Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Willkommen im Doctor´s Diary Fan-Forum!
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 1.611 Antworten
und wurde 495.247 mal aufgerufen
 Erfindet eure eigene Fortsetzung!
Seiten 1 | ... 60 | 61 | 62 | 63 | 64 | 65
Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

14.07.2017 16:32
#1601 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erst nach einer ganzen Weile hatten Sarah und ihre Freundinnen ihre beiden großen Helden wieder ziehen lassen, die sich nun endlich auch wieder ihrem Alter entsprechend verhalten durften. Naja, zumindest soweit dies überhaupt gewollt war. Mit einem breiten Grinsen auf den Mundwinkeln bequemten sie sich in irritierend vertrauter Eintracht wieder zu ihren weitaus erwachsener wirkenden Damen, die sie mit Argusaugen von der Sitzecke im Garten aus beim gemeinsamen Toben mit den Kindern beobachtet hatten. Marc scheute sich natürlich nicht, seine unliebsame Stationsschwester mittels nur eines strengen und äußerst wirkungsvollen Oberarztblickes von der Hollywoodschaukel zu kicken, um den dadurch freigewordenen Platz neben seiner hochschwangeren Herzdame zu erobern, die ihn für sein ruppiges Vorgehen natürlich sofort mit einem finsteren Blick tadelte, welcher jedoch nicht lange standhielt, weil sie einfach nicht anders gekonnt hatte, als ihren kindischen Herzprinzen ungeniert anzuhimmeln, was dieser selbstverständlich genüsslich zu seinem Vorteil auskostete, indem er seinen zuckersüßen Haasenzahn prompt stürmisch niederknutschte. Das ließ dann wiederum auch die Dame des Hauses schließlich frustriert aufseufzend von der Gartenschaukel flüchten. Leider stolperte sie dabei direkt in die Arme derjenigen Person, die sie heute absichtlich auf Abstand gehalten hatte. Und dieses äußerst konsequente Verhalten behielt Dr. Maria Hassmann auch jetzt noch stoisch bei, als sie den dreisten Kerl, der sich ihr ungeniert mit seinem nervig charmanten Dauergrinsen zu nähern versuchte, auch körperlich betont von sich fern hielt. Strafe musste schließlich sein, redete sie sich einmal mehr ein, als sie abwehrend ihren Arm vorstreckte...

Maria: Wag es nicht, Cedric Stier!
Cedric (lässt es sich trotzdem nicht nehmen, sein hinreißend säuerlich dreinblickendes Zicklein weiter zu provozieren): Was denn, meine Liebe?
Maria (funkelt ihn mit finsterer Miene unmissverständlich an): Tatsch mich nur einmal an und du fängst dir eine.
Cedric (lässt sich ihre Worte genüsslich auf der Zunge zergehen u. dreht augenzwinkernd den Spieß gekonnt um): Interessante Wortwahl. Denn ich habe in der Tat einen wunderbaren Fang gemacht.

Cedrics offensiver Flirtversuch aller Abwehrversuche seiner Angebeteten zum Trotz blieb nicht ohne Gegenwirkung. Hinterhältig charmant zu sein, das hatte er wirklich drauf. Das musste sich auch Maria einmal mehr leidlich eingestehen. Aber jemand anders reagierte diesmal schneller als die widerspenstige Neurologin, die gerade mehrmals tief seufzte, auf die pomadigen Anmachsprüche des selbsternannten Charmebolzens. Marc hatte seinen Kopf von seiner ihn verliebt anlächelnden Freundin weggezogen und guckte nun ziemlich angeekelt zu dem sich belauernden Pärchen bei den angrenzenden Obstbäumen...

Marc: Boah, Alter, von dem Geschleime bekommt man ja Ohrenkrebs. Halt dich mal zurück, Mann! Hier sind Kinder anwesend.
Gretchen (klapst ihm dafür leicht auf den Arm): Marc!
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst u. grient meierlike zurück): Is so!
Er kann es nicht lassen. Menno! Dabei war das gerade so schön. Ich will noch mal.
Maria (funkelt provozierend in Cedrics Richtung): Wo er Recht hat, hat er Recht.
Marc (richtet seine zufrieden aufblitzenden Augen nun ebenfalls auf seinen Lieblingskontrahenten): Hm... Dass wir mal einer Meinung sein könnten, müsste in die Annalen des EKH eingehen. Aber bei dem Thema war das auch nicht sonderlich schwer.
Gretchen (zieht den Provokateur wieder zu sich, um ihn zu stoppen): Marc, jetzt lass sie doch!
Cedric (lässt sämtliche Spitzen gekonnt an sich abprallen u. bleibt mit stolzgeschwellter Brust die Coolness in Person): Ach, komm schon! Es läuft doch alles ziemlich prima. Alle sind gut versorgt und benehmen sich. Naja, mehr oder weniger.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Ziemlich ist relativ, mein Lieber.
Cedric: Ich spreche nur die Wahrheit aus, Baby. Schau mal da rüber!

Widerwillig ließ sich Maria von ihrem fürchterlich hartnäckigen Lebensgefährten an den Schultern packen und sanft herumdrehen. Sie blickte nun direkt auf die schrecklich gelbe Hüpfburg, auf der mittlerweile nur noch vereinzelt ein paar Kinder vergnügt herumhüpften, die ihr ausnahmslos unbekannt waren, aber vermutlich in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem einen oder anderen Kollegen aus dem Krankenhaus stehen mussten, welche sie wiederum ebenfalls nicht zu Sarahs großen Tag eingeladen hatte. Dieser Gedanke ließ die Sechsunddreißigjährige schon wieder hörbar ein- und wieder ausatmen. Rick konnte schleimen so oft und so lange, wie er wollte, dieser verdammte Hornochse hatte ihr das trotzdem alles eingebrockt. Das stand ebenso fest wie die Tatsache, dass sie ihn auf ewig dafür bluten lassen würde. Da konnte er noch so charmant sein. Oder noch so gut aussehen in der knackig sitzenden hellen Anzughose und dem weißen, provokant aufgeknöpften Hemd über seiner makellos gebräunten Haut und dem dunklen Brusthaar. Oder sich noch so gut unter ihren Fingerspitzen anfühlen, die ihn kurz versehentlich gestreift hatten. Schnell zog Maria ihre Hände wieder zurück und verschränkte ihre Arme in demonstrativer Abwehrhaltung vor ihrer Brust und zeigte ihm im wahrsten Sinne des Wortes ihre kalte Schulter, die unter dem weißen Carmenoberteil verführerisch hervorblitzte, sodass Cedric mehrmals versucht war, sie genau dort leicht mit seinen Fingerkuppen zu berühren.

Aber dann entdeckte die sichtlich eingeschnappte Neurochirurgin plötzlich ihre kleine Tochter, die ab heute unwiderruflich eine große war und die sich gerade zusammen mit Lilly Kaan und Schwester Sabine, die ihren Mann mittlerweile bei der Kleinkinderbetreuung unterstützte, auf die Picknickdecke vor der Hüpfburg gesetzt hatte. Die beiden Mädchen herzten und busselten Sissi und Anton, die anfangs mit einem verkniffenen Gesicht darauf reagierten, aber letztlich anfingen, herzerweichend zu lachen, und nahmen dann jeweils eins der Babys auf den Schoß, um nun einem spannenden Schauspiel zu folgen, welches Sabines angeheiratete Clownscousine mit gar nicht mal so großem Tamtam veranstaltete. Die Kinder, allen voran die beiden Babys, schauten der kunterbunt gekleideten Gestalt gebannt dabei zu, wie sie in Sekundenschnelle lustige Luftballonfiguren bastelte, nach denen sich die kleinen Fäustchen schnell voller Ungeduld ausstreckten. Sie liebten das quietschende Geräusch der Ballons unter ihren Fingerspitzen und Sarah und Lilly liebten den vergnügten Ausdruck auf den Gesichtern der beiden kleinsten Partygäste, die sie gleich wieder innig dafür knutschen mussten, während Schwester Sabine und ihrem Mann gerührt die Tränen in den Augen standen und sie heimlich Händchen hielten.

Ein herzerweichender Anblick, der auch die taffe Oberärztin letztendlich nicht kalt lassen konnte. Ohne noch einmal groß darüber nachzudenken, gab sie prompt ihren Widerstand auf und ließ sich nun doch bereitwillig von ihrem Haus- und Hofidioten umarmen, der daraufhin sanft sein stoppeliges Kinn auf ihre nackte Schulter setzte, nachdem er anhand ihrer ihm nun zugewandten Körperhaltung erleichtert ihr Entgegenkommen registriert hatte. Die Zähmung der Widerspenstigen konnte manchmal so einfach sein, dachte er nur und konnte sich sein selbstgefälliges Schmunzeln nicht verkneifen, während er verliebt an ihren blumig duftenden Haaren roch. Wenn Mary freiwillig bereit war, sich auch darauf einzustellen, was selten genug passierte. Umso mehr genoss Cedric jetzt diesen Moment stiller Eintracht, den er direkt auf seine lange Liste wunderbarer Momente mit seinen Lieben setzte. Er hatte es geschafft. Er war angekommen.

Cedric: Und? War das jetzt so schwer?
Maria (könnte ihn immer noch erwürgen, aber lässt es für den Familienfrieden bleiben): Halt die Klappe, du Mistkerl!
Cedric (schließt seine Arme noch fester um ihre Taille u. schnuppert verliebt an ihrem Haar): Hm, charmant, das klingt doch wieder nach meiner Frau.
Maria (tritt ihm unsanft mit der Ferse ihrer Keilsandale auf den Fuß, aber behält die angenehme Position zwischen seinen Armen bei): Wenn du mich noch einmal als deine Frau titulierst, fängst du dir wirklich noch eine.
Cedric (schmunzelt in ihr Haar hinein u. streift mit seinen rauen Lippen sanft ihre nackte Schulter u. ihren grazilen Hals, ehe er schließlich mutig zum Frontalangriff übergeht): Tja dann nehme ich lieber einen Kuss.
Maria (zögert einen kurzen Moment): Guter Deal.

Maria hatte sich gerade wieder zu ihrem Lebensgefährten umgedreht, der sie mit diesem gewissen Hauch von erregter Vorfreude angrinste, und wollte ihm sogar schon bereitwillig entgegenkommen, als ihre selbsternannte Busenfreundin Gretchen sie jedoch unbedarft zurück in die Realität katapultierte und hysterisch mit beiden Armen wedelnd auf das blinkende Babyphone auf dem Gartentisch aufmerksam machte. Aber da hatte es die Zweifachmutter auch schon selber registriert. Ihre interne Alarmanlage hatte nämlich ebenfalls schon angeschlagen. Und so weit weg von dem hochmodernen Haus im kanadischen Stil, in das sie mit ihrem Exehemann und den Kindern vor einigen Wochen eingezogen war, waren sie gar nicht. Die Terrassentür stand nämlich sperrangelweit offen. Die ungebetenen Gäste aus dem EKH hatten es sich natürlich nicht nehmen lassen, die günstige Gelegenheit ausgiebig auszunutzen, um die neuen heimischen vier Wände ihrer hochgeschätzten Kollegen ausführlich unter die Lupe zu nehmen. Scheiß-Tratschpack und elende Spione, dachte Maria nur verärgert, während sie die Person, die sie dafür verantwortlich machte, gespielt freundlich anlächelte. Den Eimer kaltes Wasser hatte er daher mehr als verdient. Cedrics perplexer Gesichtsausdruck war nämlich einfach zu göttlich und die Steilvorlage, die sie noch gebraucht hatte, stellte sie zufrieden fest, ohne sich dabei natürlich etwas vor dem arglosen Mann anmerken zu lassen.

Cedric: Sie beherrscht ihr Timing.
Maria: Deine gerechte Strafe, mein Lieber.

...säuselte Maria verführerisch in sein Ohr und entzog sich ihm, kurz bevor sie ihn leidenschaftlich geküsst hätte. Ganz bedröppelt und seine Lippen noch spitz nach vorn gestreckt blieb Cedric nun auf der sonnenverbrannten Wiese zurück und schaute seiner aufregenden Freundin hinterher, die mit einem betont sexy Hüftschwung, der ihren koralleroten Plisseerock herumwirbeln ließ und garantiert ihm gegolten hatte, ins Haus eilte, wo seine jüngste Tochter ungeduldig krähend auf ihre Mama wartete. Er war seinen Frauen rettungslos verfallen, stellte der Hahn im Korb einmal mehr fest, grinste amüsiert in sich hinein und beschloss spontan, rüber zu Sarah und Sissi zu gehen, um sein akutes Liebesbedürfnis zu teilen und ebenfalls eine der lustigen Luftballonfiguren zu ergattern, die seine beiden Mädchen bereits freudestrahlend in die Höhe reckten. Mal sehen, was seine Mary dazu dann wohl sagen würde. Aber eine Giftnatter zu formen, schien nicht allzu schwer zu sein, dachte der schwerverliebte Familienvater schmunzelnd und setzte seinen Plan direkt in die Tat um.

Marc und Gretchen hatten in der Zwischenzeit gar nicht mitbekommen, dass sie mittlerweile alleine in der gemütlichen Sitzecke im Stier-Hassmannschen Garten zurückgelassen worden waren. Immer wieder küssten sie sich zärtlich, neckten sich spielerisch, lächelten sich verliebt an und der glückliche werdende Vater konnte einmal mehr nicht widerstehen, seiner hinreißenden Herzprinzessin immer wieder zärtlich über ihre kugelrunde Körpermitte zu streicheln, unter der anscheinend ähnliches Rambazamba vonstatten ging wie drüben auf der Hüpfburg, die er vorhin noch selber ordentlich in Beschlag genommen hatte. Mit hoch gezogener Augenbraue schaute er zu seiner Süßen hoch, die daraufhin bestätigend nickte und dabei leicht erschöpft wirkte, weil die beiden Zwerge heute ganz besonders anstrengend waren und einfach nicht zur Ruhe kommen wollten. Sie wusste gar nicht, in welche Position sie noch rücken sollte, um noch etwas länger einigermaßen bequem sitzen bleiben zu können. Zu stehen fiel ihr noch schwerer. Vom Hochkommen aus der Hollywoodschaukel ganz zu schweigen. Dafür würde später vermutlich ein Seilzug von Nöten sein. Oder wahlweise auch ein Gabelstapler, falls Dr. Stier so etwas in seinem Geräteschuppen beherbergte.

Marc litt still mit seiner Traumfrau mit und deutete immer wieder auf seine schicke Designerarmbanduhr, einem Geschenk seiner werten Frau Mutter, was Gretchen mit einem Schmunzeln und einem konsequenten Kopfschütteln erwiderte, das wiederum ihn zum Schmunzeln brachte. Der Wink mit dem Zaunspfahl funktionierte zwar, aber sein stures Mädchen hier wegzubewegen, ohne Gewalt anwenden zu müssen, war eine andere Angelegenheit. Aber der schlaue Herr Doktor hätte nicht Medizin studieren müssen, um nicht doch noch schnell Abhilfe für ihre akuten Probleme zu schaffen, indem er sich mit Schwung auf der Hollywoodschaukel zurücklehnte und diese dadurch ordentlich hin und her schwingen ließ. Gretchen konnte nur den Kopf schütteln angesichts Marcs verrückter Flausen, die seltsamerweise sogar zu funktionieren schienen. Die ungeborenen Zwillinge wurden tatsächlich etwas ruhiger. Die werdende Mutter konzentrierte sich darauf, dass ihr nicht gleich schwindelig werden konnte, lehnte sich zur Seite und bettete ihr Haupt entspannt auf dem Schoß ihres tollkühnen Helden, der dadurch die Gelegenheit bekam, sich erst recht ausgiebig ihrer Schwangerschaftskugel widmen zu können, an der sich seine meisterhaften Chirurgenhände förmlich fest dockten, um nun auch auf seine ganz eigene Weise mit den Zwergen zu kommunizieren, die unverschämterweise ihre schöne Mama ärgerten, dem sofort Einhalt geboten werden musste.

Marc (vollkommen konzentriert in sein Tun): Und? Funktioniert’s?
Gretchen (hat die Augen geschlossen u. grient genießerisch vor sich hin): Ein bisschen.
Marc (kann sich sein glückliches Strahlen nicht verkneifen): Müsste eigentlich dieselbe Wirkung haben wie in einer Wiege. Da können sie sich schon einmal an das Schaukeln gewöhnen. Das nennt sich frühkindliche Prägung oder so ähnlich.
Gretchen (klappt ihre himmelblauen Augen wieder auf u. himmelt ihren Herzprinzen hingerissen an): Du bist süß.
Marc (seine Miene verfinstert sich augenblicklich u. er kneift ihr zum Protest sanft in die Seite): Hey! Keine Beleidigungen im Umkreis von fünf Metern um meine Belegschaft. Ich hab einen Ruf zu verlieren.
Gretchen (nutzt diese Steilvorlage gekonnt, um sein riesengroßes Ego zu kitzeln): Wenn überhaupt, dann immer noch Papas Belegschaft. Außerdem hältst du dich im Krankenhaus ja auch nicht daran.
Marc (guckt sein schlagfertiges Mädchen erst beeindruckt, dann verschlagen an): Ansichtssache.
Gretchen (beißt sich auf die Lippen u. versucht ihr Kichern zu unterdrücken): Ansichtssache?
Marc (lehnt sich wieder leicht zurück u. lässt die Schaukel gemächlich weiterschaukeln): Jep! Und jetzt in diesem Moment sehe ich eben dich gerne an.
Gretchen (strahlt über das ganze Gesicht, als sie zu ihm hoch schaut, während er, ganz vernarrt in ihren verträumten Anblick, sich zu ihr runterbeugt): Und du bist doch süß heute.
Marc (runzelt verblüfft seine Stirn): Was? Nur heute?
Erwischt! Hihi!
Gretchen (kann sich das vergnügte Grinsen nun doch nicht länger verkneifen): Ach? Möchtest du jetzt etwa auch gebauchpinselt werden?
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Oh! Führe mich nicht in Versuchung, Haasenzahn. Ich möchte noch viel, viel mehr. Du hast es mir schließlich versprochen. Deshalb... Die haben sich gerade alle verzogen. Die Gelegenheit ist günstig. Die maximale Verweildauer von einer Stunde ist eh gerade überschritten worden. Alles andere müsste erst neu verhandelt werden und ich leg schon mal vorsorglich mein mir zustehendes Veto ein.
Er kann es nicht lassen. Aber ich auch nicht. Das ist schließlich nicht nur unser Tag.
Gretchen (lässt sich nur ungern von ihm wieder in eine gerade Sitzposition hochschieben): Maaarc! Lilly wäre total enttäuscht, wenn du ihren Auftritt für Sarah verpassen würdest. Ihr habt so lange zusammen geübt. Ihr Papa ist doch auch schon nicht da heute.
Marc (seufzt leidend auf): Weil er’s genau richtig gemacht hat. Was selten genug vorkommt.
Gretchen (zieht einen hinreißenden Schmollmund, dem er nicht widerstehen kann): Gar nicht.
Marc (gibt sich wohl oder übel ihrer reizenden Argumentation geschlagen): Du bist so eine Nervensäge. Wahnsinn! Aber dann lass uns wenigstens das Beste daraus machen und noch ein bisschen rumknutschen und etwas fummeln, bis das drittklassige Showprogramm losgeht.

...lockte der freche Kerl seine hübsche Herzdame und senkte prompt seinen Kopf, um seinen Worten eindrucksvoll Taten folgen zu lassen. Gretchens Schmollmund, der ihm verführerisch entgegengereckt wurde, war einfach zu verlockend und nicht zu widerstehen. Das verdächtige „Klick“ aus dem Hinterhalt bekam das bis über beide Ohren verliebte Paar deshalb gar nicht erst mit. Das verdächtige Schmunzeln, das hinterher folgte und in einem leichten Hustenanfall mündete, dagegen schon. Frustriert registrierten beide, während sich ihre Lippen langsam wieder voneinander lösten, dass sie definitiv nicht mehr alleine auf weiter Flur waren. Tja, das stellte mittlerweile auch das verträumte Häschen fest, das hatte man nun davon, wenn man sich freiwillig den eigenen Jahrestag mit anderen teilte. Sie hatte es so gewollt.

Anna (senkt langsam das Kameraobjektiv wieder u. grient das verschmuste Paar ungeniert an): Erwischt!
Marc (meckert u. grummelt gewohnt meierlike vor sich hin): Mann, ey, gehst du jetzt neuerdings unter die Paparazzis, oder was? Na herrlich! Nirgendwo hat man hier seine Ruhe. Das ist ja wie im Stationszimmer auf der Drei. Von dort hätte ich wenigstens gleich in den OP flüchten können.

Und genau dorthin wünschte sich der verhinderte Verführer jetzt mit leichter Resignation zurück, als sich neben Hobbyfotografin Anna Kaan, die von ihrem alten Freund Cedric aus längst vergessenen Escort-Zeiten für die Momentaufnahmen des Tages engagiert worden war, auch Dr. Hassmann wieder zu ihnen auf die Hollywoodschaukel gesellte. Und sie war diesmal nicht alleine gekommen. Sie hatte eine hinreißende Gesellschaft mitgebracht, auf die sich nun sämtliche Augenpaare im Garten lenkten. Im Arm hielt sie nämlich ihre vor knapp zwei Wochen geborene Tochter Sophie, die müde immer wieder ihre kleinen Äuglein auf- und zuklappte, während sich ihre kleinen Fingerchen an Marias luftiger Carmen-Bluse festklammerten. Marc Meier war dadurch wieder aus dem Fokus der anwesenden Damen gerückt, was ihm natürlich ganz und gar nicht passte und er mit einem leidenden Aufseufzen quittierte. Aber aus dem Augenwinkel heraus riskierte auch der coole Oberarzt den einen oder anderen verstohlenen Blick auf das - O-Ton Gretchen Haase - niedlichste Baby der Welt, das nicht nur bei ihm akute Herzrhythmusstörungen ausgelöst, wenn auch nicht gleich zu heftigen verzückten Quietschattacken wie aus dem Block der anwesenden Kinderkrankenschwestern aus dem Elisabethkrankenhaus geführt hatte.

Denn urplötzlich wurde auch der werdende Papa wieder ganz hibbelig und rutschte unruhig auf der Hollywoodschaukel hin und her. Er dachte gerade daran, dass auch er bald so ein kleines zerbrechliches Bündel in den Armen halten würde und das sogar noch in doppelter Ausführung. Die Aufregung erwischte ihn mit voller Wucht, obwohl er sich doch insgeheim vorgenommen hatte, nicht gleich jedes Mal durchzudrehen und die Beherrschung zu verlieren, wenn die Zwerge sich etwas zu deutlich bemerkbar machten oder irgendwer ihm irgendwo irgendein Baby entgegenreckte. Der hysterische Auftritt seiner Mutter neulich im EKH vor seinem besten Freund und die amüsierten Blicke der tratschenden Kollegen waren ihm nämlich eine Lehre gewesen. Ab sofort wollten Gretchen und er es ruhig und überlegt angehen. Das war doch verdammt noch mal nur eine Geburt. Eine stinknormale, simple Geburt. Ein Kinderspiel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sein rasendes Herz war mal wieder Welten davon entfernt, was rational in seinem Kopf festgetackert worden war. Gretchen konnte an Marcs staunenden Augen jedenfalls genau ablesen, welche Gefühlsstürme gerade in ihm vorgingen und drückte liebevoll seine Hand, um ihn und sich zu beruhigen, während sie neugierig ihrer Freundin Maria zuhörte, die mit einem Mal einen ganz anderen Ausdruck im Gesicht bekommen hatte als noch vor wenigen Minuten. Sie wirkte ganz ruhig und sanft und lächelte sogar leicht in Dauerschleife, was ihr Lebensgefährte zufrieden registrierte, der mit zwei knallroten Luftballonschlangen in der Hand, die er sicherheitshalber direkt hinter sich ins Haus kickte, weil er sie nicht mehr gebraucht hatte, an der Terrassentür stehen geblieben war.

Maria: Fehlalarm. Sie hat nur Aufmerksamkeit gesucht.
Marc (stichelt zynisch, nachdem er sich schnell wieder eingekriegt hat, u. legt demonstrativ den Arm um seine Freundin): Ganz die Mama.
Gretchen (stupst ihren spöttisch grinsenden Freund tadelnd mit der Schulter an): Marc!
Anna (hat die Kamera beiseite gelegt u. einen Gartenstuhl zur Hollywoodschaukel herangezogen, auf dem sie nun Platz nimmt): Ganz schön viel Trubel für ihre ersten Tage zuhause. Du hast dir das sicher anders vorgestellt, oder, Maria?
Maria (ist dankbar für das ehrliche Verständnis ihrer ehemaligen Patientin): Ach, das stört sie nicht sonderlich. Im EKH ging auch ständig die Tür auf und sie wurde ungefragt in Fantasiesprache bespaßt. Man selbst wird unsichtbar, aber sie hat schon jeden einzelnen rumgekriegt, der sich nach ihr erkundigt hat. Selbst die Oberschwester.
Anna (lächelt u. erinnert sich wehmütig an ihre erste Zeit mit Lilly noch im Krankenhaus): Kommt mir bekannt vor. Wobei, Ausnahmen bestätigen die Regel.
Marc (spürt plötzlich, wie alle Augen auf ihn gerichtet werden): Wieso guckst du mich dabei jetzt an?
Anna (zuckt wissend mit den Schultern): Och, nur so! Du hast dich ja auch erst Wochen nach Lillys Geburt bei Mehdi gemeldet, nämlich erst nachdem er mit ihr zweimal vergeblich bei dir auf der Matte gestanden hat, nachdem wir schon Wochen zuvor von Heidelberg zurück nach Berlin gezogen waren und er fünf Zimmer neben deinem sein Büro bezogen hatte.
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst, obwohl der stechende Blick, den Haasenzahn jetzt auf ihn gelenkt hat, ihn unerklärlicherweise tierisch nervt): Ja, und?

Das ist wieder typisch Marc Meier. Kein Verständnis für das Glück anderer. Zum Glück hat sich das gelegt, was wohl auch ein bisschen Mehdis Hartnäckigkeit und Lillys Charme zu verdanken ist. Sie hat ihn geliebt, seitdem Mehdi sie ihm einfach dreist in die Arme gelegt und die beiden alleine gelassen hat. Zum Kennenlernen. Aber ich glaube, Marc würde es heute noch leugnen, dass es etwas mit ihm gemacht hat. Und jetzt wird er selber Vater. Wahnsinn!

Anna (ist nichts anderes von ihrem langjährigen Freund gewohnt): Och, nichts, nur so ein Gedanke. Danke übrigens, dass du an das Präsent für Lilly gedacht hast. Ich weiß, es wäre nicht nötig gewesen, aber für Lilly sind diese Tage auch eine aufregende Zeit.
Marc (wiegelt mit einer lässigen Handbewegung ab): Mehdi lag mir ja auch ewig damit in den Ohren. Obwohl ich immer noch nicht ganz kapiere, wieso, aber egal. Und du, du bist heute seine offizielle Vertreterin, oder was?
Anna (grinst): Quasi. Du weißt doch, er hat Bereitschaft. Viele kleine Babys haben ein Rendezvous mit ihm. Oder wohl eher die Mütter wollen unbedingt eins mit ihm haben. Seit der Berichterstattung über den engagierten Gynäkologen sind alle Berlinerinnen ganz heiß darauf, dass er sich um ihren Nachwuchs kümmert. Es ist total verrückt. Gabi hat mir da Geschichten erzählt, da fällst du vom Glauben ab. Manche sind sogar ganz außer sich, weil er ihnen für die nächsten Monate keine Termine bei sich geben will. Seine bevorstehende Elternzeit interessiert nur die wenigsten, obwohl alle ja quasi im selben Boot sitzen.
Gretchen (guckt verstohlen zu Marc rüber): Also mich interessiert sie schon.
Marc (bemerkt irritiert ihren eindringlichen Blick): Jetzt guck mich nicht so an, Haasenzahn! Als hätte mich dein Vater nicht für die ersten fünf Wochen freigestellt. Aber die Chirurgie kann man nicht ewig dicht machen, nicht so wie die Gyn. Kinder kommen da auch von ganz alleine.
Maria (spöttisch): Ach, ist das so? Da spricht aber der Experte. Wie viele Kinder hast du noch mal auf die Welt gebracht, Meier?
Marc (reagiert gereizt auf die Spötteleien seiner zickigen Kollegin): Mann, du weißt doch, wie es gemeint ist, Hassi. Aber wenn du es genau wissen willst, es waren zwei, eins im OP, eins im Fahrstuhl, Frau Kollegin. Und bei letzterem hab ich sogar nur einen Schnürsenkel als Hilfsmittel gebraucht.
Maria (wenn sie nicht gerade ihr Kind im Arm gehalten hätte, hätte sie dem arroganten Schnösel glatt applaudiert): Oh! Wow! Jetzt bin ich aber wirklich beeindruckt, Dr. Meier. Vielleicht sollte Mehdi seine freiwerdende Stelle mit deiner Wenigkeit besetzen, hm?

Ihr könnt mich alle mal. Dieser frustrierte Hühnerhaufen ist echt unsexy.

Anna (grinst zwischen den beiden sich anzickenden Oberärzten hin u. her): Jedenfalls steht Mehdis Telefon seitdem nicht mehr still. Und nachher kommt doch auch noch der rbb im EKH vorbei, um ihn zu interviewen. Wegen der Geschichte neulich und wegen der großen Demo morgen vorm Reichstag. Ihr kommt doch hoffentlich auch? Lilly ist schon ganz aufgekratzt deswegen. Sie hat zig Plakate gemalt und extra ihre Spielzeugkiste aussortiert für die Flüchtlingskinder.
Gretchen (nickt der bärenstolzen Mutter vorfreudig zu): Selbstverständlich.
Marc (guckt seine Freundin sichtlich empört an): Was? Spinnst du? Du bist hochschwanger.
Gretchen (zickt wortgewaltig zurück): Das ist keine Ausrede. Das ist die Voraussetzung. Schließlich demonstrieren morgen Schwangere und Mütter für eine sichere Zukunft ihrer Kinder in dieser Stadt und für mehr Engagement und Miteinander. Also, ich finde das großartig. Dieses Engagement sollte man würdigen. Damit nie wieder jemandem so etwas zustößt, was Mehdi durchleiden musste. Und viele andere auch, von denen nicht gleich die Medien berichten.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf u. schmollt): Ich glaube, bei euch drehen langsam die Hormone komplett durch. Aber bei Mehdi und dir ist das ja nichts Neues.
Gretchen (stupst ihn beleidigt mit dem Ellenbogen an): Ey!
Maria (wendet sich mitfühlend Lillys Mutter zu): Lilly hat es einigermaßen gefasst aufgenommen, oder? Das, was mit ihrem Vater passiert ist.
Anna (schluckt u. atmet einmal tief durch): Sie war letzte Woche noch sehr durcheinander und hat viel geweint. Sie hat es nicht verstanden. Aber wer tut das schon? Böse, dumme Menschen, die nicht kapieren, dass wir auf diesem Planeten alle gleich sind und die gleiche Daseinsberechtigung haben, gibt es überall auf der Welt. Man darf sich nur nicht zu sehr davon einschüchtern lassen. Mehdis Mutter und er haben viel mit ihr geredet. Auch über ihre Wurzeln. Und als sie gehört hat, was Berlins Schwangere während des „Festivals der Kulturen“ für diesen Sonntag geplant haben, war sie sofort Feuer und Flamme und will sich mit engagieren. Sie ist so toll. Kinder gehen ganz anders mit dieser Thematik um. Viel offener und selbstverständlicher. Von ihnen sollte man sich wirklich eine Scheibe abschneiden. Da kann man wirklich noch viel lernen.
Gretchen (greift sich bewegt an ihr Herz u. streicht sich anschließend ein kleines Tränchen aus dem Augenwinkel): Och, das ist so lieb von ihr. Ganz der Papa.
Marc (verdreht genervt die Augen): Oje! Offenbar zieht es jetzt alle vor die Kameras.
Gretchen (stellt das direkt klar): Nicht bewusst, deine Mutter schon.
Sabine (klatscht begeistert in ihre Hände u. erschrickt damit die Anwesenden, die ihr plötzliches Auftauchen aus dem Nichts noch nicht bemerkt haben): Oh, ja, Günni und ich sind schon ganz aufgeregt und freuen uns auf die Talkshow heute Abend mit Ihrer Mutter im Fernsehen, Dr. Meier.

Hilfe! Ich bin hier echt am falschen Ort. Hier sind doch wirklich nur Bekloppte.

Mittlerweile hatten sich auch die Gummersbachs wieder auf die Terrasse verirrt. Während Günni Klein-Anton bändigte, der wild auf seinen Armen herumzappelte und seinen Pflegepapa überall mit seinen Händen anzutatschen versuchte und dabei gefährlich auf sein lindgrünes Muscle-T-Shirt sabberte, leuchteten Sabines Augen schon voller Vorfreude auf das heutige Abendevent, das sie natürlich schon vor Wochen fest in ihrem Kalender notiert und mit ihren Fanclubfreundinnen ausführlich im Elke-Fisher-Forum diskutiert und analysiert hatte. Der Sohn von Sabines großem Idol konnte dieser freudigen Erwartung aber natürlich absolut nichts abgewinnen. Marc hatte nämlich schon den halben Vormittag genervt damit zugebracht, am Telefon die stetig steigende Nervosität seiner Mutter zu bändigen. Keine Ahnung, warum die selbsternannte Autorinnengöttin gerade heute so hypersensibel reagierte. Live war doch sonst immer ihr Steckenpferd gewesen, wunderte sich Elkes Sohn zum wiederholten Male und schüttelte schließlich entnervt den Kopf. Er beschloss, sich vorerst zu enthalten und vor den drängenden Fragen der Sonnenblumenkönigin - Sabine Gummersbach trug nämlich ein weißes Etuikleid mit riesigen Sonnenblumen darauf - schnell das Weite zu suchen. Das hatte er auch erfolgreich bei seiner Mutter versucht und seitdem hatte er sein Handy vorsorglich auf Aus gestellt. Mutters Pseudokarriere war jetzt Olis Job. Seiner war dagegen ein anderer.

Marc (wendet sich flink von dem verrückten Pärchen ab u. springt von der Hollywoodschaukel): Ja, ja, Papperlapapp, ich besorge uns erst mal was Flüssiges.
Das ist ja hier ansonsten nicht auszuhalten und ich spreche nicht von der Sommerhitze.
Gretchen (schaut schmunzelnd zu ihm hoch): Ich bleib beim Wasser, danke, Marc.
Marc (grient sie an u. gibt ihr einen kleinen Knutscher auf den ihm entgegengereckten Mund): Ist auf dem Rezeptblock notiert.
Gretchen (klimpert bittend mit ihren langen Wimpern): Bringst du mir auch noch was vom Buffet mit? Was Süßes. Und was Deftiges. Und...
Marc (feixt meierlike): ... was mit Schokolade. Schon klar. Sonst noch irgendwelche Herzenswünsche, Frau Doktor?
Gretchen (strahlt ihren Helden schwerverliebt an u. macht es sich auf der Hollywoodschaukel wieder bequem, auf der jetzt wieder etwas mehr Platz für sich u. ihre Babykugel ist): Nein, danke, das war’s vorerst. Ich bin wunschlos glücklich.
Marc (dreht sich mit rollenden Augen um u. schreitet davon): Okay!?!

Dann hoffe ich auch, dass das anhält. Ich hab nämlich heute noch was vor mit dir, Haasenzahn.

Anna (springt ebenfalls von ihrem Platz auf): Warte! Ich komm mit, Marc. Nachdem ich die ganze Zeit mit dem Fotoapparat unterwegs war, könnte ich jetzt auch was vertragen.
Marc (trottet lässig neben ihr her): Mir doch egal. Ähm... Du? Du schleichst hier doch schon etwas länger herum, Anna. Das war aber nicht Stiers Ernst, dass es hier heute auf diesem schrecklichen Rumsbums keinen richtigen Alk gibt, oder?
Anna (grient ihn von der Seite an, während sie langsam zusammen über die gemähte Wiese laufen): Willst du die positive oder die negative Antwort?
Marc (ahnt, was das zu bedeuten hat u. stöhnt frustriert auf): Auf jeden Fall die mit ordentlich Umdrehungen.
Anna (lehnt sich verschwörerisch in seine Richtung): Dann solltest du dich vertrauensvoll an Cedrics Schwiegereltern wenden.
Marc (bleibt abrupt mitten auf der Wiese stehen u. sieht sich nach denen um): Was? An die Expertin für Mord- und Totschlag?
Anna (lacht): Angst? Die könnte durchaus gerechtfertigt sein. Hannelores Spezialsommerbowle haut nämlich ordentlich rein. Aber verrate es nicht Maria. Cedric meinte, sie habe extra darauf bestanden, dass alles kinderfreundlich bleibt.
Marc (kann sich nun auch sein Lachen nicht verkneifen, guckt sich kurz nach seiner Kollegin um u. schreitet schließlich weiter voran): Ach, was, die ist doch nur angepisst, weil sie als Biomilchproduzentin nicht mittrinken darf.
Anna (gibt sich weiterhin geheimnisvoll): Das hast du jetzt behauptet.

Die zwei Freunde lachten sich an und als die beiden sich weiter in Richtung Buffet vor bewegten, kamen ihn Lilly und Sarah fröhlich lächelnd von der Hüpfburg entgegen, ließen sich kurz knuddeln, nachdem sie frecherweise versucht hatten, Marc zu zwicken, und gingen dann eilig mit ihren Luftballontieren weiter ihres Weges. Die stolze Schulanfängerin wollte ihrer besten Freundin nämlich unbedingt persönlich ihre kleine Schwester vorstellen, die mittlerweile an Marias Brust eingeschlafen war. Ungeduldig wippte sie nun auf ihren Sandalenzehen vor der Hollywoodschaukel hin und her und schaute ihre Mutter inständig von der Seite an, während sich Lilly kaanlike zurückhielt und stattdessen Baby Anton bestaunte, den mittlerweile Sabine von ihrem Mann übernommen hatte, damit dieser sein vollgesabbertes T-Shirt säubern konnte.

Sarah: Mami, Mami, dürfen wir auf Sophie aufpassen? Bitte, bitte!
Maria (hält ihren Zeigefinger vor ihre Lippen u. flüstert eindringlich in Sarahs Richtung): Psst! Sie ist gerade eingenickt.
Lilly (senkt verlegen ihren Blick): Entschuldigung!
Maria (lächelt das schüchterne Mädchen an u. bedeutet ihr doch näher zu kommen): Kein Problem. Ihr dürft sie ins Bettchen bringen. Rick, du passt auf, dass sie keine Dummheiten machen!
Cedric (salutiert ihr spielerisch mit seiner mittleren Tochter auf dem Arm zu): Ai, ai, Frau Kapitänin! Sissi ist auch schon total groggy. Günni und ich haben beschlossen, den Kids etwas Ruhe zu gönnen. Ich denke, wir packen sie alle zusammen in ein Zimmer.
Sarah (hüpft begeistert auf der Stelle): In meins, in meins!
Günni (mittlerweile frisch gewaschen u. desinfiziert zurück auf der Terrasse schaut er unsicher von einer Person zur anderen): Ja?
Maria (ignoriert Cedrics albernes Schauspiel wohlwissendlich u. wendet sich ihrem ungeduldig hin und her wippenden Schulkind zu): Na, dann mal rein mit euch, aber seid bitte leise, ja! Sarah?
Sarah (strahlt wie ein Honigkuchenpferd u. kann ihren Blick nicht von ihrem süßen Geschwisterchen lösen): Ja, Mami. Ich pass ganz doll auf.
Maria (nickt ihr stolz zu u. kämpft plötzlich mit ihren aufsteigenden Glückstränchen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind u. die sie angestrengt zu vertuschen versucht): Gut! Na dann komm mal her, mein Schatz! Meine Große. Mein großes Mädchen!

Unvermittelt zog die stolze Mutter ihr Kind in die Arme und drückte es tigermamagleich an ihre Brust. Sarah wusste im ersten Moment nicht, wie ihr geschah, aber kuschelte sich anschließend doch kichernd an sie und wiegte sich mit ihr und Sophie sanft hin und her. Als Maria sie aber immer noch nicht wieder loslassen wollte, wurde die Fastsiebenjährige dann doch etwas ungeduldig und versuchte sich unbeholfen, aus der anstrengenden Krokodilsumarmung zu befreien.

Sarah: Mami, alles gut mit dir? Du kannst uns jetzt loslassen. Wir kommen auch alleine klar.
Maria (atmet heftig ein und aus u. will es am liebsten nicht wahrhaben): Sicher! Die Mami ist heute nur ein bisschen emotional.
Cedric (kann sich einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen): Ein bisschen?
Maria (zischt ihrem Lebensgefährten empört zu, der sich der Gartenschaukel auf leisen Sohlen von hinten genähert hat): Halt die Klappe!
Sarah (schaut mit großen Augen zu ihr hoch): Meinetwegen?
Maria (lächelt sie gerührt an u. streicht ihr sanft übers Haar): Ja, ein bisschen. Das ist nur dieser Tag. Das gibt sich gleich wieder.
Sarah (kontert frech u. selbstbewusst wie immer, dass es ihren Eltern fast die Sprache verschlägt): Ist schon okay, Mami. Ich bin jetzt zwar in der Schule, aber ich bin immer noch die gleiche und ich passe auf dich, Papi und meine Geschwister auf. Damit wir immer alle zusammen sind.
Maria (kann jetzt erst recht ihre Gefühle nicht mehr im Zaum halten): Och, meine schlaue Kleine, bring mich nicht noch zum Weinen. Hier, nimm deine Schwester, aber vorsichtig! Sie soll schlafen. Dass heute alles etwas anders ist als sonst, macht sie schon nervös genug. Sophie braucht ihren Schlaf. Der kommt uns am Ende auch zu Gute.

Maria war so gerührt von ihrer großen Kleinen, dass der fette Kloß in ihrem Hals ihr fast die Sprache geraubt hätte. Von ihrer akuten Bewegungslähmung ganz zu schweigen. Sie bemühte sich, ihre taffe Oberärztinnenfassung zu wahren, legte Sarah vorsichtig Sophie in die Arme und schaute ihr seufzend hinterher, wie sie, unterstützt von Lilly, zusammen mit ihrem Vater, der Maria noch einmal über seine heruntergezogenen Sonnenbrille hinweg zärtlich zugezwinkert hatte, ins Haus ging. Gretchen war so ergriffen von der Szene, dass sie spontan nach der Hand von Sabine gegriffen hatte, die sich, nachdem sie sich von ihrem Pflegekind verabschiedet hatte, das Günni ebenfalls ins Bettchen bringen wollte, gerade neben ihre beste Freundin auf die Hollywoodschaukel gesetzt hatte.

Gretchen: Gott, ist das süß.
Sabine (kann nur bestätigend nicken): Ja! Eine hinreißende Familie.
Gretchen (schwärmt u. streichelt dabei andächtig ihren Babybauch): Also wenn meine beiden nur annährend so werden, wäre ich schon die glücklichste Mama der Welt.
Oh Gott! Wann ist das passiert, dass aus einem simplen Eigenheim die Pforte zur Hölle geworden ist? Wird Zeit, dass die Kinder rauskommen, damit wir alle wieder annähernd normal werden, was bei Haase schon schwer genug ist.
Maria: Wenn ihr jetzt auch noch anfangt zu heulen, muss ich euch leider des Platzes verweisen.

...gab Dr. Hassmann zynisch von sich, als sie sich, einigermaßen wieder gefasst, ebenfalls wieder zwischen den beiden Kolleginnen auf der Gartenschaukel niederließ und vom Beistelltischchen etwas zu knabbern in die Hände nahm, das noch nicht von der sichtlich hungrigen Hochschwangeren verputzt worden war, die ihr neidisch dabei zugeschaut hatte.

Maria: Also, ihr habt heute echt die Ruhe weg, was, Meier und du? Wie kommt’s?

Eine ähnliche Frage hatte gerade auch Anna Kaan an den besten Freund ihres Exmannes gerichtet, der, nachdem er in einem Zug das Bowleglas geleert hatte, das ihm Frau Polizeiobermeisterin a. D. Hassmann zum Probieren gereicht hatte, sich mittlerweile einen großen Teller geschnappt hatte, um vom Buffet etwas Leckeres für seinen Lieblingsvielfraß zusammenzustellen. Marc schaute gar nicht erst auf, als er Mehdis Ex gewohnt lässig darauf antwortete...

Marc: Das Stadium, in dem alle durchdrehen, haben wir längst überschritten. Jetzt gehen wir’s locker an.
Anna (kann sich ihr wissendes Schmunzeln kaum verkneifen, als sie sich ebenfalls einen Teller schnappt u. diesen mit einigen Leckereien bestückt): Ach, wirklich? Ich war letzte Woche im Krankenhaus meine Unterlagen abgeben, als ihr gerade mit euren Eltern den Laden ziemlich aufgemischt habt.
Marc (schaut dann doch kurz zu ihr rüber): Ich habe nicht behauptet, dass unsere Eltern schon in diesem Stadium angelangt wären. Wenn es nach Gretchens Mutter gegangen wäre, dann würde Haasenzahn schon seit Wochen einer anderen Patientin auf der Gyn das Bett abspenstig machen. Und wenn wir nicht interveniert hätten, hätte der Professor, der Verwaltung zum Trotz, den Wisch sogar ohne Vorbehalt unterschrieben und er sollte es eigentlich besser wissen. Und dass meine Mutter grundlos ausflippt, ist ja wohl nichts Neues. Ich bin froh, dass die sich wenigstens heute alle zurückhalten und sich auch mal wieder um sich selbst kümmern. Der Professor und seine Frau sind in der Oper, nee, warte, irgendwas draußen, fünfstündige Sonderaufführung von... weiß der Geier... auf der Waldbühne, glaub ich. Und meine Ellis, frag lieber nicht. Ich schwöre, ich zerre meine Mutter persönlich auf den OP-Tisch, wenn sie heute Abend auch nur irgendetwas Peinliches über mich im Fernsehen von sich gibt. Das Skalpell ist schon gewetzt.
Anna (grinst u. greift erneut beim Buffet zu): Ich kenn sie nicht persönlich, aber was ich so von Sabine gehört habe...
Marc (fährt ihr sofort über den Mund): Oh Gott, glaub der kein Wort. Schon schlimm genug, dass ich Mutters Hardcorefan nicht mehr loswerde, weil Haasenzahn sich einbildet, sie unbedingt sozialisieren zu müssen.
Anna (schaut verstohlen zur Sitzecke rüber): Also, ich mag sie irgendwie. Sie hat etwas Verschrobenes an sich. Nicht ganz von dieser Welt, aber doch immer da. Sie ist echt. Sie ist ehrlich. Sie hat für jeden ein offenes Ohr und ich glaube, sie hat mehr Durchblick im EKH, als manch einer von euch hochwohlgeborenen Oberärzten glaubt. Dasselbe gilt übrigens auch für ihren Mann, den ich vorhin dank Lilly endlich auch mal kennenlernen durfte.
Marc (folgt ihrem Blick u. schüttelt den Kopf, als er die unbeholfene Krankenschwester eine Weile neben Hassi u. Haasenzahn beobachtet): Ah ja? Und du hast jetzt auch den Durchblick, oder was?
Anna (grient ihn leicht hibbelig an): In gewisser Weise schon, ja. Ab Montag dann auf jeden Fall. Noch ein Neuanfang. Ich fühle mich ein bisschen wie Lilly und Sarah an ihrem ersten Schultag. Ha, wie passend! Aber verrate es ihnen nicht. Ich will da kein großes Ding draus machen.
Marc (stellt Gretchens Teller kurz ab u. verschränkt seine Arme vor seiner Brust, als er Anna forschend in Augenschein nimmt): Ach, ja, da war ja was? Fängst du nicht übermorgen in unserer Reha-Abteilung als Azubine an? Mutig!
Anna (spürt auf einmal, wie die Aufregung wieder hochkommt): Ich hätte nicht gedacht, dass das auf einmal so schnell gehen würde. Ich bin Gretchen unendlich dankbar dafür, dass sie sich so bei ihrem Vater für mich eingesetzt hat. Aber ein bisschen Bammel hab ich schon noch.
Marc (mustert sie ganz genau): Rückzug ist keine Option, Anna. Diesmal nicht.
Anna (blickt ihm direkt in die Augen): Das habe ich auch nicht vor, Marc. Ich will das wirklich. Das ist genau das, was ich machen will. Für die Patienten. Aber vor allem auch für Lilly und natürlich für mich. Ich kann das.
Marc (keine Spur von Hohn oder Spott ist in seinem Blick zu bemerken, als er sich nach kurzem nachdenklichen Zögern Gretchens Teller wieder schnappt u. zur Getränkeecke weiterzieht): Na, dann... n’Guten, hm! Start, meine ich.

Marc hatte Gretchens Teller zu Ende beladen, guckte kurz darauf und sah dann wieder rüber in Annas Gesicht, auf dem sich genau das breite, ansteckende Lächeln abzeichnete, das sie für ihn immer schon sympathisch gemacht hatte. Er hatte nur wenige Freunde und darunter schon mal gar keine Frauen. Aber Anna, die zählte er schon dazu. Damals wie auch heute noch. Egal, was für Bullshit sie in der Vergangenheit verzapft hatte, wofür er sie zeitweise wirklich arg gehasst hatte. Aber da war er schon lange drüber weg. Denn alle Beteiligten hatten mittlerweile neue Wege eingeschlagen. Teilweise überraschende Wege, aber sie hatten alle etwas gemeinsam. Die Wege, die man eingeschlagen hatte, machten definitiv glücklich. Und er hoffte für Anna, dass auch sie endlich zur Ruhe fand und ankam.

Anna: Nanu? Keine Spitze in meine Richtung heute?
Marc: Wieso? Du hast dich doch jetzt für einen passablen Weg entschieden. Wer Medizin macht und respektiert, hat auch meinen Respekt verdient. Die eine oder andere hier anwesende Person natürlich ausgenommen.

Marc schaute demonstrativ zu Dr. Hassmann rüber, zu der sich nun auch Dr. Stier wieder gesellt hatte, der seiner Freundin hinter der Hollywoodschaukel kopfüber einen schleimigen Kuss auf die Lippen gedrückt hatte, was der beobachtende Unfallchirurg mit einem angeekelten Augenrollen kommentierte, ehe er sich wieder Lillys Mutter zuwandte. Aber Anna kannte ihren guten Freund gut genug, um zu verstehen, wie er seine Worte gemeint hatte. Sie nickte Marc lächelnd zu, reichte ihm eine Wasserflasche und griff dann selbst beherzt am Buffet noch einmal zu. Für sich und Lilly natürlich, auf deren Suche sie sich gleich noch machen würde. Ihr Auftritt stand nämlich unmittelbar bevor und sie sollte sich vorher noch ein bisschen stärken, damit ihr Lampenfieber nicht allzu groß wurde.

Dr. Meier war in der Zwischenzeit langsam wieder zu den drei Damen auf der Hollywoodschaukel getrottet, von denen sich eine gerade gefährlich schwankend erheben wollte. Er war so perplex von dem blasswangigen Gesicht seiner schwangeren Freundin und der Vorahnung, dass sie jeden Moment ohnmächtig zur Seite kippen könnte, dass er Maria unvermittelt Gretchens pappvollen Teller in die Hände drückte, um seiner Süßen zu Hilfe zu eilen, der jedoch bereits Schwester Sabine unter die Arme gegriffen hatte. Mindestens ebenso besorgt wie Gretchens aufgeregter Lebensgefährte, der mit seinen Worten mal wieder schneller agierte als mit seinem Denkapparat, der augenscheinlich unter einem akuten Aussetzer litt, wie zumindest seine irritierten Beobachter Hassmann und Stier gleichermaßen schlussfolgerten. Und nicht nur die.

Marc: So, das war’s. Das ist das Zeichen. Wir machen die Biege. Ich gucke mir das nicht noch mal an, Haasenzahn. Jetzt ist Schluss.
Gretchen (etwas irritiert von Marcs ruppiger Art, mit der er sie gepackt hat, fängt sie sich wieder u. guckt verwirrt zu Cedric u. Maria rüber, die beide synchron mit den Schultern zucken u. den aufgebrachten Chirurgen weiter interessiert beobachten, der sich in Hilfestellung hinter Gretchen platziert hat): Marc!
Marc (wedelt aufgewühlt mit seinem Zeigefinger vor ihrer Nasenspitze herum): Nee, ich diskutiere das nicht mit dir.
Maria (hat sich zusammen mit ihrem Freund auf der Schaukel zurückgelehnt u. beobachtet nun amüsiert das Meierliche Laienschauspiel): Oh! Das wäre mir neu.
Marc (zischt sie ungehalten an): Ach, halt doch die Klappe, Hassi! Du hast doch keine Ahnung.
Gretchen (wirft sich sauer zwischen die beiden): Marc, bitte! Es war doch gar nichts. Mir geht’s gut.
Sabine (guckt unsicher zwischen allen Beteiligten hin u. her u. hält Gretchen weiter behutsam am Arm fest, damit ihre Freundin nicht noch mal ins Schwanken gerät): Vielleicht wäre es doch besser...
Marc (hebt anerkennend eine Augenbraue, als er kurz auf die kleinlaute Krankenschwester blickt, u. schaut dann Gretchen dementsprechend schlaumeierhaft an): Mensch, Schwester Sabine, aus Ihnen wird ja doch noch eine passable Krankenschwester. Du solltest auf sie hören, Haasenzahn!
Sabine (fühlt sich unheimlich geschmeichelt u. lässt die sichtlich empörte Gretchen unbemerkt los): Danke, Dr. Meier.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme über ihrem Babybauch): Hallo? Ich stehe immer noch neben euch. Ihr könnt auch mit mir reden, wenn ihr was zu sagen habt.
Marc: Dann pflanz dich eben wieder hin, Haasenzahn, wenn dir immer noch schwindlig ist. Ich hol nur eben den Wagen.
Gretchen (rollt theatralisch mit ihren Augen, als sie sich ihm eindrucksvoll in den Weg stellt): Stopp! Marc, jetzt komm mal wieder runter! Niemand geht hier irgendwohin. Zumindest nicht bevor wir Lillys Konzert gehört haben.

Ich fasse es nicht, dass sie jetzt unbedingt auf Trotzköpfchen machen muss. Ey, das eben war doch offensichtlich. Das hier alles ist definitiv zu viel für sie und die Kurzen.

Marc (will immer noch protestieren, wird aber gar nicht erst zu Wort gelassen): Haa...
Gretchen (fährt ihm angesäuert über den Mund u. stemmt demonstrativ ihre Hände in die Hüften): Jetzt lass mich bitte ausreden, Marc! Dass ich schnell Kreislaufprobleme bekomme, müsste dir nicht neu sein. Das hat vor allem mit diesem Zustand hier zu tun, an dem du nicht gerade unschuldig bist. Es gibt einen Grund, warum ich aufstehen wollte und ich sehe gar nicht ein, wieso ich das jetzt mit dir vor unseren Freunden diskutieren muss. Aber bitte, wie du willst. Wenn du dich damit besser fühlst. Ich bin aufgestanden, weil ich, erstens, nicht mehr länger sitzen konnte und mir kurz die Beine vertreten wollte und zweitens, weil ich einem dringenden Bedürfnis folgen wollte und dem komme ich jetzt auch nach.
Maria (grinst spöttisch zu dem perplexen Oberarzt rüber, der mit seiner heruntergeklappten Kinnlade ein Bild für die Götter abgibt): Ich glaube nicht, dass sie damit dich gemeint hat, Meier.
Marc (lässt sich schwerfällig auf die Sitzbank gegenüber der Hollywoodschaukel fallen): Boah, ihr macht mich alle fertig heute, echt.
Gretchen (seufzt, geht einen Schritt auf ihn zu u. legt ihre Hand an seine Wange, damit er wieder zu ihr hochguckt): Marc, alles wieder gut? Ich bin dir nicht böse. Ich finde es sogar süß, wenn du immer gleich überreagierst.
Marc (protestiert direkt wieder): Ich hab nicht überreagiert. Ich bin Chirurg. Ich sortiere nur die Fakten.
Gretchen (lächelt u. ist sichtlich hingerissen von ihrem fürsorglichen Freund): Ich weiß, Schatz. Es ist nur, die Platzproblematik und die damit verbundenen anderen ähm... naja Einschränkungen lassen sich nun mal nicht damit lösen, dass du mich komplett in Watte packen möchtest. Die bleiben bestehen und werden vermutlich noch größer und größer. So fühlt es sich zumindest an. Ich versuche, mich irgendwie damit zu arrangieren. Mir bleibt auch nichts anderes übrig. Ich habe die vergangenen acht Monate nichts anderes getan und die letzten Wochen schaffen wir auch noch. Und wenn wirklich etwas wäre, dann würde ich mich schon melden. Lass uns entspannt bleiben! Glaub mir, das funktioniert am besten. Das hat doch auch die vergangenen Tage ganz gut funktioniert. Oder?
Marc (schaut sanftmütig zu ihr hoch u. nickt ihr leicht zu, dann senkt er den Kopf wieder u. wirkt ziemlich geknickt, weil er sich vor allem über sich selbst ärgert): Ist angekommen.
Gretchen (nickt zufrieden): Na, also. Darf ich dann...?
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart hinein): Nur zu!
Sabine (macht sich ebenfalls Sorgen um ihren niedergeschlagenen Vorgesetzten, nähert sich ihm vorsichtig, will ihm die Hand auf die Schulter legen, traut sich aber nicht u. tritt wieder an ihre Freundin heran, die dabei ist, zu gehen): Ich begleite die Frau Doktor, nur wenn es recht ist, Herr Doktor.
Marc (hat sich wieder einigermaßen gefangen u. wiegelt mit einer lockeren Armbewegung ab): Ja, ja, was steht ihr dann noch so lange hier herum, hm? Abmarsch, aber zz, ziemlich zügig! Je schneller du wieder da bist, umso schneller kannst du das hier während des Gitarrensolos auffuttern und dann machen wir wirklich die Biege. Das diskutieren wir dann aber wirklich nicht mehr. Wir haben dann schließlich noch ein richtiges Date.
Gretchen (guckt augenrollend zu ihren Freundinnen rüber): Danke, Marc, dein Verständnis ist mal wieder riesengroß.
Cedric (schmunzelt u. schnappt sich einen Happen vom Teller): Nicht nur das.
Marc: Alter!

Und während Marc seinen ehemaligen Erzfeind grimmig ins Visier nahm, der sich dreist auf Gretchens und Sabines Platz gesetzt hatte und ihn mit seinen unnötigen Wortmeldungen langweilte, waren die beiden Freundinnen kopfschüttelnd über den Terrasseneingang ins Haus gegangen. Dicht gefolgt von Anna Kaan mit dem Snackteller für ihre Tochter, die sie zusammen mit Sarah bei den schlafenden Babys vermutete. Ein anderer Teller war dagegen unbemerkt in den Besitz einer anderen hungrigen Ärztin übergegangen, die sich gerade gierig über das von Dr. Meier liebevoll arrangierte Menü für seine Herzdame hermachte. Und auch Dr. Stier griff beherzt zu, wie Marc nun empört feststellte...

Marc: Ey, das war mein Teller, also, Gretchens.
Cedric (kontert kleinlaut, nachdem er sich genüsslich ein Bruschettateilchen in den Mund geschoben hat): Das ist unkorrekt. Der gehört zur Kollektion aus unserem Esszimmerschrank. Ein Geschenk meiner Schwiegereltern zur Hochzeit.
Marc (glaubt sich verhört zu haben): Och, hab ich was verpasst?
Maria (funkelt den spöttisch grinsenden Mann eingeschnappt an): Haha! Du hättest ihn mir ja auch nicht direkt vor die Nase halten müssen, Meier. Ich hab vorhin gestillt. Ich brauche meine Nervennahrung.
Marc (will das gar nicht wissen u. wendet sich deshalb lieber seinem Lieblingsstreitpartner zu, um Frust abzubauen u. zu stänkern, leider mit eher mäßigem Erfolg): Und du, musst du dich wieder einschleimen, damit dich deine Exschwiegereltern wieder lieb haben, hm? Übrigens, interessante Storys, die deine Schwiegermama über dich ausplaudert. Hab sie gerade kennengelernt. Sehr sympathisch.
Maria (dreht den Spieß einfach um u. kommt Cedric damit zuvor): Doch nicht so entspannt, wie ich dachte.
Cedric (pflichtet seiner Liebsten feixend bei): Das unterschreib ich sofort.
Marc (ärgert sich maßlos darüber, dass er von den beiden aufs Korn genommen wird): Ach, ihr könnt mich alle mal. Als ihr euch noch gehasst habt, war ihr mir deutlich sympathischer.

Mit Schwung drehte sich der eingeschnappte Chirurg von seinen sich in ungewohnter Eintracht gegen ihn verschworenen Kollegen um und marschierte mit großen Schritten zurück zu den anderen Gästen, die sich einer nach dem anderen gerade von Marias Mutter ein leckeres Glas Sommerbowle einschenken ließen. Maria und Cedric guckten dem Flüchtenden nur schmunzelnd hinterher und widmeten sich dann schnell wieder den Leckereien auf ihrem erfolgreich eroberten Teller.

Cedric: Ich hab mich nicht lustig machen wollen. Die Steilvorlagen kamen nun mal von ihm. Er wirkt wirklich schrecklich unentspannt.
Maria: Hätte mich auch gewundert, wenn dem nicht die Düse gehen würde. Haase ist schließlich überreif.
Cedric (schaut ihr fasziniert beim Naschen zu): Sie hält sich aber tapfer. Du übrigens auch.
Maria (lässt ihr Teilchen direkt wieder auf den Teller plumpsen u. starrt ihn an): Was soll das denn bitteschön heißen?
Cedric (kann es nicht lassen, sie ein wenig zu provozieren): Naja, wenn man bedenkt, dass du mich vor nicht einmal einer halben Stunde noch filetieren und auf den Grill werfen wolltest. Apropos Grill, wollte dein Vater nicht grillen? Den sollten wir vorwärmen, damit wir nach dem Showteil auch gleich loslegen können.
Maria (guckt ihn einen Moment lang unberührt an u. genehmigt sich dann genüsslich das letzte Bruschettateilchen): Ich weiß nicht, was du meinst.
Cedric (beobachtet sie schmunzelnd): Türlich. Gib’s zu!
Maria: Was soll ich zugeben?
Cedric (grinst selbstzufrieden): Dass ich das alles hier perfekt geplant und durchdacht habe. Ich weiß, dass du mir das nicht zugetraut hast. Ich mir ja stellenweise auch nicht. Aber für dich wachse ich doch immer gerne über mich hinaus. Ich bin dir schließlich auch ein halbes Jahr lang hinterhergelaufen.
Idiot! Ich hätte ihn doch länger zappeln lassen sollen.
Maria (gibt sich betont unbeeindruckt): Dass ihr Chirurgen auch immer und überall gelobhudelt werden wollt. Faszinierend! Du bist ja schlimmer als Meier.

Und als hätte dieser es gerochen, stand er bei diesem Stichwort auch schon wieder vor dem befreundeten Paar und griente dieses mit einem bunten Glas in der Hand frech an, mit welchem er ihnen anschließend zuprostete, bevor er einmal ausgiebig daran nippte.

Marc: Das wage ich zu bezweifeln. Und jetzt rückt den verdammten Teller wieder raus, ihr Diebe! Hochschwangeren Frauen die Grundlebensmittel wegzufuttern ist nicht gerade die feine englische Art.
Maria (guckt etwas irritiert auf das Glas in seiner Hand): Hat meine Mutter etwa schon wieder Bowle gemacht? Ist da etwa Alkohol drin? Ich bring sie um. Das war so nicht abgemacht.
Marc: Tja, schade, dass du das nicht verifizieren kannst, Frau Oberplanmeisterin. Pech gehabt! Mehr beschwipste Früchte für uns. So heißt übrigens auch der Drink.

...griente Marc seine verdutzte Kollegin süffisant an, deren suchender Blick Bände sprach. Aber bevor Maria ihre Eltern für den Versuch, Cedrics Party zu sprengen, hätte zur Rede stellen können, nahm ihr eine andere Person die Sicht auf diese. Aufgeregt und etwas außer Atem war Anna Kaan aus dem Haus gerannt gekommen und hatte sich vor den drei Chirurgen in der Sitzecke aufgebaut, die nun irritiert zu ihr hochblickten. Es dauerte einen gefühlt ewig langen Moment, bis Lillys Mutter ihre Sprache wiedergefunden hatte. Doch das, was sie zu sagen hatte, sorgte für reichlich Unruhe unter den anwesenden Ärzten.

Anna: Ich glaube, wir haben ein Problem.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

28.07.2017 22:53
#1602 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Was für ein Problem, Anna? Wo... steckt... Haasenzahn“, stieß Dr. Marc Olivier Meier nach etwa dreieinhalb sprachlosen Sekunden merklich alarmiert aus, während der man eine Stecknadel hätte fallen hören können und sich so einiges in den rasend hin und her springenden Gehirnwindungen des allseits beliebten und hochtalentierten Berliner Chirurgen getan hatte, und sprang unvermittelt von der Sitzbank auf, um sich nun gefährlich nah vor Anna Kaan zu positionieren, die daraufhin irritiert einen Schritt zurückschreckte und etwas durcheinander von einer Person zur anderen schaute, die sie alle mit großen Augen erwartungsvoll anstarrten. Auch Dr. Maria Hassmann und Dr. Cedric Stier waren mittlerweile, einer vagen Vorahnung der Kinder betreffend, von ihren Plätzen aufgestanden und blickten die sich sichtlich besorgt umblickende Frau im bodenlangen geblümten Secondhandsommerkleid mit eindringlichen Mienen an. Doch bevor Lillys Mutter auf die drängenden fragenden Blicke ihrer Freunde hätte reagieren können, bekam der rastlose werdende Familienvater, dessen Synapsen kurz vorm Implodieren standen, nach gefühlt endlos langem Schweigen endlich die Antwort auf seine dringliche Frage, jedoch von überraschend unerwarteter Seite...

Gretchen: Was ist mit mir?
Marc: Äh...?

...konnte der Angesprochene nur noch verwirrt stammeln und starrte die putzmunter vor ihm stehende und ihn auf ihre gewohnt liebreizende Art und Weise anstrahlende Blondine und ihre ebenso konsterniert dreinblickende Busenfreundin Sabine, die an ihr klebte wie eine Fruchtfliege am mit überreifen Obst gefüllten Weidenkörbchen, mit tellergroß erweiterten Augen an, als wären die beiden soeben mit einem Raumschiff hinter dem Haus notgelandet und täten nun ihre ersten vorsichtigen Schritte auf dem blauen Erdtrabanten. Es dauerte einige Sekunden, bis das kurzzeitig außer Gefecht gesetzte Gehirn des sonst so kleinlauten Oberarztes wieder hochgefahren war und er sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Als er dann auch die Motorik über sein äußeren Extremitäten wiedererlangt hatte, hielt Marc nichts mehr auf seinem Platz und er stürzte sich an der perplexen Anna vorbei, die wie ein Fisch an Land nach Luft geschnappt hatte, auf seine völlig verblüffte Freundin, die sich angesichts der fragenden Blicke, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren, verwundert umschaute, um sie mit seinen besitzergreifenden Fangarmen in Gefangenschaft zu nehmen und nie wieder loszulassen.

Sehr zur Verwunderung von Schwester Sabine, die bis eben als treue Schützenhilfe hinter der Hochschwangeren gestanden hatte und von ihrem rabiaten Chef unsanft zur Seite gedrängt worden war, wobei ihr ihr weißer Sonnenhut von ihrem blonden Bob gepurzelt war. Aber auch ein fragender Blick zu ihrem Ehemann, der ganz allein auf der zertrampelten Wiese neben der quietschgelben Hüpfburg stand und abwesend in den azurblauen Himmel über dem See blickte und demzufolge den kleinen Aufruhr unter den Kollegen auf der Terrasse gar nicht mitbekommen hatte, half der passionierten Hobbyastrologin nicht viel weiter, die ihrer besten Freundin doch gerade eben noch begeistert das aktuelle Tageshoroskop erklärt hatte. Dabei stand doch der Mars im Sternzeichen der Jungfrau und würde heute Abend die Bahn der Venus kreuzen, die wiederum ganz nah am Neumond am Firmament leuchten würde. Das in Verbindung mit den immer noch anhaltenden Perseiden war eine äußerst seltene und aufregende Konstellation, die aber außer Sabine Gummersbach und Sarah Hassmann, die den beiden Erwachsenen neugierig im Haus zugehört hatte, niemanden zu interessieren schien. Am allerwenigsten vermutlich ihren sehr geschätzten Doktor Meier, der seine Herzdame gerade mit einem so zärtlich besorgten Blick bedachte, dass dieser auch das kleine Herz der sterndeutenden Krankenschwester ordentlich zum Puckern brachte. Sabine konnte gar nicht anders. Sie musste sich flink in die Arme ihres Schnurzelchens schmiegen, der, ganz überrascht von der offenherzigen Liebesbekundung seines Purzelchens, erst dadurch wieder ins Hier und Jetzt auf die Erde in die Runde der versammelten Kollegen zurückkehrte und seiner Seelenpartnerin verliebt den breitkrempigen Hut wieder auf ihr hübsches Köpfchen setzte. Ohne Ausnahme alle Augenpaare waren auf das junge Glück gerichtet, das alsbald Eltern werden würde, aber offenbar noch nicht jetzt in diesem Augenblick, wie es für den Hauch einer Sekunde gerade noch den Anschein gehabt hatte, wovon selbst der zerstreute werdende Papa bis eben fast noch überzeugt gewesen wäre.

Marc: Ich dachte...
Gretchen (guckt verdutzt zu ihrem Freund u. wandert dann langsam mit ihren verwunderten Blicken eine Person nach der anderen ab): Was dachtest du? Was guckt ihr denn alle so komisch? Ist etwas passiert, während wir kurz im Bad waren und ja, einen kurzen, okay, einen etwas länger dauernden Moment bei den Babys verweilt haben? Aber die Drei sind so niedlich, wenn sie schlafen. Wie kleine Puppen in verschiedenen Größen, nur eben in echt.

...gab das putzmuntere Häschen schließlich arglos die in ihren Augen wohl plausibelste Erklärung für ihr kurzzeitiges Fernbleiben von sich und lehnte sich anschließend mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen zärtlich an die starke Schulter ihres verdutzten Freundes, der offenbar während ihrer kurzen Abwesenheit das Sprechen verlernt hatte. Merkwürdig, wirklich sehr merkwürdig, dachte Gretchen nur, hatte den Gedanken aber im nächsten Moment auch schon wieder vergessen, weil Marc so betörend nach den Köstlichkeiten vom Buffet duftete und weil ihm ein paar widerspenstige Strähnen ins Gesicht gerutscht waren, die sie ihm nun liebevoll aus der Stirn zu streichen versuchte, was irgendwie nicht zu funktionieren schien. Sie rutschten immer wieder zurück, was Marc schließlich auch tierisch nervte, aber Gretchen beließ es so, denn dies gab ihm eine extrem verwegene und jugendliche Note. Irgendwie sexy und unnahbar. Wie früher auf dem Schulhof, wenn ihn irgendetwas schwer beschäftigt hatte, Marc das aber auch auf hartnäckiges Nachfragen hin nicht hatte zugeben wollen, weswegen er sich letztlich meistens bockig in seine Ecke hinter der Hecke am Spielplatz verkrochen hatte, wo er jeden weggebissen hatte, der ihm auch nur einen Schritt zu nahe gekommen war. Gretchen wusste auch nicht, warum sie gerade jetzt daran zurückdenken musste, konnte aber auch nicht aufhören, den coolen Jungen vom Schulhof ungeniert von der Seite anzuschmachten, der schon damals ihr Herz im Sturm erobert hatte, was nicht unbeobachtet blieb. Dr. Stier und Dr. Hassmann, die nach Annas Ausruf für einen kurzen Moment ebenfalls irritiert gewesen waren, weil ja eventuell auch etwas mit ihren Kindern hätte sein können, konnten sich ihr wissendes Grinsen nun auch nicht mehr länger zurückhalten. Ebenso wenig wie ihre ungebetenen neunmalklugen Kommentare. Sehr zum Leidwesen von Dr. Meier, der in diesem Augenblick den perfekten Blitzableiter abgab.

