungehalten schimpfend und wild gestikulierend blickte Oberschwester Stefanie durch den schmalen Spalt des Fahrerfensters auf Dr. Gummersbach, der vor lauter Schreck das Sprechen verlernt hatte und am Steuer immer blasser geworden war. Er versuchte angestrengt, das Auto wieder zu starten, aber als er anfahren wollte, ruckelte es kurz und der Motor ging wieder aus. In akuten Stresssituationen war er einfach unfähig, komplexen Zusammenhängen zu folgen. Er war die ganze Zeit schon von Dr. Meier angeschrieen worden. Dass die Pflegeleiterin, vor deren schlechter Laune er sich wissentlich immer fernhielt, ihn nun auch noch lautstark anging, war einfach zu viel für den hypersensiblen Mann. Seine Frau wusste das und drückte der verdutzten Oberschwester unvermittelt Antons Maxi-Cosi in die Hand, um schnell die Fahrertür aufzureißen, um ihrem Liebsten zu helfen.

Stefanie (echauffiert sich direkt wieder, wird aber durch das Baby, das sie mit großen Kulleraugen anstarrt, gebremst): Was erlauben Sie sich? Was soll ich mit dem Jungen? Schwester Sabine? Das hat ein Nachspiel.
Sabine (lässt sich von ihrer Chefin diesmal nicht einschüchtern u. kümmert sich erst einmal liebevoll um ihren Mann, der seltsam apathisch wirkt): Günni? Mein Liebster?
Günni (fasst sich verwirrt an die Nase, guckt auf seine Hand u. dann langsam zu Sabine hoch): Ich glaube, mir wird schwarz.
Sabine (schaut fassungslos auf seine blutverschmierte Hand u. hält ihm aus dem Seitenfach des Autos eine Taschentuchpackung hin, aus der sie schnell einige Tücher herauszupft): Oh, nein, dein stressbedingtes Nasenbluten. Wir... wir müssen... Entschuldigung, Oberschwester?

...murmelte Sabine nur ängstlich, während sie ihrem wackeligen Ehemann vorsichtig aus dem Auto half. Die Oberschwester und Anton beobachteten derweil sichtlich verwirrt, wie die besorgte Krankenschwester sich bei ihrem Gatten einhakte, der sich angestrengt mehrere Lagen Taschentücher an die heftig blutende Nase drückte, und Richtung Notaufnahme stolperte. Im Hintergrund hörte man bereits das ungeduldige Hupen eines Krankenwagens, das die Oberschwester zusätzlich aufschreckte. Und jetzt fing auch noch das Kind in ihren Armen wie auf Kommando an zu weinen. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen bei der überforderten Frau, die schon einige Stunden Dienst hinter sich hatte, während sich alle anderen Kollegen unverschämterweise auf der Feier von Dr. Stier amüsieren durften, zu der sie nicht einmal eingeladen worden war.

Stefanie: Und wer fährt jetzt den vermaledeiten Wagen hier weg? Schwester Sabine? Das geht so nicht.
Sabine (übergibt ihren Mann an eine befreundete Krankenschwester aus der Notaufnahme, erklärt die Situation u. läuft flink zurück, um Stefanie den heftig weinenden Anton abzunehmen): Na, wer wird denn gleich weinen? Dem Papa geht’s doch gut, mein Schatz. Er ist nur ein bisschen aufgeregt. Wie wir alle. Wenn Sie vielleicht...? Ich bitte Sie wirklich nur ungern, aber Sie sehen doch, die Umstände.
Stefanie: Die Umstände? Schon klar! Mit mir kann man es ja machen. Ich hab ja sonst nichts zu tun, hm? Ich hoffe nur, es ist kein Automatikwagen. ... Ja, Gott noch mal, ich fahr ihn ja gleich weg. Sie Idiot, Sie!

...brüllte Oberschwester Stefanie ungehalten nach hinten zu dem ungeduldig hupenden RTW und dem sich verärgert aus dem Fenster lehnenden Sanitäter, der dem Krankenhausdrachen ungesehen eine unflätige Handbewegung hinterherzeigte, als dieser mit einigem Widerwillen in das Auto des Pathologen gestiegen war.

Sabine (seufzt erleichtert, als sich alle Probleme in Luft auflösen u. Anton auch direkt wiederaufhört zu weinen): Vielen Dank, Oberschwester! Ich bin Ihnen etwas schuldig.
Stefanie (zischt stinksauer aus dem Fahrerfenster): Ja, ja, davon kann ich mir jetzt auch nichts kaufen. Verschwinden Sie, sonst überlege ich es mir noch anders.
Sabine (zögerlich): Sie... Sie können mich übrigens ab sofort wieder in den Dienstplan eintragen. Es war zwar eigentlich erst ab kommenden Montag geplant, aber ich bin den ganzen Abend hier. Die Frau Doktor und der Herr Doktor bekommen doch ihre Zwillinge.
Stefanie (lässt die Autoscheibe wieder hochfahren u. schüttelt dabei genervt den Kopf): Das hab ich mitbekommen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Noch zwei von der Sorte haben mir echt noch gefehlt.

Und unter dem lauten Hupen des Krankenwagens, der dem VW von Dr. Gummersbach mittlerweile ziemlich dicht aufgefahren war, hätte die gereizte Oberschwester fast noch aus Versehen den Rückwärtsgang eingelegt und einen Blechschaden verursacht. Sie bekam das ihr fremde Auto aber noch rechtzeitig in den Griff und machte nun zügig den Weg vor der Notaufnahme frei. Sabine schaute ihrer Chefin noch erleichtert hinterher, wie diese sich ruckelnd in Richtung Parkplatz aufmachte, und guckte dann ihren wieder fröhlich grinsenden Pflegesohn an. Siedendheiß fiel ihr dadurch wieder ein, was gerade los war, und sie sprintete mit dem Maxi-Cosi in der Hand noch vor der Trage, die Gordon gerade mit einem Kollegen aus dem RTW herausschob, unter den verblüfften Blicken der herbeigeeilten Sanitäter ins Krankenhaus. Sie musste jetzt nach Günni schauen und dann ihrer Freundin beistehen. Was für ein aufregender Abend! Aber in ihrem und Gretchens Horoskop hatte heute Morgen schon gestanden, dass im Laufe des Tages Verwicklungen ins Haus stehen würden, welche mit wunderbaren Überraschungen gekrönt werden würden.

Lorelei Offline

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06.10.2017 16:26
#1607 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Im abendlich hell beleuchteten Behandlungszimmer von Dr. med. Mehdi Kaan herrschte indes erstaunlicherweise die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, nachdem sich endlich auch die beiden Hauptbeteiligten des wohl größten Abenteuers in ihrer nunmehr einjährigen Beziehung nach einem kurzen, aber lustigen Ritt durch die Flure des weitläufigen Elisabethkrankenhauses dort eingefunden hatten. Während Hilfspfleger und Bald-Wieder-Medizinstudent Jochen Haase mit dem zurückeroberten Rollstuhl, den er jetzt selber verbotenerweise als fahrbaren Untersatz für sich in Anspruch nahm, von dem vorfreudig aufgeregten Elternpaar in spe unmissverständlich auf den Gang der Gyn verbannt worden war und dort nun vor Langeweile und leichter Anspannung mürrisch Däumchen, respektive kleine Kreise, drehen musste, war zu guter Letzt auch Schwester Sabine tollpatschig wie immer und überraschenderweise in ihrem gewohnten blütenweißen Dienstoutfit gekleidet in die Praxis des beliebten Berliner Gynäkologen gestolpert gekommen. Treu ergeben und bereit für ihren Einsatz, was zunächst drei ziemlich verdutze Gesichter verursachte, welche fast schon in komödiantischer Zeitlupe von einem zum anderen und wieder zurück zu der verstrahlt lächelnden Krankenschwester wanderten, die sich erwartungsfroh vor den beiden Oberärzten und der ziemlich zerstreut wirkenden Ärztin in anderen Umständen in ihrer Mitte aufgebaut hatte.

Sabine (verlegen kichernd u. devot den Kopf senkend, als sie die verwunderten Blicke der anderen auf sich gerichtet registriert): Entschuldigung! Ich musste nur Günni schnell verarzten. Es gab da einen kleinen, naja, ähm... Zwischenfall. Nicht der Rede wert. Und meinen Anton musste ich doch auch noch gut versorgt wissen. Aber jetzt bin ich ja da.
Mehdi (schmunzelt u. macht sich in seiner Wirkungsstätte direkt an die Arbeit): Das... sehe ich.
Marc (sichtlich verwirrt guckt er von dem sehr geschäftigen Mehdi zu Gretchen, die gerade um die Ecke hinter dem Paravent verschwinden will): Äh... Ich bin mir nicht sicher, wie uns das jetzt genau weiterbringen soll, Schwester Sabine.
Gretchen (hat Sabines seltsamen Überraschungsauftritt gar nicht richtig wahrgenommen, da sie hinter dem Vorhang mit ihrem engen Kleid kämpft u. irgendwie feststeckt): Sabine?
Sabine (strahlt von einem zum anderen u. bemerkt dann im Augenwinkel Gretchens Not): Ich bin nämlich ab sofort wieder voll und ganz im Dienst und für Sie da. Die Oberschwester hat ihr Okay gegeben.
Marc (verhehlt seine Freude nicht u. wird direkt sarkastisch): Ah ja? Prima! Ganz super!

Warum in Dreiherrgottsnamen müssen wir eigentlich immer die Bekloppten und Idioten dieser Welt anziehen? Hat Haasenzahn heimlich eine Süßigkeitenspur hinterlassen, als wir mit dem Rolli über die Flure gedüst sind? Oder ist es einfach nur die Art der Stasi-Sabsi, immer genau dann aufzukreuzen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Wohl eher letzteres. Wundert mich das wirklich? Nope!

Sabine (etwas irritiert von dem strengen Blick, den Dr. Meier auf sie gerichtet hält): Ja, und ich möchte euch... Sie natürlich an Ihrem großen Tag unterstützen.
Mehdi (zwinkert der hilfsbereiten Krankenschwester freundlich lächelnd zu, was Sabine direkt einen gewaltigen Schub Selbstbewusstsein gibt): Wunderbar, Schwester Sabine! Wenn Sie dann vielleicht die Güte hätten, Dr. Haase mit dem Kleid behilflich zu sein, hm?
Sabine: Oh? Selbstverständlich, Dr. Kaan.

...nickte die hibbelige Stationsschwester dem charmanten Oberarzt der Gynäkologie pflichtbewusst zu und tapste flink um die Ecke, um ihrer besten Freundin und Kollegin aus dem hübschen Sommerkleid in das „schicke“, luftige Krankenhausleibchen zu helfen, was einige Mühen mit sich brachte, welche, sehr zu Gretchens Erleichterung, den werten Herren Doktoren vor dem Vorhang zum Glück verborgen blieben. Aber vielsagende Blicke tauschten Dr. Meier und Dr. Kaan dennoch miteinander aus, während sie auf die beiden Ladys warteten.

Mehdi: Alles gut bei euch?
Gretchen (stöhnt genervt auf): Jaaahaa... Uff!
Marc (zieht wissend seine linke Augenbraue hoch u. kann sich trotz der Brisanz der Situation ein Schmunzeln nicht verkneifen): Sicher? Das hört sich so an, als ob du die Zwerge da hinten schon ausbrütest, Haasenzahn.
Gretchen (zickt erschöpft durch den dicken Vorhang, der ihr Schmollgesicht verdeckt): Sehr witzig, Marc Meier! Wollen wir tauschen?
Marc (lacht): Willst du darauf wirklich eine ehrliche Antwort?

Er und seine große Klappe! Menno! Ich hab hier wirklich ein Problem. Ein großes, gewaltiges Gretchen-Problem. Warum hat einem eigentlich vorher niemand verraten, wie dick man wirklich während einer Schwangerschaft wird? Ich fand das eigentlich immer total süß und charmant, wenn ich einer Schwangeren begegnet bin. Man spürt direkt diese gewisse Aura, die einen sofort in den Bann zieht. Auch auf mich selbst bezogen. Und heute Morgen hat das alles noch super gepasst. Also, mehr oder weniger. Dachte ich, als ich mich im Spiegel angeschaut habe. Auf der Feier hat doch auch niemand was gesagt. Oder hat sich das niemand getraut, weil ich immer so schnell in Tränen ausbreche? Maria ist doch sonst immer erschütternd ehrlich zu mir und ich hab mich wirklich wohl gefühlt. Die ganze Zeit, naja, mal abgesehen von dem anderen riesigen Problem, das ich ignoriert habe. Bis jetzt. Hilfe! Ich will hier raus. Ihr aber auch, oder, meine Süßen? Geduld ist auch nicht eure Stärke, hm?

Gretchen (grummelig u. merklich durcheinander): Anstatt schon wieder dumme Sprüche loszulassen, hättest du mir ja auch deine Hilfe anbieten können, Monsieur Schlaumeier. Weißt du, das ist gar nicht so einfach, da wieder rauszukommen, wie man reingekommen ist. Das war auch schwierig, ja, aber ich wollte nun mal hübsch aussehen. Für dich und... Uuuuuhhh...
Marc (lacht u. schaut über die Schulter zu Mehdi, der sich hinter ihm für die Untersuchung bereit macht): Wen?
Sabine (kreischt hinter dem Vorhang hysterisch auf): Neue Wehe?
Gretchen (bleibt im Gegensatz zu ihrer hypernervösen Freundin ruhig, obwohl sie vor Anstrengung fast schon zusammenklappt u. sich an die Liege klammern muss): Ja, Bine, geht... gleich... wieder. Aaahhhh.... Uuuuuhhh... Das... Das war’s. Glaub ich?
Mehdi (schaut auf u. kann sein freches Mundwerk nicht halten): Ich will dir ja nicht die Illusion rauben, Gretchen, aber das ist erst der A...
Gretchen (seufzt resignierend, als sie für ihn zu Ende spricht): Das weiß ich selber, Mehdi. Aber trotzdem danke für deinen Beistand.
Mehdi (lächelt in ihre Richtung u. zwinkert dann wissend seinem Kumpel zu, der ans Fensterbrett gelehnt genervt die Augen verdreht): Dafür bin ich doch da.

Alte Schleimsocke! Du bist hier wirklich in deinem Element, hä? Noch ein bisschen Mädchenmucke im Hintergrund, rosa Plüsch überall und ein Schokoladenbrunnen und es kann losgehen. Hilfe! Gibt es noch irgendeine Chance, dem zu entkommen? Wohl eher nicht.

Sabine (wird trotz Gretchens unerschütterlicher Ruhe fahrig u. lässt den Vorhang hektisch hin u. her ruckeln, während sie angestrengt versucht, das Kleidungsproblem zu lösen): Habt ihr mitgerechnet?
Marc (kleinlaut): Ja!
Gretchen (gleichzeitig): Nein!
Marc (stößt sich vom Fensterbrett ab u. läuft rastlos vor dem Pavillon auf u. ab, weil nichts vorangeht): Keine Ahnung! Was dauert denn das alles so lange? Jetzt macht hinne, Mann! Wir müssten schon längst im Kreißsaal sein.
Mehdi (legt beruhigend seine Hand auf Marcs Schulter): Marc! Alles ist gut. Wir liegen gut im Zeitplan.
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf, schmeißt theatralisch die Arme in die Luft u. läuft weiter Spurrillen in das helle Parkett von Mehdis Praxis): Woher willst du das denn wissen? Du hast Haasenzahn doch noch nicht mal angeschaut.
Mehdi (tippt mit dem Zeigefinger an sein Doktorschild an der Brusttasche seines Arztkittels u. grient Marc dabei demonstrativ an): Marc, was steht denn hier auf dem Schild, hm? Doktor der Gynäkologie steht da. Ich sehe das auch so. Dazu brauche ich nicht extra eine Untersuchung, was jetzt aber nicht heißt, dass wir nicht doch noch vorher eine machen werden. Gretchen, können wir? Oder soll ich doch noch die Schere holen?
Gretchen (quietscht panisch auf, weil sie ihr schönes Kleid retten möchte): Neiiin!
Mehdi (grinst zufrieden vor sich hin u. dreht sich auf seinem Sitzhocker mehrmals im Kreis): Gut! Wäre auch schade drum. Du hast darin richtig hübsch ausgesehen, Gretchen.
Gretchen (fühlt sich durchaus geschmeichelt u. zappelt nun auch nicht mehr unkoordiniert herum, als Sabine ihr endlich erfolgreich aus dem Kleid hilft): Danke!
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor der Brust, während er sich gegen Mehdis Schreibtisch lehnt u. ungeduldig zum Paravent guckt): Alter Angeber!
Mehdi (springt wieder von seinem Drehhocker auf u. stupst den Grummelkönig grinsend mit der Schulter an): Das nennt sich Erfahrung, Kollege. Du behauptest doch auch immer, du könntest jeden Schritt im OP auch blind durchführen, hm?

Wieso eigentlich er? Da ist doch sogar jeder Pausenclown kompetenter als er. Ich wusste, der macht uns... mir Probleme. Aber grins du nur, Freundchen! Du kriegst das alles wieder. Doppelt und dreifach! Ich weiß zwar noch nicht wie, aber mit der Wartezeit kommen auch die Ideen. Hm... Wo sind eigentlich die Zigarren abgeblieben, die wir als Neu- und Wiederpapi paffen wollten? Ich könnte ihm was reinmixen, das ihm die zottelige Mähne wegfliegen lässt. Macht ihn zwar auch nicht sonderlich attraktiver, aber Gabi hat ja auch keine hohen Ansprüche. Andererseits, könnten wir ihn schon noch als Patenonkel gebrauchen. Dann sollte er schon fit, vorzeigbar und nüchtern sein. Ach, Mann, ey, das macht echt keinen Spaß mehr mit dir, Mehdi. Ich brauche ein neues Opfer.

Und als hätte sie Gedanken gelesen, holte eine piepsig nervige Stimme Dr. Meier wieder zurück aus seinem Gedankenkarussell und zog damit nicht nur seine Aufmerksamkeit auf sich, obwohl diese sonst eigentlich immer starke Fluchtinstinkte bei ihm auslöste, wenn er sie schon von weitem auf Station zu hören bekam.

Sabine: So, da wären wir. Dr. Meier? Dr. Kaan?

Während Marc beschlossen hatte, kindisch eine Runde weiterzuschmollen, und seinem vergnügt vor sich hin grinsenden Angeberfreund keines weiteren Blickes mehr würdigte, öffnete sich wie von Geisterhand der helle Vorhang des Paravents. Verlegen lächelnd schlüpfte Gretchen dahinter hervor. Sabine folgte ihr in Tapseschritten auf dem Fuße. Die emsige Krankenschwester war nämlich bemüht, die luftigen Rückenteile des schlichten Krankenhausleibchens festzuschnurren bzw. irgendwie festzuhalten, welches ihre Freundin nun gezwungenermaßen als modisch fragwürdige Alternative zu ihrem Regenbogenkleid zu tragen hatte, und geleitete sie zu den beiden Medizinern, die ungeduldig neben der Behandlungsliege warteten. Marc fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sein heiß und innig geliebtes Häschen in Augenschein nahm. Dieser Anblick in Patientenkluft war ihm nämlich neu. Ungewohnt, ja, aber nie hatte Gretchen Haase hinreißender ausgesehen als jetzt, schoss es ihm spontan durch den Kopf und er kam seiner Herzangebeteten mit einem verliebten Lächeln auf den Lippen entgegen. Er griff nach ihren beiden eiskalten Patschehändchen und hielt diese fest, während er ihr lange und intensiv in die himmelblauen Augen schaute, die ihm ebenso erwartungsvoll entgegenblinzelten. Schwester Sabine und auch Mehdi waren ganz berührt von dem innigen Moment, den sie beobachten durften, aber dennoch drängte der Frauenarzt schließlich auf die Untersuchung, welche vor der Geburt der Zwillinge noch ausstand.

Mehdi: Ihr Lieben, ich reiße euch wirklich nur sehr ungern auseinander, aber ich würde dann doch gerne vorher noch einen kleinen Blick riskieren. Damit wir genau wissen, wo wir gerade stehen. Du hast sie ja gleich wieder, mein Freund.

Mehdi lächelte das bis über beide Ohren verliebte Paar freundschaftlich an, das wie Pattex aneinanderklebte und sich nun auch noch schnell einen flüchtigen Kuss auf die Lippen presste, ehe es sich dann doch endlich wieder darauf konzentrierte, weswegen es hierher gekommen war. Ihre beiden Herzen klopften wie verrückt im selben Takt, pumpten Unmengen an Blut durch ihre Körper. Die Schmetterlinge tanzten. Ihre Gedanken waren frei, wirbelten durcheinander und waren doch von gleicher Intensität. Die Vorfreude war regelrecht greifbar. Denn ihr größtes gemeinsames Abenteuer stand unmittelbar bevor. Und je näher dieser Moment rückte, den sie so sehr herbeisehnten wie nichts anderes auf dieser Welt, umso hibbeliger wurden die beiden. Marc und Gretchen grienten sich an, verfielen fast in ein hysterisches, kindisches Gekicher, als sie sich voneinander lösten, und brauchten noch einen kleinen Moment, um sich wieder einigermaßen einzukriegen, den ihr bester Freund ihnen natürlich mit einem wissenden Augenzwinkern gewährte, der das Kichern der beiden nur noch mehr verstärkte, bis ihr Zwerchfell schließlich schlappmachte.

Denn Mehdi wusste nicht nur aus seiner langjährigen Erfahrung als Geburtshelfer ganz genau, wie seine liebsten Freunde sich gerade fühlten. Sie schwebten schon davon. Auf der Achterbahn des Lebens. In Richtung des puren, wahren Glücks. Dabei war der wichtigste Part dieses holprigen und nicht gerade einfachen Weges noch zu leisten. Das fiel dann auch irgendwann Dr. Meier wieder ein und er besann sich auf seine Aufgabe in diesem aufregenden Spiel. Er half mit Hilfe von Schwester Sabine seiner kurz vor der Entbindung stehenden Freundin auf die Behandlungsliege. Und nach einem kurzen meierschen Zwischenkommentar in Richtung des behandelnden Oberarztes, den er sich angesichts von Mehdis ungewohnt vorlauten und sehr selbstbewussten Verhalten nicht hatte verkneifen können, wurde es ruhig in dem in freundlichen hellen Farben gestrichenen Raum.

Marc: Ich hasse es, wenn du das tust.
Mehdi (kontert trocken): Ich weiß. Und es hält mich nicht davon ab, es dennoch zu tun.

Marc konnte sein Unbehagen natürlich nicht vor Mehdi verbergen, der sich dessen ungeachtet ganz professionell und behutsam der Untersuchung seiner Lieblingspatientin widmete, während sein Kumpel für sich beschlossen hatte, sich besser wegzudrehen, um möglichen Herzrhythmusstörungen und sonstigen körperlichen Ausfallerscheinungen entgegenzuwirken. Denn er hatte absolut keinen Bock darauf, beobachten zu müssen, wie ausgerechnet Mehdis Wuschelkopf unter dem sterilen blassgrünen Tuch verschwand, welches die mitdenkende Krankenschwester seiner Freundin über die untere Körperhälfte geworfen hatte. Das war lediglich eine Untersuchung. Mehr nicht. Eine stinknormale, simple Untersuchung, wie sie jederzeit hier in der Klinik stattfand. Mehdi war schließlich Arzt. Er war Doktor. Zwar mit einer etwas seltsamen und in seinen Augen äußerst fragwürdigen Spezialisierung, aber er hatte ein Diplom von zwei der besten Unis dieses Landes an der Wand hängen, das ihn ausdrücklich mit Bestnoten als das auszeichnete, was er tatsächlich war. Nicht Haasenzahns Ex-Wie-auch-immer-Dingens und sein einziger und bester Freund, der rein platonisch mit Gretchen zu tun hatte, sondern ein Mediziner wie er selbst es ebenfalls war, dem er vertraute, den er respektierte und dem er jetzt das Kostbarste anvertraute, das er besaß. Sein Gretchen und ihre ungeborenen Zwillinge, die augenscheinlich darauf drängten, heute noch die mehr als spannende Welt hier draußen, inklusive ihres zukünftigen Patenonkels, kennenlernen zu wollen.

Mantramäßig redete sich der aufgeregte Chirurg das immer wieder ein, bis er schließlich tatsächlich davon überzeugt war, während sein Blick in den Praxisräumen seines Freundes umherschweifte und an einem zufällig eingeschalteten Fernseher, welcher unterhalb der Decke angebracht worden war, hängen blieb, den er erst jetzt zum ersten Mal bemerkt hatte und in dem er plötzlich seltsamerweise genau denselben Arzt wiederentdeckte, der gerade in diesem Moment an den intimsten Stellen seiner Freundin herumdokterte. Verwirrt schob sich Marc mit einer Hand einige verirrte Strähnen aus dem Gesicht und wandte selbiges für einen kurzen Augenblick fragend den drei Personen hinter sich zu, um sich zu vergewissern, dass er nicht an sonderbaren Halluzinationen litt, die seine Zurechnungsfähigkeit kurz vor der Entbindung seiner Kinder beeinträchtigten. Doch weder Mehdi, noch Schwester Sabine und noch weniger Gretchen hatten das Fernsehinterview von Berlins mittlerweile bekanntestem Gynäkologen und Ehrenamtler, in dem dieser augenscheinlich eine selten gute Figur machte, mitbekommen, weil dummerweise der Ton ausgeschaltet gewesen war.

Marc, der leider nicht sehr talentiert im Lippenlesen war, aber angesichts der Dramatik der vergangenen Tage dennoch Mehdis Worte in seinem Kopf nachvollziehen konnte, fiel erst nach mehrfachem Nachfragen auf, dass die Drei ihn mittlerweile ebenso erwartungsvoll entgegenblickten. Gretchen stand sogar schon wieder auf ihren beiden Füßen, die in bequemen Krankenhausschlappen steckten, welche Sabine vermutlich von irgendwoher organisiert hatte. Sie hielt immer noch, tapsig wie sie war, Gretchens mit zarten Blümchen besticktes Leibchen zu, um ihre Freundin vor möglichen Unannehmlichkeiten zu schützen, bis der sie schmunzelnd dabei beobachtende Oberarzt auf die glorreiche Idee kam, seiner besten Freundin einfach den noch ungetragenen, roséfarbenen Bademantel zu reichen, den seine Lebensgefährtin in seinem Sprechzimmer vergessen hatte, als sie ihn neulich während einer seiner letzten Nachtschichten spontan besucht hatte, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Mehdi wusste, dass dies lediglich eine Ausrede von ihr gewesen war. Denn seit den Vorkommnissen um seine Wenigkeit fand Gabi meist nur sehr schlecht in den Schlaf und suchte immer wieder seine Nähe, auch wenn er gerade im Krankenhaus sehr eingespannt war. Ihr neu gewonnener Beschützerinneninstinkt war süß. Ohne Frage. Sie hatte sogar angefangen, backen zu lernen. Mit Hilfe der umfangreichen und sehr ausgefeilten Rezeptsammlung seiner Mutter. Mal mehr, mal weniger misslungen. Aber die Geste kam von Herzen. Mehdi wusste dies zu schätzen. Aber es hatte Gabi die Sorge trotz der vielen ausführlichen Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, nicht nehmen können. Dazu war die Angst, dass ihm erneut etwas zustoßen könnte, zu groß. Vielleicht brachte sie ja der gemeinsame Besuch der Demo morgen weiter. Damit sie begriff, dass sie nicht alleine waren. Seine Maus musste sich wirklich keine Sorgen mehr machen. Er war in einem unbedachten Moment unvorsichtig gewesen, ja, aber er hatte daraus gelernt. Und vielen anderen hatte es offensichtlich auch die Augen geöffnet. Denn seine Mitstreiter und er in der ehrenamtlichen Flüchtlingspraxis hatten in den letzten Tagen sehr viel Zuspruch erhalten. Und Zuspruch schien auch gerade jemand anderes sehr dringend zu benötigen, wenn auch in ganz anderer Hinsicht.

Mehdi: Marc?
Gretchen (nimmt den wohligweichen Bademantel, der angenehm blumig riecht, dankbar entgegen): Danke, Mehdi!
Mehdi (zwinkert ihr kaanlike zu u. wendet seinen Grinseblick dann erneut seinem besten Freund zu): Nichts zu danken! Reiner Eigennutz. Er dient nicht nur dazu, dass du dich wohl fühlst, sondern auch der Vorbeugung. Nicht dass noch jemand Schnappatmung bekommt, wenn er deine hübsche Rückenansicht zu sehen bekommt.
Gretchen (lehnt sich kichernd an Mehdis Seite, nachdem sie noch mal an ihrem modisch fragwürdigen Krankenhaushemd herumgezubbelt hat): Charmeur!

Wenn ich nicht so aufgeregt wäre, könnte ich mich tatsächlich richtig wohl fühlen. Ich weiß nicht, wie er es immer macht, aber in seiner Gegenwart fühl ich mich sicher. Ich weiß einfach, dass uns nichts passieren kann. Weil er da ist. Zusammen schaffen wir das.

Sabine (hilft ihrer Freundin beim Anziehen des Bademantels u. betrachtet anschließend zufrieden ihr Werk): Der steht dir außerordentlich gut, Frau Doktor.
Gretchen (fühlt sich unendlich gut aufgehoben zwischen ihren beiden besten Freunden): Ihr seid so lieb zu mir. Danke! Und nur weil ich gerade in den Wehen bin oder wohl eher zwischen den Wehen, sag ich mal nichts zu euren Flunkereien.
Mehdi (grient sie vielsagend an): Ich und flunkern? Ich meine immer alles ernst, was ich sage. Männer tun das gewöhnlich, hab ich mal gehört.
Gretchen (lächelt wissend zurück, merkt dann aber verwundert Marcs Nichtbeteiligung): Ich weiß. Marc? Schatz?
Marc (noch völlig abwesend): Hm?
Mehdi (bemerkt nun auch Marcs ungewöhnliche Zurückhaltung u. schlussfolgert): Marc? Wo bist du nur gerade mit deinen Gedanken, hm? Ach, ich kann’s mir vorstellen. Ein bisschen gedulden müsst ihr euch aber noch, bis ihr eure Goldschätze in die Arme schließen dürft.
Marc (kommt nur ganz langsam wieder zu sich): Was? Ich... Ich dachte nur... Warst das nicht eben...

Marc drehte sich um und deutete mit ausgestrecktem Arm auf den kleinen quadratischen Fernseher unter der Decke, aber das Konterfei seines besten Freundes war mittlerweile längst verschwunden und die Berliner Regionalnachrichten waren einem frühabendlichen Quiz gewichen. Mehdi und Gretchen schauten Marc verwundert an und auch Schwester Sabine machte sich zunehmend Sorgen um den zerstreuten Zustand ihres sonst so gefürchteten Oberarztes.

Sabine: Alles in Ordnung, Dr. Meier?
Marc (als er die Blicke der anderen auf sich gerichtet spürt, fängt er sich endgültig wieder u. fährt langsam zu gewohnter Stärke hoch): Ich? Was? Sicher! Was... ist denn nun? Wieso steht ihr denn hier noch rum, als würdet ihr auf den Pizzaboten warten? Los! Hopp! Die Babys wollen raus.
Gretchen (tauscht verwunderte Blicke mit Mehdi, der ebenso leicht irritiert wirkt, als er sich von seinem Schreibtisch die Fernbedienung schnappt u. damit das TV-Gerät ausschaltet): Marc, hast du uns denn gar nicht zugehört? Es dauert noch. Der Muttermund ist erst dreieinhalb Zentimeter geöffnet.
Mehdi (stimmt ihr kopfnickend zu, schaut kurz auf sein Diensthandy, das er aus seiner Kitteltasche gezogen hat, u. dreht sich dann eilig zur Tür um): Alles verläuft ganz normal, Marc. Ihr müsst euch nur noch ein bisschen gedulden. Eure beiden Wundersterne machen es spannend. Aber ich habe auch nichts anderes von ihnen erwartet. Schließlich tragen sie eure Gene. Der Wehenrhythmus ist gut, stetig steigend. Wenn es dann so richtig losgeht, kann es dann auch recht schnell gehen. Ich bin immer auf Abruf.
Marc: Was? Wieso... Wieso haust du denn jetzt ab? Du kannst doch jetzt nicht gehen, Mann.

Völlig perplex schaute Marc Mehdi hinterher, der sich gerade aufmachen wollte, zu gehen. Der Angesprochene drehte sich jedoch noch einmal zu seinem ungehalten agierenden Kumpel um, um ihn mit sanften Worten über seine Pläne zu informieren...

Mehdi: Ich habe in Kreißsaal eins noch eine Patientin liegen. Dauert nicht so lange, denke ich.
Marc (tritt näher an den eiligen Arzt heran u. lässt seinen angestauten Ärger an ihm aus): Äh... Ich weiß, du bist manchmal extrem schwer von Begriff, Mehdi, aber wir haben dich verdammt noch mal exklusiv gebucht.
Gretchen (legt beruhigend ihre Hand an seinen Arm): Marc!
Mehdi (bemüht sich, sein Schmunzeln zurückzuhalten u. ernst zu bleiben, aber Marc macht es ihm schwer): Das wüsste ich aber. Und ich stehe euch natürlich uneingeschränkt zur Verfügung, das hab ich versprochen, sobald es entsprechend vorangeht.
Marc (starrt ihn ungläubig an): Und das heißt? Lässt du uns jetzt hier hängen, oder was? Was ist denn das für ein beschissener Service hier?
Gretchen (versucht ihn erfolglos zurückzuhalten): Marc!
Marc (grummelt eingeschnappt, während er kurz zu seiner Holden guckt): Ja, ist doch so.
Mehdi (kommt noch einmal auf den hypernervösen Mann zu u. versucht ihn mit einem freundschaftlichen Lächeln zu besänftigen): Marc, Gretchen, es ist alles vorbereitet. Sabine kann euch gerne auf euer Zimmer bringen. Ich hoffe, die Eins ist euch angenehm? Ein schönes, ruhiges Privatzimmer mit Blick auf den See. Also, Maria hat es immer sehr genossen. Trotz ihrer Vorbehalte, wir würden sie und ihren Sonnenschein hier viel zu lange festhalten.
Marc (blitzt den Komiker sauer an): Sehr witzig.
Mehdi (grient den ewigen Grummler an u. gibt ihn noch einen kleinen Klaps auf den Arm): Na, siehst du. Alles ist in bester Ordnung. Sobald sich etwas tut, gebt ihr mir Bescheid und wir sehen uns im Kreißsaal wieder. Sabine, wenn Sie noch mal schauen könnten, ob die Kollegen alles vorbereitet haben? Das Protokoll liegt vor. Die Hebamme ist informiert und auf dem Weg. Ich muss jetzt wirklich noch mal los.
Sabine (macht sich direkt auf den Weg): Sehrwohl, Dr. Kaan.
Marc (guckt der Krankenschwester u. seinem Kumpel etwas hilflos hinterher, der Sabine bis zur Tür gefolgt ist, hinter der sie schließlich verschwunden ist): Aber... Und was machen wir jetzt die ganze Zeit? Däumchen drehen oder deine hässliche Unterhosenkollektion weiterhäkeln, oder was?
Mehdi (hält die Türklinke bereits in der Hand, als er sich noch einmal zu dem befreundeten Paar umdreht): Entspannt euch! Atmet durch! Macht die Atemübungen! Legt euch noch ein bisschen schlafen, um Kraft zu tanken! Oder guckt fern! Lenkt euch ab! Kommt nachher nicht die Talkshow mit deiner Mutter?
Marc (fährt sich mit einer Hand erschrocken über das Gesicht): Scheiße, meine Mutter! Die hängt noch in Hamburg fest. Fuck!

Ich muss Dad anrufen und Franz und überhaupt... Mann, Mehdi, so bist du mir echt keine Hilfe.

Gretchen (ihr fällt es auch wie Schuppen von den Augen): Marc, wir müssen noch...
Marc (plappert ihr prompt dazwischen): Du bist ein echter Scherzkeks, wenn du versuchst, witzig zu sein, Alter. Das mag ich.
Mehdi (zwinkert seinem besten Freund frech zu): Ich hab vom Besten gelernt. Und übrigens, mag ich dich auch, sehr sogar. Euch beide. Oder darf ich schon sagen, euch vier?
Marc (lässt sich dann auch endlich zu einem gelösten Grinsen verleiten): Haha! Jetzt zisch endlich ab! Sonst kette ich dich vielleicht noch an Haasenzahn fest. Für den Notfall. Wenn du hier schon machst, was du willst.
Mehdi (genießt es richtig, einmal gegenüber Dr. Meier obenauf zu sein): Das ist das Privileg des leitenden Oberarztes.
Gretchen (erwidert das Grinsen der beiden eng befreundeten Männer): Da habe ich aber auch noch Mitspracherecht, oder?
Mehdi (winkt seiner Patientin zu u. tippt kurz an den Türrahmen): Ich hoffe doch. Wenn euch langweilig wird oder die Anspannung zu groß wird, lauft doch noch eine Runde. Das funktioniert meistens am besten, wenn ihr wollt, dass es schneller vorangeht. Wir sehen uns. Ich bin gleich um die Ecke, falls ihr mich sucht. Dann machen wir das Duzend voll.
Marc (guckt ihm verständnislos hinterher): Das Duzend? Für was steht denn der bescheuerte Code jetzt schon wieder?
Mehdi (klärt den Ignoranten mit breitem, stolzen Grinsen auf): Naja, mit der Patientin jetzt hab ich heute schon zehn Kinder auf die Welt geholt. Mit euren beiden Süßen breche ich dann meinen eigenen Rekord. Danke schon mal dafür, ihr Lieben!
Gretchen (staunt tatsächlich Bauklötzchen, während Marc nur ehrfürchtig die Augen verdrehen kann): Echt?
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Deine Ruhe möchte ich haben.
Mehdi (zwinkert seinem skeptischen Freund vielsagend zu): Vielleicht verstehst du es jetzt endlich, wieso ich diesen Job so sehr liebe und gar nicht anderes kann. Neues Leben auf seinen ersten Wegen zu begleiten, ist der beste Antrieb, den es gibt, auch noch nach einer anstrengenden Zwölfstundenschicht wie heute. Aber für euch hänge ich gerne auch noch ein paar Stunden dran. Ich will die beiden Wunder doch auch endlich kennenlernen. Von Ruhe kann da gar keine Rede sein. Ich bin mindestens genauso hibbelig wie ihr beiden. Ich zeig es nur nicht so deutlich, weil wenigstens einer gleich im Kreißsaal noch einigermaßen professionell bleiben muss. Du als Papa hast da mehr Freiheiten.

Und ehe der Zyniker vor dem Herrn noch etwas darauf vorlaut hätte erwidern können, ließ Mehdi das jetzt einfach mal so stehen, winkte dem befreundeten Paar noch einmal kurz zu und war dann auch schon mit einem breiten, vorfreudigen Grinsen auf den Lippen zur Tür hinausmarschiert. Es dauerte einen Moment, bis die Worte seines besten Freundes auch bei Marc angekommen waren, und er sich wieder zu seiner Freundin umdrehte, die sich mit Blick auf Mehdis umfangreiche Babygalerie gerade mit beiden Armen an der Liege abstützen musste, um die nächste Wehe wegzuatmen, die gerade eindrucksvoll über sie hereingebrochen war.

Marc (motzt ungehalten weiter): Stunden? Wie... Stunden? Der spinnt doch. Und was sind das überhaupt für bescheuerte Hinterwäldlerratschläge? Ich spaziere doch jetzt nicht wie ein lahmer Reha-Patient ums Krankenhaus, während du hier Schmerzen hast. Der hat dir nicht mal was dagegen gegeben, dieser Möchtegernarzt für Arme. Und so einer kommt ins Fernsehen. Pah! Neue Comedyshow, oder was? Die floppt so was von.
Tzz... Als wäre er der Held für alle Unbeachteten, Ungehörten und Ungevögelten dieser Welt. Wobei das mit dem Ungevögeltsein in seinem Job wohl eher weniger zutrifft. Zwölf Babys? Krass! Das ist ja wie am Fließband. Wehe, der nimmt sich jetzt nicht genügend Zeit für uns! Dann passiert was, aber so richtig!
Gretchen (atmet schwer u. presst die Worte angestrengt heraus): Uuuhhh... Weil... weil... ich... nichts... nehmen werde.
Marc (ist damit absolut nicht einverstanden, weil er nicht zusehen kann, wie sein Herzblatt sichtlich leidet): Gretchen!
Gretchen (erholt sich nur langsam von der heftigen Wehe u. streichelt bedächtig ihren Bauch, als sie sich langsam mit Marcs Hilfe wieder aufrichtet): Marc! Die Diskussion hatten wir doch schon. Es bleibt wie abgemacht. Ich will bei unserer Rasselbande einfach nichts riskieren.
Marc (sieht ihr mitfühlend in die Augen, die von der Anstrengung feucht schimmern): Das will ich doch auch nicht. Und vor allem will ich nicht, dass du allzu sehr leidest. Ich kann da echt nicht zugucken. Das fühlt sich an wie unterlassene Hilfeleistung. Ich würde am liebsten gleich meinen Rezeptblock zücken. Aber dann wirft er mir bestimmt wieder vor, ich hätte mein Oberarztschild nicht vor der Tür gelassen. So’n Penner, ey. Das war das letzte Mal, dass ich mich von ihm so vorführen lasse.

Och... Ist er nicht süß, wenn er sich sorgt und Mehdi blind vertraut? Ich liebe dich auch, Marc.

Gretchen (ist sichtlich hingerissen von seiner Fürsorge u. schmiegt sich glücklich in seine Arme): Dann lenk mich ab, so gut du kannst. Das ist meine Therapie gegen den Wehenschmerz. Und so schlimm ist der gar nicht.
Marc (glaubt ihr kein Wort): Haasenzahn?
Gretchen (weiß, dass er weiß, wie sie sich wirklich gerade fühlt): Okay, ja, schon, aber... ich halte das aus. Früher haben die Frauen auch ihre Kinder gekriegt und niemand hat so einen großen Wirbel darum gemacht, wie es heutzutage der Fall ist.
Marc (hört ihrer Argumentation schmunzelnd zu): Ja, ja, früher war alles besser. Der Himmel blauer. Die Schokolade süßer. Die Frauen williger.
Gretchen (fährt empört dazwischen): Marc!
Marc (lacht u. guckt kurz auf seine teure Designerarmbanduhr): Du liegst schon unter fünfeinhalb Minuten.
Gretchen (lächelt wieder in ihrer hinreißenden Art, der Marc nicht widerstehen kann): Na, das ist doch dann schon mal ein gutes Zeichen. Lass uns wirklich ein Stück laufen, hm!
Marc (hebt skeptisch eine Augenbraue): Dass ich das noch erleben darf, dass du freiwillig Sport machen willst. Also, mal abgesehen von Matratzensport.
Gretchen (grient den Schelm an u. schmiegt ihren Kopf an seine Brust, wo sie seinen aufgeregten Herzschlag deutlich spüren kann): Siehst du, das ist einer dieser Momente, in denen ich über mich hinauswachse. Ich brauche keine PDA.
Marc (schüttelt den Kopf u. hakt sich schließlich ergeben bei ihr ein): Darüber reden wir noch mal, wenn du richtige Presswehen bekommst und mich und Mehdi als Teufel beschimpfst, die dir das hier eingebrockt haben.
Gretchen (zieht den Schmeichler entschlossen zur Tür): Nein!
Marc (verdreht die Augen, weil er weiß, dass er gegen diesen Sturkopf keine Chance hat, u. öffnet die Tür): Okay, du hast gewonnen, du Nervensäge, aber der Park ist tabu. Wir bleiben sicherheitshalber im Haus und in der Nähe dieses neunmalklugen Vollidioten.

Gretchen nickte ihrem Schmollkönig kichernd zu, als dieser sie galant über die Türschwelle nach draußen auf den Flur führte. Der stolze Chirurg wollte gerade noch etwas erwidern, um seinen Standpunkt noch einmal deutlich zu untermauern, aber die verliebte Ärztin wusste, dies geschickt zu verhindern. Sie küsste den Arzt ihres Vertrauens einfach stumm. Und so kam es, dass die beiden Turteltauben des Elisabethkrankenhauses erst einmal langsam über die Flure der Gyn schlenderten. Sie trödelten immer weiter voran. Immer mal wieder unterbrochen von einer Wehe, die mal heftiger, mal weniger heftiger war. Bis sie schließlich dort ankamen, wo Gretchen Haase ihren Herzprinzen gerne haben wollte. Erst als sie den Lichtschalter drückte und der menschenleere Saal nach kurzer Verzögerung in gleißendes Neonröhrenlicht getaucht wurde, registrierte auch Marc, wo die süße Hexe, die ihm so sehr den Kopf verdreht hatte, dass jeder klare, vernunftgeleitete Gedanke fehlgeleitet wurde, ihn heimlich hingelockt hatte.

Marc: Das ist nicht dein Ernst, Haasenzahn?
Gretchen: Doch!

Verschmitzt griente die verschlagene Blondine den verdutzten Oberarzt an, löste sich aus seinen starken Armen, die sie auf den Weg hierher nicht eine Sekunde losgelassen hatten, und tapste langsam durch die leeren Tischreihen. Kopfschüttelnd blickte Dr. Meier seiner durchgeknallten Freundin hinterher. Die Überdosis Hormone in ihrem Körper musste nun komplett überhand genommen sein. Obwohl, was das Thema anbelangte, war Haasenzahn eigentlich noch nie normal gewesen. Schon zu Schulzeiten war Margarethe Haase stets die letzte gewesen, die man in der Kantine gesehen hatte. Und sie hatte auch immer für den Notfall ein Butterbrot einstecken gehabt. Auch heute? Wohl eher nicht. Wären sie sonst hier?

Marc (starrt ihr kopfschüttelnd hinterher): Du hast JETZT nicht ernsthaft Hunger?
Gretchen (schaut sich um u. bleibt vor der Auslage stehen): Nicht wirklich, aber jetzt, wo du es sagst, könnte ich schon noch etwas vertragen. Hm... Oder was denkt ihr beiden Süßen? Ein bisschen Nervennahrung für den beschwerlichen Weg?

Demonstrativ streichelte Gretchen unter dem geöffneten Bademantel über ihre gewaltige Babykugel, horchte anschließend in sich hinein, weil sie mit einer Gegenreaktion in Form der nächsten Wehe gerechnet hatte, aber die blieb zu ihrer Überraschung diesmal aus. Noch war die Zeit nicht ran. Marc dagegen schon. Flink wie ein Gepard hatte er sich wieder an seine süße Prinzessin herangeschlichen und schlang nun von hinten seine Arme um ihre monströse Mitte, um dieser eine ausführliche Massage durch magische Chirurgenhände zukommen zu lassen.

Marc: Du hast so einen Knall. Das bringst auch nur du, ausgerechnet jetzt ans Essen zu denken. Schokoriegel?
Gretchen (schmiegt lächelnd ihre Hand nach hinten an seine Wange): Schokoriegel! Damit hat alles seinen Anfang genommen.
Marc: Stimmt!

...griente Marc gegen ihre zarte kleine Hand, während er an seine allererste Begegnung mit einer verrückt gekleideten Mini-Madonna vor einundzwanzig Jahren auf einem Spielplatz in Mitte zurückdachte. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Ohne Frage. Ebenso wie der heutige Abend und der Tag der Entscheidung vor, in diesem Moment, exakt einem Jahr. Er schaute sich in der menschenleeren Krankenhauscafeteria um, zögerte nicht und griff spontan nach der Zartbittertafel aus dem Regal an der Kasse und schob diese dezent in die linke Tasche von Gretchens hässlichem Bademantel. Dann schupste er die verdutzte Schwangere auffordernd in Richtung Terrassentür.

Marc: Hopp, hopp, Häschen! Falls doch noch einer reinkommt und dich als falschen Hasen entlarvt.
Gretchen (kommt nicht umhin, zu lachen, auch wenn das schlechte Gewissen sie kitzelt u. sie sich immer wieder vergewissernd umschaut): Du bist so blöd. Du musst das bezahlen, Marc. Hast du nicht ein paar Münzen einstecken?
Marc: Negativ! Irgendwie finde ich es gerade ziemlich scharf, wie kriminell gut wir miteinander harmonieren.

Marc wackelte demonstrativ mit seinen beiden Augenbrauen, als sich Gretchen empört zu ihm umwandte. Aber irgendwie machte das Gefühl, jeden Moment erwischt werden zu können, auch etwas mit ihr und so ließ sie sich von ihrem persönlichen Robin Hood schließlich auf die Dachterrasse des Elisabethkrankenhauses entführen, die nur von einigen wenigen Solarlampen in Laternenform beleuchtet wurde. Am Terrassengeländer angekommen, ließ sie sich trotz nächster gewaltiger Wehe kichernd in Marcs Arme schmiegen. Und auch er genoss Gretchens aufregende Nähe sehr, küsste ihren Nacken und schmiegte seine Wange gegen ihre, während sich seine Hände tief in ihren Bademanteltaschen vergruben, dort einen Moment verweilten und dann ihre gemeinsame Beute wieder hervorzauberten, die sie natürlich wie damals auf der Spielplatzschaukel freundschaftlich miteinander teilten. Einen Augenblick lang kosteten die beiden die angenehme Stille der über Berlin hereinbrechenden Nacht aus und ließen die leckere Schokolade auf sich wirken. Ebenso wie die vermutlich letzten Momente nur zu zweit, wie vor allem Gretchen gerade einmal mehr wehmütig bewusst wurde.

Gretchen: Du? Marc?
Marc (hält die Augen geschlossen u. ist mit seinen Gedanken davon gedriftet): Hm?
Gretchen (schwelgt ebenso): Das hier ist schön.
Marc (nickt unmerklich u. festigt seine Umarmung): Mhm!
Gretchen (dreht leicht ihren Kopf nach hinten, um ihm besser ins Ohr flüstern zu können): Hättest du es dir so vorgestellt?
Marc (kann sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen, als er urplötzlich seine Funkelaugen wieder aufschlägt u. ihr direkt entgegenblickt): Was? Eine Geburt auf dem Dach? Also mit dir, Haasenzahn, muss man immer und überall mit allen Eventualitäten rechnen. Aber ich bin vorbereitet.
Gretchen (stupst dem Grinsekönig leicht in die Seite, bevor sie wieder ernst wird): Haha! Quatsch! Nein, ich meine, genau vor einem Jahr standen wir auch vor der größten Veränderung unseres Lebens.
Marc (auch wenn er genau weiß, was sie damit meint, guckt er erst einmal vergnügt an ihr herunter u. bleibt an einem entscheidenden Detail mit seinen gierigen Blicken kleben): Wie groß sie werden würde, hätte ich nicht...
Gretchen (folgt seinem Blick u. schiebt dem Provokateur empört ein bisschen von sich weg): Werd jetzt bitte nicht albern, Marc!
Marc (von einer Sekunde auf die andere ebenso ernst): Ich hätte mir nie im Traum vorstellen können, wie großartig es sein würde.
Gretchen (beginnt mit dem Neumond um die Wette zu strahlen, der gerade hinter den mächtigen Birken gegenüber hervorblinzelt): Echt?
Marc (stupst sie leicht mit seiner Nasenspitze an, während er ihr tief in die Augen blickt): Ich gebe zu, ich hatte meine Zweifel. Die hab ich manchmal immer noch. Aber dann guck ich dich an und alles ist plötzlich ganz leicht. Fast schwerelos. Wobei das mit der Schwere... äh... egal. Ich bereue keine Sekunde, außer die, die wir vorher unnütz verplempert haben, weil wir noch nicht mutig genug gewesen waren. Aber, ja, ich habe jeden einzelnen Moment dieser verrückten, einzigartigen, unvergesslichen 365 Tage, plus, minus zwanzig Jahre, geliebt und werde auch die nächsten über alles lieben.
Gretchen (hängt gebannt an seinem intensiven Blick): Versprochen?
Marc (zwinkert ihr vielsagend zu): Du weißt, ich bin nicht der Typ für große Versprechungen, aber ab und an mache ich mal eine Ausnahme.
Gretchen (himmelt ihren Herzprinzen unverhohlen an): Das ist mit Abstand der schönste Jahrestag, den wir je hatten.
Marc (ohne sich von ihren Strahleaugen zu lösen, beugt er sich schmunzelnd zu einem zärtlichen Kuss heran u. streichelt dabei liebevoll ihren Babybauch): Und er wird noch viel besser werden.

Und als hätte es jemand vorhergeahnt, gab es plötzlich einen lauten Knall in der Ferne und der Abendhimmel über Berlin wurde von unzähligen bunten Lichtern erleuchtet, die sich in dem angrenzenden See neben dem Elisabethkrankenhaus eindrucksvoll spiegelten und auch Gretchens staunende Augen noch heller erstrahlen ließen, die gebannt in den Himmel schauten. Selbst der sonst so grummelige Dr. Meier musste insgeheim zugeben, dass dieses Feuerwerk wie die Faust aufs Auge zu diesem besonderen Moment gepasst hatte.

Marc: Eins kann man dem Drecksack echt nachsagen, das mit dem Timing hat er scheißegut drauf. Liegt vermutlich an dem vielen Östrogen um ihn herum. Ein Wunder, dass er darin noch nicht ertrunken ist.
Gretchen (versteht nicht, worauf er hinaus will): Wie meinst du das?
Marc (stellt sich hinter sein Mädchen, hält es fest u. deutet mit dem Kopf zu dem bunten Feuerwerksspektakel am anderen Ende des Sees): Stier! Der Höhepunkt seines Angeberspektakels. BSDSD. Berlin sucht den Superdaddy. Ist eigentlich für die kleine Kröte am See gedacht, aber ich verbuche es mal so, dass ich das hier natürlich für genau jetzt genauso geplant habe. Ich hab ja auch geplant, dass wir Babys bekommen und schwups waren sie bereits in die Produktion übergegangen.
Gretchen (lacht u. genießt den Augenblick): Spinner! Aber trotzdem danke für den unvergesslichen Abend! Ich hätte nie gedacht, dass eine Geburt so romantisch werden könnte.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Du wieder! Man kann dich umbringen, kitzeln oder foppen, aber du träumst trotzdem noch davon, dass dich jemand abschleppt.
Gretchen (kann diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen): Du meinst, ich dich?
Marc (zieht ungläubig eine Augenbraue hoch): Bitte?
Gretchen (sieht ihrem Machomann tief in die Augen, die unwirsch über ihr Grinsegesicht huschen): Ich habe das heute Nachmittag übrigens ernst gemeint.
Marc (runzelt die Stirn, weil er für einen kurzen Moment auf dem Schlauch steht): Was?
Gretchen (folgt dem eindrucksvollen Feuerwerk u. lehnt sich flüsternd in Marcs starke Arme, die sie umschmiegen): Das, was ich gesagt habe. Dass ich dir heute Abend nah sein möchte.
Marc (lächelt verliebt u. lässt sich in die Wattewolke plumpsen, die ihre sanften Worte erzeugt haben): Sind wir uns doch auch.
Gretchen (lässt sich mit klopfendem Herzen in ihren Tagtraum fallen): Ein bisschen mehr.
Marc (schmiegt seine Lippen verheißungsvoll gegen ihre nackte Halspartie, die nicht von ihrem kunstvollen Fischgrätenzopf bedeckt ist, den er mit seinen Fingern umspielt): Gretchen Haase, du kleines Luder,...
Gretchen (windet sich aus seinem Klammeraffengriff u. grient ihn herausfordernd an): Weißt du, ich bin zwar im Mutterschutz, aber ich bin auch immer noch Ärztin und ich forsche gern.
Marc (lacht herzhaft auf, bis sein Zwerchfell schmerzt): Das hat man an deiner Doktorarbeit gesehen.
Gretchen (stupst ihn leicht mit der Schulter an): Haha! Ich wollte einfach mal wissen, was an der These dran ist, dass... du weißt schon ... Punkt... Punkt... Punkt... angeblich den Geburtsvorgang fördern soll.
Marc (seine Augen weiten sich tellergroß, während hinter ihm weitere bunte Feuerwerksraketen explodieren): Bitte? Du missbrauchst mich als Forschungsprojekt?
Gretchen (zwinkert dem perplexen Mann frech zu u. kann dann aber nicht mehr an sich halten): Quasi!
Marc (kommt der lachenden Frau gefährlich nahe): Du...

Sie kann es nicht lassen, mit dem Feuer zu spielen. Das finde ich jetzt aber so richtig scharf. Eigentlich unpassend, aber scharf!

Gretchen (kann nicht widerstehen u. küsst ihn einmal stürmisch, bevor sie ihren Fachvortrag weiter ausführt): Ja? Aber auch in diesem Fall folgt die Natur ihren eigenen Gesetzen. Und unsere beiden Schätze haben ihren ganz eigenen Kopf.
Marc (ist völlig fasziniert von seinem frechen Früchtchen): Getreu dem Motto, wir versauen euch auch noch die letzte Chance auf richtig viel Spaß. Damit ihr euch schon einmal für die nächsten achtzehn Jahre darauf einstellen könnt.
Gretchen (grient ihn an): Das ist wie mit den schlaflosen Nächten, Marc. Darauf stellt sich der Körper auch schon vor der Geburt ein. Ich kann davon ein Lied singen.
Marc (beginnt plötzlich hektisch in seiner Jackentasche zu kramen, weil ihm noch etwas zu heute Abend eingefallen ist): Na toll, ich wäre trotzdem gerne noch mal mit dir alleine gewesen. Gerade heute. Ich habe nämlich noch was...
Gretchen (blickt ihm gebannt in die Augen, muss dann aber plötzlich ihr Gesicht verziehen u. krallt sich krampfhaft an Marcs Ärmel fest): Apropos alleine sein, das hat sich wohl hiermit... Uuuuhhhh.... Aaaahhh... Errrleeedigt. Aaaahhh... Uuuuhhh...

Als die letzten bunten Feuerwerkslichter am Himmel erloschen waren und nur noch als düstere Rauchschwaden über den See waberten, zog es Dr. Haase plötzlich von einem Moment auf den anderen die Beine weg. Die nächste Wehe hatte es wirklich in sich und sie konnte sich nicht mehr halten. Marc konnte ihr gerade noch so unter die Arme greifen und sie auf diese Weise abstützen. Das kleine schwarze Kästchen, das er in seiner Hand gehalten hatte, wäre ihm dabei fast aus der Jackentasche gepurzelt. Doch dies war schnell vergessen, als er Gretchen alarmiert in die weit aufgerissenen Augen blickte...

Marc: Was ist?
Gretchen (stöhnt vor Schmerzen u. heftigen Krämpfen): Oooohhh... Uuuuhhhh... Es hört nicht mehr auf. Es zerreißt mich. Maaarc, ich glaube, jetzt ist es wirklich soweit.
Marc (für den Hauch einer Sekunde überfordert, dann schaltet er aber blitzschnell): Sicher?
Gretchen (klammert sich unter heftigen Schmerzen an seinem Arm fest): Jaaaahhhh...
Marc: Na, dann... ab! ... Hey? Freundchen?

Gretchens Handeln ließ keinen Zweifel übrig. Es war tatsächlich soweit. Dr. Meier schaltete sofort und winkte mit seiner freien Hand den Mann heran, der sich die ganze Zeit widerwillig dezent im Hintergrund gehalten hatte. Der Kaugummi kauende Pfleger hatte den Ernst der Lage noch nicht erkannt und trabte nur langsam mit dem Rollstuhl heran, den er mürrisch vor sich her schob. Er war immer noch stinksauer und eingeschnappt und seine vorlaute Klappe war mal wieder schneller als sein Denkapparat, als er seinen Vorgesetzten erst einmal direkt anranzte, was sich sonst eigentlich keiner im Krankenhaus getraut hätte. Aber in seinen Augen durfte er das. Schließlich musste er sich seit über zwanzig Jahren die Geschichten über ihn anhören. Da musste einem ja zwangsläufig irgendwann mal der Kragen platzen.

Jochen: Boah, Marc, war das echt nötig? Weißt du eigentlich, wie peinlich es ist, seiner Schwester die ganze Zeit bescheuert hinterher zu kutschieren und ihr beim Turteln zusehen zu müssen.
Marc (kontert schnippisch, während er seine Liebste vorsichtig in den Rollstuhl setzt, den er Jochen vorher aus den Händen gerissen hat): Du müsstest doch seit einundzwanzig Jahren nichts anderes gewohnt sein.
Gretchen (klammert sich unter Schmerzen an die Armstützen u. will die beiden Streithähne unter Wehen zur Räson bringen): Maaarc... Aaahhh... Jocheeen... Uuuhhh... Hört auf, euch zu streiten und bringt mich.... Uuuuhhhh.... Looos!
Marc (folgt ihrer Ansage sofort u. schiebt sich mit dem Rollstuhl an dem konsternierten Bald-Wieder-Studenten vorbei): Du hast sie gehört. Los! Mann, jetzt komm mal in die Gänge, Jo! Siehst du nicht, was los ist? Hopp! Mach den Weg frei, halt die Tür auf, ruf schon mal den Fahrstuhl und gib unten den anderen Bescheid!
Jochen (steht immer noch wie festgewurzelt auf der Dachterrasse u. guckt den beiden irritiert hinterher, wie sie ungeschickt an der Cafeteriatür hantieren, gegen die Gretchens Füße immer wieder ditschen, ohne dass sie sie im ersten Versuch aufbekommen): Was’n?
Marc (schaut seinem Schwager in spe vorfreudig erregt in die perplexen Augen, die sich plötzlich tellergroß erweitern, als er endlich rafft, was mit seiner Schwester ist): Die Babys kommen! Jetzt!
Jochen: Ich... werd... Onkel? Scheiße noch mal! Sagt das doch gleich.

...schlussfolgerte nun auch endlich der eingerostete Denkapparat von Jochen Haase. Ein Ruck ging durch seinen übermüdeten Körper. Er nahm die Beine in die Hand und spurtete direkt los. An dem Rollstuhlrenner vorbei, der kaum mit dem jungen Ha(a)sen mithalten konnte. Durch die menschenleere Cafeteria. Und über den Putzeimer der gerade eintretenden Reinigungsbrigade hinweg, mit dem Marc mit Gretchens Rollstuhl beinahe kollidiert wäre, wenn die beiden polnischen Putzfrauen nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätten und ihn noch rechtzeitig weggezogen hätten. Dann konnten sie nur noch ziemlich verdutzt hinterher schauen, wie die Türen der Cafeteria langsam zurückschwenkten und den Eimer nun doch noch umwarfen. - „Verruckt, diese deutsche Doktore“, schüttelten sie den Kopf und machten sich schließlich daran, das verschüttete Putzwasser zu beseitigen und anschließend den Speisesaal zu reinigen.

Lorelei Offline

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28.10.2017 08:59
#1608 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Fünf Minuten später hatten sie es endlich geschafft. Marc und Jochen hatten ihren gemeinsamen Lieblingsmenschen in Lichtgeschwindigkeit und unter staunender Beobachtung diverser belustigter Kollegen auf den Gängen des Elisabethkrankenhauses, die sie rennend mit ihrer kostbaren und nicht gerade unauffälligen Rollstuhlfracht passiert hatten, sicher in den Kreißsaal transportiert, wo die sich bis eben lautstark artikulierende und wild um sich zappelnde werdende Mama nun schweißgebadet ihr schmerzverzerrtes Gesicht an das gelb-weiß gestreifte Kopfkissen presste, während die beiden Herren der Schöpfung links und rechts von ihrem Bett, der eine Berlins begnadetster Chirurg und einstiger jüngster Oberarzt des Landes, der andere mit Mitte zwanzig noch in der studentischen Selbstfindungsphase, etwas verloren herumstanden und sich stumm ratlose Blicke schenkten, welche sich jedoch sofort in Luft auflösten, als ihr Kollege und Freund, Dr. Kaan, mit eiligen Schritten die gemütliche, nach Feng-Shui-Kriterien eingerichtete Räumlichkeit betrat und, wie es seinem herzensguten Charakter entsprach, direkt in alle Richtungen Zuversicht ausstrahlte. Behutsam legte er eine Hand auf Gretchens Finger, die sich tief in die Matratze gebohrt hatte, während die andere Marcs Arm leicht streifte, und blickte aufmunternd zwischen seinen beiden besten Freunden hin und her, die Mehdi mit erwartungsvoller Nervosität entgegenschauten.

Mehdi: Bereit?

Beeinträchtigt durch ihr reges Gefühlsdurcheinander und das Fehlen jeglicher Medikation konnte Gretchen nur erschöpft mit dem Kopf schütteln und ließ ihren unkontrolliert kullernden Tränen erst einmal freien Lauf, als sie kurz vergewissernd zu Marc hochblickte, der leicht apathisch neben ihrem Bett auf einem wackeligen Hocker saß und verkrampft ihre andere Hand hielt und unwirsch das hektische Gewusel in dem ekelhaft sonnengelb gestrichenen Raum beobachtete, welches von Mehdis Mitarbeitern vorangetrieben wurde, die direkt hinter ihm den Kreißsaal betreten hatten und nun zwischen den beiden angrenzenden Zimmern geschäftig hin- und herwanderten, was ihn schier verrückt machte. Theoretisch wusste er ganz genau, was hier gerade los war. Schließlich war er in erster Linie Mediziner und kannte die klinikinterne Hektik nicht anders. Aber es war dann doch eine ganz andere Situation, auf der anderen Seite stehen oder in diesem konkreten Fall sitzen zu müssen und nicht als leitender Oberarzt die alleinige Verantwortung und dementsprechend das Kommando und die Kontrolle innezuhalten. Denn totaler Kontrollverlust und Untätigkeit waren dem talentierten Allgemein- und Unfallchirurgen schon immer ein Graus gewesen.

Gretchen ging es in dieser Hinsicht auch nicht anders. Sie wusste ganz genau, was gleich passieren würde und was sie zu tun hatte. Trotzdem stand nicht nur ihr die Überforderung deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie war noch nicht bereit. Sie waren es beide nicht. Sie hätten doch noch vier Wochen Zeit gehabt, sich wirklich darauf vorzubereiten. Abläufe neu zu justieren. Zeitpläne zu perfektionieren. Und sich noch tiefer in die Materie einzulesen, die sie doch eigentlich schon in und auswendig kannten. Aber es war halt doch ein ganz anderes Gefühl, sich lediglich darauf einzustellen, als mittendrin zu sein. Am liebsten würde Gretchen jetzt mit Marc zurück auf die Dachterrasse flüchten, dort nach Sternschnuppen haschen und sich von diesen wünschen, dass sie sich das alles noch einmal überdenken könnten. Aber das ging nun leider nicht mehr. Sie waren jetzt hier. Es gab keinen Weg zurück, es sei den ihr kleiner Bruder rückte den Rollstuhl wieder heraus und hielt diesmal unauffälliger die Fluchtwege frei, und im Grunde wollten sie auch gar nicht mehr zurück. Sie hatten sich schon längst entschieden. Schließlich hatten sie diesen Moment monatelang herbeigesehnt. Und nun waren sie tatsächlich mittendrin in ihrem größten Abenteuer. Gleich würden sie Eltern werden und ihr Glück perfekt machen, das vor über zwanzig Jahren auf einem unscheinbaren Spielplatz mitten in Berlin zaghaft seinen Anfang und vor exakt einem Jahr endlich die letzten Hürden genommen hatte. Eltern! Ein Gedanke, der die hibbelig herumzappelnde und mit den widersprüchlichsten Gefühlen kämpfende Stationsärztin langsam wiederaufrichten ließ und ihr das Adrenalin zurück in die Adern pumpte. Ein bisschen Unwohlsein blieb aber dennoch bestehen. Nicht nur bei ihr. Das konnte Mehdi seinen beiden liebsten Freunden deutlich an den blassen Gesichtern ablesen und dagegen gab es nur ein Medikament.

Mehdi: Hey! Nicht so viel nachdenken, Gretchen! Ihr schafft das. Ihr habt schon so viel gemeinsam geschafft. Das schafft ihr auch noch. Und wir sind doch bei dir. Zusammen werden wir das Kind schon schaukeln, hm. Äh... die Kinder natürlich. Eure zwei Schätze.

Der erfahrene Frauenarzt wusste ganz genau, wie er mit seinen Freunden umzugehen hatte, die gerade dabei waren, zum allerersten Mal Eltern zu werden. Dazu kannte er sie viel zu gut. Natürlich waren sie völlig überwältigt von dem, was gleich passieren würde. Er kannte es doch auch nicht anders. Vor Lillys Geburt war er auch ein nervliches Frack gewesen und hatte alle verrückt gemacht, obwohl er es doch hätte besser wissen müssen. Schließlich hatte er nur Stunden zuvor als Bester seines Jahrgangs seinen Abschluss gemacht. Marcs und Gretchens Unsicherheit und Unerfahrenheit waren eine ganz natürliche Reaktion. Und deshalb war er doch auch hier an ihrer Seite. Nicht nur aus beruflichen Gründen. Er würde ihnen die letzten Ängste nehmen. Schließlich bestand dafür auch überhaupt kein Grund. Gretchen hatte eine problemslose Schwangerschaft hinter sich, Marc hatte sich bislang tapfer geschlagen und war ihr ein mehr oder weniger vorbildlicher Partner gewesen und die Kinder waren zwar etwas früh dran, was für Zwillinge nicht gerade untypisch war, aber lagen in einer idealen Position, wie ihm die vorsichtige Untersuchung von Gretchens Bauch bestätigt hatte, die er unter den angespannten Blicken der Anwesenden soeben behutsam durchgeführt hatte. Alle Voraussetzungen für eine perfekt verlaufende Geburt waren demnach gegeben. Jetzt mussten nur noch Dr. Haase und Dr. Meier mitmachen und davon überzeugt werden.

Und Mehdis Ruhe und Ausgeglichenheit strahlte nicht nur auf die beiden aus, auch wenn Marc kurz die Augen verdrehen musste angesichts von Mehdis üblichen Süßholzgeraspel. Sabine, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatte, nickte wie zur Bestätigung, während sie mit ihrer lieben Freundin Gretchen zwischen deren Wehen ermutigende Blicke austauschte. Und auch Jochen hüpfte nicht mehr ganz so hibbelig durch den Kreißsaal, der auf ihn einen Heidenrespekt ausstrahlte, und blockierte mit seiner ungeübten Anwesenheit die Abläufe seiner erfahrenen Kollegen. Richtig wohl hier fühlte sich der Haase-Sprössling aber dennoch nicht. Am liebsten würde er flüchten wollen und er hätte auch schon längst die Füße in die Hand genommen, wenn die Patientin da im Bett vor ihm, die ihn mit ihren großen blauen Augen fixiert hielt und zum Bleiben hypnotisierte, nicht seine eigene Schwester gewesen wäre. Nur dumpf kamen die Stimmen der anderen daher bei ihm an, während die unterschiedlichsten Gedanken sein Hirn durchwanderten, wie zum Beispiel, was er als erstes mit seinen Neffen oder Nichten anstellen würde, um seinen Schwager in spe zu ärgern.

Marc: Ist das der Standardspruch bei deinen Patienten?
Mehdi: Nur für die ganz besonderen, mein Lieber.

...zwinkerte Mehdi seinem Kumpel keck zu, der gerade einmal kurz durchgeschnauft hatte und nun die Hand wechselte, die Gretchens zarte Finger gehalten und wiederholt gestreichelt hatte, bevor diese ihre wahre Kraft gezeigt und für ihn schmerzhaft zugedrückt hatten, sodass er jetzt jeden einzelnen Handknochen nachhallen spürte, und tippte ihm leicht auf die Schulter. Dann bemerkte der gutgelaunte Gynäkologe jedoch, wie hinter ihm erneut die Schleuse geöffnet wurde und die Hebamme hereintrat, die er lediglich mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte, da sie sich heute nicht zum ersten Mal gesehen hatten. Und während Barbara Blume und Dr. Kaan sich kurz an der Tür besprachen, konnten Marc und Gretchen noch einmal kurz durchatmen, auch wenn die starken Wehen ihnen nicht wirklich viel Luft zum Verweilen ließen.

Marc: Ist wirklich alles gut? Brauchst du noch was?
Gretchen (versucht, sich in eine bequemere Position zu rücken, aber die gibt es leider nicht, wie sie schnell frustriert feststellt u. ihrem Freund zynisch entgegenwirft): Marc, was denkst du denn? Ich bekomme gerade unsere Babys. Zwei komplette Menschen wollen da aus mir heraus. Nichts ist gut. Also gut schon, ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen werde.
Marc (tätschelt nun mit beiden Händen ihre zarte, kleine, zittrige Hand u. beugt sich zu ihr herab, um ihr einen süßen Kuss darauf zu setzen): Du hast Schiss? Hey, wir haben es doch schon bis hierher geschafft. Den Endspurt schaffen wir auch noch.

Er hat gut reden. Er muss ja nicht hier liegen und schuften, wie noch nie zuvor jemand geschuftet hat. Also, von der männlichen Spezies her gesehen. Wir Frauen, wir können das ja. Weil wir schon immer das stärkere Geschlecht gewesen sind. Mit uns kann man es ja machen. Wir sind taff und stark und nicht so weinerlich wie Monsieur Schlaumeier hier, der schon beim geringsten Anzeichen eines Schnupfens denkt, er würde gleich sterben. Er hat doch keine Ahnung. Die Minirutsche, die unsere beiden Schätze gleich runter müssen, ist in mir drin. Keiner kann sich vorstellen, wie das ist und was da alles passieren kann. Natürlich hab ich Schiss. Alles andere wäre total unlogisch. Und mir hilft es echt nicht weiter, wenn du mich jetzt mit deinem Ich-bin-der-coole-Junge-vom-Schulhof-Blick anguckst. Der hilft mir gerade auch nicht viel weiter, obwohl er sonst eigentlich immer bei mir gewirkt hat. Ach menno, da hab ich schon mal als einer der wenigen Menschen weltweit gleichzeitig drei Gehirne in mir und kann trotzdem nicht klar denken. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Als man klein war, war die Geschichte mit dem Storch irgendwie pragmatischer und irgendwie auch eine ganz niedliche Vorstellung, auch wenn ich sie Mama und Papa damals bei Jochen nicht mehr geglaubt habe. Hallo? Da war ich sechs Jahre alt. Sechs! Und in sechs Jahren sind unsere Kleinen auch schon sechs und... Oh nein, ich will nicht, dass das alles so schnell geht. Die Schwangerschaft verlief auch schon so schnell und jetzt bin ich hier und weiß nicht... Ach, keine Ahnung. Ich komme gerade gar nicht mehr klar.

Gretchen (lässt sich seufzend wieder in ihr Kissen zurückfallen): Natürlich hab ich Angst, Marc. Eine Heidenangst sogar. Du nicht?
Marc (versucht, sie mit einem typischen Meier-Lächeln aufzumuntern, aber selbst bei ihm wirkt es diesmal nicht): Ehrlich? Ich scheiß mich gleich ein, so geht’s mir gerade.
Gretchen (abrupt aus ihren Gedanken gerissen, funkelt sie zu ihm hoch): Marc, nicht diese Vulgärausdrücke vor den Kindern.
Marc (jetzt muss er dann doch lachen u. guckt sich demonstrativ um): Noch sind sie nicht hier. Also, in Persona, meine ich. Ich sehe hier nur Jochen und ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, dass ausgerechnet dein kleiner Bruder heute mit seinem angeborenen Dilettantismus hier herumschleicht und große Augen macht, ohne wirklich eine Hilfe zu sein.

Diesen Spruch konnte derjenige, den es betraf, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und so meldete sich nun auch Jochen eingeschnappt wieder zu Wort. Auch auf die Gefahr hin, dass seine Meinung zumindest einen im Raum nicht sonderlich interessierte.

Jochen: Ey, ich kann dich hören.
Marc (grient meierlike zu dem jungen Pfleger rüber, der hier mehr als alle anderen Anwesenden fehl am Platz wirkt): Ach?
Jochen (merkt erst auf den zweiten Blick, dass er einer genervten Krankenschwester im Weg steht, die er schließlich mit wenig reumütigem Blick vorbeilässt, während er Marc mehr oder weniger selbstbewusst kontert): Ich kann helfen. Also, theoretisch. Denke ich. Wir hatten das Thema schon im Grundstudium und du weißt ganz genau, dass ich, bevor in einem Monat das Semester wieder startet, noch ein paar Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln will, auf das ich mich später spezialisieren möchte. Ich weiß, du bist skeptisch, das kann ich verstehen, aber ich meine das wirklich ernst. Ich zieh das durch, egal was Papa und du davon haltet. Und ich kann nun mal nichts dafür, dass ich heute hier eingeteilt bin und dass ausgerechnet ihr heute hier mit großem Tamtam aufschlagt. Ich könnte mir für heute Abend auch was Besseres vorstellen.
Marc (lässt diese Pointe nicht ungenutzt u. genießt es richtig, den Möchtergern-Bald-Wieder-Studenten auflaufen zu lassen, der genauso haasetypisch reagiert, wie er es von den Familienmitgliedern gewohnt ist): Gibt es überhaupt etwas Besseres als die Geburt der Kinder deiner Schwester?
Jochen (verschränkt augenrollend die Arme, weil Marc ihn damit volle Breitseite erwischt hat): Touché! Aber das bedeutet nicht, dass ich du mich hier trotzdem die ganze Zeit vorführen kannst. Ich bin nicht dein PJler. Noch nicht. Und du hast mir hier eh überhaupt nichts zu sagen, solange du kein Arztschild am Kittel trägst.

Ich dachte, das Schlaumeiergen hätte nur ein Häschen geerbt. Tja, hab ich mich wohl getäuscht. Aber deine große Klappe wird dir noch zum Verhängnis werden, Jo, falls du jemals auch nur eine einzige Prüfung schaffst und dann doch irgendwann im Kittel wieder vor mir stehst. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering. Eher landet mein Spezi Kaan auf der Kandidatenliste für den Medizinnobelpreis.

Marc (lässt diesen durchaus berechtigten Konter gekonnt an sich abprallen u. sonnt sich in seinem Licht oder wohl eher im Schein der Neonleuchtröhren an der Decke): Das werden wir ja noch sehen. Ich stehe in jeglicher Hinsicht über dir. Selbst wenn ich gerade nicht im Dienst bin.
Gretchen (versucht, zu protestieren, wird aber von der nächsten Wehe davon abgehalten, Marc u. Jochen die Löffel lang zu ziehen): Maaa... Jooo... Auf... Uuuuhhh... Aaahhh... Huuuuuu...
Marc (löst sich abrupt von Jochens Schmollgesicht, das plötzlich auch ganz blass wird, u. beugt sich besorgt zu seiner Freundin herunter): Neue Wehe?
Gretchen (schiebt seine Hand überfordert weg, die ihre versucht zu halten, u. kippt ihren ganzen Frust über ihm ab): Nein, ich schreiiie hier nur so rum, weil es miiir Spaaaaß maaacht. Was sonst? Ihr doch auuuu... Uuuuuu...aaahhh...
Marc (lässt sich von der süßen Zimtzicke nicht davon abhalten, sie bestmöglich zu unterstützen, u. tupft ungeschickt mit einem Papiertuch über ihre schweißnasse Stirn): Sieht man.
Gretchen (ist einerseits genervt, andererseits gerührt von seiner Fürsorge u. Hartnäckigkeit): Marc, bring mich bitte nicht zum Lachen! Dann muss ich Pipi und das alles hier ist mir schon unangenehm genug.
Marc (schmeißt das Papiertuch achtlos in irgendeine Ecke u. guckt seiner Herzprinzessin liebevoll in die Augen, die ihn wieder sanftmütiger anstrahlen): Okay, ich bemühe mich, ernst zu bleiben, auch wenn es schwerfällt, wenn man das hässliche Hippiekostüm deiner Hebamme die ganze Zeit vor Augen hat. Findest du, dass das da eine ansprechende Arbeitsbekleidung ist? Also, ich nicht. Bei mir würde so was nicht durchgehen.

Die Zwerge kriegen doch den Schreck ihres Lebens, wenn sie zuallererst diese Ökovogelscheuche sehen, wenn sie auf die Welt kommen. Die kriechen doch freiwillig wieder zurück und wir bekommen sie gar nicht mehr zu Gesicht. Also, ich würde es so machen und da ich weiß, dass die beiden eh nach mir kommen, ist ja wohl klar, was passieren wird.

Gretchen (muss auch schmunzeln, als sie kurz zu ihrer Vertrauten rüberblickt, aber als sie merkt, was sie da gerade macht, guckt sie Marc wieder extra ernst an): Marc, bitte reiß dich zusammen! Das ist ihre... ich weiß nicht... Individualität, die Frau Blume damit zum Ausdruck bringt, glaub ich. Das hast du doch im Kurs auch erlebt und schon reichlich kommentiert. Ich mag Menschen wie sie. Die so sind, wie sie eben sind. Ich vertrau ihr. Und ich bin diejenige, die hier gleich mit ihr arbeiten muss. Du nicht. Du bist nicht im Dienst und du wirst dich hier auch nicht als Oberarzt aufspielen, so sehr es dir vielleicht in den Fingern kribbelt. Also, bitte, halt dich zurück!
Marc (verdreht theatralisch die Augen u. bemüht sich, während er ihr liebevoll über den Babybauch streichelt): Ich hab vieles erlebt, das ich längst wieder verdrängt habe. Aber ob das mit dem ziegelroten Leinensack auch funktioniert, den die da anstatt eines OP-Kasacks anhat? Ich weiß nicht. Ich hoffe nur nicht, dass ihr Aufzug irgendwas zu bedeuten hat. Ihr habt nicht noch was ausgemacht, als du neulich noch mal alleine bei ihr im Kurs warst? Dass du zum Beispiel in Seilen von der Decke baumelst, während sie irgendeinen Was-weiß-ich-Fruchtbarkeits-Chakra-Wie-auch-immer-Tanz zusammentrommelt, oder so? Falls doch, bleiben unsere beiden Süßen sicherlich freiwillig da drin.
Gretchen (macht extragroße Augen, als sie zu ihm hochblickt): Wie kommst du denn auf den Unsinn?

Siehste, Mehdi, selbst Haasenzahn hält dein Jobprofil für Unsinn. Hähä! Oh Gott, ich glaube, mir wird gleich schlecht. Ich drehe hier noch durch. Meier, durchhalten! Hier wird nicht gekniffen! Wenn selbst Jo das aushalten kann, dann du ja wohl erst recht. Behalte deinen Humor! Humor hält dich aufrecht.

Marc (gerät kurz durcheinander, als er ihren fragenden Blick bemerkt): Äh... Vergiss es! Altes... Trauma. Ich hab viel zu oft hier auf Mehdis Station rumgehangen und hab Dinge gesehen, die niemand sehen sollte, wenn er überlegt, irgendwann in einem fernen, anderen Leben ernsthaft Kinder in die Welt zu setzen. Glaub mir!
Gretchen (streckt spontan ihren Arm aus u. tastet nach seiner Wange, die sie anschließend liebevoll tätschelt, während sie ihn verliebt anhimmelt): Mein Held! Du schlägst dich wacker.
Marc (legt lächelnd seine Hand über ihre mit der Infusionskanüle u. blickt seiner tapferen Prinzessin noch einmal tief in die Augen): Bitte? Wer ist hier der wahre Held, hm? Du kämpfst hier unter unvorstellbaren Krämpfen, während andere an dir herumzerren und -ziehen. Wobei, wäre mal schön, wenn sie endlich damit anfangen würden. Das Rumsitzen hält doch keiner aus, ey.
Gretchen (verliert sich in seinen tiefgründigen Augen, bis die nächste Schmerzattacke sie von ihm wegreißt): Mhm... Danke, dass du daaaa... Aaaahhh... Uuuuhhhh... bist.
Marc (bleibt wie festgetackert auf seinem Hocker sitzen u. umklammert ihre Hand, die seine ziemlich fest drückt): Geht’s?
Gretchen (schüttelt unter Tränen den Kopf u. drückt selbigen wieder in ihr Kissen): Es... muss... gehen. Ich weiß nur nicht, wie. Mein Rücken bringt mich noch um.
Marc (schiebt sanft seine freie Hand unter ihren Rücken u. punktiert massierend die Stelle, auf die Gretchen gedeutet hat): Besser?
Gretchen (weint kopfschüttelnd u. versucht trotzdem zu entspannen): Naja, für den Moment. Ich weiß nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Außer... Uuuuhhh... Bleibst du bei mir?
Marc (lächelt sie aufmunternd an u. lässt seinen ganzen Charme spielen, der diesmal nicht so souverän wirkt wie sonst): Ich weiche keinen Zentimeter von deiner Seite. Versprochen! Geht auch gar nicht anders. Du zerquetscht mir nämlich gerade mein Hauptoperationswerkzeug. Könnten wir vielleicht die Hand noch mal wechseln? Die Linke ist nicht die Dominante.
Gretchen (fährt ihn urplötzlich ungewohnt aufbrausend an u. drückt extra noch fester zu): Marc, du hast mir versprochen, dass du für mich da bist. Die ganze Zeit. Du hast mir das hier eingebrockt. Dann stehe auch dazu und sei nicht so zimperlich. Falls sie kaputtgeht, bin ich ja auch noch da. Dann operiere ich eben für dich in Zukunft weiter.
Marc (fühlt sich ziemlich überrumpelt u. überfahren): Ääähhh...

Marc wusste ehrlich nicht, was er auf die Haassche Retourkutsche erwidern sollte, die urplötzlich von einer Sekunde auf die nächste über ihn hereingebrochen war und überhaupt nicht Gretchens sonst so sanftmütigem Gemüt entsprach, aber wiederum für allgemeine Erheiterung der im Kreißsaal Anwesenden gesorgt hatte. Allen voran bei Jochen, der sich grinsend an die Schulter von Schwester Sabine gelehnt hatte, die vor lauter Anspannung wie Espenlaub zitterte, ihre verehrte Frau Doktor keine Sekunde aus den Augen ließ und abgetaucht in ihre ganz eigene Welt von den Gesprächsfetzen der anderen gar nichts mitbekommen hatte. Mehdi und die Hebamme waren dafür aber umso aufmerksamer, die sich nun in schmunzelnder Eintracht vor dem Bett ihrer gemeinsamen Patientin aufbauten, die gerade von der nächsten Wehe geplagt wurde, welche sie unruhig hin und herrutschen ließ.

Mehdi (zwinkert seinem perplexen Kumpel mitfühlend zu): Tja, mein Lieber, so schnell kann sich der Wind drehen.
Marc (funkelt eingeschnappt zurück, während er sich seine schmerzhaft puckernde Hand reibt, die er endlich zurückerobert hat): Zumindest nicht in deine Richtung. Witzig bist du immer noch nicht.
Gretchen (wird immer zickiger u. ungehaltener): Marc, jetzt lass endlich die kindische Zickerei mit Mehdi und konzentrier diii.... Auuuu...aaahhh... Und halt jetzt verdammt noch mal meine Hand! Das bist du mir schuldig, nachdem du mich jahrelang geärgert hast.
Marc (klappt ehrfürchtig die Kinnlade herunter, aber es kommt nur heiße Luft aus seinem Mund): Äh...
Was... genau... war... das denn... eben? Der Exorzist lässt grüßen oder haben ihre Hormone jetzt süß und sauer vertauscht, oder was? Scheiße, ich bin echt am Arsch.
Barbara (schaut ruhig u. besonnen von einer Person zur anderen): Dr. Meier, wenn ich Ihnen noch einen Tipp geben kann, den Sie nicht sofort ignorieren wie all die anderen Hinweise, die ich in meinem Kurs gegeben habe, dann dass Sie niemals einer Frau widersprechen sollten, die gerade ihre gemeinsamen Kinder austrägt.
Jochen: Joa, wenn das nicht mal gesessen hat. Hähä!

...konnte sich auch Gretchens Bruder einen kleinen spöttischen Schlaumeierkommentar nicht verkneifen, als er sich an dem perplexen Gesicht seines Schwagers in spe ergötzen durfte, der ihm und der Hebamme, die sich Jochen nun mit einem seltsamen Gesichtsausdruck zugewandt hatte, dafür einen finsteren Ameisenblick schenkte, ehe er sich eingeschnappt wieder der Aufgabe widmete, für die er hier eingeteilt war. Nämlich Händchen und vor allem die Klappe zu halten.

Barbara: So, ihr Lieben, eventuell sollte auch noch hervorgehoben werden, dass jetzt alle, die nichts mit den beiden Säuglingen in Gretchens Bauch zu tun haben, die wir hier jetzt gleich gebührend in unserem schönen Berlin begrüßen werden, dieses Zimmer unverzüglich verlassen werden. Gretchen braucht jetzt alles, vor allem Ruhe, Verständnis und Konzentration auf die große Aufgabe, die ihr gleich bevorsteht.
Jochen (fühlt sich angesprochen u. nuschelt kleinlaut in seinen nicht vorhandenen Dreitagebart): Äh... Ich... bin... der Bruder. Also... der Onkel. Der Pflege...helfer von der Kinderstation. Ich... ich soll doch...
Barbara (schaut über den Rand ihrer altmodischen Brille, deren Bügel mit einem feuerroten Band verbunden sind, zu dem stotternden jungen Mann rüber): So viele Bezeichnungen in Personalunion. Beeindruckend! Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, was es mit Ihnen macht, Pfleger Haase, wenn Sie Ihrer liebreizenden Schwester jetzt in dieser aufreibenden Situation beiwohnen werden, hm? Die Dinge, die Sie heute zu sehen bekommen werden, könnten eventuell ihr Verhältnis nachhaltig beeinflussen. Ihr Lerneifer in allen Ehren, eigentlich mag ich ja hochmotivierte Studenten, aber vielleicht sollten Sie noch einmal darüber nachdenken, junger Mann, wo Ihr Platz wirklich ist.
Jochen (guckt nun ziemlich verdutzt aus der Wäsche): Ääähhh...?
Marc (jetzt platzt ihm dann doch endgültig der Kragen): Boah, raffst du’s immer noch nicht? RAUS, aber zz, ziemlich zügig, Jo! Du hast hier verdammt noch mal nichts zu suchen und das gilt, meiner Meinung nach, nicht nur für die Gyn.
Jochen (fasst sich an sein wild pochendes Herz, schielt kurz rüber zu Sabine, die unschlüssig ist, was sie als nächstes tun soll, u. tritt den Rückwärtsgang an): Gott sei Dank!
Gretchen (müht sich ein schwaches Lächeln ab, als ihr Bruder Hände winkend im Nebenzimmer verschwindet, dessen Tür nur angelehnt ist): Danke, Jochen! Aber bleibst du trotzdem in der Nähe? Bitte!
Jochen (schielt mit zusammengekniffenen Augen durch den Türspalt): Ich bin nebenan beim Kinderarzt. Wir... wir warten, bis es... Bis ihr, du weißt schon.
Mehdi (lächelt): Alles gut, Jochen. Eure Aufgabe fängt dann an, wenn die beiden Wundersterne da sind. Keine Sorge, wir passen gut auf deine Schwester auf. Marc ist der beste Wachhund, den es gibt.
Marc (funkelt seinen Kumpel für den frechen Spruch finster an): Ey!

Mehdi lachte nur, tippte seinem finster dreinblickenden Freund lässig auf die Schulter und nahm dann zusammen mit der Hebamme am Bettende Stellung ein. Schwester Sabine stand derweil noch immer wie bestellt und nicht abgeholt hinter den beiden an der Tür zum Nebenzimmer, guckte schüchtern in die Runde und beschloss schließlich, dem jungen Pfleger ebenfalls nach draußen zu folgen. Die Ansage von Barbara galt doch auch für sie. Oder?

Sabine: Ich... ich geh dann auch mal...
Gretchen (richtet sich angestrengt auf u. stützt sich mit ihren Unterarmen im Bett ab): Bine?
Sabine (bleibt aufgeregt mitten in der Schleuse stehen): Ja, Frau Doktor?
Gretchen (tauscht telepathische Gedanken mit ihrer besten Freundin aus): Kannst du bitte bleiben?
Sabine (weitet ungläubig ihre Augen): Ehrlich?
Marc (guckt etwas unwirsch auf seine Freundin herab): Äh... Was wird das, Haasenzahn? Bist du sicher?
Gretchen (krampft sich mit den Fingern in die Matratze u. atmet schwer): Jaaa... Aaaahhh... Uuuuhhhh... Ich... ich fühle mich sicherer, wenn sie da ist.
Marc (traut seinen Ohren kaum u. schaut unbeholfen zu der hibbelig auf der Stelle wippenden Krankenschwester): Äh... Du weißt schon, dass das Sabine ist. Nicht gerade die hellste Kerze auf dem Leuchter. Inwiefern soll sie dir behilflich sein, wenn sie’s sonst auch nur sehr, sehr selten bis gar nicht ist?
Gretchen (schließt die Augen u. atmet angestrengt die Wehe weg): Indem... sie... da... ist.
Marc (versteht nur Bahnhof): Ah ja?

Muss ich das verstehen? Nope! Hormonell bedingte Ausfälle sind hier ja wohl die Regel. Einfach ignorieren. Das machst du doch mit der Stasi-Sabsi eh schon, seitdem sie hier im EKH für nichts zu gebrauchen ist, außer die Buchauflage meiner Mutter über dem Durchschnitt zu halten, was eigentlich niemandem dient, außer Mutters Ego. Apropos, scheiße! Ich hätte anrufen sollen.

