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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

08.09.2016 13:41
#1576 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nur einige Augenblicke später hatte eine leicht wehmütig wirkende ehemalige Assistenzärztin ihr gerade erst vor wenigen Wochen bezogenes Stationsärztinnenbüro mit einem kleinen Karton bewaffnet auch schon wieder verlassen und füllte nun eben jenen auch noch mit einigen Nützlichkeiten aus ihrem Spind in der Umkleide, in welchem sich hauptsächlich ein paar wenige Überbleibsel eines umfangreichen Süßigkeitenvorrates, den die Schwangere in den vergangenen Monaten angehäuft hatte, ein paar Wechselsachen und zu klein gewordene Arztkittel, einige Babyzeitschriften und ihr Tagebuch befanden. Nachdem sie damit fertig geworden war, stellte sie die Pappkiste auf die Sitzbank vor den Spind ihres Oberarztes, in der leisen Hoffnung, er würde den Wink mit dem Zaunspfahl schon verstehen und ihr gentlemanlike das Tragen ihrer Sachen abnehmen, und tänzelte anschließend vorfreudig beschwingt nach nebenan ins Stationszimmer. Vielleicht wartete Marc ja dort bereits auf sie.

Aber anstatt auf ihren ungekrönten Traumprinzen zu treffen, saß an der Anmeldung nur eine gelangweilte Krankenschwester, die lustlos in einer Babyzeitschrift hin- und herblätterte und nebenbei das Stationstelefon bewachte, das ausnahmsweise mal nicht dauerklingelte und nervige Patientenanfragen verkündete. Das an sich wunderte Gretchen nicht so sehr, sie hatte dasselbe Heft nämlich auch schon studiert und dabei festgestellt, dass es kaum noch etwas gab, das sie nicht bereits wusste. Vielmehr wunderte sich die in den Mutterschutz gehende Stationsärztin über die bunte Deko, die über die gesamte Raumfläche gespannten Girlanden, die angeschnittene und äußerst deliziös aussehende Himbeer-Schokotorte, die liebevoll verzierten Muffins mit Muppets-Motiven, die Orangensaft- und alkoholfreien Sektflaschen, inklusive Gläserschar, und die vielen wundeschön verpackten Geschenkpakete, die überall verteilt herumstanden und das doch recht schnöde Schwesternzimmer der Chirurgie in das Schlaraffenland schlechthin für werdende Mütter verwandelt hatten. Mit offenem Mund kam Dr. Haase näher und fragte aufgeregt bei Schwester Gabi nach, was das alles denn zu bedeuten hatte. Aber diese schien nicht sonderlich davon beeindruckt zu sein.

Gretchen: Äh... Habe ich einen Geburtstag verpasst? Oh nein, etwa deinen? Das tut mir leid. Mehdi hat mir gar nicht gesagt, wann du Geburtstag hast. Herzlichen Glückwunsch, Gabi!
Gabi (schaut verwundert von ihrer Lektüre auf, dreht sich mit ihrem Stuhl zu dem ungebetenen Gast herum u. zuckt ungerührt mit den Schultern): Lass stecken, Gretchen! Der ist erst Ende nächster Woche.
Notiz an mich: Unbedingt Geschenk besorgen, aber vorher Infos bei Mehdi einholen, ob sie mich und Marc überhaupt dabeihaben will. Die Tendenz dazu wird wohl eher in die negative Richtung gehen, oder? So wie sie gerade guckt. Fettnapfalarm, Gretchen!
Gretchen (wird aus Verlegenheit etwas rot im Gesicht u. streicht sich eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr): Ach? Und was ist das dann alles hier?
Gabi (hat sich bereits wieder zur Anmeldung umgedreht u. rollt ihren Drehstuhl noch einmal gereizt zu der Blitzmerkerin herum): Die Kollegen haben zusammengelegt.
Gretchen (immer noch nicht schlauer als zuvor): Oh! Und wofür, wenn ich fragen darf und wieso bin ich nicht gefragt worden?
Gabi (mustert sie etwas verstört von Kopf bis Fuß, bleibt mit ihrem Blick an Gretchens riesiger Babymurmel kleben u. antwortet dann eher patzig, während sie die Augen verdreht): Noch nie etwas von Überraschungsparty gehört? Wobei, wenn ja, dann wärst du ja auch anwesend gewesen. Egal! Ich hab mich jedenfalls schon mal bedient. Ich hoffe, das stört keinen. Wenn du mich fragst, Sabine und deine Mutter haben damit echt einen Bock geschossen. Fahren hier auf wie bei einer königlichen Hochzeit und sind dann sofort mordsmäßig beleidigt, wenn alles schief läuft, nur weil zwei Drittel nicht erschienen sind. Als ob das in einem Krankenhaus wie diesem hier was Neues wäre. Die Patienten kommen doch immer gerade dann herein, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Aber mich hat es nicht gestört.
Gretchen (braucht einen Moment, bis die imaginären Lämpchen vor ihrem inneren Auge aufleuchten): Moment, Moment, Gabi! Hab ich dich richtig verstanden, die Überraschungsfeier war für mich? Etwa weil gestern mein letzter Tag vor der Babypause war? Och...

Doch noch bevor Schwester Gabi genervt darauf antworten konnte, weil sich das Professorentöchterlein mal wieder wie selbstverständlich in den Mittelpunkt des EKH-Universums geschoben hatte, kam ihr jemand zuvor. Dr. Meier war nämlich von der Umkleide aus kommend mit Pappkarton bewaffnet im Schwesternzimmer erschienen und fasste sich beim Anblick der ganzen kitschigen Deko und all den Geschenken ertappt mit seiner freien Hand an den Kopf, ehe er sich wieder umdrehte und die sperrige Kiste mit Gretchens Sachen in einer Ecke der Teeküche für den Moment abstellte.

Marc: Oh Mist! Da war ja noch was. Das hatte ich dir heute Nacht noch sagen wollen.
Gretchen (schaut ihn mit großen Augen an): Was?
Gabi (springt genervt von ihrem Platz auf u. durchstöbert noch einmal den Geschenketisch, um zu schauen, ob sich nicht noch etwas für sie findet): Boah, na, was wohl? Dass du unsere Babyparty gestern verpasst hast, du Blitzmerkerin.
Gretchen (klappt ungläubig den Mund auf u. wieder zu u. bemerkt jetzt erst die Kindermotive auf den Geschenken u. der Deko): Babyparty?
Gabi (schleckt mit ihrem Finger etwas Sahne von der äußerst leckeren Torte): Äh... ja, das ist das, was... mhm... man gewöhnlich veranstaltet, bevor die Murmel platzt, was bei deinen außergewöhnlichen Maßen wohl bald der Fall sein wird. Sind das schon die ersten Anzeichen einer beginnenden Schwangerschaftsdemenz? Na, dann bin ich ja beruhigt, dass mir das erspart geblieben ist.
Marc: Halt die Klappe, Gabi, und kümmere dich um deinen eigenen Nachwuchs, der bei deinem massiven Körperumfang wohl auch nicht mehr lange auf sich warten lässt!

...motzte Marc die ekelhaft gutgelaunte Freundin seines besten Kumpels gereizt an, die ihn mit breiter Grinsevisage nervig anvisiert hatte, sich jetzt aber beleidigt von ihm abwandte, um sich zur Frustbewältigung noch einen weiteren Nachschlag Himbeer-Sahne zu stibitzen, und blieb vor Gretchen stehen, die sich an den Tisch mit der Torte gesetzt hatte und sich gerade ebenfalls ein Stück davon genehmigen wollte, während sie dabei so todunglücklich aus der Wäsche schaute, dass sogar Gabi ein kleinwenig Mitleid mit ihr bekam und der Busenfreundin ihres Lebensgefährten das größere Stück des Himbeerschokokuchens überließ, welches eine dankbare Abnehmerin fand.

Gretchen (resignierend): Ich habe meine eigene Babyparty verpasst.
Marc (hockt sich neben ihren Stuhl u. schaut liebevoll zu seiner traurig dreinblickenden Freundin hoch u. wischt ihr mit einem Finger lächelnd die rosa Sahne vom Mund): Ist das so schlimm? Ich hab deine Mutter gewarnt, nicht so einen Aufriss deswegen zu veranstalten. Zumindest nicht während der regulären Dienstzeit und wenn die Amis noch da sind. Aber wann hat sie je auf uns gehört, hm? Obwohl, doch hat sie! Anfangs wollten die Stasi-Sabsi und sie die ganze Chose nämlich bei uns im Penthouse abhalten. Aber ohne mich.
Gabi (quatscht kleinlaut dazwischen): Unsere Babyparty! Es geht nicht immer nur um dich, Gretchen Haase. Du bist schließlich nicht die einzige mit mordsmäßigem... Naja, es hat ja keiner ahnen können, dass die kleine Hassmann es so eilig haben würde. Sie hat die Party gesprengt, noch bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte.
Gretchen (so langsam kommen die Informationen auch da an, wo sie hinsollen, u. sie kramt hektisch in ihrer Handtasche nach ihrem Handy): Och, ihr seid so lieb. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist soooo... Wow! Ich muss mich unbedingt bedanken. Oh menno, Sabine sitzt gerade im Funkloch von Göberitz und die anderen sind wohl gerade auf Visite oder im OP. Dann eben du! ... Danke! Das bedeutet mir unheimlich viel.

Gretchen sprang unvermittelt von ihrem Stuhl auf und ging an Marc vorbei, der ihr irritiert hinterherschaute, zu Gabi rüber, die bereits wieder an ihrem Schreibtisch am Empfang des Stationszimmers Platz genommen hatte, um sie spontan innig von hinten zu umarmen. Überfordert von der unerwarteten Klammeräffchenumarmung schaute Mehdis Freundin zu ihrer eigentlich verhassten Kollegin hoch und verdrehte genervt die Augen, als sie deren rührseligen Blick bemerkte. Wieso musste der dicke Haase eigentlich gleich immer so schrecklich emotional reagieren? Sie war doch auch nicht so, obwohl sie in denselben Umständen steckte wie die schrecklich gefühlsduselige Ärztin, die wirklich so aussah wie die wohl schwangerste Frau, mit der sie je beruflich und privat zu tun gehabt hatte. Gut, sie hatte gestern auch einen heftigen Heulkrampf bekommen, als sie plötzlich ganz alleine unfreiwillig im Mittelpunkt der Kollegen gestanden hatte, von denen sich die meisten, bis auf Mehdi, wohl eher auf die beiden anderen Pappnasen gefreut hatten, aber so wild war das Ganze doch jetzt auch nicht, dass man gleich so überreagieren musste, oder doch?

Gabi (versucht, Gretchen erfolglos abzuschütteln): Ja, ja! Schon gut, jetzt! Gretchen, das ist mir dann doch zu viel Körperkontakt auf einmal. Sonst werde ich noch klaustrophobisch. Das Kleine nimmt mir schon genug Platz weg.
Gretchen (löst sich von der Schwangeren u. schaut verlegen zu Marc, der seine Freundin verstört bei ihrem Tun beobachtet hat): Entschuldige! Die Hormone.
Gabi (lächelt dann doch kurz, aber herzlich auf u. schaut noch einmal rüber zum Gabentisch, während sie andächtig über ihren Babybauch streichelt): Kenn ich. Und da ich gestern alleine hier war, quasi als der Ehrengast der Ehrengäste, konnte ich mir wenigstens die besten Geschenke zuerst aussuchen. Also müsste eher ich danke sagen.
Marc (hat mittlerweile auf Gretchens Stuhl Platz genommen u. putzt die übrig gebliebenen Krümel von ihrem Teller): War ja klar. Immer auf den eigenen Vorteil bedacht, hä?
Gabi (funkelt den Sprücheklopfer beleidigt an): Das stimmt doch gar nicht. Erstens, warst du gar nicht dabei, weil du und der Professor ja so mit dem Einschleimen bei euren Amis beschäftigt wart, die Gott sei dank endlich die Biege gemacht haben, womit es hier wieder deutlich ruhiger geworden ist. Und zweitens, das, was von Anfang an doppelt an Geschenken da war, hab ich euch doch auch dagelassen.
Marc (zwinkert ihr zynisch zu): Wie großzügig.
Gabi (deutet demonstrativ auf die beiden Maxi-Cosis mit Kuscheltierbesatzung, die zwei der Stühle am runden Tisch in der Mitte des Raumes besetzen): Hier, die beiden sind explizit für eure Zwillinge angedacht. Der eine mit der gelben Schleife ist von Sabine und Günni und der andere mit den grünen Bändern und Lillys Schmetterlingsstickern von Mehdi. Und äh... von mir.
Gretchen (streichelt lächelnd mit einer Hand über die beiden identischen Kuschelhasen, die in den Maxi-Cosis sitzen u. süße Babystrampler u. Lätzchen tragen, die genau ihren Geschmack treffen): Die sind von euch? Danke! Jetzt weiß ich auch, wieso Mama uns so hartnäckig hingehalten hat, mit dem Kauf der Maxi-Cosis noch zu warten. Von wegen Sommerschlussverkauf im Babyparadies. Sie hat es gewusst. Das sind genau die, die wir uns ausgesucht haben.
Gabi (nickt ihr unbeeindruckt zu): Ja, kann sein, so einen haben wir auch bekommen von den Kollegen der Gyn. Die haben, glaub ich, gleich ne Sammelbestellung gemacht. Kam günstiger. Und, was es hier sonst noch so an Geschenken gab, mit den anderen Sachen habe ich nur Mehdis und meine Liste abgehakt.
Marc (schaut verständnislos zu ihr rüber): Was für eine Liste?
Gretchen (streicht ihm über sein ungekämmtes Haar u. setzt sich auf den freien Stuhl neben ihn): Na, die Liste, die wir auch haben, mein Schatz. Die jedes Mal länger wird, weil wir immer irgendetwas vergessen haben, an das wir nicht gedacht haben, wenn uns jemand darauf hinweist.
Gabi (nickt verständnisvoll): Genau! Du kannst also den kritischen Blick abstellen, Marc, ich hab hier nichts geklaut, was nicht auch für Mehdi und mich bestimmt ist.
Marc (verdreht genervt die Augen): Ja, ja, wenn das so ist, dann musst du hier auch nicht so nervtötend rumkeifen, Gabi.
Gretchen (schmiegt sich verträumt an seine Seite, während sie mit einer Hand ihren Babybauch hält): Marc!
Marc (schaut sich noch einmal lustlos in dem Babyparadies für werdende Eltern um u. schüttelt fassungslos den Kopf, weil offenbar im EKH der allgemeine Konsens herrscht, mit Hasenmotiven besonders witzig u. kreativ sein zu wollen): Wird echt Zeit, dass ich hier rauskomme. Hier sind mir eindeutig zu viele Hormone im Spiel heute.

Marc vergrub sein grummeliges Gesicht in Gretchens Halsbeuge, während er eine Hand wie selbstverständlich an ihrer Schwangerschaftsmurmel andockte und sie sich lächelnd über den Rest ihres Kuchenstücks hermachte, das komischerweise kleiner war als in ihrer Erinnerung. Danach zog sich Gretchen eines der mit Häschengeschenkpapier verzierten Babygeschenke heran. Aber zum Auspacken kam die glückliche werdende Mutter nicht mehr, denn in dem Moment erschien ein enthusiastischer Kollege an der Tür des Stationszimmers. Er drückte Schwester Gabi an der Anmeldung einen liebevollen Kuss auf die gespitzten Lippen, legte dann verliebt lächelnd einige Mappen in das Fach mit seinem Namen und verschwand im nächsten Moment auch schon durch die offene Tür in die Umkleide, wo man ihn weiter im gewohnt fröhlichen Quasselton reden hörte.

Mehdi: Visite ist durch. Sorry, hat etwas länger gedauert als sonst, weil komischerweise der Professor heute unbedingt mitlaufen wollte. Ich glaube, dein Vater hat sich in Marias Baby verguckt, Gretchen. Er war dort gar nicht mehr wegzubekommen. Du hättest mal Marias Gesicht sehen sollen. Ihr hat das überhaupt nicht gepasst. Aber Sarah war ganz lieb und hat ihm ausführlich ihre kleine Schwester vorgestellt. Lilly ist auch schon total aus dem Häuschen, seitdem ich ihr das heute Morgen am Telefon erzählt habe, und würde am liebsten ihren Ferienaufenthalt auf dem Bauernhof mit ihren Großeltern frühzeitig abbrechen. Dabei ist die süße Maus gerade erst zwei Tage dort. Hach... wenn sie so ist, dann vermiss ich sie gleich noch mehr. Wart ihr auch schon bei den Hassmann-Mädels? Ach, na klar, wo hab ich nur schon wieder meinen Kopf? Das hat mir Sarah doch vorhin mit einem breiten Strahlen erzählt. Ich zieh mich nur schnell um. Dann können wir.
Gretchen (bricht urplötzlich auch in Aktionismus aus u. erhebt sich mühsam von ihrem Platz): Ja!
Marc (hat Mehdi nur mit halbem Ohr zugehört u. schaut nun verständnislos zu seiner Freundin hoch, die ihn irgendwie komisch ansieht): Wohin?
Mehdi (steht ohne Kittel wieder in der Tür u. blickt erstaunt auf seinen verdutzt dreinblickenden Freund): Oh? Marc? Das überrascht mich aber jetzt. Ehrlich. Du kommst doch mit? Hey! Das ist schön. Du wirst sehen, so schlimm wird das gar nicht werden. Das ist wie beim Zahnarzt, nur besser.
Gabi (verzieht ihr Gesicht, als sie mit großer Handtasche bewaffnet zu ihrem Lebensgefährten rübergeht): Zahnarzt, nicht dein Ernst, Mehdi?
Mehdi (legt lachend seinen Arm um Gabis Schulter u. nimmt ihr mit der anderen Hand die Tasche ab): Okay, ja, der Vergleich hinkt. Ich wollte nur ein bisschen Euphorie verbreiten. Damit wir in die richtige Stimmung kommen. Also, kann’s losgehen?
Marc (versteht nun gar nichts mehr): Äh... hä?

Jochen: Wie er kommt mit? Mann, Gretchen, hättest du mir nicht eher Bescheid geben können?

Ziemlich gehetzt stolperte nun auch unvermittelt Gretchens Bruder um die Ecke und stützte sich an der Anrichte in der Teeküche ab, um kurz durchzuschnaufen und die Faktenlage zu checken.

Marc (schaut ziemlich verstört zwischen Gretchen u. Jochen u. Mehdi u. Gabi hin u. her, die ihn auffordernd ansehen): Jo? Was zum Geier...?
Jochen (grinst ihn zufrieden an u. klapst ihm dankbar auf die Schulter): Aber gut, Schwamm drüber, dann bleibt mir wenigstens einiges an Traumata erspart. Viel Spaß euch!
Gretchen (reagiert beleidigt): Jochen! Wenn du wirklich Kinderarzt werden willst, dann gehört das nun mal auch irgendwann dazu.
Jochen (lacht u. spürt eine Welle der Erleichterung, die ihn durchströmt): Ja, ja, Frau Lehrerin, die Betonung liegt aber auf „irgendwann“. Aber hey, ich hab mich eh gerade bei der Oberschwester abgemeldet und wegen dir ziemlich viel Stress mit ihr riskiert, dann kann ich ja jetzt meine Zwangsfreizeit auch mit Chantal verbringen. Ich rufe sie gleich mal an, wo sie gerade steckt. Jetzt, wo die ganzen Chefs abkömmlich sind, können wir ja die Mittagspause noch etwas ausdehnen. Das wird super!
Gretchen (stellt sich dem Faultier eindrucksvoll in den Weg): Aber vorher gibst du bitte Mama Bescheid. Sie soll die Geschenke von der Babyparty mit unserer Liste abgleichen und zu uns ins Penthouse bringen. Sie kann auch bei Olivier und Elke klingeln, damit sie ihr helfen. Sie sind in dieser Woche in der Stadtwohnung und haben den Schlüssel. Und sie soll sich vorher noch unbedingt mit Dr. Stier absprechen, was er und Maria von den Präsenten noch alles für ihr Baby gebrauchen können. Ich glaube, sie konnten hier auch noch nicht vorbeischauen, was die Kollegen alles für uns vorbereitet haben.
Jochen (lässt frustriert die Schultern hängen): Boah, Gretchen, ich hab frei.
Gretchen (stationsarztmäßig streng): Negativ! Hast du nicht. Ein Gefallen ist ein Gefallen, ist ein Gefallen und du hast nun mal „ja“ gesagt.
Jochen (eingeschnappt): Ja, in einem ganz anderen Kontext, weil du ausgerechnet beim Sonntagsessen, das er und Papa wegen den Amerikanern schwänzen durften, damit angefangen hast und Mama und Chantal mich so lange emotional unter Druck gesetzt haben, dass mir gar keine andere Wahl mehr geblieben ist.
Gretchen: Dann ändern wir eben den Kontext. Und das hier ist eine dienstliche Anweisung.
Jochen (gibt sich geschwisterlich unbeeindruckt u. verschränkt trotzig seine Arme vor seinem Körper): Ich bin nicht befugt Anweisungen von Stationsärzten anzunehmen, die offiziell gar nicht mehr im Dienst sind.
Gretchen (lässt diese subtile Andeutung gekonnt an sich abprallen u. lächelt ihren sehr gerissenen Bruder mit ihrem hinreißendsten Lächeln an): Ganz dünnes Eis, mein Lieber, ganz dünnes Eis! Du solltest dir mal überlegen, welche Position du hier im Haus auf der Hierarchieebene innehältst, solange du dein Studium noch nicht wiederaufgenommen hast. Ich weiß gar nicht, ob du darauf überhaupt schon existierst? Mhm... Wobei, selbst wenn, die nächsten acht Jahre wirst du so oder so eh keine andere Wahl haben. Aber eins ist dagegen für immer gewiss. Dein Platz eins in der Hierarchie in unseren Herzen. Denn ich und die Zwillinge haben dich trotzdem sehr, sehr lieb, Onkel Jochen.
Jochen: Mann, das ist echt unfair von dir, dass du die zwei immer als Druckmittel benutzt.

...nörgelte Jochen, der sich schließlich geschlagen geben musste, weil er sich mindestens genauso euphorisch auf seine Nichten oder Neffen freute wie der Rest der außer Rand und Band geratenen Familie Haase, und schlurfte anschließend augenrollend aus dem Stationszimmer, um den Anweisungen seiner Stationsärztin im Mutterschutz pflichtbewusst Folge zu leisten. Dr. Meier schaute seinem Schwager in spe nur unwirsch hinterher, denn er hatte noch immer nicht kapiert, was hier gerade gespielt wurde und welche Rolle er dabei unfreiwillig zu übernehmen hatte. Beunruhigt fixierte er erst Mehdi und dann Gabi, die ihn irgendwie feindselig von der Seite anschaute. Aber das war ja im Prinzip auch nichts Neues.

Mehdi (zu Gretchen): Beeindruckend.
Gretchen (grinst stolz über das ganze Gesicht): Ich weiß.
Marc (ihm reißt endgültig der Geduldsfaden): Kann mir mal einer von euch Pappnasen verraten, worum es hier eigentlich geht? Wo wollt ihr mit mir hin? Schon wieder zum Babyshopping? Och nee! Hat sich das hiermit nicht endlich mal erledigt? Wie viel Zeug müssen wir denn noch rankarren?
Mehdi (blickt irritiert zu Gretchen, die sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen kann): Oh? Hab ich mich etwa getäuscht? Ich dachte...
Gretchen (lächelt): Nein, hast du nicht, Mehdi. Er hat mir gestern erst das Versprechen gegeben, mitzukommen.
Marc (hat immer noch keinen Schimmer, worum es geht): Hä?
Wovon zum Geier reden die?
Gretchen (zwinkert ihrem Liebsten überglücklich zu u. wendet sich dann wieder Mehdi zu, der wissend nickt): Und versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen. Ich bin in der ganzen Aufregung wegen Maria und den Kindern nur noch nicht dazu gekommen, ihm zu sagen, dass es heute schon damit losgehen wird.
Marc (verständnislos blickt er zwischen seinen Freunden hin u. her u. spürt plötzlich ein seltsames Gefühl der Beklemmung in sich aufsteigen): Womit?
Gabi (kommt Gretchen ungeduldig u. gereizt zuvor u. zieht Mehdi dann mit sich aus dem Zimmer): Mann, du Vollpfosten, der Geburtsvorbereitungskurs fängt gleich an und wegen dir will ich bestimmt nicht zu spät kommen. Es ist schon schlimm genug, dass ich dich dabei überhaupt ertragen muss. Das war so nicht abgesprochen, Mehdi.

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

25.09.2016 09:38
#1577 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch wenig später war die Grundsatzdiskussion, die sich drei Etagen tiefer vor einen Seminarraum im Erdgeschoss des Elisabethkrankenhauses verlagert hatte, noch längst nicht für beendet erklärt worden, wie man an den bedröppelten Gesichtern der drei gestandenen Ärzte und der nicht gerade sehr begeistert wirkenden Krankenschwester deutlich ablesen konnte, die mittlerweile ihren weißen Arbeitskittel gegen ein etwas legereres und bequemeres Sportoutfit getauscht hatte, das ihre wunderschönen Schwangerschaftsrundungen zu ihrem Besten hervorhob. Während Dr. Kaan andächtig den bezaubernden Anblick seiner leicht verstimmten Freundin genoss, die beruhigende Floskeln murmelnd ihre Babykugel streichelte, und dementsprechend Gabis Nähe suchte, welche ihm auch nach einigen hin- und her huschenden Schmollblicken gewährt wurde, war Dr. Meier einfach nur tierisch genervt und sauer, dass man ihn bei der Gestaltung seines ersten freien Tages seit langem so hinterhältig überrumpelt hatte. Er wäre nämlich gerne vorbereitet an diese komplizierte Sache herangegangen, in die man ihn nun eiskalt und ohne Schutzmontur hineinwerfen wollte.

Seine pfiffige Lebensgefährtin, die ebenso wie Gabi in ein bequemeres rosadominiertes Outfit geschlüpft war, war sich dagegen überhaupt keiner Schuld bewusst. Denn Marc hatte schließlich seine freiwillige Teilnahme letzte Nacht nachdrücklich bestätigt und sie freute sich nun mal darauf, sich in entspannter Atmosphäre mit Gleichgesinnten austauschen zu können. Dementsprechend fröhlich und aufgeregt schaute die schwangere Stationsärztin auch in die Runde, denn es waren neben ihr und Marc und Mehdi und Gabi auch schon andere zukünftige Elternpaare vor dem Kursraum eingetroffen, und die angespannte Stimmung, die von zwei ganz besonderen Personen in ihrer direkten Umgebung ausging, nahm das Gretchen-Radar schon längst nicht mehr wahr. Auch wenn man die gegenseitigen Sticheleien nicht wirklich überhören konnte. Denn Marc und seine nervige Ex-Verlobte zofften sich nicht gerade leise. Aber das war im Elisabethkrankenhaus auch nichts Neues. Zumindest für die Angestellten, die ihre Kollegen mit einem kurzen wissenden Blick bedachten und dann schnell weiter ihres Weges gingen.

Gabi: Mehdi, bitte, ich werde mich bestimmt nicht vor diesem Idioten zum Hampelmann machen. Meinst du nicht, wir könnten noch einen anderen Termin kriegen?
Marc (kann das Sticheln nicht lassen, denn es bereitet ihm sehr viel Vergnügen, auch wenn er ansonsten nicht viel zu lachen hat angesichts der bevorstehenden Nervenprüfung): Och, ist das nicht deine Spezialübung in letzter Zeit.
Gretchen (versucht erfolglos zu schlichten): Marc, bitte! Der Kurs geht gleich los.
Gabi (dreht sich eingeschnappt von dem unverschämten Sprücheklopfer weg): Ach, mit dir rede ich doch gar nicht.
Mehdi (bleibt die Ruhe selbst u. zieht sein Meckerlieschen in seine starken Arme, in denen sie sich nach einigen Herauswindeversuchen merklich entspannt): Schatz, jetzt beruhigen wir uns alle erst einmal und dann schauen wir mal, hm. Mit einem anderen Termin könnte es nämlich schwierig werden, wenn er nicht direkt mit dem errechneten Geburtstermin zusammenfallen soll. Du weißt doch, wie lang die Wartelisten bei unserer Hebamme sind. Der Spätsommer bzw. Frühherbst ist nun mal die geburtenstärkste Jahreszeit.
Ja, weil alle unbedingt an Weihnachten miteinander poppen müssen. GRRR!
Gabi (resigniert eingeschnappt u. kuschelt sich noch fester an ihren Mann, denn nur so wird sie davon abgehalten, auf das Großmaul Meier loszugehen): Na danke auch. Das bringt mich aber jetzt ganz doll weiter.
Mehdi (schiebt mit seinem Zeigefinger ihr Kinn etwas hoch, grient sie auf seine unnachahmliche Art an, welcher sie sich nicht entziehen kann, u. küsst sie schließlich zärtlich auf die süßen schmollenden Mundwinkel): Ja?

Hach... Bärchen, ich mache das wirklich nur für dich. Ich ignoriere den Idioten einfach. Das klappt doch sonst auch immer ganz gut und eigentlich ist es ja auch ganz herrlich, wie unbeholfen und zappelig dieser Bald-Papi ist. Meiner Erfahrung als Krankenschwester auf der Gyn nach zu urteilen, fällt er auf jeden Fall in die Kategorie derjenigen, die es zuerst umhaut, was ihm hoffentlich ordentliche Schmerzen bescheren wird. Und Lachen ist schließlich gut für mich und mein Kind. So, und wie du gerade strampelst, sind wir uns wohl einig geworden, hm, mein Schatz? Ich hoffe nur, der Kurs bringt uns wirklich was.

Marc (verschränkt amüsiert seine Arme vor seinem Körper, während er sich provokativ neben das schmusende Pärchen an die Wand lehnt): Wieso tust du dir das eigentlich freiwillig an, Mann? Du prahlst doch sonst immer damit, dass du in der Hinsicht alles schon besser weißt. Du hast es doch schon von Berufswegen her gar nicht nötig, hier deine Zeit zu verplempern.
Mehdi (hält sein Mädchen fest, damit es sich nicht zu einer Tätlichkeit hinreißen lässt, u. versucht tiefenentspannt zu bleiben, während er sich den Provokateur zur Brust nimmt): Du weißt aber schon, warum man das zu zweit macht, oder? Es geht um Vertrauen, Nähe, Verständnis und darum dir und deiner Partnerin die Ängste und Unsicherheiten vor der Geburt zu nehmen.
Wieso glaubt eigentlich jeder, dass ich Schiss hätte? Das ist ein stinknormaler medizinischer Prozess und Medizin ist verdammt noch mal mein Steckenpferd.
Marc (dreht seinen Kopf prompt in Richtung seiner Freundin, die ihren Kopf gerade wieder in den Wolken hat): Und da beauftragst du ausgerechnet deinen kleinen Bruder, dich hierher zu begleiten? Der ist doch selber noch ein Kind, das noch nicht aus den Windeln raus ist.
Gretchen (ihr ist die Aufregung vor dem Kurs sichtlich anzumerken, sodass sie gar nicht gleich alles mitschneidet, worüber gerade geredet wird): Hm? Ja, tut mir Leid, Jochen war halt mein Plan B. Und er freut sich nun mal auch riesig auf unseren Familienzuwachs. Ich dachte, es könnte eine interessante Erfahrung für ihn werden.
Marc (grinst): Klar!

GRR! Kann Marc bitte einmal ernst bleiben? Er hat es mir und unseren Wundersternen doch versprochen. Ich hab mich so auf heute gefreut. Gerade weil er mitgekommen ist und mich unterstützen will. Mehr oder weniger freiwillig. Ich hoffe nur, er hält durch.

Gretchen (schmollt ein bisschen, weil Marc sie mal wieder nicht richtig ernst nimmt): Du brauchst gar nicht so zu gucken, mein Lieber. Das gilt für dich gleichermaßen. Du hast doch die ganze Zeit immer gemauert, dass du nicht mitkommen möchtest, weil dir das alles viel zu albern und esoterisch ist. Dabei ist das gar nicht so. Ich weiß gar nicht, wieso ihr Männer das immer gleich denkt. Das hier gehört nämlich auch zur Vorbereitung dazu. Zur Vorbereitung auf unsere Elternschaft und natürlich auf die Geburt. Aber ach ja, ich vergaß, als großartiger Chirurg und Oberarzt musst du ja angeblich nichts mehr lernen, weil du theoretisch schon alles weißt. Du sparst deine Energien dann lieber für die richtige Geburt auf. Freie Synergien schaffen und so. Blablabla!
Marc (zwinkert dem Schmollha(a)sen frech zu, während er einen zarten Annäherungsversuch startet): Es steht dir, wenn du mich zitierst, Haasenzahn.
Gretchen (verdreht leidend die Augen u. weicht seinem Umarmungsversuch trotzig aus): Mann, Marc, kannst du dich bitte einmal zusammenreißen, geht das? Für mich! Uns! Wenigstens für die kommenden neunzig Minuten, ja? Du weißt, wie wichtig mir das ist. Ich bin zum ersten Mal schwanger. Und du wirst zum ersten Mal Vater. Ich dachte, du verstehst das auch. Wir haben doch darüber geredet. Und ich muss ja wohl nicht extra erwähnen, wie durcheinander du warst, als du gestern nach dem turbulenten Tag nach Hause gekommen bist. Also lass den Schabernack und konzentrier dich!

Marc (schaut völlig perplex von Gretchen zu Mehdi rüber, der gerade mit Gabi einige der anderen Paare begrüßt, die soeben eingetroffen sind u. sich planlos auf dem weitläufigen Krankenhausflur umsehen): Was? So lange dauert der Scheiß? Das habt ihr mir aber nicht gesagt.
Gabi (reagiert zunehmend gereizt u. stellt sich zu Gretchen, um die anderen Kursteilnehmer vorbeizulassen, da sie bis eben mit Mehdi unbeabsichtigt die Tür zum Kursraum versperrt hat): Er hätte gerne weitermauern können, Gretchen, dann bliebe uns wenigstens diese bescheuerte Endlosdiskussion erspart. Die hätten wir mit Chantis Freund zwar auch gehabt, aber der ist wenigstens weniger nervig, was sich eigentlich total widerspricht, wenn man bedenkt, dass Jochen mit dir verwandt ist. Ähm... Egal! Können wir dann auch endlich reingehen? Ich will nicht in der ersten Reihe landen. Sonst werde ich vielleicht noch als Versuchskaninchen missbraucht und muss die Übungen vormachen. In so was bin ich ganz schlecht. Weißt du noch damals, als wir mit dem Tanzkurs angefangen haben, Mehdi? Ich habe am Ende gar nicht mehr gewusst, welche Füße zu mir gehörten.
Marc (schaut noch bedröppelter drein als zuvor, was Gretchen dazu animiert, ihren Ärger fallen zu lassen u. ihn aufmunternd in ihre Arme zu ziehen, zumindest soweit, wie sie um ihn herumkommt): Vormachen? Übungen? Haasenzahn?

Oh, oh! Jetzt kriegt er Panik. Er macht doch einen Rückzieher. Bitte nicht, mein Schatz! Ich bin bei dir. Wir meistern das zusammen. Wie die vergangenen Monate auch.

Mehdi (stupst Marc belustigt an der Seite an u. geht anschließend augenzwinkernd zu Gabi rüber, um deren Schultern er nun liebevoll seinen Arm legt, während er weiterhin seinen konsternierten Kumpel im Auge behält): Wusstest du nicht, dass wir Opfer bringen müssen, Marc?
Marc (schluckt u. fühlt sich plötzlich sichtlich unwohl unter all den Schwangeren, die ihn gerade mit ihren Partnern umschwirren wie dicke Hummeln): Boah, Haasenzahn, muss das wirklich sein? Ich dachte, wir hatten eine Abmachung?
Gretchen (ergreift lächelnd seine schweißigen Hände u. tätschelt diese liebevoll, während sie es riskiert, ihren Grummel ein bisschen aufzuziehen): Meinst du die mit dem ganz großen Paket, das du mir versprochen hast? Oder die von vorhin, die besagt, ich könnte die nächsten vier Tage mit dir machen, was ich will? Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass ich will.

Boah ey, reich ihr den kleinen Finger und sie krallt sich gleich die ganze verdammte Hand. Weiber! Schwangere Weiber sind die allerschlimmsten und hier wimmelt es auch noch von ihnen. Eigentlich müsste ich deswegen Schmerzensgeld beantragen. Das hält doch keiner aus.

Mehdi (staunt nicht schlecht): Hoho! Was denn für ein Paket? Hast du Gretchen doch noch ein richtiges Geburtstagsgeschenk besorgt? Weil das mit dem leeren Karton, in dem andere leere Kartons drin versteckt waren, hat irgendwie keiner bis heute verstanden.
Das geht euch auch einen Scheiß an, was Haasenzahn und ich zu bequatschen haben. Es reicht doch, dass sie den Wink verstanden hat. Ein bisschen zu gut für meine Verhältnisse.
Marc (funkelt seinen vorlauten Kumpel böse von der Seite an u. schaut dann unruhig auf die zarten Frauenhände, die seine umfasst halten): Halt die Klappe, Kaan! Und jetzt zu dir, Haasenzahn...
Gretchen (kommt ihm flink zuvor): Marc, Schatz, jetzt komm mal wieder runter! Keiner von uns hat einen Einfluss darauf, was die Kursleiterin, die übrigens auch meine und Gabis Hebamme ist, genau mit uns machen wird. Du hast eine vollkommen falsche Vorstellung davon, wie das sein wird. Das wird gut werden und uns ganz bestimmt weiterhelfen, Anspannungen abzubauen. Du siehst doch, wie kribbelig wir alle hier sind. Wir sind hier schließlich unter Gleichgesinnten. Wir teilen alle dieselben Ängste und Unsicherheiten. Außerdem denke ich nicht, dass das ein Problem werden wird. Du stehst doch eh immer gerne im Mittelpunkt.
Marc (funkelt seine kesse Freundin meierlike an u. verstärkt seine Umarmung noch im Schraubstockmodus): Ey! Fräulein, ganz dünnes Eis! Das kriegst du so was von wieder, Haasenzahn, das schwör ich dir.
Gretchen (grient ihn verliebt an u. stibitzt sich einen kleinen süßen unschuldigen Kuss, ehe sie ihren verdutzten Grummelkönig wieder loslässt u. vergnügt davon tänzelt): Das hoffe ich doch. Das ist schließlich der Sinn dieser Veranstaltung. Dass du mich unterstützt und mir während und nach der Geburt hilfst.

Herrje, noch mal! Diese Frau macht mich wahnsinnig. Versteht alles falsch und dreht es nach ihren rosaroten Vorstellungen. Aber ich schwöre dir, ich mache das nur für dich und die Zwerge. Damit wir das alles endlich glimpflich hinter uns bringen. Das ist ja ansonsten bald nicht mehr auszuhalten. Wird wirklich Zeit, dass wir hier alle wieder normal werden. Wobei, bei Gabi sehe ich dahingehend eher schwarz. Die ist Mehdis Job. Er wollte es ja nicht anders.

Marc (schaut der Hochschwangeren konsterniert hinterher, wie sie fröhlich zu Mehdi u. Gabi an der Tür rüber hüpft, die ihn gerade mit einem fiesen spöttischen Grinsen bedenkt): Äh... So habe ich das jetzt aber nicht gemeint. Ich bin Arzt. Ich weiß sehr wohl, was im Kreißsaal so abläuft. Dafür muss ich nicht extra nen Kurs belegen.
Mehdi (amüsiert sich gerade königlich): Ach, wirklich?
Marc (fährt seinen spottenden Kumpel gereizt an, als er mit ausgestrecktem Zeigefinger zu ihm rübermarschiert): Halt die Fresse, Kaan! Klugscheißer sind in solchen Kursen ganz bestimmt nicht gefragt. Oder soll ich dir eine kleine Denkstütze geben, was mit solchen Typen früher in der Schule gemacht wurde? Du kannst froh sein, dass du mit deiner Pseudoschwangerschaftswampe nicht mehr in den Spind passt.
Mehdi (hebt anerkennend sein Kinn u. wundert sich, dass sich Gabi mit bösem Blick schützend vor ihn stellt): Äh... ja,... hab ich ein Glück heute.
Gabi (wendet sich schließlich augenrollend von dem Kindergarten ab): Lass ihn in Ruhe! Können wir dann endlich mal? Mir wird das hier jetzt echt zu blöd.

Gretchen (dreht sich noch einmal kichernd zu ihrem Schatz um, wirft ihm eine Kusshand zu, die er widerwillig auffängt, u. hilft dann Gabi mit den Kuchenkartons, die diese gerade wackelig von den Wartestühlen im Flur hochzuheben versucht): Warte, Gabi, ich komme mit! Das war übrigens eine tolle Idee von dir, dass wir gleich die Reste vom Kuchenbüffet der Babyparty mitgenommen haben. Die anderen werden sich bestimmt freuen, wenn es Kuchen und Muffins zu naschen gibt.
Gabi (blickt noch einmal abfällig zu Marc rüber, der den beiden Damen mit offenem Mund hinterher starrt u. gerade Anfragen der anderen werdenden Väter abwehrt, ob er und sein Kumpel tatsächlich richtige Ärzte sind, u. rümpft die Nase): Die Nervennahrung werden wir definitiv brauchen. Der wird sich doch niemals beruhigen. Sicher, dass du den wirklich als Vater deiner Knirpse behalten willst? Er ist ja schon bei der Aussicht auf einen simplen Geburtsvorbereitungskurs vollkommen überfordert. Was wird dann erst werden, wenn deine Kleinen gleichzeitig zum ersten Mal ihre Windeln voll gekackt haben und er zwangsläufig auch ran muss?
Gretchen (gerät bei der Vorstellung automatisch ins träumerische Schwärmen): Ach, ich bin guter Hoffnung.
Gabi (zynisch): Das, Gretchen, ist bei deinen Maßen nun wirklich nicht mehr zu übersehen. Nach dir!

Mehdi hielt den beiden Ladys gentlemanlike die Tür auf, damit diese mit den beiden Kuchenkisten bewaffnet den Seminarraum betreten konnten, der bereits mit bunten Gymnastikbällen und Yogamatten bestückt worden war, welche halbkreisförmig und in Dreierreihen für den in wenigen Minuten beginnenden Schwangerschaftskurs aufgestellt worden waren. Sofort wurden Dr. Haase und Schwester Gabi von den anderen Kursteilnehmerinnen und ihren nicht minder begeisterten Partnern umringt und ein reges Geplapper setzte ein. Marc schaute den beiden nur ungläubig hinterher und blickte sich dann in einem unbeobachteten Moment nach Fluchtmöglichkeiten um. Aber leider gab es keinen Ausweg. Zumal sein bester Freund nun auch noch auffordernd seine riesige Patschehand an seine Schulter legte. Er war unvorbereitet und unbewaffnet direkt in der Hölle gelandet. Da halfen Mehdis klägliche Aufmunterungsversuche auch nichts mehr. Er würde leiden. Und wenn er schon leiden musste, dann sollte Kaan es auch gefälligst tun. Geteiltes Leid war schließlich halbes Leid. Oder so ähnlich? Er konnte nicht mehr richtig denken. Umgeben von so viel Östrogen und purer Weiblichkeit musste Dr. Meier letztlich seine Waffen strecken.

Mehdi: Kommst du?
Marc (zeigt unverhohlen seine „grenzenlose Begeisterung“): Boah, worauf habe ich mich da bloß eingelassen? Haasenzahn hat mich ausgetrickst. Schon wieder. Und du machst dabei auch noch mit, du hinterhältiger Kerl. Was ist denn damit, Männer müssen zusammenhalten und so, hä? Eine kleine Vorwarnung wäre wirklich nett gewesen.
Mehdi (sieht ihn wohlwollend an): Das hier ist der richtige Weg, Marc.
Marc (zynisch): Den finden die Kiddies auch von alleine.
Mehdi (merklich angetan von der Meierschen Logik): Ja, damit magst du recht haben, meistens, aber der Kurs hilft auch Nervosität abzubauen. Eine bevorstehende Geburt ist immer mit gemischten Gefühlen verbunden.
Marc (fühlt sich direkt angegriffen): Willst du mir damit irgendetwas sagen, Kaan?
Mehdi (gibt sich nicht die Blöße, ihm zu zeigen, dass er ihn u. sein Verhalten in den letzten Minuten voll u. ganz versteht): Nö! Ich denke, du kommst schon ganz gut klar. Das haben die vergangenen Monate doch gezeigt. Die hast du doch ganz souverän gemeistert, bis auf den einen oder anderen Aussetzer, der jedem werdenden Vater zusteht. Jetzt nur noch der Endspurt und dann hast du es vorerst geschafft. Bevor dann andere Aufgaben auf dich warten werden, Papa Marc.

So ein sentimentaler Trottel! Du passt hier schon ganz gut rein zwischen all die Hormonbomben. Ich hoffe, du weißt, sie zu entschärfen. Aber wenn du anfängst zu heulen, zeig bloß nicht, dass wir uns kennen!

Marc (weiß ganz genau, was sein Freund gerade über ihn denkt, u. das fuchst ihn tierisch): Ach, komm schon, Mehdi! Das ist doch wieder nur eine eurer Mädchentaktiken, um es mir heimzuzahlen. Aber wir können gerne wetten. Ich ziehe das durch. Ich hab es Gretchen versprochen. Nach einer Vierundzwanzig-Stunden-Schicht im OP weiß man nämlich manchmal nicht mehr, was man sagt oder tut.
Mehdi (grinst zufrieden): Gut! Es ist gut, wenn du motiviert bist.
Noch so ein Spruch und ich hau ihm eine rein.
Marc (verdreht leidend die Augen): Haha! Verarschen kann ich mich selber. Du musst ja nicht hier sein. By the way, wieso machst du bei der Chose überhaupt mit? Du bist doch selber Geburtshelfer, verdammt noch mal. Du kommst von uns allen am besten klar.
Mehdi (sieht ihn mit ernster Miene an): Doch muss ich. Und ich bin gerne hier. Sehr gerne. Als Unterstützer und weil... Du bist nicht der Einzige, der verunsichert ist.

Wie? Hat er etwa auch Schiss? Äh... Hab ich gerade „auch“ gesagt? Nee, hab ich nicht! Ich komme auch klar. Super klar. Phänomenal klar. Ich bin schließlich Oberarzt. Ich war schon bei zwei Geburten anwesend bzw. tatkräftig beteiligt. Unfreiwillig. Seitdem meide ich Aufzüge mit hochschwangeren Mitpassagieren. Äh... Haasenzahn ausgenommen.

Marc (fährt ihm prompt über den Mund): Hey, hey! Jetzt werde mal nicht anmaßend und vergleiche deine weiblichen Amöbenreflexe mit denen eines so komplexen Organismus wie den eines Chirurgen. Ich hab nie behauptet, verunsichert zu sein. Ich bin mir bewusst, was da auf mich und Haasenzahn zukommt.
Mehdi (lächelt u. ist auch ein bisschen stolz auf seinen Freund): Theoretisch. Praktisch ist das eine ganz andere Geschichte. Vor allem das, was danach kommt. Dann fängt es nämlich erst so richtig an.
Marc (genervt vom Oberlehrer Kaan): Ja, ja, sag mir mal was Neues!
Mehdi (wird wieder merklich nachdenklicher u. schaut zu dem Raum rüber, aus dem lautes Stimmenwirrwarr herausströmt, während man sich dort drin gut gelaunt über das Kuchenbüffet hermacht u. sich gegenseitig vorstellt): Marc, ich bin wegen ihr hier. Ich will für Gabi da sein, ihr die nötige Sicherheit geben, die sie braucht. Du kennst sie. Sie gibt sich vielleicht tough und selbstbewusst und stichelt gerne, was dich und Gretchen betrifft, aber je näher unser Termin rückt, umso unruhiger wird sie. Sie hat panische Angst vor der Geburt. Das lähmt sie total, weil sie immer wieder zurückdenkt, was letztes Jahr passiert ist. Wer so was erlebt hat, der... Ich gebe mein Bestes, ihr das zu nehmen und ihre Gedanken in eine positive Richtung zu lenken. Das ist meine Aufgabe. Zuversicht auszustrahlen und mit ihr unsere Vorfreude zu teilen. Ich liebe sie. Deshalb wäre ich dir wirklich sehr verbunden, wenn du dir deine Sprüche wenigstens für eine Stunde mal verkneifen könntest und als Erwachsener da reingehst. Du hast auch Verantwortung. Dir und deinen Mitmenschen gegenüber. Gretchen braucht dich jetzt.

Marc (sieht ihm direkt in die Augen an u. zögert nicht mit seiner Antwort): Okay!
Mehdi (reagiert sichtlich überrascht): Okay? Kein dummer Kommentar, der dir noch im Hals stecken geblieben ist?
Marc (plötzlich auch ganz ernst): Hey! Ich war auch dabei an diesem beschissenen Tag letztes Jahr. Schon vergessen? Wir haben uns beide die Entscheidung nicht leicht gemacht. Und wenn wir damals anders entschieden hätten, dann stündest du jetzt nicht hier zusammen mit ihr und dir würde nicht so furchtbar nervtötend die Sonne aus dem Hintern scheinen vor lauter Glückshormonen.
Mehdi (bedenkt ihn mit einem wehmütigen Blick): Ich weiß.
Marc (klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter): Und ich bin kein Arsch, ja, dass ich deinen Aufriss hier nicht nachvollziehen könnte. Mich nervt nur die Situation an sich. Das hat mit deiner Kirsche rein gar nichts am Hut.
Mehdi (nickt wissend): Weil du nicht kontrollieren kannst, was gleich passieren wird? Tja, das ähnelt schon in gewisser Weise der Situation später im Kreißsaal. Die ist für alle Väter gleich, Arzt hin oder her.
Marc (fährt sich mit einer Hand unruhig über seinen angespannten Brustkorb): Boah, Alter, mache bloß nicht so bescheuerte Andeutungen, ja!
Mehdi (grinst amüsiert): Wieso? Suchst du dann doch noch das Weite?
Marc (zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn u. funkelt ihn meierlike an): Das hättest du wohl gerne. Ich weiß, was du hier versuchst, mein Freund. Aber deine psychologischen Tricks, mich zu provozieren, um hier freiwillig mitzumachen, funktionieren nicht. Du wirst die Wette verlieren. Und jetzt bewege endlich deinen fetten Arsch da rein, Mann! Ich muss an meinem freien Tag nicht unbedingt auch noch von meinen Assis gesehen werden. Nicht dass sie noch ihren Respekt verlieren. Die sollen gefälligst weiterhin die Buxe voll haben, sobald sie mich sehen.
Mehdi (stupst ihn vergnügt mit der Schulter an): Immer auf sein Image bedacht. So kenne ich meinen Marc.
Marc (schupst kraftvoll zurück, marschiert an ihm vorbei u. macht den Vortritt, als er entschlossen den Raum betritt, wo bereits ungeduldig auf die beiden Nachzügler gewartet wird): Du kannst mich mal! Und dieses Mal sitzen wir im Kurs nicht zusammen. Pah! Such dir gefälligst deine eigene Partnerin, mit der du spielen kannst!

Und wie es der Zufall so wollte, oder in diesem konkreten Fall Schwester Gabi höchstpersönlich, hatten sich die Freundinnen von Dr. Meier und Dr. Kaan demonstrativ nicht nebeneinander gesetzt. Gabi Kragenow hatte auf einem der Gymnastikbälle in der hinteren Reihe Platz genommen und wippte gelangweilt darauf herum, bis Mehdi zu ihr stieß und sie mit einem kleinen Küsschen in den Nacken neckte, während Gretchen Haase, wie noch aus ihrer Schulzeit gewohnt, natürlich einen der vordersten Streberplätze für sich auserkoren hatte. Sehr zum Leidwesen ihres genervten Lebensgefährten, der kurz gequält seinen Kopf senkte und sich nach einem denkanstoßgebenden Schups von Mehdi schließlich notgedrungen doch hinter ihren rosafarbenen Sitzball stellte, auf dem die ungekrönte Tollpatschqueen des EKH ziemlich windschief saß und jeden Moment Gefahr lief, der Schwerkraft nicht zu trotzen und unelegant herunterzupurzeln, wenn er ihr nicht tatkräftig seine beiden starken Arme zur Verfügung gestellt hätte, die sich nun um ihren voluminösen Babybauch schlossen, in dem, wie er mit einem fetten Grinsen ertasten konnte, auch gerade ziemliches Rambazamba vonstatten ging. Ja, ein hochschwangerer Haasenzahn war doch schon was Megamegatolles.

Glücklich lächelnd schaute Gretchen ihrem Herzprinzen in die aufblitzenden dunkelgrünen Augen, die ihre fixiert hielten, und legte ihre warmen Hände über die seinen, welche gerade die munteren Zwillinge in ihrem Bauch begrüßten und mit einer kleinen geübten Massage zur Ruhe anhielten, dem die beiden nach einigen Augenblicken tatsächlich nachkamen, wie die stolzen Eltern gleichzeitig bemerkten. Diese Reaktion auf die sich geschickt vorantastenden Chirurgenfinger des Bald-Papas hatte sich in den letzten Monaten schon richtig eingespielt und half der werdenden Mama vor allem abends schnell einschlafen zu können. Gretchen liebte diese Momente. Und Marc ging es da auch nicht anders. Verträumt schaute er auf Gretchens große Murmel herab, seufzte leise, aber fing sich schnell wieder, als er die wohlwollenden Blicke seiner Nachbarn im Rücken bemerkte, und versuchte nun, seine Streberprinzessin mitsamt dem Ball, auf dem sie saß, in die hinteren Reihen zu seinem Kumpel Mehdi und dessen schlechteren Hälfte zu lotsen. Versteckt im Hintergrund könnte man schließlich viel besser miteinander munkeln und so einige andere Dinge anstellen, als so direkt auf dem Präsentierteller, welcher dem selbstbewussten Oberarzt sonst eigentlich nicht viel ausmachte, hier aber heute schon. Aber leider kam sein Vorstoß zu spät, denn im selben Moment, als Marc Gretchen überreden wollte, erschien die Kursleiterin in der Tür, die sie forsch hinter sich zugezogen hatte, und baute sich selbstsicher und ekelhaft gutgelaunt direkt vor dem Chirurgenpaar in dem Halbrund auf. Heute war definitiv nicht sein Tag!

- „Ihr Lieben, entschuldigt bitte die kleine Verzögerung. Aber ihr wisst ja, Kinder bestimmen mein Leben und achten dabei nicht gerade auf volle Terminpläne und staugeplagte Großstadtstraßen. Sie haben ihren eigenen Kopf. Sie entscheiden, wann sie die Welt erobern möchten und gerade eben war es bei einem meiner Schützlinge wieder soweit. Herrlich. Ich fühle mich davon richtig beflügelt. Eigentlich der perfekte Einstieg zum Beginn unseres neuen Kurses, findet ihr nicht“, plapperte die resolute Mittfünfzigerin dann auch schon frei Schnauze drauflos und gewann damit gleich die Sympathien ihrer Kursteilnehmer. Allen voran die von Gretchen Haase, die sich freudestrahlend nach ihrem Partner umblickte, der jedoch alles andere als begeistert dreinblickte und seinen Kopf ernüchtert an Gretchens Schulter abstützen musste. Diese Frau da vorne in dem herbstfarbenen Leinenkleid und dem gleichfarbigen Haarband, das ihre wilde rote Lockenmähne mehr schlecht als recht bändigte, die ihn schon beim Reinkommen so komisch von der Seite angestiert hatte, war ja nicht auszuhalten, dachte Marc nur völlig frustriert. Genau die anstrengende und ambitiöse Ökotante, die er sich in seinen Albträumen vorgestellt hatte. Er würde diese anderthalb Stunden definitiv nicht überleben. Haasenzahn würde heute noch zur Mund-zu-Mund-Beatmung ansetzen müssen.

Gretchen: Alles klar, Schatz?
Marc (verzieht sein Gesicht u. reibt sich an seinem Ohr): Nee, ich hab nur so ein hartnäckiges Klingeln in den Ohren.
Gretchen (lächelt ihn hinreißend an u. legt ihre Hand an seine Wange): Also ich mag sie total.
Marc (kann ihrem süßen Lächeln kaum widerstehen, denn es ist das einzige hier, das ihn noch oben hält): Du magst jeden. Du magst ja neuerdings auch Zicken-Gabi.
Oh, oh, der Grummel wieder! Ich muss ihn im Zaum halten. Vielleicht hätten wir doch besser bei Mehdi und Gabi bleiben sollen? Ich halte ihn auf der einen Seite und Mehdi auf der anderen Seite fest. Aber leider ist jetzt auch der letzte Ball in der hinteren Reihe besetzt. Menno! Chance vertan!
Gretchen (versucht, den Meierschen Zynismus gekonnt zu überhören u. Zuversicht auszustrahlen): Marc! Wir sitzen doch alle in einem Boot.
Marc (kann sich nach der Haasschen Vorlage sein Schmunzeln nicht verkneifen): Naja... fast! Wackeln tut es schon mal. Aber jetzt ruckle nicht die ganze Zeit so nervös hin und her! Sonst rollst du noch mit diesem bescheuerten Ball auf und davon. Ich weiß nicht, ob die da hinten fit genug wären, um euren Murmeln rechtzeitig auszuweichen. Die sind definitiv keine Harrison Fords. Aber wir sind hier ja auch nicht in einer Indiana-Jones-Mine. Obwohl, ein Minenfeld ist das hier ja doch schon irgendwie. Überall könnten jeden Moment kleine Bömbchen hochgehen.
Gretchen (wird direkt zum Schmollha(a)sen, weil ihr Pappenheimer alles wieder viel zu spaßig sieht): Haha! Du bist heute mal wieder so witzig, Marc Meier. Aber übertreib es nicht, mein Freund! Ich weiß, für dich ist das alles hier ein alberner Spaß, eine lästige Zwangsübung, wozu ich dich übrigens zu keiner Zeit gezwungen habe, und ich hab auch sehr viel Geduld mit dir, weil das alles ziemliches Neuland für dich ist. Aber meine Geduld ist auch irgendwann mal zu Ende. Du bist nämlich manchmal ziemlich anstrengend.
Marc (zieht überrascht eine Augenbraue nach oben): Ich bin anstrengend?
Gretchen (funkelt ihn aus ihrem himmelblauen Meer sehr überzeugend an u. schlingt anschließend besitzergreifend seine Arme wieder um ihre Taille herum): Ja! Heute ganz besonders. Also reiß dich bitte zusammen und halte mich ordentlich fest! Es ist hier nämlich wirklich ziemlich unsicher auf diesem Ball. Ein gemütlicher Sessel, in dem ich mich mit den beiden hier entspannt zurücklehnen könnte, wäre mir irgendwie lieber gewesen.
Also, jetzt kriege ich doch ein bisschen Panik vor den Übungen, die uns bevorstehen. Sport ist bekanntermaßen so gar nicht meins. Mit Ausnahme der Schwangerschaftsyogastunden, die ich nachmittags immer sehr diszipliniert bei und mit Maria gemacht habe, die wir aber meistens mit Schwatzen und Eisessen auf ihrer Hollywoodschaukel verbracht haben. So viel zum Thema Disziplin und Durchhaltevermögen. Aber die sind ja seit dem gestrigen Tag eh gegessen. Hihi!
Marc (festigt grinsend seine Umarmung um ihren süßen Babybauch u. zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Also wenn du heute unbedingt Ball spielen möchtest, ich spiele gerne mit. Aber wenn, dann lieber mit deinen Bällen. Die sind auch so schön groß und rund und fühlen sich einfach wahnsinnig toll an.

...flüsterte Marc seiner angespannten Freundin neckisch ins Ohr, während er sie mit beiden Armen besitzergreifend von hinten an sich zog, damit sie tatsächlich nicht von dem rosa Gymnastikball herunterplumpste, welcher sich gerade zum wiederholten Male selbständig machen wollte. Nicht gerade unauffällig versuchte Gretchen, das prickelnde Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren und den Schelm zum Stillschweigen zu bringen. Aber Marc machte es ihr nicht gerade leicht. Er entwickelte langsam wieder die Hochform, die sie tagtäglich von ihm gewohnt war, die hier aber nicht gerade angebracht war, wenn sie nicht in Verlegenheit gebracht werden wollte.

Gretchen (windet sich flüsternd in seinen Armen): Maaarc, nicht hier! Du weißt, was passiert, wenn du mich ständig zum Lachen bringst.
Marc (lacht u. knabbert genüsslich weiter an ihrem verführerischen Ohrläppchen): Dann hätten wir wenigstens eine Ausrede, weswegen wir jetzt unbedingt zur Toilette müssen. Ich würde mich sogar aufopferungsvoll anbieten, dich raus zu begleiten. Du weißt ja, es geht hierbei doch vor allem darum, Unterstützung zu zeigen, und das tue ich hiermit.
So ein Idiot, ein süßer, ja, aber immer noch Idiot.
Gretchen (merkt genervt, dass sie ihm kaum widerstehen kann): Du bist unmöglich, Marc.
Marc (grient gegen ihr süßes kleines Ohr, in das er nun prickelnd hineinhaucht): Ich weiß. Darauf stehst du doch, Haasenzahn. Und wenn du unbedingt spezielle Atemtechniken ausprobieren möchtest, um dich zu entspannen, ich wüsste da was.
GRRR! Ich hab gewusst, wieso ich zuerst Jochen gefragt habe und nicht ihn. So werde ich mich nie konzentrieren können.
Gretchen (die prickelnde Gänsehaut, die sein Pusten ausgelöst hat, lenkt sie merklich ab): Überschätze dich und deinen unwiderstehlichen Charme mal nicht so, mein Lieber!
Marc (guckt ihr schelmisch grinsend ins Gesicht): Die Erfahrung lehrt mich.
Gretchen (grient ihn herausfordernd an, obwohl sie weiß, dass sie gegen ihn keine Chance hat): Ah ja?
Marc (zwinkert ihr wissend zu): Mhm! Hundert Prozent! Bei Dr. Meier gibt es keine Fehlerquote.
Gretchen (ergibt sich schließlich leise lachend dem heftigen Kribbeln in ihrem Bauch): Du wieder! Ich lieb dich auch, Marc, ganz doll sogar, ja, aber können wir uns jetzt bitte konzentrieren. Ich glaube, die gucken alle schon.
Marc (wirft einen kurzen Blick über die Schulter u. bestätigt ihren Verdacht, der ihn jedoch nicht sonderlich juckt): Wieso?
Gretchen (beißt sich verlegen auf ihre Lippen u. nähert sich flüsternd Marcs Ohr): Äh... Vielleicht weil wir die einzigen sind, die hier noch tuscheln.
Marc (grinst provozierend): Upps! Erwischt! Meinst du, wir kriegen einen Verweis so wie in der Schule. Also mit dir gehe ich gerne unter die stille Treppe. Der beste Platz zum Knutschen.
Gretchen (klappst ihm schwach auf die Brust, um seine unpassenden Flirtversuche zu unterbinden): Du Blödi!
Marc (fühlt sich animiert, mit dem Spiel weiterzumachen): Mhm! Ich lieb dich auch, Haasenzahn, aber es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert, um hier noch rechtzeitig raus zu kommen.
Ah... daher weht der Wind?
Gretchen (grient charmant zurück): Netter Versuch, mein Lieber, aber ich glaube ja eher, die gucken vor allem, weil du der heißeste werdende Papa hier im Raum bist.
Marc (zwinkert grinsend zurück u. plustert sich gleich noch mehr auf, während er Gretchens Bauch liebevoll tätschelt): Selbstverständlich. Ich hab ja auch die besten Gene weiterzugeben. Und wie potent ich bin, muss ich ja nicht extra erwähnen. Hier sind schließlich Zwillinge drin.
Gretchen (verdreht die Augen): Boah, wie kann man jetzt immer noch so arrogant sein?
Marc (kommt ihrer Nasenspitze verdächtig nahe): Tägliche Übung, mein Schatz, dafür nehme ich mir immer das ein oder andere Stündchen. Jetzt wäre doch ein schöner Moment dafür, hm?
Er versucht es schon wieder. Faszinierend, wie sehr er sich windet. Obwohl es mittlerweile höchste Eisenbahn ist, dass auch er sich endlich auf die Geburt einstellt, wobei ich nicht sagen kann, dass ich schon bereit wäre. Da wollen schließlich zwei kleine Menschen auf einmal raus.
Gretchen: Das hättest du wohl gerne.

...raunte Gretchen leise durch ihre zusammengepressten Lippen, um bloß keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen, aber erreichte damit nur das Gegenteil. Denn wenn man sich in der ersten Reihe befand, konnte man sich nur schwer verstecken. Das war schon damals in der Schule so gewesen. Jedes Mal, wenn einer ihrer Klassenkameraden etwas von ihr gewollt hatte, war sie diejenige gewesen, die am Ende von den Lehrern einen Anpfiff bekommen hatte. Natürlich lag die Aufmerksamkeit der Anwesenden, allen voran der Kursleiterin, schon längst bei dem sich foppenden Paar, das kein Ende finden wollte und sich nun auch noch innig zu küssen begann. Doch die charmante Hebamme blickte mit einem wohlwollenden Lächeln darüber hinweg. - „Wie ich sehe, sind hier schon alle hochmotiviert bei der Sache. Schön. Das ist genau die richtige Einstellung. Liebe und Vertrauen sind die wichtigsten Komponenten auf dem Weg, den ihr alle bald beschreiten werdet. Ein beschwerlicher Weg in mancher Hinsicht, ja, aber doch auch der aufregendste und schönste, wenn man darauf auch wirklich vorbereitet ist. Aber bevor wir uns darauf konzentrieren werden, euch diesen Weg zu erleichtern, möchte ich mich euch erst einmal richtig vorstellen. Ich hoffe, euch stört es nicht, wenn wir uns alle duzen. So ist es doch viel persönlicher und wir wollen ja hier auch eine möglichste entspannte Atmosphäre schaffen. Einige von euch kennen mich ja auch bereits aus den Vorgesprächen. Also mein Name ist Barbara Blume und ich bin seit fünfunddreißig Jahren Hebamme aus Leidenschaft.“

Marc (vorlaut platzt es aus ihm heraus): Oh Gott, doch eine Überambitionierte.
Gretchen (hält ihm schnell die Hand vor den Mund, der eben noch so prickelnd auf ihrem gelegen hat): Marc, bitte! Ihre Erfahrung spricht doch für sich. Und weißt du, sie hat schon mich und Jochen auf die Welt geholt.
Marc (ehrlich erstaunt): Echt? Ja, das prädestiniert sie dann natürlich für den Job.

Gretchen klimperte bittend mit ihren langen geschwungenen Wimpern, um ihren unverschämten Charmebolzen vor weiteren Verbalentgleisungen zu stoppen, aber der hyperaktive Chirurg konnte nicht widerstehen, sein zappeliges Häschen auch weiterhin auf seine ganz besondere Art und Weise zu provozieren. Diesmal nonverbal. Langsam senkte er seine Lippen zu einem zarten Kuss herab, der auch einen langen Moment erwidert wurde, bis die nervöse Einunddreißigjährige merkte, dass die Blicke der anderen schon wieder auf ihr und Marc lagen, worauf sie ihn mit einem kräftigen Stupser aufmerksam machte. Es störte ihn jedoch nicht sonderlich. Als jüngster und begnadetster Oberarzt des Landes war er es schließlich gewohnt, ständig im Mittelpunkt zu stehen. Und Haasenzahn hatte ja unbedingt einen Platz in der ersten Loge gewollt. Dementsprechend zufrieden und selbstsicher schaute er sich um, was mit einem Grinsen von Mehdi und einem genervten Augenrollen von Schwester Gabi kommentiert wurde, die tunlichst vermied, vor den anderen erkennen zu lassen, dass man sich sehr wohl kannte.

Marc: Ja, was? Wir sind eben mit Hingabe dabei. Das ist doch die Zielvorgabe, oder nicht? Ist die Frau entspannt, sind auch die Wehen erträglicher, aber soweit sind wir ja zum Glück noch nicht.
Gretchen (würde am liebsten im Erdboden versinken): Maaarc!
Ich bring ihn um. Ja, heute überrolle ich ihn. Pah!
Barbara (reagiert überraschend schlagfertig auf den vorlauten jungen Mann in der ersten Reihe): Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wo Ihre Prioritäten sonst so liegen, Herr Dr. Meier.
Marc (guckt verstört von der Kursleiterin zu Gretchen, die mittlerweile knallrot im Gesicht ist): Äh...
Barbara (blickt freundlich lächelnd in die Runde): Ja, ihr Lieben, es ist wohl mittlerweile kein Geheimnis mehr, wenn ich verrate, dass wir heute unter uns auch einige Experten des medizinischen Fachs dabeihaben. Es erwischt sie alle irgendwann einmal. Und wie schnell die wortgewandten Chirurgen oder Professoren doch kleinlaut werden, wenn es dann plötzlich heißt, ihr Nachwuchs ist unterwegs. Dann werden auch sie schnell zu Nervenbündeln, die mit Anspannung ihren Frauen bei der Hauptarbeit zusehen dürfen, wenn sie vorher nicht schon selbst eine horizontale Lage eingenommen haben. Das Stichwort lautet Kontrollverlust. Glaubt mir, ich habe hier schon gestandene Akademiker zusammenbrechen sehen, die bis ins letzte Detail Bescheid wussten, was auf sie zukommt. Aber ganz so hilflos, wie sie sich in diesen Momenten vielleicht fühlen, sind sie nicht, denn auch sie können zu einer starken Stütze ihrer Frauen werden. Eine Geburt hat auch etwas mit Loslassen zu tun. Dabei hilft, ein gutes Gefühl für den eignen Körper zu entwickeln. Und auch der Partner sollte wissen, was gerade in ihr vorgeht und wie man ihr Linderung verschaffen kann. Gerade auch in den letzten Wochen vor der Geburt, die bekanntlich mit zu den beschwerlichsten gehören. Es gibt verschiedene Entspannungstechniken zur Verbesserung des Körpergefühls, die auch beim Kraftschöpfen während der Wehenpausen helfen. Atmet die Frau richtig, kann das die Geburt erleichtern und Schmerzen lindern. Und wie wir das ohne großen Aufwand auch mit eurer Hilfe, werte Herren, hinbekommen, werden wir heute neben all den anderen wichtigen Information zur Geburt selbst und zum Elternsein in diesem Kurs lernen. Und hier haben wir doch auch schon einen ersten Freiwilligen, der uns dabei tatkräftig unterstützen möchte.

...deutete Frau Blume plötzlich auf den perplexen jungen Mann in der lässigen Designerhose und dem hellblauen Hemd in der ersten Reihe und man konnte ein leises schadenfrohes Auflachen aus der hinteren Loge vernehmen, das von der Person ausging, nach der sich Dr. Meier hilfesuchend umblickte. Tja, das Schicksal konnte leider manchmal ein richtiges Schwein sein.

Lorelei Offline

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06.10.2016 16:50
#1578 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Erst hunderteineinhalb Minuten später sollte für den nun doch recht mundfaul gewordenen werdenden Vater und sonst so schlagfertigen Starchirurgen des Berliner Elisabethkrankenhauses endlich die Erlösung kommen und er stürzte selbstverständlich als Erster aus der sich gerade öffnenden Tür auf den Krankenhausflur hinaus, wo er unter den irritierten Blicken diverser Kollegen und Besucher erst einmal tief Luft schnappte, ehe er sich schwerfällig auf einen der Wartestühle plumpsen ließ, um nun seine Gedanken kreisen zu lassen und zu versuchen, das eben Geschehene wieder mit sich in Einklang zu bringen, was gar nicht so einfach war, weil er das alles noch sehr real bildlich vor Augen hatte. Außerdem wurde er nervtötend von einem sich angrinsenden Liebespaar beobachtet, das ihm Arm in Arm direkt hinaus auf den Gang gefolgt war. Marcs liebreizende Lebensgefährtin folgte etwas trantüdeliger auch auf dem Fuße, nachdem sie sich noch kurz mit der Kursleiterin unterhalten hatte, die sie jedoch vertröstet hatte, weil sie schnell weiter gemusst hatte, denn die nächste Geburt hatte sich soeben telefonisch bei ihr angekündigt. Berliner Hebammen waren nämlich sehr gefragt in diesen Tagen.

Mit einem freundlichen Lächeln verabschiedete sich die charmante Ärztin von der Hebamme ihres Vertrauens und ihren im Kurs neu hinzugewonnenen Freundinnen, mit denen sie noch schnell Telefonnummern ausgetauscht und die Gründung einer Whatsapp-Gruppe verabredet hatte, und setzte sich anschließend glücklich strahlend neben ihren total verstört und durcheinander wirkenden Freund, dessen eiskalte Hand sie sich sogleich schnappte, leicht zwischen ihren Fingern massierte und dann zärtlich an ihre Babykugel drückte. Leicht verwirrt sah Marc Gretchen ins Gesicht und richtete seine müde wirkenden Augen anschließend auf die große Murmel herab, die sich so wahnsinnig toll unter seinen Händen anfühlte und die er auch schon in den vergangenen Minuten hingebungsvoll bearbeitet hatte, und konnte sich ein kleines zufriedenes Schmunzellächeln nicht mehr länger verkneifen. Obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, bis auf weiteres vor seinen Freunden die beleidigte Leberwurst spielen zu wollen. Denn das hatte er sich nämlich mit der Aktion heute mehr als verdient. Aber das war eben der Nachteil an seiner sich bald vergrößernden Familienbande. Man konnte ihr nicht lange böse sein. Und deshalb küsste er Haasenzahn auch schnell spontan auf den süßen kleinen Erdbeermund, bevor sie selbigen aufmachen und ihn mit nervtötenden Anmerkungen zuquatschen konnte. Aber zu spät. Seine Herzprinzessin fühlte sich jetzt erst recht dazu animiert, mit ihm ihre Gefühle zu teilen. So neugierig und gespannt, wie sie ihn gerade mit verklärtem Blick von der Seite anhimmelte, als hätte er soeben die spektakulärste und prestigeträchtigste OP am offenen Herzen hinter sich gebracht. Schön wär’s. Aber sein Name stand ja leider in den nächsten Tagen nicht auf dem OP-Plan des EKH. Dr. Meier war out of order.

Gretchen: Und? War das jetzt so schlimm?
Gabi: Och, er hat sich doch ganz passabel geschlagen, oder, Mehdi? Naja gut, so gut wie du war er natürlich nicht. Das ist keiner. Aber so für den Anfang, hm?

...kam, bevor Marc überhaupt auf Gretchens Frage reagieren konnte, plötzlich ein Kommentar von unerwarteter Seite. Gabi hatte sich pappfrech direkt neben Mehdis Busenfreundin auf den freien Wartestuhl gesetzt, hatte ihre schlanken Beine übereinander geschlagen und biss nun beherzt von dem letzten Muffin ab, den sie noch vor der hungrigen Schwangerenmeute hatte ergattern können, die nach dem anstrengenden Geburtsvorbereitungskurs völlig unterzuckert gewesen war, und reichte ihrem Liebsten, der neben ihrem Platz amüsiert lächelnd mit der Schulter an der Wand lehnte, ein Stück der leckeren Süßspeise, die einen dankbaren Abnehmer fand. Ebenso wie ihre kleine Hand, die einen zarten Handkuss von dem charmanten Halbperser geschenkt bekam, was mit einem süßen kaum vernehmbaren Kichern kommentiert wurde, das Mehdis Herz prompt einen Tick schneller schlagen ließ.

Mehdi: Lob aus deinem Mund in seine Richtung, das erstaunt mich aber jetzt.
Gabi: Siehst du, ich kann auch anders, Liebling.

...konterte die kesse Krankenschwester zufrieden mampfend und warf Mehdi einen äußerst koketten Blick zu, der mit einem frechen Augenzwinkern erwidert wurde, ehe man sich wieder ganz auf den jungen Mann zu ihrer Linken konzentrierte, der leicht verwirrt erst zu Gretchen und dann zwischen seinem besten Freund und dessen heute überraschend gar nicht mal so schlechteren Hälfte hin und her schaute. Schließlich schüttelte er den Kopf und seufzte leise auf. Er konnte es nämlich überhaupt nicht verknusen, wenn Witze erfolgreich auf seine Kosten gemacht wurden. Er war schließlich zuständig für die guten Sprüche und Frotzeleien hier auf der Station und nicht die Vertretungs-Sabine, die sich eh bald in den Mutterschaftsurlaub verabschieden würde. Konditionell lag Schwester Gabi nämlich schon fast gleichauf mit Haasenzahn, wie er im Kurs eben hatte beobachten können, und das musste schon was heißen, denn eigentlich war es ja seine bessere Hälfte, die zwei Babys auf einmal mit sich herumzuschleppen hatte.

Marc: Ihr habt vielleicht Nerven. Die Blumentante hatte euch ja auch nicht die ganze Zeit auf dem Kieker.
Gretchen (lehnt sich verliebt lächelnd an seine Schulter u. streichelt bedächtig seine Hand, die an ihrer Schwangerschaftsmurmel angedockt geblieben ist): Ach, hat sie doch gar nicht. Sie hat nur etwas herausgekitzelt, was eh schon die ganze Zeit in dir gesteckt hat.
Marc (schaut sie mit großen Augen verständnislos an): Ach ja, und das wäre, wenn ich fragen darf? Nur für den Notizblock, falls ich es nicht mitgeschnitten haben sollte.
Mehdi (kann sich einen flotten Spruch nicht verkneifen): Den einfühlsamen Marc, der genau weiß, was er tut.
Marc (zeigt ihm beleidigt den Vogel): Äh... hallo? Ich bin Oberarzt. Ich muss mich nicht belehren lassen. Ich weiß sehr wohl immer ganz genau, was ich tue.
Gabi (ironisch): Klar!
Marc (blitzt sie an): Ey!
Gretchen (grient vergnügt zu Mehdi hoch, der seine Hand sanft an Gabis Schulter gelegt hat): Ich hätte es auch nicht besser umschreiben können.
Marc (verdreht genervt die Augen, weil sich offenbar alle gegen ihn verschworen haben): Ihr wisst aber schon noch, was ich über Klugscheißer im Allgemeinen gesagt habe, oder?
Gabi (springt nun auch leicht vergnügt auf das kleine Spielchen an): Och, sprichst du jetzt von dir selbst?
Marc (funkelt über Gretchen hinweg zu der Nervensäge rüber): Pass bloß auf, du!
Gabi (grient Mehdi an, der sanft mit seinen zärtlichen Fingern unter ihrem langen geflochtenen Zopf ihren Hals empor fährt): Hab ich. Die ganzen vergangenen anderthalb Stunden.
Gretchen (wirft sich auf Marcs Seite, bevor er noch sauer wird): Ich auch. Und ich fühle mich jetzt total entspannt und ausgeglichen.
Marc (lässt seine Rachegedanken gegenüber Gabi fallen u. mustert misstrauisch seine hochschwangere Freundin): Keine Verarsche?
Gabi (kommt Gretchen mit ihrer Antwort zuvor, während sie ungelenk in ihrer Handtasche nach ihrem Handy kramt u. fündig wird): Sehen wir so aus, als würden wir dich verarschen wollen, Marc?
Marc (wirft ihr einen skeptischen Blick zu): Bei dir bin ich mir nie so ganz sicher.
Mehdi (grinst zufrieden in die Runde): Fassen wir doch einfach zusammen, dass wir alle sehr stolz auf dich sind, wie du dich als Vortänzer geschlagen hast.
Gretchen (schaut ihren Schatz mit verliebten Blicken an): Genau!
Marc (blickt leicht frustriert von der einen zum anderen u. schüttelt den Kopf): Ich bin mir nicht sicher, ob wir alle in demselben Kurs waren. Aber egal, der ist ja jetzt Gott sei dank Geschichte.

Kommen wir jetzt zum spaßigen Teil des Tages.

Oh, oh! Er hat es nicht verstanden. Oder? Dabei dachte ich doch, er hätte die ganze Zeit gut zugehört. Er war zumindest ungewohnt still und konzentriert, als er mich massiert und mit mir zusammen geatmet hat. Mhm... Das hat immer so herrlich geprickelt an meinem Hals.


Gretchen (schaut unsicher von Marc zu Mehdi hoch u. vermeidet wegen möglicher Ansteckungsgefahr den Blickkontakt zu Gabi, deren Mundwinkel verdächtig zucken): Ähm... Duuu... Maaarc?
Marc (merkt am schrillen, leicht lang gezogenen Ton ihrer sonst so lieblichen Stimme, das etwas nicht stimmt u. wird misstrauisch): Was?
Mehdi (hilft seiner besten Freundin aus der Patsche, die aus Verlegenheit gleich wieder rot geworden ist): Das war erst der erste Teil, Marc.
Marc (blickt Mehdi verständnislos an): Bitte?
Gabi (lässt es sich nicht nehmen, das ihrem Lieblingsfeind direkt auf die Nase zu binden): Der Kurs geht über fünf Termine, du Blitzmerker. Das wollen sie dir gerade sagen. Montagmittag geht es mit Teil zwei weiter und am Donnerstag mit dem dritten Teil. Und die Woche darauf auch jeweils an den beiden Wochentagen.
Marc (seine Gesichtszüge entgleiten ihm, sehr zum Vergnügen von Schwester Gabi, die sich zufrieden mit ihrem Handy in der Hand auf ihrem Stuhl zurücklehnt): Boah, Leute, das ist doch nicht euer Ernst?

Also noch einmal gebe ich den Hampelmann bestimmt nicht. Äh... bis auf das eine Mal in ungefähr sieben Wochen im Kreißsaal, für das es keine Ausreden geben wird.

Gretchen (versucht es ihrem Grummel auf charmante Haase-Weise zu erklären u. tätschelt dabei immer wieder seine Hand): Das Gehörte und Gesehene muss sich doch erst noch festsetzen.
Marc (das ist mit seiner chirurgischen Rationalität nicht zu vereinbaren): Ist das schon so eine Schwangerschaftsdemenzsache oder was? Mein Gott, wir arbeiten im medizinischen Sektor. So langsam müssen die Abläufe doch wohl klar sein.
Gretchen: Es geht um Routine und Sicherheit, Marc. Und ich fühle mich einfach sicherer so. Ich kann so viele Schwangerschaftsratgeber lesen, wie ich will, und ich habe wie du auch alle gelesen, die es momentan auf dem Markt gibt, aber sie können trotzdem nicht die Informationen und Erfahrungen aus erster Hand ersetzen. Und du kannst nicht leugnen, dass wir ein richtig gutes und eingespieltes Team sind.
Marc (lässt frustriert die Schultern hängen): Eben! Mann, du meinst das wirklich ernst, oder? Dir hilft das? Du bist echt entspannt?
Gretchen (lächelt ihn auf hinreißende Art u. Weise an, um ihn davon zu überzeugen): Tiefenentspannt.
Gabi (findet das ein bisschen übertrieben u. hält mit ihrer Meinung nicht vor dem Tor, während sie weiterhin immer wieder nervös auf ihr Handy blickt u. mit Mehdi seltsame Blicke austauscht): Naja?
Marc (springt plötzlich entschlossen von seinem Platz auf u. zieht seine Herzdame mit hoch): Gut, dann... ist es ja jetzt höchste Zeit, mich auch in eine entspannte Stimmung zu bringen. Das wäre nur fair.
Gretchen (augenblicklich alarmiert legt sie ihre Hand an Marcs muskulösen Oberkörper): Maaarc!

Süß! Was sie gleich wieder denkt? Hm... Aber ist durchaus eine Überlegung wert. Gebongt!

Marc (lacht, weil er genau weiß, was Haasenzahn gerade denkt): Es ist Mittag. Lasst uns irgendwo was essen gehen, hm? Die Zwerge haben doch bestimmt Hunger nach dem ganzen peinlichen Herumgehampel. Es sei denn, ihr seid vom Bälle schieben seekrank geworden, dann solltet ihr euch lieber von meiner neuen Karre fernhalten. Vollgekotzte Sitze werde ich später schon oft genug haben, aber das muss nicht unbedingt in den ersten Wochen sein, in denen ich mit der Kutsche herumcruise. Gereinigt nehmen die ihn nämlich nicht zurück.
Mehdi (schmunzelt im ersten Moment, aber wirkt dann plötzlich sehr nachdenklich, als er zu seiner Freundin schaut, die überhaupt nicht begeistert dreinblickt): Gerne, aber...
Gabi (lässt sich von ihrem Schatz ebenfalls aufhelfen u. streicht ihre Sachen glatt): Ich bin schon verabredet.
Marc (macht sich einen Spaß daraus u. ist eigentlich ganz froh, sie nicht dabeihaben zu müssen): Ach? Ein heimliches Date?
Mehdi (bringt ihn zur Räson u. zieht Gabi in seine Arme, die er nun ungewohnt ernst ansieht): Marc! ... Bist du sicher, dass du das willst? Der Kurs war anstrengend genug und du solltest dich vielleicht erst einmal ausruhen, bevor du...
Gabi (lächelt ihn an): Schon gut, Bärchen, es geht mir gut. Wirklich. Ich bin entspannt. Genau in der Stimmung, die ich dafür brauche.
Mehdi (schaut sie immer noch ehrlich besorgt an): Und du willst wirklich nicht, dass ich mitkomme?
Gabi (legt ihre Hand an seine Wange u. sieht ihren verständnisvollen Partner liebevoll an): Du bist lieb. Danke. Vielleicht ein anderes Mal. Also, falls ich sie noch mal treffen möchte, was aber überhaupt nichts darüber aussagt, wie das gleich laufen wird. Ich hab keine Ahnung, was danach sein wird und wie ich mich fühlen werde. Aber ich muss das alleine schaffen. Hier geht es in erster Linie erst mal nur allein um mich. Das verstehst du doch?
Mehdi (legt seine Hand über ihre an seiner Wange u. beugt seinen Kopf vor, sodass er ihre Stirn leicht mit seiner berührt): Ich weiß.
Gabi (ist froh, ihn an ihrer Seite zu wissen u. zieht ihn noch enger an sich): Aber könntest du so ungefähr in einer halben Stunde mal kurz durchklingeln? Falls ich es doch nicht mehr länger aushalte, dann...
Mehdi (nickt ihr wissend zu): Mach ich. Codewort?
Gabi (überlegt einen langen Moment u. lächelt ihn schließlich an): Lilly?
Mehdi (lächelt zurück u. streicht ihr eine dunkelblonde Strähne, die aus ihrem französischen Zopf herausgerutscht ist, liebevoll hinters Ohr): Gute Wahl! Ich wäre dann innerhalb von Minuten da. Ich halte mein Telefon wie versprochen in Bereitschaft.
Gabi (beugt sich zu einem wehmütigen Kuss zu ihm hoch u. klammert sich regelrecht an seinen starken männlichen Körper): Danke! Ich weiß, der Notfallplan ist albern, aber ich weiß halt nicht, was mich erwarten wird.
Mehdi (blickt ihr zuversichtlich in die Augen u. streichelt ihren Bauch): Du schaffst das. Ich weiß das. Wir wissen das.
Gabi (drückt ihn noch einmal innig an sich u. lässt ihn schließlich los, um zu gehen): Dann wisst ihr mehr als ich. Ich muss jetzt los. Tina wartet schon seit einer Viertelstunde auf dem Parkplatz. Und ich muss mich vorher noch umziehen.
Mehdi (küsst sie noch einmal gefühlvoll auf den Mund u. sieht ihr schließlich nachdenklich hinterher, wie sie langsam zum Foyer vorläuft): Viel Glück! Ich denk an dich. Ich kann sofort da sein, wenn du mich brauchst.

Gabi drehte sich noch einmal nach ihrem Liebsten um, lächelte schwach, aber war dankbar für die Zuversicht, die Mehdis aufrichtige Augen ausstrahlten. Sie nickte ihm noch einmal kurz zu und schwenkte dann zu den Gästetoiletten um, welche sie im nächsten Moment auch betrat, um sich darin flink umzuziehen. Mehdis wehmütiger Blick lag noch lange in ihre Richtung gewandt, während er verwundert von seinen beiden besten Freunden beobachtet wurde, die sich ratlos anschauten und synchron mit den Schultern zuckten.

Marc: Äh... was war das denn gerade? Trifft sie sich mit dem Belzebub persönlich? Obwohl, eigentlich naheliegend, ihr wollt euer Kind ja auch Luzifer nennen, ääähhh... die Kurzform Lucy, falls es ein Mädchen wird. Nicht?
Gretchen (funkelt den unverschämten Sprücheklopfer ungehalten an): Maaarc! Ein bisschen mehr Respekt!
Mehdi (sieht ruhig zwischen den beiden hin u. her): Schon gut. Sie trifft sich mit ihrer Mutter.
Gretchen (ihre Augen werden groß): Nein?
Marc (blickt verwundert zwischen den beiden hin u. her): Okay? Das erklärt einiges. Wenn ich mich mit meiner Mutter treffen muss, winde ich mich auch immer. So wie neulich, als sie mich mit ihren neuen Texten nerven wollte. Als ob ich irgendwelche Erfahrungswerte hätte, wie sich kleine unscheinbare Assistenzärztinnen in ihren späten Zwanzigern fühlen würden. Tzz! Nicht meine Baustelle.
Gretchen (schaut ihn ungläubig an): Marc, das kannst du doch gar nicht vergleichen. Gabi hat seit zwölf Jahren keinen Kontakt mehr mit ihrer Mutter gehabt.
Marc (ehrlich überrascht): Woher weißt denn du das so genau?
Mehdi (ebenso erstaunt): Gabi hat dir davon erzählt, was damals passiert ist?
Gretchen (lächelt verlegen): Naja, wir hatten mal einen sehr intensiven Abend, als wir ihren Junggesellinnenabschied gefeiert haben.
Mehdi: Oh?
Gretchen: Sie hat ohne Ende geredet, nachdem wir uns vertragen hatten, und mir und Sabine ihr Herz ausgeschüttet. Das ist eine ziemlich schlimme Geschichte.
Marc (erinnert sich nur ungern an jene schreckliche Zeit mit der Gewitterziege zurück): Jep, das war sie in der Tat.
Mehdi (sieht ihn überrascht an): Ach, du wusstest auch davon?
Marc (blickt irritiert auf): Äh... was genau jetzt?
Gretchen (klärt ihn unbedacht auf): Dass ihre Mutter alkoholkrank war und wohl immer noch ist. Dass sie auf ihre eigene siebzehnjährige Tochter eifersüchtig gewesen war, weil sie angeblich ihre Bekanntschaften anmachen würde. Dabei waren die es, die Gabi bedrängt haben. Aber ihre Mutter hat ihr nicht geglaubt und sie dann einfach vor die Tür gesetzt. Seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen. Mit ihrer kleinen Schwester hat sie aber immer Kontakt gehalten. Sie war damals noch zu jung, um mit ihr mitgehen zu können. Aber sie hat immer auf sie aufgepasst, wenn auch aus der Ferne.
Marc (schaut ungläubig zu Mehdi rüber): Was?

Mehdi (mustert Marc misstrauisch): Du wusstest das nicht? Habt ihr eigentlich überhaupt mal miteinander geredet, als ihr verlobt wart? Ihr habt doch monatelang zusammen gewohnt. Hast du dich gar nicht gewundert, dass sie ihre Familie nicht zu eurer Hochzeit einladen wollte.
Marc (baut sich leicht ungehalten vor ihm auf): Entschuldige, aber ich war hauptsächlich damit beschäftigt, mir die Verrückte vom Leib zu halten, die mich mit unlauteren Methoden zur Heirat erpresst hat.
Gretchen (versucht ihn zur Räson zu bringen): Marc! Das ist doch lange her.
Marc (keift zurück, aber beruhigt sich schnell wieder, weil ihm plötzlich so einiges, was Gabis Beweggründe damals betrifft, klar geworden ist): Ja, was? Das stimmt doch. Und bevor ihr mich schon wieder wegen meines unsensiblen Verhaltens angeht. Ich hab mittlerweile kapiert, dass sie sich geändert hat. Äh... bis auf die üblichen Sticheleien. Das heißt aber nicht, dass es mich in irgendeiner Weise berühren würde, was sie vorhat. Wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Nichts für ungut, Mehdi. Sie kann ihre Wildcard für unsere kleine Gemeinschaft aber behalten.
Gretchen (lächelt ihren Pappenheimer wohl gesonnen an u. wendet sich wieder Mehdi zu, der Marc ebenso freundlich begegnet): Das ist ein großer Schritt für sie.
Mehdi: Gabi hat lange mit sich gerungen, ob sie sie treffen soll oder nicht. Aber der erste Schritt kam von ihrer Mutter, die sich ändern will, geändert hat. Sie hat sie zu nichts gedrängt. Ihre Schwester auch nicht. Gabi hat schließlich aus einem inneren Bedürfnis heraus einer ersten Annäherung zugestimmt.
Gretchen (schaut ihn mitfühlend an u. greift nach seiner Hand, die sie liebvoll drückt): Du machst dir Sorgen, was passiert, wenn sie sich endlich sehen? Nach so langer Zeit.
Mehdi (seufzt u. ist dankbar für Gretchens Anteilnahme): Ich weiß nicht, ob es vielleicht doch zu viel für sie wird. Sie reagiert bei dem Thema immer sehr sensibel. Und seitdem sie weiß, dass sie wieder in der Stadt ist, beschäftigt sie das ungemein.
Gretchen (zeigt Verständnis): Mehdi, Gabi wird gerade selber Mama. Da passiert was mit einem. Vielleicht ist es gerade dieses Gefühl, das sie dazu bewegt, sich doch mit ihrer eigenen Mutter auseinanderzusetzen. Vielleicht braucht sie gerade das jetzt? Wir sind doch selber alle unsicher, ob wir das können, also, auch Mama zu sein.
Marc (weiß nichts Schlaues dazu beizutragen, kann aber trotzdem nicht die Klappe halten): Sie ist doch tough. Sie kommt mit den schwierigsten Patienten klar. Und mit mir.
Mehdi (lächelt ehrlich berührt): Danke. Das hat gerade echt gut getan.

Mehdi blickte seine beiden besten Freunde dankbar an, die ihn wie kein anderer verstehen konnten. Und sein Lächeln wurde direkt erwidert. Allen voran von Marc, der unbedingt endlich die trüben Gedanken loswerden und aus der Klinik raus wollte.

Marc: Also, was ist jetzt? Machen wir was zusammen?
Gretchen (wird plötzlich hektisch): Oh! Ohne mich. Ich bin auch schon verabredet.
Marc (schaut sie ungläubig an): Bitte? Seit wann das denn?
Gretchen (grient ihn zuckersüß an u. drückt ihm einen dicken Knutscher auf die heruntergeklappten Mundwinkel): Mit einer hässlichen ockerfarbenen Cordcouch in meinem Elternhaus, auf der ich es mir den ganzen Nachmittag über gemütlich machen und mich von meiner Mama verwöhnen lassen werde. Ich hab ihr doch versprochen, dass mindestens ein Tag in der Woche ihr zusteht. Damit sie nicht wieder auf die irre Idee kommt, nach der Geburt der Zwillinge bei uns einziehen zu wollen. Sie braucht das, um sich gebraucht zu fühlen.
Mehdi (hebt amüsiert eine Augenbraue): Deine Mutter wollte bei euch einziehen?
Marc (stöhnt entnervt auf u. guckt von Mehdi zu seiner Freundin rüber, die über das ganze Gesicht strahlt wie ein Honigkuchenpferd): Frag lieber nicht, Mann! Aber hast du mir nicht auch versprochen, dass die nächsten vier Tage uns gehören, Haasenzahn?
Gretchen (lehnt sich verliebt an seine Seite): Du kannst gerne mitkommen, wenn du magst. Sie hat bestimmt wieder für vier gekocht.
Marc (weicht überfordert zurück): Gott bewahre! Ich wollte mich nach den schrecklichen Stunden hier entspannen, aber ein Nachmittag mit deiner Mutter bewirkt exakt das Gegenteil.
Gretchen (kichert): Dann macht ihr doch was zusammen, hm? Ich muss jetzt los. Mama wartet schon am Eingang. Ich sehe sie winken. Und du willst bestimmt nicht, dass sie noch herkommt und uns anspricht. Tschüß Mehdi! Und dich sehe ich ja dann später, wenn du mich abholst, ja? Bis dann! Hab dich lieb!

Mit einem innigen Kuss auf Marcs gekräuselte Lippen und anschließend auf Mehdis stoppelige Wange verabschiedete sich die schwangere Stationsärztin von ihren beiden liebsten Männern und schlenderte fröhlich den Gang zum Foyer vor, wo sie überschwänglich von ihrer hyperaktiven Mutter begrüßt wurde, die noch einige Geschenke der verpassten Babyparty mit sich herumschleppte und sofort auf sie einredete wie ein Wasserfall. Marc schaute seiner selbstbewussten Märchenprinzessin nur ungläubig hinterher und strich sich gedankenverloren über seine eben geküssten Lippen. Erst Mehdis tiefe Stimme riss ihn wieder aus seinem Tagtraum.

Mehdi: Also, was ist der Plan? Was machen wir jetzt? Mir reicht auch schon ein kurzer Imbiss drüben an der ‚Pommes Schranke’. Ich bin aber auf jeden Fall auf Abruf. Falls Gabi mich braucht.
Marc (im verschlagenen trockenen Meier-Ton wendet er sich seinem Kumpel wieder zu): Wir lassen das ganze Östrogen jetzt hinter uns, das uns zu Vollidioten macht, und machen endlich was richtig Männliches.
Mehdi: Und das heißt?

Mehdi schaute seinen besten Freund unsicher an, denn er hatte berechtigterweise keine gute Vorahnung, was Marcs Freizeitplanung betraf. Aber der Chirurg grinste nur geheimnisvoll in sich hinein, schnappte sich seine marineblaue Jacke vom Wartestuhl und schob den Halbperser auffordernd zum Hinterausgang des Krankenhauses.


Keine zehn Minuten später fand sich der überraschte Gynäkologe auf einer riesigen, gut gepflegten, saftiggrünen Wiese wieder und blickte noch ungläubiger drein als zuvor an seinem Arbeitsplatz im EKH, als sein bester Freund den kleinen weißen Ball vor den blank polierten Metallschläger setzte und eine konzentrierte Haltung einnahm.

Mehdi: Golf? Das ist für dich was richtig Männliches?
Marc (lässt sich nicht von Skeptikern in seiner Konzentration ablenken): Definitiv! Oder siehst du hier gerade irgendwelche Hühner herumgackern? Also, Klappe, Kaan! Zuschauen und lernen! Außerdem geht es doch um Entspannung. Runter kommen. Für unsere schwangeren Mädels reichen da vielleicht ein paar Verrenkungen und Atemübungen, die sie auch anders hätten haben können, wenn es nach uns gegangen wäre. Aber wir, wir brauchen da doch schon was ganz anderes. Konzentration. Logik. Taktische Raffinesse. Und Spaß am Spiel natürlich. Das ist es doch. Und guck, wir sind sogar im Grünen.
Mehdi (ist davon überhaupt nicht überzeugt): Aber Golf? Marc, du hast es seit der Uni schon so oft versucht. Du weißt ganz genau, dass Golf überhaupt nicht mein Sport ist.
Marc (guckt ihn kurz verschlagen von der Seite an, konzentriert sich dann aber schnell wieder u. setzt schließlich zu seinem ersten sehr gekonnten Schlag an): Jep! Und du, du weißt doch, was Dr. Meier ganz besonders zufrieden macht. Neben einer ordentlich blutigen OP. Nämlich gegen dich zu gewinnen.

Lorelei Offline

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20.10.2016 12:32
#1579 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die Logik eines spitzzüngigen und wieder äußerst gut aufgelegten Marc Meiers war mal wieder unübertroffen. Ebenso wie seine geschickte Armbewegung. Locker aus der Hüfte heraus bugsierte der versierte Golfer den winzigen Ball direkt dahin, wo er ihn hatte haben wollen, und ergötzte sich anschließend zufrieden aufseufzend an seinem guten Spiel. Schmunzelnd war auch Mehdis Blick dem fliegenden Ball gefolgt, bis der weniger talentierte Golfpartner ihn aus den Augen verloren hatte und nun selber seine Qualitäten unter Beweis stellen musste. Völlig planlos und auch ein wenig lustlos griff Mehdi nach dem erstbesten Schläger aus Marcs Golfbag, was von einem süffisanten Schnauben neben ihm begleitet wurde, welches dem Nicht-Profi sofort andeutete, dass er die falsche Wahl getroffen hatte. Aber das war dem Oberarzt egal, der wohl als Einziger aus der Berliner Ärzteschaft diesem seltsamen elitären Sport überhaupt nichts abzugewinnen wusste. Genauso unmotiviert ignorierte Dr. Kaan die richtige Körperhaltung für den perfekten Schlag. Er wollte die Tortur nur schnell hinter sich bringen, um dann endlich etwas essen gehen zu können, denn das hatte sein Kollege und bester Freund ihm bislang verwehrt, als er ihn unter Vortäuschung falscher Tatsachen ausgerechnet hierher geschleppt hatte.

Aber da hatte Mehdi auch noch nicht gewusst, dass er sich keine fünf Minuten später im Dickicht eines kleinen Wäldchens am Rand des Golfplatzes wiederfinden würde. Der Pascha unter den Ärzten verlangte doch allen Ernstes von ihm, dass er den unglücklich hierhin verschlagenen Ball wieder per Schlag herausbugsieren sollte. Eine völlig ausweglose Angelegenheit, wie jeder bemerken würde, der sich in derselben Situation befunden hätte. Außer Dr. Meier natürlich. Dieser hinterhältige Mistkerl! Sichtlich amüsiert verfolgte dieser von einer kleinen Anhöhe aus die kläglichen Versuche seines unsportlichen Kumpels, der den Ball mit jedem Schlag mehr nur noch tiefer in den moosigen und mit kleinen Ästchen bedeckten Untergrund vergrub. So langsam geriet Mehdi richtig ins Schwitzen und er hatte ehrlich gesagt auch keine sonderliche Lust mehr, sich hier weiter für nichts und wieder nichts vorführen zu lassen. Also beschloss er, das zu tun, was ihm in diesem Moment am sinnvollsten erschien. Nämlich zu streiken. Er stützte sich demonstrativ auf dem mittlerweile verschmutzten Schläger ab, während er seinen verräterischen Grinsekumpel eindringlich ins Visier nahm, der mittlerweile näher herangetreten war.

Mehdi: Du hast Spaß, was?
Marc (amüsiert sich gerade königlich u. verstellt sich nicht): Jep! Nur weiter so! Du packst das schon! Du wirst ja auch mit Gabi fertig.
Mehdi (funkelt seinen spottenden Freund beleidigt an): Mann, jetzt stehe nicht die ganze Zeit wie die Axt im Walde herum, Marc! Hilf mir lieber! Sonst werden wir hier nie fertig.
Marc (denkt nicht im Traum daran u. verschränkt abweisend mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht seine Arme vor seinem Körper): Das ist gegen die Regeln.
Welche Regeln? Dass ausnahmslos jeder aussieht wie ein Idiot bei diesem bescheuerten Sport? Sport? Das ist alles, nur kein Sport!
Mehdi (verdreht genervt die Augen u. bückt sich, um nach dem kleinen verschmutzten Ball zu greifen): Die Regeln sind mir egal, Marc. Uns sieht doch keiner. Ich kann den Ball doch auch vom Waldrand wieder wegschlagen. Anders wird das nicht funktionieren.
Marc (hindert den Spielverderber am Aufheben, indem er seinen Fuß über den Ball stellt): Ist gegen die Regeln. Ich hab sie nicht gemacht.
Nur nach meinen Vorstellungen ein kleinwenig verdreht. Hähä!
Mehdi (guckt frustriert dabei zu, wie Marc durch seine Fußbewegung den Golfball nur noch tiefer unter dem Gestrüpp vergräbt): Die Schallplatte hat nen Sprung, Marc.
Marc (grinst vergnügt in sich hinein): Ach?
Mehdi (ihm reißt gleich der Geduldsfaden u. er will davon stapfen): Boah, du gehst mir tierisch auf die Nerven heute, du Oberschlaumeier.
Marc (stellt sich ihm in den Weg u. reicht ihm einen neuen Schläger): Genau die Motivation, die du hierfür brauchst. Schlag ab! Jetzt!

Sichtlich gefrustet seufzte Mehdi auf und schnappte sich den blöden Schläger, den ihm der Meier mit seinem typisch spöttischen Grinseblick hinhielt und den er, wenn er gewollt hätte, am liebsten wie dieser eine Zauberkünstler, dessen Name ihm immer nicht einfallen wollte, in zwei Teile gebogen hätte, mit denen er dann den vorlauten Sprücheklopfer an den nächsten Baum gekettet hätte. Und tatsächlich, mit ordentlichem Schmackes holte er aus und traf den Ball dabei mit solcher Wucht, dass dieser ohne Umschweife zurück auf den Golfplatz flog. Gar nicht mal so weit von Marcs Ball entfernt, wie auch sein Golfpartner erstaunt bemerkte. Die Partie konnte also endlich weitergehen. Sie hatte sogar auch endlich das Niveau erreicht, welches sich der Chirurg vorgestellt hatte, als er mit Mehdi spontan hierhergekommen war.

Die beiden Freunde hatten mittlerweile schon einige Löcher erfolgreich bespielt und Dr. Kaan war nun auch mit einigem Interesse mehr bei der Sache, als ihm direkt das nächste Missgeschick passieren sollte. Aber er hatte es schon vorhergesehen. Wenn nicht sogar vorhergeplant. Während Marc seinen Ball locker über das Wasserhindernis bugsiert hatte, ging Mehdis Ball mit einem geräuschvollen „Blubb“ direkt unter, welchen man gewöhnlich nur von einem verunglückten Steinchenschnipsversuch her kannte. Sehr zum Vergnügen von Dr. Meier, der sich nun zufrieden die Hände rieb. Es lief schließlich bestens für ihn als talentierten Golfer, aber das hatte er ja auch nicht anders erwartet. Da Mehdi nicht davon ausging, dass er sich jetzt ausziehen und in die grüne Brühe hineinhüpfen sollte, um nach dem vermissten Goldball zu tauchen und anschließend eine Unterwasserpartie weiterzuspielen, zog er sein weißes Fähnchen, in dem konkreten Fall sein silberfarbenes Handy aus der Tasche seines dunkelgrünen Parkas. Er war nämlich schon viel zu spät dran gewesen, um bei Gabi nachzuhaken, wie denn ihr Treffen mit ihrer Mutter bislang verlaufen war. Aber seine Lebensgefährtin reagierte nicht auf seinen verabredeten Anruf und auch sein zweiter Versuch, sie erreichen zu wollen, scheiterte. Sie schien ihn weggedrückt zu haben, was Mehdi sichtlich beunruhigte, der nun anfing, auf dem Rasenplatz fahrig von einer Seite zur anderen zu tigern, während er rasch noch eine Sms hinterherschickte. Sein irritierter Beobachter verlor dabei so langsam die Geduld mit seinem unzuverlässigen Spielpartner, der mit seinen Gedanken offenbar ganz woanders zu sein schien als hier auf dem Golfplatz, wo nun mal wie im OP äußerste Konzentration von Nöten war.

Marc: Mann, wird das heute noch was? Oder musst du erst nach Tiger Woods googeln? Glaub mir, das bringt dir auch keine Vorteile. Sein Zenit ist längst überschritten.
Mehdi (schaut besorgt von seinem Handy auf): Sie geht nicht ran, Marc.
Marc (verdreht genervt die Augen): Ich meine das Spiel, Mehdi.
Mehdi (blickt ihm nachdrücklich in die Augen): Was denkst du, hat das zu bedeuten?
Marc (hält ihm auffordernd seinen Schläger u. einen neuen Ball hin): Dass du ein ziemlich mieser Golfspieler bist. Schau mal, es gibt einen ganz einfachen Trick, um das Ding da lässig drüber zu bekommen. Du brauchst eine ruhige Hand. Und ordentlich Schwung. So wie vorhin im Wald und beim Sandhindernis gerade eben. Das hat doch ohne Probleme geklappt. Und da scheitert sonst eigentlich immer jeder. Äh... außer mir natürlich.
Mehdi (wirkt leicht zerstreut, weil Marc bewusst an ihm vorbeiredet): Wie soll ich ruhig bleiben, wenn ich nicht weiß, was da los ist.
Marc (senkt frustriert den Kopf u. steckt den Schläger mit Schmackes zurück in seine Tasche): Herrje, Alter, wie sehr hängst du eigentlich an ihrem Rockzipfel, hä? Sie wollte, dass du durchklingelst. Das hast du getan. Jetzt zuckt sie sich nicht. Was soll das wohl heißen, hm? Dass sie genug von deiner weibischen Klammerei hat? Oder dass sie mit ihrer Erzeugerin einigermaßen klarkommt?
Mehdi (die Ansage hat gesessen, aber die Sorge bleibt): Meinst du?
Marc (wirkt sichtlich genervt von dem Weichei u. schmeißt zur Frustbewältigung gleich noch einen weiteren Ball hinterher ins Wasser): Mann, entspann dich mal! Sie rockt das Ding schon. Sie ist Gabi Kragenow. Sie frisst jeden auf, wenn ihr was nicht passt. Inklusive dich, wenn du hier nicht endlich hinne machst! Ich schaue auch nicht hin, wenn du von hier aus noch mal neu abschlägst.

Ach, Marc, mein Freund!

Mehdi (fühlt sich sichtlich besser u. grient ihn plötzlich an): Ist das nicht gegen die Regeln?
Marc (dreht sich um, um zu schauen, ob auch kein anderer Golfer in der Nähe zuschaut, u. legt ihm schließlich einen neuen Golfball direkt vor die Füße am Ufer des kleinen künstlichen Sees): Klugscheißer! Wenn schon was gegen das Regelwerk ist, dann ja wohl, dass du hier die ganze Zeit wegen deiner Kirsche herumjammerst wie ein quengelndes Kleinkind. Das ist ja bald nicht mehr auszuhalten. Außerdem erlauben die Regeln in dem Fall hier eine Wiederholung. Wie sollte das auch sonst funktionieren? Oder hast du zufällig einen Neoprenanzug in einer deiner vielen Wundertütentaschen dabei?
Mehdi (greift grinsend nach dem Schläger, den Marc ihm nun aufdrängt, u. blickt sich auch noch einmal vergewissernd um): Danke für dein Mitgefühl, Mann! Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.
Marc (verschränkt genervt die Arme vor seinem Körper u. wippt ungeduldig mit einem Fuß auf u. ab, weil Mehdi immer noch nicht abgeschlagen hat): Dich irgendwo am Imbiss vollfressen, damit du noch schwangerer aussiehst als deine holde Angebetete. Aber ob sie dich dann noch nimmt, hm?

Mit seinem süffisanten Grinsen lockte Marc seinen besten Freund aus der Reserve. Dieser stellte sich hinter den Ball, zog seinen nicht vorhandenen Bauch ein, holte schließlich mit leichtem Schwung aus und schlug ihn erneut direkt in das tiefe dunkle Nass. Sehr zum Leidwesen von Dr. Meier, der frustriert aufschnaubte und sich mit einer Hand an den Kopf fasste. Das hier würde nie was werden. Von wegen Entspannung! Aber der Halbperser gab nicht auf. Er nahm sich direkt den nächsten Ball aus der Tasche, griente seinen Kumpel, der schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, vielsagend von der Seite an und bugsierte den Ball unelegant, aber doch erfolgreich über die kleine Teichlandschaft. Anschließend schulterte er ohne ein weiteres Wort Marcs Golfbag und stolzierte selbstbewusst vor seinem ihm ungläubig hinterher tapsenden Freund am Ufer entlang hinterher. Auf der anderen Seite des Sees angekommen, richtete Mehdi aber dann doch wieder das Wort an die beleidigte Leberwurst, die sich gerade zum nächsten Abschlag aufbauen und sich konzentrieren wollte.

Mehdi: Ich weiß überhaupt nicht, wieso du jetzt so gereizt reagierst, Marc. Es ist doch alles bestens. Unseren Mädels geht es gut. Die Schwangerschaften verlaufen normal und völlig komplikationslos und ich sehe auch für den Endspurt keinerlei Probleme auf uns zukommen. Der Vorbereitungskurs läuft doch auch prima. Du hast dich super geschlagen.
Marc (schaut ihn finster von der Seite an): Ja, ja, ich würde ja gern schlagen, wenn du nicht die ganze Zeit dazwischenquatschen würdest wie ein vorlautes Teenagermädchen.
Mehdi (lässt sich nicht ablenken u. blickt ihm eindringlich in die Augen): Marc, warum sind wir hier?
Marc (deutet auf den Golfschläger in seiner Hand): Äh... Ist das nicht offensichtlich?
Mehdi (hebt wissend eine Augenbraue): Nicht unbedingt. Bei dir muss man immer zweimal hinschauen.
Marc (sieht ihm unwirsch ins Gesicht): Hä? Was faselst du denn da? Lass mich endlich mein Spiel machen, Kaan!
Mehdi (stellt sich ihm u. seinem nächsten Schlag mutig in den Weg): Wo drückt der Schuh wirklich, Marc? Du lockst mich doch nicht umsonst hierher, wo du doch ganz genau weißt, wie viel Spaß ich am Golfen habe. Du kommst doch immer nur dann hierher auf den Platz, wenn du dir über irgendetwas Gedanken machen willst. Das war schon immer so.
Marc (ärgert sich tierisch, weil Mehdi ihn schon wieder durchschaut hat): Du vielleicht.
Mehdi (schmunzelt): Nein, ich komme nie hierher und wenn, dann höchstens unfreiwillig, wenn du mich vorher gefesselt und geknebelt hast. Ich finde golfen ätzend. Aber heute bin ich sogar freiwillig mitgekommen. Weil du’s bist.
Marc (ihm reißt so langsam der Geduldsfaden): Herrje, Mehdi! Muss das jetzt sein? Ich muss mich konzentrieren.
Mehdi (hakt weiter forsch nach, weil er weiß, dass er ihn schon fast am Haken hat): Und worauf? Die Geburt?
Marc (steckt den Golfschläger frustriert wieder zurück in die Tasche u. geht die Nervensäge direkt an): Die Geburt ist noch lange hin.
Mehdi (kann sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen): Och du, das kann manchmal ganz schnell gehen. So wie bei Maria. Gestern.
Marc (schaut ihn mit großen Augen verunsichert an): Du meinst, es ist schon bald soweit? Aber du hast doch eben gesagt...
Mehdi (legt seine Hand freundschaftlich auf Marcs Schulter): Hey, keine Panik! Dafür gibt es überhaupt noch keine Anzeichen. Gretchen hat noch keine Vorwehen. Wenn es wirklich soweit sein sollte, werdet ihr es schon merken.
Marc (seine Pupillen huschen unsicher hin u. her): Gut!
Mehdi (mustert ihn argwöhnisch u. versucht angestrengt herauszufinden, was ihn bedrückt): Gut?

Jetzt hatte Mehdi seinen besten Freund doch tatsächlich an der Angel. Nachdenklich blickte Marc plötzlich auf und stützte sich dabei mit beiden Arme an seinem Golfbag ab. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, mit der Sprache herauszurücken, wozu auch, aber irgendein innerer Impuls drängte ihn dann doch dazu, Tacheles zu reden. Mit wem sonst hätte er auch darüber sprechen sollen? Mehdi war nun mal der beste Ansprechpartner, den er hätte kriegen können. Nicht nur weil er sein längster und engster Vertrauter war, der sich, wenn es darauf ankam, niemals über ihn lustig machen würde, auch wenn er selbst sich dabei ziemlich albern vorkam. Vater zu werden und gleichzeitig Partner zu sein, war echt eine verdammt komplizierte Angelegenheit.

Marc (rückt nur zögerlich mit der Sprache heraus): Es ist nichts. Eigentlich.
Mehdi (beugt sich neugierig zu ihm rüber): Und uneigentlich?
Marc (wirkt unbeherrscht): Alter, können wir das Östrogen nicht endlich mal außen vor lassen? Es nervt allmählich.
Mehdi (kitzelt weiter, da er ahnt, wohin die Reise gehen könnte): Tut es das?
Marc (rollt mit den Augen, weil ihn Mehdis verständnisvolle Frauenarztattitüde tierisch nervt): Ey, ich hau dir gleich eine rein, wenn du nicht endlich damit aufhörst.
Mehdi (hebt seine Hände in Unschuldspose): Ich mache nichts.
Marc (funkelt ihn an u. beruhigt sich wieder): Ja, ja, es reicht schon, dass du denkst.
Mehdi (wirft den Spielball gekonnt zurück): Und was denkst du gerade, wenn wir gerade dabei sind?
Marc (gibt seine Schutzposition schließlich auf, weil er genau weiß, dass Mehdi jetzt erst recht nicht nachlassen würde): Weißt du, manchmal denke ich, es wäre doch ganz schön, wenn man die Zeit wenigstens ein bisschen zurückdrehen könnte.
Mehdi (blickt ihm forschend in die Augen, als er merkt, wie ernst Marc die Angelegenheit ist): Dir wird es doch zu viel, dass es bald soweit sein könnte? Ich hab dich im Kurs beobachtet, als es ans Eingemachte ging. Aber ich dachte, du freust dich auf euer kleines großes Abenteuer?
Marc (lässt daran keinen Zweifel gelten): Na klar, freue ich mich auf die Zwerge. Mega! Aber darum geht es auch gar nicht.
Mehdi (hat noch nicht ganz gecheckt, was Marc ihm damit eigentlich mitteilen will): Sondern?
Marc (lässt es eher beiläufig klingen): Ach, keine Ahnung! Nach dem ganzen Stress mit den Amis, Franz, meiner und Gretchens Mutter, hätte ich einfach noch mehr Zeit mit ihr alleine haben wollen. Oder klingt das blöd für dich?
Mehdi (lächelt verständnisvoll): Quatsch! Überhaupt nicht! Ich versteh dich da voll und ganz. Mit mir und Gabi ist es schließlich auch ziemlich schnell gegangen. Schwuppdiwupp sind wir eine Familie geworden.
Marc (funkelt ihn an): Ach, das lässt sich doch gar nicht vergleichen.
Mehdi (lächelt vielsagend): Du meinst, weil wir nicht zwanzig Jahre haben verstreichen lassen, bis wir uns endlich aufeinander eingelassen haben, so wie wir es eigentlich immer schon gewollt haben, seitdem wir uns kennen?

Arsch!

Marc (setzt zum Ameisenblick an): Sehr aufbauend, Mehdi, echt.
Mehdi (wird wieder ernster): So war das nicht gemeint, Marc. Natürlich sind Kinder ein gewaltiger Schritt in einer Beziehung. Gerade in so einer innigen wie der euren. Es wird definitiv Veränderungen geben. Gewaltige Veränderungen, welche die Grundfesten durcheinanderschütteln werden. Da sich euer Fokus auf die Zwillinge verlagern wird. Das macht auch was mit eurer Paarbeziehung. Ich denke aber nicht, dass ihr euch dadurch aus den Augen verlieren werdet. Dazu liebt ihr euch viel zu sehr. Jeder muss selber einen Weg finden, mit der neuen Situation umzugehen. Aber man muss auch was dafür tun.
Marc (hat ihm ruhig u. besonnen zugehört u. macht sich so seine eigenen Gedanken): Ach, und was, du Schlaumeier?
Mehdi: Nähe zeigen. Und Verständnis. Nicht gleich kapitulieren. Wenn mal wieder die Kinder regieren werden, was so ungefähr achtundneunzig Prozent des Tages so ablaufen wird.
Marc (verzieht seine Mundwinkel zu einem lustlosen Lächeln): Ach, komm, lass den Psychomist! Dafür kann ich mir auch nachmittags RTL reinziehen. Da kapiert jeder nach fünf Sekunden, dass wir’s im wahren Leben doch ganz gut getroffen haben.
Mehdi (grinst ihn an): Siehst du, du hast was gelernt. Und weißt du noch, was Frau Blume vorhin gesagt hat?
Marc (blitzt ihn an, um ihn zu stoppen): Alter!
Mehdi (nimmt wieder mehr Ernsthaftigkeit an): Okay, Babythema beendet. Aber eins noch. Wenn ich dich erinnern darf, mein lieber Marc, noch seid ihr nur zu zweit. Ihr habt alle Zeit der Welt.
Marc (blickt ihn verständnislos an): Und?
Mehdi: Also manchmal bist du wirklich nicht der Schnellste, hm? Was suchst du mit einem talentfreien Spieler wie mir auf dem Golfplatz, wenn du eure kostbare Zeit auch zusammen verbringen könntest?

Mehdi sah Marc eindringlich in die verunsichert hin und her huschenden dunkelgrünen Augen, die sich suchend umblickten und dann weiteten. Plötzlich hatte es bei ihm klick gemacht und er fing an, breit zu grinsen. Dem verliebten Chirurgen war nämlich gerade etwas wiedereingefallen, an das er schon lange nicht mehr gedacht hatte.

Marc: Weißt du eigentlich, dass es genau hier war, wo sie mich zum ersten Mal umgenietet hat?
Mehdi (schaut ihn verständnislos an): Ich dachte, das wäre auf einem Spielplatz in Mitte gewesen, als sie elf Jahre alt war.
Marc (verdreht die Augen): Ich meine Haasenzahn, als sie gerade bei uns im EKH angefangen hat. Sie hat mir einen Golfball direkt an den Schädel geschlagen und mich ausgeknockt.
Mehdi (muss unweigerlich grinsen): Ehrlich? Aber geholfen hat der Denkanstoß anscheinend nicht gleich.
Marc (blitzt den Spaßvogel eingeschnappt an): Sehr witzig! Sie ist die Person auf der Welt, die noch schlechter Golf spielt als du.
Mehdi (lacht vergnügt auf): Danke! Na, dann kann sie ja jetzt meinen Platz hier einnehmen, hm? Soll ich sie anrufen?
Marc (hält ihm am Arm fest): Nee, warte mal! Ich... Ich glaube, ich mache etwas Anderes mit ihr.
Mehdi: Und das heißt?