Maria: Ob etwas passiert ist? Anscheinend nichts von Belang, aber ich denke, Dr. Meier sieht das anders.
Marc (schreckt ertappt auf u. zischt der zickigen Kollegin grimmig zu): Bitte?
Maria (schmunzelt süffisant in seine Richtung): Och, nichts. Oder doch?
Marc (stöhnt gereizt auf): Boah, du genießt das richtig, oder, Hassi?
Maria (grient ihn an, nachdem sie kurz vergewissernd zu ihrem schmunzelnden Lebensgefährten geschaut hat, der ihr wissend zunickt): Och, auch nicht mehr als du, denke ich.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor der Brust u. ignoriert die biestige Kollegin u. ihr treudoofes Anhängsel, das zu allem, was von ihr kommt, weicheimäßig ja und amen sagt): Sehr witzig!
Sabine (guckt fragend zu Gretchen, die auch nur unschlüssig mit den Schultern zucken kann): Ach so?
Gretchen (will noch mal nachhaken, kommt aber nicht mehr dazu): Was war denn nun?

Sarah: Mamiiii! Mami! Geht’s jetzt los?

...stürmte nun auch noch zur Erheiterung aller der Ehrengast des Tages in die aufgescheuchte Runde unter den Obstbäumen und lenkte damit endgültig alle erfolgreich von der blasswangigen Anna Kaan ab, die immer unruhiger geworden war, aber noch immer nicht zu Wort gekommen worden war. Jeder Versuch, sich bemerkbar zu machen, wurde ignoriert beziehungsweise überhaupt nicht wahrgenommen. Es war wie verhext. Alle waren plötzlich wie elektrisiert. Sarah war in ihrem wunderhübschen Wallekleidchen unvermittelt angerannt gekommen und hatte sich an die Taille ihrer Mutter gehangen und schaute nun niederschmetternd anbetungswürdig zu ihr hoch. Niemand hätte der zuckersüßen ABC-Schützin, die einen eindeutigen Schokobart über der Oberlippe trug, in dem Augenblick widerstehen können. Auch nicht ihr bärenstolzer Vater, der, nachdem er ihr grinsend die Schokolade mit dem Finger weggewischt und selber davon genascht hatte, pappfrech das Wortrecht übernahm und damit alle, bis auf Marc und eben Anna, zum Schmunzeln brachte.

Cedric: Der Alarm war vielleicht etwas vorzeitig, aber unser lieber Marc kommt ja gerne zu früh, nicht?
Marc (kann nur von den sanften Händen seiner Liebsten noch vor möglichen Handgreiflichkeiten zurückgehalten werden): Ey! Hast du dir die Witze von der albernen Clownin da drüben abgeschrieben oder was soll das? Auch wenn du jetzt neuerdings im Doppelpack daherkommst, bist du Gockel auch nicht witziger als sonst.
Sarah (guckt verdutzt zu ihrem Papa rüber, zuckt mit den Schultern u. schnappt sich besitzergreifend seine Hand, um ihn nun ungeduldig hinter sich herzuziehen): Was für ein Alarm? Ich meine doch, dass Lilly gleich auftreten wird. Mit der Gitarre. Ist das nicht aufregend? Kommt ihr alle mit rüber? Gleich geht’s los. Juhu! Ich freue mich so.
Cedric (versucht einen Blick von Lillys Mutter zu erhaschen, nachdem ihm wieder eingefallen ist, dass sie ja noch etwas sagen wollte, aber Sarah hat ihn schon ungeduldig von ihr u. Maria weggezogen): Ach so, ja, na dann? Gehen wir mal rüber zur Showbühne, hm? Mary, hab ich dir eigentlich schon verraten, was für ein megagutes Programm ich da auf die Beine gestellt habe?
Maria (traut ihren Ohren kaum u. will dem Angeber direkt die Meinung geigen, weil er den Bogen schon wieder gefährlich überspannt, kommt aber nicht dazu, weil sich ihr Kulleraugen in den Weg stellen): Wag es ja nicht, Rick!
Sarah (freut sich wie ein Honigkuchenpferd u. greift nun auch nach der Hand ihrer verdutzten Mutter, um sich auch bei ihr einzuhaken): Au jaaa! Mami, komm! Gretchen! Bienchen! Onkel Marc! Ihr auch!
Gretchen (guckt grinsend zu Marc, der seinen Kopf gequält runterhängen lässt, u. schaut dann auffordernd zu Sabine u. Günni): Selbstverständlich, mein Schatz! Ich freue mich doch auch schon. Kommst du, Marc? Danach hast du’s dann ja auch geschafft.
Marc (sofort geht ein Ruck durch seinen Körper u. er grinst wieder bis über beide Ohren): Dein Wort in Gottes Gehörgang, also, in meinen.
Gretchen (schmiegt sich verliebt schmunzelnd in seine Arme): Du bist so blöd, aber lieb hab ich dich trotzdem.

Sarahs Vorfreude auf Lillys Auftritt wirkte natürlich direkt ansteckend. Die Fastsiebenjährige schlenderte zwischen ihren Eltern zur provisorischen Bühne am Bootssteg und ließ sich von den beiden immer wieder an den Armen hoch wirbeln und jauchzte dabei glücklich vor sich hin. Für die Schulanfängerin war dies heute natürlich bislang der beste Tag in ihrem Leben. So viel stand definitiv fest. Gretchen guckte der süßen Familie angetan hinterher, blieb aber noch etwas zurück. Aber nicht weil ihr Körperumfang ihr mal wieder Probleme bereitete, nein, sie wollte nur ihren von Marc so liebevoll zusammengestellten Teller mitnehmen, um während Lillys Auftritt unbeobachtet ein bisschen zu naschen. Aber sie fand lediglich ein leeres Exemplar auf ihrem Platz, als sie zur Hollywoodschaukel zurückkehrte, und schaute deshalb fragend zurück zu Marc, der daraufhin lässig mit den Schultern zuckte und mit dem Kinn rüber zum Buffet deutete.

Marc: Da gab es ein kleines Missverständnis. Naja, Mundraub trifft’s wohl eher. Die zwei Pappnasen sind aber auch geizig, eh, und gönnen niemanden irgendetwas.
Gretchen (überrascht, aber denkt sich nichts weiter dabei): Oh! Dann... naja, schaue ich eben selber noch mal, was es so gibt, bevor es losgeht. Die Hauptakteurin fehlt ja eh noch, wenn ich mich so umschaue. Möchtest du auch was, Bine?
Sabine (lächelt ihrer aufmerksamen Freundin freundlich zu u. guckt anschließend verliebt zur Seite zu ihrem Mann, der ihr liebevoll den Arm um die Taille gelegt hat): Gerne! Du auch, Schnurzelchen?
Schnurzelchen? Oh Gott! Wo bin ich hier bloß gelandet? Definitiv im Gruselkabinett. Und was stellt Haasenzahn da gerade dar? Sterbender Schwan oder flügellahmer Pinguin? Schwan, definitiv, Schwan! Ein bisschen blass vielleicht in Ausführung und technischer B-Note, aber das sexy wackelnde Hinterteil holt es wieder raus.
Marc (noch etwas unschlüssig steht er wie bestellt u. nicht abgeholt vor der Hollywoodschaukel, von der sich Gretchen gerade ungelenk ihre Handtasche schnappt): Gut? Und dir geht’s...?
Gretchen (ahnt, was er sagen will, u. kommt ihm zuvor, während sie sich glücklich an ihn schmiegt u. ihm ein kleines Küsschen auf die Lippen presst): Bestens, Marc, bestens! Ihr müsst also nicht gucken, als wäre sonst was passiert. Kommst du, Sabine! Günni? Anna, was ist mit dir?
Günni/ Sabine (antworten ihr ehrfürchtig im Schmunzeln auslösenden Chor): Selbstverständlich, Frau Doktor.

Und schon schlenderten die Drei auch schon davon, um noch schnell vor dem angekündigten Showprogramm das Buffet zu plündern, und ließen Marc und Anna auf der mittlerweile verlassenen Terrasse zurück, während alle anderen Gäste, angefeuert von einer euphorischen Sarah Hassmann, die ihnen wild zuwinkte, langsam ihre Plätze vor der improvisierten Bühne am Bootsteg einnahmen. Marc wollte ihnen auch gleich folgen, hatte aber vorher noch ein Hühnchen mit Mehdis Exfrau zu rupfen, die ungewohnt ruhig und apathisch geblieben war, nachdem sie anfangs noch für solche Aufregung gesorgt hatte.

Marc: Apropos, Missverständnis, Anna, wo wir schon einmal dabei sind, das nächste Mal etwas mehr Taktgefühl, ja! Bei meinem überfälligen Mozartkügelchen verstehe ich nämlich überhaupt keinen Spaß. Klar?
Anna (wacht abrupt aus ihren Gedanken wieder auf u. richtet ein leises Stoßgebet gen Himmel, weil sie endlich erhört wird, u. stellt sich Marc in den Weg, als er gehen möchte): Warte, Marc! So war das doch überhaupt nicht gemeint. Ich habe doch gar nicht behauptet, dass etwas mit Gretchen oder den Kinder... Wobei... Das habt ihr euch doch selber eingeredet. Ihr habt mich ja gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Dann hätte ich das auch gleich aufklären können. Es gibt nämlich wirklich ein Problem, Marc. Ein ziemlich großes, wenn man bedenkt, worauf alle, und eine junge Dame ganz besonders, gerade gespannt warten. Das macht die Sache nicht gerade einfacher. Nicht nur für mich. Ich weiß ehrlich nicht, was ich noch machen soll.

Marcs Blick folgte verwundert Annas Arm, der zur improvisierten Konzertbühne neben der gut besuchten quietschgelben Hüpfburg zeigte, vor welcher man provisorisch einige Bank- und Stuhlreihen aufgebaut hatte, auf denen schon einige Gäste Platz genommen hatten, aber er wartete immer noch auf die Pointe, die jedoch ausgeblieben war.

Marc: Ja, und? Mann, Anna, rumzudrucksen ist nicht gerade hilfreich. Und noch eine zeitliche Verzögerung kann ich echt nicht gebrauchen. Im Gegensatz zu dir hab ich heute nämlich noch was vor.
Anna (schaut sich um, ob auch niemand anders zuhört, u. verrät es schließlich im Flüsterton, als sie noch näher an ihn herantritt): Ich weiß. Euer Jahrestag. Gretchen schwärmt davon schon ohne Ende. Aber die Welt dreht sich nicht nur um euch beide, auch wenn ihr das gerne so sehen möchtet. Ich gönne euch das auch, aber es geht um Lilly, Marc. Sie mag nicht mehr auftreten.
Marc (sichtlich überrascht starrt er die besorgte Mutter an u. versteht die Pointe nicht): Bitte?
Anna (wirft ratlos ihre Arme in die Luft u. guckt immer wieder in Richtung Wohnhaus): Ich hab schon alles versucht. Sie mag nichts essen. Sie mag nichts hören. Sie macht komplett dicht. Sie will nicht mehr. Sie hat sich hinter den Sofas verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen. Ich hab sogar versucht, Mehdi zu erreichen, damit er ihr gut zuredet, aber er steht gerade im OP. Irgendein längerer komplizierter Eingriff, ich weiß auch nicht.
Marc (noch mehr überrascht): Mehdi operiert? Kann der das überhaupt?
Anna (funkelt ihr Gegenüber angesäuert an, weil es sie nicht ernst nimmt): Marc, bitte, das ist nicht der Zeitpunkt für blöde Ärztewitze. Es ist ernst. Die warten alle auf Lilly. Und sie ist todunglücklich, weil sie niemanden, vor allem Sarah nicht, enttäuschen möchte. Sie hat solches Lampenfieber. Ich hab das total unterschätzt, Marc. Kannst du nicht noch mal mit ihr reden? Ihr habt so einen guten Draht zueinander. Ihr habt doch tagelang zusammen geübt.
Marc (mault meierlike): Weil ihr mich dazu genötigt habt, weil die Scheißmusikschule noch Ferien hat. Ich hab mir das auch nicht ausgesucht. Sie kommt immer mit der Klampfe an.
Anna (guckt ihn eindringlich an): Marc, bitte!
Marc: Boah, wieso muss eigentlich immer ich die Karren für euch aus dem Dreck ziehen, hm? Steht mir auf die Stirn getackert, mit mir kann man es machen, oder was?

...stellte Marc die rhetorische Frage mehr sich selbst als seinem hibbeligen Gegenüber, das unruhig mit beiden Füßen hin und her wippte und mit einem schräg verzogenen Gesicht und einem flatterig winkenden Arm ziemlich auffällig auf die ungeduldigen Blicke der wartenden Gastgeber reagierte, die fragend zur Bühne zeigten, wo lediglich eine einsame, an einen leeren Stuhl gelehnte, bunt beklebte Gitarre auf das bevorstehende Programm hindeutete. Aber bevor Anna Mehdis bestem Freund darauf antworten konnte, hatte dieser die Lösung bereits für sich selbst gefunden. Er raffte sich auf und ging schnurstracks zu der geöffneten Terrassentür, vor der er jedoch noch einmal kurz innehielt und sich zu Lillys Mutter umdrehte, die ihn mit großen Augen so durchdringend ansah, wie es Lilly auch manchmal machte, wenn er sie überrascht hatte.

Marc: Okay, bevor du oder irgendeine Genvariante von dir und dem Frauenversteher weiter nerven, Rollentausch. Ich übernehme die Kurze, du behältst die Mozartkugel im Blick. Wehe, du lässt sie auch nur eine Sekunde aus den Augen, dann ist nämlich ein für alle Mal Schluss mit den Nettigkeiten! Und bevor irgendwer fragt, wo sie bleibt, Künstler verspäten sich immer. Vor allem die, die sich tatsächlich für welche halten, obwohl sie eigentlich gar keine sind. Halt sie hin! Ich werde ja heute auch den liebenlangen Tag hingehalten. Das nennt sich dann also ausgleichende Gerechtigkeit, oder so.
Anna (ihr fällt ein zentnerschwerer Stein vom Herzen): Danke, Marc! Du... du bist...
Marc (wiegelt genervt ab): Ja, ja, behalte dein geheucheltes Gesäusel für dich oder schenke es deinem ominösen Chatfreund, den du uns immer noch vorenthältst, falls er überhaupt existiert. Du schuldest mir was. Obwohl... Das tust du ja eh schon, seitdem du Mehdi seiner Schuldlast mir gegenüber entbunden hast. Von dem her, vergiss es einfach!

Anna hätte den unnahbaren Chirurgen mit der großen Klappe am liebsten vor lauter Dankbarkeit in ihre Arme gezogen, aber da war er ihr auch schon entwischt und im Haus verschwunden. Außerdem hatte Gretchen ihr von den Sitzbänken am Ufer aufdringlich zugewinkt. Sie hatte ihrer neuen Freundin nämlich einen Platz neben sich und Sabine freigehalten und naschte dabei unentwegt von ihrem Teller, den sie zum verzückten Amüsement der anwesenden Kollegen, die sich ihre neugierigen Blicke nicht verkneifen konnten, auf ihrem gigantischen Babybauch abgestellt hatte. Lillys aufgewühlte Mutter kam nicht umhin, sich ebenfalls zu einem kleinen Lächeln hinreißen zu lassen, welches ihr unheimlich gut tat und ihre Anspannung merklich linderte. Anna schaute sich noch einmal zum Haus um, seufzte leise und begab sich dann auch endlich zu den anderen Partygästen. Marc würde das schon schaukeln. Würde er doch, oder?

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

28.07.2017 22:54
#1603 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Während Anna noch einigermaßen zuversichtlich war, dass das vorbereitete Programm für die Schulanfängerin nicht ins Wasser fallen würde, und freundlich in die Runde der wartenden Konzertbesucher blickte, war ihr Retter in der Not noch nicht so wirklich davon überzeugt, was er hier gerade tat. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch durchschritt er den Wohnbereich des edelholzvertäfelten Hauses und blickte sich um. Er musste nicht lange suchen, um die vermisste Gitarristin zu finden. Sie hatte sich tatsächlich eine kleine Trutzburg zwischen Sessel und Couchlandschaft gebaut und nur ihre nackten, nervös hin und her wackelnden Füße guckten unter der beigefarbenen Decke hervor, die sie sich über den Kopf gezogen hatte, damit niemand sie entdecken konnte. Marc konnte nicht anders. Er musste direkt grinsen, weil die kleine Mäusedame genauso vorhersehbar agierte wie ihr werter Papa, wenn er einen seiner wenigen schlechten Tage hatte. Also dachte er auch nicht lange darüber nach, was zu tun war, und pflanzte sich direkt vor den Eingang des Schutzverstecks und stupste die Neunjährige grob mit seinen gelben Chucks an. Lillys Aufmerksamkeit war ihm spätestens dann gewiss, als er sie fast schon beiläufig lässig von der Seite anquatschte...

Marc: Nettes kleines Versteck, Lillyfee. Aber ist es auch einer Prinzessin wie dir überhaupt würdig? Oder spielst du Cinderella? Dann bräuchtest du aber für die Authentizität ein paar Staubflusen mehr hier drin. Ich befürchte aber, die Bude hier ist zu neu und zu steril und Stier und Hassmann sind zu pingelig, als dass du hier so was finden würdest. Draußen ist aber ein Sandkasten. Von dem her...
Lilly (fühlt sich sichtlich ertappt u. hält sich erschrocken die Hand vor den Flüstermund, an dem verräterische Schokospuren kleben): Psst! Nicht so laut, Onkel Marc! Die Babys schlafen doch nebenan. Wenn wir die wecken, krieg ich bestimmt noch mehr Ärger.
Wieso Ärger? Oje, das wird wohl doch eine schwierigere Geburt, als ich dachte. Sie ist ja völlig durch den Wind.
Marc (überlegt angestrengt, wie er vorgehen soll): Ach was, du machst es genau richtig.
Lilly (linst schüchtern unter der Decke hervor): Findest du?
Marc (lächelt die süße Maus sehr überzeugend an u. hat eine Idee): Na, logo, vor dem nervigen kunterbunten Remmidemmi da draußen kann man nur eins machen, sich nämlich schleunigst zu verkriechen. Die unerträgliche gute Laune ist echt nicht auszuhalten. Hast du noch einen Platz für mich?
Lilly (zögert eine kleine Sekunde u. rückt dann doch vorsichtig zur Seite, damit er sich der Länge nach in die hintere Ecke fläzen kann): Okay? Und was machen wir jetzt?
Marc (streckt schmunzelnd die Beine aus u. lehnt sich mit dem Rücken bequem an die Sofaseite): Na, du bist mir vielleicht eine Gastgeberin. Du bist doch diejenige, die sich hier häuslich eingerichtet hat, Lilly.
Lilly (läuft ertappt rot an): Stimmt! Darf ich dir was verraten, Onkel Marc?
Marc (nickt wissend, aber tut so, als wüsste er von nichts): Schieß los!

Na, das ging doch einfacher, als ich gedacht habe. Ich komme hier doch noch rechtzeitig weg. Halleluja!

Lilly (beißt sich nervös auf ihre Unterlippe u. knobelt mit ihren Fingern): Ich hab mich wirklich hier drin versteckt.
Marc (gespielt überrascht): Ach?
Lilly (guckt ihn ganz verlegen an): Ich weiß, dass das total albern und kindisch ist, aber ich kann da jetzt nicht raus.
Marc (greift zur Seite, um sich besser abzustützen, u. fasst dabei direkt in einen Haufen aus klebrigen Schokoladenpapier, wie er irritiert u. auch irgendwie amüsiert feststellt): Musst du doch auch nicht, wenn du nicht willst. Wenn ich ehrlich bin, will ich auch nicht wieder da raus.
Lilly (beobachtet verunsichert, wie sich ihr großer Freund die Hand an einem Zipfel der Decke abwischt): Ehrlich?
Marc (schaut ihr direkt in die fragend umherhuschenden Augen u. entlockt ihr ein kleines zaghaftes Lächeln): Es zwingt dich doch keiner. Außer mich vielleicht. Freiwillig bin ich nämlich bestimmt nicht hier. Also auf der Feier im Allgemeinen. Zu dir komme ich jedoch jederzeit gerne.
Lilly (schmiegt sich erleichtert an seine Seite): Ich hab dich auch gerne bei mir, Onkel Marc.
Marc (lächelt u. ist sichtlich hingerissen von der süßen Maus, die sich nicht traut): Na, das beruht auf Gegenseitigkeit. Echt scheiße, dass Mehdi heute nicht auch hier sein kann, hm? Ich glaube, wir hätten hier drunter echt viel Spaß zusammen haben können. Dein Schlossentwurf hat was, ist aber noch ausbaufähig.
Lilly (unweigerlich kullern die Tränchen): Die Babys im Krankenhaus brauchen Papa doch. Damit sie einen guten Start ins Leben haben.
Oje, sie glorifiziert schon wieder. Alter, beweg deinen fetten Arsch hierher! Das ist verdammt noch mal dein Job hier und nicht meiner.
Marc (ihm bricht das Herz, sie so unglücklich zu sehen, u. legt sanft einen Arm um ihre Schulter, um sie kurz, aber innig an sich zu drücken): Aber er fehlt dir trotzdem, oder?
Lilly (streicht sich die Tränchen schnell wieder weg u. strahlt auch schon wieder zu ihm hoch, wenn auch nur schwach): Er hat vorhin angerufen und mir viel Glück gewünscht.
Marc (nickt verständnisvoll): Und das hat nicht geholfen, hm? Gegen das Lampenfieber, meine ich.
Lilly (rückt etwas von ihm ab u. guckt ihn aus großen glasigen Augen an): Woher weißt du das?

Weil ich allwissend bin.

Marc (grinst triumphierend, weil er sie an der Angel glaubt): Ich bin Oberarzt. Ich weiß und kann alles. Und ich habe mit meinen Diagnosen noch nie fehl gelegen.
Lilly (kleinlaut): Doch.
Marc (reagiert etwas unwirsch auf ihren unerwarteten Einwurf): Bitte? Du hast kein Lampenfieber?
Lilly (schaut ihm ganz geknickt in die irritiert fragenden Augen): Doch, schon, aber ich glaube, es ist ein ganzer Lampenladen mit Fieber.
Marc (lacht herzhaft auf u. steckt die Kleine damit direkt an): Mist! Das hab ich unterschätzt. Sorry! Aber die Pointe war richtig gut, Lillymaus. Du hast es drauf. Nicht nur das.
Lilly (strahlt ihn für einen kurzen Moment an, dann kommt aber die Nervosität wieder hoch): Danke! Ich fühle mich trotzdem nicht wohl, Onkel Marc. Ich glaube, ich werde krank. Ich hab schrecklich Bauchweh, mir ist schlecht, meine Hände sind ganz schweißig und meine Knie sind totaler Wackelpudding. Ich kann da nicht raus. Ich glaube, ich hab alles vergessen. Ich kann nicht mehr spielen.
Marc (setzt zur gespielten Denkerpose an): Hm... Deine Symptome sind eindeutig.
Lilly (guckt ihn aus großen unsicheren Augen an): Und was mache ich jetzt? Alle warten auf mich. Sie werden total enttäuscht sein. Aber ich will nicht, dass Sarah enttäuscht ist. Sie hat sich so gefreut und ich hab sie doch so lieb. Bis zum Mond und wieder zurück.

Oh Gott! Ein Dramalevel wie ihr Vater. Hilfe! Es müsste Leitbögen geben für Situationen wie diese. Das wäre doch mal ein Geschäftsmodell, anstatt alberne Broschüren herauszugeben, wie „Windelwechsel leichtgemacht. Fünf Schritte, wie auch der unsicherste Papa zum wahren Profi wird“. Pah! So einen Unfug braucht doch kein Mensch. Stier vielleicht, aber ich nicht.

Marc (erwidert ihren eindringlichen Blick): Tja, ziemlich verzwickt das Ganze. Hm...? Dann wirst du wohl oder übel über deinen Schatten springen müssen.
Lilly (schaut ihm mit tellergroß erweiterten Augen in das zuversichtliche Gesicht): Und da rausgehen? Und was ist, wenn ich wirklich nicht mehr spielen kann?
Marc (kontert keck): Hast du’s schon probiert?
Lilly (zuckt kraftlos mit den Schultern): Geht nicht. Sarahs Papa hat meine Gitarre und die Noten vorhin schon zur Bühne gebracht, als Mama und ich hier heute Mittag angekommen sind und bei den Vorbereitungen geholfen haben.
Marc (verdreht schmunzelnd die Augen): Na, so ein Idiot aber auch.
Lilly (ihr ist überhaupt nicht zum Schmunzeln zumute): Gar nicht! Das ist allein mein Fehler. Ich hätte wissen müssen, dass ich noch nicht soweit bin, um vor Publikum zu spielen.
Marc (will ihr Mut machen): Aber das hast du doch schon. An Gabis Geburtstag neulich.
Lilly: Das war doch was ganz anderes, Onkel Marc. Da waren wir unter uns. Jetzt sind da draußen aber ganz viele Leute. Viel mehr, als ich gedacht habe. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich von Sarah nicht überreden lassen. Sie hat sich das so gewünscht und ich hab gedacht, ich kann das, kann ich aber nicht.
Marc (sieht das alles ganz locker): Na und? Die meisten kennst du doch auch aus dem Krankenhaus. Keiner tut dir was Böses.
Lilly (lässt geknickt den Kopf hängen): Und wenn doch?
Marc (seufzt nachdenklich u. sucht ihren Blick): Du denkst doch an Mehdi, oder?
Lilly (schaut wieder zu ihm hoch u. schüttelt aufgewühlt den Kopf): Nein, nicht so. Ich weiß, dass es ihm gut geht und ihm nicht noch mal so was passieren wird. Und ich weiß, dass er stolz auf mich ist, egal ob ich nun auftrete oder nicht.

Ach Süße! Was machst du bloß mit mir? Worüber reden wir hier eigentlich? Anna hätte vielleicht besser Haasenzahn fragen sollen. Sie wüsste, wie wir uns aus diesem Schlamassel herausziehen könnten. Wo ist hier das Hintertürchen, durch das wir verduften könnten?

Marc: Na, dann, wo liegt das Problem?
Lilly (senkt verlegen ihren Blick u. zieht sich wieder in sich zurück): Dass alle mich angucken werden und dann verspiele ich mich bestimmt.
Marc (rollt ungesehen mit den Augen): Wirst du nicht, Mäuschen. Wir haben doch zusammen trainiert. Setz dich nicht so unter Druck! Die da draußen sind nicht wichtig. Die haben eh keine Ahnung. Als ob auch nur einer von den Idioten jemals ein Instrument in den Händen gehalten hätte. Blende sie aus! Du musst hauptsächlich für dich spielen. Dann klappt das schon.
Lilly (bleibt skeptisch): Ich weiß nicht.
Marc (merkt, dass er sie wieder am Haken hat): Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis, Lillyfee. Weißt du, so unter Chirurgenkünstlern und ähm... Dings hier... Künstlern im Allgemeinen. Ohne Ausnahme jeder ist aufgeregt vor einem Auftritt, ob nun als Musiker, Bühnenschauspieler oder Gast in einer semipopulären Talkshow auf einem drittklassigen Sender, den keine Welt guckt. Alle haben vorher Lampenfieber.
Lilly (staunt u. hört ihm weiter gebannt zu): Echt?
Marc: Das ist ganz natürlich. Das gehört quasi zum Programm mit dazu. Weißt du, der Adrenalinhaushalt wird dadurch enorm angekurbelt. Man spürt zusätzliche Kräfte, die einen erst antreiben und pushen, da jetzt rauszugehen. Dieser zusätzliche Energieschub motiviert ungemein. Blut schießt durch die Venen. Das erklärt übrigens auch deinen rote Birne und die zusätzliche Schweißbildung. Die Synapsen im Gehirn sind hoch aktiviert. Man ist aufnahmebereiter. Konzentrierter. Man kann gar nicht mehr anders, als da dann rauszugehen und alles zu geben. Die angestaute Energie muss ja auch wieder irgendwohin. Und wenn du erst da oben stehst und die ersten Takte gespielt hast, ist die anfängliche Angst sofort vergessen. Und Gitarre spielen ist wie Fahrradfahren und Se... äh..., das verlernt man nicht.
Lilly (denkt angestrengt darüber nach u. findet es durchaus plausibel): Geht es dir auch so, wenn du auftrittst?

Was denn für Auftritte? Damals, als Mutter mich in ihrer pseudoexperimentalistischen Phase dazu genötigt hat, als Erziehungsmaßnahme in die blöde Theater-AG einzutreten? Ganz, ganz schlechtes Thema. Die Bühnenstücke waren eher lächerlich, als dass man davor Schiss haben musste. Pah! Iwo! Die Blamage war von vornherein mit eingeplant. Haasenzahn hat schließlich auch mitgespielt. Hähä!

Marc (schmunzelt in sich hinein): Oh, du, mein letztes Strandkonzert, das ist Jahre her und das hab ich auch nur durchgezogen, um die Mädels aus der Oberstufe auf der Klassenfahrt... ääähhh... Was ich eigentlich sagen wollte, ein bisschen vielleicht, aber das darfst du niemandem verraten. Das ist ein unausgesprochenes Geheimnis unter Dingens hier ähm... Musikern.
Lilly (stimmt ihm mit einem hinreißenden Lächeln zu): Okay!
Marc (schaut ungeduldig zur Terrassentür, vor der das Gemurmel am See langsam lauter wird): Und, denkst du, du kannst dich überwinden, da jetzt rauszugehen und ein bisschen zu zupfen?
Lilly (zieht sich wieder ängstlich in sich zurück): Das klingt mir alles noch zu theoretisch.
Marc (verdreht leicht angenervt die Augen): Jetzt klingst du wie meine Biolehrerin. Ähm... Aber dafür ist doch die Praxis da. Übung macht den Meister, wie man so schön sagt, und die paar Leute da draußen sind doch die perfekten Probanten dafür. Nicht sehr anspruchsvoll, vollgefressen, demnach zufrieden und sowieso ein bisschen angeschäkert von der Bowle von Sarahs Oma.
Lilly (schaut ihn aus ihren hypnotischen Mandelaugen eindringlich an): Du bist lustig, Onkel Marc. Ich traue mich trotzdem nicht.

Boah! Nicht schon wieder! Wir drehen uns im Kreis. Hilfe!

Marc (ist mit seinem Latein fast am Ende): Okay, dann... ähm... versuche es mal so, wie es die meisten anderen auch bei akutem Lampenfieber machen.
Lilly (reckt neugierig ihr Näschen in die Höhe): Wie denn?
Marc (muss unweigerlich grinsen): Das beste Mittel, um sich von der eigenen Nervosität abzulenken, ist, dass du dir die Leute im Publikum einfach nackt vorstellen musst.
Lilly (macht extragroße Augen u. fängt an zu kichern): Was? Das geht doch nicht, Onkel Marc.
Marc (ist merklich davon überzeugt): Und ob das geht! Das mache ich meistens auch so, wenn ich Fachvorträge halte.
Lilly (staunt ungläubig): Ehrlich? Ich kann das nicht. Dann müsste ich ja die ganze Zeit lachen. Ich will mir Onkel Günni und Tante Biene nicht nackt vorstellen.
Oh Gott! Diese Bilder... Wo kann man den Film wieder löschen? Der gehört auf den Index.
Marc (verzieht schockiert sein Gesicht): Okay, das ist ein Punkt. Hm? Und wenn du dir unter den Gästen nur eine einzige Person herauspickst, die du anschaust, während du spielst? Gretchen oder Sarah zum Beispiel. Für die ist die ganze Chose doch eh bestimmt. Das beruhigt, glaub mir, wenn du dir den Menschen ansiehst, dem du bedingungslos vertraust, den du auf deiner Seite weißt und der dir alles abnimmt, selbst falls du’s verhauen solltest, was du natürlich nicht tun wirst. Schließlich kannst du ja Gitarre spielen.
Lilly (denkt einen langen Moment darüber nach, der Marc wie eine Ewigkeit vorkommt): Hm? Das könnte vielleicht funktionieren.
Halleluja! Was für eine Geburt! Jetzt brauche ich dringend noch ein Glas „beschwipste Früchte“ oder ne Kippe.
Marc: Na, dann...Raus da, Prinzessin! Du schaffst das schon.

Als Lilly tatsächlich unter der Decke hervorkrabbelte und mit einem zuckersüßen verlegenen Lächeln auf den Lippen aufstand und anschließend ihr hübsches Sommerkleidchen zurechtzog, hätte Marc am liebsten laut in die Hände geklatscht, aber er konnte sich gerade noch so beherrschen. Yes, man, er hatte es immer noch drauf, klopfte er sich gedanklich auf die eigene Schulter und versuchte, ihr flink hinterher zu klettern, wobei die wackelige Deckendachkonstruktion jedoch nachgab. Sehr zum Amüsement von Lilly, die ihn kichernd beobachtete, als er das kratzige Wollteil schimpfend von sich strampelte und anschließend in einer eleganteren Bewegung zu der frechen Grinsefee aufsprang. Trotz des kleinen, unschönen Tollpatschmomentes, den er schnell in die Annalen des Nicht-Geschehen-Seins verdrängte, stand dem Chirurgen die Zufriedenheit deutlich ins Gesicht geschrieben. Aber das gute Gefühl hielt nicht lange an. Denn als Lilly aus dem Fenster nach draußen zum See schaute, verschwand das hinreißende Lächeln auch schon wieder aus ihrem Gesicht und sie blickte scheu zu ihm hoch. Marc konnte sich ein lautes Seufzen nicht verkneifen...

Marc: Was ist denn jetzt wieder?
Lilly (greift vorsichtig nach seiner Hand, lässt sie nicht mehr los u. sieht bittend zu ihm hoch): Du, Onkel Marc, würde es dir etwas ausmachen, mich zu begleiten?
Marc (bleibt skeptisch, als er auf die kleine hochradioaktive Hand blickt u. das schüchterne Mädchen eindringlich mustert): Nicht unbedingt. Aber ich bring dich rüber, wenn du dir das wünschst. Ich wollte eh noch mal zum Getränkestand.
Lilly (drückt nun etwas kräftiger seine Hand): Nein, ich meine, ob du mit mir mit auf die Bühne gehst und mitspielst.
Marc (reißt merklich überrumpelt die Augen auf): Bitte?
Das kann doch nicht ihr Ernst sein? Sie verhohnepoppelt äh... verhohnepiepelt dich doch.
Lilly (fleht ihn aus ihren einnehmenden Samtaugen zuckersüß an): Bitte, Onkel Marc, nur das eine Mal! Ich fühle mich viel sicherer, wenn du dabei bist. Und es macht doch immer so viel Spaß, wenn wir zusammen musizieren. Das klappt viel besser, als wenn ich Frau Schnabelstedt in der Musikschule vorspielen muss. Sie mag die neuen Lieder nicht, die du mir beigebracht hast. Ich aber schon. Seit wir an Gabis Geburtstag damit angefangen haben, bin ich viel, viel besser geworden. Deinetwegen.
Marc (seufzt): Lilly...

Marc kämpfte sichtlich mit sich. Aber wie hätte er nach diesen eindringlichen Worten diesem Bambiblick noch länger widerstehen können? Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Nahezu unmenschlich. Wer hätte schon so grausam sein können? Er musste sich wohl oder übel geschlagen geben. Aber leider kam er gar nicht erst dazu, sich der Zuckermaus zu erklären, die ihn mit den gleichen fesselnden Augen wie ihr Vater zu hypnotisieren versuchte. Weil sein „Lieblingsfreund“ Nummer eins unvermittelt ins Zimmer gepoltert kam. Dieser Vollpfosten!

Cedric (schaut verwundert von der kleinen Person zur großen, die von Lilly innig gedrückt wird): Was ist denn nun? Ich dachte, Lilly wollte für Sarah ein paar Songs Gitarre spielen? Wir sitzen alle schon da drüben und warten. Oder soll ich die Clownin noch mal vorschicken? Ich glaube aber, deren Repertoire ist langsam aufgebraucht. Sarah hat schon herausgefunden, wie das mit den Karten funktioniert und erzählt es brühwarm ihren Freundinnen weiter.
Marc (stöhnt entnervt auf u. meckert den unsensiblen Störenfried direkt an): Jetzt mach mal die jungen Pferde nicht so scheu, du Nervensäge! Noch nie was vom akademischen Viertel gehört? Ach nee, hast du nicht, du hast es ja immer gänzlich ausgereizt und bist, wenn überhaupt, erst zum letzten Drittel in die Vorlesung reingeschneit.
Cedric (überhört die Meierschen Spitzen gekonnt): Haha! Das war doch immer deine Ausrede gewesen, wenn du mal wieder bei einem deiner Mädels versackt bist. Aber ich wusste nicht, dass dies auch für angehende Gymnasiastinnen gilt.
Lilly (stellt sich mit stolzgeschwellter Brust vor Sarahs Vater hin, der ihr frech zugezwinkert hat): Doch! Wir kommen gleich. Wir mussten nur... ähm... üben. Uns... abstimmen.
Marc (sein Kopf fährt irritiert zu ihr herum): Ey, ich hab noch nicht zugestimmt.
Lilly (grient ihn herzerweichend an): Doch!

Was mache ich eigentlich hier? Ich hätte mit Haasenzahn den ganzen Tag im Bett lümmeln und Morsezeichen der Zwerge deuten können. Das steht in jedem vernünftigen Dings hier... Beziehungsrahmenvertrag, Absatz Jahrestage und sonstige Verpflichtungen. Mich zum Horst zu machen, aber nicht. In seinem vielleicht. So dämlich wie der Drecksack schon wieder guckt.

Marc (ärgert sich maßlos über seine eigene Unnachgiebigkeit): Na, wie es ausschaut, bist du wieder gut drauf, hä? Na gut, aber das bleibt wirklich die Ausnahme, Lilly. Ein einziges Mal! Ich werde demnächst für dich nicht mehr so oft in die Presche springen können, Fräulein. Stier, rück mal deine bescheuerte Gitarre raus, zack, zack!
Cedric (guckt ihn etwas unwirsch an): Was willst du denn mit meiner Gitarre? Woher weißt du überhaupt, dass ich eine besitze?
Marc (grient ihn süffisant an): Denkst du etwa, ich wüsste nicht mehr, wie du immer die Erstsemestlerinnen mit deiner ekelhaften Schleimmasche angelockt hast, um ihm Seziersaal heimlich nachts Party zu machen? Ja, ja, Roxette-Songs covern. Weiß Maria eigentlich von deinem heimlichen Misstalent? Außerdem habt ihr mich neulich dazu genötigt, bei eurem überstürzten Umzug zu helfen. Ich hab das Teil da reingeschleppt. Sei froh, dass ich es dir nicht vor die Stirn geklatscht habe, du Blitzmerker. Verdient hättest du es.
Cedric (verdreht genervt die Augen, bleibt aber die Ruhe in Person): Ja, ja, lass mal gut sein, Kumpel! Ich müsste dafür aber kurz bei den Kids rein. Also halte bitte für einen Moment deinen Schnabel! Ich spiel immer für Sissi, wenn sie schlecht geträumt hat, musst du wissen. Sarah steht auch drauf. Aber du willst nicht wissen, wie Sophie darauf reagiert hat, als ich sie gestern mit Sheeran in den Schlaf wiegen wollte. Drama, sag ich nur, Drama.
Marc (blickt ihm ungläubig hinterher, als er sich einem der Zimmer zuwendet, u. wechselt mit Lilly vielsagende Blicke): Was sollte daran denn bitteschön neu sein? Das ist bei euch doch eh immer Programm. Steht das nicht sogar auf eurem Klingelschild?

Ohne weiter auf Meiers nervtötende Sprüchesalven zu achten, schlich Cedric auf leisen Sohlen in das Zimmer seiner mittleren Tochter, die zum Glück ebenso wie Klein-Anton, den man neben die Eineinhalbjährige gebettet hatte, tief und fest ihr wohl verdientes Nachmittagsschläfchen hielt. Auf genauso leisen Sohlen schloss er die Zimmertür auch schon wieder hinter sich und reichte seinem skeptisch dreinblickenden Kumpel nun mit einem leicht mulmigen Gefühl im Bauch das Corpus delicti, nach dem er unverschämt verlangt hatte.

Marc (reißt Cedric die Gitarre förmlich aus der Hand u. lässt ihn danach einfach stehen): Ich hoffe, die ist auch gestimmt. Wenn nicht, bist du schuld, wenn Lilly ihr Konzert verhaut.
Lilly (schaut ihm protestierend hinterher): Was?
Marc: Wirst du nicht, Süße. Nur für den Fall der Fälle sollte man immer einen Schuldigen bestimmen. Das ist auch so ein ungeschriebenes Gesetz, weißt du. Macht der Bieber auch so, hab ich gehört.

...griente Marc erst keck seinen kleinen Schützling an, der ihm daraufhin wieder zufrieden zunickte und ihm schnell zur Terrassentür hinterher tapste, und schaute dann noch einmal mit spöttischer Miene auf seinen verdutzten Kollegen, der immer noch nicht verstanden hatte, was das alles hier überhaupt zu bedeuten hatte. Wann hatte er eigentlich die Kontrolle über seine eigene Feier verloren, fragte sich Dr. Stier verwirrt und hetzte den beiden mit flinken Füßen schließlich nach draußen hinterher, um Schlimmeres zu verhindern.

Cedric: Das erklärt aber immer noch nicht, was du jetzt vorhast, Meier.

Aber der Schelm dachte nicht im Traum daran, das nervige Nachfragen des sichtlich beunruhigten Gastgebers aufzuklären. Denn er war schon komplett fokussiert auf das, was gleich passieren würde. Augen zu und durch, war Marcs Devise. Je eher es vorbei war, umso eher war es auch schon wieder vergessen und er konnte sich endlich sein Häschen schnappen und mit ihm verduften. Und genau diese junge Dame pickte er sich jetzt auch im Publikum heraus, um sie ungeniert anzustarren, während sich Lilly Sarah zuwandte, die ihre drei Jahre ältere Freundin erwartungsvoll anlächelte. Das sichtlich nervöse Mädchen schnappte sich ihre Gitarre, legte sie sich mit einigen Mühen um die Schulter und setzte sich schließlich mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen auf ihren auf dem Steg bereitgestellten Stuhl. Ihr kleines Herzchen klopfte Lilly bis zum Hals, aber da sie ihren großen besten Freund an ihrer Seite wusste, war die Aufregung nicht mehr ganz so schlimm wie noch vorhin.

Ein erwartungsvolles Raunen ging durch die Reihen des Publikums, nachdem die beiden endlich die improvisierte Bühne am Seeufer geentert hatten. Und vor allem Gretchen Haase staunte Bauklötzchen, denn dass Marc mit in Lillys Auftritt involviert sein würde, war ihr neu. Doch weder ein fragender Blick zu Sabine zu ihrer Linken, die ebenso verwundert und doch sehr angetan mit den Schultern zuckte und aufgeregt nach der Hand ihres Mannes gegriffen hatte, noch zu Maria auf dem Sitzplatz direkt vor ihr, die ihren Freund sichtlich irritiert ansah, als dieser sich ohne ein Wort der Erklärung neben sie setzte, noch zu Anna zu ihrer Rechten, die Marc unendlich dankbar zunickte und dann ganz verzückt ihr Töchterchen in Augenschein nahm, dem sie nun kräftig die Daumen drücken würde, half ihr wirklich weiter. Aber schließlich bemerkte die verträumte Ärztin Marcs eindringlichen Blick, der nahezu hypnotisch auf sie gerichtet war, und alles um sie herum verschwand. Natürlich bis auf das aufgeregte Gezappel ihrer ungeborenen Kinder in ihrem Bauch, den sie sanft mit beiden Händen festhielt. Es gab nur noch sie beide. Und das Mikrofon, das Marc unwirsch in die Hand genommen hatte, um nun völlig unvorbereitet irgendetwas da reinzuquatschen, das zumindest für die anderen irgendeinen Sinn ergab. Denn er selbst hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was er hier eigentlich gerade machte und wie es überhaupt dazu gekommen war.

Marc: Ja, äh... Leute, kleine Planänderung. Wobei, eigentlich... nicht. Kannst das Reha-Team also gleich wieder abbestellen, Stier! Denn ihr seht mich gar nicht. Ich bin überhaupt nicht hier. Und falls das irgendwer später doch behaupten sollte, bekommt der was auf die... ääähhhh... bekommt der eine kleine, aber feine Sonderbehandlung im Krankenhaus, zu der ihr euch freiwillig melden werdet. Warzenentfernung, Hämorridenverödung, Darmspiegelung, Urinkulturen anlegen. Sucht euch was aus der Patientenpalette aus! Hähä! Nein, kleiner Scherz am Rande. Ich bin, wie gesagt, eigentlich gar nicht hier. Weil diese junge Dame hier ... (zeigt stolz auf das schüchterne Mädchen neben sich, das verlegen ins Publikum winkt u. hinter der riesigen Gitarre kaum zu erkennen ist) ... im Mittelpunkt stehen sollte. Sie hat lange geübt, um so gut zu werden, wie sie bereits ist, auch wenn sie selbst das noch nicht von sich denkt. Ich glaube aber, ihr werdet sie bestimmt vom Gegenteil überzeugen. Ihr wisst, was euch blüht, wenn ihr was Falsches sagt, ne. Es ist ihr allererster Auftritt vor großem Publikum. Also würdigt das entsprechend. Und für sie ist es natürlich auch eine ganz besondere Freude, diese junge Dame hier unten... (zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Zappeline in der ersten Reihe, die ihn u. Lilly mit Zahnlückenlächeln aufgeregt angrient) ... an ihrem großen Tag entsprechend zu feiern. Das ist für dich, Kröte. Unsere Lilly Superstar. Ohren auf und zuhören! Diese Konstellation wird es, wenn überhaupt, nur dieses eine Mal geben. Also, auf drei geht’s los, Lilly. Bereit?

„Juhu, Onkel Maaarc ist auch dabei“, flötete Sarah euphorisch in die Runde und konnte nur von ihrer Mutter vor weiteren unüberhörbaren Entzückungsbekundungen gebremst werden, die ihr sanft von hinten die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Marc guckte auffordernd zu Lilly und zählte mit den Fingern drei ab. Sie holte noch einmal tief Luft und nickte ihrem Duettpartner schließlich zu, sodass sie synchron mit ihrem Gitarren-a-cappella beginnen konnten, das natürlich bei den Gästen einschlug wie eine Bombe. Allen voran bei Marcs Freundin, die ganz verzückt vor sich hinschmachtete und gar nicht mitbekam, wie begeistert auch Schwester Sabine von der Darbietung von Dr. Meier und der außerordentlich begabten Tochter von Dr. Kaan war. Fröhlich wippte sie mit ihrem Mann zu den eingängigen Gitarrenklängen mit.

https://www.youtube.com/watch?v=ZJR8-KMamzQ

Maria Hassmann wirkte dagegen anfangs noch etwas verstört und konnte ihre ungläubigen Blicke nicht von ihrem verhassten Chirurgenkollegen abwenden, der Bryan-Adam-mäßig lässig in die Saiten haute, aber dezent im Hintergrund blieb, um Lilly Kaan nicht die Schau zu stehlen. Marias Lebensgefährten ging es auch nicht viel anders. Er hatte mit allem gerechnet. Dass Meier auf irgendeine verquere Art und Weise die Feier sprengen würde, zum Beispiel. Aber ganz bestimmt nicht mit so was. Er war vollkommen baff und irgendwie auch beeindruckt davon, in welche unerwarteten Dimensionen sich seine kleine, aber feine Party für seine älteste Tochter entwickelt hatte, die bis zur letzten Sekunde fast noch auf der Kippe gestanden hatte.

Cedric: Also wenn mir einer vorher erzählt hätte, dass ausgerechnet der Meier irgendwann bei uns im Garten aus freien Stücken eine Show bieten würde, um unsere Tochter zu bespaßen, ich hätte den sofort in die nächste Geschlossene überwiesen.
Maria: Meine Rede, mein Lieber. Meine Rede! Das ist alles so unwirklich.
Gretchen (schwärmt in den höchsten Tönen u. erntet damit von ihren Kollegen ungläubige Blicke): Unwirklich, aber so schön.
Sabine (ebenso schwärmerisch): Ja!
Anna: Lilly hatte tierisches Lampenfieber, müsst ihr wissen.

...versuchte Lillys bärenstolze Mutter gerade Marcs überraschendes Auftauchen auf der Bühne zu erklären, als sie plötzlich von ihrem Telefon abgelenkt wurde, auf dem sie schon die ganze Zeit nervös mit ihren Fingern herumgewischt hatte. Jetzt hörte sie endlich den vertrauten Ton, auf den sie ungeduldig gewartet hatte. Sie hatte ihn endlich an der Strippe und auch auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Wenn auch etwas verwackelt und verpixelt. Hauptsache, er verpasste nicht diesen besonderen Moment im Leben ihrer gemeinsamen Tochter.

Mehdi: Anna? Was ist los? Du hast mehrfach versucht mich zu erreichen? Ist was mit Lilly?
Anna: Das ist los, Mehdi. Schau mal!

Anna drehte ihr Handy so, dass auch ihr Gesprächspartner einen Blick auf die Seebühne erhaschen konnte. Der überrumpelte Oberarzt im Dienst reagierte so perplex darauf, dass er sofort das Reden einstellte und gebannt dem Gitarrenspiel seiner Tochter lauschte, die überraschend von seinem besten Freund auf einer zweiten Gitarre begleitet wurde und dies sogar mit gar nicht mal so großem Unwillen, wie man an Marcs verschmitztem Grinsegesicht deutlich ablesen konnte, das immer wieder zu Lilly schaute, die sich mit großem Eifer ins Zeug legte und damit ihr entzücktes Publikum regelrecht von sich einnahm. Das war sein Mädchen. Seine Lilly! Mehdi konnte seine Augen nicht von diesem wunderbaren Bild lösen.

Mehdi: Aber...
Anna (strahlt mit ihrer Tochter um die Wette, die offenbar keine Angst mehr hat, sich zu präsentieren): Ich gebe es nur ungern zu, aber das ist sein Verdienst.
Mehdi (ist den Tränen nahe): Echt? Und ich hatte schon die Befürchtung, sie will nicht auftreten. Lilly hatte solches Lampenfieber. Sie hat sich den ganzen Morgen zu Gabi ins Bett verkrochen und wollte nicht mehr rauskommen. Bis du geklingelt hast, Anna.
Gretchen (schiebt sich nun auch kurz vor den kleinen Bildschirm u. winkt Mehdi begeistert zu): Wirklich? Die Aufregung merkt man ihr gar nicht an. Sie wirkt so souverän und sicher. Sie spielt richtig, richtig toll, Mehdi. Du kannst stolz sein.
Mehdi (strahlt über das ganze Gesicht): Bin ich auch.
Anna (grient ihre Freundin keck von der Seite an): Ich weiß nicht, was du mit Marc gemacht hast, aber mach weiter so, Gretchen!
Gretchen (kichert wie ein kleines Mädchen u. guckt wieder gebannt nach vorn zu den beiden großen Talenten): Du wieder.
Sabine (winkt nun auch wie wild mit einem Arm vor der Smartphonekamera): Huhu, Dr. Kaan! Lilly hat wirklich ein außerordentliches Talent. Und der Herr Doktor natürlich auch.
Mehdi (versucht hinter den vielen Köpfen irgendetwas auf der Bühne zu erkennen): Zweifelsohne, Schwester Sabine. Es ist echt schade, dass ich gerade nicht bei euch sein kann.
Gretchen (lauscht andächtig den beiden harmonischen Gitarren, bis ihr verstört etwas auf dem Smartphonedisplay auffällt, auf das sie kurz wieder geschielt hat u. nun mit großen Augen kleben bleibt): Stimmt. Du fehlst. Äh... Sag mal, wo bist du eigentlich? Ist das etwa...?
Anna (registriert es jetzt auch, nachdem sie die ganze Zeit mit Filmen u. Lilly-Anhimmeln beschäftigt war): Sitzt du auf der Toilette?
Mehdi (fährt sich verlegen durchs Haar u. schiebt dabei seine dunkelgrüne OP-Haube vom Kopf runter): Ja, äh... nicht, was ihr denkt. Ich hab nur auf dem Weg vom OP in den Kreißsaal einen ruhigen Ort gesucht, um kurz mit euch telefonieren zu können. Ich will ja nicht drängeln, ich muss eh gleich weiter. Hier ist der Teufel los, kann ich euch sagen. Ein typischer Samstagnachmittag im Krankenhaus eben. Aber könntest du die Kamera bitte wieder etwas höher positionieren, damit ich unsere Maus richtig sehen kann, Anna? Du wackelst die ganze Zeit hin und her und ich hab das Gefühl, ich werde gleich noch seekrank.
Anna (jetzt fällt es ihr auch auf u. sie positioniert die Kamera neu): Oh! Sorry! Ist es so besser? Schau nur, ist sie nicht toll? Das ist unser Mädchen. Unsere kleine Zauberkünstlerin.
Mehdi (gerät unweigerlich ins Schwärmen u. kann sich das eine oder andere Glückstränchen nicht verkneifen): Ja! Nehmt ihr es bitte für mich auf, damit ich es später auch Gabi zeigen kann. Ich muss leider gleich wieder los. Sonst schaffe ich den Termin mit den Pressefuzzis nachher nicht rechtzeitig. Wenn ich könnte, würde ich ihn am liebsten schwänzen, um zu euch rüberkommen zu können.
Anna (lächelt verschmitzt u. hat vollstes Verständnis): Geht schon in Ordnung, Mehdi.
Gretchen (stimmt ihr zu u. zeigt wieder zur Bühne): Mach dir keinen Kopf! Wir vertreten dich würdig. Insbesondere er.
Sabine (lehnt sich verträumt zu Gretchen rüber): Ich wusste gar nicht, dass der Doktor Meier so gut Gitarre spielen kann, Frau Doktor.
Gretchen: Hm!

...summte Gretchen nur verliebt als Antwort, während sie sich vorstellte, sie wären ganz allein am Seeufer und Marc würde nur für sie spielen. Die hochschwangere Chirurgin war dermaßen hingerissen von der liebevollen Geste ihres Freundes, dass sie gar nicht anders konnte, als ihn ungeniert anzuhimmeln, was er natürlich direkt mitbekam, weswegen er sich trotz anfänglichem Widerwillen mächtig für sie ins Zeug legte. Und das wiederum spornte auch Lilly an, bei der keine Spur von Nervosität mehr zu spüren war und die zusammen mit Marc eine hinreißende Darbietung bot, die am Ende natürlich, wie sollte es auch anders sein, mit gebührenden Standingovations belohnt wurde. Den Ehrengast, für den die eigenwillige Aufführung hauptsächlich gedacht gewesen war, hielt dann natürlich nichts mehr auf ihrem Platz. Sarah stürmte zum Bootssteg, um ihre beste Freundin innig zu umarmen und zu knuddeln. Und bevor Dr. Meier auch noch daran glauben musste, legte er schnell Cedrics Gitarre beiseite und machte sich flinken Fußes aus dem Staub, um sich zu seiner Süßen zu gesellen, die ihn mit leuchtenden Strahleaugen begrüßte, welche sein adrenalingepushtes Herz direkt ein paar Takte höher schlagen ließen.

Marc: Und, wie war ich?
Gretchen (kichert mädchenhaft): Beeindruckend.
Maria (hegt da noch so ihre Zweifel, als sie sich zu den beiden umdreht u. ungeniert dazwischen plappert): Naja.
Cedric (kann sich auch eine kleine Spitze nicht verkneifen, während er den Arm um seine schmunzelnde Freundin legt): Irgendwie hab ich gewusst, dass er diese eine Frage auch in seinem Repertoire hat. Passt zu ihm und seinem verkümmerten Ego.
Marc (funkelt den lästigen Neider beleidigt an u. konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich auf seine Herzangebetete, um deren Schultern er locker seine Arme legt): Nope! Ich befürchte, ihr habt meine Eingangsrede außer Acht gelassen. Tja, ich glaube, ihr seid die Ersten, die jetzt dran glauben müssen. Was wäre euch lieber, Warzen oder Hühneraugen?
Gretchen (jetzt fällt es auch ihr wieder ein u. sie grient den Schelm über ihre Schulter hinweg kess an): Ach so, ja, du warst ja gar nicht da vorne mit dabei. Lilly war toll, oder? Sie wird immer besser.
Cedric (grient mit der Kollegin mit): Stimmt! Also ich habe da vorne auch nur ein äußerst talentiertes junges Mädchen gesehen. War da sonst noch was?
Maria (spielt das Spiel gleich mal mit): Ich wüsste nicht, was oder in dem Fall wer.
Marc (nickt wissend): Zu spät! Haasenzahn ist noch drin, aber euer Zeitfenster hat sich soeben geschlossen.
Cedric (grinst von einer Backe zur anderen): Tja, dein Pech, mein Lieber, mich wirst du in nächster Zeit nicht so häufig im Krankenhaus sehen.
Marc (funkelt den Angeber zufrieden an): Wieso Pech? Ich muss deine hässliche Visage nicht mehr ertragen. Dieser Tag entwickelt sich so langsam zu meinem Glückstag.
Gretchen (grient ihn verliebt an): Ach, echt?
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Jetzt erst recht, Haasenzahn. Du weißt ja, was passiert, wenn der Doktor Meier richtig gut drauf ist, ne.
Gretchen (windet sich flüsternd aus seinen Fangarmen, die sie von hinten spontan umschlingen): Maaarc!
Maria (dreht sich angewidert wieder zu ihrem Grinsefreund um): Oh Gott! Ich glaube, mir wird schlecht.

Sarah: Onkel Maaarc, noch maaaal!!!
Lilly: Au jaaa!!! Kommst du?

...schallte es jedoch plötzlich von der provisorischen Bühne zu dem Verführungskünstler rüber, für dessen Süßholzgeraspel Dr. Hassmann nur ein müdes Kopfschütteln übrig hatte, und machte ihm gehörig einen Strich durch die Rechnung. Perplex schaute er nach vorn zu den beiden verschworenen Grinsemädchen, die sich nun ungeduldig vor den drei Sitzreihen aufgebaut hatten und ihn mit dem Charme einer Spielzeugdampfwalze zu sich zu locken versuchten.

Marc: Das ist nicht euer Ernst?
Lilly/ Sarah (im Chor): Doooch!
Marc (lässt seinen Kopf gequält auf Gretchens Schulter fallen): Zu früh gefreut.
Gretchen (tätschelt ihm mit einer Hand sanft den Hinterkopf): Tue ihnen doch den Gefallen, Marc, hm?
Marc (grummelt unwillig in seinen Dreitagebart, während er ungeniert ihre zarten Streicheleinheiten genießt): Spielverderberin.
Maria (kann ihre Schadenfreude nicht verbergen): Wie war das noch mal mit der Verteilung von Pech und Glück, hm?
Marc (kontert prompt erfolgreich zurück): Ach, meinst du damit das blinkende Ding zwischen deinen Händen? Und es ist kein Vibrator.
Gretchen (klatscht ihm für den Spruch kraftvoll an den Arm): Marc!
Cedric (gibt sich Marcs Sprüchen gegenüber unbeeindruckt, nimmt Maria das blinkende Babyphone ab u. erhebt sich von seinem Platz): Soll ich gehen?
Maria (steht ebenfalls auf u. drückt Cedric mit sanfter Gewalt wieder auf seinen Platz zurück): Lass nur! Du bekommst schon noch oft genug die Gelegenheit dazu. Es ist Zeit für eine weitere Milchration. Die kannst du ihr leider nicht bieten.
Cedric (schaut seiner Traumfrau verliebt lächelnd hinterher, wie sie ins Haus geht): Okay, gib ihr einen Kuss von mir!
Marc (wedelt mit seiner Hand vor Cedrics ekelhaft strahlenden Augen herum): Äh... hallo? Hier spielt die Musik.
Sarah (kontert frech): Nein, aber da vorne.
Lilly (sieht ihren großen Helden unwiderstehlich bettelnd an): Onkel, Maaarc, nur eine Zugabe, ja? Zugaben sind auch ein ungeschriebenes Gesetz, hab ich gehört.
Boah! Das hat man nun davon, wenn man Kindern was beibringt. Der Bumerang kommt sofort zurück und knallt dir an die Rübe.
Marc (hat keine andere Wahl, als sich der geballten Mädchenpower geschlagen zu geben): Jetzt hetzt den Künstler doch nicht so! Kann man nicht mal fünf Minuten entspannen? Ich bin ja gleich da, ihr Nervkröten. ... Die Pflicht ruft, Haasenzahn. Aber danach stehlen wir uns wirklich davon. Noch mal mach ich das nämlich nicht mit. Also mach dich schon mal bereit!

...stöhnte Marc entnervt und lehnte seinen Kopf noch eine weitere Minute erschöpft gegen Gretchens Schulter. Sanft strich seine Freundin mit ihrer freien Hand über seine Wange, während sie bedächtig mit der anderen Hand ihren Babybauch tätschelte. Die Zwillinge hatten anscheinend auch Gefallen an dem besonderen Können ihres Papas gefunden und mussten dies ausdrücklich zur Geltung bringen. Sehr zum Leidwesen ihrer Mama, die zumindest auf Schwester Sabine sichtlich erschöpft wirkte. Aber bevor die emsige Stationsschwester der chirurgischen Abteilung des Elisabethkrankenhauses ihren sehr geschätzten Oberarzt darauf hätte aufmerksam machen können, hatte dieser sich bereits wieder erhoben und war mit gequältem Gesichtsausdruck zurück zu Lilly und Sarah getrabt, die offenbar vorhatte, diesmal mitzumusizieren. Von irgendwoher hatte die Schulanfängerin nämlich eine Triangel in die Hände bekommen, die sie dem verdutzten Chirurgen nun stolz entgegenhielt. Jetzt war er aber definitiv in der Hölle angekommen, dachte er nur und griff sich Cedrics Gitarre, um einmal kurz und klangvoll „Highway to hell“ anzustimmen.

Sabine: Alles in Ordnung, Frau Doktor? Du siehst blass aus.
Günni (teilt die besorgte Meinung seiner Frau u. reicht Dr. Haase ein Erfrischungstuch aus seiner Notfalltasche, die er immer bei sich trägt): Das finde ich aber auch, Frau Dr. Haase.
Gretchen (nimmt das Tuch dankbar entgegen u. tupft sich damit die Schweißperlen von der Stirn u. kühlt sich kurz den Nacken): Danke! Ich glaube, das liegt hauptsächlich an der Sonne. Mir ist hier ziemlich warm geworden.
Günni (hilft der Schwangeren gentlemanlike auf): Sollen wir dich wieder rüber zur Hollywoodschaukel bringen?
Gretchen (guckt in die Richtung der Sitzecke u. seufzt ernüchtert auf): Danke! Aber dorthin ist mittlerweile auch die Sonne hingewandert. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich kurz drinnen frisch machen wollen.
Sabine (nickt ihr zu): Ich begleite dich. Ich wollte auch mal nach Anton schauen. Unser Schatz müsste langsam wieder wach geworden sein. Das ist seine Zeit.
Günni: Ich suche uns derweil einen Platz im Schatten. Ja, Purzelchen?
Sabine (strahlt ihn an wie die glitzernde Abendsonne, die sich im See spiegelt): Das ist sehr aufmerksam von dir, Schnurzelchen.
Gretchen: Ihr seid so süß zu mir, danke.

... guckte Gretchen angetan zwischen den beiden hin und her. Sabine nickte ihr zu, reichte ihrem Mann ihren Sonnenhut, den sie für den Moment nicht mehr brauchte, und hakte sich bei ihrer Freundin ein, die mal wieder nach dem viel zu schnellen Aufstehen mit ihrem Kreislauf zu kämpfen hatte und brachte sie unter erneuten vertrauten Gitarrenklängen ins Haus, wo ihnen Dr. Hassmann mit ihrem weinenden Baby entgegenkam, das sie mit sanften Worten zu beruhigen versuchte. Gretchen konnte gar nicht richtig darauf reagieren, so gerne sie auch Sophies rosige Wange gestreichelt hätte. Ihr wurde auf einmal wieder schummrig und sie musste sich mit beiden Armen an der Sofalehne abstützen. Was war das denn gerade gewesen, fragte sie sich arglos, aber da war Schwester Sabine ihr schon besorgt zur Seite geeilt.

Sabine: Frau Doktor?
Maria (kommt nun auch beunruhigt auf ihre jüngere Kollegin zu u. mustert sie oberärztinnenhaft): Alles in Ordnung, Gretchen? Du siehst mir aber gar nicht gut aus.
Gretchen (hat sich schon wieder gefangen, kann aber die Schweißperlen auf ihrer Stirn nicht hinter ihrem ungewöhnlich gezwungenen Lächeln verbergen): Geht schon. Das war vielleicht doch etwas viel gerade. Die Hitze, die Aufregung, die Turnübungen der beiden hier drin. Ähm... Was hat die Kleine denn? Was weinst du denn so herzzerreißend, hm?
Maria (lässt sich nicht von der Schwangeren ablenken u. greift unbemerkt nach ihrem Arm, um ihren Puls zu checken): Hunger, das Übliche. Es kann ihr nie schnell genug gehen. Aber wem sag ich das? Lenk nicht ab, Haase! Wenn du hier jetzt schlappmachst, kriegst du richtig Ärger mit mir. Ich gebe ja zu, dass ich schon sehnsüchtig die Minuten zähle, bis ich euch endlich alle wieder losgeworden bin, aber so definitiv nicht.
Gretchen (versucht sie zu besänftigen): Maria!
Maria (funkelt sie unmissverständlich an): In diesem Haus wird nicht widersprochen. Schreib dir das hinter die Ohren! Sabine, holen Sie Dr. Haase ein großes Glas Wasser aus der Küche. Und du, du legst dich einen Moment hin und akklimatisierst!
Gretchen (schaut sich hilflos um): Maria, ich kann nicht. Marc...
Maria (lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen u. guckt kurz vergewissernd aus dem Fenster in den Garten): Der ist mit den Kindern schon gut versorgt. So schnell lassen die ihn nicht aus ihren Klauen. Aber er wird mir die Hölle heiß machen, wenn ich mich nicht ordentlich um dich gekümmert habe. Also keine Widerrede! Das ist eine dienstliche Anweisung. Du legst dich jetzt ins Gästezimmer. Das Bett ist frisch bezogen. Ich wollte eigentlich meine Eltern da drin einquartieren, aber die können ruhig wieder ihren Weg nach Hause antreten. Ich kann nicht noch mehr Ärger gebrauchen. Ja, Miss Sophie, du bist ja gleich dran. Jetzt ist erst einmal die Mama mit Meckern dran.

Und bevor Gretchen noch einmal widersprechen konnte, hatte Maria sie mit ihrer freien Hand am Arm gepackt und zog sie ruppig hinter sich her in das hinterste Zimmer, wo sie sie mit sanfter Gewalt auf das gemütliche Doppelbett schob, obwohl sie dabei immer noch ihr krakeelendes Baby auf dem anderen Arm balancierte. Gretchen fühlte sich direkt entspannter, als sie sich schließlich der Länge nach hinlegen konnte. Vielleicht hatte sie diese kurze Verschnaufpause doch gebraucht. Nur fünf Minuten die Augen zumachen. Dann wäre sie auch bereit für den Höhepunkt des Abends. Ihre kleine intime Feier mit Marc zu ihrem ersten Jahrestag. Sabine, die den beiden Ärztinnen auf leisen Sohlen hinterher getrottet war, stand derweil noch etwas unschlüssig in der Tür. Maria nahm ihr das Wasserglas ab und stellte es neben das Bett aufs Nachtschränkchen, auf dem das aktuellste Familienfoto der wiedervereinten Familie Hassmann-Stier stand.

Sabine: Aber...
Maria (zwinkert erst Sabine, dann Gretchen vielsagend zu): Kein Aber, Schwester Sabine! Sie ruht sich jetzt erst einmal einen Moment aus. Dann ist sie später auch wieder fit für ihre besondere Abendgestaltung. Trinken nicht vergessen, Haase! In zehn Minuten bringen Sie ihr noch so ein Glas, Sabine. Und checken Sie, ob der Puls wieder rast oder abgesackt ist!
Sabine (nickt ihrer Oberärztin pflichtbewusst zu u. bemerkt im Hintergrund, wie im Nebenzimmer nun auch Anton u. Sissi anfangen sich zu melden): Jawohl, Frau Dr. Hassmann.
Maria (lächelt ungewöhnlich sanftmütig u. zieht sich langsam aus dem Raum zurück): Ich bin direkt nebenan, wenn du noch was brauchst, Gretchen, und stille erst einmal den kleinen Schreihals hier.
Gretchen: Ihr wieder.

...konnte Gretchen nur kopfschüttelnd auf die unerwartete und eigentlich überflüssige Hilfsbereitschaft ihrer beiden so unterschiedlichen Freundinnen antworten. Maria zwinkerte ihr wissend zu und starrte dann eindringlich auf die blonde Person, die ihr und Sophie den Ausgang versperrte. Bei Sabine dauerte es einen Moment, bis es endlich klick machte und sie folgte der grimmig dreinblickenden Oberärztin auf flinken Füßen aus dem Zimmer. Gretchen schaute ihnen noch nach, bis die Tür ins Schloss gefallen war, griff dann nach dem Wasserglas und nahm einen großen erholsamen Schluck daraus, dann legte sie sich wieder hin, drehte sich ein paar mal hin und her, bis sie die für sich perfekte Position gefunden hatte, und schloss schließlich ihre vor Müdigkeit schmerzenden Augen. Fast wäre sie auch gleich direkt weggenickt, wenn ihr Körper nicht etwas anders mit ihr vorgehabt hätte. Tischfußball der besonderen Art zum Beispiel. Es blieb nur eine Frage offen. Wer den ersten Ball geschossen hatte und sich nun als Sieger feierte?

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

20.08.2017 12:26
#1604 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Direkt eingetütet! Yeah! Ich hab’s immer noch drauf“, tanzte der junge Mann im schicken blauen Designerhemd, dessen oberste drei Knöpfe lässig offen standen, fröhlich jubilierend über das großzügige Rasengrundstück, welches hinter dem neuen Heim der Hassmann-Stiers zum angrenzenden kleinen See führte, von dessen Ufer aus zwei beleidigte, kleine, barfüßige Mädchen direkt hinterher wirbelten und sich dem Schelm schließlich protestierend in den Weg stellten, der sich gerade wie ein Weltmeister feierte. - „Gar nicht! Du schummelst, Onkel Marc“, merkte die Eine der beiden klagend an und brachte dabei ihre schönste Schmollschnute zur Geltung, während die Andere kichernd ihre Krakenarme ausbreitete, um sich an seine Seite zu schmiegen, und mit ihren faszinierend tiefgründigen Mandelaugen neunmalklug zu dem bestens aufgelegten Chirurgen hochblickte...

Lilly: Du hast uns hereingelegt. Schon wieder!
Sarah (stemmt schmollend ihre beiden kleinen Fäuste in die Hüften): Genau!
Oh Mann! Die zwei sind purer Zucker. Ich muss aufpassen, dass ich nicht direkt einen Diabetes mellitus entwickele, wenn das so weitergeht und mich hier keiner erlöst.
Marc (schaut sich gespielt verwundert um, so als ob er kein Wässerchen trüben könnte): Ach? Wie kommt ihr darauf? So was würde ich doch niemals tun. Tja, aber wenn ihr euch nicht darauf einigen könnt, was wir als Tor nehmen, dann hab ich eben schon einmal vorgelegt. Ronaldo zögert nämlich auch nicht, auch wenn er dabei im Gegensatz zu mir ziemlich bescheuert aussieht. Und ihr könnt nicht leugnen, dass ich nicht getroffen hätte. Obwohl ich zugeben muss, dass die Hüpfburg auch ein herrliches Ziel abgegeben hätte, wenn die Außerirdischen es nicht gerade zu bevölkern versuchen würden.

Demonstrativ blickte Marc zu der neongelben Hüpfburg direkt nebenan, auf welche gerade Schwester Sabine nach mehrmaligen Aufforderungsversuchen vonseiten der quietschvergnügten Lernschwesternbande von der Säuglingsstation des EKH unter Zuhilfenahme eines uneleganten Poschubsers ihres Ehemannes mühsam geklettert war, der dabei mit ungewohnter Leichtigkeit auf dem anderen Arm seinen Pflegesohn balancierte, der das seltsame Schauspiel seiner Familie auf unschlagbar treffende Art und Weise in Babysprache kommentierte. Jetzt konnten sich auch Marcs Fangirlies nicht mehr länger zusammenreißen und giggelten lautstark los, während sie sich jeweils an einer Seite ihres großen besten Freundes festkrallten, der es schon bereute, dass er sich nach der kleinen Zusatzeinlage als Lillys Hilfsgitarrist und Sarahs Triangellehrer von den beiden Nervkröten, die nicht müde zu kriegen waren, auch noch zu einem kurzen Fußballturnier hatte überreden lassen. Er war einfach zu weich geworden, schlussfolgerte er folgerichtig. Musste an der Hitze der Sonne liegen, die auch zu spätnachmittäglicher Stunde erbarmungslos auf das neu erworbene Angebergrundstück der Hassmann-Stiers herunterbrannte und dem einen oder anderen nicht nur in der Birne ziemlich zu schaffen machte.