Sabine (lächelt u. kommt einen Schritt näher auf das Bett zu): Das mache ich doch gerne, Frau Doktor.
Marc (tauscht verwunderte Blicke mit Mehdi, der gerade mit der Hebamme am Fußende von Gretchens Klinikbett die Köpfe zusammenstecken will): Okay? Wenn du meinst?
Gretchen (öffnet die Augen wieder u. lächelt schwach von einem zum anderen): Ja, meine ich. Es beruhigt mich, wenn ich sie anschauen kann.
Barbara (nickt verständnisvoll in Gretchens Richtung): Wunderbar! Ein Fixpunkt, auf den du dich während des Pressens konzentrieren kannst, Gretchen.
Marc (reagiert etwas perplex, als er Gretchen fragend in die Augen schaut): Ich dachte, ich wäre das?
Gretchen (seufzt erschöpft): Marc!
Mehdi (grinst in Marcs Richtung): Enttäuscht?
Marc (mittlerweile tierisch genervt von allem und jedem): Ach, halt doch die Klappe und konzentriere dich endlich auf den Job, für den du mittelmäßig bezahlt wirst! Der Kindergarten hier ist echt nervig.

Dr. Kaan überhörte den gereizten Unterton seines Kumpels wohlwissendlich, denn er war schon ganz andere Kaliber von ihm gewohnt. Dass Marcs Nervenkostüm zu flattern begann, war schließlich nur allzu verständlich so kurz vor der Geburt seiner Zwillinge. Er schmunzelte nur und tauschte vielsagende Blicke mit Gretchen aus, die Mehdi müde zunickte, weil sie gerade das gleiche gedacht hatte.

Mehdi: Wenn du meinst? Aber ich finde, wir sollten die Kitaliste jetzt erst einmal ein bisschen füllen, bevor wir überhaupt mit diesem Thema anfangen, hm.
Barbara (klatscht tatkräftig in die Hände u. schiebt sich vor Gretchens Bett einen Hocker zu Recht, auf dem sie nun Platz nimmt): Ein Mann, ein Wort. So gefällt mir das. Bereit, Gretchen?
Gretchen (schaut unsicher von Barbara zu Marc u. dann zu Mehdi, der bestätigend mit dem Kopf nickt u. auf der anderen Seite von ihr Platz nimmt): Ich... Ich weiß nicht. Können wir nicht noch... Ich meine...
Mehdi (guckt seiner verunsicherten Freundin liebevoll in die unruhig umherhuschenden Augen u. greift kurz nach ihrer Hand, um diese sanft zu drücken): Schon gut, Gretchen, das Gefühlsdurcheinander gehört mit dazu. Aber ich weiß, dass du bereit bist. Wir haben doch alles besprochen. Der Muttermund ist jetzt vollständig geöffnet. Die beiden wollen endlich ihre Mama kennenlernen. Lassen wir sie doch, hm? Du bist doch auch gespannt.
Marc (schiebt den Frauenflüsterer grob etwas zur Seite, um sich jetzt selber an Gretchens Hand zu klammern, damit er nicht droht, jeden Moment vor lauter Anspannung umzukippen): Oh Gott!

Es geht los! Ich glaub, ich pack das nicht. Wie können die alle nur so ruhig bleiben, eh? Ich krieg hier gleich einen Herzkasper. Und der beste Chirurg, der das wiederhinkriegt, bin ich selber.

Mehdi (sucht Marcs Blick, um ihn zu beruhigen, aber wird stoisch von diesem ignoriert, weil er gerade sehr mit sich selbst beschäftigt ist): Alles gut mit dir, Marc?
Barbara (schaut ihre Patientin von unten herauf eindringlich an): Gretchen, ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst. Bei der nächsten Wehe möchte ich, dass du mitpresst. Schaffst du das?
Gretchen (schluckt u. klammert sich ängstlich an Marcs Arm, den sie wie in einem Schraubstock zusammenpresst): Mhm, ich denke... schon. Sie... sie kommt... gleich. Ich spür schon...
Mehdi (unterstützt seine beste Freundin, wo er nur kann, während er immer wieder aufmunternd auch seinen besten Freund in Augenschein nimmt, den es mittlerweile komplett vor Anspannung die Sprache geraubt hat): Keine Panik, Gretchen! Dein Körper ist darauf vorbereitet. Alles ist gut. Wir sind bei dir. Konzentriere dich auf deine Atmung und wenn es soweit ist, dann presst du, so doll du kannst. Das Köpfchen ist schon im Geburtskanal. Es verläuft alles ganz ideal. Du bist eine Kandidatin fürs Lehrbuch. Und du? Marc, bereit?
Gretchen (nickt Mehdi zu u. blickt dann ebenfalls irritiert zu Marc hoch, der ganz verloren im Zimmer herumschaut u. sich nicht rührt): Marc, bist du da?
Marc (wacht noch rechtzeitig aus seiner Schockstarre auf u. konzentriert sich endlich auf seine Freundin u. seine Aufgabe in diesem Abenteuer): Ich... ich bin da. Du... Wir... Wir kriegen das hin.
Kriegen wir doch, oder? Oh Gott, ich würde am liebsten vorspulen, damit ich nicht hören muss, wie sie... Hilfe!
Barbara: Jetzt, Gretchen! Und pressen!
Gretchen: Aaaaaaahhh.....

Gretchen hatte sich vollkommen auf die beruhigende Stimme ihrer Hebamme konzentriert, während sie einer mitfiebernden und still anfeuernden Sabine in die feucht schimmernden Augen blickte und Marcs Starchirurgenhand regelrecht zerdrückte, in welcher er bald kaum noch Gefühl hatte, was ihn schließlich ebenfalls antrieb, mit seiner Freundin im Takt mitzuschreien, bis der erste Versuch nach wenigen Sekunden vorbei war, der Gretchen jedoch völlig erschöpft hatte. Wimmernd lag sie jetzt im Bett, hielt immer noch Marcs Arm fest umschlungen und hörte nur gedämpft Mehdis sanfte Stimme im Ohr, die sie aufforderte, weiterzumachen.

Mehdi: Und gleich noch mal, Gretchen!
Barbara (lächelt sie ermutigend an): Wir haben’s gleich geschafft, meine Liebe.
Marc (kann kaum zuhören, geschweige denn zusehen): Verdammt ey, ihr seht doch, wie fertig sie ist. Ihr hätte ihr... und vor allem mir... doch was geben sollen.
Gretchen (bäumt sich mit letzter Kraft wieder auf, als sie Marcs Blick sucht): Nein! Ich... schaff... das. Irgendwie.
Mehdi (blickt Marc ebenfalls in die skeptisch nervös hin- und herflackernden Augen): Dafür ist es mittlerweile zu spät, Marc. Die Geburt ist im vollen Gange.
Marc: Es ist nie zu spät, um...

...wollte Dr. Meier noch weiter protestierend ausführen, aber wurde im nächsten Moment abrupt davon abgehalten, als die rothaarige Hippiehebamme erneut die eigentlich ihm zustehende Teamcoachrolle einnahm und Gretchen so lautstark anfeuerte, dass es regelrecht in seinen Ohren nachschallte.

Barbara: Und LOOOS, Gretchen! PRESSEN! Jetzt!
Gretchen (schreit den ganzen Raum zusammen): Aaaaaaaahhh....
Marc: Aaaaaaaahhh...

...schrie Marc spontan im Gleichklang mit der blonden Sirene mit, weil nun auch seine zweite wertvolle Chirurgenhand arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, die Gretchen während ihres Kampfes unbedacht an sich gerissen hatte. Nicht nur ihr stand mittlerweile der Schweiß im glutrot leuchtenden Gesicht, das von Schwester Sabine immer wieder sanft mit einem Tuch abgetupft wurde, die auch kaum ertragen konnte, wie sehr die Geburt ihre beste und einzige Freundin mitnahm. Aber Dr. Kaan und die Hebamme kannten kein Erbarmen.

Mehdi: Und noch mal, Gretchen!
Gretchen (ringt nach Sauerstoff u. ist förmlich gelähmt vor Schmerz): Ich... kann... nicht.
Barbara (streicht ihr beruhigend über den Unterschenkel, während sie ihr ermutigend in den feucht schimmernden Augen blickt): Doch, du kannst. Du hast so viel Kraft in dir, Liebes. Lass sie los!
Marc (mit den Nerven fast am Ende kann er seine große Klappe nicht halten): Ey, das tut sie doch, Mann. Ich spür schon meine Finger nicht mehr. Dass du zupacken kannst, Haasenzahn, wusste ich ja, aber so. Damit wärst du in der Orthopädie richtig gut aufgehoben. Als Knochenbrecherin.

...witzelte Marc, während er angestrengt versuchte, seine schmerzverursachten Tränen zurückzuhalten und seine pochende Hand zurückzuerobern, aber weder Mehdi, noch die Hebamme und Sabine und schon gar nicht Gretchen waren zu Scherzen aufgelegt, was der vorlaute Sprücheklopfer gleich noch schmerzhaft zu spüren bekommen sollte, als sich seine physisch wie psychisch erschöpfte Freundin von der letzten starken Wehe erholte und tief Luft holte, um nun wiederum ordentlich Luft wiederabzulassen.

Gretchen: Marc Meier, wenn du noch einmal versuchst, mich zum Lachen zu bringen, dann schmeiß ich dich eigenhändig zur Tür hinaus. Damit du mal siehst, was für Kräfte wirklich in mir stecken.
Marc (starrt seiner Prinzessin sprachlos in die wütend glitzernden Augen): Haasenzahn?
Mehdi (kann sich ein kleines verstecktes Schmunzeln nicht verkneifen): Ich glaube, die Entschuldigung steckt noch in seinem Hals fest. Aber das sind wir ja gewohnt.
Marc (fährt mit hochrotem Kopf zu dem frechen Kerl herum u. schenkt ihm direkt eine Lightversion seines Ameisenblickes): Ey!
Barbara (guckt leicht verunsichert zu ihrem Kollegen): Sicher?
Mehdi (klärt sie prompt auf): Das ist der Normalzustand zwischen den beiden, uns dreien, also, überwiegend.
Sabine (nickt zur Bestätigung): Ja, das kann ich bestätigen.
Gretchen (wendet protestierend ihr Gesicht zur anderen Seite, woraufhin Sabine vor Schreck ihr Papiertuch fallen lässt): Sabine!

Und während die leicht irritierte Hebamme noch skeptisch ihre Nase rümpfte und dabei ihre verrutschte Brille zurechtrückte und Dr. Kaan den Verlauf der Geburt checkte, fing ihre gemeinsame Patientin plötzlich wie aus dem Nichts leise an zu wimmern, was vor allem ihre beste Freundin bekümmerte, die ihr tröstend über die Wange strich. Und auch Marc verstand die Welt nicht mehr, als sich Gretchen plötzlich zu ihm hoch lehnte, ihren übergriffigen Händedruck lockerte und in ein zartes Streicheln wandelte, während sie unter Tränen versuchte, ihn zu küssen.

Gretchen: Tut mir leid.
Marc (fühlt sich von Gretchens abrupten Stimmungsumschwung vollkommen überfahren): Äh... was... genau... jetzt?
Gretchen: Ich wollte dich nicht anschreien. Ich war nur... Ich hab dich doch so lieb.
Marc: Ach, Haasenzahn,...

...seufzte der überforderte Chirurg nur und setzte sich spontan auf die Bettkante, um seiner Süßen so nah wie nur möglich zu kommen, damit das mit dem Küssen auch richtig funktionierte. Sehr zur Verwunderung der verdutzten Hebamme, die mit großen Augen zu Dr. Kaan rüberschaute, der lächelnd das verliebt schmusende Paar betrachtete und dann Sabine zuzwinkerte, die prompt errötete.

Mehdi: Sehen Sie, ich habe es Ihnen doch gesagt, Fräulein Blume. Das ist der Normalzustand zwischen den beiden. Kein Grund zur Beunruhigung.
Barbara (seufzt kopfschüttelnd u. konzentriert sich schnell wieder auf ihre Aufgabe): Dies hier ist aber keine normale Situation, Herr Doktor. Bei aller Liebe, aber können wir uns bitte endlich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich das Glück der beiden noch potentiell zu steigern oder in diesem konkreten Fall zu doppeln. Mir scheint nämlich, da drängelt ein kleiner Jemand.
Mehdi (nickt wissend u. stellt sich seiner Kollegin zur Seite): Das liegt nicht an mir. Marc? Gretchen?
Marc (rückt brav zurück auf seinen Platz u. schnappt sich Gretchens Patschehändchen, das er erst zärtlich küsst u. nun extra fest hält): Schon dabei. Lass uns endlich die Kinder schaukeln, hm, Haasenzahn!
Gretchen (schmachtet ihren Schatz noch einmal schwerverliebt an, holt noch einmal tief Luft u. nickt ihren beiden Helfern schließlich zu): Ich bin bereit. Mehr als das. Lass uns zwei Babys bekommen, Marc!
Yeah! Definitiv die beste Idee ever.
Barbara (lächelt zufrieden u. sucht nun intensiv Gretchens Blick): Gut! Dann möchte ich jetzt, dass du mit der nächsten Wehe all die Energie zusammennimmst, die du sonst immer gegen deinen Schatz verwendest, um zu pressen. Wird das funktionieren? Gut! Dann... Los! Pressen, Gretchen! Und erst damit aufhören, wenn ich es sage.

Und mit einem verliebten Blick auf Marc gerichtet, der seiner hinreißenden Herzprinzessin ebenso erwartungsvoll und voller Liebe entgegengrinste, tat die junge Ärztin genau das, was ihr ungeniert befohlen worden war. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schloss die Augen. Und nach zehn Sekunden Schreien, Beben, Zittern und anschließendem Luftanhalten war es tatsächlich vollbracht. Marcs Starchirurgenhände mussten nicht wegen möglicher Frakturen geröntgt werden. Nein, viel, viel besser. Baby Nummer eins wurde sicher unter den staunenden Augen des überglücklichen Elternpaares und einer völlig hingerissenen Schwester Sabine in den Armen ihres besten Freundes begrüßt, der selten zuvor in seinem Job so emotional auf einen neuen Erdenmenschen reagiert hatte wie in diesem bewegenden Moment, der für die Ewigkeit gemacht worden war. Wenn nicht plötzlich lautes und sehr kraftvolles Babygeschrei den Raum erfüllt hätte und alle im Zeitlupenmodus befindlichen Personen wieder von Wolke sieben zurück auf den Boden eines Berliner Kreißsaales geschupst hätte...

Lorelei Offline

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12.11.2017 14:01
#1609 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

https://www.youtube.com/watch?v=mQvIbkFaq18


„Ist sie endlich da? Eure Nummer eins. Kann ich endlich gucken kommen? Oder muss ich mir doch noch Ohrenschützer besorgen?“, scherzte hinter den Kulissen ein äußerst hibbeliger Pflegehelfer, um sich irgendwie von der nervigen Warterei abzulenken, die ihn langsam wahnsinnig zu machen drohte. So wahnsinnig, dass er sich gerade selber vor den Augen des verdutzen Kinderarztes und den anwesenden Kinderkrankenschwestern eine Kopfnuss gegeben hatte. Denn er ärgerte sich im Nachhinein über seine gewählten Worte, welche vermutlich für andere Ohren selten dämlich geklungen haben mochten. Die Fakten waren schließlich offensichtlich und vermutlich im ganzen Krankenhaus nicht zu überhören, was ihm jedoch mit jedem neuen Ton merklich gute Laune bereitete, die sich auch auf seine sich mit ihm mitfreuenden Kollegen auswirkte.

Jochen konnte sich nicht daran erinnern, dass er sich jemals so gut gefühlt hatte. Mal abgesehen von seiner allerersten Begegnung mit seiner süßen Freundin und ihrem ersten Kuss, der ihn, so spontan wie er gekommen war, völlig von den Socken gerissen hatte. Oder dem ersten Gespräch mit seiner auf Wolke sieben schwebenden Schwester, nachdem sie vor einem Jahr von ihrem seltsamen Selbstfindungstrip auf Rügen zurückgekehrt war und das überraschenderweise nicht alleine. Ob sie sich tatsächlich selbst gefunden hatte, das hatte er bis heute nicht in Erfahrung bringen können. Aber sie hatte zumindest etwas bzw. jemanden gefunden und das hatte vermutlich nicht nur Gretchen am allermeisten überrascht. Sie hatte den Meier tatsächlich doch noch klargemacht. Nach all den Jahren, in denen er als ihr Bruder am meisten unter ihrem Liebeswahn gelitten hatte. Das hatte ihn ehrlich gefreut. Genauso sehr wie die Neuigkeit, dass die beiden seitdem unzertrennlichen Turteltauben so schnell Nägel mit Köpfen gemacht hatten und ihm dankenswerterweise den elterlichen Druck genommen hatten, die Ahnengalerie der Familie Haase unbedingt von jetzt auf gleich vervollständigen zu müssen. Und jetzt war es tatsächlich passiert. Seine Große hatte endlich ihren persönlichen Mini-Me, der oder die, so genau wusste er es ja noch nicht, genauso lautstark seine bzw. ihre Meinung kundtat wie die bärenstolze Mama sonst auch immer, meist zu seinem oder Marcs Leidwesen.

Das eindrucksvoll die Welt begrüßende Kind hatte also Gretchens Bruder auf den Plan gebracht, der nicht mehr länger ungeduldig und Däumchen drehend im Nebenzimmer hatte warten können und nun den Hummeln in seinem Hintern gefolgt war und durch den schmalen Türspalt neugierig seinen langen Hals um die Ecke streckte. Leider konnte Jochen durch das breite Kreuz des Gynäkologen und den weiten, leuchtendroten Kittel der Hebamme, die ihm beide die Sicht auf Gretchens Patientenbett versperrten, nicht viel erkennen. Deshalb zögerte er nicht und stolperte einfach mal ungefragt einige Schritte weiter in den Kreißsaal hinein, bis er plötzlich abrupt innehalten und sich mit einer Hand an der strahlenden Stationsschwester festhalten musste, von deren feuerroten Wangen dicke Freudentränen herabkullerten.

Auch Schwester Sabine war sichtlich bewegt von dem magischen Moment, als Dr. Kaan das krakeelende Neugeborene vorsichtig dem bärenstolzen Papa hinhielt, der seine staunenden, dunkelgrün schimmernden Augen nicht von dem süßen Säugling abwenden konnte, der ihn und die erschöpfte Mama völlig in seinen Bann gezogen und die Zeit zum Stillstand gebracht hatte, auch wenn Gretchen zu schwach war, um sich selbst aufzurichten, um das Wunder richtig in Augenschein nehmen zu können. Aber das hatte noch Zeit. Jetzt fiel erst einmal dem frischgebackenen Vater eine wichtige Aufgabe zu, wenn es nach Mehdi gegangen wäre, der dem sichtlich überwältigten Neupapa erwartungsfroh in die Augen schaute, die ebenso wie die seinen deutlich wässrig schimmerten...

Mehdi: Möchtest du die Nabelschnur durchschneiden, Marc?
Marc (schluckt u. macht extragroße Augen): Ich...?
Mehdi (lächelt u. stupst den perplexen Papa sanft mit der Schulter an): Naja, keiner geht mit einem Skalpell so geschickt um wie du. Deshalb denke ich, du bist ein geeigneter Kandidat dafür. Und als Papa sowieso. Aber Vorsicht, nicht dass du vor lauter Aufregung die falsche Stelle erwischst. Marc? Erde an Marc! Ach, komm, wir machen’s gemeinsam, hm?

Als sein wie eingefroren wirkender Freund nicht gleich auf seine Frage reagierte und er dessen zitternde Hände bemerkte, die für einen Chirurgen ungewohnt ungeschickt nach der OP-Schere greifen wollten, fasste Mehdi sich ein Herz. Er legte seine Hand über die von Marc und half ihm ruhig und besonnen bei dem kleinen Schnitt mit der großen Bedeutung, den das Baby tapfer über sich ergehen ließ. Die vielen neuen Eindrücke, das grelle Licht in dem hellen Zimmer, das anstrengende Schreien hatten ihm die Äuglein zufallen lassen. Die seiner Mama waren dafür umso wachsamer. Gretchen wollte das kleine Wesen endlich kennenlernen und versuchte, sich mühsam im Bett aufzurichten. Das hatte auch ihr bester Freund im Augenwinkel bemerkt, der das zarte, mittlerweile in eine weiße Decke gewickelte Bündel nun lächelnd Marc in die Arme legte, der vor lauter gebanntem Staunen immer noch nicht seine Sprache, geschweige denn seine Bewegungsfähigkeit wiedergefunden hatte und erneut einen Schups in die richtige Richtung benötigte.

Mehdi (schmunzelt u. zwinkert hinter Marc Gretchen zu, die dies lächelnd erwidert): Was hältst du davon, wenn du euren kleinen Sonnenschein endlich seiner Mama zeigst, hm, Marc? Bevor Nummer zwei auch gleich so eindrucksvoll nach uns rufen wird. Das wird nicht mehr lange dauern, mein Freund.
Marc (abwesend das zuckersüße Baby betrachtend): Hm?

Mit großen Augen schaute Marc plötzlich seinem besten Kumpel ins freudestrahlende Grinsegesicht, der mit seinem zerzausten Wuschelkopf zu Gretchen rübergedeutet hatte. Der völlig abwesende Chirurg folgte Mehdis eindringlichem Blick und bekam dabei weder die schluchzende Krankenschwester im Hintergrund mit, die ihre Hände bewegt gegen ihr rasant pochendes Herz drückte, noch Jochen, der sich ebenfalls gerade heimlich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischte, während er sich breit grinsend und telepathisch mit seiner großen Schwester kommunizierend an den Türrahmen klammerte, denn der plötzlich aufgetretene Schmetterlingsschwarm in seinem Bauch hatte auch den frischgebackenen Onkel leicht aus dem Gleichgewicht gebracht.

Gespannt beobachtete er jetzt, wie sein sprachloser Schwager in spe nun mit zärtlichem Blick auf seine im Bett liegende Freundin herabschaute, die schöner strahlte als je zuvor. Denn sie war jetzt eine richtige Mama. Und er war Papa. Scheiße, war das ein geiles Gefühl, fuhr es Marc wie ein Geistesblitz durch den Sinn und endlich kehrten auch bei dem frischgebackenen Familienvater sämtliche Lebensgeister zurück, die ihm, überwältigt von der Geburt seines ersten Kindes, abhanden gekommen waren. Sein typisches, spitzbübisches Meier-Grinsen schlich sich zurück auf seine Lippen, die sich natürlich sofort ungestüm für einen innigen Schmatzer auf Gretchens emporgereckten, süßen Erdbeermund herabbeugten, dem anschließend ein vorsichtiger Kuss auf die Stirn des Neugeborenen folgte, bevor er diesen mit Bedacht seiner vor überschäumender Freude dauerstrahlenden Mama auf die Brust legte, die das zarte Wesen liebevoll in ihre Arme schloss und unter Glückstränen völlig überwältigt anlächelte und anschließend ebenfalls zärtlich immer wieder ungläubig busselte. Nur auf diese Weise konnte Gretchen überhaupt begreifen, dass ihr erstes Kind tatsächlich schon auf der Welt war. Die Information, die Marc so sehr aus dem Konzept gebracht hatte, dass er gar nicht mehr gewusst hatte, was er hatte sagen wollen, und die er nun vor kindischer Freude nicht mehr länger für sich behalten konnte, brachte den Haasschen Wasserfall dann erst so richtig in Fahrt. Nicht nur bei Neumama Haase.

Marc: Guck mal, Haasenzahn! Es ist ein Junge.
Gretchen (schaut ungläubig zwischen ihren beiden Männern hin u. her u. bleibt schließlich mit ihrem Blick glücksselig an dem Kleinen hängen, den sie nie wieder loslassen möchte): Ja! Hallo, mein kleiner Schatz! Da bist du also endlich. Wir haben so lange auf dich und dein Geschwisterchen gewartet. Ich bin deine Mama. Und der heulende Mann hier an meiner Seite, das ist dein Papa. Der euch immer, wenn er dachte, ich schlafe, heimlich etwas durch meine Bauchdecke vorgesungen hat. Sonst ist er eigentlich viel gesprächiger. Aber eins kann ich dir verraten, mein Schatz, Marc und ich, wir haben dich ganz doll lieb und werden immer für dich da sein.
Marc (schaut seiner Herzprinzessin gerührt dabei zu, wie sie ihr Kind immer wieder herzt, an sich drückt u. leise mit ihm flüstert): Hey, verrate nicht gleich alle Geheimnisse! Und überhaupt, ich heule nicht. Die Luft ist hier nur so trocken.

Klar, mein Schatz! Du bist genauso verliebt wie ich. Er ist perfekt. Ein Wunder, das wir zusammen hingekriegt haben. Wow! Wahnsinn! Ich kann es immer noch kaum glauben.

Jochen (kann diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen, denn er ist schließlich Augenzeuge, u. grient seinen Schwager in spe dementsprechend ungeniert an): Türlich!
Marc (ignoriert den frischgebackenen Onkel wohlwissendlich u. konzentriert sich ganz auf seine kleine Familie, zu der er sich nun aufs Bett setzt): Klappe!
Gretchen (stupst ihn leicht mit der Schulter an u. hält stolz ihren gemeinsamen Sohn hoch, um ihn ausführlich zu betrachten): Marc! Schau ihn doch mal an! Er ist perfekt.
Mehdi (strahlt mit seinen Freunden um die Wette u. verdrückt auch das eine oder andere Glückstränchen): Ja, das ist er. Ganz die Mama. Und der Papa natürlich. Und das Wichtigste, gesund und munter. Herzlichen Glückwunsch, euch beiden!

...konnte auch der nicht minder überwältigte Frauenarzt seine grenzenlose Freude nicht für sich behalten, während er das schockverliebte Elternpaar ganz genau dabei beobachtete, wie es sich fest in den Arm genommen hatte und sich an ihrem kleinen Stammhalter nicht mehr sattsehen konnte, und den einzigartigen Moment in Gedanken für die Ewigkeit festhielt. Erst ein kleiner Stupser von der Hebamme neben ihm holte Dr. Kaan wieder zurück aus seiner Gefühlsduselei. Barbaras eindringlicher Blick, der ebenfalls einen leichten Hauch von Rührung aufwies, war nicht misszuverstehen. Mehdi nickte der Kollegin zu und trat dann langsam wieder zu seinen Freunden heran, die auf einer ganz anderen Wolke unterwegs zu sein schienen als ihr engster Vertrauter. Die Pflicht rief nämlich und die Krönung der Kür stand schließlich noch aus.

Mehdi (richtet sich mit sanfter Stimme an die beiden): Ihr Lieben, ich kann vollkommen nachvollziehen, dass ihr euch jetzt nur sehr ungern voneinander trennen könnte, aber der letzte Gipfel ist noch nicht erklommen. Wir müssen weitermachen, um euer Glück perfekt zu machen. Seid ihr bereit?
Marc (schwebt irgendwo über den Wolken ganz weit oben u. hört ihn nicht): Hm?
Gretchen (streicht ihrem verträumten Schatz liebevoll über die Hand, die mit ihrer den Kleinen hält): Marc! Schatz?
Marc (plumpst unvermittelt aus seiner Traumblase u. schaut verwundert zwischen Gretchens u. Mehdis Augen hin u. her, die ihn von zwei Seiten fixiert halten): Was’n?
Mehdi (grinst u. freut sich still mit seinem überglücklichen Kumpel mit): Ich weiß, du bist verknallt, das sind wir alle.
Marc (fällt ihm irritiert ins Wort): Was?
Mehdi (spricht ungerührt weiter, obwohl seine Mundwinkel kurz verdächtig zucken): Aber noch ist die Familie Meier-Haase nicht vollständig. Eine wichtige Person fehlt noch, um das Quartett vollzumachen. Und du willst doch bestimmt nicht, dass euer Sohn noch unnötig länger von seinem Zwilling getrennt ist, hm. Er kennt das doch gar nicht anders. Sie wollen zusammen sein.
Marc (weitet ertappt seine Augen u. wird augenblicklich wieder hibbelig): Scheiße, ja.
Gretchen (tadelnd): Marc!
Marc: Sorry, falscher O-Ton, aber noch bekommen diese süßen, winzigen Ohren nicht alles mit.

...entschuldigte sich Dr. Meier auf so charmante, schuljungenhafte Art und Weise, dass Gretchen einmal mehr förmlich dahinschmolz. Marc drückte seiner verzauberten Prinzessin noch einen sanften Kuss auf die Wange und nahm ihr dann vorsichtig den gemeinsamen Jungen ab, der immer noch brav vor sich hin döste und dabei einfach nur purer Zucker war. Gretchen konnte ihren Blick nicht von ihm lösen, spürte dann aber auch wieder, wie sich enormer Druck in ihr aufbaute. Sie musste sich jetzt wirklich auf Schritt zwei konzentrieren und schon war die Nervosität zurück, aber die freundliche Hebamme sprach ihr bereits vorbeugend erneut Mut zu. Und so konnte sie sich schnell wieder beruhigen, während Marc mit dem Baby im Arm unschlüssig auf Mehdi zusteuerte und die dahinter stehende Krankenschwester beim Anblick des Vaterglücks einen weiteren Freudenseufzer nicht für sich behalten konnte...

Sabine: Hach... wie schön! Was für ein hinreißendes Bild!

Irritiert blickten Marc, Jochen und Mehdi wie die Orgelpfeifen einer nach dem anderen zu der verklärt lächelnden Krankenschwester in der Mitte des Raumes, die irgendwie über den Dingen zu schweben schien und deren Anwesenheit sie eigentlich schon längst verdrängt bzw. die ganze Zeit ignoriert hatten, und schauten sich anschließend zwei Sekunden lang fragend an, um im nächsten Moment simultan schmunzelnd den Kopf zu schütteln. Denn die Drei waren sich einig, Sabine Gummersbach stammte definitiv nicht von dieser Welt. Vermutlich nahm sie gerade mit irgendeiner höheren Macht Kontakt auf, um ihren Horoskophokuspokus zu klären.

Jochen (will eigentlich nur einen Scherz machen): Dann solltest du vielleicht eine Kamera holen, um es festzuhalten, hm, Schwester Sabine?
Sabine (fällt plötzlich aus allen Wolken, dreht sich abrupt um u. stürzt unvermittelt an den anderen vorbei aus dem Zimmer): Du hast recht. Wie konnte ich das denn vergessen? Ich bin gleich wieder da. Nicht ohne mich anfangen!
Marc: Bitte?

...schaute Marc der verrückten Krankenschwester irritiert hinterher, deren verquere Denkweisen vermutlich niemand auf diesem Planeten nachvollziehen konnte, und konnte nur noch sprachlos beobachten, wie die Schleuse hinter der Stasi-Sabsi wieder mit Schwung zuging. Verwirrt drehte er sich zu Jochen um, der auch nur unschlüssig mit den Schultern zucken konnte und anschließend vergnügt vor sich hin feixte. Aber Marc war alles andere als zum Lachen zumute. Er blieb immer noch unschlüssig vor seinen beiden Freunden stehen und wiegte sein schlafendes Kind sanft in seinen Armen, während er sich ein weiteres Mal nach seiner Liebsten umschaute, die bereits wieder begonnen hatte, sich ordentlich abzumühen. Er war hin und her gerissen, was seine Aufgabe als Partner, wie auch als Neupapa betraf. Das registrierte auch sein bester Freund, der beruhigend auf ihn einredete, um ihm die Unsicherheit zu nehmen. Schließlich war er nicht alleine.

Marc (deutet auf den Jungen in seinen Armen, den er nur ungern hergeben möchte): Und jetzt? Was machen wir mit ihm hier? Ich kann hier doch nicht weg, wenn Gretchen...
Mehdi (nickt verständnisvoll u. legt liebevoll eine Hand an den Rücken des kleinen Jungen u. die andere an Marcs Arm): Ich weiß. Aber wir haben hier sehr vertrauensvolles und routiniertes Personal, das sich um euren Schatz kümmern wird.
Marc (schaut sich skeptisch um u. bleibt an Jochens verklärtem Grinseblick hängen): Sicher?
Mehdi (nickt dem Löwenpapa überzeugt zu u. wendet sich anschließend an den Pfleger neben sich, der abwesend das Kind in Marcs Armen betrachtet u. ausführlich nach Ähnlichkeiten scannt): Jochen, für die Unterlagen. Der Geburtszeitpunkt von Meier-Junior ist 22.43 Uhr. Die restlichen Daten, wie Gewicht und Körpergröße, überträgst du ebenfalls in das entsprechende Formular, wenn der Kinderarzt nebenan die Erstuntersuchung übernimmt.
Jochen (merkt noch nicht gleich, dass er gemeint ist): Hm?
Marc (verhehlt jetzt erst recht seine Skepsis nicht): Du weißt schon, dass das nicht die richtige Antwort war, Kumpel. Erstes Ausschlusskriterium.
Gretchen (mischt sich nun auch aus dem Hintergrund ein): Marc, lass ihn bitte!
Jochen (horcht auf u. guckt sich verunsichert um): Wie jetzt? Meint ihr mich?

Ist das zu fassen? Herr, lass Hirn von der Decke regnen!

Marc (reagiert sichtlich gereizt): Boah! Das ist jetzt echt nicht wahr.
Gretchen (lächelt ihren kleinen Bruder auffordernd an, während sie den stetig steigenden Schmerz auszublenden versucht): Wärst du so lieb, dich, während ich hier noch ähm... ja... beschäftigt bin, um deinen Neffen zu kümmern, Bruderherz?
Jochen (staunt Bauklötzchen u. betrachtet den kleinen Fratz jetzt als kostbaren Schatz): Echt?
Marc (kommuniziert mittels unmissverständlichem Meier-Blick mit seiner viel zu nachsichtigen Freundin, die noch mal zur Bestätigung nickt, ehe sie vor Schmerz die Augen schließt, dann wendet er sich direkt an seinen Schwager, wenn auch mangels Alternativen recht zögerlich): Einmal tiefer legen und Motorwäsche bekommst du ja wohl hin, oder, du Möchtegernstudent?
Gretchen: Marc!
Marc (reagiert etwas gereizt auf Gretchens wiederholte Einmischung): Ja, was, er spuckt hier doch immer große Töne. Von wegen, was für ein genialer Kinderarzt er mal sein wird, wenn er einmal groß ist. Auf Augenhöhe mit seinen Patienten.
Jochen (grinst mit stolzgeschwellter Brust den Meier an): Genau!

Womit zum Teufel hab ich das eigentlich verdient? Kann nicht mal einmal etwas normal ablaufen? Ich will hier doch nur meine Kinder kriegen, verdammt noch mal. Ist das denn zu viel verlangt? Also, Haasenzahn kriegt die Kinder, ich übernehme den Rest. Und das schließt Klein-Jochen, der neuerdings an Doktorspielen interessiert ist, ganz bestimmt nicht ein.

Marc (verdreht leicht die Augen u. konzentriert sich wieder auf das Wesentliche, während er sein Kind herzt u. zärtlich an sich drückt): Das war ein Witz, Jo. Aber egal. Okay, hör zu! Das ist mit Abstand der wichtigste Job, den du je machen wirst. Und der verantwortungsvollste. Wir bauen auf dich. Also, sie schon, ich weniger. Aber uns gehen gerade die Optionen aus und es drängt. Er hier ist das kostbarste, was unsere Familie zu bieten hat. Also pass auf, mach nichts kaputt und verdammt noch mal, genieß es! Denn ich kann nicht garantieren, dass du ihn je wieder in die Griffel bekommen wirst, wenn wir hier erst fertig geworden sind. Gretchen und ich werden ihn und sein Geschwisterchen, um das wir uns jetzt kümmern müssen, nie wieder hergeben können. Ist das klar?

...fügte Marc noch sichtlich bewegt hinzu, während er liebevoll einen Zipfel der verrutschten, watteweichen Decke, in die er eingewickelt war, wieder seinem Sohn über das kahle Köpfchen schob, damit er es schön warm hatte, und dabei immer wieder auch vergewissernd über seine Schulter zu Gretchen schaute, die zwar schon wieder Wehen hatte, aber ihren Liebsten sichtlich gerührt während seiner emotionalen Ansage beobachtet hatte. Ihr war richtig das Herz aufgegangen, als sie ihre drei Lieblingsmänner in inniger Eintracht studieren durfte und das linderte auch ein bisschen ihren Geburtsschmerz. Und auch Jochen spürte, wie sein Herz immer schneller in seiner Brust puckerte. Ihm ging sichtlich die Düse, als Marc ihm feierlich den kleinen Fratz in die Arme legte, und auch Jochens Schwager in spe ging es nicht viel anders, der erst, als er sicher war, dass Gretchens minderbemittelter Bruder seinen Sohnemann richtig festhielt, losließ. Wenn auch mit großer Wehmut, die sich tief in Marcs weit geöffnetes Herz fraß. Obwohl das eigentlich total unrational war, denn sein Junge würde sich in den nächsten Minuten doch nur ein paar Meter entfernt im Nebenzimmer aufhalten. Er könnte also jederzeit zu ihm, wenn die Sehnsucht zu groß werden sollte.

Letztlich war es nun auch um Jochen Haase endgültig geschehen, als er die winzigkleinen Finger im Dämmerzustand nach sich tasten spürte. Verklärt und stolz wie Oskar grinste er erst Marc an, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, und anschließend seine Schwester, die ihn gar nicht richtig wahrgenommen hatte, da sie sich schon wieder vor Schmerzen krümmte und von der Hebamme und ihrem Frauenarzt motiviert werden musste.

Jochen: Ich... Wow! Das... Das bedeutet mir echt viel, dass ihr mir so vertraut. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Versprochen! Ich meine, als ich heute Morgen aufgewacht bin, hätte ich mir das echt nicht träumen lassen, dass ich jetzt hier stehen würde. Mit ihm. Eurem Zwerg. Mensch, da ist mein kleiner süßer Neffe tatsächlich mein allererster Patient, den ich eigenverantwortlich betreuen darf. Geil, ne?
Marc (schüttelt unwirsch den Kopf, nachdem er sich mit einem kleinen Fingerstupser bei seinem Sohn verabschiedet hat ): Schwing hier nicht so ellenlange Reden, Jo, sonst hält er dich noch für einen Oberlangweiler. Willst du das?
Gretchen (grätscht lautstark dazwischen): Maaarc!
Marc (senkt demütig den Kopf, als er sich langsam zu seiner Freundin umdreht u. sie als Entschuldigung verschmitzt anlächelt): Das war nicht böse gemeint, Haasenzahn. Wenn er angeben will, kann er das ja bei den Schwestern nebenan tun, falls sie es überhaupt hören möchten, oder es seinem Tagebuch anvertrauen.
Jochen (reagiert dementsprechend haasemäßig bockig, als er seinem Schwager in spe direkt kontert, u. verschwört sich im Anschluss mit seinem neuen Familienmitglied, mit dem er gleich mal eine High Five versucht): Nur weil ich Haase heiße, heißt das nicht, dass ich sämtliche Angewohnheiten meiner großen Schwester übernommen hätte. Das ist allein die Marotte deiner Mama, ne, mein Freund. Wir werden schon Spaß haben, wir beide, hm?
Gretchen: Maaarc! Komm endlich her, du, und hilf mir! Ich halte das nicht mehr aus. Von wegen beim zweiten Kind wird alles einfacher. Aaaaahhh...

...schrie die Einunddreißigjährige unter der Wirkung der nächsten starken Wehe ihrem verdutzten Freund eindrucksvoll entgegen, der natürlich dementsprechend zusammenzuckte und sich direkt pflichtbewusst wieder an ihre Seite begab. Die Hebamme und Mehdi waren auch schon wieder schwer mit der Gebärenden beschäftigt, während Jochen mit seinem Neffen, den er vorsichtig wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe an sich gedrückt hielt, flink den Rückwärtsgang einlegte und beinahe mit Schwester Sabine zusammenrempelte, die im selben Moment kamerabewaffnet den Raum wieder geentert hatte, den er gerade dabei war zu verlassen.

Sabine: Hopsala! Hab ich was verpasst?
Jochen (schleicht sich grinsend an ihr vorbei nach nebenan): Nö, nur das übliche Chaos. Aber das haben wir schon auf Band. Wir machen nen Schuh. Tschö mit Ö! Und... viel Glück noch, Schwesterchen! Beiß dich durch, ja! Wir halten unsere vier Däumchen gedrückt.
Gretchen (lässt die perplexe Krankenschwester direkt verstummen, die gerade wie ein Fisch an Land nach Worten ringt): Jaaaa... aaaahhh...
Sabine (klammert sich mit bangem Blick an ihre Kameratasche, deren Tragegurt sie sich vor lauter Anspannung unbemerkt um die Handgelenke wickelt): Oh!
Barbara (verhehlt ihre Besorgnis nicht): Dr. Kaan, sie verkrampft.
Gretchen (kämpft): Ich versuch’s ja.
Mehdi (bleibt die Ruhe selbst u. versucht das auch auf seine Patientin zu übertragen): Gretchen, du musst dich beruhigen. Dein Blutdruck geht hoch. Wir haben’s gleich geschafft.
Marc (wirkt schnell ebenso alarmiert): Was?
Gretchen (völlig erschöpft): Ich... kann... nicht. Ich glaube, ich habe keine Kraft mehr.
Marc (wächst über sich hinaus): Doch, hast du! Das wäre doch gelacht, wenn wir das mit dem zweiten Zwilling nicht auch noch hinbekommen würden. Häschen, hopp, mach mal Platz!
Mehdi: Was hast du vor?
Barbara: Dr. Meier, was tun Sie denn da?

Mehdi und Barbara guckten synchron unter dem sterilen, blassgrünen OP-Tuch wieder hervor und beobachteten nun irritiert, wie sich ihr Kollege plötzlich die Schuhe auszog und im nächsten Moment aufs Bett kletterte, um pappfrech hinter seiner Freundin Platz zu nehmen, die er nun besitzergreifend in seine Arme zog. Gretchen war zu erschöpft, um sich gegen diese Meiersche Dreistigkeit zur Wehr zu setzen, und lehnte ihren erhitzten Kopf müde gegen seinen heftig puckernden Oberkörper. Ihr Puls beruhigte sich leicht und näherte sich dem Takt von Marcs Herzen, den sie deutlich unter seiner Brust spüren konnte. Die Hebamme kam nicht umhin, dem jungen Vater ihren Respekt zu zollen. Das hatte sie nämlich während ihrer langjährigen Berufszeit auch noch nicht erlebt. Dabei hatte sie bis heute gedacht, sie hätte im Kreißsaal schon alles gesehen und noch vor einer Stunde hätte sie ihr nicht vorhandenes Vermögen darauf getippt, dass der arrogante Schnöselchirurg ein weiterer Kandidat für die Notfallsanitäter sein würde, die ihn spätestens nach der dritten heftigen Wehe bewusstlos aus dem Kreißsaal hätten transportieren müssen. Dieses Urteil korrigierte sie jetzt. Nicht ohne Stolz.

Barbara: Dr. Meier, solch eine Eigeninitiative hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Chapeau!
Marc (wiegelt unwirsch ab u. sucht die richtige Position, um seiner Süßen zu helfen): Ja, ja, Hüte werfen können wir auch später noch. Wird es so gehen, Gretchen?
Gretchen (schnieft bewegt gegen seinen Brustkorb u. fährt mit einer Hand betroffen über die schweißverursachten Flecken auf seinem schicken, blauen Designerhemd): Danke, dass du da bist. Du bist mein Held.
Marc (drückt ihr sanft einen kleinen Kuss auf den Hinterkopf u. schiebt dann ihren zerzausten Fischgrätenzopf zur Seite, um seine Wange gegen ihre zu pressen): Du halluzinierst, Haasenzahn. Aber um das einmal festzuhalten, du bist die wahre Heldin hier. Ich muss danken. Danke, dass du dich hierauf eingelassen hast.
Gretchen (schaut sichtlich gerührt zu ihm hoch): Ich liebe dich.
Marc (erwidert ihr zartes Lächeln): Ich dich auch. Und du kannst mich gerne später wild und nicht jugendfrei dafür abknutschen. Aber vorher müssen wir hier jetzt wirklich vorankommen.
Barbara (sucht Blickkontakt mit den beiden): Die Wehe kommt.
Mehdi (schaut auch noch mal ermutigend zu den beiden hoch): Euer Kind liegt gut. Es wird jetzt schnell gehen. Bereit?
Marc (drückt seiner Herzprinzessin noch einen letzten ermutigenden Kuss auf die Wange u. umschlingt dann mit beiden Arme u. Beinen ihren Körper): Hast du gehört? Du darfst jetzt offiziell noch mal alle zusammenscheißen. Wir machen es zusammen. Auf zwei. Eins. ZWEI!
Gretchen: Aaaaaaaahhhhh...

Lorelei Offline

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18.11.2017 13:48
#1610 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Unter der liebevollen Unterstützung ihres unkonventionellen Partners verausgabte sich Gretchen völlig und fiel nach wenigen Sekunden erschöpft in die Arme von Marc zurück, der seine tapfere Prinzessin immer noch zärtlich umschlungen hielt, ihr die dicken, blonden, schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und dabei gebannt dem Geschehen am Fußende des Bettes folgte. Schnell war das Kind, das dreieinhalb Minuten nach seinem Bruder das Licht der Welt erblickt hatte, erstuntersucht und in ein warmes, weiches Tuch gewickelt worden. Aber es schrie nicht. Das beunruhigte nicht nur Marc. Auch Schwester Sabine hielt den Atem an, während Dr. Kaan jedoch völlig cool agierte und mit einem geübten Handgriff die Stille im Zimmer für beendet erklärte. Auch der zweite Zwilling der Meier-Haases schien ein gewaltiger Schreihals zu sein, wie Marc und Gretchen stolz mit Tränen in den Augen registrierten. Ganz die Mama und der Papa, das bestätigte ihnen auch ihr bester Freund und Frauenarzt mit einem frechen Augenzwinkern in Richtung des verliebten Paares, das sich innig in die Augen schaute. Der überglückliche Vater konnte sich nun nicht mehr länger zusammenreißen und ließ seinen unbändigen Gefühlen endlich freien Lauf, indem er der freudestrahlenden, aber völlig erschöpften Neumama unentwegt dicke Knutscher auf die feuerrot schimmernde Wange drückte, was erst unterbunden wurde, als Mehdi den frisch gebackenen Eltern stolz das kleine Bündel entgegenhielt, das ihr Glück nun endgültig besiegelte.

Mehdi: Und, neuer Versuch, Marc? Wieder zusammen? Das hat doch vorhin schon so gut geklappt, hm.
Marc (grinst mit seinem Kumpel um die Wette): In deinen Träumen vielleicht.
Mehdi (grient ihn kopfnickend an u. reicht ihm feierlich sein Handwerkszeug): Dachte ich mir. Sie ist aber auch ein wahrer Sonnenschein.
Gretchen (weitet ungläubig ihre Augen u. sucht aufgeregt Mehdis Blick): Sie?
Marc (schluckt ungläubig): Bitte?
Sabine (klatscht euphorisch in ihre Hände u. zieht damit die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich): Oh, wie ist das schön!
Barbara (lächelt ebenso beseelt vor sich hin): Ich könnte es nicht besser beschreiben, werte Kollegin. Herzlichen Glückwunsch auch von meiner Seite aus! Sie haben das hervorragend gemeistert und damit meine ich euch beide.

Als die Bedeutung von Mehdis unbedacht geäußerten Worten auch bei Marc endgültig angekommen war, hätte dieser doch fast vor lauter Schreck die OP-Schere fallen gelassen, mit welcher er gerade die Nabelschnur seines neugeborenen Kindes hatte durchtrennen wollen und nicht seinen eigenen großen Zeh, den es fast erwischt hätte, wenn der rationale, chirurgische Teil von ihm nicht noch rechtzeitig aufgepasst und automatisiert routiniert zugegriffen hätte. Was hatte Mehdi da gerade gesagt? Meinte er das etwa ernst? Aber das wäre ja... Wie in Zeitlupe klappte Marcs Mund auf, aber es kamen keine Worte heraus, und sein Kopf wich, von den unterschiedlichsten Gefühlen und Gedanken geflutet, zur Seite zum staunenden Gesicht seiner Freundin, die natürlich direkt einen erneuten Schwall Tränen in die Augen bekommen hatte.

Mehdi waren währenddessen sämtliche Gesichtszüge entglitten und er musste sich unter den verzückten Blicken der anderen demonstrativ gegen die Stirn klapsen. Wieso passierte eigentlich immer ihm so was? Gabi hatte Recht. Er war ein offenes Buch. Er hatte schließlich neulich erst aus Versehen Lilly das Ende von „Harry Potter“ verraten. Seine Tochter war deswegen tagelang untröstlich gewesen, bis sie an drei Tagen hintereinander, mit einer Tonne Eiscreme bewaffnet, sämtliche Filme der Reihe zusammen geguckt hatten und sie sich seitdem mit unbändiger Freude und Begeisterung an die Mammutaufgabe machte, diese mit den Originalbüchern zu vergleichen.

Mehdi (lächelt seine Freunde verlegen an): Sorry! Das war so nicht geplant. Also, von Seiten der Natur her, natürlich schon. Das war schnell klar. Aber, da bemühe ich mich sechs Monate lang, das große Geheimnis möglichst geheim zu halten, was vor neugierigen Chefs und noch neugierigeren Kollegen und Freunden, die ich nicht nur einmal beim Spionieren erwischt habe, fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen ist, und dann plaudere ich es im letzten Moment selber aus. Ich bin echt ein miserabler Freund und Patenonkel. Falls ihr mich als solchen überhaupt noch wollt?
Marc (hält seinen Zeigefinger demonstrativ vor Gretchens Zuckerschnute, die gerade herzzerreißend schniefend etwas erwidern möchte): Darüber reden wir noch, Plappermaul. Aber wir nehmen jederzeit Bewerbungen entgegen. Du musst dich nur ein bisschen mehr anstrengen.

...schmunzelte Marc mit kindischer Freude, der nach Mehdis rühriger Entschuldigung prompt seine freche Klappe wiedergefunden hatte. Er drückte dem verlegen dreinblickenden Plappermaul leicht seine Faust gegen den Arm und schritt dann als nächstes flink zur entscheidenden Tat. Routiniert und diesmal ohne zitternde Chirurgenhand. Stolz wie Bolle kümmerte sich der versierte Oberarzt um die Nabelschnur und versorgte anschließend geübt die Stelle am Bauch, damit er seinen Sonnenschein, der ihn die ganze Zeit, ohne auch nur einmal zu weinen, durch seine dichten, dunklen Wimpern hindurch beobachtet hatte, anschließend schnell der ungeduldig zappelnden Mama reichen konnte, die vor lauter Glück beinahe zu platzen drohte. All die Strapazen der letzten Stunden schienen bei Gretchen Haase wie weggeblasen zu sein, als sie zum ersten Mal ihr zuckersüßes, kleines Mädchen im Arm hielt, das ihrem kurz zuvor geborenen Brüderchen so sehr glich, ihm an sein niedliches Stupsnäschen stupste und dann selig zu Marc hoch blickte, der daraufhin seine stoppelige Wange sanft gegen ihre presste und auch seinen Blick von dem Wunder nicht abwenden konnte, das Gretchens und sein Leben von nun an komplett auf den Kopf stellen würde. Gab es ein größeres Glück als diesen Moment hier? Vermutlich nicht. Darin waren sich alle einig, die diesem mit lachendem Herzen beiwohnen durften.

Gretchen (weint vor Freude u. herzt ihren kleinen Schatz immer wieder voller überschäumendem Glück): Es ist ein Mädchen. Juhu! Guck mal, Marc! Sie sieht aus wie du.
Marc (grient ebenso verstrahlt): Findest du? Ich sehe nur dich in ihr.
Gretchen (guckt ungläubig zu dem stolzen Papa hoch, der nicht widerstehen kann, sie sanft einmal zu küssen, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf sein kleines Mädchen lenkt): Echt?
Sabine (lächelt total verzückt, während sich die eine oder andere Glücksträne ihre Wange hinabstielt): Herzlichen Glückwunsch, Frau Doktor, Herr Doktor! Ich freu mich so. Ich wusste doch, dass die Sterne heute günstig stehen würden. Die Perseiden. Der Neumond. Die Glücksplaneten Mars und Venus so nah beieinander. Hach... eine magische Nacht. Das Glück wird sie ein Leben lang begleiten. Das steht bereits in den Sternen.
Gretchen (schmilzt vor lauter Glücksgefühlen förmlich dahin u. deutet Sabines mystische Worte auf ihre Weise): Danke! Wir freuen uns auch. Oder, Marc?
Marc (beobachtet gebannt, wie die kleine Hand seinen kleinen Finger umschließt u. ist einmal mehr so hin und weg von seinem Mädchen, dass er gar nichts mehr um sich herum mitschneidet): Mhm!

Schau ihn dir an, den Dr. Meier, von den Ohren bis zu den Zehenspitzen stolz wie Oskar. Ja, mein Bester, genauso fühlt es sich an.

Mehdi (freut sich unbändig mit seinen Freunden mit u. guckt grinsend von einer Person zur anderen): 22.46 Uhr und die Familie ist vollständig. Herzlichen Glückwunsch, ihr Glückspilze! Je eins von beiden, das ist der Jackpot. Ich freue mich so für euch.
Barbara (kann ihre Freude auch nicht verhehlen, obwohl das hier nicht die erste Geburt gewesen ist, bei der sie unterstützend beiwohnen durfte): Dr. Kaan, so emotional im Kreißsaal kenne ich Sie gar nicht.
Mehdi (stupst sie zum Spaß leicht mit der Schulter an u. kann sich dann nicht mehr zusammenreißen u. schließt die überraschte Frau in eine dicke Umarmung): Wenn man so eng mit der Geschichte der beiden verwoben ist, dann geht das einfach nicht anders. Das geht unter die Haut. Das hier ist Familie.
Sabine (nickt auch eifrig mit ihrem Kopf, ohne das glückliche Elternpaar dabei aus den Augen zu lassen): Ja! Diese Konstellation ist einzigartig. Und ich hab es immer gewusst. Vom ersten Tag an.
Mehdi (grinst wissend zu Sabine rüber): Ich hab ein bisschen länger gebraucht.

Aber jetzt ist alles richtig, so wie es ist. Gretchens Märchen ist wahr geworden. Und meins auch. Und Marc ist unser Tesastreifen. Also, unsere gemeinsame Freundschaft ist das Band, das ewig halten wird.

Barbara (gerät auch ein bisschen ins Schwärmen, als sie die verklärten Gesichter der Kollegen bemerkt, u. löst sich langsam wieder aus der Umarmung mit Dr. Kaan, der sich richtig gut angefühlt hat): Das ist einer dieser Gründe, warum ich so gerne hier im Elisabethkrankenhaus tätig bin. Der familiäre Zusammenhalt untereinander ist einfach unverwechselbar und in unserem Metier viel zu selten geworden. Darum geht es doch hier. Dieses Glück. Diesen besonderen Moment. Die Menschen. Das Miteinander.
Mehdi (lächelt wie ein Honigkuchenpferd u. reicht ihr noch einmal zum Dank seine Hand): Da stimme ich Ihnen zu, Fräulein Blume. Und einmal mehr danke ich Ihnen für die tolle Zusammenarbeit.
Barbara (drückt auch ihre andere Hand noch auf die große Pranke des Frauenarztes): Nichts zu danken.
Gretchen (lässt ebenso ihren Gefühlen freien Lauf, als sie zu ihren beiden Vertrauten rüberschaut): Doch! Danke, Barbara! Ohne dich...
Barbara (lehnt sich mit beiden Händen an das Bettende): Ssshhh... So fangen wir gar nicht erst an, meine Liebe. Das gehört zum Job dazu. Alles ist gut, Gretchen. Aber jetzt, nachdem die Hauptarbeit geschafft ist, dürft ihr mich gerne Babsi nennen.
Gretchen (grinst zu ihr neu gewonnenen Freundin rüber, während sie ihr Baby liebevoll an ihre Brust schmiegt): Babsi.

Oh Gott! Das muss verhindert werden.

Marc (verdreht die Augen u. fixiert Gretchen anschließend mit seinem gespielt strengen Chirurgenblick): Ey, du kommst aber jetzt nicht auf die dämliche Idee, unsere Prinzessin deshalb nach ihr zu benennen?
Barbara (guckt schmunzelnd von Gretchen zu Sabine u. dann zu Mehdi, dessen Mundwinkel sich ebenso amüsiert verziehen wie die der drei Frauen): Das hat es alles schon gegeben.
Marc (klappt entsetzt die Kinnlade herunter): Was?
Gretchen (streicht ihm kichernd mit ihrer freien Hand über die Wange): Hey, wir haben doch eine Abmachung.
Marc (atmet erleichtert aus u. spielt nun verliebt mit ihrer kleinen, zarten Hand, die die ihres Kindes umschließt): Gut, dass du das nicht vergessen hast, Haasenzahn.
Gretchen (rappelt sich zum Kopfende ihres Bettes hoch, damit sie einen besseren Blick zu den anderen genießen kann): Würde ich nie tun, mein Schatz. Und jetzt würde ich gerne beide halten wollen. Geht das?
Marc: Ich auch.

...konnte Marc dem unverwechselbaren Charme seiner Süßen und ihrem mindestens genauso süßen Mini-Me nicht widerstehen, die sich sanft in die Arme ihrer schönen Mama geschmiegt hatte und mittlerweile unter dem Eindruck der Ereignisse eingeschlafen war, und blickte sich suchend nach seinem Schwager in spe um, der seltsamerweise diesmal den entscheidenden Moment verpasst zu haben schien. Aber auch Mehdi hatte bereits erkannt, wonach sich seine Freunde unendlich sehnten und schritt deshalb direkt zur Tat und tippte sanft gegen den Türrahmen des Nebenzimmers, um die entscheidende Person zu holen.

Mehdi: Jochen? Was hältst du von einer Familienzusammenführung, hm?
Jochen: Wie? Seid ihr etwa schon fertig? Wir waren hier so beschäftigt, wir haben gar nichts mitbekommen.

Völlig verdutzt steckte Jochen seinen Kopf durch den Türspalt und bemerkte erst jetzt die gespannten Blicke seiner Kollegen, die alle auf ihn gerichtet waren und sich regelrecht in seine Haut brannten, die plötzlich fürchterlich anfing zu jucken. Er war so vernarrt in seinen süßen kleinen Neffen gewesen, dass er bei dessen Betreuung alles um sich herum vergessen hatte. Dementsprechend lahmdösselig kehrte er auch in das Zimmer zurück, um den Jungen zu holen. Er hob den kleinen Burschen vorsichtig aus seinem Bettchen, der mittlerweile frisch gewaschen, gewickelt und in einen neuen, weißen, filigran bestickten Strampler gekleidet war, und hielt ihn sehr routiniert im Arm, als er mit ihm zurück in den Kreißsaal schlenderte.

Der ambitionierte Bald-wieder-Medizinstudent hatte mit seinem umsichtigen Handeln nicht nur den leitenden Kinderarzt von seinen Qualitäten überzeugt, auch die eine oder andere Kinderkrankenschwester, die Pfleger Jochen bislang nur als Spaßvogel der Truppe gekannt hatte, war ganz verzückt von dem fürsorglichen Umgang des Fünfundzwanzigjährigen mit dem Baby gewesen, dem er extra noch eine mit niedlichen Entchen bedruckte Decke um die Schultern gelegt hatte, bevor er endlich den drängenden Bitten der Eltern nachgekommen war und es ihnen vorsichtig reichte. Natürlich hatte sich Jochen beim Anblick des kleinen Mädchens in Gretchens Armen, das ihn, wie er glaubte, direkt angesehen hatte, auch sofort in seine Nichte schockverliebt und rührte sich nun nicht mehr vom Fleck, was vor allem Schwester Sabine ein bisschen Stirnrunzeln bereitete, die gerade von dem jungen Familienglück einen Schnappschuss mit ihrer Kamera hatte machen wollen. Mehdi hatte das Problem natürlich direkt registriert und sorgte mit einem beherzten Griff an Jochens Schultern dafür, dass die passionierte Hobbyfotografin endlich das Meier-Haassche Glück für die Ewigkeit und für ihre Pinnwand im Schwesternzimmer festhalten konnte.

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Sabine war so verzückt von den Vieren, die ganz vernarrt ineinander waren, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte, zu knipsen und ein Foto nach dem anderen schoss. Deshalb bemerkte sie auch nicht den eingeschnappten Pflegepraktikanten, der mit Hummeln im Hintern neben Dr. Kaan sichtlich vor sich hin schmollte, der dies wiederum lediglich mit einem amüsierten Grinsen kommentierte, während er selber das Bild vom Familienglück seiner Freunde auf seine interne Speicherkarte lud.

Jochen: Ey, ich gehöre auch zur Familie. Wenn schon Familienzusammenführung, dann auch richtig.
Mehdi: Das ist uns schon klar, Jochen. Aber gönn ihnen doch den Moment, hm! Den kann man nicht wiederholen. Den muss man erleben.
Jochen: Eben drum. Ich hab die Kleine doch noch gar nicht richtig gesehen.

...motzte der stolze Neuonkel mit verschränkten Armen neben Dr. Kaan so eindrucksvoll vor sich hin, dass selbst seine Schwester irgendwann Mitleid mit dem Schmollhaasen bekam und ihn schließlich lächelnd zu sich winkte. Jetzt hielt Jochen natürlich nichts mehr an seinem Platz und er konnte endlich seine Nichte gebührend begrüßen. Mit einem anfangs zögerlichen, aber liebevollen Küsschen auf den zarten, hellen Flaum ihres hübschen Köpfchens.

Gretchen: Na, komm schon her, Onkel Jochen!
Marc (hätte eigentlich nichts dagegen, wenn er endlich aus diesem nervigen Kreißsaal rauskommen könnte): Boah, aber nur noch ein Foto, ja. Wir sind hier schließlich nicht bei den Kardashians.
Jochen (grinst wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin u. drängelt sich an die Seite seiner Schwester): Nö! Definitiv nicht. Aber falls ihr noch einen Namen sucht, ich würde meinen dankenswerterweise gerne weitergeben.
Gretchen (grient verschmitzt zu dem Frechdachs hoch, der ihr daraufhin einmal vielsagend zuzwinkert): Das kannst du ja dann bei deinen eigenen Kindern machen, Bruderherz, wenn es dann irgendwann einmal soweit sein sollte. Und komm jetzt mal richtig heran! Die Zwillinge beißen nicht.
Jochen (wackelt grinsend mit den Augenbrauen, als er ihrer Bitte ohne Umschweife nachkommt): Aber du vielleicht.
Gretchen (stupst ihn gespielt protestierend an u. greift dann nach seiner Hand, die sie nicht mehr loslässt): Ey! Ich hab dich trotzdem lieb.
Marc (beobachtet das alles leicht angenervt): Ich nicht.
Jochen (ignoriert den Meierschen Einwurf wohlwissendlich u. betrachtet das Familienglück endlich auch aus nächster Nähe): Ich dich aber. Ich bin richtig, richtig stolz auf dich, Schwesterchen. Die Zwei hast du richtig gut hinbekommen.
Marc (hat da natürlich seine eigene Meinung): Wir!
Jochen (nickt wissend u. tauscht den typischen Haasschen Geheimblick mit seiner Schwester aus): Deine Beteiligung blende ich aus Gründen, die ich nicht näher erläutern möchte, aus. Ich genieße lieber die Bilder hier.
Mehdi (sucht die Aufmerksamkeit seiner Freunde, die prompt zu ihm u. Sabine rüberblicken): Apropos Bilder!
Sabine (wedelt auffällig mit einer Hand u. justiert die Kamera neu): Ja! So, und jetzt alle mal eine kurze Sekunde stillhalten! Der Papa ein bisschen gütiger schauen, bitte! Und Jochen, weniger Faxen! Ja, genauso! Und jetzt alle mal „Babyalarm“ sagen!

Die sonderbaren Anweisungen der selbsternannten Krankenhausfotografin selbstverständlich konsequent ignorierend, genügte nur ein einzelner Blick zwischen den beiden Männern und sie hatten die richtige Pose für das gemeinsame Familienfoto gefunden. Sie schlossen die wunderhübsche Mama, die ihre beiden Kinder glücklich links und rechts in ihren Armen hielt, einfach in ihrer Mitte ein und drückten ihr jeweils links und rechts einen dicken Schmatzer auf die rosige Backe, welcher die Überrumpelte, die die Attacke der beiden nicht hatte kommen sehen, gleich noch mehr herzhaft kichern ließ. Genau in dem Moment, als Sabine auf den Auslöser drückte. Aber wie gut ihr das Foto gelungen war, das konnte die herzensgute Krankenschwester leider nicht überprüfen, denn die vielen Freudentränen, die unkontrolliert aus ihren Augen strömten, behinderten die Sicht auf das winzigkleine Display. Das konnte sich die Hebamme neben ihr dann auch nicht mehr länger mitansehen und übernahm deshalb einfach frecherweise das Kommando über das improvisierte Fotoshooting im Kreißsaal, das so in den Krankenhausstatuten eigentlich nicht erlaubt war. Aber wer hielt sich denn schon gerne an Vorschriften? Dr. Meier bestimmt nicht. So gut kannte sie den selbstbewussten Chirurgen dann doch mittlerweile. Und dass auch bei Dr. Gretchen Haase der Schalk innewohnte, das hatte sie bereits in den Schwangerschaftskursen mitbekommen, in welchen immer sehr viel gelacht worden war. Und auch diesmal war die schöne Blonde ganz in ihrem Element, denn sie lockte nun auch noch ihre beiden besten Freunde heran ans Kopfende ihres Bettes, um diesen wunderbaren Moment, der Marc und ihr Leben von Grund auf verändert hatte, mit ihnen zu teilen.

Gretchen: Und jetzt noch eins mit den Pateneltern.
Mehdi (lächelt zustimmend): Gerne.
Sabine (guckt auch ganz verstrahlt u. weiß nicht, wohin mit ihren Händen, aus denen die Hebamme ihr gerade ihre Kamera entwendet hat): Ja?
Marc (ist eigentlich schon auf dem Absprung, als er alarmiert aufhorcht): Äh... Haasenzahn, das ist so nicht abgesprochen. Er von mir aus schon, aber sie...
Gretchen (drückt ihn mit sanfter Gewalt zurück aufs Bett u. sieht ihn nun eindringlich mit ihren hypnotischen blauen Augen an, die keine Widerrede akzeptieren): Kein Aber, Marc! Unsere Wundersterne und ich haben das mehrheitlich beschlossen.
Marc: Na, super, das kann ja heiter werden. Also, demokratisch ist das nicht.

...nölte Marc etwas angefressen, während sich der stolze Patenonkel und die etwas unbeholfene Patentante dicht hinter das Bett der Patientin stellten, um sich perfekt auf das nächste Foto zu schmuggeln, auf welchem lediglich Dr. Meier etwas verkniffen auf seine Freunde blickte, wie Barbara Blume durch die Kameralinse beobachten durfte. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, auf den Auslöser zu drücken. Die Kinder waren einfach zu hinreißend. Und die Kinder waren auch das nächste Stichwort.

Barbara (reicht die Kamera wieder Sabine u. schaut nun auffordernd zu den anwesenden jungen Herren): So! Aber jetzt denke ich, kehren wir erst einmal wieder zur Routine zurück. Es ist höchste Zeit. Eine Untersuchung steht noch aus. Und Gretchen braucht jetzt Ruhe.
Mehdi (nickt seiner Kollegin beipflichtend zu u. macht eine ausladende Geste in Richtung Nebenzimmer): Wenn ihr dann bitte so lieb wärt, hm?
Sabine (packt gerade ihre Kamera wieder ein u. stolpert vor Eile fast über die Füße von Dr. Kaan): Sehr wohl, Herr Doktor! Oh, Entschuldigung!
Mehdi (schmunzelt u. sucht mit seinem Blick Marcs Aufmerksamkeit): Sie nicht, Schwester Sabine! Sie brauche ich noch. Marc?
Marc (denkt nicht im Traum daran, sich von seiner Familie zu trennen u. macht es sich im Bett jetzt erst recht bequem): Wie? Schließt mich das etwa auch ein? Kannste knicken!
Mehdi (setzt zu einem leicht oberlehrerhaften Ton an u. wirkt nach dem langen Arbeitstag doch etwas müde auf die Kollegen): Marc, Gretchen und ich haben hier noch ein paar Dinge zu erledigen, wozu wir dich nicht unbedingt benötigen, wenn du verstehst.
Marc (sieht nachdenklich in Gretchens Gesicht): Aber...?
Gretchen (drückt liebevoll seine Hand u. guckt mit ihm zusammen auf ihre beiden Kinder herab, die friedlich in ihren Armen schlafen): Schatz, warum sorgst du nicht dafür, dass unsere Prinzessin auch so einen süßen ersten Strampler bekommt wie ihr Bruder, hm?
Jochen (nimmt seiner Schwester nach einem zustimmenden Kopfnicken das erste Baby ab u. drückt es liebevoll an seinen schlaksigen Körper): Ich kann mich auch darum kümmern, Schwesterchen.
Marc (hält schon seinen Sohn im Arm u. will sich von Jochen seine Tochter zurückholen, merkt dabei aber irritiert, dass er noch etwas unkoordiniert darin ist, zwei Babys auf einmal zu halten): Ich mach das! Gib sie mir!
Barbara (spielt die Streitschlichterin u. nimmt dem unbeholfenen Papa die Tochter auch schon wieder ab): Warum kommen die beiden Herren nicht erst einmal mit mir mit, hm? Alles andere klären wir dann nebenan.
Jochen: Genau!

...griente Jochen seinen Schwager in spe frech an, der von der Übergriffigkeit der Hebamme mehr als genervt war und von dem Möchtegernkinderarzt für Arme sowieso, und zwinkerte hinter Marcs Rücken Gretchen zu, die schmunzelnd und auch ein bisschen sehnsuchtsvoll ihren beiden zuckersüßen Babys hinterher winkte. Marc hatte sich inzwischen wieder einigermaßen eingekriegt und beugte sich nun noch einmal für einen zarten Kuss zu seiner Süßen herunter, die diesen innig erwiderte, während Mehdi geduldig neben den beiden Turteltauben wartete.

Gretchen: Du machst das schon, Schatz. Wir sehen uns ja gleich alle wieder.
Marc (stöhnt noch einmal entnervt auf, aber mit einem Augenzwinkern, das vor allem seinem Kumpel gewidmet ist): Mit euch macht man echt was mit, ey, aber okay. Frauenkram halt. Aber wehe, du tatschst sie irgendwie unsittlich an, Kaan! Dann... ja, dann...
Mehdi (schon ist die Müdigkeit wieder verflogen u. er wird fast von einem Lachflash mitgerissen, aber er kann sich gerade noch so beherrschen): Ich kann mich gerade noch so zurückhalten, Marc. Bislang sieht doch alles ganz gut aus. Vertrau mir mal, hm!
Marc (läuft langsam mit seinem Sohn im Arm rückwärts aus dem Zimmer, ohne den Blick von den himmelblauen Augen seiner Süßen zu lösen, die ihm verliebt hinterher lächelt): Gut, ich... wir sind ja nebenan. Und du kannst ja auch immer noch deine starke Rechte benutzen, falls...
So ein Blödi! Ich dachte, jetzt, wo die Kinder endlich da sind, bleibt er wenigstens mal fünf Minuten ernst. Aber nein, das ist eben Marc. Mein Marci Marc! Hach... Und ich lieb ihn trotzdem. Mehr denn je.
Gretchen (das Lächeln verschwindet u. sie wird noch mal kurz zur Furie): Maaarc, raus jetzt! Ich will nicht, dass du mich so siehst.
Marc: Ich lieb dich auch, Haasenzahn.

...flötete Marc noch ein letztes Mal in Richtung seiner hinreißenden, zorngeröteten Freundin, die, wenn er nicht gerade seinen Sohn im Arm gehalten hätte, sicherlich auch noch mit einem Kissen nach ihm geworfen hätte, so wie sie es kurz angedeutet hatte, bevor Schwester Sabine mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen dreisterweise direkt vor seiner Nase die Zimmertür schloss. Im Nebenzimmer angekommen, warteten bereits die Kollegen von der Pädiatrie auf den frischgebackenen Familienvater und seinen Nachwuchs, den er nur ungern wieder hergab. Aber was sollte er machen? Er wollte es nicht gleich am ersten Tag mit den Betreuern seiner Zwergenbande verscherzen. Zumindest noch nicht.

Es war vor allem Pfleger Jochen, der gerade seinen schlafenden Neffen in eins der Wärmebettchen gelegt hatte, der unbedingt darauf drängte, seinem zukünftigen Mentor zu zeigen, was er vorhin alles bei der Betreuung von Marcs Filius gelernt hatte. Aber Dr. Meier dachte nicht im Traum dran, dem selbsternannten Schlaumeier vom Dienst nun auch noch seine Tochter zu überlassen. Sein Credo lautete, selbst war der Chirurg und dementsprechend agierte er auch.

Marc (schiebt Jochen selbstbewusst zur Seite): Ich kann das selber.
Jochen (beobachtet Marc mit Argusaugen, wie dieser seine kleine Tochter badet u. kann sich mit Hilfestellungen nicht zurückhalten): Du musst das Köpfchen so halten, damit nicht...
Marc (ignoriert ihn genervt u. konzentriert sich ganz auf sein wunderhübsches Mädchen, das nicht einmal weint, als es mit dem warmen Wasser in Berührung kommt): Jahaaa, du musst mir wirklich nicht beweisen, dass du deine Medizinfibel auswendig gelernt hast, Jo. Ich weiß, was ich hier tue.
Jochen (kann sich einen vergnügten Zwischenkommentar nicht verkneifen, den er in Richtung der gespannt beobachtenden Kollegen richtet): Sicher?
Marc (blendet Jochen u. seine leise schmunzelnden Kollegen im Hintergrund jetzt komplett aus u. legt die süße Maus vorsichtig auf das flauschige Handtuch, mit dem er sie jetzt sanft abtupft): Ziemlich aufdringlich dein oller Onkel, was? Leider nicht austauschbar, weil er der Einzige ist. Pech gehabt. Wobei...
Jochen (verschränkt beleidigt seine Arme): Ey!
Marc (wirkt mit einem Mal etwas unruhig): Könnt ihr die Temperatur nicht noch was hochdrehen? Das ist scheißkalt hier in dem Kabuff.
Jochen: Die Temperatur ist genau richtig.
Marc (reagiert gewohnt schnippisch auf Jochens Einwurf): Bist du jetzt neuerdings auch noch der Experte für die Heizungsanlagen? Naja, jedem sein Talent, was.

...meckerte der Oberarzt in einer Tour seinen Schwager voll, der es jedoch lässig über sich ergehen ließ, da er Marcs Reaktion als letzte Auswirkungen der Anspannung im Kreißsaal deutete, die sich nun langsam abbaute und irgendwohin musste. Das kannte man ja auch nicht anders von Dr. Meier, der in emotionalen Stresssituationen immer gerne austeilte, auch wenn er heute auffälligerweise nicht ganz so bissig agierte wie sonst immer. Es war eher ein sanfter Flüsterton, der die Ohren sämtlicher Anwesender umschmeichelte, die der stolze Papa jedoch alle ausgeblendet hatte, denn er hatte nur noch Augen für seinen Sonnenschein, der es seinem Bruder jetzt nachmachte und entspannt wegdöste, während Marc ihn behutsam säuberte, dann auf die Waage legte, ihn schließlich vermaß und eigenmächtig die Werte auch noch in das entsprechende Dokument eintrug, welches eine freundliche Krankenschwester ihm kommentarlos hingehalten hatte. Jochen beobachtete Gretchens Freund ganz genau bei seinem Tun und war ehrlich erstaunt, wie geschickt dieser sich doch anstellte. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, legte Marc dem Mädchen mühelos eine Windel an und zog ihr anschließend das Äquivalent des weißen, bestickten Stramplers an, den bereits ihr Zwillingsbruder anhatte. Inklusive eines niedlichen, kleinen Mützchens mit demselben Aufdruck. Schließlich begutachtete der stolze Papa zufrieden sein Werk und murmelte kaum hörbar etwas vor sich hin, als er die Kleine schließlich fertig angezogen an sich drückte und kurz mit ihr schmuste...

Marc: Süß!
Jochen: Da muss ich dir ausnahmsweise mal recht geben. Sabine hat die Anziehsachen besorgt, wenn nicht sogar selber gestrickt. Keine Ahnung. Echt witzig, wie proper eure Kleine darin aussieht, dabei kam ihr Bruder doch zuerst auf die Welt. Denkt man gar nicht, dass sie Zwillinge sind. Er ist ja ein halbes Hemd dagegen.
Marc (löst sich aus seiner entspannten Haltung u. funkelt Jochen finster an): Vorsicht, Jochen, das sind dein Neffe und deine Nichte. Wenn du also deinen Job als Lieblingsonkel nicht riskieren möchtest, dann halt gefälligst die Klappe. Sie sind perfekt.
Jochen (schiebt lächelnd etwas in Marcs Richtung): Und sie wären noch perfekter, wenn du mir verrätst, was wir auf die Namensarmbänder schreiben sollen. Erst mal nur eure Initialen, wie sie auf den Stramplern eingestickt sind? M&M, hat was. Könntet ihr euch als Marke patentieren lassen, wenn es das nicht schon längst geben würde.
Marc (legt das schlafende Mädchen zu ihrem Bruder in das Wärmebettchen u. beobachtet fasziniert, wie sie sich im Schlaf direkt einander zuwenden u. gegenseitig nach ihren Händchen haschen): In der Tat.
Jochen (guckt ihn mit großen Augen an u. schweift immer weiter davon): Hätte auch was von inkognito. Findest du nicht? Obwohl, mittlerweile hat es sich, glaube ich, schon auf jeder Station rumgesprochen, dass ihr hier seid. Nur Papa kann ich nicht erreichen. Funkloch auf der Waldbühne, keine Ahnung. Irgendwo im Netz stand auch was von Stromausfall. Jedenfalls, irgendwas muss da vorgefallen sein. Die Aufführung scheint aber stattzufinden. Von Zuhause hätten sie sich ja sicherlich schon gemeldet. Ich habe ihnen auf den AB gequatscht. Mama und Papa werden sich schon melden, wenn sie wieder in der Zivilisation sind. Marc? Hörst du mir überhaupt zu?
Marc (schaut gedankenverloren auf seine Zwillinge u. hat plötzlich einen Geistesblitz): Doch, doch! Gib mal die kleinen Plastikdinger her!
Jochen: Okay? Was hast du vor?

Leicht verunsichert beobachtete nicht nur Jochen Marcs plötzlichen Enthusiasmus. Während sich die Hebamme und der Kinderarzt mittels Kopfnicken von den beiden Kollegen verabschiedeten und das Zimmer über eine andere Tür verließen, nicht ohne vorher Pfleger Haase noch eindringlich auf etwas zu verweisen, kritzelte Marc jeweils etwas auf die beiden schmalen Papierstreifen. Natürlich hielt er dabei Jochen den Rücken zugewandt und hielt ihn damit vom Spicken ab. Als er mit seiner Geheimniskrämerei fertig geworden war, ging er mit breitem Grinsen an seinem verdutzten Schwager vorbei, scheuchte dabei noch mit einem unmissverständlichen Blick die beiden Kinderkrankenschwestern aus dem Zimmer und legte dann, von Jochen skeptisch beäugt, den Kindern das entsprechende Armband ans Handgelenk und streichelte anschließend noch einmal zärtlich über die zartrosa geröteten Wangen der beiden Schlafenden. Sichtlich zufrieden und gelöst blieb er dann vor dem Zwillingsbettchen stehen und schaute auf die beiden herab. Natürlich hatte Jochen schon längst sein neugieriges Näschen über die beiden Babys gebeugt und guckte nun mit großen Augen wieder zu seinem Schwager in spe hoch, dessen dunkelgrüne Augen verdächtig schimmerten.

Jochen: Bist du sicher? Ist das überhaupt mit meiner Schwester abgesprochen? Das mit dem Nachnamen geht bestimmt in Ordnung, ja, davon träumt Gretchen schon, seitdem sie eine schüchterne bebrillte Gymnasiastin gewesen ist und ihre Tagebücher seitenweise mit den verschiedensten Variationen vollgekritzelt hat, aber das...
Marc (löst seinen verliebten Blick von seinen beiden Goldschätzen u. guckt Jochen nun ziemlich entschlossen an): Es ist abgesprochen. Es ist sogar schriftlich festgehalten worden, wenn du es genau wissen willst.
Jochen (ist noch leicht überfordert): Echt?
Marc (grinst plötzlich wieder meierlike u. denkt an die Nacht im Strandkorb an der Ostsee zurück, die noch gar nicht so lange her ist): Wenn du Beweise suchst, dann musst du schon Gretchens Geschenkbox durchstöbern und die ist in ihrer Tasche. Darin sind die beiden Zettel, auf denen wir unsere gemeinsamen Namensvorschläge notiert haben. Jeweils vier Stück, je zwei eigene Favoriten und die Favoriten aus der ellenlangen Liste des bzw. der Anderen. Eigentlich sind wir ja davon ausgegangen, dass es zwei Jungs werden. Oder zwei Mädchen, wenn es nach Haasenzahn gegangen wäre.
Jochen (kann sein amüsiertes Schmunzeln nun auch nicht mehr länger verbergen): Du weißt schon, dass sämtliche Statistiken besagen, dass zwei Geschlechter bei Zwillingen die Regel sind.
Marc (verdreht leicht die Augen): Und wieder hat er ein neues Kapitel seiner Medizinfibel auswendig gelernt. Mhm, vielleicht wird das ja doch noch was mit deinem Studium.
Jochen: Haha! Und was ist jetzt mit den Namen?
Marc: Hundert Prozent Übereinstimmung. Die beiden haben es uns leichtgemacht.

Mehdi: Vor einer Viertelstunde hättest du noch das Gegenteil behauptet, mein Freund.

Marc und Jochen hatten gar nicht gemerkt, wie hinter ihnen die Schleuse geöffnet worden war, und waren demnach ziemlich überrascht, als der großgewachsene Gynäkologe plötzlich neben ihnen stand und selber neugierig die Namensbänder der schlafenden Kinder studierte. Anerkennend nickte er mit dem Kopf und schenkte seinem besten Freund ein zufriedenes Lächeln, das schnell von einem lauten Gähnen abgelöst wurde. Es lag wirklich ein langer Tag hinter dem schwer beschäftigten Berliner Oberarzt, der immer noch seinen dunkelgrünen OP-Kasack anhatte und sich zumindest erst einmal der gleichfarbigen Haube entledigte, die nun seine nass geschwitzten Haare preisgab, die strähnig wild um seinen Kopf herum klebten.

Mehdi: Entschuldigung! Das galt jetzt nicht euch.
Marc (zwinkert ihm wissend zu): Na hoffentlich. Was ist mit Gretchen?
Mehdi (lächelt ihm zuversichtlich zu u. wendet sich im Anschluss an Jochen): Ihr geht es soweit den Umständen entsprechend gut. Es ist alles in bester Ordnung. Ich hab ihr ein paar Elektrolyte gegeben, damit sie wieder etwas zu Kräften kommt. Jochen, bringst du die beiden dann bitte hoch in die Pädiatrie! Dr. Wischnewski hat mich schon angepiept, wo ihr denn bleibt.
Jochen (grinst verlegen u. guckt demonstrativ in Marcs Gesicht): Sorry, wir waren hier noch äh... beschäftigt. Er wollte einfach nicht ‚Jochen‘ auf den Zettel schreiben.
Mehdi (stimmt in Jochens ansteckendes Grinsen mit ein): Verständlicherweise.
Marc (funkelt die beiden unmissverständlich an): Ey, ihr Witzbolde, damit das von Anfang an klar ist, die beiden werden niemals Inhalt von irgendwelchen eurer misslungenen Scherze werden. Ist das klar?
Mehdi (hebt seine Hände in Unschuldspose): Ich würde es niemals wagen. Ich will schließlich nicht meine Bewebung gefährden.
Marc (hebt anerkennend seine Augenbrauen): Du sammelst Pluspunkte.
Jochen (kann seine vorlaute Klappe einfach nicht halten): Und ich?
Mehdi (bevor Marc etwas Freches darauf erwidern kann, fährt er diesem in die Parade): Das wird sich dann zeigen, wenn ihr oben bei den Erstuntersuchungen wart. Die warten auf euch.
Marc (greift instinktiv nach dem fahrbaren Wärmebettchen u. will voranschreiten, während Jochen ihm die Tür aufhält): Dann mal los! Und Gretchen? Wo ist sie?
Mehdi (stellt sich den beiden Herren im Flur in den Weg): Sabine bringt sie gerade auf ihr Zimmer. Sie schläft jetzt. Das war eine ganz schön anstrengende Geschichte.
Marc (will sich an ihm vorbeischlängeln, wird aber nicht gelassen, was ihn stark verwundert): Das kannst du laut sagen, Mann. Was ist? Wieso lässt du uns nicht vorbei? Ich dachte, die warten auf uns?
Mehdi (weiß nicht so recht, wie er anfangen soll u. sagt es geradeheraus): Auf sie schon. Väter sind da oben jedoch nicht gerne gesehen.
Marc (schaut ihn mit großen Augen an): Bitte? Das soll der Arsch von Wischnewski mir schon selber sagen.
Mehdi: So war das nicht gemeint, Marc. Die verfolgen auch nur ihre Routinen. Und ich kenn dich, du würdest nicht ruhig danebenstehen und die Ärzte machen lassen. Du würdest das Ruder selbst übernehmen.
Jochen (stimmt ihm bei): Würde er. Hat er ja gerade auch getan.
Marc (verschränkt sauer seiner Arme vor der Brust): Ey, verschwört ihr euch gerade gegen mich? Ich will nur das Beste für die beiden.
Mehdi (versucht es jetzt auf die sanftmütigere Tour): Das bekommen sie doch auch. Und Jochen wird bestimmt nicht von ihrer Seite weichen.
Jochen (leckt sich die Finger u. hält sie hoch): Indianerehrenwort.
Marc (rollt mit den Augen): Das ist definitiv nicht das Argument, das mich überzeugen würde.
Mehdi (sein Ton wird schärfer): Okay, dann anders. Dienstliche Anweisung von ganz oben.
Marc (lacht ihn aus): Ach, ist Franz doch hier? Ich dachte, die haben Strom- und Telefonausfall.
Mehdi (atmet langsam aus): Du weißt ganz genau, wie es gemeint ist, Marc. Es geht mir doch auch um dich.
Marc (guckt ziemlich verständnislos): Um mich?
Mehdi (Trick 17 scheint tatsächlich zu funktionieren): Du hast doch auch einen ziemlichen Ritt hinter dir. Ruh dich einen Moment aus! Lass es erst einmal ankommen, was gerade passiert ist! Das da oben wird nicht lange dauern.
Marc (zögert, schaut auf seine zuckersüß vor sich hindösenden Kinder u. gibt schließlich schweren Herzens nach): Okay, vielleicht hast du recht. Ich sollte vielleicht auch mal durchschnaufen, mich umziehen und...
Jochen (ergänzt kleinlaut): ...duschen?
Marc (schaut den dreisten Kerl scharf von der Seite an): Was soll das denn bitteschön heißen?
Jochen: Och nix, wir... sind dann erst mal... weg.

Mit einem verschwörerischen Lächeln entfernte sich der pappfreche Pfleger klammheimlich, schnappte sich in einem unbeobachteten Moment das Bettchen und schob es triumphierend an den beiden Ärzten vorbei, die den Dreien noch so lange hinterherschauten, bis sie im Fahrstuhl verschwunden waren. Als die Kinder weg waren, setzte auch bei Marc plötzlich die Schwerkraft aus. Er musste sich auf einen der Wartestühle im Gang setzen. Die Anspannung der letzten Stunden löste sich endgültig und er registrierte erst jetzt, dass er sein Partyoutfit vom Nachmittag komplett durchgeschwitzt hatte. Aber ihm war egal, ob andere ihn so sehen konnten. Denn erst jetzt kam es so wirklich bei ihm an, was gerade passiert war. Sie waren tatsächlich da! Die Bilder der Zwillinge hatten sich tief bei ihm eingebrannt und er konnte gar nicht anders, als verklärt und stolz vor sich hin zu grinsen. Obwohl ihm vor Erschöpfung fast die Augen zufielen. Mehdi, der ganz genau spürte, wie es seinem Kumpel gerade erging, blieb derweil stumm neben ihm sitzen. Auch er rekapitulierte das eben Geschehene und bekam vor lauter Grinsen gar nicht mit, wie das Handy in seiner Kitteltasche wiederholt zu klingeln begann. Die beiden Freunde waren ganz mit sich beschäftigt, bis Mehdi sich schließlich doch aufraffte. Ansonsten wäre er vermutlich gleich hier auf dem Gang auf dem Stuhl zur Seite gekippt und eingeschlafen. Mit einem verwegenen, vielsagenden Lächeln auf den Lippen stupste Mehdi Marc mit der Schulter an und stand anschließend von seinem Platz auf.

Mehdi: Ja, genauso fühlt es sich an.
Marc (steht für den Hauch einer Sekunde auf dem Schlauch): Was? Oh!
Mehdi: Gut, oder?
Marc: Mega!

Es bedurfte nicht vieler Worte zwischen den beiden, um zu beschreiben, wie die beiden besten Freunde sich gerade fühlten. Ein Blick in die leuchtend zugewandten Augen des anderen genügte dafür. Mehdi zwinkerte Marc auffordernd zu, half dem erschöpften Chirurgen schließlich auf und die beiden marschierten im Gleichschritt nebeneinander her zum Aufzug.

Marc (kann sich einen letzten spöttischen Kommentar nicht verkneifen): Du müffelst übrigens auch wie ein verendeter Elch.
Mehdi (ignoriert den Hinweis mit einem wissenden Grinsen): Ich hoffe, du hast noch ein paar Wechselsachen in deinem Spind.
Marc: Da ich gestern noch nicht gewusst habe, dass ich ab morgen in Elternzeit sein würde, hab ich ihn noch nicht leer geräumt.
Mehdi (klopft ihm anerkennend auf die Schulter): Man(n) denkt mit, das ist gut. Apropos, mitdenken, Gretchen vermisst ihre Sachen. Auch die für die Kleinen. Kann sein, dass die bei eurer Einlieferung im Stationszimmer gelandet sind. Aber da kommen wir ja eh gleich vorbei.
Marc (bleibt abrupt vor dem Aufzug stehen u. schlägt sich die Hand vor den Kopf, wodurch er endgültig wieder hellwach ist): Scheiße, ey, nee, Gretchens Krankenhaustasche liegt noch in unserem Auto und das steht bei dem Arschloch vor der Haustür. Fuck!
Mehdi (überrascht): Oh, da steht es gut.
Marc (zischt ihn sauer von der Seite an): Ja, du mich auch! Was mach ich denn jetzt? Ich kann hier doch jetzt nicht weg.
Mehdi (versucht ihn zu beruhigen): Also, eure Zwerge werden jetzt erst einmal gründlich durchgecheckt. Das dauert seine Zeit. Sie sind versorgt. Und Gretchen schläft jetzt sowieso erst einmal.
Marc (zögert noch): Trotzdem...
Mehdi (mitfühlend): Soll ich dich schnell zu den Hassmanns rüberfahren?
Marc (der Fahrstuhl öffnet sich, aber er bleibt wie angewurzelt davor stehen): Nee, warte mal! Einer sollte auf jeden Fall hier bleiben. Und ich glaube, ein bisschen kalte Nachtluft könnte mir gut tun.

Er braucht eine Zigarette. Verständlich. Er hat schließlich tapfer durchgehalten. Ich bin stolz auf dich, Mann!

Mehdi (nickt wissend): Wie du meinst.
Marc (sieht ihm etwas unschlüssig in die Augen): Bleibst du noch solange hier?
Mehdi (lächelt zustimmend): Eigentlich hätte ich schon vor drei Stunden Schluss gehabt, aber du weißt doch, dass ich alles für euch tun würde. Natürlich bleib ich noch so lange auf Station, bis du wieder da bist. Ich muss eh noch euren Bericht schreiben und die Unterlagen für die Kinder fertig stellen.
Marc (steht mit einem Bein schon im Aufzug): Danke, Mann!
Mehdi (zwinkert ihm wissend zu): Das ist doch Ehrensache, mein Freund!
Marc (auf der Schwelle zum Fahrstuhl dreht er sich noch einmal zu Mehdi um, denn er will unbedingt noch etwas loswerden): Ich sage das vielleicht nicht oft genug, weil ich denke, dass es eh offensichtlich ist, aber... ich bin echt froh, dass du mein Freund bist. Ohne dich hätte ich das alles heute nicht...
Mehdi (seine Gefühle gehen mit ihm durch): Ach, komm mal her! Ich hab dir noch gar nicht richtig gratuliert. Mann, du bist Vater! Willkommen im Club, Marc! Das müssen wir auf jeden Fall noch mit einer Pullerparty begießen.

Marc wusste gar nicht, wie ihm geschah, aber plötzlich wurde er von Mehdi in den Fahrstuhl gedrängt und fand sich alsbald in einer überschwänglichen Männerumarmung wieder, die er anfangs erst etwas steif erwiderte, aber auch der stolze Neupapa wirkte schnell wieder gelöst und drückte ordentlich zu, während er mit seiner freien Hand Mehdi immer wieder freundschaftlich auf den Rücken klopfte.

Marc: Ja, ich bin Vater. Wahnsinn, was!