Marc grinste den perplexen Halbperser nur noch geheimnisvoller an und drückte ihm spontan seinen Golfschläger in die Hand.

Marc: Hier! Du kannst für mich zu Ende spielen. Ich hab was zu organisieren.
Mehdi (schaut etwas hilflos auf den Metallschläger in seiner Hand): Okay?
Marc (zögert plötzlich u. dreht sich noch einmal fragend zu ihm um): Es stellt doch kein Problem für dich dar, wenn du dein Handy immer in Bereitschaft behältst, oder? Nur für den Fall, dass sie... Ich meine, wie weit von Berlin können wir weg, um für den Fall der Fälle gewappnet und wieder rechtzeitig bei dir im Kreißsaal zu sein?
Mehdi (wirkt leicht überfordert): Das... äh... Ich habe allein schon wegen Gabi immer meinen Akku aufgeladen. Aber da Gretchen noch keine Anzeichen für Vorwehen hat, denke ich...
Marc (lässt ihn gar nicht erst ausreden u. macht sich zufrieden auf den Weg): Gut! Ich bin dann mal weg. Viel Spaß hier noch!
Mehdi: Was hast du überhaupt vor, Marc?

Mehdi blickte seinem besten Freund nur konsterniert hinterher, wie dieser in recht schnellen Schritten über den Golfplatz hetzte. Ohne Rücksicht auf die anderen Golfspieler, deren Bällen und Schimpftiraden er trotz der Eile geschickt auswich, bis er das Hauptgebäude des noblen Golfclubs erreicht hatte. Mehdi schüttelte den Kopf und grinste. - „Der Meier wieder! Immer für eine Überraschung gut. Das heißt, wenn er vorher den richtigen Anstupser erhält. Ich hätte den Ball vielleicht nicht ins Wasser, sondern ihm direkt an die Rübe werfen sollen. Dann hätte diese Operation nicht so lange gedauert. Was wohl mit meiner Bella ist?“ Der Frauenarzt schaute auf den Mitteilungseingang in seinem Handy und beschloss, nun auch schnell zusammenzupacken, aber der Golfschläger in seiner Hand verlockte ihn dann doch, noch ein letztes Mal auszuholen. Da er seinen eigenen Ball schon eingesteckt hatte, blieb nur der von Marc übrig, der noch unberührt auf dem Grün lag und den er jetzt, ohne groß zu überlegen, mit einem kraftvollen Schlag antippte. Er schaute gar nicht hinterher, wohin er geflogen war und hatte den Schläger bereits in den Golfbag gesteckt, den sein liebeskranker Kumpel stehen gelassen hatte. Er wollte ihn gerade schultern und loslaufen, als er ein lautes Aufklatschen und Stöhnen vernahm. Der Halbperser dachte sich nichts weiter dabei und lief fröhlich pfeifend über die kurz geschorene Wiese in Richtung des Hauptgebäudes, als ihm plötzlich ein aufgeregtes Grüppchen Menschen entgegenkam. - „Ah...! Da ist er ja! Was für ein Schlag! Herzlichen Glückwunsch! Das haben bislang nur wenige hier geschafft.“ Verwirrt blickte Dr. Kaan sich um, aber es schien wohl doch so zu sein, dass er gemeint war.

Lorelei Offline

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28.10.2016 07:29
#1580 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Noch etwas irritiert von dem, was gerade passiert war, schloss der Halbperser etwas später seine Wohnungstür auf und konnte noch immer nicht fassen, wie ausgerechnet ihm das eben hatte widerfahren können. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht stellte Mehdi Marcs Golftasche im Flur ab, denn sein liebeskranker Kumpel hatte diese bei seinem überstürzten Abgang aus dem Steglitzer Golfklub dort vergessen, was er Marc in einer kurzen frechen Sms auch ohne Umschweife mitteilte. Anschließend steckte er sein Handy wieder ein, zog seine Schuhe aus und hängte seinen dunkelgrünen Parka zu den anderen Jacken an einen Haken des Garderobenschranks, während er noch völlig überdreht und gut gelaunt in die ins Nachmittagslicht getauchte Wohnung hineinsprach...

Mehdi: Bist du schon da, Bella, mein Schatz? Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist. Marc würde zwar das Gegenteil von mir behaupten, aber ich bin ein außerordentliches Naturtalent. Das wurde mir sogar eidesstattlich attestiert. Naja, so gut wie. Ich habe nämlich einen winzigkleinen Ball über achtzehn Meter weit direkt in ein ebenso mikroskopisches Mäuseloch hineinkatapultiert. Also für den Fall, dass das jetzt jedes Mal so abläuft, dann gehe ich vielleicht doch öfter mit Marc auf den Platz, wenn er mal wieder seine chaotischen fünf Minuten hat. Rein therapeutisch versteht sich. Er plant schon wieder was. Ich weiß noch nicht was, aber ich glaube, er will mit Gretchen wegfahren. Eine schöne Idee. Findest du nicht? Raus aus dem ganzen Babychaos. Das heute war doch ein bisschen viel für ihn. Aber er hat sich gut geschlagen. Was hältst du davon, wenn wir auch rausfahren am Wochenende? Zu Lilly und meinen Eltern auf den Ferienhof, hm? Sie freuen sich bestimmt. Und mir fehlt meine Maus so sehr. Oder hast du dir schon etwas Anderes für deinen Geburtstag überlegt? Der steht doch auch bald an. Ich könnte mir den Montag und Dienstag zusätzlich frei nehmen. Ich denke, das ist kein Problem. Gabimaus? Bist du da?

Aber während Mehdi so vergnügt vor sich hin grinste und eifrig Pläne schmiedete, bekam er leider keine Antwort zurück. Also machte er sich prompt auf die Suche nach seiner Herzdame, die er eigentlich, ihrer Sms nach zu urteilen, welche sie ihm vorhin geschickt hatte, zu Hause vermutet hatte. In der Küche öffnete er den Kühlschrank und nahm ein Tetrapack Milch heraus. Er goss sich daraus ein Glas ein, das er in einem Zug leerte, und stellte die halbvolle Verpackung wieder zurück in den Kühlschrank, drehte sich um und entdeckte Gabis Handtasche auf dem Stuhl am Esstisch, wo er sein leeres Glas nun abstellte. Also war sie doch da, stellte er verwundert fest und setzte seine Suche fort. Auf leisen Sohlen tapste er nach nebenan. Die Tür zum neuen Kinderzimmer war nur angelehnt. Vorsichtig schob er diese auf und war im ersten Moment völlig geblendet von dem Bild, welches ihm offenbart wurde.

Seine bildhübsche Freundin stand nur in ihren bodenlangen gestreiften Morgenmantel gehüllt vor dem gekippten Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Das spätsommerliche Sonnenlicht spiegelte sich in der Scheibe und in ihrem langen hellbraunen Haar, welches Gabi nach dem Duschen offen trug und welches in sanften Wellen über ihre Schulter fiel. Mit beiden Händen hielt die werdende Mama zärtlich ihren Babybauch, den die Knöpfe ihres Kimonos nicht mehr bändigen konnten, und ein zartes Lächeln umspielte ihre geschwungenen roten Lippen. Gabriella Kragenow glich einer Schönheit auf einem Gemälde der Impressionisten und ihr heimlicher Beobachter war einmal mehr hin und weg von seiner Zaubermaus. Mehdis Herz polterte aufgeregt in seiner Brust. Seine kastanienbraunen Augen glänzten in einem wilden Funkenspiel und sein verträumtes Lächeln war gar nicht mehr wegzubekommen, während er sich mit puddingweichen Knien mit dem Rücken gegen den Türrahmen lehnte. Mehdi Kaan war Knall auf Fall verliebt in dieses wunderschöne Wesen, dem sein Herz gehörte.

Einer Eingebung folgend zückte der verliebte Mann sein Smartphone und hielt diesen magischen Moment für die Ewigkeit fest. Auch wenn es dafür keine Erinnerung bedurft hätte. Er würde dieses einzigartige Bild auch so für immer in seinem Herzen tragen. Jedes Mal, wenn er an sie und das Wunder dachte, das sie beide verband. Gabi hatte derweil ihren Verehrer immer noch nicht hinter sich bemerkt. Erst als er direkt hinter ihr stehen geblieben war, spürte sie einen wohligen Schauer auf ihrer Haut, welcher nicht von dem Luftzug des geöffneten Fensters herrührte, und zog ihren dünnen Mantel enger um ihren immer runder werdenden Körper. Mehdi beugte sich langsam zu seiner Traumfrau vor und flüsterte ihr mit seiner markanten, Gänsehaut auslösenden Stimme etwas ins Ohr...

Mehdi: Wunderschön.
Gabi: Hm? Mehdi? Liebling, stehst du schon lange hier?

Erschrocken drehte sich Gabi zu ihrem Lebensgefährten um und blickte ihm direkt in die leuchtenden rehbraunen Augen, in welchen der Schalk nur so tanzte, was sie augenblicklich in den Bann zog. Der herzensgute Halbperser hatte einfach etwas an sich, dem man sich nicht entziehen konnte. Man konnte nicht anders, als ihm stundenlang in diese unvergleichlich schönen Augen zu sehen. Sie hatten so viel zu erzählen und sie strahlten eine ansteckende Ruhe und Vertrautheit aus, was die gefühlsverwirrte Krankenschwester gerade jetzt unbedingt gebrauchen konnte. Sie liebte diesen Mann unendlich. Das stellte sie in diesem Moment einmal mehr fest. Er war ihr Fels in der Brandung, während um sie herum mal wieder alles im Chaos versank und sie unterzugehen drohte.

Mehdi lächelte nur in seiner unnachahmlichen Art. Beherzt griff er mit beiden Händen an den Kragen ihres gestreiften Morgenmantels und zog seine zerstreut wirkende Angebetete von den sanft in der Sommerbrise hin und her wogenden bodenlangen Gardinen weg in seine Arme, um sie endlich richtig zu begrüßen. Als hätte Gabi nur auf ihn gewartet, schlang sie plötzlich unerwartet kraftvoll ihre Arme um seinen Hals, stützte sich mit ihrer ganzen Körperfülle an ihm ab und schwang sich auf ihre Zehenspitzen, um seinen innigen Kuss mit derselben Verspieltheit zu erwidern, die er ihr entgegenbrachte. Mehdi war regelrecht überwältig von der Intensität ihrer Begrüßung und wäre fast nach hinten umgekippt, wenn er nicht die sicher geschlossene Tür im Rücken gehabt hätte. Gott, er liebte diese Frau so sehr. Jede Stunde, die sie nicht zusammen verbringen konnten, war definitiv eine Stunde zu viel.

Der empathische Frauenarzt spürte instinktiv, wie aufgewühlt seine Partnerin war, welche Gefühlsstürme sich gerade von ihrem Herzen in Richtung Kopf und zurück bewegten und ahnte, woher diese rührten. Doch er würde seine Liebste erst zur Ruhe kommen lassen, bevor er vorsichtig nachhaken würde. Zu schön war der innige Moment, den sie gerade miteinander teilten. Erschöpft, aber glücklich kuschelte sich Gabi schließlich an den starken männlichen Körper, der sich so gut unter ihren Fingern anfühlte, und hing ihren Gedanken nach, die langsam zurückkehrten und ihr Herz erneut in Aufruhr versetzten. Der verständnisvolle Halbperser blieb indes stumm und wiegte seine Freundin einfach nur im Arm zärtlich hin und her, während er eifrig ihr Spiegelbild im Fenster des Babyzimmers studierte und sich seine eigenen Gedanken machte. Plötzlich hob Gabi jedoch ihr Kinn, das sie an seiner Brust abgestützt hatte, biss sich auf die eben geküssten Lippen und sah ihren erwartungsvollen Lebensgefährten mit ihren großen katzengleichen Augen leicht melancholisch an...

Gabi: Danke!
Mehdi (verliert sich in ihren wunderschönen dunkelgrünen Augen): Danke? Wofür? Den Kuss? Ja, der verdient eindeutig eine Wiederholung. Oder auch zwei oder drei oder...
Gabi (schüttelt verwirrt den Kopf u. lächelt schließlich ebenso bewegt): Auch ja, aber hauptsächlich dafür, dass du da bist.
Mehdi (streicht ihr lächelnd die Haare aus dem Gesicht): Wo sollte ich auch anders sein, meine Schöne? Mich zieht es doch immer automatisch zu dir hin.
Gabi (verfängt sich in seinem aufrichtigen Blick): Echt?
Mehdi (streicht ihr immer wieder durch ihr seidigweiches, frisch gewaschene Haar, während er ihr tief in die Augen blickt): Hm! Du sahest gerade besonders schön aus.
Gabi (ihr ist eigentlich nicht danach, aber sie neckt ihn trotzdem): Sonst nicht?
Mehdi (muss über sich selbst schmunzeln): Doch! Natürlich! Du siehst immer schön aus, Bella.
Gabi (schaut missmutig an sich herunter u. versucht die Knöpfe ihres Morgenmantels zu schließen, scheitert aber an ihrem gewaltigen Bauchumfang): Ich fühl mich aber nicht so. Ich fühle mich momentan nur noch dick und unansehnlich.

Nanu? Was sind das denn auf einmal für Töne?

Mehdi (beweist ihr das Gegenteil, indem er sein Smartphone noch einmal hervorholt u. ihr ein Bild aus seiner Fotogalerie zeigt): Blödsinn! Guck mal! Das bist du.
Gabi (blickt erstaunt auf das unbekannte Schwarz-Weiß-Foto von sich vor den Gardinen): Wann hast du das denn gemacht?
Mehdi (lächelt verträumt): Eben! Ich konnte nicht anders, als ich dich gesehen habe. Es hat etwas sehr Sinnliches an sich.
Gabi (blickt erst skeptisch auf das Bild von sich selbst u. dann erneut an sich herunter): Findest du? Ich weiß nicht.
Bin das wirklich ich? Das Foto ist schön, ja. Das Schönste, das ich je von mir gesehen habe. Aber wieso fühle ich mich dann nicht so?
Mehdi (schaut ihr tief bewegt in die zweifelnden Augen): Ich weiß es aber. Du kannst mir ruhig glauben. Ich kenn mich damit aus.
Gabi (zieht eine Augenbraue skeptisch hoch, während sie den Charmeur anblickt): Aha! Weil Frauen bekanntlich dein Job sind, vor allem die komplizierten unter ihnen?
Mehdi (steckt schmunzelnd sein Handy wieder ein u. zieht die Skeptikerin augenzwinkernd wieder fest in seine Arme): Nein! Ich habe mich nur gerade noch ein bisschen mehr in diese wunderschöne sinnliche Frau verliebt. Argument genug?
Gabi (gegen diese charmante Argumentation ist sie natürlich völlig machtlos u. schmilzt dahin): Okay, dann muss ich dir wohl glauben.
Mehdi (drückt ihr einen süßen Kuss auf die Wange, den sie mit geschlossenen Augen genießt): Eben! Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so anders.
Gabi (sieht ihn wieder tief bewegt an, schüttelt den Kopf u. kann ihre Tränen nicht mehr länger zurückhalten): Kannst du mich bitte halten? Nur noch ein bisschen.
Mehdi: Aber sicher doch, mein Schatz! Komm her! Hey! Alles ist doch gut. Ich bin da. Ich gehe nicht weg.

Wie hätte Mehdi dieser charmanten Bitte je widerstehen können? Der bis über beide Ohren verliebte Oberarzt schlang seine Arme nur noch fester um Gabis wohlgeformten Körper. Er merkte, wie sie immer mehr zu zittern begann. Sie legte ihre glühende Wange an seine Brust, klammerte sich mit beiden Händen fest an sein dunkles T-Shirt und ließ endlich alles raus, was sich in den vergangenen Stunden in ihr angestaut hatte. Und ihr verständnisvoller Partner hielt sie einfach nur fest, fragte nicht nach, sondern war einfach nur für sie da. Er ahnte instinktiv, was gerade für Gefühlsstürme in ihr tobten, ließ ihr aber die Zeit, die sie benötigte, um sich ihm anzuvertrauen. Ein Schritt nach hinten genügte, um sich mit ihr im Arm auf den gemütlichen weißen Polstersessel neben dem Babybettchen fallen zu lassen. Gabi hatte Schluckauf bekommen, versuchte sich aber trotzdem angestrengt zu artikulieren, auch wenn Mehdi sie liebevoll daran zu hindern versuchte.

Gabi: Ich war... Ich bin...
Mehdi: Sssht! Ich weiß, Liebling. Ich weiß. Atmen nicht vergessen! Ein... Aus... Ein... Aus! Immer im Rhythmus. Horche meinem Herzschlag! Genau! So ist gut.

Mehdi strich seiner aufgewühlten Freundin beruhigend über den Rücken und hielt mit der anderen Hand ihren Bauch, in dem auch ganz schön Aufruhr herrschte, wie er mit einem bewegten Lächeln bemerkte. Er legte vorsichtig seinen Kopf an die Murmel, lauschte den beruhigenden Bewegungen seines Kindes und auch Gabi entspannte sich nun merklich, als sie Mehdis liebevolle Gesten durch ihren Tränenschleier registrierte und seinem Herzschlag folgte. Er schaute schmunzelnd zu ihr hoch. Sie erwiderte sein Lächeln. Schwach, aber doch aufrichtig. Und schon zauberte Dr. Kaan auf seine unnachahmliche Art eine Taschentuchpackung hinter dem Sesselkissen hervor.

Mehdi: Hm, was haben wir denn da? Mein Lieblingsmedikament.
Gabi (schnäuzt verlegen in das Taschentuch hinein, das er ihr hinhält): Tut mir leid, ich...
Mehdi (tupft an ihr gerötetes Näschen u. nimmt das benutzte Papiertaschentuch dann zur Seite): Hey! Dafür bin ich doch da, Maus.
Gabi (ist ihm unendlich dankbar): Ich wollte rangehen, als du angerufen hast, aber dann... Das alles... Das… war... Ich war...

Erneut brach der aufgewühlten Krankenschwester die Stimme und einzelne Tränen tanzten wieder in ihren Augenwinkeln. Aber Mehdi war darauf vorbereitet gewesen und hielt seiner Lebensgefährtin schon das nächste Tempo hin, welches sie dankbar annahm und an ihre geröteten Augen drückte. Sie brauchte einen Moment, um ihren Atem zu regulieren und den Schluckauf erfolgreich zu vertreiben. Dann zog sie ihre Beine an und igelte sich mit Mehdi auf der gemütlichen Sitzgelegenheit regelrecht ein. Das Stillkissen im Rücken half ihr, eine bequemere Position einzunehmen. Denn sie wollte ihrem Liebsten unbedingt in die Augen schauen, wenn sie von der aufwühlenden Begegnung mit ihrer Mutter berichtete. Mehdi, der ahnte, was sie vorhatte, drückte ihre eiskalte Hand und hielt sie mit seiner an ihre Schwangerschaftsmurmel, in der es mittlerweile ebenfalls wieder ruhiger geworden war. Doch eine gewisse Anspannung blieb bei der Achtundzwanzigjährigen. Das spürte auch Mehdi, der sie verständnisvoll anblickte.

Mehdi: Du musst nichts erzählen, wenn du nicht magst.
Gabi (immer noch merklich aufgeregt u. durcheinander): Doch, doch! Mir geht so viel durch den Kopf im Moment.
Mehdi: Das hab ich gemerkt.
Gabi (hat sich wieder einigermaßen gefangen, nachdem sie die letzten Tränen heruntergeschluckt hat): Weißt du, dass ich fast nicht reingegangen wäre. Ich meine, in das Café. Tina war schon vorgegangen. Ich war noch auf der anderen Straßenseite am Auto. Da hab ich sie plötzlich gesehen. Sie hatte sich extra einen Fensterplatz ausgesucht.
Mehdi (nun packt ihn dann doch die Neugier): Und?
Gabi (braucht einen Moment, um die verschiedenen Bilder wieder zusammenzubringen, die sich in ihr Gedächtnis gebrannt haben): Als ich dachte, sie schaut zu mir rüber, hab ich mich umgedreht. Feige, ich weiß. Aber ich war plötzlich echt entschlossen, da nicht hinzugehen. Es ging nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.
Mehdi (schaut sie liebevoll an u. tätschelt ihr Knie): Niemand hätte dir Vorhaltungen gemacht, Bella.
Gabi (lächelt kurz dankbar zurück, dann kommen die widersprüchlichen Gefühle wieder hoch): Ich weiß. Aber ich mir. Irgendwann. Und glaub mir, wenn sich in dem Moment nicht unsere Erbse so wie jetzt gemeldet hätte, wäre ich direkt zur nächsten U-Bahn-Station marschiert, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Mehdi (streichelt ihr gefühlvoll über den Babybauch): Wow! Dann war es ja doch gut, dass du nicht alleine hingegangen bist.
Gabi (schaut lächelnd auf ihre große Murmel herab u. legt ebenfalls ihre Hände darauf): Sie... er... es, wie auch immer, ist ein Schatz.
Mehdi (drückt einen kleinen Kuss auf ihren Bauch, der eindrucksvoll unter ihrem Morgenmantel hervorlugt): Sowieso!

Gabi (tauscht verliebte Blicke mit ihrem gefühlvollen Freund aus, bis die Bilder von vorhin wieder vor ihrem inneren Auge auftauchen u. sie wieder ernster wird): Ich glaube, sie hat sich gefreut, als ich das Café dann doch endlich betreten habe. Ich habe mich nicht getraut hinzuschauen. Aber du kennst ja meine kleine Schwester, sie kann in entscheidenden Momenten nie ihre große Klappe halten. Ich habe schließlich doch hoch geguckt und dann sind sich unsere Blicke begegnet.
Mehdi (kann es ebenso direkt sehen u. wird hibbelig): Und?
Gabi (deutet wehmütig aufseufzend auf ihren Babybauch): Für ungefähr fünf Sekunden. Dann wanderte ihrer tiefer und sie hat ihn hier entdeckt, als ich mir die Jacke ausgezogen habe. Und ich glaube, sie war ehrlich entsetzt.
Mehdi (streicht ihr zärtlich über die Wange, damit sie ihn wieder ansieht): Hey! Das glaube ich nicht.
Gabi (guckt unsicher zwischen seinen aufleuchtenden Pupillen hin u. her): Ich weiß auch nicht. Da lag irgendetwas in ihrem Blick. Ich konnte das nicht einordnen. Tina hat mich dann jedenfalls geschnappt, bevor ich mich wieder umdrehen konnte und hat mich auf den Stuhl gegenüber von ihr gesetzt. Da habe ich dann gesehen, was mich so irritiert hat. Sie hat geweint. Ich hab sie seit dem frühen Tod von unserem Papa nicht mehr weinen gesehen.
Mehdi (versucht sie mitfühlend wiederaufzubauen): Das ist doch ein gutes Zeichen.
Gabi (kämpft gegen die aufsteigenden Tränen an): Ich habe keinen Ton herausgekriegt. Tina dafür umso mehr. Sie hat dann für mich bestellt. Aber ich konnte weder etwas essen, noch trinken. Alles war blockiert. Bis auf Erbse, die fröhlich hier drin herumgetanzt hat, um mich zu verhöhnen.
Mehdi (schaut sie milde lächelnd an): Hat sie nicht.
Gabi (schüttelt den Kopf u. wird wieder trauriger): Nein! Aber trotzdem. Es war so schrecklich. Sie hat nicht aufgehört, mich anzustarren, als ich meinen Bauch gehalten habe, um das Würmchen da drin zu beruhigen. Mir war richtig schlecht. Ich wäre am liebsten weggerannt, wenn meine Motorik nicht so blockiert gewesen wäre.
Mehdi (zeigt Verständnis): Deine Mutter war bestimmt genauso nervös wie du.
Gabi (ist noch immer nicht überzeugt): Zumindest war sie anfangs genauso still wie ich, während Tina die ganze Zeit irgendwelches sinnloses Zeug gebrabbelt hat. Du kennst sie ja.
Mehdi: Um euch die Scheu zu nehmen.
Gabi (zynisch): Ich glaube ja eher, sie hört sich gerne reden. Das geborene It-Girl mit ihren tausend unrealistischen Träumen. Seitdem sie wieder glücklich ist, ist sie noch unausstehlicher. Sie mit ihren Bombennachrichten.

Mehdi (grinst kurz u. guckt ihr dann wieder gespannt ins Gesicht): Und wie ging es dann weiter?
Gabi (nimmt Mehdis Hand u. verschränkt ihre Finger mit seinen, während sie sich wieder sammelt): Ich habe meinen Tee zu Tode gerührt und sie ihren Kaffee. Aber dann fing sie doch plötzlich leise an zu sprechen. Ich habe sie erst nicht verstanden. Weil sie regelrecht geflüstert hat. Vor Scham oder was weiß ich. Weil ihr das alles auch so unangenehm war. Aber dann war schnell klar, dass sie sich entschuldigen wollte. Bei uns beiden. Für alles, was war, ist und was sie offenbar verpasst hat. Dass ich im achten Monat schwanger bin, ohne dass sie etwas davon gewusst hat, hat ihr, glaube ich, den Rest gegeben. Sie hat wieder angefangen zu weinen. Tina hat versucht, sie zu trösten. Aber wenn die Kragenowschen Tränen erst mal laufen, dann kann die keiner mehr so schnell trockenlegen. Außer du vielleicht.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Wie hast du dich dabei gefühlt?
Gabi (wischt die aufkommenden Tränen schnell beiseite): Seltsam gefasst. Ich weiß auch nicht, woher ich die Stärke genommen habe. Ich wollte nicht mehr weglaufen. Vielleicht weil das alles schon so weit zurückliegt und ich damit abgeschlossen habe. Sie war wie eine Fremde für mich.
Mehdi (drückt zärtlich ihre Hand): Verständlich, nach so langer Zeit.
Gabi (seufzt leise auf u. kuschelt sich in seine starken Arme): Ich hatte immer ein bestimmtes Bild von ihr im Kopf behalten. Das habe ich mit dem Original jetzt irgendwie nicht mehr in Einklang gebracht. Sie war so anders. Sie sah gut aus. Erholt. Älter, ja. Man sieht ihr die Jahre an, die der Scheißalkohol und der ganze Lebensfrust ihr genommen haben. Aber sie wirkt schon frischer. Entschlossener. Tina hat dann von der Therapie erzählt. Ihren Fortschritten. Sie ist jetzt seit hundert Tagen trocken. Sie hat es bestätigt und mir ihre Medaille gezeigt. Sie hat gesagt, dass sie sich sicher ist, dass sie jetzt ein für alle Mal die Kurve kriegen wird.
Mehdi (lächelt erleichtert): Das ist gut. Optimismus ist immer gut. Ich weiß, wovon ich spreche.
Gabi (ist immer noch nicht überzeugt): Man kann viel sagen, wenn der Tag lang ist, Mehdi.
Mehdi (blickt sie mit ernster Miene an): Sie hätte sich nicht mit dir getroffen, wenn sie es nicht ernst meinen würde, Gabi. Du fehlst ihr. Sie ist deine Mutter.
Gabi (schaut ihm nachdenklich in die Augen u. deutet wieder auf ihren Bauch): Ja, mag sein. So sehr haben wir auf dem Thema auch nicht herumgeritten. Vielleicht weil es uns allen noch zu wehtut. Und er hier hat zu sehr abgelenkt. Ich kann ihn ja schlecht verstecken. Ich weiß auch nicht, wieso, ich wollte eigentlich gar nichts sagen, ihr einfach nur zuhören und dann wieder gehen, aber dann habe ich auch irgendwann angefangen zu erzählen. Von Erbse und dass alles in Ordnung ist, wie lange es noch dauern wird und dass ich bald in den Mutterschutz gehen werde. Vom Elisabethkrankenhaus und meiner Arbeit dort. Den Kollegen. Sogar vom Meier, dem Idioten. Aber vor allem von dir. Ich konnte nicht aufhören, von dir zu erzählen.

Mehdi (lächelt u. kann nicht verhehlen, wie stolz er auf sie ist): Ehrlich? Und konntest du mit mir angeben?
Gabi (gespielt überlegend): Ich weiß nicht. Denn dann ist Tinas Freund aufgetaucht. Also, ich würde ja behaupten, Arzt schlägt Lottomillionär. Aber meine Schwester ist da anderer Ansicht.
Mehdi (lacht u. freut sich, dass Gabi endlich auftaut u. wieder lächelt): Klar! Weil sie verliebt und heilfroh ist, dass Tayfun ihr nach all dem Drama verziehen hat.
Gabi (theatralisch): Oh ja, ihre Bombennachricht, mit der sie mich überrollt hat, als ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Jedenfalls glaube ich, dass unsere Mutter ganz froh ist, dass wir beide uns irgendwie durchs Leben gekämpft haben.
Mehdi (ihm geht das Herz auf, als er merkt, dass sie sie endlich beim Namen nennt): Das wird ihr auf jeden Fall den Frieden geben, den sie für ihren Kampf noch brauchen wird. Sie wird es schaffen.
Gabi (schaut ihn hoffend an): Meinst du?
Mehdi: Ich kenn sie nicht, aber ich kann mich gut in andere Menschen hineinfühlen. Gerade in Menschen, die ihr Päckchen zu tragen haben.
Gabi (verliert sich in seinen aufrichtigen Augen): Dafür liebe ich dich.
Mehdi (gibt ihr einen kleinen Kuss auf die lächelnden Mundwinkel): Du wirkst mit dir im Reinen.

Ist das so? Fühlt sich das so an?

Gabi (kuschelt sich in seine Arme u. seufzt laut auf): Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich mich fühle. Als hätte man eine ganze Steinladung von meinen Schultern genommen. Ich bin sogar, ohne gleich akute Schwangerenatemnot zu bekommen, vom Café bis hierher spaziert.
Mehdi (strahlt sie glücklich an): Sieht man dir an. Und ich bin mächtig stolz auf dich.
Gabi (wiegelt schnell ab): Ach was, was hab ich denn schon erreicht?
Mehdi (zeigt mit seinem Arm ausladend durchs Kinderzimmer): Schau dich doch mal um, was du hier geschaffen hast, mein Schatz.
Gabi (lächelt verträumt u. legt ihre Hand an das Babybettchen): Okay, ja, das stimmt. Unser Babywonderland mit Marienkäfern an den Wänden und leuchtenden Sternen an der Decke.
Mehdi (beobachtet sie gebannt): Und wie geht es jetzt weiter? Lerne ich sie auch mal kennen? Was ist mit deinem Geburtstag nächste Woche? Willst du sie...
Gabi (hebt ihre Hand, um ihn in seiner ansteckenden Euphorie zu stoppen): Woah, woah, woah, stopp, Bärchen! Das geht mir dann doch zu schnell. Ich weiß das doch noch gar nicht richtig einzuordnen. Das war nur ein Treffen. Außerdem ist sie auch schon wieder auf dem Weg zurück an die Ostsee. Tina und Tayfun bringen sie hin. Sechs Wochen Kur stehen noch aus.
Mehdi: Und dann?
Gabi: Das weiß sie auch noch nicht. Vielleicht bleibt sie auch noch für länger dort. Sie hat jemanden kennengelernt. Also jetzt keine neue Beziehung. Das wäre utopisch. Mit Männern ist sie endgültig durch, sagt sie. Nein, sie hat eine gute Freundin gefunden, die etwas Ähnliches hinter sich hat wie sie. Sie arbeitet dort in der Reha im Catering. Meine Mutter hilft da manchmal mit aus. Es gefällt ihr, etwas zu tun zu haben, und sie will das vielleicht auch weitermachen.
Mehdi (freut sich mit ihr, auch wenn sie es noch nicht zeigen kann): Das klingt doch nach einem ersten Schritt zurück in den Alltag.
Gabi (zuckt unschlüssig mit den Schultern): Ihre alte Wohnung in Marzahn will sie jedenfalls aufgeben. Sie will nicht wieder in das alte Viertel zurück. Da wäre die Rückfallgefahr in alte Muster am größten. Sagen auch ihre Therapeuten. Auch wenn Tina deswegen total optimistisch ist, meine Mutter ist da ziemlich realistisch. Vielleicht kommt sie irgendwann zurück und sucht sich eine neue Bleibe. Oder sie zieht zu Tina und Tayfun, was beide ihr großherzig angeboten haben, ich aber weniger glaube, denn sie will schon unabhängig bleiben und sich nicht gleich wieder von irgendjemand abhängig machen. Selbst wenn es ihre eigene Tochter ist.
Mehdi (nachdenklich sieht er seine Freundin an): So wie sich das anhört, ist sie auf einem guten Weg. Glaub mir!
Gabi (denkt einen langen Moment darüber nach): Ja, ich bin fast auch überzeugt.
Mehdi (merkt, dass da noch was ist): Aber?
Gabi (sieht ihm unsicher in die Augen): Ach, ich weiß auch nicht.
Mehdi: Du willst den Kontakt halten?
Gabi (schließt seufzend die Augen): Wir werden sehen. Wir wissen beide, dass wir uns jetzt erst einmal jeder auf sich selbst konzentrieren muss. Sie sich auf sich und ihre Probleme und ich mich auf Erbse und dich. Aber ich denke, wir sind im Guten auseinandergegangen. Wir haben uns höflich verabschiedet und ich bin dann, wie gesagt, noch ein bisschen spazieren gegangen. Aber ich denke, ich werde ihr schreiben, wenn Erbse da ist.
Mehdi: Ich freu mich für dich. Ehrlich.

Mehdi schenkte seiner noch immer sehr aufgewühlten Freundin ein liebevolles Lächeln, das auch prompt von ihr erwidert wurde und bald in einem überzeugenden Strahlen mündete, und zog sie fest in seine Arme, um mit ihr seinen unanfechtbaren Optimismus zu teilen. Und es funktionierte tatsächlich. Gabi wirkte wesentlich gefasster als noch einige Minuten zuvor, als sie noch im Meer der Tränen zu versinken drohte. Sie war tatsächlich über ihren Schatten gesprungen, was sie sich vor Monaten niemals hätte vorstellen können, und das war überraschend gar nicht mal so schwer gewesen. Sie fühlte sich gut. Sie blickte optimistisch auf das, was in der Zukunft noch so alles auf sie zukommen würde. Denn sie war nicht allein. Sie hatte diesen Bär von einem Mann an ihrer Seite, der egal, was da auch kommen möge, immer an ihrer Seite stehen würde. Und da war ja auch noch Erbse.

Das verliebte Paar schmuste noch einen innigen Moment in ihrer gemütlichen Sitzposition miteinander, dann merkte Mehdi jedoch leise an, dass ihm sein Bein eingeschlafen war. Gabi grinste daraufhin nur frech, strich ihm sanft über eben jenes kribbelnde Bein, das sich auf magische Weise sofort wieder erholte, und erhob sich anschließend mühsam von seinem bequemen Schoß und zog ihren Schatz gleich mit hoch, um ihn im nächsten Augenblick durch die nur angelehnte Tür nach nebenan ins Schlafzimmer zu lotsen, wo sie sich jetzt verführerisch auf dem Bett zu räkeln begann, womit sie ihren verdutzten Traummann zu sich locken wollte. Mehdis anfängliche Verspannung hatte sich längst gelöst. Und so er kam ihrer charmanten Bitte natürlich mit großem Vergnügen nach. Langsam krabbelte er auf das Bett und stützte sich mit beiden Armen links und rechts von ihrem hübschen Gesicht ab, das ihn erwartungsvoll anfunkelte. Er neckte die verführerische Schönheit mit seiner Nasenspitze, doch noch küsste er sie nicht. Stattdessen zog er sich plötzlich von ihr zurück. Er nahm unter Gabis ungläubigen Blicken am Fußende des Bettes Platz und schnappte sich ihr linkes Bein, das er nun mit einer Hand zärtlich bis zur Ferse entlang strich. Gabi kicherte anfangs und sah dem geschickten Verführer schließlich mit funkelnden Augen dabei zu, wie er konzentriert einen Fuß nach dem anderen zu massieren begann. Wohlig aufseufzend lehnte sich die Schwangere im Bett zurück und schloss entspannt ihre Augen.

Gabi: Genau das hab ich jetzt gebraucht.
Mehdi (blickt grinsend zu ihr hoch u. setzt die Massage liebevoll fort): Ich weiß. Und unsere Hebamme hat uns ja gezeigt, was wir machen sollen, damit es euch beiden Süßen gut geht.
Gabi (grient ihn verliebt an, hält mit einer Hand ihren Bauch u. genießt seine Massage): Als ob du das nicht wüsstest, Herr Doktor.
Mehdi (neckt sie verspielt u. zwickt ihr in den kleinen Zeh): Ich könnte ja so tun als ob. Das ist eine bewährte Methode.
Gabi (schaut herausfordernd zu ihm): Ah ja?
Mehdi (beugt sich wieder über sie u. guckt sehnsuchtsvoll zu ihr herunter): Mhm!
Gabi (strahlt ihn an): Du bist so ein Kindskopf. Aber dafür lieb ich dich.
Mehdi (will sie prompt küssen u. beugt sich weiter zu ihr herunter): Ich liebe dich auch, mein Schatz.
Gabi (muss plötzlich lachen, weil sein Atem sie auf der Haut kitzelt): Übrigens, was hast du vorhin eigentlich damit gemeint, als du gesagt hast, du seiest ein Naturtalent im Bälle durch die Luft katapultieren?

Lorelei Offline

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09.11.2016 05:41
#1581 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Hole in one? Ja, klar? Sücher! Wohl eher hohl im Hirn! Das wäre die treffende Umschreibung für diese unverfrorene Übertreibung deiner nicht vorhandenen Talente, mein Freund. Als ob ein blindes Huhn wie du je ein Korn finden würde. Stehst ja auch auf Gabi. Tzz... Träumer“, murmelte Marc Meier mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht, als er noch einmal kopfschüttelnd auf die irritierende Kurznachricht in seinem Handy guckte und dabei langsam eine Treppenstufe nach der anderen erklomm, um zur Haustür zu gelangen. Ohne auf die ihn verhöhnende Sms seines Kumpels zu reagieren, steckte er, auf der obersten Stufe angekommen, sein Smartphone wieder in die rechte Tasche seiner schwarzen Lederjacke, rückte das alte schwere Stück Stoff zurecht, an welchem so viele Erinnerungen hingen, wie Haasenzahn Tagträumen nachjagte, und blickte auf das verschnörkelte und mit Fingerfarben verzierte Klingelschild neben der Tür, welches, dem Hässlichkeitsfaktor nach zu urteilen, wohl eine alte Werkenarbeit der Tochter des Hauses darstellen musste. Wieder schmunzelte der coole Junge mit der Lederjacke, der heute irritierend seinem alten Alter Ego vom Schulhof glich, und legte seinen Zeigefinger auf den Klingelknopf. Aber im letzten Moment überlegte er es sich dann doch anders und zog seine Hand schnell wieder zurück und versuchte stattdessen, erfolglos einen Blick durch das schmale milchige Türfenster zu erhaschen. - „Besser nicht. Ich krieg doch einen Einlauf, wenn ich sie jetzt aus ihrem Dornröschenschlaf weckte. Dann eben die Terrassentür. Hat doch gestern auch schon funktioniert.“ Aber da wurde die holde Schönheit auch nicht von einem Drachen bewacht. Sondern nur von einer kleinen, laut quakenden Kröte im Babyfieber mit ihrem Mini-Me mit bunter Schmusedecke.

Marc schob sein seltsames Gedankenspiel schnell beiseite und drehte sich auf dem farblosen „Willkommen“-Fußabtreter um, um die eben erst erklommenen Treppenstufen wieder hinunterzueilen. Unten angekommen, bemerkte er im Augenwinkel die merkwürdigen Blicke, die über die immergrüne Hecke vom Nachbargrundstück gegenüber auf ihn gerichtet wurden. Standen die etwa auf einer Leiter und taten so, als ob sie das hässliche Gestrüpp verschneiden wollten? Oder wie war das sonst möglich, dass man mühelos über eine zwei Meter fünfzig hohe und schief gewachsene Hecke gucken konnte? Der perplexe Oberarzt schaute hinter sich, zur immer noch geschlossenen Haustür und anschließend die Fassade hoch, dann jedoch an sich herunter und zuckte schließlich augenrollend mit den Schultern. Sollten die spießbürgerlichen Gewitterziegen von nebenan doch denken, was sie wollten. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er hier vor der Villa Haase für einen Einbrecher gehalten wurde. Einen Einbrecher, der sich ungewöhnlich gut mit den Gegebenheiten der Umgebung auskannte. Denn der Mann im schwarzen Leder stieg nun unter den ungläubigen Blicken der Nachbarn elegant über das frisch angelegte Blumenbeet und umschiffte ebenso planvoll die prächtigen Rosen- und Hortensienbüsche der passionierten Hobbygärtnerin, hinter denen er nun vor weiteren neugierigen Blicken hoffentlich gefeit war.

Vor der großen verglasten Terrassentür, die einen Spalt offen stand, blieb Marc schließlich stehen und beendete das nervige Klimperspiel mit seinem Schlüsselbund. Eine Manie, die sich, seitdem er angestrengt versuchte, zumindest zeitweise mit dem Rauchen aufzuhören, immer mehr manifestiert hatte. Er vergrub seine Hände mitsamt dem Autoschlüssel in seinen Jackentaschen und lugte vorsichtig durch die große Fensterscheibe ins Innere der adretten Familienvilla. Marc musste direkt lächeln. Denn er hatte Recht behalten. Dornröschen verschönerte tatsächlich eine der hässlichen gelben Cordsofas ihrer Eltern. Jetzt gab es für Gretchens verliebten Märchenprinzen natürlich kein Halten mehr. Seine Grübchen tanzten nur so, als er beschwingt durch die nur angelehnte Verandatür schlüpfte und auf leisen Sohlen zu dem Objekt seiner Begierde hintapste. Marc wollte sie schließlich nicht wecken. Die Gefahr vor dem fiesen Hausdrachen, den man immer erst viel zu spät beim Herannähern bemerkte, war einfach zu groß. Also schlich er vorsichtig an der Zweisitzercouch und dem reichlich gedeckten Wohnzimmertisch vorbei und kniete sich an der Kopfseite des großen Sofas hin, um nun hingerissen das engelsgleiche Wesen zu betrachten, dessen Brustkorb und gewaltiger Babybauch sich entspannt auf und ab bewegten. Auch Marc wurde direkt ruhiger. Er hätte seiner Herzdame stundenlang beim Schlafen zuschauen können. Wenn es nicht gewisse Dinge gegeben hätte, die eiliges Handeln bedurften. Unter anderem die Drachendame, die auf keinem Fall auf den Plan gebracht werden durfte. Denn er hatte keinen Bock, sich in irgendeiner Weise erklären zu müssen, oder schlimmer noch, von ihr aufgefressen zu werden. So harmoniesüchtig wie Bärbel momentan war, die ihn quasi adoptiert hatte, seitdem er für die erste Enkelschar im Hause Haase gesorgt hatte.

Dr. Meier blickte sich noch einmal vergewissernd um. Denn es war immer noch verdächtig ruhig in der Villa, wo seit der Verkündung der tollen Babynachrichten eigentlich immer Rambazamba war. Aber er störte sich nicht daran. Warum sollte er nicht auch mal einfach nur Glück haben, redete er sich erfolgreich ein und wollte sich nun endlich dem widmen, das ihm seit dem Gespräch mit Mehdi auf dem Golfplatz nicht mehr aus dem Kopf gegangen war. Er wollte sich gerade über die schlafende Schönheit beugen, deren langes goldenes Haar die gesamte Kissenlandschaft wie ein kostbares Seidentuch bedeckte, und ihr prinzengleich einen besonderen Begrüßungskuss schenken, den sie sich beide mehr als verdient hatten, als er plötzlich erstaunt registrierte, wie er seinerseits aus großen ozeanblauen Augen sichtlich vergnügt angeblinzelt wurde. Das unschuldig wirkende Häschen war doch in Wahrheit ein hinterlistiger Fuchs!

Gretchen: Na, ein neuer Versuch, sich an arme wehrlose Frauen heranzuschleichen, Dr. Meier?
Marc (sichtlich baff, aber er fängt sich schnell wieder u. plustert sich gewohnt meierlike vor dem schlagfertigen Frechdachs auf): Du weißt doch, Haasenzahn, nachmittags bin ich gerne in fremden Gärten unterwegs, wenn ich Lust habe, grabe ich auch mal um oder klaue ein paar Rosen von einer Hecke und lasse mich dabei nicht von den neidischen Nachbarn erwischen.
Gretchen (grient ihren persönlichen Superhelden verliebt an u. bewundert sein cooles Aussehen in der Lederjacke, welche sofort Erinnerungen weckt): Ich sehe aber keine.
Marc (macht ein gespielt betroffenes Gesicht, als er auf seine leeren Hände blickt): Beim letzten Mal hab ich einen tierischen Anschiss von der bösen Schwiegermutter bekommen und musste direkt mit Franz ins nächste Gartencenter, um neues Gestrüpp zu besorgen, mit dem sie dann auch nicht zufrieden war.
Gretchen (erinnert sich gerne an diese lustige Episode zurück, die noch gar nicht so lange zurückliegt): Mama ist aber nicht böse. Sie ist speziell, ja, und drängt sich gerne ungefragt auf, aber sie ist trotzdem die liebste Person, die ich kenne, wenn sie nicht gerade ihren Kinder-Beschützer-Instinkt aktiviert hat.
Marc (schaut sich noch einmal vorsichtig in den Haasschen Räumlichkeiten um): Mhm... Das kann ich nicht beurteilen. Noch hat sie mich nicht entdeckt. Und das ist auch besser so. Komm, lass uns hier abhauen, bevor sie’s doch noch tut!
Gretchen (amüsiert sich gerade königlich über das leicht angespannte Gesicht ihres Freundes, der sich immer wieder misstrauisch umsieht, u. kuschelt sich unter ihrer Decke in ihre Kissen): Du kannst dich entspannen, Marc. Sie ist nicht da.
Marc (blickt sich noch einmal um u. kann den aufsteigenden Unmut kaum verbergen): Was? Und da lässt sie dich einfach hier alleine zurück? Sämtliche Türen stehen auf. Wer weiß, wer sich hier um die Häuser schleicht.
Gretchen (versucht ihren Beschützerprinzen direkt wieder von seinem hohen Ross herunterzuholen): Außer dir? Marc, das ist mein Elternhaus. Warum sollte ich hier nicht alleine klarkommen, hm? Außerdem hat sie sich so auf den gemeinsamen Abend mit Papa gefreut. Die beiden gehen so selten aus. Es war wirklich eine tolle Idee von Mehdi, dass er und Gabi ihnen die letzten drei Termine von ihrem Tanzkurs überlassen haben. Es wäre doch echt schade, wenn die verfallen wären. Und Mama tanzt doch so gerne.

Ja, anderen auf der Nase herum. So wie das Fräulein Tochter. Ey, lacht sie mich gerade aus? Ich meine das ernst. Was ist, wenn sie alleine ist, wenn die Kids ausziehen wollen? No way!

Marc (grummelt sichtlich verstimmt in seinen Dreitagebart hinein): Ich dachte, die Abmachung war, dass immer jemand bei dir ist?
Gretchen (funkelt ihn wissend an, während sie angestrengt versucht, sich auf dem Sofa aufzurichten): Marc, die beiden sind noch nicht einmal eine halbe Stunde weg. Das habt ihr euch aber wirklich gut ausgedacht, meine Pappenheimer. Aber wir drei kommen schon noch ganz gut alleine klar.
Marc (stützt sich mit beiden Händen an der Sofalehne ab u. guckt seiner schwangeren Prinzessin amüsiert bei ihren Strampelversuchen zu): Sieht man. So wie du dich gerade abmühst, hier hochzukommen.
Wenn du ein Gentleman wärst, hättest du mir ja helfen können. Menno, ich glaube, ich kann bald gar nichts mehr. Außer essen und schlafen. Ich kann ja nicht mal mehr meine Schuhe alleine zubinden. Deshalb muss ich auch auf Marcs alte ausgelatschte Chucks umsteigen, die überraschend bequem sind für meine riesigen Elefantenfüße.
Gretchen (gibt schnell auf u. lässt sich wieder in ihre gemütlichen Kissen fallen): Weil es hier nun mal urig gemütlich ist.
Marc (nimmt die versteckte Einladung natürlich direkt an u. quetscht sich mit zu seiner Süßen aufs Sofa u. legt anschließend ihr Lockenköpfchen auf seinen Schoß, sodass er ihr nun sanft durchs Haar streifen kann): Naja, die antiken Möbel sehen beschissener aus, als sie sich unterm Hintern anfühlen.
Gretchen (genießt seine zarten Berührungen sehr u. strahlt kess zu ihm hoch): Lass sie das bloß nicht hören, Marc! Die Sofas haben ein Vermögen gekostet.
Marc (zieht sie direkt auf): Wann? Während der großen Inflation?
Gretchen: Haha! Nein, die stehen hier, seitdem ich das erste Mal ausgezogen bin, als ich zum Studium nach Köln gegangen bin. Mama musste irgendetwas tun, weil sie sich lange Zeit nicht damit abfinden konnte, dass ich plötzlich so weit weg gewesen bin. Und Papa? Frag lieber nicht! Ihm ging es noch schlimmer. Er musste das auch kompensieren und hatte sich in seinen Sturkopf gesetzt, die ganze Villa umzubauen. Mit dem Ausbau des Dachbodens wollte er damals anfangen. Aber er hat dann schnell gemerkt, dass das nichts für ihn war und hat stattdessen lieber ganz viel operiert. Sehr zum Leidwesen von Mama.

Wehmütig strich Gretchen über das weiche Cord der Couchlehne und schaute dabei in das vergnügte Gesicht ihres Lebensgefährten, der sich ein spöttisches Schmunzeln natürlich nicht verkneifen konnte. Fast genauso wie diese Anekdote war es ja dann auch abgelaufen, als er letztes Jahr sein Mädchen mit zu sich genommen hatte. Nur dass da ihr dämlicher kleiner Bruder den Schlaghammer geschwungen und sich damit den großen Onkel zertrümmert hatte, um wenig später selber mit großer Geste vor der Übermutter das Weite zu suchen, wie es sich für einen jungen Mann seines Alters gehörte. Mit dieser Familie erlebte man immer etwas. Jeder für sich war vollkommen unberechenbar. Fast schon war er traurig, dass hier heute so wenig los war. Aber das passte ihm gut in die Karten. Umso mehr hatte er nämlich jetzt von seiner Haasenzahn, die sich mittlerweile aufgerichtet und sich verschmust in seine Arme gekuschelt hatte. Verträumt lächelte Marc sie an und legte seine Hände um ihren gewaltigen Babybauch, der, wie es ihm schien, in den zweieinhalb Stunden, die sie nicht zusammen verbracht hatten, schon wieder ein bisschen runder und schöner geworden war.

Marc: Und geht’s euch gut?
Gretchen (guckt ihren fürsorglichen Freund mit großen strahlenden Augen an): Mega! Auch kein Wunder, denn es gab Unmengen an Pfannkuchen. Mit frisch gemachtem Apfelmus. Lecker.
Marc (schaut auf die Reste auf den Tellern u. grinst sie schließlich neckisch an): Für die Naschkatze nur das Beste, hm.
Gretchen (stimmt ihm kopfnickend zu): Wenn du kosten magst, Mama hat extra mehr gemacht. Weil sie wusste, dass du noch vorbeikommst.
Marc (ist nicht ganz so begeistert über den ganzen Süßkram wie seine immer hungrige Freundin): Naja, äh... das können wir ja einpacken. Für unterwegs.
Unterwegs?
Gretchen (schaut ihn verwundert an u. streicht über seine Jacke, die ihr die ganze Zeit schon spanisch vorgekommen ist): Hast du noch was vor? Die Lederjacke hast du ja schon ewig nicht mehr angehabt. Seit der Kostümparty zu Sabines und Günnis Polterabend.
Marc (fühlt sich ertappt u. lenkt schnell meierlike ab): Vielleicht? Komm, Haasenzahn! Kitt parkt in der zweiten Reihe und ich glaube, eure Nachbarn denken, ich räume hier gerade die Bude aus. Bevor die Polizei kommt, sollten wir unsere Spuren verwischt haben. Also nicht krümeln, falls der große Hunger zurückkommt!

Bevor Gretchen kichernd nachfragen konnte, sprang Marc unvermittelt von dem sandgelben Sofa auf und hielt seiner verdutzten Freundin augenzwinkernd seine Hand hin, um ihr aufzuhelfen, welche auch dankbar angenommen wurde. Alleine wäre sie nämlich niemals von der elterlichen Couch wieder hoch gekommen. Mit heftigem Herzflattern und schrecklich weichen Knien stand sie nun schwankend vor ihrem geheimnisvollen Traumprinzen, an dem sie sich festklammern musste, wenn sie nicht rücklings wieder auf das Sofa plumpsen wollte, und dessen Augen vor Vorfreude nur so glänzten. Gretchen wusste ganz genau, dass Marc etwas mit ihr vorhatte. Und sie starb schon fast vor lauter Neugier, was es wohl sein könnte. Aber der gemeine Kerl hatte längst seine Machofassade wieder aufgezogen und gab keinerlei Information preis. Obwohl sie mit ihren Reizen nicht geizte und ihm gefühlvoll unter der Jacke über die muskulösen Brustmuskeln strich, welche unter seinem dunkelblauen M-Shirt deutlich hervorstachen, sodass auch ihr förmlich das Wasser im Mund zusammenlief. Aber Dr. Meier wusste sich zu beherrschen. Stattdessen klapste er der verführerischen jungen Frau einmal kräftig auf ihren properen Popo und verschwand im nächsten Moment schnell in der Küche, um sich abzukühlen und dann tatsächlich noch ein bisschen Proviant für ihren spontanen Kurztrip einzupacken. - „Abmarsch, Haasenzahn! Hopp, hopp! Noch mal aufs Klo und dann geht’s los! Das erspart uns unnötig stressige Pausen.“ - „Pausen? Wieso denn Pausen? Wo willst du denn mit mir heute noch hin?“, fragte Gretchen verdutzt in seine Richtung, aber bekam immer noch keine befriedigende Antwort zurück. Sie hatte keine andere Wahl, als sich ihrem Schicksal zu ergeben. Also folgte sie doch brav seinen strengen Anweisungen und besuchte die Gästetoilette der Familie Haase, wo sie die imaginäre Liste ihrer Gedankenautobahn, die sich gerade erst in Gang gesetzt hatte, mit unzähligen Möglichkeiten zu ergänzen begann.


Auch als sie schon längst auf dem Beifahrersitz ihrer neuen Familienkutsche mit den großen drei Buchstaben saß und die Straßenschluchten der Hauptstadt im späten Nachmittagslicht imposant an sich vorbeihuschen sah, war Dr. Gretchen Haase immer noch nicht schlauer geworden. Der gemeine Kerl am Steuer, der sie spontan entführt hatte, rückte einfach nicht mit der Sprache heraus. Aber dafür hatte er offenbar vor, neue Temporekorde zu brechen. Als Ausrede diente dem Vettel für Arme, die BMW-Limousine mal ordentlich austesten zu wollen, wofür er bislang noch nicht die Gelegenheit gehabt hatte, aber das glaubte sie ihm nur zum Teil. Sichtlich unwohl schaute die schwangere Stationsärztin zu ihrem persönlichen Michael Knight rüber und wollte schon zetern und ihn zum Anhalten erpressen, so wie er sie zum Einsteigen erpresst hatte. Aber da bemerkte sie die kindliche Vorfreude in seinem Gesicht. Gegen die tanzenden Meierschen Grübchen, die jetzt an der roten Ampel auch noch zu ihr rüberguckten, war sie einfach machtlos. Sie gab das Schmollen schließlich auf und ließ sich von Marcs guter Laune anstecken.

Gretchen: Okay, ich habe verstanden. Du willst mir nichts verraten.
Marc (grient sie an): Oh, sieh an, eine Blitzmerkerin! Woher der plötzliche Sinneswandel?
Gretchen (funkelt ihn keck an): Das verrate ich dir, wenn du mehr verrätst.
Marc (lacht u. legt sanft seine Hand auf ihren linken Oberschenkel): Netter Versuch, Haasenzahn.
Gretchen (guckt erst ihn an, dann auf die Hand, die sich auf unvergleichliche Art u. Weise in ihren Oberschenkel brennt, u. schaut schnell wieder zurück zu dem dreisten Macho): Dito!
Marc (grinst süffisant über das ganze Gesicht, weil er genau merkt, wie sie auf ihn reagiert, u. konzentriert sich zufrieden wieder auf den Verkehr, der wiedereingesetzt hat): Ich liebe es, wenn du mir nicht widersprichst.
Gretchen (ärgert sich über sich selbst, weil sie ganz genau weiß, dass er weiß, was mit ihr los ist u. sie es nicht verbergen kann): Marc, überspann den Bogen nicht! Noch weiß ich nicht, wo es hingeht und ob es mir überhaupt gefallen wird, was du mit mir vorhast. Eigentlich hab ich nämlich überhaupt keine Lust auf einen Ausflug. Ich wäre gerne auf der Couch liegen geblieben und hätte noch ein bisschen mit dir gekuschelt.

Das können wir dort auch.

Marc (schaut kurz zu ihr rüber u. hebt vielsagend eine Augenbraue, bevor er den Blinker setzt, um abzubiegen): Oh, das wird es.
Gretchen (die Neugier erfasst sie mit aller Macht, was sie sich nicht anmerken lassen will): Das kannst du gar nicht wissen.
Marc (lacht, weil er weiß, wie angefixt sie bereits ist): Ich kenn dich in und auswendig. Ich weiß, was dir gefällt.
Gretchen (zieht trotzig einen wenig überzeugenden Schmollmund): So wie ein leeres Paket zum Geburtstag zu bekommen, hm?
Marc (nachdem er auf die Autobahn aufgefahren ist, kann er sich wieder ganz seinem skeptischen Mädchen widmen): Ich wusste, dass das wieder kommt. Ich dachte, du hättest die Botschaft verstanden?
Gretchen (beginnt, erneut zu schmollen, weil sie nicht zugeben will, wie toll sie die Idee findet, das Paket für die Kleinen symbolisch u. praktisch mit gemeinsamen Erinnerungen zu füllen): Das hab ich auch.
Marc (grient sie wissend an): Wirklich? Und warum schmollst du dann?
Gretchen (dreht sich trotzig von ihm weg): Ich schmolle überhaupt nicht.
Marc (sein Grinselächeln wird immer breiter, je widerspenstiger sie reagiert): Ja, klar.
Gretchen (schaut ihn wieder mit wild funkelnden Augen von der Seite an): Maaarc, verrate mir endlich, wie lange wir noch unterwegs sein werden! Du weißt ganz genau, dass ich nicht so lange sitzen kann. Weil die Kleinen mir auf die Blase drücken. Deshalb reagiere ich vielleicht ein bisschen zickiger als sonst. Außerdem...
Marc (wartet auf den nächsten Anschiss, der überraschend ausbleibt): Ja?
Gretchen (ärgert sich tierisch u. guckt stur aus dem Fenster, bis ihr irritierend etwas auffällt): Ja, warte, ich sortiere mich noch. ... Moment! Sag mal, kann es sein, dass du die falsche Auffahrt genommen hast? Wir fahren in den Norden, oder, und nicht in den Süden?

Upps! Erwischt!

Marc (amüsiert sich gerade königlich über die Blitzmerkerin): Wieso sollten wir Richtung Süden fahren?
Gretchen (schaut ihn wieder an u. druckst herum): Naja, ich dachte, du... du...
Marc (stichelt provozierend): Ja?
Gretchen (versteht nun gar nichts mehr u. streicht Punkt eins von ihrer imaginären Liste): Fahren wir denn nicht zu unserem schwimmenden Haus?
Marc (versucht auf seine Art, ihr die Enttäuschung zu nehmen): Wenn es unser Haus wäre, dann wäre das der Plan gewesen, Haasenzahn. Das gebe ich zu.
Gretchen (strahlt ihn mit großen Augen an): Echt?
Marc (kann bei ihrem hinreißenden Anblick nicht mehr länger der harte Geheimniskrämer bleiben): Jep! Wäre ganz witzig geworden. Beim letzten Mal, als wir dort waren, hat sich schließlich sehr eindrucksvoll gezeigt, dass mit dir etwas Entscheidendes nicht stimmt.
Gretchen (kichert u. gerät ins Träumen, während sie mit ihren Händen ihren Babybauch streichelt): Stimmt! Und unser vorletzter Besuch dort hat erst dafür gesorgt, dass mit mir etwas nicht stimmen kann.
Marc (seine Augen weiten sich ungläubig): Bitte?
Gretchen (guckt ihn ebenso ungläubig an): Hast du noch nie nachgerechnet, Marc? Nach Mehdis Prognosen würde es genau hinhauen. Unser Kurzurlaub nach Weihnachten.
Marc (jetzt fällt es auch ihm wie Schuppen von den Augen): Scheiße, ja! Verdammt, wieso muss das Haus am See auch ausgerechnet heute belegt sein? Phillip, der blöde Idiot, muss ja dort unbedingt jetzt seinen bescheuerten Burnout auskurieren.
Gretchen (hegt sofort Mitgefühl für Marcs Golffreund): Der Arme!
Marc (glaubt, sich verhört zu haben, u. zieht es ins Lächerliche): Naja, wie man’s nimmt. Er hat es sich nun mal so ausgesucht. Dubai war wahrscheinlich eine Nummer zu groß für ihn. Wir hätten den ganzen Sommer zusammen Golf spielen können und ich hätte nicht auf die Lusche Kaan zurückgreifen müssen, der jetzt tatsächlich denkt, er hätte Talent, wenn Phillip nicht unbedingt in der Wüste diesen sauteuren Hochhaustempel hätte hochziehen müssen.
Gretchen: Er ist eben genauso engagiert wie du im OP, wenn es um seine Immobilien geht. Aber wir hätten ihn ruhig am See besuchen können. Wir können noch umkehren. So spät ist es noch nicht.
Marc (wiegelt mit einer lockeren Armbewegung ab): Nee, lass mal, Haasenzahn! Er ist nicht alleine da.
Gretchen (streckt neugierig ihr Näschen in die Höhe): Nicht?
Marc (lacht über ihr neugieriges Gesicht): Weißt du, ich war immer stolz auf ihn, weil er standhaft der letzte Mohikaner geblieben war, aber irgendwie hat es ihn nun auch zum Nachdenken gebracht, dass ausgerechnet ich mich jetzt so intensiv für den Fortbestand der Menschheit stark mache.

Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Wie süß! Oh, ich kann es kaum noch erwarten, dass er endlich Papa ist.

Gretchen (legt ihr Gesicht auf ihre gefalteten Hände an den Sitz u. grient ihn von der Seite an): Angeber! Man sollte dich für den „Bambi“ nominieren.
Marc (grinst vergnügt zurück): Definitiv! Das sag ich auch immer.
Gretchen (kichert): Also ist seine Freundin bei ihm? Ist es immer noch dieselbe wie vor Dubai?
Marc (verdreht leidend die Augen): Jep! Sag ich doch. Er ist ein akuter Notfall.
Gretchen (nutzt diese Steilvorlage geschickt, um ihn aufzuziehen): Müsstest du dann nicht erst recht auf deinen hypokratischen Eid hören, den du abgelegt hast?
Marc (blitzt den Frechdachs von der Seite an): Sag mal, kann es sein, dass du mich unbedingt dazu überreden willst, ins Lausitzer Seenland zu düsen?
Gretchen (guckt mit unveränderter Miene gen Autodecke): Möglich!
Marc (kontert schlagfertig): Unmöglich!
Gretchen (ist ebenso nicht auf den Mund gefallen): Hieß es nicht mal, dass ich in den nächsten vier Tagen mit dir machen kann, was ich will?
Marc (ihm gefällt ihre Schlagfertigkeit zwar sehr, aber er will immer noch selber vorne liegen): Negativ! Diese einmalige Chance, mein Schatz, hast du vertan, als du mich von dieser Hippiehebamme hast vorführen lassen.
Gretchen (kann sich ihr vergnügtes Kichern nicht verkneifen): Och!

Na, warte, Fräulein, ich hab doch gesagt, du kriegst das wieder!

Marc (funkelt sie an u. legt seine Hand wieder auf ihren Oberschenkel): Kein Mitleid, Haasenzahn! Jetzt bin ich am Zug. Ich bestimme das Programm der nächsten Tage. Sonst wird das ja nie was. Außerdem hat mich die Organisation schließlich auch schon einen halben Nachmittag gekostet.
Gretchen (legt ihre Hand gerührt auf seine): Du bist süß. Okay, einverstanden! Alles, was du willst. Aber...
Marc (rollt genervt mit den Augen): Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht?
Gretchen (wird augenblicklich rot im Gesicht u. rutscht unruhig auf ihrem Sitz hin u. her): Kannst du, bitte, bitte, die nächste Raststätte abpassen?
Marc (hebt seine Hände kurz frustriert vom Lenkrad, um sich dann nur noch fester daran festzukrallen): Boah, Haasenzahn, hast du schon wieder Kohldampf? Dafür gibt es eine sehr einfache Lösung. Guck mal ins Handschuhfach!
Gretchen (öffnet neugierig das Handschuhfach u. staunt Bauklötzchen): Das ist ja meine Lieblingsschokolade aus dem Schokoautomaten in der Klinik.
Marc (will eigentlich cool bleiben, aber kann sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen): Jep! Ich hab mein Leben dafür riskiert. Die Oberschwester hätte mich fast dabei erwischt, wie ich den geknackt habe. Ich musste Sarah Hassmann mit drei Tafeln Vollmilchschokolade bestechen, damit sie mich nicht verrät und ohne einen Mucks zurück zu ihrer neuen kleinen Schwester geht.
Gretchen (schaut ihren Helden ungläubig an, während sie die erste Tafel hungrig von der Folie befreit): Du... du... du hast...?
Marc (streicht ihr liebevoll einmal über den Babybauch u. pickt die Schokokrümel auf, die Gretchen vor Schreck fallen gelassen hat): Für meine drei Hübschen nur das Beste. Aber verrat mich nicht! Mehdi killt mich, wenn er jetzt deine Werte checken würde.
Gretchen (hält die Tafel Zartbitterschokolade, von der sie kurz abgebissen hat, glücklich gegen ihr Herz): Du bist so süß. Danke Marc! Aber leider ändert das nichts an dem Problem.
Marc (schaut sie konsterniert von der Seite an): Was für ein Problem? Magst du etwa keine Schokolade mehr? Dann, mein Schatz, müssen wir doch sofort umdrehen und das nächste Krankenhaus ansteuern. Denn dann wäre mit dir definitiv was nicht in Ordnung. Aber ich hab auch noch den ganzen Kofferraum voller Fressalien, falls du auf irgendwas Spezielles Heißhunger hast. Also, Gewürzgürkchen und so.
Gretchen (beißt sich verlegen auf ihre Lippen, legt die angeknabberte Schokolade zu den anderen Tafeln zurück ins Handschuhfach u. flüstert leise gegen die Beifahrerscheibe, bevor sie Marc wieder ansieht): Das ist es nicht, Marc. Ich... ich muss mal. Dringend.

Schon wieder? Ey, wir sind noch nicht mal eine halbe Stunde unterwegs. Hat sie einen ganzen Wassertank da unten, oder was? Oh Mann, worauf hab ich mich da bloß wieder eingelassen? So kommen wir doch nie da oben an.

Lorelei Offline

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24.11.2016 13:56
#1582 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa zweieinhalb Stunden und ungezählte Zwangspausen an diversen brandenburgischen Raststätten später hatte das bis über beide Ohren verliebte Pärchen es dann doch endlich geschafft: Es hatte sein Ziel erreicht. Dr. Meier seufzte erleichtert auf, als er den Motor endlich ausschalten und den Zündschlüssel abziehen konnte, und genoss nun die entspannende Aussicht, welche sich vor seinen vor Vorfreude auffunkelnden dunkelgrünen Augen offenbarte. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich jetzt zufrieden auf die Schulter geklopft. Er hatte definitiv die richtige Wahl getroffen, auch wenn er für deren rasche Umsetzung ganz schön hatte rotieren müssen. Aber jetzt war es ja geschafft. Und so wartete der zufriedene Oberarzt nun gespannt auf eine Reaktion seiner Süßen, die jedoch, wie er nach zwei Minuten erholsamen Schweigens irritiert feststellen musste, ausblieb.

Ganz langsam drehte Marc sein verwundertes Gesicht zur Seite und musste prompt lächeln. Haasenzahn befand sich erneut in einem akuten Dornröschen-Modus und es sah einfach nur hinreißend niedlich aus, wie sich ihre süße kleine Nase immer wieder kräuselte und sich ihre zarten roséroten Lippen zu einem sanften Lächeln hoben. Die schöne Prinzessin schien tatsächlich zu träumen. Doch wenn sie ihre himmelblauen Augen offen gehalten hätte, hätte sie schnell feststellen können, dass die Realität die viel schönere Traumvariante war. Aber offenbar hatte das agile Häschen nicht nur ihn, sondern vor allem sich selbst in den vergangenen Minuten und Stunden ermüdend gequatscht. Denn seitdem sie beide von Gretchens Elternhaus in Berlin aufgebrochen waren, hatte die Einunddreißigjährige ohne Punkt und Komma gequasselt. - „Sind wir bald da?“, war dabei natürlich die nervigste aller Fragen gewesen, die man ihm hätte stellen können und die er selbstverständlich stoisch ignoriert hatte, bis er während des letzten ungeplanten Toilettenstopps vor zwanzig Minuten die Geduld verloren und ihr schließlich doch stumm mit Grummelmiene zugenickt hatte, als die blitzgescheite Spürnase den Zielort dann doch richtig erraten hatte. Aber er hätte es auch nicht mehr länger verheimlichen können, denn die Bilder, die während der beginnenden Abenddämmerung an den Autoscheiben vorbeigezogen waren, waren schließlich immer offensichtlicher geworden. Genauso wie sein Mädchen auf den letzten Kilometern vor Ungeduld immer hibbeliger geworden war.

Und jetzt, wo sie endlich an ihrem Ziel angekommen waren, verschlief sie alles, was wiederum so typisch für die verpeilte Tollpatschqueen war, wie Marc verdrießlich feststellte. Dabei hatte er den spektakulären Sonnenuntergang über dem Meer extra für sie bestellt, welcher den BMW-Van gerade in ein atemberaubendes, warmes, orangerotes Licht hüllte, dem man sich eigentlich nicht entziehen durfte. Vor allem nicht eine Tagträumerin und Romantikerin vor dem Herrn, wie es Dr. Haase nun mal war, wenn sie keinen OP-Kittel anhatte und stattdessen ihre rosarote Puck-die-Stubenfliege-Gedächtnisbrille angelegt hatte. Also tippte der unbeholfene Überraschungskünstler nach kurzem schmunzelnden Zögern die schöne Schlafende leicht mit der Schulter an und drückte ihr anschließend fordernd einen kleinen Kuss auf die gerötete Wange, die davon zeugte, dass sie offenbar gerade wirklich etwas sehr, sehr Schönes träumte. Aber die schöne rosafarbene Traumwelt, in welche die phantasievolle Ärztin wohlig seufzend eingetaucht war, war schnell wieder vergessen, als sie langsam ihre schweren Augenlider wieder aufklappte und nun aus dem Staunen nicht mehr herauskam. - „Marc“, hauchte sie bewegt und fasste sich an ihr Herz, das sofort einige Takte schneller schlug, als sie sich ungläubig zu ihrem Traumprinzen umdrehte, der sie mit tanzenden Grübchen und wackelnden Augenbrauen erwartungsvoll fixierte, und konnte bald ihre aufkommenden Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Denn schlagartig war Gretchen bewusst geworden, wohin ihr Schatz sie heute entführt hatte. Genau hier, oder genauer gesagt zwei Meter vor dem Parkplatz, auf dem sie gerade in ihrer nigelnagelneuen Familienkutsche saßen, hatte alles begonnen. Vor fast genau einem Jahr. Und auch Marc war sich der Magie dieses Augenblicks bewusst, auch wenn er es cool wie immer von sich wies und es mal wieder nicht lassen konnte, die verträumte Chirurgin erfolgreich mit ihren anbetungswürdigen Eigenarten aufzuziehen.

Marc: Na, denkst du nicht auch, dass du lange genug Dornröschen gespielt hast? Wird dir das auf Dauer nicht langsam langweilig? Ich weiß ja, warum du das immer machst. Nicht weil du immer noch davon träumst, eine große Bühnenkünstlerin zu werden. Nee, ganz subtil willst du immer schön Küsse abstauben. Aber die kannst du auch anders kriegen. Ich bin nämlich, was dich betrifft, ziemlich leicht zu haben, musst du wissen.
Gretchen (klappst dem frechen Sprücheklopfer kichernd auf den Unterarm, der seit einigen Sekunden auf ihrem linken Oberschenkel ruht): Du bist verrückt.
Marc (schaut gespielt irritiert an sich herunter): Also, die Pseudoärzte bei uns im fünften Stock würden etwas Gegenteiliges behaupten. Aber ich habe ja auch nicht „Malen nach Zahlen“ studiert so wie die.
Gretchen (guckt den Spaßvogel an, schüttelt den Kopf u. schmiegt sich schließlich lächelnd in seine Arme, während sie durch die Frontscheibe fasziniert die untergehende Sonne über dem Meer beobachtet): Okay, ja, ich gebe zu, du kannst kein Spinner sein, wenn dir so etwas Tolles einfällt. Wahnsinn! Guck mal! Ist das schön.

Strike! Dr. Meier kann’s immer noch! Von wegen weichgespült und babyhypnotisiert! Pah! Ich doch nicht.

Marc (fühlt sich bärenstark, seitdem er weiß, dass die Überraschung genauso eingeschlagen ist, wie er sie kurzfristig geplant hat): Jep! Ich habe mir extra Mühe gegeben. Die Farben waren echt teuer. Sieht man, oder?
Gretchen (sieht ihn aus tränenfeuchten Augen an u. hält sich schluchzend an seinem Oberkörper fest): Ich fasse es nicht, dass du daran gedacht hast, Marc.
Marc (steht leicht auf dem Schlauch): Äh... woran... genau... jetzt? Die Sonne geht doch gewöhnlich fast immer zur gleichen Zeit unter. Die Erdumdrehung mal weggelassen. Und wenn du noch mal aufs Klo gemusst hättest, hätten wir das hier eh alles verpasst.
Gretchen (schaut ihm tief bewegt in die Augen, deren Pupillen verunsichert hin und her huschen): Unseren Jahrestag.

Ist der etwa heute? Nee, oder? Das ist doch ein stinknormaler Wochentag heute. Und ich meine, die Spielplatzgeschichte - war die nicht auch im August? - liegt doch schon ewig lange zurück. Fuck! Ganze einundzwanzig Jahre. So lange kenne ich diese blonde Nervensäge schon, die einen mit ihren riesigen blauen verheulten Augen total wuschig machen kann. Das ist länger, als ich meinen Dad kenne. So viel zum Thema Verrücktheiten.

Marc (überrascht greift er sich an seine Schläfe): Äh... welchen jetzt? Bei den vielen, die du in deinem Tagebuch regelmäßig zelebrierst, kommt man leicht durcheinander.
Gretchen (zwickt ihn gespielt empört in den Arm): Das weißt du ganz genau, Marc.

Äh... Kann schon sein? Wobei mir das ehrlich nicht aufgefallen ist während der Planung. Krieg ich jetzt Ärger, weil ich kein Geschenk habe? Ach, Scheiß auf Geschenke! Wir sind hier. Genau dort, wo wir vor fast 365 Tagen schon einmal waren. Okay? Jetzt hab ich’s kapiert!

Marc (versucht, sich nichts anmerken zu lassen u. der coole Junge vom Schulhof zu bleiben): Noch ist das Jahr nicht rum, Haasenzahn.
Gretchen (kuschelt sich an seine Brust u. lauscht seinem aufgeregten Herzschlag): Ich weiß. Aber ich fühle mich, als wären wir schon immer zusammen gewesen. Alles ist so perfekt.
Nichts ist perfekt, Gretchen. Außer du in diesem Moment vielleicht.
Marc (stupst mit dem Finger schmunzelnd an ihre Nasenspitze): Du hast ja schon immer ein rosarotes Bild von unserer Vergangenheit gezeichnet, Haasenzahn. Manchmal weiß ich echt nicht mehr, was wahr ist und was du dir nur in deiner Fantasie eingebildet hast. Aber du weißt ja, ich bleibe da lieber im Hier und Jetzt.
Gretchen (grient ihn verliebt an): Echt?
Marc (beugt sich zu ihr vor, um sie zur Bestätigung zu küssen): Positiv! Weil ich dich jetzt küssen und anfassen kann, wann immer ich will und ich bekomme nicht mehr gleich eine Ohrfeige dafür kassiert, wenn ich mich zu nah an dich herangewagt habe. Das hat echt Vorteile. Muss ich zugeben.

Ist er nicht süß, wenn er verbergen will, dass er genauso überwältigt ist wie ich, dass wir es ohne große Krisen schon so lange miteinander ausgehalten haben? Wahnsinn! Und jetzt ist es bald soweit und wir werden eine richtige Familie sein. Hoffentlich halten es die Kleinen noch ein bisschen hier drin aus, damit wir eine Punktlandung an unserem Jahrestag hinlegen können. Oder an Marcs Geburtstag. Das wäre natürlich auch schön. Weil es der erste Geburtstag sein wird, den ich auch wirklich zusammen mit ihm feiern werde und nicht mehr alleine in meinem Zimmer, wo ich die Party des Jahres immer in meinem Barbiehaus nachgespielt habe. Hach... Und es ist doch perfekt.

Gretchen (die kleinen Glückstränchen beginnen ganz automatisch wieder zu tanzen, während sie immer mehr ins schwärmerische Träumen verfällt): Ich liebe dich auch, Marc.
Marc (strahlt seine Heulsuse verliebt an u. streicht ihr mit dem Daumen die Krokodilstränen von der Wange): Komm, Haasenzahn! Ich glaube, deine Füße brauchen dringend ein bisschen Sand unter den Zehen, damit du wieder die richtige Bodenhaftung bekommst. Du schwebst mir ein bisschen zu viel in letzter Zeit. Nicht dass die Zwerge noch denken, sie könnten fliegen wie Superman, wenn sie sich aus ihrer gemütlichen Höhle ausbuddeln.
Gretchen: Spinner!

Marc war mittlerweile ausgestiegen und hielt der verträumten Schwangeren nun gentlemanlike die Tür auf, um ihr vorsichtig aus dem Wagen zu helfen. Die verliebte Chirurgin nutzte die Gunst der Stunde natürlich sofort zu ihrem Vorteil aus und stürzte sich direkt in seine starken Arme, wobei der Überrumpelte fast die Bodenhaftung verloren hätte. Das Déjà-Vu traf ihn mit voller Wucht und brachte auch den sonst so coolen und unnahbaren Oberarzt kurz aus dem Gleichgewicht. Mit sanfter Hand schob er seine stürmische Prinzessin zum Geländer der Strandpromenade hinüber, vor welchem er die Schönheit mit beiden Arme forsch eingekesselte, damit nicht noch mehr Tollpatschigkeiten passieren konnten, mit denen man bei Haasenzahn im Schmachtmodus schließlich immer und überall rechnen musste.

Marc: Obacht, meine Liebe! Ich bin hier schon mal mit voller Wucht auf den Boden geknallt. Das hatte ich nicht vor zu wiederholen. Diesmal nicht.
Gretchen: Och, ich könnte mir das aber gut vorstellen. Du bist doch mein Prinz.

...zog Gretchen ihren verdutzten Partner wimpernklimpernd auf, die sich noch an jede einzelne Sekunde dieses magischen Moments vor fast einem Jahr zurückerinnern konnte, als ihr Sternschnuppenwunsch zu ihrer großen Überraschung direkt in Erfüllung gegangen war und ihr ihren absoluten Traummann hergezaubert hatte, der plötzlich wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht war und ihr auf seine ganz spezielle Meiersche Art endlich seine Liebe gestanden hatte. Damals war ihr endgültig bewusst geworden, dass Träume doch keine Schäume waren, so wie es ihr ihr kleiner Bruder immer weiszumachen versucht hatte, weil er ihre ewigen Schwärmereien nicht mehr länger hatte mitanhören können. Nein, selbst die größten Träume, denen man schon fast zwei Jahrzehnte lang verzweifelt nachgejagt war, konnten wahr werden, wenn man nur lange genug daran festhielt und die Hoffnung niemals aufgab. Für sie hatte sich das lange Warten definitiv ausgezahlt. Denn jetzt war sie der glücklichste Mensch auf diesem Planeten und ein Blick in Marcs vergnügtes Gesicht genügte, um zu erahnen, dass dieser glücksgeladene Zustand auch für immer anhalten würde. Nicht nur für sie.

Marc konnte nur grinsend mit dem Kopf schütteln, als er seine verträumte Herzdame dabei beobachtete, wie sie mit diesem sonderbar verklärten Blick, der nur ihr eigen war, sehnsuchtsvoll die lange Strandpromenade hinunterguckte, wo sie sich vor fast zwölf Monaten hollywoodreif in die Arme gefallen waren, nachdem der erste oberpeinliche Versuch nicht ganz so geglückt war wie die Wiederholung kurz danach, an die er sich auch heute noch mit einem verschmitzen Schmunzeln gerne zurückerinnerte, auch wenn das alles, wenn man es auf einer großen Kinoleinwand verfolgt hätte, seiner Meinung nach ziemlich albern dahergekommen wäre. Aber er war damals einmal über seinen Schatten gesprungen. Warum hätte er es nicht noch ein zweites Mal tun sollen? Und die vielen, vielen Male, die danach noch folgten, weil Haasenzahn immer die verträumte Prinzessin bleiben würde, die sie seit ihrer Jugend war. Genau diese Eigenart liebte er nun mal an ihr. Gretchen Haase war der einzige Mensch auf dieser Welt, für den er sich freiwillig zum Vollhorst machen würde. Naja, und vielleicht auch noch für die Zwergenbande, die gerade ihren Bauch bewohnte und an der Wohnungskündigung feilte.

Marc: Ja, ja, Haasenzahn, du drohst mir ja auch schon seit Monaten, mich überrollen zu wollen, wenn ich nicht so spure, wie du es gerne hättest. Okay, aber dafür sollten wir uns vielleicht einen weicheren Untergrund aussuchen als diese steinharten alten DDR-Platten hier, die schon längst ihren Zenit überschritten haben.

Der Dreiunddreißigjährige schnappte sich Gretchens zarte kleine Hand, bevor sie ihm hätte widersprechen können, und zog sie entschlossen mit sich den schmalen Steg zum Strand hinunter. Sein Enthusiasmus wirkte richtig ansteckend und so machte es der hochschwangeren Ärztin auch überhaupt keine große Mühe, mit ihm mithalten zu können. Jauchzend liefen die beiden über den noch warmen weichen Sandstrand hinunter zum Wasser, wo Marc plötzlich andeutete, sein persönliches Schwergewicht hochheben und ins Meer werfen zu wollen. Geschickt wand sich die kreischende Frau noch rechtzeitig aus seinen Fangarmen und rannte vor ihm weg. Doch der Tiger hatte sein Häschen schnell wiedereingefangen und wirbelte nun mit ihm lachend mehrmals im Kreis, während die Gischt keine fünf Zentimeter vor ihnen den Strand küsste. Küssend ließ sich auch das sich haschende Paar schließlich in dem noch tagwarmen Sand nieder und guckte verliebt in den sternenklaren Abendhimmel über der Ostsee und war einfach nur glücklich, im Hier und Jetzt zu sein.

Gretchen (atemlos): Danke!
Marc (guckt sie verwirrt an, während er sich ausstreckt u. die Seele baumeln lässt): Danke? Wofür?
Gretchen (dreht sich seitlich zu ihm, um ihm besser in die funkelnden Smaragde gucken zu können): Für alles. Dafür, dass wir hier sind.
Marc (kann sich einen spöttischen Spruch nicht verkneifen): Dafür hast du aber ganz schön viel gemeckert auf dem Weg hierher.
Gretchen (spielt direkt wieder die Schmollkönigin): Entschuldige. Aber das war weder Meckern, noch Kritik deinerseits. Ich bin schwanger. Ich muss immer und überall auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.
Marc (grinst vergnügt): Ah ja? Dann musst du aber schon das ganze letzte Jahr über schwanger gewesen sein. Mehdi sollte dich noch mal untersuchen. Du bist ein medizinisches Phänomen.
Gretchen (stupst ihn empört an, woraufhin er sich lachend seitlich in den Sand fallen lässt): Ey, wenn das eine versteckte Kritik sein sollte, dass ich dir zu anstrengend bin, dann will ich das nicht gehört haben. Wir sind hier im Paradies. Unserem kleinen Sehnsuchtsort. Hier wird nicht gemeckert und diskutiert und sich schon gar nicht über mich lustig gemacht.
Marc (schmunzelt): Sehnsuchtsort?
Gretchen (wird direkt rot u. redet sich schnell wieder heraus): Mann, Marc, zieh das bitte nicht ins Lächerliche! Du weißt ganz genau, wie ich das meine.
Marc (hebt vielsagend seine Augenbrauen): Vielleicht?
Gretchen (verliert sich in seinem stechend scharfen Blick, der sie direkt gefangen nimmt): Wie meinst du das?
Marc (atemlos): So!

Marc zögerte nicht lange und beugte sich gepardengleich über seine perplexe Freundin und drückte sie mit seinem Körper sanft in den weichen Sand, weil er die ungekrönte Meckerkönigin mit einem leidenschaftlichen Kuss zum Schweigen bringen wollte, der zu seiner großen Zufriedenheit auch prompt mit ebenso großer Hingabe erwidert wurde. Nachdem sie endlos lange knutschend über den Sand getollt waren und erst von einer Düne gestoppt werden konnten, sahen sich die beiden Schwerverliebten schließlich lachend wieder in die Augen und begannen, gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen...

Gretchen: Weißt du eigentlich, dass ich in letzter Zeit oft an jene Tage im September gedacht habe, die wir hier zusammen verbracht haben.
Marc (grient sie meierlike an): Dann hatte ich wohl mal den richtigen Riecher, hm? Dabei war das doch eigentlich reiner Eigennutz, der mich hierher gebracht hat, naja, und weil das Haus im See leider von einem Simulanten okkupiert wird.
Gretchen (guckt ihn herausfordernd an u. streicht ihm unter der Lederjacke über den angespannten Brustkorb): Reiner Eigennutz, also?
Marc (folgt mit seinen Blicken grinsend ihren zarten Fingern): Äh... quasi?
Gretchen (schürzt ihre Lippen u. stützt sich an der weichen Düne ab, um es sich bequemer zu machen): Lass mich raten! Du wolltest mich verführen und dem ganzen Babychaos entkommen?
Marc (versucht, sich prompt herauszureden): Das hab ich nicht gesagt.
Gretchen (hat ihn sofort durchschaut): Aber gedacht.
Marc (runzelt die Stirn): Haasenzahn, du sollst doch nicht ständig versuchen, einen so komplexen Körper wie den eines Chirurgen analysieren zu wollen. Dafür bist du erst viel zu kurz in unserem Berufsfeld angekommen.
Gretchen (zwinkert ihm kess zu): Das muss ich nicht. Ich seh’s dir an.
Marc (fordert sie mit funkelnden Augen heraus): Und was siehst du da genau?
Gretchen (lehnt sich immer weiter in den weichen Sand zurück u. schmachtet ihn an): Einen stolzen werdenden Papa, der kurz vor dem entscheidenden Tag noch einmal eine kleine Auszeit gesucht hat.
Marc (beugt sich näher heran u. streicht ihr liebevoll mit einer Hand über den Babybauch): Und, ist das was Schlechtes?
Gretchen (klebt an seinen Strahleaugen u. genießt die Gänsehaut, die seine Berührungen bei ihr auslösen): Es macht dich auf jeden Fall nicht zu einem schlechteren Vater.
Marc: Nicht?
Gretchen (strahlt ihren Helden überglücklich an): Im Gegenteil. Weil du die werdende Mama, der das auch manchmal alles ein bisschen zu viel wird, wenn es sich nur noch um unsere beiden Wundersterne dreht und sich unsere überkompensierenden Familien immer zu sprunghaften Handlungen animiert fühlen, mit all dem hier sehr, sehr glücklich machst.

Strike! Hab ich’s doch gewusst. Ich bin der Beste. Auf allen Ebenen. Merkt euch das, Jungs!

Marc (lächelt, wechselt dann aber schnell zu einer ernsteren Miene): Ich will nicht, dass du denkst, ich würde weglaufen wollen. Wobei das hier an diesem langen Strand durchaus verlockend wirkt. Ich dachte nur... Ich wollte...
Gretchen (lehnt sich an seine Schulter, nimmt seine Hand, drückt diese fest u. schaut ihm dabei bewegt in die Augen): Ich weiß. Unser letztes großes Abenteuer.
Marc (hebt skeptisch eine Augenbraue): Denkst du, es ist damit vorbei, wenn die Kleinen erst mal da sind?
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Nein, dann öffnen wir ein ganz neues Kapitel an Abenteuern. Ich habe uns als Paar gemeint.
Marc (ihr Schmunzeln wirkt direkt ansteckend): Du weißt ja, dass ich dir nicht sehr oft Versprechungen mache, bis auf die eine damals am See, aber ich werde dafür sorgen, dass das nicht aufhört. Ich hab ja dann ansonsten nicht mehr viel zu melden.
Gretchen (ist sichtlich gerührt von seiner Fürsorge): Denkst du? Schatz, ich werde dich nicht gleich vergessen, auch wenn unsre Küken gleichzeitig unser Penthouse zusammenschreien werden. Ich werde immer bei dir sein. Ich liebe dich. Und mir bedeutet es unheimlich viel, dass du dir solche Gedanken um uns machst und uns solche Momente wie diese hier schenkst. Das überwiegt alles. Die Zweifel und Unsicherheiten. Die Ängste. Und die Aufregung vor dem, was sehr, sehr bald auf uns zukommen wird.

Oh Gott, ich bin doch ein weichgespülter Idiot. So sollte das hier eigentlich nicht laufen. Ich dachte da eher an etwas ganz anderes. Themenwechsel!

Marc (wiegelt rasch ab, bevor es noch gefühlsduseliger wird): Das war doch nur so eine fixe Idee.
Gretchen (legt ihre Hand an seine Wange u. sieht dem verunsicherten jungen Mann tief in die Augen): War es nicht. Das kam genau zur richtigen Zeit. Du nimmst dir zu Herzen, was die Hebamme heute gesagt hat.
Marc (weicht überfordert ihrem intensiven Blick aus): Ich habe ihr gar nicht zugehört.
Hast du wohl. Ich hab dich ganz genau beobachtet, als ich so getan habe, als sei ich entspannt.
Gretchen (schmunzelt): Ich weiß. Aber ich bin dir trotzdem unendlich dankbar, dass du mit hingegangen bist.
Marc (rollt genervt mit den Augen): Können wir endlich aufhören, über diesen blöden Kurs zu reden? Ich will nicht, dass der uns bis hierher verfolgt. Eigentlich wollte ich hier das ganze Babythema wenigstens für die wenigen Tage einmal ausblenden. Denkst du, wir kriegen das hin?
Gretchen (streicht sich demonstrativ mit beiden Händen über ihre riesige Babymurmel): Ich kann die hier aber schlecht abschnallen, Marc.
Marc (legt seinen Kopf lauschend an ihren anbetungswürdigen Bauch u. grient zu ihr hoch): Das sollst du ja auch auf gar keinem Fall. Ich steh auf deine Rundungen.

Hab ich’s doch gewusst. Er verfolgt hier seine ganz eigenen Pläne. Also, ich bin dabei.

Gretchen (beugt sich ebenfalls an ihren Babybauch heran): Euer Papa kann ein echter Charmeur sein, wenn er will.
Marc (stemmt seine Arme links u. rechts von ihrem Kopf in den Sand u. funkelt die Grinsefee herausfordernd an): Na, warte, du Frechdachs. Bevor du den beiden noch mehr Quatsch erzählst, müssen wir hier noch einige Regeln festlegen, die für die kommenden drei Tage gelten sollen.
Gretchen (guckt provozierend zu dem Macho hoch u. versucht, ihr aufgeregt pochendes Herz zu ignorieren): Die da wären?
Marc (guckt sie mit ernster Oberarztmiene an): Erstens, keine Verniedlichungen und peinliche Kosenamen, selbst wenn deine Hormone gerade Lambada tanzen und dein Oberstübchen durchpusten. Ich will nämlich, dass unsere Kids mich in Zukunft ernst nehmen. Klar?
Gretchen (grinst über das ganze Gesicht): Klar!
Marc (funkelt sie an, weil er genau weiß, was ihr spöttischer Blick zu bedeuten hat): Zweitens, du nimmst mich auch ernst und machst dich nicht lustig, falls ich babybedingt mal wieder ein bisschen durchdrehen sollte, was ich aber nicht tun werde. Denn wir klammern das Thema an diesem Wochenende nämlich aus. Verstanden?
Gretchen (ist sichtlich hingerissen von ihrem Schatz): Ich nehme dich immer ernst, Marc.
Marc (fuchtelt mit seinem Oberlehrerzeigefinger vor ihrer Nasenspitze herum): Das will ich auch schwer hoffen, Haasenzahn. Du bist zwar schwanger, aber das heißt nicht, dass ich mich bei möglichen Kitzelattacken zurückhalten werde. Das Meer ist übrigens auch sehr verlockend.
Gretchen (zieht sich in weiser Voraussicht einige Zentimeter zurück): Wehe!
Marc (folgt ihr tigergleich u. zeigt ihr unmissverständlich, dass er durchaus bereit wäre, das auch tatsächlich durchzuziehen): Das hängt allein von dir ab. Wenn du lieb zu mir bist, bin ich es auch zu dir.

Boah, er ist so ein Schelm. Unfassbar! Aber irgendwie auch wieder sehr, sehr süß. Es ist schön zu wissen, dass er trotz der nervösen Anspannung und der anstehenden Veränderungen immer noch mein Marc geblieben ist.

Gretchen (beißt sich auf ihre Unterlippe, um zu verhindern, dass sie sofort laut loslacht): Sonst noch irgendwelche Regeln, Herr Doktor?
Marc (blitzt sie für den erneuten spöttischen Unterton böse an): Sonstige Windelgespräche sind tabu. Wir machen deine Übungen. Keine Frage. Wir müssen schließlich vorbereitet bleiben. Aber alles andere bleibt außen vor. Falls deine Mutter was von dir will oder Dad Bescheid gibt, dass der bescheuerte Doppelkinderwagen endlich vor der Tür parkt, hören wir uns das an, lassen es aber unkommentiert. Meier und Haase sind nämlich out of order.
Gretchen (guckt ihn mit großen leuchtenden Augen an): Einverstanden! Hier an unserem Sehnsuchtsort zählen nur wir beide.
Marc (betrachtet sie noch einmal misstrauisch, dann nickt er sichtlich zufriedener): Gut, ich liebe es, wenn du mir nicht widersprichst.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Macho!
Marc (kommt ihr mit seinen forschen Lippen verdächtig nahe u. genießt, wie laut ihr Herz daraufhin pocht): Da stehst du doch drauf.
Gretchen (funkelt ihn an): Kommt darauf an.
Marc (sieht erregt zwischen ihren Augen hin u. her): Worauf?
Gretchen (bemüht sich, nicht zu grinsen, sondern ernst zu bleiben): Hast du nicht ein Detail vergessen?
Marc (im ersten Moment perplex): Äh... Dass wir alles so handhaben wie vor einem Jahr? Wir verlassen unter keinen Umständen das Bett. Selbst wenn ein Tsunami den Sand hier wegspült oder sich ein Loch auftut.
Gretchen (grient ihn frech an): Dafür müssten wir erst einmal ein Bett haben, mein Lieber. Also, wo müssen wir hin? In unser altes Zimmer?
Marc (schüttelt den Kopf): Alles organisiert, Murmelinchen. Sei nicht so ungeduldig! Du kriegst schon das ganze Paket. Also, in dem Fall, mich in ganzer Montur.
Gretchen (schmollt): Bin ich gar nicht. Und, Marc, nenn mich nicht so! Damit verstößt du auch gegen die Regeln.
Marc (grient sie neckisch an): Nö! Ich hab sie aufgestellt. Ich darf das. Übrigens, das mit dem versifften Hotelzimmer von damals wird nichts. Die Pension wurde vor einem halben Jahr abgerissen. Da ziehen die jetzt so ein Luxusloftteil für den gut betuchten Urlauber hoch.
Gretchen (leicht enttäuscht schaut sie zur Promenade hoch): Was?
Marc: Ich hab der Prinzessin auf der Erbse was Besseres ausgesucht. Komm! Beweg deinen knackigen Hintern! Du wolltest doch schnell ins Bett, hm? Ist schon spät.

Marc kitzelte Gretchen noch einmal provozierend mit seiner Nasenspitze, dann sprang er in einer einzigen eleganten Bewegung auf und hielt dem ungeküssten Häschen nun grinsend seine Patschehand hin, um ihm aufzuhelfen. Mühsam ließ sich die Schwangere von ihrem Traumtänzer hochziehen und klopfte nun den Sand aus ihren Sachen. Als sie damit fertig war, deutete Marc auf ein Gebäude in der Ferne, welches Gretchen in der Dunkelheit nur schwer erkennen konnte. Erst als sie den sich drehenden leuchtenden Lichtschein bemerkte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie starrte ihren Pappenheimer ungläubig an....

Gretchen: Das ist nicht dein Ernst, oder?
Marc (denkt sich nichts weiter dabei): Doch! Vergessen? Dr. Meier ist und bleibt immer ernst.
Gretchen (schaut ihn ungläubig an u. guckt abwechselnd immer wieder in die Ferne): Marc, das ist ein Leuchtturm. Wie denkst du, soll ich da hochkommen in meinem Zustand, hm? Ich hoffe, er hat einen Fahrstuhl. Weil ansonsten kriegst du mich da nicht rein.
Marc (starrt sie mit offenem Mund an u. folgt langsam ihrem Blick zum Horizont): Hä? Was denn für ein bescheuerter Leuchtturm? Ich hab wo ganz anders hingezeigt. Da vorne. Stell mal dein Navi richtig ein!

Marc stellte sich dicht hinter Gretchen, nahm ihren Arm und zeigte damit in eine ganz bestimmte Richtung. Aber die nachtblinde Ärztin sah immer noch nur den roten Leuchtturm als Fixpunkt am Horizont, der ihr zwar schon immer sehr gefallen hatte und den sie auch liebendgern irgendwann einmal erklommen hätte, wenn sie nicht gerade selber eine wandelnde Litfasssäule gewesen wäre, aber den sie als Übernachtungsort dann doch ziemlich gruselig fand. So ganz alleine. Da oben. Den Naturgewalten ausgesetzt. Und wenn dort oben ihre Fruchtblase platzen würde, was in ihrer Phase der Zwillingsschwangerschaft durchaus wahrscheinlich sein könnte, dann hätten sie beide ein gewaltiges Problem. Trotzig stellte sie sich deshalb Marc in den Weg und verschränkte ihre Arme, um ihren Unwillen unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Aber das beeindruckte ihren Freund nur wenig. Er rollte nur einmal kaum wahrnehmbar mit seinen Augen, dann packte er ihre zarte kleine Hand und setzte sich mit der schwangeren Schmollkönigin in Bewegung.

Nach einigen Metern Pinguingang durch den weichen Sand blieben sie vor einer Reihe blau-weiß gestreifter Strandkörbe stehen, welche sich auch zu Marcs Überraschung in unmittelbarer Nähe des Leuchtturms befanden, was bei Gretchen natürlich nicht zu einer Verbesserung ihrer angekratzten Laune führte. Im Gegenteil. Ihre Gesichtsfarbe hatte mittlerweile denselben Farbton angenommen wie der Leuchtturm. Sie würde auf keinem Fall mit sich diskutieren lassen. Aber das wollte Marc ebenso wenig. Denn er verfolgte einen ganz anderen Plan, als er sich dicht vor seine sture Freundin hinstellte, die ihn immer noch keines Blickes würdigte und stattdessen mit ihren Augen akribisch die Strandpromenade entlang scannte, um noch eine für sie passende Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Aber die hatte Dr. Meier schon längst parat, wie Gretchen in den nächsten Minuten verwundert feststellen musste. Die Überraschung stand ihr sichtlich ins Gesicht geschrieben, denn sie wollte nicht gleich begreifen, was sein seltsames Herumgehampele bedeuten sollte.

Marc: Wir pennen nicht im Leuchtturm. Wie oft denn noch? Das hier ist viel, viel besser.
Gretchen: Was?
Marc: Na, wir werden hier schlafen.
Gretchen: Wo? Am Strand?
Marc (grient sie vergnügt an): Die Frau Doktor ist wirklich eine Blitzmerkerin. Wow! Ich bin beeindruckt.
Gretchen (zickt ihn direkt an): Marc, ich finde das überhaupt nicht witzig. Ich bin müde. Mir tun die Beine weh. Und ich habe Hunger. Verarsch mich also nicht! Das kannst du gleich mit auf deine Regelliste setzen.
Marc (ist völlig hingerissen davon, wie ahnungslos seine Liebste immer noch ist): Ist notiert. Aber schau dich doch erst mal um, bevor du schon wieder losmeckerst! Wie war das noch? Meckern ist im Paradies nicht erlaubt?
Gretchen (schaut sich schmollend um): Halt die Klappe, du Klugscheißer! Ich sehe nur Strandkörbe. Ziemlich große Strandkörbe. Ungewöhnlich große Strandkörbe. Die waren beim letzten Mal, als wir hier waren, aber noch nicht da?
Marc (wird immer hibbeliger): Das kann ich nicht beurteilen. Du hast mich ja damals nicht aus dem Bett gelassen.
Gretchen (funkelt den Sprücheklopfer sauer an): Maaarc!
Marc (kann sein Lachen nicht mehr länger zurückhalten): Haasenzahn, checkst du’s immer noch nicht? Die Dinger sind so groß, weil man darin übernachten kann und das werden wir auch tun.
Gretchen: Was? Anstatt in eine Litfasssäule soll ich mich jetzt in eine Sardinendose zwängen?

Gretchens Augen weiteten sich ungläubig und sie wich überfordert einen Schritt zurück, bevor sie begann, den luxuriösen XXXL-Strandkorb, auf den Marc ungeduldig zeigte, einmal näher in Augenschein zu nehmen....

Lorelei Offline

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11.12.2016 10:03
#1583 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nach quälendlangen Sekunden, in denen Gretchen nichts weiter gesagt hatte, was eher ungewöhnlich für die Quasselqueen des Berliner Elisabethkrankenhauses war, die sonst immer zu allem und jedem eine ganz eigenwillige Meinung hatte und diese auch stets mit anderen teilte, und was stark darauf hindeutete, dass der schlummernde Vulkan wohl kurz vor der finalen Explosion stand, war es dann auch mit Marcs Geduld allmählich zu Ende. Grummelnd blickte er auf seine immer noch skeptische Freundin, die sich mit beiden Händen beruhigend über ihren Babybauch strich, während sie das blau-weiß gestreifte Corpus delicti eindringlich von allen Seiten begutachtete. Doch seine darauf folgende, durchaus charmant gemeinte Werbeansprache beschleunigte den Explosionsmechanismus bei der schwangeren Einunddreißigjährigen nur noch, wie der bedröppelte Chirurg, der es doch nur gut gemeint hatte, schnell feststellen sollte.

Marc (wackelt vielsagend mit den Augenbrauen u. grient sein Mädchen fröhlich an): Murmelinchen, du sparst eindeutig Energien, wenn du das Meckern und Abwägen einstellst und stattdessen einfach mal da reinguckst, hm. Ich habe dir nicht zu viel versprochen. Das Teil ist richtig, richtig geil. Zum entspannten Pennen am Strand. Ohne lästigen Krümelkram zwischen den Ritzen. Es sei denn, du hast vor, ne Crackerpackung zu verputzen, was natürlich ausdrücklich erlaubt ist und dir von deinem persönlichen Haus- und Strandkorbarzt sofort verschrieben wird. Und naja, er ist ähm... auch prima geeignet, um ein bisschen auf Tuchfühlung zu gehen, wenn du verstehst. Definitiv Rezeptpflichtig.
Gretchen (mit finsterer Miene dreht sie sich zu dem Grinsekönig um, der sie schon wieder zu veräppeln versucht): Murmelinchen mich nicht, Marc, sonst murmele ich dir nämlich was!

Oh, ich bitte darum. Das dauert mir hier nämlich eindeutig viel zu lange. Früher hätte ich sie mir einfach über die Schulter geworfen und wäre mit ihr, jeglichen Protest zum Trotz, da reingekrochen und hätte ihr mal richtig gezeigt, was ich mir so unter Murmeln vorstellte. Aber das funktioniert ja leider momentan nicht. Mit ihrem doppelten Übergepäck. Könnt ihr beide sie nicht ein bisschen runterkochen? Euch gefällt’s hier doch, oder? Wir sollten alle ein bisschen chillen und eure Mama am allermeisten.

Marc (verschränkt amüsiert seine Arme vor seinem Körper, legt seinen Kopf leicht schräg u. betrachtet den tobenden Vulkan in aller Ruhe): Das ist der Plan, nachdem ich dich endlich da reingekriegt habe.
Gretchen (mit ausgestrecktem Zeigefinger kommt sie auf den unverschämten Provokateur zu u. bohrt diesen in seine Brust): Du... Du... Darauf kannst du lange warten, mein Freund.
Marc: Gut, dann... bleibst du eben hier draußen stehen. Im Dunkeln. Mitten in der Nacht. Mitten in der Pampa. Am Strand, wo wer weiß was herumkriechen kann. Wie hieß noch mal der Typ, der dich in eurem alten Ferienhotel immer gestalkt hat? Für dich hält er bestimmt immer ein Zimmer frei.

Marc, dem so langsam die imaginäre Hutschnur gerissen war, weil mit seiner Überraschung so stiefmütterlich umgegangen wurde, wagte einen letzten Versuch, um sein Meckerhäschen aus der Reserve zu locken. Mit Erfolg. Denn, auch wenn es mittlerweile stockfinster geworden war und er seinen Finger schon vorsorglich über dem Lichtschalter des Schlafstrandkorbes schweben ließ, war die leuchtendrote Gesichtsfarbe von Margarethe Haase unverkennbar und zum Niederknien süß. Am liebsten hätte er sie jetzt niedergeknutscht und trotz ihres Zustandes neandertalermäßig da rein gezerrt, um ihr zu zeigen, dass man mit ihm so besser nicht umspringen sollte. Wenn sie nicht so widerspenstig und die Verletzungsgefahr deswegen nicht so unkalkulierbar gewesen wäre.

Gretchen blickte dem unverschämten Provokateur eine Sekunde lang finster in die vor Belustigung aufblitzenden dunkelgrünen Augen, dann wirbelte sie eingeschnappt herum und guckte stur hinaus auf das ruhige Meer, das sich heute offenbar ebenso gegen sie verschworen hatte. Sie stampfte einmal kräftig mit ihrem Fuß auf und wirbelte dabei den grobkörnigen Sand auf, um sich anschließend wieder zu ihrem Herausforderer umzudrehen, der sie mit schmunzelnden Blicken, die sie nur noch grimmiger stimmten, bei ihrem kleinen Haasschen Tobsuchtsanfall beobachtet hatte. Ohne ein weiteres Wort und auch nur eines liebevollen Blickes stapfte die schwangere Ärztin an ihm vorbei und krabbelte schließlich doch in ihr unfreiwilliges Nachtlager, welches Marc nach ihrem mehr oder weniger unaufgeforderten Eintreten nun mit einem gekonnten Fingerschnipser in hellem Licht erstrahlen ließ.

Erst jetzt bemerkte das aufgeregte Häschen überrascht, dass der Strandkorb in Wirklichkeit riesig und definitiv keine Sardinenbüchse war, in die sie sich mit ihren unvorteilhaften Maßen hätte hineinzwängen müssen. Nein, Marc und sie würden auf jeden Fall genügend Platz haben, sogar wenn sie schmollend von ihrem unmöglichen Freund Abstand suchen würde, was nach seinem provozierenden Verhalten eben durchaus bei ihr Erwägung fand. Aber Gretchen würde einen Teufel tun und Marc jetzt zeigen, dass sie mittlerweile ehrlich begeistert von seiner Überraschung war. Aber das musste sie auch nicht. Ein Blick in ihr hinreißend ehrliches Gesicht verriet dem schmunzelnden Oberarzt schon, dass er einmal mehr ins Schwarze getroffen hatte.

Ein Glück, dass sämtliche Hotels und Ferienwohnungen ausgebucht gewesen waren und die nervige Tante vom Fremdenverkehrsamt, mit der er den halben Nachmittag am Telefon verbracht hatte, so hartnäckig drangeblieben war und ihm dieses etwas ungewöhnliche Objekt schmackhaft gemacht hatte, dessen eigentlicher Besucher den Wochenendtrip kurzfristig hatte absagen müssen. Tja, er hatte mal wieder richtig Schwein gehabt. Das Glück lag definitiv in seinen goldprämierten Chirurgenhänden. Und er würde sich schon noch die Belohnung für seine Mühen bei seinem Zicklein abholen. Denn die hatte er sich nach Gretchens Aufstand eben mehr als verdient. Doch er entschied erst einmal weise, Haasenzahn noch ein bisschen schmollen zu lassen und machte sich einstweilen auf den Weg zurück zum Auto, um die restlichen Sachen zu holen, die sie für ihren Drei-Tage-Aufenthalt im Paradies benötigen würden. Obwohl, viel brauchten sie eigentlich nicht. Denn sie hatten ja schon sich.

Als Marc wenige Minuten später schwer bepackt und gutgelaunt zurückkam, linste er in weiser Voraussicht, eventuell etwas an den Kopf geworfen zu bekommen, vorsichtig in den überdimensionalen Übernachtungsstrandkorb und musste direkt schmunzeln, denn ihn erwartete diesmal keine Haassche Retourkutsche. Nein, der Schmollhaase hatte es sich schon richtig bequem gemacht und lag mit geschlossenen Augen auf dem gemütlichen Bett und massierte in Gedanken rhythmisch seine voluminöse Babykugel, welche, wie er nun irritiert feststellte, es ihm etwas erschwerte, sich frei in der beengten Räumlichkeit zu bewegen. Er schob das Gepäck, den Arztkoffer und den Picknickkorb mit einem gekonnten Fußkick in eine Ecke, kletterte anschließend darüber und kniete sich vorsichtig auf das Bett, um sich jetzt verheißungsvoll lächelnd über seine schwangere Freundin zu beugen, die in diesem Moment ihre himmelblauen Fixsterne öffnete und ihn damit direkt anfunkelte.

Erst blieb ihr strenger Blick betont beiläufig, um den Schelm noch ein bisschen zappeln zu lassen, denn nach dem albernen Hin und Her eben musste ein bisschen Strafe schon sein, aber dann konnte sich die verliebte Chirurgin der Chemie nicht mehr länger entziehen, welche allein schon seine unmittelbare Nähe, sein betörender Marc-Geruch und seine niedlichen tanzenden Grübchen auslösten, welche zu einem verführerischen Mix verschmolzen, der seine Wirkung nicht verfehlte. Gretchen hätte ihrem Pappenheimer keine Sekunde länger böse sein können. Wie auch, bei dem Prinzessinnentraum, den er ihr hiermit erfüllt hatte. Und schon konnte Dr. Meier fasziniert beobachten, wie sich ein zartes Lächeln auf Gretchens Lippen bildete, die ihn auf hinreißende Art und Weise dazu einluden, sie doch bitte alsbald zu küssen.

Aller Gefahren zum Trotz, die eine spontane Annäherung seinerseits bewirkt hätte, ging er schließlich auf ihre verlockende Einladung ein und stützte sich links und rechts von ihrem verwuschelten Lockenkopf mit beiden Händen auf dem Kissen ab. Die Muskeln seiner Oberarme spannten sich eindrucksvoll an, was Gretchen mit immer größer werdenden Funkelaugen beobachtete, denn er konnte wegen ihres gewaltigen Bauches nicht ganz so nah an sie heran, wie er gerne gewollt hätte. Aber trotzdem reichte es, um mit seinen rauen Lippen liebevoll über ihren mädchenhaft kichernden Mund zu streichen. Ein belebendes Gefühl, das seine prickelnde Wirkung nicht verfehlte. Frohlockend öffnete der Goldengel leicht seine vibrierenden roséroten Lippen. Marc zögerte extra, um Gretchen noch ein bisschen für ihren albernen Aufstand von vorhin zu bestrafen, aber lange hielt auch er die Tortur nicht mehr aus und so verschmolzen ihre Lippen schließlich zu einem leidenschaftlichen Versöhnungskuss, der die beiden schnell in einen wahren Rausch versetzte, der jedoch schon kurz darauf ein jähes Ende fand, als sich noch andere körperliche Bedürfnisse bei der Hochschwangeren zurückmeldeten.

Verwirrt schaute Marc auf sein zappliges Mädchen herab, das mit einem Mal verlegen seinen Blicken und Streicheleinheiten auswich. Aber die letzten Monate mit ihrem immer unberechenbarer werdenden, verrückten und so aufregenden Zustand hatten ihn gelehrt, die Zeichen richtig zu deuten. Der werdende Papa und fürsorgliche Partner hatte schon richtig verstanden und setzte sich seufzend auf die Bettkante und zog Gretchen mit einer Hand mit zu sich hoch. Immer noch peinlich berührt ließ die Schwangere ihre Beine vom Bett herabbaumeln und wich seinen verschmitzten Grinseblicken betont aus, was Marc jedoch nicht auf sich sitzen ließ. Denn es gab schließlich nichts, wovor sie sich hätte schämen müssen. Nicht vor ihm. Ihm war doch auch nichts peinlich. Er war schließlich auch schon zweimal mitten in der Nacht ans andere Ende der Stadt gedüst, weil es nur dort in einem Spätkauf diese eine bestimmte Schokoeissorte mit Splittern und Kekskrümeln und weiß der Geier was noch gab, auf die sie akuten nächtlichen Heißhunger gehabt hatte, der ihr den Schlaf und ihm den letzten Nerv geraubt hatte, was er aber seinem Kumpel Mehdi sicherlich niemals auf die Nase binden würde. Denn er hatte es zu Beginn von Gretchens Schwangerschaft schon vorausgesehen, der alte Klugscheißer und Golflügner.

Marc: Nicht dein Ernst? Jetzt? Schon wieder? Also, so langsam wirst du echt ein Fall für eine Studie. Mehdi wird noch reich mit dir.
Gretchen (läuft immer röter an, jetzt wo sie sich doch getraut hat, Marc kurz anzusehen): Ich hätte halt nicht die ganze Saftpackung auf einmal trinken sollen, aber ich hatte nun mal so einen großen Appetit auf Tomatensaft.
Marc (versucht, Verständnis zu zeigen, aber kann sein leicht genervtes Augenrollen nicht verhindern): Den wir erst auf dem dritten Rasthof gefunden haben. Weil kein normaler Ladenbesitzer das im Sortiment hat, es sei denn, er beliefert Flughäfen. Und Tegel und Schönefeld sind jetzt auch nicht gerade auf unserem Weg gewesen.
Gretchen (wird direkt einen Kopf kleiner u. starrt hypnotisch ihre Knie an): Entschuldige. Ich weiß, dass ich manchmal total unrational handle, aber...
Marc (guckt sie an, seufzt u. schiebt seinen Zeigefinger unter ihr Kinn): Hey! Jetzt wird aber nicht geflennt, ja. Nicht deswegen. Du weißt doch, dass mir das nichts ausmacht. Ich kann dir nur nicht versprechen, dass wir hier im Nirgendwo einen Stand finden, wo’s dein Lieblingseis gibt.

Er ist so lieb. Er gibt sich solche Mühe. Und ich bin immer nur unberechenbar, undankbar und schwanger. Mit allem Drum und Dran.

Gretchen (blickt ihrem Helden schniefend in die sie freundlich anstrahlenden Augen): Ich kann’s nun mal nicht kontrollieren. Das passiert einfach mit mir. Ich habe wirklich ein Problem, Marc. Denn ich glaube, an einen Waschraum haben die nicht gedacht, als sie den Strandkorb hier hingesetzt haben, oder?
Marc (sieht sich irritiert um u. muss prompt lachen): Äh... Den braucht es nicht. Wir haben ein ganzes Meer direkt vor der Tür.
Gretchen (echauffiert sich direkt wieder): Maaarc, ich werde ganz bestimmt nicht die Ostsee als Toilette benutzen. Das gehört sich nicht. Schon allein wegen der Umwelt und außerdem ist es Nacht. Wer weiß, wer da draußen noch herumschleicht.

Meine Worte. Sie kann so gerissen sein. Wahnsinn! Das macht sie fast schon wieder heiß. Und das bringt wiederum mir Probleme.

Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Chirurgen, die hingerissen sind von ihren schwangeren Freundinnen und ihren sonderbaren Gelüsten.
Gretchen (funkelt den Witzbold eingeschnappt an): Marc, mach dich bitte nicht lustig! Das ist nicht witzig. Stell dir mal vor, dein Körper würde dich ständig in den unmöglichsten Momenten überrumpeln und du kannst nichts dagegen tun. Also, doch kann man schon. Ich... muss jetzt wirklich dringend los, wenn wir nicht ein zusätzliches Problem bekommen wollen. Also sag mir bitte, was sich die Architekten diesbezüglich gedacht haben?

Upps! Houston, äh... Rügen, wir haben ein Problem.

Gretchen guckte ihren Partner mit flehenden Augen an. Und Marc, der direkt ein schlechtes Gewissen bekommen hatte, musste erst einmal mit den Schultern zucken. Er hatte eben doch nicht an alles gedacht. Mobiles Ultraschallgerät, check. Genügend Wechselbatterien für die Kopfhörer, um die Herztöne zu verfolgen, check. Mehdi auf der Kurzwahltaste, check. Gretchens Krankenhaustasche, check. App mit den Fahrtrouten zu den nächsten Krankenhäusern im Umkreis von zweihundert Kilometern, check. Bärbels Pfannkuchen mit Apfelmus, check. Schoko- und Gurkenvorrat auffüllen, check. Aber wer kam auch schon auf die Idee, dass fehlende Toiletten zum Problem werden könnten. Hektisch blickte er sich in dem Strandkorb um, griff nach dem Schieber des kleinen Nachtschränkchens neben dem Bett und zog ihn instinktiv auf. Bingo! Volltreffer! Die Willkommensbroschüre würde doch wohl die passenden Informationen liefern. Schnell überflog er die Seiten, während Gretchen ihn skeptisch dabei beobachtete. Wieso fing Marc denn plötzlich an, so seltsam zu grinsen? Welchen Spaß wollte er sich denn jetzt schon wieder mit ihr machen? Ihr war nämlich jetzt überhaupt nicht nach Albernheiten zumute. Zumal ihre beiden Mitbewohner gerade damit begannen, zum Takt ihres Herzschlags eine kleine Tanznummer aufzuführen. So viele unterschiedliche Gefühle strömten gerade auf sie ein. Langsam wurde ihr alles zu viel. Fast war sie sogar bereit, wieder ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Aber es wäre vielleicht besser, ihren Flüssigkeitshaushalt unter Kontrolle zu behalten, dachte sie und sprach Marc leise an.

Gretchen: Marc?
Marc (lacht ungeniert u. hält ihr auffordernd das Heft hin): Also, die beweisen echt Humor.
Gretchen (ihre aufkommenden Tränen verhindern ihr die Sicht): Wieso? Was meinst du?
Marc: Erinnerst du dich noch, was du zu dem Leuchtturm gesagt hast?
Gretchen (ihre Augen weiten sich ungläubig u. ihr Tränenfluss stoppt abrupt): Nicht dein Ernst?
Marc (schmeißt sich lachend rücklings neben Gretchen aufs Bett u. hält die entsprechende Seite der Broschüre hoch): Positiv! Zum Frischmachen wirst du wohl rübermarschieren müssen.
Gretchen (schüttelt ungläubig ihren Wuschelkopf): Nein!
Marc (richtet sich wieder auf u. sieht sie an): Doch! Oder du wählst doch das erfrischende Ostseewasser. Spart kostbare Wegzeit, die wir anderweitig nutzen könnten.
Gretchen (stupst ihn an): Blödmann!
Marc: Hilft es dir, wenn ich dir verrate, dass die Waschräume im Erdgeschoss sind? Der Pächter der Strandkörbe ist nämlich auch der Besitzer vom Leuchtturm.
Gretchen: Mann, wieso sagst du das denn nicht gleich?

...begann Gretchen schon wieder zu zetern. Sie richtete sich auf und krabbelte mühsam nach draußen. Eine Sekunde später steckte sie ihren Kopf jedoch wieder in den Strandkorb und guckte Marc auf ihre unnachahmliche Häschen-Art an, die ihn einmal mehr verzauberte und sprachlos machte.

Marc (starrt sie mit großen Augen an): Was ist?
Gretchen (zieht einen hinreißenden Schmollmund u. klimpert mädchenhaft mit ihren Wimpern): Kommst du mit? Ich fürchte mich doch im Dunkeln. Was ist, wenn ich in ein Sandloch falle oder über Felsen stolpere, die ich im Finstern nicht ausmachen konnte.
Okay, die Gefahr ist durchaus berechtigt, wenn man ihren Tollpatschigkeitsfaktor zur Nachtblindheit dazu nimmt.
Marc: Tzz... Weiber.