Sarah: Das sieht aber ulkig aus.
Marc (schmunzelt mit den beiden mit): Hm! Künstlerisch nicht besonders wertvoll, in der B-Note durchgefallen würde ich sagen. Oder was denkt ihr?
Lilly: Wieso geht Onkel Günni denn nicht auch mit rauf? Er sieht ein bisschen verloren aus, so alleine wie er mit Anton davor steht und jedes Mal heftig zusammenzuckt, wenn Tante Biene zur Seite fliegt und Anton dazu vergnügt in die Hände klatscht.
Marc (kann bei dem grandiosen Bild, das ihm gerade geboten wird, nicht ernst bleiben): Keine Ahnung. Gummiallergie? Phobien? Sportattest?
Sarah (runzelt ihre kleine Denkerstirn u. folgt ihren ganz eigenen Interpretationen): Das sieht aber so aus, als ob das Bienchen keine Flügel hat.

Wenn sie welche hätte, müsste ich nicht ewig auf die Berichte warten und sie würde nicht bei der OP-Vorbereitung ständig trödeln. Zum Glück hab ich gerade meine Ruhe vor ihr und die Stasi-Sabsi kommt noch nicht so schnell wieder zurück auf Station. Ende August ist ja auch erst... Scheiße! Nächste Woche! Ich hab mal wieder ein Glück. Wahnsinn!

Marc (kleinlaut): Dafür hat sie aber einen Schuss.
Sarah (blickt ihm verständnislos in die zusammengekniffenen Schmunzelaugen): Was?
Marc (beißt sich auf die Lippen, um das Loslachen zu unterdrücken): Das wirst du irgendwann auch schon noch merken. Andere Frage. Wenn ihr schon die ganze Zeit Protest einlegen wollt, Bock auf eine Revanche? Es gibt dabei aber ein klitzekleines, nicht gerade unbedeutendes Problem, das wir, oder in diesem konkreten Fall ihr noch lösen müsst, wenn man es so sagen will. Äh... Wer holt jetzt eigentlich den Ball wieder aus dem Wasser? Der treibt langsam davon.
Lilly (sieht schlaumeierisch zu ihm hoch): Na der, der ihn reingeschossen hat, natürlich.
Sarah (stellt sich sofort auf Lillys Seite): Genau!

Diese hinterhältigen, kleinen...

Marc (durchaus angetan von ihrer zuckersüßen Hartnäckigkeit, aber das kann er auch): Bitte? Das ist aber nicht gerade Fairplay. Ihr seid doch die Torhüterinnen. Einmal im Tor, hat immer der Torwart den Freistoß. Ich dagegen bin Offensive und Stürmer in einem. Der Ball hat meinen Aufgabenbereich also verlassen. Das ist nicht mehr mein Job.
Sarah (verschränkt bockig ihre Arme): Das ist aber mein Ball. Den möchte ich gerne wiederhaben. Den hat mir nämlich Tante Biene geschenkt.
Marc (folgt seiner eigenen Logik): Dann soll die ihn eben holen.
Lilly (grinst u. greift nach Sarahs Hand): Sie ist beschäftigt. Und wir auch. Komm, Sarah, wir gehen auch noch mal auf die Hüpfburg und zeigen Biene, wie man richtig fliegen kann.
Sarah (hüpft begeistert in die Höhe u. verfehlt Marcs Füße dabei nur um wenige Millimeter): Au ja! Das macht megaviel Spaß.
Marc: Und mit mir nicht, oder was?

Aber ehe sich Dr. Meier versehen konnte, waren die beiden frechen Mäuse ihm auch schon entwischt. Sie stolperten an dem sichtlich erschrockenen Pathologen vorbei, der sie hinter sich nicht gleich hatte kommen sehen, und erklommen im nächsten Moment auch schon das quietschgelbe Riesenminion, an dessen Rand sich eine blasse, blonde, gefährlich hin und her wankende Krankenschwester krampfhaft festklammerte, während der Rest der Hüpfburg ganz in der Hand der ähnlich wie in einem Synchronballett hüpfenden Lernschwestern war, in die sich Lilly und Sarah nun fröhlich mit einreihten, was für Sabines fehlenden Halt nicht gerade förderlich war.

Marc (schüttelt fasziniert den Kopf u. schaut den frechen Gören sprachlos hinterher): Diese kleinen Biester! Die Kerle werden es später mal schwer mit ihnen haben, aber so was von.
Viel Spaß, mein lieber Kaan! Und der Drecksack erst! Der hat das so was von verdient. Tja, das hat man davon, wenn man(n) während der Zeugung keine gescheite Anzahl an Y-Chromosomen zusammenbekommt. Naja, besser als wenn man nur Nieten verschießt, weil man selber eine ist.
Cedric: Was hast du gesagt? Haben sie dich endlich erlöst, hm? Also, nach der Bewährprobe hast du die Stelle als offizieller Haus- und Hofbabysitter definitiv sicher. Herzlichen Glückwunsch, mein Lieber! Wir können aber leider nur unter Tarif zahlen. Wir haben uns nämlich haustechnisch gerade finanziell ein wenig verausgabt. Ich hoffe, das ist trotzdem okay für dich, wo ich doch weiß, dass ihr sehr bald jeden Cent zweimal umdrehen müsst, weil ihr euch Knall auf Fall verdoppeln werdet? Mhm! Das schafft auch nicht jeder. Respekt!

...sprach ein sehr belustigter Familienvater den bedröppelt dreinblickenden Chirurgenkollegen unvermittelt an, der lächelnd die beiden Mädchen zwischen den übermütigen und offenbar deutlich angeschäkerten Krankenschwestern beobachtete. Die Stasi-Sabsi hatte es gerade wieder wankend von dem Ungetüm heruntergeschafft und lehnte sich nun, immer noch blass, aber erleichtert, an ihren außerirdischen Mann mit dem Baby-Alien, wie Marc noch halb im Augenwinkel mitbekommen hatte, bevor er sich mit Ameisenblick bewaffnet zu seinem spöttelnden Wie-auch-immer-Kumpel umdrehte, der sich wohl für den Witzbold des Jahres hielt, der er aber definitiv nicht war, zumindest nicht, was das Niveau seiner infantilen Bemerkungen betraf.

Marc: Du spuckst mir vielleicht Töne. Wer gibt denn hier ständig damit an, dass er seinen Hühnerhaufen voll im Griff hat, hä, und gleich ein ganzes Jahr weicheimäßig in Elternzeit gehen will, weil Frauchen Karriere machen will, was sie aber nicht schaffen wird, weil die besten und lukrativsten Plätze schon von mir besetzt sein werden? Dann zeig mal, was du wirklich drauf hast, du Angeber! Eine deiner unzähligen Stöpselinnen hat ihr Spielzeug verloren. Das schwimmt da drüben neben dem alten hässlichen Kahn. By the way, hast du vergessen, den am Steg festzuzurren oder macht damit gerade jemand einen kleinen Ausflug, um ungestört rumzuknutschen und unsittliche Dinge zu tun, die man vor Kinderaugen besser nicht tun sollte? Mhm... Die Idee hätte von mir sein können. Hast du Haasenzahn irgendwo gesehen?

...wechselte Marc urplötzlich das Thema und scannte im nächsten Moment akribisch jeden einzelnen Zentimeter des großzügig geschnittenen Gartens der Hassmann-Stiers, während Cedric unschön überrascht auf den knallroten Ball mit den schwarzen Punkten starrte, der immer wieder von der Gischt gegen das kleine Ruderboot geditscht wurde, das in krakeliger Kinderschrift in Glitzerfarben Sarahs Namen trug und das er am Mittag zusammen mit seiner Schwester für den krönenden Abschluss des bislang sehr gelungenen Schulanfangsfestes präpariert hatte.

Cedric: Ey, ihr habt aber nicht das Boot getroffen, oder? Mann, da ist für Nachher das Feuerwerk drin, du Vollpfosten. Wenn der Timer beschädigt ist und Wasser da rein gekommen ist, dann haben wir jetzt den Salat.
Marc (fährt abrupt zu dem verärgerten Familienvater herum u. guckt ihn ganz entgeistert an): Bitte was? Auch noch ein Feuerwerk? Spielt dazu dann auch noch die Staatskapelle? Du hast doch echt den Arsch offen, Stier. Findest du nicht, dass du so langsam ein bisschen übertreibst mit deinem Kinderbespaßungsprogramm? Das ist ein Zuckertütenfest und nicht der Berliner Opernball. Und zum Abi spendierst du der Kröte dann eine ganze Elefantenherde, die ein Wasserballett im rosa Tutu aufführt, oder was?
Cedric (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. motzt direkt zurück): Ach, du hast doch keine Ahnung, Meier. Werd du erst mal Vater, dann reden wir weiter.
Marc (grinst süffisant u. dreht sich abrupt von der beleidigten Leberwurst weg): Mhm... Mein Stichwort. Ich bin dann mal weg.
Cedric: Und was ist jetzt mit dem verkackten Ball da drüben? Marc? Ey? Arsch!

Aber der Angesprochene hörte dem misstrauisch hinterher blickenden Neurologen gar nicht weiter zu, der nun auch noch von seiner ältesten Tochter, die Hand in Hand mit ihrer besten Freundin Lilly wild auf der Hüpfburg herumhüpfte und offenbar Augen und Ohren überall zu haben schien, prompt auf das Schimpfschweinchen verwiesen wurde, womit sie zahlreiche Gäste in direkter Hörweite zum Lachen brachte, nur ihren bloßgestellten Papa nicht, der sich schließlich widerwillig geschlagen gab, die Hosenbeine hochkrempelte und mutig in das zweiundzwanzig Grad warme Wasser stieg, um das Corpus delicti zurückzuholen und das vorbereitete Feuerwerk noch ein weiteres Mal auf Funktionsfähigkeit zu checken. Marc stiefelte derweil in schnellen Schritten über den von der Sonne verbrannten Rasen zu dem für das Abendessen mit verschiedenen Salaten, Dips und Soßen neu arrangierten Buffet, wo er Gretchen vermutete, aber auch dort war keine Spur von seiner immer hungrigen Herzangebeteten, wie ihm der freundliche Pförtner vom Empfang des Elisabethkrankenhauses bestätigte, der sich gerade über die ersten Biogrillwürstchen hermachte, die der Vater von Dr. Hassmann fröhlich auf dem eigens von ihm mitgebrachten Grill vor sich hin brutzelte, obwohl direkt daneben das hochmoderne und noch unbenutzte Hightechmodell stand, das sein Schwiegersohn sich erst kürzlich für gemütliche Grillabende am See angeschafft hatte.

Der verwunderte Chirurg schnappte sich ein weiteres Glas Sommerbowle spezial zur Beruhigung, das ihm von Marias Mutter herzlich angepriesen worden war, die spätestens seit dem gemeinsamen Auftritt mit ihrer geliebten Enkelin einen Narren an dem charismatischen Kollegen ihrer einzigen Tochter gefunden hatte, der doch so viel besser zu ihrer Maria passen würde als dieser ungehobelte Holzklotz und Taugenichts, der sich hinterhältig zurück in ihre Familie geschlichen hatte und anscheinend vor Gott und der Welt Narrenfreiheit besaß. Oder wieso sonst besaß der unverschämte Kerl als Einziger die Dreistigkeit, jetzt hier öffentlich baden zu gehen und das auch noch vollständig bekleidet? Sich um die geladenen Gäste zu kümmern, blieb also wieder einmal an ihr und ihrem Mann hängen. Typisch! Und während Hannelore Hassmann sich maßlos über ihren impertinenten Ex- und Wiederschwiegersohn ärgerte und ihrem gutmütigen Gatten ihr Leid klagte, der nur unbeeindruckt mit der Nasenspitze gezuckt hatte und gemütlich die Grillzange zum Einsatz brachte, um die hungrige wartende Meute zufriedenzustellen, war Marc einige Schritte weitergewandert und wandte sich nun in weiser Voraussicht an Anna Kaan, die mit gezücktem Handy auf der Hollywoodschaukel lümmelte und Nachrichten textete. Sie hatte ihre Riemchensandalen von ihren Füßen geschoben, hielt die Knie angewinkelt und bemerkte Mehdis besten Freund erst, als dieser sich direkt vor sie stellte und ihr das Sonnenlicht nahm.

Anna: Marc?
Marc (mustert sie eindringlich mit verschränkten Armen): Fällt dir was auf?
Anna (guckt verwundert über den Rand ihrer Sonnenbrille zu ihm hoch): Die Schattierung der Abendsonne um deine Silhouette macht richtig was her. Ja, stimmt, das sollten wir ausnutzen. Wenn du mich ganz lieb darum bittest, halt ich es für Gretchen fest. Damit sie auch von dir zuhause ein schönes Foto aufhängen kann. Falls du also noch kein Geschenk für euren Jahrestag hast, könntest du dich damit noch vor einer größeren Peinlichkeit retten.
Marc (hat der verschmitzt grinsenden Frau ungläubig zugehört, jetzt platzt ihm aber der Kragen): Sag mal, willst du mich verarschen?
Seit sie ihre innere Mitte oder was auch immer wiedergefunden hat, muckt sie ganz schön auf. Fast wie früher. Daher hat Lilly das also. Ich hab’s befürchtet.
Anna (rudert freundlich zurück, als sie merkt, dass Marc ihre Sprüche überhaupt nicht witzig findet): Das war nett gemeint, Marc. Weil ich weiß, dass sich Gretchen darüber freuen würde. Ich hab ihr übrigens gerade das Video von dir und Lilly geschickt. Ist richtig gut geworden. Aber ihr wart ja auch gut. Danke noch mal. Lilly war danach richtig glücklich.

Anna strahlte ihren guten Freund aus vollster Überzeugung an, der noch immer eine leichte Variante seines gnadenlosen Ameisenblickes in seinen dunkel schimmernden Augen aufwies, der jedoch schnell wieder einem sanfteren Ausdruck gewichen war. Denn der Auftritt mit Annas Tochter, das konnte er nicht leugnen, hatte ihm richtig Spaß gemacht. Er würde sich aber trotzdem nicht wiederholen. Denn nur die Besten der Besten hörten schließlich auf, wenn es am schönsten war. Wenn überhaupt, dann würde er ab sofort nur noch für seine eigenen Sprösslinge etwas vorsingen, äh... in die Saiten hauen. Wie kam er denn jetzt auf Vorsingen? Nur weil er vorhin bei seinem ACDC-Intro etwas zu inbrünstig mitgesummt hatte? Das war nie passiert. Er war schließlich auch gar nicht aufgetreten. Niemand hatte ihn gesehen, geschweige denn gehört. Das war allein Lillys Bühne gewesen und die ihres nervigsten Fans natürlich, der ihm gerade zum Glück mal fünf Minuten nicht an der Backe klebte wie eine lästige Schmeißfliege.

Marc (wiegelt mit einer lockeren Armbewegung ab): Kein Ding! Ich bin an den Hippokratischen Eid gebunden. Wenn irgendwer Hilfe wimmert, geht irgendein Automatismus los. Lässt sich nicht verhindern. Denn dann würde ich mich strafbar machen. Also, Schwamm drüber! Aber eine Sache schon noch. Da ist immer noch unser Deal, Anna. Solltest du nicht eine ganz bestimmte Person im Auge behalten, während ich ähm... beschäftigt bin, hm?
Anna (legt ihr Telefon neben ihr halbleeres Bowleglas auf den Gartentisch u. blickt sich suchend um): Oh! Das... Vorhin hat sie noch neben mir gesessen. Ich habe euer Video bearbeitet und die erste Kopie an Mehdi verschickt. Als ich wieder rüber gesehen habe, war sie dann weg. Aber ich glaube, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sabine bei ihr gewesen ist.
Marc: Sabine!

...murmelte Marc nur gedankenverloren, drehte sich auf der Stelle um und ließ seine gute alte Freundin einfach ohne ein weiteres Wort der Erklärung in der Sitzecke zurück. Anna blickte verwundert zur Seite, aber auch Sarahs Tante Elisabeth, die mit Blick auf das Wasser in einem gemütlichen Liegestuhl neben ihr saß und mit einem Strohhalm an ihrem Cocktail nippte und die alle wegen ihres Faibles für die Königshäuser Europas Sissi nannten und auf der aus grenzenloser Geschwisterliebe und Dankbarkeit auch der allseits beliebte schnuckelige Vorname von Cedrics mittlerer Tochter beruhte, wusste nicht, was dieser sonderbare Auftritt gerade zu bedeuten hatte. Sie war nämlich viel zu beschäftigt damit, ihren Lachanfall zu bändigen. Denn ihr großer Bruder kam gerade pudelnass vom See zurückgewatet. Mit einem leicht angenervten Ausdruck im Gesicht und seiner glitzernd roten Trophäe in der Hand, die er nun aus einem unerklärlichen Impuls heraus wie einen Volleyball in die Hüpfburg kickte. Direkt in die Arme seiner glücklichen Tochter, was Cedric jedoch gar nicht richtig mitbekommen hatte, weil er gerade sein pitschepatschenasses Hemd auswrang.

Das seichte Wasser bis zum Ende des schmalen Bootsstegs hatte nämlich so seine Tücken bewiesen. Von wegen knietief und kinderfreundlich, wie es in der Immobilienbroschüre beschrieben worden war. Cedric war eigentlich ganz gut bis zu dem verloren gegangenen Ball vorangekommen, hatte ihn sich geschnappt, hatte noch kurz in dem alten Holzkahn nach dem Rechten geschaut und war dann aber auf dem kurzen Weg zurück zum Ufer über irgendetwas gestolpert. Er war mit seinem großen Zeh daran hängen geblieben und hatte sich der Länge nach wortwörtlich nass gemacht. Einmal eine Komplettdusche. Bei dem vorherrschenden Sommerwetter eigentlich ganz angenehm, wenn auch unangenehm für das Gesamterscheinungsbild. Zumindest in seinen Augen. Die anwesenden Kolleginnen waren dagegen ganz anderer Meinung. Sie waren sichtlich angetan von dem ungeplanten Wet-T-Shirt-Wettbewerb im Programmheft, in dem Dr. Stier einen sehr guten Eindruck hinterlassen hatte. Dennoch guckte er ziemlich bedröppelt aus der Wäsche, als er unter dem schallenden Applaus seiner johlenden Gäste poseidonmäßig dem glasklaren Wasser entstieg. Ein Bild für die Götter war das. Und auch eins für die Hobbyfotografin Anna, die diesen göttlichen Moment natürlich direkt für Sarahs Fotoalbum für die Ewigkeit festhielt.

Marc Meier hatte Cedrics glanzvollen Auftritt derweil überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt und war in der Zwischenzeit zielgerichtet zur Hüpfburg spaziert, vor der sich die Gummersbachs auf eine Picknickdecke gesetzt hatten und ihr Pflegebaby bespaßten, das wie eine Schildkröte auf dem Rücken lag und wild zappelnd Arme und Beinchen in die Höhe reckte, während es von Sabine und Günni liebevoll das gut genährte Bäuchlein gestreichelt bekam. Der verdutzte Oberarzt war zwar kurz davon abgelenkt, weil Anton mal wieder sein besonderes Lachen aufgesetzt hatte, das furchtbar ansteckend wirkte und nicht von dieser Welt schien, aber sprach das Familienglück schließlich im nächsten Moment auf seine bekannt forsche Art unvermittelt an...

Marc: Schwester Sabine, wo steckt Haasenzahn? Sie hängen doch sonst immer wie ein zweiter Schatten an ihrem properen Hinterteil.
Sabine (zuckt erschrocken zusammen u. rappelt sich flink von der karierten Decke auf): Oh, Herr Doktor, wir haben Sie gar nicht kommen gesehen. Anton ist so drollig, wenn er rückwärts über die Decke zu robben versucht, obwohl seine Motorik das noch gar nicht richtig hergibt. Er ist ziemlich eigenwillig, was seinen starken Bewegungsdrang betrifft, müssen Sie wissen.
Muss ich... NICHT! Noch mehr unnützes Wissen blockiert nur die wichtigen Dinge. Wie zum Beispiel, wo zum Teufel sich Haasenzahn versteckt hält und wieso?
Marc (verdreht leidend die Augen u. wird langsam ungeduldig): Ja, ja, hinreißend. Also? Wo ist sie?
Günni (hält mit einer Hand seinen robbenden Pflegesohn fest u. schaut Richtung Haus): Die Frau Doktor hat sich einen Moment hingelegt, Dr. Meier.
Sabine (nickt mitfühlend): Ihr war einen Moment nicht so gut und die Frau Doktor Hassmann meinte...
Marc (fährt der arglose Stationsschwester stinksauer über den Mund): Verdammt, warum sagen Sie das denn nicht gleich? Wenn Sie nicht endlich damit aufhören, dauerzufaseln, werden Sie es nie zur Oberschwester bringen, Schwester Sabine.
Sabine (ihre blauen Augen leuchten freudig überrascht auf): Das würden Sie mir zutrauen, Dr. Meier?
Marc (schüttelt unwirsch den Kopf u. ist mit seinen Gedanken schon längst woanders): Jetzt nicht! Und in Zukunft nicht!

...fiel der sichtlich beunruhigte Oberarzt seiner übertrieben freundlich und euphorisch dreinblickenden Stationsschwester uncharmant ins Wort und ließ sie und ihren bedröppelten Mann direkt stehen, um mit eiligen Schritten zum Haus zu laufen, welches er im nächsten Moment auch schon schwer atmend und mit unruhig klopfendem Herzen betrat. - „Haasenzahn?“, rief er verunsichert in die augenscheinliche Leere des modern eingerichteten Wohnzimmers und bekam nach kurzem Warten, während dem er das Blut, das in Sturzbächen zu seinem Herzen gepumpt wurde, in seinen Ohren rauschen hörte, aus zwei angrenzenden Zimmern fast zeitgleich auch prompt eine entsprechende Antwort, jedoch mit jeweils unterschiedlicher Aussagekraft.

Maria (meckert hassmannlike durch die geschlossene Kinderzimmertür): Meier, geht das auch verdammt noch mal etwas leiser? In diesem Haushalt leben Kinder, falls dir das in deiner geistigen Umnachtung noch nicht aufgefallen ist. Also, Lautstärke runterdrehen! Klar?
Gretchen (äußert sich etwas weniger energisch durch die geschlossene Gästezimmertür gegenüber): Ich bin hier, Marc.

Selbstverständlich folgte der konsternierte Unfallchirurg lediglich der liebreizenderen Stimme der beiden befreundeten Ärztinnen in den hinteren Winkel des geräumigen Holzhauses. Er guckte sich jedoch zur eigenen Sicherheit vorher noch einmal vergewissernd um, ob die hormongeladene Helikoptermama nicht doch noch jeden Moment mit einem Nudelholz bewaffnet aus dem Babyzimmer herausgepoltert kommen könnte, was zum Glück nicht der Fall war, bevor er sich dem Gästezimmer gegenüber näherte. Mit klopfendem Herzen tippte Marc kurz geräuscharm an den Rahmen aus Teakholz und schlüpfte anschließend schnell durch die Tür, die er hinter sich direkt wieder schloss. Was ihn dann jedoch in dem kleinen unscheinbaren Raum erwartete, ließ sein wild schlagendes Herz einmal kurz aussetzen. Er registrierte selber gar nicht, wie sich seine Füße in schnellen Schritten auf das Bett zu bewegten, in das sich Gretchen, so gut es eben in ihrem Zustand möglich war, hineingekuschelt hatte. Sie wirkte unter der beigefarbenen Bettdecke furchtbar blass und erschöpft auf den sich beunruhigt fühlenden Oberarzt, der sich prompt auf die Bettkante setzte und seine Hand tief seufzend an ihre gerötete Wange legte. Verlegen schaute die Hochschwangere zu ihrem Herzprinzen hoch, der sie verliebt wie immer anlächelte, und es ging ihr flugs wieder etwas besser.

Gretchen (flüstert kaum hörbar): Tut mir leid.
Marc (runzelt verwundert die Stirn): Was tut dir leid?
Gretchen (kämpft mit den aufsteigenden Tränchen u. wimmert herzerweichend): Ich hab schlapp gemacht, Marc.
Marc (lächelt sanftmütig u. verständnisvoll u. wischt mit dem Zeigefinger liebevoll einzelne Kullertränen von ihrer Wange): Nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest, mein Engel.
Gretchen (schnieft u. blinzelt die unaufhörlich kullernden Tränen angestrengt weg): Doch! Weil... weil... ich mich doch so auf diesen Tag heute gefreut habe.
Marc (sieht die hinreißende Heulsuse eindringlich an): Und?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick): Das weißt du ganz genau, Marc.
Marc (gibt sich betont unwissend u. bringt Gretchen damit leicht auf die Palme, was natürlich seine Absicht ist): Ach, tue ich das?
Gretchen: Marc!
Marc (grient die ungekrönte Schmollkönigin auf seine typisch spitzbübische Art an): Du musst es schon aussprechen, Haasenzahn.
Gretchen (der Groschen fällt u. die Tränen sind sofort vergessen, als sie den charmanten Provokateur ein weiters Mal gereizt von der Seite anfährt): Maaarc!
Marc (lacht u. tippt wie selbstverständlich auf seine teuere Designerarmbanduhr am Handgelenk): Sag es! Ich warte und das übrigens schon eine ganze Weile, die mich viele Nerven, mein Gehör und meinen rechten Passfuß gekostet hat. Ich glaube, mit mir ist heute nicht mehr viel anzufangen, wenn das so weitergeht. Ich werde hier als Kindersklave missbraucht, das war so nicht abgemacht.
Idiot! Ich weiß gar nicht, wieso ich immer wieder auf ihn reinfalle. Ach so, weil er...
Gretchen (verdreht theatralisch die Augen u. gibt schließlich nach): Okay?!? Unter Umständen, vielleicht, eventuell könntest du doch Recht gehabt haben. Der große, weise, allwissende Dr. Meier hat es vorausgesagt und ich hab mich stur gestellt und hab es ausgeblendet. Ja, ich habe mich überanstrengt, aber nur ein klitzekleines bisschen, weil es so warm ist und ich wegen heute allgemein ziemlich aufgeregt bin. Aber ich ruhe mich wirklich nur aus. Fünf Minuten. Ich bin gleich wieder fit und für dich da. Dann können wir auch.

Ach, mein Engel, das ist wieder so typisch für dich. Immer mit dem Sturköpfchen durch die Wand und zuerst alle anderen, bevor du auch mal drankommst. Eigentlich gehört dir der Hintern versohlt und die Versuchung ist groß, das auch noch nachzuholen. Ich hab jetzt schließlich mehr als nur einen Wunsch frei.

Marc (grinst zufrieden über das ganze Gesicht u. drückt ihr einen kleinen Kuss auf die selbstbewusst in die Höhe gereckte Nasenspitze): Das nenne ich doch mal eine Ansage. Das ist mein Mädchen.
Gretchen (lehnt sich schmollend in ihre Kissen zurück): Du bist so blöd.
Marc (ist völlig hingerissen von seinem Schmollhäschen): Und du bist...
Gretchen (richtet sich alarmiert wieder ein wenig auf, was sie ziemlich aus der Puste kommen lässt): Ich warne dich.
...süßer als jede einzelne, vermutlich schon längst zerflossene Süßigkeit in Sarahs sechzehn Zuckertüten.
Marc (tippt sie nur leicht mit dem Zeigefinger an u. schiebt ihr Trotzköpfchen zurück auf das weiche Kissen): Du sollst dich doch nicht aufregen. Okay?
Gretchen (setzt ihr schönstes Schmolllächeln auf): Dann darfst du mich aber auch nicht ständig provozieren. Oder überraschen. Oder...
Marc (schaut sie erwartungsvoll an): Ja?
Gretchen (strengt ihr Lockenköpfchen an): Ja, warte, ich komm noch drauf. Ich muss mich nur sortieren.
Marc (grinst): Oh, das kann dauern.
Gretchen (klapst ihm leicht mit beiden Händen auf den Arm u. lehnt sich dann erschöpft wieder in ihre Kissen zurück): Blödmann! Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du so... so... so bist. Ich hab das Gefühl, hier oben ist alles total durcheinander geraten. Ich kann nicht mehr richtig denken, von kontern ganz zu schweigen. Ich glaube, ich habe sogar vergessen, wie es ist, Chirurgin zu sein.
Marc (schüttelt den Kopf): Das glaube ich nicht. Du bist das zwar noch nicht so lange, aber das kann man nicht vergessen. Das ist wie Fahrradfahren und Sex.
Gretchen (boxt sich ihr Kopfkissen zurecht, auf das sie sich schließlich schwer seufzend bettet): Toller Vergleich, wo ich doch für beides momentan nicht gerade prädestiniert bin.
Marc (kniet sich vor das Bett u. lehnt sich mitfühlend zu ihr vor): Schatz, es ist alles in bester Ordnung. Wie immer. Also, so gut wie. Für die restlichen Prozente sorgen wir dann schon noch. Später.
Gretchen (sieht ihren Traumprinzen, der ihr frech zugezwinkert hat, aus großen faszinierten Augen an): Dann bist du wirklich nicht enttäuscht?
Marc (reagiert verdutzt, während er liebevoll ihr eiskaltes Patschehändchen streichelt): Enttäuscht? Wieso enttäuscht?

Weil ich eine hoffnungslos übermütige und sich selbst überschätzende Närrin bin. Wenn mich niemand stoppen würde, würde ich vermutlich selbst im neunten Monat noch beim Berlin-Marathon mitlaufen und dabei hasse ich doch Laufen. Ich hätte es einfach besser wissen müssen. Nein, ich hab es gewusst, ich wollte es nur nicht wahrhaben. Weil ich unbedingt dabei sein wollte.

Gretchen (kämpft erneut mit den Tränen): Weil, weil... ich unseren Jahrestag vermasselt habe.
Marc (grient sie völlig hingerissen an): Glaub mir, Liebes, da braucht es eindeutig mehr für.
Gretchen (senkt verschämt ihren Kopf): Und wenn mehr nicht drin ist, Marc? Ich weiß, du hast dir viel, viel mehr versprochen von heute Abend. Und ich will ja auch. Wollte. Ich hab mir das so schön vorgestellt.
Marc (seufzt u. schaut dem schüchternen Häschen lange in die verweinten Augen, die immer wieder unsicher zu ihm hoch blinzeln): Haasenzahn, jetzt schau mich mal an! Denkst du wirklich, ich wäre ernsthaft davon ausgegangen, dass wir heute Abend zur Feier des Tages das Kamasutra rauf und runter zelebrieren würden? Ich gebe zu, der Gedanke klingt durchaus verlockend und ich weiß aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass wir dazu durchaus in beeindruckender Lage sein würden und für Experimente jeder Art bin ich immer empfänglich. Das weißt du. Dein Angebot vorhin hat mir im ersten Moment ziemlich die Beine weggezogen. Das kannst du mir glauben. Du bist und bleibst der absolute Wahnsinn. Unberechenbar und immer für eine Überraschung gut und dafür liebe ich dich unendlich. Aber ich bin kein Idiot, Gretchen. Davon laufen hier schon genug andere herum. Ich weiß, was möglich ist und was nicht. Das ist auch vollkommen okay für mich. Das war es in den vergangenen Wochen schon, während der ich dich immer wieder deswegen aufgezogen habe, wofür ich mich jetzt und hier offiziell entschuldige, und das wird es auch im Endspurt sein. Mein Schildkrötchen! Wir müssen nichts überstürzen und künstlich überhöhen, nur weil heute dieser eine besondere Tag ist, der mir übrigens genauso viel bedeutet wie dir, auch wenn ich es vielleicht nicht oft genug gesagt und stattdessen andauernd Scherze darüber gemacht habe. Aber Schatz, davon gibt es noch zigtausende und jeder einzelne ist besonders, weil ich sie zusammen mit dir verbringen darf. Selbst wenn du gerade so aktiv bist wie ein Nachtschattengewächs oder die voll gefressene Pandadame, die sich der Berliner Zoo für mehrere Hunderttausende im Jahr von den Reisfressern ausgeliehen hat. Du bist übrigens auch jeden einzelnen Cent wert. Ich würde sogar mein letztes Hemd dafür geben, um den Tag mit dir verbringen zu dürfen. Jeden einzelnen Tag, der noch kommen wird in unserem anstehenden Abenteuer.
Gretchen (hängt gebannt an seinem intensiven Blick u. jedes Wort von ihm trifft sie mitten ins Herz): Wirklich?
Marc (sieht ihr tief bewegt in die hoffenden Augen): Wirklich!
Gretchen (ein kleiner Restzweifel nagt dann doch noch an ihr): Aber der Tag sollte doch besonders werden.
Marc (kontert pfeilschnell): Ist er doch auch.
Gretchen (kann endlich wieder lächeln, weil sie ihm glaubt): Du bist ein charmanter Lügner, Marc Meier.
Marc (richtet sich gespielt empört auf): Wann hab ich denn gelogen, deiner werten Meinung nach, hm?
Gretchen (grient ihn plötzlich zuckersüß an): Du wolltest gar nicht hier sein.
Marc (kontert direkt gewohnt selbstbewusst): Aber ich bin hier!
Gretchen (freut sich ehrlich darüber): Also hattest du doch Spaß?
Marc (zögert seine Antwort einen kurzen Moment hinaus, damit seine gewählten Worte besonders eindrucksvoll zur Geltung kommen): Haasenzahn, ich weiß nicht, ob du es in deinem Weltschmerzdelirium mitbekommen hast, wenn nicht, dann schau mal auf die Nachricht, die dir Mehdis Ex gerade geschickt hat, aber ich stand vorhin vor der halben Belegschaft unseres Krankenhauses und hab mich komplett zum Affen gemacht. Mehr Spaß geht also nicht.

Er ist und bleibt mein Held! Mein Marc! Hach... ich liebe dich für immer und ewig.

Gretchen (ihre Augen strahlen wieder vor lauter Glück): Stimmt! Lilly und du, ihr wart so toll. Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet.
Marc (grinst verschmitzt): Du, ich auch nicht.
Gretchen (lächelt hingerissen): Aber ich fand es richtig süß von dir, dass du dich von ihr hast überreden lassen.
Marc (streicht sich zufrieden über seine stolzgeschwellte Brust): Die Firma dankt und nimmt zu jeder Zeit in jedweder Form Trinkgeld an. Alles wieder gut?
Gretchen (nickt lächelnd): Fast!
Marc (runzelt verwundert die Stirn): Nur fast?
Gretchen (schiebt sich ihre Hände unter das Kopfkissen u. schmachtet Marc neben sich verliebt an): Spielst du auch mal nur für mich alleine Gitarre?
Marc (schmunzelt u. setzt zur Denkerpose an): Eigentlich hab ich vorhin auf dem Höhepunkt meine kurzweilige Karriere beendet.
Gretchen (verzieht enttäuscht ihr Gesicht u. guckt demonstrativ an die Decke, wo sich verschwommen ein kleiner Spielfilm abspielt): Oh! Verstehe! Dabei hab ich mir das immer gewünscht. In meinen Träumen, als ich ein Teenager war. Ich hab mich damals mit Steffi und Susanne immer heimlich an den Strand geschlichen, wo die älteren Klassenstufen zusammen am Lagerfeuer gesessen haben, Geschichten erzählt, geflirtet, getrunken und Stockbrot gegessen haben, obwohl bei uns Schülern aus der Unterstufe in den Zimmern im Landschulheim schon lange das Licht hätte aus sein müssen und Frau Behrenbusch immer wie ein bissiger Wachhund auf uns aufgepasst hat, und hab mir vorgestellt, du würdest nur für mich Gitarre spielen. Der Wind in deinem Haar hat dir etwas richtig Verwegenes gegeben. Wie ein sexy Pirat, nur ohne Augenklappe und ähm... hinkendem Holzbein.
Marc (schüttelt bei der Vorstellung feixend den Kopf): Hätte mir auch nicht gestanden und mir vermutlich sämtliche Chancen bei den Mädels aus dem Mädcheninternat in Bayern verbaut, die zur gleichen Zeit im Landschulheim waren.
Gretchen (verliert sich regelrecht in ihre Schwärmerei von damals): Der Strand, das Lagerfeuer, über uns unendlich viele Sterne, Meerrauschen im Hintergrund. Also, ich fand das total romantisch. Finde ich immer noch. Schade, dass wir neulich, als wir an der Ostsee waren, nicht daran gedacht haben, deine Gitarre mitzunehmen. Ich glaube, wir waren zu spontan.

Von Weltschmerz in den Romantikmodus in weniger als fünf Sekunden. Neuer Rekord!

Marc (grinst vergnügt vor sich hin u. taucht in Gretchens zuckersüßen Tagtraum mit ein): Sind wir doch immer. Mit Strand kann ich vielleicht nicht unbedingt dienen, dafür müssten wir erst den Sandkasten der Mini-Hassmännin plündern, aber ein Strandkorb wartet zuhause auf unserer Dachterrasse. Die verwelkten Sommerblumen um uns herum tun es doch bestimmt auch als Kulisse für unser kleines, privates, intimes Date? Wir haben doch noch ein Date, oder?
Gretchen (grient ihren Traumprinzen ungeniert an u. schmiegt ihre Hand an seine): Denkst du, wir können über Berlin auch den Sternschnuppenregen sehen? Sabine meinte, die Perseiii...dingsbums würden noch mindestens eine Woche anhalten. Und dann ist da heute Abend auch noch so ein weiteres Himmelsspektakel. Ich hab nicht genau zugehört, aber es soll toll werden.
Marc (schaut ihr fasziniert in die leuchtendblauen Augen): Noch mehr Wünsche für die Kleinen? Haben wir neulich nicht schon genug gesammelt?
Gretchen (folgt ihrer ganz eignen Haasschen Überzeugung, mit der sie Marc prompt um kleinen Finger wickelt): Es kann nie genug davon geben und wenn es nur hilft, die beiden wieder etwas in Schach zu halten.
Marc (legt seine Hand instinktiv auf ihren Bauch unter der Decke u. spürt die Bewegungen der beiden strampelnden Babys deutlich): So schlimm?
Gretchen (will eigentlich nicht, aber fängt unkontrolliert wieder an, leicht zu weinen): Hm! Sie scheinen, eine ganze Fußballweltmeisterschaft an nur einem Tag abhalten zu wollen. Sie kommen eindeutig nach dir.

Na, das hoffe ich doch! Hey, nicht so doll, ihr beiden! Eure Mama braucht auch mal fünf Minuten für sich. Wir verstehen uns doch, oder?

Nein, Gretchen, nicht schon wieder! Nicht schon wieder weinen! Sonst vergraulst du Marc doch noch. Irgendwann ist seine Geduld mit dir nämlich auch zu Ende. Meine aber auch. Ich will mich nicht so fühlen. Ich hab euch doch so lieb. Ich möchte doch nur so gerne wenigstens mal zehn Minuten Siesta halten dürfen. Geht das? Bitte, ihr zwei! Dann dürft ihr auch wieder Finale spielen. Ich bastle euch auch einen Pokal, wenn ihr wollt.


Marc (massiert intuitiv ihren Bauch u. beobachtet dabei Gretchens Gesicht, das Bände spricht): Oh ha! Die Sturzbäche wieder. Weltuntergang, Klimakatastrophe oder was anderes?
Gretchen (zuckt überfordert mit den Schultern u. versucht irgendwie, Marcs Massage zu genießen, was ihr aber nicht gelingt): Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist, Marc. Mir wird das alles zu viel momentan.
Marc (bettet seinen Kopf sanft neben ihrem u. schaut ihr tief bewegt in die feucht schimmernden Augen, während eine Hand weiter zärtlich ihren Babybauch streichelt): Ich verrate dir ein Geheimnis. Mir auch. Dich so zu sehen und nichts tun zu können, was hilft, macht es für mich auch nicht gerade einfacher.

Er ist so lieb. Wieso muss er gerade jetzt so lieb sein? Wenn er wenigstens seine Witzchen machen würde, würde mich das ein bisschen davon ablenken, dass ich nicht mehr kann und will und überhaupt. Wenn der Bienenschwarm nicht endlich damit aufhört, heb ich wirklich noch von ganz alleine ab, was zumindest einen entscheidenden Vorteil hätte. Ich müsste nicht mehr mit der Schwerkraft ringen und die hat sich noch mehr gegen mich verschworen als ihr beiden süßen Frechdachse.

Gretchen (Marcs liebevoller u. verständnisvoller Umgang mit ihr bringt sie gleich noch mehr zum Schluchzen): Ich kann gar nicht fassen, dass du mich immer noch so gern hast. Ich bin momentan unausstehlich und ständig lasse ich meine schlechte Laune an dir aus. Das will ich eigentlich gar nicht. Aber ich habe seit einer Woche nicht mehr richtig geschlafen. Und wenn ich es doch mal schaffe, einzuschlafen, wecken die beiden Rabauken mich spätestens nach einer halben Stunde wieder auf, weil sie zu den unmöglichsten Zeiten eine wilde Party schmeißen möchten, wofür ich absolut keine Kraft mehr habe. Ich weiß gar nicht, woher sie das haben. Vermutlich weil sie meine letzten Energiereserven angezapft haben. Ich fühl mich jedenfalls nur noch dick und hässlich. Ich hab Wasser in den Beinen. Meine Blase ist auf Dauerbetrieb eingestellt. Ich kann keinen Weg mehr alleine gehen, weil mir ständig die Puste ausgeht oder ich gar nicht erst hochkomme. Mir tut alles weh. Ich kann meine Füße nicht mehr sehen, was vielleicht auch besser so ist, weil ich so nicht sehen muss, wie ich Big-Foot-Abdrücke auf der trockenen Wiese hinter dem Haus hinterlasse. Sarah freut sich bestimmt darüber, wenn sie sie entdeckt und ihr Forschungsequipment auspacken kann. Ich musste sogar die Golfschuhe von meinem Vater anziehen, weil ich weder in meine, noch in deine Schuhe mehr hineinpasse, und die passen eigentlich zu gar nichts und hierzu erst recht nicht. Dabei wollte ich doch heute hübsch aussehen. Ich wollte das heute wirklich. Ich habe das nicht nur so dahergesagt. Ich wollte wenigstens noch einmal raus und etwas erleben. Zusammen mit dir. Ich wollte für dich schön sein, damit du mit mir angeben kannst, und für fünf Minuten hab ich mich auch tatsächlich so gefühlt. Weil ich gemerkt habe, wie du mich anschaust. Ich glaube, die anderen waren auch ganz schön beeindruckt. Ich bin ja auch ziemlich auseinander gegangen, seitdem ich im EKH aufgehört habe. Das Kleid hier ist das letzte Kleidungsstück, in dem ich nicht wie eine Presswurst aussehe, sondern nur wie ein außer Form geratener Regenbogen. Hab ich zumindest gedacht. Bis eben. Ach, Marc, es ist alles so schrecklich. Ich kann mich gerade selbst nicht besonders leiden.

Oje! Apocalypse now ist ein Scheiß dagegen.

Marc (schmiegt sich an die Seite des Trauerkloßes u. hält ihn schmunzelnd fest in seinen Armen): Dann übernehme ich das eben jetzt für uns beide. Ich mag dich nämlich genauso, wie du bist. Unberechenbar, oder na gut, vorhersehbar, vorlaut, klug und schlagkräf...fertig. Und du bist alles, aber bestimmt nicht unausstehlich und hässlich schon mal gar nicht. Mir kannst du ruhig glauben. Ich hab einen Blick für schöne Frauen. Und apropos Regenbogen, findet man an dessen Ende nicht immer einen Schatz? Ich glaube, ich hab ihn gefunden.
Gretchen (lässt sich durch seinen unverwechselbaren Charme tatsächlich zu einem kleinen Lächeln hinreißen, hält sich aber im nächsten Moment auch schon wieder den Bauch, weil sie das nervige Ziehen kaum noch aushält): Danke, du Schmeichler! Die Kobolde am Ende des Regenbogens sind aber ziemlich... Ooohh! Jetzt fängt das schon wieder an. Mit mir ist heute wirklich nicht mehr viel anzufangen. Ich glaube, mehr als kuscheln im Strandkorb ist nicht mehr drin. Tut mir leid.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu u. robbt zum Bettende vor, um sich nun ausgiebig ihren schmerzenden Füße zu widmen, die er zunächst einmal von den hässlichen Schuhen befreit): Nix da! Lass das mal schön meine Sorge sein.
Gretchen (strampelt ihn ungelenk von sich weg): Marc, ich meine das wirklich ernst.
Marc (hält einen Fuß fest u. beginnt sie trotz heftigem Widerstand mit sanftem Druck zu massieren): Ernst ist mein zweiter, äh... dritter Vorname.
Gretchen (schaut erschöpft zu ihm runter): Maaarc, bitte! Ich will das nicht. Mir ist das unangenehm.
Marc (lässt schließlich los u. hält seine Hände in Unschuldspose hoch): Okay? Ist angekommen. Heute wirkt anscheinend gar nichts mehr.

Hätte nicht gedacht, dass ich mit meinem Medizinerlatein mal ans Ende geraten könnte. Darauf hätte Mehdi mich mal besser vorbereiten sollen, anstatt ständig wildfremden Leuten unter den Rock zu gucken oder sich vermöbeln zu lassen. Wobei, an letzterem hat er ja keine Schuld. Alter, wieso bist du heute nicht hier? Du wüsstest, was zu tun ist. Aber dafür räche ich mich noch an dir. Du bist mir eh wegen Prinzessin Lillyfee noch megaviel schuldig. Das wirst du niemals zurückzahlen können, mein nerviger Freund.

Gretchen (lockt ihren ratlosen Freund mit einem hinreißenden Lächeln wieder hoch zum Kopfende des Bettes, wo sie ihn schnell in ihre Arme schließt u. mit ihren Gedanken davon driftet): Danke für dein Verständnis, Marc! Ich weiß, ich bin momentan ziemlich...
Marc (knipst mit Zeigefinger u. Daumen ihre süße Schnute zu): Jetzt stopp mal deine Selbstgeißelung, Haasenzahn! Das bringt doch nichts. Alles ist gut, würde eine ganz bestimmte Person jetzt sagen, wenn sie den Termin hier nicht geschwänzt hätte. Und davon warst du doch vorhin auch noch überzeugt, hm?
Gretchen (lächelt unsicher, nachdem er ihre Lippen, die er nicht widerstehen konnte, sanft zu küssen, wieder loslässt, u. hadert immer noch mit sich u. der Gesamtsituation): Weißt du, ich liebe es, schwanger zu sein. Die vergangenen Monate waren unglaublich schön und unvergesslich. Aber ich glaube mittlerweile, es war vielleicht doch keine so gute Idee, ausgerechnet im Hochsommer schwanger zu werden. Ich hab die Nebenwirkungen total unterschätzt.
Marc (blickt ihr ungläubig in die ihn schüchtern fixierenden blauen Kristalle u. bügelt diesen völlig absurden Gedanken ganz schnell meierlike ab): Haasenzahn, das will ich nicht gehört haben. Klar? Das war mit Abstand die allerallerallerbeste Idee, die wir je hatten.
Gretchen (strahlt ihn mit ihren großen leuchtenden Augen erwartungsvoll an): Ja?
Marc (nickt ihr eifrig zu u. schnappt sich ihr kleines Patschehändchen, um es mit seinem über ihrem Babybauch zu verschränken): Aber so was von! Das nennt sich selbstprovozierende Prophezeiung, oder so ähnlich. Außerdem muss ich dich korrigieren. Du bist nicht im Hochsommer schwanger geworden, sondern zu einer völlig anderen Jahreszeit. Nachdem du nämlich bei eisigen Minustemperaturen mit deinem äußerst attraktiven Hinterteil auf eher zweifelhafte und hochakrobatische Art und Weise einen steilen Schneehang runtergerutscht bist und wir uns anschließend im Spaßbad wiederaufwärmen mussten. Obwohl, wenn ich mir das jetzt so genau überlege, dann hast du vielleicht doch recht. Es war doch ziemlich heiß in unserer Liebesgrotte. Vor allem du warst extrem heiß und willig. Ich hab mir ganz schön die Finger an dir verbrannt, du Luder. Mit entsprechender Wirkung. Von wegen Nebenwirkungen. Aber gut, dass du die mit deinem Lieblingsarzt des Vertrauens besprichst und nicht mit dem nächstbesten dahergekommenen Apotheker oder schlimmer noch, Mehdi.

Er ist so ein Spinner. Aber er hat recht. Ich wünschte, wir könnten uns noch einmal in diese Zeit zurückkatapultieren, als alles noch so frisch und völlig schwerelos und unbeschwert war. Dann könnte ich zumindest meinen Rodelunfall korrigieren.

Gretchen (läuft augenblicklich rot an, als sie an ihren ersten Liebesurlaub mit Marc im Paradies zurückdenkt u. was sie währenddessen dort alles angestellt haben): Marc, du bist unmöglich. Wie kannst du ausgerechnet jetzt daran denken?
Marc (zwinkert der knallroten Tomate vielsagend zu, während seine frechen Chirurgenfinger unter der Decke demonstrativ auf Wanderschaft gehen): Was heißt denn hier ‚ausgerechnet jetzt’? Vielleicht denke ich ja ständig daran zurück. An unsere sexintensivste Zeit. Mhm... Gerade jetzt, wo wir so aktiv sind wie Pandabären im Winterschlaf. Das soll jetzt aber keine Kritik sein.
Gretchen (die aufsteigende Hitze, die seine Berührungen bewirken, verwirrt sie zusehends): Maaarc!
Marc (genießt lachend ihr perplexes Gesicht u. konzentriert sich auf seine liebevolle Bauchmassage): Greeetchen, vielleicht ist da oben bei dir im Oberstübchen doch einiges ganz schön durcheinander geraten. Mit Mathe hast du’s nicht mehr so, oder? Dann rechne mal bitteschön acht Monate zurück, Fräulein Haase!
Gretchen (rollt theatralisch mit den Augen u. ignoriert die Gefühlsexplosionen in ihrem Körper, die sie völlig durcheinander bringen): Ich weiß, was vor acht Monaten war, Marc. Das Resultat ist schließlich nicht mehr zu übersehen.
Marc (nach einem kurzen Kuss auf ihre gigantische Babymurmel grinst er ihr pappfrech ins Gesicht): Gut, dann ist deine Schwangerschaftsdemenz ja doch noch nicht so ausgeprägt. Ich hatte schon Sorge. Nicht dass du mich darüber auch noch vergisst.
Gretchen (schüttelt lachend den Kopf, weil man mit dem Quatschkopf einfach nicht richtig reden kann): Du bist so blöd.

Aber danke für die Ablenkung! Ich hab das gebraucht.

Marc (gespielt ernst): Nein, bin ich nicht. Ich denke nur gerade für zwei, äh... vier. Und ich überlege gerade eine Strategie, wie wir dich und deine fußballbegeisterten Mitbewohner jetzt unbeschadet hier raus kriegen, ohne Aufsehen zu erregen. Ich würde ja gerne deine Tagebuchillusionen erfüllen und dich heldenhaft da raus tragen, aber ich bin mir nicht so sicher, ob meine Bandscheibe das noch mitmachen würde. Meinst du, Stier hat irgendwo eine Sackkarre? Obwohl, ein Gabelstapler tut es bestimmt auch.
Gretchen (tippt ihn empört an den Arm): Marc, du bist unmöglich. Kannst du nicht ein bisschen mehr Verständnis aufbringen? Mir ist wirklich nicht so gut heute und ich will einfach nur noch nach Hause.
Marc: Naja, du bist nun mal... unheimlich... schwer. Das lässt sich nicht leugnen. Obwohl ich zugeben muss, dass es echt seine Vorteile hat, jetzt einmal ungeniert behaupten zu können, dass du wirklich, aber so richtig wirklich dick bist.

Marc griente seine empörte Freundin auf unwiderstehliche Art und Weise an und sprang, bevor Gretchen noch einmal mit ihrem Arm hätte ausholen können, wieder aus dem Bett. Aber der Veralberten kam gar nicht in den Sinn, sich für Marcs Spruch zu revanchieren. Erstens, hatte er durchaus recht mit seiner uncharmanten Behauptung und zweitens, lenkten sie die Wundersterne in ihrem Bauch schon wieder eindrucksvoll mit ihrer ganz eigenen Homeparty ab. Ihr blieb regelrecht die Luft zum Atmen weg. Also musste jemand anderes die Rächerin der gefoppten Frauen dieser Welt spielen. Und dieser jemand stand auch schon wie aufs Stichwort prompt wortgewaltig parat und guckte mit seinem zuckersüßen Baby auf dem Arm amüsiert von seinem Platz an der geöffneten Tür aus zwischen dem sich heftig anflirtenden Paar hin und her und dachte sich so seinen eigenen Teil...

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

02.09.2017 13:48
#1605 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Maria: Haase, ich hätte dir mittlerweile mehr Selbstachtung zugetraut. Aber du bist wohl unbelehrbar, was seine kindischen Spielchen betrifft. Ich könnte ihm aber immer noch Hausverbot erteilen, falls du das möchtest. Ich bin dir als Gast nämlich verpflichtet. Und ich hab nun mal Hausrecht.
Marc (fährt erschrocken zu der ungebetenen Beobachterin herum u. erstarrt regelrecht bei ihrem überraschenden Anblick): Boah Hassi, kannst du nicht anklopfen? Hast du nicht noch...? Och nee, sie tut es schon wieder! Das ist doch Absicht. Ey, ist das deine kranke Art, uns von eurem Angebergrundstück zu vertreiben? Dann herzlichen Glückwunsch! Ist dir gelungen. Wir gehen. Also, wenn Haasenzahn dann mal soweit ist.
Maria (grient ihr perplexes Gegenüber süffisant an u. setzt noch einen obendrauf, weil sie gerade so gut in Fahrt ist): Frau tut, was sie kann.
Marc (hält sich demonstrativ die Augen zu, um nicht plötzlich zu erblinden, während Gretchen den frechen Sprücheklopfer zu stoppen versucht, indem sie vergeblich an seinem Hemdsaum zieht): Haha! Ey, pack endlich deine Brüste ein, Maria! Deine eigenwillige Selbstreklame wirkt nicht bei jedem und bei mir schon mal gar nicht. Dazu müsste ich ein bisschen betrunkener sein. Oder komatös. Oder im Fieberwahn.

Marc wollte gerade sein reichlich gefülltes Sprüchekonto plündern, aber nachdem er sich dann doch aus Versehen wieder zu der zickigen und ungewohnt freizügigen Oberärztin umgedreht hatte, fiel ihm als erstes nicht nur seine große Kinnlade herunter, sondern auch etwas Entscheidendes in den Blick, dem er sich nicht mehr rechtzeitig hatte entziehen können. Es war wie bei einem schweren Unfall. Man musste einfach hingucken. Man konnte gar nicht anders. Die verräterischen Augen klebten förmlich daran, obwohl der vorlaute Chirurg, der alles andere als prüde war, es definitiv nicht gewollt hatte. Irgendein niederer Instinkt musste ihn wohl übermannt haben. Oder die Körperfresser aus seiner Lieblingshorrorserie mussten irgendwie unbemerkt von ihm Besitz ergriffen haben. Marc zerrte an seinem Kopf und befahl ihm mental mehrmals, sich endlich von dem Unheil abzuwenden, was ihm nach in seinen Augen viel zu langem Zaudern schließlich auch gelang.

Die Frau machte ihn mit ihrer neusten Geheimwaffe eindeutig fertig und sie hatte sichtlich Spaß daran. Das war verdammt noch mal unfair und unprofessionell und überhaupt nicht akzeptabel. Freundschaft hin oder her. Es gab Dinge im Leben eines Mannes, die musste man(n) nicht unbedingt so hautnah mitbekommen. Das veränderte viel zu sehr den Blickwinkel auf seine schärfste Konkurrentin und könnte ihren unvermeidbaren beruflichen Kontakt um Jahre zurückwerfen, falls er nicht bald die Löschtaste fand. Dabei schaute sich Dr. Meier eigentlich recht gerne Brüste an und die formschönen Exemplare von Dr. Hassmann waren ihm auch nicht zum ersten Mal untergekommen, wenn auch nicht in dieser beeindruckenden natürlichen Größe. In irgendeinem verstaubten Regal im Keller in der Villa seiner Mutter lagerten sogar noch stapelweise alte Playboyausgaben, die er ebenso wie seine Fußballbilderkarteileichen der letzten fünf Weltmeisterschaften aus dem Effeff nach Erscheinungsdatum sortieren konnte.

Maria (kontert dem ungewohnt verlegen agierenden Machoangeber mit einem süffisanten Grinsen auf den frisch nachgezogenen Lippen): Ich habe ja auch nie behauptet, bei dir landen zu wollen, Meier. Das hast du dir auf der Weihnachtsfeier vor drei Jahren nur eingebildet. Wie so vieles. Und überhaupt, wer will das schon? Also, außer Dr. Haase natürlich. Aber Schwangere haben nun mal eine recht eigenwillige Sicht auf die Dinge.
Marc (kann sich nicht mehr länger beherrschen u. dreht sich mutig wieder zu der Gewitterziege um): Witzig! Man könnte meinen, dein bescheuertes Gebrabbel sei dir mit der Muttermilch eingeschossen, aber die wird dir ja gerade zum Glück schon wieder abgesaugt.
Gretchen (klopft dem unverschämten Sprücheklopfer peinlich berührt auf den Arm): Maaarc!
Marc (wendet seinen Kopf grinsend zu der hochrot angelaufenen Blondine herum): Ja, ist doch so. Wenn sie je wieder als Chirurgin wahrgenommen und respektiert werden möchte, sollte sie nicht ständig mit ihren Milchtüten vor mir herumwedeln. Ich hab ein fotografisches Gedächtnis. Das lässt sich nicht so leicht zurückspulen. Alt und Entfernen funktioniert da nicht.
Maria (springt auf diese doppeldeutige Provokation natürlich sofort beleidigt an): Ach, denkst du etwa, Mutterschaft und Karriere verträgt sich nicht, oder was?
Marc (weicht lieber mal sicherheitshalber einen Schritt zurück, weil er merkt, dass er in seiner Euphorie etwas zu weit gegangen ist): Das hab ich so nie behauptet.
Maria (funkelt ihn sauer an, während sie weiterhin liebevoll über das Köpfchen ihres Babys streichelt, das immer noch einen gewaltigen Hunger hat): Dann solltest du Neandertaler auch deine Klappe nicht so weit aufreißen. Im Gegensatz zu euch männlichen Chirurgen sind Karrierefrauen wie Gretchen und ich wenigstens zu Multitasking fähig.
Gretchen (stellt sich prompt auf die Seite ihrer sehr geschätzten Mentorin, auch wenn sie immer noch der Schwerkraft folgt u. im Bett liegen bleibt): Genau!
Na super, ein bisschen Orangenhaut hier und ein paar Neurosen da und das Hormonbombenkommando ist glücklich wiedervereint.
Marc (ist zwar durchaus beeindruckt von so viel Emanzenverbundenheit, aber wirft den Pfeil gekonnt auf seine zickige Kollegenemanze zurück): Ach, deshalb hat dir die Kleine auch gerade auf die Schulter gespuckt, hm? Beeindruckend! Das versteht man also unter Multitasking?
Maria (schaut ärgerlich an sich herunter u. wird plötzlich hektisch): Mist! STIIIER! DEIN JOB ist angesagt. Mann, Meier, lenk mich nicht ständig ab!
Marc: Sagt mir diejenige, die damit offenherzig angefangen hat.

...gab Marc natürlich direkt schlagfertig zurück und fand so schnell zu seiner alten Stärke zurück, während er ungeniert auf die üppige Oberweite seiner nicht besonders wertgeschätzten Kollegin aus der Neurologie starrte, die sich schnell ihr Oberteil im Carmenstyle wieder hochzog, nachdem sie mit Sophies Lätzchen das kleine Malheur von ihrer Schulter beseitigt hatte. Und während ihre kleine Tochter mit ihren unschuldigen Kulleraugen völlig unbeeindruckt in der Gegend herumschaute und aus irgendeinem Grund an dem grinsenden Gesicht von Dr. Meier kleben blieb, kam plötzlich ihr pitschnasser Papa zur Tür hereinspaziert und tropfte erst einmal die Türschwelle voll. Sehr zur Verwunderung seiner völlig verblüfften Lebensgefährtin, die im ersten Moment gar nicht wusste, was sie dazu sagen sollte, und deren sich nun perplex anschauenden Freunde.

Cedric: Mary, meine Liebe, du hast mich gerufen. Hier bin ich.
Maria (starrt den halbnackten Mann erst einige Sekunden sprachlos an u. deutet dann nach kurzem Zögern mit ausgestrecktem Arm auf seinen vor Feuchtigkeit glitzernden muskulösen Oberkörper): Das... sehe ich. Ähm... Kannst du mir das bitte erklären?
Cedric (wischt sich mit seinem tropfenden Hemd völlig gelassen über die nackte Brust, von der immer noch in Zeitlupe Wassertropfen herabperlen): Ich hab eine kleine Abkühlung gebraucht.
Marc (verschränkt amüsiert seine Arme): Wer braucht die nicht.
Gretchen (findet das alles überhaupt nicht witzig): Marc!
Marc (grient sein Meckerlieschen meierlike an): Ja, was? Nach dem, was ich gerade sehen musste. Ich war darauf auch nicht vorbereitet.

Er kann es nicht lassen. Was passiert dann erst, wenn ich regelmäßig mit Stillen beschäftigt bin? Macht er dann einen Comedyclub auf, oder was? Aber ohne mich!

Maria (funkelt erst Marc, dann Cedric missmutig an): Ach, komm, als ob du nicht freiwillig da hingestarrt hättest wie ein sabbernder Hund.
Cedric (guckt verwundert von der einen zum anderen u. nickt dann der erschöpften Gretchen kurz aufmunternd zu, was sie freundlich erwidert): Worum geht’s?
Maria (blitzt den arglosen, halbnackten Mann mit wütenden Funkelaugen an): Das ist nicht witzig, Rick. Die Kinder sind deinem schlechten Beispiel hoffentlich nicht gefolgt, oder? Du weißt ganz genau, dass wir die Erlaubnis der anderen Eltern brauchen, wenn wir sie zum Planschen in den See lassen. Ich kann die Aufsichtspflicht nicht garantieren. Du etwa?
Cedric (grinst, als sei sein seltsamer Auftritt die natürlichste Reaktion der Welt gewesen): Jetzt reg dich nicht auf, Mary! Noch ist die Hüpfburg interessanter als die Wasserwiese. Ich halte mich an deine Vorgaben.
Marc (zwinkert ihm wissend zu): Na klar!
Cedric (bedeutet ihm drohend, sein vorlautes Mundwerk zu halten): Überwiegend.
Maria (bleibt skeptisch, aber reicht ihm dann doch ihr gemeinsames Kind): Gut! Würdest du dann bitte kurz übernehmen? Bäuerchen ist schon gemacht, aber kann sein, dass da noch was nachkommt. Sie hatte einen gewaltigen Zug, nachdem sie erst nicht wollte.
Marc (kann sich einen frechen Spruch nicht verkneifen): Eure Tochter wird mir immer sympathischer. Ich finde ihren Papa nämlich auch ziemlich zum Kotzen.
Gretchen (zischt ihren vorlauten Freund müde von der Seite an): Marc, es reicht langsam.
Marc (grinst weiter ungeniert von einer Person zur anderen): Finde ich auch.
Maria (reagiert dementsprechend zynisch): Ein Saniteam! Hier lacht sich gleich jemand tot.
Cedric: Hm... Wie gut, dass ich darauf vorbereitet bin. Ich muss mich eh umziehen. Bis gleich!

...erwiderte er lässig und war prompt auch schon mit seinem süßen Töchterchen auf dem Arm zur Tür hinaus, ohne überhaupt auf Marcs alberne Kommentare reagiert zu haben. Maria schüttelte nur fassungslos den Kopf, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und sie sich wieder zu ihren befreundeten Kollegen umgedreht hatte, die sich ihr Schmunzeln nicht hatten verkneifen können. Allen voran Marc, Gretchen dagegen eher weniger. Sie hatte immer noch mit anderen Dingen zu kämpfen.

Maria: Ich schwör’s, irgendwann bring ich diesen Kindskopf noch um.
Marc (gibt sich verschwörerisch): Wir können schweigen wie ein Grab. Oder Gretchen?
Gretchen: Hm...

...murmelte Gretchen nur abgelenkt und massierte dabei konzentriert ihren Bauch, der von einem heftigen Ziehen durchzuckt wurde, das diesmal stärker war als die vorangegangenen Male. Abermals blieb ihr die Luft weg und ihr Kopf wandelte sich langsam zu einer leuchtenden überreifen Tomate, was nicht unbemerkt blieb. Ihre Freundin Maria, die sich nach Cedrics albernem Auftritt wieder einigermaßen beruhigt hatte, trat skeptisch näher und reichte ihr das noch halbvolle Wasserglas vom Nachttisch.

Maria (mustert sie misstrauisch): Alles in Ordnung? Sabine sollte dir doch noch ein Glas bringen.
Gretchen (lächelt leicht gequält zu ihr hoch, als sie das Glas entgegennimmt u. kurz daran nippt): Hat sie auch. Das ist schon mein Drittes. Danke!
Maria (ist nicht wirklich überzeugt u. guckt fragend zu Marc rüber): Schon gut.
Marc (beobachtet seine durstige Freundin arglos beim Trinken u. erwidert irgendwann Marias eindringlichen Blick, den er jedoch missinterpretiert): Okay, das leerst du noch, dann machen wir die Düse. Nicht dass unsere liebreizende Gastgeberin noch mal ihre C-Körbchen auspackt.
Maria (kann nicht widerstehen, auf seine kleine Spitze einzugehen): Mhm... Dr. Meier, ich kann mich gerade noch so beherrschen.
Marc (starrt sie ungeniert an): Das können nur die wenigsten.
Maria (zwinkert Gretchen vielsagend zu, die die gekünstelten Flirtversuche der beiden gar nicht richtig wahrnimmt): Ich weiß. Dabei liebe ich Männer, die wesentliche Dinge richtig einzuschätzen wissen. Und seltsamerweise ist mir gerade sehr danach, dich abzuknutschen.

Äh... Hilfe! Was passiert hier gerade? Für die sexuellen Belästigungen bin doch eigentlich ich zuständig und das bedeutet nicht, dass ich ihr ein Angebot machen würde. Eher friert die Hölle zu oder Gummersbach gewinnt den Medizinnobelpreis.

Marc (Marias Forschheit überrumpelt ihn dann doch u. er rudert hastig zurück): Okay? Jetzt ist es wirklich an der Zeit, hier die Biege zu machen. Ich weiß, ich bin scharf, aber die Anziehung zwischen uns ist doch nur Einbildung und liegt sicherlich an den Hormonen, die die Bindung zu deinem Kind gerade wieder stimuliert hat, oder?
Maria (lacht gelöst auf, weil sie den Obermacho der Station mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat): Weiß nicht. Ich versuche nur schon den ganzen Nachmittag, die nervige Bande da draußen, die meinen Garten zertrampelt, endlich loszuwerden. Ihr seid die Ersten, die tatsächlich darauf eingehen. Das schürt irgendwie sonderbare Gefühle der Dankbarkeit bei mir. Ihr habt nicht zufällig noch Platz in eurer hässlichen neuen Familienkutsche?
Marc (verschränkt abwehrend die Arme): Sorry, aber das Mozartkügelchen hat die ganze Rückbank gebucht. Ich weiß nur noch nicht, wie ich sie dahin bekomme.
Maria (schmunzelt): Verständlicherweise.
Gretchen (fühlt sich ungerecht angegangen): Hallo? Ich bin auch noch hier. Ich kann euch hören. Und ich bin sehr wohl noch fähig, selber zu laufen. Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht.
Marc (schlägt die Bettdecke weg u. hilft seinem Schmollhäschen ungeschickt, sich aufzurichten, bevor er sich hilfesuchend an seine charmante Kollegin wendet, die seiner unmissverständlichen Bitte genervt aufstöhnend zustimmt): Sehr gut, dann packen wir’s auch an. Ich versuche es rechts, du links. Maria?
Gretchen (schüttelt ihn barsch ab): Ich hab doch gesagt, ich kann selber aufstehen.

Gretchen wehrte erst Marcs, dann Marias helfende Hand schroff ab und versuchte, unterstützt von Marc, der sich von ihr nicht so leicht hatte wegschupsen lassen, sich mühsam alleine aus dem Bett zu erheben, aber das eigenwillige Schmollhäschen musste schnell feststellen, dass ihm doch die nötigen Kräfte fehlten, um sich erfolgreich hoch zu hieven. Die schweren Beine gaben nach und prompt landete die Schwangere wieder auf ihrem properen Popo und guckte nun dementsprechend bedröppelt und verlegen von einer Person zur anderen, die in seltener Eintracht bemüht ihr Schmunzeln zu unterdrücken versuchten. Das tollpatschige Häschen sah aber auch in seiner unbeholfenen Hilflosigkeit herzerweichend niedlich aus. Das empfand selbst Gretchens sehr geschätzte Kollegin so, bevor sie sich von dem ruppigen Chirurgen an ihrer Seite zu einem weiteren Versuch überreden ließ. Maria hatte sich widerwillig unter Gretchens linken Arm eingehakt und Marc hatte sich Gretchens rechten Arm um die Schulter gelegt. Er zählte gerade von drei herunter, als sich Gretchens Unwohlsein erneut eindrucksvoll zurückmeldete. Die schwere Dame ließ sich wie ein nasser Kartoffelsack zurück aufs Bett fallen, noch bevor die beiden mehr oder weniger befreundeten Ärzte ihr hätten hoch helfen können.

Gretchen (schaut irritiert an sich herunter): Oh, oh!
Marc (reagiert jetzt doch leicht gereizt auf Gretchens augenscheinliche Widerspenstigkeit u. übertriebene Unbeholfenheit): Wie oh, oh? Also, ein bisschen unterstützen musst du uns schon, Haasenzahn, sonst hocken wir bis morgen früh noch hier im Zirkus des Wahnsinns fest.
Maria (mustert das immer blasser werdende Häschen geheimnisvoll vorausschauend): Das jedoch glaube ich eher weniger.

Die beiden Starchirurgen des Elisabethkrankenhauses tauschten verwunderte Blicke miteinander aus, während sich Gretchens Finger tief in die Matratze gruben und sich verkrampften. Eine schier endlos anhaltende Welle durchzog ihren geschwächten Körper und riss sie förmlich mit sich. Die Hochschwangere atmete schwer. Sie schwitzte unangenehm. Ihr Puls begann zu rasen. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, bis es sie richtig schmerzte und ihre Wangenknochen wieder verdächtig dunkle Farbnuancen annahmen. Während Dr. Meier noch völlig arglos war und mit einer Engelsgeduld konzentriert einen dritten Hebeversuch anvisierte, um endlich hier wegzukommen und zu dem wesentlich entspannteren Teil des Abends überzugehen, auf den er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte, keimte bei Dr. Hassmann schon ein leiser Verdacht auf, der jedoch nichts mit Gretchens offenkundiger fehlender Fitness zu tun hatte. Doch bevor sie diesen kleinlaut hätte äußern können, um Bewegung in das Ganze zu bringen, kam Maria ihr trotteliger Exehemann in die Quere, der, nachdem er seine jüngste Tochter zurück in ihr Bettchen gebracht hatte, frisch umgezogen und belustigt am Türrahmen gelehnt stehen geblieben war und das seltsame Schauspiel der drei miteinander ringenden Ärzte beobachtete und nicht unkommentiert lassen konnte...

Cedric: Braucht ihr irgendwie Hilfe?
Marc (raunzt ihn direkt uncharmant wie immer an): Nein!
Gretchen (kämpft mit sich): Da...nke!
Maria (gibt sich geheimnisvoll, als sie mit Cedric vielsagende Blicke austauscht, die er jedoch nicht gleich rafft): Das wird sich noch zeigen. Gretchen?