Und mit diesem ihn überflügelnden Wahnsinnsgedanken im Kopf bekam der stolze Daddy gar nicht mit, wie sich hinter ihm und Mehdi, dessen aufrichtige Freude er tief im Herzen spürte und erwiderte, die schweren Fahrstuhltüren schlossen. Ein langer Abend neigte sich dem Ende zu und noch ahnte niemand, welche weitere Überraschung dieser für alle Beteiligten noch bereithalten würde.


https://www.youtube.com/watch?v=bgiQD56eWDk

Lorelei Offline

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29.11.2017 16:13
#1611 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, da schlenderte der extrem gutgelaunte Oberarzt und einmal komplett von oben bis unten neu eingekleidete, frisch gebackene Familienvater auch schon wieder mit einer nicht gerade leichten Reisetasche bewaffnet mit großen schwungvollen Schritten durch die gläserne Eingangstür zurück ins Foyer seiner Arbeitsstätte, dem Berliner Elisabethkrankenhaus. Ungewohnt für alle, die ihrem sonst eher für seine grummelige Unfreundlichkeit und sein zwischenmenschliches Desinteresse bekannten Kollegen begegneten, grüßte er sonderbar beschwingt alles und jeden, der zu dieser späten Stunde kurz vor Mitternacht seinen Weg kreuzte und schenkte ihnen sein schönstes Grübchenlächeln, gegen das kaum ein Mitglied der weiblichen Belegschaft hier in diesem altehrwürdigen Klinikgebäude immun war und das sich so sehr in sein jugendliches Gesicht eingebrannt hatte, dass es vermutlich im besten Fall für immer dort stehen bleiben würde und auch weitere Generationen von Lernschwestern und Assistenzärztinnen auf einprägsame Weise in ihren Bann ziehen würde.

Er hatte gerade die Glückwünsche des Nachtportiers entgegengenommen, der wie immer über alles, was in seinem Haus passierte, bestens Bescheid wusste, da vernahm er das vertraute „Pling“ eines der Aufzüge im hinteren Bereich der Eingangshalle, welche er sich nun bemühte, auf schnellstem Wege zu durchqueren. Denn er wollte so schnell wie nur möglich zurück zu seinen Lieben. Athletisch wie eine Gazelle sprintete er also auf die sich schließenden Stahltüren zu, streckte seine schmale Chirurgenhand aus und schaffte es gerade noch so, damit die Lichtschranke zu erwischen, welche den Schließmechanismus des Fahrstuhls prompt stoppte. Die halbgeschlossenen Türen sprangen wieder auf und Dr. Marc Olivier Meier konnte noch rechtzeitig in das abfahrbereite stählerne Gefährt hineinspringen, das ihn hoch in die gynäkologische Abteilung im dritten Stock bringen sollte, wo die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben sicherlich schon sehnsüchtig auf ihn warteten. Und natürlich auch sein bester Freund Mehdi, der sich mit seinem beherzten Einsatz heute Abend seine Ablöse mehr als verdient hatte.

Marc: Moment! Ich will noch mit. Ich hab’s nämlich eilig. ... Danke.

...stieß Marc atemlos aus, als er mit einer schwungvollen Drehung den kleinen rechteckigen Raum enterte, und ließ die schwere Krankenhaustasche seiner Freundin, die er lässig über der Schulter getragen hatte, prompt unterhalb der Liftanzeige fallen, wo er hastig die Taste für den dritten Stock suchte und auch direkt drückte, obwohl diese bereits deutlich aufleuchtete, weil sie schon gedrückt worden war. Erst jetzt bemerkte der verspätete Fahrgast im Augenwinkel, dass der Fahrstuhl schon von einer Person belegt war. Marc blickte verwundert auf, denn zu dieser Stunde begegnete man eigentlich nur sehr selten noch jemanden, der zwischen den Etagen des weitläufigen Krankenhausgebäudes unterwegs war, mal abgesehen von den emsigen Nachtschwestern und der zickigen Oberschwester, die gegen Mitternacht immer zur Bestform auflief. Und er musste tatsächlich zweimal hinschauen, bis seine strapazierfähigen Synapsen erfasst hatten, wer da in die hinterste Ecke des Aufzugs gezwängt stand, sich krampfhaft mit beiden Händen an das stählerne Geländer klammerte und bei seinem Anblick unweigerlich gewohnt genervt aufstöhnte. Er müsste lügen, wenn er jetzt behaupten würde, er würde nicht genau das Gleiche denken. Nicht nur er durchlebte gerade ein Déjà-Vu der nicht gerade schönsten Art, das sich vor ungefähr einem halben Jahr schon einmal so oder so ähnlich zugetragen hatte.

Gabi: Och nee! Du hast mir gerade noch gefehlt. Hättest du nicht den nächsten nehmen können?
Marc: Die schon wieder! Dieses Krankenhaus ist wie eine Geisterbahn. Hinter jeder Tür versteckt sich eins dieser Biester. Nur hätte ich dich hier drin nicht unbedingt vermutet. Wolltest du die Dinger nicht meiden, seitdem wir das letzte Mal mit einem nicht unterwegs waren, hm?

...konnte sich der verschmitzt grinsende Chirurg eine kleine Anspielung in Richtung der genervt dreinblickenden Brünetten nicht verkneifen, deren lange Haare zu einem dicken, unförmigen Knoten hochgebunden waren, während er genüsslich seine amüsierten Blicke über ihren hochschwangeren Körper gleiten ließ, der durchaus vermuten ließ, dass Gabis Eingangsfrage berechtigt sein könnte, denn dieser rundum abgeschlossene Raumquader, den sie gezwungenermaßen miteinander teilten, könnte unter Umständen zu klein für die beiden werden. Und diese weitere Provokation seinerseits hätte es wahrlich nicht gebraucht, um Gabi Kragenow noch zusätzlich zu reizen. Ihr Nervenkostüm war nämlich schon gespannt genug und das verhehlte sie auch nicht. Denn auf eine weitere unnötige Begegnung mit diesem Knallkopf hätte die Krankenschwester im Mutterschutz bis auf weiteres gerne verzichtet.

Gabi: Glaub mir, ich könnte mir echt etwas Besseres vorstellen, als ausgerechnet mit dir Idioten wieder diesen schrecklichen Fahrstuhl zu teilen. Aber ich bin nun mal, wie du siehst, im achten Monat schwanger. Ich bin fett. Ich kann meine Füße nicht mehr sehen. Mir tut jeder Schritt weh, schon bevor ich ihn überhaupt mache. An Treppensteigen ist nicht zu denken. Also bleibt mir keine andere Wahl. Und jetzt hör auf, mich so anzustarren, als hätte ich einen gigantischen Luftballon verschluckt, und geh aus der Lichtschranke, sonst fährt das Ding nämlich nie los. Ich will wirklich nicht unnötig länger hier drin verbringen müssen.
Marc (bemerkt erst jetzt, dass er die Türen mit seinem Gepäck blockiert u. schiebt dieses ein Stückchen vor, damit sie sich endlich schließen können): Upps! Sorry, ich war nur etwas geblend... äh... irritiert. Du. Nachts. Ungeschminkt. Und ähm... Was... genau... ist... das? Ist das nicht...? Der lebt noch? Heilige Scheiße! Ich dachte, der hässliche Bärchenschlafanzug von Mehdi hätte unsere Studenten-WG damals nicht überlebt. Hatten wir den nicht in einer feierlichen Zeremonie mit all den anderen unförmigen Klamotten aus dem letzten Jahrtausend verbrannt, nachdem ich Dickie mit Müh und Not zu einem halbwegs ansehnlichen und vor allem formvollendeten Kerl gemacht habe, auf den ihr fliegen könnt, wenn ihr euch endlich mal entschieden habt? Beziehungsweise er sich.

...konnte sich Marc ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das riesige Bärengesicht, das sich formschön um Gabis eindrucksvolle Schwangerschaftsrundungen geschmiegt hatte, während die ertappte Schlafanzugträgerin am liebsten vor Scham im Boden dieses Aufzuges versunken wäre und sich in Lichtgeschwindigkeit die Stahlseile hinuntergehangelt hätte, um dem Meierschen Spott noch rechtzeitig zu entkommen. Sie könnte sich selber dafür ohrfeigen, wieso sie überhaupt völlig planlos und unüberlegt aus dem Haus gegangen war. Das war doch sonst nicht ihre Art. Sie ging sonst nie ungeschminkt und ungestylted vor die Tür, nicht einmal zum Briefkasten oder zum Bäcker um die Ecke, was vor allem Mehdi jedes Mal köstlich amüsierte, der stets charmant beteuerte, dass sie das alles gar nicht nötig hätte, weil sie von Natur aus schön war. Das war zwar wirklich süß von ihm gemeint und ging ihr runter wie Öl, aber Frau ging halt trotzdem immer Nummer sicher. Mal abgesehen von heute. Und gestern. Eigentlich die gesamten vergangenen Wochen, in welchen sie sich die meiste Zeit zuhause hatte gehen lassen.

Die fortschreitende Schwangerschaft hatte sie träge gemacht. Sie hatte mal wieder nicht nachgedacht, bevor sie handelte. Wie so oft in letzter Zeit, ärgerte sie sich am meisten über sich selbst und schloss im selben Moment die Augen in der stillen Hoffnung, sie würde dadurch unsichtbar werden. Ein Trugschluss. Sie musste Meier nicht mal ansehen, um zu erkennen, wie er gerade dreckig vor sich hin feixte. Am liebsten hätte sie sich jetzt weit, weit weg geträumt. In die Südsee. Oder die Toskana. Wenigstens auf die Pfaueninsel. Oder in die Cafeteria. Denn sie merkte, dass sie allein beim Gedanken daran auch schon wieder einen Mordshunger entwickelte. Ihre ständigen hormonellen Schwankungen brachten sie noch völlig aus dem Gleichgewicht. Aber vor diesem Vollidioten würde sie sich niemals die Blöße geben. Also, öffnete Gabi ihre Augen wieder, zupfte an dem dunkelbraunen, klobigen Schlafanzugoberteil herum, um einen unsichtbaren Fusel zu beseitigen und guckte dann mit über ihrem voluminösen Babybauch verschränkten Händen übertrieben selbstbewusst zu ihrem verhassten Ex-Verlobten rüber, der sich sein dreckiges Grinsen immer noch nicht von der Backe geputzt hatte. Dieser blöde Idiot. Da sah man es mal wieder. Sie war völlig unfähig geworden. Nicht einmal in Gedanken konnte sie noch über Marc Meier herziehen, obwohl er es allein schon durch seine bloße Anwesenheit mehr als verdient hätte. Stattdessen machte sie sich mit jedem weiteren Satz nur noch lächerlicher.

Gabi: Alles wird wieder modern. Das nennt sich Oversize.
Marc (kleinlaut): Der olle Sack bestimmt nicht. Aber man sagt ja auch, Kleider machen Leute, ne. Und ich muss zugeben, dir steht er ungemein.
Gabi (funkelt den Provokateur für den Spruch angesäuert an): Wenn das wieder eine versteckte Anspielung auf meinen Körperumfang sein soll, dann lass es einfach stecken. Das rührt mich nicht. Ich bin schwanger. Ich darf rumlaufen, wie ich will.
Marc: Gut!

Mit verstecken ist ja nicht mehr viel, ne. Hähä!

Marcs eine Augenbraue zuckte amüsiert auf und er hätte sich durchaus auch noch dazu hingerissen gefühlt, seiner „Lieblingsfreundin“ noch etwas mit auf den Weg zu geben, aber er hatte sich kurzfristig umentschieden. Seine gute Laune konnte heute kein weiterer Witz auf wessen Kosten auch immer übertreffen. Also konzentrierte er sich wieder auf das Wesentliche, nämlich die Liftanzeige, die mittlerweile den ersten Stock anzeigte, wo die Türen gerade mit einem lauten „Pling“ aufgesprungen waren, obwohl davor anscheinend niemand zu warten schien. Seltsam, dachte Marc nur, zuckte kurz unmerklich mit den Schultern und drückte dann schnell wieder auf die Schließtaste. Er konnte es schließlich kaum noch erwarten, endlich wieder bei seiner Familie zu sein. Und die zwei Minuten Restfahrzeit würde er auch noch Mehdis nervige Freundin aushalten können. Aber leider hatte er die Rechnung ohne Gabriella Kragenow gemacht, die gerade erst auf Betriebstemperatur gekommen war.

Gabi: Außerdem sind das die einzigen Anziehsachen, die noch einigermaßen bequem zu tragen sind.
Marc (schaut dann doch noch einmal genauer hin u. kann sich ein weiteres Schmunzeln nicht verdrücken, weil das Bärengesicht auf ihrem Pullover irgendwie gequält aussieht): Naja, Mehdi hatte damals ja auch ein sehr ausladendes Hinterteil.
Gabi (schickt ihm tödliche Blitze rüber): Ey!
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt): Spaß! Mann, jetzt mach dich doch mal locker, Gabi! Was biste denn so unentspannt? Du hättest vielleicht doch besser im Bett liegen bleiben sollen, wo du eigentlich um die Zeit hingehörst. Müsstest du dich nicht schonen?
Gabi (zickt ihn direkt an): Ich bin locker.
Marc (lacht): Sieht man. Ist direkt ansteckend. Was machst du überhaupt hier? Hast du mal auf die Uhr geschaut, wie spät es ist?
Gabi (dreht sich abweisend weg): Das geht dich gar nichts an.
Marc (verdreht genervt die Augen): Ich bin hier ja auch nicht derjenige, der grundlos Gift und Galle spuckt.
Gabi (wendet sich mit Schwung wieder ihrem gehässigen Gegenüber zu): Du kannst mich ja auch einfach mal in Ruhe lassen. Ich hab dich nicht um Smalltalk gebeten, Marc. Dich interessiert doch sonst auch nicht, was mit mir ist.
Marc (wirft den Spielball gekonnt zurück): Und ich hab dich nicht darum gebeten, mich immer gleich blöd von der Seite anzuzicken. Ich hab gar nichts getan, außer zu atmen. Ich wollte nur höflich sein.
Gabi (glaubt ihm kein Wort): Ja, klar, du und höflich. Diese Gleichung geht nicht auf.
Marc (amüsiert sich königlich über Gabis ungewöhnliche Schlagfertigkeit): Uuuhhh... Ich wusste gar nicht, dass in dir ein kleines Mathegenie schlummert. Ach, die Kaanschen Gene kommen durch. Glückwunsch! Den Vaterschaftstest kannste dir also sparen.
Gabi (kocht so langsam vor Wut): Arsch!
Marc (diese Steilvorlage kann er sich nicht entgehen lassen): Hoffen wir mal, dass der Teil seiner Gene nicht ganz so ausgeprägt erscheint. Aber bei Veranlagung kannste nichts machen. Soraya sagt ja auch immer, Mehdi sei ein ungewöhnlich dickes Kind gewesen. Diese Tendenz hat sich bis in seine verspätete Pubertät hingezogen und schimmert auch heute noch ab und an durch. Man weiß gar nicht so genau, wer von euch beiden gerade schwangerer ist. Du oder er?
Gabi (würde ihm am liebsten die Augen auskratzen, wenn sie sich dafür nicht extra anstrengen müsste): Marc, mir wird das jetzt echt zu blöd hier.

Dito! Ich frag mich echt, wie Mehdi das Tag für Tag aushält. Das muss echte Liebe sein.

Marc (hebt seine Hände in Unschuldspose): Du, ich bin auch nicht gerade sonderlich erpicht darauf, ausgerechnet mit dir auf engstem Raum zu verkehren. Aber hab ich eine Wahl? Nö, hab ich nicht. Und es darf ja wohl noch erlaubt sein, sich zu wundern. Oder findest du es nicht ungewöhnlich, wenn eine Hochschwangere in deinem Zustand mitten in der Nacht alleine im Schlafanzug durch halb Berlin marschiert? Das wirft schon Fragen auf. Gut, ich hab kapiert, mir steht nicht zu, das in irgendeiner Weise zu kommentieren, aber wenn ich dir einen kleinen Tipp geben kann, dann lass es bitte! Dein Geklammere in letzter Zeit nervt so langsam. Das ist eigentlich Mehdis Part und er stellt es meist subtiler an.
Gabi (will es eigentlich nicht, aber fühlt sich dann doch gezwungen, sich zu erklären): Ich klammere nicht. Entschuldige bitte, dass ich mir vielleicht Sorgen mache. Mehdi wollte schon vor Stunden zu Hause sein. Ich hab mehrfach versucht, ihn zu erreichen. Seit er mir Annas Video von deinem und Lillys Auftritt auf Sarahs Einschulung weitergeschickt hat, geht er nicht mehr an sein Telefon. Weder an sein privates, noch an das Diensthandy. Ich hab sein Interview in den Abendnachrichten gesehen und wollte ihm sagen, wie toll und souverän ich ihn fand, aber er geht einfach nicht ran. Irgendwas stimmt da nicht. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Lilly schläft heute bei ihrer Mutter und ich habe es einfach nicht mehr alleine zuhause ausgehalten.
Marc (ist merklich erstaunt, denn er spürt deutlich Gabis ehrliche Verunsicherung): Ach, und da denkst du dir einfach, marschiere ich einfach mal zu einem Kontrollbesuch hierher?
Gabi: Das ist kein Kontrollbesuch. Und ich bin nicht gelaufen. Ich hab mir ein Taxi genommen.
Marc (kann sich eine kleine Spitze nicht verkneifen): Uh! Wie vorbildlich. Das zahlt dir aber nicht die KV. Es sei denn, es ist ein Notfall. Und wenn ich mir dich so anschaue, dann...
Gabi (regt sich immer mehr auf u. kann ihre brodelnden Gefühle kaum noch zurückhalten): Haha! Es passiert gleich ein Notfall, wenn du weiter so mit mir sprichst. Aber das hätte ich mir auch denken können, dass dir das völlig am Arsch vorbeigeht, dass Mehdi etwas zustoßen könnte. Du findest es ja sogar noch ganz witzig, dass er jetzt auch so einen kleinen Cut an der Nase als Überbleibsel davongetragen hat. Aber das ist verdammt noch mal kein Spaß, Marc.
Marc (beobachtet irritiert, wie sie sich immer mehr in Rage redet u. dabei wieder u. wieder verstohlen über die Augen wischt, die verdächtig schimmern): Boah, du fängst jetzt aber nicht an...? Heulst du etwa? Gabi! Was ist eigentlich los mit dir? Dass du hier fast jeden Abend aufschlägst und einen auf Bodyguard machst, das ist doch nicht mehr normal. Unter staatlich verordneten Mutterschutz verstehe ich was Anderes.
Gabi (schnieft herzerweichend u. zuckt beim Gedanken an das, was passiert ist, immer wieder zusammen): Es ist noch keine Woche her, dass er überfallen worden ist, du Ignorant.
Marc (schließt für eine Sekunde seine Augen u. schiebt den Gedanken daran ganz schnell ganz weit weg): Denkst du wirklich, er ist so leichtsinnig, dass ihm das noch mal passieren könnte? Hey! Ganz Berlin kennt jetzt seine unrasierte Visage.
Gabi (kann sich kaum noch beruhigen u. fängt an zu zittern): Ja, eben! Und wenn sich jemand rächen möchte?
Marc (kann kaum glauben, was sie da alles von sich gibt, u. ist mit seiner Geduld fast am Ende): Also, in dem Spielfilm, der sich da gerade in deinem hübschen Köpfchen abspielt, möchte ich echt nicht mitspielen. Das ist doch vollkommener Kokolores. Wer soll sich denn bitteschön ausgerechnet hier an ihm rächen wollen, hm? Außer Väter, denen ein Kuckuckskind untergeschoben worden ist, aber dafür kann er doch nichts. Er guckt anderen Frauen nur unter den Rock. Mehr macht er doch gar nicht. Obwohl, für manch einen könnte dies durchaus ein Argument sein.
Gabi (verschränkt abwehrend die Arme u. schenkt dem Ignoranten ihre kalte Schulter): Ach, du kannst mich mal, Marc Meier!
Marc: Long time ago war das mal... egal!

…konterte Marc spöttisch auf Gabis albernen Ausbruch, den er in keinerlei Weise nachvollziehen konnte, und wandte sich wieder der Anzeige des Fahrstuhls zu, der mittlerweile im zweiten Stock Halt gemacht hatte. Aber da der Aufzug schon von den beiden belegt war und offenbar eine sehr seltsame Stimmung in der Luft lag, welche man sich besser nicht noch extra auflud, wenn man es nicht noch rechtzeitig vermeiden konnte, hatte die Nachtschwester spontan beschlossen, das Bett mit ihrem schlafenden Patienten, das sie schon halb hineingeschoben hatte, wieder hinauszuziehen und erst mit dem nächsten zu transportieren. Sie nickte Dr. Meier noch kurz zu. Dieser nickte unmerklich zurück, weil er genau richtig interpretiert hatte, was deren sonderbares Grinsen zu bedeuten hatte, mit dem die Krankenschwester ihn bedacht hatte, und das brachte auch den grummligen Oberarzt unweigerlich wieder zum Schmunzeln. Die Tratschbasen von der Säuglingsstation und der Gyn hatten anscheinend mal wieder beste Netzwerkarbeit betrieben. Er drückte auf den Knopf, welcher die Türen langsam wieder schließen ließ, und drehte sich erneut seiner nervigen Mitfahrerin zu, die nun wie ein Häuflein Elend an der hintersten Wand lehnte und mit ihren Gedanken vermutlich schon den nächsten Blockbuster drehte, der es nie ins Kino schaffen würde. Irgendetwas in ihm sagte ihm, er müsse dringend handeln und das tat er schließlich auch, obwohl er sich selbst nicht erklären konnte, wieso er das überhaupt machte. Marc steckte seine Hand in die rechte Tasche seines marineblauen Kurzmantels und holte sein Mobiltelefon hervor, das er nun der still vor sich hin wimmernden Freundin seines besten Freundes demonstrativ vor die Nase hielt, was sie anfangs jedoch noch stur ignorierte.

Marc: Boah, Gabi, echt ey, du nervst so was von, das grenzt schon an Unmenschlichkeit, aber irgendwas musst du an dir haben, dass Mehdi unerklärlicherweise nicht von dir lassen kann. Wenn du unbedingt wissen willst, was dein Herzblatt in der Zeit gemacht hat, nachdem er für sein soziales Engagement kurzzeitig ein bescheidenes Renommee in und um Berlin errungen hat, dann kann ich es dir gerne verraten. Du hättest ja auch gleich fragen können, anstatt so einen bescheuerten Aufstand zu machen.
Gabi (wendet ihm abweisend die kalte Schulter zu): Lass mich!
Marc (geht konsequent über ihre Widerstand hinweg u. genießt es richtig, sie auflaufen zu lassen): Tja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber... ja, ähm... es ist etwas passiert, das nicht nur ihn ziemlich überrumpelt hat. Aber wer rechnet denn auch schon damit? Und das auch noch ausgerechnet heute. Was ich damit sagen will, naja, er hat jemanden kennengelernt.
Gabi (schaut nun doch überfordert auf, kann aber durch den dichten Tränenschleier kaum etwas auf dem kleinen Bildschirm erkennen, den er ihr immer noch hinhält): Was?
Marc (beißt sich auf die Lippen, um sich nicht gleich zu verraten): Genauer gesagt zwei Jemande. Zwei unverwechselbare Persönlichkeiten mit sehr eindrucksvollen Stimmen und unheimlich niedlichem Äußeren, die... Hach... Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn. Ich kann es nicht anders beschreiben. Wir haben uns alle sofort auf der Stelle verknallt. Es ist eine Liebe fürs Leben. Definitiv!
Gabi (reagiert sichtlich gereizt, weil sie gar nichts versteht): Marc, verarsch mich nicht! Was willst du mir damit sagen? Was hat Mehdi...? Oh!

Gabis Tränen waren mittlerweile versiegt und einem eher genervten Gesichtsausdruck gewichen. Sie hatte genug von Marcs ständigen Scherzen auf ihre Kosten und funkelte den blöden Kerl dafür demonstrativ an, der sich sein freches Meier-Grinsen natürlich nicht verbieten ließ. Und es wurde sogar noch breiter, als er bemerkte, wie sich Gabis Gesichtszüge plötzlich in Sekundenschnelle veränderten. Denn sie hatte endlich richtig auf das Smartphone-Display geschaut, das er ihr immer noch wackelnd direkt vor die Nase hielt. Ihre dunklen Kulleraugen wurden immer größer und größer und die absolute Sprachlosigkeit stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sehr zum Vergnügen von Dr. Meier, der auch immer wieder verstohlen auf sein erstes Familienfoto blickte. Im Stillen dankte er sogar seiner nervigen Stationsschwester Sabine, die ausnahmsweise einmal mitgedacht und ihm dankenswerterweise die Schnappschüsse aus dem Kreißsaal direkt auf sein Smartphone weitergeleitet hatte.

Gabi: Aber... Aber... Das ist doch... Heißt das etwa... eure Zwillinge sind da? Die Zwillinge sind da!
Marc (grinst mit stolzgeschwellter Brust wie ein Honigkuchenpferd): Jep, darf ich vorstellen, vor dir steht jetzt ein richtiger Daddy.
Gabi: Marc, aber das ist doch... toll. Ich freu mich. Ehrlich. ... Oh! Entschuldigung! Ich war nur... Ich bin...

Gabi wusste überhaupt nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie war ehrlich baff. Und auch Marc wusste nicht, wie ihm geschah, denn Mehdis Freundin hatte ihre abwehrende Haltung mit einem Mal komplett abgelegt und war ihm plötzlich spontan um den Hals gefallen, um ihm zu gratulieren. Diese Geste kam direkt von Herzen. Das spürte auch Marc, der zum ersten Mal seit Monaten seiner einst verhassten Ex ein aufrichtiges, spottfreies Lächeln schenkte, nachdem sie sich keine Sekunde später sofort wieder von ihm zurückgezogen hatte, als sie selber gemerkt hatte, wozu sie sich gerade, einem spontanen Gefühlsimpuls folgend, hatte hinreißen lassen.

Marc: Kein Thema. Kann ja jedem mal passieren. Wieder beruhigt? Wenn du jemandem die Schuld geben willst, dass deine andere Betthälfte heute kalt geblieben ist, dann mir. Kaan ist nur meinetwegen länger geblieben, weil ich noch Gretchens Sachen holen musste. Das ging alles ziemlich schnell und für alle ziemlich überraschend.
Gabi (nickt verständnisvoll u. ist sogar ein bisschen gerührt von Marcs Anblick als frisch gebackenem u. stolzem Familienvater, was ihm etwas Sanftmütiges gibt, das ihn durchaus für sie sympathisch macht): Das kann ich mir vorstellen. Und, wie ist es? Wie fühlt es sich an? Was ist es überhaupt geworden und was macht...? Was war das?

Gabi schossen plötzlich so viele unterschiedliche Fragen durch den Kopf, die sie ehrlich interessierten, dass sie gar nicht mehr mitbekam, wo sie sich gerade befand. Aber das wurde ihr spätestens in dem Moment wieder bewusst, als es plötzlich einen kräftigen Ruck unter ihren Füßen gab, der sie fast aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Und dann tat sich gar nichts mehr. Der Aufzug bewegte sich nicht mehr. Das Licht an der Decke flackerte verdächtig und ging dann ebenso wie die Liftanzeige kurz aus, bevor eine Sekunde später die Notbeleuchtung automatisch einschaltete. Auch Marc reagierte darauf merklich irritiert...

Marc: Nee, oder? Das ist jetzt echt nicht wahr, oder? Ihr wollt mich doch verarschen?
Gabi (schaut ihm mit bangem Blick zu, wie er rastlos durch den winzigen Raum hastet, u. fasst sich immer wieder unwohl an den Hals): Marc! Was hat das zu bedeuten?
Marc (fällt resigniert in gewohnte Muster zurück u. pampt lautstark herum): Ja, was wohl? Dass die Idioten von der Technik richtige Dilettanten sind, diese Arschgeigen. Ey, die Teile sind erst vor ein paar Wochen komplett überholt worden. Und jetzt hängen wir schon wieder hier drin fest. Ausgerechnet heute. Das beschissendste Déjà-vu, das ich je erlebt habe.

...meckerte der Oberarzt in einer Tour, ohne dabei seine Mitpassagierin weiter zu beachten, und stieß einmal ordentlich mit dem Fuß vor lauter Wut und Resignation gegen die geschlossenen Stahltüren, bevor er sich schließlich der Liftanzeige zuwandte und mit Schmackes auf den roten Notrufknopf einhämmerte. Erst hörte er nichts, dann vernahm er ein lautes Knacksen am anderen Ende der Leitung, die nun gleich Bekanntschaft mit einem sehr ungehaltenen Dr. Meier machen würde. Und mit dem war nicht zu spaßen.

Marc: Hey! Ist da wer? Wir hängen hier fest, ihr Flitzpiepen. Der Scheißfahrstuhl hängt schon wieder zwischen der zweiten und dritten Etage. Hallo? Ihr Vollspackos! Hört auf, eure Eier zu schaukeln und schiebt eure fetten Ärsche hier hoch, aber in Lichtgeschwindigkeit! Ich hab nicht vor, die ganze Nacht hier drin verbringen zu müssen.

„Nur die Ruhe, Mister! Wer wirdn gleich ausfallend werden, hä? Is schon registriert. Wir kieken gerade“, versuchte jemand an der anderen Leitung den aufgebrachten Fahrstuhlgast zu beruhigen, aber Gabi und Marc waren alles andere als ruhig. Sie wollten raus. Sofort! Und zwar bevor sie beide dazu übergehen konnten, sich gegenseitig umzubringen.

Marc: Ja, Sie sind mir ja vielleicht ein Spaßvogel. Sie hängen ja auch nicht hier drin fest. Mit der da.
Gabi (hat sich vorsichtig am Geländer vorgetastet u. klammert sich nun ängstlich an ihren aufgebrachten Ex): Marc, mach was! Die sollen sich beeilen.
Marc (zuckt erschrocken zusammen, als er ihre Hände auf seinen Schultern spürt, u. schiebt sie überfordert von sich): Sehe ich etwa so aus, als könnte ich zaubern? Halt mal den Ball flach und deine Hände bei dir, Gabi, und wehe du machst hier wieder so einen Terror wie beim letzten Mal! Dann ist mir nämlich völlig egal, ob du schwanger bist oder nicht. Klar! ... Hey! Sie da? Das sind doch Sie, oder, Guido? Vom Empfang unten?
Guido: Korrekt, Doktor...?
Marc (grummelt): Meier.
Guido: Oh! Dr. Meier, Sie sind’s. Wir ham schon von Ihrem großen Tach jehört.
Marc: Schön! Schön! Dann können Sie ja wohl verstehen, dass ich hier schleunigst raus muss. Ich bin noch verabredet.

...verdrehte Marc genervt die Augen und konnte immer noch nicht fassen, dass ausgerechnet ihm so eine riesige Scheiße passieren musste. Er wollte zu Gretchen, sich an sie schmiegen und gemeinsam die ganze Nacht die Wundersterne betrachteten. Allein der Gedanke daran ließ ihn nicht völlig durchdrehen und alles kurz und klein hauen. Obwohl, diese Tendenz schien wohl gerade Gabi neben ihm übernehmen zu wollen...

Gabi: Maaarc!
Marc (reagiert gereizt u. hält sein Ohr an die Durchsprechanlage): Ssshhh...! Halt die Klappe! Ich versteh sonst nichts.
Guido: Sindse nich alleene, Dr. Meier?
Marc: Positiv! Jemand da oben ist offenbar ein richtiger Scherzkeks, hier immer dieselben Zutaten reinzuwerfen, wenn die Technik versagt oder die hinterletzte Baufirma mal eben mir nichts dir nichts diverse Stromkabel zu Kabelsalat zerlegt. Also, seht zu, dass ihr das schnell hinbekommt. Sonst kann ich nicht garantieren, dass wir hier nicht doch noch zu körperlicher Gewalt übergehen werden.
Guido: Die Technik is bereits unterwegs. Diesmal liegts nich an der Elektrik. Scheint ein Problem mit der Hydraulik zu sein.
Gabi (guckt Marc mit großen Augen verunsichert an): Und was heißt das?
Marc (versucht sie erfolglos zu ignorieren): Das verstehst du doch eh nicht.
Gabi (ist mal wieder den Tränen nahe): Marc, ich finde das echt nicht witzig.
Marc: Denkst du ich? Und jetzt hör auf, hier ständig nervig herumzukeifen! Damit bringst du uns auch nicht schneller hier heraus.

...fuhr Marc seine hysterische Kollegin und ehemalige Zwangsverlobte genervt an, die sich daraufhin entmutigt zurück in ihre Ecke verzog, um zu schmollen. Hätte er unter dem schwachen Schein der Notbeleuchtung genauer hingeschaut, dann hätte er sicherlich bemerkt, wie die Neunundzwanzigjährige mit einem Mal immer blasser wurde und sich plötzlich verkrampfte. Aber so viel Feingefühl besaß der Herr Starchirurg leider nicht.

Gabi: Marc, irgendwas stimmt nicht.
Marc (zynisch): Wow! Die Kandidatin erreicht hundert Punkte. Ja, und weißt du auch, warum? Weil das Scheißteil verdammt noch mal feststeckt, wie du sicherlich schon bemerkt hast, Blitzmerkerin. Und bevor du wieder damit anfängst, durchzudrehen wie beim letzten Mal, die Fahrkabine ist mit Stahl ummantelt. Das heißt, die Wände können sich nicht aufeinander zu bewegen. Das ist physikalisch nicht möglich. Das ist eine Erfindung von Hollywood. Du bildest dir das ein. Wenn überhaupt, dann geht’s abwärts. Das wirst du dann aber sicherlich merken. Dann stürzen wir nämlich ab.
Gabi (wird immer panischer): Waaaas?
Marc (dreht sich dann doch zu der Nervensäge um u. stöhnt bei ihrem hysterischen Anblick entnervt auf): Das war ein Scherz, Gabi. Mann, reiß dich mal zusammen! Mach autogenes Training oder was weiß ich, tätschele deinen Bauch, rede mit dem Luftballon! Ich dachte, du hättest deine Klaustrophobie längst überwunden?
Gabi (klammert sich ängstlich ans Geländer): Marc, ich glaube, das ist mein geringstes Problem.
Marc (runzelt verwundert die Stirn u. versucht, die Ruhe zu bewahren): Wie meinste denn das wieder?
Gabi (schaut ihm mit angsterfüllter Miene direkt in die Augen u. hält sich den Bauch): Ich glaube, der Luftballon ist geplatzt.
Marc (steht erst einmal auf dem Schlauch): Was?
Gabi: Marc, das Baby kommt.

...

Lorelei Offline

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09.12.2017 13:43
#1612 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es dauerte einen langen, sehr, sehr langen Moment, bis ihre Worte auch tatsächlich so bei Marc angekommen waren, wie sie gemeint waren. Gabi klammerte sich mit letzter Kraft an den Haltegriffen des Aufzugs fest und versuchte, sich mühsam wieder hoch zu hangeln. Aber mittlerweile hing sie wie ein Boxer in den sprichwörtlichen Seilen. Mehdis Lebensgefährtin konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Es zog sie unweigerlich nach unten. Erst als sie immer weiter zu Boden sank, wachte auch der irritierte Oberarzt wieder aus seiner kurzzeitig eingetretenen Schockstarre auf und die ersten Notlampen in seinem Kopf leuchteten verdächtig auf. Der Ernst der Lage war dem versierten Chirurgen dabei aber immer noch nicht bewusst, denn was nicht sein konnte, war auch nicht real. Zumindest vorerst nicht. Wie bestellt und nicht abgeholt stand er noch immer regungslos vor der Durchsprechanlage des Fahrstuhls, welche ab und an ein undefinierbares Knacksen von sich gab und damit die unheimliche Stille durchbrach, die nach Gabis Selbstdiagnose eingetreten war, und guckte mit großen Augen auf die in die Knie gesunkene Schwangere, bis er endlich doch noch reagierte und unbeholfen etwas stammelte, das Gabis mangelndem Kräftehaushalt direkt einen erneuten Auftrieb gab, welcher jedoch nur kurz anhalten sollte.

Marc: Jetzt werd nicht hysterisch, Gabi! Das... Das kann gar nicht sein. Ihr seid doch noch gar nicht dran.
Gabi: Du meinst, so wie ihr heute noch nicht dran gewesen seid? Selbst dir müsste doch wohl langsam klar geworden sein, dass das nicht unsere Entscheidung ist. Sie oder er hier drin in meinem Bauch entscheidet. Und ich glaube, er oder sie hat sich bereits entschieden.

...konterte Gabi ungewohnt zynisch auf Marcs plumpe Beschwichtigungsversuche, während sie bedächtig über ihre Schwangerschaftsrundungen streichelte, um sich und das Baby zu beruhigen. Aber wie sollte sie ruhig bleiben, wenn sie in einem winzig kleinen Raum gefangen war, dessen Sicherheitsstatus sie zu Recht anzweifelte. Ausgerechnet mit dem größten Egomanen unter der Sonne, der Diagnosen außerhalb seines selbstherrlichen Berufsfelds nicht gelten ließ, weil sie weit unter seinem Anspruch lagen. Wenn er es nicht anders verstehen konnte oder wollte, dann eben auf die direkte Art. Wenigstens am anderen Ende der Lautsprecheranlage schien man aufgehorcht zu haben. Denn der Hausmeister meldete sich erneut und anhand seiner wackeligen Stimme konnte man seine gesteigerte Nervosität deutlich ablesen.

Guido: Was’n los, Dr. Meier?
Marc (will es immer noch nicht wahrhaben u. wird deshalb mal wieder ausfallend): Was los sein soll? Ich stecke hier nur gerade mit einer völlig hysterischen, zur Klaustrophobie neigenden Schwangeren fest, die sich für die Königin der Welt hält, nur weil sie neuerdings einen auf perfektes Familienidyll machen will.
Guido: Oh!
Marc (schreit zynisch in die Durchsprechanlage): Ist Ihnen jetzt der Ernst der Lage bewusst oder soll ich sie extra noch ans Mikro holen, hm? Damit es auch noch der letzte Depp kapiert.
Gabi (verteidigt sich mit Vehemenz, bis sie nicht mehr kann u. die Schwerkraft unaufhörlich übernimmt): Wenn du mit Depp dich meinst, das funktioniert doch eh nicht. Und ich bin nicht... hyst...er...isch. Ich... Aaaahhh... Ich kann mich nicht mehr halten. Maaarc, hilf mir!

Das war der klar und deutlich ausgesprochene Satz, der dann doch etwas bei dem völlig konsternierten Chirurgen auslöste. Seine Beine machten sich selbständig und er kam gerade noch dazu, der in die Knie Gezwungenen unter die Arme zu greifen, damit sie nicht unsanft auf dem kalten Fahrstuhlfußboden aufditschte. Vorsichtig lehnte er sie gegen die hintere Aufzugswand und blickte ihr nun mit forschendem Oberarztblick in das schmerzverzerrte und ihn immer noch wütend anfunkelnde Gesicht.

Marc: Scheiße, ey, du meinst das ernst? Du tust nicht nur so?
Gabi (versucht, sich von dem Ignoranten loszueisen, muss aber resignierend kapitulieren, weil sie nicht mehr Herrin über ihren Körper ist): Denkst du wirklich, dass ich dazu jetzt noch in der Lage wäre? Mann, ich hab Schmerzen und... Oh! Ooohhh...
Marc (springt erschrocken zwei Schritte zur Seite u. guckt dann ziemlich perplex zu Boden): Wie oh? Oh! Fuck! Ist das...?
Gabi (beendet seine Feststellung mit unmissverständlicher Klarheit): Fruchtwasser.
Marc (hält sich die Hand vor den weit heruntergeklappten Mund u. läuft nun leicht panisch auf der Stelle auf u. ab): Scheiße, scheiße, scheiße! Wieso muss eigentlich immer mir so eine riesige Scheiße passieren?
Gabi (fühlt sich selber von der Gesamtsituation überrollt): Frag mich mal! Ich... ich bin doch noch überhaupt nicht vorbereitet. Ich bin noch nicht soweit. Das ist viel zu früh. Und Mehdi ist nicht hier. Ich kann das nicht ohne Mehdi.
Marc (versucht angestrengt, seine Gedanken zu sortieren): Jetzt dreh hier nicht gleich durch, Gabi! Den brauchen wir nicht. Noch nicht. Euer Baby kommt schließlich nicht hier drin zur Welt. Wir haben noch arschviel Zeit, um hier rechtzeitig rauszukommen.

So langsam legte sich die anfängliche Panik wieder und der planmäßig agierende Oberarzt setzte sich durch oder versuchte es zumindest, um seine unfreiwillige Patientin nicht noch zusätzlich zu beunruhigen. Dr. Meier schob Gabi Gretchens Krankenhaustasche als Kopfstütze zu, sprang dann wieder auf seine Füße und flitzte zum Lautsprecher des Aufzugs, um mit Draußen zu kommunizieren. Er wollte gerade etwas hineinsprechen, als ein weiterer Satz von Gabi ihn endgültig in akute Alarmbereitschaft versetzte.

Marc: Guido, bist du noch dran?
Guido: Wat gibt’s denn, Meister? Gibt’s doch ein Problem?
Marc (fährt sich aufgewühlt durch die Haare): Wenn’s nur das wäre. Wir müssen hier umgehend raus. Sofort! Keine Diskussion! Das ist jetzt wirklich kein Spaß mehr.
Guido (druckst auffällig herum): Dat äh... wird schwierig, Herr Doktor. Die Techniker sind zwar vor Ort, aber haben dat Problem noch nich konkret justiert.
Marc (strengt sich an, nicht auf der Stelle durchzudrehen u. professionell zu bleiben): Nicht justiert? Wollt ihr mich verarschen? Das ist mir scheißegal. Ich habe hier eine Schwangere in den Wehen, die dringend versorgt werden...

Gabi (unterbricht ihn höchstalarmiert): Maaarc! Ich kann schon das Köpfchen spüren.
Marc (dreht sich, zur Statue erstarrt, in Zeitlupe zu ihr um u. guckt nun wie ein Postauto): Was? Bist du sicher?
Gabi (kreischt hysterisch): Ich bin nicht bescheuert, Marc. Ich fühle doch, was ich fühle und ich halte den Druck kaum noch aus. Es will raus. Wir haben keine Zeit mehr.
Marc (leichte bis mittelschwere Überforderung schimmert wieder durch): Dann verschränk halt die Beine, bis wir...
Gabi (giftet ihn für den unnötigen Spruch direkt an): Ey, du spinnst wohl! Wenn ich das kontrollieren könnte, dann würde ich das ja wohl auch tun. Ich will mein Kind nicht gefährden. Aaaaahhh... Maaarc, mach was!
Marc (flucht leise vor sich hin): Fuck, fuck, fuck!

Okay, konzentrier dich, Meier! Das ist nicht dein erstes Mal! Du kommst quasi direkt aus dem Kreißsaal. Du hast das gut gemacht. Du weißt, was zu tun ist. Das hat bei Frau Becher-wie-Tasse damals doch auch funktioniert und da hat man dich völlig unvorbereitet ins kalte Fruchtwasser geschmissen. Das ist heute nicht so. Du kennst sie. Leider! Und verdammt noch mal, du hast eine Verantwortung. Das ist Mehdis Kind! Er hat dir und Haasenzahn geholfen, jetzt hilfst du ihm, ob du willst oder nicht.

...versuchte Marc, sich in Gedanken Mut zuzusprechen und sich zu sortieren, was auch tatsächlich zu funktionieren schien. Denn prompt richtete er sich wieder auf, straffte seine verspannten Schultern und wandte sich wieder der Gegensprechanlage zu, durch die sich eine verunsicherte Männerstimme gerade wieder zu Wort gemeldet hatte.

Guido: Äääähhh... Dr. Meier, sind se noch da?
Marc: Äh... nein! Natürlich nicht. Hört sich das so an? Wohin sollten wir denn verschwunden sein, hm? Wenn wir uns hier rausbeamen könnten, dann hätte ich ja wohl eher den Gummersbach informiert und nicht Sie Blitzmerker. Okay, Spaß beiseite! Hör zu, Guido! Das muss jetzt verdammt noch mal schnell gehen. Zaubert, hämmert, stemmt die Türen mit irgendwas auf, weiß der Geier. Aber macht was! Ich brauch hier sofort das Team der Neointensiv und irgendwer muss Mehdi... also Dr. Kaan Bescheid geben. T minus fünf Sekunden. Die Zeit läuft gegen Sie.
Guido: Jeht klar, Dr. Meier, ick lass den Herrn Doktor sofort ausrufen.
Marc: Mach den kleinen Dienstweg, Guido!
Guido (stutzt verdutzt): Wieso?
Marc: Weil es sein Kind ist, du Flitzpiepe, das hier gerade den Fahrstuhlführerschein in Lichtgeschwindigkeit machen will. Los! Hopp! Die Zeit läuft genauso wenig rückwärts, wie das Kleine zurück in seine gemütliche Herberge krabbeln kann, die es die letzten Monate bewohnt hat.

Nachdem alles unmissverständlich gesagt worden war, was er mitzuteilen hatte, und er sich in Gedanken noch vorgestellt hatte, wie die treue Seele an der Eingangspforte nun ziemlich dämlich aus seiner altmodischen Wäsche schaute, bis er endlich aus dem Knick kommen und den Glaskasten hinter sich lassen würde, robbte Dr. Meier zurück zu seiner unfreiwilligen Patientin, die vor Anstrengung schon ganz rot im Gesicht angelaufen und mächtig ins Schwitzen geraten war. Sie wimmerte leise vor sich hin und befand sich fast schon in einer Art Delirium, als sie plötzlich Marcs Hand am Ärmel ihres Schlafanzugoberteils spürte. Gabi öffnete ihre Augen und bekam nur unter einem dichten Tränenschleier Marcs Gesicht mit, das sich ihr mit Zuversicht zugewandt hatte. Zum ersten Mal, seitdem sie sich kannten, verstanden sie sich beinahe blind. Doch beruhigen konnte er sie trotzdem nicht. Dazu war sie viel zu aufgewühlt und fühlte sich regelrecht erschlagen von der unerwarteten Situation, die sie nicht nur wortwörtlich von den Beinen gerissen hatte.

Gabi: Ich hab Angst.
Marc (schließt für den Hauch einer Sekunde seine Augen u. drückt unbeholfen ihre zitternde Hand, die sich am Fußboden abstützt): Ich... auch.
Gabi (zieht zickig ihre Hand unter seiner wieder weg): Das motiviert mich nicht gerade.
Marc (schenkt ihr ein schräges Lächeln): Ich weiß. Aber die bemühen sich, irgendwie die Scheißtür aufzubekommen.
Gabi (fixiert im schwachen Schein der Notbeleuchtung die geschlossenen Stahltüren): Ich glaube nicht, dass ich solange durchhalten werde, Marc.
Marc (hat keinen Schimmer, wie er der verängstigten Schwangeren noch Mut machen kann): Doch, wirst du! Hey! Das ist nur ne Geburt. Zwar unter äußerst widrigen Umständen, aber die sind wir ja wohl gewohnt. Darin sind wir doch Profis, oder?
Gabi (fängt wieder an, leise zu weinen u. hält sich verzweifelt ihren Babybauch): Ich kann nicht noch mal ein Kind verlieren, Marc. Ich pack das nicht. Dann will ich auch nicht mehr sein.

Scheiße!

Marc (schaut ihr eindringlich in die dauerblinzelnden Augen u. drückt ermutigend ihre kleine zitternde Hand): Das darfst du noch nicht mal denken, Gabi. Aufgeben ist keine Option. Du bist eine Kämpferin. Und eure Erbse damit auch. Ihr seid immer noch in einem Krankenhaus. Ihr seid in guten Händen. Wir schaffen das. Ich will zwar nicht, aber hab ich eine Wahl? Irgendwer da oben wird sich schon was dabei gedacht haben, dass er ausgerechnet uns zwei Pappenheimer hier drin festhält.
Gabi (schöpft wieder ein wenig Hoffnung u. macht sich instinktiv bereit): Ich kann es wirklich schon spüren, Marc. Du musst nachschauen.
Marc (schluckt u. zieht sich ein Stück zurück, um sich mit dem Rücken an die Spiegelwand gegenüber zu lehnen): Oh Gott! Den Tagesausklang hab ich mir aber irgendwie anders vorgestellt. Ruhig und entspannt neben Haasenzahn und den Kurzen, die mich aus ihren faszinierenden, kleinen Äuglein angucken und alles ist gut.
Gabi (fühlt sich schon wieder alleingelassen u. macht ihrem ganzen Ärger Luft): Nichts ist gut, Maaarc!
Marc (wacht aus seiner kurzen Trance wieder auf, die ihm die nötige Kraft gegeben hat, das auch wirklich durchzuziehen, u. kniet sich nun unwillig vor seine Patientin): Ja, ich mach ja schon. Zick hier nicht rum und konzentrier dich aufs... Was weiß ich... atmen! Boah! Dabei hab ich mir mal geschworen, dich nie wieder anzugucken, geschweige denn dich jemals wieder auch nur anzutatschen und schon gar nicht in der äh... südlichen Region. Die Toskana ist Mehdis Terrain.
Gabi (wimmert): Bitte, Marc!
Marc (schluckt u. schließt noch einmal für einen kurzen Moment seine Augen, um sich auf das, was gleich kommen wird, mental einzustellen): Okay!? Das hier passiert nicht wirklich. Ich folge nur meinem Eid. Ich bin Arzt. Ich bin dem verpflichtet. Das wird schon. Irgendwie.

https://www.youtube.com/watch?v=BgWd1dcODHU

Marc wollte nicht. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Aber er hatte keine andere Wahl. Er war Mediziner. Mediziner aus Leidenschaft. Mediziner aus Überzeugung. Er war seinem hippokratischen Eid verpflichtet. Und vor allem war er Mehdi verpflichtet. Seinem einzigen und wahren Freund, der ihm heute schon mehr als je zuvor beigestanden hatte. Für ihn wäre es vermutlich eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass er jetzt für ihn einsprang. Aber Marc hätte schon noch gerne nachgefragt, nur um sicherzugehen, aber leider herrschte in den Krankenhausaufzügen seit der letzten Panne absolute Funkstille. Auch so ein Problem, das man neben der Tatsache, dass sie eigentlich Personen transportieren und nicht festhalten sollten, dringend beheben sollte.

Ein letztes Mal kniff der allseits bereite Oberarzt seine Augen zusammen und rief sich dabei das Bild seiner gerade erst geborenen Kinder als mentale Stütze in Erinnerung, bevor er sich anschließend ganz professionell gab und sich der Schlafanzughose von Gabi widmete, die er langsam mit pietätvoll abgewandten Blicken herunterzog. Es war nicht so, dass er sich plötzlich schämen würde. Er hatte schon viele, viele, unzählige Frauen gesehen und kannte sich mit der weiblichen Anatomie bestens aus. Vermutlich sogar noch besser als sein Kumpel, der sich vor allem aus seltsamen beruflichen Gründen damit beschäftigte. Aber er kannte Gabi Kragenow nun mal besser, als es Mehdi, Gretchen und ihm lieb war, und daher fühlte es sich einfach nur komisch an, das hier jetzt zu tun. Aber da musste Dr. Meier jetzt durch.

Als Gabis Unterbekleidung schließlich ausgezogen war, traute er sich dann doch, kurz nachzuschauen, um den Stand der Dinge zu verifizieren. Vielleicht war das alles ja noch gar nicht so akut, wie die hysterische Neunundzwanzigjährige ihm glauben machen wollte. Aber im nächsten Moment musste er diese naive Wunschvorstellung revidieren. Erschrocken wich er zurück und stieß heftig gegen die gegenüberliegende Aufzugswand, die er nun mit seinen schweißigen Händeabdrücken verschönerte.

Marc: Heilige Scheiße!
Gabi (wird augenblicklich panisch u. fängt an zu zappeln): Was ist? Oh Gott, ist etwas nicht in Ordnung? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht. Wieso ist Mehdi denn nicht hier? Ich will, dass er hier ist.
Und ich erst! Wenn ich könnte, würde ich ihn auf der Stelle herbeamen, damit mir die Bilder erspart bleiben. Zu spät!
Marc (rudert hektisch zurück): Nein, nein, es ist nur äh... ja, ungewohnt. Die... die vielen, dichten, dunkeln Haare. Das... ist nicht das, was ich in Erinnerung... Äääähhh.... egal! Ey! Sag mal, presst du etwa schon wieder? Du musst aufhören zu pressen, Mann. Ich bin noch nicht so weit.
Gabi (klammert sich verkrampft an die seitlichen Tragegriffe der Reisetasche, gegen die sie sich mit dem Rücken lehnt): Geht... nicht. Ich hab doch gesagt, ich kann es wirklich nicht kontrollieren. Ich mach gar nichts. Es kommt...
Marc (seine Augen werden immer größer, ebenso wie sein Unwille): Das flutscht ja von ganz alleine. Partus praecipitatus.
Gabi (bekommt es jetzt erst richtig mit der Angst zu tun): Was soll das heißen? Musst du dich immer so kompliziert ausdrücken. Das versteht doch kein Mensch. Ich kann kein Chinesisch, Spanisch, Französisch, wie auch immer.
Marc (kann sein kurzweiliges Schmunzeln nicht verbergen): Sicher?
Gabi (fühlt sich mal wieder nicht ernst genommen von dem Profilneurotiker): Maaarc! Jetzt sag’s mir endlich, verdammt!

Mann, ich wollte doch nur die Stimmung ein wenig auflockern. Damit du dein hysterisches Gegacker sein lässt. Das ist bestimmt nicht das, was eure Erbse als Erstes hören möchte, wenn sie dann mal geschlüpft ist.

Marc (stöhnt entnervt auf u. konzentriert sich wieder auf seine Aufgabe): Was haben die euch eigentlich in der Schwesternschule beigebracht? Hochdeutsch? Das ist Latein, du Intelligenzbestie, und bedeutet so was wie Sturzgeburt. Überstürzte Geburt, um genau zu sein. Mit einem Mal überkommen dich die Presswehen, obwohl du vorher noch keine weiteren Eröffnungswehen gespürt hast. Hast du doch nicht, oder? Gretchen hatte nämlich auch den ganzen Nachmittag schon Kontraktionen, ohne dass sie es ernst genommen und es für nötig gehalten hat, mir und Mehdi Bescheid zu geben.
Gabi (kreischt hysterisch auf u. lädt ihren ganzen Frust über Monsieur Schlaumeier ab): Jetzt lass mich bitte mit Gretchen in Ruhe! Was denkst du eigentlich, was ich die ganze Zeit hier mache, hm, Blitzmerker? Sturzgeburt? So weit war ich auch schon. Und so was schimpft sich Oberarzt. Eine tolle Hilfe bist du mir, echt. Jetzt hol mir Mehdi her! Das läuft überhaupt nicht so, wie wir uns darauf vorbereitet haben. Wir haben genau besprochen, wie es funktionieren kann. Mann, ich hab ein traumatisches Erlebnis hinter mir. Ich brauche seine Stimme, um mich zu beruhigen. Ich will das so nicht. Ich will dich nicht.

Das hättest du mir auch früher schon mal sagen können, Nervensäge.

Marc (fühlt sich direkt in seiner Medizinerehre gekränkt u. funkelt sie unmissverständlich an): Ey, jetzt hör auf, dich ständig zu beschweren! Sonst höre ich hier nämlich auch auf, auch nur irgendeinen Finger krumm zu machen. Du kannst dir den Arzt nicht aussuchen und ich mir nicht die Notfälle, also, meistens. Die akuten treffen einen eh immer unvorbereitet und zumindest das kann ich negieren. Ich hab nämlich in den vergangenen Monaten ein ganzes Facharztstudium hinter mir, ohne dass ich darum gebeten habe. Glaub mir, ich weiß, was ich hier tue. Und soweit ich das beurteilen kann, ist es bis auf die Tatsache, dass wir hier drin zusammen gefangen sind und du einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord aufstellen willst, eine normale Geburt, wenn auch etwas flinker als der Durchschnitt. Ich hab alles unter Kontrolle. Ääähhh... Fast.

Bevor sich seine einstige Erzfeindin Nummer eins noch mehr beschweren und sich über ihn auskotzen konnte, hatte sich Dr. Meier längst wieder aufgerafft und sich auf seine eigentliche Aufgabe in diesem Abenteuer konzentriert, auf das er weder eingestellt, noch in sonstiger Art und Weise Lust hatte. Aber er war nun mal, wie sie schon gesagt hatte, der einzige Doktor weit und breit in diesem heruntergekommenen Aufzug, der immer dann nicht funktionierte, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte. Ein Déjà-vu, auf das er gerne verzichtet hätte. Und sie sicherlich auch. Aber er war nun mal hier und er hatte einen Plan. Deshalb machte er das Beste aus der Situation. Im OP musste er schließlich auch immer improvisieren. Das lag ihm. Also zog Marc seinen Kurzmantel aus, legte diesen unter Gabis angewinkelte Beine und ehe er weiter reagieren und überhaupt eingreifen konnte, da war es auch schon passiert. Schneller als er es erwartet hätte, hielt der unfreiwillige Geburtshelfer plötzlich ein glitschiges Baby mit pechschwarzen Haaren in den Armen, das ihn ebenso verdutzt anschaute wie er es.

Marc: Äh... Hallo, du?
Gabi (hat es in dem Gefühlstaumel, der sie umgibt, noch nicht registriert): Was ist?
Marc (guckt völlig überwältigt zu ihr hoch u. staunt Bauklötzchen): Das ging jetzt... irgendwie... fix. Ich musste gar nichts machen.
Gabi (versteht es immer noch nicht): Wie? Ich spür gar nichts. Weder Wehen, noch sonst was.
Marc (lächelt u. ist völlig fasziniert): Naja, auch kein Wunder. Es ist schon da.

Der völlig perplexe Oberarzt konnte immer noch nicht begreifen, was gerade passiert war und dass es tatsächlich so einfach gewesen war, ihr zu helfen, und schaute immer wieder staunend zwischen dem Kind und den verwirrt hin- und herhuschenden Pupillen seiner Patientin hin und her, die immer noch nicht ganz verstanden hatte, was er ihr auf seine verschrobene Meier-Art mitzuteilen versuchte. Erst als Marc ihr das in seine Jacke gewickelte Baby zeigte, das ebenso bedröppelt dreinblickte wie sein Geburtshelfer, die Augen immer wieder schloss und an seinem kleinen Daumen nuckelte, begriff auch die völlig überwältigte, frisch gebackene Mama, dass es tatsächlich da war. Sie hatte gerade ein Kind geboren und es schien, soweit sie dies in ihrer Zuckerwattetraumblase beurteilen konnte, gesund zu sein.

Gabi: Aber...

Gabi brachte nichts außer ein staunendes Stammeln heraus, als Dr. Meier ihr vorsichtig das Neugeborene reichte, das sie sofort liebevoll in ihre Arme zog und an sich drückte, um es instinktiv zu wärmen und gegen die Widrigkeiten dieser Welt zu beschützen. Während sie das zarte Bündel verliebt betrachtete und ihre Glückstränen kaum zurückhalten konnte, kramte Marc geschäftig in einer Seitentasche seines Gepäcks, das Gabi als Rückenlehne diente, und wurde schnell fündig. Haasenzahn hatte zum Glück an alles gedacht, was Frau so für einen längeren Krankenhausaufenthalt und sonstige Ausflüge benötigte. Mit einer kleinen Nagelschere bewaffnete, robbte der Chirurg zu Mehdis Freundin zurück, lächelte sie zaghaft an und deutete dann auf das noch etwas benommene Baby in ihren Armen.

Marc: Ich müsste da noch mal ran. Wegen... du weißt schon. Routine. Ist nur ein kleiner Kniff. Tut niemandem weh.
Gabi (gibt das Baby nur ungern wieder her): Ist... ist alles mit ihm in Ordnung?

...fragte die frisch gebackene Mama vorsichtig, während sie mit Argusaugen und angehaltenem Atem beobachtete, wie der versierte Mediziner die Nabelschnur abklemmte und den Säugling schnell wieder mit seinem dunkelblauen Mantel zudeckte. Denn allzu warm war es nicht in dem stecken gebliebenen Fahrstuhl. Marc grinste nur, als er Mehdis Lebensgefährtin den nun etwas munterer gewordenen Neugeborenen erneut reichte und demonstrativ für sie noch einmal den dunkelblauen Deckenersatz lüpfte.

Marc: Lass mich noch mal schauen! Hm... Zwei Arme, zwei Beine, zehn Zehen, zehn Finger, der Teint und die wilde Friese vom Papa, die Augen und die zierliche Nase der Mama und das Wichtigste, ein Penis. Jep, ich denke, es ist alles dran, was dran sein muss im Starterpaket.
Gabi: Was?

Gabi war immer noch viel zu verwirrt, um all die Informationen zu verarbeiten, die gerade ungefiltert auf sie einprasselten und in typischer Meier-Manier verpackt worden waren. Sie hatte nur noch Augen für den kleinen Menschen in ihren Armen, der plötzlich, als hätte er gemerkt, dass es um ihn ging, unter der viel zu großen Jacke, die ihm Schutz bot, anfing zu zappeln und zu weinen. Ihr wild pochendes Herz setzte mit dem ersten Ton seiner süßen Stimme aus, um kurz darauf noch viel schneller zu rasen, als Gabi allmählich für sich feststellte, dass sie tatsächlich ein echtes Baby in der Hand hielt, das allem Anschein nach gesund und putzmunter war und offenbar eine ordentliche Portion südländischen Temperaments aufwies, wenn auch nur zu einem Viertel. Das war zu viel für die frisch gebackene Mama, die ungehemmt ihren durcheinander flatternden Gefühlen freien Lauf ließ. Das erkannte auch Marc, der sich, ebenso überrollt von dem Moment, den er bewegt miterleben durfte, neben sie auf den Boden gesetzt hatte und dem Schreihals nun seinen kleinen Finger hinhielt, mit dem er ihn tatsächlich fürs Erste beruhigen konnte.

Marc: Eins muss man Mehdi lassen, was er macht, das macht er richtig. Glückwunsch! Den habt ihr richtig gut hinbekommen. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, dass das jetzt nichts wird mit den ausgedehnten Shoppingtouren mit eurer Püppi. Aber Mehdi, Lilly und ich nehmen ihn bestimmt gerne mal ins Hertha-Stadion mit.
Gabi (drückt den kleinen Schatz an ihr Herz u. guckt bewegt zur Seite): Danke!
Marc (zuckt betont unbeeindruckt mit den Schultern, obwohl innerlich noch ein gewaltiger Sturm tobt, der ihn zu übermannen droht): Naja, mit Mehdi alleine wird das ja nichts. Der hat keine Ahnung von Abseits und so weiter. Der hat nicht einmal eine Panini-Sammlung. Dabei sind wir zum vierten Mal Weltmeister und peilen die Titelverteidigung an. Aber keine Sorge, ich bring ihm das noch bei, damit er es weitererzählen kann, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren.
Gabi (sieht ihn aus tränenfeuchten Augen mit ungewohnter Ernsthaftigkeit an): Das meine ich nicht.
Marc (stupst sie leicht mit der Schulter an u. lächelt ungewohnt sanftmütig, wenn auch mit einem verdächtigen Augenzwinkern): Das weiß ich doch. Und du kannst von Glück sprechen, dass ich überhaupt noch mit dir rede, geschweige denn plane, den Kurzen und vielleicht auch dich, wenn du mal nicht nervst, zum Fußball mitzuschleppen. Das hätte auch ganz anders laufen können.
Gabi (stutzt): Wieso?

Marc (guckt noch einmal auf seine Armbanduhr u. schaut dann grinsend wieder zu den beiden rüber): Zwei Minuten früher und wir hätten jetzt ein gewaltiges Problem. Weißt du, die Meiers teilen nämlich nicht gerne. Weder Jahrestage, noch Geburtstage, noch sonst irgendwas. Schwein gehabt! Haasenzahn würde dich ansonsten jedes Jahr aufs Neue teeren und federn. Und ich müsste mir das ganze Gekeife anhören, sie immer wieder trösten und einen Dauerauftrag anlegen, damit immer genug Tempotaschentücher vorrätig sind.
Gabi (kann seinen seltsamen Ausführungen kaum folgen, weil sie viel zu sehr von ihrem Kleinen abgelenkt ist): Wie?
Marc (stöhnt leicht entnervt auf, weil Gabi nicht gerade als Blitzmerkerin bekannt ist): Zwecks zukünftiger Geburtstagsfestivitäten. Torten, Topfschlagen, keine Ahnung. Aber er hier ist ja zum Glück ein Sonntagskind geworden. Volltreffer. Zwei Minuten nach Mitternacht. Demnach zwei Geburtstage für Drei, was nicht heißt, dass das für uns weniger Stress bedeuten würde.
Gabi (schaut ungläubig zwischen ihrem Sohn u. Marc hin u. her): Echt? So war das eigentlich nicht geplant.
Marc (lächelt vielsagend u. kann nicht widerstehen, dem Kleinen noch mal seine Hand hinzuhalten): Ist es nie, Gabi. Sie bestimmen ab sofort, wie und wo es langgeht. Nicht, mein Freundchen? Du hast das doch ganz genau geplant, deinem guten Freund eins auszuwischen, was. Aber das lasse ich dir nur einmal durchgehen, Kleiner. Klar? Du weißt es nämlich noch nicht, aber ich bin hier der Boss. Ich bestimme, wie es langgeht. Das schließt lediglich äh... Fahrstühle aus. Die solltest du in Zukunft meiden.

Seinen Anmerkungen zum Trotz antwortete der kleine Junge seinem Geburtshelfer mit einer ausgedehnten Flennattacke, die so auch nur ein echter Kaan hinbekommen hätte, schlussfolgerte Marc schmunzelnd und auch ein bisschen stolz. Er hielt dem Schreihals noch einmal seinen kleinen Finger hin, den der Junge diesmal leider konsequent ignorierte, weil Gabis Brüste unter dem überlangen Braunbärenpullover, in den sich seine kleinen Finger gekrallt hatten, irgendwie interessanter erschienen, und sprang schließlich auf, um sich die Beine zu vertreten und um zu schauen, wie weit die Flitzpiepen da draußen denn waren. So langsam hatte der Chirurg nämlich das Gefühl, dass der Sauerstoff knapp wurde, jetzt wo sie überraschend zu dritt in der alten Klapperkiste feststeckten. Aber Marc kam nicht weit, denn kaum hatte er den Lautsprecher erreicht, hörte er auch schon verdächtige Stimmen, aber nicht aus der Durchsprechanlage, sondern ganz nah von draußen. Nämlich direkt über seinem Kopf. Instinktiv schaute der verdutzte Oberarzt nach oben. Eine der heftig diskutierenden Stimmen auf dem Gang über ihm war ihm mehr als vertraut.

Mehdi (schreit von außen durch die geschlossenen Aufzugstüren): MARC, bist du da DRIN?
Marc (streift sich verdutzt über sein Ohr u. tauscht mit Gabi einen vielsagenden Blick aus, die erleichtert aufschaut): Äh... nein, das ist eine akustische Täuschung, was sonst. Ihr Kaans seid wirklich echte Blitzmerker. Ist das zu fassen?
Mehdi: Ist das... Ist das etwa...?

...stammelte Mehdi aufgeregt und kaum hörbar durch die geschlossenen Fahrstuhltüren vor seiner heftig juckenden Nase, als das neugeborene Baby einmal mehr zum Daueralarm ansetzte, den Gabi kaum zu bändigen wusste, da ihr immer noch leicht schummrig zumute war. Mehdis bester Freund wollte gerade etwas schlaumeierisch dazu anmerken, aber da hörte er auch schon das hektische Hämmern und pochende Ruckeln an der versperrten Aufzugtür. Und die verschiedenen Stimmen auf dem Flur der Chirurgie wurden lauter und immer ungehaltener.

Guido: Momentchen! Herr Doktor, dat jeht so net. Lassen se die Kolleschen doch bitte... Sie können die verdammte Türe nich mit ihren eigenen Händen uffstemmen. Oh! Können se doch!

Aber die Warnhinweise des Hausmeisters verhallten ungehört, denn da war es bereits zu spät. Mit einem kräftigen Ruck hatte der Gynäkologe die Türen aufgeschoben und zwängte seinen vollschlanken Körper nun durch den engen Spalt hindurch, den er mit seinen beiden kräftigen Armen noch weiter aufgestemmt hatte, bis sie an den Ecken hörbar eingerastet waren. Dann überwand er mit einem lässigen Hüpfer die zweieinhalb Meter unterhalb des dritten Stocks, wo der Fahrstuhl hängen geblieben war, und sprang zu Marc und Gabi hinunter in die Kabine. Der verdutzte Oberarzt konnte gar nicht so schnell gucken, da war Mehdi auch schon an ihm vorbeigezischt und zu seiner Liebsten geeilt, die er augenblicklich an sich drückte und immer wieder voller Inbrunst und Erleichterung küsste.

Marc: Alter! Wenn du schon mit deinem Muskeltraining angibst, dann hättest du mir wenigstens vorher noch raushelfen können.
Sabine (geht in die Hocke u. guckt gebannt durch die halb geöffnete Fahrstuhltür nach unten): Ungeahnte Ereignisse lassen ungeahnte Kräfte frei.
Marc: Wem sagen Sie das, Schwester Sabine? Wem sagen Sie das?

...murmelte Marc nur abwesend, als er die letzten Minuten vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Sein Hauptaugenmerk galt aber nicht der hibbeligen Krankenschwester, die sich angesichts der neusten Entwicklungen gar nicht mehr einkriegen konnte und ein fröhliches Tänzchen auf das Parkett der chirurgischen Station legte, sondern seinem besten Freund, der sich inzwischen neben seine aufgelöste Lebensgefährtin gehockt hatte und mit zittrigen Händen und dicken Kullertränen in den ungläubig geweiteten Augen seinen strampelnden Stammhalter in die Höhe hielt. Jauchzend vor Glück drückte er ihn an sich und herzte ihn immer wieder voller Liebe, bis sein Junge aufgehört hatte, zu weinen. Diese rührende Geste machte auch etwas mit Marc. Abermals spürte er diese besondere Wärme im Herzen, die auch er bereits während der vergangenen Stunde intensiv gefühlt hatte. Das, was er dort beobachten durfte, war ein echtes Wunder. Und es betraf keinesfalls die Tatsache, dass es für ihn immer noch ein absolutes Wunder war, dass ausgerechnet die beiden zusammengefunden hatten und jetzt als Familie endgültig zusammengewachsen waren. Ja, es war ein Wunder. Und es war ein Wunder, dass er es überhaupt überlebt hatte. Das war im Zusammenspiel mit Gabi Kragenow nicht unbedingt erwartbar gewesen. Aber das war für Marc mittlerweile nebensächlich geworden. Was jetzt zählte, war die kleine Familie dort drüben, die sich glücklich in die Arme schloss und überwältigt von den Emotionen, die auf sie einprasselten, sichtlich bewegt anlächelte. Sie war echt. Und sie war trotz der Umstände, die sie letztlich zusammengeführt hatten, annähernd perfekt.

https://www.youtube.com/watch?v=2Vv-BfVoq4g

Mehdi: Maus, was machst du bloß für Sachen? Wenn ich gewusst hätte, dass du herkommst, dann...
Gabi (kann nicht aufhören, kindisch zu kichern, weil sie es immer noch kaum fassen kann): Er ist da, Mehdi. Unser kleiner Schatz.
Mehdi (grinst voller Stolz u. drückt ihr einen liebevollen Kuss auf die schweißige Stirn, als er plötzlich innehält u. ihr noch mal forschend in die verliebt blitzenden Augen schaut): Das ist nicht zu übersehen. Moment! Hast du gerade „er“ gesagt?
Gabi (nickt u. strahlt plötzlich wie die Sonne): Hm!
Mehdi (ist überwältigt vor Glück u. drückt seiner freudestrahlenden Freundin erneut einen innigen Kuss auf die gespitzten Lippen): Das ist ja... der Wahnsinn. Wow! Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, Bella.
Gabi (erwidert mit Inbrunst seinen gefühlvollen Kuss u. verliert sich anschließend in seinen vor Rührung schimmernden dunklen Augen): Ich liebe dich auch, Mehdi. Euch beide. Über alles.
Mehdi (erwidert ihr verliebtes Lächeln): Geht’s euch beiden gut?
Gabi (hält schützend ihre Hand über das kleine Bündel Mensch in ihren Armen u. nickt leicht mit dem Kopf, in dem immer noch reinstes Durcheinander herrscht): Ich denke schon. Vor allem jetzt, da du da bist. Er ist, glaube ich, auch noch etwas durcheinander, weil es auch für ihn ziemlich schnell gegangen ist. Und mir ist noch ein bisschen schummrig und ich glaube nicht, dass ich in nächster Zeit wiederaufstehen kann. Alles fühlt sich wie Wackelpudding an.
Mehdi (nickt verständnisvoll u. untersucht sie kurz, um die Situation fachmännisch einzuschätzen, dann lächelt er wieder): Verstehe! Dann trag ich dich eben, wohin du willst. Es tut mir so leid, dass ich nicht für euch da sein konnte. Ich hab’s verpasst. Ich hab’s vermasselt.
Gabi (legt ihre Hand liebevoll an seine glühende Wange): Ssshhh! Das macht doch nichts. Es ist schade ja und ich hätte dich auch gerne dabeigehabt, aber du hättest auch nicht viel mehr machen können. Es ging alles so rasant schnell, Mehdi. Von einem Moment auf den anderen. Und dann war er schon da. Ich begreife das alles noch gar nicht richtig.
Mehdi (legt sanft seine Hand über ihre u. betrachtet gerührt sein mittlerweile schlafendes Kind unter Marcs Jacke): Dafür fühlt er sich ziemlich real an.
Gabi (grinst völlig verzückt, als sie ihm wieder ins Gesicht schaut): Ja! Ich weiß. Er ist perfekt. Unser Junge. Wir haben einen Jungen, Mehdi.
Mehdi (wiederholt verliebt murmelnd ihre magischen Worte): Wir haben einen Jungen, ja.

Dass dem tatsächlich so war, davon war jeder überzeugt, der diesen magischen Moment miterleben durfte. Ob in der Fahrstuhlkabine oder außerhalb als stiller Beobachter. Allen voran natürlich Dr. Marc Olivier Meier, der sich nun mit stolz geschwellter Brust zu dem jungen Glück gesellt hatte und seine Meinung auf typische Meier-Art nicht für sich behalten konnte...

Marc: Was bei eurer Kombi nicht unbedingt zu erwarten war. Aber die Haare... Ist das normal so? Also, so im Vergleich, den ich ja jetzt zufällig habe? Egal! Diese Vaterschaft lässt sich definitiv nicht anzweifeln.
Gabi (klammert sich an ihrer unplatzbaren Seifenblase fest): Marc, lass den Scheiß! Sonst ziehe ich sämtliche Nettigkeiten wieder zurück, die mir hormonell bedingt vorhin rausgerutscht sind.
Mehdi (sieht amüsiert zwischen den beiden hin u. her u. merkt ganz deutlich, dass sich etwas verändert hat): Ach?
Marc (hält seine Hände in Unschuldspose hoch u. grient zu den Dreien runter): Sorry, aber der musste sein. Ein letztes Mal. Ich hoffe, jetzt sind wir endlich wirklich quitt.
Mehdi (schaut vielsagend zu seiner Freundin, die sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, u. reicht ihr ihren gemeinsamen Sohn): Hältst du ihn bitte! Ich will nur...
Gabi: Schon klar. Vergiss die Backpfeife nicht! Mit freundlichen Grüßen.

...griente Gabi ihrem Liebsten wissend hinterher, der, nachdem er ihr noch einmal einen dicken Knutscher auf die geröteten Lippen gedrückt hatte, aufgestanden war, um seinem frechen Kumpel verdientermaßen die Löffel langzuziehen. So sah es zumindest aus, als er ziemlich entschlossen auf den feixenden Sprücheklopfer zustürmte. Und Marc drückte auch im ersten Abwehrimpuls instinktiv die Augen zu, als sein Freund immer näher kam, aber da hatte sich Mehdi bereits anders entschieden. Anstatt ihm eine zu ballern, weil er mal wieder sein freches Mundwerk zu weit aufgerissen hatte, zog der frisch gebackene Familienvater Marc in eine innige Männerumarmung, die sich für den Überrumpelten anfühlte, wie im Schraubstock eingeklemmt zu sein, welcher immer mehr mit Urgewalt zugedrückt wurde. Aber da er mittlerweile aus eigener Erfahrung wusste, wie gigantisch es sich anfühlte, was Mehdi gerade in Achterbahngeschwindigkeit durchlebte, konnte auch er nicht anders und drückte seinen besten Freund einfach nur herzlich an sich. Die Gefühle waren mit dem Frauenversteher durchgegangen. Verständlicherweise. Denn niemand hätte ausgerechnet heute damit rechnen können. Mehdi und Gabi am allerwenigsten. Und welche Rolle er in diesem Abenteuer einnehmen würde, schon einmal gar nicht. Marc hatte ja selber noch nicht richtig verarbeitet, dass er vor einer reichlichen Stunde zum ersten Mal Vater geworden war. Apropos, jetzt, wo die Türen endlich offen standen, sollte er sein eigentliches Ziel nicht mehr länger aus den Augen verlieren.

Mehdi (klopft Marc anerkennend auf die Schulter): Danke, Mann! Danke, dass du da warst und sie nicht alleine gelassen hast.
Marc (löst sich langsam aus der Umarmung u. gibt sich betont unbeeindruckt u. locker): Äh... Das wäre auch nur schwer zu vermeiden gewesen, denn wenn deine schlechtere Hälfte Aufmerksamkeit sucht, dann findet sie die auch.
Gabi (weist jeden Verdacht entschieden von sich u. grinst glücklich zu ihrem unfreiwilligen Helfer rüber): Das halte ich für ein Gerücht. Aber ich bin dir trotzdem unendlich dankbar, dass du, im Gegensatz zu mir, einen kühlen Kopf bewahrt hast.
Marc (wiegelt mit einer lässigen Handbewegung ab, mit seiner anderen Hand reibt er sich unbemerkt über den Brustkorb): Ach, was, lass mal die Konfettikanone im Schrank, Gabi! Das war doch nix. Ich hab nix weiter gemacht, außer dir unter den nicht vorhandenen Rock zu gucken. Und das war auch definitiv das letzte Mal, dass ich dich freiwillig nackt gesehen habe. Sonst denkt hier noch jeder, wir machen das mit dem Frauentausch regelmäßig.
Mehdi (drückt dem Sprücheklopfer schmunzelnd die Faust gegen die Schulter): Komm, gib dich nicht so cool, Marc. Ich weiß ganz genau, was los ist. Ich hab genau gesehen, dass du auch eine Träne verdrückt hast.
Marc (weist diesen Verdacht natürlich direkt von sich, kann sich aber ein verdächtiges Mundzucken nicht verkneifen, das ihn verrät): Naja, auf Dehydrierung kann ich es nicht schieben. Dazu waren wir nicht lange genug hier drin eingesperrt. Es liegt vermutlich daran, dass du endlich auch einen Jungen gezeugt hast.
Mehdi (nickt wissend u. liest in Marcs funkelnden Augen ganz genau, wie er sich ehrlich für ihn freut): Selbstverständlich.
Marc (hat endgültig genug von den ewigen Gefühlsduseleien u. will nur noch raus): Und noch selbstverständlicher wäre es, wenn du mir jetzt endlich ne Räuberleiter bauen würdest, um mir hier raus zu helfen. Ich bin noch verabredet.
Mehdi (zwinkert ihm zu u. tut ihm schließlich mit Vergnügen den Gefallen): Mhm, ein romantisches Date um Mitternacht. Du überraschst mich immer mehr. Ich glaube, der eine oder die andere wird sich freuen.
Marc: Labere nicht! Mach! Wer Türen mit seinen eigenen Händen aufstemmen kann, kriegt auch ne verschissene Räuberleiter hin. Dein zusätzliches Gewicht, das du dir während Gabis Schwangerschaft angefressen hast, sollte dir dabei helfen.

...maulte Marc gewohnt charmant, sodass Mehdi nicht lange zögern konnte und schließlich für ihn in die Bresche sprang. Ohne große Mühen kletterte Marc auf die Räuberleiter, stützte sich an Mehdis Schultern ab und zog sich am Türrahmen hoch. Anschließend kletterte er mit einer einzigen eleganten Bewegung aus dem Schacht und klopfte sich nun, da er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, den Staub von den Sachen, wobei er frustriert feststellen musste, dass er sich wohl noch ein weiteres Mal würde umziehen müssen. Mehdis Sohn hatte nämlich ganze Arbeit geleistet. Marc schloss für eine halbe Sekunde die Augen und schüttelte immer wieder den Kopf, weil ihm erst jetzt so richtig bewusst geworden war, was er gerade geleistet hatte. Als er sie wieder öffnete, schaute der irritierte Oberarzt jedoch in das sehr emotionale Gesicht seiner Stationsschwester, die ihm verdächtig auf die Pelle gerückt war. Bevor er noch in irgendeiner Weise rechtzeitig hätte reagieren können, hatte sich diese sonderbare Person doch tatsächlich erdreistet, sich gefährlich zu ihm rüberzubeugen. Und dann hatte sie es tatsächlich getan. Ohne darüber nachzudenken, was sie damit riskierte, hatte Sabine ihren Oberarzt ungefragt mit ihren Tentakeln umschlungen und hatte ihm vor der versammelten Mannschaft schmunzelnder Haustechniker und Kollegen aus der Gyn und der Pädiatrie einfach so ein feuchtes Küsschen auf die Wange gedrückt, das sich in seine Haut einbrannte, als hätte sie ihre Lippen vorher mit Salpetersäure anstatt mit ihrer selbst zusammengestellten Lippenpflegesalbe eingeschmiert.

Sabine (im Taumel der Überschwänglichkeit): Sie sind ein Held, Dr. Meier. Das wollte ich Ihnen immer schon mal sagen. Fast so wie Dr. Rogelt. Nur besser und entschlossener.
Marc (reißt sich überfordert von der Verrückten los u. weicht mehrere Schritte zurück, wobei er fast mit der dauergrinsenden Pädiatriemannschaft zusammengestoßen wäre): Äh... Was steht ihr hier wie bestellt und nicht abgeholt herum, hä? Holt endlich die Familie da raus! Schwester Gabi und der Kleine müssen versorgt werden. Ich kann hier schließlich nicht alles alleine machen in diesem Saftladen, in dem nichts, aber auch gar nichts funktioniert.

...setzte sich schnell wieder der grummelige Oberarzt durch, um seine Position zu wahren, und wie gewohnt hüpften nach seiner unmissverständlichen Ansage alle durcheinander. Allen voran natürlich Schwester Sabine, die sich Dr. Meier jedoch unbedingt noch einmal zur Brust nehmen wollte. Also, nicht im wörtlichen Sinne. Da war er schon traumatisiert genug.

Marc (umschmeichelt sie erst): Und Sabine,...
Sabine (spürt direkt eine unmittelbare Verunsicherung, die sie erschaudern lässt): Ja, Herr Doktor?
Marc (und schlägt dann gewohnt meierlike erbarmungslos zu): Sollten Sie das noch einmal versuchen oder auch nur daran denken, dann sorge ich dafür, dass Sie im nicht mehr lebendigen Zustand in einem der Sezierfächer Ihres Mannes landen. Ist das klar?
Sabine (zuckt zusammen u. senkt demütig ihr hochrotes Köpfchen): Entschuldigung! Ich war nur... Weil... Erst die Frau Doktor... und jetzt... ist auch noch Gabis Baby da.
Marc (auch wenn er nicht will, der Hauch eines Lächelns huscht über seine Lippen): Jep! Das ist ja auch nicht zu überhören. Ganz die Mutter! Leider!

Und in der Tat meldete sich in dem Moment Kaan-Junior eindrucksvoll zu Wort und zwar näher, als es Marc vermutet hätte. Verwundert drehte er sich um und beobachtete nun mit heruntergeklappter Kinnlade, wie ein wieder funktionstüchtiger Fahrstuhl auf seiner Etage Halt machte und die Türen öffnete, als wäre nie etwas passiert. Keine Minute nachdem er mit Mühe und Not aus dem Teil herausgekraxelt war. Was für eine bodenlose Frechheit war das denn bitteschön, dachte Dr. Meier nur völlig fassungslos und brachte das auch lautstark zur Kenntnis, damit es auch jeder mitbekam, der seiner Meinung nach Schuld an der ganzen Misere hatte.

Marc (mault die Servicetechniker gereizt an): Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ey, wieso sagt ihr Deppen nicht, dass ihr das wieder hingekriegt habt? Dann hätte ich mir die bescheuerte Räuberleiter sparen können. Ich hätte mir meine Finger verletzen können. Meine Hände sind mein Kapital, verdammt. Deshalb sind sie ja auch versichert. Das hätte euch teuer zu stehen kommen können.
Guido (stellt sich unbeeindruckt neben ihn u. nimmt seine Kollegen vor dem tobenden Vulkan in Schutz): Dat war jenauso wenig vorauszusehen wie dat kleene Kerlchen hier mit der großen Stimme.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme): Sehr witzig!
Mehdi (tritt beschwingt vor Glück aus dem Aufzug heraus, um seine Kollegen einzuweisen, aber wendet sich zunächst fröhlich dem Motzkönig vom Dienst zu): Mach dir nichts draus, Marc! Das gehört zu einem echten Abenteuer doch dazu, oder nicht? Stell dir mal vor, was wir unseren Kindern später mal alles erzählen können, hm.
Marc (klappst ihm einmal auf die Schulter u. wendet sich dann kopfschüttelnd wieder von Mehdi ab, weil jemand von der Neointensiv mit einem fahrbaren Inkubator an den beiden vorbei möchte): Deine Ruhe möchte ich haben, Daddy.
Mehdi (stupst mit seiner Schulter zurück u. platzt fast vor Stolz): Selber Daddy. Übrigens, das hier hat Gabi in deiner Jacke gefunden. Hat auf seinen Rücken gedrückt. Deshalb musste er weinen.

Was zur Hölle...? Fuck! Wo kommt das Teil denn her? Ich hätte fast nicht mehr daran gedacht.

Marc fiel fast alles aus dem Gesicht, als er das kleine dunkelblaue Samtkästchen entdeckte, das Mehdi ihm mit einem vielsagenden Augenzwinkern grinsend hinhielt und riss es ihm augenblicklich aus der Hand. Anschließend schaute er sich hektisch nach allen Seiten um, ob auch ja niemand die Übergabe beobachtete hatte. Er kannte doch die Tratschbasen hier auf Station. Zum Glück zog Mehdis Sohn aber gerade sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Es gab keine Zeugen. Bis auf... Verdammt!

Marc: Putz dir das dämliche Grinsen aus dem Gesicht, Kaan! Es ist nicht so, wie du denkst?
Mehdi (jetzt ist erst recht sein Interesse geweckt): Nicht?
Marc (funkelt ihn unmissverständlich an): Alter, hast du nichts Besseres zu tun? Windeln zu wechseln? Oder Gabis Baustelle da unten zu bearbeiten? Sie hat aber nicht reingeguckt, oder?
Mehdi (amüsiert sich gerade königlich über seinen rumdrucksenden Freund): Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Marc (schließt die Augen u. ärgert sich tierisch, dass er so unvorsichtig gewesen ist u. nicht aufgepasst hat, als er arglos seinen Mantel als Deckenersatz für das Baby zur Verfügung gestellt hat): Wehe, ihr erwähnt das jemals irgendwo, dann verklag ich dich und du kannste deine Pullerparty vergessen.
Mehdi (kann nicht aufhören zu grinsen): Wäre aber schade drum, wo wir doch jetzt so richtig was zu feiern haben.
Marc (blitzt ihn an): Eben! Also, halt dich an deine ärztliche Schweigepflicht! Und die Pullerparty verschieben wir auf ein anderes Mal. Ihr habt sie ja schließlich quasi selber gesprengt. Aber dann lassen wir es auch richtig krachen. Nach dem hier erst recht. Ich würde nur den Fahrstuhl als Transportmittel nicht weiterempfehlen.
Mehdi (grinst vergnügt u. wendet sich anschließend seinen Kollegen zu, die neugierig die Ohren gespitzt haben): Wird eingeloggt, mein Freund. So Kollegen, Gabi bitte auf meine Station in Behandlungsraum eins. Und der Kleine vorerst in die Neointensiv zum Durchchecken. Ich denke aber, er kann gleich wieder runter auf Station. Das werden wir sehen. Ich komm gleich nach.
Gabi: Du kannst ihn gerne begleiten. Ich komm schon klar. Deine Kollegin kümmert sich um mich. Er hier ist wichtiger.

...lächelte die frisch gebackene Mama ihren Freund liebevoll an, der gerade pflichtbewusst seine Kollegen eingewiesen hatte und anschließend seinen kleinen Jungen fürsorglich in das Wärmebettchen gelegt hatte, das eine Kinderkrankenschwester nun zur Erstuntersuchung auf Station bringen sollte. Gabi schwankte verdächtig und hielt sich mit einer Hand am Türrahmen des Aufzuges fest. Ihre Beine fühlten sich immer noch wie Wackelpudding an und bevor Schwester Sabine reagieren und ihrer Freundin in das Patientenbett helfen konnte, das eine andere Kollegin gerade herangeschoben hatte, hatte Dr. Kaan schon hilfsbereit übernommen und hatte seine Liebste einfach hochgehoben und trug sie nun mit der Leichtigkeit eines überglücklichen Familienvaters an den staunenden Mitarbeitern vorbei, dem Inkubator folgend, über den Flur zu seiner Station. Gabi hätte nicht glücklicher sein können und schmiegte ihre Arme um den Hals ihres starken Herzprinzen, der ihr schmunzelnd seine stoppelige Backe an die Wange drückte.

Mehdi: Nichts da, ihr seid beide gleich wichtig.
Gabi (verliebt sich gleich ein Stückchen mehr in ihren Traummann): Du bist verrückt, Bärchen.
Mehdi: Ich bin verliebt. Und ich bin überglücklich. Das ist der Unterschied. Und ich hab dir doch versprochen, ich trage dich überall hin, falls es erforderlich sein sollte. Und mir ist nun mal gerade danach.
Gabi (küsst ihn liebevoll auf die Wange): Schmeichler! Aber ich bin auch sehr, sehr glücklich, Mehdi. Genauso hab ich es mir vorgestellt.
Mehdi (zwinkert ihr wissend zu u. verschwindet mit ihr am Ende des Gangs um die Ecke): Wirklich? Sag mal, was hast du da eigentlich an? Ist das nicht meiner?

Marc (sieht den beiden ungläubig hinterher, die von einer Karawane aus Kollegen begleitet werden, die dezent Abstand halten): Was für ein Angeber, ey.
Sabine (kommt nicht umhin zu schwärmen): Wie romantisch! Hach... Der starke Held, der seine Prinzessin...
Marc (dreht sich verwundert herum u. mustert die sentimentale Krankenschwester misstrauisch): Naja!?! Jetzt stehen Sie nicht so dämlich verklärt hier herum, machen Sie sich verdammt noch mal nützlich! Die Reisetasche da in Gretchens Zimmer. T minus fünf Sekunden.
Sabine (eilt pflichtbewusst an den Handwerkern vorbei in den Aufzug u. greift sich die Tasche, auf der noch Marcs dunkelblauer Mantel liegt, der eindeutige Spuren aufweist): Jawohl, Herr Doktor! Was ist mit Ihrer Jacke? Soll ich die in die Wäscherei geben?

Während sich die meisten sensationslustigen Kollegen mittlerweile wieder in ihre Arbeitsbereiche verzogen hatten, hatte Schwester Sabine die übrigen Sachen aus dem Aufzug geholt, welcher nun von den Haustechnikern vorerst außer Betrieb gestellt wurde, bis das Problem, das heute Abend für reichlich Aufregung gesorgt hatte, endgültig geklärt und beseitigt werden würde. Unschlüssig hielt die emsige Krankenschwester Marcs dunkelblauen Kurzmantel hoch, in dem eben noch ein kleines, niedliches, unschuldiges Baby eingewickelt gewesen war. Lächelnd nahm der Oberarzt das Kleidungsstück entgegen und dachte dabei an das, was soeben passiert war. Eine Idee schoss ihm spontan durch den Sinn und er reichte das Stück Stoff wieder Sabine, die ihren Vorgesetzten dafür verständnislos anschaute.

Marc: Nein, wenn Schwester Gabi wieder fit genug ist, soll sie sich drum kümmern.
Sabine: Aber Gabi hat doch gerade erst entbunden. Sie tritt so schnell ihren Dienst im Krankenhaus nicht wieder an.
Marc (lässt seine Grübchen amüsiert tanzen u. verliert sich in geheimnisvollen Phrasen): Ja, zum Glück für uns alle hier auf Station, aber so meine ich das auch gar nicht. Das gute Stück gehört ab heute ihrem Sohn. Er hat es eingeweiht oder wohl eher entweiht. Soll er damit machen, was er will. Falls es ihn irgendwann interessieren sollte, welches Chaos er an seinem ersten Lebenstag gestiftet hat. Vielleicht wird das Teil in fünfzehn Jahren ja auch wieder modern so wie der uralte, verwaschene und ausgeleierte XXL-Pulli seines Vaters, der heute hoffentlich seinen letzten Bärendienst erwiesen hat.
Sabine (hält sich die verschmutzte Jacke bewegt an ihr Herz): Oh! Das ist aber eine sehr nette Geste von Ihnen, Dr. Meier.

Gott, Meier, was ist eigentlich los mit dir? Der kleine Hosenpuper hat dir gerade ziemlich die Tour vermasselt und du schenkst ihm zum Dank auch noch was? Solltest du nicht schon längst ganz woanders sein? ... Scheiße, ja! Aber jetzt wirklich. Niemand kann mich mehr aufhalten. Okay, dafür sollte ich vielleicht zunächst die verrückte Hexe loswerden. Nicht dass sie noch mit ihrem Hokuspokus anfängt und den Zwillingen die Karten legen will.