...murmelte Dr. Meier nur in seinen Dreitagebart hinein, kramte in seiner Arzttasche und trat anschließend zu Gretchen nach draußen vor den Strandkorb, die plötzlich große Augen machte, als ihr Freund in blinkender Lederjackenmontur ihr grobmotorisch eine Stirnlampe aufzusetzen versuchte und dabei ihre Frisur zerzauste.

Gretchen: Marc?
Marc (rückt nun die Beleuchtung an seiner Jacke zurecht, nachdem er den Kampf gegen ihre wuscheligen Haare gewonnen hat): Hm?
Gretchen: Sag mal, wie kommt es, dass du eine OP-Lampe in deiner Arzttasche besitzt? Weiß mein Vater davon, dass du heimlich Material aus der Klinik stibitzt? Ist so dein Vorratslager bei uns zuhause zustande gekommen?
Marc: Willst du jetzt aufs Klo oder mir einen Vortrag halten?

...drehte der Grummelkönig den Spieß einfach um, um einer erneuten Endlosdiskussion aus dem Weg zu gehen, und nahm ihre Hand, um seine Freundin zügig über den nächtlichen Strand zum Leuchtturm zu führen. Eine Viertelstunde später kehrte das Paar Arm in Arm zurück und krabbelte schnell zurück in sein neues Märchenreich auf Zeit.

Gretchen (verschafft sich neugierig einen Überblick): Was hast du denn noch alles in deinem Koffer? Sag mal, ist das nicht meine Krankenhaustasche? Was macht die denn hier? Die hatte ich doch noch gar nicht fertig gepackt.
Marc (guckt verdutzt in die Gepäckecke): Ach? Nicht? Upps!
Gretchen (setzt sich aufs Bett u. schaut ihn ungeduldig an): Marc?
Marc (wirft die Arme in die Luft u. setzt sich zu ihr): Ja, entschuldige, ich kann ja wohl schlecht deinen Zustand ignorieren. Besser man ist vorbereitet, als dass wir eventuell in Schwierigkeiten geraten.
Gretchen (sieht ihn lange u. intensiv an u. kann dann ihr verliebtes Lächeln nicht mehr länger zurückhalten u. schmiegt sich in seine Arme): Och, du bist so lieb. Du hast sogar an die Herztöne gedacht.
Marc (verdreht die Augen u. nutzt schließlich den Moment, bevor er noch mehr bloßgestellt wird): Wollen wir sie gleich mal checken, jetzt wo du das Ding eh schon ausgepackt hast?
Gretchen (strahlt ihn an): Unbedingt!
Marc: Okay, dann... ab in die Horizontale, Haasenzahn! Hopp, hopp! Und entkleiden nicht vergessen!

Das kichernde Häschen folgte Marcs harscher Ansage prompt und legte sich mit aufgeregt klopfendem Herzen auf das weiche Bett, über dem sich ein großes rundes Bullaugenfenster befand, aus dem man direkt auf den sternenklaren Himmel blicken konnte, wie Gretchen erst jetzt fasziniert feststellte, und von dem sie sich nun nicht mehr lösen konnte. Marc kümmerte sich derweil um die Technik, wie es, seiner Meinung nach, die Evolution vor Jahrmillionen vorgesehen hatte. Nachdem er alles ausgepackt und die Betriebsanleitung ungelesen entsorgt hatte, legte er sich neben sein Mädchen, das ihn, nachdem es verkabelt worden war, nun mit verschmitzten Augen anlächelte. Er gab ihr einen der Ohrstöpsel, den anderen stöpselte er sich selbst ins Ohr. Und schon fand sich das verliebte werdende Elternpaar in einer anderen Welt wieder. Bewegt lächelten sie sich an. Marc legte seinen Arm unter Gretchens Kopf und zog seine Liebste noch näher zu sich heran. Gretchen kuschelte sich an seine Brust, wo sie auch seinen beschleunigten Herzschlag deutlich vernehmen konnte. Dann schloss sie ihre Augen und genoss den magischen Moment. Als sie sie wieder kurz öffnete, weil sich eine Wimper verheddert hatte, schaute sie zufällig zum Fenster hoch und staunte plötzlich Bauklötzchen. Aufgeregt ruckelte sie an der Schulter ihres Liebsten, der nur schwer aus seiner Traumwelt zurückkehren wollte, in die er wohlig seufzend eingetaucht war, damit auch er endlich hochguckte.

Marc: Was denn? Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht? Soll ich jetzt doch noch Eis holen gehen, oder was? Ey, die Bürgersteige sind schon hochgeklappt. Ich muss dich auf morgen vertrösten.
Gretchen (strahlt ihn hibbelig an u. guckt dann schnell wieder zum Fenster, weil sie nichts verpassen will): Guck mal! Eine Sternschnuppe. Und da, noch eine. Und noch eine. Und noch eine.
Marc (folgt irritiert ihrem kindlichen Blick u. staunt nun ebenfalls nicht schlecht): Wo? Tatsächlich! Das hört ja gar nicht mehr auf.
Wahnsinn! So langsam wird das echt unheimlich. Wo sind wir denn hier hingelangt?
Gretchen (wird auf einmal ganz unruhig): Warte! Davon hat mir Sabine erzählt. Deshalb sind sie, Günni und Anton auch raus aufs Land gefahren. Weil man ihn in der Stadt nur schwer beobachten kann.
Marc (kann ihr überhaupt nicht folgen): Wen?
Gretchen (ihre Augen funkeln vor Begeisterung, als sie wieder gebannt hochguckt): Na, den Sternschnuppenregen.
Den was? Unnützes Wissen für Tagebuchromantikerinnen. Nicht meine Agenda. Oh Gott, die Gummersbachs tanzen jetzt aber nicht nackt auf ner Lichtung, oder? Das arme Kind.
Marc (kann sich nur mit Mühe von dem spannenden Naturphänomen lösen): Oh? Aha? Ja, äh... Weißt du, Haasenzahn, ich habe echt keine Kosten und Mühen gescheut, damit dir und den Zwergen hier in der Einöde auch ordentlich was geboten wird. Neben mir natürlich. Der wahren Attraktion.

Ist er nicht süß, mein Marcischnuckiputzi? Von wegen er hat keinen Sinn für Romantik in unserem chaotischen Leben. Er hat definitiv das Händchen dafür. Ich dagegen habe heute nicht viel weitergedacht als bis zum Ende der Couch meiner Eltern. Wahnsinn! Und zwei Stunden später finde ich mich in einer ganz anderen Welt wieder. Dank dir.

Gretchen (grient ihn ungeniert an): Angeber! Aber das hier kannst du dir diesmal nicht zuschreiben, mein Lieber. Die Perseidingsbums kommen jedes Jahr. Ich glaube, ungefähr zu dieser Jahreszeit. Hat Bine gesagt.
Oh, ich muss ihr unbedingt noch eine Nachricht schreiben, ob sie sie auch so toll sehen kann wie wir und ihr von dem Strandkorb erzählen.
Marc (kann sich sein Schmunzeln auch nicht verkneifen): Perseidingsbums?
Gretchen (denkt noch einen langen Moment nach, dann fällt es ihr wieder ein): Perseiden. Jetzt hab ich’s.
Marc (das Desinteresse ist ihm deutlich anzusehen; vielmehr interessiert ihn etwas ganz anderes): Okay?!? Und, hast du dir schon was gewünscht?
Gretchen (wird auf einmal hektisch u. schiebt sich ihre Kopfkissen neu zurecht, um entspannter nach oben gucken zu können): Marc, wann lernst du das denn endlich? Wünsche dürfen nicht ausgesprochen werden, sonst gehen sie nicht in Erfüllung. Außerdem muss ich mich erst einmal sortieren. Ich komme ja kaum mit, so schnell wie die Sternschnuppen verpuffen.
Marc (schaut ihr ungläubig bei ihrem Tun zu, schmunzelt u. lehnt sich ebenfalls wieder zurück, sodass sie nun Kopf an Kopf nebeneinander liegen u. synchron nach oben starren): Okay? Dann... sollten wir uns wohl vielleicht wieder zurücklehnen. Ich drehe noch mal die Lautstärke höher. Definitiv der passende Soundtrack für Naturphänomene aller Art.
Gretchen: Du bist unglaublich, Marc.

...himmelte Gretchen ihren Traumprinzen aus ihren Strahleaugen wieder an, der die Paddels auf ihrem Bauch noch einmal ein bisschen verrückt hatte, während sie von den Herztönen ihrer Kinder immer mehr und mehr eingelullt und auf eine Wattewolke gehoben wurde. Marc ging es ähnlich. Der einzigartige und unnachahmliche Klang, der Soundtrack seines Lebens, der sich für immer in seine Gehörgänge gebohrt hatte, beflügelte auch ihn ungemein und ließ ihn Dinge tun, die mit seinem Machoimage definitiv nicht vereinbar waren. Aber zum Glück waren Gretchen und er hier ja ungestört.

Marc: Na, dann mal Konzentration auf den billigen Plätzen, Murmelinchen! Ein ganzes Paket an Wünschen muss auf den Weg gebracht werden!

Lorelei Offline

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18.12.2016 15:59
#1584 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Verliebt aneinandergeschmiegt lag das glückliche werdende Elternpaar unter der blau-weiß gestreiften Biberbettdecke in ihrem gemütlichen Schlafstrandkorb und starrte unentwegt lächelnd gen Zimmerdecke, welche vom sternenklaren Firmament umrahmt wurde, auf dem es immer wieder verdächtig golden aufblitzte, so dass es dem Häschen im Bett ganz warm ums rührselige Herz wurde. Und nicht nur ihm. Irgendwann hatten Marc und Gretchen aufgegeben, mitzählen zu wollen. Denn es gab so vieles, was die beiden ihren Wundersternchen mit auf den Weg geben wollten, die schon sehr bald das Licht der Welt erblicken würden und demnach auch bald selbst den nächsten Sternschnuppenregen würden beobachten können. Der rational denkende Chirurg glaubte zwar nicht wirklich an die magische Kraft, die man Sternschnuppen nachsagte. Davon hatte ihn eine hartnäckige Hobbyastrologin namens Sabine Gummersbach, ehemals Vögler, dank ihrer nicht enden wollenden, ungefragten, wöchentlichen Sterndeutungen im Stationszimmer schon vor Jahren abgebracht. Aber Haasenzahn, die hier an diesem wunderschönen Ort an der Ostsee schon einmal ein wahr gewordenes Wunder erlebt hatte, schien die Wirkung von Sternschnuppen eindeutig zu beruhigen. Und das war genau das Ziel, das er hatte bewirken wollen, als er seine Zappeline mit Sack und Pack hierhin entführt hatte. An ihren Ort, der sie letztendlich zusammengeführt hatte.

Ein letztes Kräftetanken, bevor die beiden Knirpse den neunmonatigen Mietvertrag bei ihrer Mama aufkündigen würden. Ein Gedanke, der Marc immer mehr zum Grinsen brachte, anstatt ihn, wie es noch vor einigen Stunden der Fall gewesen war, in akute Panik zu versetzen. Und das fiel auch seiner hochschwangeren Herzdame irgendwann auf, die das Beobachten tanzender nächtlicher Gestirne gegen das Beobachten einer faszinierenden Spezies von Mann, den Homo meierensis, eingetauscht hatte. Auch bei ihr war das vergnügliche Grinsen bald nicht mehr von den Mundwinkeln wegzubekommen, was wiederum ihrem Anbetungsobjekt dann doch irgendwann zunehmend auf den Keks ging. Und zwar nicht den Keks, den seine Liebste gerade genüsslich zum nächtlichen Vergnügungsprogramm großflächig krümelnd verspeiste.

Marc (leicht gereizt starrt er sie an): Was? Hab ich noch Puderzucker von den Pfannkuchen am Mund oder warum glotzt du so penetrant? Dann küss es halt weg!
Mhm... Okay? Also wenn er mich so lieb darum bittet... Hihi!
Gretchen (nimmt Marcs charmante Einladung natürlich liebend gern an, obwohl da eigentlich gar nichts gewesen ist, was sie jedoch für sich behält): Ich fass es nicht, dass wir wirklich hier sind, Marc.
Marc (guckt ihr etwas betröppelt in die himmelblauen Strahleaugen, die ihn auf die süßeste aller Haase-Arten zu hypnotisieren versuchen): Und ich fasse es nicht, dass du’s jetzt erst raffst. Muss an den Crackern liegen. Schade, dass die Packung schon leer ist. Ich habe aber irgendwo noch eine, falls du magst.
Gretchen (stupst den frechen Sprücheklopfer leicht am Arm an, bevor sie sich wieder behaglich hineinkuschelt): Ja, ich weiß, dass ich manchmal eine Schnecke bin, aber du weißt, wie ich das gemeint habe.
Marc (grient sie amüsiert an): Als Zimtschnecke?
Gretchen (zieht einen hinreißenden Schmollmund, der zum Küssen einlädt): Blödi!
Marc (lässt die Beleuchtung seiner Lederjacke wieder blinkern u. küsst sein Mädchen dreist auf die gespitzten Lippen): Hey! Don’t hassel the Hoff! Vergessen?
Ich liebe ihn so sehr. Ich will, dass es niemals aufhört, dass wir immer etwas finden, womit wir uns gegenseitig necken können.
Gretchen (muss direkt wieder lachen): Das würde ich niemals tun.
Marc (nickt wissend u. lässt die kleinen LED-Lämpchen direkt an): Klar!

Und ob sie das tun würde! Trau dich ruhig, Haasenzahn! Bald kann ich dich nämlich wieder lockerleicht über die Schulter schmeißen und dann holen wir alles nach, was es noch für deine ständigen Frechheiten nachzuholen gibt. Ich freue mich drauf.

Gretchen (hängt ganz gebannt an den kleinen bunten Lichtern, ihrer einzigen Lichtquelle im Strandkorb, doch dann sieht sie Marc plötzlich wieder nachdenklich an): Doch! Nein, jetzt ehrlich, Marc, hättest du damals gedacht, als wir zum ersten Mal hier waren, dass wir uns fast ein Jahr später hier wiederfinden würden?
Nope! Die Tour hierher war ja auch eher spontan.
Marc (neckt sie spaßeshalber u. knutscht demonstrativ ihre hinreißende Babykugel): Dieses Mal musste ich dich zumindest nicht erst suchen. Du bist schließlich nicht zu übersehen.
Gretchen (rollt mit den Augen u. legt ihre Hand über ihren runden Bauch): Marc! Du weißt, wie ich das meine. Hättest du gedacht, dass unser Jahr so werden würde?
So toll und aufregend und ohne Ausnahme schön. Mit einer echten Krönung zum Schluss. Wenn es klappt. Oh, bitte, bitte, ja! Das wäre echt die Kirsche auf der Schokosahnetorte, wenn ihr beiden Süßen diese Punktlandung hinlegen könntet. Also, ich will euch jetzt keinen Druck machen. Ich meine nur, dass es echt schön wäre. Schicksal. So wie unsere Liebe.
Marc (mit einem Mal auch ganz ruhig sieht er seiner träumenden Prinzessin tief in die Augen): Ehrlich? Ich hatte keine Vorstellungen, was mich erwarten würde, als ich hierher gekommen bin.

Ich wollte nur, dass das mit uns endlich losgeht. Ansonsten wäre ich vermutlich durchgedreht und würde heute nur noch Blinddärme operieren. Wahrscheinlich am Arsch der Welt. Ohne den geilsten Arsch der Welt.

Wow! Das war ehrlich. Und ich habe mir damals so gewünscht, dass er bei mir ist. Dann war da diese eine einzelne Sternschnuppe am Himmel und er steht im nächsten Moment plötzlich vor mir. Mein Herz hüpft heute noch, wenn ich daran zurückdenke und das unserer Kleinen gleich doppelt.


Gretchen (erwidert seinen intensiven Blick sichtlich bewegt): Und jetzt? Findest du es gut?
Marc (legt lächelnd seine Hand über ihre über ihren Achtmonatsbauch u. zieht erstaunt eine Augenbraue hoch, als er merkt, was da drin gerade abgeht): Brauchst du jetzt immer noch Bestätigung?
Gretchen (senkt verlegen ihr Gesicht, um es gleich wieder lächelnd in seine Richtung zu drehen): Nein, ich höre nur gerne, was du denkst.
Marc (grinst): Das ist wieder so typisch Haasenzahn. Und da nützt es gar nichts, zu erklären, dass Männer evolutionsbedingt in bestimmten Momenten gar nichts denken. Ihr Weiber wollt dann trotzdem immer alles ganz genau wissen. Aber gut, ich gebe zu, ich hätte es mir nerviger vorgestellt.
Gretchen (stupst ihn mit beiden Händen an): Hey!
Marc (lacht u. wird in der nächsten Sekunde wieder ernst): Du wolltest doch hören, was ich denke? Und ich hätte nie gedacht, dass es so viel schöner, unkomplizierter und entspannender ist, dich kleine Nervensäge ständig und überall um mich zu haben, als wenn es andersherum wäre. Andersherum würde ich es vermutlich gar nicht erst aushalten. Ich weiß, das ist total unlogisch und gegen meine Prinzipien, wenn man bedenkt, dass ich es damals auf den Teufel nicht ausstehen konnte, wenn dieses nervige kleine bebrillte und bespangte Wesen mir auf dem Schulhof ständig hinterhergedackelt ist und in seinem rosa Zelt trotzig meinen Platz besetzt gehalten hat. Aber es ist nun mal so. Zwerge, merkt euch das! Liebe ist alles, vor allem unlogisch. Kompliziert, nervig, irrational und unlogisch.

Hach... Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn er mit den beiden redet. Dann ist es noch realer, als es schon ist und ich weiß einfach, dass alles gut werden wird.

Gretchen (streicht dem Mann, der sich mit dem Kopf an ihren Bauch gelehnt hat, vernarrt übers Haar): Das hast du jetzt aber schön gesagt, Marc.
Marc (guckt vergnügt zu ihr hoch): Ich sage doch immer nur nette Dinge.
Ja, ja, wie war das noch? ‚Addiere meine Gemeinheiten, du schaffst es!’ Hihi!
Gretchen (lässt diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt): Bekomme ich das schriftlich?
Marc (richtet sich auf u. kneift ihr in die Seite): Hey! Nicht frech werden, ja! Sonst verstoßen wir gegen die Regeln.
Gretchen (grient ihn kess an): Haben wir doch schon lange. Aber es ist ein ganz natürlicher Automatismus, dass wir letzten Endes immer auf unsere beiden Wundersterne zurückkommen. Und weißt du was?
Marc (guckt sie ganz gespannt an u. tätschelt dabei ihre Babymurmel): Oh, oh? Was kommt jetzt?
Gretchen (richtet sich am Bettende auf u. versucht, betont ernst zu bleiben): Du darfst aber nicht lachen. Ich weiß selber, dass ich das eigentlich noch nicht denken sollte, weil die Zeit noch nicht ganz ran ist und wir sie ihnen unbedingt geben sollten, damit sie gesund und stark werden, aber...
Marc (rutscht ungeduldig zu ihr hoch u. lässt sie nicht ausreden): Nicht faseln, Haasenzahn, raus mit der Sprache! Sonst kommen wir nie zum entspannten Teil des Abends.
Gretchen (ihre Augen beginnen augenblicklich zu leuchten): Okay? Heute Morgen, da...

Marc (stöhnt betont theatralisch auf): Boah! Erinnere mich bloß nicht daran, wie die kleine Kröte heute Morgen Punkt sieben in voller Montur mit ihrer noch im Tiefschlaf träumenden Schwester bei uns am Bett gestanden und meine nackten Füße malträtiert hat. Das war echt Folter. Der Weiberheld muss sich echt was überlegen deswegen. Das wird schon pathologisch, was Sarah da macht. Sie ist echt die Tochter ihrer Mutter.
Gretchen (schmunzelt): Sie war aufgeregt, sie wollte ihr kleines Geschwisterchen endlich sehen. Und da wären wir auch schon beim Thema, bei dem du mich gerade unterbrochen hast.
Marc (setzt zum Welpenblick an u. schmiegt sich an ihre Seite): Upps! Sorry!
Gretchen (ihr Blick wird wieder ganz verklärt): Weißt du, heute Morgen bei Maria im Zimmer, als Sarah ihre kleine Schwester zum ersten Mal gehalten hat und ihre Halbschwester auch so süß geguckt hat, als Cedric sie zu den beiden gelegt hat, da habe ich...
Marc (hört ihr gebannt zu u. muss bei dem Gedanken an den Morgen auch lächeln): Da hast du was?
Gretchen (wischt sich ein verstohlenes Glückstränchen aus dem Augenwinkel u. lächelt ihn an): ...da habe ich mir gewünscht, dass es bei uns auch bald soweit ist. Ich wünsche mir so sehr, die beiden endlich zu sehen. Ich will wissen, was sie von dir haben und von mir. Ich will wissen, was es mit uns macht.

Gott, ja, ich auch! Es ist bald nicht mehr auszuhalten.

Marc (schaut sie ganz fasziniert an): Hm!
Gretchen (versucht, in ihm zu lesen wie in einem Buch): Komm, sag schon was Blödes!
Marc (lächelt ganz geheimnisvoll): Wieso? Ist doch süß. Und ich verrate dir jetzt was.
Gretchen (guckt ihm ganz gespannt in die Augen): Was denn?
Marc (beugt sich zu ihr heran u. flüstert ihr leise etwas ins Ohr, ehe er sie auf die Wange küsst u. sich dann wieder an ihren süßen Babybauch lehnt): Ich habe exakt dasselbe gedacht. Aber wehe, du erzählst das der Hassmann weiter. Dann war es das letzte Mal gewesen, dass ich mich zum Babysitter habe erpressen lassen.
Gretchen (kann ihre tanzenden Glückstränchen nicht verhindern): Oh Marc,...
Oje, der Wasserfall setzt wieder ein. Das wird sich nie ändern.
Marc (wischt ihr mit dem Zeigefinger über die feuchte Wange u. benetzt seine Lippen anschließend damit): Hey, hier wird nicht geflennt, Haasenzahn! Du musst deine Ressourcen sparen.
Gretchen (lächelt direkt wieder): Für den Moment, wenn’s doch ernst wird? Ich dachte, wir wären dafür vorbereitet? Wir haben schließlich alles dabei. Und du warst heute im Kurs und...
Marc (unterbricht sie schnell, bevor sie noch weiter ausholt): Ja, ja, Rhabarber, Rhabarber! Apropos, ernst werden, da fällt mir noch was ein, was wir neben all dem Babykram, weswegen uns unsere Eltern und Freunde verrückt machen, noch gar nicht bedacht haben. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, warum und wie das andere in dieser Situation handhaben. Aber müssten wir uns nicht auch so langsam mal um einige Formalia kümmern? Sprich, Namensgebung und so? Also Nachname geht ja fix, weil alles außer Wald- und Wiesentieren erlaubt ist. Aber...

Marc schaute seine schwangere Freundin mit vielsagend wackelnden Augenbrauen an und wartete gespannt auf eine Reaktion ihrerseits, die jedoch zu seiner Überraschung ausblieb. Stattdessen starrte Gretchen den gutaussehenden Mann in der blinkenden Lederjacke nur mit großen blauen Augen an und dieser konnte nun in Zeitlupe beobachten, wie sich langsam die nächsten heißen Tränen darin sammelten. Langsam rappelte er sich wieder zu ihr hoch und guckte seine Heulsuse verunsichert an...

Marc: Was ist? Nicht gut? Ich dachte, das wäre von vornherein klar? Wir sind doch eh schon scheinverdingsbumst, seit deine komische Busenfreundin verdingsbumst ist? Auch wenn du deinen glitzerrosa Kaugummiautomatenring jetzt als Anhänger trägst, weil du ihn nicht mehr auf deinen Wurstfinger kriegst.
Gretchen (schnieft die Tränchen weg u. umfährt mit ihrem kleinen Finger den rosa Ringanhänger an ihrer Halskette, die unter ihrer blau-lila gemusterten Tunika hervorlugt): Ist es auch, Marc.
Marc (sein Blick huscht verunsichert zwischen ihren feuchten Augen hin u. her): Aber?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. lächelt den Vater ihrer Kinder liebevoll an): Kein Aber! Ich habe nur darauf gewartet, dass du mich darauf ansprichst.
Nee, oder? Das ist jetzt nicht ihr Ernst?
Marc (fällt aus allen Wolken): Bitte? Und da wartest du ganze acht verdammte Monate, bis mir ein Licht aufgeht?
Gretchen (guckt automatisch auf seine Jacke u. wird dann doch ein bisschen rot im Gesicht): Naja, andere warten sogar bis nach der Geburt und wissen dann immer noch nicht, was sie machen sollen. Und du hattest doch so viel um die Ohren. Im EKH, zu Hause. Es gab so viel zu organisieren. Und ich dachte, lass uns erst einmal abwarten, bis wir richtig zur Ruhe kommen.
Ach Haasenzahn, ist das wieder eine deiner berühmt berüchtigten Logiken?
Marc (schmunzelt verständnisvoll): Tja, soweit sind wir ja nun gekommen, hm?
Gretchen (kichert mädchenhaft): Stimmt!

Ob er wohl auch schon zwei Namensfavoriten hat so wie Mehdi, Gabi und Lilly für ihr Baby?

Marc (ist nun nicht mehr zu bremsen): Und? Worauf wartest du dann noch? Zück endlich deinen rosa Katzenblock!
Gretchen (zögert u. spannt ihn extra auf die Folter): Wie kommst du darauf, dass ich eine Namensliste in meinem Tagebuch hätte?
Weil dein Name Margarethe ‚Doctor’s Diary’ Haase ist und du seit unserer ersten Begegnung alles kommentierst, was mich betrifft. Und weil ich liebend gern den Rotstift zücken möchte, um gleich von vornherein die „Geht gar nicht“ zu eliminieren.
Marc (ahnt, was sie vorhat u. dreht den Spieß einfach um): Haasenzahn, wie lange kennen wir uns jetzt, hm? Einundzwanzig Jahre, drei Wochen und vier Tage und ein paar zerquetschte Stunden. Das ist exakt die Zeitspanne, während der du schon exzessiv dein Lieblingshobby. neben mir natürlich, pflegst, alles, aber auch wirklich alles da reinzupinseln, was dir durch die Hirnsynapsen tanzt. Also, leg los! Das ist schließlich eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben prägen wird. Sie werden immer damit herumlaufen müssen und sie werden es uns auf ewig vorwerfen, wenn wir’s verbocken.
Gretchen (etwas überrumpelt versucht sie, sich zunächst zu sortieren): Ich weiß, wie wichtig das ist, Marc. Aber warum fängst du nicht an? Du hast dir doch bestimmt auch schon was überlegt, oder?

Ääähhh... Jetzt könnte ich durchaus einen Telefonjoker gebrauchen. Eigentor, Meier! Aber das kriegen wir schon wieder hin.

Gretchen hatte ihre Beine über die Bettkante geworfen und tapste mit ihren Füßen nach ihrer rosafarbenen Umhängetasche, die unweit des Bettes auf dem Boden lag. Geschickt hatte sie sie zu sich geangelt und lehnte sich nun wieder entspannt an das Stirnende des raumfüllenden Bettes, wo es sich Marc bereits bequem gemacht hatte. Schnell kuschelte sie sich wieder in seine Arme. Ihr Tagebuch, welches sie vorausschauend aus der Handtasche gezogen hatte, hielt sie derweil mit einer Hand gegen ihren Babybauch gedrückt. Sie musste nicht hineingucken. Ihre Ideen, die sie in den vergangenen Monaten unentwegt gesammelt hatte, hatte sie auch so im Kopf. Viel, viel spannender war es jedoch, zu erfahren, was sich Marc so vorstellte, dachte die verliebte junge Dame und schaute ihn mit ihren großen Kulleraugen erwartungsvoll an. Der so unfreiwillig unter Druck gesetzte Oberarzt kam nicht umhin, sein Mädchen noch ein bisschen aufzuziehen, um sich selber noch einmal neu zu fragmentieren.

Marc: Eigentlich können wir uns die Grübelei sparen. Die Gene sprechen doch schon von allein für sich.
Gretchen (runzelt verwundert die Stirn): Ah ja?
Marc (je bedröppelter sie ihn ansieht, umso mehr meldet sich der Schalk in ihm): Es ist doch ganz einfach, Haasenzahn. Wir nennen die zwei einfach Marc eins und Marc zwei.
Das kann er doch nicht wirklich ernst meinen?
Gretchen (verdreht die Augen angesichts so viel Meierscher Weisheit, die ihr entgegenspringt): Natürlich! Wie sollte es auch anders sein?
Marc (grinst schlitzohrhaft): Eben!
Das Spiel, mein Lieber, kann ich auch ganz gut spielen.
Gretchen: Danke, Marc, für deine Weitsicht. Das erleichtert mir nämlich auch allerhand. Wenn einer von euch dreien etwas ausgefressen hat, muss ich nur einen Namen in den Topf werfen. Aber eins hätte ich jetzt nicht gedacht...
Marc (arglos): Was denn?
Gretchen (blickt ihn herausfordernd an): Dass du so bereitwillig deinen Platz-eins-Status hergeben würdest. Wie willst du das entscheiden, wer Erster ist und wer Zweiter und einen Dritten gibt es ja dann auch noch? Verteilst du dann Medaillen wie bei Olympia?
Boah, dieses Biest! Die schlägt einen mit den eigenen Waffen. Wie fies! Und heiß!
Marc (funkelt sie geschlagen an): Haha!
Gretchen (nimmt wieder ernstere Züge an): Ebenso haha, Marc! Wie du schon sagtest, das ist eine wichtige Entscheidung. Eine Entscheidung fürs Leben. Und die sollten wir ernst nehmen und nicht so lapidar angehen. Wir haben dahingehend schon jetzt Verantwortung. Große Verantwortung.
Scheiße, ja! Das kam jetzt nicht so gut an. Ich find’s trotzdem lustig.
Marc (hebt schlichtend seine beiden Hände): Okay, okay, das war doch nur ein Spaß, wobei das mit dem Junior als Zusatz schon etwas hätte.
Gretchen (will auf dieser Ebene gar nicht erst weiterdiskutieren u. zeigt ihm das auch unmissverständlich): Maaarc!

Marc (gibt sich vorerst geschlagen): Okay! Dann... leg du eben los! Ich zücke schon mal den Rotstift zum Durchstreichen.
Gretchen (funkelt ihn an): Den wirst du nicht brauchen.
Marc (blitzt meierlike zurück): Das wird sich noch zeigen. Wir verewigen hier aber auch nicht die Namen unserer Eltern, falls du in die Richtung gehen möchtest oder deine Mutter dir das angetragen hat. No way! Ein schwülstig angehauchter Olivier in der Familie reicht. Das gleiche gilt auch für peinliche Zweitnamen, die kein Mensch braucht. Außer meine Mutter vielleicht, um sich aufzuspielen.
Natürlich nicht! Auch wenn Papa das sicherlich gefallen würde. Oder Jochen, der kommt jedes Mal mit dem gleichen Witz um die Ecke. Aber nicht mit mir! Und mit Marc schon mal gar nicht.
Gretchen (guckt ihn eindringlich an): Lässt du mich dann bitte endlich mal ausreden?
Marc (charmant wie eh und je): Bitte! It’s your turn, Haasenzahn. Ich wollte es nur noch mal erwähnt haben.

Okay, Gretchen Haase, die Highlights zuerst. Mit denen kannst du nichts falsch machen. Marc wird sie lieben. Bestimmt. Also, ich hoffe?

Gretchen (versucht ihr aufgeregt klopfendes Herz zu ignorieren): Gut, dann... ähm... fangen wir an. Charlotte finde ich schön.
Oje! Genau das habe ich befürchtet. Sie setzt auf niedlich.
Marc (hebt skeptisch seine Augenbrauen): War ja klar, dass du gleich wieder auf die Mädchenschiene umswitchst, wenn du die Chance dazu bekommst.
Gretchen (bleibt cool, auch wenn sie ein wenig eingeschnappt reagiert): Schließlich müssen wir ja auch alle Eventualitäten abdecken. Also behaupte nicht ständig, echte Machos machen nur Jungs. Cedric hat auch drei Mädchen.
Ja, warum wohl? Weil er ein Gockel ist!
Marc (grinst spöttisch): Ich hab ja auch nie behauptet, dass der ein anständiger Kerl ist.
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht nach Witzen zumute): Witzig! Können wir ernst bleiben? Also, was sagst du nun zu Charlotte?
Marc: Was ist die Alternative beziehungsweise äh... die Dublette?
Gretchen: Annette.
Ach, du Scheiße! Der Reim war jetzt so nicht geplant.
Marc (echte Begeisterung sieht anders aus): Wer heißt denn heutzutage noch so?
Er mag sie nicht! Wieso denn?
Gretchen (versucht sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen): Also ich finde sie süß.
Marc: Du findest ja auch süß, wenn du Gewürzgürkchen in ein Nutellaglas tunkst.

Gretchen (jetzt ist sie erst richtig beleidigt): Können wir bitte bei rationalen Argumenten bleiben? Ältere Namen sind im Trend.
Okay, die Schiene? Niedlich plus oldschool! Wer hat dich denn auf den Zug gebracht? Der sollte definitiv eingestellt werden.
Marc: Und seit wann machst du das, was andere tun? Ich dachte, wir suchen etwas ganz Besonderes. Einzigartiges. Etwas, das auf uns und die Wundersterne passt wie Arsch auf Eimer.
Oh, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Er hat mir zugehört. Natürlich sollen die Namen besonders sein. Das soll ihr Hauptattribut werden.
Gretchen (überrascht, dass er so denkt): Und das trifft auf Charlotte und Annette nicht zu? Guck mal, daraus könnte man so süße Spitznamen bilden wie Lotte und Netti.
Och nee? Spitznamen? Wer braucht denn so was? Kurz und knackig so wie ich, Marc, das ist das Wahre.
Marc (versucht es ihr möglichst schonend beizubringen): Ich sag’s mal so. Die flotte Lotte und die nette Annette. Merkst du auch, oder?
Gretchen (grummelt schmollend in sich hinein): Ach, menno, Marc! Ich habe verstanden. Keine Namen, mit denen man lustige Reime bilden kann.
Marc (grient sie zufrieden an): Braves Mädchen! Sei froh, dass du mich hast. Ich weiß, wie es auf Schulhöfen so abläuft, Haasenzahn. Kinder können untereinander schrecklich gemein sein.

Ja, ja, du Schlaumeier, ich höre es jetzt auch. Auf einmal bist ausgerechnet du die Schulhofpolizei. Tzz... Dabei wären die Namen so schön gewesen. Charlotte und Annette Meier! Menno!

Gretchen (zynisch): Danke, Marc! Dafür, dass du meine ganze Schulzeit eindrucksvoll geprägt hast.
Hat ja auch wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Marc (genießt ihren eingeschnappten Zustand sehr u. setzt noch einen oben drauf): Immer wieder gern, Haasenzahn! Und, hast du auch Jungsnamen auf deiner rosaroten Liste? Ich will dir ja nicht reinreden, aber darüber müssen wir definitiv auch sprechen. Du wolltest schließlich, dass Mehdi nicht mit der Sprache rausrückt und seit Monaten diesen Trumpf gegen uns ausspielt.
Gretchen: Tut er doch gar nicht. Außerdem hat dir der Gedanke, es nicht zu wissen, auch gefallen.
Marc (versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, u. lenkt geschickt ab): Papperlapapp! Wo waren wir? Ah ja, Max wäre doch nicht übel, hm?
Gretchen (immer noch nicht ganz wieder bei der Sache): Ja, mag sein.
Marc (direkt verstimmt): Was stimmt denn daran wieder nicht? Ist doch kurz und knackig. Keine alberne Spitznamengefahr. Es sei denn, du bestehst auf Moritz als zweiten Jungennamen.
Och... Max und Moritz, hm... süß!
Gretchen (muss direkt schmunzeln): Würde vom Frechheitsfaktor ja passen.
Marc (hebt anerkennend sein Kinn): Hey, hey! Exzellent gekontert, Liebes. Geht doch.
Gretchen (bringt den Angeber direkt wieder auf den Boden der Tatsachen zurück): Nein, geht nicht, Marc, wenn wir auf etwas Besonderem bestehen wollen.
Marc (kann ihr nicht folgen): Wieso?
Gretchen (erklärt es ihm): Wenn du Gefahr laufen willst, dass in seiner Klasse auch noch sechs andere Max’ neben ihm sitzen. Max ist in den vergangenen Jahren auf der Liste der beliebtesten Jungennamen immer in den Top Ten gewesen.
Marc (horcht irritiert auf): Dafür gibt es extra eine Liste?
Auf was muss man denn noch alles achten?
Gretchen: Was denkst du denn? Es gibt sogar eine für unser Viertel oder die von Mehdis Station. Und es gibt ganze Regale mit Büchern mit Namensvorschlägen in den Bücherhandlungen.
Marc (kleinlaut): Die du vermutlich alle gelesen hast?
Gretchen (schnippisch): Muss ich nicht. Ich habe meine ganz eigenen Vorstellungen.

Marc (verzieht schmunzelnd seine Mundwinkel u. guckt sie provozierend an): Na, da bin ich aber mal gespannt.
Gretchen (ehe er wieder meckern kann, holt sie erneut aus): Wenn wir bei den Jungs bleiben wollen, ich finde zum Beispiel Kai schön.
Okay, was haben wir jetzt schon alles? Niedlich, oldschool, ausgefallen und spießig hoch drei. Hilfe!
Marc (seine Augenbrauen hüpfen gen Stirn): Kai? Wie langweilig ist das denn? So heißt doch seit unserer Schulzeit keiner mehr und das ist auch gut so.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor der Brust): Du hast auch an allem etwas auszusetzen, was, Marc? Noch nie von Kai und Gerda gehört? Aus „Die Schneekönigin“? Eigentlich sollte ich ja Gerda heißen, aber Papa wollte unbedingt...
Marc (kann sich nicht beherrschen u. muss ihr direkt ins Wort fallen): Haasenzahn, es ist Hochsommer und du redest von Schnee und Kronenträgerinnen. Wir sollten doch rational an die Namenssuche herangehen, hast du gesagt, und jetzt nicht auch noch Grimms Märchenbücher durchwälzen.
Gretchen: Hans Christian Andersen.
Marc (guckt sie empört an): Du willst unsere Kinder Hans und Christian nennen? No way, Gretchen, echt nicht! Veto, aber so was von.
Gretchen (seufzt gefrustet auf): Ach, vergiss es, Marc! Vielleicht sollten wir es gleich ganz lassen. So wird das nie was.

Ich habe gedacht, es wird schön, wenn wir zusammen schwelgen und uns die schönsten aller Namen aussuchen. Aber er macht alles kaputt. So macht das keinen Spaß.

Marc (lehnt sich zu seiner Schmollprinzessin, um sie wieder versöhnlich zu stimmen): Nee, nee, nee, Haasenzahn, wir klären das jetzt und wenn es die ganzen drei Tage dauern wird. Wir fahren nicht nach Hause, bis wir nicht wissen, was wir in ihre Pässe schreiben werden. Also, kein Hans, kein Olivier, kein Max, kein Kai und kein Christian. Was dann?
Gretchen (wird von seinem neu erwachten Enthusiasmus direkt gepackt u. guckt ihn hoffend an): Florian?
Marc (lässt sich den Namen auf der Zunge zergehen u. wirkt anfangs ganz angetan): Florian? Florian. Hm...?
Gretchen (beobachtet ganz gespannt, was in seinen Gehirnwindungen so vor sich geht): Und?
Er gefällt ihm! Juhu! Ich setze schon mal ein imaginäres Häkchen, bevor er doch noch was findet.
Marc: Du wirst ihn dann aber nicht ständig Flo(h) nennen, weil es ja so niedlich und putzig klingt, oder?
Gretchen (lenkt schnell ab): Weiß nicht.
Wird sie! Armer Kerl!
Marc (tippt ihr grinsend mit dem Finger an die Nase): Ich sehe es dir an der Nasenspitze an, Murmelinchen. Veto! Keine putzigen Tierchen im Namen! Haben wir doch abgesprochen?
Gretchen (eingeschnappt): Ach, Marc! So kommen wir doch nie auf einen gemeinsamen Nenner.
Marc: Hängt davon ab, was für Alternativen dein Katzenblock noch so in der Reserve hat.
Gretchen (guckt dann doch kurz auf die entsprechenden Seiten in ihrem Tagebuch, die sie extra Marc vorenthält, der ihr immer wieder über die Schulter zu gucken versucht): Was ist denn mit David?
Marc (grübelt angestrengt vor sich hin): Hm...?
Gretchen (denkt, sie hat ihn durchschaut): Wenn du still wirst, dann heißt das gut, oder?
Marc (zwinkert ihr geheimnisvoll zu): Vielleicht?

Zumindest ist er nicht ganz so scheiße wie seine Vorgänger. Hat was. Nur was?

Gretchen (strahlt ihn glücklich an u. setzt ein weiteres imaginäres Häkchen): Dann lassen wir ihn in der Warteschleife, ja?
Marc (hat sie durchschaut u. grient sie an): Du willst wieder zu den Mädchen rüber hüpfen, stimmt’s? Na, dann, wenn’s dir weiterhilft, um kreativ zu sein, höre ich mir das mal an.
Gretchen (knutscht ihren Schatz direkt ab): Du kennst mich so gut. Also, da wir uns noch nicht so richtig einigen konnten, wollte ich vorschlagen, wir konzentrieren uns eher auf die kürzeren Namen. Wie zum Beispiel Laura.
Marc (wirkt skeptisch): Laura? Ich weiß nicht. Kommt es nur mir so vor oder klingt das für dich auch eher zickig, arrogant und intrigant?
Gretchen (hat keine Ahnung, wo er das schon wieder herholt): Nicht unbedingt?
Okay, besser keine Namen, die ich in seinem kleinen schwarzen zerfledderten Büchlein gelesen habe, bevor er es für mich vernichtet hat.
Marc: Aber dir ist schon aufgefallen, dass es gewisse sehr, sehr enge Freunde von uns gibt, die total auf die L-Schiene abfahren. Weiß der Geier, wieso? Ich weiß nicht, ob Gabi dir noch so wohlgesinnt bleibt, wenn du ihr namenstechnisch in die Parade fährst.
Gretchen: Du meinst wegen Lucie? Ich finde zwar, das ist weit weg von Laura, aber okay? Ähm... Was ist denn mit Julia?
Marc (guckt sie mit großen Augen ungläubig an u. muss direkt grinsen): Ernsthaft? Träumst du immer noch davon? Weil du bei uns in der Schule keine große Bühnenkarriere geschafft hast, willst du das jetzt an unsere Kinder weitergeben? Und wenn’s ein Junge wird, heißt der dann Romeo, oder was? Du weißt schon, was dann auf dem Schulhof passiert, oder?

Er ist so ein Spielverderber! GRRR! Dabei habe ich doch gar nicht so weit gedacht. Gut, dass er mitdenkt.

Gretchen (streckt ihm die Zunge heraus u. schmollt): Du bist so blöd.
Marc (schmiegt sich versöhnlich an ihre Seite): Nein, nur objektiv. Ich achte auf die Zwischentöne.
Gretchen (lässt sich in seine Umarmung fallen, auch wenn sie immer noch ein bisschen verstimmt ist): Ach ja? Und welche Zwischentöne findest du bei Diana?
Marc (ist jetzt so richtig baff u. guckt sie dementsprechend überrascht an): Diana? Süß, aber...
Gretchen (dreht sich eingeschnappt wieder von ihm weg): Das war so klar.
Marc (lacht): Nein, nur etwas verstört, weil du immer noch die Prinzessin von Wales beweinst. Wolltest du nicht auch mal ihren Sohn heiraten, wenn er groß ist?
Gretchen (verwirrt u. überfordert von der Gesamtsituation): Haha! Nein, aber ähm... egal. Eigentlich hab ich an die Mythologie gedacht. Aber wenn er dir nicht gefällt, dann...
Marc (überrascht u. sichtlich angetan): Göttin Diana, okay, ja, hat was. Muss ich zugeben.
Gretchen: Du machst dich lustig?
Marc: Sehe ich so aus?
Gretchen (guckt ihm forschend in die Augen u. kann zu ihrer Überraschung nichts dergleichen finden): Aber so richtig gefallen dir David und Diana dann doch nicht?

Ach, keine Ahnung! Es ahnt ja keiner, wie kompliziert so eine Namenssuche ist. Mutter hat immer gemeint, ihr wäre mein Name im Traum erschienen und Dad war gleich so richtig angetan davon. Vielleicht sollten wir auch noch mal eine Nacht darüber schlafen?

Marc: Das hab ich nicht gesagt. Ich hab nur das Gefühl, der richtige Clou fehlt noch.
Gretchen (versteht wieder mal nur Bahnhof): Wie meinst du denn das schon wieder?
Marc (kann es auch nicht so richtig beschreiben): Na, so was wie bei uns. Marc und Gretchen. Marc und Margarethe. Das passt einfach zu uns. Das sind wir. So definieren wir uns.
Gretchen (staunt u. denkt darüber nach): Stimmt. Wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen? Na klar, ich habe doch früher diesbezüglich schon ein bisschen herumgesponnen, weißt du.
Marc (lässt diese Steilvorlage nicht ungenutzt u. zieht sie auf): Ach? Nur früher?
Gretchen (zischt ihn scharf von der Seite an u. ist in ihrer Ideenfindung nun nicht mehr zu bremsen): Maaarc! Ich meine mit unseren Initialen. M und M. MA und MA. MAR und MAR.
Marc (jetzt guckt er ein bisschen betröppelt aus der Wäsche): Äh... das wird jetzt aber nicht so eine komplizierte Geschichte wie bei Lilly, die gleich ne ganze Wissenschaft daraus gemacht hat?
Gretchen (grinst): Nein, aber der Ansatz ist der gleiche.
Marc (zeigt deutliche Zeichen von Überforderung): Oh Gott, du hast ne Liste von ihr in deinem Tagebuch, oder?
Gretchen (hält es ihm demonstrativ hin u. kichert): Wohlmöglich.
Marc (fährt sich mit seiner Hand über sein pochendes Herz): Haasenzahn!
Gretchen (genießt es, wie er leidet, aber bringt es schnell wieder auf den Punkt): Wir haben auch ein bisschen mit unseren Namen herumgesponnen, als sie mir ganz stolz ihre beiden Namenslisten gezeigt hat. Die für Jungs und die für Mädchen. Du hast sie doch auch gesehen, als du Lilly neulich vom Gitarrenunterricht abgeholt hast?

Was auch definitiv das letzte Mal gewesen ist. Mir klingeln jetzt noch die Ohren, wenn ich an die ganzen L-Wörter denke, die sie mir gitarrenbegleitet im Auto vorgesummt hat. ‚L wie Liebe, Onkel Marc!’ Kaan muss bescheuert sein, aber das ist ja nichts Neues. Er musste ja auch unbedingt die Gewitterziege schwängern. Selber Schuld!

Marc (grummelt vor sich hin): Ja, schon, das war ja auch ganz witzig, aber das heißt nicht, dass wir unsere Entscheidung auch einer neunjährigen Grundschülerin überlassen werden.
Gretchen (kleinlaut): Sie ist fast zehn und besucht ab übernächster Woche das Gymnasium.
Marc (schmunzelt über die süße Klugscheißerin): Jetzt hörst du dich fast an wie sie. Aber ich meine das ernst.
Gretchen (funkelt ihn aus strahlenden Augen an): Ich auch. Also, lass uns doch etwas aus unseren Initialen herleiten, hm?
Marc (schaut dem hibbeligen Engelswesen in die Augen u. ist einmal mehr von ihrer Überzeugungskraft beeindruckt): Scheiße, ja, das ist schon irgendwie genial.
Gretchen (überrascht, dass er nicht gleich wieder gegenargumentiert): Wirklich? Ich glaube nämlich, es gibt total viele megagute Namenskombinationen in der Hinsicht.
Marc (macht sich gleich wieder einen Spaß daraus): Du meinst so wie Manfred?
GRRR! So ein Blödi! Wehe, du machst das wieder kaputt, Marc, jetzt wo wir wenigstens den Hauch von einem Konsens haben!
Gretchen (blitzt den Witzbold eingeschnappt an u. schlägt ihn mit einem Kissen): Auf gar keinem Fall! Wenn schon, dann in die Richtung von Matthias vielleicht?
Marc (nimmt ihr das Kissen rechtzeitig ab u. schiebt es sich in den Rücken, dabei denkt er, sie will ihn ebenfalls hochnehmen): Bitte? Ey, mein Sohn wird garantiert kein stinklangweiliger Versicherungsvertreter. Oder schlimmer noch, Schauspieler! Lass uns doch noch mal über Max sprechen? Das geht doch auch in die Richtung?

Also geschickt verhandeln, das kann er. Ich verstehe nur nicht, was er gegen Matthias hat? Er ist doch gut oder war talentiert, bevor er bei Til Schweiger in die Schule gegangen ist. Hm... also, kein Häkchen.

Gretchen (schmunzelt u. versucht konzentriert zu bleiben): Nein, du kennst die Problematik. Also, ich will nicht sagen, er wäre nicht schön. Er ist schon süß. Sehr süß sogar. Aber dann bräuchten wir auch noch einen zweiten Namen mit nur drei Buchstaben. Da wird es schon schwieriger. Es sollte sich schon ein bisschen ähneln, damit es passt. Gehen wir doch noch mal zu den Mädchennamen zurück. Da finden wir bestimmt schnell etwas.
Marc (stöhnt leicht entnervt auf): Wenn du meinst?
Gretchen (sieht ihn ganz erwartungsvoll an): Marie ist schön.
Marc (kann sein spöttisches Schmunzeln nicht lange verbergen): Schuldest du der Hassmann irgendwas oder wieso willst du unser Kind ausgerechnet nach ihr benennen? Weil du ihr deinen Facharzt zu verdanken hast? Ey, die Hauptarbeit, damit du gut ausgebildet bist, hab ja wohl ich geleistet.
Angeber!
Gretchen (leicht schmollend): Ich habe nicht Maria gesagt.
Marc (mit ihm ist nicht zu diskutieren): Ist aber nah dran. Nächster Vorschlag?

Er ist gemein. Okay, was sagt mein schlaues Büchlein denn noch so? Oh, ich weiß! Diese beiden werden ihn definitiv überzeugen.

Gretchen (schlägt einige Seiten in ihrem Tagebuch zurück u. wird direkt fündig u. strahlt Marc wieder voller Begeisterung an): Okay, meine absoluten Lieblinge sind Maja und Mara. Das ist süß. Das ist witzig. Schlau. Selbstbewusst. So wie wir.
Marc (stimmt mit verstellter Stimme direkt einen bekannten Klassiker an u. hört zu Gretchens Verärgerung nicht wieder damit auf): Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche, schlaue Biene Maja. MAAAJA...
Wieso habe ich gewusst, dass genau das passieren würde? Hm... steht ja auch als Anmerkung in meinem Tagebuch! Menno!
Gretchen (hält ihm eingeschnappt den Mund zu): Hör auf!
Marc (lacht): Die Kids werden in der Hofpause auch nicht damit aufhören, wenn sie erst einmal angeflattert kommt.
Gretchen (schmollt ungeniert): Ach, menno, so langsam macht das hier echt keinen Spaß mehr.
Marc (versucht, sich wieder ernster zu geben, um sie umzustimmen): Was können wir dagegen unternehmen, hm? Ich habe nämlich nicht gesagt, dass ich sie komplett scheiße finden würde. Ich wollte nur...
Gretchen (lässt ihn gar nicht erst weiter ausreden): Ja, ja, ist angekommen. Trotzdem... Vielleicht... Ähm...

Gretchen drückte ihr Tagebuch an ihre Brust und versank tief in ihren Gedanken, bis ihre Augen plötzlich wieder verdächtig aufleuchteten. Schnell zückte sie ihr Tagebuch und riss zu Marcs Erstaunen zwei leere Seiten heraus. Eine rosa Seite reichte sie Marc. Die andere Hälfte behielt sie selbst in ihren Händen. Dann gab sie ihrem verdutzten Lebensgefährten auch noch einen Stift, den sie aus der Seitentasche ihrer Handtasche gezogen hatte.

Marc: Was wird das, wenn’s fertig ist?
Gretchen: Marc, wir werden nie auf einen grünen Nenner kommen, wenn wir so weitermachen. Am Ende streiten wir uns noch und das will ich nicht. Ich will nämlich eine schöne Zeit mit dir hier am Strand verbringen.
Marc (lächelt sie verliebt an): Das will ich auch.
Gretchen (erwidert sein ansteckendes Lächeln): Also machen wir jetzt eine stille Wahl. Jeder von uns schreibt seine Lieblingsnamen auf, die mit MA beginnen. Je zwei für Jungs und zwei für Mädchen und an die Vornamen, die einem davon am besten gefallen, setzen wir ein kleines Häkchen oder ein Herzchen, je nachdem, und dann tauschen wir.
Marc (versucht ihr zu folgen): Und suchen da auch den Favoriten heraus?
Gretchen (strahlt ihn an, weil er es direkt verstanden hat): Genau!
Okay? Könnte funktionieren.
Marc: Und wenn wir wieder keine Dopplung haben, auf die wir uns einigen können? Vier plus vier ist immer noch eine Menge Buchstabensalat.
Gretchen: Dann legen wir die Zettel in unsere Marc-und-Gretchen-Box, die du mir zum Geburtstag geschenkt hast, und holen sie erst nach der Geburt der Zwillinge wieder heraus. Ich glaube nämlich, wenn wir die beiden erst einmal sehen, dann wissen wir ganz genau, was auf die Zwei passen könnte.

Gretchen guckte den skeptisch dreinblickenden Oberarzt mit ihren strahlenden blauen Augen erwartungsvoll an. Es dauerte einen kleinen Moment, bis es Dr. Meier dämmerte, was sie da gerade in ihrer ganz eigenen Art vorgeschlagen hatte, und so schenkte er seiner Süßen schließlich ein zufriedenes Lächeln, das auch sie glücklich stimmte. Betont geschäftig drehte sie sich nun von ihm weg und legte den kleinen Zettel auf ihr Tagebuch, um zur entscheidenden Namenswahl überzugehen. Marc schmunzelte nur darüber und tat es ihr gleich, indem er die Strandkorbbroschüre als Unterlage benutzte. Er konnte aber nicht widerstehen, immer mal wieder zu versuchen, seinem Häschen über die Schulter zu schauen, was natürlich direkt registriert und entschieden abgewehrt wurde.

Gretchen: Marc, nicht spicken! Ich weiß aus Erfahrung, dass du Weltmeister darin bist, aber in dem konkreten Fall solltest du deine Synapsen mal selber ordentlich anstrengen.
Marc (schnippisch zieht er sich wieder zurück u. verdeckt nun selber sein Blatt, auf das gerade intensiv geschielt wird): Tue ich doch auch, du Streberin!
Gretchen (zickt zurück u. konzentriert sich wieder auf ihr eigenes Papier): Bin ich gar nicht.
Marc (grinst): Steffi und Karsten würden etwas anderes behaupten.
Gretchen (schaut beleidigt noch einmal auf): Die sind gerade nicht hier. Jetzt lass mich! Bitte!
Marc (kann nicht aufhören zu schmunzeln): Okay?

Marc drückte seiner zickigen Herzdame noch schnell einen kleinen Kuss in den Nacken, welcher eine prickelnde Gänsehaut auslöste, die Gretchen ziemlich von ihrem Plan ablenkte, dann schritt auch er endlich zur Tat. Er musste gar nicht lange überlegen und hatte seine vier Namensvorschläge schnell zu Papier gebracht. Als seine Partnerin nachdenklich auf ihrem Kuli herumkaute, tippte er ihr auch schon an die Schulter und reichte ihr den gefalteten Zettel. Gretchen war sichtlich überrascht und schrieb noch schnell ihren letzten Lieblingsnamen auf. Dann tauschten die beiden.

Gretchen: Du bist aber schnell.
Marc (grient sie vergnügt an): Das bin ich immer bei wichtigen Entscheidungen.
Gretchen (weiß es besser): Sücher!
Marc (zwinkert ihr meierlike zu): Was uns betrifft, auf jeden Fall.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Schleimer!
Marc (lacht u. drängelt): Jetzt gib endlich deinen rosa Wisch her! Sonst werden wir hier ja nie fertig.
Gretchen: Aber du setzt nur deine Häkchen. Wir fangen jetzt nicht wieder an zu diskutieren, falls dir einer davon nicht passen sollte.
Marc (funkelt sie leicht genervt an): Haasenzahn, nicht faseln, machen!
Gretchen: Ja, doch!

Mit zittrigen Fingern reichte Gretchen Marc ihren gefalteten Zettel und faltete anschließend seinen auseinander. Mit immer größer werdenden Augen las sie die vier Namensvorschläge und schaute ungläubig wieder auf. Ihr Gegenüber hatte extra mit seiner Analyse gewartet, weil er unbedingt ihren Blick einfangen wollte. Und der war definitiv Gold wert. Haasenzahn war nämlich völlig perplex und hielt mit ihrer freien Hand ihren Babybauch, in dem gerade Purzelbäume geschlagen wurden.

Marc: Na, hat mich da etwa jemand unterschätzt?
Gretchen (sichtlich baff u. den Tränen nahe): Marc?
Marc (streift ihr mit dem kleinen Finger das Tränchen weg): Hey! Hier wird nicht geweint. Verstanden? Am Ende setzt du noch an der falschen Stelle dein Herzchen hin.
Gretchen (lächelt ihn direkt wieder an u. ist glücklich): Ich weiß schon, was ich will.
Marc: Na, da bin ich aber mal gespannt.

Marc blickte seiner sichtlich gerührten Freundin lange in die Augen, bis sie sich abwandte, um eben jene Herzchen um zwei der Namen zu zeichnen. Den Moment nutzte auch er, um zu schauen, was Gretchen sich so namenstechnisch vorstellte. Auch ihm sah man das Erstaunen deutlich an, als erst seine beiden Augenbrauen in die Höhe hüpften und sich anschließend seine Lippen zu einem verschmitzen Lächeln hoben. Gretchen schaute ihm gebannt dabei zu und kam nicht umhin, aufgeregt nachzufragen, wofür er sich nun entschieden hatte.

Gretchen: Und?
Marc (faltet den Zettel schnell wieder zusammen): Und was?
Gretchen (verdreht die Augen): Was denkst du?
Marc: Dass wir das Denken für heute Abend erst einmal einstellen werden.

...gab der coole Macho spritzig zurück. Er nahm ihr den Zettel ab, faltete ihn ebenfalls wieder zusammen und steckte ihn zusammen mit seinem eigenen ungelesen in Gretchens Tagebuch, das er anschließend tief in ihrer Krankenhaustasche vergrub. Die verdatterte Stationsärztin konnte ihm gar nicht so schnell folgen, da lag er schon wieder neben ihr und griente sie auf seine unnachahmliche Marc-Art an, bevor er sie fest in seine Arme zog und seine Hände an ihrer voluminösen Babymurmel andockte, in der es nach seiner zärtlichen Berührung auch endlich ruhiger wurde.

Gretchen: Was wird das?
Marc (gibt sich betont unbeeindruckt u. erklärt es ihr lässig, während er mit seinen Lippen verführerisch ihren Nacken entlangfährt): Ich habe sie dahingepackt, wo sie hingehören. Wir holen sie erst wieder raus, wenn die Zwillinge da sind.
Gretchen (genießt das Prickeln auf ihrer Haut, auch wenn sie immer noch ein bisschen verunsichert ist): Aber dann wissen wir doch noch gar nicht, wofür wir uns entschieden haben.
Marc (hält inne u. blickt der Zweiflerin tief in die hin- und herhuschenden Augen): Müssen wir auch nicht. Eine weise Dame hat mir nämlich gesagt, dass wir es wissen werden, sobald die beiden auf der Welt sind und uns mit ihren winzig kleinen Augen angucken.
Marc ist unglaublich. Wo kommt das denn auf einmal her?
Gretchen (ist völlig hingerissen von ihrem Charmebolzen u. kuschelt sich verliebt in seine Arme): Das muss wirklich eine sehr, sehr weise Frau gewesen sein.
Marc (beugt sich mit funkelnden Augen über sie): Jep! Weise, vorlaut, ein bisschen nervig,...
Gretchen (kneift ihm empört in die Seite): Hey!
Marc (lacht): ...und atemberaubend in ihrer ganzen Art.

...setzte der bis über beide Ohren verliebte Mann noch schnell charmant hinterher, bevor sie ihn wieder hauen konnte. Aber diesmal blieb der verbale wie körperliche Angriff auf ihn aus. Stattdessen lockte ihn Gretchens strahlendes Lächeln zum Küssen heran. Eine Bitte, der Marc natürlich nicht widerstehen konnte und der er sich ausgiebig widmete. Anschließend lagen die beiden Liebenden da, lächelten den Sternschnuppenhimmel über ihrem Bett an und schwelgten Arm in Arm in ihrem Glück. - „Unsere Babys haben Namen, Marc.“ - „Ich weiß. Das macht das Ganze jetzt so richtig real, oder?“ - „Mhm...“, summte Gretchen zufrieden vor sich hin, bis sie in seinen Armen schließlich eingeschlafen war. Marc beobachtete seine Süße noch einen Moment lang, wie sie sich lächelnd von ihren Träumen einfangen ließ, dann fiel auch er endlich in einen erholsamen Schlaf.

Lorelei Offline

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05.01.2017 14:23
#1585 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Als Gretchen am nächsten Morgen erwachte, hatte sie so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Sie war in der Nacht nicht einmal aufgewacht, weil eins der Zwillinge in ihrem Achtmonatsbauch sie gezwickt hatte oder beide gleichzeitig sie geärgert hatten oder dringende körperliche Bedürfnisse ein Aufwachen zwingend erforderlich gemacht hatten. Nein, sie hatte sich wohlig in die kunterbunte Traumblase fallenlassen können, in welcher Marc und sie bereits eine richtige Familie waren mit allem Drum und Dran und herzlichem Spaß. Clever wie die passionierte Träumerin war, hatte Margarethe Haase diese wunderbare Traumphase natürlich sofort genutzt, um den einen oder anderen Namensvorschlag, den sie am Abend ausgeheckt hatten, am lebenden Traumobjekt auszuprobieren und war sich nun sicherer denn je, was Marc und sie zu tun gedenken würden. Jedwedes Nachhaken ausgeschlossen, denn sie wusste ganz genau, wie begeistert auch ihr Schatz darüber sein würde. Und so war sie schließlich gut erholt mit einem breiten Strahlelächeln auf ihren geschwungenen Lippen aufgewacht und fühlte sich wie neugeboren.

Die putzmuntere Berlinerin lauschte noch ein wenig dem beruhigenden Rauschen der Ostsee direkt vor ihrer Tür und kuschelte sich dabei wieder wohlig aufseufzend in ihr Meer aus watteweichen Kissen. Gretchen liebte diesen Ort schon jetzt, der an jeder seiner Ecken und Enden diese gewisse Magie ausstrahlte, der man sich nicht entziehen konnte, und das sogar ohne Sternschnuppenschauer, welchen man leider nur nachts beobachten konnte. Aber es würden schließlich noch zwei weitere aufregende Nächte folgen, in denen Marc und sie unzählige Wünsche nach oben schicken könnten, und darauf freute sich die hibbelige Hochschwangere schon jetzt. Dieser megagroße gemütliche Übernachtungsstrandkorb war definitiv ihr neuer Lieblingsort auf Erden. Und es war wahrlich ein himmlisches Gefühl, das sie umgab, als sie sich unter der warmen gemütlichen Bettdecke noch einmal entspannt räkelte und sich von der besonderen Magie einlullen ließ, bis die verträumte Chirurgin langsam ihren Arm ausstreckte, um nach ihrem Traummann zu haschen, und dabei jedoch ins Leere griff. Sofort war die Einunddreißigjährige hellwach und richtete sich mühsam im Bett auf, während sie sich verwundert über die Augen strich und mit ihrer freien Hand über das kühle Laken neben sich fuhr. Ein beunruhigender Schauer durchzuckte sie mit einem Mal und sie konnte noch nicht einordnen, woher dieses sonderbare Gefühl gekommen war.

- „Marc“, hauchte Gretchen zaghaft in den noch abgedunkelten Raum, dann wurde ihre ängstliche Stimme mit zunehmender Unruhe, die nach ihrem Herzen gegriffen hatte, immer schriller und lauter. - „Maaarc?“ Mit einem Mal fühlte sie sich gar nicht mehr so gut und erholt wie noch einige Minuten zuvor und versuchte angestrengt, aus dem Bett zu kommen, was mit ihren aktuellen Körpermaßen und ihrem in hektischen Situationen immer zu Tollpatschigkeiten neigenden Talent gar nicht so einfach war. Aber das Bedürfnis, ihren geliebten Seelenpartner unbedingt suchen zu müssen, wuchs mit jeder weiteren Sekunde an, die er nicht bei ihr war. - „MAAAARC!!!“, schrie sie nun ihre ganze Panik in Richtung Ausgang, während sie verzweifelt nach dem Lichtschalter tastete, um sich besser orientieren zu können. Und genau in dem Moment wurde der Strandkorb vom Licht des hereinbrechenden Tages regelrecht geflutet und eine ihr sehr vertraute Stimme brachte ihr endlich Linderung. Aber es brauchte noch einen langen Moment, bis sich Gretchens aufgeregter Herzschlag wieder einigermaßen beruhigt hatte.

Marc: Was keifst du denn hier so laut herum? Ey, du weckst noch die ganze Nachbarschaft auf und ich hatte eigentlich gehofft, dass wir noch ein bisschen ungestört bleiben.

Gretchen blinzelte in Richtung Eingang und da stand er plötzlich wieder vor ihr, als wäre überhaupt nichts gewesen: Marc Meier. Märchenprinz. Oberarzt. Und werdender Papa ihrer Zwillinge. Er wurde vom grellgelben Licht der aufgehenden Sonne umrahmt und glich tatsächlich für einen Augenblick der Person, zu der er sich gerne in ihrer Gegenwart hochmütig aufspielte, wenn er einen blauen OP-Kittel trug. Die völlig durcheinander wirkende Ärztin konnte nicht verhindern, wie ihr unvermittelt die Tränen in die Augen schossen, welche nur zum Teil daherrührten, dass das Sonnenlicht ihre Iris blendete. Hektisch blinzelnd stammelte sie unzusammenhängendes Zeug in Marcs Richtung und ihr Alltagsheld war sofort höchstalarmiert.

Gretchen: Du... du... du warst weg, als ich aufgewacht bin. Ich dachte, du... du... Ich hab mir Sorgen gemacht.
Marc: Hey! Du bist ja völlig durch den Wind.

...stellte Dr. Meier sofort die richtige Diagnose und war schnurstracks an ihrem Bett. Er hatte seine beiden Einkaufstüten, aus denen es verdächtig duftete, arglos auf den Boden geschmissen und kniete sich vor das Häuflein Elend hin, das von heftigen Schluchzern und Schluckauf durchgeschüttelt wurde. Er schnappte sich ihre beiden eiskalten Hände und hielt sie sich vor die warmen Lippen, um sie zu beruhigen.

Marc: Hey! Süße, beruhige dich! Was ist denn los? Ich bin doch da.
Gretchen (kann nicht aufhören, zu weinen, u. ärgert sich über sich selbst, weil sie grundlos überreagiert hat): Jetzt! Aber ich will nicht mehr ohne dich aufwachen, Marc.
Marc (fährt sich aufgewühlt mit einer Hand durch sein ungekämmtes Haar u. lächelt seine verstörte Prinzessin mitreißend an): Das war der eigentliche Plan. Aber ich hab nicht geahnt, dass du schon mit den Möwen aufwachst. Genauso wenig hab ich geplant, mir die Füße wund zu laufen, um hier in diesem versifften Kaff eine offene Bäckerei zu finden. Ich hab nen richtigen Irrweg hinter mir. Also, wenn du mich fragst, ist das kein Wunder, dass das Navi hier nicht funktioniert und unsere Handys nur sporadisch. Mich würde nicht mal wundern, wenn der Ort auf überhaupt keiner Karte verzeichnet ist. Den gibt es gar nicht. Wie in diesen Science-Fiction-Filmen, wo man irgendwo ist, aber wieder auch nicht, wenn du verstehst.
Gretchen (sofort versiegt ihr Tränenfluss, als sie in Marcs treue Augen blickt, die aufgeregt hin u. her huschen): Du hast Brötchen geholt?
Marc (verdreht leicht genervt die Augen u. greift nach einer der Tüten, die er lässig aufs Bett schmeißt): Semmeln, Murmelinchen, Semmeln. Nachdem ich endlich einen Kiosk gefunden hatte, der schon auf hatte, musste ich mich auch noch belehren lassen. Tzz... Flitzpiepen! Aber nicht wissen, was ein Pain au chocolat ist. Aber keine Sorge, bevor du und die Zwerge Schokoentzugserscheinungen bekommt, weiß ich zu helfen. Die hatten aber nur diesen Ossischokoaufstrich in dem Tante-Emma-Laden. Ich hoffe, das macht nichts? Sieh es als wissenschaftliches Experiment.
Gretchen (guckt ihren persönlichen Helden ganz gerührt an u. greift mit beiden Händen beherzt nach seinem Gesicht, um ihn innig zu küssen): Du bist der Beste! Danke!
Marc (verharrt noch ein bisschen länger als nötig mit seinen weichen Lippen auf ihrem süßen Mund u. murmelt verliebt): Immer wieder gern. Wenn du mir dafür hier den Strandkorb nicht weiter unter Wasser setzt, hm. Ich wollte eigentlich erst später mit dir schwimmen gehen.
Gretchen (schnieft): Ich versuch’s!
Marc (schaut ihr hingerissen in die feuchten Augen): Du heulst immer noch.
Gretchen (beißt sich ertappt auf die Lippen, kann die verräterische Röte auf ihren Wangen aber nicht verhindern): Ja, gleich, das hört nicht auf Knopfdruck auf. Schön wär’s.
Beruhige dich, Gretchen! Versau euren Romantiktrip nicht mit unnötigen hormonbedingten Überreaktionen, wo auch immer die gerade hergekommen sind. Er ist hier bei dir und da wird er immer sein. Vertrau ihm und dir selbst, Gretchen! Alles ist gut.
Marc (fühlt sich animiert, ihr auf seine Weise zu helfen): Hm, aber vielleicht hiermit?

Marc legte seinen Kopf leicht schräg, guckte seine Lieblingsheulsuse auf seine bekannt verschlagene Art und Weise an, die früher, als sie noch zusammen zur Schule gegangen waren, meist nichts Gutes zu bedeuten hatte, und drückte ihr spontan einen feurigen Kuss auf die gespitzten Häschenlippen, ehe er neben sich griff und es kurz und verdächtig raschelte. Zwei Sekunden später biss Gretchen auf ein noch ofenwarmes Brötchen und kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Marcs Ablenkungsmanöver hatte direkt eindrucksvoll eingeschlagen, wie auch er zufrieden schmatzend feststellte, nachdem er sich ein kleines Stückchen von der lecker duftenden Semmel abgezweigt hatte. Da er aber morgens ungern feste Nahrung zu sich nahm und nur ihr zuliebe ab und an eine Ausnahme machte, begnügte er sich damit, seine heißhungrige Nachkatze beim ausgedehnten Frühstück im Bett zu beobachten, während er sich dabei aus der Thermoskanne, die er am Kiosk hatte auffüllen lassen, eine Tasse heißen Kaffee einschenkte und schnell den Gedanken abschüttelte, dass zu seiner rettenden ersten Dosis Koffein an diesem Tag jetzt doch vortrefflich auch noch eine Zigarette passen würde.

Der innere Schweinehund war doch wirklich ein echt fieser Saukerl, der immer dann heimtückisch und verschlagen auf ihn lauerte, wenn er ihn am wenigsten gebrauchen konnte. So wie vorhin auf dem Weg zum Bäcker, als er von ihm schon wieder fast überrumpelt worden wäre, als er eine geschlagene Viertelstunde lang vor der noch verschlossenen Kiosktür auf den frisch aufgefüllten Zigarettenautomaten hatte gucken müssen. Aber Marc hatte dem Schweinehund ordentlich den Stinkefinger gezeigt, so wie auch schon in den Wochen zuvor, als er nur zwei, drei oder auch vier stressbedingte Male rückfällig geworden war, aber heute fühlte sich dieser kleine Sieg über sich selbst richtig gut an. Für den einfältigen Bäckermeister zwar nicht unbedingt, der genau in dem Moment, als der Mittelfinger der Chirurgenhand gemächlich nach oben gewandert war, die Tür aufgeschlossen hatte und nachher eine noch schlechtere Laune gegenüber seinem ersten Kunde an den Tag gelegt hatte als so mancher Taxifahrer im Berliner Regierungsviertel.

Aber für Marc war dies ein richtiger kleiner Triumph gewesen und er wusste insgeheim, dass er diesmal endlich die Kurve kriegen würde, um endgültig von dem leidigen Laster loszukommen, welches er seit Anfang der siebten Klasse mal mehr, mal weniger obsessiv gepflegt hatte. Für Haasenzahn. Aber vor allem auch für sich selbst und natürlich für die Kleinen. Denn Passivrauchen war pures Gift, selbst wenn man es nur via rauchverqualmter Klamotten inhalierte. Und dieser Gefahr würde der leidenschaftliche Mediziner seine Kinder niemals aussetzen. Auch jetzt nicht, wo sie noch gut behütet im Bauch ihrer wunderschönen Mama waren, die wie jeden Morgen beim Frühstück ein hinreißender Schokokussmund zierte, der sofort und auf der Stelle ausgiebig aus allernächster Nähe studiert werden musste. - „Mmwaaarc, nisch schetzt!“, versuchte die hungrige Schokoqueen, den dreisten Verführungskünstler zunächst abzuwehren, hatte gegen ihn und die aufflatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch jedoch keine Chance und gab sich ihren brodelnden Gefühlen schließlich kichernd hin. - „Doch! Genau jetzt!“ Und schon hatte sich der verliebte Oberarzt auf die süße Schokoline gestürzt und hatte sie niedergeknutscht, als gäbe es kein Morgen mehr. Jegliche Gegenwehr zwecklos, wobei diese schnell eingestellt worden war, denn Gretchen Haase hatte an diesem noch recht frühen Freitagmorgen einmal mehr festgestellt, dass Küssen neben Schokolade definitiv und für alle Zeit ihre Lieblingsobsession sein würde.


Ein bisschen später lümmelten die beiden Verlieben Arm in Arm aneinandergekuschelt in ihrem gemütlichen Ferienbett und beobachteten noch ein wenig verträumt, wie sich die Morgensonne langsam über den Horizont kämpfte. Marc hatte extra das Dach des Strandkorbes geöffnet und so konnten sie, unter ihre warme Bettdecke gemummelt, die freie Aussicht aufs Meer genießen, das ganz unschuldig und ruhig vor ihnen lag. Noch war der Strand um sie herum menschenleer. Ein paar Möwen zogen über ihren Köpfen hinweg kreischend ihre Kreise in Richtung Felsen und Leuchtturmspitze. Und die Ostsee zeigte sich von ihrer allerbesten Seite. Mit einer Farbexplosion unter einem strahlendblauen Himmel, der sich darin spiegelte und schon ankündigte, dass heute ein wunderschöner warmer Sommertag werden würde. Die frische Luft und die himmlische Ruhe wirkten richtig belebend auf das innige Paar. Doch so schön es auch war, einfach nur die Seele baumeln zu lassen, mit Gretchen zu kuscheln und sie immer wieder sanft zu küssen und mit frischen Himbeeren zu füttern, die noch vom reichlichen Frühstücksbüffet übrig geblieben waren, es kribbelte dann doch so sehr in ihm, dass er schließlich aufstehen musste. Marc wollte raus ans Wasser und Haasenzahn sollte ihn begleiten. Doch die schöne Schwangere ließ sich nur eher lustlos von dem energiegeladenen Mann über den Strand ziehen. Relaxen und im Bett Schmusen entsprachen dagegen viel mehr ihrem Freizeitprogramm für die nächsten drei Tage, aber sie hatte ihre Pläne ohne ihren verspielt aufgelegten Lebensgefährten gemacht, der sie allein schon mit seinen süßen Grübchen zu locken versuchte.

Gretchen: Marc? Muss das sein?
Marc: Was ist? Na, komm schon! Glaub mir, das Wasser ist herrlich. Ich bin vorhin auf dem Rückweg vom Bäcker schon mit meinen Füßen da durchspaziert. Kneipp lässt grüßen.
Gretchen (bleibt bockig stehen): Originell! Und wenn ich nicht will?
Marc (lässt nicht mit sich reden u. schnappt sich wieder ihre zierliche, kleine Hand, um sie hinter sich herzuziehen): Gilt nicht, denn Dr. Meier hat seit gestern das Kommando übernommen. Vergessen? Jetzt darf ich nämlich in den kommenden Tagen mit dir machen, was ich will. Und ich will jetzt schwimmen gehen. Ziere dich doch nicht so! Es ist doch nichts weiter dabei. Es ist keiner hier, der uns beobachten könnte. Ich weiß ja, dass Schwimmen jetzt nicht unbedingt deine Lieblingssportart ist. Neben all den anderen Sportarten, die du regelmäßig nicht pflegst.

GRRR! So ein Blödi! So kriegst du mich ganz bestimmt nicht ins Wasser. Jetzt erst recht nicht!

Gretchen (schmollt): Frag dich mal, wieso. Ich hab ein Kindheitstrauma. Weil du und deine Clique mich im Schwimmbad immer geärgert habt.
Marc (gespielt nachdenklich): Ach ja? Hm... ferne Erinnerungen.
Gretchen (findet das überhaupt nicht witzig): Marc!
Marc (nähert sich gefährlich ihrem süßen, kleinen Ohr u. haucht verführerisch hinein): Und wenn ich dir verrate, dass ich dich eigentlich ganz niedlich in deinem rosa gepunkteten Badeanzug gefunden habe.
Gretchen (legt ihre Arme um seinen Nacken, schmiegt sich gefühlvoll an ihn u. schmachtet den Charmeur für den Hauch eines Augenblicks gespielt übertrieben an): Ach, tatsächlich? Netter Versuch, mein Lieber. Aber damals sah ich noch ganz anders aus. Und jetzt? Guck mich doch mal an!
Marc (lächelt sie an u. tut ihr den Gefallen): Ja, und?
Gretchen (löst ihre Umklammerung u. verschränkt trotzig ihre Arme): Na, komm, spuck sie schon aus! Ich weiß doch, was dir schon wieder auf den Lippen liegt.
Marc (kommt ihrem Mund grinsend näher): Deine Lippen vielleicht? Mhm... immer wieder ein Vergnügen.

Das ist unfair. Er spielt mit unfairen Mitteln. Menno!

Gretchen (schmilzt bei seinem Kuss mal wieder ungewollt dahin): Ach, Marc, du machst dich schon wieder lustig. Ich will aber nicht das gestrandete Walross sein.
Marc (baut sich schmunzelnd vor ihr auf u. sieht sich gespielt übertrieben um): Haasenzahn, jeder, der das behaupten würde, kriegt was aufs Maul, aber so was von. Du bist wunderschön.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort): Ehrlich?
Marc (lehnt lächelnd seine Stirn gegen ihre): Ich sage immer die Wahrheit. Und Walrösser hat hier in diesen Breiten noch niemand gesehen. Du wärst die Erste.
Gretchen (stupst ihn schmunzelnd an): Haha!
Marc (grinst sie forsch an): Und jetzt runter mit den Klamotten, aber zackig!
Was? Ich? Hier? NEIN!
Gretchen (zieht automatisch ihre dünne Strickjacke noch enger um ihren Körper u. rührt sich nicht von der Stelle): Ich weiß nicht, Marc. Ich glaube, heute nicht. Ich fühle mich nicht danach. Außerdem habe ich doch noch nicht einmal einen Badeanzug dabei. Oder hast du daran gedacht, einen einzupacken?
Marc (beginnt, sich wie selbstverständlich vor ihr auszuziehen, hält aber kurz inne, um in ihr niedliches verlegenes Gesicht zu schauen): Gibt es in dieser Größe überhaupt welche?
Gretchen (stupst mit beiden Händen empört gegen seine nackte Brust u. funkelt ihn an): Vorsicht, Freundchen, ganz dünnes Eis! Eigentlich kenne ich hier im Ort sogar einen Laden, der... Ach, egal!
Sonst treffe ich wieder auf „Miss DDR 1981“. Wenn ich etwas von ihr anziehe, dann lacht er erst recht über mich.
Marc: Nicht egal. Weißt du, wir sind hier wirklich unter uns. Die meisten Touris kriechen doch nicht vor elf aus ihren Betten. Eigentlich brauchst du gar keinen Stofffetzen, um dich da jetzt rein zu stürzen.

...provozierte der Schelm nun ungeniert die rote Tomate, die vor ihm stand und nach dem Spruch prompt mit ihrem Arm ausholte, aber die Erfahrung hatte Marc gelehrt, wie er rechtzeitig ausweichen konnte, und so legte er mit seiner sichtlich empörten Herzprinzessin ein kleines Tänzchen aufs sandige Parkett, welches das nun bald wieder im Einklang lachende Paar direkt in die Gischt der Ostsee führte. Gretchen kreischte erschrocken auf, als ihre nackten Zehen und ihr bodenlanges geblümtes Sommerkleid die ersten, für ihren Geschmack viel zu kalten Wasserspritzer abbekamen und versuchte angestrengt, sich aus Marcs Armen herauszuwinden, die sich krakenartig um sie geschlungen hatten, aber der gemeine Kerl hielt sie mit beiden Händen fest und wollte sie immer wieder spaßeshalber gen Brandung schieben.

Erst als er in ihre sichtlich verängstigten Augen blickte, ließ er wieder von ihr ab und brachte das Angsthäschen schnell mit einigen Metern Abstand zum Meer in Sicherheit. In Dünennähe, gar nicht weit vom Strandkorb entfernt, breitete er ein buntes Strandtuch aus und half der Hochschwangeren gentlemanlike sich zu setzen, die ihn dafür mit einem dankbaren Lächeln bedachte und nun nach einem kurzen Entspannungsmoment mit immer größer werdenden Augen beobachten durfte, wie sich ihr attraktiver Freund weiter vor ihr entblätterte. Marc amüsierten Gretchens unverhohlene Schmachtblicke natürlich sehr und er konnte nicht widerstehen, sein Mädchen noch ein bisschen weiter herauszufordern. Nachdem er sich lässig seiner Jeans entledigt hatte, tat er so, als würde er seine schwarzen Boxershorts ebenfalls folgen lassen. Lasziv schob er sich diese über sein knackiges Hinterteil und Gretchen blieb im ersten Moment die Spucke weg. Herzrhythmusstörungen und eine akute Sprachlähmung waren weitere Symptome. Er würde doch nicht ernsthaft..., ratterte der schrille Alarm in ihren Gehirnwindungen, während sich ihre Augen panisch umblickten. Niemand zu sehen. Gut so! Denn niemand sollte Marc so sehen, wie sie tagein, tagaus verwöhnt wurde, ihn sehen zu dürfen.

Gretchen: Wag es nicht, Marc Meier!

...versuchte sie, nachdem sie erfolgreich ihre Sprache wiedergefunden hatte, dem Provokateur Einhalt zu gebieten, doch dieser lachte nur, als er den Bund seiner Boxershorts langsam wieder hochschob und lässig zurückschnipsen ließ, um das prüde Großstadtlandei, das ihn mit großen Funkelaugen in einer Mischung aus Entsetzen und spannender Faszination anstarrte, anschließend spöttisch ins Visier zu nehmen.

Marc: Wieso denn nicht? Wir sind hier doch am Busen der Natur. Früher sind hier doch alle so herumgerannt, wie sie geschaffen worden sind. Oder bist du etwa eifersüchtig, falls mir irgendwer etwas abgucken könnte, hm?
Gar nicht! So ein Angeber! So toll siehst du nun auch wieder nicht aus, Marc Meier. Okay, ja, vielleicht doch, aber das steck ich seinem überdimensionalen Ego ganz bestimmt nicht. Pah!
Gretchen (funkelt den Provokateur eingeschnappt an): Als ob du es darauf anlegen würdest.
Marc (wackelt verdächtig mit seinen beiden Augenbrauen): Vielleicht? Und du hast wirklich keine Lust? Was wir alles anstellen könnten. So schwerelos. Du und ich. Hm... Das Wasser würde dich tragen und...
Er ist so gemein. Natürlich weiß ich, dass es schön wäre und wir ganz viel Spaß zusammen hätten, aber ich fühle mich einfach nicht danach. Außerdem ist das Wasser eiskalt.
Gretchen (spielt sein Spiel auf ihre Weise mit): ...und du würdest nach kurzer Zeit glucksend und sehr unelegant absaufen, weil du beim Starren auf die drei Inseln ganz das Schwimmen verlernen würdest.
Wohl wahr! Aber die Vorstellung ist einfach zu verlockend. Du bist verlockend, Murmelinchen!
Marc: Touché, meine Liebe, touché!

Marc klatschte sichtlich beeindruckt in die Hände und beugte sich noch einmal zu seiner schlagfertigen Schmollprinzessin herunter, um ihr einen innigen Kuss zu stibitzen, der ihm nach einem kurzen, bewusst gewählten Zögern auch gewährt wurde. Zufrieden richtete sich der verliebte Chirurg anschließend wieder auf und guckte hinaus auf die ruhige See.

Marc: Und du willst wirklich nicht mit? Ich frage dich das jetzt ein letztes Mal.
Gretchen (lächelt ihn an): Ein anderes Mal. Mach du nur!
Marc (dreht sich seufzend wieder zu ihr um): Okay! Schade! Aber ich nehme dich beim Wort. Beim nächsten Mal bist du fällig.
Gretchen (schmunzelt): Wir werden sehen.
Wenn ich mich wieder leichtfüßig fühle. Wahnsinn, beim nächsten Mal spielen unsere Wundersterne vermutlich schon im Sand und wir sind eine richtige Familie, die den ganzen Strand unterhält. Hihi! Herrlich! Ich kann es kaum erwarten.
Marc (verabschiedet sich noch schnell mit einer zärtlichen Streicheleinheit bei seinen Zwillingen): Bleibst du hier? Ich bin auch nicht lange weg. Versprochen! Und ihr passt mir schön auf die Mama auf.
Gretchen (genießt seine Zärtlichkeiten sehr u. strahlt ihn an, während sie nun selber ihre Hände um ihren Bauch legt): Ich schaue dir zu und sonne mich ein bisschen, bevor es zu warm wird. Aber versprich mir, schwimm nicht so weit raus, ja! Ich will dich nicht aus den Augen verlieren. Und bitte, lass jedwede Form von Übermut, okay? Für uns.
Marc (ist sichtlich gerührt von ihrer Sorge): Nur ein paar Bahnen bis zur Plattform. Ich muss mich ein bisschen abreagieren, nachdem ich heute Morgen fast rückfällig geworden wäre.
Gretchen (steht auf dem Schlauch): Rückfällig?
Marc (legt direkt ein Geständnis ab): Kippen.
Es ist so süß, dass er das unseretwegen macht. Dabei geht es mir doch vor allem um seine Gesundheit.
Gretchen (ist sichtlich stolz auf ihn): Du weißt, dass du das nicht meinetwegen machen musst.
Marc (lächelt vielsagend): Ich weiß.
Gretchen: Ich bin stolz auf dich.
Marc (wiegelt mit einer lässigen Handbewegung ab u. küsst sie noch einmal): Und ich auf dich. Aber pass auf, dass du nicht sabberst, während du meinem Astralkörper hinterher glotzt. Das sieht nicht so süß aus, wie du vielleicht denkst.
Gretchen (schiebt den Angeber lachend von sich weg): Hau bloß ab, du!
Marc (lacht): Ich lieb dich auch, mein Engel. Bis gleich.
Gretchen (himmelt den Frechdachs an u. streichelt rhythmisch ihren Babybauch): Ja, bis dann. Wir warten auf dich.

Marc präsentierte sich noch einmal in ganzer Pracht vor seiner anbetungswürdigen Prinzessin, dann drehte er sich um und rannte vergnügt aufs Wasser zu, in das er sich zwei Sekunden später jauchzend hineinstürzte. Dass er im ersten Moment eher schockgefroren war, ließ sich der coole Macho vor seinem Lieblingsfan natürlich nicht anmerken und kämpfte sich mutig Welle für Welle immer weiter ins Meer vor. Mit einem breiten wissenden Grinsen schaute Gretchen ihrem Quatschkopf hinterher und lachte jedes Mal laut auf, wenn er für sie ein Kunststück vollführte. Schnell wich dem vergnügten Grinsen ein verträumter Gesichtsausdruck. Und ja, Gretchen Haase war sehr nah dran, zurück in den Sabbermodus zu verfallen.

Während sie also ihren Liebling fasziniert beobachtete, wie er wie ein Leistungsschwimmer seine Bahnen zog, naschte sie immer wieder aus einer Crackertüte, die aus ihrer Handtasche herausragte, aus welcher es plötzlich verdächtig klingelte. Schnell wischte sie sich ihre fettigen Finger an der karierten Decke ab und widmete sich nun ihrem sommersongsummenden Handy, das sie sich kichernd ans Ohr hielt, während sie nach Marc Ausschau hielt und ihm mit ihrer freien Hand fröhlich zuwinkte. Er lachte nur, tat es ihr gleich und schwamm dann schnell weiter in Richtung Plattform, welche er schon fast erreicht hatte. So abgelenkt bekam die Einunddreißigjährige nur mit halber Aufmerksamkeit mit, wer da am anderen Ende der Leitung schon seit über einer halben Minute aufgeregt auf sie einredete...

Gretchen: Mama? ... Jaaahaa! Uns geht es gut. ... Ja, denen auch. ... Woher ich das weiß? Äh... deine Erfahrung liegt zwar schon ein paar Jährchen zurück, aber eine werdende Mutter weiß so was. ... Ich weiß, Mama, das kam ziemlich überrumpelnd und ich habe im Vorfeld echt nicht gewusst, was er vorhat. Natürlich hätte ich dir sofort davon erzählt. Er hat einfach ganz spontan unsere Sachen gepackt und mich gleich mit. Und ich bin momentan so, so glücklich, dass wir jetzt hier sind. Er weiß eben genau, was mir gefällt. ... Hat er das nicht verraten? Er hat doch einen Zettel auf den Küchentisch gelegt, damit ihr euch nicht wundert, wieso der Kühlschrank plötzlich leer ist. ... Unser Ort auf Rügen. ... Traumhaft, ja. ... Ja, Marc passt gut auf uns auf. Du kennst ihn doch. ... Mama! Bitte versprich mir, dass du ihm das niemals in seiner Gegenwart sagen wirst. ... Du weißt doch, wie zurückhaltend er ist, wenn es um seine Gefühle geht. Das geht nur ihn und mich etwas an. ... Ja, er ist toll. Und lieb und aufmerksam. Er hat echt an alles gedacht. ... Was wir gerade machen? Wir sind am Wasser. Marc ist gerade schwimmen. ... Ja, natürlich werde ich mich schonen. Dafür sind wir doch auch hierher gekommen. Einfach alles loslassen, entspannen und Kräfte tanken für die Geburt. ... Mama, mach dir bitte keine Sorgen! Alles ist in bester Ordnung. Und Mehdi hat nichts Gegenteiliges gesagt. Das ist heutzutage nicht mehr so wie bei dir Ende der Siebziger Jahre. ... Trotzdem... Ich könnte nie so lange ruhig liegen bleiben. Du kennst mich doch. ... Jaaahaaa! Würdest du dich besser fühlen, wenn ich dir sage, dass es mir wirklich so richtig, richtig gut geht. Dass ich wunderbar geschlafen habe. Gut gegessen habe. Und jetzt die Ruhe und die Sonne genieße. ... Ja, Mama, ich habe mich eingecremt. Du weißt doch, wie schnell ich zur Tomate werde. Außerdem ist es doch noch früh am Morgen. Wir sind noch ganz alleine am Strand und es ist richtig, richtig schön. ... Mach ich, Mama, und du grüßt mir bitte Papa, ja? ... Was sagst du? ... Oh bitte, nicht! Fangt nicht wieder euren albernen Wettstreit an. ... Sie hat damit angefangen? Sie würde etwas anderes behaupten. Außerdem haben wir euch doch nie um etwas gebeten. ... Natürlich verstehe ich das. Wie ihr euch um uns bemüht, ist ja auch süß und alles. Aber, Mama, alles ist gut. Du kennst die Liste in und auswendig. Wir haben doch schon alles zusammen und nach der Babyparty sogar dreifach, obwohl wir es nur doppelt brauchen. Naja, bis auf den Kinderwagen, um den sich Oli noch mal kümmern wollte, wenn er bis heute nicht endlich geliefert worden ist. Macht es doch wie wir, lehnt euch zurück und entspannt euch. Wir schaukeln das schon alle zusammen, bis es soweit ist. Und das ist noch eine ganze Weile hin. ... Weil ich es fühle.

Marc: Wer schaukelt was?

Erschrocken schaute Gretchen auf und hätte fast ihr Handy in den Sand fallen lassen, denn so schnell hatte sie mit Marcs Rückkehr nicht gerechnet. Triefnass stand er vor ihr. Wasser perlte glitzernd seinen sonnengebräunten Oberkörper hinab. Seine nassen dunklen Haare standen wild in alle Richtungen ab. Gretchen war im ersten Moment regelrecht geblendet von dem Adonis und der Sonne in seinem Rücken und leckte sich über ihre trockenen Lippen. Erst nach langem Zögern reichte sie ihm ein Handtuch, während ihr gleichzeitig wieder einfiel, dass sie ja noch immer ihre neugierige Mutter am Telefon hatte.

Gretchen: Du bist schon zurück? ... Mama, das war Marc. Er ist zurück und wir wollen... Was? Ähm... Das? Ich weiß nicht. Zieh ihn bitte nicht auch noch mit da rein! ... Okay? Für dich, Marc. Meine Mutter.

...stotterte Gretchen überfordert in ihr Smartphone und reichte es schließlich nach wiederholter mütterlicher Aufforderung augenrollend dem überraschten Chirurgen, der gerade aus Spaß dazu ansetzen wollte, über der schwangeren Blondine seine nassen Haare auszuwringen. Irritiert starrte der Schelm sie an und übernahm infolge ihres flehenden Blickes frustriert aufseufzend das Telefon. Marc ahnte schon im Voraus, dass er dies noch bereuen würde und seine dunkle Vorahnung bestätigte sich sofort, als er die hysterische Stimme seiner Schwiegermutter in spe in seinem Ohr nervtötend nachhallen hörte...

Marc: Hä? ... Bärbel, was...? Äh... Nein? Ich habe keine Ahnung, was sie vorhat, aber... Soll ich ehrlich sein? Sie wird es tun. ... Na, weil sie etwas zu kompensieren hat, was sie bei mir glaubt, verkorkst zu haben. Keine Ahnung, wo das auf einmal herkommt. Aber ich rede mit ihr. Den ganzen Luxusquatsch braucht doch kein Mensch. Und Säuglinge schon gar nicht. Ich meine, einmal reingekackt und die Dinger stinken genauso wie das Zeug von der Stange.
Gretchen (fällt ihm empört ins Wort, weil sie ahnt, worum es schon wieder geht): Maaarc!
Marc (guckt ihr leidend in die bittenden Augen u. versucht, Gretchens Mutter abzuwimmeln): Jaaahaaa, Bärbelchen, wir machen das schon. Auf mich hört sie. Meistens. Ab und an. Hin und wieder. Und mein Dad hat schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Er teilt die gleiche Haltung wie wir. ... Hm... mach ich. ... Ja, wir rufen an, wenn wir wieder da sind. ... Das weiß ich noch nicht. ... Das Sonntagsessen? Äh... Eigentlich... Wir versuchen’s einzurichten. Hängt davon ab, wie der Bettenwechsel hier verläuft und ob am Rügendamm wieder Stau ist. ... Jep! Tschüß, Bärbel! Bis...

...weiß der Geier wann! Sankt-Nimmerleins-Tag wäre natürlich mein Favorit.

Bärbel wollte gerade noch einen Satz nachlegen, aber da hatte Marc schnell die rote Hörertaste gedrückt und das Telefon auf die Stranddecke geworfen. Es war doch jedes Mal das Gleiche. Seine Mutter versuchte mal wieder, Gretchens Mutter zu übertrumpfen. BWDSO. „Berlin wählt die Super-Oma“ lässt grüßen. Einfach nur nervig und unnötig. Und das empfand nicht nur er so. Gretchen griente nämlich ziemlich hingerissen zu ihm hoch.

Gretchen: Schleimer!
Marc (schmeißt sich zu ihr auf die Decke u. tätschelt ihren süßen Babybauch): Ja, sorry, aber dann würde sie uns wieder auf Wochen hinterher jammern. Aber bald haben wir es ja geschafft. Dank euch. Die beiden Süßen hier werden die perfekte Ausrede werden für die nächsten Sonntage in den nächsten Jahren. Das gilt übrigens auch für meine Mutter. Die spinnt doch total. Erst ist sie total schockiert und überfordert und es dauert Wochen, bis sie kapiert, was Sache ist, und jetzt spielt sie sich auf, als wären die beiden das achte Weltwunder und sie deren Managerin.
Gretchen (grient ihn verliebt an): Du bist so gerissen. Das liebe ich an dir, Marc.
Marc (zwinkert ihr schmunzelnd zu): Tja, man(n) tut, was man(n) kann.
Gretchen (wird erneut von ihrem Handy abgelenkt, das verdächtig piept): Oh, guck mal, Mehdi hat uns ein Video geschickt. Was ist das denn? Ist das ein Golfplatz? Was will er denn da? ... Huch! Maaarc!
Marc (reißt ihr das Handy weg, ohne draufzugucken, u. schaltet es aus, bevor er es zurück in Gretchens Handtasche steckt): Die Handys bleiben aus. Abwehr von Ärger jeglicher Art. Du hast ja gerade erlebt, was passiert, wenn wir uns darauf einlassen. Aber egal. Wieso hast du eigentlich Netz hier in dieser Einöde?
Gretchen (grient ihn hinreißend haaselike an): Weil ich immer alles habe, was ich will.
Marc (fühlt sich direkt angespornt u. greift in die Trickkiste): Interessant! Ist das so?
Gretchen: Iiiihhh... Nicht, das ist voll kalt. Mensch, pass doch auf, mein schönes Kleid!

...quietschte Gretchen hysterisch auf, nachdem sich Marc über sie gebeugt und lachend seine nassen Haare über ihr ausgewrungen hatte und sich nun auch noch mit seinem ganzen Körper gefährlich über sie lehnte. Wasserperlen tropften verlockend auf sie herab, welche sie aber bald gar nicht mehr mitbekam, weil anderes wichtig wurde. Tiefe Blicke wurden ausgetauscht. Herzen klopften. Nasenspitzen berührten sich neckisch. Und das gemeinsame Lachen schallte über den Strand, der sich langsam mit weiteren Besuchern füllte, die das gleiche fröhliche Sommer-Sonne-Gute-Laune-Gefühl teilten. Nach einer kleinen, aber äußerst intensiven Knutscherei schaute Gretchen wieder zu ihrem verführerischen Freund hoch, der sich gerade mit einem kleinen Handtuch die Haare abtrocknete und seinen Körper abrubbelte. Anschließend knüllte er es zusammen und nutzte es als Kopfstütze, als er sich entspannt neben Gretchen auf dem Strandtuch ausstreckte und unter der warmen Sonne Rügens alle Fünfe gerade sein ließ.

Gretchen: Und, ausgepowert genug?
Marc (neigt sich verschwörerisch zu ihr rüber): Haasenzahn, dazu bedarf es anderer körperlicher Betätigungen, die ein gewisser vorlauter Gynäkologe ausdrücklich nicht nicht erlaubt hat. Oder besteht Interesse?
Gretchen (dreht sich auf seine Seite u. stützt sich mit einem Arm ab): Du versuchst es immer wieder, mein Freund.
Marc (zwinkert ihr grinsend zu): Naja, könnte ja sein?
Gretchen (betrachtet ihn unsicher, wie er verträumt gegen die immer kräftiger werdende Sonne anblinzelt): Stört es dich, dass wir nicht...
Marc (dreht sein Gesicht zu ihr herum u. sieht sie liebevoll an): Zerbrich dir mal nicht dein süßes Köpfchen über mich, Murmelinchen. Es ist vollkommen okay. Und es gibt ja auch andere Dinge, die man wunderbar anstellen kann, wenn wir wieder alleine sind.
Gretchen (strahlt ihn mit roten Wangen an): Ja.
Marc (neckt den verträumten Engel mit einem kleinen vielversprechenden Kuss): Mhm... Na, na, na, nicht so ungeduldig, du Unersättliche! Dazu kommen wir noch.
Gretchen (schupst ihn von sich weg u. legt sich nun auch entspannt neben ihn auf den Rücken): Spinner! Willst du noch mal raus?

Joa! Wieso eigentlich nicht? Jetzt, wo ich weiß, dass der entspannte Teil unseres Ausflugs noch bevorsteht.

Marc (ist auf dem Absprung u. tätschelt noch einmal hingebungsvoll ihren hinreißenden Babybauch): Gerne! Danach können wir ja ein bisschen den Ort erkunden. Das haben wir damals nicht gemacht. Es gibt zwar nicht viel zu entdecken, wie ich schon heute Morgen festgestellt habe, aber so ein bisschen Schlendern tut dir und den Jungs doch bestimmt gut, oder? Wir könnten natürlich auch deine Übungen vorziehen und dann, hm...
Gretchen (lacht über seine verdächtig wackelnden Augenbrauen): Halt die Klappe, du Schlawiner! Die Mädchen und ich warten auf dich. Und wir können schnell sehr, sehr ungeduldig werden.
Marc (murmelt grinsend in seinen Dreitagebart hinein, als er in nur einer geschwungenen Bewegung von der Decke aufspringt): Tzz... die Mädchen? Das werden wir noch sehen.
Noch steht es Fifty, Fifty.
Gretchen (strahlt ihn an, während sie beruhigend über ihre Murmel streichelt, in der gerade zwei Wunder wiederaufgewacht sind): Ja, in vier bis sechs Wochen.
Marc (kann bei ihrem hinreißenden Anblick nicht widerstehen u. küsst sie noch mal): Und in vier bis sechs Minuten bin ich wieder da.
Gretchen (schmachtet ihn übertrieben an): Du bist ja ein richtiger Athlet.
Marc (lässt seinen Bizeps tanzen): Macht dich an, oder?
Gretchen (lacht): Und wie! Jetzt zisch endlich ab! Umso schneller bist du zurück und wir können Dinge tun, die man eben in meinem Zustand noch so tun kann.

Oh Gott, Meier, du bist ihr rettungslos verfallen. Ist dir klar, oder?

Verheißungsvoll lächelte die blonde Schönheit ihren Herzprinzen an, der bei diesen vielversprechenden Aussichten fast über seine beiden Füße gestolpert wäre. Etwas ungelenk, aber immer noch strahlend winkte er ihr zu, drehte sich um und rannte mit einem zufällig gleichzeitig mit ihm gestarteten jungen Paar los und stürzte sich in die Wellen, die mittlerweile ein wenig zugelegt hatten. Gespannt schaute Gretchen ihrem Helden hinterher und staunte, wie er in Rekordgeschwindigkeit die Plattform erreichte und noch weit vor den beiden Jugendlichen darauf Platz nahm, um kurz zu verschnaufen und die warmen Sonnenstrahlen auf seiner gebräunten Haut zu genießen. Er hatte keine dreißig Sekunden die Augen geschlossen, als er plötzlich wieder hochfuhr.

Ein seltsames Gefühl hatte ihn mit einem Mal beschlichen. Er schaute über den Rand der hölzernen Plattform zurück zum Strand, wo auch Gretchen mit einem Mal mit einem komischen Unruhegefühl von dem Handyvideo, das Mehdi ihr geschickt hatte und das sie nicht widerstehen konnte, anzugucken, aufschaute. Langsam drehte sie sich auf ihre Knie und schob sich vorsichtig hoch auf die Beine. Sie hielt ihren Babybauch fest und blickte suchend hinaus aufs Meer. Sie entdeckte die vier winzigen kleinen Punkte sofort, die ihre Aufmerksamkeit und die der anderen Strandgäste gesucht hatten. Wedelnde Hände und ein verdächtiger Schrei hatten sie aufgeschreckt. Alarmiert guckte Dr. Haase in dieselbe Richtung wie Dr. Meier, der nicht lange zögerte und zurück ins Wasser sprang.

Das Mädchen, das ängstlich geschrien hatte, hatte es mit allerletzter Kraft zurück an den Strand geschafft. Gretchen nahm sie sofort in Empfang und wickelte ihr ihre Stranddecke um die Schultern, um sie zu wärmen. Sie sank mit der völlig erschöpften Jugendlichen in die Knie und versuchte zu verstehen, was sie ihr unter Tränen panisch sagen wollte. - „Krampf, Krampf, er kann nicht mehr, er kann sich nicht mehr oben halten, er ertrinkt. Mein Freund, er...“ Mitfühlend versuchte die Berliner Ärztin, die junge Frau, so gut es eben ging, zu beruhigen. Andere Badegäste waren mittlerweile ebenfalls zu Hilfe geeilt. - „Bitte, beruhigen Sie sich! Mein Mann ist Arzt. Er hat euch gesehen. Er ist gleich bei ihm. Alles wird gut.“ Damit sprach sie auch sich selbst Mut zu, denn sie wusste von früheren Besuchen hier auf der Insel, dass die Strömung da draußen tückisch werden konnte, wenn man daran nicht gewohnt war.

Gretchen war selber über sich überrascht, wie ruhig sie doch angesichts der Dramatik der Situation geblieben war. Auch wenn sie gerade im Mutterschutz war und von ihren hippokratischen Pflichten freigestellt war, war sie sofort wieder ganz in ihrer Rolle als mitfühlende Ärztin aufgegangen. Nachdem sie sie kurz untersucht hatte, überließ sie die aufgewühlte Teenagerin einer freundlichen Rentnerin und ihrem Mann, die sich um sie kümmern wollten, und lief dicht an das Ufer der Ostsee heran. Sie konnte ausmachen, wo sich Marc gerade befand. Er hatte den Ort, wo der Junge untergegangen war, fast erreicht. Er lag etwa auf halber Strecke zwischen der Plattform und dem Strand. - „Marc, hörst du mich? Er hat einen Wadenkrampf. Pass auf die Strömung auf! Ich kümmere mich hier um alles.“ Marc winkte ihr zu. Der Wind hatte ihre sorgenvollen Worte zu ihm getragen. Dann setzte er zum ersten Tauchversuch an, der Gretchen für einen Moment den Atem raubte.

Unruhig lief Marcs Freundin, die mittlerweile knöcheltief im Wasser stand, den Strand auf und ab. Dabei fiel ihr auf, dass sie ihr Handy noch immer in der Hand hielt. Sie schaute sich suchend um. Der Platz des Rettungsschwimmers war immer noch unbesetzt so früh am Morgen. Aber die Nummer, die deutlich auf seinem Stand aufgedruckt war, war gut zu erkennen. Sie schob Mehdis noch ungesehenes Video beiseite und tippte eilig die Nummer in die Tasten, während sie beunruhigt beobachtete, wie Marc alleine wieder auftauchte und erneut Luft holte. - „Ja, hallo, bin ich da richtig beim DLRG? Ihr Stand ist noch unbesetzt und wir brauchen dringend ihre Hilfe. Dr. Margarethe Haase mein Name. Wir haben hier einen Notfall am Südstrand. Direkt vor dem Leuchtturm. Möglicher Krampfanfall. Der Patient ist untergegangen. Aber Hilfe ist da. Mein Freund versucht gerade, nach ihm zu tauchen. ... Soll ich auch noch die 112 informieren? ... Sie sind in der Leitstelle. Prima! Beeilen Sie sich bitte! Der Jugendliche ist schon seit über zwei Minuten nicht wieder aufgetaucht. Seine Freundin ist unterkühlt und steht unter Schock. Wir brauchen auf jeden Fall einen RTW. ... Ja, danke. Bis gleich.“

Immer noch angespannt, aber mit einem etwas erleichterten Gefühl im Bauch legte Dr. Haase wieder auf und guckte noch einmal auf die weinende Begleitung des Verunglückten. Sie sprach dem Mädchen gut zu und konzentrierte sich dann wieder auf Marcs Rettungsmanöver. Eben hatte sie noch gesehen, wie er erneut Luft geholt hatte. Aber plötzlich hatte sie ihn aus den Augen verloren. Sie hatte kein Gefühl dafür, wie lange er bereits wieder unter Wasser war. Viel zu lange in ihren Augen. Beunruhigt scannte sie den Horizont. - „Marc“, rief sie zu ihm rüber. Doch keine Reaktion. Selbst der Wellengang hatte sich mittlerweile wieder gelegt. Die See lag ganz ruhig vor ihr. Viel zu ruhig für ihren Geschmack. Und die Angst griff nun unvermittelt nach Gretchens Herzen. - „MAAARC!“, stieß sie erneut panisch aus, während sie immer weiter ins Wasser watete, bis es ihr bis zu den Knien reichte, und der Wind trug ihre Buchstaben hinaus aufs weite Meer. Aber nichts passierte. Marc blieb verschwunden und sie war ganz alleine. - „MAAAARC!!!!!“

......

Lorelei Offline

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19.01.2017 14:02
#1586 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Kennt ihr das? Wenn von einem Moment auf den anderen die Zeit stehen bleibt? Alles ist plötzlich wie eingefroren. Inklusive man selbst. Man fühlt sich wie in dicke Watte eingepackt. Alle Geräusche werden mit einem Mal ganz dumpf. Man hört nur noch sein eigenes kleines Herz, das unregelmäßig schnell schlägt und in den Ohren schmerzhaft nachhallt. Selbst Kälte macht einem nichts mehr aus. Obwohl man schon seit einigen Minuten im nur neunzehn Grad warmen Wasser steht. Alles um einen herum verschwindet. Wird ganz blass und verschwommen. Man ist nur noch auf einen winzig kleinen Punkt am Horizont fixiert, der immer kleiner und kleiner wird, bis er die ganze Realität verschluckt hat. Dann ist plötzlich alles ganz schwarz.

Gedanken tauchen wie flüchtige Momente vor dem inneren Auge auf. Erinnerungen. Tagebuchseiten. Küsse. Sehr viele Küsse. Spielplätze. Eine Schaukel. Schokoriegel. Madonna und David Hasselhoff in jung. Ein Schulhof. Neckische Spielchen. Streiche. Missverständnisse. Tränen. Aber auch Lachen. Viel Lachen. Grübchen. Blonde, wirbelnde Locken. Ein letzter Tanz. Dann eine unerwartete Begegnung. Ein Fahrstuhl. Ein OP. Herausforderungen. Die Chirurgie. Ein Garten über Berlin. Ein rosa Kaugummiautomatenring. Babygeschenke überall. Ein schwimmendes Haus am See. Ein Strandkorb. Eine karierte Decke auf einem weitläufigen Strand. Und noch mehr Küsse und Zärtlichkeiten und Augenblicke, die plötzlich immer mehr verschwimmen. Weil man nur einen Atemzug später wieder klarer wird.

Dumpfe Stimmen im Hintergrund, die nach einem rufen. Jemand packt mich am Arm und zieht mich aus dem Wasser, das mir mittlerweile schon bis zu den Knien reicht. Jetzt erst merke ich, dass mein Kleid schon ganz nass ist. Ich zittere. Aber nicht weil mir kalt ist. Denn ich spüre gar nichts mehr. Bin ich gelähmt? Was ist mit mir? Eine freundliche Frauenstimme beruhigt mich, legt mir fürsorglich eine Decke um die Schultern, doch ich kann nicht aufhören, hinaus aufs Meer zu schauen und zu hoffen und zu beten. Wie viele Sekunden wohl schon vergangen sind? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr. Gefühlt sind es Stunden. Vielleicht auch Jahre. Jahre, die wir hätten zusammen sein sollen.

Achtundzwanzig... vierundzwanzig... zwanzig... fünfzehn... zehn... acht... sechs... vier... drei... zwei... eins... Wasser plätschert. Kleine Wellen entstehen. Ein tiefer Luftzug ist zu hören. Erschöpftes Schnaufen. Flüche, die nicht für Kinderohren gedacht sind. Gefolgt von einem erlösenden Schrei. Voller Angst und Verzweiflung, aber auch gespickt mit Hoffnung und Emotion.


Er war von dem jungen Mädchen gekommen, das ihren Freund vermisste. Sie hatte sich von dem älteren Ehepaar losgerissen, das sich um sie gekümmert hatte, und rannte nun aufgeregt an der vor Schock kurzzeitig gelähmten Berliner Ärztin vorbei, hinaus auf den Fleck, wo diese eben noch zitternd und apathisch im Wasser gestanden hatte. Gretchen konnte nicht so schnell reagieren, wie sie gerne gewollt hätte, aber instinktiv spürte sie, dass alles gut gegangen war. Ganz ruhig atmete sie ein und aus und wieder ein und aus und schaute dabei langsam zu der unruhigen Jugendlichen herüber. Etwas weiter vor ihr entdeckte sie einen gut geübten Schwimmer, der im Rettungsgriff mühsam einen leblos wirkenden Körper hinter sich herzog und nun deutliche Konturen annahm. Gretchen Herz machte einen deutlichen Satz in die Höhe, aber sie selbst konnte sich immer noch nicht richtig bewegen. Bedächtig streichelte sie über ihren gewaltigen Babybauch, versuchte, die kleinen Lebewesen da drin ruhig zu halten, und beobachtete angespannt, wie ihr persönlicher Held tatsächlich Heldenhaftes vollbrachte. Er hatte den Strand fast schon erreicht, als endlich auch die Rettungskräfte eintrafen. Keine fünf Minuten hatten sie nach dem Anruf von Dr. Haase gebraucht.

Die schrillenden Sirenen der beiden RTWs, die mit quietschenden Reifen an der Promenade zum Halten gekommen waren, kamen nur ganz dumpf bei Gretchen an. Sie sah aber die beiden Sanitäter, die zu Marc ins Wasser gesprungen waren und ihm jetzt dabei halfen, den Jungen vorsichtig an den Strand zu ziehen. Sehr zum Erstaunen der Anwesenden ließ es sich Dr. Marc Olivier Meier natürlich nicht nehmen, selber die Erste-Hilfe-Maßnahmen einzuleiten. Versiert vollführte der Berliner Chirurg im Wechsel die Herzdruckmassage und die Beatmung und schubste jeden, der ihn dabei stören wollte, unsanft zur Seite, bis endlich das erlösende Geräusch kam. Der Junge spuckte das geschluckte Wasser in einer Fontäne wieder aus. Er konnte wieder frei atmen. Erleichtert ließ sich Marc zur Seite fallen und fuhr sich erschöpft durch seine klitschnassen Haare. Nun stürzten sich auch die Freundin und die Rettungskräfte auf den Jugendlichen, der noch nicht wirklich ansprechbar war und vor Erschöpfung die Augen wieder geschlossen hatte. Marc half den Männern noch den Jungen auf die Barre zu hieven, dann wandte er sich ab, um sich nach seinem Mädchen umzuschauen, denn irgendwie kam es ihm spanisch vor, dass seine Holde ihm nicht wie sonst immer ungefragt mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte.

Gretchen Haase stand derweil genau dort, wo sie vor fünf Minuten schon gestanden hatte. Regungslos. Lethargisch. Marc traf ihr Anblick mitten ins Herz. Er bekam gar nicht mit, wie einer der Rettungsassistenten dem heldenhaften Retter, der von den anwesenden Badegästen mit Applaus verwöhnt wurde, eine goldglänzende Rettungsdecke um die Schultern gelegt hatte. Er ließ ihn einfach stehen und ging mit eiligen Schritten durch die Reihen der Schaulustigen auf die zitternde Blondine zu, die völlig apathisch wirkte und, stoisch ihren Bauch streichelnd, starr auf die ruhige Ostsee blickte. Er tippte sie vorsichtig an. Sie drehte sich um. Da waren keine Tränen in ihren himmelblauen Augen und auch sonst hatten sie ihren besonderen Glanz und ihr Leuchten verloren. Da war nur völlige Leere und Hilflosigkeit. Marc lief direkt ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.

Marc: Haasenzahn? Was ist mit dir?

...sprach er seine Liebste mit sanfter Stimme liebevoll an und rückte dabei die wärmende Wolldecke um ihre Schultern zurecht, die er vorne mit beiden Händen zusammenhielt. Doch Gretchen reagierte nicht auf ihn. Sie war noch völlig in sich selbst versunken, was ihren Lebensgefährten zunehmend beunruhigte.

Marc: Boah... Was für ein Abenteuer! Dabei wollte ich eigentlich nur ne Runde da drüben chillen. Aber jetzt ist ja alles okay.

...setzte er seine Rede arglos fort, um die bedrückte Stimmung meierlike ein wenig aufzulockern, und umfuhr dabei von hinten Gretchens Körper, um seine Hände um ihre wunderbaren Babyrundungen zu legen. Erst jetzt zuckte die werdende Mutter zusammen, drehte sich abrupt zu Marc herum und guckte den überraschten Mann mit ungewohnt finsterer Miene an.

Gretchen: Nichts ist okay, Marc!

...brach es plötzlich aus ihr heraus und ehe sich Marc versehen konnte, hämmerte die blonde Naturgewalt mit beiden Fäusten überraschend stark auf den verdutzten Oberarzt ein, womit die beiden schnell ein interessiertes Publikum fanden.

Marc (schafft es nicht, ihre flinken Finger zu greifen zu bekommen): Woah, Haasenzahn! Stopp! Was...?
Gretchen: Mach das NIE, NIE wieder, Marc Meier!
Marc (überfordert versucht er ihr auszuweichen): Äh... was genau jetzt? Leben retten? Leben zu retten, ist unsere Passion, Gretchen. Wir haben beide einen Eid geschworen. Den kann ich nicht ignorieren.
Gretchen (ist im Tunnel u. hört ihm gar nicht richtig zu): Ich hab gesagt, du sollst das nie wieder machen. Versprich’s!

...tippte Gretchen nun immer schwächer gegen Marcs nasse, nackte Brust und ließ alsbald auch ihren Tränen freien Lauf, bis sie keine Kraft mehr in den Armen hatte und langsam zu Boden sank. Einer der Sanitäter vom Krankenwagen, der das skurrile Schauspiel des Paares ebenfalls beobachtet hatte, als er die Hintertüren geschlossen hatte, schob sich durch die neugierige Menschentraube hindurch und bot sofort seine Hilfe an. - „Können wir helfen?“ - „Niemand kann ihr helfen“, konnte Marc nur genervt antworten und wollte den lästigen Störenfried via Ameisenblick direkt wieder wegkompromittieren, aber der ältere Herr hatte ebenso wie die beiden Berliner Kollegen einen Eid geschworen. Zu helfen war seine Lebensaufgabe. - „Sie ist schwanger.“ - „Ach, nee? Sie Blitzmerker! Und ich dachte, sie hätte nur zu viel gegessen“, pampte Marc gewohnt charmant zurück, während er sich um seine Liebste kümmerte, die sich wimmernd im Sand zusammengerollt hatte.

Überrascht von der unerwartet heftigen zynischen Ansage reagierte der Notarzt leicht eingeschüchtert, aber er ließ trotzdem nicht locker und versuchte hartnäckig, an die beiden heranzukommen. - „Vielleicht wäre es besser, wenn wir sie mitnehmen würden. Sie steht eindeutig unter Schock und eine Unterkühlung können wir auch nicht aus...“ Doch Dr. Meier ließ ihn gar nicht erst weiter ausreden. - „Es ist okay. Was sie braucht, ist da. Wir kommen klar. Das hier ist ihr Normalzustand, selbst ohne Babys on board. Ich bin Arzt, sie auch. Wir kümmern uns um uns selbst. Und jetzt düsen Sie endlich mit dem Jungen ab. Checken sie auch seine Venen und seine Pumpe. Ist ja nicht normal, dass so ein junger Mensch auf so kurzer Strecke schlappmacht wie ein leckgeschlagenes Gummiboot.“ - „Okay, Doktor...?“ - „Meier, und jetzt Abmarsch, aber zack, zack! Sie versperren hier die Sicht auf die Sonne.“ Marc achtete nicht weiter auf den völlig konsternierten Sanitäter, der irritiert zu seinen Kollegen schaute, die ebenso unschlüssig mit den Schultern zuckten und nun zum Aufbruch drängten, und wandte sich wieder seiner heulenden Freundin zu, die er unter ihren Schultern packte, um sie sanft hochzuziehen. Er legte seinen Arm um ihre Taille, mit der anderen hielt er ihre Hand und so liefen die beiden unter den verdutzten Blicken der anderen Badegäste, die verwirrt mit dem Kopf schüttelten, langsam zu ihrem Strandkorb, wo sie sich schließlich erschöpft niederließen.

Gretchen: Ich hab das ernst gemeint, Marc.

...sprach Gretchen, die sich wieder einigermaßen gefangen hatte, Marc schließlich mit entschuldigendem Blick flüsternd an, der gerade noch mal nach draußen gerannt war, um ihre restlichen Sachen vom Strand zu holen, und anschließend das Dach wieder über den Strandkorb gezogen hatte, um vor weiteren neugierigen Blicken gefeit zu sein. Er setzte sich zu ihr aufs Bett und schaute sie an, wobei er ihr immer wieder die unaufhörlich kullernden Tränchen von den wieder strahlenden Augen wischte, während er mit seiner freien Hand erst ihren in den Keller gerutschten Puls und dann ihren Bauch untersuchte, mit dem alles in Ordnung schien.

Marc: Ich auch, mein Schatz. Oder hättest du anders reagiert an meiner Stelle, wenn du nicht gerade mit Übergepäck hier herumwatscheln würdest und ansonsten kein athletischer ehemaliger Rettungsschwimmer in greifbarer Nähe gewesen wäre?
Gretchen (schnieft die letzten Tränen weg u. senkt verlegen ihren Kopf): Nein.
Marc (lächelt u. stupst ihr Kinn leicht an, damit sie ihn wieder ansieht): Na, siehst du. Und hey, bist du nicht damals auch Mehdi hinterher gehüpft, als der tollpatschig, wie er ist, von der Glienicker Brücke geplumpst ist?
Gretchen (muss sich eingestehen, dass er recht hat u. druckst herum): Ja, aber das war eine ganz andere Situation.
Marc: Definitiv! Also ich wäre unserem Dickie im Januar wohlgemerkt nicht unbedingt in die Havel hinterhergejumpt. Fetter Respekt für die Aktion, Haasenzahn!
Gretchen (immer noch total durcheinander): Trotzdem, Marc, ich hatte so Angst um dich. Plötzlich warst du weg. Ich hab dich nicht mehr gesehen und hab gedacht...
Marc (legt ihr sanft einen Finger an die Lippen, weil er ahnt, was sie sagen will): Sssht! Hey, denk nicht so was! Ich bin ein besserer Schwimmer, als du denkst. Es gab zu keiner Zeit einen kritischen Moment. Naja, für den Jungen vielleicht.
Gretchen (schaut ihm tief bewegt in die Augen u. lässt ihren Gefühlen freien Lauf): Du darfst uns nicht alleine lassen. Hörst du? Ich schaff das nicht alleine. Wir...
Marc (angesichts ihres unerwarteten Gefühlsausbruchs mustert er sie argwöhnisch): Hey, du zitterst ja total. Du musst raus aus den nassen Klamotten. Los! Hopp! Ich helf dir.

Gesagt, getan. Die erschöpfte Stationsärztin ließ sich von ihrem persönlichen Gentleman aufhelfen. Marc schob die kratzige Wolldecke von Gretchens Schultern und kickte sie in eine Ecke des Übernachtungsstrandkorbes. Dann ging er grinsend vor seiner zitternden Prinzessin auf die Knie, die für den Hauch eines Augenblicks den Atem angehalten hatte, packte mit beiden Händen den Saum ihres bodenlangen Sommerkleides und wickelte den nassen Stoff mit Bedacht langsam ihren geschmeidigen Körper hoch, bis er an die gewaltige Rundung ihres Babybauches angelangte und nun ganz besondere Vorsicht an den Tag legte. Sehr zum Vergnügen seiner kichernden Freundin, die ihn gebannt bei seinem Tun beobachtet hatte. Gretchens ganzer Körper prickelte und kribbelte angenehm und das blieb nicht unbemerkt.

Marc: Haasenzahn, nicht träumen, mitmachen! Arme hoch! Hopp! Hopp! Sonst wird das mit der Operation nichts.

Artig folgte das Häschen Marcs frechen Ansagen und so schaffte er es auch ohne weitere größere Probleme, Gretchen das Kleid auszuziehen, welches er danach zum Trocknen lässig an einen Haken an der Decke anbrachte. Noch etwas verschämt und unschlüssig stand die Schönheit nun vor dem großen Bett, aber als sie die begeisterten Blicke ihres Freundes über ihren vor Fruchtbarkeit überschäumenden Körper wandern sah, war jegliche Verlegenheit vergessen und sie krabbelte schnell kichernd unter die weiche Bettdecke und sie neckte ihren Schelm, ihr doch schnell zu folgen.

Gretchen: Du auch!

Das ließ sich Dr. Meier natürlich nicht zweimal sagen. Gegenseitige Körperwärme war schließlich das probateste Mittel in Situationen wie diesen. Dafür unterschrieb er liebend gern das Rezept. Geschwind flog seine dunkle Boxershorts in eine der Ecken des Strandkorbes und er schlüpfte schnell neben seine Liebste unter die warme Decke. Eng aneinandergekuschelt lagen die beiden nun da und ließen jeder für sich die vergangenen Minuten Revue passieren.

Marc: Du weißt aber schon, dass draußen immer noch Sommer ist, oder?
Gretchen (sucht so viel Hautkontakt wie möglich u. zieht seine kalten Pranken eng um ihren Körper): Hm! Hier ist es aber auch schön.
Marc (beugt sich über sie u. zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Also, the same procedure as every year, hm? Gebongt!
Gretchen (kichert in seine Halsbeuge): Wir müssen uns schließlich wiederaufwärmen.
Marc (streicht ihr neckisch die Haare aus dem Nacken u. bedeckt diesen anschließend mit heißen Küssen): Aber so was von.
Gretchen (lässt sich gerne von ihm ablenken): Nicht so, wie du denkst, Marc.
Marc (hält kurz inne u. guckt sie an): Was soll das denn heißen? Willst du mich jetzt etwa bestrafen? Weil ich geholfen habe?
Gretchen (legt mit Bedacht ihre beiden Hände auf seine nackte Brust u. schaut ihm schmunzelnd in die verwirrt hin- und herhuschenden Augen): Nein, ich finde nur, ab sofort sollte ich wieder das Kommando übernehmen, so wie es von Anfang an geplant war, als Papa dir freigegeben hat. Ich entscheide, was ich die nächsten Tage mit dir machen will.
Marc (feixt u. schürzt vergnügt die Lippen): Hoho! Na, dann schieß mal los!
Gretchen (grient ihn zuckersüß an): Kuscheln im Bett ist für heute mein Favorit.
Marc (ist gar nicht mal so abgeneigt u. geht auf Tuchfühlung): Also, ist dir wieder warm, hm? Funktioniert’s?
Gretchen (schmilzt bei seinen forschen, sanften Berührungen fast dahin): Mhm, sehr!
Marc (nickt zufrieden u. will eine Kussattacke starten): Gut!
Gretchen (dreht sich leicht zu ihm um u. sieht ihm ernst in die Augen): Versprichst du mir was?

Oje, zu früh gefreut, Meier!

Marc (ahnt, worauf das hinauslaufen soll): Okay, keine Alleingänge mehr, wenn sich’s nicht vermeiden lässt. Aber operieren darf ich schon noch, oder?
Gretchen (überhört den Zynismus in seiner Stimme): Das meine ich nicht.
Marc (kann ihr nicht wirklich folgen u. sammelt Argumente): Hilft es dir, wenn du weißt, dass ich während meiner Ausbildung mal einen halben Sommer lang beim DLRG am Wannsee gejobt habe?
Gretchen (sichtlich überrascht): Echt?
Marc (grient sie frech an): Jep! Tauchen lernen von der Pieke auf. Rettungsmanöver durchspielen. Unter mehr oder weniger realen Bedingungen versteht sich. Und natürlich Chicas auschecken.
Gretchen (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Was sonst?
Marc (gibt sich unbeeindruckt u. schiebt sich lässig einen Arm unter seinen Kopf, um es sich bequemer zu machen): Ehrlich gesagt, war es mordslangweilig, den ganzen Tag auf diesem dämlichen Turm in der Pampa zu hocken. Aber dann hab ich meine Stelle als PJler bekommen und hab mich schnell ausgeklinkt. War aber auch ein echt beschissener Sommer damals. Nicht so wie in diesem Jahr.

Mein Held! Hach...

Gretchen (sieht ihm aufgewühlt in die Augen): Versprichst du mir trotzdem, uns nie wieder alleine zu lassen?
Marc (streichelt liebevoll über ihren Babybauch u. bekommt dafür prompt ein paar Fußtritte kassiert): Das nenne ich mal einstimmig angenommen.
Gretchen (spürt einen ganzen Schwarm Schmetterlinge aufsteigen): Ich lieb dich so.
Marc (legt seine Hand sanft an ihre Wange u. lächelt sie verliebt an): Hey! Nicht wieder sentimental werden! So schnell haut mich nichts um. Also, mal ausgenommen von dir natürlich. Echt erstaunlich, was ihr Schwangeren für einen Punch draufhabt, wenn es ernst wird.
Gretchen (schmiegt sich glücklich in seine Arme): Gut zu wissen.
Marc (genießt einen langen Moment ihre unmittelbare Nähe, dann flüstert er plötzlich): Es tut mir leid.
Gretchen (dreht ihren Kopf verwundert in seine Richtung): Nein, tue das bitte nicht! Das muss es nicht. Das war richtig, richtig heldenhaft, was du heute getan hast. Und ich bin mächtig stolz auf dich.
Marc (ein schwaches Lächeln zeichnet sich auf seinen Lippen ab): Ich aber nicht auf mich, wenn du deswegen leidest. Ich hab nicht nachgedacht, als ich ins Wasser gegangen bin. Das ging alles so schnell.
Gretchen (legt ihre warme Hand liebevoll an seine Wange, die sich anschließend an ihre Handinnenfläche schmiegt): Du hast gehandelt und das ist gut so. Niemand sonst hätte so schnell reagieren können. Ansonsten könnten wir unseren Kurztrip hier bestimmt nicht mehr länger genießen.
Marc (nachdenklich): Meinst du, es geht ihm wieder gut? Er war schon schlumpfblau, als ich ihn endlich oben hatte.
Gretchen (kuschelt sich tröstend an ihn): Wir können ja nachher im Krankenhaus anrufen oder den Rettungsschwimmer fragen, der jetzt bestimmt endlich drüben auf seinem Platz sitzt?
Marc (schmiegt sich gefühlvoll in ihre Arme u. schließt die Augen): Hm? Vielleicht?
Gretchen: Können wir das ganze Thema nicht endlich hinter uns lassen? Ich mag nicht mehr daran denken. Sonst muss ich wieder weinen.
Marc: Du bist der Boss. Oh Gott, wenn ich das mal nicht bereuen werde.
Gretchen (stupst ihn unter der Bettdecke an): Ey!

Marc lachte nur schelmisch und war plötzlich wie ausgewechselt. Er beugte sich gepardengleich heran und gab seiner wunderschönen Traumfrau spontan einen langen, intensiven Kuss auf die in den Himmel gereckten roséroten Lippen, der erst der Anfang sein sollte. Von einem langen, aufregenden Wochenende im Bett. Hoffentlich ohne weitere Katastrophenmeldungen und Rettungseinsätze. Denn dieses Mal galt der hippokratische Eid nämlich in eher anderer Weise. Darüber waren sich die beiden ungewohnt einig.

Lorelei Offline

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04.02.2017 19:23
#1587 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zwei Tage später...

Ganz und gar einig war sich auch ein anderes vorfreudiges werdendes Elternpaar. Viele, viele Kilometer südlich der Ostsee, wo Dr. Marc Olivier Meier und Dr. Gretchen Haase gerade ein unvergessliches und unfreiwillig turbulentes Wochenende am Strand verbracht hatten, das sich nach einem Schockmoment zu Beginn, welcher beide gewaltig durchgeschüttelt hatte, zum Ende hin auch wieder ruhig und sehr entspannt gestaltet hatte, was ja schließlich auch Sinn und Zweck dieser kleinen Auszeit vom stressigen Alltag in Berlin hatte sein sollen. Auch Dr. Kaan hatte es bei dem schönen Spätsommerwetter nicht mehr länger in seinen eigenen vier Wänden ausgehalten und hatte sich seine Freundin geschnappt und war mit ihr spontan zu seiner Tochter gereist, die seit wenigen Tagen mit ihren Großeltern Ferien auf einem süßen, kleinen Bauernhof im Brandenburgischen machte. Die Überraschung hätte nicht größer sein können. Sowohl bei Mehdis schmunzelnden Eltern, die mit nichts anderem gerechnet hatten, als dass ihr Sohn spätestens nach vier Tagen bei ihnen auftauchen würde. Als auch bei seiner süßen Lillymaus, die ihren geliebten Papa und Gabi herzlich in die Arme geschlossen hatte, bevor sie die beiden Überraschungsbesucher sofort in ihr durchgeplantes Wochenendprogramm involviert hatte. Jeder Widerstand zwecklos. Die Energie der quirligen Neundreivierteljährigen war direkt ansteckend und so verbrachte die versammelte Familie Kaan aufregende Tage mitten in der Natur. Auch wenn Gabi Kragenow dahingehend anfangs noch skeptisch gewesen war. Aber Mehdi mit blasser Miene wackelig auf einem riesigen Gaul sitzen zu sehen, ließ jede Strapaze bei der Hochschwangeren sofort vergessen.

Auch jetzt wieder stand die werdende Mama schmunzelnd im Scheunentor und betrachtete mit aufblitzenden Funkelaugen hingerissen das stattliche Mannsbild, das ihr ganz allein, und Lilly versteht sich, gehörte und schnaufend eine große Fuhre Heuballen auf eine Schubkarre stapelte. Der Schweiß rann dem gutaussehenden Familienvater bereits perlend den geschmeidigen Hals hinab und das alberne blau karierte Holzfällerhemd, das sich Mehdi zum Spaß der Familie extra für die Stallarbeit angezogen hatte, klebte ihm bereits aufreizend an seinem muskulösen Oberkörper, sodass Gabi unweigerlich nach Luft schnappen musste. Sie konnte ihre lüsternen Blicke nicht von ihrem attraktiven Freund abwenden. Zumal der Pfundskerl sich jetzt auch noch bücken musste und ihr sein leckeres Hinterteil entgegenreckte, weil die Schwerkraft dazu geführt hatte, dass der letzte Heuballen ihm wieder von der Schubkarre gekullert war.

Und während die verliebte Krankenschwester ungeniert vor sich hin schmachtete und sich verführerisch über ihre trockenen Lippen leckte, merkte sie nicht, wie sie schon längst von dem Objekt ihrer Begierde entdeckt worden war. Schmunzelnd schmiss Mehdi den heruntergefallenen Ballen zurück auf die Heuladung in der Schubkarre, wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn und stellte die Heugabel an der Scheunenwand ab. Dann lehnte er sich mit verschränkten Armen lässig an einen der Holzbalken der Scheune und begann selber mit einer ausgiebigen Observation der hübschen Brünetten, die träumend im Tor stand und in ihrem jeansblauen Hotpants-Jumpsuit, welcher ihren süßen Babybauch sehr eindrucksvoll zur Geltung brachte, zum Anbeißen aussah. Der vergnügte Gynäkologe konnte sich aber nicht lange zurückhalten und machte sich schließlich doch bemerkbar. Sehr zur Überraschung der inflagranti ertappten, heimlichen Beobachterin, die nun erschrocken zusammenzuckte und anschließend gute Miene zum bösen Spiel machte. Soweit das möglich war, denn Dr. Mehdi Kaan sah immer noch anbetungswürdig heiß aus und Gabis Babyhormone spielten total verrückt, was aber vielleicht auch an der Hitze dieses Sommertages gelegen haben könnte. Jedenfalls knisterte es gewaltig, was in einer Scheune voller trockenem Heu und Stroh eigentlich ziemlich gefährlich war.

https://www.youtube.com/watch?v=KmmCVAv2YFw

Mehdi: Und? Gefällt dir, was du siehst?
Gabi (funkelt den verschlagenen Kerl aus feurigen Augen an): Bild dir darauf mal bloß nichts ein, mein Lieber!
Mehdi (stößt sich lässig von dem Holzbalken ab u. kommt breit grinsend auf seine Süße zu): Och, du, für eingebildet halte ich mich eher weniger.
Gabi (lässt das Scheunentor los, das hinter ihr zuschnappt, u. kommt dem vorlauten Kerl auf halbem Weg entgegen): Klugscheißer!
Mehdi (grinst vergnügt): Okay? Das vielleicht schon.
Gabi (will ihn eigentlich noch ein bisschen hinhalten, hält es aber nicht aus u. wirft sich ihm direkt in die Arme, um nun genießerisch seinen verführerischen Hals empor zu schnüffeln): Du bist unverbesserlich, Mehdi.
Mehdi (streichelt kurz liebevoll ihre süße Babymurmel, dann schlängeln sich seine Arme um ihre Taille, um sie noch näher an sich drücken zu können): Och, bis jetzt mache ich doch einen guten Job. Findest du nicht?
Gabi (beißt sich auf die Lippen u. guckt ihn verheißungsvoll augenzwinkernd an, während sie beide Hände an sein durchgeschwitztes Hemd legt u. ein bisschen nachfühlt): Du weißt ganz genau, wie du mich rumkriegen kannst. Ich stehe nämlich auf hart schuftende Kerle.
Mehdi (guckt ihr amüsiert in die vergnügt aufblitzenden dunkelgrünen Augen): Ach?
Gabi (geht direkt darauf ein u. testet seinen Bizeps): Ja, die mit ihren Händen arbeiten und genau wissen, was sie da tun. Dieser Machismo, keine Ahnung, ist irgendwie sexy. Und dann erst dieser Cowboylook.
Mehdi (kann sich sein herzhaftes Lachen nicht verkneifen u. fährt mit seinen Händen zärtlich ihre attraktive Kehrseite entlang, bis er an ihr verlockendes Hinterteil kommt u. für die nächsten Minuten innehält): Hat Lilly gut ausgesucht, oder?

Naja? Hässlich mit hässlich zu vergleichen, ist irgendwie sinnlos. Genauso wie ein Blick in seinen Kleiderschrank. Aber mit meiner Hilfe lässt sich da bestimmt noch was machen. Hauptsache, die knackige Jeans sitzt weiterhin so gut an seinem Arsch.

Gabi (abgelenkt von seinen zarten Berührungen hätte sie fast vergessen, was sie darauf erwidern will): Hm! Aber du hast mich ja auch schon im Blaumann unheimlich beeindruckt.
Mehdi (erinnert sich gerne an ihren ersten gemeinsamen unerwarteten Abend vor fast einem Jahr zurück): Mhm... Ich hab dessen Wirkung unterschätzt.
Gabi (streichelt lasziv über seinen Brustkorb u. verführt ihn mit einem sexy Wimpernaufschlag): Lügner! Du hast mich damit verführt.
Mehdi (funkelt sie wissend an): Ach, echt? Dabei dachte ich eigentlich, es wäre umgekehrt gewesen. Du hast mich schließlich unter Vortäuschung falscher Tatsachen zu dir gelockt.
Gabi (spielt das Spiel gerne mit): Gar nicht! Ich hab schließlich wirklich dringend einen Handwerker gebraucht. Einen sexy Handwerker mit starken Händen muss ich dazu sagen. Der Lattenrost hält immer noch. Vor allem wenn er ausgiebig strapaziert wird.
Mehdi (schmachtet die sexy Verführerin hingerissen an): Du bist unverbesserlich, Bella.

Wenn ich dafür kriege, was ich will. Und ich will dich. Jetzt!

Gabi (grient ihn vergnügt an): Ich sage nur die Wahrheit, Liebling.
Mehdi (streicht ihr liebevoll eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, die ihr aus ihrer komplizierten Flechtfrisur herausgerutscht ist): Also, bist du nicht enttäuscht?
Gabi (runzelt verwundert die Stirn, während sie mit beiden Händen in die hinteren Hosentaschen seiner Jeans fährt): Enttäuscht? Wieso? Weil du auf die modisch fragwürdigen Ratschläge deiner kleinen Tochter hörst?
Mehdi (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Weil ich ein unverbesserlicher, klammernder und furchtbar sentimentaler Papa bin, der keine Sekunde lang ohne seine süße Maus sein kann, die gerade mal viereinhalb Tage ohne mich in den Ferien weilt.
Gabi (legt ihre Arme tröstend um seine Schultern u. sieht ihm hingerissen in die Augen): Blödsinn! Das ist die andere Seite, die ich sehr niedlich an dir finde.
Mehdi (schmunzelt): Niedlich, soso?
Gabi (verdreht die Augen): Sexy! Heiß! Anbetungswürdig! Du bist zwar ein schrecklich sentimentaler, aber auch sehr, sehr sexy Papa.

Den ich für nichts auf der Welt eintauschen würde.

Mehdi (Gabis Komplimente gehen runter wie Öl): Nicht enttäuscht, weil du deinen ersten letzten Twen-Geburtstag in der Provinz feiern musst und nicht, sagen wir mal, in der Toskana?
Gabi (pampt gewohnt charmant zurück, ehe sie ihm verlockend ihren Mund entgegenreckt): Was hast du nur immer mit der Toskana? Ich bin glücklich, egal wo ich mit dir sein kann. Hauptsache, wir sind zusammen. Und ich kann dich küssen, wann immer ich mag. Jetzt mag ich.
Mehdi (lacht u. legt seine Lippen neckisch über die ihren): Ich auch. Aber ich verspreche dir, irgendwann löst die Toskana das Berliner Umland ab.
Gabi (guckt ihm nach dem Kuss leicht verklärt in die samtigbraunen Augen, die sie ungeniert anhimmeln): Okay? Wenn du mir verrätst, warum es gerade die Toskana sein muss? Bist du am Ende gar kein Halbperser, sondern ein waschechter Italiener? Oder soll Lilly ihre außergewöhnlichen Italienischkenntnisse nicht vergessen?
Mehdi (grinst, dass ihm der Schalk nur so aus den Augen springt): Auch. Obwohl, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Wird notiert. Ich dachte eigentlich, damit du in Mailand und Florenz ausgiebig shoppen gehen kannst.

Boah, was für ein Spaßvogel! Der veräppelt mich doch gerade. Na warte, du!

Gabi (boxt ihm gespielt beleidigt in die Brust): Was? Für so oberflächlich hältst du mich?
Mehdi (sucht mit seinen Lippen ihren hinreißenden Schmollmund): Spaß, meine Schöne!
Gabi (lässt ihn eine Sekunde zappeln, dann erwidert sie seinen innigen Kuss): Das will ich auch hoffen. Obwohl ich jetzt, muss ich zugeben, nicht abgeneigt wäre, doch mal eine Stippvisite in die Mailänder Boutiquen zu machen. Man hört ja so viel darüber.
Mehdi (strahlt sie hingerissen an u. driftet schnell ins Sentimentale ab): Alles, was dein Herz begehrt, Gabimaus. Weißt du, was ich damit eigentlich sagen wollte, ich verbinde nun mal nur schöne Erinnerungen mit der Toskana. Piazza America. Dieses besondere Klima. Die Sonnenaufgänge. Das ist irgendwie Heimat.
Gabi (guckt ihn interessiert an): Hab ich was verpasst?

Er ist doch Italiener und das verrät er mir erst jetzt?

Und während Gabi Kragenow noch zweifelte, geriet Mehdi Kaan direkt ins Schwärmen und ließ sich von der Seifenblase davontragen, die ihm in sentimentalen Momenten immer mal wieder in den Sinn kam. Weil die Geschichte einfach schön war und das wollte er mit seiner großen Liebe teilen, die ihn mit ihren großen dunkelgrünen Kulleraugen gespannt anschaute und sich in seine Arme geschmiegt hatte...

Mehdi: Weißt du, Toskana heißt Sehnsucht, Wärme, Gefühl. Es ist die Geschichte meiner Eltern. Und damit auch irgendwie meine. Meine Eltern waren gerade frisch verheiratet. Ich glaube, ein Dreivierteljahr schon. Mein Vater war gerade erst mit dem Studium fertig geworden und hatte sein Referendariat in einer Kanzlei in der Münchener Innenstadt angefangen. Meine Mutter studierte noch. Sie stand kurz vor ihrem Examen. Germanistik. Sie hatte damals keine leichte Zeit. Nicht nur wegen der Prüfungen und den ständigen Hospitationen in wechselnden Schulen. Es gab immer mal wieder Zeiten, in denen sie sehr traurig war. Abwesend. Melancholisch. Dann war immer kaum ein Herankommen an sie. Papa konnte das immer nicht mitansehen. Er verstand sie zwar, aber es machte ihn auch immer fertig, dass er ihr nicht helfen konnte. Also entschied er eines Tages zu handeln. Er konnte nämlich mindestens genauso stur sein wie sie, wenn er eine Entscheidung getroffen hatte. Mit seinem Dickkopf hat er sie damals auch erobert. Aber das ist eine andere Geschichte. Mama und Papa hatten damals nicht viel. Er war ja gerade erst dabei, seine Anwaltskarriere zu starten. Er nahm sich ein paar Tage frei und legte alles zusammen, was er hatte, und besorgte sich von einem Freund einen alten VW-Bully. Stil Hippiemobil. Damit holte er Mama eines Tages von der Uni ab und anstatt nach Hause zu fahren und sich den Anschiss seines Lebens abzuholen, dass sie sich ein Auto, und noch dazu ein so großes und buntes, nicht leisten konnten, bog er auf die Autobahn ab. Richtung Alpen. Immer stur geradeaus. Sie zeterte die ganze Fahrt über. So viel hatte sie in den ganzen vergangenen Wochen nicht mit ihm gesprochen. Du kennst sie ja, wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie einem die Meinung. Schonungslos ehrlich und direkt. Das ist ihr persisches Temperament. Und wenn das dann noch auf einen störrischen Bayern trifft, kannst du dir ja vorstellen, was dann los ist. Explosiv ist kein Ausdruck dagegen. Aber als sie dann die Alpen überquert hatten und die ersten warmen Sonnenstrahlen auf den bunt bemalten Bully trafen, der so überhaupt nicht zu den beiden passte, änderte sich etwas im Ausdruck meiner Mutter. Mit einem Mal war sie ganz ruhig. Fast andächtig. Mit jeder neuen Landschaft kam ihr hinreißendes Lächeln zurück, in das sich mein Vater verliebt hatte. Und dann kamen sie an einen Ort, wo sie plötzlich „stopp“ rief. Papa gehorchte sofort und bremste ab. Sie stieg aus, langsam und bedächtig, und guckte hinunter ins Tal. Olivenhaine und Zitronenbäume, wohin man nur sah. Die Sonne vertrieb gerade den wabernden Morgennebel über einem mit reichlich Schmelzwasser gefüllten Flüsschen. Es muss wirklich magisch ausgesehen haben. Ich bekomme jedenfalls immer eine Gänsehaut, wenn die beiden die Geschichte auspacken. Als Papa ihr dann nachging, nachdem er ihr ihre Zeit gegeben hatte, bemerkte er, dass sie weinte. Hemmungslos. So sehr, wie er es noch nie zuvor von ihr erlebt hatte. Tröstend stellte er sich hinter sie. Sie schmiegte sich an ihn, griff nach seinem Gesicht und küsste ihn voller Liebe und Dankbarkeit. Weißt du, Mama hatte immer Sehnsucht nach ihrer Heimat gehabt. Einmal im Jahr hat es sie mindestens immer erwischt. Sie liebt Deutschland, ja, sie fühlt sich hier auch heimisch und ist angekommen, aber so ein kleiner Funke in ihrem Herzen hat immer geglimmt. Als kleines Kind musste sie damals mit ihren Eltern aus Persien fliehen. Mit jedem Jahr mehr konnte sie sich weniger an ihre alte Heimat erinnern. Nur dieser besondere Duft und einige wenige Bilder der Natur waren ihr in Erinnerung geblieben. Und mein Vater, der Fuchs, hatte tatsächlich einen Ort gefunden, der ihr diese Erinnerungen zurückgegeben hat. Das war unsere erste Fahrt in die Toskana. Und ja, du hörst richtig, auch meine. Auf der Hinfahrt war ich zwar noch nicht mit dabei, aber meine Eltern schwören Stein und Bein, dass ich mich auf der Rückfahrt nach wundervollen verliebten Tagen, die sie dort verbracht hatten, heimlich eingeschlichen habe. Tja, und das hat es nun mit der Toskana auf sich, mein Schatz.

Mehdi wirkte immer noch sehr bewegt, als er wiederaufschaute und mit einem leichten spitzbübischen Grinsen, welches seine dunklen Augen ganz besonders intensiv funkeln ließ, seiner Liebsten in die Augen blickte, die verdächtig schimmerten. Gabi brauchte einen Moment, um wieder zurückzufinden. Sie schniefte kurz und reagierte dann überraschend schlagfertig auf den Abschluss von Mehdis Geschichte, die sie tief im Herzen berührt hatte und die sie Mehdis Eltern ein bisschen näher gebracht hatte. Denn vor allem zu Soraya hatte sie auch nach fast einem Dreivierteljahr Beziehung mit Mehdi noch nicht den richtigen Draht gefunden. Sie wurde von ihr noch immer skeptisch beäugt, auch wenn sie und Werner sich riesig auf ihr zweites Enkelchen freuten und sie mit Geschenken und gut gemeinten Ratschlägen überschütteten.

Gabi: Natürlich! Wie du es immer machst, dich heimlich in das Leben anderer einzuschleichen.
Mehdi (zwinkert ihr schmunzelnd zu u. zieht sie noch stärker in seine Arme): Das muss meine halbpersische Seele sein.
Gabi (legt ihre Hand an seine Wange u. sieht ihn verliebt an): Das ist eine wunderschöne Seite an dir. Die Geschichte übrigens auch. Meinst du, wir finden auch so einen Ort?
Mehdi (lächelt sie an): Den haben wir doch schon gefunden?
Gabi (huscht mit ihren Blicken verwirrt zwischen seinen dunklen Funkelaugen hin u. her): Hm?
Mehdi (ohne seinen Blick von ihren wunderschönen Augen abzuwenden, streichelt er lächelnd ihren Bauch): Heimat ist kein Ort. Heimat ist, wo du bist. Und Lilly. Und unsere Erbse natürlich.

Ich liebe ihn. So sehr! Ich hätte nie gedacht, dass es mit ihm so sein würde. So unbeschwert und schön.

Gabi (schaut ihren Charmeur sekundenlang an, ohne etwas zu erwidern, dann grinst sie plötzlich über das ganze Gesicht): Okay, jetzt schlägt das Kitschbarometer aber doch gewaltig aus.
Mehdi (lacht u. raunt ihr mit tiefer Stimme etwas verführerisch ins Ohr): Es kann nie zu viel Kitsch geben. Nicht, was uns betrifft.
Gabi (grient ihn hinreißend an u. streicht über die Gänsehaut an ihren Armen): War das jetzt eine Anspielung darauf, was du mit mir an meinem Geburtstag morgen vorhast?
Mehdi (seine dunkelbraunen Augen funkeln geheimnisvoll auf): Ich lege doch meine Trümpfe jetzt noch nicht offen. Aber eins kann ich dir ja verraten, meine Mutter backt und Lilly probt schon fleißig.
Gabi (verdreht theatralisch die Augen): Oje! Und ich hab dich noch gefragt, wieso sie ihre Gitarre unbedingt mit in den Urlaub nehmen wollte.
Mehdi (lacht vergnügt auf): Bereust du es jetzt doch, dass ich dich überredet habe, hierhin zu fahren?
Gabi (überlegt einen langen Moment, dann schlingt sie ihre Arme stürmisch wieder um seinen Hals): Kein Stück! Eigentlich mag ich Bauernhöfe.
Mehdi (grinst sie wissend an): Du flunkerst.
Gabi (grinst zurück u. wird plötzlich ernst): Erwischt! Aber ehrlich, ich möchte jetzt nirgendwo anders sein.
Mehdi (hängt ihr gebannt an den treuen Augen): Ehrlich?

Erschreckend, oder? Und das, nachdem ich mir gestern meine teuren Sandalen im Pferdemist ruiniert habe. Aber die hab ich damals mit Marcs Kreditkarte bezahlt. Tut also nicht weh. Die Gummistiefel, in die man mich dann gesteckt hat, schon!

Gabi (pirscht sich küssend vor): Ja, weil hier gerade meine Fantasie mit mir durchgeht, Cowboy.
Mehdi (lässt sich ohne Umschweife von ihr in Richtung Heuschober drängen): Huch! Okay? Aber du weißt schon noch, was der Frauenarzt deines Vertrauens gesagt hat, oder?
Gabi (grient vergnügt in den Kuss hinein, während sich ihre flinken Fingerchen an Mehdis Hemdknöpfen zu schaffen machen): Nö! Ich höre ihm nämlich nie zu, wenn er so heiß in diesem Stofffetzen aussieht. Solltest du auch öfters mal im Krankenhaus tragen. Aber ich find’s gut, immer und überall einen kompetenten Gynäkologen an meiner Seite zu wissen, der genau weiß, was er tut, wenn er es tut.
Mehdi (genießt ihr forsches Vorgehen sehr): Was ist eigentlich los mit dir? So schlagfertig und fröhlich auf einmal?
Gabi (stupst ihn ins Heu u. setzt sich dreist auf seinen Schoß): Das bin ich im Grunde schon immer gewesen, Mehdilein. Und jetzt Klappe halten, ich muss mich konzentrieren. Die blöden Knöpfe sind irgendwie kleiner geworden. Oder liegt es an meinen geschwollenen Fingern?
Mehdi (fühlt sich überrumpelt, aber kann u. will sich nicht gegen diese wahnsinnig aufregende u. sinnliche Frau wehren): Mhm... Und es macht mich unendlich glücklich, dich wieder so zu sehen. Nachdem du dich mit deiner...
Gabi (hält abrupt in ihrem Tun inne): Bärchen, willst du quatschen und psychoanalysieren oder ein bisschen rummachen? Mein Stimmungsbarometer kann sich nämlich rasant schnell wieder ändern. Wie die Laune unserer Erbse, die gerade ihren Ruhigen hat.
Mehdi (grinst u. deutet auf die Schubkarre): Eigentlich wartet Lilly schon seit einer halben Stunde im Pferdestall auf mich und diese Ladung da.
Gabi (zieht ihre Augenbrauen hoch u. funkelt ihn ungeduldig an): Die Tiere werden schon nicht verhungern, wenn sie mal ne halbe Stunde später was zu futtern kriegen. Nur für mich kann nicht garantieren.
Mehdi (flirtet sie an): Was können wir nur dagegen tun?
Gabi: Wir könnten mit deinem hässlichen Cowboyhemd anfangen?

...griente die verliebte Schwangere ihren halbpersischen Casanova kess an und ehe er sich versah, begann sie, geschickt einen Knopf nach dem anderen aufzuknöpfen, während sie den wehrlosen Mann vor sich schwindelig küsste.

„Wo, verdammt und zugenäht, steckt der Kerl?“ Mehdi hatte sich gerade fallen gelassen und Gabis versierten Fingern das Ruder überlassen, als er jedoch noch einmal verwirrt aufschreckte. Er glaubte, etwas gehört zu haben, was eigentlich nicht sein konnte.

Mehdi: Hast du das auch gehört? Klang das nicht wie...?
Gabi (lässt ihn gar nicht erst ausreden u. drückt ihn mit beiden Händen zurück in ihr Heubett): Bärchen, ich weiß, dass du viel zu viel Zeit mit Frauen und deren Neurosen verbringst, als dir gut tut, und dass das manchmal auch abfärbt, wenn man nicht aufpasst, aber hier ist Multitasking auf anderen Ebenen gefragt. Klar?

Gegen eine wild entschlossene Gabi Kragenow im Liebesmodus war wahrlich kein Kraut gewachsen. Also ließ sich Mehdi wieder treiben und genoss die Kussstraße, die seine sinnliche Freundin gerade verführerisch auf seinen freigelegten Brustkorb setzte. Mehdis Lider flackerten und er war kurz davor, vor Erregung aufzustöhnen, als er erneut ein seltsames Hintergrundgeräusch vernahm, welches eigentlich nicht hierher gehörte. Dennoch war ihm die Stimme erschreckend vertraut, die mit einem Mal wieder erklang und deutlich näher zu kommen schien.

„Boah, dieser unzuverlässige Nichtsnutz! Da verlässt man sich einmal auf ihn. KAAN, Versteckenspielen ist nicht!“, hörte es nun auch Gabi krawallig unweit der Scheune rufen. Irritiert blickte sie von der muskulösen Männerbrust auf, die sie gerade mit beiden Händen und ihren Lippen bearbeitet hatte, und sah in Mehdis ebenso verwirrtes Gesicht. Dann erreichte sie jedoch das Echo des knarrenden Scheunentores, das mit Schwung aufgeschoben wurde, und die perplexe Krankenschwester traute anschließend ihren Augen kaum. Nicht weniger als Dr. Kaan, dem die Kinnlade gänzlich gen Erdboden rutschte, als sein bester Freund mit Ameisenblick bewaffnet auf ihn zustürzte und ihn ungeachtet von Gabi grob am Kragen seines karierten Hemdes aus dem Heu hoch zerrte.

Mehdi: Marc? Was zum Teufel machst du hier?

Lorelei Offline

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13.02.2017 14:12
#1588 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Die Überraschung stand Mehdi deutlich ins Gesicht geschrieben, was Marc unter anderen Umständen sicherlich sehr amüsant gefunden hätte, wenn er nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, seinen einzigen und allerbesten Freund am Schlafittchen zu packen und anschließend unsanft vor sich her zu schupsen. Zumal auch seine Lieblingserzfeindin Nummer eins ziemlich sparsam aus ihrer sehr, sehr knappen Wäsche schaute, welche Gabi gerade von ein paar getrockneten Grashalmen befreite und zurechtrückte, bevor sie ungelenk hinter ihrem Lebensgefährten, der gerade von einem Verrückten entführt wurde, herhüpfte, weil sie einen ihrer Gummistiefel nicht gleich gefunden hatte. Die drei Mitarbeiter des Berliner Elisabethkrankenhauses gaben jedenfalls ein ziemlich skurriles Bild ab und hätten für Unwissende sicherlich nicht vermuten lassen, welcher wichtigen Tätigkeit sie eigentlich tagtäglich nachgingen, wenn sie nicht gerade miteinander stritten oder mal wieder Missverständnissen aufsaßen. Und der Gesprächston, welcher nun aus der Scheune über das weitläufige Gelände des brandenburgischen Reiterhofes schallte, schien für neugierige Ohrenzeugen in der Nachbarschaft nicht minder interessant zu sein.

Marc (äfft seinen begriffsstutzigen Freund süffisant nach u. funkelt ihn dabei böse an, als er ihn gegen das Scheunentor drängt, das nur mit beiden Händen aufgeschoben werden kann): Uuuhhh!!! Was zum Teufel machst du hier? Die gleiche Frage könnte ich an dich zurückgeben, Kaan. Aber die Antwort wäre ziemlich vorhersehbar. Genauso vorhersehbar wie das Ende jedes schlechten Sonntagabendtatorts. Könnt ihr nicht einmal eure Finger voneinander lassen, hm? Ey, ich dachte, du bist auf Bereitschaft. Du hast mir versprochen, immer erreichbar zu sein, aber stattdessen spielst du mit der da „Cowboy und Indianer“ irgendwo in der Pampa, die überraschenderweise sogar Netz hat. Wieso gehst du also nicht an dein verschissenes Handy, verdammt noch mal?
Mehdi (schaut konsterniert zu Gabi, die sich beschützend zwischen die beiden Männer geschoben hat u. den tobenden Chirurgen nun sauer anfunkelt): Äh... Das... hängt an der Ladestation in unseren Zimmer. Wir haben vorhin Lilly beim Reiten gefilmt, als der Akku schlapp...
Marc (lässt den sich keiner Schuld bewussten Familienvater gar nicht erst ausreden, schupst ihn augenrollend zur Seite u. zieht mit Schwung das Tor auf): Papperlapapp! Nicht faseln! Mitkommen, aber zackig! Aber knöpf dir vorher dein hässliches YMCA-Hemd zu! Nicht dass Haasenzahn bei deinem Waldschrat-Anblick noch ohnmächtig wird. Kleiner Tipp. Es gibt auch Rasierer für das Gestrüpp da.
Gabi (redet schnippisch dazwischen): Dann würde ich an deiner Stelle aber ins Grübeln geraten.
Marc (blickt abfällig an seiner Ex-Verlobten herunter u. bleibt erst an ihrem ansehnlichen Babybauch u. dann an ihren ellenlangen Beinen kleben u. schüttelt anschließend den Kopf): Klappe, Gabi! Reinkarnation auf dem geistigen Niveau ist leider unmöglich. Ist auch besser so. Versicherungstechnisch und so.
Mehdi (stellt sich beschützend neben seine eingeschnappte Freundin u. hält ihre Hand, während er Marc nun sichtlich verstimmt angeht): Hey, nicht in dem Ton, Marc! Kannst du nicht einmal respektvoll mit meiner Freundin umgehen. Sie ist schwanger.
Marc (schnippisch): Das ist nicht zu übersehen.
Gabi (fühlt sich direkt angegriffen): Ey!
Mehdi (guckt den unverschämten Sprücheklopfer unmissverständlich an): Maaarc! Bevor du dich nicht entschuldigst und nicht erklärst, was der Aufstand hier soll, gehe ich nirgendwo mit dir hin.
Marc (lässt frustriert den Kopf hängen, bevor er mit einer nicht ganz so finsteren Version seines Ameisenblickes wieder aufschaut): Mann, musst du immer den nervigen Moralapostel heraushängen lassen? Der Frauenarzt alleine wäre mir jetzt lieber. Aber gut, bitte, sorry, dass ich euch bei euren Dummheiten gestört habe. Beim nächsten Mal klopfe ich vorher an und bring was zur Stärkung mit. Anders kriegt man die Bilder ja auch nicht wieder aus dem Kopf.
Gabi (ist nicht überzeugt u. funkelt ihn zickig an): Witzig, Marc!
Mehdi (liest zwischen den Zeilen u. horcht auf): Was soll das bedeuten, dir wäre der Frauenarzt lieber?
Marc (klatscht sich frustriert die Hand gegen die Stirn): Boah, auf wie vielen Leitungen kann man(n) eigentlich stehen, hm? Das erklärt, wieso du nicht an dein Handy gehst. Dein dicker Arsch blockiert sämtliche Signale. Bist du noch im Sexmodus, oder liegt es daran, dass du nicht zum Schuss gekommen bist? Eindeutig Sauerstoffmangel im Gehirn, meine Diagnose. Dann weite mal deine Lungen, Herr Doktor, solange wir hier draußen sind.
Mehdi (sämtliche Alarmsignale leuchten mit einem Mal auf): Wo ist Gretchen?
Marc: Richtige Frage. Falsches Timing. Jetzt komm mal in die Puschen, du Leuchtbirne!

Obwohl ihm nicht danach war, entlockte Mehdis stockender blitzgescheiter Verstand Marc doch noch ein kleines verschmitztes Grinselächeln, welches jedoch schnell wieder einem eher unwirschen Gesichtsausdruck wich, als er ungeduldig mit einer Hand zum Bauernhaus deutete, in dessen Tür Mehdis Mutter mit Schürze bewaffnet aufgetaucht war und hektisch nach ihrem Sohn winkte, der nun alarmiert zwischen Marc und Gabi hin- und herschaute, die auch begriffen hatte, worum es dem unverschämten Grobian eigentlich die ganze Zeit gegangen war. Deutliche Sorge und Mitgefühl standen in ihren Augen geschrieben und die Drei liefen nun in schnellen Schritten über den Hof zum schmucken restaurierten Fachwerkhaus, welches mehrere Ferienwohnungen beherbergte. Und neben der versammelten Familie Kaan, die hier schon seit Jahrzehnten ab und an gerne Urlaub machte, neuerdings auch eine hochschwangere Chirurgin aus Berlin Mitte.

Gabi: Wie? Heißt das... Es geht los? Jetzt schon? Wieso seid ihr dann hier im Nirgendwo und nicht ins nächste Krankenhaus gefahren, ihr Vollidioten?
Marc (bleibt abrupt mitten auf dem gepflasterten Hof stehen u. dreht sich mit Ameisenblick zu der Klugscheißerin um, die leider in ähnlichen Umständen steckt wie seine Herzdame u. daher nicht so hart angegangen werden kann, wie er gerne möchte): Hey, das VI hab ich nicht gehört, sonst kriegst du ne Abmahnung. Denkst du etwa, ich lasse meine Frau von irgendeinem unqualifizierten Pseudomediziner in einer hinterwäldlerisch ausgestatteten Provinzklinik unter den Rock gucken? Dass dir das reichen würde, war ja klar, aber Haasenzahn bekommt verdammt noch mal Zwillinge. Da lasse ich niemanden ran. Außer ihn!
Gabi (starrt Marc mit großen Augen an, während dieser mit ausgestrecktem Arm auf Mehdi deutet u. dann weitergeht, der sich direkt geschmeichelt fühlt u. seinem Kumpel vergnügt grinsend hinterher hechtet): Hast du gerade ‚deine Frau’ gesagt?
Mehdi (läuft voran ins Haus u. die Treppen hoch, die seine Mutter empor gezeigt hat, u. dreht sich immer wieder zu seinem sichtlich besorgten Freund um, der ihm mit einer halben Treppe Abstand hinterherhetzt): Danke für dein Vertrauen, Marc, aber trotzdem wäre die 112 die richtige Wahl gewesen, vor allem wenn es akut sein sollte.
Marc (schiebt den Klugscheißer weiter die Treppe hoch): Papperlapapp! Quatsch nicht, sondern mach was! Du hast es mir versprochen.
Mehdi (bleibt auf der obersten Treppenstufe stehen u. dreht sich mit seiner typisch verständnisvollen Kaan-Miene zu seinem beunruhigten Freund um): Wie habt ihr uns überhaupt gefunden?
Marc (ärgert sich maßlos über die nächste Verzögerung u. kotzt Mehdi seinen ganzen Ärger vor die Füße): Boah, Alter, wer wollte denn unbedingt damit angeben, dass er angeblich in meiner Abwesenheit ein Hole-in-one geschossen hat, obwohl er von Golf so viel Ahnung hat wie ein Grobmotoriker von einem feinchirurgischen Eingriff. Dein angeblicher Videobeweis zählt nicht. Selbst wenn er allem Anschein nach vom Clubchef persönlich gedreht worden ist. Was selbst im Fußballstadion noch nicht offiziell gilt, gilt nirgendwo. Das ist reinster Kokolores. Außerdem war das Video, das du Haasenzahn geschickt hast, viel zu verwackelt und verpixelt und der dicke Kerl, der da hundert Meter entfernt drauf ist, überhaupt nicht zu erkennen. Also, wenn das wirklich du sein sollst, dann wäre ein zusätzliches Training die Woche echt angebracht. Sonst denkt man bald, du wärst der eigentlich Schwangere in eurer kranken Beziehung. Aber egal, du hast unter das Video geschrieben, was du vorhast und wo Lilly Urlaub macht, damit hängst du mir doch schon die ganze Woche in den Ohren, du jämmerlicher Jammerlappen, du.

Okay? Wenn er immer noch so charmant austeilen kann, dann kann es so schlimm ja nicht sein? Oder doch?

Gretchen: Maaarc?

...erklang plötzlich eine kräftige Frauenstimme aus einem der Zimmer im obersten Stock und ließ Marc aus dem Streitgespräch wieder aufschrecken, welches er aus dem Stand heraus grundlos angezettelt hatte. Er ließ Mehdi direkt stehen und rannte zu seiner Herzprinzessin. Dicht gefolgt von einem schmunzelnden Gynäkologen und dessen kopfschüttelnder Assistentin, die sich den Vorabend ihres neunundzwanzigsten Geburtstages in ihrem Feriendomizil etwas anders vorgestellt hatte, als sich jetzt ausgerechnet mit ihrer durchgeknallten Ex-Affäre beschäftigen zu müssen, welche extremen Babyalarm schob. Obwohl diejenige, die eigentlich betroffen war, ziemlich passiv in ihrem Bett zu liegen schien. Zu passiv in ihren Augen. Aber vermutlich reagierte jeder anders in solchen Situationen. Durch ihre Arbeit auf der gynäkologischen Station des Elisabethkrankenhauses hatte sie schon viel erlebt. Es gab nichts mehr, was Schwester Gabi in irgendeiner Weise noch beeindrucken konnte. Außer ihre eigene Schwangerschaft, die auch jeder Zeit in dieses Stadium geraten könnte. Also, Ruhe bewahren, redete sie sich mantramäßig ein, während sie nach außen hin weiterhin ziemlich genervt daherkam.

Gabi: Kindergarten, echt.

Marc: Hey, ich bin da. Wird’s wieder schlimmer? Soll er dir was geben?

Marc hatte sich neben das raumeinnehmende, holzverzierte Landhausbett gehockt, in welchem sich Gretchen mit der Hilfe von Mehdis Eltern vor wenigen Minuten erschöpft niedergelassen hatte, und griff nach ihrer zarten kleinen Hand, die sich wie ein Eisklumpen anfühlte, weswegen er fest zudrückte, während er seinen Augenstern besorgt von Kopf bis Babybauch scannte. Mit einem schwachen Lächeln schaute Gretchen ihren Liebsten zuversichtlich an und nickte dann kurz Mehdi und Gabi zu, bevor sie sich müde wieder in ihr Kissen kuschelte.

Gretchen: Geht schon, danke! Hallo Mehdi! Gabi!
Gabi (weiß weder, was sie tun, noch sagen soll u. bleibt mit sicherem Abstand in der Tür stehen): N’Abend!
Mehdi (strahlt allgemeine Zuversicht aus, als er näher kommt): Hey! Ich freue mich ja immer, wenn ihr beide uns unangemeldet besucht, aber mit so viel Aufregung auf einmal hätte ich dann, ehrlich gesagt, nicht gerechnet, wenn wir uns wiedersehen.
Gretchen (grient ihren besten Freund verlegen an u. lässt sich von der Ruhe anstecken, die er ausstrahlt): Ich auch nicht. Tut mir leid.
Mehdi (lächelt sie verständnisvoll an): Hey, gar nichts für. Ich hab schließlich versprochen, immer für euch da zu sein.
Marc (springt ungeduldig auf u. geht Mehdi ungehalten an): Dann sieh endlich zu, dass das nicht nur hohle Phrasen waren. Mann, jetzt mach doch endlich was! Sie hat Schmerzen, ey.
Gretchen (greift nach seiner Hand u. streicht zärtlich darüber, um ihn zu beruhigen): Marc, ich hab doch gesagt, es geht mir schon wieder besser.
Marc (ist davon überhaupt nicht überzeugt u. steckt alle mit seiner unangemessenen Hektik an): Trotzdem...
Mehdi (drängt Marc sanft, aber bestimmt zur Seite u. setzt sich zu Gretchen auf die Bettkante): In welchen Abständen kommen die Wehen denn, Gretchen?
Gretchen (schaut fragend zu Marc hoch, der nur unschlüssig mit den Schultern zucken kann u. sich maßlos darüber ärgert, wie hilflos u. unprofessionell er sich gerade fühlt): Ich weiß nicht. So zweimal, seitdem er mich gefunden hat.
Mehdi (guckt nun ebenfalls zu Marc hoch, der unruhig vor dem Fenster auf und ab läuft): Gefunden?
Marc (kann für einen Moment nicht sprechen, weil er die Bilder nicht aus dem Kopf bekommt): Sie ähm...
Gretchen (will sich erklären): Ich wollte nur kurz auf die Toilette...
Marc (fängt sich wieder u. kommt ihr zuvor): ... und als sie nach fünfzehn Minuten nicht zurückkam, bin ich sie suchen gegangen. Mann, ich hätte dich nicht alleine da hingehen lassen sollen. War ja klar, dass genau dann was passiert.
Gretchen (versucht, ihm das schlechte Gewissen zu nehmen): Marc, du hast dich doch nur bei dem Rettungsschwimmer nach dem Jungen erkundigt. Das war doch okay und es war ja auch nicht das erste Mal, dass ich alleine zum Leuchtturm gegangen bin. Mein Fehler. Der hätte auch sonst jederzeit eintreten können.
Gabi (wird neugierig): Was für ein Junge?
Gretchen (guckt kurz zu ihr rüber u. will sofort erzählen, was für ein Held ihr Freund doch ist): Marc hat...
Marc (springt schnell dazwischen, um sie davon abzuhalten, denn noch mehr Lorbeeren sind ihm momentan völlig schnuppe): Papperlapapp! Fakt ist, die Wehen haben sie ziemlich heftig in die Knie gezwungen. Ich hab sie hilflos in den Dünen gefunden, hab sie ins Auto verfrachtet, hab unseren Kram geschnappt und los ging’s. Direkt hierher, weil ihr eh auf dem Weg gelegen habt.
Mehdi (wechselt vielsagende Blicke mit seiner sichtlich sprachlosen Freundin): Äh...
Marc (sieht den nach Luft schnappenden Karpfen ungeduldig an): Ja, was? Jetzt untersuch sie endlich, du Blitzmerker! Oder soll ich das übernehmen? Dann hätten wir auch nicht extra hierherkommen müssen. Unprofessionalität finde ich auch auf anderen Stationen im EKH.
Gabi (hält es nicht mehr aus u. stößt sich vom Türrahmen ab, um professionell einzugreifen, wie sie es auf Station gelernt hat): Marc, kommst du mal bitte!
Marc (guckt irritiert zu ihr rüber u. schnauft verächtlich auf): Sicher nicht!
Gabi (verschränkt ihre Finger ineinander, sodass man ein deutliches Knacken hören kann, dann geht sie auf ihn zu u. packt ihn am Kragen seiner Lederjacke): Gut, deine Entscheidung, du hattest die Wahl, die haben alle, dann eben auf die harte Tour.

Während sich Mehdi mit einem verschmitzten Augenzwinkern dankbar von seiner einfallsreichen Assistentin abwandte und sich nun darum kümmerte, seine beunruhigte beste Freundin professionell zu untersuchen, nutzte Schwester Gabi den Überraschungsmoment, um ihr Lieblingshassobjekt zu überwältigen, das gar nicht wusste, wie ihm geschah, als es von der Schwangeren überraschend kraftvoll aus der Tür geschupst und dann die knarrende Treppe hinunter gedrängt wurde. Unten vor der Haustür angekommen, schaffte Dr. Meier es endlich, sich von der Xanthippe zu befreien und drehte sich ungehalten zu der unverschämten Person um, an der er sich gleich wieder vorbeidrängeln wollte, um wieder nach oben zu gelangen. Aber eine sehr entschlossene Gabi Kragenow, die ihr Berufsethos wiederentdeckt hatte, versperrte dem tobenden Mann mit ihrem gewaltigen Babybauch den Zugang zum Haus. Es gab kein Vorbeikommen. So gerne er es versucht hätte. Und sich an einer Frau zu vergreifen, die im achten Monat schwanger war, das traute sich Marc dann doch nicht, weil er sich selber gerade um eine andere tierisch Sorgen machte. Stattdessen zeigte er Gabi den Vogel und tobte wild gestikulierend vor ihr herum...

Marc: Sag mal, bist du verrückt geworden? Was soll das? Jetzt lass mich verdammt noch mal wieder da hoch, Gabi! Gretchen braucht mich.
Gabi (verschränkt mit einem zufriedenen Lächeln ihre Arme über ihrem Babybauch u. gibt sich angesichts seiner kläglichen Versuche ziemlich unbeeindruckt): Vergiss es! Du kommst hier nicht rein. Nicht bevor du zwei, drei Gänge zurückschaltest und von deinem Egotrip runterkommst. Gretchen kann jetzt alles gebrauchen, aber ganz bestimmt nicht einen durchdrehenden Chirurgen, der alles besser weiß und sich in alles reinsteigert und sie mit seiner unangemessenen Sorge ansteckt. Sie ist schließlich schon hypochondrisch von Natur aus. Also, halt die Klappe, Marc, und setz dich jetzt da hin! Da wartest du jetzt, bis Mehdi dich zu sich zitiert. Klar?
Marc (schnappt wie ein Fisch an Land nach Luft u. kann kaum glauben, was hier gerade abgeht): Äh...
Gabi (fühlt sich richtig gut, jetzt, wo sie dem Angeber endlich mal eins reinwürgen kann u. das sogar mit offizieller Erlaubnis): Weißt du, ich hab schon Profiboxer und Zuhälter aus dem Kreißsaal geworfen und da hatte ich noch nicht mal die Kraft der zwei Herzen. Du willst nicht mitkriegen, wenn ich so richtig sauer werde. Ey, du hast mich gerade um wirklich richtig guten Sex gebracht. Greife nie eine unausgeglichene Schwangere an, die noch dazu einen Bärenhunger hat. Eine kreuzgefährliche Mischung. Eigentlich kannst du froh sein, dass du noch so gut weggekommen bist. Typen wie dich fresse ich sonst zum Frühstück. Aber du hast Glück. Ich hab heute meinen guten Tag. Ich hab nämlich morgen Geburtstag. Apropos... Hm... Mal gucken, ob Soraya schon mit dem Backen fertig ist. Riecht gut, oder? Wenn ich dann wieder gute Laune habe, vielleicht gebe ich euch ja sogar ein Stück Kuchen ab oder was da sonst noch so da ist. Gretchen hätte es auf jeden Fall verdient, weil sie dich Honk jeden Tag aushalten muss. Und Mehdi sowieso. Also, wehe, du rührst dich hier weg! Ich hab meine Augen und Ohren überall. Und diese Gummistiefel sind bessere Wurf- und Tretgeschosse als meine Schlappen im Kreißsaal.

Marc schaute sie an, als hätte seine ehemalige Verlobte nicht mehr alle Latten am Zaun, was er eh schon immer von ihr gedacht hatte, aber als er sie dann beobachtete, wie sie nach ihrer heftigen Ansage zufrieden über ihren Babybauch streichelte und sich dann mit einem verschmitzen Grinsen umdrehte, um vermutlich als nächstes wie angekündigt die Küche zu plündern, wurde er sichtlich ruhiger, aber war immer noch nicht minder alarmiert. Angespannt schaute er die sanierte Hausfassade hoch und blieb an dem Fenster kleben, welches zu dem Zimmer gehörte, wo sein Freund sich gerade um seinen Goldengel kümmerte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hierher zu kommen und Mehdis Rat einzuholen, sprach sich der Oberarzt der Chirurgie in Gedanken gut zu. Mit ihm an Gretchens Seite konnte nichts schiefgehen. Mit ihm waren sie auf der sicheren Seite, auch wenn das nächste Krankenhaus laut Navi immer noch meilenweit entfernt war und er immer noch das Elisabethkrankenhaus allen anderen vorzog.

Marc guckte sich noch einmal um, ob nicht doch noch irgendwo eine zickige Krankenschwester lauerte, die es ihm heimzahlen wollte, aber es war niemand mehr zu sehen. Also ließ er sich dann doch auf die kleine Holzbank fallen, welche neben der Haustür stand, und lauschte mit geschlossenen Augen der andächtigen Stille, die auf dem Bauerngut herrschte. Einige Vögel zwitscherten fröhlich in den Bäumen, welche am Rand der Pferdekoppel standen, auf der sich mehrere Pferde gegenseitig spielerisch jagten. Marc schaute ihnen eine Weile zu. Sie hatten eine beruhigende Wirkung auf ihn. Aber dann schweiften seine Gedanken doch wieder zu der Frau in dem Zimmer über ihm. Wenn es jetzt wirklich losging, wie er vermutete, hätte er nicht doch besser gleich einen Krankenwagen rufen sollen? Was wäre, wenn sie mit ihrem kopflosen Handeln etwas riskiert hätten, was man jetzt nicht mehr rückgängig machen konnte. Es machte ihn wahnsinnig, hier nur machtlos herumsitzen zu müssen, während vermutlich wer weiß was passierte. Die Gedanken tosten nur so durch seinen Kopf, während er sich mit beiden Händen durch seine zerzauste Haarpracht fuhr und dann den Kopf hängen ließ. Marc registrierte zwar eine Bewegung neben sich, aber reagierte nicht weiter darauf, bis er eine kleine Hand auf seiner spürte und den Widerstand eines Kopfes an seiner Schulter. Irritiert blickte er zur Seite und sah auf einmal in die exakte Kopie von Mehdis treuen rehbraunen Augen, die ihn freudestrahlend anfunkelten.

Lilly: Onkel Maaarc, was ist mit dir?
Marc (hat eigentlich keinen Nerv für die süße Maus): Jetzt nicht, Prinzessin Lillyfee!
Lilly: Was ist denn passiert? Du siehst so traurig aus.

Und wenn es noch etwas gab, das Lilly mit ihrem Papa gemein hatte, dann die schreckliche Penetranz, mit welcher sie sich für ihre Mitmenschen interessierte und ganz bestimmt nicht so schnell wieder lockerlassen würde. Marc kannte Mehdis Mini-Me dafür einfach zu gut. Und je länger er abweisend reagierte, umso mehr mischte sich die sture Nervensäge natürlich auch ein, die er, je länger sie so zuckersüß in ihrem Wendy-Outfit neben ihm saß und ihre Beine von der Bank herabbaumeln ließ, widersprüchlicher Weise auch nicht wieder gehen lassen wollte. Denn er wollte jetzt nicht alleine mit seinen Gedanken sein.

Marc: Nichts!
Lilly (weiß ganz genau Bescheid u. grient ihn neunmalklug an): Das Nichts, das Gretchen betrifft?
Marc (fühlt sich direkt überrumpelt): Und woher weißt du das schon wieder?
Lilly (strahlt ihn mit stolzgeschwellter Brust an): Na, ich hab sie doch vorhin mit Oma und Opa auf Papas und Gabis Zimmer gebracht, damit sie sich hinlegen kann. Ich hab sie zugedeckt und hab ihr mein Kuscheltier überlassen.
Marc (reagiert zynisch, aber auch ein bisschen gerührt): Na, das wird sie jetzt ganz bestimmt ganz doll gebrauchen können.
Lilly (ihre Augen weiten sich neugierig): Ja! Geht es jetzt los, Onkel Marc? Ich meine, kommen jetzt die Zwillinge?
Marc (schließt für eine halbe Sekunde die Augen, mit denen er anschließend Lilly unschlüssig ansieht): Sieht stark danach aus, Lillyfee.
Lilly (klatscht begeistert in ihre Hände u. rutscht hibbelig auf der Bank hin u. her): Das ist aber aufregend.
Marc (nuschelt in seinen Dreitagebart hinein u. lässt sich direkt von Lillys Gehibbel anstecken): Weniger Aufregung wäre mir lieber.
Lilly (hält sofort inne u. guckt ihm ernst in die Augen): Machst du dir Sorgen, Onkel Marc?
Marc (zögerlich dreht er sein Gesicht von ihr weg): Quatsch! Naja, hm... n’bisschen.
Lilly (greift schnell wieder nach seiner Hand u. drückt diese fest): Das musst du nicht, Onkel Marc. Denn mein Papa ist der weltweltbeste Arzt der Welt.
Marc (dreht sich schmunzelnd wieder zu ihr um u. sieht ihr mit hochgezogenen Augenbrauen in die sehr überzeugten Bambiaugen): Sind das nicht ein bisschen zu viele Superlative?
Lilly (ist sich keiner Schuld bewusst): Wieso? Wenn’s doch stimmt.

Oh Gott, Meier, jetzt lässt du dir schon von einer Zehnjährigen die Butter vom Brot nehmen. Werd wieder normal, Mann! Alles wird gut. Oje, der Kaan-Virus ist ansteckend. Hilfe!

Marc (lacht): Das ist deine subjektive Sicht der Dinge, Kleines.
Lilly (sieht ihn mit großen Augen an u. zuckt mit den Schultern): Ich weiß zwar nicht, was das bedeutet, aber ich weiß, dass du Papa vertrauen kannst. Er weiß ganz genau, was er jetzt tun muss. Er bringt nämlich Babys auf die Welt.
Marc (ist fast soweit, ihr zu glauben): Ist das so?
Lilly (wirkt mehr als überzeugt): Ja, ganz, ganz sicher.
Marc (ein kleines Bisschen ist er sogar davon überzeugt): Na, dann? Und bei dir so? Wie laufen die Ferien so? Ist megalangweilig hier, oder?
Lilly (beginnt augenblicklich zu strahlen): Nö! Überhaupt nicht. Ich find’s supidupi hier. Vor allem heute. Weil ihr alle hier seid. Aber du lenkst ab. Hast du Angst? Das musst du nicht. Eine Geburt ist etwas ganz Natürliches.
Marc (ein schwaches Lächeln zeichnet sich auf seinen Lippen, weil Lilly sich eins zu eins wie Mehdi anhört): Wenn das so einfach zu erklären wäre, Lillyfee.
Lilly (wieder ganz ernst): Onkel Marc, ich bin zwar erst fast zehn, aber ich weiß sehr wohl, dass das manchmal nicht so einfach ist und dass manchmal auch nicht so gute Dinge passieren und Papa traurig und müde von der Arbeit nach Hause kommt. Gabi hat mir von ihrem ersten Baby erzählt.
Marc (schließt die Augen u. muss tief Luft holen, ehe er sich ihr wieder zuwendet): Lillyschatz, wenn du mich beruhigen willst, dann muss ich dir leider mitteilen, dass das die völlig falsche Richtung ist. Optimismus ist viel wirkungsvoller.
Lilly (wird direkt verlegen): Oh, ich weiß. Tut mir leid.
Marc (nimmt ihr die Scheu u. streicht ihr liebevoll über die gerötete Wange): Nicht der Rede wert. Aber mir und deinem Papa wäre es lieber, du würdest dich mehr mit deinen Puppen beschäftigen, als mit solchen schwerwiegenden Themen. Bleib noch ein bisschen unbeschwert, bevor der Ernst des Lebens dich schon früh genug abholen wird.
Lilly (nickt u. gerät leicht ins Grübeln): Ich hab nur drei Barbies eingepackt. Soll ich sie holen? Wollen wir spielen?
Marc (reißt überfordert die Augen auf): Äh... später vielleicht?
Lilly (grient ihn an u. schmiegt sich wieder an seine Seite): Hat Papa dir gezeigt, wie toll ich schon reiten kann? Ich hab auch keine Angst mehr, mich auf so ein großes Pferd zu setzen. Vorhin bin ich mit der Oma schon bis zur Waldlichtung getrabt.
Marc: Schön, schön. Wir sind noch nicht dazugekommen. Wenn du verstehst.

Als Marc wieder zu Lilly schaute, die sich verschmust an seine Schulter gelehnt hatte, und einmal vielsagend mit den Augenbrauen wackelte, um sie zum Lächeln zu bringen, bemerkte er im Augenwinkel, wie eine groß gewachsene Person aus der Haustür heraustrat. Sofort schlug ihm das Herz wieder bis zum Hals und er wurde merklich unruhig. Dr. Kaan bedachte derweil seine kleine Tochter mit einem wohlwollenden Lächeln. Seine Prinzessin war doch wirklich ein Schatz und immer zur Stelle, wenn jemand Trost und Verständnis suchte. Anna hatte immer Recht gehabt, sie kam eindeutig mehr nach ihm. Das umwerfende Lächeln, das andere animierte, ihr das Herz auszuschütten, das hatte sie jedoch eindeutig von ihrer Mutter.

Mehdi: Lillybärchen, guckst du mal, ob die Oma schon mit deinem Abendbrot fertig ist? Danach geht es dann ab ins Bett.
Lilly (bleibt nörgelnd neben Marc sitzen): Och, Papa, es sind doch Ferien. Darf ich nicht noch ein bisschen aufbleiben? Wir wollten doch noch zusammen die Pferde füttern und mit Opa die Tierdoku gucken, von der er den ganzen Tag erzählt hat. Wildpferde auf Island. Oder war es Irland?
Mehdi (schmunzelt): Okay, das besprechen wir dann bei Tisch. Sagst du Oma bitte, dass sie noch zwei Gedecke mehr auflegen soll?
Lilly (drückt dem verdutzten Marc ein kleines Küsschen auf die Wange u. springt dann von der Bank auf): Okidoki, Papili! Bis dann, Onkel Marc!
Mehdi (legt Lilly liebevoll seine Hand auf den Kopf, als sie an ihm vorbei will, u. zwinkert ihr fröhlich zu): Danke, mein Schatz! Wir kommen gleich nach.
Marc (steht ebenfalls auf u. guckt hoch zum Fenster, das nun leicht gekippt ist): Was soll das heißen? Hast du etwa noch keinen RTW bestellt? Aber...
Mehdi (bedenkt Marc mit seinem ekelhaften verständnisvollen „Ich-rette-die-Welt“-Blick): Komm mal bitte mit, Marc!

Mit einer großen Geste deutete Mehdi zur Haustür, hinter der eben erst Lilly verschwunden war, und lud Marc dazu ein, ihm doch bitte nach oben zu folgen. Noch immer verstört folgte er dem Halbperser ohne großes Murren. Das setzte erst ein, als er in Gretchens Zimmer trat und seine Herzangebetete dort im typisch verheulten Zustand vorfand. Schnell eilte er zu ihr ans Bett und verteilte erste Vorwurfstiraden an seinen besten Freund, der sicherheitshalber an den Türrahmen gelehnt seinen Beobachtungsposten eingenommen hatte.

Marc: Mann, ey, was bist du eigentlich für ein beschissener Arzt? Wieso unternimmst du nichts? Sie weint schon wieder.
Gretchen: Das sind die Hormone, Marc. Ich hab keine Schmerzen. Ich...
Marc (verwirrt schnellt sein Kopf wieder zu ihr herum): Was... du?
Gretchen (zieht etwas unter dem Kopfkissen hervor u. reicht es ihm): Hier!
Marc (guckt auf das visitenkartengroße Stück Plastik): Äh... was soll ich damit?
Gretchen (blickt verlegen auf ihre Bettdecke, über der sie gerade nervös mit ihren Händen spielt): Ich hab ihn nicht verdient. Behalte ihn solange, bis ich wieder einer Ärztin würdig bin.
Marc (guckt völlig konsterniert zu Mehdi rüber, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann): Was soll der Scheiß, Haasenzahn? Halluzinierst du etwa? Was hast du ihr gegeben?
Mehdi (lächelt ihn mehdilike an): Nichts, was du nicht auch haben könntest. Fürsorge und ein Ohr zum Zuhören. Aber Lilly hat ja schon einen guten Job gemacht.
Marc (zeigt ihm den Vogel u. schmeißt das Kärtchen wieder vor Gretchen auf Bett): Ihr verscheißert mich doch hier. Deinen Arztausweis, den behältst du mal schön selber. Du weißt ganz genau, wie schnell man den gebrauchen kann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Gretchen (schnieft): Ich weiß.
Mehdi (nickt wissend, denn Gretchen hat ihm alles unter Tränen berichtet): Ich lass euch dann mal alleine, hm? Ich schicke nachher Lilly mit einem Tablett hoch. Ich denke, nach dem Schreck habt ihr bestimmt Hunger. Und ich muss jetzt auch noch ein bisschen umplanen wegen Gabis Geburtstag.
Gretchen: Danke, Mehdi. Für alles!

Gretchen lächelte Mehdi an. Er erwiderte ihr Lächeln, zwinkerte ihr fröhlich zu und ließ einen verunsicherten Oberarzt zurück, der nun gar nichts mehr verstand und sich wie die Axt im Walde vorkam.

Marc: Du willst jetzt was essen? Sollten wir nicht langsam aufbrechen? Wieso hat der so die Ruhe weg und geht jetzt erst mal Geschenkpapier basteln?
Gretchen (rutscht im Bett etwas zur Seite u. klopft auf den freigewordenen Platz): Marc, ich muss mit dir reden.
Marc (sieht sie verunsichert an u. nimmt dann mit einem sehr flauen Gefühl im Magen neben ihr im Bett Platz): Ich höre.
Gretchen: Aber du darfst nicht lachen.
Marc (jetzt wird sein internes Alarmsystem erst recht aktiviert): Du, mir ist nach allem zumute, aber bestimmt nicht danach.
Gretchen (weicht verlegen seinem bohrenden Blick aus): Gut, denn, ähm... Wie soll ich sagen?
Marc (fixiert sie mit seinem durchdringenden Oberarztblick): Was?
Gretchen (hat plötzlich eine Eingebung): Du guckst doch gerne Autorrennen.
Marc (starrt sie verständnislos an): Äh... ja?

Was zum Teufel wird das hier? Und er hat ihr wirklich nichts gegeben? Nicht mal nen Schokoriegel oder ein Mohnbrötchen?

Gretchen: Da gibt es doch diese Vorlaufphase, oder?
Marc (versucht ihr angestrengt zu folgen): Einführungsrunde, meinst du?
Gretchen (gerät nun doch kurz ins Zweifeln, bevor sie den Faden wiederfindet): Kann sein? So ungefähr ist es auch mit mir.
Marc (seine Augenbrauen hüpfen zur Stirn hoch): Bitte?
Gretchen (holt noch mal tief Luft, danach platzt es endlich aus ihr heraus): Es war falscher Alarm, Marc. Ich hatte ja schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl, weil ich, seitdem ich wie ein gestrandetes Walross im Sand gekauert habe, nicht noch mal so dolle Wehenschmerzen hatte. Aber dann hast du mich gleich ins Auto gesetzt und wir sind losgebraust und du hast unentwegt heruntergerasselt, was die Hebamme neulich alles erklärt hat.
Marc (hebt seinen Blick zur Zimmerdecke u. atmet lange aus, bevor er dann schnell wieder seinen Blick auf ihre Augen lenkt, um darin die Antwort zu lesen): Und dann hast du dich nicht mehr getraut, etwas zu sagen? Haasenzahn!

Die Frau macht mich wahnsinnig. Und wozu der ganze Aufriss? Jetzt sitzen wir auf einem stinkenden Bauernhof fest. Mit den Waltons.

Gretchen (senkt verlegen ihren Blick, der wieder wässrig wird): Tut mir leid. Ich hatte doch auch Panik im ersten Moment, weil sich das so anders angefühlt hat. Ich hab doch nicht ahnen können, dass Senkwehen auch mal ziemlich heftig werden können.
Marc (lenkt seine Gedanken wieder aufs Wesentliche): Was hat Mehdi gesagt?
Gretchen: Er hat mich gründlich untersucht, Marc. Ultraschall und alles. Er hat nämlich auch alles hier mit dabei. Da ist er genauso professionell wie du. Es ist alles in Ordnung. Der Muttermund ist geschlossen. Keine erhöhte Wehentätigkeit. Die Herztöne sind ganz normal. Ich glaube, die beiden haben gar nicht mitgekriegt, was mit uns beiden los war.
Marc (wieder etwas beruhigt, aber immer noch nagt ein kleiner Zweifel): Da schwingt immer noch ein Aber mit?
Gretchen (lächelt verschämt): Ich soll mich schonen, also vorwiegend Bett hüten. Bis...
Marc (nickt nachdenklich): Verstehe.
Gretchen (ist darüber nicht gerade glücklich): Ich hab Mehdi erzählt, was vor zwei Tagen passiert ist und was für Angst ich hatte. Die Aufregung könnte mit ein Auslöser gewesen sein. Dabei dachte ich doch, ich hätte das gut verarbeitet. Wir hatten so eine schöne Zeit miteinander. Danach. Ich hab mich wohl und geborgen gefühlt. Von mir aus hätten wir noch ewig lange in unserem Strandkorb liegen bleiben können.
Marc (lehnt sich seufzend mit dem Hinterkopf an das gut gepolsterte Bettende): Ich hab’s befürchtet. Und jetzt? Heißt das, es kann jetzt wirklich bald losgehen? Also, so richtig, richtig?
Gretchen (lehnt sich ebenfalls zurück, muss sich aber plötzlich an den Bauch fassen): Möglich, ja. ... Oh!
Marc (beugt sich alarmiert zu ihr rüber): Geht’s wieder los? Keine Widerrede! Jetzt fahren wir wirklich ins Krankenhaus und Mehdi nehmen wir gefesselt und geknebelt im Kofferraum mit. Ich gehe kein Risiko mehr ein. Das heute war dumm und kopflos.
Gretchen (grient ihn mit einem Mal auf hinreißende Gretchen-Art an u. schnappt sich seine Hand, die sie auf eine ganz bestimmte Stelle ihres Bauches legt): Sie turnen doch nur, soweit das noch geht. Viel Platz haben sie ja nicht mehr.
Marc (streichelt zärtlich über ihren Babybauch): Die Rabauken. Die haben die Ruhe weg, während wir hier draußen durchdrehen. Oder wie würdest du unseren Testlauf jetzt bewerten?

Voll verkackt, aber so richtig! Oh Mann, das kann man keinem erzählen. Die fallen doch vor Lachen tot um und denken, wir haben unsere Medizinabschlüsse im Netz ersteigert.

Gretchen (lacht): Ich wollte meinen Arztausweis abgeben, was denkst du denn?
Marc (schüttelt schmunzelnd den Kopf, ehe er selbigen an ihren Bauch legt, um andächtig zu lauschen): War da was? Was sind wir Mehdi schuldig, damit er darüber vor unseren Alten die Fresse hält?
Gretchen: Denkst du, er ist sauer, weil wir jetzt sein Zimmer belagern? Morgen ist doch Gabis Geburtstag.
Marc (guckt unbeeindruckt zu ihr hoch): Echt? Die kann froh sein, dass überhaupt jemand daran gedacht hat.
Gretchen (tadelnd): Marc!
Marc (grummelnd): Ja, ist doch wahr.
Gretchen (studiert intensiv sein verräterisches Grinsegesicht): Wieso grinst du dabei so?
Marc: Ich musste gerade an deinen Autorennenvergleich denken.
Gretchen (ihre Wangen leuchten wieder zartrosa auf): Und? Sollen Gabi und ich jetzt in den Wettstreit gehen, wer legt zuerst vor?
Marc: Dann stünde es ja schon mal 1:0. Nee! Das mit der Vorrunde war schon ganz richtig, ich würde das, was heute passiert ist, aber eher als Beginn der Safty-Car-Phase zählen.
Gretchen (kann ihm noch nicht gleich folgen): Und das heißt?
Marc (gibt ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange u. legt seinen Arm um ihre Schulter, so dass sie sich besser an ihn schmiegen kann): Das erkläre ich dir das nächste Mal, wenn du sonntags tierisch genervt darauf reagierst, dass ich den halben Nachmittag auf der Couch vor der Glotze verbringe.
Gretchen (funkelt ihn verspielt an): Untersteh dich!
Marc (fuchtelt mit seinem Oberlehrerzeigefinger vor ihrer Nasenspitze herum, bevor er sanft dagegen drückt): Und du unterstehst dich, auch nur noch einmal etwas ohne mich zu unternehmen. Ab sofort ist immer jemand bei dir. Von mir aus auch der Knallkopf. Damit er auch mal was Anständiges zu tun hat. Hab ich dir übrigens schon erzählt, wie ich ihn vorhin vorgefunden habe?

Lorelei Offline

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23.02.2017 14:03
#1589 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Stunden später hatte sich bei allen Beteiligten, die auf dem gemütlichen Bauernhof im Brandenburgischen ein zeitweiliges Heim gefunden hatten, der kleine Schreck wieder gelegt und man beschäftigte sich nur noch in den kunterbunten Traumwelten, in die man sich wohlig hineingekuschelt hatte, damit, was denn gewesen wäre, wenn der allseits beliebte und couragierte Dr. Mehdi Kaan als Cowboy verkleidet mit sporadischen Mitteln bei einer spontanen Zwillingsgeburt im Heu hätte improvisieren müssen. Mit einem zeternden Bald-Vater als unbrauchbaren Assistenten an seiner Seite, der erst stillhalten und ganz sanft werden sollte, nachdem der erste kräftige Babyschrei in der Scheune zu hören gewesen wäre, und sich dann nach dem zweiten erschöpft, aber glücklich zu der bildschönen Mami, in die er noch mehr verliebt gewesen wäre als je zuvor, und zu den Kleinen in ihrer Mitte ins Heubett gelegt hätte.

Auch im zerstreut wirkenden Wuschelkopf des engagierten Frauenarztes, der sein kariertes Cowboyhemd mittlerweile gegen ein helles Jackett und ein dunkelgraues T-Shirt mit V-Ausschnitt getauscht hatte, spukte dieser Gedanke noch immer herum, was ihn wiederholt vergnügt grinsen ließ. Aber schnell wich dieser wieder Mehdis eigentlicher Mission, welche auch mehr improvisiert als geplant gewesen war. Eben wegen jener aufgeregten Bald-Familie Meier-Haase, die genau in dem Moment als ungeplante, aber dann doch willkommene Gäste auf dem Ferienhof aufgetaucht war, als er seine Geburtstagsüberraschung für seine Liebste hatte einleiten wollen.

So hatte Dr. Kaan spontan umplanen müssen und gefiel sich am Ende in dieser Rolle sehr, denn die Zappeline, die er nun vorsichtig vor sich her schob, weil er ihre Augen mit einem hübschen Halstuch verbunden hatte, reagierte genauso, wie er es erwartet hatte, als er sie vor wenigen Minuten überrumpelt und nach draußen in die dunkle Nacht entführt hatte. Und er freute sich diebisch darüber, weil seine Idee trotz sanfter Gegenwehr aufzugehen schien. Deshalb zögerte er die Überraschung auch immer mehr hinaus, je weiter sie eng umschlungen im Entengang voranschritten, und legte bewusst falsche Spuren, um das Geburtstagskind noch ein bisschen auf die Folter zu spannen. Dabei war sein eigentliches Ziel schon längst in Sicht.

Er hatte sich bei dessen Vorbereitung mal wieder selbst übertroffen, stellte Mehdi zufrieden fest, während er seine hibbelige Freundin geschickt um eine Stolperfalle in Form einer aus dem Wiesenboden herausragenden Baumwurzel herumführte. Aber genau dieses blinde Hin und Her auf dem unebenen Boden regte die angespannte Krankenschwester nur noch mehr auf als allein schon die Tatsache, sich mit jedem weiteren wackeligen Schritt vorwärts immer weiter von ihrem warmen, weichen, gemütlichen Bett zu entfernen, in welchem sie sich jetzt verschmust an den starken Bären hätte herankuscheln können, der ihr hier gerade offenbar eben jenen aufzubinden versuchte, worauf sie überhaupt keine Lust hatte so kurz vor Mitternacht.

Gabi: Bärchen, wenn du noch weiter so hin und her schaukelst, wird mir noch schlecht. Ich verstehe eh nicht, was das Ganze soll und was wir um die Zeit hier draußen wollen.
Mehdi (schmiegt sich dicht hinter sie, so dass ihr gleich ganz anders wird, u. haucht ihr verheißungsvoll ins Ohr): Nicht?
Gabi (versucht, den Charmeur abzuschütteln u. sich wieder auf den unsicheren Weg unter ihren Füßen zu konzentrieren u. nicht auf die Gänsehaut, die gerade ihren gesamten Körper überzieht): Du bist gemein. Aber so richtig. Ich war so schön auf dem Sofa eingedöst, als ihr diese Tierdoku im Fernsehen geguckt und kommentiert habt. Und dann reißt du mich plötzlich aus dem Tiefschlaf, zwingst mich, mich schick anzuziehen, um mich dann blind in die dunkle Nacht hinauszuschicken. Die Augenbinde hätte es gar nicht gebraucht. Ich bin eh nachtblind. Und jetzt stolpern wir hier schon eine Ewigkeit durch die Pampa, ohne dass du mir verrätst, was du vorhast.
Mehdi (versucht, ernst zu bleiben, aber schmunzelt in sich hinein): Der Hof ist gleich um die Ecke.
Gabi (hat vollkommen die Orientierung verloren, versucht es sich aber nicht anmerken zu lassen): Ja, und? Lässt du mich jetzt los und ich muss blind zurückstolpern? Sehr einfühlsam, echt, Mehdi.
Mehdi (grient ihr verliebt gegen das Ohr u. schiebt die Widerspenstige weiter vorsichtig die kleine Anhöhe hoch): Ja? Ich bemühe mich eben immer um dich. Gerade heute.
Gabi (versucht die prickelnde Gänsehaut zu ignorieren, die seine direkte Nähe erzeugt u. sie ebenso wie die Aussicht auf eine Geburtstagsüberraschung ganz wuschig macht): So wie vorhin in der Scheune, als du mich wegen Hanni und Nanni stehen gelassen hast.
Mehdi (bleibt mit ihr stehen u. flüstert ihr verführerisch ins Ohr, bevor er kurz daran knabbert): Wie kann ich diesen Fauxpas nur je wieder gut machen, hm? Ah, ich weiß. Ich bin doch schon dabei.

Gott, der Kerl macht mich wahnsinnig! Was hat er bloß vor? Ich hätte ahnen müssen, dass er etwas plant. Er war schon den ganzen Tag über so vorfreudig erregt und geheimnisvoll.

Ist sie nicht süß, so wie sie sich ohne Grund aufregt? Ich hoffe, sie freut sich darüber. Ach, ich weiß, sie wird es!


Gabi (kann sich ein vorfreudiges Lächeln nicht länger verkneifen u. wird langsam ungeduldig): Und wieso machst du dann nichts?
Mehdi (guckt zufrieden auf die Überraschung vor seinen Augen, schielt dann kurz auf seine Armbanduhr u. wartet ab, während er seine zappelige Freundin noch fester in seine Arme zieht u. mit seiner Nasenspitze ihren grazilen Hals empor fährt, um ihren sinnlichen Duft aufzufangen): Ich warte.
Gabi (merklich irritiert u. abgelenkt von seinen sanften Berührungen): Worauf?
Mehdi (lächelt ganz verträumt den Vollmond an): Auf den perfekten Moment.
Gabi (schmiegt sich gefühlvoll in seine starken Arme u. schließt zusätzlich zur Augenbinde ihre Augen): Und der wäre?
Mehdi (hält den Atem an): Warte!
Gabi (spürt ihre steigende Nervosität nun deutlich u. kämpft vergeblich dagegen an): Ich tue den ganzen Abend schon nichts anderes.
Mehdi (schmunzelt über seine sichtlich ungeduldige Freundin): Zehn, neun, acht, sieben,...
Gabi (lacht u. boxt ihn in die Seite): Du spinnst!
Mehdi (lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen u. zählt die Sekunden weiter geduldig herunter, während er seine Wange sanft gegen ihre drückt): ...vier, drei, zwei, eins. ... Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, meine liebste Bella, happy birthday to you.

…summte Mehdi mit einem Mal den Geburtstagsklassiker schlechthin melodisch in Gabis rechtes Ohr und streichelte dabei zärtlich ihren gänsehautgespickten Arm hinab, bis er ihre zarte, kleine Hand erreicht hatte, die beschützend über ihrem gewaltigen Babybauch lag, und verschränkte seine Finger mit ihren. Mit seiner freien Hand löste er als nächstes den Knoten ihrer Augenbinde. Das seidene Halstuch segelte wie ein Blatt im Wind auf die Schulter seiner Geliebten, die nach der langen Finsternis und Orientierungslosigkeit heftig mit ihren Augenlidern blinzelte, um sich wieder an die neue Umgebung zu gewöhnen. Es dauerte einen langen Augenblick, bis die nun frischgebackene Neunundzwanzigjährige registrierte, was ihr Schatz da alles für sie gezaubert hatte, der immer noch dicht hinter ihr stand und mit seiner tiefen, sonoren Stimme leise in ihr Ohr hauchte, sodass ihr gleich wieder ganz anders wurde.

Mehdi: Mein Herz, ich wünsche dir alles, alles Liebe und Glück dieser Welt zu deinem ersten letzten Zwanziger-Geburtstag. Ich hoffe, du freust dich über dieses kleine mitternächtliche Dinner mitten in der Natur. Ich weiß ja, dass du mit ihr ein bisschen auf Kriegsfuß liegst. Aber dagegen kann man immer was tun. Und ich musste nun mal wegen unserer ungeplanten Überraschungsgäste rasch improvisieren und ich finde, so ist es sogar noch ein bisschen schöner geworden, als ich eigentlich vorhatte. Ich musste nur meine süße Lillymaus davon abhalten, dir jetzt schon ihr tagelang eingeübtes Gitarrenständchen vorzuführen, worauf du dich übrigens schon mal wappnen kannst, wenn sie morgen in aller Herrgottsfrühe unser Zimmer stürmen wird. Jetzt wollte ich aber gerne mit dir alleine sein. Nicht nur, weil ich wegen heute Abend noch etwas wiedergutzumachen habe. Sondern, weil ich dir sagen möchte, wie sehr ich dich liebe. Und ich freue mich schon darauf, auch die vielen, vielen nächsten neunundzwanzigsten Geburtstage mit dir feiern zu dürfen. Wenn ich darf?

Mehdis verschmitztes Lächeln, als er dies sagte, berührte Gabi zutiefst. Ebenso wie seine liebevoll gewählten Worte. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie war völlig geblendet von dem romantischen Bild, das sich ihr vor ihren weit aufgerissenen Augen bot und das tatsächlich mit seinen feinen Nuancen und der Detailversessenheit ihres Liebsten einem gemalten Gemälde glich. Ihr Schatz hatte wirklich an alles gedacht. Er hatte aus Nichts etwas gezaubert und hatte sie damit mitten ins Herz getroffen. Und das, obwohl sie bislang mit Romantik nicht viel am Hut hatte. Kein Mann hatte ihr je zuvor so eine wahnsinnig schöne Überraschung bereitet. Unter einem mächtigen Kirschbaum, der auf einer kleinen Anhöhe mitten in einem ungemähten Getreidefeld stand und dessen abgeerntete Äste mit rot leuchtenden Girlanden geschmückt waren, stand ein kleiner quadratischer Tisch, geschmückt mit Korn- und Mohnblumen und betörend duftenden Köstlichkeiten, der zusätzlich zu den brennenden roten Kerzen auch noch vom Vollmond angestrahlt wurde, welcher an diesem Tag ganz besonders groß erschien und dem Ganzen ein noch spezielleres Ambiente gab. Unweigerlich stiegen dem gebannt staunenden Geburtstagskind die Tränen in den Augen, was wiederum Mehdi tief im Herzen berührte.

Vorsichtig drehte der romantikliebende Überraschungskünstler seine sichtlich gerührte Freundin zu sich herum, damit er ihr besser in die feucht schimmernden Augen schauen konnte. Zärtlich strich Mehdi Gabi die kleinen Glückstränen von der Wange und strahlte sie erwartungsvoll an. Die Glückshormone tobten nur so durch ihren vor Fruchtbarkeit überschäumenden Körper, der noch einen kleinen Moment brauchte, um sich zu regenerieren, ehe er sich mit seiner ganzen Naturgewalt auf den Halbperser stürzte, der fast ein wenig ins Taumeln geriet, weil die stürmische Schönheit sich ungehalten in seine Arme geschmissen hatte und ihn anschließend heftig niederzuknutschen begann. Nur in einer kleinen Atempause ließ Gabi von ihrem Partner ab, der sie, wie zu einer Tanzpose bereit, sanft in seinen Armen hin und her wiegte und nicht vorhatte, sie je wieder loszulassen.

Gabi (strahlt ihn schwerverliebt an): Du bist verrückt.
Mehdi (zwinkert ihr vielsagend zu): Verrücktsein gehört doch zum Verliebtsein dazu, oder nicht? Und ich hab doch gesagt, für uns zwei kann es nie genug Kitsch geben.
Gabi (hält im Kuss inne u. sieht ihm tief bewegt in die dunkel schimmernden Augen): Das ist alles, aber nicht kitschig.
Mehdi (hebt erwartungsvoll seine Augenbrauen): Sondern?
Gabi (verliert sich in seinen wunderschönen aufblitzenden mandelbraunen Augen, die ihre fixieren): Es ist... unglaublich.
Mehdi (kontert kleinlaut): Fühlt sich aber ziemlich echt an.
Gabi (tippt den vorlauten Mann für den Spruch leicht an u. strahlt dabei wie ein Honigkuchenpferd): Es ist perfekt. Wunderschön. Ich hätte so was nie erwartet.
Mehdi (lächelt sie schwerverliebt an u. gibt ihr einen kleinen Kuss auf die Wange, bevor er sie gentlemanlike zu ihrem Stuhl führt, auf dem sie sich schließlich völlig geflasht fallen lässt): Ich auch nicht.
Gabi (kann es immer noch kaum fassen u. blickt sich ungläubig um): Wann...? Wie hast du das alles so schnell organisieren können? Wir waren doch die meiste Zeit zusammen.
Mehdi (beugt sich geheimnisvoll zu ihr herab u. zieht sich dann lachend wieder zurück): Ein Gentleman schweigt und genießt seine Geheimnisse.
Gabi (ein Schauer durchfährt sie bei seiner tiefen melodischen Stimme, in welcher deutlich der Schalk mitschwingt): Mehdi!

Mehdi (lacht u. setzt sich ihr gegenüber): Tja, Gretchens kleines mittelgroßes Problem, da nahm alles seinen Anfang.
Gabi (der Schalk springt ihr nur so aus den Augen, während sie ein Glas Traubensaft genießt, das Mehdi ihr soeben eingeschenkt hat): Du meinst Marc?
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht u. schenkt sich nun selber ein Glas ein, um mit seinem süßen Frechdachs anstoßen zu können): Lass ihn das bloß nicht hören!
Gabi (kontert kess u. sieht dabei verführerisch aus): Von mir hat er heute, äh... gestern, schon genug zu hören gekriegt. Du hast ihn noch nie so kleinlaut erlebt.
Mehdi (nickt anerkennend u. nimmt einen Schluck Traubensaft, bevor er sich erklärt): Ich bin stolz auf dich. Jedenfalls, um auf deine Frage zurückzukommen, ich hatte eigentlich geplant, dich in dieses niedliche kleine italienische Restaurant im Nachbarort zu entführen, von dem ich dir schon mal erzählt habe. Alles war schon perfekt organisiert, der Tisch auf der Terrasse romantisch gedeckt, der Kellner instruiert, damit um Mitternacht alles klappt. Nur die Zwillinge waren noch nicht eingeladen gewesen.
Gabi (verdreht die Augen u. schmunzelt): Was auch gut so war. Ansonsten hätte ich gar nichts mehr von dir gehabt.
Mehdi (guckt sie mit sanftem Dackelblick von unten herauf an): Schlimm?
Gabi (schüttelt rasch den Kopf): Ich bin dir überhaupt nicht böse. Ich hatte ja selber Bammel, dass wir völlig unvorbereitet im Schuppen einen improvisierten Kreißsaal hätten einrichten müssen. Das hier, dein Alternativplan ist... wow... unfassbar toll. Ich hätte jetzt nirgendwo anders mit dir sein wollen, Mehdi.
Mehdi (strahlt zufrieden u. greift nach ihrer Hand, die auf dem Tisch ruht, u. umspielt ihre geschmeidigen Finger): Danke! Aber der Dank gilt auch meinen Eltern, die ich statt unser ins Restaurant geschickt habe. Du hattest dich doch gewundert, wo die beiden so plötzlich abgeblieben waren. Sie haben den Fernsehabend mit Lilly nicht geschwänzt, die übrigens auch eingeweiht war und deshalb immer so penetrant zu dir auf Sofa rübergegrinst hat. Mama und Papa hatten einen schönen Abend und haben einen kleinen Gruß aus der Küche für uns mitgebracht.
Gabi (ist völlig fasziniert von ihrem einfallsreichen Gegenüber): Es hätte mich auch gewundert. Wann hättest du sonst die Zeit dafür gehabt, dich hier in die Küche zu stellen und so was Tolles zu zaubern?
Mehdi (schmunzelt, als sie sich gierig über eins der Hors d’oeuvre hermacht): Och, du, das hätte ich schon noch hingekriegt. Italienische Küche ist schließlich mein Steckenpferd, wie du weißt. Und so tief und fest wie du im Wohnzimmer geschlafen und niedlich vor dich hingeschnarcht hast. Das hättest du gar nicht gemerkt.
Gabi (funkelt ihn an): Hätte ich wohl. Erbse hat nämlich einen genauso guten Riecher wie ich.
Mehdi (grinst): Selbstverständlich.
Gabi (zieht einen süßen Schmollmund): Außerdem schnarche ich nicht.
Mehdi (grient sie an u. schnappt sich fast schon beiläufig ein Bruschettabrötchen, das er nun genüsslich vor ihren wild auffunkelnden Augen kaut): Wenn du das denkst.
Gabi (klopft ihm schmollend auf die Hand, bevor sie ihre wieder fest um seine schließt, u. ihn sanft anlächelt): Danke für die gelungene Überraschung. Das ist der beste Geburtstag, den ich je hatte.
Mehdi (sichtlich erstaunt strahlt er sie an): Und da hast du noch gar nicht mein eigentliches Geschenk gesehen.
Gabi (ehrlich baff): Ich dachte, das hier wäre die Überraschung?
Mehdi: Ist es auch, aber ich habe da noch etwas für dich, meine Schöne.

Mehdi lächelte die überraschte Schwangere viel versprechend an, stand dann von seinem Platz auf und holte hinter dem Kirschbaum ein mittelgroßes rechteckiges Geschenkpaket hervor. Gabi staunte regelrecht Bauklötzchen, als ihr Liebster im nächsten Moment in bester Casanovamanier vor ihr auf die Knie ging und ihr übertrieben feierlich sein Präsent überreichte, das kunstvoll in rotes Herzchen-Geschenkpapier eingewickelt worden war.

Gabi (atemlos blickt sie ihm in die Augen): Für mich?
Mehdi (erhebt sich lächelnd u. gibt ihr einen kleinen Kuss auf die Wange, bevor er sie erwartungsvoll ansieht): Hat heute noch jemand Geburtstag?
Gabi (schüttelt den Kopf u. reißt schnell das Papier auf u. staunt nun gleich noch mehr, als sie mit etwas Abstand auf den Inhalt schaut): Nein? Das... Mehdi?
Mehdi (nimmt es ihr ab u. stellt es an den Baumstamm, damit man es im Schein der Girlanden besser von allen Seiten betrachten kann u. zieht seine Freundin zu sich rüber auf den Stuhl): Ich dachte, es wäre eine schöne Idee. Du... Ihr... seht so schön darauf aus. Ich kann mich nicht daran sattsehen.
Gabi (rutscht auf seinen Schoß u. schmiegt ihre Arme glücklich um seinen Hals): Also hast du eher dich selbst beschenkt als mich?
Mehdi (guckt ihr verliebt in die Augen u. streichelt liebevoll ihren Babybauch): Das kommt auf die Perspektive darauf an. Mit dir... euch bin ich doch schon reich beschenkt.
Gabi (erwidert sein strahlendes Lächeln u. ist hin u. weg von dem Charmeur): Danke! Ich liebe dich.
Mehdi (wickelt sich eine Strähne ihres glänzenden Haares um den Finger u. verliert sich in ihren glückstrahlenden Augen): Ich liebe dich auch, mein Schatz.
Gabi (küsst ihn voller Liebe u. blickt danach noch einmal auf das Selbstporträt in Schwarz-Weiß): Das bekommt einen Ehrenplatz.
Mehdi: Selbstverständlich. Man muss es sehen.

Mehdi zwinkerte der Schönheit keck zu und Gabi lachte daraufhin laut auf, während sie eng aneinander geschmiegt auf das vergrößerte Foto schauten, welches der werdende Familienvater vor einigen Tagen von seiner Liebsten im heimischen Kinderzimmer geschossen hatte. Gabi sah darauf so verträumt und vernarrt in ihr Baby aus, dass der stolze werdende Papa gar nicht anders gekonnt hatte, als diese Moment für alle Ewigkeit festzuhalten. Arm in Arm saßen die beiden Verliebten nun eine Weile still da und erinnerten sich an diesen besonderen Moment, bis Gabi plötzlich anfing zu flüstern, während sie gedankenverloren am Kragen von Mehdis schickem Jackett herumnestelte, das ihm übrigens außerordentlich gut stand...

Gabi: Ich hätte das nie gedacht.
Mehdi (horcht interessiert auf): Was?
Gabi (sieht ihm plötzlich intensiv in die Augen): Dass ich noch mal so glücklich werden könnte.
Mehdi (schließt seine Augen u. drückt seine Stirn seufzend gegen ihre): Ich auch nicht.
Gabi (windet sich aufgewühlt hin u. her): Du verstehst das nicht. Ich... Ich hatte aufgegeben. Zu hoffen. Ich war wirklich am Boden. Vor genau einem Jahr. Mein Geburtstag letztes Jahr, der... Er war wirklich schrecklich. Ich hatte mich noch nie so verlassen und alleine gefühlt.
Mehdi (streicht ihr mitfühlend über den Arm, den eine Gänsehaut ziert, weshalb er seine Jacke auszieht u. sie ihr über die Schulter legt): Bella?
Gabi (ist selber davon überwältigt, was für eine Welle an Emotion sie gerade überrollt): Nein, bitte, lass mich erst ausreden, Mehdi! Ich muss das loswerden, um es hinter mir zu lassen. Es war wirklich mein schlimmster Geburtstag. Fast noch schlimmer als mein Siebzehnter, als ich mich plötzlich auf der Straße wiederfand. Ich war genauso allein. Hatte nicht mal mehr die Illusion, dass es je besser werden könnte, wenn ich mich nur anstrengen würde. Ich hatte mein Leben komplett vor die Wand gefahren. Ich hatte alle vergrault, die mir bis dahin eigentlich nie wirklich etwas bedeutet hatten. Kein Wunder, dass niemand an mich gedacht hat. Im Schwesternwohnheim lief alles wie gehabt. Der übliche Trott. Bis auf die Tatsache, dass Schwester Stefanie mich loswerden wollte, weil ich schon wieder mit zwei Monatsmieten zurücklag. Ich hatte komplett bei ihr verschissen. Auch an dem Tag raunzte mich die Oberschwester gewohnt an, weil ich zu lange geduscht hatte und dann auch noch zu spät zum Dienst erschienen war. Schlechter hätte man in den Tag gar nicht erst starten können. Und dann war da auch noch dieses Chaos wegen dem Unglück in der S-Bahn. Wir haben alle bis an unsere Grenzen rotiert. Vielleicht auch besser so, weil ich deshalb nicht so oft daran denken musste, wie beschissen diese ganze Situation war, in die ich mich durch meine eigene Schuld hineinmanövriert hatte. Ich hatte Marc verloren, den ich eigentlich nie wirklich gehabt hatte und den ich auch nicht mal in Gold eingepackt wiederhaben wollen würde. Ich hatte mein Kind verloren. Mein einziger Halt in jener Zeit. Meine Aussicht auf eine Zukunft. Fast hätte ich sogar noch mein Leben verloren, weil ich immer noch den falschen Illusionen nachgejagt war, was für mich das bessere Leben hätte sein können. Besseres Leben, pah! Ich hab gedacht, das ganze Pech der Welt klebt an meinen Hacken. Auf mich kann man es ja abwälzen. Ich hatte es ja nicht anders verdient, so wie ich mich all die Jahre benommen habe. Ohne Rücksicht auf andere. Nur auf mich bedacht. Warum sollte ich also erwarten, dass man Rücksicht auf mich nahm. Selbst du warst nicht da.

Mehdi (kann ihren kummervollen Blick kaum ertragen u. zieht sie noch fester in seine Arme): Das tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte,...
Gabi (schüttelt den Kopf u. lächelt ihn dankbar für sein Mitgefühl schwach an): Ach Mehdi, du hattest damals ganz andere Probleme. Richtige Probleme. Und dass ich in dich verliebt bin, hab ich zu dem Zeitpunkt doch auch noch nicht registriert. Es war einfach ein ziemlich beschissener Tag, den ich einfach nur vergessen wollte, der jedoch noch beschissener wurde, als es langsam ruhiger im EKH wurde und das Chaos in der Notaufnahme geregelt war. Dann saß ich nämlich ganz alleine in der Umkleide mit einem Yes-Törtchen in der Hand, in dem eine kleine gelbe Kerze steckte. Sabine hatte es mir geben. Sie war die Einzige, die in dem ganzen Tohuwabohu daran gedacht hatte, dass ich Geburtstag habe, und ich hab sie dafür nur blöd angeraunzt. Weil ich sauer war. Auf mich selber. Das tut mir heute leid. Ich saß also ganz alleine da und bin unweigerlich ins Grübeln geraten. Das, was ich sonst immer vermieden habe, weil ich es mir nicht eingestehen wollte. Ich hab mir geschworen, dass es nie wieder so sein soll. Ich hab mir geschworen, dass ich es besser machen werde. Im Umgang mit meinen Kollegen, mit Sabine, mit dir. Sogar mit Meier und Gretchen. Und ich hab mir gewünscht, als ich die Kerze ausgepustet habe, dass ich wenigstens ein Fünkchen Glück abbekomme und es festhalte. Irgendwann, wenn mal irgendwo etwas für mich davon übrig gewesen wäre. Dass sich mein Leben aber im letzten Jahr um ganze hundertachtzig Grad wenden würde, hab ich damals natürlich niemals ahnen können.
Mehdi (lächelt): Und? Das Fünkchen, reicht es dir?
Gabi (strahlt plötzlich mit ihm um die Wette u. der Hauch von Melancholie in ihren Augen verschwindet): Es ist ein ganzes Feuer und das hast du in mir entfacht.
Mehdi (ist völlig hingerissen von ihr): Echt? Bei mir ist es genau umgekehrt.
Gabi (schaut ihm tief bewegt in die auffunkelnden Mandelaugen): Hm! Ich will nicht, dass sich das jemals wieder ändert, Mehdi.
Mehdi: Ich auch nicht. Das verspreche ich dir. Denn das größte Glück steht uns doch noch bevor.

Mit einem ansteckenden Lächeln auf den Lippen lehnte sich Mehdi zu seiner Liebsten heran, umtänzelte zärtlich ihren leicht geöffneten Mund, aus dem ein Gänsehaut auslösender Seufzer entwich, und streichelte dabei liebevoll über das zuckersüße Überraschungspaket, das sich für die beiden noch nicht offenbart hatte. Verliebt erwiderte Gabi Mehdis Zärtlichkeiten, bis er sich wieder von ihr zurückzog und sich gemütlich auf seinem Platz zurücklehnte.

Mehdi: Wollen wir dann? Bevor es noch kalt wird. Der Küchenchef hat nämlich mal wieder hervorragend gezaubert.
Gabi (hat ebenfalls wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen, den sie dicht neben seinen gerückt hat, u. zwinkert ihm vielsagend zu): Das kann ich nur unterstreichen, auch wenn ich noch nicht davon gekostet habe. Aber ich hätte da noch einen anderen Vorschlag.
Mehdi (stützt sich mit dem Ellenbogen auf der Tischkante ab u. grient sie wissend an): Und der wäre? Heute werden nämlich all deine Wünsche erfüllt, Geburtstagskind.
Gabi (guckt ihn verführerisch an): Ich gehe davon aus, dass das immer so sein wird, mein Lieber.
Mehdi (flirtet hemmungslos mit der selbstbewussten Schwangeren): Selbstverständlich. Jetzt, wo du ab sofort für immer neunundzwanzig bleiben wirst.
Gabi: Mhm... Charmeur! Ich wäre dafür, wenn wir mit dem Dessert zuerst anfangen.

...zwinkerte Schwester Gabi ihrem vorlauten Gegenüber verheißungsvoll zu, ehe sie sich mit etwas Mühe von ihrem Stuhl erhob, ihr enganliegendes bodenlanges Sommerkleid zurechtzog und zu ihrem Schatz rüberstolzierte, um sich pappfrech wieder auf seinen Schoß zu setzen und sich die süßeste aller Nachspeisen abzuholen, die sie kannte und über alles mochte. Und da man Geburtstagskindern an ihrem Ehrentag nicht widersprechen durfte, hatte Dr. Kaan natürlich absolut überhaupt nichts dagegen, sein mitternächtliches Geburtstagsdinner mit einer ausgiebigen himmlischen Knutscherei zu starten, die vom lächelnden Mond über ihnen und den um sie herumtanzenden Glühwürmchen abgesegnet wurde.


https://www.youtube.com/watch?v=wY473jAptyw

Lorelei Offline

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05.03.2017 14:09
#1590 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch am darauf folgenden Morgen war die Feierstimmung auf dem brandenburgischen Ferienhof noch allgegenwärtig. Vor allem dank einer talentierten kleinen Musikerin, die es sich natürlich nicht hatte nehmen lassen, noch im Bibi-und-Tina-Schlafanzug das heutige Geburtstagskind mit einem ausgedehnten Ständchen auf ihrer viel zu großen Übungsgitarre zu überraschen. Nur hatte sich die aufgeweckte Neunjährige in ihrem Übereifer leider im Zimmer geirrt, das seit dem vorangegangenen Abend nicht mehr von ihrem Papa und dessen Freundin, sondern von jemand ganz anderem bewohnt wurde. Und so kam es, wie es kommen musste. Ausgerechnet ein sehr verstörter und noch verschlafener Dr. Marc Olivier Meier, der an diesem frühen Morgen noch gar nicht begriffen hatte, wo er sich mit seiner von ihm beschützend umklammerten hochschwangeren Lebensgefährtin überhaupt gerade befand, kam um halb sieben Uhr morgens in den Genuss eines durchaus virtuosen, vorgeburtstäglichen A-cappella-Konzertes, welches nicht nur ihn, sondern auch den Rest des Reiterhofes schließlich eindrucksvoll geweckt hatte und über das man sich auch jetzt noch, drei Stunden später, beim gemeinsamen Geburtstagsbrunch in der rustikalen Wohnküche des gemütlichen Bauernhauses königlich amüsierte. Sehr zum Leidwesen des um seinen Schönheitsschlaf gebrachten Chirurgen.

Aber das Dauergrummelgesicht des nach einer Nacht voller abstruser Traumbilder aus dem Tiefschlaf aufgeschreckten Berliner Oberarztes sorgte ja schon seit jeher für allgemeine Erheiterung. Vor allem bei seinem besten Freund und Kollegen, der sich nach dem mitternächtlichen Romantikdinner in weiser Voraussicht für sich und das eigentliche Geburtstagskind ein Bett im Kornfeld gesucht hatte, das sie erst, unter mehreren Schichten bunter weicher Decken gekuschelt, verlassen hatten, nachdem sie, von einem aufregenden feuerroten Sonnenaufgang begleitet, schmunzelnd in der Ferne zuerst Lillys Gitarre und anschließend Meiers oberlehrerhaftes Stimmorgan gehört hatten. Und so konnte sich auch Gabriella Kragenow letztlich damit arrangieren, dass an ihrem Ehrentag ausgerechnet ihr unliebsamer Ex ihr nun direkt am reichlich gedeckten Frühstückstisch gegenübersaß, der der nun Neunundzwanzigjährigen nach einem kurzen und von Gretchen angestupsten Gruß jedoch keine weitere Beachtung geschenkt hatte, welche auch nicht weiter geteilt worden wäre, weil sie von Mehdis wiederholten Küssen, Sorayas außerordentlichen Backkünsten und Werners gut gemeinten Geburtstagswünschen abgelenkt wurde. Marc konzentrierte sich stattdessen darauf, seiner ihn mit strahlenden Mandelaugen anhimmelnden Schülerin neue Gitarrenkniffs beizubringen, welche ihr Spiel, das Lilly natürlich für die Freundin ihres Papas am Küchentisch vorhin noch einmal feierlich und von Applaus begleitet wiederholt hatte, noch ein bisschen verbessern sollte. Damit auch niemand mehr, der von der Prinzessin des Bambiblicks zum Zuhören gezwungen wurde, Gefahr lief, einen erneuten Hörsturz zu erleiden.

Gretchen beobachtete das alles etwas entfernt, von der gemütlichen Wohnzimmercouch aus, auf der sie sich nach etlichen Überredungsversuchen, während der sie ihren ganzen Charme und ihre weiblichen Reize ausgespielt hatte, letztlich mit einem triumphierenden Grinsen auf den dezent rosé geschminkten Lippen hatte niederlassen dürfen. Marc hatte nämlich darauf bestanden, dass sie nach dem Schock von gestern im Bett bleiben sollte, aber die selbstbewusste Schwangere hatte sich mit Mehdis tatkräftiger Unterstützung schließlich durchgesetzt, denn sie wollte von der Geburtstagsfeier nicht ausgeschlossen werden, nur weil sie ab sofort unbedingt Bettruhe halten sollte. Aber ihr behandelnder Gynäkologe hatte nach einer weiteren ausgiebigen Untersuchung und anschließender unprofessioneller Diskussion im Gegensatz zu ihrem störrischen Freund keinerlei Einwände gehabt, warum sie ihr Bettlager nicht auch nach unten aufs Sofa verlagern könnte, wo sie schließlich in Gesellschaft sein konnte. Und mit einem verzaubernden Bettelblick in Marcs genervte Augen und einem sehr überzeugenden Kuss, der Mehdi verschämt aus dem Zimmer hatte flüchten lassen, hatte sie ihren überfürsorglichen Pappenheimer dann doch noch um den kleinen Finger gewickelt und kam nun ebenfalls in den Genuss köstlicher Speisen, persischer Fürsorge und anregender Musikstücke. Gretchen hatte sich in eine himmlisch weiche, bestickte Decke gekuschelt und war hingerissen davon, zu beobachten, wie liebevoll und geduldig ihr eben noch grummeliger Oberarzt mit der süßen Maus umging, die ihn mindestens genauso gut um den Finger zu wickeln wusste. Zusammen saßen sie auf einem Stuhl am Küchentisch. Mit gespitzten Ohren. Und allen vier Händen konzentriert an der Gitarre. Alles um sie herum komplett ausgeblendet.

Marc: Du musst so greifen. Damit machst du’s dir einfacher. Du solltest dich nicht darauf versteifen, alles richtig machen zu wollen. Richtig gibt’s nicht. Wenn man wirklich Rhythmus im Ohr hat, dann klappt das auch von ganz alleine. Siehst du, leg das Bummiheft weg und mach die Augen zu! Genau! Gut.
Lilly (ist bärenstolz darauf, wie einfach es auf einmal klappt, macht die Augen wieder auf u. guckt verstohlen über die Schulter in Marcs verschmitztes Gesicht, das ihr zuzwinkert): Onkel Marc, hast du dir so selber Gitarre beigebracht?
Marc (verzieht keinerlei Miene u. schnappt sich Lillys Finger, um sie an eine andere Saite heranzuführen): Jep! Als Autodidakt, wie es sich gehört. Das ist viel cooler. Und jetzt die Finger hier! Genau!
Lilly (hängt gebannt an seinen Händen über ihren u. folgt artig jedem seiner Schritte): Und wieso muss ich dann in die Musikschule gehen? Da ist es voll langweilig. Wir spielen bei Frau Schnabelstedt immer nur dieselben langweiligen, alten Kinderlieder und wiederholen sie immer und immer wieder. Das hier macht viel mehr Spaß.
Marc (stupst ihr frech an die Nasenspitze): Selbstverständlich. Warum wohl?
Mehdi (guckt schmunzelnd über den Tisch zu den beiden rüber u. fängt Lillys zufriedenen Grinseblick auf, als es auch ohne Noten super klappt): Weil Grundlagen nie verkehrt sind, mein Schatz.
Marc (schmeißt sich auf die Seite seiner kleinen Privatschülerin u. funkelt Mehdi über den Tisch hinweg herausfordernd an, wobei er bewusst ausblendet, wie sich Gabi schwerverknallt an Mehdis Arm geklammert hält): Sagt der Streber. Aber hast du dir mal angeguckt, was für einen Pipikram die denen da beibringen? Das geht auf keine Kuhhaut. Das ist reinste Körperverletzung. Da bluten die Ohren. Ich hab jetzt noch Tinnitus von heute Morgen.
Lilly (blickt trotzig von Marc zu ihrem schmunzelnden Papa rüber): Genau!
Mehdi (guckt schmunzelnd seine Freundin an, die ihm wissend zunickt, u. dann vielsagend zu Gretchen auf dem Sofa rüber, die ebenso grinst): Faszinierend, wie man dann trotz Tinnitus, Hörsturz und schockbedingtem Herzinfarkt immer noch so gut spielen kann.
Marc (kontert schlaumeierhaft u. wackelt demonstrativ mit seinen Augenbrauen): Wenn’s die richtige Musik ist. Aufpassen, Prinzessin Lillyfee und ihr Hofnarr!

https://www.youtube.com/watch?v=DS5kbH2PdVI

Und ehe sich die Spötter um ihn herum versehen konnten, übernahm Marc von Lilly die Gitarre und stimmte lautstark das in seinen Augen sehr treffende Motto für die ihm unliebsame Geburtstagstrallalaparty seiner Ex an, auf die er so viel Lust hatte wie auf eine Prostatauntersuchung ohne Narkose, nämlich „Highway to hell“, dass die Wände des alten Fachwerkhauses nur so wackelten. Gabi suchte daraufhin schnell augenrollend das Weite und setzte sich mit überladenem Teller bewaffnet stöhnend auf die Zweisitzercouch gegenüber von Gretchen, die sich, nachdem Marc nun auch noch zu Lillys Vergnügen laut und textsicher mitgrölte, auf dem Sofa in eine bequemere Sitzposition aufrichtete und kopfschüttelnd mit warnendem Blick in Richtung ihres Lieblingspappenheimers schaute, der sichtlich Spaß an seinem Tun hatte.

Gretchen: Marc, bring dem Kind keinen Unsinn bei!
Marc (fühlt sich in seiner Heavy-Metal-Ehre gekränkt u. spielt weiter, wenn auch leiser u. ohne weitere Textbegleitung): ACDC ist kein Unsinn. Das ist eine Lebenseinstellung.
Mehdi (lehnt sich ihm gegenüber auf dem Stuhl zurück u. verschränkt amüsiert seine Arme vor der Brust): Ah ja? Aber hast du vorhin nicht gefaselt, richtig gibt’s nicht?
Marc (drückt Lilly augenrollend die Gitarre wieder in die Hand, die konzentriert sein Stück nachzuspielen versucht, u. funkelt den Oberklugscheißer an): Papperlapapp! Seit wann hörst du mir eigentlich richtig zu, hm?
Mehdi (grient seinen Freund kleinlaut an): Och du, immer schon. Wenn’s doch auch mal auf Gegenliebe beruhen würde.

Dummschwätzer!

Marc (lehnt sich betont unbeeindruckt auf dem Stuhl zurück u. behält Lillys Hände im Auge, die er ab u. an korrigiert): Gut, dann... kannst du auch die zweite Karte haben, wenn die Jungs die Waldbühne entern werden.
Mehdi (richtet sich kerzengerade auf u. starrt sein Gegenüber ungläubig an): Du hast Karten?
Lilly (hört auf zu spielen u. guckt bettelnd zwischen den beiden hin u. her): Kann ich mit? Ich war noch nie auf einem richtigen Konzert. Außer bei Benjamin Blümchen.

Oh Gott, das arme Kind! Der Klugschwätzer ist echt ein Rabenvater. Aber wie gut, dass sie mich auch noch hat. Wir kriegen das schon hin, dich musisch zu sozialisieren, Lillyfee. Bei deinem Dad dagegen ist das leider zu spät. Der Vollpfosten hat sich lieber dafür entschieden, dem Britney-Spears-Fanclub beizutreten.

Soraya (meldet sich aus der Küche zurück, von wo aus ihr Mann u. sie stillschweigend alles mit einem wohlwollenden Schmunzellächeln auf den Lippen beobachtet haben): Lillybärchen, ich glaube, das ist kein geeigneter Ort für kleine Mädchen.
Lilly (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Ich bin nicht klein, ich bin schon fast zehn und die Größte in meiner Klasse.
Gretchen (mischt sich nun auch mit ein, während sie andächtig über ihren Babybauch streichelt): Eben! Marc, wenn du schon aktuell sein willst, dann zeig ihr doch bitte ein paar Stücke von diesem, wie heißt er noch gleich, Sabine hat Karten besorgt, aber die fallen leider auf den Geburtstermin der Zwillinge. Ich komm noch drauf.

Das wäre so süß, sie das spielen zu hören. Ich glaube, das könnte auch den Zwillingen gefallen. Oder was sagt ihr dazu, hm? Genau! Wir verstehen uns, ihr Süßen.

Marc (verdreht leidend die Augen): Och, nee, Haasenzahn, echt eh, nicht dieser Softy mit seinem schwulen Gesülze und der Pumuckelfrisur. Der zeigt Lilly ein ganz falsches Bild von der Welt. Ich dagegen...
Lilly (kichert gegen Marcs Schulter): Schwul, hihi!
Soraya (ein vernichtender Blick richtet sich auf Mehdis besten Freund, der sich keiner Schuld bewusst ist u. doch beim Ton ihrer Stimme einknickt): Marc Olivier Meier! Behalte deine Wortwahl im Blick. Als zukünftiger Vater solltest du das.
Gretchen (lacht, als sie Marcs verdattertes Gesicht bemerkt, das Bände spricht): Gefühle zu zeigen, ist überhaupt nicht schwülstig, Marc. Außerdem verkauft dieser Ed Soundso zurzeit mehr Platten als deine Rentnertruppe aus Down Under.
Marc (rappelt sich wieder auf u. schlägt wortgewaltig zurück): Ey, das ist Majestätsbeleidigung, Fräulein! Und ich hacke mir eher die Hand ab, die die Gitarre hält, als ihr so was beizubringen. No way! Außerdem, wer hört heute noch die Charts? Das ist so was von Neunziger. Aber ich weiß, du lebst ja gerne in einem anderen Universum, stimmt’s, Haasenzahn? Du denkst schließlich immer noch, du wärst als Teenager so richtig süß gewesen. Wobei, hm..., so im Nachhinein betrachtet...
Gretchen (schmollend): Maaarc!

Und so ging es noch eine Zeit lang immer wieder fröhlich hin und her. Die Bälle sprangen nur so von einem Ende des Raumes zum anderen. Ebenso wie die Argumente und Gegenargumente und Liedtitel. Mehdis Eltern hatten sich bereits kopfschüttelnd nach draußen verabschiedet, denn sie fühlten sich zu alt für so einen Kindergeburtstag. Sie hatten vor, einen kleinen, romantischen und vor allem ruhigen Ausritt um den Wald zu machen. Und Marc musste sich schließlich nach einer Weile den Mädels geschlagen geben, zu denen er übrigens auch den sich enthaltenden Halbperser rechnete, der sich gerade mit irgendwelchem persischen Süßkram voll stopfte, und stimmte widerwillig „Photograph“ an, wo auch immer er es hergeholt hatte und das Lilly überraschend schnell nachspielen konnte. Gretchen schmachtete die beiden verträumt von ihrer Position aus an und war einmal mehr verliebt in das Bild, das sich ihr bot. Mehdi ging es auch nicht anders und er gesellte sich zu seiner Freundin aufs Sofa, die gerade flink auf ihrem Smartphone herumtippte und ihn erst neben sich bemerkte, als er liebevoll seinen Arm um sie legte und ihre Babymurmel streichelte.

https://www.youtube.com/watch?v=ZJR8-KMamzQ

Mehdi: Was machst du?
Gabi (guckt nicht vom Display auf): Ich schwatze Sabine die Karten ab.
Mehdi (sieht ihr überrascht über die Schulter): Ach?
Gabi (grient ihn schließlich triumphierend an): Ja, da staunst du, was. Ich bin durchaus für gefühlvolle Musik empfänglich, wenn sie nicht gerade von dem da gespielt wird. Das wirkt eher unglaubhaft.
Mehdi (nickt wissend u. schaut lachend zu Marc u. Lilly rüber, die wieder konzentriert zusammen üben): Mhm!
Gabi (schmiegt sich verliebt an seine Seite): Außerdem, wer hat mir denn gestern Nacht den Knopf ins Ohr gesetzt, hm? Interessante Musikauswahl übrigens für eine aufregende Nacht im Kornfeld.
Mehdi (küsst sie liebevoll auf die ihm hin gereckten roten Lippen u. nimmt ihr dann plötzlich das Handy weg): Ich weiß.
Gabi (will erfolglos ihr Telefon zurückerobern): Ey, ich hab die WhatsApp noch nicht abgeschickt.
Mehdi (hält es noch einen Moment lang hoch u. gibt ihr dann doch grinsend das Handy zurück): Ich hab Günni die Karten schon abgekauft.
Gabi (guckt Mehdi ungläubig an u. klammert sich mit beiden Händen an den Kragen seines schicken Hemdes): Was? Wieso sagst du das denn nicht gleich?
Mehdi (grient sie amüsiert an u. nickt dann in Marcs Richtung): Och, du, ich fand die Diskussion eben so amüsant und so schlecht spielt er jetzt auch nicht. Und so lange Lilly es mag. Sie war nie engagierter bei der Sache. Vielleicht sollte ich ihm ja pro bono den Job als Gitarrenlehrer anbieten, was denkst du? Er macht sich gut, oder?
Gabi (achtet gar nicht mehr auf die Gitarrenklänge im Hintergrund u. knutscht Mehdi nieder): Spinner!
Mehdi (genießt das Prickeln ihrer Berührungen auf seiner Haut): Mhm! Und? Mindert das jetzt dein Urteil über deinen besten Geburtstag ever?
Gabi: Keineswegs! Im Gegenteil. Er wird mit jeder Minute immer besser.

...säuselte Gabi ihrem Liebsten verliebt ins Ohr, ehe sie mit ihren rot geschminkten Lippen seine Wange hinabwanderte, um seinen verführerischen Mund zu erreichen, der schließlich gierig nach ihrem schnappte. Verlegen wandte Gretchen ihre neugierigen Blicke schnell ab, die den kleinen Flirt des bis über beide Ohren verliebten Paares mit einem verträumten Lächeln beobachtet hatte, während sie immer wieder kurz nach Marc und Lilly geschielt hatte, die in eine ganz eigene Welt eingetaucht waren. Sie fühlte sich gut. Angesichts ihrer Freunde um sich herum. Nichts war ihr mehr anzumerken von dem Schreck von gestern. Und auch der sonst so nervöse Bald-Papa wirkte wieder entspannt und ruhig, auch wenn er ein bisschen angenervt davon war, dass die Mini-Kaanin seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Verzweifelt und um Erlösung hoffend guckte Marc immer wieder zu Gretchen rüber, die ihm als Einzige Verständnis entgegenbrachte, welches sich aber schnell hinter einem schadenfrohen Lachen verbarg, das ihm das Funkeln in die Augen trieb. Dieses hinterlistige Biest, dachte er nur und plante insgeheim seine Rache an ihr. Und die musste unbedingt süß sein.

Gretchen ahnte derweil nichts von den dunklen Gedanken ihres schalkliebenden Lebensgefährten. Sie lehnte sich zufrieden in die gemütlichen Sofakissen zurück und schnappte sich ihren Teller, den Mehdis Mutter vorm Verlassen des Hauses noch einmal mit zwei leckeren Kuchenteilchen bestückt hatte, in welchen sie nun genussvoll herumstocherte, während sie sich immer wieder verstohlen in den behaglichen Räumlichkeiten umblickte. Auch wenn die Umstände, die Marc und sie gestern hierher gebracht hatten, eher aufreibend gewesen waren, freute sie sich nun aufrichtig darüber, hier zu sein. Das war auch genau die Sorte von Auszeit, die ihr gefallen konnte. Auch wenn sie, als sie klein gewesen war, immer nur widerwillig mit ihrer überengagierten Mutter auf den Reiterhof gefahren war, wo sie eine starke Abneigung gegenüber dem Reitsport entwickelt hatte. Allein wegen ihrer Mutter, nicht wegen der Pferde. Die fand sie schon immer süß. Solange man nicht darauf sitzen musste.

Ja, hier fühlte sich Gretchen Haase wohl und das ging anscheinend nicht nur ihr so. Denn auch Gabi, der man so einen exquisiten Urlaubsgeschmack gar nicht zugetraut hätte, sah sichtlich zufrieden aus, so wie sie ihr mit ihrem von Lilly gebastelten Geburtstagskrönchen gegenübersaß und sehnsüchtig Mehdi hinterher schmachtete, der zurück in die Küche gelaufen war und nun hinter Marc und Lilly kurz Halt machte, die immer noch eifrig Gitarre übten. Unweigerlich schweiften Gretchens Blicke durch den Raum und blieben schließlich an einem gerahmten Bild hängen, das dekorativ neben anderen Geschenken auf dem Kaminsims thronte.

Gretchen: Das Bild ist unglaublich.
Gabi (guckt irritiert von ihrem Telefon auf u. über den kleinen Couchtisch hinweg zu Gretchen rüber): Hm? Sprichst du mit mir?
Gretchen (deutet mit dem Kinn auf das Bild hinter ihr): Ich habe gesagt, dass das eine wunderschöne Aufnahme von dir ist, Gabi.
Gabi (wirft ebenfalls einen kurzen Blick darauf, aber kann mit dem ungewohnten Lob ihrer Ex-Erzfeindin nicht viel anfangen): Ah ja? Das... ähm... Danke?
Gretchen (lächelt aufrichtig): Und weißt du, was mir daran ganz besonders gefällt?

Äh... Was genau wird das hier? So langsam wird mir das echt unheimlich. Wieso sind die heute alle so nett?

Gabi (überspielt ihre Verwunderung mit dem üblichen Kragenowschen Charme, während sie weiter auf ihrem Smartphone herumwischt u. Geburtstagspost liest): Dass ich von deinen Umfängen noch sehr, sehr weit entfernt bin?
Gretchen (schmunzelt, weil sie merkt, dass es nicht ernst gemeint ist): Das, meine liebe Gabi, schafft, glaube ich, niemand. Ich hab das Gefühl, ich hab eine ganze Elefantenherde hier drin, die fröhlich drauflos trampelt, wenn ihr danach ist. Nein, ich finde es schön, weil darauf nicht nur eine wunderschöne, verträumte Schwangere abgelichtet ist, sondern vor allem auch weil es einem so viel über den Fotografen verrät.

Ich hätte auch gerne so eins. Oder klingt das jetzt blöd? Es ist schließlich Gabis Geburtstag und nicht meiner.

Mehdi (ist wieder zurück, reicht Gabi ein Glas mit einer komischen dunkelgrünen Flüssigkeit darin u. fläzt sich anschließend mit einem Augenzwinkern neben sie): Ach ja? Erzähl mal!
Gretchen (grient Mehdi vergnügt an, wird dann aber von dem seltsamen Ausdruck auf Gabis Gesicht abgelenkt, die unsicher das Glas fixiert): Wusste ich’s doch. Du hast es gemacht. Der Fotograf muss nämlich ein sehr, sehr glücklicher und verliebter Mann gewesen sein, der einen guten Blick für Details hat. Ähm... Was genau ist das?
Gabi (verzieht ihre Nase): Frag besser nicht, sonst hast du auch gleich so eins vor dir stehen.
Mehdi (grinst vergnügt über das ganze Gesicht, als er kurz zu Marc rüberblickt): Gute Idee. Marc, würdest du bitte?
Lilly (kuschelt sich nun auch noch in die Mitte, stibitzt Gabi prompt das Glas u. nippt kurz daran, ohne dabei das Gesicht verziehen zu müssen): Es sieht zwar aus wie der grüne Schleim, der drüben den kleinen Tümpel bedeckt und riecht auch fast so, aber schmeckt eigentlich gar nicht so übel. Hat Oma gemacht.
Gretchen (nimmt das Glas entgegen, das Lilly ihr nun über den Tisch hinweg hinhält, u. schwankt, ob sie es trinken soll oder nicht): Ah ja?

Oje, kann ich das meinen beiden Wundersternen überhaupt antun? Ich merke schon, wie sie anfangen zu rebellieren. Ich mach mit, ihr Lieben. Das sieht viel zu gesund aus.

Mehdi (beobachtet die zögernde Schwangere schmunzelnd u. wechselt mit Marc in der Küche vielsagende Blicke, der die Gitarre weggelegt hat u. nun mit skeptischer Nase am Mixer schnüffelt, der das Höllengetränk zubereitet hat): Sagen wir mal so, es ist ein Kompromiss, der die sonstigen Gelüste meiner Freundin in ausgewogener Balance hält.
Marc (zieht angewidert sein Gesicht zurück u. bugsiert den Glasbehälter auf schnellstem Wege in die Spüle): Ha! Das erklärt auch euer Rollenspiel gestern in der Scheune.
Gabi (funkelt den unoriginellen Sprücheklopfer böse an): Witzig!
Gretchen (Marcs herausfordernder Gesichtsausdruck u. die gespannten Gesichter der anderen Anwesenden animieren sie schließlich, es zu wagen): Mhm! Gar nicht mal so schlecht. Du hast Recht, Lilly.
Gabi (starrt auf das halbleere Glas u. hofft, nicht noch den Rest davon abbekommen zu müssen): Ich trinke es trotzdem nur unter Vorbehalt. Erbse und ich ernähren uns schon ausgewogen genug.
Mehdi (grient sie wissend an u. schaut dann zu Gretchen rüber, die den Rest ausgetrunken hat u. dafür anerkennende Blicke erntet): Es ist ein Geheimrezept aus der Heimat meiner Mutter.
Lilly (quatscht pappfrech dazwischen): Ich mag aber auch Omas Geheimkakaorezept lieber als ihren Smuuuuzzziii.
Gabi: Jap! Darin sind wir uns wohl alle einig. Also, bis auf die Frau Doktor. Mutprobe bestanden.

Allgemeines Gelächter setzte ein und Lilly kuschelte sich verschmust an die große Kugel, die Gabi stolz vor sich herschaukelte und in der ihr kleines Geschwisterchen beherbergt wurde. Mehdi strich seiner großen Tochter stolz über den Rücken, die heute extra zur Feier des Tages ihr lilafarbenes „Beste-Große-Schwester-Der-Welt“-T-Shirt angezogen hatte, und lächelte von Gretchen zu Marc rüber, der sich hungrig über die Brunchreste hergemacht hatte, und blickte dann wieder zu seiner Freundin, die ihm verliebte Blicke schenkte, bevor sie plötzlich durch den Tritt ihres Kindes aufgescheucht wurde, den auch Lilly begeistert wahrgenommen hatte. Entschuldigend verabschiedete sich die schwangere Krankenschwester aus der Runde und flitzte, gefolgt von Mehdi, zur Toilette, zu der sie einige Treppenstufen zu bewältigen hatte. Gretchen guckte Gabi mitfühlend hinterher und prüfte schnell an sich selbst, ob sie wohl auch bald Gabis Beispiel folgen musste, was zum Glück noch nicht der Fall war, denn sie hatte es sich schon viel zu gemütlich auf ihrem Platz gemacht, um jetzt aufstehen zu müssen und der Natur zu folgen. Sie folgte lieber anderen Grundbedürfnissen des Menschen und nahm sich noch schnell eins der Bruschettateilchen vom Teller, der, um jegliche weitere Bewegung zu vermeiden, auf ihrem großen, runden Bauch thronte, und schob es sich wohlig schmatzend in den Mund und beobachtete dabei im Augenwinkel, wie Lilly aufsprang und nun ebenfalls das Foto der schwangeren Gabi in Augenschein nahm. Ihre Augen strahlten dabei nur so vor Liebe und Vorfreude und auch Gretchen konnte sich ein verträumtes Schmunzeln nicht verkneifen.

Gretchen: Schön nicht?
Lilly (guckt sie mit leuchtenden Augen an): Ja! Das muss unbedingt einen Ehrenplatz bekommen.
Gretchen (lächelt): Wird es bestimmt. Dein Papa hat sich bestimmt schon was überlegt.
Lilly (quetscht sich pappfrech zu Gretchen aufs Sofa u. kuschelt sich an sie): Ich würde es im Babyzimmer aufhängen. Ein bisschen schräg von der Wiege, wo ich die Marienkäfersticker an die Wand geklebt habe. Da kann das Baby immer draufgucken, wenn seine Mama gerade mal nicht im Zimmer ist, weil sie, weiß nicht, aufm Klo sitzt, und fühlt sich dann nicht alleine.
Gretchen (schmiegt die Kleine gedankenverloren an sich, die mit großen Augen u. tastenden Fingern die riesige Babymurmel einer ausgiebigen Untersuchung unterzieht): Das ist ein hervorragender Vorschlag, mein Schatz.
Lilly (kann ihre staunenden Blicke kaum von dem großen Babybauch abwenden, aber guckt dann doch einmal interessiert auf u. beobachtet Gretchens verträumtes Mienenspiel, während sie Gabis Geburtstagsgeschenk betrachtet): Duuu? Gretchen?
Gretchen (grient sie an): Ja, Lillymäuschen?
Lilly (blickt ihr forschend in die Augen): Was denkst du gerade?
Gretchen (fühlt sich ertappt u. schüttelt ihre vorschnellen Gedanken schnell ab): Nichts, es... Vielleicht bin ich ein bisschen neidisch wegen dem schönen Foto.
Lilly (stützt sich auf ihren Ellenbogen ab u. guckt ihr neugierig in die Augen): Hat Onkel Marc denn keine von dir gemacht?
Gretchen (schmunzelt u. gerät ins Schwelgen): Doch. Schon. Unzählige Momentaufnahmen. Bei jeder Gewichtszunahme, die ihm aufgefallen ist. Viele davon verwackelt und unscharf. Aber auch schön und echt. Nur nicht so kunstvoll. Und ich weiß gar nicht, in welchem Ordner er die alle in seinem Handy abgespeichert hat, wenn er sie überhaupt abgespeichert hat.

Eigentlich hätten wir die alle schon längst mal sortieren müssen. Inklusive der verträumten von der Ostsee und von heute Morgen, als wir im Bett mit Lilly herumgealbert haben, nachdem Marc die Gitarre konfisziert hat. Hoffentlich kriegen wir das bis zur Geburt noch hin, weil ich nicht weiß, ob wir danach je wieder Zeit dafür finden werden. Oh Gott, wer weiß, wie ich auf den Bildern überhaupt aussehe. Hilfe! Die darf niemand zu Gesicht bekommen. Ich brauche unbedingt noch professionelle.

Lilly (überlegt einen langen Moment u. strahlt dann ihre große Freundin wieder an, während sie sich verschmust an sie schmiegt): Meine Mama hat auch ganz viele solcher Fotos. Also, ganz klare Fotos mit mir in ihrem Bauch.
Gretchen (horcht interessiert auf): Ach? Wie schön! Hat Mehdi die auch gemacht?
Lilly (schüttelt den Kopf u. grient sie an): Nein, die meisten hat Mama selber gemacht. Mit Selbstauslöser und so. Sie hat da so eine tolle Ausrüstung. Sie geht gerne fotografieren, weißt du, wenn ihr langweilig ist. Papa hatte damals, als Mama mit mir schwanger war, viel zu tun. Er steckte mitten in seinen Abschlussprüfungen als Onkel Doktor und war total durcheinander. Er war aufgeregt und nervös. Fast ein bisschen wie Marc gestern. Vor allem wegen mir, weißt du.
Gretchen (ist völlig hingerissen von der süßen Maus u. zieht sie noch ein bisschen enger an sich, während sie einen langen Moment über etwas nachdenkt, was ihr gerade durch den Kopf spukt): Selbstverständlich! Du, sag mal, hat deine Mama diese Ausrüstung noch?

Gretchen guckte Lilly gespielt beiläufig an, die daraufhin mit einem hinreißenden Grinsen bewaffnet mit dem Kopf zu nicken begann. Dabei merkten die beiden schwatzenden Mädchen gar nicht, dass sie mittlerweile das Interesse einer ganz bestimmten Person geweckt hatten, die sich auf leisen Sohlen herangeschlichen hatte und nun hinter dem Sofa darauf lauerte, zuzuschlagen. Rache war bekanntlich süß. Genauso süß wie diese beiden Zuckerschnecken hier, dachte der verschlagene Oberarzt und sprang mit einem Satz aus seinem Versteck hervor und begann Lilly zu kitzeln, die erschrocken zusammenzuckte und nun im Einklang mit Gretchen laut auflachte und wild herumstrampelte, um Marc abzuschütteln.

Marc: Was heckt ihr beiden hier schon wieder aus, hm?
Lilly (guckt ihn zuckersüß u. unschuldig an): Gar nichts!
Gretchen (windet sich ertappt): Genau!
Marc (grinst verschlagen, bevor er erneut zuschlägt): Na, das werden wir noch sehen.
Lilly (zappelt wild unter seinen kitzelnden Fingern hin u. her, während Gretchen sie festhält, damit sie nicht mit ihr von der Couch herunterplumpst): Niiicht, Onkel Maaarc!
Marc: Ich onkele dir gleich was, wenn du nicht endlich damit aufhörst, Fräulein.
Gretchen (merkt an seinem Funkelblick, dass sie gleich das nächste Ziel seiner Attacke werden könnte): Marc!

Mehdi: Marc?

...setzte nun auch Lillys Vater zur verbalen Gegenwehr an. War ja klar, dass Kaan mal wieder auf der Seite der Mädels stand. Er war schließlich selber eins. Das dachte zumindest Dr. Meier, der mit seiner Kitzelattacke nicht vorhatte aufzuhören und nun mit ameisenblickverdächtigen Funkelaugen Gretchen ins Visier nahm, die sich bange an der Sofalehne festklammerte, gegen die sie immer mehr durch Lillys wildes Zappeln gedrängt wurde. Erst als Mehdis eindringliche Stimme lauter wurde und Lilly sich durch diese willkommene Ablenkung geschickt unter Marcs Fingern hindurchschlängeln und zu Gabi auf die andere Seite des Couchtisches flüchten konnte, die schmunzelnd wieder auf dem Zweiersofa Platz genommen und unbemerkt Gretchen das letzte Teilchen vom Teller stibitzt hatte, blickte Marc schließlich auf und entdeckte etwas in Mehdis Blick, das ihn sofort innehalten ließ. Party für heute beendet, bedeutete er.

Mehdi: Marc! Es scheint wichtig zu sein.
Marc (leicht verstört u. ein bisschen außer Atem guckt er zu ihm hoch): Hä?
Mehdi (reicht ihm ein Handy): Dein Telefon. Es lag in eurem Zimmer und hat nicht aufgehört zu klingeln. Ich denke, du solltest rangehen.
Marc (denkt nicht daran): Wieso?
Mehdi (bleibt ernst): Es ist die Klinik.
Marc (stöhnt entnervt auf u. streicht sich mit einer Hand durch sein zerzaustes Haar): Boah! Was wollen die denn schon wieder? Können die nicht einmal was ohne mich machen? Sind die echt so unfähig? Ich hab heute noch frei, verdammt.
Gretchen: Das erfährst du nur, wenn du rangehst, Marc.

Marc blickte zu seiner Freundin, die ihn ermutigend ansah, und sprang aus der Hocke auf und ließ sich von seinem Kumpel schließlich das immer noch nervig bimmelnde Smartphone geben. Eigentlich wollte er nur genervt darauf blicken, aber dann staunte er doch über die Nummer, die in seinem Telefon unaufhörlich aufblinkte. Er guckte Mehdi an. Dieser zuckte nur unwirsch mit den Schultern und quetschte sich zu seinen beiden Mädels auf die Couch, die sofort ihre Arme zu einer Gruppenumarmung um den überrumpelten Familienvater schlangen. Marc kommentierte dies mit einem genervten Aufstöhnen und ging mit derselben Grundstimmung auch ans Telefon. Und unter den neugierigen Blicken seiner Freunde hörte er sich nun an, was der lästige Anrufer zu sagen hatte, der es gewagt hatte, ihn hier an seinem letzten freien Tag zu stören und die aufgelöste Stimmung kaputtzumachen, an die er sich mittlerweile gewöhnt hatte.

Marc: Meier! ... Ja, und wie! Hört man das nicht? ... (verdreht die Augen u. läuft langsam im Zimmer auf u. ab) ... Das ist mir klar. Was willst du? Du weißt doch, dass wir noch... (bleibt unvermittelt stehen) ... Bitte? Sag das noch mal! ... Nee, oder? Das gibt’s doch nicht. ... (schaut auf u. starrt Gretchen ungläubig an, die angestrengt versucht, in seinem verwirrten Gesicht zu lesen) ... Ähm... Ja? Klar! ... Wie jetzt? ... Jetzt jetzt? Aber... Äh... Das... wird sich einrichten lassen. Natürlich. ... (dreht sich zu Mehdi um, der gerade von seinen Mädels durchgekitzelt wird, aber innehält, als er Marcs ernsten Blick auf sich gerichtet bemerkt) ... Wie lange braucht man von hier nach Berlin?
Gretchen (richtet sich nun ebenfalls alarmiert auf): Was ist passiert, Marc?
Mehdi (liest in seinem Gesicht u. ahnt, dass es ernst ist): Ne gute Stunde.
Marc (noch etwas konfus widmet er sich wieder dem Gespräch): Hast du gehört? Ich kann in einer Dreiviertelstunde da sein. ... Ja! Mach ich. Ich weise meine Assis an, alles Nötige vorzubereiten. ... Nee, nee, das mache ich selber. Wir sollten keine Zeit verlieren. Er musste schon viel zu lange warten. ... Ja! Halt den Heli bereit! Wir kriegen das hin. Der Zeitplan steht. Franz weiß Bescheid. Ich setze mich sofort in den Wagen. ... Ja, mach ich. Bis gleich!

Alle Augen waren gespannt auf ihn gerichtet, als Marc das Handy vom Ohr nahm und geistesabwesend auf den roten Hörer tippte. Er rekapitulierte noch einmal das gesamte Gespräch, bevor er schließlich aufschaute und die fragenden Blicke um sich herum bemerkte. Er war schon lange nicht mehr so sprachlos gewesen wie jetzt in diesem Moment und das hatte noch nicht einmal etwas mit seinem verwirrenden Zustand als Bald-Papa zu tun.

Marc (stammelt fassungslos): Es geschehen echt noch Zeichen und Wunder. Die haben tatsächlich ein Herz und eine Lunge.
Lilly (ihr Forschungsdrang wird geweckt u. sie streckt neugierig ihr süßes Näschen in die Höhe): Wozu?
Marc (schüttelt immer wieder den Kopf): Leben, Lilly, um zu leben.
Gretchen (hält sich ungläubig ihre Hand vor den Mund u. kann auch kaum fassen, was er da sagt): Nein? Für unseren Mukoviszidosepatienten? Ich dachte, ihr hättet den Plan verworfen, weil er... er... es nicht...
Marc (guckt die stammelnde Ärztin mit großen hoffenden Augen an): Nicht, wenn man kurz vor der Deadline plötzlich doch noch die Möglichkeit bekommt, ihn retten zu können. Das ist wie ein Glückstreffer im Lotto. Eins zu einer Million.
Mehdi (sucht Marcs Blick, der nachdenklich umherschweift): Aber das ist doch großartig.
Gabi (lässt sich von der aufgeregten Stimmung anstecken): Ist das der, der seit drei Jahren bei euch auf seine Transplantation wartet? Der Süße mit der seltenen Blutgruppe und den ganzen Begleiterkrankungen, für die er wirklich seinen schwarzen Galgenhumor braucht, mit dem er zum Ärger der Oberschwester sämtliche Lernschwestern bezirzt?
Marc (versucht sich zu sortieren): Exakt.
Lilly (himmelt ihr großes Vorbild hoffend an): Machst du ihn wieder gesund, Onkel Marc?

Wenn das so einfach wäre, Prof. Dr. Dr. Lillyfee. Es ist unsere allerletzte Option.

Gretchen (sieht Marc, der Lilly schwach anlächelt, mit Tränen in den Augen an u. freut sich mit ihm): Du musst los, oder?
Marc (bleibt mit seinem ernsten Blick an seiner Lebensgefährtin kleben u. geht vorm Sofa noch mal in die Hocke, um nach ihren Händen zu greifen): Ungern, ja.
Gretchen (lächelt ihn ermutigend an u. hält ihre Hand an seine Wange): Du lügst. Das ist eine Riesensache. So eine große OP kommt vielleicht nur einmal im Leben.
Marc (lächelt sie schwach an u. saugt ihren Anblick für seinen internen Kraftspeicher auf): Für unseren Patienten definitiv.
Gretchen (will nicht daran denken, was alles passieren kann): Marc!
Marc (schließt die Augen u. schüttelt unwirsch den Kopf): Ich weiß. Der war unpassend. Egal. Nur schade, dass wir unsere Seifenblase an der Stelle platzen lassen müssen. Dass das ein ruhiges Wochenende wird, sollte wohl nicht sein. Bist du jetzt enttäuscht?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. strahlt ihn anschließend mit ihren hinreißenden blauen Augen sehr überzeugend an): Weißt du, das Gute an Seifenblasen ist doch, dass man mit Leichtigkeit jederzeit immer wieder neue erzeugen kann.
Marc (verliert sich in ihren himmelblau leuchtenden Augen u. streicht verliebt über ihre Wange): Du bist unglaublich.
Gretchen (zwinkert ihm kokett zu): Ich weiß. Und jetzt hopp, Herr Doktor, ab in den OP!

...drängte die Stationsärztin im Mutterschaftsurlaub ihren heiß und innig geliebten Oberarzt, endlich zu gehen, und dieser gehorchte ihr ausnahmsweise mal direkt aufs Wort. Er sprang unvermittelt auf und rannte durchs Haus, um seine Sachen zu holen. In der Zwischenzeit, in der Marc nach oben in ihr Zimmer geflitzt und in Rekordgeschwindigkeit wieder nach unten gehetzt war, war Gretchen aus ihrer gemütlichen Position aufgestanden, aber der Chirurg im Einsatz drückte seine übereifrige Kollegin sofort wieder zurück aufs Sofa.

https://www.youtube.com/watch?v=oll6UfK6iUg

Marc: Nichts da! Du bleibst schön, wo du bist, Haasenzahn. Du sollst dich erholen.
Gretchen (blickt verunsichert zu ihm hoch): Aber...
Marc (wechselt vielsagende Blicke mit Mehdi): Keine Widerrede, das ist eine ärztliche Anweisung. Dr. Meier ist nämlich seit fünf Minuten wieder offiziell im Dienst.
Gabi (stöhnt genervt auf u. fläzt sich an den Küchentisch, weil sie schon wieder Hunger bekommen hat): Man kann es auch übertreiben, Meier.
Mehdi (steht hinter seinem Freund u. klopft ihm wohlwollend auf die Schulter): Wir passen gut auf sie auf und bringen sie dir heil hinterher. Versprochen!
Lilly (lässt sich prompt wieder neben Gretchen nieder u. strahlt abwechselnd zwischen ihr u. Marc hin u. her): Genau!
Marc (noch etwas unsicher, ob er es riskieren soll): Gut, dann... Ähm... Und ihr beiden, ich hoffe, ihr haltet euch zurück. Der Wohnungswechsel ist noch nicht spruchreif, klar? Ihr bleibt auch schön, wo ihr seid, und passt mir gut auf eure Mama auf!

Der verliebte Oberarzt beugte sich noch einmal zu seiner Süßen herab und tätschelte liebevoll ihre Babymurmel, in der es offenbar wieder turbulent zuging, wie er wehmütig ertasten konnte. Das erschwerte ihm den Abschied natürlich noch zusätzlich. Aber ein Blick in die klaren blauen Augen seiner Freundin genügte, um sich doch endlich aufzuraffen. Schließlich zählte jetzt für seinen Patienten jede Minute. Aber vorher näherte er sich natürlich noch einmal zu einem innigen Abschiedskuss heran, der verliebt erwidert wurde und von einem verlegenen Kichern von Lilly begleitet wurde, die direkt daneben saß und mit ihrer ausgestreckten Hand Gretchens Babybauch erfühlte. Seufzend ließ Marc schließlich von Gretchens weichen Lippen ab, die nun ein zartes Lächeln zierte, und ließ sich von ihren auffordernden Blicken ein weiteres Mal dazu animieren, endlich aufzubrechen.

Gretchen: Mach mich stolz, mein Held.

...hauchte sie ihrem Schatz vielsagend hinterher. Marc lächelte nur, beugte sich zu einem weiteren Kuss herunter und tätschelte ein letztes Mal Gretchens Bauch, der schon wieder von Prof. Dr. Dr. Lillyfee in Beschlag genommen wurde, die auch noch einen liebevollen Kopftätschler abbekam, bevor sich Dr. Meier dann wirklich umdrehte und zur Haustür ging, wo er noch einmal eindringlich das Gespräch mit seinem besten Freund und Ratgeber in allen Lebenslagen suchte.

Marc: Und du passt mir wirklich auf, dass sie keine Dummheiten macht? Du weißt, wie sie sein kann und dass sie auch mal untertreibt, wo man eigentlich übertreiben sollte. Vor allem nachdem das gestern so blöd in die Hose gegangen ist.
Mehdi (gerührt von Marcs ehrlicher Fürsorge ist er auch nicht auf den Kopf gefallen): Marc, du solltest niemals einen Mann unterschätzen, der täglich mit Frauen zu tun hat.
Marc (verdreht die Augen u. läuft trotzig neben ihm her zu seinem Auto): ... und darauf auf erschreckende Art und Weise auch noch stolz ist.
Mehdi (grinst): Hey! Ich lasse sie wirklich keinen Moment aus den Augen.
Marc (spielt den Spielball gekonnt zurück): Ach? So wie jetzt gerade?
Mehdi (dreht sich ertappt um u. lacht): Meine beiden Assistentinnen sind bei ihr. Keine Sorge.
Marc (eine seiner Augenbrauen rutscht in die Höhe): Von denen eine sauer ist, weil wir erfolgreich ihren Geburtstag gesprengt haben. Das war übrigens Absicht.
Mehdi (zwinkert ihm vielsagend zu): Ich kenne Mittel und Weg, sie zu besänftigen.
Marc (verdreht gespielt angewidert die Augen): Wehe! Du lässt deine Finger von ihr, solange du einen dienstlichen Auftrag von mir hast.
Mehdi (schmunzelt): Du bist nicht mein Chef, Marc.
Marc (bohrt seinen Autoschlüssel in Mehdis Brust): Noch nicht! Aber ich erteilte dir trotzdem einen Auftrag und an den hältst du dich auch. Du bringst Haasenzahn direkt ins EKH und checkst sie dort auf Herz und Nieren durch. Okay?
Mehdi (will darauf professionell etwas erwidern, wird aber daran gehindert): Marc!
Marc (kein Hauch von Ironie schwingt in seinem eindringlichen Blick mit, als er den Schlüsselknopf drückt, um seinen Wagen zu öffnen): Ich meine das ernst, Mehdi. Bitte, mach einmal das, was ich dir sage! Ich weiß selber, dass es bescheuert ist und sie wird sich auch mit Händen und Füßen wehren, aber wir können danach alle ruhiger schlafen. Du willst nicht wissen, was ich letzte Nacht für einen Mist geträumt habe. Bitte verbrenne dein Cowboyhemd!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr er schon in seiner neuen Rolle aufgeht. Alles wird gut, mein Freund. Ich weiß selber, dass das darauf Warten das Schlimmste ist, aber auch das übersteht man und lächelt irgendwann darüber.

Mehdi (nickt wissend u. hält ihm erheitert die Autotür auf): Geburt im Heu, hm?
Marc (will sich gerade ins Auto setzen, als er noch mal irritiert zu seinem Kumpel herumfährt): Woher...?
Mehdi (lacht): Marc, schalte einfach einen Gang runter, bevor du in deinem neuen BMW die Gangschaltung in Betrieb setzt und nachher den OP betrittst. Wir lassen den Brunch hier in aller Ruhe ausklingen, schnappen noch mal Naturluft und packen dann zusammen. Wir können am frühen Nachmittag schon wieder in Berlin sein. Ich hab eh kommende Nacht Bereitschaft und wir müssen sowieso zurück.
Marc (setzt sich beruhigt ins Auto u. guckt noch mal zu ihm raus): Lasst euch Zeit! So wie Dad klang, wird das ne riesige Sache werden. Wir müssen erst schauen, wie stabil der Patient ist. Wenn er nicht verlegt werden kann, dann können wir uns das Ganze gleich sparen. Scheiße, dass unser Anbau noch nicht fertig ist, ansonsten müssten wir nicht rüber in die Charité und könnten die Transplantation gleich bei uns im Haus machen und nicht mit den Pappnasen da drüben. Wir werden um die besten Plätze feilschen müssen.
Mehdi (schenkt ihm einen beruhigenden Blick): Nächstes Jahr sind wir soweit.
Marc (blickt ihm direkt in die Augen): So lange hält der Junge aber nicht durch. Das ist seine allerletzte Option. Mann, und er ist erst neunzehn.
Mehdi (fühlt mit ihm mit): Ich drück euch die Daumen. Ihr schafft das schon. Du bist schließlich der Beste.
Marc (fährt seine Betriebstemperatur wieder hoch u. grinst selbstbewusst aus dem Fahrerfenster): Jep, das bin ich wohl, aber so was von. Klingelt durch, wenn ihr auch zurück seid! Ich werde es vermutlich nicht gleich sehen, aber... nein, quatsch, ich bleib auch im OP auf Standby, falls...
Mehdi (weiß, was er sagen will u. nickt beruhigend): Ich weiß. Die Punktlandung an deinem Geburtstag, oder noch besser an eurem Jahrestag, kriegen wir hin, falls eure Zwerge damit einverstanden sind. Das Zeitfenster ist groß genug. Also, tue jetzt das, was du am besten kannst! Das beruhigt deine Nerven. Wir sehen uns später, mein Freund!

Mehdi lächelte Marc ermutigend an. Dieser war zwar von den Motivationsversuchen seines Kumpels noch nicht wirklich überzeugt, aber nickte ihm dennoch zu. Er vertraute ihm, also konnte er Mehdi auch vertrauen. Marc schloss die Autotür und startete den Wagen. Dann steckte er sein Handy in die Halterung, drückte die bekannte Nummer seiner Station und nach einem letzten sehnsuchtsvollen Blick auf das Bauernhaus, in dessen unterem Fenster er Gretchen und Lilly in inniger Umarmung zu ihm rüber winken sah, brauste er kopfschüttelnd vom Hof. Im Rückspiegel vernahm er noch, wie sein bester Freund ihm wohlwollend hinterherschaute und schließlich die filigran geschnitzte Haustür wieder hinter sich schloss.

Lorelei Offline

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19.03.2017 10:32
#1591 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Stunden später öffnete sich anderenorts eine der in einem markanten Blauton gestrichenen Türen im dritten Stockwerk einer beliebten Berliner Klinik. Die Zimmerbewohnerin war ganz vernarrt in das kleine, zarte, menschliche Wesen, das sie mit einem verliebten Lächeln, eine leise Melodie summend, zärtlich in ihren Armen hin- und herwiegte, sodass sie erst, als es bereits zu spät war, bemerkte, wie sich etwas Entscheidendes in ihren privat gebuchten vier Wänden verändert hatte. Ungläubig schaute sie von ihrem Neugeborenen auf und beobachtete irritiert, wie ein ihr unbekannter Pfleger ein zweites Bett in ihr Zimmer schob und mit einem frechen Augenzwinkern in ihre Richtung neben ihrem fest verankerte, als sei es die natürlichste Routine der Welt, was es aber nicht war. Zumindest nicht in den schockiert weit aufgerissenen, dunkelgrünen Augen der frischgebackenen Mutter, die den Pflegehelfer nun wie ein lästiges Insekt verfolgten.

Das freundliche Lächeln, das eben noch auf ihren schmalen ungeschminkten Lippen gelegen hatte, erstarb augenblicklich und wich einem eher finsteren Gesichtsausdruck und zwar der Sorte, vor der sich so mancher Assistenzarzt im ersten und manchmal auch noch im letzten Lehrjahr gewaltig fürchtete, wenn dieser ihn während der Visite oder im OP-Saal unvermittelt getroffen hatte und die akute Denklähmung dadurch nur noch mehr vergrößert hatte, weswegen sich die Person im blütenweißen Kasack auch auf direktem Wege kommentarlos wieder aus dem Staub gemacht hatte. Noch bevor die leicht reizbare Patientin von Dr. Kaan ihr entschiedenes Veto hätte einlegen können, welches ihr in ihren Augen natürlich ausdrücklich zustand. Schließlich war sie nicht irgendwer hier im Elisabethkrankenhaus. Sie hatte auch etwas zu sagen. Mehr als das! Und der ungebetene Neuzugang im frisch bezogenen Bett neben ihr, der ihr den Rücken zugewandt hatte, sollte dies gleich noch zu spüren bekommen. Denn die neue Patientin hatte im Gegensatz zum Pflegerazubi keine Fluchtmöglichkeit mehr und bekam nun ungefiltert den stetig angestiegenen Wortschwall der empörten Chirurgin ab. Dieser stoppte jedoch abrupt, als sich die sich angesprochen gefühlte, blond gelockte Frau zu ihr umdrehte und ihrem Gegenüber ungeniert ihr ekelhaftestes Honigkuchenpferdlächeln entgegenstrahlte, welches Dr. Maria Hassmann im ersten Moment komplett sprachlos und kurzzeitig handlungsunfähig machte...

Maria: Entschuldigung? Was genau wird das hier? Hey! Sie da? Hier geblieben, Sie unnützes...! Da haut der einfach ab. Ich werde mich bei der Pflegeleitung über Sie beschweren. Dann sind Sie genauso schnell Ihren Job wieder los, wie Sie hier unerlaubt mit dem Teil da hereingepoltert sind. Verdammt noch mal, ich bin privat versichert. Und ich bin Oberärztin hier im Haus. Ich habe das Recht auf ein Einzelzimmer mit meiner Tochter, so lange wie wir gezwungen sind, hier bleiben zu müssen. Wer hat das angeordnet? Ist Kaan wieder im Haus? Wenn ich den erwische, dann...

Gretchen: Mehdi kommt gleich vorbei. Aber vielleicht willst du solange mit mir vorlieb nehmen, hm? Hallo Maria! Ich bin’s nur.

Maria (klappt die Kinnlade auf u. schnappt hörbar nach Luft): Äh...ja? Das... sehe ich. Ich verstehe es nur nicht.
Gretchen (freut sich riesig, ihre befreundete Kollegin zu sehen, u. grient zu ihr rüber, wobei sie ihre Blicke natürlich nicht von dem süßen Baby abwenden kann, das Maria im Arm hält): Mehdi dachte, es wäre eine nette Idee, wenn ich solange bei dir... euch bleibe. Hach, die Kleine ist ja goldig und so brav. Sie ist schon ein bisschen gewachsen, oder?
Maria (hält ihr schlafendes Kind fest u. starrt Gretchen an, als sei sie ein Alien): Bitte? Was? Ich... Das... Ja! Aber... Moment? Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir hier noch ein zweites Bett reinstellen. Wenn Rick auch noch mit den Kindern aufschlägt, dann bricht hier das heillose Chaos aus. Dann war’s das mit dem Bravsein.
Gretchen (stört sich überhaupt nicht daran u. macht es sich in ihrem Bett so richtig gemütlich): Also, was das betrifft, bin ich sehr hart im Nehmen. Vor allem nach dem vergangenen Wochenende. Da war was los, kann ich dir sagen.
Maria (fährt sich verzweifelt mit ihrer freien Hand durch ihre ungekämmten Haare): Oh, bitte, keine übertriebenen rosa Herzchengeschichten! Dafür hab ich jetzt echt keinen Nerv. Verrate mir lieber, was das Ganze hier soll? Willst du dich etwa häuslich einrichten?
Gretchen (sichtlich vergnügt darüber, wie schnell sich ihre Kollegin doch aufregen kann): Quasi.
Maria (merklich überfordert rutscht ihre Stimme eine Oktave höher, was beinahe ihr Kind aufweckt, dem sie daraufhin beruhigend über den Rücken streichelt): Was?

Ich glaub, ich bin im falschen Film. Wo ist die versteckte Kamera?

Gretchen (grient die beiden mit ihrer überzeugendsten Unschuldsmiene an): Du hast keine andere Wahl. Sämtliche Zimmer auf Station sind belegt. Und da du Mitarbeiterin hier im Haus bist, hast du keine Chance, dass du mit deinem Veto durchkommen würdest. Es wird quasi von dir erwartet, dass du kompromissbereit bist, Maria. Aber ich teile gerne das Zimmer mit euch. Es gibt so viel zu bereden und zu bestaunen. Das verkürzt die Wartezeit.
Maria (starrt ihr dauerquasselndes Gegenüber fassungslos an u. schüttelt immer wieder den Kopf): Das glaube ich jetzt nicht. Ey, wenn ihr mich verarschen wollt, bitte, herzlichen Glückwunsch, das ist euch gelungen. Mehdi kann jetzt gerne aus dem Schrank herausspringen und dich wieder mitnehmen. Da ist die Tür.
Gretchen (das vergnügte Grinsen verschwindet mit einem Mal): Das geht nicht.
Maria (guckt sie eindringlich an u. bekommt ein zunehmend unbehaglicheres Gefühl): Wieso?
Gretchen (gerät ins nervöse Stammeln, was Maria noch mehr stutzig macht): Naja, weil... weil ich... ähm...
Maria (legt ihr Baby neben sich ins Bett u. dreht sich vorsichtig auf die Seite, damit sie Gretchen besser ins Kreuzverhör nehmen kann, während sie weiterhin ihre Kleine im Auge behalten kann): Weil du... du... Meier so lange mit deinem Dauergequatsche genervt hast, dass er dich freiwillig hier abgegeben hat? ... Moment! Nee, oder? Soll das etwa heißen, es geht bei dir auch los? Etwa jetzt? Hier? Musst du mir immer gleich alles nachmachen? Ich weiß ja, dass du in mir irgendeine Art emanzipatorisches Vorbild siehst, was ja auch vollkommen berechtigt ist, aber das hier geht mir jetzt entschieden zu weit, Haase. Das geht nicht! Das kommt überhaupt nicht in Frage. Unter gar keinen Umständen! Dein Umstand ist schon groß genug und...
Gretchen (versucht vergeblich, sich Gehör zu verschaffen): Maria?
Maria (lässt stöhnend ihren Kopf aufs Kissen fallen u. streichelt ihr Baby neben sich, um sich zu beruhigen): Mir bleibt heute auch echt nichts erspart. Womit hab ich das eigentlich verdient, dass mir hier jeder auf der Nase herumtanzt, hm?

Dr. Hassmann hatte professionell eins und eins zusammengezählt, was bei ihrem hochschwangeren Gegenüber auch nicht schwer zu erraten gewesen war, und gefiel sich zum ersten Mal in ihrer herausragenden Chirurgenkarriere nicht darin, mit ihrer Spontandiagnose richtig gelegen zu haben. Frauen in den Wehen konnten nämlich die schlimmsten Biester auf Erden werden. Sie war schließlich vor knapp einer Woche selbst das beste Beispiel gewesen, das ihre Kollegen hier auf Station zur Weißglut getrieben hatte, die lieber heute als morgen sehen würden, wie die überreizte Oberärztin endlich das Krankenhaus wieder verließ und hoffentlich bei den gesetzlichen Mutterschutzregelungen ordentlich aus den Vollen schöpfen würde. Und darauf, dass sich dies nun wiederholen würde, hatte Maria nun mal so überhaupt keinen Bock. Geschweige denn auf die Klagen und Unsicherheiten einer Erstgebärenden, die sich auch noch angestrengt darum bemühte, enge mädchenfreundschaftliche Bande mit ihr zu knüpfen, weil zufällig ihre Zyklen fast parallel verliefen oder in dem konkreten Fall wohl eher nicht. Beim gemeinsamen Schwangerschaftsyoga, welches sie absichtlich geschwänzt hatten, um auf der neuen heimischen Terrasse am See eine Jumboportion Vanilleeis zu vertilgen, hatten Gretchen und sie noch lauthals darüber gelacht. Aber das war mittlerweile meilenweite zweieinhalb Woche her. Jetzt war alles anders.

Sie musste jetzt ganz, ganz stark sein, unauffällig ihre Kleine schnappen und auf der Neurologie um Asyl bitten, aber erst nachdem sie Mehdi gesucht, gefunden und gefoltert hatte. Wie stellte der sich das eigentlich vor? Sollte sie dem Häschen jetzt etwa noch das schweißnasse Händchen halten? Dr. Margarethe Haase war doch allgemein als Hypochonderin bekannt. Und hypochondrisch veranlagte Patienten, die auch noch Ärzte waren, konnte Maria noch weniger ausstehen als hysterische werdende Mütter und Mädchenfreundschaften im Kolleginnenkreis. Das allein hielt man doch schon im Kopf nicht aus. Deshalb hatte sie bis eben die Vorzüge eines Einzelzimmers über alle Maßen geschätzt. Und ob es jetzt noch sinnvoll wäre, den Professor auf das Kleingedruckte im Vertrag mit ihrer privaten Krankenversicherung hinzuweisen, war angesichts des überdimensional großen Schwangerschaftsbauchs seiner Tochter ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen bei der Millionenfrage bei „Wer wird Millionär“ ohne jeglichen Zusatzjoker, der sie noch im letzten Moment hätte retten können.

Und während die überforderte Neurologin schon mögliche Fluchtwege auskundschaftete, schaute Gretchen ihre grübelnde Kollegin mit großen Kulleraugen eindringlich an, die unsicher in dem in einem warmen Orangeton gestrichenen Zimmer hin und her huschten. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit erhaschte sie wieder Marias ungeteilte Aufmerksamkeit und die ihrer kleinen Tochter, die mittlerweile aufgewacht war. Vermutlich weil sie die innere Angespanntheit ihrer Mutter wahrgenommen hatte, die Sophie wieder in ihre Arme gezogen hatte, damit sie nicht drauflos krakelte, so wie es die gefrustete Oberärztin am liebsten selber gemacht hätte, wenn sie ihre neue Verantwortung nicht gerade direkt vor Augen gehabt hätte.

Gretchen: Nicht ganz.
Maria (schaut dann doch wieder mit einer leichten Unsicherheit im Blick zu ihr rüber): Wie nicht ganz? Es gibt nur ganz oder gar nicht. Und tut mir leid, wenn ich das jetzt sagen muss, aber noch schwangerer als du kann man vermutlich nicht mehr aussehen.
Gretchen (kann es hormontechnisch nicht verhindern, dass sie unvermittelt drauflos schniefen muss): Ich weiß.
Maria (schließt für eine Sekunde die Augen u. ärgert sich über sich selbst, als sie Gretchens Tränen bemerkt, u. betet leise an irgendeine Obrigkeit, die sie aus dem Schlamassel herausholen soll): Haase, weinst du etwa?
Gretchen (schluckt die aufgekommenen Tränen angestrengt wieder herunter): Nein!
Maria (glaubt ihr kein Wort, aber versucht sich trotzdem in einem mädchenfreundschaftlichen Rat, auch wenn sie nicht verstehen kann, wieso sie das überhaupt macht): Gut so! Zeig den Männern, die uns in diesen Schlamassel gebracht haben, auf keinem Fall Schwäche. Jetzt ist der Moment gekommen, wo du alle deine Kräfte filtern musst. Du schaffst das schon. Wir alle haben das geschafft. Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, wie, aber wir haben es geschafft.

Das war jetzt unerwartet, aber doch auch irgendwie richtig lieb.

Gretchen (hat sich wieder einigermaßen gefangen u. strahlt nun Marias Tochter an): Das sehe ich. Und um dich zu beruhigen, Maria, ich hatte gestern falschen Alarm. Ich bin nicht wegen verfrühter Wehen hier, oder naja, zumindest nur indirekt.
Maria (sieht sie ungläubig an): Indirekt?
Gretchen (ihre Wangen färben sich in ein glühendes Rosérot): Marc und mein Papa bestehen darauf, dass ich heute hier noch mal auf Herz und Nieren durchgecheckt werde. Ich weiß, ich weiß, eigentlich völlig unnötig, weil ich eh schon engmaschig von Mehdi betreut werde und mich in dieser Woche auch noch zweimal mit meiner Hebamme treffen werde.
Maria (schaut ihre Leidensgenossin einen langen Moment durchdringend an u. schüttelt anschließend den Kopf, dann sieht sie ihre Tochter an u. kann sich ihr schadenfrohes Grinsen nicht mehr länger verkneifen): Großer Gott, Haase, wieso sagst du das denn nicht gleich? Ich dachte schon, ich muss hier gleich selber eingreifen und dir den Rock lüften. Ich weiß gar nicht, ob ich dazu überhaupt befugt wäre, was jetzt nicht heißt, dass ich es nicht bewerkstelligen könnte. Ich will nur nicht. Pff! Das ist wieder so typisch. Die Kerle, noch dazu die coolsten Chirurgen, denken wirklich, dass eine Geburt reinste Wissenschaft ist. Dabei sollten sie sich einfach mal nur an ihren eigenen rotierenden Schädel fassen, sich in Geduld üben und die Fresse halten. Alles andere läuft eh von selbst ab.
Gretchen (mit einem leicht zynischen Unterton in der Stimme): Wie beruhigend.
Maria (grient sie an): Nicht, ne? Tja, ich hätte dich letzte Woche einfach besser briefen müssen. Dabei dachte ich, ich wäre deutlich genug gewesen.
Gretchen (erinnert sich an ihr Treffen kurz nach der Geburt von Sophie u. erwidert Marias ansteckendes Grinsen): Trotzdem danke.

Jetzt weiß ich wieder, wieso es doch eine gute Idee war, mich hier einzuquartieren. Die Frau hat es einfach drauf, einen zu motivieren.

Maria (hebt ihren Oberlehrerzeigefinger): Nee, nee, ich war noch nicht fertig, Gretchen. Der wichtigste Tipp von allen, den du dir mit deinem rosa Puschelstift doppelt unterstrichen hinter die Ohren hättest schreiben sollen, wäre gewesen, dass du dir am besten so schnell wie möglich woanders einen Kreißsaal suchen solltest. Möglichst weit, weit weg. Nicht nur von meinen Nerven. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass man in dem Krankenhaus entbindet, in dem der eigene Vater das Sagen hat und der eigene Egomanenfreund am liebsten Chefarzt spielt, wenn er nicht gerade den Vaterkoller kriegt, weil er im Multiplizieren ganz besonders gut gewesen ist. Das gibt nur Probleme, die du in den richtig heftigen Wehen am allerwenigsten gebrauchen kannst. Glaub mir!
Gretchen (verdreht die Augen): Toll! Danke, Maria! Der kam noch rechtzeitig.
Maria (zeigt grinsend auf die blaue Tür): Bitte! Immer wieder gern. Als Ausbilderin ist es quasi meine Pflicht, dich darauf hinzuweisen. Da ist immer noch die Tür. Tschüß und viel Erfolg!
Gretchen (hat genug von den Albernheiten u. schmollt ein bisschen): Haha!
Maria (merkt, dass sie es ein bisschen übertrieben hat, u. rudert mit freundlicher Miene zurück): Sonst alles klar bei dir? Die beiden drehen doch nicht so am Rad, wenn nicht doch etwas wäre?
Gretchen (freut sich darüber, dass sie sich ehrlich für sie interessiert): Das hört sich ja fast wie Mitgefühl an, Frau Doktor.
Maria (gibt sich betont beiläufig): Gewöhn dich nicht daran. Das sind nur die letzten Nachwirkungen des Hormoncocktails, der immer noch hochprozentig wirkt. Aber danke, dass wenigstens du meine Kernkompetenz als Oberärztin noch wertschätzt.
Gretchen (stimmt ihr kopfnickend bei): Keine Sorge. Wir haben uns auch alle schon wieder beruhigt. Naja, bis auf meinen Vater, der eben erst davon erfahren hat, dass uns meine Senkwehen gestern ziemlich verunsichert haben. Und wenn er das auch noch an meine Mama weiterleitet. Lieber nicht dran denken. Nein, alles ist gut. Wirklich!
Maria (ist noch nicht wirklich überzeugt, aber belässt es dabei, um nicht weiter belästigt zu werden): Gut?

Die Frau Doktor im Mutterschaftszwangsurlaub überlegte einen Moment lang, dann schwang sie plötzlich ihre Beine aus dem Bett und lief mit ihrer neugeborenen Tochter im Arm zu ihrer überraschten Kollegin rüber, die gar nicht wusste, wie ihr geschah, als sie die Kleine mit einem Mal in ihrer Arme gedrückt bekam. Mit großen Augen schaute Gretchen das süße Wunder an, dann blickte sie verwirrt zu Maria hoch, aber ein weiterer Blick auf Sophie Hassmann, die in eine kuscheligweiche sonnengelbe Decke gewickelt war, genügte, um sich entspannt ans Bettende zurückzulehnen. Sie war direkt vernarrt in den kleinen Schatz, dem sie sehr zum Wohlwollen ihrer Freundin, die ihr so viel Vertrauen geschenkt hatte, gleich eine intensive Beobachtungsstudie widmete.

Maria: Okay, du hast gewonnen, Haase. Ich gebe zu, es hat vielleicht doch so seine Vorteile, dass du jetzt hier zwischenquartiert wirst. Ich müsste nämlich dringend mal duschen. Man kommt nämlich hier zu gar nichts, wenn ständig jemand hereinschneit und was von einem will. Du ahnst gar nicht, was für hässliche Babygeschenke es alles gibt. Oder ist das Absicht von den Kollegen? Hm, egal! Jedenfalls, ehe ich sie einer unqualifizierten Lernschwester in die Hände drücke, die gleich mit einem inakzeptablen „Gutchigutchigu“ anfängt und damit Sophies Lernprozess behindert, ist sie bei dir doch gut aufgehoben, oder?
Gretchen (guckt mit leuchtenden Augen zu Maria hoch u. widmet sich dann wieder mit klopfendem Herzen den winzigkleinen Fingerchen von Sophie): Unbedingt.
Maria (lächelt zufrieden, auch wenn es ihr schwerfällt, sich zu trennen): Okay? Ich... brauch nicht lange.
Gretchen: Lass dir ruhig Zeit!

...nuschelte Gretchen noch unverständlich in Richtung ihrer ungewöhnlich sanftmütigen Oberärztin, die über sich selbst schmunzelnd den Kopf schüttelte, noch einen langen Augenblick ihre neugeborene Tochter anhimmelte und dann, als sie merkte, wie schwer es ihr fiel, sich von ihr zu lösen, flink durch die geöffnete Nebentür ins angrenzende Badezimmer schlüpfte, und war mit ihrer Aufmerksamkeit schon wieder ganz woanders. - „Na, mein Schatz, wir machen uns jetzt eine schöne Zeit. Gutchigutchi... Oh! Besser nicht! Was dann... hm? Ach, am liebsten würde ich dich auffressen, so süß bist du. Deine kleinen Fingerchen, deine Nase, die winzigen Wimpern. Hach...“ Die schockverliebte Stationsärztin war so vertieft in die kleine Sophie Hassmann, dass sie gar nicht gleich mitbekam, wie sich plötzlich mit Schwung die Zimmertür öffnete und diese gar nicht mal so leise kurz darauf wieder ins Schloss fiel. Die vertraute Stimme ihres sehr geschäftigen Oberarztes ließ sie dann aber doch schnell aufschrecken.

Marc: Gut! Da bist du ja! Dein Dad hat mir eben verraten, dass ihr schon hier seid. Der hat mir eben dermaßen den Marsch geblasen, weil wir ihm und Bärbelchen angeblich nicht Bescheid gegeben haben, dass wir... Wobei, da war ja eigentlich nichts. Eigentlich... Äh... Was... ist...das? Hab ich was verpasst? Wie...? Äh... Sollten es nicht zwei sein?

Dr. Meier war völlig perplex vor dem Patientenbett stehen geblieben, als er das an Gretchens gewaltige Schwangerschaftshügellandschaft gelehnte Baby entdeckte und ließ ungläubig seine Kinnlade herunterklappen. Er war so durcheinander und entsetzt, dass er sich erst einmal setzen musste und dabei aus Versehen Gretchens Füße erwischte, die sie schnell zur Seite geschwungen hatte. Gretchen kicherte nur, schmiegte sich verliebt an seine Seite und hielt ihm Marias Baby hin, das den verwirrten Mann im weißen Arztkittel mit großen klaren Augen anguckte. Dieser stechendscharfe Blick kam ihm irgendwie bekannt vor, was aber vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass er im Augenwinkel das exakte Ebenbild jedoch in groß, jetzt in einem flauschigen lilafarbenen Bademantel gewickelt, in der Tür zum Badezimmer entdeckte, das ihn ungeniert auf diese gewisse Art und Weise angrinste, die ihm schon immer unheimlich gewesen war. Maria lachte derweil nur süffisant, stieß sich vom Türrahmen ab, gegen den sie sich gelehnt hatte, nachdem sie die vertraute zweite Stimme gehört hatte, und übernahm vorsichtig von Gretchen wieder ihren kostbarsten Schatz, den sie nun liebevoll an sich drückte, bevor sie sich wieder mit ihm auf ihr Bett setzte und ihren verrutschten Handtuchturban zurechtrückte.

Maria: Scheiß dich nicht ein, Meier! Soweit ich weiß, sind es immer noch zwei und die haben es augenscheinlich nicht so eilig wie mein Mini-Me hier. Aber ich erspar mir mal lieber weitere Untersuchungen. Dafür gibt es ja hier im Haus äußerst sensible und hinreißend gutaussehende Gynäkologen. Und dass du selber so was Tolles hinbekommst, musst du erst noch beweisen.
Marc (in Zeitlupe fährt sein Kopf zu der Zynikerin herum): Äh...
Maria (freut sich mit ihrer Kleinen über ihre gelungene Pointe u. stört sich nicht daran, vor Zuschauern auszupacken): So, mein Schatz, ja, es ist Zeit für die Raubtierfütterung.
Marc: Du... du willst jetzt aber nicht ernsthaft...?

...wollte der verwirrte Chirurg, dem für einen kurzen Moment seine Wortgewandtheit abhanden gekommen war, noch ungläubig seine unliebsame Kollegin fragen, aber da war es bereits zu spät. Sie hatte zu seinem Entsetzen das Babybuffet schon aufgedeckt. Mit tellergroß erweiterten Augen wandte sich Marc schnell wieder von Maria ab, die es sich auf ihrem Bett gemütlich gemacht hatte, sich ein Kissen in den Rücken geschoben hatte und nun begann, ihr hungriges kleines Mädchen zu stillen. Ein fettes Grinsen lag nicht nur auf ihrem Gesicht, weil es sie köstlich amüsierte, wie der selbsternannte coolste Macho der Welt auf die natürlichste Sache der Welt reagierte. Es war so einfach, kleingeistige Männer zu schocken. Und es hatte sogar noch einen viel größeren Vorteil, als dem selbstherrlichen Angeber das vorlaute Mundwerk zu stopfen. Sophie wurde auch satt. Sie brauchte schließlich all ihre Kräfte, um dieses nervige Etablissement, wo ständig jemand unangemeldet hereinplatzte, hoffentlich schon bald verlassen zu können.

Maria: Och, warum denn auf einmal so verkrampft, Dr. Meier? So kenne ich dich gar nicht. Es gab Zeiten, da haben dich diese beiden Hübschen hier, soweit ich weiß, außerordentlich interessiert.
Marc (räuspert sich mehrfach u. versucht cool zu bleiben, was ihm schwerfällt, weil Gretchen ihm fast die Hand zerquetscht, die sie spontan ergriffen hat): Das glaubst auch nur du. Warst du da nicht auch betrunken?
Maria (grinst provokant zu ihm rüber): Auf jeden Fall nicht betrunken genug.
Marc (jetzt schüttelt es ihn erst recht): Dito! Und du weißt doch, wie es auf solchen Weihnachtsfeiern so läuft. Okay, ich vergaß, mal abgesehen von dir. Wenn man nicht mal den neuen Gynäkologen abschleppen kann, hm? Außerdem ist das hier eine völlig andere Situation.
Maria (kann es nicht lassen, ihn weiter zu provozieren): Weil sie größer geworden sind und voll mit Milch sind?
Gretchen (hat genug gehört u. will den verbalen Austausch stoppen): Maria!
Maria (denkt nicht daran, weil es viel zu viel Spaß macht, die beiden zu ärgern): Was denn? Miss Sophie kann dir das bestätigen.
Marc (sucht sich den besten Weg, um wieder obenauf zu sein): Oh Gott! Wie werde ich den Anblick bloß je wieder los? Ach ja, ich hab gleich eine megagroße Herz-OP. Herz- und Lungentransplantation, um genau zu sein. Das kann Stunden dauern.
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt, auch wenn es sie innerlich doch ein wenig fuchst): Hm... Da werde ich jetzt aber so richtig neidisch.
Marc (will provokant zurückgrinsen, aber schnellt schnell wieder herum, als sein Blick erneut das schmatzende Baby an ihrer Brust entdeckt): Nicht wahr?

Oh fuck! Nicht schon wieder! Denk nicht an Brüste! Denk an etwas anderes! An Haasenzahn! Genau! An ihre Brüste, die auch riesig und voller Milch sind! Oh scheiße! Ich werde die OP nicht überleben. Wenn’s mit dem einen Herzen nicht klappt, kann er meins haben. Hilfe!

Gretchen (lenkt Marcs gebündelte Aufmerksamkeit wieder auf sich): Ich dachte, ihr seid schon rüber in die Charité geflogen?
Marc (kann sich nur schwer von ihren Brüsten lösen u. hoch in ihre blauen Himmelssterne schauen, die ihn hypnotisch anstrahlen): Das passiert auch gleich. Der Heli müsste in drei Minuten da sein. Es gab da ein paar Schwierigkeiten mit einigen Werten. Und die Eltern hatten Bedenken. Weil nicht sicher ist, ob sie ihn je wieder... Du kennst die Prognosen in solchen Fällen. Aber er ist volljährig. Es ist sein freier Wille.
Gretchen (merklich besorgt): Oh?

Ich hätte ihn auch gerne noch mal gesehen. Schließlich begleite ich ihn, seitdem ich hier im Elisabethkrankenhaus angefangen habe. Positiv denken, Gretchen! Marc und Oli schaffen das schon. Sie geben ihm die Chance auf viele, viele weitere Jahre, in denen er endlich das machen kann, was er schon immer hatte tun wollen. Ja, das werden sie.

Marc (wieder ganz bei ihr versucht er ihr Hoffnung zu geben, weil er ahnt, was sie gerade denkt u. fühlt): Erzähl ich dir später. Ich wollte nur noch schnell nach euch Dreien schauen, bevor wir abheben. Keine Ahnung, wie lange das alles dauern wird. Vielleicht pennst du dann schon, wenn ich wiederkomme.
Gretchen (himmelt ihren Helden schwerverliebt an, bis ihr plötzlich wieder einfällt, dass sie ja eigentlich sauer auf ihn ist): Das ist lieb. Danke! Aber eigentlich müsste ich noch ein ernstes Wörtchen mit dir wechseln, mein Lieber. Überredest Mehdi heimlich, mich hierher zu bringen. Das ist nicht fair und überhaupt nicht angemessen. Echten Patientinnen gegenüber.
Marc (der Schalk geht direkt mit ihm durch): So unecht siehst du gar nicht aus, Haasenzahn.
Maria (funkt kleinlaut dazwischen): Der war gut.
Gretchen (funkelt zwischen den beiden hin und her): Marc!
Marc (ein langer Blick in Gretchens Augen genügt u. er knickt ein): Ja, sorry, aber... Selbst wenn es nicht dringend wäre, wenn dein Dad spitzgekriegt hätte, dass du gestern...
Gretchen (fällt ihm prompt ins Wort): Hat er.

Scheiße! Ich wusste es. Ich bin am Arsch. Der wird mich nur Haken halten lassen. Und falls er es Dad auch noch weitererzählt hat, dann kann ich auch gleich ganz hier bleiben.

Marc (erinnert sich schlagartig an die sonderbare Begegnung von vorhin mit seinem Schwiegervater in spe): Das erklärt den Anschiss gerade eben.
Gretchen (auch wenn es ihr selber nicht so richtig passt, ein Funken Schadenfreude funkelt dann doch in ihren blauen Augen auf): Weil dein toller Plan Mehdi und mich direkt in die Arme meines Vaters geführt hat. Er stand gerade mit einigen Kollegen am Hinterausgang, als er mich reinschmuggeln wollte. Tja, ein rosa Elefant kann sich nun mal nicht unsichtbar machen.
Marc (fühlt sich keiner Schuld bewusst): Upps!
Maria (funkt erneut mit spöttischer Grinsemiene dazwischen): Och, Haase, ich würde nicht so hart mit dir ins Gericht gehen. Jetzt untertreibst du aber.
Gretchen (ignoriert ihre vergnügt grinsende Kollegin nebenan u. blitzt ihren Pappenheimer angesäuert an): Also, danke, Marc! Dafür, dass jetzt jeder hier im Haus Bescheid weiß und sonst was denkt.
Marc (versucht sich zu erklären): Mann, Haasenzahn, du weißt doch... Ich will doch nur...
Gretchen (legt zärtlich ihre Hand an seine Wange u. kann ihm nicht länger böse sein): Ich weiß. Das will ich doch auch. Aber du kannst mir auch ein bisschen vertrauen, hm.
Marc (schmiegt seinen Kopf an ihre Handfläche u. schließt für einen Moment die Augen, um innezuhalten): Es ist einfach beruhigender zu wissen, dass ihr betreut seid, wenn ich gerade nicht da sein kann.

Ist er nicht süß? Dafür lieb ich dich gleich noch mehr, Marcilein.

Maria (hat nur so getan, als hätte sie nicht während des Stillens ihrer Tochter intensiv gelauscht): Ach? Und diese wertvolle Aufgabe kommt jetzt mir zu, oder wie?
Marc (reißt schlagartig die Augen wieder auf, aber dreht sich gerade noch rechtzeitig nicht zu ihr um, um nicht noch mal traumatisiert zu werden): Boah, Hassi! Kannst du mal aufhören, dich ständig einzumischen.
Maria (schmunzelt amüsiert): Ständig? Hab ich was verpasst?
Marc (ärgert sich tierisch über die zickige Neurologin im Mutterschutz): Aber gut, wenn dir so viel daran liegt. Du hast ja jetzt Zeit, ne? Im Gegensatz zu mir mit meiner großen OP. Ich glaube, ich werde einen Artikel darüber schreiben. Die neuste Ausgabe vom „Chirurg aktuell“ leg ich dir dann ins Fach.
Maria (funkelt eingeschnappt den Rücken des Angebers an u. konzentriert sich wieder ganz auf ihr Töchterlein, das einen ordentlichen Zug hat): Witzig!
Gretchen (blickt ungläubig zwischen den beiden hin und her): Äh... Hallo? Darf ich das nicht selber entscheiden?
Marc (grient sie verschmitzt an): Nö!
Gretchen (sichtlich empört): Marc!
Marc (lacht u. deckt seine Trümpfe auf): Du bist offiziell hier aufgenommen worden. Vergessen? Damit hast du deine Rechte vorne am Empfang abgegeben, Haasenzahn.
Gretchen (dreht sich schmollend von dem Klugscheißer weg): Na toll.
Maria (kleinlaut): Siehst du, ich hab dich doch gewarnt, Haase. Das Familienkrankenhaus ist unter Umständen keine gute Idee.
Marc (horcht irritiert auf): Bitte?

Die spinnt doch? Die steht doch noch unter Schmerzmitteln oder sonstigen hormonellen Was-auch-immer. Und kann die sich endlich mal ihren hässlichen Bademantel zuknöpfen.

Gretchen (will es Marc erklären, aber da weckt plötzlich ein Hintergrundgeräusch ihre Aufmerksamkeit u. sie blickt gespannt zum leicht gekippten Fenster): Marc, ich glaube, du musst los.
Marc (folgt ihrem Blick u. hört es jetzt auch): Oh! Tatsächlich. Der Heli. Ich muss. Und du musst...
Gretchen (beendet schmunzelnd seinen Satz, indem sie ihrem überfürsorglichen Freund einen dicken Schmatzer auf die herunterhängenden Mundwinkel drückt): ...gar nichts! Wir passen schon gut auf uns auf. Und du passt mir gut auf den Jungen auf, ja! Er hat noch sein ganzes Leben vor sich und so viele Pläne, die ihm die Krankheit bereits geraubt hat.
Marc (zieht sich mit einem schmalen Lächeln den Arztkittel wieder gerade u. guckt kurz auf den piependen Pieper in seiner Tasche): Ich gebe mir Mühe.
Maria (kann es nicht lassen, dazwischenzufunken): Hört, hört, so bescheiden heute, Herr Doktor?
Marc (kontert mit einem süffisanten Grinsen auf seinen Lippen): Tja, das kennst du von deinem Kurzzeitlebensabschnittsbeauftragten wohl nicht, hm?
Maria (dreht sich eingeschnappt wieder von ihm weg): Wolltest du nicht gehen?
Gretchen (beobachtet ihren schlagfertigen Freund intensiv dabei, wie er langsam vom Bett aufsteht): Erzählst du mir dann ausführlich von dem Eingriff?
Marc (steckt den Pieper wieder ein u. grient seine Liebste an): Hm, wenn du magst, kannst du’s sogar verfolgen. Zwar nicht im Name gesperrt, aber ich hab nen Assi zur Videoaufnahme abkommandiert. Er weiß zwar noch nichts von seinem Glück und denkt, er könnte aktiv daran teilhaben und mal das Herz halten, aber du hättest die Idiotenbande mal sehen sollen, als wir ausgelost haben, wer als Einziger mitkommen darf. So motiviert hab ich den Kindergarten noch nie gesehen.
Gretchen (rollt mit den Augen, weil es mal wieder so typisch von ihrem Oberarzt ist): Du bist so fies.
Marc (beugt sich mit verführerischem Funkelblick zu seiner ärgsten Kritikerin herab): Ich weiß. Da stehst du doch drauf.
Gretchen (versucht erfolglos den Provokateur wegzuschieben): Jetzt geh endlich, du Spinner!
Marc (knutscht sie in die Kissen): Ich mag dich auch. Bis dann! Und schont euch!
Gretchen: Jahaa, bis dann!

...schmachtete Gretchen ihrem lässigen Helden hinterher, nachdem sie sich noch einmal innig zum Abschied geküsst hatten. Dr. Hassmann hatte nur ungläubig dabei zugucken können und hatte sich schnell wieder auf ihr Kind konzentriert, um die Bilder so schnell wie möglich wieder aus ihrem Kopf zu bekommen. Aber eine kleine Spitze in Richtung ihrer nervig dauerverliebten Chirurgenkollegin konnte sie sich dann doch nicht verkneifen.

Maria: Es ist echt rührend, wie er sich bemüht. Hätte ich ihm ehrlich nicht zugetraut. Aber Chirurgen wachsen ja mit ihren Aufgaben.
Gretchen (starrt noch immer schmachtend auf die blaue Tür, obwohl sie bereits längst wieder ins Schloss gefallen ist): Ja!
Maria (verdreht genervt die Augen, weil ihr spöttischer Kommentar nicht als solcher bei der Blondine mit der rosaroten Brille angekommen ist): Okay, so war das eigentlich nicht gemeint. Aber gut, lass mich raten! Wer hatte den meisten Bammel, als sich die Zwerge gesenkt haben?
Gretchen (dreht sich mit verlegener Miene zu ihr herum): Ehrlich? Ich glaube, ich. Und ich hab Marc mit meiner Panik ziemlich angesteckt. Wir haben völlig überreagiert und haben...
Maria (versucht sie, noch bevor sie in einen endlosen Redeschwall verfällt, zu stoppen): Schon klar. Aber das ist normal. Jeder dreht vorher durch. Das gehört quasi mit zum Gesamtpaket. Es schärft die Sinne, bevor es wirklich ernst wird.
Gretchen (hört ihr interessiert zu): Aber du hast so ruhig gewirkt.
Maria (blickt sie an, als hätte sie sich verhört): Okay? Kann es sein, dass du letzte Woche nicht im Haus warst? Ich war ein Frack. Obwohl ich das alles schon einmal hinter mir hatte, war es ein ziemlich aufreibender Moment. Obwohl, Moment ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Das hat Stunden über Stunden gedauert und ich dachte, ich packe das nicht mehr. So sieht es nämlich wirklich aus. Der Berlin-Marathon, an dem ich mal teilgenommen habe, ist nichts dagegen.
Gretchen (lächelt sie u. den kleinen Fratz an ihrer Brust an): Und dafür hast du jetzt diesen Schatz bei dir.
Maria (ein verzaubertes Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen): Ja! Ich guck sie an und kann es manchmal immer noch nicht glauben. Aber sie zu zwicken, traue ich mich nicht. Sie ist zwar noch klein, aber ihr Organ erreicht schon höhere Oktaven als Sarah bei einem Tobsuchtsanfall oder die Oberschwester, wenn sie deinen kleinen Bruder zusammenfaltet.
Gretchen (freut sich riesig mit ihrer Freundin): Und mit dem Stillen klappt es gut?
Maria (wechselt mit Sophie die Seiten): Alles prima. Sieht man, oder? Aber sie braucht halt noch einiges an Gewicht, bevor sie uns hier rauslassen. Irgendwie wirkt bei Mehdi mein Charme nicht mehr. Und Wischnowski ist völlig blind meinen Reizen gegenüber. Da bekommt man ein Kind und ist plötzlich unsichtbar und hat gar nichts mehr zu melden.
Gretchen: Ihr schafft das schon.

...machte Gretchen ihrer Freundin Mut, deren verliebtes Mama-Lächeln mit einem Mal einem eher ernsten Gesichtsausdruck gewichen war, der ihrem kleinen Kind gewidmet war, das es vor wenigen Tagen ein bisschen eiliger gehabt hatte, als es so manch einem lieb gewesen war. Aber dieser nachdenkliche Moment war nur von kurzer Dauer, denn wie aufs Stichwort schaute die süße Maus sie nun direkt mit ihren kleinen Kulleräuglein an und jedwede Sorge war bei ihrer stolzen Mutter sofort wieder vergessen. Und im nächsten Augenblick klopfte es plötzlich auch noch an der Tür und der nächste Oberarzt im Einsatz erstürmte schwungvoll und ansteckend gut gelaunt das Zimmer der beiden Frauen.

Mehdi: Entschuldige, es hat etwas länger gedauert. Wir haben momentan so viele Neuaufnahmen reinbekommen, dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Als hätten sich alle werdenden Mütter Berlins auf einmal abgesprochen, heute einen kleinen Ausflug hierher zu machen. Dabei war an meinem freien Wochenende überhaupt nichts los hier, hat meine Kollegin gerade gemeint. Gerade einmal vier Geburten an drei Tagen. Es ist echt ein faszinierendes Phänomen. Als würden es alle riechen, dass ich wieder im Haus bin, obwohl ich das offiziell ja eigentlich erst ab heute Abend sein müsste und das laut Plan auch nur auf Bereitschaft, die sich hiermit wohl erledigt hat. Aber egal, für dich hab ich natürlich immer Zei... Oooh! Maria? Äh... Entschuldigung! Soll ich später noch mal wiederkommen?

Dr. Kaan plapperte ohne Unterlass drauflos, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und stellte dabei einen mitgebrachten Rollstuhl neben das Bett seiner skeptisch darauf blickenden Patientin, sodass er erst auf den zweiten Blick registrierte, was in dem Zimmer seiner beiden befreundeten Kolleginnen gerade vor sich ging. Verlegen drehte er sich von der stillenden Mutter wieder weg und konzentrierte sich rotwangig auf seine grinsende beste Freundin, die sich ihr Schmunzeln natürlich nicht hatte verkneifen können, weil sie schon voraussah, was wohl gleich als nächstes passieren würde. Und wie erwartet meldete sich auch direkt eine für ihren trockenen Humor bekannte Oberärztin zu Wort, die bekanntlich kein Blatt vor den Mund nahm und die dem attraktiven Gynäkologen, dem kurz die Sprache weggeblieben war, vor nicht einmal einem Jahr näher gestanden hatte, als ihm heute lieb war.

Maria: Also, was ist eigentlich mit euch Kerlen heute los, hm? Als ob du die beiden Hübschen hier nicht in und auswendig kennen würdest, mein Lieber, und das nicht erst seit meiner letzten ausführlichen Untersuchung.
Mehdi (fängt sich schnell wieder u. versucht, betont locker zu kontern, während er Gretchen in den Rollstuhl hilft, in den sie sich nur unfreiwillig hineinzwängt): Ich sehe schon, hier ist aber jemand heute ganz besonders gut aufgelegt. Muss an deiner charmanten neuen Mitbewohnerin liegen, hm, Maria?
Maria (zwinkert ihm verführerisch zu): Mhm, das bin ich doch immer, Herr Doktor. Vor allem wenn du dich auch endlich mal wieder hier bei mir blicken lässt, du treulose Tomate.
Gretchen (will die Chance nutzen, um sich geschwind aus dem Rollstuhl davonzustehlen): Ähm... Also, wenn ihr alleine sein wollt, ich kann auch wieder...
Mehdi (drückt sie sanft, aber bestimmt mit beiden Händen wieder zurück in die Fahrhilfe): Tut mir leid, aber dein Name steht heute zu allererst auf meiner Liste, Fräulein Haase. Sonst bekomme ich Ärger mit ganz, ganz oben.
Maria (seufzt gespielt theatralisch auf u. richtet ihren Bademantel): Er tut es schon wieder.
Mehdi (weiß ihren spitzen Kommentar richtig zu deuten u. grient sie an): Enttäuscht?
Maria (funkelt ihn an, lacht erst, wird dann aber schnell wieder ernst u. blickt auf ihre Tochter herab, der sie liebevoll den Mund abwischt, bevor sie sie sich an die Schulter legt): Langsam gewöhne ich mich daran, ständig von dir sitzengelassen zu werden. Nur diesmal liegen die Fakten anders.
Mehdi: Ich weiß. Aber ich kann da leider nichts machen. Wir reden später, okay?

Mehdi, der ahnte, was die taffe Neurochirurgin wirklich bedrückte, zwinkerte seiner Patientin vielsagend zu. Diese guckte anfangs noch stur geradeaus und wollte den sanftmütigen Charmebolzen stoisch ignorieren, aber dann wurde ihr Blick doch sanfter, nachdem Sophie mit einem lauten Bäuerchen ihre Meinung kundgetan hatte, was alle drei Erwachsenen im Gleichtakt schmunzeln ließ.

Maria: Tja, Herr Doktor, du hast ihre Zustimmung gehört. Vorerst. Und wenn du dich gut mit meiner Tochter stellen willst, dann solltest du dich zuerst um das zweite Bett hier kümmern.
Gretchen (wirft sich kleinlaut dazwischen): Das übernehme ich.
Maria (stöhnt entnervt auf): Das war so klar.
Gretchen (will noch etwas dazu sagen, wird aber hartnäckig daran gehindert): Ich meinte das eigentlich...
Mehdi (zwinkert der Dauernörglerin zu u. schiebt seine protestierende Patientin im Rollstuhl zur Tür hinaus): Gretchen, kommst du, bitte? Wir handeln euer Schlafarrangement später aus. Bis dann, Maria!
Maria: Ja, ja, seht zu, dass ihr hier endlich rauskommt. Das ist mir eindeutig zu viel Verkehr hier. Nicht wahr, mein Schatz?

...gab die störrische Ärztin ihren beiden Kollegen noch spitz mit auf den Weg, dann lehnte sie sich mit ihrer Tochter im Arm zufrieden grinsend zurück ans Kopfende ihres Bettes und war einfach nur selig. Das herzhafte Lachen von Mehdi und Gretchen draußen vor der Tür vernahm sie schon gar nicht mehr. Die schwangere Stationsärztin guckte gespannt über ihre Schulter und konnte immer noch nicht aufhören, Mehdi anzugrinsen, der sie gemächlich den Gang der Station hinunterfuhr und den sie eigentlich noch wegen des albernen Transportmittels zurechtweisen wollte.

Gretchen: Du hast einfach immer den richtigen Draht zu deinen Patientinnen, Mehdi.
Mehdi (grient sie vergnügt an u. schlendert weiter gemächlich den Flur vor): Langjährige Erfahrung, Frau Kollegin.
Gretchen (kann sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen): Bei Maria im Speziellen, hm?
Mehdi (beugt sich grinsend über die Griffe des Rollstuhls zu dem Frechdachs vor): Dr. Haase, du weißt doch, Spezialfälle sind mir immer die liebsten. Ich liebe Herausforderungen.
Gretchen (nutzt diese Steilvorlage natürlich direkt für ihre Zwecke aus): Beinhaltet das jetzt auch diese Spezialbehandlung hier? Du musst mich wirklich nicht im Rollstuhl herumkutschieren, Mehdi. Ehrlich! Ich sehe zwar nicht mehr danach aus, aber ich kann mich schon noch alleine fortbewegen. Auf zwei Füßen. Wenn auch langsamer und watscheliger. Mit dem Teil hier wird doch erst recht jeder auf mich aufmerksam.
Mehdi (spielt seinen Charme aus): Weil du hier im Haus sehr geschätzt wirst, Gretchen.
Gretchen (ihr gefällt das trotzdem nicht): Trotzdem...
Mehdi (bleibt der strenge Oberarzt, obwohl er weiß, dass es eigentlich nicht nötig ist): Trotzdem wirst du schön hier drin sitzen bleiben, Fräulein. Sonst bekommst nämlich nicht nur du einen auf den Deckel, sondern vor allem ich.
Gretchen (lässt den Rollstuhl anhalten u. guckt ernst zu ihm hoch): Lass mich raten, mein Vater hat noch mal mit dir geredet, oder? Mehdi, du musst dich nicht von ihm einschüchtern lassen, nur weil er unser Chef ist. Er kann dir gar nichts. Du bist hier auf Station Oberarzt. Das hier ist dein Tanzbereich und nicht der von meinem Papa.
Mehdi (lächelt u. setzt den Rollstuhl wieder in Bewegung, als er am Ende des Flurs einen verdächtigen Schatten bemerkt, der schnell um die nächste Ecke stürzt): Danke für deine schöne Umschreibung, Gretchen, aber was dich betrifft und seine Enkelchen, da wird auch aus dem strengsten Chefarzt schnell der liebende Großvater. Demnach habe ich keine andere Wahl und muss mich seinen Spionen beugen.
Gretchen (hat Mitgefühl für ihn, obwohl sie sich über ihre überbesorgte Familie ärgert): Tut mir leid! Hat er Jochen auf dich angesetzt? Das ist wieder so typisch. Je näher der Termin rückt, umso mehr drehen alle am Rad. Maria hatte echt Recht. Ich rede noch mal mit ihm. Es ist nämlich wirklich nicht nötig, dass ich dir ein Bett wegnehme, während hier auf Station gerade so viel los ist. Das muss auch der Professor verstehen.
Mehdi (streicht ihr liebevoll über die Schulter u. steuert sein Büro an): Um das letztendlich zu klären, sollten wir erst einmal für Fakten sorgen, hm. Das schafft uns eine Verhandlungsbasis. Mal schauen, wie die beiden Frechdachse hier drin jetzt so liegen. Und dann können wir immer noch entscheiden.
Gretchen (strahlt ihn an): Du würdest dich echt gegen Marc und deinen Chef stellen? Das ist wirklich mutig.
Mehdi (grient sie an): Ich bin ja auch ein mutiger Kerl.
Gretchen (ist ihm unendlich dankbar): Und mein bester Freund. Keiner versteht mich so wie du.
Mehdi (lächelt verschmitzt u. kramt dann in seiner Kitteltasche nach dem Büroschlüssel): Ich bemühe mich.

Hach... Ich bin so froh, ihn auf meiner Seite zu wissen. Durch ihn fühl ich mich gleich viel ruhiger.

Gretchen (beobachtet ihn, wie er konzentriert den Schlüssel ins Schloss steckt u. zweimal herumdreht): Ist Gabi sehr sauer, dass wir gleich, nachdem wir sie zuhause abgesetzt haben, hierher gefahren sind? So hat sie doch noch weniger von dir. Ausgerechnet heute an ihrem Geburtstag.
Mehdi (drückt die Türklinke herunter u. dreht sich noch einmal zu ihr um mit einem seltsamen verschwörerischen Blick in seinen dunkel auffunkelnden Augen): Sagen wir mal so, es hat sich etwas ergeben, weswegen sie nicht lange böse sein kann. Außerdem ist sie das nie auf mich.
Gretchen (grinst über das ganze Gesicht): Du Glückspilz.
Mehdi (verfällt direkt in den Schmachtmodus u. spürt Gabis Lippen noch immer auf seinen, weswegen er verträumt darüber streicht): Ja, das bin ich. Sehr glücklich sogar.
Gretchen (freut sich sehr für ihn): Das ist nicht zu übersehen.
Mehdi (fängt sich schnell wieder): Mein Geburtstagspart ist abgehakt. Dafür haben sich jetzt ihre Mädels angekündigt. Tina, ihre Schwester, Chantal mit der Kleinen und Sabine wollte, glaube ich, auch noch mit Anton vorbeischauen, falls Gabi sie nicht noch hat abschütteln können. Da wäre ich eh nur fehl am Platz, Weißt du, all die Schwärmereien über mich. Wie gelungen meine Überraschung doch war. Und was für ein toller, einfühlsamer und einfallsreicher Mann ich doch bin.
Gretchen (schmunzelt): Eingebildet sind wir wohl gar nicht, was?
Mehdi (guckt sich um u. zuckt schmunzelnd mit den Schultern): Überhaupt nicht. Und meine Schöne hat Verständnis dafür, dass ich bei der Hochfrequenz hier auf der Gyn meine Bereitschaft lieber gleich ganz im EKH absitze.
Gretchen (kichert mädchenhaft): Aber damit hab ich nichts zu tun.
Mehdi (Gretchens Kichern wirkt ansteckend): Selbstverständlich nicht.
Gretchen (versucht die gelöste Stimmung geschickt auszunutzen): Also, lässt du mich nachher nach Hause? Ich muss wirklich nicht über Nacht hier bleiben. Vergiss alles, was Marc gesagt hat, ok? Ich nehme das auf meine Kappe.
Mehdi (beobachtet sie misstrauisch u. wägt erst einmal ab): Hast du was vor, weil du’s plötzlich so eilig hast?
Gretchen (gibt sich geheimnisvoll): Vielleicht.
Mehdi (ahnt instinktiv, worauf sie hinaus will): Hat das was mit Marcs Geburtstag zu tun?
Gretchen (lehnt sich betont entspannt in den Rollstuhl zurück): Vielleicht?
Mehdi (fängt synchron mit ihr an zu grinsen): Oh! Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Ich glaube, ich kann dich doch nicht gehen lassen.
Gretchen (kann es nicht mehr länger für sich behalten): Es ist nur so eine fixe Idee. Lilly hat mich darauf gebracht. Oder eigentlich ja sogar du.
Mehdi (verdutzt): Ich?
Gretchen: Quidproquo, Mehdi, Quidproquo. Ich verrate es dir, wenn du mir dafür auch ein wenig entgegenkommst.

Überrascht schaute Mehdi seine beste Freundin nun an, während er mit dem Rücken die Tür zu seinem Sprechzimmer aufschob. Gretchen lächelte ihn nur geheimnisvoll an und ließ sich dann nach kurzem Zögern von dem charmanten Gynäkologen aus dem Rollstuhl helfen und zu ihrer Untersuchung bringen. - „Na dann? Ich sollte vielleicht nicht erwähnen, dass es langsam unheimlich wird, wie ähnlich du Marc wirst, sobald er nicht da ist.“ Und schon schloss sich die Tür auch schon wieder hinter den beiden.

Lorelei Offline

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06.04.2017 14:10
#1592 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Für die liebenswerte Chirurgin im Mutterschutz war es natürlich eine Leichtigkeit, ihren behandelnden Arzt, der nebenbei bemerkt auch ihr allerbester Freund und Ratgeber in sämtlichen Lebenslagen war, vor allem in denen, die eine ganz gewisse Person betrafen, mit Charme und ansteckender Unbeschwertheit um den Finger zu wickeln. Und so kam es, wie es kommen musste. Schon kurze Zeit nach ihrer gar nicht mal so lange dauernden Untersuchung, während der sich natürlich einmal mehr herausgestellt hatte, dass alles bestens in Ordnung war und die Zwillinge zusammen mit ihrer Mama eine ganz besonders große ruhige Kugel schoben, womit sie kurz darauf auch ihren übervorsichtigen Vater, der hibbelig vor der Tür ihres Patientenzimmers gewartet hatte, konfrontiert und ihm geschickt ihre Entlassungspapiere aus den Rippen geleiert hatte, befand sich Dr. Margarethe ‚Kälbchen’ Haase auch schon wieder an ihrem Lieblingsort. Neben einem schwimmenden Haus im Nirgendwo, einem Ostseestrandkorb, einem Geheimversteck auf dem Dachboden und dem OP-Trakt des EKH versteht sich. Im sprichwörtlichen siebten Himmel. Nämlich im Babyzimmer ihrer gemütlichen Dachgeschosswohnung in Berlin-Mitte.

Die sichtlich entspannte werdende Mama genoss dort gerade eine Tasse heißen Lavendel-Mandel-Tee, welchen sie zusammen mit weiteren äußerst delikaten und schwangerschaftskompatiblen Delikatessen in einem kostspielig verzierten Präsentkorb von Marcs Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und ließ das eindrucksvolle Ambiente auf sich wirken, das sie umgab und das seit seiner Fertigstellung vor einigen Tagen nur noch auf den Einzug des sehnsüchtig herbeigefieberten Familienzuwachs Meier-Haase wartete, als es mit einem Mal an der Wohnungstür klingelte. Mit einem breiten vorfreudigen Lächeln auf den natürlichen roséroten Lippen hievte sich die Hochschwangere umständlich aus ihrem Rattansessel hoch, rückte ihr hübsches, bodenlanges, geblümtes Umstandssommerkleid zurecht, und schlurfte, so flink es eben mit einem Achtmonatsbauch möglich war, zur Tür, welche sie im nächsten Moment mit überrumpelndem Enthusiasmus öffnete.

Gretchen: Wie schön! Toll, dass es so schnell geklappt hat. Also, falls ich dir wegen meiner Eile irgendwelche Umstände gemacht haben sollte, dann...

...setzte Gretchen auch schon zu einer umständlichen Begrüßung an, noch bevor ihre verdutzte Besucherin darauf etwas hätte erwidern können. Aber sie freute sich natürlich dennoch über den herzlichen Empfang, der ihr bereitet wurde und über den sie sich immer noch ein kleinwenig wunderte, vor allem wenn man bedachte, unter welchen Umständen sich die beiden Frauen damals im Elisabethkrankenhaus kennengelernt hatten. Lange dachte Anna Kaan aber nicht darüber nach, wie sonderbar fremd sie sich gefühlt hatte, als sie aus einem vierzehnmonatigen Koma aufgewacht und alles plötzlich nicht mehr wie vorher gewesen war. Denn das alles hatte sie längst hinter sich gelassen. Inklusive ihrer gescheiterten Ehe. Sie war wieder angekommen. Trotz der riesigen Fehler der Vergangenheit. Sie war wieder aufgenommen worden. Trotz der größten Dummheit, die sie neben all den Lügen, die ihre delikate Vergangenheit verschleiert hatten, je begangen hatte und die sie immer noch am liebsten rückgängig machen würde. Weil sie ihren liebsten Menschen bewusst so viel Leid und Kummer angetan hatte. Sie hatte ihre Lehren daraus gezogen. Ihr Körper ebenfalls, der der Paraplegie zweimal getrotzt hatte. Sie hatte eine dritte Chance bekommen. So viel Glück wurde nur selten jemandem zuteil. Das sollte man wertschätzen. Jeden Tag. Und das tat sie auch. Anna war unendlich dankbar dafür, wie willkommen sie sich jetzt fühlte in ihrem neuen alten, erweiterten Freundeskreis, der ihr nichts mehr nachtrug, sie mit offenen Armen und freundlichen Herzen aufgenommen hatte und sie als diejenige schätzte, die sie gerne sein wollte: Eine Freundin. Die das Leben bejahte. Die immer für ihre kleine Tochter da sein würde. Und die keine Alleingänge und Geheimnisse mehr über sich bestimmen lassen würde. Sie war im Jetzt und Hier angekommen und fühlte sich großartig. So großartig, wie man sich nur fühlten konnte, wenn man schmerzbefreit an einem so schönen Tag wie heute auf zwei gesunden Beinen durch die Straßen des sommerlichen Berlins laufen konnte.

Obwohl, ein paar Hindernisse gab es dann ja doch. Denn die schwere schwarze Tasche auf ihrer Schulter schien nicht mehr lange der Schwerkraft trotzen zu wollen, sodass Anna sie schließlich auf der lila Schmetterlinge zierenden Fußmatte abstellen musste, um ihren Rücken zu schonen. Doch die redefreudige Ärztin, die sie überraschend heute Nachmittag hierher eingeladen hatte, war immer noch nicht auf die Idee gekommen, sie endlich herein zu bitten. Dabei war Lillys Mutter schon wahnsinnig neugierig darauf, mit eigenen Augen zu sehen, wie Marc und Gretchen denn so lebten. Es war ja schon befremdlich genug für sie, den unnahbaren Macho von einst, den sie noch länger kannte als ihren Exehemann, überhaupt in einer so glücklichen Beziehung zu erleben. Es war jedes Mal aufs Neue faszinierend, ihn dabei zu beobachten, wie er sich zum Positiven verändert hatte und dabei immer noch der alte Charmebolzen geblieben war, der mit nur einem lockeren Spruch Menschen niederschmettern, weibliche Herzen erobern, aber auch für ordentlich Humor sorgen konnte, und sie freute sich für ihn. Sie hatte immer gewusst, dass mehr in ihm schlummerte als der egomanische Chirurg, dem alle anderen egal waren. Hätte er sonst so lange ihr Geheimnis bewahrt? Oder wäre Mehdi sonst so lange mit ihm befreundet gewesen und hätte diese wahnsinnige Geduld aufgebracht? Vermutlich nicht. Marc Meier war tatsächlich erwachsen geworden und er wurde sogar Vater. Von Zwillingen. Manchmal trieb das Schicksal echt ein seltsames Spiel, dachte die Mutter einer neunjährigen Tochter und schüttelte im nächsten Moment schmunzelnd den Kopf. Sie konnte manchmal selbst nicht glauben, wie schnell sich alles verändert hatte. Aber es war eine gute Richtung, in die sich das Karussell des Lebens gedreht hatte. Denn Marcs Freundin war eine echt liebe, auch wenn sie manchmal den Bogen etwas überspannte. So wie jetzt auch. Angestrengt lächelte Anna ihr fröhlich drauflos plapperndes Gegenüber an und schaute sich vergewissernd noch einmal in Richtung Treppenhaus um, wo man deutlich das Echo von Schritten vernehmen konnte. Dann entschloss sie, zu handeln...

Anna: Ach, was, Gretchen, für spontane Pläne bin ich doch immer zu haben. Gerade an freien Nachmittagen wie heute, an denen ich eh nichts mit mir anzufangen weiß.
Gretchen (schaut ihrem Gegenüber erstaunt in die Augen, die deutlich auffunkeln): Ehrlich?
Anna (lacht u. deutet mit dem Kinn auf den lichtgefluteten Raum hinter Gretchen): Naja, wie man’s nimmt. Aber ich hatte tatsächlich noch nichts vor. Und es wäre auch nicht das erste Mal heute, dass ich überrascht werde. Ähm... Du... Wo wir gerade dabei sind... ähm... Dürfte ich dann auch...? Ich meine, lässt du mich dann auch mal rein oder soll ich die Ausrüstung schon hier vor der Tür auspacken? Wenn ich mir das Treppenhaus so anschaue, das könnten schon interessante Bilder werden. Mit der richtigen Ausleuchtung. Ja, ich denke schon. Und das perfekte Motiv steht ja auch schon vor mir.
Gretchen (fasst sich ertappt an den Kopf, ehe sie selbigen schüttelt, u. macht danach verlegen lächelnd eine einladende Handbewegung in Richtung Wohnung): Entschuldige! Wie unhöflich! Natürlich, komm rein! Ich war ganz... Also, so langsam merke ich, wie hier oben in meinem Oberstübchen alles durcheinander rutscht. Zum Glück hat Marc das noch nicht gemerkt. Diese Steilvorlagen würde er nicht ungenutzt lassen.
Anna (dreht sich noch mal um, schaut ins Treppenhaus u. stellt dann erst einmal ihre Tasche an der Garderobe ab, nachdem sie schmunzelnd das Penthouse betreten hat): Ja, so wie ich ihn kenne, würde ich ihm das zutrauen. Aber das ging mir in der Endphase meiner Schwangerschaft auch so. Mein Gehirn war wie ein Sieb. Ich hab ständig alles verlegt und Termine vergessen und hab alle damit verrückt gemacht. Ich weiß bis heute nicht, wie ich damals Mehdis Handy im Kühlfach hab liegen lassen können. Er hatte es noch nicht mal drei Tage benutzt. Deshalb hat er auch erst drei Wochen nach allen anderen erfahren, dass er seinen Doktortitel tatsächlich schon längst in der Tasche gehabt hatte. Da war Lilly dann auch schon geboren und wir waren noch mehr abgelenkt. Und als wir es zufällig vor unserem Umzug aus Heidelberg wiedergefunden haben, hatte er bereits ein neues Diensthandy bekommen, nachdem er Prof. Haase in Berlin endlich hatte zusagen können, der beinahe abgesprungen wäre, weil Mehdi seine Unterlagen noch nicht hatte nachreichen können. Es war eine crazy Zeit, aber ich würde sie auch nicht missen wollen.
Gretchen (grinst vergnügt): Das hat er mir gar nicht erzählt. Da muss ich bei Gelegenheit unbedingt mal nachhaken. Aber ich war ja heute gerade erst bei ihm in der Praxis und wir haben geschnackt und dabei fast die Zeit vergessen.
Anna (horcht interessiert auf): Aber dir... euch geht’s gut, oder? Zwillinge sind dann noch mal eine andere Hausnummer als so eine süße kleine pflegeleichte Maus wie meine Lilly. Und ich hab gehört, dass du gestern...

...wollte Anna gerade fürsorglich bei ihrem Gegenüber nachfragen, aber da stürmte plötzlich noch jemand durch die noch offen stehende Tür an ihr vorbei ins Penthouse und schmiss sich direkt in die Arme der überraschten Chirurgin, die gar nicht mit dem Auftauchen des dunkelblonden Wirbelwinds gerechnet hatte.

Lilly: Greeetchen! Ich hab gerade Shakira getroffen. Der Hund von eurem Nachbarn ist ja sooo süüüss und liiieb. Ich wäre am liebsten mit ihm Gassi gegangen. Aber ich fürchte mich ein bisschen vor Herrn Lowinsky. Der sieht aus wie der Weihnachtsmann. Grummelt aber wie Knecht Ruprecht.
Gretchen (schaut Lilly ganz verdattert an, als diese sich wieder von ihr löst u. sie auf ihre unnachahmliche Kaan-Art anstrahlt, in die man sich sofort verlieben muss): Ja, äh... was machst du denn hier, Lilly?
Anna (streicht ihrer Tochter liebevoll übers lange Haar): Ich habe noch eine Assistentin fürs Licht gebraucht und da stand sie plötzlich vorhin bei uns zuhause vor der Tür. Ich hatte auch noch nicht mit ihr gerechnet.
Gretchen (kommt noch nicht ganz mit): Ach? Aber wolltest du nicht mit deinen Großeltern noch ein paar Tage auf dem Pferdehof bleiben?
Lilly (kann sich nicht verkneifen, Gretchens Babybauch zu streicheln, u. lehnt sanft ihren Wuschelkopf daran): Ja, schon. Aber als ihr dann alle mit einem Mal weg wart, da war es irgendwie nicht mehr das Gleiche.
Gretchen (drückt die süße Maus herzlich an sich): Och!

Och, Gott, die Kleine ist purer Zucker. Auch haben will.

Lilly (grinst frech von dem Babybauch zu Gretchen hoch): Ja, ich hab euch voll vermisst. Und Oma und Opa war auch nicht mehr so wohl. Sie wollen bei Papa sein. Es kann ja auch sehr bald losgehen bei Gabi, so wie bei dir gestern, Gretchen, und da wollen sie lieber in der Nähe bleiben. Und ich auch.
Gretchen (lächelt wissend): Selbstverständlich!
Anna (schlingt von hinten schmunzelnd ihre Arme um ihre Tochter): Tja, und so hab ich meine Maus jetzt schon wieder bei mir. Ich kann mein Glück gar nicht fassen.
Lilly (kuschelt sich in ihre Arme): Ja, dich hab ich auch vermisst, Mama.
Anna (strahlt überglücklich zu Gretchen rüber, die ganz gerührt von dem innigen Anblick der beiden ist): Und ich dich erst. Aber Gretchen, wenn ich das richtig verstanden habe, Lilly schnattert nämlich immer sehr viel,...
Lilly (Miss Trotzkopf meldet sich pappfrech zu Wort): Gar nicht.
Anna (lacht u. wendet sich wieder Gretchen zu): Was ich sagen wollte, bei dir besteht kein Anlass zur Besorgnis, oder? Wenn dir das jetzt zu viel wird, dann...
Gretchen (nimmt ihr die Sorge u. schüttelt den Kopf): Nein, das gestern war nur so eine Art ungeplanter Probelauf für den Ernstfall. Jetzt wissen wir auf jeden Fall, was uns erwartet und wo wir uns noch verbessern können. Also, so ungefähr in sämtlichen Punkten. Mehdi ausgenommen. Ich wünschte, ich hätte seine Ruhe.
Anna (ahnt, was sie damit meint): Verstehe!
Gretchen (kann schon wieder darüber lachen): Aber das erkläre ich dir nicht zwischen Tür und Angel. Kommt erst mal mit rein, ihr beiden! Ich weiß ja selber, dass das alles jetzt ziemlich kurzfristig ist. Solche Bilder hätte ich auch schon viel früher von mir machen können, aber wenn man mit Zwillingen schwanger ist, dann ist der Kopf meist mit vielen anderen Dingen gleichzeitig beschäftigt. Erst jetzt, wo ich quasi zur Ruhe gezwungen worden bin, weil’s nicht mehr anders geht und ich nur noch durch die Gegend rollen kann, wenn ich mich mal dazu aufraffen kann, fällt einem immer noch was anderes ein, was man unbedingt noch machen könnte.
Lilly (kleinlaut): Mit dem Bauch ist es auch viel eindrucksvoller für die Fotos, Gretchen.
Anna (tadelnd): Lilly!
Gretchen (lacht): Nein, Prinzessin Lillyfee spricht mir aus dem Mund. Und ich brauche dringend noch eine Gedächtnisstütze. Sie hat mich doch erst auf die Idee gebracht.

Gretchen guckte die beiden Kaan-Mädels erwartungsvoll an. Und als sie synchron anfingen zu lachen, schloss sie schließlich die Wohnungstür, aber erst nachdem sie noch einmal kurz zum Fahrstuhl und dann auf ihre Armbanduhr geschaut hatte. Als perfekte Gastgeberin lud sie Anna und Lilly ein, sich doch im Wohnzimmer auf die bequeme Couchlandschaft zu setzen, dem sie auch direkt Folge leisteten. Sichtlich beeindruckt schaute sich die Einunddreißigjährige in den großzügig geschnittenen, sehr hellen Räumlichkeiten um, denn sie war zum ersten Mal bei Gretchen und Marc zu Gast und Lilly, die schon öfters hier gewesen war und sich schon fast wie zuhause fühlte, konnte natürlich nicht widerstehen, ihre Mutter kurz herumzuführen. Mit staunenden Augen schlenderte sie neben ihr her durch das Dachgeschoss, bewunderte das Sommerblumenarrangement auf der atemberaubenden Terrasse und träumte dann ein bisschen vor sich hin, als sie neben Gretchen vor dem neu gestalteten Kinderzimmer stehen blieben, das Lilly mit dekoriert hatte, was das quirlige Mädchen natürlich noch einmal ausdrücklich hervorheben musste. Sehr zum Vergnügen der beiden Frauen.

Anna: Wow! Lilly schwärmt ja immer davon. Aber so groß hab ich es mir dann doch nicht vorgestellt. Marc wäre ja doch die bessere Partie gewesen.
Gretchen (kichert mädchenhaft u. setzt sich mit den beiden auf die Couchlandschaft, nachdem sie ihnen etwas zu trinken angeboten hat): Ja, aber auch erst im Zusammenspiel mit mir. Eigentlich haben wir ja noch bis vor ein paar Monaten unten in der kleinen Einliegerwohnung gelebt. Die gleich rechts am Eingang. Mit Miniterrasse zur Spree. Sie war auch schön, aber Marcs eigenwilliger Junggesellenstil war mir dann doch zu steril und kühl. Das hab ich schon genug in der Klinik. Seine Eltern nutzen die Wohnung jetzt als Stadtwohnung. Aber ich gebe zu, hier oben lebt es sich schon himmlischer.
Lilly (kuschelt sich an ihre Seite): Das ist ja auch logisch, weil ihr jetzt ganz nah an den Wolken seid.
Anna (guckt durch die bodenlangen Gardinen, die vom lauen Sommerwind locker hin u. herwedeln, aus dem Panoramafenster u. kommt dann nach einem kurzen auf sich wirken lassen wieder auf das eigentliche Anliegen zurück): Naja, fast. Also, wie hast du dir das Ganze denn jetzt vorgestellt, Gretchen? Irgendwelche besonderen Wünsche?
Gretchen (schaut unsicher an sich herunter u. streicht nachdenklich über ihren dicken Babybauch): Ich weiß nicht. Ich hab noch nicht nachgedacht. So viel zum Thema spontane Schwangere.
Anna (hat sich das schon fast gedacht): Sollen es Porträtfotos werden oder eher Profilbilder? Dumme Frage, natürlich willst du dich in deiner ganzen Pracht zeigen. Du siehst richtig toll aus.
Gretchen (fühlt sich direkt geschmeichelt u. gleich weniger unsicher als zuvor): Danke! Vor allem rund und mozartkugelig. Aber vielleicht warten wir noch einen Moment, bis wir entscheiden. Meine Freundin wollte auch noch vorbeikommen und mich beraten. Sie hat ein ganz besonderes Auge fürs in Szene setzen.

Und wie aufs Stichwort läutete es in dem Moment an der Tür. Gretchen wollte gerade vom Sofa aufstehen, aber da war Lilly ihr schon zuvorgekommen und flink zur Wohnungstür geeilt, die sie nun mit Schwung aufzog, um den neuen Gast auf ihre umwerfende Art und Weise gebührend zu begrüßen.

Lilly: Lass nur, Gretchen! Ich mach das schon. Du sollst dich doch schonen, hat Onkel Marc gesagt. Und dem darf man nicht widersprechen.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr Herz, als sie ihr nachschaut, u. sieht anschließend schmunzelnd zu Anna rüber): Danke, Lillymaus, das ist sehr lieb von dir. Aber du musst mich wirklich nicht in Watte packen. Ich bin topfit. Frag deinen Vater. Du hättest sie gestern mal erleben sollen, Anna. Sie hat mich von oben bis unten betüddelt. Sie ist so ein Goldschatz. Ich musste mich um nichts kümmern.
Anna: Das kommt mir bekannt vor.

...lächelte Lillys Mutter bärenstolz zurück und dachte dabei an ihre Zeit im Rollstuhl. Sie schreckte jedoch im nächsten Moment auf, als ihr Mäuschen mit einem Mal gar nicht mehr so leise aufgeregt loskreischte. Denn Gretchens Besuch war zu Lillys Überraschung nicht alleine gekommen.

Lilly (strahlt den Besuch mit leuchtenden Augen an): Juhu! Tante Biene hat Anton mitgebracht. Och, bist du süß, mein Kleiner. Darf ich ihn mal halten? Guck mal, Mama! Er lächelt immer sofort, wenn man ihn anguckt.
Sabine (sichtlich überrumpelt bleibt sie mit Kind u. Kegel in der Tür stehen u. schaut sich verwirrt um): Hallo Fräulein Lilly! Ja, natürlich! Gleich. Er hat darauf bestanden, unbedingt mitkommen zu wollen. Hallo Frau Doktor! Tut mir leid wegen der Verspätung. Wir sind heute allgemein spät dran und Anton musste doch noch seinen Mittagsschlaf nachholen. Er war heute sehr unruhig. Deshalb waren wir vorhin auch nur sehr kurz bei Schwester Gabi, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Oh... Frau Kaan, Sie sind ja auch schon... Guten Tag.
Anna (ist zusammen mit Gretchen aufgestanden u. ebenfalls zur Tür gegangen): Hallo?
Gretchen: Hallo Sabine, wie schön, dass ihr endlich da seid.

...begrüßte nun auch Gretchen ihre beste Freundin und zog sie, von ihren Gefühlen überwältigt, spontan in ihre Arme, um sie kurz und innig zu drücken. Den Maxi-Cosi mit Sabines Pflegekind hatte Lilly derweil bereits übernommen und stellte den kleinen Mann nun stolz ihrer Mutter vor, die anfangs etwas irritiert von der einen Dame zur anderen guckte und schließlich von dem strahlenden Lächeln des Babys gänzlich eingenommen wurde.

Anna: Sie haben ein Kind?
Lilly: Hab ich dir das noch nicht erzählt, Mama? Das ist doch Anton. Unser Anton.
Sabine (erklärt es ihr, nachdem sie Annas verdutzten Blick bemerkt hat): Mein Mann und ich haben das Würmchen in Pflege genommen.
Anna (überrascht u. sehr angetan): Ach? Wow! Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, Schwester Sabine.
Sabine (strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie den Kleinen ansieht): Ja, sie macht uns auch sehr glücklich.
Gretchen (lehnt sich an ihre Seite u. streicht Sabine anerkennend über die Schulter): Das sieht man euch auch an, Bine. Jetzt kommt doch endlich rein! Was hast du denn da alles mitgebracht? Hast du den ganzen Laden geplündert?

Mit einer einladenden Geste führte Gretchen ihre Besucher ins Wohnzimmer und guckte dabei etwas verstört auf die vielen Jutebeutel, die Sabine neben Antons Babytasche in die offene Wohnküche geschleppt hatte. Wie hatte sie die alle eigentlich alleine die sieben Stockwerke nach oben transportiert, fragte sich Gretchen verwundert und füllte wie selbstverständlich noch ein weiteres Glas mit Wasser, das sie ihrer erschöpft schnaufenden Freundin nun reichte, die es dankbar annahm. Nach einem kurzen durstlöschenden Schluck begann die liebenswerte Krankenschwester auch schon begeistert zu erklären...

Sabine: Ich hoffe, ich habe an alles gedacht. Ich habe zwar vorkalkuliert, was wir ungefähr brauchen werden, aber bei deinen Maßen war ich etwas unsicher. Entschuldige!
Gretchen (grinst u. streicht sich demonstrativ über den ansehnlichen Babybauch): Muss es nicht. Ich bin mir dahingehend auch sehr unsicher und verkneife mir schon seit ein paar Wochen das Nachmessen.
Sabine (guckt sie mit großen Augen an): Aber wir können Günni jeder Zeit anrufen, falls wir noch etwas brauchen sollten. Er arbeitet heute länger, weil er noch einen sehr spannenden Fall auf dem Tisch liegen hat. Ich hab ihm den Schlüssel fürs Materiallager dagelassen. Aber psst! Das ist natürlich topsecret. Den hätte ich nämlich eigentlich abgeben müssen, als ich in Elternzeit gegangen bin.
Gretchen (starrt ihre Freundin mit offenem Mund an): Du hast das Materiallager der Station geplündert?
Sabine (kichert verlegen u. wird direkt rot wie eine überreife Tomate): Ja, aber nur das schon aussortierte Material. Fast hätte mich die Oberschwester auch noch dabei erwischt. Aber dann kam dein Bruder vorbei und sie wurde abgelenkt, bevor sie die Türklinke herunterdrücken konnte, weil sie ihn wegen irgendetwas maßregeln wollte. Anton und ich haben uns dann schnell aus dem Staub gemacht.
Gretchen (immer noch so sprachlos, dass sie sich an den Esstisch setzen muss): Du hattest Anton dabei? Sabine!
Sabine (denkt sich nichts dabei u. guckt schmunzelnd auf ihren Jungen, den Lilly gerade bespaßt): Wenn’s darauf ankommt, kann er sehr brav sein, mein kleiner Komplize.
Gretchen: Zweifelsohne!

Sabine guckte sie mit solcher Ernsthaftigkeit im Blick an, dass Gretchen sich ihr Grinsen nicht mehr länger verkneifen konnte. Die Bilder, die gerade spielfilmgleich vor ihrem inneren Auge abliefen, waren einfach oscarreif. Das war wieder so typisch Schwester Sabine, die auf andere so harmlos wirkte wie ein lauer Sommertag in Berlin-Mitte und es dennoch faustdick hinter den Ohren hatte. Genau diese unverfrorene Unvorhersehbarkeit liebte sie an ihr. Und Gretchen freute sich einfach riesig darüber, ihre Freundin endlich mal wieder zu sehen. Das war viel zu selten der Fall gewesen, seitdem die aufopferungsvolle Krankenschwester ihren kleinen Schützling betreute. Sie hatten sich zwar immer mal wieder getroffen, wenn sie Günni im Krankenhaus besucht hatte oder Gretchen ihren strenggeheimen Schwangerentreff mit Dr. Hassmann gehabt hatte, zu dem sich Sabine irgendwann ungefragt mit eingeklinkt hatte, nachdem sie einmal zufällig nachmittags beim täglichen Kinderwagenspaziergang mit Anton am neuen Seegrundstück der Hassmann-Stiers vorbeigekommen war, aber seitdem sie selber im Mutterschutz war und Maria entbunden hatte, waren diese Treffs weniger geworden. Mit dem heutigen Nachmittag würde sich das aber ändern, beschloss Gretchen spontan und freute sich diebisch über ihren Geistesblitz. Denn langsam wurde das Warten auf die Zwillinge langweilig und sie wollte nicht noch hibbeliger werden, als sie es eh bereits war. Sabines Anwesenheit wirkte beruhigend auf sie. Und Pflegemutter und Kind jetzt zu sehen, war alles andere als langweilig.

Sabine und Anton waren nämlich einfach goldig zusammen. Vor allem auch im Zusammenspiel mit Lilly Kaan, die ihre Augen nicht abwenden konnte von dem süßen Fratz, der sie mit klaren Augen ununterbrochen anschaute und immer wieder zauberhaft lächelte. Sabine hatte eine Decke auf dem Fußboden des Wohnbereichs ausgebreitet und hatte den Jungen vorsichtig darauf abgelegt. Mit einem Berg aus Kuscheltieren und Babyspielzeug um ihn herum, welches sie aus ihrer riesigen quietschgelben Umhängetasche hervorgezaubert hatte. Lilly hockte nun über Anton und betrachtete ihn intensiv dabei, wie er immer wieder versuchte, sich schildkrötengleich aus seiner hinderlichen Rückenlage auf den Bauch zu strampeln. Ein Bild für die Götter, das die Neunjährige immer wieder verzückt aufquietschen ließ, vor allem wenn der Kleine das große Mädchen dabei immer wieder mit breiter Sabberschnute anstrahlte und nach ihren langen Haaren greifen wollte. Also, Charme hatte der junge Mann bereits jetzt schon. Das stellte auch Lillys Mutter fest, die wehmütig von der offenen Küche aus ihre Tochter beim Spielen mit dem Kleinen beobachtete.

Anna: Ich glaube, jetzt sind wir abgemeldet.
Gretchen (kann das nur bestätigen u. ist ebenso hin und weg von dem rührenden Bild der beiden Kinder): Aber so was von. Stört dich das?
Anna (löst ihren gebannten Blick von der geblümten Babydecke u. guckt verwundert zu Gretchen rüber, die zusammen neben Sabine auf der anderen Seite des Esstischs sitzt): Inwiefern?
Gretchen (blickt verschämt auf ihre gefalteten Hände über ihrem Babybauch u. ärgert sich maßlos über sich selbst, weil sie Anna überhaupt darauf angesprochen hat): Naja, wegen... *räusper* *räusper* ... Du weißt schon, hm? Tut mir leid, dass ich das überhaupt angesprochen habe. Manchmal bin ich auch wirklich eine taktlose, hohle Nuss.
Sabine (schiebt das schnell weit von ihr weg u. verteidigt sie inbrünstig): Aber du doch nicht, Frau Doktor. Du bist doch immer aufmerksam und mitfühlend.
Gretchen (ist ganz gerührt von den liebevollen Worten ihrer Freundin, sodass sie sie gleich in eine innige Umarmung zieht): Danke, Bine! Lieb, dass du das sagst.
Anna (schaltet erst jetzt u. lächelt unbeeindruckt zu Gretchen rüber, die sich ein verstohlenes Tränchen aus dem Augenwinkel wischt, nachdem sie sich von Sabine wieder gelöst hat): Oh! Du meinst, wegen Lillys Geschwisterchen? Nein, das ist kein Problem für mich. Warum auch? Sie wünscht sich das doch schon, seit sie ein kleines Mädchen ist. Ich freue mich für sie.
Gretchen (noch immer unsicher): Wirklich?
Anna (ein leichter Hauch von Wehmut liegt dennoch in ihrem Blick, als sie, nachdem sie noch mal kurz zu Lilly rübergeschaut hat, erst auf ihr Herz u. anschließend auf ihren Kopf deutet): Klar ist das ein seltsames Gefühl. Ich würde lügen, wenn es nicht so wäre. Vor allem je runder Mehdis Freundin wird und je größer Lillys Vorfreude wird. Natürlich macht das was mit einem. Hier drin ist es noch nicht wirklich angekommen. Klar besteht da auch eine gewisse Form von Eifersucht. Zumal Lilly sich auch noch so gut mit Gabi versteht. Hier oben ist ja auch angekommen, dass sie sie mir nicht wegnehmen will oder wir in irgendeiner Konkurrenz zueinander stehen. Das wäre totaler Quatsch. Wir sind schließlich alle erwachsen und vernünftig. Ich glaube, sie will auch keine Ersatzmama für sie sein. Dafür ist sie viel zu sehr, naja, sie selbst. Ihr kennt sie besser als ich. Aber sie bemüht sich, ihr eine gute Freundin zu sein. Das schätze ich an ihr. Aber mir ist schon bewusst, dass sich vieles ändern wird, wenn das Kleine erst einmal auf der Welt sein wird. Dann werde ich erst einmal abgemeldet bei meiner Süßen sein. Und das ist auch völlig okay so. Sie bekommt schließlich eine tolle neue Aufgabe, die sie aufblühen lassen wird. Sie ist doch jetzt schon völlig aus dem Häuschen deswegen. Seht sie euch doch mal an! Aber ich liebe es, sie so zu sehen. Dann weiß ich, Mehdi und ich haben alles richtig gemacht.

Gretchen (hat ihr interessiert zugehört u. fühlt mit ihr): Das glaube ich nicht. Also, doch schon. Aber du wirst niemals abgemeldet für sie sein. Du bist ihre Mama. Lilly liebt dich über alles. Sie ist gerne mit dir zusammen. Wenn sie von dir erzählt, dann leuchten ihre Augen wie kleine Sterne. Das ist richtig süß. Ihr müsst euch nur erst einmal in die neue Patchworkfamiliensituation hineinfitzen und ich finde, ihr macht das bis jetzt schon ganz, ganz toll. Davon könnten sich andere eine Scheibe abschneiden.
Sabine (stimmt ihrer Freundin bei): Ja!
Anna (weiß das auch, aber als sie Anton glucksen hört, kommt dann doch noch einmal ein bisschen Melancholie auf): Tja, mag sein. Wenn nicht gerade irgendwo ein kleines Baby auftaucht, das sie völlig verzaubert.
Gretchen (grinst zu den beiden rüber u. ist ganz verzückt): Das haben Babys nun mal so an sich. Gerade dieses besondere Exemplar, das uns allen den Kopf verdreht hat. Ich glaube, wenn Sabine und Günni sich nicht seiner angenommen hätten und ich nicht plötzlich doppelt schwanger geworden wäre, dann hätte ich Marc solange beredet, bis er letztendlich nur noch hätte zustimmen können, ihn bei uns aufzunehmen. Er hat mehr als jeder andere ein liebevolles Zuhause verdient.
Sabine (stimmt mit verklärtem Blick ihrer besten Freundin zu u. schwebt weiter in ihrer ganz eigenen Welt): Ja.
Anna (der Groschen fällt endlich): Jetzt fällt es mir wieder ein. Er ist das Maskottchen vom Elisabethkrankenhaus. Das Findelkind. Lilly hat mir doch von ihm erzählt.
Sabine (meldet sich plötzlich aufgeregt zu Wort u. guckt leicht besorgt zu ihrem Jungen rüber, der ganz von Lilly eingenommen ist): Oh! Nicht! Das hört er nicht gerne. Er ist doch gefunden worden.
Gretchen (zieht die stolze Pflegemutter liebevoll in ihre Arme u. wiegt sie in einer sanften Bewegung hin u. her): Von dir und Günni.
Sabine: Ja!

Mit verträumtem Blick schaute Sabine wieder auf ihren kleinen Sonnenschein, der es mit Lillys Hilfe endlich geschafft hatte, sich fast selbständig in eine bequemere Bauchlage zu bugsieren, und nun konzentriert Kontakt mit dem kleinen Maulwurfkuscheltier aufnahm, mit dem die Neunjährige kichernd vor seiner Nase herumwedelte und immer wieder sanft dagegen stupste. Sabine liebte Anton mittlerweile wie ihr eigenes Kind. Sie war ganz in ihrer neuen Rolle als Pflegemutti aufgegangen. Sie würde Anton nie wieder hergeben wollen. Und dieses bedingungslose Gefühl der Zuneigung teilte sie auch mit ihrem Mann, der mittlerweile im Umgang mit Kleinkindern ein wahrer Experte geworden war und sogar einige seiner schrägen Phobien abgelegt hatte, was ihm die Pflege von Anton natürlich deutlich erleichtert hatte. Auch er war stolz auf den kleinen Mann, den er zusammen mit seiner geliebten Ehefrau liebevoll aufgepäppelt hatte.

Anna: Und, gibt es etwas Neues, was die Suche nach seinen Eltern betrifft? Man hat gar nichts mehr gehört.
Sabine (zuckt erschrocken zusammen u. schüttelt schließlich betroffen mit dem Kopf): Nein.
Gretchen (lehnt sich tröstend an Sabines Seite u. klärt Anna auf): Die Suche ist vor einigen Wochen eingestellt worden. Meine Freundin bei der Polizei meint, es hätte keine verwertbaren Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Weder hier bei uns in Berlin. Noch im Ausland, wo man auch Suchaufrufe gestartet hatte. Es scheint, als hätte der Himmel ihn uns geschickt.
Sabine (strahlt über das ganze Gesicht, als sie Anton anlächelt): Ja, ein Geschenk des Himmels. Und er darf jetzt auch ganz offiziell bei uns bleiben.
Anna (spürt die Freude über dieses Glück ganz deutlich, was ihr Herz wärmt): Das freut mich für Sie, Schwester Sabine.
Sabine: Danke.

Eine kleine Pause entstand, während der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing und dabei Anton und Lilly mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen intensiv beobachtete. Es war schließlich deren Mutter, die das Thema wieder auf das eigentliche Anliegen des spontanen nachmittäglichen Treffens lenkte, um die verträumte Stille im Penthouse zu durchbrechen...

Anna: Und wir drei Hübschen, wollen wir dann endlich loslegen? Wenn wir weiter so lange miteinander schnacken, geht uns nämlich das schöne Licht flöten.
Sabine (wird nun auch ganz hibbelig u. guckt fragend neben sich zu Gretchen): Oh, ja? Dann ähm...
Anna: Ich habe nur noch nicht ganz verstanden, was genau Sie aus dem Materiallager mitgebracht haben, Schwester Sabine. Soll das Thema etwa in Richtung Krankenhaus gehen? Gut, ähm... Das ist zwar naheliegend, wenn man eure Jobs bedenkt, aber irgendwie auch... naja, versteh mich nicht falsch, es sind ja deine Fotos, Gretchen.
Gretchen (noch abgelenkt guckt sie Anna erst einmal an wie ein Postauto): Hm?
Sabine (überlegt einen kurzen Moment u. reicht Anna über den Esstisch hinweg plötzlich ihre Hand): Du!
Anna (steht erst einmal auf dem Schlauch, weil sie eigentlich eine Antwort von Gretchen erwartet hat): Wie bitte?
Sabine (lächelt ihr verdutztes Gegenüber auf ihre typische Sabine-Art an): Wir können uns gerne duzen, wenn Sie wollen, Frau Kaan. Wir sind doch jetzt alle eine große freundschaftlich verbundene Familie.
Gretchen (blickt begeistert zwischen ihren Freundinnen hin u. her): Stimmt!
Anna (ist überrascht von der freundlichen Geste, aber freut sich aufrichtig u. reicht der liebenswürdigen Krankenschwester schließlich ihre Hand): Okay? Gerne. Anna.
Sabine (kichert mädchenhaft, als sie über den breiten Esstisch hinweg vorsichtig Annas Hand schüttelt u. dabei fast die Wassergläser umwirft): Sabine.
Anna (Sabines Grinsen u. ihre Tollpatschigkeit wirken ansteckend): Ich weiß. Und?
Sabine (ist sofort ganz Ohr u. plappert drauflos, wie ihr der Schnabel gewachsen ist): Oh, die Tüten? Ja, ähm... Das hat nur indirekt etwas mit dem Krankenhaus zu tun. Ich wollte nur nicht mit Anton durch die halbe Stadt fahren. Mein Lieblingsbastelladen liegt nämlich etwas außerhalb. Und die Frau Doktor hatte es doch eilig. Es handelt sich wirklich nur um das Material, das ich mir ausgeliehen habe. Wir benutzen es ja ständig und da fällt auch nicht auf, wenn etwas davon fehlt. Ich würde aber sagen, wir fangen zuerst mit den Fotos an. Oder, was denkst du, Gretchen? Bevor wir mit dem Gips und den Fingerfarben herumklecksen.
Gretchen (nickt): Ja, das machen wir so.
Anna (blickt verdutzt von der einen zur anderen): Gips und Fingerfarben? Muss ich das verstehen? Sollen das jetzt etwa eher abstrakte Bilder werden? Ich dachte, Marc wäre nicht so der Kunsttyp. Also, mal abgesehen von seiner Mutter. Wobei, ob das jetzt, was sie schreibt, Kunst ist, darüber mag man sich streiten. Aber gut. Ich richte mich da ganz nach dir, Gretchen.
Gretchen (reagiert erst perplex, dann kichert sie ungehalten): Was? Oh Gott, nein, du liegst völlig falsch. Sabine hat da noch eine andere Idee, um meinen außergewöhnlichen Zustand zu verewigen.

Wobei ich denke, dass Marc diesen außergewöhnlichen Zustand sowieso niemals vergessen wird. Endlich kann er nämlich tatsächlich mit gutem Recht behaupten, ich sei so richtig dick.

Sabine (ist schon ganz hibbelig deswegen): Ja! Ich lese ja momentan auch sehr, sehr viel über Schwangerschaften, ihre Auswirkungen auf den Körper, die Ernährung, den Gemütszustand und so weiter und verfolge auch die aktuellen Sternenkonstellationen für den perfekten Geburtstermin, der übrigens in der nächsten Dekade ganz besonders günstig liegt, nämlich solange noch die Perseiden an uns vorbeifliegen, und natürlich auch all die Trends, was Babyausrüstung, Geburtsvorbereitung und Entlastung der werdenden Mütter betrifft.
Anna (wundert sich dann doch stark über diese sonderbare Frau): Aber nicht weil Sie... du auch... ähm...?
Sabine (stockt irritiert, als sie gerade weiter ausholen will, u. schüttelt lachend den Kopf): Nein, nein, das überlasse ich dann doch allein meinen sehr geschätzten Doktorinnen Hassmann und Haase und natürlich auch Schwester Gabi. Ich glaube, unsere Oberschwester würde einen Herzanfall bekommen, wenn ich, so kurz bevor ich wieder auf Station anfange, auch noch länger ausfallen würde. Aber ich will natürlich auch gut informiert sein, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, wenn die Frau Doktor oder meine Freundin Gabi mich brauchen sollten.
Gretchen (hat ihre sehr spezielle Freundin gleich noch ein bisschen lieber): So wie heute zum Beispiel.
Sabine (kichert u. ist wieder ganz in ihrem Element): Genau! Jedenfalls habe ich bei meinen intensiven Recherchen entdeckt, dass es unter Schwangeren sehr beliebt ist, einen Gipsabdruck ihres Babybauches anzufertigen.
Anna (staunt nun doch u. schielt ganz automatisch noch mal auf Gretchens eindrucksvolle Körpermitte): Ach? Deshalb die ganzen Tüten? Verstehe. Doch, ja, eine schöne Idee.
Gretchen (guckt sie fragend an): Ehrlich? Du findest das nicht albern?
Anna (zuckt mit den Schultern): Wieso? Das ist doch eine eindrucksvolle Erinnerung an eine eindrucksvolle Zeit.
Gretchen (ist noch ein bisschen unsicher deswegen): Und du meinst nicht, dass Marc das komisch finden könnte? So als Geburtstagsgeschenk?
Sabine (bevor Anna antworten kann, gibt sie auch noch schnell ihren Senf ab): Ach, iwo, der Herr Doktor Meier vergöttert doch alles, was du tust.
Gretchen (wird direkt rot): Ach, Bine, jetzt übertreibst du aber.
Sabine (gerät nun erst so richtig in Fahrt, als sie Annas wissenden schmunzelnden Blick bemerkt): Ich könnte Ihnen... dir... da Geschichten erzählen, Anna.
Anna (schmunzelt u. unterbricht ihren Redefluss, bevor es für Gretchen noch peinlich wird): Ich kann das auch nur voll und ganz unterstreichen. Ich hatte ja die Gelegenheit, euch sowohl privat, als auch beruflich beobachten zu dürfen.
Gretchen (streicht sich verlegen über die roten Bäckchen): Ihr wieder. Na gut, dann machen wir das eben so wie geplant. Und ähm... wie fangen wir jetzt an?

Gretchen sprang entschlossen von ihrem Platz auf, damit sie sich nicht noch mal von den beiden verunsichern ließ, und Anna und Sabine folgten ihrem Beispiel. Die Hobbyfotografin schnappte sich ihre schwarze Tasche und holte Objektiv und Kamera heraus, die sie erst einmal auf der Kücheninsel ablegte, bevor sie sich wieder den beiden Frauen zuwandte, die sie gespannt bei ihrem Tun beobachtet hatten.

Anna (schaut Gretchen direkt an): Wenn du dich gut fühlst, können wir sofort loslegen.
Gretchen (ist nun doch ein bisschen aufgeregt): Gut, dann ähm... Ich fände es schön, wenn wir die Fotos im Kinderzimmer machen würden.
Anna (lächelt, weil sie in genau die gleiche Richtung gedacht hat): Okay? Ich hab schon gesehen, dass die Lichtverhältnisse dort gut sind. Willst du dich dann nicht endlich ausziehen?
Gretchen (reißt synchron mit Sabine ihre unschuldigen blauen Äuglein weit auf): Ausziehen?
Anna (grinst u. kontrolliert noch mal betont geschäftig ihre Kamera): Vor mir musst du dich wirklich nicht schämen, Gretchen. Ich hab schon mehr Frauen gesehen als so mancher Mann in seinem gesamten Leben.
Gretchen (sichtlich sprachlos): Ähm...
Anna (hält die Kamera hoch u. sucht sich ihr Motiv, wundert sich dann aber über den intensiven Rotstich u. fokussiert noch einmal nach): Eigentlich verbindet uns das ja, weil wir einmal in dieselben Männer verliebt gewesen sind.
Sabine (staunt nun Bauklötzchen u. vergisst dabei fast den kleinen Jungen, der liebevoll von Lilly betreut wird, die sich nicht die Bohne mehr für das Fotoshooting interessiert): Ach?
Anna (guckt vergnügt wieder auf): Wobei ich dazu sagen muss, was dich und ihn sicherlich erleichtern wird, dass ich in Marc eigentlich überhaupt nicht verliebt gewesen war. Er war nur Mittel zum Zweck, weil er damals zur richtigen Zeit in meinem Leben aufgetaucht ist. Ohne ihn ständen wir alle jetzt nicht hier.
Gretchen (schluckt u. gibt sich nun betont cool, als sie ins Kinderzimmer vorgeht): Das ist... beruhigend.
Anna (folgt ihr u. Sabine grinsend auf dem Fuße): Aber? Liegt es an dem Entkleiden? Du musst nicht, wenn du das nicht willst. Man kann auch mit verschiedenen Stoffen eine angenehme Atmosphäre schaffen. Aber da du deinem wunderschönen Babybauch ein Denkmal setzen möchtest, wirst du wohl nicht drum herum kommen. Zumindest partiell.

Super, Gretchen, und das fällt dir fünf vor zwölf ein. Sei keine Mimose! Du weißt doch ganz genau, wie Marc dich am liebsten sieht. Stell dir einfach vor, wie er die Bilder auspackt und wie dann seine wunderschönen Augen intensiv leuchten werden. Ja, das könnte funktionieren.

Gretchen (versucht angestrengt, das Verlegenheitsgefühl abzuschütteln u. cool zu bleiben): Ja, schon, aber... Ich hab nicht darüber nachgedacht. Klar habe ich ein bestimmtes Bild vor mir, aber...
Anna (wundert sich dann doch über Gretchens Zurückhaltung, die am Telefon vorhin noch ganz anders geklungen hat, nämlich ziemlich ausgelassen u. euphorisch): Lilly hat dir doch erzählt, was für Bilder ich kurz vor ihrer Geburt von mir gemacht habe, oder?
Gretchen (schlägt sich in Gedanken die Hand gegen die Stirn): Du warst... nackt?
Anna (grinst verschmitzt): Sagen wir mal so, sie sind ästhetisch. Man sieht nichts. Man ahnt nur. Das ist gerade das Aufregende daran. Aber man ist ja sowieso nur auf den Inhalt dieses wunderbaren Babybauches fokussiert. Da ist nichts Anstößiges daran. Es gibt nichts Unschuldigeres.
Sabine (ist mittlerweile ganz begeistert von der Idee): Stimmt. Also ich stelle mir das richtig schön vor, Frau Doktor. Dr. Meier würde es lieben.
Gretchen (lächelt sie zaghaft an u. denkt das Gleiche): Ja?
Anna (beobachtet interessiert Gretchens vielschichtiges Mienenspiel): Gretchen, wir sind hier völlig unter uns. Alles ist ganz locker. Wir können natürlich auch erst mit ein paar Probeaufnahmen anfangen, wenn du magst? Damit du dich entspannst. Das Sommerkleid sieht echt schön an dir aus. Was hältst du davon, wenn wir dafür rausgehen auf eure Dachterrasse, hm? Mit dem Blumenmeer als Hintergrund wirkt das bestimmt schön und inspirierend.
Gretchen (beginnt tatsächlich, sich zu entspannen u. strahlt Anna schließlich an): Gerne!
Anna (geht beschwingt voraus zur nur angelehnten gläsernen Terrassentür): Na dann... Und danach erzähl ich dir, was ich mir so vorstelle. Ich glaube nämlich, wenn du an dein Herzblatt denkst, wie er erst staunen wird, wenn er die Fotos zum ersten Mal sieht, dann hilft es dir bestimmt, den richtigen Ausdruck zu finden.
Sabine (guckt Gretchen ermutigend an u. folgt ihr anschließend auch nach draußen aufs Dach): Stimmt! Du bekommst nämlich immer dieses gewisse Leuchten, wenn du an ihn denkst.

Und so war es dann auch tatsächlich. Nach nicht einmal dreißig Minuten waren alle Bilder im Kasten und Gretchen blickte Anna nun staunend über die Schulter, wie sie die einzelnen Bildsequenzen an der Kamera durchklickte, um sich zusammen mit ihr für die besten Motive zu entscheiden.

Gretchen: Ich kann es immer noch nicht fassen, wie schnell das am Ende alles ging.
Anna (grinst verschmitzt u. guckt weiter konzentriert die Bilder durch): Wenn man entspannt ist und sich fallen lässt, kann man einiges bewirken.
Gretchen (löst sich von den Fotos, nachdem sie sich für die Schönsten entschieden hat, u. setzt sich erschöpft zurück in den blau-weiß gestreiften Strandkorb): Du solltest das professionell machen, Anna. Die Bilder sind unglaublich. Du hast ein Auge für schöne Motive.
Anna (bleibt auf der Fußstütze des Strandkorbes sitzen u. packt die Kamera in ihre Tasche): Das liegt vor allem am Motiv.
Gretchen (streicht sich geschmeichelt über die Wange u. beobachtet, wie Sabine im Hintergrund in der kleinen Sitzecke zusammen mit Lilly Anton zu füttern versucht): Ach, Anna!
Anna (nachdem sie fertig gepackt hat, schaut sie wieder zu ihr hoch): Nur keine falsche Bescheidenheit, Gretchen. Du hast das toll gemacht. Du bist der eigentliche Profi. Aber jetzt mal im Ernst, ich pflege das Fotografieren lieber als Hobby. So habe ich es immer schon gehandhabt. Und ich kenne eine Menge Fotografen, noch aus meinen Escortzeiten. Nur die wenigsten können wirklich davon leben. Außer Hochzeiten, hier und da eine Filmpremiere oder die Elefantenrunde und einmal im Jahr die Berlinale, was bleibt da schon groß übrig? Und ich glaube, mir würde es die Leichtigkeit nehmen. Weißt du, manchmal habe ich monatelang nichts geknipst und dann packte es mich mit einem Mal von einer Minute auf die andere und ich ziehe los. Spontan ist mir immer noch am liebsten. Und dafür war ich ja heute auch hier. Danke noch mal für die schönen Momente.

Gretchen (lächelt u. streicht über ihrem roséfarbenen Bademantel bedächtig über ihren Babybauch, in dem gerade ordentlich herumgeturnt wird): Okay, das kann ich verstehen. Und sonst so? Wenn wir schon dabei sind, wie läuft es so bei dir auf Arbeit? Macht der Job in der Café-Bar immer noch Spaß? Ich hoffe, dein Rücken macht dir keine Probleme. Der nächste Routinecheck ist ja noch eine Weile hin.
Anna (lächelt erst, dann wird der Ausdruck in ihrem Gesicht plötzlich nachdenklicher): Nein, alles bestens. Meine Wirbelsäule ist nicht das Problem.
Gretchen (spürt etwas in ihrem Blick, das sie nachhaken lässt): Was dann?
Anna (überrascht, dass Gretchen das registriert hat): Ach, nichts Weltbewegendes. Das Übliche. Das Karussell dreht sich immer noch gleichschnell. Runde um Runde. Tag für Tag. Aber würdest du mit über dreißig noch kellnern wollen? Also, nichts gegen das Kellnern an sich, es ist nur... Ach, ich weiß auch nicht. Ich glaube, ich habe einen Durchhänger.
Gretchen (muss nicht lange darüber nachdenken): Wenn es mir Spaß macht. Es ist ein ehrenwerter Beruf. Die Menschen hören ja auch nicht auf, ausgehen zu wollen.
Anna (blickt schmunzelnd in ihre Richtung u. beobachtet dann nachdenklich, wie Sabine u. Lilly Anton Brei geben, der nur widerwillig verzehrt werden möchte): So wie sie nicht aufhören, auch mal krank zu werden? Ich behaupte ja auch nicht, dass es mir keinen Spaß mehr machen würde. Ich bin gerne unter Menschen. Höre mir ihre Sorgen und Nöte an. Lache mit ihnen. Beobachte. Und meine Chefin ist auch super. Ich kann mir meine Zeiten flexibel einteilen. Wenn ich Lilly bei mir habe und dadurch abends nicht kann. Wer macht das heute in dieser schnelllebigen Zeit denn noch so? Trotz all der Vorteile spüre ich trotzdem mit jedem Tag mehr, dass mir das nicht reicht. Auf Dauer befriedigt mich das nicht. Ich will auch etwas erreichen. Etwas schaffen. Ich meine, schaut, wo ihr jetzt im Vergleich seid. Ihr seid in eurem Beruf angekommen. Ihr bewirkt wirklich etwas. Während ich immer noch feststecke. Ohne Plan. Ohne Aussicht auf irgendwas. Wie mit Anfang zwanzig. Absoluter Stillstand.
Gretchen (guckt sie ganz betroffen an u. versucht, ihr Mut zu machen): Aber das lässt sich doch ändern. Dir steht die ganze Welt offen, Anna. Wie alt man ist und wo man wann und warum steht, das spielt doch heutzutage keine Rolle mehr.
Anna (seufzt u. schaut ihr euphorisches Gegenüber wieder an): Wenn das so einfach wäre.
Gretchen (richtet sich auf u. guckt sie ermutigend an): Es ist einfach, Anna. Wenn man es nur stark genug will. Ich stand auch einmal an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiterwusste und alles, was ich einmal für mich als richtig empfunden habe, komplett in Frage gestellt habe. Mit fast dreißig hab ich noch mal alles in einen Topf geworfen und hab neu angefangen. Und es hat sich verdammt gut angefühlt. Nicht nur, weil ich dadurch meiner Jugendliebe wieder über den Weg gelaufen bin oder weil ich Mehdi kennenlernen durfte. Nein, weil ich es allein für mich getan habe. Es war der richtige Zeitpunkt. Vielleicht ist der für dich ja jetzt auch nah?

Wow! Jetzt verstehe ich, wieso Mehdi sich in sie verliebt hatte. Sie ist toll.

Anna (blickt Gretchen lange u. intensiv an, dann senkt sie plötzlich nachdenklich ihren Blick): Ich weiß nicht, ob ich das kann. Andere in meinem Alter haben schon...
Gretchen (fällt ihr prompt ins Wort): Vergleich dich nicht mit anderen, Anna! Du bist einzigartig. Wie jeder es für sich ist. Du bist eine Kämpferin. Du hast dich zweimal erfolgreich aus dem Rollstuhl herausgekämpft. Du kannst alles schaffen, was du willst. Wer, wenn nicht du, hat das Zeug dafür? Du musst nur mutig sein. Wer will denn schon fertig sein? Das Leben hat so viele aufregende Seiten zu bieten. Stillstand ist da definitiv keine Option.
Anna (weiß ehrlich nicht, was sie darauf erwidern soll, u. staunt über diese unfassbar tolle Frau, die ihr direkt gegenübersitzt u. das Leben so leicht nimmt, wie sie es auch gerne könnte): Wow! Du solltest Motivationstrainerin werden, Gretchen.
Gretchen (kichert): In meinem nächsten Leben vielleicht. Mit den Augen anderer sieht man manche Dinge gleich ganz anders. Das ist mir auch passiert. An meinem ersten Tag nach meinem Neustart, der anfangs wirklich schrecklich gelaufen ist. Ich wollte schon alles wieder hinwerfen und davonlaufen. Aber es behauptet ja auch keiner, dass es einfach ist. Man muss sich nur selber am Schopfe packen. Mutig sein. Und das hat mir letztlich den letzten Schub gegeben, diesen Schritt auch zu wagen.
Anna (lächelt u. ihr Blick wird plötzlich ganz verklärt): So jemanden kenne ich auch.
Gretchen (hakt neugierig nach): Mehdi?
Anna (räuspert sich ertappt u. wird tatsächlich ein bisschen rot im Gesicht): Auch, aber nein...
Gretchen (hat die Veränderung direkt wahrgenommen u. zählt eins u. eins zusammen): Verstehe! Deine ominöse Chatbekanntschaft, die du uns vorenthältst.
Anna (schnellt schnell zu ihr herum u. versucht, sich herauszureden): Ich halte sie euch nicht vor. Wer nicht präsent ist, kann auch nicht... Egal! Jedenfalls ist sie weder ominös, noch bei Whatsapp entstanden. Wir sind uns schon real begegnet, wenn du das wissen willst, in der Reha. Aber egal, das ist auch nicht der Punkt.
Gretchen (schmunzelt, weil sie ins Schwarze getroffen hat, kann sich aber zurückhalten, damit es nicht noch peinlich für Anna wird): Was ist dann der Punkt?
Anna (wird wieder ernst): Ich glaube, ich weiß schon, was ich machen will. Das spukt schon eine Weile in meinem Kopf herum.

Gretchen (rutscht ganz gespannt u. hibbelig in ihrem Strandkorb hin u. her): Und?
Anna (traut sich erst nicht, spricht es dann aber doch an): Hältst du es für verrückt, wenn ich auch ins Krankenhaus gehen würde?
Gretchen (macht große Augen u. ist sichtlich begeistert): Überhaupt nicht. Medizin ist immer eine Option. Eine Passion. Zumindest für mich. Aber ich will dir da auch nicht vorgreifen.
Anna (zögert): Aber ich habe keinen Abschluss. Ich kann nicht studieren und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht.
Gretchen: Musst du doch auch nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten. Im medizinischen Bereich wird überall dringend Personal gesucht. Vor allem Menschen, die es wirklich wollen.
Anna: Auch im Reha-Bereich? Ich meine, mit meinem Hintergrund ist es schon schwierig genug.
Gretchen (schüttelt den Kopf u. wird energisch): Danach fragt am Ende kein Mensch, Anna. Das Menschliche zählt viel mehr.
Anna (lächelt u. wirkt gleich viel optimistischer): Ich würde gerne Menschen helfen, so wie mir geholfen worden ist. Ich hab in der Reha sämtliche Abgründe gesehen. Ihr als Mediziner steht auf der anderen Seite. Ihr könnt vieles vielleicht nicht wirklich greifen. Weil ihr den nötigen Abstand wahren müsst. Ich kann das schon. Weil ich es selbst am eigenen Leib erfahren habe. Viele können anfangs mit ihrem Schicksal nicht umgehen. Sie resignieren oder geben gleich von Anfang an auf, weil sie keine Zukunft sehen. Ich weiß nicht, ob ich es kann, aber ich würde es gerne versuchen, ihnen zu zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, damit umzugehen. Denn man braucht in dem Stadium alle Kraft der Welt, um da durchzukommen.
Gretchen (nickt nachdenklich): Ich weiß.
Anna: Oder findest du das zu überzogen? Bin ich zu ideell, weil ich es geschafft habe und andere nicht?
Gretchen (ist sichtlich bewegt): Überhaupt nicht. Ich glaube, das würde sehr gut zu dir passen. Du hast es geschafft. Du kannst Menschen motivieren. Davon bin ich überzeugt. Du kannst sie verstehen, wie kein anderer es könnte.
Anna (hält sich die Hand vors Gesicht u. rudert urplötzlich wieder zurück): Oh Gott, was rede ich hier eigentlich? Das ist doch verrückt. Ich kann doch nicht... Ich brauche Sicherheit. Ich muss für Lilly sorgen.
Gretchen (legt ihre Hand beruhigend auf Annas Knie): Das ist überhaupt nicht verrückt. Paraplegiker brauchen auch eine Lobby. Ich kann meinen Vater ja mal fragen, wie die Stellenlage im EKH so aussieht. Aber es kann sein, dass du dich dann sehr schnell entscheiden musst, weil der neue Ausbildungsabschnitt schon in zwei Wochen starten wird.
Anna (fühlt sich dann doch etwas überrollt): Wow! Das ist wirklich schnell. Ich weiß nicht.
Gretchen (lächelt sie ermutigend an): Es kann natürlich auch ein Vorteil sein. Weil man nicht zu lange darüber nachgrübeln kann. Der Sprung ins kalte Wasser. Einfach mal mutig sein!
Anna (reagiert mit Humor): So wie du eben?
Gretchen (grient sie an): Klar. Und ich bin schon ganz gespannt auf meine Fotos. Ich habe schließlich alles gegeben.
Anna (grinst zurück u. blickt sich dann suchend nach ihrer Tochter um, die Anton gerade konzentriert einen Löffel mit orangegelben Brei hinhält): Tja, dann sollte ich wohl auch mal loslegen, hm? Damit du rechtzeitig dein Geschenk für Marc bekommst. Kommst du bitte, Lilly? Wir müssen gehen.
Gretchen (zieht sie auf): Das ist aber jetzt keine Flucht, oder? Ich wollte dich weder überrumpeln, noch zu irgendetwas überreden.
Anna (steht auf u. schultert ihre Tasche): Nein! Ich muss nur erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Bislang waren meine Gedanken allesamt nur theoretisch. Nun wird es plötzlich doch ziemlich praktisch. Lillyschatz?

Lilly (wartet, bis das Baby brav den Breilöffel in den Mund genommen hat, u. dreht sich dann nörgelnd zu ihrer Mutter um, die mittlerweile hinter sie getreten ist): Jetzt schon? Kann ich nicht noch ein bisschen hier bleiben? Anton hat doch noch so großen Hunger und jetzt klappt es endlich mit dem Löffelchen. Außerdem wollen wir doch gleich Gretchens Bauch noch eingipsen und bemalen.
Anna (guckt zögerlich zu Gretchen rüber, die sich gerade mühsam aus ihrem Strandkorb hochzieht): Ich weiß nicht.
Gretchen (kommt auf sie zu u. zwinkert Lilly frech zu, die den Löffel wieder in das Breigläschen gesteckt hat u. es an Sabine weitergegeben hat): Ich würde mich freuen, wenn meine Lieblingsassistentin mich unterstützt. Ich meine, ich bin ja dann vollkommen bewegungsunfähig. Da brauche ich alle Hände.
Lilly (strahlt über das ganze Gesicht): Ehrlich?
Anna (kneift für eine Sekunde die Augen zusammen u. blickt anschließend auf ihre Armbanduhr): Na, gut, ich beeil mich auch mit den Abzügen und komm nachher wieder.
Lilly (klatscht begeistert in ihre Hände, wird dann aber von Anton abgelenkt, der aufgeregt auf ihrem Schoß herumstrampelt u. nach ihren Fingern greifen will): Supi! Bis dann, Mama! Hey, Anton, du kleiner Frechdachs, du! Du sollst doch auf deine Mami achten. Jetzt hab ich überall gelbe Flecken.
Anna (lächelt wehmütig zurück, als sie merkt, dass sie schon wieder abgemeldet ist, u. marschiert schnurstracks durch die Glastür zurück ins Penthouse): Ja, bis dann, mein Engel!
Gretchen (folgt ihr in die Wohnung): Überleg es dir! Ich rufe meinen Vater auf jeden Fall an.
Anna (wirkt dann doch etwas aufgeregt u. überrumpelt): Danke, Gretchen! Wir sehen uns dann ja gleich wieder.
Gretchen (lächelt): Ja. Tschüß!

Gretchen begleitete Lillys Mutter noch bis zur Wohnungstür. Anna wusste nicht, was sie noch hätte erwidern sollen, und zog ihre Freundin stattdessen spontan in eine dankbare Umarmung. Und ehe sie noch einmal darüber nachdenken konnte, welche Hundertachtzig-Grad-Wendung ihr Leben gerade im Begriff war, zu nehmen, war sie auch schon, ohne zu zögern, zur Tür hinaus, welche die Wohnungseigentümerin mit einem wissenden Lächeln hinter ihr wieder schloss.

Als Gretchen auf die Dachterrasse zurückkehrte, war bereits alles wie von Zauberhand von Sabine und Lilly vorbereitet worden. Noch etwas zögerlich setzte sich die Hochschwangere auf den bereitgestellten Gartenstuhl und ließ die ganze Prozedur anschließend mit einem leicht mulmigen Gefühl im Bauch über sich ergehen. Während Schwester Sabine konzentriert arbeitete, hatte Lilly, die sie tatkräftig unterstützte, natürlich riesigen Spaß bei der klebrigen Angelegenheit, was man ihren verschmutzten Sachen deutlich ansehen konnte.

Lilly: Duuu, Gretchen, was machen wir eigentlich, wenn wir den Gips dann nicht mehr von dir abkriegen?
Gretchen (schaut alarmiert zu Sabine hoch, die beruhigend den Kopf schüttelt, dann lächelt sie Lilly keck an): Tja, dann wird dein Vater wohl Hammer und Meißel brauchen, wenn er die Zwerge holen will.
Lilly (kichert vergnügt u. kriegt sich gar nicht mehr ein, was auch das eigentlich schlafende Baby mitbekommt, das im Kinderwagen neben dem Strandkorb liegt): Das wird bestimmt lustig. Kann ich dann zuschauen?
Gretchen (hat plötzlich Bilder im Kopf, die sie auch auflachen lassen, was die Abnahme eines heilen Gipsabdrucks noch verhindern könnte): Wir werden sehen.
Sabine (guckt streng zwischen den beiden Quatschnasen hin u. her): Nicht bewegen, Frau Doktor!
Lilly (bleibt artig neben Gretchen hocken, hat aber noch eine dringende Frage auf den Lippen, die sie leise stellt): Was malen wir dann eigentlich auf deinen Bauchabdruck, wenn er fertig getrocknet ist? Da wird ja viel Platz drauf sein.
Sabine (erhebt erneut ihre strenge monotone Stimme): Hey, nicht so frech, Fräulein! Die Frau Doktor hat einen sehr hinreißenden Bauch. Genau richtig bei Zwillingen.
Gretchen (ist ganz gerührt u. hat plötzlich einen Geistesblitz, der sie erstrahlen lässt): Danke, Sabine. Na, ich hab gedacht, wir malen ein paar Sternschnuppen darauf. Das fände ich passend.
Lilly (guckt begeistert zwischen der ebenso beeindruckten Sabine u. dem verträumten Gretchen hin u. her): Das ist ja toll. Können wir da auch Glitzer drauf streuen?
Sabine (hält kurz inne u. betrachtet ihr Werk): Ich habe Glitzerspray dabei. Noch von der letzten Weihnachtsfeier im EKH. Das sieht bestimmt schön aus.
Gretchen (kann nicht aufhören zu lächeln): Finde ich auch. Ich hab nämlich gerade erst welche zusammen mit Marc gesehen. Überm Strand an der Ostsee. Und wir hatten sehr viele Wünsche frei. Für unsere Wundersterne.
Sabine (ist fertig mit dem Eingipsen u. strahlt ihre Lieblingsärztin begeistert an): Da wird sich der Herr Doktor Meier aber freuen.
Gretchen: Das hoffe ich doch.

...murmelte Gretchen ganz verträumt, die sich entspannt auf ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte und nun ganz automatisch an die magischen Nächte im Strandkorb an der Ostsee zurückdachte. Sie konnte aber nicht lange in ihren wunderschönen Erinnerungen schwelgen, denn sie wurde plötzlich abgelenkt, als Baby Anton, wie als positive Antwort gemeint, laut losgluckste und alle damit zum fröhlichen Schmunzeln animierte. Ja, da war er wieder, der berühmte einzigartige Charme, den einzig Babys ausstrahlen konnten.

Lorelei Offline

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16.04.2017 11:52
#1593 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Das war auch Dr. Maria Hassmann bewusst, die sich zur gleichen Zeit einige Kilometer vom noblen Penthouse des befreundeten Paares Meier-Haase entfernt in ihrem Privatpatientenzimmer im dritten Stock des Elisabethkrankenhauses noch immer nicht an ihrem neugeborenen Mädchen sattsehen konnte, das sie gerade unter ihrer weiten weißen Bluse in Kängurupose an ihre nackte Haut gedrückt hielt, um den angenehmen Babyduft für alle Zeit für sich abzuspeichern. Nachdem sich Marias mehr oder weniger geschätzte, aber doch sehr, sehr nervige Chirurgenkollegin Haase endlich ohne weitere Ansagen aus ihren Weiten verdünnisiert hatte, war die frischgebackene Mama endlich wieder ganz mit sich im Reinen und genoss seit etwa zweieinhalb Stunden die himmlische Ruhe in ihren vorübergehenden vier Wänden, welche sie immer mehr dazu verleitete, doch auch noch ein kleines spätnachmittägliches Nickerchen einzulegen und so ihrem Mini-me Sophie ins Schlummerland zu folgen. Aber wie es immer so war im EKH, wenn man sich gerade in eine seltene erholsame Stimmung gebracht hatte, sollte es natürlich ganz anders kommen. Und an der erneuten Störung in ihrer kleinen, heilen, schrecklich orange-gelben Welt konnte natürlich nur eine Person schuld sein, was wiederum auch nicht schwer zu erraten gewesen war, wenn der Meier aktuell nicht im Haus war. Ja, genau, ihr Ex-Göttergatte machte mal wieder seinem Nachnamen alle Ehre und trampelte gerade in dem Moment, als sich Marias schwere Augenlider zugeklappt hatten, mit großem Gepolter wie ein fehlgeleiteter Ochse auf Pamplonas Straßen in den Raum und sonnte sich dabei sehr zu ihrem Ärger ganz besonders in seinem Licht.

Cedric: Boah, was für ein Tag! Erst ohne eine Unterbrechung stundenlang im OP, weil eine Kraniotomie die nächste gejagt hat und gerade als ich Dienstschluss machen wollte, haben die mir natürlich auch noch einen verunglückten Motorradfahrer aufs Auge gedrückt, der den Kudamm als Rennstrecke auserkoren hatte, aber nicht mit der Widerstandskraft einer japanischen Reisegruppe auf dem Zebrastreifen gerechnet hatte. Ich hab ja Zeit. Mit mir kann man es ja machen. Nur weil der Drecksack sich eine Audienz in den heiligen Hallen meines alten Arbeitgebers organisiert hat. Wieso hat der eigentlich immer so ein Schwein? Oh, ich vergaß. Mit Papa an den entsprechenden Schalthebeln ist natürlich alles möglich. Ey, das waren mal meine Schalthebel, an denen in großen Lettern ‚Meier verboten’ geklebt hatte. Organisieren mal eben schnell ein Herz und zwei Lungenflügel. Waren heute gerade im Angebot. Und für mich gab es heute in der Kantine noch nicht mal mehr einen Nachtisch. Und nur weil ich nett bin und mich hier Tag für Tag aufopfere, konnte ich mir gerade von deiner werten Frau Mama wieder sonst was anhören. Ja, ich weiß, in ihren Polizeiaugen bin ich der Hauptverdächtige. Ich bin unzuverlässig, ungehobelt und völlig indiskutabel. Sie lässt mich übrigens immer noch nicht ins Haus. Dass das total albern ist, hat mittlerweile selbst Sarah gemerkt. Du kennst sie ja und ihre Offenheit. Wir konnten gar nicht schnell genug die Beine in die Hand nehmen, um uns vor der nächsten Hassmannschen Ansprache zu retten. Sissi sei dank. Aber wir waren trotzdem zwanzig Minuten zu spät in der Krippe. Wenn Blicke töten könnten. Du hättest die neue Erzieherin mal sehen sollen. Selbst beim Bund war man mit mir gnädiger. Ich zähle schon die Tage, bis wir endlich hierher in die Betriebskita wechseln können. Die wird hoffentlich eher fertig als der Großstadtflughafen, von dem im Berliner Senat mal die Rede war. Aber zumindest hatte mein Sonnenschein die Ruhe weg. Sie pennt immer noch. Die Kleinen waren heute im Waldkindergarten und haben sich ordentlich ausgepowert. Ein Glück. Für Kids bespaßen fehlt mir nämlich heute einfach die Energie. Akku akut leer. Und bei dir, Baby? Super, du hast ein Zustellbett organisiert. Genau das, was ich jetzt brauche.

Und nachdem sich Dr. Stier ungefragt seinen ganzen Alltagsfrust von der Seele geredet hatte, folgten seinen Worten auch schon Taten und er fiel wie ein schwerer nasser Sack rücklings auf das bereitgestellte Bett, welches noch vor einigen Stunden Dr. Haase als perfekten Ort für einen mittelgroßen Smalltalk auserkoren hatte. Sehr zum Ärger ihrer Ruhe suchenden Oberärztin, die nun mit einem ähnlich genervten Augenrollen auf den nervtötenden Monolog ihres Lebensgefährten reagierte, der offenbar direkt und auf der Stelle weggepennt war. Dieser Penner! Sie dagegen war jetzt wieder hellwach. Welch eine bodenlose Ungerechtigkeit, dachte sie nur und beschloss direkt, etwas dagegen zu unternehmen. Vorsichtig legte Maria ihr Baby zurück in das Wärmebettchen, deckte es liebevoll zu und schielte anschließend rüber zum Buggywagen von Cedrics mittlerer Tochter, die faszinierenderweise dieselbe halbschräge Schlafhaltung wie der Idiot neben ihr eingenommen hatte und ganz weit weg im Lummerland zu sein schien. Und aus dem würde Maria nun auch ihren Pappenheimer zurückholen. Das war schließlich nur gerecht. Denn niemand sprach ungestraft von OPs in ihrer Gegenwart, an denen sie nicht selbst aktiv als Operateurin teilgenommen hatte.

Auf leisen Sohlen schlich sich Dr. Hassmann zu dem von dem Prahlhans okkupierten Bett, kontrollierte mit wissendem Blick dessen ruhige Atmung, nickte ihm mit einem gehässigen Lächeln auf den Lippen zu und rollte dann still und heimlich das Beistelltischchen aus dem Weg, damit ihr Bett direkt neben seines passte. Als sie dieses vorsichtig an seins angedockt hatte, legte sie sich flink wieder hinein und beugte sich in seine Richtung, um nun verführerisch mit ihrer Hand erst seinen Arm entlang und dann kurz über seinen muskulösen Brustkorb zu streichen. Sofort schlich sich das typische selbstverliebte Stiergrinsen auf die schmalen Lippen des attraktiven Chirurgen. Und genau in dem Moment höchster Behaglichkeit holte Maria mit ihrem rechten Fuß aus, der schon zu ihren Schulfußballzeiten eine rühmliche Bekanntheit errungen hatte, und traf schmerzhaft Cedrics Schienbein. Sofort saß der malträtierte Mann kerzengerade und wieder putzmunter in seinem Bett und fuhr sich massierend über die qualvoll pochende Stelle an seinem Bein. Dann sah er mit eingeschnapptem Funkelblick zu der sich in Unschuld wiegenden Frau im Bett nebenan und polterte, mit Bedacht auf die anwesenden Kinder, auch schon im Flüsterton los...

Cedric: Au! Mann, was soll das, Mary? Geht man so mit einem hart arbeitenden Chirurgen um?
Maria (würde für diese selbstgerechte Reaktion am liebsten gleich noch mal ausholen): Ich geb dir gleich noch mal was Hartes, du Angeber.
Cedric (schnappt sich lachend ihre eine Hand u. dreht sich mit Schwung über sie, um ihr nun eindeutig zweideutig zuzuzwinkern): Ich hätte da auch was Hartes im Angebot, Liebes.
Maria (versucht den dreisten Kerl wegzustrampeln): Wag es nicht, näher zu kommen, du... du Grobian.
Cedric (nähert sich jetzt erst recht zum Begrüßungskuss): Was dann?
Maria (funkelt den unverschämten Provokateur direkt an, der seine Schmerzen schon längst wieder vergessen hat): Ich könnte auch zubeißen.
Cedric (grient die hinreißende Widerspenstige frech an u. stibitzt ihr trotz drohender Gefahr einen heißen Kuss): Mhm... Was sind wir heute aber wieder verlockend, Frau Doktor.
Maria (widersteht der Versuchung u. schubst ihn schließlich grob von sich weg): Jetzt gehe endlich von mir runter, du!
Cedric (lacht, aber kommt ihrer Bitte schließlich nach): Och, nur ungern. Du wirkst so unausgeglichen.

Ich bring ihn um und lass es wie einen Unfall aussehen. Jetzt erst recht! Schließlich hat er mir das alles hier erst eingebrockt.

Maria (würde ihn am liebsten erwürgen u. kann sich nur schwer beherrschen): Warum wohl, du Idiot? Du musst ja auch nicht den ganzen Tag in diesem schrecklichen Zimmer herumhocken und Däumchen drehen.
Cedric (lehnt sich über sie, um das Babybettchen näher zum Bett heranzuziehen, u. streichelt verliebt den kleinen Spatz): Es sind aber ziemlich süße, winzige Däumchen.
Maria (erliegt dann doch dem Charme der beiden u. lässt sich bereitwillig von ihm umarmen, während sie beide ihr schlafendes Kind bestaunen): Ja.
Cedric (kann es nicht lassen, sie zu necken, während er sich mit seinen Lippen an ihrem Ohrläppchen zu schaffen macht): Oh! Das ist neu. Du widersprichst mir nicht. Da haben wir ja endlich ein probates Mittelchen gefunden.
Maria (boxt ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen u. zieht mit ihrer anderen Hand das Deckchen zurecht, damit Sophie nicht friert): Du bist blöd.
Cedric (ist einmal mehr hin u. weg von seiner Lieblingsxanthippe): Nein, bin ich nicht. Du akzeptierst nur gerade voller Erstaunen, wie unentbehrlich ich für uns geworden bin. Ich bin absolut multitaskingfähig. Die perfekte Harmonie zwischen anspruchsvollem Job und Erziehung unserer Kinder.

Bei dem Ego ist nichts perfekt. Ich würde es am liebsten zusammenknüllen und zu Hackfleisch verarbeiten, wenn mich der Geruch von Fleisch nicht so sauer aufstoßen lassen würde.

Maria (guckt ihm spöttisch in die aufblitzenden blauen Augen): Sücher! Das haben wir ja alle vorhin gehört, als du zur Tür hereingepoltert gekommen bist. Ich habe eine Leumundszeugin.
Cedric (schmunzelt): Die schläft.
Maria (kleinlaut): Aus taktischen Gründen.
Cedric (lehnt sich lachend ans Bettende u. zieht die vorlaute Ärztin einfach mit sich mit): Ich habe dich und unsere Schlagabtausche heute vermisst.
Maria (schmiegt sich nur widerwillig an seine Seite): Ich dich nicht. Im Gegenteil. Ich hab die Ruhe ohne dich genossen. Mehr als das. Naja, bis das Häschen hereingehoppelt kam. Das ist übrigens ihr Bett, in dem du gerade deinen Knackarsch platt drückst.
Cedric (blickt sich verdutzt um): Ach? Muss ich Blumen kaufen?
Maria (verdreht sichtlich genervt die Augen): Bis es soweit kommt, sind sie vor Hysterie und Ungeduld längst verwelkt.
Cedric (versucht erfolglos die einzelnen Bausteine zusammenzusetzen): Muss ich das verstehen?
Maria: Ich muss ja auch nicht verstehen, warum du neuerdings mit Meier einen auf Best Buddy machst. Nur weil ihr im selben Boot... äh... Flieger nebeneinander gesessen habt?
Cedric (grinst über das ganze Gesicht): Ich nutze nur das gute Wetter aus. Für schlechtere Tage, die ganz bestimmt kommen werden.
Maria (grient ihn plötzlich ganz verschlagen an, während sie ihre Hand locker über sein schwarzes T-Shirt streifen lässt): Vielleicht schneller als du denkst, mein Lieber. Du wolltest doch wissen, was ich den liebenlangen Tag gemacht habe? Außer Milch spenden und Däumchen drehen. Mhm... Ich hab Meier meine Brüste gezeigt.
Cedric (reagiert leicht bedröppelt, aber lässt sich nichts weiter anmerken): Aha? Und, war er so beeindruckt und geflasht, dass er jetzt alles hinschmeißen will, um mit dir durchzubrennen, um irgendwo auf der Welt die Chirurgie neu zu erfinden?
Maria (grinst immer breiter in sein betont unbeeindrucktes Gesicht): Du kennst die Wirkung von „Hans“ und „Franz“ doch. Denen konnte noch niemand widerstehen. Naja, mal abgesehen von der einen oder anderen unschönen Begegnung auf der Weihnachtsfeier in der Cafeteria, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Meier klärt gerade unsere Nachfolge und dann brechen wir hier auch schon unsere Zelte ab und machen uns auf den Weg. Vielleicht entdeckst du ja unsere Fußabdrücke in der nächsten Ausgabe vom „Chirurg aktuell“.
Cedric (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Na dann, gute Reise, aber pass auf, dass du im Flieger nicht neben ihm sitzt. Seine Anwesenheit kann schnell zu unerwarteten Turbulenzen führen. Nicht dass ihr vor euren Erfolgen schon aus allen Wolken fallt. Das wäre mir mit ihm fast passiert.
Maria (nickt wissend): Ich weiß.
Cedric (überrascht, aber doch gefasst): Woher?
Maria (kontert schlagfertig): Weibliche Intuition.
Cedric (kann sich sein Lachen nicht länger verkneifen): Ach? Damit kann er nicht umgehen. Vielleicht solltest du doch hier bleiben.
Maria (beugt sich verführerisch zu ihm rüber u. zwinkert ihm verheißungsvoll zu): Mhm... Das müsstest du mir dann doch erst schmackhaft machen, Rick.
Cedric: In etwa so vielleicht?

Die Provokationen seiner heiß und innig geliebten Bloody Mary blieben natürlich nicht unbeachtet und ehe sie sich noch einmal dagegen wehren konnte, hatte er sich auch schon auf sie gestürzt. Und Maria konnte sich natürlich nur schwer seinen heißblütigen Küsse erwehren. Dazu waren sie einfach viel zu gut und sie musste sich insgeheim eingestehen, dass sie den ganzen Tag auch ein bisschen auf Entzug gewesen war. Dennoch nahm die verliebte Neurochirurgin eine ihrer Drohungen noch wahr und biss dem Angeber prompt in die Unterlippe, als er zu zudringlich wurde. Sie bekam dabei aber dann einen heftigen Lachflash, den sie nicht mehr bremsen konnte. Cedric war dermaßen hingerissen davon, dass er darauf direkt mit einstieg, was schließlich auch die anwesenden Kinder auf den Plan brachte. Zuerst meckerte die Große einmal lautstark und unverständlich, die aber gleich darauf wieder einschlief, nachdem ihr Papa ihr beruhigend übers Ärmchen gestrichen hatte, das sie müde in die Höhe gereckt hatte. Und die kleinere der beiden war sofort selig, als sie von ihm hochgenommen und in die Luft gehalten wurde. Mit Klein-Sophie im Arm setzte sich Cedric wieder zu seiner Lebensgefährtin aufs Bett und schmiegte sich lächelnd an ihre Seite. Verliebte Blicke trafen sowohl das kleine Mädchen, als auch den stolzen Papa, dessen Herz vor lauter Glück zum Zerbersten gespannt war.

Cedric: Das haben wir gut hingekriegt.
Maria (lächelt verträumt u. streicht ihrer Tochter sanft über die rosige Wange): Sieht so aus, ja.
Cedric (ist einmal mehr verliebt u. kann sich an den beiden gar nicht sattsehen): Wie war euer Tag? Also, mal abgesehen davon, dass du offenbar nackt am Büro vom Meier vorbei gerannt bist und dich an meinem Spind bedient hast. Ist das nicht mein Hemd, das du trägst? Das hatte ich doch an, bevor ich heute Morgen in den OP gemusst hatte. Woher kennst du überhaupt den Code von meinem Schloss?
Maria (gibt sich geheimnisvoll): Weibliche Intuition.
Cedric (mustert sie misstrauisch): Nicht dein Ernst?
Maria (versucht erfolgreich nicht zu lachen): Mhm... und die Fingerfertigkeiten einer Schwester im Mutterschutz, die ich unbedingt beschäftigen wollte, damit sie mir mit ihren ungebetenen täglichen Besuchen nicht länger auf die Nerven geht.
Cedric (eine seiner Augenbrauen hüpft ungläubig in die Höhe): Was?
Maria (lacht dann doch): Nicht der Rede wert. Ich war’s nur leid. Sämtliche Sachen von mir sind eingesaut. Mit Babysabber in sämtlichen Konsistenzen und durch meine Milchdrüsen, die regelmäßig kurz vorm Platzen stehen. Und ich renne eher wirklich nackt durchs Haus, als dass ich jemals diese fürchterlichen Krankenhausleibchen anziehen werde.
Cedric (verliert sich in seiner Vorstellung): Mhm... Das muss ich, glaube ich, noch mal genauer unter die Lupe nehmen.
Maria (verschränkt abweisend ihre Arme vor ihren Brüsten, als er sich ihnen gefährlich nähert, u. funkelt ihn drohend an): Untersteh dich! Besorg mir lieber morgen neue Klamotten von zuhause und nimm die anderen zum Waschen mit. Ich hoffe, du weißt, wie die Waschmaschine funktioniert.
Cedric (zieht sich schnell wieder zurück, bevor ihm doch noch auf die frechen Pfötchen geklopft wird, u. konzentriert sich wieder ganz auf das Baby in seinen Armen): Aber mein Hemd steht dir, muss ich zugeben.
Maria (genießt ihren kleinen Triumph): Ich weiß. Und es hat den Vorteil, dass unser Floh sich an den Geruch von ihrem Papa gewöhnen kann, während der mich auf Station vertritt und sich ziemlich wichtig gibt.
Cedric (kann sich eine kleine Spitze nicht verkneifen): Weil ich wichtig bin.
Maria (blitzt ihn an): In deiner Fantasie, nicht in deinem Vertrag, Herr Dr. Hochstapler.
Cedric (grinst): Darüber lässt sich streiten. Ich hab nur keine Lust darauf.
Maria (seufzt u. spielt mit den kleinen Fingerchen ihrer Tochter): Dito! Ich auch nicht.
Cedric (zieht seine Beine an u. lehnt seine Tochter an seine Oberschenkel, damit er sie besser betrachten kann): Es ist schon erstaunlich, wie gut es sich anfühlt, einmal einer Meinung mit dir zu sein.
Maria (hält weiterhin Sophies Händchen u. grient sie keck an): Sophie, ich warne dich schon mal vor. Das kommt so gut wie nie vor.
Cedric (lehnt sich zu dem Sonnenschein vor, der ihn plötzlich mit großen Kulleraugen ansieht): Sie übertreibt, mein Schatz. Eigentlich ist deine Mutter mir rettungslos verfallen.
Maria (stupst ihn mit der Schulter an): Träum weiter, Rick!
Cedric (grient sie schelmisch an): Ja, das war der Plan, aber dann hast du mich ja aus dem Bett geschlagen.
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt): Du liegst doch immer noch drin.
Cedric (sieht sich demonstrativ um): Stimmt! Jetzt, wo du’s sagst. Meinst du, die Oberschwester hätte was dagegen, wenn wir das in einen Dauerzustand verwandeln?
Maria (guckt ihn an, als wäre er nicht mehr ganz beisammen): Ich hab dir zwar ans Bein gehauen, aber ich glaube, dein Kopf hat auch etwas abbekommen. Oder hast du schon vergessen, was am Wochenende hier für ein Theater los war? Sie hat euch zweimal nach den Besuchszeiten erwischt. Beim dritten Mal, hat sie gesagt, wirst du sie kennenlernen.
Cedric (streckt seine Arme in die Höhe u. verschränkt sie dann entspannt in seinem Nacken): Hm, das steht zwar nicht explizit auf meiner Wunschliste, aber ich würde ein Kennenlerndate nicht unbedingt ausschlagen. Ich opfere mich immer gerne für den guten Zweck. Auf diese Weise habe ich mich auch mit Marc angefreundet.
Maria (schüttelt sprachlos den Kopf u. zieht ihre Tochter wieder zu sich rüber): Du hast wohl auf alles eine Antwort, oder?
Cedric (sieht seine Mädels ganz vernarrt an): Ich bin vollgepumpt mit Papa-Testosteron. Was denkst du denn?
Maria (lacht erst spöttisch u. legt ihr Baby anschließend mit ungewohnt wehmütigem Blick zurück in sein Bettchen): Tzz... Pheromone wirken nicht, zumindest nicht bei der Oberschwester. Die ist immun gegen alles. Wie andere auch.

Leider! Es ist so ungerecht. So verdammt ungerecht.

Cedric (beobachtet die plötzlich stiller gewordene Frau argwöhnisch): Hey! Wieso auf einmal so niedergeschlagen? Immer noch der Lagerkoller? Dagegen können wir was tun. Die Mädels und ich richten uns einfach wirklich hier häuslich ein. Soll Oberschwester Stefanie doch schimpfen, bis sie sich in Rumpelstilzchen verwandelt. Wir stehen da drüber. Wir kennen ihren richtigen Namen.
Maria (rutscht wieder an seine Seite u. lehnt sich seufzend an seine Schulter): Wenn es das nur wäre.
Cedric (zählt eins u. eins zusammen): Soll ich Kaan für dich am Schlafittchen packen? Auf die Gelegenheit warte ich schon lange.
Maria (guckt ihn kopfschüttelnd an): Haha, du Witzbold!
Cedric (richtet sich auf u. wird ernst): Okay, aber jetzt mal wirklich im Ernst. Was ist los? Was haben die Ärzte gesagt? Wann könnt ihr hier endlich raus?
Maria (wartet einen langen Moment u. seufzt die Antwort schließlich nicht gerade begeistert heraus): Heute Nachmittag.
Cedric (schaut sie erst ungläubig an u. wird dann von seiner Euphorie gepusht): Was? Und das sagst du erst jetzt? Worauf warten wir dann noch? Los! Auf!
Maria (bremst ihn ab, bevor er aufspringen kann, u. schielt traurig auf ihr Kind, das wieder eingenickt ist): Ich kann hier nicht weg, Rick. Mehdi würde mich zwar entlassen, weil ich ein ziemlich zäher Knochen bin, aber...
Cedric (folgt ihrem Blick u. versteht): Oh!
Maria (sieht ihm direkt in die Augen u. spürt den Trotz wieder in sich aufsteigen): Die Überraschung hält sich also in Grenzen. Ich gehe hier nicht weg. Egal, was die anderen sagen. Das Zimmer ist ey auf Dauer gebucht. Und wenn es sein muss, mache ich hier ein Sit-in, solange bis sie sie mir mitgeben.
Cedric (ist sichtlich angetan von ihrer Entschlossenheit): Das ist die Mary, die ich kenne. Baby, wir schaffen das. Sie ist stark. Sie hat zugenommen.
Maria (bleibt dennoch besorgt): Ja, nachdem es am Wochenende noch ganz anders ausgesehen hat.
Cedric: Wischnewski hat gesagt, dass das normal ist. Sie können am Anfang noch schwächeln. Aber den Punkt haben wir doch jetzt überschritten. Sie trinkt regelmäßig. Alle Werte sind im normalen Bereich. Sie muss nur noch ein bisschen Kraft tanken.
Maria (regt sich gleich wieder auf u. es kullern sogar Tränen): Hör mir auf mit Wischnewski! Wenn ich den noch mal sehe, bekomme ich so einen Hals. Er muss seiner Tochter ja nicht erklären, wieso sie ihren bislang wichtigsten Tag im Leben ohne den liebsten Menschen, den sie gerade erst kennengelernt hat, verbringen muss.
Cedric (beobachtet fasziniert ihren unerwarteten Ausbruch): Tränen? So kenn ich dich gar nicht.
Maria (wischt die Tränen schnell weg, als wären sie gar nicht da gewesen, u. verschränkt schmollend ihre Arme): Ich mich auch nicht. Aber trotzdem, Sarah wird so enttäuscht sein.
Cedric (zieht die sichtlich aufgewühlte Frau in seine Arme u. versucht, sie zu trösten): Wird sie nicht. Sie ist schon groß. Sie kommt in die Schule. Sie wird das verstehen. Außerdem sind bis dahin noch elf Tage hin. Bis dahin kann noch viel passieren.
Maria (will ihn eigentlich von sich wegschieben, aber bleibt dann doch in seiner behaglichen Umarmung): Du glaubst auch noch an den Osterhasen, oder? Dann kannst du dich ja gerne mit Motte zusammentun.
Cedric (grient sie an): Ich hab zumindest das Wünschen noch nicht verlernt. Und was das Zusammentun betrifft, das hatte ich vor. Ich weiß, dass wir das schaffen werden. Gemeinsam.
Maria (ihr Blutdruck steigt direkt wieder in die Höhe u. sie strampelt sich aus seinem Klammeraffengriff): Wie denn? Es ist noch nichts organisiert. Es sind noch nicht mal Einladungen verschickt. Das hatte ich für diese Woche geplant, als wir noch nicht mit Miss Sophie gerechnet haben. Wir hätten das alles mehr oder weniger stressfrei hinter uns gebracht, auch die Feier, wenn nicht...
Cedric (fällt ihr lächelnd ins Wort u. streichelt seiner neugeborenen Tochter sanft über den Rücken): Sie wollte eben dabei sein am großen Tag ihrer großen Schwester. Das ist nur allzu verständlich.
Maria (ist alles andere als überzeugt u. wirkt wieder todunglücklich): Das wird die schlimmste Schulanfangsfeier aller Zeiten. Das wird Motte mir nie verzeihen.
Cedric (versucht, Optimismus auszustrahlen): Lass das mal den Papa machen!
Maria (blickt ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank): Du willst ein Kinderfest organisieren? Alleine? In weniger als elf Tagen? In Berlin, wo an dem Tag zig tausend Kinder gleichzeitig ihre Einschulung feiern werden? Hast du dann auch daran gedacht, ihre Zuckertüte zu Ende zu basteln? Das Pferdemotiv ist übrigens gestorben. Fossilien sind gerade bei ihr angesagt.
Cedric (bekommt dann doch ein wenig Muffensausen, aber lässt es sich nicht anmerken): Vertrauen, Baby, Vertrauen ist das Stichwort.
Maria: Das sagt gerade der Richtige.

...meckerte Maria gefrustet in das Kissen hinein, das sie sich gerade als Kopfstütze in den Nacken schieben wollte, dann wurde sie jedoch plötzlich stutzig und ihr Herz schlug von einer Sekunde auf die andere immer schneller. Hastig schnellte sie wieder herum, um ihre Eingebung zu verifizieren und ihr Gegenüber anschließend mit strengem Blick ins Visier zu nehmen, das im ersten Moment gar nicht wusste, wie ihm geschah, als es unvermittelt ins Kreuzverhör genommen wurde.

Maria: Wo ist Sarah?
Cedric (rappelt sich auf u. kratzt sich unbeeindruckt am Hinterkopf): Hm?
Maria (die schlimmsten Szenarien spielen sich gerade vor ihrem inneren Auge ab): Sag jetzt nicht, du hast sie vergessen? Ich warne dich, Cedric. Moment? Hast du nicht gesagt, du hast sie vorhin von ihren Großeltern abgeholt?
Cedric (ist sich absolut keiner Schuld bewusst): Jep!
Maria (wird allmählich rasend): Mann, mach die Zähne auseinander! Wo ist mein Kind?
Cedric (korrigiert sie kleinlaut): Unser Kind.
Maria (funkelt ihn ungehalten an u. packt ihn am Schlafittchen, um ihn durchzuschütteln): Wenn du’s verlierst, ist es meins.
Cedric (stöhnt entnervt auf): So viel zum Thema Vertrauen.
Maria (ihr Tigermamablick wird immer bedrohlicher, je kleinlauter er reagiert): Cedric Stier!
Cedric (kann sich endlich von ihr losreißen): Mann, was machst du denn jetzt für ein Fass auf? Sie ist doch hier. Sie wollte noch ein bisschen durchs Haus stromern.
Maria (guckt ihn immer noch ungehalten an): Was? Spinnst du? Das ist ein Krankenhaus und kein Abenteuerspielplatz.
Cedric (kann sich sein spöttisches Schmunzeln nicht verkneifen): Jetzt hörst du dich wie die Oberschwester an.
Maria (bohrt ihren Zeigefinger wütend in seinen Oberkörper): Ja, weil du offenbar den Originalton vom Wochenende schon wieder vergessen hast. Sie kann hier nicht einfach alleine durch die Gänge spazieren.
Cedric (nimmt es trotzdem locker): Sie kennt diese Gänge besser als so mancher PJler nach einem Jahr Ausbildung.
Maria (macht ihm direkt Vorwürfe): Und das findest du etwa gut, was? Ich versuche ihr das schon seit Ewigkeiten auszutreiben. Sie ist verdammt noch mal ein Kind. Weißt du, was für Sorgen ich mir jedes Mal mache? Seit sie damals nach dem Wasserrohrbruch in ihrer Kita alleine bis hierher ins EKH gelaufen ist, als wäre es das Normalste der Welt. Das ist es aber nicht.
Cedric (bekommt dann doch ein schlechtes Gewissen): Okay, es tut mir leid. Aber sie hat nun mal so einen Spaß daran. Und die Leute lieben sie hier. Sie ist ja auch nicht alleine unterwegs. Ich habe Gretchens Bruder beauftragt, ein Auge auf sie zu haben.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme u. verbirgt ihr Gesicht vor ihm): Na toll, und das soll mich beruhigen? Pfleger Jochen ist doch intellektuell noch nicht viel weiter als Motte.
Cedric (verfolgt ungläubig ihre heftige Reaktion): Sag mal, heulst du etwa schon wieder?
Maria (kann es nicht länger verbergen u. schnieft einmal heftig): Nein, das sind nur die vermaledeiten Hormone. Das macht mich selber wahnsinnig.
Cedric (seufzt): Was kann ich dagegen tun?
Maria (guckt ihn aus verheulten Augen unmissverständlich an): Bring mir mein Baby!
Cedric (findet das dann doch etwas übertrieben): Was? Aber Sarah findet doch bestimmt gleich von alleine hierher. Pass auf, es klopft bestimmt gleich an der Tür und sie kommt fröhlich hereingetanzt.
Maria (reagiert vollkommen über): Ich habe gesagt, ich will mein Baby bei mir haben. Jetzt!

Immer mehr Tränen stürzten unkontrolliert aus ihren Augenwinkeln und Dr. Hassmann genierte sich schon längst nicht mehr dafür. Heftiger Herzschmerz hatte sie mit einem Mal erfasst, gegen den es nur ein Heilmittel gab. Die Familie musste vollständig sein. Sie wollte ihr Mädchen umarmen. Sofort. Das sah schließlich auch der überforderte Neurochirurg ein, der nach kurzem Zögern nun seufzend vom Bett rutschte. Einen Beruhigungskuss, den er ihr liebevoll anbot, lehnte Maria jedoch entschieden ab, die sich mittlerweile mit Blick auf ihr Neugeborenes in ihr Kissen heulte. Mitfühlend schaute Cedric sie an, strich ihr sanft über die Schulter und ging dann zum Buggywagen seiner mittleren Tochter rüber, die von all der Aufregung gar nichts mitbekommen hatte und immer noch tief und fest schlief. Wenigstens auf eine seiner Frauen war Verlass, dachte er schmunzelnd und öffnete die Tür, um sich auf die Suche nach der Vermissten zu machen.

Cedric: Du wirst sehen, wir sind schwuppdiwupp wieder hier. Kann ich Sissi so lange hier lassen? Sie schläft und ist noch völlig ausgepowert vom Ausflug in den Wald. Sie wird dich nicht behelligen.
Maria (hat sich wieder etwas gefangen, aber guckt ihn immer noch nicht an): Jahaaa, jetzt hau schon ab!
Cedric (nickt zufrieden): Da ist sie wieder. Meine Mary. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.
Maria (zischt ungehalten in seine Richtung): Verschwinde! Und wag es ja nicht, ohne sie zurückzukommen!

Der tödliche Blick traf ihn wie ein Pfeil und animierte den verschmitzt grinsenden Mann dann doch, endlich das Weite zu suchen. Aber kaum war die Zimmertür ins Schloss gefallen, machte sich entgegen seiner weisen Voraussicht Cedrics mittlere Tochter doch bemerkbar und begann, unverständlich vor sich her zu brabbeln und in ihrem Buggy wild zu strampeln. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie unbedingt raus wollte und wenn das nicht innerhalb der nächsten vierzig Sekunden passieren würde, dann drohte ein Donnerwetter. Maria kannte die Kleine mittlerweile gut genug, um das richtig einzuschätzen. Sie verdrehte die Augen, wischte sich die salzig nasse Spur vom Gesicht und guckte zu dem einjährigen Mädchen rüber, das sie anstrahlte, als würde sie sie höhnisch auslachen wollen. Typisch Stier, dachte sie nur und schüttelte den Kopf und sprang schließlich aus dem Bett, um sie aus ihrem lästigen Gefährt zu befreien. Dann setzte sie das fröhlich brabbelnde Mädchen mit zu sich aufs Bett.

Sissi: Sasa! Sasa!
Maria (stöhnt mittelleicht genervt): Ja, der Papa holt Sasa. Der Dussel hat sie mal wieder verloren. Du kennst ihn ja.
Sissi (freut sich ungehalten u. ist kaum zu bremsen): Sasa!
Womit hab ich das eigentlich verdient? Heute macht sich auch wirklich jeder über mich lustig. Stimmt was nicht mit mir?
Maria: Du machst das mit Absicht, oder? Fängst du jetzt etwa wieder mit dem Fremdeln an, wenn dein Papa nicht in der Nähe ist? Das lassen wir nicht noch mal einreißen, meine Liebe. Nicht mit mir! Na, guck mal, wer da ist! Das ist deine Schwester. Die Sooophie.

Eine ziemlich entschlossene Oberärztin und Wiedermama entschied einmal mehr, gegen die Widerspenstigkeit der Stiers etwas zu unternehmen, und setzte das wild zappelnde Mädchen prompt auf ihren Schoß, damit sie besser auf ihre neugeborene Schwester im Wärmebettchen blicken konnte. Und tatsächlich, Marias Strategie der Konfrontation erzielte direkt erste Erfolge. Sofort war Ruhe im Karton. Völlig fasziniert und gebannt studierte die Einjährige nun das schlafende Baby, nach dem sie immer wieder ihre kleinen Händchen ausstreckte, und Maria nutzte den günstigen Moment, um selber wieder etwas herunterzukommen. Der emotionale Ausbruch eben hatte die taffe Neurologin nämlich selber ziemlich überrumpelt und geschafft. Aber jetzt war wieder alles gut. Sie konnte sogar schon wieder darüber schmunzeln. Das konnte nicht jeder.

Lorelei Offline

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24.04.2017 16:30
#1594 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einen Hauch von guter Laune konnte man einige Zimmer weiter nicht unbedingt erwarten. Eher das Gegenteil war die Regel. Erfahrungsgemäß. Ständig und zu allen Tages- und Nachtzeiten. So auch heute an diesem frühen Montagabend. Mit den Mundwinkeln auf halb Acht und leicht quadratisch geformten Augen hockte der junge Chirurg nämlich schon seit geraumer Zeit grummelnd über einer seiner Akten und wechselte unmotiviert zwischen Tastatur und Computermonitor hin und her, verifizierte hier und da einige Werte in seinen Papieren und schien damit einfach kein Ende zu finden. Aber das sollte schneller kommen, als der werte Herr Doktor hätte vorausahnen können, als er sich vor einer knappen halben Stunde in seinem Sprechzimmer verbarrikadiert hatte. Denn nach einem kaum vernehmbaren Klopfen wurde seine Bürotür plötzlich ungestüm aufgerissen und flog mit Schwung gleich darauf wieder ins Schloss. Das brachte bei dem sehr beschäftigten Oberarzt, der gerade erst von einem Krankenhaus zum anderen gehetzt war, nachdem er stundenlang bei einem sehr komplizierten Eingriff im OP gestanden hatte, schließlich das Fass zum Überlaufen. Denn niemand wagte es ungefragt, sein Revier zu betreten, wenn ihm sein Leben lieb war. Und so polterte der Berliner Ärzteausbilder auch direkt im gewohnten, Assistenzärzte verschreckenden Tonfall los, noch bevor er seinen Ameisenblick von den Unterlagen erhoben hatte...

Marc: Verdammte Scheiße noch mal, wie oft denn noch? Muss ich es euch noch auf die Stirn tätowieren, damit ihr es endlich rafft, ey? Nicht gestört werden, heißt, die Tür bleibt verdammt noch mal zu. Und wenn es sein muss bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Sonst werde ich mit dem Scheiß hier ja nie fertig. Wenn ihr nicht wisst, was ihr zu tun habt, dann fragt gefälligst jemanden, den es wirklich interessiert. Also NICHT mich! RAUS! Aber in Lichtgeschwindigkeit!

- „Hihi! Du hast ‚scheiße’ gesagt, Onkel Marc. Zwei Mal! Jetzt musst du das Schimpfschweinchen zweimal füttern. Das steht bei uns auf dem Küchentisch“, kam es plötzlich von unerwarteter Seite als kecke Antwort zu ihm zurück und brachte den verärgerten Oberarzt sichtlich ins Staunen. Zumal die vorlaute Göre, die ungefragt ihre quietschvergnügte Stimme erhoben hatte, nun auch in ihrem niedlichen bunten Sommerkleidchen hinter dem Patientensessel zum Vorschein kam, welcher sie im ersten Moment komplett verborgen gehalten hatte und welchen sie als nächstes ohne große Schwierigkeiten mit ihren Sandalenfüßchen erklomm, um mit ihrem großen besten Freund auf Augenhöhe zu gelangen. Dem stand jedoch immer noch die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben und er schnappte erst einmal wie ein Karpfen nach Luft, bevor er dem Nervzwerg antwortete, der ihn angrinste wie ein Honigkuchenpferd nach einem Zuckerwatteschock und sich mit beiden Ellenbogen auf dem Aktenberg abstützte, der Marcs Schreibtisch bedeckt hielt und nun langsam auseinanderdriftete, was Sarah Hassmann nur noch mehr loskichern ließ. Womit hatte er das eigentlich verdient, fragte sich Marc derweil sichtlich irritiert und fuhr sich mit einer Hand über das müde Gesicht. War er heute nicht schon bedient genug?

Marc: Was machst denn DU hier? Hast du dich mal wieder verlaufen? Das Zimmer deiner Mutter ist den Gang runter. Andere Abteilung. Zum Glück nicht mein Problem. Also, auf Wiedersehen!
Auf nimmer Wiedersehen, hoffentlich! Schimpfschweinchen? Was zum Geier soll das sein?
Sarah (zuckt sich nicht von ihrem sehr bequemen Platz u. grient ihr strenges Gegenüber vergnügt an): Du bist ja lustig, Onkel Marc. Natürlich weiß ich, wo die Mami und meine Schwester sind. Da will ich ja auch gleich hin. Aber vorher wollte ich noch zu dir, Onkel Marc.
Marc (die Überforderung steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben): Zu mir?
Sarah (strahlt ihn erwartungsvoll an): Ja, Onkel Marc.
Marc (ihm platzt gleich der Geduldsfaden): Jetzt onkelmarc mich nicht ständig, du Kröte. Das klingt, als hätte ich einen Tinnitus im Ohr. Ich hab echt keine Zeit für so was. Ein anderes Mal gerne, aber ich muss das hier heute noch fertig bekommen.
Sarah (gibt sich völlig unbeeindruckt u. macht es sich in dem Sessel vor dem Schreibtisch sichtlich bequem): Ich hab Zeit, Onkel Marc. Papi, Sissi und ich bleiben nämlich heute Nacht wieder hier bei meiner Mami und Sophie. Aber psst, das darf die Oberschwester nicht wissen.
Marc (lässt seinen Kopf frustriert auf seine Akte knallen, dann schaut er langsam wieder auf, in der Hoffnung, sie hätte sich in Luft aufgelöst, aber jetzt guckt er erst recht wieder in das fröhliche Kindergesicht direkt vor seiner Nase): Äh... ja? Ich hab aber nicht vor, hier zu bleiben.
Sarah: Wieso nicht?
Marc: Ich hab meine Gründe.
Sarah: Was für Gründe?

Hilfe! Kann mal jemand die Stopptaste drücken! Das ist ja nicht auszuhalten.

Marc (rauft sich verzweifelt die Haare): Herrgott noch mal, Sarah, verrat DU mir lieber, was du von mir willst! Aber in knappen, verständlichen Sätzen.
Sarah (erinnert sich u. kramt nun hektisch in ihrem Umhängetäschchen, dessen gesamten Inhalt sie zu Marcs großem Ärger achtlos auf der Sitzfläche des anderen Sessels auskippt): Oh ja! Das... Das ist für dich, Onkel Marc.
Marc (verzieht verwirrt seine Augenbrauen, als er einen quietschbunten Umschlag überreicht bekommt): Äh... Was ist das?
Sarah (rutscht unruhig auf ihren Knien auf dem Stuhl herum u. guckt ihn gespannt an): Du musst es aufmachen.
Marc (bleibt skeptisch, kommt ihrer Bitte aber dann doch nach kurzem Zögern nach): Okay? ... Was zum Geier ist das? Mein Gott, ist das hässlich. ... Das... äh... hast du selber gemacht, oder?
Sarah (strahlt ihn mit stolzgeschwellter Brust an): Ja! Ich hab heute den ganzen Tag bei Omi und Opi gebastelt.
Marc (hält die bunt beklebte Karte in die Höhe u. begutachtet das gute Stück mit skeptischem Oberarztblick): Merkt man. Das ... ja... ist... bemerkenswert. Künstlerisch begabt wie die... ähm... der Papa.
Sarah: Echt?
Marc (verdreht die Augen, weil sie noch Welten davon entfernt ist, jemals seinen Sarkasmus zu kapieren): Wie der Stamm so der Apfel oder so ähnlich?
Sarah (kann ihm nicht folgen): Hä?
Marc (verkneift sich das Schmunzeln, das verstärkt in ihm aufsteigt u. nervig in seinem Zwerchfell zu kribbeln beginnt, u. bemerkt, dass sein Finger an einer Stelle festklebt u. versucht erfolgreich, es abzuschütteln): Och... nichts. Aber das mit dem Leimen sollten wir vielleicht noch mal üben. Das hat neulich schon nicht gut funktioniert. Egal! Ähm... Was genau soll ich damit?
Sarah (guckt ihn mit großen leuchtenden Augen an): Da steht auch was drauf, Onkel Marc.
Marc (dreht das Corpus Delicti immer wieder hin u. her u. wird nicht fündig): Ach ja?
Sarah (beugt sich fast mit ihrem gesamten Körper über den Tisch, wobei einige Akten vom Tisch segeln, u. zeigt es ihm): Na, da!
Marc (kneift die Augen zusammen u. versucht die blassen Buchstaben auf dem Bild zu entziffern): Ei... La... Dung. Einladung?

Oh Gott, ich ahne Schlimmes.

Sarah (nickt begeistert mit ihrem Köpfchen u. strahlt ihn an): Ja! Zu meiner Einschulungsfeier.
Marc (lehnt sich sichtlich überfordert in seinen Stuhl zurück): Deiner was?
Sarah (klärt ihn mit großer Freude auf): Ich komm doch in die Schule, du Dummie.
Marc (fährt sofort wieder hoch): Hey, hey, nicht frech werden, Fräulein! Bist du nicht noch etwas zu klein für so was Langweiliges wie Schule?
Sarah (Miss Trotzkopf meldet sich sofort zurück): Selber frech! Und ich bin nicht klein. Ich bin viel größer als Finn-Kevin. Und wieso langweilig? Ich freue mich voll.
Marc (kann sich kaum noch beherrschen u. zwinkert ihr schmunzelnd zu): Na dann, ist es vielleicht doch das Richtige für dich. Wird Zeit, dass du ein bisschen beschäftigt wirst. Dann störst du hier nämlich nicht mehr so oft.
Sarah (guckt ihn mit großen Kulleraugen an): Kommst du?
Marc: Wohin?
Sarah (wippt aufgeregt mit dem Stuhl u. lässt ihr Gegenüber nicht mehr aus den Augen): Na, zu meinem ersten Schultag, Onkel Marc.
Marc (Begeisterung sieht anders aus, so wie er die Mundwinkel verzieht): In die Schule? Den Ort hatte ich eigentlich nicht vor, je wieder zu betreten.
Sarah (ist in ihrer Begeisterung kaum noch zu bremsen): Nein, doch nicht mit in die Schule. Da gehe ich mit Mami, Papi und meinen Schwestern hin und mit Omi und Opi und meiner Tante. Ich weiß zwar noch nicht genau, was wir dort wollen, aber danach, da feiern wir zuhause im Garten. Du musst unbedingt kommen. Gretchen kannst du auch mitbringen. Und die Zwillinge, falls sie dann schon da sind. Aber am wichtigsten ist die Zuckertüte.

Okay? Ich wusste, es wird schlimm, aber muss es so schlimm sein?

Marc (kann ihrem kindlichen Enthusiasmus kaum folgen): Die Zuckertüte? Warum noch mal ist das jetzt mein Problem?
Sarah (nachdem sie ihre Sachen wieder in ihre Umhängetasche gepackt hat, fläzt sie sich gemütlich in den großen Patientensessel, sodass sie fast darin verschwindet, u. gerät ins Schwärmen): Ja, du musst unbedingt eine mitbringen, Onkel Marc. Die größte, die es gibt. Sie muss bunt sein. Am besten mit Tieren. Es müssen ganz viele Süßigkeiten hineinpassen. Deshalb muss sie unbedingt groß sein.
Marc (beobachtet das hibbelige Mädchen schmunzelnd): Das sagtest du bereits.
Sarah (beugt sich aufgeregt wieder vor, um ihn zu überzeugen): Weißt du, Onkel Marc, ich will unbedingt den Finn-Kevin übertrumpfen. Er ist immer so gemein zu mir. Und er hat gesagt, er hat ganz viele Tanten und Onkels, die alle eine Zuckertüte für ihn mitbringen werden. Aber ich werde die meisten Zuckertüten bekommen. Das ist sicher. Gretchen kann auch noch eine mitbringen. Dann wird er erst staunen. Ich glaube ihm nämlich kein Wort. Der will doch nur angeben.
Marc (versucht angestrengt, sich das Lachen zu verkneifen): Selbstverständlich.
Sarah (freut sich wie ein Honigkuchenpferd): Also kommst du? Du kommst! Juhu! Das wird voll cool, Onkel Marc. Das muss ich gleich der Mami erzählen. Sie hat nämlich Sorge, dass wir das bis nächste Woche nicht hinbekommen. Aber der Papi macht das schon.
Marc (fühlt sich tierisch überrumpelt, findet aber kein Gehör mehr): Wie, nächste Woche schon? Du, das wird schwierig, weil... Huch!

Sarah klatschte begeistert in ihre Hände und sprang vor lauter Vorfreude aus dem Sessel hoch, um flink um den Schreibtisch herumzutanzen, um ihren großen besten Freund überglücklich zu drücken, der dabei gar nicht wusste, wie ihm geschah. Aber ehe Marc reagieren konnte, hatte Sarah auch schon wieder losgelassen und war ohne Antwort zur Tür geeilt, hatte diese aufgerissen und war hinausgestürmt. Direkt in die großen starken Arme von Dr. Kaan, der gerade vorgehabt hatte, an Marcs Bürotür zu klopfen, und dem Wirbelwind gerade noch so aus dem Weg hatte springen können, der ihn mit seiner ganzen herzlichen Art auch gleich verzauberte.

Mehdi: Nanu? Fräulein Sarah?
Sarah: Hallo, Lillys Papa! Tschüss, Lillys Papa!

Doch bevor er darauf reagieren konnte, war ihm die süße Maus auch schon wieder entwischt. Mehdi blickte dem fröhlichen Mädchen verwundert hinterher, wie sie den Flur entlang hüpfte, dem Essenswagen gerade noch so auswich, welcher gerade, von einem sichtlich unmotivierten Pfleger Jochen geschoben, um die Ecke gebogen kam, und ganz am Ende schwuppdiwupp in einem der Zimmer verschwand. Daraufhin sah er zu seinem leicht zerstreut wirkenden Freund am Schreibtisch rüber und schloss nach kurzem Zögern die Tür hinter sich.

Mehdi: Äh... Was genau war das?
Marc (zuckt unschlüssig mit seinen Schultern, legt die Einladung zur Seite u. beginnt, seine durcheinander geratenen Unterlagen zu sortieren): Du, wenn ich das wüsste. Ich hab keine Ahnung, was in Sechsjährigen so vor sich geht. Ist ein Mysterium.
Mehdi (kommt grinsend auf ihn zu, hebt die heruntergefallenen Zettel auf u. reicht sie seinem Freund, der sie genervt zurück in die entsprechende Akte sortiert): Tja, dann hast du Glück, dass du noch sechs Jahre Zeit hast, das herauszufinden, mein Freund.
Marc (guckt seinen Freund an, der sich pappfrech auf den Patientenstuhl gesetzt hat, der eben noch von der Sechsjährigen okkupiert worden ist, als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun): Haha! Hast du dich schon wieder an einem Clown überfressen? Mann, das macht dich auch nicht lustiger. Verrate mir mal lieber, wie ich aus der Nummer wieder herauskomme!
Mehdi (beobachtet ihn verwundert, wie er schwerfällig zurück in seinen Chefsessel fällt): Welche Nummer?
Marc (schmeißt ihm seufzend die selbst gebastelte Einladung über den Tisch): Die hier!
Mehdi (guckt schmunzelnd auf das Kunstwerk, das ihm nicht unbekannt ist): Sie hat dich also auch gefragt? Alles andere hätte mich auch verwundert.
Marc (horcht auf u. zieht ihm eilig den Zettel wieder weg, um ihn noch mal genauer zu studieren): Auch?

Scheiße! Das ist ja wirklich das Wochenende, an dem Haasenzahn und ich... Ich kann da definitiv nicht hin. Ey, dieser Samstag ist unser Dings... hier ähm... Jahrestag. Was denkt die Kleine sich eigentlich? Und was denken sich eigentlich ihre vermaledeiten Erzeuger? Das ist verdammt noch mal ihr Problem, ey. Zuckertüten im Übermaß. Tzz... Die sollten mal lieber an ein paar Zahnärzte denken, die die Party beehren sollten, um Schlimmeres zu verhindern.

Mehdi (grinst über das ganze Gesicht): Maria bekommt direkt ein neues Magengeschwür, wenn sie erfährt, dass Sarah das halbe Krankenhaus zu ihrer Einschulung eingeladen hat, wenn nicht sogar das ganze. Sie stromert hier nämlich schon eine Weile durch sämtliche Gänge und verzaubert die Kollegen.
Marc (horcht irritiert auf): Was? Und ich bin wohl der Letzte, der das mitbekommt, oder was?
Mehdi (kann es nicht lassen, ihn ein bisschen zu triezen): Eifersüchtig? Naja, du warst nicht da, als sie dich als Ehrengast gesucht hat. Du hast heute schließlich die Charité beehrt. By the way, wie war eigentlich...
Marc (funkelt ihn böse an): Ach, halt die Fresse, Kaan! Darum geht’s doch gar nicht. Nenn mir lieber deine Ausrede!
Mehdi (blickt ihm verwundert in die wild funkelnden Augen): Ausrede? Wieso Ausrede? Ich habe an dem Wochenende Bereitschaft. Aber Anna geht mit Lilly hin. Sie freut sich schon so. Sie will für Sarah Gitarre spielen. Die Schulanfängerin hat sich das nämlich extra von ihr gewünscht. Süß, nicht?
Marc (rollt wenig begeistert mit den Augen): Ist das nicht eher ein ausgelatschter Schuh? Bereitschaft. Ey, ich kann doch nicht mit derselben Nummer kommen. Weißt du, wie nervig die kleine Kröte werden kann, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Da ist sie schlimmer als ihre karrieregeile Mutter.
Mehdi: Wieso Nummer? Hauptsache, du hast eine große Zuckertüte dabei und Gretchen. Und nur, um das noch einmal richtig zu stellen. Ich habe wirklich Bereitschaft. Momentan ist hier auf Station nämlich die Hölle los. Du müsstest, glaube ich, wissen, wieso. Die Berliner waren während der Weihnachtsferien sehr produktiv. Wenn das so weitergeht, toppen wir sogar noch vor dem Jahresende den Geburtenrekord von vergangenem Jahr. Und nächste Woche ist das letzte Wochenende vor der Geburt, an dem ich einspringen muss. Danach bin ich dann ganz für meine Gabi da.

Schleimer! Für die hohle Nuss macht er echt alles. Aber wenn ich einmal ankomme und ein Alibi brauche, dann ziert er sich wie ein Mädchen. Das nervt, echt! Wenn das so weitergeht, suche ich mir bald einen neuen Freund. Einen, auf den wenigstens Verlass ist. Der mit einem golfen geht, ohne einzutüten und sich dann zu feiern, als hätte er den Medizinnobelpreis gewonnen, den er übrigens niemals erringen wird. Nicht mit seinem Jobprofil. Gynäkologe! Pff! Das sind keine richtigen Ärzte.

Marc (stöhnt frustriert auf, dann fällt ihm jedoch noch was ein, das ihn erst recht sauer aufstoßen lässt): Na, du bist mir vielleicht eine Hilfe, ey. Apropos, hatten wir nicht was anderes ausgemacht? Wir haben noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen, du Verräter.
Mehdi (lehnt sich gespielt unwissend in seinem Sessel zurück): Ich weiß nicht, was du meinst.
Marc (funkelt ihn mit Ameisenblick an): Du solltest auf sie aufpassen.
Mehdi (bleibt cool u. entspannt): Das beinhaltet nicht, sie hier gegen ihren Willen festzuhalten, Marc.
Marc (ist merklich enttäuscht): So viel dazu, du wüsstest nicht, worum es geht. Lässt dich von ihr wieder um den kleinen Finger wickeln. Ein toller Freund bist du und ein noch schlimmerer Gynäkologe, echt ey.
Mehdi (versucht, wieder etwas mehr Ernsthaftigkeit in das Gespräch zu bringen): Marc, deswegen bin ich doch jetzt hier.
Marc (sichtlich angefressen): Das hättest du dir auch vorhin überlegen können, du Arsch. Das hätte mir nämlich den Anblick erspart, Stier im Bett meiner Freundin zu erwischen.
Mehdi (lacht): Ach? Interessant?
Marc (verzieht angewidert das Gesicht, als ihm das Stiersche Liebesgesäusel wieder in den Sinn kommt, mit dem die Hassmann bezirzt wurde, als er vorhin Gretchen in ihrem Zimmer besuchen wollte): Du willst nicht wissen, was danach noch los war. Die beiden hättest du nach Hause schicken sollen und nicht Haasenzahn.
Mehdi (guckt ihm eindringlich in die Augen): Ohne die Kleine geht Maria nirgendwohin und Sophie ist noch nicht so weit.
Marc (lässt sich auch dadurch in seinem Ärger nicht umstimmen): Das ist natürlich scheiße, aber was geht mich das an? Mann, jetzt hockt sie wieder alleine zu Hause und wer weiß, was da noch passieren kann. Ich will, dass immer jemand bei ihr ist. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Das hast du gestern selber noch gesagt.
Mehdi (lächelt zufrieden, ohne einen Hauch von Ironie): Es ist echt hinreißend, wie du dich sorgst, aber dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Erstens, ist Gretchen nicht alleine und zweitens,...
Marc (ahnt Fürchterliches): Oh, bitte, sag nicht, dass ich, wenn ich nachher nach Hause komme, zuerst über meine Schwiegermutter stolpere, die die ganze Wohnung geputzt und wieder einen Berg Blumen angeschleppt hat. Dann lege ich hier lieber doch noch eine Nachtschicht ein.

Kann es noch schlimmer kommen? Eine Invasion der Außerirdischen fehlt, glaube ich, noch.

Mehdi (bleibt der Ruhepol, der Marc jetzt gut tut): Es ist alles in Ordnung, Marc. Wir haben sämtliche Untersuchungen gemacht, die laut Termin eigentlich erst am Donnerstag angestanden hätten. Selbst unsere Hebamme hat mit ihr gesprochen. Die Zwillinge liegen gut. Tief, aber noch nicht so, dass du dir jetzt noch schnell einen Besucherausweis für den Kreißsaal ausdrucken musst. Die Säle sind eh gerade alle belegt.
Marc (immer noch nicht beruhigt, was er mit einer spitzen Bemerkung kompensiert): Und was machst du dann noch hier?
Mehdi (weiß ganz genau, wie es gemeint ist): Ich dachte, ich schaue zwischendurch mal eben schnell bei meinem guten Kumpel vorbei und stelle sicher, dass es ihm gut geht und er mit gutem Gewissen nach Hause gehen kann. Ohne dass er dann einer gewissen Dame auf der Türschwelle eine Szene macht. Sie liebt zwar das Theater, aber sie hatte heute schon genug vom Bühnenauftritt ihres Vaters, der schließlich auch ein Einsehen hatte, professionell geblieben ist und sie selbst nach Hause gefahren hat. Ohne zu murren, was nicht heißt, dass er mich jetzt mehr schätzen würde als vorher. Ich weiß auch nicht, was er gegen mich hat.
Marc (gibt sich betont unbeeindruckt, aber innerlich fällt ihm dann doch ein kleiner Kieselstein vom Herzen): Gut. Dann... Wenn du die Tür dann bitte auch wieder von außen zumachen würdest. Ich will den OP-Bericht heute noch fertig bekommen. Nicht dass die da drüben denken, uns würde die nötige Organisation fehlen. Er bleibt zwar bis auf weiteres da, aber er ist immer noch mein Patient.
Mehdi (horcht interessiert auf u. schielt seitlich in Richtung des Computermonitors): Und, wie ist es gelaufen?
Marc (reagiert direkt wieder gereizt): Sehe ich aus wie ein PJler?
Mehdi (kann ebenso kleinlaut sein): PJler werden in der Regel nicht mit so großen Eingriffen konfrontiert.

Klugscheißer! Die lauern heute überall. Muss irgendwo ein Nest sein. Echt nervig so was.

Marc (lehnt sich ganz langsam in seinen Chefsessel zurück, verschränkt seine Arme u. guckt dem Halbperser schließlich direkt in das nervige Schmunzelgesicht): Na, sieh mal einer an, dann hat deine chirurgische Ausbildung im dritten Semester ja doch was gebracht, hm.
Mehdi (grinst): Dir sicherlich mehr als mir.
Marc (nickt u. wirkt plötzlich wieder todernst): Touché! Aber mal im Ernst, es war scheißeknapp, Mehdi. Für einen Moment sah es so aus, als würde einer der eingesetzten Lungenflügel nicht arbeiten wollen. Der Zweite wäre fast auch noch zusammengeklappt. Ich hab es noch nie so totenstill in einem OP erlebt und wir waren da fast zwölf Leute. Alle haben gleichzeitig die Luft angehalten. Der Sauerstoffvorrat war also dementsprechend groß. Und dann heben sich plötzlich die beiden Flügel auf so erhabene Art und Weise, werden rosig und zwei OP-Schwestern fangen synchron an zu heulen. Du weißt ja, dass ich so was im OP überhaupt nicht abkann. Leider hatte ich kein Hausrecht, aber egal. Der Rest war dann ein Klacks. Mann, ich hatte ein Herz in der Hand, als es anfängt zu schlagen. Das ist das geilste Gefühl, das ich je erlebt habe.
Mehdi (ist megastolz auf seinen besten Freund u. zeigt das auch mit offenem Herzen): Kann ich mir vorstellen. Mir geht’s so, wenn ich im Kreißsaal die ersten Schreie eines Kindes höre, das gerade geboren wurde. Genau dafür sind wir doch Ärzte geworden.
Marc (grinst spöttisch zu ihm rüber u. konzentriert sich anschließend wieder auf die Akte seines Patienten): War ja klar, dass du da auch heulst.
Mehdi (spielt den Spielball gekonnt zurück): Ach, du hast geheult?
Marc (blitzt den Spaßvogel unmissverständlich an u. deutet demonstrativ zur Tür): Boah, Alter, sieh zu, dass du endlich Land gewinnst, sonst sorge ich auf andere Weise dafür, dass dir die Tränen aus den Augen schießen.

So eine Nervensäge, echt!

Mehdi (springt schmunzelnd auf, bleibt aber noch vor dem Schreibtisch stehen): Bin schon weg. Nur eine Frage noch. Wegen morgen?
Marc (wiegelt sofort ab): Lass es einfach! Es ist nichts geplant. Ein Massenbesäufnis wie letztes Jahr fällt aus entsprechendem Anlass aus.
Mehdi (grinst wissend): Weil du nicht mehr in Selbstmitleid badest, weil Gretchen weg war?
Marc (funkelt ihn drohend an): Ey, Vorsicht, Freundchen, ganz dünnes Eis, ja! Wer da wegen was auch immer und zu viel Alkohol baden gegangen ist, das warst ja eindeutig du, weil du anstatt zu unserer Haustür in die andere Richtung getorkelt bist und kopfüber direkt in der Spree gelandet bist.
Mehdi (ihn schüttelt es direkt wieder, wenn er an Marcs Geburtstag vor einem Jahr zurückdenkt): Du auch.
Marc (stöhnt genervt auf): Ja, weil ich dir nach bin. Wegen, du weißt schon was.
Mehdi (grient ihn an): Weil du mich magst?
Marc (lässt das natürlich nicht auf sich sitzen): Nee, Seenotrettungsgesetz. Ich bin ausgebildet. Das war quasi ein Reflex.
Mehdi (kann es nicht lassen, ihn ein bisschen zu triezen): So wie der, der dich letztlich zu Gretchen an die Ostsee geführt hat? Wenn man es so betrachtet, war das vergangene Jahr ein verdammt gutes für dich.
Marc (lässt seine Augen zu kleinen Schlitzen formen): Ach, halt die Klappe, Kaan! Du warst heute schon wieder viel zu lange unter Deinesgleichen. Du redest nur noch rührseliges Zeugs. Mach, dass du hier rauskommst!
Mehdi (klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter): Das macht man gewöhnlich, wenn der beste Freund Geburtstag hat.
Marc: Hat er nicht.
Mehdi (blickt ihm vielsagend in die Augen): Noch nicht.
Marc (bekommt plötzlich eine seltsame Vorahnung, die ihn innehalten lässt): Ihr plant doch nicht irgendwas, oder? Hast du sie deshalb schon heim geschickt? Ey, bitte, nicht! Ich warne euch. Nicht dieses Jahr! Dafür hab ich echt keinen Nerv.
Mehdi (gibt sich betont geheimnisvoll u. dreht sich schließlich von ihm weg, um zu gehen): Ich weiß nicht, was du meinst. Ich muss jetzt auch los. Diversen Frauen unter die Röcke gucken, und so.
Marc: Lügner!

...antwortete Marc gewohnt charmant zurück und beobachtete Mehdi argwöhnisch dabei, wie er bedächtig zur Tür schlurfte. Da war definitiv was im Busch, das verriet ihm sein juckender linker Nasenflügel. Doch noch bevor Marcs Kumpel die Klinge herunterdrücken konnte, klingelte plötzlich dessen Handy. Mehdi schaute verwundert auf, griff in seine Kitteltasche, um sein Mobiltelefon herauszuholen, und nickte Marc dabei kurz zum Abschied zu, der direkt die Augen verdrehte, als das nervige Telefongesäusel auch schon anfing. Wieso tat man ihm das eigentlich heute an? Was hatte er denn verbrochen, fragte sich der verzweifelte Chirurg und versuchte angestrengt, seine Lauschorgane mittels Telepathie auf Durchzug zu stellen. Leider vergeblich. Das dämlich verklärte Grinsen war schließlich nicht zu übersehen und blockierte den Ausgang seines Büros.

Mehdi: Na, meine Schöne, wie war’s mit deinen Mädels? ... Schön! Das dachte ich mir. ... So wie es klingt, seid ihr auch noch voll dabei, hm? Dann wünsche ich euch natürlich noch ganz viel Spaß, aber übertreibt es nicht. ... Ja, du fehlst mir auch, Maus. Am liebsten würde ich sofort...
Marc (ihm platzt gleich die Hutschnur vor lauter Schmalz, der ihm schmerzhaft aus den Ohren quillt): SOFORT ist das Stichwort. RAUS, aber ZZ! Ziemlich zügig und in Lichtgeschwindigkeit, du Schaumstoffschläger!
Mehdi (denkt nicht im Traum daran u. bewegt sich lediglich in Zeitlupe rückwärts aus Marcs Büro u. hält weiterhin Augenkontakt, was Marc zusätzlich provoziert): Nö. Nichts. Ich bin hier nur gerade bei Marc und er ist mal wieder Prince Charming persönlich. ... Ja, ich weiß. ... Zwei und drei in Wartestellung. ... Vermutlich nicht vor Mitternacht. ... Ja! ... Hm? ... Ein bisschen. ... Du wieder. ... Mhm... Okay, jetzt wird’s schwer, mich für den Rest des Tages zusammenzureißen. ... Hey! Hör auf damit! Wie soll ich mich denn jetzt noch auf meine Arbeit konzentrieren können? Du... Ja, ich dich auch.

Nicht nur Marcs Halsschlagader wuchs mit jeder weiteren dahin gesäuselten Kaanschen Silbe zu gewaltiger Größe an, auch seine dunkelgrünen Augen wurden immer größer und größer und nahmen den berühmt berüchtigten, gefährlich funkelnden Ameisenblick an, der eigentlich jeden sofort immer in die Flucht schlug. Eigentlich. Wann war es passiert, dass der Knallkopf dagegen vollkommen immun geworden war? Eindringlich bat der sichtlich genervte Oberarzt, der sich schwerfällig aus seinem Sessel erhoben hatte und sich nun mit beiden Armen muskelspielend auf seinem Schreibtisch abstützte, den Grinsekönig, endlich sein Revier zu verlassen, um anderswo rosa parfümierte Duftmarken zu hinterlassen. Das war schließlich immer noch eine chirurgische Praxis und keine Douglas-Filiale. Doch der verknallte Dorfdepp ignorierte ihn komplett. Er blockierte mit seinem fetten Arsch immer noch die Tür. Wild zu gestikulieren, half dagegen auch nicht an. Denn Mehdi schmunzelte nur unbeeindruckt, lauschte weiter verliebt Gabis Stimme und hob dann aber doch irgendwann die Hand zu einem letzten Gruß und schloss schließlich die Tür.

Als er wieder alleine in seinen vier Wänden war, atmete Marc erleichtert aus. Er schüttelte sich kurz, um den peinlichen Liebessingsang wieder loszuwerden und das schreckliche Kopfkino abzustellen, und drehte sich anschließend wieder zu seinem Arbeitscomputer um, auf dem immer noch der OP-Bericht auf ihn lauerte. Er war mittlerweile noch weniger motiviert als vor dem Auftauchen der beiden Störenfriede, die ihn ungefragt während der vergangenen Minuten belästigt hatten. Nachdem er einmal kurz, aber lautstark gegähnt und sich in seinem Chefsessel gestreckt hatte, riskierte er einen Blick auf sein Handy, das verlockend unter seinen Unterlagen hervorblitzte. Prompt musste er lächeln. Denn auf dem Display war seine Süße abgebildet. Ganz unschuldig und entspannt lag sie mit ihrer zuckersüßen Babymurmel, die deutlich unter dem hübschen Sommerkleid hervorguckte und die Sonne anlachte, in dem Strandkorb am Ostseestrand und guckte verführerisch in die Kamera. Sie schaffte es auch jedes Mal aufs Neue, ihn mit ihrer ganzen hinreißenden Art umzuhauen. Er konnte nicht anders und klickte das Bild an. Und da war sie wieder. Die Nachricht, die ihn nach der stundenlangen OP auf dem Heimweg von der Charité als erstes begrüßt hatte:

„Ich wusste, dass alles gut gehen würde. Du bist schließlich unser Held und wir sind sehr, sehr stolz auf dich, mein Schatz. Wir warten auf dich. Zuhause. Bitte nicht böse sein! Hier fühle ich mich einfach am wohlsten. Gretchen + die Wundersterne, die immer noch gut behütet und sicher genau dort sind, wo sie hingehören.“

Das war schließlich genau die Motivation, die Dr. Meier noch gebraucht hatte, um seinen anstrengenden Arbeitstag noch möglichst zeitnah zu Ende zu bringen. Er machte sich nach einem tiefen Seufzer auch prompt ans Werk und man hörte durch die geschlossene Bürotür nur noch das flinke Tippen auf einer Tastatur, was bedeutete, dass man den Chirurgen jetzt besser nicht mehr stören sollte, wenn man nicht zu irgendwelchen Strafarbeiten verdonnert werden wollte. Lediglich eine einzige Person hatte sich nicht an dieses ungeschriebene Gesetz gehalten und war kurz nach Dr. Kaan aufgeregt in Marcs Büro gestürzt und war ohne Umschweife nach einem fetten Fußtritt wieder hinauskompromittiert worden. Was ging ihn auch an, dass Stier vollkommen unfähig war, auf seine Kinder aufzupassen.

Kurz vor Mitternacht hatte Marc es dann endlich geschafft. Er stand todmüde, aber trotzdem zufrieden vor seiner Wohnungstür. Er hatte auf Station mehr abgearbeitet, als er eigentlich vorgehabt hatte. Aber besser einige Dinge waren bereits erledigt, bevor die Zwerge ihren Mietvertrag bei ihrer Mama aufkündigten, als dass er irgendwann keine Zeit mehr dafür haben würde und alles bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag liegen bleiben würde. Er wollte gerade den Schlüssel ins Schloss stecken, da wurde ihm dies abgenommen. Denn unvermittelt wurde die Tür aufgerissen. Erschrocken wich der bedröppelte Chirurg einen Schritt zurück. Denn er wurde nicht jeden Abend von diesem Gesicht begrüßt, das ihn im EKH sonst immer sofort in die Flucht schlug, das ihn nun aber fröhlich anstrahlte und irritierenderweise in seine eigene Wohnung hereinbat...

Sabine: Herr Doktor, da sind Sie ja endlich!
Marc: Äh... jaaa? Das... ist immer noch meine Wohnung. Ist sie doch, oder?
Sabine: Aber selbstverständlich, Herr Doktor. Kommen Sie doch rein!

...flötete Sabine in ihrer ganz eigenen verschrobenen Art und schritt fröhlich voran ins Wohnzimmer, wo sie ihren Pflegesohn von der Sofacouch hob und das glucksende Kind anschließend an ihre Brust drückte. Marc war völlig überfordert von dem Anblick und das nicht nur, weil es für ihn ungewohnt war, die schrullige Stationsschwester als Mutter zu erleben. Daran würde er sich vermutlich niemals gewöhnen. Das wäre ja wie, wenn plötzlich ein Ostclub die Champions League aufmischen würde. Ein Ding der Unmöglichkeit. Und zu viel für ein Chirurgenhirn im Ruhemodus. Dr. Meier schob seinen Arztkoffer unter die Garderobe und ließ die Straßenschuhe und seine Jacke einfach an, als er der flinken Krankenschwester, die sich viel zu selbstsicher in seiner Wohnung bewegte, in die Küche nachging. Fragend deutete er auf das Kind, das ihn mit großen Augen anschaute und dann hinreißend anlachte.

Marc: Was macht ER hier? Haben Sie mal auf die Uhr geschaut, Schwester Sabine? Das ist keine Zeit für kleine Hosenpuper.
Sabine (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern u. legt den zappeligen Kleinen, der sich sichtlich über Marcs Anwesenheit freut, in den Maxi-Cosi auf der Anrichte u. schnallt ihn an): Oh, kein Problem, Herr Doktor. Das ist genau seine Zeit. Kurz vor Mitternacht ist mein Anton immer ganz besonders aktiv und möchte immer noch einen kleinen Happen essen und damit er dann schnell einschläft, drehen wir danach immer noch eine kleine Runde um den Block.
Marc (staunt Bauklötzchen, die er nicht zusammenzustapeln vermag): Nicht Ihr ernst?

Oh Gott! Die tanzen nachts wirklich im Mondschein auf ner Lichtung. Die haben sich echt gefunden. Bin mal gespannt, wann der Kleine den Finger hebt, um nach Hause zu telefonieren.

Sabine (kichert mädchenhaft): Aber nicht heute. Heute reicht uns die Fahrt im Auto. Nicht Anton? Das liebt er. Da schläft er immer gleich ein. Das ist übrigens ein wunderbarer Tipp, den Sie auch für Ihre...
Marc (hat genug gehört u. will die Nervensäge unbedingt aus der Wohnung haben): Ja, ja, erzählen Sie das jemandem, der das hören will. Raus, aber zz, ziemlich zügig! Er will schlafen und ich verdammt noch mal auch.
Sabine (guckt verlegen auf ihre Füße, wankt einen Moment unschlüssig darauf hin u. her u. schnappt sich schließlich den Maxi-Cosi u. ihre Taschen u. geht zur Tür): Oh, selbstverständlich, Herr Doktor. Wir sind schon weg. Wir haben nur solange gewartet, bis Sie nach Hause kommen. Wir wollten die Frau Doktor nicht alleine lassen. Sie schläft schon. War ein langer Tag.
Marc (blickt irritiert auf Sabines unzählige Taschen, die sie anscheinend vor ihm zu verstecken versucht, schaut dann aber die Wendeltreppe hoch u. ist abgelenkt, denn er kann es kaum noch erwarten, die Stufen zu erklimmen): Jep! Ich weiß. Und tschüss, Schwester Sabine!

Noch bevor die aufmerksame Stationsschwester in Pflegelternzeit anmerken konnte, welche Stunde es bereits geschlagen hatte, hatte Dr. Meier Anton und sie zur Tür hinauskompromittiert und hatte selbige direkt wieder zugemacht und sicherheitshalber auch gleich zweimal abgeschlossen und hatte den Schlüssel extra stecken gelassen. Nur zur Sicherheit! Denn die schräge Schwester tauchte viel zu oft ungefragt überall und nirgends auf, wenn man sie am wenigsten erwartete. Erleichtert atmete er nun aus. Ohne sich noch einmal umzuschauen, löschte er das Licht im Wohnbereich und schlich dann flink nach oben ins Schlafzimmer, aus dem er bereits die typischen Häschengeräusche von der Treppe aus hören konnte. Denn seitdem Gretchen schwanger war, hatte sie sich ein entzückendes Schnarchen angeeignet, was zwar ein bisschen nervig war, aber nicht so laut, dass man davon Einschlafprobleme bekam. Im Gegenteil. Es gab nichts, was den werdenden Papa mehr entspannte, wenn er um seinen verdienten Schönheitsschlaf rang. Auf leisen Sohlen schlich Marc schmunzelnd an dem King-Size-Bett vorbei, zog seine Schuhe aus, schmiss seine Sachen wie immer unachtsam vor dem Kleiderschrank auf einen Haufen und schlüpfte dann rasch unter die sonnengelbe Bettdecke, die bereits wohlig vorgewärmt war. Vorsichtig robbte er sich an sein Mädchen heran und Marc dachte auch, dass er leise genug gewesen wäre, aber da hatte er sich getäuscht, denn Dornröschen murmelte bereits verschlafen den Namen ihres Prinzen...

Gretchen: Marc? Bist du endlich da?
Was für eine Frage? Das kann auch nur von ihr kommen, wenn ich direkt neben ihr liege.
Marc (schmiegt sich schmunzelnd an ihren Rücken u. schlingt seinen Arm um ihre Taille, um ihren voluminösen Bauch zu erreichen, um ihn nun liebevoll streicheln zu können): Mhm!
Gretchen (murmelt im Halbschlaf u. legt instinktiv ihre Hand auf seine): Schön... Schön... Ich hab dich vermisst.
Marc (flüstert in ihr süßes, kleines Ohr, bevor er einmal kurz an ihrem Ohrläppchen zieht u. ihr dann einen kleinen Gute-Nacht-Kuss in den Nacken setzt): Und ich dich erst. Vor allem als ich bei der Hassmann aufgeschlagen bin und du nicht mehr da warst.
Es ist echt nicht auszuhalten ohne sie.
Gretchen (greift besitzergreifend nach seinem Arm u. zieht ihn soweit hoch, dass sie ihn als zusätzliche Kopfstütze benutzen kann): Bist du mir sehr böse? Ich wollte doch nur niemandem das Bett wegnehmen. Mehdi hat so viele Schwangere auf seiner Station.
Marc (dreht sich so, dass sein Arm nicht mehr allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird): Das ist mein Haasenzahn. Immer zuerst an alle anderen denken. Dann kommen die Zwerge, dann die Schokolade, Kakao und Nutella und dann irgendwann ganz weit hinten der Trottel, der jetzt im Bett neben dir liegt und seine Hand nicht mehr spürt.
Gretchen (lässt prompt seine Hand los u. schmiegt sich schwärmerisch in ihr Kopfkissen): Nein, du bist kein Trottel. Du bist mein Held.
Solange ich keine weiße Rüstung und Strumpfhosen tragen muss. Von einem stinkenden Gaul, auf den sie mich setzen will, ganz zu schweigen.
Marc (schmiegt sich verliebt an ihren geschmeidigen Körper): Mhm... mehr!
Gretchen (stupst ihn leicht an u. kichert): Wie war die OP? Wie geht es ihm?
Marc (seufzt, weil es viel zu schnell wieder ernst geworden ist u. er eigentlich nur schlafen will): Mega. Den Umständen entsprechend. Aber wir müssen die Nacht abwarten. Dad bleibt i. B.
Gretchen (nickt leicht mit dem Kopf u. wirkt schon wieder ganz weit weg): Hm!
Marc (flüstert ihr sanft zu): Wir reden morgen, ja? Jetzt schlaf! Ihr müsst schlafen.
Gretchen (ist schon fast wieder eingeschlafen, als ihr leise noch etwas einfällt): Okay! ... Ist schon dein Geburtstag, Marc?
Marc (ist zu müde, um das auf seiner Armbanduhr zu checken): Möglich. Aber egal, nicht so wichtig.
Gretchen (nuschelt im halbschläfrigen Singsang in ihr Kissen): Doch. Wichtig. Singen. Happy... happ... Bi...
Marc: Hm?

Marc knipste dann doch noch einmal kurz eines seiner dunkelgrünen Augen auf und guckte verwundert auf die atemberaubende Frau in seinen Armen, die mitten in dem vertrauten Lied plötzlich verstummt war und nun wieder leise vor sich hin grunzte. Ein kleines Beben durchzuckte ihn, denn sein Zwerchfell hatte sich selbständig gemacht, aber er konnte sich gerade noch so weit zusammenreißen, dass er seine Herzdame dadurch nicht wieder weckte. Er schüttelte amüsiert den Kopf, bettete sein Haupt wieder neben dem blonden Wuschelkopf und folgte Dornröschen Haase ziemlich schnell auch ins kunterbunte Traumparadies, das sie gerade hollywoodgleich durchtanzte und mit schrägen Gesangseinlagen beinahe zum Einstürzen brachte. Gott, mit der Frau erlebte man wirklich was. Da musste man sowohl im Traum, als auch im Wachzustand mit allem rechnen. Wie Recht er damit hatte, sollte Marc dann am nächsten Morgen noch erfahren.

Lorelei Offline

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06.05.2017 16:50
#1595 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

https://www.youtube.com/watch?v=bNym5jZf7V8


Da war es wieder. Dieses nervige Kitzeln auf seiner Nasenspitze. Diese Vehemenz, gegen die jedwedes Kräuseln und Hin- und Herbewegen keine erlösende Abhilfe verschaffte. Im Gegenteil. Sie machte nur noch munterer. Obwohl man angestrengt dagegen ankämpfte und eigentlich noch genügend Zeit gehabt hätte, da der Wecker auf dem Nachttisch noch nicht lärmend zur Tagesordnung gerufen hatte, um sich wohlig im Bett auf die andere Seite zu wälzen. Aber man machte es nicht. Schon allein aus Prinzip nicht. Und so musste es selbst der stärkste Charakter aushalten, von der lästigen Gute-Laune-Morgensonne dauergeküsst zu werden. Ein Glück, dass die Tage langsam wieder kürzer wurden und man von diesen nervigen Sonnengrüßen zu dieser unchristlichen Stunde bald für ein halbes Jahr verschont bleiben würde. Es hatte also doch seine Vorteile, neben diversen anderen, dass man sich sein Heim im siebten Himmel gesucht hatte. Nur leider konnte man an den dreihundertfünfundsechzig Tagen auch hier oben im Paradies den anderen Sonnenstrahlen kaum entkommen, die von einem ganz besonderen leuchtendblauen Augenpaar direkt auf ihn gerichtet waren. Und zwar so intensiv und penetrant, dass an Weiterschlafen absolut nicht mehr zu denken war. Denn sie waren stärker und mächtiger als die durch die breiten Oberlichter hereinspickende Spätsommersonne, die nun nicht mehr nur seine Nasenspitze ärgerte, sondern auch seine geschlossenen Augenlider und seine Wange zärtlich abknutschte. Sie konnten nämlich sämtliche Elemente durchdringen. Glas. Wände. Textilien. Sogar menschliche Haut. Muskeln und Venen. Denn sie bahnten sich geradewegs ihren wärmenden Weg bis hin in sein Herz, das daraufhin wie von Zauberhand laut anfing zu pochen. Zu laut, um länger im erholsamen Dämmerzustand zu verweilen. Zu warm, um länger ruhig liegen bleiben zu können. Da war definitiv Hexenwerk im Gange. Er drohte ja beinahe unterer den glühenden Blicken dieses hellen Gestirns zu verbrennen. Er musste handeln. Sofort. Ansonsten wäre er rettungslos verloren gewesen. Also machte er genau das, was er schon immer gerne machte, wenn die sich im Schmachtmodus neben ihm befindliche Dame sich gänzlich unbeobachtet fühlte. Er lauerte ihr auf. Wie ein äußerst gerissener Wolf im Märchen. Oder ein zu Streichen aufgelegter Schuljunge auf dem Spielplatz, versteckt hinter dem Klettergerüst. Er wiegte sie erst einen langen Augenblick, der ihn immer mehr das Schmunzeln auf die geschwungenen Lippen zauberte, in Sicherheit, um sie im nächsten Moment inflagranti beim Zaubern zu ertappen und anschließend erbarmungslos zuzuschlagen.

- „Haasenzahn, starrst du mich etwa schon wieder wach?“, sprach er die holde Unschuld, die alles andere als unschuldig war, frech drauf an und spürte direkt, obwohl er ihr noch immer den Rücken zugewandt hatte und in Richtung der sonnengefluteten Panoramafenster blinzelte, wie sich eine verräterische Röte auf sehr hübsche Wangenknochen schlich. Das Bett gab leicht hinter ihm nach. Das Häschen war für den Hauch einer Sekunde verräterisch zusammengezuckt. Aber als er sich dann doch mit Grinsemiene zu ihm umdrehte, um sich an seinem verdatterten Gesicht zu ergötzen, da hielt es sich versteckt und spielte das scheue Dornröschen. Und was machte man gewöhnlich mit wunderschönen Märchenprinzessinnen, die sich auf hinreißende Art und Weise schlafend stellten? Küsste man sie wach? Der kesse Prinz wäre durchaus nicht abgeneigt gewesen, als er sich vorsichtig zu ihr rüberdrehte und sich mit verlagertem Gewicht über sie beugte. Ihr süßer Erdbeermund, der leicht in die Höhe gereckt war und immer wieder verdächtig zuckte, war schließlich sehr verlockend. Aber er wäre nicht Marc Meier, wenn er es Gretchen Haase so leicht machen würde. Deshalb entschied sich der Frechdachs im letzten Moment, als sie bereits Herzklopfen auslösend seinen heißen Atem auf ihren Lippen spüren konnte und sich die kleinen Härchen auf ihren Armen aufrichteten, für ein anderes Manöver, das man durchaus als fies bezeichnen könnte, wenn man es selbst erlebt hätte. Haasenzahn zu kitzeln, war doch immer noch die bewährteste Methode, um es ihr heimzuzahlen, und ihr kreischender Aufschrei, als sie merkte, was der Schelm mit ihr vorhatte, war die schönste Musik, die man an einem noch so jungen Morgen wie diesem, der auch noch seinen 34. Geburtstag einläutete, zu hören bekommen konnte.

Gretchen: Maaarc! Menno! Lass das! Ich hab gar nichts gemacht.
Marc (grient die widerspenstige Versuchung wissend an): Hast du wohl!
Gretchen (blitzt ihm trotzig ins Gesicht, das gefährlich über ihrem schwebt u. für Verwirrung stiftet): Hab ich nicht!
Marc (kann sich das vergnügte Grinsen nicht verkneifen, als er noch eine weitere Schippe oben drauflegt, um sein Mädchen erfolgreich hochzunehmen): Haasenzahn, ich weiß auch nicht wieso, vielleicht liegt es auch an dem Tag heute, aber irgendwie hab ich mehr erwartet, als nur stundenlang stumm angeschmachtet zu werden, nachdem man ungefragt einfach vor einem weggepennt ist. Mitten im spannenden Showprogramm. Ich hatte mich schon darauf gefreut.
Gretchen (starrt ihn völlig überfordert mit großen Augen an): Showprogramm?

Gott, die Frau ist zum Niederknutschen, wenn sie so verpeilt guckt. Steht auf jeden Fall auf Platz eins meiner Geburtstags-to-do-Liste.

Marc (dass sie so sehr auf der Leitung steht, hat er dann doch nicht erwartet, aber findet es hinreißend): Jep! Aber anstatt mir einen Ohrwurm zu verpassen, der mich einen ganzen Tag im OP begleiten wird, hörte sich deine schrille Darbietung wie der heimliche Wunsch nach einem Happy Meal an. Aber wenn es das ist, was dir im Sinn ist, können wir auch gerne bei MacDoof feiern gehen. Ist mir recht. Ich bekomme irgendwie gerade tierischen Kohldampf, ich weiß auch nicht wieso.
Gretchen (der Groschen fällt endlich u. sie boxt ihm frech in den Oberkörper, der immer noch über ihrem schwebt, sich jetzt aber abrupt zurückzieht): Du bist so doof, Marc Meier. Du machst die ganze Überraschung kaputt.
Marc (stützt sich immer noch mit einem Arm neben ihr ab, mit dem anderen reibt er sich die schmerzende Stelle an seiner Brust): Mhm... Jetzt wird’s interessant.
Gretchen (funkelt ihn mit unwiderstehlicher Schmollmiene an): Wenn du denkst, dass ich jetzt noch für dich singen würde, dann hast du dich aber geschnitten, Herr Doktor.
Marc (kontert kleinlaut): Dafür bräuchte ich ein Skalpell. Ich bin Chirurg. Ich schneide, ja, aber nicht mich selbst ins eigene Fleisch. Außerdem kenne ich dein Gesangstalent. Das erklärt die ständigen Kalkablagerungen in unserer Dusche, die du mich immer zwingst, wegzuschrubben. Dein Schnarchen hat da mehr Potential, ja, das gebe ich zu. Eine richtig süße Gute-Nacht-Musik. Danke dafür. Ich hab herrlich geschlafen.
Gretchen (würde den Quatschkopf am liebsten erwürgen u. schüttelt dementsprechend genervt ihren Kopf): Du bist so ein Blödi. Ich schnarche nicht. Wenn du das noch mal behauptest, dann passiert was, aber so richtig!
Marc (grinst über das ganze Gesicht, das immer noch sehr nah über ihrem schwebt): Uuuhhh... Beleidigungen am Morgen. Das hat mir gefehlt. Aber was ist daran jetzt genau die Überraschung?

Menno! Der und seine vorlaute Klappe! GRR!!! Ich hab mir das alles ganz anders vorgestellt. Viel romantischer. Viel schöner. Er merkt, dass ich ihn anschaue, wacht davon auf, dreht sich langsam zu mir um, lächelt mich ganz verschlafen an, ich streiche mit dem Finger die zarten Linien der süßen Kissenabdrücke auf seiner Wange nach und er küsst mich als erste Reaktion, ganz sachte und zart, weil das heute sein größter Geburtstagswunsch gewesen wäre. Aber nein, stattdessen veräppelt er mich in einer Tour. Das ist ja wie immer.

Gretchen (seufzt erschöpft auf): Ach, Marc, ich hab mich so auf deinen Geburtstag gefreut. Ich hab mir das so schön vorgestellt. Das ist schließlich unser erster, den wir zusammen verbringen werden und ich nicht nur alleine in meinem Zimmer. Mit deinem unausgepackten Geschenk in der Hand, selbstgebackenen Keksen und meinen Illusionen, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich doch von dir auf deine tolle Party eingeladen worden wäre, was für ein Gesicht du machen würdest, wenn du mich siehst in meinem hübschen Kleid mit meinen zurechtgemachten Haaren, und schließlich mein Geschenk auspackst und dich ehrlich freust.
Marc (schmiegt sich von der Seite an seine zuckersüße Schmollkönigin heran u. strahlt sie an): In etwa so vielleicht?
Gretchen (beobachtet intensiv seinen Gesichtsausdruck, der pure Freude ausdrückt, aber sie dennoch nicht überzeugt, weil eine Welle der Melancholie sie erfasst hat): Das ist nicht das Gleiche, Marc. Ich hab mir das damals so gewünscht. Ich hab mich extra hübsch zurechtgemacht. Ich hab den ganzen Tag darauf gewartet, dass du noch anrufst, weil du mich doch dabei haben willst, aber jedes Jahr die gleiche Enttäuschung, während die halbe Schule mit dir mitfeiern durfte und noch Wochen danach davon geschwärmt hat. Nur ich nicht. Wieso hast du mich nie auf deine legendären Geburtstagsfeiern eingeladen?
Marc (reagiert leicht gereizt u. überfordert, weil sie plötzlich kalten Kaffee aufwärmen will): Haasenzahn, du weißt doch, wie das damals war. Oder hättest du jemanden eingeladen, der zwei Klassenstufen unter dir ist? Das wäre mein schulgesellschaftlicher Untergang gewesen.
Gretchen (immer noch beleidigt): Na toll, und was war mit meinem? Ich hätte auch gerne mitreden und mitschwärmen wollen. Stattdessen musste ich mit meinem kleinen Bruder Kaffeekränzchen spielen.
Marc (sieht sie liebevoll an u. legt seine warme Hand an ihre Wange): Aber jetzt bin ich doch da. Also, du bist da. Mein einziger Ehrengast.
Gretchen (schmiegt ihr Gesicht schmollend an seine Handinnenfläche): Das bringt mir trotzdem nicht die zwanzig verpassten Geburtstage zurück. Ich hab immer an dich gedacht. Sogar als wir uns so lange nicht gesehen haben.
Marc (seufzt, weil dann doch ein Hauch von schlechtem Gewissen an ihm nagt): Ich weiß. Aber vielleicht sind wir dann ja quitt, wenn wir die nächsten zwanzig Geburtstage zusammen überstehen, hm. Und dann noch mal zwanzig. Und noch mal zwanzig.
Gretchen (guckt ihm hoffend in die strahlendgrünen Augen, die ihr vielsagend zuzwinkern): Ehrlich?

Das wäre echt schön.

Marc (lächelt zufrieden u. gerät unweigerlich ins Plaudern): Wir können es probieren. Mit dir kann es nur gut werden. Schau mal, wie schön der Tag bereits begonnen hat, hm. Und wenn du es genau wissen willst, so toll, wie du vielleicht denkst, waren die Feten damals gar nicht. Das war Stress pur. Weißt du, es ist echt anstrengend, so cool zu sein wie ich und es allen recht machen zu müssen. Das viele Rumgeknutsche und Rumgeschleime. Die hässlichen Geschenke, die direkt in der Tonne gelandet sind, wenn keiner hingeguckt hat, weil keiner eine Ahnung hatte, was mich wirklich interessiert hat. Die Alkoholeskapaden. Die Blackouts. Die blöde Chartsmucke, damit die Mädels bei Laune gehalten werden und die Jungs sich ranmachen konnten, wenn sie genug getankt hatten. Die Peinlichkeiten, die damit zusammenhingen und über die nie wieder ein Wort gewechselt wurde. Das Verunglimpfen literarischer Expertisen, wenn entdeckt wurde, was man eigentlich versteckt geglaubt hatte und das ewige Leugnen, damit niemand mitbekam, was sie wirklich macht. Ich meine, wie hätte ich denn meinen Homies erklären sollen, dass sie freiwillig so einen Schund schreibt und das nicht für die Berliner Tagespresse, wie alle geglaubt haben. Und vor allem wenn die eigene Mutter einem dann regelmäßig einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, weil sie jedes Mal, obwohl sie es hoch und heilig versprochen hat, fernzubleiben, vor meinen Freunden einen peinlichen Auftritt hingelegt hat, den ich wieder ausbügeln musste. Mit Schweigegeld und weiß der Geier was sonst noch, was zu ständig leeren Taschen geführt hat. Weil sie jedes Jahr schrecklich sentimental geworden ist, weil sie an meinem großen Tag Dad immer schrecklich gehasst und vermisst hat. Es war lustig, vor allem für die anderen, und schrecklich zugleich. Sie hat mich vor allen Augen Olivier genannt und mir in die Haare gefasst. Hallo, geht’s noch? Die Krönung war ja immer, wenn sie dann angefangen hat zu tanzen und sich betont kumpelhaft gegeben hat, weil sie wirklich dachte, sie gehört alterstechnisch dazu. Tat sie aber nicht. Das wussten alle, nur sie hat es nicht gerafft. Tut sie ja heute immer noch nicht. Aber egal, ich hab dann jedenfalls nachher immer tagelang alleine unseren Pool reinigen müssen, weil alles, was nicht niet- und nagelfest war, da drin gelandet ist. Selbst Mutters Autogrammkarten von Roland Kaiser und Heino, die neben Zigarettenkippen das Schwimmen lernen sollten, ebenso wie ihre Romane, aus denen die Tussis aus der Zwölften vorher noch kichernd am Lagerfeuer elke-heidenreich-mäßig vorgelesen haben. Da kannte Mutter dann kein Pardon mehr. Obwohl es nach ihren eigenen so genannten Künstlerpartys auch nicht viel anders bei uns zuhause ausgesehen hat. Das war kein Zuckerschlecken. Das kann ich dir sagen. Ich hätte also, wenn ich gekonnt hätte, deine Kekse in der Ponyhofidylle deines rosaroten Zimmers vorgezogen. Apropos, wo ist denn die Portion von heute, hm? Ich hätte jetzt Bock drauf.
Gretchen (schmiegt sich nun tröstend an seine Schulter): Ach, Marc, das tut mir leid.
Marc (genießt ihre Nähe sehr): Muss es nicht. Seitdem sind mir Geburtstage nicht mehr so wichtig. Das ist einfach ein stinknormaler Tag wie jeder andere auch. Es ist ja nicht so, als ob heute das Internet erfunden worden wäre oder die Mauer gefallen wäre. Deshalb gehe ich nachher auch wieder arbeiten. Wie jedes Jahr. Also, falls du heute hier irgendwas Großes planst, Mehdi konnte sich nur schlecht verstellen und die Stasi-Sabsi war gestern auch so komisch, dann Kommando zurück. Ich will nicht...
Gretchen (fällt ihm schnell ins Wort): Marc, deinen ersten Geburtstag mit mir zusammen und noch ohne Rasselbande möchte ich wirklich nur mit dir verbringen und mit niemandem sonst.
Marc (beginnt prompt zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd): Das ist die richtige Einstellung, Haasenzahn. Vielleicht gewinne ich dem Tag ja doch noch was ab. Vor allem wenn ich endlich mein Geschenk auspacken darf. Darauf warte ich schon die ganze Zeit.

...grinste der verliebte Mann süffisant in Richtung seiner süßen Freundin, die die Vorfreude bereits wieder gepackt hatte. Sie war so aufgeregt und gespannt darauf, was ihr Schatz wohl von ihrem besonderen Präsent halten würde, dass sie nicht gleich mitbekam, dass das Geburtstagskind damit eigentlich etwas ganz anderes gemeint hatte. Erst als Gretchen perplex registrierte, wie sich flinke Chirurgenhände plötzlich einen Knopf nach dem anderen von ihrem blassrosa gestreiften Pyjamaoberteil vornahmen, hielt sie inne und stemmte abwehrend ihre Arme gegen den muskulösen, unbekleideten, männlichen Oberkörper, welcher sich unter ihren Fingerkuppen viel zu aufregend anfühlte und sie zusätzlich durcheinanderbrachte. Sehr zum Vergnügen eines sehr konzentrieren Oberarztes, der sich seiner Sache ziemlich sicher war.

Gretchen: Marc, was genau machst du da?
Marc (leckt sich lasziv über seine Lippen u. fingert den letzten Knopf ihres Oberteils auf, der ansehnlich über ihrem hinreißenden Babybauch gespannt hat, welchen er nun freilegt u. einer zärtlichen Streicheleinheit widmet): Mhm... Ich packe mein Geschenk aus, was sonst.
Gretchen (fühlt sich völlig willen- u. wehrlos): Aber...
Marc (beugt sich über sie u. fährt auf einer Kussstraße mit seinen gierigen Lippen über ihren entblößten Oberkörper): So ein gewaltiges Paket bekommt man schließlich nicht jedes Jahr geschenkt.
Gretchen (lässt sich von seinen zärtlichen Berührungen mehr als ablenken, obwohl sie gerade noch protestieren wollte): Marc!
Marc (bekommt vom Klang ihrer Stimme, die seinen Namen haucht, eine Gänsehaut): Gretchen!
Gretchen (lässt sich prompt mitreißen u. sinkt mit ihrem Kopf zurück ins Kissen): Ich... ich hab dir noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert.
Marc (ist ganz benebelt von ihrem Geruch, ihrer weichen Haut, ihrem sinnlichen Seufzen): Tust du doch gerade. Und danke! Das ist das beste Geschenk ever.
Gretchen (merklich neben der Spur): Aber... das ist doch noch gar nicht dein Geschenk.
Marc (sieht u. fühlt das anders): Doch bist du! Du bist das Beste, was mir je passiert ist.

Marc wanderte gerade mit seinen warmen, weichen Lippen von ihrer gewaltigen Babykugel, mit welcher er ganz besonders behutsam umgegangen war, zurück nach oben. Über eine weiche Hügellandschaft, welcher er nicht widerstehen konnte, einen kurzen, aber intensiven Besuch abzustatten. Weiter ihren schlanken Hals empor, an welchem er ihren wild puckernden Puls deutlich ablesen konnte, welcher seinem eigenen Herzschlag nicht unähnlich war. Hin zu ihrem sinnlichen Mund, auf welchem eine deutliche Frage geschrieben stand, die sich auch in ihren wunderschönen Augen widerspiegelte, als er kurz zu seiner Herzprinzessin hochblickte und sich schließlich in dem himmelblauen Ozean verlor. Minutenlang sahen sie sich einfach nur an. Verstanden sich auch ohne große Worte und Gesten. Schließlich küssten sie sich endlich. Und es war wirklich das schönste Geschenk, das Marc jemals geschenkt bekommen hatte. Das musste sich auch Gretchen eingestehen, als sie nach einer Weile atemlos nach Luft schnappte und schließlich verlegen anfing zu kichern, bevor sie sich in Marcs Krakenarme schmiegte und langsam mit ihren noch zittrigen Fingern ungeschickt die Knöpfe ihres Pyjamas wieder in die richtige Position brachte. Auch wenn ihrem Partner das sichtlich nicht passte und er sie mit anbetungswürdiger Schmollschnute darum bat, dies doch bitte zu unterlassen. Aber als seine frechen Finger erneut einen Angriff wagen wollten, unterband Gretchen dies, indem sie ihrem Liebsten mit Schmackes darauf klatschte.

Marc (funkelt sie protestierend an): Au! Sag mal, ich dachte, ich hätte heute jeden Wunsch frei?
Gretchen (grient ihren Schmollkönig zuckersüß an, schnappt sich seine Hand, streichelt kurz darüber u. legt sie anschließend verschränkt mit ihrer sanft auf ihren wieder bedeckten Bauch, in dem offenbar gerade auch jemand erwacht ist): Nicht jeden. Außerdem hast du vorhin nicht gesagt, dein Geburtstag bedeutet dir nicht so viel? Das gilt dann ja auch für die Aussagekraft deiner Wünsche. Für die ist hier nämlich Schluss.
Marc (ist damit absolut nicht einverstanden): Sagt wer?
Gretchen (kontert kess u. zuckersüß): Na, ich.
Marc (beugt sich schmunzelnd zu ihrem Babybauch hin u. beginnt zu flüstern): Tzz... Frauen. Da machen sie jahrelang ein riesiges Ding um diese eine Sache, wollen dazugehören und wenn man sie dann endlich erhört und darauf anspringt, soll nichts gewesen sein. Machen wir da mit? Nö! Also! Hopp! Ihr könnt euch jetzt auf den Weg machen, jetzt, wo ihr schon mal wach seid. Einen besseren Tag könnt ihr nicht erwischen. Er ist von mir patentiert worden. Aber er hat definitiv noch ein Highlight mehr als mich verdient.

Das ist nicht sein Ernst?

Gretchen (schüttelt ungläubig ihren Kopf): Marc, rede den beiden keinen Unsinn ein. Sie dürfen sich die Zeit nehmen, die sie brauchen.
Marc (guckt sie an wie ein kleiner, trotziger Schuljunge): Und was ist mit meinem Geschenk?
Gretchen (klimpert verführerisch mit ihren langen geschwungenen Wimpern): Wenn du ganz lieb fragst, bekommst du vielleicht ein anderes.
Marc (zieht skeptisch seine Augenbrauen hoch, als er seine Blicke langsam von ihrem Bauch wieder löst u. auf ihre funkelnden Augen lenkt): Und wenn ich das hier schöner finde?
Gretchen (ihr geht jedes Mal das Herz auf, wenn sie seine Vorfreude so deutlich spürt): Das darfst du auch. Die beiden sind ja auch das Beste, was uns passieren konnte. Aber ob sie dir nun persönlich zum Geburtstag gratulieren wollen, das ist allein ihre Entscheidung. Ich kann da auch nichts machen.
Marc (zwinkert ihr eindeutig zweideutig zu): Ich wüsste da was.
Gretchen (blitzt ihn verführerisch an u. tippt leicht auf seinen nackten Brustkorb): Marc, denke nicht, ich wüsste nicht, was du vorhin vorhattest.
Marc (versucht sie geschickt herauszufordern): Was denn?
Gretchen (funkelt zurück): Das weißt du ganz genau. Aber wir werden hier nichts beschleunigen, was nicht beschleunigt werden muss. Ich vertraue da der Natur.
Marc (schmeißt sein ganzes Verführungskönnen auf die Waage): Na, ich auch. Und ich war ja auch nicht auf eine schnelle Nummer aus. Loveboat fühlt sich doch auch ganz gut an, oder?
Gretchen (klatscht dem Quatschkopf mit der flachen Hand gegen den Oberkörper u. schiebt ihre Beine schnell aus dem Bett, um endlich aufzustehen u. seinen gefährlichen Fängen zu entkommen, bevor sie doch noch schwach wird): Du bist unverbesserlich, Marc Olivier Meier. Dabei dachte ich eigentlich, mit jedem Jahr mehr wird man weiser. Aber gut. Ich bin ja daran gewohnt, mit Kindsköpfen umzugehen.
Marc (beobachtet sie schmunzelnd, wie sie angestrengt versucht, aus dem Bett zu kommen): Was hast du vor?

Verdammt! Jetzt kriegt er mich doch noch. Ihr Süßen, vielleicht wird es nun doch Zeit.

Gretchen (ärgert sich darüber, dass sie nicht so kann, wie sie gerne möchte): Es wird Zeit, Marc. Gleich klingelt dein Wecker und ich würde noch so gerne ein bisschen Zeit mit dir verbringen, bevor du zurück in die Klinik musst. Also, hilfst du mir? Ohne Hintergedanken. Bitte!
Marc (kann diesem hinreißenden Augenaufschlag nicht widerstehen, springt auf u. flitzt um das Bett herum, um der hilflosen Lady nun seine helfende Hand hinzuhalten): Na, komm! Da kann man ja wirklich nicht mehr länger mit zuschauen, Schildkrötchen.
Gretchen (wird durch den Ruck, mit dem er sie hochzieht, gegen seine starke Brust gedrängt, die sie nicht widerstehen kann, kurz mit ihren Fingern zu erkunden): Danke, Marc! Huch... Nicht so doll!
Marc (genießt die spontane Umarmung sehr u. nutzt sie natürlich meierlike aus): Mhm... Nicht doch noch Interesse an einem kleinen, aber feinen...?
Gretchen (schiebt den dreisten Verführer schnell von sich weg): Maaarc! Zieh dir endlich was an! Du verwirrst mich total. Ich muss unten aber noch was vorbereiten.

Und so ließ die holde Schönheit ihren bedröppelten Oberarzt einfach im Schlafzimmer stehen. Sie schnappte sich noch schnell ihren roséfarbenen Morgenmantel, warf ihn sich lässig über die Schultern und tapste dann langsam nach unten in den Wohnbereich, wo sie, als sie dort ankam, erst einmal ihren Augen nicht traute. Die Heinzelmännchen waren da gewesen! Der Esstisch war feierlich für ein Frühstück für Verliebte gedeckt. Sogar der Kuchen stand schon auf dem Tisch. Nur die vier Kerzen mussten noch angezündet werden. Auf Sabine war doch wirklich Verlass, dachte Gretchen gerührt und wollte zur Tat schreiten. Aber bevor sie die Geburtstagskerzen anzünden konnte, stand ihr Pappenheimer auch schon wieder hinter ihr, schlang besitzergreifend seine Arme um ihre Taille und versuchte, sie vor ihrem Bauch zu verschränken, was angesichts der achtmonatigen Dimensionen, die sie zur schönsten Frau der Welt gemacht hatten, leider nicht mehr möglich war. Lachend senkte Marc seinen Kopf und bettete sein Kinn auf Gretchens Schulter, während er seine Blicke über die dezent gehaltene Geburtstagstafel schweifen ließ.

Marc: Hast du gezaubert?
Gretchen (schmiegt sich kichernd in seine Arme u. lässt sich von ihm sanft hin u. her wiegen): Quasi!
Marc (schmunzelnd wissend): Verstehe! Das erklärt, wieso ich heute Nacht in unserer Wohnung über meine elternzeitbeurlaubte Stationsschwester und ihr Heinzelmännchen gestolpert bin.
Sie hat also doch gewartet, bis er nach Hause kommt. Hach... Bine ist ein Schatz. Ich muss mich unbedingt bei ihr revanchieren. Vielleicht backe ich das nächste Mal für sie. Daran habe ich nämlich gestern in all der Hektik gar nicht mehr gedacht.
Gretchen (dreht ihren Kopf leicht in seine Richtung u. kichert mädchenhaft): Enttäuscht?
Marc (macht extra ein ganz besonders unbeeindrucktes Gesicht): Nö! Irritiert vielleicht, ja, weil sie mittlerweile mehr an deinem Hintern klebt als an dem knochigen Etwas, das meine Mutter als den Hintern schlechthin bezeichnet. Aber mir soll es recht sein. Es scheint, als hättest du nämlich das mit dem Delegieren endlich kapiert. Nach zweieinhalb Jahren Facharztausbildung wurde das ja auch mal Zeit.
Gretchen (verdreht nach dem Spruch leicht die Augen): Der Kuchen war ihre Idee. Ihre Idee. Und ihr Rezept.
Marc (grinst schelmisch): Selbstverständlich! Alles andere hätte mich auch gewundert. Es sei denn, du hättest mich vergiften wollen.
Gretchen (boxt ihm gespielt empört in die Seite): Hey! Ich kann backen. Das weißt du.
Marc (lacht u. schmiegt seine Wange besänftigend gegen ihre): Ist schon okay, auch wenn es nicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Gretchen (dreht sich langsam zu ihm um u. schaut ihm lange u. intensiv in die Augen, die sie gespannt fixiert halten): Doch, ist es. Weil heute dein Geburtstag ist, Marc. Ohne Kuchen ist es kein richtiger Geburtstag. Also, noch mal und jetzt richtig, Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz! Ich wünsche dir alles, alles Liebe und...
Marc (kann sich nicht zurückhalten u. küsst die süße Gratulantin stürmisch nieder): Das habe ich doch schon.
Gretchen (fühlt sich direkt wie auf Wolken): Ich liebe dich.
Marc (lehnt seine Stirn sanft gegen ihre u. lächelt ganz verklärt): Und ich dich.
Gretchen (kann sich nur schwer von ihm trennen u. schwebt nun durch den Raum, um noch etwas zu holen): Komm, setz dich! Ich hab noch was für dich vorbereitet. Du wirst staunen.

Marc war zwar ein bisschen enttäuscht, weil er seine hibbelige Herzprinzessin unfreiwillig loslassen musste, kam ihrer Bitte aber nach einem herzerweichenden Augenaufschlag von ihrer Seite her schließlich nach und beobachtete seine Süße nun schmunzelnd dabei, wie sie fröhlich ins Nebenzimmer tänzelte und nach einigen Sekunden mit einem zauberhaften Lächeln, einem zugedeckten unförmigen Gegenstand und einem breiten, mit Herzchen und Luftballons beklebten Umschlag bewaffnet zurückkam. Sie stellte die Präsente neben dem Geburtstagskuchen ab, zögerte einen Moment und setzte sich dann an den gedeckten Frühstückstisch neben ihren überraschten Freund, der sie mit großen, fragenden Augen ansah, was sie kurz, aber nachhaltig verunsicherte. Hatte sie mit den Geschenken vielleicht doch übertrieben? Wäre weniger mehr gewesen? Aber sie hatte doch schon wenig darauf an, von dem her entsprach es doch irgendwie den Kriterien. Gretchen war merklich verwirrt. Das spürte auch Marc neben ihr.

Marc: Was ist das?
Gretchen (beginnt stockend zu erklären): Weißt du, ich habe mir lange überlegt, was ich dir schenken soll. Damit du weißt, wie viel du mir bedeutest.
Marc (küsst sie lächelnd auf die Wange): Das weiß ich doch.
Gretchen (fühlt sich geschmeichelt, bleibt aber aufgeregt u. hält den Umschlag fest umklammert): Anfangs hatte ich mir gedacht, wir machen einen kleinen Ausflug auf den Dachboden meines Elternhauses, wo ich noch in einer Kiste deine in all den Jahren gesammelten Geschenke aufbewahrt habe, die ich mir damals nicht getraut habe, dir zu geben, aber die Anstrengung, in meinem Zustand da hochklettern zu müssen, war mir dann doch zu groß und außerdem weiß ich nicht, wie du darauf reagiert hättest. Vor allem auf meine Mutter, die bestimmt eine riesige Sache daraus gemacht hätte und uns nicht mehr hätte gehen lassen, wenn sie wüsste, dass heute dein Geburtstag ist.
Marc (ist völlig hingerissen von seiner Zauberfee u. zeigt ihr das auch deutlich): Das ließe sich leicht herausfinden.
Gretchen (wird unter seinen intensiven Blicken sichtlich rot im Gesicht): Ich weiß. Du hättest gelacht und mich vermutlich auf ewig damit aufgezogen. Weil ich so ein nerviges, verrücktes Teeny-Fangirlie gewesen bin.

Teeny-Fangirlie? Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrtausends, meine süße, kleine Klette.

Marc (bleibt betont ernst): Hätte ich nicht.
Gretchen (liest in seinen funkelnden Augen ganz genau, was er gerade denkt): Hättest du wohl! Ich kenn dich doch. Außerdem wären das auch nur Kleinigkeiten gewesen. Nicht der Rede wert. Wie zum Beispiel die neuste Autozeitschrift, die in dem Fall wohl nicht mehr sehr aktuell gewesen wäre.
Marc (schmunzelt u. ist ganz Ohr): Vermutlich nicht.
Gretchen: Oder diese kleinen Modellspielautos, die du immer gesammelt hast. Oder selbst gebastelte Schlüsselanhänger für deinen Spind in der Schule und dein Mofa damals. Kleine Spielereien, die... Ach, ich weiß auch nicht, was ich mir damals dabei gedacht habe. Du hättest dich doch niemals irgendwo damit blicken lassen, wenn die anderen gewusst hätten, dass sie von mir kommen.
Marc (kann kaum fassen, auf was für Ideen sein Lieblingsfangirlie damals alles gekommen ist, u. starrt ihr fasziniert in die unsicher hin- und her huschenden Kristalle): Weißt du eigentlich, wie unfassbar süß du bist, immer schon warst?
Gretchen (guckt ihn mit Schmetterlingen im Bauch an): Hättest du dich gefreut?
Marc (spielt erst den coolen unnahbaren Jungen vom Schulhof, dann lächelt er aber sehr überzeugend): Klar, erst hätte ich gelacht und mich verständlicherweise nicht mehr eingekriegt, aber dann hätte ich mich gefreut. Ehrlich. Aber ich gebe zu, ich bin am meisten froh darüber, dass du mir den Geburtstagswahnsinn bei deiner Mutter erspart hast. Einmal im Jahr, am heiligen Margarethe-Tag reicht mir fürs erste.
Gretchen (freut sich u. wird wieder extrem hibbelig): Jedenfalls dachte ich dann, es muss für heute etwas ganz Besonderes und Einzigartiges sein, da ich doch weiß, wie sehr du dir wünschst, dass unsere Wundersterne heute noch das Licht der Welt erblicken werden. Aber das kann ich dir nicht versprechen. Weil alle Anzeichen irgendwie dagegensprechen. Ich hab das so im Gefühl. Und Mehdi hat gestern auch nichts Gegenteiliges gesagt. Wir müssen weiter abwarten. Und da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie unfassbar ungeduldig das einen macht, habe ich mir etwas gesucht, das mich ablenkt und uns für immer an die wohl schönste Zeit, die wir bislang zusammen erlebt haben, erinnern wird. Es soll ein Andenken sein. Für dich. Für mich. Für... Weißt du, was? Mach es am besten einfach auf!
Marc: O...kay?

Marc hatte Gretchens Ausführungen gespannt verfolgt, auch wenn er daraus nicht wirklich schlau geworden war. Aber es war ja typisch für Mademoiselle Haase, dass sie immer erst meterweit ausholte, bevor sie das Eigentliche ins Auge fasste, um endlich auf den Punkt zu kommen. Umso gespannter war er jetzt, als er aus zittrigen Händen den kitschig verzierten Umschlag überreicht bekam. Was da wohl drin war, fragte er sich neugierig, während er ihn von beiden Seiten in Augenschein nahm und Gretchen nur noch mit halbem Ohr zuhörte.

Gretchen: Eigentlich hatte ich noch vorgehabt, sie zu rahmen, aber dafür hat uns leider die Zeit gefehlt und der nächste Flohmarkt ist auch erst am Sonntag, wo wir uns umschauen könnten, und...
Marc: Haasenzahn, darf ich dann auch mal aufmachen oder willst du es selber übernehmen? Wäre das dann jetzt die Rache dafür, dass ich dir zu deinem Ehrentag im Mai zum Entsetzen deiner Eltern und zur Belustigung deines kleinen Bruders nur einen leeren Karton voller leerer Kartons geschenkt habe, die wir, was sie nicht wissen, ein Leben lang mit Dingen füllen werden, die mit uns und den Lütten zu tun haben werden?

...zog Marc die rote Tomate auf, die neben ihm saß und ungewöhnlich nervös mit ihren Händen spielte und auf ihrem knackigen Hinterteil aufgeregt hin und her rutschte. Was war da bloß drin, dass sie so extrem darauf reagierte, fragte sich der Vierunddreißigjährige irritiert und konnte es nun auch nicht mehr länger erwarten, es in Erfahrung bringen. Als er den A4-Umschlag öffnete und unter Gretchens gespannten Blicken vorsichtig den kostbaren Inhalt herauszog, verschlug es ihm dann ehrlich die Sprache. Wenn er nicht bereits gesessen hätte, es hätte ihn sofort und auf der Stelle von den Füßen gerissen. Er hatte mit allem gerechnet. Mit bunten Luftschlagen. Explodierenden Knallkörpern. Einer zuckerlastigen rosaroten Torte mit megavielen Kerzen und Kariesgefahr. Hinter dem Sofa hervorspringenden Gästen, die er nicht eingeladen hätte. Einem mädchenhaften Gitarrensolo, das die Nachbarn und die Polizei auf den Plan gebracht hätte. Stinkenden Blumen. Krächzendem, Tinnitus auslösendem Gesang. Einem zufällig über der Dachterrasse vorüberfliegenden Leichtflugzeug, das ein liebessprücheverziertes Banner hinter sich hergezogen hätte. Und irgendwelchem Kitsch, mit dem er nichts anfangen könnte, über den er sich aber trotzdem gefreut hätte, weil er von Herzen gekommen wäre. Mit dem, was der sichtlich überraschte Chirurg aber nun in seinen zittrigen Händen hielt, hatte er nun wirklich nicht gerechnet und er machte dementsprechend sehr zu Gretchens Freude extra große Augen, als er nun selber meganervös und hibbelig die einzelnen Bilder durchblätterte, die seine schwangere Freundin auf sehr einprägsame Art und Weise zeigten und an denen man sich durchaus die Finger verbrennen konnte. Sein Mädchen war echt eine Wucht. Eine Naturgewalt sondergleichen. Und er war ihr völlig verfallen. Ab jetzt sogar noch mehr als zuvor. Er war dem Haasschen Hexenzauber vollkommen erlegen. Für immer. Bis in alle Ewigkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=mdVxknfFz18

Marc (vollkommen baff): Haasenzahn?
Gretchen (beißt sich angespannt auf die Lippen u. versucht, seine Reaktion ganz genau zu erfassen): Gefallen sie dir?
Marc (weiß zum ersten Mal nicht, was er sagen soll, u. braucht einen langen Moment, während dem er die Bilder noch einmal ausgiebig studiert, um zu gewohnter Stärke zurückzukommen): Ob sie mir gefallen? Machst du Witze? Ich verbrenne mir hier gleich die Finger. Bei dem heißen Material.
Gretchen (ihre roten Wangen glühen mittlerweile u. ihr aufgeregtes Herz schlägt Purzelbäume): Das war eigentlich nicht die Intention, Marc.
Marc (schaut die verlegene jungen Frau an u. traut seinen Blicken kaum): Nicht? Ich wusste, irgendwann bringst du mich mal heimtückisch um die Ecke, Haasenzahn. Gestern noch hab ich ein schlagendes Herz in den Händen gehalten und heute bringst du mein eigenes komplett zum Stillstand. Was machst du bloß mit mir?
Gretchen (ist vollkommen verzückt u. hingerissen, weil ihre Überraschung eingeschlagen hat wie eine Bombe): Dich lieben und überraschen. Dich immer zum Lachen und dein Herz zum Klopfen bringen. Das habe ich mir vorgenommen. Nicht nur für heute, sondern an jedem einzelnen Tag, an dem du bei mir das gleiche auslöst.
Marc (seine Gefühle gehen mit ihm durch): Du bist... unglaublich. Ich sagte doch, du bist das beste Geschenk, das ich je bekommen habe. Jetzt habe ich den besten Beweis dafür. Komm mal her, du!

Marc legte die einzigartigen Fotos seiner bildhübschen, schwangeren Freundin vorsichtig auf den Tisch und griff dann beherzt nach Gretchens zarter kleiner Hand, um sie zu sich rüber zu ziehen. Er stöhnte kurz auf, als das „Leichtgewicht“ auf seinem Schoß Platz nahm und sein Stuhl dabei gefährlich nachgab.

Marc: Boah, meine Güte, irgendwie hatte ich dich leichter in Erinnerung.
Gretchen (boxt dem Schelm gespielt empört in die Rippen): Marc!
Marc: Aber das hier geht gerade nicht anders.

...seufzte der verliebte Mann atemlos, während er aufgewühlt zwischen ihren wunderschönen blauen Augen hin und her guckte, und schritt direkt sehr eindrucksvoll zur Tat. Und so versanken die beiden in einem innigen Kuss voller Gefühl und Hingabe, bis es auch Gretchen etwas zu gefährlich auf dem wankenden Küchenstuhl wurde und sie zu ihrer eigenen Sicherheit wieder zurück auf ihren Platz rutschte.

Gretchen: Ich liebe dich auch, Marc.
Marc (fühlt sich plötzlich ganz leicht u. schwerelos, als er seine Traumfrau verliebt von der Seite betrachtet): Ich hab das mit dem Geschenkauspacken vorhin zwar anders gemeint, irgendwie realer und anpackender, aber so kann man es natürlich auch machen. Ihr Drei seht hinreißend darauf auf.
Gretchen (schmiegt sich seitlich an ihn u. guckt ebenfalls noch mal auf ihre Bilder, auf denen auch sie sich ganz besonders schön empfindet): Wirklich?
Marc (klebt förmlich mit seinen Augen an den tollen Fotos): Hundert pro, nein, hunderttausend pro.
Gretchen (fühlt sich geschmeichelt u. kann nicht widerstehen, von der noch unberührten Kuchenplatte die Krümel mit dem Finger aufzupicken): Danke! Es hat auch echt viel Spaß gemacht, sie zu machen.
Marc (verliert sich in seinem eigenen kleinen Spielfilm, in dem Haasenzahn als Hauptdarstellerin agiert): Das kann ich mir vorstellen. Da ist man einmal länger außer Haus und Madame macht, was sie will. Unfassbar!
Gretchen (schleckt genüsslich die Krümel von ihrem Finger u. wird angesichts Marcs feuriger Blicke, die sie dabei beobachten, immer röter im Gesicht): Gar nicht!
Marc (rückt mit seinem Stuhl ganz nah an ihren heran u. schnappt sich ihre zarte, kleine Hand, um seine Finger mit ihren zu verschränken): Doch! Sie hört nicht auf ihren Oberarzt, macht immer genau das Gegenteil von dem, was er ihr sagt, sie ruht sich entgegen aller ärztlicher Verweise nicht aus und bezirzt stattdessen den naiven Frauenversteher mit nur einem simplen Augenaufschlag, entlässt sich selbst als Professorentöchterchen und entblättert sich, ohne mich, während ich hart schuftend und schweißtreibend die Kohle für unser anstehendes Abenteuer heranschaffen muss. Und wenn man dann doch einmal mitmachen will und selber aktiv wird, bekommt man auf die Finger gehauen. Das nenne ich nicht gerade fair. Und überhaupt... Moment mal! Du hast dich ausgezogen? Wer hat eigentlich die heißen Fotos gemacht? Lässt du hier etwa einfach fremde Leute rein, wenn ich nicht da bin? Na, wenn ich den erwische, dann knallt’s aber! Ich glaube, ich borge mir demnächst den Hund von unserem Nachbarn als Wachschutz aus.
Gretchen (kichert verliebt): Du musst gar nicht so eifersüchtig reagieren, Marc.
Marc (widerspricht ihr vehement): Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig.
Gretchen (ist sichtlich angetan von ihrem Machomann u. fährt mit ihren Fingerspitzen seine Handknöchel entlang): Bist du wohl! Und das ist auch total süß an dir, aber...
Marc (fällt ihr protestierend ins Wort u. kommt ihr gefährlich nahe): Fräulein, provoziere mich noch einmal und du wirst dein rosarotes Wunder erleben, aber so was von.
Gretchen (schmiegt schmunzelnd ihr Gesicht an seinen Arm, den sie umklammert hält, u. gibt sich betont unbeeindruckt): Echt? Da bin ich aber gespannt.

Die kleine Hexe legt es heute echt darauf an. Das macht sie doch mit Absicht. Da stehe ich drauf, aber so was von.

Marc (schenkt dem Frechdachs seinen berühmt berüchtigten Ameisenblick in einer lighten Haase-Variation): Haasenzahn! Spuck’s aus! Wen muss ich umbringen und zu Hundefutter verarbeiten?
Gretchen (spricht es geradeheraus u. genießt sein überraschtes Gesicht): Anna.
Marc (reagiert sichtlich perplex u. lehnt sich wieder auf seinem Stuhl zurück): Anna? Mehdis Anna, also, Nicht-mehr-Mehdis Anna? Wie kommst du denn ausgerechnet auf die?
Gretchen (grient ihn an u. deutet dabei auf ihren Babybauch): Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass sie ganz gut Fotos machen kann und da habe ich mir gedacht, warum eigentlich nicht. Diese Murmel hier muss schließlich unbedingt festgehalten werden.
Marc (überspielt lässig, dass er durchaus beeindruckt ist): Ach? Warst du wieder an meinem Rechner auf der Suche nach interessanten OP-Berichten und bist dabei zufällig über ihre alte Escortseite gestolpert? Mann, die Fotos damals waren... huihuihui...
Gretchen (hält sich die Ohren zu u. funkelt den Provokateur an): Das will ich gar nicht hören.
Marc (genießt es, sie damit aufzuziehen): ...mit ein Grund, warum wir die Mädels damals gebucht haben. Ich glaube, wenn ich mich recht erinnere, dann hat Anna die Seite damals selber gestaltet, aber egal, Schwamm drüber. Ist lange her. Eine Zeit, in die keiner zurück will. Sie hat’s aber immer noch drauf, muss ich zugeben. Und was hat es damit auf sich? Was ist das unter dem Tuch? Was hast du gestern noch angestellt?

...lenkte Marc erfolgreich von dem heiklen Thema aus der Vergangenheit ab und deutete mit ausgestreckter Hand auf das Objekt aus der Gegenwart, welches noch immer unangetastet neben dem lecker duftenden Geburtstagskuchen lockte und mit einem von Gretchens farbenfrohen Halstüchern abgedeckt war. Prompt schoss Gretchen wieder die Farbe ins Gesicht, was Marc zwar verwunderte, aber nicht davon abhielt, direkt nachzugucken. Erneut stand ihm die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben, aber auch die Verwirrung, denn das Geburtstagskind hatte keine Ahnung, was die seltsam geformte und bemalte Gipsskulptur zu bedeuten hatte.

Marc: Oh Gott, war meine Mutter etwa heute schon hier? Hat die etwa immer noch unseren Zweitschlüssel? Ey, wir müssen ihn ihr unbedingt abnehmen oder Dad auf sie ansetzen. Sonst passiert so was hier ständig. Das sieht gefährlich nach ihrem Kunstfehlgriffverhalten aus. Wobei Kunstsachverstand haben und Möchtegernkünstlerin zu sein, zwei ungleiche Paar Schuhe sind, die ihr auch noch viel zu groß sind. Sie kapiert es einfach nicht. Jedes Jahr schleppt die so was vom Sperrmüll oder aus dem Antiquariat an, um meine Wohnung Feng-Shui-technisch aufzuwerten, aber bei aller Liebe, wo ist da bitte das Shui und das Feng und das Ying und das Yang und weiß der Geier, was sie damit eigentlich bezweckt? Wir haben keinen Platz für so was. Den brauchen wir für den ganzen Babykram in doppelter Ausführung. Ich dachte nach den wochenlangen Zickereien mit deiner Mutter hätte sie das endlich gerafft.
Gretchen (leicht überfordert, aber auch ein bisschen enttäuscht von seiner harschen Reaktion): Ähm... Ich glaube, du missverstehst da was, Marc.
Marc (fährt irritiert zu ihr herum): Was?
Gretchen: Das ist nicht von deiner Mutter.
Marc (guckt immer verwirrter auf das sonderbare Ding, das ihm auf eine schräge Art u. Weise irgendwie bekannt vorkommt): Sondern?
Gretchen: Guck doch mal genauer hin! Dann verstehst du es.

...versuchte Gretchen ihren mehr als skeptischen Freund zu animieren, doch bitte genauer hinzusehen, und posierte dafür extra wie die Buchstabenfee beim „Glücksrad“ neben dem kunstvoll von ihr, Lilly und Sabine bemalten Werk, in das sie so viel Herzblut gesteckt hatten, aber Dr. Meier stand sekundenlang auf dem Schlauch. Erst als die hübsche Schwangere sich im Seitenprofil positionierte und dabei demonstrativ ihren Babybauch tätschelte, in welchem gerade ordentlich Rambazamba vonstatten ging, das der werdenden Mama kurzzeitig die Luft raubte, fiel endlich der Groschen und Marcs Augen wurden tellergroß.

Marc: Nee, oder?
Gretchen (sichtlich gerührt): Doch!
Marc (mehr als baff): Ach, du Scheiße, das... das bist du! Ihr!
Gretchen (schluchzt den Tränen nahe): Ja!

Jetzt hielt Marc natürlich nichts mehr auf seinem Platz. Eilig lief er um den gedeckten Frühstückstisch herum und schmiegte nun von hinten seine Arme um Gretchens wohlgeformten Körper, wobei eine Hand nicht widerstehen konnte, einmal ausgiebig an der Skulptur nachzufühlen, in deren Mitte jedoch gerade nicht so doll geturnt wurde wie im Originalbauch, der sich doch noch einen Tick aufregender anfühlte.

Marc: Wow! Ziemlich echt das Ganze. Ich meine, ich weiß ja um den Zustand deiner wunderbaren Rundungen, aber sie jetzt plastisch nachzutasten, zeigt doch erst so richtig, wie gewaltig du real bist. Gewaltiger, als ich gedacht habe.
Gretchen (tritt ihm für die Frechheit prompt auf den Fuß): Ey! Weißt du, wie viel Mühe das gekostet hat?
Marc (kann diese Steilvorlage nicht ungenutzt lassen): Das viele Essen, um am Ende so auszusehen?
Gretchen (setzt noch einen kleinen Hieb auf den Hinterkopf nach): Du bist so doof, Marc Meier.
Marc (grinst verschmitzt u. bekommt ganz leuchtende Augen): Nee, nur schwer beeindruckt. Du weißt doch, ich liebe jedes Extragramm, das du zugelegt hast, damit es den Zwergen gut geht. Und wie gut es ihnen geht, spürt man gerade ganz deutlich. Wenn dir schwindlig wird, sagst du’s, ja?
Gretchen (schmiegt sich dann doch wieder in die Arme des frechen Schmeichlers): Schon besser.
Marc (genießt ihre Nähe sehr): Viel, viel besser.
Gretchen (schiebt neugierig ihr Näschen vor sein schmunzelndes Gesicht): Also, gefällt sie dir? Wir haben gestern den ganzen Nachmittag daran gesessen. Und bevor du dich wieder aufregst, weil ich mir zu viel zugemutet haben könnte, das stimmt nicht. Es war ganz entspannt. Ich musste nämlich ziemlich lange stillsitzen und du weißt, wie schwer mir das gefallen sein muss. Und als alles getrocknet war, haben Lilly und ich einen Himmel darauf gemalt.
Marc (horcht überrascht auf): Ach? Lilly war auch hier? Das wird ja immer schöner.
Gretchen (lächelt verträumt, als sie daran zurückdenkt): Stimmt! Wir haben Sternschnuppen darauf gemalt. Weißt du, so wie die...
Marc (nickt wissend u. fährt langsam mit dem Finger den Sternschnuppenschweif nach): ...neulich, als wir sie über der Ostsee gesehen haben?

Voll gepackt mit guten Wünschen für die Turnsportgruppe Berlin-Mitte, die es sich in ihrer eigenen, ganz besonderen Sporthalle ziemlich gemütlich gemacht hat und den Dauermietvertrag nicht kündigen will. Das ist so Haasenzahn. Wahnsinn!

Gretchen (staunt, dass er das nicht vergessen hat): Genau! Und Bine hatte dann noch die wunderbare Idee mit der Sternenkonstellation.
Marc (kann ihr nicht ganz folgen u. guckt dementsprechend sparsam aus der Wäsche): Bitte?
Gretchen (deutet auf den unteren Teil des Gipsabdrucks): Das ist das Bild, wie die Sterne gerade über uns stehen. Der Löwe im Haus vom... Schützen? Oder war es der Steinbock? Zwillinge waren es jedenfalls nicht. Hab ich vergessen. Jedenfalls, das Geburtshoroskop für unsere Zwergenbande. Sie meint, es wäre gerade eine sehr, sehr glücksbringende Zeit.
Marc (schmunzelt u. guckt ihr sichtlich angetan in die leuchtenden Augen, die offenbar jedes Wort der durchgeknallten Hobbyastrologin glauben): Na, wenn sie das sagt, dann muss es wohl stimmen.
Gretchen (strahlt mit den Sternen um die Wette): Ja!
Marc (ist sichtlich hingerissen von seiner Zauberprinzessin): Und was machen wir jetzt damit?
Gretchen (zuckt unschlüssig mit den Schultern): Ich weiß nicht. Das ist deine Entscheidung. Du bist das Geburtstagskind.
Marc (schmunzelt): Ach, jetzt auf einmal doch? Hm... Naja, als Briefbeschwerer ist es vielleicht ein bisschen groß.
Gretchen (schmiegt sich kichernd an seinen Hals): Stimmt! Aber ich habe ehrlich gesagt auch nicht viel weiter gedacht. Was wohl andere Mütter mit so was machen? Ach, wir finden schon ein Plätzchen dafür.
Marc (schaut sich suchend in der Wohnung um u. bleibt mit seinen Blicken an der offenen Schiebetür zum Kinderzimmer hängen): Lassen wir es doch vorerst hier stehen. Dann könnte ich immer mal nachfühlen, wenn du mich wieder nicht ranlässt. So wie heute.
Gretchen (gibt ihm für diese Frechheit wieder einen Denkanstoß gebenden Klaps auf den Hinterkopf u. setzt sich schmollend zurück auf ihren Platz): Du Blödi!
Marc (lacht u. setzt sich ihr gegenüber): Ja, ist doch wahr. Wenn du mir schon so was Aufregendes schenkst, hm. Apropos, Geschenk, wegen der Fotos, meinst du ich könnte das eine oder andere bei mir im Büro aufhängen? Käme gut, oder?

Was? Ist er verrückt geworden? Dann könnten mich ja alle sehen.

Gretchen (funkelt ihn unmissverständlich an): Untersteh dich!
Marc (genießt ihre Empörung sehr): Na, du hast doch gesagt, als Geburtstagskind darf ich entscheiden. Und da ich dich jetzt eine sehr lange Zeit im EKH nicht sehen werde und dich und deine ständigen ungefragten Einmischungen schrecklich vermissen würde...
Gretchen (fällt ihm prompt ins Wort): Marc, das ist zwar sehr süß, dass du mich so sehr vermissen wirst, aber die hier bleiben bitte privat. Ansonsten könnte ich mich nie wieder in der Klinik blicken lassen, wenn jeder die Bilder kennen würde. Ich bin Stationsärztin. Auch wenn ich gerade nicht aktiv da bin, will ich mir später meinen Respekt nicht wieder neu verdienen müssen. Das war die letzten Monate schon anstrengend genug.
Marc (schmunzelt, weil sie sich unnötig aufregt): Aber du kannst dich ruhig sehen lassen, Haasenzahn. Das kannst du mir glauben. Da ist nichts Anstößiges dran.
Gretchen (fühlt sich geschmeichelt): Das weiß ich. Ich bin ja auch nicht ganz nackt auf den Bildern. Anna hat das sehr trickreich hinbekommen. So verwickelt in der Gardine.
Marc (zieht eine hinreißende Schnute): Och, jetzt zerstörst du die Illusion, Haasenzahn. Aber ich gebe ja zu, es bestünde Verwechselungsgefahr, wenn die bei mir hängen würden.
Gretchen (schaut ihn ganz verdutzt an): Inwiefern?
Marc (der Schalk springt schon fast aus seinen belustigt aufleuchtenden Augen): Na, nicht dass die Patienten noch denken, sie hätten sich auf die Gyn verirrt. Also, mit dem Frauenversteher will ich nun wirklich nicht verwechselt werden. Der heult ständig im OP, weißt du?

So ein Spinner! Aber ich liebe ihn trotzdem. Bis zum Mond und zurück. Seine Sichel ist ja auch auf dem Abdruck festgehalten, weil Lilly meinte, etwas würde darauf noch fehlen. Hihi!

Gretchen (schüttelt kichernd den Kopf): Marc, du bist albern. Können wir dann endlich auch mal frühstücken? Ich habe einen Bärenhunger, der Kuchen sieht so lecker aus und du musst schließlich gleich los.
Marc (schneidet den Kuchen an u. reicht ihr ein extragroßes Stück): Na, dann hau rein! Ich will schließlich nicht, dass du vom Fleisch fällst. Du weißt ja, ich steh drauf, wenn ich was zum Anfassen habe.
Gretchen (blitzt den Provokateur an u. schiebt sich dann die überladene Kuchengabel genüsslich in den Mund): Du genießt das jetzt so richtig, oder?
Marc (haut selber ordentlich rein u. spricht mit vollem Mund): Definitiv! Ich hätte nicht gedacht, dass ich meinem Geburtstag noch mal was abgewinnen könnte. Also, danke dafür, mein Schatz!
Gretchen (leckt sich über die Lippen, legt die Gabel neben den Teller u. schaut ihn mit großen neugierigen Augen an): Das meinst du jetzt ehrlich, oder?
Marc (greift über den Tisch nach ihrer Hand u. fährt liebevoll mit seinem Daumen über ihren Handrücken, während er ihr tief in die Augen blickt): Gretchen, wenn ich sage, dass das der beste Geburtstag ist, den ich je hatte, und du das beste Geschenk bist, das man jetzt sogar anfassen kann, wenn du nicht im Raum bist, dann meine ich das auch so. Danke übrigens auch, dass ihr den Brustansatz drangelassen habt. So ist es noch viel eindrucksvoller und ich kann....
Gretchen (lässt prompt seine Hand wieder los u. funkelt den frechen Grinsekönig über den Tisch hinweg warnend an, hält aber nicht lange durch, weil sie merkt, dass er sie nur veräppeln will, u. strahlt schließlich glücklich über das ganze Gesicht, womit sie Marc ansteckt): Halt die Klappe und iss! Du brauchst eine Grundlage für deinen harten Arbeitstag. Der Kuchen schmeckt gut, oder?
Marc (rutscht flink auf den Stuhl neben sie u. versucht den Engel zu küssen): Mhm... vor allem wenn ich ihn von deinen Lippen küssen kann. Lecker!

Kichernd ergab sich Dr. Haase dem Meierschen Überfall und die beiden bis über beide Ohren verliebten Chirurgen knutschten minutenlang ausgiebig miteinander und hätten vermutlich auch ewig so weitergemacht, wenn es nicht plötzlich unerwartet an der Tür geklingelt hätte.

Lorelei Offline

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14.05.2017 17:04
#1596 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Von einer Welle der Ernüchterung erfasst, der eine seltsame Vorahnung folgte, die ihm die Eingeweide zusammenkrümmen ließ, war Marc aus dem innigen Kuss mit seiner Herzprinzessin aufgeschreckt. Mit leidendem Blick nahm er den blondgelockten Goldengel in Augenschein, den er immer noch fest in seinen Armen hielt und auch nicht vorhatte, wieder loszulassen, aber Gretchen schien, wie er sofort ihrem perplexen Gesicht ansah, ebenso überrascht von dem morgendlichen Besuch zu sein wie er selbst und blickte fragend zwischen ihm und der Tür hin und her, an der es immer noch klingelte. Ihre Wangen glühten noch von dem leidenschaftlichen Kuss, den sie gerade miteinander geteilt hatten, womit das Geburtstagskind natürlich liebend gerne weitergemacht hätte, wenn es nach seinen Wünschen gegangen wäre. Aber wann ging es schon mal nach seinen eigenen Wünschen? An seinem Geburtstag? Bestimmt nicht. Es war fast ein Fluch, der auf ihm lastete, weil ohne Ausnahme jedes Mal jemand dazwischenfunkte, wenn er einfach nur glücklich war und das unbeschwert und vor allem ungestört genießen wollte.

Marc (stöhnt entnervt auf): Boah, nee, echt jetzt? Muss das sein? Wenn wir uns totstellen, vielleicht gehen sie dann ja wieder?
Gretchen (hält das für keine gute Idee u. wedelt sich mit einer Hand hektisch Luft zu, um sich wieder zu akklimatisieren): Marc!
Marc (das erneute Klingelgeräusch nervt ihn sichtlich, bis ihm plötzlich beim steten Blick auf seine rotwangige Freundin etwas auffällt, die sich gerade unbemerkt ein weiteres Kuchenstück auf ihren Teller geladen hat): Welcher Idiot klingelt denn auch um die Zeit? Ich muss gleich los, verdammt. Die paar Minuten noch wollte ich eigentlich mit dir verbringen. Moment! Ey, du hast aber nicht doch noch heimlich eine Überraschungsparty organisiert, oder? Haasenzahn? Du weißt, was ich von so was halte.
Gretchen (ist selber überrascht von dem unerwarteten Besuch u. verschluckt sich fast an dem Kuchen, als sie Marc wegen seiner Verdächtigung zu hektisch antworten will): Ich? Nein, ich... ich habe allen gesagt, dass wir so kurz vor der Geburt nur in kleiner Runde, also, nur zu zweit, wir beide, feiern wollen. Mehdi und Sabine hatten wirklich Verständnis dafür und haben versprochen, sich zurückzuhalten. Was aber nicht heißt, dass sie, wenn sie dich heute sehen, nicht doch...
Marc: Papperlapapp! Weißt du was, wir bleiben dabei und machen einfach nicht auf. Vor acht kann das eh keiner erwarten. Von dem her...

...plapperte Marc ungeniert dazwischen und beendete damit die kleine Diskussion. Er tippte mit dem Zeigefinger demonstrativ an seine Lippen, damit auch Gretchen leise blieb. Aber dieses Manöver schien nicht von Erfolg gekrönt zu sein, denn der nervige Störenfried vor der Tür blieb leider unerbittlich und klingelte jetzt auch noch Sturm. Sehr zum Ärger des Geburtstagskindes, dessen grüne Augen gefährlich dunkel zu funkeln begannen, was Gretchen einen gewaltigen Schauer über den Rücken jagte, der nicht unbegründet war, wie sich gleich noch herausstellen sollte. - „Marc Olivier! Ich weiß, dass du da bist. Ich habe deine Stimme gehört. Mach sofort die Tür auf und lass deine arme Mutter endlich herein! Was soll denn das? Ich habe dich nicht zur Unhöflichkeit erzogen“, hörte der fassungslose Oberarzt plötzlich die ihm sehr vertraute, rauchig entrüstete Stimme gewohnt vorwurfsvoll sagen, welche ihn jedes Mal zusammenzucken ließ, wenn er sie von weitem vernahm und ihm auf die Schnelle jegliche Fluchtmöglichkeiten verwehrt blieben. Er brauchte dringend einen Notausgang auf der Dachterrasse. Oder er müsste dort einen Flugrucksack deponieren, so einen, wie ihn Tom Cruise in „Mission Impossible“ immer zufällig dabei hatte. Aber Pustekuchen, Filme waren auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die wahre „Mission Impossible“ stand gerade krakeelend vor der Tür. Die konnte man nicht so leicht wegignorieren, wenn man nicht noch mehr Ärger bekommen wollte.

Frustriert ließ Marc seinen eben erst hochgeschnellten Kopf auf die Tischplatte knallen, wodurch die Kuchenteller leise klirrten, und bemerkte dabei nicht einmal mehr, wie Gretchen ihm nun liebevoll über den Kopf tätschelte, um ihn aufzumuntern. Aber vergebens. Der Feenzauber von vorhin war einfach dahin. Jetzt stand die wirkliche Hexe vor der Tür und sie hatte nur ein Ziel im Sinn, und das seitdem Marc und sie zwangsläufig miteinander zu tun hatten, nämlich ihn zu Tode zu nerven. Mit nur vierunddreißig Jahren, in denen er, beruflich wie privat, fast alles erreicht hatte, wonach er sich immer gesehnt hatte, würde sie ihm nun ein jähes Ende bereiten. Mehr als ein sentimentaler Nachruf, vermutlich aus der Feder eben jener selbsternannten Autorengöttin, würde wohl nicht von ihm übrigbleiben. Ruhe in Frieden, Marc Meier!

Gretchen: Na, komm, wir können es nicht ändern. Sie ist deine Mutter, Marc. Natürlich will sie heute an deinem großen Tag bei dir sein. Lass sie rein, hm, Schatz?
Wieso? Wieso, verdammt? Dafür gibt es absolut überhaupt keinen Grund. Kann mir nicht einmal ein peinlicher Auftritt von ihr erspart bleiben? Was Anderes wünsche ich mir heute wirklich nicht.
Marc (dreht seinen Kopf leidend in Gretchens Richtung u. bewegt sich trotzig nicht vom Platz): Die werden wir heute nicht wieder los. Das schwör ich dir. Ich hab dir doch gesagt, wie sentimental sie immer an dem Tag reagiert.
Gretchen (schaut ihn mit ermutigendem Blick an): Umso mehr musst du jetzt für sie da sein. Sie liebt dich. Sie will bei dir sein. Ich finde das sogar richtig süß.
Meine Mutter ist alles, aber ganz bestimmt nicht süß. Aber wer gerne mal gesüßtes Fidschiwasser mit Essig verwechselt, kann das eh nicht richtig beurteilen.
Marc (richtet sich nur schwerfällig wieder an seinem Platz auf u. guckt gequält zur Tür, an der immer noch fleißig geschellt wird, was jedes Mal bei ihm wie ein Vorwurf nachhallt): Müssen? Müssen schon mal gar nicht. Das ist immer noch mein Geburtstag. Sollte ich da nicht selber bestimmen können, wen ich bei mir haben will und wen nicht?

„Marc Olivier, ich gebe dir noch fünf Sekunden“, ertönte unvermittelt die wenig erfreuliche Antwort auf seine Frage, jedoch durch die geschlossene Wohnungstür, welche er so eigentlich von dieser Seite her nicht hatte hören wollen. Ihr folgte kurz darauf ein sanftmütigeres „Junge, ich konnte sie nicht aufhalten“ seines Vaters. Das war wieder so typisch, dachte Marc nur und ließ die Schultern hängen, die mit einem Mal viel, viel schwerer geworden waren. Er hatte wohl oder übel wohl keine andere Wahl mehr. Diese noch ungestellte Frage beantwortete diesmal die richtige Adressatin mit einem zauberhaft lächelnden Gesicht, welches sich jedoch zu seiner Erheiterung ziemlich komisch verzog, als es im nächsten Moment vor der Tür ziemlich lautstark weiterging. - „Was soll das denn bitteschön heißen? Ist es nicht mein mütterliches Recht, heute hier zu sein? Ich habe vor vierunddreißig Jahren achtundzwanzig quälend lange Stunden in den Wehen gelegen, weil der sture Junge damals schon viel zu bequem war, sich zu entscheiden. Ist das jetzt der Dank für diese unerträglichen Qualen, mich nicht an seinem Leben teilhaben zu lassen?“, regte sich die divenhafte Erfolgsautorin direkt wieder auf und brachte damit nicht nur ihren betröppelt dreinblickenden Mann zum Schmunzeln, was von der stolzen Frau und Mutter jedoch äußerst kontraproduktiv aufgenommen wurde. Die sich echauffierende Autorin stand kurz davor, mit ihrem Mini-Designer-Handtäschen auszuholen.

Nicht minder aufgebracht war auch ihr Sohn, als dieser unvermittelt die Tür aufriss und sich mit verschränkten Armen vor seine sich belauernden Eltern hinstellte, die mit seinem plötzlichen Auftauchen abrupt verstummt waren. Imaginär setzte Marc bereits ein Häkchen hinter dem Stichwort „peinlicher Auftritt meiner Erzeugerin an meinem Geburtstag“. Erledigt! Aber mal abwarten, ob es das schon gewesen war. Denn bei seiner Mutter war immer mehr zu erwarten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz, ähnlich konsequent wie ihr Urteilsspruch zum Hochverrat, wenn man etwas Negatives, ihre literarischen Ergüsse betreffend, sagte. Ansonsten machte das Kind von Elke Fisher gute Miene zum bösen Spiel, als es schließlich gewohnt zynisch seine Stimme erhob...

Marc: Danke, Mutter! Es ist immer wieder schön, zu erfahren, dass ich eine Qual für dich bin. Das beruht übrigens auf Gegenseitigkeit.
Gretchen (versucht von der Küche aus zu schlichten, bevor ihrem Pappenheimer noch mehr Gemeinheiten über die Lippen kommen): Marc!
Elke (funkelt ihren vorlauten Sohnemann finster an): Marc Olivier, reiz mich nicht noch mehr!
Marc (kontert trotzig u. verkneift sich das freche Grinsen dabei nicht): Reiz du mich nicht! Oder war das dein Plan? Glückwunsch! Der ist dir mal wieder hervorragend gelungen. Willst du mir nun gratulieren oder nicht? Wenn nicht, dann könnt ihr gerne wieder umdrehen und nach unten fahren. Ich habe eh keine Zeit für euch und muss gleich los in die Klinik. Im Gegensatz zu euch habe ich nämlich einen richtigen Job.
Olivier (sichtlich amüsiert darüber, wie sich seine beiden liebsten Menschen gegenseitig belauern, wagt er den ersten Schritt): Na, das hab ich mal überhört. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Junge! Du wirst nicht glauben, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe.
Elke (löst ihren strengen Blick von ihrem vorlauten Sohn u. blickt plötzlich ganz sanft u. ergriffen zu dessen Vater, der herzerwärmend lächelt): Ach, Olivier.
Marc (merklich überrumpelt): Äh... das waren doch höchstens fünf Minuten, Dad. Lass mal die Kirche im Dorf. Huch! Äh... Papa?

Olivier konnte sich nicht mehr länger zurückhalten und zog seinen Sohn, bevor das alles hier noch in einen weiteren völlig unnötigen Familienstreit gemündet wäre, stattdessen in eine herzliche Umarmung, die kein Ende finden wollte. Aber der bewegte Starchirurg wurde nun mal von seinen Gefühlen übermannt. Gefühle, die sich in vielen, vielen Jahren angestaut hatten und nun raus wollten. Schließlich hatte er die letzten zwanzig Geburtstage seines Filius verpasst. Prägende Jahre und kostbare Zeit, die er nie wieder zurückholen konnte, was sein Herz immer noch sehr schmerzte. Das spürte nicht nur er. Auch Gretchen, die aus schwangerschaftsbedingter Faulheit in der Küche sitzen geblieben war und die Begegnung der Meiers von ihrem Platz am Frühstückstisch aus gerührt beobachtete, kullerten unentwegt kleine Tränchen die Wange hinunter, während sie leise auf ihre Babys einredete, die sie über ihre Bauchdecke zärtlich streichelte, damit die frechen Zappelwesen sich endlich beruhigten.

Marc war derweil vollkommen überrumpelt von der heftigen Gefühlslawine, die auf ihn niederprasselte. Er wand sich nach einigen Sekunden aus dem Meierschen Klammeraffengriff und lächelte seinen Dad ungewohnt verlegen an. Dabei bemerkte er im Augenwinkel sichtlich verwirrt den unerwartet bewegten Gesichtsausdruck seiner plötzlich verstummten Mutter, die ihren Mann nicht aus den Augen gelassen hatte und nun selber gefährlich auf ihren gemeinsamen Sohn zuwankte, der jedoch rechtzeitig schaltete und schnell auf der Türschwelle kehrtmachte, um sich in seinen eigenen vier Wänden vor ihr in Sicherheit zu bringen. Nur mit mäßigem Erfolg wohlgemerkt. Aber er hätte sie ja auch nicht hereinbeten müssen, wenn er es nicht gewollt hätte. Sein Fehler!

Marc: Na, wenn ihr schon einmal hier seid, dann kommt auch rein. Fünf Minuten habe ich schon noch. Aber mehr ist definitiv nicht drin.
Elke (ihre Stimme hüpft vor Freude eine Oktave höher, als sie sich ihr kleines tigergemustertes Handtäschchen unter den Arm klemmt u. Olivier u. Marc in das Penthouse hinterherstolziert): Na endlich! Ich dachte schon, du willst uns ignorieren, Marc Olivier.
Marc: Wie käme ich denn dazu, hm?

...fragte Marc ironisch in die Runde und guckte augenrollend von seinen Eltern zu Gretchen rüber, die, nachdem auch sie sich wieder beruhigt und den Schmetterlingsschwarm in ihrem Bauch erfolgreich gezähmt hatte, vergnügt vor sich hin grinste und nun galant von Olivier mit einem zarten Küsschen auf die Wange und einem verliebten Opablick auf ihren Babybauch begrüßt wurde. Marcs Mutter kramte währenddessen in ihrer sündhaftteuren Designerhandtasche und überreichte ihrem perplexen Jungen fast schon beiläufig im Vorbeigehen einen kleinen goldumrahmten Umschlag, bevor auch sie ihre Schwiegertochter in spe mit einem kraftvollen Händedruck und zwei Bisous auf die Wange begrüßte und sich anschließend erschöpft aufschnaufend neben der Schwangeren auf einen Stuhl sinken ließ. Den missbilligenden Blick von Elke auf ihr rosagestreiftes Schlafanzugoutfit unter ihrem kuschelig weichen Morgenmantel in derselben Farbe ignorierte Gretchen wohlwissentlich. Sie freute sich viel zu sehr mit Marc mit, der über seinen eigenen Schatten gesprungen war. Das machte sie unendlich stolz, auch wenn sie insgeheim gerne noch ein bisschen mit ihrem Schatz alleine geblieben wäre. Aber das ließ sich ja alles nachholen. Heute Abend, nachdem er seine Schicht im Krankenhaus hoffentlich pünktlich beendet hatte.

Marc (betrachtet den Brief irritiert von allen Seiten u. zwinkert dann mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen Gretchen zu): Noch ein Umschlag? Das wird ja fast schon zur Gewohnheit. Ich hoffe, da sind keine delikaten Fotos drin.
Elke (fährt verwundert zu ihrem Jungen herum): Wie bitte?
Marc (schmunzelt u. ergötzt sich an den glühenden Wangen seiner Freundin, die ihr Fotogeschenk schnell unter ihrem auf dem Tisch liegenden Halstuch verbirgt, um nicht aus Versehen noch mehr in Verlegenheit gebracht zu werden): Och, nichts.
Elke (kommt sehr schnell zu ihrem eigentlichen Anliegen zurück): Das ist eine Einladung.
Marc (lässt sich grinsend seiner Mutter gegenüber auf einen Stuhl fallen): Zum Schulanfang?
Elke (funkelt den vorlauten Jungen über den gedeckten Frühstückstisch hinweg an): Marc Olivier, sei bitte nicht albern!
Marc (guckt verschmitzt von einer Person zur anderen u. bleibt schließlich mit seinem intensiven Blick an seiner Freundin kleben, die ihn ebenso verwundert ansieht wie sein Vater): Och, ich dachte, ich hätte gerade ein Déjà-Vu, weil ich gestern schon einmal so was Ähnliches in den Händen gehalten habe, wenn auch gestalterisch etwas, sagen wir mal, gewagter. Ist der Umschlag nicht aus dem Sortiment von eurem Verlag?
Gretchen (hört ihrem Gegenüber neugierig zu, während sie nicht widerstehen kann, an ihrem Kuchenstück weiter zu naschen, wobei der Gastgeberin erschrocken einfällt, ihren Schwiegereltern in spe doch auch jeweils eins anzubieten): Wie meinst du das?
Marc (schmunzelt augenzwinkernd): Erzähl ich dir später. Also, Mutter, was ist das?
Elke (lehnt mit einer lockeren Geste das hochgradig zucker- und weizenmehllastige Kuchenstück ab u. reicht den Teller an Olivier weiter, der es natürlich dankbar annimmt u. anschließend genüsslich verputzt): Die Eintrittskarte zu der Talkshow, in die ich eingeladen worden bin. Ich möchte, dass du mich dorthin begleitest.

Das ist nicht im Ernst ihr Geschenk? Ach, was frag ich überhaupt, das ist wieder typisch meine Mutter. Immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Drauf geschissen. Ich mach da nicht mehr mit. Basta! Finito! Ein für alle Mal Schluss damit!

Marc (reagiert eher weniger charmant u. angetan als erhofft): Wieso? Was zum Geier soll ich da?
Olivier (putzt sich die Kuchenkrümel von den Lippen u. antwortet ihm ruhig u. gelassen): Sie will mit dir angeben, was denkst du denn, mein Sohn.
Elke (echauffiert sich direkt wieder u. nimmt mit finsterer Miene ihren vorlauten Göttergatten ins Visier): Also, bitte, Olivier.
Marc (kann sich ein bisschen Schadenfreude nicht verkneifen u. versucht, ihr seinen Part an ihren Plänen unverblümt auszureden): Dann nimm doch ihn mit. Es interessiert deine Leser bestimmt brennend, dass ihr es mittlerweile doch miteinander aushaltet. ... (wird leiser, als er vielsagend in Gretchens Richtung die Augen verleiert) ... Aus Gründen, die mir, ehrlich gesagt, schleierhaft sind. Aber egal. ... (seine Stimme nimmt wieder die gewohnte Lautstärke an, als er sich wieder seinen Eltern zuwendet) ... Außerdem dachte ich, jetzt, wo Dad wieder da ist, würden mir solche peinlichen Auftritte in Zukunft erspart bleiben.
Elke (fährt mit empörter Miene wieder zu ihrem Jungen herum): Ach? Du hältst deine Mutter also für peinlich, hm? Vor vierunddreißig Jahren, genau um diese Zeit habe ich nach quälenden Stunden...
Marc (verdreht genervt die Augen): Mama, ich kenn die Schallplatte. Du legst sie jedes Jahr ungefragt auf. Meine Freunde können ein Lied davon singen.

Und das werde ich dir nie verzeihen.

Gretchen (versucht zu schlichten u. blickt ihren Freund eindringlich an): Marc!
Marc (hört ausnahmsweise mal auf ihre warnenden Blicke): Okay, okay, ich bin schon ruhig. Also, was ist das für eine Talkshow und wie kommen die überhaupt auf dich als Gast? Das an sich klingt schon verrückt genug.
Olivier (kneift ihm warnend in die Seite, damit er aufhört zu sticheln): Marc, bitte! Hör ihr einfach einen Moment zu! Tue deinem alten Herrn bitte diesen Gefallen, ja!
Elke (als sie auch von Marcs Seite her endlich ehrliches Interesse spürt, ist sie wieder ganz bei sich, sie drückt Oliviers Hand u. sieht stolz zu ihrem Jungen rüber, der trotzig die Arme verschränkt hält): Na, DIE Talkshow. Du weißt schon mit dieser adipösen Schauspielerin und diesem alternden Moderator mit den schrecklichen Socken. Was für eine Ehre. Im Verlag ist man völlig aus dem Häuschen deswegen. Selbst die Neider, die mir, der großen Elke Fisher, kein Sachbuch und dann noch mit diesem hochbrisanten Thema zugetraut haben, sind nach den zahlreichen Vorbestellungen plötzlich verstummt. Diese Geier. Von wegen die Zukunft liegt im Onlinebereich. Tzz... I-Books, schon allein der Name, die werden sich niemals durchsetzen. Meine Leser wollen etwas zu greifen bekommen. Etwas, das sie bewegt.
Marc (guckt leidend zu seiner Freundin, die ihn mitfühlend ansieht): Mutter, komm auf den Punkt!
Elke (die Begeisterung u. der Stolz sind ihr deutlich ins Gesicht geschrieben): Also, wie ich schon erwähnt habe, ist man vom mitteldeutschen Rundfunk auf mich zugekommen, um über mein Buch zu sprechen, das am kommenden Freitag endlich herauskommen wird. Wie hätte ich da nein sagen können. Ich bin ihnen und meinen treuen Fans natürlich schließlich immer noch etwas schuldig, nachdem ich bei der „Goldenen Henne“ nicht dabei sein konnte. Aus Gründen, die letztlich auch zu meinem wohl persönlichsten Werk geführt haben. Und da du mich während der Therapie begleitet hast und mich auch während der Schaffensphase in allen Belangen medizinisch beraten hast, halte ich es für angebracht, dass du bei der Vorstellung unbedingt dabei sein sollst.

Wie bitte? So dankt sie es mir, dass ich mir drei Wochen lang den Arsch aufgerissen habe, um ihr den Kopf zu waschen? Die spinnt doch. Der Mist hat doch in ihrem Kopf metastasiert?

Marc (ein begeistertes Gesicht sieht anders aus): Ich weiß nicht. Du weißt doch, was ich von so was halte. Das ist dein Ding, nicht meins. Halte mich da bitte raus!
Gretchen (versucht, ihren Freund zu überreden, weil sie gemerkt hat, wie viel es Elke bedeuten würde): Marc, das ist doch eine nette Idee, hm.
Marc (beugt sich flüsternd zu ihr heran): Nett, mein Schatz, ist die kleine Schwester von...
Olivier (springt auf den Zug mit auf, bevor Marc noch etwas Falsches sagt u. Elke verletzt): Deine Mutter hat so lange gekämpft.

Na toll, jetzt verschwören sich alle gegen mich und ich bin der Arsch. Und alle haben vergessen, dass sie es war, die sich feige in die Schweiz verabschiedet hat. So viel zum Thema „Kämpfen“. Ohne meinen Arschtritt säßen wir jetzt alle nicht hier. Vor allem sie nicht, weil sie... Scheiße!

Marc (stöhnt entnervt auf, weil er es plötzlich durchaus in Betracht zieht, ernsthaft darüber nachzudenken): Ich war dabei. Ich weiß, wie es wirklich war. Wann soll der Scheiß denn überhaupt stattfinden?
Elke (das große Autorenherz springt vor Vorfreude auf u. ab): Die Aufzeichnung ist am kommenden Samstag in Hamburg.
Gretchen (kommt plötzlich ins Grübeln): Oh!
Marc (grinst u. spürt zufrieden, wie ihm tausend Gesteinsbrocken vom Herzen kullern): Da kann ich nicht.
Elke (ihre Stimme erhebt sich enttäuscht): Marc Olivier...
Marc (fällt ihr schnell ins Wort): Bevor du dich gleich wieder unnütz aufregst, Mutter, ich habe den Tag schon jemand anderem versprochen. Tut mir leid, aber wer zu spät kommt...
Gretchen (ihr Herz fängt wild an zu klopfen, während sie ihrem Schatz staunend in die fröhlich funkelnden Augen blickt): Ach, Marc, wir können doch...
Marc (zwinkert ihr flüsternd zu): Ich meine nicht dich.
Gretchen (guckt ziemlich perplex aus der Wäsche): Nicht? Aber...
Marc (verrät es ihr mit einem Schmunzeln auf den Lippen, die nur Millimeter über ihren schweben): Ich sage nur Mini-Hassi mit Maxi-Schultüte. Aber darum wirst du dich kümmern. Nur damit du es schon einmal weißt.
Gretchen (sieht ihn ziemlich erstaunt an): Oh! Du meinst, wir sind...? Sabine hat erzählt, dass Sarah gestern im Krankenhaus Einladungen verteilt hat. Das ist ja toll.
Marc (verdreht die Augen): Naja, toll ist was anderes.
Gretchen (liest in seinen Augen ganz genau, was er damit meint u. strahlt verliebt): Ich weiß. Lieb, dass du es nicht vergessen hast.
Marc (neckt sie auf charmante Meier-Art): Du hättest auch nicht aufgehört, mich daran zu erinnern.
Gretchen (kichert): Stimmt! Also machen wir dann am Samstag trotzdem noch was?
Marc: Definitiv!

Als ob ich länger als fünf Minuten auf diesem Kindergeburtstag herumhampeln werde. Tzz...

Elke (schaut sichtlich zerknautscht zwischen Marc u. Gretchen hin u. her): Und was ist jetzt mit meinem Termin? Er ist mir wirklich sehr wichtig, Marc.
Olivier (drückt liebevoll ihre kleine, kalte Hand): Mokkapralinchen, wenn die Kinder schon verabredet sind, dann lass ihnen doch den Spaß. Ich bin doch auch noch da. Was hältst du davon, wenn wir beide zusammen einen kleinen Liebeskurztrip an die Elbe machen, hm? Romantisches Dinner am Hafen, mit anschließendem Besuch der neuen Elbphilharmonie, und samstags dann ein Picknick am Strand, bevor wir zusammen entspannt ins Studio fahren und alles auf uns zukommen lassen werden. Was hältst du davon? Wir haben schon lange nichts mehr zusammen unternommen. Das wäre doch was, meine Lotusblüte?
Elke (hat noch so ihre berechtigten Zweifel, aber ihr romantisches Herz hat sich bereits entschieden, was Olivier nicht entgeht, der sie dafür spontan küsst): Du und ich?
Marc (kneift beim Kuss seiner Eltern die Augen zusammen): Gebongt! Wenn das jetzt geklärt ist, kann ich ja los. Ich muss arbeiten.

Hätte nicht gedacht, dass ich mich heute noch so darüber freuen würde. Halleluja!

Elke (guckt ungläubig zu ihrem Sohn rüber, der vom Tisch aufgestanden ist u. zu Gretchen rübergegangen ist u. ihr seine Arme um die Schultern gelegt hat): Du gehst heute arbeiten? Aber ich dachte, wir verbringen den Tag miteinander. Dein Vater hat sich das so sehr gewünscht.
Marc (das überrascht ihn dann doch): Mutter, ich weiß, in deinen Kreisen handhabt man solche Tage anders, aber ich hab mich dem Dienst an der Menschheit verschrieben. Ich kann nicht anders. Außerdem holen wir heute Vormittag meinen Patienten zurück in den Wachzustand. Da muss ich dabei sein.
Olivier (erhebt sich ebenfalls von seinem Platz u. klopft Marc anerkennend auf die Schulter): Und ich auch. Für mich war es gestern schon ein großes Geschenk, zusammen mit meinem hochtalentierten Sohn operieren zu dürfen. Da lasse ich es mir heute natürlich nicht nehmen, ihn zu begleiten.
Elke (fasst sich beim Anblick ihrer beiden Männer an ihr gerührtes Herz u. ist beseelt): Ach, mí corazón!
Gretchen (guckt zu Marc hoch, der immer noch hinter ihr steht u. sie anlächelt): Kann ich mitkommen? Ich wäre auch gerne dabei, wenn ihr Jonathan zurückholt. Das war ein anstrengender Eingriff und ich habe ihm versprochen, ihn zu besuchen, wenn alles überstanden ist.
Marc (der Oberarzt verdrängt den Freund): Haasenzahn, vergiss es! Bevor die Zwerge sich nicht melden, betrittst du kein Krankenhaus mehr. Haben wir uns verstanden? Sonst setze ich deinen Vater auf dich an und diesmal richtig und nicht so halbherzig wie gestern.
Gretchen (schmollt): Marc!
Marc (drückt ihr zur Besänftigung einen kleinen Kuss auf die Wange): Wir können uns aber heute Abend gerne das Video von der OP anschauen, wenn du magst, und ich gehe mit dir alles haarklein durch. Aber was Anderes ist nicht drin. No way!
Gretchen (funkelt ihn an): Spaßverderber!
Marc (neckt sie): Du sollst dich ja auch ausruhen. Von Spaß war dabei keine Rede. Und damit du dich auch dranhältst und nicht wieder auf dumme Gedanken kommst, hab ich hier die passende Gesellschaft für dich.

Ein bisschen Strafe muss schließlich sein. Das ist für den Herzinfarkt vorhin, mein Schatz.

Elke (schaut ungläubig zu ihrem Jungen hoch, der plötzlich auf sie zeigt): Wie bitte? Ich habe Termine, Marc Olivier. Was denkst du dir denn?
Marc: Die Dauerwelle rettet auch kein Starcoiffeur mehr, Mutter. Tue mir bitte den Gefallen, okay? Sieh es als dein richtiges Geschenk für meinen Geburtstag an. Damit wäre ich sogar einverstanden. Danke, Mama!
Gretchen (erhebt sich mühsam von ihrem Platz u. flüstert Marc eingeschnappt etwas zu): Marc, das ist nicht dein Ernst, dass du mich mit deiner Mutter alleine lässt.
Marc (drängt sie mit sanfter Gewalt zurück auf den Stuhl u. haucht ihr flüsternd etwas ins Ohr, während er sich mit einer Hand liebevoll von seinen Zwillingen verabschiedet): Der Punkt ist, Haasenzahn, dass du den ganzen Tag nicht alleine hier bist. Das war unser Deal. Außerdem, hatte ich nicht gesagt, dass sie nur schwer wieder loszuwerden sein wird.
Gretchen (reagiert sichtlich eingeschnappt): Du bist schrecklich.
Marc (grient seine Schmollprinzessin verliebt an u. drückt ihr einen weiteren Kuss auf die Wange): Ich bin nur schrecklich verliebt, Haasenzahn. Das ist der Unterschied.
Elke (hat augenrollend die Turteleien der beiden verfolgt): Und wie lange soll ich, deiner Meinung nach, hierbleiben?
Marc (löst sich von seiner Prinzessin, die ihn nun etwas milder anguckt, u. sieht schulterzuckend zu seiner Mutter daneben): Bis die Ablösung kommt?
Olivier (reckt neugierig seine Nase in die Höhe): Welche Ablösung?
Marc (lenkt mit einer lockeren Handbewegung ab u. geht zur Garderobe, um sich anzuziehen): Keine Ahnung, aber bei ihr steht in der Regel immer jemand auf der Matte. Haasenzahn zieht die Leute nämlich wie die Motten an.
Gretchen (schaut angesäuert zu ihm rüber): Marc!
Marc (guckt beim Schuhe zu binden schmunzelnd zu Gretchen rüber): Das ist die Wahrheit. Oder was war gestern, hm? Kommst du, Dad? Ich will den Aufweckprozess nicht verpassen. Nicht dass eure idiotischen Assis irgendeinen Scheiß verzapfen, bis wir da sind.
Olivier: Unser Ausbildungsprogramm gilt als eines der besten der Welt.
Marc (zieht spöttisch seine Augenbrauen hoch): Das glaubt auch nur ihr.
Olivier (löst seinen Blick schmunzelnd von seinem frechen Sohn u. gibt seiner Liebsten einen innigen Abschiedskuss auf die Lippen): Bis später, mein Herz!
Elke (funkelt Olivier feurig in die Augen): Du weißt, dass das so nicht ausgemacht war.
Olivier (lässt seinen ganzen Charme spielen, dem sie sich nicht entziehen kann): Gönn mir doch den Tag mit meinem Jungen, hm, Mokkapralinchen?
Elke (wird wieder butterweich): Unser Junge.
Olivier (lächelt zum Dahinschmelzen): Ja, unser Junge. Er ist ganz schön groß geworden, hm.
Marc (hält mit einer Hand seinen Arztkoffer, mit der anderen drückt er ungeduldig die Türklinke herunter): Wenn was sein sollte, ich bin immer auf Abruf. Also, falls die Zwerge doch raus wollen, ich bin null Komma nichts zur Stelle.
Gretchen (kann über diesen Quatschkopf nur den Kopf schütteln u. streichelt demonstrativ über ihren gewaltigen Babybauch): Jetzt werde ich ihnen erst recht sagen, dass sie noch ein bisschen länger hier drinbleiben sollen.
Marc (ist mal wieder schockverliebt in seine süße Schmollkönigin): So fies heute. Mhm... sexy. Freu dich schon mal auf heute Abend! Ich glaube, ich muss mich noch wegen was revanchieren.
Gretchen (schüttelt fassungslos den Kopf u. lacht schließlich): Jetzt hau schon ab, du!

Marc kam mit verschlagener Grinsemiene bewaffnet noch einmal auf sein freches Mädchen zu, beugte sich zu einem dicken Schmatzer herunter, den er extra fünf Sekunden hinauszögerte, bis Gretchen dem vorlauten Kerl auf ihre Weise entgegenkam und ihm ungeduldig ihre zarten Lippen hinhielt, die er natürlich gerne ausgiebig küsste, bevor er sich dann wieder umdrehte und zufrieden schmunzelnd und den Nachhall genießend aus der Wohnung marschierte. - „Ich pass auf ihn auf, Gretchen, damit er nicht allzu sehr durchdreht in seiner Vorfreude“, verabschiedete sich derweil auch Marcs Vater galant von seiner hübschen Schwiegertochter in spe, die ihm daraufhin kichernd hinterher schaute, wie er gemächlich seinem genervt dreinblickenden Sohn hinterher trottete.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wandte sich Gretchen lachend wieder ihrem Gast zu, der nun ähnlich dreinblickte wie die Einunddreißigjährige wenige Sekunden später. Sie hatten nämlich beide keine Ahnung, was sie nun miteinander anfangen sollten. Es war schließlich Elke, die das peinliche Schweigen durchbrach, das Gretchen mit Kuchenessen kompensierte. Die weltgewandte Autorin hatte nämlich etwas entdeckt, das ihre Aufmerksamkeit und ihren Kunstsachverstand geweckt hatte. - „Kindchen, nun das hätte ich hier aber nicht erwartet. Wer hat denn dieses Prachtwerk erschaffen? Etwa dieser neue angesagte Künstler aus Kasachstan oder Kanada, nein, Kambodscha, jedenfalls, der letzten Monat sein Atelier in Charlottenburg eröffnet hat? Da wollte ich immer schon mal hin, aber Olivier hat ja nie Zeit für mich. Ständig ist er im OP. Aber ich dachte, die Werke des Kolumbianers seien unverkäuflich? Kunst ist da, um zu sein, nicht für den schnöden Mammon. Wie Recht er damit hat. Faszinierend! Wirklich faszinierend! Diese Verarbeitung. Diese Rundungen. Diese Farben. Was möchtest du dafür haben, Gretchen?“ Doch die junge Ärztin war viel zu perplex, um etwas darauf zu erwidern. Stattdessen beschloss sie, noch etwas von Marcs Geburtstagskuchen zu naschen, um ihre glühend roten Wangen vor ihrer Schwiegermutter in spe zu verbergen, die gerade in einem ganz anderen Tunnel verschwunden war und Gretchens Bauchabdruck pseudowissenschaftlich begutachtete.

Lorelei Offline

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28.05.2017 12:32
#1597 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

„Die Frau macht mich wahnsinnig“, fasste Dr. Marc Olivier Meier nach einer ruhigen Fahrstuhlfahrt, welche ihn ganz gemächlich aus dem siebten Himmel wieder zurück auf den Boden der Tatsachen gebracht hatte, einer noch ruhigeren Autofahrt durch den morgendlichen Wahnsinn auf Berlins Innenstadtstraßen und einem weiteren, in stiller Eintracht verbrachten Aufenthalt in einem stinknormalen, furzlangweiligen Aufzug, welcher sich von dem vorherigen lediglich hinsichtlich Größe und Ausstattung unterschied, die vergangenen Minuten seltenen familiären Beisammenseins schließlich im gewohnt spitzzüngigen Grummelton zusammen, während er langsam neben seinem schmunzelnden Vater, der die Begegnung der etwas anderen Art ganz anders in Erinnerung behalten hatte, die hässlichen, endloslangen, verwirrenden Flure von Deutschlands wohl größtem und bekanntestem Klinikum, der Charité, entlangtrottete, welche den begabten Allgemein- und Unfallchirurgen aus dem Konkurrenzkrankenhaus vom anderen Ende der Stadt zu einer ersten Stippvisite bei seinem langjährigen und gestern hier operierten Patienten auf der Intensivstation geleiten sollten.

Olivier: Das ist ihre Art, dir zu zeigen, wie viel du ihr bedeutest, Marc.
Marc (dreht sich mit skeptischer Miene zu seinem ihn fröhlich angrinsenden u. davon überzeugten Vater um, der mit stolz geschwellter Brust einen halben Schritt hinter seinem talentierten Sohn herläuft, der sich gerade im Gehen, ebenso wie er, elegant einen geliehenen Arztkittel überwirft): Ich glaube, du hast dir die falsche Übersetzungs-App auf dein Hinterwäldlerhandy runtergeladen, Dad. Schmonzettenschreiberinnen-Deutsch beißt sich mit „Es gibt keine Autorinnengöttinnen neben mir, ihr Trivialbitches“-Deutsch für Fortgeschrittene. Das ist wieder so typisch meine Mutter. Kann sie an dem Tag nicht einmal stinknormal reagieren? Ich meine, jetzt nicht unbedingt bärbel-haase-mäßig normal mit Küchenschürze bewaffnet und selbstgebackenem Kuchen auf Sterneniveau in der Hand. Das würde mich, glaube ich, noch mehr abschrecken. Aber einfach normal eben. Wie eine stinknormale Mutter, die sich freut, dass ihr einmal im Leben etwas richtig gut gelungen ist. Nämlich ich. Von mir aus muss sie mir nicht mal was schenken. Geschenke werden eh überbewertet, es sei denn, sie kommen von Haasenzahn und sind ähm... Egal! Es reicht schon, dass sie da ist. Aber so? Eine Einladung zu einer Talkshow. Wow! Das kann auch echt nur sie bringen, sich an meinem Geburtstag so in den Mittelpunkt zu drängeln.
Olivier (sein freches Meier-Grinsen wird noch breiter u. dann schwärmerischer, als er ganz plötzlich in eine kleine Zeitblase zurückfällt): Naja, wenn man es genau nimmt, steht es ihr schon ein bisschen zu. Sie hat dich ja schließlich auch an diesem Tag auf die Welt gebracht. Heute vor genau vierunddreißig Jahren und zweiundvierzig Minuten. Hach... Ich hab es noch ganz genau vor Augen. Wir im konspirativen Gespräch vertieft am Frühstückstisch, nachdem ich gerade von meiner dritten Nachtschicht in Folge nach Hause gekommen bin. Eigentlich total kaputt und doch hellwach. Noch voller Adrenalin von meiner letzten OP, die ich erstmalig in Eigeninitiative hatte übernehmen dürfen, und ganz elektrisiert von ihrem zauberhaften Anblick.

Hilfe! Was wird das denn jetzt? Märchenstunde? Ist es schon wieder soweit? Zauberhaft? Meine Mutter? Tzz... No way! Das Adjektiv existiert nicht in ihrem persönlichen Wörterbuch.

Marc (seine Gesichtszüge entgleiten ihm u. er schaut sich peinlich berührt um, ob auch ja niemand zuhört): Dad!
Olivier (ist ganz in seinen Gedanken vertieft u. schwebt neben seinem Kind über die Flure seines Krankenhauses): Wie deine Mutter in diesem zuckersüßen, knallbunten, sommerblumenbestickten Morgenmantel vor mir saß, unter dem diese riesige Murmel herausgeguckt hat, die sie nur noch schöner gemacht hat, weil ihr Inhalt, du, sie von innen nach außen hat strahlen lassen. Seitdem sie von dir wusste, hat es keinen Tag gegeben, an dem sie nicht gelächelt hat. Das ist übrigens bis heute so geblieben, wenn sie von dir spricht. Ist dir das überhaupt bewusst?
Marc (traut seinen Ohren kaum u. wäre lieber heute als morgen wieder in seinem Tanzbereich, dem OP, wo man vor Rührseligkeiten aller Art Gott sei dank gefeit ist): Boah, Dad, muss das sein? Dir ist schon bewusst, wo wir gerade sind, oder? Dir kann jeder zuhören. Ey, wenn das die Runde macht, dann habt ihr mich hier aber das letzte Mal gesehen.
Olivier (schwelgt völlig unberührt weiter in seinen Erinnerungen u. strahlt dabei wie ein Honigkuchenpferd): Elke war extra wegen mir schon so früh aufgestanden und hat auf mich gewartet, weil sie es kaum ausgehalten hat, mich längere Zeit nicht zu sehen. Ich hatte fast ein Déjà-Vu, als ich vorhin dein Gretchen gesehen habe, wie sie dich mit ihren strahlenden Augen angeschaut hat. So voller Liebe und Vertrauen. Und Stolz, weil du eben bist, wie du bist und das tust, was du liebst. Wir hatten damals keine Ahnung, was uns in den darauf folgenden Minuten und Stunden erwarten würde. Wir hatten uns sogar noch mal zusammen hingelegt und haben die ersten Anzeichen komplett ignoriert. Weil wir, naiv und unwissend wie wir waren, noch nicht mit dir gerechnet haben. So präzise wie heute war die Diagnostik damals noch nicht, wie du dir sicherlich denken kannst. Aber dann plötzlich wurde aus dem schnurrenden Kätzchen eine kratzbürstige und bissige Tigerin und du kannst dir vorstellen, was dann los war. Aber du warst ja schließlich auch aktiv mit dabei. Obwohl du dir natürlich ganz schön viel Zeit genommen hast, mein Lieber.

Oh Gott, ich glaube, ich werde taub. In was für Zuckerwatte ist der denn gefallen? Der steckt ja noch tiefer drin als Haasenzahn, wenn sie überzuckert ist und die alten Kamellen auspackt. Muss an dem Tag liegen. Ich wusste, warum ich den nicht feiere. Das ist ja nicht auszuhalten.

Marc (bleibt mitten auf der nächsten Flurkreuzung stehen u. funkelt seinen amüsierten Dad eindringlich an, dann schaut er sich suchend um, als einige Weißkittelträger an der Meier-Blockade vorbeidrängeln wollen): Fängst du jetzt auch noch so an wie Mama vorhin? Dann können sich unsere Wege hier auch gerne trennen. Ich finde schon alleine zu eurer bescheuerten Intensivstation. Dafür brauche ich nicht extra einen Erziehungsberechtigten mit eindeutigen Hormonschwankungen. Solltest du mal untersuchen lassen.
Olivier (schiebt Marc sanft zur Seite u. nickt einigen Kollegen zu, die an ihm vorbeigehen u. den Sohn vom Professor erkannt haben u. nun neugierig mustern): Och, wo ich schon mal hier bin. Gönn doch deinem alten Herrn diesen Spaß, hm. Ich hab mir extra für dich heute nichts weiter vorgenommen.
Marc (guckt ihm ungläubig in die ehrlich leuchtenden Augen u. läuft dann, als er merkt, wie ernst es ihm damit ist, schnurstracks weiter): Das war kein Scherz? Du willst mir ernsthaft den ganzen Tag lang an den Hacken kleben bleiben? Dad! Das ist ja noch peinlicher als Mutters Vorschlag, mich vor aller Welt, also den zwei Hanseln, von denen eine vermutlich Sabine und der andere ihr Anhängsel sein werden, die sich damit freiwillig ihren Samstagabend vorm TV verderben wollen, bloßstellen zu wollen.
Olivier (versucht sich bei seinem Sohn einzuhaken, der ihm jedoch rechtzeitig ausweicht u. schnell weiter voranschreitet, um dem Familienwahnsinn zu entkommen): Also, ich wüsste nicht, was daran peinlich wäre, wenn sich zwei der besten Chirurgen, die diese wunderbare Stadt zu bieten hat, ausführlich fachmännisch austauschen wollen.
Marc (guckt sich suchend wieder nach allen Flurabzweigungen um u. stöhnt genervt auf, als er für eine Sekunde nicht weiterweiß): Wenn es dabei auch bleiben würde.
Olivier (lenkt ihn in die richtige Richtung): Das ist mein Geschenk an dich, mein Sohn. Vater-Sohn-Zeit. Davon hab ich reichlich angesammelt. Die haben wir uns mehr als verdient. Ich weiß, ich kann vieles nicht mehr aufholen, aber...

Fuck! Jetzt wird er doch sentimental. Lass dich bloß nicht darauf ein, Meier! Bleib professionell! Dann ist er es vielleicht auch bald wieder.

Marc (bleibt vor der Schleuse zur Intensivstation stehen u. dreht sich mit ernster Miene zu seinem sichtlich bewegten Vater um): Dad, das musst du doch auch gar nicht. Ich verlange überhaupt nichts von dir. Ich trage dir auch nichts nach. Das weißt du. Ich bin froh darüber, dass wir uns jetzt wiederhaben und ab und an miteinander operieren können. So wie gestern. Und damit sind wir jetzt hoffentlich wieder beim richtigen Thema angelangt? Deine Anhängselei wird langsam lästig.
Olivier (schluckt den fetten Kloß herunter, der ihn für einen kurzen sentimentalen Moment die Luft geraubt hat, u. lächelt seinen Sohn gerührt an, bevor er ihm kurz väterlich auf die Schulter klopft u. dann neben ihm den Türschalter drückt): Und ich erst. Es ist schon verrückt, wie das Leben doch spielt. Letztes Jahr an deinem Geburtstag hab ich es nicht mehr länger ausgehalten, von dir getrennt zu sein. Mein Entschluss stand fest, auch wenn dessen Umsetzung im wahrsten Sinne des Wortes etwas holprig verlaufen ist, und ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass wir uns so schnell wieder so gut zusammengerauft haben, auch wenn wir manchmal gegenteiliger Meinung sind, was deine Mutter und ihre, sagen wir mal so, Allüren betrifft. Aber wir sind eine Familie. Eine, die nicht gerade der Norm entspricht und das ist doch auch gerade das Geniale daran. Eine, die sich schon sehr, sehr bald vergrößern wird. Das ist mehr, als ich mir je erhofft habe, als ich damals kopflos und ohne Plan in den Flieger nach Deutschland gestiegen bin. Mehr Glück geht nicht. Das wollte ich einfach mal loswerden und ich finde, gerade heute ist der richtige Tag dafür, mein Junge.
Marc (seufzt leise auf): Dad, du wirst jetzt aber nicht sentimental, oder? Vor meinen Patienten wird nicht geflennt, klar? Diese Aufgabe hat schon jemand Anderes aus unserer Familie übernommen. Haasenzahn wird sonst bloß eifersüchtig, weil ihr das auch noch weggenommen wird, wo sie doch schon genervt genug davon ist, nicht hier sein zu dürfen, um ihren besonderen Charme zu versprühen, gegen den niemand immun ist. Nicht mal unser Patient. Mein Patient! Und der wartet, falls du dich erinnerst, warum wir überhaupt hier sind, hm.

Marc ergab sich schließlich dem rührseligen Moment, den er mit seinem sichtlich bewegten Vater geteilt hatte, aber verbarg sein ansteigendes Gefühlsdurcheinander gekonnt, als plötzlich die Türen zur Intensivstation der Charité aufsprangen und ihnen zwei hübsche Intensivschwestern entgegenkamen, die beim Anblick der beiden attraktiven Ärzte kurz gebannt innehielten. Meier Filius, der sich wieder einigermaßen gefasst hatte, zwinkerte ihnen charmant zu, woraufhin sie kichernd weiter ihres Weges gingen, sich aber auch immer wieder noch mal neugierig nach dem ihnen fremden Mediziner umdrehten, und stupste anschließend seinen Dad an, damit sie endlich vorankamen. Schluss mit den albernen Sentimentalitäten, dachte das Geburtstagskind nämlich genervt. Jetzt würde wieder rangeklotzt werden. Alles andere war doch nicht mehr auszuhalten gewesen. Es reichte doch schon, dass er eine Heulboje zuhause hatte, die er heute noch auf seine Weise ordentlich trösten würde. Als Revanche für seine ihr langjährig verwehrten Feteneinladungen. Und natürlich auch für ihre sinnlichen Schwangerschaftsfotos, die ihm, als er sie sich bildlich noch einmal vor Augen führte, sofort wieder das typisch spitzbübische Meier-Grinsen auf die Lippen zauberten, welches nur von einer einzigen Person auf der Welt genauso intensiv und eindrucksvoll zur Geltung gebracht werden konnte. Und die stand direkt neben ihm und griente ihn auffordernd an, als wüsste sie ganz genau, was in dem Vierunddreißigjährigen gerade vorging.

In einem Nebenraum gleich am Eingang der Intensivstation desinfizierten sich Vater und Sohn ihre Hände und ließen sich Schutzkleidung reichen, die sie sich nun langsam über ihre weißen Arztkittel zogen. Jedes Mal, wenn sie sich ansahen, mussten beide jedoch lachen, denn sie vollführten die in Fleisch und Blut übergegangenen Bewegungen beinahe synchron. Das war Marc auch gestern während der mehrstündigen Transplantations-OP schon aufgefallen, als ihre Handbewegungen beinahe blind ineinander übergegangen waren. Und Olivier ging es auch nicht anders, als er daran zurückdachte. Es war nicht zu leugnen. Sie gehörten zusammen. Und eines war sich der Mittfünfziger gewiss. Er würde nie wieder eine so lange Trennung voneinander riskieren. Sein Platz war genau hier und nirgendwo sonst. Neben seinem Sohn, der sich gerade im Einklang mit seinem Vater den Mundschutz überzog und in hautfarbene Einweghandschuhe schlüpfte, die jedoch durch eine kleine Unaufmerksamkeit erst beim zweiten Mal perfekt saßen.

Marc: Okay, jetzt wird es wirklich albern.
Olivier (zeigt dasselbe verschmitzte Grinsen wie sein Sohn): Och, ist doch ein spannendes Experiment. Findest du nicht?
Marc (kontert spitzzüngig): So wie deine Beziehung zu meiner Mutter?
Olivier (reagiert gespielt eingeschnappt auf Marcs ewige Stichelei, während er seinem Jungen direkt in die Funkelaugen blickt): Jetzt zieh das nicht immer ins Lächerliche, Marc. Es ist uns wirklich ernst miteinander. Diesmal ist es für immer.
Marc (der kleine Marc in seinem Herzen freut sich wie wahnsinnig darüber, der erwachsene Realist beobachtet unter Vorbehalt): Bis sie ihren nächsten Aussetzer hat. Oder muss ich dich an deine angeknacksten Rippen erinnern? By the way, machst du eigentlich noch die Physio bei der Kleinen von Jo? Ist sie nicht gerade mit ihrer Ausbildung fertig geworden? Dann kannst du es ja jetzt auch richtig bei der KV abrechnen.
Olivier (wird dann doch etwas sauer u. lässt den Erziehungsberechtigten heraushängen): Marc! Können wir auch einmal ernst über etwas reden?
Marc (ist des Themas ebenfalls überdrüssig): Dad, müssen wir das unbedingt jetzt bequatschen? Ich würde das gerne aus dem Krankenhaus raushalten. Okay? Bei euch haben die Wände garantiert auch Ohren. Und ich bleibe nun mal meinem Standpunkt treu. Im Tanzbereich keine Beziehungsgespräche jeglicher Art. Das betrifft vor allem auch dich und sie.
Olivier (zieht sich ebenfalls die Einweghandschuhe über u. hält seine Hände anschließend in die Luft): Gut! Wie wäre es dann mit einem Essen?
Marc (hält seinen Ellenbogen schon an den Türknopf u. hält noch mal inne): Heute?
Olivier (guckt Marc erwartungsvoll in die Augen, während die Schleuse erst aufgeht u. sich anschließend gleich wieder schließt, ohne dass jemand hindurchgegangen ist): Deine Mutter würde sich freuen. Es ist doch dein Geburtstag.
Marc (schaut sich um, ob auch niemand zuhört, aber sie sind alleine im Vorraum zu den Intensivzimmern): Ja, eben! Das heute Morgen hat mir schon gereicht. Lass es doch gut sein! Ihr habt euren Soll schon erfüllt.
Olivier: Mach es ihr doch nicht immer so schwer, mein Junge. Sie sucht deine Aufmerksamkeit.
Marc (zieht eine kindische Schmollschute u. verschränkt ungelenk seine Arme vor seiner Brust, während er sich mit dem Rücken gegen die geschlossene Schleusentür lehnt): Seit vierunddreißig Jahren macht sie nichts anderes, Dad.
Olivier (weiß, was er damit gemeint hat): Sie stellt es vielleicht nicht nach außen, wie andere Mütter es tun würden, aber sie vermisst dich. Klar, ihr seht euch jeden Tag, wenn du auf dem Weg zur Arbeit an unserer Haustür vorbeischleichst. Aber es ist neu für sie, dass sie dich nicht mehr nur exklusiv hat. Sie wünscht sich doch nur ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Mehr will sie doch gar nicht. Sie möchte mehr miteinbezogen werden.
Marc (wird direkt zynisch): Ach, zankt sie sich deshalb so voller Leidenschaft mit meiner Schwiegermutter um die besten und vor allem teuersten Babypräsente, die die Knirpse nicht brauchen? Und was heißt hier überhaupt, ich würde sie ausschließen. Das tue ich doch gar nicht. Man kann ihr nicht aus dem Weg gehen. Glaub mir, das habe ich schon oft genug versucht. Meine Prioritäten haben sich nun mal verschoben, ja, aber doch nicht erst seit gestern. Ich bin jetzt seit fast einem Jahr mit Gretchen zusammen. Wir könnten jeden Moment Eltern werden. Ich kann mich jetzt nicht auch noch um Mutters Seelennöte kümmern. Das habe ich lange genug getan. Und ich muss dich bestimmt nicht daran erinnern, wieso das so war. Ich mach dir das nicht zum Vorwurf. Das würde ich heute nicht mehr tun. Aber Mama ist jetzt dein Job.
Olivier (schmunzelt über Marcs Sturkopf, den er von Elke geerbt hat): Eben drum. Und ich bin nicht der Einzige, der sich Zeit mit dir wünscht, eben weil wir wissen, dass bald alles anders sein wird. Im Grunde wollen wir dir doch nur zeigen, wie stolz wir auf dich sind.
Marc (hadert mit sich u. gibt schließlich nach): Mann, okay, dann machen wir eben was zusammen, aber nicht heute. Heute hat mich Haasenzahn exklusiv gebucht. Mehr ist wirklich nicht drin. Außer vielleicht endlich da reinzugehen. Wenn wir noch länger hier herumstehen, hat sich der Junge schon selber entlassen, seinen Schulabschluss gemacht und ein hübsches Mädchen aufgerissen, geheiratet und geschwängert.

Marc richtete sich wieder gerade auf, straffte seine Schultern und drückte mit dem Ellenbogen erneut den Türöffner, während er seinen wissend schmunzelnden Vater keine Sekunde aus den Augen ließ. Als die Schleuse mit einem lauten Pling aufging, drehte er sich um und spazierte lässig in das Zimmer seines Patienten, der bereits von all seinen Schläuchen befreit worden war, aber die Augen noch geschlossen hielt. Ein dunkelgrünes Augenpaar folgte dem jungen Chirurgen und beobachtete ihn einige Sekunden lang dabei, wie er intensiv das Klemmbrett am Bettende studierte. Dann folgte auch Meier Senior seinem Filius in das Intensivzimmer, wo er zuerst die verschiedenen Monitore in Augenschein nahm.

Olivier: Wie du willst, mein Junge. Talentierte Chirurgen sollte man nie aufhalten.
Marc: Wow! Das hat aber lange gedauert. Ist das schon Alterssenilität oder hast du dir das von Mutter abgeguckt? Ich tippe auf Letzteres.

...kam es frotzelnd zurück, aber Olivier wusste genau, wie die Worte seines Sohnes gemeint waren, der nun zu seinem väterlichen Kollegen an die Apparate herangetreten war, um die neuen Werte in den Papieren festzuhalten. Das leicht verschwommene, hellblaue Augenpaar, das auf sie gerichtet war, bekamen die beiden Chirurgen gar nicht gleich mit. Erst als sich eine schrecklich krächzende Stimme dazu erhob, drehten sie sich überrascht zu dem Bett um. Ihr Patient war aus dem kurzzeitigen künstlichen Koma wiederaufgewacht, in welches sie ihn gestern gelegt hatten, damit er sich besser von dem komplizierten Eingriff an seinem Herzen und seiner Lunge erholen konnte. Dr. Meier war sichtlich erleichtert, ihn so froh und munter zu sehen. Und dem Professor ging es genauso.

Jonathan: Ach, nee, die beiden M&M-Doktoren sind ja auch hier? Merkt man gar nicht, dass ihr verwandt seid.
Olivier (merklich überrascht von seinem wachen Verstand u. seiner Agilität so kurz nach dem schweren Eingriff): Du bist wach?
Marc (kann sich einen kleinen, frechen Spruch in Richtung seines Vaters nicht verkneifen): Natürlich ist er wach. Was denkst du denn? Dass er dir aus dem Nirwana ne Voice-Mail geschickt hat?
Jonathan (grinst erst, muss dann aber husten u. fasst sich an seinen schmerzenden Hals): Der war gut, Doktor M.
Marc (kontrolliert seine Atemorgane u. seinen Rachen u. tupft ihm anschließend mit einem Wattestäbchen etwas Wasser an die rissig trockenen Lippen): Hey, mein Freund, quatsch nicht so viel! Sprüche kloppen is nicht. Noch nicht. Du bist gerade erst extubiert worden.
Olivier: Wie geht es dir, Jonathan?
Jonathan (fühlt sich noch seltsam unwohl u. tastet sich vorsichtig über den bandagierten Brustkorb): Weiß nicht. Als wäre ich von einem Fünftonner überrollt worden, der noch mal ordentlich nachgesetzt hat.
Marc (nickt verständnisvoll u. notiert sich etwas in der Akte): Das ist normal. Das war ja auch eine ziemlich krasse Geschichte. Die steckt keiner so leicht weg. Nicht mal, wenn du Hulk persönlich wärst. Obwohl, ein bisschen grün bist du schon noch. Vor allem hinter den Ohren.
Jonathan (bemerkt irritiert, dass seine ewigen Begleiter, die Schläuche an seiner Nase, fehlen): Hey! Moment! Das... Ist das... Bin ich?
Olivier (legt ihm beruhigend eine Hand an den Arm): Ruhig, Jonathan! Alles ist gut. Du kannst wieder frei atmen.
Marc (legt sein Stethoskop an, um die neue Lunge u. das Herz zu checken): Jep! Mein Vater hat Recht. Aber Kontrolle ist alles. Ich check nur schnell mal dein neues Getriebe, samt Motor. Hm... Hört sich doch gut an. Willst du auch mal?
Olivier (horcht auch noch mal nach u. stimmt seinem Jungen zu): Gut. Sehr gut sogar. Ein Fall für die Lehrbücher.
Marc (lässt diese Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt): Die ich noch schreiben werde.
Olivier (schmunzelt): Selbstverständlich.
Jonathan (blickt aufgewühlt zwischen den beiden frotzelnden Ärzten hin u. her): Ehrlich?
Marc (grient ihn zuversichtlich an): Na logo! Du bist schließlich von den Besten... dem Besten operiert worden.
Olivier (beugt sich augenzwinkernd zu Jonathan herunter): Mein Junge neigt zur Übersteigerung, aber...
Marc (schiebt ihn protestierend zur Seite): Eh!
Olivier (lacht): ...aber in dem Fall kann ich das gut und gerne unterschreiben. Heute ist schließlich sein Geburtstag.
Marc: Sag mal!

Dad kann es echt nicht lassen.

Jonathan (kann es ehrlich noch kaum fassen): Das heißt, ich... ich komme hier wirklich wieder raus?
Marc (verschränkt die Arme über der Aktenmappe vor seinem Brustkorb u. lächelt süffisant): Na, das hoffe ich doch. Ich an deiner Stelle würde mir auch nichts sehnlicher wünschen, als so schnell wie möglich aus dem Saftladen hier wieder rauszukommen. Ist ja nicht auszuhalten hier in dem alten Schuppen.
Olivier (protestiert, aber schmunzelt dabei): Hey, ich arbeite hier.
Marc (kleinlaut): Mein herzliches Beileid!
Jonathan (ist noch völlig überfordert von den Informationen, die auf ihn einprasseln): Wann?
Marc (lenkt seinen Blick irritiert von seinem Vater auf den Jungen): Wann was?
Jonathan: Wie schnell komme ich hier wieder raus?
Olivier (muss seinen Patienten in seiner Euphorie etwas bremsen, so leid ihm das auch tut): Na, na, na, vorerst halten wir die jungen Hufe noch etwas still. Die Rekonvaleszenz nach schweren Eingriffen wie diesen braucht seine Zeit und die werden wir uns auch nehmen.
Marc (schaut lässig zwischen Olivier u. Jonathan hin u. her): Wir? Er! Er wird eure hässliche Bettwäsche noch solange ertragen müssen, bis die Reha ruft und zwar wieder bei uns im Haus, wo du hingehörst. Du wirst schon sehnsüchtig vermisst. Aber die Schwestern hier scheinen auch nicht übel zu sein. Also, von dem her wirst du’s schon aushalten können. Die werden auf dich fliegen, aber so was von.
Jonathan (versucht sich an einem frechen Lächeln): So wie die Frau Doktor? Wo ist sie überhaupt? Ist sie hier? Ich hab von Dr. H geträumt, während ihr an mir herumgeschnippelt habt.
Marc (klemmt sich Jonathans Akte unter den Arm u. guckt ihn amüsiert an): Bitte?
Olivier (beobachtet schmunzelnd seinen Sohn, dessen Mienenspiel alles verrät): Oh, jetzt wird es aber interessant.
Jonathan (versucht angestrengt, sich an seine wirren Komaträume zu erinnern u. schmückt sie hier u. da noch ein bisschen aus): Sie hat mich hier mit großem Tamtam abgeholt und auf den Abschlussball begleitet. Mann, waren meine Mitschüler vielleicht neidisch.
Marc (reibt sich über seinem dunkelgrünen Kittel über seinen verspannten Oberkörper): Verständlich.
Jonathan: Wir haben uns sogar geküsst.
Olivier (grinst Marc frech an): Was du nicht sagst.
Marc (boxt ihm grummelnd in die Seite): Witzig, Dad.

Was haben die dem hier eigentlich für Schmerzmittel gereicht? Mit dem Tropf stimmt doch was nicht. Das ist ja unverantwortlich. Das sind eindeutig Halluzinationen. Drecksladen!

Jonathan (das Schwärmerische in seinem Gesicht verschwindet mit einem Mal u. er wird wieder blass): Auf die Wange nach meinem letzten Tanz mit ihr. Doktor M, wie stehen meine Chancen wirklich?
Marc (versteht im ersten Moment nicht, wie er es meint, u. seine Stimme rutscht aus Versehen eine Oktave zu hoch): Bitte?
Jonathan (bleibt ernst): Ich meine, ich habe mein halbes Leben im Krankenhaus verbracht. Meine gesamte Pubertät. Ich weiß überhaupt nicht, was da draußen wirklich abgeht und worauf es ankommt. Ob ich wohl jemals so eine tolle Frau mit so tollen Locken kennenlernen werde? Bisher war das alles nur theoretisch. Ich bin bis vorhin, als ich hier wiederaufgewacht bin, niemals davon ausgegangen, hier je wieder rauszukommen. Was ist, wenn mir die Luft da draußen doch zu dick ist?

Fuck!

Marc (reicht seinem Vater die Aktenmappe u. setzt sich auf die Bettkante u. schaut den aufgewühlten Jungen nun ungewohnt mitfühlend an): Jonathan, ich weiß, in Krankenhäusern wie diesen lernt man vor allem Eines. Neben der Tatsache, dass es nichts auf der Welt gibt, das den Krankenhausfraß in irgendeiner Weise verbessern kann. Nämlich Wahrscheinlichkeiten. Und ich hab Mathe bestimmt genauso sehr gehasst wie du, wenn du nicht neben deinen Freunden in der Schule sitzen konntest, um den Klassenclown zu mimen. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen oder vom Blitz getroffen zu werden, ist illusorisch im Vergleich zu deinen Chancen. Fifty-Fifty. Hopp oder top. Scheiß da drauf! Du bist über dem Berg, Mann. Wir haben dir nicht versprochen, dass du so alt wirst wie die Queen, aber scheiße ja, wir haben dir die Chance auf ein recht gutes und angenehmes Leben gegeben. Ein Leben, das du so gestalten kannst, wie du möchtest. Du hast alle Möglichkeiten. Du bist nicht mehr abhängig von dem ganzen Mist hier und das für eine sehr, sehr lange Zeit. Das ist doch schon mal was. Und wegen den Mädels musst du dir nun wirklich keine Sorgen machen. So hässlich bist du doch gar nicht. Mal abgesehen von der ekelhaften Narbe, die deine käseweiße Hühnerbrust ziert. Die werden so oder so auf dich fliegen. Das gesamte Schwesternwohnheim vom EKH ist in dich verknallt. Das wird dir hier auch passieren. Oder hast du noch nicht die heißen Schnecken gesehen, die hier auf der Intensiv herumschwirren? Die hast du schon so was von im Sack. Aber lass das mit der Mitleidsschiene. Das zieht nicht mehr, seitdem wir dich gestern wieder ordentlich zusammengebastelt haben. Frauen stehen auf taffe Kämpfer. Angeschlagenes Material bewirkt bei denen wahre Wunder. Das ist so eine Evolutionssache. Beschützerinstinkt. Keine Ahnung. Check es aus! Genieß es! Aber eine Sache noch, wenn wir Freunde bleiben wollen, dann setzt du dem einen Riegel vor, wenn sich Dr. Haase mal wieder in deine Träume schleichen möchte. Ich weiß ja, sie verläuft sich gerne, aber orientierungslos durch die Gegend zu stolpern, das macht sie gefälligst in meinen Träumen und sonst nirgendwo. Haben wir uns verstanden?
Jonathan (strahlt mit einem Mal über das ganze Gesicht, als er kurz zu Prof. Meier rüberlinst, der sichtlich amüsiert am Fensterbrett lehnt): Sie hatten voll recht, Prof. M. Der ist ja so was von verknallt. Ich glaube auch, dass das gut klappen wird mit ihm und den Zwillingen. Aber ich will zuerst informiert werden, wenn sie da sind, ja? Und ich will ein Foto. Für den Nachttisch in der Reha. Als kleine Motivation.
Marc (baut sich sichtlich empört vor dem Bett wieder auf): Ey, ihr redet über mich?
Olivier (gibt sich betont unschuldig, zwinkert aber, von Marc unbemerkt, zu Jonathan rüber): Ich habe nur Patientennähe geschaffen.
Marc (verdreht die Augen u. bemerkt dabei im Augenwinkel eine Bewegung vor der großen Fensterscheibe zum Vorraum): Das hier ist wirklich ein Saftladen, aber so was von. Keine Privatsphäre. Nirgendwo. Das ist ja fast so wie bei uns. Dabei dachte ich, hier kennt man nicht mal den Namen des Kollegen, der gerade neben einem im OP steht. Egal. Nicht mein Problem. Ich bin hier weg. Wird Zeit, dass ich hier endlich wieder die Biege mache. Deine Eltern scharen auch schon mit den Hufen, Jonathan. Wir sollten sie reinlassen. Ich hoffe, du hast genügend Taschentücher da. Bereit?

Dr. Meier nickte seinem jungen Patienten zu. Dieser erwiderte die Geste mit einem freundlichen Lächeln und bekam ganz große glasige Augen, als die beiden Chirurgen nach einem kurzen Gespräch vor der Tür seine Eltern ins Zimmer hineinbaten. Marc wurde noch kurz von Jonathans Mutter überrumpelt, die ihn fest in ihre Arme gezogen und an sich gedrückt hatte. Aber bevor der überraschte Oberarzt hätte protestieren können, hatte sie den Retter ihres Sohnes schnell wieder losgelassen, um sich nun zusammen mit ihrem ebenso überglücklichen Mann auf ihren Jungen zu stürzen und erst einmal voller Freude und Erleichterung eine Runde zu weinen. Alles beobachtet durch das große Fenster zum Intensivzimmer, vor dem sich Marc und Olivier gerade ihrer unförmigen Schutzkleidung entledigten. Mit befreiten Schultern und erleichterten Herzen marschierten die beiden im Anschluss wieder nebeneinander durch die endloslangen und verwinkelten Gänge der Charité und hingen jeweils ihren Gedanken nach, die Olivier schließlich auf den Punkt brachte...

Olivier: Gut, gemacht, mein Junge.
Marc (wiegelt unbeeindruckt schnell ab): Ach, lass mal! Wenn der Spender nicht so gepasst hätte, dann wäre...
Olivier (lächelt u. zeigt dabei, wie stolz er auf seinen Sohn ist): Ich dachte, über Wahrscheinlichkeiten wollten wir nicht mehr reden?
Marc (reagiert überrascht u. nickt ihm zu): Damit hast du auch wieder recht. Passt schon!
Olivier (guckt immer wieder verstohlen zu ihm rüber, während sie in schnellen Schritten die verschiedenen Abteilungen passieren): Dir ist der Junge ganz schön ans Herz gewachsen, hm?
Marc: Auch kein Wunder, er ist schon länger im EKH als ich. Wird Zeit, dass er auch mal draußen was erlebt und flachgelegt wird.
Olivier (schmunzelt): Es ist keine Schande, Marc, dass einem manche Schicksale mehr ans Herz gehen als andere. In diesem Beruf braucht man auch das Menschliche. Und das steht dir ziemlich gut.
Marc (dreht sich irritiert zu ihm um): Äh... Dad, was ist denn in dich gefahren? Ist das immer noch die geburtstägliche Sentimentalitätskeule? Dann lass sie bitte stecken! Ist doch nicht mal ein runder.
Olivier (verhehlt seinen Stolz nicht): Das ist nur die Wahrheit. Ich hab dich beobachtet, Marc.
Marc (runzelt verwundet die Stirn u. ist erleichtert, als er am Ende des Flurs endlich einen Fahrstuhl entdeckt): Wusste ich’s doch, dass man hier auch ständig verfolgt wird. Aber das hat sich ja zum Glück gleich erledigt. Meine Patienten warten. Ich hab die Visite schon um eine halbe Stunde verschoben. Eh, wenn meine Assis deswegen jetzt Däumchen drehen, dann unterziehe ich die gleich noch einer Prüfung, die sich ordentlich gewaschen hat. Hätte ich jetzt echt Bock drauf. Damit beschenke ich mich gleich mal selbst. In diesem Sinne, war nett, Dad. Bis denne! Halt mich wegen Jonathan auf dem Laufenden, ja! Ich lass dir die Akte hier.

Marc überreichte seinem Vater die Patientenmappe von Jonathan Hahn und wollte schon in den Aufzug springen, als er unvermittelt Oliviers Hand auf seiner Schulter spürte, die ihn zurückzog. Eindringlich blickte Meier Senior seinen Jungen an, der leicht verunsichert dessen plötzlich aufgetretene Nervosität registrierte...

Olivier: Warte mal, mein Junge! Hast du noch einen Moment für mich? Ich wollte noch etwas mit dir besprechen.
Marc (zuckt unschlüssig mit den Schultern u. sieht dabei zu, wie sich die Fahrstuhltüren wieder vor seiner Nase schließen): Okay? Fünf Minuten hab ich schon noch. Aber wenn es wieder wegen Mutter ist, dann kannst du dir den nächsten Vortrag sparen. Ich hab dem Essen doch schon zugestimmt.
Olivier (reagiert leicht unwirsch, als er seinen Jungen zur Seite nimmt): Nein, nein, es geht in erster Linie um dich.
Marc (merklich irritiert bleibt er mit seinem Dad in einer Seitennische stehen): Um mich?
Olivier (weiß nicht, wie er anfangen soll u. fährt sich erst einmal durch seine schlohweiße Haarpracht): Ich weiß, ich weiß, ich hätte schon viel früher davon anfangen sollen. Man hat es mir auch schon mehrmals nahegelegt, aber ich habe mich bislang davor gescheut, weil ich weiß, wie du darauf reagieren würdest.
Marc (lehnt sich mit verschränkten Armen gegen eine Säule u. sieht ihn an): Auf was? Rumzudrucksen ist doch nicht deine Art.
Olivier (schmunzelt leicht, weil Marc Recht damit hat): Auch wieder wahr. Nachdem du hier gestern so geglänzt und eine ordentliche Duftmarke hinterlassen hast, ist man erneut an mich herangetreten. Man hat mir quasi die Pistole auf die Brust gesetzt. Es ist so, in nächster Zeit soll hier in der unfallchirurgischen Abteilung eine weitere Oberarztstelle eingerichtet werden. Ich denke, ich muss dir die Vorteile wie doppeltes Gehalt, unbegrenzte Forschungsgelder, eigener Parkplatz, Gestaltungsfreiräume jeder Art, nicht extra anpreisen. Du kennst den Stellenmarkt im medizinischen Bereich schließlich aus dem Effeff.
Marc (löst seine Arme aus der Verschränkung u. hält unwirsch eine Hand in die Luft): Moment! Hab ich dich richtig verstanden? Machst DU MIR gerade eine Stellenofferte?
Olivier (blickt ihm typisch meier-verschmitzt in die ungläubig weit aufgerissenen Augen): Die Charité tut es. Ich bin lediglich der Vermittler. Aus Gründen, die ähm... nahe liegen.

Okay? Wo sind die versteckten Kameras? Der hat doch an dem Mittel geschnüffelt, das sie Jonathan eingeträufelt haben.

Marc (zögert einen langen Moment, dann bricht es plötzlich aus ihm heraus, indem er die Arme in die Luft wirft): Ich fass es nicht. Und damit kommst du ausgerechnet jetzt?
Olivier (verzieht verlegen seine Mundwinkel): Ich weiß. Was das Timing betrifft, sind wir Meiers nicht gerade die Schnellsten. Aber immerhin sind wir effektiv. Man ist über deinen Werdegang nicht erst, seitdem ich hier arbeite, mehr als im Bilde. Die wollen dich. Um jeden Preis.
Marc (stützt sich mit beiden Armen an den Wandhaltegriffen ab): Ach, und wenn die angeblich so gut über mich im Bilde sind, dann wissen die doch auch, was bei uns gerade ansteht, oder?
Olivier (lächelt opa-vorfreudig): Das stellt kein Problem dar. Wir haben hier auch eine sehr liberale Familienpolitik. Du kannst anfangen, wann immer du willst. Den Freiraum geben sie dir, wenn du dich recht zeitnah entscheidest.
Marc (nun platzt ihm endgültig der Kragen): Ach, tun sie das? Das ist echt das Unverschämteste, das ich seit langem gehört habe. Seit dem Tag, an dem Haasenzahn mit mir in die Kiste wollte, weil sie sich eingeredet hatte, sie sei über mich hinweg, was sie übrigens nicht war.
Olivier (schaut ihn etwas unwirsch von der Seite an): Ähm... Worauf willst du hinaus?
Marc (stößt sich von der Wandhalterung ab u. tigert nun auf dem Gang aufgeregt hin u. her.): Jetzt, ausgerechnet JETZT, kommen die damit an? Jetzt, wo ich mich festgelegt habe. Jetzt, wo ich sogar denen in Seattle nen Korb gegeben habe. Jetzt, wo ich endlich weiß, was ich will und wo ich hingehöre. Auch noch eine Oberarztstelle, wow, das nenne ich mal Wertschätzung. Ich bin beeindruckt. Läuft bei denen in der Charité, hm?
Olivier (liest in seinen wild funkelnden Augen wie in einem spannenden Buch): Du präferierst den Chefarztposten?
Marc (lacht höhnisch auf): Nö, Patho wäre auch okay. Keine Panik, ich reiß dir schon nicht den Stuhl unterm Hintern weg. Das ist nicht meine Art und auch nicht der Punkt.
Olivier (hört ihm aufmerksam zu): Sondern?
Marc (wieder ganz ruhig lehnt er sich an die Wand u. guckt seinem Vater direkt in die neugierigen Augen): Glauben die wirklich, ich lasse mich auf so einen Deal ein? Ein leitender Oberarzt unter vielen, den die meisten vermutlich gar nicht erkennen würden, wenn sie ihm begegnen. Was soll das? Wer nicht die Eier hat, einem achtundzwanzigjährigen chirurgischen Ausnahmetalent so einen Posten zu geben, der braucht damit auch nicht sechs Jahre später angekrochen kommen und mit Scheinen wedeln? Das ist einfach nur schäbig und verlogen. Dafür hab ich mir nicht jahrelang den Arsch aufgerissen.
Olivier: Marc!
Marc (wiegelt ab u. tritt wieder an den Aufzug heran): Nee, lass stecken, Dad! Ich hab keine Zeit für so was. Die Uhr tickt. Tschüssikovski!

Verarschen kann ich mich nämlich auch selber. Doofköppe! Dad ausgenommen.

Olivier (lacht plötzlich herzlich auf u. drückt zur Überraschung von Marc für ihn den Fahrstuhlknopf): Das ist mein Sohn! Ich habe denen ja gesagt, dass es nicht einfach werden wird.
Marc: Versuch’s gar nicht erst, Dad.
Olivier (grinst noch mehr): Das habe ich ihnen auch gesagt.
Marc (beobachtet ihn argwöhnisch, während er auf den Aufzug wartet): Aber du bist jetzt nicht in irgendeiner Weise gekränkt, oder so? Ich arbeite schon gerne mit dir zusammen, aber da finden wir auch andere Möglichkeiten.
Olivier (sieht ihn wohlgesinnt an): Quatsch! Ich weiß doch, dass du deinen eigenen Weg gehst. Du hast deinen eigenen Kopf. Du hast dir alles selbst erkämpft und das macht mich unheimlich stolz. Du gehörst genau dorthin, wo du gerade bist und das ist auch vollkommen okay so. Zumindest für mich.
Marc (guckt ihn forschend an): Weiß dein bester Freund Franz eigentlich, was du hier gerade hinter seinem Rücken versucht hast?
Olivier (gibt sich völlig unbeeindruckt): Dein Schwiegervater wäre nicht so ein guter Chef, wenn er nicht wüsste, was er an dir hat. Und dass die Charité dich abwerben will, ist kein Geheimnis. Für ihn ist es sogar eine Ehre, dass sie sich so sehr an dir die Zähne ausbeißen werden.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf): Heißt das, er hat gewusst, wie ich darauf reagieren würde?
Olivier: Er ist dein Mentor. Du bist für Franz schon immer wie ein Sohn gewesen und das nicht erst seitdem du seine Tochter geschwängert hast. Er baut auf dich und dass du sein Lebenswerk in seinem Sinne weiterführen wirst, sobald die Kurzen aus dem Gröbsten raus sein werden und Bärbel endgültig damit Erfolg haben wird, ihn ins unbeschwerte Renterleben zu locken.
Marc: Ich fasse es nicht, dass hier hinter meinem Rücken so sehr gemauschelt wird, und ich krieg’s nicht mal mit.
Olivier (grinst): Das ist Business, mein Junge. Das wirst du auch noch lernen. Außerdem bist du gerade sehr abgelenkt.
Marc (funkelt ihn an): Bin ich nicht. Haasenzahn kann auch gut auf sich alleine aufpassen. Und überhaupt, muss ich nichts mehr lernen. Ich bin Chirurg. Ich bin schon im Bilde. Mehr als das.
Olivier (grient ihn wissend an u. tritt zur Seite, als der Fahrstuhl sich öffnet u. die Kollegen herausströmen): Gut! Dann will ich dich auch nicht mehr weiter aufhalten, mein Junge.
Marc (steht mit einem Fuß schon im Aufzug, als er sich noch mal zu ihm umdreht): Tust du nicht. Was ist daraus geworden, dass du den Tag mit mir verbringen möchtest?
Olivier (guckt ihn augenzwinkernd an): Ein schlauer Vater zieht sich auch mal zurück, wenn es darauf ankommt.
Marc (verdutzt): Worauf?
Olivier (deutet auf Marcs Kitteltasche): Darauf!

Marcs klingelndes Handy war Olivier Antwort genug. Sein perplexer Sohn schüttelte nur schmunzelnd den Kopf und ging gut gelaunt an sein Mobiltelefon, während er nebenbei auf den Knopf für das Erdgeschoss drückte.

Marc: Meier! Ich weiß, Time is money, also vor allem meins, aber das hier ging nicht schneller. Bereitet die Visite schon mal vor! Wir latschen sofort los, sobald ich da bin. Ich bin quasi schon mit einem Fuß im Wagen, falls es das sein sol... Stopp! Stopp! Stopp! Woah! Ich versteh gar nichts. Was ist los? ... Halt mal die Luft an, Gabi! Was machst du überhaupt an der Anmeldung? Bist du nicht im Mutterschutz und brütest Mehdis...? ... Was? Hey! Hey! Gabi! Jetzt hör auf, so laut in den Hörer zu flennen! Ich krieg so gar nichts mit. Was ist mit ihm? ... Wer ist an der Anmeldung? ... Wer Dienst hat? ... Na super! Gib ihn mir mal! ... Du sollst das verschissene Telefon weiterreichen, du hysterisches Stück. ... Jochen! Gott sei... Was...? Wollt ihr mich heute alle verarschen? Ich glaube, ich bin echt im falschen Film. ... Was? ... Wiederhole das noch mal! ... Verprügelt? Er? Aber... er kann doch Karate. ... Wieso? ... Wo? ... Was? ... Ach, du Scheiße! ... Nee, ich bin sofort da. Halt die Assis von ihm fern! Ich mach das selber. ... Jep! Nur stell die hysterische Kuh ruhig, bis ich da bin. Ich will nicht, dass die halbe Station mitkriegt, was Sache ist. ... Zehn Minuten. ... Ja! ... Fuck! ... Ich muss sofort los, Dad. Wir reden ein anderes Mal.

Marc hatte mittlerweile aufgelegt, hielt das Handy aber immer noch in seiner zittrigen Hand, als er sich ein letztes Mal zu Olivier umdrehte, der am aufgewühlten Gesicht seines Sohnes den Ernst der Lage sofort erkannt hatte und seine Hilfe anbot.

Olivier: Soll ich doch mitkommen?
Marc (merklich durcheinander schlüpft er rückwärts in den Fahrstuhl): Nee, nee, halt du hier die Stellung! Das ist dein Dings hier ähm... Ich... muss das selber machen. Das... Boah, dieser Idiot! Baut nur Scheiße! Das hat man nun davon, wenn man sich engagiert.
Olivier: Halt mich auf dem Laufenden, ja?

...rief der besorgte Vater seinem Jungen noch nach, aber da war Marc auch schon im Aufzug verschwunden, der die Türen sogleich abfahrbereit geschlossen hatte.

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05.06.2017 13:15
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Keine zehn Minuten später blickte der eilig herbeigeeilte Oberarzt der unfallchirurgischen Abteilung des Berliner Elisabethkrankenhauses in einem Behandlungszimmer der Notaufnahme ungläubig und auch ein bisschen erstarrt mit rollenden Augen und vielsagend hochgezogenen Augenbrauen auf seinen wehleidig dreinblickenden und ziemlich ramponiert wirkenden Patienten und machte sich ohne Rücksicht auf Verluste zusammen mit seinem Helfershelferlein auch direkt ans Werk, um ihn nun ausgiebig fachmännisch zu untersuchen. In den blauen Augen von Hilfspfleger Jochen, der ihm stumm die Behandlungsutensilien reichte, stand jedoch mehr Mitgefühl geschrieben als bei dem behandelnden Arzt und besten Freundes des überraschend eingetretenen vormittäglichen Notfalls und er zuckte jedes Mal mit ihm zusammen, wenn der Herr Doktor nicht gerade zimperlich mit seiner Behandlung fortsetzte, was den Patienten mehrmals schmerzhaft aufstöhnen ließ. Absicht konnte Dr. Meier bis zu dem Zeitpunkt jedoch nicht nachgewiesen werden.

Mehdi: Au! Mann, geht das auch etwas zärtlicher?
Marc (guckt kurz mit leichtem Spott in der Miene zu ihm hoch u. setzt dann unberührt die kleine Nadel wieder an, die nicht nur Mehdi direkt unter der Haut spüren kann): Nur weil du phonetisch fast so heißt, heißt das nicht, dass du dich auch wie ein kleines Mädchen anstellen sollst, Mehdi. Wer Haue abkriegen kann, der wird das hier ja wohl auch noch fünf Minuten aushalten können.
Mehdi (stöhnt erst beleidigt, dann vor Schmerz auf): Danke auch für dein Mitgefühl, Marc. Au!
Marc: Dafür müsstest du dich etwas mehr anstrengen und hier auch etwas lädierter ankommen, mein Freund. Und jetzt halt still, sonst steche ich noch mal daneben und diesmal wirklich mit Absicht.

Konzentriert beugte sich Dr. Meier wieder über das ihm zugewandte Schmollgesicht von Dr. Kaan und korrigierte den kleinen Cut an der Nase, die zum Glück nicht gebrochen war, bevor er sich dem gelb-grün unterlaufenen Hämatom unterhalb der linken Augenhöhle zuwandte, das er nun vorsichtig abtastete, während sein ihm zugeteilter Assistent Jochen kurz mit der Wundsäuberung unterbrach. Erleichtert zog Marc scharf Luft durch die Nase ein, als er seinen Blick wieder ganz auf seinen Patienten lenkte, der seine Behandlung mal mehr, mal weniger über sich ergehen ließ. Mehdis Freund, der mal wieder mit seiner schonungslos ehrlichen Meinung nicht vor dem Tor hielt, hätte ihm eh keine andere Wahl gelassen. In dessen grünen Augen standen die Vorwürfe, die sich der Halbperser schon von sich aus machte, mehr als deutlich geschrieben und ließen ihn auf der Liege für einen Moment, in dem alles noch mal hochkam, noch mehr in sich zusammensinken.

Marc: Du hast echt manchmal mehr Glück als Verstand, Alter. Wie ist das genau passiert?
Mehdi (funkelt ihn an, während er kurz die Luft anhält, als Marc mit einem in Desinfektionsmittel getränkten Wattepad, das er Jochen abgenommen hat, der zu zögerlich an seinem Patienten herumgedoktert hat, an Mehdis aufgesprungene Oberlippe tippt, um die Blutkruste zu entfernen): Na, wie wohl? Freiwillig bin ich bestimmt nicht gegen die sechs Fäuste und Ringerstiefel gelaufen.
Marc (legt das blutgetränkte Wattepad in eine Petrischale, die der beleidigt dreinblickende Pfleger, ihm gereicht hat, u. versucht, das aufsteigende Schmunzeln zu verkneifen, während er vorsichtig mit dem kleinen Finger Wundsalbe auf die Oberlippe aufträgt): Klingt wie der Titel zu einem schlechten Westernstreifen auf Kabel eins.
Jochen (kann sich nun auch nicht das Schmunzeln verkneifen, wofür er gleich mit zwei finsteren Oberarztblicken gestraft wird, weswegen er beschließt, in den nächsten Minuten nichts mehr zu sagen): Den kenn ich.
Mehdi (sichtlich eingeschnappt): Haha! Macht euch nur lustig, ihr zwei. Vielleicht habe ich es auch nicht anders verdient.
Marc (kein Hauch von Ironie ist mehr in seinem stechend scharfen Blick zu sehen, der zwischen Jochen u. Mehdi gewechselt ist): Glaub mir, Mehdi, ich finde das überhaupt nicht lustig. Im Gegenteil. Ich bin stinksauer. Und jetzt runter mit deinem hässlichen Shirt! Ist leider nichts mehr für den Altkleidercontainer. Klebt zu viel Kiez dran.
Mehdi (müht sich merklich ab): Marc!
Marc (beobachtet verwundert seinen unbeholfenen Freund): Zierst du dich jetzt etwa vor mir oder was ist? Ich kenn deine Schwangerschaftsrundungen. ... Oh! Sorry! Mann, jetzt pack du doch auch mal mit an, Jo! Oder hast du das auf der Schwesternschule nicht gelernt?
Jochen (der in seiner Studentenehre Gekränkte wehrt sich, auch wenn er schnellt merkt, wie unangebracht das gerade ist): Ey, ich mach das freiwillig, ja, bis das neue Semester wiederanfängt.
Marc (reagiert völlig unbeeindruckt u. konzentriert sich ganz auf seinen malträtierten besten Freund). Blabla! Leg mal eine neue Schallplatte auf, aber erst nachdem wir hiermit fertig sind. Du nimmst die eine Seite, ich die andere. Der gezehrte Arm sollte nicht zu sehr belastet werden. Also pass auf!

Als Mehdi eher kläglich als formvollendet seinen Arm aus dem linken T-Shirt-Ärmel herauszuwinden versuchte und dabei schmerzhaft sein Gesicht verzog, zögerten der verärgerte Chirurg und der verunsicherte Pfleger nicht lange, um ihm dabei zu helfen. Als Marc die dunkelroten Blutergüsse und Striemen am linken Arm und überall auf dem ansonsten durchtrainierten Oberkörper entdeckte, welche offensichtlich von Tritten und Fausthieben herrührten, musste er jedoch wieder scharf Luft einziehen, denn diese war ihm mit einem Mal abhanden gekommen. Sein Blick, der dem von dem plötzlich sichtlich erblassten Jochen Haase glich, sprach Bände. Er stellte sich wieder die fürchterlichsten Bilder vor, die ihn schon auf der kurzen Fahrt von der Charité zum Elisabethkrankenhaus gequält und zu Geschwindigkeitsüberschreitungen verleitet hatten, als er noch nicht genau gewusst hatte, was überhaupt passiert war. Marc kannte nur ein Mittel, um damit einigermaßen adäquat umzugehen, um nicht vor ansteigender Wut noch völlig durchzudrehen und die halbe Einrichtung in dem Schockraum zu demolieren. Das bemerkte auch Mehdi, der die ehrliche Sorge in Marcs unruhig hin und her huschenden Augen erkannt hatte, was ihn kurz tief berührte. Aber dann waren auch seine Bilder wieder da und er sank wieder geknickt in sich zusammen.

Marc: Alter! Damit kannste mit Gabi im Bett „Memory“ spielen, eh. Aber ich gehe davon aus, dass das nicht Sinn und Zweck war, weil euch die Ideen ausgegangen wären?
Mehdi (traut sich kaum, an sich herunterzublicken, denn die Schmerzen sprechen schon Bände genug): Mir wäre lieber, sie müsste das nicht sehen.
Marc (fühlt mit ihm mit u. guckt kurz zu Jochen rüber, der peinlich berührt den Kopf gesenkt hält u. sich nicht traut, etwas Schlaues zu sagen): Deshalb hat Jochen sie ja auch im Stationszimmer festgesetzt. Ich befürchte aber, dass sie sich noch nicht wieder beruhigt hat. Nachdem sie mit mir fertig gewesen ist, hat Gabi vorhin dermaßen die Bullen zusammengeschissen, dass die sich freiwillig wieder verzogen haben, um erst nachher deine Aussage aufzunehmen. Aber ich denke, das ist eh in deinem Sinne. Komm erst mal runter und dann sehen wir weiter.
Mehdi (steht immer noch ein bisschen neben sich, als er Marc eindringlich ansieht): Danke! Kannst du nachher bitte Anna anrufen, damit sie Lilly noch ein paar Tage länger bei sich behält. Ich will nicht, dass meine Maus das hier mitbekommt. Sie würde es nicht verstehen. Ich tue’s ja selbst nicht.
Marc (nickt nachdenklich, fängt sich aber schnell wieder u. konzentriert sich wieder auf die weitere Untersuchung): Schon klar. Aber ehrlich, du hast echt Schwein gehabt. Ein paar Prellungen und Schürfwunden, aber es scheint nichts gebrochen zu sein. Das hast du deiner guten Kondition zu verdanken, die ich ehrlich nicht von dir erwartet hätte. Aber wir gehen gleich noch rüber in die Radiologie und machen ein Thorax-Röntgen und ein Kopf-CT.
Mehdi: Muss das sein?
Marc (mit ihm ist nicht zu diskutieren u. er hängt den strengen Oberarzt raus, der Mehdi jedoch nicht sonderlich beeindruckt): Wenn du in nächster Zeit hier fröhlich weiter Babys halten möchtest, inklusiver derjenigen, die meine und deine Gene tragen, dann halte ich das für angebracht. Safety first, kennste ja.
Mehdi (gibt schließlich nach u. lässt die weitere Untersuchung über sich ergehen): Ich bin schon still. Au!
Marc (grinst): Merkt man.

Marc hatte noch einmal die Rippen abgetastet und hatte dabei etwas zu fest zugegriffen, sodass sein Patient auf der Liege kurz, aber heftig zusammengezuckt war. Mehdis Blick war dabei in die Ferne geschweift. Das war auch seinem besten Freund aufgefallen, der mittlerweile die Behandlungshandschuhe ausgezogen hatte und sich neben ihm auf die Liege gesetzt hatte. Nachdem er einige Notizen auf der Patientenmappe getätigt hatte und Jochen damit zur Vorbereitung der weiteren Untersuchungen aus dem Zimmer geschickt hatte, schaute er den malträtierten Halbperser mit leichter Sorgenmiene von der Seite an.

Marc: Alles klar?
Mehdi (seufzt resignierend u. lässt den Kopf hängen): Nichts ist klar, Marc.
Marc (mustert ihn intensiv von der Seite u. stellt etwas klar, das er glaubt, es würde ihn beschäftigen): Ach, du weißt es noch gar nicht? Die ham die Arschlöcher an der nächsten U-Bahnhaltestelle geschnappt.
Mehdi (hebt überrascht seinen Kopf): Echt?
Marc (nickt mit einem schwachen Lächeln u. steigert sich dann in Rage): Zeugen, die den Nazi-Angriff beobachtet haben, sind denen gefolgt und haben die Bullen gerufen. Die haben denen doch tatsächlich weismachen wollen, dass sie im Recht gewesen wären. Als gute Deutsche wollten sie den Drogenhandel im Kiez auf eigene Faust in den Griff bekommen. Dabei haben die sich die Pillen selber in die eigenen Taschen gesteckt, wenn nicht sogar schon einige davon eingeworfen. Ich fass es echt nicht, dass die ehrlich gedacht haben, du wärst ein Asylschmarotzer, der vorm Flüchtlingsheim Pillen vertickt. Wie bekloppt kann man eigentlich sein?
Mehdi (will gar nicht mehr daran zurückdenken, was ihm passiert ist, weil die Erinnerungen noch zu nah sind): Ich hätte einfach vorsichtiger sein sollen.
Marc: Ach, ich rede doch nicht von dir, Mehdi. Mach dich jetzt bloß nicht zum Opfer! Du bist kein Opfer. Du hast keine Schuld. Keine! Du kannst nichts dafür, dass die nicht weiter als über ihre versifften Springerstiefel gucken können und dass sie leer ausgegangen sind, als Hirnmasse verteilt worden ist. Aber hattest du nicht deinen Arztausweis und deinen Ehrenamtlerwisch dabei?
Mehdi (lässt geknickt seine Schultern hängen): Ham sie mir abgenommen, nachdem sie mir die Box mit den abgelaufenen Medikamenten aus den Händen geschlagen haben. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren. Die waren von Anfang an auf Krawall aus gewesen. Es hätte jeden treffen können. Und ich bin froh, dass es mich erwischt hat und nicht einen von unseren Patienten. Heute Morgen war Mutter-Kind-Sprechstunde. Die sind einfach auf mich los. Und sich zu wehren, hätte eh nichts gebracht. Für Argumente waren die taub. Die haben gedacht, meine Papiere wären gefälscht. Obwohl sie kurz irritiert gewesen sind, als sie mein Hochdeutsch gehört haben. Aber das hat sie auch nicht abgehalten.
Marc (schüttelt fassungslos den Kopf u. lehnt sich leicht an Mehdis Schulter): Mann, Mann, Mann, Mehdi, mir ist vorhin fast das Herz stehen geblieben, als Gabi mich informiert hat. Was hattest du denn überhaupt so scheiße früh dort zu suchen? Hattest du nicht die ganze Nacht Bereitschaft? Ich dachte, du wolltest dein Ehrenamt vorerst auf Eis legen? Eben wegen der hysterischen ... äh... deiner Dings hier... Freundin.
Mehdi: In zwei Wochen, wenn meine Kollegen aus den Ferien wiederkommen. Wir sind gerade völlig unterbesetzt, weil die Studenten, die ab und an aushelfen, gerade mitten in ihren Prüfungen stecken und das allgemeine Engagement gerade auch wieder am Sinken ist. Aus den Medien, aus dem Sinn. Du kennst das doch. Es ist immer das Gleiche. Aber falsche Verdächtigungen in die Welt setzen und Vorurteile und Hass schüren, das geht immer.
Marc (mit einem Mal ganz ernst, als er ihm in die Augen blickt): Du weißt schon, dass du nicht die ganze Welt retten kannst, oder?
Mehdi (der Trotz kehrt in ihm zurück): Lieber trifft es mich als die armen Menschen, die eine halbe Stunde später vor unserer Krankenstation gewartet hätten und schutzlos da reingeraten wären.
Marc (schüttelt immer wieder den Kopf): Du bist einfach zu gut für diese Welt. Aber mir wäre momentan echt lieber, wenn du dich auf das Wesentliche konzentrieren würdest. Und das sage ich dir jetzt nur ein einziges Mal. Klar? Ich weiß, dass das furchtbar eigennützig und egoistisch klingt, aber nur um dich zu erinnern, meine Freundin ist verdammt noch mal mit Zwillingen schwanger. Ich brauche deine beiden Patschehändchen also noch und zwar heile und nicht zu Mus verkloppt. Und die Heulboje da draußen an der Anmeldung vermutlich auch. Jochen und ich hatten echt Panik, dass sie gleich mitten auf dem Empfangstresen entbindet. Viel hätte nicht mehr gefehlt. Deshalb waren die Beamten auch so schnell wieder weg. Irgendwie hatte ich den Eindruck, die kannten sie von irgendwoher.

...fügte Marc noch im Scherz hinzu und hätte dabei fast ein Lächeln bei seinem mitgenommenen Kumpel bewirkt, wenn nicht plötzlich ein hysterischer Schrei die Freunde aufgeschreckt hätte, gefolgt von einem geschluchzt langgezogenen „Meeehdiii“. Unvermittelt war nämlich die Zimmertür aufgerissen worden und eine verheulte, brünette, junge Dame mit einem enormen Schwangerschaftsbauch unter ihrem eng anliegenden Sommerkleid drängelte sich grob an dem behandelnden Oberarzt vorbei, um sich ihrem bedröppelten Herzprinzen in die Arme zu werfen und ihn vor lauter Erleichterung stürmisch abzuknutschen, was diesmal jedoch, so gerne es auch gewollt worden wäre, nur schwierig zu erwidern war. Mehdi musste nicht nur vor der Naturgewalt, die seine aufgeregte Freundin war, zurückzucken, sondern vor allem auch vor Schmerzen, die sich mit jedem weiteren Kuss wie tief in die Haut eindringende Stecknadeln anfühlten. Sehr zur Belustigung von Dr. Meier, der sich aus Sicherheitsgründen gleich mal in Richtung Tür zurückgezogen hatte, von wo aus ihn der entschuldigende Blick eines Haase-Sprößlings traf, der Mehdis Lebensgefährtin vergeblich hinterhergehetzt war, die ihm eben entwischt worden war.

Marc: Jep! Und wo gerade vom Teufel die Rede ist, kommt er auch schon hereingewalzt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Gabi (registriert Marc überhaupt nicht u. konzentriert sich ganz auf ihren malträtierten Schatz, den sie liebevoll betätschelt u. immer wieder küsst): Alles gut mit dir, Bärchen? Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Ich hatte gleich so ein ungutes Gefühl, als du mir geschrieben hast, dass du, bevor du nach Hause kommst, noch auf der Sozialstation vorbeischauen möchtest. Bitte, Mehdi! Du musst mir unbedingt versprechen, dass du da nicht mehr hingehst. Ich weiß, du willst nur helfen und ich liebe dich dafür, dass du so bist, wie du bist, aber ich halt das nicht noch mal aus. Wir halten das nicht noch mal aus.
Marc (murmelt unbemerkt in seinen Dreitagebart): Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
Mehdi (legt seine Hand über Gabis über ihrem Babybauch u. schaut ihr tief bewegt in die wässrigen Augen): Bella, hey, nicht mehr weinen! Bitte! Mir geht’s gut. Ein bisschen angeschlagen, ja, aber es geht. Ich bin schließlich nicht aus Zucker, auch wenn andere das behaupten würden.
Marc (bezieht die kleine Spitze natürlich auf sich u. grinst): Würde ich nie tun.
Jochen (stellt sich auf seine Seite u. macht grinsend mit): Nicht?
Gabi: Ach, Mehdi!

...säuselte Gabi immer noch ganz aufgeregt und durcheinander, als sie sich schwerfällig neben Mehdi auf der Patientenliege niederließ. Vorsichtig strich sie mit ihrer zarten kleinen Hand über das Hämatom unter seinem Auge und den kleinen genähten Cut an der Nase, welche sie liebevoll mit kleinen Küsschen bedachte, die Mehdi immer wieder zusammenzucken ließen. Aber ein starker Mann kannte bekanntlich keinen Schmerz. Das verständigte ihm auch sein bester Freund, der mit verschränkten Armen neben der offenen Tür stand und amüsiert mit seinem Schwager in spe, den er neben sich gar nicht registrierte, zu ihm rüberblickte.

Marc: Tja, mit viel Glück bleibt das vielleicht sogar so. Sagen Frauen nicht immer, dass Männer mit kleinen Makeln ganz besonders interessant auf sie wirken?
Mehdi (funkelt zu ihm rüber): Witzig, Marc!
Marc (grinst über das ganze Gesicht): Jep, in der Tat. Wir könnten jetzt fast als Zwillinge durchgehen. Dein Cut ist genau spiegelverkehrt zu meinem. Respekt! Das muss man erst einmal hinbekommen.
Mehdi (fährt irritiert mit dem Finger auf seinem Nasenrücken nach): Echt jetzt?
Gabi (deutet Marc unmissverständlich, dass er stört): Du spinnst doch, Marc. Mein Mehdi braucht so was nicht, um sich interessant zu machen.
Marc (amüsiert): Nicht?
Gabi (beschließt, den nervigen Sprücheklopfer zu ignorieren, der die ernste Situation nicht ernst genug nimmt): Ich habe eine gute Abdeckpalette zuhause.
Marc (lacht noch mehr, als er sich einen geschminkten Frauenarzt vorstellt): Sücher! Apropos zuhause, da geht’s hin, sobald die Untersuchungen durch sind. Ich schick dir gleich nen Assi her, der dich rüber in die Radiologie bringt. Und falls du dir erhofft hast, so einen kleinen zusätzlichen Urlaubstag rauszuschlagen, mein Freund, dann Pustekuchen. Wer sich prügeln kann, kann auch arbeiten. Morgen wieder.
Mehdi (versteht, wie es gemeint ist u. nickt ihm zu): Klar!
Gabi (ist damit überhaupt nicht einverstanden u. zischt zu Marc rüber): Du hast sie doch nicht mehr alle, Marc. Mehdi ist sehr schwer verletzt worden. Er ist traumatisiert.
Marc (kann sich eine kleine Spitze in ihre Richtung nicht verkneifen): Das hängt wohl eher damit zusammen, dass du...
Mehdi (greift schlichtend ein, bevor ein Wort das andere wechselt): Marc! Alles ist gut. Und es war ja auch nicht das erste Mal, dass ich solchen verblendeten Idioten in die Quere gekommen bin. In den Neunzigern war das eine Zeit lang mein Alltag. Nur konnte ich damals noch nicht damit umgehen. Ignorieren hilft, aber es löst nicht das Problem. Ich lass mich von niemandem mehr einschüchtern und mein Leben bestimmen. Engagement muss sein. Das bin ich. Für ein friedliches Miteinander und einen respektvollen Umgang miteinander werde ich immer laut bleiben.
Marc (schnippisch, aber doch respektvoll): Aber erst ab morgen wieder. Okay? Heute war das für uns alle ein bisschen viel.
Gabi: Och, Liebling...

...säuselte Mehdis besorgte Freundin aufgewühlt in sein Ohr, während sie ihn immer wieder liebevoll tätschelte und an sich drückte. Marc tauschte mit Pfleger Jochen einen vielsagenden Blick aus und wollte schon flüchten, als sich das Telefon in seiner Kitteltasche jedoch bemerkbar machte. Ein Blick auf das Display genügte, um ihn das Lächeln zurück auf die Lippen zu zaubern.

Marc: Haasenzahn? Na, hast du schon Sehnsucht? Oder ist das ein genervter Hilferuf? Da kann ich leider nichts machen. Ich weiß, meine Mutter kann tierisch nerven, aber noch musst du aushalten. Sie... Was? ... Äh... Woher weißt denn du das? ... Bitte? Nicht dein Ernst? ... Warte! Ich check das nur kurz. Bleib dran!

Gesagt, getan. Schnell wischten flinke Chirurgenfinger auf seinem Handy hin und her, dann hatte er auch schon gefunden, was seine aufgeregte Freundin gemeint hatte, und staunte merklich Bauklötzchen. Er konnte nicht anders und musste seinen Fund mit Jochen und dem knutschenden Paar teilen. Auch Mehdi fiel aus allen Wolken, als er die Titelzeile las, die seine ebenso erstaunte Freundin nicht für sich behalten konnte...

Gabi: „Berlins beliebtester Geburtshelfer und engagierter ehrenamtlicher Flüchtlingsarzt von braunem Mob als Asylschmarotzer beschimpft und krankenhausreif geschlagen. Wann unternimmt man endlich etwas gegen den wachsenden Hass auf andere? Berlins werdende Mütter gehen auf die Barrikaden. Für eine sichere Zukunft ihrer Kinder.“

Alle vier schauten sich betroffen in die Augen, nachdem sie ihre erstaunten Blicke von dem Handybildschirm gelöst hatten, und es dauerte einen langen Moment, bis Marc bemerkte, dass er immer noch seine hochschwangere Freundin am anderen Ende der Leitung hatte, die ungeduldig in den Hörer schimpfte, weil sie Antworten hören wollte.

Marc: Bin noch dran. ... Ja! Gabi knutscht ihn gerade nieder und es dauert vermutlich nur noch ein paar Minuten, bis die Nähte wieder platzen. ... Jahaa! Jetzt beruhigen wir uns alle erst einmal. ... CT ist doch bestellt. ... Ja, das gucke ich mir auch an. ... Ich weiß, was ich hier tue.
Gabi (hat da so ihre berechtigten Zweifel): Naja.
Marc (hat das natürlich mitbekommen u. funkelt Mehdis Freundin ameisenblickverdächtig an): Moment! Oder soll ich dich erinnern, wer mich völlig hysterisch hierher bestellt hat, hm? ... Nicht, du, Gabi.
Mehdi (kann das alles noch nicht so richtig fassen u. versucht Ruhe zu bewahren): Sag Gretchen bitte liebe Grüße. Mir geht’s gut. Ich rufe sie nachher an.
Marc (stöhnt genervt auf, muss dann aber wieder lachen): Hat sie gehört. Sie gibt dir denselben Tipp wie wir ihr, auf den sie aber nie hört. Oder rennst du etwa schon wieder durch die Hütte? Wo ist eigentlich meine Mutter? ... Einkaufen? Meine Mutter hat seit zwanzig Jahren keinen Supermarkt mehr von innen gesehen. ... Ich mache mich nicht lustig. Ich muss nur feixen, weil Mehdi jedes Mal zusammenzuckt, wenn Gabi ihn unsittlich antatscht.
Gabi (resigniert genervt u. lässt von Mehdi ab): Musst du nicht irgendwo Visite halten oder so? Die Tür lässt sich auch von außen schließen. Euer Beziehungsgesäusel muss ich mir nun wirklich nicht antun.
Marc (gibt die Pointe gekonnt zurück): Na, ihr haltet euch doch auch nie zurück.
Mehdi (fällt in gewohnte Muster zurück): Marc!
Marc (reagiert auf den Unterton in Mehdis Stimme): Oh! Schon so spät? Ja, hast Recht. Danke für den schönen Schocker am Morgen! Das mit dem Blutsbrüderschaft schließen hab ich mir aber irgendwie anders vorgestellt.
Mehdi (wird dann auch etwas ungeduldig u. verhehlt das nicht trotz charmantem Lächeln): Tschüß, Marc! Danke noch mal und ach, happy Birthday!
Jochen (zuckt ertappt vor der Tür zusammen): Scheiße, du hast Geburtstag. Wieso hast du denn nichts gesagt, Mann?
Marc (winkt Mehdi zum Abschied zu): Halt die Klappe, Jo! Wir sehen uns gleich noch mal hier, wenn die Ergebnisse von den Scans vorliegen. Aber so viel noch, you made my day, Mehdi.
Mehdi: Ich hätte mir das auch gerne anders ausgesucht, Marc. Nachher wollte ich eigentlich mit einen furchtbar kitschigen Geschenk bei dir auf der Matte stehen. Reich ich dir nach.
Marc (erwidert Mehdis schelmisches Schmunzeln u. ist sichtlich erleichtert, dass sein Freund zu seiner guten Laune zurückgefunden hat): Ich weiß.

Marc verabschiedete sich mit einer lässigen Handbewegung und ließ das verliebte Pärchen in der Notaufnahme zurück. Dass er noch immer sein Handy ans Ohr hielt, bemerkte er erst, nachdem sich Gretchen am anderen Ende der Leitung mehrfach umständlich geräuspert hatte, was beinahe in einem Hustenanfall gemündet wäre, der Marc dann doch erschrocken aufhorchen ließ.

Marc: Ups! Haasenzahn? Dich hätte ich jetzt fast vergessen. ... Hey, nicht beleidigt sein, ja! Ich kann doch auch nichts dafür, dass er sich ständig in die Scheiße reitet. ... Ich weiß. Hey, du weinst jetzt aber nicht deswegen? ... Die Bullen haben sie doch geschnappt. Die bekommen ihre gerechte Strafe und wenn’s sein muss, leg ich mich ins Zeug und nehm ihnen den Schlüssel ab, damit die nie wieder auf die Menschheit losgelassen werden können. ... Wahlweise schicke ich ihnen einfach Gabi auf die Zelle. Die ist so geladen, die macht die alle. ... Ich weiß, Gewalt ist keine Lösung. Denen Verstand einzuprügeln, würde eh nicht funktionieren. Wo nichts ist, kann auch nichts rein. ... Okay, anderes Thema. Das zieht einen zu sehr runter. Wollen wir heute Abend...? Was? ... Och nö, wieso ich denn wieder? ... Aha! Ich halte dich also im Schlossturm gefangen? Interessant. Obwohl das mit der Hexe, die dich... Okay, okay, ich versuch’s. Ich bring eine mit. Wenn du mir versprichst, dass du dich nicht von der Couch wegbewegst. ... Was? Es hat gerade geklingelt? Lass mich raten! ... Hundert Punkte. Aber du sagst ihr nicht, dass ich heute Geburtstag habe. ... Boah Haasenzahn! Du weißt schon, was gleich passiert, wenn meine Mutter zurück ist und auf sie trifft, oder? ... Nein, ich kann dich nicht retten. Ich muss Menschenleben retten. ... Oh, du, ich glaube, mein Pieper springt gerade an. ... Ich würde dich nie anlügen. ... Hab dich lieber. ... Ja, ich denke daran. Ist notiert. Bis dann! ... Ich dich auch.

Mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen steckte Marc sein Telefon wieder ein und drehte sich um, um endlich richtig in den Arbeitsalltag zu starten. Sein Team wartete nun nämlich schon seit einer geschlagenen Stunde darauf, endlich die Morgenvisite zu starten. Aber anstatt in die hochmotivierten Gesichter seiner mäßig begabten Assistenzärzte zu blicken, schaute er nur in ein amüsiertes Augenpaar, das dem von seiner Freundin erschreckend nicht unähnlich war. Der Tag nahm ja wirklich immer skurrilere Ausmaße an, dachte er nur und wollte sich verdünnisieren.

Marc: Boah, du bist ja immer noch hier. Hast du nichts zu tun? Die Oberschwester mit deiner Talentlosigkeit und Unzuverlässigkeit zu ärgern vielleicht?
Jochen (schnippisch): Die hat heute keinen Dienst.
Marc (merklich überrascht u. angetan): Ach, echt? Wenigstens eine erfreuliche Nachricht heute.
Jochen (hat es dann doch eilig u. reicht seinem Schwager in spe die Hand): Ich wollte mich nur schnell bei dir abmelden und dir noch zum Geburtstag gratulieren. Dann bin ich auch schon weg. Also, noch mal, herzlichen Glückwunsch. Ich hab jetzt kein Geschenk für dich, aber da du meine Schwester nicht vorhast zu heiraten, denke ich, ist das auch nicht nötig. Also, man sieht sich, ne.
Marc (springt dem frechen Kerl vor die Füße): Stopp! Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du für heute schon Schluss machen kannst?
Jochen (nölt direkt rum): Mann, Marc, ich bin seit dreißig Stunden auf den Beine. Ich hab zwei Schichten hintereinander gemacht, eben weil die Oberschwester sich frei genommen hat. Ich wollte endlich pennen, damit ich fit bin, wenn ich heute Nachmittag mit Celinchen zum Kinderarzt muss. Das ist immer ein Kraftakt, aber ich habe es Chantal versprochen. Sie muss doch für ihre Abschlussprüfungen lernen.
Marc: Jetzt heul nicht rum, Jochen! Wer Arzt werden will, muss auch mit Zeitmanagement umgehen können. Du musst was für mich erledigen.
Jochen (regt sich direkt auf): Ey, wieso bin ich eigentlich für jeden hier der Hampelmann, hm?
Marc (grinst vergnügt): Steht in deiner Jobbeschreibung und ändert sich erst, wenn du deine Staatsexamen, dein PJ und irgendwann deinen Facharzt hinter dich gebracht hast.
Jochen (merkt frustriert, dass er wohl oder übel keine andere Wahl hat, als den Anweisungen des Chefs Folge zu leisten): Na toll, und was soll ich bitteschön erledigen?
Marc: Details gibt’s von deiner Schwester. Wäre nett, wenn du sie anschließend von eurer Mutter befreien könntest, die gerade unsere Wohnung gestürmt hat. Und das bitte, bevor meine Mutter zurück ist. Du darfst die Diabetes auslösende Torte, die sie gebacken hat, gerne behalten. Ich hab keinen Bedarf an so was.
Jochen (seine Gesichtszüge entgleiten ihm): Du schickst mich in den Hexenkessel? Ey, ich hab nichts verbrochen. Ich geb mir hier wirklich Mühe.
Marc: Das ist Jammern auf hohem Niveau, Jo. Wenn du Kinderarzt werden willst, musst du vor allem auch lernen, mit hysterischen Müttern klarzukommen. Die Kids selbst sind gegen die ein Klacks. Sieh es also als erste Lektion an.
Jochen (reagiert schnippisch): Und was wäre die Zweite?
Marc (grinst zufrieden über das ganze Gesicht): Gute Frage. Er denkt mit. Gibt auch einen zusätzlichen Stempel in dein Bienchenheft. Als nächstes wirst du lernen, wie man Mädchen im Grundschulalter glücklich macht.
Jochen (guckt ihn jetzt an wie ein Postauto u. versteht gar nichts mehr): Hä?
Marc: Du besorgst die größte und kitschigste und vor allem gendertechnisch spezifisch farbenfrohste, die du auftreiben kannst.

...erklärte Dr. Meier dem überforderten Pfleger und Bald-wieder-Medizinstudenten, der jedoch nur Bahnhof verstand, verschlüsselt sein Anliegen und freute sich schon diebisch auf die Gesichter seiner beiden ärgsten Konkurrenten um die Führungspositionen im Elisabethkrankenhaus, von denen zufällig einer gerade wie aufs Stichwort aus einem anderen Ambulanzzimmer herauskam und ihm kurz angebunden zunickte und dann arglos weiter seines Weges ging. Dieser Spaß wäre die Anstrengung vielleicht doch wert, einen kurzweiligen Samstagnachmittag ausgerechnet mit den beiden Pappnasen und ihrem Mini-Me verplempern zu müssen, dachte er nur verschlagen und schlug, ohne noch einmal auf Jochen zu achten, über dessen Kopf kleine rosarote Fragezeichen aufstiegen, den entgegengesetzten Weg ein, um endlich die Visite zu beginnen und frohgemut seine Assistenzärzte zu ärgern.

Lorelei Offline

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18.06.2017 10:23
#1599 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am Wochenende darauf

„Was genau machen wir eigentlich hier“, kam unweigerlich nach einer Weile von der Seite fast schon beiläufig die Frage dahingeseufzt, auf die Dr. Margarethe Haase schon den halben Tag gewartet hatte, nachdem sie sich an diesem bereits fünf Mal umgezogen, viereinhalb Mal verzweifelt geheult, fünfzehn Mal die Toilette besucht und nach einem ausgedehnten Snack vorm heimischen Kühlschrank mit einem zufriedenen Unschuldslächeln unter Zuhilfenahme eines ungewohnt sehr geduldigen und adrett gekleideten Oberarztes viel zu spät in die neue Meier-Haassche Kutsche gestiegen war, wobei sie sich sogar ein bisschen wie eine Prinzessin gefühlt hatte. Dank des hübschen, regenbogenfarbenen, sommerlichen Wallekleides, in das sie geschlüpft war und in dem sie sich einmal nicht wie eine Presswurst fühlte, weil es das letzte Kleidungsstück aus ihrem Kleiderschrank gewesen war, das ihr noch halbwegs gepasst hatte und das so schön ihre weiblichen Rundungen betonte, von denen sie nicht gerade wenige besaß, wie ihr charmanter Prinzgemahl ihr an jeder Ampelkreuzung, an der sie stoppten, sehr überzeugend ins Ohr geflüstert hatte, sodass es die hochwohlgeborene Prinzessin von und zu Haasenzahn am Ende auch tatsächlich geglaubt hatte. Sie fühlte sich zwar schwer und außer Form, aber ansonsten überwiegend großartig und irgendwie beschwingt an diesem ganz besonderen Tag, ihrem Tag, welcher, wie sollte es auch anders sein, standesgemäß von einer ebenso gut gelaunten Sonne begleitet wurde. Von deren ansteckender Wirkung war eine Person jedoch bislang noch verschont geblieben. Aber Gretchen wusste Mittel und Wege, um ihren ewigen Grummelkönig schon wieder auf Spur zu bringen. Schließlich stand ein wichtiges Ereignis unmittelbar bevor.

Ein verschmitztes Schmunzeln lag auf ihren rosé schimmernden Lippen, als sich die vorfreudig beschwingte Chirurgin nach ihrer Ankunft auf dem wunderschönen Seegrundstück unweit des Elisabethkrankenhauses wieder abschnallte und langsam zur Seite drehte, um ihr dezent geschminktes Gesicht auf ihren Händen an den Beifahrersitz zu schmiegen, von wo aus sie sich intensiven Blickkontakt zu erhaschen hoffte. Ihr persönlicher Chauffeur, der mit einer Ausnahme bis jetzt nicht einmal während der Fahrt gegrummelt hatte, guckte ihr erwartungsvoll in die Augen, die ähnlich tiefblau schimmerten wie der heutige Himmel über Berlin, aber Gretchen spürte in seinem betont beiläufigen Mienenspiel ganz genau, was in ihm wirklich vorging. Ein Blick aus der Frontscheibe auf das bunte Treiben am See hätte auch genügt, um zu verstehen, wie gegen den Strich ihm das alles ging und dass es ihn wohl sehr viel Überwindung kosten würde, letztlich mehr oder weniger freiwillig aus dem Auto auszusteigen, in dem sie noch einen Moment sitzen geblieben waren, um gleich da rüber zu spazieren, wo sie sicherlich bereits ungeduldig erwartet wurden.

Aber da musste Dr. Marc Olivier Meier jetzt eben durch. Wer hatte denn der Einladung eines süßen, kleinen Mädchens nicht widerstehen können, lag es schon keck als Antwort auf ihren zu einem leichten Schmunzeln geschwungenen Lippen, aber Gretchen hütete sich natürlich, dies auch tatsächlich auszusprechen. Ebenso ließ sie die Andeutung auf das Alternativprogramm an diesem Tag bleiben, das in einem sicherlich durchaus interessanten Mutter-Sohn-Interview gemündet wäre, mit dem ihr Pappenheimer sicherlich Deutschlands TV-Nation und sie natürlich auch verzückt hätte. Aber damit wäre garantiert wieder eine endloslange Diskussion in Gang gesetzt worden. Also deutete sie mit ihrem Lockenköpfchen lediglich dezent nach hinten auf die Rückbank des Wagens, wo sich Marcs Antwort auf seine eher rhetorisch gemeinte Frage, das Corpus deliciti sozusagen, befand, welches er ihren Bruder beauftragt hatte zu besorgen, obwohl es eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre. Eine weitere Diskussion, die schon vor ein paar Tagen ausführlich geführt worden war, jedoch letztendlich in großem Erstaunen und einigen Haasschen Freudentränchen gemündet war, als der verschlagene Kerl es feierlich ausgepackt hatte, um ihr angriffsbereites Schmollschnütchen erfolgreich zu stoppen. Wie machte er das nur immer wieder? Es war ihr ehrlich ein Rätsel. Marc musste in seinem früheren Leben ein Zauberer gewesen sein. Anders war es nicht zu erklären.

Gretchen war wirklich baff gewesen. Denn ihre beiden Lieblingspappenheimer, einer schlimmer als der andere, hatten ausnahmsweise einmal ein vortreffliches Händchen bewiesen. Das Geschenk für die Schulanfängerin, für die an diesem heutigen wunderschönen sommerlichen Samstagnachmittag im großzügig geschnittenen Garten ihres neuen Elternhauses ein rauschendes Fest mit Freunden und Familie abgehalten werden würde, um ihren Eintritt in den Ernst des Lebens gebührend zu zelebrieren, war wahrlich ein großer Wurf. Ein richtiger Kracher sogar. Eine zuckersüße Wundertüte sozusagen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Gretchen liebte sie jetzt schon und ein kleiner neidischer Teil von ihr wünschte sich sogar noch einmal in ihre eigene Kindheit zurück. Aber zeitgleich kamen auch schon die peinlichen Bilder von ihrer eigenen Einschulung wieder hoch und der verunglückten Fahrt zur und von der Schule, als sie ein bisschen zu tief in die Untiefen ihrer überdimensionalen Zuckertüte geguckt hatte. Inklusive des entsetzten Gesichts ihres Vaters im Rückspiegel, der um seine neuen Ledersitze gebangt hatte. Und diesmal war nicht Klein-Jochen dafür verantwortlich gewesen, der unschuldig in der Babyschale neben ihr geschlafen und Däumchen genuckelt hatte. Aber bei Schokolade hatte Margarethe Haase noch nie widerstehen können. Für ihre Eltern war es eine Lehre gewesen, aber nicht für die selbsternannte Schokoholikerin selbst, die sie bis heute geblieben war und wohl auch immer bleiben würde. Als sie beim Blick auf Sarahs Zuckertüte daran zurückdachte, musste Gretchen direkt wieder lachen, was bei Marc, der dem Blick seiner offenbar schadenfrohen Freundin nach hinten gefolgt war, überhaupt nicht gut ankam, wie sie gleich noch feststellen sollte.

Marc: Haasenzahn, das ist nicht witzig. Ich könnte mir echt etwas Besseres vorstellen, als meinen wohl verdienten Nachmittag ausgerechnet mitten in einem albernen Kindergeburtstag zu verbringen.
Gretchen (kontert neunmalklug): Sarah Hassmann hat aber nicht Geburtstag.
Marc (deutet sichtlich angefressen mit dem Arm nach vorn aus dem Fenster): Da steht eine verdammte Hüpfburg in Dimensionen, die den Berliner Flughafen blass erscheinen lassen würden, und da drüben rennt ein bescheuerter Clown mit Blume im Knopfloch herum, der hässliche Luftballonfiguren bastelt, die entfernt Ähnlichkeit damit haben, was ich neulich aus dem Magen eines kleinen Jungen herausgefischt habe, der alles in sich reingefuttert hat, was nicht niet- und nagelfest war und was auch nicht unbedingt einem Lebensmittel zuzuordnen gewesen war. Im Großen und Ganzen ist das also schon sehr nah dran.
Gretchen (tätschelt ihm liebevoll über den Arm, der sich verzweifelt am Lenkrad festgekrallt hat): Och, mein armer, armer Grummelkönig.
Marc (funkelt sie dafür direkt wieder mit einer Lightversion seines Ameisenblickes an): Hey, so schon mal gar nicht, Frollein!
Gretchen (klimpert verführerisch mit ihren langen Wimpern, als sie noch näher an ihn heranrückt): Wie dann?
Marc (bleibt gebannt an ihrem sinnlichen Blick hängen): Ich weiß, was du hier versuchst.
Gretchen (guckt den sichtlich faszinierten Mann gespielt unschuldig an): Ich mach doch gar nichts.

Als ob du nie etwas machen würdest, Haasenzahn. Die Unschuld vom Lande nimmt dir keiner mehr ab. Jetzt und in diesen Dimensionen hier nicht mehr, mein Schatz.

Marc (tippt sie leicht mit dem Finger an u. fährt dann in der Luft ihre aufregenden Konturen nach): Da reicht schon deine pure Anwesenheit, Haasenzahn, und davon ist ziemlich viel vorhanden.
Gretchen (boxt ihn wegen der Spitze sanft gegen den Oberarm): Hey, du Blödi!
Marc (greift überfallartig nach ihrer Hand u. verschränkt seine Finger mit ihren, während er seiner Freundin feurig in die Funkelaugen blickt): Nicht blöd, ich ziele nur auf Taktik.
Gretchen (schmiegt sich verliebt kichernd an seine Seite): Und die lautet?
Marc (zieht ihre zarte kleine Hand an seine Lippen u. küsst diese sanft, bevor er sie weiter festhält u. andächtig mit dem Daumen streichelt): Eine Stunde. Maximal. Und merk dir die Fluchtwege! Ich halte den Autoschlüssel griffbereit.
Gretchen (kichert mädchenhaft gegen seine Schulter u. genießt die Gänsehaut, die sich von ihren Fingern über ihren gesamten Körper ausbreitet): Mal sehen.
Marc (seine Augenbrauen hüpfen empört nach oben): Mal sehen? Haasenzahn, ich opfere hier schon unseren Tag für die kleine Hosenpuperin. Ich will schon auch was davon haben, damit es sich lohnt.
Gretchen (kontert direkt wieder gretchenlike): So klein ist Sarah nicht mehr. Ab heute ist sie ein großes Mädchen und das feiern wir. Ausgiebig. Du wirst davon auch etwas haben. Glaub mir!
Marc (reagiert nicht gerade überzeugt u. schmollt weiter vor sich hin): Ach? Wirklich?
Gretchen (nickt ihm sehr überzeugt zu): Ja, Lachen, Freude, Luftballons.

Die Frau ist echt der Wahnsinn. Ihre Logik ist unverwechselbar und kaum zu schlagen.

Marc (kann über sein Mädchen nur staunend schmunzeln): Und was ist mit dir?
Gretchen (kichert sich an seine Seite u. guckt schließlich vielsagend zu ihm hoch): Auch. Von mir ist schließlich, wie du sagst, viel vorhanden.
Marc (betrachtet sie vorfreudig u. zieht scharf Luft durch seine Nasenflügel ein, während er bedächtig seinen Zeigefinger unter einen ihrer dicken verknoteten Spaghettiträger fährt): In der Tat. Jetzt kommen wir der Sache doch schon näher. Definiere ‚auch’!
Gretchen (greift nun auch nach seiner anderen Hand u. hält diese fest, während sie ihn verträumt anschaut u. das Herzklopfen genießt, das seine zarten Berührungen ausgelöst haben): In ein paar Stunden ist unser erster Jahrestag.
Marc (versucht ernst zu bleiben, aber kann sich angesichts ihres verträumten Gesichtsausdrucks sein glückliches Lächeln nicht verkneifen): Das ist mir nicht entfallen. Du erinnerst mich ja auch ständig daran.
Gretchen (stupst ihn gespielt empört in die Seite): Gar nicht.
Marc (grinst frech): Doch.
Gretchen (blickt ihm plötzlich tief u. ernst in die Augen): Überrasch mich!

Huch... Wo kam das denn plötzlich her?

Marc (seine Augenbrauen hüpfen überrascht hoch): Bitte? Ich soll dich überraschen?
Gretchen (kuschelt sich an seine Seite u. gerät direkt ins schwärmerische Träumen): Das stelle ich mir gerade richtig romantisch vor.
Marc (bleibt skeptisch): Hast du heimlich an Sarahs Zuckertüte geschnüffelt? Dein Vater hat mich vorgewarnt.
Gretchen (blitzt ihn für den Spruch leicht beleidigt an): Marc!
Marc (lacht u. zwinkert ihr vielsagend zu): Aber mal ehrlich, sollte nicht eher ich dran sein mit dem Überrascht werden? Was jetzt nicht heißt, dass du mich nicht jeden Tag überraschen würdest. Einfach aus Prinzip. Schließlich hab ich mich letztes Jahr wegen dir ganz schön verausgaben müssen. Die Zickereien mit Mehdi. Die Giftpfeile deiner Mutter. Das Hoseherunterlassen vor deinem Vater. Die lange Fahrt auf die Ostseeinsel. Die Showzugabe auf der Promenade. Unsere erste wilde Nacht. Nicht zu vergessen, die Tage im Bett danach. Und das in einer ziemlichen Absteige, die eine Hotelklassifizierung noch nie zuvor gesehen hat.
Gretchen (strahlt vergnügt über das ganze Gesicht u. streicht ihrem Helden lasziv über den angespannten Oberkörper, der in einem schicken hellblauen Hemd steckt, das sie ganz besonders an ihm liebt): Och, mein armer Marci, du hast es schon schwer mit mir, hm?
Marc (lacht lauthals auf): Darauf willst du keine pointierte Antwort, oder?
Gretchen (klappst ihm warnend auf die Brust): Untersteh dich!

Küss mich lieber, mein Prinz! Mehr wünsche ich mir doch gar nicht.

Marc (aus dem schelmischen Lachen wird ein verträumtes Lächeln): Also, was bekomme ich jetzt dafür, dass ich es schon so lange mit dir ausgehalten habe? Wo ist meine Überraschung? Die Belohnung dafür, dass ich mich heute extra hierher gequält habe?
Gretchen (gibt sich betont unbeeindruckt, aber auch geheimnisvoll): Die sitzt doch direkt vor dir.
Marc (lässt seine Blicke ganz langsam über ihren wunderschönen Körper wandern u. verliert sich in seinen nicht gerade jugendfreien Gedanken): Hm?
Gretchen (wird unter seinem intensiven Blick direkt rot, was so nicht geplant war): Maaarc!
Marc (beugt sich leicht nach vorn u. flüstert nun mit Gretchens Babybauch): Eure Mutter spricht mal wieder in Rätseln.
Gretchen (tut es ihm aus Trotz gleich): Und euer Papa ist mal wieder ganz besonders schwer von Begriff, aber das war er ja immer schon. Wisst ihr eigentlich, wie lange er gebraucht hat, um mich...
Marc (funkelt sie direkt an): Ey! Red ihnen keine falsche Kennenlerngeschichte ein!
Gretchen (reagiert gewohnt kess): Würde ich nie tun.
Marc (kontert schlagfertig): Ich erinnere dich daran, wenn sie deine Tagebücher gefunden haben.
Gretchen (gibt sich unbeeindruckt, während ihre auffunkelnden Augen etwas anderes sagen): Da steht nichts Kompromittierendes drin. Nur schöne Dinge. So wie der heutige Eintrag.
Marc (beugt sich neugierig zu ihr rüber): Ach? Und der lautet? Nicht dass es mich interessieren würde, nur fürs Protokoll.
Gretchen (verrät es ihm mit einem verträumten Lächeln auf den geschwungenen Lippen): Ein Jahr...
Marc (lässt sich ihre Worte auf der Zunge zergehen u. lehnt schließlich seine Stirn gegen ihre, um nun ebenso verträumt vor sich hin zu lächeln): Ein Jahr.

Es kommt mir wie ein ganzes Leben vor. Ist es vermutlich auch. Oh Gott, Meier, jetzt wird es echt kitschig. Reiß dich zusammen! Für die Zwerge! Nicht dass sie einen völlig falschen Eindruck bekommen. Für das Sentimentale ist allein Haasenzahn zuständig. Ich halt sie fest, damit sie nicht die Bodenhaftung verliert, wenn sie mit euch da oben im siebten Himmel von einer rosaroten Wolke zur nächsten hüpft und dabei, wie ich sie kenne, die Fettnäpfe nicht auslässt. Meine Chaosqueen.

Ein Jahr... voller Liebe, Glück, Lachen, Küsse, erfüllter Erwartungen und Gemeinhei... nein, Gemeinsamkeiten. Unperfekt perfekt eben. Genauso und nicht anders wünsche ich mir auch den Rest von unserem gemeinsamen Leben, das gerade erst so richtig in Fahrt gerät. Wir beide und unsere kleine Familie. Ich kann es kaum noch erwarten, dass unser Abenteuer endlich losgeht. Ich liebe euch so sehr. Und wenn ihr weiter so doll herumstrampelt, hebe ich heute wirklich noch ab. Hihi!


Gretchen (blickt ihrem Herzprinzen glücklich in die Augen): Das haben wir doch ganz gut hingekriegt, hm?
Marc (streichelt ihr zärtlich über die süße Babymurmel u. schwelgt immer noch in Gedanken): Positiv!
Gretchen (lächelt ganz verklärt, als sie ihn so tief zufrieden beobachtet): Ich würde gerne mit dir alleine sein.
Marc (hätte absolut nichts dagegen u. wagt die Flucht nach vorn): Dann... was hält uns noch hier? Lass uns abhauen! Noch hat uns keiner bemerkt. Hier rennt so viel Personal aus dem EKH herum, äh... wieso eigentlich, äh... ist das da vorne nicht unser Pförtner..., da... da fällt keinem auf, wenn ausgerechnet wir beide mit Abwesenheit glänzen. Glaub mir, das wäre dem Stier eh lieber. Weißt du, was der für eine Fresse gezogen hat, als ich ihm neulich während ner OP verklickert habe, dass wir kommen werden. Die war fast noch besser als das Gesicht von Hassi beim Kinderwagenspaziergang mit der Kurzen neulich im Park vom EKH, zu dem die Stasi-Sabsi und du sie genötigt haben.
Gretchen (hat ihm nur halb zugehört u. schaut ihm nun vielsagend in die Augen): Später. Zuhause. Ja?
Marc (verliert sich in ihrem intensiven Schlafzimmerblick u. bekommt kurzzeitig akutes Herzrasen): Hab ich Sie richtig verstanden? War das etwa gerade ein unmoralisches Angebot, Frau Dr. Haase?
Gretchen (ihre blauen Augen funkeln geheimnisvoll auf): Finde es doch heraus, Herr Doktor?

...lockte die bildschöne Schwangere ihren Herzprinzen heraus, der dieses äußerst verlockende Angebot so natürlich nicht stehen lassen konnte und sofort sehr wörtlich nehmen wollte. Prompt landeten seine weichen Lippen fordernd auf ihrem erdbeersüßen Mund und starteten einen atemberaubenden Tanz, der jedoch schnell sein jähes Ende finden sollte. Denn man hatte die beiden noch fehlenden Gäste der Einschulungsfeier sehr wohl bereits ausfindig gemacht. - „Onkel Maaarc“, schrie nämlich plötzlich eine bekannte Kinderstimme direkt neben dem offenen Fahrerfenster so markerschütternd in das Ohr des liebestrunkenen Chirurgen, dass dieser kurzzeitig dachte, er wäre von einer Sekunde auf die nächste sowohl taub geworden als auch gelähmt worden. Schließlich war er direkt von der rosaroten Wolke, die er zusammen mit seiner Herzprinzessin stürmisch erklommen hatte, heruntergepurzelt und nicht gerade sanft wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet, welcher übrigens verwirrend nach frisch gemähtem Heu und einer leichten Seenote duftete. Den vorwurfsvollen Blick in ihre Richtung verstand Gretchen natürlich sofort, die die beiden fröhlich strahlenden und zwischen dem geparkten Jaguar mit dem CS-Kennzeichen und dem nigelnagelneuen BMW-Kombi mit dem berlinbekannten BER-MM hin und her hüpfenden Mädchen in den hübschen Sommerkleidern, die das nun nicht mehr innig knutschende Paar gespannt anschauten, herzlich anlächelte.

Marc (stöhnt entnervt auf): Ich hab’s gewusst. Das mit dem Reaktionsvermögen üben wir noch.
Gretchen (hält dem sofort kess einen Riegel vor): Geht nicht. Ich bin schwanger.
Marc (grummelt, aber ist doch angetan von der großen Klappe seiner Süßen): Das ist keine Ausrede. Nicht in dem Fall.
Gretchen (lächelt hinreißend, was Marcs Ärger deutlich schmälert): Doch!
Lilly (guckt fröhlich glucksend zu Gretchens heruntergelassenem Autofenster herein): Hallo, Onkel Marc! Huhu Gretchen! Geht’s den Zwillingen gut?
Gretchen (streichelt sich demonstrativ über den Bauch): Mega! Sie sind mindestens genauso überdreht wie ihr beiden. Hallo, ihr beiden Süßen! Hübsch seht ihr aus.
Lilly (strahlt über das ganze Gesicht u. bestaunt das wunderschöne pastellfarbene Regenbogenkleid ihrer großen besten Freundin): Danke, du aber auch.
Gretchen (fühlt sich direkt geschmeichelt): Lieb von dir. Na, wie war die Feier in der Schule, Sarah?
Sarah (hat sich ungeduldig vor Marcs Fenster platziert u. guckt auf Zehenspitzen hinein, während sie sich mit beiden Armen am Fensterrahmen abstützt): Toll! Wieso steigt ihr nicht aus?
Marc (versucht angestrengt, sich nicht anmerken zu lassen, wie nervig er das alles schon jetzt findet): Weil wir nicht...
Gretchen (bevor ihr Pappenheimer etwas Falsches sagen kann, übernimmt sie das Kommando u. streicht sich dabei bedächtig über ihren gewaltigen Babybauch): Weil ich noch einen Moment gebraucht habe.
Lilly (macht sich direkt Sorgen u. denkt an die Freundin ihres Papas): Oh!
Marc (seine beiden Augenbrauen hüpfen vergnügt nach oben): Einen?
Gretchen (stupst ihn tadelnd an, damit er sich benimmt): Marc!
Sarah (gibt sich mit der Antwort der Erwachsenen zufrieden u. ruckelt nun ungeduldig an Marcs Autotür): Habt ihr mir was mitgebracht?
Marc (steigt dann doch widerwillig aus, bevor die kleine Kröte noch mehr Fingerabdrücke auf dem Autolack hinterlassen kann, u. läuft betont langsam um das Auto herum, um Gretchen zu helfen, deren Tür Lilly schon hilfsbereit aufhält): Sollten wir? Ich wusste gar nicht, dass wir bei euch Wegzoll brauchen.
Sarah (folgt ihm auf die andere Seite u. bleibt abrupt stehen): Aber... aber heute ist doch mein Schulanfang.

Marc half seiner schwerfälligen Freundin gerade mit Lillys unbeholfener Unterstützung aus dem Auto und bemerkte dadurch erst auf den zweiten Blick die verdächtig zuckende Unterlippe des sechsjährigen Mädchens. Das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Das ahnte auch Lilly, die Sarah schnell an die Seite eilte. Mit verschlagener Kaanscher Grinsemiene und mit Verweis auf ihren pappfrechen Lieblingsonkel auf der anderen Wagenseite, der die beiden befreundeten Mädchen mit funkelnden Augen ganz genau beobachtete und sich krampfhaft darum bemühte, nicht auf der Stelle laut loszulachen, flüsterte sie ihrer besten Freundin etwas ins Ohr, das das Zuckertütenkind sofort wieder erstrahlen ließ und zur gewohnten Hassmannschen Schlagfertigkeit zurückbrachte, die zu Gretchens Erheiterung Dr. Meier natürlich sofort gepfeffert abbekam...

Sarah: Du wieder! Du verhohnepopelst mich doch, Onkel Marc. Du hast sie dabei, oder? Wo ist sie? Gib sie mir! Bitte! Bitte!
Marc (muss sich an Gretchens Schulter festhalten, um nicht seinem aufsteigenden Lachkrampf zu erliegen): Verhohnewas? Innovativ! Muss ich schon sagen. Du gehörst definitiv auf die Schulbank, oder Gretchen, was denkst du?
Gretchen (kann nur die Augen verdrehen angesichts Marcs kindischer Art u. konzentriert sich nun ganz auf die Schulanfängerin, der sie dem Anlass entsprechend feierlich die Hand reicht): Selbstverständlich. Herzlichen Glückwunsch zum Schulanfang, mein Schatz! Das ist ein ganz, ganz wichtiger Tag im Leben eines jungen Mädchens. Du hast jetzt Verantwortung. Für dich und andere. Du wirst neue, aufregende und spannende Dinge kennenlernen und neue Freunde finden. Freundschaften, die vielleicht ein Leben lang halten werden. Und ich hoffe natürlich, dass du ganz viel Freude am Lernen haben wirst.
Marc (hält mit seiner Meinung nicht vor dem Tor): Naja.
Gretchen (weist den vorlauten Kerl mit warnendem Blick flüsternd in die Schranken): Halt einmal die Klappe, Marc!
Sarah (schüttelt hibbelig Gretchens Hand u. guckt immer wieder verstohlen auf den BMW, dessen verdunkelte Scheiben ihr leider die Sicht auf das Innere des Wagens verwehren): Danke, Gretchen! Ich freue mich schon voll. Ich hab auch schon eine neue Freundin gefunden, die mit mir am Tisch sitzt. Die Annika. Der Finn-Kevin war voll gemein zu ihr, weil er nicht neben mir sitzen durfte. Ich weiß auch nicht, wieso der das auf einmal wollte. Er muss jetzt in der ersten Reihe sitzen. Direkt bei unserer Lehrerin. Ich glaube, sie ist ganz nett.
Marc (verdreht leidend die Augen, bevor der Schalk wieder mit ihm durchgeht): Oh! Die Arschkarte. Der Arme. Aber es gibt Leute, die diesen besonderen Platz durchaus in Ehren halten. Oder Gretchen? Wie war das bei dir damals?

Er ist unmöglich. Das macht er doch mit Absicht. Dem muss ich unbedingt Einhalt gebieten. Sarah überstreckt schon ihren Hals vor lauter Ungeduld.

Sarah (klammert sich kichernd an ihre Freundin): Du hast Arsch gesagt.
Marc (weist jeglichen Verdacht von sich): Hab ich nicht.
Lilly (verschwört sich mit ihrer Freundin u. zingelt Marc ein): Hast du wohl! Das Schimpfschweinchen wartet auf dich.
Marc (seine eine Augenbraue hüpft vergnügt nach oben): Bitte?
Sarah: Ja, Mami hat vorhin auch schon etwas reinstecken müssen. Sie war ein bisschen sauer auf Papi, als die mit der Hüpfburg ankamen. Die ist super. Da müssen wir dann unbedingt mal zusammen drauf. Ja?
Marc (horcht interessiert auf u. schielt verstohlen rüber zum Wohnhaus, wo Sarahs Eltern gerade die anderen Gäste begrüßen): Ach? Jetzt wird es interessant.
Gretchen (stupst ihren Pappenheimer auffordernd mit der Schulter an, um seinen Albernheiten Einhalt zu gebieten): Marc! Wenn du bitte... Hm?
Marc (grinst u. zögert es noch kleinwenig hinaus): Was? Oh! Ja, da war doch was? Was war es noch gleich?
Sarah (beginnt augenblicklich zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd u. zerdrückt vor Anspannung fast Lillys Hand, die sie festhält): Meine Zuckertüte!
Marc (reibt sich über sein Ohr): Hey! Nicht so ungeduldig!
Gretchen (wird auch langsam ungeduldig u. hält sich ihren Bauch, in dem es mindestens genauso aufregend zugeht): Nun gib sie ihr doch endlich, Marc!
Marc (neckt das Mädchen noch ein bisschen u. zögert den Moment, bis er die hintere Autotür öffnet, geschickt hinaus): Bist du sicher?
Sarah (hält aufgeregt die Hand von Lilly, die genau ahnt, was Papas Freund vorhat): Jaaa!
Marc (zwinkert den beiden Mädchen frech zu u. öffnet schließlich die hintere Tür): Na, dann... Schule ist vielleicht nicht so spannend, wie du heute noch denkst oder andere dir einzureden versuchen, aber ein Gutes hat die Chose, zu Anfang zumindest, man darf reichlich Geschenke abgreifen. Also, greif zu, du Nervensäge! Damit sind wir hoffentlich quitt.
Sarah (zieht das gute Stück mit Lillys tatkräftiger Unterstützung von der Rückbank des Wagens u. gerät angesichts dessen Größe ein bisschen ins Schwanken, aber nur kurz, denn sie ist megastolz u. glücklich): Boah, die ist ja toll. Genauso hab ich sie mir gewünscht. Guck mal, Lilly! Danke, Onkel Marc! Danke Gretchen!
Marc (hält die Zuckertüte noch fest, sodass die Kleine damit nicht gleich flüchten kann): Stopp! Die bekommst du aber nur unter einer Bedingung.
Sarah (schaut mit großen Augen zu ihrem großen Helden hoch): Alles.
Marc (nickt zufrieden u. lässt die Hand schließlich los): Ich nehme dich beim Wort, Sarah. Von nun an lasst ihr das alberne Onkel weg. Du bist schließlich schon groß. Fast erwachsen. Klar?
Sarah: Okidoki, Onkel Marc!

...kicherte die Fastsiebenjährige fröhlich, ohne wirklich zu bemerken, was sie da gerade schon wieder von sich gegeben hatte, um ihren Lieblingsonkel, der eigentlich nicht ihr Onkel war, unbewusst zu ärgern, der deswegen leidend die Augen verdrehte, während er sich an Gretchen anlehnte, die sich ebenso wie Lilly ihr Schmunzeln nicht hatte verkneifen können. Denn sie war viel zu abgelenkt von der großen, schweren, motivbedruckten Zuckertüte, die sie fast überragte und die sie sich noch einmal zurechtrücken musste, damit sie sie besser transportieren konnte. Und schon war Sarah Hassmann auch schon über den provisorischen Parkplatz davon gerannt, um ihr Präsent stolz ihren Gästen im Garten zu zeigen. Lilly war derweil neben dem befreundeten Paar ihres Vaters noch stehen geblieben und guckte erwartungsvoll von Marc zu Gretchen, die sich glücklich in die Arme ihres Lebensgefährten geschmiegt hatte. Und auch dieser wirkte plötzlich gar nicht mehr so genervt wie noch vor ein paar Minuten und schaute dem über den Platz hüpfenden Mädchen zufrieden hinterher, das zu Marcs Erheiterung immer mal wieder stark nach links schwankte, weil ihr die Zuckertüte zu schwer geworden war. Aber mit Hilfe ihres ungläubig dreinblickenden Vaters brachte sie das gute Stück sicher zu den anderen Geschenken. - „Mami, Mamiii, guck mal, was ich bekommen habe! Ist die nicht cool? Viel, viel besser als die, die ich von euch bekommen habe. Damit hab ich den Finn-Kevin aber so was von geschlagen, yippie...“, plapperte das glückliche Mädchen fröhlich, wie ihr der Schnabel gewachsen war, was jedoch nur zum Teil positiv aufgenommen wurde. - „Was zum Geier ist das denn? Sind das etwa... Einhörner? Also, pädagogisch wertvoll ist das nicht. Außerdem ist die größer als...“, brachte der Wind vom See zumindest einen Teil der Erwiderung von Sarahs sichtlich empörter Mutter zu Marc und Gretchen rübergeweht. Aber die beiden waren mit ihren Gedanken schon wieder ganz woanders. So innig, wie die beiden sich gerade umarmten und alles um sich herum vergaßen.

Gretchen: War einen Versuch wert.
Marc (kitzelt sie an der Seite): Sehr witzig, Haasenzahn! Und nun? Mission erfüllt. Stehlen wir uns davon?
Gretchen (rührt sich nicht von der Stelle u. hakt sich nun bei ihrem störrischen Freund ein): Jetzt verleben wir erst einmal ein wunderschönes Fest. Dann schauen wir weiter.
Marc (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Wir könnten auch...
Er versucht es schon wieder. Süß! Wenn er weiter so guckt, werd ich noch schwach.
Gretchen (ist sichtlich angetan von seinem Dackelblick, aber bleibt stark): Marc!
Marc (lässt seinen ganzen Charme spielen): Könnten wir.
Gretchen: Könnten wir, ja, aber...
Marc (schmollt): Kein Aber!
Gretchen (legt liebevoll ihre Arme um seine Schultern u. sieht ihn intensiv an): Guck mal, sie hat sich so gefreut, dass wir da sind. Und ich freue mich doch auch schon auf die anderen. Ich bin glücklich, dass du mich einmal ausführst.
Marc (guckt ihr ungläubig ins Gesicht): Bitte? Du siehst das hier als Date?
Gretchen (lächelt mädchenhaft): Quasi. Ich freu mich halt, wenn ich aus meinem Wolkenkuckucksturm raus kann.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Es zwingt dich keiner, da oben zu bleiben, Rapunzel. Übrigens, hübsche Haare heute.
Gretchen (fährt sich mit einer Hand angetan über ihren verwuschelten Fischgrätenzopf u. deutet dann mit einem Lächeln auf ihre Körpermitte): Doch! Die beiden hier.
Marc (streichelt ihr liebevoll über den Babybauch): Machen sie wieder Unsinn?
Gretchen (legt ihre Hand auf sein): Nein. Es geht. Ich schwebe wie immer.
Marc (weiß ihre Antwort richtig zu deuten): Es geht mir doch nicht darum, dass ich keinen Bock auf die Party hier hätte. Du hast doch eben gesehen, wie viel Spaß es macht, die Kurze zu foppen. Und erst deren Erzeuger. Es geht mir hauptsächlich um dich. Wenn ich mich hier so umschaue, dann... Wenn dir das alles hier zu viel wird, auch wegen der Hitze, dann machen wir hier die Biege. Du musst nur einmal mit dem kleinen Finger wackeln und ich sattle das Zaumzeug.
Gretchen (ist hin u. weg von ihrem Prinzen): Wie edel.
Marc (zwinkert ihr zu): Bin ich doch immer.
Gretchen (neckt ihn): Immer öfter, ja.
Marc (stupst sie sanft an): Hey! Nicht untertreiben! Ich gebe mir hier echt Mühe.

Und das ist echt schwierig bei so einer störrischen Prinzessin auf der Erbse, die immer genau das Gegenteil von dem macht, was man ihr vorschlägt.

Gretchen (lächelt ihn an): Tue ich nicht. Du bist toll. Richtig toll. Ich liebe dich und wie du dich um mich kümmerst, damit es mir an nichts fehlt. Und ich bin dir dankbar, dass wir heute hier sind. Ich fühle mich wirklich gut. Das bunte Chaos hier ist genau das Richtige für mich und lenkt mich vom Warten ab. Ich wollte wirklich mal raus.
Marc (hat immer noch berechtigte Zweifel): Sicher? Als wir neulich bei Jonathan im Krankenhaus waren, warst du vorher auch sicher gewesen und dann hast du ziemlich geschwächelt. Und was war bei dem Dinner bei meinen Eltern, hm?
Gretchen (verteidigt sich sofort wieder): Das war falscher Alarm. Ihr wolltet mir ja nicht glauben.
Marc (kann nicht anders als darüber zu schmunzeln): Ich hab dir geglaubt. Und ehrlich, das war der beste Abend ever. Ich hab meine Mutter noch nie so blass und so rotieren sehen. Sie ist endlich mal aus ihrer Autorenblase aufgewacht und ihrem eigenen Roman entstiegen. Wie die mit uns durch Berlin gerast ist. Wahnsinn. Ich bin gespannt, was die Strafmandate alles kosten werden. Aber am herrlichsten war ja, als sie unseren ramponierten Mehdi gesehen hat, der mal wieder eine Arschruhe weghatte, und ihn vom Feinsten runtergeputzt hat. Weil er ihr angeblich für Nichts und wieder Nichts so viele kostbare Stunden ihres Lebens geraubt hätte. Ausgerechnet er. Haha! Das wäre doch mal eine Schlagzeile wert, hm. Aber nee, stattdessen wollen die ihn jetzt für die Bundesverdienstmedaille vorschlagen.

Marc hatte sich so in Rage geredet, dass er gar nicht mitbekommen hatte, dass er mit Gretchen die ganze Zeit gar nicht alleine gewesen war. Aber jetzt konnte sich die Neunjährige auch endlich zu Wort melden, die sich neugierig an Gretchens Babybauch angeschmiegt hatte.

Lilly: Was ist mit Papa?
Marc (blickt sich irritiert um): Huch! Was machst denn du noch hier?
Lilly (guckt naseweis zu ihm hoch): Na, ich warte auf euch.
Gretchen (streicht dem Kind liebevoll über das kunstvoll geflochtene Haar): Das ist aber lieb. Wir kommen gleich.
Marc (plappert kleinlaut dazwischen): Was noch zu diskutieren wäre.
Gretchen (funkelt ihn eindringlich an): Ist es nicht.
Marc (blitzt eindrucksvoll zurück): Doch!
Lilly (mischt sich dann auch wieder ein, was sie die ganze Zeit schon vorhatte): Wo ist eigentlich meine Zuckertüte, Onkel Marc?
Marc (fasst sich verwirrt an den Hals): Äh... Warum genau solltest du auch eine bekommen? Dein Zuckertütenfest liegt doch schon ein paar Jährchen zurück. Oder?
Oh Gott, ihr ist doch nicht etwa wieder eingefallen, dass ich ihres damals mit Absicht geschwänzt habe?
Lilly (schaut ihn mit großen samtig brauen Augen sehr überzeugend an): Na, ich bin doch ab Montag auf dem Gymnasium.
Gretchen (verhehlt nicht, wie stolz sie auf Mehdis Große ist): Das ist auch ein wichtiger Tag.
Lilly: Genau!
Gretchen (schwelgt direkt wieder in Erinnerungen): Also, mein erster Tag auf dem Gymnasium war einer der schönsten. Also... überwiegend. Und bei dir, Marc?
Marc (lehnt sich gespielt unbeeindruckt mit dem Rücken an seinen Wagen u. rückt sein Jackett zurecht, das ihm langsam zu warm wird, weswegen er es schließlich auszieht u. auf die Rückbank wirft): Kann mich nicht erinnern. Nur zwei Jahre später, da war was, ja. Aber das sind auch nur ein paar vernebelte rosa Bilder.
Gretchen (liest in seinem Gesicht wie in einem Buch): Sücher!

Ich werde nie vergessen, wie wir uns auf dem Spielplatz wiedergetroffen haben. Das erste von vielen, vielen Wortgefechten, die noch folgen würden. Verrückt. Und ich bin immer noch wahnsinnig verliebt. Viel mehr noch als je zuvor.

Als hätte ich Haasenzahn in dem rosa Tutu vergessen. Ihr Bild mit der hässlichen Zahnspange, der riesigen Hornbrille, den zerzausten Locken und der knallroten Wange hat sich regelrecht eingebrannt.


Lilly (wird nun auch ungeduldig, weil sie Sarah in der Ferne rufen hört): Und was ist jetzt mit mir?
Marc (rührt sich nicht vom Fleck): Also, wenn jeder Schüler, der einmal die Schule wechselt, gleich Geschenke kassieren würde, dann wären wir alle Millionäre.
Lilly: Echt?
Marc (guckt eindeutig zweideutig zu Gretchen rüber): Quasi.
Gretchen (rollt auffordernd mit den Augen): Marc!
Marc (lacht u. beugt sich dann doch noch einmal ins Auto, um unter dem Sitz etwas hervorzuzaubern): Okay, okay, ihr Nervensägen, in mini, ich hoffe, das ist okay so? Aber versteck sie besser! Die junge Dame hier hat gerne mal Hunger für drei.
Gretchen (boxt ihm empört in den Arm): Marc!
Marc (lacht): Is so.
Lilly: Ich hab dich auch lieb, Marc. Danke! Ich wusste, dass du mir auch etwas mitbringen würdest.
Marc: Dann weißt du mehr als ich, Prinzessin Lillyfee.

Lilly nahm die Minizuckertüte von Marc ehrfurchtsvoll entgegen, welche er nur widerwillig hatte herausrücken wollen und drückte ihm dafür ein kleines Küsschen auf die Wange. Dann drückte sie kurz Gretchen zum Dank und eilte schließlich Sarah hinterher zu den anderen Gästen in den geschmückten Garten. Marc schaute der Neunjährigen ungläubig hinterher und strich sich dabei verwirrt über die Wange. Gretchen liebte den Ausdruck auf seinem Gesicht. Baff, aber auch gerührt. Er liebte die Kleine, genauso wie sie es tat.

Gretchen: Wieder etwas fürs Karma getan, hm?
Marc (weist jeglichen Verdacht von sich u. konzentriert sich nun auf das Wesentliche): Halt bloß die Klappe, Haasenzahn! Wir waren vorhin noch nicht fertig. Wie war das noch mal? Hast du mir vorhin tatsächlich Sex versprochen?
Gretchen: Maaarc! Nicht hiiier!

Doch jegliche Gegenwehr war zwecklos. Marc schnappte sich sein widerspenstiges Mädchen, das ihm eben den vorlauten Mund hatte zuhalten wollen, und wirbelte es so zu sich herum, dass die Schmetterlinge in Gretchens Bauch ordentlich durchgeschüttelt wurden. Er wollte seine Liebste gerade küssen, um seiner Frage Nachdruck zu verleihen und die Vorfreude zu steigern, aber da brachte der laue Sommerwind erneut etwas vom Seeufer zu ihnen herübergeweht, das sie erst zum Staunen, dann unweigerlich zum Schmunzeln brachte. - „MEIER!“. Marc wollte sich von dem gewaltigen Stimmorgan seiner nicht geschätzten Kollegin Hassmann nicht angesprochen fühlen, aber Gretchen ließ ihm keine andere Wahl. Forsch nahm sie seine Hand, nickte dem bedröppelten Chirurgen auffordernd zu und schlenderte anschließend mit ihm zusammen zu der Menschentraube im Stier-Hassmannschen Garten, wo man bereits gespannt auf das noch vermisste Paar gewartet hatte.

Lorelei Offline

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Beiträge: 7.274

03.07.2017 16:18
#1600 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwas später...

- „Und, ist sie immer noch sauer?“, wagte es Dr. Marc Olivier Meier nach einer Weile fast schon beiläufig in Richtung eines der Gastgeber dieser schrecklich quietschbunten Festivität zu fragen, auf welcher sich seine Freundin und er, und so ungefähr die Hälfte des einen angenehmen arbeitsfreien Samstag genießenden Personals des EKH, mittlerweile nach einigem Durcheinander und diversen mehr oder weniger freundlichen Begrüßungsnettigkeiten eingefunden hatten, während er gemächlich das reichlich aufgetischte Buffet entlangschritt, welches sich hauptsächlich aus einer abstoßenden Mischung aus gesunder Biokost und einem kunterbunten Potpourri aus Lebensmittelfarbe, Sahne, Schokolade und Gummibärchen zusammensetzte, welches zumindest Kinderherzen, und Haasenherzen natürlich auch, erfreute, und dabei auf der Suche nach hochprozentigen Getränken war, um diesem farbenfrohen Spektakel mit einigen Umdrehungen mehr wenigstens etwas Positives abgewinnen zu können. Doch er konnte sie seltsamerweise auf den ersten Blick nicht gleich entdecken, weshalb er sich schließlich doch zu seinem einstigen Erzfeind Nummer eins und mittlerweile zwar nicht geschätzten, aber immerhin tolerierten Kollegen, Cedric Stier, umdrehte, der daraufhin neben ihm erschöpft aufschnaufte, Marc etwas unwirsch von der Seite anschaute, aber insgeheim einem die aufgeheizte Stimmung abkühlenden Bierchen durchaus nicht abgeneigt gewesen wäre, wenn er nicht von anderen Seiten unter Dauerbeobachtung gestanden hätte.

Tja, das hatte er sich wohl selber eingebrockt, denn als mehr oder weniger unfreiwilliger Partyplaner aus der Not heraus galt es einiges zu beachten. Allen voran die Stimmungslage seiner widerspenstigen Herzdame unbedingt hoch zu halten. Damit auch er zufrieden mitfeiern konnte. Für Sarah. Seine Große. Mein Gott, stellte der bärenstolze Familienvater gerade einmal mehr fest, als er seine mittlere Tochter Sissi zurück zu ihrem neuen kleinen Freund Anton und dessen Pflegevater Günni auf die rot-schwarz karierte Picknickdecke setzte. Seine Sarah war doch tatsächlich seit heute Mittag hochoffiziell und mit Siegel und Zuckertüte ein richtiges Schulkind. Wann war das denn passiert? War sie bis eben nicht noch ein unschuldiges, kleines Baby gewesen, das ihn mit ihren großen blaugrauen Augen staunend aus ihrem Bettchen angehimmelt hatte? Noch nicht mit Flausen im Kopf, aber die großen Fragen dieser Welt, denen die Fastsiebenjährige mittlerweile schonungslos auf der Spur war, was selbst den härtesten Chirurgen manchmal sprachlos zurücklassen konnte, hatte man ihr dennoch schon von der Stirn ablesen können. Doch ein Blick in das vergnügte Gesicht seines gehässigen Kollegen, der ihm wie zur Bestätigung zunickte, genügte, um prompt wieder zurück in die Gegenwart katapultiert zu werden.

Cedric: Sollte das eine rein rhetorische Frage gewesen sein, dann erübrigt sich ja wohl die Antwort, werter Kollege.
Marc (reagiert typisch gereizt): Mein Gott, warum muss man auch wegen ein paar beschissener Fabelwesen gleich so ein riesiges Fass aufmachen? Was ist denn schon dabei? Früher waren es Matchboxautos, später Pokemons und Tamagochis und jetzt eben diese albernen Gäule mit aufgepapptem rosa Horn. Das sollten sie dir mal aus dem Hintern rausoperieren, du alter Spießer. Lilly Kaan hat doch bestätigt, dass die Viecher momentan total angesagt sein sollen. Auch auf Zuckertüten und im Speziellen sowieso. Keine Ahnung wieso. Aber wenn du mehr darüber wissen willst, da drüben sitzt die Expertin schlechthin auf dem Gebiet märchenhafter Fantasie. Aber nerv sie nicht zu sehr! Schongang, klar? Sie ist nicht alleine unterwegs.
Cedric (verdreht genervt die Augen u. drückt dem Sprücheklopfer ungefragt ein alkoholfreies Bier in die Hand): Du verstehst es wirklich nicht, oder?
Marc (guckt skeptisch auf das Etikett der Bierflasche u. dann etwas verdutzt in Cedrics oberlehrerhafte Visage, die übertrieben theatralisch in sein Blickfeld gerückt ist): Äh... nö, und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht die Bohne. Meine Prioritäten liegen woanders. Verrat mir lieber, wo ihr den richtigen Alkohol gebunkert habt. Die Kinderbrause geht ja gar nicht.

...griente Marc sein konsterniertes Gegenüber an und streckte ihm die unberührte Flasche direkt wieder entgegen, als würde es sich dabei um irgendein Teufelsgebräu handeln. Cedric konnte sich seinem Chirurgenkollegen nur kopfschüttelnd geschlagen geben. Ausnahmsweise. Eigentlich stieg er immer gerne in Marcs Sticheleien mit ein. Diese kleinen Kämpfe zwischen den einstigen Kommilitonen lockerten ihre an sich schon schwierige kollegiale und irgendwie entartete freundschaftliche Beziehung auf. Aber heute fehlte ihm die Kraft für diese Reibereien. Er hatte heute schon genug grundlose Diskussionen am laufenden Band hinter sich. Er wollte auch endlich mal nur ein bisschen Ruhe auskosten, die angesichts der Lautstärke auf der gut frequentierten Hüpfburg, neben der Marc und er gerade standen, nur bedingt zu genießen war. Zumal er auch die tödlichen Giftpfeilblicke immer noch im Nacken spürte, die von der Sitzecke unter den Obstbäumen unentwegt zu ihm rübergeschossen kamen. Es gab kein Entkommen, selbst wenn er es gewollt hätte. Er konnte sich nicht verstecken. Dabei hatte er sich mit der Organisation der Einschulungsfeier seiner Tochter Sarah wirklich sehr viel Mühe gegeben. Zumindest was seine bescheidenen Maßstäbe betraf.

Aber was war der Dank dafür gewesen? Die strahlenden Augen der ABC-Schützin mal ausgenommen, die mit ihrer ansteckenden Energie heute ganz Berlin versorgen könnte. Er musste sich einerseits die Gehässigkeiten von Marc Meier gefallen lassen, der nur, weil er aus Versehen aus dem Stehgreif gleich Zwillinge gezeugt hatte, dachte, er hätte die möchtegernväterliche Weisheit mit Löffeln gefressen und könnte ihm mit seinen ständigen Provokationen deshalb die Show stehlen. Und die Person, die ihn erst herausgefordert hatte, dass er das alles hier in der Kürze der Zeit nie und nimmer hinbekommen würde, die er beeindrucken und gleichzeitig entlasten wollte, hatte an allem, was er mit seinen geheimen Helfershelferlein in den vergangenen Tagen hier hinter dem Haus aufgefahren hatte, etwas herumzumäkeln. Außerdem hatte er keinen blassen Schimmer, wieso das halbe Krankenhaus seit heute Mittag bei ihm auf der Matte gestanden hatte, inklusive des Professors und seiner reizenden Gattin, die sich höflich dafür entschuldigt hatten, dass sie nicht hatten bleiben können, weil sie Karten für die weltberühmten Philharmoniker auf der Waldbühne hatten. Und alle hatten reichlich gefüllte Zuckertüten dabei gehabt, über die sich Sarah natürlich riesig gefreut hatte. Maria dagegen eher weniger, wie sie ihm in einer Tour in ihrer gewohnt zickigen und hormonell bedingten Art bescheinigte.

Also, wenn das weiter so toll lief, dann könnten seine vier Mädels und er von dem reichlich gefüllten Schimpfschweinchen in der Küche bald die nächste große Sause planen oder wahlweise auch auf Weltreise gehen, um den noch tödlicheren Blicken seiner Schwiegermutter zu entkommen, die ihm das alles hier noch weniger zugetraut und erst recht nicht gegönnt hatte. Bis gestern hätte sie am liebsten selbst noch mit ihrem Mann, den Cedric zumindest Sarah zuliebe auf seiner Seite wusste, das Ruder übernommen, weil er ja angeblich selbst nichts auf die Reihe bekam. Aber da hatte sich die Gewitterhexe getäuscht. Als Hannelore hier nämlich vorhin mit der versammelten Hassmannmeute aufgeschlagen war, hatte Cedric sogar kurz den Eindruck gehabt, sie wäre durchaus beeindruckt gewesen angesichts seiner Spontanität und seines Einfallsreichtums. Aber dieser kurze Moment trauter Familieneinheit war genauso schnell wieder verflogen wie Marias bislang eigentlich recht gute Laune, nachdem sie nach dem stressigen Einschulungsfest in der Grundschule um die Ecke wieder nach Hause geeilt war und auf dem Weg zu Baby Sophie, die dringend gestillt werden wollte, als erstes die gigantische Hüpfburg im Comicdesign entdeckt hatte. Das war der erste Tropfen auf dem heißen Stein gewesen und Meiers wie immer sehr spezieller Auftritt vorhin hatte dann irgendwie das Fass endgültig überlaufen lassen. Das Feuerwerk, das er zusammen mit seiner Schwester heimlich für heute Abend organisiert hatte, das könnte er jetzt vermutlich getrost stecken lassen. Denn die erste Zündung war schließlich vorhin schon eindrucksvoll von ganz alleine erfolgt.

- „Ich bring ihn um“, war mittlerweile der Lieblingssatz der stolzen Zweifachmama und Oberärztin im Mutterschutz geworden und Gretchen und Schwester Sabine, die ihre etwas gereizte Kollegin und Freundin in der Sitzecke unter den Obstbäumen auf der Hollywoodschaukel in ihre Mitte genommen hatten, konnten sie einfach nicht vom Gegenteil überzeugen. Egal, was man ihr sagte und wie sehr man das wunderschöne Ambiente hier am See lobte, man konnte sie nicht friedlich stimmen. Dr. Maria Hassmann war und blieb sauer und das konnte man ihr meilenweit an der Nasenspitze ansehen. Zumindest, wenn ihrer Große nicht gerade in unmittelbarer Nähe war, für die das rauschende Fest ja eigentlich veranstaltet wurde. Ob das nun allein an dem Hormoncocktail lag, der Marias schwankende Stimmungslage gut zwei Wochen nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter noch immer rege beeinflusste, mochten beide mittlerweile stark bezweifeln. Deshalb versuchten sie ruhig und besonnen mit ihr umzugehen, um nicht selber noch einmal in den Fokus der explosionsgeladenen Furie zu geraten, so wie Gretchen vorhin zusammen mit Marc, den Marias empörter Begrüßungsauftritt natürlich, wie sollte es auch anders sein, köstlich amüsiert hatte. Aber er hatte es ja noch nie lassen können, seine ärgste Konkurrentin um die begehrtesten Positionen im EKH nicht zu provozieren.

Gretchen: Maria, wie oft denn noch, hm? Es tut uns leid. Wirklich! Marc war nicht bewusst, dass er es mit der Größe der Zuckertüte nicht übertreiben sollte. Du weißt doch, Männer und Größe. Er wusste nicht, dass er damit euch als Eltern brüskieren könnte. Du kennst ihn doch. Er macht und sagt doch immer, was ihm gerade durch den Kopf geht. Und er ist nun mal noch nicht so versiert im Umgang mit den Wünschen kleiner Kinder. Er ist, wenn überhaupt, momentan voll auf die beiden Zwerge in meinem Bauch konzentriert. Das strapaziert seinen Denkapparat schon genug. Er hat das nicht mit Absicht gemacht. Er hat nicht groß darüber nachgedacht, sondern einfach gemacht, oder in dem Fall machen lassen. Sarah hat ihn um den Finger gewickelt. Du kennst euer Sonnenscheinchen doch und wie sehr sie einen auf ihre hinreißende Art und Weise vereinnahmen kann. Er konnte nicht nein sagen. Er wollte ihr eine Freude machen. Und das hat er auch. Sarah hat sich doch gefreut. Auch über die Einhörner. Und das ist doch die Hauptsache.
Maria (versucht, besonnen u. geduldig zu bleiben, aber das Missbehagen sitzt noch zu tief): Ach, ich rede doch nicht von dem Vollidioten, der sich von der Werbeindustrie hat blenden lassen, so wie alle anderen auch, die diesem bescheuerten Hype hinterherjagen, der spätestens nächsten Monat von dem nächsten abgelöst werden wird. Wahrscheinlich von diesen bescheuerten animierten gelben Überraschungseiern mit den Glubschaugen, die jetzt überall nach Bananen rufen. Bin ich froh, dass Motte die noch nicht entdeckt hat. Oh nein, doch, hat sie. Das Ü-Ei in Übergröße steht da drüben und Sarah hüpft gerade fröhlich darauf herum. Das ist so typisch. In Wirklichkeit haben die sich doch zusammengetan. Seit dem Flugzeugzwischenfall hängen die beiden doch ständig zusammen und beschwören ein bisschen zu intensiv, dass sie sich immer noch nicht leiden können. Pah! Glaub mir, was er macht, macht Meier nie ohne Hintergedanken. Das war pure Absicht. Er weiß ganz genau, dass wir mit dem ganzen Disneymist, oder wo auch immer das schon wieder alles herkommt, nichts anfangen können und auch nichts damit zu tun haben wollen. Wir erziehen unsere Kinder nämlich zu Realisten und nicht zu Träumern. Aber dass du das nicht verstehen kannst, war ja klar.
Gretchen (versucht, sich nicht gekränkt zu fühlen): Maria, jetzt werde bitte nicht beleidigend. Ich hab’s doch nur gut gemeint.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor der Brust u. lehnt sich erschöpft auf der Hollywoodschaukel zurück): Gut gemeint? Ja, ja, ihr meint es alle nur gut mit uns, was?
Sabine (angesichts der zunehmenden Hitzigkeit der Diskussion traut sie sich kaum, einen Mucks von sich zu geben): Ja.
Gretchen (versucht angestrengt, Maria zu verstehen): Was ist denn genau dein Problem, hm?
Maria (regt sich direkt wieder auf u. wirft die Arme in die Luft, während sie mit finsterem Blick die beiden Herren neben der quietschgelben Hüpfburg fixiert): Mein Problem? Das steht da drüben bei deinem ach so tollen und grandiosen Freund, dreht Däumchen und denkt, es hätte sich damit erledigt.
Sabine (reckt neugierig ihr Näschen zur Seite): Was hat sich erledigt?
Gretchen (folgt Marias grimmigem Blick u. trifft auf Marc, der ihren leicht leidenden Blick bemerkt hat u. ihr nun ermutigend zuzwinkert, was sie unweigerlich zum Lächeln bringt): Du meinst...?
Maria (reagiert genervt, weil das Naivchen es partout nicht verstehen will): Genau, ich spreche von dem größten Vollhirni auf diesem Planeten, der es einfach nicht kapiert.
Sabine (arglos platzt es aus ihr heraus): Donald Trump?
Maria (dreht ganz langsam ihren Kopf zur Seite, mustert Sabine argwöhnisch u. schüttelt dann irritiert den Kopf, um sich wieder auf ihr Hassobjekt Nummer eins zu konzentrieren): Schwester Sabine, Ihre Einwürfe sind nicht gerade hilfreich.
Sabine (zuckt ertappt zusammen u. macht sich auf ihrer Seite immer kleiner): Oh? Entschuldigung, Frau Doktor!
Maria (bedenkt die Krankenschwester mit einem nichts sagenden Blick u. deutet dann mit ausgestreckter Hand nach drüben): Nicht Sie sollen sich entschuldigen, Schwester Sabine. Er soll es! Er hat damit angefangen. Dabei habe ich es von Anfang an gewusst. Schon als er gesagt hat, ich rocke das Ding für dich, hätte ich stutzig werden sollen.

Also, wenn ich gewusst hätte, wie anstrengend das für uns werden wird, hätte ich vielleicht doch auf Marcs Vorschläge hören sollen. Wir hätten die Zeit gehabt, uns noch rechtzeitig vom Parkplatz davonzustehlen. Aber hätte ich Sabine mit ihr alleine lassen sollen? Nein, das hätte ich Bine niemals antun können. Dabei wäre es so einfach. Maria müsste nur einmal über ihren Schatten springen und danke sagen. Ich glaube, dann würde sich auch ihre Anspannung endlich lösen. Insgeheim ist sie doch glücklich darüber, dass Cedric ihr einen riesigen Berg Arbeit abgenommen hat, während sie sich um ihren süßen Mini-Me kümmern muss. Und eigentlich zählt doch nur, dass Sarah sich freut und die ist wirklich happy, aber so richtig. So ein schönes Fest. Selbst Marc macht es mittlerweile Spaß. Wie süß er schon wieder grinst. Oh, oh! Der hat doch was vor.

Gretchen (folgt erneut ihrem Blick in Richtung Hüpfburg u. Selbstbedienungsbuffet): Aber er hat sich doch Mühe gegeben. Das musst du schon zugeben. Ich finde das alles sehr, sehr gelungen und dem Anlass entsprechend. Die Dekoration, das Essen, das ganze Ambiente.
Maria (sofort fährt ihr Kopf wieder herum u. sie zischt wild gestikulierend ihre vorlaute Freundin an): Gretchen, provoziere mich nicht noch mehr, als ich es eh schon bin. Nur weil du vor Fruchtbarkeit gerade überschäumst und überall Harfen und Gitarren siehst, muss das nicht auch für mich gelten. Ich wollte eine kleine, gediegene Feier mit ein paar von Sarahs und meinen Freunden und der engsten Familie. Ganz unter uns. Möglichst stressfrei und harmlos. Stattdessen habe ich jetzt diesen ganzen Zirkus an der Backe mit dem größten Vollidioten unter der Sonne als Zirkusdirektor, der auch noch dafür gelobt werden möchte, wie größenwahnsinnig er doch geworden ist. Aber nicht mit mir. Bin ich ein verdammter Helikopter, der um ihn kreist, oder was? Merkt der eigentlich noch, was für Erwartungen er bei Sarah damit schürt? Und erst bei den anderen Eltern, die eh schon alle durchdrehen und herumhelikoptern, wo sie nur können. Du hättest die heute alle erleben sollen. Ein Theater des Wahnsinns. Horror. Also den ersten Elternabend kann er gerne alleine übernehmen. Ohne mich. Was stellt der sich eigentlich vor? Sollen wir an Sarahs Geburtstag dann Elefanten und Zebras bestellen, oder was? Und wieso zur Hölle hat er das halbe Krankenhaus zu uns eingeladen? Er muss doch vollkommen durchgeknallt sein? Anders ist sein Verhalten nicht zu erklären und zu tolerieren schon einmal gar nicht.
Gretchen (versucht darauf etwas zu erwidern, aber wird ausgebremst): Ähm... Maria? Das mit den Einladungen, das...
Maria (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab u. lässt sich erschöpft wieder an die Lehne fallen, wodurch die Schaukel sich nun leicht hin u. her bewegt): Lass gut sein, Gretchen! Ich habe keine Lust und keine Kraft, mich noch weiter aufzuregen. Dafür ist mir meine Zeit viel zu kostbar. Ich muss eh gleich wieder rein. Raubtierfütterung. Da sind die Erwartungen zumindest genau abgesteckt.

Okay, jetzt kann ich sie schon verstehen. Ein bisschen weniger ist schon mehr. Aber es ist nun mal alles schon organisiert. Alle sind hier. Alle haben Spaß. Sarah am meisten. Dann kann man es doch auch darauf beruhen lassen. Oder?

Gretchen (atmet erleichtert aus, guckt kurz zu Sabine rüber, die ebenfalls erschöpft durchschnauft, u. lenkt ihr Augenmerk ebenso wie Maria auf das Babyphone auf dem kleinen Beistelltisch vor ihnen): Wie geht es denn der Stöpseline? Mit eurer Entlassung ging es ja dann doch noch recht schnell. Hat sie sich hier gut eingelebt? Wie waren die ersten beiden Nächte?
Maria (schließt für einen Moment ihre schweren Augenlider, dann sieht sie langsam zur Seite): Miss Sophies erster Eindruck glich meinem.
Sabine (forscht neugierig nach): Wie meinen Sie das denn, Frau Dr. Hassmann?
Gretchen (kommt Marias Antwort mit einem wissenden Nicken zuvor): Sie hat gemeckert.
Maria (will darauf eigentlich nicht reagieren, aber ihre eine Augenbraue hüpft vor leichtem Vergnügen verräterisch nach oben): Haase, war das etwa eine Spitze gegen mich?
Gretchen (versucht, so gut es geht, ihr aufsteigendes Grinsen zu verhindern): Das würde ich mir nie erlauben, Maria.
Maria (funkelt sie an u. lenkt ihren Blick dann auf Gretchens gigantisch runde Mitte): Gut so. Ansonsten sprechen wir uns erst wieder, wenn die beiden Ungetüme da raus sind. Dann sind wir wieder auf Augenhöhe, naja, fast.
Sabine (lächelt ganz verträumt, als auch sie verstohlen Gretchens Babybauch in Augenschein nimmt, der sanft von der werdenden Mama gestreichelt wird): Also ich finde, die Frau Doktor sieht heute ganz besonders hinreißend aus.
Gretchen (fühlt sich unglaublich geschmeichelt u. strahlt ihre beste Freundin an): Danke, Sabine!
Maria (schnippisch): Und ich nicht, oder was?
Sabine (gerät etwas durcheinander): Nein, natürlich nicht, also, doch, Frau Doktor Hassmann.
Maria (wiegelt mit einem Schulterzucken ab u. schaut sich wieder mürrisch im Garten um): Lügnerin! Das kommt von minus sieben Stunden Schlaf, multipliziert mit zwei. Aber wer verübelt es ihr? Ich kann nun mal nichts dafür, dass Sophie sich zurück in ihren Schutzraum im Krankenhaus wünscht. Wenn ich gewusst hätte, dass uns hier im Garten eine Hüpfburg so groß wie der Berliner Flughafen, ein Haufen Einhörner und ein lächerlicher Clown, der sich als Zauberkünstler versucht, erwarten würde, hätte ich auch sofort auf der Türschwelle wieder kehrtgemacht und hätte meinen Sitzstreik auf der Gyn auf unbestimmte Zeit fortgesetzt. Egal, was Kaan und Wischnewski davon gehalten hätten.

Oh, oh, jetzt geht es schon wieder los. Hilfe!

Sabine (plappert unvermittelt los u. gerät direkt ins Schwärmen): Der Clown ist eine Clownin, Frau Doktor Hassmann. Und sie ist gut. Richtig gut. Günnis Cousine väterlicherseits hat sich damit einen langjährigen Traum erfüllt. Gudrun wollte schon immer ins Showbiz. Das Landleben in Göberitz kann auf die Dauer nämlich schon manchmal sehr eintönig werden, müssen Sie wissen. Da braucht man ein Hobby, das einen mitreißen kann. Einen Ausgleich sozusagen. Sie hat zwei Jungs. Die können manchmal sehr anstrengend werden. Aber sie sind auch ein sehr dankbares Publikum. Sie kann richtig, richtig gut mit Kindern, wissen Sie. Sie war sogar extra auf einer Clownsschule. In Kanada. Da hat sie auch das mit den Luftballons gelernt. Und ihre Kartentricks sind spektakulär. In ihrem Programm geht alles auch sehr human zu. Keine Kaninchen oder Tauben im Hut, die vergessen werden könnten. Das ist nämlich einem ihrer Lehrmeister schon einmal passiert.
Gretchen (horcht interessiert zu): Nein?
Maria (guckt Sabine etwas bedröppelt an): Was zum Teufel hat das denn mit dem Programm hier zu tun, Schwester Sabine?
Sabine (lächelt auf ihre ganz eigene verschrobene Art): Na, ich habe sie doch mit dem Herrn Dr. Stier bekannt gemacht. Deshalb sind wir auch sehr günstig an diese tolle Hüpfburg herangekommen. In ganz Berlin war für dieses Wochenende doch schon alles ausgebucht gewesen. Aber meine angeheiratete Cousine kennt jemanden, der jemanden kennt, der sich darauf spezialisiert hat. Tüv-geprüft und mit Bestnoten. Und natürlich immer getreu der neusten Trends der Spielwarenindustrie.
Maria (fällt aus allen Wolken u. rutscht vor Fassungslosigkeit fast von der Hollywoodschaukel): Wie bitte? Sabine! Sagen Sie nicht, dass Sie sich von meinem Mann hierfür haben einspannen lassen?
Sabine (ist dann doch etwas irritiert u. eingeschüchtert von ihrer harschen Reaktion u. schaut hilfesuchend zu Gretchen, die sie mitfühlend ansieht): Naja, die Frau Doktor hatte neulich gemeint, dass der Herr Dr. Stier ein bisschen verzweifelt gewesen wäre, weil in und um Berlin niemand mehr zu kriegen war, der kurzfristig ein Kinderfest dieser Größe auf die Beine hätte stellen können. Und da habe ich eben spontan meine Familie in Göberitz angerufen und der Biobauernhof von Günnis Cousin ist sogar noch mit dem Catering eingesprungen und das Programm...
Maria (jetzt platzt ihr endgültig die Hutschnur): Herrgott noch mal, HAASE, VÖGLER!
Sabine (flüstert kleinlaut): Gummersbach.
Maria (reagiert etwas unwirsch, aber immer noch ungehalten): GUMMERSBACH, wie auch immer... Könnt ihr euch nicht einmal zusammenreißen und euch raushalten? Ist das wirklich zu viel verlangt? Muss sich in diesem verdammten Krankenhaus ständig jeder zu allem einmischen? Habt ihr nichts Besseres zu tun? Kinder zu hüten oder welche zu bekommen?

Vorwurfsvoll blickte die empörte Neurochirurgin von einer Kollegin zur nächsten und wieder zurück, die sie beide anblickten, als könnten sie kein Wässerchen trüben, was Dr. Hassmann gleich noch mehr auf die Palme brachte. Sehr zum Amüsement von Dr. Meier, der etwas abseits immer noch schadenfroh in der Nähe von Dr. Stier stand, der gerade die Hüpfburg betreute, wo seine Tochter mit ihren Freundinnen wild herumtobte und damit auch die beiden Babys bespaßte, die, von einem sehr aufmerksamen und ein bisschen unbeholfen wirkenden Dr. Gummerbach betreut, von der großen karierten Picknickdecke aus dabei zuschauten und vor Vergnügen wild mitquiekten. Auch wenn Anton Gummersbach und Sissi Stier noch nicht wirklich verstanden, was da gerade vor sich ging. Marc verstand es dagegen umso mehr.

Marc: Ich glaube, du kannst aufhören, dich einzupissen, Stier. Sie hat einen neuen Sündenbock gefunden.
Cedric (folgt konsterniert seinem Blick u. bemerkt frustriert, dass die nächste Rakete gerade hochgeht): Sehr witzig, Meier.
Marc (grinst wie ein Honigkuchenpferd, während er seinen Blick durch den Garten schweifen lässt, wobei ihm eine Person ganz besonders ins Auge fällt, die ihn und Cedric schon eine Weile ziemlich seltsam anstarrt): Joa, kann man schon sagen. Apropos, unwitzig, sag mal, wer ist eigentlich die Frau da, die dich die ganze Zeit von da drüben so finster anstarrt. Obwohl es so heiß ist, gefriert es einen da schon ein bisschen.
Cedric (bleibt völlig unbeeindruckt): Ach das, das ist nur meine Schwiegermutter.
Marc (ihm fällt regelrecht die Kinnlade herunter): Ach, echt? Wow! Das erklärt, woher Hassi ihr ähm... sonniges Gemüt hat.
Cedric (versucht, Marcs Spitzen gekonnt zu ignorieren): Sie ist... war Bulle. Polizeiobermeisterin a. D. Berliner Kripo. Mordkommission.
Marc (ist jetzt erst recht merklich beeindruckt): Nicht dein Ernst? Dann kennt sie ja Mittel und Wege, dich unauffällig beiseite zu schaffen und keiner würde es je mitbekommen. Herrlich! Ist mir richtig sympathisch. Willst du uns nicht bekannt machen? Könnte nützlich sein.
Cedric (eingeschnappt): Haha!
Marc (klopft Cedric schließlich gespielt mitfühlend auf die Schulter): Alter, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber du hast mein Mitgefühl. Hahn im Korb und dann immer die Flinte vor Augen.
Cedric (würde Marc am liebsten auf der Stelle erwürgen, aber umringt von Kindern gäbe es zu viele Zeugen, die Fragen stellen würden): Danke Marc! Ich hab sie auch sehr gerne. Apropos gern haben. Was machen eigentlich deine Zwillinge? Wird langsam Zeit, hm?
Marc (ein verstohlener Blick auf Gretchen, die Hassi offenbar gerade mit einem Scherz zur Besänftigung gebracht hat, stellt ihn zufrieden): Och, iwo, haben doch ein superbequemes Zuhause. Warum sollten sie da frühzeitig ausziehen wollen? Wir sind entspannt. Sie sind es auch. Alles prima.
Cedric (kann sich ein wissendes Schmunzeln nicht verkneifen): Na, wenn du das sagst.
Marc (ignoriert Cedrics spöttische Blicke u. konzentriert sich lieber auf die beiden Mäuse, die ihn gerade kichernd zu sich zu locken versuchen): Sag mal, was, denkst du, würde passieren, wenn wir Haasenzahn hierauf bugsieren würden? Wenn wir einen ganz bestimmten Winkel einschlagen würden, dann würden die Kröten doch im hohen Bogen von der Hüpfburg segeln und direkt im Tümpel landen, oder? Hey, Einstein! Gummersbach, rechne die Flugkurve mal für uns aus!
Günni (guckt verstört von der Picknickdecke zu den beiden Kollegen hoch): Wie bitte?
Cedric (blickt etwas irritiert von dem gespielt konzentrierten Oberarzt zur Hüpfburg, von wo aus Lilly u. Sarah ihm aufgedreht zuwinken, u. dann rüber zu Marcs Freundin, die in einem angeregten Gespräch mit seiner Mary vertieft ist u. von Marcs seltsamen Plänen absolut nichts ahnt): Weißt du, Marc, es ist manchmal echt schwer zu begreifen, was sie an dir findet.
Marc (lacht): Ah! Die Millionenfrage bei „Wer wird Millionär“. Muss an meinem unwiderstehlichen Sexappeal liegen. Brauchst also keinen Publikumsjoker, mein Freund.
Cedric (kann nur ungläubig mit dem Kopf schütteln u. vielsagende Blicke mit Dr. Gummersbach austauschen, der absolut keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht): Sicher.
Marc: Mädels, macht mal Platz da oben! Jetzt kommt der Herr Onkel Doktor.

Marc griente Sarahs Vater ganz verschlagen von der Seite an und schritt ohne Umschweife zur Tat. Cedric konnte gar nicht so schnell schalten, da wurde er auch schon unsanft zur Seite geschupst. Der Unfallchirurg nahm ordentlich Anlauf und sprang im eleganten Stil eines turmspringenerprobten Stabhochsprungolympiasiegers auf die Hüpfburg zu der Kindermeute, die sich nun natürlich den Spaß machte, sich quiekend auf den fröhlich jauchzenden Vierunddreißigjährigen zu stürzen, der sich im Nachhinein darüber ärgerte, dass er sich überhaupt dazu hatte hinreißen lassen. - „Onkel Maaarc! Juhu! Endlich!“, quietschten die Freundinnen vergnügt in sein Ohr und schmissen sich auf ihn mit Gebrüll. Cedric und Günni konnten nur kopfschüttelnd dabei zuschauen und den Frauen auf der Hollywoodschaukel direkt gegenüber, die das Meierliche Schauspiel gebannt verfolgt hatten, ging es ähnlich. Bis auf Gretchen. Die war natürlich einmal mehr wieder völlig verzückt von ihrem Kindskopf, der jedoch schnell die Oberhand zurückerobert hatte und nun erst Lilly und dann Sarah ordentlich durchkitzelte, die daraufhin immer lauter kicherten und die anderen Kinder damit ansteckten. Und nicht nur die.

Der Spaß wirkte tatsächlich ansteckend und Cedric Stier sollte seinem Wie-auch-immer-Freund ebenfalls gleich noch folgen. Dr. Gummerbach war zwar auch eine halbe Sekunde lang geneigt, den Lockrufen der anderen von der quietschgelben Hüpfburg nachzukommen, aber er hatte kurz im Kopf überschlagen, wie viele Desinfektionstücher er für den Nachmittag für sich und Baby Anton eingepackt hatte, und hatte dabei festgestellt, dass diese für eine zusätzliche Komplettreinigung des gelben Ungetüms, das ihm mit seinen großen Glubschaugen und den wankenden Kopfpfeilern ein wenig unheimlich war, nicht ausreichen würden. Deshalb entschied er sich wohlwissendlich dafür, in der von ihm kontrollierten Sicherheitszone, auf der eigenen Picknickdecke, inmitten zweier unschuldiger kleiner Babys, die dankbare Zuhörer seiner begeistert dargebotenen Star-Trek-Anekdoten waren, zu verweilen.

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