Die Angesprochene reagierte sichtlich verlegen auf die eindringlichen Blicke ihrer Vorgesetzten, die offenbar als Einzige verstanden hatte, was gerade mit ihr los war, und guckte vom Bett aus nacheinander von einer Person zur anderen und wieder zurück. Sie fühlte sich nicht gut. Gar nicht gut. Sie hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte es gehofft, ja, und angestrengt versucht, zu verstehen, was gerade mit ihr passierte. Aber alle Anzeichen sprachen mittlerweile dafür. Die Beweislage war nicht mehr zu übersehen. Sie war eindeutig. Die beste Diagnose, die sie je gestellt hatte, auch wenn sie deren weitere Auswirkungen noch nicht vorausschauen konnte. Das wurde Dr. Gretchen Haase spätestens klar, als sie noch ein weiteres Mal vergewissernd an sich herabblickte und dann schnell die Augen schloss. Ein letzter verzweifelter Versuch, es doch noch einmal auszublenden. Aber es ging nicht. Dazu waren die Symptome zu konkret. Aber ihr fiel es sichtlich schwer, das auch offen zuzugeben, ohne gleich in einem Tränenmeer auszubrechen, das drängend gegen ihre geschlossenen Augenlider schwappte. Sie musste ruhig bleiben. Sie durfte jetzt nicht in Panik geraten. Das würde vor allem Marc überfordern. Und wenn er es war, war sie es selbstverständlich auch. Das war ein Kreislauf, der dann nicht mehr zu stoppen gewesen wäre und alle in ihrem Umkreis mitgerissen hätte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und sie hatten schließlich noch Zeit. Zeit, sich genau zu überlegen, wie sie nun vorzugehen hatten. Sie hatten das tausendmal geübt. Überwiegend unfreiwillig und ungeplant. Weil es sich immer wieder zufällig so ergeben hatte. Sie waren dadurch mittlerweile bestens auf alle Eventualitäten vorbereitet. Waren sie doch, oder? Sie hatten doch vorhin noch zusammen besprochen, den Endspurt ruhig angehen zu lassen.

Doch wieso fühlte es sich dann jetzt nicht mehr so sicher an wie noch wenige Minuten zuvor, als sie verliebt in Marcs Armen geschwelgt hatte, gingen Gretchen die unterschiedlichsten Fragen durch den Kopf, sodass sie dadurch fast schon Kopfschmerzen bekam. Von den imaginären Rauchzeichen, die ihr Brummschädel von sich gab, ganz zu schweigen. Sie musste sich beruhigen. Sie musste unbedingt ruhig bleiben. Selbst wenn die Wundersterne in ihrem Bauch anderer Meinung waren und sie wieder und wieder piesackten. Wenigstens einer musste einen klaren Kopf behalten. Sie war schließlich Ärztin. Eine gute noch dazu. Ja, sie hatten Zeit. Sie hatten doch noch Zeit, oder? Was hatte die Hebamme noch mal neulich in der letzten Kursstunde gesagt? Und Mehdi? Welche Schritte waren jetzt wichtig? Mehdi! Wo war eigentlich Mehdi? Und was war mit ihrem Jahrestag? Sie wollte Marc doch unbedingt überraschen. Und er sie. Das hatte sie im Gespür gehabt. Deshalb hatte er doch den ganzen Tag gequengelt wie ein trotziger kleiner Junge, nicht so lange auf der Party bleiben zu wollen. Die Feier! Oh nein, sie durfte das jetzt nicht vermasseln. Und vor allem durfte sie jetzt nicht weinen. Auf keinem Fall weinen! Sie war schließlich die Erwachsene. Sie war die Mutter. Mutter? ... Ich werde Mutter. Oh mein Gott! ... Der Kopf der studierten Stationsärztin war mit einem Mal wie leergefegt, als sie schließlich leise etwas in die angespannte Stille des kleinen Gästezimmers murmelte, während sie ihre widersprüchlichen Gedanken zu sortieren und angestrengt den sich wiederholenden Schmerz wegzuatmen versuchte, der ihren erschöpften Körper ein weiteres Mal förmlich innerlich zerriss.

Gretchen: Tut mir leid!
Marc (reagiert wieder mal gereizt, weil er sich gerade einen Bruch hebt, ohne dass er von seinen angeblichen Freunden Unterstützung erhält): Boah, nicht schon wieder. Haasenzahn, du musst dich verdammt noch mal nicht ständig entschuldigen. Dein Zustand ist schon Erklärung genug. Und wenn du jetzt nicht mitmachst, roll ich dich hier raus. Das schwör ich dir.
Gretchen (hört ihm gar nicht richtig zu u. guckt verschämt zu Maria hoch, die anfangs noch nicht ganz versteht, was ihre Freundin gerade von ihr will): Doch, muss ich! Entschuldigung! Maria, die Reinigung übernehmen wir natürlich.
Maria (folgt verwundert Gretchens Blick u. nickt ihr schließlich wissend zu): Kein Thema.
Marc (starrt seiner Liebsten völlig perplex in ihr schweißnasses Gesicht, an dem einige dicke verirrte Haarsträhnen kleben, die er ihr nun liebevoll aus der Stirn streicht): Reinigung? Wovon zum Geier sprichst du? Du bist ja völlig durch den Wind.
Gretchen (kann ihre aufsteigenden Tränen nun nicht mehr länger zurückhalten u. lässt sich schluchzend von dem überforderten Chirurgen trösten, der sich fragend neben sie gesetzt hat): Ja, bin ich.
Marc (zieht sie verunsichert in seine Arme u. drückt sie sanft): Haasenzahn?
Cedric (kommt nun auch leicht beunruhigt auf das Bett zu u. legt seine Hand auf die Schulter seiner Freundin, die Gretchen mit ihren stechend scharfen Augen fixiert hält): Was ist denn los?

Mein Gott! Passiert das gerade wirklich? Ich bin umgeben von lauter Idioten. Einer schlimmer als der andere. Dabei ist das gerade wirklich ein besonderer Moment. Boah, Maria, jetzt werd du nicht auch noch sentimental! Einer muss hier ja wohl einen klaren Kopf behalten.

Maria (legt ihre Hand auf seine u. schaut ihm vielsagend in die Augen): Falsche Wortwahl, Rick.
Marc (schaut irritiert zu den beiden tuschelnden Personen hinter sich): Hä? Was quatscht ihr denn da so blöde? Packt lieber mal mit an! Sie muss nach Hause. Ihr seht doch, dass sie völlig fertig ist. Das liegt alles an deinem übertriebenen Aufgebot heute, Stier. Weniger ist mehr, verdammt!
Gretchen (will ihm gerade widersprechen u. etwas klarstellen, als es sie erneut unerwartet packt): Ja, das... ähm... Marc? ... Oooohhh... Es geht wieder los.

Gretchen klammerte sich plötzlich krampfhaft mit beiden Händen an die Bettkante, um den nötigen Halt zu bekommen, während sie von einem weiteren heftigen Schmerz im Unterleib durchgerüttelt wurde. Der Schweiß stand ihr mittlerweile schon auf der Stirn. Ihr wunderschönes regenbogenfarbenes Kleid war durchgeschwitzt und klebte an ihrer Haut. Ihr Puls raste. Ihr Herz klopfte wie verrückt in ihrer Brust. Sie hatte überall auf der Haut rote Flecken bekommen. Und Marc saß einfach nur da und guckte seiner Süßen arglos ins Gesicht. Die beobachtende Neurochirurgin hätte dem begriffsstutzigen Vollidioten am liebsten eine gescheuert, um seinen stockenden Denkapparat wieder in Gang zu setzen. Aber wo nichts war, konnte man anscheinend auch nichts wieder in Betrieb nehmen. Das war bei ihrem Mann schließlich genauso, der sie anstarrte, als hätte er gerade die Bahn verpasst.

Marc: Was geht los?
Cedric (es hat endlich “klick” gemacht u. er guckt mit immer größer werdenden Augen zu seiner Freundin an seiner Seite, die ihm schmunzelnd bestätigend zunickt): Oh!
Marc (steht komplett auf dem Schlauch u. wirkt ziemlich verloren in dem mittelgroßen Raum, dessen Wände sich plötzlich seltsamerweise auf ihn zu zu bewegen scheinen): Was oh?
Cedric (sein besorgter Blick wird immer eindringlicher): Worauf wartest du dann noch? Sollten wir nicht...?
Maria (bleibt die Ruhe selbst u. hält mit ihren Blicken Dr. Meier fixiert): Man denkt ja immer, er verdient als Oberarzt ganz gut Kohle und manch einer hält sogar an dem Glauben fest, er sei sein Geld tatsächlich wert, aber irgendwie habe ich den Eindruck, die Groschen, die er zu viel bekommt, blockieren seinen gesunden Menschenverstand.
Cedric (folgt verwundert ihrem Blick): Ah! Jetzt verstehe ich, was du meinst. Du hast natürlich in allen Punkten Recht. Wie immer.

...griente Dr. Stier seine große Liebe an und zog sie noch fester in seine Arme, weil er sie gerade hinreißend fies und sanft zugleich empfand. Und während die beiden immer noch gespannt darauf warteten, dass bei ihrem sonst so neunmalklugen Angeberkollegen endlich der letzte Groschen fiel und sie dieses große Wunder entsprechend feiern konnten, kam noch jemand weiteres in das Gästezimmer am Ende des Flurs gestolpert und guckte überrascht von einem Eck zum anderen.

Sabine: Oh! Entschuldigung! Stör ich? Ich dachte, ich bringe der Frau Doktor noch ein Glas Wasser, aber sie sind schon...
Marc (raunzt die emsige Krankenschwester aus purer Gewohnheit direkt an u. springt von seinem Platz an der Seite von Gretchen auf, die hilflos von einem zum anderen schaut): Na prima, noch ein ungebetener Gast mit ungebetenen Weisheiten. Aber mir soll’s recht sein. Anpacken, Schwester Sabine, aber zackig! Die Pappnasen da drüben sind dazu anscheinend nicht in der Lage.
Sabine (schaut überfordert von dem einen zum anderen u. schließt sich schließlich aus pflichtverbundener Gewohnheit dem Aktionismus von Dr. Meier an): Jawohl, Herr Doktor Meier! Ich muss nur... Würden Sie vielleicht...?
Maria: Was?

Pflichtbewusst nickte die emsige Krankenschwester ihrem strengen Vorgesetzten zu, der unmissverständlich auf die schwer atmende Frau im Bett gedeutete hatte, die unwirsch zu ihrer besten Freundin rübergeschaut hatte, die natürlich, entgegen ihrer Hoffnung, mal wieder gar nichts verstanden hatte. Sabine stellte erst das Wasserglas vorsichtig auf der Kommode neben der Tür ab und hielt der verdutzten Oberärztin nun ihr sechs Monate altes Pflegekind hin, das mucksmäuschenstill in ihren Armen geschlummert hatte. Dr. Hassmann wusste gar nicht, wie ihr geschah, aber da hielt sie den kleinen Jungen auch schon in ihren Armen und musste dabei zusehen, wie ihr dämlicher Kollege mit seiner noch dämlicheren Stationsschwester die arme Schwangere unsanft aus dem Bett zerrte. Erst eine fast schon beiläufige Bemerkung von Schwester Sabine riss Dr. Meier schließlich aus seinem unkoordinierten Vorhaben und Gretchen plumpste dadurch wieder unelegant zurück auf die weiche Matratze, welche mittlerweile ihren Aggregatszustand gewechselt hatte.

Sabine: Aber die Decke ist ja ganz nass.
Marc: Was?
Gretchen: Marc? Ich... Ich versuche die ganze Zeit, euch...

...versuchte Gretchen erneut angestrengt auf ihre Misere aufmerksam zu machen, als es sie ein weiteres Mal innerlich förmlich zerriss. Sehr zum Nachteil von Schwester Sabine, deren Hand dabei beinahe zerquetscht wurde, was diese mit einem kurzen Aufquieken kommentierte, welches den schlafenden Anton auf Marias Arm wieder auf den Plan brachte. Es dauerte jedoch immer noch zwei, drei ellenlange Sekunden, während der sich Dr. Stier und Dr. Hassmann wissende Blicke zugeworfen hatten, bis es bei Deutschlands jüngstem und bestem Chirurgentalent endlich „klick“ machte. Mit tellergroß erweiterten Augen starrte Marc zu seiner verlegen zu ihm herauf lächelnden Lebensgefährtin herab, die abrupt verstummt war, nachdem sie seine fragenden Blicke bemerkt hatte, und verlor dabei selber das Gleichgewicht und musste sich zu ihr aufs Bett setzen.

Marc: Aber, aber... Das... das... kann doch gar nicht sein? Es ist doch noch nicht... Wir haben doch noch... Wir haben doch gerade... Wir wollen doch... feiern.
Gretchen (schaut ihm beruhigend in die unruhig hin u. her huschenden Augen, wird aber durch heftige Schmerzen schnell wieder von ihm abgelenkt): Kann es wohl, Maaa... Mmmhhh... Aaauuu.... Aaauuu... Aaaauuuu... Ich glaube, jetzt geht es so richtig los.
Sabine (hüpft hyperaktiv auf der Stelle auf u. ab, nachdem auch bei ihr zeitverzögert endlich der Groschen gefallen ist): Es geht los? Es geht los! Oh! Wie aufregend, Frau Doktor!
Cedric (grinst zufrieden zur Seite u. zieht seine schmunzelnde Freundin noch fester in seine Arme, weil er sich ehrlich für das befreundete Paar freut): Klatsch! Hast du’s auch gehört?
Maria (grient ihn vergnügt an, während sie den kleinen Zappelphilipp auf ihren Armen zu bändigen versucht): Eine ganze Wagenladung Cents, ja. Damit könnten wir die Clownin da draußen bezahlen.
Marc (hat sich wieder ein wenig gefangen u. springt unvermittelt auf): Jetzt hört doch mal auf damit, Mann! Bist du sicher?
Gretchen (blickt ihm direkt in die Augen): Sicherer geht nicht, wenn die Fruchtblase bereits geplatzt ist.

Die... die... die... WAS? Ach, du Scheiße! Es... es... geht wirklich los!

Marc (verfällt in akute Hektik, läuft vor dem Bett auf u. ab u. scheucht alle, die ihn beobachten, damit auf): Scheiße! Das sind gar keine vorbereitenden Kontraktionen wie in den vergangenen Tagen. Das sind verdammt noch mal richtige Wehen. Die Zwillinge wollen raus. Sie wollen raus. Jetzt!
Maria (kann sich einen gehässigen Spruch nicht verkneifen): Und die Millionenfrage gewinnt...
Cedric (hält sie sanft zurück, weil er weiß, dass sein Freund das in dem Moment am wenigsten gebrauchen kann): Mary!
Gretchen (hat die beiden gar nicht gehört u. hängt gebannt an Marcs panisch aufgerissenen Augen, als er vor dem Bett abrupt wieder zum Stehen kommt): Ja!
Marc (fasst sich an den Kopf u. ist völlig durch den Wind): Und da bleibst du noch so ruhig? Wie lange geht das schon?
Gretchen (senkt verlegen ihren Blick u. versucht sich aufs Atmen zu konzentrieren, weil sie schon die nächste Wehe im Anmarsch spürt): Ich glaube den ganzen Nachmittag schon.
Cedric (nun auch ziemlich alarmiert): Was?
Maria (ihr geht es ähnlich u. sie lässt dadurch fast Anton fallen, den sie nun behutsam an sich drückt): Haase!

Ich fasse es nicht. Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein. Hat sie denn gar nichts von mir gelernt? Und ich bemühe mich hier ernsthaft, ihr die Freundin zu sein, die sie sich in ihren rosaroten Illusionen immer vorstellt, obwohl ich das gar nicht will. Damit ist jetzt endgültig Schluss. Haase, du hast verspielt, ein für alle mal. Ich tue mir den Stress nicht noch mal an.

Marc (nun reißt ihm endgültig die Hutschnur u. er läuft wie ein Verrückter neben dem Bett hin u. her): Bist du irre, Haasenzahn? Wieso sagst du denn keinen Ton?
Gretchen (versteht es ja selbst nicht u. muss schon wieder weinen): Ich... ich dachte...
Marc (macht ihr ungerecht Vorwürfe): Du dachtest...?
Maria (stellt sich ihm in den Weg, um ihn zu bremsen): Meier, jetzt hör auf, in das frisch verlegte Parkett Spurrillen reinzulaufen und mach ihr keine Vorwürfe! Sie wird schon ihre Gründe haben. Jeder reagiert anders in diesem Moment. Das kannst du mir wirklich glauben.
Cedric (stimmt seiner Freundin zu): Jep! Ich hab Stunden gebraucht, um Maria auf die bescheuerte Krankenbarre zu kriegen.
Maria (fährt direkt zu ihm herum u. funkelt ihn erbost an): Das stimmt doch gar nicht. Das war ganz anders. Du bist ausgeflippt und hast...
Marc (zischt die beiden wütend an u. schiebt die Störenfriede unsanft aus dem Weg, weil er wieder zu Gretchen will): Wollt ihr mich verarschen?
Gretchen (versucht es ihrem aufgeregten Schatz unter Tränen zu erklären): Marc, ich hab mir wirklich nichts weiter dabei gedacht. Ich dachte, das muss so sein, weil es sich ähnlich angefühlt hat wie bei den letzten Malen und da war doch immer nichts gewesen.
Marc (echauffiert sich regelrecht u. schmeißt seine Arme in die Luft): Nichts gewesen? Nichts gewesen?
Sabine (flüstert vorsichtig, weil sie sich nun auch zunehmend Sorgen um ihre beste Freundin u. Lieblingsärztin macht): Jetzt aber schon, oder?
Gretchen (nickt ihr wimmernd zu u. lässt sich von ihrer besten Freundin umarmen, die hilflos neben ihr Platz genommen hat): Ja, Sabine, es ist deutlich schlimmer als neulich. Schlimmer als du dir vorstellen kannst. Es ist wa... Ooohhh.... Da ist schon wieder eine.
Sabine (wird nun zusehends hysterisch u. springt aufgeregt vor dem Bett auf u. ab u. macht alle verrückt damit): Ich hab es auch gespürt.
Maria (zynisch): Na, das bringt uns jetzt aber ganz bestimmt weiter, Schwester Sabine.

Gretchen klammerte sich wieder an die Bettkante und atmete angestrengt den pochenden Schmerz weg, der sie erneut erfasst und in die Knie gezwungen hatte. Fast zeitgleich setzten sich Dr. Meier und Schwester Sabine wieder links und rechts neben sie aufs Bett und griffen spontan jeweils nach ihren Händen, um sie dabei zu unterstützen. Längst war bei Marc der anfängliche Ärger verflogen und machten der Sorge und der Aufregung Platz, die ihn mit ganzer Wucht erfasst hatten. Am liebsten hätte er jetzt auf der Stelle losgeheult, wenn er kein Mann und kein Chirurg gewesen wäre und er sich von Dr. Hassmann und Dr. Stier nicht beobachtet gefühlt hätte. Das wäre jetzt aber auch wirklich vollkommen unpassend gewesen. Er durfte Gretchen jetzt auf keinem Fall überfordern. Denn dann würde sie nämlich auch überreagieren. Ein Teufelskreis, aus dessen Verantwortung, die sie ihm mit Sicherheit zuschieben würde, er sich gerne herausstehlen wollen würde. Er musste jetzt stark bleiben. Er war stark. Er war Oberarzt. Unfallchirurg. Der Beste seiner Zunft. Immer Herr der Dinge. Immer klar im Kopf. Und dank Mehdi wusste er mittlerweile besser über die Materie Bescheid, als er es je von dem weichgespülten Frauenarzt hatte hören wollen. Denn es ging hier um Gretchen. Sein Gretchen. Die schönste und tapferste Schwangere, die er kannte.

Sie hatten so viel mitgemacht in den vergangenen Wochen und Monaten. Sie hatten alle Holprigkeiten überwunden. Jede Übelkeit. Jeden Fettnapf. Jede nächtliche Heißhungerattacke. Jeden Aussetzer. Und jede verbale Schlacht, die sie miteinander ausgefochten und mit wildem Knutschen für beendet erklärt hatten. Sie waren bestens darauf vorbereitet, was nun kommen würde. Nichts konnte mehr passieren. Außer dass er jetzt doch noch ausflippte. Und Marc spürte bereits, wie es in ihm gewaltig brodelte. Aber er würde es nicht zulassen. Für Gretchen würde er stark bleiben. Und für das große Wunder in ihrem anbetungswürdigen Bauch, das er sich so sehr gewünscht hatte wie noch nie zuvor irgendetwas in seinem Leben. Neben Haasenzahn versteht sich. Die Zwerge wollten jetzt Teil dieses Lebens werden und Gretchen und er würde sie dementsprechend begrüßen. Denn es war wirklich ein geiles, aufregendes, fantastisches Leben. Ein Leben, das diese beiden Herzenswünsche unendlich bereichern würden. Die Vorfreude darauf war auch jetzt noch grenzenlos. Sie war unmittelbar greifbar. Jetzt, wo er sein Mädchen festhielt, sie unterstützte und...

Verdammte Scheiße, was passiert hier gerade? Sie wollen raus! ... Das hieß, er... er... würde jetzt gleich jeden Moment tatsächlich Vater werden. Vater! Jetzt! Jetzt? Und hier? Sie mussten jetzt... Ja, was eigentlich? Wie war noch mal das Prozedere, das sie hundertmal durchdacht und unfreiwillig durchprozediert hatten, wobei Mehdi und seine Kolleginnen jedes Mal vermutlich den meisten Spaß gehabt hatten? Mehdi! Er musste Mehdi anrufen. Das war Schritt eins von... keine Ahnung. Heilige Scheiße! Er war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Er war auf leidenschaftliches Rumknutschen und wildes Rumfummeln unter Sternen vorbereitet, um ihr Jubiläum gebührend zu feiern, aber doch nicht darauf, dass es ausgerechnet heute noch ernst werden würde, stellte Marc mit wachsender Panik fest, während er weiterhin liebevoll Gretchens zarte, kleine, eiskalte Hand tätschelte und langsam auch ein bisschen quetschte. Erst ein Blick zur Seite, in ihre feucht schimmernden, himmelblauen Kristalle, die ihn trotz all der Schmerzen voller Hoffnung und Zuversicht anblinzelten, ließ seinen aufgeregten Pulsschlag augenblicklich ruhiger werden. Und nicht nur den. Auch er selbst wurde merklich ruhiger, seine angespannten Muskeln lösten sich und er widmete sich konzentriert wieder der Aufgabe, die ihm laut nervigster Hebamme Berlins - und damit war einmal nicht Dr. Kaan gemeint - ausnahmslos zustand, nämlich seinem Engel und sich selbst Mut zuzusprechen, dass sie diese erste Etappe ihres aufregenden Abenteuers unbeschadet überstehen würden, weil sie sich hatten und es zusammen durchstehen würden.

Marc: Geht’s?
Gretchen (erwidert sein zartes Lächeln u. fühlt sich prompt besser): Geht wieder, ja. Danke!
Marc (blickt ihr gebannt in die feucht glitzernden Augen u. verliert sich darin, sodass er für einen Moment jegliches Zeitgefühl verliert): Gar nichts für, Haasenzahn.
Gretchen (hängt ebenfalls regelrecht gefesselt an seinem intensiven Blick, der voller Liebe ist u. sie unheimlich beruhigt, u. merkt gar nicht mehr, was um sie herum passiert): Mhm!
Maria (lächelt debil vor sich hin u. spürt seltsamerweise eine sonderbare Vorfreude in sich aufsteigen, die sie sich nicht erklären kann): Ich hab doch gesagt, wenn die richtigen Wehen kommen, wirst du’s definitiv merken.
Marc (wird prompt aus seinen Gedanken gerissen u. schaut irritiert zu seiner vorwitzigen Kollegin hoch): Haha! Sehr witzig! Wirklich ein sehr hilfreicher Beitrag, Frau Doktor.
Maria (das sanfte Lächeln weicht einem eher zynischen): Immer wieder gern, Dr. Meier. Ich bin doch immer da, wenn Gott Allwissend mal nicht weiterweiß. Also, ständig.
Cedric (seine innere Unruhe lässt sich auch durch Marias Spitzen nicht so leicht stoppen u. so blickt er fragend zu dem werdenden Elternpaar): Soll ich einen Krankenwagen rufen?
Marc (zeigt seinem Kumpel, der es doch nur nett gemeint hat, den Vogel u. wendet sich auffordernd seiner treudoofen Stationsschwester zu, die auf der anderen Seite von Gretchen sitzt u. unruhig die Linien auf Gretchens Handinnenfläche nachzeichnet): Spinnst du? Wir sind hier Luftlinie neunhundert Meter vom EKH entfernt, da warte ich doch nicht extra auf nen RTW. Bis der bekiffte Sani hier eintrudelt, hab ich Haasenzahn schon selber fünfmal ins Krankenhaus gefahren. Sabine, auf drei! Eins. Zwei. Drei! ... Jawohl! Geht doch.
Sabine (fühlt sich sichtlich erleichtert): Danke, Dr. Meier.
Gretchen (schwankt unsicher hin u. her, als sie wieder steht): Irgendwie ist mir schwindelig.
Marc (guckt Sabine unmissverständlich drohend an, während er Gretchen nicht eine Sekunde loslässt): Wehe, Sie lassen sie los! Dann sind das Einzige, was Sie im Stationszimmer noch abholen können, bevor ich Ihnen endgültig Hausverbot erteile, neben einer zerfledderten Ausgabe von „Dr. Rogelt“ und dem Autogramm meiner Mutter, Ihre Entlassungspapiere.
Gretchen (tadelnd): Marc!

Diesmal klappte die Verständigung mit seiner sonst so begriffsstutzigen Stationsschwester einwandfrei. Mit Schwung hatten die beiden die Schwangere aus dem Bett gehievt und hielten sie nun sicher in ihrer Mitte, während eine erneute Wehe ihr beinahe die Beine weggezogen hätte. Als Marc sich mit Gretchen in Richtung Zimmerausgang bewegen wollte, stellte sich ihm jedoch unerwartet die Gastgeberin des Hauses in den Weg. Und sie schien ziemlich entschlossen zu sein, was nicht nur bei ihm auf starke Verwunderung stieß.

Maria: Stopp! Du fährst hier nirgendwohin und schon gar nicht mit ner Schwangeren im Auto.
Marc (raunzt sie dafür verständnislos an): Bitte? Hast du gerade nen Schlaganfall oder was soll die Scheiße, Maria? Natürlich fahren wir jetzt. Du wolltest uns doch vorhin noch unbedingt loswerden.
Maria (stellt sich direkt vor ihn hin u. guckt ihn auffordernd an): Hauch mich mal an!
Marc (zeigt ihr mit seiner freien Hand den Vogel u. sucht Blickkontakt mit Cedric, der seiner geliebten Frau auch nicht ganz folgen kann): Was? Du spinnst doch! Schieb deinen fetten Arsch zur Seite! Wir müssen los. Wir können natürlich auch bei euch im Wohnzimmer eine Sturzgeburt einleiten, wenn du das unbedingt willst. Die Reinigung zahlen wir dann aber nicht. Ich hoffe, ihr habt eine Elementarversicherung und nen guten Therapeuten für eure Kids, falls sie dabei zuschauen möchten.
Gretchen (versucht, die Streitenden zu beruhigen, während sie verständnislose Blicke mit Sabine austauscht): Marc!
Cedric (wendet sich fragend an seine Freundin): Maria?
Maria (rollt theatralisch mit den Augen): Mann, reg dich ab, Meier! So war das doch gar nicht gemeint. Aber ich weiß, dass du reichlich von der Spezialbowle von meiner Mutter getrunken hast.
Gretchen (schaut nun auch verwundert zu ihrem Liebsten, der sich keiner Schuld bewusst ist): Du hast Alkohol getrunken?
Marc (kann seiner Kollegin immer noch nicht ganz folgen u. versucht, sich an ihr vorbeizudrängeln): Nein, ich hab... Das... das ist doch scheißegal. Das hat sich doch schon längst wieder abgebaut. Das war doch eh bloß Obst.
Maria (stemmt sich vehement gegen den Türrahmen, damit er nicht vorbeikommen kann): Du triefst aus sämtlichen Poren, Meier. Diesmal könnte selbst ich dich ausnahmsweise wirklich mal als süß bezeichnen. Du ahnst nicht mal im Geringsten, was da alles drin steckt. Aber ich kann meine Mutter gerne herholen und sie ruft ihre Kollegen von der Verkehrskontrolle an, wenn du das unbedingt riskieren möchtest. Den Spaß macht sie öfters mal, nicht erst, seitdem sie im Ruhestand ist. Vor allem wenn sie gereizt ist und ihren angestauten Ärger abbauen möchte.
Cedric (traut seinen Ohren kaum): Was?
Marc (schaut ungehalten von der einen zum anderen u. wieder zurück): Boah, ihr habt sie doch echt nicht mehr alle. Mir wird das jetzt echt zu blöd hier. Abmarsch! Sabine! Haasenzahn! Hopp, hopp im Galopp!

...motzte Marc gewohnt grummelig seine in seinen Augen völlig durchgeknallte Kollegin an und schupste sich zusammen mit Schwester Sabine und Gretchen einfach an ihr vorbei nach draußen ins Wohnzimmer, wo sie prompt Dr. Gummersbach in die Arme stolperten, der seinem unguten Gefühl gefolgt war und nach seiner verehrten Gattin schauen wollte, die schon vor geraumer Zeit mit ihrem Pflegesohn im Haus verschwunden war und nicht zur Party am See zurückgekehrt war.

Günni: Oh! Was ist denn...?
Marc (fällt dem begriffsstutzigen Kerl prompt ins Wort): Nicht dumm rumstehen! Mit Anpacken! Los! Bevor Ihr Frauchen schlapp macht.
Günni (löst völlig perplex seine erschöpfte Gattin ab, die von Gretchens nächster Wehe fast zu Boden gerissen worden wäre): Selbstverständlich, Dr. Meier! Huch! Frau Dr. Haase?
Gretchen (schaut den irritierten Pathologen peinlich berührt an u. rappelt sich mit seiner tollpatschigen Hilfe mühsam wieder hoch): Entschuldigung! Wehen.
Günni (wird von einer leichten Panikattacke erfasst u. muss nun selber gestützt werden, von Sabine): Wehen?
Marc (ist selber merklich beeindruckt, als er Gretchen erneut unter die Arme greift): Meine Güte, haben die einen Zug.
Gretchen (schmunzelt leidend): Woher sie das wohl haben? Dein Nachwuchs! Definitiv!
Marc (stimmt ihr grinsend zu, wirkt aber schnell wieder sanftmütiger): Geht’s dir gut?
Gretchen (seufzt vor Erschöpfung auf u. schleppt sich weiter mühsam zur Haustür): Marc, ich habe Wehen. Was denkst du denn?
Marc (kleinlaut): Tschuldigung! Mein Fehler.
Gretchen (muss plötzlich grinsen): Jetzt bist du aber derjenige, der sich entschuldigt.
Marc (fasst sich gespielt ertappt mit seiner freien Hand an die Stirn): Ups! Kommt nie wieder vor.
Maria (hält mit ihrer vorlauten Meinung nicht vor dem Tor, im wahrsten Sinne des Wortes): Das wäre ja mal ganz was Neues.
Marc (blitzt die Zimtzicke dafür direkt an): Ach, halt doch die Klappe, Hassmann! Du bist doch bloß neidisch.
Maria (blitzt ihn kurz, aber intensiv an, bevor sie von Cedric am Arm gepackt u. weggezogen wird): Worauf? Auf die Strapazen, die euch gleich bevorstehen? Bestimmt nicht!
Cedric (sieht ihr eindringlich in die Augen, um sie vor weiteren Entgleisungen fernzuhalten): Mary! Hm?
Gretchen (versucht ihren Liebsten, dem schon wieder ein Spruch auf den Lippen liegt, trotz stetig steigender Schmerzen in die Schranken zu verweisen): Marc!
Marc (wird von ihrem intensiven Blick abgelenkt): Hm?
Gretchen (bringt ihn mit ihren blauen Augen wieder auf Spur): Ich glaube, ich wäre jetzt doch gerne bei Mehdi.
Marc (räuspert sich ertappt u. schreitet weiter voran): Das ist doch mal ein Wort. Ich auch, Haasenzahn, ich auch.

Oh Gott, Alter! Ich hoffe, wenigstens du bist vorbereitet. Ich schaff das nur mit deiner Hilfe.

Cedric (kann sich einen kleinen Kommentar als Denkhilfe dann doch nicht verkneifen, während er zusammen mit Maria das werdende Elternpaar zur Tür begleitet): Und worauf wartet ihr dann noch?
Marc (funkelt den Klugscheißer meckernd an): Darauf, dass ihr endlich die Scheißtür aufmacht. Ich hab beide Hände voll zu tun.
Gretchen (will schon wieder eingreifen, als es sie erneut packt): Marc! Oooohhh...
Sabine (quietscht alarmiert): Schon wieder. Die Wehen kommen in immer schnelleren Abständen, Dr. Meier.
Maria (zynisch): Was Sie nicht sagen, Schwester Sabine. Das ist die Natur der Dinge.
Marc (schaut seine Kollegin an, als hätte sie nicht mehr alle Latten am Zaun): Natur der Dinge? Pah! Anstatt hier ständig klugzuscheißen, könntest du auch mal was Nützliches tun und mir mein Jackett bringen. Das liegt noch auf der Hollywoodschaukel. Da sind meine verdammten Autoschlüssel drin.
Maria (rührt sich nicht vom Fleck): Einen Teufel werde ich tun.
Gretchen (sieht ihren Freund eindringlich von der Seite an): Marc, ich glaube auch nicht, dass es eine gute Idee wäre, wenn du in deinem Zustand fahren würdest.
Marc (starrt die beiden Ärztinnen völlig entgeistert an): Jetzt fang du doch nicht auch noch damit an! Und was heißt hier Zustand? Mein Zustand ist ganz normal.
Cedric (hat da auch so seine berechtigten Zweifel): Naja?
Marc (deutet mit ausgestecktem Zeigefinger auf ihn): Alter, ich warne dich.
Gretchen (drückt Marcs Hand immer fester): Oh, ooohh...
Marc (ignoriert seine zerquetschten Finger, auch wenn er es kaum aushält, so doll wie Gretchen gerade zugreift): Neue Wehe?
Gretchen (sieht sich um): Auch! Nein, es ist nur, ich habe meine Tasche auch vergessen.
Sabine (nickt ihrer Freundin pflichtbewusst zu u. macht sich direkt auf den Weg): Ich gehe schon. Ihr könnt die Frau Doktor ja schon einmal in unser Auto setzen. Oder Schnurzelchen? Du fährst uns doch gleich ins Krankenhaus, oder?
Günni (lächelt seiner Frau verliebt hinterher): Sehr, sehr gerne, Purzelchen. Es wäre mir eine Ehre.

Schnurzelchen und Purzelchen? Ich werd hier noch wahnsinnig.

Marc (schaut irritiert zwischen dem Alienpaar hin u. her): Bitte? Ich fahr doch nicht mit nem Leichenwagen in der Notaufnahme vor. Das ist definitiv gegen die Natur der Dinge.
Gretchen (reißt sich plötzlich mit letzter Kraft von ihm los u. stellt sich ihm nun wütend in den Weg): Marc, jetzt setz mich in das blöde Auto, verdammt! Ich will unsere Kinder nicht hier im Flur zur Welt bringen, sondern im Krankenhaus, wo uns alle Mittel und Wege zur Verfügung stehen und Mehdi auf uns und vor allem auf dich aufpassen kann. Und du bedankst dich bei Bine und Günni. Ist das klar? Das ist nämlich eine sehr nette Geste, dass sie uns fahren.
Maria (sieht schmunzelnd zu Cedric, der sich sein Grinsen auch nicht verkneifen kann): Oh! Jetzt beginnt die kritische Phase.
Marc (Gretchens Ansage noch im Ohr, rutscht seine Stimme gleich eine Oktave höher): Kritische Phase?
Maria (klärt ihr perplexes Gegenüber süffisant auf): Na, wenn die Frau Dr. Haase Widerworte gibt, dann ist es wirklich ernst.
Marc: Ach, ihr könnt mich alle mal. Zum Wagen! Hopp! Günni!

Mit seiner freien Hand zeigte Dr. Meier seiner gehässigen Chirurgenkollegin den Stinkefinger und schob anschließend mit Hilfe eines leicht verwirrt dreinblickenden Dr. Gummersbach seine Freundin zu dessen zufällig direkt vor der Haustür geparkten Wagen. Mit einigen Mühen hatten die beiden die Hochschwangere auf die Rückbank gehievt. Marc wollte sich gerade zu ihr setzen, um ihr während der kurzen Fahrt ins Krankenhaus die Hand halten zu können, aber da hatte sich schon Schwester Sabine vorgedrängelt. Sie reichte ihrer sehr verehrten Stationsärztin ihre rosa Handtasche und Marcs Jacke und lächelte Dr. Meier von ihrem eroberten Platz aus verlegen durchs Fenster an, dem es regelrecht die Sprache verschlagen hatte vor dieser unverschämten Dreistigkeit. Günni hatte derweil schon den Motor gestartet und tippte ungeduldig im Takt der Titelmelodie seiner Lieblingsserie auf das Lenkrad. Marc blieb also keine andere Wahl. Er knallte widerwillig die hintere Tür zu und pflanzte sich anschließend grummelnd auf den unliebsamen Beifahrerplatz, von dem er erst einmal einen Berg nerviges Babyspielzeug in den Fußraum schieben musste.

Marc (grummelt eingeschnappt in seinen Dreitagebart): Das hat ein Nachspiel.
Maria (guckt vergnügt durch die offene Beifahrerscheibe zu Gretchen hinter, um ihr ein letztes Mal Mut zu machen): Na, das hoffe ich doch. Wir sind schließlich schon alle gespannt.
Cedric (legt ihr sanft den Arm um die Schulter u. zwinkert der vorfreudig erregt lächelnden Ärztin zu, der jedoch mit der nächsten Wehe auch schon wieder das Lächeln vergeht): Und wie!
Sabine (schaut unwirsch von einer Person zur anderen u. kümmert sich schließlich um ihre hechelnde Freundin neben sich): Wie meinen? Du musst atmen, Frau Doktor! Wie die Frau Blume im Hebammenkurs gesagt hat. Ein und aus. Ein und aus.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. harrt der Dinge): Ich bin hier wirklich unter Irren.
Gretchen (spricht ihn mit sanfter Engelsstimme an): Marc,...?
Marc (schaut dann doch noch mal zu ihr hinter, vergisst augenblicklich den Groll u. guckt sie aufmunternd an): Du ausgenommen. Jetzt fahr schon los, Gummersbach! Oder wartest du noch auf den Tüv? So viele Desinfektionsmittel gibt es in ganz Berlin nicht, falls wir hier in deinem ET-Mobil loslegen müssen.
Günni (wird schlagartig blass u. lässt den Wagen anrollen): Oh, oh!
Cedric (verabschiedet sich mit einem aufmunternden Lächeln): Viel Glück euch beiden!
Maria: Das werden sie brauchen.

...erwiderte Maria zynisch auf die aufmunternden Abschiedsworte ihres gutmütigen Lebensgefährten, aber diese waren bei Marc und Gretchen gar nicht mehr angekommen, denn Günnis Auto fuhr bereits langsam aus der Ausfahrt vom Grundstück. Arm in Arm schaute das vorfreudig erregte Paar dem pechschwarzen Wagen hinterher, bis plötzlich ein weiterer Arm vor ihren Augen wild herumwirbelte, als würde er winken. Alarmiert schauten sie an sich herunter und bemerkten den Fehler. Im selben Moment kam auch schon der dunkle Volkswagen mit quietschenden Reifen im Rückwärtsgang zurück aufs Grundstück gebraust. Verfolgt von einer Staubwolke. Cedric und Maria konnten gar nicht so schnell gucken, da war Sabine schon aus dem Auto gesprungen und hatte sich mit einem entschuldigenden Lächeln ihren Jungen geschnappt und hatte sich unter dem heftigen Protest des Beifahrers wieder auf ihren Platz gesetzt und die Hintertür geschlossen.

Sabine: Entschuldigung! Ich weiß auch nicht, wie wir Anton vergessen konnten. Das ist uns noch nie passiert.
Marc: SABINE!
Sabine: Wir... müssen. Frau Doktor? Herr Doktor?
Cedric: Sicher!

...entgegnete Cedric den Abschiedsworten der seltsamen Krankenschwester sichtlich verwirrt und schon war das Auto auch schon wieder aus dem Blickfeld von Dr. Hassmann und Dr. Stier verschwunden, als wäre nie etwas passiert. Völlig konsterniert schauten sie sich in die Augen und fingen dann mit einem Mal synchron an zu lachen. Schließlich hielten sie sich kopfschüttelnd in den Armen.

Maria: Das ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?
Cedric: Ehrlich gesagt bin ich mir überhaupt nicht sicher, was gerade passiert ist.
Maria (streckt plötzlich ihre Hand aus): Ich bin mir aber sicher.
Cedric (guckt verwundert auf die zarte, kleine Hand, die ihm hingehalten wird): Inwiefern?
Maria (klärt ihn ungeniert auf): Du schuldest mir einen Hunni.
Cedric (ist damit absolut nicht einverstanden): Hatten wir uns nicht auf einen Fuffi geeinigt?
Maria (grient ihn süffisant an): Fünfzig darauf, dass die beiden die Party sprengen würden. Und die anderen Fünfzig, sagen wir mal so, für höhere Gewalt.
Cedric (lacht): Im übertragenen Sinne.
Maria (schaut ihm übertrieben ernst in die aufblitzenden blauen Augen): Alles andere wäre nicht realistisch genug gewesen. Nicht bei Meier und Haase.
Cedric (zieht zwei orangefarbene Scheine aus seiner hinteren Hosentasche u. reicht sie ihr nach kurzem Zögern feierlich): Stimmt! Du hast es vorausgesehen. Du hast das dritte Auge. Also hast du die Wette auch gewonnen.
Maria (nimmt die Scheine grinsend entgegen, drückt sie an ihre Lippen u. schiebt sie anschließend mit einem lasziven Lächeln in ihren Ausschnitt, wo sie hoffentlich nicht verloren gehen werden): Ich glaube, so langsam finde ich doch Gefallen an unserer kleinen Feier.
Cedric (kann seinen intensiven Blick nicht von der sexy Lady wenden): Ach? Sag bloß? So richtig gesprengt haben sie sie ja eigentlich gar nicht. Vielleicht sollten wir noch mal neu verhandeln, hm?

Anstatt etwas darauf zu erwidern, beschloss Maria lieber zu handeln und ihrem Gefühl zu folgen, das sie nach den aufwühlenden Ereignissen um Gretchen Haase und Marc Meier gerade aufs Heftigste übermannt hatte. Sie drückte ihrem perplexen Partner spontan einen innigen Kuss auf die Lippen, der vermutlich noch endlos lange gedauert hätte, wenn nicht plötzlich hinter ihnen ihre kleine Tochter hervorgewirbelt gekommen wäre und sie mit ihrem ungestümen Verhalten voneinander getrennt hätte.

Sarah: Mamiii! Papiii! Da seid ihr ja! Nicht schon wieder rumknutschen! Das könnt ihr auch später noch. Alle warten auf euch.
Maria (streicht sich ertappt über die sensibilisierten Lippen): Oh?
Sarah (strahlt die beiden mit ihren Kulleraugen an): Opa grillt doch schon fleißig und er braucht noch Nachschub.
Cedric (ebenso noch leicht verwirrt von dem Kuss u. den Ereignissen eben): Oh! Ja, äh... selbstverständlich! Wir kommen.
Sarah (klatscht begeistert in die Hände u. schaut sich suchend um): Supi! Habt ihr Onkel Marc und Gretchen gesehen?
Maria (schließt für einen kurzen Moment die Augen u. befürchtet schon das Schlimmste): Äh... Ja, die... sind leider schon gegangen.
Sarah (zieht enttäuscht eine Schnute): Echt? Das ist aber schade. Wohin denn?
Cedric (springt seiner Frau schnell auf seine Art zur Seite): Ja, in der Tat. Das hätte noch spannend werden können.
Maria (warnt ihn mit mahnendem Blick): Rick!
Cedric (lacht): Sie waren noch verabredet. Mit zwei ganz besonderen Menschen.
Sarah: Ach so? Na dann, kommt ihr?

...gab sich die arglose Sechsjährige mit der Antwort ihres Vaters zufrieden. Sie griente ihre Eltern fröhlich von unten herauf an und schnappte sich jeweils eine Hand der beiden. Maria und Cedric schauten sich vielsagend in die wissend aufblitzenden Augen und guckten noch mal vergewissernd hinter sich auf den schmalen Kiesweg, der von einer Staubwolke überzogen war, die Günnis VW Sekunden zuvor hinterlassen hatte, dann schlossen sie die Haustür hinter sich. Außer den beiden hatte zum Glück noch niemand bemerkt, was das Schicksal mit ihren beliebten Kollegen heute noch vorhatte. Ansonsten hätte Sarahs kleine Feier an ihrem großen Tag sicherlich noch einen anderen Ausgang genommen, aber noch war sie ja im vollen Gange.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

14.09.2017 21:31
#1606 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt war etwas im Gange. Etwas Gewaltiges. Etwas Geniales. Etwas Grundfeste Erschütterndes. Das schon recht dünn gesäte Nervenkostüm eines sonst sehr besonnenen Berliner Chirurgen köchelte nämlich gerade vor sich hin. Mit Potential zur Steigerung, versteht sich. Doch er bemühte sich, Ruhe zu bewahren. Ja, das tat er wirklich. Was blieb ihm auch anderes übrig, nachdem man ihn gegen seinen Willen auf den unliebsamen Beifahrerplatz verbannt hatte? Welten entfernt von seiner Süßen, die gerade unvorstellbare Schmerzen durchzustehen hatte, ohne dass sie sich schützend an seine starke Schulter stützen durfte. Weil sich die nervigste Frau der Welt - nach seiner und Gretchens Mutter - und ihr kleiner Hosenpuper unverschämterweise vorgedrängelt hatten. Aber er war die Ruhe selbst. Mehr oder weniger. Eher weniger. Denn er tippte auch immer wieder, ohne dass er es selber mitbekam, im Takt eines der Lieder, die er vorhin auf Sarahs ABC-Schützinnenfest zusammen mit Lilly Kaan auf der Gitarre vorgetragen hatte, nervös mit den Fingerspitzen auf dem blitzblank polierten Armaturenbrett herum, was auch seinem unfreiwilligen Chauffeur zunehmend Schnappatmung bereitete, der sich nur bedingt davon abhalten konnte, aus dem Seitenfach an der Tür eines der zahlreichen, in verschiedensten Farbnuancen vorrätigen, fusselfreien Mikrofasertücher hervorzuzaubern, um in einem unbeobachteten Moment Dr. Meier hinterher zu wischen.

Aber da Dr. Gummersbach um die angespannte Gemütslage des Chirurgen wusste, vor dem er ab und an im Dienst in stressigen Situationen durchaus Angst bekam, hielt er sich zu seiner eigenen Sicherheit lieber zurück und versuchte, so weit es ihm möglich war, seine Manie zurückzuhalten, indem er sich gänzlich auf die Straße und die darauf spazierenden Menschen konzentrierte, denen er immer wieder vorsichtig ausweichen musste, wenn sie unbedacht seinen Weg kreuzten. Leider tat der patente Pathologe damit aber anscheinend genau das Gegenteil von dem, was von ihm erwartet wurde. Die innere Unruhe seines neben ihm sitzenden Kollegen brach nämlich plötzlich wie ein Wirbelsturm hervor, wodurch selbst der Ruhepol Sabine Gummersbach auf ihrem Platz auf der Rückbank des schwarzen Volkswagens kurz zusammenzucken musste, die sich gerade fürsorglich um ihre befreundete Patientin kümmerte, die zwar ungewöhnlich ruhig geblieben war, seitdem sie sehr beengt zusammen im Auto saßen, aber doch auch sehr mit den Umständen zu kämpfen hatte, welche ein freudiges Ereignis ankündigten, das alle in Atem hielt und einen Menschen ganz besonders.

Marc: Boah, Gummersbach, du alte Schlaftablette, hast du deinen Führerschein bei den Weinbergschnecken gemacht? Jetzt tritt endlich das Gaspedal durch, verdammt noch mal! Dazu ist es doch da. Wir haben es eilig. Da kann man ja gar nicht mehr zuschauen, so langsam bewegt sich die Karre.
Gretchen (greift mit letzter Kraft nach der Kopfstütze von Marcs Sitz u. funkelt den ewigen Meckerkönig tadelnd an): Marc!
Marc (dreht sich ertappt auf dem Beifahrersitz zu ihr um u. ist irritiert, wie nah ihr bildhübsches Gesicht ihm plötzlich ist): Was? Alles okay bei dir?
Gretchen (sieht ihn unmissverständlich aus zusammengekniffenen Augen an, nachdem sie sich schwer ausatmend wieder gegen die Rücklehne gelehnt hat, um zu entspannen): Es wäre alles okay, wenn du Günni nicht so angehen würdest. Er bemüht sich doch.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme u. guckt demonstrativ wieder nach vorn, kann sich einen kurzen Blick auf die Tachonadel aber nicht verkneifen, die unbeweglich in einer Position verharrt): Er bemüht sich? Wer das im Zeugnis stehen hat, ist durchgefallen, Haasenzahn. Durchgefallen! Hast du das nicht gesehen? Gerade hat uns eine alte Omma mit ihrem zweijährigen Enkel überholt. Und die waren zu Fuß unterwegs. Zu Fuß!
Gretchen (reibt sich am Ohr, um das Klingeln zu vertreiben, u. tauscht mit Sabine vielsagende Blicke aus, die gerade Baby Anton in den Schlaf summt, was auch Gretchen ein bisschen schläfrig macht): Marc, du musst das nicht alles wiederholen. Wir haben dich schon verstanden.
Marc (gestikuliert wild mit den Armen vor sich herum u. lässt sie schließlich erschöpft in seinen Schoß fallen): Ja, aber anscheinend er nicht. Leg endlich einen Gang zu, Mann! Das ist keine Kaffeefahrt. Das ist ja nicht mal Schrittgeschwindigkeit, was du hier betreibst. Das ist unverantwortlich, echt. Aber was hab ich erwartet von jemandem, der erst in Aktion tritt, wenn wir unsere Skalpelle schon längst wiedereingepackt haben und das OP-Licht ausgegangen ist.

Ich hätte selber fahren sollen. Dann wären wir jetzt schon im Kreißsaal. Vielleicht würden die Zwerge sogar schon in unseren Armen liegen und uns anlächeln. Wir wären happy und er könnte sich wieder in sein Kellerloch verkriechen und tote Organe auseinander nehmen, um daraus alberne Ohren zu basteln oder was auch immer er da unten eigentlich treibt. Mann, Günni ist weiter weg von neu erschaffenem Leben als jeder andere von uns und ausgerechnet der Totengräber kutschiert uns hier durch die blühenden Landschaften Berlins. Mehr Ironie geht nicht. Danke da oben! Wer auch immer sich das ausgedacht hat?

Günni (versucht, nicht nervös zu werden, obwohl er spürt, dass er vor lauter Stress gleich einen Schluckauf bekommen wird): Tut mir leid, Dr. Meier, aber ich halte mich nur an die Straßenverkehrsordnung.
Marc (starrt ihn an, als sei er ein Alien von einem anderen Stern): Bitte? Willst du mich vergackeiern? Wozu die SVO? Das ist ein verdammter Feldweg, mehr nicht.
Sabine (hat dazu auch eine klare Meinung, die sie sich sogar traut, mutig vor ihrem Chef auszusprechen): Eben drum, Dr. Meier.
Marc (dreht sich mit einschüchterndem Ameisenblick zu der vorlauten Krankenschwester um, welcher auch direkt seine Wirkung zeigt): Sie halten mal schön die Bälle flach, Schwester Sabine, und die Hände von Haasenzahn fest. Ist das klar? Und hören Sie mit dem schrecklichen Gejaule auf. Das ist nervtötend. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie der Kleine dabei überhaupt pennen kann.
Gretchen (versucht angestrengt, ruhig zu bleiben, obwohl es ihr bei Marcs ausfallendem Verhalten schwerfällt): Maaarc!

Kann er sich nicht einmal zusammenreißen? Für mich ist das auch nicht leicht, so eingequetscht zwischen Sabine, Antons Maxi-Cosi und Günnis Notfallsets. Was hat er da eigentlich alles drin? Reicht das alles auch für eine Notgeburt im Auto? Nein, ich will nicht! Ich will nicht im Auto entbinden. Faaaahrt endlich looossss, verdammt! Oh, nein, nicht fluchen! Gretchen, fluchen ist gar nicht gut. Denk an das Schwangerenyoga! Tiefenentspannung ist angesagt. Blende alles aus und konzentriere dich ganz auf dich und deinen Körper! Wenn das so einfach wäre. Eingeklemmt zwischen zwei Hochs und einem Unwettertief, das sich gleich auf Günni stürzt und ihn vermutlich verschlingt. Und wer fährt uns dann ins Krankenhaus?

Marc (guckt seiner Herzprinzessin alarmiert in die wild funkelnden Augen): Wehe?
Gretchen (schaut ihren bedröppelten Pappenheimer direkt an, während sie sich wieder auf ihre Atmung zu konzentrieren versucht): Du!
Marc (kann ihr nicht ganz folgen): Was?
Gretchen (seufzt erschöpft u. hält sich den Bauch, der fast schon hinter Günnis Autositz eingequetscht ist): Marc, wir fahren hier doch nicht zum ersten Mal entlang. Du weißt ganz genau, dass der Weg zu Marias neuem Haus über den Panoramaweg am See entlangführt.
Günni: Exakt! Wir dürfen gar nicht schneller fahren als Schrittgeschwindigkeit. Außerdem ist heute außerordentlich viel los hier am See. Vermutlich wegen der letzten beiden Ferientage.
Marc (rauft sich verzweifelt die Haare): Boah, das darf doch jetzt alles echt nicht wahr sein. Wenn das so weitergeht, kommen die Kinder doch noch im Wagen zur Welt.
Günni (wird jetzt doch ernsthaft nervös): Ääähhh... Ich... ich könnte vielleicht schon noch... zwei... drei... Kmh...?
Sabine (legt ihre Hand sanft auf seine Schulter): Wirst du nicht, Schnurzelchen. Kein Risiko. Wir schaffen das schon noch rechtzeitig. Oder Gretchen?
Gretchen (stöhnt abgelenkt): Mhmmm.... Ooohhh... Aaahhh...
Sabine (tauscht fragende Blicke mit Dr. Meier aus, weil sie sich nicht mehr so sicher ist): Also, hoffe ich?

Die Angesprochene konnte nicht mehr Zuversicht versprechen. Die nächste Wehe hielt Gretchen gedanklich und körperlich fest, während Marc sich hibbelig an der Kopfstütze seines Sitzes festklammerte, bis sich seine Freundin wieder etwas erholt hatte und ihm erschöpft zulächelte. Also ermutigend wirkte das nicht gerade. Zumal Günnis Wagen schon wieder anhalten musste, weil sich eine rücksichtslose Touristenfahrradgruppe an ihnen vorbeigedrängelt hatte und sie nun notgedrungen in Schneckengeschwindigkeit hinterher tuckern mussten. Es war wirklich zum Verzweifeln und der empörte Oberarzt konnte sich kaum noch beherrschen. Nur ein Blick in Gretchens himmelblaue Augen hielt Marc noch in Schach. Aber wer wusste schon, wie lange noch? Hurrikan Meier war schließlich unberechenbar, wenn er einmal Fahrt aufgenommen hatte. Hoch Haase blieb dagegen unerschütterlich. Noch.

Gretchen: Es... geht... mir... uns... gut. Keine Bange, Marc! Ich halte das aus. Wirklich.
Marc (reibt sich mit der flachen Hand über den angespannten Brustkorb, während er bemüht lächelnd die beiden Damen u. den jungen Mann in ihrer Mitte, dem immer wieder die Äuglein zufallen, auf der Rückbank ansieht): Ich mache mir keine Sorgen, Haasenzahn. Ich wäre nur wesentlich entspannter, wenn wir fachkräftiges Personal um uns herum hätten. Das geht jetzt nicht gegen Sie, Schwester Sabine. Es ist nur...
Sabine (lächelt ihren sehr geschätzten Oberarzt zuversichtlich an u. tupft Gretchen mit einem kühlenden Tuch aus Günnis Notfallset die Stirn): Ich habe das schon richtig verstanden, Dr. Meier. Noch haben wir Zeit. Alles ist gut. Wir sind bei Ihnen.
Marc (nuschelt unwirsch in seinen Dreitagebart, während er sich auf seinem Sitz zurücklehnt u. apathisch der in schreckliches buntes Lurex gekleideten Fahrradgruppe hinterher starrt, die in Zweierreihen die schmale Straße blockiert): Mhm!
Hoffentlich! Eine Geburt im Auto kommt definitiv und überhaupt nicht in Frage. Was schreibt man denn dann in die Geburtsurkunde? Sorry, schiefgelaufen? Kieselweg am Wannsee? Pah! Nicht mit mir!
Sabine: Ist denn Dr. Kaan schon informiert? Erwartet er uns?

...durchbrach die hilfsbereite Krankenschwester schließlich arglos die kurzzeitig eingetretene Stille in der zwangszusammengewürfelten Fahrgemeinschaft und bemerkte irritiert die plötzlich immer blasser werdenden Gesichter des werdenden Elternpaares. Marc hielt sich die Hand vor den Mund, als er Gretchen anblickte, die ihm mit großen staunenden Augen entgegenschaute und dann nervös mehrmals blinzelte.

Marc: Scheiße! Mann, das war eben noch Punkt eins meiner To-do-Liste gewesen, bevor ihr mit eurem bescheuerten „Du-darfst-aber-heute-nicht-mehr-fahren“ angefangen habt.
Gretchen (ist wieder mal den Tränen nahe): Tut mir leid!
Marc (schnallt sich unter den ungläubig entsetzten Blicken von Dr. Gummersbach ab u. dreht sich auf seinem Sitz so herum, dass er Gretchens zarte kleine Hand erreichen kann): Du entschuldigst dich für gar nichts. Verstanden? Wenn überhaupt ist Hassi Schuld mit ihrer dämlichen helikoptermütterlichen Hysterie. Rückt mal lieber meine Jacke raus! Ich weiß, sie ist eine gute Kopfstütze, aber mein Handy steckt noch in der Seitentasche.
Sabine (reicht ihm ergeben die Jacke über Antons neugieriges Köpfchen hinweg): Bitte, Dr. Meier!
Günni (guckt immer wieder leicht panisch zur Seite, wo Dr. Meier auf dem Sitz herumhampelt u. ihn damit zunehmend nervös macht): Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich wieder anschnallen könnten, Dr. Meier. Ich muss auf den Sicherheitsaspekt be...be...bestehen. Bitte!
Marc (blendet Günnis Gestotter komplett aus u. sucht hektisch sämtliche Jackentaschen ab, bis er fündig geworden ist u. sich erleichtert aufseufzend mit dem Handy in der Hand in seinen Sitz zurücklehnt): Ja, ja, Sie kriegen nachher noch einen Bienchenstempel in Ihr Dienstheft für vorbildliches... Was-auch-immer. ... Hm... Mehdi? ... Mehdi? ... Mehdi! Da ist er! Alter, ich hoffe, du bist da.

...murmelte Marc in Gedanken vor sich hin, während er in Windeseile seine kurze Freundesliste in seinem Smartphone runterscrollte. Schon wählte es die entsprechende Nummer. Nach dem dritten Klingeln nahm auch schon direkt jemand am anderen Ende der Leitung ab, aber bevor dieser jemand etwas hätte erwidern können, hatte ihm der hibbelige werdende Vater auch schon das Wort genommen und textete nun unter den ungläubig hin- und herwandernden Blicken von Günni, Gretchen, Anton und Sabine gewohnt markant meckernd das Telefon voll.

Marc: Alter, na endlich! Häkelst du noch eine hässliche Unterhose oder was ist da bei euch los, dass ihr ewig braucht, um ranzugehen? Mann, komm unter dem Rock vor, egal bei wem du gerade drunter steckst! Sexy hin oder her, es gibt jetzt richtig was zu tun. Lass alles stehen und liegen! Und warte unten in der Ambulanz auf uns!
Mehdi (kurzzeitig irritiert): Marc, bist du das?
Marc (steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil ihn anscheinend jeder zu verarschen versucht): Mann, Alter, schläfst du schon? Jetzt komm in die Hufe und lass das Sandmännchen stehen! Wir erwarten dich T minus zwei Minuten unten an der Rampe zur Notaufnahme, falls Günni doch noch das Gaspedal findet. Ansonsten zeig ich es ihm. Ich habe so die Schnauze voll, das kannst du mir glauben.
Günni (verteidigt krampfhaft sein Lenkrad): Dr. Meier!
Gretchen (murmelt leicht genervt von der Rückbank): Marc!
Mehdi (versteht immer noch nicht wirklich, was Marc eigentlich von ihm will, da er abgelenkt ist): Günni? Wieso Günni? Was ist denn...? Warte! Ich... Ich muss noch...
Marc (jetzt platzt ihm endgültig die Hutschnur): Sag mal, hast du den Arsch offen? Wir warten nicht. Du hast uns versprochen, dass wir uns jederzeit melden können und eine Sonderbehand... Hallo? Ey, bist du noch dran? ... Der hört mir gar nicht zu. Ey, ständig belehrt der einen und genießt das auch noch, aber wenn es wirklich ernst wird, klappt der die Löffel runter. Ein Scheißfreund bist du, echt, Mehdi! Dir vertraue ich noch mal.

Völlig verdutzt drehte sich Marc mit dem Handy am Ohr zu den Mädels auf der Rückbank um, die ebenso irritiert mit den Schultern zuckten. Er bemerkte Gemurmel im Hintergrund und versuchte angestrengt, mitzuhören. Aber das Gespräch war gedämpft. Mehdi schien die Sprechmuschel zuzuhalten. Sein Freund sprach tatsächlich mit jemandem, war dann aber auch im nächsten Augenblick sofort wieder für Marc da, dessen Halsschlagader, für Mehdi unsichtbar, mittlerweile gewaltig angewachsen war und heftig zu puckern begonnen hatte. Jeder im Auto befürchtete jeden Moment höchste Explosionsgefahr. Aber die blieb offenbar aus, als er dann doch endlich einen zufrieden stellenden Zuhörer gefunden hatte.

Mehdi: Entschuldigung! Ich glaube, ich muss das Interview hier an der Stelle abbrechen. Die Pflicht ruft. Tut mir leid, dass ich nur so wenig Zeit für Sie hatte. Aber das ist der Normalzustand hier auf meiner Station an einem Wochenende im Spätsommer. Die Auswirkungen der besinnlichen Tage im vergangenen Dezember, wenn Sie verstehen. Wir haben ja soweit alles...? Alles andere können Sie dann morgen Nachmittag auf der Demo mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Verein besprechen. ... Ja! ... Das darf ich Ihnen leider nicht verraten. Ärztliche Schweigepflicht. Aber ich bin nun mal ein gefragter Mann, wie Sie sicherlich gemerkt haben, als ich Sie so lange habe warten lassen. Dafür noch mal Entschuldigung. Und vielen Dank, dass Sie uns die Möglichkeit geben, über unser Anliegen zu berichten. Auch wenn es schmerzhaft war, ich bin froh, dass sich dadurch jetzt etwas in Bewegung setzt. ... Ja, danke und auf Wiedersehen! ... Marc? Entschuldige! Ich habe die Fernsehleute schon den ganzen Nachmittag vertrösten müssen. Hier war der Teufel los, kann ich dir sagen. Aber jetzt ist es ruhiger und ich bin wieder ganz für dich da. Also, wo drückt der Schuh?

Arsch! Jetzt brauchst du dich auch nicht mehr einschleimen, du Hans Wurst, du.

Marc (nuschelt eingeschnappt in seinen Dreitagebart): Wurde auch mal Zeit.
Mehdi (lehnt sich entspannt in seinen Chefsessel zurück, nachdem sein Besuch gegangen ist, u. schlussfolgert): Jetzt noch mal in der Kurzversion, wenn ich das alles richtig verstanden habe. Du kommst ja in Stresssituation meistens nicht auf den Punkt.
Marc (traut seinen Ohren kaum u. regt sich direkt meierlike auf): Bitte? Ey, verarsch mich nicht! Nicht heute! Nicht jetzt! Das ist kein Witz, verdammt!
Mehdi (lächelt wissend vor sich hin u. streicht dabei mit dem Daumen zärtlich über das Porträtfoto seiner kleinen Tochter auf dem Schreibtisch): In welchen Abständen kommen denn die Wehen? Ist die Fruchtblase schon geplatzt?
Marc (überrascht, dass sein angeblicher Freund dann doch so schnell in den Routinemodus geschaltet hat): Geht doch! Fast hätten wir uns einen anderen Experten gesucht.
Gretchen (hat dazu natürlich auch direkt etwas zu sagen): Hätten wir nicht. Jetzt gib ihm endlich Bescheid, Marc!
Mehdi (grient vergnügt vor sich hin, weil die Vorfreude ihn so richtig gepackt hat): Das wäre aber schade.
Marc (schmollt immer noch): Kommt darauf an.
Mehdi (konzentriert sich auf seinen Job, um Marc nicht noch weiter zu provozieren): Also, jetzt wirklich im Ernst. Marc, die Fakten?
Marc (nach einem kurzen vergewissernden Blick nach hinten konzentriert auch er sich wieder auf das Wesentliche): Jep, sie hat sich bereits bei den Hassmanns verabschiedet. Und die Wehen kommen so grob in Abständen zwischen fünf und zehn Minuten. Oder Gretchen?
Gretchen (nickt u. versucht sich mit Hilfe von Sabine auf ihre Atmung zu konzentrieren u. sich nicht von dem zappelnden Anton im Maxi-Cosi ablenken zu lassen): Mhm!

Also, ich liebe Anton ja wirklich, aber wenn der Kleine weiter so herumruckelt, wird mir auch noch schlecht. Außerdem drückt der Gurt so und ich weiß überhaupt nicht, wie ich sitzen soll. Das ist schon recht eng hier. Meine linke Pobacke ist schon eingeschlafen und mir tut der Rücken so weh. Ich hoffe, ich pack das alles. Vielleicht hätten wir doch noch mal üben sollen. Theorie ist halt doch noch etwas anderes als die Praxis. Oh... ooohhh... Ich glaube, gleich geht es wieder los. Hilfe! Ich will jetzt wirklich endlich ins Krankenhaus. Ich will zu Mehdi. Bitte nicht falsch verstehen, Marcischnuckiputzi, aber ich will jetzt unbedingt zu Meeehdiii!

Sabine (schaut ihrer gequält lächelnden Freundin zuversichtlich in die Augen u. atmet konzentriert mit): Exakt, Dr. Meier! Siebeneinhalb Minuten seit der letzten. Tendenz weniger.
Mehdi (lauscht gespannt mit, während er aus seiner Ablage eine Akte heraussucht u. aufschlägt, um sich darauf etwas zu notieren): Gut, das ist gut.
Marc (will sich seine Anspannung nicht anmerken lassen u. überspielt das Ganze mit einem Witz): Gut? Du hast keine Ahnung, wie’s hier drin aussieht. Wir sind mit einem verdammten Leichenwagen unterwegs, der hier erst einmal eine bescheuerte Prozession am See entlangfährt. Das ist wie in einem verdammt misslungenen Sat1-Dienstagsmovie.
Mehdi (grinst, als die Bilder vor seinem inneren Auge auftauchen, schnappt sich die Akte u. springt aus seinem Sessel auf): Verstehe! Ein Glück, dass heute Samstag ist. Ich gebe meinem Team Bescheid und warte unten auf euch.
Marc (nuschelt kaum hörbar): Danke, Mann!
Mehdi (steht schon vor seiner Bürotür, als er noch einmal innehält): Und Marc?
Marc (noch immer unruhig, aber etwas beruhigter, seitdem er zumindest Mehdi auf seiner Seite weiß): Hm?
Mehdi: Hey, mein Freund, es ist soweit. Freu dich! Alles andere ist unwichtig. Ihr müsst nicht aufgeregt sein. Ihr schafft das. Du schaffst das. Das ist ein großer Tag an eurem großen Tag, du Glückspilz. Besser geht’s nicht. Also, bleib entspannt und scheiß die anderen nicht an. Wir sind alle auf derselben Mission unterwegs. Eurer Mission. Und ich freu mich unendlich für euch. Ich bin die ganze Zeit bei euch. Wir sehen uns gleich.
Marc: Ja!

...murmelte Marc noch ins Telefon, bevor er auflegte, und schaute dabei verträumt lächelnd seiner Süßen in die Augen, die seinen Blick genau richtig gedeutet hatte. Es trat Ruhe ein im Wagen von Dr. Gummersbach, was auch diesen merklich beruhigte und entspannte. Sie hatten den Kiesweg am See mittlerweile verlassen und die Fahrradgruppe hinter sich gelassen und fuhren nun die übrigen fünfzehneinhalb Meter auf der frühabendlich gut besuchten Hauptstraße entlang. Günni wurde sogar so übermütig, dass er dann doch kurz beschleunigte, um mit Schwung die Einfahrt zum Gelände des Elisabethkrankenhauses zu nehmen. Seine überraschten Fahrgäste wurden regelrecht in ihre Sitze gedrückt. Auch Marc Meier, der seinen verliebten Blick daraufhin von seinem Mädchen löste und nun verwundert den tollkühnen Pathologen in Augenschein nahm, der sich sogar zu einem ungewohnten Lächeln hatte hinreißen lassen. Der Kerl war einfach nur spooky, dachte Marc nur kopfschüttelnd und konnte seine große Klappe natürlich nicht zurückhalten.

Marc: Jetzt? Jetzt gibst du Gas? Das hätte Ihnen auch schon viel früher einfallen können, Alonso für Arme.
Günni: Ich bin lediglich auf die Sicherheit meiner Mitmenschen bedacht, Dr. Meier.
Marc: Ja, ja, dann spende von mir aus der Welthungerhilfe oder marschiere morgen den Marsch der Mütter mit. Aber jetzt mach wirklich hinne, Günni! Die Zeit drängt.

Doch Dr. Gummersbach ließ sich auch in diesem Fall nicht belehren. Er war der Fahrer. Er hatte die Kontrolle über das Fahrzeug. Sein Fahrzeug. Und deshalb hielt er sich auch exakt an die Verkehrsbegrenzung, die für die Fahrt durch den Klinikpark vorgeschrieben war. Als er jedoch gewohnt routiniert den Ärzteparkplatz ansteuern wollte, wo er den hintersten Stellplatz sein Eigen nennen durfte, kam ihm jedoch unvermittelt der Arm von Dr. Meier in die Quere. Der erschrockene Pathologe trat sofort wie befohlen auf die Bremsen.

Marc: Stopp!
Günni (tastet den linken oberen Quadranten seines Brustkorbes ab in Befürchtung eines drohenden Herzinfarktes): Was ist, Dr. Meier?
Marc (schaut ihn an, als sei er nicht ganz richtig im Kopf): Äh... Ich weiß ja nicht, was du vorhast, aber wir steuern jetzt direkt die Notaufnahme an. T minus zwei Sekunden. Hopp! Los, Mann!
Günni (rührt sich nicht vom Fleck u. hält mit zitternden Händen das Lenkrad fest): Aber das ist doch verboten.
Marc (guckt ihm unmissverständlich in die ängstlich hin u. her zuckenden Augen): Verboten ist der gelbe Pullunder, den du heute über deinem hässlichen Hemd trägst. Aber jedem das Seine. Mach bitte einmal das, was man dir sagt! Klar? Dr. Kaan erwartet uns da. Ich nehm’s auch auf meine Kappe, falls du dir gerade in die Hose machst.
Günni (zögert noch, aber hält seine Hand bereits unbemerkt über dem Schaltknüppel): Aber...
Sabine (legt ihm aufmunternd die Hand auf die Schulter): Kein Aber! Drück mal ein Auge zu, hm! Für die Frau Doktor. Sie kann doch nicht mehr so weit laufen in ihrem Zustand.
Gretchen: Danke, Günni, dass du uns hergefahren hast. Die letzten Meter schaffe ich auch nooo... Oohhh... Uuuhh...

...stöhnte Gretchen erneut auf und begann hechelnd zu atmen. Während Dr. Meier und Schwester Sabine die Hochschwangere besorgt in Augenschein nahmen, gab sich Günni schließlich doch einen Ruck, legte den Rückwärtsgang ein und schoss unvermittelt zurück auf den Weg. Dann legte er den ersten Gang wieder ein und tuckerte vorschriftsmäßig in Schrittgeschwindigkeit zur nahe gelegenen Notaufnahme, wo er direkt vorm Eingang zum Stehen kam. Der Stressschweiß stand ihm bereits auf der Stirn, aber innerlich war er zufrieden, dass er so vorausschauend gehandelt hatte. Dr. Kaan und Hilfspfleger Jochen warteten bereits an der Tür. Marc war noch, als das Auto die kleine Rampe hoch rollte, zum Entsetzen von Dr. Gummersbach aus dem Wagen gesprungen und hielt nun Gretchens Autotür auf, vor der sich Jochen mit einem Rollstuhl positioniert hatte, in den sich die Hochschwangere jedoch nur ungern hineinsetzen wollte. Mehdis bittender Blick konnte sie diesmal nicht erweichen und sie zögerte, auszusteigen, obwohl Marc ihr bereits hilfsbereit die Hand hinhielt.