Marc: Sabine, urteilen Sie nicht über Dinge, die Sie nichts angehen. Abmarsch, aber zz! Ziemlich zügig!
Sabine (tanzt aufgeregt an ihm vorbei, hält aber noch einmal kurz inne): Sehr wohl, Herr Doktor! Kommen Sie denn nicht mit zu der Frau Doktor? Sie freut sich bestimmt, Sie zu sehen, also, falls sie schon wieder wach ist. Pfleger Jochen bringt doch gleich die Kinder von der Untersuchung zurück.
Marc (dreht sich unschlüssig zu ihr um, blickt an sich herunter u. streicht sich frustriert aufseufzend über sein verklebtes M-Shirt, das ihn schon ein bisschen anekelt): Doch, doch, gleich! Ich... muss mich nur noch mal komplett neu einkleiden. Es ist echt abartig ekelig, was da alles rauskommt bei ner Geburt. Also, mal abgesehen von dem Kurzen. Aber der sah im ersten Moment auch eher aus wie ein Schleimpfropfen und nicht wie Mehdi.
Sabine (bietet arglos ihre Hilfe an): Soll ich...?
Marc (weicht schnell überfordert einen Schritt zurück, als ihre Hand verdächtig näher kommt): Nee, nee, das schaffe ich auch noch selber. Sie kümmern sich jetzt um Gretchen. Ach, und falls sie ihren wohl verdienten Dornröschenschlaf schon beendet haben sollte, dann halten Sie sich bitte zurück. Kein Wort über das, was hier drin gerade passiert ist. Ist das bei Ihnen angekommen?
Sabine (grinst verschwörerisch): Wollen Sie die Frau Doktor damit überraschen, Herr Doktor?
Marc: Hören Sie sofort auf, mir am Arbeitsplatz private Fragen zu stellen und tun Sie nur das, wofür Sie hier eingestellt worden sind! Sonst ist Ihr Dienstverhältnis so kurz nach Ihrer Elternzeit schneller wieder zu Ende, als Sie „Babyalarm“ murmeln können.

...verdeutlichte Dr. Meier noch ein weiteres Mal seinen Standpunkt, um sich seiner Position als Chef im Ring sicher zu sein, und seine Untergebene reagierte genauso, wie er es sich erhofft hatte. Treudoof nickte sie mit dem Kopf und drehte sich auf der Stelle um, griff nach der rosa verzierten Krankenhaustasche von Dr. Haase und watschelte damit in tapsigen Stolperschritt davon. Zufrieden schmunzelnd verfolgte er die treue Seele seiner Station noch mit seinen Blicken, bis sie am Ende des Flurs schließlich um die Ecke gebogen war, dann wandte auch er sich schließlich ab und schritt fröhlich pfeifend auf die blaugestrichene Tür der Umkleide zu, hinter der er keine Sekunde später auch verschwand.

Lorelei Offline

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30.12.2017 14:15
#1613 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kurz darauf öffnete sich nur ein paar Schritte entfernt ganz vorsichtig eine weitere, im typischen Elisabethkrankenhaus-Blau gestrichene Tür und auf leisen Sohlen schlich sich jemand in eines der privaten Patientenzimmer auf der gynäkologischen Station, das hinaus auf den See zeigte, in welchem sich die schmale Sichel des Neumondes romantisch spiegelte, der kurz vor seinem Untergehen die ruhige Wasseroberfläche sanft zu küssen versuchte. Und dieser Jemand war trotz der späten Stunde nicht alleine gekommen. Mit Bedacht schloss er die Tür hinter sich und tapste auf Zehenspitzen an das mit gelb-weiß gestreifter Bettwäsche bezogene Patientenbett heran, neben dem an der Fensterseite ein weiteres, jedoch viel, viel kleineres Bettchen stand, in dem zwei goldige Säuglinge brav vor sich hin schlummerten und ihn direkt wieder in ihren magischen Bann zogen. Der heimlicher Besucher konnte nicht widerstehen und ließ auch die letzten paar Meter noch hinter sich, um endlich wieder bei ihnen sein zu können, wobei er sich jedoch nicht mehr ganz so vorsichtig und leise anstellte wie noch kurz zuvor beim Hereinschleichen mit seinem Kompagnon. Prompt kam es, wie es kommen musste. Natürlich wurde der nachmitternächtliche Poltergeist inflagranti beim Herumspuken erwischt. Denn das Nachtlicht auf der anderen Seite des Bettes war überraschend eingeschaltet worden und hüllte den gemütlichen Raum nun in ein warmes orangegelbes Licht. Ertappt griente der Schatten der Nacht die hübsche Bettbewohnerin an, die sich müde über die Augen wischte und noch einen kleinen Moment brauchte, um sich in ihrem gerade erst bezogenen Zimmer zu orientieren.

Gretchen: Marc, da bist du ja endlich. Ich war vorhin schon mal kurz wach, aber da wart ihr noch nicht da. Ich muss gleich wieder eingeschlafen sein.
Marc (flüstert sanft u. lächelt die verschlafen dreinblickende Prinzessin verliebt an): Deinen Dornröschenschlaf hast du dir ja auch redlich verdient, Haasenzahn.
Gretchen: Stimmt!

...lächelte Gretchen noch ganz verträumt und blickte instinktiv rüber zum Bettchen ihrer Kinder, deren Nähe sie prompt auch suchte. Sie legte ihre Hand sanft über den Bauch des kleinen Mädchens, das durch das Flüstern ihrer Eltern auch ein bisschen munter geworden war und mit ihrem Strampeln ihren großen Bruder auf den Plan rief, der müde seine Ärmchen in die Luft streckte, um sie gleich wieder sanft neben sich zu betten und mit seiner kleinen Schwester Händchen zu halten, die daraufhin sofort wieder ruhiger geworden war. Die frisch gebackene Mama war einmal mehr hin und weg von diesem zauberhaften Anblick, sodass sie nicht gleich mitbekam, dass etwas Entscheidendes an ihrem Traumprinzen nicht stimmte. Betont lässig lehnte Marc an der Fensterbank, beobachtete ebenso hingerissen seine beiden Zappelphilippe in ihrem Babybettchen und wartete gespannt auf eine Reaktion von Haasenzahn, die nun endlich richtig zu ihm rübersah. Etwas verdutzt kräuselte sie ihr süßes Näschen, als sie sein seltsames Outfit registrierte, wunderte sich aber nicht weiter darüber. In einem Krankenhaus war dieser Anblick schließlich nichts Ungewöhnliches. Aber dann stellte sie irritiert fest, nachdem sich der attraktive Herr Doktor leicht in ihre Richtung gedreht hatte, dass er etwas kleines Bewegliches in seinen Armen hielt und ihr blieb im ersten Moment, als sie ungläubig identifiziert hatte, was es war, vor lauter Sprachlosigkeit die Spucke weg.

Gretchen: Marc, wieso hast du eigentlich deinen himmelblauen OP-Kasack an? Hat man dich noch zu einem Notfall gerufen? Kommst du deshalb erst so spät?
Marc (lacht sich in das kleine Fäustchen, das er nun nicht mehr länger verbergen kann, da es nervig in seinem Gesicht herumzutatschen versucht): Quasi! Aber eigentlich liegt es daran, dass ich in diesem Saftladen von Krankenhaus aus sehr nahe liegenden Gründen nichts Sauberes mehr zum Anziehen hatte.
Gretchen: Wieso? Was...? Wie...? Aber... aber... das ist doch...

...stammelte die junge Dame völlig verwirrt und blickte immer wieder zum Babybettchen rüber, um noch einmal genau durchzuzählen. Gretchen kam jedoch immer wieder zu dem gleichen Ergebnis. Hier stimmte etwas nicht. Marc hielt nämlich noch ein weiteres Kind im Arm, das fröhlich seine kleinen Ärmchen in die Höhe reckte und immer wieder in Marcs Grinsegesicht zu greifen versuchte, was dieser hartnäckig bemüht war, zu verhindern. Wie war das möglich, fragte sich die verdutzte Ärztin berechtigterweise und stellte ihren Freund, der sich sichtlich unbeeindruckt gab, unvermittelt zur Rede.

Gretchen: Marc, wer ist das?
Marc (gibt sich betont unbeeindruckt, als er den kleinen Menschen in seinen Armen noch einmal genauer betrachtet): Das ist per Definition ein Neugeborenes. Keine Stunde alt. Männlich, aufgeweckt, irgendwie mondsüchtig und sehr, sehr anhänglich.
Ganz der Papa! Zum Glück!
Gretchen (schüttelt unwirsch den Kopf, um sich zu sortieren, denn sie kommt gerade gar nicht mehr mit): Was... was ist das für ein Baby? Jochen hat unsere zwei Süßen doch schon vorbeigebracht. Du hast doch eben nach ihnen gesehen, als ich aufgewacht bin.
Marc (tauscht vielsagende Blicke mit dem kleinen Jungen aus, der sich ruhig u. entspannt an seine Brust schmiegt u. erfolgreich, ohne zu zetern, mitspielt): Jep, haben wir.
Gretchen (sucht dringend nach einer Erklärung u. erklärt es sich selbst): Hast du ihn einfach mitgenommen? Aber... Du hast dich doch nicht etwa im Säuglingszimmer geirrt? Ich meine, das kann ja mal passieren. Das alles ist neu für uns, ja, und viele Babys sehen sich nun mal sehr, sehr ähnlich, aber trotzdem geht so was doch nicht. Seine Eltern vermissen ihn bestimmt schon. Marc, du kannst doch nicht einfach so ein fremdes Baby mitnehmen.
So, so! Ist ja wirklich interessant, was Haasenzahn dir alles zutraut.
Marc (legt beschützend seine Hand über das Köpfchen des Babys, das gerade an seiner Brust eingenickt ist): Hab ich nicht. Ich hab ihn nur vor der Oberschwester beschützt, die ihn sich in einem unbeobachteten Moment krallen wollte. Und seit der Sache mit Anton damals geht da mit mir eben mein Beschützerinstinkt durch.
Gretchen (völlig perplex u. überfordert starrt sie ihn an): Ach? Den hast du?
Marc: Hey! Ganz dünnes Eis, Haasenzahn, ganz dünnes Eis! Und wer sagt denn überhaupt, dass es ein fremdes Kind ist, hm?

...gab sich Marc trotz der begründeten Einwände seiner mehr als skeptischen Freundin auch weiterhin betont geheimnisvoll und zog die elefantenblaue Babydecke zurecht, damit sein kleiner Freund es auch weiterhin angenehm warm hatte. Insgeheim konnte er sich aber kaum noch beherrschen, denn er konnte förmlich in Gretchens Gesicht ihre Gedankengänge lesen und die waren allesamt einfach nur zum Schießen. Leider spürte aber auch der junge Mann in seinen Armen die gesteigerte innere Unruhe seines Beschützers, die sich durch das unkontrollierte Zucken seines Zwerchfells bemerkbar machte, und wachte prompt aus seinem Sekundenschläfchen wieder auf und guckte ihn nun mit großen Kaanschen Kulleraugen an. Ein faszinierender Anblick, in den man sich unweigerlich verlieben musste. Deshalb hielt sich Marc auch nicht mehr länger zurück, seiner verdutzten Süßen den kleinen Kerl mit den hypnotischen dunklen Augen nun endlich auch richtig vorzustellen. Dafür legte er den Säugling einfach zu Gretchen aufs Bett, die ihn nun ganz genau betrachten konnte, aber immer noch nicht verstand, was das alles zu bedeuten hatte.

Gretchen: Wie meinst du das?
Marc (grient sie vielsagend an): Du wolltest doch den Grund meiner Verspätung wissen.
Gretchen (betrachtet fasziniert das kleine Baby, das ungewöhnlich vertraut mit Marc scheint): Ja, und?
Gott, ich liebe diese Frau. Wie kann man nur so lange so hartnäckig auf der Leitung stehen? Faszinierend! Richtig faszinierend und sehr, sehr süß!
Marc (grinst verschwörerisch): Da ist er. Live und in Farbe und sehr quirlig und vor allem rasant. Ein echter Blitzstarter.
Gretchen (versteht nun gar nichts mehr): Ja?
Marc (holt betont geheimnisvoll immer weiter aus): Nun ja, es gab da ein Aufeinandertreffen, das, sagen wir mal so, ziemlich erschütternd war oder wohl besser gesagt eher nicht, denn anstatt uns wie gehabt durchzuschütteln, hat es alles zum Stillstand gebracht. Es hat auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinterlassen und wir haben uns dabei angefreundet, quasi verquatscht, was auch irgendwie in der Familie liegt. Kennste ja.
Gretchen (wirkt merklich überfordert von Marcs sonderbarer Geheimniskrämerei): Marc, ich bin furchtbar müde. Ich habe einen verdammt langen Tag hinter mir. Vermutlich den längsten meines Lebens. Die Entbindung ist noch nicht mal zwei Stunden her. Ich bin nicht in der Verfassung, jetzt irgendwelche Rätsel zu lösen. Erzähl es mir von mir aus morgen. Aber du musst das Baby jetzt zurückbringen, bevor es vermisst wird. Oder wird es das vielleicht schon? Marc, du riskierst deine Approbation, wenn du erwischt wirst.
Marc (lacht): Nicht? Schade! Dabei ist es doch eines der faszinierendsten Rätsel der Welt. Aber wer nicht will, der hat schon. Vielleicht seid ihr ja besser im Rätsel lösen, hm? Euren wachen Verstand sieht man euch nämlich so richtig an. Mhm, die guten Gene, was.

...wandte sich Marc nun schmunzelnd seinen beiden ihn andächtig lauschenden Zwillingen zu, die prompt Gesellschaft bekamen. Eigentlich erstaunlich, wie viel Platz so ein gemütliches Zwillingsbettchen doch hatte, stellte der stolze Neupapa zufrieden fest, während er den kleinen Mann neben seine Händchen haltenden Kinder legte, zwischen die kein Blatt Papier mehr passte. Aber zumindest lag die junge Dame jetzt in der Mitte, wie es sich der Höflichkeit nach auch gehörte, und die Drei hatten anscheinend keine Probleme damit, sich miteinander bekannt zu machen. Gretchen Haase hatte da mehr Schwierigkeiten mit, wobei sie jetzt bei näherer Betrachtung doch gewisse Ähnlichkeiten entdeckte, die noch mehr Fragen aufwarfen. Verwundert schaute sie zu Marc hoch, der seinen verträumt verliebten Blick nicht von dem großen Wunder lösen konnte.

Gretchen: Marc, was machst du denn da? Das geht doch nicht!
Marc (streift sich bewegt über sein klopfendes Herz, als er sich grinsend wieder zu seiner verpeilt dreinblickenden Prinzessin umdreht): Doch, das geht. Sieht man doch, oder? Schon sind sie befreundet.
Gretchen (spürt verwundert, dass er es tatsächlich ernst meint, u. bemerkt überrascht noch etwas, das ihr Interesse lockt u. sie plötzlich mit offenem Mund innehalten lässt): Sag mal, findest du nicht auch, dass das Baby ein bisschen wie... Nein, oder?
Mehdi! Kann das wirklich sein? Oh mein Gott! Oh mein Gott!
Jep! Kann es! Wenn du wüsstest... Es ist so verrückt und schön.

Marc (hört erleichtert endlich das Anknipsen des Lämpchens über Gretchens süßem Lockenköpfchen u. schreitet zur Tat): Oh Gott, wie unhöflich von mir. Ich hab ganz vergessen, euch einander vorzustellen. Wie konnte das denn passieren? Ach ja, ich musste mir erst einen Anschiss erster Güte von eurer Mama und deiner Patentante anhören. Aber hey, der gilt meistens mir, also keine Sorge! Ich krieg’s immer zuerst ab.
Gretchen: Marc!

Gretchen fühlte sich schon wieder von ihm verhohnepiepelt und funkelte den dreisten Frechdachs dafür ziemlich eingeschnappt an. Wie konnte er in einer so ernsten Angelegenheit nur so unverschämt sein? Ach, ja, das lag wohl in seiner Natur. Genauso wie sein freches Grübchengrinsen, seine entwaffnende Geheimwaffe, gegen die sie schon zu Schulzeiten völlig machtlos gewesen war. Moment! Hatte er gerade „Patentante“ gesagt? Als hätte Marc ihre Gedanken gelesen, zwinkerte er Gretchen bestätigend zu und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Dann zog er das Babybettchen noch ein Stückchen näher heran, um anschließend mit ausgestrecktem Arm von einer kleinen Persönlichkeit zur anderen und wieder zurück zu zeigen, und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd, das einen Extralöffel Honig abgestaubt hatte. Er konnte gar nicht anders. So unglaublich stolz war er. Auf sich. Auf die Kleinen. Auf das Schicksal. Auf Mehdi. Sogar ein bisschen auf Gabi. Zumal Gretchens sich im Sekundentakt wandelndes Gesicht für ihn ein unvergesslich zauberhafter Anblick war, als sie endlich geschnallt hatte, was er ihr die ganze Zeit auf seine ganz spezielle Weise nicht anders zu sagen vermocht hatte, weil die Neuigkeit einfach so wahnsinnig toll und unglaublich erschien, wenn man nicht selber dabei gewesen war.

Marc: Darf ich vorstellen, ihr Zwerge, die ihr es so unfassbar eilig gehabt habt, dass ich erst jetzt so richtig begriffen habe, wieso ihr diesen unkonventionellen anstatt den bequemeren Weg gegangen seid. Mhm... für diesen Moment. Dieses besondere Kennenlernen. Ihr wolltet keinen Tag verpassen. Verständlich. Ich auch nicht. Sie hier bestimmt auch nicht. Oder, Haasenzahn? Also, Lenny, mein Freund, das hier neben dir ist meine Marlene. Marlene, das ist Lenny. Lenny, Marlon. Marlon, Lenny. Marlon, Marlene. Lenchen, Mar... Ach nee, Quatsch, ihr kennt euch ja schon ein bisschen länger, ne.
Gretchen (ist völlig überwältigt u. baff u. hält sich die Hand vor ihren halb geöffneten Mund): Aber... aber wie... wie ist das möglich?
Marc: Muss ich dir als begnadeter Medizinerin das wirklich erklären? Das mit den Bienchen und Blümchen? Wobei Gabi ja wohl eher eine Distel ist und Mehdi, naja, er war auf einer Walldorfschule und hat Bäume umarmt. Seine Mutter lehrt da immer noch. Das erklärt vieles, aber nicht alles.

...konnte sich Marc eine weitere kleine Spitze nicht verkneifen und zog seine süße Herzprinzessin ungeniert auf, die gerade herrlich verdutzt aus der Wäsche schaute, und ergötzte sich an ihrem völlig verpeilten und zum Knutschen hinreißenden Anblick. Ungläubig schaute Gretchen zwischen dem Babybettchen und seinen Bewohnern und Marc immer wieder hin und her, bis sie schließlich an dem niedlichen Babygesicht hängen blieb, das neugierig seine beiden neuen Freunde betrachtete, die ihm ebenso aufgeschlossen begegneten. Und endlich platzte es aus ihr heraus und Marcs Freundin ließ ihren Freudentränen freien Lauf.

Gretchen: Unbedingt, Marc! Ich will alles wissen. Bis ins Detail.
Marc (verzieht leicht sein Gesicht): Dachte ich mir. Wobei manche Details echt eklig waren und damit ziele ich nicht allein auf Gabi, deren Hysterielevel im nicht mehr messbaren und damit klinisch bedenklichen Bereich gelegen hat.

..griente Marc seine neugierige Herzangebetete vielsagend an, drückte ihr einen dicken Schmatzer auf die ungläubig geöffneten Lippen und kletterte dann über sie hinweg auf die andere Bettseite, wo er endlich seine erschöpften Glieder ausstrecken konnte. Er würde es niemals vor irgendwem zugeben und schon gar nicht vor Haasenzahn, aber er war wirklich fertig mit der Welt, mit sich, mit allem. Gefühlt hatte er den längsten Tag seines Lebens hinter sich und er war nicht sicher, ob nicht doch noch irgendwo ein neuer Bogen gespannt werden würde, um den Filmstreifen weiter zu vervollkommnen. Mit dem Berg aus Eindrücken, die er allein heute Abend gesammelt hatte, könnte er sämtliche Bücherregale seiner Mutter füllen. Und so hinreißend gespannt, wie Gretchen gerade guckte, würde sie diese sogar auf der Stelle abonnieren und in ihrer gemeinsamen Wohnung aufstellen wollen. Lieber nicht!

Marc: Ich schwör’s dir, Haasenzahn. Ich werde nie wieder freiwillig auch nur einen Fuß in einen Fahrstuhl setzen. Ich werde ab sofort nur noch die Treppen nehmen. Ist auch besser für die Pumpe und die Fitness und überhaupt aus diversen sicherheitsrelevanten Gründen. Und falls es sich doch mal nicht vermeiden lassen sollte, wegen einem Notfall oder einer spannenden OP und so, die sich nicht aufschieben lässt, dann warte ich zumindest bis auf den nächsten, falls er bereits von schwangeren Hyänen okkupiert sein sollte, die drohen, einen aufzufressen, wenn man nicht mitspielen will. Glaub mir, ich wollte das nicht.
Gretchen (Marc hat ihr vollstes Mitgefühl, auch wenn sie noch nicht ganz versteht, was er ihr damit sagen möchte): So schlimm?
Marc (seufzt schwerfällig u. schließt die Augen, woraufhin prompt ein altbekannter Film wieder abgespielt wird): Schlimmer! Und dass ich mit der Oberzicke des Krankenhauses garantiert niemals wieder auch nur irgendein Transportmittel teilen werde, das ist sowieso glasklar. Ich mache nur für ihn hier vielleicht eine Ausnahme. Schließlich ist er das einzig Gute an dem Horrortrip, den ich gerade hinter mir habe. Für seine Mutter kann er ja nichts, für seinen Vater schon. Ich meine, es hätte ja sonst was passieren können, wenn Mehdi nicht irgendwann die Scheißtüren aufgestemmt hätte. Gabi hätte vielleicht noch ihre Brüste rausgeholt. Dabei habe ich heute schon mehr gesehen, als ich jemals wieder hätte sehen wollen. Scheiß-Drecksaufzug, echt! Eine Geisterbahn ist nichts dagegen. Da gehört ein Sperrschild hin. Ach, ja, jetzt klebt ja eins dran. Zu spät! Diese Flitzpiepen, ey! Hoffentlich muss ich mich mit denen nicht noch mal rumschlagen. Das war schon beim letzten Mal eine totale Nullnummer. Sonst wäre das heute auch nicht passiert.
Gretchen (zählt so langsam eins u. eins zusammen, während sie liebevoll seine Hand tätschelt, um ihn zu beruhigen): Moment! Ich höre hier immer nur Fahrstuhl. Bist du...? Seid ihr etwa...? Nein? Schon wieder? Das gibt’s doch nicht!

Oh, nein, mein armer Schatz! Er hat die ganze Zeit im Aufzug festgesteckt, während ich alles verschlafen habe.

Marc (guckt betont leidend, um Mitgefühl u. Zärtlichkeiten zu erhaschen): Jep! Was denkst du, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass einem das zweimal bzw. sogar dreimal passiert, wenn man die dicke Tasse vom letzten Jahr dazu nimmt?
Gretchen (schmiegt sich tröstend an seine Seite u. hält ihren Helden ganz dolle fest): Ähnlich groß wie im Lotto zu gewinnen? Oder gleichzeitig mit seinen Freundinnen schwanger zu sein?
Marc (runzelt nach diesem verwirrenden Haasschen Gedankengang irritiert die Stirn): Seit wann bist du denn mit Mehdis schlechterer Hälfte befreundet, hm?
Gretchen (grient ihn wissend an): Na, du ja wohl, seitdem unsere Kinder sich angefreundet haben. Da entsteht gerade ein besonderes Band, das du geknüpft hast, Marc.

Bitte? Wieso noch mal hab ich den Kleinen hierher geschleppt? Er sollte seine Patentante kennenlernen. Weiter hab ich nicht gedacht. Hätte ich besser mal. Wie komme ich da bloß wieder raus? Hilfe! Hätte Mehdi nicht einfach nur mal Spaß haben können wie jeder normalsterbliche Mann, der auf die Vierzig zugeht? Nein, er muss ja immer gleich eine Familie gründen, der Dorfdepp, ey.

Marc (eine Augenbraue hüpft empört in die Höhe): Auf irgendeine schräge Art und Weise miteinander quitt zu sein, schließt Freundschaftsverträge nicht unbedingt ein.
Gretchen (wirft diesen Spielball gekonnt zurück, denn sie spürt ganz deutlich, dass sich etwas verändert hat): Sie schließen sie aber auch nicht konsequent aus, oder?
Marc (verdreht die Augen u. richtet sich am Kopfende des Bettes wieder auf): Herrgott noch mal, Frauen, die gerade entbunden haben, können echt anstrengend sein. Ich dachte, danach seid ihr endlich mal zufrieden und handzahm?
Gretchen: Sind wir doch auch? Ich bin sogar mehr als zufrieden. Schau mal! Sie sind alle drei eingeschlafen. Süß, nicht? Das war wirklich eine sehr liebe Idee von dir, Marc, ihn herzubringen. Danke!

Gretchen konnte ihren Blick nicht von den süßen drei Zwergen lösen, die Wange an Wange nebeneinander lagen und selig schliefen. So sehr berührten sie sie. Und auch Marc konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen, als er sich von hinten gegen seine Traumfrau lehnte und seinen Kopf auf ihrer Schulter bettete, um besser in das Kinderbettchen schauen zu können.

Marc: Muss an den Genen liegen. Die Kaans sind aber auch echte Schlaftabletten. Wir sollten immer ein Rezept dabei haben, falls es mal nötig sein sollte. Hilft bei vollen Windeln, leeren Mägen, Blähungen und bei stecken gebliebenen Aufzügen.
Gretchen (stupst den Sprücheklopfer tadelnd mit dem Ellenbogen an, schmunzelt aber auch): Hey! Gar nicht!
Marc (grinst u. klebt mit seinen stolzen Blicken an den Dreien): Okay, ja, er ist ganz okay. Mit dem Namen muss man das ja auch grundsätzlich sein. Hätte ich Mehdi gar nicht zugetraut.
Gretchen (ist richtig hingerissen von dem niedlichen Bild der Drei u. zeigt das auch überdeutlich): Lillys Werk. Hast du ihre Namensliste denn nicht gesehen, die an der Pinnwand über ihrem Schreibtisch klebt? Je näher der Termin gerückt ist, umso konkreter wurde sie. Gabi und unsere Lillymaus waren ja eigentlich sehr darauf erpicht, dass es ein Mädchen wird. Dementsprechend lang war auch ihre Favoritenliste, aber, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, hat sich die süße Maus auch noch ausgiebig mit der Jungsthematik befasst.
Marc (hebt skeptisch seine Augenbrauen): Zumindest nicht auf die Weise, die Mehdi graue Haare beschert. Hoffe ich? Grau steht ihm nicht.

Armer Kerl, ey! Gabi ist schon schwer zu ertragen. Wenn dann noch ein Teeny dazukommt, dann sucht er hoffentlich nicht bei mir Zuflucht.

Gretchen (kichert u. gerät immer mehr ins Schwärmen): Nein, natürlich nicht. Sie wird ja auch erst zehn in wenigen Wochen. Also, ich finde den Namen, den sie alle zusammen ausgesucht haben, richtig, richtig schön. Richtig cool sogar, findest du nicht? Mindestens so toll wie unsere beiden. Marlene und Marlon Meier. Hihi!
Marc (zieht die Strahleprinzessin zurück in seine Arme u. lehnt sich mit ihr verschmust ans Kopfende des Bettes, um ein bisschen gemeinsam zu schwelgen): Auf jeden! Aber noch können wir sie ändern, falls ich dir zu übergriffig gewesen sein sollte. Mehdi ist mit dem Papierkram bestimmt noch nicht durch und wird ab heute garantiert keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Und die Behörden sind am Wochenende eh geschlossen. Seit unserem Trip an die Ostsee haben wir nicht noch mal darüber gequatscht. Aber ich wollte nicht warten. Und sie ohne Identitätsausweis in diesem Irrenhaus von Krankenhaus irgendwo hinschicken, wollte ich auch nicht.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. zeigt sich endlos begeistert): Nein, sie passen. Und wie! Besser als ich gedacht hätte, als wir unsere kleinen Zettelchen geschrieben haben. Du hast alles richtig gemacht, mein Schatz.
Marc (zwinkert ihr lächelnd zu u drückt ihr einen kleinen Kuss auf die gespitzten Lippen): Ich hab mich nur an deine Vorgaben gehalten. Ausnahmsweise. Für diesen einen besonderen Fall. Also gewöhne dich nicht daran. Jedenfalls hattest du vollkommen Recht. Wenn wir sie sehen, wissen wir’s. Ich wusste es sofort. Ich musste nicht mal spicken. Und es passt wirklich. Es fühlt sich richtig gut an. Dein Bruder hat übrigens auch sein offizielles Okay gegeben.

Ist er nicht süß, wie er vor Stolz fast schon platzt und ganz in seiner neuen Aufgabe aufgeht? Genau darauf hab ich mich auch gefreut. Ich werde seinen Blick im Kreißsaal nie vergessen.

Gretchen (schmiegt sich verliebt in seine Arme): Echt? Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich mich das macht.
Marc (strahlt mit ihr mit, während er die schlafenden Kleinen nicht eine Sekunde aus den Augen lässt): Geht mir genauso. Das alles ist immer noch so unwirklich. Aber dann sehe ich sie an und weiß, wir haben alles richtig gemacht. Mal abgesehen von den Startschwierigkeiten, die... naja, egal! Sie sind da, Mann! Sie sind wirklich da. Wahnsinn, nicht? Ich würde sie am liebsten aus ihrem Bettchen holen und durch die Luft wirbeln. Gleichzeitig hab ich viel zu viel Schiss, was passiert, wenn ich sie aus Versehen wach mache. Ich hab die Gebrauchsanweisung noch nicht vollständig gelesen. Und sie sehen gerade so brav und süß aus. Meinst du das bleibt?
Gretchen (stimmt dem bärenstolzen Daddy kopfnickend zu u. wischt sich verstohlen ein kleines Glückstränchen aus dem Augenwinkel): Ich kann das auch noch gar nicht richtig fassen. Vorhin standen wir noch auf dem Balkon und haben Sternschnuppen und Feuerwerk geguckt und jetzt liegen unsere Wundersterne schon direkt neben uns. Genauso wie wir es uns gewünscht haben, gesund und munter, oder jetzt wohl eher schlafend, was wir besser belassen sollten, so gern ich sie jetzt in meine Arme schließen würde, weil es für sie auch eine sehr aufregende Nacht gewesen ist.
Marc (lächelt u. ist beseelt): Nicht nur für sie.
Gretchen (blickt dem sichtlich bewegten Familienvater ganz gerührt in die Augen): Stimmt! Du hast ein Kind auf die Welt gebracht, Marc. Ich bin so unendlich stolz auf dich.

Ich nicht. Ich hätte gerne darauf verzichten wollen, weil ich dann eher hätte hier sein können. Obwohl, jetzt, wenn ich ihn so ansehe, dann ist Lenny schon ein süßes Kerlchen. Hab ich gerade das böse S-Wort gedacht? Oh Gott! Der Virus greift um sich. Niemand ist mehr sicher.

Marc (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab, obwohl innerlich immer noch ein gewaltiger Gefühlssturm tobt): Ach was, Kinkerlitzchen! Du hast zwei auf einen Streich auf die Welt gebracht. Du schlägst mich um Längen. In jeglicher Hinsicht.
Gretchen (stupst ihn mit der Schulter an u. schaut ihm voller Stolz ins Gesicht): Krieg ich das auch schriftlich?
Marc (funkelt sie für den Spruch gefährlich an, kann sich aber ein ansteckendes Schmunzeln auch nicht verkneifen): Hey, nur den kleinen Finger, nicht gleich die ganze Hand! Klar? Apropos Hand, die tut immer noch verdammt weh von deiner zupackenden Art, Frau Dr. Haase. Ich glaube, du musst mir noch ein Attest ausstellen.
Gretchen (lacht herzhaft auf, hält sich dann aber schnell vor Schreck den Mund zu, weil sie die Kinder nicht wecken will): Und was soll ich da draufschreiben?
Marc (gespielt überlegend hebt er schließlich seine schmerzgeplagte Hand): Hm... Mindestens ein Kuss jedes Mal, wenn die hier ein bisschen zwickt. Tut sie übrigens jetzt gerade. Ganz, ganz schlimm. Weißt du, der Schmerz hallt nach. Wer weiß, ob ich damit je wieder operieren kann.
Gretchen (versucht angestrengt, ihr Kichern während des hingehauchten Kusses zu unterdrücken): Ach? Und wie rechnen wir das mit der KV ab?
Marc (hält dem frechen Früchtchen seinen Oberlehrerzeigefinger vor die Nase): Vorsicht, Fräulein! Ich kann auch anders.
Gretchen (himmelt ihn an): Ich weiß. Das hast du vorhin eindrucksvoll bewiesen. Ich wäre gerne dabei gewesen.
Marc (wiegelt lässig ab u. schielt zu den kleinen Schlafmützen rüber): Ach, komm, das meiste hat er alleine geschafft, der kleine Spitzensportler. Das wiederum kann er nicht von seinem Dad haben.
Gretchen (kichert, wird aber im nächsten Moment wieder etwas ernster): Nicht so bescheiden, Herr Doktor! Du hast das hervorragend gemeistert. Trotz der Umstände. Du warst nicht nur mir eine tolle Stütze. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Nicht nur, weil es Gabi betrifft und wir alle eine sehr spezielle Vergangenheit miteinander haben, die wir jedoch längst hinter uns gelassen haben.
Marc (seufzt): Fast! Nicht sauer werden, ich war gezwungen, ihr noch mal unter den nicht vorhandenen Rock zu gucken. Ich war quasi gefesselt und geknebelt. Wobei, die Hände hatte ich schon frei. Ich musste ja den Kleinen auffangen. Er hatte es nämlich ziemlich eilig auf der Rutsche. Und ich hatte Muffensausen hoch zehn. Das kannste mir glauben.
Gretchen (schmachtet ihren persönlichen Helden ungeniert an u. streift ihm liebevoll durch sein zerzaustes Haar): Du bist trotzdem mein Held.
Marc (lächelt verliebt u. genießt ihre Zärtlichkeiten sehr): Und du meine Heldin. Du warst unfassbar tapfer. Eine Zwillingsgeburt auf natürlichem Wege durchzustehen, ist nicht jederfraus Sache.
Gretchen (schaut ihm tief bewegt in die Augen, die sie intensiv fixiert halten): Ich weiß. Ich glaube, die Hälfte der Strapazen hab ich schon wieder vergessen. Aber nicht, dass du mir geholfen hast. Danke noch mal! Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.
Marc: Das hat die Natur zum Glück so eingerichtet. Brauchst du trotzdem noch was? Dein Tropf ist mittlerweile durchgelaufen.

Nachdem er seiner großen Liebe einen weiteren gefühlvollen Kuss auf die Lippen gehaucht hatte, deutete Dr. Meier auf den Ständer mit dem Tropf neben dem Bett, der leer gelaufen war. Aber Gretchen schüttelte nur den Kopf und löste die lästige Kanüle von ihrem Handrücken, damit sie sich besser in Marcs Arme schmiegen und sich nicht weiter in den dünnen Schläuchen verheddern konnte.

Gretchen (lächelt u. guckt glücklich rüber zum Babybettchen): Es ist alles in Ordnung, Marc. Ich hab nur den schlimmsten Muskelkater meines Lebens. Der vergeht irgendwann. Das hier aber bleibt für immer.
Marc (folgt ihrem herzlichen Blick zu den schlafenden Kleinen): Mhm... Wie poetisch! Ich muss Mehdi mal fragen, was er dir da alles reingemischt hat.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge raus): Neben ganz viel Liebe, Kochsalzlösung, ein paar Elektrolyte, Mineralstoffe, ein leichtes, rein natürliches Schmerzmittel. Alles, was Frau so braucht an einem Abend wie diesem. Er hat mir sogar seinen ganzen Schokivorrat gespendet, falls in der Nacht der große Hunger kommen sollte. Ich hab schließlich seit der Party nichts mehr gegessen.
Marc (schüttelt schmunzelnd den Kopf, als Gretchens Hand zum Nachtschränkchen deutet): Mhm... Ein echter Romantiker.
Gretchen (grient ihn vergnügt an): Damit kennst du dich ja auch am besten aus, nicht?
Marc (beugt sich verheißungsvoll zu der Provokateurin heran): Stimmt! Kostprobe gefällig?
Gretchen (als er sie wild abzuknutschen versucht, schiebt sie ihn sanft, aber bestimmt zur Seite): Maaaarc! Niiicht hiiier!
Marc (gibt sich völlig unschuldig u. will einen weiteren Versuch starten): Was denn? Sag bloß, du schämst dich vor den Zwergen? Wir machen doch die ganze Zeit nichts anderes. Auch schon, als sie noch deine Eigentumswohnung okkupiert haben. Und ihm hier wird’s egal sein. Der ist noch völlig platt von seinem Weltrekord.
Gretchen (versucht, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen u. blickt sich verunsichert um): Nein, aber... Musst du ihn nicht zurückbringen? Was ist denn mit Gabi?
Marc: Pennt.
Gretchen (staunt): Und Mehdi?
Marc (grinst, als er an das Bild zurückdenkt, das er vorhin durch das Patientenzimmerfenster beobachtet hat): Schlummert wie ein dickes Baby direkt daneben. Der ist völlig fertig.
Gretchen (kann das nachvollziehen): Er hat ja auch eine Wahnsinnsschicht hinter sich. Mit der Krönung am Ende.
Marc (lacht): Kannst du ihm ja kitschig in sein Zeugnis schreiben. Sie sind im Zimmer direkt nebenan.
Gretchen (gespielt überlegend): Mach ich vielleicht. Aber du solltest Lenny jetzt wirklich rüberbringen. Wenn sie aufwachen und er ist nicht da, das ist nicht in Ordnung. Ich würde das auch nicht wollen.
Marc (schielt vergewissernd zum Fenster neben der Tür, das auf den Flur zeigt): Geht nicht. Noch treibt die Oberschwester hier auf Station ihr Unwesen. Aber so lange wird ihr mitternächtlicher Kontrollgang auf der Drei schon nicht dauern. Dann ist die nächste Etage dran. Und zu uns traut sie sich eh nicht rein.
Gretchen (schaut ihm forschend in das verschmitzt grinsende Gesicht): Du hast ihn ihr wirklich stibitzt?
Marc (grinst sie an u. verdreht anschließend die Augen): Nicht direkt. Sabine hat sich verquatscht. Es ist ja auch nicht gerade unauffällig, wenn man den Bewachungsposten direkt zwischen unseren beiden Türen platziert. Natürlich fällt das auf und Stefanie, die wird sonderbar, wenn sie... naja, nicht der Rede wert. Wenn sie jetzt ihre Uhr auf fünf vor zwölf ticken hört, dann hätte sie mit Fuchs eben auch mal nachlegen müssen, anstatt sich ständig zu beschweren, dass sämtliche Kolleginnen im gebärfähigem Alter gleichzeitig in Mutterschutz gegangen sind. Obwohl... Besser nicht! Die Welt hat schon genug Probleme.
Gretchen (kuschelt sich schmachtend an seine Seite): Mein Held.
Marc (beugt sich augenzwinkernd über sie): Mhm, das ist die richtige Einstellung, Fräulein Haase.
Gretchen (schaut ihn aus strahlenden Augen an, sodass er nicht länger widerstehen kann): Gerne.
Marc (küsst sie sanft, bis ihm plötzlich ein Gedanke kommt): Da fällt mir ein. Wo wir gerade so nett beieinander sind. Ich hab da noch was für dich. Nichts Besonderes. Es ist nur ein bisschen untergegangen, nachdem du die Krötenparty gesprengt hast und wir hier die Sternschnuppen am Himmel stehen lassen mussten.
Gretchen (ihre Wangen fangen augenblicklich an zu glühen): Meinst du, das haben wir? Ich meine, Sarahs Fest gesprengt?
Marc (lacht): Quatsch! Wenn schon, dann hat der Drecksack es noch selber vermasselt. Du kennst ja sein Talent dafür. Anstatt immer gleich groß zu denken, sollte er mal ein bisschen tiefer stapeln. Ich meine was anderes. Etwas, das nur uns beide betrifft.

...gab sich Marc ganz besonders geheimnisvoll, als er sich mit einem Mal umdrehte und überraschend ein kleines quadratisches Samtkästchen aus einer Seitentasche seines hellblauen OP-Kittels hervorzauberte. Gretchens strahlendblaue Augen weiteten sich ungläubig, als er es ihr schließlich mit einem verschmitzten Lächeln betont beiläufig hinhielt. Mit zittrigen Fingern nahm die staunende Chirurgin Marcs Geschenk entgegen. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, geschweige denn, wie sie hätte entsprechend reagieren sollen. Denn mit so etwas hatte die frisch gebackene Mama nun wirklich nicht gerechnet. Nicht jetzt. Nicht hier. Eigentlich überhaupt nicht. Nicht, seitdem sie sich während eines stillen Moments auf Bines Hochzeit im Heu einmal mehr gegenseitig ihre Liebe geschworen hatten. Dementsprechend brachte Gretchen nur ein schlichtes „Marc“ herausgestammelt, welches ihr absolutes Erstaunen symbolisierte, während ihre zitternden Finger den rosaroten Glitzerstein ihres Kaugummiautomatenringes nervös umklammert hielten, den sie momentan an einer roségoldenen Kette um ihren Hals trug.

Und Gretchens Freund, der seine Herzdame ganz gespannt dabei beobachtet hatte, wie sie das dunkelblaue Kästchen von allen Seiten skeptisch beäugt hatte, ohne es zu öffnen, ahnte, was für ein Film sich gerade in ihrem süßen Köpfchen abspielte, und er wusste nicht, ob er nicht vielleicht doch den falschen Zeitpunkt hierfür gewählt hatte. Aber wenn er es noch weiter hinauszögern würde, würde es vielleicht niemals passieren. Denn seit knapp zwei Stunden hatten sich ihre Prioritäten einschneidend verschoben. Und noch war er nah dran am ursprünglichen Übergabetermin, der lediglich durch die schönste Widrigkeit der Welt ein bisschen durcheinandergeschüttelt worden war. Aber ihr gemeinsames Lebensmotto war nun mal ‚unperfekt perfekt’, von dem her stimmte die Richtung doch auf jeden Fall.

Marc (tippt der staunenden Prinzessin sanft unters Kinn): Haasenzahn, Schnute zu! Sonst gucken sie’s dir noch ab. Und mit schlechten Angewohnheiten fangen wir bei den Zwergen gar nicht erst an.
Gretchen (läuft augenblicklich rot an u. guckt vergewissernd zum Babybettchen, wo jedoch immer noch alles ruhig scheint): Tschuldigung! Es ist nur, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Marc (haucht ihr als Antwort einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen): Dann sag halt nichts.
Gretchen (sein gefühlvoller Kuss u. sein lässiger Gesichtsausdruck verwirren sie noch mehr): Aber muss ich das nicht?
Marc (lacht, weil er ahnt, woran die ewige Träumerin gerade denkt, u. stupst ihr frecherweise an ihr neugieriges Näschen): Haasenzahn, ich glaube, du hast in deinem Leben schon ziemlich viel gequatscht. Vor allem in meiner Gegenwart. Da ist es auch mal eine Wonne, wenn du ausnahmsweise einmal sprachlos bist.
Gretchen (fühlt sich schon wieder veräppelt u schmollt): Marc! So hab ich mir das aber nicht vorgestellt.
Marc (lehnt sich provozierend zu seiner schönen Schmollprinzessin heran): Wie denn dann?
Gretchen (sein warmer Atem auf ihrer Haut bringt sie zusehends durcheinander): Irgendwie romantischer. Ernsthafter.
Marc (grient sie an): Schließt sich das nicht gegenseitig aus?
Gretchen (funkelt ihn überfordert an): Marc!
Marc (versucht dann doch ernst zu bleiben, was ihm sichtlich schwerfällt): Haasenzahn, wir haben heute, äh... gestern, unsere Kinder bekommen. Unser größter Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Nichts ist ernsthafter und romantischer als das. Und passender noch obendrein. Vor allem an dem Datum, das wir zwar aus ziemlich kitschigen und selbstsüchtigen Gründen anvisiert hatten, aber nicht im Traum hätten wir damit rechnen können, dass es wirklich passieren würde. Genau an unserem besonderen Tag und bei der verwirrenden Sternenkonstellation, die... keine Ahnung. Dazu müsstest du Sabine ausquetschen. Aber wenn wir die jetzt reinlassen würden, würden wir sie nicht mehr loswerden. Und ich wäre dann doch jetzt gerne mit dir alleine. Also, jetzt nicht ganz alleine. Denn das sind wir schließlich dank ihnen nicht mehr, aber...
Gretchen (versucht angestrengt, in seinen geheimnisvoll aufblitzenden Augen zu lesen): Wie meinst du das?
Marc (zieht gespielt enttäuscht eine Schnute): So schnell vergisst sie also, dass wir nach dem Partyhopping bei den versammelten Hassmänninnen noch verabredet gewesen wären. Mein hartes Los.
Gretchen (es dauert einen kleinen Moment, bis es klick macht, dementsprechend groß werden ihre Augen): Oh! Oh?

Wir sind seit genau einem Jahr zusammen. Das wollten wir feiern. Ganz romantisch. Nur wir beide. Jetzt zu viert. Wow! Wenn das mal nicht romantisch ist. Er meint es wirklich ernst.

Marc (legt sanft seine Hand an ihre gerötete Wange u. lächelt sie verliebt an): Süße, wenn alles ganz anders gekommen wäre, wie es nun mal gekommen ist, würden wir vielleicht genau jetzt in diesem Moment auch so aneinander gekuschelt im Bett liegen, nicht unbedingt in einem Patientenbett, denn das ist echt unbequem und stinkt penetrant nach Desinfektionszeugs, aber zuhause. Oder vielleicht wären wir auch unter dem Sternenzelt auf unserer Dachterrasse in deinem Strandkorb eingeschlafen, wo du mich, deinen heißen Versprechungen nach, am liebsten zur Feier des Tages noch zu unanständigen Dingen verführt hättest, was wir übrigens definitiv irgendwann noch mal nachholen werden. Also, mach dir schon einmal eine Notiz in dein Tagebuch. Der laue Spätsommerwind hätte uns jedenfalls irgendwann in der Nacht wachgekitzelt und ich hätte daraufhin diese kleine Box herausgeholt. Siehst du’s?
Gretchen (träumt sich in seine romantische Vorstellung hinein u. bekommt direkt Gänsehaut): Ja! Darf ich sie aufmachen?
Marc (will sie ihr spielerisch wieder klauen, sie lässt ihn aber nicht): Nö, die stellen wir einfach als Deko auf den Kaminsims, wenn wir Mehdi deine Entlassungspapiere aus den Rippen geleiert haben. Könnte aber dauern, denn er hat jetzt einen guten Grund, sich ablenken zu lassen. Obwohl, wir könnten ihn hier als Geisel behalten und...
Gretchen (boxt ihm sanft in die Seite u. lacht): Spinner! Jetzt sag schon, was du von mir willst, Marc!
Marc (nimmt sie noch mehr auf die Schippe): Hey, nicht so ungeduldig, Haasenzahn! Du bekommst mich ja mit Haut und Haar. Tzz... kaum sechs Monate scheinverheiratet und den Stammbaum um zwei Zweige erweitert und sie wird besitzergreifend.
Gretchen (kontert eingeschnappt): Wenn du so weitermachst, weiß ich nicht, ob ich dich dann noch will.
Marc (guckt erst gespielt betroffen u. sieht ihr dann tief in die Augen): Hoho! Gut, gekontert. Man merkt, du bist wieder auf dem Damm. Also denkst du nicht mehr, dass ich dir hier und jetzt gleich... Also, jetzt nur um Missverständnisse und eventuelle Enttäuschungen von vornherein auszuschließen.
Gretchen (hält ihren Zeigefinger an seine Lippen gedrückt, um ihn zu stoppen): Es wäre ungewöhnlich, ja, und das trifft ja auch in jeglicher Hinsicht auf unsere besondere Beziehung zu, aber ich hab doch schon einen Ring von dir, einen richtig schönen, Diebesware sozusagen, und ich hab ein Versprechen von dir, das du nicht mehr zurücknehmen kannst und das mir alles auf der Welt bedeutet. Glücklicher könnte ich gar nicht sein. Wir müssen überhaupt nichts überstürzen, nur weil wir uns gerade in einem hormonellen Ausnahmezustand befinden, in dem wir nicht kontrollieren werden können, was wir tun. Wir gehen unseren Weg, so wie wir ihn immer schon gegangen sind. Auf krummen Geraden kommen wir auch ans Ziel. Und jetzt ist unser Ziel genau hier. Bei unseren Kleinen und unserem Patenkind.
Marc (zieht verschmitzt eine Augenbraue hoch): Richtige Antwort. Äh... fast, wenn ich eine Frage gestellt hätte, was ich nicht habe. Ich wollte einfach nur sagen, Happy Anniversary, Haasenzahn! Es kommt zwar spät, aber nicht zu spät. Denn wenn wir jetzt ganz genau auf die Sekunde dreihundertfünfundsechzig Tage zurückspulen würden, dann würden wir jetzt auch aus einem Wahnsinnstaumel wiederaufwachen oder uns erst recht wieder hineinstürzen. Und das trifft heute auf diese besondere Nacht auch irgendwie zu. Eigentlich ganz schön, wenn man es so nimmt. Du würdest es bestimmt schicksalhaft nennen und von mir aus darfst du das auch so rosarot in dein Tagebuch schreiben. Und, was auch noch hervorzuheben wäre, sie garantiert, dass ich diesen einen Tag im Jahr in Zukunft garantiert niemals vergessen werde. Das gebe ich dir auch schriftlich. Oder hiermit.

...zwinkerte Marc seiner Herzprinzessin vielsagend zu, die sichtlich hingerissen mit den Tränen kämpfte, als sie langsam den Deckel der kleinen Schachtel öffnete. Der Inhalt überwältigte sie dann sogar noch mehr als seine gefühlvollen Worte.

Gretchen: Das hast du jetzt aber richtig schön gesagt, Marc.
Marc (grient sie augenzwinkernd an): Von mir kommen immer nur lauter Nettigkeiten.
Gretchen (streckt ihm dafür prompt die Zunge raus): Gar nicht!
Marc (hebt seinen Oberlehrerzeigefinger): Vorsicht! Sonst nehme ich das hier wieder mit und wir belassen es dabei.
Gretchen (hält ihr Geschenk ganz doll fest u. betrachtet es nun ganz genau): Nein! Marc, du bist verrückt. Ich dachte, wir wollten uns zum Jahrestag nichts schenken?
Marc (stupst ihr ans Näschen): Haasenzahn, wenn ihr einmal nichts wollt, dann sollte man(n) hellhörig werden. Dann heißt es erst recht ranklotzen. Aber wie gesagt, es ist nur eine Kleinigkeit. Kannst die Kirche also im Dorf lassen.
Gretchen (hält sich das wunderschöne Schmuckstück glücklich an ihr wild pochendes Herz): Ist es nicht. Das Armband ist wunderschön. Danke, Marc!
Marc (ist glücklich, weil sie glücklich ist): Gar nichts für. Wenn du schon deinen Scheinverlobungsring nicht mehr über deine Wurstfinger bekommst, dann klappt es vielleicht mit was Größerem.
Gretchen (stupst ihn mit der Schulter an): Ich hab ganz vergessen, wie charmant du sein kannst.
Marc (zwinkert ihr lachend zu): Charming ist mein eigentlicher zweiter Vorname.
Gretchen (kichert u. fährt mit dem Zeigefinger die kleinen filigranen Anhänger am Armband entlang): Ach?
Marc (beobachtet sie mit verliebtem Blick): Guck mal! Die zwei kleinen Ms sollten eigentlich für uns stehen. Die Zahlen sprechen für sich.
Gretchen (strahlt ihn ganz begeistert an u. schaut dann zu ihren Babys): Jetzt stehen sie für unseren Jungen und unser Mädchen.
Marc (murmelt verträumt in seinen Dreitagebart): Perfekt!
Gretchen (findet immer mehr Gefallen an dem verspielten Armband): Und das Blümchen hier könnte auch als Sternschnuppe durchgehen. Für all die Wünsche, die wir den Kleinen mit auf den Weg geben wollen. Und die zwei ineinander verschlungenen Herzen, das sind wir.
Marc (folgt fasziniert den Haasschen Gedankengängen): Sind wir das?
Gretchen (guckt ihn gespielt schmollend an): Marc, mach den Moment nicht kaputt!
Marc (hebt seine Hände in Unschuldspose): Tue ich doch gar nicht. Aber es ist schon äußerst interessant, was du da alles reininterpretierst. Ich hab eigentlich nur ganz pragmatisch gedacht. Es klimpert so schön, wenn du es anhast. Kann also auch gut als Ersatzrassel für die Zwerge eingesetzt werden.
Gretchen (blitzt ihn leicht enttäuscht an): Du bist so blöd.
Marc (will das Kettchen wieder an sich reißen): Hey! Sonst nehme ich dir deinen Doktortitel wieder ab.
Gretchen (folgt seinem Fingerzeig u. klopft ihm auf die Hand): Meinst du den hier, der aussieht wie ein aufgeschlagenes Buch?
Marc (gibt sich betont unbeeindruckt): Das Ersatzteillager an dem Schmuckstand hatte leider kein Symbol für deinen akademischen Grad. Du musst dir also etwas anderes suchen, wenn du beweisen willst, dass du tatsächlich Chirurgin bist. Aber das Symbol könnte auch gut als Tagebuch herhalten, hm?
Gretchen (kichert): Stimmt. An was du alles gedacht hast. Wahnsinn! Wo hast du das her? Da kann man noch mehr kleine Anhänger dran machen, oder? Das ist wirklich richtig, richtig schön und filigran. Echte Handarbeit, oder?
Marc (lehnt sich lässig ans Bettende zurück): Jep! Vom Trödelmarkt.
Gretchen (ist ehrlich baff): Trödelmarkt?

Alter, was ist eigentlich los mit dir, dass du dich zu so was hinreißen lässt?

Marc (schüttelt unwirsch den Kopf): Nicht direkt. Dieser sauteure Antiquitätenladen, in den mich meine Mutter geschleift hat, um Bilderrahmen für deine besonderen Fotos zu besorgen, hat so einen bescheuerten Markt organisiert, in den wir zufällig reingestolpert sind.
Gretchen (hält sich prompt die Hände vors Gesicht): Oh Gott, erinnere mich nicht daran. Ich bin fast gestorben, als sie meine Aufnahmen bei uns entdeckt hat.
Marc (hält ihr prompt den Spiegel vor): Wenn du sie nicht darüber aufgeklärt hättest, dass der Gipsabdruck von deinem Bauch, unter dem du sie versteckt hast, keine Kunst ist, die sie sich auf ihr Klavier in der Villa stellen kann, sondern dein besonderes Geburtstagsgeschenk an mich, dann hätte ich mir diesen verschwendeten Nachmittag in der Berliner Kunstszene mit ihr ersparen können. Ey, die hatten alle total bescheuerte historische Kostüme an und meine Mutter fand es sogar echt knorke.
Gretchen (blinzelt ihn verliebt an): Dann hätte ich aber jetzt kein so schönes Armband. War’s sehr teuer? Du sollst mir doch nicht so teure Geschenke machen, Marc.
Marc (seufzt ergeben): Papperlapapp! Alles hat seine Vor- und seine Nachteile. Das ist Vintage, hat der alte knauserige Kerl gelabert. Irgendwie konnte ich trotzdem an dem Stand nicht vorbei. Der leicht rosa Goldton und das Verspielte mit dem Gebimmel haben mich irgendwie an dich erinnert. Und an deine Halskette mit dem Ring, mich zu knechten.
Gretchen (lehnt sich zu einem süßen Kuss heran): Du bist so süüü... unglaublich. Danke noch mal. Ich werde es in Ehren tragen. Versprochen! Aber jetzt hab ich nichts für dich.
Marc (schmunzelt): Negativ! Hast du wohl! Mehr als das. Schau mal zur Seite, Prinzessin! Die beiden und unser Patenkind übertreffen so ein olles antikes Armbändchen mit Klimbim doch bei weitem.
Gretchen (schließt sich seinem ansteckenden Lachen an, als sie ihrem Traummann tief in die Augen blickt): Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?
Marc (lächelt seufzend u. verliert sich in dem himmelblauen Ozean ihrer Augen): Ich dich auch. Und jetzt zieh das Teil endlich an, damit wir sehen können, ob es passt oder ob der Nachmittag doch verschwendet war.
Gretchen (klappert fröhlich mit ihrem Armband vor seiner Nase herum): Es passt.
Marc (gibt an): Hab ich gewusst.
Gretchen: Angeber!
Marc (beugt sich provozierend zu ihr vor): Hey! Ich hab schon ein bisschen mehr Enthusiasmus erwartet. Ich hab an unseren besonderen Tag gedacht. Das macht nicht jeder.
Gretchen (lacht, weil sie es liebt, wenn er kindisch wird): Hast du. Und wenn du wüsstest, was ich dafür als Gegenleistung noch alles mit dir angestellt hätte, wenn wir jetzt nicht im Krankenhaus wären, sondern in meinem Strandkorb bei uns zuhause.
Marc (bleibt gebannt an ihrem intensiven Blick hängen): Was denn? Erzähl mir mehr!
Gretchen: Komm mal her, du Held, du!

...lockte Gretchen ihren Herzprinzen ganz nah zu sich heran. Verführerisch lächelnd stich sie mit ihren weichen Lippen über seinen leicht geöffneten Mund, ließ jedoch noch mal kurz von ihm ab, um ihn bewusst zu ärgern, aber auch um Marc ein weiteres Mal in die vor Schalk sprühenden, dunkelgrünen Augen zu sehen, die sie konzentriert fixiert hielten, und schmiegte sich schließlich in seine starken männlichen Arme für einen besonders intensiven und gefühlvollen Kuss, der alles sagte. Minutenlang teilten sie ihr Glück auf ganz besondere Weise und hätten vermutlich auch ewig so weitergemacht, wenn sie nicht immer mal wieder verstohlen zur Seite geschaut hätten und mit ihren verliebten Blicken an ihren Kindern hängen geblieben wären, die brav in ihrem Bettchen schliefen und noch nichts davon ahnten, wie gern sich ihre Eltern doch hatten. Der Moment war perfekt. Gemeißelt für die Ewigkeit. Naja, fast. Denn gerade als sie dies auch ansprechen und sich erneut küssen wollten, wurde unvermittelt die Tür aufgerissen und ein junger Pfleger stürmte den Raum. Atemlos blieb er vor dem Bett seiner Schwester stehen und schaute zu dem verdutzten Paar, das sich eng umschlungen hielt und ihn anstarrte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her.

Marc (putzt seinen Schwager in spe direkt herunter): Sag mal, hast du sie noch alle? Was fällt dir ein, hier hereinzupoltern wie ein Elefant in den Porzellanladen. Ey, die Kids pennen, verdammt noch mal. Und deine Schwester hat Ruhe mehr als verdient.
Jochen (kratzt sich verlegen am Hals u. schaut sich immer wieder hektisch um): Ja, sorry, aber es ging nicht anders. Wenn ihr vorgewarnt werden wollt. Euch bleibt nicht mehr viel Zeit.
Gretchen (wird stutzig): Wieso?
Jochen: Weil sie schon auf Station sind.

Aber ehe ihr Bruder Gretchen richtig antworten konnte, waren Marcs Lauscher schon auf Empfang gepolt und richteten sich auf. Durch die von Jochen offen gelassene Tür konnte er die sehr vertrauten, laut diskutierenden Stimmen schon von weitem hören. Sämtliche Alarmglocken schrillten auf und er blickte fassungslos von Jochen zu Gretchen und dann zu seinen Kindern, denen er schützend die Hand aufs Bettchen legte. Er konnte es kaum glauben, aber hinter dem verpeilten Bald-wieder-Studenten war wirklich der Teufel her und er war nicht alleine gekommen.

Marc: Ach, du scheiße! Wer hat die denn herbestellt?


Währendessen nur wenige Meter entfernt draußen auf dem nächtlichen Flur zwischen Chirurgie und Gynäkologie

Elke (fächert sich aufgeregt mit ihrem teuren Designerhandtäschchen Luft zu, während sie in eiligen Tippelschritten den langen Gang voranstolziert): Marc Olivier! Wo ist mein Sohn? Schon schlimm genug, dass er uns nicht persönlich informiert hat, aber dass wir hier jetzt einfach so stehen gelassen werden, als wären wir stinknormale Besucher, das ist ja wohl die Krönung der Unverschämtheit.
Olivier (ist wie immer die Ruhe in Person): Mokkapralinchen, Liebes, jetzt bleib doch bitte ruhig! Der Junge hatte anderes im Sinn...
Elke (bleibt mitten im Flur unvermittelt stehen u. echauffiert sich direkt noch mehr): ...als sich um seine arme Mutter zu kümmern, die schon so viel Kummer gewohnt ist?
Franz (schnauft amüsiert auf): Arm? Also, ich bitte dich, Elke! Jetzt lass mal die Kirche im Dorf! Es ist sicherlich nicht Marcs Schuld. Er musste schließlich unserem Kälbchen beistehen.
Elke (reagiert mehr als beleidigt): Ach, mit dir rede ich doch nicht. Ihr habt uns schließlich auch nichts gesagt.
Bärbel (kann sich nicht zurückhalten, sich nun auch noch wortgewaltig einzumischen): Entschuldigung, woher hätten wir denn wissen sollen, dass es ausgerechnet heute schon losgehen würde? Die Kinder haben von September gesprochen.
Elke (zickt direkt zurück): Entschuldigung? Bin ich hier von lauter Medizinern umgeben oder nicht? Du, natürlich ausgenommen, Bärbel.
Bärbel (nimmt den Zickenkrieg direkt wieder auf): Also, das ist ja wohl die Höhe. Franz, hast du das gehört?
Franz (streicht sich stöhnend über sein Ohr): Ihr seid ja auch nicht gerade leise.
Olivier (ihm fällt es angesichts der Umstände auch sichtlich schwer, noch ruhig zu bleiben): Bei Zwillingen ist das nun mal nur schwer vorauszusagen. Dennoch lag Dr. Kaan doch sehr nah dran mit seiner Prognose.
Franz (fasst sich an sein Herz u. blickt sich suchend um): Ich hatte gleich so ein ungutes Gefühl. Wir hätten den Theaterabend einfach nicht wahrnehmen sollen, Bärbel.
Bärbel (schmollt): Franz, aber das war doch unser Hochzeitsgeschenk von den Kindern.
Franz (kann nicht mehr länger an sich halten u. regt sich künstlich auf): Ja, und was hat es uns gebracht? Außer eine Menge Ärger und die verpasste Geburt unserer Enkel. Man hat uns stundenlang bei Stromausfall im Freien festgehalten. Von wegen aus Sicherheitsgründen hätten wir bei dieser Dunkelheit nicht zu unseren Wagen zurückgedurft. Das war reines Kalkül, um Rückerstattungen zu vermeiden. Nicht einmal das Telefonnetz hat funktioniert. Erst zu Hause. Der Anrufbeantworter hat uns erst verraten, dass wir längst im Krankenhaus gebraucht worden wären.
Bärbel (verschränkt kopfschüttelnd die Arme über ihrer schicken, neuen, geblümten Bluse): Festgehalten? Also bitte Franz, neige nicht zu Übertreibungen! Die Leute haben sich doch bemüht, trotz der Umstände ihrem Publikum eine unvergessliche Darbietung zu liefern.
Olivier (schaut Marcs Schwiegermutter in spe interessiert an): Ach, war sie das?
Bärbel (gerät prompt ins Schwärmen): Hach... ihr hättet das erleben müssen. Eine Offenbarung. Überall Kerzen. Dann der pure ungekünstelte Klang der Instrumente. Die Stimmen. Hach... Die Waldbühne war nie besser als heute Nacht.
Franz (muss dann doch schmunzeln, was den Ärger schnell vertreibt): Okay, ja, das muss ich schon zugeben. Es war einmalig.
Elke (kann kaum glauben, was sie da hört, u. blickt ungehalten von einem zum anderen): Die Geburt unserer ersten Enkel etwa nicht? Na, ihr habt vielleicht Nerven. Während ihr euch musisch entspannen durftet, mussten wir sehen, wo wir bleiben. Wir sind mitten in der Live-Sendung aus dem Studio gestürmt. Vermutlich werde ich jetzt noch verklagt und muss eine Konventionalstrafe zahlen.
Olivier (lacht verschmitzt): Und wir haben einen Rettungshubschrauber gekapert.
Franz (fällt fast vom Glauben ab): Ihr habt bitte was?
Elke (wiegelt unbeeindruckt ab u. hakt sich bei ihrem Mann ein, um endlich weiterzugehen): Ach, papperlapapp! Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, was hier gerade passiert. Irgendwie mussten wir doch von Hamburg zurück nach Berlin. Wo müssen wir denn nun überhaupt hin? Die Kinder warten.

Sabine (läuft der schrillen Truppe prompt in die Arme u. erschaudert fast, als sie ihrem großen Idol direkt gegenübersteht): Das erste Zimmer den Gang runter links, Frau Fisher.

Elke (fächert sich wieder Luft zu u. läuft weiter eilig voran): Hach... Danke, mein Kindchen! Wenigstens eine Person in diesem Irrenhaus, die mitdenkt. Wenn ich meinen Jungen erst erwische, dann schlägt es erst einmal dreizehn.

...

Lorelei Offline

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15.01.2018 16:14
#1614 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Dr. Marc Olivier Meier, seines Zeichens bester und einst jüngster Chirurg des Landes und nunmehr frisch gebackener Vollzeitpapa im Beschützermodus, war natürlich alles andere als begeistert, als er die durcheinander wirbelnden Stimmen der außer Rand und Band geratenen Elternfraktion auf dem Gang der Station unheilvoll immer näher kommen hörte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er sich am liebsten unter der hässlichen Bettdecke versteckt oder wahlweise im angrenzenden Badezimmer verschanzt, das jedoch leider nicht genügend Platz für seine mittlerweile auf vier Personen, plus den Filius seines allerbesten Freundes, angewachsene Familie aufzuweisen hatte. Weitere Ausweichmöglichkeiten gab es nicht. Der Zugang zum Balkon war wie auf allen Etagen des weitläufigen Berliner Krankenhauses versperrt, nachdem es vor über zwei Jahren einen dramatischen Zwischenfall gegeben hatte, welcher dieses Eingreifen erforderlich gemacht hatte. Er konnte ihnen also mal wieder nicht entkommen. Ein Fluch, der seit jeher auf ihm lastete. Dementsprechend demotiviert vergrub er sein Gesicht in der in dichten Wallelocken über ihre schmalen Schultern fliesenden Haarpracht seiner herzensguten Freundin, die sich im Gegensatz zu dem leidenden Einzelkind auf ihre Eltern und Schwiegereltern in spe tierisch freute und ihm gut zusprach, was jedoch nur halbherzig Gehör fand. Denn er wollte nicht. Warum ließ man ihn denn nicht endlich in Ruhe? Er hatte sich die ungestörte Zeit mit seiner Familie schließlich nach diesem chaotischen Abend mehr als verdient. Aber leider konnte man sich nicht aussuchen, wenn man noch alles dazurechnen musste. Erneutes Chaos war damit vorprogrammiert.

Marc (stöhnt entnervt auf): Boah! Was machen wir denn jetzt? Der Zug lässt sich nicht mehr stoppen, wenn er einmal in Fahrt ist. Fuck! Wenn vor Jahren die Zwischentüren zwischen den Patientenzimmern nicht abgeschafft worden wären, könnten wir uns jetzt wenigstens zu Mehdi rüberflüchten. Wo steckt die olle Schlafmütze überhaupt? Ist es nicht seine heilige Pflicht, für Ruhe und Ordnung auf seiner Mädchenstation zu sorgen? Es ist scheißespät, verdammt. Also, ich würde das auf meiner Station nicht durchgehen lassen.
Gretchen (streichelt dem Nörgler sanft über den Arm u. verstärkt die Umarmung noch, die er mürrisch grummelnd gesucht hat): Wir befinden uns aber nicht am anderen Ende des Flurs, sondern hier. Marc, es ist doch alles gut. Und es ist doch egal, wie spät es ist. Sie freuen sich doch auch schon riesig darauf, ihre Enkelchen endlich kennenzulernen. Lassen wir sie doch, hm?
Jochen (hält die Türklinke noch immer umklammert u. schaut unsicher zwischen Türspalt, durch den er das drohende Unheil observiert, u. den beiden hin u. her): Sicher?
Marc (bockt): Nein!
Gretchen (schmiegt verliebt lächelnd ihre Wange gegen seine u. umschließt zärtlich Marcs Hand): Ja! Du kannst sie reinlassen, Jochen.
Marc (dreht seinen Kopf leicht in ihre Richtung, damit er als Entschädigung wenigstens einen süßen Kuss erhaschen kann): Spielverderberin! Aber auf deine Verantwortung! Ich schone dich jetzt nämlich nicht mehr. Wenn die dich stressen und das werden sie, dann musst du damit alleine klarkommen. Ich hab meinen Dienst heute schon genug getan.

...nölte der frischgebackene Familienvater in Richtung seiner liebreizenden Partnerin, die den ungekrönten Meckerkönig der Station mit einem aufregenden Augenaufschlag und einem unwiderstehlichen Lächeln langsam wieder milde zu stimmen versuchte. Was hatte Haasenzahn nur an sich, dass sie ihn immer wieder so leicht um den kleinen Finger wickeln konnte? Musste etwas Genetisches sein, das sich zu seinem großen Glück vermutlich auch noch direkt weitervererbt hatte. Denn ein vergewissernder Blick zur Seite verriet Marc, dass die Zwillinge und ihr kleiner Freund aufmerksam ihre Umwelt studierten und offenbar überhaupt keine Scheu vor dem, was gleich kommen würde, hatten. Insgeheim wünschte er sich, ebenso mutig zu sein, und schüttelte gleich darauf den Kopf wegen seinen wahnwitzigen Gedankengängen, die vermutlich Resultat der vorangegangenen Stunden im Ausnahmezustand gewesen waren. Und nun drohte auch schon der nächste.

Marc schloss seine Augen, zählte kurz gedanklich bis drei, um sich wieder einigermaßen zu fangen, und richtete sich schließlich im Bett auf. Er half seiner hibbeligen Freundin in eine ähnlich bequemere Position und beobachtete sie dann mit einem verschmitzen Lächeln dabei, wie sie sich hektisch ihre widerspenstige Mähne noch einmal zurechtrückte, die unter den Anstrengungen der letzten Stunden ganz schön gelitten hatte. Aber für Marc war seine Herzprinzessin, die mittlerweile ihr süßes geblümtes Patientenleibchen gegen ihren heißgeliebten rosagestreiften Satinpyjama getauscht hatte, immer noch bildschön und das versicherte er ihr auch mit einem tiefen, alles sagenden Blick in ihre himmelblauen Augen, die ihn erwartungsvoll in Beschlag nahmen. Aber nur für einen kurzen Moment trauter Zweisamkeit, da diese von dem Unausweichlichen nun unsanft unterbrochen werden sollte. Denn ohne weitere Vorwarnung stolperten Marcs Eltern, gefolgt von seinen Schwiegereltern in spe, auch schon an Jochen Haase vorbei in Gretchens Zimmer und bedachten den wenig verlegen dreinblickenden Pfleger, der sich sicherheitshalber hinter der blauen Tür versteckt hielt, jeweils mit einem vielsagenden finsteren Blick...

Franz: Wenn du nicht mein Sohn wärst, hätte das noch ein Nachspiel, mein Junge.
Jochen (vergräbt seine Hände tief in den Taschen seines Pflegeroutfits u. lächelt schief): Hallo, Paps! Ihr habt also meine Nachricht bekommen? Reichlich spät vielleicht.
Franz (hebt seinen Chefarztzeigefinger, wird aber durch einen Blick auf seine glückstrahlende Tochter abgelenkt, der er sich nun mit bebendem Herzen nähert): Vorsicht! Noch bin ich derjenige, der hier die Zügel in der Hand hält. Und bei mir gibt es keine Sonderbehandlung. Auch nicht für Familienmitglieder, die in zweifelhafter Weise ihre Dienstpflicht...
Gretchen (strahlt ihren geliebten Vater mit Tränen in den Augen an): Hallo Papa!
Marc (verzieht keine Miene, um seine Begeisterung nicht zu deutlich zu zeigen, u. klammert sich unter der Decke an Gretchens zarte, kleine Hand): Herr Professor!
Bärbel (schiebt sich empört an ihrem sichtlich gerührten Mann vorbei, um ihrem Jungen die Ohren lang zu ziehen, der sicherheitshalber zwei Schritte hinter der Tür zurückweicht): Also wirklich, Jochen, was sollte das denn bitteschön, einfach vor uns wegzulaufen, ohne uns zu verraten, wo wir hinmüssen? Geht man so mit Angehörigen um? Haben wir dich so erzogen?
Jochen (bemüht sich, möglichst unschuldig dreinzublicken): Sorry! War... ein Reflex. Es ist ja auch schon reichlich spät. Eigentlich dürfte ich gar niemanden mehr auf Station lassen, wenn es nach der Oberschwester ginge, die hier irgendwo noch auf ihrem Besen herumschwirrt. Ihr solltet also auf der Hut sein.
Bärbel (echauffiert sich direkt, aber es zieht sie dann doch auch unweigerlich zu ihrer Tochter): Also wirklich, so weit kommt es noch. ... Gretchen, meine Baby! Hach... Schau dich an! Wie schön du bist. Und das nach all den Strapazen. War es sehr schlimm?
Gretchen (kann ihre Tränen nun nicht mehr zurückhalten): Hallo, Mama!
Elke (zeigt ebenso erbost mit ausgestrecktem Arm auf den lässig dreinblickenden Fünfundzwanzigjährigen, als sie sich unsanft an den Haases vorbeizudrängeln versucht): Siiie!
Olivier (legt sanft seine Hand auf ihre, um sie noch rechtzeitig vor dem nächsten unnötigen Aufstand zu stoppen): Mach dir nichts draus, Elke! Er hat sich doch bemüht. Und wartet hier nicht die schönste Entschuldigung der Welt auf uns? Hallo Gretchen! Marc, mein Junge!

Der stolze frischgebackene Großvater schlüpfte hinter seiner aufgeregten Gattin hervor, die sich heftig mit ihrem Guccihandtäschchen Luft zufächelte, während sie den in ihren Augen völlig unfähigen und deplazierten Pfleger mit dem bösen Blick strafte, und klopfte dem von der rasenden Furie leicht eingeschüchtert wirkenden Bald-wieder-Medizinstudenten gelöst lachend auf die Schulter, bevor er sich dem Paar im Patientenbett zuwandte, dem er auf seine typisch verschmitzte Meier-Art zur Begrüßung fröhlich zuzwinkerte. Marc konnte derweil nur genervt die Augen verdrehen, als er sich schließlich gezwungenermaßen aus dem gemütlichen Patientenbett erheben musste, weil er nicht in die kollektive Haasenumarmung hineingezogen werden wollte, die gefährlich näher zu kommen drohte. Er hatte es geahnt. Das hier würde sich definitiv zu einer längeren Geschichte entwickeln. Mit dicken Tränen in den stahlblauen Augen stand der sonst so ehrfürchtig wirkende Professor neben ihm, nickte seinem Schützling bewegt zu und beugte sich dann zu einer innigen Umarmung herab, die bei Franz’ Tochter ebenfalls die Schleusen weit öffnen sollte.

Franz: Kälbchen!
Gretchen (schluchzt herzerweichend): Papa!
Franz (streicht seiner Tochter liebevoll die widerspenstigen Locken aus dem Gesicht u. legt seine Hand sanft an ihre gerötete Wange): Mein kleines Mädchen, so schnell kann’s gehen. Eben hast du noch auf meinem Schreibtisch gesessen und fröhlich mit den Beinen gebaumelt, während du mir Löcher in den Bauch gefragt hast. Über die Welt, das Universum, die Medizin, Jungs. Und jetzt bist du eine Mama.
Gretchen (kann es auch kaum fassen): Ja!
Franz (bemüht sich sehr, seine Tränen zurückzuhalten, aber der Schimmer in seinen Augen ist nicht zu übersehen): Geht’s dir... euch gut? Habt ihr alles, was ihr braucht? Jetzt sind wir ja da.
Bärbel (seufzt, von ihren Gefühlen übermannt, auf): Ja, endlich! Kind, was machst du nur für Sachen? Ohne uns hierher zu fahren! Papa und ich hätten dir doch beistehen können.

Auch die frischgebackene Großmutter wurde nicht mehr Herrin ihrer Freudentränen, die unkontrolliert ihre puderroten Wangen hinabstürzten. Der dicke Kloß in ihrem Hals hinderte Gretchen am Sprechen und so nickte sie ihrem geliebten Vater nur kurz als Antwort zu, bevor sie sich in seine großen, beschützenden Arme stürzte, um vor unbändigem Glück hemmungslos zu weinen, während ihre Mutter ebenso gerührt hinter den beiden stand und sich ungeduldig vorzudrängeln versuchte. Schließlich hielten sich alle drei in den Armen und auch Jochen konnte nicht widerstehen und machte das Haasen-Quartett schließlich perfekt. Marc guckte dabei etwas überfordert zu und bemerkte bei dem irrationalen Gedanken, dass irgendeine sonderbare Macht ihn wie magisch zu den Vieren hinzog, um es ihnen gleich zu tun, nicht gleich die nächste Invasion von der anderen Seite, die zunächst allein ihm galt. Dem unerzogenen Sohn und einzigem Kind der preisgekrönten Berliner Starschriftstellerin.

Elke: Marc Olivier, da bist du ja endlich! Kind, warum erzählst du uns denn nichts? Weißt du eigentlich, was für eine Irrfahrt wir wegen dir hinter uns haben? Mitten in der Nacht sind wir durch halb Deutschland gerast.
Olivier (korrigiert sie kleinlaut u. macht sich mental eine Notiz): Geflogen. By the way, ich sollte den Kollegen von Transplant noch Bescheid geben, den Bericht ein bisschen zu beschönigen. Es muss ja nicht gleich jeder wissen, dass wir uns auf den Flug geschmuggelt haben. Als Chefarzt kann man sich schließlich nicht alles erlauben. Obwohl, Spaß macht es schon, seine Macht auszuüben.
Elke (zischt ihren vorlauten Gatten scharf von der Seite an): Olivier, bleib bitte ernst!
Marc (schaut leicht verunsichert zu seinem Vater, der sich ein freches, vielsagendes Grinsen nicht verkneifen kann): Äh... Ich habe euch nicht darum gebeten.

Ich glaube, es gibt einen triftigen Grund, warum ich in dem ganzen Chaos vergessen habe, euch Bescheid zu geben. Weil ich genau das hier befürchtet habe. Anstatt sich zu freuen, ernte ich mal wieder nur Vorwürfe. Darauf würde ich liebend gern verzichten.

Elke (legt ihre Designerhandtasche auf den Sessel in der Sitzecke u. stützt sich anschließend erschöpft am Fußende des Patientenbettes ab): Schickst uns einfach nach Hamburg, während ihr hier still und heimlich ohne uns Tatsachen geschaffen habt.
Marc (hebt seinen Arm, um direkt entschieden Veto einzulegen): Ich hab euch nirgendwohin geschickt. Wenn ich dich erinnern darf, du wolltest dahin. Du hast doch von nichts anderem mehr geredet, anstatt einfach mal eins und eins zusammenzuzählen, dass es unter Umständen jeder Zeit möglich gewesen wäre. Gretchen war schon am Ende des achten Monats, verdammt. Wir haben unsere Zelte hier schließlich nicht zum ersten Mal aufgeschlagen in den vergangenen Wochen. Oder soll ich dich an deinen letzten Auftritt bei Mehdi erinnern, hm? Der ist heute noch traumatisiert davon. Kein Wunder, dass er das zweitwichtigste Ereignis seines Lebens verpennt hat, der Arme.
Elke (verzieht eingeschnappt ihr Gesicht u. versucht, ihre Hitzewallung in den Griff zu bekommen, welche die Hektik des Abends ausgelöst hat): Marc Olivier, jetzt werde bitte nicht zynisch. Ich bin deine Mutter.

Das musst du ja auch ständig jedem unter die Nase reiben, der es nicht hören will. Ey, wehe du hast gestern Abend peinliche Geschichten im Fernsehen über mich erzählt. Dann setze ich das Hausverbot gegen dich hier wirklich mal um, das ich schon lange in der Schublade habe.

Marc (funkelt sie ungeniert an): Oh, dabei habe ich noch gar nicht richtig angefangen. Wenn ich nämlich auf dich gehört und dich zu diesem bescheuerten TV-Theater begleitet hätte, dann hätte ich hier etwas Großartiges verpasst. Daran wärst allein du Schuld und das hätte ich dir dann niemals verziehen.
Olivier (bevor Elke sich weiter echauffieren kann, schiebt er sich beschwichtigend dazwischen): Ja, das stimmt wohl. Und wir haben es doch noch einigermaßen rechtzeitig geschafft. Nicht, Mokkapralinchen?
Elke (verschränkt beleidigt ihre Arme): Oli, stelle dich nicht immer auf seine Seite.
Olivier (grinst, nimmt ihre zitternde kleine Hand u. versucht, ihr einen kleinen Kuss auf die Wange zu setzen, dem sie pikiert ausweicht): Tue ich doch gar nicht. Wir stehen immer zusammen auf einer Ebene und jetzt freuen wir uns erst einmal alle zusammen. Dafür sind wir doch hierher geeilt. Ich hab dich noch im Ohr, wie ungeduldig du während des Fluges warst und die Konturen Berlins förmlich herbeigesehnt hast, obwohl der Pilot auch nicht schneller fliegen konnte und mit einem ziemlich mulmigen Gefühl zunächst das EKH und nicht die Charité angeflogen hat, wo er erwartet wurde. Du konntest es kaum erwarten, endlich hier zu sein.
Marc (blickt überrascht zu Gretchen, die erst jetzt aus der Krokodilsumarmung mit ihren Eltern wieder hoch schaut u. ihn ermutigend vom Bett aus anlächelt): Ach?
Elke (funkelt ihren Verrätergatten empört an, weil er sie verraten hat): Du fällst mir schon wieder in den Rücken, mí corazón.
Olivier (grient sie frech an, stibitzt sich den Kuss, den er haben wollte u. wendet sich dann endlich seinem Jungen zu, der sich beim Kuss seiner Eltern angewidert weggedreht hat): Komm mal her, mein Junge! Wir sind unbändig stolz auf dich und Gretchen.
Marc (wird dann doch etwas verlegen, als er von seinem überemotionalen Vater überrumpelt wird): Dad!

Olivier zog seinen sichtlich konsternierten Jungen spontan in eine dicke Vater-Sohn-Umarmung, welche von der eben noch empörten Diva mit Rührung in den Augen beobachtet wurde. Aber die Neugier siegte dann doch und Elke Fisher konnte nicht widerstehen und schlich sich heimlich am raumfüllenden Patientenbett vorbei zum Fenster, um endlich ihre Enkel in Augenschein zu nehmen. Schließlich hatte sie nicht all die Mühen auf sich genommen, wenn sie dafür nicht entsprechend belohnt werden würde. Als sie, von der ungewohnten Gefühlslawine übermannt, zitternd vor dem Zwillingsbettchen stand und in weiser Voraussicht ein besticktes Taschentuch aus ihrer Manteltasche zog, um ihre außer Kontrolle geratenen Emotionen zu bändigen, die sie ungern nach außen tragen wollte, erstarrte sie jedoch im nächsten Moment und blickte ungläubig zur Seite, wo sich alle immer noch in den Armen lagen. Sie konnte nicht glauben, was sie da vor sich sah und die absolute Sprachlosigkeit platzte ungefiltert aus ihr heraus...

Elke: Marc Olivier, was hat das zu bedeuten? Willst du mich umbringen?
Marc (lockert die Umarmung mit seinem Dad u. schaut irritiert zu seiner Mutter auf der anderen Seite des Bettes): Im Moment nicht, aber manchmal schon, das gebe ich zu meiner Verteidigung zu.
Gretchen (rollt mit den Augen u. sieht ihren Pappenheimer unmissverständlich an, der lediglich mit den Schultern zuckt): Marc!
Elke (muss sich am Fensterbrett abstützten, weil sie sonst droht ohnmächtig zu werden): Ich wusste es, irgendwann einmal bringst du mich noch ins Grab, in dem ich mit einem Bein schon einmal beinahe gestanden habe. Was habe ich eigentlich verbrochen, dass du so zu deiner sich aufopfernden Mutter bist?
Marc (löst sich aus der Umarmung mit seinem Vater, der ebenso irritiert auf Elke blickt): Äh... Wie... genau... jetzt? Ich hab doch gar nichts gemacht. Also, ausnahmsweise. Und was heißt hier ‚aufopfernd’? Ich würde dir, ‚sie war stets bemüht’ ins Zeugnis schreiben.

Und das ist noch weit untertrieben. Kann sie sich nicht einfach freuen, wie es jede stinknormale OMA tun würde? Butterböhnchen kann das doch auch. Obwohl, normal ist die auch nicht. Ich wette, die plant schon wieder heimlich unsere Hochzeit. Ich bin hier echt nur von Verrückten umgeben. Haasenzahn und die Kurzen natürlich ausgenommen.

Elke (schmeißt theatralisch ihre Arme in die Luft u. beginnt, im Zimmer auf u. ab zu tigern): Nichts gemacht? Als ob das jemals der Fall gewesen wäre, Marc Olivier. Du hast mich schon einmal gebührlich an der Nase herumgeführt, als du behauptet hast, deine Freundin wäre unverhofft schwanger, als sie es jedoch nicht war. Oder wohl doch schon war, es aber nicht wusste und... Das ist so verwirrend mit euch beiden. Wo war ich? ... Ach ja! Du hast mich damit aus der Reserve gelockt, als es mir nicht gut ging. Das habe ich dir verziehen. Ich war dir sogar dankbar, als du mir beigestanden hast. Vielleicht hätte ich es mehr zeigen sollen?
Marc (sucht merklich überfordert eine Erklärung bei den anderen, aber die schauen auch nur reichlich verwirrt auf die Erfolgsautorin im Ausnahmezustand): Äh... nein?
Elke (bleibt plötzlich mitten im Raum stehen u. verfängt sich in ihren durcheinander wirbelnden Gedanken): Und dann der nächste Schlag ins Gesicht. Die nächste unverhoffte Überraschung, als ihr uns von eurem doppelten Glück berichtet habt, an der ich ehrlich zu knabbern hatte, das gebe ich zu. Ich meine, zweifache Großmutter in meinem Alter, stell sich das einer mal vor!
Olivier (kann sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen, der für allgemeine Erheiterung sorgt): Ach, Mitte fünfzig, das ist doch kein Alter, Elke.
Elke (zischt ihn dafür bitterböse an): Olivier Meier, hüte deine Zunge, wenn du sie je wieder gebrauchen möchtest!
Marc (kann seine große Klappe auch nicht halten): Der Durchschnitt besagt was anderes, so nebenbei bemerkt.
Gretchen (versucht auf ihre Weise, die Wogen zu glätten, auch wenn sie selber nicht versteht, was schon wieder das Problem ist): Marc!
Elke (wiegelt mit einer lockeren Geste ab u. wirkt für einen Moment ganz ruhig, bis sich ihre raue Stimme erneut kraftvoll erhebt): Ach, papperlapapp! Ich habe mich damit abgefunden, wie ich mich mit vielem abgefunden habe, was dich betrifft, mein Sohn. Irgendwann muss man loslassen und die Kinder ihr eigenes Leben leben lassen.
Marc (schaut sie mit offenem Mund an u. wendet dann seinen Blick Gretchen zu, die im Einklang mit ihren Eltern herrlich ansteckend lacht): Mensch, das ist doch mal ein Wort. Nach vierunddreißig Jahren.

Krieg ich das auch schriftlich? Denn dann könnte ich dich mit dem Wisch hier sofort im hohen Bogen rausschmeißen lassen. Ich hab nämlich echt genug von dem Theater. Was, verdammt noch mal, ist dein Problem, Mutter?

Elke (hört ihrem aufmüpfigen Sohn gar nicht richtig zu, denn sie ist schon wieder völlig von dem Babybettchen u. seinen Bewohnern eingenommen): Ich habe lange gebraucht, mich an den Gedanken zu gewöhnen, jetzt doppelt gebraucht zu werden. Dieses Gefühl ist unerwartet inspirierend. War es. Bis eben. Denn das hier ist wirklich die Krönung der Krönungen, Marc Olivier. Ich verlange SOFORT eine Erklärung.
Marc (guckt ebenso ratlos aus der Wäsche wie seine verdutzte Freundin): Hä?
Franz (schaut sorgenvoll von Elke zu Marc, dann zu Gretchen, die beide den Kopf schütteln): Was ist denn? Ist etwas nicht in Ordnung?
Elke (geht unversehens auf ihren Sohn zu u. bohrt ihren Finger in seine Brust): Duuu... Du hast mir Zwillinge versprochen. Zwillinge! Ich habe mich mental auf zwei Enkel vorbereitet. Zwei Babys, zwei Sparbücher, zwei Kindergeschichten.
Marc/ Gretchen (synchron in ihre Richtung fragend): Sparbücher?
Elke (bohrt ihren Finger noch tiefer in die Brust ihres in ihren Augen untreuen Sohnes): Von Drillingen war nie die Rede. Ist das wieder einer von deinen seltsamen Scherzen?
Franz (richtet sich abrupt kerzengerade auf): WAS?
Elke (kann es nicht fassen u. muss immer wieder in das Bettchen blicken, aus dem ihr drei unheimlich süße Gesichter ganz unschuldig u. lieb entgegenschauen): Ich glaube, ich bekomme gerade eine akute Schreibblockade. Oder einen Herzinfarkt? Ist das ein Hörsturz? Der Flug im Medikopter war doch sehr ruppig.
Olivier (traut auch seinen Ohren kaum): Wie meinst du das, Mokkapralinchen?
Bärbel (macht sich murmelnd auf, Gretchens Bett zu umrunden, um selber nachzuschauen): Das kann doch gar nicht sein. Elke, du musst dich irren. Eure Anreise mit dem Düsenflugzeug war wohl doch zu anstrengend für dich. Du solltest dich hinsetzen. Dich ausruhen. Du bist ganz blass.
Marc (klappt fassungslos die Kinnlade herunter): Medikopter? Ernsthaft?
Olivier (flüstert ihm schmunzelnd zu u. folgt dann seiner aufgeregten Frau zu den Enkeln): Erkläre ich dir später.
Elke (zeigt mit ausgestrecktem Arm auf das Bettchen): Ich irre mich nie, Bärbel. Weder in der Liebe, noch... Schau selbst!
Bärbel (nachdem sie einen Blick riskiert hat, fasst sie sich an ihr Herz u. droht nach hinten umzukippen, was von Olivier u. Franz, die ihr zu Hilfe eilen, zum Glück abgefedert wird): Du meine Güte! Sie hat Recht. Es sind drei. Drei, Franz!
Franz: Meier!

Allgemeine Ungläubigkeit wurde der sichtlich aufgewühlten Groschenromanautorin von allen Seiten entgegengebracht, während sich ihr perplexer Sohn, von einem aufkommenden Lachflash erfasst, an seinem sich bislang ruhig im Hintergrund haltenden Schwager in spe festhalten musste, der sich ebenso sein belustigtes Grinsen nicht verkneifen konnte wie seine große Schwester, die gerade mit hoch erhobener Hand zu einer Erklärung ansetzen wollte, um das wohl süßeste Missverständnis der Welt aufzuklären, als sich ihr jedoch ihre übereifrige Mutter entgegenstellte, die einen weiteren Blick in das Babybettchen riskiert hatte und nun ebenso an Atemnot litt wie Elke Fisher, deren Hand sie spontan ergriffen hatte, weil sie ebenso wenig wie Gretchens durchgeknallte Schwiegermutter glauben konnte, was sie sah. Da lagen doch tatsächlich drei zuckersüße, in denselben Stramplern gekleidete Babys wie die Orgelpfeifen nebeneinander und guckten etwas eingeschüchtert zu den beiden älteren Damen hoch. Fast hätten sie im Kanon angefangen zu weinen, wenn nicht jemand beherzt eingegriffen hätte, von dem es niemand erwartet hätte. Wie aus dem Nichts war nämlich Dr. Kaan neben Prof. Haase und Prof. Meier erschienen, die sich ebenfalls ungläubig dem Wärmebettchen und dessen Bewohnern genähert hatten. Unbeeindruckt von dem vorherrschenden Durcheinander begrüßte der charmante Gynäkologe jeden einzelnen im Raum mit einem fröhlichen Lächeln und nahm dann seinen Jungen hoch und drückte ihn zur Überraschung der beiden staunenden Professorengattinnen an seine Brust, um ihn mitzunehmen. Mehdis Sohn wurde nämlich schon sehnlich vermisst.