Jochen: Na, ihr legt vielleicht ein Timing vor. Kompliment, Schwesterchen!
Gretchen (guckt leicht überfordert aus dem Auto auf ihren frech grinsenden kleinen Bruder): Das ist nicht witzig, Jochen. Was machst du überhaupt hier?
Jochen (grient sie gewohnt haaselike an): Spätschicht. Ich bin heute den Kinderärzten der Geburtshilfe zugeteilt. Geil, ne? Als hätte ich’s vorausgesehen.
Lass das bitte nicht wahr sein! Ich weiß nicht, ob ich Jochen dabeihaben möchte. Und unsere Eltern? Wo sind...? Wir müssen Mama und Papa noch Bescheid geben.
Marc (verdreht die Augen, als er kurz vergewissernd zu Mehdi schaut, der ihm zur Begrüßung ermutigend auf die Schulter klopft): Na, das hat uns gerade noch gefehlt.
Mehdi (wackelt vielsagend mit seinen breiten dunklen Augenbrauen): Och, ich finde, er stellt sich gar nicht mal so schlecht an. Fürs erste Mal. Und er will doch Kinderarzt werden, nicht? Dann lernt er heute eines der spannendsten Kapitel seiner Ausbildung kennen.
Jochen (nickt dem Oberarzt freundlich zu, während er ungeduldig auf seine Schwester wartet): Danke, Dr. Kaan!
Gretchen (funkelt Jochen zickig an u. bewegt sich nicht vom Platz): Schleimer!
Mehdi (lächelt von der einen zum anderen Haasen u. wieder zurück): Na, hier ist aber jemand noch ziemlich gut aufgelegt. Das sind die besten Voraussetzungen. Hallo erst mal, ihr beiden! Dann kommt mal bitte mit! Schauen wir uns das Ganze doch mal an, was eure Racker da gerade veranstalten, hm? Ich habe das Gefühl, heute seid ihr richtig hier.
Marc (streckt seinem Freund für die Spitze die Zunge raus): Haha, Witzbold!

War ja klar, dass er darauf herumreiten würde. Nur weil wir uns einmal, gut, zwei... dreimal ein klitzekleines bisschen vertan haben. Für das letzte Mal kann ich nichts. Das war meine Mutter. Scheiße! Meine Eltern... können warten. Die Untersuchung ist erst einmal wichtiger.

Gretchen (lässt sich wackelig von Mehdi u. Marc aus dem Auto helfen): Muss ich mich da wirklich reinsetzen, Mehdi? Ich habe gerade erst eine Wehe hinter mir. Es geht gerade wieder einigermaßen.
Sabine (nickt u. schiebt von hinten aus dem Auto nach): Sieben Minuten.
Jochen (grient seine Schwester neunmalklug an): Versicherungstechnische Gründe.
Mehdi (streicht seiner besten Freundin mitfühlend über den Arm): Er hat recht. Du kennst das Prozedere, Frau Dr. Haase.
Scheiß-Ärzte! Menno! So hab ich mir das aber nicht vorgestellt.
Gretchen (gibt sich widerwillig geschlagen u. lässt sich mit Marcs u. Mehdis Hilfe in den Rollstuhl plumsen): Ja, leider.
Marc (stützt sich mit beiden Armen an den Armlehnen ab u. guckt seiner Schmollprinzessin ermutigend in die Augen): Und wenn ich dich fahre, hm? Kleines Wettrennen über die Station? Mit ein paar Umdrehungen klappt das bestimmt gut. Hier lauert bestimmt keine Hassmann mit nem Promillemessgerät.
Mehdi (blickt schmunzelnd zwischen den beiden hin u. her): Muss ich das verstehen?
Gretchen (lächelt Marc verliebt an u. ist direkt wieder glücklich): Gerne! Aber nicht so schnell. Den Übermut heben wir uns für später auf. Wenn sie dann da sind.
Ich kann’s kaum noch erwarten.
Marc (drückt seiner Prinzessin einen dicken Schmatzer auf die gespitzten Lippen u. schreitet zur Tat): Gebongt!
Jochen (motzt eingeschnappt, als Marc ihn unsanft vom Rollstuhl wegschupst): Ey, das untergräbt meine Autorität, wenn du mir vor den Patienten das Arbeitswerkzeug aus der Hand reißt.
Marc: Welche Autorität, Schwester Jochen? Oder hab ich dein erstes Staatsexamen verpasst? Ach nee, du hast ja ein Semester ausgesetzt. Warum noch mal? Selbstfindung? Langeweile? Talentlosigkeit?

...griente Marc sein eingeschnapptes Gegenüber süffisant an und marschierte mit einem demonstrativen Triumphlächeln Rollstuhl schiebend an Jochen und Mehdi vorbei, um zusammen mit Gretchen als Erste schwungvoll den Eingang zur Notaufnahme zu entern, aus der ihnen gerade eine sichtlich übelgelaunte Oberschwester entgegenstapfte, die beim Anblick der stöhnenden Stationsärztin kurz irritiert innehalten musste. Mit einem frechen vorfreudigen Grinsen auf den Lippen und Pfleger Jochen vor sich herschiebend trabte auch Dr. Kaan an der perplexen Krankenschwester vorbei, die den Vieren verwundert hinterher blickte, ehe sie sich wieder gefangen hatte und schnurstracks auf den widerrechtlich vor dem Eingang geparkten Wagen zu spazierte, aus dem sich gerade Schwester Sabine mühsam mit dem Maxi-Cosi und Baby Anton auf dem Arm herauskämpfte.

Stefanie: Ja, ist das denn die Möglichkeit? Was erlauben Sie sich? Sie können hier nicht einfach stehen bleiben. Das ist die Notaufnahme und kein Parkplatz. Sie blockieren die Rettungswege, verdammt noch mal. Ich bin ja schon einiges von euch hochwohlgeborenen Ärzten gewohnt, aber dass Sie sich auch von diesen Tyrannen, die sich alles herausnehmen, instrumentalisieren lassen, enttäuscht mich schwer, Dr. Gummersbach. Fahren Sie jetzt SOFORT den Wagen weg oder ich vergesse mich! Wir erwarten jede Minute eine RTW mit einem Unfallopfer. Da hinten kommt er schon. LOS! Worauf warten Sie denn noch? Machen Sie PLATZ!

Ungehalten schimpfend und wild gestikulierend blickte Oberschwester Stefanie durch den schmalen Spalt des Fahrerfensters auf Dr. Gummersbach, der vor lauter Schreck das Sprechen verlernt hatte und am Steuer immer blasser geworden war. Er versuchte angestrengt, das Auto wieder zu starten, aber als er anfahren wollte, ruckelte es kurz und der Motor ging wieder aus. In akuten Stresssituationen war er einfach unfähig, komplexen Zusammenhängen zu folgen. Er war die ganze Zeit schon von Dr. Meier angeschrieen worden. Dass die Pflegeleiterin, vor deren schlechter Laune er sich wissentlich immer fernhielt, ihn nun auch noch lautstark anging, war einfach zu viel für den hypersensiblen Mann. Seine Frau wusste das und drückte der verdutzten Oberschwester unvermittelt Antons Maxi-Cosi in die Hand, um schnell die Fahrertür aufzureißen, um ihrem Liebsten zu helfen.

Stefanie (echauffiert sich direkt wieder, wird aber durch das Baby, das sie mit großen Kulleraugen anstarrt, gebremst): Was erlauben Sie sich? Was soll ich mit dem Jungen? Schwester Sabine? Das hat ein Nachspiel.
Sabine (lässt sich von ihrer Chefin diesmal nicht einschüchtern u. kümmert sich erst einmal liebevoll um ihren Mann, der seltsam apathisch wirkt): Günni? Mein Liebster?
Günni (fasst sich verwirrt an die Nase, guckt auf seine Hand u. dann langsam zu Sabine hoch): Ich glaube, mir wird schwarz.
Sabine (schaut fassungslos auf seine blutverschmierte Hand u. hält ihm aus dem Seitenfach des Autos eine Taschentuchpackung hin, aus der sie schnell einige Tücher herauszupft): Oh, nein, dein stressbedingtes Nasenbluten. Wir... wir müssen... Entschuldigung, Oberschwester?

...murmelte Sabine nur ängstlich, während sie ihrem wackeligen Ehemann vorsichtig aus dem Auto half. Die Oberschwester und Anton beobachteten derweil sichtlich verwirrt, wie die besorgte Krankenschwester sich bei ihrem Gatten einhakte, der sich angestrengt mehrere Lagen Taschentücher an die heftig blutende Nase drückte, und Richtung Notaufnahme stolperte. Im Hintergrund hörte man bereits das ungeduldige Hupen eines Krankenwagens, das die Oberschwester zusätzlich aufschreckte. Und jetzt fing auch noch das Kind in ihren Armen wie auf Kommando an zu weinen. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen bei der überforderten Frau, die schon einige Stunden Dienst hinter sich hatte, während sich alle anderen Kollegen unverschämterweise auf der Feier von Dr. Stier amüsieren durften, zu der sie nicht einmal eingeladen worden war.

Stefanie: Und wer fährt jetzt den vermaledeiten Wagen hier weg? Schwester Sabine? Das geht so nicht.
Sabine (übergibt ihren Mann an eine befreundete Krankenschwester aus der Notaufnahme, erklärt die Situation u. läuft flink zurück, um Stefanie den heftig weinenden Anton abzunehmen): Na, wer wird denn gleich weinen? Dem Papa geht’s doch gut, mein Schatz. Er ist nur ein bisschen aufgeregt. Wie wir alle. Wenn Sie vielleicht...? Ich bitte Sie wirklich nur ungern, aber Sie sehen doch, die Umstände.
Stefanie: Die Umstände? Schon klar! Mit mir kann man es ja machen. Ich hab ja sonst nichts zu tun, hm? Ich hoffe nur, es ist kein Automatikwagen. ... Ja, Gott noch mal, ich fahr ihn ja gleich weg. Sie Idiot, Sie!

...brüllte Oberschwester Stefanie ungehalten nach hinten zu dem ungeduldig hupenden RTW und dem sich verärgert aus dem Fenster lehnenden Sanitäter, der dem Krankenhausdrachen ungesehen eine unflätige Handbewegung hinterherzeigte, als dieser mit einigem Widerwillen in das Auto des Pathologen gestiegen war.

Sabine (seufzt erleichtert, als sich alle Probleme in Luft auflösen u. Anton auch direkt wiederaufhört zu weinen): Vielen Dank, Oberschwester! Ich bin Ihnen etwas schuldig.
Stefanie (zischt stinksauer aus dem Fahrerfenster): Ja, ja, davon kann ich mir jetzt auch nichts kaufen. Verschwinden Sie, sonst überlege ich es mir noch anders.
Sabine (zögerlich): Sie... Sie können mich übrigens ab sofort wieder in den Dienstplan eintragen. Es war zwar eigentlich erst ab kommenden Montag geplant, aber ich bin den ganzen Abend hier. Die Frau Doktor und der Herr Doktor bekommen doch ihre Zwillinge.
Stefanie (lässt die Autoscheibe wieder hochfahren u. schüttelt dabei genervt den Kopf): Das hab ich mitbekommen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Noch zwei von der Sorte haben mir echt noch gefehlt.

Und unter dem lauten Hupen des Krankenwagens, der dem VW von Dr. Gummersbach mittlerweile ziemlich dicht aufgefahren war, hätte die gereizte Oberschwester fast noch aus Versehen den Rückwärtsgang eingelegt und einen Blechschaden verursacht. Sie bekam das ihr fremde Auto aber noch rechtzeitig in den Griff und machte nun zügig den Weg vor der Notaufnahme frei. Sabine schaute ihrer Chefin noch erleichtert hinterher, wie diese sich ruckelnd in Richtung Parkplatz aufmachte, und guckte dann ihren wieder fröhlich grinsenden Pflegesohn an. Siedendheiß fiel ihr dadurch wieder ein, was gerade los war, und sie sprintete mit dem Maxi-Cosi in der Hand noch vor der Trage, die Gordon gerade mit einem Kollegen aus dem RTW herausschob, unter den verblüfften Blicken der herbeigeeilten Sanitäter ins Krankenhaus. Sie musste jetzt nach Günni schauen und dann ihrer Freundin beistehen. Was für ein aufregender Abend! Aber in ihrem und Gretchens Horoskop hatte heute Morgen schon gestanden, dass im Laufe des Tages Verwicklungen ins Haus stehen würden, welche mit wunderbaren Überraschungen gekrönt werden würden.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

06.10.2017 16:26
#1607 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Im abendlich hell beleuchteten Behandlungszimmer von Dr. med. Mehdi Kaan herrschte indes erstaunlicherweise die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, nachdem sich endlich auch die beiden Hauptbeteiligten des wohl größten Abenteuers in ihrer nunmehr einjährigen Beziehung nach einem kurzen, aber lustigen Ritt durch die Flure des weitläufigen Elisabethkrankenhauses dort eingefunden hatten. Während Hilfspfleger und Bald-Wieder-Medizinstudent Jochen Haase mit dem zurückeroberten Rollstuhl, den er jetzt selber verbotenerweise als fahrbaren Untersatz für sich in Anspruch nahm, von dem vorfreudig aufgeregten Elternpaar in spe unmissverständlich auf den Gang der Gyn verbannt worden war und dort nun vor Langeweile und leichter Anspannung mürrisch Däumchen, respektive kleine Kreise, drehen musste, war zu guter Letzt auch Schwester Sabine tollpatschig wie immer und überraschenderweise in ihrem gewohnten blütenweißen Dienstoutfit gekleidet in die Praxis des beliebten Berliner Gynäkologen gestolpert gekommen. Treu ergeben und bereit für ihren Einsatz, was zunächst drei ziemlich verdutze Gesichter verursachte, welche fast schon in komödiantischer Zeitlupe von einem zum anderen und wieder zurück zu der verstrahlt lächelnden Krankenschwester wanderten, die sich erwartungsfroh vor den beiden Oberärzten und der ziemlich zerstreut wirkenden Ärztin in anderen Umständen in ihrer Mitte aufgebaut hatte.

Sabine (verlegen kichernd u. devot den Kopf senkend, als sie die verwunderten Blicke der anderen auf sich gerichtet registriert): Entschuldigung! Ich musste nur Günni schnell verarzten. Es gab da einen kleinen, naja, ähm... Zwischenfall. Nicht der Rede wert. Und meinen Anton musste ich doch auch noch gut versorgt wissen. Aber jetzt bin ich ja da.
Mehdi (schmunzelt u. macht sich in seiner Wirkungsstätte direkt an die Arbeit): Das... sehe ich.
Marc (sichtlich verwirrt guckt er von dem sehr geschäftigen Mehdi zu Gretchen, die gerade um die Ecke hinter dem Paravent verschwinden will): Äh... Ich bin mir nicht sicher, wie uns das jetzt genau weiterbringen soll, Schwester Sabine.
Gretchen (hat Sabines seltsamen Überraschungsauftritt gar nicht richtig wahrgenommen, da sie hinter dem Vorhang mit ihrem engen Kleid kämpft u. irgendwie feststeckt): Sabine?
Sabine (strahlt von einem zum anderen u. bemerkt dann im Augenwinkel Gretchens Not): Ich bin nämlich ab sofort wieder voll und ganz im Dienst und für Sie da. Die Oberschwester hat ihr Okay gegeben.
Marc (verhehlt seine Freude nicht u. wird direkt sarkastisch): Ah ja? Prima! Ganz super!

Warum in Dreiherrgottsnamen müssen wir eigentlich immer die Bekloppten und Idioten dieser Welt anziehen? Hat Haasenzahn heimlich eine Süßigkeitenspur hinterlassen, als wir mit dem Rolli über die Flure gedüst sind? Oder ist es einfach nur die Art der Stasi-Sabsi, immer genau dann aufzukreuzen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Wohl eher letzteres. Wundert mich das wirklich? Nope!

Sabine (etwas irritiert von dem strengen Blick, den Dr. Meier auf sie gerichtet hält): Ja, und ich möchte euch... Sie natürlich an Ihrem großen Tag unterstützen.
Mehdi (zwinkert der hilfsbereiten Krankenschwester freundlich lächelnd zu, was Sabine direkt einen gewaltigen Schub Selbstbewusstsein gibt): Wunderbar, Schwester Sabine! Wenn Sie dann vielleicht die Güte hätten, Dr. Haase mit dem Kleid behilflich zu sein, hm?
Sabine: Oh? Selbstverständlich, Dr. Kaan.

...nickte die hibbelige Stationsschwester dem charmanten Oberarzt der Gynäkologie pflichtbewusst zu und tapste flink um die Ecke, um ihrer besten Freundin und Kollegin aus dem hübschen Sommerkleid in das „schicke“, luftige Krankenhausleibchen zu helfen, was einige Mühen mit sich brachte, welche, sehr zu Gretchens Erleichterung, den werten Herren Doktoren vor dem Vorhang zum Glück verborgen blieben. Aber vielsagende Blicke tauschten Dr. Meier und Dr. Kaan dennoch miteinander aus, während sie auf die beiden Ladys warteten.

Mehdi: Alles gut bei euch?
Gretchen (stöhnt genervt auf): Jaaahaa... Uff!
Marc (zieht wissend seine linke Augenbraue hoch u. kann sich trotz der Brisanz der Situation ein Schmunzeln nicht verkneifen): Sicher? Das hört sich so an, als ob du die Zwerge da hinten schon ausbrütest, Haasenzahn.
Gretchen (zickt erschöpft durch den dicken Vorhang, der ihr Schmollgesicht verdeckt): Sehr witzig, Marc Meier! Wollen wir tauschen?
Marc (lacht): Willst du darauf wirklich eine ehrliche Antwort?

Er und seine große Klappe! Menno! Ich hab hier wirklich ein Problem. Ein großes, gewaltiges Gretchen-Problem. Warum hat einem eigentlich vorher niemand verraten, wie dick man wirklich während einer Schwangerschaft wird? Ich fand das eigentlich immer total süß und charmant, wenn ich einer Schwangeren begegnet bin. Man spürt direkt diese gewisse Aura, die einen sofort in den Bann zieht. Auch auf mich selbst bezogen. Und heute Morgen hat das alles noch super gepasst. Also, mehr oder weniger. Dachte ich, als ich mich im Spiegel angeschaut habe. Auf der Feier hat doch auch niemand was gesagt. Oder hat sich das niemand getraut, weil ich immer so schnell in Tränen ausbreche? Maria ist doch sonst immer erschütternd ehrlich zu mir und ich hab mich wirklich wohl gefühlt. Die ganze Zeit, naja, mal abgesehen von dem anderen riesigen Problem, das ich ignoriert habe. Bis jetzt. Hilfe! Ich will hier raus. Ihr aber auch, oder, meine Süßen? Geduld ist auch nicht eure Stärke, hm?

Gretchen (grummelig u. merklich durcheinander): Anstatt schon wieder dumme Sprüche loszulassen, hättest du mir ja auch deine Hilfe anbieten können, Monsieur Schlaumeier. Weißt du, das ist gar nicht so einfach, da wieder rauszukommen, wie man reingekommen ist. Das war auch schwierig, ja, aber ich wollte nun mal hübsch aussehen. Für dich und... Uuuuuhhh...
Marc (lacht u. schaut über die Schulter zu Mehdi, der sich hinter ihm für die Untersuchung bereit macht): Wen?
Sabine (kreischt hinter dem Vorhang hysterisch auf): Neue Wehe?
Gretchen (bleibt im Gegensatz zu ihrer hypernervösen Freundin ruhig, obwohl sie vor Anstrengung fast schon zusammenklappt u. sich an die Liege klammern muss): Ja, Bine, geht... gleich... wieder. Aaahhhh.... Uuuuuhhh... Das... Das war’s. Glaub ich?
Mehdi (schaut auf u. kann sein freches Mundwerk nicht halten): Ich will dir ja nicht die Illusion rauben, Gretchen, aber das ist erst der A...
Gretchen (seufzt resignierend, als sie für ihn zu Ende spricht): Das weiß ich selber, Mehdi. Aber trotzdem danke für deinen Beistand.
Mehdi (lächelt in ihre Richtung u. zwinkert dann wissend seinem Kumpel zu, der ans Fensterbrett gelehnt genervt die Augen verdreht): Dafür bin ich doch da.

Alte Schleimsocke! Du bist hier wirklich in deinem Element, hä? Noch ein bisschen Mädchenmucke im Hintergrund, rosa Plüsch überall und ein Schokoladenbrunnen und es kann losgehen. Hilfe! Gibt es noch irgendeine Chance, dem zu entkommen? Wohl eher nicht.

Sabine (wird trotz Gretchens unerschütterlicher Ruhe fahrig u. lässt den Vorhang hektisch hin u. her ruckeln, während sie angestrengt versucht, das Kleidungsproblem zu lösen): Habt ihr mitgerechnet?
Marc (kleinlaut): Ja!
Gretchen (gleichzeitig): Nein!
Marc (stößt sich vom Fensterbrett ab u. läuft rastlos vor dem Pavillon auf u. ab, weil nichts vorangeht): Keine Ahnung! Was dauert denn das alles so lange? Jetzt macht hinne, Mann! Wir müssten schon längst im Kreißsaal sein.
Mehdi (legt beruhigend seine Hand auf Marcs Schulter): Marc! Alles ist gut. Wir liegen gut im Zeitplan.
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf, schmeißt theatralisch die Arme in die Luft u. läuft weiter Spurrillen in das helle Parkett von Mehdis Praxis): Woher willst du das denn wissen? Du hast Haasenzahn doch noch nicht mal angeschaut.
Mehdi (tippt mit dem Zeigefinger an sein Doktorschild an der Brusttasche seines Arztkittels u. grient Marc dabei demonstrativ an): Marc, was steht denn hier auf dem Schild, hm? Doktor der Gynäkologie steht da. Ich sehe das auch so. Dazu brauche ich nicht extra eine Untersuchung, was jetzt aber nicht heißt, dass wir nicht doch noch vorher eine machen werden. Gretchen, können wir? Oder soll ich doch noch die Schere holen?
Gretchen (quietscht panisch auf, weil sie ihr schönes Kleid retten möchte): Neiiin!
Mehdi (grinst zufrieden vor sich hin u. dreht sich auf seinem Sitzhocker mehrmals im Kreis): Gut! Wäre auch schade drum. Du hast darin richtig hübsch ausgesehen, Gretchen.
Gretchen (fühlt sich durchaus geschmeichelt u. zappelt nun auch nicht mehr unkoordiniert herum, als Sabine ihr endlich erfolgreich aus dem Kleid hilft): Danke!
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor der Brust, während er sich gegen Mehdis Schreibtisch lehnt u. ungeduldig zum Paravent guckt): Alter Angeber!
Mehdi (springt wieder von seinem Drehhocker auf u. stupst den Grummelkönig grinsend mit der Schulter an): Das nennt sich Erfahrung, Kollege. Du behauptest doch auch immer, du könntest jeden Schritt im OP auch blind durchführen, hm?

Wieso eigentlich er? Da ist doch sogar jeder Pausenclown kompetenter als er. Ich wusste, der macht uns... mir Probleme. Aber grins du nur, Freundchen! Du kriegst das alles wieder. Doppelt und dreifach! Ich weiß zwar noch nicht wie, aber mit der Wartezeit kommen auch die Ideen. Hm... Wo sind eigentlich die Zigarren abgeblieben, die wir als Neu- und Wiederpapi paffen wollten? Ich könnte ihm was reinmixen, das ihm die zottelige Mähne wegfliegen lässt. Macht ihn zwar auch nicht sonderlich attraktiver, aber Gabi hat ja auch keine hohen Ansprüche. Andererseits, könnten wir ihn schon noch als Patenonkel gebrauchen. Dann sollte er schon fit, vorzeigbar und nüchtern sein. Ach, Mann, ey, das macht echt keinen Spaß mehr mit dir, Mehdi. Ich brauche ein neues Opfer.

Und als hätte sie Gedanken gelesen, holte eine piepsig nervige Stimme Dr. Meier wieder zurück aus seinem Gedankenkarussell und zog damit nicht nur seine Aufmerksamkeit auf sich, obwohl diese sonst eigentlich immer starke Fluchtinstinkte bei ihm auslöste, wenn er sie schon von weitem auf Station zu hören bekam.

Sabine: So, da wären wir. Dr. Meier? Dr. Kaan?

Während Marc beschlossen hatte, kindisch eine Runde weiterzuschmollen, und seinem vergnügt vor sich hin grinsenden Angeberfreund keines weiteren Blickes mehr würdigte, öffnete sich wie von Geisterhand der helle Vorhang des Paravents. Verlegen lächelnd schlüpfte Gretchen dahinter hervor. Sabine folgte ihr in Tapseschritten auf dem Fuße. Die emsige Krankenschwester war nämlich bemüht, die luftigen Rückenteile des schlichten Krankenhausleibchens festzuschnurren bzw. irgendwie festzuhalten, welches ihre Freundin nun gezwungenermaßen als modisch fragwürdige Alternative zu ihrem Regenbogenkleid zu tragen hatte, und geleitete sie zu den beiden Medizinern, die ungeduldig neben der Behandlungsliege warteten. Marc fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sein heiß und innig geliebtes Häschen in Augenschein nahm. Dieser Anblick in Patientenkluft war ihm nämlich neu. Ungewohnt, ja, aber nie hatte Gretchen Haase hinreißender ausgesehen als jetzt, schoss es ihm spontan durch den Kopf und er kam seiner Herzangebeteten mit einem verliebten Lächeln auf den Lippen entgegen. Er griff nach ihren beiden eiskalten Patschehändchen und hielt diese fest, während er ihr lange und intensiv in die himmelblauen Augen schaute, die ihm ebenso erwartungsvoll entgegenblinzelten. Schwester Sabine und auch Mehdi waren ganz berührt von dem innigen Moment, den sie beobachten durften, aber dennoch drängte der Frauenarzt schließlich auf die Untersuchung, welche vor der Geburt der Zwillinge noch ausstand.

Mehdi: Ihr Lieben, ich reiße euch wirklich nur sehr ungern auseinander, aber ich würde dann doch gerne vorher noch einen kleinen Blick riskieren. Damit wir genau wissen, wo wir gerade stehen. Du hast sie ja gleich wieder, mein Freund.

Mehdi lächelte das bis über beide Ohren verliebte Paar freundschaftlich an, das wie Pattex aneinanderklebte und sich nun auch noch schnell einen flüchtigen Kuss auf die Lippen presste, ehe es sich dann doch endlich wieder darauf konzentrierte, weswegen es hierher gekommen war. Ihre beiden Herzen klopften wie verrückt im selben Takt, pumpten Unmengen an Blut durch ihre Körper. Die Schmetterlinge tanzten. Ihre Gedanken waren frei, wirbelten durcheinander und waren doch von gleicher Intensität. Die Vorfreude war regelrecht greifbar. Denn ihr größtes gemeinsames Abenteuer stand unmittelbar bevor. Und je näher dieser Moment rückte, den sie so sehr herbeisehnten wie nichts anderes auf dieser Welt, umso hibbeliger wurden die beiden. Marc und Gretchen grienten sich an, verfielen fast in ein hysterisches, kindisches Gekicher, als sie sich voneinander lösten, und brauchten noch einen kleinen Moment, um sich wieder einigermaßen einzukriegen, den ihr bester Freund ihnen natürlich mit einem wissenden Augenzwinkern gewährte, der das Kichern der beiden nur noch mehr verstärkte, bis ihr Zwerchfell schließlich schlappmachte.

Denn Mehdi wusste nicht nur aus seiner langjährigen Erfahrung als Geburtshelfer ganz genau, wie seine liebsten Freunde sich gerade fühlten. Sie schwebten schon davon. Auf der Achterbahn des Lebens. In Richtung des puren, wahren Glücks. Dabei war der wichtigste Part dieses holprigen und nicht gerade einfachen Weges noch zu leisten. Das fiel dann auch irgendwann Dr. Meier wieder ein und er besann sich auf seine Aufgabe in diesem aufregenden Spiel. Er half mit Hilfe von Schwester Sabine seiner kurz vor der Entbindung stehenden Freundin auf die Behandlungsliege. Und nach einem kurzen meierschen Zwischenkommentar in Richtung des behandelnden Oberarztes, den er sich angesichts von Mehdis ungewohnt vorlauten und sehr selbstbewussten Verhalten nicht hatte verkneifen können, wurde es ruhig in dem in freundlichen hellen Farben gestrichenen Raum.

Marc: Ich hasse es, wenn du das tust.
Mehdi (kontert trocken): Ich weiß. Und es hält mich nicht davon ab, es dennoch zu tun.

Marc konnte sein Unbehagen natürlich nicht vor Mehdi verbergen, der sich dessen ungeachtet ganz professionell und behutsam der Untersuchung seiner Lieblingspatientin widmete, während sein Kumpel für sich beschlossen hatte, sich besser wegzudrehen, um möglichen Herzrhythmusstörungen und sonstigen körperlichen Ausfallerscheinungen entgegenzuwirken. Denn er hatte absolut keinen Bock darauf, beobachten zu müssen, wie ausgerechnet Mehdis Wuschelkopf unter dem sterilen blassgrünen Tuch verschwand, welches die mitdenkende Krankenschwester seiner Freundin über die untere Körperhälfte geworfen hatte. Das war lediglich eine Untersuchung. Mehr nicht. Eine stinknormale, simple Untersuchung, wie sie jederzeit hier in der Klinik stattfand. Mehdi war schließlich Arzt. Er war Doktor. Zwar mit einer etwas seltsamen und in seinen Augen äußerst fragwürdigen Spezialisierung, aber er hatte ein Diplom von zwei der besten Unis dieses Landes an der Wand hängen, das ihn ausdrücklich mit Bestnoten als das auszeichnete, was er tatsächlich war. Nicht Haasenzahns Ex-Wie-auch-immer-Dingens und sein einziger und bester Freund, der rein platonisch mit Gretchen zu tun hatte, sondern ein Mediziner wie er selbst es ebenfalls war, dem er vertraute, den er respektierte und dem er jetzt das Kostbarste anvertraute, das er besaß. Sein Gretchen und ihre ungeborenen Zwillinge, die augenscheinlich darauf drängten, heute noch die mehr als spannende Welt hier draußen, inklusive ihres zukünftigen Patenonkels, kennenlernen zu wollen.

Mantramäßig redete sich der aufgeregte Chirurg das immer wieder ein, bis er schließlich tatsächlich davon überzeugt war, während sein Blick in den Praxisräumen seines Freundes umherschweifte und an einem zufällig eingeschalteten Fernseher, welcher unterhalb der Decke angebracht worden war, hängen blieb, den er erst jetzt zum ersten Mal bemerkt hatte und in dem er plötzlich seltsamerweise genau denselben Arzt wiederentdeckte, der gerade in diesem Moment an den intimsten Stellen seiner Freundin herumdokterte. Verwirrt schob sich Marc mit einer Hand einige verirrte Strähnen aus dem Gesicht und wandte selbiges für einen kurzen Augenblick fragend den drei Personen hinter sich zu, um sich zu vergewissern, dass er nicht an sonderbaren Halluzinationen litt, die seine Zurechnungsfähigkeit kurz vor der Entbindung seiner Kinder beeinträchtigten. Doch weder Mehdi, noch Schwester Sabine und noch weniger Gretchen hatten das Fernsehinterview von Berlins mittlerweile bekanntestem Gynäkologen und Ehrenamtler, in dem dieser augenscheinlich eine selten gute Figur machte, mitbekommen, weil dummerweise der Ton ausgeschaltet gewesen war.

Marc, der leider nicht sehr talentiert im Lippenlesen war, aber angesichts der Dramatik der vergangenen Tage dennoch Mehdis Worte in seinem Kopf nachvollziehen konnte, fiel erst nach mehrfachem Nachfragen auf, dass die Drei ihn mittlerweile ebenso erwartungsvoll entgegenblickten. Gretchen stand sogar schon wieder auf ihren beiden Füßen, die in bequemen Krankenhausschlappen steckten, welche Sabine vermutlich von irgendwoher organisiert hatte. Sie hielt immer noch, tapsig wie sie war, Gretchens mit zarten Blümchen besticktes Leibchen zu, um ihre Freundin vor möglichen Unannehmlichkeiten zu schützen, bis der sie schmunzelnd dabei beobachtende Oberarzt auf die glorreiche Idee kam, seiner besten Freundin einfach den noch ungetragenen, roséfarbenen Bademantel zu reichen, den seine Lebensgefährtin in seinem Sprechzimmer vergessen hatte, als sie ihn neulich während einer seiner letzten Nachtschichten spontan besucht hatte, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Mehdi wusste, dass dies lediglich eine Ausrede von ihr gewesen war. Denn seit den Vorkommnissen um seine Wenigkeit fand Gabi meist nur sehr schlecht in den Schlaf und suchte immer wieder seine Nähe, auch wenn er gerade im Krankenhaus sehr eingespannt war. Ihr neu gewonnener Beschützerinneninstinkt war süß. Ohne Frage. Sie hatte sogar angefangen, backen zu lernen. Mit Hilfe der umfangreichen und sehr ausgefeilten Rezeptsammlung seiner Mutter. Mal mehr, mal weniger misslungen. Aber die Geste kam von Herzen. Mehdi wusste dies zu schätzen. Aber es hatte Gabi die Sorge trotz der vielen ausführlichen Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, nicht nehmen können. Dazu war die Angst, dass ihm erneut etwas zustoßen könnte, zu groß. Vielleicht brachte sie ja der gemeinsame Besuch der Demo morgen weiter. Damit sie begriff, dass sie nicht alleine waren. Seine Maus musste sich wirklich keine Sorgen mehr machen. Er war in einem unbedachten Moment unvorsichtig gewesen, ja, aber er hatte daraus gelernt. Und vielen anderen hatte es offensichtlich auch die Augen geöffnet. Denn seine Mitstreiter und er in der ehrenamtlichen Flüchtlingspraxis hatten in den letzten Tagen sehr viel Zuspruch erhalten. Und Zuspruch schien auch gerade jemand anderes sehr dringend zu benötigen, wenn auch in ganz anderer Hinsicht.

Mehdi: Marc?
Gretchen (nimmt den wohligweichen Bademantel, der angenehm blumig riecht, dankbar entgegen): Danke, Mehdi!
Mehdi (zwinkert ihr kaanlike zu u. wendet seinen Grinseblick dann erneut seinem besten Freund zu): Nichts zu danken! Reiner Eigennutz. Er dient nicht nur dazu, dass du dich wohl fühlst, sondern auch der Vorbeugung. Nicht dass noch jemand Schnappatmung bekommt, wenn er deine hübsche Rückenansicht zu sehen bekommt.
Gretchen (lehnt sich kichernd an Mehdis Seite, nachdem sie noch mal an ihrem modisch fragwürdigen Krankenhaushemd herumgezubbelt hat): Charmeur!

Wenn ich nicht so aufgeregt wäre, könnte ich mich tatsächlich richtig wohl fühlen. Ich weiß nicht, wie er es immer macht, aber in seiner Gegenwart fühl ich mich sicher. Ich weiß einfach, dass uns nichts passieren kann. Weil er da ist. Zusammen schaffen wir das.

Sabine (hilft ihrer Freundin beim Anziehen des Bademantels u. betrachtet anschließend zufrieden ihr Werk): Der steht dir außerordentlich gut, Frau Doktor.
Gretchen (fühlt sich unendlich gut aufgehoben zwischen ihren beiden besten Freunden): Ihr seid so lieb zu mir. Danke! Und nur weil ich gerade in den Wehen bin oder wohl eher zwischen den Wehen, sag ich mal nichts zu euren Flunkereien.
Mehdi (grient sie vielsagend an): Ich und flunkern? Ich meine immer alles ernst, was ich sage. Männer tun das gewöhnlich, hab ich mal gehört.
Gretchen (lächelt wissend zurück, merkt dann aber verwundert Marcs Nichtbeteiligung): Ich weiß. Marc? Schatz?
Marc (noch völlig abwesend): Hm?
Mehdi (bemerkt nun auch Marcs ungewöhnliche Zurückhaltung u. schlussfolgert): Marc? Wo bist du nur gerade mit deinen Gedanken, hm? Ach, ich kann’s mir vorstellen. Ein bisschen gedulden müsst ihr euch aber noch, bis ihr eure Goldschätze in die Arme schließen dürft.
Marc (kommt nur ganz langsam wieder zu sich): Was? Ich... Ich dachte nur... Warst das nicht eben...

Marc drehte sich um und deutete mit ausgestrecktem Arm auf den kleinen quadratischen Fernseher unter der Decke, aber das Konterfei seines besten Freundes war mittlerweile längst verschwunden und die Berliner Regionalnachrichten waren einem frühabendlichen Quiz gewichen. Mehdi und Gretchen schauten Marc verwundert an und auch Schwester Sabine machte sich zunehmend Sorgen um den zerstreuten Zustand ihres sonst so gefürchteten Oberarztes.

Sabine: Alles in Ordnung, Dr. Meier?
Marc (als er die Blicke der anderen auf sich gerichtet spürt, fängt er sich endgültig wieder u. fährt langsam zu gewohnter Stärke hoch): Ich? Was? Sicher! Was... ist denn nun? Wieso steht ihr denn hier noch rum, als würdet ihr auf den Pizzaboten warten? Los! Hopp! Die Babys wollen raus.
Gretchen (tauscht verwunderte Blicke mit Mehdi, der ebenso leicht irritiert wirkt, als er sich von seinem Schreibtisch die Fernbedienung schnappt u. damit das TV-Gerät ausschaltet): Marc, hast du uns denn gar nicht zugehört? Es dauert noch. Der Muttermund ist erst dreieinhalb Zentimeter geöffnet.
Mehdi (stimmt ihr kopfnickend zu, schaut kurz auf sein Diensthandy, das er aus seiner Kitteltasche gezogen hat, u. dreht sich dann eilig zur Tür um): Alles verläuft ganz normal, Marc. Ihr müsst euch nur noch ein bisschen gedulden. Eure beiden Wundersterne machen es spannend. Aber ich habe auch nichts anderes von ihnen erwartet. Schließlich tragen sie eure Gene. Der Wehenrhythmus ist gut, stetig steigend. Wenn es dann so richtig losgeht, kann es dann auch recht schnell gehen. Ich bin immer auf Abruf.
Marc: Was? Wieso... Wieso haust du denn jetzt ab? Du kannst doch jetzt nicht gehen, Mann.

Völlig perplex schaute Marc Mehdi hinterher, der sich gerade aufmachen wollte, zu gehen. Der Angesprochene drehte sich jedoch noch einmal zu seinem ungehalten agierenden Kumpel um, um ihn mit sanften Worten über seine Pläne zu informieren...

Mehdi: Ich habe in Kreißsaal eins noch eine Patientin liegen. Dauert nicht so lange, denke ich.
Marc (tritt näher an den eiligen Arzt heran u. lässt seinen angestauten Ärger an ihm aus): Äh... Ich weiß, du bist manchmal extrem schwer von Begriff, Mehdi, aber wir haben dich verdammt noch mal exklusiv gebucht.
Gretchen (legt beruhigend ihre Hand an seinen Arm): Marc!
Mehdi (bemüht sich, sein Schmunzeln zurückzuhalten u. ernst zu bleiben, aber Marc macht es ihm schwer): Das wüsste ich aber. Und ich stehe euch natürlich uneingeschränkt zur Verfügung, das hab ich versprochen, sobald es entsprechend vorangeht.
Marc (starrt ihn ungläubig an): Und das heißt? Lässt du uns jetzt hier hängen, oder was? Was ist denn das für ein beschissener Service hier?
Gretchen (versucht ihn erfolglos zurückzuhalten): Marc!
Marc (grummelt eingeschnappt, während er kurz zu seiner Holden guckt): Ja, ist doch so.
Mehdi (kommt noch einmal auf den hypernervösen Mann zu u. versucht ihn mit einem freundschaftlichen Lächeln zu besänftigen): Marc, Gretchen, es ist alles vorbereitet. Sabine kann euch gerne auf euer Zimmer bringen. Ich hoffe, die Eins ist euch angenehm? Ein schönes, ruhiges Privatzimmer mit Blick auf den See. Also, Maria hat es immer sehr genossen. Trotz ihrer Vorbehalte, wir würden sie und ihren Sonnenschein hier viel zu lange festhalten.
Marc (blitzt den Komiker sauer an): Sehr witzig.
Mehdi (grient den ewigen Grummler an u. gibt ihn noch einen kleinen Klaps auf den Arm): Na, siehst du. Alles ist in bester Ordnung. Sobald sich etwas tut, gebt ihr mir Bescheid und wir sehen uns im Kreißsaal wieder. Sabine, wenn Sie noch mal schauen könnten, ob die Kollegen alles vorbereitet haben? Das Protokoll liegt vor. Die Hebamme ist informiert und auf dem Weg. Ich muss jetzt wirklich noch mal los.
Sabine (macht sich direkt auf den Weg): Sehrwohl, Dr. Kaan.
Marc (guckt der Krankenschwester u. seinem Kumpel etwas hilflos hinterher, der Sabine bis zur Tür gefolgt ist, hinter der sie schließlich verschwunden ist): Aber... Und was machen wir jetzt die ganze Zeit? Däumchen drehen oder deine hässliche Unterhosenkollektion weiterhäkeln, oder was?
Mehdi (hält die Türklinke bereits in der Hand, als er sich noch einmal zu dem befreundeten Paar umdreht): Entspannt euch! Atmet durch! Macht die Atemübungen! Legt euch noch ein bisschen schlafen, um Kraft zu tanken! Oder guckt fern! Lenkt euch ab! Kommt nachher nicht die Talkshow mit deiner Mutter?
Marc (fährt sich mit einer Hand erschrocken über das Gesicht): Scheiße, meine Mutter! Die hängt noch in Hamburg fest. Fuck!

Ich muss Dad anrufen und Franz und überhaupt... Mann, Mehdi, so bist du mir echt keine Hilfe.

Gretchen (ihr fällt es auch wie Schuppen von den Augen): Marc, wir müssen noch...
Marc (plappert ihr prompt dazwischen): Du bist ein echter Scherzkeks, wenn du versuchst, witzig zu sein, Alter. Das mag ich.
Mehdi (zwinkert seinem besten Freund frech zu): Ich hab vom Besten gelernt. Und übrigens, mag ich dich auch, sehr sogar. Euch beide. Oder darf ich schon sagen, euch vier?
Marc (lässt sich dann auch endlich zu einem gelösten Grinsen verleiten): Haha! Jetzt zisch endlich ab! Sonst kette ich dich vielleicht noch an Haasenzahn fest. Für den Notfall. Wenn du hier schon machst, was du willst.
Mehdi (genießt es richtig, einmal gegenüber Dr. Meier obenauf zu sein): Das ist das Privileg des leitenden Oberarztes.
Gretchen (erwidert das Grinsen der beiden eng befreundeten Männer): Da habe ich aber auch noch Mitspracherecht, oder?
Mehdi (winkt seiner Patientin zu u. tippt kurz an den Türrahmen): Ich hoffe doch. Wenn euch langweilig wird oder die Anspannung zu groß wird, lauft doch noch eine Runde. Das funktioniert meistens am besten, wenn ihr wollt, dass es schneller vorangeht. Wir sehen uns. Ich bin gleich um die Ecke, falls ihr mich sucht. Dann machen wir das Duzend voll.
Marc (guckt ihm verständnislos hinterher): Das Duzend? Für was steht denn der bescheuerte Code jetzt schon wieder?
Mehdi (klärt den Ignoranten mit breitem, stolzen Grinsen auf): Naja, mit der Patientin jetzt hab ich heute schon zehn Kinder auf die Welt geholt. Mit euren beiden Süßen breche ich dann meinen eigenen Rekord. Danke schon mal dafür, ihr Lieben!
Gretchen (staunt tatsächlich Bauklötzchen, während Marc nur ehrfürchtig die Augen verdrehen kann): Echt?
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Deine Ruhe möchte ich haben.
Mehdi (zwinkert seinem skeptischen Freund vielsagend zu): Vielleicht verstehst du es jetzt endlich, wieso ich diesen Job so sehr liebe und gar nicht anderes kann. Neues Leben auf seinen ersten Wegen zu begleiten, ist der beste Antrieb, den es gibt, auch noch nach einer anstrengenden Zwölfstundenschicht wie heute. Aber für euch hänge ich gerne auch noch ein paar Stunden dran. Ich will die beiden Wunder doch auch endlich kennenlernen. Von Ruhe kann da gar keine Rede sein. Ich bin mindestens genauso hibbelig wie ihr beiden. Ich zeig es nur nicht so deutlich, weil wenigstens einer gleich im Kreißsaal noch einigermaßen professionell bleiben muss. Du als Papa hast da mehr Freiheiten.

Und ehe der Zyniker vor dem Herrn noch etwas darauf vorlaut hätte erwidern können, ließ Mehdi das jetzt einfach mal so stehen, winkte dem befreundeten Paar noch einmal kurz zu und war dann auch schon mit einem breiten, vorfreudigen Grinsen auf den Lippen zur Tür hinausmarschiert. Es dauerte einen Moment, bis die Worte seines besten Freundes auch bei Marc angekommen waren, und er sich wieder zu seiner Freundin umdrehte, die sich mit Blick auf Mehdis umfangreiche Babygalerie gerade mit beiden Armen an der Liege abstützen musste, um die nächste Wehe wegzuatmen, die gerade eindrucksvoll über sie hereingebrochen war.

Marc (motzt ungehalten weiter): Stunden? Wie... Stunden? Der spinnt doch. Und was sind das überhaupt für bescheuerte Hinterwäldlerratschläge? Ich spaziere doch jetzt nicht wie ein lahmer Reha-Patient ums Krankenhaus, während du hier Schmerzen hast. Der hat dir nicht mal was dagegen gegeben, dieser Möchtegernarzt für Arme. Und so einer kommt ins Fernsehen. Pah! Neue Comedyshow, oder was? Die floppt so was von.
Tzz... Als wäre er der Held für alle Unbeachteten, Ungehörten und Ungevögelten dieser Welt. Wobei das mit dem Ungevögeltsein in seinem Job wohl eher weniger zutrifft. Zwölf Babys? Krass! Das ist ja wie am Fließband. Wehe, der nimmt sich jetzt nicht genügend Zeit für uns! Dann passiert was, aber so richtig!
Gretchen (atmet schwer u. presst die Worte angestrengt heraus): Uuuhhh... Weil... weil... ich... nichts... nehmen werde.
Marc (ist damit absolut nicht einverstanden, weil er nicht zusehen kann, wie sein Herzblatt sichtlich leidet): Gretchen!
Gretchen (erholt sich nur langsam von der heftigen Wehe u. streichelt bedächtig ihren Bauch, als sie sich langsam mit Marcs Hilfe wieder aufrichtet): Marc! Die Diskussion hatten wir doch schon. Es bleibt wie abgemacht. Ich will bei unserer Rasselbande einfach nichts riskieren.
Marc (sieht ihr mitfühlend in die Augen, die von der Anstrengung feucht schimmern): Das will ich doch auch nicht. Und vor allem will ich nicht, dass du allzu sehr leidest. Ich kann da echt nicht zugucken. Das fühlt sich an wie unterlassene Hilfeleistung. Ich würde am liebsten gleich meinen Rezeptblock zücken. Aber dann wirft er mir bestimmt wieder vor, ich hätte mein Oberarztschild nicht vor der Tür gelassen. So’n Penner, ey. Das war das letzte Mal, dass ich mich von ihm so vorführen lasse.

Och... Ist er nicht süß, wenn er sich sorgt und Mehdi blind vertraut? Ich liebe dich auch, Marc.

Gretchen (ist sichtlich hingerissen von seiner Fürsorge u. schmiegt sich glücklich in seine Arme): Dann lenk mich ab, so gut du kannst. Das ist meine Therapie gegen den Wehenschmerz. Und so schlimm ist der gar nicht.
Marc (glaubt ihr kein Wort): Haasenzahn?
Gretchen (weiß, dass er weiß, wie sie sich wirklich gerade fühlt): Okay, ja, schon, aber... ich halte das aus. Früher haben die Frauen auch ihre Kinder gekriegt und niemand hat so einen großen Wirbel darum gemacht, wie es heutzutage der Fall ist.
Marc (hört ihrer Argumentation schmunzelnd zu): Ja, ja, früher war alles besser. Der Himmel blauer. Die Schokolade süßer. Die Frauen williger.
Gretchen (fährt empört dazwischen): Marc!
Marc (lacht u. guckt kurz auf seine teure Designerarmbanduhr): Du liegst schon unter fünfeinhalb Minuten.
Gretchen (lächelt wieder in ihrer hinreißenden Art, der Marc nicht widerstehen kann): Na, das ist doch dann schon mal ein gutes Zeichen. Lass uns wirklich ein Stück laufen, hm!
Marc (hebt skeptisch eine Augenbraue): Dass ich das noch erleben darf, dass du freiwillig Sport machen willst. Also, mal abgesehen von Matratzensport.
Gretchen (grient den Schelm an u. schmiegt ihren Kopf an seine Brust, wo sie seinen aufgeregten Herzschlag deutlich spüren kann): Siehst du, das ist einer dieser Momente, in denen ich über mich hinauswachse. Ich brauche keine PDA.
Marc (schüttelt den Kopf u. hakt sich schließlich ergeben bei ihr ein): Darüber reden wir noch mal, wenn du richtige Presswehen bekommst und mich und Mehdi als Teufel beschimpfst, die dir das hier eingebrockt haben.
Gretchen (zieht den Schmeichler entschlossen zur Tür): Nein!
Marc (verdreht die Augen, weil er weiß, dass er gegen diesen Sturkopf keine Chance hat, u. öffnet die Tür): Okay, du hast gewonnen, du Nervensäge, aber der Park ist tabu. Wir bleiben sicherheitshalber im Haus und in der Nähe dieses neunmalklugen Vollidioten.

Gretchen nickte ihrem Schmollkönig kichernd zu, als dieser sie galant über die Türschwelle nach draußen auf den Flur führte. Der stolze Chirurg wollte gerade noch etwas erwidern, um seinen Standpunkt noch einmal deutlich zu untermauern, aber die verliebte Ärztin wusste, dies geschickt zu verhindern. Sie küsste den Arzt ihres Vertrauens einfach stumm. Und so kam es, dass die beiden Turteltauben des Elisabethkrankenhauses erst einmal langsam über die Flure der Gyn schlenderten. Sie trödelten immer weiter voran. Immer mal wieder unterbrochen von einer Wehe, die mal heftiger, mal weniger heftiger war. Bis sie schließlich dort ankamen, wo Gretchen Haase ihren Herzprinzen gerne haben wollte. Erst als sie den Lichtschalter drückte und der menschenleere Saal nach kurzer Verzögerung in gleißendes Neonröhrenlicht getaucht wurde, registrierte auch Marc, wo die süße Hexe, die ihm so sehr den Kopf verdreht hatte, dass jeder klare, vernunftgeleitete Gedanke fehlgeleitet wurde, ihn heimlich hingelockt hatte.

Marc: Das ist nicht dein Ernst, Haasenzahn?
Gretchen: Doch!

Verschmitzt griente die verschlagene Blondine den verdutzten Oberarzt an, löste sich aus seinen starken Armen, die sie auf den Weg hierher nicht eine Sekunde losgelassen hatten, und tapste langsam durch die leeren Tischreihen. Kopfschüttelnd blickte Dr. Meier seiner durchgeknallten Freundin hinterher. Die Überdosis Hormone in ihrem Körper musste nun komplett überhand genommen sein. Obwohl, was das Thema anbelangte, war Haasenzahn eigentlich noch nie normal gewesen. Schon zu Schulzeiten war Margarethe Haase stets die letzte gewesen, die man in der Kantine gesehen hatte. Und sie hatte auch immer für den Notfall ein Butterbrot einstecken gehabt. Auch heute? Wohl eher nicht. Wären sie sonst hier?

Marc (starrt ihr kopfschüttelnd hinterher): Du hast JETZT nicht ernsthaft Hunger?
Gretchen (schaut sich um u. bleibt vor der Auslage stehen): Nicht wirklich, aber jetzt, wo du es sagst, könnte ich schon noch etwas vertragen. Hm... Oder was denkt ihr beiden Süßen? Ein bisschen Nervennahrung für den beschwerlichen Weg?

Demonstrativ streichelte Gretchen unter dem geöffneten Bademantel über ihre gewaltige Babykugel, horchte anschließend in sich hinein, weil sie mit einer Gegenreaktion in Form der nächsten Wehe gerechnet hatte, aber die blieb zu ihrer Überraschung diesmal aus. Noch war die Zeit nicht ran. Marc dagegen schon. Flink wie ein Gepard hatte er sich wieder an seine süße Prinzessin herangeschlichen und schlang nun von hinten seine Arme um ihre monströse Mitte, um dieser eine ausführliche Massage durch magische Chirurgenhände zukommen zu lassen.

Marc: Du hast so einen Knall. Das bringst auch nur du, ausgerechnet jetzt ans Essen zu denken. Schokoriegel?
Gretchen (schmiegt lächelnd ihre Hand nach hinten an seine Wange): Schokoriegel! Damit hat alles seinen Anfang genommen.
Marc: Stimmt!

...griente Marc gegen ihre zarte kleine Hand, während er an seine allererste Begegnung mit einer verrückt gekleideten Mini-Madonna vor einundzwanzig Jahren auf einem Spielplatz in Mitte zurückdachte. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Ohne Frage. Ebenso wie der heutige Abend und der Tag der Entscheidung vor, in diesem Moment, exakt einem Jahr. Er schaute sich in der menschenleeren Krankenhauscafeteria um, zögerte nicht und griff spontan nach der Zartbittertafel aus dem Regal an der Kasse und schob diese dezent in die linke Tasche von Gretchens hässlichem Bademantel. Dann schupste er die verdutzte Schwangere auffordernd in Richtung Terrassentür.

Marc: Hopp, hopp, Häschen! Falls doch noch einer reinkommt und dich als falschen Hasen entlarvt.
Gretchen (kommt nicht umhin, zu lachen, auch wenn das schlechte Gewissen sie kitzelt u. sie sich immer wieder vergewissernd umschaut): Du bist so blöd. Du musst das bezahlen, Marc. Hast du nicht ein paar Münzen einstecken?
Marc: Negativ! Irgendwie finde ich es gerade ziemlich scharf, wie kriminell gut wir miteinander harmonieren.

Marc wackelte demonstrativ mit seinen beiden Augenbrauen, als sich Gretchen empört zu ihm umwandte. Aber irgendwie machte das Gefühl, jeden Moment erwischt werden zu können, auch etwas mit ihr und so ließ sie sich von ihrem persönlichen Robin Hood schließlich auf die Dachterrasse des Elisabethkrankenhauses entführen, die nur von einigen wenigen Solarlampen in Laternenform beleuchtet wurde. Am Terrassengeländer angekommen, ließ sie sich trotz nächster gewaltiger Wehe kichernd in Marcs Arme schmiegen. Und auch er genoss Gretchens aufregende Nähe sehr, küsste ihren Nacken und schmiegte seine Wange gegen ihre, während sich seine Hände tief in ihren Bademanteltaschen vergruben, dort einen Moment verweilten und dann ihre gemeinsame Beute wieder hervorzauberten, die sie natürlich wie damals auf der Spielplatzschaukel freundschaftlich miteinander teilten. Einen Augenblick lang kosteten die beiden die angenehme Stille der über Berlin hereinbrechenden Nacht aus und ließen die leckere Schokolade auf sich wirken. Ebenso wie die vermutlich letzten Momente nur zu zweit, wie vor allem Gretchen gerade einmal mehr wehmütig bewusst wurde.

Gretchen: Du? Marc?
Marc (hält die Augen geschlossen u. ist mit seinen Gedanken davon gedriftet): Hm?
Gretchen (schwelgt ebenso): Das hier ist schön.
Marc (nickt unmerklich u. festigt seine Umarmung): Mhm!
Gretchen (dreht leicht ihren Kopf nach hinten, um ihm besser ins Ohr flüstern zu können): Hättest du es dir so vorgestellt?
Marc (kann sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen, als er urplötzlich seine Funkelaugen wieder aufschlägt u. ihr direkt entgegenblickt): Was? Eine Geburt auf dem Dach? Also mit dir, Haasenzahn, muss man immer und überall mit allen Eventualitäten rechnen. Aber ich bin vorbereitet.
Gretchen (stupst dem Grinsekönig leicht in die Seite, bevor sie wieder ernst wird): Haha! Quatsch! Nein, ich meine, genau vor einem Jahr standen wir auch vor der größten Veränderung unseres Lebens.
Marc (auch wenn er genau weiß, was sie damit meint, guckt er erst einmal vergnügt an ihr herunter u. bleibt an einem entscheidenden Detail mit seinen gierigen Blicken kleben): Wie groß sie werden würde, hätte ich nicht...
Gretchen (folgt seinem Blick u. schiebt dem Provokateur empört ein bisschen von sich weg): Werd jetzt bitte nicht albern, Marc!
Marc (von einer Sekunde auf die andere ebenso ernst): Ich hätte mir nie im Traum vorstellen können, wie großartig es sein würde.
Gretchen (beginnt mit dem Neumond um die Wette zu strahlen, der gerade hinter den mächtigen Birken gegenüber hervorblinzelt): Echt?
Marc (stupst sie leicht mit seiner Nasenspitze an, während er ihr tief in die Augen blickt): Ich gebe zu, ich hatte meine Zweifel. Die hab ich manchmal immer noch. Aber dann guck ich dich an und alles ist plötzlich ganz leicht. Fast schwerelos. Wobei das mit der Schwere... äh... egal. Ich bereue keine Sekunde, außer die, die wir vorher unnütz verplempert haben, weil wir noch nicht mutig genug gewesen waren. Aber, ja, ich habe jeden einzelnen Moment dieser verrückten, einzigartigen, unvergesslichen 365 Tage, plus, minus zwanzig Jahre, geliebt und werde auch die nächsten über alles lieben.
Gretchen (hängt gebannt an seinem intensiven Blick): Versprochen?
Marc (zwinkert ihr vielsagend zu): Du weißt, ich bin nicht der Typ für große Versprechungen, aber ab und an mache ich mal eine Ausnahme.
Gretchen (himmelt ihren Herzprinzen unverhohlen an): Das ist mit Abstand der schönste Jahrestag, den wir je hatten.
Marc (ohne sich von ihren Strahleaugen zu lösen, beugt er sich schmunzelnd zu einem zärtlichen Kuss heran u. streichelt dabei liebevoll ihren Babybauch): Und er wird noch viel besser werden.

Und als hätte es jemand vorhergeahnt, gab es plötzlich einen lauten Knall in der Ferne und der Abendhimmel über Berlin wurde von unzähligen bunten Lichtern erleuchtet, die sich in dem angrenzenden See neben dem Elisabethkrankenhaus eindrucksvoll spiegelten und auch Gretchens staunende Augen noch heller erstrahlen ließen, die gebannt in den Himmel schauten. Selbst der sonst so grummelige Dr. Meier musste insgeheim zugeben, dass dieses Feuerwerk wie die Faust aufs Auge zu diesem besonderen Moment gepasst hatte.

Marc: Eins kann man dem Drecksack echt nachsagen, das mit dem Timing hat er scheißegut drauf. Liegt vermutlich an dem vielen Östrogen um ihn herum. Ein Wunder, dass er darin noch nicht ertrunken ist.
Gretchen (versteht nicht, worauf er hinaus will): Wie meinst du das?
Marc (stellt sich hinter sein Mädchen, hält es fest u. deutet mit dem Kopf zu dem bunten Feuerwerksspektakel am anderen Ende des Sees): Stier! Der Höhepunkt seines Angeberspektakels. BSDSD. Berlin sucht den Superdaddy. Ist eigentlich für die kleine Kröte am See gedacht, aber ich verbuche es mal so, dass ich das hier natürlich für genau jetzt genauso geplant habe. Ich hab ja auch geplant, dass wir Babys bekommen und schwups waren sie bereits in die Produktion übergegangen.
Gretchen (lacht u. genießt den Augenblick): Spinner! Aber trotzdem danke für den unvergesslichen Abend! Ich hätte nie gedacht, dass eine Geburt so romantisch werden könnte.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Du wieder! Man kann dich umbringen, kitzeln oder foppen, aber du träumst trotzdem noch davon, dass dich jemand abschleppt.
Gretchen (kann diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen): Du meinst, ich dich?
Marc (zieht ungläubig eine Augenbraue hoch): Bitte?
Gretchen (sieht ihrem Machomann tief in die Augen, die unwirsch über ihr Grinsegesicht huschen): Ich habe das heute Nachmittag übrigens ernst gemeint.
Marc (runzelt die Stirn, weil er für einen kurzen Moment auf dem Schlauch steht): Was?
Gretchen (folgt dem eindrucksvollen Feuerwerk u. lehnt sich flüsternd in Marcs starke Arme, die sie umschmiegen): Das, was ich gesagt habe. Dass ich dir heute Abend nah sein möchte.
Marc (lächelt verliebt u. lässt sich in die Wattewolke plumpsen, die ihre sanften Worte erzeugt haben): Sind wir uns doch auch.
Gretchen (lässt sich mit klopfendem Herzen in ihren Tagtraum fallen): Ein bisschen mehr.
Marc (schmiegt seine Lippen verheißungsvoll gegen ihre nackte Halspartie, die nicht von ihrem kunstvollen Fischgrätenzopf bedeckt ist, den er mit seinen Fingern umspielt): Gretchen Haase, du kleines Luder,...
Gretchen (windet sich aus seinem Klammeraffengriff u. grient ihn herausfordernd an): Weißt du, ich bin zwar im Mutterschutz, aber ich bin auch immer noch Ärztin und ich forsche gern.
Marc (lacht herzhaft auf, bis sein Zwerchfell schmerzt): Das hat man an deiner Doktorarbeit gesehen.
Gretchen (stupst ihn leicht mit der Schulter an): Haha! Ich wollte einfach mal wissen, was an der These dran ist, dass... du weißt schon ... Punkt... Punkt... Punkt... angeblich den Geburtsvorgang fördern soll.
Marc (seine Augen weiten sich tellergroß, während hinter ihm weitere bunte Feuerwerksraketen explodieren): Bitte? Du missbrauchst mich als Forschungsprojekt?
Gretchen (zwinkert dem perplexen Mann frech zu u. kann dann aber nicht mehr an sich halten): Quasi!
Marc (kommt der lachenden Frau gefährlich nahe): Du...

Sie kann es nicht lassen, mit dem Feuer zu spielen. Das finde ich jetzt aber so richtig scharf. Eigentlich unpassend, aber scharf!

Gretchen (kann nicht widerstehen u. küsst ihn einmal stürmisch, bevor sie ihren Fachvortrag weiter ausführt): Ja? Aber auch in diesem Fall folgt die Natur ihren eigenen Gesetzen. Und unsere beiden Schätze haben ihren ganz eigenen Kopf.
Marc (ist völlig fasziniert von seinem frechen Früchtchen): Getreu dem Motto, wir versauen euch auch noch die letzte Chance auf richtig viel Spaß. Damit ihr euch schon einmal für die nächsten achtzehn Jahre darauf einstellen könnt.
Gretchen (grient ihn an): Das ist wie mit den schlaflosen Nächten, Marc. Darauf stellt sich der Körper auch schon vor der Geburt ein. Ich kann davon ein Lied singen.
Marc (beginnt plötzlich hektisch in seiner Jackentasche zu kramen, weil ihm noch etwas zu heute Abend eingefallen ist): Na toll, ich wäre trotzdem gerne noch mal mit dir alleine gewesen. Gerade heute. Ich habe nämlich noch was...
Gretchen (blickt ihm gebannt in die Augen, muss dann aber plötzlich ihr Gesicht verziehen u. krallt sich krampfhaft an Marcs Ärmel fest): Apropos alleine sein, das hat sich wohl hiermit... Uuuuhhhh.... Aaaahhh... Errrleeedigt. Aaaahhh... Uuuuhhh...

Als die letzten bunten Feuerwerkslichter am Himmel erloschen waren und nur noch als düstere Rauchschwaden über den See waberten, zog es Dr. Haase plötzlich von einem Moment auf den anderen die Beine weg. Die nächste Wehe hatte es wirklich in sich und sie konnte sich nicht mehr halten. Marc konnte ihr gerade noch so unter die Arme greifen und sie auf diese Weise abstützen. Das kleine schwarze Kästchen, das er in seiner Hand gehalten hatte, wäre ihm dabei fast aus der Jackentasche gepurzelt. Doch dies war schnell vergessen, als er Gretchen alarmiert in die weit aufgerissenen Augen blickte...

Marc: Was ist?
Gretchen (stöhnt vor Schmerzen u. heftigen Krämpfen): Oooohhh... Uuuuhhhh... Es hört nicht mehr auf. Es zerreißt mich. Maaarc, ich glaube, jetzt ist es wirklich soweit.
Marc (für den Hauch einer Sekunde überfordert, dann schaltet er aber blitzschnell): Sicher?
Gretchen (klammert sich unter heftigen Schmerzen an seinem Arm fest): Jaaaahhhh...
Marc: Na, dann... ab! ... Hey? Freundchen?

Gretchens Handeln ließ keinen Zweifel übrig. Es war tatsächlich soweit. Dr. Meier schaltete sofort und winkte mit seiner freien Hand den Mann heran, der sich die ganze Zeit widerwillig dezent im Hintergrund gehalten hatte. Der Kaugummi kauende Pfleger hatte den Ernst der Lage noch nicht erkannt und trabte nur langsam mit dem Rollstuhl heran, den er mürrisch vor sich her schob. Er war immer noch stinksauer und eingeschnappt und seine vorlaute Klappe war mal wieder schneller als sein Denkapparat, als er seinen Vorgesetzten erst einmal direkt anranzte, was sich sonst eigentlich keiner im Krankenhaus getraut hätte. Aber in seinen Augen durfte er das. Schließlich musste er sich seit über zwanzig Jahren die Geschichten über ihn anhören. Da musste einem ja zwangsläufig irgendwann mal der Kragen platzen.

Jochen: Boah, Marc, war das echt nötig? Weißt du eigentlich, wie peinlich es ist, seiner Schwester die ganze Zeit bescheuert hinterher zu kutschieren und ihr beim Turteln zusehen zu müssen.
Marc (kontert schnippisch, während er seine Liebste vorsichtig in den Rollstuhl setzt, den er Jochen vorher aus den Händen gerissen hat): Du müsstest doch seit einundzwanzig Jahren nichts anderes gewohnt sein.
Gretchen (klammert sich unter Schmerzen an die Armstützen u. will die beiden Streithähne unter Wehen zur Räson bringen): Maaarc... Aaahhh... Jocheeen... Uuuhhh... Hört auf, euch zu streiten und bringt mich.... Uuuuhhhh.... Looos!
Marc (folgt ihrer Ansage sofort u. schiebt sich mit dem Rollstuhl an dem konsternierten Bald-Wieder-Studenten vorbei): Du hast sie gehört. Los! Mann, jetzt komm mal in die Gänge, Jo! Siehst du nicht, was los ist? Hopp! Mach den Weg frei, halt die Tür auf, ruf schon mal den Fahrstuhl und gib unten den anderen Bescheid!
Jochen (steht immer noch wie festgewurzelt auf der Dachterrasse u. guckt den beiden irritiert hinterher, wie sie ungeschickt an der Cafeteriatür hantieren, gegen die Gretchens Füße immer wieder ditschen, ohne dass sie sie im ersten Versuch aufbekommen): Was’n?
Marc (schaut seinem Schwager in spe vorfreudig erregt in die perplexen Augen, die sich plötzlich tellergroß erweitern, als er endlich rafft, was mit seiner Schwester ist): Die Babys kommen! Jetzt!
Jochen: Ich... werd... Onkel? Scheiße noch mal! Sagt das doch gleich.

...schlussfolgerte nun auch endlich der eingerostete Denkapparat von Jochen Haase. Ein Ruck ging durch seinen übermüdeten Körper. Er nahm die Beine in die Hand und spurtete direkt los. An dem Rollstuhlrenner vorbei, der kaum mit dem jungen Ha(a)sen mithalten konnte. Durch die menschenleere Cafeteria. Und über den Putzeimer der gerade eintretenden Reinigungsbrigade hinweg, mit dem Marc mit Gretchens Rollstuhl beinahe kollidiert wäre, wenn die beiden polnischen Putzfrauen nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätten und ihn noch rechtzeitig weggezogen hätten. Dann konnten sie nur noch ziemlich verdutzt hinterher schauen, wie die Türen der Cafeteria langsam zurückschwenkten und den Eimer nun doch noch umwarfen. - „Verruckt, diese deutsche Doktore“, schüttelten sie den Kopf und machten sich schließlich daran, das verschüttete Putzwasser zu beseitigen und anschließend den Speisesaal zu reinigen.

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

28.10.2017 08:59
#1608 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Fünf Minuten später hatten sie es endlich geschafft. Marc und Jochen hatten ihren gemeinsamen Lieblingsmenschen in Lichtgeschwindigkeit und unter staunender Beobachtung diverser belustigter Kollegen auf den Gängen des Elisabethkrankenhauses, die sie rennend mit ihrer kostbaren und nicht gerade unauffälligen Rollstuhlfracht passiert hatten, sicher in den Kreißsaal transportiert, wo die sich bis eben lautstark artikulierende und wild um sich zappelnde werdende Mama nun schweißgebadet ihr schmerzverzerrtes Gesicht an das gelb-weiß gestreifte Kopfkissen presste, während die beiden Herren der Schöpfung links und rechts von ihrem Bett, der eine Berlins begnadetster Chirurg und einstiger jüngster Oberarzt des Landes, der andere mit Mitte zwanzig noch in der studentischen Selbstfindungsphase, etwas verloren herumstanden und sich stumm ratlose Blicke schenkten, welche sich jedoch sofort in Luft auflösten, als ihr Kollege und Freund, Dr. Kaan, mit eiligen Schritten die gemütliche, nach Feng-Shui-Kriterien eingerichtete Räumlichkeit betrat und, wie es seinem herzensguten Charakter entsprach, direkt in alle Richtungen Zuversicht ausstrahlte. Behutsam legte er eine Hand auf Gretchens Finger, die sich tief in die Matratze gebohrt hatte, während die andere Marcs Arm leicht streifte, und blickte aufmunternd zwischen seinen beiden besten Freunden hin und her, die Mehdi mit erwartungsvoller Nervosität entgegenschauten.

Mehdi: Bereit?

Beeinträchtigt durch ihr reges Gefühlsdurcheinander und das Fehlen jeglicher Medikation konnte Gretchen nur erschöpft mit dem Kopf schütteln und ließ ihren unkontrolliert kullernden Tränen erst einmal freien Lauf, als sie kurz vergewissernd zu Marc hochblickte, der leicht apathisch neben ihrem Bett auf einem wackeligen Hocker saß und verkrampft ihre andere Hand hielt und unwirsch das hektische Gewusel in dem ekelhaft sonnengelb gestrichenen Raum beobachtete, welches von Mehdis Mitarbeitern vorangetrieben wurde, die direkt hinter ihm den Kreißsaal betreten hatten und nun zwischen den beiden angrenzenden Zimmern geschäftig hin- und herwanderten, was ihn schier verrückt machte. Theoretisch wusste er ganz genau, was hier gerade los war. Schließlich war er in erster Linie Mediziner und kannte die klinikinterne Hektik nicht anders. Aber es war dann doch eine ganz andere Situation, auf der anderen Seite stehen oder in diesem konkreten Fall sitzen zu müssen und nicht als leitender Oberarzt die alleinige Verantwortung und dementsprechend das Kommando und die Kontrolle innezuhalten. Denn totaler Kontrollverlust und Untätigkeit waren dem talentierten Allgemein- und Unfallchirurgen schon immer ein Graus gewesen.

Gretchen ging es in dieser Hinsicht auch nicht anders. Sie wusste ganz genau, was gleich passieren würde und was sie zu tun hatte. Trotzdem stand nicht nur ihr die Überforderung deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie war noch nicht bereit. Sie waren es beide nicht. Sie hätten doch noch vier Wochen Zeit gehabt, sich wirklich darauf vorzubereiten. Abläufe neu zu justieren. Zeitpläne zu perfektionieren. Und sich noch tiefer in die Materie einzulesen, die sie doch eigentlich schon in und auswendig kannten. Aber es war halt doch ein ganz anderes Gefühl, sich lediglich darauf einzustellen, als mittendrin zu sein. Am liebsten würde Gretchen jetzt mit Marc zurück auf die Dachterrasse flüchten, dort nach Sternschnuppen haschen und sich von diesen wünschen, dass sie sich das alles noch einmal überdenken könnten. Aber das ging nun leider nicht mehr. Sie waren jetzt hier. Es gab keinen Weg zurück, es sei den ihr kleiner Bruder rückte den Rollstuhl wieder heraus und hielt diesmal unauffälliger die Fluchtwege frei, und im Grunde wollten sie auch gar nicht mehr zurück. Sie hatten sich schon längst entschieden. Schließlich hatten sie diesen Moment monatelang herbeigesehnt. Und nun waren sie tatsächlich mittendrin in ihrem größten Abenteuer. Gleich würden sie Eltern werden und ihr Glück perfekt machen, das vor über zwanzig Jahren auf einem unscheinbaren Spielplatz mitten in Berlin zaghaft seinen Anfang und vor exakt einem Jahr endlich die letzten Hürden genommen hatte. Eltern! Ein Gedanke, der die hibbelig herumzappelnde und mit den widersprüchlichsten Gefühlen kämpfende Stationsärztin langsam wiederaufrichten ließ und ihr das Adrenalin zurück in die Adern pumpte. Ein bisschen Unwohlsein blieb aber dennoch bestehen. Nicht nur bei ihr. Das konnte Mehdi seinen beiden liebsten Freunden deutlich an den blassen Gesichtern ablesen und dagegen gab es nur ein Medikament.

Mehdi: Hey! Nicht so viel nachdenken, Gretchen! Ihr schafft das. Ihr habt schon so viel gemeinsam geschafft. Das schafft ihr auch noch. Und wir sind doch bei dir. Zusammen werden wir das Kind schon schaukeln, hm. Äh... die Kinder natürlich. Eure zwei Schätze.

Der erfahrene Frauenarzt wusste ganz genau, wie er mit seinen Freunden umzugehen hatte, die gerade dabei waren, zum allerersten Mal Eltern zu werden. Dazu kannte er sie viel zu gut. Natürlich waren sie völlig überwältigt von dem, was gleich passieren würde. Er kannte es doch auch nicht anders. Vor Lillys Geburt war er auch ein nervliches Frack gewesen und hatte alle verrückt gemacht, obwohl er es doch hätte besser wissen müssen. Schließlich hatte er nur Stunden zuvor als Bester seines Jahrgangs seinen Abschluss gemacht. Marcs und Gretchens Unsicherheit und Unerfahrenheit waren eine ganz natürliche Reaktion. Und deshalb war er doch auch hier an ihrer Seite. Nicht nur aus beruflichen Gründen. Er würde ihnen die letzten Ängste nehmen. Schließlich bestand dafür auch überhaupt kein Grund. Gretchen hatte eine problemslose Schwangerschaft hinter sich, Marc hatte sich bislang tapfer geschlagen und war ihr ein mehr oder weniger vorbildlicher Partner gewesen und die Kinder waren zwar etwas früh dran, was für Zwillinge nicht gerade untypisch war, aber lagen in einer idealen Position, wie ihm die vorsichtige Untersuchung von Gretchens Bauch bestätigt hatte, die er unter den angespannten Blicken der Anwesenden soeben behutsam durchgeführt hatte. Alle Voraussetzungen für eine perfekt verlaufende Geburt waren demnach gegeben. Jetzt mussten nur noch Dr. Haase und Dr. Meier mitmachen und davon überzeugt werden.

Und Mehdis Ruhe und Ausgeglichenheit strahlte nicht nur auf die beiden aus, auch wenn Marc kurz die Augen verdrehen musste angesichts von Mehdis üblichen Süßholzgeraspel. Sabine, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatte, nickte wie zur Bestätigung, während sie mit ihrer lieben Freundin Gretchen zwischen deren Wehen ermutigende Blicke austauschte. Und auch Jochen hüpfte nicht mehr ganz so hibbelig durch den Kreißsaal, der auf ihn einen Heidenrespekt ausstrahlte, und blockierte mit seiner ungeübten Anwesenheit die Abläufe seiner erfahrenen Kollegen. Richtig wohl hier fühlte sich der Haase-Sprössling aber dennoch nicht. Am liebsten würde er flüchten wollen und er hätte auch schon längst die Füße in die Hand genommen, wenn die Patientin da im Bett vor ihm, die ihn mit ihren großen blauen Augen fixiert hielt und zum Bleiben hypnotisierte, nicht seine eigene Schwester gewesen wäre. Nur dumpf kamen die Stimmen der anderen daher bei ihm an, während die unterschiedlichsten Gedanken sein Hirn durchwanderten, wie zum Beispiel, was er als erstes mit seinen Neffen oder Nichten anstellen würde, um seinen Schwager in spe zu ärgern.

Marc: Ist das der Standardspruch bei deinen Patienten?
Mehdi: Nur für die ganz besonderen, mein Lieber.

...zwinkerte Mehdi seinem Kumpel keck zu, der gerade einmal kurz durchgeschnauft hatte und nun die Hand wechselte, die Gretchens zarte Finger gehalten und wiederholt gestreichelt hatte, bevor diese ihre wahre Kraft gezeigt und für ihn schmerzhaft zugedrückt hatten, sodass er jetzt jeden einzelnen Handknochen nachhallen spürte, und tippte ihm leicht auf die Schulter. Dann bemerkte der gutgelaunte Gynäkologe jedoch, wie hinter ihm erneut die Schleuse geöffnet wurde und die Hebamme hereintrat, die er lediglich mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte, da sie sich heute nicht zum ersten Mal gesehen hatten. Und während Barbara Blume und Dr. Kaan sich kurz an der Tür besprachen, konnten Marc und Gretchen noch einmal kurz durchatmen, auch wenn die starken Wehen ihnen nicht wirklich viel Luft zum Verweilen ließen.

Marc: Ist wirklich alles gut? Brauchst du noch was?
Gretchen (versucht, sich in eine bequemere Position zu rücken, aber die gibt es leider nicht, wie sie schnell frustriert feststellt u. ihrem Freund zynisch entgegenwirft): Marc, was denkst du denn? Ich bekomme gerade unsere Babys. Zwei komplette Menschen wollen da aus mir heraus. Nichts ist gut. Also gut schon, ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen werde.
Marc (tätschelt nun mit beiden Händen ihre zarte, kleine, zittrige Hand u. beugt sich zu ihr herab, um ihr einen süßen Kuss darauf zu setzen): Du hast Schiss? Hey, wir haben es doch schon bis hierher geschafft. Den Endspurt schaffen wir auch noch.

Er hat gut reden. Er muss ja nicht hier liegen und schuften, wie noch nie zuvor jemand geschuftet hat. Also, von der männlichen Spezies her gesehen. Wir Frauen, wir können das ja. Weil wir schon immer das stärkere Geschlecht gewesen sind. Mit uns kann man es ja machen. Wir sind taff und stark und nicht so weinerlich wie Monsieur Schlaumeier hier, der schon beim geringsten Anzeichen eines Schnupfens denkt, er würde gleich sterben. Er hat doch keine Ahnung. Die Minirutsche, die unsere beiden Schätze gleich runter müssen, ist in mir drin. Keiner kann sich vorstellen, wie das ist und was da alles passieren kann. Natürlich hab ich Schiss. Alles andere wäre total unlogisch. Und mir hilft es echt nicht weiter, wenn du mich jetzt mit deinem Ich-bin-der-coole-Junge-vom-Schulhof-Blick anguckst. Der hilft mir gerade auch nicht viel weiter, obwohl er sonst eigentlich immer bei mir gewirkt hat. Ach menno, da hab ich schon mal als einer der wenigen Menschen weltweit gleichzeitig drei Gehirne in mir und kann trotzdem nicht klar denken. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Als man klein war, war die Geschichte mit dem Storch irgendwie pragmatischer und irgendwie auch eine ganz niedliche Vorstellung, auch wenn ich sie Mama und Papa damals bei Jochen nicht mehr geglaubt habe. Hallo? Da war ich sechs Jahre alt. Sechs! Und in sechs Jahren sind unsere Kleinen auch schon sechs und... Oh nein, ich will nicht, dass das alles so schnell geht. Die Schwangerschaft verlief auch schon so schnell und jetzt bin ich hier und weiß nicht... Ach, keine Ahnung. Ich komme gerade gar nicht mehr klar.

Gretchen (lässt sich seufzend wieder in ihr Kissen zurückfallen): Natürlich hab ich Angst, Marc. Eine Heidenangst sogar. Du nicht?
Marc (versucht, sie mit einem typischen Meier-Lächeln aufzumuntern, aber selbst bei ihm wirkt es diesmal nicht): Ehrlich? Ich scheiß mich gleich ein, so geht’s mir gerade.
Gretchen (abrupt aus ihren Gedanken gerissen, funkelt sie zu ihm hoch): Marc, nicht diese Vulgärausdrücke vor den Kindern.
Marc (jetzt muss er dann doch lachen u. guckt sich demonstrativ um): Noch sind sie nicht hier. Also, in Persona, meine ich. Ich sehe hier nur Jochen und ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, dass ausgerechnet dein kleiner Bruder heute mit seinem angeborenen Dilettantismus hier herumschleicht und große Augen macht, ohne wirklich eine Hilfe zu sein.

Diesen Spruch konnte derjenige, den es betraf, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und so meldete sich nun auch Jochen eingeschnappt wieder zu Wort. Auch auf die Gefahr hin, dass seine Meinung zumindest einen im Raum nicht sonderlich interessierte.

Jochen: Ey, ich kann dich hören.
Marc (grient meierlike zu dem jungen Pfleger rüber, der hier mehr als alle anderen Anwesenden fehl am Platz wirkt): Ach?
Jochen (merkt erst auf den zweiten Blick, dass er einer genervten Krankenschwester im Weg steht, die er schließlich mit wenig reumütigem Blick vorbeilässt, während er Marc mehr oder weniger selbstbewusst kontert): Ich kann helfen. Also, theoretisch. Denke ich. Wir hatten das Thema schon im Grundstudium und du weißt ganz genau, dass ich, bevor in einem Monat das Semester wieder startet, noch ein paar Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln will, auf das ich mich später spezialisieren möchte. Ich weiß, du bist skeptisch, das kann ich verstehen, aber ich meine das wirklich ernst. Ich zieh das durch, egal was Papa und du davon haltet. Und ich kann nun mal nichts dafür, dass ich heute hier eingeteilt bin und dass ausgerechnet ihr heute hier mit großem Tamtam aufschlagt. Ich könnte mir für heute Abend auch was Besseres vorstellen.
Marc (lässt diese Pointe nicht ungenutzt u. genießt es richtig, den Möchtergern-Bald-Wieder-Studenten auflaufen zu lassen, der genauso haasetypisch reagiert, wie er es von den Familienmitgliedern gewohnt ist): Gibt es überhaupt etwas Besseres als die Geburt der Kinder deiner Schwester?
Jochen (verschränkt augenrollend die Arme, weil Marc ihn damit volle Breitseite erwischt hat): Touché! Aber das bedeutet nicht, dass ich du mich hier trotzdem die ganze Zeit vorführen kannst. Ich bin nicht dein PJler. Noch nicht. Und du hast mir hier eh überhaupt nichts zu sagen, solange du kein Arztschild am Kittel trägst.

Ich dachte, das Schlaumeiergen hätte nur ein Häschen geerbt. Tja, hab ich mich wohl getäuscht. Aber deine große Klappe wird dir noch zum Verhängnis werden, Jo, falls du jemals auch nur eine einzige Prüfung schaffst und dann doch irgendwann im Kittel wieder vor mir stehst. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering. Eher landet mein Spezi Kaan auf der Kandidatenliste für den Medizinnobelpreis.

Marc (lässt diesen durchaus berechtigten Konter gekonnt an sich abprallen u. sonnt sich in seinem Licht oder wohl eher im Schein der Neonleuchtröhren an der Decke): Das werden wir ja noch sehen. Ich stehe in jeglicher Hinsicht über dir. Selbst wenn ich gerade nicht im Dienst bin.
Gretchen (versucht, zu protestieren, wird aber von der nächsten Wehe davon abgehalten, Marc u. Jochen die Löffel lang zu ziehen): Maaa... Jooo... Auf... Uuuuhhh... Aaahhh... Huuuuuu...
Marc (löst sich abrupt von Jochens Schmollgesicht, das plötzlich auch ganz blass wird, u. beugt sich besorgt zu seiner Freundin herunter): Neue Wehe?
Gretchen (schiebt seine Hand überfordert weg, die ihre versucht zu halten, u. kippt ihren ganzen Frust über ihm ab): Nein, ich schreiiie hier nur so rum, weil es miiir Spaaaaß maaacht. Was sonst? Ihr doch auuuu... Uuuuuu...aaahhh...
Marc (lässt sich von der süßen Zimtzicke nicht davon abhalten, sie bestmöglich zu unterstützen, u. tupft ungeschickt mit einem Papiertuch über ihre schweißnasse Stirn): Sieht man.
Gretchen (ist einerseits genervt, andererseits gerührt von seiner Fürsorge u. Hartnäckigkeit): Marc, bring mich bitte nicht zum Lachen! Dann muss ich Pipi und das alles hier ist mir schon unangenehm genug.
Marc (schmeißt das Papiertuch achtlos in irgendeine Ecke u. guckt seiner Herzprinzessin liebevoll in die Augen, die ihn wieder sanftmütiger anstrahlen): Okay, ich bemühe mich, ernst zu bleiben, auch wenn es schwerfällt, wenn man das hässliche Hippiekostüm deiner Hebamme die ganze Zeit vor Augen hat. Findest du, dass das da eine ansprechende Arbeitsbekleidung ist? Also, ich nicht. Bei mir würde so was nicht durchgehen.

Die Zwerge kriegen doch den Schreck ihres Lebens, wenn sie zuallererst diese Ökovogelscheuche sehen, wenn sie auf die Welt kommen. Die kriechen doch freiwillig wieder zurück und wir bekommen sie gar nicht mehr zu Gesicht. Also, ich würde es so machen und da ich weiß, dass die beiden eh nach mir kommen, ist ja wohl klar, was passieren wird.

Gretchen (muss auch schmunzeln, als sie kurz zu ihrer Vertrauten rüberblickt, aber als sie merkt, was sie da gerade macht, guckt sie Marc wieder extra ernst an): Marc, bitte reiß dich zusammen! Das ist ihre... ich weiß nicht... Individualität, die Frau Blume damit zum Ausdruck bringt, glaub ich. Das hast du doch im Kurs auch erlebt und schon reichlich kommentiert. Ich mag Menschen wie sie. Die so sind, wie sie eben sind. Ich vertrau ihr. Und ich bin diejenige, die hier gleich mit ihr arbeiten muss. Du nicht. Du bist nicht im Dienst und du wirst dich hier auch nicht als Oberarzt aufspielen, so sehr es dir vielleicht in den Fingern kribbelt. Also, bitte, halt dich zurück!
Marc (verdreht theatralisch die Augen u. bemüht sich, während er ihr liebevoll über den Babybauch streichelt): Ich hab vieles erlebt, das ich längst wieder verdrängt habe. Aber ob das mit dem ziegelroten Leinensack auch funktioniert, den die da anstatt eines OP-Kasacks anhat? Ich weiß nicht. Ich hoffe nur nicht, dass ihr Aufzug irgendwas zu bedeuten hat. Ihr habt nicht noch was ausgemacht, als du neulich noch mal alleine bei ihr im Kurs warst? Dass du zum Beispiel in Seilen von der Decke baumelst, während sie irgendeinen Was-weiß-ich-Fruchtbarkeits-Chakra-Wie-auch-immer-Tanz zusammentrommelt, oder so? Falls doch, bleiben unsere beiden Süßen sicherlich freiwillig da drin.
Gretchen (macht extragroße Augen, als sie zu ihm hochblickt): Wie kommst du denn auf den Unsinn?

Siehste, Mehdi, selbst Haasenzahn hält dein Jobprofil für Unsinn. Hähä! Oh Gott, ich glaube, mir wird gleich schlecht. Ich drehe hier noch durch. Meier, durchhalten! Hier wird nicht gekniffen! Wenn selbst Jo das aushalten kann, dann du ja wohl erst recht. Behalte deinen Humor! Humor hält dich aufrecht.

Marc (gerät kurz durcheinander, als er ihren fragenden Blick bemerkt): Äh... Vergiss es! Altes... Trauma. Ich hab viel zu oft hier auf Mehdis Station rumgehangen und hab Dinge gesehen, die niemand sehen sollte, wenn er überlegt, irgendwann in einem fernen, anderen Leben ernsthaft Kinder in die Welt zu setzen. Glaub mir!
Gretchen (streckt spontan ihren Arm aus u. tastet nach seiner Wange, die sie anschließend liebevoll tätschelt, während sie ihn verliebt anhimmelt): Mein Held! Du schlägst dich wacker.
Marc (legt lächelnd seine Hand über ihre mit der Infusionskanüle u. blickt seiner tapferen Prinzessin noch einmal tief in die Augen): Bitte? Wer ist hier der wahre Held, hm? Du kämpfst hier unter unvorstellbaren Krämpfen, während andere an dir herumzerren und -ziehen. Wobei, wäre mal schön, wenn sie endlich damit anfangen würden. Das Rumsitzen hält doch keiner aus, ey.
Gretchen (verliert sich in seinen tiefgründigen Augen, bis die nächste Schmerzattacke sie von ihm wegreißt): Mhm... Danke, dass du daaaa... Aaaahhh... Uuuuhhhh... bist.
Marc (bleibt wie festgetackert auf seinem Hocker sitzen u. umklammert ihre Hand, die seine ziemlich fest drückt): Geht’s?
Gretchen (schüttelt unter Tränen den Kopf u. drückt selbigen wieder in ihr Kissen): Es... muss... gehen. Ich weiß nur nicht, wie. Mein Rücken bringt mich noch um.
Marc (schiebt sanft seine freie Hand unter ihren Rücken u. punktiert massierend die Stelle, auf die Gretchen gedeutet hat): Besser?
Gretchen (weint kopfschüttelnd u. versucht trotzdem zu entspannen): Naja, für den Moment. Ich weiß nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Außer... Uuuuhhh... Bleibst du bei mir?
Marc (lächelt sie aufmunternd an u. lässt seinen ganzen Charme spielen, der diesmal nicht so souverän wirkt wie sonst): Ich weiche keinen Zentimeter von deiner Seite. Versprochen! Geht auch gar nicht anders. Du zerquetscht mir nämlich gerade mein Hauptoperationswerkzeug. Könnten wir vielleicht die Hand noch mal wechseln? Die Linke ist nicht die Dominante.
Gretchen (fährt ihn urplötzlich ungewohnt aufbrausend an u. drückt extra noch fester zu): Marc, du hast mir versprochen, dass du für mich da bist. Die ganze Zeit. Du hast mir das hier eingebrockt. Dann stehe auch dazu und sei nicht so zimperlich. Falls sie kaputtgeht, bin ich ja auch noch da. Dann operiere ich eben für dich in Zukunft weiter.
Marc (fühlt sich ziemlich überrumpelt u. überfahren): Ääähhh...

Marc wusste ehrlich nicht, was er auf die Haassche Retourkutsche erwidern sollte, die urplötzlich von einer Sekunde auf die nächste über ihn hereingebrochen war und überhaupt nicht Gretchens sonst so sanftmütigem Gemüt entsprach, aber wiederum für allgemeine Erheiterung der im Kreißsaal Anwesenden gesorgt hatte. Allen voran bei Jochen, der sich grinsend an die Schulter von Schwester Sabine gelehnt hatte, die vor lauter Anspannung wie Espenlaub zitterte, ihre verehrte Frau Doktor keine Sekunde aus den Augen ließ und abgetaucht in ihre ganz eigene Welt von den Gesprächsfetzen der anderen gar nichts mitbekommen hatte. Mehdi und die Hebamme waren dafür aber umso aufmerksamer, die sich nun in schmunzelnder Eintracht vor dem Bett ihrer gemeinsamen Patientin aufbauten, die gerade von der nächsten Wehe geplagt wurde, welche sie unruhig hin und herrutschen ließ.

Mehdi (zwinkert seinem perplexen Kumpel mitfühlend zu): Tja, mein Lieber, so schnell kann sich der Wind drehen.
Marc (funkelt eingeschnappt zurück, während er sich seine schmerzhaft puckernde Hand reibt, die er endlich zurückerobert hat): Zumindest nicht in deine Richtung. Witzig bist du immer noch nicht.
Gretchen (wird immer zickiger u. ungehaltener): Marc, jetzt lass endlich die kindische Zickerei mit Mehdi und konzentrier diii.... Auuuu...aaahhh... Und halt jetzt verdammt noch mal meine Hand! Das bist du mir schuldig, nachdem du mich jahrelang geärgert hast.
Marc (klappt ehrfürchtig die Kinnlade herunter, aber es kommt nur heiße Luft aus seinem Mund): Äh...
Was... genau... war... das denn... eben? Der Exorzist lässt grüßen oder haben ihre Hormone jetzt süß und sauer vertauscht, oder was? Scheiße, ich bin echt am Arsch.
Barbara (schaut ruhig u. besonnen von einer Person zur anderen): Dr. Meier, wenn ich Ihnen noch einen Tipp geben kann, den Sie nicht sofort ignorieren wie all die anderen Hinweise, die ich in meinem Kurs gegeben habe, dann dass Sie niemals einer Frau widersprechen sollten, die gerade ihre gemeinsamen Kinder austrägt.
Jochen: Joa, wenn das nicht mal gesessen hat. Hähä!

...konnte sich auch Gretchens Bruder einen kleinen spöttischen Schlaumeierkommentar nicht verkneifen, als er sich an dem perplexen Gesicht seines Schwagers in spe ergötzen durfte, der ihm und der Hebamme, die sich Jochen nun mit einem seltsamen Gesichtsausdruck zugewandt hatte, dafür einen finsteren Ameisenblick schenkte, ehe er sich eingeschnappt wieder der Aufgabe widmete, für die er hier eingeteilt war. Nämlich Händchen und vor allem die Klappe zu halten.

Barbara: So, ihr Lieben, eventuell sollte auch noch hervorgehoben werden, dass jetzt alle, die nichts mit den beiden Säuglingen in Gretchens Bauch zu tun haben, die wir hier jetzt gleich gebührend in unserem schönen Berlin begrüßen werden, dieses Zimmer unverzüglich verlassen werden. Gretchen braucht jetzt alles, vor allem Ruhe, Verständnis und Konzentration auf die große Aufgabe, die ihr gleich bevorsteht.
Jochen (fühlt sich angesprochen u. nuschelt kleinlaut in seinen nicht vorhandenen Dreitagebart): Äh... Ich... bin... der Bruder. Also... der Onkel. Der Pflege...helfer von der Kinderstation. Ich... ich soll doch...
Barbara (schaut über den Rand ihrer altmodischen Brille, deren Bügel mit einem feuerroten Band verbunden sind, zu dem stotternden jungen Mann rüber): So viele Bezeichnungen in Personalunion. Beeindruckend! Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, was es mit Ihnen macht, Pfleger Haase, wenn Sie Ihrer liebreizenden Schwester jetzt in dieser aufreibenden Situation beiwohnen werden, hm? Die Dinge, die Sie heute zu sehen bekommen werden, könnten eventuell ihr Verhältnis nachhaltig beeinflussen. Ihr Lerneifer in allen Ehren, eigentlich mag ich ja hochmotivierte Studenten, aber vielleicht sollten Sie noch einmal darüber nachdenken, junger Mann, wo Ihr Platz wirklich ist.
Jochen (guckt nun ziemlich verdutzt aus der Wäsche): Ääähhh...?
Marc (jetzt platzt ihm dann doch endgültig der Kragen): Boah, raffst du’s immer noch nicht? RAUS, aber zz, ziemlich zügig, Jo! Du hast hier verdammt noch mal nichts zu suchen und das gilt, meiner Meinung nach, nicht nur für die Gyn.
Jochen (fasst sich an sein wild pochendes Herz, schielt kurz rüber zu Sabine, die unschlüssig ist, was sie als nächstes tun soll, u. tritt den Rückwärtsgang an): Gott sei Dank!
Gretchen (müht sich ein schwaches Lächeln ab, als ihr Bruder Hände winkend im Nebenzimmer verschwindet, dessen Tür nur angelehnt ist): Danke, Jochen! Aber bleibst du trotzdem in der Nähe? Bitte!
Jochen (schielt mit zusammengekniffenen Augen durch den Türspalt): Ich bin nebenan beim Kinderarzt. Wir... wir warten, bis es... Bis ihr, du weißt schon.
Mehdi (lächelt): Alles gut, Jochen. Eure Aufgabe fängt dann an, wenn die beiden Wundersterne da sind. Keine Sorge, wir passen gut auf deine Schwester auf. Marc ist der beste Wachhund, den es gibt.
Marc (funkelt seinen Kumpel für den frechen Spruch finster an): Ey!

Mehdi lachte nur, tippte seinem finster dreinblickenden Freund lässig auf die Schulter und nahm dann zusammen mit der Hebamme am Bettende Stellung ein. Schwester Sabine stand derweil noch immer wie bestellt und nicht abgeholt hinter den beiden an der Tür zum Nebenzimmer, guckte schüchtern in die Runde und beschloss schließlich, dem jungen Pfleger ebenfalls nach draußen zu folgen. Die Ansage von Barbara galt doch auch für sie. Oder?

Sabine: Ich... ich geh dann auch mal...
Gretchen (richtet sich angestrengt auf u. stützt sich mit ihren Unterarmen im Bett ab): Bine?
Sabine (bleibt aufgeregt mitten in der Schleuse stehen): Ja, Frau Doktor?
Gretchen (tauscht telepathische Gedanken mit ihrer besten Freundin aus): Kannst du bitte bleiben?
Sabine (weitet ungläubig ihre Augen): Ehrlich?
Marc (guckt etwas unwirsch auf seine Freundin herab): Äh... Was wird das, Haasenzahn? Bist du sicher?
Gretchen (krampft sich mit den Fingern in die Matratze u. atmet schwer): Jaaa... Aaaahhh... Uuuuhhhh... Ich... ich fühle mich sicherer, wenn sie da ist.
Marc (traut seinen Ohren kaum u. schaut unbeholfen zu der hibbelig auf der Stelle wippenden Krankenschwester): Äh... Du weißt schon, dass das Sabine ist. Nicht gerade die hellste Kerze auf dem Leuchter. Inwiefern soll sie dir behilflich sein, wenn sie’s sonst auch nur sehr, sehr selten bis gar nicht ist?
Gretchen (schließt die Augen u. atmet angestrengt die Wehe weg): Indem... sie... da... ist.
Marc (versteht nur Bahnhof): Ah ja?

Muss ich das verstehen? Nope! Hormonell bedingte Ausfälle sind hier ja wohl die Regel. Einfach ignorieren. Das machst du doch mit der Stasi-Sabsi eh schon, seitdem sie hier im EKH für nichts zu gebrauchen ist, außer die Buchauflage meiner Mutter über dem Durchschnitt zu halten, was eigentlich niemandem dient, außer Mutters Ego. Apropos, scheiße! Ich hätte anrufen sollen.

Sabine (lächelt u. kommt einen Schritt näher auf das Bett zu): Das mache ich doch gerne, Frau Doktor.
Marc (tauscht verwunderte Blicke mit Mehdi, der gerade mit der Hebamme am Fußende von Gretchens Klinikbett die Köpfe zusammenstecken will): Okay? Wenn du meinst?
Gretchen (öffnet die Augen wieder u. lächelt schwach von einem zum anderen): Ja, meine ich. Es beruhigt mich, wenn ich sie anschauen kann.
Barbara (nickt verständnisvoll in Gretchens Richtung): Wunderbar! Ein Fixpunkt, auf den du dich während des Pressens konzentrieren kannst, Gretchen.
Marc (reagiert etwas perplex, als er Gretchen fragend in die Augen schaut): Ich dachte, ich wäre das?
Gretchen (seufzt erschöpft): Marc!
Mehdi (grinst in Marcs Richtung): Enttäuscht?
Marc (mittlerweile tierisch genervt von allem und jedem): Ach, halt doch die Klappe und konzentriere dich endlich auf den Job, für den du mittelmäßig bezahlt wirst! Der Kindergarten hier ist echt nervig.

Dr. Kaan überhörte den gereizten Unterton seines Kumpels wohlwissendlich, denn er war schon ganz andere Kaliber von ihm gewohnt. Dass Marcs Nervenkostüm zu flattern begann, war schließlich nur allzu verständlich so kurz vor der Geburt seiner Zwillinge. Er schmunzelte nur und tauschte vielsagende Blicke mit Gretchen aus, die Mehdi müde zunickte, weil sie gerade das gleiche gedacht hatte.

Mehdi: Wenn du meinst? Aber ich finde, wir sollten die Kitaliste jetzt erst einmal ein bisschen füllen, bevor wir überhaupt mit diesem Thema anfangen, hm.
Barbara (klatscht tatkräftig in die Hände u. schiebt sich vor Gretchens Bett einen Hocker zu Recht, auf dem sie nun Platz nimmt): Ein Mann, ein Wort. So gefällt mir das. Bereit, Gretchen?
Gretchen (schaut unsicher von Barbara zu Marc u. dann zu Mehdi, der bestätigend mit dem Kopf nickt u. auf der anderen Seite von ihr Platz nimmt): Ich... Ich weiß nicht. Können wir nicht noch... Ich meine...
Mehdi (guckt seiner verunsicherten Freundin liebevoll in die unruhig umherhuschenden Augen u. greift kurz nach ihrer Hand, um diese sanft zu drücken): Schon gut, Gretchen, das Gefühlsdurcheinander gehört mit dazu. Aber ich weiß, dass du bereit bist. Wir haben doch alles besprochen. Der Muttermund ist jetzt vollständig geöffnet. Die beiden wollen endlich ihre Mama kennenlernen. Lassen wir sie doch, hm? Du bist doch auch gespannt.
Marc (schiebt den Frauenflüsterer grob etwas zur Seite, um sich jetzt selber an Gretchens Hand zu klammern, damit er nicht droht, jeden Moment vor lauter Anspannung umzukippen): Oh Gott!

Es geht los! Ich glaub, ich pack das nicht. Wie können die alle nur so ruhig bleiben, eh? Ich krieg hier gleich einen Herzkasper. Und der beste Chirurg, der das wiederhinkriegt, bin ich selber.

Mehdi (sucht Marcs Blick, um ihn zu beruhigen, aber wird stoisch von diesem ignoriert, weil er gerade sehr mit sich selbst beschäftigt ist): Alles gut mit dir, Marc?
Barbara (schaut ihre Patientin von unten herauf eindringlich an): Gretchen, ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst. Bei der nächsten Wehe möchte ich, dass du mitpresst. Schaffst du das?
Gretchen (schluckt u. klammert sich ängstlich an Marcs Arm, den sie wie in einem Schraubstock zusammenpresst): Mhm, ich denke... schon. Sie... sie kommt... gleich. Ich spür schon...
Mehdi (unterstützt seine beste Freundin, wo er nur kann, während er immer wieder aufmunternd auch seinen besten Freund in Augenschein nimmt, den es mittlerweile komplett vor Anspannung die Sprache geraubt hat): Keine Panik, Gretchen! Dein Körper ist darauf vorbereitet. Alles ist gut. Wir sind bei dir. Konzentriere dich auf deine Atmung und wenn es soweit ist, dann presst du, so doll du kannst. Das Köpfchen ist schon im Geburtskanal. Es verläuft alles ganz ideal. Du bist eine Kandidatin fürs Lehrbuch. Und du? Marc, bereit?
Gretchen (nickt Mehdi zu u. blickt dann ebenfalls irritiert zu Marc hoch, der ganz verloren im Zimmer herumschaut u. sich nicht rührt): Marc, bist du da?
Marc (wacht noch rechtzeitig aus seiner Schockstarre auf u. konzentriert sich endlich auf seine Freundin u. seine Aufgabe in diesem Abenteuer): Ich... ich bin da. Du... Wir... Wir kriegen das hin.
Kriegen wir doch, oder? Oh Gott, ich würde am liebsten vorspulen, damit ich nicht hören muss, wie sie... Hilfe!
Barbara: Jetzt, Gretchen! Und pressen!
Gretchen: Aaaaaaahhh.....

Gretchen hatte sich vollkommen auf die beruhigende Stimme ihrer Hebamme konzentriert, während sie einer mitfiebernden und still anfeuernden Sabine in die feucht schimmernden Augen blickte und Marcs Starchirurgenhand regelrecht zerdrückte, in welcher er bald kaum noch Gefühl hatte, was ihn schließlich ebenfalls antrieb, mit seiner Freundin im Takt mitzuschreien, bis der erste Versuch nach wenigen Sekunden vorbei war, der Gretchen jedoch völlig erschöpft hatte. Wimmernd lag sie jetzt im Bett, hielt immer noch Marcs Arm fest umschlungen und hörte nur gedämpft Mehdis sanfte Stimme im Ohr, die sie aufforderte, weiterzumachen.

Mehdi: Und gleich noch mal, Gretchen!
Barbara (lächelt sie ermutigend an): Wir haben’s gleich geschafft, meine Liebe.
Marc (kann kaum zuhören, geschweige denn zusehen): Verdammt ey, ihr seht doch, wie fertig sie ist. Ihr hätte ihr... und vor allem mir... doch was geben sollen.
Gretchen (bäumt sich mit letzter Kraft wieder auf, als sie Marcs Blick sucht): Nein! Ich... schaff... das. Irgendwie.
Mehdi (blickt Marc ebenfalls in die skeptisch nervös hin- und herflackernden Augen): Dafür ist es mittlerweile zu spät, Marc. Die Geburt ist im vollen Gange.
Marc: Es ist nie zu spät, um...

...wollte Dr. Meier noch weiter protestierend ausführen, aber wurde im nächsten Moment abrupt davon abgehalten, als die rothaarige Hippiehebamme erneut die eigentlich ihm zustehende Teamcoachrolle einnahm und Gretchen so lautstark anfeuerte, dass es regelrecht in seinen Ohren nachschallte.

Barbara: Und LOOOS, Gretchen! PRESSEN! Jetzt!
Gretchen (schreit den ganzen Raum zusammen): Aaaaaaaahhh....
Marc: Aaaaaaaahhh...

...schrie Marc spontan im Gleichklang mit der blonden Sirene mit, weil nun auch seine zweite wertvolle Chirurgenhand arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, die Gretchen während ihres Kampfes unbedacht an sich gerissen hatte. Nicht nur ihr stand mittlerweile der Schweiß im glutrot leuchtenden Gesicht, das von Schwester Sabine immer wieder sanft mit einem Tuch abgetupft wurde, die auch kaum ertragen konnte, wie sehr die Geburt ihre beste und einzige Freundin mitnahm. Aber Dr. Kaan und die Hebamme kannten kein Erbarmen.

Mehdi: Und noch mal, Gretchen!
Gretchen (ringt nach Sauerstoff u. ist förmlich gelähmt vor Schmerz): Ich... kann... nicht.
Barbara (streicht ihr beruhigend über den Unterschenkel, während sie ihr ermutigend in den feucht schimmernden Augen blickt): Doch, du kannst. Du hast so viel Kraft in dir, Liebes. Lass sie los!
Marc (mit den Nerven fast am Ende kann er seine große Klappe nicht halten): Ey, das tut sie doch, Mann. Ich spür schon meine Finger nicht mehr. Dass du zupacken kannst, Haasenzahn, wusste ich ja, aber so. Damit wärst du in der Orthopädie richtig gut aufgehoben. Als Knochenbrecherin.

...witzelte Marc, während er angestrengt versuchte, seine schmerzverursachten Tränen zurückzuhalten und seine pochende Hand zurückzuerobern, aber weder Mehdi, noch die Hebamme und Sabine und schon gar nicht Gretchen waren zu Scherzen aufgelegt, was der vorlaute Sprücheklopfer gleich noch schmerzhaft zu spüren bekommen sollte, als sich seine physisch wie psychisch erschöpfte Freundin von der letzten starken Wehe erholte und tief Luft holte, um nun wiederum ordentlich Luft wiederabzulassen.

Gretchen: Marc Meier, wenn du noch einmal versuchst, mich zum Lachen zu bringen, dann schmeiß ich dich eigenhändig zur Tür hinaus. Damit du mal siehst, was für Kräfte wirklich in mir stecken.
Marc (starrt seiner Prinzessin sprachlos in die wütend glitzernden Augen): Haasenzahn?
Mehdi (kann sich ein kleines verstecktes Schmunzeln nicht verkneifen): Ich glaube, die Entschuldigung steckt noch in seinem Hals fest. Aber das sind wir ja gewohnt.
Marc (fährt mit hochrotem Kopf zu dem frechen Kerl herum u. schenkt ihm direkt eine Lightversion seines Ameisenblickes): Ey!
Barbara (guckt leicht verunsichert zu ihrem Kollegen): Sicher?
Mehdi (klärt sie prompt auf): Das ist der Normalzustand zwischen den beiden, uns dreien, also, überwiegend.
Sabine (nickt zur Bestätigung): Ja, das kann ich bestätigen.
Gretchen (wendet protestierend ihr Gesicht zur anderen Seite, woraufhin Sabine vor Schreck ihr Papiertuch fallen lässt): Sabine!

Und während die leicht irritierte Hebamme noch skeptisch ihre Nase rümpfte und dabei ihre verrutschte Brille zurechtrückte und Dr. Kaan den Verlauf der Geburt checkte, fing ihre gemeinsame Patientin plötzlich wie aus dem Nichts leise an zu wimmern, was vor allem ihre beste Freundin bekümmerte, die ihr tröstend über die Wange strich. Und auch Marc verstand die Welt nicht mehr, als sich Gretchen plötzlich zu ihm hoch lehnte, ihren übergriffigen Händedruck lockerte und in ein zartes Streicheln wandelte, während sie unter Tränen versuchte, ihn zu küssen.

Gretchen: Tut mir leid.
Marc (fühlt sich von Gretchens abrupten Stimmungsumschwung vollkommen überfahren): Äh... was... genau... jetzt?
Gretchen: Ich wollte dich nicht anschreien. Ich war nur... Ich hab dich doch so lieb.
Marc: Ach, Haasenzahn,...

...seufzte der überforderte Chirurg nur und setzte sich spontan auf die Bettkante, um seiner Süßen so nah wie nur möglich zu kommen, damit das mit dem Küssen auch richtig funktionierte. Sehr zur Verwunderung der verdutzten Hebamme, die mit großen Augen zu Dr. Kaan rüberschaute, der lächelnd das verliebt schmusende Paar betrachtete und dann Sabine zuzwinkerte, die prompt errötete.

Mehdi: Sehen Sie, ich habe es Ihnen doch gesagt, Fräulein Blume. Das ist der Normalzustand zwischen den beiden. Kein Grund zur Beunruhigung.
Barbara (seufzt kopfschüttelnd u. konzentriert sich schnell wieder auf ihre Aufgabe): Dies hier ist aber keine normale Situation, Herr Doktor. Bei aller Liebe, aber können wir uns bitte endlich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich das Glück der beiden noch potentiell zu steigern oder in diesem konkreten Fall zu doppeln. Mir scheint nämlich, da drängelt ein kleiner Jemand.
Mehdi (nickt wissend u. stellt sich seiner Kollegin zur Seite): Das liegt nicht an mir. Marc? Gretchen?
Marc (rückt brav zurück auf seinen Platz u. schnappt sich Gretchens Patschehändchen, das er erst zärtlich küsst u. nun extra fest hält): Schon dabei. Lass uns endlich die Kinder schaukeln, hm, Haasenzahn!
Gretchen (schmachtet ihren Schatz noch einmal schwerverliebt an, holt noch einmal tief Luft u. nickt ihren beiden Helfern schließlich zu): Ich bin bereit. Mehr als das. Lass uns zwei Babys bekommen, Marc!
Yeah! Definitiv die beste Idee ever.
Barbara (lächelt zufrieden u. sucht nun intensiv Gretchens Blick): Gut! Dann möchte ich jetzt, dass du mit der nächsten Wehe all die Energie zusammennimmst, die du sonst immer gegen deinen Schatz verwendest, um zu pressen. Wird das funktionieren? Gut! Dann... Los! Pressen, Gretchen! Und erst damit aufhören, wenn ich es sage.

Und mit einem verliebten Blick auf Marc gerichtet, der seiner hinreißenden Herzprinzessin ebenso erwartungsvoll und voller Liebe entgegengrinste, tat die junge Ärztin genau das, was ihr ungeniert befohlen worden war. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schloss die Augen. Und nach zehn Sekunden Schreien, Beben, Zittern und anschließendem Luftanhalten war es tatsächlich vollbracht. Marcs Starchirurgenhände mussten nicht wegen möglicher Frakturen geröntgt werden. Nein, viel, viel besser. Baby Nummer eins wurde sicher unter den staunenden Augen des überglücklichen Elternpaares und einer völlig hingerissenen Schwester Sabine in den Armen ihres besten Freundes begrüßt, der selten zuvor in seinem Job so emotional auf einen neuen Erdenmenschen reagiert hatte wie in diesem bewegenden Moment, der für die Ewigkeit gemacht worden war. Wenn nicht plötzlich lautes und sehr kraftvolles Babygeschrei den Raum erfüllt hätte und alle im Zeitlupenmodus befindlichen Personen wieder von Wolke sieben zurück auf den Boden eines Berliner Kreißsaales geschupst hätte...

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

12.11.2017 14:01
#1609 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

https://www.youtube.com/watch?v=mQvIbkFaq18


„Ist sie endlich da? Eure Nummer eins. Kann ich endlich gucken kommen? Oder muss ich mir doch noch Ohrenschützer besorgen?“, scherzte hinter den Kulissen ein äußerst hibbeliger Pflegehelfer, um sich irgendwie von der nervigen Warterei abzulenken, die ihn langsam wahnsinnig zu machen drohte. So wahnsinnig, dass er sich gerade selber vor den Augen des verdutzen Kinderarztes und den anwesenden Kinderkrankenschwestern eine Kopfnuss gegeben hatte. Denn er ärgerte sich im Nachhinein über seine gewählten Worte, welche vermutlich für andere Ohren selten dämlich geklungen haben mochten. Die Fakten waren schließlich offensichtlich und vermutlich im ganzen Krankenhaus nicht zu überhören, was ihm jedoch mit jedem neuen Ton merklich gute Laune bereitete, die sich auch auf seine sich mit ihm mitfreuenden Kollegen auswirkte.

Jochen konnte sich nicht daran erinnern, dass er sich jemals so gut gefühlt hatte. Mal abgesehen von seiner allerersten Begegnung mit seiner süßen Freundin und ihrem ersten Kuss, der ihn, so spontan wie er gekommen war, völlig von den Socken gerissen hatte. Oder dem ersten Gespräch mit seiner auf Wolke sieben schwebenden Schwester, nachdem sie vor einem Jahr von ihrem seltsamen Selbstfindungstrip auf Rügen zurückgekehrt war und das überraschenderweise nicht alleine. Ob sie sich tatsächlich selbst gefunden hatte, das hatte er bis heute nicht in Erfahrung bringen können. Aber sie hatte zumindest etwas bzw. jemanden gefunden und das hatte vermutlich nicht nur Gretchen am allermeisten überrascht. Sie hatte den Meier tatsächlich doch noch klargemacht. Nach all den Jahren, in denen er als ihr Bruder am meisten unter ihrem Liebeswahn gelitten hatte. Das hatte ihn ehrlich gefreut. Genauso sehr wie die Neuigkeit, dass die beiden seitdem unzertrennlichen Turteltauben so schnell Nägel mit Köpfen gemacht hatten und ihm dankenswerterweise den elterlichen Druck genommen hatten, die Ahnengalerie der Familie Haase unbedingt von jetzt auf gleich vervollständigen zu müssen. Und jetzt war es tatsächlich passiert. Seine Große hatte endlich ihren persönlichen Mini-Me, der oder die, so genau wusste er es ja noch nicht, genauso lautstark seine bzw. ihre Meinung kundtat wie die bärenstolze Mama sonst auch immer, meist zu seinem oder Marcs Leidwesen.

Das eindrucksvoll die Welt begrüßende Kind hatte also Gretchens Bruder auf den Plan gebracht, der nicht mehr länger ungeduldig und Däumchen drehend im Nebenzimmer hatte warten können und nun den Hummeln in seinem Hintern gefolgt war und durch den schmalen Türspalt neugierig seinen langen Hals um die Ecke streckte. Leider konnte Jochen durch das breite Kreuz des Gynäkologen und den weiten, leuchtendroten Kittel der Hebamme, die ihm beide die Sicht auf Gretchens Patientenbett versperrten, nicht viel erkennen. Deshalb zögerte er nicht und stolperte einfach mal ungefragt einige Schritte weiter in den Kreißsaal hinein, bis er plötzlich abrupt innehalten und sich mit einer Hand an der strahlenden Stationsschwester festhalten musste, von deren feuerroten Wangen dicke Freudentränen herabkullerten.

Auch Schwester Sabine war sichtlich bewegt von dem magischen Moment, als Dr. Kaan das krakeelende Neugeborene vorsichtig dem bärenstolzen Papa hinhielt, der seine staunenden, dunkelgrün schimmernden Augen nicht von dem süßen Säugling abwenden konnte, der ihn und die erschöpfte Mama völlig in seinen Bann gezogen und die Zeit zum Stillstand gebracht hatte, auch wenn Gretchen zu schwach war, um sich selbst aufzurichten, um das Wunder richtig in Augenschein nehmen zu können. Aber das hatte noch Zeit. Jetzt fiel erst einmal dem frischgebackenen Vater eine wichtige Aufgabe zu, wenn es nach Mehdi gegangen wäre, der dem sichtlich überwältigten Neupapa erwartungsfroh in die Augen schaute, die ebenso wie die seinen deutlich wässrig schimmerten...

Mehdi: Möchtest du die Nabelschnur durchschneiden, Marc?
Marc (schluckt u. macht extragroße Augen): Ich...?
Mehdi (lächelt u. stupst den perplexen Papa sanft mit der Schulter an): Naja, keiner geht mit einem Skalpell so geschickt um wie du. Deshalb denke ich, du bist ein geeigneter Kandidat dafür. Und als Papa sowieso. Aber Vorsicht, nicht dass du vor lauter Aufregung die falsche Stelle erwischst. Marc? Erde an Marc! Ach, komm, wir machen’s gemeinsam, hm?

Als sein wie eingefroren wirkender Freund nicht gleich auf seine Frage reagierte und er dessen zitternde Hände bemerkte, die für einen Chirurgen ungewohnt ungeschickt nach der OP-Schere greifen wollten, fasste Mehdi sich ein Herz. Er legte seine Hand über die von Marc und half ihm ruhig und besonnen bei dem kleinen Schnitt mit der großen Bedeutung, den das Baby tapfer über sich ergehen ließ. Die vielen neuen Eindrücke, das grelle Licht in dem hellen Zimmer, das anstrengende Schreien hatten ihm die Äuglein zufallen lassen. Die seiner Mama waren dafür umso wachsamer. Gretchen wollte das kleine Wesen endlich kennenlernen und versuchte, sich mühsam im Bett aufzurichten. Das hatte auch ihr bester Freund im Augenwinkel bemerkt, der das zarte, mittlerweile in eine weiße Decke gewickelte Bündel nun lächelnd Marc in die Arme legte, der vor lauter gebanntem Staunen immer noch nicht seine Sprache, geschweige denn seine Bewegungsfähigkeit wiedergefunden hatte und erneut einen Schups in die richtige Richtung benötigte.

Mehdi (schmunzelt u. zwinkert hinter Marc Gretchen zu, die dies lächelnd erwidert): Was hältst du davon, wenn du euren kleinen Sonnenschein endlich seiner Mama zeigst, hm, Marc? Bevor Nummer zwei auch gleich so eindrucksvoll nach uns rufen wird. Das wird nicht mehr lange dauern, mein Freund.
Marc (abwesend das zuckersüße Baby betrachtend): Hm?

Mit großen Augen schaute Marc plötzlich seinem besten Kumpel ins freudestrahlende Grinsegesicht, der mit seinem zerzausten Wuschelkopf zu Gretchen rübergedeutet hatte. Der völlig abwesende Chirurg folgte Mehdis eindringlichem Blick und bekam dabei weder die schluchzende Krankenschwester im Hintergrund mit, die ihre Hände bewegt gegen ihr rasant pochendes Herz drückte, noch Jochen, der sich ebenfalls gerade heimlich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischte, während er sich breit grinsend und telepathisch mit seiner großen Schwester kommunizierend an den Türrahmen klammerte, denn der plötzlich aufgetretene Schmetterlingsschwarm in seinem Bauch hatte auch den frischgebackenen Onkel leicht aus dem Gleichgewicht gebracht.

Gespannt beobachtete er jetzt, wie sein sprachloser Schwager in spe nun mit zärtlichem Blick auf seine im Bett liegende Freundin herabschaute, die schöner strahlte als je zuvor. Denn sie war jetzt eine richtige Mama. Und er war Papa. Scheiße, war das ein geiles Gefühl, fuhr es Marc wie ein Geistesblitz durch den Sinn und endlich kehrten auch bei dem frischgebackenen Familienvater sämtliche Lebensgeister zurück, die ihm, überwältigt von der Geburt seines ersten Kindes, abhanden gekommen waren. Sein typisches, spitzbübisches Meier-Grinsen schlich sich zurück auf seine Lippen, die sich natürlich sofort ungestüm für einen innigen Schmatzer auf Gretchens emporgereckten, süßen Erdbeermund herabbeugten, dem anschließend ein vorsichtiger Kuss auf die Stirn des Neugeborenen folgte, bevor er diesen mit Bedacht seiner vor überschäumender Freude dauerstrahlenden Mama auf die Brust legte, die das zarte Wesen liebevoll in ihre Arme schloss und unter Glückstränen völlig überwältigt anlächelte und anschließend ebenfalls zärtlich immer wieder ungläubig busselte. Nur auf diese Weise konnte Gretchen überhaupt begreifen, dass ihr erstes Kind tatsächlich schon auf der Welt war. Die Information, die Marc so sehr aus dem Konzept gebracht hatte, dass er gar nicht mehr gewusst hatte, was er hatte sagen wollen, und die er nun vor kindischer Freude nicht mehr länger für sich behalten konnte, brachte den Haasschen Wasserfall dann erst so richtig in Fahrt. Nicht nur bei Neumama Haase.

Marc: Guck mal, Haasenzahn! Es ist ein Junge.
Gretchen (schaut ungläubig zwischen ihren beiden Männern hin u. her u. bleibt schließlich mit ihrem Blick glücksselig an dem Kleinen hängen, den sie nie wieder loslassen möchte): Ja! Hallo, mein kleiner Schatz! Da bist du also endlich. Wir haben so lange auf dich und dein Geschwisterchen gewartet. Ich bin deine Mama. Und der heulende Mann hier an meiner Seite, das ist dein Papa. Der euch immer, wenn er dachte, ich schlafe, heimlich etwas durch meine Bauchdecke vorgesungen hat. Sonst ist er eigentlich viel gesprächiger. Aber eins kann ich dir verraten, mein Schatz, Marc und ich, wir haben dich ganz doll lieb und werden immer für dich da sein.
Marc (schaut seiner Herzprinzessin gerührt dabei zu, wie sie ihr Kind immer wieder herzt, an sich drückt u. leise mit ihm flüstert): Hey, verrate nicht gleich alle Geheimnisse! Und überhaupt, ich heule nicht. Die Luft ist hier nur so trocken.

Klar, mein Schatz! Du bist genauso verliebt wie ich. Er ist perfekt. Ein Wunder, das wir zusammen hingekriegt haben. Wow! Wahnsinn! Ich kann es immer noch kaum glauben.

Jochen (kann diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen, denn er ist schließlich Augenzeuge, u. grient seinen Schwager in spe dementsprechend ungeniert an): Türlich!
Marc (ignoriert den frischgebackenen Onkel wohlwissendlich u. konzentriert sich ganz auf seine kleine Familie, zu der er sich nun aufs Bett setzt): Klappe!
Gretchen (stupst ihn leicht mit der Schulter an u. hält stolz ihren gemeinsamen Sohn hoch, um ihn ausführlich zu betrachten): Marc! Schau ihn doch mal an! Er ist perfekt.
Mehdi (strahlt mit seinen Freunden um die Wette u. verdrückt auch das eine oder andere Glückstränchen): Ja, das ist er. Ganz die Mama. Und der Papa natürlich. Und das Wichtigste, gesund und munter. Herzlichen Glückwunsch, euch beiden!

...konnte auch der nicht minder überwältigte Frauenarzt seine grenzenlose Freude nicht für sich behalten, während er das schockverliebte Elternpaar ganz genau dabei beobachtete, wie es sich fest in den Arm genommen hatte und sich an ihrem kleinen Stammhalter nicht mehr sattsehen konnte, und den einzigartigen Moment in Gedanken für die Ewigkeit festhielt. Erst ein kleiner Stupser von der Hebamme neben ihm holte Dr. Kaan wieder zurück aus seiner Gefühlsduselei. Barbaras eindringlicher Blick, der ebenfalls einen leichten Hauch von Rührung aufwies, war nicht misszuverstehen. Mehdi nickte der Kollegin zu und trat dann langsam wieder zu seinen Freunden heran, die auf einer ganz anderen Wolke unterwegs zu sein schienen als ihr engster Vertrauter. Die Pflicht rief nämlich und die Krönung der Kür stand schließlich noch aus.

Mehdi (richtet sich mit sanfter Stimme an die beiden): Ihr Lieben, ich kann vollkommen nachvollziehen, dass ihr euch jetzt nur sehr ungern voneinander trennen könnte, aber der letzte Gipfel ist noch nicht erklommen. Wir müssen weitermachen, um euer Glück perfekt zu machen. Seid ihr bereit?
Marc (schwebt irgendwo über den Wolken ganz weit oben u. hört ihn nicht): Hm?
Gretchen (streicht ihrem verträumten Schatz liebevoll über die Hand, die mit ihrer den Kleinen hält): Marc! Schatz?
Marc (plumpst unvermittelt aus seiner Traumblase u. schaut verwundert zwischen Gretchens u. Mehdis Augen hin u. her, die ihn von zwei Seiten fixiert halten): Was’n?
Mehdi (grinst u. freut sich still mit seinem überglücklichen Kumpel mit): Ich weiß, du bist verknallt, das sind wir alle.
Marc (fällt ihm irritiert ins Wort): Was?
Mehdi (spricht ungerührt weiter, obwohl seine Mundwinkel kurz verdächtig zucken): Aber noch ist die Familie Meier-Haase nicht vollständig. Eine wichtige Person fehlt noch, um das Quartett vollzumachen. Und du willst doch bestimmt nicht, dass euer Sohn noch unnötig länger von seinem Zwilling getrennt ist, hm. Er kennt das doch gar nicht anders. Sie wollen zusammen sein.
Marc (weitet ertappt seine Augen u. wird augenblicklich wieder hibbelig): Scheiße, ja.
Gretchen (tadelnd): Marc!
Marc: Sorry, falscher O-Ton, aber noch bekommen diese süßen, winzigen Ohren nicht alles mit.

...entschuldigte sich Dr. Meier auf so charmante, schuljungenhafte Art und Weise, dass Gretchen einmal mehr förmlich dahinschmolz. Marc drückte seiner verzauberten Prinzessin noch einen sanften Kuss auf die Wange und nahm ihr dann vorsichtig den gemeinsamen Jungen ab, der immer noch brav vor sich hin döste und dabei einfach nur purer Zucker war. Gretchen konnte ihren Blick nicht von ihm lösen, spürte dann aber auch wieder, wie sich enormer Druck in ihr aufbaute. Sie musste sich jetzt wirklich auf Schritt zwei konzentrieren und schon war die Nervosität zurück, aber die freundliche Hebamme sprach ihr bereits vorbeugend erneut Mut zu. Und so konnte sie sich schnell wieder beruhigen, während Marc mit dem Baby im Arm unschlüssig auf Mehdi zusteuerte und die dahinter stehende Krankenschwester beim Anblick des Vaterglücks einen weiteren Freudenseufzer nicht für sich behalten konnte...

Sabine: Hach... wie schön! Was für ein hinreißendes Bild!

Irritiert blickten Marc, Jochen und Mehdi wie die Orgelpfeifen einer nach dem anderen zu der verklärt lächelnden Krankenschwester in der Mitte des Raumes, die irgendwie über den Dingen zu schweben schien und deren Anwesenheit sie eigentlich schon längst verdrängt bzw. die ganze Zeit ignoriert hatten, und schauten sich anschließend zwei Sekunden lang fragend an, um im nächsten Moment simultan schmunzelnd den Kopf zu schütteln. Denn die Drei waren sich einig, Sabine Gummersbach stammte definitiv nicht von dieser Welt. Vermutlich nahm sie gerade mit irgendeiner höheren Macht Kontakt auf, um ihren Horoskophokuspokus zu klären.

Jochen (will eigentlich nur einen Scherz machen): Dann solltest du vielleicht eine Kamera holen, um es festzuhalten, hm, Schwester Sabine?
Sabine (fällt plötzlich aus allen Wolken, dreht sich abrupt um u. stürzt unvermittelt an den anderen vorbei aus dem Zimmer): Du hast recht. Wie konnte ich das denn vergessen? Ich bin gleich wieder da. Nicht ohne mich anfangen!
Marc: Bitte?

...schaute Marc der verrückten Krankenschwester irritiert hinterher, deren verquere Denkweisen vermutlich niemand auf diesem Planeten nachvollziehen konnte, und konnte nur noch sprachlos beobachten, wie die Schleuse hinter der Stasi-Sabsi wieder mit Schwung zuging. Verwirrt drehte er sich zu Jochen um, der auch nur unschlüssig mit den Schultern zucken konnte und anschließend vergnügt vor sich hin feixte. Aber Marc war alles andere als zum Lachen zumute. Er blieb immer noch unschlüssig vor seinen beiden Freunden stehen und wiegte sein schlafendes Kind sanft in seinen Armen, während er sich ein weiteres Mal nach seiner Liebsten umschaute, die bereits wieder begonnen hatte, sich ordentlich abzumühen. Er war hin und her gerissen, was seine Aufgabe als Partner, wie auch als Neupapa betraf. Das registrierte auch sein bester Freund, der beruhigend auf ihn einredete, um ihm die Unsicherheit zu nehmen. Schließlich war er nicht alleine.

Marc (deutet auf den Jungen in seinen Armen, den er nur ungern hergeben möchte): Und jetzt? Was machen wir mit ihm hier? Ich kann hier doch nicht weg, wenn Gretchen...
Mehdi (nickt verständnisvoll u. legt liebevoll eine Hand an den Rücken des kleinen Jungen u. die andere an Marcs Arm): Ich weiß. Aber wir haben hier sehr vertrauensvolles und routiniertes Personal, das sich um euren Schatz kümmern wird.
Marc (schaut sich skeptisch um u. bleibt an Jochens verklärtem Grinseblick hängen): Sicher?
Mehdi (nickt dem Löwenpapa überzeugt zu u. wendet sich anschließend an den Pfleger neben sich, der abwesend das Kind in Marcs Armen betrachtet u. ausführlich nach Ähnlichkeiten scannt): Jochen, für die Unterlagen. Der Geburtszeitpunkt von Meier-Junior ist 22.43 Uhr. Die restlichen Daten, wie Gewicht und Körpergröße, überträgst du ebenfalls in das entsprechende Formular, wenn der Kinderarzt nebenan die Erstuntersuchung übernimmt.
Jochen (merkt noch nicht gleich, dass er gemeint ist): Hm?
Marc (verhehlt jetzt erst recht seine Skepsis nicht): Du weißt schon, dass das nicht die richtige Antwort war, Kumpel. Erstes Ausschlusskriterium.
Gretchen (mischt sich nun auch aus dem Hintergrund ein): Marc, lass ihn bitte!
Jochen (horcht auf u. guckt sich verunsichert um): Wie jetzt? Meint ihr mich?

Ist das zu fassen? Herr, lass Hirn von der Decke regnen!

Marc (reagiert sichtlich gereizt): Boah! Das ist jetzt echt nicht wahr.
Gretchen (lächelt ihren kleinen Bruder auffordernd an, während sie den stetig steigenden Schmerz auszublenden versucht): Wärst du so lieb, dich, während ich hier noch ähm... ja... beschäftigt bin, um deinen Neffen zu kümmern, Bruderherz?
Jochen (staunt Bauklötzchen u. betrachtet den kleinen Fratz jetzt als kostbaren Schatz): Echt?
Marc (kommuniziert mittels unmissverständlichem Meier-Blick mit seiner viel zu nachsichtigen Freundin, die noch mal zur Bestätigung nickt, ehe sie vor Schmerz die Augen schließt, dann wendet er sich direkt an seinen Schwager, wenn auch mangels Alternativen recht zögerlich): Einmal tiefer legen und Motorwäsche bekommst du ja wohl hin, oder, du Möchtegernstudent?
Gretchen: Marc!
Marc (reagiert etwas gereizt auf Gretchens wiederholte Einmischung): Ja, was, er spuckt hier doch immer große Töne. Von wegen, was für ein genialer Kinderarzt er mal sein wird, wenn er einmal groß ist. Auf Augenhöhe mit seinen Patienten.
Jochen (grinst mit stolzgeschwellter Brust den Meier an): Genau!

Womit zum Teufel hab ich das eigentlich verdient? Kann nicht mal einmal etwas normal ablaufen? Ich will hier doch nur meine Kinder kriegen, verdammt noch mal. Ist das denn zu viel verlangt? Also, Haasenzahn kriegt die Kinder, ich übernehme den Rest. Und das schließt Klein-Jochen, der neuerdings an Doktorspielen interessiert ist, ganz bestimmt nicht ein.

Marc (verdreht leicht die Augen u. konzentriert sich wieder auf das Wesentliche, während er sein Kind herzt u. zärtlich an sich drückt): Das war ein Witz, Jo. Aber egal. Okay, hör zu! Das ist mit Abstand der wichtigste Job, den du je machen wirst. Und der verantwortungsvollste. Wir bauen auf dich. Also, sie schon, ich weniger. Aber uns gehen gerade die Optionen aus und es drängt. Er hier ist das kostbarste, was unsere Familie zu bieten hat. Also pass auf, mach nichts kaputt und verdammt noch mal, genieß es! Denn ich kann nicht garantieren, dass du ihn je wieder in die Griffel bekommen wirst, wenn wir hier erst fertig geworden sind. Gretchen und ich werden ihn und sein Geschwisterchen, um das wir uns jetzt kümmern müssen, nie wieder hergeben können. Ist das klar?

...fügte Marc noch sichtlich bewegt hinzu, während er liebevoll einen Zipfel der verrutschten, watteweichen Decke, in die er eingewickelt war, wieder seinem Sohn über das kahle Köpfchen schob, damit er es schön warm hatte, und dabei immer wieder auch vergewissernd über seine Schulter zu Gretchen schaute, die zwar schon wieder Wehen hatte, aber ihren Liebsten sichtlich gerührt während seiner emotionalen Ansage beobachtet hatte. Ihr war richtig das Herz aufgegangen, als sie ihre drei Lieblingsmänner in inniger Eintracht studieren durfte und das linderte auch ein bisschen ihren Geburtsschmerz. Und auch Jochen spürte, wie sein Herz immer schneller in seiner Brust puckerte. Ihm ging sichtlich die Düse, als Marc ihm feierlich den kleinen Fratz in die Arme legte, und auch Jochens Schwager in spe ging es nicht viel anders, der erst, als er sicher war, dass Gretchens minderbemittelter Bruder seinen Sohnemann richtig festhielt, losließ. Wenn auch mit großer Wehmut, die sich tief in Marcs weit geöffnetes Herz fraß. Obwohl das eigentlich total unrational war, denn sein Junge würde sich in den nächsten Minuten doch nur ein paar Meter entfernt im Nebenzimmer aufhalten. Er könnte also jederzeit zu ihm, wenn die Sehnsucht zu groß werden sollte.

Letztlich war es nun auch um Jochen Haase endgültig geschehen, als er die winzigkleinen Finger im Dämmerzustand nach sich tasten spürte. Verklärt und stolz wie Oskar grinste er erst Marc an, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, und anschließend seine Schwester, die ihn gar nicht richtig wahrgenommen hatte, da sie sich schon wieder vor Schmerzen krümmte und von der Hebamme und ihrem Frauenarzt motiviert werden musste.

Jochen: Ich... Wow! Das... Das bedeutet mir echt viel, dass ihr mir so vertraut. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Versprochen! Ich meine, als ich heute Morgen aufgewacht bin, hätte ich mir das echt nicht träumen lassen, dass ich jetzt hier stehen würde. Mit ihm. Eurem Zwerg. Mensch, da ist mein kleiner süßer Neffe tatsächlich mein allererster Patient, den ich eigenverantwortlich betreuen darf. Geil, ne?
Marc (schüttelt unwirsch den Kopf, nachdem er sich mit einem kleinen Fingerstupser bei seinem Sohn verabschiedet hat ): Schwing hier nicht so ellenlange Reden, Jo, sonst hält er dich noch für einen Oberlangweiler. Willst du das?
Gretchen (grätscht lautstark dazwischen): Maaarc!
Marc (senkt demütig den Kopf, als er sich langsam zu seiner Freundin umdreht u. sie als Entschuldigung verschmitzt anlächelt): Das war nicht böse gemeint, Haasenzahn. Wenn er angeben will, kann er das ja bei den Schwestern nebenan tun, falls sie es überhaupt hören möchten, oder es seinem Tagebuch anvertrauen.
Jochen (reagiert dementsprechend haasemäßig bockig, als er seinem Schwager in spe direkt kontert, u. verschwört sich im Anschluss mit seinem neuen Familienmitglied, mit dem er gleich mal eine High Five versucht): Nur weil ich Haase heiße, heißt das nicht, dass ich sämtliche Angewohnheiten meiner großen Schwester übernommen hätte. Das ist allein die Marotte deiner Mama, ne, mein Freund. Wir werden schon Spaß haben, wir beide, hm?
Gretchen: Maaarc! Komm endlich her, du, und hilf mir! Ich halte das nicht mehr aus. Von wegen beim zweiten Kind wird alles einfacher. Aaaaahhh...

...schrie die Einunddreißigjährige unter der Wirkung der nächsten starken Wehe ihrem verdutzten Freund eindrucksvoll entgegen, der natürlich dementsprechend zusammenzuckte und sich direkt pflichtbewusst wieder an ihre Seite begab. Die Hebamme und Mehdi waren auch schon wieder schwer mit der Gebärenden beschäftigt, während Jochen mit seinem Neffen, den er vorsichtig wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe an sich gedrückt hielt, flink den Rückwärtsgang einlegte und beinahe mit Schwester Sabine zusammenrempelte, die im selben Moment kamerabewaffnet den Raum wieder geentert hatte, den er gerade dabei war zu verlassen.

Sabine: Hopsala! Hab ich was verpasst?
Jochen (schleicht sich grinsend an ihr vorbei nach nebenan): Nö, nur das übliche Chaos. Aber das haben wir schon auf Band. Wir machen nen Schuh. Tschö mit Ö! Und... viel Glück noch, Schwesterchen! Beiß dich durch, ja! Wir halten unsere vier Däumchen gedrückt.
Gretchen (lässt die perplexe Krankenschwester direkt verstummen, die gerade wie ein Fisch an Land nach Worten ringt): Jaaaa... aaaahhh...
Sabine (klammert sich mit bangem Blick an ihre Kameratasche, deren Tragegurt sie sich vor lauter Anspannung unbemerkt um die Handgelenke wickelt): Oh!
Barbara (verhehlt ihre Besorgnis nicht): Dr. Kaan, sie verkrampft.
Gretchen (kämpft): Ich versuch’s ja.
Mehdi (bleibt die Ruhe selbst u. versucht das auch auf seine Patientin zu übertragen): Gretchen, du musst dich beruhigen. Dein Blutdruck geht hoch. Wir haben’s gleich geschafft.
Marc (wirkt schnell ebenso alarmiert): Was?
Gretchen (völlig erschöpft): Ich... kann... nicht. Ich glaube, ich habe keine Kraft mehr.
Marc (wächst über sich hinaus): Doch, hast du! Das wäre doch gelacht, wenn wir das mit dem zweiten Zwilling nicht auch noch hinbekommen würden. Häschen, hopp, mach mal Platz!
Mehdi: Was hast du vor?
Barbara: Dr. Meier, was tun Sie denn da?

Mehdi und Barbara guckten synchron unter dem sterilen, blassgrünen OP-Tuch wieder hervor und beobachteten nun irritiert, wie sich ihr Kollege plötzlich die Schuhe auszog und im nächsten Moment aufs Bett kletterte, um pappfrech hinter seiner Freundin Platz zu nehmen, die er nun besitzergreifend in seine Arme zog. Gretchen war zu erschöpft, um sich gegen diese Meiersche Dreistigkeit zur Wehr zu setzen, und lehnte ihren erhitzten Kopf müde gegen seinen heftig puckernden Oberkörper. Ihr Puls beruhigte sich leicht und näherte sich dem Takt von Marcs Herzen, den sie deutlich unter seiner Brust spüren konnte. Die Hebamme kam nicht umhin, dem jungen Vater ihren Respekt zu zollen. Das hatte sie nämlich während ihrer langjährigen Berufszeit auch noch nicht erlebt. Dabei hatte sie bis heute gedacht, sie hätte im Kreißsaal schon alles gesehen und noch vor einer Stunde hätte sie ihr nicht vorhandenes Vermögen darauf getippt, dass der arrogante Schnöselchirurg ein weiterer Kandidat für die Notfallsanitäter sein würde, die ihn spätestens nach der dritten heftigen Wehe bewusstlos aus dem Kreißsaal hätten transportieren müssen. Dieses Urteil korrigierte sie jetzt. Nicht ohne Stolz.

Barbara: Dr. Meier, solch eine Eigeninitiative hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Chapeau!
Marc (wiegelt unwirsch ab u. sucht die richtige Position, um seiner Süßen zu helfen): Ja, ja, Hüte werfen können wir auch später noch. Wird es so gehen, Gretchen?
Gretchen (schnieft bewegt gegen seinen Brustkorb u. fährt mit einer Hand betroffen über die schweißverursachten Flecken auf seinem schicken, blauen Designerhemd): Danke, dass du da bist. Du bist mein Held.
Marc (drückt ihr sanft einen kleinen Kuss auf den Hinterkopf u. schiebt dann ihren zerzausten Fischgrätenzopf zur Seite, um seine Wange gegen ihre zu pressen): Du halluzinierst, Haasenzahn. Aber um das einmal festzuhalten, du bist die wahre Heldin hier. Ich muss danken. Danke, dass du dich hierauf eingelassen hast.
Gretchen (schaut sichtlich gerührt zu ihm hoch): Ich liebe dich.
Marc (erwidert ihr zartes Lächeln): Ich dich auch. Und du kannst mich gerne später wild und nicht jugendfrei dafür abknutschen. Aber vorher müssen wir hier jetzt wirklich vorankommen.
Barbara (sucht Blickkontakt mit den beiden): Die Wehe kommt.
Mehdi (schaut auch noch mal ermutigend zu den beiden hoch): Euer Kind liegt gut. Es wird jetzt schnell gehen. Bereit?
Marc (drückt seiner Herzprinzessin noch einen letzten ermutigenden Kuss auf die Wange u. umschlingt dann mit beiden Arme u. Beinen ihren Körper): Hast du gehört? Du darfst jetzt offiziell noch mal alle zusammenscheißen. Wir machen es zusammen. Auf zwei. Eins. ZWEI!
Gretchen: Aaaaaaaahhhhh...