Mehdi (zwinkert grinsend seinen beiden besten Freunden zu, die seine Geste ebenso vielsagend erwidern): Entschuldigung, aber... er hier... gehört zu mir. Da war wohl jemand etwas übereifrig bei der Verteilung seiner neuen Aufgaben.
Bärbel (schaut dem attraktiven Ex-Freund ihrer Tochter mit heruntergeklappter Kinnlade hinterher, wie er langsam mit dem Baby wieder zur Tür geht): Wie meinen?
Elke (tippelt Dr. Kaan ungläubig hinterher u. merkt dabei nicht, dass sie immer noch Bärbel im Schlepptau hält, die ebenso sprachlos den gutaussehenden Halbperser anstarrt): Oh! Jetzt, wo Sie’s sagen, die Ähnlichkeit ist verblüffend.
Marc (kann sich einen zynischen Kommentar nicht verkneifen): Ach, mit einem Mal, hm? Dann setze beim nächsten Mal gefälligst deine Brille auf, die du immer versteckt hältst, bevor du hirnlose Verdächtigungen in die Welt setzt.
Gretchen (zupft den Provokateur am Ärmel seines OP-Kittels zu sich aufs Bett): Maaarc! Ssshhh!
Bärbel (schaut ehrfürchtig in Mehdis Gesicht, das vor ansteckender Freude überschäumt): Nein? Sagen Sie nicht, Sie und Schwester Gabi sind heute Nacht ebenfalls Eltern geworden? Wie famos! Dann können die Kinder ja in Zukunft gemeinsam feiern.
Marc (wedelt mit seiner Hand, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erhaschen, die ihm jedoch nur zum Teil gewährt wird): Nope! Er ist nach Mitternacht geboren. Die Rasselbande hier ne reichliche Stunde zuvor.
Gretchen (strahlt glücklich ihre beiden Babys an, die den Abschied von ihrem neuen besten Freund mit einem unruhigen Zappeln kommentieren, u. kann nicht widerstehen, sie zu sich ins Bett zu holen): Genau! Na, ihr Zwei, vermisst ihr ihn etwa schon?
Olivier (verhehlt sein Interesse ebenfalls nicht u. tritt näher): Ach?
Mehdi (strahlt mit seinen beiden besten Freunden um die Wette, die fröhlich vom Bett aus zu ihm rüber schauen u. sich unbändig mit ihm mit freuen): Ja, die Überraschung lässt sich wohl nicht leugnen.
Bärbel (fasst sich überwältigt an ihr Herz, nachdem sie irritiert festgestellt hat, dass sie immer noch Elkes Hand gehalten hat, die sie sofort loslässt): Hach... Das ist ja großartig. Welch ein Fest! Das freut mich aber für Sie, Dr. Laa... Kaan. Ein hinreißendes Kind. Ganz der Vater.
Elke (mustert Vater u. Sohn skeptisch): Das ist ja auch das Mindeste, wenn man bedenkt, auf wen Sie sich eingelassen haben. Ich hätte Marc Oliviers Vertrautem mehr Geschmack zugetraut, aber naja, mein Sohn ist ihren Krallen zum Glück gerade noch rechtzeitig...
Olivier (hält seine Frau in Schach, bevor sie noch etwas Falsches sagen kann): Elke! Die Liebe geht nun mal ganz eigene Wege. Das müsstest du doch am besten wissen.
Elke (klapst ihm empört auf den Arm, unter den sie sich schließlich ergeben lächelnd einhakt): Olivier! Du bist unmöglich.

Peinlich trifft es eher! Aber mich fragt ja keiner.

Franz (klopft seinem Oberarzt anerkennend auf die Schulter, bevor er dem Kind leicht an das kleine Näschen stupst, das ihn mit seinen hinreißenden Kulleraugen aufmerksam anschaut): Diese Überraschung ist Ihnen wahrlich geglückt. Herzlichen Glückwunsch, Dr. Kaan! Da kommt wohl nun einiges an Verwaltungsarbeit auf mich zu, jetzt, wo Sie neben Dr. Meier, meiner Tochter und Dr. Hassmann auch noch ausfallen werden.
Bärbel (guckt ihn leicht erbost von der Seite an, bevor sie sich ganz dem niedlichen Kind zuwendet): Franz, das ist doch unwichtig. Hauptsache, die Kinder sind gesund.
Franz (lächelt u. hakt sich ergeben bei seiner schockverliebten Frau ein): Das stimmt. Also, noch mal, alles Gute, Dr. Kaan. Das können Sie Schwester Gabi auch ausrichten. Ich hoffe, sie ist wohlauf? Blumenstrauß folgt.
Mehdi (grinst über beide Backen wie ein Honigkuchenpferd): Mach ich. Ihr geht’s den Umständen entsprechend gut. Vielen Dank, Herr Professor! Ihnen und Ihrer werten Frau Gemahlin natürlich auch herzlichen Glückwunsch zur Enkelschar!
Marc (schmunzelt): Schleimer!
Gretchen (funkelt ihn tadelnd an u. drückt ihm eins der Babys in die Arme, das mit seinem wilden Gezappel sofort seine ganze Aufmerksamkeit erhascht): Marc!
Marc (lässt sich von dem Kleinen erfolgreich ablenken): Na, du! Was hast du denn? Du willst bestimmt etwas Anderes hören, aber ich befürchte, der Terror hier wird zur Gewohnheit.
Gretchen (kuschelt ganz vernarrt mit ihrem Zwillingsmädchen): Gar nicht! Lasst euch nicht diesen Unsinn einreden! Alles ist gut. Alle haben sich lieb.
Marc (verhehlt seine Skepsis nicht u. schaut demonstrativ zu den Erwachsenen, die sich um Mehdi u. den Kleinen versammelt haben): Naja!?!
Bärbel (zupft aufgeregt am Jackettärmel ihres Mannes, der sich abwesend zu den Kindern umgedreht hat): Schau ihn dir an! Diese faszinierenden dunklen Augen. Wie ein Prinz aus tausendundeiner Nacht. Wie aufmerksam er einen anschaut. Er wird noch Frauenherzen stehlen. Das ist gewiss. Es ist doch ein Er, oder?

Während sich alle fasziniert um den entzückenden Jungen auf dem Arm von Dr. Kaan scharrten und auch Pflegepraktikant Jochen einen neugierigen Blick mehr riskierte, um später seiner Freundin, die bekanntlich Gabis beste Freundin war, detaillierte Informationen liefern zu können, konnten Marc und Gretchen, die nebeneinander im Bett saßen und sich ihrer beiden Kinder angenommen hatten, nicht glauben, was sich vor ihnen abspielte. Ratlos schauten sie sich an, bis der bärenstolze Neudaddy nicht mehr länger an sich halten konnte und seinem Gefühlswirrwarr sehr deutlich Luft machte...

Marc: Äh... Hallo? Ich weiß, unser Patenkind ist wirklich interessant anzusehen und sein Weg auf die Welt ist eine spannende kleine Geschichte mit Höhen und Tiefen, aber, verdammt noch mal, hier spielt die Musik. Bei einmal stolzen 3000g verteilt auf 49 cm Körpergröße im süßen Doppel mit einem minimalen Unterschied, der sich bei 47 cm und 2600g eingependelt hat. Falls es überhaupt jemanden interessieren sollte. Falls nicht, da ist die Tür, die könnt ihr gerne von außen zumachen. Nacht!

Der sichtlich gereizte Oberarzt der Chirurgie, der trotzig eins der Kinder im Arm hielt, das zufällig gerade eine ähnlich unglückliche Schnute zog wie sein wortjonglierender Papa, hatte gesprochen, auch wenn sich Gretchen eine charmantere Art und Weise gewünscht hätte, um die Aufmerksamkeit der versammelten Großelternfraktion wieder auf sich zu lenken, die immer noch ganz vernarrt in Baby Lenny war und sich doch nur allzu gerne von dem süßen Fratz ablenken ließ, der noch eindrucksvollere Geburtswerte aufzuweisen hatte wie seine kleinen Freunde, auch wenn seine Ankunft, ebenso wie die der Meier-Haase-Zwillinge, eigentlich noch nicht für heute beziehungsweise gestern angekündigt gewesen war. Umso schöner war es trotzdem, dass sie jetzt da waren. Mit all dem Glück, den Freudentränen, den Knuddeleinheiten und sonstigen Widrigkeiten, die damit verbunden waren.

Lorelei Offline

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15.01.2018 16:14
#1615 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mehdi, der ganz genau wusste, wie sich seine beiden liebsten Freunde gerade fühlten, die ihr Glück gerne mit der ganzen Welt teilen wollten, und der den verdächtigen Tränenschimmer in Gretchens Augen bemerkt hatte, reagierte natürlich direkt auf seine unverwechselbare Art und Weise. Er zog die Notbremse und schnappte sich seinen Jungen wieder, der gerade von Bärbel zu Franz, dann zu Olivier und schließlich beinahe auch noch zu Elke Fisher durchgereicht worden wäre. Das war dann auch dem stolzen Bärendaddy zu viel des Guten. Schließlich hatten ohne Ausnahme alle Anwesenden einen mehr als aufregenden Tag hinter sich, der sich schon lang genug gezogen hatte.

Mehdi (schmiegt seine Wange sanft gegen die seines Kindes, bevor er es liebevoll an sich gedrückt hält): Okay, du hast deinen Patenonkel gehört, das ist unser Stichwort, Lennymaus.
Bärbel (ist sichtlich hingerissen u. verhehlt das nicht): Lenny, also? Wie entzückend!
Mehdi (nickt u. schafft es endlich, sich von der Gruppe loszueisen): Ihr Lieben, ich wünsche noch eine geruhsame Nacht. Und euch beiden, danke noch mal fürs unplanmäßige Babysitten.
Gretchen (erwidert sein ansteckendes Lachen, da sie ganz genau weiß, wie es gemeint ist): Immer wieder gerne, Mehdi. Er ist so ein Goldschatz. Die Kinder lieben ihn.
Mehdi (strahlt mit ihr um die Wette): Wir kommen darauf zurück.
Marc (zeigt sich eher weniger begeistert, auch wenn seine verdächtig zuckenden Mundwinkel etwas Anderes verraten): Naja.
Gretchen (stupst ihn dafür mit der Schulter unsanft an): Danke noch mal für alles!
Mehdi: Gar nichts für! Das ist mein Job und er wird immer besser. Zumal ich jetzt weiß, an wen ich mich vertrauensvoll wenden muss, wenn auf meiner Station mal wieder Not am Mann sein sollte.

...murmelte Mehdi noch augenzwinkernd in Richtung von Lennys Geburtshelfer, der nun wesentlich versöhnlicher dreinblickte als noch eine Minute zuvor, und wandte sich dann zum Abschied auch noch kurz an Jochen Haase, der sich auch am liebsten verdrückt hätte, wenn er gekonnt hätte, und zappelig vor der Tür auf- und ablief, die sein Oberarzt gleich mit seinem neugeborenen Sohn passieren würde, der kurz davor war, an seiner Brust einzuschlafen.

Mehdi (flüstert, nachdem er sich kurz vergewissert hat, ob niemand Weiteres zuhört): Jochen, gib ihnen, sagen wir mal, noch eine Viertelstunde, dann sollte wirklich Schicht im Schacht sein. Es ist gleich halb Zwei durch. Deine Schwester und die Zwerge brauchen Ruhe und Dr. Meier sowieso. Sonst brennt irgendwann sein Akku durch und das will keiner erleben.
Jochen (schaut seinen Chef mit großen, müden Augen ungläubig an): Wie stellst du dir das vor, Mehdi? Ich soll meinen eigenen Vater rausschmeißen? Ey, der ist gleichzeitig auch mein Chef. Der hört nie und nimmer auf mich. Von den anderen mag ich gar nicht erst sprechen. Die haben gerade eine neue Atmosphärenebene erreicht, auf der man lediglich in Babysprache kommuniziert.
Mehdi (grinst u. gibt sich zuversichtlich): Och, du bist doch ein schlaues Kerlchen. Dir wird schon etwas einfallen. Außerdem ist das dein Job. Sieh es einfach als weitere Lektion auf dem steinigen Weg zum Kinderarzt an. Es geht in der Pädiatrie nämlich nicht in erster Linie nur um die Kleinen, die wir hier behandeln. Das Allerwichtigste ist vor allem, die Eltern auf deine Seite zu ziehen.
Jochen (fühlt sich verscheißert): Indem ich sie hochkant zur Tür rauskompromittiere?
Mehdi: Wenn du sachlich gut argumentierst, verschaffst du dir Respekt. Dann kannst du dir alles erlauben und sie pfuschen nicht mehr in deine Behandlung.
Jochen (guckt unruhig zu den anderen, die sich nun endlich ganz verzückt der Zwillinge annehmen): Das funktioniert vielleicht bei normalen Eltern. Da kennst du meine und seine aber schlecht.
Mehdi (folgt schmunzelnd Jochens Blick, lässt sich aber schnell von dem zappeligen Wesen in seinen Armen wieder ablenken, das er unter seinem Arztkittel ruhig an sich gedrückt hält, damit es schnell wieder einschläft): Das zu beurteilen, mein Freund, ist das Schwierigste an unserem Beruf. Ich erzähle dir gerne mehr davon, aber ein anderes Mal. Die bildhübsche Mama von diesem Wunder hier wartet nämlich schon ganz ungeduldig auf uns. Also, man sieht sich. Noch eine ruhige Nachtschicht!
Jochen (muss wohl oder übel in den sauren Apfel beißen): Witzig! Falls das eventuell in dem Chaos, das meine Ellis verzapft haben, untergegangen sein sollte, aber auch von mir noch mal herzlichen Glückwunsch zum frisch geschlüpften Hosenscheißer. Chanti ist schon ganz aus dem Häuschen deswegen und textet ständig mein Handy voll, weil bei euch keiner rangeht.
Mehdi (grinst): Ich weiß. Sie hat uns vorhin aus dem Bett geklingelt. Sag ihr liebe Grüße und ein dickes, fettes Dankeschön, denn ohne sie hätten wir noch nicht so schnell mitgekriegt, dass er hier uns unter mysteriösen Umständen abhandengekommen ist. Gabi meldet sich dann, denke ich, morgen früh, also, heute Vormittag bei Chantal, wenn sie sich ein bisschen erholt hat.
Jochen (lächelt mitfühlend, während er fasziniert das schlafenden Kind beobachtet): War ja auch eine krasse Geschichte mit dem Fahrstuhl und so.
Mehdi (schaut bewegt auf seinen neugeborenen Sohn, dem er spontan einen kleinen Kuss auf die Stirn setzt): Wem sagst du das? So langsam werden uns heute Nacht in diesem Krankenhaus die Beruhigungsmittel ausgehen.
Jochen (scherzhaft): Solange für mich noch etwas übrigbleibt.
Mehdi (runzelt gespielt ernst die Stirn): Wohl eher nicht.
Jochen (drückt grinsend seine Faust an Lennys winzigkleine Hand, die sich in Papas Kittel gekrallt hat): Dachte ich mir. Tschüß, Chef! Und Lennymausi, Ghettofaust zum Abschied? War ein Versucht. Macht’s gut!

Dr. Kaan klopfte dem Freund von Gabis bester Freundin noch einmal schmunzelnd auf die Schulter, wechselte danach vorsichtig den Arm, mit dem er sein kleines Baby festhielt, das prompt an seiner Brust eingeschlafen war, und riskierte auf der Türschwelle einen letzten fürsorglichen Blick in das Zimmer seiner Lieblingspatientin, wo sich nun endlich alle um das wohl größte Wunder in dieser noch jungen Nacht versammelt hatten und gebannt innehielten. Er zwinkerte seinen allerliebsten Freunden noch einmal zum Abschied zu, die ihn im Augenwinkel noch bemerkt hatten, und verschwand dann nach nebenan in das Zimmer seiner Lebensgefährtin, wo er und sein Sohn schon sehnsüchtig erwartet wurden. Währenddessen hatten Marc und Gretchen endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie gesucht hatten, und wurden prompt von einer riesigen Welle an Emotionen überrollt, die das junge Glück beinahe zu überfordern drohte.

Bärbel: Hach... Franz, nun schau doch mal! Sind sie nicht herzallerliebst? Die Zwei stehen euch aber richtig, richtig gut.
Gretchen (wird direkt verlegen, zumal sie Marcs überforderten Gesichtsausdruck neben sich bemerkt): Mama!
Bärbel (kichert ungehalten u. stupst das kleine Wesen in Gretchens Armen immer wieder mit dem Finger vorsichtig an): Ja, stimmt doch wohl. Du wolltest mir ja immer nicht glauben, wie wunderbar dir ein Kind stehen würde. Und jetzt sind es sogar zwei so süße Engelchen geworden. Och, jetzt schau doch mal, Franz!
Gretchen: Willst du ihn mal halten, Papa?

...versuchte Gretchen, sich von ihrer übereifrigen Mutter abzulenken und ihren verstummten Vater aus der Reserve zu locken, der wie angewachsen neben ihrem Bett stehen geblieben war und abwechselnd das kleine Bündel in den Armen seiner Tochter und seines Schwiegersohnes betrachtete. Erst nachdem seine Frau ihn mit dem Ellenbogen sanft angestupst hatte, wachte er aus seiner temporären Lethargie auf, die lediglich Ausdruck des grenzenlosen Erstaunens eines Großvaters gegenüber seinen ersten Enkelchen gewesen war. Der große, starke, weise Professor der Medizin wirkte plötzlich ganz unsicher und unbeholfen, als Bärbel ihm das Baby in den Arm legte, das sie am liebsten selber nicht mehr losgelassen hätte, weil es sie so brav und lieb angeschaut hatte. Fast so wie Gretchen und Jochen damals, dachte die stolze Oma ganz entzückt und wischte sich ein kleines Freudentränchen aus dem Augenwinkel. Prof. Haase blieb jedoch auch weiterhin völlig sprachlos, als er das sich räkelnde Wunder in seinen Armen ganz genau betrachtete, was die beiden Haase-Damen, die sich daraufhin vielsagende Blicke geschenkt hatten, sichtlich gerührt beobachteten.

Auf der anderen Bettseite widmete sich derweil der zweite Großvater dem anderen Zwillingskind und wiegte es, von seinem Sohn mit Argusaugen beobachtet, sanft im Arm hin und her und schaute dabei immer wieder verliebt in die feucht schimmernden Augen seiner heiß und innig geliebten Ehefrau, der es beim Anblick ihrer ersten Enkelkinder ebenso die Sprache verschlagen hatte. Und für jemanden, der tagtäglich mit Worten arbeitete, sollte das schon etwas heißen. Aber Marcs Mutter konnte es immer noch kaum begreifen und dabei gab es selten etwas, das Elke Fisher nicht zu fassen wusste. Doch jetzt, wo es tatsächlich real geworden und zum Greifen nah war, seltsamerweise umso weniger. Sie war geschockt und fasziniert zugleich. Das spürten auch ihre beiden Männer, die sich unterschwellig bedeutsame Blicke schenkten, ehe sie den Säugling unvermittelt der frisch gebackenen Oma einfach in die Arme legten, die im ersten Moment damit vollkommen überfordert schien, doch sich mit jeder weiteren Sekunde, die sie in die sie fesselnden dunkelgrünen Augen blickte, die denen von Marc Olivier so ähnlich waren, daran gewöhnte und innerlich immer ruhiger wurde.

Marc (fährt sich zufrieden mit seiner Hand über seinen blauen OP-Kasack, den er jetzt doch gerne gegen normale Klamotten getauscht hätte): Na, siehste, geht doch. War das jetzt so schwer, Oma Elke?
Olivier (hält seinem frechen Sohn den Oberlehrerzeigefinger vor): Oh, Obacht mit der Wortwahl, mein Junge! Das könnte ins Auge gehen.
Marc (freut sich diebisch): Nö, jetzt erst recht! Oder Gretchen, was denkst du? Wir sind uns doch darin einig, oder?
Gretchen (schaut verwundert zu den Meiers vorm Fenster rüber, während sie immer noch ihren Papa nicht aus den Augen lässt, der mittlerweile ganz in seiner Opa-Aufgabe aufgeht): Hm?
Marc (schenkt seiner Prinzessin sein schönstes Grübchenlächeln, das ihr Herz höher schlagen lässt): Nichts, träum weiter, Haasenzahn! Der Gag wird schon noch von ganz alleine zum Selbstläufer. Wirst sehen.

Das kann sie so was von knicken. Nur weil sie ein Problem mit ihrem Alter haben, führen wir ganz bestimmt nicht ein, dass die Zwerge Elke oder Bärbel sagen werden, wenn es dafür das viel bessere Synonym gibt, das da lautet: Großmutter! Hähä! Das wird ein Spaß.

Elke (löst ihren zärtlichen Blick dann doch kurzzeitig von dem kleinen Wunder, um ihre Männer maßzuregeln): Ach, kommt, jetzt seid nicht albern! Was soll er hier denn von euch denken, hm?
Marc (versucht, sich erfolglos Gehör zu verschaffen, aber das Mundwerk seiner Mutter ist schneller): Äh... eigentlich ist das...
Elke (seufzt ergeben auf): Ja, ich gebe es ja zu. Ich bin etwas außer Übung. Das letzte Mal, als ich ein so kleines, perfektes Wesen gehalten habe, das ist vierunddreißig Jahre her.
Marc (der Beschützerinstinkt überkommt ihn dann doch u. er legt seine Hand schützend an das kleine Köpfchen seines Kindes): Ernsthaft?
Elke (überspielt ihre Verlegenheit u. konzentriert sich auf das Wesentliche): Jetzt guck mich bitte nicht so an, Marc Olivier! Meine Klientel liegt hauptsächlich woanders, auch wenn ich zugeben muss, dass das Schreiben der zwei Gute-Nacht-Geschichten zur Geburt der Zwillinge mir schon sehr viel Spaß gemacht hat.

Okay, das erste Werk, das wir von ihr im Bücherregal stehen haben, das wirklich Sinn ergibt.

Gretchen (strahlt zu ihnen rüber): Die sind dir aber auch richtig gut gelungen, Elke.
Elke (auch wenn sie sich geschmeichelt fühlt, kann sie nicht widerstehen, in alte Muster zurückzufallen): Ach, Kind, die waren doch zum Vorlesen vorgesehen, wenn die Kinder da sind, nicht zum vorher Hineinschmulen.
Marc (kontert kleinlaut u. deutet mit seinen beiden Zeigefingern demonstrativ auf Elkes Enkelchen): Das sind sie ja jetzt auch offensichtlich.
Gretchen (grient vergnügt zu den Meiers rüber): Och, ich mache da keine Ausnahme, ich hab doch die ganze Zeit schon ein Kind zuhause gehabt.
Marc (funkelt den Frechdachs an): Vorsicht, Fräulein, ganz dünnes Eis! Die Tage, an denen ich dich in Watte gepackt habe, sind vorbei. Schreib dir das in dein Tagebuch!
Gretchen (lässt sich nicht einschüchtern u. grient ihn verliebt an): Finde ich nicht.
Olivier (hat da auch noch seinen Senf dazuzugeben): Ich auch nicht.
Marc (zieht eine hinreißende Schmollschnute, dann lacht er aber auch): Na toll, überall nur Verschwörer.

Ich sitze in der Falle.

Elke (schüttelt nur den Kopf angesichts all der Albernheiten um sich herum u. widmet sich ihrem süßen Enkelchen, das gespannt ihrer rauen Stimme lauscht): Also, hör sie dir an! Alle drei noch grün hinter den Ohren. Ob das als Vorbild dienen kann?
Olivier (legt schmunzelnd seinen Arm um Elkes Schulter): Dann nehmen wir eben dich.
Marc (versucht das mit hoch erhobenen Händen zu verhindern): Oh, bitte nicht!
Elke (erliegt dem Charme ihres Mannes u. schmiegt sich mit dem Baby glücklich an seine Seite): Charmeur!
Olivier (blickt ihr verliebt in die Augen, während er sanft seinem Enkelchen über die rosige Wange streichelt): Och, ich finde, du hast nichts verlernt. Du machst das hervorragend.
Elke (hängt gebannt an dem süßen Gesicht des kleinen Säuglings u. schwelgt in Erinnerungen): Er sieht aus wie du damals, Marc.
Marc (schaut schmunzelnd zu Gretchen rüber, die auch immer wieder verstohlen herüberschielt): Eher unwahrscheinlich, denn ein entscheidendes Detail ist definitiv anders.
Elke (hört ihm gar nicht richtig zu, so eingenommen ist sie von dem süßen Wesen): Hm?
Marc: Das zweite X-Chromosom.
Elke (schaut dann doch kurz verwirrt auf): Bitte?
Marc (freut sich diebisch über seinen gelungenen Coup): Das ist ein Mädchen, Mama, das du da hältst.
Olivier (seine dunkelgrünen Augen leuchten ungläubig auf u. werden zum Tränenreservoir, das droht, überzulaufen): Nein, wirklich?
Elke (schaut ungläubig zwischen Marc u. der Kleinen hin u. her): Marc, das ist...
Marc (grinst wie ein Honigkuchenpferd): ...sensationell, ich weiß. Und für die, die es immer noch nicht mitgeschnitten haben, da drüben ist unser Junge, hier unser kleines Mädchen.

Der frischgebackene Familienvater platzte fast vor Stolz und schwenkte seine beiden Arme demonstrativ von einer Seite zur anderen und zog damit nicht nur die Aufmerksamkeit seiner eigenen Eltern auf sich. Auch seine Schwiegereltern in spe schauten ziemlich überrascht aus der Wäsche. Als hätte Hertha Berlin die Champions League gewonnen. So fühlte es sich zumindest für ihn an. Und das war noch weit untertrieben. Und auch Bärbel Haase konnte ihre Freude nicht für sich behalten und giggelte ungehalten los, während sie ihren sichtlich bewegten Mann umtanzte, der entgegen ihrer ansteckenden Euphorie seinen Enkel sanft auf dem Arm in den Schlaf zu wiegen versuchte.

Bärbel: Aber das ist ja großartig. Ein Junge und ein Mädchen. Was für ein Glücksfall! Franz, wie findest du das?
Franz (schaut gerührt auf seine im Bett liegende Tochter herab): Ziemlich perfekt, Kälbchen!
Gretchen (grient den bärenstolzen Opa überglücklich an): Nur ziemlich?
Franz (betrachtet den kleinen Jungen, dem immer wieder müde die Augen zuklappen, ganz genau, bevor er ihn Bärbel vorsichtig in die ausgestreckten Arme legt, die ihr Entzücken mit kleinen Küsschen zum Ausdruck bringt, die ihren Enkel sichtlich überfordern, woraufhin er schnell wieder eingreift): Ich neige gewöhnlich nicht zu Übertreibungen, aber in diesem konkreten Fall mache ich gerne eine verdiente Ausnahme.
Bärbel (wird dann doch ungeduldig): Och, Franz, was machst du denn da? Du überforderst den Kleinen doch. Darf ich ihn auch endlich halten? Bitte, mein Schatz!
Olivier: Wir können auch gerne mal tauschen, wenn ihr wollt? Ich bin nämlich auch schon ganz neugierig auf unseren Enkel.
Elke: Und ich erst.

Olivier Meier war mit seiner werten Gattin und seiner süßen Enkelin auf dem Arm an die Haases herangetreten und ein munteres Reihum begann, das Gretchen mit grenzenloser Freude, Marc eher mit anhaltender Skepsis beobachtete. Er wollte nicht, dass die Zwerge überfordert wurden, wenn selbst bei ihm die Grenze des Erträglichen schon fast erreicht war.

Marc: Okay, okay, jeder darf mal ran, aber sobald Marlene und Marlon keinen Bock mehr haben, ist Schicht im Schacht. Jeder vernünftige Arzt hätte nämlich schon längst den Schlusspfiff gemacht.
Olivier (schaut staunend zu Marc u. Gretchen, die sich im Arm halten): Marlene und Marlon?
Bärbel (quietscht entzückt auf u. verschreckt damit fast ihre Enkelin, die sie gerade herzt u. knuddelt): Wie entzückend!
Gretchen (blickt erwartungsvoll in die Runde): Findet ihr?
Elke (hält sich mit Begeisterungsstürmen noch zurück, aber ihre aufleuchtenden Augen verraten sie): Alliterationen wie aus dem Bilderbuch. Hm... Da kommen die guten Gene durch. Ich wusste doch, irgendwo versteckt sich doch die künstlerische Ader, die unsere Familie geprägt hat.

Okay, jetzt dreht sie völlig ab! Was für eine künstlerische Ader? Das ist doch vollkommener Kokolores. In erster Linie sind wir eine Medizinerfamilie und das ist auch gut so. Ausnahmen bestätigen nicht die Regel.

Marc (rollt mit den Augen): Mutter, jetzt übertreib nicht! Das sind stinknormale Namen. Mehr nicht. Sie waren äh... naheliegend. Mehr oder weniger.
Gretchen (himmelt ihren Herzprinzen von der Seite an u. umklammert seine Hand): Und sie sind doch auch mit ganz viel Liebe ausgesucht worden. Von uns beiden.
Jochen (meldet sich dann auch mal wieder aus dem Hintergrund): Ihr könnt Jochen ja immer noch als Zweitnamen einfügen. Schließlich hab ich mich in seinen ersten Minuten, während wir ungeduldig auf sein Schwesterchen gewartet haben, gut um ihn gekümmert.
Franz (schaut erstaunt zu seinem Jungen rüber, der gemütlich in der Sesselecke lümmelt u. auf seinem Handy herumdaddelt): Ach, hast du?
Marc (tauscht mit Gretchen einen vielsagenden Blick aus, die ihr Kichern ebenfalls nicht zurückhalten kann): Ja, klar!
Bärbel (funkelt ihren frechen Sohnemann leicht erbost an): Jochen, jetzt sei nicht albern! Der Trend geht eindeutig nicht zu Zweitnamen.
Marc (schaut daraufhin demonstrativ seine Mutter an): Hast du gehört, Mutter?
Elke (verdreht die Augen u. versucht ihren vorlauten Bengel zu überhören): Marc Olivier!
Marc (stöhnt entnervt auf): Streich endlich das bescheuerte Olivier! Nichts gegen dich, Dad!
Olivier (lacht herzlich auf): Schon gut.
Franz (lächelt bewegt): Gut gemacht!

Franz hatte sich derweil aus dem Ganzen herausgehalten und klopfte seinem Schützling und Schwiegersohn in spe nun anerkennend auf die Schulter und nahm sich seiner kleinen Enkelin an, die Bärbel ihm nach einem letzten dicken Schmatzer auf die Wange vorsichtig gereicht hatte. Einmal mehr war er völlig fasziniert von dem kleinen Wesen und setzte sich zu seiner Tochter auf die Bettkante, die er mit einem liebevollen väterlichen Blick bedachte, welcher ihre Schleusen direkt wieder öffnete. Gretchen konnte nicht aufhören zu weinen. Die Emotionen überkamen sie einfach. Erst als ihre Mutter sie von der anderen Seite in den Arm genommen hatte, wurde es etwas weniger. Zumal diese mit ihrer Meinung natürlich mal wieder nicht vor dem Tor halten konnte. Typisch Übermutter Bärbel Haase, die schon wieder eifrig Pläne schmiedete.

Bärbel (flüstert): Wäre es jetzt nicht an der Zeit, Margarethe?
Gretchen (hält ihrem Kind in Opas Armen verliebt ihren kleinen Finger hin u. hört eigentlich gar nicht richtig zu): Für was?
Bärbel (blickt gebannt auf ihren gutaussehenden Schwiegersohn, der sich wieder zu seinen Eltern u. seinem Söhnchen gesellt hat, den er verliebt anlächelt): Na, um endlich zu heiraten!
Gretchen (kann nicht glauben, dass ihre Mutter das ernsthaft vorschlägt u. lässt vor Schreck die Hand ihres Babys wieder los): Mama!
Bärbel (ist völlig davon überzeugt u. verhehlt dies nicht): Warum denn nicht? Ich weiß, ich weiß, es sind andere Zeiten. Nicht mehr so wie bei mir und deinem Vater damals. Aber...
Gretchen (stoppt sie, bevor sie noch weiter ausholen kann, u. hofft, dass Marc nicht mithört u. schaut immer wieder vergewissernd zu ihm rüber): Dann ist doch alles gut, so wie es ist.
Bärbel (stupst sie lächelnd mit der Schulter an u. setzt dabei einen geheimnisvollen Gesichtsausdruck auf): Du musst mich nicht für dumm erklären, Margarethe. Denkst du etwa, der Ring, den du seit einer Weile an einer Kette unter deinen Sachen trägst, wäre mir und deinem Vater nicht aufgefallen? Und jetzt dieses wunderschöne neue Schmuckstück an deinem Handgelenk. Ich weiß, was das bedeutet.

Oh nein! Warum kann sie es nicht endlich einmal darauf beruhen lassen? Nur weil wir jetzt Kinder haben, heißt das doch nicht gleich, wir müssen morgen im Standesamt erscheinen. Das ist doch überhaupt nicht das Thema. Das ist uns nicht wichtig. Wir sind wichtig. Wir Vier zählen. Außerdem waren wir da ja schon einmal. Hihi! Ich mag mir jedoch nicht ausmalen, was passiert, falls Mama das jemals rausbekommen sollte. Oje!

Franz (ist von seinem süßen Enkelchen derart abgelenkt, dass er nichts mehr um sich herum mitbekommt, aber spürt dennoch, wie unangenehm seiner Tochter Bärbels ewige Ausfragerei ist u. schreitet ein): Bärbel, jetzt lass das Kind doch erst einmal zur Ruhe kommen! Sie hat gerade entbunden.
Gretchen (drückt lächelnd seine freie Hand, mit der er sich auf der Bettkante abstützt, u. lässt sie nicht mehr los): Danke, Papa! Mama, das ist alles ganz anders, als du denkst. Und das geht nur mich und Marc etwas an.
Marc (horcht bei seinem Namen auf u. dreht sich fragend zu den Haases um): Was geht mich was an?
Gretchen (sucht eindringlich seinen Blick u. er versteht): Nichts, Marc, das Übliche!

Ich wusste es. Wir hätten uns doch im Waschraum verstecken sollen.

Bärbel (nickt wissend u. lässt nicht nach): So anders wie die Tatsachen, die auf den Armbändern eurer Kinder stehen? Aber gut, ich misch mich da nicht ein. Ihr müsst wissen, was ihr tut. Wir vertrauen euch, dass es das Richtige ist. Ich wollte nur ein bisschen zum Nachdenken anregen. Heute ist doch der perfekte Tag dafür.
Gretchen (atmet erleichtert aus u. sucht den Blick ihres Vaters, der ihr schmunzelnd zunickt, während er gebannt sein Enkelchen an seine Brust gedrückt hält): Nur ein bisschen?
Bärbel (fühlt sich von den beiden mal wieder nicht ernst genommen): Papa und ich wollen doch nur, dass du glücklich bist.
Gretchen (drückt nun die Hand ihrer Mutter u. blickt ihr ernst in die Augen): Ich bin glücklich, Mama. Sehr sogar. Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.
Bärbel (wischt sich ein verstohlenes Tränchen aus dem Augenwinkel u. erwidert Gretchens Händedruck): Ja, das sieht man dir an. Euch. Vermutlich geht ihr doch den richtigen Weg.
Gretchen (staunt dann doch, wie schnell sie ihre Meinung ändern kann): Nanu, so einsichtig auf einmal?
Bärbel (reagiert verschnupft): Mach dich nur lustig über deine einfältige, alte Mutter!
Gretchen (schmiegt sich an ihre Seite): Mama, du bist doch nicht alt. Du wolltest doch jung Oma werden. Jetzt bist du’s.
Bärbel (strahlt plötzlich wie ein Honigkuchenpferd): Gerade noch so die Kurve gekriegt, Gretchen.
Gretchen (kichert): Ich hab dich lieb, Mama.
Bärbel (drückt erneut sichtlich bewegt ihre Hand u. lehnt ihre Stirn an die von Gretchen): Wir dich auch. Wir sind sehr, sehr stolz auf dich.
Franz (lehnt sich an die Seite seiner Frauen): Ja, das sind wir. Also, lass dir nichts einreden! Marc und du, ihr habt alles richtig gemacht.
Bärbel: Franz!

...stieß Bärbel leicht empört aus, spürte aber schnell, dass sie von ihrem frechen Göttergatten, der herzlich zusammen mit Gretchen auflachte, hochgenommen worden war und schloss sich dem Haasschen Kanon schließlich mit an, der ein herzliches Gekicher und eine weitere Familienumarmung beinhaltete. Es wurde gelacht, geherzt, verliebt und ganz vernarrt geguckt und die süßen Enkelchen spielten auch lange genug mit, aber als Marlon und Marlene zum dritten Mal die Oma-Opa-Runde machen sollten, wurde es ihnen dann doch zu bunt und sie legten lautstark ihr Veto ein. Erst als sie wieder bei ihrer Mama angelangt waren, zu der Marc sie gebracht hatte, wurden die beiden merklich ruhiger und schliefen direkt in Gretchens Armen erschöpft ein. Auch wenn er noch wenig Erfahrung auf diesem Gebiet hatte, mal abgesehen von seiner fast einjährigen Stieftochter, merkte auch Pfleger Jochen, dass jetzt endgültig genug war und versuchte, wenig erfolgreich mittels Räuspern auf sich aufmerksam zu machen.

Jochen: Chrrrm... Chrrrm...
Bärbel (lehnt ganz vernarrt am Bettrahmen): Och, Franz, nun sieh sie dir an! Wie süß sie in ihren Armen schlafen. Wie kleine Pandabärchen!
Marc (bemerkt irritiert Jochens seltsame Verrenkungen an der Tür): Hast du einen Frosch im Hals?
Olivier (stellt sich neben Franz u. Bärbel u. genießt ebenfalls das wunderschöne Bild, dass Gretchens Mutter direkt mit ihrem Smartphone fürs Familienalbum festhalten muss): Das waren wohl doch ein paar anstrengende erste Lebensstunden.
Elke (fächert sich aufgewühlt Luft zu): Wem sagst du das.
Jochen (wedelt hektisch mit seinen schlaksigen Armen, um Aufmerksamkeit haschend): Äh... Leute! Hallo?
Franz (reagiert dann doch auf ihn): Was ist denn, Junge?
Bärbel (hantiert überfordert an ihrer Kamera herum, was sich Olivier nicht mehr länger mitansehen kann u. übernimmt): Geht das auch ein bisschen leiser? Ihr seht doch, dass sie gerade eingeschlafen sind.
Gretchen (lächelt, weil Oli gerade auf den Auslöser gedrückt hat): Es ist schon okay, Mama.
Jochen (reagiert dann doch gereizter, als er eigentlich will): Mann, ich wollte doch nur... Es ist verdammt spät. Vielleicht solltet ihr jetzt mal langsam die Biege machen?

...traute sich der junge Pfleger dann doch endlich zu sagen, nachdem sämtliche Versuche vorher ungehört verpufft waren, und kniff die Augen zusammen, denn er wusste ganz genau, wie sein Vater auf diese Ansage reagieren würde. Und das tat dieser dann auch tatsächlich und nahm sich seinen unerzogenen Jungen nun ordentlich zur Brust.

Franz: Du willst mich rausschmeißen? Aus meinem eigenen Krankenhaus?
Gretchen (beschwichtigend): Papa! Er meint das doch nicht so.
Jochen (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. wird trotzig): Doch, wenn du’s genau wissen willst, dann, ja.
Olivier (tauscht vielsagende Blicke mit seinem Sohn aus): Hört, hört!
Marc (amüsiert sich gerade königlich): Na, du bist ja mutig heute, Jo. Kennt man so gar nicht von dir.
Gretchen: Marc!
Franz (kommt Jochen gefährlich nahe): Das ist immer noch mein Krankenhaus. Ich bin der Chef hier und ich darf kommen und gehen, wann ich will.
Jochen (so eingeklemmt zwischen Tür u. einschüchternder väterlicher Statur geht ihm schon ein bisschen die Düse, aber da er im Recht ist, traut er sich dann doch eindrucksvoll aus sich heraus): Mann, Papa, kannst du nicht wenigstens einmal mitspielen? Ich hab hier schon als Pflegepraktikant kaum was zu melden. Ich war schon froh, dass ich heute im Kreißsaal dabei sein durfte. Aber es geht wirklich nicht, dass ihr hier mitten in der Nacht das Bett einer Patientin belagert, die vor nicht mal drei Stunden entbunden hat. Die Kurzen sind völlig fertig und das bestimmt nicht nur, weil sie eine anstrengende Geburt hinter sich haben. Gretchen muss sich auch erholen und Marc...
Marc (kleinlaut vom Bett aus murmelnd): Mir geht’s gut.
Jochen (stemmt bockig seine Hände in die Hüften u. sieht seinem Chef u. Vater direkt in die Augen, die ihn mit strenger Miene fixiert halten): Es geht mir einfach ums Prinzip, Papa. Und du bist nicht im Dienst. Also, sind du, Mama und die Anderen reguläre Besucher und die haben um die Zeit hier nichts zu suchen. Das steht in sämtlichen Statuten, die du, wie du sicherlich weißt, selber aufgestellt hast, Herr Professor.

Es war mittlerweile mucksmäuschenstill geworden in dem gemütlichen Privatpatientenzimmer im dritten Stock des Elisabethkrankenhauses. Nur das leise Glucksen der zwei Babys war noch zu hören, die liebevoll von ihren Eltern in dem großen Bett betüddelt wurden. Elke Fisher stand mit verschränkten Armen am Fensterbrett gelehnt und beobachtete ihren Sohn dabei, wie er fürsorglich eine kleine Decke über die beiden Winzlinge legte, während Bärbel Haase und Olivier Meier ratlose Blicke miteinander austauschten, denn wirklich gehen wollte niemand von der Verwandtschaft und irgendwie hatte man auch Bammel vor der Reaktion des Chefs im Ring, der seinen Sohn immer noch mit einem finsteren Chefarzt-Blick bedachte, dem der Bald-wieder-Medizinstudent jedoch nicht auswich. Der Professor wartete noch einige wenige Sekunden ab und ließ Jochen gebührlich zappeln, dann erhellte sich plötzlich seine Miene. Er nickte Marcs Eltern und seiner Frau zu, mit der stillen Anweisung, ihm doch bitte nach draußen zu folgen, und klopfte dann seinem verdutzten Jungen kraftvoll auf die Schulter, bevor er schnurstracks die Tür anvisierte, diese öffnete und lässig hindurchschritt.

Franz: Geht doch.
Jochen (in Zeitlupe klappt sein Mund auf): Ääähhh...
Olivier (tut es Franz gleich u. verabschiedet sich mit einem Schulterklopfer von Gretchens perplexem Bruder): Nur weiter so mutig, mein Junge, dann klappt es auch mit dem Durchsetzen. So schwer ist das gar nicht. Kommst du, Elke, Darling?
Elke (hält Franz’ Jungen mit ihren grimmigen Blicken fixiert, stößt sich vom Fensterbrett ab u. schnappt sich vom Sessel ihre Handtasche): Ungern!
Bärbel (schultert ebenfalls ihre Tasche u. wendet sich noch einmal fürsorglich Gretchen u. Marc zu): Kinder, braucht ihr noch was?
Marc (blickt ratlos in Gretchens Augen): Äh...

Oh Gott, lass sie endlich gehen! Noch ne Stunde halt ich wirklich nicht aus.

Gretchen (verabschiedet sich mit einem Lächeln): Nacht, Mama!
Bärbel (ist ganz beseelt von dem Anblick des jungen Familienglücks u. hält sich ihre Handtasche an ihr klopfendes Herz gedrückt, um dieses Bild noch einmal aufzusaugen, bevor sich umdreht u. in schnellen Tippelschritten ihrem Mann hinterherläuft): Schlaf schön, mein Kind! Den brauchst du jetzt, bevor die Kleinen dich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf Trapp halten werden. Marc, pass gut auf die Drei auf! ... Franz, jetzt warte doch mal! Was rennst du denn so? Denk an dein Herz!
Marc (schaut erleichtert zu, wie die Löwenmama die Höhle verlässt): Ich tue nichts lieber als das.
Gretchen (grient ihn an): Schleimer!
Marc (drückt ihr einen dicken Schmatzer auf die frechen Grinselippen): Dito!
Elke (merkt nun auch, dass sie stört u. will den anderen folgen): Gebt Bescheid, wenn ihr wieder soweit seid, um Besuch zu empfangen, ja?
Marc (zieht misstrauisch eine Augenbraue hoch): Du willst dich freiwillig an Besuchszeiten halten? Das wäre ja mal ganz was Neues.
Elke (funkelt ihn an): Übertreib es nicht, mein Sohn! Bis eben dachte ich noch, ich hätte doch einiges richtig gemacht, was deine Erziehung betrifft.
Marc (schmunzelt u. ist erleichtert, dass sie diesmal zum Abschied keinen Aufstand macht): Na, wenn du das denkst? Und tschüß!
Gretchen (sieht ihr lächelnd hinterher, wie sie draußen auf dem Flur zu ihrem Mann aufschließt u. sich bei ihm einhakt): Danke, Elke! Schön, dass ihr da wart.
Jochen: Gut, dann..., ja, wenn noch was ist, ich bin vorne im Schwesternzimmer.

Jochen konnte immer noch nicht glauben, wie einfach es am Ende gewesen war, den Familienwahnsinn wieder loszuwerden. Verwirrt schaute er den Vieren hinterher, wie sie Arm in Arm den Gang hinunterschlenderten, und blickte dann zurück ins Zimmer, wo Gretchen ihren Bruder mit einem liebevollen „Danke“-Blick bedachte, der ihm runter wie Öl ging. Er rückte seinen Pflegerkittel zurecht, nickte Marc noch mal kurz zu, aber der war längst schon wieder von seinen Kleinen abgelenkt, die in der Mitte zwischen ihm und Gretchen lagen, und huschte dann durch die Tür und machte sie hinter sich wieder zu.

Sichtlich erleichtert atmete Gretchen aus, nachdem sich die Tür endlich geschlossen hatte, und drehte sich auf die Seite, um Marc beim Betrachten der Zwillinge zu beobachten. Er strahlte so eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit aus, dass es direkt ansteckend wirkte, was erstaunlich war, wenn man bedachte, was für einen Tag sie hinter sich hatten. Aber Marc spürte keinerlei Erschöpfung. Es ging ihm blendend. Er konnte sich in dem Moment nichts Schöneres vorstellen, als neben seiner Freundin zu liegen und ihren gemeinsamen Kindern ausgiebig beim Schlafen zuzusehen. Gretchen ging förmlich das Herz auf, das erleben zu dürfen. Und Marc griente sie dafür natürlich auf seine typisch verschmitzte Art an...

Marc: War gar nicht so schlimm, wie ich gedacht hätte, oder?
Gretchen (lächelt hingerissen): Ach, Marc Meier, kann es sein, dass wir den Abend mit unseren Eltern doch genossen haben?
Marc (schaut gespielt provozierend auf): Nee, ich fand’s scheiße.
Gretchen (weiß ganz genau, wie es gemeint ist): Du bist so ein lausiger Lügner.
Marc: Und du bist...
Gretchen (fällt ihm direkt ins Wort u. hält ihm den Zeigefinger vor): Vorsicht! Ab heute packe ich dich auch nicht mehr in Watte.
Marc (grinst): Selbstverständlich nicht! Wir haben ja auch ab jetzt alle Hände voll zu tun.
Gretchen (schwärmt): Ich liebe es.
Marc (lacht): Ich auch. Happy?
Gretchen (sieht ihm tief bewegt in die Augen): Mehr als das.
Marc (kann nicht widerstehen u. küsst sie sanft auf die gespitzten Lippen): Willst du jetzt pennen? Soll ich das Licht ausmachen?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. blickt gerührt auf ihre beiden schlafenden Kinder): Nein, ich glaube nicht, dass ich heute Nacht auch nur ein Auge zumachen kann. Ich bin noch viel zu aufgeregt und ich will sie einfach nur anschauen. Ich will mir jedes Detail einprägen.
Marc (lächelt beseelt): Der perfekte Plan. Da bin ich dabei. Komm mal her, du, Mutti du!
Gretchen (streckt ihm kichernd die Zunge heraus): Vati! Hihi!

Marc zog die Kicherfee herzlich auflachend noch ein Stückchen näher zu sich heran, küsste sie sanft auf ihre halb geöffneten Grinselippen und legte ihr dann einen der schlafenden Zwillinge in die Arme, während er den anderen auf seine Brust legte, die er vorher von dem lästigen OP-Kittel befreit hatte, um die Kleine ein bisschen zu känguruen. Dann dimmte er leicht das Licht und so innig aneinandergekuschelt genoss Familie Meier-Haase nun ihr neu gewonnenes Glück in vollen Zügen.

Lorelei Offline

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05.02.2018 13:37
#1616 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nur ein Zimmer entfernt schien die Verteilung des Glücks ebenfalls nahezu perfekt gelungen zu sein. Zumal Dr. Mehdi Kaan, seines Zeichens beliebtester Gynäkologe ganz Berlins und Held der Schutzlosen dieser Welt und nunmehr frischgebackener zweifacher Familienvater mit Dauerabo zum siebten Himmel, seinen vermissten Schützling erfolgreich von seinem ersten Ausflug im Elisabethkrankenhaus zurück zu seiner Mama bringen konnte, die mit gespannten Augen von ihrem Bett aus hibbelig die sich öffnende Tür beobachtete, durch die er soeben auf leisen Sohlen mit seiner kostbaren Fracht geschritten kam. Beim Anblick ihres schlafenden kleinen Jungen an der Brust ihres fürsorglichen Partners flossen unwillkürlich dicke Krokodilstränen ihre Wangen hinab, die sich bereits allein bei dem Gedanken an ihre beiden Männer die Tränenkanäle hoch gekämpft hatten. Gabis Gefühle fuhren regelrecht Achterbahn und sie konnte nicht anders, als ihrem aufgereckt pochenden Herzen zu folgen und instinktiv ihre Arme weit auszustrecken. Sie wollte ihren Schatz endlich wieder bei sich haben und glücklich an sich drücken. Denn ansonsten hätte die junge Mutter nicht geglaubt, was während der vergangenen Stunden, die sie wie durch einen Nebelschleier erlebt hatte, alles passiert war, das ihrem Leben eine ganz wunderbare neue Bedeutung geschenkt hatte.

Gabi: Da seid ihr ja endlich, Mehdi. Wo ist er gewesen? War noch was? Musste er noch einmal zu einer Untersuchung? Oh, nein! Ist doch etwas nicht in Ordnung? Ich wusste es. Ich meine, das ging alles so rasend schnell mit ihm. Bitte sag mir, dass alles okay ist!
Mehdi: Hey, hey, hey! Ssshhht! Alles ist gut, Maus. Mach dir keine Sorgen! Ihm geht es blendend. Als würde er diese wunderschöne Welt zum ersten Mal mit seinen Strahleaugen erkunden, was er natürlich auch mit großer Neugier und Aufgeschlossenheit getan hat. Unser Lenny überstrahlt alles und jeden und er erobert die Herzen im Sturm, wenn ihm dabei nicht gerade die Äuglein zufallen. Hm, mein Schatz, du bist müde, nicht? Das war aber auch eine aufregende Nacht voller Abenteuer. Dabei ist sie noch gar nicht mal so alt. Aber jetzt bist du ja wieder bei deiner wunderhübschen Mama, die dich, wie du merkst, schon sehnlich vermisst hat.

...versuchte Mehdi, seine aufgewühlte Freundin mit sanfter Stimme zu beruhigen, während er den kleinen Engel unter seinem schneeweißen Arztkittel innig an sich drückte und ihm, vom Glück überwältigt, ein kleines Küsschen auf die Stirn hauchte, bevor er sich mit ihm zusammen zu Gabi auf die Bettkante setzte. Liebevoll legte er den schlafenden Säugling in ihre Arme, die sich zappelig nach ihm ausgestreckt hatten, und beobachtete anschließend völlig hingerissen, wie sich seine Liebste sofort entspannte, als sie den kleinen Schatz über ihrem Nachtgewand, das ihm irgendwie bekannt vorkam und ihn zum Schmunzeln verleitete, zärtlich an sich drückte. Unweigerlich kullerten dabei die nächsten Glückstränchen ihre zartrosa schimmernde Wange hinab, als sie Mehdi glücklich entgegenschaute. Der verliebte Mann konnte gar nicht anders, als seine Herzdame noch näher zu sich heran zu ziehen, um sie zärtlich zu küssen, bevor er sich endgültig zu den beiden in das schmale Patientenbett kuschelte, welches unter seinem zusätzlichen Gewicht verdächtig knarrte, was Mehdi jedoch nicht sonderlich beunruhigte, sondern nur noch breiter grinsen ließ. Das Leben war einfach nur schön, so leicht und unbeschwert, dachte der überglückliche Familienvater im Glückshormonrausch und blickte verträumt auf seine kleine Familie neben sich, die sein Herz unweigerlich mehrere Takte höher schlagen ließ.

Mehdi: Wo hast du denn meinen hippen Bärchensweater gelassen, den du beim Einzug in diese heiligen Hallen anhattest? Stand dir übrigens hervorragend. Besser als mir. Genauso wie... Moment! Ist das nicht eins meiner Hemden? Wo kommt das denn so plötzlich her? Hing das nicht auf einem Bügel in meinem Spind, denn da habe ich es heute Morgen reingehangen? Ich glaube, er mag es.
Gabi (schaut verwirrt an sich herunter, schüttelt unwirsch den Kopf u. konzentriert sich anschließend wieder ganz auf den Kleinen in ihren Armen, der unruhig zu zappeln beginnt u. einmal deutlich gähnt, während er sich mit einem kraftvollen Griff in den dunklen Hemdsaum krallt): Hm? Was? Ach so, das... das... Sabine wollte mich, nachdem man mich nach der Turbogeburt wieder einigermaßen hergestellt hatte, in so ein bescheuertes Krankenhausleibchen stecken. Ich hab mich geweigert und so lange gegen sie gewettert, bis sie ziemlich geknickt aus dem Behandlungszimmer abgezogen ist. Das tat mir ja auch leid, aber dann ist sie keine zehn Minuten später mit dem hier wiederaufgetaucht und wir haben darüber gelacht. Sie hat irgendeinen Rogelt-Roman zitiert. Keine Ahnung. Ich hab ihr nicht zugehört.
Mehdi (grinst u. genießt den kleinen Film, der sich gerade in seinem Kopf abspielt): Wie ist Sabine denn in meinen Spind gekommen? Und wieso hat sie nicht gleich deine Krankenhaustasche aus meinem Büro geholt? Die steht dort doch schon seit einigen Tagen für den Fall der Fälle. Da sind deine und seine Sachen drin. Aber dieser Strampler hier ist auch total niedlich. Ich wusste gar nicht, dass Sabine für uns auch schon einen fertig hatte. Die Mini-Meier-Haases haben nämlich auch schon die Gleichen an.
Gabi (fasst sich verdutzt an die Stirn u. schließt für den Hauch einer Sekunde ihre Augen, bis sie ihren Blick schnell wieder auf ihr Baby fixiert, das sich beim Klang der Stimmen seiner Eltern sofort wieder beruhigt hat): Du? Keine Ahnung, und das ist doch auch völlig unwichtig. Was war denn nun? Wo hat er gesteckt?
Mehdi (klärt sie schmunzelnd auf): Ich hatte recht.
Gabi (betrachtet verliebt ihren kleinen Jungen, der sich im Halbschlaf süß in den weichen Stoff von Mehdis Hemd krallt, u. schaltet demnach erst mit einer kurzen Verzögerung): Wie? ... Nein? Sag nicht...? Hat der sie noch alle? Ey, was fällt ihm denn ein, einfach Lenny mitzunehmen, ohne uns Bescheid zu geben? Ich hatte echt Panik, als wir aufgewacht sind und er war nicht mehr im Zimmer. Ich dachte... Du willst gar nicht wissen, was ich alles gedacht habe. Na, der kriegt was zu hören, dieser blöde... blöde... Pimmel, ey!

Na toll, ich kann nicht mal mehr richtig schimpfen. Verdammt und zugenäht! Blöde Hormone, ey! Die machen mich noch völlig kirre.

Mehdi (schiebt seine Freundin, die sich empört aufgerichtet hat, wieder sanft zurück ans Kopfende des Bettes): Sehr charmant ausgedrückt, Liebling. Marc geht eben voll in seiner neuen Rolle als Patenonkel auf.
Gabi (ist kaum zu bändigen u. regt sich immer weiter auf): Pff! Der hat sie doch wirklich nicht mehr alle, unseren Jungen zu benutzen, um mit ihm... weiß der Geier... anzugeben oder was auch immer. Muss der sich ständig so aufspielen? Müsste er es nicht besser wissen, jetzt, wo er auch... Ach, egal! Er ist es nicht wert, sich ständig über ihn aufzuregen. Und was diese Patenelterngeschichte betrifft, die dir im Kopf herumspukt, seitdem ich auf den Teststreifen gepullert habe, da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, Mehdi.
Mehdi (findet es hinreißend, wie sehr sich seine Süße aus dem Nichts aufregen kann): Nicht?
Gabi (schmollt): Mehdi! Merkst du noch was? Du agierst unfair. Nur weil er uns geholfen hat, heißt das nicht...
Mehdi (fällt ihr prompt ins Wort): Nicht nur.
Gabi (resigniert seufzend, weil ein Blick auf den in ihren Armen schlafenden Lenny genügt, um sämtliche Widerstände fallen zu lassen): Ich weiß.
Mehdi (schmiegt sich sanft an die Seite seiner Meckerliese u. streichelt seinem Jungen dabei liebevoll über den zarten Flaum auf seinem Kopf): Schau mal, Bella, ich weiß, es ist kompliziert. Das war es immer und wird es vermutlich auch noch eine ganze Weile bleiben. Nach allem, was war, sowieso. Aber das haben wir doch schon längst hinter uns gelassen. Wir sind uns mittlerweile alle sehr nah.
Gabi (lehnt sich schmollend an das Kopfende ihres Bettes zurück): Das lässt sich in einem kaputten Fahrstuhl auf wenigen Quadratmetern leider nicht vermeiden. Vielleicht sollten wir den Saftladen hier verklagen. Als Irgendwie-Schwiegersohn vom Chef, der die Thronfolge gesichert hat, geht doch bestimmt etwas. Noch mal mache ich das nämlich bestimmt nicht mit. Der ist gemeingefährlich. Sobald ich wieder auf den Beinen bin, werde ich nur noch die Treppe nehmen. Ist eh besser, um wieder in Form zu kommen und aus Prinzip sowieso.
Mehdi (schmunzelt u. ist einmal mehr völlig hingerissen von seiner Traumfrau): Wenn du meinst? Ich glaube ja, irgendwer da oben will uns damit etwas sagen.
Gabi (blickt ihm, nicht gerade überzeugt, in die fröhlich aufblitzenden Augen): Und was, Monsieur Oberschlau?
Mehdi (lächelt sehr überzeugend): Dass wir alle eine Familie sind.

Na super! Die Geister, die ich rief, werd ich nie wieder los. Oder so ähnlich. Er meint das wirklich ernst. Das hat man nun davon, wenn man die Scheißkerle links liegen lässt und sich auf den tollsten Mann der Welt einlässt, der unfassbar einfühlsam, verständnisvoll, lieb, großherzig, tolerant, zupackend, respektvoll, sinnlich und der heißeste Typ jenseits vom Wannsee ist und total verrückt nach ihm ist. Lenny, du hast den besten Papa der Welt.

Gabi (rollt resignierend mit den Augen): Ich glaube, du hast heute eine noch viel größere Portion kitschiger Hormone abbekommen als ich. Dabei bin ich eigentlich diejenige, die die ganze Zeit nur am Heulen ist, weil es einfach nicht in meinen Kopf will, dass wir das wirklich schon geschafft haben. Lenny und ich. Bis vor ein paar Stunden hatte ich die schlimmsten Horrorvorstellungen vor der Geburt und ich hab sie bestätigt gesehen, als ich hilflos in diesem blöden Ding festgesteckt habe. Ausgerechnet mit Ihm auf engstem Raum, womit ich eh schon Probleme habe. Also, jetzt nicht konkret mit ihm in diesem Sinne, sondern vor allem mit dem Raum an sich. Hatte. Aber jetzt ist alles so wahnsinnig schnell gegangen und ich hab das Gefühl, ich komme gar nicht mehr mit. Kneifst du mich mal!
Mehdi (lächelt u. streift ihr liebevoll über den Arm, anstatt sie zu kneifen): Ich weiß, Maus, ich weiß. Frag mich mal!
Gabi (lehnt sich unwillkürlich gegen seine Schulter u. blickt ihm nach einigem Abwägen schließlich wieder in die sie gespannt beobachtenden Augen): Ich kann dir das mit Marc nicht ausreden, oder? Du wünschst dir das echt?
Mehdi (sieht ihr hoffend in die dunkelgrünen Augen, die wieder deutlich milde gestimmt sind): Schlimm?
Gabi (seufzt u. drückt ihr Baby sanft gegen ihr wild klopfendes Herz): Nein, natürlich nicht. Nach vorhin bin ich die Letzte, die es nicht verstehen würde. Er hat die Nerven behalten und er war ehrlich lieb zu ihm, während ich noch total neben mir gestanden habe. Und weißt du, was das Komische ist?
Mehdi (blickt sie neugierig an): Was denn? Dass Lenny seine Jacke geerbt hat?
Gabi (schmunzelt u. kann es selbst nicht glauben): Nein, die vergrabe ich tief in der Mottenkiste. Die hat ihm eh nicht gestanden. Nein, was ich sagen wollte, ich glaube, nach der Geschichte ist meine alberne Klaustrophobie endgültig kuriert. Ich habe nicht eine Sekunde an meine Angst gedacht. Zumindest nicht an die.
Mehdi (sein ansteckendes Lächeln wird immer breiter): Na, siehst du. Alles ist gut. Ich hab’s dir doch versprochen. Ich bin halt nur so wahnsinnig glücklich. Wegen ihm hier. Dir. Dass es euch gut geht. Trotz der Umstände. Und weil... Weißt du, Marc hat damals nach Lillys Geburt so überhaupt kein Interesse gezeigt. Er hat es nicht verstanden, wie wichtig es mir gewesen ist, dass er Teil von diesem Wunder ist. Dass ich ihn unbedingt dabeihaben und einbeziehen möchte. Schließlich war er damals schon mein allerbester Freund. Dieses Band zwischen uns, das die meisten Außenstehenden vermutlich überhaupt nicht nachvollziehen können, war immer da, auch wenn ich es, bis auf die eine oder andere Auszeit, die wir uns aus verschiedenen Gründen gönnen mussten, mehr gepflegt habe als er. Aber es hat ihn überfordert. Wir haben ihn überfordert. Ich meine, es hat Jahre gedauert, bis er es akzeptiert hat, dass sich Lilly längst unbemerkt in sein Herz geschlichen hat.
Gabi (lauscht ihm andächtig u. grient ihn schließlich murmelnd an): Bis vor einem Jahr hätte ich gesagt, er hat keins.
Mehdi (nickt wissend u. schwelgt in Erinnerungen): Ich weiß, was du meinst. Aber mit der heutigen Nacht hat sich einiges geändert. Er ist Vater geworden. Er sieht die Dinge jetzt so, wie ich sie sehe. Er begreift es. Du hättest ihn erleben müssen. Es war... Gretchen würde sagen, er war ein Held.
Gabi (hält ihn mit einem sanften Kuss auf die Wange vom Weiterreden ab): Schon gut, Bärchen! Ich hab ihn auch erlebt. Und es ist okay. Ich bin so zugedröhnt mit Hormoncocktails und mit was weiß ich, was ihr mir da alles in die Infusion rein gegeben habt, dass ich zu allem Ja und Amen sagen würde. Selbst zu Marc Meier. Unter Vorbehalt. Er muss sich schon noch bewähren, so viel ist klar. Ob er danach den Recall schafft, weiß ich aber noch nicht.
Mehdi (lächelt unter Tränen): Ich bin nur so heilfroh, dass er bei euch war. Ich hätte alles gegeben, um mit ihm tauschen zu können.
Gabi: Ich weiß.

Mehdi sah seiner Freundin, die sich mit dem Baby verträumt an seine starke Schulter gekuschelt hatte, mit ernster Miene in die Augen. Gabi konnte seinem durchdringenden Blick nicht lange standhalten und senkte ihren Kopf, wobei ihr Blick auf den schlafenden Neugeborenen in ihren Armen fiel. Prompt sprang die Kragenowsche Sprinkleranlage wieder an. Der ungewohnte emotionale Ausbruch schüttelte die junge Frau regelrecht durch, was auch Lenny wieder unruhiger werden ließ, der instinktiv spürte, dass seine Mama etwas bedrückte. Und da war er nicht der Einzige. Lennys Papa griff spontan nach ihrer zarten, kleinen Hand und küsste diese sanft, während er Gabi voller Liebe und Zuversicht in ihr Tränenmeer blickte.

Mehdi: Hey! Das ist doch nicht schlimm. Alles ist gut. Wirklich.
Gabi (es fällt ihr schwer, sich wieder zu fangen, da die Emotionen sie nahezu zu überrollen drohen): Ja, jetzt, aber...
Mehdi (streicht ihr liebevoll mit seinem Handrücken die zarten Tränen von der geröteten Wange): Kein Aber, meine Schöne!
Gabi (schüttelt seine Hand unwirsch ab u. versucht, ihre durcheinander wirbelnden Gedanken zu sortieren): Doch, Mehdi! Ich hab unser Baby und mich doch erst in diese scheußliche Lage gebracht. Ich bin schuld.
Mehdi (ist erschüttert von der Verzweiflung in ihren Augen): Wie meinst du das?
Gabi (lässt den Tränen freien Lauf u. drückt ihren Jungen, der unruhig mit seinen Beinchen zappelt, beschützend an ihre Brust): Weil ich blöde Kuh mal wieder grundlos ausgetickt bin. Ich weiß doch auch nicht, was in letzter Zeit mit mir los ist. Seitdem dir diese Scheiße vor der Sozialstation passiert ist und der Professor mich frühmorgens nichts ahnend aus dem Bett geklingelt hat, da bin ich... Keine Ahnung. Ich stehe irgendwie neben mir. Ich bin nicht mehr ich. Ich fahre sofort aus der Haut und mache mir unentwegt Sorgen. Sobald ich auch nur fünf Minuten alleine bin, drehe ich vollkommen am Rad. Dann fang ich an, die blitzblanke Wohnung zu schrubben oder ungenießbare Plätzchen zu backen und hinterlasse dabei ein Chaos, das ich nicht mehr gebändigt bekomme. Und ich kann nicht mehr schlafen. Seit Tagen nicht. Und ohne dich erst gar nicht. Irgendwann halte ich es dann zuhause nicht mehr aus und fahre mitten in der Nacht unsinnig durch halb Berlin. Das ist unverantwortlich in meinem Zustand.
Mehdi (hatte schon die richtige Vermutung): Du warst also auf dem Weg zu mir, als der Aufzug dich auf halbem Weg gestoppt hat?
Gabi (senkt verlegen ihren Blick u. trocknet ihre letzten Tränen, während sie sich weiter über sich selbst ärgert): Bescheuert, ich weiß.
Mehdi (lächelt sie verständnisvoll an): Nicht unbedingt.
Gabi (schaut ihm aufgewühlt in die sie fixierenden Augen): Ich hab uns in Gefahr gebracht, Mehdi. Nur wegen dieser bescheuerten Ängste und Panikattacken, die vollkommen irrational sind. Ich weiß doch, dass dir hier im Krankenhaus nichts passieren kann. Aber dein Bericht im Fernsehen gestern Abend hat alles wieder hoch geholt. Dabei sollte ich eigentlich stolz auf dich sein. Ich bin stolz auf dich. Deine Initiative bewegt etwas. Langsam merken die Leute, was hier wirklich schief läuft in unserer Gesellschaft. Das wollte ich dir sagen. Aber du warst am Telefon nicht zu erreichen. Und dann lief da plötzlich ein ganz anderer Spielfilm in meinem Kopf und ich war wie ferngesteuert.

Ich bring Mehdi echt nur Unglück. Ein Wunder, dass er mich hysterische Kuh überhaupt noch mag. Tut er doch noch, oder?

Mehdi (zieht Gabi u. seinen Sohn in eine innige Umarmung): Maus, hey, das muss dir nicht peinlich sein. Ich hab einfach unterschätzt, was die ganze Geschichte auch in dir ausgelöst haben könnte. Eigentlich hab ich es schon gemerkt, vor allem als du die letzten beiden Male mitten in der Nacht bei mir auf Station aufgetaucht bist und mit deinem hinreißenden Temperament sogar die Oberschwester verschreckt hast.
Gabi (vergräbt ihr Gesicht an seiner starken Schulter u. will nicht mehr daran denken): Mit ungenießbaren Keksen.
Mehdi (grinst verschmitzt): Das Zwergkaninchen und die zwei Meerschweinchen von Sarah Hassmann und die Enten am See haben sich am nächsten Tag sehr darüber gefreut, als Lilly bei ihrer Freundin zu Besuch war, um fürs Fest zu proben.
Gabi (schaut ihm dann doch wieder ins Gesicht u. lässt sich von seiner guten Laune anstecken): Haha! Du bist blöd.
Mehdi (aus dem ansteckenden Lachen wird schnell wieder ein ernster Gesichtsausdruck): Wenn ich dich damit wieder zum Lachen bringen kann, nehme ich das gerne in Kauf. Ja, ich bin ein Idiot. Das war alles ein bisschen viel in letzter Zeit. Ich hätte einfach mehr für dich und Lilly da sein sollen. Das war auch der Plan. Ab heute wird der Dienstplan kontinuierlich heruntergeschraubt. Aber wer hätte auch ahnen können, dass sich mein letztes Dienstwochenende so intensiv gestalten würde? Ein Duzend Babys in nur einer Schicht, ein verpasstes Gartenfest, ein reingeschobenes Interview und dann stehen plötzlich auch noch Gretchen und Marc vor meiner Tür und schlagen Alarm und diesmal richtig. Das hat mich für einen, zwei Momente abgelenkt. Tut mir leid, Bella.

Gabi konnte Mehdis verschmitztem Entschuldigungslächeln nicht widerstehen und drückte ihm sanft einen kleinen versöhnlichen Kuss auf die weichen Lippen, die sich so unheimlich gut anfühlten, bevor sich ihre sorgenvollen Blicke wieder auf ihr Baby lenkten. Sie legte ihre Hand liebevoll an seinen Rücken und lauschte andächtig seinem ruhigen Atem an ihrer Brust. Sie dagegen war alles andere als ruhig. Schon kullerten erneut die nächsten Tränen, wogegen ihr Lieblingsarzt bereits das rettende Medikament parat hielt. Die Notfallpackung Tempotaschentücher hatte der Frauenarzt nämlich immer in seiner Kitteltasche dabei.

Gabi: Für die Kinder deiner... unserer Freunde musst du dich nun wirklich nicht entschuldigen, Bärchen, für die Idee, sie beide gleichermaßen in die Patenelternpflicht zu nehmen, vielleicht schon, aber die Diskussion hatten wir ja schon. Ich bin nur so froh, dass alles glatt gegangen ist. Oh Gott, wenn ich daran denke, dass mir das zuhause auch hätte passieren können. Ich meine, ich wäre ganz auf mich alleine gestellt gewesen und wer weiß, wie ich in Panik reagiert...
Mehdi (streift ihr sanft einige verrutschte Haarsträhnen aus dem Gesicht u. legt dann seine Hände um ihr Gesicht, um ihr eindringlich in die feucht schimmernden Augen zu sehen): Ssshht! Denk nicht an so was! Denk lieber daran, dass du instinktiv zur richtigen Zeit an den richtigen Ort gegangen bist.
Gabi (ein ganzer Steinhaufen kullert von ihrem Herzen): Jetzt hörst du dich wie Sabine an.
Mehdi (verzieht spielerisch sein Gesicht): Oh! Das wiederum mag ich mir nicht vorstellen. Sie sitzt übrigens immer noch vor unserer Tür und hält Wache.
Gabi (schielt rüber zu den Jalousien am Fenster neben der Tür u. erkennt den blonden Hinterkopf): Echt?
Mehdi (nickt leicht u. versucht in ihren Augen zu lesen): Hm! Wieder besser? Wie fühlst du dich? Hast du noch irgendwelche Beschwerden?
Gabi (zuckt unschlüssig mit den Schultern u. wechselt mit Lenny die Position im Bett): Es geht. Ich... Egal, Hauptsache Lenny ist gesund und... Das... Das ist er doch auch, oder? Hast du noch mal mit Wischnewski gesprochen? Ich war noch benommen. Ich konnte ihm nicht richtig folgen.
Mehdi (tupft ihr sanft mit einem Taschentuch, das er wie durch Zauberhand aus seiner Kitteltasche gezogen hat, über die Augenwinkel): Unsere Erbse ist ein properes, kleines Kerlchen, wobei klein in seinen Augen eher relativ ist. Ich glaube, da oben in der Pädiatrie lachen sich gerade sämtliche Kollegen über uns schlapp, wie wir uns nur so vertun konnten.
Gabi (schaut aufgewühlt zwischen seinen fröhlich aufblitzenden Pupillen hin u. her): Haben wir das?
Mehdi (lacht): Nein, haben wir nicht. Und für meine wunderbare Kollegin Dr. Kate Marple würde ich immer meine Hand ins Feuer legen. Sie hat in den vergangenen Monaten wunderbar über euch und eure Werte gewacht, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir schon in den Fingern gejuckt hat, wenn deine Akte sehr verführerisch auf meinem Schreibtisch gelegen hat.
Gabi (betrachtet forschend sein geheimnisvoll wirkendes Mienenspiel): Du hast wirklich nicht reingeguckt? Nicht einmal kurz geschmult? Mir scheint nämlich, dass du gar nicht so überrascht gewesen bist, dass unsere Erbse ein Junge geworden ist.
Mehdi (gibt sich betont geheimnisvoll): Kam das echt so rüber? Dabei habe ich doch nur über die Statistiken gewacht. Berlin braucht schließlich mehr Jungs. Bis auf Marlon und Lenny habe ich nämlich heute nur lauter Mädchen begrüßt.
Gabi (klappt ungläubig ihren Mund auf): Nicht dein Ernst? Du bist nicht ernsthaft davon ausgegangen, dass...

Ist sie nicht süß? Du hast keine Vorstellung davon, wie sehr ich dich in diesem Moment liebe, meine Schöne.

Mehdi (schiebt lachend mit seinem Zeigefinger ihr Kinn wieder nach oben): Ich zieh dich doch nur auf, meine Schöne. Aber ich schwöre, ich habe wirklich nicht geschmult, auch wenn ich oft genug die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Die Überraschung im Fahrstuhl war echt und wunderschön. Ich freue mich halt nur so. Und ich musste immer an die Worte meines Vaters denken. Mama und ihm ging es damals nämlich ähnlich. Alle, auch die Ärzte, waren damals felsenfest davon überzeugt, dass ich ein Mädchen werde. Gut, es gab damals noch nicht die Möglichkeiten der Diagnostik, wie wir sie heute haben, aber Erfahrung und persische Prophezeiungen, die meist auf wunderliche Weise zu hundert Prozent gestimmt haben. Und ich war damals genauso wie unser kleiner Schatz hier auch noch nicht dran gewesen, weshalb sich meine Eltern doch tatsächlich noch mit dem Bulli aufgemacht haben, um in die Toskana zu fahren, um sich dort zu entspannen und mental auf die anstrengende Elternzeit einzustellen.
Gabi (lauscht ihm andächtig u. streichelt dabei in einem ruhigen Rhythmus über Lennys Rücken): Du hast mir nie gesagt, dass du in Italien geboren bist? Deshalb also dein unwiderstehlicher Charme, mit dem du deine Patientinnen und ihre Mini-Mes bezirzt? Und ich dachte immer, das liegt euch Kaans in den Genen.
Mehdi (knufft seiner kichernden Freundin sanft in die Seite u. blickt dann demonstrativ seinen Jungen an): Hey, du Frechdachs! Und schon lächelt deine Mama wieder. So ist das mit den Frauen, Lenny.
Gabi (schiebt ihn ungeduldig ein Stückchen weg): Jetzt sag schon, Mehdi!
Mehdi (schmunzelt u. genießt es sichtlich, dass sie wieder ganz die Alte ist): Ich muss dich leider enttäuschen, Gabimaus. Ich bin immer noch nur ein halber Perser und ein halber Bayer mit Vorfahren aus Sachsen, der im Herzen des multikulturellen Berlins sein Zuhause gefunden hat.
Gabi: So schlimm klingt das jetzt nicht.
Mehdi (grinst): Dankeschön! Aber um auf die Geschichte zurückzukommen, Mama und Papa haben es damals nicht mal aus München raus geschafft, da hab ich mich schon eindrucksvoll angekündigt.
Gabi (sichtlich überrascht): Oh!
Mehdi (blickt gerührt auf seinen kleinen Jungen in Gabis Armen): Zumindest die Vorliebe der Kaan-Männer für ungewöhnliche Geburtsorte, die teilen wir. Deiner ist natürlich der Coolere.
Gabi (folgt verliebt lächelnd seinem verträumten Blick u. schaut plötzlich verdutzt wieder auf): Wieso?
Mehdi (freut sich wie ein Schneekönig): Weil ich mitten im Schneetreiben auf dem Autobahnzubringer im Bulli zur Welt gekommen bin. Etwas zu früh, was man meiner starken Statur, wie mein Vater treffend anmerken würde, aber nicht angemerkt hat. Deshalb hängen meine Eltern doch auch heute noch so sehr an der in deinen Augen alten Schrottkarre, in die du nicht einmal im Traum deinen Fuß reinsetzen würdest.
Gabi (ist ehrlich erstaunt): Nein?
Mehdi (nickt): Doch!
Gabi (richtet sich unruhig auf u. verlagert ihre Position im Bett erneut, wobei sie kurz vor anhaltendem Schmerz ihr Gesicht verzieht): Aber das hättest du mir sagen müssen, Mehdi.
Mehdi (blickt ihr herausfordernd in die auffunkelnden Augen): Hätte das etwas geändert?
Gabi (zögert): Ich glaube nicht.
Mehdi (lächelt): Eben. Die Sanitäter waren auch ziemlich überrascht. Wir wurden ins Krankenhaus gebracht, untersucht, alles war prima und noch am nächsten Tag ist mein Papa mit uns beiden doch noch in die Toskana gereist, wo ich mit der Sonne auf dem Gesicht meine ersten Lebenstage verbracht habe. In diesem Sinne bin ich vielleicht doch mehr Südländer als Berliner.

Klingt das jetzt blöd, dass ich gerne mit ihm hätte tauschen wollen? Sonnenbescheinte Olivenhaine anstatt trister DDR-Plattenbau, das klingt doch herrlich.

Gabi (lehnt sich verträumt mit ihm zurück ans Kopfende des Bettes): Das klingt echt schön.
Mehdi (schmiegt sich verliebt an ihre Seite u. legt seine Hand vorsichtig über Lennys Kopf, um ihm sanft übers Haar zu streichen): War es auch, also, vom Hörensagen. Mama hat vorhin, als ich sie angerufen habe, die Geschichte auch schon wieder aus der Mottenkiste gepackt und hat geweint ohne Ende. Ich soll dich ganz lieb von ihr und Papa grüßen. Im Gegensatz zu den Meier-Fisher-Haases konnte ich meine Eltern aber überzeugen, erst heute Mittag zur Besuchszeit zu erscheinen. Ich denke, den Moment brauchen wir noch, um das Wunder hier auch richtig zu begreifen. Ich befürchte aber, sie wird heute Nacht kein Auge zutun und eine wahre Backorgie veranstalten. Aber Kuchen geht doch immer, oder? Und wenn nicht, dann haben wenigstens die Kollegen und Kolleginnen etwas davon. Die haben wir schließlich heute Nacht ganz schön auf Trapp gehalten.
Gabi (strahlt ihn glücklich an): Danke! Meine Schwester ist auch schon ganz aus dem Häuschen. Ich befürchte, sie und Tayfun brechen direkt ihren Urlaub auf La Gomera ab und schlagen im Laufe des Tages auch noch hier auf. Ich wollte es ihr ausreden. Aber du kennst doch Tina. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, rammt sie mit diesem durch sämtliche Wände. Deshalb ist auch nie etwas aus ihrer Musikkarriere, dem DSDS-Casting oder dem Kosmetikstudio geworden, das sie sich in Mitte aufbauen wollte. Hast du schon von ihrer neusten fixen Idee gehört? Sie will jetzt in Tayfuns Laden irgendwas mit Mode machen. Die Frau hat so einen Knall.
Mehdi (erwidert Gabis ansteckendes Strahlen): Sie sind herzlich willkommen. Du solltest ihr aber vielleicht vorher noch verraten, dass das hier ansteckend ist. Vor allem hier bei uns im EKH.
Gabi (grinst vielsagend): Haha! Aber Recht hast du schon, ich glaube, das Babyfieber hat sie schon gepackt, seitdem sie von meiner Schwangerschaft gehört hat, oder zumindest der Gedanke daran hat sich in ihr Hirn genagt, obwohl sie mit Kindern eigentlich bislang nicht viel am Hut hatte.
Mehdi (nickt wissend): So geht es vielen. Frag mal Marc!
Gabi (ignoriert Mehdis Spitze gegen seinen besten Freund u. wirkt plötzlich sehr in sich gekehrt): Und ich hab...

Mehdi merkte direkt, wie nachdenklich Gabi nach seinem Scherz plötzlich geworden war, als sie in die finstere Nacht vor dem Fenster blickte, in dem sich lediglich die Deckenlampe und das Patientenbett mit der hell gestreiften Bettwäsche spiegelten.

Mehdi: Was ist?
Gabi (knetet nervös ihre Finger u. stört sich plötzlich an der Infusionskanüle auf ihrem Handrücken, als sie sich ihm leise flüsternd doch anvertraut): Ich... ich hab... ihr... auch eine Nachricht geschickt. Vorhin, als du bei Marc und den Zwillingen warst.
Mehdi (guckt auf den Infusionsbeutel, dann auf den dünnen Schlauch u. macht ihn schließlich von der Kanüle ab): Wem?
Gabi (zögert erst u. schaut ihm dann direkt in die Augen, die sich erstaunt, aber zuversichtlich weiten): Meiner Mutter.
Mehdi (staunt u. ist sehr stolz auf seine Freundin): Und, wie hat sie reagiert? Will sie auch herkommen?
Gabi (reibt sich überfordert immer wieder über den Handrücken um die Kanüle herum): Nein, ich... ich weiß nicht. Sie... sie kann da, glaub ich, jetzt nicht weg, nicht bevor sie austherapiert ist, und ich weiß auch nicht, ob ich sie überhaupt hier haben möchte. Ich hab es ja selber noch nicht richtig begriffen, dass er jetzt da ist.
Mehdi (greift nach ihrer zarten kleinen Hand u. drückt sie fest): Hey, das ist doch kein Problem. Ich freu mich für dich, dass du den Kontakt gesucht hast. Das ist der richtige Weg.
Gabi (schaut ihm unsicher ins Gesicht u. beginnt dann doch zaghaft zu lächeln): Ich glaube, sie hat sich gefreut. Das hat sie zumindest zurückgeschrieben.
Mehdi (freut sich ehrlich mit ihr mit): Das ist gut.
Gabi (überwindet allmählich ihr Gefühlsdurcheinander): Ja? Wir... wir können ihr ja noch ein Foto schicken? Tina wartet auch schon ganz gespannt darauf.
Mehdi (lächelt): Das machen wir.
Gabi (hält ihn davon ab, als er direkt nach seinem Smartphone greifen will): Weißt du, ich... ich bin richtig, richtig glücklich, Mehdi. So glücklich wie noch nie zuvor.
Mehdi (lehnt seine Stirn sanft gegen ihre u. betrachtet zusammen mit Gabi den kleinen schlafenden Mann in ihren Armen): Dann geht’s dir wie mir, Bella. Und ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Auf meine wunderschöne, tapfere, starke Freundin, die ich über alles liebe.
Gabi (stupst mit ihrer Nasenspitze in der Bewegung aus Versehen seine an, lächelt darüber u. senkt schließlich ihre Lippen zu einem innigen Kuss herab): Ich liebe dich auch, Mehdi.
Mehdi (könnte im Moment nicht glücklicher sein u. zeigt das auch überdeutlich, als er seine beiden Lieben noch enger an sich heranzieht): Wow! Was für ein Tag! Was für eine Nacht! Eine, in der Wünsche wahr werden.
Gabi (beobachtet fasziniert sein sanftes Mienenspiel u. entdeckt immer mehr Ähnlichkeiten auch bei ihrem Kleinen, der im Schlaf zu lächeln scheint, obwohl das noch gar nicht möglich ist): Findest du?
Mehdi: Definitiv! Um das ganz große Glück noch perfekter zu machen, fehlt eigentlich nur noch...
Gabi (hängt gebannt an seinen Funkelaugen): Was denn?

Mehdi wollte gerade noch etwas sagen, da klopfte es jedoch plötzlich wie aufs Stichwort leise an der Tür. Der überraschte Familienvater schaute verwundert auf und auch ein fragender Blick in Gabis erstaunt geweitete Augen verriet ihm nicht, was das jetzt zu bedeuten hatte. Doch mit einem Mal funkelten seine mandelbraunen Augen verschwörerisch auf. Denn eine leise Vorahnung ließ sein schon vor lauter Glück berstendes Herz noch ein paar Purzelbäume zusätzlich schlagen.

Mehdi: Sag ich doch, heute werden Wünsche wahr. Hast du noch was beim Zimmerservice bestellt?
Gabi (guckt etwas pikiert auf den Scherzkeks neben sich): Witzbold, als ob die Schwestern nicht schon genug anderes zu tun hätten in diesem Irrenhaus, in dem nicht einmal Fahrstühle funktionieren. Für Sonderwünsche sind die nicht zuständig, das solltet ihr hochwohlgeborenen Akademiker euch mal gefälligst hinter eure ungewaschenen Ohren schreiben. Für so was wende ich mich direkt an meinen Oberarzt. Der liest mir nämlich sämtliche Wünsche von den Augen ab.
Mehdi (grinst hingerissen): Ach, tut er das?
Gabi (flirtet offensiv): Meistens.
Mehdi (guckt dann doch wieder gespannt zur Tür, an der es erneut leise geklopft hat): Das da habe ich aber nicht zu verantworten. Zumindest nur in gewisser Weise. Soll ich trotzdem?
Gabi (rollt mit den Augen, da sie Mehdis Humor gerade nicht so richtig folgen kann): Mehdi!
Mehdi: Okay? Das werte ich dann mal als ein klares und deutliches Ja. Das bekomme ich immer so selten von dir. Also, HEREIN, wenn’s kein Schneider ist!

Gabi zuckte nur unschlüssig mit den Schultern und zog die kleine Decke zurecht, um ihr Baby zusätzlich zu wärmen. Dann setzte sie sich in eine bequemere Position ans Kopfende des Bettes, zupfte mit ihrer freien Hand ihre widerspenstigen Haare zurecht, die nur von einem sehr wackeligen Knoten notdürftig zusammengehalten wurden, und schlug die gelb-weiß gestreifte Bettdecke wieder über ihre Beine, um nun gespannt der Dinge zu harren, die gleich kommen würden. Denn ein Blick auf Mehdi genügte, um zu verstehen, dass er schon insgeheim eine Vorahnung hatte, wer da wohl zur nächtlichen Stunde an der Tür stören könnte. Und er sollte zu seiner großen Freude tatsächlich Recht behalten. Denn in dieser magischen Nacht, die schon mehrmals ihren besonderen Zauber bewiesen hatte, wurden tatsächlich Wünsche war. Die himmelblaue Tür wurde ungestüm aufgerissen und ein rosa gekleideter Wirbelwind eroberte das Zimmer und die Herzen der Anwesenden im Sturm.

Lilly: Papaaa!
Mehdi (erstaunt u. gerührt zugleich): Lillybärchen, was machst denn du hier?
Lilly: Na, Baby gucken, was denkst du denn, Papa. Darf ich?
Gabi: Dann komm mal her, Süße! Hier wartet jemand auf dich. Du musst aber leise sein. Er schläft.
Lilly (mit quietschiger Flüsterstimme): Okidokiii! Och, Papaaa? Lass mich bitte!

Mit Tränen in den Augen drückte der stolze Papa seine große Tochter an sich und hauchte ihr einen sanften Begrüßungskuss aufs Haupthaar, dann konnte er die ungeduldige Neunjährige nicht mehr länger halten. Sie stürmte ungehalten auf das Patientenbett zu, auf dem Gabi gerade mit der flachen Hand auf den Platz gedeutete hatte, auf dem bis eben noch Mehdi gesessen hatte, der in Lilly eine würdige Vertreterin gefunden hatte. Mit Schwung hüpfte sie auf das schmale Bett und kniete nun gespannt neben der freundlich lächelnden Freundin ihres Vaters, die nun vorsichtig die Babydecke lüpfte, damit die süße Maus den besten Blick auf ihren kleinen Bruder erhaschen konnte, den sie natürlich sofort fest in ihr Herz schloss. Lilly kam aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus.

Lilly: Och, ist der süüüüß. Und so winzig. Darf ich ihn auch mal halten, Gabi? Bitte, bitte! Ich bin auch ganz vorsichtig.
Mehdi: Hey, Maus, nicht so ungeduldig! Wir haben doch alle Zeit der Welt. Weglaufen kann er noch nicht.
Lilly (grinst wie ein Honigkuchenpferd): Hihi! Na, du bist ja heute ulkig, Papa.

Mehdi ging förmlich das Herz auf, als er die ehrliche Freude und Begeisterung seiner Tochter spürte. Erinnerungen an ihre Geburt vor fast zehn Jahren kamen wieder hoch und er wischte sich verstohlen eine kleine Träne aus dem Augenwinkel, als er hinter sich eine Bewegung bemerkte. Lillys Mutter stand nämlich noch in der Tür und beobachtete nicht minder bewegt die Szene mit ihrer kleinen Prinzessin.

Mehdi: Anna?
Anna (lächelt verlegen): Tut mir leid, dass wir hier jetzt so mitten in der Nacht reinplatzen. Aber sie war nicht mehr zu bremsen, als sie von euch gehört hat. Lilly war noch total aufgekratzt von dem Einschulungsfest bei ihrer Freundin, als ich sie vorhin ins Bett gebracht habe. Sie konnte nicht einschlafen und platzte genau in dem Moment ins Zimmer, als du mich gerade angerufen hast. Sie hat darauf bestanden, sofort herzukommen. Ich konnte ihr das nicht abschlagen.
Mehdi (strahlt überglücklich u. guckt immer wieder über seine Schulter hinweg verstohlen zu seiner Großen, die gerade liebevoll ihr kleines Brüderchen begrüßt): Das ist doch kein Problem, Anna. Ich danke dir. Ich hab gerade an sie gedacht und mir gewünscht, wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt auch hier wäre, da klopft ihr auch schon an die Tür. Das ist Kismet.
Anna (schmunzelt mit dem Träumer mit): Oder einfach nur die Nacht der Zufälle. Oder war das abgesprochen mit Gretchen und Marc? Wir haben zwar irgendwann zwischen dem Grillen und dem Feuerwerk mitbekommen, dass sie schon gegangen waren, aber den süßen Grund für ihr Fernbleiben hab ich erst von dir erfahren. Cedric und Maria haben den ganzen Abend dichtgehalten. Lilly will unbedingt auch noch bei den Zwillingen vorbeischauen.
Mehdi (lacht herzlich auf u. schaut wieder zu Lilly): Selbstverständlich! Später. Ich glaube, sie wird eine Weile hier nicht wegzubekommen sein.
Anna (nickt u. kann ihren Blick ebenfalls nicht von ihrem freudestrahlenden Mädchen lösen): Gib einfach Bescheid, wie wir das morgen mit ihrem ersten Schultag organisieren wollen.
Mehdi (macht mit seinem Arm eine einladende Geste in den Raum): Das kriegen wir schon irgendwie hin. Willst du nicht bleiben? Ich würde ihn dir auch gerne noch vorstellen.
Anna (blickt ihm kurz, aber intensiv in die freundlich fragenden Augen): Ein anderes Mal. Wir wissen doch beide, dass das hier euer Moment ist.
Mehdi (nickt mitfühlend): Aber nicht dass du denkst, dass du jetzt irgendwie außen vor wärst?
Anna (lächelt u. ist dankbar für sein Verständnis): Würde ich nie tun, Mehdi. Genieß euer Glück! Ihr habt es euch verdient. Alles Gute, Gabi!
Gabi (ist so fasziniert von Lilly u. Lenny, dass sie kaum noch etwas um sich herum mitbekommt): Ja.
Mehdi: Danke, Anna! Ich melde mich.

Anna Kaan nickte noch kurz der neuen Freundin ihres Exmannes zu, die ihre Geste halbherzig erwiderte und sich schnell wieder Lenny und Lilly widmete, die mit großen Augen und zittrigen Händen ihren kleinen Bruder gerade auf ihren Armen sanft hin- und herwiegte und völlig gebannt auf ihn herabschaute, und drehte sich dann wieder zur Tür um, deren Klinke sie bereits umklammert hielt. Mehdi konnte dem faszinierenden Anblick, wie seine Tochter mit dem Baby im Arm am Kopfende des Bettes lehnte und verträumt vor sich hin grinste wie eine Schneekönigin, auch nicht länger widerstehen und gesellte sich schließlich mit einem breiten Grinsen wieder zu seiner kleinen Familie aufs Bett.

Mehdi: Gut machst du das, Lillybärchen.
Lilly (strahlt ihn mit breitem Grinsen stolz wie Bolle an): Na logo, Papa! Ich hab ja auch geübt.
Mehdi (eine Augenbraue huscht überrascht in die Höhe): Geübt?
Lilly (nickt übereifrig u. strahlt mit jeder Pore grenzenlose Begeisterung aus): Mit Sarahs Schwestern heute Nachmittag. Aber Sissi ist mir mittlerweile zu schwer geworden. Und Sophie ist im Vergleich zu ihm hier leicht wie eine Feder, was total komisch ist, weil sie ja im Prinzip die Ältere ist.
Mehdi (grinst u. legt seine Hand an Lennys Rücken, um ihn liebevoll zu streicheln): Ja, unser Schatz ist eben gut proportioniert.
Gabi (verdreht die Augen): Dein Papa kann sich so charmant ausdrücken. Wahnsinn! Er ist genau richtig.
Lilly (blickt neugierig zwischen Gabi u. Mehdi hin u. her): Genau! Wie heißt er denn jetzt?
Mehdi (klebt mit seinem Grinseblick förmlich an Lillys Gesicht): Rate mal!
Gabi (spielt das Spiel fröhlich mit): Schau ihn an und verrate, was du denkst, Lilly!

...forderten Mehdi und Gabi, die sich über die Köpfe der Kinder hinweg vielsagende Blicke geschenkt hatten, die Strahlemaus mit leichtem Schmunzeln auf und beobachteten gespannt das sich wechselnde Mienenspiel der Bald-Zehnjährigen. Staunend weiteten sich plötzlich ihre mandelbraunen Augen, die denen ihres Vaters so ähnlich waren, als sie deren Anspielungen direkt richtig interpretierte.

Lilly: Ehrlich? Wird er wirklich Lenny heißen? So ganz offiziell und mit Dokument?
Mehdi (drückt die Strahlemaus liebevoll an sich): Deiner stichhaltigen Namensforschung konnten Gabi und ich einfach nicht widerstehen.
Lilly (quietscht, mit Bedacht auf Lenny, leise beschwingt auf): Boah! Ist das toll. Er sieht auch wirklich aus wie ein Lenny.
Gabi (kann ihre Rührung nicht verbergen u. drückt die beiden Kinder herzlich an sich): Findest du?
Lilly (betrachtet den kleinen Fratz in ihren Armen noch einmal ausgiebig): Ja, total!
Mehdi (ihm geht förmlich das Herz auf, sie so zu sehen): Und du bist nicht enttäuscht, dass dein Geschwisterchen kein Mädchen geworden ist?
Lilly (drückt ihrem Bruder demonstrativ einen dicken Knutscher auf die Wange): Nein, überhaupt nicht. Ich finde es super.
Gabi (muss stark mit ihren Tränen kämpfen): Echt?
Lilly (runzelt verwundert die Stirn): Ja! Aber ist das normal, dass Lenny so ruhig ist? Schreien Babys nicht immer? Also, bei den Hassmanns schon. Ich würde ihn nämlich schon gerne mal weinen hören, um seine Stimme kennenzulernen.
Mehdi (schmunzelt u. ist förmlich hingerissen von seiner süßen Maus): Das, mein Schatz, wirst du definitiv noch erleben und dann wirst du dir vermutlich das Gegenteil wünschen.
Lilly (schüttelt energisch den Kopf u. quasselt mit verliebtem Blick auf Lenny einfach drauflos, wie ihr der süße Schnabel gewachsen ist): Niemals! Oder Lennymausi, wir machen das schon. Ich werde immer für dich da sein. Ich werde immer ein Taschentuch für dich bereithalten. Ich kann Gitarre für dich spielen, das beruhigt dich bestimmt auch, wenn du mal weinen musst. Ich kenne da ganz tolle Lieder. Oder ich lese dir eine Geschichte vor. Ich kann dir auch eine erfinden, wenn du magst. Das hab ich von Onkel Marc gelernt. Kennst du schon Onkel Marc? Der ist so cool und kann richtig toll Geschichten erzählen. So Gruselige, aber total spannend. Du musst dich also überhaupt nicht fürchten. Denn ich bin ja da. Ich beschütze dich und baue mit dir eine Räuberhöhle. Und weißt du, ich bin auch schon Profi im Windelnwechseln. Ich hab Sarahs Mama dabei zugesehen und mit Papa beim Hebammenkurs geübt. Ist total einfach, aber auch ein bisschen ekelig und stinkt. Vielleicht warte ich auch erst einmal ab, bis sich das mit deinem Stoffwechsel geregelt hat. Ich weiß, das kann dauern, aber dann probieren wir es mal aus. Versprochen! Wir können auch zusammen spielen. Wir haben dir ein ganz tolles Zimmer eingerichtet, aber du kannst auch bei mir schlafen. Dann schieben wir deine Wiege einfach über den Flur in mein Zimmer. Da ist genügend Platz für uns beide. Aber deins ist auch schön. Ich hab dir Marienkäfer an die Wand geklebt. Die sollen Glück bringen. Genauso wie die Sterne an der Decke. Die leuchten im Dunkeln. Ich kann sie dir aber auch am echten Himmel zeigen. Auf dem Balkon steht unser Teleskop. Das hat Papa mir mal geschenkt, als ich noch klein war. Das können wir uns teilen. Genauso wie mein Spielzeug. Ich hab Unmengen davon. Vor allem Barbies, aber auch ganz viele Kuscheltiere. Ich hab meine Liebsten schon für dich rausgesucht. Aber ich kuschele natürlich auch gerne mit dir. So wie jetzt. Och, guck mal, Papa! Jetzt hat er sich bewegt. Das kleine Ärmchen. Süß, wie er sich über die Augen streicht! Er ist ja wirklich ein echtes Baby.
Mehdi: Es wäre ja auch schade, wenn es nicht so wäre.

... schmunzelte Mehdi und zog die kleine Maus eng zu sich heran, um ihr einen dicken Knutscher auf die Stirn zu setzen, gegen den sie sich erst noch wehrte, aber denn sie dann doch kichernd genoss, weil Papas Dreitagebart sie herrlich kitzelte. Ihren verliebten Blick konnte Lilly jedoch keine Sekunde von dem süßen Wesen in ihren Armen lösen. Lenny und sie waren jetzt schon ein Herz und eine Seele, das stand für die Fünftklässlerin so was von fest. Sie würde auf ihn aufpassen, ihn beschützen, mit ihm spielen, ihm bei den Hausaufgaben helfen und noch viel mehr. Und nicht nur ihr Vater war sehr gerührt von dem Elan und der Liebe, die Lilly ihrem kleinen Brüderchen entgegenbrachte. Das junge Familienglück bemerkte nämlich nicht, dass vom Flur aus immer noch Lillys Mutter durchs Türfenster schaute. Sie hielt die Klinke fest umschlossen und hatte durch den Türspalt alles mitbekommen, was ihre Große gerade Bewegendes gesagt hatte. Doch nun hielt sie den Blick auf das Glück der anderen nicht mehr länger aus. Sie drehte sich um und schloss leise die Tür. Dann lief sie kopfschüttelnd einige Schritte den Gang der Station vor.

Anna: Gott, Anna, reiß dich zusammen! Du wusstest, dass der Tag kommen würde.

...murmelte sie zu sich selbst. Nur wusste sie nicht, was dieser Tag auch mit ihr machen würde. Gedankenversunken wollte sie den langen Krankenhausflur, der die gynäkologische Abteilung mit der chirurgischen verband, wieder vorlaufen, zuckte jedoch zusammen, als sie plötzlich unvermittelt von der Seite angesprochen wurde.

Sabine: Alles in Ordnung, Anna? Kann ich etwas für Sie... dich tun?
Anna: Oh! Sabine, Sie... du... Ich... hab dich gar nicht gesehen. Ähm... Ja, nein, es ist ziemlich spät. Ich... sollte dann auch mal wieder. Nacht!

...stammelte Lillys Mutter ganz verwirrt, weil sie unverhofft bei ihren seltsamen Gedankengängen ertappt worden war. Sie lächelte die freundliche Krankenschwester verlegen an, die auf einem der Stühle im Wartebereich der Station saß und andächtig in einem Astroblatt geblättert hatte, welches sie jetzt jedoch neben sich auf den freien Platz legte, um sich aufmerksam ihrem Gegenüber zu widmen. Doch Anna war die Situation sichtlich unangenehm und sie nickte Sabine nur kurz angebunden zu und schon setzten sich ihre Füße schon von ganz alleine wieder in Bewegung. Eigentlich ein ganz beeindruckender Reflex, wenn man bedachte, dass sie vor nicht einmal neun Monaten gedacht hatte, sie würde nie wieder laufen können. Aber dieses Wunder der Medizin kam ihr in diesem Augenblick nicht in den Sinn, als sie ebenso reflexartig ihr Handy aus ihrer Jackentasche holte. Sie huschte mit ihrem Finger über das Display, als sie vor den Aufzügen am Ende des Flurs stehen blieb, zögerte einen Augenblick und hielt ihr Smartphone schließlich an ihr Ohr. Sie war noch total in ihre verwirrenden Gedanken vertieft, als die Stimme am anderen Ende der Leitung sie katapultartig zurück ins Hier und Jetzt holte. Anna war selber über sich überrascht und wusste nicht wirklich, was sie da gerade tat. Vom Wieso und Warum mal ganz zu schweigen.

Anna: Selber hey! ... Ja, ich bin’s. ... Überraschung? Wie man’s nimmt. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was ich hier gerade mache. Ich hätte nicht anrufen dürfen. Und schon gar nicht um diese Zeit. Du bist bestimmt schon... Tut mir leid! Ich hab dich aus dem Bett geklingelt. Ich leg wieder auf. ... Weil das keine gute Idee ist. Das wissen wir doch beide. ... Ich sollte nicht... Deine Entscheidung? Sicher! Mein Chatprotokoll belegt etwas anderes. Man könnte dies auch als Belästigung im Sinne des Strafgesetzbuchs werten. ... Darum geht es doch auch gar nicht. ... Nein! Ich sollte dich da nicht mit reinziehen. ... Du kennst mich doch gar nicht. Was weißt du denn schon großartig über mich? Wir haben seit der Reha ein paar Mal miteinander geschrieben. Das... Ich glaube, du hast ein völlig falsches Bild von mir. Ich könnte dir Dinge über mich erzählen, da würdest du freiwillig die Reißleine ziehen. ... Würdest du. Dafür brauche ich kein Orakel. ... Das kann ich nicht. ... Das kann ich nicht sagen. ... Ich hab dich angerufen? Touché! Deshalb ist es auch besser, wenn ich... Was los ist? Ich weiß es doch auch nicht. Nächtlicher Schlaganfall. Aussetzer. Keine Ahnung. Vielleicht hab ich mich auch verwählt? ... Ja, klar! Du lässt nicht locker, oder? ... Ich fürchte, das werde ich noch bereuen. ... Findest du? ... Okay? Du willst wissen, was passiert ist? ... Es ist da! ... Das Baby. ... Ich weiß und ich freu mich ja auch. Ehrlich! Meine Tochter war so happy eben. Du hättest sie erleben müssen. Sie war so... hach... zum Knutschen. Sie hat sich immer ein Geschwisterchen gewünscht. ... Aber? Es gibt kein Aber. Sollte es nicht geben. ... Woher weißt du das? ... Ach, komm, wir haben uns ein paar Mal geschrieben, nachdem ich entlassen worden bin. Das bedeutet gar nichts. ... Hör auf damit! Ich will das nicht. Ich dachte, du hättest das verstanden. Es ist schon kompliziert genug. Ich muss mich auf mich konzentrieren. Auf Lilly. Meine Physio. Meine neue Aufgabe. Morgen geht es los. Eigentlich sollte ich nicht mitten in der Nacht... Was? ... Du spinnst! ... Mich abholen? Wie stellst du dir das vor? ... Das kommt überhaupt nicht in Frage. Du steigst in keinen Flieger. Das wäre verrückt. Und ich kann im Moment nicht noch mehr Verrücktheiten gebrauchen. ... Bitteschön! ... Versteh mich doch! Ich will nicht, dass du denkst, dass ich denken könnte, du würdest meinen labilen Zustand ausnutzen. ... Ich denke zu viel, meinst du? Was sollte ich denn dann deiner Meinung nach tun? ... Okay, das wäre dann der Punkt, an dem ich sagen würde, wir beenden unser Telefonat jetzt. Genauso wie wir das vor Monaten mit den Nachrichten gehandhabt haben. ... Für unser erstes Telefonat überhaupt seit Monaten ist das ja wohl der denkbar schlechteste Moment. ... Findest du? Mann, wann kommt eigentlich endlich dieser bescheuerte Aufzug? Je länger ich hier stehe und warte, umso mehr verleitest du mich. Das ist nicht fair. ... Untersteh dich!

Anna Kaan war so sehr in ihren Telefonflirt vertieft, der sich mit jedem Wort mehr in eine Richtung drehte, die sie so eigentlich nicht gewollt hatte, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, wie jemand in gemächlichen Schritten an ihr vorbeigelaufen war. Und dieser Jemand hatte sich nach ihrer Frage direkt angesprochen gefühlt.

Günni: Oh, Frau Kaan? Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass die Aufzüge in diesem Bereich des Krankenhauses defekt sind. Es gab da vor zwei Stunden einen Zwischenfall, der...
Anna: Oh, ja, ich weiß, danke, Doktor...! Gute Nacht!

...stammelte die ertappte Frau vor einem der verschlossenen Aufzüge. Sie hielt ihre Hand über das Handy, nickte kurz dem sie unheimlich anstarrenden Pathologen zu und marschierte dann schnurstracks auf die Türen zum Treppenhaus zu, die noch hin und her schwenkten, weil Dr. Gummersbach soeben hindurchgeschritten war. Dieser schaute der zerstreut wirkenden Exfrau von Dr. Kaan verwundert hinterher, warf dann noch einen Kontrollblick auf die eigentlich unübersehbaren Absperrbänder vor den Fahrstühlen, rückte diese zurecht, damit sie eine gerade Linie bildeten, und setzte seinen Weg anschließend fort, der ihn direkt zu seiner Gattin führte, die ihn schon von weitem hatte kommen sehen, weil sie Anna mit ihren besorgten Blicken verfolgt hatte.

Sabine (freudig erregt): Günni!
Günni (dreht sich noch einmal suchend um, dann setzt er sich zu seiner Frau auf einen der freien Wartestühle zwischen zwei Patientenzimmern): Ist alles in Ordnung mit deiner neuen Freundin? Sie wirkte reichlich durcheinander.
Sabine (hält sich ihre Hand an ihr Herz gedrückt u. schielt kurz nach links zu einer der blauen Zimmertüren): Anna hat Lilly vorbeigebracht.
Günni (lächelt): Oh, wie schön.
Sabine (strahlt wie eine Sonnenkönigin): Ja, nicht? Die süße Maus hat sich schon sehr auf ihr Brüderchen gefreut. Sie war so aufgeregt, als sie vorhin über den Flur getanzt gekommen ist, dass sie mich fast umgerannt hat. Aber ich kann verstehen, dass das auch etwas in ihrer Mutter auslöst. Für sie wird es bestimmt nicht einfach sein.
Günni (folgt seiner eigenen Logik): Du meinst, weil sie noch...
Sabine (schüttelt entschieden den Kopf): Nein, das sicherlich nicht. Das ist lange vorbei. Meinst du, ich hätte ihr einen Tee und ein Gespräch anbieten sollen? Aber ich konnte doch hier nur so schlecht weg.
Günni (nimmt Sabines Hand u. streichelt diese sanft, während er ihr verliebt in die Augen sieht): Purzelchen, ich weiß, du würdest gerne die ganze Welt in Zuckerwatte packen, aber ich glaube, deine Freundinnen kommen ganz gut zurecht.
Sabine (schaut nun nach rechts auf die Tür zu dem anderen Zimmer): Aber wenn Gretchen und Gabi noch etwas brauchen?
Günni: Ich glaube, mein Schatz, die beiden haben gerade alles, was sie brauchen, um sich.

Günni deutete vielsagend auf die beiden nebeneinander liegenden Zimmerfenster, vor denen sie saßen, und Sabine folgte seinem Blick, um ein weiteres Mal heimlich hineinzuschmulen. Was sie dort sah, ließ ihr Herz gleich ein paar Umdrehungen schneller schlagen. Lilly lümmelte gemütlich mit Baby Lenny im Arm im Bett neben Gabi, die ihren Arm um die beiden Kinder gelegt hatte, während Dr. Kaan nach vorne gebeugt daneben im Sessel saß, mit verliebtem Blick die Hand seiner Freundin zärtlich umschlossen hielt und sich immer wieder zu einem kleinen Kuss verleiten ließ. Und auch im Zimmer nebenan war man einfach nur happy und beseelt, wie man durch die Jalousien beobachten konnte. Die Zwillinge lagen zwischen Dr. Meier und Gretchen im Bett und die beiden konnten sich an dem süßen Geschwisterpaar nicht sattsehen. Immer wieder tasteten sie nach den kleinen Händchen, busselten die strampelnden Beinchen und sahen sich dabei verliebt in die Augen und küssten sich immer wieder zärtlich.

So viel Glück auf einmal wirkte ansteckend. Schon kullerten die Glückstränen auch wieder Sabines zart gerötete Wange hinab, als sie ihrem Mann schließlich in die Augen blickte. Dieser blieb ganz ruhig, hob sanft seine Hand und strich ihr die heißen Tränen liebevoll aus dem Gesicht. Dann legte er seiner Liebsten den Arm um die Schulter und zog sie ganz nah zu sich heran. Einen kleinen Moment verweilten sie noch, so innig vereint, dann setzen sie sich langsam in Bewegung. Denn Dr. Gummersbach hatte noch etwas mit seiner Ehefrau vor, die nun auch bereit war, ihren nächtlichen Beobachtungsposten zu verlassen.

Sabine: Du hast Recht.
Günni (hakt sich innig bei ihr ein u. schmunzelt): Hab ich das nicht immer?
Sabine (wundert sich dann doch über die ungewohnte Schlagfertigkeit ihres Mannes): Den Ton kenne ich an dir noch gar nicht.
Günni (bleibt kurz mit ihr mitten im Flur stehen u. haucht ihr ein kleines Küsschen auf die Nasenspitze): Den habe ich mir vielleicht bei Dr. Meier abgeguckt.
Sabine (schaut ihre große Liebe mit großen Augen an u. wird prompt sentimental, als sie noch einmal zurückblickt): Ich hab das mit den beiden immer gewusst. Vom ersten Tag an. Als er so beeindruckt geguckt hat, als die Frau Doktor ihm Widerworte gegeben hat und die nette ältere Dame mit dem Faustschlag gerettet hat. Da sind Funken gesprüht und das nicht nur, weil ich mein Getränk aus Versehen über die Apparate gekippt habe.
Günni (lehnt seine Stirn gegen ihre u. schließt für einen kurzen Moment seine Augen): Ich weiß. Und weil das deine Lieblingsgeschichte ist, höre ich sie mir auch immer wieder gerne an.
Sabine (bekommt direkt rote Bäckchen, als sie zu ihm hoch schaut): Ehrlich?
Günni (blickt ihr tief in die Augen, schaut sich kurz um, ob jemand zuguckt, u. küsst sie schließlich sanft auf die gespitzten Lippen): Weil ich dich liebe und die Begeisterung, die du dann immer ausstrahlst, wenn du mir von der neusten Episode aus dem chaotischen Leben unseres Lieblingstraumpaares berichtest.
Sabine (schmiegt sich kichernd in seine starken Arme): Ach, Günni, du bist so süß heute. Ist mit deiner Nase wieder alles in Ordnung? Fühlst du dich wohl?
Günni (streicht sich über seine Nase u. flippt diesmal nicht aus, weil am unteren Rand noch eine leichte Blutkruste zu ertasten ist): Ach, das war doch nichts. Stressbedingtes Nasenbluten. Das hat sich mittlerweile wieder gelegt.
Sabine (schaut ihm mit sorgenvoller Miene ins Gesicht): Ja?
Günni (streicht ihr liebevoll über die Wange, um sie zu beruhigen, u. bittet sie, weiterzugehen): Ja!
Sabine (schlendert mit ihm weiter den Korridor entlang): Dann ist ja alles gut. Und Anton? Wo hast du denn unseren Schatz gelassen?
Günni: Anton, er...
Sabine (fällt ihm aufgeregt ins Wort u. will intuitiv das Treppenhaus ansteuern): Aber du hast ihn nicht wieder bei dir unten im Labor gelassen? Günni! Das geht doch nicht. Du weißt doch, was beim letzten Mal passiert ist. Die Lernschwestern trauen sich allesamt nicht mehr in den Keller, nachdem Schwester Greta ihn schlafend in einer der offenstehenden Kammern entdeckt hat. Ihren markerschütternden Schrei hat man im ganzen Krankenhaus gehört. Und der Professor war auch nicht gerade erfreut gewesen. Gelinde ausgedrückt.
Günni (kann sich ein verschrobenes Kichern nicht verkneifen u. lotst sie an den Absperrbändern vorbei in die andere Richtung): Ich habe die Aufregung überhaupt nicht verstanden. Die Kühlung war doch kaputt und ich wollte ihn draußen ungern alleine lassen. Aber den Fehler mache ich nicht noch mal. Er ist oben in der Pädiatrie. Du weißt doch, wie gerne er unter anderen Kindern ist. Und er ist gut betreut. Ich habe das Babyphone dabei und Pfleger Jochen schaut auch regelmäßig oben vorbei.
Sabine (wieder leicht beruhigt, aber auch verwirrt, weil er sie nicht zum Ausgang führt): Wollen wir jetzt nicht nach Hause?
Günni (gibt sich betont geheimnisvoll): Noch nicht gleich, Purzelchen. Anton schläft doch jetzt und wir sollten ihn lassen, wenn er sich wohl fühlt. Ich habe nämlich noch eine Überraschung für dich.
Sabine: Eine Überraschung? Schnurzelchen, was hast du vor?

Sabines hellblaue Augen blitzten vor Neugier auf und sie klammerte sich aufgeregt an die Hand ihres Mannes, der sich auf dem kurzen Weg von der Gyn ins Schwesternzimmer auf Station 3 nicht in die Karten blicken lassen wollte. Zumindest noch nicht.

Lorelei Offline

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18.02.2018 17:08
#1617 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während im nächtlichen Elisabethkrankenhaus der eine oder andere Mitarbeiter, dem über Umwege oder auch auf direktem Wege diverse spannende Neuigkeiten zu Ohren gekommen waren, es sich nicht verkneifen konnte, auf den schmalen Gängen des Hauses ein wenig Mäuschen zu spielen, ohne dabei jedoch sonderlich auf das Händchen haltende Paar zu achten, das in Richtung des Stationszimmers der Chirurgie einbog, kehrte im heimischen Mäusestall der Hassmann-Stiers zur gleichen Zeit nach einem langen Tag voller Feierlichkeiten und Kindereien im Übermaß, die nicht nur die Ehrenprinzessin des Tages und ihre Freundinnen zu verantworten hatten, sondern maßgeblich auch die Erwachsenen selbst, die das Kind in sich wiederentdeckt beziehungsweise noch nicht verloren geglaubt hatten, endlich wieder Ruhe ein. Zumindest eine Person wirkte mehr als zufrieden, als sie auf nackten Sohlen leise die Tür zum Schlafzimmer hinter sich schloss und mit langsamen Schritten, welche die neu verlegten Dielen in dem Massivholzhaus im kanadischen Stil nicht gerade geräuscharm knarzen ließen, beschwingt näherkam.

Doch damit war nicht die stolze Schulanfängerin Sarah Hassmann gemeint, die vor lauter Aufregung vor ihrem ersten Schultag am Montag nicht schlafen konnte und ihre kleinen Schwestern damit angesteckt hatte, denn die süße Maus war bereits vor einiger Zeit todmüde mit einer ihrer eroberten sechzehn Zuckertüten im Arm in ihr Bettchen gefallen und ließ jetzt vermutlich in ihren kunterbunten Träumen den bislang wichtigsten Tag ihres Lebens in schillernden Farben Revue passieren. Und auch nicht ihre erwachsene Doppelgängerin, die, vor einem überdimensional großen Spiegel an ihrem Schminktisch sitzend, trotz der Bedeutung des vergangenen Tages ein Gesicht zog wie sieben Tage Regenwetter, während sie sich, mehr abwesend als dabei, gerade abschminkte und das sich nicht gerade leise heranschleichende Übel bereits hinter ihrem Spiegelbild leise aufstöhnend bemerkt hatte. Von Zufriedenheit in irgendeiner Form war hier bei ihr nämlich nichts zu spüren. Im Gegenteil.

Die taffe Neurochirurgin und Löwenmutter versuchte, sich unter Kontrolle zu halten, nachdem der ganze Organisationsstress des Tages von ihr abgefallen war, mit welchem sie eigentlich nichts hatte zu tun haben wollen, welcher aber zwangsläufig auch auf sie als Gastgeberin unweigerlich zurückgefallen war. Doch sie spürte sein verräterisches Triumphgrinsen, das sie eines Besseren belehren sollte, deutlich im Nacken, was ihren bereits brodelnden Gefühlshaushalt direkt wieder hochkochen ließ. Und als diese überhebliche Person sich dann auch noch erdreistete, sich direkt hinter sie zu stellen, und ihre schmierigen Griffelfinger um ihre Schultern legte, als wäre dies in einer Nacht wie dieser die natürlichste Reaktion der Welt, schwappte das Magma schon gefährlich über den Kesselrand. Ein Blick in das Spiegelbild von Dr. Maria Hassmann hätte genügt, um sofort zu begreifen, dass der Vulkan kurz vorm Ausbruch stand und man sich besser in Sicherheit bringen sollte, anstatt sich ihm zu nähern.

Doch trotz der drohenden Gefahr konnte der verliebte Mann nicht widerstehen, seine Lippen, die nicht stillhalten wollten, langsam herabzusenken. Nicht nur die verbale Ohrfeige war ihm gewiss. Aber er konnte nun mal nicht anders. Er liebte diese Frau. Und er war stolz. Stolz auf sich, seine zurückeroberte Familie und auf das, was er erreicht hatte. Schließlich war ihm das Einschulungsfest seiner ältesten Tochter mehr als gelungen, was ihm zuvor keiner zugetraut hätte. Er sich am allerwenigsten. Das dürfte selbst die skeptische Frau Doktor letztendlich begriffen und schwer beeindruckt haben, hoffte er insgeheim, obwohl er es eigentlich hätte besser wissen müssen, und überwand trotz alledem nun auch noch den letzten halben Meter, der ihn noch von seiner Lieblingsxanthippe getrennt hatte.

Dass dem aber leider nicht so war, das sollte der Angeber vom Dienst jedoch gleich noch leidlich feststellen, als ihm seine holde Angebetete gerade noch rechtzeitig entwischen konnte, indem sie mit ihrem Rollhocker einfach ein bisschen zur Seite gerutscht war. Cedric kam angesichts Marias holpriger Gegenwehr nicht umhin, zu schmunzeln und setzte, anstatt sich in kluger Voraussicht zurückzuhalten, mit seiner zur Schau gestellten Prahlerei gleich noch eins obendrauf. Wenn man schon gefährlich lebte und beinahe seine nackten Zehen eingebüßt hätte, dann sollte man dies auch in aller Deutlichkeit auskosten. So zumindest die Divise von Dr. Cedric Stier, seines Zeichens begnadeter Neurochirurg, Liebhaber, Partyplaner und Vollzeitdaddy aus Überzeugung, dem man, wie die Erfahrung ihn gelehrt hatte, einfach nicht widerstehen konnte. Und seine Bloody Mary, die sich gerade mal wieder von ihrer besten und anbetungswürdigsten Seite gezeigt hatte, schon gar nicht. Deshalb folgte er ihr auch den einen Schritt zur Seite, um den richtigen Blickwinkel zu erhaschen, wenn er ihrem genervt dreinblickenden Spiegelbild mit seinem typisch verwegenen Stier-Grinsen frech salutierte und anschließend vielsagend zuzwinkerte.

Cedric: Melde gehorsamst, die Flöhe sind allesamt im Nest. Unsere Große hat noch am lautesten genölt, weil sie unbedingt noch alle Tüten auspacken wollte, die sie geschenkt bekommen hat, aber kaum lag sie der Länge nach im Bett, war sie sofort weg im Land der Träume. Ich wollte ihr die eine Zuckertüte noch wegnehmen, aber sie hat dieses Rieseneinhorn so fest umklammert, dass ich es ihr nur noch operativ hätte entfernen können. Also habe ich es schließlich gelassen. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, dass sie so einen Narren an Meiers kitschigem Geschenk gefressen hat? Ich weiß auch nicht, was sie daran findet. Ich hab übrigens Sissis Bettchen zu Sarah ins Zimmer geschoben. Das hat die letzten Nächte doch auch schon gut funktioniert mit den beiden. Wenn sie bei ihr ist, lässt sie sich nicht so sehr von unserer Kleinen ablenken. Und die, meine Liebe, ist auch trockengelegt und neu eingepackt. Die Aufregung den ganzen Tag lang mit den vielen Leuten hat sie müde gemacht. Ich denke, uns erwartet eine ruhige Nacht. Das sollten wir ausnutzen.
Maria (ignoriert stoisch seinen Lobgesang auf sich selbst, rollt langsam zurück auf ihren Platz u. murmelt nach einer Weile zynisch, während sie sich ein neues Wattepad aus der Verpackung nimmt u. sich die Augenpartien abzuschminken beginnt): Ach, denkst du? Gehörst du neuerdings zu den Hellsehern? Mhm, wenn ich es mir recht überlege, so einer hat heute noch gefehlt in deinem irren Veranstaltungspotpourri.
Cedric (lacht herzlich auf, als er darüber nachdenkt): Ich glaube, das war mit der Anwesenheit der Gummersbachs abgegolten.
Maria (verdreht die Augen, weil er alles, was sie sagt, ins Lächerliche zieht, u. versucht weiterhin, nicht gleich zu explodieren u. sich stattdessen auf ihr allabendliches Schönheitsprogramm zu konzentrieren): Du weißt auch für alles eine Antwort, oder?
Cedric (grinst u. lehnt sich mit seinem Kinn an ihre rechte Schulter u. schaut ihr via Spiegel tief in die Augen, die seinen für den Hauch einer Sekunde nicht entkommen können): Selbstverständlich! Du kennst mich doch. Ich bin ja bekanntlich auch der Beste. Vor allem was die Kinderbetreuung und ihr Bespaßungsprogramm betrifft, die Partyplanung im Allgemeinen und natürlich auch was man hier in diesem Zimmer so alles Nettes anstellen könnte, wenn es nebenan ruhig ist.
Maria (stößt den ihr bedeutungsvoll zuzwinkernden Mann mit einem leichten Schulterstupser genervt von sich weg u. sucht in dem Chaos auf ihrem Schminktisch ihre Nachtcreme): Falls das ein Angebot gewesen sein soll, dann vergiss es. Oder hast du schon vergessen, was der Arzt meines Vertrauens mir hinsichtlich jeglicher Form körperlicher und hochleistungssportlicher Betätigung nur zwei Wochen nach der Geburt unseres Kindes gesagt hat?
Cedric (lässt sich auch durch bewusst gewählte Provokationen von seiner Lieblingszicke nicht vertreiben, hält aber, des Friedens willen, Sicherheitsabstand, indem er sich nebenan auf die Bettkante setzt u. ihr nun von dort aus zusieht, wie sie sich eincremt): Och, schade, du weißt ja gar nicht, was du verpasst. Ich hätte so viele Ideen, die dich körperlich gar nicht so sehr beanspruchen würden. Angefangen mit...
Maria (stöhnt entnervt auf, als sie den Cremetiegel wiederzudreht u. den sie im Spiegel beobachtenden Mann nun mit gequältem Gesichtsausdruck unterbricht): Du wirst nie müde, was?
Cedric (setzt sein überzeugendstes Charmelächeln ein): Och, ich stehe noch immer gefährlich unter Strom. Eigentlich erstaunlich nach einem Tag wie diesem, der mich tausendprozentig gefordert hat. Aber wenn ich dich so sehe, in diesem Hauch von nichts, mit diesen wild funkelnden Augen und dem zerzausten Haar, dann spielt meine Fantasie eben verrückt. Zumal ich für mein unübertroffenes Organisationstalent und ausgefeiltes Kinderzubettbringritual schon noch eine Belohnung verdient hätte. Findest du nicht?

...säuselte der angesehene Neurologe mit butterweicher Stimme, während er seine Liebste, die lediglich einen knielangen fliederfarbenen Seidenmantel über ihrer dunklen Unterwäsche trug, mit seinen Blicken immer weiter entkleidete. Diese bohrten sich förmlich in Marias frisch gepflegte Haut und sie ärgerte sich maßlos über sich selbst, dass allein schon seine Reibeisenstimme diese entfesselnde Wirkung auf sie hatte. Die Gänsehaut, die seine intensiven Blicke zusätzlich bewirkt hatten, ließ sie trotz der warmen Spätsommernacht frösteln, dabei sollte sie doch eigentlich immer noch innerlich kochen. Soweit kam es noch, dass sie ihn auch noch für seine Eigenmächtigkeiten belohnte, die mit ihr überhaupt nicht abgesprochen gewesen waren. Niemals! Sie würde ihn auf ewig über offener Flamme schmoren lassen. Und dieser verführerische Gedanke führte dazu, dass das Feuer in ihren haselnussbraunen Augen wieder gefährlich aufloderte. Mit Funkelblick bewaffnet drehte sie sich zu dem dreisten Angeber um, der sich bereits am Ziel seiner kühnsten Träume wähnte und sich entspannt im Bett zurückgelehnt hatte, setzte ihr entwaffnendes Lächeln auf und kippte ihm schließlich ohne Vorwarnung gedanklich einen Eimer mit eiskaltem Gletscherwasser über. Denn offenes Feuer in einem Haus aus Holz war vielleicht doch keine so gute Idee.

Maria: Das ist ja wohl die größte Dreistigkeit, die ich jemals aus deinem Mund gehört habe, Cedric Stier. Was ist das eigentlich mit euch Männern, hm? Ist euer Ego so klein und unbedeutsam, dass man es ständig füttern muss? Für Nichts und Widernichts.
Cedric (richtet sich genervt aufstöhnend im Bett wieder auf, weil die flirrende Stimmung ohne Vorwarnung davon gespült worden ist): Ach, komm, du bist doch nicht ernsthaft immer noch deswegen sauer? Du kannst das alles hier nicht als Nichts bezeichnen, Mary. Hey, ich hab mir wirklich Mühe gegeben, dass die Party ein voller Erfolg wird und das war sie auch. Trotz der kurzen und leicht chaotischen Planungsphase. Sarah ist superhappy und nicht nur sie. Selbst deine dauernörgelnde Mutter war zum Abend hin versöhnlich gestimmt, zumindest ansatzweise, für ihre Verhältnisse.
Maria (funkelt ihn geladen an): Weil sie ein Glas ihrer Lieblingsbowle zu viel intus hatte, du Blödmann. Aber warte nur ab, wenn sie morgen früh mit Brummschädel aufwacht, dann wird sie dir das Leben zur Hölle machen und ich werde ihr dankbar sein. Denn du hast es nicht anders verdient.
Cedric (gibt sich einen Ruck u. erhebt sich wieder aus dem Bett, um nun vor ihr auf die Knie zu gehen): Baby, jetzt sei doch nicht so! Ich hab dich doch erlebt. Spätestens zum Feuerwerk hin oder vielleicht auch schon, als wir Gretchen erfolgreich zur Tür rausgehievt und völlig sentimental Günnis Wagen hinterher geguckt haben, warst du entspannt und hast das Fest genossen. Du hast mit Sarah den ganzen Abend lang getanzt, hast mit den Kids Spielzeug getestet und warst voll bei dir. Du kannst also nicht leugnen, dass du Spaß gehabt hast.
Maria (ärgert sich, weil er recht hat u. versucht, ihn erfolglos wegzustoßen, als er nach ihren Händen greift): Nenn mich noch einmal Baby und du fängst dir wirklich noch eine. Das wäre dann ein Spaß, mit dem ich eventuell doch etwas anfangen könnte.
Cedric (blickt ihr wissend in die wild funkelnden Augen u. hält sicherheitshalber ihre zarten Fingerchen fest): Du hast mir bis jetzt keine gescheuert, das werte ich mal als gutes Zeichen.

Herrgott noch mal, was hab ich mir eigentlich dabei gedacht, mich noch einmal auf diesen hundsgemeinen Kerl einzulassen? Ich hätte einen Gehirn-Spin machen sollen. Damit ich die Warnzeichen auch bildlich dokumentiert bekommen hätte, bevor noch etwas passiert wäre. Ich bin echt die schlechteste Neurochirurgin der Welt. Dabei hätte ich direkt an der Quelle gesessen. Zu spät! Erster Aufprall ein Volltreffer. Gerade zwei Wochen alt.

Maria (seufzt resignierend auf u. reißt sich endlich von seinen Händen los): Du verstehst es immer noch nicht, oder? Darum geht es mir doch gar nicht, Rick.
Cedric (grinst provozierend): Mir mit Vergnügen eine runterzuhauen? Das ist doch deine Lieblingssportart neben Treten, Beißen, Kneifen. Weiß das eigentlich dein von dir so hoch angepriesener Gyndoktor? Deshalb also seine Warnungen. Jetzt ergibt das alles tatsächlich einen Sinn.
Maria (schmeißt theatralisch ihre Hände in die Luft): Herrgott noch mal, Cedric, kannst du bitte einmal ernst bleiben? Es ist wirklich nicht auszuhalten.
Cedric (hält seine Hände in Unschuldspose hoch u. versucht, in ihrem angespannten Gesicht zu lesen, während er schließlich ihrer Bitte nachkommt): Okay, okay, worum geht es dir denn nun wirklich? Es liegt doch nicht nur an dem bescheuerten Fest, das wirklich gelungen war?
Maria (gibt ihren Widerstand letztlich auf, weil sie keine Kraft mehr hat): Mein Gott, ja, wenn du es unbedingt hören willst, um dich besser zu fühlen, bitte, es war okay. Dem Anlass entsprechend. Zufrieden? Den Konfettiregen kann Sarah morgen für mich übernehmen.
Cedric (lächelt eher schwach, als triumphierend): Ausbaufähig, ja, aber ich fürchte, da kommt noch ein Aber hinterher.
Maria (blickt ihm wie aufs Stichwort direkt in die Augen): Du musst damit aufhören.
Cedric (spürt, dass es ihr ernst ist u. wird direkt mundfaul): Womit?
Maria: Das weißt du ganz genau, Cedric. Du musst damit aufhören, überzukompensieren. Denkst du wirklich, du bekommst etwas zurück, wenn du sie ständig nur auf Händen trägst und ihr die verrücktesten Wünsche erfüllst? Das schlechte Gewissen wird dadurch nicht weniger werden. Du kannst die Zeit nicht zurückholen, die ihr verpasst habt. Die Uhr läuft nun mal nicht rückwärts. Manchmal wünschte ich, es wäre so, aber es ist nun mal Fakt. Und darum geht es Sarah doch auch gar nicht. Mensch, sie ist doch noch nicht einmal sieben Jahre alt. Ja, sie wirkt älter, ja, sie ist schrecklich neunmalklug und vielleicht ist sie auch schlauer als alle verzogenen Gören aus ihrer ehemaligen Kindergartengruppe zusammen. Aber das ist auch nicht das Thema, Cedric. Es geht darum, dass die Zeit ohne dich für sie doch schon längst verblasst ist. Der Schatten einer Erinnerung, der mit jeder Minute mehr, die du mit ihr zusammen verbringst und sie zum Lachen bringst, für immer vergessen sein wird. Sie wird dir das nicht vorhalten. Nicht jetzt und auch nicht später. Weil es schon viel zu weit weg von dem Hier und Jetzt ist, das wir um sie herum aufgebaut haben und durch das sie mit ihrer mitreißenden Art hindurchtanzt, weil sie es nicht anders kennt. Du musst das alles also nicht tun. Diese kunterbunte Superheldenwelt erschaffen, mit Hüpfburgen, Tortenschlachten und Stockbrot am Lagerfeuer mit Feuerwerk über unseren Köpfen. Ich meine, den Superdaddy spielen. Superdaddys, so wenige es auch gibt, werden eh überschätzt.
Cedric (wirkt dann doch einsichtig u. auch ein wenig geknickt): Ich will doch nur...
Maria (legt versöhnlich ihre Hand an seine stoppelige Wange, damit er wieder zu ihr hochblickt): Denkst du etwa, ich wüsste das nicht? Rick, ich liebe es, wenn du so mit ihr bist und es auch tatsächlich ernst meinst, aber das alles braucht es wirklich nicht. Was Sarah und die Mädchen brauchen, das bist allein du und das allein ist schon ein gewaltiges Brett, das ich ertragen muss. Motte wäre doch schon glücklich, wenn du nur mit ihr durch den Garten tobst, die Meerschweinchen ausmistet oder Fridolin wiedereinfängst, wenn er mal wieder einen seiner Ausflüge macht und todesmutig auf den See zusteuert. Eigentlich hat das Kaninchen einen Therapeuten viel nötiger, aber wenn du weiter so übertreibst, könnt ihr auch zusammen dahin gehen.
Cedric (der fette Kloß in seinem Hals hindert ihn am Sprechen, dabei liegt ihm noch so viel auf der Seele): Mary, ...

Maria (hält ihren Zeigefinger an seine Lippen, um ihn zu stoppen, u. sieht ihm eindringlich in die Augen): Nein, warte, ich bin noch nicht fertig. Es geht mir doch auch nicht darum, dass du die Mädchen nicht verwöhnen sollst, sondern vor allem um das richtige Maß. Ich will nur... Mein Gott, wie soll ich dir das bloß erklären, ohne dass du es gleich in den falschen Hals bekommst? Das ganze vergangene Jahr ist wie ein Schnellzug über uns hereingebrochen, dessen Bremsen nicht funktioniert haben, obwohl ich wahrlich nicht nur einmal daran gezerrt und gerüttelt habe. Es ließ sich nicht stoppen. Und ich will damit auch nicht sagen, dass ich ihn gerne aufgehalten hätte. Zu Beginn vielleicht schon, als du dich mir ständig in deiner plumpen Art nervtötend aufgedrängt hast, obwohl du wusstest, dass ich das nicht wollte. Du bist drangeblieben, das ist aller Ehren wert. Weil du zuerst gesehen hast, dass da noch viel mehr zwischen uns ist, als ich damals wahrhaben wollte. Mittlerweile hab ich aber auch akzeptiert, dass das nun mal unser Tempo ist. Geschwindigkeitsrekorde. Magengeschwür inklusive. Kind gezeugt, Haus gekauft, Stellen getauscht. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen. Ich würde es niemandem empfehlen, aber wer fragt mich schon. Was ich aber nicht akzeptiere ist, dass... dass... Ach, Mensch, Rick, Sarah und ich, wir waren einen Einheit. Da hat nichts dazwischen gepasst. Wir zwei gegen den Rest der Welt. Wir hatten einen streng geregelten Alltag. Ohne den hätte es mit meinem aufreibenden Job und ihrem Kindergartenplatz nicht funktioniert. Wir waren zufrieden damit. Wir brauchten nicht viel. Weil wir uns hatten. Unsere kleine Welt, die uns genügt hat. Unsere Routinen, da hat jeder Haken gehakt. Dann kamst du mit brachialer Gewalt hereingestürmt und plötzlich hängt alles durcheinander. Nichts hat mehr gepasst. Man findet nichts wieder. Dabei hätte ich so gerne etwas von unserer Selbstverständlichkeit wiedergehabt, aber die haben wir irgendwie in unserer alten Wohnung zurückgelassen, als wir uns auf all den Wahnsinn hier eingelassen haben.
Cedric (hat verstanden, doch das schlechte Gewissen nagt sichtlich an ihm): Ich hab mich nie zwischen euch drängen wollen. Das ist kein Wettbewerb zwischen uns, Mary. Wenn das heute so rübergekommen sein sollte, dann tut es mir leid. Es ist ausgeartet, ja. Ich hab irgendwann die Kontrolle verloren. Die schiere Masse hat mich doch selber überrascht, aber da alles ganz gut gefitzt hat, mal abgesehen von dem kleinen Zwischenfall mit Meier und Gretchen, hab ich mir keinen Kopf weiter drüber gemacht. Aber ich will das wirklich. Ich will uns. Als Familie. Wir alle zusammen als Einheit. Mit eben jener Selbstverständlichkeit, die mich so sehr an euch fasziniert. Für uns alle ist das ein Neuanfang, aber ich bin mir sicher, dass wir das hinkriegen werden, wenn wir uns erst einmal richtig reingefitzt haben werden.

Geht doch! Was muss er es denn auch immer so übertreiben?

Maria (knufft ihm einmal in die Seite u. sieht dann nachdenklich zur Tür, die jeden Moment aufgehen könnte): Das weiß ich doch, du Blödmann. Ich vermisse nur halt mein kleines Mädchen, das mit großen staunenden Augen durch die Welt marschiert und mit all ihren Entdeckungen gleich zu mir kommt. Aber sie ist kein kleines Mädchen mehr. Sie ist jetzt groß, geht zur Schule, läuft immer erst zu dir oder zu Meier, zu Lilly oder zu sonst wem, wenn ihr etwas zum Kreislauf der Dinge einfällt. Und ich, ich stehe dann nur sprachlos daneben und denke, mein Gott, wir haben dieses Wunder geschaffen. Wie ist das nur möglich? Wenn ich ehrlich bin, ich komm damit überhaupt nicht klar. Das alles hier, das übersteigt alles, was ich mir...
Cedric (zieht die sichtlich erschöpfte Frau in seine Arme u. diesmal wehrt sie sich nicht dagegen): Hey! Das ist doch nicht schlimm. Soll ich mal mit ihr reden, dass sie mehr...?
Maria (funkt ihm direkt dazwischen, während sie seine Kraft u. Nähe förmlich aufsaugt): Quatsch! Nein, ich... bin nur heute eine blöde, sentimentale Kuh, die... Vergiss es! Ich mag mich gerade selber nicht leiden. Es war einfach ein bisschen viel heute. Ich bin müde, gereizt, die Hormone halt. Schalte beim nächsten Mal einfach ein, zwei, drei Gänge zurück oder zieh wenigstens die Handbremse an, wenn du willst, dass das mit uns allen funktionieren soll! Wir sind verdammt noch mal fünf Personen in diesem Haushalt, jeder mit ganz eigenen Bedürfnissen. Irgendwo müssen wir Grenzen ziehen. Wir brauchen Regeln, auch wenn ich die nicht ausstehen kann und ich eigentlich nicht mehr vorhatte, mein Leben komplett durchzuplanen, weil eh alles ganz anders kommen wird. Siehe uns. Aber wenn wir hier weiterhin das Chaos regieren lassen so wie heute und uns nicht absprechen und jeder sein eigenes Ding macht, dann... Ich weiß nicht, ob ich dir dann soweit vertrauen kann, dich mit der Bande alleine zu lassen, falls ich jemals den Weg zur Klinik zurückfinden werden sollte, was momentan übrigens das Letzte wäre, woran ich denken würde.
Cedric (unterbricht sie mit sanfter Stimme, bevor sie noch weiter ausholen kann): Ist angekommen.
Maria (bleibt skeptisch u. zieht sich müde aus seiner Umarmung zurück): Sicher?
Cedric (reagiert, in seiner Ehre gekränkt, leicht schnippisch): Mary!
Maria: Gut! Dann... sollten wir vielleicht auch... Ich meine, wir sollten schlafen, wenn sie schlafen, das wäre nur die logische Konsequenz. Wobei, was ist bei uns schon logisch?

...schlussfolgerte die versierte Neurochirurgin mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Sie gähnte einmal leise und erhob sich schließlich von ihrem Platz, nur um im nächsten Moment unvermittelt von zwei starken Männerarmen umschlungen zu werden, die sich krakenartig um sie gelegt hatten und sie daran hinderten, alleine ins Bett zu gehen.

Maria (zappelt wie ein Fisch am Haken in seinen Armen hin u. her): Rick, was denn noch? Können wir es nicht endlich darauf beruhen lassen? Ich bin es so leid.
Cedric (zieht sie noch fester an sich u. schaut ihr vielsagend in die genervt rollenden Augen): Bin ich dafür. Ich warte nur noch auf ein Eingeständnis.
Maria (runzelt verwundert die Stirn u. versucht, sich vergeblich aus seinem Klammergriff zu winden): Eingeständnis?
Cedric (genießt ihre unmittelbare Nähe sehr u. lässt sich zu einer weiteren Provokation hinreißen, die natürlich ihre entsprechende Wirkung erzielt): Dass ich zumindest in einer Sache der Beste bin.
Maria (hat sich erfolgreich befreit u. geht kopfschüttelnd zum Bett, wo sie die Decke aufschlägt): Boah, Cedric, du müsstest dich mal hören! Ich weiß, du lebst jetzt als Hahn im Korb und musst dich irgendwie damit arrangieren, aber ist dein Selbstbewusstsein so angeknackst, dass du jetzt ständig nach Anerkennung betteln musst und noch lauter gackerst als wir alle zusammen?
Cedric (grinst verschlagen): Nö, ich folge nur den Tatsachen.
Maria (schlüpft aus ihrem Kimono in ihr Seidennachthemd u. anschließend unter die Bettdecke): Tatsachen, soso? Meinst du etwa die, die deinem beschränkten Hirn entsprungen sind oder die, die deinen Hirngespinsten gefolgt sind und sich hier ungebeten eingenistet haben?
Cedric (hat mit gierigen Blicken verfolgt, wie sie sich ausgezogen hat u. folgt ihr nun direkt mit einem gewagten Sprung aufs Bett): Ich glaube, wir drehen uns schon wieder im Kreis, meine Liebe, und zwar nicht in dem Sinne, wie ich es mir gerade vorstellen könnte.
Maria (weicht sicherheitshalber ein paar Zentimeter von ihm weg, bevor er noch zudringlich werden kann): Nein, ganz und gar nicht, mein Lieber, denn es war absolut indiskutabel von dir, dass du die halbe Belegschaft zu Sarahs Schulanfangsfest eingeladen hast. Verdammt noch mal, wie stehe ich denn jetzt da? Ich habe immer strikt eine Trennlinie gezogen zwischen dem Elisabethkrankenhaus und meinem Privatleben. Ich dachte, dahingehend ziehen wir an einem Strang. Das ist oberstes Gesetz unter uns Chirurgen. Ich kann mir so etwas als Oberärztin im Mutterschutz mit Ambitionen nach oben nicht leisten. Es ist schon schwer genug, sich auf meiner Hierarchieebene als Frau und Mutter Respekt zu verschaffen und jetzt lässt du unsere Kollegen nicht nur durchs Schlüsselloch gucken, nein, du schließt es für sie sogar noch auf. Es hätte nur noch gefehlt, wenn der Professor mit seiner verrückten Frau hier auch noch aufgekreuzt wäre.
Cedric (senkt etwas betreten den Blick, um ihr auszuweichen): Äh... sind sie.
Maria (reißt fassungslos ihre Augen auf): Was? Willst du mich verarschen?

Ich bring ihn um. Jetzt tue ich es wirklich.

Cedric (lächelt leicht gequält, als er langsam mit der Wahrheit herausrückt): Sie waren, kurz bevor ihr alle von der Veranstaltung aus der Schule zurückgekommen seid, hier. Ich war doch schon etwas eher vorgefahren, um noch ein paar letzte Vorbereitungen zu treffen und um das Catering reinzulassen. Der Professor und Frau Haase haben Sarah eine Zuckertüte vorbeigebracht und sich sehr herzlich dafür entschuldigt, dass sie nicht bleiben konnten, weil sie schon eine anderweitige Veranstaltung besuchen wollten. Und nein, sie haben nicht die Geburt ihrer Enkel vorausgesehen. Die verlief ja, wie wir sehr eindrucksvoll gemerkt haben, eher spontan als Selbstläufer.
Maria (schüttelt fassungslos den Kopf): Ich fasse es nicht und du feierst dich auch noch dafür.
Cedric (sucht eindringlich ihren Blick, aber sie zieht sich eingeschnappt unter ihre Bettdecke zurück): Mary, jetzt komm mal wieder runter, es ist doch nichts dabei. Alle haben sich amüsiert und gut ist. Am Montag wird noch kurz in den Pausen darüber geredet, dann passiert wieder irgendwas, hey, die Haase-Zwillinge, na klar, und wir sind schnell wieder vergessen.
Maria (es liegt in ihrer Natur, sich immer wieder neu aufzuregen): Nichts ist gut, Cedric. Du hast sie eingeladen, damit bist du eindeutig zu weit gegangen.
Cedric (jetzt spielt er den Beleidigten u. plustert sich auf): Verdammt noch mal, wie oft denn noch, ich habe niemanden eingeladen. Ich hab doch selber keinen Schimmer, wieso die alle auf einmal hier aufgekreuzt sind.
Maria (glaubt ihm kein Wort u. zeigt das auch deutlich): Dafür wussten sie aber sehr genau Bescheid, wann wir hier mit unserer - ich betone - kleinen Feier loslegen würden.
Cedric (rückt ein bisschen näher an die Meckerziege heran u. hebt seine Hände in Unschuldspose): Ich schwöre, ich habe nichts damit zu tun. Ich bin lediglich bei deinen Eltern zu Kreuze gezogen und das war schon die schwerste Aufgabe von allen. Neben der Organisation des Programms und so weiter, dafür bin ich übrigens Schwester Sabine und Dr. Gummersbach sehr dankbar. Meine Schwester war auch gesetzt. Sarahs beste Freundin auch und dass Motte darauf bestanden hat, dass das Arschloch hier aufschlägt, darauf geschissen. Mit dem Rest habe ich nichts zu tun.
Maria (hat etwas in der Hinterhand, das auf dem Nachttisch gelegen hat u. das sie ihm nun demonstrativ vor die Nase hält): Ach, ja, und was ist damit?

Jetzt krieg ich ihn, diesen elenden Verräter.

Cedric (greift verwirrt nach der kleinen bunten Karte, an der seltsamerweise seine Finger kleben bleiben): Was ist das?
Maria: Stell dich nicht so blöd, natürlich weißt du das.
Cedric: Nein, tue ich nicht. Wo hast du das her?
Maria: Die habe ich gefunden, als ich vorhin die Haasen-Spuren im Gästezimmer beseitigt habe. Lag unter dem Bett. Muss Gretchen bei ihrem abrupten Abgang wohl aus der Tasche gefallen sein. Du siehst, es gibt Beweise.
Cedric (streicht sich über den klebrigen Finger u. probiert schließlich im Selbstversuch): Beweise? Was für Beweise? Ey, ist das Puderzucker oder was ist das, was hier so klebt? Liebesperlen?
Maria (schnippisch): Die Handschrift unserer Tochter vielleicht?
Cedric (weiß immer noch nicht, worauf sie hinauswill): Ja, und, was siehst du mich jetzt so an?
Maria (stöhnt entnervt auf, weil er es immer noch nicht zugeben will, u. deutet auf die Karte, wobei ein Papierschnipsel lästig an ihrem Finger kleben bleibt): Es gibt nur eine Person auf dieser Welt, die noch untalentierter ist im Basteln als unsere Motte. Dafür musst du nicht einmal in ihre Kindergartenmappe gucken.
Cedric (hilft ihr ruhig dabei, das Papierdreieck von ihrer Hand zu beseitigen): Wenn du mich damit meinst, da liegst du falsch. Ich war in der ersten Klasse sogar in der Kunst-AG. Aber damit hab ich wirklich nichts zu tun. Ich sehe das Ding heute zum ersten Mal. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist.
Maria (zischt zynisch): Als ob dir auch nur irgendetwas heilig wäre, mein Lieber.
Cedric (ist die Diskussion allmählich leid): Ach, komm schon, Mary! Was soll das denn jetzt?
Maria (beobachtet seine anhaltende Abwehrreaktion u. wird misstrauisch): Du meinst, du hast weder an der Gestaltung mitgewirkt, noch die hässlichen Dinger an die Kollegen verteilt?
Cedric (stöhnt erleichtert aus, weil er merkt, dass sie endlich einlenkt): Nein!
Maria (greift selber noch einmal nach der Einladungskarte u. dreht sie skeptisch hin u. her, wobei einzelne bunte Perlen herabrieseln): Aber... Wie ist das dann zu erklären?

Das ist eindeutig Sarahs Handschrift. Sie kann das nicht allein gemacht haben.

Cedric (sein Gesicht hellt sich plötzlich auf, als er eine Eingebung hat): Warte mal! Erinnerst du dich noch an den Tag nach der Geburt unseres Flöhchens?
Maria (rollt mit den Augen u. erinnert sich nur ungern an die ganzen Strapazen, die ihr immer noch zu schaffen machen): Wie sollte ich den je vergessen, hm?
Cedric (grinst): Naja, du hast mich ganz schön zusammengeschissen, weil Motte mir im Krankenhaus entwischt ist.
Maria (versucht ihm zu folgen u. versteht plötzlich, was er ihr sagen will): Zu Recht! Warte! Das glaube ich jetzt nicht, du meinst, sie hat in der Zeit, als sie verschollen war, ihre selbst gebastelten Einladungskarten auf den Stationen verteilt?
Cedric (lehnt sich mit stolz geschwellter Brust im Bett zurück): Ich würde darauf zwar kein Geld verwetten, Liebensperlen vielleicht schon, aber die Tatsachen sprechen wohl für sich. Oder? Sie wollte doch unbedingt diesen Frechdachs aus dem Kindergarten schlagen mit so vielen Zuckertüten wie nur möglich. Deshalb hat sie möglicherweise jeden eingeladen, den sie kannte.
Maria (fasst sich an den Kopf): Na klar, wie konnte ich nur so blind sein. Unsere Kollegen von der Neuro, die Schwestern aus der Pädiatrie, die sich so lieb um Sophie gekümmert haben, das Meierlein, der Pförtner, der ihr immer Bonbons schenkt, wenn sie uns auf Station besucht. Die Frau von der Kasse in der Cafeteria. Schwester Greta, Sabine,... Die Gästeauswahl war schon irgendwie strange und nicht wirklich nachvollziehbar. Das hat mich schon den ganzen Tag gestört. Jetzt ergibt das alles einen Sinn.
Cedric (grinst wie ein Honigkuchenpferd): Unsere Große! Gott, ich liebe dieses Kind. Man kann nur stolz auf sie sein.
Maria (verdreht leidend die Augen): Lass sie das bitte nicht hören, Rick! Sonst kommt sie gleich auf noch dämlichere Gedanken. Ich fasse es nicht, wie planvoll sie an die Angelegenheit herangegangen ist.
Cedric (sieht sie mit Schalk in den Augen an): Sie ist die Tochter ihrer Mutter. Sie weiß eben, was sie will und nimmt es sich.
Maria (zeigt ihm den Vogel): Haha! Ich befürchte eher, sie wird dir langsam erschreckend ähnlich. Du siehst, wir müssen wirklich eine Grenzlinie ziehen. Sie spaziert so selbstverständlich durchs EKH und schließt Freundschaften, als wäre es ihr zweites Zuhause. Das geht so nicht.
Cedric (lehnt sich sanft an ihrer Seite): Aber nicht mehr heute, hm.
Maria (blickt ihm kurz aber intensiv in die Augen): Okay, der Punkt geht an dich.
Cedric (zwinkert ihr frech zu): Klingt ja fast wie eine Entschuldigung.
Maria (regt sich gleich wieder künstlich auf): Bitte? Für was soll ich mich denn bitteschön entschuldigen?
Cedric (nutzt die Gunst der Stunde für einen weiteren Annäherungsversuch): Dafür, mich zu Unrecht verdächtigt zu haben, vielleicht? Aber ich wüsste da etwas, womit du mich entsprechend entschädigen könntest.
Maria (glaubt fassungslos sich verhört zu haben): Du meinst...?
Cedric (zwinkert ihr erwartungsvoll zu u. zieht als weitere Provokation einfach sein Schlafshirt aus): Ich wäre zu jeder Schandtat bereit, meine Liebe.

Das hättest du wohl gerne, du Blödmann. Na warte! Das kann ich besser.

Maria (lächelt bei seinem nicht gerade unappetitlichen Anblick verheißungsvoll u. beugt sich schließlich verführerisch über seinen nackten Oberkörper): Na, wenn das so ist, dann würde ich mich vielleicht unter Umständen bereit erklären,...
Cedric (lässt sich von ihren verführerischen Blicken u. Gesten einfangen): Mhm! Erzähl mir mehr, Baby!
Maria (schüttelt den Kopf u. genießt es richtig, wie leicht sie ihn doch um den kleinen Finger wickeln kann): Die Umstände, mhm... Was für schöne Umstände.
Cedric (stöhnt unter ihrem heißen Atem, der seine nackte Haut reizvoll kitzelt, auf): Danke!
Maria (fährt mit ihrer Nasenspitze über seinen erhitzten Körper u. hält dicht über dem Gesicht des Angebers plötzlich inne, das sie mit loderndem Blick erwartungsvoll ansieht): Dass du so leicht zu haben bist, hätte ich zwar nicht gedacht, obwohl, doch eigentlich schon, aber wenn es so ist, bitte, dann tue ich dir natürlich gerne den Gefallen. Du hast ja schließlich auch den halben Tag dafür Zeit.
Cedric (grinst vorfreudig u. beugt sich zu einem heißen Kuss zu ihr hoch): Wow! Da ist aber jemand anspruchsvoll. Ich bin dabei. Nur weiß ich nicht, ob das so leicht hinhauen wird. Irgendwann stehen die Mädels garantiert auf der Matte. Die riechen das. Wie die Maus den Käse.
Maria (streicht mit ihren Lippen verheißungsvoll über seine emporgereckten, zieht sich aber, bevor der Kuss noch weiter ausarten kann, unerwartet wieder zurück): Interessanter Vergleich! Hm? Tja, in dem Fall nehme ich sie eben einfach mit, damit sie dich nicht von deinen Aufgaben ablenken können.
Cedric (wacht unvermittelt aus seinem erotischen Traum auf, als sie plötzlich von ihm runtersteigt u. sich neben ihn legt): Bitte was?
Maria (lacht herzlich auf u. streicht über seinen merklich angespannten Brustkorb): Och, Rickylein, wer entschädigt werden will, muss dafür doch erst einmal selber etwas geleistet haben. Weißt du das denn nicht? Also, wenn du es schaffst, morgen früh den Garten aufzuräumen und das ganze Chaos zu beseitigen, für das immer noch du alleine verantwortlich bist, während ich mit den Kurzen einen kleinen Ausflug ins EKH unternehme, und ich danach keinen einzigen Konfettischnipsel mehr auf dem zerlatschten Rasen finde, den du übrigens auch gleich noch einmal neu aussäen könntest, dann gebe ich auch öffentlich zu, dass dein doofes Fest ein voller Erfolg war und dann darfst du auch mit mir machen, was dir gerade so in den Sinn kommt. Aber nur dann.
Cedric (klappt fassungslos die Kinnlade herunter u. schnappt hörbar nach Luft, aber reicht ihr dann schließlich, als wieder Sauerstoff sein Hirn erreicht, schmunzelnd die Hand, obwohl er eigentlich etwas anderes erwartet hat): Boah, bist du fies, aber okay, Deal! Könnte ich vielleicht trotzdem schon einmal einen kleinen Vorgeschmack bekommen? So als Anreiz, hm?
Maria (schüttelt ihn entschieden ab): Rick!

Er kann es nicht lassen. Wie gut, dass er nicht weiß, dass ich durchaus nicht abgeneigt wäre.

Cedric (lässt sich schwerfällig zurück auf sein Kissen fallen u. versucht, seinen Gefühlshaushalt neu zu sortieren): Schade! War einen Versuch wert. Was wollt ihr eigentlich so lange im Krankenhaus und das an einem Sonntag?
Maria (lacht aus vollem Herzen über ihren gelungenen Coup u. lehnt sich befreit ans Kopfende des Bettes zurück): Okay, deine Aufnahmefähigkeit ist wirklich nicht mehr die Beste, oder? Dann ist es ja doch gut, dass ich Weiteres rechtzeitig unterbunden habe.
Cedric (es dämmert ihm mit leichter Verzögerung u. er verdreht die Augen, als er sich zu ihr legt): Oh, du meinst...? Aber dass ich vielleicht auch gerne mitkommen möchte, das ist dir nicht in den Sinn gekommen, während du mich hier auf so unsanfte Weise abwatschst, hm?
Maria (schmunzelt u. streicht ihm einmal kurz über die Wange): Och, wieso denn gleich abwatschen? Obwohl, das trifft den Nagel auch irgendwie auf den Kopf. Du denkst doch nicht etwa ernsthaft, dass Meier dich an einem Tag wie diesem freiwillig sehen möchte? Da zieht er doch eher eine Darmresektion ohne Narkose vor. Ihr habt zwar so etwas wie einen Waffenstillstand geschlossen, als ihr beinahe mit dem Flugzeug abgestürzt seid, um uns zu schonen, aber das heißt nicht, dass ihr neuerdings auch die engsten Freunde wärt. Oder habt ihr mir und Gretchen noch etwas verschwiegen?
Cedric (schüttelt ergeben den Kopf u. dreht sich grinsend auf ihre Seite): Okay, ja, das ist ein Argument.
Maria (zwinkert ihm kess zu, während sie ihm sanft an die nackte Brust tippt): Außerdem, erst die Arbeit, dann das Vergnügen, mein Lieber. Das ist seit Menschengedenken die festgelegte Regel. Und das hast du dir selbst zuzuschreiben.
Cedric (lässt seinen Kopf stöhnend zurück aufs Kissen fallen u. schließt die Augen): Du genießt das richtig, mich zu quälen, oder?
Maria (spielt den Spielball gekonnt zurück): Du doch auch. Und das steht mir ja wohl nach der Kinderquatschparty des Jahrzehnts mehr als jedem anderen zu?
Cedric (stützt sich mit einem Arm ab u. lehnt sich über seine Lieblingszicke, die ihn mit Funkelaugen fixiert): Immer das letzte Wort, meine Bloody Mary, das mag ich so an dir.
Maria (funkelt zu ihm hoch u. lässt sich zu einem kleinen Kuss hinreißen, den sie über seine Lippen tanzen lässt): Tja, anders kapierst du ja auch nicht, wie es hier in Zukunft langlaufen wird.
Cedric (ahnt, worauf das hinauslaufen wird): Du meinst, Frauen an die Macht und so?
Maria (grient ihn triumphierend an, während sie noch ein weiteres Mal quälend langsam über seine rauen Lippen streift): Emanzipation 4.0. Wir sind eindeutig in der Überzahl, das müsste dir eigentlich bewusst sein.
Cedric (seufzt u. genießt das prickelnde Gefühl auf seinen Lippen): Worauf hab ich mich da bloß eingelassen?
Maria (dreht sich weg u. lehnt sich wieder der Länge nach ins Bett): Das war eigentlich bislang meine Frage.
Cedric (tut es ihr gleich u. zieht die verrutschte Decke über sie beide): Und? Wie lautet die Diagnose?
Maria (überlegt einen langen Moment u. schmiegt sich schließlich an seine Seite): Viel erschreckender ist doch eigentlich die Feststellung, wie schnell ich mich an all das gewöhnt habe.
Cedric (lacht aus voller Brust u. folgt seinem starken Herzklopfen): Das klingt ja fast wie das Liebesgeständnis, auf das ich seit über neun Monaten gewartet habe. Darauf war ich jetzt, ehrlich gesagt, gar nicht vorbereitet. Aber ich lieb dich auch, Baby. Nur um das mal klarzustellen.

Er ist und bleibt ein Vollidiot! Und bevor ich ihm das gebe, was er gerne hätte, friert eher die Hölle zu oder Meier schnappt mir meinen Traumjob vor der Nase weg. Das wird nie passieren.

Maria (verdreht die Augen u. knufft ihm kraftvoll in die Seite): Na, wir wollen mal bitteschön die Kirche im Dorf lassen, hm.
Cedric (genießt es richtig, sie volle Breitseite erwischt zu haben): Och, ich für meinen Fall, ich stehe dazu. Und folge dabei doch auch nur den weisen Ratschlägen deines betrunkenen und seit Jahrzehnten glücklich verheirateten Vaters gestern Abend, die da lauten, dass man immer alles offen ansprechen sollte, was einen bewegt und vor allem sollte man nie im Zwist zusammen ins Bett gehen. Vorm Schlafengehen sollte immer alles geklärt sein und ich bin ehrlich froh und glücklich, dass wir das neuerdings auch so handhaben.
Maria (schüttelt fassungslos den Kopf): Du bist doch toxisch. Wird wirklich Zeit, dass du endlich eine Mütze Schlaf abbekommst. Ich übrigens auch. Ich muss morgen fit sein.
Cedric (schlingt grinsend seinen Arm um ihren Körper u. zieht sie so ganz nah an sich heran): Was Sarah wohl dazu sagen wird?
Maria (bekommt ganz glänzende Augen, als sie an ihr Mädchen denkt u. das überraschte Gesicht, das sie morgen machen wird): Bis jetzt konnten wir es ihr noch erfolgreich verheimlichen, aber wenn Motte morgen früh mitbekommt, was heute Nacht alles los war, dann wird mir der Anstandsbesuch im EKH leider nicht erspart bleiben. Obwohl ich zugeben muss, dass ich doch schon sehr gespannt bin.
Cedric (schüttelt grinsend den Kopf): Zwillinge, der Glückspilz muss auch immer einen obendrauf setzen.
Maria (dreht sich zu ihm herum u. genießt das bedröppelte Gesicht, das er plötzlich aufsetzt): Nicht nur er.
Cedric (beobachtet verwundert, wie sie mit einem Mal zum Handy greift, das auf ihrem Nachtschränkchen liegt): Wie meinst du das?
Maria (wischt kurz über das Display ihres Smartphones u. zeigt ihm schließlich ein Foto, das Cedric sprachlos macht): Wenn hier jemand produktiv war in dieser Nacht, dann ja wohl...
Cedric (traut seinen Augen kaum u. kneift diese ungläubig zusammen, während er sich im Bett etwas aufrichtet): Nee, oder? Das gibt’s doch nicht. Muss der Weichspüler eigentlich immer alles nachmachen, was sein Spezi ihm vormacht? Sind die bei der Geburt getrennte siamesische Zwillinge gewesen, oder was? Eher nicht! Schon ein bisschen peinlich, oder?
Maria (findet es einfach nur herrlich, dass selbst in dieser Situation immer noch seine Eifersucht durchschimmert): Nö, überhaupt nicht, ich finde es süß und Lilly ist ja auch eine stolze große Schwester, wie man sehen kann. Etwas, das sie mit unserer Sarah gemein hat. Die wird staunen, wenn sie morgen ins EKH marschiert.
Cedric (schnappt sich Marias Handy u. klickt sich durch die Bildergalerie der Nacht): Stimmt!
Maria (schmiegt sich gemütlich an den muskulösen Männerkörper u. schaut ihm dabei zu, wie sich seine Miene mit jedem weiteren Bild erhellt): Und wenn ich mich recht erinnere, dann waren Mehdi und Schwester Gabi ja wohl diejenigen, die sich zuerst auf ihr Zukunftsprojekt vorbereiten konnten. Im Gegensatz zu uns.
Cedric (schmunzelt): Und ihm hier. Schau mal! Ich hab’s mir bis jetzt nicht vorstellen können, aber die Rolle steht ihm ungemein gut. Ich hoffe aber trotzdem, dass die Zwerge ein bisschen mehr nach ihrer hübschen Mama kommen werden.
Maria (grinst): Ich kann’s Meierlein ja ausrichten, wenn die Mädels und ich ihn morgen, also heute Mittag, überfallen werden. Die freuen sich doch am meisten, wenn wir uns vorher nicht ankündigen. Oder? Wie sie uns, so wir ihnen.

Cedric hatte schmunzelnd auf eins der faszinierenden Fotos, die Maria in dieser Nacht von ihrer Freundin per WhatsApp geschickt bekommen hatte, gedeutet und sich entspannt wieder an ihre Seite geschmiegt, um mit ihr zusammen noch ein bisschen zu schwelgen, bis sie irgendwann Arm in Arm weggedöst wären. Auch seine Freundin war sichtlich angetan von dem Elternglück des befreundeten Paares, das ihrem eigenen sicherlich in nichts nachstand, das sich wiederum übrigens genau in diesem Moment stiller elterlicher Eintracht mit einem verdächtigen Knacksen des Babyphones erneut bemerkbar machte. Nach einem kurzen Schnick-Schnack-Schnuck-Spiel, welches der gequält dreinblickende Dreifachdaddy leider gegen seine holde Angebetete verloren hatte, die sich daraufhin demonstrativ in ihre Kissen gekuschelt hatte, war dieser leise aufseufzend aus dem gemeinsamen Schlafzimmer verschwunden. Diese kurze Abwesenheit nutzten jedoch zwei kleine Mäuse unbemerkt aus, um sich ins heimische Bett ihrer Eltern zu schmuggeln. Und die Überraschung hätte nicht größer sein können, als Sarahs und Sissis Papa nur drei Minuten später mit der zappelnden Nachzüglerin im Arm leise summend zurück ins Zimmer schlenderte, wo ihm sein angestammter Platz neben seiner Liebsten leider von zwei frechen Schnarcherinnen abspenstig gemacht worden war, die auch noch dafür bekannt waren, dass sie sich im Bett extra breitmachen konnten.

Lorelei Offline

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11.03.2018 14:16
#1618 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Und auch im nahe gelegenen Berliner Elisabethkrankenhaus wartete zu dieser späten Stunde noch eine besondere Überraschung auf einen ganz besonderen Menschen. Oder zumindest so etwas in der Art. Denn als Sabine Gummersbach, ehemals Vögler, an der Hand ihres geliebten Ehemannes leichtfüßig über die Schwelle des Stationszimmers schwebte und sich in dem kleinen gemütlichen Aufenthaltsraum der Chirurgie umblickte, welcher ihr wie ein zweites Zuhause ans Herz gewachsen war, seitdem sie als junge, engagierte, aber auch von den Dimensionen ihres Berufes ein wenig eingeschüchtert wirkende Lernschwester vor vielen Jahren hier im Haus angefangen hatte und nicht zuletzt auch durch das Auftauchen einer wunderbaren Ärztin aus Leidenschaft geprägt worden war, die ihr durch ihr besonderes Mitgefühl, ihren Ehrgeiz und ihre unverwechselbar durchsetzende Art zum Vorbild für mehr Selbstbewusstsein im Dienst als auch im Privaten geworden war, schien alles so wie immer zu sein. Inklusive der Hektik, die der gerade Dienst habende Mitarbeiter hier verbreitete, der mitten in der Nacht die Stellung halten sollte. Die Betonung lag hierbei natürlich auf dem kleinen, aber bedeutsamen Stichwort „sollte“, welches man auf vielerlei Weise interpretieren konnte. Und der Filius vom Klinikchef kannte sich mit den vielen Kniffs und Tricks dahingehend selbstredend am allerbesten aus.

Denn eigentlich hatte Jochen Haase, vielseitig einsetzbarer Pflegepraktikant im Dauereinsatz und angehender Medizinstudent im bald wieder beginnenden vierten Semester an der HU Berlin, der selbstverschuldet auf einer der untersten Stufen der Klinikhierarchie herumdümpelte und damit bekanntlich der Arsch vom Dienst war, wie er es immer gerne in Anwesenheit seines Vaters unverblümt ausdrückte, etwas ganz anderes im Sinn. Umso glücklicher war der Fünfundzwanzigjährige deshalb auch, unverhofft das sich verliebt aneinander schmiegende Ehepaar Gummersbach anzutreffen, als er mit seiner vierten Tasse Filterkaffee in dieser Nacht bewaffnet und seinem Smartphone in der anderen Hand balancierend nichts ahnend um die Ecke taumelte und den beiden ebenso überraschten Kollegen, die nicht mit seinem plötzlichen Auftauchen gerechnet hatten, prompt in die Arme lief. Zum Glück war bei dem Beinahezusammenprall sowohl die „Wer-ist-hier-der-Boss“-Kaffeetasse, die er ungesehen Dr. Meier aus dem Regal stibitzt hatte, inklusive ihres kostbaren Koffeininhalts, als auch sein wichtigstes Instrument, sein Mobiltelefon, heil geblieben.

Jochen (lehnt sich lässig an den Türrahmen, nippt an seiner Tasse u. schaut immer wieder auf sein Handy in der anderen Hand): Super! Ihr kommt gerade richtig. Bleibt ihr jetzt vielleicht zufällig eine Weile hier im Stationszimmer und könntet kurz die Stellung halten? Dauernd kommt hier jemand vorbei und drückt mir irgendeinen Mist auf. Ich hätte schon vor Stunden ein paar Proben aus dem Labor abholen sollen, die Oberschwester lauert auch irgendwo mit ihren Giftpfeilen auf mich und ich komm überhaupt nicht dazu, weiter mit Chantal zu chatten. Die läuft zuhause noch die Wände hoch und runter, weil sie unbedingt alles wissen will, was die neuen Erdankömmlinge betrifft. Ey, ist das krass oder ist das krass? Da legen Kaan und Gabi auch gleich noch einen hinterher und Gretchens allseits bereiter Tagebuchheld in weißer Arztrüstung hilft ihnen auch noch dabei. Im Fahrstuhl! Abgefahren! Oder in dem konkreten Fall wohl eher nicht! Der ist mittlerweile lahm gelegt. Ey, die Geschichte glaubt einem doch kein Mensch. Jemand sollte das Drehbuch an irgendeinen Sender verscherbeln. Die Story muss verfilmt werden. Ha! Vor allem die Szene, als Marcs Mutter dachte, es wären Drillinge am Start. Ich hab jetzt noch Bauchschmerzen vor Lachen. Die Alte ist so was von schräg drauf, ey. Marc könnte einem fast leidtun. ... Oh! Chanti ist wieder online. Ich bin dann mal kurz weg. Im siebten ist die Internetverbindung am besten. ... Ach, und danke, Leute! Ich bin euch was schuldig. Aber bitte nicht wieder die Bettpfannen! Ab morgen kommen doch die neuen Praktikanten. Sollen die doch die, im wahrsten Sinne des Wortes, beschissensten Sklavendienste machen. Wir mussten schließlich alle so anfangen. ... (löst sich von Sabine u. Günni, die ihn sprachlos anstarren, dreht sich um u. plappert, während er das Zimmer verlässt, munter in sein Smartphone, das er sich vor die Nase hält, um seine Freundin besser sehen zu können) ... Hey, Sweety, ich hab mir gerade ein Zeitfenster freischaufeln können. ... Ja! Was willst du wissen? ... Überdreht? Ich? ... Nö, ich hab keinen Koffeinrausch. Die Tasse ist nur... äh... Accessoire. ... Das liegt alles am Adrenalin. Ich hab heute zwei Kinder auf die Welt geholt. ... Quasi. Das pusht einen total. Vielleicht konzentriere ich mich jetzt doch auf die ganz kleinen Scheißerchen. Ich hab den Dreh jetzt raus. ... Haha! Sag mal, ist das Celinchen im Hintergrund? Pennt die etwa schon wieder so schlecht? Scheiß-Beißerchen, ey! Ich wäre jetzt echt gerne bei euch. Aber die blöde Oberschwesterkuh musste mir ja unbedingt die nächsten acht Nachtdienste auf die Backe drücken. Irgendeine Strafmaßnahme, weil ich angeblich... weiß der Geier. Wieso soll ich eigentlich immer schuld sein? Ich hab doch gar nichts gemacht. ... Stimmt auch wieder. Ja, das hätte ich um keinen Preis verpassen wollen. Die zwei sind echt meganiedlich. Auf jedem Fall süßer als Gretchen, als die klein war. Warte, ich hab irgendwo ein paar Fotos abgespeichert...

Und noch bevor Schwester Sabine und Dr. Gummersbach ihm hätten antworten können, war der dauerquasselnde Koffeinjunkie auch schon auf dem Flur der Station verschwunden und das junge Paar konnte ihm nur noch sprachlos hinterherstarren, bis es sich schließlich mit in die Höhe gereckten Augenbrauen gegenseitig anschaute. Die Ohren der beiden rotierten noch von Jochens quietschvergnügter Stimme, die man immer noch vom Ende der Station 3b bis hierher hören konnte.

Günni: Was... genau... war... das... jetzt... eben?
Sabine: Ich... weiß... nicht. Ein bisschen überarbeitet vielleicht, der junge Mann.
Günni (ist eigentlich sonst nicht der Typ dafür, aber kann ein leichtes Schmunzeln nicht verbergen): Pfleger Jochen und überarbeitet?
Sabine (kichert gegen seine Schulter u. beginnt schon wieder zu schwärmen, als sie an den vergangenen Abend zurückdenkt): Du hast recht. Der Bruder von der Frau Doktor ist eben ein stolzer Onkel zweier wunderbarer Kinder. Die Oberschwester hätte ihm ruhig freigeben können, nachdem er sich im Kreißsaal und überhaupt so engagiert hat.
Günni (lehnt sich lächelnd an ihre Seite u. meint jedes Wort so, wie es gemeint ist): Dann solltest du dich vielleicht als neue Oberschwester bewerben, um den Kollegen ihrem Wesen entsprechende Dienstpläne zu gestalten.
Sabine (schaut ihren Mann mit großen Augen an u. schüttelt überfordert den Kopf, weil sie es für einen Scherz hält): Ach, Günni, du wieder! Das steht doch überhaupt nicht zur Disposition.
Günni (ist von ihrer besonderen Gabe mehr als überzeugt u. zeigt das auch): Die Rolle würde dir aber sehr gut stehen, Purzelchen. Die Kollegen mögen dich, was man von Schwester Stefanie nicht unbedingt behaupten kann. Die ist mir unheimlich, aber psst, nicht weitersagen!
Sabine (wird ein bisschen rot, als sie die Ernsthaftigkeit seiner Worte in seinen ehrlich leuchtenden Augen bemerkt): Jetzt schmeichelst du mir aber, Schnurzelchen. War das die Überraschung? Dann danke ich dir für dein mir entgegengebrachtes Vertrauen.
Günni: Ich setze es als einen Aspekt mit auf die Karte. Aber eigentlich wollte ich... Wir sind schon spät dran. Setz dich doch, meine Holde!

Günni brauchte einen kleinen Moment, um sich wieder zu sammeln. Denn er war durch Jochens Anwesenheit und dem daraus resultierenden Gespräch etwas aus dem Konzept gebracht worden. Aber der große und der kleine Zeiger auf der Uhr über dem Empfangstresen erinnerten ihn schnell wieder an seinen eigentlichen Plan und prompt strotzte sein sonst eher verhalten wirkendes Gesicht nur so über vor Emotionen. Zumindest für seine bescheidenen Verhältnisse. Vorfreude, Anspannung, ein leichtes Flattern seiner Nasenflügel, die, wie Günni schnell mit einem kontrollierten Handgriff überprüfte, nicht wieder angefangen hatten zu bluten, wie noch wenige Stunden zuvor nach der Ankunft im EKH mit einer hochschwangeren Kollegin auf der Rückbank seines Autos, das er übrigens, nachdem er sich in der Notaufnahme von seinem kleinen stressbedingten Aussetzer wiedererholt hatte, nach einer langen Recherche, welche ihm jedoch keine befriedigenden Antworten geliefert und seinen bereits abgeschwächten Stresslevel wieder kurzzeitig in den kritischen Bereich getrieben hatte, unbeschadet auf seinem Stammparkplatz in unmittelbarer Nähe des Notausgangs auf der Rückseite des Krankenhauses wiedergefunden hatte. Dank dem entscheidenden Hinweis der grimmigen Oberschwester, die ihm im Schockraum, den er in ihren Augen mit seiner Lappalie blockiert hatte, mit einem finsteren Naserümpfen seinen Autoschlüssel zugeworfen und ihn damit beinahe ausgeknockt hatte. Stefanie hatte dabei kein Talent für Zielgenauigkeit bewiesen, entweder aus Absicht, damit es wirklich einen triftigen Grund dafür gab, wieso er eine der wenigen freien Patientenliegen in der Notaufnahme okkupierte, oder weil sie leicht schielte. Günni tippte auf letzteres. Denn die Krankenschwester hatte sein Gesicht anvisiert, jedoch seine Weichteile getroffen. Aber das war mittlerweile schon eine ganze Weile her und der Schmerz war gar nicht so schlimm gewesen, wie es vielleicht im ersten Moment ausgesehen hatte. Da kannte er schon andere Kaliber, die ihn wirklich umhauten konnten.

Am meisten dominierten jetzt gerade das flatternde Kribbeln in seinem Abdomen und das heftige Klopfen seines Herzmuskels linkslateral. Symptome, die er früher, bevor er den Weg dieser herzensguten und bezaubernden Person gekreuzt hatte, mit jeder nur möglichen todbringenden Erkrankung in Verbindung gebracht hätte, welche ihn binnen kürzester Zeit dahingerafft hätte, aber nicht mit der Tatsache, dass er glücklich verliebt war und diese Symptome lediglich Ausdruck dafür waren, wie sehr es ihm doch Freude bereitete, in das vorfreudig erregte Gesicht dieser Frau zu blicken, die er gerade im Arm hielt. Seiner Frau. Seine Sabine, die unsicher und tollpatschig, wie sie manchmal sein konnte, doch das Herz am rechten Fleck besaß und immer genau dann über sich hinauswuchs, wenn sie es am wenigsten von sich erwartet hatte. So wie beispielsweise auch heute Nacht. Dafür bewunderte er sie. Und genau deswegen waren sie jetzt auch hier. Hier im Schwesternzimmer. Ihrem zweiten Zuhause, das mittlerweile auch zu seinem geworden war. Nicht nur durch die Tatsache, dass sie ein Fach im Kühlschrank miteinander teilten. Obwohl er doch immer noch insgeheim seine Laborräume im Keller bevorzugte, denn dort war es bei weitem ruhiger und friedlicher als hier im Chaosstockwerk Nummer drei, das sich nur in einer magischen Nacht wie dieser von seiner schönsten Seite zeigte.

Dieses umarmende Gefühl seltener Stille genoss auch Schwester Sabine, die Günnis Bitte gefolgt war und sich auf einen der freien Plätze an dem schmalen runden Tisch in der Mitte des Stationszimmers gesetzt hatte. Gespannt wie ein Flitzbogen schaute sie zu ihrem Gatten hoch, der immer noch neben der Anmeldung stand, wo Jochen Haase ihn und Sabine vorhin wie bestellt und nicht abgeholt stehen gelassen hatte, und sie von dort aus etwas zu lange als nötig angesehen hatte, bevor er schließlich auf seine ganz eigene verquere Art und Weise endlich reagierte und sich zu ihr gesellte.

Sabine: Günni? Wie meinst du das, dass wir spät dran wären? Wofür denn? Willst du noch wohin? Aber es ist doch mitten in der Nacht.
Günni: Exakt! 3 Uhr 23 und sieben Sekunden.
Sabine (guckt den roboterartig sprechenden Mann an wie ein Postauto): Ja, und?
Günni (gibt sich geheimnisvoll, als er seine Armbanduhr noch einmal mit der Uhr über der Anmeldung gegencheckt): Es geht los.
Sabine (rutscht hibbelig auf ihrem Stuhl hin u. her): Was, Günni, was denn? Jetzt wirst du mir doch etwas unheimlich. Was wollen wir hier? Also, außer den Herrn Haase für einen Moment zu vertreten.
Günni (schiebt seinen Stuhl zu ihrem heran u. legt lächelnd den Arm um ihre Schulter): Ach, Purzelchen, was du immer gleich denkst? Ich hoffe, du hörst nicht auf das, was die anderen sagen. Ob verschroben oder sonderbar oder nicht von dieser Welt, wie auch immer, es beschert mir zumindest eine gewisse Distanz, die ich hier brauche, um konzentriert meinen Beruf ausüben zu können. Außerdem macht es doch auch einen gewissen Reiz aus, anders zu sein. Findest du nicht? Wer will denn schon normal sein, hm?
Sabine (hört ihm gebannt zu u. lächelt zustimmend): Also ich mag dich.
Günni (lässt ihre herzlichen Worte auf sich wirken, bevor er schließlich weiter ausholt): Und ich mag dich, weil du eben bist, wie du bist. Geradeheraus und durchsetzungsstark. Du hast in der ganzen Aufregung heute Nacht die Nerven behalten, hast gelenkt und gewirkt und dich aufopferungsvoll um deine Freundinnen gekümmert. Das schätze ich so an dir.
Sabine (wird unweigerlich rot, denn so viele Komplimente auf einmal ist sie nicht gewohnt): Das hab ich doch gerne getan. Und ich bin unheimlich glücklich und freu mich für die beiden. Weißt du eigentlich schon, dass die Frau Doktor plant, den Herrn Doktor zu überreden, dass ich neben dem Dr. Kaan Patentante der Zwillinge werden soll? Also, ich weiß jetzt noch nicht konkret, ob es eine kirchliche Zeremonie geben wird, denn der Dr. Meier hat es ja nicht so mit der Kirche, aber die Frau Fisher und Familie Haase sind schon katholisch, glaub ich. Oder evangelisch? Oder beides?
Günni (legt seine Hand über ihre u. freut sich ehrlich mit seinem aufgeregten Bienchen mit): Das ist wunderbar, Bienchen. Du wirst ihnen eine wunderbare Patentante sein, so wie du unserem Anton eine wunderbare Mutter bist. Sie können sich glücklich schätzen, dich an ihrer Seite zu wissen.
Sabine (kann sich ein gefühlsgeladenes Schniefen nicht verdrücken): Och, jetzt bringst du mich gleich zum Weinen, Schnurzelchen. Was ist denn bloß los mit dir heute? Du bist so anders. Oder sind das noch die Nachwirkungen deines Naseblutens? Dann solltest du dich aber jetzt schleunigst hinlegen. Ich könnte schauen, ob wir nicht irgendwo auf Station noch ein Zimmer frei haben oder wir gehen gleich zu Anton hoch?
Günni (lässt sich durch ihren Gefühlsausbruch ein wenig verunsichern): Oh! Das war nicht meine Intention. Tut mir leid. Wenn ich emotional werde, dann weiß ich manchmal nicht, was ich sage. Ich wollte doch nur auf deine Frage zurückzukommen, warum wir jetzt hier sind. Du hast nämlich ganz vergessen, dass wir gestern Abend nach der Feier bei der Frau Dr. Hassmann und dem Dr. Stier noch eine Verabredung gehabt hätten, die du doch um keinen Preis, also mit Ausnahme der Geburt der Kinder deiner besten Freundin natürlich, hättest verpassen wollen. Und wie es der Zufall so will, möchte ich das hiermit nachholen. Es ist nicht viel. Ich wollte es uns hier noch ein bisschen schöner gestalten, romantischer, und etwas vorbereiten, aber die Popcornmaschine ist nun mal leider zuhause geblieben. Die Cafeteria ist geschlossen und die Automaten werden erst morgen früh wieder neu aufgefüllt. Deine Lieblingsschokodrops waren leider aus. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass ich da bin, damit du auch mal an dich denkst und nicht immer zuerst an die anderen. Ich weiß, du kannst nicht anders und dafür lieb ich dich bis zur Milchstraße und wieder zurück. Aber du bist auch wichtig, mein Herz. Du und deine Wünsche und Träume. Das darfst du nie vergessen. Egal, wie chaotisch es gerade sein mag.
Sabine (ist ehrlich baff u. weiß nicht, was sie darauf erwidern soll): Och, Günni, du bist so lieb zu mir. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.
Günni (nimmt dies direkt als Steilvorlage für eine geschickte Überleitung u. tippt ihr mit einem Finger an die Lippen): Wie wäre es denn damit, einfach mal deine süße Schnute zu halten und zuzuhören, Purzelchen?
Sabine: Dir?
Günni: Nein, ihr!

…antwortete Günni zu Sabines Verwunderung nur kurz und knapp, drückte ihr einen kleinen Kuss auf die halb geöffneten Lippen und schaltete dann mit der auf einem Stapel Fachzeitschriften liegenden Fernbedienung den kleinen Fernseher an, der neben einem großen bunten Sommerblumenstrauß auf einem der Schreibtische vorm Fenster stand, und zwar in genau dem Moment, als eine bekannte Melodie den Vorspann einer Sendung ankündigte, die direkt Sabines Pulsschlag in die Höhe trieb. Sprachlos stammelte die verdutzte Krankenschwester daraufhin in Richtung ihres Mannes und guckte immer wieder vergewissernd zurück auf die Mattscheibe, weil sie nicht glauben konnte, was sie dort zu sehen und zu hören bekam.

Sabine: Du meine Güte! Günni! Die Talkshow! Ich habe in der ganzen Hektik die Talkshow mit Frau Fisher ganz vergessen. Haben wir zuhause überhaupt den Videorekorder angestellt? Ich glaube nicht. Oh nein! Dabei hat sie doch so lange kein neues Interview mehr gegeben. Sie stellt nämlich ihr neues Buch vor. Stell dir vor, ein richtiges Sachbuch. Mit ihrer eigenen hochemotionalen Geschichte.
Günni (lächelt zufrieden u. ist glücklich, dass sein Plan geglückt ist): Festplattenrekorder, heißt das heutzutage. Aber egal, dafür hast du ja mich. Als ich im Wartebereich der Notaufnahme gesessen habe, bin ich durch Zufall darauf gestoßen, dass heute Nacht eine Wiederholung der Sendung im Fernsehen läuft.
Sabine (ihre Augen weiten sich ungläubig): Jetzt?
Günni (nickt ihr sanft zu): Jetzt!
Sabine (fasst sich an ihr wild pochendes Herz u. rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin u. her): Jetzt bin ich aber doch aufgeregt. Meinst du, sie haben gezeigt, als ich... Oh weh! Bekommen wir jetzt deswegen Probleme? Ich meine, wie heißt das noch gleich, wegen einer möglichen Konventionalstrafe? Weil sie... sie doch nicht... wegen mir... bis zum Ende... Oh, es geht los.

Sabine konnte ihre aufgeregten Ausführungen, die ihr im gleichen Atemzug noch rote Bäckchen, eine Hitzewallung und heftige Herzrhythmusstörungen bescherten, nicht mehr vollenden, denn in dem Moment lenkte sie die quietschige Stimme der blonden Moderatorin im Fernsehen gänzlich ab, die gerade zusammen mit ihrem älteren Kollegen die Vorstellungsrunde ihrer Talkshowgäste mit der Ankündigung einer ganz besonderen Frau beendete, die nun in Sabines direktes Blickfeld rückte und sie mit ihrer unverwechselbaren Aura auch durch den winzigkleinen Bildschirm des fünfundzwanzig Jahre alten Mini-Fernsehers hindurch direkt in den Bann zog, dem man sich nicht entziehen konnte. Vor allem nicht, wenn man ihr allergrößter Fan auf der Welt, Vorsitzende ihres Berliner Fanclubs und Admine ihres streng geheimen Internetfanforums war, das man regelmäßig mit den neusten Informationen aus direkter Hand fütterte. Nicht zu vergessen, war man schließlich sogar persönlich mit ihrem einzigen Sohn bekannt und würde vielleicht auch bald zur Patentante ihrer ersten Enkelkinder gekrönt, die in einer astrologisch hoch bedeutsamen Nacht geboren worden waren. In ihrem Beisein. Vor nicht einmal fünf Stunden.

Lorelei Offline

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11.03.2018 14:17
#1619 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

...Und last but not least, wie sagt man so schön, die besten Gäste kommen immer zum Schluss, womit ich die anderen Anwesenden hier inmitten unserer illustren Runde natürlich nicht diskreditieren möchte, aber sie ist nun mal, meiner Meinung nach, viel zu selten bei uns zu Gast und deshalb freue ich mich umso mehr, sie heute hier bei uns im hohen Norden begrüßen zu dürfen. Ein echtes Berliner Pflänzchen. Eine Grande Dame, wie es nur noch wenige von ihnen gibt. Mit spitzer Zunge und ebenso spitzer Feder. Eine Wortkünstlerin par excellence, die uns über die Geheimnisse der Liebe lehrt wie keine andere Autorin dieser Zunft zuvor und danach. Wer ist schon E.L. James? Gefühle, Leidenschaft, pure Erotik und Exotik, das ist ihr Metier. Und nun wagt sie auch ganz andere Pfade, geht nachdenklichere, existenziellere Wege, will aufrütteln und Mut machen, will Frauen, die ihr Schicksal teilen, Kraft geben, denn sie spricht offen aus, was andere nicht wagen. Dabei trifft dieses sensible Thema in unserer heutigen Zeit leider sehr, sehr viele. Und ich bin da ganz ihrer Meinung, man muss darüber reden können und das tut sie sehr eindrucksvoll. Deshalb begrüße ich hier an meiner Seite die wunderbare, einzigartige Roman-, nein, ich klammere den Begriff Groschenromanautorin bewusst aus, denn sie hat nicht nur mit ihrem neusten Werk, sondern vor allem mit ihrer fünfzigbändigen Dr. Rogelt-Reihe so viel mehr geschaffen. Hier ist sie, die Goldene-Henne-Preisträgerin, Elke Fisher, meine Damen und Herren.

Tosender Applaus brandete auf, gepaart mit dem deutlich wahrnehmbaren erleichterten Aufseufzen der anderen geladenen Gäste auf den unbequemen und eng aneinander gereiht stehenden Couchsesseln, die sich gegenseitig vielsagende Blicke geschenkt hatten, ehe sie, einer nach dem anderen, verstohlen begannen, nach den reichlich aufgetischten Spirituosen zu greifen, welche auf dem riesigen Glastisch vor ihnen inmitten diverser kunstvoll gestalteter Blumenarrangements dekorativ aufgereiht standen, nachdem die in grellen Farben gekleidete Moderatorin ihre ellenlange Lobhudelei auf Deutschlands Erfolgsautorin Nummer eins auf ein Zeichen ihres Co-Moderatoren hin endlich für beendet erklärt hatte, welche sogar ihren Gast, der die ganze Zeit vergeblich versucht hatte, seine von der aufdringlichen Blondine umklammerte Hand zurückzuerobern, ein kaum vernehmbares Augenrollen abgerungen hatte, welches nur eine einzige Person im Fernsehstudio mit verschmitztem Blick bemerkt hatte. Sie räusperte sich einmal unbehaglich, zog ihre Hand schließlich erfolgreich zurück und umklammerte nun wieder beidhändig ihr jüngstes Baby in Taschenbuchformat, dessen schlichter Titel „Leben!“ sie von ihrem Schoß aus, professionell wie sie nun mal war, demonstrativ in die auf sie gerichtete Kamera hielt.

Frau Fisher wirkte wie immer sehr adrett in ihrem leuchtendroten Kostüm einer der teuersten Designerinnen des weniger hippen Berlins und setzte ihr gewohntes Pokerface auf, während sie auf die leicht überdrehte TV-Ansagerin in ihrem viel zu engen grellen Kleidchen schließlich mit geheuchelter Freundlichkeit reagierte. Natürlich gab sich Deutschlands bekannteste und erfolgreichste Groschenroman-, oh, pardon, Arztromanautorin nicht mit einer simplen Nebenrolle zufrieden. Neben all den semipopulären TV-Schauspielern, aufgehenden und bald wieder untergehenden Schlagersternchen, Starköchen und sonstigen Möchtegernpopulären diverser ungeklärter Fachrichtungen, die der Erfolgsautorin nichts, aber auch wirklich gar nichts sagten und die sie vermutlich nach der Sendung schon längst wieder vergessen hatte. Nein, für Elke Fisher durfte es selbstredend nur die Pole Position sein und die hatte ihre Lektorin auch erfolgreich beim Sender für sie ausgehandelt. Schließlich war sie diesmal mit nichts Trivialen auf der Erfolgsstraße unterwegs, wie man es sonst von ihr erwartet hätte, nein, diesmal ging es Elke wirklich um die Ernsthaftigkeit des Themas, das ihr Leben in den Grundfesten erschüttert und in vielfältiger Weise verändert hatte. Denn wie der Titel ihres neusten Buches schon eindrucksvoll verriet, das Leben war endlich, was auf die Dauer dieser schrecklichen Sendung hoffentlich auch zutraf, wie sie insgemein dachte, sich aber vor den Schmeichlern und Schmeichlerinnen in ihrer Gegenwart nicht anmerken ließ.

Um sich dieser Bedeutsamkeit wieder bewusst zu werden, genügte ein kurzer vergewissernder Blick ins Publikum seitlich von ihrem Platz, wo sie in ein sie gebannt beobachtendes smaragdgrünes Augenpaar blicken konnte, das ihr als Ermutigung gewohnt charmant zuzwinkerte und sie dadurch sämtliche anderen Anwesenden hier in diesem luftarmen und räumlich sehr bedrängten TV-Studio ausblenden ließ. Bis auf die Moderatorin natürlich, der man leider nicht entkommen konnte und die mit ihren Ablesekärtchen so hibbelig vor Elkes makellos geschminktem Gesicht hin- und her wedelte, dass diese sich ein erneutes leicht genervtes Augenrollen nicht verkneifen konnte, was weder von den Kameras, der Fragenstellerin, noch von den anderen schon leicht angeschickerten Gästen wahrgenommen wurde, bei ihrem in der ersten Publikumsreihe sitzenden Mann jedoch ein herzliches Schmunzeln hervorrief, das seine Grübchen so eindrucksvoll tanzen ließ, dass der charismatische Prof. Dr. Dr. Olivier Meier vom norddeutschen Rundfunk eine Großaufnahme geschenkt bekam, während die beiden Damen vor ihm begannen, locker miteinander zu plaudern, wofür sie, im Gegensatz zu ihm, schließlich bezahlt wurden und das durchaus überaus üppig.

Elke (gibt sich in ihrer typisch überkandidelten Art betont bescheiden, obwohl sie sich sichtlich geschmeichelt fühlt): Oh, Bibiana, Liebes, nicht doch, all die Blumen, womit habe ich diese denn nur verdient?
Bibiana (zeigt vor lauter Begeisterung, einer ihrer Lieblingsautorinnen gegenüberzusitzen, ihre gebleachten weißen Beißerchen in die Kameras): Indem Sie mit Ihrer Anwesenheit Glanz in unsere bescheidenen Hallen bringen, meine Liebe. Wir sind so glücklich, Sie heute hier zu haben, Frau Fisher. Elke. Ich darf doch Elke sagen?
Elke (nuschelt unbehaglich in den Kragen ihres Blousons hinein): Nein.
Bibiana (überhört in ihrer Euphorie das Fishersche Veto): Wir haben Sie vermisst. Sie haben sich rar gemacht in letzter Zeit. Ungewöhnlich für jemanden mit einer solchen Ausstrahlkraft und einem solchen Talent, ihre Mitmenschen derart träumen zu lassen.
Elke (aus dem geschmeichelten Gesichtsausdruck wird schnell ein eher nachdenklicher, der sich irgendeinen dunklen Punkt hinter den Kameras sucht): Zuallererst muss ich mich bedanken, meine Liebe. Danke für die herzliche Einladung! Es ist wirklich schon eine Zeitlang her. Das ist mir erst jetzt wieder bewusst geworden, als ich in Hamburg angekommen bin. Aber es gibt nun mal Momente im Leben, da muss man sich zurückziehen, während welcher man sich bewusst wird, was man bislang alles erreicht und gegeben hat und irgendwann fragt man sich auch, ist es das alles überhaupt wert. Der Kreislauf des Lebens kann einen zu jeder Zeit noch in der Bewegung ausbremsen.
Bibiana (setzt ebenfalls zu einer nachdenklichen Pose an, nickt leicht mit ihrem wilden Lockenkopf u. schlägt dann im selben Winkel wie Frau Fisher ihre schlanken Beine übereinander): Sehr philosophisch ausgedrückt, meine Liebe. Sie sprechen damit auf ein Kapitel Ihres beeindruckenden Lebens an, das Sie in Ihrem neusten Buch verewigt haben und darauf werden wir auch gleich noch in aller Ausführlichkeit zurückkommen. Man merkt jedenfalls, hier sitzt eine andere Elke Fisher vor mir, eine lebenserfahrene Frau, die wir natürlich gleichermaßen schätzen und lieben. Sie haben sich verändert.
Elke (für den Hauch einer Sekunde wirkt sie verunsichert, ob sie nicht vielleicht doch zu viel von sich preisgegeben hat, aber ein ermutigender Blick zu Oli genügt, um sich wieder professionell zu fangen): Ist das so offensichtlich? Vielleicht habe ich auch einfach nur einen verschüttgegangenen Teil meiner Selbst wieder hervorgeholt. Es ist wirklich äußerst aufschlussreich, was man alles entdeckt, wenn man gezwungen ist, sich einmal konkret mit einem Selbst auseinanderzusetzen. Davor fürchten sich vermutlich die meisten von uns. Dass man das Bild, die Vorstellung von einem Selbst, angreift, das man jahrelang gepflegt und verfeinert hat und mit dem Bild der anderen von einem versucht hat, in Einklang zu bringen. Es ist erschreckend demotivierend und deprimierend. Es ist ein Kampf. Aber es ist äußerst lehrreich und bringt einen wieder dahin, wo man wirklich hingehört.

Bibiana (ein leichtes nervöses Augenzucken, Ausdruck merklicher Überforderung, wird mit einem dahingehauchten Lächeln u. einer geschickten Überleitung überspielt): Es hat Sie auf jeden Fall wieder zu uns geführt, worüber wir sehr, sehr glücklich sind, meine liebe Elke. Ihre letzte Veröffentlichung ist jetzt fast ein Jahr her. Ein Werk, das es übrigens in sich hatte. Nicht nur weil es über dreizehn Wochen lang die diversen Bestsellerlisten dominiert hat. Denn nach über fünfzig Bänden gab es endlich das verdiente Happy End für den großen Dr. Rogelt, der uns ein halbes Leben lang auf allen Wegen begleitet und die Angst vor Krankenhäusern maßgeblich gelindert hat, weil Sie uns mit Ihrem unverwechselbaren Talent gezeigt haben, dass Ärzte auch nur Menschen aus Fleisch und Blut sind, mit den gleichen menschlichen Problemen und Defiziten, wie Bindungsängsten, Karriere-Auf und -Abs und Liebeskatastrophen, die sie uns nahbar gemacht haben. Wenn auch mit reichlich mehr Abenteuern in die entferntesten Gefilde der Welt, von denen wir doch auch irgendwie immer geträumt haben. War es das wirklich, das große heroische Ende? Ein Abschied, der zwischen den Zeilen immer wieder mit geschwungen ist, von einem der größten deutschen Helden nach Siegfried? Sie wissen, dass diese Frage vielen unseren Zuschauern und Zuschauerinnen unter den Nägeln brennt.
Elke (reagiert leicht schnippisch, weil sie es leid ist, immer u. immer wieder auf diese eine fiktive Person zurückgeführt zu werden, ein Kapitel, das sie längst begraben geglaubt hat, aber sie blickt trotzdem direkt in die Kameras, um ihre Fans unmittelbar zu erreichen): Ja, das ist mir bewusst. Vielleicht hätte ich das Ende auch nicht derart offen halten sollen. Sie reiten in den Sonnenuntergang und dann? Es ist darüber viel geschrieben und spekuliert worden. Das ist auch an mir nicht vorübergegangen. Und es freut mich auch ungemein, wie sehr meine Leser und Leserinnen mit meinen Charakteren mitleiden und lieben. Euer Feedback soll nicht unbeantwortet bleiben. Gibt es als Autorin eine größere Anerkennung als das? Ihr seid mein Quell der Inspiration. Das wart ihr immer und werdet ihr auch immer bleiben, auch wenn ich vielleicht jetzt andere Wege gehen werde, auf denen ihr mich hoffentlich, wenn ihr mir zugetan seid, auch weiterhin treu begleiten werdet. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, Bibiana. Muss ein Happy End auch immer gleich ein Ende bedeuten? Kann es nicht auch ein Anfang sein? In vielen Bereichen würde ich sagen, ja, unbedingt, macht weiter. Lieb gewonnene Begleiter müssen ewig weiterleben können. In der Parallelwelt, in die wir uns doch nur allzu gerne zurückziehen, wenn die Wirklichkeit da draußen unerträglich erscheint. Aber nach über fünfundzwanzig Jahren und zwei bis drei Bänden pro Jahr muss ich leider sagen, die Geschichte ist nun mal endgültig auserzählt. Ich habe ihn geliebt und gehasst, diesen elenden Drecksack von Dr. Rogelt, der mehr Leben hat als jede Katze auf diesem wunderschönen Planeten Erde. Aber irgendwann muss auch einmal die letzte Zigarette aufgeraucht sein. Klar, nie geht man so ganz, aber in unseren Herzen und in unserer grenzenlosen Fantasie wird er doch auch immer weiterleben und Abenteuer erleben. Es ist ganz euch überlassen, was ihr daraus macht. In der Fantasie sind wir doch alle frei.
Bibiana (ein Hauch von Enttäuschung schwingt schon in ihrer Stimme mit, als sie resignierend mit dem Kopf nickt): Das hoffe ich doch, auch wenn es wirklich schade ist.
Elke (heuchelt Mitgefühl u. tätschelt leicht ihre Hand u. hofft, dass das Thema damit endgültig besiegelt ist): Mag sein, aber man muss es auch nicht überreizen. Monique und Réné haben sich endlich gefunden. Nach all den Jahren, in denen ich ihnen ständig Beine gestellt und eine ganze Wagenladung Schottersteine in den Weg geworfen habe. Mehr kann da wirklich nicht mehr kommen. Außer ihre liebreizenden Nachfahren vielleicht, die doch selber schon so alt sind wie ihre Eltern zu Beginn meiner kleinen, bescheidenen Geschichte. Diese Gene haben unheimliches Potential.
Bibiana (erinnert sich mit Wehmut an viele tausend Stunden Lesezeit u. tauscht vielsagende Blicke mit ihrem ebenso betroffen dreinblickenden Co-Moderator aus, der Elke unverhohlen von der gegenüberliegenden Seite aus anhimmelt): Das haben viele auch gedacht, als unser aller Held im vorvorletzten Band qualvoll erfroren ist und doch im nächsten Band auf magische Weise weitergelebt hat, weil sich letzten Endes herausgestellt hat, dass Schwester Monique alles nur geträumt hatte. Gefangen im künstlichen Koma nach ihrem schrecklichen Segelunfall in Transsilvanien, ohne sich der Außenwelt und ihrer großen Liebe mitteilen zu können, die fast an ihrem Schicksal zerbrochen wäre. Es sind doch gerade diese geschickten Wendungen, die Ihren Stil so einzigartig machen, Elke.
Elke (fasst sich geschmeichelt an ihr Herz u. umklammert dann wieder ihr neues Projekt, um es sich in Erinnerung zu rufen, bevor sie hier noch weiter ungewollt abdriften): Oh, vielen Dank, Bibiana! Aber wie gesagt, Fiktion und Realität können manchmal sehr nah beieinander liegen. Auch das Leben selbst spiegelt immer wieder unerwartete Wendungen.

Bibiana (auf ein Zeichen ihres Regisseurs hin bemerkt auch sie den Wink mit dem Zaunpfahl): Sie spielen damit auf Ihr eigenes Schicksal an, nicht wahr, Elke?
Elke (setzt zu einer künstlerischen Denkerpose an): Schicksal, was heißt schon Schicksal? Schicksal, Bestimmung, Vorsehung, Kismet, das sind große Worte. Niemand versteht wirklich, was sie bedeuten. Und keiner ist davor gefeit. Viele denken erst darüber nach, wenn es schon fast zu spät ist.
Bibiana (macht ein extra betroffenes Gesicht, weil sie wirklich mit ihrem Gegenüber mitfühlt): Für Sie war es fast zu spät. Oder? Ihr neustes Werk mit dem sehr bedeutsamen Titel „Leben!“ greift dieses Thema ungeschönt auf. Ihr wohl persönlichstes Werk, meiner bescheidenen Meinung nach, das wir in der Redaktion sehr kontrovers diskutiert haben.
Elke (nickt u. ist dankbar für die positive Anteilnahme): Ist es auch, denn schließlich geht es darin auch direkt um eine Phase meines Lebens, die mich dramatisch aus dem Gleichgewicht gerückt hat, wenn man es so nennen möchte.
Bibiana (greift instinktiv nach Elkes Hand u. drückt diese tröstend): Ich finde es sehr mutig von Ihnen, dass Sie damit in die Öffentlichkeit gehen, Elke. Gerade weil sich so wenige trauen, darüber zu sprechen. Obwohl es doch auch jeden von uns betreffen könnte. Denn jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der auf welche Weise auch immer betroffen ist.
Elke (guckt auf ihre umklammerte Hand u. fühlt sich unwohl, zeigt dies aber nicht, denn ein Blick auf Olivier genügt, um sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren): Nun ja, ich kann aus eigener Erfahrung verstehen, dass es einem die Sprache raubt. Ich habe auch lange Zeit nicht darüber sprechen können und musste erst ein Buch darüber schreiben. Das ist ein natürlicher Schutzinstinkt. Wenn man so eine Diagnose bekommt, dann tut sich vor einem nicht nur ein großes, alles verschlingendes Loch auf, man merkt auch recht schnell, dass einem niemand beibringen kann, wie man damit umgehen soll. Es gibt keinen Leidfaden, der einen da durch bringt. Ich habe extra recherchiert, aber es gab nichts auf dem Markt, das mir in dieser schrecklichen Stunde wirklich hätte weiterhelfen können. Immer nur geht es um Fakten und Prognosen. Und das sind Themen, die einen nur noch weiter unaufhaltsam in die knochigen Arme dieses tiefen Loches ziehen können. Neben aufdringlichem und falsch verstandenem Mitgefühl, nebenbei bemerkt. Viele Menschen schrecken vor diesem Thema zurück, schieben es weit von sich, trauen sich nicht, wollen nichts damit zu tun haben. Aus Angst, weil sie nicht wissen, wie man damit erwachsen umgehen soll. Ich wusste es auch nicht und ich war und bin immer noch eine Betroffene. Zumindest in den kommenden fünf Jahren, die hoffentlich befundfrei bleiben werden.

Bibiana (hört ihr, ebenso wie die anderen Gäste, aufmerksam zu): Sie haben sich, wie Sie schreiben, nicht nur komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und Dr. Rogelt begraben, Sie haben auch einen ganz klaren Schnitt gemacht. Sie haben sich dazu entschieden, Ihre Familie komplett außen vor zu lassen. Wieso, wenn ich fragen darf? Ich stelle mir vor, dass Ihnen das sehr schwergefallen sein muss.
Elke (hat erfolgreich ihre Hand zurückerobert, die nun den Buchband umfasst hält, u. zieht scharf Luft in ihre Lungen ein, weil sie die Erinnerungen nicht zu nah an sich heranlassen möchte): Wie sich erst im Nachhinein herausgestellt hat und was mit meinen eigenen Erfahrungen kohärent ist, läuft man nach der Diagnose durch verschiedene, nicht planbare Phasen. Bei jedem Fall verlaufen diese anders, schneller, langsamer, manche überspringen sie, manche tauchen tief in sie hinein und kommen nicht mehr heraus. Ein phantasiegeprägter Mensch wie ich, der durch seine Romane und sein Umfeld bereits einen gewissen medizinischen Erfahrungshorizont mitbringt, steigert sich schnell in gewisse Dinge hinein, die man rational nicht unbedingt erklären kann.
Bibiana (versucht, ihr angestrengt zu folgen): Das heißt, Sie dachten tatsächlich, dass es keine Rettung geben würde? Aber in der Forschung ist man doch schon weit, gerade auch in der Brustkrebsforschung.
Elke (nickt wie in Trance, weil sie wieder komplett drin ist in ihren Erinnerungen): Ja, mag sein. Dabei ist es doch gerade die Hoffnung, die einen weiterleben und weiterkämpfen lässt, aber ich habe das komplett von mir weggeschoben. Ich befand mich in einem gewissen Tunnel. Ich bin erschreckend planvoll vorgegangen in der ersten Phase des Schockes, der sich wie ein dunkler Schatten über mich gelegt hat. Man denkt immer, der Schrecken lähmt einen, aber das Gegenteil war der Fall. Ich habe sämtliche Vorbereitungen getroffen, ohne auch nur einmal innezuhalten und richtig nachzudenken. Man ist in dieser Phase nicht fähig zu denken, man handelt wie ferngesteuert.
Bibiana: Sie wollten Ihre Familie schützen?
Elke (nickt u. versinkt für einen kurzen Moment in leichte Melancholie): Ich hätte ihren Kummer nicht ertragen. Ich wollte, dass sie mich so in Erinnerung behalten, wie ich war... bin.
Bibiana: Die taffe, unangreifbare Erfolgsautorin?
Elke (muss schließlich selber darüber den Kopf schütteln u. ist wieder ganz bei sich, was vor allem Olivier hinter ihr sichtlich stolz macht): Ja, ich weiß, das klingt lächerlich, gerade in einer Situation wie dieser. Aber bevor einem so etwas widerfährt, ahnt man gar nicht, wie schwer man sich eigentlich damit tut, mit Schwächen umzugehen. Der Schwächere verliert, heißt es immer so schön treffend. Dabei ist Schwäche doch vor allem menschlich. Es ist nichts, wovor man sich grämen sollte. Das musste mir erst die Person beibringen, der ich immer das Gegenteil gelehrt habe.
Bibiana (ihre sensationslüsternen Augen leuchten unvermittelt auf): Sie sprechen jetzt auf Ihren Sohn an, einen renommierten Berliner Chirurgen, der Sie in Ihrer dunkelsten Phase...
Elke (fällt ihr ins Wort, bevor es für Marc Olivier unangenehm werden könnte, u. hält demonstrativ ihr Buch hoch, um auf den Titel zu deuten): Eigentlich musste ich ihm versprechen, jegliche Beeinflussung seinerseits weit von mir zu weisen. Er ist so bescheiden, der Junge. Aber ja, er hat mich gerade noch rechtzeitig mit seiner schonungslosen Art aus meiner Lethargie gerissen und ich bin ihm heute sehr dankbar dafür. Die schlimmste Phase, die einen endgültig in den Abgrund zieht, ist, wenn man sich nicht endlich aufrafft und anfängt zu kämpfen. Deshalb sage ich hiermit allen Frauen, Kindern, Menschen da draußen, kämpft, was das Zeug hält! Lebt! Lasst euch nicht unterkriegen! Der Feind seid nicht ihr. Ihr habt nichts falsch gemacht. Der Feind ist der verdammte Krebs. Entschuldigen Sie bitte meine Wortwahl! Er sucht sich aus, wenn er packen will. Er geht dabei keinem finsteren Plan nach. Das hat nichts mit Schicksal zu tun. Auch nicht damit, dass man vielleicht ein schlechter Mensch gewesen ist und das Leben nun erbarmungslos zurückschlägt. Niemand ist davor gefeit. Es kann jeden erwischen. Von jetzt auf gleich. Das macht diesen Feind auch so gefährlich. Er schlägt unsichtbar zu und es gibt keinen medizinischen Beleg dafür, dass es einen mehr trifft und den anderen weniger. Man darf nur niemals aufgeben, falls man ihm doch begegnet. Aufgeben ist keine Option! Selbst wenn es kein Zurück mehr gibt.


Nach Elkes ungewohntem Gemütsausbruch war Stille eingetreten. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Jeder Einzelne im Studio, ob vor oder hinter den Kameras, hing mit einem fetten Kloß im Hals gebannt an den leuchtend rot geschminkten Lippen der Berliner Erfolgsautorin, die selten so viel Wahres gesagt hatte. Selbst die Moderatorin, die stets bemüht war, ihren Emotionen keinen allzu großen Raum zu geben, weil dies unprofessionell war, hatte Tränen in den Augen und nicht nur sie. Die betretene Stimmung war beinahe mit den Händen greifbar und auch Frau Fisher fühlte sich nicht gerade wohl damit. Deshalb versuchte sie auch, schnell von der Dramatik wieder etwas abzurücken. Sie hatte schließlich alles gesagt, was sie hatte sagen wollen. Dem Buchverkauf würde es hoffentlich förderlich sein. Und nächsten Monat stand sowieso der viel wichtigere Event, die Frankfurter Buchmesse, an. Es würde also laufen wie geschnitten Brot und die beiden kleinen Konten, die sie mit dem Erlös, neben der großzügigen Spende für die Krebsforschung selbstverständlich, mit Olivier bei der Bank ihres Vertrauens für ihre zukünftigen Enkelkinder anlegen würde, wären gesichert.

Elke: Aber nun gut, nun gut. Es ist, wie es ist. Ich sage mir immer, man lebt nur einmal und das nutze ich richtig aus. Das Leben ist schließlich kostbar und besonders. Ich schaffe mir jeden Tag neue, magische Momente und das nicht nur auf dem Papier.
Bibiana (ihr investigatives Gespür wird gelockt u. die triste Stimmung ist mit einem Mal wie weggeblasen): Haben Sie deshalb auch erneut wieder geheiratet, Elke? Man munkelt, Ihren lange verschollenen Exehemann?
Elke (verzieht keinerlei Miene, auch wenn sie ihr Buch extra fest umklammert hält u. sich nicht traut, sich nach eben jenem Gatten umzublicken, der hinter ihr sitzt u. sich ein breites schelmisches Meier-Grinsen nicht verkneifen kann): Ich gebe zwar in meinen Werken sehr viel Privates preis, meist zum Leidwesen meines hochgeschätzten Sohnes, aber manche Dinge sind doch auch viel aufregender, wenn man sie geheim lässt. In der Liebe ist man frei, man ist immer frei in der Liebe. Das regt die Fantasie an und dabei belassen wir es bitteschön.
Bibiana (wirkt etwas enttäuscht, weil sie es nicht geschafft hat trotz vertraglichem Verbot, etwas Privates aus ihrem Gegenüber herauszulocken, was doch mit der attraktiven Person hinter Elke Fisher im Publikum offensichtlich ist, was jedoch nur die wenigsten wissen): Apropos, Fantasie, meine Liebe, was ist denn als nächstes bei Ihnen geplant, wenn es schon nicht mit Dr. Rogelt weitergehen wird? Oder doch? Sie hatten vorhin die Nachfahren von Réné und Monique angedeutet? Geht es mit den Kindern der beiden weiter? Oder planen Sie, gänzlich die Sachbuchrichtung einzuschlagen? Dass Sie dafür Talent haben, spürt man schließlich mit jeder Zeile Ihres neuen Buches.
Elke (seufzt erleichtert auf, weil die Nervensäge nicht weiter versucht zu bohren): Oh, ich halte mir viele Optionen offen, Bibiana. Ehrlich gesagt, sprühe ich gerade nur so über vor neuen Ideen, die in vielerlei Richtungen gehen und die ich gar nicht alle gleichzeitig niederschreiben kann.
Bibiana (beugt sich neugierig zu ihr rüber u. versucht erfolglos Elkes Hand zu tätscheln, die diese jedoch rechtzeitig von der Armlehne ihres Sessels weggezogen hat): Möchten Sie uns nicht doch etwas verraten? Nur ein kleines Schmankerl, um unsere Fantasie anzuregen. Wir sind hier doch unter uns. Mein werter Kollege Heronimus und ich und Sie sicherlich auch, liebe Zuschauer, lieben es doch, zum Spekulatiusbacken eingeladen zu werden, wie man so schön blumig in Ihrem Metier sagt, liebe Elke.
Elke (überlegt einen künstlerischen Moment lang u. lächelt schließlich in ihrer gewohnt selbstbewussten Art): Nun, wenn Sie mich so lieb fragen, liebe Bibiana, dann will ich mal nicht so sein. Obwohl mein Verlag mir sicherlich gleich auf die Fingerchen hauen wird. Schließlich ist noch nichts spruchreif und ich halte mir einige Optionen offen. Aber ja, ich habe da so eine kleine, aber feine Geschichte im Kopf. Ich denke sogar, es könnte wieder eine ganze Romanreihe werden.
Bibiana (ihre freudig erregten blauen Augen leuchten unwillkürlich auf): Oh, jetzt machen Sie uns aber doch neugierig, Elke. Worum geht es? Wird sie wieder im Krankenhaus spielen? Oh, bitte ja, Sie sind doch die einzig wahre Queen of Arztroman.
Elke (gibt sich betont geheimnisvoll, als sie in die Runde gespannter Gesichter schaut, die an ihren Lippen klebt wie Winnie Pu am Honigpot): Sie kennen mich doch. Man liebt, wo man lebt. Und wenn man tagein, tagaus mit hervorragenden Medizinern zu tun hat so wie ich, dann geht man zwangsläufig durch ganz bestimmte Türen, ja. Das grenzt schon fast an einen Automatismus. Die Hauptrolle wird aber diesmal nicht ein alternder Machochefarzt spielen, der immer wieder in Heldengeschichten verwickelt wird und die Frauen in seiner Umgebung unglücklich macht, die er doch eigentlich liebt, zumindest die Eine. Nein, es wird diesmal eine Heldin geben.
Bibiana (klatscht vor Begeisterung in die Hände): Eine Heldin? Wie wunderbar!
Elke (spürt die unmittelbare Euphorie bis in ihre Fingerspitzen u. könnte sich hochmotiviert sofort an den Schreibtisch setzen): Ja, schließlich sind es die Frauen, die die Welt seit jeher zusammenhalten. Sie behalten den Überblick und lenken ein. Sie sind das eigentlich starke Geschlecht. Sie müssen nur erst lernen, sich durchzusetzen. Mir schwant eine junge Ärztin vor, frisch von der Akademie, die sich im Haifischbecken Krankenhaus erst einmal zurechtfinden muss.
Bibiana (backt schon fleißig Spekulatius u. es hält sie schon fast nicht mehr auf ihren Platz): ...und die die eine oder andere Begegnung mit attraktiven Kollegen hat, nehme ich an?
Elke (schenkt den Anwesenden ein geheimnisvolles Lächeln): Oh, Liebes, da kommt nun Ihre Fantasie wiederum ins Spiel. Aber was wäre ein modernes Märchen ohne eine große, allumfassende Liebesgeschichte?
Bibiana (strahlt, als hätte sie in eine Steckdose gefasst): Wie recht Sie doch haben und mit diesen wunderbaren Aussichten wären wir auch schon fast am Ende unseres sehr aufschlussreichen Gesprächs angelangt. Und wie immer zum Schluss eines Interviews lassen wir auch unsere Zuschauer zu Wort kommen. Schließlich sind wir immer auf Zack und am Puls der Zeit. Auch wenn wir interaktiv zwar immer noch im letzten Jahrtausend leben, die Telefonverbindung hat sich jedoch immer auch bewährt. Wen haben wir denn heute in der Leitung, liebe Redaktion?


Kurz trat in dem Hamburger Fernsehstudio Ruhe ein, gemischt mit dem leisen Tuscheln des Publikums im Hintergrund, dann war da plötzlich ein Rauschen und schließlich ein unangenehmes Knacksen in den Ohrhörern der Beteiligten zu hören, während die Moderatorin leicht verstrahlt in die Kamera blickte und verzweifelt hoffte, dass diesmal wirklich jemand zugeschaut hatte. Beim ersten Versuch vor einem Jahr war dem nämlich nicht so gewesen und der Boulevard hatte sie am nächsten Tag in der Luft zerrissen, was fast die gesamte alteingesessene Talkshow gefährdet hätte, wenn es sich nicht mit der Zeit doch noch zum kultigen Highlight der Sendung entwickelt hätte. Dank sehr, sagen wir mal so, individueller Anrufer.


Und auch Sabine Gummersbach in Berlin hielt vor dem Fernseher den Atem an und drückte Günnis Hand. Denn sie allein wusste, was jetzt gleich passieren würde. Schließlich war sie zwar nicht vor Ort, aber doch auch irgendwie live dabei gewesen. Und schon hörte sie das Unausweichliche, ihre Stimme, und schloss vor lauter Scham ihre Augen, während ihr Mann ihr liebevoll das Händchen hielt, um sie zu beruhigen. Denn es gab nichts, aber auch gar nichts, wovor sie sich hätte grämen müssen. Schließlich hatte sie nur ihren Job getan und das auf ihre ganz natürliche und unverwechselbar liebevolle Art. Doch Sabine spürte die Aufregung, als hätte sie diesen entscheidenden Anruf, der nicht nur ihr Leben verändert hatte, gerade erst getätigt. Erst ganz leise und schüchtern, dann immer deutlicher hörte sie ihre eigene piepsige Stimme. Sie kam ihr seltsam unwirklich und fremd vor, aber das ging wohl jedem so, wenn man seine eigene Stimme zum ersten Mal so richtig bewusst wahrnahm.

Hallo?
Bibiana: Ja, hallo und guten Abend, wen dürfen wir denn heute begrüßen?
(zögerlich) Sa... Sabine.
Elke (gespielt euphorisch ergibt sie sich diesem leidlichen Schmierentheater): Hallo, Sabine, meine Liebe, was möchten Sie denn von mir wissen?
(von der Situation völlig überfordert) Oh! Ich...? Äh... Nichts.
Bibiana (schaut sich verwundert nach ihren Redakteuren um, die gerade selber die Hände vors Gesicht schlagen): Nichts? Sie wissen aber schon, wo Sie gerade angerufen haben, meine Liebe? Die Talkshow im Norden. Frisch, authentisch, aktueller denn je.
(ihre Stimme überschlägt sich fast vor lauter Aufregung) Ja, ja, ich weiß. Ich... ich habe mir nur nicht anders zu helfen gewusst.
Elke (versucht, die eingetretene Ratlosigkeit der TV-Macher mit Professionalität zu überspielen): Kindchen, wie kann ich Ihnen denn genau weiterhelfen?
Bibiana (blickt ratlos umher): Oh, wenn das ein psychologisches Problem sein sollte, dann haben Sie sich leider in der Sendung geirrt. Domenian läuft erst nach unserer Talkshow. In einer guten Stunde. Um Mitternacht.
(wird hektisch) Nein, nein, nein, ich bin bei Ihnen schon richtig, glaub ich. Ich konnte Sie nur nicht anders erreichen, Frau Fisher.
Bibiana (verständigt sich mit hilflos fragenden Blicken mit Elke): Na, dann, bitte Ihre Frage!
Elke (runzelt verwundert die Stirn, weil sie eine seltsame Vorahnung hat): Kennen wir uns? Ihre Stimme kommt mir seltsam vertraut vor.
(quietscht aufgeregt) Oh! Ich... ich habe mich gar nicht richtig vorgestellt. Hier ist Schwester Sabine, Frau Fisher. Aus dem Elisabethkrankenhaus. Sabine Gummersbach.
Elke (sämtliche Alarmglocken schrillen auf u. sie kann es nicht fassen): Großer Gott!
Bibiana (wird wieder von ihrem investigativen Gespür gelenkt): Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie vom Fach sind, Sabine? Ich meine, als Schwester?
(druckst herum) Ja, aber...
Elke (versucht, die Situation zu retten u. sich nicht von ihrem Stalkerfan bloßstellen zu lassen): Sie wissen aber schon, dass Sie mich auch anderweitig erreichen können, meine liebe Sabine? Ich sitze hier gerade in einem Fernsehstudio. Wir sind live auf Sendung. Es gibt sicherlich auch andere, die mich gerne erreichen möch...
(ihre Stimme wird dringlicher, als sie ihre große Heldin vorsichtig unterbricht) Ja, schon, aber wenn es doch wichtig ist, Frau Fisher.
Bibiana (versucht zu retten, was noch zu retten ist): Was ist denn so wichtig, meine Liebe? Was möchten Sie mit uns teilen, Sabine?
(abgelenkt durch Geräusche im Hintergrund) Oh, oje! Es... es geht los, Frau Fisher. Sie... Sie müssen sofort herkommen.
Elke (versteht nicht, was für ein seltsames Spiel mit ihr gespielt wird u. guckt dementsprechend perplex aus der Wäsche): Wie bitte? Was geht los?


Elke, ertönte plötzlich auch eine aufgeregte Stimme aus dem Studiohintergrund. Die Angesprochene drehte sich um und sah, wie ihr Mann unvermittelt von seinem Platz aufgesprungen war und demonstrativ sein wieder eingeschaltetes Mobiltelefon hochhielt, das mehrere Anrufe aus dem Berliner Elisabethkrankenhaus, der Arbeitsstätte ihres einzigen Kindes, in Abwesenheit anzeigte. Es dauerte einen kleinen Augenblick, dann schaltete auch die Erfolgsautorin und hüpfte wie eine Gazelle von ihrem Sessel, wurde aber durch die Mikrofonkabel, an denen sie hing, wieder unelegant zurückgerissen, und verursachte mit ihren hektischen Versuchen, sich irgendwie davon zu befreien, diverse Schweißausbrüche in der Regie und auch bei den beiden Moderatoren, die nicht wussten, was hier gerade geschah.

Elke: Großer Gott! Wieso sagen Sie das denn nicht gleich, Sabine? Ich... muss los. Ich muss sofort los. Tut mir Leid für die Unannehmlichkeiten, aber... Hilfe! Jetzt macht mir doch endlich diesen verdammten Kabelsalat ab! Wollt ihr mich damit umbringen? Ich verklage euch alle, wenn ich auch nur eine Minute zu spät komme. Ja, ist das denn möglich? Was ist das hier? Ein Gefängnis? Seid ihr so verzweifelt, keine Gäste mehr abzubekommen, dass ihr uns hier festschnallen müsst? Macht mich SOFORT los! Aber subito! Ich muss... Mein Kind... Oh Gott! Es ist soweit. Jetzt ist es offiziell. Ich werde alt. Ich... werde Großmutter. Herrje! Was? Oh! Danke! Ich... Ähm... Ja? Auf Wiedersehen und bleibt mir gewogen! „Leben!“ ist seit gestern im Handel erhältlich.
Bibiana/ Heronimus (wie aus einem Mund): Oh!


Und bevor die Moderatorin und die anderen Gäste realisieren konnten, was hier gerade vor ihren Augen Spektakuläres passierte, und dementsprechend reagieren konnten, hatte sich Elke Fisher dank der Hilfe der geschickten Chirurgenfinger ihres Mannes von den Mikrofonkabeln befreit und war an seiner Hand unvermittelt an den verdutzt dreinblickenden Sendermitarbeitern aus dem Studio gerannt und hatte mehr als ein Duzend fragende Gesichter hinterlassen. Während Bibiana Schönfelder völlig fertig mit den Nerven war und von dem neben ihr sitzenden attraktiven Singer-Songwriter-Talent getröstet werden musste, fand ihr charmanter Kollege, der wie immer schräge, bunte Socken trug, als Erster wieder die passenden Worte...

Heronimus: Ja, ähm... das war... Das ist live, meine Damen und Herren. So spielt das Leben, wie der Titel ihres neuen Buches schon verraten hat. Das zeigt wohl dann auch wieder sehr eindrucksvoll, dass wir noch sehr viel von unserer werten Frau Fisher erwarten können. Wir wünschen ihr und ihrer Familie alles Gute. Und vielleicht beehrt sie uns ja demnächst noch einmal wieder und bringt das eine oder andere mhm... Kinderbuch mit, zu dem sie sich durch die unerwarteten Ereignisse von heute Abend vielleicht hat inspirieren lassen. Wir würden uns freuen. Und nun zu unserem nächsten Gast. Auch er hat eine beeindruckende Karriere hinter sich...


Sabine Gummersbach bekam derweil vom weiteren Verlauf der Sendung nicht mehr viel mit, denn sie hatte schon vor geraumer Zeit begonnen, ihre Hände vor ihre Augen zu halten. Sie fühlte sich fürchterlich. Sie hatte mit ihrem unbedachten Anruf die beliebte Talkshow gesprengt und befürchtete nun, dass jeden Moment die Polizei hereinkommen könnte, um sie mitzunehmen, was rational natürlich überhaupt nicht zu erklären wäre. Schließlich hatte sie kein Verbrechen begangen, auch wenn es sich so anfühlte. Aber der Sender kannte nun mal ihre Nummer oder zumindest die vom Stationszimmer des Elisabethkrankenhauses. Man würde sie finden und zur Rechenschaft ziehen. Sie würde die süßen Enkelchen ihrer angebeteten Lieblingsautorin nie wiedersehen, die vermutlich auch nie wieder ein Wort mit ihr wechseln würde, weil sie sie in aller Öffentlichkeit diskreditiert hatte. Es war einfach nur furchtbar und schon fing die aufgewühlte Stationsschwester an, leise vor sich hin zu wimmern. Die Gefühle mussten einfach raus. Sabine konnte nicht anders.

Sabine: Was hab ich nur getan, Günni?
Günni: Genau das Richtige, Purzelchen. Wenn die Eltern von Dr. Meier nun mal nicht anders zu erreichen gewesen waren, dann musste man eben zu eher ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Das erfordert Mut und den hast du. Ich bin sehr stolz auf dich.

...versuchte Günni, seine todunglückliche Liebste, so gut es ging, zu trösten. Dass seine nächtliche Überraschung diese Wendung nehmen würde, hatte sich der verliebte Pathologe nämlich nicht vorgestellt. Sanft legte er seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an seine Seite, wo sie sich schließlich schniefend in seiner Armbeuge vergrub, während er ihr gefühlvoll den Rücken tätschelte, bis sie sich einigermaßen wieder beruhigt hatte.

Sabine: Frau Fisher will jetzt bestimmt nichts mehr mit mir zu tun haben.
Günni: Aber wieso denn, mein Engel? Hat sie dir irgendeinen Vorwurf gemacht, als ihr euch vorhin auf dem Flur begegnet seid?
Sabine (denkt angestrengt darüber nach): Nein, aber...
Günni (nickt ermutigend): Na, siehst du! Alles ist in bester Ordnung. Die Kinder sind gesund und munter. Ihre Eltern sind glücklich. Die Großeltern erst recht. Und die Sendung ist auch weitergegangen. Sieh doch!
Sabine (traut sich nicht, aufzuschauen): Ich kann nicht. Ich kann mich nicht mehr darauf konzentrieren.
Günni: Doch, du kannst.
Sabine (taucht mit Tränen in den Augen aus ihrem selbstgewählten Versteck wieder hervor): Wie kannst du dir da so sicher sein?
Günni (lächelt): Weil ich dein Mann bin und dich kenne.
Sabine (schnieft das letzte Tränchen weg u. guckt ihm aufgewühlt in die ehrlichen Augen): Ach, Günni, manchmal denke ich, ich habe dich gar nicht verdient.
Günni: Doch hast du. Wir haben uns beide verdient. Und ich bin überzeugt, dass du in fünf Sekunden wieder lächeln wirst. Wenn ich dir nämlich das hier zeigen werde.

Günni sah seinem Bienchen sehr überzeugt in die himmelblauen Augen, die ihn aufgewühlt anschauten, strich ihr liebevoll über die tränenfeuchte Wange und stand dann von seinem Platz auf, um rüber zu den Mitarbeiterfächern zu gehen. Aus dem mit Bildern und romantischen Stickern beklebten Fach seiner Frau zog er etwas heraus und überreichte es der überraschten Krankenschwester schließlich mit feierlicher Geste. Sabine traute ihren Augen kaum, als sie mit zittrigen Fingern über den nach frischer Druckerfarbe duftenden Buchumschlag strich. Sie hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.

Sabine: Aber, aber... das ist nicht das Exemplar, das ich mir gestern früh als Allererste im Buchladen um die Ecke geholt habe.
Günni (strahlt sie wie elektrisiert an): Ich weiß. Denn diese Ausgabe ist eine besondere. Die Erstausgabe. Sie ist signiert. Für dich.
Sabine (kann überhaupt nicht begreifen, was er ihr gerade erklärt): Aber... wie... wie ist das möglich?
Günni (klärt sie mit einem sympathischen Lächeln auf): Frau Fisher hat sie mir persönlich in die Hände gedrückt. Mit dem ausdrücklichen Wunsch, sie dir ohne Umwege zu übermitteln.
Sabine (staunt Bauklötzchen, als sie ganz vorsichtig, den Buchband aufklappt): Ehrlich?
Günni (nickt u. strahlt sie an): Ich bin ihr vorhin begegnet, als sie zusammen mit dem Professor und seiner Frau das Zimmer der Frau Doktor verlassen hat. Sie hat dich gesucht. Du warst gerade nicht auf deinem Platz. Du hast vermutlich noch nach dem kleinen Jungen gesucht, den Schwester Gabi vermisst hat. Frau Fisher ist dir überhaupt nicht böse, was die Sache in Hamburg betrifft. Im Gegenteil. Sie war nach dem Besuch bei ihren Enkelchen ungewohnt ergriffen und wollte sich hiermit bei dir für deinen Einsatz bedanken.
Sabine (liest gedankenverloren die Widmung): Für den Stationsengel, der stets über meine Lieben wacht, meine Mata Hari. In Hochachtung, Ihre Elke Fisher. ... Mata Hari? Was hat das zu bedeuten?
Günni (denkt einen Moment darüber nach u. hat plötzlich einen Geistesblitz): Ich glaube, so hieß eine berühmte Spionin.
Sabine (macht extragroße Augen): Spionin? Heißt das etwa, ich soll für sie spionieren?
Günni (schmunzelt): Das ist wahrscheinlich dir überlassen, Purzelchen, aber ich denke, es bedeutet, dass es Frau Fisher weniger Sorgen bereitet, wenn jemand stets ein Auge auf ihren Sohn und seine Lieben hat. Sie kann ja schließlich nicht immer hier sein und das wird sich Dr. Meier vermutlich auch am wenigsten wünschen.

Wie viel Wahrheit in Dr. Gummersbachs Worten steckte, zeigte sich zur gleichen Zeit nur ein paar Zimmer entfernt, als unvermittelt ein sehr entspannter Oberarzt gegen die Dunkelheit der Nacht seine markante und von Müdigkeit ergriffene Stimme erhob.

Marc: Du, Haasenzahn, sag mal, wie ist meine Mutter eigentlich auf den Trichter gekommen, dass die Zwillinge sich bereits auf den Weg gemacht haben? Ich hatte Dad und sie die ganze Zeit überhaupt nicht auf dem Schirm. Hätten sie nicht noch in ihrer bescheuerten Sendung in Hamburg sitzen müssen?
Gretchen (dreht sich, ohne die schlafenden Kinder aufzuwecken, in seine Richtung u. klappt langsam erst das eine, dann das andere Auge wieder auf): Wie kommst du denn jetzt da drauf? Ich dachte, du schläfst?
Marc (legt seine Hand auf den Rücken des schlafenden Jungen auf seiner nackten Brust): Ich... Äh... Nee! Weiß nicht. Ich hatte nur gerade so eine komische Eingebung. Ein schräger Spielfilm, der... Egal! Und wieso schläfst du noch nicht? Es wird echt Zeit. Wenn wir morgen fit sein wollen, um das alles hier zu wuppen. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob sie noch lange so relaxed bleiben werden.
Gretchen (bekommt direkt rote Bäckchen u. schaut verträumt auf das kleine Mädchen in ihren Armen): Ich kann nicht. Ich muss ständig nachschauen, ob auch alles dran ist. Hast du schon gesehen, dass Marlene das gleiche Muttermal hinter ihrem linken Ohr hat wie ich?
Marc (reckt neugierig seine Nase in die Höhe, grinst u. lässt seinen Jungen im Tausch gegen sein Mädchen sanft zu Gretchen rüberschweben): Nope! Lass mal einen fliegenden Wechsel vollführen! Marlon hat auch eins, aber auf der Rückseite seines Ohrläppchens. Mikroskopisch klein, aber vorhanden.
Gretchen (drückt den kleinen Jungen liebevoll an sich u. kann nicht widerstehen, nachzuschauen): Echt? Och Gott, wie süß! Sie sind so Zucker die beiden. Ich kann nicht aufhören, sie anzuschauen.
Marc (ist völlig hingerissen von der Liebe u. der Begeisterung, die die frischgebackene Mama ausstrahlt, zu der er sich jetzt prompt herüberbeugt): Warte, lass noch mal das Original checken! Mhm... Joah, hat was. Ist das nicht deine erogenste...
Gretchen (bekommt leichte Panik, als er sanft einen bestimmten Punkt hinter ihrem Ohr krault u. auch noch grinsend zu küssen versucht): Wehe! Ich will nicht, dass sie aufwachen. Marc, bitte! Sie brauchen ihren Schlaf.
Marc (zieht sich sofort zurück u. setzt ihr stattdessen ein kleines kitzelndes Küsschen auf die Nasenspitze): Okay, du schlägst mich heute mit Argumenten.

Marc hatte sich soeben zu Gretchen rübergebeugt, ihr die widerspenstigen Locken aus dem Gesicht gestrichen und hatte dann die Rückseite ihres süßen Ohrs nicht nur ausführlich observiert, als sie den dreisten Kerl, mit Bedacht auf die schlafenden Kleinen, kichernd wieder auf Abstand hielt. Marc grinste daraufhin nur schelmisch, legte sich sein schlafendes Töchterchen auf die Brust, wo die letzten anderthalb Stunden noch ihr Brüderchen gelegen hatte, das nun mit der zarten rosigen Haut seiner Mutter Bekanntschaft machte und friedlich weiter vor sich hin döste wie seine drei Minuten jüngere Schwester beim Papa. Gretchen schmiegte sich mit Marlene im Arm an Marcs Seite, lächelte ihren Traumtänzer verliebt von der Seite an und ließ sich dann ebenso wie der bärenstolze frisch gebackene Daddy von dem ruhigen Atemrhythmus der Babys in einen sanften Dämmerzustand versetzen. Am Horizont vor ihrem Fenster konnte man bereits die näher kommende Morgendämmerung erahnen. Das Stichwort auch für die Familie Gummersbach, die von Jochen wieder im Schwesternzimmer abgelöst worden war und mittlerweile ihr putzmunteres Pflegekind von der Kinderstation abgeholt und sich anschließend vor dem Zimmer ihrer Arztkollegen versammelt hatte, um schnell noch einmal nach dem Rechten zu schauen, endlich den verdienten Heimweg anzutreten.

Lorelei Offline

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24.03.2018 19:17
#1620 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Der nächste Morgen schien im Gegensatz zu der aufreibenden Nacht, die mit einem kurzen, nicht der Rede werten Sommergewitter zu Ende gegangen war, ein eher entspannter zu werden, auch wenn der Himmel über der sich noch im Halbschlaf befindlichen Hauptstadt einen eher unruhigen Tag verkündigte, was vermutlich jedoch lediglich die letzten Nachwirkungen des Gewitters waren. Wie richtig die Wetterfrösche im Radio damit lagen, das bereits zu dieser frühen Stunde fröhlich aus dem geöffneten Fenster des Pförtnerhäuschen des Elisabethkrankenhauses zu hören war, zeigte schon recht bald der orangerote Ball, der langsam zwischen den meterhohen Birken emporkletterte und es mit etwas Mühe schaffte, die anfänglichen dichten dunklen Wolken immer weiter nach Brandenburg hinauszuschieben. Und so funkelte der See in der Nähe der beliebten Berliner Klinik auch schon wieder besonders eindrucksvoll unter den immer höher steigenden Sonnenstrahlen, die durch die regenbogengleichen Lichtbrechungen in den Regentropfen auf dem dichten Blattwerk der Bäume und Sträucher am Wegesrand eine ganz besondere Glitzerwelt erschufen, welche förmlich zum Träumen und Innehalten einlud.

Ein paar wenige Frühaufsteher waren bereits an diesem noch recht frühen Sonntagmorgen am Uferweg unterwegs. Sie genossen den besonderen Duft der Luft nach einem lauen Sommerschauer und die erwachende Natur, die heute einen ganz besonderen märchenhaften Zauber verbreitete, joggten extramotiviert durch den Park oder spendierten ihren Lieblingen die eine oder andere wohlverdiente Gassirunde, inklusive ausgiebigem Bad und Herumtollen in den ausladenden Pfützen, die einem den Weg versperrt hatten, oder sie waren vom Familienoberhaupt beauftragt worden, für das obligatorische sonntägliche Familienfrühstück Brötchen und diverse leckere Überraschungen zu besorgen. Den meisten morgendlichen Spaziergängern lag auf jeden Fall ein seliges Lächeln auf den Lippen. Aus Vorfreude auf einen wunderschönen und entspannten Sonntag mit den Lieben, auf einen Spielenachmittag mit den Kindern, ein heimliches romantisches Date an einem der umliegenden Berliner Seen oder weil man sich einfach nur des Lebens freute. Das Glück schien heute an diesem frühen Vormittag in Berlin nahezu an jeder Ecke greifbar zu sein. So auch in einem der Zimmer auf Station drei im Elisabethkrankenhaus. Dort jedoch auf ganz besondere Weise. Denn die Nachwirkungen der recht kurzen Nacht hatten auch hier ihre Spuren hinterlassen.

Ganz langsam öffneten sich die noch müden Augenlider, flackerten erst schwerfällig, schlossen sich noch mal, blinzelten schließlich mehrmals, um den Kleber zu lösen, der sie hartnäckig zusammengepappt hielt, und weiteten sich dann mit einem Mal aus blankem Erstaunen, weil die Erinnerungen an den vergangenen Abend und die Stunden danach wie ein wärmender Sommerschauer durch seinen gesamten Körper gezogen waren und sämtliche Lebensgeister geweckt hatten. Prompt war er hellwach und saß kerzengerade auf seinem Platz, wobei es für ihn und vor allem für seinen Rücken vielleicht besser gewesen wäre, sich nicht zu schnell und zu abrupt aufzurichten. Denn der plötzlich aufgetretene Schmerz breitete sich flügelartig von seiner eingerosteten Wirbelsäule aus und hinterließ ein unangenehmes Kribbeln bis in die Finger- und Zehenspitzen. Instinktiv griff er sich in den Nacken, als er sich langsam aus seiner körperlich nicht gerade förderlichen Schlafhaltung in eine nicht minder bequeme Position drehte und jeden einzelnen Nackenwirbel persönlich dabei auf nicht gerade nette Weise neu kennenlernte.

Er hätte vielleicht doch anstatt des unbequemen Gästesessels das Bett bevorzugen sollen, aber die Drei hatten so süß darin geschlafen, dass er sich nicht getraut hatte, sich doch noch zu ihnen zu legen und sich an sie zu schmiegen und nie wieder loszulassen. Die Gefahr, dass einer von ihnen in der Nacht mit lautem Gepolter aus dem schmalen Patientenbett herausgepurzelt wäre, vorzugsweise er, wäre einfach zu groß gewesen. Schließlich war er für Tollpatschigkeiten jeder Art prädestiniert, er war ja auch schon einmal während einer ungeplanten Lebensrettungsmaßnahme aus Versehen von einer Brücke gefallen. Also hatte er seine drei Herzmenschen gelassen, hatte ruhig im Sessel daneben gewacht, hatte sich mit auf dem Bett abgestützten Ellenbogen leicht über sie gelehnt und sie einfach nur gebannt dabei beobachtet, wie einer nach dem anderen irgendwann in die Traumwelt abgedriftet war. Mehdi hatte sich nie glücklicher und lebendiger gefühlt als in dieser unvergesslichen Nacht, die sich wie ein Stempel in sein Gedächtnis eingebrannt hatte und ihn auch jetzt noch, einige Stunden später, unheimlich beflügelte, obwohl er sich doch eigentlich kaum noch bewegen konnte, was er mit einem leisen Aufstöhnen und dem unbedachten Knacksen seiner Gelenke kommentierte, die er soeben vorsichtig wieder einigermaßen gerade gerückt hatte. Dies blieb jedoch neben ihm nicht ungehört.

Auch im Bett nebenan flackerte ein Augenpaar sehr verdächtig, bis es Mehdi schließlich in seinem schönsten tiefen Grünton anstrahlte und direkt in den Bann zog. Leicht verschlafen noch und doch auch immer noch merklich ungläubig. Deshalb musste Gabi auch zuerst flink zur Seite schauen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht geträumt hatte. Sie hatte nicht geträumt. Er war wirklich da. Unschuldig und lieb lag er da in seinem niedlichen, kleinen, eierschalenweißen Strampelanzug, in welchen ihre befreundete Kollegin Sabine, die ihn ihr gestern Abend noch zur Geburt des Kleinen geschenkt hatte, vorausschauend ein verschnörkeltes doppeltes K und einen etwas unförmig geratenen Elefanten über die kleine Brusttasche eingestickt hatte. Er war die perfekte kleine Kopie seines stolzen Papas. Die langen dunklen Wimpern, das pechschwarze, wild abstehende Haar und die süßen Pausbäckchen, die auch seine große Schwester, die im Schlaf sanft vor sich hin lächelte, ganz besonders eindrucksvoll ausmachten.

Gebannt blieb die frisch gebackene Mama an dem Anblick der beiden schlafenden Kinder neben sich hängen. Sie seufzte einmal aus tiefstem Herzen, als sie bemerkte, wie Lilly im Schlaf beschützend ihre Hand über den Arm ihres neugeborenen Brüderchens gelegt hatte, streichelte zärtlich über die beiden kleinen, ineinander verschlungenen Händchen, während sie ihrem Sohn ein sanftes Küsschen auf die zartrosa gerötete Wange hauchte, zog noch ein Stückchen verrutschte Bettdecke über die beiden Geschwister und drehte sich dann, nachdem sie wieder einigermaßen fähig war, die richtige Dosis Sauerstoff in ihre Lungen aufzunehmen, mit einem bewegten Lächeln auf ihren Lippen wieder zu dem Mann ihrer Träume um, der jede Sekunde von Gabis Aufwachen mit einem verliebten Lächeln verfolgt hatte. Seine Bella war so schön und natürlich an diesem Morgen, so voller Liebe in jeder Geste, in jedem zärtlichen Blick, dass er es kaum fassen konnte, dass dieses Glück wirklich real war, das er hier gerade direkt und unmittelbar miterleben durfte. Es raubte ihm beinahe die Sprache. Es gab keine Worte in keinem Wörterbuch der Welt, um die Emotionen zu beschreiben, die ihn und seine Freundin gerade durchfluteten. Also verständigten sie sich still nur mit Blicken, die alles sagten.

Mehdi (flüstert): Hey!
Gabi (bringt auch nur ein leises Flüstern heraus): Hey!

Mehdi streckte seine Hand aus und legte diese zärtlich an die leicht gerötete Wange seiner Liebsten, die daraufhin für eine Millisekunde genießerisch ihre wunderschönen dunkelgrünen Kulleraugen schloss, mit denen sie ihren Traummann kurz darauf nur noch eindringlicher anschaute. Er verlor sich regelrecht in ihrem intensiven Blick und auch Gabi war mehr als ergriffen von der Zärtlichkeit in Mehdis haselnussbraunen Augen, die sich wie ein wärmender Mantel um ihre Schultern legte und sie sanft einhüllte. Sie fühlte sich Mehdi so nah wie nie zuvor. Dabei waren sie doch, ihrer Meinung nach, noch viel zu weit voneinander entfernt. Ganz instinktiv schob sie deshalb ihre schlanken Beine unter der gelb-weiß gestreiften Bettdecke hervor und setzte ihre nackten Zehenspitzen ganz vorsichtig auf den kalten Krankenzimmerfußboden, um sich im nächsten Moment nach einer ballerinagleichen Drehung mit mitreißendem Schwung pappfrech auf den Schoß ihres überrumpelten Freundes zu setzen, der mit einer so schnellen Reaktion ihrerseits nicht gerechnet hatte und sich dementsprechend nicht mehr rechtzeitig darauf hatte einstellen können. Der messerstichähnliche Schmerz schoss ihm unvermittelt in den noch immer eingerosteten Rücken und er stöhnte merklich auf, was wiederum direkt Gabis Sorge weckte.

Gabi: Alles okay?
Mehdi (beißt tapfer die Zähne zusammen u. versucht angestrengt, sich u. Gabi im Sessel in eine bequemere Position zu rücken): Ja... Aaah... Passt schon.
Gabi (hat ihn direkt durchschaut, schlängelt ihre Arme um seinen Nacken u. beginnt, ihn vorsichtig zu massieren): Du bist ein schlechter Lügner, Mehdi.
Mehdi (gibt sich seufzend geschlagen u. genießt die sanfte Massage seiner Nackenwirbel, die prompt wieder an den richtigen Stellen einrasten): Ich versuche nur, tapfer zu sein.
Gabi (setzt ihre Fingerübungen geübt fort, weil sie merkt, wie er sich immer mehr entspannt): Weil sich das so gehört für einen frischgebackenen Papa und Beschützer?
Mehdi (grient sie ungeniert an): Selbstverständlich. Das sind die Regeln.
Gabi (runzelt kurz die Stirn u. setzt dann in sein freches Grinsen mit ein): Ich mag keine Regeln. Aber dafür mag ich dich. Sehr sogar. Besser?
Mehdi (umschließt ihre Taille mit beiden Armen u. zieht sie ganz fest zu sich heran, bis kein Blatt Papier mehr zwischen die beiden passt): Jetzt, ja! Danke! Und du? Wie fühlst du dich? Hast du gut geschlafen?
Gabi (umtänzelt mit ihrer Nasenspitze die seine u. presst schließlich ungestüm ihre warmen, weichen Lippen auf seinen Mund, weil sie es nicht mehr länger aushält): Mhm... Guten Morgen!
Mehdi (lächelt verträumt u. kann nicht widerstehen, sie erneut sanft zu küssen): Guten Morgen, meine Schöne!
Gabi (erwidert sein ansteckendes Lächeln u. blickt ihm schließlich eindringlich in die aufleuchtenden braunen Augen, die mit faszinierenden kleinen Sprenkeln gespickt sind): Du hättest ruhig was sagen können, wenn dir der Sessel zu unbequem ist. Echt blöd, dass auf der ganzen Station kein freies Bett mehr zu finden war. Du hast eindeutig zu viel Kundschaft.
Mehdi (umspielt mit seinen weichen Lippen hauchzart ihren verführerischen Mund u. lächelt schließlich, als er sich nur um wenige Millimeter von diesem entfernt): Passt schon. Ich bin auch so gut über die Nacht gekommen.
Gabi (mustert ihn nachdrücklich u. schlängelt vorsichtig mit den Fingerspitzen seine Wirbelsäule entlang, was bei ihm eine Gänsehaut verursacht): Das klang eben noch anders, alter Mann.
Mehdi (kneift ihr für die Frechheit spielerisch in die Seite): Hey! Aber gut, ich habe ja jetzt die rettende Medizin in meinen Händen.
Gabi (schmilzt unter dem tiefen Klang seiner eindringlichen Stimme nur so dahin): Du bist so ein unverbesserlicher Charmeur, Mehdi Kaan.
Mehdi (wackelt mit seiner einen Augenbraue u. grient sie schließlich an): Gelernt ist schließlich gelernt. Und ehrlich, ich fand es schön, euch zu beobachten.
Gabi (blickt gebannt zwischen seinen sie hypnotisierenden Augen hin u. her): Du hast uns im Schlaf beobachtet?
Mehdi (grinst u. wird immer vergnügter): Nicht nur beim Schlafen.
Gabi (schaut ihm unwirsch in die Augen u. stupst ihm sanft auf den Arm, als sie merkt, dass er sie hochzunehmen versucht): Hey! Das ist total unhöflich.
Mehdi (blickt ihr ohne jeglichen Hauch von Schalk tief bewegt in die Funkelaugen): Nein, nur total süß. Du hast die ganze Zeit gelächelt und hast immer wieder nach Lennys Hand gegriffen. Immer genau dann, wenn er neben dir unruhig wurde. Er ist sofort wieder eingeschlafen.
Gabi (dreht sich gebannt nach ihrem kleinen Schatz um): Ehrlich? Ich hab gar nichts gemerkt. Ich wollte unbedingt wach bleiben, aber ich war so müde.
Mehdi (nickt verständnisvoll u. streicht ihr zärtlich über die Wange): Ihr habt nach eurem Abenteuer gestern beide euren Schlaf gebraucht. Und Lilly erst, du hättest sie erleben müssen. Sie hat im Schlaf immer wieder zuckersüß gemurmelt, was sie ihrem Brüderchen alles beibringen möchte. Gitarre spielen, Rad schlagen, Märchen erzählen, uns ärgern. Da können wir uns ganz schön auf was gefasst machen.
Gabi (bleibt mit ihren zärtlichen Blicken an den beiden Kindern hängen, die sich beschützend an den Händen halten): Echt? Meinst du, sie lässt ihn auch irgendwann wieder los?
Mehdi (schmiegt sein Kinn an ihre Schulter u. folgt verliebt ihrem Blick): Willst du eine ehrliche Antwort?
Gabi (beantwortet sich die Frage selbst u. lächelt verträumt vor sich hin): Ich begreife das alles noch gar nicht.
Mehdi (zwickt ihr sanft einmal zur Bestätigung in den Arm): Ich auch nicht. Was denkst du, wieso ich die halbe Nacht über euch gewacht habe? Ich wollte jede Sekunde festhalten, sie konservieren und dann auf Großleinwand immer und immer wieder noch mal abspielen.
Gabi (überrascht von Mehdis Zwickattacke, dreht sie ihren Kopf abrupt wieder herum u. knallt dabei aus Versehen mit dem von Mehdi zusammen): Au! Das tat jetzt echt weh.
Mehdi (reibt sich ebenfalls über den Schädel, setzt seinen entschuldigenden Dackelblick auf u. beginnt dann synchron mit Gabi zu lachen, die ihren Kopf sanft gegen seinen lehnt): Tschuldigung! Ich wollte dich nur zwicken, falls du immer noch denkst, du würdest träumen. Aber das mit dem Koordinieren, das sollten wir noch üben.
Gabi (grient ihn zustimmend an): Sollten wir. Wir haben ja jetzt auch alle Zeit der Welt.
Mehdi (gerät direkt wieder ins Schwärmen, als er seine Lieben anguckt): Ja!
Gabi (schmiegt sich gemütlich in seine warmen beschützenden Arme u. driftet ebenso ab): Es ist so schön. Aufzuwachen und zu wissen, dass sie da sind, sich halten, sich gern haben. Ganz selbstverständlich und bedingungslos. Versprichst du mir, dass das nie aufhören wird?
Mehdi (schaut ihr tief bewegt in die Augen, lächelt zustimmend u. gibt ihr als weiteren Beweis einen kleinen Kuss auf die Stirn): Wird es. Das hier ist der perfekte Moment.

*Pling* ...tönte es plötzlich wie aufs Stichwort einmal leise vom Nachttisch aus in die Stille des Raumes und der perfekte Moment bekam dadurch zumindest einen kurzweiligen Riss, der das überglückliche Paar aber nicht weiter zu stören schien. Im Gegenteil. Gabi vergrub ihr Gesicht lachend in Mehdis Halsbeuge und ließ die Vibrationen seines Zwerchfells gänsehautauslösend auf sich wirken.

Gabi: So viel dazu. War das dein Handy oder meins?

*Pling* ...kam es prompt als Antwort zurück und erneut vernahm man das deutliche Vibrieren eines Handys auf dem Nachtschränkchen hinter dem Sessel. Doch Mehdi hatte nicht die Absicht, sich von seiner Freundin zu lösen, die sich in Embryohaltung an ihn geschmiegt hatte, und auch Gabi schien überhaupt nicht den Drang zu verspüren, nachschauen zu wollen, wer ihr oder Mehdi gerade die nächsten Glückwünsche geschrieben hatte. Dazu waren die Umarmung und der Augenblick einfach zu schön. Der perfekte Moment sollte schließlich ewig anhalten.

Mehdi: Beide würde ich sagen.
Gabi: Mhm...

...säuselte Gabi nur abwesend und ließ sich durch die rhythmischen Taktschläge von Mehdis Herz, die sie unter seinem Hemd deutlich ertasten konnte, in einen hypnotischen Dämmerzustand versetzen, der jedoch nur solange anhielt, bis eins der Mobiltelefone erneut nervig *pling* machte. Also gefühlt lediglich drei Sekunden, wenn überhaupt. Stöhnend rappelte sich die genervte Krankenschwester doch wieder auf und blickte Mehdi angesäuert an, der sich daraufhin bemüht fühlte, sich unbedingt entschuldigen zu müssen, was total süß war, aber überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Schließlich konnte er doch nichts dafür. Gabi schüttelte nur den Kopf und schmiegte sich wieder an den muskulösen Oberkörper ihres verständnisvollen Freundes, der sich so gut anfühlte unter ihren zarten Fingerspitzen, die gedankenverloren über den dunklen Hemdstoff tasteten. Aber da war es schon passiert. Es wurde unruhig im Bett nebenan.

Lilly hatte sich unwirsch murmelnd ihre Bettdecke von den Beinen gestrampelt und auch Lennys Arme gingen zappelnd in die Höhe. Noch blieben die Äuglein aber geschlossen. Das konnten auch die frischgebackenen Eltern nicht länger ignorieren, wenn sie die beiden Engelchen noch ein bisschen weiterschlafen lassen wollten. Sie guckten noch einmal vergewissernd zur Seite. Lilly hatte sich auf den Bauch gedreht, schien aber immer noch tief und fest weiterzuschlafen. Ihre Hand streichelte jetzt kaum merklich über den Bauch ihres Brüderchens, der daraufhin auch wieder ruhiger geworden war und zufrieden alle Viere von sich gestreckt hielt. Die Strapazen des vorangegangenen Abends wirkten sich also immer noch aus. Gabi und Mehdi seufzten erleichtert aus und verständigten sich still mit Blicken. Und bevor es noch einmal vibrieren konnte oder sogar ein mögliches Telefonklingeln drohte, griff jeder beherzt nach seinem Smartphone und schaute nach, was denn los war. Der perplexe Familienvater kam dabei aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus, während seine Lebensgefährtin vor lauter Fassungslosigkeit nur mit dem Kopf schütteln konnte.

Mehdi: Meine Mutter! Sie hat tatsächlich die ganze Nacht gebacken. Erdbeer-Rhabarber, wie du’s gerne magst, Kirschstreusel und Käsesahne. Sie fragt, wie’s uns geht, ob Lilly bei uns ist und wann sie und Papa denn nun vorbeischauen können.
Gabi: Ich habe es gewusst. Ich hab’s echt gewusst. Da hat die blöde Kuh sich doch tatsächlich ein Ticket gebucht. Die sind doch verrückt. Ey, die sind keine zwei Tage auf der Insel gewesen und haben gleich das erste Flugzeug zurück nach Berlin genommen. Tina und Tayfun landen halb zehn in Tegel. Na, prima!
Mehdi (grinst die empörte Neunundzwanzigjährige vergnügt an u. wischt dann schnell noch einmal über das Display seines Handys): Oh! Die zweite ist von meinem Vater. Eine Vorwarnung. Mit fünf Ausrufezeichen. Mama hat es sich anders überlegt. Sie hält es zuhause nicht mehr länger aus. Sie hat alles zusammengepackt und sie sind jetzt gleich auf dem Weg zu uns.
Gabi (ihre Augen weiten sich ungläubig, nachdem sie ihrer Schwester, die vermutlich schon längst im Flugzeug sitzt, schnell noch eine Smiley-Nachricht geschickt hat): Na super, so viel zum perfekten Moment für die Ewigkeit nur für uns. Du solltest ihn in Klarsichtfolie packen, damit wir später mal, in achtzehn Jahren oder so, auch noch was davon haben.
Mehdi (nimmt ihr schmunzelnd das Telefon ab, legt es zusammen mit seinem zurück auf das Nachtschränkchen u. schlingt dann seine Arme wieder um ihren Körper, um sich ihr besonders nah zu fühlen u. ihren verführerischen Duft genüsslich aufzusaugen): Ach, so schlimm ist das doch gar nicht. Und bis sie vom anderen Ende der Stadt hier sind, haben wir noch viele Momente zum Genießen nur für uns Vier.
Gabi (versucht, sich vergeblich aus seinem Klammergriff zu befreien, auch wenn sie seine unmittelbare Nähe sichtlich genießt): Wir Vier... Mhm... Du bist so ein unverbesserlicher Optimist, Bärchen. Wahnsinn! Aber ich müsste mich dann doch mal kurz frisch machen und mir was Richtiges anziehen, bis sie hier sind. Ich hab immer noch nur dein Hemd an.
Mehdi (mustert sie einmal ausgiebig vom Kopf bis zu den nackten Beinen, die ungeduldig vom Sessel herunterbaumeln, u. ist einmal mehr hingerissen von seiner wunderschönen Freundin, der er verführerisch ins Ohr flüstert): Das dir immer noch hervorragend steht.
Gabi (schmiegt sich ein letztes Mal extrainnig an ihn): Es ist nicht dem Anlass entsprechend, Mehdi.
Mehdi (meint jedes Wort so, wie es gemeint ist, als er ihr tief in die Augen blickt): Doch! Für mich bist du genau richtig so und Lenny kennt dich gar nicht anders.
Gabi (kann nicht widerstehen, ihren charmanten Herzprinzen noch einmal zu küssen): Du bist süß. Aber ich möchte nicht riskieren, dass dein Papa einen Herzinfarkt bekommt, nur weil ich diesen Fetzen Stoff kaum über meinen dicken Hintern gezogen bekomme.
Mehdi (zwinkert ihr frech zu u. streicht einmal kurz über ihren sexy Oberschenkel, den eine niedliche Gänsehaut ziert): Der ist überhaupt nicht dick.
Gabi (grinst wegen seines schmeichelnden Kompliments u. schürzt ihre Lippen zu einem sinnlichen Schmollmund): Gerade noch gerettet, mein Lieber, aber ehrlich, ich müsste dann wirklich mal dringend da drüben rein. Bitte!
Mehdi (schmunzelt, denn ihm ist jeder Wunsch Befehl): Okay, ich bring dich.
Gabi (will ihn noch aufhalten, aber da ist es schon zu spät): Das musst du nicht. Ich... Huch... Mehdi! Was machst du?

Gabi war so perplex, als Mehdi plötzlich seine Arme unter ihre Knie schob und sich mit ihr unvermittelt aus dem Sessel erhob und sie mit einer solchen selbstverständlichen Leichtigkeit bis zur Badezimmertür trug, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. Sie schwebte und das war ein himmlisches Gefühl. Zumal ihr Herzblatt offenbar nicht vorhatte, sie so schnell wieder runterzulassen. Im Gegenteil. Mehdi fühlte sich dermaßen berauscht, dass er einfach nicht widerstehen konnte, ein paar Mal mit seiner Liebsten im Kreis herumzuwirbeln. Gabi, die überhaupt nicht wusste, wie ihr gerade geschah, klammerte sich mit beiden Armen um seinen Hals und wollte protestieren, aber sein Glücksrausch war so ansteckend, dass sie sich ihr Kichern bald nicht mehr länger verdrücken konnte. Mehdi war definitiv verrückt geworden.

Gabi (starrt ihn atemlos an, als er endlich innehält): Ich dachte, du hast Rücken?
Mehdi (grinst schelmisch): Och du, in deiner Gegenwart heilt alles irgendwie viel, viel schneller. Und ich wollte nur sichergehen, dass du auch heil hier ankommst.
Gabi (lacht u. klopft ihm einmal sanft gegen die Brust): Spinner! Ich hab nur ein Kind bekommen. Ich bin nicht invalide. Ich kann mich sehr wohl bewegen und ich fühle mich gut. Also, den Umständen entsprechend, Herr Doktor. Komm, lass mich wieder runter!
Mehdi (genießt es, sie im wahrsten Sinne des Wortes noch ein bisschen zappeln zu lassen): Und wenn nicht?
Gabi (will es eigentlich nicht so leicht zugeben, aber genießt das Schmetterlingsgefühl ebenso, das seine Romantik-Ninja-Aktion hervorgekitzelt hat): Dann werde ich mich wohl oder übel gezwungen sehen, den Chef dieser Station zu informieren. Seine Mitarbeiter nehmen sich ganz schön viel heraus. Findest du nicht?
Mehdi (lässt seine vorwitzige Freundin langsam wieder Bodenkontakt bekommen u. lässt sie dabei nicht eine Sekunde aus den Augen): Ach? Inwiefern?
Gabi (verliert sich regelrecht in seinem intensiven Grinseblick, während sie sich auf Zehenspitzen immer noch an ihn lehnt): Was genau passiert hier gerade?
Mehdi (schaut aufgewühlt zwischen ihren wunderschönen Funkelaugen hin u. her, in denen er sich prompt rettungslos verliert): Ich weiß nicht, ich... ähm... dachte nur gerade...

...wie schön es doch wäre, wenn... Mhm... Jetzt gehen aber doch die Pferde mit dir durch, Mehdi.

Gabi (schaut ihren Partner gebannt an u. hört ihr Herz immer schneller schlagen): Was?
Mehdi (fängt sich wieder u. strahlt sie nun auf seine unverwechselbar liebenswerte Kaan-Art an): Nichts. Es fühlt sich auf jeden Fall großartig an.
Gabi (beißt sich auf ihre Lippen, schiebt den albernen Gedanken, der ihr gerade in den Sinn gekommen ist, beiseite u. klammert sich mit ihren Fingern an den Kragen seines dunklen Hemdes): Ja! Weißt du eigentlich, wie unheimlich glücklich ich bin?
Mehdi (kann nicht widerstehen, sie ein bisschen aufzuziehen, obwohl er ähnlich empfindet): Unheimlich?
Gabi (zieht einmal deutlich am Stoff seines Hemdes): Mann, du Blödi, bleib mal bitte ernst, ja!
Mehdi (lächelt hinreißend, als er mit beiden Händen ihr Gesicht umfasst hält u. sie schließlich zärtlich küsst): Hey! Mir geht’s doch genauso. Ich schwebe. Wie auf Wattewolken. Wenn du mich nicht festhalten würdest, wer weiß, wo ich dann jetzt schon wäre. Heute ist der schönste Tag unseres gemeinsamen Lebens. Dabei fängt das doch gerade erst an.
Gabi (ist fast den Tränen nahe, so gerührt ist sie): Ich liebe dich.
Mehdi (lächelt bis über beide Ohren verliebt): Ich liebe dich auch, meine Schöne. Du hast mir das tollste Geschenk der Welt gemacht.
Gabi (hat plötzlich gar keine Lust mehr, ihren Traummann loszulassen, u. schmiegt sich gefühlvoll an ihn, doch dann wird es ihr doch etwas frisch um die nackten Zehenspitzen, auf denen sie unruhig hin u. her wippt, bis sie sich einfach pappfrech auf Mehdis Füße stellt): Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich hab’s mir doch genauso sehr gewünscht und jetzt ist unser Traum tatsächlich wahr geworden.
Mehdi (blickt ihr innig in die dunkelgrünen Augen, die ihn glücklich anstrahlen): Ich weiß.
Gabi (deutet mit ihrem Kopf zur noch geschlossenen Tür): Darf ich dann? Ich brauch auch nicht lange. Ich halte es eh nicht lange ohne euch aus. Du kannst ja... Ich weiß nicht... Den Platz mit mir tauschen? Als deine von dir ernannte Gesundheitsbeauftragte rate ich dir nämlich, dich noch mal hinzulegen. Nicht dass du noch mal Alterserscheinungen bekommst und dich nicht mehr rühren kannst. Das wäre echt schade. Denn ich würde schon noch einmal gerne ähm... fliegen.
Mehdi (stupst seiner Traumfrau grinsend an ihr freches Näschen, bevor er sie demonstrativ noch einmal um seine eigene Achse herumwirbelt): Hey, nicht so frech, mein Herz. Aber alles, was du willst. Ich tue alles, was du willst.
Gabi (zwinkert ihm atemlos zu, als er sie wieder runterlässt): Alles?

Mehdi verzog seine Mundwinkel nur ganz leicht, aber durchaus verheißungsvoll zu einem hinreißenden Lächeln und beugte sich noch ein letztes Mal zu einem innigen Kuss herab, dann entließ er seine Traumfrau endlich ins Badezimmer, dessen himmelblaue Tür sie kichernd hinter sich schloss, nachdem sie ihm noch einmal kurz zugewunken und er der Schönheit mit einer formvollendeten Kusshand geantwortet hatte. Wie auf Wolken schwebend tapste der bis über beide Ohren verliebte Oberarzt anschließend zurück zu Gabis Bett, lehnte sich mit beiden Armen über das Metallgestell und schaute seinen beiden Lieblingen einen Augenblick lang verträumt beim Schlafen zu. Die beiden waren so unglaublich. So innig miteinander. So perfekt und einzigartig. Ihm ging vor lauter Glück richtig das Herz auf. Und so packte es den bärenstolzen zweifachen Familienvater dann doch und er folgte dem medizinischen Rat seiner Lieblingskrankenschwester.

Auf Zehenspitzen schlich Dr. Kaan um das schmale Patientenbett herum und setzte sich vorsichtig auf die äußerste Bettkante, streifte seine weißen Krankenhausschlappen von seinen Füßen und kroch dann mit Bedacht unter die gelb-weiß gestreifte Bettdecke. Schließlich wollte er seine beiden Mäuse nicht wecken. Doch als er sich hinlegte und seinen Arm nach Lenny ausstrecken wollte, gab das Bett leider mit einem merklichen Quietschen der Matratzenfedern nach, was er mit zusammengekniffenen Augen angestrengt zu ignorieren versuchte, während er sich für mehrere Sekunden keinen Zentimeter mehr rührte. Nachdem er in Gedanken einmal bis zehn gezählt hatte und sich währenddessen nichts weiter getan hatte, das ihm hätte Sorgen bereiten müssen, atmete er erleichtert wieder aus und drehte er sich leicht zur Seite, um seinen kleinen Jungen und sein Mädchen besser anschauen zu können, die immer noch selig neben ihm schliefen.

Schließlich hatte er eine angenehme Schlafposition für sich und seinen angeschlagenen Rücken gefunden und ließ sich leise seufzend auf das weiche Kopfkissen sinken, das noch immer verführerisch nach Gabis Lieblingsshampoo duftete und in das er sich behaglich hineinkuschelte. Eine wohlige Wärme umhüllte ihn und ließ ihn sanft davon driften. Er hatte gerade seine Augen geschlossen und die Geheimtür zu seiner ganz eigenen Traumwelt einen Spalt aufgestoßen, da bemerkte er das verdächtige Zucken neben sich und ein hinter einer Kinderhand gehaltenes Kichern, das unbedingt raus wollte, und schlug ohne Umschweife zu. Denn Frechheiten mussten sofort auf die Kaansche Art und Weise geahndet werden. Das war oberstes Familiengesetz.

Lilly: Boah, Papa, bist du schwer. Das Bett quietscht wie die alte rostige Tür von Opas Campingbus, die nicht mehr richtig schließt. Du weckst Lenny noch auf und der schläft doch gerade so süß.
Mehdi (zieht das zappelige Mädchen unvermittelt in seine Arme, drückt seine Wange sanft gegen Lillys u. lässt sie nicht mehr los): Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, mein Frechdachs!
Lilly (versucht, sich vergeblich aus der Krakenumarmung zu befreien, aber kann sich nicht rühren, weil sie sonst ihr Brüderchen aufwecken würde): Aaaahhh... Papa! Mensch, du hast mich voll erschreckt. Ich dachte, du schläfst.
Mehdi (lehnt sich vergnügt mit seinem Mädchen im Arm an das Kopfende des Bettes u. kontert ebenso frech): Ich dachte, du schläfst.
Lilly (will erst schmollen, aber dann kann sie sich ihr Kichern nicht mehr länger verkneifen): Ich hab gewartet, bis ihr fertig wart mit Knutschen.
Mehdi (glaubt, sich verhört zu haben u. guckt dementsprechend perplex aus der Wäsche): Was? Du warst die ganze Zeit wach?
Lilly (beißt sich ertappt auf ihre Lippen u. guckt überall hin, nur nicht in die Augen ihres Papas, die sie fröhlich anfunkeln): Nicht die ganze, vielleicht fünf Minuten oder so.
Mehdi (schmiegt die süße Maus nur noch fester an sich u. wiegt sie sanft hin u. her): Ach, mein Engel! Alles gut? Hast du gut geschlafen, Lillymaus?
Lilly (kuschelt sich gemütlich in seine Arme, während sie weiterhin Lenny mit ihrer freien Hand vorsichtig streichelt u. ungeniert anhimmelt): Himmlisch.
Mehdi (beobachtet sie gerührt u. legt seine Hand über die seiner beiden Kinder): Echt?
Lilly (strahlt nur so vor Begeisterung): Ja, wir müssen öfters Übernachtungspartys im Krankenhaus machen, Papa. Das macht so viel Spaß.
Mehdi (grinst vergnügt): Na, ob die Oberschwester da so leicht mitspielen wird, ich weiß nicht. Sie hat uns heute Nacht auch nur gelassen, weil wir sie ausgetrickst haben.
Lilly: Dann rede ich eben mal mit ihr. Ich glaube, sie mag Lenny auch. Sie hat ihn total verliebt angeguckt, als sie Gabis Sachen vorbeigebracht hat und wir uns schlafend gestellt haben, damit sie nicht mit uns schimpft.
Mehdi (staunt über das gesunde Selbstbewusstsein seiner Tochter): Findest du?
Lilly (grient ihn kopfnickend an u. nimmt dann wieder gebannt ihr süßes Brüderchen in Augenschein): Ja, er ist ja auch so süß und lieb und er brummt im Schlaf. Weißt du das, Papa? Total niedlich. Meinst du, er träumt? Von uns?
Mehdi (teilt ihre ungebremste Freude, während er das schlafende Baby vorsichtig in seine Arme zieht u. zärtlich an seine Brust gedrückt hält): Möglich. Man weiß noch nicht viel, was in den Köpfen so junger Menschen vor sich geht. Für ihn ist das alles ja auch noch neu. Eine ganz neue Welt, die sich ihm offenbart. Mit unendlich vielen neuen Eindrücken.
Lilly (denkt kurz darüber nach, schmiegt ihre Nase zärtlich an Lennys Wange u. ist einfach nur selig vor Glück): Stimmt! Und er riecht so gut. Wie in dem Süßigkeitenladen, in dem ich neulich mit Opa und Oma war, um die Sachen für Sarahs Zuckertüte zu besorgen.
Mehdi (lacht aus vollem Herzen u. durch die Vibration seines Körpers rührt sich auch Lenny ein bisschen u. klammert sein kleines Patschehändchen nur noch fester in Mehdis Hemdsaum): Dann muss ich wohl Obacht halten, dass du ihn nicht aus Versehen anknabberst.
Lilly (kichert fröhlich mit ihrem lustigen Papa mit u. schmiegt sich wieder verschmust in seine Arme, um mit ihm u. ihrem Brüderchen ausgiebig zu kuscheln): Gar nicht.
Mehdi (stupst ihr vergnügt an die Nasenspitze): Doch!

Lilly (schaut ihren Vater plötzlich aus großen Kulleraugen an): Duuu, Papa?
Mehdi (genießt die Umarmung mit seinen Kindern sehr u. hält für einen Moment die Augen geschlossen): Ja, Lillybärchen?
Lilly (beobachtet ihn solange, bis er seine Augen wieder aufmacht u. sie auch anschaut): Ich bin megaglücklich, dass Lenny jetzt da ist. Ich hab ihn total lieb.
Mehdi (ihm geht das Herz auf, ihre ehrliche Freude zu spüren, u. es kostet ihn einige Mühen, nicht auf der Stelle loszuheulen): Ich... Wir auch, mein Schatz.
Lilly (kuschelt sich zufrieden an Mehdis Seite u. schnappt sich die kleine Hand von Lenny, um liebevoll darüber zu streicheln): Können wir ihn dann jetzt auch mit nach Hause nehmen, Papa?
Mehdi (hegt natürlich genau denselben innigen Wunsch): Vielleicht noch nicht gleich jetzt auf der Stelle, aber ich rede mal mit dem Oberarzt.
Lilly (es dauert einen klitzekleinen Moment, bis es „klick“ macht u. sie ihn mit großen Kulleraugen wieder gespannt anguckt): Aber du bist doch der Oberarzt, Papa?
Mehdi (gespielt unwissend schaut er erst an sich herunter, dann zu seinem Arztkittel, der an einem der Schranktürknäufe hängt, u. dann in Lillys neugieriges Gesicht): Ach, echt? Ja, da war doch was?
Lilly (verschränkt beide Arme vor ihrem Körper u. mustert ihren Papa eindringlich): Veräppelst du mich jetzt?
Mehdi (bemüht sich sehr, nicht auf der Stelle loszulachen): Das würde ich nie wagen, Prinzessin Naseweis.
Lilly (setzt ihren süßesten Schmollblick auf, dem niemand widerstehen kann, ihr Papa schon einmal gar nicht): Das will ich dir auch geraten haben. Und was ist jetzt, Papa?
Mehdi (hat sich in Lillys niedlichem Gesichtsausdruck verloren u. starrt sie hingerissen an): Was denn?
Lilly (tippt ihn ungeduldig an): Mit Lenny, Papa? Wann dürfen wir mit ihm nach Hause? Und darf er dann bei mir schlafen?
Mehdi (muss selber noch einmal darüber nachdenken): Naja, mal schauen, was der Tag so bringen wird und wie es nach den nächsten Untersuchungen so aussehen wird. Wir müssen da noch einige Schritte im Protokoll durchlaufen. Da kann selbst ich nichts machen. Routine halt.
Lilly (wirkt ein bisschen enttäuscht): Ach so?
Mehdi (legt liebevoll seinen Arm um Lilly u. Lenny, den sie sich mittlerweile auf den Schoß gesetzt hat, nachdem sie gemerkt hat, dass er allmählich wach wird, um mit ihm zu schmusen): Hey, aber ich denke, das sieht alles ganz gut aus.

... flüsterte Mehdi optimistisch in Lillys Ohr und atmete dabei angestrengt die aufkommenden Glückstränchen wieder weg, die unbemerkt seine Tränenkanäle emporgekrochen waren, als er seine beiden verschmusten Kinder eine Weile beobachtet hatte. Als er seine Augen wieder öffnete, strahlte Lilly ihren Papa überglücklich an und schwang stürmisch ihre kleinen Ärmchen um seinen Hals, wobei sie fast Lenny außer Acht gelassen hätte, der natürlich sofort wieder der Mittelpunkt ihres Universums wurde. Im Augenwinkel registrierte Mehdi im selben Moment, wie Gabi im Türrahmen des Waschraums stehen geblieben war. Sie hatte sich ihre Haare gemacht, die sie, wie sie es gerne trug, zu einem dicken geflochtenen Zopf zusammengebunden hatte, der locker über einer ihrer Schultern baumelte. Sie hatte Mehdis Arbeitshemd gegen eins ihrer Lieblingssommerumstandskleider aus dem niedlichen, kleinen Second-Hand-Laden getauscht, den sie vor einigen Monaten zufällig beim Spazierengehen nur wenige Straßen von ihrem Zuhause am Prenzlauer Berg entfernt entdeckt hatten. Es war bodenlang, schulterfrei und farbenfroh und Gabi sah darin einfach nur umwerfend schön aus. Wie eine wahrgewordene Göttin. Ihr nur in wenigen Nuancen geschminktes Gesicht, um die Anstrengungen des vorangegangenen Tages wenigstens ein bisschen zu übertünchen, lehnte über ihren gefalteten Händen am Türrahmen und sie schaute verträumt zu Mehdi und den Kindern rüber. Sie wirkte unendlich glücklich und gelöst. Ähnlich wie ihm es gerade ging. Deshalb lockte Mehdi seine Herzprinzessin auch direkt mit einer lockeren Armbewegung wieder zu sich und den Kindern und irgendwie schafften es die Vier sogar, sich irgendwie zu arrangieren, um alle Platz auf dem schmalen, quietschenden Patientenbett zu finden.