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

18.11.2017 13:48
#1610 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Unter der liebevollen Unterstützung ihres unkonventionellen Partners verausgabte sich Gretchen völlig und fiel nach wenigen Sekunden erschöpft in die Arme von Marc zurück, der seine tapfere Prinzessin immer noch zärtlich umschlungen hielt, ihr die dicken, blonden, schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und dabei gebannt dem Geschehen am Fußende des Bettes folgte. Schnell war das Kind, das dreieinhalb Minuten nach seinem Bruder das Licht der Welt erblickt hatte, erstuntersucht und in ein warmes, weiches Tuch gewickelt worden. Aber es schrie nicht. Das beunruhigte nicht nur Marc. Auch Schwester Sabine hielt den Atem an, während Dr. Kaan jedoch völlig cool agierte und mit einem geübten Handgriff die Stille im Zimmer für beendet erklärte. Auch der zweite Zwilling der Meier-Haases schien ein gewaltiger Schreihals zu sein, wie Marc und Gretchen stolz mit Tränen in den Augen registrierten. Ganz die Mama und der Papa, das bestätigte ihnen auch ihr bester Freund und Frauenarzt mit einem frechen Augenzwinkern in Richtung des verliebten Paares, das sich innig in die Augen schaute. Der überglückliche Vater konnte sich nun nicht mehr länger zusammenreißen und ließ seinen unbändigen Gefühlen endlich freien Lauf, indem er der freudestrahlenden, aber völlig erschöpften Neumama unentwegt dicke Knutscher auf die feuerrot schimmernde Wange drückte, was erst unterbunden wurde, als Mehdi den frisch gebackenen Eltern stolz das kleine Bündel entgegenhielt, das ihr Glück nun endgültig besiegelte.

Mehdi: Und, neuer Versuch, Marc? Wieder zusammen? Das hat doch vorhin schon so gut geklappt, hm.
Marc (grinst mit seinem Kumpel um die Wette): In deinen Träumen vielleicht.
Mehdi (grient ihn kopfnickend an u. reicht ihm feierlich sein Handwerkszeug): Dachte ich mir. Sie ist aber auch ein wahrer Sonnenschein.
Gretchen (weitet ungläubig ihre Augen u. sucht aufgeregt Mehdis Blick): Sie?
Marc (schluckt ungläubig): Bitte?
Sabine (klatscht euphorisch in ihre Hände u. zieht damit die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich): Oh, wie ist das schön!
Barbara (lächelt ebenso beseelt vor sich hin): Ich könnte es nicht besser beschreiben, werte Kollegin. Herzlichen Glückwunsch auch von meiner Seite aus! Sie haben das hervorragend gemeistert und damit meine ich euch beide.

Als die Bedeutung von Mehdis unbedacht geäußerten Worten auch bei Marc endgültig angekommen war, hätte dieser doch fast vor lauter Schreck die OP-Schere fallen gelassen, mit welcher er gerade die Nabelschnur seines neugeborenen Kindes hatte durchtrennen wollen und nicht seinen eigenen großen Zeh, den es fast erwischt hätte, wenn der rationale, chirurgische Teil von ihm nicht noch rechtzeitig aufgepasst und automatisiert routiniert zugegriffen hätte. Was hatte Mehdi da gerade gesagt? Meinte er das etwa ernst? Aber das wäre ja... Wie in Zeitlupe klappte Marcs Mund auf, aber es kamen keine Worte heraus, und sein Kopf wich, von den unterschiedlichsten Gefühlen und Gedanken geflutet, zur Seite zum staunenden Gesicht seiner Freundin, die natürlich direkt einen erneuten Schwall Tränen in die Augen bekommen hatte.

Mehdi waren währenddessen sämtliche Gesichtszüge entglitten und er musste sich unter den verzückten Blicken der anderen demonstrativ gegen die Stirn klapsen. Wieso passierte eigentlich immer ihm so was? Gabi hatte Recht. Er war ein offenes Buch. Er hatte schließlich neulich erst aus Versehen Lilly das Ende von „Harry Potter“ verraten. Seine Tochter war deswegen tagelang untröstlich gewesen, bis sie an drei Tagen hintereinander, mit einer Tonne Eiscreme bewaffnet, sämtliche Filme der Reihe zusammen geguckt hatten und sie sich seitdem mit unbändiger Freude und Begeisterung an die Mammutaufgabe machte, diese mit den Originalbüchern zu vergleichen.

Mehdi (lächelt seine Freunde verlegen an): Sorry! Das war so nicht geplant. Also, von Seiten der Natur her, natürlich schon. Das war schnell klar. Aber, da bemühe ich mich sechs Monate lang, das große Geheimnis möglichst geheim zu halten, was vor neugierigen Chefs und noch neugierigeren Kollegen und Freunden, die ich nicht nur einmal beim Spionieren erwischt habe, fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen ist, und dann plaudere ich es im letzten Moment selber aus. Ich bin echt ein miserabler Freund und Patenonkel. Falls ihr mich als solchen überhaupt noch wollt?
Marc (hält seinen Zeigefinger demonstrativ vor Gretchens Zuckerschnute, die gerade herzzerreißend schniefend etwas erwidern möchte): Darüber reden wir noch, Plappermaul. Aber wir nehmen jederzeit Bewerbungen entgegen. Du musst dich nur ein bisschen mehr anstrengen.

...schmunzelte Marc mit kindischer Freude, der nach Mehdis rühriger Entschuldigung prompt seine freche Klappe wiedergefunden hatte. Er drückte dem verlegen dreinblickenden Plappermaul leicht seine Faust gegen den Arm und schritt dann als nächstes flink zur entscheidenden Tat. Routiniert und diesmal ohne zitternde Chirurgenhand. Stolz wie Bolle kümmerte sich der versierte Oberarzt um die Nabelschnur und versorgte anschließend geübt die Stelle am Bauch, damit er seinen Sonnenschein, der ihn die ganze Zeit, ohne auch nur einmal zu weinen, durch seine dichten, dunklen Wimpern hindurch beobachtet hatte, anschließend schnell der ungeduldig zappelnden Mama reichen konnte, die vor lauter Glück beinahe zu platzen drohte. All die Strapazen der letzten Stunden schienen bei Gretchen Haase wie weggeblasen zu sein, als sie zum ersten Mal ihr zuckersüßes, kleines Mädchen im Arm hielt, das ihrem kurz zuvor geborenen Brüderchen so sehr glich, ihm an sein niedliches Stupsnäschen stupste und dann selig zu Marc hoch blickte, der daraufhin seine stoppelige Wange sanft gegen ihre presste und auch seinen Blick von dem Wunder nicht abwenden konnte, das Gretchens und sein Leben von nun an komplett auf den Kopf stellen würde. Gab es ein größeres Glück als diesen Moment hier? Vermutlich nicht. Darin waren sich alle einig, die diesem mit lachendem Herzen beiwohnen durften.

Gretchen (weint vor Freude u. herzt ihren kleinen Schatz immer wieder voller überschäumendem Glück): Es ist ein Mädchen. Juhu! Guck mal, Marc! Sie sieht aus wie du.
Marc (grient ebenso verstrahlt): Findest du? Ich sehe nur dich in ihr.
Gretchen (guckt ungläubig zu dem stolzen Papa hoch, der nicht widerstehen kann, sie sanft einmal zu küssen, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf sein kleines Mädchen lenkt): Echt?
Sabine (lächelt total verzückt, während sich die eine oder andere Glücksträne ihre Wange hinabstielt): Herzlichen Glückwunsch, Frau Doktor, Herr Doktor! Ich freu mich so. Ich wusste doch, dass die Sterne heute günstig stehen würden. Die Perseiden. Der Neumond. Die Glücksplaneten Mars und Venus so nah beieinander. Hach... eine magische Nacht. Das Glück wird sie ein Leben lang begleiten. Das steht bereits in den Sternen.
Gretchen (schmilzt vor lauter Glücksgefühlen förmlich dahin u. deutet Sabines mystische Worte auf ihre Weise): Danke! Wir freuen uns auch. Oder, Marc?
Marc (beobachtet gebannt, wie die kleine Hand seinen kleinen Finger umschließt u. ist einmal mehr so hin und weg von seinem Mädchen, dass er gar nichts mehr um sich herum mitschneidet): Mhm!

Schau ihn dir an, den Dr. Meier, von den Ohren bis zu den Zehenspitzen stolz wie Oskar. Ja, mein Bester, genauso fühlt es sich an.

Mehdi (freut sich unbändig mit seinen Freunden mit u. guckt grinsend von einer Person zur anderen): 22.46 Uhr und die Familie ist vollständig. Herzlichen Glückwunsch, ihr Glückspilze! Je eins von beiden, das ist der Jackpot. Ich freue mich so für euch.
Barbara (kann ihre Freude auch nicht verhehlen, obwohl das hier nicht die erste Geburt gewesen ist, bei der sie unterstützend beiwohnen durfte): Dr. Kaan, so emotional im Kreißsaal kenne ich Sie gar nicht.
Mehdi (stupst sie zum Spaß leicht mit der Schulter an u. kann sich dann nicht mehr zusammenreißen u. schließt die überraschte Frau in eine dicke Umarmung): Wenn man so eng mit der Geschichte der beiden verwoben ist, dann geht das einfach nicht anders. Das geht unter die Haut. Das hier ist Familie.
Sabine (nickt auch eifrig mit ihrem Kopf, ohne das glückliche Elternpaar dabei aus den Augen zu lassen): Ja! Diese Konstellation ist einzigartig. Und ich hab es immer gewusst. Vom ersten Tag an.
Mehdi (grinst wissend zu Sabine rüber): Ich hab ein bisschen länger gebraucht.

Aber jetzt ist alles richtig, so wie es ist. Gretchens Märchen ist wahr geworden. Und meins auch. Und Marc ist unser Tesastreifen. Also, unsere gemeinsame Freundschaft ist das Band, das ewig halten wird.

Barbara (gerät auch ein bisschen ins Schwärmen, als sie die verklärten Gesichter der Kollegen bemerkt, u. löst sich langsam wieder aus der Umarmung mit Dr. Kaan, der sich richtig gut angefühlt hat): Das ist einer dieser Gründe, warum ich so gerne hier im Elisabethkrankenhaus tätig bin. Der familiäre Zusammenhalt untereinander ist einfach unverwechselbar und in unserem Metier viel zu selten geworden. Darum geht es doch hier. Dieses Glück. Diesen besonderen Moment. Die Menschen. Das Miteinander.
Mehdi (lächelt wie ein Honigkuchenpferd u. reicht ihr noch einmal zum Dank seine Hand): Da stimme ich Ihnen zu, Fräulein Blume. Und einmal mehr danke ich Ihnen für die tolle Zusammenarbeit.
Barbara (drückt auch ihre andere Hand noch auf die große Pranke des Frauenarztes): Nichts zu danken.
Gretchen (lässt ebenso ihren Gefühlen freien Lauf, als sie zu ihren beiden Vertrauten rüberschaut): Doch! Danke, Barbara! Ohne dich...
Barbara (lehnt sich mit beiden Händen an das Bettende): Ssshhh... So fangen wir gar nicht erst an, meine Liebe. Das gehört zum Job dazu. Alles ist gut, Gretchen. Aber jetzt, nachdem die Hauptarbeit geschafft ist, dürft ihr mich gerne Babsi nennen.
Gretchen (grinst zu ihr neu gewonnenen Freundin rüber, während sie ihr Baby liebevoll an ihre Brust schmiegt): Babsi.

Oh Gott! Das muss verhindert werden.

Marc (verdreht die Augen u. fixiert Gretchen anschließend mit seinem gespielt strengen Chirurgenblick): Ey, du kommst aber jetzt nicht auf die dämliche Idee, unsere Prinzessin deshalb nach ihr zu benennen?
Barbara (guckt schmunzelnd von Gretchen zu Sabine u. dann zu Mehdi, dessen Mundwinkel sich ebenso amüsiert verziehen wie die der drei Frauen): Das hat es alles schon gegeben.
Marc (klappt entsetzt die Kinnlade herunter): Was?
Gretchen (streicht ihm kichernd mit ihrer freien Hand über die Wange): Hey, wir haben doch eine Abmachung.
Marc (atmet erleichtert aus u. spielt nun verliebt mit ihrer kleinen, zarten Hand, die die ihres Kindes umschließt): Gut, dass du das nicht vergessen hast, Haasenzahn.
Gretchen (rappelt sich zum Kopfende ihres Bettes hoch, damit sie einen besseren Blick zu den anderen genießen kann): Würde ich nie tun, mein Schatz. Und jetzt würde ich gerne beide halten wollen. Geht das?
Marc: Ich auch.

...konnte Marc dem unverwechselbaren Charme seiner Süßen und ihrem mindestens genauso süßen Mini-Me nicht widerstehen, die sich sanft in die Arme ihrer schönen Mama geschmiegt hatte und mittlerweile unter dem Eindruck der Ereignisse eingeschlafen war, und blickte sich suchend nach seinem Schwager in spe um, der seltsamerweise diesmal den entscheidenden Moment verpasst zu haben schien. Aber auch Mehdi hatte bereits erkannt, wonach sich seine Freunde unendlich sehnten und schritt deshalb direkt zur Tat und tippte sanft gegen den Türrahmen des Nebenzimmers, um die entscheidende Person zu holen.

Mehdi: Jochen? Was hältst du von einer Familienzusammenführung, hm?
Jochen: Wie? Seid ihr etwa schon fertig? Wir waren hier so beschäftigt, wir haben gar nichts mitbekommen.

Völlig verdutzt steckte Jochen seinen Kopf durch den Türspalt und bemerkte erst jetzt die gespannten Blicke seiner Kollegen, die alle auf ihn gerichtet waren und sich regelrecht in seine Haut brannten, die plötzlich fürchterlich anfing zu jucken. Er war so vernarrt in seinen süßen kleinen Neffen gewesen, dass er bei dessen Betreuung alles um sich herum vergessen hatte. Dementsprechend lahmdösselig kehrte er auch in das Zimmer zurück, um den Jungen zu holen. Er hob den kleinen Burschen vorsichtig aus seinem Bettchen, der mittlerweile frisch gewaschen, gewickelt und in einen neuen, weißen, filigran bestickten Strampler gekleidet war, und hielt ihn sehr routiniert im Arm, als er mit ihm zurück in den Kreißsaal schlenderte.

Der ambitionierte Bald-wieder-Medizinstudent hatte mit seinem umsichtigen Handeln nicht nur den leitenden Kinderarzt von seinen Qualitäten überzeugt, auch die eine oder andere Kinderkrankenschwester, die Pfleger Jochen bislang nur als Spaßvogel der Truppe gekannt hatte, war ganz verzückt von dem fürsorglichen Umgang des Fünfundzwanzigjährigen mit dem Baby gewesen, dem er extra noch eine mit niedlichen Entchen bedruckte Decke um die Schultern gelegt hatte, bevor er endlich den drängenden Bitten der Eltern nachgekommen war und es ihnen vorsichtig reichte. Natürlich hatte sich Jochen beim Anblick des kleinen Mädchens in Gretchens Armen, das ihn, wie er glaubte, direkt angesehen hatte, auch sofort in seine Nichte schockverliebt und rührte sich nun nicht mehr vom Fleck, was vor allem Schwester Sabine ein bisschen Stirnrunzeln bereitete, die gerade von dem jungen Familienglück einen Schnappschuss mit ihrer Kamera hatte machen wollen. Mehdi hatte das Problem natürlich direkt registriert und sorgte mit einem beherzten Griff an Jochens Schultern dafür, dass die passionierte Hobbyfotografin endlich das Meier-Haassche Glück für die Ewigkeit und für ihre Pinnwand im Schwesternzimmer festhalten konnte.

*klick* *klick* *klick* *klick*

Sabine war so verzückt von den Vieren, die ganz vernarrt ineinander waren, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte, zu knipsen und ein Foto nach dem anderen schoss. Deshalb bemerkte sie auch nicht den eingeschnappten Pflegepraktikanten, der mit Hummeln im Hintern neben Dr. Kaan sichtlich vor sich hin schmollte, der dies wiederum lediglich mit einem amüsierten Grinsen kommentierte, während er selber das Bild vom Familienglück seiner Freunde auf seine interne Speicherkarte lud.

Jochen: Ey, ich gehöre auch zur Familie. Wenn schon Familienzusammenführung, dann auch richtig.
Mehdi: Das ist uns schon klar, Jochen. Aber gönn ihnen doch den Moment, hm! Den kann man nicht wiederholen. Den muss man erleben.
Jochen: Eben drum. Ich hab die Kleine doch noch gar nicht richtig gesehen.

...motzte der stolze Neuonkel mit verschränkten Armen neben Dr. Kaan so eindrucksvoll vor sich hin, dass selbst seine Schwester irgendwann Mitleid mit dem Schmollhaasen bekam und ihn schließlich lächelnd zu sich winkte. Jetzt hielt Jochen natürlich nichts mehr an seinem Platz und er konnte endlich seine Nichte gebührend begrüßen. Mit einem anfangs zögerlichen, aber liebevollen Küsschen auf den zarten, hellen Flaum ihres hübschen Köpfchens.

Gretchen: Na, komm schon her, Onkel Jochen!
Marc (hätte eigentlich nichts dagegen, wenn er endlich aus diesem nervigen Kreißsaal rauskommen könnte): Boah, aber nur noch ein Foto, ja. Wir sind hier schließlich nicht bei den Kardashians.
Jochen (grinst wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin u. drängelt sich an die Seite seiner Schwester): Nö! Definitiv nicht. Aber falls ihr noch einen Namen sucht, ich würde meinen dankenswerterweise gerne weitergeben.
Gretchen (grient verschmitzt zu dem Frechdachs hoch, der ihr daraufhin einmal vielsagend zuzwinkert): Das kannst du ja dann bei deinen eigenen Kindern machen, Bruderherz, wenn es dann irgendwann einmal soweit sein sollte. Und komm jetzt mal richtig heran! Die Zwillinge beißen nicht.
Jochen (wackelt grinsend mit den Augenbrauen, als er ihrer Bitte ohne Umschweife nachkommt): Aber du vielleicht.
Gretchen (stupst ihn gespielt protestierend an u. greift dann nach seiner Hand, die sie nicht mehr loslässt): Ey! Ich hab dich trotzdem lieb.
Marc (beobachtet das alles leicht angenervt): Ich nicht.
Jochen (ignoriert den Meierschen Einwurf wohlwissendlich u. betrachtet das Familienglück endlich auch aus nächster Nähe): Ich dich aber. Ich bin richtig, richtig stolz auf dich, Schwesterchen. Die Zwei hast du richtig gut hinbekommen.
Marc (hat da natürlich seine eigene Meinung): Wir!
Jochen (nickt wissend u. tauscht den typischen Haasschen Geheimblick mit seiner Schwester aus): Deine Beteiligung blende ich aus Gründen, die ich nicht näher erläutern möchte, aus. Ich genieße lieber die Bilder hier.
Mehdi (sucht die Aufmerksamkeit seiner Freunde, die prompt zu ihm u. Sabine rüberblicken): Apropos Bilder!
Sabine (wedelt auffällig mit einer Hand u. justiert die Kamera neu): Ja! So, und jetzt alle mal eine kurze Sekunde stillhalten! Der Papa ein bisschen gütiger schauen, bitte! Und Jochen, weniger Faxen! Ja, genauso! Und jetzt alle mal „Babyalarm“ sagen!

Die sonderbaren Anweisungen der selbsternannten Krankenhausfotografin selbstverständlich konsequent ignorierend, genügte nur ein einzelner Blick zwischen den beiden Männern und sie hatten die richtige Pose für das gemeinsame Familienfoto gefunden. Sie schlossen die wunderhübsche Mama, die ihre beiden Kinder glücklich links und rechts in ihren Armen hielt, einfach in ihrer Mitte ein und drückten ihr jeweils links und rechts einen dicken Schmatzer auf die rosige Backe, welcher die Überrumpelte, die die Attacke der beiden nicht hatte kommen sehen, gleich noch mehr herzhaft kichern ließ. Genau in dem Moment, als Sabine auf den Auslöser drückte. Aber wie gut ihr das Foto gelungen war, das konnte die herzensgute Krankenschwester leider nicht überprüfen, denn die vielen Freudentränen, die unkontrolliert aus ihren Augen strömten, behinderten die Sicht auf das winzigkleine Display. Das konnte sich die Hebamme neben ihr dann auch nicht mehr länger mitansehen und übernahm deshalb einfach frecherweise das Kommando über das improvisierte Fotoshooting im Kreißsaal, das so in den Krankenhausstatuten eigentlich nicht erlaubt war. Aber wer hielt sich denn schon gerne an Vorschriften? Dr. Meier bestimmt nicht. So gut kannte sie den selbstbewussten Chirurgen dann doch mittlerweile. Und dass auch bei Dr. Gretchen Haase der Schalk innewohnte, das hatte sie bereits in den Schwangerschaftskursen mitbekommen, in welchen immer sehr viel gelacht worden war. Und auch diesmal war die schöne Blonde ganz in ihrem Element, denn sie lockte nun auch noch ihre beiden besten Freunde heran ans Kopfende ihres Bettes, um diesen wunderbaren Moment, der Marc und ihr Leben von Grund auf verändert hatte, mit ihnen zu teilen.

Gretchen: Und jetzt noch eins mit den Pateneltern.
Mehdi (lächelt zustimmend): Gerne.
Sabine (guckt auch ganz verstrahlt u. weiß nicht, wohin mit ihren Händen, aus denen die Hebamme ihr gerade ihre Kamera entwendet hat): Ja?
Marc (ist eigentlich schon auf dem Absprung, als er alarmiert aufhorcht): Äh... Haasenzahn, das ist so nicht abgesprochen. Er von mir aus schon, aber sie...
Gretchen (drückt ihn mit sanfter Gewalt zurück aufs Bett u. sieht ihn nun eindringlich mit ihren hypnotischen blauen Augen an, die keine Widerrede akzeptieren): Kein Aber, Marc! Unsere Wundersterne und ich haben das mehrheitlich beschlossen.
Marc: Na, super, das kann ja heiter werden. Also, demokratisch ist das nicht.

...nölte Marc etwas angefressen, während sich der stolze Patenonkel und die etwas unbeholfene Patentante dicht hinter das Bett der Patientin stellten, um sich perfekt auf das nächste Foto zu schmuggeln, auf welchem lediglich Dr. Meier etwas verkniffen auf seine Freunde blickte, wie Barbara Blume durch die Kameralinse beobachten durfte. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, auf den Auslöser zu drücken. Die Kinder waren einfach zu hinreißend. Und die Kinder waren auch das nächste Stichwort.

Barbara (reicht die Kamera wieder Sabine u. schaut nun auffordernd zu den anwesenden jungen Herren): So! Aber jetzt denke ich, kehren wir erst einmal wieder zur Routine zurück. Es ist höchste Zeit. Eine Untersuchung steht noch aus. Und Gretchen braucht jetzt Ruhe.
Mehdi (nickt seiner Kollegin beipflichtend zu u. macht eine ausladende Geste in Richtung Nebenzimmer): Wenn ihr dann bitte so lieb wärt, hm?
Sabine (packt gerade ihre Kamera wieder ein u. stolpert vor Eile fast über die Füße von Dr. Kaan): Sehr wohl, Herr Doktor! Oh, Entschuldigung!
Mehdi (schmunzelt u. sucht mit seinem Blick Marcs Aufmerksamkeit): Sie nicht, Schwester Sabine! Sie brauche ich noch. Marc?
Marc (denkt nicht im Traum daran, sich von seiner Familie zu trennen u. macht es sich im Bett jetzt erst recht bequem): Wie? Schließt mich das etwa auch ein? Kannste knicken!
Mehdi (setzt zu einem leicht oberlehrerhaften Ton an u. wirkt nach dem langen Arbeitstag doch etwas müde auf die Kollegen): Marc, Gretchen und ich haben hier noch ein paar Dinge zu erledigen, wozu wir dich nicht unbedingt benötigen, wenn du verstehst.
Marc (sieht nachdenklich in Gretchens Gesicht): Aber...?
Gretchen (drückt liebevoll seine Hand u. guckt mit ihm zusammen auf ihre beiden Kinder herab, die friedlich in ihren Armen schlafen): Schatz, warum sorgst du nicht dafür, dass unsere Prinzessin auch so einen süßen ersten Strampler bekommt wie ihr Bruder, hm?
Jochen (nimmt seiner Schwester nach einem zustimmenden Kopfnicken das erste Baby ab u. drückt es liebevoll an seinen schlaksigen Körper): Ich kann mich auch darum kümmern, Schwesterchen.
Marc (hält schon seinen Sohn im Arm u. will sich von Jochen seine Tochter zurückholen, merkt dabei aber irritiert, dass er noch etwas unkoordiniert darin ist, zwei Babys auf einmal zu halten): Ich mach das! Gib sie mir!
Barbara (spielt die Streitschlichterin u. nimmt dem unbeholfenen Papa die Tochter auch schon wieder ab): Warum kommen die beiden Herren nicht erst einmal mit mir mit, hm? Alles andere klären wir dann nebenan.
Jochen: Genau!

...griente Jochen seinen Schwager in spe frech an, der von der Übergriffigkeit der Hebamme mehr als genervt war und von dem Möchtegernkinderarzt für Arme sowieso, und zwinkerte hinter Marcs Rücken Gretchen zu, die schmunzelnd und auch ein bisschen sehnsuchtsvoll ihren beiden zuckersüßen Babys hinterher winkte. Marc hatte sich inzwischen wieder einigermaßen eingekriegt und beugte sich nun noch einmal für einen zarten Kuss zu seiner Süßen herunter, die diesen innig erwiderte, während Mehdi geduldig neben den beiden Turteltauben wartete.

Gretchen: Du machst das schon, Schatz. Wir sehen uns ja gleich alle wieder.
Marc (stöhnt noch einmal entnervt auf, aber mit einem Augenzwinkern, das vor allem seinem Kumpel gewidmet ist): Mit euch macht man echt was mit, ey, aber okay. Frauenkram halt. Aber wehe, du tatschst sie irgendwie unsittlich an, Kaan! Dann... ja, dann...
Mehdi (schon ist die Müdigkeit wieder verflogen u. er wird fast von einem Lachflash mitgerissen, aber er kann sich gerade noch so beherrschen): Ich kann mich gerade noch so zurückhalten, Marc. Bislang sieht doch alles ganz gut aus. Vertrau mir mal, hm!
Marc (läuft langsam mit seinem Sohn im Arm rückwärts aus dem Zimmer, ohne den Blick von den himmelblauen Augen seiner Süßen zu lösen, die ihm verliebt hinterher lächelt): Gut, ich... wir sind ja nebenan. Und du kannst ja auch immer noch deine starke Rechte benutzen, falls...
So ein Blödi! Ich dachte, jetzt, wo die Kinder endlich da sind, bleibt er wenigstens mal fünf Minuten ernst. Aber nein, das ist eben Marc. Mein Marci Marc! Hach... Und ich lieb ihn trotzdem. Mehr denn je.
Gretchen (das Lächeln verschwindet u. sie wird noch mal kurz zur Furie): Maaarc, raus jetzt! Ich will nicht, dass du mich so siehst.
Marc: Ich lieb dich auch, Haasenzahn.

...flötete Marc noch ein letztes Mal in Richtung seiner hinreißenden, zorngeröteten Freundin, die, wenn er nicht gerade seinen Sohn im Arm gehalten hätte, sicherlich auch noch mit einem Kissen nach ihm geworfen hätte, so wie sie es kurz angedeutet hatte, bevor Schwester Sabine mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen dreisterweise direkt vor seiner Nase die Zimmertür schloss. Im Nebenzimmer angekommen, warteten bereits die Kollegen von der Pädiatrie auf den frischgebackenen Familienvater und seinen Nachwuchs, den er nur ungern wieder hergab. Aber was sollte er machen? Er wollte es nicht gleich am ersten Tag mit den Betreuern seiner Zwergenbande verscherzen. Zumindest noch nicht.

Es war vor allem Pfleger Jochen, der gerade seinen schlafenden Neffen in eins der Wärmebettchen gelegt hatte, der unbedingt darauf drängte, seinem zukünftigen Mentor zu zeigen, was er vorhin alles bei der Betreuung von Marcs Filius gelernt hatte. Aber Dr. Meier dachte nicht im Traum dran, dem selbsternannten Schlaumeier vom Dienst nun auch noch seine Tochter zu überlassen. Sein Credo lautete, selbst war der Chirurg und dementsprechend agierte er auch.

Marc (schiebt Jochen selbstbewusst zur Seite): Ich kann das selber.
Jochen (beobachtet Marc mit Argusaugen, wie dieser seine kleine Tochter badet u. kann sich mit Hilfestellungen nicht zurückhalten): Du musst das Köpfchen so halten, damit nicht...
Marc (ignoriert ihn genervt u. konzentriert sich ganz auf sein wunderhübsches Mädchen, das nicht einmal weint, als es mit dem warmen Wasser in Berührung kommt): Jahaaa, du musst mir wirklich nicht beweisen, dass du deine Medizinfibel auswendig gelernt hast, Jo. Ich weiß, was ich hier tue.
Jochen (kann sich einen vergnügten Zwischenkommentar nicht verkneifen, den er in Richtung der gespannt beobachtenden Kollegen richtet): Sicher?
Marc (blendet Jochen u. seine leise schmunzelnden Kollegen im Hintergrund jetzt komplett aus u. legt die süße Maus vorsichtig auf das flauschige Handtuch, mit dem er sie jetzt sanft abtupft): Ziemlich aufdringlich dein oller Onkel, was? Leider nicht austauschbar, weil er der Einzige ist. Pech gehabt. Wobei...
Jochen (verschränkt beleidigt seine Arme): Ey!
Marc (wirkt mit einem Mal etwas unruhig): Könnt ihr die Temperatur nicht noch was hochdrehen? Das ist scheißkalt hier in dem Kabuff.
Jochen: Die Temperatur ist genau richtig.
Marc (reagiert gewohnt schnippisch auf Jochens Einwurf): Bist du jetzt neuerdings auch noch der Experte für die Heizungsanlagen? Naja, jedem sein Talent, was.

...meckerte der Oberarzt in einer Tour seinen Schwager voll, der es jedoch lässig über sich ergehen ließ, da er Marcs Reaktion als letzte Auswirkungen der Anspannung im Kreißsaal deutete, die sich nun langsam abbaute und irgendwohin musste. Das kannte man ja auch nicht anders von Dr. Meier, der in emotionalen Stresssituationen immer gerne austeilte, auch wenn er heute auffälligerweise nicht ganz so bissig agierte wie sonst immer. Es war eher ein sanfter Flüsterton, der die Ohren sämtlicher Anwesender umschmeichelte, die der stolze Papa jedoch alle ausgeblendet hatte, denn er hatte nur noch Augen für seinen Sonnenschein, der es seinem Bruder jetzt nachmachte und entspannt wegdöste, während Marc ihn behutsam säuberte, dann auf die Waage legte, ihn schließlich vermaß und eigenmächtig die Werte auch noch in das entsprechende Dokument eintrug, welches eine freundliche Krankenschwester ihm kommentarlos hingehalten hatte. Jochen beobachtete Gretchens Freund ganz genau bei seinem Tun und war ehrlich erstaunt, wie geschickt dieser sich doch anstellte. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, legte Marc dem Mädchen mühelos eine Windel an und zog ihr anschließend das Äquivalent des weißen, bestickten Stramplers an, den bereits ihr Zwillingsbruder anhatte. Inklusive eines niedlichen, kleinen Mützchens mit demselben Aufdruck. Schließlich begutachtete der stolze Papa zufrieden sein Werk und murmelte kaum hörbar etwas vor sich hin, als er die Kleine schließlich fertig angezogen an sich drückte und kurz mit ihr schmuste...

Marc: Süß!
Jochen: Da muss ich dir ausnahmsweise mal recht geben. Sabine hat die Anziehsachen besorgt, wenn nicht sogar selber gestrickt. Keine Ahnung. Echt witzig, wie proper eure Kleine darin aussieht, dabei kam ihr Bruder doch zuerst auf die Welt. Denkt man gar nicht, dass sie Zwillinge sind. Er ist ja ein halbes Hemd dagegen.
Marc (löst sich aus seiner entspannten Haltung u. funkelt Jochen finster an): Vorsicht, Jochen, das sind dein Neffe und deine Nichte. Wenn du also deinen Job als Lieblingsonkel nicht riskieren möchtest, dann halt gefälligst die Klappe. Sie sind perfekt.
Jochen (schiebt lächelnd etwas in Marcs Richtung): Und sie wären noch perfekter, wenn du mir verrätst, was wir auf die Namensarmbänder schreiben sollen. Erst mal nur eure Initialen, wie sie auf den Stramplern eingestickt sind? M&M, hat was. Könntet ihr euch als Marke patentieren lassen, wenn es das nicht schon längst geben würde.
Marc (legt das schlafende Mädchen zu ihrem Bruder in das Wärmebettchen u. beobachtet fasziniert, wie sie sich im Schlaf direkt einander zuwenden u. gegenseitig nach ihren Händchen haschen): In der Tat.
Jochen (guckt ihn mit großen Augen an u. schweift immer weiter davon): Hätte auch was von inkognito. Findest du nicht? Obwohl, mittlerweile hat es sich, glaube ich, schon auf jeder Station rumgesprochen, dass ihr hier seid. Nur Papa kann ich nicht erreichen. Funkloch auf der Waldbühne, keine Ahnung. Irgendwo im Netz stand auch was von Stromausfall. Jedenfalls, irgendwas muss da vorgefallen sein. Die Aufführung scheint aber stattzufinden. Von Zuhause hätten sie sich ja sicherlich schon gemeldet. Ich habe ihnen auf den AB gequatscht. Mama und Papa werden sich schon melden, wenn sie wieder in der Zivilisation sind. Marc? Hörst du mir überhaupt zu?
Marc (schaut gedankenverloren auf seine Zwillinge u. hat plötzlich einen Geistesblitz): Doch, doch! Gib mal die kleinen Plastikdinger her!
Jochen: Okay? Was hast du vor?

Leicht verunsichert beobachtete nicht nur Jochen Marcs plötzlichen Enthusiasmus. Während sich die Hebamme und der Kinderarzt mittels Kopfnicken von den beiden Kollegen verabschiedeten und das Zimmer über eine andere Tür verließen, nicht ohne vorher Pfleger Haase noch eindringlich auf etwas zu verweisen, kritzelte Marc jeweils etwas auf die beiden schmalen Papierstreifen. Natürlich hielt er dabei Jochen den Rücken zugewandt und hielt ihn damit vom Spicken ab. Als er mit seiner Geheimniskrämerei fertig geworden war, ging er mit breitem Grinsen an seinem verdutzten Schwager vorbei, scheuchte dabei noch mit einem unmissverständlichen Blick die beiden Kinderkrankenschwestern aus dem Zimmer und legte dann, von Jochen skeptisch beäugt, den Kindern das entsprechende Armband ans Handgelenk und streichelte anschließend noch einmal zärtlich über die zartrosa geröteten Wangen der beiden Schlafenden. Sichtlich zufrieden und gelöst blieb er dann vor dem Zwillingsbettchen stehen und schaute auf die beiden herab. Natürlich hatte Jochen schon längst sein neugieriges Näschen über die beiden Babys gebeugt und guckte nun mit großen Augen wieder zu seinem Schwager in spe hoch, dessen dunkelgrüne Augen verdächtig schimmerten.

Jochen: Bist du sicher? Ist das überhaupt mit meiner Schwester abgesprochen? Das mit dem Nachnamen geht bestimmt in Ordnung, ja, davon träumt Gretchen schon, seitdem sie eine schüchterne bebrillte Gymnasiastin gewesen ist und ihre Tagebücher seitenweise mit den verschiedensten Variationen vollgekritzelt hat, aber das...
Marc (löst seinen verliebten Blick von seinen beiden Goldschätzen u. guckt Jochen nun ziemlich entschlossen an): Es ist abgesprochen. Es ist sogar schriftlich festgehalten worden, wenn du es genau wissen willst.
Jochen (ist noch leicht überfordert): Echt?
Marc (grinst plötzlich wieder meierlike u. denkt an die Nacht im Strandkorb an der Ostsee zurück, die noch gar nicht so lange her ist): Wenn du Beweise suchst, dann musst du schon Gretchens Geschenkbox durchstöbern und die ist in ihrer Tasche. Darin sind die beiden Zettel, auf denen wir unsere gemeinsamen Namensvorschläge notiert haben. Jeweils vier Stück, je zwei eigene Favoriten und die Favoriten aus der ellenlangen Liste des bzw. der Anderen. Eigentlich sind wir ja davon ausgegangen, dass es zwei Jungs werden. Oder zwei Mädchen, wenn es nach Haasenzahn gegangen wäre.
Jochen (kann sein amüsiertes Schmunzeln nun auch nicht mehr länger verbergen): Du weißt schon, dass sämtliche Statistiken besagen, dass zwei Geschlechter bei Zwillingen die Regel sind.
Marc (verdreht leicht die Augen): Und wieder hat er ein neues Kapitel seiner Medizinfibel auswendig gelernt. Mhm, vielleicht wird das ja doch noch was mit deinem Studium.
Jochen: Haha! Und was ist jetzt mit den Namen?
Marc: Hundert Prozent Übereinstimmung. Die beiden haben es uns leichtgemacht.

Mehdi: Vor einer Viertelstunde hättest du noch das Gegenteil behauptet, mein Freund.

Marc und Jochen hatten gar nicht gemerkt, wie hinter ihnen die Schleuse geöffnet worden war, und waren demnach ziemlich überrascht, als der großgewachsene Gynäkologe plötzlich neben ihnen stand und selber neugierig die Namensbänder der schlafenden Kinder studierte. Anerkennend nickte er mit dem Kopf und schenkte seinem besten Freund ein zufriedenes Lächeln, das schnell von einem lauten Gähnen abgelöst wurde. Es lag wirklich ein langer Tag hinter dem schwer beschäftigten Berliner Oberarzt, der immer noch seinen dunkelgrünen OP-Kasack anhatte und sich zumindest erst einmal der gleichfarbigen Haube entledigte, die nun seine nass geschwitzten Haare preisgab, die strähnig wild um seinen Kopf herum klebten.

Mehdi: Entschuldigung! Das galt jetzt nicht euch.
Marc (zwinkert ihm wissend zu): Na hoffentlich. Was ist mit Gretchen?
Mehdi (lächelt ihm zuversichtlich zu u. wendet sich im Anschluss an Jochen): Ihr geht es soweit den Umständen entsprechend gut. Es ist alles in bester Ordnung. Ich hab ihr ein paar Elektrolyte gegeben, damit sie wieder etwas zu Kräften kommt. Jochen, bringst du die beiden dann bitte hoch in die Pädiatrie! Dr. Wischnewski hat mich schon angepiept, wo ihr denn bleibt.
Jochen (grinst verlegen u. guckt demonstrativ in Marcs Gesicht): Sorry, wir waren hier noch äh... beschäftigt. Er wollte einfach nicht ‚Jochen‘ auf den Zettel schreiben.
Mehdi (stimmt in Jochens ansteckendes Grinsen mit ein): Verständlicherweise.
Marc (funkelt die beiden unmissverständlich an): Ey, ihr Witzbolde, damit das von Anfang an klar ist, die beiden werden niemals Inhalt von irgendwelchen eurer misslungenen Scherze werden. Ist das klar?
Mehdi (hebt seine Hände in Unschuldspose): Ich würde es niemals wagen. Ich will schließlich nicht meine Bewebung gefährden.
Marc (hebt anerkennend seine Augenbrauen): Du sammelst Pluspunkte.
Jochen (kann seine vorlaute Klappe einfach nicht halten): Und ich?
Mehdi (bevor Marc etwas Freches darauf erwidern kann, fährt er diesem in die Parade): Das wird sich dann zeigen, wenn ihr oben bei den Erstuntersuchungen wart. Die warten auf euch.
Marc (greift instinktiv nach dem fahrbaren Wärmebettchen u. will voranschreiten, während Jochen ihm die Tür aufhält): Dann mal los! Und Gretchen? Wo ist sie?
Mehdi (stellt sich den beiden Herren im Flur in den Weg): Sabine bringt sie gerade auf ihr Zimmer. Sie schläft jetzt. Das war eine ganz schön anstrengende Geschichte.
Marc (will sich an ihm vorbeischlängeln, wird aber nicht gelassen, was ihn stark verwundert): Das kannst du laut sagen, Mann. Was ist? Wieso lässt du uns nicht vorbei? Ich dachte, die warten auf uns?
Mehdi (weiß nicht so recht, wie er anfangen soll u. sagt es geradeheraus): Auf sie schon. Väter sind da oben jedoch nicht gerne gesehen.
Marc (schaut ihn mit großen Augen an): Bitte? Das soll der Arsch von Wischnewski mir schon selber sagen.
Mehdi: So war das nicht gemeint, Marc. Die verfolgen auch nur ihre Routinen. Und ich kenn dich, du würdest nicht ruhig danebenstehen und die Ärzte machen lassen. Du würdest das Ruder selbst übernehmen.
Jochen (stimmt ihm bei): Würde er. Hat er ja gerade auch getan.
Marc (verschränkt sauer seiner Arme vor der Brust): Ey, verschwört ihr euch gerade gegen mich? Ich will nur das Beste für die beiden.
Mehdi (versucht es jetzt auf die sanftmütigere Tour): Das bekommen sie doch auch. Und Jochen wird bestimmt nicht von ihrer Seite weichen.
Jochen (leckt sich die Finger u. hält sie hoch): Indianerehrenwort.
Marc (rollt mit den Augen): Das ist definitiv nicht das Argument, das mich überzeugen würde.
Mehdi (sein Ton wird schärfer): Okay, dann anders. Dienstliche Anweisung von ganz oben.
Marc (lacht ihn aus): Ach, ist Franz doch hier? Ich dachte, die haben Strom- und Telefonausfall.
Mehdi (atmet langsam aus): Du weißt ganz genau, wie es gemeint ist, Marc. Es geht mir doch auch um dich.
Marc (guckt ziemlich verständnislos): Um mich?
Mehdi (Trick 17 scheint tatsächlich zu funktionieren): Du hast doch auch einen ziemlichen Ritt hinter dir. Ruh dich einen Moment aus! Lass es erst einmal ankommen, was gerade passiert ist! Das da oben wird nicht lange dauern.
Marc (zögert, schaut auf seine zuckersüß vor sich hindösenden Kinder u. gibt schließlich schweren Herzens nach): Okay, vielleicht hast du recht. Ich sollte vielleicht auch mal durchschnaufen, mich umziehen und...
Jochen (ergänzt kleinlaut): ...duschen?
Marc (schaut den dreisten Kerl scharf von der Seite an): Was soll das denn bitteschön heißen?
Jochen: Och nix, wir... sind dann erst mal... weg.

Mit einem verschwörerischen Lächeln entfernte sich der pappfreche Pfleger klammheimlich, schnappte sich in einem unbeobachteten Moment das Bettchen und schob es triumphierend an den beiden Ärzten vorbei, die den Dreien noch so lange hinterherschauten, bis sie im Fahrstuhl verschwunden waren. Als die Kinder weg waren, setzte auch bei Marc plötzlich die Schwerkraft aus. Er musste sich auf einen der Wartestühle im Gang setzen. Die Anspannung der letzten Stunden löste sich endgültig und er registrierte erst jetzt, dass er sein Partyoutfit vom Nachmittag komplett durchgeschwitzt hatte. Aber ihm war egal, ob andere ihn so sehen konnten. Denn erst jetzt kam es so wirklich bei ihm an, was gerade passiert war. Sie waren tatsächlich da! Die Bilder der Zwillinge hatten sich tief bei ihm eingebrannt und er konnte gar nicht anders, als verklärt und stolz vor sich hin zu grinsen. Obwohl ihm vor Erschöpfung fast die Augen zufielen. Mehdi, der ganz genau spürte, wie es seinem Kumpel gerade erging, blieb derweil stumm neben ihm sitzen. Auch er rekapitulierte das eben Geschehene und bekam vor lauter Grinsen gar nicht mit, wie das Handy in seiner Kitteltasche wiederholt zu klingeln begann. Die beiden Freunde waren ganz mit sich beschäftigt, bis Mehdi sich schließlich doch aufraffte. Ansonsten wäre er vermutlich gleich hier auf dem Gang auf dem Stuhl zur Seite gekippt und eingeschlafen. Mit einem verwegenen, vielsagenden Lächeln auf den Lippen stupste Mehdi Marc mit der Schulter an und stand anschließend von seinem Platz auf.

Mehdi: Ja, genauso fühlt es sich an.
Marc (steht für den Hauch einer Sekunde auf dem Schlauch): Was? Oh!
Mehdi: Gut, oder?
Marc: Mega!

Es bedurfte nicht vieler Worte zwischen den beiden, um zu beschreiben, wie die beiden besten Freunde sich gerade fühlten. Ein Blick in die leuchtend zugewandten Augen des anderen genügte dafür. Mehdi zwinkerte Marc auffordernd zu, half dem erschöpften Chirurgen schließlich auf und die beiden marschierten im Gleichschritt nebeneinander her zum Aufzug.

Marc (kann sich einen letzten spöttischen Kommentar nicht verkneifen): Du müffelst übrigens auch wie ein verendeter Elch.
Mehdi (ignoriert den Hinweis mit einem wissenden Grinsen): Ich hoffe, du hast noch ein paar Wechselsachen in deinem Spind.
Marc: Da ich gestern noch nicht gewusst habe, dass ich ab morgen in Elternzeit sein würde, hab ich ihn noch nicht leer geräumt.
Mehdi (klopft ihm anerkennend auf die Schulter): Man(n) denkt mit, das ist gut. Apropos, mitdenken, Gretchen vermisst ihre Sachen. Auch die für die Kleinen. Kann sein, dass die bei eurer Einlieferung im Stationszimmer gelandet sind. Aber da kommen wir ja eh gleich vorbei.
Marc (bleibt abrupt vor dem Aufzug stehen u. schlägt sich die Hand vor den Kopf, wodurch er endgültig wieder hellwach ist): Scheiße, ey, nee, Gretchens Krankenhaustasche liegt noch in unserem Auto und das steht bei dem Arschloch vor der Haustür. Fuck!
Mehdi (überrascht): Oh, da steht es gut.
Marc (zischt ihn sauer von der Seite an): Ja, du mich auch! Was mach ich denn jetzt? Ich kann hier doch jetzt nicht weg.
Mehdi (versucht ihn zu beruhigen): Also, eure Zwerge werden jetzt erst einmal gründlich durchgecheckt. Das dauert seine Zeit. Sie sind versorgt. Und Gretchen schläft jetzt sowieso erst einmal.
Marc (zögert noch): Trotzdem...
Mehdi (mitfühlend): Soll ich dich schnell zu den Hassmanns rüberfahren?
Marc (der Fahrstuhl öffnet sich, aber er bleibt wie angewurzelt davor stehen): Nee, warte mal! Einer sollte auf jeden Fall hier bleiben. Und ich glaube, ein bisschen kalte Nachtluft könnte mir gut tun.

Er braucht eine Zigarette. Verständlich. Er hat schließlich tapfer durchgehalten. Ich bin stolz auf dich, Mann!

Mehdi (nickt wissend): Wie du meinst.
Marc (sieht ihm etwas unschlüssig in die Augen): Bleibst du noch solange hier?
Mehdi (lächelt zustimmend): Eigentlich hätte ich schon vor drei Stunden Schluss gehabt, aber du weißt doch, dass ich alles für euch tun würde. Natürlich bleib ich noch so lange auf Station, bis du wieder da bist. Ich muss eh noch euren Bericht schreiben und die Unterlagen für die Kinder fertig stellen.
Marc (steht mit einem Bein schon im Aufzug): Danke, Mann!
Mehdi (zwinkert ihm wissend zu): Das ist doch Ehrensache, mein Freund!
Marc (auf der Schwelle zum Fahrstuhl dreht er sich noch einmal zu Mehdi um, denn er will unbedingt noch etwas loswerden): Ich sage das vielleicht nicht oft genug, weil ich denke, dass es eh offensichtlich ist, aber... ich bin echt froh, dass du mein Freund bist. Ohne dich hätte ich das alles heute nicht...
Mehdi (seine Gefühle gehen mit ihm durch): Ach, komm mal her! Ich hab dir noch gar nicht richtig gratuliert. Mann, du bist Vater! Willkommen im Club, Marc! Das müssen wir auf jeden Fall noch mit einer Pullerparty begießen.

Marc wusste gar nicht, wie ihm geschah, aber plötzlich wurde er von Mehdi in den Fahrstuhl gedrängt und fand sich alsbald in einer überschwänglichen Männerumarmung wieder, die er anfangs erst etwas steif erwiderte, aber auch der stolze Neupapa wirkte schnell wieder gelöst und drückte ordentlich zu, während er mit seiner freien Hand Mehdi immer wieder freundschaftlich auf den Rücken klopfte.

Marc: Ja, ich bin Vater. Wahnsinn, was!

Und mit diesem ihn überflügelnden Wahnsinnsgedanken im Kopf bekam der stolze Daddy gar nicht mit, wie sich hinter ihm und Mehdi, dessen aufrichtige Freude er tief im Herzen spürte und erwiderte, die schweren Fahrstuhltüren schlossen. Ein langer Abend neigte sich dem Ende zu und noch ahnte niemand, welche weitere Überraschung dieser für alle Beteiligten noch bereithalten würde.


https://www.youtube.com/watch?v=bgiQD56eWDk

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

29.11.2017 16:13
#1611 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, da schlenderte der extrem gutgelaunte Oberarzt und einmal komplett von oben bis unten neu eingekleidete, frisch gebackene Familienvater auch schon wieder mit einer nicht gerade leichten Reisetasche bewaffnet mit großen schwungvollen Schritten durch die gläserne Eingangstür zurück ins Foyer seiner Arbeitsstätte, dem Berliner Elisabethkrankenhaus. Ungewohnt für alle, die ihrem sonst eher für seine grummelige Unfreundlichkeit und sein zwischenmenschliches Desinteresse bekannten Kollegen begegneten, grüßte er sonderbar beschwingt alles und jeden, der zu dieser späten Stunde kurz vor Mitternacht seinen Weg kreuzte und schenkte ihnen sein schönstes Grübchenlächeln, gegen das kaum ein Mitglied der weiblichen Belegschaft hier in diesem altehrwürdigen Klinikgebäude immun war und das sich so sehr in sein jugendliches Gesicht eingebrannt hatte, dass es vermutlich im besten Fall für immer dort stehen bleiben würde und auch weitere Generationen von Lernschwestern und Assistenzärztinnen auf einprägsame Weise in ihren Bann ziehen würde.

Er hatte gerade die Glückwünsche des Nachtportiers entgegengenommen, der wie immer über alles, was in seinem Haus passierte, bestens Bescheid wusste, da vernahm er das vertraute „Pling“ eines der Aufzüge im hinteren Bereich der Eingangshalle, welche er sich nun bemühte, auf schnellstem Wege zu durchqueren. Denn er wollte so schnell wie nur möglich zurück zu seinen Lieben. Athletisch wie eine Gazelle sprintete er also auf die sich schließenden Stahltüren zu, streckte seine schmale Chirurgenhand aus und schaffte es gerade noch so, damit die Lichtschranke zu erwischen, welche den Schließmechanismus des Fahrstuhls prompt stoppte. Die halbgeschlossenen Türen sprangen wieder auf und Dr. Marc Olivier Meier konnte noch rechtzeitig in das abfahrbereite stählerne Gefährt hineinspringen, das ihn hoch in die gynäkologische Abteilung im dritten Stock bringen sollte, wo die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben sicherlich schon sehnsüchtig auf ihn warteten. Und natürlich auch sein bester Freund Mehdi, der sich mit seinem beherzten Einsatz heute Abend seine Ablöse mehr als verdient hatte.

Marc: Moment! Ich will noch mit. Ich hab’s nämlich eilig. ... Danke.

...stieß Marc atemlos aus, als er mit einer schwungvollen Drehung den kleinen rechteckigen Raum enterte, und ließ die schwere Krankenhaustasche seiner Freundin, die er lässig über der Schulter getragen hatte, prompt unterhalb der Liftanzeige fallen, wo er hastig die Taste für den dritten Stock suchte und auch direkt drückte, obwohl diese bereits deutlich aufleuchtete, weil sie schon gedrückt worden war. Erst jetzt bemerkte der verspätete Fahrgast im Augenwinkel, dass der Fahrstuhl schon von einer Person belegt war. Marc blickte verwundert auf, denn zu dieser Stunde begegnete man eigentlich nur sehr selten noch jemanden, der zwischen den Etagen des weitläufigen Krankenhausgebäudes unterwegs war, mal abgesehen von den emsigen Nachtschwestern und der zickigen Oberschwester, die gegen Mitternacht immer zur Bestform auflief. Und er musste tatsächlich zweimal hinschauen, bis seine strapazierfähigen Synapsen erfasst hatten, wer da in die hinterste Ecke des Aufzugs gezwängt stand, sich krampfhaft mit beiden Händen an das stählerne Geländer klammerte und bei seinem Anblick unweigerlich gewohnt genervt aufstöhnte. Er müsste lügen, wenn er jetzt behaupten würde, er würde nicht genau das Gleiche denken. Nicht nur er durchlebte gerade ein Déjà-Vu der nicht gerade schönsten Art, das sich vor ungefähr einem halben Jahr schon einmal so oder so ähnlich zugetragen hatte.

Gabi: Och nee! Du hast mir gerade noch gefehlt. Hättest du nicht den nächsten nehmen können?
Marc: Die schon wieder! Dieses Krankenhaus ist wie eine Geisterbahn. Hinter jeder Tür versteckt sich eins dieser Biester. Nur hätte ich dich hier drin nicht unbedingt vermutet. Wolltest du die Dinger nicht meiden, seitdem wir das letzte Mal mit einem nicht unterwegs waren, hm?

...konnte sich der verschmitzt grinsende Chirurg eine kleine Anspielung in Richtung der genervt dreinblickenden Brünetten nicht verkneifen, deren lange Haare zu einem dicken, unförmigen Knoten hochgebunden waren, während er genüsslich seine amüsierten Blicke über ihren hochschwangeren Körper gleiten ließ, der durchaus vermuten ließ, dass Gabis Eingangsfrage berechtigt sein könnte, denn dieser rundum abgeschlossene Raumquader, den sie gezwungenermaßen miteinander teilten, könnte unter Umständen zu klein für die beiden werden. Und diese weitere Provokation seinerseits hätte es wahrlich nicht gebraucht, um Gabi Kragenow noch zusätzlich zu reizen. Ihr Nervenkostüm war nämlich schon gespannt genug und das verhehlte sie auch nicht. Denn auf eine weitere unnötige Begegnung mit diesem Knallkopf hätte die Krankenschwester im Mutterschutz bis auf weiteres gerne verzichtet.

Gabi: Glaub mir, ich könnte mir echt etwas Besseres vorstellen, als ausgerechnet mit dir Idioten wieder diesen schrecklichen Fahrstuhl zu teilen. Aber ich bin nun mal, wie du siehst, im achten Monat schwanger. Ich bin fett. Ich kann meine Füße nicht mehr sehen. Mir tut jeder Schritt weh, schon bevor ich ihn überhaupt mache. An Treppensteigen ist nicht zu denken. Also bleibt mir keine andere Wahl. Und jetzt hör auf, mich so anzustarren, als hätte ich einen gigantischen Luftballon verschluckt, und geh aus der Lichtschranke, sonst fährt das Ding nämlich nie los. Ich will wirklich nicht unnötig länger hier drin verbringen müssen.
Marc (bemerkt erst jetzt, dass er die Türen mit seinem Gepäck blockiert u. schiebt dieses ein Stückchen vor, damit sie sich endlich schließen können): Upps! Sorry, ich war nur etwas geblend... äh... irritiert. Du. Nachts. Ungeschminkt. Und ähm... Was... genau... ist... das? Ist das nicht...? Der lebt noch? Heilige Scheiße! Ich dachte, der hässliche Bärchenschlafanzug von Mehdi hätte unsere Studenten-WG damals nicht überlebt. Hatten wir den nicht in einer feierlichen Zeremonie mit all den anderen unförmigen Klamotten aus dem letzten Jahrtausend verbrannt, nachdem ich Dickie mit Müh und Not zu einem halbwegs ansehnlichen und vor allem formvollendeten Kerl gemacht habe, auf den ihr fliegen könnt, wenn ihr euch endlich mal entschieden habt? Beziehungsweise er sich.

...konnte sich Marc ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das riesige Bärengesicht, das sich formschön um Gabis eindrucksvolle Schwangerschaftsrundungen geschmiegt hatte, während die ertappte Schlafanzugträgerin am liebsten vor Scham im Boden dieses Aufzuges versunken wäre und sich in Lichtgeschwindigkeit die Stahlseile hinuntergehangelt hätte, um dem Meierschen Spott noch rechtzeitig zu entkommen. Sie könnte sich selber dafür ohrfeigen, wieso sie überhaupt völlig planlos und unüberlegt aus dem Haus gegangen war. Das war doch sonst nicht ihre Art. Sie ging sonst nie ungeschminkt und ungestylted vor die Tür, nicht einmal zum Briefkasten oder zum Bäcker um die Ecke, was vor allem Mehdi jedes Mal köstlich amüsierte, der stets charmant beteuerte, dass sie das alles gar nicht nötig hätte, weil sie von Natur aus schön war. Das war zwar wirklich süß von ihm gemeint und ging ihr runter wie Öl, aber Frau ging halt trotzdem immer Nummer sicher. Mal abgesehen von heute. Und gestern. Eigentlich die gesamten vergangenen Wochen, in welchen sie sich die meiste Zeit zuhause hatte gehen lassen.

Die fortschreitende Schwangerschaft hatte sie träge gemacht. Sie hatte mal wieder nicht nachgedacht, bevor sie handelte. Wie so oft in letzter Zeit, ärgerte sie sich am meisten über sich selbst und schloss im selben Moment die Augen in der stillen Hoffnung, sie würde dadurch unsichtbar werden. Ein Trugschluss. Sie musste Meier nicht mal ansehen, um zu erkennen, wie er gerade dreckig vor sich hin feixte. Am liebsten hätte sie sich jetzt weit, weit weg geträumt. In die Südsee. Oder die Toskana. Wenigstens auf die Pfaueninsel. Oder in die Cafeteria. Denn sie merkte, dass sie allein beim Gedanken daran auch schon wieder einen Mordshunger entwickelte. Ihre ständigen hormonellen Schwankungen brachten sie noch völlig aus dem Gleichgewicht. Aber vor diesem Vollidioten würde sie sich niemals die Blöße geben. Also, öffnete Gabi ihre Augen wieder, zupfte an dem dunkelbraunen, klobigen Schlafanzugoberteil herum, um einen unsichtbaren Fusel zu beseitigen und guckte dann mit über ihrem voluminösen Babybauch verschränkten Händen übertrieben selbstbewusst zu ihrem verhassten Ex-Verlobten rüber, der sich sein dreckiges Grinsen immer noch nicht von der Backe geputzt hatte. Dieser blöde Idiot. Da sah man es mal wieder. Sie war völlig unfähig geworden. Nicht einmal in Gedanken konnte sie noch über Marc Meier herziehen, obwohl er es allein schon durch seine bloße Anwesenheit mehr als verdient hätte. Stattdessen machte sie sich mit jedem weiteren Satz nur noch lächerlicher.

Gabi: Alles wird wieder modern. Das nennt sich Oversize.
Marc (kleinlaut): Der olle Sack bestimmt nicht. Aber man sagt ja auch, Kleider machen Leute, ne. Und ich muss zugeben, dir steht er ungemein.
Gabi (funkelt den Provokateur für den Spruch angesäuert an): Wenn das wieder eine versteckte Anspielung auf meinen Körperumfang sein soll, dann lass es einfach stecken. Das rührt mich nicht. Ich bin schwanger. Ich darf rumlaufen, wie ich will.
Marc: Gut!

Mit verstecken ist ja nicht mehr viel, ne. Hähä!

Marcs eine Augenbraue zuckte amüsiert auf und er hätte sich durchaus auch noch dazu hingerissen gefühlt, seiner „Lieblingsfreundin“ noch etwas mit auf den Weg zu geben, aber er hatte sich kurzfristig umentschieden. Seine gute Laune konnte heute kein weiterer Witz auf wessen Kosten auch immer übertreffen. Also konzentrierte er sich wieder auf das Wesentliche, nämlich die Liftanzeige, die mittlerweile den ersten Stock anzeigte, wo die Türen gerade mit einem lauten „Pling“ aufgesprungen waren, obwohl davor anscheinend niemand zu warten schien. Seltsam, dachte Marc nur, zuckte kurz unmerklich mit den Schultern und drückte dann schnell wieder auf die Schließtaste. Er konnte es schließlich kaum noch erwarten, endlich wieder bei seiner Familie zu sein. Und die zwei Minuten Restfahrzeit würde er auch noch Mehdis nervige Freundin aushalten können. Aber leider hatte er die Rechnung ohne Gabriella Kragenow gemacht, die gerade erst auf Betriebstemperatur gekommen war.

Gabi: Außerdem sind das die einzigen Anziehsachen, die noch einigermaßen bequem zu tragen sind.
Marc (schaut dann doch noch einmal genauer hin u. kann sich ein weiteres Schmunzeln nicht verdrücken, weil das Bärengesicht auf ihrem Pullover irgendwie gequält aussieht): Naja, Mehdi hatte damals ja auch ein sehr ausladendes Hinterteil.
Gabi (schickt ihm tödliche Blitze rüber): Ey!
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt): Spaß! Mann, jetzt mach dich doch mal locker, Gabi! Was biste denn so unentspannt? Du hättest vielleicht doch besser im Bett liegen bleiben sollen, wo du eigentlich um die Zeit hingehörst. Müsstest du dich nicht schonen?
Gabi (zickt ihn direkt an): Ich bin locker.
Marc (lacht): Sieht man. Ist direkt ansteckend. Was machst du überhaupt hier? Hast du mal auf die Uhr geschaut, wie spät es ist?
Gabi (dreht sich abweisend weg): Das geht dich gar nichts an.
Marc (verdreht genervt die Augen): Ich bin hier ja auch nicht derjenige, der grundlos Gift und Galle spuckt.
Gabi (wendet sich mit Schwung wieder ihrem gehässigen Gegenüber zu): Du kannst mich ja auch einfach mal in Ruhe lassen. Ich hab dich nicht um Smalltalk gebeten, Marc. Dich interessiert doch sonst auch nicht, was mit mir ist.
Marc (wirft den Spielball gekonnt zurück): Und ich hab dich nicht darum gebeten, mich immer gleich blöd von der Seite anzuzicken. Ich hab gar nichts getan, außer zu atmen. Ich wollte nur höflich sein.
Gabi (glaubt ihm kein Wort): Ja, klar, du und höflich. Diese Gleichung geht nicht auf.
Marc (amüsiert sich königlich über Gabis ungewöhnliche Schlagfertigkeit): Uuuhhh... Ich wusste gar nicht, dass in dir ein kleines Mathegenie schlummert. Ach, die Kaanschen Gene kommen durch. Glückwunsch! Den Vaterschaftstest kannste dir also sparen.
Gabi (kocht so langsam vor Wut): Arsch!
Marc (diese Steilvorlage kann er sich nicht entgehen lassen): Hoffen wir mal, dass der Teil seiner Gene nicht ganz so ausgeprägt erscheint. Aber bei Veranlagung kannste nichts machen. Soraya sagt ja auch immer, Mehdi sei ein ungewöhnlich dickes Kind gewesen. Diese Tendenz hat sich bis in seine verspätete Pubertät hingezogen und schimmert auch heute noch ab und an durch. Man weiß gar nicht so genau, wer von euch beiden gerade schwangerer ist. Du oder er?
Gabi (würde ihm am liebsten die Augen auskratzen, wenn sie sich dafür nicht extra anstrengen müsste): Marc, mir wird das jetzt echt zu blöd hier.

Dito! Ich frag mich echt, wie Mehdi das Tag für Tag aushält. Das muss echte Liebe sein.

Marc (hebt seine Hände in Unschuldspose): Du, ich bin auch nicht gerade sonderlich erpicht darauf, ausgerechnet mit dir auf engstem Raum zu verkehren. Aber hab ich eine Wahl? Nö, hab ich nicht. Und es darf ja wohl noch erlaubt sein, sich zu wundern. Oder findest du es nicht ungewöhnlich, wenn eine Hochschwangere in deinem Zustand mitten in der Nacht alleine im Schlafanzug durch halb Berlin marschiert? Das wirft schon Fragen auf. Gut, ich hab kapiert, mir steht nicht zu, das in irgendeiner Weise zu kommentieren, aber wenn ich dir einen kleinen Tipp geben kann, dann lass es bitte! Dein Geklammere in letzter Zeit nervt so langsam. Das ist eigentlich Mehdis Part und er stellt es meist subtiler an.
Gabi (will es eigentlich nicht, aber fühlt sich dann doch gezwungen, sich zu erklären): Ich klammere nicht. Entschuldige bitte, dass ich mir vielleicht Sorgen mache. Mehdi wollte schon vor Stunden zu Hause sein. Ich hab mehrfach versucht, ihn zu erreichen. Seit er mir Annas Video von deinem und Lillys Auftritt auf Sarahs Einschulung weitergeschickt hat, geht er nicht mehr an sein Telefon. Weder an sein privates, noch an das Diensthandy. Ich hab sein Interview in den Abendnachrichten gesehen und wollte ihm sagen, wie toll und souverän ich ihn fand, aber er geht einfach nicht ran. Irgendwas stimmt da nicht. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Lilly schläft heute bei ihrer Mutter und ich habe es einfach nicht mehr alleine zuhause ausgehalten.
Marc (ist merklich erstaunt, denn er spürt deutlich Gabis ehrliche Verunsicherung): Ach, und da denkst du dir einfach, marschiere ich einfach mal zu einem Kontrollbesuch hierher?
Gabi: Das ist kein Kontrollbesuch. Und ich bin nicht gelaufen. Ich hab mir ein Taxi genommen.
Marc (kann sich eine kleine Spitze nicht verkneifen): Uh! Wie vorbildlich. Das zahlt dir aber nicht die KV. Es sei denn, es ist ein Notfall. Und wenn ich mir dich so anschaue, dann...
Gabi (regt sich immer mehr auf u. kann ihre brodelnden Gefühle kaum noch zurückhalten): Haha! Es passiert gleich ein Notfall, wenn du weiter so mit mir sprichst. Aber das hätte ich mir auch denken können, dass dir das völlig am Arsch vorbeigeht, dass Mehdi etwas zustoßen könnte. Du findest es ja sogar noch ganz witzig, dass er jetzt auch so einen kleinen Cut an der Nase als Überbleibsel davongetragen hat. Aber das ist verdammt noch mal kein Spaß, Marc.
Marc (beobachtet irritiert, wie sie sich immer mehr in Rage redet u. dabei wieder u. wieder verstohlen über die Augen wischt, die verdächtig schimmern): Boah, du fängst jetzt aber nicht an...? Heulst du etwa? Gabi! Was ist eigentlich los mit dir? Dass du hier fast jeden Abend aufschlägst und einen auf Bodyguard machst, das ist doch nicht mehr normal. Unter staatlich verordneten Mutterschutz verstehe ich was Anderes.
Gabi (schnieft herzerweichend u. zuckt beim Gedanken an das, was passiert ist, immer wieder zusammen): Es ist noch keine Woche her, dass er überfallen worden ist, du Ignorant.
Marc (schließt für eine Sekunde seine Augen u. schiebt den Gedanken daran ganz schnell ganz weit weg): Denkst du wirklich, er ist so leichtsinnig, dass ihm das noch mal passieren könnte? Hey! Ganz Berlin kennt jetzt seine unrasierte Visage.
Gabi (kann sich kaum noch beruhigen u. fängt an zu zittern): Ja, eben! Und wenn sich jemand rächen möchte?
Marc (kann kaum glauben, was sie da alles von sich gibt, u. ist mit seiner Geduld fast am Ende): Also, in dem Spielfilm, der sich da gerade in deinem hübschen Köpfchen abspielt, möchte ich echt nicht mitspielen. Das ist doch vollkommener Kokolores. Wer soll sich denn bitteschön ausgerechnet hier an ihm rächen wollen, hm? Außer Väter, denen ein Kuckuckskind untergeschoben worden ist, aber dafür kann er doch nichts. Er guckt anderen Frauen nur unter den Rock. Mehr macht er doch gar nicht. Obwohl, für manch einen könnte dies durchaus ein Argument sein.
Gabi (verschränkt abwehrend die Arme u. schenkt dem Ignoranten ihre kalte Schulter): Ach, du kannst mich mal, Marc Meier!
Marc: Long time ago war das mal... egal!

…konterte Marc spöttisch auf Gabis albernen Ausbruch, den er in keinerlei Weise nachvollziehen konnte, und wandte sich wieder der Anzeige des Fahrstuhls zu, der mittlerweile im zweiten Stock Halt gemacht hatte. Aber da der Aufzug schon von den beiden belegt war und offenbar eine sehr seltsame Stimmung in der Luft lag, welche man sich besser nicht noch extra auflud, wenn man es nicht noch rechtzeitig vermeiden konnte, hatte die Nachtschwester spontan beschlossen, das Bett mit ihrem schlafenden Patienten, das sie schon halb hineingeschoben hatte, wieder hinauszuziehen und erst mit dem nächsten zu transportieren. Sie nickte Dr. Meier noch kurz zu. Dieser nickte unmerklich zurück, weil er genau richtig interpretiert hatte, was deren sonderbares Grinsen zu bedeuten hatte, mit dem die Krankenschwester ihn bedacht hatte, und das brachte auch den grummligen Oberarzt unweigerlich wieder zum Schmunzeln. Die Tratschbasen von der Säuglingsstation und der Gyn hatten anscheinend mal wieder beste Netzwerkarbeit betrieben. Er drückte auf den Knopf, welcher die Türen langsam wieder schließen ließ, und drehte sich erneut seiner nervigen Mitfahrerin zu, die nun wie ein Häuflein Elend an der hintersten Wand lehnte und mit ihren Gedanken vermutlich schon den nächsten Blockbuster drehte, der es nie ins Kino schaffen würde. Irgendetwas in ihm sagte ihm, er müsse dringend handeln und das tat er schließlich auch, obwohl er sich selbst nicht erklären konnte, wieso er das überhaupt machte. Marc steckte seine Hand in die rechte Tasche seines marineblauen Kurzmantels und holte sein Mobiltelefon hervor, das er nun der still vor sich hin wimmernden Freundin seines besten Freundes demonstrativ vor die Nase hielt, was sie anfangs jedoch noch stur ignorierte.

Marc: Boah, Gabi, echt ey, du nervst so was von, das grenzt schon an Unmenschlichkeit, aber irgendwas musst du an dir haben, dass Mehdi unerklärlicherweise nicht von dir lassen kann. Wenn du unbedingt wissen willst, was dein Herzblatt in der Zeit gemacht hat, nachdem er für sein soziales Engagement kurzzeitig ein bescheidenes Renommee in und um Berlin errungen hat, dann kann ich es dir gerne verraten. Du hättest ja auch gleich fragen können, anstatt so einen bescheuerten Aufstand zu machen.
Gabi (wendet ihm abweisend die kalte Schulter zu): Lass mich!
Marc (geht konsequent über ihre Widerstand hinweg u. genießt es richtig, sie auflaufen zu lassen): Tja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber... ja, ähm... es ist etwas passiert, das nicht nur ihn ziemlich überrumpelt hat. Aber wer rechnet denn auch schon damit? Und das auch noch ausgerechnet heute. Was ich damit sagen will, naja, er hat jemanden kennengelernt.
Gabi (schaut nun doch überfordert auf, kann aber durch den dichten Tränenschleier kaum etwas auf dem kleinen Bildschirm erkennen, den er ihr immer noch hinhält): Was?
Marc (beißt sich auf die Lippen, um sich nicht gleich zu verraten): Genauer gesagt zwei Jemande. Zwei unverwechselbare Persönlichkeiten mit sehr eindrucksvollen Stimmen und unheimlich niedlichem Äußeren, die... Hach... Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn. Ich kann es nicht anders beschreiben. Wir haben uns alle sofort auf der Stelle verknallt. Es ist eine Liebe fürs Leben. Definitiv!
Gabi (reagiert sichtlich gereizt, weil sie gar nichts versteht): Marc, verarsch mich nicht! Was willst du mir damit sagen? Was hat Mehdi...? Oh!

Gabis Tränen waren mittlerweile versiegt und einem eher genervten Gesichtsausdruck gewichen. Sie hatte genug von Marcs ständigen Scherzen auf ihre Kosten und funkelte den blöden Kerl dafür demonstrativ an, der sich sein freches Meier-Grinsen natürlich nicht verbieten ließ. Und es wurde sogar noch breiter, als er bemerkte, wie sich Gabis Gesichtszüge plötzlich in Sekundenschnelle veränderten. Denn sie hatte endlich richtig auf das Smartphone-Display geschaut, das er ihr immer noch wackelnd direkt vor die Nase hielt. Ihre dunklen Kulleraugen wurden immer größer und größer und die absolute Sprachlosigkeit stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sehr zum Vergnügen von Dr. Meier, der auch immer wieder verstohlen auf sein erstes Familienfoto blickte. Im Stillen dankte er sogar seiner nervigen Stationsschwester Sabine, die ausnahmsweise einmal mitgedacht und ihm dankenswerterweise die Schnappschüsse aus dem Kreißsaal direkt auf sein Smartphone weitergeleitet hatte.