Mehdi hielt glücklich seine Lillymaus im Arm, Gabi saß dicht gedrängt daneben und drückte Lenny an ihre Brust, der sich nun doch auch mit einem eindrucksvollen Krächzen bemerkbar machte, welches vor allem seine große Schwester jubilieren ließ, die ihr Grinsegesicht prompt sanft gegen die zarte Haut des Babys schmiegte. Und gerade als der stolze Familienvater der freudestrahlenden Neumama einen dicken Kuss auf die Wange drücken wollte, während er seine eine Hand liebevoll über den Hinterkopf seines Sohnes legte, der sich durch seine und Lillys Berührung sofort wieder beruhigte und nun neugierig seine direkte Umgebung und allen voran seine Mama in Augenschein nahm, öffnete sich die Zimmertür und der angekündigte Besuchsmarathon konnte beginnen. Soraya Kaan hatte nämlich nicht nur für ihre Lieben gebacken, sie hatte auch gleich noch alles in einen riesigen Picknickkorb eingepackt, den ihr Mann Werner kaum zu tragen wusste, was man für ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück im Kreise seiner Familie gebrauchen konnte.

Aber bevor sie dazu kommen konnten, musste natürlich zuallererst der neue Erdenbürger ausgiebig begrüßt und gebusselt werden, wie es sich für anständige Großeltern auch gehörte, die doch zufällig auch noch unbekannterweise Gabis Schwester und deren Freund im Schlepptau hatten, die keine fünf Minuten nach dem Ehepaar Kaan das Privatzimmer auf Station drei b nicht gerade geräuscharm enterten und für die nächsten Stunden vollends in Beschlag nahmen. Sehr zum Ärger der Oberschwester, die jedoch an diesem wunderschönen sonnigen Sonntagvormittag ausnahmsweise beide Augen zudrückte, denn sie hatte mittlerweile Feierabend und wurde schon ungeduldig vorm Klinikeingang von ihrem Mann erwartet, der sich auch nicht hatte lumpen lassen und für einen kleinen Spontanausflug einen Picknickkorb dabei hatte. Denn Dr. Fuchs war die einzige Person im Umkreis des Elisabethkrankenhauses, die wusste, wie man das morgendlich besonders angespannte Nervenkostüm seiner Angetrauten bändigen konnte, die gerade eine turbulente Nachtschicht hinter sich hatte. Mit einem Abstecher zum Nilpferdgehege im Berliner Tierpark.

Lorelei Offline

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05.04.2018 16:48
#1621 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Von dem Trubel, der im Zimmer ihrer Freunde ausgebrochen war, bekam man derweil direkt nebenan noch nicht viel mit. Denn die VIP-Patienten Dr. Meier und Dr. Haase hatte man in Absprache mit der Chefetage und auf ausdrückliche Anweisung von Pfleger Jochen hin, der sich nach der gefühlt längsten Nachtschicht seines Lebens ebenfalls in den wohlverdienten Feierabend verabschiedet hatte, welcher sehr zu seinem Leidwesen direkt mit dem obligatorischen Sonntagsessen bei seinen Eltern in der Villa Haase beginnen würde, wo er auch noch mit mäßigem Schauspieltalent den Platzhalter für seine aus gutem Grund verhinderte Schwester und ihren Freund spielen durfte, extra in Ruhe gelassen, damit sie sich von den Strapazen des vorangegangenen Abends erholen und ausgiebig ausschlafen konnten. Während also auf sämtlichen Stationen des Elisabethkrankenhauses nach dem Schichtwechsel das Tagesgeschäft begann und das Frühstück verteilt oder vor der beginnenden Visite auch schon wieder abgeräumt wurde, lag das nichts ahnende Chirurgenpaar eng aneinander gekuschelt mit ihren neugeborenen Zwillingen in ihrer Mitte unter der allseits beliebten gelb-weiß gestreiften Bettdecke und schien tief und fest in der Traumwelt verweilen zu wollen. Das deutete zumindest der melodische Schnarchkanon an, der leise durch das in warmen Gelbtönen gestrichene Privatpatientenzimmer auf der Gyn summte.

Trotz dass die Jalousien heruntergelassen waren, konnte man den Stand der Sonne vorm Fenster jedoch kaum länger ignorieren, deren Strahlen sich durch einige verbogene Lamellen hindurchgeschlängelt hatten und erst fröhlich über die Bettdecke getanzt waren und kurz darauf ziemlich frech auch über das sehr zufrieden lächelnde Gesicht eines renommierten Berliner Chirurgen wanderten, dessen hochsensible Nase zuerst auf das nervige Gekitzel reagierte, indem sie sich mehrmals kräuselte, bis es Marc schließlich nicht mehr länger aushielt und sich daran kratzen musste, bevor er lautstark hätte niesen müssen und damit noch unsanfter geweckt worden wäre. Dabei blitzten auch seine smaragdgrünen Augen kurz verschlafen auf, schlossen sich für wenige Sekunden wieder, um in den wohligen Dämmerzustand zurückzufinden, in welchem er sich bis eben befunden hatte, bis sie sich plötzlich erneut wieder öffneten und ungläubig weiteten. Genau in dem Moment, als seine hübsche Bettgefährtin exakt das Gleiche machte und ihn gewohnt verliebt von der Seite anlächelte, bis Gretchen ebenfalls abrupt innehalten musste. Irritiert starrte die unvermittelt aus dem Tiefschlafmodus erwachte Stationsärztin ihr mindestens genauso verdutztes Gegenüber an. Denn im ersten Moment wussten beide nicht, wo sie sich gerade befanden und wie sie überhaupt hierhergekommen waren. Wie ein schneller suchender Blick durch das ihnen dennoch vertraut wirkende Zimmer verriet, war das schließlich eindeutig nicht ihr gemütliches Kingsize-Bett, in dem sie zusammen lagen, und auch nicht ihr heimeliges Schlafzimmer mit den hohen Wänden und Fenstern, die bis in den Himmel reichten.

Dass sie im Krankenhaus waren, genauer gesagt auf Station drei b, in der Heile-Welt-Abteilung ihres besten Freundes, dämmerte dem verdutzten Paar erst, als sich neben ihnen etwas verdächtig rührte. Mit der gleichen unkoordinierten Bewegung blickten Marc und Gretchen verwundert auf die wackelnde Bettdecke herab und staunten beide Bauklötzchen, schauten sich synchron wieder in die ungläubig geweiteten und hellwachen Augen und richteten dann ihre ganze Aufmerksamkeit schnell wieder auf die beiden süßen Mäuse, die ebenfalls ihre müden Äuglein aufgeschlagen hatten und nun wild mit ihren kleinen Beinchen und Ärmchen strampelten, um sich ihren verblüfften Eltern eindrucksvoll mitzuteilen. Sofort schlugen zwei im Gleichklang pochende Herzen mehrere Takte schneller, als Marc und Gretchen registrierten, dass es tatsächlich wahr war. Sie waren soeben zum ersten Mal als Eltern aufgewacht und das war ein unbeschreibliches Gefühl, das sie mit ganz viel Wärme und Liebe erfüllte. Unweigerlich schlich sich das verträumte Lächeln wieder auf ihre Gesichter, mit dem sie nun ihren Kindern einen besonders schönen guten Morgen wünschen wollten.

Unsere Kinder... Hach... Wie sich das anhört. Mhm... Ich glaube, ich träume. Den besten, tollsten, schönsten Traum meines Lebens. Den wir geschaffen haben. Marc und ich. Wir haben das hinbekommen. Unsere Liebe hat so etwas Tolles geschaffen. Hach... Ist das schön. Ich glaube, ich muss gleich wieder weinen. Und ihm geht’s genauso. Er ist genauso verliebt wie ich.

Gretchen (hält den beiden Mäusen ihre Hand hin, während sie Marc tief bewegt in die feucht schimmernden Augen blickt): Im ersten Moment hab ich gedacht, ich würde träumen, Marc.
Marc (kann sich an den beiden überhaupt nicht sattsehen u. spielt mit ihren wild strampelnden Beinchen u. Ärmchen): Dito! Aber jetzt zeigt sich dann doch, dass die beiden sehr lebendig sind.
Gretchen (fasst sich mit einer Hand an ihr wild pochendes Herz u. ist unweigerlich den Tränen nahe): Und wie! Schau nur! Hey, ihr zwei! Na, ihr seid ja auch schon wach.
Marc: Na?

...brachte Marc nur staunend heraus, drehte sich auf die Seite und strich zärtlich erst seinem kleinen Jungen und dann seinem kleinen Mädchen über die rosigen Wangen, die ihn dafür aus großen einnehmenden Kulleraugen anschauten, die denen ihrer wunderhübschen Mama unheimlich ähnlich waren, was er erst jetzt im Tageslicht so richtig bemerkte. Er verliebte sich sofort unsterblich in sie und Gretchen ging es nicht anders. Sie konnte nicht widerstehen und beugte sich leicht zu den beiden herab, um ihren Zwillingen jeweils ein kleines Küsschen auf die Backe zu drücken. Sie konnte sich kaum lösen. Sie fühlten sich so gut an. Sie dufteten so gut. Dieser ganz besondere Geruch, den neugeborene Babys ausströmten, umnebelte ihr die Sinne, bis vier kleine, aber durchaus kräftige Händchen sie ins Hier und Jetzt zurückholten. Die frechen Fingerchen machten sich nämlich einen Spaß daraus und tasteten nach Gretchens langen Locken, die nach dem Schlafen als wilde Löwenmähne in alle Richtungen abstanden.

Die glückliche Mama kommentierte das mit einem auch für Marc ansteckenden herzhaften Lachen. Sie nahm vorsichtig eins der Kinder hoch und drückte es liebevoll an sich, während ihr Liebster sich direkt den anderen Zwilling geschnappt hatte, sich mit ihm auf den Rücken gedreht hatte und ihn nun glücklich immer wieder mit beiden Armen jauchzend in die Luft hochstemmte, um ihn sich ganz genau anzusehen. Konnte jemand noch perfekter sein, fragte er sich still, während der süße kleine Junge in dem eierschalenweißen Strampelanzug mit der niedlichen Hasenstickerei über der Brusttasche ganz nah über seinem Gesicht schwebte, und beantwortete sich die Frage mit einem typischen Meier-Grübchen-Grinsen gleich selbst. Die beiden waren ein echtes Wunder. Ihr Wunder. Gretchen und er hatten das hier hinbekommen. Diese perfekten kleinen und doch auch jeder für sich eigenwilligen Wesen. Der absolute Wahnsinn war das! Eine einzelne kleine Glücksträne schaffte es dann doch, die Wange des bärenstolzen Daddys hinabzukullern, während er gebannt sein wunderschönes Baby anstarrte und Gretchen ihn ängstlich von der Seite aus bei seinem Tun beobachtete.

Gretchen: Marc, nicht so doll! Er ist doch noch so klein.
Marc (schwingt den Säugling noch einmal hoch u. drückt ihn anschließend überschwänglich an sich): Ich kann nicht anders. Es ist nicht kontrollierbar. Und er mag das.
Gretchen (legt ihre Hand sicherheitshalber über den Rücken des in Superheldenpose über Marc schwebenden Jungen): Weil er genauso ein Draufgänger ist wie sein Papa, hm?
Marc (grinst schelmisch u. flüstert seinem Sohn etwas verschwörerisch ins Ohr, während er ihn mit beiden Armen sanft umschlungen hält): Marlon, ich verrate dir jetzt etwas Grundsätzliches und du, Marlene, du spitzt bitte auch deine niedlichen kleinen Ha(a)senöhrchen. Eure Mama ist nämlich eine ganz Schlaue.
Gretchen (schmiegt sich kichernd zusammen mit ihrer Tochter an Marcs Schulter): Genau! Und euer Papa hat auch nur zwanzig Jahre gebraucht, um das zu kapieren. Ihr nur zehn Stunden, die ihr überwiegend geschlafen habt. Hihi! Was sagt uns das?
Marc (blickt der Schmunzelkönigin direkt in die ihn fixierenden Funkelaugen): Und sie malt sich die Welt immer ein bisschen bunter, als sie eigentlich ist.
Gretchen (zieht den süßesten Schmollmund, den sie aufzubieten weiß): Gar nicht! Bring den beiden keinen Unsinn bei! Gib ihn mir! Bitte!
Marc (seufzt geschlagen): Und schon wieder versteht sie mich falsch. Das ist auch so eine Sache zwischen uns. Dabei habe ich das doch positiv gemeint. Nehmt sie euch unbedingt zum Vorbild!
Gretchen (schnieft gerührt): Ach, Marc...
Genau davon hab ich immer geträumt. Dass er unsere Kinder bedingungslos liebt und sie ihn unheimlich glücklich machen. Dass er nichts in Frage stellt, sondern mit vollem Eifer dabei ist. Bei unserem großen Abenteuer.
Marc (lächelt verliebt u. deutet auf die Kinder): Fliegender Wechsel?
Gretchen (nickt ergriffen u. schnieft die aufkommenden Glückstränchen schnell weg, um sich nun voll u. ganz auf ihre Babys zu konzentrieren): Ja, gerne! Euer Papa ist echt unverbesserlich. Wisst ihr das eigentlich?

Marc grinste nur als Antwort und ließ seinen Jungen sanft zu seiner Mama herabsegeln. Dann zog er sein Töchterchen in seine Arme, bestaunte sie einige Sekunden lang mit der gleichen Intensität wie eben ihren drei Minuten älteren Bruder, um mit ihr dann denselben Höhenflug zu veranstalten. So leicht konnte sich also Glück anfühlen, resümierte der erstaunte Oberarzt völlig von der Miniprinzessin eingenommen. Der frischgebackene Familienvater kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und auch Gretchen konnte sich an dem Glück, das ihr Traumprinz dabei ausstrahlte, überhaupt nicht sattsehen. Da war der Marc, den sie sich immer erträumt hatte. Er war real, authentisch und echt. Und er hatte im Gegensatz zu ihren zwanzig Jahre alten rosaroten Tagebuchillusionen den entscheidenden Vorteil, dass man ihn anfassen konnte, was sie natürlich sofort und auf der Stelle nachholen wollte. Die verliebte Chirurgin beugte sich ungestüm mit Marlon im Arm zu ihm und Marlene rüber und hauchte dem überraschten Mann einen zarten Kuss auf die Lippen, der prickelnd in seinem Körper nachhallte und ihm eine Gänsehaut bescherte, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Marc (lächelt die glückliche Zwillingsmama gebannt an): Wofür hab ich den denn verdient?
Gretchen (verliert sich in seinem staunenden tiefgrünen Augenpaar): Nur so. Weil du... bist, wie du bist und ich dich sehr, sehr liebe. Weil du ein toller Papa und Patenpapa bist. Und weil ich gerade einfach nur wahnsinnig glücklich bin und das mit dir teilen möchte.
Marc (grinst erst die bezaubernde Träumerin, dann seine zuckersüße Tochter, die schon wieder sehr von Gretchens Lockenmähne eingenommen ist, u. dann wieder Gretchen an): Dann ist ja gut. Obwohl...
Gretchen (schaut ihn aus großen Strahleaugen gespannt an, während sie ihrem Sohn, der seine Finger in ihr Pyjamaoberteil gekrallt hat, sanft über das Köpfchen streichelt): Ja?
Marc (kann nicht widerstehen, seine unheimlich süße Herzprinzessin erneut zärtlich zu küssen): Ich glaube, ich checke trotzdem noch mal die Vitalzeichen. Sicher ist sicher. Mir scheint, hier ist jemand noch nicht so wirklich wach, was ich im Übrigen absolut nachvollziehbar finde.
Gretchen (kichert in den sanften Kuss hinein, als Marc extralange an ihren Lippen kleben bleibt): Mwaaarc!
Marc (löst sich grinsend von ihrem verführerischen Erdbeermund, schürzt seine Lippen u. guckt dann verschmitzt auf das kleine Mädchen in seinen Armen, das daraufhin wild zu strampeln beginnt): Joah, der Onkel Doktor und seine kleine Assistentin sagen, der Mama geht’s blendend. Hm, Lenchen, stimmst du mit meiner Diagnose überein? Ja? Selbstverständlich. Sie hat Talent, Haasenzahn. Wahnsinniges Talent. Früh übt sich nämlich.
Gretchen (strahlt kopfschüttelnd über das ganze Gesicht): Du bist so ein Kindskopf, Marc Meier.
Marc (guckt sich gespielt verwundert um u. zählt dann demonstrativ mit ausgestrecktem Arm nach): Nö, ich sehe hier eigentlich nur zwei Kinderköpfe, um genau zu sein.
Gretchen (fühlt sich gleich wieder veräppelt u. gleichzeitig auch im Himmel, weil sie über alle Maßen liebt, wenn er sich so verspielt u. unbeschwert gibt): Haha!
Marc (versucht, den nötigen Ernst aufzubringen, obwohl er vor Euphorie längst überschäumt): Und ist wirklich alles okay? Noch irgendwelche Beschwerden oder Nachwirkungen der Geburt? Ich hab zwar keinen Bock, den ollen Frauenversteher schon wieder an dir rumfummeln zu sehen, aber er muss ja jetzt auch einen Esser mehr versorgen und umzuschulen zu einem richtigen Arzt, ist in seinem Alter nicht mehr unbedingt zu empfehlen.
Gretchen (schmiegt sich verschmust an den Mann ihrer Träume): Du meinst, außer dem unbändigen Glücksgefühl, der Euphorie und dem Dauerkribbeln im Bauch?
Marc (guckt extra betont ernst aus der Wäsche): Hey! Woher weißt du eigentlich so genau, wie ich mich gerade fühle?
Gretchen (strahlt wie ein Honigkuchenpferd, als sie sich zusammen mit ihrer Familie an das Kopfteil ihres Bettes zurücklehnt, das Marc mit der Fernbedienung ein Stückchen aufgestellt hat): Das weiß ich, seitdem wir uns kennen.
Marc (nickt anerkennend u. sucht den Blickkontakt mit seinen Kindern): Hoho! Hört ihr das? Jetzt überschätzt sich aber eure Mama. Wie so oft. Nur nicht im OP.
Gretchen (boxt ihm für den Spruch leicht in die Seite, um ihm im nächsten Moment zuckersüß von unten herauf anzuschmachten): Gar nicht! Aber wenn du unbedingt etwas für mich tun willst, dann könntest du ja mal schauen, wo die Schwestern mit dem Frühstück abgeblieben sind. Ich hab echt Hunger und ich glaube, sie sind schon längst überfällig.
Marc (brummt zustimmend u. kann sich sein breites Grübchengrinsen nicht verkneifen): Mhm... Das ist mein Haasenzahn. Immer auf Essensaufnahme gepolt. Ich hoffe, das nehmt ihr euch nicht zum Vorbild.
Gretchen (stupst den frechen Kerl erneut in die Seite): Ey!

Dr. Meier wollte gerade ganz selbstverständlich nach dem roten Notfallknopf greifen, der auf dem Nachtschränkchen neben dem Patientenbett lag, um sich den Griff zum Telefon und damit auch das damit sicherlich verbundene Anschnauzen der Dienst habenden Schwesternschaft zu sparen, als sich überraschend noch ganz andere Lebensgeister bemerkbar machten und das nicht gerade leise. Marlene strampelte nun nicht mehr nur heftig auf seinem Arm, sie präsentierte ihrem perplexen Papa nun auch ihr beeindruckendes Stimmorgan, womit sie direkt auch ihren Bruder mitansteckte, der nun in perfekter Symbiose mit seiner kleinen Schwester anfing, herzerweichend auf dem Arm seiner Mama zu weinen. Auf diesen abrupten Stimmungsumschwung war der perfektionistisch eingestellte Chirurg nicht wirklich eingestellt und geriet in leichte Hektik, als er seiner Tochter ungelenk über den Rücken streichelte, was Gretchen, die die Ruhe in Person geblieben war, als absolut hinreißend empfand. Marc war ein toller Vater, dachte sie nur und schwärmte still vor sich hin, während sie ihren weinenden Sohn liebevoll an ihre Wange schmiegte, um ihn zu trösten. Etwas unbeholfen zwar, aber dabei unheimlich süß und hingebungsvoll. Der Blick, mit dem Marc sie nun fragend anschaute, war auf jeden Fall unbezahlbar und wurde direkt unter dem Stichwort „denkwürdig“ für alle Ewigkeit abgespeichert.

Marc: Okay? Äh... Und nun? Ich hab das Betriebshandbuch nicht dabei. Ich kenne es zwar in und auswendig, aber was genau sieht das Protokoll in dem Fall jetzt konkret vor?

Gretchen wiegte ihren kleinen Sohn sanft hin und her und flüsterte ihm immer wieder ganz leise etwas zu, während sie ihn liebevoll streichelte, aber auch er hörte nicht auf zu weinen. Ebenso wie seine drei Minuten jüngere Schwester, mit der ein leicht überfordert wirkender Marc gerade genau das Gleiche veranstaltete. Selbst zu seinen Abiturprüfungen oder seinem ersten eigenverantwortlichen Auftritt als frisch gebackener Chirurg im OP war er nicht so nervös gewesen. Das Gefühl, nicht zu wissen, was er hier eigentlich gerade tat, hatte er bislang nur einmal empfunden. Nämlich als er Haasenzahn spontan nach Rügen hinterhergereist war und mit schweißigen Fingern und wackeligen Knien auf dieser bescheuerten Promenade herumgestanden hatte, die er wie ein verkappter Laienschauspieler aus einem drittklassigen RTL-Movie auch noch ein zweites Mal dämlich rauf und runter rennen musste. Verunsichert blickte er seiner Freundin in die Augen. Sie lächelte nur beruhigend und legte ihre freie Hand sanft über sein aufgeregt pochendes Herz.

Gretchen: Schatz, beruhige dich! Es ist alles okay. Du musst nur hierauf hören. Dann weißt du, was zu tun ist. Es ist in dir. Ich weiß das.
Marc (ist überhaupt nicht überzeugt): Fällt schwer, wenn es gleich aussetzt, weil ich einen Herzkasper kriege.
Gretchen (lächelt hinreißend): Du bist süß.
Marc (verdreht die Augen u. seufzt leidend): Und du bist... Wie kannst du nur so ruhig bleiben? Sie werden nicht aufhören. Sie schreien sich die Seele aus dem Leib. Das ist unerträglich. Unmenschlich. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Sie können uns nun mal noch nicht anders mitteilen, was Sache ist.
Gretchen (ist hingerissen von dem leicht überforderten Neudaddy u. will ihm Mut machen): Ich vertraue da einfach auf unseren Instinkt. Das ist in uns.
Marc (der rationale Chirurgenteil von ihm lässt sich nicht überzeugen, der gerade neu gegründete Elternteil hofft es zumindest): Sicher? Also, medizinisch belegt ist das nicht.
Gretchen (grinst): Wir sollten uns von den Theorien lösen und einfach mal zur Praxis übergehen. Es gibt eigentlich nur wenige Möglichkeiten, was es genau sein kann. Erinnerst du dich, was auf Seite eins vom, wie nennst du es immer so schön, „Betriebshandbuch“ gestanden hat oder soll ich eine Schwester rufen, die dir den Band aus Mehdis Bücherregal stibitzt, hm?

Na toll, das wird sie dir noch vorwerfen, wenn wir auf der Examensfeier der Kurzen einen möglichst peinlichen Auftritt hinlegen werden, wie es sich für anständige Eltern auch gehört. Verdammt, ich kann das. Ich brauch keinen bescheuerten Ratgeber, der seit Jahrzehnten in Mehdis hässlicher Praxis im Bücherregal vor sich hingammelt. Das hab ich gar nicht nötig. Hatte ich nie. Er vielleicht. Naja, er hätte ja wenigstens zur Visite mal kurz reinschneien können, ob alles okay ist. Aber hier auf dieser dämlichen Station nimmt man das mit der Sonntagsruhe offenbar besonders wörtlich. Außer nebenan. Was ist da eigentlich los?

Marc (legt die zappelnde Heulboje vorsichtig neben sich aufs Bett, tätschelt ihr sanft über das kleine Bäuchlein u. untersucht sie ganz akribisch, während er Gretchens spöttische Art nicht an sich heranlässt u. gekonnt zurückschlägt): Oh! Du meinst, sie folgen einfach nur dem Beispiel ihrer Mama, die ständig Hunger hat.
Gretchen (funkelt ihn an, aber ist durchaus beeindruckt von seiner schnellen Auffassungsgabe): Hey! Nicht ständig. Aber die Wahrscheinlichkeit liegt bei fünfzig Prozent.
Marc (stöhnt erschöpft): Sie liegt bei hundert, wenn die beiden Zwerge immer gleichzeitig die Sirenen anstellen. Meinst du, das entwickelt sich zu einem Dauerspiel oder liegt das daran, dass sie erst so wenige Stunden voneinander getrennt sind, nachdem sie ihr gemeinsames Appartement aufgekündigt haben und sich hier draußen nun alleine zurechtfinden müssen?
Gretchen (beißt sich auf ihre Lippen, um ihr Kichern zu unterdrücken): Hm? Das ist ein Argument.
Marc (schaut unsicher zwischen seiner Freundin u. dem Fenster zum Flur hin u. her): Und jetzt? Soll ich Me... ääähhh... die Hebamme holen? Die wollte eigentlich erst mittags vorbeischauen, um dir das ganze Prozedere am lebenden Objekt zu zeigen. Oder?
Gretchen: Ich denke, ich krieg das schon hin, mein Schatz, aber danke für die Fürsorge. Das ist schließlich ein ganz natürlicher Prozess und hey, Marlon weiß offenbar ganz genau, was er will. Mhm, muss er von seinem Papa haben.
Marc (steht für eine Sekunde auf dem Schlauch): Bitte? Oh!

Gretchen deutete auf ihren kleinen Jungen, der mit einem Mal das Schreien eingestellt hatte. Denn er war mittlerweile beschäftigt. Marlons Mama hatte nämlich zwei Knöpfe von ihrem rosa gestreiften Pyjamaoberteil geöffnet und hatte ihn sanft an ihre Brust gelegt, an der er nun zufrieden nuckelte, wie Marcs sich weitende Augen staunend beobachten durften, während sich Gretchen sehr bewegt von dem ungewöhnlichen Gefühl, das sie gerade durchströmte, aufs Dauerlächeln einstellte.

Marc (stammelnd): Aber... Äh... Und Marlene? Sie äh... auch... ähm... Machst du auch noch die zweite Tanksäule auf?
Gretchen (verdreht die Augen angesichts seiner sehr „charmanten“ Wortwahl): Ich glaube, das üben wir, wenn wir alle ein bisschen eingespielter und vor allem entspannter sind. Hm? Fürs Erste lassen wir die beiden sich abwechseln. Ich glaube, das war genug fürs erste Mal. Nimmst du ihn bitte! Aber Obacht, nicht dass...
Marc: Zu spät!

...stöhnte Marc resignierend und verdrehte angewidert die Augen, nachdem sein Sohn, auf den er eben noch bärenstolz herabgeblickt hatte und sich dabei beinahe noch ein Tränchen von der Backe hätte putzen müssen, sein erstes Frühstück überhaupt wieder komplett über der Schulter seines Papas ausgespuckt hatte, der ihn gerade hatte hochheben wollen. Gretchen versuchte, nicht zu kichern, tat es dann aber doch hinter vorgehaltener Hand, als sie sich ihre Tochter über die andere Brust legte und sie vorsichtig zu stillen begann. Sie konnte nicht anders. Denn Marc guckte gerade zum Niederknien bedröppelt drein.

Gretchen: Sorry! Ich hab ja gesagt, wir müssen erst eingespielter werden.
Marc: Jep! Danke für den Tipp an der völlig falsche Stelle, Haasenzahn.

...murmelte Gretchens Freund zynisch, bevor er wie von der Tarantel gestochen vom Bett aufsprang und schnurstracks mit seinem Sohn auf dem Arm das Badezimmer ansteuerte, um dort Marlons mittelschweres Malheur zu beseitigen. Dort angekommen, legte er den Jungen vorsichtig auf die Wickelkommode neben dem Waschbecken, wo er gerade das Wasser angestellt hatte, um das Outfit seiner unfreiwilligen Wahl, sein marineblaues OP-Dress, mit einem Tuch aus dem Spender zu säubern, was gar nicht so einfach war angesichts der Konsistenz des Breis auf seiner linken Schulter.

Marc: Na super, das hast du wirklich perfekt hingekriegt, mein Lieber. Ich hoffe, du behältst deine Treffgenauigkeit, wenn wir später mal aufs Fußballfeld gehen. Ja, grins du nur. Ich wette, deine Mama macht gerade exakt dasselbe und steckt deine Schwester auch gleich noch mit an. War ja klar, dass ihr alle euch direkt gegen den armen Daddy verschwört, hm.
Gretchen (ruft ihrem Grummelkönig aus dem Zimmer fröhlich hinterher): Gar nicht! Wir sind hier nämlich gerade ziemlich beschäftigt. Schön machst du das, mein Engel. Hey! Nicht so doll. Es ist genug für euch beide da. Hoffe ich.
Marc (kann das Grummeln einfach nicht einstellen, obwohl er von der Wickelkommode aus von zwei fesselnden Augen dabei beobachtet wird, die neugierig zu ihm hochgucken): Am besten ich laufe hier nur noch nackt herum, wenn mir in diesem Saftladen von Krankenhaus jeder Fetzen Stoff sofort vollgekotzt oder wie gestern im Fahrstuhl anderweitig voll gesaut wird.
Gretchen (kichert u. drückt ihr Mädchen vergnügt an sich): Das ist durchaus eine Überlegung wert, Schatz. Mach das!
Marc (guckt den dunklen, nassen Fleck auf seinem OP-Hemd im Badezimmerspiegel an u. verdreht die Augen): Dass dir das gefallen würde, war mir klar.
Gretchen: Hihi! Nicht nur mir. Bringst du mir und Marlene bitte trotzdem ein paar Tücher aus dem Bad mit?
Marc (wirft die benutzten Tücher in den Abfallbehälter unter dem Waschbecken u. stellt den Wasserhahn wieder ab, dann wendet er sich wieder seinem fröhlich glucksenden Sohn zu, den er die ganze Zeit mit einer Hand festgehalten hat): Wie Sie wünschen, Mademoiselle. Ich tue alles, was du willst. Ausnahmsweise. Das wird aber nicht zur Regel. Klar?
Gretchen (kichert immer mehr u. verwirrt ihr Mädchen dabei mit ihrem zuckenden Zwerchfell): Selbstverständlich! Ist er nicht süß, dein Papa, hm?
Marc (raschelt hektisch im Waschraum herum): Hey! Das hab ich gehört. Keine bösen S-Worte in Anwesenheit der Kinder! Ist das klar?
Gretchen (flüstert verschwörerisch ihrem kleinen Mädchen zu, das sie sich nun vorsichtig an die Schulter legt): Mhm, das werden wir noch sehen. Hihi!

Mit einem großen Batzen Tüchern aus dem Papierspender bewaffnet, kam Marc zurück ins Zimmer geschlendert, tapste unter den gespannten Blicken seiner verhalten kichernden Freundin mürrisch um das Bett herum und legte seinen Sohn, dem schon wieder verdächtig die Äuglein zuklappten, vorsichtig zurück in sein Bettchen. Dann schnappte er sich unaufgefordert von Gretchen seine Tochter, legte sicherheitshalber ein paar Tücher über die eh schon beschmutzte und nun nasse Stelle auf seinem dunkelblauen OP-Hemd und strich ihr behutsam über den Rücken, bis sie ein Bäuerchen gemacht hatte. Anschließend tupfte er ihr sanft den Mund ab, streichelte ihr verliebt über die Wange, zwinkerte ihr verschwörerisch zu und legte sie dann zu ihrem Brüderchen ins Wärmebettchen. Sofort griffen die kleinen Händchen ineinander und vier kleine Äuglein klappten zufrieden zu. Gretchen ging förmlich das Herz auf, Marc so zu sehen. Sie hatte es gewusst. Natürlich hatte er es in sich. Ganz selbstverständlich und souverän ging er mit den Kindern um und merkte es dabei nicht einmal. Sie hätte nicht glücklicher sein können und das zeigte sie ihrem Herzprinzen auch direkt mit einem strahlenden Gretchen-Lächeln, mit dem sie ihn wieder zu sich lockte.

Gretchen: Mein Held!
Marc: Hm?

Verwundert drehte sich der junge Familienvater um und strich sich gedankenverloren über seinen angespannten Oberkörper. Dass seine Freundin ihn vom Bett aus ungeniert anhimmelte, bemerkte er erst auf den zweiten Blick. Das war schließlich nichts Neues gewesen, sondern der Normalzustand. Auch wenn der Ausdruck in ihren ozeanblauen Augen diesmal noch tiefer ging. Marc schmunzelte nur, folgte ihrer Einladung und setzte sich zu der Schwärmerin auf die Bettkante. Auch die Hände der Zwillingseltern fanden sich sofort und verschränkten sich ineinander, während sie ihre beiden Kinder verträumt beim Einschlafen beobachteten. Der perfekte Augenblick, dachten beide gerührt und lächelten sich an.

Gretchen: War das jetzt so schwer?
Marc (schaut ihr schmunzelnd in die ihn fixierenden Augen): Du willst, dass ich dir recht gebe, oder?
Gretchen (krabbelt zu ihm rüber u. schlingt von hinten ihre Arme um seine Schultern, um sich Wange an Wange an ihn zu schmiegen): Du weißt immer ganz genau, was Frauen hören wollen, Papa Marc.
Marc (grinst u. genießt die Nähe): Papa, mhm...? Daran könnte ich mich gewöhnen. Nur die Signale von Neumamas muss ich noch deuten lernen. Wobei, eigentlich weiß ich ganz genau, was du willst.
Gretchen (kichert in sein Ohr): Dich?
Marc (versucht hartnäckig, die Gänsehautwelle zu ignorieren, die ihr heißer Atem an seiner Haut ausgelöst hat, was ihm jedoch kläglich misslingt): Selbstverständlich. Und ich werde jetzt mal schauen, ob ich irgendwo für meine Raupe Nimmersatt noch ein paar Schokohörnchen herbekommen.
Gretchen (drückt dem Charmeur stürmisch ihre Lippen an die stoppelige Wange): Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe.
Marc (lacht unbeschwert): Da du mich gerade förmlich erdrückst, kann ich es durchaus erahnen.
Gretchen (hat gar keine Lust, den Frechdachs wieder loszulassen): Aber bleib bitte nicht so lange weg, ja?
Marc (löst sich sanft aus ihrem Klammeräffchengriff u. lächelt sie hingerissen an): Fünf Minuten. Mehr darf man dich auch nicht alleine lassen, weil selbst dann noch Unerwartetes passieren kann.
Gretchen (schiebt ihn sanft, aber bestimmt vom Bett): Gar nicht!
Marc (zwinkert ihr frech zu, während er in seine Krankenhausschlappen schlüpft): Doch! Das ist bewiesen. Ich führe da eine Liste.
Gretchen (reckt neugierig ihr Näschen in die Höhe): Ach?
Marc (stupst ihr frech einmal an die Nase u. lässt es darauf beruhen): Wünsche mir Glück, dass ich im Materiallager noch irgendwo einen sauberen Fetzen Klamotten finde! Sonst ziehe ich vielleicht doch noch die FKK-Variante vor. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das der einen oder anderen gefallen könnte, zumal ich jetzt ja offiziell als Daddy weg vom Fenster der Begehrlichkeiten bin. Aber für die Kleinmädchenfantasien der neuen Lernschwestern wird es vielleicht noch reichen.

So ein Spinner. Aber er ist mein Spinner. Hihi!

Gretchen (zieht ihn noch einmal zu sich u. drückt ihre Lippen an seine Wange): Glüüüück!
Marc (seufzt geschlagen u. steckt sein Handy ein, das auf dem Nachttisch gelegen hat): Naja, ich sollte vielleicht Dad Bescheid geben, dass er mir ein paar Klamotten von zuhause mitbringt, wenn er heute Nachmittag mit meiner Mutter hier wieder aufschlagen wird. Das wird wohl nicht zu vermeiden sein. Wenn nicht zufällig in Berlin noch ein Vulkan ausbricht oder so.
Gretchen (nickt ihm kichernd zu): Mach das! Und falls du zufällig an der Teeküche vorbeikommen solltest, könntest du mir eventuell zum Schokocroissant auch noch einen Kakao organisieren. Darauf hätte ich jetzt richtig Lust.
Marc (wackelt schmunzelnd mit seinen Augenbrauen): Das ist ja mal nichts Neues. Apropos, sag mal, was ist eigentlich da drüben bei der Gewitterziege los? Feiern Mehdi und sie gerade ne Party, oder was? Hier auf der Etage herrscht eine Stimmung, die echt grenzwertig ist. Das würde es bei uns drüben nicht geben. Da herrscht noch Zucht und Anstand.
Gretchen (grinst schelmisch): Vor allem Anstand, hm?
Marc (schnauft gespielt empört auf): Was soll das denn bitteschön heißen?
Gretchen (spielt die Unschuld vom Lande): Och, nichts!

Marc war plötzlich auf das laute Gelächter aus dem Nebenzimmer aufmerksam geworden, das direkt an die Wand mit Gretchens Bett angrenzte. Er schüttelte nur unwirsch mit dem Kopf, stand von seinem Platz auf, lehnte sich noch einmal über das Bettchen seiner zufrieden vor sich hin schmatzenden Babys und fixierte dann noch einmal seine wunderschöne Traumfrau mit seinen entwaffnenden Blicken. Gretchen zuckte nur mit den Schultern und lächelte Marc hingerissen an, bevor er sich umdrehte und die Tür ansteuerte, die er schließlich seufzend hinter sich schloss. Es war echt erstaunlich, zu was man sich als bester Chirurg des Hauses, der Stadt, nein, des ganzen Landes alles überreden ließ, nur weil man gerade neben seinem anspruchsvollen Job ganz neue, spannende und unentdeckte Welten erkundete, dachte Dr. Meier nur und marschierte breit vor sich hin grinsend und den verwunderten Kollegen, die ihm zufällig über den Weg liefen, frech zuzwinkernd den Flur in Richtung seiner Station vor.

Lorelei Offline

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23.04.2018 16:36
#1622 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Liebes Tagebuch,

JUHUUU!!! Trommelwirbel und Konfettiregen! Feuerwerk und Leuchtraketen! Okaaay, das wäre vielleicht zu viel des Guten. Gerade hier im Elisabethkrankenhaus. Ich will ja niemanden erschrecken und euch schon mal gar nicht. Aber ich freu mich nun mal so. Es ist tatsächlich passiert. Marcs und mein größter Traum ist wahr geworden. Ihr seid endlich da, ihr zwei süßen Engelchen. Das Beste von uns beiden. Hach... Bildschön, zuckersüß, noch ganz winzig und eigenwillig hoch zehn und das multipliziert mal zwei. Hihi! Ich kann noch immer kaum in Worte fassen, was mich seit gestern Abend alles bewegt. All die Eindrücke sind so immens und gehen ganz, ganz tief. Die Aufregung kribbelt bis in meine Fingerspitzen. Ein Wunder, dass ich überhaupt den Stift halten kann. Dass das total bescheuert ist, weiß ich, aber ich hab mir immer vorgestellt, dass ich, erfüllt von diesem unfassbar tollen Gefühl, euch endlich bei mir zu haben, ganz besondere Worte für euch finden möchte, die ich euch auf euer Reise ins Leben mit auf den Weg geben möchte. Große Worte. Symbolische Worte. Schrecklich kitschige Worte. Ich weiß, aber ich kann nicht anders.

Aber meine Gedanken fliegen nur so durch meinen Kopf. Unsortiert und chaotisch wie immer, würde euer Papa in seinem unverwechselbaren Charme bestimmt jetzt sagen, mich mit seinen tanzenden Grübchen völlig fuchsig machen und es gleich auch direkt selber unverblümt auf den Punkt bringen, so wie nur er es kann. Denn eigentlich bedarf es nicht vieler Worte. Es steht uns nämlich direkt in die Gesichter geschrieben, die ab sofort und für immer nur noch dauerlächeln werden. Denn ihr seid die Antwort. Wir sind unfassbar verliebt in euch beide. Und ihr sollt immer wissen, dass ihr absolute Wunschkinder seid, die unser gemeinsames Glück, welches manches Mal auf der Waagschale gestanden hat, nur noch perfekter machen, auch wenn uns die Tatsache, dass ihr zu zweit unterwegs seid, im ersten Moment etwas aus dem Konzept gebracht hat. Vor allem euren Papa. Hihi! Aber wenn ihr Näheres dazu erfahren möchtet, dann müsst ihr euch direkt an ihn wenden oder an euren Patenonkel Mehdi, der euch, wenn ihr ihn auf eure unverwechselbare Art aus euren süßen Kulleräuglein intensiv anschaut, so wie mich gerade, und um den kleinen Finger wickelt, garantiert nichts abschlagen kann.

Dass ihr das draufhabt, habt ihr nämlich schon eindrucksvoll gezeigt. Ausnahmslos jeder, der euch heute auf dieser wunderbaren Welt begrüßt hat - und das waren nicht gerade wenige -, ist total verzaubert von euch. Allen voran natürlich eure Großeltern, die jeden Moment hier im Krankenhaus wieder aufschlagen werden. Höchstwahrscheinlich wieder im nervenaufreibenden Doppelpack. Nur diesmal ohne falsche Mutmaßungen. Eure Oma Elke hätte nämlich heute Nacht beinahe einen Herzinfarkt erlitten, als sie Lenny und euch, die drei süßesten Musketiere der Welt, für Drillinge gehalten hat. Hihi! Das war ein Bild, kann ich euch sagen. Vermutlich hat sich euer Papa deshalb so lange verdrückt, dieser Schlawiner. Dabei weiß er doch, dass er sich vor seiner Mutter im EKH nirgendwo verstecken kann. Kleiner Insider. Hihi! Aber ihr werdet schon noch merken, dass ihre Beziehung etwas speziell ist. Aber so ist das wohl mit den eigenen Eltern. Euer Onkel Jochen und ich können da auch das eine oder andere Lied von singen. Und wer weiß, wie ihr uns in ein paar Jahren sehen werdet. Die eine oder andere Peinlichkeit werden wir euch wohl nicht ersparen können. Das liegt in der Natur der Dinge und ich ziehe nun mal gerne Fettnäpfe aller Art an, nicht nur die, die Marc mir in den Weg gestellt hat. Das ist ein Phänomen, für das es noch keine plausible Erklärung gibt. Genauso wenig wie für die bizarre Tatsache, dass die Kleidergrößen in Geschäften irgendwie nie meinem eigenen Körpergefühl entsprechen. Aber ich bin dran. Versprochen! Denn doppeltes Glück bedeutet doppelte Motivation.

Wir versprechen euch, dass wir uns bemühen werden. Kein Meister ist schließlich vom Himmel gefallen. Euer Papa würde zwar das Gegenteil behaupten, denn als begnadeter und unfassbar guter Chirurg hält man sich nun mal für unantastbar, aber es ist so. Wir müssen auch noch viel lernen. Wir haben uns ja gerade erst kennengelernt und müssen in unsere neue Elternrolle erst hineinwachsen. Ich kann nur so viel momentan schon sagen, dass es sich großartig anfühlt. Ich bin voller Energie, diese komplett neue Herausforderung zu meistern, obwohl eure Geburt noch keine vierundzwanzig Stunden zurückliegt und sehr, sehr anstrengend für mich gewesen ist, aber ich bin hochmotiviert, aufgekratzt und vielleicht auch ein bisschen anhänglich. Ich hoffe, das nervt euch nicht zu sehr, dass ich euch ständig anfassen und knuddeln muss. Ihr könnt euch schließlich noch nicht wehren und ich weiß nicht, ob das jetzt positiv ist oder nicht.

Es hört sich vielleicht bescheuert an, aber ich kann nun mal nicht anders. Dieser Impuls ist tief in mir drin. Ich bin schon immer ein sehr sensitiver Mensch gewesen. Das ging eurem Papa anfangs auch tierisch auf den Keks, aber mittlerweile genießt er durchaus die Vorzüge, auch wenn er dies niemals offen zugeben würde. Dazu ist er viel zu sehr Macho und besteht auf seinen Prinzipien, die noch nicht in der Neuzeit angekommen sind. Hihi! Eure Nähe tut uns jedenfalls gut. Mir vor allem. Wir waren schließlich neun Monate lang unzertrennlich miteinander verbunden, ich hab euch gespürt, eure Launen gedeutet, getröstet und beruhigt, hab mit euch gelacht, geflüstert, schief gesungen und Gedanken getauscht. Und ich kann nun mal nur schwer loslassen. Ich warne euch schon einmal vor. Ich neige dazu, schrecklich zu klammern. Mein kleiner Bruder und Marc können euch ein Lied davon singen. Hihi! Aber wenn ich euch beide im Arm halte, dann wird es erst so richtig real für mich. Ihr seid da, schaut uns aus euren unschuldigen kleinen Äuglein an und schenkt mir und eurem Papa von Anfang an ganz selbstverständlich bedingungsloses Vertrauen. Das ist ein unfassbar tolles Gefühl. Überwältigend. Eine große Verantwortung. Wenn nicht sogar die größte, die es gibt, und genau das macht mir auch ein bisschen Angst.

Vermutlich geht es allen frisch gebackenen Eltern so. Selbst Mehdi, der schon allein durch seinen Beruf und seine Erfahrungen eigentlich total souverän wirkt und diese unfassbare Ruhe ausstrahlt, die sich sofort auf einen überträgt, und doch auch nach dem Fahrstuhlzwischenfall ziemlichen Bammel hatte, ob es Gabi und Lenny wirklich gut geht und sie die Strapazen einigermaßen gut überstanden haben. (Haben sie!) Auf der einen Seite sind da die Euphorie und die grenzenlose Freude, auf der anderen Seite die vielen Fragen, die einem zu dem ganzen Gefühlswirrwarr und den Hormonen, die einen schon total kirre machen, durch den Kopf schießen. Sind wir der Aufgabe überhaupt gewachsen? Sind wir wirklich so gut vorbereitet, wie wir es uns in den vergangenen Wochen eingeredet haben? Ist es normal, obwohl man Arzt ist, ein bisschen panisch zu sein? Können wir euch überhaupt gerecht werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.

Oh Gott, angesichts der Tatsache, wie wenig wir eigentlich wissen, müsste man uns sofort und auf der Stelle die Elternlizenz entziehen, wenn es denn eine gäbe. Aber wir werden alles versuchen. Denn wir lieben euch. Über alles. Gerade euer Papa ist hochmotiviert. Er liest euch und mir alle Wünsche von den Lippen ab, wenn seine nicht gerade an meinen kleben, weil er mit seinen völlig außer Kontrolle geratenen Gefühlen gerade nicht wohin weiß. Vorhin ist er extra in meine Lieblingsbäckerei marschiert, weil im EKH die Frühstückszeit schon vorbei war und es keine Schokocroissants mehr gab. Und er hat mir sogar einen Kakao mitgebracht. Mit seinen eigenen Händen zubereitet und mit Sahnehaube und Schokosplittern verziert. Süß, nicht? Das ist überhaupt nicht selbstverständlich für einen gestandenen Oberarzt wie ihn, der immer gerne andere herumscheucht und seinen Platz auf dem Thron gnadenlos zu seinem Vorteil ausnutzt. Einmal Chirurg, immer Chirurg. So lautet das von ihm geschriebene Gesetz. Hihi!

Ich liebe ihn gerade für diese kleinen Gesten, die er unbewusst macht und denen er keine große Bedeutung schenkt. Ich schon, weil sie mir zeigen, wie viel ich ihm bedeute. Und ich kann mich gar nicht daran sattsehen, wie er vom ersten Moment an mit euch beiden umgeht. Er ist der geborene Papa. Geradezu prädestiniert für diese Rolle. Liebevoll, sanft, aufmerksam. Obwohl er sich selbst vermutlich nach den einen oder anderen Startschwierigkeiten noch nicht so sieht. Marc wirkt zwar noch etwas unbeholfen, aber sehr bemüht. Ein bisschen zu sehr vielleicht. Wenn er euch zum Beispiel ungestüm in die Luft wirbelt und mir die Luft wegbleibt. Oder wie vorhin während der Visite, als er natürlich sofort das Zepter übernehmen wollte, was ihm seiner Meinung nach nämlich zustehen würde. Schließlich sei er der Obermuffti hier im Haus. Das war wieder so typisch Dr. Meier, der keine anderen Götter neben sich duldet. Nicht einmal in Fachgebieten, die er gar nicht als solche wertet. Aber meine behandelnde Ärztin, Frau Dr. Kate Marple, hat im Zusammenspiel mit meiner lieben Hebamme Barbara Blume sehr charmant gekontert. Sie konnten ihn schließlich in den letzten Wochen ganz genau studieren, um einschätzen zu können, wie man mit Erstvätern, die noch dazu Chirurgen sind, geschickt umgeht. Ob das vor einunddreißig Jahren bei meinem Papa auch so war? Hm... Ich könnte es mir vorstellen. Vielleicht frag ich ihn und Mama nachher mal. Hihi! Marc war jedenfalls schnell wieder sehr kleinlaut und hat dann brav mit grimmiger Schmollmiene nur noch aus der Ferne beobachtet, als hätte er wie so oft damals in der Schule extra nachsitzen müssen. Hihi! Das war ein Spaß kann ich euch sagen.

Auch für den Fall, dass ich mich wiederhole und euch damit schrecklich langweile, aber ich bin nun mal total und rettungslos in diesen Spinner verknallt. Da kann er machen, was er will und sich aufführen wie ein Elefant im Porzellanladen. Das war immer schon so und wird auch immer so bleiben. Er ist mein Yang und ich bin sein Yin, oder so ähnlich. Da muss ich eure Tante Sabine noch mal fragen. Die kennt sich mit kosmischen Gesetzen schließlich am allerbesten aus. Sie hat mir vorhin gesimst, dass sie gerade fleißig dabei ist, euer Geburtshoroskop zu erstellen. Ihr seid wohl unter einer sehr besonderen und einzigartigen Konstellation geboren, behauptet sie und ich glaube ihr jedes Wort. Ich hab die Sternschnuppen schließlich mit eigenen Augen gesehen, als es dann doch plötzlich sehr schnell losging. Gut, es war eigentlich ein Feuerwerk, aber das zählt auch. Und es ist schön zu wissen, dass da jemand ist, der über euch wacht und euch ganz viel Glück und Liebe mit auf den Weg gibt. Sabine und Mehdi sind die Richtigen, das weiß ich, und Marc auch, auch wenn er sich noch ein bisschen ziert. Ihr könnt immer zu eurer Patentante und eurem Patenonkel gehen. Ich hoffe, das wisst ihr? Sie sind unsere besten Freunde und Vertraute und das sollen sie auch für euch sein.

Hach... Ich könnte die ganze Zeit nur vor mich hin träumen, euch anschmachten und schwärmen, wenn nicht ständig die Tür auf- und wieder zugehen würde. Die Kollegen sind echt eine Wucht. Gefühlt war, glaube ich, fast schon jeder bei euch, um euch zu bestaunen und uns die besten Glückwünsche zu übermitteln. Vielleicht liegt das auch daran, dass die eine oder andere, die heimlich für euren Papa geschwärmt hat (er war, ist, sehr beliebt bei den Kolleginnen, müsst ihr wissen, aber in einer Art und Weise, die wenig mit seinem großartigen Talent im OP zu tun hat; das trifft dann eher auf die männlichen Assistenzärzte zu, die ihn zwar bewundern, aber vor allem auch fürchten), es sonst nicht anders würde glauben können. Hihi! Marc ist zwar tierisch genervt und behält das auch nicht für sich, aber ich finde es schön. Wisst ihr, hier im Krankenhaus eures Großvaters herrscht eine ganz besondere familiäre Atmosphäre, die ihr auch unbedingt mitbekommen sollt und die sogar den härtesten Dickschädel knacken kann und damit meine ich nicht explizit euren Papa. Der ist nämlich super. Ich meine eure Tante Maria, die uns vorhin zusammen mit ihren Mädchen einen Überraschungsbesuch abgestattet hat. Sehr zum Leidwesen von Marc, aber dazu gleich mehr.

Wenn ich daran denke, wie schwer wir es uns damals gemacht haben, als wir uns vor und neben dem OP kennengelernt haben, dann kommt einen das Welten entfernt vor. Sie war echt eine harte Nuss, die ich knacken musste. Dabei hab ich sie immer echt bewundert. Für ihr Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in unserem männerdominierten Beruf behauptet und quasi ihren Mann steht. Hihi! Sie hat es nämlich nicht so mit Frauenfreundschaften, müsst ihr wissen, aber dafür sind wir momentan echt dicke miteinander. Ich habe ihr beigestanden, als ihre kleine Tochter Sophie vor drei Wochen geboren worden ist. Und jetzt steht sie mir bei. Im weitesten Sinne des Wortes. Ich glaube, sie wollte auch nur mal schauen, wie Marc sich so als Papa anstellt. Die zwei sind echt zwei Typen. Die können gar nicht ohne Wettbewerb und Kompetenzgerangel. Und ich will mal nicht wissen, was es für ein Getue gegeben hätte, wenn sie Cedric auch noch mitgebracht hätte. Aber den hat sie wohl zu irgendwelchen hausfraulichen Sklavendiensten verdonnert und als Marc das gehört hat, war er gar nicht mehr so unbegeistert, dass seine sehr geschätzte Kollegin, Frau Dr. Hassmann, uns mit ihren Mini-Mes die Aufwartung gemacht hat.

Naja, zumindest solange, bis Sarahmausi ihn in ihrer gewohnt wissbegierigen Art mit einer Reihe von Fragen bombardiert hat, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes seine Fähigkeit zu neunmalklugen Antworten geraubt hat. Plötzlich war Dr. med. Marc Olivier Meier, die größte chirurgische Koryphäe Berlins, nein, ganz Deutschlands, nur noch ein Karpfen, der hastig nach Luft geschnappt hat. Ich fand das total süß, ihr auch und Maria war natürlich hochamüsiert. Ihr hättet sie sehen müssen, wie sie sich mit über dem Babytragetuch verschränkten Armen an die Fensterbank gelehnt und ihren von ihren Assistenzärzten gefürchteten fordernden Blick aufgesetzt hat. Eigentlich läuft Marc ja immer zu Höchstform auf, wenn er gefordert wird, aber diesmal waren die Weichen doch etwas anders gestellt. Bis dahin haben wir nämlich alle noch gedacht, die süße Maus hätte begriffen, was es mit Zwillingen auf sich hat. Aber als Sarah dann auf Zehenspitzen neugierig in euer Bettchen geguckt hat und wir ihr eure Namen verraten haben, da hat sie dann doch ziemlich unschlüssig aus der Wäsche geschaut. Sie konnte einfach nicht begreifen, dass ihr zu zweit seid und dann auch noch ein Junge und ein Mädchen. Die einzigen Zwillinge, die sie kannte, waren die aus der Apothekenwerbung und die glichen sich doch immer wie ein Ei dem anderen. Maria konnte natürlich nicht widerstehen, ihren sonst immer sehr kompetenten Kollegen zu triezen, dieses komplizierte medizinische Phänomen doch genauer zu erklären, aber Marc war einfach nur platt. Auch keine Wunder. Ich hab vollstes Verständnis für ihn gehabt. Eure Geburt lag ja auch erst ein paar Stunden zurück. Er hatte doch noch gar nicht angefangen, das überhaupt erst richtig zu verarbeiten.

Mein Marcischnuckiputzi kam nicht einmal dazu, seinen fiesen Ameisenblick aufzusetzen, um Maria zu entwaffnen. Denn in dem Moment sprang unsere fröhliche Zuckermaus Lilly über die Türschwelle. Schwer bepackt mit einem riesigen Picknickkorb, gefüllt mit äußerst lecker duftenden Kuchenstücken, die ihre Oma mitgebracht hatte und die sie unbedingt mit uns teilen wollte. Gott, die süße Maus ist echt ein Goldengel. Lenny wird bestimmt auch einmal so einer. Hach... Ich liebe sie. Jedenfalls gab es kein Halten mehr, als Sarah Hassmann ihre beste Freundin entdeckt hat. Es wurde umarmt und geknuddelt, viel gequiekt, ermahnt und herumgehüpft. Natürlich wurde auch der Kuchen verteilt. Ich muss wohl nicht erwähnen, in welch rasender Geschwindigkeit ich meinen Teller leer geputzt habe. Aber Entschuldigung, ich war nun mal schwer unterzuckert und ich brauche doch meine Energie. Nicht nur für euch. Hihi! Tja, und dann stand Lilly staunend neben Sarah vor euerem Bettchen, fasste sich mit Tränen in den Augen an ihr wild pochendes Herz und schmiss sich erst in meine, dann in Marcs Arme und ließ den bedröppelten Kerl nicht mehr los, der sich heute nicht zum ersten Mal ziemlich überrumpelt gefühlt haben muss. Die Zwei sind aber auch ein Herz und eine Seele.

Marcs Unbeholfenheit verpuffte aber, als sich sein kleines Verständnisproblem mit Lillys Auftauchen plötzlich in Wohlgefallen auflöste. Mehdis Tochter übernahm nämlich ganz selbstverständlich seinen Job. Ganz, ganz süß und auf ihre Weise erklärte die bald Zehnjährige ihrer besten Freundin die Besonderheit unserer Zwillinge und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es jetzt auch verstanden hat. Und dann standen zwei staunende Mädchen vor eurem Bett und kamen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Ihr wart aber auch sehr brav und habt euch von eurer besten Seite gezeigt. Das hat auch eure Tante Maria schwer beeindruckt, die sich gleichzeitig um zwei weinende Kleinkinder kümmern musste, was dann auch Marc wieder zusätzlich nervös gemacht hat. Zwei Kinder sind schon ein Abenteuer, aber gleich ein ganzes Zimmer voll. Ich hatte echt Angst, dass er jetzt ausflippen würde, aber er hat sich zusammengerissen. Für mich. Für euch. Und er folgte sogar brav Sarahs spontanem Vorschlag, Miss Sophie doch zu euch beiden ins Bettchen zu legen. Vermutlich hatte er noch das Bild im Kopf, als vergangene Nacht Lenny Kaan kurz bei euch geschlafen und für Verwirrung, zumindest bei euren Großeltern, gestiftet hat.

Und tatsächlich, kaum lagt ihr drei nebeneinander, war Ruhe im Karton. Sarah hielt ihr Halbgeschwisterchen Sissi soweit hoch, wie sie konnte, damit sie auch in euer Bett schauen konnte und schon war auch sie völlig von euch eingenommen und hielt ihre süße Schmollschnute. Die Gelegenheit für Maria, auch einmal kurz zu verschnaufen. Drei quirlige Mädchen auf einmal konnten auch die taffeste Neurochirurgin mürbe machen. Tja, selbst Schuld, wenn man den eigenen Freund zu Strafarbeiten verdonnerte, nur um ihm, warum auch immer, eine Lektion zu erteilen. Also manchmal verstehe ich Maria und Cedric wirklich nicht. Wie die beiden sich ihr Leben unnötig immer und immer wieder so schwer machen können, wenn es doch im Grunde ganz einfach ist, glücklich zu sein. Man muss ihre Mädchen doch nur anschauen und man kommt aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus. Aber im Augenwinkel hab ich gesehen, wie Marias Mundwinkel verdächtig gezuckt haben. Das war eindeutig ein Lächeln. Ich glaube, sie weiß sehr wohl, was sie an ihrer Familie hat. Hätte sie sonst trotz des nervenaufreibenden Hin und Hers der vergangenen Monate so schnell Nägel mit Köpfen gemacht und wäre mit Sack und Pack in das neue Haus gezogen? Hach... ich freue mich einfach mit ihnen mit. Ich habe gerade so viel positive Energie in mir. Die muss ich einfach teilen. Das war dann der Punkt, an dem es meiner Mentorin doch zu viel wurde. Sie schnappte sich ihre jüngsten Mädels, während Lilly Sarah mit zu ihrem kleinen Bruder nach nebenan mitnahm, und ließ sich für einen kurzen Moment entschuldigen. Ich glaube, aus der Frau werde ich nie so wirklich schlau werden. Ich mag sie trotzdem. Sehr sogar.

Euer Papa war auf jeden Fall sehr, sehr erleichtert darüber, uns wieder alleine für sich zu haben. Er hat den Besuchersessel zu euch ans Fenster geschoben, hat euch aus eurem Bettchen gehoben und jeweils links und rechts einen von euch auf seine Brust gelegt und zufrieden mit der Welt die Augen geschlossen. Für mich war das das beste Bild des Tages. Ich weiß nicht, ob er es gemerkt hat, denn er schien während eures Kangarooing tatsächlich sofort weggedöst zu sein, aber ich konnte nicht anders und hab mein Handy gezückt, um diesen besonderen Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Wenn ich dann herausgefunden habe, wie man Handyfotos ausdrucken kann und was man alles dafür anstellen muss, bekommt es auf jeden Fall hier im Tagebuch einen Ehrenplatz. Damit auch ihr, wenn ihr älter seid, sehen könnt, was ich gerade genießen darf. Euch und euren Papa. Hach... Die perfekte Harmonie. Meine kleine Familie. Mein wahr gewordener Traum.



Die in ihr mit rotem Samt eingebundenes Tagebuch vertriefte Stationsärztin begleitete ihren letzten Eintrag mit einem leisen wohlklingenden Seufzen, das jedoch nicht ungehört blieb. Plötzlich regte sich etwas sehr verdächtig in dem gemütlichen Lümmelsessel neben ihrem Bett und sie schaute ertappt auf, kam aber nicht umhin, den verschlafen dreinblickenden Neudaddy mit dem zerzausten Haar verliebt anzulächeln, der sich gerade einmal kurz gestreckt hatte, bevor er erneut intensiv mit seiner Zwergenbande kuschelte und sich anschließend mit ihnen im Arm von seinem gemütlichen Platz erhob, um einen Platz weiterzuwandern.

Marc: Sag mal, Haasenzahn, hast du heute nichts Besseres zu tun, als schon wieder in deinem ollen Tagebuch herumzukritzeln?
Gretchen (grinst mit der Sonne um die Wette): Im Moment? Hm...? Nein! Außerdem ist das kein Tagebucheintrag.
Marc (kratzt sich verwirrt an der Stirn, nachdem er sich mit den Kids auf die Bettkante gesetzt hat, um neugierig in das aufgeschlagene Büchlein zu linsen, das Gretchen unverdeckt auf ihrem Schoß hält): Was denn dann? Du hast mit „Liebes Tagebuch“ eingeleitet.

Upps! Doppel-Upps!

Erschrocken über die plötzliche Nähe, die sie sich nicht erklären konnte, blickte Gretchen von dem edlen Papier auf, das sie gerade unbedacht mit kleinen Herzchen verziert hatte. Wann hatte sich Marc denn mit den Kindern neben sie gesetzt, fragte sie sich verwirrt und blickte ihren charmant grinsenden Herzprinzen mit großen blauen Augen staunend an, der sich entspannt im Bett zurückgelehnt hatte und den schlafenden Zwillingen in seinen Armen liebevoll über den Rücken tätschelte. Die Grübchen um seine Mundwinkel fingen schon wieder an, schelmisch zu tanzen, als seine Liebste nicht gleich gretchenlike auf seine Tatsachenfeststellung konterte.

Marc: Erde an Haasenzahn! Huhu? Ist deine Aufmerksamkeitsspanne wirklich so kurz, weil zum hier drin sinnlos Herumkritzeln hat es ja auch gereicht?
Gretchen (fängt sich wieder u. schlägt das in einen roten Hartband gebundene Buch prompt mit theatralischer Geste zu): Marc! Mach dich bitte nicht lustig! Ich schreibe nicht für mich. Ich schreibe für sie.
Marc (folgt Gretchens zärtlichem Blick, der auf den schlafenden Kindern ruht): Ach?
Gretchen (wird sogar ein bisschen rot, als sie sich ihm umständlich erklärt): Ja, so eine Art Album. Eine Dokumentation. Ein Vermächtnis, gefüllt mit Gedanken und Ereignisse, die sie betrifft, bis sie irgendwann soweit sind, um es selber fortzuführen, also, nur wenn sie möchten.
Marc (scheint durchaus beeindruckt zu sein, kann aber nicht widerstehen, sie dafür ein bisschen zu necken): Haasenzahn? Ich glaube nicht, dass in elf, zwölf, dreizehn Jahren noch irgendwer einen Stift benutzen wird, um irgendwas aufzupinseln. Wir leben dann in einer vollkommen technologisierten und digitalisierten Welt.

Puff! Und schon ist der romantische Gedanke dahin. Danke Marc!

Gretchen (sieht das ein bisschen anders): Na und, und wenn schon. Dafür haben Marlene und Marlon dann ein ganz besonderes Schriftstück, das nicht jeder hat. Ein Tagebuch, das ihre wichtigsten Momente festgehalten hat. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass Handschriftliches nie aussterben wird. Das ist Teil unserer Kultur. Das ist wichtig.
Marc (schmunzelt): Oha, doch ein Tagebuch!
Gretchen (rollt erschöpft mit den Augen): Na gut, ja, du hast mich erwischt. Aber ich hab so viel im Kopf. Das musste einfach raus. Das hat mich total fuchsig gemacht.
Marc (lächelt u. ist sichtlich hingerissen von seiner zauberhaften Freundin): Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich find’s süß.
Gretchen (erwidert zaghaft sein ehrliches Lächeln): Ehrlich?
Marc (nickt u. stibitzt seiner Freundin in einem unbeobachteten Moment, in dem sie sich gerade ihren Babys zuwendet, das Tagebuch): Zeig mal her, das Zeitdokument der Zwillinge! Ich hoffe, du hast nicht alle Seiten voller hochphilosophischer Lebensweisheiten zugetextet. Obwohl, ich kenn dich besser.
Gretchen (will es ihm wieder entreißen, aber er hält es hoch, sodass sie nicht herankommt): Marc, nicht, das ist privat, bitte!
Marc (tut ihr den Gefallen nicht, obwohl ihr süßer Schmollmund anbetungswürdig ist u. zum Küssen einlädt): So privat wie die Tagebücher, die du mir aus freien Stücken zum Lesen angeboten hast?
Gretchen (gibt auf u. lehnt sich auf die Seite, um ihren Kindern ganz nah zu sein): Das war symbolisch gedacht.
Marc (grinst spitzbübisch u. wackelt mit dem Buch in seiner Hand): Und das hier ist nicht symbolisch, oder was?
Gretchen (seufzt geschlagen u. lehnt sich mit ihren Zwillingen im Arm an das Kopfende des Bettes): Doch, natürlich.
Marc (macht es sich ebenfalls im Bett bequem, winkelt seine Knie an u. nutzt sie als Unterlage für das kleine A5-Büchlein): Gut, dann gib mir mal deinen bescheuerten Puschelstift!
Gretchen (reißt erstaunt ihre Augen auf): Was hast du vor?

Er wird doch nicht etwa...? Menno, ich hab mir das so schön ausgedacht und er trampelt es gleich wieder kaputt. Wie kann er nur? Er weiß doch ganz genau, wie viel mir das bedeutet.

Marc (gibt sich nicht die Blöße u. schlägt das Tagebuch auf, als sei dies das Normalste der Welt): Wonach sieht es denn aus? Wenn du uns schon heimlich fotografierst und damit sämtliche Privatsphäreneinstellungen missachtest, dann darf ich auch meinen Senf hier reintexten. Dazu ist es doch da, oder?
Gretchen (ist ehrlich baff u. auch ein bisschen panisch): Marc, aber nichts Schweinisches und...
Marc (schaut verschmitzt zu ihr rüber u. ergötzt sich an ihrem empörten Gesichtsausdruck): Haasenzahn, was denkst du eigentlich von mir, hm? Dass ich den Zwergen nur Unsinn beibringen werde?
Gretchen (funkelt ihn vieldeutig an): Zum Beispiel.
Marc: Na dann... Erwartungen müssen erfüllt werden.

...lachte Marc nur und ließ den Konter, der ihm auf den Lippen gelegen hatte, um sich zu verteidigen, fallen. Er schnappte sich stattdessen den mit Plüsch und rosa Federn verzierten Kuli, musterte diesen noch einmal skeptisch, stellte die Minenfarbe auf Männerfreundlich ein und fing dann, ohne lange überlegen zu müssen, sehr zu Gretchens Erstaunen an zu schreiben.


Hey, Lenchen und Marlon,
das, was ihr hier in zig Jahren zu lesen bekommt, wenn sich dieses Tagebuch nicht schon von selbst bis dahin zerstört hat, ist von zeitgenössischer Bedeutung. Zumindest in den Augen eurer gutgläubigen Mama, die diese Tradition hier, alles, aber auch wirklich alles, was ihr passiert und ihr wichtig ist, bis zum Brechen gepflegt hat, seitdem sie mir vor nunmehr unfassbaren einundzwanzig Jahren auf dem Spieler einen stinkenden Schokoriegel spendiert hat, weil’s mir damals nicht so besonders gut ging. Sie hat echt Antennen für so was. Vermutlich ist sie auch deshalb Ärztin geworden. Ich hab mich nie wirklich revanchiert, fällt mir gerade ein. Obwohl, doch hab ich. Heute. Nur war es diesmal kein Schokoriegel, sondern ein halbes Duzend Schokocroissants, die sie dann extra noch in ihren Kakao getunkt hat, warum auch immer. Mehr Schoki geht offenbar immer. Und mehr Kuchen sowieso. Davon zeugen gerade die Krümel an ihrem hübschen Mund, den ich nur allzu gerne küssen möchte. Mhm... Wo war ich? Ach ja. Äh... War ein bisschen abgelenkt. Solange genügend Schokolade dran ist, zählt das auf jeden Fall. Also liefere ich euch hiermit den willkommenen Vorwand, die perfekteste aller Ausreden, um eurer Mama eine gigantomanisch große Freude zu machen. Falls ihr mal eine Taschengelderhöhung wollt oder irgendwas ausgefressen habt, das sich zu beichten lohnt. Lange Rede, kurzer Sinn, ich hab’s eigentlich nicht so mit dem Texten. Ich bin Chirurg und ich bevorzuge lieber, zu handeln. Hat man mehr von. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Resultat einer dieser Handlungen liegt nämlich gerade sabbernd und schmatzend auf meiner Brust und saut mir gerade das dritte, oder ist es schon das vierte, OP-Hemd zu. Ich hab irgendwann aufgehört mitzuzählen. Aber die Reinigung ziehe ich euch vom Taschengeld ab. Ist das jetzt fies oder schon Erziehung? Keine Ahnung. Ich bin erst neu in diesem Geschäft. Eins sollte euch jedenfalls gewiss sein, eure Mama und ich sind abgöttisch verrückt nach euch, seitdem ihr gestern Abend zu später Stunde zum ersten Mal eure kleinen Glubscher aufgemacht und auf uns gerichtet habt. Ihr habt echt eine hypnotische Anziehungskraft. Das muss man euch lassen. Aber ich find’s klasse. Und Haasenzahn ist eh nicht mehr von der Wolke da oben runterzukriegen. Ich sollte vermutlich das halbe Krankenhaus mit Watte auslegen lassen, damit sie sanft wieder landet, wenn sie irgendwann, tollpatschig wie sie nun mal ist, von selber da wieder runterpurzelt. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit nur peinlich vor uns hingrinsen und über jeden Pups von euch schwärmen. Wir sollten realistisch bleiben. Denn ihr stellt uns vor große Herausforderungen. Trotz alledem werden wir sicherlich Fehler machen. Also drückt bitte das eine oder andere Auge zu. Die potentielle Fettnäpfchengefahr ist nämlich riesig. Ihr hättet eure Mama mal während der Schulzeit erleben sollen. Das ist aber eine andere Geschichte, die ich euch vielleicht bei Gelegenheit zum Besten geben werde. Noch ist eure Gedächtnisleistung ja noch im Aufbau und daher eher grenzwertig. Hähä! Aber das solltet ihr wissen, wir lieben euch und werden euch immer lieben, selbst wenn wir euch nicht alles durchgehen lassen werden. Also überlegt euch bitte zweimal, ob ihr mich noch einmal voll kotzen wollt so wie heute Morgen oder eure Mama anheult, obwohl sie gar nichts gemacht hat. Sie ist schrecklich sensibel und am Ende kriegt der arme Onkel Doktor wieder die Auswirkungen ab. Die letzten neun Monate waren nämlich echt anstrengend, müsst ihr wissen, und doch auch wahnsinnig schön und spannend. Gretchens Bauch wachsen zu sehen und euch jetzt kennenlernen zu dürfen, ist das Beste, was mir je passiert ist. Und bevor ich jetzt noch sentimental werde, was überhaupt nicht meine Art ist, dafür ist eure Mama zuständig oder euer Patenonkel Mehdi, mach ich an der Stelle erst einmal Schluss.
Joah, das war’s erstmal. Mein erster (und vermutlich auch letzter) Beitrag zum... Was auch immer. In der Kürze liegt bekanntlich die Würze, nicht? Und hier unten auf der Seite soll noch genügend Platz für euer erstes Selfie bleiben, das ich gleich noch von euch und eurer Mama, die mir gerade ziemlich skeptisch über die Schulter guckt, schießen werde. Die Frau ist aber auch echt zum Schießen. Wahnsinn!

Euer ziemlich verknallter Dad.
(Aber psst, nicht weiter verraten! Diese Nachricht zerstört sich nämlich sonst von selbst.)



Zufrieden legte Marc den hässlichen Stift in die Mitte des Tagebuches, klappte dieses wieder zu, legte es aufs Nachtschränkchen und lehnte sich anschließend entspannt im Patientenbett zurück, während Gretchen nicht aufhören konnte, ihren Herzprinzen verzückt von der Seite anzuschmachten. Das war mit Abstand das Süßeste, was er je gemacht hatte. Neben der Wiederholung ihrer stürmischen Umarmung auf der Promenade auf Rügen vor einem Jahr. Und jeder Menge heimlicher Knutschereien überall in diesem wundervollen Krankenhaus.

Gretchen: Das war jetzt fast poetisch.
Marc (grient zufrieden vor sich hin u. will nach seinem Smartphone greifen): Siehste! Du solltest mich nie unterschätzen und herausfordern schon mal gar nicht. Du weißt schon, was du davon hast. So und jetzt bist du dran, Fräulein. Ich hab doch gleich den Termin mit deinem Dad wegen der Planung meiner Abwesenheit in den nächsten Wochen. Aber vorher müssen wir noch das blöde Foto schießen. Wenn du schon alles, aber auch wirklich alles dokumentiert haben willst, das sich eh schon in den Langzeitspeicher eingebrannt hat.
Gretchen (grient völlig verzückt u. bringt sich mit den Zwillingen in Pose): Das ist kein blödes Foto, Marc. Das ist der ultimative Beweis für unser neues Leben als Familie und ich freu mich wahnsinnig drauf.
Marc (grinst u. tippt mit flinken Fingern auf seinem Smartphone herum, um die richtigen Einstellungen festzulegen): Ach?
Gretchen (kuschelt sich mit den Zwergen in ihrer Mitte an seine Seite u. himmelt ihn an): Zeigst du mir dann auch, wie man die Bilder ausdruckt?
Marc: Vielleicht. Wenn du mir schwörst, dass es beim Ausdrucken bleibt und du dich nicht zu einer dieser schrecklichen Mütter entwickelst, die jeden Furz ihrer Kinder bildtechnisch auf Spacebook und Instadingens posten muss.

...zwinkerte Marc Gretchen mit wackelnden Augenbrauen verschwörerisch zu, rückte dann ganz dicht an ihre Seite, legte seine freie Hand um ihre Schulter und guckte dabei verliebt auf die beiden noch immer schlummernden Babys in ihren Armen herab und drückte nach kurzem Zögern schließlich auf den Auslöser.

Lorelei Offline

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10.05.2018 09:41
#1623 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Hey! Da bist du also? Alles okay bei dir?“, wurde der nachdenkliche und immer noch in attraktives OP-Blau gekleidete Chirurg, der gerade über die mit bunten Sommerblumen bepflanzten Blumenkästen geschmückte Balustrade gelehnt sein Gesicht in die hoch stehende Spätsommersonne gestreckt hielt, wenig später am frühen Nachmittag auf die gewohnt nervig fröhliche Art unerwartet von der Seite angequatscht. Dr. Meier musste zwei Mal gegen die Reflexionen der Sonnenstrahlen an der Glasfassade der Krankenhauscafeteria anblinzeln, bis er den stattlichen Weißkittelträger genauer in Augenschein nehmen konnte, der plötzlich wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht war und ihm nun mit hochgezogenen Mundwinkeln seine blitzblanken Beißerchen übertrieben fidel entgegenhielt. Er konnte gar nicht anders, als in das ansteckende Dauergrinsen seines besten Kumpels mit einzusteigen, obwohl er es sich sonst eigentlich noch nie hatte verkneifen können, sich in aller Ausführlichkeit darüber lustig zu machen, dass er seine offensichtlichen Hormonschwankungen nicht so nervig mädchenhaft zur Schau tragen solle. Echte Männer müssten schließlich geheimnisvoll und unnahbar bleiben, wenn sie auch nachhaltig bei der weiblichen Spezies Erfolg haben wollten.

Aber Mehdi Kaan war dahingehend schon immer ein hoffnungsloser Fall gewesen. Unbelehrbar, naiv, dumm. Das war bei seiner Jugendfreundin Gundis so gewesen, die ihn während des Grundstudiums für Ökoterroristen sitzengelassen hatte, was den obdachlos gewordenen Medizinstudenten Marc Meier übrigens ein hässliches WG-Zimmer bei seinem zukünftigen Bro eingebracht hatte. Bei der hübschen Anna sowieso und was das mit der Hassmann gewesen sein sollte, das war mittlerweile auch verdrängte Geschichte. Von Gretchen mal ganz zu schweigen, die Marc wissendlich in seiner gedanklichen Aufzählung ganz weit ausgeklammert hatte, denn da war ja im Grunde eh nie wirklich was gewesen. Zwei Wochen peinlich herumzuturteln, plus über ein Jahr schrecklichste Liebenspein zählten nicht. Eigentlich müsste man Gabi sogar dankbar dafür sein, dass sie sich des armen Tors angenommen hatte, wenn es nicht schon bizarr genug gewesen wäre, dass Mehdi ausgerechnet mit der Zicke vom Dienst, die Marc den größten Ärger seines Lebens eingebrockt hatte, noch mal einen Familienversuch gestartet hatte, der ziemlich geglückt zu sein schien. Dank des kleinen Lennyleins, den auch Marc längst in sein Herz geschlossen hatte. Nicht nur weil er Mehdis und Gabis Mini-Me zuerst mit dieser verrückten Welt hier draußen bekannt gemacht hatte, die hier im EKH, wie ihn gerade auch die Erfahrungen des heutigen Tages gelehrt hatten, noch um einiges verrückter war.

Sie waren schon zwei völlig verknallte Dorfdeppen, sie beide, schoss es Marc spontan in den Sinn, während er an die drei Gründe für ihre gemeinsame Albernheit dachte, die sie heute und vermutlich auch für den Rest ihres Lebens an den Tag legen würden, und schüttelte seinen Kopf, der prallgefüllt mit Informationen und Gedanken aller Art förmlich zu glühen drohte, wenn der laue Lufthauch hier oben auf dem Dach des siebten Stockwerks des Elisabethkrankenhauses ihn nicht immer wieder angenehm herunterkühlen würde. Instinktiv schloss Dr. Meier erneut seine Augen und ließ den Wind genießerisch durch sein schon verwuscheltes Haar streifen, das ihm heute einen ganz besonders jugendlichen Ausdruck verlieh. Einen kurzen Moment noch verweilte er in dieser entspannten und unbeweglichen Die-Welt-ist-eine-Insel-Haltung, die er am liebsten mit einer wohltuenden Zigarette begleitet hätte, so wie er es früher immer gerne getan hatte, um seine Gedanken zu sortieren und sonderbare Sentimentalitäten bezüglich einer ganz bestimmten nervigen Dame loszuwerden, die immer das letzte Wort haben musste, tja, wenn er den Glimmstängeln nicht schon längst entsagt hätte.

Doch noch während sich Dr. Kaan in derselben lässigen Pose direkt neben seinen besten Freund an das Geländer lehnte und genügsam in Richtung See schaute, wo er einige Segelboote und Paddler im Glitzerschein der Sonne beobachten konnte, gingen plötzlich die jungen Pferde mit dem frisch gebackenen Neudaddy durch, der eigentlich längst wieder ganz woanders hätte sein sollen. Deshalb guckte er Mehdi auch mit einem Mal ziemlich unwirsch von der Seite an. Sämtliche Alarmsignale waren nämlich unkoordiniert wieder angesprungen, als auch die letzte Synapse in seinem durchgepusteten Hirn erfasst hatte, dass ausgerechnet der sympathische Gynäkologe, dem die Frauen Berlins, und eine ganz besonders, vertrauten, unverhofft neben ihm aufgekreuzt war. Der sonst so souveräne und coole Oberarzt verlor deswegen ein bisschen seine Kontenance. Sehr zum Amüsement seines irritierten Kollegenkumpels, der sprachlos dabei zuschauen durfte, wie Marc sich unvermittelt aufplusterte und mit einem Mal drei Köpfe größer erschien, und sich schließlich seinen Teil dazu dachte.

Marc (seine Stimme überschlägt sich fast): Ist was? Ist was mit Gretchen und den Zwergen?
Mehdi (kurz überrascht u. irritiert von Marcs Überreaktion lächelt er ihn schließlich gewohnt beruhigend an): Nein, alles in Ordnung, Marc. Du kannst deine Batterien wieder runterfahren. Das ist besser für dich, mich und alle anderen hier im Haus, denke ich.
Marc (funkelt ihn für den Spruch eingeschnappt an): Ey, sag mal!
Mehdi (schmunzelt über seinen gelungenen Scherz u. kommt dann schnell wieder zur nötigen Ernsthaftigkeit zurück, da man einen Marc in diesem Zustand nicht unnötig provozieren sollte): Sie sind in guter Gesellschaft und bestens aufgehoben. Deine Eltern und Gretchens Mutter sind gerade unten eingetroffen, da wollte ich nicht unbedingt stören und sie meinten, du wärst mit dem Professor in dein Büro gegangen, aber da war keiner, als ich gerade spontan bei dir vorbeischauen wollte.
Marc (die angespannten Schultern sinken wieder in Normalhaltung u. er lehnt sich seufzend wieder gegen das Geländer): Du wolltest zu mir? Ach so, ja, äh... Wir haben unsere Angelegenheiten schon geklärt. Die Übergabe ging schneller, als ich dachte. Mal abgesehen von dem überschwänglichen Getue wegen der... du weißt schon. Franz ist ein bisschen drüber, aber er liest sich nachher in meine aktuellen Patientenfälle ein und übernimmt sie dann ab morgen zusammen mit dem Rössel. Bis dahin bleibt er erst einmal auf Bereitschaft. Er will nicht extra jemanden für meine Vertretung einstellen, wenn man es nicht gleich auch selber übernehmen kann. Da ist er wie ich und ich bin ja eh nicht zu ersetzen.
Mehdi (grient schelmisch, weil Marcs Selbstbewusstsein mal wieder überzuschäumen droht): Klar!
Marc (grinst sichtlich vergnügt mit ihm mit): Ich glaube, er hat richtig Bock drauf, mal wieder so richtig aktiv mitzumischen und den Papierkrieg einfach Papierkrieg sein zu lassen. Der hatte vorhin einen Blick drauf, kann ich dir sagen, da läuft es dir eiskalt den Rücken runter. So richtig diabolisch, gepaart mit diebischer Vorfreude. Den kenn ich noch von früher. Ich glaube, die Assis werden morgen früh ziemlich dämlich aus der Wäsche schauen, wenn sie bei der Visite auf ihn prallen werden. Er will sie gleich allesamt anhand meiner Fälle testen. Damit er weiß, woran er an ihnen ist.
Mehdi (kann sich die Situation direkt bildlich vorstellen): Daran hättest du vermutlich auch reichlich Spaß.
Marc (strahlt vom Scheitel bis zur Sohle diebische Freude aus): Jep! Wem sagst du das? Vielleicht lauf ich auch die eine Runde noch mal mit. Ich bin ja eh den ganzen Tag hier, solange du deinen Dietrich nicht unter Gretchens Entlassungspapiere gebatikt hast. Nur so aus Spaß. Er nimmt mir damit echt einiges ab und erspart mir die nervige Vorauswahl, wen wir zuerst wegen Unfähigkeit aus dem Programm rauskicken werden. Meiner Meinung nach, ja am besten alle. Die haben alle noch weniger Zeug zu dem Job als Haase Junior, aber irgendwie muss der Betrieb hier ja weiterlaufen. Auch ohne mich. Von dem her, mir doch egal.

Mehdi (grinst u. weiß ganz genau, was sein Freund gerade denkt): Sicher! Als ob es dir egal wäre, ob die Abläufe auf deiner Station auch ohne Feldwebel Meier ordentlich funzen. Und wie fühlst du dich jetzt, so losgelöst von allen Verpflichtungen? Also, mal abgesehen von denen, die ab heute auf dich zukommen und deutlich alles übertreffen werden, was du dir bislang überhaupt vorstellen konntest. Du tauschst schließlich Skalpell gegen Strampler und jede Menge Berge von Windeln.
Marc (grient ihn verschlagen an, bleibt aber ganz locker, wenn auch ein bisschen wehmütig): Hm... Netter Vergleich. Du weißt echt, die Besucher deiner komischen Heile-Welt-Station zu motivieren, Kaan. Aber du, keine Ahnung. Es ist komisch, klar. Irgendwie unwirklich. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal länger als drei Wochen freiwillig ausgesetzt habe. Mal abgesehen von den ganzen Disziplinarverfahren während meiner PJler-Zeit, als ich mir angeblich zu viel rausgenommen haben soll und man mich gegen meinen Willen einbremsen wollte, aber die mir vorgesetzten Assis waren nun mal unter der Bank alle völlig talentlos und hatten keine Ahnung, was sie da eigentlich gemacht haben. Es zählt doch immer noch der Patient und dass endlich mal jemand was macht, als nur stundenlang darüber zu schwadronieren und absolut keinen Plan zu haben. Und ich hatte einen Plan.
Mehdi (zieht ihn schmunzelnd auf): Dich hat man ja auch sofort von der Uni weg zum Oberarzt ernannt.
Marc (nickt anerkennend u. blickt dann aber doch mit leichter Wehmut in Richtung Krankenhausfassade): Korrekt, du hast meinen Lebenslauf gelesen. Als Franz’ Pieper vorhin angesprungen ist, der unser nettes, kleines Gespräch abrupt beendet hat, wäre ich beinahe ganz selbstverständlich mit in die Notaufnahme marschiert. Segelunfall drüben aufm Wannsee. Laie im Tretboot trifft Sportbootbesessenen oder umgekehrt. Soll ein ziemliches Gemetzel gegeben haben.
Mehdi (macht ein ehrlich betroffenes Gesicht): Oh!
Marc (guckt demonstrativ in Richtung der angrenzenden Seen u. scannt den Horizont): Jep! Unser Chef war ganz euphorisch und hat sofort die Messer gewetzt, mir aber die Tür vor der Nase zugeknallt. Mit der Anmerkung, mein Jobprofil hätte sich jetzt gravierend geändert und er wolle mich hier auf Station ab sofort nicht mehr sehen. Der hat mich echt aus meinem eigenen Büro geworfen. Hat mir die Schulter getätschelt, so als wäre nichts, hat mir einen schönen Tag gewünscht, mich gebeten, ihn bei seiner Familie zu entschuldigen, und mich dann sekundenlang so komisch von der Seite angesehen, bevor er rausgestürmt ist. Als müsste er jeden Moment losheulen. Weißt du, von der einen Sekunde auf die andere war der fiese Oberlehrer weg und er hat bescheuert sentimental geguckt.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Seine Tochter ist zum ersten Mal Mutter geworden. Und er ist jetzt Großvater. Von Zwillingen. Dagegen stinkt jede OP an, egal wie spektakulär sie auch sein möge. Im Grunde will er doch auch nur mit dir tauschen und jetzt unten bei seinen Lieben sein. Als Gretchen und Jochen klein waren, oder wir, war es nicht selbstverständlich, dass der Vater sich eine Auszeit genommen hat. Da haben wir es heutzutage viel, viel besser.
Marc (seufzt nachdenklich u. lehnt jetzt mit dem Rücken an der mit unzähligen bunten Sommerblumen geschmückten Balustrade): Ich weiß. Und ich find’s ja auch gut, dass er mir hier für die nächsten Wochen den Kopf freihält und mir so viel Zeit gibt, wie wir sie uns nehmen möchten. Wir haben ja beide keine Ahnung, wie das mit den beiden laufen wird.
Mehdi (blickt ihn wissend von der Seite an): Aber das kam dann doch ein bisschen plötzlich, hm? Du hast ja sogar noch dein OP-Outfit an, was jetzt nicht heißt, dass es dir nicht stehen würde. Vielleicht reagierst du doch ein bisschen sentimental, Herr Doktor.
Marc (schaut unwirsch an sich herunter u. verdreht anschließend die Augen): Sehr witzig! Weil Dad mir noch immer nicht meine Sachen gebracht hat. Ich wäre ja selber noch mal nach Hause gefahren, aber ich kann... will hier momentan nicht weg.
Mehdi (lächelt angetan): Verständlich.
Marc (stöhnt nun erst recht entnervt auf): Och, jetzt hör auf, mich die ganze Zeit so penetrant anzustarren! Du bist ja schlimmer als der Professor. Und dem schießen schon untypisch die Tränen in die Augen, wenn er irgendwo ein Baby flennen hört.

Mehdi (grinst wissend): Und du? Geht’s dir genauso? Wie geht’s dir damit?
Marc (schmeißt theatralisch seine Hände in die Höhe u. wendet ihm genervt seine Kehrseite zu): Ach, komm schon, hör mit der therapeutischen Scheiße auf! Es ist alles total normal. Ich bin normal, Gretchen ist normal, du bist normal, also, mehr oder weniger, obwohl du mit Gabi zusammen bist, nur die anderen, die sind... Boah, die haben doch alle nicht mehr alle Tassen im Schrank. In Gretchens Zimmer geht es zu wie aufm Bahnhof. Ständig wird ungebeten die Tür aufgerissen oder die, die sich nicht rein trauen, kleben am Fenster und machen Stielaugen. Als wären wir die neue Hauptattraktion im Berliner Zoo.
Mehdi (schmunzelt, weil Marc sich so herrlich aufregen kann): Naja, das seid ihr ja auch gewissermaßen.
Marc (regt sich tierisch auf): Gewissermaßen? Dir haben sie wohl auch ins Hirn geschissen, was? Aber das geht gar nicht. Heißt es nicht immer, die Mütter bräuchten Ruhe nach so einer strapaziösen Geburt? Das totale Gegenteil ist der Fall. Überhaupt niemand nimmt Rücksicht oder weiß noch, was Anstand ist und dass man vielleicht auch anklopfen könnte, bevor man unser Zimmer einfach so ungefragt in Beschlag nimmt, uns mit hässlichen Geschenken und stinkenden Keimschleudern bombardiert und große Reden schwingt. Die Hassmann sitzt schon gefühlt seit Stunden bei Haasenzahn aufm Bett und schwatzt ihr ein Ohr ab und die Kurzen denken, da wäre das Spieleparadies. Gut, das kann ich ja noch verstehen angesichts der vielen Geschenkkörbe, die die Fluchtwege versperren. Fällt den idiotischen Kollegen eigentlich nichts Besseres ein? Ey, neunundneunzig Prozent der geschenkten Kuscheltiere sind Hasen. Finden die das witzig, oder was? Sag mal, geht’s noch? Du bist doch der Chef da. Wird es nicht mal Zeit, ein Machtwort zu sprechen? Mich nimmt da unten nämlich keiner mehr ernst, seitdem der Professor mich für unbestimmte Zeit von der OP-Liste gestrichen hat.
Mehdi (grinst u. amüsiert sich königlich): Wenn du meine Station nicht immer gemieden hättest wie der Teufel das Weihwasser, dann wüsstest du, dass wir bei uns auf der 3 b alles etwas lockerer nehmen. Die Frauen haben gerade Kinder geboren. Das heißt Leben. Neuanfang. Zukunft. Das Leben spiegelt sich auf den Gängen und in den Zimmern. Alle sind euphorisch und freuen sich. Und du kannst nicht leugnen, dass du dich nicht auch freust.

Das wüsste ich aber. Hasen, also echt, verscheißern kann ich mich auch selber. Aber ich werde dem Begriff „Friedhof der Kuscheltiere“ eine ganz neue Definition geben. Bei Günni in der Patho sind doch bestimmt noch ein paar Fächer frei und die Mini-Hassmännin ist bestimmt ganz scharf darauf, ihren ersten „Patienten“ zu sezieren. Sie labert doch ständig, sie will auch operieren, wenn sie mal groß ist. Sie geht ab morgen in die Schule, das zählt also.

Marc (macht extra ein grimmiges Gesicht, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen): Nervensäge!
Mehdi (glaubt ihm kein Wort u. grient ihn demonstrativ an): Selber.
Marc (holt noch mal tief Luft u. schüttelt den ganzen Ärger, der sich nicht lohnt, ab): Was machst du eigentlich hier? Müsstest du der Verrückten nicht das eiskalte Patschehändchen halten?
Mehdi (und schon verschwindet das so friedliche Kaan-Lachen u. weicht einem ermahnenden Blick): Marc!
Marc (hält die Hände in Unschuldsp