Gabi: Aber... Aber... Das ist doch... Heißt das etwa... eure Zwillinge sind da? Die Zwillinge sind da!
Marc (grinst mit stolzgeschwellter Brust wie ein Honigkuchenpferd): Jep, darf ich vorstellen, vor dir steht jetzt ein richtiger Daddy.
Gabi: Marc, aber das ist doch... toll. Ich freu mich. Ehrlich. ... Oh! Entschuldigung! Ich war nur... Ich bin...

Gabi wusste überhaupt nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie war ehrlich baff. Und auch Marc wusste nicht, wie ihm geschah, denn Mehdis Freundin hatte ihre abwehrende Haltung mit einem Mal komplett abgelegt und war ihm plötzlich spontan um den Hals gefallen, um ihm zu gratulieren. Diese Geste kam direkt von Herzen. Das spürte auch Marc, der zum ersten Mal seit Monaten seiner einst verhassten Ex ein aufrichtiges, spottfreies Lächeln schenkte, nachdem sie sich keine Sekunde später sofort wieder von ihm zurückgezogen hatte, als sie selber gemerkt hatte, wozu sie sich gerade, einem spontanen Gefühlsimpuls folgend, hatte hinreißen lassen.

Marc: Kein Thema. Kann ja jedem mal passieren. Wieder beruhigt? Wenn du jemandem die Schuld geben willst, dass deine andere Betthälfte heute kalt geblieben ist, dann mir. Kaan ist nur meinetwegen länger geblieben, weil ich noch Gretchens Sachen holen musste. Das ging alles ziemlich schnell und für alle ziemlich überraschend.
Gabi (nickt verständnisvoll u. ist sogar ein bisschen gerührt von Marcs Anblick als frisch gebackenem u. stolzem Familienvater, was ihm etwas Sanftmütiges gibt, das ihn durchaus für sie sympathisch macht): Das kann ich mir vorstellen. Und, wie ist es? Wie fühlt es sich an? Was ist es überhaupt geworden und was macht...? Was war das?

Gabi schossen plötzlich so viele unterschiedliche Fragen durch den Kopf, die sie ehrlich interessierten, dass sie gar nicht mehr mitbekam, wo sie sich gerade befand. Aber das wurde ihr spätestens in dem Moment wieder bewusst, als es plötzlich einen kräftigen Ruck unter ihren Füßen gab, der sie fast aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Und dann tat sich gar nichts mehr. Der Aufzug bewegte sich nicht mehr. Das Licht an der Decke flackerte verdächtig und ging dann ebenso wie die Liftanzeige kurz aus, bevor eine Sekunde später die Notbeleuchtung automatisch einschaltete. Auch Marc reagierte darauf merklich irritiert...

Marc: Nee, oder? Das ist jetzt echt nicht wahr, oder? Ihr wollt mich doch verarschen?
Gabi (schaut ihm mit bangem Blick zu, wie er rastlos durch den winzigen Raum hastet, u. fasst sich immer wieder unwohl an den Hals): Marc! Was hat das zu bedeuten?
Marc (fällt resigniert in gewohnte Muster zurück u. pampt lautstark herum): Ja, was wohl? Dass die Idioten von der Technik richtige Dilettanten sind, diese Arschgeigen. Ey, die Teile sind erst vor ein paar Wochen komplett überholt worden. Und jetzt hängen wir schon wieder hier drin fest. Ausgerechnet heute. Das beschissendste Déjà-vu, das ich je erlebt habe.

...meckerte der Oberarzt in einer Tour, ohne dabei seine Mitpassagierin weiter zu beachten, und stieß einmal ordentlich mit dem Fuß vor lauter Wut und Resignation gegen die geschlossenen Stahltüren, bevor er sich schließlich der Liftanzeige zuwandte und mit Schmackes auf den roten Notrufknopf einhämmerte. Erst hörte er nichts, dann vernahm er ein lautes Knacksen am anderen Ende der Leitung, die nun gleich Bekanntschaft mit einem sehr ungehaltenen Dr. Meier machen würde. Und mit dem war nicht zu spaßen.

Marc: Hey! Ist da wer? Wir hängen hier fest, ihr Flitzpiepen. Der Scheißfahrstuhl hängt schon wieder zwischen der zweiten und dritten Etage. Hallo? Ihr Vollspackos! Hört auf, eure Eier zu schaukeln und schiebt eure fetten Ärsche hier hoch, aber in Lichtgeschwindigkeit! Ich hab nicht vor, die ganze Nacht hier drin verbringen zu müssen.

„Nur die Ruhe, Mister! Wer wirdn gleich ausfallend werden, hä? Is schon registriert. Wir kieken gerade“, versuchte jemand an der anderen Leitung den aufgebrachten Fahrstuhlgast zu beruhigen, aber Gabi und Marc waren alles andere als ruhig. Sie wollten raus. Sofort! Und zwar bevor sie beide dazu übergehen konnten, sich gegenseitig umzubringen.

Marc: Ja, Sie sind mir ja vielleicht ein Spaßvogel. Sie hängen ja auch nicht hier drin fest. Mit der da.
Gabi (hat sich vorsichtig am Geländer vorgetastet u. klammert sich nun ängstlich an ihren aufgebrachten Ex): Marc, mach was! Die sollen sich beeilen.
Marc (zuckt erschrocken zusammen, als er ihre Hände auf seinen Schultern spürt, u. schiebt sie überfordert von sich): Sehe ich etwa so aus, als könnte ich zaubern? Halt mal den Ball flach und deine Hände bei dir, Gabi, und wehe du machst hier wieder so einen Terror wie beim letzten Mal! Dann ist mir nämlich völlig egal, ob du schwanger bist oder nicht. Klar! ... Hey! Sie da? Das sind doch Sie, oder, Guido? Vom Empfang unten?
Guido: Korrekt, Doktor...?
Marc (grummelt): Meier.
Guido: Oh! Dr. Meier, Sie sind’s. Wir ham schon von Ihrem großen Tach jehört.
Marc: Schön! Schön! Dann können Sie ja wohl verstehen, dass ich hier schleunigst raus muss. Ich bin noch verabredet.

...verdrehte Marc genervt die Augen und konnte immer noch nicht fassen, dass ausgerechnet ihm so eine riesige Scheiße passieren musste. Er wollte zu Gretchen, sich an sie schmiegen und gemeinsam die ganze Nacht die Wundersterne betrachteten. Allein der Gedanke daran ließ ihn nicht völlig durchdrehen und alles kurz und klein hauen. Obwohl, diese Tendenz schien wohl gerade Gabi neben ihm übernehmen zu wollen...

Gabi: Maaarc!
Marc (reagiert gereizt u. hält sein Ohr an die Durchsprechanlage): Ssshhh...! Halt die Klappe! Ich versteh sonst nichts.
Guido: Sindse nich alleene, Dr. Meier?
Marc: Positiv! Jemand da oben ist offenbar ein richtiger Scherzkeks, hier immer dieselben Zutaten reinzuwerfen, wenn die Technik versagt oder die hinterletzte Baufirma mal eben mir nichts dir nichts diverse Stromkabel zu Kabelsalat zerlegt. Also, seht zu, dass ihr das schnell hinbekommt. Sonst kann ich nicht garantieren, dass wir hier nicht doch noch zu körperlicher Gewalt übergehen werden.
Guido: Die Technik is bereits unterwegs. Diesmal liegts nich an der Elektrik. Scheint ein Problem mit der Hydraulik zu sein.
Gabi (guckt Marc mit großen Augen verunsichert an): Und was heißt das?
Marc (versucht sie erfolglos zu ignorieren): Das verstehst du doch eh nicht.
Gabi (ist mal wieder den Tränen nahe): Marc, ich finde das echt nicht witzig.
Marc: Denkst du ich? Und jetzt hör auf, hier ständig nervig herumzukeifen! Damit bringst du uns auch nicht schneller hier heraus.

...fuhr Marc seine hysterische Kollegin und ehemalige Zwangsverlobte genervt an, die sich daraufhin entmutigt zurück in ihre Ecke verzog, um zu schmollen. Hätte er unter dem schwachen Schein der Notbeleuchtung genauer hingeschaut, dann hätte er sicherlich bemerkt, wie die Neunundzwanzigjährige mit einem Mal immer blasser wurde und sich plötzlich verkrampfte. Aber so viel Feingefühl besaß der Herr Starchirurg leider nicht.

Gabi: Marc, irgendwas stimmt nicht.
Marc (zynisch): Wow! Die Kandidatin erreicht hundert Punkte. Ja, und weißt du auch, warum? Weil das Scheißteil verdammt noch mal feststeckt, wie du sicherlich schon bemerkt hast, Blitzmerkerin. Und bevor du wieder damit anfängst, durchzudrehen wie beim letzten Mal, die Fahrkabine ist mit Stahl ummantelt. Das heißt, die Wände können sich nicht aufeinander zu bewegen. Das ist physikalisch nicht möglich. Das ist eine Erfindung von Hollywood. Du bildest dir das ein. Wenn überhaupt, dann geht’s abwärts. Das wirst du dann aber sicherlich merken. Dann stürzen wir nämlich ab.
Gabi (wird immer panischer): Waaaas?
Marc (dreht sich dann doch zu der Nervensäge um u. stöhnt bei ihrem hysterischen Anblick entnervt auf): Das war ein Scherz, Gabi. Mann, reiß dich mal zusammen! Mach autogenes Training oder was weiß ich, tätschele deinen Bauch, rede mit dem Luftballon! Ich dachte, du hättest deine Klaustrophobie längst überwunden?
Gabi (klammert sich ängstlich ans Geländer): Marc, ich glaube, das ist mein geringstes Problem.
Marc (runzelt verwundert die Stirn u. versucht, die Ruhe zu bewahren): Wie meinste denn das wieder?
Gabi (schaut ihm mit angsterfüllter Miene direkt in die Augen u. hält sich den Bauch): Ich glaube, der Luftballon ist geplatzt.
Marc (steht erst einmal auf dem Schlauch): Was?
Gabi: Marc, das Baby kommt.

...

Lorelei Offline

Mitglied


Beiträge: 7.456

09.12.2017 13:43
#1612 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Es dauerte einen langen, sehr, sehr langen Moment, bis ihre Worte auch tatsächlich so bei Marc angekommen waren, wie sie gemeint waren. Gabi klammerte sich mit letzter Kraft an den Haltegriffen des Aufzugs fest und versuchte, sich mühsam wieder hoch zu hangeln. Aber mittlerweile hing sie wie ein Boxer in den sprichwörtlichen Seilen. Mehdis Lebensgefährtin konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Es zog sie unweigerlich nach unten. Erst als sie immer weiter zu Boden sank, wachte auch der irritierte Oberarzt wieder aus seiner kurzzeitig eingetretenen Schockstarre auf und die ersten Notlampen in seinem Kopf leuchteten verdächtig auf. Der Ernst der Lage war dem versierten Chirurgen dabei aber immer noch nicht bewusst, denn was nicht sein konnte, war auch nicht real. Zumindest vorerst nicht. Wie bestellt und nicht abgeholt stand er noch immer regungslos vor der Durchsprechanlage des Fahrstuhls, welche ab und an ein undefinierbares Knacksen von sich gab und damit die unheimliche Stille durchbrach, die nach Gabis Selbstdiagnose eingetreten war, und guckte mit großen Augen auf die in die Knie gesunkene Schwangere, bis er endlich doch noch reagierte und unbeholfen etwas stammelte, das Gabis mangelndem Kräftehaushalt direkt einen erneuten Auftrieb gab, welcher jedoch nur kurz anhalten sollte.

Marc: Jetzt werd nicht hysterisch, Gabi! Das... Das kann gar nicht sein. Ihr seid doch noch gar nicht dran.
Gabi: Du meinst, so wie ihr heute noch nicht dran gewesen seid? Selbst dir müsste doch wohl langsam klar geworden sein, dass das nicht unsere Entscheidung ist. Sie oder er hier drin in meinem Bauch entscheidet. Und ich glaube, er oder sie hat sich bereits entschieden.

...konterte Gabi ungewohnt zynisch auf Marcs plumpe Beschwichtigungsversuche, während sie bedächtig über ihre Schwangerschaftsrundungen streichelte, um sich und das Baby zu beruhigen. Aber wie sollte sie ruhig bleiben, wenn sie in einem winzig kleinen Raum gefangen war, dessen Sicherheitsstatus sie zu Recht anzweifelte. Ausgerechnet mit dem größten Egomanen unter der Sonne, der Diagnosen außerhalb seines selbstherrlichen Berufsfelds nicht gelten ließ, weil sie weit unter seinem Anspruch lagen. Wenn er es nicht anders verstehen konnte oder wollte, dann eben auf die direkte Art. Wenigstens am anderen Ende der Lautsprecheranlage schien man aufgehorcht zu haben. Denn der Hausmeister meldete sich erneut und anhand seiner wackeligen Stimme konnte man seine gesteigerte Nervosität deutlich ablesen.

Guido: Was’n los, Dr. Meier?
Marc (will es immer noch nicht wahrhaben u. wird deshalb mal wieder ausfallend): Was los sein soll? Ich stecke hier nur gerade mit einer völlig hysterischen, zur Klaustrophobie neigenden Schwangeren fest, die sich für die Königin der Welt hält, nur weil sie neuerdings einen auf perfektes Familienidyll machen will.
Guido: Oh!
Marc (schreit zynisch in die Durchsprechanlage): Ist Ihnen jetzt der Ernst der Lage bewusst oder soll ich sie extra noch ans Mikro holen, hm? Damit es auch noch der letzte Depp kapiert.
Gabi (verteidigt sich mit Vehemenz, bis sie nicht mehr kann u. die Schwerkraft unaufhörlich übernimmt): Wenn du mit Depp dich meinst, das funktioniert doch eh nicht. Und ich bin nicht... hyst...er...isch. Ich... Aaaahhh... Ich kann mich nicht mehr halten. Maaarc, hilf mir!

Das war der klar und deutlich ausgesprochene Satz, der dann doch etwas bei dem völlig konsternierten Chirurgen auslöste. Seine Beine machten sich selbständig und er kam gerade noch dazu, der in die Knie Gezwungenen unter die Arme zu greifen, damit sie nicht unsanft auf dem kalten Fahrstuhlfußboden aufditschte. Vorsichtig lehnte er sie gegen die hintere Aufzugswand und blickte ihr nun mit forschendem Oberarztblick in das schmerzverzerrte und ihn immer noch wütend anfunkelnde Gesicht.

Marc: Scheiße, ey, du meinst das ernst? Du tust nicht nur so?
Gabi (versucht, sich von dem Ignoranten loszueisen, muss aber resignierend kapitulieren, weil sie nicht mehr Herrin über ihren Körper ist): Denkst du wirklich, dass ich dazu jetzt noch in der Lage wäre? Mann, ich hab Schmerzen und... Oh! Ooohhh...
Marc (springt erschrocken zwei Schritte zur Seite u. guckt dann ziemlich perplex zu Boden): Wie oh? Oh! Fuck! Ist das...?
Gabi (beendet seine Feststellung mit unmissverständlicher Klarheit): Fruchtwasser.
Marc (hält sich die Hand vor den weit heruntergeklappten Mund u. läuft nun leicht panisch auf der Stelle auf u. ab): Scheiße, scheiße, scheiße! Wieso muss eigentlich immer mir so eine riesige Scheiße passieren?
Gabi (fühlt sich selber von der Gesamtsituation überrollt): Frag mich mal! Ich... ich bin doch noch überhaupt nicht vorbereitet. Ich bin noch nicht soweit. Das ist viel zu früh. Und Mehdi ist nicht hier. Ich kann das nicht ohne Mehdi.
Marc (versucht angestrengt, seine Gedanken zu sortieren): Jetzt dreh hier nicht gleich durch, Gabi! Den brauchen wir nicht. Noch nicht. Euer Baby kommt schließlich nicht hier drin zur Welt. Wir haben noch arschviel Zeit, um hier rechtzeitig rauszukommen.

So langsam legte sich die anfängliche Panik wieder und der planmäßig agierende Oberarzt setzte sich durch oder versuchte es zumindest, um seine unfreiwillige Patientin nicht noch zusätzlich zu beunruhigen. Dr. Meier schob Gabi Gretchens Krankenhaustasche als Kopfstütze zu, sprang dann wieder auf seine Füße und flitzte zum Lautsprecher des Aufzugs, um mit Draußen zu kommunizieren. Er wollte gerade etwas hineinsprechen, als ein weiterer Satz von Gabi ihn endgültig in akute Alarmbereitschaft versetzte.

Marc: Guido, bist du noch dran?
Guido: Wat gibt’s denn, Meister? Gibt’s doch ein Problem?
Marc (fährt sich aufgewühlt durch die Haare): Wenn’s nur das wäre. Wir müssen hier umgehend raus. Sofort! Keine Diskussion! Das ist jetzt wirklich kein Spaß mehr.
Guido (druckst auffällig herum): Dat äh... wird schwierig, Herr Doktor. Die Techniker sind zwar vor Ort, aber haben dat Problem noch nich konkret justiert.
Marc (strengt sich an, nicht auf der Stelle durchzudrehen u. professionell zu bleiben): Nicht justiert? Wollt ihr mich verarschen? Das ist mir scheißegal. Ich habe hier eine Schwangere in den Wehen, die dringend versorgt werden...

Gabi (unterbricht ihn höchstalarmiert): Maaarc! Ich kann schon das Köpfchen spüren.
Marc (dreht sich, zur Statue erstarrt, in Zeitlupe zu ihr um u. guckt nun wie ein Postauto): Was? Bist du sicher?
Gabi (kreischt hysterisch): Ich bin nicht bescheuert, Marc. Ich fühle doch, was ich fühle und ich halte den Druck kaum noch aus. Es will raus. Wir haben keine Zeit mehr.
Marc (leichte bis mittelschwere Überforderung schimmert wieder durch): Dann verschränk halt die Beine, bis wir...
Gabi (giftet ihn für den unnötigen Spruch direkt an): Ey, du spinnst wohl! Wenn ich das kontrollieren könnte, dann würde ich das ja wohl auch tun. Ich will mein Kind nicht gefährden. Aaaaahhh... Maaarc, mach was!
Marc (flucht leise vor sich hin): Fuck, fuck, fuck!

Okay, konzentrier dich, Meier! Das ist nicht dein erstes Mal! Du kommst quasi direkt aus dem Kreißsaal. Du hast das gut gemacht. Du weißt, was zu tun ist. Das hat bei Frau Becher-wie-Tasse damals doch auch funktioniert und da hat man dich völlig unvorbereitet ins kalte Fruchtwasser geschmissen. Das ist heute nicht so. Du kennst sie. Leider! Und verdammt noch mal, du hast eine Verantwortung. Das ist Mehdis Kind! Er hat dir und Haasenzahn geholfen, jetzt hilfst du ihm, ob du willst oder nicht.

...versuchte Marc, sich in Gedanken Mut zuzusprechen und sich zu sortieren, was auch tatsächlich zu funktionieren schien. Denn prompt richtete er sich wieder auf, straffte seine verspannten Schultern und wandte sich wieder der Gegensprechanlage zu, durch die sich eine verunsicherte Männerstimme gerade wieder zu Wort gemeldet hatte.

Guido: Äääähhh... Dr. Meier, sind se noch da?
Marc: Äh... nein! Natürlich nicht. Hört sich das so an? Wohin sollten wir denn verschwunden sein, hm? Wenn wir uns hier rausbeamen könnten, dann hätte ich ja wohl eher den Gummersbach informiert und nicht Sie Blitzmerker. Okay, Spaß beiseite! Hör zu, Guido! Das muss jetzt verdammt noch mal schnell gehen. Zaubert, hämmert, stemmt die Türen mit irgendwas auf, weiß der Geier. Aber macht was! Ich brauch hier sofort das Team der Neointensiv und irgendwer muss Mehdi... also Dr. Kaan Bescheid geben. T minus fünf Sekunden. Die Zeit läuft gegen Sie.
Guido: Jeht klar, Dr. Meier, ick lass den Herrn Doktor sofort ausrufen.
Marc: Mach den kleinen Dienstweg, Guido!
Guido (stutzt verdutzt): Wieso?
Marc: Weil es sein Kind ist, du Flitzpiepe, das hier gerade den Fahrstuhlführerschein in Lichtgeschwindigkeit machen will. Los! Hopp! Die Zeit läuft genauso wenig rückwärts, wie das Kleine zurück in seine gemütliche Herberge krabbeln kann, die es die letzten Monate bewohnt hat.

Nachdem alles unmissverständlich gesagt worden war, was er mitzuteilen hatte, und er sich in Gedanken noch vorgestellt hatte, wie die treue Seele an der Eingangspforte nun ziemlich dämlich aus seiner altmodischen Wäsche schaute, bis er endlich aus dem Knick kommen und den Glaskasten hinter sich lassen würde, robbte Dr. Meier zurück zu seiner unfreiwilligen Patientin, die vor Anstrengung schon ganz rot im Gesicht angelaufen und mächtig ins Schwitzen geraten war. Sie wimmerte leise vor sich hin und befand sich fast schon in einer Art Delirium, als sie plötzlich Marcs Hand am Ärmel ihres Schlafanzugoberteils spürte. Gabi öffnete ihre Augen und bekam nur unter einem dichten Tränenschleier Marcs Gesicht mit, das sich ihr mit Zuversicht zugewandt hatte. Zum ersten Mal, seitdem sie sich kannten, verstanden sie sich beinahe blind. Doch beruhigen konnte er sie trotzdem nicht. Dazu war sie viel zu aufgewühlt und fühlte sich regelrecht erschlagen von der unerwarteten Situation, die sie nicht nur wortwörtlich von den Beinen gerissen hatte.

Gabi: Ich hab Angst.
Marc (schließt für den Hauch einer Sekunde seine Augen u. drückt unbeholfen ihre zitternde Hand, die sich am Fußboden abstützt): Ich... auch.
Gabi (zieht zickig ihre Hand unter seiner wieder weg): Das motiviert mich nicht gerade.
Marc (schenkt ihr ein schräges Lächeln): Ich weiß. Aber die bemühen sich, irgendwie die Scheißtür aufzubekommen.
Gabi (fixiert im schwachen Schein der Notbeleuchtung die geschlossenen Stahltüren): Ich glaube nicht, dass ich solange durchhalten werde, Marc.
Marc (hat keinen Schimmer, wie er der verängstigten Schwangeren noch Mut machen kann): Doch, wirst du! Hey! Das ist nur ne Geburt. Zwar unter äußerst widrigen Umständen, aber die sind wir ja wohl gewohnt. Darin sind wir doch Profis, oder?
Gabi (fängt wieder an, leise zu weinen u. hält sich verzweifelt ihren Babybauch): Ich kann nicht noch mal ein Kind verlieren, Marc. Ich pack das nicht. Dann will ich auch nicht mehr sein.

Scheiße!

Marc (schaut ihr eindringlich in die dauerblinzelnden Augen u. drückt ermutigend ihre kleine zitternde Hand): Das darfst du noch nicht mal denken, Gabi. Aufgeben ist keine Option. Du bist eine Kämpferin. Und eure Erbse damit auch. Ihr seid immer noch in einem Krankenhaus. Ihr seid in guten Händen. Wir schaffen das. Ich will zwar nicht, aber hab ich eine Wahl? Irgendwer da oben wird sich schon was dabei gedacht haben, dass er ausgerechnet uns zwei Pappenheimer hier drin festhält.
Gabi (schöpft wieder ein wenig Hoffnung u. macht sich instinktiv bereit): Ich kann es wirklich schon spüren, Marc. Du musst nachschauen.
Marc (schluckt u. zieht sich ein Stück zurück, um sich mit dem Rücken an die Spiegelwand gegenüber zu lehnen): Oh Gott! Den Tagesausklang hab ich mir aber irgendwie anders vorgestellt. Ruhig und entspannt neben Haasenzahn und den Kurzen, die mich aus ihren faszinierenden, kleinen Äuglein angucken und alles ist gut.
Gabi (fühlt sich schon wieder alleingelassen u. macht ihrem ganzen Ärger Luft): Nichts ist gut, Maaarc!
Marc (wacht aus seiner kurzen Trance wieder auf, die ihm die nötige Kraft gegeben hat, das auch wirklich durchzuziehen, u. kniet sich nun unwillig vor seine Patientin): Ja, ich mach ja schon. Zick hier nicht rum und konzentrier dich aufs... Was weiß ich... atmen! Boah! Dabei hab ich mir mal geschworen, dich nie wieder anzugucken, geschweige denn dich jemals wieder auch nur anzutatschen und schon gar nicht in der äh... südlichen Region. Die Toskana ist Mehdis Terrain.
Gabi (wimmert): Bitte, Marc!
Marc (schluckt u. schließt noch einmal für einen kurzen Moment seine Augen, um sich auf das, was gleich kommen wird, mental einzustellen): Okay!? Das hier passiert nicht wirklich. Ich folge nur meinem Eid. Ich bin Arzt. Ich bin dem verpflichtet. Das wird schon. Irgendwie.

https://www.youtube.com/watch?v=BgWd1dcODHU

Marc wollte nicht. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Aber er hatte keine andere Wahl. Er war Mediziner. Mediziner aus Leidenschaft. Mediziner aus Überzeugung. Er war seinem hippokratischen Eid verpflichtet. Und vor allem war er Mehdi verpflichtet. Seinem einzigen und wahren Freund, der ihm heute schon mehr als je zuvor beigestanden hatte. Für ihn wäre es vermutlich eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass er jetzt für ihn einsprang. Aber Marc hätte schon noch gerne nachgefragt, nur um sicherzugehen, aber leider herrschte in den Krankenhausaufzügen seit der letzten Panne absolute Funkstille. Auch so ein Problem, das man neben der Tatsache, dass sie eigentlich Personen transportieren und nicht festhalten sollten, dringend beheben sollte.

Ein letztes Mal kniff der allseits bereite Oberarzt seine Augen zusammen und rief sich dabei das Bild seiner gerade erst geborenen Kinder als mentale Stütze in Erinnerung, bevor er sich anschließend ganz professionell gab und sich der Schlafanzughose von Gabi widmete, die er langsam mit pietätvoll abgewandten Blicken herunterzog. Es war nicht so, dass er sich plötzlich schämen würde. Er hatte schon viele, viele, unzählige Frauen gesehen und kannte sich mit der weiblichen Anatomie bestens aus. Vermutlich sogar noch besser als sein Kumpel, der sich vor allem aus seltsamen beruflichen Gründen damit beschäftigte. Aber er kannte Gabi Kragenow nun mal besser, als es Mehdi, Gretchen und ihm lieb war, und daher fühlte es sich einfach nur komisch an, das hier jetzt zu tun. Aber da musste Dr. Meier jetzt durch.

Als Gabis Unterbekleidung schließlich ausgezogen war, traute er sich dann doch, kurz nachzuschauen, um den Stand der Dinge zu verifizieren. Vielleicht war das alles ja noch gar nicht so akut, wie die hysterische Neunundzwanzigjährige ihm glauben machen wollte. Aber im nächsten Moment musste er diese naive Wunschvorstellung revidieren. Erschrocken wich er zurück und stieß heftig gegen die gegenüberliegende Aufzugswand, die er nun mit seinen schweißigen Händeabdrücken verschönerte.

Marc: Heilige Scheiße!
Gabi (wird augenblicklich panisch u. fängt an zu zappeln): Was ist? Oh Gott, ist etwas nicht in Ordnung? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht. Wieso ist Mehdi denn nicht hier? Ich will, dass er hier ist.
Und ich erst! Wenn ich könnte, würde ich ihn auf der Stelle herbeamen, damit mir die Bilder erspart bleiben. Zu spät!
Marc (rudert hektisch zurück): Nein, nein, es ist nur äh... ja, ungewohnt. Die... die vielen, dichten, dunkeln Haare. Das... ist nicht das, was ich in Erinnerung... Äääähhh.... egal! Ey! Sag mal, presst du etwa schon wieder? Du musst aufhören zu pressen, Mann. Ich bin noch nicht so weit.
Gabi (klammert sich verkrampft an die seitlichen Tragegriffe der Reisetasche, gegen die sie sich mit dem Rücken lehnt): Geht... nicht. Ich hab doch gesagt, ich kann es wirklich nicht kontrollieren. Ich mach gar nichts. Es kommt...
Marc (seine Augen werden immer größer, ebenso wie sein Unwille): Das flutscht ja von ganz alleine. Partus praecipitatus.
Gabi (bekommt es jetzt erst richtig mit der Angst zu tun): Was soll das heißen? Musst du dich immer so kompliziert ausdrücken. Das versteht doch kein Mensch. Ich kann kein Chinesisch, Spanisch, Französisch, wie auch immer.
Marc (kann sein kurzweiliges Schmunzeln nicht verbergen): Sicher?
Gabi (fühlt sich mal wieder nicht ernst genommen von dem Profilneurotiker): Maaarc! Jetzt sag’s mir endlich, verdammt!

Mann, ich wollte doch nur die Stimmung ein wenig auflockern. Damit du dein hysterisches Gegacker sein lässt. Das ist bestimmt nicht das, was eure Erbse als Erstes hören möchte, wenn sie dann mal geschlüpft ist.

Marc (stöhnt entnervt auf u. konzentriert sich wieder auf seine Aufgabe): Was haben die euch eigentlich in der Schwesternschule beigebracht? Hochdeutsch? Das ist Latein, du Intelligenzbestie, und bedeutet so was wie Sturzgeburt. Überstürzte Geburt, um genau zu sein. Mit einem Mal überkommen dich die Presswehen, obwohl du vorher noch keine weiteren Eröffnungswehen gespürt hast. Hast du doch nicht, oder? Gretchen hatte nämlich auch den ganzen Nachmittag schon Kontraktionen, ohne dass sie es ernst genommen und es für nötig gehalten hat, mir und Mehdi Bescheid zu geben.
Gabi (kreischt hysterisch auf u. lädt ihren ganzen Frust über Monsieur Schlaumeier ab): Jetzt lass mich bitte mit Gretchen in Ruhe! Was denkst du eigentlich, was ich die ganze Zeit hier mache, hm, Blitzmerker? Sturzgeburt? So weit war ich auch schon. Und so was schimpft sich Oberarzt. Eine tolle Hilfe bist du mir, echt. Jetzt hol mir Mehdi her! Das läuft überhaupt nicht so, wie wir uns darauf vorbereitet haben. Wir haben genau besprochen, wie es funktionieren kann. Mann, ich hab ein traumatisches Erlebnis hinter mir. Ich brauche seine Stimme, um mich zu beruhigen. Ich will das so nicht. Ich will dich nicht.

Das hättest du mir auch früher schon mal sagen können, Nervensäge.

Marc (fühlt sich direkt in seiner Medizinerehre gekränkt u. funkelt sie unmissverständlich an): Ey, jetzt hör auf, dich ständig zu beschweren! Sonst höre ich hier nämlich auch auf, auch nur irgendeinen Finger krumm zu machen. Du kannst dir den Arzt nicht aussuchen und ich mir nicht die Notfälle, also, meistens. Die akuten treffen einen eh immer unvorbereitet und zumindest das kann ich negieren. Ich hab nämlich in den vergangenen Monaten ein ganzes Facharztstudium hinter mir, ohne dass ich darum gebeten habe. Glaub mir, ich weiß, was ich hier tue. Und soweit ich das beurteilen kann, ist es bis auf die Tatsache, dass wir hier drin zusammen gefangen sind und du einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord aufstellen willst, eine normale Geburt, wenn auch etwas flinker als der Durchschnitt. Ich hab alles unter Kontrolle. Ääähhh... Fast.

Bevor sich seine einstige Erzfeindin Nummer eins noch mehr beschweren und sich über ihn auskotzen konnte, hatte sich Dr. Meier längst wieder aufgerafft und sich auf seine eigentliche Aufgabe in diesem Abenteuer konzentriert, auf das er weder eingestellt, noch in sonstiger Art und Weise Lust hatte. Aber er war nun mal, wie sie schon gesagt hatte, der einzige Doktor weit und breit in diesem heruntergekommenen Aufzug, der immer dann nicht funktionierte, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte. Ein Déjà-vu, auf das er gerne verzichtet hätte. Und sie sicherlich auch. Aber er war nun mal hier und er hatte einen Plan. Deshalb machte er das Beste aus der Situation. Im OP musste er schließlich auch immer improvisieren. Das lag ihm. Also zog Marc seinen Kurzmantel aus, legte diesen unter Gabis angewinkelte Beine und ehe er weiter reagieren und überhaupt eingreifen konnte, da war es auch schon passiert. Schneller als er es erwartet hätte, hielt der unfreiwillige Geburtshelfer plötzlich ein glitschiges Baby mit pechschwarzen Haaren in den Armen, das ihn ebenso verdutzt anschaute wie er es.

Marc: Äh... Hallo, du?
Gabi (hat es in dem Gefühlstaumel, der sie umgibt, noch nicht registriert): Was ist?
Marc (guckt völlig überwältigt zu ihr hoch u. staunt Bauklötzchen): Das ging jetzt... irgendwie... fix. Ich musste gar nichts machen.
Gabi (versteht es immer noch nicht): Wie? Ich spür gar nichts. Weder Wehen, noch sonst was.
Marc (lächelt u. ist völlig fasziniert): Naja, auch kein Wunder. Es ist schon da.

Der völlig perplexe Oberarzt konnte immer noch nicht begreifen, was gerade passiert war und dass es tatsächlich so einfach gewesen war, ihr zu helfen, und schaute immer wieder staunend zwischen dem Kind und den verwirrt hin- und herhuschenden Pupillen seiner Patientin hin und her, die immer noch nicht ganz verstanden hatte, was er ihr auf seine verschrobene Meier-Art mitzuteilen versuchte. Erst als Marc ihr das in seine Jacke gewickelte Baby zeigte, das ebenso bedröppelt dreinblickte wie sein Geburtshelfer, die Augen immer wieder schloss und an seinem kleinen Daumen nuckelte, begriff auch die völlig überwältigte, frisch gebackene Mama, dass es tatsächlich da war. Sie hatte gerade ein Kind geboren und es schien, soweit sie dies in ihrer Zuckerwattetraumblase beurteilen konnte, gesund zu sein.

Gabi: Aber...

Gabi brachte nichts außer ein staunendes Stammeln heraus, als Dr. Meier ihr vorsichtig das Neugeborene reichte, das sie sofort liebevoll in ihre Arme zog und an sich drückte, um es instinktiv zu wärmen und gegen die Widrigkeiten dieser Welt zu beschützen. Während sie das zarte Bündel verliebt betrachtete und ihre Glückstränen kaum zurückhalten konnte, kramte Marc geschäftig in einer Seitentasche seines Gepäcks, das Gabi als Rückenlehne diente, und wurde schnell fündig. Haasenzahn hatte zum Glück an alles gedacht, was Frau so für einen längeren Krankenhausaufenthalt und sonstige Ausflüge benötigte. Mit einer kleinen Nagelschere bewaffnete, robbte der Chirurg zu Mehdis Freundin zurück, lächelte sie zaghaft an und deutete dann auf das noch etwas benommene Baby in ihren Armen.

Marc: Ich müsste da noch mal ran. Wegen... du weißt schon. Routine. Ist nur ein kleiner Kniff. Tut niemandem weh.
Gabi (gibt das Baby nur ungern wieder her): Ist... ist alles mit ihm in Ordnung?

...fragte die frisch gebackene Mama vorsichtig, während sie mit Argusaugen und angehaltenem Atem beobachtete, wie der versierte Mediziner die Nabelschnur abklemmte und den Säugling schnell wieder mit seinem dunkelblauen Mantel zudeckte. Denn allzu warm war es nicht in dem stecken gebliebenen Fahrstuhl. Marc grinste nur, als er Mehdis Lebensgefährtin den nun etwas munterer gewordenen Neugeborenen erneut reichte und demonstrativ für sie noch einmal den dunkelblauen Deckenersatz lüpfte.

Marc: Lass mich noch mal schauen! Hm... Zwei Arme, zwei Beine, zehn Zehen, zehn Finger, der Teint und die wilde Friese vom Papa, die Augen und die zierliche Nase der Mama und das Wichtigste, ein Penis. Jep, ich denke, es ist alles dran, was dran sein muss im Starterpaket.
Gabi: Was?

Gabi war immer noch viel zu verwirrt, um all die Informationen zu verarbeiten, die gerade ungefiltert auf sie einprasselten und in typischer Meier-Manier verpackt worden waren. Sie hatte nur noch Augen für den kleinen Menschen in ihren Armen, der plötzlich, als hätte er gemerkt, dass es um ihn ging, unter der viel zu großen Jacke, die ihm Schutz bot, anfing zu zappeln und zu weinen. Ihr wild pochendes Herz setzte mit dem ersten Ton seiner süßen Stimme aus, um kurz darauf noch viel schneller zu rasen, als Gabi allmählich für sich feststellte, dass sie tatsächlich ein echtes Baby in der Hand hielt, das allem Anschein nach gesund und putzmunter war und offenbar eine ordentliche Portion südländischen Temperaments aufwies, wenn auch nur zu einem Viertel. Das war zu viel für die frisch gebackene Mama, die ungehemmt ihren durcheinander flatternden Gefühlen freien Lauf ließ. Das erkannte auch Marc, der sich, ebenso überrollt von dem Moment, den er bewegt miterleben durfte, neben sie auf den Boden gesetzt hatte und dem Schreihals nun seinen kleinen Finger hinhielt, mit dem er ihn tatsächlich fürs Erste beruhigen konnte.

Marc: Eins muss man Mehdi lassen, was er macht, das macht er richtig. Glückwunsch! Den habt ihr richtig gut hinbekommen. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, dass das jetzt nichts wird mit den ausgedehnten Shoppingtouren mit eurer Püppi. Aber Mehdi, Lilly und ich nehmen ihn bestimmt gerne mal ins Hertha-Stadion mit.
Gabi (drückt den kleinen Schatz an ihr Herz u. guckt bewegt zur Seite): Danke!
Marc (zuckt betont unbeeindruckt mit den Schultern, obwohl innerlich noch ein gewaltiger Sturm tobt, der ihn zu übermannen droht): Naja, mit Mehdi alleine wird das ja nichts. Der hat keine Ahnung von Abseits und so weiter. Der hat nicht einmal eine Panini-Sammlung. Dabei sind wir zum vierten Mal Weltmeister und peilen die Titelverteidigung an. Aber keine Sorge, ich bring ihm das noch bei, damit er es weitererzählen kann, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren.
Gabi (sieht ihn aus tränenfeuchten Augen mit ungewohnter Ernsthaftigkeit an): Das meine ich nicht.
Marc (stupst sie leicht mit der Schulter an u. lächelt ungewohnt sanftmütig, wenn auch mit einem verdächtigen Augenzwinkern): Das weiß ich doch. Und du kannst von Glück sprechen, dass ich überhaupt noch mit dir rede, geschweige denn plane, den Kurzen und vielleicht auch dich, wenn du mal nicht nervst, zum Fußball mitzuschleppen. Das hätte auch ganz anders laufen können.
Gabi (stutzt): Wieso?

Marc (guckt noch einmal auf seine Armbanduhr u. schaut dann grinsend wieder zu den beiden rüber): Zwei Minuten früher und wir hätten jetzt ein gewaltiges Problem. Weißt du, die Meiers teilen nämlich nicht gerne. Weder Jahrestage, noch Geburtstage, noch sonst irgendwas. Schwein gehabt! Haasenzahn würde dich ansonsten jedes Jahr aufs Neue teeren und federn. Und ich müsste mir das ganze Gekeife anhören, sie immer wieder trösten und einen Dauerauftrag anlegen, damit immer genug Tempotaschentücher vorrätig sind.
Gabi (kann seinen seltsamen Ausführungen kaum folgen, weil sie viel zu sehr von ihrem Kleinen abgelenkt ist): Wie?
Marc (stöhnt leicht entnervt auf, weil Gabi nicht gerade als Blitzmerkerin bekannt ist): Zwecks zukünftiger Geburtstagsfestivitäten. Torten, Topfschlagen, keine Ahnung. Aber er hier ist ja zum Glück ein Sonntagskind geworden. Volltreffer. Zwei Minuten nach Mitternacht. Demnach zwei Geburtstage für Drei, was nicht heißt, dass das für uns weniger Stress bedeuten würde.
Gabi (schaut ungläubig zwischen ihrem Sohn u. Marc hin u. her): Echt? So war das eigentlich nicht geplant.
Marc (lächelt vielsagend u. kann nicht widerstehen, dem Kleinen noch mal seine Hand hinzuhalten): Ist es nie, Gabi. Sie bestimmen ab sofort, wie und wo es langgeht. Nicht, mein Freundchen? Du hast das doch ganz genau geplant, deinem guten Freund eins auszuwischen, was. Aber das lasse ich dir nur einmal durchgehen, Kleiner. Klar? Du weißt es nämlich noch nicht, aber ich bin hier der Boss. Ich bestimme, wie es langgeht. Das schließt lediglich äh... Fahrstühle aus. Die solltest du in Zukunft meiden.

Seinen Anmerkungen zum Trotz antwortete der kleine Junge seinem Geburtshelfer mit einer ausgedehnten Flennattacke, die so auch nur ein echter Kaan hinbekommen hätte, schlussfolgerte Marc schmunzelnd und auch ein bisschen stolz. Er hielt dem Schreihals noch einmal seinen kleinen Finger hin, den der Junge diesmal leider konsequent ignorierte, weil Gabis Brüste unter dem überlangen Braunbärenpullover, in den sich seine kleinen Finger gekrallt hatten, irgendwie interessanter erschienen, und sprang schließlich auf, um sich die Beine zu vertreten und um zu schauen, wie weit die Flitzpiepen da draußen denn waren. So langsam hatte der Chirurg nämlich das Gefühl, dass der Sauerstoff knapp wurde, jetzt wo sie überraschend zu dritt in der alten Klapperkiste feststeckten. Aber Marc kam nicht weit, denn kaum hatte er den Lautsprecher erreicht, hörte er auch schon verdächtige Stimmen, aber nicht aus der Durchsprechanlage, sondern ganz nah von draußen. Nämlich direkt über seinem Kopf. Instinktiv schaute der verdutzte Oberarzt nach oben. Eine der heftig diskutierenden Stimmen auf dem Gang über ihm war ihm mehr als vertraut.

Mehdi (schreit von außen durch die geschlossenen Aufzugstüren): MARC, bist du da DRIN?
Marc (streift sich verdutzt über sein Ohr u. tauscht mit Gabi einen vielsagenden Blick aus, die erleichtert aufschaut): Äh... nein, das ist eine akustische Täuschung, was sonst. Ihr Kaans seid wirklich echte Blitzmerker. Ist das zu fassen?
Mehdi: Ist das... Ist das etwa...?

...stammelte Mehdi aufgeregt und kaum hörbar durch die geschlossenen Fahrstuhltüren vor seiner heftig juckenden Nase, als das neugeborene Baby einmal mehr zum Daueralarm ansetzte, den Gabi kaum zu bändigen wusste, da ihr immer noch leicht schummrig zumute war. Mehdis bester Freund wollte gerade etwas schlaumeierisch dazu anmerken, aber da hörte er auch schon das hektische Hämmern und pochende Ruckeln an der versperrten Aufzugtür. Und die verschiedenen Stimmen auf dem Flur der Chirurgie wurden lauter und immer ungehaltener.

Guido: Momentchen! Herr Doktor, dat jeht so net. Lassen se die Kolleschen doch bitte... Sie können die verdammte Türe nich mit ihren eigenen Händen uffstemmen. Oh! Können se doch!

Aber die Warnhinweise des Hausmeisters verhallten ungehört, denn da war es bereits zu spät. Mit einem kräftigen Ruck hatte der Gynäkologe die Türen aufgeschoben und zwängte seinen vollschlanken Körper nun durch den engen Spalt hindurch, den er mit seinen beiden kräftigen Armen noch weiter aufgestemmt hatte, bis sie an den Ecken hörbar eingerastet waren. Dann überwand er mit einem lässigen Hüpfer die zweieinhalb Meter unterhalb des dritten Stocks, wo der Fahrstuhl hängen geblieben war, und sprang zu Marc und Gabi hinunter in die Kabine. Der verdutzte Oberarzt konnte gar nicht so schnell gucken, da war Mehdi auch schon an ihm vorbeigezischt und zu seiner Liebsten geeilt, die er augenblicklich an sich drückte und immer wieder voller Inbrunst und Erleichterung küsste.

Marc: Alter! Wenn du schon mit deinem Muskeltraining angibst, dann hättest du mir wenigstens vorher noch raushelfen können.
Sabine (geht in die Hocke u. guckt gebannt durch die halb geöffnete Fahrstuhltür nach unten): Ungeahnte Ereignisse lassen ungeahnte Kräfte frei.
Marc: Wem sagen Sie das, Schwester Sabine? Wem sagen Sie das?

...murmelte Marc nur abwesend, als er die letzten Minuten vor seinem inneren Auge Revue passieren ließ. Sein Hauptaugenmerk galt aber nicht der hibbeligen Krankenschwester, die sich angesichts der neusten Entwicklungen gar nicht mehr einkriegen konnte und ein fröhliches Tänzchen auf das Parkett der chirurgischen Station legte, sondern seinem besten Freund, der sich inzwischen neben seine aufgelöste Lebensgefährtin gehockt hatte und mit zittrigen Händen und dicken Kullertränen in den ungläubig geweiteten Augen seinen strampelnden Stammhalter in die Höhe hielt. Jauchzend vor Glück drückte er ihn an sich und herzte ihn immer wieder voller Liebe, bis sein Junge aufgehört hatte, zu weinen. Diese rührende Geste machte auch etwas mit Marc. Abermals spürte er diese besondere Wärme im Herzen, die auch er bereits während der vergangenen Stunde intensiv gefühlt hatte. Das, was er dort beobachten durfte, war ein echtes Wunder. Und es betraf keinesfalls die Tatsache, dass es für ihn immer noch ein absolutes Wunder war, dass ausgerechnet die beiden zusammengefunden hatten und jetzt als Familie endgültig zusammengewachsen waren. Ja, es war ein Wunder. Und es war ein Wunder, dass er es überhaupt überlebt hatte. Das war im Zusammenspiel mit Gabi Kragenow nicht unbedingt erwartbar gewesen. Aber das war für Marc mittlerweile nebensächlich geworden. Was jetzt zählte, war die kleine Familie dort drüben, die sich glücklich in die Arme schloss und überwältigt von den Emotionen, die auf sie einprasselten, sichtlich bewegt anlächelte. Sie war echt. Und sie war trotz der Umstände, die sie letztlich zusammengeführt hatten, annähernd perfekt.

https://www.youtube.com/watch?v=2Vv-BfVoq4g

Mehdi: Maus, was machst du bloß für Sachen? Wenn ich gewusst hätte, dass du herkommst, dann...
Gabi (kann nicht aufhören, kindisch zu kichern, weil sie es immer noch kaum fassen kann): Er ist da, Mehdi. Unser kleiner Schatz.
Mehdi (grinst voller Stolz u. drückt ihr einen liebevollen Kuss auf die schweißige Stirn, als er plötzlich innehält u. ihr noch mal forschend in die verliebt blitzenden Augen schaut): Das ist nicht zu übersehen. Moment! Hast du gerade „er“ gesagt?
Gabi (nickt u. strahlt plötzlich wie die Sonne): Hm!
Mehdi (ist überwältigt vor Glück u. drückt seiner freudestrahlenden Freundin erneut einen innigen Kuss auf die gespitzten Lippen): Das ist ja... der Wahnsinn. Wow! Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, Bella.
Gabi (erwidert mit Inbrunst seinen gefühlvollen Kuss u. verliert sich anschließend in seinen vor Rührung schimmernden dunklen Augen): Ich liebe dich auch, Mehdi. Euch beide. Über alles.
Mehdi (erwidert ihr verliebtes Lächeln): Geht’s euch beiden gut?
Gabi (hält schützend ihre Hand über das kleine Bündel Mensch in ihren Armen u. nickt leicht mit dem Kopf, in dem immer noch reinstes Durcheinander herrscht): Ich denke schon. Vor allem jetzt, da du da bist. Er ist, glaube ich, auch noch etwas durcheinander, weil es auch für ihn ziemlich schnell gegangen ist. Und mir ist noch ein bisschen schummrig und ich glaube nicht, dass ich in nächster Zeit wiederaufstehen kann. Alles fühlt sich wie Wackelpudding an.
Mehdi (nickt verständnisvoll u. untersucht sie kurz, um die Situation fachmännisch einzuschätzen, dann lächelt er wieder): Verstehe! Dann trag ich dich eben, wohin du willst. Es tut mir so leid, dass ich nicht für euch da sein konnte. Ich hab’s verpasst. Ich hab’s vermasselt.
Gabi (legt ihre Hand liebevoll an seine glühende Wange): Ssshhh! Das macht doch nichts. Es ist schade ja und ich hätte dich auch gerne dabeigehabt, aber du hättest auch nicht viel mehr machen können. Es ging alles so rasant schnell, Mehdi. Von einem Moment auf den anderen. Und dann war er schon da. Ich begreife das alles noch gar nicht richtig.
Mehdi (legt sanft seine Hand über ihre u. betrachtet gerührt sein mittlerweile schlafendes Kind unter Marcs Jacke): Dafür fühlt er sich ziemlich real an.
Gabi (grinst völlig verzückt, als sie ihm wieder ins Gesicht schaut): Ja! Ich weiß. Er ist perfekt. Unser Junge. Wir haben einen Jungen, Mehdi.
Mehdi (wiederholt verliebt murmelnd ihre magischen Worte): Wir haben einen Jungen, ja.

Dass dem tatsächlich so war, davon war jeder überzeugt, der diesen magischen Moment miterleben durfte. Ob in der Fahrstuhlkabine oder außerhalb als stiller Beobachter. Allen voran natürlich Dr. Marc Olivier Meier, der sich nun mit stolz geschwellter Brust zu dem jungen Glück gesellt hatte und seine Meinung auf typische Meier-Art nicht für sich behalten konnte...

Marc: Was bei eurer Kombi nicht unbedingt zu erwarten war. Aber die Haare... Ist das normal so? Also, so im Vergleich, den ich ja jetzt zufällig habe? Egal! Diese Vaterschaft lässt sich definitiv nicht anzweifeln.
Gabi (klammert sich an ihrer unplatzbaren Seifenblase fest): Marc, lass den Scheiß! Sonst ziehe ich sämtliche Nettigkeiten wieder zurück, die mir hormonell bedingt vorhin rausgerutscht sind.
Mehdi (sieht amüsiert zwischen den beiden hin u. her u. merkt ganz deutlich, dass sich etwas verändert hat): Ach?
Marc (hält seine Hände in Unschuldspose hoch u. grient zu den Dreien runter): Sorry, aber der musste sein. Ein letztes Mal. Ich hoffe, jetzt sind wir endlich wirklich quitt.
Mehdi (schaut vielsagend zu seiner Freundin, die sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, u. reicht ihr ihren gemeinsamen Sohn): Hältst du ihn bitte! Ich will nur...
Gabi: Schon klar. Vergiss die Backpfeife nicht! Mit freundlichen Grüßen.

...griente Gabi ihrem Liebsten wissend hinterher, der, nachdem er ihr noch einmal einen dicken Knutscher auf die geröteten Lippen gedrückt hatte, aufgestanden war, um seinem frechen Kumpel verdientermaßen die Löffel langzuziehen. So sah es zumindest aus, als er ziemlich entschlossen auf den feixenden Sprücheklopfer zustürmte. Und Marc drückte auch im ersten Abwehrimpuls instinktiv die Augen zu, als sein Freund immer näher kam, aber da hatte sich Mehdi bereits anders entschieden. Anstatt ihm eine zu ballern, weil er mal wieder sein freches Mundwerk zu weit aufgerissen hatte, zog der frisch gebackene Familienvater Marc in eine innige Männerumarmung, die sich für den Überrumpelten anfühlte, wie im Schraubstock eingeklemmt zu sein, welcher immer mehr mit Urgewalt zugedrückt wurde. Aber da er mittlerweile aus eigener Erfahrung wusste, wie gigantisch es sich anfühlte, was Mehdi gerade in Achterbahngeschwindigkeit durchlebte, konnte auch er nicht anders und drückte seinen besten Freund einfach nur herzlich an sich. Die Gefühle waren mit dem Frauenversteher durchgegangen. Verständlicherweise. Denn niemand hätte ausgerechnet heute damit rechnen können. Mehdi und Gabi am allerwenigsten. Und welche Rolle er in diesem Abenteuer einnehmen würde, schon einmal gar nicht. Marc hatte ja selber noch nicht richtig verarbeitet, dass er vor einer reichlichen Stunde zum ersten Mal Vater geworden war. Apropos, jetzt, wo die Türen endlich offen standen, sollte er sein eigentliches Ziel nicht mehr länger aus den Augen verlieren.

Mehdi (klopft Marc anerkennend auf die Schulter): Danke, Mann! Danke, dass du da warst und sie nicht alleine gelassen hast.
Marc (löst sich langsam aus der Umarmung u. gibt sich betont unbeeindruckt u. locker): Äh... Das wäre auch nur schwer zu vermeiden gewesen, denn wenn deine schlechtere Hälfte Aufmerksamkeit sucht, dann findet sie die auch.
Gabi (weist jeden Verdacht entschieden von sich u. grinst glücklich zu ihrem unfreiwilligen Helfer rüber): Das halte ich für ein Gerücht. Aber ich bin dir trotzdem unendlich dankbar, dass du, im Gegensatz zu mir, einen kühlen Kopf bewahrt hast.
Marc (wiegelt mit einer lässigen Handbewegung ab, mit seiner anderen Hand reibt er sich unbemerkt über den Brustkorb): Ach, was, lass mal die Konfettikanone im Schrank, Gabi! Das war doch nix. Ich hab nix weiter gemacht, außer dir unter den nicht vorhandenen Rock zu gucken. Und das war auch definitiv das letzte Mal, dass ich dich freiwillig nackt gesehen habe. Sonst denkt hier noch jeder, wir machen das mit dem Frauentausch regelmäßig.
Mehdi (drückt dem Sprücheklopfer schmunzelnd die Faust gegen die Schulter): Komm, gib dich nicht so cool, Marc. Ich weiß ganz genau, was los ist. Ich hab genau gesehen, dass du auch eine Träne verdrückt hast.
Marc (weist diesen Verdacht natürlich direkt von sich, kann sich aber ein verdächtiges Mundzucken nicht verkneifen, das ihn verrät): Naja, auf Dehydrierung kann ich es nicht schieben. Dazu waren wir nicht lange genug hier drin eingesperrt. Es liegt vermutlich daran, dass du endlich auch einen Jungen gezeugt hast.
Mehdi (nickt wissend u. liest in Marcs funkelnden Augen ganz genau, wie er sich ehrlich für ihn freut): Selbstverständlich.
Marc (hat endgültig genug von den ewigen Gefühlsduseleien u. will nur noch raus): Und noch selbstverständlicher wäre es, wenn du mir jetzt endlich ne Räuberleiter bauen würdest, um mir hier raus zu helfen. Ich bin noch verabredet.
Mehdi (zwinkert ihm zu u. tut ihm schließlich mit Vergnügen den Gefallen): Mhm, ein romantisches Date um Mitternacht. Du überraschst mich immer mehr. Ich glaube, der eine oder die andere wird sich freuen.
Marc: Labere nicht! Mach! Wer Türen mit seinen eigenen Händen aufstemmen kann, kriegt auch ne verschissene Räuberleiter hin. Dein zusätzliches Gewicht, das du dir während Gabis Schwangerschaft angefressen hast, sollte dir dabei helfen.

...maulte Marc gewohnt charmant, sodass Mehdi nicht lange zögern konnte und schließlich für ihn in die Bresche sprang. Ohne große Mühen kletterte Marc auf die Räuberleiter, stützte sich an Mehdis Schultern ab und zog sich am Türrahmen hoch. Anschließend kletterte er mit einer einzigen eleganten Bewegung aus dem Schacht und klopfte sich nun, da er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, den Staub von den Sachen, wobei er frustriert feststellen musste, dass er sich wohl noch ein weiteres Mal würde umziehen müssen. Mehdis Sohn hatte nämlich ganze Arbeit geleistet. Marc schloss für eine halbe Sekunde die Augen und schüttelte immer wieder den Kopf, weil ihm erst jetzt so richtig bewusst geworden war, was er gerade geleistet hatte. Als er sie wieder öffnete, schaute der irritierte Oberarzt jedoch in das sehr emotionale Gesicht seiner Stationsschwester, die ihm verdächtig auf die Pelle gerückt war. Bevor er noch in irgendeiner Weise rechtzeitig hätte reagieren können, hatte sich diese sonderbare Person doch tatsächlich erdreistet, sich gefährlich zu ihm rüberzubeugen. Und dann hatte sie es tatsächlich getan. Ohne darüber nachzudenken, was sie damit riskierte, hatte Sabine ihren Oberarzt ungefragt mit ihren Tentakeln umschlungen und hatte ihm vor der versammelten Mannschaft schmunzelnder Haustechniker und Kollegen aus der Gyn und der Pädiatrie einfach so ein feuchtes Küsschen auf die Wange gedrückt, das sich in seine Haut einbrannte, als hätte sie ihre Lippen vorher mit Salpetersäure anstatt mit ihrer selbst zusammengestellten Lippenpflegesalbe eingeschmiert.

Sabine (im Taumel der Überschwänglichkeit): Sie sind ein Held, Dr. Meier. Das wollte ich Ihnen immer schon mal sagen. Fast so wie Dr. Rogelt. Nur besser und entschlossener.
Marc (reißt sich überfordert von der Verrückten los u. weicht mehrere Schritte zurück, wobei er fast mit der dauergrinsenden Pädiatriemannschaft zusammengestoßen wäre): Äh... Was steht ihr hier wie bestellt und nicht abgeholt herum, hä? Holt endlich die Familie da raus! Schwester Gabi und der Kleine müssen versorgt werden. Ich kann hier schließlich nicht alles alleine machen in diesem Saftladen, in dem nichts, aber auch gar nichts funktioniert.

...setzte sich schnell wieder der grummelige Oberarzt durch, um seine Position zu wahren, und wie gewohnt hüpften nach seiner unmissverständlichen Ansage alle durcheinander. Allen voran natürlich Schwester Sabine, die sich Dr. Meier jedoch unbedingt noch einmal zur Brust nehmen wollte. Also, nicht im wörtlichen Sinne. Da war er schon traumatisiert genug.

Marc (umschmeichelt sie erst): Und Sabine,...
Sabine (spürt direkt eine unmittelbare Verunsicherung, die sie erschaudern lässt): Ja, Herr Doktor?
Marc (und schlägt dann gewohnt meierlike erbarmungslos zu): Sollten Sie das noch einmal versuchen oder auch nur daran denken, dann sorge ich dafür, dass Sie im nicht mehr lebendigen Zustand in einem der Sezierfächer Ihres Mannes landen. Ist das klar?
Sabine (zuckt zusammen u. senkt demütig ihr hochrotes Köpfchen): Entschuldigung! Ich war nur... Weil... Erst die Frau Doktor... und jetzt... ist auch noch Gabis Baby da.
Marc (auch wenn er nicht will, der Hauch eines Lächelns huscht über seine Lippen): Jep! Das ist ja auch nicht zu überhören. Ganz die Mutter! Leider!

Und in der Tat meldete sich in dem Moment Kaan-Junior eindrucksvoll zu Wort und zwar näher, als es Marc vermutet hätte. Verwundert drehte er sich um und beobachtete nun mit heruntergeklappter Kinnlade, wie ein wieder funktionstüchtiger Fahrstuhl auf seiner Etage Halt machte und die Türen öffnete, als wäre nie etwas passiert. Keine Minute nachdem er mit Mühe und Not aus dem Teil herausgekraxelt war. Was für eine bodenlose Frechheit war das denn bitteschön, dachte Dr. Meier nur völlig fassungslos und brachte das auch lautstark zur Kenntnis, damit es auch jeder mitbekam, der seiner Meinung nach Schuld an der ganzen Misere hatte.

Marc (mault die Servicetechniker gereizt an): Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ey, wieso sagt ihr Deppen nicht, dass ihr das wieder hingekriegt habt? Dann hätte ich mir die bescheuerte Räuberleiter sparen können. Ich hätte mir meine Finger verletzen können. Meine Hände sind mein Kapital, verdammt. Deshalb sind sie ja auch versichert. Das hätte euch teuer zu stehen kommen können.
Guido (stellt sich unbeeindruckt neben ihn u. nimmt seine Kollegen vor dem tobenden Vulkan in Schutz): Dat war jenauso wenig vorauszusehen wie dat kleene Kerlchen hier mit der großen Stimme.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme): Sehr witzig!
Mehdi (tritt beschwingt vor Glück aus dem Aufzug heraus, um seine Kollegen einzuweisen, aber wendet sich zunächst fröhlich dem Motzkönig vom Dienst zu): Mach dir nichts draus, Marc! Das gehört zu einem echten Abenteuer doch dazu, oder nicht? Stell dir mal vor, was wir unseren Kindern später mal alles erzählen können, hm.
Marc (klappst ihm einmal auf die Schulter u. wendet sich dann kopfschüttelnd wieder von Mehdi ab, weil jemand von der Neointensiv mit einem fahrbaren Inkubator an den beiden vorbei möchte): Deine Ruhe möchte ich haben, Daddy.
Mehdi (stupst mit seiner Schulter zurück u. platzt fast vor Stolz): Selber Daddy. Übrigens, das hier hat Gabi in deiner Jacke gefunden. Hat auf seinen Rücken gedrückt. Deshalb musste er weinen.

Was zur Hölle...? Fuck! Wo kommt das Teil denn her? Ich hätte fast nicht mehr daran gedacht.

Marc fiel fast alles aus dem Gesicht, als er das kleine dunkelblaue Samtkästchen entdeckte, das Mehdi ihm mit einem vielsagenden Augenzwinkern grinsend hinhielt und riss es ihm augenblicklich aus der Hand. Anschließend schaute er sich hektisch nach allen Seiten um, ob auch ja niemand die Übergabe beobachtete hatte. Er kannte doch die Tratschbasen hier auf Station. Zum Glück zog Mehdis Sohn aber gerade sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Es gab keine Zeugen. Bis auf... Verdammt!

Marc: Putz dir das dämliche Grinsen aus dem Gesicht, Kaan! Es ist nicht so, wie du denkst?
Mehdi (jetzt ist erst recht sein Interesse geweckt): Nicht?
Marc (funkelt ihn unmissverständlich an): Alter, hast du nichts Besseres zu tun? Windeln zu wechseln? Oder Gabis Baustelle da unten zu bearbeiten? Sie hat aber nicht reingeguckt, oder?
Mehdi (amüsiert sich gerade königlich über seinen rumdrucksenden Freund): Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Marc (schließt die Augen u. ärgert sich tierisch, dass er so unvorsichtig gewesen ist u. nicht aufgepasst hat, als er arglos seinen Mantel als Deckenersatz für das Baby zur Verfügung gestellt hat): Wehe, ihr erwähnt das jemals irgendwo, dann verklag ich dich und du kannste deine Pullerparty vergessen.
Mehdi (kann nicht aufhören zu grinsen): Wäre aber schade drum, wo wir doch jetzt so richtig was zu feiern haben.
Marc (blitzt ihn an): Eben! Also, halt dich an deine ärztliche Schweigepflicht! Und die Pullerparty verschieben wir auf ein anderes Mal. Ihr habt sie ja schließlich quasi selber gesprengt. Aber dann lassen wir es auch richtig krachen. Nach dem hier erst recht. Ich würde nur den Fahrstuhl als Transportmittel nicht weiterempfehlen.
Mehdi (grinst vergnügt u. wendet sich anschließend seinen Kollegen zu, die neugierig die Ohren gespitzt haben): Wird eingeloggt, mein Freund. So Kollegen, Gabi bitte auf meine Station in Behandlungsraum eins. Und der Kleine vorerst in die Neointensiv zum Durchchecken. Ich denke aber, er kann gleich wieder runter auf Station. Das werden wir sehen. Ich komm gleich nach.
Gabi: Du kannst ihn gerne begleiten. Ich komm schon klar. Deine Kollegin kümmert sich um mich. Er hier ist wichtiger.

...lächelte die frisch gebackene Mama ihren Freund liebevoll an, der gerade pflichtbewusst seine Kollegen eingewiesen hatte und anschließend seinen kleinen Jungen fürsorglich in das Wärmebettchen gelegt hatte, das eine Kinderkrankenschwester nun zur Erstuntersuchung auf Station bringen sollte. Gabi schwankte verdächtig und hielt sich mit einer Hand am Türrahmen des Aufzuges fest. Ihre Beine fühlten sich immer noch wie Wackelpudding an und bevor Schwester Sabine reagieren und ihrer Freundin in das Patientenbett helfen konnte, das eine andere Kollegin gerade herangeschoben hatte, hatte Dr. Kaan schon hilfsbereit übernommen und hatte seine Liebste einfach hochgehoben und trug sie nun mit der Leichtigkeit eines überglücklichen Familienvaters an den staunenden Mitarbeitern vorbei, dem Inkubator folgend, über den Flur zu seiner Station. Gabi hätte nicht glücklicher sein können und schmiegte ihre Arme um den Hals ihres starken Herzprinzen, der ihr schmunzelnd seine stoppelige Backe an die Wange drückte.

Mehdi: Nichts da, ihr seid beide gleich wichtig.
Gabi (verliebt sich gleich ein Stückchen mehr in ihren Traummann): Du bist verrückt, Bärchen.
Mehdi: Ich bin verliebt. Und ich bin überglücklich. Das ist der Unterschied. Und ich hab dir doch versprochen, ich trage dich überall hin, falls es erforderlich sein sollte. Und mir ist nun mal gerade danach.
Gabi (küsst ihn liebevoll auf die Wange): Schmeichler! Aber ich bin auch sehr, sehr glücklich, Mehdi. Genauso hab ich es mir vorgestellt.
Mehdi (zwinkert ihr wissend zu u. verschwindet mit ihr am Ende des Gangs um die Ecke): Wirklich? Sag mal, was hast du da eigentlich an? Ist das nicht meiner?

Marc (sieht den beiden ungläubig hinterher, die von einer Karawane aus Kollegen begleitet werden, die dezent Abstand halten): Was für ein Angeber, ey.
Sabine (kommt nicht umhin zu schwärmen): Wie romantisch! Hach... Der starke Held, der seine Prinzessin...
Marc (dreht sich verwundert herum u. mustert die sentimentale Krankenschwester misstrauisch): Naja!?! Jetzt stehen Sie nicht so dämlich verklärt hier herum, machen Sie sich verdammt noch mal nützlich! Die Reisetasche da in Gretchens Zimmer. T minus fünf Sekunden.
Sabine (eilt pflichtbewusst an den Handwerkern vorbei in den Aufzug u. greift sich die Tasche, auf der noch Marcs dunkelblauer Mantel liegt, der eindeutige Spuren aufweist): Jawohl, Herr Doktor! Was ist mit Ihrer Jacke? Soll ich die in die Wäscherei geben?

Während sich die meisten sensationslustigen Kollegen mittlerweile wieder in ihre Arbeitsbereiche verzogen hatten, hatte Schwester Sabine die übrigen Sachen aus dem Aufzug geholt, welcher nun von den Haustechnikern vorerst außer Betrieb gestellt wurde, bis das Problem, das heute Abend für reichlich Aufregung gesorgt hatte, endgültig geklärt und beseitigt werden würde. Unschlüssig hielt die emsige Krankenschwester Marcs dunkelblauen Kurzmantel hoch, in dem eben noch ein kleines, niedliches, unschuldiges Baby eingewickelt gewesen war. Lächelnd nahm der Oberarzt das Kleidungsstück entgegen und dachte dabei an das, was soeben passiert war. Eine Idee schoss ihm spontan durch den Sinn und er reichte das Stück Stoff wieder Sabine, die ihren Vorgesetzten dafür verständnislos anschaute.

Marc: Nein, wenn Schwester Gabi wieder fit genug ist, soll sie sich drum kümmern.
Sabine: Aber Gabi hat doch gerade erst entbunden. Sie tritt so schnell ihren Dienst im Krankenhaus nicht wieder an.
Marc (lässt seine Grübchen amüsiert tanzen u. verliert sich in geheimnisvollen Phrasen): Ja, zum Glück für uns alle hier auf Station, aber so meine ich das auch gar nicht. Das gute Stück gehört ab heute ihrem Sohn. Er hat es eingeweiht oder wohl eher entweiht. Soll er damit machen, was er will. Falls es ihn irgendwann interessieren sollte, welches Chaos er an seinem ersten Lebenstag gestiftet hat. Vielleicht wird das Teil in fünfzehn Jahren ja auch wieder modern so wie der uralte, verwaschene und ausgeleierte XXL-Pulli seines Vaters, der heute hoffentlich seinen letzten Bärendienst erwiesen hat.
Sabine (hält sich die verschmutzte Jacke bewegt an ihr Herz): Oh! Das ist aber eine sehr nette Geste von Ihnen, Dr. Meier.

Gott, Meier, was ist eigentlich los mit dir? Der kleine Hosenpuper hat dir gerade ziemlich die Tour vermasselt und du schenkst ihm zum Dank auch noch was? Solltest du nicht schon längst ganz woanders sein? ... Scheiße, ja! Aber jetzt wirklich. Niemand kann mich mehr aufhalten. Okay, dafür sollte ich vielleicht zunächst die verrückte Hexe loswerden. Nicht dass sie noch mit ihrem Hokuspokus anfängt und den Zwillingen die Karten legen will.

Marc: Sabine, urteilen Sie nicht über Dinge, die Sie nichts angehen. Abmarsch, aber zz! Ziemlich zügig!
Sabine (tanzt aufgeregt an ihm vorbei, hält aber noch einmal kurz inne): Sehr wohl, Herr Doktor! Kommen Sie denn nicht mit zu der Frau Doktor? Sie freut sich bestimmt, Sie zu sehen, also, falls sie schon wieder wach ist. Pfleger Jochen bringt doch gleich die Kinder von der Untersuchung zurück.
Marc (dreht sich unschlüssig zu ihr um, blickt an sich herunter u. streicht sich frustriert aufseufzend über sein verklebtes M-Shirt, das ihn schon ein bisschen anekelt): Doch, doch, gleich! Ich... muss mich nur noch mal komplett neu einkleiden. Es ist echt abartig ekelig, was da alles rauskommt bei ner Geburt. Also, mal abgesehen von dem Kurzen. Aber der sah im ersten Moment auch eher aus wie ein Schleimpfropfen und nicht wie Mehdi.
Sabine (bietet arglos ihre Hilfe an): Soll ich...?
Marc (weicht schnell überfordert einen Schritt zurück, als ihre Hand verdächtig näher kommt): Nee, nee, das schaffe ich auch noch selber. Sie kümmern sich jetzt um Gretchen. Ach, und falls sie ihren wohl verdienten Dornröschenschlaf schon beendet haben sollte, dann halten Sie sich bitte zurück. Kein Wort über das, was hier drin gerade passiert ist. Ist das bei Ihnen angekommen?
Sabine (grinst verschwörerisch): Wollen Sie die Frau Doktor damit überraschen, Herr Doktor?
Marc: Hören Sie sofort auf, mir am Arbeitsplatz private Fragen zu stellen und tun Sie nur das, wofür Sie hier eingestellt worden sind! Sonst ist Ihr Dienstverhältnis so kurz nach Ihrer Elternzeit schneller wieder zu Ende, als Sie „Babyalarm“ murmeln können.

...verdeutlichte Dr. Meier noch ein weiteres Mal seinen Standpunkt, um sich seiner Position als Chef im Ring sicher zu sein, und seine Untergebene reagierte genauso, wie er es sich erhofft hatte. Treudoof nickte sie mit dem Kopf und drehte sich auf der Stelle um, griff nach der rosa verzierten Krankenhaustasche von Dr. Haase und watschelte damit in tapsigen Stolperschritt davon. Zufrieden schmunzelnd verfolgte er die treue Seele seiner Station noch mit seinen Blicken, bis sie am Ende des Flurs schließlich um die Ecke gebogen war, dann wandte auch er sich schließlich ab und schritt fröhlich pfeifend auf die blaugestrichene Tür der Umkleide zu, hinter der er keine Sekunde später auch verschwand.

Seiten 1 | ... 60 | 61 | 62 | 63 | 64 | 65
 Sprung  
Unsere offiziellen Partner
Türkisch für Anfänger
Weitere Links
Xobor Forum Software von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen