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Lorelei Offline

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Beiträge: 7.270

13.12.2015 13:50
#1551 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Seit der Verkündung der großen Neuigkeiten im Hause Meier-Haase-Fisher waren einige Tage vergangen und der Alltag hatte trotz der anhaltenden Euphorie alle Beteiligten wieder eingeholt. Prof. Dr. Franz Haase hatte das Zepter im Elisabethkrankenhaus wieder übernommen. Elke Fisher die Regie in ihrem Verlag, wo man völlig überrumpelt wurde von dem plötzlichen Wiederauftauchen der energiegeladenen Autorin, die monatelang wie vom Erdboden verschluckt gewesen zu sein schien und über die gemunkelt worden war, dass sie wohl schwer erkrankt gewesen sein sollte. Aber die wieder genesene Romanschreiberin überzeugte ihre skeptischen Lektoren schnell vom Gegenteil und brachte ihre neuen Buchideen sofort auf den Tisch und man wirkte durchaus angetan vom Imagewechsel der sonst so engstirnigen Schriftstellerin, die sich neben ihrem Herzprojekt, einem Erfahrungsbericht als Krebspatientin, auch mit einer neuen jugendlicheren Arztromanreihe breiter aufstellen wollte. Man wunderte sich über vieles an diesem noch recht jungen Tag, aber wohl am meisten darüber, dass die Diva unter den Berliner Literaten sogar für die Zukunft nicht ausschloss, sich einmal an einem Kinderbuch versuchen zu wollen. Ja, es war tatsächlich nicht mehr zu leugnen. Elke Fisher war back. Stärker und kreativer als je zuvor.

Und während ihr geliebter Ehemann, Prof. Dr. Dr. Olivier Meier, die Leitung der chirurgischen Abteilungen in der Berliner Charité mit fast demselben Elan und einem nicht enden wollenden ansteckenden Lächeln wieder aufgenommen hatte, saß auch sein Filius Marc am anderen Ende der Hauptstadt wieder über einem riesigen Berg an Arbeit, den er in der vergangenen Woche aus sehr nachvollziehbaren Gründen hatte schleifen lassen, welche auch seinen sonst so strengen und nachtragenden Chef das eine oder andere Auge hatten zudrücken lassen. Trotz seines Dauer-happy-Gefühls wirkte Dr. Meier jedoch leicht bis mittelschwer gestresst, weil ihn eine sehr hartnäckige Blondine mit ganz fiesen Methoden abzulenken versuchte. Sie war vor einigen Minuten einfach pappfrech und sein unmissverständliches Oberarzt-„Nein“ ignorierend in sein Büro gestürmt und hatte mitten auf seinem Schoß Platz genommen, als wäre es die reinste Selbstverständlichkeit, dass sie genau dorthin gehörte. Sie hatte den perplexen Chirurgen mit ihrem Spontanbesuch nicht nur aus dem Konzept gebracht, sondern komplett handlungsunfähig gemacht. Ihre gold glänzende Lockenmähne war zwar streng hochgesteckt, was ihr einen besonders sexy Autoritätslook verlieh, aber trotzdem verwehrte ihr süßes Köpfchen ihm den Blick auf seinen Computermonitor, vor dem er seit einem kurzen Notfall am Morgen seit geschlagenen zweieinhalb Stunden gesessen hatte. Ihre Arme lagen locker um seine Schultern. Ihre frechen Finger kitzelten ihn nervig im Nacken, der von ihr liebevoll gekrault und massiert wurde. Er wollte nicht darauf reagieren. Wirklich nicht! Er wollte professionell bleiben. Er musste professionell bleiben. Er war schließlich der Oberarzt und ohne ihn lief bekanntlich nichts auf seiner Station. Er wollte wirklich weiterarbeiten, hielt seine Finger auch noch angestrengt auf der Computertastatur und tippte blind ein Rezept für die Krankenkassen ein, musste aber jedoch schon nach wenigen Sekunden einsehen, dass sein verräterischer Körper über seinen unübertroffenen Verstand gesiegt hatte. Er reagierte doch! Jede noch so kleine Zelle seines durchtrainierten Körpers reagierte auf sie. Es war echt verrückt mit dieser Frau.

Allein schon ihre körperliche Nähe. Die elektrische Spannung, die von ihr ausging und ihm kleine Schläge versetzte. Ihr verführerischer Duft nach Kakao und Erdbeeren. Ihre süße Schwere auf seinen Oberschenkeln. Die Tatsache, dass sie seine Kinder unter ihrem puckernden Herzen trug und ihr Bauch ihn förmlich zum Anfassen einlud. Nicht zu vergessen die verstohlenen Blicke auf ihre unter ihrem engen Arztkittel deutlich hervorstechende Oberweite. Dann das wohlige Prickeln, welches ihre zarten Berührungen im Nacken auslösten. Ihr heißer Atem, der sein Gesicht kitzelte und ihn unweigerlich zum Lachen brachte. Ihr süßes Unschuldslächeln, welches ihre rosa geglossten Lippen zierte und ihn mehr und mehr verzauberte und in ihren Bann zog. Gretchen Haase, dieses überhaupt nicht unschuldige Mädchen, hatte ihn so was von in der Hand und das wusste das hinterlistige Biest auch. Das konnte er an ihren verführerisch funkelnden ozeanblauen Augen ablesen. Wie sie ihre langen ungetuschten Wimpern langsam senkte und wieder hob, das ließ ihn alles andere als kalt. Er konnte nicht anders. Das wäre auch komplett gegen seine Natur gewesen. Er wurde schwach. Er musste sie jetzt anfassen, seine filigranen Finger ihre Seiten entlangfahren lassen, bis seine Arme ihren hibbeligen Körper ganz umschlungen hatten, der auf seinem Schoß so unruhig herumruckelte, dass es unmöglich für ihn geworden war, ihr noch länger zu widerstehen. Er musste ihr jetzt so nah wie nur möglich sein.

Ihr mädchenhaftes Kichern, als er sie unvermittelt ganz fest gegen seinen angespannten Oberkörper drückte, war wie Musik in seinen Ohren. Die schönste, die er je gehört hatte. Es drang ganz tief in ihm vor. Berührte sein Herz, das schon allein mit dem Auftauchen dieses unvergleichlichen Engels völlig außer Kontrolle geraten war. Es machte ihn glücklich, schwerelos. Er fühlte sich so leicht. Wie Treibsand. Sorgenfrei. Verknallt. Auf das Kitschigste verliebt. Schrecklich sentimental. Obwohl irgendein verschwindend geringer Teil von seinem Gehirn, das seinen Fokus noch nicht auf andere Dinge gelenkt hatte, noch wusste, dass er eigentlich dringend weiterarbeiten müsste, wenn er heute je damit fertig werden wollte. Deshalb fiel es ihm auch so schwer, ihr zu folgen. Er hörte ihr nicht zu, was sie ihm zu sagen hatte. Marc sah Gretchen einfach nur an. Er beobachtete fasziniert, wie sich ihre süßen geschwungenen Lippen auf und ab bewegten, wie ihr Gesicht bei jedem Wort immer mehr zu strahlen anfing, und streichelte währenddessen die weiche Haut ihres Halses entlang, während seine andere Hand auf ihrem noch nicht ausgeprägten Schwangerschaftsbauch ruhte, und konnte sich ein zufriedenes Meier-Grinsen nicht verkneifen. Haasenzahn war einfach eine Wucht. Nur sie schaffte es mit einer faszinierenden Leichtigkeit, dass er sich ablenken ließ, ohne dabei auch nur den Ansatz eines schlechten Gewissens zu verspüren. Marc ahnte zwar an der Art, wie Gretchen ihn ansah und ihren Kopf leicht schräg hielt, dass sie irgendetwas von ihm wollte und deshalb ihre Reize auf ihn wirken ließ, aber das war ihm schnurzpiepegal in dem Moment. Hauptsache er konnte sie im Arm halten, sie berühren, inhalieren und sich vor seinem geistigen Auge vorstellen, was man jetzt so alles mit ihr anstellen könnte, wenn sie beide nicht gerade im Dienst wären. Mhm... Sie roch so gut. Sie fühlte sich so gut an. Sie hypnotisierte ihn. Mit ihren funkelnden Blicken. Mit ihrer süßen Stimme. Mit ihrer ganzen einzigartigen Art. Ihren tausend Facetten, die er bis ins kleinste Detail kannte und studiert hatte. Marc schloss seine Augen und gab sich diesen Gefühlen hin, die ihn mit einem Mal schier überrollten und, ohne es zu merken, einlullten.

Bis er dann doch die schwache Mädchenfaust an seinem linken Oberarm spürte, die ihn wiederholt angestupst hatte, um ihn endlich auf sich und ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Das Biest im ärzteweißen Schafspelz konnte aber auch so gemein sein. Das machte sie nur noch sexier für ihn. Seine Begierde wuchs. Das Feuer loderte. Und es wurde erwidert. Langsam schlug Marc seine Augen wieder auf und blickte direkt in das tiefe azurblaue Meer, das ihn gespannt anvisiert hatte. Diese Augen, die ihn sogar im Schlaf überall hin verfolgten, diese klaren Kristalle trafen ihn mit voller Wucht. Nun war es zu spät, zu verhehlen, dass er absolut keine Ahnung hatte, was sie von ihm gewollt hatte. Gretchen las es auch so in seinem verwirrt hin und her huschenden Augenpaar und sie konnte sich ein vergnügtes Schmunzeln nicht verkneifen. Marc war aber auch so süß, wenn er unverhohlen seine Gefühle für sie zeigte. Das ließ ihr Herz gleich doppelt höher schlagen. Ihr Schnuckiputzi würde ihr nichts abschlagen können. Das war so sicher wie die Tatsache, dass er der beste Chirurg hier im Haus, nein, in ganz Berlin, wenn nicht sogar in ganz Deutschland und Europa, war. Sie war so stolz auf ihn und sie liebte ihn abgöttisch. Jetzt, wo er sich, ohne zu zaudern, einfach fallen ließ, sogar noch ein bisschen mehr. Nachdem sie sich in das größte Abenteuer ihres Lebens gestürzt hatten und watteweich gelandet waren.

Die Freude über die Babynews war grenzenlos und hatte mittlerweile auch nicht vor den Toren des Elisabethkrankenhauses Halt gemacht. Überall wurde das glückliche Paar freundlich empfangen und mit Glückwünschen überschüttet. Mal abgesehen von den einen oder anderen enttäuschten Gesichtern bei der jüngeren Schwesternschaft, die Dr. Meier nun endgültig für sich abgeschrieben hielt und ihm leise und betrübt nachtrauerte. Auch wenn die eine oder andere Zweifel hatte, ob der egomanische Oberarzt damit überhaupt umgehen konnte, er verhehlte sein Glück nicht. Wie man nicht zuletzt an dem gerahmten Foto des ersten Ultraschallbildes der Zwillinge sehen konnte, welches er stolz wie Bolle neben seinem PC auf seinen Schreibtisch gestellt hatte und das er, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ewiglang anschauen konnte. Marc Meier war der süßeste und hinreißendste werdende Papa, den Gretchen je gesehen hatte, und er wurde nur noch von den beiden stolzen werdenden Opas getoppt, die kein Gespräch beginnen konnten, ohne mit spitzbübischem Grinsegesicht darauf hinzuweisen, dass ihre Familien doppelten Zuwachs bekamen. Natürlich war die frisch gebackene Chirurgin deshalb in ihrer Euphorie auch nicht zu bremsen und so nutzte sie auch jede freie Minute, um bei ihrem Schatz zu sein und mit ihm ihre Vorfreude zu teilen. So auch jetzt. Hartnäckig versuchte Gretchen schon seit einigen Minuten, ihn zu überreden, einen Schritt weiterzugehen. Aber verliebte Chirurgen konnten so was von begriffsstutzig sein. Das war fast schon eine Studie wert, die in ihrem Köpfchen schon breite Formen angenommen hatte, wie man ihr an ihrem Schmunzelblick ablesen konnte.

Gretchen: Marcilein, du, sag mal, kann es sein, dass du mir die ganze Zeit gar nicht richtig zugehört hast?
Marc (räuspert sich ertappt u. richtet sich auf seinem Chefsessel wieder auf, wobei er die Umarmung etwas löst u. auf die Aktenberge auf seinem Schreibtisch deutet): Negativ! Hör du mal lieber damit auf, meinen Namen ständig auf so schändliche Weise zu verniedlichen, Haasenzahn! Ich bin kein Kuscheltier und auch keiner dieser weichgespülten Waschlappendoktoren, die 20.15 im Fernsehen unseren Berufsstand kaputt spielen. Ich hab wirklich zu tun. Oder hast du nicht gesehen, dass ich arbeite?
Gretchen (grinst wie ein Honigkuchenpferd u. gibt sich völlig unbeeindruckt von seinem überspielten Pflichtbewusstsein): Doch! Ich bin auch im Dienst.
Marc (schmilzt bei ihrem hinreißenden Unschuldslächeln fast dahin, fängt sich aber rechtzeitig wieder meierlike): Ach? Auf dienstlicher Mission, mich dauerzunerven, Frau Stationsärztin? Dann herzlichen Glückwunsch, das ist dir gelungen. Aber sag mal, müsste die Ebersbusch dich nicht gerade in deinen neuen Job einweisen oder was machst du die ganze Zeit hier? Wenn ich so viel Freizeit hätte, könnte ich glatt auf die Idee kommen, zu tauschen.
Gretchen (schmiegt sich grinsend in seine einladenden Arme): Gerne! Dafür müsstest du mir dann aber noch mal so ein schönes neues Namensschildchen gestalten, auf dem dann in goldenen Lettern ‚Oberärztin der Chirurgie’ steht.
Marc (sichtlich beeindruckt von so viel Schlagfertigkeit): Boah! Frech und selbstüberschätzt ohne Ende, die neue Stationsärztin! Das gefällt dem Dr. Meier. Aber belassen wir es lieber mal bei der aktuellen Kompetenzverteilung. Wir wollen dich ja nicht gleich an deinen ersten Arbeitstagen überfordern.
Gretchen (grinst, weil sie genau weiß, dass er sie nur hochnimmt): Du musst dich nicht zurückhalten. Und bevor hier Gerüchte entstehen, ich faulenze nicht. Ich überbrücke nur ein kleines Zeitfenster, bis ich runter in den OP muss, und verbinde es mit den angenehmen Dingen, die diese Station hier zu bieten hat.
Marc (versteht die unterschwellige Botschaft sofort u. stibitzt einen kleinen zarten Kuss von dem Frechdachs): Ach, na dann! Das hättest du auch gleich haben können, Frau Doktor.
Gretchen (genießt den süßen Kuss in vollen Zügen u. himmelt ihren verschmitzt grinsenden Oberarzt danach verliebt an): Mhm... Das ist schön. Da könnte man glatt auf die Idee kommen, mein neues Büro mit bei dir einzurichten.
Marc (ganz verdattert): Bitte?
Gretchen (schaut sich in den Räumlichkeiten gespielt angestrengt überlegend um): Platz genug wäre ja. Oder ich setze mich einfach ans andere Ende deines Schreibtischs. Dann könnten wir uns immer in die Augen sehen, wenn uns danach wäre.

Äh... Mit ihr gehen jetzt die Hormone durch? Oder warum klang das jetzt ziemlich ernst gemeint?

Marc (versucht das aufkommende Unbehaglichkeitsgefühl mit Oberarztgetue zu überspielen): Also, bitte, du solltest von deinem Höhenflug mal wieder runterkommen, Fräulein, bevor du dir da oben noch die Finger verbrennst. Du hast doch jetzt ein eigenes Büro. Gleich nebenan.
Gretchen (strahlt zufrieden, ihn veräppelt zu haben, vor sich hin): Ja, ich kann das noch gar nicht richtig glauben, Marc. Mein eigenes Büro. Es steht zwar noch nicht mein Name an der Tür, aber es fühlt sich richtig toll an.
Marc (zieht sie nun im Gegenzug auf): Na ja, wir sollten die Kirche mal lieber im Dorf lassen, Haasenzahn. Der Raum ist nicht viel größer als eine deiner Schuhschachteln, über die ich zuhause im Schlafzimmer immer stolpere. Er hat nicht mal ein Fenster. Ich glaube, bevor das mit der Digitalisierung anfing, waren da drin damals die Patientenakten gestapelt. Aber was macht man nicht alles, um Jungärzten das Gefühl zu vermitteln, sie hätten doch was zu sagen.
Gretchen (verzieht eingeschnappt ihren Mund): Danke, du raubst mir auch jegliche Illusion, Marc, dass ich’s geschafft habe.
Marc (grient sie frech an u. tätschelt übertrieben ihre gerötete Wange): Immer wieder gern, Haasenzahn. Zu lange auf der rosaroten Wolke und du verlierst noch völlig deinen Realitätssinn. Wir sollten doch bei den Fakten bleiben. Stationsärztin ist nicht gleich Oberärztin. Du hast immer noch so gut wie gar nichts zu melden und ich bin immer noch dein direkter Vorgesetzter. Eigentlich kann man sagen, es hat sich gar nichts geändert.

Boah, dieser Blödi! Einerseits baut er einen auf und lernt stundenlang mit einem, überfährt sogar jede rote Ampel in Berlin, damit man es noch rechtzeitig zur Prüfung schafft, andererseits kann er dann, wenn man’s geschafft hat, seine Seitenhiebe nicht lassen. Aber das kann ich schon lange, Freundchen!

Gretchen (zieht eine hinreißende Schmollschnute): Doch!
Marc (grinst wissend u. streichelt demonstrativ ihren Bauch): Die beiden spielen außer Konkurrenz, meine Liebe. Für eine schlüssige Argumentation musst du dann doch schon medizinisch was reißen.
Gretchen (genießt verliebt seine zarten Streicheleinheiten u. vergisst dabei schnell Marcs Spitzfindigkeiten): Spinner!
Marc (fühlt sich ebenso beschwingt, will aber auf dem Teppich bleiben, Dienst ist schließlich Dienst): Hey! Ein bisschen mehr Respekt für deinen Oberarzt, Frau Doktor! Also, wie läuft’s mit der Ebersbusch? Kommst du klar? Du solltest den Job nicht auf die leichte Schulter nehmen. Du bist jetzt verantwortlich, den Überblick zu behalten. Alle Rädchen der Station laufen bei dir zusammen und wenn eins hakt, dann hast du die Arschkarte. Ich hab das damals auch ein Jahr lang machen müssen und hab’s gehasst. Immer wollte jemand was von mir. Aber dein Dad war ja zum Glück so weitsichtig, mich gleich zum Oberarzt zu befördern. Also, du darfst gerne Fragen stellen, wenn du weiterhin so nett zu mir bist, wie du’s jetzt bist.
Gretchen (streicht ihm liebevoll über die stoppelige Wange u. lacht über seine verdächtig wackelnden Augenbrauen): Danke, Marc, ich weiß das ehrlich zu schätzen. Aber ich komme gut zurecht. Ich bin schließlich auch nicht zum ersten Mal hier auf Station. Ich bin bestens im Bilde. Frau Dr. Ebersbusch hat mir alles ganz genau erklärt, worauf es ankommt, nachdem Papa mir auch schon einen ellenlangen Vortrag gehalten hat. Oh Gott, mir ist immer noch so peinlich, dass er am Montag extra eine Versammlung in der Cafeteria organisiert hat, um mich als neue Stationsärztin vorzustellen. Der Rest, na ja, du warst ja dabei, wie das alles aus dem Ruder gelaufen ist. Er geht so auf in seiner Großvaterrolle. Total süß, aber auch anstrengend! Jedenfalls... wo war ich... ach, ja, Elena hat heute nicht so viel Zeit für mich gehabt. Sie hat gleich ihren Geburtsvorbereitungskurs. Zum letzten Mal. Aufregend nicht?

Marc (etwas verwirrt vom Themenwechsel, weil er noch das Bild von der in der Kantine versammelten Belegschaft vor Augen hat, die nach Franz’ bewegender Rede abrupt verstummt ist): Äh... nein?! Es gibt spannendere Dinge, zu denen der menschliche Körper fähig ist. Atmen kann ja wohl jeder. Also, mit Ausnahme von denjenigen, die am Ende beim Gummersbach in den Katakomben landen.
Gretchen (merkt, wie verunsichert er auf einmal wirkt, u. will subtil nachhelfen): Schatz, dir ist schon klar, dass du auch nicht drumherumkommen wirst.
Marc (sein Blick schießt sofort nach oben, ebenso wie seine Stimme): Bitte? Das ist doch nicht dein Ernst? Haasenzahn, ich setze mich ganz bestimmt nicht in einen Raum voller hysterischer Weiber, die bedingt durch ihren Hormonüberschuss völlig verhaltensauffällig und angriffslustig sind und von so einer verrückten Esotante angeführt werden. Vermutlich noch mit einer Gitarre bewaffnet. No way! Außerdem wenn ich dich hecheln hören möchte, dann kenn ich andere Methoden, die nicht nur dich entspannen würden und deutlich mehr Spaß machen als so alberne Übungen.
Gretchen (verdreht die Augen, weil er sich gleich schon wieder künstlich aufregt): Macho!
Marc (funkelt sie an u. wird anzüglich): Mhm... Dirty Talk? Is gebongt! Aber so gerne ich jetzt mit dir verrückte Dinge anstellen möchte, Akrobatik im EKH sollten wir uns vorsichtshalber verkneifen. Okay, jetzt kommen die Kiddies doch ins Spiel. Aber ich hab nicht damit angefangen.
Gretchen (schüttelt ungläubig den Kopf): Du bist so ein Blödmann, Marc Meier. Kannst du einmal aufhören, mit deinem Gehirn da unten zu denken und lieber das hier oben einschalten!
Marc (lehnt sich vergnügt in seinem Sessel zurück): Hoho! Kaum ist sie vollgepumpt mit Hormonen, traut sie sich Dinge in den Mund zu nehmen, die sie früher knallrot und stotternd werden ließen. Das finde ich jetzt echt heiß. Vielleicht sollten wir uns doch was überlegen? Wir haben ja immer noch unser Versteck aufm Dachboden. Interesse? Also, ein kleines Päuschen kann ich schon noch einschieben, bevor ich hier mit dem langweiligen Kram weitermache.
Gretchen (lässt frustriert die Schultern u. ihre Schnute hängen): Ach Marc, kannst du bitte einmal ernst bleiben? Mir ist das wichtig. Ich hab dich vorhin was gefragt.
Marc (seine Pupillen huschen überfragt hin und her): Ja?

Gretchen (seufzt u. hilft dem Ignoranten schließlich auf die Sprünge): Maaarc! Du hast mir ja doch nicht zugehört. Es ging darum, ob wir nachher in diesen niedlichen kleinen Babyladen gehen wollten, den ich vor ein paar Wochen mit Mehdi entdeckt habe? Da gibt es so süße Sachen. Alles handmade und mit Gütesiegel.
Marc (fühlt sich überrollt): Boah Gretchen, echt, das ist so gar nicht meins. Das weißt du doch.
Gretchen (strahlt ihn an u. will ihn mit ihrer Begeisterung anstecken): Wird es aber bestimmt, sobald du siehst, was es da für tolle Dinge gibt.
Marc (fühlt sich in die Enge gedrängt immer unbehaglicher): Reicht es nicht schon, dass jetzt bei uns mitten im Wohnzimmer zwei Wiegen stehen, die wir noch gar nicht brauchen? Gut, ja, aber der Anfang wäre doch schon mal gemacht.
Gretchen (schmunzelnd): Ach Marc, damit ist es doch noch lange nicht getan.
Marc (schaut sie ganz verdattert an): Äh... Willst du etwa jetzt schon die Berliner Babyläden leer kaufen, oder was? Hey! Wir haben uns doch noch nicht mal um ein neues Auto gekümmert. Da können wir gerne ansetzen, wenn du nach der Schicht unbedingt was mit mir unternehmen willst.
Gretchen (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Klar, weil meine Eltern es jetzt erst recht finanzieren werden, seitdem sie gehört habe, wie viel Platz wir brauchen werden.
Marc (versucht sie vergeblich zu beschwichtigen): Das hat doch damit nichts zu tun.
Gretchen (auf Krawall gebürstet): Doch hat es! Dich interessiert gar nicht, was ich will. Du willst dich nur um die Männerdinge kümmern und an mir bleibt dann alles, was mit den Babys zu tun hat, hängen. Das ist echt nicht fair, Marc. Ich dachte, wir machen das alles zusammen. Du hast es mir versprochen. Ich will doch nur, dass du dabei bist, wenn wir die ersten beiden Babybodys kaufen oder die ersten kleinen Schühchen oder Lätzchen, oder was auch immer, was uns gerade ins Auge sticht.

Hilfe! Ich wusste ja, dass der Tag kommen würde. Aber so bald? Mehdi hätte mich echt vorwarnen sollen, dieser Verräter!

Marc (sieht sie nachdrücklich an): Hey, ich wollte wirklich keine Emanzipationsdebatte vom Zaun brechen, Haasenzahn. Du hast das völlig in den falschen Hals gekriegt. Klar bin ich bei allem dabei, was mit den Kurzen zu tun hat, das ist keine Frage. Es ist nur, ich hab keine Ahnung von dem ganzen Kram. Ich bin dir da echt keine Hilfe. Ich bin da genauso fehl am Platz, wie du es im Hertha-Stadion wärst.
Gretchen (erleichtert, dass er versteht, was sie bedrückt): Und trotzdem würde ich mitgehen, wenn du mich fragen würdest.
Marc (überrascht): Ehrlich?
Gretchen (lächelt u. wird wieder ernst): Hör mal, ich habe doch auch keine Ahnung, was Neuwagen betrifft, worauf es dabei ankommt. Gerade, wenn es eine Familienkutsche werden soll. Ich weiß ja, dass du dir eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt hast. Also haben wir wohl beide keinen Plan. Aber hey, lass uns doch einen Kompromiss finden! Du bekommst meinen Autogutschein, den ich von meinen Eltern geschenkt bekommen habe, und darfst entscheiden. Du kriegst von mir auch keine Nörgeleien zu hören. Weder was die Farbe, noch die Ausstattung und diesen ganzen neumodischen Technikkram betrifft, den ich eh nicht verstehen würde. Die einzige Ausnahme ist, dass ich damit auch einparken können muss. Also, ich mache die Probefahrt.
Marc (schmunzelt): Dann wird es echt eine teure Testfahrt.
Gretchen (fühlt sich in ihrer Ehre gekränkt): Ey! Lenk nicht ab! Ich komme mit ins Autohaus, wenn du mich im Gegenzug danach mit in den Babyladen begleitest.
Marc (schaut ihr lange in die Augen u. überlegt): Das nennt sich Erpressung.
Gretchen (schmiegt sich in seine Arme, um ihn zu überzeugen): Nein, das ist ein Handel. Ein Geben und ein Nehmen. So ist es nun mal in einer Beziehung. Und wir wären quitt und ich nerve dich eine Weile nicht mehr damit.
Marc (grinst wissend): Wirklich?

Na ja, der Monat ist ja noch jung und fünf Monate sind auch schnell rum. Wenn er einmal drin war, wird er sich daran gewöhnt haben und wir können uns um die anderen Anschaffungen kümmern. Oh Gott, was brauchen wir eigentlich alles? Mehdi muss mir unbedingt eine Liste erstellen. So viel zum Thema, ich hätte mehr Ahnung als Marc.

Gretchen (windet sich ertappt): Äh... Eventuell! Also vermutlich? Natürlich! Außerdem möchte ich ungern alleine gehen. Ich brauche jemanden an meiner Seite.
Marc (will eigentlich nicht nachgeben, kann sich aber ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen): Der dir die Tüten schleppt, was? So viel zum Thema, die Frau Doktor ist emanzipiert und wuppt das mit Links.
Gretchen (stupst ihn empört in den Arm u. rückt schließlich mit der Wahrheit raus): Nein, gar nicht! Jemanden, der mich stoppt, weil, wenn ich erst einmal drin bin, kann ich nicht garantieren, ob ich den Laden nicht doch leer kaufen würde. Da ist es so toll, Marc. Da haben wir auch die süßen Bodys mit dem Krankenhausaufdruck her. Weißt du noch? Anton hatte neulich einen davon an.
Marc (sichtlich hingerissen schwankt er noch): Du bist süß.
Gretchen (strahlt ihn hoffend an u. legt ihre Arme um seinen Hals): Also, ja oder ja?
Marc (hadert noch mit sich, während Gretchen ihn am Hinterkopf zärtlich krault): Gretchen, ich muss arbeiten. Das müsste dir eigentlich aufgefallen sein, als du mich hier heimtückisch überfallen hast. Ich muss damit bis Ende der Woche fertig werden. Das weißt du doch. Kann dich nicht eine deiner Freundinnen begleiten? Oder deine Mutter?
Gretchen (will sich ihre aufsteigende Enttäuschung nicht anmerken lassen): Ich muss auch arbeiten, Marc. Ich habe nachher noch eine OP, aber auch die wird nicht ewig dauern. Ich hab so Lust darauf, ein bisschen zu stöbern und zu planen. Und meine Mutter ist momentan vollauf mit ihrem neuen Projekt beschäftigt. Sabine ist mit dem Kleinen bei ihren Schwiegereltern in Göberitz, Gabi hat seit heute wieder Dienst, genauer gesagt Spätschicht, und...
Marc (schaut sie perplex an): Du zählt Gabi zu deinen Freundinnen? Also so langsam glaube ich, deine Hormone drehen wirklich durch.
Gretchen (funkelt ihn an): Na ja, quasi, sie ist immerhin Mehdis Freundin, also gehört sie unweigerlich auch dazu. Gerade jetzt, wo wir quasi alle im selben Boot sitzen. Und von ihr weiß ich, dass sie mitgehen würde, wenn sie könnte.
Marc (rollt mit den Augen): Sie hat ja auch das Shoppen erfunden. Mit fremden Kreditkarten.
Gretchen (grätscht forsch dazwischen): Marc! Wenn das eine subtile Andeutung gewesen sein sollte, ich bezahle die Sachen schon noch mit meinem eigenen Geld.
Marc (lässt frustriert die Schultern hängen): So war das doch nicht gemeint, Haasenzahn. Was ist denn mit der Hassmann? Die ist doch auch im Hormonstau.
Gretchen (funkelt den Machomann an): Witzig! Maria müsste ich wahrscheinlich knebeln und fesseln, damit sie mitkommen würde.
Marc (grinst): Na, das nenne ich doch die richtige Einstellung.
Gretchen (hat die Doppeldeutigkeit durchaus verstanden): Haha! Aber ernsthaft jetzt! Also, was ist, Marc?

Scheiße! Wieso kannst du dieser Frau eigentlich gar nichts mehr abschlagen, du Waschlappen?

Marc (seufzt gequält auf): Du wirst nicht lockerlassen, oder?
Gretchen (grient ihn triumphierend an): Nein! Niemals!
Marc (lehnt sich auf seinem Chefsessel zurück u. starrt kurz gen Zimmerdecke, bevor er sie wieder in Augenschein nimmt): Das hab ich mir schon gedacht. Jetzt schaue mich nicht so an!
Gretchen (gespielt unschuldig klimpert sie mit ihren verführerischen Wimpern): Wie guck ich denn?
Marc (seufzt u. verliert sich in ihren glasklaren Augen): Genau so!
Gretchen (will sich nicht zu früh freuen u. hält sich angestrengt zurück): Und? Funktioniert’s?
Marc: Erschreckend gut, befürchte ich! Wer hat eigentlich den Scheiß erfunden, dass man Schwangeren jeden noch so bekloppten Wunsch erfüllen muss, hä?

Juhu! Ich lieb dich auch, Marc! Ist er nicht süß, wenn er einsieht, dass er nicht anders reagieren kann, als letztendlich nachzugeben?

Gretchen (lehnt sich gegen ihn u. streicht verführerisch über seinen Arztkittel): Die Evolution. Liegt das nicht in unseren Genen?
Marc (funkelt sie herausfordernd an): Na ja, bestimmt nicht in meinen.
Gretchen (ihre zarten Streicheleinheiten auf seinem angespannten Oberkörper werden fordernder): Bitte, Marcilein! Bütte, bütte, bütte! Nur das eine Mal! Komm schon! Wir haben doch nur noch die paar Tage für uns.

Diese Frau macht mich wahnsinnig. Sie findet auch immer die richtigen Argumente, gegen die du nur verlieren kannst, Meier. Muss wahrscheinlich wirklich was Genetisches sein.

Marc (stöhnt genervt auf): Boah, du bist die nervigste Frau, die ich kenne.
Gretchen (schmiegt sich überglücklich an ihn): Und du liebst mich trotzdem.
Marc (richtet sich mit ihr ihm Arm etwas auf u. blitzt sie an): Haasenzahn, überspitz es nicht! Noch bist du nicht in dem Zustand, in dem ich mich nicht mehr trauen würde, mich zu revanchieren.
Er liebt mich. Er ist mir mit Haut und Haar verfallen. Er würde mir jeden Wunsch auf der Welt von den Augen ablesen und mit einem kleinen, aber subtilen weiblichen Schubs in die richtige Richtung auch erfüllen. Hach... mein Held!
Gretchen (strahlt wie ein Honigkuchenpferd): Also kommst du mit? Juhu! Ich freue mich. Wirklich!

Du bist so ein Waschlappen, Meier! Einmal mit den Wimpern geklimpert und du machst echt jeden Scheiß für die Nervensäge. Was passiert eigentlich, wenn die Kurzen das von ihr mitbekommen? Oje! Das wäre mein Ende.

Marc (grummelt in seinen Dreitagebart): Okay, nach deiner OP hier bei mir im Büro. Mach ja kein großes Ding draus! Das ist und bleibt, was es ist, ein Kompromiss. Eine einmalige Ausnahme. Weil wir eh wegen der Karre in die Stadt müssen.
Gretchen (schlingt ihre Arme um seinen Hals u. drückt ihm glücklich einen dicken Knutscher auf die Backe): Gebongt!
Marc (lässt sich die Haassche Gefühlsattacke widerwillig gefallen): Ich beeile mich, damit ich mit dem lästigen Papierkram hier endlich durchkomme. Erster Halt ist aber wie abgesprochen im Autohaus. Ich hab nämlich keinen Bock, deine monsterschweren Babytüten mit der U-Bahn durch halb Berlin zu schleppen. Oder sehe ich etwa so aus wie ein Maulesel? Sieh es als Test an, ob wir all den Scheiß in die Karre kriegen. Muss ja auch irgendwie ausgetestet werden, oder?
Gretchen (küsst ihn euphorisch auf die herunterhängenden Mundwinkel, die sich schlagartig zu einem Grinsen heben, u. lässt ihn nicht mehr los): Juhu! Du bist ein Schatz.
Marc (kann sich nur schwer von ihr lösen, weil ihre Euphorie dann doch noch ansteckend wirkt): Noch! Und jetzt verzieh dich, Dr. Haase! Bevor ich es mir doch noch anders überlege.

Gretchen (lehnt sich noch einmal an ihn, um ihn zu küssen, dann rutscht sie langsam von ihm herunter u. richtet ihren verrutschten Kittel): Ich muss eh los. Den OP vorbereiten. Maria wartet bestimmt schon.
Marc (erhebt sich auch gemächlich aus seinem Bürosessel): Du operierst mit der Hassmann? Ist bei der noch nicht angekommen, dass du keine Assi mehr bist? Du könntest auch alleine ran.
Gretchen (lehnt sich mit dem Rücken gegen seinen Schreibtisch): Ich weiß. Und sie auch. Sie hat mich darum gebeten, weil ich doch den Patienten zusammen mit Dr. Stier betreut habe.
Marc: Und warum nimmt sie dann nicht den Drecksack mit? Die kleben doch eh die ganze Zeit zusammen wie ekliger Tapetenkleister.
Gretchen (grient ihn an): Och, hast du etwa schon wieder Sehnsucht? Willst du, dass ich bei dir bleibe und dir helfe?
Marc (etwas irritiert): Äh... nein!? Oder sehe ich so aus, als würde ich das nicht selber hinbekommen? Das sind doch nur ein paar liegen gebliebene Akten. Kinderkacke!
Gretchen (stößt sich vom Schreibtisch ab u. lehnt sich ihrem verdutzten Oberarzt ein letztes Mal entgegen): Na, dann eben nicht. Wer nicht will, der hat schon. Ich hätte es mir vielleicht überlegt, wenn du mich ganz lieb gefragt hättest. Ich bin nämlich heute sehr entgegenkommend, wie du sicherlich schon gemerkt hast.

Dieses Biest! Denkt, sie hätte den Krieg gewonnen, dabei war das doch noch nicht einmal richtiges Schlachtgetümmel. Die Rache ist mein! Sobald wir von unserem Trip zurück sind. Wappne dich schon mal, Fräulein Neunmalklug! Die vier Tage wirst du mich nicht mehr los.

Marc (packt sie am Arm u. zieht sie noch einmal zu sich heran): Ach, was du nicht sagst?
Gretchen (beugt sich grinsend zu einem süßen Abschiedskuss heran u. dreht sich danach um, um zur Tür zu schweben): Ja! Aber die OP ist so spannend. Ich will die echt nicht verpassen. Wir fiebern schon seit Tagen darauf hin. Maria setzt doch bei einem ihrer Parkinsonpatienten einen Hirnschrittmacher ein. Damit lässt sich der Tremor fast auf null Prozent zurückdrängen und er wird dadurch wieder besser im Alltag zurechtkommen können. Morgen und übermorgen kommen die nächsten Patienten ihrer Studie dran. Da bin ich auch wieder mit dabei. Das ist so spannend. Das ist doch genau das, warum wir Mediziner geworden sind. Wunder bewirken und helfen.
Marc (blickt ihr verdutzt hinterher, während er noch mal unbewusst mit einem Finger über seine eben geküssten Lippen streicht): Äh... Was für eine Studie?
Gretchen (hat die Türklinge schon in der Hand, als sie sich noch einmal zu ihrem Oberarzt umdreht): Na, für Marias Habilitation. Du... Ich muss wirklich los. Ich erzähle dir später mehr davon. Bis dann! Ich hole dich dann hier ab. Ich freue mich wirklich, dass du mitkommst.

Und ehe sich Dr. Meier versah, war Dr. Haase auch schon fröhlich lächelnd zur Tür hinausgestürmt, wo sie prompt Dr. Kaan in die Arme lief, der gerade seine Hand zum Anklopfen gehoben hatte. Überschwänglich drückte sie ihren besten Freund, der gerade erst aus seinem Kurzurlaub zurückgekehrt war, einmal zur Begrüßung an sich und flitzte danach eilig den Gang zum Fahrstuhl vor. Der verdutzte Gynäkologe blickte dem blonden Wirbelwind grinsend hinterher und machte dann die Tür hinter sich zu. Wenn sie schon einmal offen stand, dann konnte er sich auch ohne Umschweife einladen. Das bedröppelte Gesicht seines besten Freundes war es auf jeden Fall wert gewesen. Denn der schaute gerade ziemlich sparsam aus der Wäsche, so wie er vor seinem voll beladenen Schreibtisch stand und noch diesen glasigen Ausdruck in den Augen hatte, den nur eine ganz bestimmte blond gelockte Vollblutärztin bei ihm hervorrufen konnte.

Mehdi: Ich glaube, ich muss nicht fragen, wie es euch in den letzten Tagen ergangen ist. Dass ihr happy seid, ist euch anzusehen. Hallo Marc! Stör ich? Ich wollte nur mal kurz hereinschauen und mich zurückmelden.
Marc (mit den Gedanken ganz woanders): Äh... Sag mal, Kaan, hast du gewusst, dass die Hassmann auch wieder an ihrer Professur werkelt? Denkt die etwa immer noch, sie hätte Chancen, mich im Reise-nach-Jerusalem-Spiel um den Chefarztsessel auszustechen? Müsste sie nicht erst einmal ihren Hosenscheißer rauspressen, bevor sie auch nur wieder daran denkt, am Stuhl vom Professor zu sägen? Die frustrierte Frau leidet echt unter Selbstüberschätzung.

Lorelei Offline

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04.01.2016 16:44
#1552 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Zur selben Zeit auf dem Krankenhausflur im 7. Stock vor der Cafeteria

Cedric: Mariaaa, jetzt warte doch mal! Wieso hetzt du denn jetzt schon wieder so? Rennst du vor mir weg?

Dr. Stier versuchte eher schlecht als recht mit seiner charmanten Kollegin und Lebensgefährtin Dr. Hassmann mitzuhalten, die sich entschlossen vom Fahrstuhl weg, den sie soeben gemeinsam verlassen hatten, im Stechschritt auf die gläserne Tür am Ende des langen Korridors hinbewegte. Kurz vor dem Eingang der Cafeteria, auf die sie wehenden Kittels zusteuerte, hatte er die energiegeladene Neurochirurgin schließlich eingeholt und hielt sich die verrutschten Akten, welche die ganze Zeit auf halb acht unter seinem rechten Arm geklemmt hatten, vor seinen durchtrainierten Chirurgenkörper. Der Spott, der in ihren dunkel funkelnden Augen aufloderte, lag natürlich wieder auf seiner Seite, als sie sich dann doch kurz zu dem abgehetzten Chirurgen umdrehte und ihn eines abschätzigen Blickes würdigte.

Maria: Interessanter Vorschlag! Hätte von mir sein können. Aber nein, ausnahmsweise habe ich nicht meine Siebenmeilenstiefel an, um berechtigterweise vor dir wegzukommen. Du gehst mir ja sowieso ständig auf die Nerven. Wieso rennst du mir eigentlich hinterher? Ich muss gleich in den OP und wollte vorher nur noch schnell etwas essen. Konnte ja keiner ahnen, dass DEIN Nachwuchs so ein riesiges Bedürfnis nach Kohlenhydraten haben würde. Es nervt einfach nur. Und ich habe überhaupt keine Zeit.
Cedric (stößt schmunzelnd mit seiner freien Hand die Glastür auf u. lässt der zynischen Meckerqueen gentlemanlike den Vortritt): Schieb mir nicht immer den schwarzen Peter zu, Mary! Du genießt das doch richtig. Oder erinnerst du dich nicht? Bei Sarah hattest du damals auch eine Dauerkarte für die Mensa als treueste Kundin.
Maria (stolziert, ohne den Klugscheißer eines weiteren Blickes zu würdigen, flink an ihm vorbei, zischt ihm aber noch etwas beim Betreten der Kantine von der Seite zu): Halt die Klappe! ... Nein, nicht Sie! Die extrascharfe Soße, bitte! Und zwar bevor sie kalt wird.

Die gereizte Neurologin wandte sich von ihrem neunmalklugen Kollegen und Lebenspartner ab, den sie, auch wenn sie es gewollt hatte, bis hierher leider nicht hatte abschütteln können, nachdem sie vor wenigen Minuten nach einer Besprechung zusammen das Büro des Chefarztes verlassen hatten, und nun der Kantinenfrau zu, die die zickige Ärztin etwas unwirsch angesehen hatte, ihr dann aber vorsichtig zugenickt hatte, als diese auf die Bandnudeln gezeigt hatte, welche dampfend in der Auslage gestanden hatten. Die freundliche Dame mit dem Haarnetz reichte Dr. Hassmann den Teller und diese steuerte ohne ein Wort des Dankes den nächstbesten Tisch an, an dem sie sich schließlich schwerfällig niederließ, ihre Absatzschuhe abstreifte und die schmerzenden Füße ausstreckte. Cedric konnte gar nicht so schnell reagieren, wie seine Angebetete aus seinem Bannkreis verschwunden war, wurde aber von seinen ungeduldigen Kollegen, die maulend hinter ihm in der Schlange an der Essensausgabe gestanden hatten, angehalten, sich endlich auch für eines der Tagesmenüs zu entscheiden. Er lächelte entschuldigend und zeigte mit dem Finger darauf und bekam schließlich ebenfalls sein Tablett gereicht, für das er sich mit einem lässigen Kopfnicken bei der gestressten Kantinendame bedankte, die schon wieder viel zufriedener guckte als noch eine Minute zuvor bei seiner missgelaunten Kollegin, vor der sie sichtlich Muffensausen hatte, obwohl die selbstbewusste Berliner Urgewalt sonst nie etwas erschütterte. Aber Karrierebiester wie die dauerschlechtgelaunte Frau Dr. Hassmann waren nun mal eine ganz andere Spezies, die man besser nicht zusätzlich reizte. Schnell hatte sich Dr. Stier neben besagte Karrieristin an den Tisch gesetzt und blickte die hübsche Brünette erwartungsvoll an, aber sie schien auf seine Anwesenheit überhaupt nicht zu reagieren. Ganz im Gegenteil! Trotz seines attraktiven Erscheinungsbildes, welches die eine oder andere anwesende Lernschwester am Nebentisch zum kichernden Tuscheln mit ihren befreundeten Kolleginnen animierte, schien er wie Luft für Maria zu sein. Hastig schlang sie ihr Nudelgericht herunter und blätterte nebenbei betont interessiert in einer der Krankenakten, die er ihr die ganze Zeit hinterher geschleppt hatte. Dem konsternierten Neurochirurgen platzte gleich der Kragen vor so viel geballter Hassmannscher Ignoranz. Das konnte nicht nur an den Schwangerschaftshormonen liegen, die seine Bloody Mary schon unberechenbar genug gemacht hatten.

Cedric: Herrgott noch mal, Maria, wo liegt eigentlich dein Problem?
Es sitzt vor mir und nervt ohne Ende!
Maria (schlägt die Akte zu, legt sie auf den Stapel zu den anderen u. schaut langsam auf; man merkt ihr sofort an, wie geladen sie ist): Darin, dass die Nudeln heute ganz besonders labberig schmecken. Da hilft auch die schärfste Soße nichts mehr. Von aldente haben die hier wohl auch noch nichts gehört. Saftladen! Das nächste Mal gehe ich gleich zur „Pommes Schranke“ um die Ecke.
Cedric (schaut die Meckerqueen um Ernsthaftigkeit bemüht nachdrücklich an): Mary!
Maria (will sich gerade eine neue Ladung Nudeln in den Mund schieben, lässt die Gabel aber auf halber Höhe wieder fallen u. fährt ihren nervigen Tischnachbarn gereizt an): Was?
Cedric (lässt sein Essen unberührt u. hakt an der richtigen Stelle nach): Eine Erklärung, wieso du dich gerade grundlos aufregst? Du hast gestern exakt dasselbe gegessen und hast dir sogar noch einmal Nachschlag stibitzt, als Dr. Haase ihren Teller stehen lassen musste wegen dem verunglückten Bauarbeiter. Hey! Das Gespräch mit dem Professor lief doch prima. Er ist auf alle unsere Vorschläge eingegangen, was den Weiterbetrieb auf unserer Station in nächster Zeit betrifft.
Maria (kleinlaut): MEINE Station!
Cedric (verdreht die Augen, weil er den Nagel auf den Kopf getroffen hat): Jawohl, deine Station, Frau Oberfeldwebel.
Maria (funkelt ihn wütend an): Findest du das etwa witzig, Stier? Findest du mich witzig?
Cedric (lehnt sich lässig mit hinter seinem Nacken verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurück): Äh... ja! Wir hätten keine Minute später hier in der Kantine aufschlagen dürfen. Wenn unsere Zwergin und du Hunger habt, dann werdet ihr immer so schnell grantig.
Maria (geht sofort hoch wie eine Rakete u. fuchtelt wild mit ihrem Zeigefinger vor seiner Nase herum): Ich bin überhaupt nicht grantig, du... Klugscheißer! Oder darf man hier neuerdings gar keine Kritik mehr äußern? Das mit Prof. Haase lief viel zu glatt.

Also doch! Da liegt also der Hund begraben! Die werte Frau Doktor fühlt sich in ihrem Revier bedroht. Man kann sich echt vieles einreden, wenn man schwanger ist.

Cedric (beobachtet amüsiert, wie sie eingeschnappt das Essen wieder aufnimmt u. kann sich eine kleine Spitze nicht verkneifen): Wieso? Genauso hatten wir es doch abgesprochen. Oder hast du unsere nächtelangen Diskussionen vergessen, die, nebenbei bemerkt, immer sehr versöhnlich geendet haben? Solche Verhandlungen lob ich mir.
Maria (ungerührt von den Stierschen Zweideutigkeiten fährt sie ihn an): Spiel dich nicht so auf, Rick! Bett und OP-Betrieb sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Da ziehe ich eine strikte Trennlinie.
Cedric (freut sich darüber, wie sehr sie sich schon wieder aufregt u. mit sich kämpft): Das ist mir bewusst, Mary. Ich weiß gar nicht, wieso du dich jetzt so aufregst? Für den Moment läuft doch alles weiter wie gehabt. Die Dienstpläne für die nächsten Wochen stehen. Wir müssen daran nichts ändern. Und wenn du dann irgendwann kürzer treten musst, weil es der Gesetzgeber so verlangt oder unsere Kleine dich dazu drängt, dann spring ich auf Station mehr ein. Alles überhaupt kein Problem. Wenn du nicht mehr in den OP darfst, kannst du deine Forschung vorantreiben und an deiner Habilitation weiterbasteln, wie du Lust und Laune hast. Und nach der Geburt kannst du sofort wieder richtig einsteigen, sobald deine talentierten Chirurginnenfinger zu kribbeln anfangen. Ich übernehme dann die Elternzeit. Komplett oder wir teilen uns rein, je nachdem wie uns danach ist. Ich find’s toll, wie flexibel der Professor dahingehend reagiert hat. Er gibt uns echt freie Hand für unsere... deine Station. Welcher Klinikchef macht das schon?
Maria (zynisch): Ja, weil wir eiskalt seine aktuelle Lage für unseren Vorteil ausgenutzt haben.
Cedric (grinst wissend): Bekommst du jetzt etwa ein schlechtes Gewissen? Im Gegensatz zu dir habe ich nämlich überhaupt nichts gewusst. Du hättest ruhig einmal den Mund aufmachen können, Fräulein! Eh, ich dachte die ganze Zeit, es geht um dich, als er mit dem Thema angefangen hat. Ich fand das ja schon einen Tick zu persönlich, aber woher hätte ich denn auch ahnen können, was er wirklich meint. Meine Frau redet ja nicht mit mir. Ich habe mich völlig blamiert, als ich vorgeschlagen habe, dass seine Tochter auch mehr bei uns in der Neurologie einspringen könnte, um dich vor, während und nach deinem Mutterschutz zu entlasten.
Maria (will es eigentlich nicht zulassen u. weiter grimmig dreinblicken, aber kann sich das schadenfrohe Grinsen nicht verkneifen): Gut, der Punkt geht an dich. Dein doofes Gesicht ist Gold wert gewesen.
Cedric (gespielt eingeschnappt): Haha! Aber schön, dass du dem Gespräch wenigstens eine positive Seite abgewinnen konntest.
Maria (funkelt ihn zufrieden an): Tja, so viel zum Thema, ich sei nicht aufgeschlossen genug.
Cedric (blitzt zurück): Du hast dich so was von eingeschleimt bei ihm, als du ihn und seine Familie beglückwünscht hast. Er konnte gar nicht anders, als unseren Vorschlägen zuzustimmen, den Oberarztposten zu teilen. Unfassbar, wie der Meier das schon wieder eingefädelt hat. Jetzt verstehe ich auch endlich, wieso der seit Tagen wie Falschgeld durch die Gegend latscht. Der reagiert nicht mal, wenn ich ihm einen Spruch reindrücke. Der guckt durch einen durch, als wäre man gar nicht da. Zwillinge! Wahnsinn! Ich hab dem Angeber so oft gewünscht, dass er mal ordentlich leiden soll. Und jetzt passiert’s tatsächlich. Das gibt einem das Gefühl, dass die Welt doch noch gerecht ist.
Maria (muss ihr spöttisches Grinsen zurückhalten): Ich würde mich an deiner Stelle in seiner Gegenwart zurückhalten, mein Lieber.
Cedric: Wieso? Denkst du etwa, ich kann nicht kontern? Bei Marcs schlechten Witzen?
Maria: Nein, das nicht, deine sind bekanntlich noch schlechter.
Cedric (spielt die beleidigte Leberwurst): Ey! Das musst du mir erst beweisen.
Maria (grinst dann doch, denn Schadenfreude lässt andere Dinge schnell vergessen): Aber auf kurz oder lang wirst du dich wohl damit abfinden müssen, dass er dein Chef werden wird.

Und er hat es nicht verdient. Ich arbeite schon viel länger hier im EKH als dieser Schmalspurchirurg, der echt mit allem durchkommt. Die Welt ist doch nicht gerecht.

Cedric (sieht ihr direkt in die Augen): Ach, daher weht der Wind? Deshalb bist du so angefressen. Weil er im Rennen um den Chefarztposten jetzt zwei Schritte voraus ist? Würde ich nicht unbedingt behaupten. Er muss sich schließlich erst noch als Superdaddy vor dem Haasenopi beweisen.
Maria (funkelt zurück): Ach? Und du bist schon einer, oder was, weil du dich jetzt als Experte aufspielst?
Cedric (geht unverblümt ins Flirten über, als er sich, auf seinen Ellenbogen gestützt, etwas über den Tisch beugt): Zweifelst du etwa an meinen Talenten? Dass ich über Verhandlungsgeschick verfüge, habe ich ja eben beim Professor eindrucksvoll bewiesen. Und das gilt auch fürs Kinderzimmer. Oder sind wir jemals zu spät in der Kita angekommen, seitdem wir uns bei euch eingenistet haben?
Maria (kann das Stänkern nicht lassen): Eingenistet wie die Zecken, das trifft’s genau.
Cedric (nutzt geschickt diese Steilvorlage): Tja, wenn du das so empfindest, dann sollten wir vielleicht auch zwei Schritte weitergehen?
Maria (erwidert seinen eindringlichen Blick leicht verunsichert): Inwiefern?
Cedric (platzt direkt damit heraus, bevor er es sich noch anders überlegt): Ich habe einen Makler eingeschaltet. Ich werde das Haus verkaufen.
Maria: Was?

Die Überrumpelung stand Dr. Hassmann deutlich ins Gesicht geschrieben, als sie langsam ihren halbleeren Pastateller beiseite schob und ihr Gegenüber mit wild aufblitzenden Augen ins Kreuzverhör nahm. Cedric ahnte zwar die drohende Gefahr, die von seiner liebsten Zicke ausging, aber er ließ sich in seiner Lässigkeit nicht beirren. Denn er war sich seiner Sache ziemlich sicher und er hatte doch in den vergangenen Monaten schon viel größere Barrieren erfolgreich beiseitegeräumt. Und wenn man zielgerichtet arbeitete, musste man auch Risiken eingehen. Sich die Finger verbrennen zu können, das beeindruckte ihn schon lange nicht mehr. Er wusste schließlich ganz genau, was er wollte. Als wäre es die natürlichste Reaktion der Welt genoss der stolze Familienvater deshalb auch weiterhin sein Schnitzel mit Bratkartoffeln, während er nebenbei fröhlich seinen Entschluss vor seiner großen Liebe ausführte.

Cedric: Ja, du hast richtig verstanden, meine liebe Mary. So wie unsere Wohnsituation momentan ist, ist das doch kein Zustand. Du weigerst dich beharrlich, zu mir zu kommen, wo wir für uns alle genügend Platz hätten. Das habe ich verstanden und akzeptiert. Sissi und ich sind also ständig bei euch und fühlen uns wohl dort. Und du brauchst gar nicht erst anfangen zu leugnen, dass es dir und Sarah nicht ähnlich gehen würde.
Maria (kocht innerlich): Ach? Und da entscheidest du einfach mal so, ohne mich zu fragen, dass ihr euch auf Dauer bei uns einquartiert? Weil es so schön bequem ist?
Cedric (lächelt): Dass wir nicht viel brauchen, das haben doch die letzten Tage gezeigt. Wir sind zusammengewachsen. Wir haben Spaß zusammen. Wir haben uns. Was braucht es denn mehr?
Maria (kontert zynisch): Bis wir uns irgendwann auf die Füße treten. Dazu fehlen nicht mehr viele Zentimeter. So wie du überall deinen Kram verteilst.
Cedric: Ich habe ja auch nicht von einem Dauerzustand gesprochen. Ich sehe es auch eher als Zwischenlösung, bevor wir etwas Neues gefunden haben.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme): Ach? Tust du das?
Cedric (sieht ihr eindringlich in die Augen, um zu erkunden, was sie gerade denkt): Uns beiden ist doch wohl klar, dass wir zusammenleben wollen, oder nicht?
Maria (kann u. will sich nicht wegen seiner Eigenmächtigkeit beruhigen): Das hast du also für dich beschlossen?
Cedric (legt unter dem Tisch seine Hand auf ihren hauchzart gewölbten Bauch u. lächelt unentwegt): Sie hat für uns entschieden. Sie hat uns quasi in den Hintern getreten, die Sache etwas zu beschleunigen. Nach dem ganzen Hickhack und den Missverständnissen. Ich bin einverstanden. Und ich glaube, Sarah und Sissi danach zu fragen, erübrigt sich.

Dieser miese, hinterhältige Kerl! Na warte! Von wegen, es erübrigt sich.

Maria (schlägt seine Hand unsanft weg u. will ihn aufgebracht zur Rede stellen): Rick,...
Cedric (lässt die Xanthippe nicht ausreden u. sortiert seine Argumente): Ich weiß, dass du deine Bedenken hast. Das ist ganz natürlich. Mich würde es eher wundern, wenn du keine hättest. Lass ruhig raus, was du denkst! Ich handhabe es doch genauso. Und ich sage ja auch nicht, dass wir das jetzt in einer Hauruckaktion bis zum Wochenende stemmen sollen. Ich will doch nur etwas in die Wege leiten, das sowieso unausweichlich ist. In ein paar Monaten bekommen wir unser Kind. Denkst du etwa, ich lasse dich mit dieser Aussicht alleine und fahre jeden Abend brav zu mir nach Hause? Als ob wir das lange aushalten würden. Ich bin zuhause, wo ihr seid, du, Sarah, Sissi und unser kleines Wunder hier, das uns eine Chance offenbart, mit der wir beide noch letztes Jahr nicht im Traum gerechnet haben. Sieh es doch mal so, mit dem Haus verschwindet auch der letzte Rest des Päckchens, das wir noch aus der Vergangenheit auf unseren Schultern tragen. Lass es uns endlich abschütteln und neu durchstarten!
Maria (ist fast schon ein bisschen gerührt, doch die Vorbehalte bleiben): Das klingt ja fast poetisch.
Cedric (lächelt hoffnungsfroh): Siehst du, du solltest mich nicht unterschätzen, ich bin immer für eine Überraschung gut. Und der Verkauf wäre auch ein super Geschäft. Du kennst doch den Wohnungsmarkt in Berlin. Der ist wie leergefegt. Die Interessenten werden uns das Reihenhaus aus den Händen reißen. Ich war echt baff, was für einen Gewinn wir damit machen könnten, den wir wiederum in unsere neuen vier Wände investieren könnten.
Maria (fühlt sich merklich überrollt u. immer unbehaglicher): Weil der Markt ja auch so voll ist mit guten Angeboten. Das hast du doch gerade erst gesagt. Was denkst du, warum Sarah und ich noch in der kleinen Wohnung leben, die du ständig Schuhkarton nennst, obwohl ich über die Jahre einiges angespart habe? Weil uns die Wohnungen ja auch hinterher geschmissen werden wie Billigschrippen aus dem Discounter? Bleib realistisch, Cedric!
Cedric (lässt sich trotz der Gegenwehr, mit der er gerechnet hat, nicht beirren): Der Makler hat mir einige Exposés mitgegeben. Auch einige Geheimtipps, die noch nicht öffentlich sind. Schau’s dir doch wenigstens mal an, bevor du dein endgültiges Veto einlegst, hmm! Schauen kostet doch nichts.
Maria (angefressen zischt sie zurück): Doch! Meine Geduld. Und die erreicht hiermit ihre Grenzen. Also vergiss es! Ich habe jetzt echt nicht den Kopf für deine Spinnereien. Ich muss gleich in den OP.

Mit Bedacht schob Cedric einige Prospekte über den Tisch, die er mit weiser Voraussicht unter den Patientenakten versteckt gehalten hatte und die Maria nur verächtlich kurz anhob, um sie flüchtig durchzublättern. Wirklich viel vom Inhalt bekam sie nicht mit. Sie fühlte sich vollkommen überfahren mit der Situation und den vielen bunten Bildern. Sie war durcheinander. Und sie war wütend, stinksauer, um genau zu sein, weil der Blödmann mal wieder den Bogen überspannt hatte und ohne Vorwarnung und doppeltem Boden an ihr vorbeigeprescht war. Wie ein ICE, der einen seiner Haltepunkte im Fahrplan übersehen hatte. Ihn in ihrer Wohnung zu akzeptieren, um mit ihm die angenehmen Dinge des Lebens zu frönen, war eine Sache, aber gleich Nägel mit Köpfen zu machen, nur weil sich ihre Familie, die sie gerade erst mit den Abziehbildern aus Sarahs Stickeralben mühsam und lotterig zusammengekittet hatten, vergrößerte, war eine ganz andere Hausnummer. War sie überhaupt schon bereit dafür? Ihr verräterisches Herz vielleicht schon, das eh schon aussetzte, nur wenn er um die Ecke kam mit seinem nervigen Angebergrinsen und dem Charme einer schleimigen Sardine. Und Sarah musste sie auch nicht groß fragen. Das gutmütige Mäuschen hob seinen Vater eh schon in den Himmel für alles, was er tat und sagte. Obwohl sie ihn noch gar nicht so lange kannte und sie trotz ihrer grenzenlosen Neugier sonst immer sehr vorsichtig war. Die Aktion im Zoo neulich hatte ihn endgültig für Sarah und ihre Kindergartenfreunde zu ihrem neuen größten Helden nach Spongebob und Bob, dem Baumeister gemacht. Dazu noch das Gesicht seines Babys, das sogar noch süß aussah, wenn es nachts um halb drei die Dreizimmerwohnung zusammenplärrte, als hätte jemand eine Schallplatte mit Sprung aufgelegt. Marias Bauch grummelte dagegen noch gewaltig und das lag nicht daran, dass sie vom Kantinenessen heute nicht satt geworden war. Das, was Cedric vorhatte, hatte Maria regelrecht den Appetit verschlagen. Er hatte sie unvorbereitet erwischt. Und nichts hasste die selbstbewusste Oberärztin mehr als unvorbereitet zu sein oder auf unvorbereitete Assistenzärzte zu treffen, die dann auch noch so taten, als hätten sie die Medizin erfunden. GRRR!!! Mit Schmackes schlug die angesäuerte Chirurgin die nächste Seite der Immobilienbroschüre auf, an der ein rotes Post-it klebte, und stutzte mit einem Mal. Der Vollpfosten hatte doch echt den Schuss nicht gehört, regte sie sich sogleich auf. Jetzt rebellierte nicht nur ihr Magen. Maria Hassmann stand kurz davor, in die Luft zu gehen.

Maria: Du spinnst doch! Ein Bauernhof? Den Prospekt kannst du gleich hier behalten oder für ein Feuerchen benutzen, um wieder Verstand in dein Hirn zu brennen. Ich würde mir eher den Fuß abhacken, als freiwillig einen aufs Land zu setzen und vermutlich gleich in Kuhscheiße zu treten. Ich brauche das Chaos und den Lärm um mich herum, den eine Großstadt zu bieten hat, um kreativ zu sein. Kennst du mich so schlecht, Cedric?
Cedric (schmunzelnd schlägt er die Seite wieder auf u. schiebt ihr den Prospekt erneut zu): Unterschätzt du mich so sehr, Maria? Hast du mal auf die Adresse geschaut? Das ist gleich hier um die Ecke. Nur drei Straßen von hier. Ein Fleckchen Idylle mitten in Berlin, gut, nicht ganz, aber in zehn Minuten wärst du in deiner heißgeliebten lärmenden City, wo du dich austoben kannst. Apropos Austoben. Überleg doch mal! Die Mädchen hätten Unmengen an Platz, um sich auszutoben. Zu dem Anwesen gehört nämlich auch ein großes Grundstück. Außerdem ist es kein richtiger Bauernhof, sondern eine ehemalige Scheune.
Maria (lacht zynisch auf): Ach? Und das macht es besser? Vergiss es!
Cedric (lässt sich nicht beirren u. preist das Holzhaus weiter an): Eine im kanadischen Stil zum Wohnhaus umgebaute Scheune, um genau zu sein. Ein Schmuckstück, das du nirgendwo anders finden wirst. Zumindest nicht in Berlin und Umgebung. Und du suchst doch nach etwas nicht Alltäglichem, etwas Besonderem. Weg von den Reihenhausklischees mit den neugierigen Nachbarn oder den piefigen Mietswohnungen, die alle gleich langweilig aussehen. Wir bräuchten nicht einmal ein Auto. Weil wir gleich nach ein paar Schritten auf Arbeit wären. Und falls die Pläne von der Frau des Professors tatsächlich verwirklicht werden sollten, hätten wir hier gleich auch noch eine Kita in direkter Nachbarschaft. Wenn ich das richtig verstanden habe, was Frau Haase beim Unterschriftensammeln gesagt hat, dann wird es eine werden, die uns rund um die Uhr zur Verfügung stehen würde. Das wäre doch perfekt für unsere Schichtdienste. Und der Hof ist vor fünf Jahren erst komplett umgebaut und energieeffizienztechnisch auf das Modernste saniert worden, falls du denkst, du würdest in ein früheres Jahrhundert stolpern. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Die riesige Holzveranda ist ein Traum. Komplett verglast. Der Ausblick auf den See ist genial. Als wäre man plötzlich in einer ganz anderen Welt. Der perfekte Ausgleich zu unserem stressigen Job hier. Und da ist sogar ein kleiner Anlieger. Wenn du mal genug von mir hast, kannst du das Boot nehmen und raus auf die kleine Insel schippern, die ein paar Meter vom Grundstück entfernt vorgelagert ist. Geh hin und schau’s dir erst einmal an, bevor du’s gleich komplett ausschlägst, hm! Das Paradies kann so nah sein.
Maria: Hast du neuerdings zum Immobilienmakler umgeschult? Bitte, dann tue, was du nicht lassen kannst, aber ohne mich. Du spinnst doch! Ich... muss in den OP. Haase hat mich schon zweimal angepiept.

Maria konnte sich seinen Vortrag nicht mehr länger anhören und war merklich erleichtert, als es in ihrer Kitteltasche wiederholt piepte. Ohne das noch einmal ausführlich durchzudiskutieren, was ihr idiotischer Exmann und Neufreund vorgeschlagen und sich offensichtlich schon genau überlegt hatte, verabschiedete sich die verstimmte Neurochirurgin plötzlich ganz abrupt. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und lief, ohne ihn noch einmal eines Blickes zu würdigen, kopfschüttelnd in Richtung Kantinenausgang. Verfolgt von Cedrics fokussierenden blauen Augen, die sich wie kleine Pfeilspitzen in ihren Rücken bohrten.

Lorelei Offline

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10.01.2016 12:53
#1553 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Eine Viertelstunde später befand sich Dr. Hassmann in blauer OP-Montur gekleidet gegenüber von Dr. Haase, die dasselbe praktische Arbeitsoutfit anhatte, am OP-Tisch und machte sich am Schädel eines Patienten zu schaffen. Ein Teil ihrer durcheinander purzelnden Gedanken war aber immer noch bei der Person sieben Stockwerke höher geblieben und das ärgerte sie maßlos. Der ebenerdige OP-Trakt war jedoch genau der richtige Ort, um sich darüber auszulassen, was sie so sehr aufgebracht hatte, dass sie es am liebsten hätte hinausschreien wollen, wenn sie für sich nicht die Selbstkontrolle perfektioniert hätte. Und sie hatte eine Zuhörerin gefunden, die das ebenfalls interessierte, oder auch zwei, abgezogen vom restlichen OP-Personal, welches tunlichst vermied, einen Anschiss von der äußerst gereizten Oberärztin zu kassieren, falls diese bemerken sollte, dass sie heimlich lauschten und sich so ihre eigenen Gedanken über deren Beziehungsprobleme machten. Gretchen Haase, die schon einiges von ihrer zynischen Kollegin und guten Freundin gewohnt war, hatte jedoch keine Angst vor einer Hassmannschen Schelte. Sie schmunzelte immer wieder unter ihrem Mundschutz über die so typische Reaktion ihrer sturen Vorgesetzten und hielt den Patienten im Blick, der unruhig das Gespräch der Ärztinnen verfolgte, da er wegen des komplizierten Eingriffes bei vollem Bewusstsein bleiben musste.

Maria: Der spinnt doch, mir so eine Falle zu stellen.
Gretchen: Definiere ‚Falle’?
Maria (schaut kurz vom Operationsfeld auf, in das sie gerade kleine Löcher gebohrt hat, u. blickt ihre kleinlaute Kollegin über ihren Brillenrand vorwurfsvoll an): Haase, hier geht es nicht um Spitzfindigkeiten.
Gretchen: Sondern? Um Grundsätzlichkeiten? Gut! Es ist doch vernünftig, dass er sich über eure Zukunft Gedanken macht.
Maria (ihre Stimme rutscht eine Oktave höher als gewollt): Vernünftig? Also ich sehe mich in Zukunft ganz bestimmt nicht auf einem stinkenden Bauernhof mitten in der Pampa. Außerdem wüsste ich nicht, dass der Vollpfosten neuerdings auf Dirndl und üppige Oberweiten stehen würde.
Gretchen (bleibt ruhig u. gelassen, obwohl es ihr schwerfällt, nicht die Augen zu verdrehen): Der Hof ist doch nur ein Symbol, Maria. Das ist weder spießig, noch in irgendeiner Weise unangebracht. Genauso gut könnte es ein großes Loft direkt am Brandenburger Tor sein oder ein moderner Neubau in Mitte, was auch immer. Ihm geht es doch hauptsächlich darum, dass ihr zusammen sein könnt. Euch ein richtiges Zuhause schafft, in dem ihr euch wohl fühlt und das nur euch gehört.
Maria (da sie ganz genau weiß, dass Gretchen unter Umständen recht haben könnte, wird sie unweigerlich zynisch): Spricht die Beziehungsexpertin schlechthin, die wie viele Männer in zweieinhalb Jahren verschlissen hat? Fünf?

Oje! Mann, ist die geladen. Das tat jetzt echt weh. Warum greifen Oberärzte eigentlich immer zu unfairen Mitteln, wenn es ernst wird? Muss ein Massenphänomen sein. Gerade hier im EKH.

Gretchen (getroffen schnappt sie einmal nach Luft, fängt sich aber schnell wieder): Vier, aber das... spielt doch auch keine Rolle. Jetzt fängst du aber mit den Spitzfindigkeiten an.
Maria (grinst zufrieden, ihre vorlaute Freundin vorerst ruhig gestellt zu haben, unter ihrem Mundschutz, legt den Bohrer weg u. greift nach der Schale mit den Elektroden, die ihr eine OP-Schwester vorsichtig reicht): Nein, wenn schon, dann fange ich jetzt mit dem Eingriff an. Der hat nämlich wirklich oberste Priorität. Jetzt ist Millimeterarbeit gefragt. Halte Herrn Schuster bitte die ganze Zeit im Blick! Auf mein Zeichen kontrollierst du die Reflexe. Damit wir wissen, ob die Elektroden an den richtigen Stellen sitzen und auch funktionieren.
Gretchen (nickt zustimmend u. konzentriert sich nun auch wieder auf den komplizierten Eingriff): Herr Schuster, achten Sie jetzt bitte auf mich! Sehen Sie mich an! Alles ist gut. Die Frau Doktor setzt jetzt die Elektroden für den Hirnschrittmacher ein. Sie werden nichts spüren. Ganz ruhig! Ja, gut. Alles ist gut.

Liebevoll drückte die empathische Ärztin die eiskalte Hand ihres Patienten, dessen Augen unruhig hin und her huschten, sich jedoch beruhigten, als er in die klaren blauen Kristalle seiner Vertrauten blickte. Das Gespräch der offensichtlich befreundeten Ärztinnen, das nur in Wortfetzen an ihm vorbeigeschwebt war, war längst wieder vergessen und der Anspannung gewichen, ob der Eingriff an seinem Gehirn eine Verbesserung seiner Lebensqualität bedeuten würde oder ob alles beim Alten bleiben würde, oder schlimmer noch, er für immer Hilfe benötigen und immer mehr abbauen würde. Morbus Parkinson war eine schreckliche Krankheit, die selbst den stärksten und selbstbewusstesten Mann brechen konnte. Das Schlimmste neben dem ständigen Zittern der Hände, der verlangsamten Motorik und der zunehmenden Muskelstarre war die Hilflosigkeit, seinen eigenen Körper nicht mehr richtig steuern zu können. Nicht wenige, die sein Schicksal teilten, wurden depressiv. Doch er, er wollte kämpfen. Er wollte sich mit diesem schrecklichen Ist-Zustand nicht zufrieden geben. Weder für sich, noch für seine geliebte Ehefrau, die tapfer nicht zugeben wollte, dass sie zunehmend an der Situation verzweifelte. Zumal die medikamentöse Behandlung mittlerweile ihre Grenzen erreicht hatte. Die Tabletten hatten sein Wesen verändert. Er war aggressiv geworden. Er hatte sich an manchen Tagen selbst nicht wiedererkannt. Er wollte das nicht mehr. Er wollte sein eigenständiges Leben zurück und wenn nur in Teilen. Deshalb hatte er dem Eingriff, eine tiefe Hirnstimulation, auch ohne zu zögern zugestimmt, auch wenn er ein großes Risiko bedeutete und vielleicht auch nicht klappen könnte. Aber er vertraute seinen Ärztinnen. Dr. Hassmann schaute mit ihrer Stirnlampe am Kopfende des Operationstisches auf und gab ihrer jüngeren Kollegin augenzwinkernd ein Zeichen. Die aufmerksame Chirurgin reagierte sofort und beugte sich über den Patienten auf dem OP-Tisch. Die blinkenden Monitore, an denen er angeschlossen war, hielt sie dabei stets im Blick.

Maria: So! Beginnen wir mit der Testsimulation!
Gretchen: Herr Schuster, würden Sie jetzt bitte vorsichtig die Hand heben und dann langsam jeden Finger einzeln bewegen, damit wir sehen können, ob die Elektroden an den richtigen Stellen sitzen. Einfach immer wiederholen. Ja, genau so. Fein! Die Frau Doktor wird Ihnen jetzt gleich leichte elektrische Impulse geben. Die Stimulation findet direkt in den Basalganglien statt, wodurch die dort überaktiven Fehlimpulse unterdrückt werden sollen. Also genau an dem Ort, wo der Tremor entsteht und nun abgestellt werden soll. Für die Impulsgabe wird später der batteriebetriebene Impulsgenerator, also der Hirnschrittmacher, sorgen, den Sie in der zweiten OP übermorgen eingesetzt bekommen werden. ... Ja, Herr Schuster, Sie machen das ganz prima. Langsam. Nicht hetzen. Wir haben alle Zeit der Welt. Sie müssen überhaupt nicht aufgeregt sein. Dass die Hand jetzt zittert, ist ganz normal. ... Dr. Hassmann, Elektroden drei und vier vielleicht noch einen Millimeter nach links. Die Messwerte auf den Monitoren zeigen noch immer leichte Ausschläge.
Maria: Schon registriert, Frau Kollegin. Halten Sie die Hand bitte noch einen Moment ruhig, Herr Schuster! Wir haben’s gleich. Dann haben Sie’s fürs Erste geschafft. Danke! ... Gut. Ist noch ein Tremor zu bemerken, Dr. Haase? Was sagen die Bilddaten? Versuchen wir auch noch die andere Hand. Ich will noch einmal sicher gehen, bevor wir schließen. So wie es aussieht, sind alle Elektroden funktionsfähig.

Maria gab ihrer Kollegin erneut ein Zeichen und die Übung des Patienten begann von vorne. Die konzentrierte Neurochirurgin stimulierte sein Hirn. Er bewegte seine Finger. Ruhig und mit Bedacht. Der ältere Herr entspannte sich sichtlich, als er registrierte, dass seine Hände tatsächlich ruhiger geworden waren. Lächelnd beugte sich Dr. Haase zu ihm herab und gab ihm die Sicherheit, die er gesucht hatte.

Gretchen: Wunderbar, Herr Schuster! Sie haben das ganz, ganz toll gemacht. Wir versetzen Sie jetzt wieder in Narkose, um die Schädeldecke zu schließen. Wenn Sie bitte langsam von zehn rückwärts zählen würden. Danke! Wir sehen uns dann gleich wieder in Ihrem Zimmer.

Die sichtlich erleichterte Ärztin gab dem Anästhesisten ein Zeichen mit der Hand und tauschte dann mit ihm die Plätze. Sie blickte Dr. Hassmann wohlwollend an. Diese nickte nur leicht mit dem Kopf und reichte ihrer Kollegin dann das OP-Werkzeug, damit sie die geglückte erste Operation beendete, der noch eine weitere folgen würde, in der dann der eigentliche Impulsgenerator, der in einer Hauttasche oberhalb des Brustmuskels eingenäht werden würde, und die Kabelverbindungen zu den Anschlusskontakten der Elektroden implantiert werden würden. Auch wenn sich die taffe Neurologin unbeeindruckt zeigte und dieser Eingriff nicht der erste seiner Art für sie gewesen war, an ihren Augen konnte Gretchen deutlich ablesen, wie zufrieden auch sie über das Gelingen der Operation war, welche Teil ihrer wichtigen Forschungsarbeit zum Gelingen ihrer Habilitation war.

Maria: Hach... Ich bin brillant. Willst du zumachen?
Gretchen (freut sich mit ihr u. ihrem gesunden Selbstbewusstsein mit): Danke, Frau... Doktor... Hassmann.
Maria (zwinkert ihr fröhlich zu, wird jedoch schlagartig wieder nachdenklich): Doktor... Haase! ... Wenn doch alles nur so einfach wäre.
Gretchen (zwinkert ihr wissend zu u. beginnt mit dem Vernähen der Schädeldecke): Ist es!
Maria (hat die subtile Botschaft durchaus verstanden u. stichelt zurück): In deiner spießigen Kleinmädchenwelt vielleicht.
Gretchen (schaut nicht vom OP-Feld auf, als sie wortgewandt kontert): Meine und Marcs Welt ist gar nicht so spießig, wie du denkst. Wir sind glücklich. Das zählt doch am meisten. Und genau darum geht es Cedric doch auch, denkst du nicht? Die Zeit der Provokationen, da seid ihr doch schon längst drüber.
GRRR! Hätte ich mich doch bloß nie auf eine Freundschaft mit ihr eingelassen. Dieses nervige Rumgequatsche geht mir so was von auf meine Eierstöcke und es stört unsere Professionalität und die ist hier nun mal angebracht, verdammt noch mal. Nimmt mich denn keiner mehr ernst hier?
Maria: Gib mir Bescheid, wenn der Patient wieder wach ist. Und ich will die Messwerte vor, während und nach der OP auf meinem Tisch haben. Damit wir die Einstellungen für den Impulsgenerator vorbereiten können.

Mit einer abwertenden Handbewegung erstickte die stolze Chirurgin das Mädchengespräch noch im Keime, schaute dann noch einmal nach dem narkotisierten Patienten und was ihre Kollegin gerade mit ihm anstellte und ließ sie dann einfach im OP stehen, weil sie wusste, dass er bei Gretchen in guten Händen war und weil sie weitere ungefragte Haassche Beziehungsratschläge unbedingt vermeiden wollte. Sie ahnte ja nicht, auf wen sie nun im OP-Vorraum treffen würde, als sie die Stahltür mit einem geübten Tip-Kick öffnete. Marias Laune sank sofort in den Keller, als sie seine knackige Rückfront vor den Waschbecken stehend entdeckte.

Maria: Rick? Was machst du hier? Willst du mich weiter nerven?
Cedric (gibt sich völlig unbeeindruckt u. desinfiziert unter dem Wasserstrahl seine Hände): Arrogant sind wir wohl gar nicht, Frau Doktor? Als ob sich bei mir alles um dich drehen würde. Klingt mir sehr nach Wunschdenken.
Also... Das... Boah... Dieser unverschämte Kerl!
Maria (streift die OP-Handschuhe, den Mundschutz, die Haube u. den OP-Kittel ab u. stopft die Sachen angesäuert in die entsprechenden Abfalltonnen u. wendet sich dann dem Waschbecken daneben zu, ohne ihren anmaßenden Kollegen eines Blickes zu würdigen): Sagt der Mann, der mich nicht einmal im OP in Ruhe lassen kann mit seinen idiotischen Plänen.
Cedric (schließt mit dem Ellenbogen den Wasserhahn u. guckt seine gereizte Kollegin spitzbübisch von der Seite an): Ach, operierst du deshalb mit Dr. Haase und nicht mit mir?
Maria (lässt sich nichts anmerken u. zieht den Wasserhahn hoch, um sich zu säubern): Vielleicht? Vielleicht hat sie aber auch was drauf und sollte gefördert werden.
Cedric (nickt wissend u. schlüpft anschließend grinsend in seinen dunkelgrünen OP-Kittel): Das solltest du ihr mal offen sagen.
Maria (dreht ihre Hände unter dem lauwarmen Wasserstrahl hin u. her u. würdigt Cedric keines Blickes): Sie hat am Freitag den Facharzt geschafft. Mehr Offenheit geht nicht.
Cedric (schmunzelt): Gut!
Maria (stellt den Wasserhahn wieder ab u. lässt sich von Rick widerwillig ein Handtuch reichen): Wenn du hier bist, weil du eine Antwort hören willst, vergiss es! Ich werde mir das Heft nicht noch mal angucken. Ich werde mir gar nichts angucken, außer den OP-Bericht zu dieser OP, den ich jetzt schreiben gehen werde.
Cedric (hebt seine Hände in Unschuldspose): Kein Problem! Solange das Vergessen sich nicht allgemein auf unsere gemeinsame Wohnsituation bezieht.
Maria (versucht ihn auszubremsen u. schmeißt das benutzte Handtuch frustriert aufstöhnend in die entsprechende Wäschetonne): Rick! Nicht schon wieder!

Kann er nicht einmal Ruhe geben? Er sieht doch, dass ich nicht will.

Cedric (ahnt, was in ihr vorgeht, u. will sie nicht drängen): Ich wollte nur die Diskussion mal anstupsen. Mehr nicht. Außerdem habe ich gleich einen Eingriff. Notfallkraniotomie. Schau dir die Prospekte in aller Ruhe an oder guck selber mal online, was in Berlin und Umgebung momentan so geht. Alles ohne Verpflichtung. Aber wenn ich Ende des Monats von meiner Fortbildung zurück bin, dann sollten wir uns langsam entscheiden, was wir wollen, wenn wir nicht während des Endspurts in Stress geraten wollen.
Maria (blitzt ihn grummelnd an, als sich seine Hand verdächtig ihrem Bauch nähern will): Du bist ein hinterhältiger, manipulierender Mistkerl.
Cedric (lässt die Schimpfworte lässig an sich abprallen): Also, dass ich an deiner Stelle fliegen werde, hat nichts mit einem Hinterhalt zu tun, meine liebe Mary. Eher mit meinem Talent. Aber du kannst deine Wut ja währenddessen an deinem Gynäkologen auslassen. Wäre mir recht. Das No kam schließlich von ihm. Und ich will jetzt nicht behaupten, der Möchtegernfrauenversteher hätte nicht recht. Aber nach deiner Vorgeschichte ist und bleibst du eine Risikoschwangere. Der Professor hat nur improvisiert. Zu meinem Vorteil und Marcs Ärger. Das Wissen kommt dank mir dann sowieso bei dir an. Ich werde dir täglich Bericht erstatten. Versprochen! Du wirst nichts verpassen. Also lass das Grummeln endlich sein und genieße die Zeit ohne mich. Du behauptest doch ständig, du brauchst deinen Freiraum. Jetzt kriegst du ihn.

Idiot! Und er manipuliert doch! Nur geht er dabei so gerissen vor, dass keiner es mitkriegt außer mir.

Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrem Körper): Witzig! Noch keine drei Monate hier an Bord und gleich mehrere Hürden auf einmal übersprungen, ohne groß dafür etwas getan zu haben. Da bin ich aber froh, dass du wenigstens eine davon mit in die Staaten nehmen wirst. Viel Spaß mit Dr. Meier als Zimmer- und OP-Nachbarn!
Cedric (kesselt die Meckerliese langsam, aber sicher vor den Waschbecken ein u. blickt ihr unbeeindruckt in die feuersprühenden Augen): Deine Person wäre mir lieber.
Maria (lässt sich die Annäherung gefallen u. lächelt ihn herausfordernd an): Zu spät.
Cedric (zieht sie mit einem Ruck in seine Arme u. beginnt sie unvermittelt zu küssen): Es ist nie zu spät. Nicht was uns betrifft.
Maria (erwidert den stürmischen Kuss zunächst u. lässt es sich danach aber nicht nehmen, dem dreisten Kerl noch eine kleine Abkühlung zu bescheren): Mhm... Netter Versuch! Aber ich gebe nicht kleinbei. So kriegst du mich nicht.
Cedric (grinst u. knabbert weiter vergnüglich an ihrer Unterlippe): Nicht? Aber vielleicht heute Abend. Halb elf in deinem Schlafzimmer? Ich sorge auch dafür, dass die Kids ausgepowert genug sind, um ungestört zu bleiben.
Maria (beißt ebenfalls zu u. lässt ihre Hände aufreizend über seinen knackigen Hintern wandern): Um zehn! Badewanne! Du besorgst die Weintrauben. Wenn ich schon keinen echten Wein trinken darf, dann eben so.
Cedric (grient sie vorfreudig an, packt zärtlich ihr Gesicht mit beiden Händen u. drängt sie küssend gegen die kühlen Waschraumfliesen): Mhm... Ich mag es, wenn du bestimmst.
Maria (blitzt ihn aus feurig funkelnden Augen an u. lässt sich ebenfalls treiben): Dann solltest du dir das endlich mal hinter die Ohren schreiben, du Manipulator.
Cedric (grinst in den Kuss hinein): Wer hier die wahre Manipulatorin ist, das muss ich wohl nicht erwähnen. Gib’s zu, du willst es doch auch?
Maria (greift nun ihrerseits nach seinem frechen Gesicht u. tänzelt mit ihm leichtfüßig durch den OP-Vorraum): So viel zum Thema Wunschdenken, mein Lieber. Ich hab nicht ‚ja’ gesagt und was du mit deinem Haus machst, ist mir eigentlich so ziemlich egal.
Cedric (umschließt sie heißblütig mit seinen langen Armen): Und uneigentlich? Hab ich dir schon erzählt, wie riesig das Schlafzimmer wäre? Die drei Kinderzimmer - ja, jede könnte ihr eigenes haben - könnten wir auf der anderen Seite des Hauses einrichten, damit wir zumindest zu unserer Lieblingszeit, nachts, ungestört bleiben können. Ich könnte dich natürlich auch mit einem riesigen Arbeitszimmer bestechen, deckenhohe Bücherregale, aus demselben Holz geschnitzt wie die Fassaden und voll gestellt mit medizinischer Lexika, abschließbar und mit angeschlossenem Balkon, der direkt auf den See zeigt.
Maria (schaut spöttisch von seinen verführerischen Lippen auf): Du lässt nichts unversucht?
Cedric (haucht kleine Küsse hinter ihr linkes Ohr): Kleine Denkanstöße.
Maria (lacht u. löst sich etwas von dem gemeinen Charmeur): Dann gebe ich dir jetzt auch mal was zu denken, mein Lieber. Ein Seegrundstück bei drei kleinen Kindern, ernsthaft?
Cedric (blickt ihr ertappt in die Augen u. lässt in seiner Argumentation nichts unversucht): Unsere Motten sind die intelligentesten Kinder, die ich kenne. Unsere Gene! Und na ja, wenn ich das Haus verkaufe, hätten wir genug Kapital, um uns vielleicht auch noch eine zweisprachige Nanny zu leisten.
Maria (ihr verliebtes Grinsen erstirbt sofort): Ja, klar, jung, blond, Französin, spindeldürr, mit großen Brüsten.
Cedric (erinnert sich schlagartig an seine einstigen Vergehen u. rudert schnell zurück): Okay, Nanny war das falsche Stichwort. Sorry! Ähm... Aber mir fällt schon noch was ein, um uns das Leben zu erleichtern. Drei Wochen ohne dich, das ist viel Zeit zum Nachdenken, wobei ich jetzt eigentlich noch nicht darüber nachdenken wollte.
Maria (funkelt den Casanova unberührt an): Rick?
Cedric (blickt leicht verwirrt in ihren Augen hin u. her): Ja, Mary?
Maria: Halt die Klappe, du Schlitzohr!

Bereitwillig ließ sich die feurige Oberärztin auf eine weitere wilde Knutscherei mit ihrem unverschämten Lebensgefährten ein, der sie mit seinen starken Armen fordernd umschlang und mit ihr leichtfüßig durch den Waschraum tänzelte. Fast hätte sie ihre Prinzipien ganz über Bord geworfen und wäre mit ihm weiter davon geschwebt, wenn sie nicht das verdächtige Klacksen der stählernen OP-Tür hinter sich gehört hätte. Abrupt löste sie ihre heißen Lippen von den seinen und blickte ertappt hinter sich, wo sich eine belustigte Stationsärztin vorsichtig an den beiden vorbeischlängelte.

Gretchen: Stört euch nicht an mir! Bin sofort weg. Also, weitermachen!

...konnte sich Gretchen eine spitze Bemerkung nicht verkneifen und begann, grinsend aus ihren OP-Klamotten zu schlüpfen, wobei bei ihr natürlich in aller Hektik mal wieder die Haassche Tollpatschigkeit zuschlagen musste. Während sie die blaue OP-Haube noch ganz lässig in die entsprechende Tonne werfen konnte, ohne ihre Hochsteckfrisur zu ruinieren, verhakten sich die dünnen Bändchen ihres Mundschutzes schmerzhaft an einer Haarklammer hinter ihrem linken Ohr. Sie bekam ihn nur mit Mühe ab, drehte sich peinlich berührt zu dem Pärchen um, das ihr ungeduldig zugeschaut hatte, und versuchte dann, vergeblich an den Bändern ihres OP-Kittels zu zerren. Sie bekam den viel zu festen Knoten am Rücken einfach nicht gelöst und hüpfte verzweifelt durch den Waschraum, bis ihre ungläubig dreinblickenden Zuschauer nicht mehr länger hinsehen konnten. Erst mit Hilfe von Dr. Hassmann, die ihr ungeniert und unsanft an die Wäsche ging, schaffte es Gretchen, die völlig verknotete Schleife zu lösen. Dankbar drehte sie sich vom Waschbecken aus, wo sie sich rasch die Hände desinfizierte, zu ihrer befreundeten Kollegin um und grinste sie ungeniert an. Marias finsterer Blick, der ihr entgegenschlug, störte sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil! Die junge Chirurgin war schließlich heilfroh, dass sich die Spannungen zwischen ihren beiden Kollegen offenbar gelöst hatten. Cedric hielt nämlich zärtlich seine Hand über Marias Hintern und es schien die emanzipierte Oberärztin, die doch sonst immer tunlichst darauf bestand, Privates von Beruflichem strikt zu trennen, überhaupt nicht zu stören. Oder vielleicht doch?

Maria: Putz dir dein dämliches Grinsen von der Backe und geh endlich, Haase! Der OP-Bericht schreibt sich nicht von alleine.

...fuhr die schwangere Neurologin ihre ebenso in anderen Umständen befindliche Kollegin nämlich im nächsten Moment scharf von der Seite an und deutete auffordernd zur gegenüberliegenden Stahltür. Doch Gretchen ließ sich ihre Freude nicht verderben. Sie stellte den Wasserhahn ab, ließ sich von Marias charmantem Lebensgefährten ein Handtuch reichen und verschwand damit langsamen Schrittes aus dem OP-Vorraum. Jedoch nicht ohne vorher noch einen kleinen Kommentar abgegeben zu haben...

Gretchen: Schon erledigt! Und euch, noch viel Spaß beim Häuseraussuchen und ähm... na ja...! Tschüß!
Maria (schaut entgeistert dabei zu, wie sich die Schiebetür langsam wieder schließt): Boah! Diese Frau nervt ohne Ende. Als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Keine fünf Tage Chirurgin und benimmt sich, als wäre sie es schon ihr ganzes verträumtes Leben lang gewesen.
Cedric (zieht das Zicklein wieder forsch in seine Arme): Süß, wie du darauf drängst, mit mir unbedingt alleine zu sein. Also kann ich mir doch Hoffnungen machen?
Maria (blickt ihm wütend in die vor Schelm aufleuchtenden Augen): Halt die Klappe, Stier!
Cedric (nimmt die Aufforderung an u. nähert sich zu einem Kuss heran): Gerne! Wo hatten wir noch mal aufgehört?
Maria (hält den liebeshungrigen Chirurgen mit ihrem Zeigefinger, den sie gegen seine Stirn gedrückt hält, auf Abstand): Nicht hier! Behalte endlich deine verdammten Hormone im Griff! Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Wir sollten uns darauf konzentrieren, professionell zu bleiben.
Cedric (will sich aber nicht abhalten lassen): Ausnahmen bestätigen die Regel.
Maria (funkelt ihn angesäuert an): Haha! Ich meine das ernst, Cedric. Ich habe das Gerede und die Blicke so satt. Wenn Marc und Gretchen liebeskrank von Station zu Station stolpern wollen, bitte, dann sollen sie’s tun. Aber wenigstens hier im OP sollten wir auf eine strikte Trennlinie bestehen. Alles andere endet nur im Chaos.
Cedric (sieht seine Chefin eindringlich an, um sie doch noch zu einem kleinen Küsschen zu überreden): Schade!
Maria (verdreht genervt die Augen angesichts seines albernen Bettelblicks): Und du, du solltest dich jetzt noch mal neu steril machen. Ich glaube, die da drüben warten auf dich.

Maria, die sich wieder einigermaßen obenauf fühlte, nachdem sie ihre hormonellen Schwankungen wieder unter Kontrolle gebracht hatte, welche sie leichtfertig in eine kitschige Teenyknutschrei verführt hatten, deutete zum Eingang des zweiten OPs, vor dem eine grimmige Oberschwester ungeduldig auf den werten Herrn Doktor wartete. Cedric verdrehte die Augen und schenkte Schwester Stefanie sein charmantestes Entschuldigungslächeln, das sie jedoch überhaupt nicht rührte. Stattdessen stampfte sie schlechtgelaunt wie eh und je zurück in den OP, wo ein gerade erst eingelieferter Notfall auf Dr. Stier und seine Kollegen wartete.

Stefanie: Diese verdammten Ärzte! Manchmal habe ich den Eindruck, die pflegen mehr ihre Beziehungen als die Patienten. Lernt man das etwa an der Uni? Unverantwortlich so was! Also mir passiert so was nicht.

Als sich der ertappte Hirnchirurg umdrehte, um sich noch einmal für die anstehende OP steril zu machen, war seine charmante Chefin jedoch aus seinem Bannkreis verschwunden. Dieses hinterlistige Biest, dachte er nur schmunzelnd. Mary hatte ihn ausgetrickst und war abgehauen, bevor es ernst werden konnte. Irgendwie schon süß, wie beleidigt sie war und wie hartnäckig sie sich um eine Entscheidung drückte, die doch in ihrem Kopf schon längst gefallen war. Das hatte er in ihren wild flackernden Augen gelesen, bevor sie ihn leidenschaftlich niedergeknutscht hatte. Diese Frau war einfach nur der pure Wahnsinn. Eine Naturgewalt sondergleichen. Unberechenbar. Unzähmbar. Genau nach seinem Geschmack. Und doch war ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht. Der Rest war nur noch ein Katzensprung. Er hatte seine Liebste doch nur damit ablenken wollen, weil sie so enttäuscht gewesen war, nicht selber zum Ärzteaustausch nach Seattle reisen zu dürfen. Der zweite Schlag an einem Tag nach dem Kompetenzgerangel auf ihrer Station. Maria hatte es nicht offen gezeigt, aber ihre Reaktion nach dem Gespräch mit dem Professor hatte Bände gesprochen. Ein weiteres Projekt neben ihrer Habilitation würde ihr daher gut tun. Aber er hatte ja noch vier Tage Zeit, um sie zu überzeugen, dass ein gemeinsames Heim durchaus eine wunderbare Überlegung wert war.

Lorelei Offline

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17.01.2016 13:19
#1554 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

In der chirurgischen Abteilung des Berliner Elisabethkrankenhauses, genauer gesagt im nüchternen Grau-Weiß eingerichteten Sprechzimmer eines begnadeten Oberarztes und neuerdings werdenden Vaters, ging es zur gleichen Zeit ebenso geschäftig zu wie in den OP-Sälen des Hauses, wenn auch weniger auf Patienten bedacht, sondern viel mehr auf sich selbst und die kleinen bis größeren Probleme des alltäglichen Durcheinanders, das man Leben nannte. Dr. Kaan lümmelte seit geraumer Zeit am Schreibtisch seines besten Freundes und Kollegen Meier, das schelmisch grinsende Gesicht auf seinen Händen gestützt, und verfolgte amüsiert die künstlerisch nicht besonders wertvolle Darbietung seines direkten Gegenübers, der wild mit den Armen in der Luft herumfuchtelte und schließlich frustriert grummelnd in den Chefsessel zurücksank, wo er sich schon seit Stunden wegen nerviger Aktennachbearbeitung seinen knackigen Chirurgenhintern platt saß, anstatt wirklich zu arbeiten und Skalpelle zu wetzen. Der gutmütige Gynäkologe wartete einen Moment ab, sortierte das, was er gerade wie Schneebälle als ungerechtfertigte Vorwürfe an den Kopf geschmissen bekommen hatte, noch einmal gedanklich nach und lehnte sich dann betont entspannt auf seinem Stuhl zurück, um noch einmal mit Bedacht und einem leichten Anflug von Hohn in seiner markanten tiefen Samtstimme bei dem unwirsch dreinblickenden Chirurgen nachzuhaken, ob er das jetzt alles richtig verstanden hatte. Denn irgendwo zwischen Fluchen und Resignieren hatte er die Pointe verloren. Hatte er nicht nur kurz „Hallo“ sagen und sich nach seinem Kurzurlaub bei seinen beiden besten Freunden zurückmelden wollen? Aber seitdem sich Gretchen wie ein Wirbelwind in den OP verabschiedet hatte, war Marc nur noch am Rummeckern und Stänkern gewesen und Mehdi hatte geduldig zugehört, bis er plötzlich in die Argumentationskette mitaufgenommen worden war. Obwohl er eigentlich überhaupt nichts dafür konnte. Man konnte sich Probleme auch wirklich einreden, anstatt einfach nur happy zu sein, wie man es von einem stolzen werdenden Vater eigentlich erwartete.

Mehdi: Moment! Ich fasse das jetzt nur noch einmal zum besseren Verständnis zusammen. Ich bin also schuld, dass du die nächsten drei Wochen nicht mit deiner Lieblingskollegin, Frau Dr. Hassmann, verbringen darfst, dafür aber mit deinem Lieblingsfeind Nummer eins, mit dem du in Seattle nicht nur den OP, sondern auch gleich das angemietete Appartement teilen musst? Nicht zu vergessen, der Sitzplatz im Flieger direkt neben dir. Woran bin ich noch schuld? Dass du dich beim Professor nicht durchsetzen konntest oder gerade weil du dich behauptet hast? Dass die Nudeln in der Kantine heute ganz besonders labberig schmecken? Dass mein Name heute öfter auf dem OP-Plan steht als deiner und dass Gretchen gerade zu tun hat? Dass heute die Sonne nicht scheint und ein Vogel auf deine Jacke gekackt hat? Für den Stau da vorne an der Kreuzung, der die Zufahrt zur Notaufnahme blockiert? Für das unerträgliche und menschenunwürdige Chaos vor dem Lageso? Was noch? Nur zu! Ich hab Zeit. Du darfst dich an mir abreagieren. Ich bin nämlich noch nicht ganz wieder angekommen und befinde mich noch in meiner Wohlfühlzone, in der mir niemand was kann.

Marc verdrehte die Augen angesichts dieses oberlehrerhaften Vortrages, welcher nur so vor Spott und Sarkasmus triefte, was eigentlich nicht die zwei Attribute waren, die man unbedingt dem Frauenversteher nachsagte, und beugte sich mit eindringlichem Ameisenblick über seinen Schreibtisch, um es seinem ignoranten Gegenüber verständlich zu machen, der sich gerade unerhörter Weise über ihn lustig zu machen versuchte und es nicht geschafft hatte, weil der werte Herr Doktor Kaan bekanntermaßen über keinerlei Sinn für Humor verfügte. Okay, er war freiwillig mit Schwester Gabi zusammen und hatte ihr ein Kind gemacht. Aber witzig war was anderes. Zumindest in seinen funkelgrünen Augen, die seinen frechen Freund gerade ordentlich in die Mangel nahmen, aber an seiner urlaubsbedingten Lässigkeit abprallten.

Marc (zischt durch seine zusammengepressten Zähne): Mann, das ist nicht witzig.
Mehdi (bleibt ernst u. hält seinem Blick stand): Letzteres nicht. Damit hast du recht.
Marc (löst den Augenkontakt wieder u. lehnt sich kleinlaut in seinen Sessel zurück): Ich weiß. Meine Probleme sind eigentlich keine, weil andere viel beschissener dran sind. Aber trotzdem kotzt es mich an, dass der Professor mir ausgerechnet den Drecksack wie ekeligen Kaugummi an die Hacken geklebt hat. Nur weil die Hassmann unpässlich ist. Hätte die das nicht besser timen können? Wenn sie schon so heißt, warum kann sie sich dann nicht daran halten? Aber nein, die emanzipierte Ziege sorgt lieber dafür, dass die weibliche Spezies dominant bleibt. Pff!
Mehdi (kann sich eine kleine Spitze dann doch nicht verkneifen): Ich wusste ja gar nicht, dass ihr neuerdings so dicke miteinander seid?
Marc (überrascht von dem Anflug Kaanschen Humors kneift er seine Augen zusammen): Dick ist nur sie, aber darum geht es doch auch gar nicht.
Mehdi (stimmt ihm bei u. konzentriert sich wieder auf das eigentliche Problem): Sondern? Können wir endlich auf den Punkt kommen, Marc? Du bist frustriert, weil du einerseits, unbedingt da hin willst, um mit deinen göttlichen Händen zu zaubern, andererseits, willst du Gretchen nur ungern alleine hier zurücklassen.

Äh... Wie kommt er denn auf den Schwachsinn? Lernt der das in seiner Therapiegruppe für hysterische Frauen, die nie zuhören können und alles falsch auffassen?

Marc (ärgert sich, weil Mehdi den Pfeil direkt in seinen wunden Punkt gejagt hat): Bist du fertig, Dr. Freud für Arme? Außerdem bin ich nicht frustriert. Frustriert ist nur dieser hormongetränkte Hühnerhaufen, der hier durch die Stationen stolpert und mich nervt ohne Ende.
Mehdi (kann sich sein Schmunzeln nicht verkneifen): Sieht man. So leidend wie du den Aktenberg bearbeitetest und grundlos auf Dr. Stier herumhackst.
Marc (fährt hoch u. sitzt wieder kerzengerade in seinem Chefsessel): Grundlos? Als ob dir noch die Sonne aus’m Hintern scheinen würde, wenn du ausgerechnet den als Praktikanten an die Backe gedrückt bekommen würdest. Gerade er, der, aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen, so nen Hals auf dich hat.
Mehdi (gibt sich völlig unbeeindruckt u. wirft den Spielball zurück): Soweit ich weiß, habt ihr dasselbe studiert.
Marc (funkelt den kleinlauten Klugscheißer angefressen an, dann wird sein Blick wieder weicher): Studieren kann man das nicht nennen, was der da abgezogen hat. Aber ist auch egal. Das zählt hier ja sowieso nicht. Ich hab ja nichts zu sagen. Gott, Mehdi, drei Wochen mit dieser unfähigen Flachpfeife, da könnte ich mir echt was Besseres vorstellen.
Mehdi (nickt mitfühlend u. baut ihn wieder auf): Ach, komm, Marc. Sobald du in einem dieser Hightech-Operationssäle stehst, wird dir vollkommen egal sein, wer noch um dich herumsteht.
Marc (als hätte sich ein Schalter umgelegt, schwelgt er auf einmal in vorfreudigen Gedanken): Boah ja, das wird so geil werden, Mehdi. Mann, die arbeiten da echt mit 3D-Druckern. Was man damit alles herstellen kann, das ist revolutionär. Und es ist ja nicht nur das.
Mehdi (lächelt zufrieden): Und schon leuchten die Chirurgenäuglein wieder.

Äh... Was hatte der eigentlich heute Morgen als Brotaufstrich? In Nutella getunktes Süßholz? Wäh!

Marc (blitzt zurück): Da spricht nur der Neid aus dir, mein Lieber. Du hättest vielleicht doch was Richtiges studieren sollen. Karriereleiter statt Eileiter. Dann kämst du jetzt auch in diesen Hochgenuss, andere Welten zu erobern. Wir zwei da drüben, wir hätten echt einen draufmachen können.
Mehdi (grinst mit ihm mit): Als ob du während des eng gefassten Fahrplans dafür Zeit hättest.
Marc: Woher weißt denn du das?
Mehdi (sein Grinsen wird noch breiter): Ich hatte heute auch ein Gespräch mit dem Professor. Kurz bevor ich zu dir rein bin.
Marc (horcht irritiert auf): Bitte? Wieso das denn? Du bist doch bloß Gynäkologe.
Mehdi (verleiert die Augen angesichts dieser wiederholten Ehrkränkung): Marc! Soll ich dir mal alle meine Zeugnisse zeigen, damit du mal siehst, wie gut ich auf meinem Gebiet bin? Ich bin auch Oberarzt. Leiter der gynäkologischen Abteilung, der Babywunschklinik und der Neonatologie. Als ob es in unserem Fachbereich nicht auch Neues zu entdecken gäbe. Komm mal runter von deinem hohen Ross, mein Freund. Wir sind gleichwertig, auch wenn ich vielleicht nicht so oft im OP stehe wie du. Obwohl das ja heute eher umgekehrt ist, dem OP-Plan nach zu urteilen. Dennoch Arzt bleibt immer noch Arzt.

Mein Gott, empfindlich wie ein Mädchen.

Marc (schmunzelt amüsiert): Ein bisschen empfindlich heute, was? Du passt doch gut in deine Station mit den ganzen hysterischen Hühnern, die ihre Tage haben oder eben gerade nicht, weil sie... Egal! Zurück zum eigentlichen Thema: Du warst beim Professor? Also kommst du jetzt auch mit oder wie darf ich das verstehen? Das hättest du doch auch gleich sagen können. Mensch, das ist doch geil.
Mehdi (freut sich, dass er ihn dabeihaben möchte, aber schüttelt den Kopf): Vorerst nicht. Ich hab ein schulpflichtiges Kind und ich will Gabi nicht so lange alleine lassen. Außerdem kann ich momentan nicht so einfach weg. Jetzt wo sich die Lage in den Flüchtlingseinrichtungen derart zuspitzt. Mein Team braucht mich. Einer muss den Überblick behalten. Für Fortbildungen ist auch ein anderes Mal noch Zeit.
Marc (nickt anteilnehmend): Schade! Wir hätte Seattle gerockt. Aber ist okay! Wenn ihr noch Hilfe beim Koordinieren braucht, noch bin ich ne Woche da. Aber selbst behandeln ist nicht drin, mein Terminplan ist ohne Ende voll gepackt, bis es Sonntagabend losgeht. Ich hab die ganzen wichtigen OPs, die in nächster Zeit angestanden hätten, auf diese Woche vorgezogen. Und dann ist ja noch der Papierkram hier, der kein Ende nehmen will.

Gott, ich will operieren und nicht zum Bürohengst mutieren. Das ist echt der beschissenste Teil dieses Jobs.

Mehdi (lächelt): Danke. Jede Art von Mithilfe zählt. Und falls du hier gerade welche brauchst, noch hab ich Zeit. OP 1 ist noch von Maria und Gretchen belegt.
Marc (blättert gelangweilt durch die Akten u. seufzt): Ich komm darauf zurück, aber noch sehe ich durch.
Mehdi (liest in Marcs Gesicht wie in einem Buch): Gut! Was sagt eigentlich Gretchen zu deinen Plänen? Ich wundere mich, dass sie ihren Vater nicht überredet hat, selber mitzufahren. Sie ist mit ihrer Ausbildung gerade fertig geworden. Das wäre doch der perfekte Zeitpunkt für einen Blick in die medizinische Zukunft.
Marc (zuckt mit den Schultern u. druckst ungewohnt herum): Was soll sie schon groß dazu sagen? Dienstliche Anweisung bleibt dienstliche Anweisung. Da hat auch das ‚Kälbchen’ keine Macht über ihren Daddy. Außerdem fällt der Flug für sie eh flach.
Mehdi (horcht auf): Du meinst, weil sie schwanger ist? Wenn es darum geht, ob sie mitfliegen kann, in ihrem frühen Stadium kann sie wirklich noch alles machen. Sie ist gesund, die Kinder sind gesund und bislang verläuft ihre Schwangerschaft vorbildlich. Ich sehe da kein Problem.
Marc (lümmelt sich lustlos in seinen Sessel zurück): Du vielleicht nicht.
Mehdi (ahnt, was er meint): Vater oder Mutter?
Marc (rollt theatralisch mit den Augen): Du weißt doch, in welchem Jahrhundert Bärbel Haase lebt. Sie würde sie am liebsten von jetzt auf gleich in der Wohnung festketten, wo sie dann bleiben soll, bis die Zwerge aus der Schule kommen. Aber nein, darum geht es auch gar nicht. Ich glaube, sie hat in ihrem Übereifer, aus dem Nichts einen Kindergarten hochzureißen, noch gar nicht gecheckt, dass ihr Lieblingsschwiegersohn in spe in nächster Zeit nicht verfügbar sein wird. Und Franz hat seiner Tochter die Entscheidung überlassen. Klar hat er es ihr auch angeboten. Du hast ja bestimmt auch mitbekommen, wie er vor Stolz fast schon platzt, dass wir ans Seattle Grey Sloane Memorial dürfen. Aber Gretchen möchte momentan einfach nicht mit. Die doppelte Wundertüte spielt da eher eine untergeordnete Rolle. Sie lässt sich gerade einarbeiten und will als Stationsärztin noch einiges bewirken, bevor sie in ein paar Monaten ihren Arbeitseifer auf fast null runterschrauben muss.
Mehdi (nickt verständnisvoll): Verstehe! Passt zu ihr.
Marc (muss auch darüber lächeln, bis er immer nachdenklicher wird): Außerdem lasse ich meine Station ganz bestimmt nicht von irgendwelchen unfähigen Idioten beaufsichtigt. Wir haben ja gesehen, was beim letzten Mal los war. Der ganze medizinische Hightech-Kram ist eh nicht so Gretchens Ding und mein Gott, so dramatisch ist das Ganze ja jetzt auch nicht. So lange bin ich jetzt auch nicht weg. Sie und die Kollegen bekommen dann eh ne Überdosis an Vorträgen und Anwendungsübungen verpasst, wenn ich wieder hier bin und die Amikollegen im Austausch rüberkommen. Das Projekt ist doch gerade erst im Aufbau. Was draus wird, werden wir dann erst sehen.

Mehdi (ahnt instinktiv, was Marc noch bedrückt): Aber dir gefällt nicht, dass du sie hier zurücklässt. Das sehe ich dir doch an.
Marc (ertappt fährt er hoch u. pampt zurück): Kannst du die Psychokeule bitte in deiner Kitteltasche lassen! Die kannst du dir für deine frustrierten Patientinnen aufsparen, die’s interessiert.
Mehdi (hebt seine Arme in Unschuldspose): Hey, es ist okay. Und es ist okay, wenn du dich so fühlst. Es hätte mich gewundert, wenn es nicht so wäre. So viel verpasst du ja auch nicht. Die spannende Zeit der Schwangerschaft kommt doch erst noch. Dann bist du schon lange wieder da.
Marc (kann sich ein Lächeln nicht verkneifen): Du meinst die Launen und Fressanfälle? So war Haasenzahn auch schon vorher. Also nichts Neues.
Mehdi (grinst, weil er ihn durchschaut): Ach? Aber ich meine eher das Zwischenmenschliche. Wenn ihr die Fortschritte seht, die die Kleinen dann rasendschnell machen werden.
Marc (blickt verträumt auf das gerahmte Ultraschallbild, das seinen Schreibtisch ziert): Echt?

Ich kann mir das noch gar nicht so richtig vorstellen, wie es dann sein wird. Es ist jetzt schon total komisch und ich muss mich ständig erinnern, dass sie tatsächlich da sind.

Mehdi (folgt lächelnd seinem Blick u. wird ebenfalls melancholisch): Das wird eine unvergessliche Zeit, glaub mir, und sie schweißt zusammen.
Marc (lässt frustriert Schultern u. Arme hängen): Danke auch, Mann, du motivierst einen echt, noch in den Flieger zu steigen.
Mehdi (grinst, aber fühlt mit): So schlimm? Hey, ich verstehe dich. Ginge mir nicht anders. Aber was sind schon drei Wochen?
Marc (wird unweigerlich sentimental u. ärgert sich darüber, weil er das eigentlich nicht zulassen wollte): Für Haasenzahn eine ganze Welt, auch wenn sie es tapfer nicht zeigen will. Sie hat gar nicht geheult, als Franz am Montag in der Besprechung das Thema wieder auf die Tagesordnung geworfen hat. Das war in der ganzen euphorischen „Wir-haben-es-ihnen-endlich-gesagt“-Stimmung total untergegangen. Wobei mir klar war, dass wir das nicht einfach sausen lassen können. Gerade weil es unsere Klinik weit nach vorne bringen wird. Der Professor hat das echt mit Samthandschuhen angepackt, nur um sein Kälbchen nicht aufzuregen. Dabei hat sie ziemlich cool reagiert. Hätte ich nicht erwartet, nachdem sie beim Familiendinner neulich fast einen Nervenzusammenbruch deswegen hatte.
Mehdi (horcht interessiert auf): Sie ist stärker, als ihr manchmal denkt.

Und sie überrascht einen in Momenten, in denen man gar nicht damit rechnet.

Marc (ein verliebtes Lächeln schleicht sich unbemerkt auf seine Lippen): Ich bin schon froh darüber, dass Franz von selber ein Einsehen hatte, dass wir das Programm nicht über zwei Monate ziehen können, wie es eigentlich von ihm und meinem Dad vorgesehen war. Manchmal ist es doch ganz hilfreich, dass Haasenzahn diesen speziellen Kulleraugenblick draufhat.
Mehdi (grinst): Ich weiß, was du meinst.
Marc (erwidert sein Grinsen): Jep! Es nervt ohne Ende und man kann nichts dagegen tun. Sie hat einen damit an den Eiern. Außerdem kann ich meine Station auch nicht so lange im Stich lassen. Es passt schon mit den drei Wochen. Jedenfalls war Haasenzahn ziemlich tapfer, als Franz am Montag noch mal die Fortbildung von A bis Z durchgesprochen hat. Nur dass sie so schnell durchgezogen wird, da hat sie dann doch schwer schlucken müssen.
Mehdi (sieht ihn eindringlich an): Du auch?
Marc (zuckt lässig mit den Schultern, um sich nichts anmerken zu lassen): Mehdi, ich bitte dich! Hier in der Klinik sollten wir schon professionell und vernünftig bleiben. Klar, sind wir momentan alle ziemlich euphorisch wegen den Sternchen, vor allem Gretchens Mutter und mein Dad erst, aber wir können auch nicht alles zurückschrauben, nur weil Gretchen schwanger ist und alle durchdrehen. Sie war die erste, die gesagt hat, dass es wie gehabt beim Austausch bleiben soll und punkt.

Mein Mädchen ist eben doch ne coole Socke. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie sie früher drauf war. Selbstbewusstsein und Coolnessfaktor nicht messbar. Hach... Scheiße! Und doch bleibt ein fader Beigeschmack. Wenn ich ihr zu lange in die Augen schaue, kneife ich noch. Das ist echt nicht angebracht. Reiß dich zusammen, Meier, bevor Mehdi dich noch als Waschlappen auslacht!

Mehdi (liest zwischen den Zeilen): Sag bloß, du hättest für sie die Fortbildung gecancelt?
Marc (ertappt fährt er seine üblichen Geschütze auf): Grins nicht so blöd, Mann! Und guck selber mal in den Spiegel! Es ahnt ja keiner im Voraus, wie bescheuert gefühlsduselig man wird, wenn man Vater wird. Als hätte man nur noch Watte im Kopf. Es ist furchtbar.
Mehdi (weiß genau, wie er sich gerade fühlt): Ist es nicht.
Marc (muss ihm leider zustimmen): Ich weiß. Aber weder canceln, noch verschieben geht. Also bleiben nur die kommenden drei Wochen übrig, um das durchzuziehen. Und es ist okay. So komme ich auch in den Genuss, die Arbeit meines Dads zumindest ein Stück weit zu begleiten. Gerade was den kritischen Zustand des einen siamesischen Zwillings betrifft, den wir wieder auf die Beine helfen wollen. Und dann das ganze Ambiente. Ich wollte immer schon mal in so eine große Klinik reinschnuppern. Das ist echt ne andere Hausnummer als unser bescheidener Schuppen hier. Ich freue mich echt drauf. Es bringt mich weiter. Und na ja, so sehe ich auch mal, wie Olivier die letzten Jahre gelebt hat.
Mehdi (ahnt, dass da noch mehr ist): Das ist toll, Marc. Aber ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem, nicht?
Marc (nickt leicht mit dem Kopf u. fühlt sich schrecklich unwohl): Ja, das ist ja gerade das Irre, das einen total konfus werden lässt. Hättest du mich vor ein paar Wochen gefragt, ich hätte sofort, ohne zu zögern, alles stehen und liegen gelassen und den nächsten Flieger genommen.
Mehdi: Seitdem hat sich viel verändert, Marc. Deine ganze Welt ändert sich gerade und das ist gut.
Marc (seufzt): Ich weiß. Und ich will mich auch gar nicht so fühlen, Mann. Gerade weil Haasenzahn viel taffer damit umgeht. Obwohl, so überdreht, wie sie hier durch die Gänge schwebt, könnte das auch was anderes bedeuten. Überkompensierung als Ablenkungsstrategie. Sie will ja auch nicht mehr darüber reden.
Mehdi (lächelt mitfühlend): Ihr könnt halt nur schwer ohneeinander.
Marc (eingeschnappt): Mach dich nur lustig! Darauf hast du doch all die Jahre gewartet.
Mehdi: Ich mache mich nicht lustig, Marc. Ich hab euch nur erlebt, wie ihr das letzte Mal so lange zwangsgetrennt wart. Sieh es doch mal so, es wird das letzte Mal sein.
Marc (ein schwaches Lächeln ziert seine Lippen): Timing ist echt ne Scheißerfindung. Ich will einfach da sein, wenn Haasenzahn immer rundlicher und unausstehlicher wird. Ich will mit ihr zanken und planen. Mann, sie hat mich schon so um den Finger gewickelt, dass ich heute sogar freiwillig mit in diesen ollen Kinderladen gehe, ohne dass sie mich dafür fesseln und knebeln muss. Und weißt du, Mehdi, ich glaube nicht, dass ich noch fliegen könnte, wenn die Zwillinge erst einmal da sind. Vor allem nicht, wenn sie dann denselben Blick draufhaben wie ihre Mama, die damit immer alles kriegt, was sie will.
Mehdi (lächelt, weil Marc so ehrlich mit ihm spricht): Könntest du nicht.

Ist es das, was es mit einem macht? Ist es so einfach und kompliziert zugleich? Gott, wie soll ich das bloß aushalten? Das ist die reinste Folter.

Marc (streicht sich verlegen über seinen Dreitagebart u. widmet sich betont interessiert wieder seiner Schreibtischarbeit zu): Eben! Also heißt es, Backen zusammenkneifen und durchhalten. So ne geile Chance kommt nicht so schnell wieder. Eigentlich, wenn man es genau betrachtet, ist es sogar der perfekte Zeitpunkt. Na ja nicht ganz, aber Gretchens und mein Credo ist ja immer unperfekt perfekt. In dem Sinne passt es ja.
Mehdi (schmunzelt): Soso?
Marc (rollt mit den Augen, weil Mehdi ihn so besserwisserisch anstarrt): Jep! Und ich kann ja immer noch so tun, als wäre der Stier gar nicht da. Ich kann mich im Flieger auf einen anderen Platz setzen und im Appartement die Tür absperren. Außerdem werde ich eh die meiste Zeit im Krankenhaus sein, wo er eh in nem anderen Stall beschäftigt sein wird. Also wen juckt’s?
Mehdi (kann diese Steilvorlage nicht ungenutzt lassen): Ist das eine Fangfrage? Also der Professor würde es vermutlich Teambildung nennen, weil er euch zusammen als Repräsentanten unserer Klinik dahin schickt.
Marc (lässt sich nicht provozieren u. wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab): Pff! Als ob der sich was dabei gedacht hat. Franz hatte schlichtweg keine andere Wahl, so fruchtbar wie jede Abteilung momentan ist. Das hat der Hornochse doch selber irgendwie gefickt eingeschädelt, so wie ich ihn kenne und er hier alle manipuliert, allen voran seine Göttergattin, der er gleich noch nen Braten in die Röhre geschoben hat, um ihr die besten Fälle und am Ende ihren Stuhl zu klauen. Eigentlich eine gewiefte Taktik, wenn sie nicht so arm wäre.
Mehdi (schüttelt schmunzelnd den Kopf): Ich glaube, du unterschätzt ihn. Wenn hier jemand manipuliert hat, dann war es der Typ mit Amors Pfeilen.
Marc (schaut ihn an, als hätte er nicht mehr alle): Haha! Und du glaubst auch noch an den Osterhasen? Du bist ein elender Romantiker, Kaan. Kein Wunder, dass dir auf deiner Station die Frauen die Bude einrennen. Du hast einfach nen Hang zu albernen Sentimentalitäten. Deshalb bist du ja auch nicht Chirurg geworden. Apropos hysterische Hühner...

... wollte Dr. Meier gerade noch weiter ansetzen, um ein bisschen zu sticheln, musste dann aber ebenso wie Mehdi plötzlich schallend loslachen, weil nach einem kurzen Klopfen wie aufs Stichwort die Tür aufgerissen wurde und eine sehr geschäftig aussehende Krankenschwester das Oberarztbüro betrat und die beiden Ärzte mit ihren großen dunklen Kulleraugen fixierte. So viel zum Thema, Marcs Praxis sei vor Invasorinnen gefeit. Mehdis seltsame Anziehungskraft wirkte sogar bis hierher in die Chirurgie.

Lorelei Offline

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24.01.2016 13:24
#1555 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Überrascht nahm die junge Krankenschwester zur Kenntnis, wer da noch mit am Schreibtisch des ungekrönten Sklaventreibers der Station saß, was trotz des unangenehmen Ortes, welchem sie aus arbeitstechnischen Gründen leider nicht ausweichen konnte, unweigerlich ein Lächeln auf ihre knallrot geschminkten Lippen zauberte. Und so stöckelte sie nach kurzem Zögern, bis das irritierende Gelächter der beiden abgeklungen war, mit einer Extraportion Glückshormonen bewaffnet leichtfüßig auf die beiden Weißkittelträger zu und reichte einige Mappen extra ganz nah an Dr. Kaan vorbei auf den unbearbeiteten Aktenstapel, der neben Marcs Computer lag. Mehdi folgte der schönen Frau interessiert mit verliebten Strahleblicken, welche Schwester Gabi vorerst aber völlig außer Acht ließ, weil sie sich auf ihren anderen Chef konzentrieren musste, der sie wie immer mit genervtem Gesichtausdruck erwartungsvoll anstarrte und mit heruntergezogenen Augenbrauen unmissverständlich zum wieder Hinausgehen aufforderte, dem sie leider aus bekannten Gründen, die direkt vor seiner Nase saßen und verstrahlt vor sich hin grinsten, nicht Folge leistete.

Marc: Schwester Gabiii?
Gabi (nicht minder begeistert): Dr. Meier! Hier hast du die beiden fehlenden Aktenblätter, die du noch gesucht hast. Waren im Archiv falsch abgelegt worden, aber eine Laborantin konnte sich noch gut an die Patientin erinnern und so sind wir gleich fündig geworden, ohne dort alles auf den Kopf stellen zu müssen. Ich hab dir die Formulare für die Krankenkassen gleich mit reingelegt. Und die Entlassungen für heute sind auch schon fertig getippt. Fehlt nur noch dein Marc Meier drunter und ich kann sie nach Hause schicken. Sie werden langsam ungeduldig. Die Arztbriefe liegen anbei. Ach, und die heutige Post hab ich dir auch gleich mitgebracht. So hab ich Wegegeld gespart. Oder liegt noch was an? Um dein Visum wirst du dich schon selber kümmern müssen, haben die von der Botschaft gesagt. Am besten du checkst die Fakten noch mal mit der Sekretärin vom Professor. Die kümmert sich um alles.
Marc (überrascht, weil sie mitgedacht hat, wird sein Gesichtsausdruck milder): Gut! Ähm... Das ist mein Stichwort. Ich sollte dann auch mal wieder ranklotzen, wenn ich das hier bis zum Wochenende abgearbeitet bekommen möchte.
Gabi (hat ihren Blick bereits abgewandt u. hört ihm nicht mehr zu, weil sie ihren Fokus bereits auf die Person neben sich gelenkt hat, an deren Sessellehne sie sich nun lässig mit beiden Händen abstützt): Und Dr. Kaan, ich hab auf dem Weg hierher deine Kollegen getroffen. OP 1 wäre jetzt wieder frei. Deine Assis bereiten die Patientin schon für den Eingriff vor. In einer halben Stunde kann es losgehen, soll ich dir ausrichten.
Mehdi (strahlt mit ihr um die Wette): Danke, Schwester Gabi! Sehr aufmerksam!
Gabi: Immer wieder gern, Herr Doktor.

...flirtete Schwester Gabi ungeniert zurück und klimperte dabei betont aufreizend mit ihren langen getuschten Wimpern, während sie an Mehdis verschmitztem Grinseblick kleben blieb. Sie konnte sich an seinen tiefgründigen kastanienbraunen Augen einfach nicht sattsehen, die mit diesem gewissen Funkeln, das den attraktiven Halbperser ausmachte, sehnsüchtig zu ihr heraufblickten. Auch Dr. Kaan hatte die schöne Stationsschwester keine Sekunde aus den Augen gelassen, seitdem sie hinreißend wie immer in das Zimmer geschwebt gekommen war und ihn, sicherlich nicht ohne Hintergedanken, leicht am Arm gestreift hatte. Natürlich hatte er reagiert. Er reagierte immer, wenn sie in seiner unmittelbaren Nähe war. Mehdis Antennen waren schließlich ganz auf sie und ihre Bedürfnisse eingestellt. Bella und er befanden sich nämlich immer noch in dieser rosaroten Blase, die das gemeinsame verlängerte Wochenende nur noch mehr verstärkt hatte. Und auch Gabi wippte zunehmend unruhig hin und her und konnte es sich schließlich bei dem charmanten Ausdruck in seinem Gesicht nicht mehr länger verkneifen. Sie stützte sich an der Rückenlehne von Mehdis Sessel ab, beugte sich geschmeidig darüber, strich ihm mit ihren Händen aufreizend über den angespannten Brustkorb und stibitzte ihrem Liebsten über seinen wilden Wuschelkopf hinweg einen innigen Kuss, der auch prompt mit großer Hingabe erwidert wurde. Eine Stunde ohneeinander war einfach eine viel zu lange Zeit, das dachte nicht nur die bis über beide Ohren verliebte Krankenschwester, die sich gerade wie in einem kitschigen Liebesfilm fühlte, und so zog Mehdi seine schwangere Freundin schnell auf seinen Schoß und schloss sie in seine starken Arme, um sie zumindest für die nächsten Minuten nicht wieder loszulassen. Die Gefühle von Marc Meier waren jedoch in dem Moment ganz widersprüchlicher Natur. Seine Augen wurden immer größer, als die beiden Turteltäubchen gar nicht wieder voneinander ablassen wollten. Das war ja kaum noch aushalten, tobte es in ihm und er hielt mit seiner zynischen Meinung natürlich nicht vor dem Tor. Niemand entweihte schließlich sein Büro, außer er selbst und sein Haasenzahn versteht sich.

Marc: Äh... Geht’s noch? Soll ich euch das Zimmer gleich ganz überlassen und gehen?
Gabi (löst sich kurz von Mehdis heißen Lippen, um nach Sauerstoff zu schnappen, u. grient den verdutzten Oberarzt auf der anderen Seite des Schreibtisches ungeniert an): Och du, wenn du so fragst...
Ja, hat man denn Töne! Die nimmt sich aber ganz schön was raus, wenn sie sich in Sicherheit weiß. Aber ich bin stärker und schlagfertiger als Mehdi. Iiihhh! Die fressen sich ja gleich gegenseitig auf. Gut, dass ich heute noch nichts zu Mittag hatte. Das käme jetzt ohne Umweg wieder raus. Und zwar auf ihre Füße. Ich hab bei Gabi eh noch einmal gut.
Marc (deutet unmissverständlich zur Tür): Haha! Ernsthaft!
Mehdi (hat verstanden u. streichelt Gabi noch einmal liebevoll über die Wange, bevor er sie aufstehen lässt): Schade!
Marc (glaubt, sich verhört zu haben, u. guckt noch einmal nachdrücklich zu dem verliebten Trottel rüber, der ihn als Antwort nur dämlich anlacht): Ey!
Gabi (drückt ihrem Schatz noch einmal verliebt einen Kuss auf die Lippen u. sieht dann lachend zu dem grummelnden Chirurgen): Ja! Ach, und Dr. Meier? Falls noch was sein sollte, ich bin dann jetzt erst mal wieder vorne an der Anmeldung im Stationszimmer. Und da ich heute ganz besonders gute Laune habe und endlich wieder starke Geruchsnoten ertragen kann, ohne gleich Toilettenschüsseln umarmen zu müssen, könnte ich mich eventuell sogar noch dazu hinreißen lassen, euch noch eine Tasse frischen Kaffee vorbeizubringen. Also, falls ihr mögt und kein Patient oder sonst was dazwischen kommen sollte. Also, bis gleich! Tüdelü!

Dr. Meier traute seinen Augen und Ohren kaum, als sich die sonst so kratzbürstige und stinkfaule Krankenschwester ungewohnt freundlich und arbeitsam wieder aus seinem Büro verabschiedete. Als Gabi zur Tür heraus war, blickte er seinen besten Freund dementsprechend verdattert an, der ihr gerade sehnsuchtsvoll hinterher schaute, und bekam ein ganz besonders dämliches Grinsen als Antwort. Gott, der verknallte Kerl war echt nicht mehr zu retten, dachte Marc nur und bekam einen leichten Anflug von Mitleid mit ihm. Was hatte sie bloß mit seinem Kumpel angestellt? Der war ja zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Obwohl, es war ja offensichtlich, wieso er sich so verhielt. Honeymoon ließ grüßen!

Marc: Tüdelü? Ähm... Was war das denn gerade? Seit wann ist die denn so scheißefreundlich zu allem und jedem und macht auch mal das, was man ihr aufträgt, ohne dass sie gleich rumzickt und Angst um ihre Fingernägel kriegt? Das ist ja fast schon unheimlich. Gib’s zu! Du hast sie heimlich irgendwo in der Pampa ausgesetzt und mit einem Klon ersetzt, der genauso heiß aussieht, es im Bett ordentlich bringt und dir jetzt auch noch Haushalt und Station schmeißt.
Mehdi (strahlt wie ein Honigkuchenpferd, als sich sein sehnsüchtiger Blick von der Tür wieder löst): Tja, meine Bella ist eben immer für eine Überraschung gut.
Marc (genervt von Mehdis ekelhafter Sonnenscheinstimmung): Bella? Mein Gott, du bist ja noch schlimmer zu ertragen als sie im schwangerschaftshormonellen Überrausch. Dir scheint ja auch die Sonne aus deinem fetten Hintern. Lass mich raten, wieso!

Sein postkoitaler Gesichtsausdruck sagt schon alles. Einmal gut durchgevögelt und das Zicklein fängt an zu zwitschern.

Mehdi (schaut Marc vielsagend an): Ein Gentleman schweigt und genießt.
Marc (verdreht die Augen u. denkt sich seinen Teil): Verstehe!
Mehdi (kann einfach nicht aufhören zu grinsen, bis ihm etwas einfällt u. er in seiner Kitteltasche kramt): Ach, fast hätte ich es vergessen, ich wollte dir doch noch den Hausschlüssel zurückgeben. Deshalb bin ich doch hier. Mit lieben Dank zurück an Phillip. Das schwimmende Haus ist echt ein Traum.
Marc (nimmt den Schlüssel grinsend entgegen u. dreht ihn spielerisch hin u. her): Geschenkt! Das verlängerte Wochenende mit deiner ‚Bella’ war also ein Erfolg auf ganzer Linie?
Mehdi (seine braunen Augen strahlen Marc an): Es hat vier Tage durchgeregnet, wenn du das meinst.
Marc (steckt den Schlüssel kopfnickend in seine Kitteltasche u. lehnt sich wissend in seinem Chefsessel zurück): Mhm... Das perfekte Wetter.
Mehdi (stimmt ihm bei u. schwelgt in Erinnerungen): Uns war auf jeden Fall nicht kalt.
Marc (möchte sich am liebsten die Ohren zuhalten): Schon klar, behalte die Details bitte für dich! Ich hatte heute Morgen schon ein Trauma zu versorgen.

Mehdi (denkt nicht im Traum daran, sich daran zu halten, u. beginnt ungefragt zu erzählen): Du hättest mal Gabis Gesicht sehen sollen. Weißt du, sie hat mich die ganze Fahrt über mit Fragen bombardiert, wohin ich sie wohl entführen möchte, und je mehr wir in die brandenburgische Provinz eingetaucht sind, umso unruhiger und stiller wurde sie. Es war faszinierend zu beobachten, wie sie innerlich langsam zu kochen anfing. Sie hat echt noch bis zum letzten Moment geglaubt, ich hätte sie überlistet und wir würden uns doch auf einem dreckigen, dunklen, verlassenen Campingplatz im Wolfsland einquartieren.
Marc (lacht u. hat die Bilder direkt vor sich): Bei dir und deinem Kontostand muss man ja auch die Erwartungen runterschrauben. Zelt und Dosenfraß anstatt Luxusspa und Kaviar. Die Frau lernt es nie.
Mehdi (leicht eingeschnappt zischt er zurück): Witzig, Marc!
Marc (grinst gleich noch mehr, je länger er in Mehdis verkniffenes Gesicht blickt): Jep! Das ist es immer wieder, wenn ich höre, dass du freiwillig Zeit mit ihr verbringst.
Mehdi (lässt sich aber nicht ärgern u. schlägt wachsam zurück): Ja, ich genieße die Zeit mit meiner Freundin. Ist das wirklich so verwunderlich? Oder wer starrt hier sekündlich zur Tür und hofft, dass Gretchen wieder hereinkommt?
Marc (jetzt spielt er die beleidigte Leberwurst): Ey! Gar nicht!
Mehdi (grinst wissend u. erzählt munter weiter): Jedenfalls sind wir dann an dieser Lichtung vorbeigekommen und konnten es schon von weitem im Wasser leuchten sehen. Wahnsinn! Die Kulisse. Die Farben. Das viele Glas. Da hat sich dein Golfkumpel echt selbst übertroffen mit den Entwürfen. Minimalismus. Den Rest übernimmt die Natur. Die Abendsonne spiegelte sich gerade in den Fenstern. Das Haus wiederum im See. Bella hat den Mund nicht mehr zubekommen, als sie realisiert hat, dass wir am Ziel unserer kleinen Reise angekommen waren. Sie war so happy und endlich wieder unbeschwert nach dem Stress und den Schwangerschaftsproblemen in letzter Zeit. Die Auszeit hat ihr richtig gut getan. Sie ist richtig aufgeblüht, aber das hast du ja gerade selbst erlebt.

Ja, das ist schon ne geile Hütte. Ich hätte echt Bock, mit Haasenzahn gleich noch mal hinzufahren und das gleiche Programm, das er mit der Kratzbürste gerade hatte, durchzuziehen, aber das geht ja leider nicht. Aber vielleicht wenn ich aus den Staaten zurück bin? Franz müsste ja nicht wissen, wenn ich nen Flieger eher nehmen würde, um mit seiner Tochter noch ein bisschen im Nirgendwo zu schippern.

Marc (schwelgt in seinen eigenen Fantasien, während er weiter mit Mehdi flachst): Ja, es kann so befriedigend sein, wenn sie mal ihre vorlaute Klappe hält. Schenke ihr ein bisschen Luxus und Mademoiselle ist für die nächsten Monate zufrieden. Bis sie wieder mehr will. Aber du kannst gerne den Schlüssel wiederhaben, wann immer du willst. Phillip braucht ihn eh momentan nicht, um seine Ischen zu beeindrucken, weil er in Dubai ist und dort irgend so einen Hoteltempel hochzieht, anstatt mit mir wieder ne Partie zu golfen und zu verlieren.
Mehdi (zwinkert ihm zu): Danke fürs Angebot. Ich komm darauf zurück.
Marc (kann das Sticheln nicht lassen): Ich weiß doch, wie knapp bei Kasse du bist. Sieh es als kleine Spende an. Eine gute Tat pro Halbjahr muss schon drin sein.
Mehdi (funkelt zurück): Du wirst wohl nie aufhören, darin herumzubohren, oder? Du bekommst dein Geld wieder. Jeden einzelnen Cent. Das weißt du. Die letzte Rate hab ich dir erst letzten Monat überwiesen.
Marc (hebt seine Hände in Unschuldspose, bis ihm etwas einfällt u. er seinen Finger direkt auf Mehdi zeigt): Ja, jetzt krieg dich wieder ein! Ich werde mit dir ganz bestimmt nicht um Geld streiten. Denn das hab ich damals auch in eine gute Sache investiert. Dafür muss ich zwar jetzt Gitarrenstunden geben, aber egal. Meine gute Tat vom letzten Jahr. Ich hab nämlich eigentlich wegen einer anderen Geschichte noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen, Mehdi.
Mehdi (blickt ihn arglos an): Wieso?

‚ONKEL MAAARC? JUHUUU! Hast du mich denn nicht gesehen, Onkel Marc? Wolltest du dich vor mir verstecken? Du bist ja lustig. Ich hab doch die ganze Zeit gewunken. Weißt du, was der Papa mir und der Mama verraten hat? Das ist ja SOOOOO toll, dass Gretchen AUCH SCHWANGER ist. Hallo GREEETCHEN! Wie ist das denn mit zwei Kindern im Bauch? Ist das nicht voll eng? Tut das weh? Papas Freundin hat ja schon mit einem viel zu tragen, so oft wie sie auf Toilette muss. Hihi! Aber das ist so aufregend. Ich kann’s kaum erwarten, bis sie da sind. Dann können mein Geschwisterchen und die Zwillinge zusammen spielen und ICH pass auf, dass sie keinen Unsinn machen. Abgemacht?’ ... Gott, diese kleine Kröte! Unfassbar! Ich wünschte, ich könnte ihr böse sein, aber es geht nicht. Aber wofür hab ich ihren Daddy? Wie verpeilt der schon wieder guckt. Herrlich!

Marc (versucht, ein besonders betroffenes Gesicht zu machen, aber immer wieder kommt das Schmunzeln durch): Es ist ein Meter fünfunddreißig groß, trägt vorwiegend Lilalauneklamotten, hat hellbraune Haare und eine große Klappe bis zum Mond. Und klingelt’s? Bei mir in den Ohren nämlich schon. Weil eine gewisse kleine, vorlaute Dame, die ungefähr achtzig Prozent deiner Gene weiterverarbeitet, hier mal schön vor versammelter Frühschichtbelegschaft rausposaunt hat, was Sache ist. Noch bevor Bärbel es brühwarm jeder ihrer Kolleginnen weitertratschen konnte und Franz auf der Teamversammlung am Montagnachmittag auch das Wundertütchen hat platzen lassen. Weißt du, mir reicht schon eine schwangere Freundin, die mir so lange was vorquatscht, bis man nur noch einknicken kann und seltsame Sachen mitmacht, aber eine beleidigte Schwiegermutter, die um ihren Omaruhm gebracht wurde, weil eine kleine Kröte mit Unschuldsmiene schneller war, ist dann doch ein ganz anderes Kaliber. Vielen Dank noch mal, Alter!
Mehdi (lacht herzlich auf): Bei Bedarf immer wieder gern. Lilly hat mir die Geschichte jedoch etwas anders erzählt. Eine kleine Knuddelumarmung vor deinem Büro, ein geteiltes Snickers und drei gewonnene Partien Mau-Mau. Sie wollte doch nur ihre Freude mit euch teilen. Babys sind gerade ein Riesenthema für sie. Du weißt, wieso. Sie ist völlig aus dem Häuschen deswegen.
Marc (der Ärger ist schnell verflogen, als er an die süße Begegnung zurückdenkt): Papperlapapp! Dass ihr Kaan-Mädels euch zu verteidigen wisst, ist mir schon klar. Das kenne ich ja auch nicht anders von dir. Mann, wir wollten es langsam angehen lassen und vielleicht mal flüchtig so nebenbei einen Satz dazu ablassen, wenn ihn jemand hätte hören wollen. Aber nein, Prinzessin Lillyfee hatte schon beste Arbeit geleistet. Der Montag war jedenfalls ein echter Spießrutenlauf für mich und Haasenzahn und ein faszinierendes Exempel, wie schnell doch die Nachrichtenkette hier im Haus funktioniert. Wenn es doch im Medizinischen mit den Assipfeifen auch so gut laufen würde. Da braucht es echt kein Whatsapp mehr. Wir waren noch nicht mal bei unserer ersten Patientin im Zimmer, da wusste die schon Bescheid. Und sie war gerade fünf Minuten vorher eingeliefert worden. Also behalte deine Geheimnisse in Zukunft für dich und tratsche sie nicht gleich an deine Weiber weiter.
Mehdi (gibt sich völlig unbeeindruckt): Ich wusste nicht, dass es geheim bleiben sollte. Mein letzter Stand war, als Gabi und ich zum Haus am See aufgebrochen sind, dass euer Gespräch mit euren Eltern kurz bevor stand. Die wunderbaren Neuigkeiten wären also sowieso spätestens bis heute schon von ganz alleine durchgesickert. Trotzdem noch mal herzlichen Glückwunsch! Aber ich hab ja auch auf euch gewettet, dass ihr die Überraschungstüte vor euren Familien endlich auspackt. Ich bin stolz auf euch. Ganz besonders auf dich.
Marc (verschränkt eingeschnappt seine Arme vor seinem Körper u. lehnt sich in seinem Sessel zurück): Klugscheißer!
Mehdi (grinst ihn frech an): Tja, von irgendwoher muss Lilly es ja haben.

Boah! Die Knalltüte genießt das richtig. Pass bloß auf, dass du an deinem dämlichen Grinsen nicht erstickst. Ich reanimiere dich bestimmt nicht, aber ich kann dir ja einen Assi aus dem ersten Lehrjahr herschicken, der das übernimmt. Die träumen doch immer von so Szenen, wo sie einen Kugelschreiber zücken können. Hähä!


Marc (funkelt mit Ameisenblick zurück): Witzig! Zum Glück kommt sie humormäßig nicht nach dir. Ach ja, damit wären wir ja auch genau beim Thema, mein Freund. Bevor du abhaust, hättest du mich wenigstens vorwarnen können, dass deine Frau wieder in Berlin ist. Was sagt eigentlich Gabi dazu? Seid ihr deshalb so schnell in die Pampa abgedüst, damit sie ihre Krallen nicht ausfährt? Konkurrenz liegt ihr nicht oder schon vergessen, was sie damals mit Gretchen abgezogen hat?
Mehdi (überrascht vom Themenwechsel): Anna war hier bei dir?
Marc (verleiert die Augen): Bist du noch mit jemand anderem verheiratet, du Eunuch?
Mehdi: Noch verheiratet, Marc. Bis nächsten Monat.
Marc (zuckt unbeeindruckt mit seinen Schultern): Das hebt die Tatsache immer noch nicht auf, Mehdi. Aber ich muss zugeben, das wilde Leben eines Playboys steht dir. Kaschiert deine ansonsten weibliche Seite.
Mehdi (sieht ihn nachdrücklich an, als er sich leicht über den Schreibtisch beugt u. sich mit seinen Ellenbogen abstützt): Haha! Und?
Marc (steht für eine halbe Sekunde auf dem Schlauch, dann versteht er seinen eindringlichen Blick): Und was? Die ärztliche Schweigepflicht gilt auch gegenüber Noch-Eheleuten. Was hast du eigentlich in deinem Medizinstudium gelernt außer Häkelarbeit und den neusten Tratsch und die Diättipps aus der „Brigitte“?
Mehdi (lehnt sich wieder zurück in seinen Sessel): Trotzdem, auch wenn wir uns bald scheiden lassen, heißt das nicht, dass ich mich nicht trotzdem noch für sie verantwortlich fühle.

Oh bitte, fang nicht wieder damit an! Alter, dein Verantwortungsgefühl in allen Ehren, aber irgendwann muss auch mal Schluss damit sein. Du kannst es nicht allem und jedem recht machen.

Marc (zieht unter dem Aktenstapel eine Akte heraus u. blättert sie gelangweilt durch): Anna ist für ihr eigenes Leben selber verantwortlich, Mehdi.
Mehdi: Marc!
Marc (seufzt u. gibt nach): Es ist alles okay, wenn du das hören wolltest. Überraschend, nein, nicht überraschend, erwartungsvoll gut. Aber sie ist ja auch vom Besten der Besten operiert worden. Deine Frage erübrigt sich also.
Mehdi (lächelt ihn an): Danke!
Marc (nickt leicht mit dem Kopf u. legt die Akte auf den bearbeiteten Stapel zurück): Aber sie sollte es ruhiger angehen. Jetzt nicht unbedingt mit Lilly. Die beiden waren ja kaum zu trennen, als sie neulich zusammen hier waren und uns bloßgestellt haben. Aber ich weiß nicht, ob der Job in der Kneipe das richtige für sie ist. Zumindest nicht zum Anfang. Sie hätte die letzte Woche in der Reha noch vollmachen sollen, anstatt da frühzeitig die Segel zu streichen.
Mehdi: Sie hat es ohne Lilly nicht mehr länger ausgehalten. Und sie will nun mal auf eigenen Beinen stehen.
Marc: Das tut sie ja dank meiner göttlichen Hände auch. Und den Rest übernimmt die Physio hier im Haus. Ich hab das geklärt.
Mehdi (lächelt erleichtert): Das hört sich doch gut an.

Marc (liest zwischen den Zeilen): Und, ist es nicht komisch, dass sie wieder hier ist und bleibt? Du warst entspannter, als sie noch auf Abstand war.
Mehdi (wie aus der Pistole geschossen): Lilly braucht ihre Mutter.
Marc (hakt interessiert nach): Und du? Keine sonderbaren Gefühlsausfälle, seitdem sie bei dir auf der Matte gestanden hat?
Mehdi (sieht ihn unwirsch an): Wir wissen beide, dass es vorbei ist, aber für Lilly wollen wir nur das Beste. Ich weiß, dass es funktionieren wird.
Marc (hat immer noch ein ungutes Gefühl, aber überspielt es, Mehdi zuliebe): Das weiß man bei Frauen nie, aber mir gefällt der optimistische Mehdi. Der ist nicht so nervig wie das Nervenbündel, das mir letztes Jahr ständig an den Hacken geklebt und mir die Bude voll geheult hat.
Mehdi (verdreht die Augen u. lässt die Sticheleien gekonnt an sich abprallen): Du bist ein wahrer Freund.
Marc (die Gefühlsduselei ist ihm dann doch zu viel u. er geht wieder zur Tagesordnung über): Und du bist Arzt. Also behauptest du zumindest. Du solltest mal wieder was tun für dein Geld, das du mir dann rücküberweisen kannst, um von deinen Nuttenschulden bei mir runterzukommen. Was ist das nur, dass heute jeder stundenlang bei mir rumhängen muss, als wäre ich die Bahnhofsmission. Kein Wunder, dass ich zu nichts komme heute. Dabei haben Haasenzahn und ich heute Nachmittag noch was vor. Ich sag nur Autohaus. Yeah!
Wenn ich es geschickt drehe und wir mit der Karre aus der Stadt rausfahren, könnte ich vielleicht um den Babykram noch herumkommen. Obwohl... Vielleicht... Ach, ich weiß nicht.
Mehdi (zwinkert ihm wissend zu, dann hört er plötzlich ein vertrautes Geräusch aus seiner Kitteltasche, woraufhin er nachschaut): Meinst du mit jeder, Gretchen? ... Oh! Warte! ... Das war mein Pieper. Ich muss. Der OP ist jetzt endlich bereit. Brauchst du mich noch?

Auch wenn er sich gerade so richtig gemütlich in Marcs Sprechzimmer eingerichtet hatte, der Krankenhausalltag machte auch vor einem Dr. Kaan im Nachurlaubsmodus nicht halt. Zwei Abszesse und eine künstliche Befruchtung standen heute noch auf seinem Plan. Er sprang auf, ging um den Schreibtisch herum und klopfte Marc noch einmal ermutigend auf die Schulter und machte sich dann auf, zu gehen. An der Tür drehte er sich jedoch noch einmal zu seinem Freund und Kollegen um, der daraufhin verwundert hinter seinem Aktenberg hervorschaute.

Mehdi: Übrigens schön, dass ihr was zusammen macht. Die Ablenkung wird ihr bestimmt guttun, um nicht zu viel darüber nachzudenken, dass du bald weg bist. Du solltest dir vielleicht etwas Besonderes überlegen, um ihr den Abschied leichter zu gestalten. Sie gibt sich hier vor uns allen vielleicht stark, aber im Grunde wissen wir doch beide, dass ihr es ohneeinander nur schwer aushaltet. Irgendwas Schönes. Du bist doch ein schlaues Kerlchen. Dir fällt bestimmt noch was Besseres ein als ein Besuch im Autohaus.
Marc: Äh... Wann genau hatte ich dich eigentlich um Rat gefragt?

...wollte Marc noch genervt kontern, aber da war der Besserwisser der Station schon grinsend zur Tür hinausmarschiert. Und ehe er darüber nachdenken konnte, was Mehdi soeben ungefragt vorgeschlagen hatte, trat an dessen Stelle Bärbel Haase, die gerade zufällig den Flur entlang gelaufen gekommen war. Mit einer Mappe, die sie krampfhaft gegen ihre Brust gedrückt hielt, blieb sie vor seinem Schreibtisch stehen und Dr. Meier musste sich stark darum bemühen, nicht genervt die Augen zu verdrehen. Das war ja wirklich wie in einer Bahnhofshalle heute. Womit hatte er das eigentlich verdient? Er war Chirurg, Oberarzt und hatte, weiß Gott, etwas Besseres zu tun, als sich den nächsten Vortrag anzuhören. Also lauschte er auch nur mit halbem Ohr, was die rothaarige Frau zu sagen hatte. Es kam ja meistens nichts Sinnvolles dabei heraus, so wie er Gretchens eigenwillige Mutter kannte.

Bärbel: Ich störe doch nicht, Marc, oder? Ich wollte nur Bescheid geben, dass wir schon fast hundert Unterschriften zusammen haben.
Marc (schaut sie leicht überfordert an): Unterschriften?
Bärbel (wackelt demonstrativ mit den Unterschriftenzetteln vor seiner Nase herum): Na, für die Betriebskindertagesstätte hier am Elisabethkrankenhaus. Es sieht sehr gut aus. Der Vorschlag ist super angekommen bei der Belegschaft. Wenn wir die Zahlen noch einmal verdoppeln, kann die Verwaltung nicht mehr nein sagen. Und wie sollte sie auch, die Zahlen sprechen doch für sich. Gerade wenn die Tochter des Klinikchefs, die Stationsärztin, gleich doppelt schwanger ist. Von den anderen Kolleginnen wie der Frau Dr. Hassmann ganz zu schweigen. Und es gibt ja auch noch diese Fördermöglichkeit von der Stadt. Wir müssen nur schnell sein mit den Anträgen. Sie gilt nur noch für diesen Monat. Warum bin ich nur nicht schon viel eher darauf gekommen, dass genau das an unserem Haus noch gefehlt hat? Gerade wo wir doch hier so viel Wert auf die Familie legen, liegt es doch nahe. Ihr hätte mit der Schwangerschaft gleich zu uns kommen sollen, Marc.
Äh... Klang das jetzt etwa wie ein Vorwurf? Ey, vor ein paar Wochen hätten wir doch noch gar nicht gedacht, wo wir heute stehen würden. Verrückt, aber schön. ... Schön? Was Schönes? Mhm... Mehdi! ... Butterböhnchen! ... Das ist es!
Marc (hört ihre Worte nur noch in seinen Ohren rauschen): Ähm... Tja, äh... Das hat uns eben alle überrascht. Du... Bärbel, wo wir gerade beim Thema sind, ähm... du hast da neulich auf unserer Überraschungsfeier was gesagt, das ähm... Was meinst du, wie schnell würde sich das umsetzen lassen, wenn ich Gretchen heute den ganzen Nachmittag ablenken würde? Du hättest auch freie Hand bei der Ausführung.

...kam Marc plötzlich spontan eine Idee in den Sinn, um Gretchen vor seiner Abreise noch eine kleine Freude zu breiten. Bärbels geschäftsträchtiges Gesicht erhellte sich sofort und sie war in ihrem Eifer nicht mehr zu bremsen.

Bärbel: Du meinst...?
Marc (streicht sich leicht verlegen über seinen Dreitagebart): Jep!
Bärbel: Etwas, womit sie sich wohlfühlt, während du dich weiterbilden lässt? Eine wunderbare Idee! Die hätte von mir sein können.
Marc (starrt sie entgeistert an): Äh... Zu niemandem ein Wort!
Bärbel: Lass das mal die Mutti machen! Du kannst doch sicherlich Jochen für den Rest des Tages auf Station entbehren, oder, Marc?

Bedächtig strich sich Bärbel eine Haarsträhne hinters Ohr und schaute ihren Schwiegersohn in spe in gespannter Erwartung an. Dass die Ideen in ihrem Kopf nur so sprossen, war ihr deutlich anzusehen. Und nur mit einem mulmigen Gefühl konnte sich Marc dazu durchringen, ihr den Wohnungsschlüssel zu geben, den sie förmlich an sich riss, bevor sie auf flinken Füßen und mit einem seltsamen Grinsen im Gesicht sein Büro wieder verließ und ausgerechnet ihrer Tochter in die Arme lief, die gerade an die Tür klopfen wollte und nun in der Bewegung innehielt.

Gretchen: Mama? Wolltest du zu mir?
Bärbel (um keine Ausrede verlegen): J...ein! Ich Dussel hab doch glatt vergessen, dass ihr beide schon unterzeichnet habt. Ich... muss weiter. Termine! Termine! Bis später!
Gretchen: Bis... später, Mama?

Gretchen schaute ihrer übereifrigen Mutter verwirrt hinterher, konzentrierte sich dann aber auf ihren Lieblingsoberarzt, der ertappt aufgesprungen und auf sie zugelaufen gekommen war, um sie von seiner Komplizin zu trennen. Na, wenn er das mit Bärbel mal nicht bereuen würde, dachte der Chirurg nur und drückte seiner Süßen spontan einen kleinen Kuss zur Ablenkung auf die Lippen, der freudig erwidert wurde. Ablenkungsmanöver geglückt. Nicht nur bei ihr. Auch seine anfängliche Anspannung löste sich sofort in Luft auf, sobald er ihre süßen Erdbeerlippen spürte. Lächelnd legte sie ihre Arme um seine Schultern und stolperte mit ihm kichernd zurück zum Schreibtisch.

Gretchen: Endlich hat Mama ein Projekt, das ihr so richtig liegt.
Marc (glaubt, sie hätte ihn durchschaut, u. guckt dementsprechend bedröppelt): Was?
Gretchen (merkt ihm seine Verunsicherung nicht an u. versucht, ihn mit ihrer Begeisterung anzustecken): Du glaubst nicht, wie toll die OP war, Marc.
Marc (blickt verwirrt in ihren leuchtenden Augen hin und her, weil es ihm schwerfällt, ihren Gedankensprüngen zu folgen): Ja?
Gretchen (grient ihn an u. küsst ihn erneut sanft auf die Lippenspitzen): Okay, ich weiß, Marias OPs liegen nicht unbedingt in deinem Interessenspektrum, aber ich wollte es nur gesagt haben. Es ist alles gut gelaufen. Wir setzen übermorgen noch den Hirnschrittmacher ein und dann kann unser Patient hoffentlich wieder ein einigermaßen eigenständiges Leben führen. Hoffentlich klappt das mit den anderen Probanten auch so gut. Ich bin noch so voll Adrenalin, dass ich mir gedacht habe, vielleicht helfe ich dir ja doch, damit wir hier schneller fertig werden mit deinem Papierdurcheinander.
Marc (völlig von ihr u. ihrer ganzen Art eingenommen): Ach? Auf einmal doch?
Gretchen (schmiegt sich verführerisch an ihn): Ja, ich bin nämlich eine sehr aufmerksame Freundin. Ich erkenne die Zeichen. Und na ja, ich gehe Maria lieber für den Rest des Tages aus dem Weg. Ich hab mich nämlich für ihren Geschmack ein bisschen zu sehr bei ihr und Cedric eingemischt. Dabei hat sie mit dem Thema von ganz alleine angefangen. Du hättest die beiden mal erleben müssen. Das...
Marc (unterbindet aus Desinteresse ihr Gequassel mit einem fordernden Kuss): Gut! Genug gefaselt! Dann ähm... ja, übernimmst du die Krankenkassen und ich den Rest. So viel ist es ja auch nicht mehr. Dann können wir los. Aber wir fahren zuerst ins Autohaus. Damit ich auf denselben Adrenalinspiegel komme wie du.

Entschlossen schob der Chirurg die schmunzelnde Stationsärztin auf den Platz, auf dem eben noch Mehdi gesessen und ihn voll gelabert hatte, und wandte sich anschließend wieder dem Berg an Arbeit zu, der auch mit Nichtstun nicht kleiner werden würde. Sie hatten heute schließlich noch so einiges vor und so langsam begann er Gefallen daran zu finden, wie er sich die Freizeitgestaltung für heute Nachmittag vorstellte. Hoffentlich klappte das auch mit der Überraschung für Gretchen und er hatte kein Eigentor geschossen. Und auch Gretchen freute sich schon riesig darauf, mit Marc im Babyladen zu stöbern und in einem schnellen Flitzer die Straßen Berlins zu erobern. Schon komisch, wie leicht sich das Leben doch anfühlte, wenn man schwanger war und alles in den schönsten und buntesten Farben sah. Konnte es noch besser werden?

Lorelei Offline

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06.02.2016 13:36
#1556 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Stunden später

Ja, konnte es! Es konnte noch besser werden. Noch traumhafter. Noch toller und unvergesslicher. War das Leben nicht schön? Schöner, als sie es je in ihrem Tagebuch mit blumigen Worten hätte festhalten können. Der ganze restliche Tag hatte sich für Dr. Margarethe Haase einfach nur wie ein unendlich schöner Traumtag angefühlt. Obwohl neben der üblichen Routine im Krankenhaus eigentlich gar nicht so viel passiert war. Aber sie hatte den Nachmittag mit ihrer großen Liebe Marc Meier verbracht. Das war doch die Hauptsache bei der wenigen Freizeit, die sie als viel beschäftigte Ärzte gemeinsam teilten. Also hatte sie guten Grund, fröhlich zu sein und es auch dauerhaft zu bleiben. Kein Wunder, dass die schwangere Stationsärztin in ihrer grenzenlosen Euphorie auch jetzt noch nicht mehr zu bremsen war. Sie ließ sämtliche bunte Einkaufstüten an Ort und Stelle fallen und fiel ihrem überrumpelten Schatz spontan um den Hals, um ihn zum wiederholten Male an diesem Tag zu herzen und zu busseln, als dieser gerade im hauseigenen Parkhaus den Fahrstuhl nach oben in Bewegung setzen wollte. Überrascht von der plötzlichen Haasschen Gefühlsattacke taumelte Marc rückwärts und stieß mit seinem Ellenbogen gegen die Etagenschalter und konnte so nicht mehr verhindern, dass sämtliche Knöpfe auf einmal gedrückt wurden, inklusive desjenigen, der den Türschließmechanismus blockierte. Der Aufzug bewegte sich dementsprechend nicht mehr vom Fleck und weder Marc noch Gretchen bekamen mit, dass sie gar nicht in Richtung ihres gemütlichen Penthauses unterwegs waren, weil sie in dem Moment nur noch Augen für sich hatten und schließlich beflügelt von dem schönen Tag wie kleine Kinder kichernd in einem stürmischen Kuss versanken, bis das endorphinüberschüttete Häschen dem leidenschaftlichen Kusspartner aus Versehen auf die Füße hüpfte, weil es sehr zum Nachteil des allgemeinen Meierschen Gesundheitszustandes mit seinem Energieüberschuss mal wieder nicht wohin gewusst hatte.

Reflexartig wich das eng umschlungene Paar auseinander und Gretchen biss sich verlegen auf die eben noch geküsste Unterlippe, die immer noch warm von Marcs aufregenden Liebesbekundungen war. Die junge Dame mit dem Hang für Tollpatschigkeiten aller Art konnte aber ihr fröhliches Dauergrinsen einfach nicht abstellen, weil sie gerade unheimlich glücklich war und das auch mit jeder ihrer Poren nach außen hin ausstrahlte. Das stimmte letztlich auch ihren verstimmten Grummelkönig schnell wieder milde, der schon mit aufgelegtem Ameisenblick und erhobenem Oberarztzeigefinger lospoltern wollte. Dr. Meier war nämlich im Gegensatz zu seiner hormonüberschütteten Herzprinzessin schon den ganzen Nachmittag über leicht bis mittelschwer gereizt gewesen, weil er seiner Süßen aus Gründen, die er sich überhaupt nicht erklären konnte, komplett das Ruder überlassen hatte, ohne dass sie auch nur einmal überlegt hatte, es ihm zumindest in einer elementaren Hinsicht wieder zurückzugeben. Er hatte keine Ahnung, wie das hatte passieren können. Aber er hatte sich zurückgehalten. Er war cool geblieben. Er hatte es still und auch mal maulig laut ertragen und hatte das hyperaktive Häschen schalten und walten lassen. Schließlich hatte der Schelm ja noch eine Sache im Hinterkopf, die er zwar auch freiwillig aus unerfindlichen Gründen in weibliche Hände gelegt hatte, aber für den niedlich verpeilten Ausdruck in Gretchens Gesicht und ihre ihn anleuchtenden himmelblauen Augen hätte er alles über sich ergehen lassen. Kontrollverlust wie auch einen Häschenpfotenabdruck auf seinen ausgelatschten gelben Chucks. Konnte es sein, dass Haasenzahn bereits schwerer geworden war, fragte sich Marc und wackelte vorsichtig nacheinander mit jeder seiner malträtierten Zehen, die zum Glück, wie der versierte Mediziner sogleich festgestellt hatte, alle heile geblieben waren. Gretchens sichtliches schlechtes Gewissen wirkte jedenfalls wie Musik in seinen Ohren und er verfolgte gebannt ihren unsicheren Entschuldigungsversuch. Natürlich ließ er sie zappeln. Sonst wäre er ja auch nicht Marc Meier. Rache war bekanntlich süß und dieses Attribut zierte seinen Goldengel nun mal in jeglicher Hinsicht. Jetzt im düsteren Schein der Parkhausbeleuchtung ganz besonders.

Gretchen (verlegen): Tschuldigung! Aber ich bin noch so berauscht und voller Energie. Also wenn es nach mir ginge, könnten wir sofort noch einmal los.
Marc (blickt ironisch auf): Merkt man... überhaupt nicht, du... Duracell-Ha(a)se. Und wenn, dann vielleicht auf dem Blitzerfoto. Ich hoffe, du hast da auch so niedlich verpeilt gelächelt wie jetzt. Kriegt einen Ehrenplatz in unserer Ahnengalerie.
Gretchen (bekommt ganz rote Wangen): Meinst du wirklich, die haben uns erwischt? Aber ich hab doch gar niemanden gesehen. Gut, ich hab ja auch nicht gemerkt, wie schnell ich eigentlich unterwegs war. Und so schnell war es ja jetzt auch nicht. Im Grenzbereich vielleicht. Aber er fährt sich nun mal auch so toll.
Marc (zuckt gespielt unbeeindruckt mit den Schultern u. bemerkt hinter ihr in der Tiefgarage auf seinem Stammparkplatz jenen besagten Wagen): Du, keine Ahnung! Du lässt mich ja neuerdings gar nicht mehr mitreden.
Gretchen (legt wissend grinsend ihre Hand an seine stoppelige Wange, die sie nun übertrieben liebvoll tätschelt): Och, mein armer, armer Marc, zum Beifahrer degradiert. Wie furchtbar! Nein, das ist wirklich eine ganz, ganz schlimme Geschichte. Wie kann ich das nur je wiedergutmachen?

Dieses kleine, süße, hinterlistige Biest! Denkt tatsächlich, sie könnte mich so leicht um den Finger wickeln. Aber nicht mit Dr. Marc Meier! Ich war schließlich derjenige, der sie in den Autoladen geschleift und ganz subtil auf die Karre da hingewiesen hat. Nicht andersherum!

Marc funkelte seine freche Freundin mit seinen smaragdgrünen Augen herausfordernd an, packte sie an ihrer Hüfte und zog das Grinsemädchen mit ordentlichem Schwung zu sich heran, um dann geschwind seine versierten Chirurgenhände in den rosafarbenen Manteltaschen verschwinden zu lassen, um darin zu suchen, was er zu finden glaubte und auch tatsächlich gleich auf Anhieb entdeckte. Eine Sekunde später hielt er ihr schon seinen Triumph direkt vor die Nase. Sehr zum Ärger der unachtsamen Chirurgin, die gar nicht gleich gecheckt hatte, was der Schelm mit ihr vorgehabt hatte. So sehr hatten nämlich seine unmittelbare Nähe und sein betörender Duft ihre Sinne vernebelt. Wie konnte man(n) nur so hinterlistig sein? Aber Gretchen kannte Marc Meier ja auch nicht anders. Schließlich hatte sie sich schon mit elf Jahren zum ersten Mal in eben jene süße Grübchen verliebt, die sie nun auch wieder förmlich ansprangen und in den Bann zogen.

Marc: Du, ich hab schon alles, was ich will.
Gretchen (versucht den geklauten Autoschlüssel wiederzubekommen, aber der gemeine Kerl hält seine Hand viel zu hoch): Marc, du bist gemein. Gib ihn mir zurück! Das ist meiner!
Marc (weicht ihr geschickt aus u. tänzelt von der Fahrstuhltürschranke feixend über die vielen Papiertüten hinweg in die andere Ecke des Aufzuges): Ist es nicht! Oder was steht hier drauf? Margarethe Haase? Nein! Kann ich nicht entdecken. Ich lese hier nur Autohaus Schmitzke.
Gretchen (stolpert über den Henkel einer der Tüten u. landet weich in Marcs Armen): Klugscheißer! Huch...
Das hätte aber auch schiefgehen können. Peinlich, Gretchen, echt peinlich!
Marc (zieht den Tollpatsch in eine Krakenumarmung u. hält ihn beschützend fest, während er sich in den blauen Funkelaugen verliert, die ihn herausfordernd anblitzen): Raserin! Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Aber ich muss zugeben, ich finde es echt heiß, wenn ich dich zu verbotenen Dingen animieren kann. Mhm... Das ist genau der Punkt, an dem wir gleich oben ansetzen können.
Gretchen (schlingt ihre Arme anmutig um seinen Nacken u. presst sich ganz nah an den Frechdachs heran, dem sie am liebsten für seine Frechheiten die Ohren langziehen möchte): Mein lieber Marc, als Ärztin muss man sich schnell fortbewegen können, wenn man rechtzeitig an Ort und Stelle sein möchte. Deshalb kann ich ja auch RTW fahren. Und wenn ich dich erinnern darf. Wir hatten ausgemacht, dass ICH die Testfahrt unternehmen werde, während du dich um den ganzen Technikkram kümmerst, was du ja auch ausführlich getan hast.

Miss Schlaumeier hat gesprochen. Die Betonung liegt auf ‚Meier’! Niedlich, wenn sie glaubt, sie sei die Selbstbewusstere von uns beiden. Ärzte dürfen also rasen. Schon klar? Und was war dann der Notfall? Dass deine beiden Mitbewohner in sechs Monaten ausziehen wollen und du ja bislang eher keine von der schnelleren Sorte gewesen bist? Zumindest wenn man bedenkt, wie lange du für deine Doktorarbeit gebraucht hast. Oder weil ich panisch von diesen bekloppten Vollidioten in dem Babyladen flüchten wollte? Okay, ja, das war ein echter Notfalleinsatz.

Marc (genießt ihre verführerische Nähe sehr u. spielt ihr Spiel gerne mit, in dem bekanntlich er immer der Meister ist): Äh... Hallo? Wenn wir schon kostbare Fracht transportieren, dann werde ich ja wohl sichergehen, dass vorher alles ordentlich gecheckt wird.
Wie süß er sich um uns sorgt. Hach... Aber man muss es ja auch nicht gleich übertreiben. Pff! Männer und ihre Spielzeuge! Das alte Thema, wer schwingt die größere Keule.
Gretchen (verdreht trotzig ihre schönen, blauen Augen): Marc, der Verkäufer war danach klein mit Hut. Er hätte uns alles versprochen, damit du ihn endlich wieder aus der Mangel lässt. Ist es eigentlich die Regel, dass man ihnen neben den Winterreifen auch gleich noch Kindersitze abschwatzt?
Marc (der Oberlehrer in ihm meldet sich aufs Stichwort): Wenn die das Ding, das sie loswerden wollen, schon Familienkarre taufen, dann ist das ja wohl das Mindeste. So was nennt sich Service am Kunden. Und der war miserabel. Zumindest bis wir bei Schmitzkes gelandet sind. Eigentlich hätte ich noch nen Kinderwagen draufsetzen wollen, der an die Fahrzeuggegebenheiten angepasst wird, aber noch ist hier ja noch gar nichts gekauft.
Gretchen (schaut sich in dem engen, stählernen Raum um u. blickt auf die vielen Taschen, von denen eine noch die Fahrstuhltür blockiert): Doch!
Marc (folgt ihrem Blick u. muss lachen, dann kommt er ihrer Bitte nach u. zieht die Tüte in den Aufzug, damit sie endlich starten können): Und wer ist hier noch mal die Klugscheißerin?
Gretchen (lehnt sich grinsend gegen seinen Oberkörper u. nimmt ihm die Papiertüte ab, um kurz hineinzulinsen): Eins zu eins, würde ich sagen.
Marc (blickt sich um, nachdem sich die Türen endlich schließen u. fokussiert eine Tüte nach der anderen mit seinem Besserwisserblick): Äh... Ich will dir ja nicht widersprechen, Haasenzahn, weil... Das tue ich ja bekanntlich nie.
Gretchen (drückt die Einkaufstüte gegen ihre Brust u. kommentiert kleinlaut): Türlich!
Marc (knufft sie in die Seite u. lacht mit ihr mit): Aber Mathe war ja noch nie so deins, nicht? Also für mich und Adam Ries sind das hier zehn Tüten, die du mir aufgedrückt hast, Schatz.

Oh Gott! Und wenn ich daran denke, was wir noch alles hätten mitnehmen können. Unser schönes, unschuldiges Loft werden wir nicht wieder erkennen. Hilfe! Wo soll das bloß enden?

Gretchen (packt die Papiertüte zu den anderen auf den Boden u. stellt sich auf ihre Zehenspitzen, um sich Marc entgegenzulehnen): Gar nicht! Außerdem hättest du sie nicht alle tragen müssen, Marc. Ich bin nur schwanger. Ende des ersten Trimesters. Mir wurden nicht die Extremitäten amputiert. Ich brauche keinen Schongang. Das hab ich dir nicht nur einmal gesagt.
Marc (schlingt seine Arme um ihre Taille u. schaut sie an): Damit ich mir dann die vorwurfsvollen Blicke der ganzen Idioten antun muss? ‚Oh, guck dir mal den da an, der lässt seine schwangere Frau die ganzen schweren Tüten schleppen. Was für ein Arsch!’ Und damit wäre dann nicht mein äußerst knackiges Hinterteil gemeint, auf das sie zuerst sabbernd geglotzt haben, bis sie dich gesehen haben. Ey, ich hab mich da drin wie ein Alien auf Erden gefühlt. Der Laden ist so zugestellt mit Kitschkram, dass gar keine Fluchtmöglichkeit mehr besteht.
Gretchen (schaut verwundert auf die Tür, die sich im 1. Stock öffnet, ohne dass jemand dort zusteigen will, u. schmiegt sich dann verliebt an ihren Grummelkönig): Dafür hat es dir dann aber ziemlich schnell sehr gut da drin gefallen, mein Schatz. Von wegen Fluchtwege checken. Du hast es geliebt.
Marc (hält sie sanft im Arm u. streckt den anderen aus, um den Türschließknopf zu betätigen): Hast du deine Kontaktlinsen heute nicht drin? Oder war dein Hörgerät nicht an? Hast du nicht gesehen, wie die einen da angestarrt haben? Jeder hatte eine Meinung und musste die auch gleich ungefiltert rausposaunen, obwohl sie genau gesehen haben, dass es einen nicht die Bohne interessiert hat. Woher haben die das eigentlich gleich gewusst? Haben die Spezialkameras, die einen durchleuchten? Bei dir sieht man doch noch gar nichts, außer wenn ich bei dir nach dem Duschen vorm Spiegel einen ausführlichen Bodycheck durchführe. Das wäre da ja eher unangebracht gewesen. Oder ist es uns mit Leuchtfarbe auf die Stirn tätowiert, oder was?

Diese schlecht gemeinten Ratschläge und Erzählungen, wie es anno 1900 war, ein Kind zu gebären, nerven einfach nur. Mir klingeln jetzt noch die Ohren. Und was fällt denen eigentlich ein, Haasenzahn gleich anzutatschen, wenn sie hören, dass es Zwillinge werden? Noch nie was von Privatsphäre gehört? Wieso dreht da gleich jeder durch und wird völlig hysterisch? Reicht es nicht schon, dass unsere Familien komplett am Rad drehen? Meine Mutter hat mich heute auch schon zweimal angerufen. Das ist öfter als den ganzen letzten Januar und Februar zusammen.

Gretchen (wird augenblicklich rot, als sie an ihr neues gemeinsames morgendliches Ritual denkt, wird aber durch das erneute ‚Pling’ der Fahrstuhltür abgelenkt): Marc, wir waren in einem Babyladen. Was denkst du, warum man da hingeht, hm?
Marc (drückt genervt den Türknopf, als er bemerkt, dass sie erst im 2. Stock gelandet sind): Weil du mal wieder deiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen wolltest, mich zu quälen. Teeren und federn ist ja im 21. Jahrhundert nicht mehr üblich.
Pass bloß auf, dass ich mir das nicht noch einmal überlege, wiedereinzuführen, wenn du dich weiter so aufführst, Marcilein. Das Bild stelle ich dann auf Spacebook. Mal sehen, wie viele Likes es dann bekommt. Hihi!
Gretchen (grinst den gequält dreinblickenden Quatschkopf fröhlich an): Gar nicht! Und du hattest doch Spaß! Gib’s zu! Vor allem in der Jungsabteilung. Ich hab dich da nämlich gar nicht wieder wegbekommen, als ich schon alles zusammenhatte. Dir hat es eindeutig gefallen. Das sehe ich dir nämlich an der Nasenspitze an. Und an den fünf Tüten, für dessen Inhalt du verantwortlich bist, mein Lieber. Also sind wir nach Adam Ries doch quitt miteinander.
Marc (hebt anerkennend sein Kinn an u. bemerkt diesmal nicht, dass der Lift schon wieder abrupt stoppt, dieses Mal im 3. Stock): Hört, hört! Meine rasende Freundin wird immer schlagfertiger. Wann ist das denn passiert? Im Gang für die Strampelanzüge oder bei den Spielzeugautos?
Gretchen (legt kichernd ihre Hand an seinen Brustkorb): Spinner! Die beiden großen Autos, die entfernte Ähnlichkeit mit deinem alten Wagen haben, hast du ja wohl eher für dich gekauft.
Marc (gespielt beleidigt weist er den Frechdachs zurecht): Nope! Spinner waren nur die Idioten in dem Laden, vor allem die ältere Generation, die tatsächlich glaubt, zwei Ärzten Prozesse erklären zu wollen, die wir schon im ersten Semester gelernt und gleich wieder verdrängt haben. Oah! Die Bilder im Kopf werde ich nie wieder los.
Und ich dein perplexes Gesicht in dem Moment! Hihi! Zum Niederknien!
Gretchen (kichert vergnügt): Trotzdem hast du im ersten Moment nicht gewusst, was die Verkäuferin dir gerade hingehalten hat.
Marc (sein Kopf schießt empört hoch; so bekommt er gar nicht mit, dass der Fahrstuhl schon wieder hält): Äh... bitte? Ey, ich bin davon immer noch schwer traumatisiert, Haasenzahn. Kein Mann will hören, dass man mit den Hupen seiner Frau noch ganz andere Dinge anstellen kann, als sie nur zu kneten.
Gretchen (schlingt schnell ihre Arme um den armen, traumatisierten Mann, während hinter ihr die Fahrstuhltüren wieder schließen): Dann wirst du dich wohl an das Bild gewöhnen müssen. Marc, das war nur eine Milchpumpe. Was ist denn schon dabei? Gerade praktische Dinge werden wir doch brauchen. Ich finde es gut, dass sie uns eine Liste mitgegeben haben. Man ahnt ja gar nicht, an was man alles denken muss. Das alles ist auch für mich ziemliches Neuland.
Marc (lehnt seine Stirn gegen ihre u. summt verständnisvoll): Kriegst du Schiss?
Gretchen (schüttelt den Kopf u. strahlt ihn mit ihren leuchtendblauen Augen an): Nein, dazu bin ich noch viel zu überdreht. Jetzt geht es doch erst so richtig los.

Ich glaube, ich hab jetzt schon ein konkretes Bild, wie wir das Kinderzimmer gestalten können. Ich werde mich mal mit Sabine und Mehdi zusammensetzen. Und ich muss unbedingt noch mal in den Laden. Da war es so schön und geschmackvoll. Vielleicht kann ich ja Maria oder Gabi auch überreden, mitzukommen. Schon verrückt, dass wir drei gleichzeitig schwanger sind. Ich werde auf jeden Fall jede freie Minute nutzen, wenn Marc nicht da ist, um das Bild zu vervollständigen und dann werde ich mit ihm die Umsetzung in Angriff nehmen. Das wird so toll werden. Ich kann es kaum erwarten, loszulegen.

Äh... What? Hab ich was verpasst? Ich hab irgendwann mein Hörgerät abgestellt und hab nicht mehr zugehört.


Marc (schaut verwundert an ihr herunter): Äh... Sicher? Ich will ja nicht behaupten, dass ich es mir wünschen würde, wenn du ein bisschen fülliger wärst, Haasenzahn, aber bis auf deine riesigen Möpse merkt man noch nicht viel.
Gretchen (himmelt ihn an): Aus Erfahrung mit meinen Patientinnen weiß ich, dass das schneller gehen kann, als du momentan noch denkst. Aber danke für das Kompliment!
Marc (sieht verwirrt auf, als sie nun auch noch ohne Grund im 5. Stock stoppen): Äh... welches jetzt? Ich beleidige dich und du empfindest es gleich als doppelte Liebeserklärung?
Gretchen (grient ihn verliebt an): Wie war das noch gleich? ‚Addiere meine Gemeinheiten, du schaffst es!’ Und wenn man bedenkt, dass du mich wegen meiner Figur jahrelang geärgert hast, ist das jetzt eine enorme Steigerung.
Marc (verdreht die Augen): Boah! Da erzählt man dir einmal was und du nutzt es gleich als Waffe gegen einen. Für dich keine Bettlektüre von meiner Mutter mehr!
Gretchen (schaut ihm tief berührt in die Augen u. merkt gar nicht, dass der Aufzug auch im 6. Stock noch einmal hält): Ich warte dann lieber auf ihr Kinderbuch, das wir dann gemeinsam unseren Wundersternen vorlesen werden.
Marc (kratzt sich irritiert am Hinterkopf u. bemerkt die Etagenanzeige mit der großen 6): Wie? Jetzt will sie ihre Talentlosigkeit auch noch mit Schutzlosen teilen? Da gehört ein Index drauf, aber so was von! Und... was wird das eigentlich hier? Wieso dauert das eigentlich heute so lange, bis wir endlich oben ankommen?
Gretchen (schlingt ihre Arme um ihn u. stibitzt dem verpeilten jungen Mann einen süßen Kuss): Damit wir noch ganz, ganz lange nur für uns sind. Fahrstühle sind doch schon immer unser Ding gewesen.
Marc (klaut ihr lachend einen weiteren innigen Kuss u. fährt mit seinen frechen Händen unter ihren Mantel, um ihren verführerischen Körper zu erkunden): Stimmt!
Gretchen (löst sich schweren Herzens von ihm, als der finale ‚Pling’-Ton im 7. Stock ertönt): Eigentlich schade, dass es schon vorbei ist.
Marc (zieht sie zurück u. funkelt ihre blauen Strahleaugen an): Ich könnte ja noch einmal alle Knöpfe drücken und wir fahren noch einmal nach unten?
Gretchen (schmiegt sich ganz eng an ihn u. drängt ihn zur offenen Fahrstuhltür): Du bist ein echter Kindskopf, Marc Meier. Aber das mag ich sehr an dir.
Marc (fischt nach Komplimenten): Nur das?
Gretchen (versteht den subtilen Verweis sofort): Alles! Vor allem dass du das heute mitgemacht hast. Danke für den schönen Tag!
Marc (bleibt lächelnd in der Tür stehen u. hält ihre beiden Hände in seinen): Gar nichts für. Heißt es nicht immer, man solle das Nützliche mit dem Vergnügen verbinden?
Gretchen (lächelt zurück): Also würdest du noch einmal zu mir ins Auto steigen wollen?
Marc (sein Lächeln verschwindet abrupt u. er hält sich am Autoschlüssel in seiner Jackentasche fest): Wenn das ein subtiler Verweis war, dir den Schlüssel zurückzugeben, dann vergiss es! Jetzt bin ich am Zug. Zumindest noch solange ich da bin.

Bitte, Marc, nicht darüber reden! Noch ist das ganz weit weg.

Gretchen (schluckt kurz, fängt sich aber schnell wieder u. schaut ihn irritiert an): Müssen wir ihn nicht zurückgeben? Ich dachte, wir laden nur schnell unsere Sachen hier aus und fahren dann ins Autohaus zurück. Die warten doch bestimmt schon auf uns.
Marc (verschränkt seine Arme lässig vor seinem Oberkörper u. lehnt sich gegen die offene Fahrstuhltür): Nope! Ich hab da was ausgehandelt, während du dich mit der schwangeren Frau am Empfang ausgetauscht hast. Was ist das eigentlich? So langsam wird das richtig unheimlich, dass einem immer und überall Schwangere über den Weg watscheln.
Gretchen (überrascht): Ach?
Marc (grinst zufrieden): Jep! Damit du nicht auf dumme Gedanken kommst und dir den wackligen alten Drahtesel wieder schnappst, den ich extra im Fahrradkeller eingeschlossen habe, wenn ich dich nicht beobachten kann, hab ich dir und den Zwergen eben einen bequemeren fahrbaren Untersatz besorgt. Du musst ihn erst am Freitag meiner Rückkehr zurückgeben. Wenn er dir nicht gefällt oder du damit nicht zurechtkommst, egal, macht nichts, dann geht er eben wieder zurück, und falls doch, dann kriegen wir noch mal günstigere Konditionen. Für das gesparte Geld wäre dann auch noch der supergeile Doppelsitzer für deine beiden Mitbewohner drin, den du mir neulich auf einer dieser Shoppingseiten gezeigt hast, auf denen du neuerdings immer herumsurfst.
Gretchen (springt ihm euphorisch um den Hals, so dass er gegen die sich wieder schließende Tür gedrängt wird, die dadurch wieder aufspringt): Du bist der Beste, Marc!
Marc (sonnt sich in seinem Licht): Ich weiß. Jemand muss ja auch aufpassen, dass du keine Dummheiten machst. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass mindestens einer aus unseren verrückten Familien und Mehdi und Sabine ständig um dich herumscharwenzeln werden. Und nein, ich hab sie nicht auf dich angesetzt. Die sind von sich aus so.
Gretchen (schaut ihm lächelnd in die Augen): Und wer passt auf dich auf? Wenn sich die hübschen Supermodelkrankenschwestern in deinen süßen deutschen Akzent verlieben?

Sie ist eifersüchtig? Wieso das denn? Dazu besteht ja nun überhaupt kein Grund. Und ich dachte, sie sorgt sich nur und ignoriert vehement jedes Gespräch darüber, weil ich ihr schrecklich fehlen würde. Mann, die drei Wochen kriegen wir doch schon schnell rum.

Marc: Nur so viel, Haasenzahn, ich spreche ohne Akzent Englisch. Kurz vor meinem Facharzt war ich ein halbes Jahr an einer Londoner Klinik und hab hospitiert. Die werden sich eher über meinen Cockney lustig machen. Sonst nichts. Aber interessant, worüber du dir so Gedanken machst. Damit verschwendest du nur deine Zeit, in der du Sinnvolles tun könntest und damit meine ich nicht, sämtliche Babyversandhäuser leer zu shoppen.
Gretchen (rollt mit den Augen): Tue ich nicht! Wenn ich mir Gedanken mache, dann darüber, was wir heute Abend essen wollen. Ich hab nämlich mit einem Mal einen Bärenhunger.
Marc (streichelt ihr unter dem Mantel liebevoll über den noch flachen Bauch): Du musst ja auch für drei essen, ne, ihr zwei nimmersatten Raupen.
Gretchen (genießt seine liebevolle Geste sehr u. kontert wortwitzig): Marc, nenn sie nicht immer Raupen! Ich war sechzehn Jahre lang die Raupe Nimmersatt für meine Mutter. Diese nervige Angewohnheit werde ich ganz sicher nicht an die nächste Generation weitergeben.
Marc (unterzieht sie amüsiert seinem Meierschen Checkerblick): Nicht?
Gretchen (stupst den Frechdachs empört an, schnappt sich eine der Einkaufstüten, die an der Fahrstuhlwand lehnen, u. verlässt damit schnellen Schrittes den Aufzug): Wehe! Nimm lieber die restlichen Tüten mit. Ich will endlich reingehen und meine Beine ausstrecken. Mir tut alles weh.

Gretchen deutete ins Fahrstuhlinnere, strich ihre lange Lockenmähne lässig zurück und stolzierte dann grinsend an dem perplexen Mann vorbei, der der sexy Lady mit herunterhängender Kinnlade sichtlich beeindruckt hinterher blickte. Marc schüttelte grinsend seinen Kopf, betrat noch einmal den Aufzug und schnappte sich die restlichen, mit allerlei Nützlichkeiten gefüllten Papiertüten. Als er damit gemächlich aus dem Fahrstuhl herausschlurfte, sprang ihm jedoch ein aufgeregtes Häschen entgegen, das ihn flüsternd in die hinterste Ecke des kleinen Flurs vor ihrer Dachgeschosswohnung drängte.

Gretchen: Maaarc! Marc, es ist etwas passiert.
Marc (starrt sie völlig verwirrt an): Äh... jaaa? In weniger als sechs Monaten werden wir das Resultat auch bewundern dürfen. Was ist an der Tatsache jetzt bitte neu? Außer dass unsere Ellis deswegen komplett durchdrehen.
Gretchen (hibbelt ungeduldig vor ihm herum, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen): Marc, nicht das! Die Wohnungstür ist nur angelehnt. Ich glaube, da ist jemand in unserem Loft.
Marc: Was?

Irritiert blickte Marc in Richtung Wohnungstür, dann wieder in Gretchens angsterfülltes Gesicht. Sein Blick wanderte tiefer. Verwundert nahm er zur Kenntnis, mit was sich die Angsthäsin bewaffnet hatte, nachdem sie ihre Einkaufstüte gegen die Wand gelehnt hatte. Da machte es auch bei ihm endlich klick und er schloss kopfschüttelnd seine Augen. Das hatte er ja beinahe vergessen, weil der Nachmittag mit Gretchen so schön gewesen war. Er fasste sich schnell wieder und versuchte, das aufgescheuchte Häschen zu beruhigen. Aber das stellte sich als äußerst schwierig heraus, da Gretchens rege Fantasie schon längst mit ihr durchgegangen war.

Marc: Dafür gibt es eine ganz plausible Erklärung, Gretchen.
Gretchen (packt ihn mit ihrer freien Hand am Kragen seines dunkelblauen Parkas u. sieht ihn eindringlich an): Marc, nimm das bitte nicht auf die leichte Schulter! Berlin ist eine der Einbruchshochburgen Deutschlands. Und hier oben kriegt man es nicht so schnell mit, wenn da was wäre. Du kennst doch Herrn Lowinsky direkt unter uns. Wenn der sein Hörgerät abgestellt hat, dann hört er nicht einmal seine Shakira bellen. Wieso hat die eigentlich nicht angeschlagen? Sie reagiert doch sonst immer, wenn bei uns Krach ist.
Marc (versucht es ihr ruhig zu erklären): Haasenzahn, da ist aber nichts.

Oh Gott! Warum muss uns das ausgerechnet jetzt passieren? Wieso gönnt uns da oben eigentlich keiner unser Glück? Immer muss was schiefgehen. Aber wehe, die nehmen die beiden Wiegen mit. Dann werde ich zur Furie. Wie ging das noch mal diesem Kampfgriff? Hilfe! Ich weiß gar nichts mehr. Okay, dann eben improvisieren! Das ist mein Ding!

Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf u. schaut noch einmal vorsichtig zurück): Marc, ich bin doch nicht blöd. Ich hab eindeutig Geräusche gehört. Die Tür steht auf. Und ich weiß ganz genau, dass ich heute Morgen abgeschlossen habe, weil ich nämlich noch mal rein bin, weil ich meinen Schal vergessen habe. Marc, wir müssen was tun.
Marc (hält sie an den Enden eben jenes besagten Schales fest u. guckt amüsiert auf das Gerät in ihrer Hand, mit dem sie sich in ihrer Hilflosigkeit bewaffnet hat): Ähm... Und was genau? Willst du den Dieb mit deinen unausgeprägten Karatekenntnissen auf die Matte schicken so wie Mehdi damals? Oder willst du die Einbrecher mit einer gezückten Milchpumpe verscheuchen? Haasenzahn, die ist nur aus Plastik. Wirkungskraft gleich null. Aber der kurzzeitigen Verwirrung dient es vielleicht.
Gretchen (trotzig baut sie sich vor dem Grinsekönig auf u. wedelt mit dem Plastikteil vor seiner Nase herum): Na, du hast gut reden, Marc. Du machst ja nichts. Ich weiß überhaupt nicht, wie du so ruhig bleiben kannst? Du drehst doch sonst schon am Rad, wenn deine Mutter zu lange bei uns ist. Ich höre dich schon meckern, wenn du merkst, dass sie deinen PC mitsamt deiner kostbaren Forschungsarbeit mitgenommen haben und du noch einmal alles von vorne anfangen kannst.

Herrlich! Und die Krone für den hysterischsten Divenauftritt des Jahres geht dieses Mal nicht an meine Mutter, sondern an deren Schwiegertochter. Aber es bleibt ja in der Familie. Hähä!

Marc (schiebt das hysterische Huhn entschlossen zur Seite u. geht auf die Wohnungstür zu): Okay! Gut! Dann gehe ich eben jetzt da rein und mache dem Spuk ein Ende, bevor du noch völlig durchdrehst.
Gretchen (stellt sich ihm ängstlich in den Weg, um ihn aufzuhalten): Marc, bitte nicht, das ist Selbstmord. Ich will nicht, dass dir was geschieht. Lass uns bitte die Polizei rufen! Warte! Ich hab Nadja auf der Kurzwahltaste. Sie kann uns bestimmt helfen.
Marc (nimmt ihr Handy und Milchpumpe ab u. feilt an einer Erklärung): Haasenzahn, das ist Quatsch. Mit dir geht gerade echt die Fantasie durch und dass du davon zu viel besitzt, wissen wir alle. Wenn etwas Selbstmord ist, dann dass ich mich überhaupt darauf eingelassen habe. Das Timing war mal wieder vollkommen beschissen gewählt. Mein Fehler! Also... Folgendes... Ich hätte dir schon längst sagen sollen, dass... Hör mal! Ich dachte, es wäre vielleicht ganz schön, wenn ich dir vor meiner Abreise noch eine kleine ähm... Über...
Gretchen (fällt ihm angespannt ins Wort u. klammert sich ängstlich an seine Jacke, die sie ihm in ihrem Übereifer fast von der Schulter zerrt): Du... Ich glaube, da kommt jemand. Was machen wir denn jetzt?

...flüsterte die Angsthäsin Marc panisch ins Ohr und versuchte, ihn zurück in die hinterste Ecke des Flures zu drängen. Aber zu spät! Die Person, die sie gehört hatte, kam gerade mit Händen in den Hosentaschen lässig aus der Wohnung herausspaziert und schlurfte mit spitzbübischem Grinselächeln an den beiden vorbei zum Aufzug, als wäre es die reinste Selbstverständlichkeit, dass sie jetzt in diesem Moment genau hier war. Gretchen klappte jedenfalls ungläubig die Kinnlade herunter und weitete ihre Augen. Marc lachte dagegen nur. Mit dieser Familie erlebte man echt etwas. Da brauchte es keine Comedyserie mehr, auf deren Fortsetzung man immer ewig lang warten musste.

Gretchen: Jochen?
Jochen (winkt den beiden lässig zu u. drückt die Fahrstuhltaste): Tach! Und wieder tschüß! Ich muss.
Marc (nickt ihm zu): Danke noch mal, Jo!
Jochen (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern u. grient dann verschlagen vor sich hin): Kein Ding! Aber ihr steht jetzt doppelt und dreifach in meiner Schuld. Nicht vergessen! Ich komm darauf zurück, wenn ich mal wieder einen freien Tag brauche. Aber jetzt muss ich wirklich los. Das hat hier alles viel zu lange gedauert. Chanti wartet schon seit einer halben Stunde auf mich. Da kann ich mich schon auf ein Donnerwetter gefasst machen, wenn wir es jetzt nicht mehr rechtzeitig ins Kino schaffen. Wir sehen uns! Bye, bye!

...brummte Jochen, drehte sich dann um und schlüpfte in den Fahrstuhl, der auch sofort seine Türen hinter ihm wieder schloss. Fragend schaute Gretchen ihrem kleinen Bruder hinterher, dann blickte sie Marc ins Gesicht, der über Jochens Spontanbesuch überhaupt nicht überrascht zu sein schien, wie sie feststellte. Irgendetwas schien hier faul zu sein im Staate Dänemark, schlussfolgerte sie und baute sich sofort vor ihrem Freund auf, um ihn zur Rede zu stellen.

Gretchen: Marc?
Marc (ist sich keiner Schuld bewusst u. grient sie an): Surprise! Surprise! Okay, flipp nicht gleich aus, wenn wir da jetzt reingehen! Ich hab keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ich hab gedacht, dir geht es nicht gut damit, dass ich jetzt ne Weile von der Bildfläche verschwinden werde, und wollte... Ach, ich weiß doch auch nicht, was ich wollte.

...stammelte Marc nervös vor sich hin und schaute erst wieder auf, als ihn Gretchen plötzlich in ihre Arme zog und ihm bewegt in die Augen blickte.

Gretchen: Marc? Schau mich bitte mal an! Es ist okay für mich. Wirklich! Du hättest nicht heimlich irgendetwas mit meinem Bruder aushecken müssen. Ich bin glücklich. Mir geht es gut. Richtig fantastisch sogar. Weil wir schon so einen wunderschönen Nachmittag zusammen verbracht haben. Mir reicht doch schon, zu wissen, dass wir das irgendwann wiederholen werden.
Marc (verliert sich in ihren ehrlichen Strahleaugen): Wirklich? Du bist nicht so überdreht, weil du irgendetwas kompensieren musst, was du mir nicht traust zu sagen?
Gretchen (schaut ihn ernst an): Marc, müsste dir nicht als Erstem klar sein, wieso ich so bin, wie ich eben bin.
Marc (blickt ihr lange in die Augen, dann senkt sich sein Blick auf ihren Bauch, den sie sanft mit einer Hand streichelt): Mhm! Mehdi, der Hirni, hat mir den Floh ins Ohr gesetzt. Also egal, was da drin jetzt ist, ich hab nämlich auch keinen Schimmer, es ist seine Schuld. Ich wollte das nicht.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort, schnappt sich die abgestellten Tüten, drückt sie Marc in die Arme u. schiebt ihn anschließend in Richtung Wohnungstür): Natürlich! Aber können wir jetzt endlich reingehen und nachschauen? Ich bin nicht gerade ungeduldig, was deine Überraschungen angeht.

Marc schenkte seinem Engel sein bezauberndstes Lächeln. Das war Gretchen Antwort genug. Der charmante Arzt nahm seiner Freundin die Einkaufstüten ab, kniff noch einmal kurz die Augen zusammen aus Furcht, was ihn wohl gleich drinnen erwarten würde, und trat dann mit seiner hibbeligen Überraschungsqueen entschlossen über die Türschwelle. Beide staunten nicht schlecht, als sie sahen, was in ihrem Penthaus in ihre Abwesenheit alles passiert war.

Lorelei Offline

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15.02.2016 16:51
#1557 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Was Marc und Gretchen nämlich in ihren heimischen vier Wänden entdeckten, war........ nichts. Also, nicht Nichts-Nichts, denn ihre gemeinsame Appartementwohnung im siebten Stock eines modernen Mehrfamilienhauses in Berlin-Mitte direkt an der Spree war schließlich nicht von einer Horde Einbrecher besenrein leer geräumt worden wie in dem kleinen dunkelrosafarben beleuchteten Spielfilm, der sich nur Minuten zuvor in dem hübschen Lockenköpfchen der jungen, blonden Ärztin abgespielt hatte, die sich nun hibbelig an der Hand ihres Freundes festgekrallt hatte. Nein, es war rein gar nichts passiert. So ließ es zumindest der erste Eindruck erscheinen. Außer dass die beiden restaurationsbedürftigen, Dreißigjahre alten Babywiegen, welche die stolzen werdenden Opas für die glücklichen Bald-Eltern am Wochenende vorbeigebracht hatten, nicht mehr sperrig mitten im Wohnzimmer herumstanden, sondern wohl platziert und zugedeckt unter der Treppennische untergebracht waren und dort im schwachen Schein der Aquariumbeleuchtung richtig gut aussahen, wie Gretchen mit einem zufriedenen Lächeln feststellte, welches sie sogleich mit ihrem Liebsten teilen wollte, der sich wiederum mit zusammengekniffenen Augen auf jedwede Überraschungsbombe gefasst argwöhnisch in den Räumlichkeiten umblickte.

Ansonsten wirkte das großzügig geschnittene Loft genauso, wie das Paar es am Morgen verlassen hatte. Nur das Frühstücksgeschirr, welches sie auf dem raumtrennenden Küchentresen stehen gelassen hatten, weil sie wie jeden Tag mal wieder viel zu spät dran gewesen waren, war von Heinzelmännchen weggeräumt worden. Irritiert blickte Gretchen Marc in die Augen. Doch ihr ebenso perplexer Lebensgefährte zuckte nur unschlüssig mit den Schultern, schob sich dann elegant an ihr vorbei und warf die lästigen Einkaufstüten unachtsam auf eines der Wohnzimmersofas, um sie endlich loszuwerden. Irgendwie hatte er sich das alles hier etwas anders vorgestellt. Aber was genau hatte er sich eigentlich vorgestellt? So richtig wusste es der ewige Überraschungsmuffel nämlich auch nicht. Aber auf jeden Fall mehr als das hier vor seiner Nase. Und während Dr. Meier noch skeptisch darüber nachgrübelte und das seltsame Gespräch mit seiner verrückten Schwiegermutter in spe rekapitulierte, um herauszufinden, ob sie vielleicht aneinander vorbeigeredet hatten, schaute sich seine Liebste weiter im Wohnbereich um, nachdem sie die einzelnen Tüten aus dem Babyladen noch einmal ordentlich auf den weichen Sofapolstern drapiert hatte, wobei ihr eine ganz besonders ins Auge gefallen war, sodass sie sie erneut an sich genommen, hineingeguckt und dann überglücklich gegen ihren bebenden Brustkorb gedrückt hatte. Mit Argusaugen nahm sie anschließend jeden Winkel des Penthauses ganz genau unter die Lupe. Auf der Suche nach dem entscheidenden Hinweis, welcher der Überraschungsliebhaberin nicht gleich offensichtlich war. Wieso war Marc eigentlich immer so gut in so was, fragte sich die träumerische Blondine, wo er doch sonst immer behauptete, er hätte keinen Sinn für Romantik. Aber das hier hatte schon etwas Romantisches an sich, dachte der Strahleengel mit wild klopfendem Herzen und guckte den verunsicherten Übeltäter deshalb ganz verliebt von der Seite an, als sie gefunden zu haben glaubte, was sie zu finden erhofft hatte.

Gretchen: Ach, Marc, du hast die Blumen in den Vasen austauschen lassen. Wie schön! Ich liebe Tulpen in allen Farben und Formen. Danke! Aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Die alten Sträuße waren doch noch frisch. Die hab ich doch erst am Samstag als Deko für unseren Familienabend besorgt. Aber egal, ich freue mich trotzdem. Vielen lieben Dank, mein Schatz! Hast du was ausgefressen, weil du mir Blumen schenkst?

...flachste Gretchen mit einem frechen Augenzwinkern in seine Richtung und fiel ihrem verdutzten Freund, noch bevor er darauf reagieren konnte, im nächsten Moment auch schon ehrlich erfreut um den Hals und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Marc wusste überhaupt nicht, wie ihm plötzlich geschah. Denn er hatte gar nicht gemerkt, dass irgendetwas anders war. Er hatte ja auch in den Tagen zuvor das bunte Grünzeug überhaupt nicht registriert. Er wirkte sogar ein kleines Bisschen enttäuscht. Er hatte sich mehr erhofft, als er spontan den Schwiegerdrachen beauftragt hatte. Aber im selben Augenblick, wie sich bei ihm die Ernüchterung einstellte und er Gretchens feuchte Schmatzer von der Backe wischte, mit denen sie ihn wiederholt zu necken versuchte, vernahm er ein Geräusch hinter sich, welches offenbar von der Terrassentür herrührte, die gerade mit Schwung aufgeschoben wurde. Wie im Reflex drehte sich das überraschte Paar herum und sah sich nun Bärbel Haase gegenüber, die nicht minder erstaunt dreinblickte, als sie die beiden im Wohnzimmer entdeckte.

Bärbel: Huch! Kinder? Jetzt habt ihr mich aber erschreckt. Da seid ihr ja schon! Hab ich mich so in der Zeit vertan? Ist es schon so spät? Du meine Güte! Ich bin sofort weg. Hat Jochen denn nicht auf mich gewartet? Dieser Schlawiner! Erst stundenlang rummaulen, weil er keine Lust hat, und dann verschwinden, ohne was zu sagen. Na, wenn ich den erwische! Ähm... Alles gut bei euch? Hattet ihr einen schönen Nachmittag? Schön! Schön, schön.

Betont geschäftig trat die ertappte Mittfünfzigerin näher und streifte dabei ganz langsam die olivgrünen Gartenhandschuhe von ihren Fingern und entledigte sich danach auch ihrer gleichfarbigen Schürze mit der großen Sonne vorne drauf und faltete diese akkurat zusammen. Dann nickte die Haasenmutter übertrieben enthusiastisch ihrem gutaussehenden Schwiegersohn in spe zu, der daraufhin genervt die Augen verdrehte. Hätte er sie doch bloß nicht engagiert, ärgerte er sich tierisch über sich selbst, während Bärbels Tochter noch immer ziemlich überrumpelt wirkte und fragend zwischen den beiden hin und her schaute.

Gretchen: Mama? Was machst du denn hier?

Die Angesprochene versuchte, sich mittels Blicken mit Dr. Meier zu verständigen, aber scheiterte wie immer an den üblichen Verständigungsbarrieren mit dem attraktiven Dreiunddreißigjährigen, der Bärbels seltsames Gestammel nur ungläubig mit immer größer werdenden Augen verfolgte und den Kopf schüttelte, und wurde dadurch nur noch wuseliger, was sich darin äußerte, dass sie ständig an ihren rotblonden Haarsträhnen herumzubbelte, die sie hinter ihr Ohr zu klemmen versuchte, aber leider waren ihre Haare nicht lang genug dafür. Ständig fielen sie ihr zurück ins Gesicht, was letztendlich in einem gekünstelten Lachanfall mündete, um ihre Unsicherheit zu überspielen.

Bärbel: Das... Ähm... kann dir ja jetzt... dein Freund erklären. Die gute Fee muss jetzt leider schnell weg. Du weißt doch, wie schnell dein Vater grantig wird, wenn das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch steht, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Ich hab euch übrigens auch etwas davon in den Kühlschrank gestellt. Ganz leer war der. Mädchen, du musst jetzt mehr auf dich... auf euch achten, ja. Versprichst du mir das, Margarethe!

..flüsterte die aufmerksame Übermutter ihrer verdutzten Tochter noch kurz zu, die gar nicht dazu kam, ihr zu antworten, und streichelte noch einmal andächtig über deren noch nicht vorhandenen Babybauch, bevor sie sich dann ihre Handtasche schnappte, ihre Arbeitsutensilien darin verstaute, und sich schnurstracks in Richtung Ausgang bewegte. Dort blieb sie jedoch noch einmal kurz stehen und schlüpfte aus ihren grünen Clogs, die sie in einem Stoffbeutel verstaute, in welchem es verdächtig metallisch schepperte, als sie ihn an sich genommen hatte. Dann band sie sich ihre Straßenschuhe zu und nahm ihre gleichfarbige Jacke vom Kleiderhaken der Garderobe.

Bärbel: Und fast vergessen, was die Pflegehinweise betrifft, da muss ich euch noch...

...wollte die engagierte Professorengattin noch ansetzen, nachdem sie in ihre braune Jacke geschlüpft war und die Türklinke schon halb heruntergedrückt hatte, aber Marc fiel dem Plapperha(a)sen sofort ins Wort, um den nächsten nervigen Vortrag noch im Keime zu ersticken, was ihm auch mit bekanntem Meier-Charme gelang, der auch bei seiner heimlichen Komplizin seine Wirkung nicht verfehlte. Auf einmal war Gretchens Mutter ganz ruhig und wirkte gar nicht mehr so hektisch wie Sekunden zuvor, als sie inflagranti ertappt worden war.

Marc: Ja, ja, ein anderes Mal! Wir... kommen schon klar.
Bärbel (himmelt ihren Traumschwiegersohn mit Strahlelächeln an): Aber natürlich! Als Mediziner kennt ihr euch ja auch mit Biologie bestens aus, nicht? Ich bin dann mal weg. Falls noch was sein sollte, wir sehen uns ja dann morgen bestimmt in der Klinik. Einen schönen Abend euch beiden noch! Tschüß!
Wenn du wüsstest, wie gut wir uns mit Biologie auskennen. Aber eher auf einem anderen exotischeren Gebiet. Hähä! Gott sei dank, sie ist endlich weg. Ich dachte schon, die werden wir nie los.
Marc (atmet erleichtert aus, als er mit seinem Zeigefinger langsam hinter Bärbel die Eingangstür wieder zuschiebt): Jep! Dito! Und danke für... ähm... naja, ne.
Gretchen: Dir auch, Mama? Aber wieso geht sie denn jetzt so schnell wieder? Ich hab überhaupt nicht verstanden, was das jetzt sollte.

Gretchen ging noch einen Schritt auf die Tür zu, aber da war ihre Mutter schon dahinter verschwunden. Sehr zur Erleichterung von Dr. Meier, der sich im Nachhinein ärgerte, dass er überhaupt zugelassen hatte, dass die Übermutter der Nation sich in seine Angelegenheiten einmischte. Was hatte ihn da eigentlich geritten? War er mittlerweile komplett plemplem und verweichlicht? Aber da hatte Marc ja auch noch nicht gesehen, was Bärbel mit ihrem Helfershelfer in der Kürze der Zeit gezaubert hatte. Noch leicht verwirrt von der sonderbaren Begegnung trat er wieder an seine ebenso perplexe Freundin heran und blickte ihr in die fragenden blauen Augen, die sich jedoch plötzlich ungläubig weiteten und von seinen lösten. Denn hinter Marcs Rücken auf der anderen Seite der großen Panoramafensterscheibe hatte sie etwas entdeckt. Gretchen musste sich an Marc festhalten, weil sie leicht schwankte. Denn sie konnte nicht glauben, was sie auf der Dachterrasse sah, die von der untergehenden Sonne in ein herrliches orangerotes Licht getaucht wurde. Träumte sie etwa? Wie war das möglich?

Gretchen: Marc? Was...?

...brachte die überrumpelte Stationsärztin nur noch stammelnd über ihre rosaroten Lippen, bis ihre Piepsstimme ganz versiegte. Sie krallte sich an ihrer Einkaufstüte fest, die sie immer noch an ihren Oberkörper gepresst hielt, und schob sich an ihrem ebenso sprachlosen Oberarzt vorbei nach draußen, der nun auch entdeckt hatte, was sein Mädchen gerade so sehr aufwühlte, dass es der Dauerquasselstrippe sogar die Sprache verschlagen hatte. Auch er fiel fast vom Glauben ab, als er hinter Gretchen seine wackeligen Füße auf die großzügig geschnittene Dachterrasse setzte. Als hätte er einen Schritt ins Paradies getan. Das leise schwingende Läuten eines Glasmobiles an der Tür hatte er gar nicht richtig vernommen, als er wie in Trance hindurchgegangen war. Der Boden fühlte sich so weich an. Als würde er über echten Rasen laufen. Es war nichts mehr zu erkennen von dem kühlen Betongrau, welches im Winter einen noch trostloseren Anblick beschert hatte, weswegen er und Gretchen in den vergangenen Monaten keinen Fuß hier raus aufs Dach gesetzt hatten. Höchstens wenn sein Nikotinspiegel mal wieder beträchtlich gesunken war. Aber das hatte sich ja mittlerweile erledigt, auch wenn die Versuchung immer mal wieder in dem werdenden Vater hoch kroch und an seinem recht dünnen Nervenkostüm zerrte.

Doch jetzt standen hier mehrere große, von dunkelbraunem Rattangeflecht ummantelte Kübelgefäße mit großgewachsenen Palmen, Orleanderpflanzen, blühende Magnolien, Zitronenbäumchen, Agaven, Lavendel und noch viel mehr mediterranes Grünzeug, für das es im Meierschen Vokabular leider keinen entsprechenden Ausdruck gab. Es wirkte wie auf einer Sonnenterrasse im Süden Frankreichs oder in der Toskana. Die Lichtverhältnisse mit der untergehenden Sonne über dem Berliner Fernsehturm waren die gleichen. Nur leider die Temperaturen nicht. Marc zog den Kragen seines marinefarbenen Kurzmantels wieder hoch und ließ das alles erst einmal auf sich wirken. Wie zum Teufel hatte die Haasenmutter und ihr Junges das bloß in der kurzen Zeit hinbekommen? Sogar eine Girlandenkette hatten die beiden über die gesamte Breite der Terrasse aufgehängt. Offenbar mit Solarlampen ausgestattet, die jetzt, als es immer dunkler über der Hauptstadt wurde, in bunten Farben zu leuchten anfingen. Es war herrlich, wenn es nicht so kitschig wäre.

Auch Marcs Freundin war sichtlich beeindruckt. Nein, das drückte noch nicht einmal im Ansatz aus, was sie in diesem Moment fühlte. Sie war regelrecht überwältigt. Geflasht von den tausend Eindrücken, die mit einem Mal auf sie zustürmten. Mit offenem Mund lief Gretchen unter den farbenfrohen Girlanden hindurch über den grünen Teppich durch die einzelnen Reihen und konnte immer noch nicht glauben, was sie sah. Sie musste sie anfassen. Jede einzelne Pflanze. Auch die bunten Frühblüher, die in mehreren Blumenkästen am Geländer der Dachterrasse befestigt worden waren. Farblich abgestimmt zu den Solargirlanden über ihrem Lockenkopf, den sie gerade aufgeregt in die Luft regte. Das alles war so schön. So bunt. So stimmig. Und es entsprach exakt ihrer aktuellen Gemütslage, die auf Dauerfrühlingsgefühle eingestellt war. Gretchens stahlblaue Augen schimmerten vor lauter Freude und Überraschung und das wärmte auch Marcs Herz, das ihm gerade bis in die Hose gerutscht war, weil er gedacht hatte, dass Bärbels Übermut vielleicht doch zu viel des Guten gewesen sein könnte. Aber für Gretchen war es einfach nur perfekt. Genauso perfekt und traumhaft wie der ganze restliche Tag für sie schon ausgefallen war. Genauso stellte sie sich vor, wenn ein Traum wahr wurde. Und dabei hatte sie nicht einmal geträumt. Kein einziger Tagtraum. Zumindest heute nicht. Heute war das wirkliche Leben ihr ganz persönliches Highlight. Denn sie hätte sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass so etwas Schönes überhaupt möglich war. Und er hatte es ihr ermöglicht. Der coole und unnahbare Bengel vom Schulhof, der Dinge, die ihm wichtig waren, entweder stoisch ignorierte oder eben auf ungewöhnliche Weise zeigen musste. Weil er es eben nicht anders zu sagen verstand. Er war und würde für immer Gretchens Held bleiben: Marc Meier!

Hastig drehte sich die überwältigte Dreißigjährige zu ihrem Traumprinzen um und fiel dem überrumpelten Mann spontan um den Hals. Sie bedankte sich auf ihre Weise für die mehr als gelungene Überraschung, mit der sie überhaupt nicht gerechnet hatte. Warum nur hatte er das alles organisiert? Was war nur mit ihm los? Hatten die Babyglückshormone ihn so sehr überwältigt? Aber darüber konnte die verliebte Ärztin auch später noch nachdenken. Küssen war jetzt angesagt und so bald würde sie nicht damit aufhören wollen. Und ihr ging es nicht alleine so. Marc und Gretchen küssten sich also innig und voller Liebe, minutenlang, bis die untergehende Sonne ganz den Horizont hinabgekrabbelt war und die ersten Sterne am Firmament aufleuchteten. Schwer atmend löste sich das glückliche Paar irgendwann und ließ sich in den mit blau-weißgestreiftem Stoff bezogenen Strandkorb fallen, der wie ein Thron inmitten all des Grüns platziert worden war und schaute sich an. Immer wieder schüttelte Gretchen ihren von einer frischen Brise zerzausten Lockenkopf. Sie konnte es immer noch nicht richtig fassen, dass sie mit ihrer großen Liebe mitten im Paradies saß. Mitten in der pulsierenden Metropole Berlin. Sieben Stockwerke über der Spree. Im echten siebten Himmel. Ein kleines Glückstränchen stahl sich aus ihrem Augenwinkel und kullerte warm und glitzernd ihre gerötete Wange hinab. Marc strich es ihr liebevoll mit dem Daumen weg und zog sein Strahlemädchen ganz fest in seine Arme. Er bemerkte ihre Gänsehaut, knöpfte ihren obersten Mantelknopf wieder zu, der in all der Euphorie der Schwerkraft nicht mehr getrotzt hatte, rückte ihren rosa Schal zurecht, stupste ihr lächelnd an die gerötete Nasenspitze und nahm dann die dunkelblaue Wolldecke von der Fußstütze des Strandkorbes und hüllte sich und Gretchen darin ein, weil es nach dem Sonnenuntergang recht schnell frisch geworden war. Die blonde Schönheit in seinen Armen konnte währenddessen nicht aufhören, ihren Herzprinzen von der Seite anzuhimmeln. Sie entdeckte immer neue Seiten an ihm und das nach fast einundzwanzig Jahren, die sie sich nun mittlerweile schon kannten. Und diese enormen Gefühlsschübe mussten sofort raus, jetzt, wo sie dank Marcs heißen Küssen endlich ihre Sprache wiedergefunden hatte.

Gretchen (flüsternd): Marc, was machst du bloß mit mir?
Dito, Haasenzahn! Dito! Was stellst du bloß mit mir an?
Marc (versucht, es auf coole Meiersche Art klein zu reden): Nichts! Is was passiert?
Gretchen (kuschelt sich unter der Decke ganz fest an ihren Traumprinzen): Ob was passiert ist? Marc, schau dich doch mal um! Du weißt ganz genau, was ich meine. Das hier! Das alles! Das... Wow! Wie bist du bloß darauf gekommen? Das ist unglaublich... schön.
Marc (kann sich sein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen, auch wenn er es herunterzuspielen versucht): Och das? Das... war deine Mutter. Du hast sie doch auch gesehen? Und was in deren Kopf vorgeht, weiß, glaub ich, manchmal nicht einmal dein Vater.
So ein Spinner! Ich weiß ganz genau, dass das von dir kommt. Andere müssen dann für dich springen. Und Mama kann so was wie keine andere.
Gretchen (glaubt ihm kein Wort u. versucht, es aus ihm herauszukitzeln): Und woher hatte sie den Schlüssel?
Marc (zuckt gespielt unwissend mit den Schultern): Du, keine Ahnung! Von Jochen?
Gretchen (grinst wissend): Den hat er schon lange nicht mehr. Er hat ihn abgegeben, als er bei uns ausgezogen ist. Dann hatte ihn deine Mutter, weil sie nach ihrer Therapie bei uns untergekommen ist, bevor sie deinem Vater in die Staaten hinterhergeflogen ist, um sich endlich mit ihm zu versöhnen. Und ihr hast du ihn erst am Samstag wieder abgenommen. Also?
Mist! Wieso ist sie immer so gut in so was? Führt sie Tagebuch? Okay, ja, dämliche Frage! Wenn sie nicht so gut im OP wäre, hätte sie Bulle in der Provinz werden sollen. Indizienjägerin! Alles abstreiten, wenn du deine Eier behalten willst, Meier!
Marc (lässt sich nichts anmerken, obwohl er weiß, dass sie es weiß): Dann müssen es wohl doch die Heinzelmännchen gewesen sein.

Genau! Ist es nicht süß, wie er herumdruckst? Er will es nicht zugeben. Dabei muss ihm diese Geschichte nun wirklich nicht peinlich sein. So was kann nur von ihm kommen. Obwohl, hat Mama nicht neulich irgendwas erzählt von so einer Gartendokusoap? Ich hab nicht zugehört, weil ich viel zu aufgeregt gewesen bin wegen unseren tollen Neuigkeiten. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Marc ihr zugehört hat. Er ist eben doch ein Toller! Mein Prinz!

Gretchen (strahlt ihn verliebt an): Und du bist einer von ihnen? Wie süß!
Marc (fühlt sich provoziert): Äh... Sieht das so aus, als hätte ich da Hand angelegt? Haasenzahn, diese Hände hier sind nur für OP-Besteck gemacht. Und wehe! Nenn mich noch einmal ‚süß’ und das alles hier fliegt direkt unkompostiert in die nächste Tonne.
Gretchen (versucht, ihr Grinsen zu unterdrücken): Nein, bitte nicht! Das ist so schön.
Marc (ihr süßes Lächeln vertreibt seinen Ärger sofort): Wirklich? Gefällt’s dir? Nicht too much?
Gretchen (schüttelt den Kopf): Nein, überhaupt nicht! Ich fühle mich wie im Paradies. Ich hab ja schon von solchen Gärten auf Dächern gehört und dachte, das gibt’s nur in New York oder in Kreuzberg, aber das hier ist unglaublich. Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut passen würde, weil die Terrasse ja so verwinkelt ist. Schau mal, da hinten! Jochen hat sogar unsere alte Verandaschaukel aufgebaut. Die passt genauso gut hier rein wie der Strandkorb. Der sah im Winter echt ziemlich verloren auf der leeren Terrasse aus.
Marc (spürt eine Welle des Glücks durch ihn hindurchfluten): Ich wollte nur, dass du dich wohl fühlst.
Gretchen (kuschelt sich noch enger an ihren Schatz heran): Ehrlich? Danke! Das tue ich und wie!
Marc (sieht ihr lange in die leuchtenden Augen, zögert erst u. erklärt sich ihr dann doch): Damit du nach dem Dienst nicht deprimiert nach Hause in die leere Wohnung kommst, wenn ich nicht da bin, und du was hast, auf das du dich freuen kannst. Naja, wenn das Wetter mitspielt, aber der Frühling ist ja schon einmal da. Und deine Mum hat sogar an die Decken gedacht. Vielleicht kriegen wir auch noch eine Abdeckung hin für Berliner Regentage? Ne Markise oder so?
Gretchen (blickt ihm gerührt in die nervös hin und her huschenden Augen): Das war also deine Intention? Also doch deine Idee?

Scheiße! Erwischt! Du bist so ein erbärmlicher Trottel! Aber erinnere dich, Mehdi ist schuld! Er hat die Flöhe ausgesetzt.

Marc (grummelt, weil er sich ertappt fühlt): Jetzt mache bitte kein großes Ding draus, ja, Haasenzahn! Deine Mutter wird mich auch so schon daran erinnern.
Gretchen (schaut ihn aufrichtig von der Seite an): Wenn man sich die Ausmaße ansieht, dann ist es in der Tat eine ziemlich große Sache, Marc.
Marc (ärgert sich immer mehr, dass er sich dazu hat hinreißen lassen): Haasenzahn!
Oh, oh! Jetzt wird er sauer. Aber ich wollte ihn doch gar nicht bloßstellen. Ich wollte doch nur zeigen, wie großartig ich das alles finde. Mein Garten in unserem persönlichen siebten Himmel. Herrlich! Ich liebe es. Nur schade, dass ich keinen grünen Daumen habe und das alles irgendwann ganz bestimmt eingehen wird.
Gretchen (legt ihre Hand an seine gerötete Wange u. sieht ihn milde lächelnd an): Aber danke! Danke, dass du Mama miteinbeziehst. Ich weiß, ihr hattet immer ein schwieriges Verhältnis, vor allem weil sie es uns am Anfang so schwer gemacht hat. Aber jetzt. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass du dich um ein gutes Verhältnis zu ihr bemühst. Das macht sie glücklich. Das macht mich glücklich. Und ich hoffe, dich auch ein bisschen.
Äh... Wenn es nach mir ginge, könnte ich auch gerne darauf verzichten. Sie soll sich lieber mal auf ihr Kindergartenprojekt konzentrieren. Umso eher lässt sie uns in Ruhe. Hoffe ich.
Marc (schmiegt sein Gesicht in ihre Handfläche u. beruhigt sich wieder): Naja? Mir geht es da ja eher um dich.
Gretchen (dreht ihr Gesicht leicht in seine Richtung u. gibt ihm einen kleinen Kuss auf die Lippenspitzen): Ich weiß. Das ist lieb. Danke! Aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen, dass ich nicht damit klarkomme, wenn du so lange weg sein wirst. Ich komm schon zurecht.
Marc (schließt kurz die Augen u. sieht sie dann ungewohnt ernst an): Beim letzten Mal warst du ziemlich durch den Wind und hast jeden zusammengeschissen, der dir über den Weg gelatscht ist.

Oh nein, erinnere mich bloß nicht daran! Oh Gott, das war so peinlich. Jetzt hält mich jeder für die egozentrische Chirurgin, die ich gar nicht bin. So wollte ich mir eigentlich nicht meinen Respekt erringen.

Gretchen (wird augenblicklich rot u. schämt sich für ihre damaligen Aussetzer): Das war ja auch nur, weil ich da noch nicht wusste, was mit mir eigentlich los ist.
Marc (grinst u. krabbelt mit seinen frechen Fingern unter der Decke in Richtung ihres süßen Bauches): Findest du das nicht ein bisschen ungerecht, dass wir den beiden immer für alles die Schuld geben? Das wird doppelt auf uns zurückkommen, wenn die Zwerge erst einmal größer werden.
Gretchen (schmunzelt): Okay, ja, das stimmt. Hiermit entschuldige ich mich tausendmal bei unseren beiden Süßen. ... Guck mal! ... Kannst du dir vorstellen, dass die Zwei mal da reinpassen werden? Und dabei hat mir die Verkäuferin versichert, dass das die kleinste Größe ist, die es auf dem Markt gibt.

Gretchen legte ihre Hand lächelnd über seine und genoss die Vorfreude auf die gemeinsame Zeit, bis ihr plötzlich etwas einfiel und sie hektisch nach der Einkaufstüte schnappte, welche sie neben dem Strandkorb abgestellt hatte. Schnell hatte sie herausgeholt, was sie gesucht hatte, und positionierte die beiden cremefarbenen Strampelanzüge mit der niedlichen rot-gelben M&M-Stickerei links und rechts auf ihren noch flachen und von ihrem rosafarbenen Wintermantel umhüllten Babybauch. Marc wollte erst über Gretchens Albernheit schmunzeln, konnte dann jedoch seine funkelgrünen Augen nicht mehr von dem niedlichen Anblick lösen. Langsam fuhr er mit seinem Zeigefinger die Konturen des so treffenden Schriftzuges nach. M&M. Marc & Margarethe. Margarethe & Marc. Im Minions-Format. Jetzt musste der stolze werdende Papa doch lachen. Er mochte diese Albernheiten, die er und Haasenzahn teilten. Er war ja auch als Erster im Laden darüber gestolpert und ein Blickwechsel mit Gretchen hatte genügt und er hatte seine Geldkarte gezückt. Aber auch die Ernsthaftigkeit blieb bei all der Schwärmerei nicht zu kurz. Nachdenklich hob er seinen Blick und schaute seinem Strahlemädchen direkt in die leuchtendblauen Augen.

Marc: Ehrlich gesagt kann ich mir noch gar nichts vorstellen. Gut, ich sehe dich und mich im Miniformat in den alten, verstaubten Fotoalben, die unsere Mütter uns neuerdings ständig unaufgefordert unter die Nase reiben. Und wir waren heute im Babyparadies schlechthin shoppen und die Sachen sind auch allesamt wirklich zum Niederknien niedlich dort. Ich hab vollstes Verständnis, dass du unbedingt dahin wolltest und ich war wirklich gerne mit. Dann haben wir auch die beiden Wiegen im Loft rumstehen, an denen unsere Väter in nächster Zeit herumbasteln und ihre Chirurgenpatschehändchen malträtieren wollen. Aber trotzdem ist das alles immer noch so... so unwirklich und abstrakt. Als würde es jemand anderem passieren. Mehdi. Oder der Hassmann. Und man schaut nur zu und freut sich.
Gretchen (ist ehrlich gerührt von seiner Offenheit u. führt seinen Gedanken zu Ende): Aber es berührt einen trotzdem. Jede Minute. Jede Sekunde. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken.
Marc (nachdenklich nickt er mit dem Kopf u. starrt auf die winzigen Strampler, die Gretchen gerade wieder behutsam faltet u. im Anschluss in der Tasche verstaut): Mhm! Ich weiß, wie das ist. Ständig muss ich mich daran erinnern. Mich zwicken. Man ist dann für Sekunden komplett weggetreten. Dann ist sogar egal, wenn Gabi in meinem Büro über Mehdi herfällt und er sie fast auffrisst. Aber du... du hast die Wundertüte ja immer bei dir. Ach, ich weiß auch nicht, was plötzlich mit mir los ist. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, wenn ich ausgerechnet jetzt...

Nein, Marc, mach das bitte nicht! Ich hab doch auch bis eben tapfer durchgehalten.

Gretchen (ahnt, was er sagen will, nimmt seine Hand u. umschließt sie mit ihrer): Hey! Alles ist gut. Mit dieser Doppelpower weiß ich, dass wir alles schaffen können. Grübele nicht so viel nach, hm!
Marc (rückt die Decke über ihren Körpern wieder zurecht u. streicht Gretchen melancholisch durch ihr langes gewelltes Haar): Wirklich?
Gretchen (spürt die Ernsthaftigkeit, die in seinen Augen aufblitzt): Marc, was ist eigentlich los mit dir? So kenne ich dich gar nicht. So zögerlich. Kein doofer Spruch. Du spannst sogar meine Mutter für deine Zwecke ein. Machst mir ohne Ende Überraschungen, die überhaupt nicht nötig wären, aber über die ich mich wirklich sehr, sehr freue. Was ist los? Liegt’s an mir?
Marc (wischt die Unsicherheiten mit einem Augenaufschlag als albernes Gedankenspiel wieder weg): Nichts!
Gretchen (blickt ihm eindringlich in die Augen): Das hier alles ist nicht nichts, Marc.
Marc (fährt sie leicht gereizt von der Seite an, weil sie ihm mal wieder die Worte im Mund verdreht): Musst du immer alles diskutieren? Kannst du’s nicht einfach auch mal nur annehmen? Geht das?
Gretchen (lässt sich nicht von ihm provozieren, weil sie genau weiß, was er damit bezweckt): Nicht, wenn du ein Problem hast. Marc, wir können über alles reden. Es gibt nichts, was dir peinlich sein müsste. Nicht vor mir.
Marc (rauft sich verzweifelt die Haare, weil er sich in die Enge gedrängt fühlt): Boah, Haasenzahn, ich hab keine Probleme. Ich bin Arzt. Ich helfe mir selber, wenn was wäre, was aber nicht der Fall ist. Punkt!
Gretchen (weiß, dass sie ihn am Haken hat): Deshalb machst du jetzt auch so ein Fass auf, ja?
Marc (regt sich gleich wieder künstlich auf): Bitte? Ey, du bist das doch!
Oje! So wird das nichts. Er ist ja völlig durch den Wind. Unsretwegen?
Gretchen (die Klügere gibt nach): Okay? Das führt zu nichts. Dann eben nicht. Ich will mich nicht an unseren letzten Tagen streiten.
Marc (nickt zufrieden, weil sie einmal gemeinsamer Meinung sind): Dito! Schon schlimm genug, dass ich dich ausgerechnet jetzt im Stich lassen muss. Timing ist echt ein Arschloch!

...platzte ein kleiner Funken Wahrheit dann doch noch unbedacht aus dem unnahbaren Chirurgen heraus, ohne dass er es selbst überhaupt richtig mitbekommen hatte. Er hatte sich im Strandkorb zurückgelehnt, hatte seine Arme hinter seinem Nacken verschränkt und die Augen geschlossen. Er wollte die fiesen Gedanken einfach abschütteln, die ihn in den letzten Tagen immer wieder aus der Bahn geworfen hatten, obwohl er das gar nicht gewollt hatte. Denn was war denn schon dabei? Gretchens Lauscher blieben dagegen gespannt und sie fixierte ihren Pappenheimer mit ihrem durchdringenden Blick, bis dieser registrierte, dass er beobachtet wurde und er seine grünen Smaragde in Zeitlupengeschwindigkeit wieder öffnete. Na toll, dachte er nur, sie hatte ihn an den Eiern. Das sah er Haasenzahn sofort an der Nasenspitze an und dementsprechend konnte er sich nicht zurückhalten, mit den Augen zu rollen. Ein weiteres Statement, das Gretchens Verdacht nur noch mehr bestätigte. Der Abschiedsschmerz hatte Marc mürbe gemacht. Eine ganz neue, charmante Seite an ihrem Herzprinzen, der doch sonst nie seine Coolness ablegte. Nicht einmal bei romantischen Überraschungen, die in seinen Augen nur Peanuts waren.

Gretchen: Das ist es also? Du haderst immer noch mit dir, ob du fahren sollst oder nicht? Das hatten wir doch geklärt. Marc, für mich ist das wirklich okay. Du kannst fahren.
Marc (fühlt sich durchschaut u. grummelt in seinen Dreitagebart, ohne ihrem großherzigen Blick standzuhalten): Das heißt aber nicht, dass es für mich okay ist. Vielleicht sollten wir das einfach sein lassen. Das funktioniert so nicht. Stier kann auch alleine fliegen. Dann bin ich zumindest nicht verantwortlich für das Chaos, das er mit seiner Talentlosigkeit in Seattle anstellen wird.
Gretchen (dreht sich ganz zu ihm herum, lehnt sich an seinen sich heftig auf u. ab bewegenden Oberkörper u. schaut ihn aus nächster Nähe herausfordernd an): Du würdest ausgerechnet ihm das ganze Spielfeld überlassen? Ohne Torwart, der ihm ein Bein stellt und hier diese... dings... ähm... Abwehr... was auch immer... Blutgrätsche macht? Das sind ja ganz neue Töne.

Mademoiselle nutzt Fußballmetaphern? Äh... was geht denn jetzt ab? Okay, so weit ist es also schon mit dir gekommen, Meier, du Lusche! Du bist so was von am Arsch. Es sind verdammt noch mal nur drei Wochen. Die sitzt du doch auf einer Arschbacke ab. Früher warst du immer froh, wenn so lange Ferien waren, weil du dann die zahnbespangte Nervensäge endlich mal für ne Weile los warst. Und jetzt machst ausgerechnet du einen auf Klammeraffe? Lächerlich!

Marc (lenkt schnell ab, indem er die verrutschte Decke wieder zurechtrückt): Hab ich eine andere Wahl?
Gretchen (blickt ihm nachdrücklich in die unsicher hin u. her flackernden Augen): Doch, die hast du! Weil du fahren wirst! Und wenn ich dich eigenhändig am Flugzeugsitz festschnallen muss. Du wirst fliegen! Ansonsten rede ich nämlich bis zur Geburt der beiden kein Wort mehr mit dir. Du fliegst! Das steht völlig außer Frage.
Marc (lacht erst über ihren kindischen Erpressungsversuch, aber lässt sich dann von ihrem einnehmenden Blick gefangen nehmen): Ist das so? Und warum hast du die Fortbildung dann die ganze Woche mit keinem Ton mehr erwähnt?
Gretchen (ertappt blinzelt sie mehrmals mit ihren Augen): Weil es nichts daran ändern würde, Marc. Das ist eine riesige Sache. Die darfst du dir nicht entgehen lassen. Und schon gar nicht wegen mir und meinen kleinen Mitbewohnern. Das weißt du. Und ich... wir sind wahnsinnig stolz auf dich.
Marc (fühlt sich nur noch kläglicher, als er sich eh schon fühlt): Weil ich mich gerade wie der letzte Vollidiot aufführe? Na, danke auch!
Kein Vollidiot! Nur süß! Weil es mir so viel über dich sagt. Er liebt mich so sehr, dass er es nicht aushalten würde, mich auch nur einen Tag zu vermissen. Mir geht es doch genauso, du Idiot.
Gretchen (versucht ihren niedergeschlagenen Grummelkönig wieder Stück für Stück aufzubauen): Nein, das ist es nicht. Weißt du, dass es mich wahnsinnig glücklich macht, dass du das überhaupt in Erwägung ziehen würdest. Ich weiß nicht, ob du dich noch daran erinnern kannst, aber ich hab mir mal für dich gewünscht, dass dir irgendwann einmal eine Frau wichtiger sein würde als deine Karriere. Ich hab damals nicht mehr gehofft, dass ich das sein würde.

‚Ich hoffe wirklich, eines Tages ist nicht dein Job, sondern eine Frau dein Leben.’

Marc (kann einen schelmischen Zwischenkommentar nicht unterdrücken, als ihm Gretchens Worte von damals wiedereinfallen): Doch hast du!
Nein! Also... ja! Aber... dass er mir was schuldig sein sollte, nur weil ich ihm aus dem Schlamassel mit Gabi herausgeholt habe, hat mich nun mal verletzt.
Gretchen (eine leichte verräterische Röte ziert ihre Wange): Ein bisschen vielleicht, aber das ist auch nicht der Punkt. Umso mehr bedeutet mir das jetzt. Ich hab mich noch nie in meinem Leben so geborgen gefühlt wie mit dir. Das alles hier ist mein Zuhause. Du bist mein Zuhause. Genau hier will ich mit unserer kleinen Familie leben. Ich will nirgendwo anders sein und am liebsten würde ich ewig mit dir hier im Strandkorb kuscheln und Sterne beobachten. Und wenn du mich mit einem Dachgarten oder einem Angebot wie diesem überraschst, dann bedeutet mir das die Welt. Das heißt aber nicht, dass du das auch unbedingt tun musst. Du musst das nicht machen, Marc. Amerika ist dein großer Traum. Du musst ihn dir erfüllen. Bitte!
Marc (lässt ihre liebevollen Worte langsam Revue passieren u. spricht dann leise zu sich selbst): Und warum fühlt es sich dann nicht richtig an, zu fahren?
Gretchen (kuschelt sich gerührt noch enger an ihn u. redet ihm leise ins Gewissen): Es ist richtig, dass du das jetzt machst, Marc. Schau mal, in ein paar Wochen, wenn die beiden Pappenheimer immer sichtbarer werden, würde es dir noch schwerer fallen, zu gehen, und mir, dich gehen zu lassen. Die beiden haben jetzt schon einen wahnsinnig großen Einfluss auf unsere Entscheidungen. Aber das heißt nicht, dass wir uns jetzt komplett einschränken müssen und uns zurückhalten. Das würden sie nicht wollen. Und ich auch nicht. Ich will nicht, dass du mir irgendwann übel nimmst, dass du dir diese riesige Chance durch die Lappen hast gehen lassen.
Marc (blickt ihr voller Liebe in die Augen u. hält sie unter der Decke fest): Das würde ich nicht.
Gretchen: Oh doch! Das würdest du! Ich kenn dich doch, Marc. Du würdest nichts sagen. Du würdest es mit dir herumschleppen und irgendwann würde dir der Kragen platzen. Deshalb will ich, dass du fährst. Es sind doch nur drei Wochen. Was sind schon drei Wochen?

Eine Staffel meiner Lieblingsserie in Doppelfolgen! Aber ich schaff das. Wir sind beide erwachsen. Wir kriegen das hin. Wir haben es schon einmal geschafft. Also, mehr oder weniger. Ich lasse ihn einfach danach nie wieder los. Da kann Papa bestimmen, wie er will.

Marc (seufzt geschlagen): Drei Wochen können ziemlich lang werden.
Gretchen (wird nicht müde, ihn zu überzeugen): In den drei Wochen wirst du viel zu tun haben. Jeden Tag spektakuläre Operationen und neue chirurgische Handgriffe und jede Menge Technikwunder. Du wirst gar nicht daran denken können, dass du mich vermissen könntest
Marc (stupst ihr lächelnd an ihr Schlaumeiernäschen, das sie keck in die Höhe reckt): Das könntest du auch haben, Haasenzahn. Mehdi meint auch, dass es kein Problem wäre, wenn du auch...
Gretchen (legt ihre Hände an seinen Oberkörper u. schiebt sich etwas von Marc weg, um ihn besser ansehen zu können): Ich weiß, was Mehdi gesagt hat. Und vielleicht wäre es auch eine tolle Sache, daran teilzuhaben.
Marc (fällt ihr pappfrech ins Wort): Dann komm mit!
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Nein, Marc! Es tut mir leid, aber ich kann das nicht. Nicht weil ich nicht wollen würde, es kommt einfach zu früh für mich. Schau, ich hab gerade erst meinen Facharzt gemacht. Das ist bislang das Größte, was ich erreichen wollte und ich bin mehr als stolz auf mich, dass ich das geschafft habe. So ein großes, hypermodernes Krankenhaus wie das in Seattle, das ist einfach noch eine Nummer zu groß für mich. Vielleicht wird es auch immer eine Nummer zu groß für mich sein.
Marc (jetzt schüttelt er den Kopf u. sieht sie mit bierernster Miene an): Sag das nicht! Du warst ehrgeizig genug, um deinen Facharzt in Rekordgeschwindigkeit zu machen. Guck dir die Pappnasen an, die es nicht mal in der Wiederholung auf die Reihe gebracht haben.

Wow! Ich wusste gar nicht, wie stolz mein Oberarzt wirklich auf mich ist. Gretchen, das ist toll, aber lass dich davon bloß nicht ablenken. Sonst stehst du am Montag vorm Space Needle und ärgerst dich, dass er dich überrumpelt hat. Ich gehöre da einfach nicht hin. Mein McDreamy dagegen schon.

Gretchen: Ja, aber das auch erst nachdem ich einen ordentlichen Fußtritt nach dem anderen bekommen habe. Von dir und von Papa und dann von meinen eigenen Schlappen. Marc, akzeptiere das bitte! Ich kann und will nicht mitkommen. Ich fühl mich wohl auf der Position, auf der ich gerade erst angekommen bin. Ich habe hier meine Patienten. Das ist mein Platz, wo ich hingehöre, zumindest solange man mich mit dieser Murmel hier lässt.
Marc (lässt sich seine Enttäuschung nicht anmerken): Okay!
Gretchen (schmiegt sich wieder an seine Schulter u. blickt ihm tief in die Augen): Hey! Mach jetzt bitte nicht so ein Gesicht! Sieh es doch mal so! Das im Seattle Grey Sloan Memorial ist genau dein Ding. Wäre ich mit dort, würden wir uns nur gegenseitig ablenken. Und das ist nicht unser Ziel. Du musst konzentriert bleiben. Ich weiß doch, wie du darauf brennst, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Dort kannst du dich so richtig austoben. Deine Fertigkeiten verfeinern. Deine Forschung voranbringen. Das ist doch das, was du immer wolltest. Und es ist einer der Orte, der dich deinem Vater noch näher bringen wird, weil er so lange dort gelebt und gearbeitet hat. Du musst das für dich erleben. So wie ich mich in meinem neuen Job als Stationsärztin durchwursteln werde. Wir sollten also realistisch bleiben!

Ach scheiße! Wieso muss sie in Jobdingen immer so penetrant ernst bleiben, wo sie doch sonst immer auf ihrer rosaroten Wolke durchs Märchenland schwebt?

Marc (legt seine warme Hand an ihre Wange): Ich fass es nicht, dass ich mir ausgerechnet von einer Frau, die ihren rosa Traum lebt und die täglich Seitenweise Tagebuch schreibt, mehr Realismus vorwerfen muss.
Gretchen (grinst ihn kess an): Hihi! Ich weiß eben auch zu überraschen.
Marc (will noch einen nachlegen, wird aber vom Trotzköpfchen ausgebremst): Trotzdem...
Gretchen: Nein, gerade deswegen! Ich will, dass du mich stolz machst da drüben.
Marc (unbedacht huscht es über seine Lippen): Du machst mich schon stolz.
Gretchen (ihre Augen weiten sich gerührt): Echt?
Marc (betont lässig): Hab ich was gesagt?
Gretchen (rollt mit den Augen): Ich lieb dich auch, Marc Meier.
Marc (knutscht sie prompt nieder): Na, das ist doch mal ne Ansage, mit der ich was anfangen kann.

Verliebt schmiegte sich das Paar unter die warme, weiche Wolldecke und genoss den sternenklaren Abendhimmel und die schöne Atmosphäre auf der neu dekorierten Dachterrasse. Sie ließen ihre Blicke zufrieden umherschweifen, hingen ihren Gedanken nach und sahen sie sich dann wieder verträumt in die Augen.

Gretchen: Du, Marc, ich glaube, Mama hat sogar die Fenster geputzt.
Marc (blickt rüber u. lacht): Aber wir müssen sie nicht nach Tarifvertrag beschäftigen, oder?
Gretchen (knufft ihn in den Oberkörper u. richtet sich auf, um sich zu strecken): Spinner! Lass uns lieber reingehen! Ehe ich die Nachbarn mit meinem schrecklichen Magenknurren noch aufschrecke. Ich hab Hunger. Mama hat nämlich nicht nur geputzt und hier gezaubert, sondern uns auch bekocht.
Marc (hilft seiner Prinzessin auf, damit sie nicht über die Decke stolpert, die vom Strandkorb bis zum Boden herunterhängt): Also dieses Rund-um-sorglos-Paket hat doch schon was. Vielleicht...
Gretchen (schlägt die Decke zusammen u. klemmt sie sich unter den Arm u. nimmt dann den Einkaufsbeutel mit den Babysachen auch noch mit in Richtung Glastür): Untersteh dich! Sonst steht sie hier täglich auf der Matte. Willst du das? Eigentlich erstaunlich, dass du sie überhaupt freiwillig hier reingelassen hast.
Marc (grinst): Reiner Eigennutz.
Gretchen (nickt wissend): Du wolltest dir nur nicht selber die Hände schmutzig machen.
Marc (hält ihr gentlemanlike die Tür auf): Erwischt!
Gretchen (bleibt plötzlich in der Terrassentür stehen u. dreht sich noch einmal zu ihm um): Marc, versprichst du mir was?
Marc (blickt verwirrt zwischen ihren Augen hin u. her): Was?
Gretchen (beugt sich vor u. schmiegt sich lächelnd an ihn): Dass wir immer so ehrlich miteinander umgehen werden wie eben. Ich fand das echt schön.
Marc (peinlich berührt lenkt er vom Thema ab): Wenn du mir auch was versprichst, Haasenzahn?
Gretchen (reckt neugierig ihr Näschen in die Höhe): Was denn?
Marc (hingerissen von dem süßen Anblick legt er seine Hand an ihre Wange u. schließt mit der anderen die Terrassentür, damit keine Zugluft in die Wohnung kommt): Dass du weiter so tapfer bleibst. Bitte keine Tränen, ja, wenn du an Sonntag denkst! Weil dann, dann kann ich für nichts garantieren.

Lorelei Offline

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24.02.2016 14:01
#1558 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Vier Tage später

„Haasenzahn, was hab ich gesagt?“, fing Marc mit seiner berühmt berüchtigten samtigweichen Meierschen Drohstimme an, die einerseits verschmitzt schmeichelnd, aber andererseits auch boshaft ironisch enden konnte. „Jetzt machst du’s ja doch! Ich hab dich gewarnt, mein Fräulein. Sehe ich auch nur eine heiße Träne diese wunderhübsche Wange hinabkullern, dann steige ich nicht in diesen verfluchten Scheißflieger da, der eh schon seine besten Zeiten hinter sich hat“, gestikulierte der charmant verschlagene Chirurg mit seinem Arm zwischen dem Fenster, welches auf das lichtgeflutete Flugfeld von Tegel zeigte, und dem verräterisch geröteten Gesicht seiner süß verpeilten Freundin hin und her, die sich nicht mehr länger hatte zurückhalten können, und nun doch ihren Tränen ungeniert freien Lauf ließ. Die ganze Anspannung der letzten Stunden und Tage hatte sich mit nur einem einzigen, sehnsuchtsgeladenen Blick in die treuen, auf sie gerichteten, funkelgrünen Augen ihrer großen Liebe gelöst. Die überschäumenden Gefühle mussten einfach raus, bevor ihre beiden Wundersterne noch frühzeitig ein Schwimmabzeichen im aufgestauten Haasschen Tränenmeer ablegen müssten. Dr. Margarethe Haase war eben doch nicht so stark, wie sich die taffe Neuchirurgin und werdende Mama hatte geben wollen. Und die Doppeldosis Schwangerschaftshormone in ihrem Körper war nun mal auch verdammt hinterlistig gewesen und hatte ihr Übriges dazugetan. Aber wenn sie sich jetzt stark genug konzentrierte, dann bekam sie das schon noch hin, Marc nicht den Abschied zu vermiesen.

Abschied, was für ein blödes, nerviges, völlig unnötiges Wort. Wer das erfunden hatte, musste wirklich furchtbar frustriert und gemein gewesen sein, dachte die bis über beide Ohren verliebte junge Dame und versuchte, sich vorzustellen, dass ihr Oberarzt ja eigentlich gar nicht so lange weg sein würde. Freue dich einfach auf das Wiedersehen, Gretchen, Wiedersehen klingt so viel schöner als Abschied nehmen, redete sie sich unentwegt wie ein Mantra ein und errang tatsächlich einen Teilerfolg über ihr weinendes Herz, das sich immer mehr verkrampft hatte, je näher sie dem Berliner Flughafen gekommen waren, in dem sie sich nun schon seit geraumer Zeit befanden. Arg bemüht, den Rest der widerspenstigen Tränenflüssigkeit herunterzuschlucken, wühlte Gretchen in ihrer Manteltasche und zückte eine Tempopackung hervor. Ungeduldig riss sie gleich das ganze Siegel ab, um an den Inhalt zu gelangen, und zerrte ein unschuldiges, weißes Papiertaschentuch heraus, mit dem sie sich hastig über die leicht geröteten Augenränder tippte und in das sie anschließend kurz hineinschnaubte, ehe sie verlegen zu ihrem Herzkönig wieder aufschaute, der jede ihrer Bewegungen mit Argusaugen verfolgt hatte, während er an ihren zotteligen rosa Schalenden herumspielte. Haasenzahn war so unfassbar durchschaubar, dachte Marc nur mit lachendem, aber auch leicht wehmütigem Herzen und sobald seine Herzprinzessin ihre süßen roséroten Lippen geöffnet hatte, war er sogar noch ein bisschen mehr schockverliebt in seine ehemalige Assistenzärztin, die sich mal wieder um Kopf und Kragen redete und dabei einfach nur hinreißend war. Er würde das temperamentvolle Energiebündel echt vermissen. Scheiße, ja, Haasenzahn fehlte ihm schon jetzt und er würde einen Teufel tun, das jetzt noch verbergen zu wollen. Vor ihrem neugierigen Schnüffelnäschen konnte er eh keine Geheimnisse für sich behalten.

Gretchen: Nein, Marc, bitte! Das ist nur... die Atmosphäre, die stickige, trockene Luft. Ich... vertrage die Klimaanlage nicht so gut. Hier zieht es ja auch ziemlich an allen Ecken und Enden.
Marc (grinst wissend, dass dem nicht so ist): Klar!
Ich bin so ein einfältiger, naiver, hoffnungslos weiblicher Mensch. Und nicht zu vergessen, schrecklich durchschaubar. Er muss gar nichts machen, ich liefere ihm die Steilvorlagen gleich von selbst. Prima, Gretchen, echt!
Gretchen (merkt, dass er es weiß u. lässt frustriert die Schultern hängen): Menno! Das ist nun mal so an Flughäfen, Marc. Da kann ich mich nicht zurückhalten. Da muss ich immer weinen. Ohne Ausnahme.
Marc (schaut amüsiert dabei zu, wie sie verlegen auf ihren Füßen hin u. her wippt u. seinen Blicken ausweicht): Ohne Ausnahme? Heißt das, du hast auch geheult, als du deine Eltern auf Kreuzfahrt geschickt hast? Oder als sie neulich in die Staaten geflogen sind und es mir vorgemacht haben?
Gretchen (lässt sich nicht noch mal von ihm hochnehmen u. kuschelt sich lieber in seine starken, warmen, gemütlichen Arme, die sie nie wieder loslassen wird): Das ist die ganze Atmosphäre hier. Merkst du das nicht auch? Die Sehnsüchte und Hoffnungen. Die Magie, die in der Luft liegt. Abschiede. Wiedersehen. Das ewige Hin und Her.
Oh Mann, typisch Haasenzahn! Die hebt schon ab, bevor ich abheben kann.
Marc (hört ihr fasziniert zu u. kann nicht aufhören, der Träumerin dabei in die Augen zu schauen): Du bist süß! Komm her! Ich bin Arzt. Ich kenn ein Heilmittel.

Der charmante Mediziner konnte einfach nicht länger widerstehen und küsste die sehnsuchtsgetriebene Träumerin gleich noch einmal innig und voller Liebe auf die zarten lächelnden Lippen. Er schlängelte seine Arme um ihre schlanke Taille und zog sie fordernd zu sich heran, um gegen die sie umschlingende Traurigkeit Abhilfe zu schaffen. Und Gretchen erwiderte Marcs Kuss mit der gleichen Intensität und Leidenschaft, mit der auch er die schreckliche Abschiedsstimmung vertreiben wollte. Mit Erfolg. Denn das nah am Wasser gebaute Häschen stellte die Tränenproduktion mit sofortiger Wirkung ein und so drohte Tegel keine Evakuierung wegen Überschwemmungsgefahr und Berlin kein erneutes peinliches Flughafenchaos. Die beiden Verliebten nahmen nichts mehr um sich herum war. Weder die vielen hundert Leute, die sich mal hektisch, mal gemächlich in der Ankunfts- und Abflugshalle eingefunden hatten und ihre Lieben empfingen oder winkend verabschiedeten. Auch nicht die wiederholten Sicherheitshinweise in schrecklichem Denglisch aus den Lautsprechern. Oder auch die laute, vertraute Stimme eines entfernten Kollegen, der sich mit seiner versammelten Familie, welche aus einem weinenden Baby, einer vorlauten Göre und ihrer meckernden Mutter bestand, neben der endloslangen Schlange für die Sicherheitskontrolle eingefunden hatte und immer wieder auf die Uhr schaute, weil die Zeit allmählich drängte.

Cedric: Meier, verdammt, jetzt mach endlich hinne! Unser Flieger geht gleich.

Doch der „liebeswürdige“ Kollege von Dr. Cedric Stier tat genau das, was er immer machte, wenn dessen ewiger Erzfeind aus Unizeiten ihm mal wieder nervtötend in die Quere kam: einfach ignorieren! Außerdem war er beschäftigt. Er war Arzt und musste schließlich sichergehen, dass es seiner Lieblingspatientin gut ging, mit der er in den vergangenen vier Tagen jede freie Minute verbracht und dem Begriff „Doktorspiele“ ganz neue, intensive Dimensionen abgewonnen hatte, welche mit ihrem eigentlichen Beruf natürlich nichts zu tun hatten. Das ganze Wochenende, bis kurz vor der Abfahrt zum Flughafen, hatten sie im Bett verbracht und waren ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgegangen, nämlich sich gegenseitig zu necken, sich immer wieder sanft und wild zu lieben, zu kichern, bis der Bauch wehgetan hatte, zu schlemmen, sich stundenlang einfach nur anzusehen und in den Augen des anderen zu verlieren, pausenlos zu reden und zu lachen, Pläne zu schmieden, ausufernde Kissenschlachten auszufechten, den gegenseitigen Hunger zu stillen und das nicht nur im kulinarischen Sinne, denn die Raupe Nimmersatt Haase war auf jedwede Art und Weise sehr, sehr hungrig gewesen, und natürlich sich immer wieder liebevoll zu küssen. Wie konnte Dr. Marc Olivier Meier also am besten feststellen, ob es seinem Haasenzahn gut ging und ihre Vitalzeichen im normalen Träumerinnenbereich lagen? Indem er alles, was ihm an Gefühlen und Neckereien zur Verfügung stand, in seine Küsse legte. Und der verliebte junge Mann bekam dafür so viel zurück. Er neigte ja eigentlich nicht zu kitschigen Momentaufnahmen. Aber das hier fühlte sich gerade wirklich so an, als würde er bald ganz von selbst abheben, ohne Zuhilfenahme der Technikwunder, die draußen auf dem Flugfeld standen und von denen mindestens eines zum baldigen Bording bereitstand. Gott, diese Frau war einfach der pure Wahnsinn. Wie sollte er jetzt bloß noch gehen können? Es war unmöglich. Er müsste wohl doch hier bleiben. Hier bei ihr. Bei der zukünftigen Mutter seiner Kinder.

Marc: Was soll ich bloß mit dir anstellen, hm?

...murmelte Marc gedankenverloren, nachdem er wiederholt nach Sauerstoff geschnappt hatte und nun verschmitzt dem himmelblauen Meer entgegenblinzelte, das ihn verliebt anstrahlte. Er verkreuzte seine Finger mit Gretchens’ und verlor sich regelrecht in ihren glasklaren Augen, die ihn wie Fixsterne überall hin verfolgen würden. Auch in die amerikanische Metropole an der Westküste. Seattle. Der zweiten Heimat seines Vaters. Zumindest in den vergangenen zwanzig Jahren, bevor er sich einen Platz in seinem und Elkes Leben zurückerkämpft hatte. Schon komisch, dass sein Dad jetzt hier in Berlin war und er an dessen Stelle trat, auch wenn es nur für die nächsten einundzwanzig Tage sein würde. Er hatte immer noch seine Worte im Ohr, als dieser vorhin zusammen mit seiner Mutter vor der Haustür zum Abschied Spalier gestanden hatte. „Ich bin stolz auf dich, mein Junge.“ Wie oft hatte er von diesen Worten geträumt und erst jetzt im Alter von dreiunddreißig Jahren hatten sie eine reale Bedeutung bekommen, die ihm mehr mit auf den Weg gaben als jeder chirurgische Erfolg in den letzten Jahren zusammen. Er würde Olivier da drüben nicht enttäuschen. Das hatte sich Marc fest vorgenommen. Er wollte von ihm und seinen Erfahrungen lernen. Und ja, er freute sich darauf, Olis Kollegen kennenzulernen, auch wenn es ihm schwer fiel, dafür Gretchen loslassen zu müssen. Aber er wusste sie ja zum Glück in guten Händen. Seine Eltern würden extra in der City-Wohnung bei ihm im Haus bleiben und ein Auge auf ihre Schwiegertochter in spe haben. Und es würde auch immer einer von der verrückten Haase-Sippe in der Nähe sein. Das war so sicher wie die Tatsache, dass er Mehdi den Kopf abreißen würde, wenn er sein überengagiertes Mädchen im EKH nicht ein wenig im Zaum halten würde. Und irgendwie hatte Schwester Sabine ihm dahingehend auch eine seltsame Message auf seiner Mailbox hinterlassen. Marc schüttelte verwirrt den Kopf und stibitzte seiner Traumfrau im nächsten Moment erneut einen kleinen Kuss und lehnt anschließend seine Stirn seufzend gegen ihre.

Marc: Was ist das nur? Ich komm einfach nicht los von dir. Es ist schrecklich. Vielleicht muss ich dich ja doch noch in meinem Koffer verstecken.
Gretchen (kichert verliebt u. lehnt sich auf Zehenspitzen gegen ihn, um ihre Arme hinter seinem Nacken zu verschränken): Marc, den hast du vorhin schon aufgegeben. Vergessen?
Marc (schaut auf sein Handgepäck u. die Laptoptasche zu seinen Füßen): Mein Fehler! Dann muss eben noch ein neuer her. War da drüben nicht irgendwo ein Shop? Das bisschen Übergepäck von sechzig Kilo werde ich mir schon noch leisten können. Die Sekretärin von deinem Vater soll es einfach mit auf die Spesenrechnung schreiben. Quasi als wichtiges medizinisches Zubehör, ohne das gar nichts geht.

Er liebt mich! Marc Meier liebt... liebt... liebt nur mich! Wenn ich noch ein Teeny wäre und keine erwachsene Frau, die zwei Babys von ihm erwartet, dann würde ich mich glatt dazu hinreißen lassen, jetzt eine kleine, peinliche Freudentanzeinlage hinzulegen. Hihi! Wie er guckt? Als würde er meine Gedanken lesen. Das tut er doch nicht, oder?

Gretchen (schmiegt sich vergnügt an ihn): Mhm... Du kalkulierst aber gut. Zu gut! Die sechzig stimmen nicht ganz.
Marc (ihm geht das Herz auf, sie endlich wieder losgelöst lachen zu sehen, u. verschränkt hinter ihrem Rücken auf Pohöhe seine Hände): Egal! Hauptsache ich hab dich bei mir.
Gretchen (blickt ihm tief gerührt in die Augen u. ist durchaus versucht): Du bist wirklich ein hundsgemeiner Schuft, Marc Meier. Ein schuftiger Schuft! Du weißt mit Leichtigkeit, Frau zu überzeugen.
Marc (funkelt sie herausfordernd an): Ehrlich? Wenn du Zweifel hast, weil du gerade keine Sachen dabeihast, ich würde auch großzügig eine meiner Unterhosen spendieren. Aber am liebsten sehe ich dich ja eh nackt. Also von dem her...
Gretchen (nimmt die Herausforderung mit Witz u. Charme an): Aller Argumente zum Trotz, mein Lieber.
Marc: So kennst du mich doch. Komm her!

...verführte Marc seine kesse Freundin erneut zu einem innigen Kuss, der nachhaltig auf Gretchens Lippen vibrierte. Auch ihr fiel es schwer, loszulassen. Sie konnte sich einfach nicht mehr vorstellen, auch nur eine Minute ohne ihn zu sein. Und das hatte nichts mit Klammern zu tun. Es war einfach dieses Gefühl, ohne Marc nicht vollständig zu sein. Und dieses Gefühl wurde auch von ihm erwidert. Das spürte sie gerade jetzt wieder sehr deutlich. Aber irgendwer musste schließlich vernünftig bleiben. Und das würde bekanntlich nicht Marc Meier sein.

Cedric: MEIER!!! ... Ey, ich fass es nicht. Der ignoriert mich immer noch. Wir werden wegen seiner durchgeknallten Hormone noch den Flieger verpassen. Und der Anschluss in London wird auch nicht ewig warten, nur weil Hochwürden Dr. Arschloch, ohne den angeblich gar nichts geht, noch fehlt. Ich hab von Anfang an gewusst, das wird in einer Katastrophe enden. Das mit uns wird nie und nimmer funktionieren.

...regte sich derweil im Wartebereich der Abflugshalle ein sichtlich aufgebrachter Passagier immer mehr auf und weckte damit die Aufmerksamkeit anderer Anwesender, aber nur nicht desjenigen, den er mit seiner gepfefferten Ansage eigentlich treffen wollte. Es war zum Haare raufen. Dabei wollte sich Cedric doch eigentlich nicht mehr über den Idioten aufregen, der nachtragender war als eine Horde dreizehnjähriger Mädchen, welche die ganze Welt gegen sich verschworen glaubten. Im Gegenteil, unter Umständen wäre er sogar bereit gewesen, auf ihn zuzugehen und das alte alberne Kriegsbeil endlich zu begraben. Mein Gott, sie waren schließlich erwachsen, hatten promoviert und sich beide unabhängig voneinander einen Namen gemacht. Aber wenn der olle Angeber weiterhin seine Schlachten schlagen wollte, bitte, dann würden sie eben auch auf amerikanischem Boden damit weitermachen. Gerade amerikanische Ärzte waren schließlich dafür bekannt, besonders erbarmungslos im gegenseitigen Konkurrenzkampf zu sein. Dann würden sie eben von den Besten lernen. Aber er war immer noch der bessere und vor allem der klügere Chirurg. Marc würde schon noch sehen, was er von seiner anstrengenden Arroganz und Ignoranz hatte.

Cedrics „charmante“ weibliche Begleitung schien im Gegensatz zu dem stolzen Neurochirurgen jedoch immer noch die Ruhe weg zu haben. Auch wenn man ihr deutlich ansehen konnte, dass sie auf eine Stippvisite des Berliner Flughafens gerne verzichtet hätte. Als würde es ein gestandener Mann wie ihr Rick es nicht selber hinbekommen, in ein blödes Flugzeug zu steigen. Pff! Abschiedsszenarien wie diese hier waren nun mal nicht ihr Ding, aber der Idiot hatte sie trotzdem bequatscht, mitzukommen. Und jetzt saß sie hier fest. Seit fast schon einer geschlagenen Stunde. Auch weil sie ihrer Motte versprochen hatte, dass sie Flugzeuge beobachten würden. Fatales Eigentor, dachte die ehemalige alleinerziehende Mutter nur, weil sie ganz genau wusste, dass Sarah erst wieder würde gehen wollen, wenn sie den Abflug von Cedrics und Marcs Flieger gesehen hätte. Dr. Maria Hassmann hielt ihre Arme verschränkt vor ihrem leicht gewölbten Oberkörper und achtete mit einem Auge auf ihre kleine Tochter, die hibbelig auf einem der Wartestühle hin und her rutschte und ihre jüngere Halbschwester im Kinderwagen bespaßte, die mindestens genauso schlechte Laune hatte wie ihr Erzeuger, der fahrig neben Maria hin und her marschierte und sie damit wahnsinnig nervte. Abwechselnd schaute er zwischen seiner Armbanduhr, der Anzeigentafel und dem adretten Mann in dem dunkelblauen Kurzmantel hin und her, der seine blondgelockte Lebensgefährtin gerade fast auffraß, was auch ihr eine leichte Übelkeit bescherte, die weder von ihrer Schwangerschaft noch von dem Imbiss in der Nähe herrührte, von welchem auf einmal ein seltsamer Geruch zu ihr herüberströmte, den nur sie zu bemerken schien. Kam es nur ihr so vor oder war das hier der Hort der versammelten Idioten und Bekloppten Berlins, fragte sich Maria ernsthaft und blickte verzweifelt an die Decke der riesigen Halle. Es war furchtbar. Und deshalb würde sie auf eine Wiederholung in drei Wochen auch auf jeden Fall verzichten wollen. Wenn nötig würde sie sogar eine wichtige Operation exakt auf den Rückreisetermin ihres Lebensgefährten legen, nur um bloß nicht noch mal hierher kommen zu müssen.

Maria (zynisch): Jetzt komm mal wieder runter, du Miesepeter! Euer Flugzeug ist gerade erst gelandet. Wahrscheinlich pulen die gerade die Kaugummis eurer Vorgänger von den Sitzen. Das dauert. Es ist also noch bärig viel Zeit.
Cedric (grummelnd fasst er sich an seinen Dreitagebart u. fixiert Marc mit seinem finsteren, aber wirkungslosen Blick): Nicht, wenn der da so weitermacht. Wir müssen noch durch die Sicherheitsschleuse. Und unser Gate ist auch am anderen Ende des Flughafens.
Maria (schlingt ihre Arme um seinen Hals, um ihn abzulenken): Och, braucht der alte Mann etwa einen Rollator? Soll ich am Empfang mal nachfragen, welches Modell für dich in Frage kommt?
Cedric (vergisst den Ärger, funkelt sie an u. verschränkt seine Hände über ihrem verlockenden Hinterteil): Ey, jetzt werd nicht frech, ja!
Maria (grinst zufrieden u. wird im nächsten Moment wieder ernst): Was bleibt mir auch anderes übrig, wenn du mich und die Mädchen unbedingt mit hierher schleifen musstest. Für nichts und wider nichts. Ich hätte mir für einen Sonntagabend echt was Besseres vorstellen können, als mich hier zwischen all den hypernervösen Passagieren einzureihen, die alle kurz vorm Durchdrehen sind und von denen ich nicht gedacht hätte, dass du auch einer von ihnen bist.
Cedric (kann es nicht lassen, ihr auch einen subtilen Denkstoß mitzugeben): Die Immobilienbroschüren durchblättern, vielleicht?
Maria (löst ihre Umarmung abrupt wieder u. ärgert sich): Und er versucht es schon wieder! Was hab ich gesagt? Ich werde ganz bestimmt keine überstürzten Entscheidungen treffen, die ich später bereuen werde. Das Haus, das...
Cedric (fällt ihr prompt ins Wort, bevor sie etwas Negatives sagen kann): ...ist die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Ein Glückstreffer also. Noch hält es der Makler für den Markt zurück und ich weiß nicht, wie lange noch.

Er kann es einfach nicht lassen! Was soll denn so toll sein an diesem schrecklichen Schuppen, der im wahrsten Sinne des Wortes einer ist? So toll kann der doch wirklich nicht sein? Boah, Maria, du denkst jetzt nicht ernsthaft darüber nach, deine wohlverdiente Mittagspause in nächster Zeit zu vergeuden, um dieses obskure Objekt einer Stippvisite zu unterziehen? No way! Das sind nur die Hormone!

Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt): Wie subtil du auch immer deine Metaphern auswählst! Faszinierend, aber wertlos!
Cedric (grinst wissend u. zwinkert ihr zweideutig zu): Siehst du, ich weiß eben, was ich will. Da bleibe ich immer hartnäckig. Weil ich weiß, dass sich Hartnäckigkeit am Ende auszahlt.
Maria (rollt genervt mit den Augen, weil seine Schleimerei bei ihr gar nichts bewirkt): Idiot!
Cedric (fängt ihren sehr eindeutigen Blick ein): Mhm... Schmeichlerin! War das etwa ein kleines Lächeln?
Maria (kontert cool u. lässt sich nichts anmerken): Sodbrennen! Weil du mir mal wieder tierisch auf die Nerven gehst und der Kuchen von heute Nachmittag mir quer im Magen liegt.
Cedric (vorlaut): Dafür hast du aber ordentlich zugelangt.
Maria (lässt sich nicht von ihm provozieren u. bleibt ernst): Hör auf damit! Ich weiß, was du hier bezweckst. Aber hier an diesem schrecklichen Ort wird überhaupt nichts entschieden. Klar? Wenn überhaupt, dann wird das demokratisch gelöst.
Cedric (blickt ihr amüsiert in die wild aufblitzenden Augen): Das heißt? Abstimmung?
Maria (bedenkt ihn mit ihrem kühlen Eisblick): Jeder hat eine Stimme.
Cedric (gibt den Schlaumeier): Tja, ich will dich ja nicht schon wieder enttäuschen, meine liebe Mary, aber dann kommen wir wieder nur zu einem Patt.
Maria (unbeeindruckt zuckt sie nicht einmal mit den Wimpern): Vergessen, dass ich doppeltes Stimmrecht besitze?
Cedric (guckt schmunzelnd auf ihren Babybauch unter dem langen dunklen Designermantel, den sie demonstrativ in seine Richtung gedreht hat): Interessanter Gedanke. Stimmt! Dann hat Sissi aber auch Stimmrecht, über das ich als ihr gesetzlicher Vormund verfügen darf, zumindest so lange, bis sie des Sprechens richtig fähig ist. Obwohl ein „Dada“ vielleicht auch schon als ein „Ja“ interpretiert werden könnte. Und dann wäre ja auch noch Sarah. Ich glaube, unsere Motte würde die Umgebung richtig gut finden. Sie liebt das Herumtoben in der Natur. Macht doch in meiner Abwesenheit mal einen Ausflug dorthin, hm? Ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben, ist eigentlich jede Entscheidung gegen oder dafür keine Diskussion wert.

So ein Klugscheißer! Als ob mich das beeindrucken würde. Pff! Nein heißt bei mir immer noch NEIN. Ohne Ausnahme! Mal abgesehen davon, dass ich geistig völlig umnachtet gewesen sein muss, als ich ihn wieder in mein Leben gelassen habe.

Maria (umschmeichelt ihn spielerisch): Hm, das hättest du wohl gerne? Wenn überhaupt, dann fahren wir alle zusammen dahin.
Cedric (freut sich einen Ast): War das ein Ja oder ein Ja?
Maria (rollt genervt mit den Augen): Du verstehst auch nur das, was du hören willst, oder, Rick? Männer! Pff! Also noch einmal zum Mitschreiben für alle Ignoranten dieser Welt: Ob und wie wir zusammen wohnen werden, das obliegt allein meiner Entscheidungsgewalt? Ich trage die Hauptlast. Also suche ich auch, je nachdem, das Haus, das Loft oder das Appartement aus. Punkt! Diskussion ein für alle mal beendet! Musst du nicht einen Flieger kriegen?
Cedric (seufzt geschlagen, greift nach ihren beiden Händen u. zieht sie so mit Schwung zu sich heran): Mhm... Man darf doch wenigstens hoffen, oder? Was bleibt mir denn sonst noch, während ich über elf Stunden neben einem beleidigten Kindskopf sondergleichen hocken muss, der kein Wort mit mir wechseln wird?
Maria (streift ihm gespielt mitfühlend durchs Haar): Eigentlich müsste man sich doch in Gesellschaft Gleichgesinnter wohl fühlen, oder?
Cedric (hat ihre Spitze richtig interpretiert u. spielt die beleidigte Leberwurst): Ey! Kann es sein, dass du das richtig genießt? Willst du mich etwa loswerden?
Maria (grinst verschlagen, während sie ihm den Nacken krault): Och, du Armer! Du leidest wirklich, hm? Alle sind gegen dich. In dem Sinne ja eigentlich nichts Neues. Tja, vielleicht sollte doch besser ich den Job übernehmen und die Fortbildung machen? Einverstanden!
Cedric (legt seine Hände demonstrativ an ihren Bauch): Ach, auf einmal doch? Da hat sie hier aber auch noch ein weiteres Mitspracherecht.
Maria (schüttelt seine Hände grob ab u. blitzt ihn an): Ich hasse dich.
Cedric (grinst ihr verschmitzt entgegen u. nähert sich zu einem Kuss heran): Ich dich auch, Bloody Mary. Aber danke!
Maria (kurzzeitig irritiert zieht sie ihren Mund von seinem weg): Danke? Wofür? Dass du dich einfach so ins gemachte Nest setzen darfst? Das war immer noch mein Platz neben Meier.
Cedric (auf einmal ungewohnt ernst): Ich rede nicht von unserer Businessreise, Maria. Ich meine, danke, dass du auf die Kleine aufpasst, während ich dem Meier eins reinwürge. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Gerade weil ihr euch erst so kurz kennt und du so deine Probleme mit ihr hast. Verständlicherweise. Du weißt, meine Schwester hätte auch einspringen können. Ein Anruf und...
Maria (fühlt sich mit einem Mal unbehaglich u. redet das Thema klein): Und ich hätte mir dann jeden Tag das Geheule unserer Großen anhören müssen, weil sie sie vermisst und nicht versteht, warum sie nicht bei uns ist. Es ist okay so, wie es ist. Irgendwann müssen wir uns ja alle aneinander gewöhnen. Die beiden kleben nun mal wie Kletten aneinander. Die Zwei kannst du nicht mehr trennen.
Cedric (lächelt erst, dann wird er plötzlich unruhig): Apropos, es ist verdächtig ruhig da drüben bei den beiden.

Einer unheilvollen Eingebung folgend schaute Cedric plötzlich auf und auch Maria folgte seinem besorgten Blick. Sie seufzte augenblicklich auf. Sarah standen die Gefühle nämlich mal wieder direkt ins Gesicht geschrieben. Die Sechsjährige saß im Schneidersitz auf einem der Wartestühle, hatte trotzig die Arme verschränkt, den Blick gesenkt und ihr kleiner Körper bebte leicht. Der kleine Vulkan, der passend in Rot gekleidet war, schien kurz vorm Ausbruch zu stehen. Das fiel auch Sarahs Vater auf, der kurz einen vielsagenden Blick mit seiner Freundin austauschte, die bestätigend mit dem Kopf nickte. Er ging auf das süße Trotzköpfchen zu, das ungewohnt ruhig geworden war, schaute kurz in den davorstehenden Sportwagen, wo wenigstens Sissi in ihre Schmusedecke gewickelt wieder friedlich zu schlafen schien, und hockte sich dann vor den Stuhl seiner großen Prinzessin und schaute sie direkt an.

Cedric: Hey! Was hast du denn, mein Schatz?
Sarah (schnieft trotzig in den Ärmel ihrer Jacke u. schaut demonstrativ weg): Nichts!
Cedric (getroffen wagt er einen erneuten vorsichtigen Annäherungsversuch): Oh doch! Das sehe ich dir doch an deiner Nasenspitze an.
Sarah (hebt vorsichtig ihre Hand u. betastet ihre Nase, die sie dann verwundert in seine Richtung in die Luft reckt): Gar nicht!
Cedric (legt lächelnd seine Hände auf ihre Knie u. sucht ihren Blick): Hey, Mäuschen, der Papa ist doch bald wieder da. Du weißt doch, wieso ich fahren muss, oder? Das habe ich dir doch lang und breit erklärt. Weißt du, in meinem und Mamas Beruf, da muss man auch ständig Neues dazulernen, weil sich die Medizin immer weiterentwickelt und es neue Fortschritte gibt, mit denen wir den Patienten dann besser helfen können. Das ist wie... Stell dir einfach vor, Marc und ich müssen noch mal in die Schule gehen. So wie du und deine Kindergartenfreunde in den letzten Wochen regelmäßig in die Vorschule gegangen seid, um für eure Einschulung im Sommer vorbereitet zu sein. Es ist quasi eine Fleißaufgabe, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Verstehst du das?
Sarah (hat aufmerksam zugehört u. darüber nachgedacht, sieht ihm aber immer noch aufgewühlt in die Augen): Und du kommst auch wirklich wieder zurück?
Cedric (sein Herz verkrampft sich schmerzhaft, weil er mit dieser Frage überhaupt nicht gerechnet hat): Wie kommst du darauf, dass dem nicht so wäre, Prinzessin?
Sarah (lässt sich von ihrer Mutter beruhigend durchs Haar streichen, die sich tröstend neben sie gesetzt hat): Weil... weil... Du warst schon einmal weg und ich hab dich soooooo lange nicht gesehen. Ich will nicht, dass du noch mal gehst.
Cedric (zieht das schluchzende Mädchen spontan vom Stuhl in seine Arme): Hey! Das passiert mir nicht noch einmal, Sarah. Versprochen! Ich komme wieder. Ganz, ganz bald. Dann wirst du mich nicht mehr los. Nie, nie mehr!
Sarah (wird von mehreren tiefen Schluchzern erschüttert u. hält ihr verweintes Gesicht gegen seine Jacke gedrückt, an die sie sich wie an einen Rettungsanker festkrallt): Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, Papi!
Cedric (wischt ihr mit den Daumen die heißen Tränen aus dem Gesicht u. gibt ihr einen dicken Schmatzer auf die erhitzte Wange): Indianerehrenwort! Und jetzt Schluss mit den Krokodilstränen, ja! Sonst fängt der Papa nämlich auch noch damit an und das will hier bestimmt niemand sehen.

Lächelnd beobachtete Maria den rührseligen Vater-Tochter-Moment, der ihr Herz in ungewohnte Wallung versetzt hatte. Hatte sie bis eben Zweifel, dass es mit ihnen allen überhaupt klappen könnte, waren die plötzlich wie weggewischt. Nichts hielt sie mehr an ihrem Platz. Sie ging ebenfalls in die Knie und schloss ihre Arme von der anderen Seite um ihre zappelige Tochter und guckte dabei Cedric an, der ihr Lächeln glücklich erwiderte. Schnell hatte sich die süße Maus beruhigt und sie umklammerte nun hibbelig den Griff des Kinderwagens ihrer schlafenden Schwester, ohne dabei ihren supertollen Vati auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen.

Sarah: Triffst du denn dann dort auch echte Indianer? Die gibt es doch in Amerika, oder?
Cedric (lächelt glücklich, weil sie sich so schnell beruhigt hat u. nun aufgeschlossen auf ihn zugeht): Vielleicht? Ich weiß nicht. Wenn einer von ihnen ins Krankenhaus kommt und Hilfe braucht.
Sarah (himmelt ihn schwer beeindruckt an): Machst du ihn dann wieder gesund?
Cedric: Das ist mein Plan.
Sarah (strahlt wie ein Honigkuchenpferd): Das ist toll, Papi. Und ich passe währenddessen auf meine Schwester auf.
Cedric (neckt sie): Und auch auf die Mami?
Sarah (kichert): Sowieso!
Maria (fühlt sich übergangen u. schaut verdattert von einem zur anderen): Hey!
Cedric (schleicht sich grinsend an sie heran u. packt sie an der Taille, während er Sarah noch einmal frech zuzwinkert): Meinst du, ich kann die Mami noch mal küssen, bevor ich mir dann den Meier vorknöpfe und ihn an seinen gestriegelten Haaren in den Flieger zerre?
Sarah (kichert vergnügt u. unbeschwert u. versteckt sich schnell hinter dem Kinderwagen): Unbedingt! Dann ist die Mami auch nicht mehr so sehr traurig, weil du wegfährst und sie nicht. Sissi und ich schauen auch solange weg.
Maria (will sich eigentlich gegen den dreisten Kerl wehren, aber mal wieder entscheidet Herz über Kopf): Du bist unmöglich, Rick.
Cedric (knutscht sie unvermittelt nieder): Gib’s zu, Mary! Du stehst doch drauf!

Gegen diesen entwaffnenden Charme kam nicht einmal die taffe Neurochirurgin an, die eigentlich innerlich kochen müsste, weil ausgerechnet er ihren Traum von Amerika leben würde und sie in Berlin versauern musste und immer dicker und unleidlicher werden würde. Zufrieden ließ sich Cedric in den äußerst reizvollen Kuss fallen, mit dem sie ihm ihren Unmut unmissverständlich darlegte, bis seine Aufmerksamkeitssensoren die wiederholte Ansage aus dem Lautsprecher für sich übersetzten. Er blickte Maria entschuldigend an, die nur genervt die Augen verdrehte und sich dann zu den beiden Mädchen gesellte, und setzte einen kraftvollen Pfiff in Richtung Dr. Meier ab. Gefolgt von dem obligatorischen „MEIER-Wird-das-heute-noch-was-mit-uns-beiden-oder-brauchst-du-einen-Extraarschtritt“-Ruf.

Gretchen (löst sich schweren Herzens aus Marcs Klammerumarmung): Du musst jetzt wirklich los, Schatz. Das war der letzte Aufruf.
Marc (greift nach ihrer zarten, kleinen Hand u. wirbelt sie einmal um ihre eigene Achse herum, ehe er sie wieder besitzergreifend an sich drückt): Klang mir eher nach der Schleimstimme vom Stier. Die verursacht bei mir immer Sodbrennen.
Gretchen (fühlt sich leicht schwindelig nach der kleinen ungeplanten Tanzeinlage u. muss sich an ihm festhalten): Mach es mir doch bitte nicht so schwer, Marc! Dann muss ich wirklich weinen. Du weißt doch, dass ich das nicht kontrollieren kann.
Marc (legt seine beiden Hände um ihr Gesicht u. sieht ihr tief bewegt in die feucht schimmernden Augen): Okay, Vorschlag zur Güte! Mach einfach die Augen zu!
Gretchen (blickt ihn verdattert an, während er sich ihr verdächtig nähert): Marc, was wird das denn jetzt? Du musst dich wirklich beeilen.
Marc (stibitzt der Widerspenstigen eine weitere Schar kleiner Küsse): Ich hole mir nur Proviant für die lange Reise ab. Die XXL-Tüte, die mir deine Mutter für die Reise mitgegeben hat, darf ich ja nicht mit ins Flugzeug nehmen. Und ehrlich, so befriedigend sah das Leberwurstbrot nun wirklich nicht aus.
Gretchen (schmilzt dahin u. lächelt glücklich in seine süßen Küsse hinein): Du bist verrückt!
Marc (knabbert nun an ihrem Ohr u. raunt sexy hinein): Nach dir!
Gretchen (blinzelt seufzend, während ihr wild schlagendes Herz Lambada tanzt): Marc! Ich glaube, ich kann dich doch nicht gehen lassen.
Marc (grinst vergnügt in den nächsten Kuss hinein): Was? So leicht bist du rumzukriegen?
Gretchen (stupst ihn empört an): Maaarc!
Marc (lacht u. zeigt nun mit dem Finger auf sie, bis sie brav seinen unmissverständlichen Anweisungen Folge leistet): Hey! Was hab ich gesagt, Haasenzahn? Jetzt wirklich Augen zu! Aber pronto! Halt sie geschlossen, bis ich dir sage, dass du wieder blinzeln darfst! Du wirst sehen, die Zeit wird wie im Fluge vergangen sein. Und Flug trifft ja hier zu wie Arsch auf Eimer. Das ist kein Abschied. Mal sehen, ob wir das mit der Magie, von der du gesprochen hast, hinbekommen. Also, wenn du die Augen wieder aufmachst, dann bin ich längst schon wieder da, als wäre ich überhaupt nie weg gewesen. Meinst du, du kriegst das hin?

Lorelei Offline

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06.03.2016 12:35
#1559 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Drei Wochen später strahlte an fast derselben Stelle ein zuckersüßes neunjähriges Mädchen mit hellbraunen Ringellöckchen und zauberhaftem Engelslächeln ihren groß gewachsenen Papa an, dem sie ungewohnt auf Augenhöhe begegnete. Neugierig geworden funkelte er ihr mit seinen tiefgründigen rehbraunen Augen entgegen und konnte sich sein übliches spitzbübisches Grinsen nicht lange verkneifen. Sein Mädchen war aber auch einfach zum Niederknien hinreißend. In ihrer ganzen Art und kindlichen Aufgeschlossenheit, mit welcher sie ihre Welt beobachtete und ungeniert kommentierte, wie ihr der Schnabel gewachsen war.

Lilly: Duuhuuu?
Mehdi: Jaaa, Lillybärchen?
Lilly: Papa, was macht Gretchen denn da eigentlich?

Die aufgeweckte Tochter von Dr. Kaan runzelte verwundert ihre Stirn und deutete mit ausgestrecktem Arm in eine ganz bestimmte Richtung, in welche sich nun auch Mehdis gespannte Blicke suchend hinbewegten, und wäre dabei fast von dem wackeligen Barhocker heruntergeplumpst, auf welchen sie sich eben erst mühsam hinaufgekämpft hatte, doch ihr aufmerksamer Vater, der direkt hinter ihr gestanden hatte, gab ihr ebenso den sicheren Halt, den sie wankend gesucht hatte, wie der weiße Bistrotisch, an welchem sie sich nun mit aufgeregt klopfendem Herzen festklammerte. Ein Blick in die schelmischen Augen ihres Papas hatte genügt und Lilly hatte sich schnell wieder aufgerappelt und sich erneut auf die wesentlichen Dingen konzentriert, die sie umgaben. Und die befanden sich nicht im direkten Umkreis des Imbisses, vor dem sie mit hungrig knurrendem Bauch Platz genommen hatte und von dem aus sie leckere Gerüche zu locken versuchten, sondern genau gegenüber vor der endlos langen ungeputzten Panoramafensterscheibe, welche auf das Flugfeld von Tegel zeigte, das unter dem strahlendem Sonnenschein, der heute über der deutschen Hauptstadt herrschte, beinahe unterging. Durch die glitzernden Spiegelungen der blendenden Sonnenstrahlen waren die Flugzeuge kaum zu erkennen, aber die interessierten die wissbegierige junge Dame auch gar nicht. Ihr Augenmerk war vielmehr auf die hübsche Frau in dem pastellrosafarbenen Mantel gerichtet, deren lange, gelockte, blonde Haare denselben strahlenden Farbton aufwiesen wie die Frühlingssonne, die sich heute von ihrer besten Seite zeigte, aber Lilly den Blick nach draußen verwehrte. Ganz und gar abwesend blickte die Schönheit aus dem Fenster und schien nichts um sich herum mehr wahrzunehmen. Auch nicht dass sie intensiv unter Kaanscher Beobachtung stand und das nicht erst seit gerade eben.

Mehdi (schmunzelt über Gretchens verträumten Anblick): Das gleiche wie wir, würde ich sagen, nämlich warten.
Lilly (bleibt skeptisch u. rutscht vorsichtig auf dem wackeligen Hocker herum, um ihrem Schlaumeierpapa besser in die Augen sehen zu können): Auf Onkel Maaarc?
Mehdi (stupst ihr einmal frech an ihre neugierige Nasenspitze): Tja, auf wen denn wohl sonst, hm? Für den Osterhasen wäre es ein bisschen spät. Oder?
Lilly (kabbelt sich vergnügt mit ihrem Grinsepapa, dann schaut sie sich erneut um): Hihi! Ja! Sieht aber ulkig aus, wie sie dort mit geschlossenen Augen steht und ihre Lippen in die Luft reckt. Oder will sie die dreckige Scheibe küssen? Iiiihhh!!! Ist das überhaupt hygienisch?
Mehdi (umarmt schmunzelnd von hinten seine süße Prinzessin u. wiegt sie sanft hin u. her, während er nachdenklich auf Gretchen blickt): Du, ich glaube, sie ist schon völlig in ihre ganz eigene Welt abgedriftet, wo alles so schön rosarot und voller Zauber ist.
Lilly (schaut gespannt zu ihrer großen Freundin rüber u. schmiegt sich in Papas Arme): Meinst du, Gretchen hat deshalb gar nicht mitbekommen, dass das Flugzeug von Marc erst später landen wird? Vielleicht sollten wir es ihr sagen und rübergehen?
Mehdi (hält die süße Maus flink davon ab u. guckt noch mal vergewissernd auf die riesige Flugzeitentafel): Lass mal, mein Schatz! Lassen wir sie lieber in ihrer Welt, hm. Du siehst doch, wie wohl sie sich darin fühlt. Und zwanzig Minuten sind jetzt auch nicht so viel Verspätung. Das bekommt sie gar nicht mit. Was hältst du davon, wenn wir uns währenddessen noch ein zweites Frühstück genehmigen, hm? Deswegen sind wir doch hier. Also neben der Tatsache, dass wir Marc ein anständiges Begrüßungskommando spendieren wollen.
Lilly (ist mit großer Begeisterung dabei u. dreht sich wieder zu dem Flughafenimbiss um): Au ja! Mit Kakao?
Mehdi (grinst sie verschmitzt an): Na logo! Alles, was dein Herz begehrt, Lillymaus! Und was magst du noch? Ein Schokohörnchen?
Lilly (schüttelt entschieden den Kopf u. studiert aufmerksam die Imbisskarte neben der Theke): Nein, mit dem Kakao hab ich doch schon was Süßes. Ich möchte lieber ein Brötchen mit... mhm... Käse. Und mit Gurkenscheiben oben drauf. Oder nein, lieber Tomate. Oder beides? Geht das?
Mehdi (streicht ihr liebevoll über ihr langes Haar u. neckt sie verwundert): So gesundheitsbewusst heute? Das sah heute Morgen noch anders aus.
Lilly (stemmt stolz ihre Hände in ihre Hüften, bis es ihr auf dem Hocker zu wackelig wird u. sie sich wieder am Bistrotisch u. Mehdis Hand festhält): Jahaaa! Ich halte mich nur an den Plan, den du aufgestellt hast, Papa, und den Gabi auch eifrig befolgt. Du nicht? Sprichst du nicht immer, wir sollten solidarisch sein? Solange sie noch nicht alles wieder essen kann, ohne gleich auf die Toilette zu müssen.
Ach, meine Prinzessin! So lieb und süß zugleich.
Mehdi (tippt ihr schmunzelnd an ihr vorlautes Näschen): Guter Einwurf, mein Schatz! Obwohl wir hier ja nicht unter strenger Kragenowscher Beobachtung stehen, so wie heute Morgen, als du noch vor Gabi unser letztes Nutellaglas leer geputzt hast.
Lilly (ist sich trotzig keiner Schuld bewusst): Da war ja auch nur noch ein winziger Klecks drin gewesen. Der hat nicht einmal für den ganzen Toast gereicht. Damit wären Gabi und das Baby sowieso nicht satt geworden.
Mehdi (schmunzelt): Oh, ja, na dann... deine Bestellung. Also... Sie haben sie ja gehört. Einmal eine große Tasse Kakao und ein Käsebrötchen mit Gurke und Tomate für die junge Dame hier. Für mich dasselbe und dazu einen Kaffee, aber nur mit einem kleinen Spritzer Sahne, bitte!

...lächelte Lillys Vater die freundliche Imbissverkäuferin fröhlich an, die das Hin und Her der beiden belustigt aus ihrem Imbissfenster heraus verfolgt hatte und nun dem unwiderstehlichen Charme ihres attraktiven Kunden natürlich überhaupt nicht gewachsen war. Mit großem Eifer und Berliner Herzlichkeit bereitete sie den kleinen Snack für die beiden vor und servierte ihn dann auch gleich mit einem übergroßen Lächeln und wurde prompt von dem charmanten Mittdreißiger und dessen zuckersüßen Tochter mit einem ansteckenden verschmitzten Grinsen belohnt, wodurch sie fast vergaß, abzukassieren. Doch Dr. Kaan vergaß das großzügige Trinkgeld natürlich nicht und verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern, um sich nun wieder ganz seiner bezaubernden Tochter zuzuwenden, die schon ordentlich zugegriffen hatte, weil der kleine Hunger dann doch eher ein großer gewesen war.

Mehdi: Und schmeckt’s dir, mein Schatz?
Lilly (mit vollem Mund): U...wiiieee! Kann isch deinsch auch noch haben?
Mehdi (schmunzelt über ihren Kakao verschmierten Mund u. beißt dann selber beherzt in sein Brötchen): Sieht man dir gar nicht an. Und die Antwort lautet nein.
Lilly (schluckt hastig ihren Bissen herunter u. schaut zu ihrem Vater, der etwas seitlich hinter ihr am Bistrotisch lehnt u. sie mit einem Arm festhält, damit sie nicht vom Hocker plumpst): Schade, dass Gabi heute arbeiten muss.
Mehdi (guckt gedankenverloren auf sein Handy, das vor ihm auf dem Tisch liegt u. keine neue Nachricht anzeigt, u. nimmt dann einen Schluck von seinem dampfenden Kaffee): Ja, stimmt, aber wenn ich noch mehr zu unseren Gunsten im Dienstplan herumfummele, wird die Oberschwester sauer und das wollen wir ja nicht. Oder?
Lilly (nippt kichernd an ihrem Kakao): Nein! Vor ihr hab ich auch Angst. Sie guckt immer so böse.
Mehdi (wischt ihr einmal mit dem Zeigefinger über ihren leichten Milchbart): Na, siehst du. Und wir hätten ja auch keinen weiteren Platz im Auto gehabt. Und die drei zusammen auf der Rückbank, na, ich weiß nicht.
Dann hätte ich besser gleich mit dem RTW anreisen sollen.
Lilly (schiebt seine Hand weg u. beißt noch einmal kraftvoll in ihr leckeres Brötchen): Schimmt! Duuu? Scheigst du mir noch mal dasch Video von dem Gorillababy, Papa?
Mehdi (tippt flink auf dem Display seines Smartphones herum): Wenn du heruntergeschluckt hast und die Finger sauber sind.
Lilly (wischt sich ihre Finger u. ihren Mund an einer Serviette ab u. guckt aufgeregt auf den kleinen Bildschirm, den Mehdi ihr grinsend hinhält): Oach, das ist voll süüüüß. Hättest du das auch gekonnt, Papa?
Mehdi (guckt ihr irritiert ins Gesicht u. dann wieder aufs Video): Was? Ein Gorillababy auf die Welt holen? Ich weiß nicht. Ich denke schon. So eine Geburt ist einer menschlichen nicht unähnlich.
Lilly (nimmt nun das Handy selbst in die Hand u. lässt das Video noch einmal ablaufen): Boah, das wäre voll cool. Meinst du, die vom Berliner Zoo rufen dich auch mal wegen so was an?
Mehdi (lacht): Diese Wahrscheinlichkeit ist, glaube ich, nicht so hoch. Die haben ihre eigenen ausgebildeten Tierärzte, weißt du, Lilly.
Lilly (legt das Smartphone wieder hin u. schaut ihrem Papa gespannt in die Augen): Aber du wärst bereit?
Mehdi (etwas überfragt schaut er auf das Display, das wieder dunkel geworden ist, u. zuckt mit den Schultern): Na klar! Von so einer spannenden Geburt träumt doch jeder Geburtsmediziner.
Lilly: Cool! Die in der Schule würden staunen.

Nicht nur die! Was für eine verrückte Vorstellung! Ich als Gynäkologe bei einer Gorillageburt. Hilfe!

Die aufgeweckte Neunjährige strahlte ihren Papa zufrieden an, der sie dafür noch fester an sich drückte und ihr einen kleinen Kuss aufs Haar setzte, und biss dann noch einmal beherzt von ihrem Käsebrötchen ab. Als Lilly wieder von ihrem Teller aufschaute, weiteten sich ihre kastanienbraunen Augen auf einmal ungläubig. Hastig ruckelte sie am Arm ihres Vaters, der gerade gedankenverloren seinen Blick durch die Flughafenhalle schweifen ließ, in welcher sich zur späten Vormittagszeit immer mehr Menschen eingefunden hatten. Leicht verwirrt richtete Mehdi seine Aufmerksamkeit wieder auf seine hibbelige Tochter, die mit ihrem Arm aufgeregt in eine Richtung zeigte.

Lilly: Papa, Papa, guck mal! Sie hat es geschafft. Gretchen hat Marc tatsächlich hergezaubert! Ist das toll! Aber wieso geht er denn nicht zu ihr hin und guckt auch so komisch vor sich hin?

Mehdi folgte suchend Lillys Blick und musste unweigerlich schmunzeln, als er seinen besten Freund an dessen Gepäckwagen gelehnt entdeckte. Während Gretchen immer noch verträumt mit geschlossenen Augen aus dem Fenster blickte, hatte sich Marc Meier still und heimlich an die schöne Träumerin herangeschlichen. Doch an einer Säule ganz in der Nähe seiner Liebsten war er stehen geblieben und starrte sie nun ungeniert an. Ein verliebtes Lächeln umschmeichelte Marcs Mundwinkel, die sich immer weiter nach oben zogen, je länger er sie voller Faszination und Liebe betrachtete. Und auch er bekam mindestens genauso wenig um sich herum mit wie die hinreißende junge Dame vor ihm, die ihn noch immer nicht bemerkt hatte. Es war wirklich herzerweichend, den beiden zuzuschauen. Sie waren wie zwei Schulkinder, die sich nur aus der Ferne anhimmelten und nicht ahnten, dass der eine gerade dasselbe machte und empfand.

Mehdi: Tja, ich glaube, er hat gerade die Tür zu Gretchens rosaroter Welt aufgeschlagen und wirkt ein bisschen umnebelt. Kein Grund zur Sorge. Die zwei sind immer so.
Lilly (umklammert kichernd ihre warme Kakaotasse): Hihi! Sind die verknallt!
Mehdi (streichelt ihr lächelnd übers Haar u. hält seinen Beobachtungsposten bei): Ja, das sind sie, aber psst, nicht weitererzählen! Onkel Marc geniert sich doch immer so schnell.
Lilly (gluckst vergnügt): Genau! Du, Papa, ich will auch mal so verliebt sein. Meinst du, ich krieg das hin?

Ganz verträumt guckte Lilly Kaan über den Rand ihrer Kakaotasse hinweg zu den beiden Verliebten rüber und schien es wirklich ernst zu meinen. Mehdi verschluckte sich deshalb fast an seinem Kaffee, an dem er gerade nippen wollte, und brauchte einen Moment, das Gehörte zu verarbeiten und auch um die Hustenattacke in den Griff zu bekommen, die ihn gerade schwer erschüttert hatte. Der perplexe Familienvater stellte seine Tasse mit zittriger Hand wieder hin und sah seine kleine unschuldige Prinzessin schließlich mit weit aufgerissenen Augen um Kontenance bemüht an...

Mehdi: Was? Aber... das... hat ja noch Zeit, nicht?
Lilly (schaut ihm mit ernster Unschuldsmiene in das immer blasser werdende Gesicht): Wieso? Ich bin doch schon neuneinhalb.
Mehdi (starrt sie mit offenen Mund völlig konsterniert an): Ja, eben!?!
Lilly (gibt sich völlig unbeeindruckt, als sei es die natürlichste Sache der Welt): In meiner Klasse sind schon alle meine Freundinnen ständig in irgendwen verliebt.
Oh Gott! Jetzt ist es also soweit? So fühlt sich also ein Herzinfarkt an? Ich hätte doch den RTW nehmen sollen.
Mehdi (völlig außer Konzept gebracht muss er schwer schlucken u. sich krampfhaft an seiner Kaffeetasse festhalten): Aber du... du nicht auch, oder?
Lilly (schüttelt empört den Kopf u. trinkt dann erst einmal den letzten Schluck von ihrem leckeren Kakao): Quatsch! Papa! Die Jungs in meiner Klasse sind doch noch voll die Kinder.
Und das heißt jetzt was?
Mehdi (fährt sich mit seiner freien Hand über seine pochende linke Brustseite, um sich zu beruhigen, u. genehmigt sich dann einen kraftvollen Schluck aus seinem Kaffeepot, aber der Koffeinschub wirkt nicht mehr): Gut, weil... das... das kann ja wirklich noch... warten. So ungefähr bis du... fünfunddreißig bist.
Lilly (schaut ihn mit großen ungläubigen Kulleraugen u. Kakaomund an u. kann sich ihr freches Grinsen nicht verdrücken): Papa, du bist aber ein Witzbold. Du bist doch auch schon fünfunddreißig. Wenn du und die Mama so lange gewartet hättet, dann gäbe es mich doch gar nicht.
Erschreckend stichhaltige Argumentation, mein Kind! Kommt es nur mir so vor oder wird sie viel zu schnell groß? Sie hat doch eben erst zum ersten Mal „Papa“ gesagt.
Mehdi (kann sich sein Grinsen nun auch nicht mehr verkneifen u. zieht sein vorlautes Mädchen liebevoll in seine Arme u. drückt es an sich): Was hab ich nur für eine schlaue Tochter! Aber wenn es irgendwann einmal in ferner, ferner, ferner Zukunft soweit sein sollte und du dich... verliebst, dann... kommst du doch zu mir, oder?
Lilly (gespielt lange überlegend strahlt sie ihn schließlich an u. schmiegt sich an ihn): Logo, Papa! Du bist doch der Beste.
Mehdi (gibt ihr glücksstrahlend ein kleines Küsschen auf die Wange u. schaut wieder rüber zu dem Pärchen vor der Fensterfront, das sich immer noch regungslos gegenübersteht): Und du bist meine Beste. Nur damit du das weißt.
Lilly (wischt sich kichernd über die kitzelnde Wange u. konzentriert sich auch wieder auf das Liebespaar gegenüber): Papa, wäh! Dein Bart kitzelt. Guck mal, jetzt geht er doch endlich zu ihr. Gehen wir auch hin? Bitte, bitte, Papa! Ich hab ihn doch auch so vermisst.
Mehdi (hält sein übereifriges Mädchen auf, das schon vom Hocker rutschen will): Warte mal, mein Schatz! Ich glaube, die zwei wollen noch einen Moment oder länger alleine für sich sein.

Und tatsächlich, nachdem Marc seine große Liebe minutenlang nur völlig fasziniert angestarrt und dabei seinem immer schneller werdenden Herzschlag als melodischer Hintergrundmusik gelauscht hatte, tat sich nun endlich etwas. Der verliebte Chirurg ignorierte den akuten Muskelschwund in seinen weichen Knien, der ihn leicht schlaksig gehen ließ, und brachte die nur wenigen Meter, die das Paar noch voneinander trennte, ganz langsam und gepardengleich hinter sich. Er musste über sich selbst lachen, wie albern er sich benahm und auch fühlte, weil sein Herz ihm gerade sonderbarerweise bis zum Hals schlug. Er blieb dicht hinter seiner sehnsuchtsgetragenen Traumfrau stehen, stellte vorsichtig seinen Gepäckwagen lautlos neben sich ab und sog den verführerischen Duft auf, der von ihrem langen, lockigen Haar, in das er am liebsten seine Hände tief vergraben hätte, und ihrer alabasterfarbenen Haut ausstrahlte, die von einem blasslilafarbenen Halstuch bedeckt war, das ihm den Blick auf ihre Halsschlagader leider verwehrte, an der er jetzt gerne geknabbert hätte. Aber auch so merkte der versierte Mediziner sofort, wie aufgeregt Haasenzahn war. Im schnellen Rhythmus hob und senkte sich ihre Oberkörper. Sie schien seine Anwesenheit regelrecht körperlich zu spüren. Sie reagierte sofort. Gretchen begann, langsam mit ihren Füßen auf und ab zu wippen. Und der Teint ihrer makellosen Gesichtshaut verfärbte sich in den typischen verführerischen Rotton, den er so sehr an ihr mochte, weil er diese Reaktion immer bei ihr auslöste. Ein breites Strahlelächeln zierte ihre süßen geschwungenen Lippen. Marc betrachtete ihr wunderschönes Spiegelbild in der Fensterscheibe und konnte auch nicht aufhören zu lächeln. Haasenzahn hatte tatsächlich einmal auf ihn gehört. Sie hielt ihre Augen immer noch brav geschlossen und reckte ihre verführerischen Lippen kussbereit in die Höhe. Eine Einladung, der ihr Verehrer kaum widerstehen konnte und wollte. Ohne sie zu berühren, schob sich Dr. Meier zwischen die aufregend sinnliche Frau und das Panoramafenster, hinter dem man ein Flugzeug in den azurblauen Himmel aufsteigen sehen konnte. Eine halbe Sekunde zögerte er noch, weil er sich an Gretchens bildhübschen Anblick einfach nicht sattsehen konnte, dann beugte sich Marc leicht vor und, bevor er sie und sich endlich erlöste, indem er sie zärtlich küsste, hauchte er ihr noch etwas flüsternd und Gänsehaut auslösend ins Ohr...

Marc: Sag mal, Haasenzahn, stehst du immer wie bestellt und nicht abgeholt auf stinkenden Flughäfen herum und willst von wildfremden Kerlen abgeknutscht werden? Gut, kannste haben!

Ganz langsam neigte sich die innig Geküsste dem frechen Macho entgegen, stellte sich mit ihren dunkellilafarbenen kniehohen Stiefeln auf ihre Zehenspitzen und schlängelte ihre Arme um seinen Nacken, um sich an ihm festzuhalten, weil sie allein durch seine bloße Nähe leicht zu schwanken drohte, und um ihn nie wieder loszulassen. Die ganze Vorfreude auf diesen einen magischen Moment, auf den sie seit Tagen hingefiebert und alle damit genervt hatte, weckte Kräfte in ihr, die auch den coolsten Oberarzt Berlins ziemlich überrumpelten. Dr. Meier musste sich am Fenster abstützen, um die blonde Naturgewalt zu bändigen, die sich nun mit wild klopfendem Herzen auf ihn stürzte und ihn regelrecht niederknutschte. Hände, Finger, Lippen, Herzen wurden eins. Marc und Gretchen verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit und gaben sich gefühlvoll ihrem lang ersehnten Wiedersehen hin. Die neugierigen Blicke, die das wiedervereinte Liebespaar damit auf sich zog, waren ihnen dabei völlig egal. Ihrem besten Freund Mehdi Kaan zwar nicht, denn er hielt seiner kleinen Tochter sicherheitshalber mit einer Hand die neugierigen Äuglein zu, aber sie guckte frech über den oberen Rand der großen Kaan-Pranke hinweg zu den beiden rüber und freute sich mit ihnen mit. Marc und Gretchen befanden sich in ihrer ganz eigenen Welt und würden vermutlich auch auf ewig dort verweilen wollen. Wenn die lauten Flughafengeräusche im Hintergrund sie nicht immer wieder daran erinnern würden, wo sie sich wirklich gerade aufhielten.

Gretchen: Das ist mein neues Hobby, weißt du, Marc.

...konnte sich Gretchen irgendwann die kleine, wohl überlegte Spitze auf seinen frechen Spruch nicht mehr länger verkneifen und diese gezielt gesetzte Provokation erzielte genau die Wirkung, die sie sich davon erhofft hatte. Marc zog sie noch fester in den Schraubstock seiner Arme und sie wurde leidenschaftlich zurückgeküsst. Das liebliche Kichern, das dabei ihrem süßen Erdbeermund entwich, war wie Musik in den Ohren ihrer großen Liebe. Gott, wie sehr hatte er sich auf diesen Moment gefreut, die freche Nervensäge endlich wieder in den Armen halten und sie necken zu dürfen. Die vergangenen drei Wochen waren die reinste Qual gewesen. Mal abgesehen davon, dass die Arbeit in amerikanischen Hightech-OPs auch sehr, sehr geil gewesen war. Aber diese immer noch anhaltende Euphorie, die in seinen Adern pulsierte, drängte in den Hintergrund, weil der leidenschaftliche Chirurg seine Lieblingskollegin endlich wieder anfassen und küssen durfte.

Marc (murmelnd): Du... du... bist...
Gretchen (beendet keck seinen unvollendeten Satz): Süß, hinreißend, einfach großartig, dass du gar nicht mehr anders kannst, als nie wieder ohne mich zu sein.
Marc (verdreht grinsend die Augen, als er ihr verliebt in ihr freches Gesicht blickt): Ziemlich selbstbewusst für deine Verhältnisse. Und mutig.
Gretchen (schmiegt sich glücklich in seine Arme): Ja?
Marc (streicht ihr liebevoll eine verirrte Locke aus dem Gesicht, um sie besser anhimmeln zu können): Aber zumindest hältst du dich noch an den Plan. Braves Mädchen! Hat funktioniert, oder?
Gretchen (tut so, als wüsste sie überhaupt nicht, was er meint, u. küsst ihn wieder u. wieder, dass ihm ganz schwindelig wird): Und der wäre?
Marc (beginnt an ihrem Ohr zu knabbern, bevor er gänsehautauslösend hineinraunt): Dass du erst deine hinreißenden Funkelaugen wieder aufmachst, wenn ich es dir sage. War doch gar nicht so schwer, oder? Ich glaube, ich verstehe jetzt langsam, was es mit dieser Flughafengeschichte auf sich hat.
Gretchen (kichert wissend in den nächsten Kuss hinein): Ach ja?
Marc (neckt sie ebenfalls mit einem weiteren Kuss): Magie! Bereit? Du darfst endlich. Schau mich mal an, Haasenzahn!
Gretchen (schmilzt bei seinen Worten einfach nur dahin u. folgt blinzelnd seiner charmanten Aufforderung u. strahlt ihn schließlich atemlos an): Hallo!
Marc (blickt aufgewühlt zwischen ihren klaren himmelblauen Augensternen hin u. her u. strahlt ebenso verliebt zurück): Hallo!

Das beiderseitige Herzklopfen übertönte beinahe alles, was um sie herum geschah. All die Hektik eines Flughafenbetriebes war ausgeblendet. Es gab nur noch sie beide. Sie konnten einfach nicht aufhören, sich anzusehen und sich in den Augen des anderen zu verlieren. Sekundenlang strahlten sie sich ganz verklärt an und lächelten unentwegt, bis Gretchen nicht mehr anders konnte und sich jauchzend in seine starken Arme stürzte. Verliebt wirbelte Marc seine zauberhafte Prinzessin einmal herum, bevor er sie vorsichtig wieder auf ihre zarten Füße setzte und sich zu einem weiteren innigen Begrüßungskuss hinreißen ließ, der mit der gleichen Intensität erwidert wurde. Doch dieser wunderbare Augenblick hielt nur kurz an. Denn plötzlich löste sich das Häschen abrupt von seinem Herzprinzen und starrte ihn mit großen ungläubigen Augen an. Die Realität hatte nämlich Einzug in die harmonisch verklärte rosarote Welt von Gretchen Haase genommen. Und auch bei Marc Meier, denn seine flinken Finger ertasteten unter Gretchens Mantel eine deutliche kleine Wölbung, die sein Herz in weiteren heftigen Aufruhr versetzte. War das wirklich möglich? Keine Sinnestäuschung? Voller Erstaunen richteten sich Marcs funkelgrüne Augen auf ihren leichten Schwangerschaftsbauch, während Gretchen unbemerkt von ihm sein linkes Auge fassungslos in Augenschein nahm.

Gretchen: Maaarc, was ist das da?
Marc (noch ganz neben sich schaut er langsam auf): Hm?
Gretchen (schiebt ihn einige Zentimeter von sich weg, um ihn besser ins Visier nehmen zu können): Marc, wo kommt das blaue Auge her, will ich wissen?

Sch...!!!

Lorelei Offline

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17.03.2016 17:00
#1560 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Marc, dem für den Hauch einer Sekunde die Gesichtszüge entglitten waren, räusperte sich einmal ertappt und wiegelte dann hastig mit einem lässigen Meier-Grinselächeln ab, bevor Gretchen, die ihn in strengen Kreuzverhörblick genommen hatte, noch ein größeres Fass aufmachen konnte, wo in seinen Augen doch eigentlich keines war.

Marc: Ach das? Ääähhh... Das... das... ist nichts. Nicht der Rede wert. Wo waren wir noch mal stehen geblieben? Ach ja, hierbei.
Gretchen (weicht seinem Ablenkungskussversuch gekonnt aus u. tastet sich mit ihrer Chirurginnenhand vorsichtig an das Corpus delicti heran, wobei ihr unfreiwilliger Patient bei jeder Berührung verdächtig zusammenzuckt): Nichts? Das nennst du nichts? Marc, das Hämatom ist so groß wie der Wannsee. Und es ist noch ganz frisch. Was hast du gemacht?
Marc (sein Meierscher Abwehrmechanismus fährt sofort hoch u. er weicht überfordert zurück): Wieso soll immer ich was gemacht haben?
Gretchen: Marc, wer war das?

Dr. Gretchen ‚Marple’ Haase ließ jedoch keine Widerworte des Mr. Trotzkopf persönlich gelten. Sie baute sich herausfordernd vor ihrem eingeschnappten Lebensgefährten auf, stemmte ihre Hände in die Hüfte und stellte ihn mit mahnendem Blick zur Rede, so wie sie es immer gerne tat, wenn sie glaubte, er hätte etwas ausgefressen, was er aber nicht hatte, war zumindest Marcs eigenwillige Meinung. So viel zum Thema Wiedersehensfreude, mit welcher sie ihm gestern noch via Computerbildschirm sehnsuchtsvoll in den Ohren gelegen hatte, und bescheuerte Magie an Flughäfen, stöhnte der von ihr grundlos Angeklagte daraufhin entnervt auf und rollte demonstrativ mit seinen Augen. Dieser besondere Zauber, der ihm eben noch Flügel verliehen hatte, war schneller wieder verflogen gewesen, wie der nächste Flieger in der Ferne hatte abheben können. Und er konnte nichts dagegen tun. Haasenzahn hatte ihn schon in der Mangel und würde ihn erst wieder loslassen, wenn er ausgepackt hätte. Er kannte doch seine Pappenheimerin. Wie bei ihren Patienten im Elisabethkrankenhaus bohrte Dr. Haase immer so lange hartnäckig nach, bis sie herausgefunden hatte, was sie wissen wollte. Erfolgsquote 100 Prozent! Das war bemerkenswert, aber auch ziemlich nervig. Sie bekam immer das, was sie wollte. Aber darauf konnte sie diesmal lange warten. Pah! Er konnte genauso stur sein. Wenn nicht sogar noch sturer. Sturheit lag bekanntlich in seiner Familie. Er und seine werte Frau Mama wechselten sich nämlich täglich in der Olympionikenliste dieser sehr geschätzten Disziplin ab. Deshalb verschränkte Marc auch prompt seine Arme vor seinem Körper und wehrte jeglichen Haasschen Bohrversuch trotzig ab. Sehr zum Unwillen seiner Liebsten, die auch sehr bockig reagieren konnte.

Auch ein paar Schritte entfernt spürte man deutlich, dass sich der Wind mit einem Mal gedreht hatte. Und das lag sicherlich nicht daran, dass gerade eine orientierungslose Touristengruppe Japaner die Ausgangstüren des Flughafens blockierte und eine frische Berliner Brise in die Ankunftshalle hereingelassen hatte. Sämtliche Alarmsignale leuchteten auch vor den aufmerksamen Kaanschen Augen deutlich auf. Leicht verunsichert registrierte Mehdi die wachsende Anspannung zwischen dem befreundeten Paar, das sich offenbar gerade aus nicht nachvollziehbaren Gründen zu streiten begann, und bemerkte so nicht gleich, was im selben Moment direkt hinter ihm passierte. Doch seine neugierige Tochter war natürlich achtsam genug, es zu beobachten und auch gleich frei herauszuposaunen...

Lilly: Duuu? Papa, hast du auch Sarahs Vati gesehen? Der hat es aber eilig. Und was ist denn mit seinem Auge?
Mehdi: Hm? Was? ... Och nee!

Lillys Vater schaute sich suchend in der überfüllten und lärmgetränkten Flughafenhalle um, aber er konnte nur noch die attraktive Kehrseite von Dr. Stier in Augenschein nehmen, der gerade, ohne seinen sehr „geschätzten“ Kollegen von der Gyn überhaupt zu bemerken, mit dem Handy am Ohr schnellen Schrittes seinen Gepäckwagen am Imbiss vorbei lotste und auf die gläsernen Ausgangstüren zusteuerte...

Cedric: Wie bitte? Was soll das heißen, du kannst nicht? Wo bist du denn? ... Was? Du stehst im OP? Jetzt gerade? Ich dachte, du... Wie lange? ... Das ist doch nicht dein Ernst? Maria! Ich habe gerade vierzehn Stunden Horrorflug hinter mir und eine unbequeme Begegnung der dritten Art, die mich...

Doch ehe Mehdis gespannte Lauscher in dem Lärmwirrwarr der Flughafenhalle mehr verstehen konnten, war Cedric Stier auch schon von der Traube laut durcheinander diskutierender Japaner verschluckt worden, die sich vor dem Ausgang ratlos nach ihrem Reisebus umblickten und hektisch durcheinander liefen. Einer düsteren Vorahnung folgend drehte sich der perplexe Halbperser langsam wieder herum und kniff seine Augen fest zusammen, um sich besser konzentrieren zu können. Als Mehdi sie wieder aufschlug, sah er es auch endlich und konnte nur fassungslos den Kopf schütteln.

Mehdi: Der Meier wieder.
Wieso hab ich eigentlich mit genau so etwas gerechnet? Ich hoffe, er erwartet kein Mitleid.
Lilly: Hm? Was hast du gesagt, Papa?

...hakte Lilly verwundert nach, deren Lockenschopf pingpongmäßig von einer Seite zur anderen rotierte, weil sie nichts verpassen wollte, und wurde plötzlich von ihrem Vater gepackt und vorsichtig von dem wackeligen Imbisshocker heruntergehoben. Nachdem die überrumpelte Neunjährige wieder sicheren Boden unter ihren Füßen hatte, nahm er sie liebevoll an die Hand, schulterte ihren lilafarbenen Rucksack, aus dem oben heraus ihr Lieblingskuscheltier herauslugte, und ging mit ihr langsam auf das Liebespaar am Fenster zu, das sich immer noch gegenseitig ergebnislos belauerte.

Mehdi: Vielleicht sollten wir doch mal „Hallo“ sagen. Was denkst du, Lillymaus?
Lilly: Au jaaa! .... ONKEL MAAAARC!!!

...quiekte das quirlige Mädchen ihre Vorfreude beschwingt heraus, als sie verstanden hatte, was Mehdi mit ihr vorhatte, und riss sich jauchzend von der großen warmen Hand ihres schmunzelnden Papas los und stürmte auf dessen besten Freund zu, der im ersten Moment gar nicht realisierte, was gerade mit ihm passierte. Aber da hing die süße Maus auch schon an seinem Hals und schmiegte sich glücklich an den völlig verdutzten Oberarzt, der dadurch Schwierigkeiten bekam, sein Gleichgewicht zu halten, und leicht gegen die Panoramafensterscheibe gedrängt wurde. Auch Gretchen wirkte im ersten Augenblick überrumpelt von der geballten Kaanschen Energie, die plötzlich wie aus dem Nichts elektrisierend auf sie zugeströmt war. Ihr anfangs vorwurfsvoller Gesichtsausdruck wurde jedoch schnell weicher, als sie Marc und Lilly so vertraut miteinander umgehen sah. Es war furchtbar, dachte die Dreißigjährige nur resignierend, dass sie so leicht zu überzeugen war, nicht mehr länger auf ihren unmöglichen Lebensgefährten böse zu sein.

Marc (überrumpelt u. überrascht sinkt er in die Knie): Lillyfee? Was machst denn du hier?
Mehdi (bevor seine aufgeregte Kleine antworten kann, klopft er ihm als lockere Begrüßungsgeste auf die Schulter): Hey, Willkommen zurück, mein Lieber! Nettes Make-up übrigens. Ein bisschen viel des Guten vielleicht. Bist du gegen einen Laternenpfosten gelaufen?
Ich... bring... ihn... um!
Marc (schaut völlig verdutzt zwischen Lilly, die ihn anstrahlt, Gretchen, die ihn anschmollt u. Mehdi, der ihn auslacht, hin u. her u. würde am liebsten sofort zurück in das nächste Flugzeug stürmen): Haha! Witzig! Warst du im Trainingslager für lustige Vollidioten oder bist du erst auf dem Weg dorthin? Na dann, gute Reise und viel Erfolg! Durchschnittliche Comedians werden ja immer gesucht.
Mehdi (grinst seinen eingeschnappten Freund ungeniert an u. freut sich ehrlich, dass er wieder da ist): Danke, aber ich... wir sind eigentlich auch hauptsächlich allein wegen dir hier. Ich war so frei, Gretchen herzufahren, um dich gemeinsam abzuholen.
Marc (blickt staunend zwischen den fröhlichen Kaanschen Gesichtern hin und her u. ein kleines Freudenlächeln schleicht sich unbemerkt auch auf seine Lippen): Ach?
Lilly (klebt immer noch an ihrem großen besten Freund, während der sich langsam mit ihr im Arm wieder erhebt, u. strahlt ihn mit leuchtenden Augen an): Ja, Gretchen war voll nervös, dich wiederzusehen, Onkel Marc, und Papa wollte sie so nicht alleine auf Berlins Straßen schicken.

Oh nein! Das passt jetzt gar nicht. Da geht sie dahin, meine hart erkämpfte Souveränität, mit der ich ihn schon fast hatte. Jetzt wird er mir nie erzählen, was er gemacht hat. Menno!

Gretchen (läuft augenblicklich rot an): Gar nicht! Das war doch nur, weil... weil ich den Probewagen schon wieder abgeben musste und unser neues Auto noch nicht da war.
Marc (kann sich ein erleichtertes Schmunzeln nicht verkneifen, als er seinen Blick lange auf Gretchen ruhen lässt u. dann zu Mehdi rüberschwenkt): Ach? Verstehe! Danke!
Gretchen (funkelt ihn sauer von der Seite an): Marc, du brauchst gar nicht so selbstgefällig zu grinsen, wir sind hier noch nicht fertig.
Marc (setzt erst Lilly vorsichtig wieder ab u. traut sich dann, dem blonden Trotzköpfchen einen kleinen Kuss auf die Lippen zu pressen, u. genießt ihren fassungslosen Schmollblick danach): Doch sind wir!
Gretchen (fühlt sich von ihm u. ihren tanzenden Glückshormonen überrumpelt): Aber...?
Marc (kleinlaut): Nix aber, Haasenzahn!
Lilly (klammert sich an Marcs Hand u. schaut gespannt zu ihm hoch): Was ist denn mit deinem Auge? Ist es schlimm, Onkel Marc? Sieht zumindest so aus. Tut das weh?
Marc (beugt sich grinsend zu ihr herunter u. stupst ihr an die neugierige Nasenspitze, als sie spontan nach seinem Gesicht greifen will): Nichts, aber du solltest mal den anderen sehen.
Das glaube ich jetzt nicht! Dieser Idiot!
Gretchen (zieht ihn empört am Kragen seines Mantels wieder hoch, um ihn erneut zur Rede zu stellen): Maaarc!
Lilly (kichert): Hab ich. Hihi!
Gretchen (braucht einen langen Moment, um richtig zu schalten, u. sieht sich dann suchend nach Marcs Reisekumpanen in der Halle um, jedoch ohne fündig zu werden): Marc Meier, das ist nicht dein Ernst? Du hast nicht ernsthaft...
Gott, sie sieht so scharf aus, wenn sie sich aufregt. Das hat mir gefehlt.
Marc (fällt ihr prompt ins Wort, bevor sie es noch mehr aufbauscht, u. lenkt das Thema geschickt in andere Bahnen): Haasenzahn, jetzt reg dich nicht auf! Das stresst nur unnötig die Zwillinge. Wie geht’s unseren beiden Zwergen eigentlich? Außer dass sie sich ziemlich breit gemacht haben, wie man sieht?
Gretchen (ihre Stimme überschlägt sich fast, als sie ihm aufgebracht ihren Zeigefinger in die Brust bohrt): Ich soll mich nicht aufregen? Ich reg mich aber auf, weil du...

...so ein idiotischer und verantwortungsloser Kindskopf bist. Kann er den Kleinkrieg mit Dr. Stier nicht endlich mal ad acta legen? Ich dachte, die drei Wochen zusammen auf engstem Raum bringen sie einander etwas näher. Pustekuchen! Die Zwei sind erwachsen, benehmen sich aber wie Vierjährige. Wenn Papa erfährt, dass sie ihn in Seattle so blamiert haben, dann ist aber Polen offen. Dann braucht er aber bei mir auch nicht angekrochen kommen. Pah!

Marc (versucht, das Zicklein auf sanfte Weise wieder runterzukochen): Süße, jetzt mach mal halblang, ja! Können wir nicht da weitermachen, wo wir vorhin unterbrochen haben?
Gretchen (seine forschen Lippen auf ihren u. seine Hand an ihrem Bauch erzielen die erhoffte Wirkung; sie wird kurzzeitig nachlässig): Mwaaarc, so... so läuft das aber nicht. Du kannst nicht...
Marc (legt beide Hände um ihr Gesicht u. genießt das aufregende Gefühl ihrer zarten Lippen auf seinen sehr): Doch so läuft das, Haasenzahn! Aber wenn du ganz nett fragst, ich könnte mich eventuell noch dazu überreden lassen, noch mal zurück zur Gepäckausgabe zu gehen, um dir dann hollywoodmäßig in die Arme zu laufen.
Gretchen (schaut ihn mit großen ungläubigen Augen an): Du meinst, so wie damals auf der Strandpromenade auf Rügen?
Das war schön! Hach... Moment! Er... Menno! Er schafft es schon wieder.
Marc (zwinkert ihr meierlike zu): Würde das funktionieren?
Gretchen (schaut dem dreisten Kerl lange in die Augen u. zögert mit ihrer Antwort): Nein!
Marc (runzelt unzufrieden seine Stirn u. versucht es noch mal): Nein? Aber hast du nicht neulich am Telefon gesagt, dass du dir so oder so ähnlich unser Traumwiedersehen vorstellen würdest? So eventmoviemäßig. Also mehr RTL als Kuschel-Sat1. Mit kitschiger Hintergrundmusik. Ich könnte was von REM summen, oder was auch immer gerade auf deiner Playlist aktuell ist. Ich wäre da ja eher für Metallica, das weißt du ja, aber egal. Alles ist wie in Zeitlupe eingefroren. Und es gibt komische Lichtspiegelungen am Boden. Aber bei denen müssten wir improvisieren. Obwohl, die Sonne scheint. Das gilt auch.

Ach Marc! Da wusste ich aber auch noch nicht, dass er mit einem blauen Auge nach Hause kommen würde. Wann ist das passiert? Gestern, als wir zum letzten Mal miteinander geskyped haben, bevor er sich auf den Weg zum Flughafen gemacht hat, war es noch nicht da. Merkwürdig!

Gretchen (ringt mit sich u. ihren brodelnden Gefühlen u. blitzt ihn schließlich schmollend an): Das... Mann, Marc, du verdrehst mir die Worte.
Marc (grinst schelmisch u. kann es nicht lassen, sie weiter zu provozieren): Und hoffentlich auch den Kopf?
Gretchen (packt den frechen Sprücheklopfer am Kragen seines dunkelblauen Kurzmantels u. zieht ihn ganz nah zu sich heran, sodass sich ihre Nasenspitzen schon fast berühren): Marc, du bist furchtbar. Ich werde mich hier ganz bestimmt nicht von dir manipulieren lassen, nur weil dir es peinlich ist, zuzugeben, warum du und Cedric aneinander geraten seid.
Marc (reißt sich los u. zischt beleidigt zurück): Ey, mir ist gar nichts peinlich, klar.
Hätte ja auch keiner ahnen können, dass sie gleich aus ner Mücke nen Elefanten macht. Obwohl... Gott, Meier ey, wie naiv bist du eigentlich! Natürlich macht sie ein Fass auf. Sie ist Gretchen Haase. Sie macht das mit dir, seitdem ihr gemeinsam die Schulbank gedrückt habt.
Gretchen: Merkt man! Dass ihr Männer auch nie zugeben könnt, wenn ihr einen Fehler gemacht habt. Nein, immer gleich mit dem Kopf durch die Wand. Erst ausholen, dann nachdenken. Testosterongebombe und Größenvergleich, ja, das könnt ihr. Darin seid ihr Spitzenklasse. Und? Seid ihr jetzt zufrieden? Habt ihr wenigstens euren albernen Zwist beigelegt, jetzt, wo du ihm endlich das gegeben hast, was du immer schon wolltest. Und umgekehrt.

Gretchen wandte sich enttäuscht von ihrem Lebensgefährten ab und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust. Der Vulkan in ihr brodelte gewaltig und schließlich prasselte der ganze in den letzten Minuten angestaute Frust aus ihr heraus. Nicht ohne Wirkung, denn Dr. Meier schrumpfte bei ihrer wachsenden Lautstärke tatsächlich ein klein wenig zusammen, auch wenn er weiterhin die Coolness in Person blieb. Immer den äußeren Schein wahren. Dieses Credo, welches schon seine Mutter zu Höchstleistungen angetrieben hatte, war ihm mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Zumindest solange, bis sich ein anderes süßes Mädchen, das schnell rot werden konnte, mit ihrer grenzenlosen kindlichen Neugier pappfrech einmischte...

Lilly (guckt wissbegierig zu ihrem Vater hoch, der ihre Hand hält u. genauso ungläubig von der einen Partei zu anderen schaut): Was denn? Was hat Marc ihm denn gegeben? Und was bedeutet Testostdingsgebombe, Papa?
Mehdi (zuckt im ersten Moment zusammen, kann sich aber sein schadenfrohes Grinsen nicht lange verkneifen, als er in die perplexen Gesichter seiner beiden Freunde schaut, die ihre Diskussion kurz unterbrochen haben, u. sich dann erklärend zu seiner Tochter herunterbeugt): Weißt du noch, was du mir vorhin über die Jungs in deiner Klasse erzählt hast, Lillybärchen?
Lilly (versucht ihm mit großen Augen zu folgen): Ja? Die sind voll noch die Kinder.
Mehdi: Exakt, mein Schatz! Und weißt du was, es gibt Exemplare dieser Spezies, die sind es auch noch, obwohl sie längst erwachsen sind. Sie müssen sich immer noch ständig beweisen, wer von ihnen der Beste und Tollste ist.

Mehdi guckte schmunzelnd von seiner aufmerksam zuhörenden Prinzessin zu seinem konsternierten Freund rüber, dem ganz langsam die Kinnlade herunterklappte, und zog sein superschlaues Mädchen anschließend fest in seine Arme und ließ sich von ihrem süßen Kichern anstecken, nachdem sie verstanden hatte, was er ihr eben erklärt hatte. Das passte Marc, der ebenso verstanden hatte, natürlich ganz und gar nicht in den Kram, weil er sich schon wieder grundlos bloßgestellt fühlte, und er funkelte seinen Kumpel deshalb böse von der Seite an, während auch Gretchen kurz über Mehdis Erklärung schmunzeln musste. Treffender hätte auch sie es nicht formulieren können.

Marc: Ey, sag mal, geht’s noch? Was erzählst du ihr denn da für einen gequirlten Quark?
Lilly (kommt der Erklärung ihres Papas frech zuvor): Ich würde sagen, beide sind toll. Sarahs Vati hat doch Sarah und ihre Freunde im Zoo vor diesen wild gewordenen Vögeln gerettet. Aber Marc hab ich trotzdem lieber. Weil er Marc ist.
Äh... Was soll denn das jetzt heißen?
Gretchen (lehnt sich kichernd an ihre kleine Freundin, die daraufhin strahlend zu ihr hochschaut): Tatsächlich? Aber du weißt schon, dass er der größere Kindskopf auf diesem Planeten ist, oder?
Lilly (kichert zustimmend): Hihi! Das mag ich.
Marc (fährt eingeschnappt dazwischen): Ey, was wird das hier? Eine Verschwörung? Mann, ich hab vierzehn Stunden Flug in den Knochen und der war alles andere als angenehm. Und anstatt mich anständig zu begrüßen, wie ihr es angeblich vorhattet, schmettert ihr mir nur neue haltlose Vorwürfe entgegen. So hab ich mir meine Rückkehr wirklich nicht vorgestellt. Danke, echt!
Gretchen (funkelt die beleidigte Leberwurst an): Tja, meine Rede!
Marc (schmettert ungehalten zurück): Du weißt, dass du das auch anders hättest haben können. Aber nein, Dr. Haasenzahn Oberschlau musste natürlich erst einmal einen ihrer Vorträge halten.
Gretchen (ihre Stimme wackelt verletzt): Das... Du bist so gemein. Ich hab mich so auf dich gefreut und jetzt machst du mir hier alles kaputt. Weißt du was, ich wünschte, ich wäre gar nicht erst hergekommen.
Marc (der Sturkopf in ihm schlägt wieder uncharmant durch): Wäre wohl besser gewesen. Dann würde ich nämlich jetzt schon längst im Taxi nach Hause sitzen. Vermutlich wäre ich auch schon längst dort angekommen.
Oje! Wie die Kinder! Dabei hab ich eigentlich nur eins dabei und das ist wesentlich pflegeleichter.
Mehdi (stellt sich schlichtend zwischen die beiden Streithähne, bevor es noch weiter ausartet): Stopp! Bevor ihr euch hier noch weiter hochschaukelt, wo doch eigentlich gar nichts weiter gewesen ist, schlage ich vor, wir verlassen das Etablissement jetzt, hm? Mein Zeitfenster schließt sich nämlich allmählich. Ich muss Lilly gleich bei ihrer Mutter abgeben. Und ich bin mir nicht so sicher, ob ihr bis dahin hier fertig sein werdet.

Mehdi blickte mit strenger Oberarztmiene von einer Partei zur anderen und griff dann, als keine Einwände folgten, beherzt nach Marcs Gepäckwagen und rollte diesen sehr entschlossen zwischen den beiden hindurch. Dann setzte er Lilly oben drauf, die vergnügt ihre Beine herunterbaumeln ließ, und schob ihn langsam mitsamt seiner kostbaren Fracht in Richtung Ausgang. In der Hoffnung, die anderen würden ihm folgen. Marc tat dies auch, wenn auch eher widerwillig. Verstimmt und verstummt schlurfte er neben den beiden her und ignorierte jeden Gedanken daran, wie schief das alles eben gelaufen war und dass er dringend eine rauchen wollte. Doch dann kurz vor dem Ausgang, den Mehdi und Lilly schon schwungvoll passiert hatten, drehte er sich noch einmal nach seinem Schmollhasen um, der mit verschränkten Armen immer noch wie in Beton gemeißelt vor dem Fenster stehen geblieben war. Der Kummer und die Enttäuschung standen Gretchen deutlich ins Gesicht geschrieben. Er fühlte sich mies deswegen. Marc hielt in seiner Bewegung inne und ließ kurz seufzend seinen Kopf hängen, ehe er wieder aufschaute, seinem Ego einen kräftigen Arschtritt gab und sich endlich ein Herz fasste. Über sich selbst schmunzelnd breitete der verliebte Chirurg seine Arme aus und rief nach dem wohl süßesten Namen, der sich je in sein Hirn gebrannt hatte...

Marc: Gretchen!
Gretchen: Marc?

Gretchens Erwiderung klang hart, abwägend, zweifelnd. Eigentlich hatte sie nach seinem Auftritt eben nicht vorgehabt, nachzugeben. Schließlich befand sie sich im Recht. Aber als sie ihren Pappenheimer da so hilflos alleine stehen sah, konnte sie nicht anders. Ihr Herz wurde weich. Das musste wohl an ihrem angeborenen Helfersyndrom liegen. Oder ihre beiden Mitbewohner hatten ihre Fingerlein im Spiel. Jedenfalls lockerte sie ihre strenge Haltung und ließ langsam seufzend ihre verschränkten Arme wieder heruntersinken, ohne Marc dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, der sie mit seinem anbetungswürdigen Dackelblick fast schon hypnotisiert hatte.

Marc: Na komm! Das ist es doch, was du eigentlich willst, hm?

...lockte er sie freimütig und Gretchen konnte nicht mehr länger seinem charmanten Grübchenlächeln widerstehen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die sich eine viel zu lange Auszeit gegönnt hatten, wirbelten mit einem Mal wieder auf und die kräftigen Flügelschläge ließen sie fast schon abheben. Wie vorhin, als sie Marc schon längst neben sich gespürt hatte, obwohl er noch nicht gleich reagiert hatte. Die Wiedersehensfreude flutete sie regelrecht, was sich auch äußerlich zeigte. Denn plötzlich zogen sich ihre Mundwinkel wieder nach oben und Gretchen Haase präsentierte ihrem erleichterten Lebensgefährten und den beiden dahinter wartenden Freunden ihr schönstes Strahlelächeln. Sie schüttelte den Kopf, mehr über sich selbst als wegen ihm, wartete noch schnell die beiden Passagiere ab, die in Schneckengeschwindigkeit ihren Weg kreuzten, und sprintete schließlich elfengleich auf Marc zu und stolperte jauchzend in seine starken Arme. Ihr Schatz drückte sie forsch an sich und ließ sie mehrmals um seine eigene Achse herumwirbeln, ehe er sie zärtlich küssend ihre Bodenhaftung wieder finden ließ. So fühlte sich ein Happy End doch viel, viel schöner an, dachten beide gleichzeitig und gaben sich dem erleichternden Gefühl hin, sich endlich wieder zu haben. Ganz und gar. Mit Haut und Haar. Lilly machte währenddessen riesige Augen, als sie die beiden Verliebten beobachtete, und schaute fragend zu ihrem Papa, dem sie dank ihrer Pole Position auf ihrem Gepäckwagenthron fast auf Augenhöhe begegnete.

Lilly: Duuu? Papa?
Mehdi (spürt da so eine Vorahnung u. macht sich auf alles gefasst): Ja, Lillybärchen?
Lilly (in Denkerinnenpose): Wieso machen es sich die beiden eigentlich immer so schwer?
Mehdi (wirbelt ihr einmal frech durch die langen Haare u. guckt sie anschließend vergnügt an): Tja, damit hast du die Millionenfrage gestellt, mein Schatz. Weißt du, das ist auch so eine Sache mit dem Erwachsenwerden. Erwachsene halten es in der Regel immer kompliziert. Oder na ja, fast immer. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen.
Lilly (hakt kess nach): Du und Mama?
Mehdi (muss unweigerlich lächeln): Jein, das war schon auch kompliziert, aber auf eine andere Art.
Lilly (nickt nachdenklich): Ich weiß. Aber jetzt nicht mehr?
Mehdi (legt seine Hand liebevoll um ihre leicht gerötete Wange): Wir bemühen uns, ja. Und es klappt doch schon ganz gut.
Lilly (ihre Neugier ist noch nicht gestillt): Und du und Gabi?
Mehdi (schmunzelt): Das war, muss ich zugeben, anfangs auch etwas kompliziert, aber mittlerweile haben wir uns doch gut zusammengerauft. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch mal wieder komplizierte Tage geben könnte. Das ist ja bei Marc und Gretchen auch nicht anders. Das nennt sich Liebe. Liebe ist zwar die schönste, aber auch die komplizierteste Sache der Welt.
Lilly (grübelt einen Moment darüber nach u. blickt ihm dann aufgeweckt ins Gesicht): Hm! Weißt du was, Papa?
Mehdi (guckt ihr ganz gespannt in die Augen): Nein?
Lilly: Vielleicht bleibe ich doch noch eine Weile Kind. Das erscheint mir irgendwie unkomplizierter.
Mehdi (ihm geht das Herz auf u. er kann nicht mehr aufhören, zu lächeln): Du weißt ja gar nicht, wie glücklich du mich gerade machst, Lillybärchen. Ich hab dich wahnsinnig lieb. Weißt du das?
Lilly: Ich dich au... Wäh! Papa! Du piekst.

Mehdi drückte sein kluges Mädchen herzlich gegen seine Brust, drückte der Zappeline anschließend einen dicken Schmatzer auf die Wange, der eher Gegenwehr auslöste, anstatt wirklich erwidert zu werden, und machte danach eine winkende Handbewegung in Richtung seiner beiden sehr beschäftigten Freunde, die gerade nur noch Augen für sich hatten und ihre direkte Umgebung komplett ausgeblendet hatten.

Mehdi: Marc, Gretchen, können wir dann?
Marc (löst sich schwerfällig von seiner Liebsten u. nickt zufrieden in Mehdis Richtung, ehe er auf seine typische Art wieder Gretchen angrinst): Jep! Das hättest du auch schon längst haben können. Irgendwie werden Flughäfen doch überschätzt. Findest du nicht, Schatz?
Gretchen: Blödmann!
Marc: Ey! Redet man so mit dem Mann seiner Träume?

Gretchen gab ihrem Frechdachs für den Spruch einen Denkanstoß anregenden Klaps auf den Hinterkopf, der natürlich einen entsprechenden Meierschen Protest in Form einer versuchten Kitzelattacke zur Folge hatte, welcher sie jedoch geschickt entkommen konnte, indem sie ihm einen hypnotisierenden Augenaufschlag schenkte, nachdem sie flink von ihm weggetänzelt war und hinter dem Gepäckwagen kurz bei Lilly Schutz gesucht hatte, und sich schließlich verschmust in seine Armbeuge kuschelte. Dem hatte der völlig verzauberte Oberarzt nichts mehr hinzuzufügen. Und so eng umschlungen und wieder versöhnt folgte das in Lillys Augen komplizierteste Liebespaar Berlins schließlich dem Kaanschen Kommando nach draußen.

Bald schon saßen sie alle vier zusammen in Mehdis dunkelgrünem Mercedes und der freundliche Chauffeur ihres Vertrauens schlängelte sich vorsichtig aus dem Flughafenparkhaus heraus auf die vielbefahrene Hauptstraße, welche zurück in die Innenstadt von Berlin führte. Lilly hatte ausnahmsweise neben ihrem Papa auf dem Beifahrersitz Platz genommen, weil das mittlerweile wieder unzertrennliche Paar nicht mehr voneinander lassen konnte. Eng umschlungen hatten sich Marc und Gretchen auf der Rückbank des Wagens zusammengekuschelt. Anfangs hatte das Häschen noch ein bisschen geschmollt, aber ein Grübchenlächeln von dem unverschämten Quatschkopf neben ihr hatte genügt und sie hatte sich zufrieden gegen seine starke Schulter gelehnt, um sich anzuschmiegen und seine vertraute Nähe zu spüren. Sie hatte ihren Traumprinzen so vermisst. Und Marc ging es mit ihr nicht anders. Sanft hatte er den Arm um ihre Schulter gelegt und seiner Traumfrau verliebt in die Augen geschaut. Da hatte auch sie ihr glückliches Lächeln nicht mehr zurückhalten können und ihn innig geküsst. Die Sehnsucht nach ihm war einfach größer gewesen, als sich noch länger über ihn und seine Dummheiten zu ärgern. Wenn er nicht darüber reden wollte, bitte, dann war das halt so. Sie konnte das aushalten. Sie vertraute ihm. Bedächtig strich Gretchen ihrem Schatz erst über die stoppelige Wange, dann tastete sie sich vorsichtig an die tiefrote, sich allmählich in ein dunkles Blau verwandelnde Stelle unter seinem linken Auge vor. Anfangs zuckte er noch zusammen, aber mit der Zeit begann er, die sanfte Massage sogar ein wenig zu genießen. Vor allem wenn man dabei so süß angelächelt wurde wie von seiner wunderschönen schwangeren Freundin.

Gretchen (flüstert): Ich hab dich vermisst.
Marc (lächelt schwerverliebt): Na siehst du, geht doch!
Gretchen (tiefes Mitgefühl schwingt in ihrer Stimme mit): Tut es sehr weh?
Marc (hat die Augen geschlossen u. genießt ihre zarten Berührungen sehr): S’geht.
Gretchen (küsst einmal vorsichtig die verletzte Stelle): Du armer Schatz! Tut mir leid, dass ich nicht gleich gefragt habe, wie’s dir geht.
Marc (summt wohlig vor sich hin): Schwamm drüber! Mhm! Mehr!
Gretchen (der Schalk geht urplötzlich mit ihr durch, als er so ausgeliefert in ihren Armen liegt): Ja?
Marc (wartet vorfreudig auf die nächste zärtliche Behandlung durch seine Lieblingsärztin): Mhm!
Gretchen (schaut sich das blaue Auge noch einmal fachmännisch an u. geht dabei nicht gerade zimperlich mit ihm um): Das hättest du wohl gerne.
Marc (zuckt schmerzhaft zusammen u. reißt empört seine Augen auf): Au! Sag mal, gehst du mit allen deinen Patienten so grob motorisch um? Vielleicht sollte man noch einmal ernsthaft darüber nachdenken, ob du dir deinen Facharzt wirklich verdient hast.
Gretchen (schenkt ihrem maulenden Patienten ihr süßestes Unschuldslächeln): Nur mit den Widerspenstigen.
Sie gibt nicht auf. Das war doch Absicht?
Marc (zuckt vor ihrem Finger zurück, der schon wieder seine Verletzung ansteuert): Du drückst doch absichtlich darauf herum. Das ist fies.
Gretchen (grient schadenfroh): Ein bisschen Strafe muss schon sein.
Marc (protestiert eingeschnappt): Ey, ich bin schwerverletzt und du bist doch eigentlich für deinen fürsorglichen Umgang mit deinen Patienten bekannt. Dann gib dir mal mehr Mühe.
Gretchen (bricht die Spezialbehandlung ab u. lehnt sich in ihren Sitz zurück): Nicht, wenn mir etwas verheimlicht wird. Und mit dem ‚schwerverletzt’ musst du nicht gleich übertreiben. Du fischst doch nur nach Zärtlichkeiten. Aber ich hab kein Mitleid. Es sieht gekühlt aus, ist schon am abklingen. Aber schon komisch, dass es keine vierundzwanzig Stunden alt zu sein scheint.
Marc (lenkt säuselnd ab): Du denkst schon wieder viel zu weit, Haasenzahn. Manche Dinge sollte man einfach auf sich beruhen lassen. Männer können das doch auch.
Ach? Guck mal einer an, ich bin auf der richtigen Spur. Ich könnte natürlich auch bei Cedric nachbohren, aber so ist es mir lieber.
Gretchen (verdreht die Augen): Ach? Ist das so?
Marc (schmiegt sich lässig in seinen Sitz zurück): Jep!
Gretchen (lehnt sich seitlich gegen den Sitz u. funkelt ihren Pappenheimer wild entschlossen von der Seite an): Dir ist aber schon klar, dass ich noch rauskriegen werde, was wirklich vorgefallen ist.
Das werden wir ja noch sehen, du Träumerin.
Marc (gibt sich vollkommen unbeeindruckt): Ach? Ist was passiert?
Gretchen: Du...

Gretchen wollte eben noch etwas darauf erwidern, um ihre gewagte These zu stützen, aber da hatte der dreiste Kerl sie einfach stumm geküsst und sie ließ sich tatsächlich von ihm überrumpeln, weil man Marcs Küssen nicht widerstehen konnte. Küssen mit ihm machte einfach viel zu viel Spaß und war sehr, sehr aufregend und es machte genauso süchtig wie Schokolade. Wenn man einmal damit angefangen hatte, konnte man nicht mehr damit aufhören. Und dieses Trostpfand brauchte sie jetzt dringend. Mehdi blickte währenddessen immer mal wieder zufrieden in den Rückspiegel und dann seine Kleine auf dem Beifahrersitz an, die einfach nicht ruhig sitzen bleiben konnte und ständig neugierig nach hinten schaute, obwohl ihr Vater sie schon wiederholt ermahnt hatte, es nicht zu tun. Aber da war nun mal jemand mindestens genauso aufgeregt wegen seiner Anwesenheit wie die blonde Ärztin auf der Rückbank, die Prince Charming auch nicht widerstehen konnte.

Lilly (schaut mit leuchtenden Augen nach hinten): Duuu? Onkel Maaarc? Hast du mir was mitgebracht?
Marc (blickt verwundert von Gretchens verführerischen Kusslippen auf u. sucht Mehdis Blick im Rückspiegel): Hm? Hätte ich?
Mehdi (ermahnend): Lilly! Du weißt doch, dass Marc in Amerika war, um zu lernen und zu arbeiten.
Lilly (gibt sich völlig unbeeindruckt u. schmiegt ihre Wange gegen ihren Sitz): Aber du hast doch bestimmt Gretchen etwas mitgebracht, oder?
Gretchen (springt mit auf den Zug auf, weil sie merkt, wie unruhig Marc auf einmal wird): Das würde mich jetzt aber auch interessieren, Marc.
Ach nee? Erst rumzicken und dann verbünden! Na, so hab ich euch gerne.
Marc (lacht, weil auch Gretchen ihn nun gespannt wimpernklimpernd ansieht, u. deutet mit einer lässigen Armbewegung seinen atemberaubend gut aussehenden Astralkörper hinab): Klar! Sieht man doch! Mich!
Gretchen (stupst ihn grinsend in die Seite): Spinner!
Ich hab dich so vermisst. Ich hab das so vermisst.
Lilly (verzieht unzufrieden ihr Näschen u. macht einen Schmollmund): Das ist aber langweilig.
Marc (schnellt sofort von seinem Sitz hoch u. greift nach dem Frechdachs vor ihm auf dem Vordersitz, der sofort laut aufquiekt): Was? Hast du gerade gesagt, ich sei langweilig. Na warte, Fräulein! Ich geb dir gleich „langweilig“.
Lilly (lässt sich zappelnd von ihm gefangen nehmen): Onkel Maaarc! Niiicht! Das kitzelt.

Eine kleine wilde Kabbelei entbrannte, die auch die beiden Unbeteiligten beherzt auflachen ließ. Der Wind hatte sich endgültig wieder in die richtige Richtung gedreht. Es dauerte eine Weile, bis auch Marc schließlich Gnade vor Recht walten ließ und die freche Zappeline dann einfach nur noch locker von hinten umarmte und ihr einen kleinen Kuss auf den hellbraunen Schopf setzte. Gerade rechtzeitig, weil Mehdi da schon sein erstes Ziel erreicht hatte. Ungeduldig wurde Lilly schon von ihrer Mutter an der Haustür erwartet, die den drei Insassen in Mehdis Wagen mit einem lockeren Handgruß zuwinkte und dann ihr Kind herzlich in Empfang nahm, das bereits aus dem Auto ausgestiegen und freudig aufgeregt auf sie zugelaufen war, natürlich nachdem es sich noch ausgiebig von seinem Lieblingsonkel verabschiedet hatte, der dem fröhlichen Mädchen grinsend mit herausgestreckter Zunge hinterher schaute und dabei die zarte Hand seiner wunderschönen Freundin drückte, die auch ihr Dauerlächeln aufgelegt hatte.

Marc (dreht sich wieder zu Mehdi herum): Läuft bei euch, was?
Mehdi (schlängelt sich konzentriert wieder in den Verkehr ein): Sagen wir mal so, wir haben einen geschickten Zeitplan ausgetüfftelt, damit es funktioniert. Und es funktioniert. Überraschend unkompliziert sogar. An diesem Wochenende ist Lilly bei Anna und nächste Woche teilen wir uns rein, um es ihr leichter zu machen, naja, wenn das überhaupt geht.
Marc (guckt verwundert auf seinen Freund u. stützt sich mit seinen Armen am Vordersitz ab): Wieso?
Gretchen (schaut Mehdi mitfühlend via Rückspiegel in die Augen u. dann wieder Marc an): Nächste Woche ist doch ihr Scheidungstermin, Marc.
Marc (wirkt überrascht): Ach? Schon? Hast du nicht was von Mitte Mai gefaselt?
Mehdi (nickt leicht mit dem Kopf, während er weiter konzentriert dem Verkehr folgt): Ja, aber mein Vater hat bei seinen Kollegen am Gericht einen früheren Termin organisiert. Ein Paar ist wohl abgesprungen und hat es sich noch einmal anders überlegt.
Marc (kann sich diese Spitze nicht entgehen lassen): Na, die Gefahr droht bei dir wohl nicht, was?
Gretchen (weist ihn zischend zurecht): Maaarc!
Mehdi (nimmt es locker): Schon gut! Wir sind alle erwachsen und kommen klar. Es ist alles geklärt. Die Unterschrift ist nur noch der Schlussstrich unter dem Kapitel, das wir alle längst schon hinter uns gelassen haben.
Marc (nickt leicht mit dem Kopf u. schaut sich noch mal um, aber das Mietshaus, in dem Anna in Mehdis alter Wohnung lebt, ist schon aus seinem Blickfeld verschwunden): Und Prinzessin Naseweis? Wie nimmt sie’s auf?
Mehdi (lächelt u. zeigt sich bärenstolz): Gut! Sie versteht es. Sie ist diejenige von uns allen, die am wenigsten Trara darum macht und uns immer wieder sagt, wir sollen uns doch bitte alle ihr gegenüber wieder normal verhalten und sie nicht ständig in Watte packen. Und du hast sie ja gerade eben auch erlebt. Sie ist so unglaublich toll.
Gretchen (stimmt in sein ansteckendes Lächeln mit ein): Sie ist eben schon ein großes Mädchen.
Mehdi (fährt sich mit einer Hand kurz über die linke Brustseite): Du sagst es. Ihr hättet sie vorhin mal erleben sollen, was sie da gebracht hat.
Marc (seine Gedanken gehen in eine ganz andere Richtung): Aber die kleine Kröte will nicht ernsthaft ein Geschenk, oder? Ey, echt, ich hab zwischen den Krankenhausmauern und Dads alter Bleibe nicht viel von Seattle erlebt. Und dieses komische Weltraumnadelteil, das da gerüchteweise irgendwo rumstehen soll, hab ich auch nur als leuchtenden Punkt in dunkler Nacht vom Helideck aus gesehen. Kann aber auch ein Polarlicht gewesen sein. Ich hab mehr auf den blutenden Patienten geachtet, den sie uns gerade reingebracht haben.
Gretchen (mischt sich grinsend ein): Marc, sie ist ein neunjähriges Mädchen. Was denkst du?

Toll! Jetzt fängt das ständige Haben wollen schon mit neun an. Das hat sie sich doch bei Gabi abgeguckt, ey.

Marc (rutscht frustriert seinen Sitz herunter, sodass Mehdi ihn im Rückspiegel kaum noch erkennen kann): So sieht das also aus? Verstehe!
Mehdi (an einer roten Ampelkreuzung dreht er sich kurz grinsend zu ihm um): Vorschlag, um nicht als Arsch dazustehen, was sie natürlich auch so niemals von dir denken würde, gib ihr doch einfach noch mal eine Gitarrenstunde. Dann ist sie für Tage selig. Am nächsten Donnerstag ist noch eine Lücke in unserem ausgetüftelten Zeitplan. Da haben Anna und ich Elternabend. Du weißt ja, der Wechsel aufs Gymnasium steht im Sommer an. Viel Stoff zum Diskutieren. Du könntest sie von der Musikschule abholen. Da freut sie sich bestimmt.
Marc (guckt ihn an wie ein Fahrrad): Äh... hallo? Muss ich jetzt schon eine verbindliche Zusage geben?
Gretchen (schmiegt sich verliebt an den verdutzten Mann): Die Frage stellt sich gar nicht, mein Schatz. Vergessen, dass die neue Stationsärztin auch für die Dienstpläne verantwortlich ist? Und der beliebteste Oberarzt der Station hat die ganze nächste Woche Frühschicht. Deine Lieblingskollegin übrigens auch.
Marc (kann es nicht lassen, sie auf den Arm zu nehmen): Was? Die Hassmann? Na prima! Seit die schwanger ist, ist sie im OP immer so geladen. Da operiere ich doch lieber alleine.
Gretchen (findet das überhaupt nicht witzig): Marc!
Marc (rollt mit den Augen u. ergibt sich seinem Schicksal): Na super! Okay, ich mach’s! Aber für den Tinnitus und die Ohrenschmerzen schuldest du mir dann einen verbindlichen Kneipenbesuch, Kaan. Wir müssen schließlich deine neu gewonnene Freiheit ordentlich besaufen. Obwohl, so frei bist du dann ja auch nicht. Du springst ja von einem Gefängnis gleich ins nächste. Oder was macht Gabi?
Gretchen (kneift ihn empört in die Seite): Maaarc!
Mehdi (nimmt auch die nächste Meiersche Spitze mit Humor): Danke für dein Mitgefühl, mein Lieber! Das hab ich ehrlich vermisst. Aber keine Sorge, Gabi und dem Baby geht es richtig super.
Gretchen (schlängelt sich in Marcs Arme u. guckt ihm wimpernklimpernd in die Augen): Unseren beiden übrigens auch.
Marc (krabbelt mit seinen Fingern unter ihren Mantel u. ertastet fasziniert ihren süßen kleinen Babybauch): Ja, das fühle ich. Das wollte ich vorhin schon machen.
Gretchen (schmachtet ihn an u. legt ihre Hand auf seine): Ja?

Unweigerlich schlich sich ein strahlendes Lächeln auf Marcs zuckende Mundwinkel, das von Gretchen nur noch leuchtender erwidert wurde. Verliebt schmiegte sie sich in seine Arme und küsste ihn zärtlich auf die rauen Lippenspitzen, die immer so aufregend auf ihren prickelten. Alles heimlich beobachtet von ihrem charmanten Chauffeur, der zufrieden lächelnd eine freie Parkbucht vor einem modernen Mehrfamilienhaus direkt an der Spree anvisierte. Er ließ den Motor jedoch an, als er sich zu den beiden glücklichen werdenden Eltern umdrehte, die fast schon wieder in ihre ganz eigene Welt abgedriftet waren.

Mehdi: Ihr Lieben, ich will euch nur ungern unterbrechen, aber mein nicht vorhandenes Navi sagt, wir sind da. Soll ich dir noch schnell mit den Koffern helfen, Marc? Ich hab noch ein paar Minuten, bis ich in die Klinik muss. Wochenenddienst. Yeah! Ich dachte, ich tue mal was Gutes. Na ja, ich hab acht Frauen auf Station, die alle jeden Moment gebären könnten. Ich hatte also nicht die große Wahl.
Marc (räuspert sich ertappt u. löst sich aus seiner sehr bequemen Sitzposition): Nee, passt schon, Mehdi. Danke fürs Bringen und... für alles, nä!
Gretchen (löst ebenfalls ihren Gurt u. lächelt Mehdi mit glühendroten Wangen an): Ja, danke, Mehdi!
Mehdi (zwinkert den beiden wissend zu): Immer wieder gern. Wir sehen uns dann ja am Montag in der Klinik. Ich hab euch übrigens gegen Mittag ein Zeitfenster bei mir offen gehalten. Dann schauen wir uns eure beiden Wundersterne auch mal wieder aus nächster Nähe an, hm?
Marc (ist schon mit einem Fuß zur Tür heraus, als er noch mal innehält u. mit leuchtenden Augen zu Mehdi schaut): Das wäre geil. Danke, Mann! Bis dann!
Gretchen (lächelt glücklich, als Marc ihr gentlemanlike die Tür aufhält): Ja, bis Montag, Mehdi! Ich freue mich schon riesig.

Gretchen ließ sich von Marc aus dem Mercedes helfen und winkte ihrem besten Freund durch das Seitenfenster noch einmal zum Abschied zu, während ihr Lebensgefährte bereits sein Gepäck aus dem Kofferraum hievte. Nachdem Mehdi wieder losgefahren war, nahm Gretchen Marc hilfsbereit die Laptoptasche ab und schwebte dann leichtfüßig neben dem schwer bepackten Mann zum Eingang des Hauses, wo die beiden überraschenderweise bereits erwartet wurden. Marcs Eltern hatten ihre Ankunft nämlich von der Terrasse aus beobachtet. Überrumpelt von der ungewohnten Gefühlsbekundung fand sich der zurückgekehrte Sohn plötzlich in einer mütterlichen Umarmung wieder, aus der er sich nur mühsam wieder herauskämpfen konnte.

Elke: Da bist du ja endlich, Marc Olivier! Hattet ihr nicht halb zwölf gesagt? Jetzt ist es schon viertel nach.
Marc (lässt vor lauter Schreck sein Gepäck fallen): Äh... ja? Ich freu mich auch, euch zu sehen. Wohnt ihr jetzt etwa dauerhaft hier?
Oh Gott, bitte nicht!
Olivier (drückt ihn nun auch zur Begrüßung liebevoll an sich): Hallo, mein Junge! Hattest du eine angenehme Reise?
Marc: Na ja, es ging. Bis auf die üblichen Turbulenzen.
Elke (schiebt aufgeregt ihren Mann beiseite, um sich ihren Sohn ordentlich zur Brust zu nehmen): Um Gottes Willen, Marc Olivier, was ist denn mit deinem Gesicht passiert? Das sieht ja furchtbar aus! Fängt es jetzt etwa schon an, dass sie unschuldige Durchreisende angreifen? Ich dachte, das machen sie nur mit Mexikanern? Und dann wollen sie auch noch diesen großspurigen Prahlhans zum Präsidenten wählen? Ich hab das Gefühl, die ganze Welt dreht mittlerweile durch.
Gretchen (funkelt Marc schadenfreudig von der Seite an): Marc macht ein großes Geheimnis daraus, was eigentlich passiert ist. Aber meinem fachmännischen Urteil nach ist es nicht so schlimm. In ein paar Tagen wird nichts mehr zu sehen sein.
Elke (fasst sich erleichtert an ihr Herz): Na Gott sei Dank, sonst könnte ich mich mit meinem Sohn ja nirgendwo mehr blicken lassen.
Äh... Hallo? Ich will mich gar nicht mit dir irgendwo blicken lassen. Ich hab nämlich nicht vor, in den nächsten vierzig Stunden unser Bett zu verlassen.
Marc (reißt sich von seiner ungewohnt überfürsorglichen Mutter los, bevor sie noch mehr an seinem Auge herumtatscht u. es schlimmer macht): Mama... Mutter, lass das, das tut weh, verdammt! Und wie oft denn noch, es ist nichts passiert, okay! Und die Amis sind garantiert keine Idioten, zumindest nicht die, die ich kennengelernt habe, und werden so einen Vollhonk wählen. Ein Vollhonk pro Jahrhundert reicht nämlich. Aber ehrlich gesagt interessiert es mich auch gar nicht.
Elke (streicht ihr lindgrünes Kostüm wieder glatt u. macht eine einladende Geste in Richtung Tür): Jetzt komm erst einmal rein, mein Junge. Ich hab gekocht. Du hast doch bestimmt riesigen Hunger? Das Essen auf Langstreckenflügen ist ja bekanntlich unzumutbar. Ich spreche da aus Erfahrung.
Marc (lässt sich überrumpelt in den Hausflur schieben, während sein Vater sein Gepäck übernimmt u. es ihnen hinterher trägt): Du hast gekocht? Bist du krank?
Elke (faucht im gewohnten Fisher-Ton zurück): Marc Olivier! Du bist erst fünf Minuten hier. Also reiz mich nicht!
Marc (macht es ihr gleich): Dito! Du kannst also ruhig zugeben, dass du bei deinem makrobiotischen Koch bestellt hast, der dir auch immer die Sachen auf die Buchmesse liefert.
Olivier (schmunzelt): Du kennst deine Mutter richtig gut.
Marc (grinst): Sie mich dagegen weniger, sonst wüsste sie nämlich, dass ich mit diesem Vogelfutterzeugs nichts anfangen kann.
Elke (schlägt ihrem Mann empört auf den Arm): Olivier! Jetzt fall mir nicht auch noch in den Rücken. Ich hab es nur gut gemeint.
Marc (guckt eher unwirsch von ihr zu Gretchen, die sich ungewohnt zurückhält): Na ja!?!
Gretchen (schaut unsicher zwischen ihren Schwiegereltern in spe u. Marc hin u. her, der sie flehend ansieht): Also eigentlich... Es ist echt lieb von euch, dass ihr an uns gedacht habt,...
Olivier (ahnt, was seine Lieblingsschwiegertochter in spe sagen will, u. streichelt ihr ermutigend über den Arm): Aber du hast für deinen Freund schon etwas anderes vorbereitet, stimmt’s?
Elke: Aber...
Olivier (legt den Arm um seine eingeschnappte Gattin): Mokkapralinchen, wir waren doch auch mal jung, hm.
Elke (funkelt ihn entrüstet an): Was heißt denn hier „waren“, mí corrazón? Ich halte auf dem Laufband im Fitnessstudio länger durch als so manche fünfundzwanzigjährige Hochleistungssportlerin, die auch von Brad betreut wird.

...begann die stolze Mittfünfzigerin aufgeregt zu diskutieren und schob sich an ihrem schmunzelnden Gatten vorbei in die Wohnung im Erdgeschoss. Marc schaute nur ungläubig dabei zu, wie sich die Tür plötzlich vor seiner Nase schloss, nachdem Olivier ihr lachend hinterher gegangen war.

Marc: Ähm... Das war jetzt aber irgendwie zu einfach?
Gretchen (knabbert verlegen auf ihrer Unterlippe herum): Ich hätte auch ehrlich gesagt nicht gewusst, wie ich uns da wieder rausgeredet hätte. In so was bin ich gar nicht gut. Vor allem nicht bei deiner Mutter, die immer gleich gekränkt ist.
Marc (grinst anzüglich): Klare Worte, Haasenzahn! Alles andere funktioniert bei den Meiers nicht. Du willst jetzt und auf der Stelle mit diesem hammermäßig gutaussehenden und erfolgreichen Chirurgengott Sex haben. So sieht’s doch in Wirklichkeit aus!

Marc holte mit seinem Arm aus und deutete demonstrativ seinen Astralkörper hinab. Grinsend quetschte er sich dann zwischen seinen beiden Koffern hindurch und kesselte sein sichtlich verlegenes Mädchen neben Oliviers Wohnungstür an der Wand ein, doch Gretchen, die ahnte, was er als nächstes vorhatte, wich ihm noch rechtzeitig aus und flitzte kichernd zum Aufzug am anderen Ende des Flurs davon und ein bedröppelter Machomann schaute ihr nur sprachlos hinterher.

Gretchen: Ja, klar! Du träumst wohl schon wieder, hm, Marcilein?
Marc: Na warte!

...erwiderte der stehen gelassene Chirurg nur und schnappte sich sein Gepäck, um dem Frechdachs schnell hinterher zu rennen. Marcs allseits bereiter Jagdinstinkt war definitiv geweckt. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Aufzugstüren sich direkt vor seiner Nase schließen würden. Jetzt stand der beliebte Oberarzt plötzlich bedröppelt alleine in dem kühlen Hausflur da. Ohne das zauberhafte Wesen, nach dem er sich seit Stunden, Tagen, nein, Wochen wahnsinnig verzehrte.

Lorelei Offline

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26.03.2016 23:03
#1561 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Aber Marc Meier wäre nicht Marc Meier, wenn er nicht auch für diese unvorhergesehene Situation eine passende Lösung parat hätte. Er würde nicht warten, bis der Fahrstuhl nach unten zurückgekehrt war, um ihn abzuholen. Dazu war er viel zu ungeduldig und geladen und das schneckenlahme Stahlgefährt zu langsam unterwegs. Nein, die Rache würde ‚sein’ sein. Er würde sich den frechen Ha(a)sen jetzt und auf der Stelle vorknöpfen. Denn niemand ließ einen Chirurgen von seinem Weltniveau einfach so wie den letzten Clown zurück auf weiter Flur. Marc schnappte sich also entschlossen seinen einen Koffer, klemmte sich diesen unelegant unter seinen linken Arm, schnaufte kurz durch, weil er schwerer war als in seiner Erinnerung, und zog den anderen Rollkoffer dann schwungvoll hinter sich her, während er gezielt auf das nahe Treppenhaus zusteuerte. Dieses Mal blieb das Glück ihm jedoch hold, denn die schwere gläserne Tür sprang ohne seine Mithilfe im selben Moment wie von Geisterhand auf. Na ja, nicht ganz. Es wurde nachgeholfen. Sein grummeliger Nachbar Horst Lowinsky konnte gerade noch so mit seinen Pfandflaschentüten zur Seite ausweichen, als der rasende Oberarzt einen kurzen unverständlichen Gruß murmelnd an ihm vorbeistürzte, als wäre er auf dem Weg zu einem dramatischen Notfall im Haus, und mit einem gekonnten Hechtsprung über die gespannte Hundeleine hüpfte, an deren Ende eine aufgeregte Shakira Dr. Meier schwanzwedelnd hinterher bellte, wie dieser zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe nach oben eroberte.

In Rekordgeschwindigkeit war der Dreiunddreißigjährige ganz oben im siebten Stock des modernen Berliner Stadthauses angelangt. Er hörte noch, wie sich in der anderen Ecke des winzigen Korridors die Aufzugstüren geräuschvoll wieder schlossen - er war also dicht dran am Objekt seiner Begierde, das kurz vor ihm hier oben angekommen sein müsste - und stellte sein schweres Gepäck völlig außer Atem vor seiner Dachgeschosswohnung ab. Dann gaben seine Kräfte nach. Hatte er überhaupt geatmet, als er hier hoch gehetzt war? Er konnte sich nicht erinnern. Ehrlich gesagt wusste Marc überhaupt nicht mehr, wie er es mit den beiden schweren Gepäckstücken hier hoch geschafft hatte. Er sah Sternchen, zum zweiten Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden und dieses Mal hatte er sie quasi von selbst heraufbeschworen, und stützte sich auf einem der abgestellten Koffer ab, um den kurzen Ruhemoment zu nutzen, um wieder Luft in seine hart arbeitenden Lungen zu pumpen und seine rauschenden Gedanken zu sortieren, die sich hauptsächlich um eine bildschöne Blondine drehten.

Den durch die unglücklich gelegten Flugzeiten verpassten morgendlichen Ausdauerlauf hatte er mit dieser Aktion hier zur Genüge wieder wettgemacht, dachte der sportliche Oberarzt, auch wenn er Jogging im Park einem anstrengenden Treppenlauf wie diesem, inklusive ungeplantem Schwergewichtstraining, vorgezogen hätte, und schaute schließlich mit neu gewonnenen Kraftreserven wieder auf. Perplex starrte er nun auf die geschlossene Wohnungstür, über deren gesamte Breite ihn ein riesiger, schief hängender, bunter, selbst gebastelter Willkommensgruß von Haasenzahn begrüßte, und schüttelte den Kopf. Seine Süße hatte doch echt einen Knall, schmunzelte Marc nur völlig verzückt. Jetzt war er wirklich wieder zu Hause angekommen. Nirgendwo anders wollte er jetzt sein. Also richtete er sich wieder zu seiner ganzen stattlichen Größe auf und drückte beherzt die Türklinke herunter. Jetzt war Madame aber so was von fällig, egal welche alberne Überraschung sie noch für ihn in petto hatte. Mit diesem wunderbaren Gedanken im Kopf schlich der zurückgekehrte Schelm auf leisen Sohlen in die gemeinsame Wohnung.

Schnell hatte Marc seine beiden Koffer an der Garderobe verstaut und war aus seiner Jacke geschlüpft, die er achtlos an einen der Kleiderhaken schmiss, wo sie leider keinen Halt fand und auf die umfangreiche Schuhkollektion seiner Freundin segelte. Dann machte er sich auch schon auf die Suche nach dem frechen Früchtchen, das ihn eben einfach so unbefriedigt und alleine stehen gelassen hatte. Er wurde schnell fündig. Nicht zuletzt verstärkt durch die vertrauten leckeren Gerüche, die seine sensiblen Riechnerven plötzlich kitzelten. Gretchen stand mit dem Rücken zu ihm in der offenen Wohnküche, wackelte verführerisch mit ihrem süßen properen Hinterteil zu einer imaginären Melodie, die er seltsamerweise auch in den Untiefen seines Gehörgangs wahrnehmen konnte, und machte sich gerade an der Mikrowelle zu schaffen. Sie sah zum Anbeißen aus, sinnierte der heißhungrige Chirurg und spürte sein Herz sofort schneller schlagen. Und genau dieser süßen Versuchung würde er jetzt auch nachgehen. Das hatte sich der so gemein Stehengelassene nämlich nach all den Haaseschen Frechheiten mehr als verdient.

Langsam schlich sich der pirschende Jägersmann also an seine arglose Beute heran. Er vernahm im Augenwinkel noch, dass Gretchen den Tisch bereits gedeckt und mit bunten Tulpenblütenblättern so dekoriert hatte, dass man auch hier den herzchenverzierten Schriftzug, „Herzlich Willkommen zurück, Marc“, lesen konnte, und schob sich gepardengleich um den raumtrennenden Küchentresen herum. Schwuppdiwupp hatten Marcs freche Chirurgenhände Gretchens schlanke Taille umfasst und er dockte mit seinen rauen Lippen an ihrem verführerischen Hals an, den er vorher noch flink von der langen seidigweichen Lockenpracht befreit hatte, die er ihr sanft aus dem Nacken gestrichen hatte. Erschrocken von der plötzlichen Attacke aus dem Hinterhalt zuckte Gretchen Haase zunächst zusammen, schmiegte sich dann aber nach dem ersten Schrecken schnell in die starken Arme ihres Schatzes, die sie wie in einem Schraubstock festhielten. Nirgendwo anders wollte sie jetzt sein.

Marc: Hab dich!
Gretchen: Hat aber ziemlich lange gedauert. Bist ein bisschen unfit geworden, hm?

Der blondgelockte Frechdachs konnte einfach nicht widerstehen, ihren heißgeliebten Pappenheimer ein bisschen zu necken, während sie mit geschlossenen Augen seine aufregende Nähe auf sich wirken ließ. Sie hatte ihn so vermisst. Noch einmal würde sie ihn nicht so lange weglassen. Sie würde ihren Marcischnuckiputzi einfach für immer festhalten und nie wieder loslassen. Ja, das war ein guter Plan, kommunizierten Gretchens Hirnsynapsen fröhlich mit ihrem beschwingt schlagenden Herzen und ließen sie kurzzeitig unaufmerksam werden. Zum fatal falschen Zeitpunkt! Der Meiersche Konter folgte natürlich prompt. So einen unverschämten Spruch ließ der coole Macho natürlich nicht auf sich sitzen. Sonst hieße er ja auch nicht Marc Meier. Ganz gemächlich ließ dieser nun seine warmen Lippen ihre Halsschlagader empor wandern und wiegte die wohlig vor sich hin seufzende Verführte damit in Sicherheit, nur um im nächsten Moment erbarmungslos zuzuschlagen. Der Wolf im Schafspelz biss einmal gefühlvoll zu und wirbelte sein vor lauter Schreck aufkreischendes Mädchen im Anschluss so zu sich herum, dass er ihm nun direkt in die wild funkelnden ozeanblauen Augen blicken konnte. Gretchens goldiger Gesichtsausdruck war einfach zum Niederknien hinreißend. Ihm hatte genau das so gefehlt. Noch einmal würde er sein Mädchen nicht so lange alleine lassen. Sie käme sonst nur auf weitere Dummheiten. Er würde sie einfach festhalten und nie wieder loslassen. Und natürlich, wann immer es passte, foppen. Damit Haasenzahn auch ja ihre Lektion lernte. Einen Meier legte man nämlich nicht so leicht rein. Das hatte immer Konsequenzen.

Marc: Haasenzahn, nennst du das etwa eine anständige Begrüßung, nachdem ich so lange mit Abwesenheit geglänzt habe? Mich einfach stehen zu lassen und dann auch noch beleidigen. Das ist aber nicht die feine Art, die ich von dir gewohnt bin.
Gretchen: Marc, das war doch gar nicht so gemeint.
Marc (drängt sie forsch gegen die Anrichte u. kesselt sie zwischen seinen Armen ein): Nicht?
Gretchen: Ich musste nur schnell noch etwas vorbereiten. Sorry! Guck! Ich hab sogar gekocht.

...konterte Marcs Angebetete mit einem leichten Hauch schlechten Gewissens und deutete betont lässig auf die Mikrowelle, in der unter einer milchigen Haube ein Teller mit einer undefinierbaren Speise einsam seine Runden drehte, und versuchte dabei, möglichst unauffällig die entstandene Gänsehaut auf ihren Armen wegzurubbeln, die sein frecher Frontalangriff bei ihr ausgelöst hatte. Marc schmunzelte daraufhin nur gespielt anerkennend, aber schaltete das Gerät im nächsten Moment prompt aus, was bei der smarten Küchenfee verwundertes Stirnrunzeln bewirkte. Er hatte zwar Hunger und zwar gewaltigen, aber auf etwas ganz, ganz anderes. Und das zeigte er seiner ihn hinreißend unschuldig anhimmelnden Blondine auch sofort und unmissverständlich, wodurch Gretchens Herzrasen nur noch viel größer wurde.

Marc: Wow! Ich bin beeindruckt. Das nenne ich mal „Kitchen Impossible deluxe“. Irgendwie kommt mir der Geruch bekannt vor. Aber das Duell zwischen dir und meiner minderbegabten Mutter verschieben wir mal besser auf später oder noch besser auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Vorher hab ich nämlich noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Du weißt doch, was passiert, wenn man mit dem Dr. Meier nicht respektvoll genug umgeht, oder, Frau Dr. Haase?
Gretchen (klimpert gespielt unwissend mit ihren langen natürlichen Wimpern): Was denn?
Marc (hat das herausfordernde Aufblitzen in ihren Augen richtig gedeutet u. grinst voller Vorfreude): Mitkommen, aber pronto!

...raunte Marc der mädchenhaft naiven Verführerin heiser als Antwort ins Ohr, nachdem er sie vor der Anrichte zwischen seinen muskulösen Armen eingekesselt und sich aufreizend gegen ihren zierlichen Körper gelehnt hatte, sodass ihr kurzzeitig die Luft zum Atmen weggeblieben war, und griff dann beherzt nach ihrer zarten kleinen Hand, um sie als nächstes entschlossen hinter sich herzuziehen. An der Holzwendeltreppe, die hoch ins gemeinsame Schlafzimmer führte, blieb er jedoch noch einmal kurz stehen. Er überlegte, ob er es riskieren könnte, sie mitsamt ihrer kostbaren Fracht nach oben zu tragen. Das war schließlich quasi schon Tradition in ihrer aufwühlenden Beziehung. Aber nachdem er sich vorhin beim Treppenlauf mit seinen beiden Koffern schon fast verausgabt hatte und er sich um die Sicherheit seiner schwangeren Prinzessin sorgte, entschied sich Marc um und schob sie stattdessen zupackend vor sich her nach oben, wo sie atemlos zu ihm herumwirbelte und ihn nun nervös anlächelte, während er ihren süßen Po weiterhin liebevoll tätschelte. Das Herz klopfte ihr mittlerweile bis zum Hals. Sie hatte sich ja auch auf genau diesen Moment riesig gefreut und sie starb vor lauter Sehnsucht nach ihm schon fast kleine Tode, aber doch hemmte sie noch etwas.

Gretchen: Aber... aber... ich dachte, wir... wir essen erst und... und erzählen ein bisschen. Ich hab doch alles vorbereitet und... schön gemacht. Ich hab extra bei deinem Lieblings...
Marc (lächelt u. küsst sie stumm): Das hast du. Hab ich registriert, Haasenzahn. Aber wir können ja den Menüplan etwas zu unseren Gunsten umgestalten, hm?
Gretchen (schaut ihn mit großen sehnsuchtsvollen Augen an): Ja?
Marc (hingerissen von ihrer niedlich verpeilten Art zieht er sie in eine innige Krakenumarmung): Ich würde nämlich gerne den Nachtisch vorziehen. Machst du mit, Miss Naschkatze, oder fährst du noch mal die Krallen aus? Dann müsste ich aber vorher noch schnell meine nicht vorhandenen Schutzschilde aktivieren. Die wirken heute irgendwie nicht so richtig. Ich weiß auch nicht, warum. Jetlag? Du kannst mir ja bei der Suche nach den richtigen Schaltknöpfen helfen, hm?

Marcs typisch verschmitztes Grinsen berührte Gretchens Herz, das gerade einen Purzelbaum nach dem anderen schlug. Er war so ein Quatschkopf, aber gleichzeitig auch so einfühlsam und sensibel. Sie liebte ihn unendlich. Die sehnsuchtsgeladene Frau konnte sich seinem unwiderstehlichen Charme nicht mehr länger entziehen und schlang spontan ihre Arme um seinen Hals, um sich auf Zehenspitzen gegen seinen aufregenden Körper zu lehnen und ihn voller Liebe zu küssen. Mit Hingabe erwiderte Marc ihren süßen verspielten Kuss, der so viel mehr versprach, und intensivierte diesen noch. Taumelnd tänzelten sie durch den großzügig geschnittenen Raum in Richtung Bett, gegen dessen Rahmen sie nun stolperten, und landeten kichernd auf der weichen nachfedernden Matratze. Ein wahrer Lachflash erfasste das bis über beide Ohren verliebte Paar, welcher sie nur so durchschüttelte, bis Marc plötzlich innehielt und seine warme Hand an Gretchens rosarot leuchtende Wange legte. Blicke versanken ineinander, wirbelten alles durcheinander.

Marc: Das werte ich dann mal als Zustimmung zu meiner Menüänderung. Aber alles andere hätte mich auch ehrlich verwundert, schließlich weiß ich ja, wie sehr du auf Desserts abfährst.
Gretchen: Du bist so ein Blödi!
Marc (gespielt grimmig): Hey! Wie war das noch mal mit den Beleidigungen? Du musst schon vorher Risiken und Nebenwirkungen richtig abwägen, mein Schatz.

Der Schalk stand Marc deutlich ins Gesicht geschrieben und machte auch vor seiner Partnerin nicht Halt, die dem Schelm gespielt empört in die Seite piekste, ehe sie sich lachend auf den Rücken drehte. Ihr süßes glasklares Lachen war wie Musik in den Ohren des verliebten Chirurgen und er konnte nicht mehr aufhören, seine wunderschöne Freundin fasziniert von der Seite anzustarren, während er sich mit dem Ellenbogen auf einem Kopfkissen abstützte und seine andere Hand unweigerlich den Weg zu ihrem süßen kleinen Schwangerschaftsbauch suchte. Gretchen berührte Marcs zarte Geste zutiefst. Mit Glückstränchen in den Augen und heftigem Herzklopfen legte die verliebte Ärztin ihre Hand über seine und so lagen die beiden einen Moment lang stumm nebeneinander im Bett und ließen das unbändige Glücksgefühl auf sich wirken, das sich in warmen Wellen von ihren Händen ausgehend über ihren gesamten Körper ausbreitete.

Marc: Darf ich’s sehen?

...flüsterte der stolze werdende Vater plötzlich ungewohnt schüchtern in Richtung seiner bezaubernden Lebensgefährtin. Gretchen öffnete ihre Augen und versank einen Moment in den Untiefen seiner glänzenden Smaragde, die sie aufgeregt fokussiert hatten, und nickte dann leicht mit dem Kopf. Voller Vorfreude lächelte er sie an und schaute ihr dabei zu, wie sie langsam wieder vom Bett herunterrutschte. Sie stellte sich mit dem Rücken zu Marc davor auf und knöpfte ganz langsam die Knöpfe ihrer geblümten Bluse auf. Gretchens Finger zitterten dabei vor wilder Aufregung und reagierten plumper, als sie es sonst von sich gewohnt war. Doch die sonst so feinfühlige Chirurgin wollte es sich nicht anmerken lassen. Deshalb schob sie eine Blusenhälfte kess über ihre rechte Schulter, um ihrem sie beobachtenden Freund zur Ablenkung ein Stückchen elfengleiche Haut zu präsentieren, und streifte dabei verführerisch ihre Lockenmähne aus dem Nacken auf die andere Seite, um zu schauen, wie Marc wohl darauf reagierte. Aber sie machte schnell wieder einen Rückzieher und drehte sich um, weil sie sich total albern dabei vorkam. Sie war eben nicht die sexy Marilyn Monroe, sondern nur Gretchen Haase aus Berlin-Charlottenburg.

Doch bei ihrem Partner kam das alles überhaupt nicht albern rüber. Im Gegenteil. Er hatte es sich mittlerweile am Kopfende des Bettes bequem gemacht. Keine Sekunde ließ er die sich schüchtern entblätternde Schönheit aus den Augen und registrierte fasziniert jede einzelne ihrer Bewegungen, um sie für die Ewigkeit zu speichern. Das Herz unter seiner Brust drehte einen Looping nach dem anderen und er war aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Gretchen ging es auch nicht anders. Ihre Wangen glühten in einem zarten Ziegelrot. Ihre zitternden Knie waren nur noch Wackelpudding. Sie hatte mittlerweile den letzten Knopf ihrer dunkelrot geblümten Bluse aufgeknöpft und stand verlegen vor dem großen Spiegel an ihrem Kleiderschrank, in dem sie auch Marcs Spiegelbild beobachten konnte, das ihr nun ermutigend zunickte. Sie atmete tief durch und versuchte, sich möglichst locker zu geben, auch wenn sie sich nicht danach fühlte. Langsam ließ die wunderschöne Frau das dünne Kleidungsstück über ihre Schultern zu Boden gleiten. Marc hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet und fuhr sich nervös über seinen angespannten Oberkörper, während er dabei zuschaute, wie Gretchen nun zappelig an ihrem gleichfarbigen Top herumzubbelte. Verlegen biss sie sich auf ihre Unterlippe und drehte sich halb zu ihrem Verehrer um, weil sie sich noch einmal vergewissern wollte.

Gretchen: Marc, du musst wissen, dass... ich... Also, mein Körper verändert sich. Rasend schnell sogar... und ich weiß nicht...

...stockte sie plötzlich unsicher. Aber Marc lächelte nur und rutschte zum Bettende vor, wo er spontan nach Gretchens zittrigen Händen griff und sie liebevoll drückte, ehe er sie zu einem Kuss an seine Lippen führte und anschließend seinen ganzen Charme spielen ließ, um seinem Angsthäschen die letzten Unsicherheiten zu nehmen, die es gar nicht nötig hatte, weil Gretchen Haase nun mal die tollste und aufregendste Frau war, der er je begegnet war.

Marc: Na, das hoffe ich doch, Haasenzahn. Alles andere müsste mich ja beunruhigen. Als Mediziner und ähm... Bald-Papa.
Gretchen (senkt verlegen ihren Kopf, weil sie ihr Gefühlskarussell selber albern u. unpassend findet): Ach, Marc, du verstehst das nicht.
Marc (sucht intensiv ihren Blick): Hey, schaue mich mal an! Natürlich verstehe ich das. Ich bin auch durcheinander. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Seitdem ich von unserem kleinen Wunder weiß. Zwar ist das nicht ganz vergleichbar mit dem, was du jetzt und in den nächsten Monaten erleben wirst. Aber eins sollte dir sicher sein, es gibt nichts, aber auch gar nichts, vor dem du dich vor mir schämen müsstest. Unsere peinlichsten Momente haben wir doch schon vor langer Zeit mitgenommen. Weißt du noch, damals an deinem ersten Tag als Assi im EKH in meinem Büro, als du dachtest, ich würde mich dort mit dir treffen wollen? Oder in der Schule beim Sportfest, als du vor allen Augen Karsten sehr grazil umgemäht hast, weil du von meinem genialen Fußballspiel total abgelenkt gewesen bist. Oder du nackt in der Mädchenumkleide, die durch einen dummen, wirklich sehr, sehr dummen Zufall in die Luft geflogen ist, als du noch drin gewesen bist. Als du mich entdeckt hast und ich dich, das war peinlich. Da hab ich dich übrigens zum ersten Mal nackt gesehen und hab das die ganzen Sommerferien über nicht mehr vergessen können. Weißt du, das kann einen Jungen im gefährlichen Teenyalter ziemlich verwirren, vor allem weil es wirklich krank ist, von einer Unterstufenschülerin mit ein bisschen Babyspeck und hässlicher Zahnspange so angetan zu sein. Siehst du, das hier jetzt ist dagegen überhaupt nicht peinlich. Ich find dich heiß, so wie du bist. Und je runder du wirst, umso mehr lieb ich dich und die Kleinen. Klar?
Gretchen (blickt ganz gerührt auf u. ihm direkt in die treuen Augen): Ehrlich?
Marc (lächelt u. zeigt ihr seine Grübchen): Ich würde dich niemals anlügen, Gretchen. Das weißt du doch. Ich pack immer alles direkt auf den Tisch. Und jetzt will ich endlich mein Geschenk auspacken, auf das ich mich freue, seitdem ich vor drei Wochen in diesen Scheißflieger steigen musste. Ich will euch endlich sehen. Hört ihr da drin? Auf dem winzigen verpixelten Bild auf Skype konnte man ja nicht wirklich was erkennen, auch wenn du dich immer sehr vorteilhaft präsentiert hast, Haasenzahn. Dafür übrigens noch mal danke! Das hat mich immer über den Tag gerettet.

...sprach Marc direkt an Gretchens Bauch und dann verschmitzt an die werdende Mama gewandt. Und als wäre nie etwas gewesen, war ihre Scheu plötzlich wie weggeblasen. Gretchen war völlig hingerissen und eingenommen von diesem fantastischen Mann, der mit nur einer lieb gemeinten Geste, einem einzigen Satz, einer Erinnerung oder einem innigen Blick so viel sagen konnte. Also beugte sie sich vor, umfasste Marcs strahlendes Gesicht mit ihren Händen und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Lippenspitzen, bevor sie sich wieder zurückzog und nach dem Saum ihres Tops griff, um es anschließend mit Schwung über ihren blonden Wuschelkopf zu ziehen. Die wunderschönen weichen goldenen Locken wirbelten in der Luft, als wären sie in Zeitlupe festgefroren, und senkten sich nur ganz langsam auf Gretchens makellose helle Haut. Mit großen gespannten Augen verfolgte Marc Gretchens Tun. Ihm blieb fast die Spucke weg bei diesem faszinierenden Anblick und als er die kleine Wölbung ihres süßen Bauches direkt greifbar und sehr präsent vor sich hatte, war es gänzlich um den coolen Machomann geschehen. Er hatte noch nie in seinem Leben so etwas Schönes gesehen. Aufgeregt wie ein kleines Kind, das endlich sein lang ersehntes Lieblingsspielzeug geschenkt bekommen hatte, legte der werdende Papa seine zitternden Hände um Gretchens zierlichen Bauch und begann ihn vorsichtig zu ertasten. Seine Freundin zuckte zwar bei der ersten Berührung zusammen, weil er eiskalte Finger hatte, aber ein Blick auf Marcs gerührtes Gesicht genügte, um ihr Herz zu wärmen. Da lag so viel Liebe und Stolz in seinen strahlenden dunkelgrünen Augen, dass sie ganz weiche Knie bekam und sich neben ihn setzen musste, um nicht komplett den Halt zu verlieren.

Marc (sprachlos): Wow! Es ist echt.
Gretchen (versucht ihre Aufgewühltheit mit Reden zu überspielen): Das ist das erste Mal, dass du nicht gleich auf meine Brüste fixiert bist, nachdem ich mich ausgezogen habe.
Marc (seine Mundwinkel zucken zwar verdächtig, aber eine spritzige Erwiderung bleibt aus): Manchmal gibt es eben auch Wichtigeres im Leben. Merkst du schon was?
Gretchen: Neben der Tatsache, dass ich eine kleine Melone vor mich herschiebe und diesmal nicht ich diejenige mit den kalten Händen bin, nein, das wäre auch zu früh.
Marc (völlig fasziniert darauf, ihren Bauch zu erkunden, lässt er sogar Gretchens gelungene Witzversuche an sich abperlen): Mhm!
Gretchen (verliebt sich gleich noch ein bisschen mehr in ihren Freund): Schon komisch, dass ich anfangs überhaupt nichts gemerkt habe. Ich hab immer geguckt und geguckt. Ich glaube, ich hab mich mein ganzes Leben lang nicht so oft im Spiegel angeschaut. Du weißt ja, dass ich das nicht gerne mache. Und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen war er auf einmal da. Gut, vielleicht nicht ganz, Mehdi meint auch, dass ich mir das einbilde, aber das ist eben mein subjektiver Eindruck. Und wenn man lange genug hinguckt, kann man ihm sogar beim Wachsen zuschauen. Wirklich! Gestern nach der dreistündigen OP mit Papa war er tatsächlich zwei Millimeter größer geworden. Mama hat extra ein Maßband aus dem Materiallager geholt. Erkläre dann mal einem Patienten, der gerade im Aufwachraum aus der Narkose aufwacht, warum wir da plötzlich laut aufkreischen und im Kreis tanzen. Es ist so verrückt.
Marc (schaut plötzlich auf u. ihr direkt in die leuchtenden Augen): Ich finde dich wunderschön so.
Gretchen (fasst sich an ihr pochendes Herz u. strahlt ihn gerührt an): Echt?
Marc (erwidert ihr Strahlen): Mhm!
Gretchen: Ich musste also erst schwanger werden, damit du mich schön findest?
Marc (dreht sich so zu ihr herum, dass er nun halb über ihr liegt u. ihre Nasenspitze leicht touchiert): Haasenzahn, wir wissen doch wohl beide, dass ich dich schon immer auf irgendeine irre verquere Art faszinierend gefunden habe. Oder nicht? Und das kannst du ruhig auch mit roter Tinte und mit Ausrufezeichen in dein Tagebuch schreiben. Das werde ich nämlich nicht noch einmal zugeben. Bevor du mich nämlich ständig darauf festnagelst. Aber ich denke, dir und den beiden hier, die sich hier drin so schön breit machen, sollte man ehrlich gegenübertreten. Ich will das hier. Mehr denn je. Das ganze Paket. Egal, wie schwer es wird.
Gretchen (hin und weg schmachtet sie ihn an): Ich liebe dich. Lass mich bitte nie, nie wieder los!
Marc (grinst anzüglich): Ich liebe dich auch, du Nervensäge. Deshalb werde ich jetzt auch Taten sprechen lassen. Also festhalten, ihr beiden! Mama und Papa werden sich jetzt ganz doll lieb haben. Auch wenn es sich vielleicht so anfühlen wird, als würden wir mit nem wackeligen Schaukelboot durch unsichere Gewässer schippern.
Gretchen (guckt ihn empört an): Marc, bring den beiden keinen Quatsch bei.
Marc (muss wie immer das letzte Wort haben): Das ist kein Quatsch. Ernster kann das, was ich mit dir vorhabe, nicht sein.

Wie zur Bestätigung küsste der Charmeur erst einmal grinsend Gretchens hinreißend süßen Babybauch, dann wandte er sich hingebungsvoll ihren sinnlichen Lippen zu, welche ihr anfängliches Schmollen schnell einstellten, als die Leidenschaft auch seine Liebste erfasste, die nun ihrerseits den Frechdachs packte und mit Schwung auf den Rücken drehte, um sich auf ihn zu legen. Anerkennend funkelte Marc die süße Versuchung von seiner vielversprechenden Position aus an, als sie sich verheißungsvoll wieder zu ihm herunterbeugte und ihn feurig küsste, während ihre multitaskingfähigen Finger bereits anderes im Sinn hatten. Überraschend problemlos hatte die ungekrönte Tollpatschqueen Marcs himmelblaues Hemd aufgeknöpft und wanderte nun mit ihren verführerischen Lippen von seinem Mund, der gleich noch einmal vergnügt nach ihrem gehascht hatte, über sein stoppeliges Kinn, seinen Hals hinab, um nun eine Weile auf seiner blanken Brust zu verweilen. Die Feuerspur, die Gretchen dabei hinterlegte, brannte sich förmlich in seine Haut ein und wirkte als Brandbeschleuniger bis tief in seinen Lendenbereich hinein, wo es plötzlich gefährlich eng in seiner Designerhose wurde. Höchste Zeit, um selber aktiv zu werden, kommunizierten seine aufmerksamen Schaltkreise ein letztes Mal mit dem Rest seines Körpers, der nun aktiv wurde.

Wendige Arme umschlangen Gretchens halbnackten Körper und pressten ihn euphorisch gegen den seinen. Flinke Hände huschten rastlos über die makellose weiche Haut ihres Rückens, neckten und zwickten sie, was zu eindrucksvoller Gegenwehr führte. Schließlich war allseits bekannt, wie kitzelig das Häschen war, das sich nun freimütig an den attraktiven Verführer schmiegte und ihn ebenfalls zu kitzeln versuchte, jedoch mit mangelndem Erfolg. Denn kitzlig zu sein, war eine Eigenschaft, die man Dr. Meier nicht nachsagen konnte. Und so tollten die beiden kichernd über die Matratze, bis Gretchen letztendlich kapitulieren musste und wieder unter Marc landete. Atemlos schaute sie zu ihm herauf und beobachtete gespannt, wie dieser sich gerade seines lästigen Hemdes entledigte, das er achtlos neben das Bett segeln ließ. Marcs Hauptaugenmerk war vielmehr auf die aufregende Sirene gerichtet, die sich unter ihm auf der weichen pastellfarbenen Bettdecke adrett positioniert hatte. Eine wahre Offenbarung war das, der er kaum widerstehen konnte. Glühende Lippen trafen aufeinander, verfingen sich ineinander. Zungenspitzen neckten einander, tanzten miteinander. Ganze Schmetterlingsschwärme wurden geweckt, die die beiden fast abheben ließen. Tiefblau vermischte sich mit unergründlichem Smaragdgrün. Klares Lachen hallte durch das im Nachmittagslicht geflutete Schlafzimmer. Eine prickelnde Kussspur verlief von Gretchens Hals über ihr Schlüsselbein hin zu ihrem bebenden Dekolletee, das sich immer wieder hob und senkte und dem Marc sich nun hingebungsvoll zugewandt hatte. Gretchens Körper erzitterte immer wieder unter seinen gefühlvollen Berührungen, die sie in den Wahnsinn zu treiben versuchten. Schauerwellen eröffneten eine ganze Reihe von Gefühlsexplosionen, die sie nicht mehr stillhalten ließen. Ihre Finger krallten sich in das Satinlaken. Die sinnliche Frau hielt die Neckereien, die er abwechselnd mit ihren Brüsten anstellte, kaum noch aus und wand sich stöhnend unter Marc hin und her, was ihn natürlich nur noch mehr animierte, das aufregende Spiel weiter voranzutreiben. Längst hatten seine geschickten Finger ihr den süßen violetten Spitzen-BH von den Schultern gestreift, damit er die Bahn frei hatte, um es seiner Traumfrau möglichst noch angenehmer zu bereiten.

Und so wanderte der versierte Verführungskünstler weiter gen südlichere Gefilde, natürlich nicht, ohne sich vorher noch ausgiebig dem Wunder zuzuwenden, das sich unter der kleinen Wölbung ihres Bauches befand. Er bedeckte ihn mit zarten neckischen Küssen, die das kitzlige Gretchen beherzt auflachen ließen. Sie hatte ihren Arm unter ihren Kopf geschoben und schaute dem frechen Kerl aufgeregt dabei zu. Doch dann merkte sie, wie es plötzlich immer gefährlicher für sie wurde. Marcs feuriger Blick traf sie mitten ins Herz, das mit einem Mal zu einem Dauerlauf ansetzte, der ihren ganzen Kreislauf in akuten Aufruhr versetzte. Ohne sie dabei aus den Augen zu lassen, zog Marc ganz langsam den Reißverschluss ihres Rockes herunter. Gretchen reagierte hochsensibel auf sein Tun und biss sich nervös auf ihre Unterlippe. Das Zeichen für ihren leidenschaftlichen Liebhaber, weiterzugehen. Schnell hatte er ihr den Rock über ihre langen schlanken Beine gezogen und fuhr nun gefährlich mit seiner Hand ihre dunkle, wild gemusterte Netzstrumpfhose empor. Eine Gänsehaut folgte seiner Spur, die nur noch stärker wurde, als der Frechdachs am Bund Halt machte und einmal mit seiner Nasenspitze kurz ihren süßen Bauchnabel umkreiste. Gretchen blieb fast die Luft weg vor lauter Lust und Begierde. Sie wollte mehr, jetzt, sofort, und das zeigte sie Marc auch unmissverständlich, der schmunzelnd mit einem Kuss auf ihre melonenrunde Körpermitte reagierte. Die sexy Sirene hob daraufhin ihr Becken leicht an und Marc zog ihr geschickt die Strumpfhose mitsamt ihrer Spitzenunterwäsche aus. Neckisch küsste er dann ihre nackten Zehenspitzen, ehe er sich kurz vom Bett zurückzog, um das sinnliche Wesen darin ausgiebig zu betrachten. Da war mittlerweile keine Scheu mehr von der Angsthäsin zu spüren. Im Gegenteil. Voller Vorfreude und Begierde räkelte sich Gretchen in den weichen Kissen und es war eine Wonne, ihr dabei zuzusehen. Er könnte hier ewig stehen und sie einfach nur anschauen, wenn er selbst nicht ebenso ungeduldig gewesen wäre, ihr endlich ganz nah sein zu können.

Gretchen streckte ihrem verliebten Betrachter auffordernd ihre zarte kleine Hand entgegen. Marc erwiderte diese süße Geste mit einem Lächeln und da lag so viel Liebe in seinem Blick, dass auch der Goldengel nun mit der Nachmittagssonne um die Wette strahlte, die immer wieder im Wechselspiel mit den aufziehenden Wolken durch die schmalen Lamellen der Jalousien blitzte. Flink hatte sich Marc seiner Hose und seiner Boxershorts entledigt und griff nun nach Gretchens Hand, verschränkte seine Finger mit ihren und ließ sich von ihr zurück aufs Bett ziehen. Im innigen Kuss vereint sanken sie zurück auf das weiche Laken. Lippen, Finger, Arme, Beine, Herzen wurden zu einer symbiotischen, unzertrennlichen Einheit und zum Klang einer unbekannten Melodie, die sich als Ohrwurm in ihren Köpfen eingenistet hatte, begannen sie sich zu lieben. Sie ließen sich treiben, erst ganz sachte und mit Bedacht, um ihr Wiedersehen würdig zu zelebrieren, dann immer schneller und ungehaltener, weil die Sehnsucht nach der langen Zeit der Trennung sie einfach übermannte, in einen wahren Rausch versetzte und explosionsartig in den siebten Himmel katapultierte, wo sie sich auf einen Daueraufenthalt vorbereiteten.


Mit dieser besonderen Episode wünsche ich allen meinen Lesern, ob still oder wortgewaltig, ein wunderschönes Osterfest und bedanke mich von ganzem Herzen für eure langjährige Treue. GLG Lorelei

Lorelei Offline

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07.04.2016 17:08
#1562 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Einige Zeit und wunderschöne Stunden später

Gretchen: Maaarc, daaas wird langsam wiiirklich waaackelig, wenn du mich weiterhin sooo doll festhältst. Ich kann so doch kaum laufen und stolpere ständig über den Saum der Decke, die eh dauernd verrutscht.
Marc (schlingt seine Arme nur noch fester um seine tapsige Freundin u. raunt ihr etwas mit heiserer Stimme verführerisch zu): Na, dann mach dich doch frei, wenn’s dich so stört, Haasenzahn.
Gretchen (beißt sich auf ihre Lippen, um ihr Kichern zu unterdrücken): Das hättest du wohl gerne, du Schlawiner?
Marc (schmiegt seine Wange gegen ihre u. wiegt sanft mit ihr auf der Stelle hin u. her): Doch ja, also, wenn du so fragst? Wir könnten dann gleich da weitermachen, wo wir...
Gretchen (tritt ihm einmal fest gegen das Schienbein, verliert dabei das Gleichgewicht u. schwankt nun gefährlich zur Seite): Vergiss es! Huch...
Marc (ignoriert tapfer den fiesen Schmerz, der ihn durchfährt, u. hält den Frechdachs sicher zwischen seinen Armen fest): Schade! Aber dann stell dich doch wenigstens mit deinen beiden unkordinierbaren Stelzen auf meine Füße drauf, hm. So schwer wirst du schon nicht sein. Ich bring dich schon sicher von A nach B. Oder wohl eher von K nach S.

...raunte ein sichtlich zufriedener Marc Meier schmunzelnd seinem süßen Meckerlieschen ins rechte Ohr, pustete ihr frech eine Locke ins Gesicht und zog das Bettlaken, welches um ihre beiden Körper gewickelt war, wieder fest vor ihren Brüsten zusammen, natürlich nicht ohne vorher noch einmal einen ausgiebigen Blick auf ihr wunderschönes Dekolletee zu riskieren. Gretchen Haase war einfach der pure Wahnsinn, schoss es dem bis über beide Ohren verliebten Chirurgen durch den Kopf, als er mit seinen weichen Lippen wieder an ihrem verführerischen Hals andockte. Eine wahre Naturgewalt. Jede Sünde und jeden Spaß wert. Und seine wankelmütige Prinzessin war tatsächlich gerade ziemlich wackelig unterwegs, wie er beim nächsten vorsichtigen unsynchronen Schritt nach vorne feststellen musste. Jetzt schwankte nämlich auch er leicht zur Seite und das lag sicherlich nicht nur daran, dass die Tatsache, dass das hinreißende Häschen komplett nackt unter der pastellfarbenen Decke war, die er mit einer Hand an ihren Enden zusammenhielt, ihm die Schweißperlen aufs Gesicht trieb. Er konnte nur dank seines athletischen Körperbaus der Schwerkraft trotzen, die hartnäckig versuchte, ihn zusammen mit der ungekrönten Tollpatschqueen erfolglos mitzureißen. So watschelten die beiden eng umschlungen wie Cäsar und Kleopatra im Pinguinschritt ganz langsam die wenigen Meter vom Küchentresen zur Wohnzimmercouch rüber. Und während Marc sie sicher festhielt und sie tatsächlich brav seinen Anweisungen folgte und sich auf seine nackten Füße stellte, balancierte Gretchen vorsichtig das Tablett vor sich her, auf dem sie den Hauptgang von Marcs Willkommensessen liebevoll drapiert hatte, nachdem sie dieses noch einmal teilweise in der Mikrowelle aufgewärmt hatte.

Gretchen: Du bist komplett verrückt, Marc Meier. Nicht so schnell! Mir wird sonst schwindelig und ich will nicht auch noch überall die rote Currysoße verteilen. So wie es mir eben mit den Pommes in der Küche ergangen ist, als du mich ganz fies aus dem Hinterhalt attackiert hast.
Marc (kitzelt sie mit einem weiteren neckenden Kuss in den Nacken): Hab ich nicht. Du sahest nur so aus, als wolltest du unbedingt geküsst werden.
Gretchen (guckt kokett über ihre Schulter hinter sich u. streckt dem frechen Charmeur lachend die Zunge heraus): Schleimer!
Marc (funkelt den Frechdachs herausfordernd an): Hey, du Spaßbremse! Jetzt tue nicht so, als hätte es dir nicht gefallen. Du hast sehr eindrucksvoll mitgemacht und dabei leider die Schüssel mit den Pommes etwas zu sehr gekippt. Und du weißt doch, dass man alles, was unter drei Sekunden auf dem Boden lag, eh noch unbedenklich essen kann. Also von dem her...
Gretchen (zieht eine süße Schmollschnute u. dreht ihr Lockenköpfchen wieder herum): Witzig! Aber ich werde dir ganz sicher nicht hinterher putzen, wenn doch was passiert, weil du mich nicht loslassen willst.
Marc (raunt ihr verführerisch ins Ohr, was eine Gänsehautlawine bei ihr auslöst): Papperlapapp! Schon vergessen? Ich sollte dich doch festhalten und nie, nie wieder loslassen. Ich halte mich nur an deine Worte.

Ja, lass mich bitte nie, nie wieder los, Marc!

Gretchen (schmilzt in seinen Armen nur so dahin u. lässt das Tablett mit dem Essen gefährlich schwanken): Och, du bist ja süß. Marc Meier hört Gretchen Haase aufs Wort. Das muss ich gleich unbedingt in mein Tagebuch schreiben, wenn ich wüsste, wo ich es das letzte Mal liegen gelassen habe.
Marc (schiebt schnell seine Hand zur Unterstützung unter das kippelige Tablett): Hey, keine Beleidigungen mehr, Haasenzahn, sonst muss ich dir ungeachtet der Fakten doch noch dein wohlgeformtes Hinterteil versohlen. Und ich würde nicht behaupten, dass ich auf die Umsetzung keine Lust hätte. Ganz im Gegenteil.

Nachdem Marc das Serviertablett sicher auf dem gläsernen Couchtisch abgestellt hatte, drehte er sich wieder zu seiner frechen Freundin herum, blickte der Kicherfee unmissverständlich in die hell aufblitzenden blauen Augen, die ihn herausfordernd fokussiert hatten, und fuhr zur Bekräftigung seiner Worte einmal mit Bedacht über ihren properen Po und ließ seine Hände dort gefährlich verweilen. Aber anstatt eingeschüchtert zu wirken, lachte Gretchen nur noch mehr über die Albernheiten ihres verknallten Oberarztes. Die schöne Stationsärztin ignorierte die aufsteigenden Schmetterlinge in ihrem Bauch und befreite sich schnell aus Marcs Machogriff. Sie wirbelte wie eine Primaballerina herum, wobei sie jedoch nicht bedachte, dass sie dabei ihr gemeinsames Kleidungsstück verlieren könnte, und ließ sich prompt in die bequeme Sofalandschaft fallen. Als die kesse Blondine ihre Blöße bemerkte, schnappte sie sich flink ihre rosafarbene Lieblingssofakuscheldecke und schlüpfte mit hochrotem Kopf darunter, während ihrem perplexen Freund fast die Augen aus dem Kopf fielen. Wie ein Fisch an Land schnappte Dr. Meier nach Luft und hielt sich an dem atemberaubenden Anblick fest, der sich tief in sein Hirn eingebrannt und dort eine faszinierende Bildergalerie geschaffen hatte, bis ihn der Frechdachs mit einem Fingerschnips zurück in die Realität holte, ihn grob am Arm packte und zu sich runter aufs Sofa zog.

Ein äußerst reizvoller Kuss weckte dann auch die restlichen Lebensgeister des verwirrten Chirurgen und so stieg dieser schnell in Gretchens ansteckendes Gekicher mit ein, das erst von dem Geräusch eines röhrenden Hirsches wieder unterbrochen wurde. Und das war diesmal nicht Gretchens auf Dauerappetit eingestellter Viermonatsbabybauch gewesen, der sich auf diese Art berechtigterweise bemerkbar gemacht hatte. Nein, das war schockierender Weise sein eigener gewesen. Marc starrte Gretchen perplex an, sie ihn, und dann schmunzelten beide. Tatsächlich hatte der weit gereiste Oberarzt nämlich seit der letzten Mahlzeit im Flugzeug nichts mehr gegessen und das war jetzt schon viele, viele Stunden her. Heißhungrig stürzte er sich also auf das, was seine bezaubernde Küchenfee für ihn als Überraschung vorbereitet hatte. Und Gretchen freute sich diebisch darüber, dass sie mit ihrer Idee offenbar genau ins Schwarze getroffen hatte. Denn Marc haute ordentlich rein, was sie wiederum animierte, ihm ebenfalls mit sichtlich gesundem Appetit nachzueifern.

Marc (schmatzend schaut er zu Gretchen u. deutet mit seinen Fingern, nachdem er diese an einer Serviette abgewischt hat, Gänsefüßchen an): So viel zum Thema, Gretchen Haase hat tatsächlich „gekocht“. Und ich hatte schon die Befürchtung, du wolltest mich vergiften.
Gretchen (haut ihm empört auf die Hand): Hey! Gar nicht! Sag nicht immer, du würdest mir das nicht zutrauen. Ich kann das. Ich bin schließlich bei meiner Mama in die beste Schule gegangen.
Nur dass ich mich mehr für Papas Geschichten aus dem Krankenhaus interessiert habe und dann meist etwas unaufmerksam war, was Mama gerade in der Küche veranstaltet hat. Aber das muss Marc ja nicht wissen. Wie sagt Mama immer so schön, eine gute Hausfrau und Partnerin muss sich nur zu helfen wissen. Und das kann ich gut. Hihi!
Marc (deutet schelmisch grinsend auf das leckere Essen auf dem Couchtisch): Joah, sieht man. Nur dass das bei Martha Stewart Butterböhnchen bestimmt nicht auf den Tisch gekommen wäre.
Gretchen (beleidigt haut sie noch mal zu, bevor auch sie mit ihren Fingern Gänsefüßchen anzeigt): Ey! Pass bloß auf, dass das nicht das letzte Mal gewesen ist, dass ich für dich „gekocht“ habe. Ich hab mir wirklich Mühe gegeben.
Marc (besänftigt die beleidigte Leberwurst mit anbetungswürdigem Meierschen Dackelblick): Haasenzahn, das war doch gar nicht negativ gemeint. Wie bist du eigentlich hierauf gekommen?
Gretchen (hat sich schmollend die Schüssel mit den Pommes geschnappt u. isst sie fast im Alleingang auf, während sie verlegen seinem hartnäckigen Dackelblick standhält): Na ja, ich dachte, wenn schon, dann sollte es etwas traditionell Berlinerisches sein. Damit du dich auch gleich wieder heimisch fühlst. Das sind die Besten der Stadt, weißt du.
Marc (schüttelt schmunzelnd den Kopf u. greift dann wieder beherzt zu): Yeah, aufgewärmte Currywurst und Döner mit extrascharfer Soße. Meine Leibspeisen.
Gretchen (lehnt sich zufrieden an seine Schulter, guckt ihn kichernd an u. füttert ihn dann mit einer Pommes, die sie ihm verführerisch mit ihren Lippen anbietet): Eben!

Marc (schaut seiner Traumfrau verliebt in die Augen, nachdem er genüsslich an ihren Lippen geknabbert hat): Jetzt fühl ich mich wirklich wie zuhause.
Gretchen (lächelt hinreißend): Du bist zu Hause, Marc.
Marc (stellt seinen Teller auf dem Couchtisch ab u. greift zärtlich nach ihrem Gesicht, um sie erneut zu küssen): Fühlt sich jedenfalls so ziemlich danach an, ja.
Gretchen (verzieht ihr Gesicht u. löst sich von seinen sie neckenden Lippen): Iiihhh, du schmeckst nach Knoblauch.
Marc (funkelt sie amüsiert an): Tja, du wolltest es ja nicht anders. Was wohl Mehdi zu deinem Speiseplan sagen würde?
Gretchen (grient ihn keck an): Dass wohl tut, was schmeckt.
Marc (lacht): Verklickert er das auch Gabi, wenn er ihr wieder eine Stange Sellerie hinhält, während er selber die Crackerschachtel leer futtert?
Gretchen: Gabis Schwangerschaft verhält sich ja aber auch total anders als meine, was sich übrigens mittlerweile gelegt hat. Sie darf auch wieder sündigen so wie ich. Ehrlich gesagt hat sie mich erst auf die Idee gebracht, als wir vorgestern zusammen mit Sabine in der Schlange vor deiner Lieblingsimbissbude gestanden haben.
Marc (gespieltes Desinteresse spiegelt sich in seinem amüsierten Blick): Ach?
Gretchen (nickt): Mehdi hat übrigens die ganzen Essenssachen mitgebracht, als Lilly und er mich heute Vormittag hier abgeholt haben.
Marc (grinst zurück): Tatsächlich?
Gretchen (ihre Augen beginnen zu leuchten): Hat dir das Begrüßungsschild an der Tür gefallen? Das hat Lilly gemalt und Mehdi hat sie dann hochgehoben, als wir es zusammen befestigt haben.
Marc (schaut ihr völlig verzückt in die Augen): Ihr kommt vielleicht auf Ideen.

So was hat noch nie jemand für mich gemacht. Wieso auch? Ich war doch gar nicht lange weg. Gibt’s diesen Service jetzt etwa jedes Mal, wenn ich auf Dienstreise bin?

Gretchen (verliert sich regelrecht in seinen sie anfunkelnden dunkelgrünen Augen u. schmiegt sich an seine Seite): Wir haben dich eben vermisst.
Marc (schlingt seinen Arm um sie u. gibt ihr einen kleinen Kuss auf die Wange): Dito! Aber psst, nicht weitersagen!
Gretchen (strahlt ihn schwerverliebt an): Weißt du was, Marc, ich glaube, das nächste Mal verstecke ich mich doch in deinem Koffer. Ich hab es nämlich ohne dich hier kaum ausgehalten. Alle waren zwar total lieb zu mir und ich war hier auch nie wirklich alleine. Aber es war trotzdem nicht dasselbe, weil du gefehlt hast.
Marc (schaut sie plötzlich mit merkwürdig ernster Miene an): Es wird kein nächstes Mal geben.
Gretchen (reagiert verdutzt): Wie meinst du das?
Marc (lächelt meierlike): So wie ich es gesagt habe.
Gretchen (ihre Gedanken wirbeln nur so durcheinander): Das wird Papa aber gar nicht gefallen. Er hält so große Stücke auf dich und ist so stolz, dass du unsere Klinik so toll vertrittst.
Marc (fühlt sich durchaus geschmeichelt u. streicht liebevoll über ihren Bauch): Dann wird der Chef eben doppelt Ersatz suchen müssen, weil ich nicht vorhabe, noch einmal ohne dich... euch irgendwohin zu fahren.

Hat er gerade gesagt, dass er...? Oh mein Gott, ich liebe dich so!

Gretchen (ist hin u. weg von ihrem Traummann): Och... du...
Marc (hebt bedrohlich seinen Zeigefinger, weil er ahnt, was sie als nächstes sagen will): Wehe, du sagst noch mal das böse stimmungstötende S-Wort!
Gretchen (kontert frech): Meinst du sagenhaft? Scharfsinnig? Supertoll? Sympathisch? Schlau? Sexy?
Marc (sichtlich beeindruckt von der Chuzpe, mit welcher sie ihm kühn begegnet): Du hast sensationell vergessen.
Gretchen (schmiegt sich kichernd in seine Arme): Oh, Entschuldigung, natürlich!

Ich liebe dich, du verrückte Nudel! Deshalb kann ich hier nicht mehr weg. Es geht nicht.

Marc (betrachtet die Kicherfee eine Weile völlig hingerissen u. verzaubert): Danke!
Gretchen (umwickelt ihre verrutschte Kuscheldecke noch mal neu u. bettet anschließend ihren Kopf auf Marcs Schoß, um sich auszustrecken u. es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich zu machen): Wofür?
Marc (streicht ihr verträumt durchs seidigweiche Haar): Für... das hier, das gelungene Willkommen.
Gretchen (schaut ihren Traumprinzen mit großen Strahleaugen von unten herauf an): Hat’s dir wirklich gefallen? Es war doch auch nur wieder halbperfekt. Ich hab mir so viel überlegt, was ich sagen wollte, wenn du zur Tür hereinkommst. Ich hab extra den Tisch geschmückt, aber jetzt sitzen wir hier drüben und das Essen ist auch kalt und ich...
Marc (hält dem zweifelnden Meckerlieschen seinen Zeigefinger an die Quasselschnute): Ssshh! Unperfekt perfekt ist doch unser Credo, nicht? Alles ist gut so, wie es ist. Punkt!
Gretchen: Stimmt!

...schmunzelte Gretchen so hinreißend zuckersüß, dass Marc kaum widerstehen konnte. Langsam senkte sich sein Kopf und er küsste seine bezaubernde Prinzessin liebevoll auf die ihm verheißungsvoll hingereckten Lippenspitzen. So entspannt und gelöst hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Von Jetlag und sonstigen Reisestrapazen, von denen er viele im Gepäck hatte, war keine Spur mehr. Er fühlte sich wohl, genauso wie es gerade war. Es war unspektakulär, unoriginell und unperfekt, aber trotzdem schön. Weil es von Herzen kam. Von ihr. Und während er Gretchen zärtlich übers seidigweiche Haar streichelte und immer wieder eine ihrer Locken verspielt um seinen Zeigefinger wickelte, ließ er seinen Blick durch die Wohnung schweifen, die nach der Abenddämmerung nun halb im Dunkeln lag und nur von der Leselampe hinter der gegenüberliegenden Zweisitzercouch und von einigen wenigen Teelichtern auf dem Couchtisch erhellt wurde. Und von dem kleinen Aquarium in der Zimmernische unter der Treppe. Er lächelte, als er im Schimmerlicht die beiden Babywiegen entdeckte, die dort unter einer bunten Kinderdecke zugedeckt nebeneinander standen. Und da war noch etwas, das seinen Blick wie magisch anzog. Er wirkte überrascht und schaute deshalb vergewissernd auf seine schwangere Freundin herab, die völlig relaxed seine Streicheleinheiten genoss und schon fast in ihre rosarote Märchenwelt abgedriftet war, in welcher ein kühner heißblütiger Pirat sie in abenteuerliche Galaxien entführte, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Marc: Du hast die Autos aufgestellt?
Gretchen (wacht abrupt auf u. dreht sich leicht zur Seite, um seinem Blick zu folgen): Ich find’s schön so. Warum sollte ich sie in den Tüten verstecken? Sie passen so gut zu deiner Modellautosammlung im Regal darüber. Und sie sind doch deine ersten Geschenke für unsere Babys. Sie verdienen einen Ehrenplatz. So wie die Strampelanzüge mit unseren Initialen, die ich oben im Schlafzimmer an unseren Kleiderschrank gehängt habe, damit wir immer draufschauen können, wenn wir morgens aufwachen.
Du wieder! So was kann auch nur von Haasenzahn kommen, der Kitschkönigin.
Marc (schmunzelt u. streichelt sanft über Gretchens Bauch unter der Decke): Ja, die sie frühestens in dreieinhalb Jahren benutzen können. Du hättest noch im Laden sagen sollen, dass ich mit den Minikarren voll daneben gegriffen habe.
Gretchen (blickt ihm liebevoll in die unsicher hin u. her huschenden Augen): Hast du nicht. Das bist du. Das ist deine Art und die liebe ich. Und irgendwann werden sie ganz bestimmt damit spielen und durch die Wohnung rollen wie kleine Weltmeister. Du hast also alles richtig gemacht. Wirklich.
Und warum komme ich mir dann so albern vor?
Marc (lacht u. wird mit einem Mal nachdenklich): Ich muss noch viel lernen, hm?
Gretchen (aufmunternd sucht sie seinen Blick): Dann lernen wir eben gemeinsam. Für mich ist das auch ein Abenteuer. Keine Ahnung, wo es uns hinführen und wie es sein wird. Aber eins ist definitiv sicher, es wird toll werden. Klar werden wir Fehler machen und wir werden Peinlichkeiten ohne Ende mitnehmen, das gehört sich schließlich so für Eltern, aber die beiden werden unser Leben so sehr bereichern, dass wir das ganze Chaos und das Durcheinander, das unseren gewohnten Alltag komplett auf den Kopf stellen wird, als ganz normal empfinden werden. Wir werden es lieben. Wir lieben es doch jetzt schon.
Marc: Mhm!

...stimmte ein nachdenklicher Chirurg seiner überzeugten Partnerin kopfnickend zu. Marc versank regelrecht in seinem Gedankenwirrwarr, während er weiterhin behutsam Gretchens Babymurmel kraulte, bis er plötzlich wieder aufschaute. Ein Gedankenblitz hatte ihn erfasst und aufgerüttelt. Jetzt hätte er fast das Wichtigste vergessen. Aber auch kein Wunder nach diesem aufwühlenden Tag, der ihm mehrere Schockmomente auf einmal aufgebürdet hatte. Vorsichtig schob er Gretchen von seinem Schoß hoch und sprang anschließend von der Couch auf. Seine Liebste verfolgte ihn mit verwunderten Blicken, wie er direkt zur Garderobe rüber marschierte und von dort mit einem der beiden Reisekoffer zurückkehrte, den er nun auf dem Sessel nebenan parkte.

Gretchen: Sag mal, warst du nicht mit nur einem Koffer abgereist? Wieso sind das denn auf einmal zwei?
Marc (öffnet den Koffer u. dreht sich leicht zu seiner wissbegierigen Freundin um, die inzwischen ans Sofaende vorgerückt ist): Hab mehr Platz gebraucht.
Gretchen (reckt neugierig ihr Lockenköpfchen in die Höhe): Ach so? Wofür?
Marc (konzentriert sich auf den Inhalt des Koffers): Ich hab Lilly angelogen.
Gretchen (verwirrt): Was?
Marc (schüttelt den Kopf, um seine Gedanken richtig zu sortieren, u. blickt dann wieder schelmisch zu Gretchen rüber): Also, nein, ähm... ich hab sie angeflunkert. Das trifft’s eher. Aber die kleine Wanze ist ja auch mit ihrer ständigen Klugscheißerei schlimmer als ihr nerviger Vater. Ich hab dir nämlich, außer mich selbst wohlgemerkt und meinem neugewonnenen medizinischen Fachwissen, ähm... doch noch was mitgebracht.
Gretchen (gespannt wie ein Flitzebogen richtet sie sich auf u. kniet nun hibbelig auf dem Sofa): Was denn?
Marc (schmunzelt über das sichtlich aufgeregte Mädchen, das wachsam ihr Köpfchen in die Höhe reckt, um alles besser erkennen zu können): Dass ihr Frauen auch immer so materialistisch veranlagt sein müsst. Schlimm so was. Und da behauptet ihr ständig, ihr seid emanzipiert und unabhängig und wollt für euch selbst sorgen.
Gretchen (fährt ihn leicht gereizt an): Maaarc! Geschenke, die von Herzen kommen, sind die Ausnahme der Regel.
Marc (feixt spöttisch): Natürlich! Wie konnte ich das denn übersehen? Okay, ähm... also, bevor ich hier gleich wieder ungerechtfertigterweise gehauen werde, pack ich mal lieber gleich aus. Ehrlich gesagt, ist es aber auch eher weniger für dich gedacht.
Gretchen (ihre strahlendblauen Augen werden immer größer): Sondern? Du hast Präsente für die Zwillinge mitgebracht? Das wäre doch nicht nötig gewesen. Och Marc, und du bist doch...
Marc: Bin ich nicht!

...fiel Dr. Meier seiner sichtlich gerührten Freundin bockig ins Wort, bevor sie ihm wieder Attribute andichtete, die mit ihm überhaupt nicht konform gingen, und zeigte ihr im Anschluss endlich mit stolzgeschwellter Brust den Inhalt des Koffers. Gretchens Augen wurden immer größer und feuchter, als sie die Sachen nun auch noch in ihre zittrigen Hände gedrückt bekam. Sie wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Sie war überwältigt. Also übernahm Marc das Reden für seinen stotternden Engel.

Gretchen: Das... das ist...
Marc: Das hier ist doch mal definitiv megacooler als die albernen Strampler mit dem Krankenhausaufdruck, die du ans halbe schwangere Krankenhauspersonal verteilt hast, als du noch nicht gewusst hast, dass du sie selber auch für die Kurzen gebrauchen könntest.
Gretchen (drückt die Sachen weinend an ihr Herz, ehe sie sie noch mal genau in Augenschein nimmt): Danke! Das... das ist richtig toll. Was genau ist das?
Marc (freut sich tierisch über die gelungene Überraschung): Geil, ne? Die Kasacks kannst du unten auch noch mit nem Klettverschluss verschließen, dann hast du quasi eine Art Schlafsack. Und so viel ich bisher gelernt habe - Mehdis Dauerratgeberschleife hört ja nicht mehr auf, selbst wenn man ihn nur via Skype sieht und den Ton abgestellt hat -, sollen sie ja in der Frühphase besser in Babyschlafsäcken schlafen.
Gretchen (ist hin u. weg von seiner Idee): Ja?!?
Marc (genießt ihren überwältigten Gesichtsausdruck in vollen Zügen): Weißt du, ich hab was Ausgefallenes gesucht. Etwas, das nicht gleich 0815 ist. Also, ich hab jetzt auch nicht direkt gesucht, weil ich gar nicht wusste, dass ich überhaupt was suche, bis ich es gefunden habe. Jedenfalls wollte ich auch nicht wie der letzte Arsch mit leeren Händen zurückkommen. Du hast ja gesehen, wie Lilly heute Mittag reagiert hat. Die hat vielleicht Ansprüche, sag ich dir. Egal. Anderes Thema. Aber ich hatte halt auch kaum Zeit, durch die Straßen von Seattle zu irren, bis ich irgendwann mal fündig werde, und da bin ich durch Zufall bzw. den Tipp eines Chirurgenkollegen aus der Pädiatrie in dem Geschenkeladen vom Krankenhaus gelandet und hab das hier gesehen. Minikittel in weiß wären zwar auch ganz geil gewesen, aber mit so einem blauen OP-Outfit schinden die beiden Zwerge doch viel mehr Eindruck in der Sabber- und Windelgruppe, findest du nicht?

Wow! Marc hat sich ja richtig Gedanken gemacht. Wenn er jetzt schon so ist, wie wird das dann erst werden, wenn unsere Kleinen erst mal da sind?

Gretchen (strahlt ihn kopfschüttelnd an): Willst du mir mit dem Blau irgendetwas sagen, Marc? Du weißt schon, dass der nächste Ultraschalltermin erst nächste Woche ist. Dann erfahren wir vielleicht mehr.
Marc (verdreht die Augen): Äh... ja? Haasenzahn, du kennst die Alternativen und du hasst nun mal die grünen OP-Kasacks, weil sie dich angeblich blasser machen, als du bist, und du darin aussiehst wie ein Klops. Noch Fragen?
Gretchen (schmunzelt): Ja.
Marc (lässt sie nicht zu Wort kommen): Gut! Am geilsten sind ja auch die dazugehörigen Mützchen mit den Schiffmotiven, die sind OP-Hauben nachempfunden. Ich glaube, die gleiche hat auch immer diese taffe Allgemeinchirurgin getragen, der ich die ganze Zeit zugeteilt gewesen bin. Oder nee, warte, das war ihr Mann, der die immer im OP aufhatte, dieser Neurogott, dem Stier die ganze Zeit im Grey Sloan Memorial hinterher gehechelt ist, dieser Vollspacken. Und du stehst doch auf Schiffe, also hier Dingens, Titanic und so. Also dachte ich, das passt schon für unsere Mini-Mes.
Gretchen (schlingt ihre Arme um seinen Hals u. zieht sich vom Sofa hoch): Du bist verrückt. Komplett verrückt.
Marc (schmiegt sich mit stolzgeschwellter Brust an sie): Negativ, nur mitdenkend. Das nennt sich frühkindliche Förderung.
Gretchen (gespielt grübelnd sieht sie den von sich selbst überzeugten Chirurgen an): Beziehst du das jetzt auf dich oder die Zwillinge?
Marc (zwickt sie in die Seite): Hey, sag mal, nicht frech werden, Fräulein! Das ist eine verdammt ernste Angelegenheit. Du weißt doch, wie schwer ich mich immer mit Überraschungen tue.
Gretchen (strahlt ihn verliebt an): Dafür machst du das aber ziemlich gut.
Marc (hebt skeptisch eine Augenbraue): Nur ziemlich?
Gretchen (kichernd beugt sie sich vor u. greift hinter ihm in den Koffer): Und was ist das?
Marc (kommt ihr zuvor u. hält die beiden Kuscheltiere links u. rechts neben ihren neugierigen Lockenkopf): Boah, sag mal, was warst du eigentlich für eine Niete in Bio? Dass du so überhaupt eine Zulassung zum Medizinstudium gekriegt hast? Sieht man doch. Orcas. Angeblich soll man die ja dort vor der Küste auch sehen können. Aber wie gesagt, nur vom Hörensagen. Von einem Patienten, der beim Whale Watching vom Kutter geplumpst und fast abgesoffen ist. Ich hab ja in den drei Wochen nicht viel gesehen von Seattle, außer die Notaufnahme, die OPs und das Helikopterdeck. So eins sollten wir uns fürs EKH auch mal zulegen. Ist echt spektakulär, wenn du da oben stehst und dir alles um die Ohren fliegt.
Gretchen: Die beiden kriegen auch ihren Ehrenplatz. Danke! Und das sage ich jetzt stellvertretend für meine beiden Mitbewohner.

Gretchen nahm ihrem unbeholfenem Überraschungskönig die beiden überdimensionalen Kuschelwale ab und platzierte diese jeweils in einem der Spielzeugautos, die der noch ziemlich planlos wirkende werdende Vater neulich bei ihrem ersten gemeinsamen Babyshopping spontan gekauft hatte, während Marc seine schwangere Freundin mit ungläubigen Blicken dabei beobachtete. Würden sie sich eigentlich immer so albern verhalten? Müssten sie jetzt nicht mehr Verantwortungsgefühl auch außerhalb des Krankenhauses zeigen? Egal, es fühlte sich einfach gut so an. Deshalb stimmte er in Gretchens freches Lachen auch prompt mit ein.

Marc: Und du sagst mir, ich sei verrückt.
Gretchen (guckt über ihre Schulter frech zu ihm rüber u. fährt dann mit ihrer Hand über ihren leicht gewölbten Bauch): Ich will dich ja auch nicht gleich überfordern. Ich hätte nämlich schon Zeit gehabt, unsere Wohnung noch mehr babytauglich zu gestalten. Du glaubst ja gar nicht, wie viele Geschenke wir schon bekommen haben. Von den Kollegen, aber auch von Patienten, die total fasziniert sind, wenn ich, oder auch Maria, mit unseren Babymurmeln bei der Visite erscheinen. Du, wir brauchen keine Beruhigungsmittel mehr, weil hiervon heilende und angstlösende Kräfte ausgehen. Hihi! Ich habe jedenfalls schon Unmengen an Kuscheltieren, Babylätzchen, -söckchen, -schühchen und Strampelanzügen gesammelt und da habe ich noch nicht mal die Sachen dazugerechnet, die deine und meine Mama vom Speicher geholt und uns vorbeigebracht haben. Da sind wirklich total niedliche Sachen dabei. Du musst echt ein süßes Baby gewesen sein.
Marc (starrt sie sichtlich schockiert an): Bitte?
Gretchen (grinst vergnügt über seinen perplexen Gesichtsausdruck): Ja, das muss ich mir unbedingt noch mal in deinen Fotoalben angucken, aber die hat Elke, glaub ich, wieder mit runter genommen, weil Oli auch ganz scharf auf die Bilder war. Ach, da schaue ich einfach morgen noch mal vorbei.
Marc (hebt drohend seinen Arm): Untersteh dich!
Gretchen (gibt sich unbeeindruckt u. kichert weiter fröhlich vor sich hin): Also sind jetzt jedenfalls Wechselsachen für ungefähr vier Wochen vorrätig. Um die Anziehsachen für unsere Wundersterne müssen wir uns also keine Gedanken mehr machen, falls die Waschmaschine mal ausfallen sollte oder wir im Chaos versinken.

Gretchen deutete auf die große Wäschetruhe aus Rattan, die sie als Sitzbank mit in die Nische neben die beiden Babywiegen geschoben hatte, legte die beiden Kinder-OP-Kasacks ehrfurchtsvoll darauf ab und hüpfte dann wieder beschwingt auf ihren völlig verdutzten Partner zu, der sie die ganze Zeit skeptisch beobachtet hatte. Sie schlang ihre Arme fröhlich um seinen Hals und ließ sich mit ihm zurück auf die gemütliche Couch fallen. Mit Küssen neckten sich die beiden, bis sie schließlich eng aneinandergekuschelt sitzen blieben und fast völlig unbemerkt immer weiter ins Plaudern gerieten.

Marc: Und ich hatte echt die Befürchtung, das Kinderzimmer steht schon.
Gretchen (lacht): Doch, ja, das stimmt zumindest in Teilen. Also, ich hab da schon so eine gewisse Vorstellung im Kopf.
Marc (schaut ihr intensiv in die Augen, um darin zu lesen): Klar, alles andere hätte mich auch verwundert.
Gretchen (kuschelt sich verschmust an seine Seite): Aber umsetzen möchte ich sie mit dir zusammen.
Marc (legt seinen Arm um ihre Schulter u. zieht die verrutschte Decke zurecht, damit sein Häschen nicht friert): Gebongt! Und versprochen, diesmal werde ich nicht versuchen, gleich eine ganze Wand einzureißen.
Gretchen (schmunzelt): Mit der anderen Wand würde es besser funktionieren.
Marc (starrt sie verwirrt an): Hä?
Gretchen (schaut zur Treppennische rüber): Die Wand, wo das Sideboard mit dem Aquarium steht. Dein Vater hat sich noch mal die genauen Baupläne vom Hausmeister geben lassen. Das könnte funktionieren. Es ist eine freistehende Wand. Dahinter ist nur der kleine Anbau auf der Terrasse, wo wir unsere Gartenmöbel lagern und wo Mama eine Tonne Blumenerde und Düngerzeugs oder was auch immer für unseren kleinen Dachgarten gebunkert hat. Den könnten wir mit einbeziehen und dann hätten wir ein größeres Zimmer nach hinten raus. Wir könnten auch noch ein großes Fenster einbauen lassen. Da ist zwar keine direkte Sonnenseite, aber Licht ist trotzdem ein wichtiger Punkt für die Entwicklung der Kinder. Ich kann mir das richtig gut vorstellen. Und deine Mutter kennt da einen Architekten, der auch in eurer Villa die Umbauarbeiten geleitet hat. Der könnte...

Oh Gott, was passiert hier gerade? Das kann doch jetzt echt nicht wahr sein?

Marc (klappt ungläubig die Kinnlade herunter u. schüttelt überfordert den Kopf): Stopp! Stopp! Stopp! Woah, Haasenzahn, das wird mir dann doch schon viel zu konkret. Du hast eindeutig viel zu viel Zeit mit meinen Ellis verbracht. Was mischen die sich da eigentlich so ein?
Gretchen: Es geht schließlich um das Wohl ihrer Enkelkinder.
Marc: Und was ist mit den Nerven ihres einzigen Sohnes? Daran denkt mal wieder keiner.
Gretchen (tätschelt ihren Schmollhasen liebevoll): Och, mein armer Schatz, hast du noch Schmerzen? Tut das Auge denn noch weh? Soll da noch mal eine Ärztin ran?
Marc (greift nach ihrer frechen Hand u. funkelt sie an): Netter Ablenkungsversuch, Haasenzahn, aber ehe wir hier was ändern, will ich mir das schon noch mal ausführlich durch den Kopf gehen lassen und mir das im Hellen angucken. Vielleicht reicht der Platz ja auch aus. Die eigentlichen Kinderzimmer kommen dann ja eh woanders hin, wenn die Zwerge keine Zwerge mehr sind.
Gretchen (lächelt ihn hinreißend an): Okay! Das war ja auch nur so eine Idee. Du weißt doch, dass ich Ideen sammle.
Marc (zieht sie damit auf): Ja, dass du ständig Flausen im Kopf hast, ist mir nicht neu. Ich kenne dich schließlich schon seit über zwanzig Jahren.
Gretchen (boxt ihm in die Seite): Hey! Ich hab nie behauptet, dass du nicht mitreden darfst, Marc. Ich bin auch für deine Vorschläge offen.
Marc (grinst zufrieden u. greift an ihr vorbei nach der Schüssel auf dem Couchtisch): Gut! Sind noch Pommes da?
Gretchen (kurzzeitig verwirrt): Hm?
Marc (schiebt sich lässig eine Pommes in den Mund u. offeriert sie so charmanterweise Gretchen): Ich hab noch Hunger.
Gretchen (geht selbstverständlich auf sein verlockendes Angebot ein u. küsst sie ihm weg): So viel zum Thema „Flausen im Kopf“, Dr. Meier.
Marc (grient zurück u. füttert sie weiter mit den noch übrig gebliebenen Pommes): Du hast damit angefangen, Dr. Haase.

So ein Quatschkopf! Er wird sich nie ändern. Und das ist gut so. Genauso mag ich ihn am liebsten.

Gretchen: Gut, dann eben Themenwechsel. Du hast noch gar nichts von der Klinik erzählt. Wie sind die Kollegen denn so gewesen? Gibt es da wirklich diese superdünnen sexy Modelkrankenschwestern?
Marc (lacht herzhaft auf u. bekommt fast schon Zwerchfellkrämpfe davon): Eifersüchtig?
Gretchen (schüttelt entschieden den Kopf): Iwo!
Marc (glaubt ihr kein Wort u. zieht sie dementsprechend auf): Du guckst eindeutig viel zu viele völlig realitätsferne Krankenhausserien.
Gretchen (widerspricht vehement): Mache ich gar nicht. Ich schaue viel lieber den Dokuchannel
Marc (nickt u. weiß es besser): Sicher! Deshalb läuft ja auch hundert Jahre nach seiner Einstellung immer noch in der Millionsten Dauerschleife „Dr. Stefan Frank“ im Wartebereich des EKH. Ich würde mal die VHS wechseln. Und glaub mir, so spektakulär wie in deiner Vorstellung läuft es in Seattle auch nicht ab. Da ist es auch nicht viel anders als bei uns zuhause im Elisabethkrankenhaus.
Gretchen (schaut ihm gespannt in die Augen): Echt?
Marc: Na ja, gut, in größeren Dimensionen vielleicht. Unser EKH würde da, glaub ich, dreimal reinpassen. Aber so verläuft man sich wenigstens nicht auf dem Weg ins Labor, was jetzt nicht heißt, dass mir das passiert wäre.
Gretchen: Das kann ich mir vorstellen. Erzähl doch mal! Ich hab in deinem Koffer gesehen, dass du unter den ganzen Babypräsenten ziemlich viel Material aus den Staaten mitgebracht hast.
Marc: Du weißt doch, analog ist mir lieber. Das sind hauptsächlich wissenschaftliche Studien, die ich für meine Habilitation brauche. Und die Originale von Dads jahrelanger Forschung.
Gretchen (staunt u. wird neugierig): Ehrlich? Da wird Oli sich aber freuen, dass du dich dafür interessierst.
Marc: Gretchen, das ist sein Lebenswerk, das lasse ich bestimmt nicht da in ner Bibliothek verstauben, bis es ganz vergessen und überholt ist. Und einen Teil brauche ich auch für meine Studie. Er hatte auch mal so einen krassen Fall wie wir mit Anna Kaan. Und da sind auch noch die Kopien der Akten von den Siamesischen Zwillingen dabei, die Dad bis zu der großen OP vor ein paar Wochen betreut hat und von denen wohl einer dauerhaft gelähmt bleiben wird. Glaub mir, du hast noch nie so eine verbogene Wirbelsäule gesehen. Aber ich bin mir sicher, dass da noch was zu machen geht. Ich muss dir unbedingt das Röntgen zeigen. Das haut dich um. Vielleicht mache ich einen Rahmen drum und häng es mir in mein Büro. Oder besser noch in dein neues Office? Das wirkt noch so jungfräulich.
Gretchen (sieht ihn augenrollend an): Haha!
Marc (bleibt ernst): Theorie ist genauso wichtig wie die Praxis, Haasenzahn.
Gretchen (hört ihm sichtlich beeindruckt zu): Ich weiß.
Marc (kaum sieht er seine Unterlagen, ist er wieder angefixt): Willst du was von unserer Arbeit da drüben sehen? Ich hab mir auch viel auf mein Tablet gezogen. Lehrkrankenhaus macht es möglich. Ich war ja anfangs skeptisch, was die Digitalisierung betrifft, aber die Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen. Da kommen wir im EKH auch nicht mehr drumherum. Aber das ist ein anderes Thema, das ich mit Franz noch ausführlich bequatschen werde. Also?
Gretchen: Gerne!

Es war nicht zu übersehen, dass Dr. Meier wieder voll in seinem Element zu sein schien. Seine Augen sprühten nur so über vor lauter Energie und Spaß an seiner Arbeit. Dr. Haase lächelte ihren heiß und innig geliebten Mentor und ihr zweitgrößtes Vorbild nach ihrem Vater daher ermutigend an. Er erwiderte ihr Lächeln und schnappte sich sofort seine Laptoptasche. Schnell hatte er die richtigen Dateien angeklickt und begann ohne Atempause zu erzählen, während sich Gretchen an seine Seite kuschelte. Marcs Begeisterung wirkte auch auf sie ansteckend und sie hörte ihm gebannt zu.

Marc: Hier! Das war ein ganz besonders krasser Fall. Gleich an meinem zweiten Tag. Eigentlich war der Junge schon halbtot, aber wir haben nichts unversucht gelassen, um ihn zurückzuholen. Ich weiß, das war ganz schön riskant und vor allem experimentell, aber genau deswegen sind wir ja auch Chirurgen geworden. Weil wir Wege suchen, wo’s eigentlich schon keine Abzweigungen mehr gibt. Nur das bringt die Medizin weiter. Und es hat am Ende ja auch funktioniert, um uns genügend Zeit zu verschaffen, um ihn operieren zu können. Ich meine, wir haben seinen Körper runtergekühlt auf 10 Grad. Die gehen da so krass vor, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Das Verfahren steckt noch mitten in den Kinderschuhen, ach was, nicht mal das, das ist noch nicht mal durch die Tiertestphase durch. Aber wir hatten keine andere Wahl. Er wäre uns sonst hops gegangen. Und als wir ihn dann wieder auf Temperatur hatten, hab ich sein Herz massiert. Meine erste Herz-OP. Wahnsinn. Ich durfte sofort ran. Ohne Vorbehalte meinen Fertigkeiten gegenüber. Ich weiß ja nicht, was Dad seinen Kollegen dort alles über mich erzählt hat. Es ging ja nicht darum, dass ich der Sohn des großen Prof. Dr. Dr. Oliver Meyer bin. Ich war ja eigentlich nur als Gast anwesend. Gut, die Kardiogöttin schlechthin stand an meiner Seite, aber es war schon aufregend, da selber mitzumischen. So was kriegst du hier ja eher selten zu sehen und du hast ja meist gleich eine Klage am Hals, wenn du nicht nach Vorschrift handelst. Aber dem Jungen geht es gut und ich... Hey? Hörst du mir überhaupt zu? Haasenzahn? Ey, bist du etwa weggepennt?

Marc stockte mitten in seinem Vortrag und sein Blick, der anfangs gebannt an dem Video auf dem Bildschirm geklebt hatte, sank zur Seite, wo Gretchen mit geschlossenen Augen an seine Schulter geschmiegt zusammengerollt hockte und verdächtigerweise ihre Dauerquasselschnute hielt. Aber wie aufs Stichwort schaute sie ihn plötzlich wieder an und lächelte.

Gretchen: Doch! Ich höre dir zu. Ich höre dir ganz genau zu.
Marc: Aber du guckst doch gar nicht hin.
Gretchen: Ich muss nicht hinschauen, Marc. Ich weiß, was du tuest und dass du Großartiges leisten kannst, gerade wenn du besonders gefordert wirst. Ich höre dich nämlich gerne reden. Über deine Leidenschaft. Deinen Job. Deine Erfahrungen, die du gesammelt hast.
Marc (seine Mundwinkel zucken verdächtig): Uuuhhh, mein erstes Groupie.
Gretchen (grient ihn zuckersüß an): Ich glaube, ich bin nicht die Einzige und ganz bestimmt nicht die Erste.
Marc (nimmt sie auf den Arm): Dann könnt ihr ja einen Fanclub gründen.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Angeber!
Marc (funkelt zurück): Hey! Nur weil du jetzt neuerdings Stationsärztin bist, heißt das nicht, dass man dem Oberarzt nicht immer noch den notwendigen Respekt entgegenbringt.
Gretchen (strahlt ihn verliebt an): Das tue ich.
Marc (will das Video wieder anklicken, merkt aber im Augenwinkel, wie Gretchen gähnt): Gut zu wissen. Woah, sag mal, hast du schon auf die Uhr geschaut?
Gretchen (unterdrückt das nächste Gähnen u. guckt überrascht auf die kleine Uhr am Bildschirmrand): Wieso? Oh! Wo ist denn die Zeit geblieben? Es ist ja schon fast drei.
Marc (schaltet den Minicomputer aus): Tja, nach Westküstenzeit beginnt jetzt eigentlich erst meine Hochzeit.
Gretchen: Dann mach doch den Bildschirm wieder an. Ich will noch so viel mehr sehen. Ich will alles sehen und hören, was du erlebt hast.
Marc (lächelt augenzwinkernd): Das kannst du. Später. Wenn ich das ganze Material in Vortragsform gepresst habe, um meine Studenten zu quälen. Es ist höchste Zeit fürs Bett. Also Abmarsch!
Gretchen (will ihn aufhalten, aber da hat er sein Tablet schon wieder weggepackt): Aber ich bin noch fit. Wirklich.
Marc: Gut, dann hätte ich noch einen anderen Vorschlag. Noch Energie für eine weitere Runde Bettgeflüster?

...zwinkerte Marc seiner Liebsten eindeutig zweideutig zu. Diese grinste nur kess zurück und schüttelte den Kopf, folgte ihm dann aber brav in die gemeinsamen Gemächer nach oben.

Gretchen: Du bist so ein Quatschkopf.
Marc: Das deute ich dann mal als ein eindeutiges Ja.
Gretchen: Und ich dachte, du müsstest wegen deiner schweren Verletzung geschont werden.
Marc: Pff, dieser bedeutungslose Minikratzer? Schongang ist jetzt ganz bestimmt nicht angesagt. Speedboat oder Loveboat, deine Entscheidung?

...raunte der Schelm seiner frechen Freundin verführerisch ins Ohr, bevor er sich mit ihr zusammen jauchzend aufs Bett stürzte, in dem die beiden noch lange auf sehr schöne Weise die Schlafgeister von sich fernhalten würden. Und nicht nur in der siebten Etage des modernen Mehrfamilienhauses direkt an der Spree wurde die Nacht zum Tag gemacht...

Lorelei Offline

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16.04.2016 15:42
#1563 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch hinter der unscheinbaren Wohnungstür mit den acht einprägsamen Initialen im dritten Stock eines Mietshauses in der Frauenhoferstraße in Berlin-Mitte war an geruhsamen Schlaf nach einer langen turbulenten Reise noch lange nicht zu denken. Ganz im Gegenteil. Denn eine sehr reizvolle Lady zeigte dem Ferngereisten, der aus bekannten Gründen ausgerechnet ihren Platz im chirurgischen Fortbildungsprogramm des Elisabethkrankenhauses hatte einnehmen dürfen, auf sehr anregende Art und Weise, was sie von seiner Rückkehr nach Berlin wirklich hielt. Und Dr. Cedric Stier nahm dieses sehr spezielle und vielversprechende Begrüßungsritual seiner schwangeren Exehefrau natürlich mit großer Begeisterung und Aufgeschlossenheit an. Wie konnte man(n) auch nicht bei dieser faszinierenden und unberechenbaren Wildkatze, die ihn jedes Mal aufs Neue mit egal welcher ihrer widersprüchlichen Launen um den Verstand brachte? Sie hatte ihn verhext oder wohl eher versext, wenn er an die vergangenen Stunden zurückdachte, die sie im Dauerclinch verbracht hatten. Aber wie man es auch drehen und wenden konnte, er war dieser Wahnsinnsfrau nun mal rettungslos und für alle Zeit verfallen. Er konnte nicht genug von ihr kriegen. Von ihrer leidenschaftlichen, ungezügelten und manchmal doch recht ruppigen und direkten Art. Ihren heißen, kundigen Lippen. Und ihren Tricks, welche so manchen aufgeschlossenen Sexratgeber einen Satz roter Ohren bescheren würden. Er war trunken. Wie im Rausch. Auch wenn er insgeheim zugeben musste, dass sein vom Jetlag ermatteter Körper allmählich an seine Grenzen geriet. Aber seine Bloody Mary war in dem, was sie tat, einfach nicht zu bremsen. Also, was soll’s? Schlafen konnte er auch noch, wenn er irgendwann einmal tot war. Und so bereitete sich der verknallte Neurologe gedanklich schon einmal auf die nächste Runde Hochleistungssport vor, in welchem Dr. Maria Hassmann auch dank der erlaubten Dopingdosis Schwangerschaftshormone definitiv Olympiasiegerin war, während er sich mit einer Hand durch seine schweißnassen Haare streifte und den anderen Arm entspannt unter seinen Kopf schob, um kurz zu verschnaufen.

Cedric: Grundgütiger, Mary, wie konnte ich nur je vergessen, dass du in diesem wunderbaren Zustand nahezu unersättlich bist.

Mit Bedacht strich der liebestrunkene Arzt über das doch schon recht stattliche Fünfmonatsbäuchlein seiner verführerischen Geliebten und ließ seine Hand genau dort an Ort und Stelle ruhen, was Maria schließlich dazu animierte, ihr glühendes Lippenpaar von seinem nackten Oberkörper zu lösen und Rick mit leicht spöttischem Blick in den Augen anzusehen, während sie ihre Hüften immer noch in demselben stoischen Rhythmus kreisen ließ, um den Sprücheklopfer noch zusätzlich zu quälen.

Maria: Und ich habe ganz übersehen, wie schnell du doch außer Atem gerätst, Rick. Liegt das an der Vier, die in immer greifbarere Nähe rückt, dem fettigen Essen in den Staaten oder doch an dem ansehnlichen Veilchen? Hat der Meier wohl doch zu doll zugehauen, armer Kerl?
Cedric: Hat er nicht! Und du, pass bloß auf, was du sagst, Fräulein!

...funkelte der beleidigte Machomann grummelnd seine unverschämte Lebensgefährtin an und griff nach ihrer Hand, die gerade in nichtmedizinischer Mission an sein blaues Auge fassen wollte. In Lichtgeschwindigkeit hatte er das dreiste Weib herumgewirbelt und hielt nun wieder eine sehr vielversprechende Position inne. Es gab schließlich Mittel und Wege, der selbstherrlichen Dame zu zeigen, dass es an seiner Kondition, wie an allem, was ihn betraf, überhaupt nichts auszusetzen gab. Und das musste auch Dr. Hassmann neidlos anerkennen, die zum wiederholten Male an diesem späten Abend, oder wohl eher schon recht frühen Morgen, in aufregende Galaxien katapultiert wurde.

Maria (windet sich genießerisch unter ihrem leidenschaftlichen Partner): Mhm...Geht doch. Er macht wieder mit, der alte Herr. Und ich dachte schon, die ganze Arbeit bleibt mal wieder an mir hängen.
Cedric (greift nach ihren Händen u. drückt diese energiegeladen in die Kissen): Ich gebe dir gleich den alten Herrn, du Biest. Du weißt schon, dass uns nur zwei Jahre trennen, oder? Von dem her würde ich mich nicht so hoch hinauslehnen, meine liebe Mary. Außerdem ist man doch immer so alt bzw. jung, wie man sich fühlt, und ich fühle mich gerade wie ein Teenager.
Maria (grient den Charmeur amüsiert an u. genießt seine Stärke): Tust du das? Du weißt aber schon, dass es um deren Ausdauer auch nicht viel...
Cedric (fällt ihr prompt ins Wort, um die Provokateurin endgültig zum Schweigen zu bringen): Ich weiß, was du mit deinen ständigen Provokationen bezweckst, meine Liebe, und ich tue dir gerne den Gefallen. Ich habe nämlich nie gesagt, dass ich eine Pause brauche. Ich wollte nur zumindest so tun, als würde ich ein bisschen Rücksicht auf dich und die Kleine nehmen.
Maria (funkelt ihn herausfordernd an): Schleimer!
Cedric: Aber die braucht es wohl nicht. Gut, dann weiß ich Bescheid.

...zwinkerte der Schelm seiner Geliebten vielsagend zu, die sich ihm im Hohlkreuz entgegengelehnt hatte und bemüht ihr Stöhnen unterdrückte, um die Kinder nebenan nicht zu wecken, ehe er seine letzten Energiereserven aufbrauchte, um sein Zicklein endgültig von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Das zufriedene Grinsen, mit dem sich die schöne Oberärztin im Anschluss in die weichen Kissen warf, war ihm Genugtuung genug. Cedric legte sich schmunzelnd neben ihr auf die Seite und zog die Bettdecke wieder über ihre beiden verschwitzen Leiber. Mit einer Hand umschlang er besitzergreifend ihre Taille, mit der anderen streichelte er ihr glücklich über die unübersehbare Babymurmel, die wie gemacht für seine Hände schien. Und dieses Mal wich die selbstbewusste Chirurgin ihm nicht gleich aus reinem Trotz und Gewohnheit aus. Es sah fast schon so aus, als würde sie sich an ihn herankuscheln wollen. Aber der nächste zynische Spruch lag natürlich schon schussbereit auf ihren geschwungenen Lippen. Es hatte sich also nicht viel verändert während seiner dreiwöchigen Abwesenheit. Mal abgesehen von ihren Körpermaßen. Und er liebte es. Alles an ihr. Jede Eigenart ihres faszinierenden Charakters, der nur so vor Selbstbewusstsein und Stärke strotzte.

Maria: Okay, nach Runde drei sei dir eine kleine Portion Sauerstoff gegönnt.
Cedric (amüsiert sich gerade königlich): Hey, hey, womit habe ich denn dieses Entgegenkommen verdient, Frau Doktor? Ich dachte, du ignorierst mich komplett? Ich meine, erst lässt du mich einfach so am Flughafen stehen und gehst stattdessen gemütlich mehrere Stunden operieren. Dann muss ich mich durch eine Horde verlaufener Japaner quälen und unfreiwillig den Reiseführer und Übersetzer mimen. Und dann ist auch noch kein einziges Taxi zu kriegen und ich muss auch noch an einem Samstagnachmittag durch die ganze Stadt die U-Bahn nehmen, um die Kinder bei deinen Eltern abzuholen, die mich bekanntlich nicht gerade gerne auf ihrer Fußmatte sehen. Also, läuft bei mir.
Maria (grinst vergnügt in sich hinein, als sie sich wieder zu ihm umdreht): Och, du Armer! Gewöhn dich dran! Das ist Berlin.
Cedric (zwinkert ihr zu): Nette Begrüßung.
Maria (ohne den intensiven Augenkontakt zu lösen, streicht sie verführerisch mit ihrer Hand über seinen nackten Oberkörper u. geht unter der Decke noch tiefer): Sehr nett, nicht?
Cedric (für den Hauch eines Augenblicks aus dem Konzept gebracht nimmt er ihren herausfordernden Blick an u. geht mit ihr mit): Mhm... Das hab ich vermisst. Ich hab euch echt vermisst.
Maria: Wenn du so durch die Blume herauszukitzeln versuchst, dass ich dir das Gleiche sage, dann muss ich dich leider enttäuschen. Dass du weg warst, hat mich nicht wirklich gestört. Aber ich versuch’s mal auf die ganz subtile Weise, hm. Die müsstest du doch verstehen, oder?

Provokativ blitzte die verführerische Neurochirurgin ihren galanten Liebhaber an, senkte leicht ihren Kopf, um den Hauch eines Kusses auf seine sie amüsiert angrinsenden Lippen zu setzen, und folgte dann schon recht stürmischer mit ihren Lippen der Spur, die bereits ihre findigen Chirurginnenhände auf seinem Oberkörper eingebrannt hatten. Genießend lehnte sich Dr. Stier an das Kopfende des Bettes zurück und sank in die gemütlichen Kissen. Fast schon wäre er erneut von Marys geschickten Verführungskünsten mitgerissen worden, wenn nicht ein Teil von ihm noch aufmerksam genug gewesen wäre, um das seltsame Knarzen und Schlurfen wahrzunehmen, das von draußen zu kommen schien. Sein irritierter Blick war zur Tür gewandt, als er sich abrupt wiederaufrichtete und Maria leicht antippte, die bereits gefährliche Bereiche unter der Bettdecke erreicht hatte, welche andere Sinne instruieren wollten, die Kommandokontrolle zu übernehmen. Er musste das unterbinden. Sofort! Leider!

Cedric: Stopp! Mary?
Maria (guckt grinsend unter der Bettdecke hervor): Was ist? Trägst du neuerdings einen Keuschheitsgürtel oder machst du schon wieder schlapp? Wobei man von Schlappsein hierbei nicht unbedingt sprechen könnte. Das ist schon eindrucksvoll, muss ich zugeben.
Cedric (lässt den Versuch, witzig zu wirken, gekonnt an sich abprallen): Witzig! Aber vielleicht hätte ich doch an den Schlüssel denken sollen, das stimmt schon, aber ich war ja auch nicht auf das Überfallkommando gefasst gewesen, mit dem du mich hier reingezerrt hast, als die Kinder nach der dritten Gute-Nacht-Geschichte endlich eingeschlafen waren.
Maria (rollt sich frustriert von ihm runter): Gott, Rick, da freut man sich einmal auf was. Was willst du mir damit eigentlich sagen?
Cedric (seufzt ernüchtert): Zu spät! Guck mal lieber auf die Türklinke!

Eine sichtlich gereizte Oberärztin starrte erst konsterniert auf die Spaßbremse in ihrem Bett, dann folgte sie schließlich Ricks konzentriertem Blick zur Tür und ließ, als sie erkannte, was er die ganze Zeit gemeint hatte, ihren Kopf zurück unter die Bettdecke sinken. Na prima, das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein? Reichte es nicht schon, dass er wieder da war und sie mit seiner ganzen nervigen und überheblichen Art in den Wahnsinn trieb, musste sich jetzt gleich ihre ganze Welt gegen sie verschwören? Womit hatte sie das denn verdient? Konnte sie nicht einfach auch mal nur Spaß haben, nachdem sie in den vergangenen Wochen unausstehlich und ständig furchtbar kribbelig gewesen war, ohne etwas dagegen tun zu können? Aber ehe Maria weiter frustriert aufseufzen konnte, hörte sie auch schon das verdächtige Knarzen der Schlafzimmertür, die langsam von Kinderhand aufgeschoben wurde.

Sarah: Mamiii, Papiii, ihr seid ja doch wach. Was spielt ihr denn gerade?
Cedric (versucht, die Ruhe zu bewahren, auch wenn er innerlich peinlich berührt ist): Äh... Nichts! Und du? Spielst du neuerdings die Traumwandlerin, Sarah?
Sarah (kratzt sich verwirrt am Kopf, dann lächelt sie wieder auf ihre hinreißend niedliche Art, gegen die man völlig wehrlos ist): Hä? Duuu, können wir heute Nacht bei euch schlafen?

Mit anbetungswürdigem Bambiblick schaute die Sechsjährige in ihrem Lila-Launebär-Schlafanzug erwartungsvoll zum Bett ihrer Eltern und umklammerte mit einer Hand die Türklinke, die sie abwechselnd runter und wieder hoch drückte, was ein nerviges Tick-Tock-Geräusch erzeugte, welches im Raum widerhallte. Cedric konnte sich sein Lachen nicht verkneifen, weil die Situation gerade gleichzeitig völlig absurd, aber auch wieder total putzig war, und wollte dem ungeduldigen Mädchen schon zunicken, aber da spürte er plötzlich unter der Bettdecke einen heftigen Schlag gegen seinen Oberschenkel und zuckte vor Schmerz zurück, den er sich natürlich vor seinen Herzdamen nicht anmerken lassen wollte. Die Mama hatte sich auf diese Weise eindrucksvoll zu Wort gemeldet und lugte nun auch unter der Steppdecke hervor, nicht ohne vorher noch einen finsteren Blick mit Sarahs Vater zu wechseln, der bedeutete, dass er sich gefälligst schleunigst etwas anziehen sollte, um nicht in eine noch kompromittierendere Situation zu geraten. Also hangelte der Gescholtene nach seiner Unterhose, welche aus unerfindlichen Gründen über der Nachttischlampe hing, die er als nächstes anknipste, während sich Maria mit mütterlich strenger Miene nun ihrer unerwartet munteren Tochter zuwandte.

Maria: Motte, weißt du eigentlich, wie spät es ist? Es ist drei Uhr in der Nacht. Wieso schläfst du denn nicht? Du weckst noch deine kleine Schwester auf. Und was heißt hier „wir“? Sag nicht, dass du...

Und ehe die bestürzte Mutter weiterfragen konnte, offenbarte Sarah ihr mit zuckersüßer Unschuldsmiene die nächste Überraschung. Mit ihrer anderen Hand hielt sie nämlich ihre kleine Halbschwester fest, die nun hinter ihrem Rücken mit rosa Schmusedecke bewaffnet schüchtern hervorguckte, immer wieder herzzerreißend gähnte und sich kaum auf den Beinen halten konnte, auf denen sie nach ihren ersten Laufversuchen in den vergangenen Monaten eh noch sehr wackelig unterwegs war. Jetzt war auch Cedric baff, der sich mittlerweile angezogen hatte und aus dem Bett gesprungen war.

Maria (bemüht sich, nicht gleich auszuflippen): Du hast sie dabei? Sarah Hassmann! Das ist... Wie hast du sie überhaupt aus dem Gitterbettchen bekommen?
Sarah (stemmt ihre freie Hand selbstbewusst in ihre Hüfte): Das ist doch pipileicht, Mami. Selbst Sissi weiß schon, wie das geht. Sie hat bloß noch keine Kraft, um es selbst hinzubekommen. Aber dafür hat sie ja mich.
Maria (tadelnd): Sarah!
Cedric (starrt vollkommen konsterniert auf seine beiden Mädchen): Was?
Sarah (ist dann doch etwas eingeschüchtert von der väterlichen Autorität u. Mamas lauter Stimme u. gibt sich kleinlaut): Ich bin nämlich aufgewacht. Fridolin hat so laut an seinem Heu geschnorpst. Das hat immer geraschelt. Das nervt. Und Sissi war auch so unruhig. Ich glaube, sie ist noch total aufgeregt, weil Papi wieder da ist. Deshalb haben wir uns überlegt, ob wir nicht hier schlafen können. Bei euch.
Maria (schaut fassungslos von Sarah u. Sissi zu Cedric, dessen verdutzte Mundwinkel sich zu einem breiten Grinsen wandeln): Na, das habt ihr vielleicht schön ausgeheckt. Vor allem ihr beide, hm?
Cedric (sieht das alles ziemlich gelassen): Ach, lass sie doch, Maria! Ich hab doch eben gesagt, dass ich euch vermisst habe. ... Na, kommt schon her, ihr beiden Traumwandlerinnen!

Mit demselben einnehmenden Blick, den auch ihr Vater wie kein anderer für seine Zwecke zu nutzen verstand, sah nun auch Sarah zu ihrer Mutter, die mit angezogenen Knien unter der Bettdecke hockte und ihre Antwort aus reinem Trotz hinauszögerte. Das eigensinnige Mädchen drückte Sissis Hand und schaute auf ihre nackten Füße, mit denen sie nervös an der Tür hin und her wippte. Aber als sie wieder aufschaute, lächelte ihr Papa sie an und hob einladend die Decke hoch. Jetzt gab es für die Sechsjährige kein Halten mehr. Sie zog ihre tapsige Schwester hinter sich her und sprang jauchzend aufs Bett. Cedric half noch der Einjährigen hoch und schon waren seine beiden Mädchen glücklich unter die warme Bettdecke gekrabbelt. Marias Gegenwehr blieb währenddessen aus. Sie schüttelte nur stoisch den Kopf und gab ihrer frechen Motte schließlich lachend einen kleinen Kuss auf die Stirn. Aber anstatt sich nun an sie zu kuscheln, zog Sarah lieber die Seite ihres Papas vor.

Maria: Was wird das?
Sarah: Jetzt will ich mit Papi kuscheln. Du hast ja schon. Ich hab ihn doch so vermisst.
Cedric (drückt ihr liebevoll einen Kuss aufs Haar): Ich dich auch, mein Schatz. Aber jetzt wird wirklich geschlafen, ja?
Sarah (beißt sich kichernd auf ihre Lippen u. klappt immer wieder die Augen auf u. wieder zu): Ja!

Cedric zwinkerte Maria lachend zu, diese rollte nur entnervt mit ihren Funkelaugen, merkte dann aber die kleine Hand, die sich an ihren Arm geklammert hatte, und konzentrierte sich nun auf das gähnende Mädchen zu ihrer Rechten, dem schon wieder die Augen zugefallen waren. Liebevoll deckte sie Cedrics Jüngste zu und legte sich anschließend vorsichtig neben sie, um sie nicht noch mal aufzuwecken. Dem stolzen Familienvater ging das Herz auf, als er beobachtete, wie weit Maria den Sonnenschein mittlerweile schon in ihr Herz geschlossen hatte, was natürlich nachdem, was alles zwischen ihnen in der Vergangenheit vorgefallen war, keine Selbstverständlichkeit war. Sie vier und das Ungeborene wuchsen tatsächlich allmählich zu einer richtigen Familie zusammen. Ein überwältigendes Gefühl, dachte er nur und beugte sich spontan über die beiden Mädchen, um der verdutzten Medizinerin auf der anderen Seite einen zärtlichen Kuss auf den Mund zu drücken, der diesmal nicht gleich widersprechen konnte, weil seine Aktion viel zu schnell erfolgt war.

Cedric (flüsternd): Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich...
Maria (fällt ihm grummelnd ins Wort): Halt die Klappe und schlaf!
Cedric (kleinlaut): Ich liebe es, wenn du so herrisch bist.
Maria: Bist du endlich still!

...zischte Maria leise zurück, bevor der Idiot noch mehr Dinge zu sagen versuchte, die ihren bereits angeschlagenen Gefühlshaushalt nur noch mehr durcheinander bringen würden, und schloss trotzig ihre Augen, um ihm zu signalisieren, dass von ihrer Seite nicht mehr viel zu erwarten war in dieser Nacht. Doch Cedric lachte nur über die so typische Reaktion der Frau Doktor. Er wusste ganz genau, dass sie wusste, dass er wusste, dass sie ganz genau wusste, dass es ihr ganz ähnlich ging. Aber irgendwann würde er seine Mary schon noch dazu bringen, ihm zuzuhören. Und ehrlich gesagt, musste auch nicht mehr viel zwischen ihnen beiden besprochen werden. Blicke und Gesten sprachen doch schließlich schon Bände. Entspannt und zufrieden lehnte er sich also zurück, rückte die Decke über den Kindern noch mal zurecht und schaltete dann das Nachtlicht aus. Er selbst war aber noch weit davon entfernt, schlafen zu können. Seine Gedanken kreisten. Um die Dinge, die heute passiert waren. Und er konnte nicht aufhören zu lächeln. Er war glücklich. Glücklich, dass er gesund und munter wieder bei seinen Mädels war, von denen eines noch lange nicht daran dachte, zu schlafen, wie sich nun zeigte.

Sarah: Duuu, Mamiii, wieso bist du eigentlich nackt unter der Decke? Ist dir so warm?

Schlagartig war auch Maria wieder hellwach und blickte verstört zur Seite. Gut, dass es dunkel in dem Zimmer war, denn sie war tatsächlich etwas rot geworden. Das vergnügte Grinsegesicht ihres unverschämten Exmannes konnte sie aber trotz der Dunkelheit deutlich erkennen. Da brauchte er sich auch gar nicht hinter ihrer gemeinsamen Tochter, die mal wieder alles auf den Punkt gebracht hatte, oder hinter seinem geschmacklosen Humor verstecken. Sobald sie wieder alleine waren, würde sie wieder zu Gewalttätigkeiten übergehen. Denn solange er nämlich seinen Knackarsch in ihrer Wohnung bettete, hatte immer noch sie das Sagen in diesen vier Wänden. Und das würde sich auch nicht ändern, falls sie irgendwann bei der Haussuche doch fündig werden würden.

Cedric: Weißt du, Prinzessin, durch den Babybauch, der immer und immer größer wird, hat die Mama einfach nichts Passendes mehr zum Anziehen.
Sarah (dreht sich auf die Seite zu ihrer Mama um): Ach so! Dann musst du jetzt eben die Sachen von Papi anziehen, Mami. Die sind so groß. Wie Zelte. Die passen dir bestimmt.
Cedric (gespielt empört): Wie Zelte? Sag mal, du!

Cedric, der den kichernden Frechdachs jetzt in den Schlaf kitzelte, wusste, was er mit dieser Ausrede riskiert hatte. Deshalb tat der stechende Schmerz, den Marias Tritt gegen sein Schienbein erzeugt hatte, auch nicht ganz so weh, wie es eigentlich sein müsste. Denn da oben im siebten Himmel, für den er gerade ein Dauerabo abonniert hatte, gab es bekanntlich keine Schmerzen. Dort oben fühlte man sich einfach rundum wohl und sicher. Auch wenn es diesbezüglich beinahe hätte anders kommen können.

Lorelei Offline

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24.04.2016 14:27
#1564 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Aber daran verschwendete Cedric Stier an diesem Wochenende keinen Gedanken mehr. Vielmehr genoss er das Leben und die Zeit mit seinen Lieben, die ihn mit ihren so typischen Eigenarten ein aufs andere Mal ziemlich auf Trab gehalten hatten. Aber auch die schönste gemeinsame Zeit fand irgendwann ein Ende, nämlich wenn der Alltag wieder einzog und der Trott einer neuen Arbeitswoche einsetzte. Aber das tat seiner guten Laune keinen Abbruch. Beschwingt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht betrat der zurückgekehrte Neurochirurg an diesem frühen Montagmorgen seine geliebte Arbeitsstätte, das Elisabethkrankenhaus, das gerade aus dem Nachtmodus erwachte. Hektisches Gewusel hier und da begrüßte den neuen Tag, so wie Dr. Stier das anwesende Personal im Foyer der Klinik mit einem ungewohnt übertriebenfreundlichen Guten-Morgen-Gruß bedachte. Doch als er das vertraute ‚Pling’ des Fahrstuhls vernahm, kam die typische Ruppigkeit eines Chirurgen dann doch wieder durch. Grußlos flitzte er durch die Reihen einiger Lernschwestern, die sich zum alltäglichen Morgenschwatz verabredet hatten, und hob mit einer lockeren Armbewegung das Sicherheitssignal auf, um vor allen anderen noch schnell mit hineinzugelangen. Als er dann im Lift durchschnaufte und aufschaute, nahm Cedrics Grinsen einen noch verschmitzteren Ausdruck an, was jedoch bei seinem überraschten Mitfahrer nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Es war schließlich weit über die Stadtgrenzen Berlins hinaus bekannt, dass sich die beiden hier nicht sonderlich ausstehen konnten.

Cedric: Marc!
Marc: Cedric!

Abfällig musterte der morgenmufflige Allgemeinchirurg seinen widerlich munteren „Lieblingskollegen“ aus der Neurologie und konnte sich ein genervtes Augenrollen nicht verkneifen, während er mit verschränkten Armen im hinteren Eck des Aufzuges an der kühlen Stahlwand lehnte und sich bemühte, sein Zähnemahlen weitgehend zu unterdrücken. Es gab Dinge, die Dr. Meier an einem Montagmorgen an einem neuen Arbeitstag am allerwenigsten leiden konnte, wenn er noch keine aufputschende Dosis Koffein in seinen Venen intus hatte, und das war neben Sabines ungeschickter Unbeholfenheit und ihrer stinklangweiligen Wochenhoroskopdarbietung genau diese nervige Grinsevisage direkt vor seiner Nase, die man am liebsten ordentlich polieren wollen würde, wenn sie nicht schon von einem ansehnlichen Veilchen geziert werden würde. Wobei? Wo war das dicke Ding eigentlich hin, über das er sich zehn Stunden lang im Flugzeugsitz lümmelnd nervtötend amüsiert hatte, stellte Marc mit irritiertem Stirnrunzeln fest. Vor nicht einmal fünfundvierzig Stunden sah der jämmerliche Drecksack doch noch aus wie ein verhinderter Preisboxer mit derselben Talentlosigkeit, mit der er sich hier im EKH erfolglos nach oben zu boxen abmühte. Mysteriös! Sehr, sehr mysteriös!

Cedric musste wohl Marcs fragenden Blick bemerkt haben. Deshalb wandte er sich seinem „Lieblingskollegen“ aus der Chirurgie auch mit großer Aufgeschlossenheit zu, nachdem er ebenso wie sein Vorgänger die dritte Taste auf der Etagenanzeige gedrückt hatte. Langsam schlossen sich die Fahrstuhltüren und die beiden spinnefeinden Ärzte waren nun alleine auf engstem Raum. Nicht gerade die beste Kombination würde man vermuten. Aber die beiden waren noch nicht in ihrem Arztoutfit unterwegs und von Skalpellen und sonstigen medizinischen Werkzeugen, mit denen man sich gegenseitig wehtun konnte, war keine Spur. Also, alles prima. Oder doch nicht?

Cedric: Alles klar?
Marc (zieht despektierlich seine rechte Augenbraue hoch): Wieso nicht?
Cedric (zuckt lässig mit den Schultern u. lehnt sich direkt neben ihn an die Wand): Keine Ahnung, weil du so guckst. Nettes Wochenende gehabt?
Marc: Sehr nett.

...antwortete der genervte Oberarzt kurz angebunden und wanderte mit zusammengepressten Zähnen zur anderen Fahrstuhlseite rüber, weil er keine Lust auf irgendein Gespräch mit der größten Nervensäge auf diesem Planeten hatte. Aber der charmante Neurologe ließ nicht locker. Er war gut gelaunt und ungewohnt in Plauderlaune. Sehr zu Marcs Leidwesen, wie dieser schnell feststellen musste.

Cedric: Dem kann ich mich nur anschließen.
Marc (runzelt misstrauisch die Stirn u. pampt zurück): Sehe ich so aus, als würde mich das interessieren? Was genau wird das hier?
Cedric (kleinlaut): Smalltalk.
Marc (wendet sich zynisch ab u. der Etagenanzeige zu, die mittlerweile eine große Eins anzeigt): Weil wir uns ja auch so viel zu erzählen haben, hm? Pff! Spar’s dir!
Cedric: Er vertreibt zumindest die peinliche Stille in diesem engen Raum. Nervt dich das auch immer so?

Mein Gott, welchen Stimmungsaufheller hat der denn heute Morgen gefrühstückt? Der ist ja aufdringlicher als Mehdi, wenn er seine Tage hat und jemand ihm sein Frühstück weggefuttert hat.

Marc (guckt lustlos auf sein Handy, das leider keine neuen Nachrichten anzeigt): Aha!
Cedric (sein Grinseblick wird nachdenklicher): Geht’s dir gut? Ich meine, konntest du schlafen?
Marc (blickt verwundert von seinem Handy auf u. hebt argwöhnisch seine beiden Augenbrauen): Was soll denn die bescheuerte Frage, Stier? Das geht dich einen feuchten Kehricht an.
Cedric (hebt seine Arme in Unschuldspose): Ich meine ja nur, Marc. Nachdem, was wir erlebt haben...
Marc (steckt sein Smartphone wieder ein u. kommt in gefährlicher Drohpose auf seinen Kontrahenten zu): Ich bin Oberarzt in der Unfallchirurgie. Ich hab schon, weiß Gott, Schlimmeres gesehen.
Cedric: Aber nicht selber am eigenen Leib erfahren. Oder?

Diese erneute Andeutung an das, was er in den hintersten Winkel seines Erinnerungsspeichers verbannt hatte, brachte für Marc das Fass endgültig zum Überlaufen. Sein linker Arm schoss direkt an Cedrics Gesicht vorbei und er betätigte die Stopptaste des Aufzuges, der daraufhin zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk abrupt zum Halten kam. Der plötzliche Bremsmodus riss Cedric fast von den Beinen, aber Halt fand er durch die Hand seines Kollegen, der ihn nun grob gegen die Seitewand drängte und ihn unbeherrscht anfuhr...

Marc: Was soll das, Stier? Ich dachte, wir waren uns einig, darüber die Klappe zu halten? Wieso fängst du ausgerechnet jetzt davon an?
Cedric (versucht sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, aber erfolglos): Weil wir uns seitdem nicht noch mal gesehen haben.
Marc (bleibt misstrauisch u. packt ihn ruppig am Schlafittchen): Hast du vor deiner besseren Hälfte etwa die Hosen runtergelassen? Okay, die Frage erübrigt sich. Hast du! Das erklärt deine dreckige Grinsevisage, mit der du heute jedem auflauerst, den es nicht interessiert. Aber was uns betrifft, mein Freund,...
Cedric (schupst ihn barsch zur Seite): Mann, jetzt scheiß dich doch nicht gleich ein, Meier! Ich halte mich an meine Versprechen.
Marc (lässt ihn widerwillig wieder los u. lehnt sich erschöpft neben ihn an die Wand): Das wäre ja mal ganz was Neues.

Dem traue ich nicht mal über den Rand seines hässlichen penisverlängernden Yuppiesportwagens, der so was von Oldschool und peinlich ist.

Cedric (dreht sich erschöpft zur Seite): Hey, du hast mir nie eine Chance gegeben, dann wüsstest du schon längst, wie ich ticke.
Marc (hebt spöttisch seine Nase): Als ob ich nicht wüsste, wie du tickst, Stier.
Cedric (lässt den Hohn u. Spott, der deutlich in Marcs Augen geschrieben steht, gekonnt an sich abprallen u. konzentriert sich auf das Wesentliche): Marc, was über den Wolken passiert, bleibt auch über den Wolken. Das ist das Gleiche wie mit Las Vegas oder Sankt Pauli.
Marc (schüttelt ungläubig den Kopf): Haha! Nur dass das, was über den Wolken schwebt, nicht zwangsläufig auch da oben bleiben kann. Schon mal was von Schwerkraft gehört? Ausnahmslos jeder kommt wieder runter. Die Frage ist nur, auf welche Weise.
Cedric (sein Gesichtsausdruck wird plötzlich weicher u. nachdenklicher): Dich nimmt die ganze Geschichte ganz schön mit, was?
Marc (stöhnt genervt auf u. lenkt ab): Lass es! Der Therapeut steht dir nicht. Und falls du noch mal nachhaken möchtest, der Grund, warum ich am Wochenende kaum geschlafen habe, ist anderer Natur.
Cedric (grient wissend u. ist beruhigt): Naturgewalt trifft es wohl eher, hm?
Marc (boxt ihm in die Seite u. droht ihm unmissverständlich): Ey, pass bloß auf, was du sagst! Du kannst dich vielleicht über deine Bloody Mary lustig machen, wer würde das nicht, aber meinen Haasenzahn lässt du gefälligst in Ruhe. Sonst poliere ich dir nämlich noch die andere Hälfte deines unansehnlichen, faltigen Gesichts. Würde es zumindest ein bisschen aufwerten. Aber nur minimal. Hässlich bleibt hässlich. Dir sieht man dein Alter leider an.
Cedric (grinst noch mehr trotz Beleidigungen, die auf ihn einprasseln): Wie ich sehe, dir geht es gut. Das ist alles, was ich wissen wollte.

Zufrieden, ihn endlich ruhig gestellt zu haben, verschränkte Marc seine Arme vor seiner Brust und Cedric tat es ihm fast synchron gleich. Einen Moment lang schwiegen sich die beiden in untrauter Eintracht an, dann musste Marc nach kurzem Grübeln doch noch etwas loswerden, was ihm seit zwei Tagen schwer auf den Magen drückte. Er musste sich einfach vergewissern.

Marc: Aber es bleibt doch dabei?
Cedric (zwinkert ihm wissend zu): Du meinst unsere Heldentat im Flugzeug?
Marc (sein Blick verfinstert sich augenblicklich): Arsch! Heldenhaft ist was anderes.
Cedric (sein Grinsen erlischt mit einem Mal): Wenn wir nicht an Bord gewesen wären, dann hätte das für die anderen ziemlich unglücklich enden können.
Marc (grummelt in seinen nicht vorhandenen Dreitagebart hinein): Mhm! Ich will nicht darüber nachdenken.
Cedric: Du, ich auch nicht.
Marc (sieht ihn unsicher an): Du weißt, wieso ich es dabei belassen möchte. Ich will Gretchen in ihrem Zustand nicht unnötig aufregen. Und es ist ja eigentlich auch gar nichts weiter passiert. Der Co-Pilot war zwar jung und überfordert, aber fit genug, um unseren Arsch sicher wieder runter zu kriegen.
Cedric: Ich hab nichts Gegenteiliges behauptet, Marc. Ich bin auch dafür, die Beine stillzuhalten. Maria ist auch schwanger und hysterisch, was Unvorhergesehenes betrifft.
Marc (der Besserwisser kommt durch): Meine Argumente zählen doppelt.
Cedric (lacht): Echt faszinierend, wie du das jedem, aber auch wirklich jedem, auf die Nase bindest, ob er es hören möchte oder nicht. Dabei hättest du in Seattle so viele Chancen gehabt, Meierlein. Die Schwestern im OP haben nur über dich geredet. The sweet doc from Germany.
Marc (der Ameisenblick lässt grüßen): Ich hasse dich.
Cedric (gibt sich unbeeindruckt u. verschränkt lässig seine Arme vor seiner Brust): Beruht auf Gegenseitigkeit, mein Lieber. Nicht zuletzt, nachdem du mir ohne Vorwarnung deinen Ellenbogen ins Gesicht gerammt hast.
Marc (grient ihn gehässig an): Och, ich hoffe, es tut ordentlich weh. Das kommt davon, wenn man sich als Mediziner ständig und überall anbiedern muss und doch immer der letzte Arsch bleibt.
Cedric (wirft den Spielball spaßeshalber zurück): Sprichst du jetzt von dir?
Marc (findet das überhaupt nicht witzig): Haha!
Cedric: Na so schnell, wie du aus deinem Dämmerschlaf hoch geschreckt bist, als es aus dem Cockpit plötzlich hieß, ob denn ein Arzt an Bord sei.
Marc (verschränkt seine Arme u. genießt das triumphale Gefühl, schneller, besser u. talentierter als sein nerviger Kontrahent zu sein): Das ist ein Reflex. Aber dass du das nicht kennst, war mir schon von Vornherein klar. Ich habe einen leichten Schlaf. Hab während meiner Assizeit unzählige Bereitschaftsdienste geschoben, während du dich bei anderen anbiedern musstest, um überhaupt gerade so deinen Facharzt zu kriegen. Und ehrlich, ich lasse mir jetzt ganz bestimmt nicht ankreiden, dass unser Notfall unbedacht ausgeholt hat, nachdem ich ihn per präkardialen Faustschlag aus dem Zombiereich zurückgeholt habe. Wir standen halt ungünstig. Vor allem du hinter mir.
Cedric (lässt den üblichen Meier-Spott gekonnt an sich abprallen u. schlägt anderweitig zurück): Also trägst du dein Veilchen mit Stolz?
Marc: Was man von dir wohl nicht unbedingt behaupten kann? Was ist das? Das ist doch... Make-up? Ist dir das nicht peinlich, Frau Doktor Kuh?

Sichtlich amüsiert untersuchte Dr. Meier das Gesicht von seinem Kollegen und guckte dann entgeistert auf seine leicht bräunlich eingefärbten Finger, während sich Dr. Stier völlig unbeeindruckt davon zeigte, ausgerechnet von seinem „Lieblingsfreund“ erfolgreich hochgenommen worden zu sein.

Cedric: Wer’s tragen kann.
Marc (spöttisch): Weichei!
Cedric (grinst ihn an u. deutet auf Marcs schon leicht verheilendes, aber immer noch deutlich sichtbares Veilchen): Ich will nur nicht vor unserem Chef als Arsch dastehen. Oder hast du dir schon eine plausible Erklärung für deinen Schwiegervater ausgedacht? Dir ist schon klar, dass jeder durch unser Schweigen dasselbe denkt, oder?
Marc (zuckt unbeeindruckt mit seinen Schultern): Muss ich nicht. Ich mache den Professor zum doppelten Großvater. Er kann mir also gar nichts. Außerdem guckt er eh nur auf Haasenzahn, vor allem jetzt, wo man endlich was sieht.
Cedric (zieht beeindruckt eine Augenbraue nach oben): Du bist so ein ausgebufftes Schlitzohr, Meier.
Marc (funkelt ihn an): Neidisch?
Cedric (lacht): Nö! Wieso?
Marc (kann es nicht lassen, gegen ihn zu stänkern): Naja, weil du es nur zu einem Weiberhaushalt gebracht hast. Obwohl, das erklärt die Schminke. Man(n) passt sich eben an.
Cedric (kontert wohlbedacht): Kann bei dir ja auch noch eintreten.
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt): Pff! Das werden wir ja noch sehen. Vielleicht heute sogar schon.
Cedric (kann kaum glauben, dass er sich tatsächlich mit Marc mitfreut): Echt?
Marc (rollt genervt mit den Augen): Geht dich nichts an! Wären wir dann soweit?
Cedric (wirft seine Arme in die Luft): Du, ich wollte nicht mit dir alleine im Aufzug stecken bleiben. Du hast den Schalter gedrückt. Also kannst du ihn auch erneut betätigen, bevor sich noch jemand von der Tratschfraktion fragt, was wir hier drin die ganze Zeit machen.
Marc (verzieht abfällig sein Gesicht): Boah, bitte, ey, dein Humor hat jetzt echt den Messbereich verlassen.
Cedric (grinst): Und ich würde jetzt gerne den Fahrstuhl verlassen.
Marc: Dann mach! Deine beschissene gute Laune stinkt mir bis hier.

...deutete Marc an und drückte danach den roten Schalter wieder herunter, der den Aufzug wieder in Bewegung setzte. Kurz darauf ertönte das vertraute „Pling“ und der Lift öffnete seine Türen im dritten Stock des Krankenhauses. Gemeinsam wollten die beiden nicht befreundeten Ärzte ihn nun auf flinken Füßen verlassen, aber keiner der beiden wollte dem anderen den Vortritt lassen, sodass sie mal wieder buchstäblich aneinanderrasselten, als sie sich anrempelnd aus dem Stahlgefährt hinausquetschten. Ihre Verabschiedung auf dem Flur der Chirurgie fiel danach nicht minder „freundschaftlich“ aus.

Cedric (leicht spöttisch): Wo hast du eigentlich deine bessere Hälfte heute gelassen?
Marc (kontert gereizt): Hat zu tun. Im Gegensatz zu dir. Und? Was steht bei dir heute noch an? Welche OPs hat deine geliebte Vorgesetzte dir denn heute weggenommen, um sie selber durchzuführen, weil du’s ja nicht bringst?
Cedric (hebt beeindruckt von seinem Spruch sein Kinn u. nimmt eine wichtige Korrektur vor): Gleichberechtigte Partner, mein Lieber. Steht in meinem neuen Arbeitsvertrag.
Marc (lacht schadenfroh u. klapst ihm zum Abschied auf die Schulter): Das denkst aber auch nur du.
Cedric (nickt ihm zur Verabschiedung kurz zu): Man sieht sich.
Marc (nuschelnd): Hoffentlich nicht.

Und bevor Dr. Meier noch eine weitere Spottattacke starten konnte, war Dr. Stier bereits um die nächste Ecke verschwunden, wo er prompt einer beliebten Kollegin in die Arme lief, die ihren Augen und Ohren nicht traute, nachdem sie die beiden klinikbekannten Erzfeinde in ungewohnter Eintracht erwischt hatte. Sofort war Gretchens Spürsinn geweckt.

Cedric: Frau Dr. Haase! Wunderschön und in Aktion wie eh und je. Die Schwangerschaft steht dir. Einen schönen Tag, wünsche ich.
Gretchen: Äh... Danke, Doktor... Stier? Dir... auch?

Verwirrt blickte Dr. Haase, die während der charmanten Begrüßung tatsächlich etwas rot im Gesicht geworden war, dem galanten Kollegen aus der Neurologie hinterher und beobachtete, wie dieser gegenüber in der Umkleide verschwand, dann wandte sie sich flink ihrem Pappenheimer zu, um ihn zur Rede zu stellen. Marc hatte mittlerweile auch zu ihr aufgeschlossen und lächelte seine schwangere Lebensgefährtin verliebt an. Gott, er liebte es, sie in einem weißen Arztkittel zu sehen. Diese Tatsache und das süße Rosé ihrer Wangen ließen sie einfach hinreißend wirken.

Marc: Hey!
Gretchen: Hallo?

...brachte Gretchen nur krächzend über ihre geschwungenen Lippen, weil Marcs intensiver Blick sie mal wieder völlig aus dem Konzept gebracht hatte, und zeigte zögerlich mit ihrem Arm Dr. Stier hinterher, der bereits hinter der blauen Tür verschwunden war, ehe sie sich wieder auf ihren geliebten Oberarzt konzentrierte, der jeglichen Verdacht, den sie ihm nun entgegenbrachte, sofort meierlike von sich wies.

Gretchen: Ich mag mich täuschen, Marc, aber das sah fast so aus, als hättet ihr endlich euer Kriegsbeil begraben. Ihr habt euch unterhalten. Und gelacht. Ohne euch gegenseitig zu beleidigen. Ein ganz normales Gespräch, wie einfach das doch geht. Aber dass ihr euch dafür erst die Köppe einhauen musstet, finde ich nicht richtig.
Marc (folgt amüsiert ihrer so typischen Ausfragerei): Äh... Haasenzahn?
Gretchen (trotzig beharrt sie auf ihren Standpunkt): Wenn schon, dann Dr. Haase, Dr. Meier. Wir sind schließlich auf Station.
Marc: Das ist mir schnurz! Komm her! Ich will richtig begrüßt werden.

...raunte Marc der stolzen Stationsärztin mit heiserer Stimme ins Ohr, ehe er sie packte und forsch zu sich heranzog. Und schon hatte er die kritikliebenden Lippen seiner Freundin mit einem innigen Kuss verschlossen, aus dem sich rasch eine leidenschaftliche Knutscherei entwickelte. Als die Überrumpelte ihre flackernden Augenlider wieder öffnete und ihre wackeligen Knie und das wilde Herzklopfen wieder einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatte, war ihr Liebster bereits in Richtung Umkleide verschwunden. Dieser unverschämte Kerl, dachte sie nur schmollend und tapste ihm schnell hinterher und schloss die Tür hinter sich. Sie waren alleine. Dr. Stier war bereits auf seine Station verschwunden. Und Marc stand nur noch in Unterhose gekleidet vor seinem Spind. Sofort schoss Gretchen die Farbe ins Gesicht und sie bekam Schnappatmung, was auch Dr. Meier nicht verborgen blieb, der sich nun provokativ zu der süßen Medizinerin umdrehte, der es prompt die Sprache verschlagen hatte.

Marc: Schön, dass sich hier offenbar überhaupt nichts verändert hat. Dir laufen schon wieder die Sabberfäden aus dem Mund. Sieht ein bisschen eklig aus, aber noch sind wir ja nicht bei den Patienten.
Gretchen (wischt sich hektisch über die Lippen u. geht sofort hoch wie eine Rakete): Marc Meier, du bist unmöglich.
Marc (kommt tigergleich auf die zeternde Frau zu u. kesselt sie vor dem Spind von Dr. Hassmann gefährlich ein): Ich weiß. Und gefällt dir, was du siehst?
Gretchen (wird sichtlich unruhiger): Maaarc!

Dass er es auch nie lassen kann mit seinen Anzüglichkeiten. Ich dachte, er hätte da drüben endlich etwas gelernt. Also mal abgesehen davon, sich mit Cedric die Köpfe einzuschlagen. Wie soll ich denn so konzentriert und professionell über den Tag kommen?

Marc (lässt sie nicht los u. klebt mit seinen Blicken an ihren sinnlichen Lippen): Du, es hat dem Dr. Meier aber ganz und gar nicht gefallen, dass du dich heute Morgen schon so zeitig davongestohlen hast, Haasenzahn.
Gretchen (läuft knallrot an u. ihr wird immer wärmer, je näher er sich an sie heranpirscht): Ich hab dir doch gesagt, dass ich mit der Oberschwester den Tag und den Wochenablauf besprechen wollte. Ich schaffe das sonst nicht, wenn wir gleich die Chefvisite machen, damit du die aktuellen Patienten kennenlernst und du gleich problemlos hier wieder miteinsteigen kannst.
Marc (hört ihr nur noch mit einem Ohr zu u. neckt sie im Nacken, weil sie heute verführerisch die Haare hochgesteckt trägt): Mhm, ich stehe drauf, wenn du dich so chefmässig gibst.
Gretchen (bekommt eine Gänsehaut u. schmilzt in seinen Armen nur so dahin): Ach ja?
Marc (drückt ihre Hände neben ihrem Kopf gegen den Spind u. knutscht sie schließlich nieder): Jep! Aber das muss sich ändern.
Gretchen (starrt ihn verwirrt an, nachdem sie sich nur schwer von seinen heißen Lippen lösen konnte): Was? Aber was stört dich denn an meiner Stationsleitung? Du hast mich doch noch gar nicht als Stationsärztin erlebt. Ich will ja nicht angeben, aber ich komme prima zurecht. Da kannst du jeden fragen. Und falls du dich beschweren möchtest, dass dein Name noch nicht am OP-Brett steht, das liegt lediglich daran, weil ich dachte, du schaust während der Visite selber, welcher Fall dich am meisten anspricht, um hier wieder voll durchzustarten. Und du wolltest dich doch eh noch mit Papa treffen und deine Fortbildung nachbesprechen. Also...

Ach Süße, kannst du nicht für fünf Minuten dein Oberstübchen mal abschalten? Nee, das ist immer auf Dauerbetrieb eingestellt. Das ist zwar irgendwie sexy, aber auch sehr nervig. Vor allem, wenn man nur noch fünf Minuten hat, bis die Schicht anfängt.

Marc (legt sanft seinen Finger an ihre Lippen): Fertig? Ich hab nichts zu kritisieren. Aber frag mich ruhig in zwei Stunden noch mal.
Gretchen (blickt verunsichert in seinen Augen hin u. her): Aber...?
Marc (lacht u. stupst ihr an ihr neugieriges Näschen): Kein Aber! Aber wenn ich dir einen Tipp geben soll, Dr. Haase, dann lass dich nicht so leicht verunsichern. Unsicherheit kommt nie gut an. Und mich nicht aussprechen zu lassen, auch nicht. Was ich eigentlich sagen wollte, das mit dem getrennt hierher fahren, das muss sich ändern. Ich werde denen im Autohaus später mal ordentlich den Marsch blasen. Dann können wir vielleicht morgen schon mit der neuen Karre zusammen zur Klinik fahren.
Gretchen (strahlt ihn an): Das wäre schön.
Marc (schmiegt sich verführerisch an sie): Exakt! Weil wir dann noch eine halbe Stunde länger im Bett knutschen können.
Gretchen (lässt sich erneut von ihm zu einer innigen Knutscherei überreden): Maaarc! Bitte! Deine Assistenten warten bestimmt schon vor der Tür.
Marc (kann sich einfach nicht von ihr lösen): Gut! Dafür werden sie ja auch alle schlecht bezahlt. Und damit wäre die Rangordnung auch gleich wiederhergestellt. Nicht dass sie dachten, sie hätten sich in meiner Abwesenheit alles erlauben können.
Gretchen (klapst ihm auf die nackte Schulter): Despot!
Marc (raunt ihr ins Ohr): Mhm, den Dirty Talk heben wir uns mal lieber für die Mittagspause auf. Wenn ich dich so vor mir sehe, da fällt mir schon so einiges ein.
Gretchen: Nein, das muss ausfallen, du Schlawiner, dann haben wir nämlich ein Date mit den beiden hier.

Mit Bedacht strich sich Gretchen unter ihrem Kittel über ihren Babybauch und Marc, der eben noch vor Schalk förmlich überschäumte, war einmal mehr verzaubert. Verliebt legte auch er seine Hände um die kleine Wölbung und strahlte seine Traumfrau an, die einmal mehr von seinem eindringlichen Blick gefangen genommen wurde. Sie konnte nicht widerstehen, ihn erneut zu küssen. Nur schwer konnte sich das glückliche Paar danach voneinander trennen. Erst das Klappern im Nebenraum ließ sie langsam von ihrer rosaroten Wolke herunterschweben. Marc zog sich unter dem verlegenen Blick seiner Freundin rasch an und betrat anschließend Hand in Hand mit ihr das Stationszimmer, durch das gerade Sabines Stellvertreterin, Schwester Gabi, hektisch wuselte.

Marc (begegnet Gabi charmant wie eh und je): Kaffee, schwarz, wie immer. ZZ, ziemlich zügig!
Gabi (dreht sich augenrollend zu dem Chauvi um, den sie erst jetzt hinter sich bemerkt hat): Marc? Wieder im Lande?
Marc (grient seine Erzfeindin mit falschem Lächeln an): Jep! So sieht’s aus. Was ist mit meiner Bestellung? Ich kann nicht ewig warten, bis du dir deine Nägel lackiert hast oder was auch immer du hier gerade machst, um deine Langeweile zu vertreiben.
Gabi (funkelt ihn böse an): Sehe ich etwa so aus wie deine Kellnerin?
Marc (kann diese Steilvorlage nicht ungenutzt lassen): Ehrlich gesagt...
Gretchen (kneift ihm in den Arm, bevor er noch was Gemeines sagt): Marc!
Gabi (zischt den arroganten Oberarzt ziemlich geladen an): Sabine springt vielleicht, wenn du höher sagst, aber ich bin nicht Sabine. Du hast zwei gesunde Hände. Angeblich sogar zwei ganz talentierte. Dann wirst du es doch wohl auch schaffen, dir selber eine Tasse aus dem Schrank zu holen, dir einzuschenken und dann beim Trinken die Fresse zu halten. Ich bin nämlich beschäftigt. Die Unterlagen für die Visite müssen zusammengestellt werden, bevor du dich darüber auch noch beschweren möchtest.
Gretchen (lächelt sie verlegen an, aber Gabi würdigt sie keines Blickes u. kramt weiter in den Unterlagen): Danke, Gabi!
Marc: Boah, liegt das an mir oder sind das ihre Schwangerschaftshormone? Der arme Mehdi! Ich muss wirklich mal wieder mit ihm weggehen. Die frisst ihn sonst noch auf.

...kommentierte Marc das Ganze flüsternd, während er sich selber eine Tasse Kaffee einschenkte und dann genussvoll daran nippte. Gretchen lachte nur und goss sich mit dem Wasserkocher heißes Wasser für eine Tasse Tee ein, als die drei im Stationszimmer noch zusätzliche Gesellschaft bekamen. Einen hochmotivierten Chefarzt nämlich.

Franz (überschwänglich): Marc! Kälbchen! Hach, ist das schön, euch wieder zusammenzusehen.
Gretchen (drückt ihm liebevoll ein Begrüßungsküsschen auf die Wange, während Franz ihr liebevoll über den Babybauch streichelt, um auch seine Enkelchen zu begrüßen): Guten Morgen, Papa!
Marc (beobachtet amüsiert die rührige Vater-Tochter-Szene, bis er die starke Hand seines Schwiegervaters in spe in seiner spürt): Herr Professor! Auch einen Kaffee?

Gabi (murmelt sich selbst zu, während sie die Mappen für die Visite auf die Anmeldung legt): Ach nee, für ihn biedert er sich an? Aber einen selbst scheißt er zusammen. Schleimer! Gott, hätte er nicht wegbleiben können oder mit dem Flugzeug auf einer unbewohnten Insel notlanden. Es war so entspannt ohne ihn die letzten Tage. Aber damit ist es jetzt wohl vorbei. Jetzt würde ich wirklich mit Sabine tauschen wollen.

Franz (klopft seinem Schwiegersohn in spe freundschaftlich auf die Schulter u. lächelt seine schwangere Tochter an): Später! Ihr wisst doch, Gretchens Mutter besteht darauf, dass ich meinen Kaffeekonsum auf ein Minimum reduziere. Wegen der Pumpe. Aber erzähl doch! Bist du gut hergekommen, Marc? Wie war die Reise? Welche Ideen hast du im Gepäck? Ich will alles hören.
Marc (merklich überrumpelt von seiner forschen Art): Ääähhh...
Gretchen (hilft ihm aus der Patsche): Papa, wir müssen doch gleich zur Visite.
Franz (tätschelt liebevoll ihre Wange): Ja, ja, mein Kind. Deshalb bin ich doch hier. Hach, wisst ihr, wie inspirierend es ist, endlich wieder in Aktion hier mitwirken zu dürfen. Ich glaube, ich behalte das bei. Was ist? Kommt ihr? Husch! Husch! Leben retten!

Und mit demselben Elan, mit dem er das Stationszimmer im Sturm erobert hatte, war der Professor auch schon wieder zur Tür hinaus und hielt seine Motivationsrede nun auf dem Flur weiter, wo sich die Kollegen bereits für die Chefarztvisite eingefunden hatten. Dr. Haase schaute ihrem engagierten Vater schmunzelnd hinterher und ließ sich von Schwester Gabi die Unterlagen für die Visite reichen und schritt schließlich voran. Endlich war alles wieder beim Alten. Jeder war dort, wo er hingehörte. Und das dachte sich auch Dr. Meier, der der Meute in weiß grinsend hinterher trottete. Ein neuer Arbeitstag begann, der für den einen oder anderen noch so einige Überraschungen im Elisabethkrankenhaus in petto haben würde.

Lorelei Offline

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04.05.2016 16:17
#1565 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Ein ruhiger Morgen mit Visite und viel Papierkram wurde dann doch recht schnell von einem reichlich turbulenten Spätvormittag abgelöst. Alle hatten ziemlich viel um die Ohren bekommen. Und so erschien Dr. Haase auch erst gerade noch rechtzeitig zu ihrem Mittagstermin, nachdem sie zwei Stunden mit einem schwerverletzten Unfallopfer und Dr. Hassmann im OP verbracht und noch gewartet hatte, bis der Patient einigermaßen stabil im Aufwachraum seine schweren Lider wieder geöffnet hatte. Aber die passionierte Chirurgin war nicht die Einzige, die erst auf den letzten Drücker die gynäkologische Abteilung des Elisabethkrankenhauses betreten hatte. Auch Dr. Meier lief im Eilschritt über die Station, um bloß keinen Anschiss von seiner Süßen zu riskieren, die, seit sie schwanger war, manchmal doch recht zickig reagieren konnte. Außerdem war er auf der Flucht. Atemlos ließ er sich neben seine wartende Freundin auf einen der leeren Wartestühle plumpsen, die ihn jedoch anstatt mit einem Meckerhinweis wegen seiner Verspätung mit einem bezaubernden Strahlelächeln begrüßte und ihm nun ihre süßen Erdbeerlippen neckisch entgegenreckte. Woher wusste Haasenzahn eigentlich immer so genau, was er gerade dringend benötigte, schoss es dem verliebten Oberarzt schmunzelnd durch den Kopf. Er kam ihrer charmanten Bitte natürlich liebend gern nach und lehnte sich anschließend lächelnd gegen ihre Schulter und legte ihre zarte kleine Hand in seine. Mit einem Mal war er wieder die Ruhe selbst. Obwohl er bis eben ziemlich genervt gewesen war. Wegen eines anderen Haase(n)s im Duracell-Modus, der seine leitende Position heute ziemlich ernst zu nehmen schien.

Marc: Boah, Haasenzahn, ey, was hat deine Mutter eigentlich deinem Vater heute Morgen in den Frühstückstee gekippt? Der Mann ist ja anhänglicher als du, wenn du was von mir willst. Und wenn er wüsste, was wir jetzt vorhaben, würde er garantiert immer noch an meinen Hacken kleben, wenn er nicht sogar die ganze Untersuchung unter seine Fittiche stellen würde.
Gretchen (schmunzelt): Ach ja?
Marc (rollt leidend mit den Augen): Ich hab bestimmt dreimal versucht, mich aus seinem Büro loszueisen, aber er hat einfach nicht aufgehört, mich auszufragen und mir ein Ohr abzukauen. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch dran ist.
Gretchen (nutzt diese Steilvorlage geschickt, um neckisch an seinem Ohr zu knabbern): Ist noch da.
Marc (funkelt die freche Ärztin verheißungsvoll an u. neckt sie mit einem weiteren Kuss): Mhm! Das merke ich jetzt auch. Da ist so ein Kribbeln. Willst du noch mal nachschauen, Frau Doktor?
Gretchen (grient ihn verliebt an): Unbedingt!

Marc rückte auf seinem Stuhl herum und wollte den neckischen Kuss mit seiner Liebsten gerade noch ein bisschen vertiefen, als er plötzlich einen großen Schatten über sich bemerkte. Mit seinem typischen spitzbübischen Grinsen stand nämlich mit einem Mal Dr. Kaan neben der Wartestuhlbank und schaute sichtlich amüsiert zu dem verliebten Paar herab.

Mehdi: Hallo, Gretchen! Marc! Sorry, es ist doch etwas später geworden. Die Mamas, die am Wochenende entbunden haben, wollten heute alle unbedingt gleichzeitig entlassen werden. Es gab viel Gezeter und Papierkram und Tränen, also Glückstränchen natürlich, Geschenke und Umarmungen. Aber wie ich sehe, habt ihr ja eine Beschäftigung gefunden. Ich kann auch später noch mal wiederkommen. Eine Mutter feilscht nämlich noch um ihre Entlassung.
Marc (springt abrupt auf u. zieht seine kichernde Freundin mit hoch): Vergiss es! Rein da, Kaan, aber zack, zack! Im Gegensatz zu deinem Kindergeburtstag haben wir heute nämlich wirklich noch was zu tun.

...forderte Marc seinen vergnügt schmunzelnden Kumpel unmissverständlich auf, der ihm daraufhin einmal frech salutierte und dem befreundeten Paar im Anschluss mit offenen Armen die Tür zu seinem Sprechzimmer aufhielt. Schnell hatte sich Gretchen auf die Patientenliege gesetzt und Marc hatte sich Mehdis Chefsessel als bequeme Sitzgelegenheit direkt daneben geschoben. Der ungeduldige Bald-Papa verhielt sich genauso, wie es Mehdi vorausgesehen hatte. Deshalb sah er auch mit einem Augenzwinkern darüber hinweg, dass sich Dr. Meier wie selbstverständlich in diesen vier Wänden bewegte und seine Privilegien so zurechtrückte, wie es ihm eben passte. Der eigentliche Büroherr machte sich daher einen Spaß daraus, sich für den anstehenden Termin mit den beiden reichlich viel Zeit zu nehmen. Während es sich seine Freunde bereits bequem gemacht hatten und ihn gespannt beobachteten, brachte der tiefenentspannte Halbperser erst einmal in aller Ruhe die neusten Bilder seiner Schützlinge an der Fotopinnwand unter. Natürlich reagierte Marc gereizt auf Mehdis unnötige Trödelei, während Gretchen jedes Babyfoto schwärmerisch in Augenschein nahm. Bald schon würde auch eins von ihren beiden Wundersternen dort hängen, kam es der werdenden Mama in den Sinn und sie konnte nicht mehr aufhören, zu lächeln und war überhaupt nicht mehr nervös, was die anstehende Untersuchung betraf.

Marc: Alter, was zum Geier machst du da? Muss das ausgerechnet jetzt sein?
Gretchen: Sind das all die Babys, die du am Wochenende entbunden hast, Mehdi?
Mehdi (grient die beiden stolz an): Ja, unfassbare zwölf Stück in fünfundvierzig Stunden. Mein persönlicher Rekord.
Marc (gähnt gelangweilt): Oh Gott!
Gretchen (freut sich mit ihrem besten Freund mit, aber wird immer hibbeliger auf ihrem Platz): Das ist richtig, richtig toll, Mehdi. Gratuliere!
Mehdi (bemerkt die ansteigende Unruhekurve seiner Lieblingspatientin u. beeilt sich): Danke, Gretchen! Aber wenn schon, dann müssen wir den tapferen Müttern gratulieren.
Gretchen (lächelt): Stimmt!
Mehdi (streicht mit Bedacht über eins der Fotos u. zwinkert Gretchen zu): Und wer weiß, bald schon kommt auch ein Bild von euren beiden an diese Wand. Ich halte euch natürlich einen Ehrenplatz frei.
Gretchen (grinst begeistert, während Marc nur genervt die Augen verdrehen kann): Selbstverständlich.
Marc (platzt bald vor lauter Ungeduld): Alter, können wir auch mal mit etwas mehr Ernsthaftigkeit an die Sache herangehen?
Mehdi: Klar, Ernsthaftigkeit ist doch mein zweiter Spitzname. So, ihr beiden! Dann legen wir mal los, hm? Ihr kennt ja das Prozedere. Du musst also gar nicht nervös sein, Gretchen. Das gilt natürlich auch für dich, Marc.
Marc (funkelt den Sprücheklopfer beleidigt an): Ey!

Der selbstbewusste Frauenarzt zwinkerte Gretchen einmal freundlich zu und brachte noch schnell das letzte Bild an der Pinnwand an, auf dem alle zwölf Neugeborenen aufgereiht posierten, und holte anschließend die Behandlungsutensilien aus einem der Unterschränke. Dann kam er auf das wartende werdende Elternpaar zu und setzte sich neben Gretchen, um ihr erst den Blutdruck zu messen und sie dann für die Blutentnahme vorzubereiten. Das passte dem eingeschnappten Chirurgen daneben, der es hasste wie die Pest, nichts zu tun zu haben, natürlich auch nicht und er konnte es nicht lassen, dem befreundeten Gynäkologen das Werkzeug entreißen zu wollen. Aber Dr. Kaan war darauf vorbereitet und wusste sich geschickt zu wehren. Sehr zum Amüsement seiner besten Freundin.

Marc: Das kann ich doch machen.
Mehdi (guckt Marc eindringlich in die ihn herausfordernden dunkelgrünen Augen, bis er einknickt): Marc, das hatten wir doch schon mal. Wie war das noch gleich?
Marc (hält Mehdis nervigen oberlehrerhaften Blick nicht lange stand u. packt sein Doktorschild, auf das sein Freund immer wieder auffordernd schaut, schmollend in die Seitentasche seines Arztkittels, den er im Anschluss auszieht u. unachtsam über die Sessellehne schmeißt): Alter Spießer! Du genießt das richtig, oder?
Mehdi (wechselt vielsagende Blicke mit seiner Patientin, die sich ihr Schmunzeln auch kaum verkneifen kann): Och, auch nicht mehr wie du, wenn du dich als Gott in weiß postulierst. Außerdem hab ich schon das, was ich will.

Demonstrativ wedelte der charismatische Oberarzt mit dem Blutröhrchen vor Marcs Nase herum. Dieser schaute nur ungläubig dabei zu, wie Mehdi es anschließend in eine Labortasche steckte, darauf etwas notierte und diese zur Seite legte, während sich Gretchen unbeeindruckt ein Pflaster über die Einstichstelle drückte, die überhaupt nicht wehtat.

Marc: Hä? Wann hat er das denn gemacht?
Gretchen (übertreibt es ein wenig mit der Schwärmerei, um Marc zu necken): Weißt du das nicht? Mehdi ist ein Meister darin. Ich übe auch schon fleißig, dass ich das auch mal so patientenfreundlich hinbekomme, dass man gar nichts merkt.
Mehdi (schmeichelt seiner charmanten Kollegin, auch um seinen aufmüpfigen Freund ein bisschen zu ärgern): Wirst du!
Marc (ärgert sich über das dumme Gesicht, das er gerade gezeigt hat, u. schlägt wortgewaltig zurück): Schleimer! Du, aber wenn die Geburtenrate mal einknicken sollte, kannst du hier ja immer noch als Pflegekraft anheuern. Wir suchen ständig fähige Leute. Interesse?
Mehdi (verzieht keinerlei Miene): Danke, Marc, aber ich bleibe dann doch bei meinem Traumjob, der dank des aktuellen Geburtenbooms in den Großstädten auf lange Sicht gesichert sein wird. Und wo wir schon dabei sind, wollen wir uns eure beiden Wundersterne doch gleich mal angucken, hm? Deswegen seid ihr doch hier.

...schlug Mehdi nach der kleinen amüsanten Frotzelei mit ansteckendem Lächeln vor und hatte damit auch endlich Marcs uneingeschränkte Aufmerksamkeit geweckt. Der charmante Gynäkologe schob den Wagen mit dem Ultraschallgerät an die Liege heran und Gretchen, die bereits ihren Arztkittel ausgezogen hatte, lupfte aufgeregt ihr kurzärmliges T-Shirt, während ihr plötzlich sehr kleinlauter Lebensgefährte lächelnd ihre Hand hielt und gespannt auf den noch dunklen Monitor blickte. Dr. Kaan zog sich noch einen Hocker heran, schlug seine Beine übereinander und änderte die Sitzhöhe und dann konnte es auch schon losgehen. Aber vorher wollte er noch schnell etwas Entscheidendes mit dem befreundeten Paar klären.

Mehdi: Ähm... Eine Sache noch, bevor wir gleich loslegen. Ich weiß nicht, ob Gretchen schon mit dir darüber gesprochen hat, Marc,...
Marc (horcht alarmiert auf u. unterbricht ihn forsch): Über was? Ist etwa was nicht in Ordnung? Ey, wieso habt ihr denn nichts gesagt, als wir telefoniert haben? Ihr ging es doch immer gut? Oder geht das jetzt doch noch los mit der ganzen Scheiße, die Gabi in den letzten Wochen durchhatte? Ey, dann ziehe ich Haasenzahn sofort vom OP ab.
Mehdi (legt beruhigend seine Hand an Marcs Schulter u. wechselt vielsagende Blicke mit Gretchen, die Marcs Sorge zu Herzen rührt): Nein, nein, nein, keine Sorge! Es ist alles in bester Ordnung. Du bist jetzt in der siebzehnten Woche, Gretchen. Wenn du bis jetzt keine Unannehmlichkeiten verspürt hast, kommt auch nichts mehr nach. Die Hormonumstellung ist abgeschlossen. Jetzt beginnt die, sagen wir mal so, entspannte Zeit, bevor es dann im letzten Drittel wieder anstrengend werden wird, wenn die Kleinen ordentlich an Größe und Gewicht zunehmen werden.
Gretchen (träumt sich schon in den Gedanken hinein): Und ich als menschliche Abrissbirne durch die Stationen laufe.
Mehdi (schmunzelt u. schiebt Gretchens T-Shirt nach einem kurzen vergewissernden Blickwechsel mit ihr noch ein Stückchen hoch, damit er Sicht auf ihren wohlgeformten Bauch bekommt): Das hast du jetzt gesagt. Aber gehst du nicht ein bisschen kritisch mit dir um? Du wirst wunderschön aussehen, Gretchen, wenn der hier immer eindrucksvoller werden wird.
Gretchen (strahlt mit ihrem besten Freund um die Wette, der jetzt ihren Bauch behutsam abtastet): Charmeur! Jetzt verstehe ich auch, wie du das immer mit dem Vertrauensverhältnis zu deinen Müttern machst. Ich fühle mich richtig wohl und aufgehoben bei dir.
Mehdi (lächelt augenzwinkernd u. gibt vorsichtig das Gel für den Ultraschall auf ihren Bauch): Gern geschehen! Das ist mein Job. Achtung, das wird jetzt etwas kalt. Du kennst es ja.
Marc (schaut sprachlos zwischen den beiden hin u. her u. fühlt sich als fünftes Rad am Wagen, was ihm überhaupt nicht passt): Äh... Hallo? Was wird das hier? Wir sind hier, damit wir endlich hier reingucken und nicht, damit ihr peinlich rumflirten könnt, während ich daneben stehe. Das könnt ihr auch bei eurem nächsten Kaffeekranz machen.
Gretchen (drückt seine Hand u. blickt ihren Schmollkönig liebevoll an): Marc!
Marc (bockig würdigt er weder Mehdi noch Gretchen eines Blickes, aber hält damit nicht lange durch): Ja, ist doch wahr.
Mehdi (verkneift sich sein amüsiertes Grinsen): Okay, ich sehe schon, hier ist jemand ganz schön ungeduldig. Das ist genau das Thema, das ich noch ansprechen wollte, bevor du mich dabei unterbrochen hast, Marc.

Marc (schaut verständnislos zur Seite): Bitte?
Mehdi (blickt abwechselnd beiden direkt in die Augen): Also, was ich vorher noch in Erfahrung bringen wollte, habt ihr euch schon überlegt, ob ihr wissen wollt, was es wird?
Marc (hebt argwöhnisch eine Augenbraue u. deutet auf Gretchens wunderhübschen nackten Babybauch): Was soll denn die bescheuerte Frage, Mehdi? Das ist ja wohl offensichtlich.
Mehdi: Ich stelle diese Frage jedem werdenden Elternpaar, Marc. Wir sind jetzt in einem Stadium angelangt, in dem wir so langsam etwas erkennen können. Und es könnte schließlich sein, dass ihr euch überraschen lassen wollt. Denn dann müsste ich hier noch ein paar Umstellungen vornehmen, weil sich das mit zwei Ärzten als Patienten etwas schwierig gestaltet, geheim zu halten. Ich richte mich da voll und ganz nach euch.
Marc (schaut ihn immer noch verständnislos an, während sich Gretchen noch vornehm zurückhält): Äh... hallo? War das, dass da zwei zum Preis von einem drin sind, nicht schon Überraschung genug? Haasenzahn, jetzt sag doch auch mal was!
Mehdi (blickt zu Gretchen, die unsicher von einem zum anderen guckt u. auf ihren Lippen herumkaut): Ich kann euch auch noch mal einen Moment alleine lassen, wenn ihr das besprechen wollt?
Gretchen (zögert nicht mit ihrer Antwort): Nicht nötig, Mehdi. Du bist unser bester Freund und Vertrauter. Wir würden sowieso damit zu dir kommen. Also kannst du auch hier bleiben.
Marc (glaubt sich gerade im falschen Film): Nicht nötig? ... Moment! ... Haasenzahn? Soll das etwa heißen, du willst es nicht wissen? Aber... aber... ich dachte, du... du hast doch schon eine konkrete Vorstellung im Kopf. Zwecks Kinderzimmergestaltung und dem ganzen Krimskrams. Wäre es da nicht planungssicherer, wenn wir wüssten, ob wir lieber den blauen oder den rosanen Farbeimer im Baumarkt mitnehmen?
Mehdi (kann sich eine kleine Spitze in Marcs Richtung nicht verkneifen, weil er so beeindruckt ist von dessen Gedankensprüngen): Ich dachte, rosa kommt für dich nicht in Frage, Marc.
Marc (zischt ihn ungehalten an): Halt die Klappe, Kaan! Jetzt reden die Erwachsenen.
Gretchen (sucht scheu Marcs Blick): Naja, ich hab auch eher an ein neutrales Gelb gedacht für das Babyzimmer.
Marc (sichtlich überfordert sucht er erst bei Mehdi, dann bei Gretchen eine Erklärung): Neutrales Gelb?
Gretchen (gerät richtig ins Schwärmen): Ja, wie bei uns im Schlafzimmer. Ich will alles ganz hell halten, damit die beiden sehen, wie schön die Sonne und wie schön das Leben ist.
Marc (sinkt überfordert in seinen Sessel zurück): Aha?

Oje! Hab ich ihn jetzt überfordert? Das wollte ich nicht. Ich weiß doch auch nicht, was richtig ist. Es fühlt sich nur so gut an.

Gretchen (legt auch ihre andere Hand über seine u. sucht seinen Blick): Marc, was ich damit sagen will, die Geburt an sich ist doch schon ein riesiges Ereignis.
Marc (kleinlaut): Und ein verdammt anstrengendes. Für dich.
Gretchen (sieht ihm direkt in die aufgewühlt hin u. her huschenden Augen): Genau! Und stell dir doch mal zusätzlich vor, wie es dann sein wird, wenn nach all den Anstrengungen die beiden auf die Welt kommen. Dieses Glückserlebnis, erst dann zu erfahren, wen wir da gerade ins Leben begrüßt haben, das stelle ich mir unglaublich toll und romantisch vor.
Marc (weiß nicht so recht, was er davon halten soll): Och Haasenzahn?
Mehdi (versucht sich zurückzuhalten, weil es schließlich die Entscheidung von Marc u. Gretchen ist): Also, wenn ich was dazu sagen darf, ihr müsst euch nicht gleich entscheiden. Ich kann auch erst mal nur schauen. Vielleicht genieren sich die beiden ja sogar noch und es würde sowieso noch ein Geheimnis bleiben.
Marc (schaut plötzlich auf u. direkt Mehdi an, der sofort versteht, was Marcs entschlossener Blick zu bedeuten hat): Okay, warte! Oder warte nicht! Es... bleibt dabei.
Gretchen (sieht ihren Märchenprinzen mit Tränen in den Augen vergewissernd an): Marc?
Marc (drückt seiner verheulten Herzprinzessin lächelnd einen Kuss auf die Stirn u. überspielt dabei sein eigenes Gefühlschaos): Die Abrissbirne hat entschieden.
Gretchen (boxt ihm gespielt empört in die Seite): Hey!
Marc (zwinkert ihr frech zu, wischt mit dem Daumen ihre kleinen Tränchen weg u. wendet sich dann eindringlich Mehdi zu, der vor lauter Rührung einen fetten Kloß im Hals hat): Was denn? Du hast schließlich im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Hauptlast mit dir rumzuschleppen, dann bleibt mir ja nichts anderes übrig, als dir entgegenzukommen. Ich kann ja eh nicht viel mehr machen, als die Ausschläge der Abrissbirne abzufangen. Und der Plan klingt ja an sich gar nicht so übel. Hauptsache, ich komme um das Rosa herum. Und du, du zeigst uns nur die Bilder, auf denen man nichts sehen oder vermuten kann. Aber das alles relativiert sich sofort, falls irgendetwas Unerwartetes oder Kritisches eintreten sollte.
Mehdi (nickt ihm mit zufriedenem Lächeln zu): Okay, abgemacht! Und für die anderen lege ich euch ein Album an. Das schenke ich euch dann zur Geburt der Zwillinge.
Gretchen (ist überglücklich u. schon wieder den Tränen nahe): Danke! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.
Marc (prescht vorlaut nach vorn): Dann sag halt auch mal nichts! Er ist dran. Er soll auch mal was tun für sein bescheidenes Gehalt, als die ganze Zeit hier nur dumm rumzuquatschen und Fotos zu kleben wie ein kleines Mädchen.

Mehdi ignorierte die kleine, gegen ihn gerichtete Meiersche Spitze wohlwissentlich und lächelte die beiden verschmitzt an. Er drehte den Monitor so herum, dass nur er darauf schauen konnte und griff dann nach der Ultraschallsonde, um seine besondere Patientin jetzt auch endlich zu untersuchen. Der aufmerksame Gynäkologe verzog dabei keine Miene, als die ersten Bilder auf dem Computerbildschirm erschienen, um auch ja nichts erkennen zu lassen, was er vielleicht gerade in diesem Moment entdeckte. Das Kaansche Pokerface war perfekt und undurchdringbar, aber innerlich blieb auch Mehdi ziemlich aufgewühlt. Denn es war schon etwas sehr Besonderes, seine beiden besten Freunde bei ihrem wohl größten Abenteuer nicht nur als behandelnder Arzt, sondern auch als enger Freund begleiten zu dürfen. Deshalb war er fast genauso aufgekratzt und euphorisch wie das hibbelige werdende Elternpaar vor ihm, das ihren liebsten Vertrauten gespannt bei seiner Arbeit beobachtete und sich immer wieder, wenn die Anspannung am größten war, verliebt in die Augen blickte.

Mehdi: Ich kann hier zwei wunderhübsche und gesunde Babys entdecken. Alles ist so, wie es in dem Stadium sein muss.
Gretchen (sichtlich gerührt sieht sie zu Marc, dem man seine Aufgewühltheit deutlich ansehen kann, u. drückt seine Hand): Hast du gehört, Marc? Alles ist in Ordnung mit unseren beiden Wundersternen.
Marc (würde am liebsten selber übernehmen u. trotz Abmachung selber nachschauen, was denn nun Sache ist): Mhm!
Mehdi (lächelt die beiden an): Wollt ihr ihre Herztöne hören?
Marc (zeigt seine Unsicherheit durch Patzigkeit seinem Kumpel gegenüber): Alter, ich bin Oberarzt. Wozu hab ich denn ein Stethoskop umhängen? Das kann ich selber.
Mehdi (schmunzelt): Aber hat es auch Dolbi Surround, mein Freund?

Ohne Marcs garantiert patzige Reaktion abzuwarten, drückte Mehdi eine Taste und plötzlich ertönten über die Lautsprecher die Herztöne der Zwillinge, die nun den gesamten Behandlungsraum in einen magischen Ort verwandelten. Der ebenso bewegte Halbperser zog sich zu seinem Schreibtisch zurück und trug ein paar Dinge in Gretchens Mutterpass und in ihre Patientenakte ein, während er immer wieder zu dem glücklichen Paar rüberschaute, dem es für den Moment die Sprache verschlagen hatte. Marc hatte sich neben Gretchen auf die Liege gesetzt. Seine Hände ruhten auf ihrem wunderschön geformten Bauch. Die werdenden Eltern lächelten sich mit Tränchen in den Augen an und waren einfach nur selig. Die wunderbare Musik brannte sich regelrecht in ihre Gehörgänge und in ihre Herzen ein und sie würden diesen magischen Klang, den sie heute zum ersten Mal gehört hatten, vermutlich nie wieder vergessen. So wie Mehdi das Bild seiner beiden besten Freunde in diesem besonderen Augenblick, das sich tief in seine Erinnerungen einzeichnete, ohne dass er es hätte abfotografieren zu müssen. Auch er würde es für immer in seinem Herzen tragen.

Das sichtlich gerührte Ärztepaar blieb noch einen langen Moment auf der Pritsche sitzen und ließ seinen Gefühlen freien Lauf, dann holte eine andere Realität sie jedoch schnell wieder ein. In Form eines hartnäckigen Achtziger-Jahre-Klingeltons, der aus Gretchens Kitteltasche nervtötend herüberschallte und so überhaupt nicht zu dem Herzklopfen passte, das sie eben an einen magischen Ort entführt hatte. Der Kontrast hätte nicht viel krasser sein können. - „Girls just wanna have fun, oh, girls just wanna have fun!“ - Ihre beste Freundin war im Haus, wie sich beim Abhören der Handynachricht und an Gretchens verdächtigem Grinseblick zeigte. Das Zeichen für Dr. Meier, dass er schleunigst das Weite suchen sollte, bevor er noch in die Fänge der verrückten Krankenschwester geriet, die ihn mit ihren neuesten Babytipps vermutlich an den Rand des Wahnsinns treiben würde. Seitdem sie sich hauptberuflich um ihr Pflegekind kümmerte, hielt sie sich nämlich für die Expertin schlechthin beim Thema Babyfragen aller Art, die nicht mal davor zurückschreckte, ihn mitten in der Nacht in Amerika anzurufen, um mit ihm über ihre neusten Entdeckungen plaudern zu wollen. Tja, so etwas kam eben dabei heraus, wenn man sein devotes und jahrelang herangezogenes Personal zu nah an sich heran ließ und es auch noch aus beziehungstechnischen Gründen gezwungenermaßen in den eigenen Freundeskreis mit inkludieren musste. Diesen Fehler würde er nicht zweimal machen. Nein, Sabine Vögler, ach nein, mittlerweile Gummersbach, war jetzt wirklich nicht sein Fall. Er hatte eh an dem heutigen Tag noch nicht viel geschafft. Er musste endlich mal wieder richtig arbeiten, bevor er noch komplett verweichlicht werden würde. Aber mit den Erfahrungen der letzten Minuten im Hinterkopf konnte der passionierte Chirurg nun hochmotiviert wieder an seinen Job gehen. Marc freute sich richtig darauf und das teilte er seinen Freunden auch gleich meierlike mit.

Nach einer rührigen Verabschiedung vor der Tür seines Büros schaute Mehdi seinen beiden glückstrahlenden Freunden, die sich nun gegenseitig neckten und interessiert in Gretchens Mutterpass stöberten, noch lange auf dem Flur der Station nach. Er war so abgelenkt von dem, was er soeben erfahren hatte, dass er gar nicht gleich mitbekam, wie sich eine hübsche Krankenschwester still und heimlich von hinten an ihn heranschlich und schließlich ihre Arme forsch um seinen athletischen Körper schlang. Ihr frecher Kuss in seinen Nacken bescherte ihm eine wohlige Gänsehaut und ihr süßes Parfum kitzelte anregend in seiner Nase. Mhm, was hatte er sie vermisst! Dabei hatten sie sich erst vor einer Stunde zum letzten Mal gesehen. Schon faszinierend, dass seine Herzdame immer dann auf der Bildfläche auftauchte, wenn er sie gerne bei sich haben würde. Kismet, dachte der bis über beide Ohren verliebte Gynäkologe und drehte sich sichtlich vergnügt zu seiner neckischen Freundin herum, um nun seinerseits seine Arme um ihre Taille zu schlingen.

Gabi: Na, alles klar, Liebling?
Mehdi: Ja, und bei dir?
Gabi (grinst über das ganze Gesicht): Mittagspause.
Mehdi (nickt wissend): Die schönste Zeit des Tages, hm?
Gabi (kuschelt sich verschmust an ihren starken Freund u. inhaliert seinen betörenden Duft): Das kannst du so was von unterstreichen, mein Lieber. Ich zähle doch immer schon die Minuten, bis ich mich endlich von der Anmeldung loseisen kann. Ich hasse den Job dort. Ich wünsche mir Sabine zurück. Ihr macht es nichts aus. Der Meier-Arsch hat mich nämlich heute Morgen schon wieder so blöd von der Seite angemacht. Kaum ist er wieder da, gibt es Stunk.
Mehdi (tänzelt mit ihr ein Stück im Kreis u. bemerkt im Augenwinkel Marc u. Gretchen, die lachend vor dessen Bürotür stehen geblieben sind u. nun verliebt schmusen): Och, würde ich nicht unbedingt behaupten. Du hast ihn nur zur falschen Zeit erwischt. Ich würde es jetzt noch mal bei ihm versuchen.
Gabi (schaut sich um u. beobachtet augenrollend am Ende des Flurs, wie sich Marc u. Gretchen knutschend vor dessen Büro verabschieden): Hast du heute Morgen einen Clown gefrühstückt, Herr Doktor Spaßvogel? Bäh! Ich verzichte dankend. Aber wieso grinst du denn die ganze Zeit so? Waren die beiden gerade bei dir? Moment! Nicht beruflich, oder? Hatten die gerade einen Ultraschalltermin?
Mehdi (tippt ihr grinsend an die Nasenspitze): Da ist aber jemand neugierig?
Gabi (funkelt ihn beleidigt an, aber kann sich mit ihrer Neugier nicht zurückhalten): Ich bin überhaupt nicht neugierig. Aber sag trotzdem mal, was ist denn dabei herausgekommen? So breit wie der dicke Haase mittlerweile geworden ist, müsste man doch langsam mal was sehen können, oder?
Mehdi (übt sich in Geduld mit seiner Lieblingszicke): Gabi?
Gabi (spielt gespielt unschuldig mit einer Haarlocke, die ihr hartnäckig aus ihrem geflochtenen Zopf immer wieder ins Gesicht fällt): Ja, was? Fandest du diese Tatsachenanalyse etwa beleidigend? Sie ist nun mal weiter als ich.
Mehdi (streicht ihr die widerspenstige Strähne aus dem Gesicht): Das liegt daran, dass sie tatsächlich weiter ist als du und Zwillinge erwartet. Das heißt nicht, dass sie dick ist.
Gabi (verdreht die Augen angesichts dieser wiederholten Kaanschen Belehrung): Aber mir kannst du doch sagen, was es wird?
Mehdi (schüttelt den Kopf, weil seine Süße es einfach nicht lassen kann): Ich sage dir mal was, Fräulein Naseweis, das Zauberwort heißt ärztliche Schweigepflicht. Ich denke, du als vorbildliche Stationsschwester kannst damit etwas anfangen, oder?

Gabi (verzieht ihren sinnlichen Mund zu einer gequälten Schmollschnute): Och, fang doch bitte nicht immer gleich so an, Mehdi. Diese Schallplatte ist doch langweilig. Unter Freunden ist das doch etwas ganz anderes.
Mehdi (schmunzelt): Unter Freunden, soso? Hab ich was verpasst?
Gabi (legt verführerisch ihre Arme um seinen Hals u. krault sanft seinen Nacken, um ihn zu bezirzen): Siehst du, ich bemühe mich eben, mich damit abfinden zu können, dass du unbedingt mit den beiden befreundet sein willst. Obwohl ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann. Aber ich bin nun mal eine aufgeschlossene Frau und Krankenschwester. Ich kann damit umgehen. Schwierige Patienten liegen mir.
Mehdi (legt verliebt seine Hand an ihre Wange u. streichelt sie sanft): Das bedeutet mir unheimlich viel, Bella.
Gabi (lächelt verliebt): Dann könntest du mich doch auch in ihr kleines großes Geheimnis einweihen, hm? Ich erzähle es auch wirklich nicht weiter. Es sei denn, mich fragt jemand wegen der Frau Doktor. Ihr Zustand hat sich ja mittlerweile bis in die letzte Ecke des Krankenhauses herumgesprochen, aber die Frau ist ja auch nicht mehr zu übersehen. Genauso wenig wie das fette Grinsen vom Meier und dem Senior-Haasen.
Mehdi (zieht sie lachend in eine noch festere Umarmung): Netter Versuch, mein Herz, aber ich kann da wirklich nichts machen. Aber vielleicht begnügst du dich ja damit, genauso viel zu wissen wie die beiden.
Gabi (wird stutzig): Wie meinst du das denn jetzt?
Mehdi (legt seinen Zeigefinger an seine Lippen, um sie zum gemeinsamen Schweigen zu überreden): Sie wollen sich überraschen lassen, was es wird.
Gabi (klappt ungläubig die Kinnlade herunter u. schaut kurz rüber in Richtung chirurgische Abteilung, wo Gretchen gerade mit ihrer Jacke bewaffnet aus der Umkleide tritt u. sich eilig zum Fahrstuhl begibt): Ernsthaft? Du weißt aber schon, dass Marc Meier mit Unvorhersehbarkeiten, die er nicht kontrollieren kann, überhaupt nicht umgehen kann. Weißt du noch, als er das mit den Zwillingen erfahren hat und dich mitten in der Nacht aus unserem Bett geklingelt und dich zu ihm zitiert hat, weil er durchgedreht ist? Der hält das doch niemals die restlichen Monate durch. Oh Gott, er wird noch unausstehlicher werden und ich sitze da vorne im Stationszimmer genau in seiner Schusslinie. Na prima! Danke auch, Mehdi!
Mehdi (folgt amüsiert ihrem Blick u. lächelt, als er sieht, wie Gretchen ihm fröhlich aus der Ferne zuwinkt, bevor sie den Fahrstuhl betritt): Och du, ich bin positiv optimistisch.
Gabi (mustert ihren Freund argwöhnisch, weil er ihren Zickigkeiten heute mit besonders guter Laune begegnet, u. zählt allmählich eins und eins zusammen): Aber du weißt doch was? So wie du gerade grinst, als hättest du im Lotto gewonnen. Du weißt, was es wird! Raus mit der Sprache! Bitte, bitte! Mehdi! Komm schon! Ich sitze da vorne in der ersten Reihe der Nachrichtenfront. Ich muss das wissen. Das gehört quasi zu meinem Jobprofil.
Mehdi (versucht, sich nichts anmerken zu lassen, während Gabi all ihre Reize spielen lässt): Ich verrate nichts. Ich fühle mich meinem Arztgeheimnis verpflichtet und den beiden.
Gabi (grummelt sichtlich unzufrieden): Selbst wenn er angewinselt kommt oder dich austrickst? Er ist der größte Trickser, den ich kenne, und er ist verdammt gerissen.
Mehdi (lacht): Ich kenne Marc schon so lange. Obwohl ich gerade ganz neue Seiten an ihm entdecke. Jedenfalls habe ich da auch so meine Methoden. Außerdem würde er Gretchen niemals in den Rücken fallen. Die Risiken sind ihm zu hoch. Und eine Schwangere sollte man nicht reizen.
Gabi (blitzt ihn nach dem Spruch böse an u. will nicht so unbefriedigt stehen gelassen werden): Haha, du Clown! Und was ist mit mir? Du könntest doch jetzt wenigstens zweimal zwinkern, wenn es zwei Häsinnen werden? Oh, ich wünsche dem Angeber so sehr, dass er zwei zickige Mädchen kriegt, die ihn ohne Ende nerven. Mit der Genugtuung würde ich mich zufrieden geben.
Mehdi (schmunzelt u. verschränkt seine Arme ungefähr auf Pohöhe hinter Gabis Rücken): So viel zum Thema, wir sind doch unter Freunden, hm? Du bist unbeschreiblich, weißt du das?
Gabi: Ich weiß.

Schwester Gabi reckte stolz ihr Kinn in die Höhe und konnte dem Charmeur nicht lange böse sein, weil er hartnäckig nichts verraten wollte. Dann eben nicht. So wichtig war es dann auch nicht, wie sich Marcs und Gretchens Familienplanung entwickelte. Viel wichtiger war jetzt, ihren Traummann endlich ungestört küssen zu dürfen. Und das tat die verliebte Schwangere dann auch. Mit großer Hingabe. Nicht nur von ihrer Seite. Mehdi umspielte mit einem sanften Kuss ihre zarten Lippen, die sich gar nicht wieder von seinen trennen wollten, und setzte sich anschließend mit ihr auf dem Schoß auf einen der Wartestühle im Gang. Lächelnd blickte er seiner schönen Freundin, die er mit beiden Armen fest umschlungen hielt, tief in die wild funkelnden Augen.

Mehdi: Aber jetzt mal ernsthaft, Gabi, wo wir schon einmal dabei sind, was denkst du über das Thema?
Gabi (schaut ihm verwundert ins Gesicht): Hm? Aber das habe ich doch gerade gesagt. Ich wünsche den beiden nur das Beste.
Mehdi (grinst wissend u. streicht ihr liebevoll über den zarten Bauchansatz): Natürlich! Was sonst? Aber ich meinte eigentlich, wie wir damit umgehen werden, ob wir wissen wollen, was sich hier Wunderbares drin versteckt?
Gabi (sichtlich überrascht von seinem Anliegen): Äh... Erübrigt sich das nicht? Du bist Frauenarzt. Du weißt doch sowieso Bescheid. Und das als Allererster.
Mehdi (nickt nachdenklich): Stimmt, aber falls wir es auch so halten wollen, könnte ich dich ja an meine Kollegin überweisen. Kate hat jetzt auch ihren Facharzt und sie ist sehr kompetent.
Gabi (fühlt sich plötzlich merklich unwohl): Ich weiß nicht, Mehdi. Nein, ich glaube, ich will das nicht. Ich vertraue in der Hinsicht nur dir. Ich will niemanden anderen.
Mehdi (lächelt u. schmiegt seine Wange gegen ihre): Das ehrt mich. Aber trotzdem könntest du dich überraschen lassen, also, falls du möchtest? Deine Entscheidung.
Gabi (wird immer nachdenklicher u. auch ein bisschen traurig, weil Erinnerungsfetzen sie plötzlich einholen): Das hört sich schon toll an, vom Gefühl her, und ich liebe Überraschungen. Das weißt du. Aber ich weiß nicht, ob ich so geduldig sein kann. Ich will, nein, ich muss diesmal alles richtig machen. Weißt du, damals als ich mit Paul schwanger war, da war mir irgendwie alles egal. Gut, nicht egal, aber es hat mich nicht interessiert, weil ich auf ganz andere Dinge fokussiert war als auf das, was da gerade in meinem Körper passiert. Ich glaube, im Nachhinein hätte ich es vielleicht wissen wollen. Vielleicht hätte ich mich dann doch mehr gekümmert und wäre vorsichtiger gewesen.
Mehdi (hält sie tröstend im Arm): Schatz, es tut mir leid, ich wollte nichts aufwühlen.
Gabi (wischt das verstohlene Tränchen schnell weg, das sich aus ihrem Augenwinkel geschlichen hat, u. sieht den liebevollen Mann mit ernster Miene an): Tust du nicht, Mehdi. Es tut mir gut, darüber zu reden, weil ich weiß, dass er da oben ist und meine kleine heile Welt beschützt, die ich mir hier unten geschaffen habe. Mit dir. Und mit Lilly. Und ja, von mir aus auch mit deiner komischen Clique.
Mehdi (betrachtet sie mit ganz anderen Augen u. lächelt): Das ist schön, mein Herz.
Gabi (erwidert sein Lächeln u. umschließt seine Hände mit ihren um ihren Babybauch): Ich verspreche dir, ich überlege mir das noch mal. Momentan bin ich einfach nur froh und glücklich, dass alles im Lot ist und ich nicht mehr ständig in den unmöglichsten Situationen die Toilettenschüssel umarmen muss. Kleine Schritte. Das reicht mir erst einmal, bevor es hiermit richtig ernst wird und ich aussehe wie eine Bowlingkugel.
Mehdi: Gut! Und apropos, kleine Schritte, guck mal, wer da kommt?
Gabi: Na, das passt ja.

Mehdi drückte seiner Herzdame liebevoll einen Kuss auf die Wange und als er wieder aufschaute, erblickte er jemanden am Ende des Flurs, der beschwingt auf das glückliche Paar zugehüpft kam. Er schmunzelte und tippte Gabi an, die ebenfalls grinsen musste und der kleinen Person nun zuwinkte. Diese winkte fröhlich zurück und überwand die letzten Paar Meter, die sie noch von ihrem Papa trennte, verbotenerweise rennend. Atemlos blieb die Neunjährige dann vor den beiden stehen und bezauberte Mehdi und Gabi mit ihrem schönsten Strahlelächeln.

Lilly: Huhu Papa? Gabi!
Mehdi (steht auf u. schließt seinen Schatz herzlich in die Arme): Na, wie war das noch mal mit dem Rennen im Krankenhaus?
Lilly (überspielt ihr winzig kleines schlechtes Gewissen mit kindlichem Nörgeln): Och Papa? Nicht erwischen lassen!
Gabi (zwinkert dem süßen Frechdachs bestätigend zu): Genau!
Mehdi (grinst verschmitzt): Ist schon ok, mein Schatz, die Oberschwester hat dich ja nicht gesehen. Und Lillybärchen, hat alles geklappt, dass Claras Vater dich von der Schule mitnimmt und hier rauslässt?
Lilly (neunmalklug wendet sie sich von ihrem Papa dessen Freundin zu): Papa, ich bin doch hier. Natürlich hat alles prima geklappt. Clara und ihr Vater haben mich auch bis zum Pförtner begleitet, so wie mit Mama abgesprochen. Und der hat mich dann zu euch hoch geschickt.
Gabi (kann sich eine kleine Spitze gegenüber dem überfürsorglichen Daddy auch nicht verkneifen): Dein Papa macht sich eben immer viel zu viele Sorgen, wo gar keine sind.
Lilly (lässt ihren schweren Schulrucksack zu Boden fallen, kramt darin u. setzt sich mit einem Papierblock bewaffnet neben Mehdis Lebensgefährtin): Du hast es erfasst!
Mehdi (blickt ungläubig zwischen den beiden Verschwörerinnen hin u. her): Hey, verschwört ihr euch etwa gerade gegen mich?
Gabi (grient ihn keck an): Wie kommst du denn darauf?
Lilly (kichert u. wendet sich wieder gespannt Gabi zu): Duuu, Gabiii, ich hab noch mal überlegt.
Mehdi (da Lilly seinen Platz besetzt hält, setzt er sich auf der anderen Seite neben sein aufgewecktes Mädchen auf einen der Wartestühle): Weswegen?
Lilly (blickt hibbelig von ihrem Zettel auf): Na, wegen der Babynamen, die wir uns ausgesucht haben.
Mehdi (tippt ihr an die Nasenspitze, die sie ihm frech entgegenreckt): Wir oder du?
Gabi (schaut fragend zu Mehdi, der sich ein Grinsen nicht verkneifen kann): Ach?
Lilly (nickt aufgeregt mit ihrem Köpfchen): Das mit den außergewöhnlichen Namen finde ich mittlerweile irgendwie doof.
Mehdi (lauscht überrascht ihren Worten): Wieso denn? Felicitas oder Penelope sind doch wunderschöne Namen. Ausgefallen, ja, aber wir suchen ja auch etwas ganz Besonderes für jemand ganz Besonderen.
Lilly (verzieht ihre Lippen zu einer Schnute): Ja, schon, aber die passen doch gar nicht zu uns. Das hat Clara auch gemeint.
Gabi (kann dem süßen Mädchen nicht wirklich folgen): Und das heißt jetzt, noch mal von vorne anfangen?
Lilly (schüttelt den Kopf u. strahlt die Freundin ihres Papas wie ein Honigkuchenpferd an): Nö, ich hab schon eine neue Liste.

Mehdi (ist völlig hingerissen von seinem Töchterlein): Da bin ich aber gespannt. Darf ich eigentlich auch mitreden? Was haltet ihr davon, wenn wir auch ein bisschen in die persische Richtung schauen? Zu den Wurzeln unserer Familie, Lilly. Jasmin ist zum Beispiel auch persischen Ursprungs.
Gabi (lächelt zu dem charmanten Halbperser rüber): Echt? Das wusste ich gar nicht. Jasmin klingt schön. Irgendwie geheimnisvoll und süß.
Mehdi (flirtet mit ihr): Das dachte ich auch.
Lilly (denkt auch kurz darüber nach u. zückt aus ihrer Federmappe einen Stift, den sie sich zwischen die Lippen schiebt, um darauf herumzukauen): Soll ich den auch mit draufsetzen? Ich war eigentlich schon weiter.
Mehdi (runzelt die Stirn): Inwiefern?
Lilly (legt den Blätterbogen auf ihren Schoß u. setzt sich gerade hin, um es ihm zu erklären): Na, schau mal, Papa, wir haben doch alle ziemlich kurze Namen, oder?
Mehdi (ist sehr gespannt, worauf sie hinaus will): Stimmt!
Gabi: Meiner ist aber nur eine Abkürzung.
Lilly (lässt die Schlaumeierin raus): Das weiß ich doch, aber dich nennt doch eh jeder Gabi, also ist das Kokolores.
Gabi (reckt unruhig eine Augenbraue in die Höhe u. schaut zu Mehdi, der sich fasziniert zurückgelehnt hat): Okay!? Dann schieß mal los, was du schon hast, Lilly!
Lilly (lächelt zufrieden u. guckt kurz auf ihren Zettel): Also, guck mal, Emma ist schön. Oder Paula. Hanna. Mila. Lea. Lara.
Mehdi (ist merklich beeindruckt): Klingt doch viel versprechend. Das hast du toll gemacht, mein Schatz.
Lilly (verschränkt nörgelnd ihre Arme vor ihrer Brust): Papa, lass mich doch mal ausreden!
Mehdi (zuckt ertappt zusammen u. gibt sich kleinlaut): Oh, Entschuldigung! Mein Fehler!
Lilly (setzt cool ihren Vortrag fort): Also, die Namen sind an sich schon schön, aber da sind mir überall zu viel A drin.
Mehdi: Und das stört dich jetzt, warum?
Lilly (neunmalklug guckt sie ihn an): Hat dein Name ein A am Ende?
Mehdi (gespielt überlegend grinst er sie schließlich an): Nein?
Lilly (grient frech zurück): Siehst du und deshalb haben wir weitergedacht.
Mehdi (horcht interessiert auf): Wer ist bitte ‚wir’? Sag mal, habt ihr heute keine Schule gehabt, Lilly?
Lilly: Doch! Sport, Kunst und Sachkunde.
Gabi (schmunzelt u. fragt sich immer mehr, worauf das noch alles hinauslaufen soll): Na, das passt.
Lilly (leicht eingeschnappt schaut sie von der einen zum anderen): Hört ihr mir jetzt zu, oder nicht? Wir können das auch lassen. Dann kriegt unser Baby eben keinen Namen.
Gabi (kleinlaut): Entschuldige! Mach bitte weiter!
Mehdi (guckt entschuldigend zu Gabi rüber, die nur die Augen verdreht): Ja!

Lilly (legt schon wieder los): Und dann haben wir, also ich mir gedacht, dass der Babyname schon auch mit einem L losgehen müsste, so wie meiner, weil das zeigt, dass wir zusammengehören.
Mehdi (staunt begeistert): Das ist ein richtig schöner Ansatz, Lillymaus.
Lilly (strotzt nur so vor Stolz u. lächelt zurück): Nicht? Also hab ich alle kurzen Namen mit L aufgeschrieben, die mir eingefallen sind. Lara. Lisa. Leonie. Lea. Lotta. Lotte. Luise. Luisa. Lulu.
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht zu Gabi rüber, die ebenso angetan ist): Na, da haben wir doch schon wieder eine beträchtliche Liste zusammen, hm? Das hast du richtig toll gemacht, Lillyschatz. Da finden wir bestimmt den richtigen. Aber es ist ja auch noch ein bisschen Zeit.
Lilly (ruckelt ungeduldig an seiner Hand): Ich bin noch nicht fertig, Papa.
Mehdi (wechselt einen vielsagenden Blick mit Gabi, die auch schmunzelt): Nicht?
Lilly: Ist dir noch nicht aufgefallen, dass unsere Namen alle auf i oder y enden?
Mehdi (verdreht die Augen): Oje! Doch, jetzt, wo du es sagst.
Lilly (stemmt ihre Hände trotzig in ihre Hüften u. schaut ihn schulmeisterlich von der Seite an): Witzig, Papa, was haben wir gelacht! Und da das alles auf die Liste nicht zutrifft, hab ich noch mal neu überlegt und da fiel mir wieder ein Name ein, den ich neulich gehört habe und der mir da auch schon super gefallen hat, aber leider nicht in die ausgefallene Namenliste gepasst hat, die ich mir schon über das Bett gehängt habe.
Mehdi (nickt anerkennend u. sucht Bestätigung bei seiner hibbeligen Freundin, die endlich das Resultat von Lillys Suche hören möchte): Meine Tochter macht aus der Namenssuche ja eine richtige Wissenschaft. Also, wie lautet dein Fazit, Prof. Lilly?
Lilly (rutscht von ihrem Stuhl herunter, drückt ihren Schreibblock an ihr aufgeregt klopfendes Herz u. schaut abwechselnd zwischen Gabi u. Mehdi hin u. her): Lucy! Der Name ist nicht nur voll cool und außergewöhnlich, sondern auch nicht gleich dreimal in einer Klassenstufe zu finden wie meiner. Meine Freundinnen und ich haben das kontrolliert und meine Biolehrerin, die Frau Schnabelstädt, hat das auch bestätigt. Keine Lucy weit und breit.
Mehdi (ist sichtlich baff u. zieht sein schlaues Mädchen stolz in seine Arme): Wow! Lucy, das klingt süß und frech. Ja, das passt zu uns. Vor allem in Kombination mit dir. Was denkst du, Gabimaus? Setzen wir den auf die Eins?
Gabi (schluckt schwer, als sie mit Tränen in den Augen aufschaut): Er ist... perfekt.
Lilly (ist bärenstolz u. strahlt): Ja?
Gabi (nickt völlig überwältigt u. springt plötzlich von ihrem Stuhl auf u. will sich unbeholfen verabschieden): Hm! Ähm... Ihr Zwei? Ich... ich muss dann auch mal wieder los. Die Mittagspause ist gleich vorbei und wenn mich die Oberschwester nicht im Stationszimmer antrifft, dann krieg ich wieder Ärger. Bis später!
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn, als er seiner davoneilenden Freundin nachsieht): Bis später, Schatz?
Lilly (schaut ihr auch irritiert hinterher): Was hat Gabi denn so plötzlich? Hab ich was Falsches gesagt?
Mehdi (geht vor dem eingeschüchterten Mädchen in die Knie u. lehnt seine Stirn gegen ihre): Im Gegenteil, Lillybärchen, ich glaube, du hast Gabi gerade sehr, sehr glücklich gemacht.
Lilly (macht ganz große Augen): Echt? Aber sie ist weggelaufen.
Mehdi (strahlt sie an u. versucht, es ihr zu erklären): Mhm! Das Verhalten schwangerer Frauen ist manchmal nur schwer zu erklären und nachzuvollziehen. Glaub mir, ich kenne mich damit aus. Aber ich versichere dir, es ist alles ok. Sie freut sich. Sehr sogar! Zumindest um den passenden Mädchennamen müssen wir uns keine Gedanken mehr machen. Aber was ist denn mit der Jungsliste, hm? Wollen wir die auch noch durchgehen?
Lilly (verdreht die Augen u. packt ihre Zettel wieder in den Rucksack): Boah, Papa, das hat doch noch voll viel Zeit. Das überlegen wir uns dann, wenn es soweit ist.
Mehdi (lacht, nimmt ihr den Rucksack ab u. drückt den Frechdachs an seine Seite): Ach? Na, du bist mir ja eine! Lust auf Mittagessen? Ich hab läuten hören, dass es heute Spaghetti gibt. Mit deiner Lieblingssoße.
Lilly (greift kichernd nach seiner Hand u. schlendert mit ihm gemütlich zum Aufzug): Au ja! Und können wir danach bei Onkel Marc vorbeigucken?
Mehdi (drückt schmunzelnd die Fahrstuhltaste): Du, ich denke, er hat zu tun. Aber das hat uns ja noch nie gestört, oder? Aber vorher machst du noch deine Hausaufgaben, ja?
Lilly: Och, Mensch, Papa!

...nörgelte das Grinsemädchen erst und hüpfte dann im nächsten Moment vergnügt kichernd in den Aufzug, der gerade seine Türen geöffnet hatte. Schmunzelnd folgte Mehdi seiner Großen und dachte die ganze Fahrt nach oben in die Cafeteria an nichts anderes mehr als an den Namen, den sie soeben zusammen fest für das Baby ausgewählt hatten. Jetzt musste es nur noch ein Mädchen werden. Aber das stand, was die Meinung seiner beiden Herzdamen betraf, offenbar ja außer Frage.

Lorelei Offline

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14.05.2016 19:43
#1566 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch bei einer anderen Person mit dem Herzen am rechten Fleck drehte sich momentan alles um die mögliche Geschlechterfrage, die ihm heute aus heiterem Himmel völlig unvorbereitet angetragen worden war und die trotz der angestrebten Geheimnistuerei von seinem bescheuerten Kumpel und seiner märchenhaften Angebeteten natürlich nur zu einem Ergebnis kommen würde. Das stand zumindest für Dr. Marc Olivier Meier felsenfest fest, der dazu auch keinerlei medizinische Beweise benötigte, denn seiner fachkundigen Meinung nach spürte ein werdender Vater, der gleichzeitig auch noch Arzt war, dies nun mal. Das ganze Gefühlsgedöns wegen der Zwillinge machte einen ja eh schon völlig kirre. Dann musste wenigstens eine Sache bei diesem komplizierten Abenteuer von vorn herein klar definiert sein.

Und diese Meiersche Weitsicht ließ den schwer beschäftigten Oberarzt immer wieder mit einem glücklichen Grinselächeln hinter dem Papierberg aufschauen, den er gerade akribisch durchackerte, weil während seiner dreiwöchigen Abwesenheit so einiges auf seinem Schreibtisch liegen geblieben war und sich sämtliche Assistenzärzte als völlige Dilettanten herausgestellt hatten, wie er heute Morgen während der Visite bei einer kleinen ungeplanten Fragestunde herausgefiltert hatte. Was hätte er jetzt nur für eine Besserwisserin und Klugscheißerin à la Haasenzahn gegeben, hatte er sich gedacht und dabei unverhohlen die neue Stationsärztin von der Seite angestarrt, die er leider nicht mehr auf ihren alten vertrauten Posten zurückdegradieren konnte, wenn er es sich nicht auch noch mit Prof. ‚Duracell’-Haase verscherzen wollte, der heute einen Elan an den Tag legte, den er sich von seinen untalentierten Assis nur so wünschen würde. Tja, und die anstehende Vortragsreihe für seine weniger privilegierten Kollegen, für die ein Forschungsaufenthalt in den Staaten wohl für immer nur ein Traum bleiben würde, musste neben den aktuellen Fällen, die alle schrecklich unspektakulär und gewöhnlich waren, auch noch vorbereitet werden, hatte ihm sein Chef und Schwiegervater in spe andächtig aufgetragen, nachdem er ihn während ihrer kleinen zweistündigen vormittäglichen Besprechung schon über die spannendsten Fakten informiert hatte und der Professor gleich total angefixt gewesen war, so wie er ein paar Tage zuvor real vor Ort am Seattler Klinikum.

Und da er gerade so im Thema war, fiel dem zerstreuten Chirurgen und Baldpapa auch erst nach einer Weile auf, dass ihm etwas Entscheidendes fehlte, das ihn vor dem lästigen Bauernvolk als denjenigen identifizierte, der er nun mal war, der Beste seiner Zunft nämlich. Höchstalarmiert sprang er von seinem Chefsessel auf, streckte einmal seine leicht verspannten Glieder, rückte den knittrigen Kragen seines hellblauen Poloshirts zurecht und kontrollierte ergebnislos die leeren Taschen seiner weißen Arzthose und machte sich schließlich frustriert aufseufzend sogleich auf den Weg. Sein Ziel war schnell erfasst. Dafür musste er auch nur kurz den dank der noch besucherfreien Mittagszeit menschenleeren Gang hinunter. Und da das ja quasi noch in Sichtweite seines hauseigenen Reviers war, benahm er sich auch so, wie er es sich immer überall in diesen heiligen Hallen erlaubte. Ohne Rücksicht auf Verluste oder sonstige mögliche peinliche Begegnungen mit anwesenden Patientinnen oder hysterischen Kollegen drückte Marc forsch die Türklinke herunter und betrat, ohne anzuklopfen, erneut die mit Babybildern bestückten Räumlichkeiten seines besten Freundes und ungefragten Ratgebers in sämtlichen Lebenslagen, allen voran was Babyfragen aller Art betraf, die er natürlich überhaupt nicht nötig hatte, weil er selber Arzt war, Oberarzt, und mit Kindern bekanntlich ganz besonders gut konnte, äh..., wenn die kleinen Monster nicht gerade in seiner direkten Nähe waren.

Marc: Sorry! Egal, wo du gerade mit deinen Patschehändchen in ganz viel Arbeit drinsteckst, ähm... weitermachen! Ich schau euch schon nichts ab. Ich bin auch Arzt. Ich hab schon alles gesehen. Wenn nicht sogar Schlimmeres. Und ich muss vorhin hier... irgendwo... meinen Kittel liegen gelassen haben und ich wundere mich die ganze Zeit, wieso mein Pieper oder mein Notfallhandy nicht anspringt. Kein Wunder, die Dinger sind ja auch in meiner Kitteltasche. Das kommt davon, weil du mich ständig mit deinem ganzen Frauenquatsch zuquatschst, Mehdi. Da muss man ja automatisch abschalten.

...redete der gestresste Mediziner, ohne aufzuschauen, auf den befreundeten Gynäkologen ein, den er aus reiner Gewohnheit an seinem angestammten Platz vermutete. Aber dass er sich darin deutlich geirrt hatte, bemerkte Marc erst, als er das dünne Stimmchen vernahm, das ihn nun keck vom Schreibtisch aus begrüßte.

Lilly: Meinst du den hier, Onkel Marc?

Der Oberarzt, der gerade gedankenverloren um die Ecke geguckt hatte, weil er sein vertrautes Arbeitsoutfit, ohne das er sich völlig nackt und unbedeutend fühlte, auf der Patientenliege vermutet hatte, wo er vorhin zusammen mit Gretchen gesessen und andachtsvoll dem Klang neuen Lebens gelauscht hatte, drehte sich überrascht herum und staunte nicht schlecht, wen er da in Prinzessinnenpose auf Mehdis Thron entdeckte: Dessen Miniaturausgabe! Die kleine Lilly Kaan strahlte ihren Lieblingsonkel, der bekanntlich gar nicht ihr Onkel war, mit breitem Zahnpastalächeln an und deutete mit dem Stift, den sie in ihrer rechten Hand hielt, gefährlich auf den blütenweißen Arztkittel, den sie sich doch tatsächlich pappfrech geschnappt und angezogen hatte. Ein Skandal sondergleichen! Auf dieser Station krankte es eindeutig an fehlendem Respekt ihm gegenüber, dachte der Onkel Doktor, dem hier schon zweimal von der großen und noch unverschämteren Kaan-Version sein Doktortitel abgesprochen worden war, und schaute die dreiste Übeltäterin sprachlos an, die sich selbstbewusst auf dem Ärzteplatz präsentierte, als gehörte sie genau dorthin.

Marc: Prinzessin Lillyfee? Was machst denn du hier?
Lilly: Hausaufgaben.
Marc (kommt augenrollend auf das süße Mädchen zu, das Ärztin spielt u. kaum über den riesigen Schreibtisch gucken kann, u. zieht sich gegenüber einen Stuhl heran, auf den er sich stöhnend fallen lässt): Boah, wie ätzend! Hat Mehdi dich dazu verdonnert?
Lilly (schüttelt den Kopf, wodurch ihr Pferdeschwanz locker hin u. her pendelt): Nein! Die Frau Schnabelstädt und der Herr Müller.
Marc (runzelt verwirrt die Stirn u. lehnt sich in den Patientensessel zurück): Aha!
Lilly (schiebt ihm über den Tisch ihr Aufgabenheft zu): Willst du mal drüber gucken?
Marc (guckt argwöhnisch auf das beschriebene Blatt Papier): Was ist denn das?
Lilly: Mathe.
Marc (verdreht leidend die Augen u. schaut dann doch kurz drauf): Kannst du das nicht? Sieht doch ganz gut aus, soweit ich das beurteilen kann.
Lilly (strahlt ihn stolz an): Doch! Ich bin die Beste in meiner Klasse. Obwohl ich erst so spät dazu gestoßen bin. Aber Papa schaut auch immer drüber, wenn ich mit den Aufgaben fertig bin. Willst du auch noch das Bild sehen, das ich für Kunst gezeichnet habe? Das muss ich eigentlich erst nächste Woche abgeben, aber ich war so in Fahrt vorhin.

Oh Gott! Ich bin direkt in der Hölle gelandet.

Marc (schlägt das Heft zu u. schiebt es der Grundschülerin wieder rüber): Kunst? Das gibt es noch? Das wohl überflüssigste Fach, mit dem man Kinder quälen kann. Das braucht doch kein Mensch. Außer man will Therapeut werden. Aber wer will das schon? Psychologen sind doch eh keine richtigen Ärzte. Ähm... Egal. Das kann dein Dad übernehmen. Wo steckt der eigentlich schon wieder? Echt ey, der wird auch nur für das Entleeren des Schokoautomaten bezahlt, was, also, falls ihm Haasenzahn nicht zuvorgekommen ist.
Lilly (schiebt kichernd ihr mit rosa Stickern beklebtes Aufgabenheft in ihren Rucksack u. guckt gespannt auf): Notfall. Eine Frau hat Blutungen gekriegt. Kann dauern, hat er gesagt. Eigentlich hatten wir ja vor, nach dem Mittagessen zu dir zu kommen, aber dann hat er einen Anruf gekriegt und ich hab hier erst einmal meine Hausaufgaben gemacht.
Marc (verzieht das Gesicht): Ah ja?

Wie kann ein gestandener Mann sich das bloß antun? Kaan, dir ist echt nicht zu helfen.

Lilly (stützt sich mit ihren Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab u. beugt sich neugierig zu ihrem großen Freund rüber): Wollen wir was zusammen machen, Onkel Marc, solange mein Papa zu tun hat?
Marc (überrumpelt von Lillys Aktionismus dreht er den Spieß gleich mal um): Äh... Hallo? Ich muss vielleicht auch arbeiten. Also, richtiges Arbeiten, nicht so ein Wischiwaschikram, den er macht. Also, her mit meinem Kittel, aber zack, zack, du kleine Diebin! Hat dir dein Papa nicht beigebracht, dass man sich nicht Dinge nimmt, die einem nicht gehören? Und da steht eindeutig mein Name drauf.
Lilly (kuschelt sich grinsend in seinen für sie viel zu großen Kittel u. lehnt sich gemütlich in den Chefsessel zurück): Nein!
Marc (gespielt empört): Was? Na warte! Jetzt bist du fällig, Fräulein! ... Das ist für den Kittel und das für dein ständiges Geonkele.

Mit ordentlichem Schwung war Dr. Meier aus seiner Sitzgelegenheit aufgesprungen und um den Schreibtisch herumgelaufen und packte Mehdis kreischende Tochter nun an ihren Schultern. Schnell war der Sessel zu ihm herumgewirbelt und es gab kein Entkommen mehr für den süßen Frechdachs, der ihm jetzt auch noch provozierend die Zunge herausgestreckt hatte. Aber was sie konnte, konnte er schon lange. Marcs Kitzelattacke zeigte rasch Wirkung und die freche Kitteldiebin, die keine Gelegenheit bekam, zurückzuschlagen, musste schließlich lachend aufgeben. Nachdem Marc seinen Arztkittel erfolgreich zurückerobert, ihn wieder angezogen, glatt gestrichen und sein Doktorschild wieder ordentlich angebracht hatte, hielt er nun, seinem Posten entsprechend, den Thron inne und drehte sich langsam mit dem gemütlichen Drehstuhl im Kreis herum. Lilly hatte sich neben ihn gequetscht und kuschelte mit ihrem Lieblingsonkel, was dieser erst widerwillig, aber dann doch mit einem breiten Meiergrinsen akzeptierte. Wie konnte jemand so Nervtötendes ihm so sehr ans Herz wachsen, fragte er sich. Er hatte keinen blassen Schimmer, dafür aber schon wieder die vertraute Quietschstimme von Lilly im Ohr, die irgendwie die Wiederholtaste gedrückt zu haben schien.

Lilly: Und machen wir jetzt was zusammen?
Marc (dreht sich mit ihr nun in die andere Richtung im Kreis): Wir machen doch schon was zusammen.
Lilly (kleinlaut): Das ist langweilig.
Marc (hält abrupt an u. piekst ihr frech in die Seite): Sag noch einmal, dass es mit mir langweilig ist und ich muss die Kitzelattacke wiederholen.
Lilly (windet sich quiekend): Nein, Onkel Marc, niiicht! Ich hab noch Seitenstechen vom letzten Mal.
Marc (grinst zufrieden): Gut! Braves Mädchen! Also, einen Moment hab ich schon noch, denke ich, bis Mehdi zurück ist. Was schlägst du vor?
Lilly (schaut ihn mit ihren großen Strahleaugen glücklich an): Ich dachte, du musst arbeiten?
Marc (funkelt sie mit strenger Oberarztmiene an, aber guckt auch noch mal vergewissernd auf seinen Pieper u. sein Arbeitstelefon, die er kurz aus seiner Kitteltasche zieht): Ich bin der Chef. Ich darf machen, was ich will.
Lilly (gluckst begeistert): Wir können was basteln?
Marc (seine Gesichtsmuskeln schlafen augenblicklich ein): Bitte? Das ist doch Mädchenkram.
Lilly (vorlaut): Ich bin ein Mädchen.

Bitte lieber Gott, mach diesen Fehler nicht noch einmal und achte bei dem neuen Kaan-Sprössling auf eine ausgewogene Verteilung der Y-Chromosomen.

Marc (verdreht die Augen): Ach nee, du Oberschlaumeierin? Aber sehe ich etwa aus wie ein Mädchen? Lass uns doch irgendwas Cooles machen. Wir könnten... hm... die Oberschwester reinlegen, ihre Nilpferdbande entführen und in einer der Kühlkammern in der Patho verstecken? Wir könnten Lösegeld für Süßigkeiten erpressen, oder so? Die Brinkmann geht mir eh heute schon den ganzen Tag tierisch aufs Schwein mit ihrer bescheuerten Besserwisserei, die gar keine ist.
Lilly (klammert sich mit bangem Blick an seinen Kittel): Onkel Maaarc, das geht nicht. Das können wir nicht machen. Man darf sie nicht ärgern. Ich hab Angst vor ihr.
Marc (betrachtet das eingeschüchterte Mädchen mit der niedlichen Schmollschnute einen Moment ganz nachdrücklich): Echt? Ich verrate dir mal was, Lilly, aber psst, das darfst du nicht weitersagen, ich auch ein bisschen, also, ein ganz, ganz kleines minimales Bisschen. Aber ich hab hier ja auch mehr zu sagen als sie.
Lilly (macht ganz große Augen): Ehrlich?
Marc (grinst vergnügt u. drückt der Kleinen ihren Schulrucksack in die Hände): Weißt du, sie ist Ärztehasserin. Sie ist frustriert, weil sie nie ihr Abi gemacht hat und so keine richtige Medizinerin mit Entscheidungsgewalt werden konnte. Deshalb scheucht sie hier alle anderen herum. Weil sie nichts anderes drauf hat. Also, hier, Lillyfee, immer schön Hausaufgaben machen und lernen, ne. Damit du mal nicht auch so endest.
Lilly (kichert u. hat plötzlich eine Idee, die sie aufspringen lässt): Hihi! Du bist lustig. Aber kann ich trotzdem was basteln? Für Gabi.

Ach du Scheiße! Als ob ich für die je wieder den Finger krumm machen würde. Never ever!

Marc (seine Augenbrauen rutschen vor Argwohn in die Höhe, als er beobachtet, wie Lilly den Inhalt ihres Rucksacks auf dem Fußboden ausbreitet): Wieso das denn? Was hat sie angestellt?
Lilly (schaut verwundert auf): Wieso sie? Ich glaube, ich habe sie vorhin traurig gemacht.
Marc (versteht nur Bahnhof, lässt den Chefsessel stehen u. kommt zu ihr rüber): Aber du doch nicht?
Lilly: Doch! Wir haben Babynamen ausgesucht.
Marc (geht neben ihr in die Hocke): Gleich mehrere? Gibt es etwa etwas, das ich noch nicht weiß?
Lilly (schaut ihn mit ihren großen samtigbraunen Augen an): Mhm... Nein!?
Marc (stupst sie einmal an der Nasenspitze an): Na, dann hau mal raus!
Lilly (presst die Lippen aufeinander u. grinst): Das bleibt unser Geheimnis.
Marc (verdreht die Augen): Wieso muss eigentlich alles, was die Zwergenbande betrifft, geheim bleiben, hm? Das ist echt ein Faszinosum. Dabei sollte man doch eigentlich meinen, man möchte vorbereitet sein. Gerade die Vorbereitung ist hier im Krankenhaus das A und O, damit alles läuft.
Lilly (sieht ihn einen Augenblick nachdenklich an, nickt u. kramt dann wieder in ihren Schulsachen herum): Deshalb basteln wir ja jetzt auch ein Geschenk. Für die Babys, deine und unseres. Ich hab Buntpapier dabei und hier so ein Glitzerndes. Das ist auch schön. Und Papa hat in einem seiner Schieber auch noch verschiedene Materialien drin, falls wir noch was brauchen.
Marc: Oh Gott!

Marc schlug sich verzweifelt die Hand vors Gesicht. Warum noch mal war er überhaupt hierhergekommen? Weil er so langsam da oben total weich wurde im Oberstübchen. Das kam davon, wenn man sich ständig ablenken ließ und nicht wie sonst immer konzentriert an komplizierten medizinischen Fachtermini herumtüftelte. Jetzt saß er in der Falle. Und wie sehr, das sollte sich gleich noch herausstellen. Denn plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine gehetzt wirkende Kollegin stürmte unvermittelt das Office von Dr. Kaan. An ihrer Hand hielt sie ein kleines zappelndes Mädchen, das beim Anblick von Lilly Kaan und Dr. Meier nicht mehr an sich halten konnte und fröhlich jauchzend auf die beiden zugelaufen kam. Die Überraschung stand beiden anwesenden Oberärzten deutlich ins Gesicht geschrieben, als sie sich nach einem kurzen Moment der Verwirrung mit unverhohlener Begeisterung begrüßten.

Maria: Mehdi? Die Oberschwester meinte, Lilly sei hier? Könnte ich Sarah auch kurz bei euch lassen? Ausgerechnet heute ist in ihrer Kita schon eher Schluss, weil die Erzieherinnen ihren Streik für nächste Woche vorbereiten müssen. Gut, ich hab ja für alles Verständnis, aber gerade heute passt es überhaupt nicht. Ich hab noch schnell was zu erledigen und... Oh! Dr. Meier? Wieder im Lande? Was machst du denn hier?
Marc (sieht die überhebliche Kollegin mit unverhohlener Missbilligung an): Frau Dr. Hassmann! Ich gebe die gleiche Frage zurück.
Maria (zeigt ihrem arroganten Kollegen ihr schönstes falsches Lächeln): Witzig! Nettes Veilchen übrigens! Ich hoffe, es hat ordentlich wehgetan?
Marc (funkelt Maria an, bevor er von ihrer Miniversion völlig in Beschlag genommen wird, die sich enthusiastisch an seinen Hals schmeißt): Der Kuhmann hat mehr gejammert. Aber das weißt du sicherlich schon von seinem Wimmern, als du ihm heute Morgen die Verschönerungspaste aufs Gesicht gedrückt hast, hm? Hat aber nicht viel genützt, er sieht immer noch genauso alt aus wie vorher. Du solltest deine Anti-Aging-Creme wechseln. ... Hey?
Sarah (knuddelt den verdutzten Chirurgen ab): Onkel Maaarc! ... Liiillyyy!
Lilly (drückt ihre kleine Freundin herzlich an sich, nachdem Marc sie mit einiger Mühe abgeschüttelt hat, u. zieht sie mit runter auf den Fußboden, wo sie bereits das bunte Papier ausgebreitet hat): Hallo Sarah! Willst du mit basteln?
Sarah (klatscht vor Begeisterung in die Hände): Au ja! Was bastelt ihr denn?
Marc (zischt durch seine zusammengepressten Zähnen, ohne die sichtlich amüsierte Oberärztin aus den Augen zu lassen, die mit verschränkten Armen am Türrahmen lehnt u. die Szenerie beobachtet): Wir basteln gar nicht. Sie will... Egal! Ich... muss... los. Ich bin Oberarzt und ich hab wichtige...
Maria (fällt dem sich windenden Machoarzt prompt ins Wort): Ja, ja! Meier, jetzt gebärde dich doch nicht so großkotzig. Es ist doch momentan ruhig auf Station. Dein Name steht nicht auf dem OP-Brett. Und es sind doch auch nur zwanzig Minuten, vielleicht ne halbe Stunde. Mehr nicht. Es geht nicht anders. Ich... Es ist wichtig. Also mir nicht, aber... Egal! Und wenn Mehdi gerade nicht da ist, dann musst du eben herhalten. Ist ja jetzt auch nicht das erste Mal. Ihr kommt doch klar, oder, Motte?
Sarah (schaut zu ihr hoch u. winkt ihr zum Abschied): Ja, Mamiii! Viel Spaß!
Maria (kurz irritiert): Viel Spaß? Was...?
Weiß sie etwa was? Ich bring ihn um! Wenn er geplaudert hat, dann kann er sich seine bescheuerten Pläne dahin stecken, wo die Sonne nie scheint.
Marc (protestiert lautstark): Ey, ich hab ‚nein’ gesagt. Das Wort sollte dir doch geläufig sein, oder? Ihr Weiber benutzt es doch ständig und betont doch auch immer zusätzlich, dass ein Nein auch tatsächlich ‚nein’ bedeutet. Das... Das ist kein verdammter Kindergarten hier und ich bin nicht... Warte doch auf den Kinderflüsterer! Er... Hey? Hassi? Boah! Diese blöde Zi...

...ege! Bloß weil sie ein Kuhsteak aufm Grill hat, heißt das nicht, sie kann sich alles erlauben.

Aber ehe Dr. Meier weiter gegen sie wettern konnte, war die taffe Neurochirurgin schon wieder völlig unbeeindruckt zur Tür hinausmarschiert und hatte diese von außen zugemacht. Mit bedröppeltem Gesicht starrte Marc jetzt auf die blaue Tür und drehte sich dann ganz langsam zu den beiden kichernden Mädchen um, die einträchtig im Schneidersitz auf dem Fußboden saßen und mit hinreißendem Bambiblick zu ihm hochguckten. Sein Schicksal war ohne sein Zutun besiegelt worden. Der meisterhafte Chirurgengott würde eines äußerst zweifelhaften Todes sterben. Vor Langeweile! Seine talentierten Finger waren doch für so einen Quatsch überhaupt nicht gemacht. Menschliches Fleisch aufschneiden, das war sein Ding. Aber doch nicht so was? Und wieso brachte eigentlich jeder hier seine Kinder einfach so ungefragt mit auf Arbeit? Was sollte das denn? War das überhaupt mit der Kliniksatzung vereinbar? Also, er würde das später einmal ganz anders handhaben. So weit kam es noch, dass hier nur noch Kinderfüße herumtrappelten. Vor allem auf seinen Nerven. Es reichte doch schon, dass er nur von Dilettanten umgeben war. Lustlos schob der grummelnde Oberarzt seinen Kittel etwas hoch und setzte sich zu den beiden Grinsefeen auf seine vier Buchstaben.

Marc: Also, was wird das jetzt hier für ein Zirkus?
Sarah (grient ihn an): Zirkus? Hihi!
Lilly (muss auch kichern, aber reißt sich schnell wieder zusammen, als sie Marcs finsteren Ameisenblick bemerkt): Ich habe mir gedacht, wir basteln ein Sternemobile für die Babys oder so ein Leuchtding, das Sterne an die Decke und die Wand spiegelt. Also, so eine Art Lampenschirm, den man nur noch über das Nachtlicht stecken muss und dann leuchtet alles wie draußen am Sternenhimmel. Das wäre doch schön.

Schön? Schön ist was anderes. Oje! Wo ist eigentlich Haasenzahn, wenn man sie mal braucht? Ey, ständig klebt sie an einem wie eine Klette, aber jetzt ist sie unauffindbar. Das wäre doch genau ihr Ding. Hilfe!

Sarah (ihre Augen beginnen zu leuchten u. sie strahlt einen sehr skeptischen Dr. Meier an): Au ja! Da freut sich die Mami bestimmt. Ich will auch so was. Für meine Schwestern und mich. Für unser neues Zimmer in unserem neuem Zuhause.
Marc (hebt argwöhnisch seine Augenbrauen): Könnt ihr so was überhaupt?
Lilly (guckt erst irritiert Sarah, dann ehrfürchtig Marc an u. greift spontan in seine Kitteltasche, um sein Handy herauszufischen): Ich bitte dich, Onkel Marc! Das kann ja wohl jeder. Sogar du!
Marc (schaut ihr sprachlos dabei zu, wie sie zielsicher auf seinem Handy herumtippt, u. kann sich nicht mehr rechtzeitig gegen ihre Dreistigkeit zur Wehr setzen): Hey! Was soll das? Gib mir sofort mein Telefon wieder, Lilly! Ich meine es ernst. Das ist ein wichtiges Arbeitsgerät. Ich bin immer noch im Dienst.
Lilly (hält ihm stolz den Bildschirm vor die Nase): Hast du noch nie was von Tutorials gehört, Onkel Marc? Schau mal! So ungefähr könnte es aussehen. Pipieinfach!
Sarah (ist voll auf ihrer Seite u. himmelt sie an): Genau!
Marc (blickt Lilly verständnislos an u. widmet sich dann dem Video, das sie abspielt): Was?
Lilly (überlässt ihm das Handy u. macht sich schon eifrig an die Arbeit): So wird’s gemacht und so machen wir das jetzt auch. Sarah malt die Sterne und du schneidest sie aus. Wir nehmen das Papier hier als Untergrund für den Himmel und das glitzernde für die Sterne. Hast du eine Schere für uns?
Marc (seine Augenbrauen schießen ungläubig nach oben): Was heißt denn hier, dass ich mitmache? Ich passe lieber auf, dass ihr euch nicht gegenseitig die Gliedmaßen abschneidet.
Sarah (kichert vergnügt u. beginnt mit großer Freude zu zeichnen, als Lilly ihr einen Stift aus ihrer Federmappe reicht): Du bist lustig.

Sag mal! Denkt hier etwa jeder, ich bin ein Clown, oder was? Ich finde das überhaupt nicht lustig. Das ist die bescheuertste Idee, von der ich je gehört habe. Wozu gibt es denn Babyläden? Hey, in dem, in dem wir neulich waren, hing doch auch so ein Teil an der Decke. Wieso kompliziert, wenn es auch einfach geht? Aber Haasenzahn ist auch so. Das ist bei den Weibern vermutlich genetisch vorbestimmt. Oje! Worauf hab ich mich hier nur eingelassen?

Lilly (schaut den lustlosen Chirurgen energisch an): Nein, du machst auch mit, Onkel Marc. Mitgehangen, mitgefangen! Gretchen freut sich bestimmt auch darüber. Für die Zwillinge. Für das Zimmer, das ihr plant. Du hast ihr schließlich kein Geschenk aus Amerika mitgebracht.
Sarah (klappt ungläubig den Mund auf u. starrt ihren großen Helden mit großen Augen an): Du hast ihr kein Geschenk mitgebracht? Oh, das macht man aber nicht. Also, mein Papi, der hat mir...
Marc (wehrt sich mit Händen u. Füßen gegen diesen unverschämten Verdacht u. fällt der vorlauten Sechsjährigen sofort ins Wort): Hey, jetzt werde mal nicht frech, Fräulein. Ich hab sehr wohl Geschenke mitgebracht, ja.
Lilly (nickt zufrieden u. holt die restlichen Arbeitsmaterialien vom Schreibtisch ihres Vaters, inklusive der Schreibtischlampe zum Probieren): Gut, dann weißt du ja, wie es geht.
Marc: Ääähhh...

Marc war nicht zum ersten Mal sprachlos an diesem Tag angesichts so viel kindischer Dreistigkeit, mit der ihm hier begegnet wurde. Wie machten die beiden das nur immer wieder, dass sie ihn so schnell um den kleinen Finger wickeln konnten? Das war ja richtig angsteinflößend. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, was in der Zukunft noch alles auf ihn zukommen würde, wenn sich seine Prophezeiung nicht erfüllte. Mit zusammengekniffenen Augen guckte er von dem einen frechen Früchtchen zum anderen und musste zu seinem Leidwesen feststellen, dass er gegen diese geballte Charmeoffensive überhaupt keine Chance hatte. Grummelnd schnappte er sich also eine Schere und nahm lustlos das Stück Papier in die Hand, auf das Sarah schon eine Vielzahl Sterne in unterschiedlichen Größen gezeichnet hatte. Beim konzentrierten Ausschneiden stellte Marc fest, dass er intensiv von der Seite beobachtet wurde, und das nervte ihn fast noch mehr als die Tatsache, zu was er hier gerade gezwungen wurde.

Marc: Is was, du Kröte?
Sarah: Weißt du, Onkel Marc, dass mein Papi auch genau so ein blaues Auge hat wie du? Nur heute Morgen war es komischerweise schon wieder weg.

Lorelei Offline

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23.05.2016 13:30
#1567 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Auch anderen Orts wurden gerade die wildesten Theorien zu genau diesem Thema aufgestellt, auch wenn lediglich eine Beteiligte des Gesprächs wirklich reges Interesse an der Aufklärung der möglichen Hintergründe der offensichtlichen Ereignisse hegte. Die andere Dame neben ihr auf der filigran geschnitzten, massiven Holzbank ignorierte dagegen stoisch die Begehrlichkeiten ihrer nervigen Kollegin. Sie schlug ihre schlanken Beine übereinander, rückte ihren engen Businessrock zurecht, der im Sitzen noch mehr Stoff einbüßte, wie bereits durch ihre immer runder werdende Körpermitte, auf der bedächtig ihre Hände ruhten, und guckte geradeaus in die Weite der Umgebung. Hin zum See, auf dem sich die Sonnenstrahlen an diesem herrlichen verfrühten Frühlingssommertag spiegelten und glitzernde Trugbilder schufen, die ihre Augen hartnäckig blendeten. Sie musste blinzeln.

Sofort zog sie ihre Designersonnenbrille aus ihrer vom Wind leicht strubbelig gewordenen Kurzhaarfrisur und setzte sie wieder auf. Eigentlich das unmissverständliche Zeichen für ihre Banknachbarin, dass sie keinerlei Interesse an der Weiterführung dieser endloslangen, sinnlosen Diskussion hatte. Aber wann hatte Dr. Margarethe Haase je auf sie gehört? Mit ihrem eigenwilligen Kopf eckte ihre ehemalige Schülerin doch schon seit jeher überall an und gewann damit Herzen, anstatt eine ordentliche Verwarnung, die sie allein schon für ihr Dauernerven mehr als verdient hätte. Doch Gretchen plapperte weiter unaufhörlich auf sie ein und gestikulierte dabei wild mit ihren Armen in der Luft herum, dass man aufpassen musste, nicht irgendwann von ihr getroffen zu werden. Als hätte jemand ihr Hirn stimuliert, im Minutentakt neue Gespinste auszuspucken. Wenn sie jetzt ihren Arztkoffer dabei gehabt hätte, wüsste sie, wie sie dem Einhalt gebieten könnte. Aber daran hatte Dr. Maria Hassmann nicht gedacht, als sie sich in ihrer wohl verdienten Mittagspause mürrisch auf den Weg hierher gemacht hatte. Was zum Teufel hatte sie eigentlich geritten, fragte sich die Neurologin zum hundertsten Mal in zwanzig Minuten, kam aber wieder zu keinem befriedigenden Ergebnis und hörte deshalb auch nur halbherzig ihrer blondgelockten Begleiterin zu, die ihr immer noch die Ohren zuquasselte, sodass man befürchten musste, dass sie irgendwann anfangen würden zu bluten.

Gretchen: Findest du das nicht auch komisch?
Maria: Definiere ‚komisch’?
Gretchen: Na, dass beide nicht zugeben wollen, was da genau zwischen ihnen vorgefallen ist. Maria, sie haben sich geschlagen. Und jetzt tun sie so, als wäre nie etwas gewesen. Du hast die beiden nicht gesehen heute Morgen am Fahrstuhl, das wirkte eindeutig anders als sonst.
Maria (sieht sie sichtlich genervt von der Seite an): Und das soll mich jetzt warum genau tangieren?
Gretchen (taxiert sie hartnäckig mit ihren hypnotischen blauen Augen): Es sind unsere Männer!
Maria (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern u. schaut wieder desinteressiert in die Ferne): Na und? Also, mir ist ziemlich schnuppe, was sie außerhalb ihrer Dienstzeiten machen. Wenn sie sich unbedingt die Köpfe einhauen wollen, bitte, dann sollen sie’s tun. Hauptsache, sie belästigen mich nicht mit ihrem neandertalertumben Kindergartengezanke.
Gretchen (eingeschnappt, weil es ihr nicht gelingt, ihre Freundin auf ihre Seite zu ziehen): Also deine Nerven möchte ich haben.
Maria (zynisch): Das willst du nicht wirklich.

Okay, stimmt! Hihi!

Gretchen (schmunzelt über diesen eigenwilligen Gedanken, aber dann kommen ihr die Bilder von heute Morgen wieder in den Sinn u. sie wird nachdenklich): Aber das ist es ja nicht nur, Maria. Ich finde es nur komisch, dass Marc überhaupt nichts dazu sagen möchte. Er ist doch sonst immer geradeheraus, egal, was andere davon halten. Und wenn er Cedric eins reinwürgen kann, dann ist er doch immer der Erste, der bei ihm anklopft und sich dann feiern lässt, wenn die Pointe gelungen ist. Und er steht dann auch dazu. Aber diesmal lässt er sich keinen Kommentar entlocken. Ich glaube ihm nicht, dass es ihm so unwichtig ist. Vielleicht sollte ich Cedric ja mal fragen, was da war?
Maria (fährt abrupt zu ihr herum): Das wirst du nicht tun, Haase! Weil du dann nämlich genauso gegen eine Tür laufen wirst, was übrigens die Ausrede von ihm ist, die er Sarah aufgetischt hat, die mindestens genauso nachgebohrt hat wie du Nervensäge.
Gretchen (horcht interessiert auf): Da, siehst du! Er windet sich auch um die Wahrheit. Findest du das nicht auch sonderbar? Man kann doch über alles reden.
Maria (seufzt entnervt auf, weil ihre Freundin einfach keine Ruhe geben kann): Nein! Oder fändest du es besser, wenn er ihr mit einem schadenfrohen Grinsen erklärt, er würde sich mit anderen Leuten schlagen, auch noch mit welchen, die sie gerne hat? Na, dann gute Nacht, Gretchen. Er ist eh schon das schlimmste Vorbild, das ich mir für Motte vorstellen kann.
An dieser schlüssigen Argumentation ist schon etwas dran, ja, aber trotzdem könnten sie doch wenigstens vor uns zu dem stehen, was sie verbockt haben. Mein Gott, ihr Streit liegt jetzt wie lange zurück? Zehn Jahre? Da hat doch die Verjährung schon längst gegriffen, oder?
Gretchen (lehnt sich mit ihrem Rücken an die Banklehne zurück u. schaut schmunzelnd zur Seite): Jetzt übertreibst du aber. Er geht doch sehr liebevoll mit seinen Töchtern um.

Sabine: Also, wenn ich etwas dazu sagen darf, Frau Doktor, ich finde...

...wollte sich nun auch die Dritte im Bunde in die interessante Unterhaltung miteinbringen, die sie nur mit einem Ohr halbherzig hatte verfolgen können, nachdem sie das sanfte In-den-Schlaf-Wiegen ihres kleinen Pflegesohnes im Kinderwagen beendet hatte, aber Dr. Hassmann fuhr der geschwätzigen Stationsschwester sofort über den Mund. Die sichtlich gereizte Oberärztin hatte nämlich endgültig genug von der albernen Diskussion, die sie in ihrer Entscheidungsfindung überhaupt nicht weiterbrachte. Außer dass sie nur noch sauerer auf ihren Exehemann wurde.

Maria: Nein, danke, Schwester Sabine! Ich glaube, dieses unnichtige Thema haben wir jetzt lange genug durchgekaut. Es wird langsam fad.
Sabine (beißt sich auf ihre Lippen u. guckt unsicher zu ihrer besten Freundin, die auf der anderen Bankseite neben der zickigen Neurochirurgin sitzt): Ja?
Gretchen (blickt ihre mürrische Kollegin eingeschnappt von der Seite an): Was soll denn das bitte heißen? Darf ich mir jetzt keine Gedanken mehr darüber machen, weil sich mein Freund komisch benimmt?
Maria (verdreht genervt die Augen): Du machst aus einer Mücke einen Elefanten, Haase. Ist doch gut, wenn beide eins auf die Rübe bekommen haben. Männer brauchen das manchmal. Das weißt du doch. Rückt die Synapsen wieder zurecht. Und bei den beiden war das schon lange überfällig.
Sabine (staunt): Ehrlich?
Maria (grinst spöttisch): Männer kommen doch bekanntlich vom Mars und wir wesentlich intelligenteren Frauen von der Venus. Absolute Inkompatibilität. Wenn Sie verstehen?
Gretchen (verschränkt ihre Arme vor ihrer Brust u. schüttelt den Kopf): Sehr witzig, Maria.
Maria (schiebt ihre Sonnenbrille zurück ins Haar u. grinst immer mehr, weil sie sich wieder obenauf wähnt): Wieso? Oder was ist daran bitte neu, dass wir uns ständig über unsere Kerle aufregen? Weißt du eigentlich, wie viel produktive Zeit wir damit vergeuden? Zeit, die wir anstatt ihrer im OP verbringen könnten.

Wo sie recht hat...

Gretchen (murmelt kleinlaut): Du vielleicht!
Sabine (hat dazu auch noch einen schlauen Kommentar hinzuzufügen): Also, Günni und ich, wir kommen sehr gut zurecht.
Maria (blickt abfällig zur Seite): Ihr kommt ja auch von einem anderen Stern, der irgendwo weit hinter dem Mond liegt.
Sabine (verunsichert): Oh?
Gretchen (springt ihrer besten Freundin zur Seite, die eingeschüchtert den Kopf gesenkt hat u. den Kinderwagen nun bedächtig hin u. her wiegt): Maria! Du musst deinen Ärger nun wirklich nicht an uns auslassen. Ich dachte, wir verbringen hier eine schöne, ruhige Zeit, bis das Krankenhaus uns wieder ruft? Und das wird sehr bald der Fall sein.
Maria (reagiert zickig auf Gretchens unverschämte Anschuldigung): Ich bin nicht verärgert. Ich bin nur... Egal! Und überhaupt, ihr müsst ihn euch ja auch nicht anhören. Ich hab um kein Gespräch gebeten.
Gretchen (schaut ungläubig auf u. stellt sie eingeschnappt zur Rede): Äh... hallo? Oder muss ich dich daran erinnern, dass du uns quasi hierher entführt hast? Du wolltest, dass wir mitkommen. Wir wollten gerade unseren Mittagsspaziergang mit dem Kinderwagen beenden und ins Elisabethkrankenhaus zurückkehren, wo ich wirklich noch viel zu tun habe, als du uns im Eilschritt entgegengekommen bist und uns gedrängt hast, mit hierher zu kommen. Nur weil du nicht mit IHM hier alleine sein wolltest.

...brachte Gretchen des Pudels Kern wild gestikulierend auf den Punkt, was sich ihr Gegenüber, dessen Augen sich nun ungläubig weiteten und sich dann zu kleinen, Blitze werfenden Schlitzen verformten, niemals eingestehen würde. Sabine nickte ihrer Stationschefin schüchtern zu, wagte es aber nicht, Dr. Hassmann auch nur eine Sekunde anzuschauen, bei der man förmlich die Rauchwolke über dem Kopf aufsteigen sehen konnte, und konzentrierte sich stattdessen lieber wieder auf den schlafenden Säugling im Kinderwagen, den sie sanft hin und her wippte. Ihre eingeschnappte Kollegin aus der Neurologie reagierte dagegen prompt und ungehalten auf Gretchens harsche Ansage, die tatsächlich einen Kern Wahrheit enthielt, den Maria ihrer sich ständig einmischenden Freundin natürlich niemals zugestehen würde.

Maria: Das... GRRR! Bist du dann mal fertig mit deiner Psychoanalyse, Frau Doktor?
Gretchen (wagt sich selbstbewusst noch weiter hinaus u. wirkt dadurch gleich einen Kopf größer): Wenn du dich endlich mal einkriegen würdest und die Augen aufmachst, Maria! Es ist wunderschön hier. Seit Tagen redest du nur über dieses eine Thema. Wir wollten schon so oft hierhin gehen, aber jedes Mal, wenn die Mittagspause näher gerückt ist, hast du einen Rückzieher gemacht und dir stattdessen irgendeine Beschäftigung gesucht. Hör auf mit den Ausreden und steh dazu!
Maria (an die Wand gedrängt funkelt sie Gretchen beleidigt an): Nicht irgendeine Beschäftigung! Ich bin Oberärztin. Da hat man immer zu tun. Ich hab für den Quatsch hier keine Zeit.
Gretchen (die alte Leier nervt sie so langsam): Und wann dann? Wenn dir mein Vater offizielles OP-Verbot aufbrummt? Oder wenn du bereits in den Wehen liegst?
Maria: Kannst du bitte einmal sachlich bleiben!
Gretchen (hält Marias Funkeldrohblick stand): Ich bin sachlich, Maria. Das hier ist nämlich eine riesige Sache. Nein, Sache ist das falsche Wort. Das ist ein Traumhaus. Und es könnte euch gehören. Du musst nur zugreifen.
Maria (will das alles nicht hören u. keift zurück): Gretchen, ich warne dich!
Gretchen (dreht sich nun ganz zu ihr herum u. greift nach ihren Händen, die sie sanft drückt): Warum machst du es dir nur so schwer, hm? Du liebst das alles hier. Das hab ich in deinen Augen gelesen, als wir hier vorhin angekommen sind. Du hast es auch gesehen. Das Potential.
Maria (äfft sie spöttisch nach u. reißt ihre Hände los): Das Potential? Pff! Was soll ich denn bitte damit anfangen?
Gretchen (macht mit ihrem Arm eine Geste der Weite): Guck über die Wiese, den Garten, die Sträucher und Obstbäume, den See! Du hast sie auch gesehen. Die Bilder, wie Sarah und die Kleinen hier herumtoben und glücklich sind.
Sabine (lächelt ganz verstrahlt): Ich hab es auch gesehen.
Maria (um es nicht zugeben zu müssen, sucht sie sich ein Ventil zum Abreagieren): Wann hab ich Sie eigentlich um Ihre nichtige Meinung gebeten, Schwester Sabine?
Sabine (zuckt ertappt zur Seite): Entschuldigung!
Gretchen (bittet ihre eingeschüchterte Freundin mit einem vielsagenden Blick um Entschuldigung): Du musst dich nicht entschuldigen, Bine. Nicht für etwas, das für jeden offensichtlich ist. Nur für dich nicht, Maria.
Maria (streicht einmal andächtig über ihren Babybauch u. verschränkt dann ihre Arme darüber): Bist du dann mal fertig?
Gretchen (nimmt die Herausforderung an u. funkelt zurück): Nein! Ich bin noch lange nicht fertig. Erst, wenn du von dieser Bank aufstehst und zu deinem Mann da rein gehst, ihn unterstützt und dir wenigstens das Haus ansiehst. Sabine und ich waren vorhin schon drin und wir finden es großartig. Die hellen, großen Räume. Das viele Holz. Dieser ganz eigene, ungewöhnliche Stil, den man bestimmt nirgendwo anders in Berlin findet. Manche Leute würden morden, um in so einem Traumobjekt wohnen zu dürfen.
Maria (reagiert zynisch): Wenn es dir so gut gefällt, dann nimm du es doch! Wir können gerne tauschen?

Die Frau macht mich fertig! Wie kann man nur so stur sein? Selbst jetzt noch. Unfassbar!


Gretchen (verleiert die Augen u. grinst die Zynikerin schließlich keck an): Gerne! Wenn ich mich nicht schon in unser tolles Loft im siebten Himmel verliebt hätte. Es ist bereits Teil unserer Geschichte. Es ist Marcs und mein Zuhause und ich sehe die Zwillinge nirgendwo anders als dort. Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass wir jetzt sogar einen Dachgarten haben?
Sabine (kann sich einen begeisterten Kommentar nicht verkneifen): Und er ist wunderschön und romantisch, vor allem abends, wenn er beleuchtet ist. Haben Sie den schon gesehen, Frau Doktor?
Maria (ihr platzt gleich die Hutschnur): Ihr geht mir so langsam auf den Keks mit euren ungefragten Einwürfen.
Gretchen (dreht sich um u. schaut durch das riesige Panoramafenster ins Innere des Hauses, aus dem Cedric, der gerade angeregt ein Gespräch mit dem Makler führt, ihr fröhlich zuzwinkert): Dagegen könntest du leicht Abhilfe schaffen, Maria.
Maria (folgt ihrem Blick u. verdreht die Augen, als sie Ricks selbstherrliches Grinsen bemerkt): Du hast recht, Gretchen.
Gretchen (blickt irritiert zu Sabine, die auch große Augen macht u. abrupt mit dem Kinderwagenschaukeln aufgehört hat, u. dann wieder zurück zu Maria, die sie plötzlich seltsam angrinst): Ach? Ehrlich?
Maria (springt abrupt von der Bank auf, schlägt selbstbewusst den Kragen ihres blauen Trenchcoats zurück, dessen Saum auf Höhe des Rocksaumes kurz oberhalb ihres Knies endet, u. verabschiedet sich über die Wiese in Richtung Straße): Die Mittagspause ist beendet. Ich hab gleich einen Patienten auf dem OP-Tisch.
Gretchen (schaut der Flüchtenden ungläubig hinterher u. erhebt sich dabei unbewusst von ihrem Platz): Aber... du... du kannst doch jetzt nicht einfach gehen? Was ist denn mit Cedric? Er ist doch noch... Maria? Hey! ... Also, der Frau ist wirklich nicht mehr zu helfen. Aber man kann mir wenigstens nicht nachsagen, ich hätte es nicht versucht.
Sabine: Ja!

Gretchen blickte fassungslos zu Sabine herab, die auch nur unsicher mit den Schultern zucken konnte und nun ebenfalls langsam von der Bank aufstand. Die frisch gebackene Stationsärztin wollte ihrer neurotischen Kollegin schon über die Wiese folgen, aber in dem Moment trat deren Lebensgefährte über die Terrassentür des modernen Einfamilienhauses im kanadischen Stil nach draußen. Er schaute zu den beiden blonden Damen, guckte kurz in den Kinderwagen, in dem Anton immer noch friedlich sein Mittagsschläfchen hielt, und blickte dann in die Ferne, wo er seine geliebte Exfrau dabei beobachten konnte, wie sie mit ziemlich schnellen Schritten den Weg am See in Richtung Elisabethkrankenhaus einschlug, welches sich nur einen knappen Kilometer entfernt befand. Sie zog eine riesige imaginäre Rauchwolke hinter sich her. Marias Freund konnte nur darüber schmunzeln. Er verabschiedete sich per Handschlag von dem Immobilienmakler, der sich auf den Weg zu einem weiteren Termin machen wollte, und wandte sich dann endlich seiner charmanten Chirurgenkollegin und der perplexen Krankenschwester zu, die den Griff des Kinderwagens mit beiden Händen fest umklammert hielt.

Cedric: Was ist passiert?
Sabine (in ihrem gewohnt monotonen trockenen Tonfall): Die Frau Doktor ist gegangen.
Cedric (sieht die trantüddelige Schwester etwas konfus an): Äh... Ja? Das... sehe ich.
Gretchen (guckt den Neurochirurgen mitleidig an): Tut mir leid. Sie ist...
Cedric (vollendet schmunzelnd ihren angefangenen Satz): ...kompliziert, zickig, eigen? Mach dir keinen Kopf, Gretchen, das ist mir nicht neu. Ich war ehrlich gesagt ziemlich erstaunt, dass sie sich überhaupt dazu hat überreden lassen, den Besichtigungstermin mit mir wahrzunehmen. Ich dachte schon, ich wäre zu forsch gewesen, aber der Termin hat sich nun mal spontan ergeben, weil Herr Sauerland gerade in der Nähe zu tun hatte und ihm ein Kunde abgesprungen war.
Gretchen (überrascht, dass er so gelassen bleibt): Aber sie hat es sich nicht mal angeguckt. Sie hat immer nur stur geradeaus zum See geschaut und naja, ziemlich viel gemeckert. Meistens mit mir.
Sabine: Herr Doktor, das ist wirklich ein sehr, sehr schönes Grundstück.
Cedric (grinst u. wirft noch einmal einen langen, ausgiebigen Blick über das traumhafte Grundstück, das bis zum See reicht): Ich weiß. Und ich bin mir nicht ganz so sicher, ob Mary nicht doch schon mal einen Blick hineingewagt hat. Der Makler hat da vorhin so eine Andeutung gemacht.

Ist nicht wahr? Sie war doch schon mal hier? Ich hab’s gewusst. Diese sture äh... Ziege!

Gretchen: Und was machst du jetzt?
Cedric (grinst über das ganze Gesicht): Auf jeden Fall nicht aufgeben.
Gretchen (ist sichtlich beeindruckt): Wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast, dann ziehst du das auch durch, oder? Aber du weißt schon, dass Maria ganz genauso vorgeht in ihren Entscheidungen. Stattdessen geht sie nämlich lieber operieren.
Cedric (grinst schelmisch): Du weißt doch, Gretchen, ich liebe Herausforderungen. Das ganze letzte halbe Jahr war eine einzige Herausforderung. Und dass sie jetzt einen OP zerlegt, ist eigentlich schon mal ein gutes Zeichen.
Gretchen (kichert wissend u. nutzt geschickt die heitere Atmosphäre für Nachforschungen in einer anderen Sache): Ja, im OP, da reagiert sie sich immer gerne ab und am besten hält man sich von ihr in diesem Zustand möglichst fern. Du, Cedric, wo wir doch gerade unter uns sind, ähm... vielleicht kannst du mir da weiterhelfen?
Cedric (sortiert gerade seine Unterlagen u. blickt interessiert auf): Wobei?
Gretchen (schaut ihm nachdrücklich in die Augen, die sich für den Hauch einer Sekunde ertappt weiten): Du und Marc, was ist da eigentlich genau...
Cedric (fällt der neugierigen Ärztin schnell ins Wort, um abzulenken): Du, ich muss jetzt auch los, Sarah holen und die Kleine in der Krippe wartet bestimmt auch schon auf uns. Die Damen, habe die Ehre!
Gretchen (spürt ihre Felle davonschwimmen u. resigniert): Aber...?

Dr. Stier griente seine beiden erstaunten Kolleginnen mit sichtlichem Vergnügen an, klemmte sich seine Immobilienunterlagen unter den Arm und schlenderte dann lässig seiner längst verschwundenen Lebensgefährtin hinterher, um sie vielleicht noch einzuholen. Sabine und Gretchen schauten ihm perplex hinterher und setzten schließlich auch ihre Treter in Bewegung. Mit jeweils einer Hand am Griff des Kinderwagens spazierten sie in ihrem Tempo dem ungewöhnlich vergnügten Neurochirurgen hinterher und machten sich so ihre eigenen Gedanken über das eben Erlebte.

Sabine: Also, ich verstehe das nicht, Gretchen, wie kann der Herr Doktor denn so gelassen bleiben, wenn die Frau Doktor doch offensichtlich kein Interesse zeigt?
Gretchen (grinst sie geheimnisvoll von der Seite an): Tja, ich könnte jetzt mit dem Zitat einer sehr weisen Frau antworten. Frauen kommen von der Venus und Männer vom Mars.

Es dauerte einen langen Moment, der fast den ganzen Weg bis zum angrenzenden Park des Elisabethkrankenhauses anhielt, und dann kicherte auch die junge Patenkindmutti, die trotz ihrer sehr glücklichen Ehe mit Dr. Gummersbach in Beziehungsdingen noch recht unbeholfen und naiv war. Denn sie hatte am Hintereingang der Notaufnahme das wiedervereinte Paar in seltener Eintracht entdeckt. Doch ehe die beiden Freundinnen die beiden Pappnasen ebenfalls erreicht hatten, hatten diese sich schon wieder getrennt und waren jeweils ihrer eigenen Wege gegangen.

Lorelei Offline

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31.05.2016 14:22
#1568 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Nachdem sich Gretchen rührselig von ihrer lieben Freundin Sabine und dem kleinen, wieder sehr munteren Anton verabschiedet hatte, den sie fast nicht hatte loslassen wollen, nachdem sie den hinreißenden Fratz die letzten Meter bis zum EKH auf dem Arm getragen hatte, war auch sie wieder auf ihre Station zurückgekehrt. Doch bevor sich die eifrige Stationsärztin an die Arbeit machen wollte, wollte sie nach einer kurzen Stippvisite am Schokoautomaten noch schnell bei ihrem allerliebsten Oberarzt vorbeischauen, um sich bei ihm noch eine weitere Süßigkeit in Form hochdosierter honigsüßer Küsse abzuholen. Sie war überrascht, ihn nicht in seinem Büro anzutreffen, aber ein genervter Hinweis von Oberschwester Stefanie brachte sie schnell auf die richtige Spur. Vorsichtig öffnete sie die Tür zu Mehdis Sprechzimmer und staunte nicht schlecht, was sie dort zu sehen bekam. Ihr Herz schlug gleich ein paar Takte höher als sonst.

Marc (bemerkt die heimliche Beobachterin überhaupt nicht, weil er die kleinen Nervensägen im Auge behält): Hey, du machst das ja schon richtig gut. Vorsicht mit dem Kleber! Nicht zu viel von dem ekligen Zeug! Sonst bleiben deine Pfoten für immer daran kleben und ich muss doch noch meinen Arztkoffer holen, um ein bisschen zu säbeln.
Sarah (hängt gebannt an seinen Lippen, während sie konzentriert weiterbastelt): Ich pass auf, Onkel Marc! Versprochen!
Lilly: So und jetzt kleben wir die Seiten vorsichtig übereinander. Und wenn sie getrocknet sind, dann rollen wir sie zu einer Röhre und stecken sie an ihren Enden zusammen und sind fertig. Machst du schon mal die Lampe zum Testen bereit, Onkel Marc?
Marc (beobachtet die aufgeweckte Neunjährige aufmerksam, während er die Strippe des Verlängerungskabels für die Schreibtischlampe heranzieht, die er zum Testen auf den Fußboden gestellt hat): Ai, ai, Frau Kapitänin! Deine Hände zittern ja gar nicht. Welch Präzision! Mit den Händen könntest du Chirurgin werden.
Lilly (strahlt ihn an): Echt?
Sarah: Und ich?
Marc (verdreht die Augen): Ääähhh... Was hab ich vorhin zum Thema Leim gesagt? Hey! Wehe, du fasst damit meinen Kittel an! Warte! Wir machen das erst mal saubern. Komm!

Als sich Marc mühsam vom Fußboden hoch hievte, um die tapsige Sechsjährige halb hebend zum Waschbecken in der Ecke rüberzuführen, hatte Gretchen die Zimmertür bereits langsam wieder geschlossen. Sie war so gerührt von der Szene eben, dass ihr unbemerkt ein paar Glückstränchen über die Wange kullerten. Dem Mann, der ihr gerade fröhlich auf dem Flur der Gyn entgegenkam, blieben sie jedoch nicht verborgen. Besorgt legte er seine Hand an ihre Schulter und blickte seine beste Freundin fragend von der Seite an.

Mehdi: Hey? Gretchen? Was ist denn los? Alles in Ordnung?
Gretchen (wischt sich hektisch über die Wange u. lächelt ihren besten Freund glückstrahlend an, der ihr sofort charmanterweise ein Papiertaschentuch aus seiner Kitteltasche reicht): Alles bestens, danke, Mehdi!
Mehdi (schaut kurz auf ihre kleine Schwangerschaftsmurmel herab, die unter ihrem Arztkittel eindrucksvoll hervorguckt, grinst u. blickt dann in Richtung seiner Bürotür): Wolltest du zu mir?
Gretchen (tupft sich kurz über die Augenwinkel u. steckt das gebrauchte Taschentuch anschließend in ihre Kitteltasche, in die sie nun auch ihre Hände tief vergräbt): Zu Marc.
Mehdi (runzelt verwundert die Stirn): Wenn ich nicht ganz genau wüsste, dass du in der Vergangenheit sogar blind und ohne Navi sein Zimmer orten konntest, dann würde ich mich dann doch stark wundern, warum du jetzt ausgerechnet vor meiner Tür gelandet bist. Oder muss ich das auf eine beginnende Schwangerschaftsdemenz schieben? Die habe ich bei dir eigentlich nicht gesehen.
Gretchen (klatscht ihrem frotzelnden Frauenarzt kichernd auf den Arm u. schmiegt sich dann an selbigen): Hey! Nicht frech werden, Mister! Ich weiß nämlich aus gut unterrichteter Quelle, dass er schon eine ganze Weile hier drin ist.
Mehdi (schaut verdutzt zu der blauen Tür mit seinem Namensschild u. grinst wissend): Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn Lilly sich ihn nicht geschnappt hätte, die Halunkin.
Gretchen (lacht mit ihm um die Wette): Sie hatte ja auch tatkräftige Unterstützung.
Mehdi (überrascht): Ach?
Gretchen (lächelt vielsagend): Sarah Hassmann.
Mehdi (blickt wieder zur Tür, tritt heran u. lauscht): Und er ist noch nicht geflüchtet?
Gretchen (drückt ihre Hände an ihr wild pochendes Herz u. strahlt ganz verklärt): Sie spielen, nein, sie basteln. Irgendwas mit Sternen, glaub ich. So genau konnte ich das nicht erkennen. Ich wollte sie auch nicht stören.
Mehdi (löst sich wieder von der Tür, weil er nichts gehört hat, u. grient seine besten Freundin fröhlich an): Er wird uns umbringen.
Gretchen (nickt zustimmend): Höchstens, wenn er erfährt, dass wir wissen, wie viel Spaß er gerade da drin hat.

Und als Gretchen wieder daran dachte, was sie heimlich beobachtet hatte, begannen auch schon wieder die Tränchen unkontrolliert zu kullern. Der freundliche Frauenarzt zog seine schwangere beste Freundin sanft in seine Arme und tätschelte ihr liebevoll über den Rücken, um sie zu beruhigen. Aber das aktivierte den Haasschen Wasserfall nur noch mehr.

Mehdi: Und das ist so schlimm?
Gretchen (schnieft herzerweichend gegen seinen Kittelkragen): Nein!
Mehdi (legt seinen Kopf leicht schräg u. schaut sie an): Aber?
Gretchen (versucht, sich wieder zu beruhigen, u. guckt Mehdi peinlich berührt in die Augen): Überhaupt kein Aber.
Mehdi (nickt verständnisvoll u. tupft mit einem Taschentuch über ihre leicht geröteten Augen): Die Hormone bringen dich ganz schön durcheinander, was? Aber zu deiner Beruhigung. Ich habe gerade deine Blutergebnisse erhalten. Es liegt alles in der Norm. Ihr Drei seid putzmunter und gesund.
Gretchen (lächelt dankbar): Das ist es nicht, Mehdi. Es ist Marc. Weißt du, ich habe mir nie vorstellen können, wie es sein würde, wenn Marc und ich... Ach, Quatsch, natürlich habe ich mir das vorgestellt. Seit meiner Pubertät habe ich nur davon geträumt und seitenweise Tagebuchseiten mit meinen Tagträumen gefüllt. In hunderttausend Facetten habe ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, mit ihm zusammen zu sein, mit ihm zu leben, alles zu teilen, Spaß zu haben und auch eine Familie zu gründen.
Mehdi (lächelt bei dem Gedanken): Und?
Gretchen (seufzt u. wird verlegen): Natürlich hat ein Teil von mir immer gewusst, dass es nie so sein würde, wie ich mir das vorstelle. Ich meine, du weißt doch auch ganz genau, wie er ist. Dass er niemals so sein würde, wie ich ihn mir in meiner Fantasie gebacken habe. Marc Meier war immer ein rosarotes Phantom.
Mehdi (schmunzelt u. zieht sie damit auf): Das würde ich ihm so besser nicht sagen.
Gretchen (erwidert sein ansteckendes Schmunzeln u. schmiegt ihren Kopf an seine Schulter): Marc weiß ganz genau, wie ich über ihn gedacht habe und manchmal heute noch denke. Dafür muss er nicht einmal in meinen Tagebüchern blättern. Das liest er mir auch so an der Nasenspitze ab und macht sich darüber lustig. Aber das ist auch nicht der Punkt, Mehdi. Der Punkt ist, dass ich einfach nur völlig baff und überwältigt bin, was seine baldige Vaterschaft mit ihm macht. Er geht so darin auf. Er ist der wahre Prototyp, der bei weitem nicht an meine rosaroten Illusionen von damals herankommt, weil er einfach viel, viel besser und eindrucksvoller ist. Und ich kann nicht mal in Worte fassen, wie sehr ich ihn gerade in diesem Moment liebe.

Mit verlegenem Augenaufschlag schaute Gretchen auf und traf direkt auf ein funkelndes Kastanienbraun, das sie intensiv taxierte. Gerade diese beruhigende Art schätzte sie an ihrem besten Freund. Ihm konnte sie alles anvertrauen, ohne dass es ihr peinlich sein müsste. Denn Mehdi urteilte nicht über sie. Er konnte zuhören. Und er verstand sie. Auch wenn sie selber gerade nicht verstand, wieso sie auf einmal so furchtbar sentimental wurde.

Gretchen: Du findest das blöd, oder?
Mehdi (lächelt u. zwinkert ihr bedeutungsvoll zu): Liebe ist alles, aber ganz bestimmt nicht blöd. Und ich muss ehrlich zugeben, dass mir der verbesserte Proto-Marc auch sehr gut gefällt, also, rein platonisch versteht sich.
Gretchen (schmiegt sich kichernd in seine Arme): Selbstverständlich!
Mehdi (drückt sie liebevoll an sich u. blickt ihr dann direkt in die immer noch feucht schimmernden Augen): Weißt du, Gretchen, ich glaube, Amerika kam genau zur richtigen Zeit für ihn. Neben seinem Traumchirurgenjob, dem er dort mit Feuereifer nachgehen konnte, konnte er das mit euch auch erst einmal sacken lassen. Vorher stand er so unter Strom, dass man aufpassen musste, dass er einem und sich selbst nichts antut. Ich werde die Nacht nach der doppelten Babynachricht jedenfalls niemals vergessen.
Gretchen (strahlt mit ihm um die Wette u. gerät richtig ins Schwärmen): Stimmt! Er ist viel entspannter und nicht mehr so unsicher, wenn es um unsere Zukunft zu Viert geht. Er freut sich so, versteckt das nicht und das macht mich glücklich.
Mehdi (lächelt u. verhehlt nicht, wie stolz er auf seinen Kumpel ist): Ich weiß. Mich auch. Denn endlich kann man sich mit ihm in einem einigermaßen erwachsenen Ton über all die Dinge unterhalten, die Vätern nun mal wichtig sind, ohne dass man gleich einen selten dämlichen Spruch von ihm kassiert, weil er es nicht besser weiß. Gut, er reißt immer noch seine Klappe meterweit auf, er bringt Lilly Unsinn bei, aber in seinen Augen kann ich lesen, dass es ihm schon auch etwas bedeutet.

Die ungewöhnliche Eintracht der beiden innigen Freunde blieb nicht unbeobachtet. Schwester Gabi kam gerade aus einem Patientenzimmer, als ihr die beiden Weißkittelträger vor der Bürotür ihres Liebsten sofort ins Auge fielen. Und das kleine Alarmsignal in ihrem Kopf, das seit jeher selbst auf den kleinsten und unnichtigsten Reiz reagierte, schrillte sofort laut auf. Und ihre beiden Füße suchten den Weg nach vorne von ganz alleine, obwohl sie eigentlich in die andere Richtung gemusst hätte, weil das Stationszimmer seit fünf Minuten unbesetzt war. Doch stattdessen stand sie nun hinter dem ihrer Meinung nach viel zu vertrauten Freundespaar, das die Stirn aneinander lehnte und sie noch nicht bemerkt hatte, aber hütete sich bemüht davor, nicht allzu eifersüchtig zu wirken. Innerlich kochte Gabi aber dennoch fast über und das hörte man ihrer zittrigen Stimme auch an.

Gabi: Stör ich?
Gretchen: Überhaupt nicht! Er gehört dir.

Gretchen löste sich kichernd von Mehdis Hals, um sich im nächsten Moment schwungvoll an den der perplexen Krankenschwester zu werfen, die von der spontanen Umarmung ihrer einstigen Feindin so überrumpelt war, dass sie sich nicht mal dagegen wehren konnte. Und ehe sich Schwester Gabi wieder berappelt hatte, war die blonde Grinsefee auch schon davon geschwebt. Mehdis Freundin starrte der ekelhaft gutgelaunten Stationsärztin irritiert hinterher, bis sie in ihrem neuen Büro am anderen Ende des Flurs verschwunden war.

Gabi: Äh... Was... genau... war das... eben? Ich wollte ihr schon die Augen aus... äh..., aber dann... Du solltest mal ihre Werte checken, Mehdi. Die Hormonbombe macht mir mit ihrer ständigen übertriebenen Freundlichkeit und Übergriffigkeit langsam Angst. Nicht dass man noch denkt, wir wären plötzlich befreundet.
Mehdi (schlingt seine Arme um ihren Nacken u. krault sanft die sensible Hautstelle unter ihrem geflochtenen Zopf): Eifersüchtig?
Gabi (spürt eine wohlige Gänsehaut, die sich wie eine Lawine durch ihren Körper rollt): Auf die? Niemals!
Mehdi (neckt sie): Klar!
Gabi (funkelt ihn beleidigt an): Hey! Provoziere mich nicht! Ich kann hormonell auch gut ausschlagen.
Mehdi (zwinkert ihr verliebt zu, ehe er seine Hände um ihr Gesicht legt u. sie spontan küsst): Mhm... Ich weiß!
Gabi (genießt den Kuss in vollen Zügen u. lässt sich fallen): Du bist gemein. Nie kann man auf dich böse sein.
Mehdi (legt seinen Kopf leicht schräg u. sieht ihr amüsiert in die grünen Funkelaugen): Böse? Auf mich?
Gabi (stupst ihn mit der Faust in den muskulösen Oberkörper u. kuschelt sich dann wieder in seine starken Arme): Mann, du weißt genau, wie ich das meine. Kaum gucke ich eine Minute weg, wuselt auch schon wieder eine deiner Exen um dich herum. Da kann Frau, exponentiell eine schwangere Frau, schon mal ähm... naja... leicht verunsichert sein.
Mehdi (sichtlich gerührt): Ich wusste ja gar nicht, wie sehr du mir vertraust. Aber ich kann dir in diesem besonderen Fall versichern, dass es im Gespräch nur um einen deiner Exen ging.
Gabi (verdreht nach der gelungenen Retourkutsche die Augen): Sehr witzig, Mehdi.
Mehdi (zieht sie noch einmal zu sich heran u. knutscht sie nieder): Ich weiß. Aber ich bin lernfähig, mein Schatz. Wie kann ich das wiedergutmachen, hm?
Gabi (schmiegt sich mit ihrer ganzen aufreizenden Körperkraft an ihn u. klimpert verdächtig mit ihren langen, geschwungenen u. getuschten Wimpern): Ich weiß nicht. Dafür musst du mir schon ordentlich was bieten, mein Lieber. Schlag du was vor!

Mehdi (genießt ihre aufregende Nähe sehr u. spielt das Spiel gerne mit): Hm...? Da ich weiß, dass dir in letzter Zeit ein wenig die Aufmerksamkeit gefehlt hat,...
Gabi (mischt sich sofort ein, um diesem Missverständnis entgegenzuwirken): Mehdi, ich hab mich nicht beschwert und es steht mir auch überhaupt nicht zu, mich da einzumischen. In zwei Tagen ist dein Scheidungstermin mit Anna. Da ist es doch klar, dass ihr Lilly alle Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient hat. Schließlich verändert sich für sie eine ganze Menge. Ich bin voll auf eurer Seite. Wirklich. Das vorhin, das war... ein Aussetzer. Und der ist seine Schuld.
Mehdi (folgt ihrem eindeutigen Fingerzeig u. bleibt gebannt an ihrem wunderschönen winzigkleinen Babybauch hängen, an den er nun seine Hand legt): Seiner?
Gabi (legt ihre Hand über seine u. lächelt verlegen): Ja!?! Wie auch immer. Ich weiß doch auch nicht, wer oder was da bei mir die Schleusen geöffnet hat. Das ist überhaupt nicht meine Art. Und es nervt und ist echt schlecht für meinen Ruf. Ständig muss ich mein Make-up auffrischen, weil es schon wieder die Spree runtergeschwommen ist. Aber ich war in dem Moment so unsagbar glücklich. Mir hat Lillys Namensvorschlag wirklich richtig toll gefallen. Sag ihr das bitte! Ich hab mich gefühlt wie damals, als ich mich während Sabines Hochzeitsfeier in der Garderobe versteckt habe und du völlig anders reagiert hast, als ich gedacht hatte. Das... Keine Ahnung. Manchmal reagiere ich eben total blöd und über. Ich versuche, es in nächster Zeit in Grenzen zu halten und nicht gleich abzuhauen, wenn es zu emotional wird.
Mehdi (hat ihr gebannt zugehört u. schlingt nun seine Arme um sie): Nicht blöd, total süß und unheimlich lieb. Und das weiß Lilly auch. Ich danke dir für dein Verständnis und dein Vertrauen. Das ist gerade eine chaotische Zeit. Für uns alle. Und deshalb finde ich, dass du auch Platz eins verdient hast.
Gabi (blickt ihm verwundert in die verdächtig funkelnden rehbraunen Augen): Platz 1?
Mehdi (strahlt sie vielsagend an, greift nach ihrer zarten, kleinen Hand u. wirbelt sie mit einer lockeren Armbewegung einmal im Kreis herum, um sich anschließend gentlemanlike vor ihr zu verbeugen u. in die Knie zu gehen): Als meine Tanzqueen natürlich.
Gabi (sichtlich überrascht u. leicht benebelt von der aufwühlenden Tanzeinlage): Du willst mit mir tanzen gehen?
Mehdi (zwinkert ihr zu): Unbedingt! Das ist längst überfällig. Und bevor der Kurs verfällt, sollten wir uns noch mal ins Zeug legen, hm? Brad, unser Lieblingstanzlehrer, vermisst uns doch schon schmerzlich.
Gabi (kichert u. zieht den Quatschkopf wieder hoch u. zurück in ihre Arme): Dich vielleicht und deinen sexy Hüftschwung.
Mehdi (erwidert ihr ansteckendes Kichern nicht u. macht stattdessen eine gespielt ernste Miene): Und schau mal, das wäre auch die allerletzte Gelegenheit für dich, mit einem attraktiven, charmanten, verheirateten Mann auszugehen.

So ein Spinner! Als ob mir das wichtig wäre? Ich will nur dich.

Gabi (funkelt ihn verheißungsvoll an u. streicht mit dem Zeigefinger seinen Hals hinab, bis zur Öffnung seines weißen Hemdes): Herr Doktor, Herr Doktor, Sie wissen es aber, eine Frau zu verführen.
Mehdi (grinst): Man(n) tut, was man(n) kann. Es muss ja auch irgendeinen Vorteil haben, ständig mit Frauen zu arbeiten. Da weiß man, was ankommt.
Gabi (ist völlig fasziniert von dem sexy Halbmacho): Schleimer! Dabei stehe ich doch gar nicht auf verheiratete Männer.
Mehdi (gespielt entsetzt): Nicht?
Gabi (knöpft noch einen weiteren Hemdknopf unter seinem Arztkittel auf, um dort mit ihrem Zeigefinger verführerisch entlang zu streichen): Wissen Sie, ich habe es eher auf Oberärzte abgesehen. Ich weiß auch nicht, was die so an sich haben. Wahrscheinlich liegt es an der Macht, die sie ausstrahlen, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen. Und wenn sie dabei noch so heiß aussehen, macht mich das echt an. Ich stehe auf weiße Kittel.
Mehdi (lacht): Hoho! Jetzt hast du mich aber.
Gabi (lacht über sich selbst u. springt ihrem Schatz glücklich um den Hals): Ich weiß!
Mehdi (strahlt sie verliebt an): Also, sagst du ‚ja’? Haben wir ein Date?
Gabi (mit wild klopfendem Herzen sieht sie dem Charmeur in die Augen): Ja! Ich will mit dir tanzen gehen. Unheimlich gerne. Vor allem nachdem mit mir in den vergangenen Wochen überhaupt nichts anzufangen war. Aber umso mehr werde ich heute Gas geben.
Mehdi (verliert sich in ihren aufgeregt hin u. her huschenden Augen): Mhm... Das hört sich gut an.
Gabi (schmiegt sich verliebt an ihn): Ich glaube zwar, dass ich vermutlich alle Schritte vom Tanzkurs wieder vergessen habe, dazu war unsere Pause viel zu lang. Aber ich denke, um dich im Arm zu halten, reicht’s. Eine langsame Rumba würde mir gefallen. Salsa ist mir dann doch noch zu flott. Von den ganzen Umdrehungen wird mir bestimmt schlecht. Ich hab mir schließlich geschworen, nie wieder in meinem Leben eine Kloschüssel umarmen zu müssen.
Mehdi (strahlt): Ist notiert, mein Schatz. Ich freu mich.
Gabi (erwidert sein strahlendes Lächeln, bis ihr plötzlich etwas einfällt): Ich mich auch. Ziehst du dann auch das sexy schwarze Hemd an, das ich dir geschenkt habe? Mhm... das könnte mir gefallen, mich stundenlang daran zu schmiegen. Aber... Moment! Was machen wir denn mit Lilly? Sie ist doch ab heute wieder bei uns. Hat sie eigentlich etwas erzählt, wie es am Wochenende bei ihrer Mutter war?

Mehdi (freut sich über Gabis ansteckende Vorfreude): Superkalifragilistikexpialigetisch!
Gabi (kann ihm nicht ganz folgen): Was?
Mehdi (zwinkert ihr vielsagend zu): Mary Poppins! Weißt du noch, die DVD, die wir neulich zusammen geschaut haben? Übersetzt heißt das so viel wie, sie hatten eine tolle Zeit.
Gabi (der Groschen fällt u. sie lacht): Und? Was machen wir jetzt mit Miss Poppins?
Mehdi (stimmt in ihr herzliches Lachen mit ein): Heute ist der vorletzte Montag des Monats.
Gabi (starrt ihn verständnislos an): Und das heißt jetzt was genau?
Mehdi (grinst über das ganze Gesicht): Heute ist Oma-Tag!
Gabi (es rattert in ihren Gehirnwindungen): Oh!
Mehdi (klärt sie schmunzelnd auf): Sie hat Buchklub und Lilly möchte dann doch immer gerne mit, um währenddessen in der Bibliothek durch die Regale zu stöbern. Der Vorteil für uns, meine Mutter ist gutgelaunt, denn sie hat sich mit ihren Freundinnen intellektuell verausgabt, und bleibt danach auch gerne länger bei uns, bis wir nach Hause kommen, was eh nicht so spät sein wird, weil wir morgen wieder Frühdienst haben und Lilly Schule hat. Der Nachteil, es wird sehr viele, sehr unterschiedliche Fragen von der Prinzessin auf der Erbse geben. Abhängig davon, welche Buchthemen ihre Aufmerksamkeit geweckt haben. Das heißt dann auch viel Recherche für mich und noch mehr Geduld für dich.
Gabi (hört dem stolzen Vater gebannt zu): Ist dir eigentlich schon aufgefallen, wie ähnlich ihr euch seid?
Mehdi (gespielt entsetzt): Meine Mutter und ich?
Gabi (stupst den Spaßvogel kichernd an): Nein, du Idiot! Du weißt ganz genau, wie ich das gemeint habe.
Mehdi (lächelt verschmitzt): Danke für das Kompliment! Das würde, glaube ich, auch Lilly gut gefallen.
Gabi (blickt ihm tief bewegt in die Augen u. streichelt dabei über ihren Babybauch): Weißt du, ich wünsche mir, dass unser Baby so wird wie sie. So aufgeweckt und klug, frech und witzig. Nur das Beste von ihr und dir.
Mehdi (legt ganz gerührt seine Hand an ihre Wange): Och! Du bist süß. Aber du darfst die Mami nicht vergessen.
Gabi (weicht verlegen seinem intensiven Blick aus): Da ist doch nichts Besonderes.
Mehdi (schaut ihr intensiv in die dunkelgrün schimmernden Augen): Doch! Ich finde, da ist im Moment ganz viel.

Mehdi konnte nicht anders. Er packte Gabis Gesicht mit beiden Händen und zog seine Liebste spontan zu einem Kuss heran, der liebevoll und bald auch recht stürmisch von ihr erwidert wurde. Das schwerverliebte Paar hätte vermutlich ewig so innig beieinander stehen können, wenn sich nicht jemand still und heimlich von hinten herangeschlichen hätte, dessen freches Grinsen eine ziemlich ansteckende Wirkung hatte. Zumindest auf denjenigen, der durch die offen stehende Bürotür das Ganze leicht angewidert beobachten musste und der kleinen Lady neben sich die neugierigen Augen zuhielt, die mindestens so groß waren wie Tellerschüsseln.

Lilly: Erwischt! ... Du hattest Recht, Onkel Marc, die knutschen schon wieder.
Mehdi: Na, warte, du Frechdachs! Hab ich dir nicht gesagt, dass man sich nicht heimlich anschleichen soll.

Mehdi war sofort herumgewirbelt, als er die kecke Stimme seiner kleinen Tochter hinter sich bemerkt hatte, und schnappte sich unter den schmunzelnden Blicken seiner Freundin geschwind den Frechdachs, wirbelte ihn hoch und kitzelte ihn anschließend ordentlich durch. Quiekend ließ Lilly sich das gefallen, aber als Dr. Kaan die finsteren Blicke der Oberschwester am anderen Ende des Flurs registrierte, ließ er sein zappeliges Strahlemädchen schnell wieder los, um keinen weiteren Ärger zu riskieren. Und schon war es wieder, wie es sich gehörte, ruhig auf der Station. Vorerst.

Mehdi: Und Prinzessin, hattest du Spaß mit Marc?
Lilly (strahlt über das ganze Gesicht u. holt etwas hinter ihrem Rücken hervor): Und wie! Guck mal, was wir gebastelt haben! Das ist für dich, Gabi.
Gabi (überrascht nimmt sie das kleine Kunstwerk entgegen, mit dem sie im ersten Moment nicht wirklich etwas anfangen kann): Für mich?
Lilly (blickt ihr erwartungsvoll in die Augen): Ja, für unser Baby. Ein Nachtlicht.
Mehdi (streichelt ihr liebevoll übers Haar u. schaut dabei in Richtung seines Büros, in dem Marc nur gespielt gequält die Augen verdrehen kann u. auf Ablösung hofft): Das ist aber lieb von dir, mein Schatz.
Gabi (ganz gerührt drückt sie das Mädchen kurz an sich): Ja, danke, Lilly!
Lilly (wirbelt aufgeregt herum): Das müssen wir heute Abend unbedingt ausprobieren, wenn es dunkel ist. Es sieht total toll aus. Wir haben es ausprobiert.
Mehdi (lächelt u. nickt ihr auffordernd zu): Okay! Holst du bitte deine Sachen! Wir fahren gleich nach Hause.

Lilly nickte ihrem Papa brav zu, rannte zurück ins Sprechzimmer und schnappte sich unter den ungläubigen Blicken von Dr. Meier, der protestierend etwas erwidern wollte, ihren Schulrucksack und ihre Jacke. Dann verabschiedete sich der Wirbelwind auch schon von ihrem großen Vorbild und ihrer besten Freundin.

Lilly: Tschüß, Onkel Marc! Wir sehen uns, Sarah!
Sarah (drückt sie liebevoll an sich): Ja, unbedingt.
Marc: Hey! Habt ihr hier nicht was vergessen?

...rief Marc dem flüchtenden Kaan-Sprössling irritiert hinterher und deutete dabei unmissverständlich auf die Mini-Hassmännin, die immer noch an seinem Arm hing wie ein Klammeräffchen, aber da war Lilly schon aus dem Zimmer gestürmt. Mehdi hatte seinem Kumpel mit Unschuldsmiene zugelächelt und dann die Tür wieder geschlossen. Er wollte sich gerade bei seiner Tochter einhaken, als es in seiner Kitteltasche verdächtig zu piepen begann. Schnell schaute der Gynäkologe auf das Display seines Piepers und wandte sich dann entschuldigend an seine beiden Mädels, die schon in Aufbruchsstimmung waren.

Mehdi: Geht ihr bitte schon mal vor! Ich muss noch mal schnell bei einer Patientin vorbeischauen. Dauert aber nicht lange.
Lilly: Okay, Papa!
Gabi: Ich mache noch schnell die Übergabe mit meiner Ablöse und zieh mich dann um. Wir warten im Schwesternzimmer.
Mehdi: Bis gleich, meine Schönen!

Mehdi drückte jeder seiner Herzdamen einen innigen Kuss auf die Wange und marschierte dann zielsicher auf eins seiner Patientenzimmer zu, in dem er anschließend pflichtbewusst verschwand. Gabi und Lilly schlenderten währenddessen Hand in Hand in Richtung Stationszimmer vor.

Gabi (blickt immer wieder auf die Sternenlampe, die Lilly ihr geschenkt hat): Das ist wirklich eine lieb gemeinte Geste von dir, Lilly. Die bekommt einen Ehrenplatz im Kinderzimmer, ähm... wenn dein Papa endlich mal anfängt, die Kleiderkammer auszumisten und als Babyzimmer herzurichten.
Lilly (strahlt glücklich): Gern geschehen, Gabi! Ich wollte nur, dass du nicht mehr traurig bist.
Gabi (bleibt abrupt stehen u. schaut das verlegene Strahlemädchen an): Traurig, aber wieso denn traurig? Ich war doch gar nicht traurig, nur... ein bisschen... naja... durcheinander. Weißt du, es kommt nicht so gut vor den Patienten, wenn man ständig unkontrolliert in Tränen ausbricht. Und ich war in dem Moment... naja... etwas anfällig dafür. Also bin ich schnell weg, bevor mich jemand gesehen hätte.
Lilly (nickt ihr verständnisvoll zu): Das hat mir Papa schon erklärt. Schwanger zu sein, ist gar nicht so einfach, oder?
Gabi (streicht bedächtig über ihre Minimurmel): Es macht viel mit einem, ja, aber es ist auch die schönste Sache der Welt.

Äh... neben der anderen, die dazu führt, dass man erst wie eine Rumkugel aussieht.

Lilly: Duuu, Gabiii, ich hab mir was überlegt.
Gabi (glaubt an ein Déjà-Vu): Äh... Irgendwie hatten wir das heute schon einmal, oder?
Lilly (lacht): Ja! Wir müssen uns unbedingt auch noch Jungsnamen überlegen.
Gabi (bleibt grinsend vor der Anmeldung stehen, an der sie schnell die Übergabeprotokolle unterschreibt u. sich der Neunjährigen dann wieder zuwendet): Ach? Auf einmal doch?
Lilly (wird ein bisschen rot im Gesicht u. tapst verlegen auf der Stelle): Ja! Ich weiß doch, dass man das nicht wie bei einem Wunschzettel für den Weihnachtsmann vorherbestimmen kann. Die Natur entscheidet. Und ich würde einen Bruder ja auch nicht weniger lieben als eine kleine Schwester. Ich freue mich einfach auf alles, was kommt. Und ich hab schon eine Idee.
Gabi (sieht sie ganz gerührt an): Ja?
Lilly (hüpft überdreht auf der Stelle): Was hältst du davon? Wir könnten das Baby doch vielleicht Marc nennen? Marc ist so ein schöner Name.
Gabi (ihre Augen weiten sich tellergroß): Auf gar keinen Fall!

...machte Gabi unmissverständlich deutlich und flüchtete, bevor sie sich noch mehr darüber aufregen konnte, prompt kopfschüttelnd ins Stationszimmer und anschließend in die Umkleide. Dabei entging der völlig entgeisterten Krankenschwester jedoch das fette Grinsen, das sich nun auf Lillys Gesicht und auch auf dem der Oberschwester abzeichnete, die von ihrem Platz am Empfang aus alles amüsiert mitverfolgt hatte. Onkel Marc hatte mal wieder mit allem Recht behalten, kicherte das neunjährige Mädchen in sich hinein und hüpfte der Freundin ihres Papas schließlich fröhlich hinterher, um noch ein paar ehrlich gemeinte Vorschläge loszuwerden, die dann doch auf mehr Zustimmung bei der schwangeren Achtundzwanzigjährigen stießen als der Letztgenannte.

Lorelei Offline

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08.06.2016 13:41
#1569 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Doch davon ahnte der eigentliche Namensträger und offizielle Streichbeauftragte des Elisabethkrankenhauses gerade nichts. Denn dieser steckte gewaltig in der Klemme. Ein lästiges Anhängsel war er ja mittlerweile zum Glück losgeworden. Das andere wollte ihn aber partout nicht in Ruhe lassen und klebte an ihm wie ein zäher Kaugummi, der schon längst seinen Geschmack verloren hatte. Es war echt zum Mäusemelken mit der kleinen, nervigen Hassmann, die ihn mit ihren großen, hypnotischen, blauen Kinderaugen fixiert hielt, als sei er der Messias persönlich, was zwar an und für sich natürlich stimmte, aber je länger er unfreiwillig als Kinderanimateur auf der Gyn festsaß, umso weniger war er dazu berechtigt, sich als Chirurgengott der Chirurgengötter aufzuspielen. Und nichts wünschte sich Dr. Marc Meier im Moment sehnlicher, als sich endlich wieder ordentlich im OP austoben zu können. Aber man ließ ihn nicht gehen. Weder die wissbegierige und dauerquasselnde Sechsjährige, noch sein Pieper, der einfach nicht anspringen wollte. Er hatte ihn sogar schon kontrolliert und auseinandergenommen, ob er noch funktionierte und die Batterien noch genügend Saft hatten. Aber daran lag es nicht, dass er offenbar nicht gebraucht wurde. Denn es herrschte ausgerechnet heute tote Hose im Elisabethkrankenhaus, was schon selten genug vorkam.

Deshalb hockte der verhinderte Chirurg jetzt auch sichtlich ernüchtert hinter dem Schreibtisch seines hinterlistigen Kumpels, der ihn vorhin einfach wie bestellt und nicht abgeholt unentschuldigt stehen gelassen hatte, und drehte gelangweilt das Leuchtobjekt im Kreis herum, das er mit seinen beiden talentierten Händen, die für so viel mehr prädestiniert waren, geschaffen hatte und das nun unzählige tanzende Sterne an die bunte Babybilderwand in der Praxis von Dr. Kaan warf. Es konnte ihn nicht mehr beeindrucken. Der gefrustete Oberarzt und zwangsverpflichtete Babysitter der Station hatte endgültig genug von dem Blödsinn, sprang von seinem Platz auf und zog die Jalousien am Fenster wieder hoch, die er zu Demonstrationszwecken vorhin heruntergelassen hatte, um mit den Kindern die selbstkreierten Nachtlichter einzuweihen. Als er sich wieder umdrehte und dabei immer noch keine Erleichterung verspürte, bemerkte er den seltsamen traurigen Ausdruck in Sarahs Augen und seufzte frustriert auf. Ihm blieb heute aber auch wirklich nichts erspart. Er lief um den Schreibtisch herum und ließ sich auf den freien Patientensessel neben die ungewöhnlich schweigsame Sechsjährige plumpsen, die ihren Kopf gesenkt hatte und ihre eigene Bastelarbeit mit beiden Händen auf ihrem Schoß fest umschlossen hielt.

Marc: Na, wo drückt denn jetzt wieder der Schuh, Kleine, hm?
Sarah: Meine Schuhe drücken doch gar nicht.

...erwiderte Sarah verwundert und streckte demonstrativ ihre beiden Beine aus, um mit ihren hübschen, dunkelroten Ballerinaschühchen an ihren Füßen zu wackeln. Dabei schaute sie Marc mit großen verständnislosen Augen von der Seite an, während sie weiterhin ihre Bastelarbeit in ihren Händen hin und her drehte. Der perplexe Oberarzt konnte nur mit den Augen rollen und versuchte es nun auf andere Weise, die auch nicht gerade von Erfolg gekrönt wurde, wie er im nächsten Moment feststellen musste. Kinder waren doch echt eine komplexe Angelegenheit, komplexer als jede komplizierte OP, dachte Dr. Meier nur und schüttelte verwirrt den Kopf.

Marc: So war das doch gar nicht gemeint, Sarah. Ich habe nur gedacht, du guckst gerade wie sieben Tage Regenwetter und das obwohl wir gerade ziemlich viel Spaß hatten, hm.
Sarah (sieht verwundert zum Fenster rüber): Aber es regnet doch gar nicht, Onkel Marc.
Herrje! Das Mädchen ist echt eine Plage. In der Familie sind die Blitzmerker wohl wirklich nicht vom Himmel gefallen.
Marc (fährt sich frustriert durch die Haare u. versucht, Haltung zu bewahren): Nein, das tut es nicht, aber dafür schwimmt es in deinen Augen ziemlich verdächtig. Und mit ständig heulenden Frauen kenn ich mich aus. Also, alles klar mit dir?
Sarah (stellt ihre Bastelarbeit schüchtern neben die von Marc auf den Tisch u. guckt unsicher zur Seite): Lillys und dein Nachtlicht ist viel schöner geworden als meins.

Marcs eine Augenbraue schoss ungläubig in die Höhe, als er seinen Kopf langsam in Richtung Schreibtisch drehte, um die beiden Objekte genauer in Augenschein zu nehmen. Sie hatte Recht. Aber das war doch kein Grund für Traurigkeit. Oder? Spontan griff er nach seinem Meierhaften Meisterwerk und drückte es der Kleinen in die Patschehände, die ziemlich geknickt immer tiefer in ihren Sessel gerutscht war, sodass er sie beinahe schon verschluckte.

Marc: Ich habe dich ja gewarnt, nimm nicht zu viel Uhu. Aber ehrlich, so schlimm sieht das doch gar nicht aus. Es ist zwar windschief und das Licht schimmert nicht so richtig durch, weil die Seiten zu dick aufeinander pappen, aber an den meisten Nachthimmeln über Berlin sieht man schließlich auch keine Sterne. Also, von dem her ist es doch perfekt getroffen. Aber wenn du magst, dann kannst du meins haben?
Sarah (sieht ihn mit großen leuchtenden Strahleaugen an u. sitzt auf einmal wieder kerzengerade auf ihrem Platz): Ehrlich?
Marc (zuckt unbeeindruckt mit seinen Schultern u. schiebt die übrig gebliebenen Bastelutensilien beiseite, damit Mehdi die morgen schön alle selber aufräumen kann): Sehe ich so aus, als würde ich es nicht ernst meinen?
Sarah (mustert intensiv sein freches Gesicht u. schüttelt schließlich den Kopf): Nein.
Marc (lächelt spitzbübisch in ihre Richtung): Na siehst du! Und was sagt man dazu, kleines Fräulein?
Sarah: Danke, Onkel Marc! Ich hab dich lieb.

Herrje, ich bin viel zu gutmütig. Jetzt fängt sie auch noch mit dem nervigen Geonkele an. Müssen sich Kinder immer überall alles abgucken, was man dann nicht mehr abstellen kann? Obwohl... was Plagiate betrifft, wissen wir ja, wo sie das herhat.

Sarah rutschte von ihrem Sessel herunter, stellte das geschenkte Nachtlicht vorsichtig zurück auf den Schreibtisch, damit sie es nicht aus Versehen kaputtmachte, und sprang ihrem großen Helden dann freudestrahlend in die Arme, der den kleinen Wirbelwind kaum bändigen konnte, der sich nun pappfrech mit auf seinen Platz gedrängelt hatte. Marc zögerte erst, aber dann nahm er die süße Motte doch in den Arm und guckte sie fröhlich von der Seite an.

Marc: Und was machen wir beiden Hübschen jetzt?
Sarah (ist in ihrer Überdrehtheit kaum zu bremsen): Wir spielen!
Marc (verdreht leidend die Augen): Och nö! Weißt du, wie das dann in meinem Arbeitsbericht aussieht, wenn ich den ganzen lieben langen Tag nur mit Spielen und Basteln vertrödelt habe? Ich glaube, mein Chef sieht das nicht gerne.
Sarah: Na und? Ich dachte, du bist der Chef und darfst machen, was du willst? Und mein Papi sagt auch immer, man muss auch mal Pause machen können.
Marc (grinst schadenfroh): Das würde ich auch sagen, wenn ich hier nichts zu melden hätte, so wie der Faulpelz par excellence. Apropos melden, sag mal, wo steckt deine Mutter eigentlich die ganze Zeit? Sie hat zwanzig Minuten gemeint und jetzt sind wir schon über eine Stunde drüber. Ich hab nämlich echt noch was zu tun, sonst komme ich hier heute nämlich gar nicht mehr raus. Und dann wird jemand ganz anderes sauer.

Boah! Das hab ich gerne. Kind abschieben, um sich dann mal schön schnell oder in dem Fall langsam, man ist ja nicht mehr die Jüngste, irgendwo mit dem Drecksack vergnügen. Na, die kriegt was zu hören von mir, aber so was von! Bin ich hier der Einzige in dem Saftladen, der ernsthaft ans Arbeiten denkt? Wird Zeit, dass jemand hier mal ordentlich aufräumt. Im Amiland würde man für solche Nachlässigkeiten hochkant aus dem Programm geschmissen.

Sarah: Mami und Papi gucken sich, glaub ich, unser neues Zuhause an.
Marc (sieht sie an, als sei sie ein Alien vom Mars): Bitte? Ihr zieht zusammen?
Sarah (guckt ihn mit großen Augen an u. wippt in dem bequemen Sessel hibbelig hin u. her): Nein, wir sind doch schon alle zusammen. Ich. Die Mami mit dem Baby in ihrem Bauch. Sissi. Der Papi. Und Fridolin.
Marc (kratzt sich verwirrt am Hinterkopf): Fridolin? Wer zum Geier ist Fridolin?
Sarah: Na, mein Zwergkaninchen. Aber wir haben nicht so viel Platz bei uns zu Hause. Deshalb haben wir bald ein riesiges Haus, wo jeder sein eigenes Zimmer bekommt. Auch die Mami. Sie findet es nämlich viel zu eng und nervig, wenn der Papi bei ihr schläft und der schläft sehr oft bei uns.
Marc (räuspert sich u. weiß nicht, wo er hingucken soll, weil sich gerade ein skurriler Film in seinem Kopf abspielt): Ah ja? Glückwunsch!

Ach du Scheiße! Die Bilder! Wie werd ich die bloß wieder los? Hilfe! Aber zumindest verdrängen sie die, als ich mit ihm auf engstem Raum zusammenhocken musste. Jetzt verstehe ich auch, wieso der Idiot die ganze Zeit so eine beschissene gute Laune hatte, obwohl wir fast draufgegangen wären. Der hat die echt rumgekriegt? Die wahre Idiotin ist ja dann wohl eher Hassi. Denn wer zieht schon freiwillig mit so einem selbstverliebten, egomanischen, völlig talentfreien, schleimigen Arschloch zusammen? Und wohin? Wahrscheinlich in so ein verkommenes Hinterhofloch in Marzahn. Oder noch schlimmer, so eine Spießerhölle hier gleich um die Ecke.

Dr. Meier machte sich so seine eigenen Gedanken über die neuesten Entwicklungen im Stier-Hassmannschen Haushalt und konnte sich bald sein schadenfrohes Grinsen nicht mehr verkneifen. Die Hassmann war also doch spießiger, als die Emanzenärztin immer vor aller Welt und vor allem vor ihren männlichen Kollegen behauptete. Sarah nickte ihrem großen Helden zu und hüpfte von seinem Schoß wieder herunter. Mit großem Interesse stromerte sie nun durch die Praxis des Papas ihrer besten Freundin und blieb schließlich mit offenem Mund vor der Wand mit den vielen Babyfotos stehen. Jedes einzelne nahm sie völlig fasziniert in Augenschein und tapste dabei mit ihren Fingern langsam am Sideboard entlang, bis sie nicht mehr weiterkam. Etwas, das dekorativ darauf abgestellt war, hatte nämlich ihre Aufmerksamkeit geweckt. Und so passierte es, dass sich der unaufmerksame Chirurg plötzlich einem lebensgroßen Babybauchmodell gegenüberstand, das Sarah ihm nun mit fragenden Augen hinhielt. Schnell stand dem überrumpelten Oberarzt der Schweiß auf der Stirn, denn er war im ersten Moment völlig baff und überfordert und wusste nicht, was er der neugierigen Nervensäge auf ihr drängendes Anliegen antworten sollte.

Sarah: Duuu, Onkel Marc, sieht es im Bauch meiner Mami wirklich so aus?
Marc: Äh... ja, also bald, ja, denke ich, vermutlich? Sie ist ja schon ähm... ziemlich fe... rund, nicht?
Ich will mir das gar nicht vorstellen, wie sie mit ihrer riesigen Murmel fuchsig und geladen durch die Gänge stampft und alles niedertrampelt, das sich ihr verbal und körperlich und vor allem professionell in den Weg stellt.
Sarah (versucht, das Modell auseinanderzunehmen): Aber das Baby hier ist ja riesengroß. Hat es überhaupt Platz da drin? Und wie ist es überhaupt da rein gekommen? Das hab ich irgendwie noch nicht verstanden, obwohl Mami es mir erklärt hat, als sie mir gesagt hat, dass wir im Sommer ein Baby bekommen.

Marc schluckte schwer und diesmal war er es, dessen Augen tellergroß erschienen. Sich windend schaute er immer wieder auf die Uhr und betete dafür, dass endlich seine verhasste Kollegin hier wieder aufschlug und ihn erlöste. Er hatte nämlich echt keinen Bock, ihren Job zu übernehmen. OP-technisch, ja, immer und zu jeder Zeit, aber in der Hinsicht ganz bestimmt nicht. Er war verdammt noch mal noch nicht bereit für so was. Und der entgeisterte Chirurg hatte tatsächlich Glück. Denn in dem Moment, als er feststellte, dass er nicht mehr drum herumkommen würde, die hektisch zusammengesuchten Worte aussprechen zu müssen, klopfte es an der Tür. Ein riesiger Gesteinsbrocken fiel ihm vom Herzen. Er sprang an Sarah vorbei, der er noch schnell das Modell stibitzte, bevor sie es noch kaputtmachte und er von Mehdi dafür zur Verantwortung gezogen werden würde, und öffnete die Tür. Zu seiner großen Überraschung fand er sich nun einem nicht minder überraschten Dr. Stier gegenüber, dem er gleich den Stein des Anstoßes in die Hände drückte.

Cedric: Meier?
Marc (nimmt einen süffisanten Gesichtsausdruck an): Stier! Du kommst mir gerade recht. Deine... Dings ähm... Tochter will dich was fragen.
Cedric (begreift noch gar nicht, was er da in den Händen hält, weil sein Gehirn noch nicht verarbeitet hat, ausgerechnet hier auf Marc Meier getroffen zu sein): Ach? War sie die ganze Zeit hier bei dir? Was machst du überhaupt hier? Das ist doch Kaans Praxis.
Marc (schnappt sich seinen Kittel von der Patientenliege, versteckt Sarahs Bastelkunstwerk darunter u. will sich an seinem „Lieblingskollegen“ vorbeidrängeln): Blitzmerker! Tja, mein neuer, durchaus lukrativer Nebenerwerb. Kinderpflege. Öffnungszeiten variabel, aber nicht beliebig ausdehnbar. Deine äh... hier... Freundin, wie auch immer, schuldet mir noch Überstunden. Leg’s mir ins Fach. ... Fräulein, war... ähm... wie immer... nett, hm.
Sarah: Tschüßi, Onkel Marc!

Sarah winkte ihrem großen Helden noch fröhlich hinterher, als dieser sich schelmisch grinsend an dem verdutzten Neurochirurgen vorbeidrängelte und endlich die Tür erfolgreich hinter sich schließen konnte. Kopfschüttelnd kam Cedric auf seine kleine Tochter zu, die ihm auf Augenhöhe begegnete, denn sie war auf einen der Patientensessel geklettert, und stellte das seltsame Modell, das er sich immer noch nicht richtig angeschaut hatte, auf den Schreibtisch, wobei die Einzelteile sehr zum Vergnügen von Sarah herauspurzelten.

Cedric: Na, Sarahmäuschen, das war jetzt aber eine Überraschung. War der Dr. Meier gemein zu dir?
Sarah (runzelt verwundert die Stirn): Wieso? Onkel Marc ist der tollste Mensch, den ich kenne.
Onkel Marc? Hab ich was verpasst? Wieso himmelt sie ausgerechnet das Arschloch an? Ich verstehe das nicht. Er und Kinderpflege, pff, das ist ja wie, wenn RTL seriöse Fernsehunterhaltung liefern würde.
Cedric (völlig perplex u. sprachlos): Er?
Sarah (strahlt ihn sehr überzeugend an): Ja.
Cedric (sichtlich überfordert u. geknickt): Und er war die ganze Zeit bei dir?
Wieso macht er das? Und wieso gibt Mary unsere Motte ausgerechnet bei ihm ab? Gut, der Frauenflüsterer wäre jetzt auch nicht die bessere Wahl gewesen. Aber das bedarf echt noch Klärung, Fräulein. Das macht sie doch nur, um mich zu provozieren. Oder sie will genauso wie Gretchen herauskitzeln, was zwischen uns im Flieger vorgefallen ist? Mann, ich stecke echt in der Klemme. Und wer ist Schuld? Marc Meier! Wie immer!

Sarah: Lilly war auch da.
Cedric (sichtlich überrascht u. auch ein wenig erleichtert): Oh! Aha? Und was habt ihr zusammen gemacht? Ich hoffe, nicht die ganze Zeit Blödsinn. Denn das würde ich von Dr. Meier erwarten. Na, der kriegt noch was zu hören von mir.
Sarah (die Begeisterung ist ihr anzusehen): Wir haben gebastelt und gespielt.

Ehrlich? Okay, das wird jetzt wirklich zu spooky. Und er hat das freiwillig mitgemacht? Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Gut, ich hätte ihm auch nicht zugetraut, dass er so offensiv mit der doppelten Schwangerschaft seiner Freundin umgeht. Vielleicht hat er doch was gelernt, was neben den ganzen Stänkereien wirklich wichtig ist?

Cedric (kann sich dann doch ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen): Schön? Schön! Marc meinte, du wolltest mich was fragen? Was ist denn, mein Schatz?
Sarah (nickt eifrig mit ihrem neugierigen Köpfchen, springt von ihrem Platz herunter u. schiebt ihm auffordernd das Babybauchmodell hin): Ja, wegen der Babys und so.
Oh Gott! Nicht schon wieder! Ich dachte, Maria hätte ihr das ausführlich erklärt? Wehe, Marc hat sich da eingemischt, dann bring ich ihn um! Trotz unseres unausgesprochenen Waffenstillstands. Ach was, der ist sofort und für immer hinfällig!
Cedric (schluckt u. wird blass u. muss sich setzen): Marc hat dir aber nicht irgendwelchen Unsinn erzählt, oder?
Sarah (schüttelt den Kopf): Er wollte es mir gerade erklären, aber dann kamst du rein.
Cedric (fasst sich erleichtert an sein Herz u. lehnt sich in dem Sessel zurück): Oh, Gott sei dank!
Sarah (ihre Neugier ist immer noch grenzenlos): Und?
Cedric (noch etwas durcheinander): Und was?
Sarah (deutet ungeduldig auf das Baby im Modellbauch u. versucht erfolglos die herausgefallenen Einzelteile wieder zusammenzustecken): Wie die Babys hier reinkommen, Papi? Und wie das geht, wenn es zwei sind wie bei Onkel Marc und Gretchen? Haben sie auch genug Platz? Und wo kriegen sie ihr Essen her? Wachsen sie im Bauch wirklich immer größer? Und wie kommen sie dann wieder heraus? Also, Finn-Kevin hat ja mal was von Störchen gesagt, aber das hab ich ihm nicht geglaubt. Obwohl sein Papa Tierarzt ist. Weil, wie soll das denn gehen? Aber die Geschichte vom Opi und der Omi mit den Blümchen und Bienchen hab ich auch nicht verstanden. Was hat das mit Mamis Baby zu tun? Du bringst ihr doch nie Blumen mit. Mami mag doch keine Blumensträuße.

HILFE!

Jetzt war es Dr. Stier, der mit tellergroßen Augen in der Falle saß und sich möglichst kindgerechte Antworten zurechtlegen musste, die ihm einfach nicht einfallen wollten. Und während Dr. Stier noch sichtlich mit sich rang und einem akuten Schweißausbruch erlag, war Dr. Meier schon längst wieder in seinem vertrauten Terrain angelangt. Schnell flitzte er in sein Büro, bevor ihm noch jemand in die Quere kam und ihn nervte, und schloss die Tür von innen ab. Aus Sicherheitsgründen, versteht sich. Erst als er sich umdrehte und durchschnaufte, bemerkte er, dass er gar nicht alleine in seinem Zimmer war. Seine ehemalige Assistenzärztin thronte prinzessinnengleich auf seinem Chefsessel und griente ihn mit einem bezaubernden Lächeln keck an. Eigentlich ein Skandal, aber anstatt die dreiste Göre zurechtzuweisen, wie es sich für einen strengen Oberarzt gehörte, der nichts, aber auch gar nichts durchgehen ließ, belohnte er sie auch noch für ihre unverschämte Anmaßung und zog sie zu einem innigen Kuss heran. Genau das hatte er jetzt gebraucht, dachte der verliebte Oberarzt schmunzelnd und ließ sich mit seiner Freundin im Arm in seinen Sessel fallen und parkte seine Hände prompt um ihren properen Schwangerschaftsbauch.

Marc: Endlich! Na, wie geht’s denn meiner Rasselbande? Alles klar?
Gretchen (schwingt sich auf seinen Schoß u. schlingt verschmust ihre Arme um seinen Nacken): Bestens! Hast du uns etwa vermisst?
Marc (stöhnt gespielt entnervt auf u. wiegt sanft mit ihr auf dem Drehstuhl hin u. her): Nein! Vermissen ging nicht. Ich wurde als Geisel festgehalten.
Gretchen (schmunzelt wissend): Ach? Tatsächlich? Sieht mir aber nicht danach aus, als ob du viel gelitten hast, mein Lieber.

Gretchen deutete auf das kleine, mit Sternchen verzierte Kunstwerk, das der tollste Kinderanimateur des Hauses neben seiner Schreibtischlampe abgestellt hatte, und Marc verzog nur seine Gesichtsmuskeln zu einem leidenden Lächeln und wiegelte rasch ab.

Marc: Du hast doch keine Ahnung, Haasenzahn. Obwohl, doch, jetzt verstehe ich, wie man sich fühlt, wenn man Strafarbeit leisten muss. Als ehemalige Assi kennst du dich ja bestens damit aus.
Gretchen (dreht die Bastelarbeit interessiert im Kreis herum): Nur hat diese hier bestimmt viel, viel mehr Spaß gemacht als stundenlanges Aktenhocken. Und sie sieht doch total süß aus.
Marc (verdreht die Augen): Das ist nicht meine.
Gretchen (schaut sich das gute Stück noch einmal genauer an u. erkennt die Kinderhand): Ehrlich? Hm, jetzt, wo du es sagst, ja, doch, die chirurgische Fingerfeinfühligkeit fehlt irgendwie.
Marc (beginnt die freche Frau zu kitzeln): Hey, ich gebe dir gleich meine Fingerfertigkeiten, du freches Weibsstück. Du hast doch keine Ahnung, was ich die letzte Stunde durchhabe. Ich hoffe, unsere Zwerge werden pflegeleichter. Nicht dass ich auch noch... Oh Gott, bloß nicht!
Gretchen (windet sich wohlig in seinen Armen): Danke, dass du auf die beiden aufgepasst hast, Marc.
Also doch! Das ist eine Verschwörung!
Marc (schaut sie forschend von unten herauf an): Du hast es gewusst? Na vielen Dank aber auch für deine misslungene Rettungsaktion, Haasenzahn. Ich habe fast eineinhalb Stunden meiner kostbaren Zeit vergeudet, die ich jetzt noch nacharbeiten muss, während ihr euch vermutlich köstlich amüsiert habt. Du hast übrigens Schoki am Mundwinkel.
Och, mein armer, armer lieber Schatz! ... Oh!
Gretchen (grinst ihn vergnügt an, nachdem er ihr die Krümel sehr enthusiastisch weggeküsst hat): Vergeudet ist das falsche Wort, Marc. Wenn das dabei herauskommt, hat es sich doch schon gelohnt.
Marc (folgt ihrem Blick u. rollt mit den Augen): Es funktioniert sogar. Hast du schon mal was von Tutorials gehört?
Gretchen (blickt ihn aufmerksam an): Nein, was ist das?
Marc (zuckt gleichgültig mit den Schultern u. schreitet zur Tat): Ach, vergiss es! Ich hab ne bessere Idee.

Geschwind hatte Marc seine Schreibtischlampe herangezogen und den selbst gebastelten Lampenschirm etwas windschief darauf gesetzt. Dann zückte er eine Fernbedienung aus einer seiner Schreibtischschubladen und ließ damit die Jalousien am Fenster herunterfahren. Als es in seinem Büro einigermaßen abgedunkelt war, schaltete er die Lampe ein und umarmte anschließend seine hinreißende Freundin, die staunend ihre Blicke im Raum umherschweifen ließ, den nun kleine, verwackelte, blassgelbe Sterne an den Wänden zierten. Und als Marc das Nachtlicht leicht anstupste, begannen sie sogar noch zu tanzen. Gretchen war sichtlich begeistert und das zeigte sie ihrem aufregenden Charmeur auch sofort, indem sie ihn spontan auf die sie neckenden Lippen küsste und dann ihre Hände über seine legte, die ihre Schwangerschaftsmurmel umfasst hielten.

Gretchen: Marc, das ist wunderschön. Und das habt ihr gemacht? Wow! Toll!
Marc (schmiegt seine Wange zufrieden gegen ihre): Naja, s’geht. Du kennst doch die bescheuerten Gedankeneinfälle der Mini-Käanin. Und mein Prototyp war irgendwie gelungener, aber ich konnte die kleine Kröte auch nicht heulend stehen lassen. Sonst hört die damit nie wieder auf. Sie hat es schon mit ihren durchgeknallten Eltern nicht leicht. Wusstest du eigentlich schon, dass die sich ein Haus kaufen wollen?
Gretchen (blickt verträumt an den künstlichen Sternenhimmel über sich u. nickt leicht mit dem Kopf): Hm! Wir waren vorhin in der Mittagspause zusammen dort und haben es uns angeguckt. Ein Traumhaus. Es ist gar nicht weit von hier.
Marc (glaubt, sich verhört zu haben, u. lockert seine Umarmung): Bitte? Ey, und zu mir schiebt ihr die Kinder ab? Das nennt ihr fair?
Gretchen (sieht den protestierenden Mann belehrend an): Du hättest ja sagen können, dass du mit willst, aber du hast ziemlich deutlich klargemacht, dass du dir eher mit dem Skalpell in den Finger schneidest, als freiwillig deine kostbare freie Zeit mit Sabine zu verbringen. Und ja, wir hätten tauschen können, aber glaub mir, Marc, Dr. Hassmann wäre selbst dir heute zu anstrengend gewesen.
Marc (zieht die Augenbrauen hoch): Pff! Die hält man doch nie lange aus. Ich weiß gar nicht, wieso Stier sich das überhaupt freiwillig antut.
Gretchen (gibt ihm kichernd einen Kuss auf die Wange): Das nennt sich wahre Liebe, Marc.
Marc (rollt gequält mit den Augen): Ich nenne das Selbstaufgabe. Aber dass der Mann keine Eier in der Hose hat, wusste ich auch schon vorher.

Tja, so viel zum Thema, sie hätten sich vertragen. Hm... vielleicht habe ich den Scheinfrieden zwischen den beiden doch überbewertet?

Gretchen (greift nach seinen Händen u. verschränkt ihre Finger mit seinen über ihrem Babybauch): Maaarc, können wir nicht einen Moment einfach innehalten und das hier genießen? Es ist gerade so schön.
Marc (lächelt verliebt u. tut ihr den Gefallen): Du bist und bleibst eine verträumte Romantikerin, Haasenzahn.
Gretchen (dreht ihren Kopf leicht in seine Richtung): Und in genau die hast du dich unsterblich verliebt.
Marc (seine dunkelgrünen Augen funkeln herausfordernd): Ich muss verrückt gewesen sein.
Gretchen (stupst ihn kichernd mit dem Kinn an u. küsst ihn anschließend): Blödmann!
Marc (lässt seinen Kopf auf ihren Schultern ruhen u. streichelt bedächtig ihren Babybauch): Meinst du, die kriegen das mit?
Gretchen (lächelt): Dass wir albern? Bestimmt. Ich glaube, das gefällt ihnen.
Marc (sein ernstes Gesicht nimmt einen verträumten Zug an): Ich hab’s immer noch im Ohr.
Gretchen: Was denn?
Marc (zieht sein Stethoskop aus seiner Kitteltasche u. hält das eine Ende an ihren Bauch, während er das andere Ende in Gretchens Ohren stöpselt): Das hier.
Gretchen (rückt das Stethoskop an die richtige Stelle u. strahlt mit Marc um die Wette): Das ist mein Lieblingsohrwurm.
Marc (hält sein Ohr gegen ihres, um mitzuhören): Meiner auch.

Und so schwelgte das glückliche Paar einen Moment in seiner ganz eigenen Welt, bis das ferne Geräusch eines Martinshorns sie wieder ins Hier und Jetzt zurückkatapultierte. Sie waren zwar werdende Eltern, aber auch immer noch zu hundert Prozent Ärzte, die Leben retten wollten. Dr. Meier legte sein Stethoskop wieder um und blickte seiner verträumten Freundin erwartungsvoll in die Augen.

Marc: Was machst du eigentlich hier? Hast du jetzt nicht dein eigenes Office? Das ist zwar kleiner als ein Mäuseloch, aber zumindest eine Sprosse auf der Karriereleiter. Oder machst du etwa auch schon Schluss? Mehdi, die faule Socke, ist vorhin auch schon mit der ganzen Bagage abgezogen. Und ich schwöre dir, das hat er nur meinetwegen gemacht. Er wollte mich leiden sehen. Aber das kriegt er wieder. Doppelt und dreifach.
Gretchen (lacht): Niemand hat sich gegen dich verschworen, mein Schatz, aber du hattest ja schon immer ein Talent, Dinge, die dir lieb sind, schlecht zu reden.
Marc (stupst gegen ihre süße besserwisserische Nasenspitze): Das, meine Liebe, das musst du mir erst beweisen.
Gretchen (kontert kess): Du meinst so wie die Feststellung, dass du doch Spaß hattest mit den Mädchen?
Marc (fühlt sich herausgefordert): Ich glaube, ich brauche einen Anwalt.
Gretchen (streichelt ihm gefühlvoll über die Brust): Komm schon, gib’s zu! Du hast gelächelt, als du hier hereingekommen bist.
Marc (bockt): Ich gebe hier gar nichts zu, Haasenzahn. Außer dass ich ständig von jedem von meiner Arbeit abgehalten werde.
Gretchen (klimpert zuckersüß mit ihren Wimpern): Wer sich von der Arbeit abhalten lässt, der will davon abgehalten werden.
Marc (zieht eine Augenbraue hoch): Und das ist jetzt welche deiner Haasschen Theorien?
Gretchen (grient ihn keck an): Die hm... hundert und erste.
Marc (nickt wissend): Sücher!
Gretchen: Und?
Marc: Und was?
Gretchen (schaut ihn eindringlich an): Das weißt du ganz genau.
Marc (schmeißt frustriert die Arme in die Luft): Herrje, du bist schlimmer als die beiden Gören zusammen. Und die sind schon...
Gretchen (hängt gebannt an seinen Lippen): Ja?
Marc (rollt seufzend mit den Augen): ...eigensinnig? Gar nicht mal so nervig, wenn sie beschäftigt sind. Eigentlich... ganz... umgänglich. Ich meine, für ihre Väter können sie ja nichts.
Gretchen (zurechtweisend): Marc!
Marc (lacht): Und für ihre Mütter noch weniger.
Gretchen (klatscht ihm empört gegen die Brust): Du bist unmöglich, Marc.
Marc (hält ihre Hände fest u. funkelt sie an): Und du schrecklich redebedürftig. Bist du deswegen hier? Ich dachte, nach einer Begegnung mit Sabine ist dein Akku aufgebraucht.
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Haha! Nein, ich wollte zu dir, weil ich noch etwas für dich habe.

Oje! Das war’s. Ich komme heute zu gar nichts mehr in diesem Irrenhaus. Dabei hätte ich liebend gern noch operiert. Und wenn ich nur ne Warze wegschaben müsste.

Marc (weicht misstrauisch etwas zurück): Okay? Weißt du, die letzte Überraschung, die du für mich hattest, war das doppelte Überraschungsei hier drin.
Gretchen (schaut verdutzt an sich herunter u. ihre Mundwinkel ziehen sich augenblicklich nach oben): Okay, ja, daran kommt es natürlich nicht heran. Nichts auf der Welt könnte das. Aber ich dachte mir als fürsorgliche Stationsärztin, dass du...
Marc (der Argwohn wird immer größer): Oh, oh, was kommt jetzt?
Gretchen (klatscht dem Quatschkopf auf die Schulter): Marc, lass mich ausreden! Du weißt doch noch gar nicht, was es ist.
Marc: Na, wenn du erst tausendmal drum herumreden musst. Wenn ich dir einen Tipp geben kann als erfahrener Oberarzt mit reichlich Durchblick, dann bring es auf den Punkt! Kurze, prägnante Diagnosen, hm? Alles andere kostet Zeit und Geld und Ärger mit deinem Dad und den KVs.
So ein unverbesserlicher Klugscheißer!
Gretchen (verdreht schmollend die Augen): Jahaa, Dr. Meier! Also, was ich sagen wollte, dein erster Arbeitstag hat ja eher unkonventionell angefangen und da ich aus Erfahrung weiß, wie unausgeglichen und unausstehlich du bist, wenn du nicht wenigstens eine Stunde am Tag im OP verbracht hast, hab ich hier vielleicht etwas für dich.

Ehrfurchtsvoll überreichte Dr. Haase ihrem überraschten Kollegen die Patientenmappe, die bislang unberührt auf der Meierschen Ablage gelegen hatte. Dr. Meier zog misstrauisch eine Augenbraue hoch und schlug dann mit seinem kleinen Finger die Akte auf und begann, sie mit immer interessierter werdendem Blick zu studieren, während die sichtlich zufriedene Stationsärztin ihrem aufmerksamen Oberarzt die Fakten darlegte.

Gretchen: Knöchelfraktur und Sehnenreizung, linksseitig, Standfuß, weiblich, Anfang zwanzig, Sportlerin.
Marc (nickt anerkennend, nachdem er die Röntgenaufnahme gegen das Licht gehalten hat): Anspruchsvoll. Das Teil ist ja völlig zertrümmert. Das wird ne richtige Bastelarbeit.
Gretchen (lächelt zufrieden, weil Marcs Begeisterung ansteckend ist): Ich wusste, dass dir das gefallen könnte.
Marc (sieht sie mit sehr viel Schelm in den Augen an): Mhm... Zynismus aus deinem süßen Mund, daran muss ich mich wohl auch noch gewönnen. Ich glaube, ich bin etwas zu skeptisch herangegangen, was deinen neuen Posten betrifft, Frau Doktor.
Gretchen (fühlt sich sichtlich geschmeichelt): Oh, ein Kompliment aus Ihrem Mund, Dr. Meier?
Marc (wiegelt mit einer lockeren Handbewegung ab u. drückt ihr die Akte unsanft wieder entgegen): Gewöhn dich nicht dran, Haasenzahn! Eine Sonderbehandlung bekommt niemand von mir. Auch nicht du mit deiner hinreißenden Abrissbirne.
Gretchen (klimpert kokett mit ihren langen Wimpern u. konzentriert sich schnell wieder auf das Wesentliche, bevor sie sich noch von seinem Charme ablenken lässt): Aber vielleicht die Patientin? Sie ist ziemlich verzweifelt. Sie ist Turnerin. Sie hat sich gerade für Olympia qualifiziert und dann ist das beim Training passiert.
Marc (seine Augenbrauen wandern in die Höhe): Olympia? Mutig. Das wird eng.
Gretchen (blickt ihm hoffend in die Augen, nachdem sie aufgestanden ist u. ihren verrutschten Kittel zurechtgezogen hat): Ist aber machbar?
Marc (lässt sich nichts anmerken u. steht ganz gemächlich ebenfalls von seinem Platz auf): Hol schon mal den Werkzeugkasten, Dr. Haase?
Gretchen (sieht ihn mit großen Augen begeistert an): Ich soll dir assistieren?
Marc (zuckt unbeeindruckt mit den Schultern): Da du offenbar auf deinem neuen Posten ziemlich viel Zeit zu haben scheinst, um ständig hier bei mir herumzulungern, und bevor deine Hormone wieder austicken und ich darunter leiden muss, muss ich wohl oder übel darauf bestehen. Für die Faulpelze sind die auf der Gyn und in der Neurologie zuständig.
Gretchen (schaut auf ihr Diensthandy, das gerade den Eingang einer Sms signalisiert hat): Der OP ist jetzt fertig, Marc. Wir können.
Marc (grinst wie ein kleines Kind an Weihnachten u. klatscht seiner Freundin frech auf den Hintern): Prima! Das nenne ich Timing. Auf geht’s, Frau Stationsärztin!
Gretchen (zuckt erschrocken zusammen u. dreht sich augenfunkelnd zu dem Frechdachs herum): Und wie mache ich mich nun als neue Stationsärztin, Herr Doktor? Ich sollte ja noch mal nachfragen.
Marc (hält in seiner Bewegung inne u. nimmt die Denkerpose an): Mhm... ein bisschen devot, aber doch auch forsch und renitent. Ausbaufähig.
Gretchen (hat irgendwie mehr erwartet): Marc!
Marc: Für die Arschkriecherei sind andere zuständig. Mehr Komplimente kriegst du nicht, Haasenzahn. Du weißt doch, dass hier im EKH nichts geschenkt wird. Außer das vielleicht.

Und ehe sich Dr. Haase überlegen konnte, was ihr Vorgesetzter damit gemeint haben könnte, zog dieser sie mit einem frechen Augenzwinkern zu sich heran und gab ihr mit einem innigen Kuss sehr viel zum Denken mit auf dem Weg in den OP, den der Oberarzt natürlich selbstbewusst voranschritt. Denn noch einmal würde er den Schlendrian hier im Haus nicht einreißen lassen. Und mit einem wissenden Grinsen hoppelte die Chirurgin ihrem Machochef hinterher, bis sie seine Hand erreicht hatte, die sich sofort um ihre schloss und bis zum OP-Trakt nicht wieder losgelassen wurde.

Lorelei Offline

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15.06.2016 14:14
#1570 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Liebes Tagebuch,

die Arbeit im Krankenhaus ist ein ewiger Kampf. Für unsere Patienten, um wieder gesund zu werden. Mit der Oberschwester, weil man es ihr nie recht machen kann, egal, was man tut. Und natürlich zwischen den Ärzten, von denen jeder besser sein möchte als der andere. Rangeleien sind an der Tagesordnung. Und der Champions-League-Meister darin ist meistens mein direkter Vorgesetzter, den ich wirklich sehr, sehr liebe, aber auch manchmal gerne an die Wand klatschen möchte, damit aus dem fiesen Prinzen wieder ein niedlicher Frosch wird, den ich ungeniert anhimmeln kann, auch wenn er es nicht verdient hat. Weißt du, die ersten Tage, seitdem Marc wieder da ist, war er total lieb und fürsorglich, hat ständig dafür gesorgt, dass ich alles habe, was ich brauche, und auch dass ich ständig in seiner Nähe sein kann. Rein eigennützig, versteht sich, damit der Schelm, wann immer ihm danach ist, sein Stethoskop an meinen Bauch halten kann, um noch mal diesem tollen rhythmischen Geräusch zu lauschen, das uns beide unheimlich glücklich macht. Unser Ruhepuls, der ihn von 180 sofort auf null runterfährt und den ich auch jetzt höre, wenn ich meine Hand auflege. Hm... So schön und einprägsam! Ich muss nicht mehr davon träumen, ob Marc ein guter Vater sein wird, ich weiß es. Allein schon, wie er mit mir und mit unseren Wundersternen umgeht. Oder mit unseren kleinen Patienten oder mit den Kindern unserer Freunde. Hach... Davon bekomme ich Herzklopfen ohne Ende. Es ist besser, wenn Marc in solchen Momenten sein Stethoskop nicht an mir ausprobiert, weil es ihn nur noch mehr beunruhigen könnte. Denn mein Schatz ist momentan sehr leicht reizbar.

Das scheint sich übrigens herumgesprochen zu haben. Marc hat es erst nicht bemerkt, weil er mit seinen Gedanken stets woanders ist, nämlich bei mir und unseren Zwillingen (hihi!), und er es nun mal gewohnt ist, von seinen Mitarbeiterinnen und den Patientinnen umschwärmt zu werden. Meist aus Gründen, die mir ganz und gar nicht passen, aber das ist ein anderes Thema und das spielt auch keine Rolle für uns. Nein, aber dass die Schwestern ihn plötzlich ganz verzückt angucken, weißt du mit diesem ganz speziellen Blick, der immer ganz automatisch bei Frauen im gebärfähigen Alter auftritt, wenn Männer mit Kindern zu tun haben, macht ihn total fuchsig. Er kann dieses ewige Anstarren und das leise kichernde Tuscheln hinter seinem Rücken überhaupt nicht ausstehen und dann schaltet er den Dr. Meier immer sofort auf Autopilot. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Weißt du, ich habe mich nie beschwert und ich habe schon so manche knifflige Situation mit ihm ausgesessen, nicht nur, weil ich ihn seit der fünften Klasse kenne und weiß, wie er tickt, sondern weil ich immer das Ziel vor Augen hatte, Chirurgin zu werden. Und jetzt habe ich ihn endlich, meinen Facharzt, und ich habe trotzdem totales Mitleid mit den neuen Assistenzärzten, die alles ungefiltert abbekommen. Ich meine, ich bekomme als Stationsärztin ja auch viel mit. Meist bin ich die erste Adresse, zu der sie gehen, um ihre Beschwerden loszuwerden. Aber selbst ich kann da nur wenig ausrichten. Marc ist nun mal ein Sturkopf par excellence, der auf seinen Prinzipien beharrt. Und die allererste davon ist, dass jeder leiden muss, der ihn auch nur einmal schief mit diesem völlig verzückten Herzchen-Blick anguckt. Allen voran die Assistenzärzte, die gar nichts dafür können, und Jochen, der nicht mal auf die „Ich bin dein Lieblingsschwager“-Karte setzen kann. Hoffentlich verleidet ihm das nicht, immer noch Kinderarzt werden zu wollen. Aber mir ist lieber, Jochen ist auf mich sauer, als dass Dr. Meier mich auf dem Kieker hat. Und unseren Assistenzärzten sage ich immer, dass man, um Chirurg zu werden, nun mal eine harte Schule durchlaufen muss. Jeder, der jetzt an meinem oder Marcs Punkt oder auch an dem von meinem Papa angelangt ist, hat das durch. Es ist nun mal die schwierigste Ausbildung, die es gibt, aber sie macht einen auch stärker. Denn man lernt schließlich viel daraus, wenn der Oberarzt einen auf Fehler hinweist, zwar nicht gerade auf die nette, sondern die subtile, ganz besonders fiese Art, aber man vergisst es dann auch nicht mehr und wird dadurch ein viel besserer Arzt und Chirurg. Im Moment glauben sie mir zwar noch nicht so richtig, aber ich denke, im Laufe der Zeit werden sie schon merken, wie ich das gemeint habe. Und nach einer Stunde mit mir in der Notaufnahme sind sie meistens auch schon wieder viel ruhiger und das Weinen hat aufgehört.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich Marc nicht doch darauf angesprochen hätte, ein bisschen sensibler im Umgang mit seinen Schützlingen zu sein. Ich hab’s versucht. Wirklich. Mit der Babykarte und all meinen Reizen, gegen die mein Schatz, wie du weißt, nun mal überhaupt nicht immun ist, auch wenn er immer das Gegenteil behauptet, um nicht zugeben zu müssen, wie doll er doch in mich verliebt ist. Ich kann ihn bezirzen und bekomme immer meinen Willen, also, meistens, zu 49,9 Prozent, so wie gestern, als er mir, ohne dass ich ihn darum hätte bitten müssen, vor der wichtigen Herz-OP noch ein paar Schokoriegel besorgt hat, weil ich im Laufe des Tages sehr zum Ärger von Schwester Gabi und Dr. Hassmann schon die Schale im Stationszimmer leer gefuttert hatte. Aber in seine Personalführung lässt er sich nicht reinquatschen. Auch von mir nicht. Und ich will mich ja auch nicht mit ihm streiten. Gerade jetzt, wo ich hormonell eh nur eine sehr dünne Geduldslinie habe und mich stark darum bemühe, wenigstens im Krankenhaus nicht ständig in Tränen auszubrechen. Er will das ja auch nicht. Und er hat es mir ja dann auch sehr geduldig erklärt, nachdem wir uns wieder einigermaßen beruhigt und einen normalen Lärmpegel erreicht hatten, der nicht gleich die halbe Station und meinen Papa in Aufruhr versetzt. Marc hat die Latte nun mal ziemlich hoch gelegt. Ich glaube, das kommt von seinem Amerikaaufenthalt. In den Staaten hat man auch sehr hohe Ansprüche, was die medizinische Ausbildung betrifft. Wer die nicht erbringt, hat in unserem Metier nichts zu suchen, murmelt er immer und guckt mich dabei immer schief von der Seite an, wenn er mal wieder vor meinen Augen einen seiner Assis heruntergeputzt hat, der nicht schnell genug reagiert hat. Oh, Marc, was mache ich bloß mit dir?

Es ist echt faszinierend, wie er plötzlich wieder die strikte Trennung zwischen Privat und Beruf auf die Tagesordnung geschoben hat. Nur damit bloß keiner auf die unsinnige Idee kommen könnte, die Vaterschaft würde ihn weich werden lassen. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Er ist härter und gemeiner denn je. Aber kaum komme ich um die Ecke, wird der Ameisenblick, den er gar nicht mehr ablegt, wenn er im Dienst ist, plötzlich ganz weich und bekommt so ein gewisses feuriges Funkeln, das mich total wuschig macht. Und ich bin im Moment sehr oft ziemlich wuschig und das weiß er und kostet es genüsslich aus, der gemeine Kerl. Er sucht die Zweisamkeit regelrecht, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Und ich genieße das auch. Weißt du, einerseits ist er total streng und kompromisslos und dann wieder so... so... zum Niederknien süß. Ich weiß, liebes Tagebuch, dieses Adjektiv ist mit einem starken Charakter wie Marc Meier nicht kompatibel und wenn er es lesen würde, wäre ich so was von dran. Aber anders kann ich es nun mal nicht beschreiben. Er ist eben mein süßer Marcischnuckiputzi, egal, ob er gerade die Kollegen zusammengeschissen hat, im OP geglänzt hat oder versucht, mich abends im OP-Trakt zu verführen, nachdem er mir in einer privaten Einzelstunde seine neusten Tricks und Kniffs beigebracht hat, die er sich in Seattle angeeignet hat. Ja, ich könnte ihn wirklich an die Wand klatschen. Aber ich liebe ihn einfach. Jede einzelne Facette von ihm. Deshalb kann ich auch nie richtig böse auf ihn sein. Er ist toll und ich bin schon ganz aufgeregt, was in den nächsten Wochen noch alles auf uns zukommen wird. Wir werden schließlich Eltern. Juhu! Und das ist das einzige Argument, das seinen harten Chirurgenkern schneller in das reinste Karamell verwandeln kann, wie ich eine XXL-Dose Schokieis verdrücken kann und darin bin bekanntlich ich die Meisterin. Hihi!

Mhm... Wenn ich mir das jetzt so genau überlege, darauf hätte ich jetzt schon Lust. Ob es hier wohl irgendwo einen Eisstand gibt? Ich könnte Marc ja losschicken. Aber der ist gerade so süß mit Lilly beschäftigt und bringt ihr neue Gitarrenriffs bei. Da möchte ich wirklich nicht stören. Ich höre den beiden lieber zu und träume noch ein bisschen vor mich hin. Was für ein schöner Tag! Die Sonne lacht. Es ist herrlich warm. Nicht zu warm, sondern angenehm mit einer leichten Brise. Auch wenn der Anlass, weswegen wir alle hier sind, eigentlich ein trauriger oder nachdenklicher sein müsste. Zumindest würde es mir so gehen. Wie die beiden damit umgehen, ist echt bemerkenswert. Davon sollten sich andere wirklich eine Scheibe abschneiden. Ich habe ja auch schon die eine oder andere Trennung durch, auch mit ihm, und es hat sich jedes Mal schrecklich angefühlt. Aber Mehdi und Anna sind total gelassen und das nicht nur wegen ihrer Lilly, sondern weil sie’s einfach sind. Sie haben ihr gemeinsames Kapitel endgültig zugeschlagen und sind offen für ein neues, ohne sich dabei zu verlieren. Sie hatten nämlich heute Morgen ihren Scheidungstermin. Eine Angelegenheit von zehn Minuten. Völlig unspektakulär, obwohl damit eine zehnjährige Geschichte ihr Ende gefunden hat. Ja, mich macht das sentimental. Marc hat mich deswegen auch schon aufgezogen. Er hat es einfach abgehakt. Als wäre so ein Tag nichts Besonderes. Aber ich reagiere nun mal sehr sensibel auf so was. Nicht nur wegen meiner eigenen Erfahrungen, auch wenn ich beide Male nicht wirklich verheiratet gewesen war. Ich muss mir nur die aufgeweckte Neunjährige anschauen, die zusammen mit Marc unaufgeregt Gitarre spielt, und ich bekomme schon wieder Tränen in die Augen. Sie macht das so toll. Sie machen das so toll mit ihr. Jeder andere wäre nach einer Scheidung total down, aber nicht Anna und Mehdi. Sie haben den Termin zusammen wahrgenommen, hatten einen gemeinsamen Anwalt, Mehdis Vater wohlgemerkt, haben nun ein gemeinsames Sorgerecht und es funktioniert. Anstatt danach getrennte Wege zu gehen, waren sie sogar noch mit Mehdis Eltern einen Kaffee trinken und haben dann Lilly zusammen von der Schule abgeholt. Und jetzt sind wir alle hier. Auf dem ehemaligen Flugfeld von Tempelhof. Und verbringen einen schönen Nachmittag zusammen auf der Wiese und versinken in einem Meer aus Mohn- und Kornblumen.

Marc hatte Mehdi zwar den Vogel gezeigt, als er ihm vorgeschlagen hat, ob wir nach unserer Schicht nicht auch dazukommen möchten, aber mein Pappenheimer war dann so pünktlich aus dem Krankenhaus raus, hat noch ein paar Sachen zum Grillen besorgt und die Gitarre aus unserem Keller geholt, dass Mehdi nur schmunzeln konnte, als Marc sich sehr entschlossen zwischen ihn und Gabi auf die Picknickdecke gedrängelt hat und ihn unentwegt für seine neu gewonnene Freiheit beglückwünscht hat. Mein Schatz ist so ein Quatschkopf, aber er hat das Herz am rechten Fleck. Das sehe nicht nur ich so. Wir feiern hier nicht das Ende einer Ehe, was sich wirklich irgendwie komisch anfühlen würde, sondern vielmehr die Macht der Freundschaft. Das klingt zwar alles recht kitschig und ich kann Gabis Miene ganz genau ablesen, dass ihr das alles auch ein bisschen suspekt ist. Aber wenn sich alle einigermaßen verstehen, warum sollte man dann so einen Tag nicht auch zusammen verbringen, hm? Es steht doch nichts mehr zwischen uns. Weder zwischen mir, Marc und Gabi, noch zwischen Gabi, Anna und Mehdi. Und so langsam schwappt die gute Stimmung auch auf die grimmige Krankenschwester über. Ich tippe mal darauf, dass das ihre Hormone waren. Ich bin ja auch manchmal ein bisschen..., du weißt schon. Aber dann esse ich etwas und dann geht’s mir wieder gut.

Lilly hat Gabi gerade zum Frisbeespielen überredet. Anna macht auch mit. Obwohl sie die ganze Zeit ziemlich in ihr Handy vertieft gewesen war. Mhm, also wenn du mich fragst, da ist etwas im Busch. Mehdi hat auch schon so komische Andeutungen gemacht. Anna ist sogar ein bisschen rot geworden, hat aber schnell abgelenkt und seelenruhig den Picknickkorb mit den ganzen Leckereien ausgepackt. Also für mich ein eindeutiges Zeichen. Aber ich kenne sie ja auch noch nicht so gut, um das beurteilen zu können. Wir haben uns zwar ein bisschen angefreundet, wenn man das so sagen kann, aber nicht so gut, dass man schon über Vertraulichkeiten reden könnte. Ich meine, wir hatten schließlich keinen guten Start. Wegen ihr haben Mehdi und ich schließlich damals Schluss gemacht. Und dann war ich ihre Ärztin. Zweimal. Anna ist uns gegenüber auch immer noch zurückhaltend. Ich glaube, sie schämt sich für das, was sie getan hat. Aber dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Wenn Mehdi ihr verzeihen kann, dann steht uns überhaupt nicht zu, irgendwelche Vorbehalte ihr gegenüber zu hegen. Auch wenn Marc es nicht lassen kann, ihr gegenüber seine dummen Sprüche loszulassen. Aber das treibe ich ihm schon noch aus. Gott, wie toll er Gitarre spielt. Wenn er jetzt noch dazu singen würde. Mhm... Ich weiß nämlich aus gut unterrichteter Quelle, dass er das gut kann. Nämlich wenn er sich unbeobachtet fühlt, singt er immer unter der Dusche oder an den Waschbecken vor den OPs. Hach... Ich gerate schon wieder in Gefahr, in den Schmachtmodus überzugehen. Mhm, wie werde ich den bloß wieder los? Ha, ich weiß!

Ja, ich könnte dir nämlich berichten, dass sich die Wogen zwischen Maria und Cedric mittlerweile wieder geglättet haben. Mein Gott, wie die sich angezickt haben in den letzten Tagen. Da ist eine Polittalkshow die reinste Entspannungsunterhaltung dagegen. Mir klingeln jetzt noch die Ohren. Dabei ist doch gar nichts weiter passiert. Obwohl, ich weiß nicht, ob ich bei diesem heiklen Thema auch so cool reagiert hätte. Männer, und Chirurgen im Speziellen, sind einfach viel zu direkt. Zu direkt für eine Sechsjährige, die manche Dinge dann doch viel ernster nimmt, als sie gemeint sind. Maria hat einiges gebraucht, um die süße Motte zu beruhigen. Die Kleine hatte so Angst um ihre Mama, dass bei der Geburt ihres Geschwisterchens etwas passieren könnte, dass sie gar nicht mehr von ihrer Seite gewichen ist. Okay, ja, dass Maria deswegen sauer auf Cedric war, das ist schon gerechtfertigt. Ich meine, was hat er ihr bloß alles erzählt? Aber ihm gleich jede Fähigkeit abzusprechen, ein verantwortungsvoller Vater zu sein, das war nicht fair. Er ist wirklich ein fürsorglicher Papa. Die Situation hat ihn einfach überfordert. Marc war ja auch ziemlich durcheinander, als Sarah ihm all diese Fragen gestellt hat. Er konnte noch weglaufen. Cedric als verantwortlicher Erziehungsberechtigter dagegen nicht.

Da hat es ordentlich gescheppert in der Neurologie und ich war echt froh, dass ich in dieser Woche mehr in der Notaufnahme zu tun hatte als dort oben bei den beiden. Ich will da wirklich nicht als Ping-Pong-Ball dazwischen geraten. Maria war so in Rage, dass sie sogar schon den Hauskauf absagen wollte, was wiederum Cedric ziemlich auf die Palme gebracht hat. Er hat nämlich seine Reihenhaushälfte schon verkauft und würde jetzt ohne Dach über dem Kopf dastehen, weil Maria ihn auch nicht mehr bei sich zu Hause reingelassen hat. Die Zwei sind echt ohne Worte. Wie kann man sich das Leben nur so schwer machen? Sie sollten sich doch glücklich schätzen, dass sie sich nach all der Zeit endlich wiederhaben. Das ist doch eine Beziehung, die im Gegensatz zu der von Mehdi und Anna wirklich noch eine Chance hat. Weil ich ganz genau weiß, wie sehr die beiden sich lieben, äh... wenn sie sich nicht gerade streiten. Aber Klein-Sarah, die aufgeweckte süße Maus, hat schnell vermittelt und nachdem klar war, dass sie kein Trauma davongetragen hat, weil sie jetzt etwas sehr explizit weiß, wie das mit den Babys konkret funktioniert und das auch gleich im Kindergarten weitergetratscht hat, konnte sich auch Dr. Hassmann wieder ein minimales Bisschen beruhigen.

So viel ich weiß, machen die Vier heute Nachmittag einen gemeinsamen Ausflug zu dem Kanadahaus und ich drücke schon fleißig die Daumen, dass diesmal nichts schief läuft. Sabine hat sogar überlegt, ob sie ihren Nachmittagsspaziergang mit dem Kinderwagen heute extra wieder an den See legt, aber Günni hat heute Star-Trek-Stammtisch. Ich habe gerade noch mal auf mein Handy geguckt, keine neue Nachricht. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen, oder? Ich bin ja immer dafür, dass Harmonie herrscht. Sowohl zwischenmenschlich, als auch bei uns auf Station. Das macht das Leben doch viel leichter und unaufgeregter. Gerade für uns schwangere Ärztinnen, wo wir doch auch schon so ziemlich viel mit uns rumzuschleppen haben. Vor allem ich mit meiner riesigen Abrisskugel. Oh, oh, Marc hat auch schon wieder ein Auge darauf geworfen. Er kommt her! Hilfe! Er hat wieder diesen Blick drauf. Ich muss Schluss machen. Bevor er mich noch damit aufzieht, dass ich hier faul auf der Wiese herumliege wie ein gestrandetes dickes Walross.

Bis dann, liebes Tagebuch,

dein Gretchen

Lorelei Offline

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30.06.2016 16:42
#1571 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Liebes Tagebuch,

das gestrandete Walross meldet sich zurück! Hihi! Ist es wirklich schon so lange her, dass ich dir das letzte Mal geschrieben habe? Ich habe das Gefühl, seitdem ich schwanger bin, rennt die Zeit nur so davon und ich komme kaum noch hinterher. Im wahrsten Sinne des Wortes übrigens! Marc zieht mich zwar immer mit meinem Abrissbirnen-Spruch auf, der... ich weiß gar nicht mehr, wie der überhaupt entstanden ist, aber wenn ich tatsächlich eine wäre, wo bleiben dann die Ausschläge, hm? Müsste ich nicht ausschlagen, wenn ich mich noch bewegen könnte? So unfit wie jetzt war ich das letzte Mal in der neunten Klasse, als ich vor lauter Frust wegen einem bescheuerten Elfklässler, der sich nicht die Bohne für mich interessiert hat, die Kioskverkäuferin bei uns um die Ecke sehr glücklich gemacht habe, weil ich regelmäßig ihr Süßigkeitenregal rauf- und runtergeplündert und damit ihren Umsatz in nie gekannte Höhen getrieben habe. Nicht zu vergessen die daraus resultierende dicke Vier minus in Sport auf meinem Zeugnis, die mir meinen guten 1,0-Schnitt ruiniert hat. Aber gut, ich weiß ja, dass der Vergleich sehr, sehr hinkt. Weil ich überhaupt nicht unsportlich bin, sondern mich in echt im schönsten Stadium befinde, in das man sich nur hineinträumen kann. Ich bin nämlich eine sehr, sehr glückliche und ausgeglichene Schwangere und ich liebe meinen Bauch. Also meistens. Nur manchmal eben nicht, wenn ich den Rest meines Körpers im Spiegel betrachten muss, der wie ein Hefekuchenteig auseinander gegangen ist, und wenn mir wieder ein Arztkittel zu klein geworden ist und es keinen in meiner Größe mehr gibt, die ich hier aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht (!) angeben werde. GRR! Aber ich will mich nicht beschweren. Mir geht’s super wie schon lange nicht mehr. Ich genieße es. Trotz Stress, unkontrollierbaren Hormonen, die einen dann doch manchmal ausschlagen lassen (hihi!) und tausend Gedanken, die vierundzwanzig Stunden und sieben Tage die Woche um mich herumflattern.

Es muss so viel organisiert und vorbereitet werden. In der Klinik. Zu Hause. Zwischen mir und Marc. Ja, besonders da! Und da habe ich die Babykurse noch gar nicht mitgerechnet, bei denen ich uns angemeldet habe. Weil Marc sich strikt weigert, bei so einem albernen Turnkurs mitzumachen. Er geht davon aus, dass die Natur das schon von alleine regeln wird. Pff! Chirurg eben! Immer der Logik nach. Ich bin aber diejenige, diplomierte Chirurgin hin oder her, die dann unter Schmerzen, an die ich jetzt noch gar nicht denken möchte, im Kreißsaal liegen muss, um zwei riesige Kinder aus mir herauszupressen. Und nachdem Elke mir im angetüdelten Zustand an Olis Geburtstag neulich erzählt hat, dass Marc bei seiner Geburt ungewöhnlich groß gewesen sein soll und es Stunden über Stunden gedauert habe, den Riesen da herauszubekommen, und ich von meiner Mutter, die jedes Mal, wenn wir alle uns sehen, die gleichen peinlichen Geschichten auspackt, weiß, dass ich bei meiner Geburt auch nicht gerade ein Leichtgewicht gewesen sein soll (im Gegensatz zu Jochen, der ja so ein niedlicher Winzling gewesen ist!), bin ich leicht beunruhigt oder naja nervös eben. Da kann Mehdi mit seiner einfühlsamen Samtstimme beruhigend auf mich einreden, wie er will, dass bei mir alles im Normbereich liegt, ich bin nun mal schon immer leicht hypochondrisch veranlagt gewesen. Diesen Faktor X hat nämlich keiner auf seiner Liste stehen.

Marc amüsiert das natürlich wie immer königlich. Dieser Idiot! Aber er muss ja auch nicht diese riesige Abrissmurmel vor sich herschieben, die gefühlt jeden Tag immer voluminöser erscheint und mir jegliche Kompetenz abspricht, weil man eben nur noch die Kugel sieht und nicht mehr die Ärztin dahinter. Eigentlich ist das schon eine bodenlose Ungerechtigkeit, dass wir Frauen das alles alleine stemmen müssen, während sich die Jungs gemütlich zurücklehnen können, bis die Küken geschlüpft sind. Die haben doch keine Ahnung, also mit Ausnahme von Mehdi, der mir von Berufswegen her und natürlich als Freund mit Papaerfahrung schon die Sicherheit gibt, die ich brauche. Gerade jetzt, wo ich mir eingestehen muss, dass es so auf keinem Fall länger weitergehen kann. Ich schaffe mein Pensum nicht mehr und das wurmt mich total. Obwohl mich keiner dafür kritisiert, auch Papa nicht. Aber der schwebt ja auch, seitdem er doppelter Opa wird, genauso wie ich ständig in ganz anderen Sphären, wo nichts und niemand ihn in seinem stolzen Dauergrinsen erschüttern kann. Er wirkt um Jahre verjüngt und springt wie ein junger Ha(a)se zwischen den Stationen hin und her und nervt alle mit seinem Elan. Beneidenswert. Aber ich bin nun mal nur noch dauermüde und watschle im Schneckentempo durchs Krankenhaus. Ich schlafe schon nach der kleinsten Anstrengung ein, sogar beim Warten an der Theke in der Cafeteria oder beim du weißt schon was, was wiederum Marc in seiner Ehre kränkt. Da sieht man, oder in dem Fall besser gesagt Frau, es mal wieder, Männer haben gar keine Ahnung, wie sich das anfühlt.

Mir tun ständig die Füße weh, die übrigens gefühlt die doppelte Größe angenommen haben, weshalb ich nur noch in Marcs Krankenhausschlappen passe und er mich jedes Mal zusammenscheißt, weil er seine Schuhe nicht mehr findet. Ich habe Rücken. Mir spannen die Brüste. Ich muss ständig aufs Klo. Und eigentlich habe ich immer Hunger. Auf alles, was mir gerade in den Sinn kommt. Meistens in den unmöglichsten Situationen, wenn ich gerade erst seit fünf Minuten im OP stehe oder Patientengespräche führe und dann an nichts anderes mehr denken kann. Sehr professionell, ich weiß. Ich komme kaum noch hinterher, wenn es in der Notaufnahme mal zügiger vorangehen muss. Mir wird das alles zu viel. Vom Kopf her, aber auch vor allem von der Physis. Und nachdem Dr. Hassmann schon letzte Woche aus denselben nachvollziehbaren Gründen die Segel streichen musste, fehlt mir das Vorbild, an dem ich mich orientieren kann, um mich jedes Mal aufs Neue wiederaufzuraffen, um allen zu beweisen, dass man auch als werdende Mama so einiges leisten kann. Weil schwanger zu sein, verdammt noch mal, keine Krankheit ist! Selbst heute noch hat das noch nicht jeder verstanden und das regt mich auf. Upps! Ich schlage schon wieder aus. Themenwechsel!

Zurück zu meiner Mentorin. Ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich stolz auf sie. Ich weiß ja, wie aufbrausend Maria werden kann, wenn mal etwas nicht nach ihrem Willen klappt. Deshalb habe ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet, als es hieß, sie müsse sich mehr zurücknehmen. Ihr OP-Verbot bestand ja auch schon seit einigen Wochen. Aber sie ist überraschend cool geblieben. Sie ist, ohne zu maulen, zu meinem Vater hin - ich saß gerade mit ihm und Mama beim Essen in der Cafeteria - und hat gesagt, dass sie ab dieser Woche zu Hause bleiben wird. Weder ihr behandelnder Frauenarzt, noch Cedric, der sie jetzt in der Neuro voll vertritt, haben sie dazu gedrängt. Es kam allein von ihr. Gut, sie hatte auch schon vorher kürzer treten müssen, wegen ihrer medizinischen Vorgeschichte, aber dass sie jetzt so entschieden einen Schlussstich zieht und in Mutterschutz geht, finde ich echt toll und bewundernswert. Und es hat auch mir zum Nachdenken gegeben, wie es mit mir in nächster Zeit weitergehen wird. Ich habe noch nicht mit Marc darüber gesprochen, aber ich werde es ab nächster Woche auch ruhiger angehen lassen. Ich bin ja eh schon bei nur noch achtzig Prozent angelangt, wenn überhaupt, die ich jetzt auf gemütliche Fünfzig runterschrauben werde.

Papa weiß schon Bescheid. Ich habe genau gesehen, wie die dicke Sorgenfalte auf seiner Stirn, die seit unserer Babys-on-board-Nachricht dort gestanden hat, mit einem Mal verschwunden ist. Opa Franz ist so süß, vor allem weil ich weiß, dass Mama, du kennst ja ihre Art, ihn immer wieder dazu drängt, dass er mich am besten gleich ganz aus der Klinik rausnehmen soll, was er natürlich nicht getan hat, weil er ganz genau weiß, wie viel Ärger er dann mit mir bekommen würde. Mit einem schwangeren Kälbchen ist nämlich nicht zu spaßen. Das weiß nicht nur er. Hihi! Er sagt immer, ‚Butterböhnchen, unser Kälbchen geht schon ihren Weg, sie weiß schon, was ihr gut tut’, und hat mich entscheiden lassen, wofür ich ihm wirklich sehr, sehr dankbar bin. Papa wird mich ab sofort bei größeren Sachen vertreten. Kleinere ambulante Eingriffe, die nicht über eine Stunde hinausgehen, werde ich natürlich auch weiterhin übernehmen. Aber ansonsten werde ich mich ganz der Aktenpflege und der Organisation der Station widmen. Juhu! Noch mehr Papierkram! Hörst du die Ironie heraus? Aber keine Bange, ich bin überhaupt nicht wehmütig deswegen, weil ich weiß, dass es für mich und die Kleinen das Beste ist. Und ich bin ja auch noch nicht ganz raus. Das will ich ja auch gar nicht. Ich wüsste gar nicht, was ich mit der vielen Freizeit anstellen sollte. Marcs Vortragsreihe und den Besuch der Kollegen aus den Staaten nehme ich natürlich noch voll und ganz mit. Ich bin schon ganz aufgeregt deswegen. Übrigens, nicht nur ich.

Keine Ahnung, wie Marc auf meine Pläne reagieren wird. Ich denke mal, insgeheim weiß er, dass ich nicht mehr mit hundert Prozent dabei sein kann, wie er es von mir gewohnt ist. Er hat nie etwas gesagt, aber er guckt mich immer, wenn er denkt, ich merke es nicht, mit so einem wehmütigen Blick an, den man von ihm gar nicht kennt, wenn man ihn kennt. Er passt schon mit Argusaugen auf mich auf, dass ich mich nicht überschätze. Das hat er eigentlich schon immer getan, seitdem ich hier im Elisabethkrankenhaus als seine Assistenzärztin angefangen habe, aber das hat, seitdem ich schwanger bin, ganz neue Dimensionen angenommen. Er passt ganz genau auf, dass ich meine Dienstzeiten nicht überschreite und mir rechtzeitig meine mir zustehenden Pausen gönne, und er hat mich auch schon das eine oder andere Mal höchstpersönlich in den Bus gesetzt, als ich noch in meiner bockigen Phase war und mir nichts habe sagen lassen, weil ich schließlich nur schwanger bin. Und ich will ja auch nicht, dass er komplett in den Sorgenmodus verfällt, weil, wie wir wissen, er dann unkontrollierbar wird. Und wenn ein Mann wie Marc Meier unbedacht die Kontrolle verliert, dann ist Polen echt offen. Nach der Geschichte von letzter Woche wollen wir das beide nicht. Denn gibt es etwas Schlimmeres für gestandene Chirurgen, als dass man für komplett hysterisch und bescheuert gehalten wird? Oh Mann, war das peinlich. Und ich werde nie das Gesicht von Mehdi vergessen. Wie auch, er zeigt es uns ja jedes Mal, wenn wir ihn treffen. Dieses schelmische Grinsen, vermischt mit diesem gewissen Funkeln in den dunklen Augen, und ich weiß dann immer ganz genau, was er gerade denkt. Und ich kann es ihm auch gar nicht verübeln. Wir haben uns ja auch wie zwei völlige Idioten benommen. IQ nicht messbar. Eigentlich hätte man uns dafür den Doktortitel aberkennen müssen. Verdient hätten wir es. Aber bevor du fragst, was los war, das ist passiert:

Ich habe Marc bei einem komplizierten Eingriff im OP unterstützt, damit ich mir die neue Technik aneigne, die er aus den USA mitgebracht hat. Er ist so lieb. Er hängt sich total rein, damit ich noch so viel wie möglich Praxis mitnehme, bevor ich dann für lange, lange Zeit out of order sein werde, wie er immer so schön mit seinem hinreißenden Grübchengrinsen betont, das mich immer total wuschig macht. Jedenfalls lief alles prima. Du weißt ja, dass bei uns alles immer sofort Hand in Hand übergeht, weil wir immer ganz genau wissen, was der andere im nächsten Moment vorhat. Aber ich habe schon während der OP gemerkt, dass mir so langsam die Kräfte ausgingen. Aber ich habe tapfer durchgehalten, denn es ging schließlich um das Leben unseres Patienten. Dann danach im Waschraum, als wir uns umgezogen haben, war mir mit einem Mal total komisch zumute. Jetzt nicht richtig schwummrig, wie ich es von den ersten Schwangerschaftsmonaten kenne oder wenn ich unterzuckert bin. Ich habe so ein komisches Kribbeln verspürt. Ich konnte nicht definieren, was es genau war, weil ich so etwas noch nie gespürt habe. Es hat mich total kirre gemacht. Marc war natürlich sofort beunruhigt. Der Papa im OP-Kittel eben. Schließlich kann bei Mehrlingsschwangerschaften in jeder Phase immer etwas passieren. Ich habe ja auch die ganzen Ratgeberbücher gelesen und auswendig gelernt, die er leugnet, je bei uns zuhause im Arbeitszimmer gesehen zu haben.

Er hat mich mit einem Rollstuhl, was übrigens überhaupt nicht nötig gewesen wäre, quer durchs halbe Krankenhaus geschoben und wären wir bei den Paralympics gewesen, hätten wir im Spurt vermutlich die Goldmedaille gewonnen. Ich weiß nicht, wer uns alles gesehen hat, aber fünf Minuten später standen auch meine hyperbesorgte Mutter, ein ratloser Jochen und Sabine mit Anton im Tragetuch vor Mehdis Praxis. Ich habe keine Ahnung, wo die beiden auf einmal hergekommen sind. Kann Lt. Günni ‚Spock’ Gummersbach vielleicht doch beamen? Uah, wie gruselig. Jedenfalls, wenn Papa nicht gerade mit einer mehrstündigen OP beschäftigt gewesen wäre, hätte er vermutlich auch an der ersten Frontlinie gestanden. Aber er hätte dann sicherlich sofort den Durchblick gehabt und Schlimmeres verhindert. Papa hat nämlich Antennen dafür, die ihm genau sagen, was mit mir los ist. Das war schon immer so. Seit ich ein kleines Mädchen war. Er hat mich ja auch als Erster durchschaut, als ich mich zum ersten und auch zum zweiten Mal in Marc Meier verliebt habe. Und wenn ich selber in dem Moment nicht so aufgeregt gewesen wäre, dann hätte ich mich jetzt vermutlich erst richtig in Grund und Boden geschämt. Was bin ich auch immer so hypochondrisch? Von wem habe ich das? Von Mama? Ihrer kopflosen Reaktion in Mehdis Behandlungszimmer nach zu urteilen, ja. Es ist furchtbar.

Was dann passierte, kann ich gar nicht mehr so genau wiedergeben. Weil die unterschiedlichsten Eindrücke und Gefühle auf mich eingeprasselt sind und Marc Mehdi auch ziemlich lautstark angegangen ist, endlich etwas zu unternehmen. Aber unser lieber, guter Freund, der wie immer eine Bärenruhe weghatte, hat nur breit grinsend die Arme verschränkt, nachdem er mich kurz untersucht hat, und uns angeguckt, als wären wir ein bisschen grenzdebil, was ja auch irgendwie stimmte. Zwei gestandene Ärzte mit wirklich guten Abschlüssen, der eine Oberarzt, die andere Stationsärztin, kapieren nicht, was Sache ist. Damit wird Mehdi uns bestimmt bis ins Seniorenheim verfolgen. - „Gretchen, Frau Dr. Haase, nun strengen wir unseren Denkapparat mal ein bisschen an, hm! Du hast deine Symptome wie kleine Flügelschläge gegen deine Bauchdecke beschrieben. Dir ist irgendwie schlecht, obwohl dir gar nicht schlecht ist. Die Symptome treten in unregelmäßigen Abständen auf. Was könnte das wohl bedeuten? In deinem Zustand? In welcher Woche warst du noch gleich?“ Ich habe ihn angestarrt. Minutenlang. Sein vergnügt lächelnder und dann sehr herzlicher Blick ging immer wieder in Richtung meiner Abrisskugel und dann zwinkerte er Marc auch noch so verschwörerisch zu, der meine Hand beinahe zerquetschte und in dem Augenblick noch mehr auf dem Schlauch stand als ich. Und dann plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Auch weil die Symptome gerade in diesem Moment noch einmal besonders intensiv auftraten. - „Oh!“, hab ich nur gesagt und Marc wurde noch ungehaltener. - „Mehdi, was soll der Scheiß? Ich will sofort, dass du Haasenzahn richtig untersuchst, verdammt noch mal, oder ich bin diesmal derjenige, der dir das Doktorschild wegnehmen muss?“

Marc war so süß und er reagierte dann noch viel, viel süßer, als Mehdi, anstatt seinem aufbrausenden Freund zu antworten, einfach nach dessen Händen griff und diese an zwei zentrale Punkte meines dicken Bauches legte. Es dauerte, glaube ich, ganze zehn Sekunden, bis mein verwirrter Schatz mit tellergroßen Augen endlich kapierte, was los war. Unsere Wundersterne wissen offenbar ganz genau, wann sie sich zu Demonstrationszwecken in die richtige Position bringen sollen. Das müssen sie von ihrem Papa haben. Hihi! Es war überwältigend. Nicht nur für mich, die es noch intensiver spüren kann und jedes Mal aufs Neue erschüttert wird, wenn die Zwillinge sich melden. Wir haben alle geheult, sogar mein kleiner gefühlslegasthenischer Bruder, der als Teil seiner Ausbildung, wie er ziemlich entschieden betonte, auch mal Hand anlegen durfte und danach total aufgekratzt war und gar nicht mehr aufhören konnte, seiner Freundin am Telefon davon vorzuschwärmen. Tja, Marcs Rollstuhlaktion hatte sich mittlerweile bis zur Orthopädie durchgesprochen und Chantal, die Süße, hatte sich auch Sorgen um mich gemacht und wollte schon ihren Physiokurs für mich schwänzen, was ich natürlich nicht zugelassen habe als verantwortungsvolle Stationsärztin und Schwägerin in spe. Zwillinge in der Verwandtschaft sind keine Ausrede, um seine Ausbildung schleifen zu lassen. Sie hat auf mich gehört. Aber Jochen, du kennst ihn ja. In Kombination mit meiner Mutter unerträglich nervig.

Aber Bine war richtig toll. Sie hat Mama und meinen hibbeligen Bruder mit Anton als Ablenkungsmanöver recht zügig aus dem Zimmer gelotst, damit Marc und ich alleine noch mal diesen unvergesslichen Moment genießen konnten, als sich unsere Zwerge zum ersten Mal bewegt haben. Seitdem kann mein Schnuckiputzi gar nicht mehr genug davon kriegen. Er missbraucht sogar den Pieper, um mich unter fadenscheinigen Gründen in sein Büro zu locken. Gut, das hat er früher auch schon gemacht, aber das jetzt ist es etwas ganz anderes. Nur damit er noch mal checken kann, was die Kleinen denn gerade so machen. Ja, was werden sie wohl machen in der vierundzwanzigsten Woche, hm? Sudoku lösen? Einen feinchirurgischen Eingriff planen? Eine neue Fremdsprache lernen? Die meiste Zeit natürlich schlafen, was sonst. Dann ist Marc immer enttäuscht und ich muss ihn sehr lange drücken, bis seine frechen Grübchen wieder tanzen. Ich weiß, er ist ein hinterlistiger Schuft, aber ich gebe ihm gerne das gute Gefühl, das er braucht. Er braucht nun mal Bestätigung. Du kennst ihn ja. Vor allem jetzt, wo sich nicht mehr alles nur um ihn als Sonne dreht. Hihi! Ich muss ihm sogar genau Bericht erstatten, wann und wo sich die Zwei gemeldet haben. Das ist so süß. Und ich lieb ihn total, wenn er so ist. So wie jetzt auch gerade.

Marc ist nämlich gerade mit einem ziemlich langen Gesicht auf mich zu gekommen, hat sich grummelnd hinter mich in den Strandkorb gezwängt und hat sofort seine beiden Farbe verschmierten, talentierten Chirurgenhände an meinem Babybauch angedockt und sitzt jetzt mit geschlossenen Augen hinter mir, die Nase tief in meinen Haaren vergraben, wahrscheinlich um wieder runter zu kommen und sich zu beruhigen. Er hat noch nicht einmal kommentiert, dass ich schon wieder vor allen Augen mein Tagebuch voll kritzele. Ein eindeutiges Zeichen, dass ihm alles ein bisschen zu viel wird im Moment. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Wir haben den Termin so lange hinausgezögert. Aber heute haben endlich alle Zeit und wir müssen nun mal so langsam in die Endphase übergehen, denn in weniger als dreieinhalb Monaten brauchen unsere neuen Mitbewohner schließlich ein neues Zuhause, auch wenn sie, so ruhig und entspannt wie sie gerade sind, ihr gemütliches Heim, das sie gerade bewohnen, sicherlich nur ungern verlassen möchten.


Marc: Glaubst du das wirklich?

...hörte die eifrige Tagebuchschreiberin plötzlich hinter sich die vertraute Stimme, die ihr sofort eine dicke Gänsehaut bescherte. Überrascht drehte Gretchen ihr Gesicht in Marcs Richtung und verdeckte dabei nur halbherzig mit einer Hand ihre zuvor geschriebenen Zeilen. Der Schelm lächelte nur wissend, aber er wirkte hinter dem funkelnden Smaragdgrün auch sichtlich müde und erschöpft.

Gretchen: Marc, du hast gespickt! Das gehört sich nicht. Das sind vertrauliche Gedanken.
Marc (schiebt ihre Lockenmähne zur Seite u. drückt ihr einen dicken Schmatzer in den Nacken): Dann solltest du vielleicht deine rosa Katzenblöcke nicht so offen rumliegen lassen, Haasenzahn.
Gretchen (will sich eigentlich darüber ärgern, aber grinst schnell genauso schelmisch wie ihr Besserwisserfreund): Blödmann!
Marc (verzieht seinen Mund zu einer gespielt beleidigten Schnute u. beugt sich anschließend verschwörerisch an ihren Babybauch heran): Hey! Ihr Zwei, nicht ärgern, sie meint das nicht so. Für eure Mama werde ich immer der coole Junge vom Schulhof bleiben.
Gretchen (schmollt ihn herausfordernd an): Das werden wir ja noch sehen, mein Lieber. Was machst du eigentlich hier? Hast du nicht gesagt, ihr wollt das ohne Pause durchziehen, damit du’s endlich hinter dir hast?
Marc (guckt kurz rüber zur offenen Terrassentür u. verdreht gequält aufstöhnend die Augen): Fünf Minuten chillen.
Gretchen (folgt seinem Blick u. weiß Bescheid): Ach?
Marc (vergräbt sein Gesicht wieder in ihren Haaren u. streichelt nebenbei andächtig ihren süßen Babybauch): Jep, ansonsten weiß ich nämlich nicht, wie lange ich mich noch zurückhalten kann, die Idioten da drin nicht doch noch vom Dach zu schmeißen.

Oje! Marc ist echt zum Knuddeln, wenn er genervt ist. Warte, ich guck noch mal, ob er mir zuschaut. Nein, er hat die Augen wieder geschlossen und entspannt. Eigentlich faszinierend, dass es nur ein probates Mittel gibt, um den Tiger in ihm zurückzuhalten. Ob es dann auch so gut funktioniert, wenn unsere Babys erst einmal auf der Welt sind? Bleibt abzuwarten. Aber ich lenke schon wieder vom Thema ab. Und das heutige Thema lautet, das Babyzimmer fertig zu stellen. Ich habe mich dezent in unseren schönen Dachgarten zurückgezogen und die Jungs mal machen lassen. Weil ich eh nur im Weg herumstehen würde. O-Ton Marc Meier, wohlgemerkt. Aber er hat ja auch recht, ich kann mich nun mal nicht mehr kleiner machen als ich bin. Ich sprenge nämlich so langsam die Dimensionen der Vorstellungskraft und nicht nur meinen Kleiderschrank, in dem mir überhaupt nichts mehr passt. Und wenn es so weitergeht, werde ich wohl demnächst in der Zeltabteilung der Kaufhäuser ein und ausgehen müssen. Aber ich will jetzt auch nicht wieder mit dem Jammern anfangen. Ich heule Marc schließlich schon jeden Abend im Bett die Ohren voll und lasse mich nur stoppen, indem er ganz besonders lieb zu mir ist. Und er ist auch immer sehr, sehr lieb zu mir. Ich weiß gar nicht, wie er es immer mit mir aushält, wenn ich so unleidlich bin. Mein Held!

Heute will ich mich jedenfalls freuen, weil das Zimmer für unsere Wundersterne so langsam richtige Konturen annimmt. Vor allem seitdem das neue Fenster drin ist. Ich habe gewusst, dass die Nische dadurch einen ganz anderen Charakter bekommt. Es ist wunderschön hell geworden, obwohl es sich an der sonnenabgewandten Seite befindet. Wir haben viel mehr Platz für die neuen Möbel, die in zwei Wochen geliefert werden sollen, wenn alles klappt. Jetzt geht es nur noch um das Verputzen und Tapezieren. Ich weiß, liebes Tagebuch, Jochen ist dabei mit seinen zwei linken Händen nicht gerade eine Hilfe. Das erklärt Marcs Grummelgesicht. Aber mein lieber Bruder und bald Lieblingsonkel, wie er immer fröhlich grinsend und mit ganz viel Stolz betont, wenn er meinen Bauch krabbelt und die Zwillinge begrüßt, will unbedingt auch etwas dazu beitragen, damit es seine Neffen oder Nichten - wir wissen es ja nicht, was Mama und Elke uns übrigens immer noch beleidigt vorwerfen, weil sie so unwissend nicht richtig planen können, was auch immer sie damit meinen - ein schönes Zuhause bekommen. Und mit Mehdi an ihrer Seite kriegen das meine Jungs schon irgendwie hin.


Marc: Das wage ich zu bezweifeln. Du weißt ja, Mädchen und Handwerk, ne.

...kommentierte Marc ungeniert schon wieder ihr Geschriebenes und Gretchen klappte daraufhin schnell ertappt ihr Tagebuch zu und steckte es in die Seitentasche des Strandkorbes, bevor sie sich ihren frechen Pappenheimer vorwurfsvoll zur Brust nahm.

Gretchen: Marc, du liest schon wieder mit.
Marc (neckt sie, indem er mit seiner Nasenspitze durch ihr Haar fährt): Du stellst dich ja auch nicht gerade geschickt beim Verstecken an, Haasenzahn. Aber du hattest ja auch damals in der Schule kein Talent dafür, dich nicht beim von dir abspicken erwischen zu lassen.
Gretchen (reckt eingeschnappt ihr Näschen in die Höhe): Das kannst du gar nicht wissen. Du warst nicht in meiner Klasse, Mr. Oberschlaumeier.
Marc (immer noch obenauf grient er sie von der Seite an): Hat mir Karsten erzählt.
Gretchen (schließt ertappt die Augen u. verteidigt sich): Ja, weil er derjenige war, der überhaupt nicht unauffällig zu mir rübergucken konnte. Frau Behrenbusch hat uns immer erwischt.
Marc (grinst spöttisch): Naja, es war ja auch nicht besonders einfach, an dir vorbeizugucken.
Gretchen (wird allmählich sauer u. läuft dementsprechend rot an): Wenn das eine Anspielung auf meine Figur sein soll, mein Lieber, dann hüte mal lieber deine Zunge! So wie ich jetzt gerade aussehe, ist mit mir nämlich nicht zu spaßen. Ich könnte dich überrollen.
Marc (lässt seinen ganzen Charme spielen, um seine Süße zu bezirzen): Hoho! Ich nehme dich beim Wort. Nachher im Bett. Aber ich sag’s dir gerne noch mal, auch wenn du’s nicht glaubst, weil du nicht mehr vor unseren Spiegel passt,...
Gretchen (stupst den Sprücheklopfer empört in den Arm): Hey!
Marc (lacht u. schaut seiner Traumfrau tief in die blauen Funkelaugen): Ich find dich hinreißend so rund und natürlich, wie du gerade bist. Du musst dich nicht verstecken oder dir irgendwas Bescheuertes einreden, was gar nicht stimmt. Du bist und bleibst die heißeste Ärztin auf diesem Planeten.
Gretchen (will ihm ja glauben, hat da aber ihre berechtigten Zweifel, wenn sie so an sich herunterguckt): Ehrlich?
Marc (gibt ihr zur Bestätigung einen sehr überzeugenden Kuss auf ihren süßen Schmollmund): Positiv! So, genug gequatscht. Die fünf Minuten sind um. Jetzt werde ich mal meinen drahtigen Hintern wieder da rein schwingen, bevor Mehdi nicht doch noch den rosa Eimer erwischt.
Gretchen (hält seine Arme fest um ihren Bauch geschlungen, weil sie ihn nicht gehen lassen will): Wir haben gar keine rosa Farbe da, mein Schatz.
Marc (führt ihre Hände an seine Lippen u. schiebt sich dann lässig an ihr vorbei, um wiederaufzustehen): Ich weiß und das ist auch gut so. Das würde nämlich den Wert des Penthouses deutlich mindern.
Gretchen: Haha!
Marc (blickt sich grinsend um): Und schön hier sitzen bleiben, Mademoiselle Naseweis, bis wir mit dem Scheiß da drin fertig sind, ja! Ach, apropos, was machen eigentlich die Opas? Die haben sich seit zwei Stunden gar nicht mehr gezuckt. Sind die Chirurgenpfoten noch dran oder brauchen sie ne Betäubungsspritze nach der Selbstamputation? Die haben’s ja auch nicht so mit Werkzeugen, die nicht aus OP-Stahl sind.
Gretchen (linst zu den beiden schwer beschäftigten älteren Herren am anderen Ende der Dachterrasse rüber): Haha! Mein Lieber, unterschätze Papa und Oli mal nicht. Ich glaube ja, ihr seid diejenigen, die sich sputen sollten, sonst sind die beiden eher mit der Umgestaltung der beiden Wiegen fertig, wie ihr das Zimmer sonnengelb gestrichen habt.
Marc (guckt unbeeindruckt zu den beiden werdenden Opas rüber, die die Unterhaltung des verliebten Paares schmunzelnd verfolgt haben, u. marschiert schnurstracks wieder zurück in die Wohnung): Pah! Das werden wir ja noch sehen.

Siehst du, was ich meine, liebes Tagebuch? Mein Marcischnuckiputzi braucht nur die richtige Motivation und die Sache nimmt ihren Lauf. So einfach ist das. Außerdem müssen wir an diesem Wochenende unbedingt fertigwerden, weil wir nächste Woche schon bei Mehdi und Gabi das Gleiche machen werden. Lilly ist schon total ungeduldig, wann es damit endlich losgehen wird. Sie will die Kinderzimmerwände nämlich unbedingt mitgestalten. Sie hat mir schon ihre Zeichnungen gezeigt. Sieht toll aus. Das mit den Sternen oder den Kinderhänden auf einem Streifen an der Wand könnte ich mir fast auch für unsere Zwillinge vorstellen. Aber dann muss ich Marc erst einmal in einem guten Moment abpassen. Er ist nämlich immer noch beleidigt, weil ich ihn, O-Ton Marc Meier, gestern dazu genötigt habe, bei Marias und Cedrics Umzug in das neue Haus mitzuhelfen. Weißt du, er hat sich angestellt, ohne Ende, hat sogar eine OP erfunden, die es gar nicht gab, um länger arbeiten zu können, aber als er dann dabei war, die Kisten reinzuschleppen, waren die beiden die besten Freunde, haben gelacht und auf der Terrasse ein kühles Bierchen miteinander geteilt. Verstehe einer die Männer! Ich glaube, ich werde nie herausfinden, was da zwischen den beiden auf dem Flug nach Deutschland vorgefallen ist. Vielleicht ist es auch besser so? Wenn die zwei sich von alleine zusammenraufen können, dann ist mir das Antwort genug. Aber vielleicht haben sie auch nur gute Miene zum bösen Spiel gemacht? Denn in der Klinik passt es Dr. Meier nämlich gar nicht, dass Dr. Stier durch Marias Abgang plötzlich auf einer Ebene mit ihm steht. Wahrscheinlich haben sich die beiden Zankhähne wegen Sarah zusammengerissen, die mit ihren Kuscheltiertüten und dem echten Kaninchen auf ihrem Arm den beiden Pappnasen immer auf halbem Schritt hinterhergelaufen ist. Und ihre kleine Halbschwester ist ihr wiederum bei ihren wackeligen Gehversuchen hinterhergetapst. Total süß! Maria war zwar gegenteiliger Meinung, aber das hatte andere Gründe, weil sie erstens, total genervt von mir und Sabine war, denn wir hatten uns ihr großherzig als Unterhalterinnen angeboten, damit sie sich nicht langweilt, weil sie wegen ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft keinen Finger krumm machen durfte, und weil sie zweitens, vermutlich doch etwas wehmütig war, ihr altes Zuhause loslassen zu müssen. Mir ginge es zumindest so. Damit endet doch auch ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens. Ich finde ja, sie hat ein schönes Tauschgeschäft gemacht. Das Holzhaus am See ist wirklich wunderschön und gemütlich, auch wenn darin noch reichlich Chaos herrscht. Aber sie wollte ja nicht, dass wir ihr beim Einrichten helfend zur Hand gehen. Vielleicht schaue ich nächste Woche mal bei ihr vorbei, wenn wir hier fertig geworden sind. Ich hab ja dann eh mehr Zeit, weil ich dann nicht mehr so viel in der Klinik zu tun haben werde.

Oh, du, ich muss jetzt Schluss machen. Mama und Elke sind gerade mit großem Tamtam eingetroffen. Marc hatte darauf bestanden, sie außen vor zu lassen. Sonst wäre der Tiger nicht mehr zu stoppen gewesen und hätte wild um sich gebissen. Also habe ich die beiden glücklichen werdenden Omas losgeschickt, sich um unsere Essensversorgung zu kümmern. Mhm, das riecht ja richtig gut, was sie mitgebracht haben. Ist das etwa Fast-Food? Du meine Güte, so etwas wäre Mama früher nie auf den Tisch gekommen. Aber seitdem die Bewilligung für die 24-Stunden-Kindertagesstätte im EKH durch ist und sie nun mit den Architekten mitten in der Planungsphase steckt, hat sie sehr zum Ärger von Papa für ihre hauswirtschaftlichen Sklavendienste kaum noch Zeit. Also mir soll’s recht sein. Nicht nur, weil unsere Wundersterne neben Anton Gummersbach und Gabis und Marias Babys auf Platz eins der Warteliste für einen Krippenplatz stehen, sondern weil ich und die Kleinen momentan total auf Burger und Co. abfahren. Und ich bin gespannt, was Elke dazu sagen wird, die doch immer so viel Wert auf ihre gesunde Ernährung legt und mich mit ihren makrobiotischen Kochkünsten in letzter Zeit ziemlich oft terrorisiert hat. Das ist wohl ihre Art, sich bei uns einzubringen. Süß schon, ja, aber auch irgendwie schräg. Weißt du eigentlich, dass ihr Ratgeberbuch zu ihrer Krankengeschichte es tatsächlich auf die Bestsellerlisten geschafft hat? Seitdem rennt sie nur noch mit einem Dauerlächeln herum, das vielleicht aber auch ihrer großen Liebe Olivier und ihren Enkelkindern gilt. Ich habe sie noch nicht durchschaut, aber dafür hab ich ja jetzt ein Leben lang Zeit. Hihi! Ich gehe jetzt rein, also, falls ich es überhaupt aus dem Strandkorb hoch schaffen sollte. Mama guckt schon ganz ungeduldig. Oh! Papa und Oli sind mit der Umgestaltung der Babywiegen fertig, die sich jetzt eins zu eins gleichen, und wollen mir hoch helfen. Wie lieb von ihnen. Die Wiegen sehen übrigens toll aus. Das waren sie vorher auch schon. Aber Marcs Rennautodesign und mein rosa Ungetüm aus sehr viel Tüll und mit kitschigem Babyflaschenmuster hätten nicht wirklich gut zusammengepasst. Deshalb finde ich es schön, was Oli und Papa in der kurzen Zeit daraus gemacht haben. Vor allem mit dem neuen cremefarbenen Stoff, der so toll mit der sonnengelben Zimmerfarbe harmoniert. Hach... Ich kann es kaum noch erwarten, bis endlich alles fertig ist und die Babys kommen.

Also bis bald,

liebes Tagebuch. Das nächste Mal melde ich mich schneller. Versprochen!

Lorelei Offline

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17.07.2016 12:55
#1572 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Etwa zwei Wochen später am selben Ort, aber zu vorgerückter Stunde

„Fertig!“, kam es plötzlich und völlig unvermittelt aus einer der hinteren Ecken seines geräumigen Wohnzimmers gesprochen und ließ den an seinem Laptopmonitor vertieften Chirurgen verwundert aufschauen. Wann war es eigentlich so dunkel geworden, fragte sich Dr. Meier zeitlich und räumlich verwirrt, als er sich in dem nur spärlich beleuchteten Raum umblickte, und wischte sich mit seiner freien Hand über die müden Augen, welche mehr kleinen Quadraten glichen als funkelgrünen Smaragden, die immer dann besonders aufleuchteten, wenn eine ganz bestimmte aufregende und nervige schwangere junge Dame seinen Weg kreuzte. Er ließ den aufgeklappten Computer stehen, nachdem er noch einmal alles doppelt und dreifach gespeichert hatte, woran er in den letzten Stunden gearbeitet hatte, nur zur Sicherheit, weil es ansonsten nicht das erste Mal gewesen wäre, dass er aus eigener Blödheit, die sich natürlich im nicht messbaren und daher nicht erwähnenswerten Bereich befand und lediglich von zufälligen Ablenkungen oder unverursachten technischen Defiziten herrührte, oder durch Haasenzahns Tollpatschigkeit wichtige Dokumente versemmelt hatte, und streckte sich erst einmal ausgiebig und zuckte im nächsten Moment vor Schmerz zusammen, als er die Verspannung in seinem Nackenbereich verspürte. „Scheiße“, murmelte er nur gequält und begann prompt, mit ein paar fachmännischen Verrenkungen den eingeklemmten Muskel zu massieren, bis es wieder besser geworden war.

Dann rutschte Marc langsam von dem schmalen Barhocker herunter und rekapitulierte dabei seufzend, dass der Küchentresen in seinem Loft definitiv nicht für längeres Arbeiten geeignet war. Es sei denn, Hasenzahn versuchte sich wieder mal als Küchenfee, was eher selten vorkam, weil sie erstens, kaum Zeit und vor allem Energie zum selber Zubereiten hatte, was sie, zweitens, dank der sehr ausgewogenen und schwangerschaftsfreundlichen Fresspakete von ‚Butterböhnchen’ Haase schließlich auch überhaupt nicht nötig hatte, und wenn es sie dann doch einmal in den Fingern kribbelte, sie meistens eine Minute später wieder resignierend davon abließ, weil sie drittens, weder ihn, noch sich selbst gerne vergiften wollte. Und die Zwergenbande, die sich in ihrer Gebärmutter eingenistet hatte, schon mal gar nicht. Obwohl Madame Nimmersatt momentan Appetit auf alles hatte, auch auf sehr, sehr seltsame Kombinationen, in denen auch immer ein Hauch von Schokolade dabei sein musste, ohne den sie sehr zickig und unausgeglichen werden konnte. Man konnte dieser Frau echt nicht mehr beim Essen zuschauen, wenn man sich selber nicht den Magen verderben wollte. Haasenzahn war schlimmer als Mehdi in seinen beschissensten Zeiten und das musste schon was heißen. Dieser Gedanke entlockte dem erschöpften Mediziner dann doch ein kleines Schmunzellächeln, welches wiederum seinen Vater irritierte, der mittlerweile aus der Zimmernische hervorgetreten war, nachdem sein Sohn nicht gleich auf ihn reagiert hatte, der dem adretten älteren Herrn im figurbetonten Blaumann nun jedoch übermüdet zunickte und sich schlurfend in Richtung Fernsehcouch bewegen wollte.

Marc: Fertig? Hat Hertha schon angestoßen?
Olivier (bleibt mitten im Raum stehen u. sieht seinen Jungen an wie ein Postauto): Alles gut mit dir, mein Junge? Das Spiel wurde doch schon vor über einer halben Stunde abgepfiffen.
Marc (fasst sich konsterniert an seinen Hals u. checkt als nächstes stöhnend den Videotext an seinem XXL-Flatscreen): Ach, echt? Scheiße, das ist die dritte Woche in Folge, in der ich unverschuldet ein Spiel verpasse. Aber wenn ich mir das Ergebnis hier so ansehe, dann war das wohl auch besser so. Das reicht ja nicht mal für die Euro League. Ey, kaum hochgekommen, kraxeln sie die Leiter wieder runter, die Penner, wie diese lustigen Retroholzspielfiguren, die wir neulich auf der Spielzeugmesse ausgetestet haben, zu der du und Franz uns als Überraschungsbetriebsausflug geschleift habt.
Oliver (mustert den grummelnden Fußballfan fürsorglich von der Seite): Du arbeitest zu viel, Marc.
Marc (guckt rechthaberisch zu ihm rüber, nachdem er die Fernbedienung in den Sessel gepfeffert hat): Das sagt mir ausgerechnet der Kerl, der die letzten beiden Wochenenden durchgearbeitet hat, hm.
Olivier (schlägt dasselbe verschlagene Grinsen ein wie sein vorlauter Sohnemann): Du weißt doch, wie das ist, wenn die ersten heißen Tage des Jahres mit aller Macht zuschlagen. Tja, und wenn dann auch noch die Straßenradrennen und ein Halbmarathon zu den diversen Volksfesten zur Sommersonnenwende dazukommen, haben wir zwangsläufig Hochbetrieb auf Station.
Marc (lässt sich erschöpft auf die Zweisitzercouch fallen u. leert die angebrochene Bierflasche, die seit über zwei Stunden seit der Vorberichterstattung unberührt auf dem Couchtisch gestanden hat, der über und über mit Babymagazinen bestückt ist, denen er mit einem müden Augenrollen begegnet): Touché! Und bei uns im EKH haben sie nur die lebensmüden Vollidioten abgegeben. Dehydriert bis zum geht nicht mehr oder hackedicht wie eine Haubitze oder schön ihr 100.000-$-Bike als Rhönrad den Berg runter benutzen. Das sind mir die Liebsten. Das muss doch abgesprochen gewesen sein, dass die die Hirnis ausgerechnet bei uns vor der Tür abgekippt haben. Hat die Charité irgendeinen Deal mit den Sanis? Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen, oder so?
Olivier (setzt sich lachend neben ihn u. blickt ihn nachdenklich von der Seite an): Nicht dass ich wüsste. Du beschreibst exakt den Bericht der Notaufnahme der letzten Tage, der bei mir auch auf dem Tisch gelegen hat. Trotzdem, du solltest ein, zwei Gänge zurückschalten, Marc. Sieh dich doch mal an!

Bitte? Was soll das denn heißen? Ey, ich sehe aus wie immer! Ich bin ja wohl die Lässigkeit in Person.

Marc (reagiert darauf mit dem gewohnten Meierschen Zynismus): Danke, du siehst auch nicht gerade wie das blühende Leben aus, Dad. Ich würde es mal mit Mums sündhaft teuerer Antifaltencreme probieren. Wirkt bei ihr zwar auch nicht, bis auf die Krähenfüße, aber es käme auf den Versuch an. Außerdem kann ich nicht auch noch kürzer treten, nachdem die Hassmann schon weg ist, Stier sich überall breit macht, wo er nicht hingehört, Haasenzahn einen auf Gemütlich macht und Schwester Gabi am Empfang auch nur noch denkt, Däumchen drehen zu können, bis das Kaa...ähnchen den Hafen verlässt. Du weißt doch, dass bei uns gerade die Luft brennt. Ich hab Anwesenheitspflicht, sonst fackeln die mir noch die Station ab. Und ich muss das alles fertig bekommen, bevor...
Olivier (hat vollstes Mitgefühl mit seinem Sohn u. lächelt ganz verklärt): ...bevor du in ein ganz neues Leben startest.
Marc (rollt gequält mit den Augen, als er Olis sentimentalen Blick bemerkt): Ach, hör doch auf mit der Theatralik! Du hörst dich an wie Mutter. Obwohl, nein, nach den ersten Schockohnmachten und hysterischen Ausfällen nimmt sie das alles ziemlich locker. Oder wie würdest du das interpretieren, dass sie auf einmal mit der Ehefrau ihrer Exaffäre - boah, mir wird schlecht, wenn ich auch nur daran zurückdenke, wie ich die beiden zusammen im Bett erwischt habe ... (Olivier verzieht merklich sein Gesicht, was Marc leicht amüsiert) ... - einen auf Kaffeetanten macht, hm? Oder ist das so eine Art interner Wettkampf, die andere Oma auszuchecken, um dann die besseren und teureren Babygeschenke zu präsentieren? Ich hatte schon genug Zickenkrieg in den letzten Jahren. Du kannst ihr gerne sagen, dass wir schon alles haben. Äh... bis auf den Doppelsitzer. Aber der wird doch hoffentlich noch rechtzeitig geliefert, oder? Ich muss da unbedingt noch mal anrufen und den Arschgeigen Feuer unterm Hintern machen. Sonst können die Kinder schon laufen, bevor sie ein anständiges Fahrwerk unter ihre wunden Popos bekommen.
Olivier (schmunzelt verschwörerisch): Alles Tarnung, mein Lieber. Du weißt doch, wie aufgewühlt deine Mutter ist, je näher der Termin rückt und sie sich damit den Tatsachen stellen muss.
Marc (sieht ihn scharf von der Seite an, ehe er es sich wieder anders überlegt u. sich auf der Couch zurücklehnt, um durchzuschnaufen u. noch mal an seiner Bierflasche zu nuckeln): Äh... hallo, und was soll ich da denn sagen? Aber naja, noch ist ja genügend Zeit bis dahin und dann nerve ich sie schön damit, dass sie jetzt Großmutter ist. Haha! Ich sehe schon ihren genervten Blick. Ich werde die Kiddies extra darauf trimmen, sie auch ja immer Oma zu nennen. Oma Elke. Haha! Das wird ein Spaß.
Olivier (kann seinen kindischen Vorstellungen nur ein müdes Lächeln abgewinnen u. zeigt mit dem Finger in Richtung offene Küche): Zeit, die du lieber vor diesem Ding dort verbringst, anstatt sie mit deiner Freundin auszufüllen. Sie hat Bedürfnisse. Gerade jetzt.
Marc (funkelt ihn argwöhnisch an): Hat Haasenzahn sich etwa beschwert?
Olivier (merkt zufrieden, dass er offenbar ins Schwarze getroffen hat): Nein, Gretchen war charmant und süß wie immer, obwohl ihr die Hitze der vergangenen Tage ziemlich zu schaffen gemacht hat. Aber das hat sich ja jetzt dank des Wetterumschwungs erledigt. Nachdem Müller den ersten reingeballert hat, hat sie gegähnt und ist schlafen gegangen. Hast du gar nicht gemerkt, dass sie dir einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange gedrückt hat mit dem dezenten Hinweis, ihr doch bald zu folgen?

Hat sie? Ääähhh... vielleicht war das doch etwas zu viel in den letzten Tagen und ich sollte es doch ruhiger angehen lassen? Es ist doch soweit alles geregelt. Äh... falls ich die Checkliste vom Professor wiederfinde, die mir irgendwie abhanden gekommen ist. Fuck! Jetzt weiß ich’s wieder! Die ist in meinem Büro. Im EKH. Na prima! Aber egal, ich krieg das auch so hin. Ist doch ne Übung für Anfänger. Ich verstehe eh nicht, wieso Franz daraus so ein Theater macht. Das sind doch auch bloß Ärzte mit ihren stinknormalen Problemen wie du und ich, wobei ich ja eher keine habe.

Marc: Da siehst du’s, sie wäre eh weggepennt, je länger das Spiel gedauert hätte. Sie schläft bei Fußball immer ein. Ohne Ausnahme, ob gerade Europameisterschaft oder Champions League läuft. Obwohl, sie schläft schon ziemlich viel im Moment. Und das obwohl sie immer meckert, nicht die richtige Schlafposition finden zu können und einen im Schlaf immer arg malträtiert. Du willst nicht wissen, wo ich schon überall blaue Flecken habe. Aber sie hat ja auch schon mitten in der Warteschlange der Cafeteria, an ein Regal gelehnt, gepennt und ist erst aufgewacht, als sie es mit ihrem Gewicht umgeschmissen hat und sich fast selbst noch mit hingelegt hätte, wenn Gummersbach sich nicht geistesgegenwärtig dagegen geschmissen hätte. Schade, dass ich da gerade im OP war. Das hätte ich zu gerne gesehen. Der ziert sich doch immer so, wenn er andere Menschen, die nicht tot sind, anfassen muss. Obwohl sich Günnis Reinheitsparanoia mittlerweile gelegt haben soll, sagt die Stasi-Sabsi. Zwangsläufig musste das ja so kommen, dank der Stinkbomben seines Pflegehosenscheißers. Die würden ja sogar seine Leichen in den Patho-Fächern wieder zum Leben erwecken.
Olivier (wirft ihm einen mehr als eindeutigen tadelnden Blick zu): Es wird immer beschwerlicher für Gretchen. Ein Kind ist schon ein großes Abenteuer. Aber bei gleich zweien auf einmal? Und das im Hochsommer unter der Dunstglocke Berlins.
Marc (blickt nachdenklich in Richtung Treppe zum Schlafzimmer rüber): Hm!

Wenn ich könnte, körperlich wie terminlich, würde ich sie mir ja schnappen und raus an den See entführen. Aber das geht ja leider nicht.

Olivier (klopft ihm aufmunternd auf die Schulter): Mach dir keine Sorgen, Marc! Das ist ganz normal. Ich glaube, sie kommt gut damit klar. Und dir muss ich ja wohl nicht extra sagen, wie hinreißend sie aussieht.
Marc (sieht dem augenzwinkernden Charmeur mit ernster Miene in die Augen): Ich mache mir keine Sorgen. Haasenzahn geht ziemlich souverän damit um, sie blüht richtig auf, trotz der zunehmenden Beschwerden, sie hat immer ein Lächeln für jeden und schmeißt sogar noch halbtags die Station. Obwohl selbst jemand ohne Abrisskugel bei dem Chaos der letzten Tage vermutlich das Handtuch geworfen hätte. Sie nicht. Sie ist taff.
Olivier (forscht nach, weil er irgendetwas in Marcs Ausdruck bemerkt hat): Aber?
Marc (stockt ertappt u. wiegelt ab): Kein Aber!
Olivier (guckt ihn nachdrücklich an): Marc!
Marc (ärgert sich, weil er so leicht zu durchschauen ist): Ach, ich weiß doch auch nicht, ich... ich würde ihr halt gerne mehr abnehmen. Aber das geht ja leider nicht.
Olivier: Wieso? Wo liegt das Problem? Sie ist klug genug, um zu wissen, wo ihre Grenzen liegen. Ihr habt doch einen guten Plan aufgestellt. Franz hat ihn mir gezeigt. Alle Vorschriften werden eingehalten. Und in zwei Wochen macht sie doch eh Schluss.
Marc: Ach, Dad, ich rede doch nicht von ihrem Job als Stationsärztin.
Olivier (senkt seinen Blick langsam in Richtung seines Bauchansatzes): Sondern? Oh, du meinst...
Marc (nickt besserwisserisch): Jep! Weißt du eigentlich, was für Kräfte da auf sie wirken?
Olivier (schmunzelt): Ich kann’s mir ungefähr vorstellen.
Marc (stellt forsch die leere Bierflasche wieder auf den Tisch): Kannst du nicht! Kein Mann kann das. Oder hast du’s schon mal ausprobiert?
Olivier (leicht verwirrt starrt er ihn an): Äh... ich muss dir als studierten Mediziner wohl nicht extra die anatomischen Grundlagen darlegen, warum das nicht funktionieren wird. Mit Ausnahme von Hollywood und Arnold Schwarzenegger.
Marc (rollt mit den Augen): Haha! Sehr witzig! Gab es heute Morgen einen Clown zum Frühstück? Mann, ich meine... Ich... wir haben es ausprobiert. Also, rein theoretisch und ähm... naja, praktisch.
Olivier (die aufsteigenden Fragezeichen werden immer größer): Wer wir?
Marc (verschränkt zufrieden, Olis Aufmerksamkeit geweckt zu haben, seine Arme vor der Brust u. lehnt sich zurück): Wir haben gewettet. Stier, Kaan und ich.
Olivier (nimmt dieselbe Sitzposition an u. schaut seinen Sohn gespannt von der Seite an): Ach?

Marc (kann das Feixen nicht lassen, als er daran zurückdenkt): Während der Nachtschicht letzten Freitag. Stier ging mir so dermaßen aufs Schwein mit seiner Wichtigtuerei. Nur weil er schon zwei Schreihälse gezeugt hat, muss er sich nicht gleich so aufspielen. Arsch! Von wegen Super-Daddy, vier Jahre hat er sich einen Dreck um die verzogene Göre geschert, aber jetzt, wo alles plötzlich wieder Friede-Freude-Eierkuchen ist und die Hassmann zahm wie ein Lämmchen auf der Schlachtbank, kann er sein Großmaul nicht halten. Nur weil mir vielleicht gewisse Erfahrungswerte fehlen. Pah! Darauf geschissen! Ich komme zurecht. Aber ich hab’s ihm gezeigt. Während der alte Sack nach zweieinhalb Stunden kapitulieren musste, hab ich bis zum Schichtwechsel am Morgen durchgehalten. Gut, Kaan, der äh..., ja, der hätte vermutlich noch bis in alle Ewigkeit so weitergemacht, wenn die Oberschwester uns nicht erwischt und für unsere - O-Ton - „nächtlichen Umtriebe“ zusammengeschissen hätte. Aber er ist ja auch anders gebaut. Also, Fettgewebe, wohin man nur schaut. Der ist es ja in dem Sinne schon gewohnt, mit so ner Masse herumzulaufen. Eigentlich ein unfairer Vorteil so im Nachhinein. Aber egal, gewonnen ist gewonnen und mit ihm teile ich gerne. Hab ich dir eigentlich schon erzählt, wie überdimensional adipös Mehdi gewesen ist, als ich ihn kennengelernt und aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen seine Uni-WG aufgewertet habe? Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre er heute noch ein völlig hilfloser Fall. Obwohl, wenn man bedenkt, dass er jetzt ausgerechnet mit Gabi...
Olivier (fällt dem Grinsekönig prompt ins Wort, bevor dieser noch weiter ausholt): Entschuldige, Marc, ich kann dir nicht ganz folgen. Was genau habt ihr noch mal gewettet?
Marc (verdreht die Augen, bevor er schließlich mit der Überzeugung eines coolen u. streicherprobten Mittelstufenschülers Klartext redet): Boah, Dad, für dich ist es wohl doch schon ein bisschen spät, hm? Na, es ging darum, wer eine Nachtschicht mit umgeschnalltem Medizinball schafft. By the way, da fällt mir ein, der ewige Verlierer hat uns immer noch nicht den versprochenen Bierkasten spendiert. Doch ein Arsch! Der ändert sich nie.

Olivier schaute seinen Sohn an, als hätte er nicht ganz richtig verstanden, aber als er dann das verschmitzte Aufzucken von Marcs Mundwinkeln bemerkte, konnte auch er sich nicht mehr länger zurückhalten. Was für einen Schlingel hatte er da nur großgezogen, wunderte sich der Mittfünfziger und schüttelte amüsiert den Kopf.

Olivier: Kinder, Kinder, ihr seid mir aber welche! Früher haben wir uns nicht so verrückt gemacht. Früher wurden Kinder geboren und gut war’s.
Marc (kann sich diese Spitze nicht entgehen lassen): Ja, ja, früher war alles besser, ne, Opa? So anno 1950?
Olivier (beleidigt schlägt er zurück): Also ich muss doch sehr bitten, Marc Olivier! Oder habe ich so einen kindischen Spaß mitgemacht oder du?
Marc (verzieht sein Gesicht zu einer leidenden Miene): Du, Spaß ist etwas anderes, das kann ich dir sagen.
Olivier (grinst zufrieden): Na, zumindest scheint es eine lehrreiche Lektion für euch gewesen zu sein. Frauen sind uns in so vielem überlegen.
Marc: Na, na, na, jetzt wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen, hm.
Olivier (lacht u. sieht seinen Jungen mit stolzem väterlichen Blick an): Und da ist er wieder, mein Junge. Also, ist alles gut zwischen euch?
Marc (hebt misstrauisch eine Augenbraue): Wieso sollte es nicht?
Olivier: Naja, weil du lieber bis in die Nacht schuftest, als jetzt bei ihr dort oben zu liegen?
Marc (rollt genervt mit den Augen): Boah, Dad! Das wird mir jetzt echt zu intim mit dir.
Olivier (grinst schelmisch): Das hat mir auch noch keiner gesagt.
Marc (funkelt den Sprücheklopfer eingeschnappt an): Besser ist! Außerdem würde Haasenzahn gar nicht merken, ob ich jetzt neben ihr liege oder nicht. Sie hat momentan einen so tiefen und ruhigen Schlaf, da könnte neben ihr ein Schokobrunnen explodieren oder jemand lautstark und mit Trommelwirbel einen 90-Prozent-Rabatt im Schuhladen verkünden, es wäre ihr völlig schnuppe. Und bei aller Liebe, eine Station zu leiten, macht sich nicht von alleine. Gerade jetzt. Ab morgen stehen die Amis vor der Tür. Für die Vortragsreihe und die Lehreinheiten im OP, die zeitlich eng getaktet sind, muss nun mal alles vorbereitet sein, damit wir uns mit unserem kleinen Krankenhaus nicht völlig blamieren und die den Deal mit Seattle noch canceln. Franz baut auf mich. Das werde ich bestimmt nicht schleifen lassen, nur weil seine Tochter schwanger ist und sich mittlerweile neunundneunzig Prozent all unserer Gespräche nur noch um Babygedöns drehen. Davon wird man kirre, nicht davon, dass man zu viel mit Medizinerlatein am Laptop abhängt. Und du kennst Haasenzahn. Sie würde mir eher in den Hintern treten oder mich überrollen, wenn ich das nicht ordentlich hinbekomme. Sie ist nämlich mindestens genauso hibbelig auf die beiden kommenden Wochen.
Olivier (schmunzelt, weil er sich Gretchens Reaktion ganz genau vorstellen kann): So wie du?

Nimmt der mich gerade auf den Arm, oder was? Jetzt reicht’s mir aber! Ich lasse hier viel zu viel durchgehen. Schluss damit! Ich lasse mir doch nicht auf der Nase herumtanzen. Es reicht doch schon, dass Haasenzahn das vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mit Aussicht auf lebenslang macht.

Marc (ihm platzt allmählich die Hutschnur): Herrje, Dad, hast du kein Zuhause? Musst du mich mitten in der Nacht so nerven?
Olivier (ist sich überhaupt keiner Schuld bewusst u. lehnt sich gemütlich neben seinem Sohn auf der Couch zurück): Och, du, ich fühle mich gerade sehr, sehr wohl hier. Nach getaner Arbeit. Und hier schwingt gerade so viel Liebe und Leidenschaft in der Luft.
Marc (guckt ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen beisammen, u. zeigt ihm den Vogel): Hat Mutter dich rausgeschmissen oder wieso hängst du ständig hier ab? Wolltest du die Junggesellenbude nicht veräußern und zurück zu ihr in die Villa ziehen?
Olivier (guckt ihn völlig unbeeindruckt an): Du weißt doch, welche Vorteile deine ehemalige Junggesellenwohnung birgt.
Marc (kleinlaut mit einem verschmitzten Meier-Grinsen auf den Lippen): Freiheit, Frauen, Freibier?
Olivier (verdreht theatralisch die Augen): Was hast du eigentlich in den letzten Jahren für ein Leben geführt, mein Sohn?
Marc (selbstherrlich plustert er sich vor ihm auf): Ein entspanntes, stressfreies, was denkst du denn? Das absolute Gegenteil von jetzt.
Olivier (mustert ihn argwöhnisch von der Seite u. grinst schließlich meierlike): Hm, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Jedenfalls, was ich sagen wollte, wenn ich unter der Woche Dienst in der Charité habe, dann ist es einfach praktischer, wenn ich nicht mehr raus in den Grunewald muss. Und deine Mutter ist dank ihres aktuellen Erfolges - hast du eigentlich ihren Auftritt in der Talkshow am Freitag gesehen, ach nein, du und deine Freunde habt ja an dem Abend Kinderletheater gespielt - wieder mitten in einer kreativen Phase. Da mag sie es nicht, abgelenkt zu werden.
Marc (nickt wissend u. kann eine kleine Stichelei nicht lassen): Verstehe! Aber wenn jeder seine eigenen vier Wände behält, heißt das nicht grundsätzlich, dass ihr jetzt eine offene Beziehung führt?
Olivier (guckt ihn sichtlich empört an): Also, Marc Olivier, was denkst du denn von uns?
Marc: Lass das Olivier weg, Dad! Sonst werde ich rasend. Ich hab nur Erfahrungsberichte gesammelt. Ich kenn euch doch. Du bist seit einem Dreivierteljahr wieder in Berlin und in einem Zweimonatsturnus habt ihr euch schon ein Duzend Mal wieder getrennt.
Olivier (sieht seinen Schlaumeiersohn augenzwinkernd an): Ich glaube für dich um diese Uhrzeit keine komplizierten mathematischen Formeln mehr! Und weißt du, es kann auch sehr prickelnd und aufregend sein, wenn man sich nach Tagen endlich wiedersieht und...
Marc (verzieht angewidert sein Gesicht): Boah, Dad, bitte, keine Details! Ich kann nicht noch die halbe Nacht über der Kloschüssel hängen. Die muss für die Abrissbirne freigehalten werden. Jetzt, wo sie ständig schiffen muss.
Olivier (lacht herzlich auf): Marc, du kannst dich abregen, ja! Ich wollte damit doch nur sagen, wir sind sehr verliebt und glücklich.

Schlimm genug! Warum können Mum und Dad nicht ganz normale Eltern sein? Wenn die sich nicht streiten, ist doch was im Busch.

Marc (fährt sich unbehaglich mit einer Hand über seinen angespannten Brustkorb): Gut, ich hoffe, das war’s dann auch mit deinen gut gemeinten Ratschlägen, die kein Mensch braucht und ich schon mal gar nicht.
Olivier (steht unvermittelt vom Sofa auf u. blickt Marc auffordernd an, das Gleiche zu tun): Fast! Ich will nur noch eines...
Marc (misstrauisch hüpft eine seiner Augenbrauen Richtung Haaransatz): Äh... Dieser Satz löst bei mir definitiv ein ungutes Gefühl aus.
Olivier (verdreht genervt von Marcs Spitzzüngigkeiten die Augen u. konzentriert sich auf das Wesentliche, das ihm wieder ein breites Lächeln auf die schmalen Lippen zaubert): Dass du dir etwas anschaust, Marc! Es hat nämlich noch einen entscheidenden, wenn nicht sogar den wohl entscheidendsten, Vorteil, warum deine Mutter und ich die Stadtwohnung hier bei dir im Haus behalten werden.

Mit fragendem Blick rappelte sich Marc schließlich vom Sofa auf und folgte seinem geheimnistuerischen Vater gähnend zur Nische unter der Treppe, welche jetzt von einer milchglasigen Schiebetür abgetrennt wurde, die Olivier nun leise aufschob, um Gretchen im Schlafzimmer darüber nicht zu wecken. Mit einem wissenden Griff zur Seite schaltete der stolze werdende Großvater das Licht ein und dimmte es so zurück, dass der mittelgroße Raum nur noch von tanzenden Sternen erhellt wurde, welche von einem selbst gebastelten Lichtspiel an der Deckenbeleuchtung erzeugt wurden. Marc war sichtlich baff und klappte die Kinnlade herunter, als er registrierte, was Olivier von ihm wollte. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Das beklommene Gefühl, das zu einer zunehmenden Verengung unter seinen Brustmuskeln führte, wurde immer größer. Ebenso wie seine bis eben noch müden Augen, die sich nun in leuchtende Funkelsterne verwandelten, in denen sich das Lichtspiel widerspiegelte. Erst nach zwei langen Minuten kehrte seine überraschte Stimme leicht belegt wieder zurück.

Marc: Es ist fertig?
Olivier (lächelt seinen sichtlich bewegten Sohn zufrieden an): Korrekt! Das wollte ich dir vorhin schon sagen. Wir haben ganze Arbeit geleistet, mein Junge. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir vorgestern noch dachten, das Möbelhaus hätte eure Bestellung verschlampt und euer Traumkinderzimmer wäre mittlerweile ausverkauft.
Marc (schaut sich ganz genau um): Dad, du... du hast schon alles aufgeräumt? Auch die leeren Kisten?
Olivier: Sind schon unten am Container.
Marc: Aber... das hätte doch auch morgen noch gereicht. Ich hätte dir doch helfen können. Du hättest doch einen Mucks sagen können.
Olivier (lächelt wissend u. erinnert sich, dass er sehr wohl gefragt hat, aber nicht erhört worden ist): Jeder tut das, was er für nötig hält, mein Sohn. Du hast so viel um die Ohren. Morgen ist dein großer Tag und den Rest deiner Zeit, den verbringst du mal schön mit deiner Süßen, hm. Solange ihr noch nur zu zweit seid. Alles andere erledigt der Papa, ja.
Marc: Papa!

...murmelte Marc ungewohnt verlegen und war immer noch völlig sprachlos. Sein neugieriger Blick wanderte von einer Ecke des frisch eingerichteten Kinderzimmers zur anderen und wieder zurück. Von der großen Wickelkommode an der Wand, wo vorher das Sideboard mit dem Goldfischaquarium gestanden hatte, welches mittlerweile dem mikroskopisch winzigen Stationsärztinnenbüro von Dr. Margarethe Haase im Elisabethkrankenhaus ein wenig Leben einhauchte. Hin zu dem geräumigen weißen Kleiderschrank daneben, dessen Schiebetüren mit großen und kleinen bunten Schmetterlingen beklebt waren, die die kleine Lilly Kaan heute Nachmittag mit sehr viel Liebe zum Detail und ruhiger Hand daran angebracht hatte, während ihr Papa überraschend talentiert den Schrauber gezückt hatte, um mit ihm und Olivier die restlichen Möbel aufzubauen, die doch noch rechtzeitig geliefert worden waren. In dem neuen, auf Antik getrimmten Schrank war bereits die gesamte Garderobe der Ungeborenen untergebracht, überwiegend Geschenke der Kollegen und Patienten, aber auch sehr viel selbst Gekauftes, weil sich Madame im Babyladen nicht mehr zurückzuhalten vermag und ständig einer schrägen Entzückungsohnmacht erlag, die mit Meierschen Ablenkküssen nicht zu beheben war, mit seiner Großzügigkeit dann aber schon, weil das hinterlistige Häschen ganz genau wusste, dass er ihr und den Zwergen niemals einen Wunsch würde abschlagen können. Und nicht zu vergessen die kitschigen Retro-Babykollektionen, die seine und Gretchens Mutter angeschleppt hatten. Alles von ihm, Jochen und Gretchen getragene Stücke, welche zu weiteren kaum zu ertragenden Entzückungsorgien in seinen vier Wänden geführt hatten, an die Marc lieber nicht zurückdenken wollte. Weil dazu auch sehr peinliche Kindheitsanekdoten gehörten, die nicht für Haassche Ohren gedacht waren.

Stattdessen huschten seine grünen Strahleaugen den dunklen Bordürestreifen an der Wand entlang, eine Idee seiner Süßen, die mit Hilfe ihrer kleinen Assistentin Lilly die vor zwei Wochen angebrachte gelbe Tapete mit Sternen, Schmetterlingen und leuchtenden Glühwürmchen oder was auch immer aufgepeppt hatte. Hin zu der gemütlichen Rattanliege und ihrem Sesselgegenstück vor dem neuen Fenster, welche schon immer dort in der Nische unter der Treppe gestanden hatten, jetzt aber von farblich mit den Gardinen abgestimmten bunten Kissen und einem riesigen Zwillingsstillkissen geziert wurden. Dahinter lag schon ein Berg mit Windelpaketen, die Bärbel Haase aus dem Materiallager des Elisabethkrankenhauses hatte mitgehen lassen, naja, nicht ganz, in Absprache mit der Oberschwester versteht sich, die dies als ihren erzwungenen Beitrag für die Geburtenschwämme unter der Belegschaft gedeutet hatte. Kaan und die Hassmann hatten nämlich auch schon so ein Paket von der Meckerschwester abgegriffen.

Anschließend wanderte sein Blick hin zu der dunklen Truhe aus der Haase-Villa unter der Treppe, in welcher Gretchen früher ihre schrecklich hässlichen Kostüme aufbewahrt hatte und welche in Zukunft als Spielzeugkiste dienen sollte, in der aber zur Zeit eine reiche Schar an Kuscheltieren ein neues Zuhause gefunden hatte. Komischerweise alles Hasen und auch Geschenke von jedem, der von Gretchens Bauchvolumen völlig beeindruckt war. Allen voran der werdende Onkel und die Opas natürlich. Und Lilly Kaan und Sarah Haasmann hatten auch jeweils eins ihrer Lieblingsstücke geopfert, was bemerkenswert war, denn sie bekamen ja bald jeweils auch noch ein Geschwisterchen, was übrigens ihren Aufgekratztheitsfaktor in nicht mehr messbare Bereiche geschossen hatte. Sehr zum Ärgernis von Dr. Meier, dessen sichtlich gerührter Blick nun an den beiden nebeneinander stehenden Wiegen im Zentrum des Raumes kleben blieb. Metaphorisch im Zentrum seines Universums, schoss es ihm durch den Kopf und er musste unfreiwillig grinsen. Olivier beobachtete die Reaktion seines Sohnes ganz genau und er war mindestens genauso bewegt wie Marc, der sich jedoch in dem Moment, als er die sentimentalen Blicke seines rührseligen Vaters registrierte, schnell wieder fing und auf cool schaltete.

Marc: Is was?
Olivier (grinst wissend): Nö! Sag’s du mir!
Marc (wiegelt kopfschüttelnd ab): Was soll sein?
Olivier (wirft ihm einen verschwörerischen Blick zu): Och, ich dachte nur.
Marc (reagiert leicht gereizt auf die unmissverständliche Andeutung): Dad!
Olivier (hebt seine Hände erfolgreich in Unschuldspose): Ich hab nichts gesagt.
Marc (es platzt dann doch noch ungefiltert aus ihm heraus, was ihn bewegt): Ich kann’s echt nicht fassen. Vor nicht einmal einem Jahr hätte ich alles dafür gegeben, diese geile Hütte hier zu bekommen. Oben zu sein. Über allem. Es ging mir nicht mal um den Luxus und dass hier der riesige Flatscreen und mein Tischkicker reinpassen. Nein, das Penthouse war irgendwie ein Symbol, dass man’s geschafft hat.
Olivier: Das hast du doch auch. In allen Belangen. Und Gretchen hat es erst zu einem Zuhause gemacht.
Marc (lächelt ganz verklärt): Stimmt! Irgendwie schon. Aber trotzdem...
Olivier (lehnt sich mit einer Hand an den Türrahmen u. sieht Marc interessiert an): Was?
Marc (zuckt mit den Schultern u. stellt sich neben ihn, um das alles, was er vor sich sieht, auf sich wirken zu lassen): Das ist alles auf einmal so schnell passiert. Erst zicken und zieren wir uns ewiglang, bis es keiner von uns mehr aushält. Dann klappt es doch endlich nach tausend nervigen Abzweigungen und es funktioniert sogar überraschend gut. Perfekt. Naja, gut, unperfekt perfekt. Du kennst doch Haasenzahn. Ich würde wirklich alles für sie tun. Dinge, die ich nie für möglich gehalten hätte. Vor allem nicht, als wir vor zwanzig Jahren zusammen zur Schule gegangen sind. Ich hab ihr sogar ein Versprechen gegeben.
Olivier (horcht auf): Ein Versprechen?
Marc: Das sich schneller erfüllt hat, als wir uns überhaupt damit auseinander gesetzt haben. Und jetzt stehe ich hier. Mitten in einem Kinderzimmer in der geilen Hütte, die ich mir wirklich verdient habe und wo schon bald echtes Babykrakeele zu hören sein wird. Krass! Das ist krass.
Olivier (nickt verständnisvoll): Bereust du’s?
Marc (muss nicht lange überlegen u. schaut ihm direkt in die wissenden Augen): Nicht die Bohne. Obwohl, naja, vielleicht, dass wir so lange dafür gebraucht haben.
Olivier (lächelt): Vielleicht wart ihr einfach noch nicht so weit. Ich meine, die Menschen, zu denen ihr jetzt erst geworden seid.
Marc (nachdenklich): Denkst du, wir sind es jetzt?
Olivier (hält seinem eindringlichen Blick stand): Ob ihr bereit seid? Man ist nie bereit für die Abenteuer, die einem das Leben schenkt, aber man nimmt sie an und macht das Beste daraus. Guck mich und deine Mutter an!
Marc (sein Blick huscht genervt in die Höhe): Boah, Dad, echt jetzt?
Olivier (lacht über Marcs genervten Gesichtsausdruck): Gut, dann nehme ich eben dich und Gretchen. Ihr habt jetzt die beste Zeit eures Lebens. Also nutze sie! Genieße euer Abenteuer!
Marc (schmunzelt): Äh... Das kann man jetzt auch zweideutig verstehen.
Olivier (nimmt denselben verschlagenen Meier-Gesichtsausdruck an): Ich sagte doch, macht das daraus, was ihr für das Beste haltet. Ich tue das Gleiche. Ich habe meine großväterlichen und väterlichen Pflichten für heute erfüllt, jetzt ist deine Mutter dran. Hm... Ich glaube, ich fahre jetzt doch noch raus zu ihr und überrasche sie. Sie liebt nächtliche Überraschungen. Wenn ich nachts zu ihr ins Bett...
Marc (reißt schockiert die Augen auf): Herrje Dad!
Olivier (klopft ihm lachend auf die Schulter): Mach’s gut, mein Junge! Grüß mir Gretchen von mir! Oder besser noch, gib ihr einen Abschiedskuss von mir, wenn du ins Bett gehst.
Marc (schaut ihm konsterniert hinterher, wie er gemütlich zur Tür schlendert): Äh... Hallo? Ich küsse Haasenzahn garantiert nicht im Auftrag von irgendwem, sondern nur in meinem. Und jetzt hau endlich ab, du Nervensäge! Aber morgen, da... Du kommst doch zum Empfang der Amis, oder?
Olivier (lächelt augenzwinkernd): Selbstverständlich! Ich freue mich doch schon auf meine ehemaligen Kollegen. Und mach dir nicht so viele Gedanken. Du kennst sie. Sie sind auch nur stinknormale Ärzte wie du und ich und Gretchen und Franz. Du wirst das prima meistern. Ich bin stolz auf dich. Gute Nacht!
Marc: Nacht, Dad! Und... danke!

Olivier nickte seinem Sohn noch zum Abschied ermutigend zu und verschwand dann mit breitem Meier-Grinsen durch die Wohnungstür. Marc blickte ihm kopfschüttelnd hinterher und schaute dann noch ein letztes Mal ins Kinderzimmer, bevor er das Licht ausschaltete, die Milchglastür zuschob und anschließend hoch zu Gretchen ins Schlafzimmer schlich. Er zog sich schnell aus und schlüpfte vorsichtig hinter seine Liebste unter die gemütliche Bettdecke, die im Schlaf leise vor sich hinmurmelte und Marc damit amüsierte. - „Maaarc, lass das, nicht schon wieder die Wasserballons! Du bist gemein. Jetzt kann jeder durch meine neue Bluse gucken. Heute ist Zeugnisausgabe, Mann. Ich bin die Klassenbeste und soll eine Rede vor der ganzen Schule halten. Danke, du Blödi! Jetzt muss ich noch mal nach Hause. Menno!“ Der Schelm erinnerte sich schmunzelnd an jene verrückte Schulzeit und legte seinen Arm um Gretchens voluminösen Bauch. Sein Mädchen wurde sofort ruhiger und schmiegte sich wohlig an ihn. - „Keine Wasserbomben in der Aula, Haasenzahn, ist notiert.“ - „Was?“, reagierte Gretchen verwirrt im Halbschlaf auf Marcs säuselnde Stimme. - „Nichts, schlaf weiter!“ Die schlafende Schönheit schnappte sich seine Hand und verschränkte diese wohlig aufseufzend über ihrem dicken Babybauch. - „Haben deine Fußballjungs gewonnen, Marc?“ - „Sie nicht, ich aber schon!“

Marc schmiegte sich mit seinem ganzen Körper an Gretchens attraktive Rückseite. Er schlang ein Bein um ihres, festigte den Griff seines Armes um ihre kostbare Körpermitte, nachdem er ihr einmal zärtlich die langen, gewellten Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte, und schmiegte dann seine Wange gegen ihre und sog nun genüsslich den verführerischen süßlichen Duft ihrer zarten Haut ein. - „Wie meinst du das, Marc?“, fragte Gretchen verwundert und klappte dann doch ein Auge auf, um ihn kurz müde anzublinzeln. Marc grinste nur verschlagen und stupste seiner süßen Freundin an die neugierige Nasenspitze. - „Sei nicht immer so neugierig, Haasenzahn! Schlaf! Sonst bist du morgen früh wieder so unausstehlich.“ - „Bin ich gar nicht!“ Die Schwangere streckte dem Schelm beleidigt die Zunge heraus und verlagerte ihre Schlafposition, was Marc unkommentiert mit sich machen ließ, obwohl sein Arm dabei leicht gequetscht wurde. - „Bist du wohl!“ - „Neiiin!“, konterte die taffe Stationsärztin schmollend und schloss wieder ihre Augen, wobei sich ihre Mundwinkel verdächtig nach oben zogen, was nicht unbeobachtet blieb. - „Doooch! Und ich hab dich gemeint, wenn du’s genau wissen willst, Haasenzahn. Weißt du, du bist nämlich mein Hauptgewinn.“ Aber dieses intime Geständnis des coolen Obermachos, der ihr zur Untermauerung seiner Worte einen zarten Kuss in den Nacken gehaucht hatte, bekam Dornröschen Haase schon gar nicht mehr mit, denn sie war bereits wieder eingenickt. Und Marc folgte der zauberhaften Blondine schnell ins Reich der Träume, wo er ihr viele, viele weitere Küsse schenkte, anstatt mit pubertären Hintergedanken mit Wasserbomben auf sie zu zielen, um ihre Kleidung durchsichtig zu machen. Aber auch in seinem Traum trug die holde Blonde nur sehr wenig Stoff am Leib und das entschädigte den Streicheprofi dann doch.

Lorelei Offline

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30.07.2016 20:18
#1573 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Am nächsten Tag

„Au! Mama, das tut weh!“ Abrupt zog Gretchen ihren Kopf weg, nachdem ihre Mutter ungefragt begonnen hatte, in ihrer glamourgleichen Hochsteckfrisur herumzufriemeln, aus der absichtlich zwei bis drei goldene Löckchensträhnchen als Eyecatcher heraushingen, was Bärbel Haase jedoch mit einem beleidigten Naserümpfen kommentierte, ehe sie sich wieder auf die bunten Paprikastäbchen in ihrer Brotdose konzentrierte, an denen sie schon seit geraumer Zeit herumnagte wie der tierische Namensgeber ihres Nachnamens, und damit ihrer Tochter gewollt oder ungewollt ein schlechtes Gewissen einzureden versuchte, weil vor deren Nase etwa das Fünfzigfache ihrer winzigkleinen und sehr gesunden Portion dringend aufgegessen werden wollte, dem Dr. Margarethe Haase in ihrer wohl verdienten Mittagspause auch hingebungsvoll nachkam. Sie war eh schon dick, das war nicht zu übersehen, also konnte sie auch guten Gewissens zuschlagen, egal wie fürsorglich die kritischen Blicke ihrer Mutter gemeint waren.

Bärbel: Kind, das kann doch nicht gesund sein.
Gretchen (trotzig balanciert sie mit ihrer beladenen Gabel vor Bärbels Nase herum u. schiebt sie sich anschließend genüsslich in den Mund): Doch! Alles, was mir schmeckt, ist auch gut für meine Rasselbande. Und ehe du nachfragst und angelesenes Fachwissen unter meine Nase reibst, ich war heute Morgen erst bei Mehdi zur Vorsorge und meine Werte sind spitzenmäßig. Und jetzt lass mich bitte endlich essen, meine Mittagspause ist heute nämlich nicht so lang. Nach Marcs Vorstellung spricht nachher noch einer unserer Gäste und das möchte ich nicht verpassen.
Bärbel: Das heißt aber nicht, dass du so schlingen musst, Margarethe.

Herrgott noch mal, wie kann ein einzelner Mensch nur so sehr nerven? Dabei wollte ich doch nur nett sein, als sie gefragt hat, ob sie mich in die Cafeteria begleiten darf. Das habe ich jetzt davon: Nur Vorwürfe und schiefe Blicke. Und die Pasta schmeckt mir auch nicht mehr. Da fehlt irgendwie die Schärfe. Aber die bekomme ich ja jetzt offensichtlich von ihr.

Gretchen (übt sich in Geduld, was ihr sichtlich schwerfällt): Mama, können wir jetzt endlich zum Punkt kommen, warum du unbedingt mit mir sprechen wolltest? Langweilst du dich, weil dein Projekt jetzt endlich Formen annimmt und du nicht mehr so viel Organisatorisches zu regeln hast? Dann... suchen wir dir eben ein neues Hobby. Du könntest doch wieder Kleidung schneidern. Das machst du doch so gerne. Oder fang doch wieder bei uns als Lernschwester an. Die Patienten und die Oberschwester werden sich bestimmt freuen. Der Personalschlüssel ist nämlich momentan echt eine Katastrophe.
Bärbel (lacht kurz leicht hysterisch auf u. streicht sich dann bedächtig eine Haarsträhne hinters Ohr): Oh, da kennst du Schwester Stefanie aber schlecht. Sie hat drei Kreuzchen gemacht, als ich ihr vor Wochen meine sofortige Kündigung auf den Tisch geknallt habe. Ich glaube, ich habe sie zum ersten Mal lächeln gesehen. Außerdem kann ich doch jetzt nicht gleich wieder so einen arbeitsintensiven Beruf anfangen, wenn du mich in wenigen Wochen dann wirklich brauchst.
Gretchen (schaut mit einem unguten Gefühl von ihrem Essen auf): Was soll das denn bedeuten, Mama?
Bärbel (strahlt schwärmerisch über das ganze Gesicht, als sie behutsam ihre Hand über die von Gretchen legt, welche neben ihrem Teller auf dem Tisch ruht): Na, ich helfe euch natürlich mit den Zwillingen, was denkst du denn. Ich habe mit deinem Papa schon alles geregelt. Er ist zwar nicht gerade begeistert, du weißt schon, sein Haushalt macht sich schließlich nicht von alleine, aber er ist damit einverstanden, dass ich während der ersten Wochen mit bei euch einziehen werde. Euer Gästezimmer ist doch groß genug und...
Gretchen (verschluckt sich beinahe an ihren Nudeln u. bekommt einen Hustenanfall, der von einem lockeren Klaps auf den Rücken durch die besorgte Übermutter gelöst wird): Das... Das kann doch bitte nicht dein Ernst sein? Mama, das war so nicht abgesprochen. Mir ist schon klar, dass wir Hilfe brauchen werden, ja, aber Marc und ich müssen uns doch selber erst einmal in den Alltag reinfitzen.

Marc wird mich umbringen, wenn sie das wirklich durchziehen will. Wie komme ich da bloß wieder raus? Hilfe!

Bärbel (versucht, sich nicht anmerken zu lassen, wie gekränkt sie von Gretchens ablehnender Reaktion ist): Margarethe, ich möchte doch nur für euch da sein.
Gretchen (legt nun ihrerseits ihre Hand über die ihrer Mutter): Das bist du doch auch, auch ohne gleich bei uns zu wohnen. Ich... Wir sind dir wirklich dankbar, dass du uns so unterstützt. Ihr alle.
Bärbel (wieder neu entschlossen lehnt sie sich zu ihr rüber): Schau, Marcs Eltern haben doch auch ihre Zweitwohnung bei euch im Haus, um euch nah zu sein. Sie sind aber beruflich sehr eingespannt, also wäre es doch das Beste, wenn...
Gretchen: ... wir das alles erst einmal auf uns zukommen lassen, hm?

...vollendete die leicht überforderte Tochter diplomatisch den Satz ihrer Mutter und schaute ihr dabei wohlwollend in die blauen Augen, bis diese schließlich aufgab, sich weiter aufdrängen zu wollen, was sie gar nicht so empfunden hatte. Für Bärbel war das nämlich eine Selbstverständlichkeit.

Bärbel: Gut, ich wollte mich euch ja auch nicht aufdrängen. Ihr lebt euer Leben und ich...
Gretchen: Mama, bitte, jetzt sei doch nicht gleich wieder beleidigt. Das war doch überhaupt nicht gegen dich gerichtet.

Marc: Was?

...mischte sich nun auch Dr. Meier plötzlich in die laufende Mutter-Tochter-Diskussion ein, der gerade sichtlich gut gelaunt an ihren Tisch herangetreten war und sich mit beiden Händen an der Lehne des freien Stuhls gegenüber von Gretchen abstützte. Neugierig blickte er von einer Haasen-Dame zur anderen und registrierte sofort die schlechten Schwingungen zwischen den beiden, was zu einem leichten Unwohlseingefühl in seiner Magengegend führte. Mit was hatte sich die alte Häsin denn jetzt schon wieder eingemischt? Sein inneres Alarmsystem schrillte bereits auf und schaltete auf Abwehrmodus. Bärbel strich sich derweil angesichts des attraktiven Freundes ihrer Tochter verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr, während Gretchen ihren fragend dreinblickenden Partner verliebt anlächelte, was sofort von dem in sie vernarrten Chirurgen erwidert wurde, wodurch seine Schutzschilde wieder heruntergefahren wurden.

Gretchen: Nichts. Wir... reden ein anderes Mal darüber.
Bärbel (einverstanden, aber immer noch ein wenig verstimmt): Gut.
Marc (fokussiert leicht misstrauisch seine schwangere Freundin, die ihm wohlgesinnt entgegenblickt): Kommst du dann bitte, Haasenzahn! Ich will dich den Kollegen vorstellen.

Mit großen Augen schaute die junge Stationsärztin zu ihrem Oberarzt hoch und bemerkte hinter ihm das Grüppchen Ärzte, das von ihrem Vater und Marcs Vater begleitet, auf der Dachterrasse der Cafeteria Platz genommen hatte. Langsam stand sie von ihrem Stuhl auf und ließ sich von ihrem Freund dabei helfen, der ihre kleine Hand ergriffen hatte und ihr, die sich sichtlich mit ihrem Körpervolumen abmühte, vergnügt ins Gesicht blickte. Leicht verunsichert schaute Gretchen an sich herab und dann wieder in Marcs verschlagene Funkelaugen, denen man ebenso wie seinen verschmitzten Grübchen einfach nicht entkommen konnte.

Gretchen: So?
Marc (grinst über das ganze Gesicht u. wischt ihr mit dem Daumen über den linken Mundwinkel, ehe er sie kurz inbrünstig niederknutscht): Vielleicht ohne Soßenreste. Was gab es denn heute Schönes, Murmelinchen? Mhm, schmeckt gut.
Gretchen (wird augenblicklich knallrot im Gesicht u. kontrolliert noch einmal verunsichert nach): Marc, nenn mich nicht so!
Marc (lehnt sich seitlich gegen sie u. legt liebevoll einen Arm um ihre Taille, so dass er an ihren wunderschönen Babybauch herankommt): Wieso? Ich hätte auch Abrissbirne oder Bowlingkugel sagen können, obwohl die ja mittlerweile vom Umfang her nicht mehr ganz zutreffend ist. Und hey, in Murmelinchen steckt eindeutig eine Verniedlichung drin und das beschreibt dich doch ganz ordentlich, nicht?

Dieser fiese, blöde, charmante Kerl! Kann er mich nicht einmal ernst nehmen, hm? Wenigstens heute. Vor unseren Gästen. Seinen Gästen. Also, Papas Gästen.

Gretchen (tritt ihm unsanft gegen das Schienbein u. lässt ihn prompt an Ort u. Stelle stehen): Boah, du bist unmöglich, Marc Meier.
Marc (hat seine aufgebrachte Schöne schnell wiedereingeholt u. nimmt ihre Hand, was sie schließlich auch widerwillig zulässt): Spaß! Du hast gesagt, ich darf das.
Gretchen (zieht einen hinreißend süßen Schmollmund u. streicht mit ihrer freien Hand über ihren Bauch, in dem es gerade ziemlich turbulent vorgeht): Aber bitte nicht im Krankenhaus. Das untergräbt meine Autorität als Stationsärztin. Die gucken eh alle schon, ob ich das hiermit überhaupt noch alles schaffe.
Marc (gibt ihr aus größter Überzeugung heraus einen Kuss auf die Wange): Daraus spricht doch eh bloß deren Neid, weil sie’s an deiner Stelle selbst ohne Murmel nicht schaffen würden.
Gretchen (bleibt vor der Tür zur Dachterrasse stehen u. schaut ihn mit großen Augen an): Denkst du das ehrlich?
Marc (grient sie meierlike an): Können diese Augen lügen?
Gretchen (geht schmunzelnd darauf ein): Flunkern, ja, und Süßholz raspeln, wenn es dir einen Vorteil bringt, auch, aber nicht lügen.
Marc (hängt sichtlich beeindruckt an ihren auffunkelnden himmelblauen Augen, bis er hinter ihr durch die Fensterscheibe guckt): Hey! Komm, dein Dad und Dr. Bailey warten. Und ich will mir nicht nachsagen lassen, dass ich dich in irgendeiner Weise bevorzugen würde. Das ist einfach nur ein stinknormales Treffen in lockerer Atmosphäre.
Gretchen (sieht ihm mit Nachdruck in die Augen): Marc! Bitte, bitte, kannst du einmal ernst sein und mich nicht gleich wieder bloßstellen! Mir ist wirklich wichtig, dass ich als ehrgeizige Ärztin wahrgenommen werde und nicht nur als fruchtbarste Frau auf diesem Planeten.

Marc (hat die Klinke schon in der Hand, aber hält sich noch zurück, weil er amüsiert auf seine schwangere Freundin blickt): Was hast du gerade gesagt?
Gretchen (angesäuert): Du tust es schon wieder, Marc!
Marc (grinst meierlike): Ich kann nichts dagegen tun, wenn du mir solche Vorlagen lieferst.
Gretchen (reagiert eingeschnappt): Na danke, auch!
Marc (zieht den süßen Schmollhaasen in eine innige Umarmung): Hey, Süße, mach mir jetzt bitte nicht den Schmollhaasen. Dein Dad hat dich nämlich schon in den höchsten Tönen angepriesen. Als eben jene ehrgeizige und hoch engagierte Ärztin, die du nun mal bist, wenn du nicht gerade deine fünf Minuten hast.
Gretchen: Und du nicht?
Marc (fuchtelt mit einer Hand demonstrativ zwischen sich u. ihr hin u. her): Haasenzahn, wie lange kennen wir uns schon, hm? Du weißt doch, wie ich es mit natürlicher Konkurrenz halte.
Gretchen (schaut ihn mit großen Augen an u. resigniert, als er nicht entsprechend darauf reagiert): Ich bin Konkurrenz für dich? ... Also, irgendwann. ... Zu einer anderen Zeit. ... In einer anderen Welt.
Marc (kann sein Meier-Grinsen kaum noch unterdrücken): Mhm, geht doch. Das ist die nötige Demut, die man in diesem Job braucht.
Gretchen (stichelt beleidigt zurück): Und warum hast du sie dann nicht?
Marc (lacht): Hoho! Du suchst die Herausforderung, was? Vielleicht taugst du ja doch als anständige Chirurgin. Das Zaumzeug hast du schon mal. Aber das wundert mich bei jemanden, der in einigermaßen Rekordgeschwindigkeit seinen Facharzt gemacht hat, auch nicht besonders. Ehrlich gesagt macht mich das sogar ein bisschen heiß. Und ich würde jetzt wer weiß was für ein bisschen aufregende Lippengymnastik mit dir tun, wenn wir nicht gerade unter ziemlicher Beobachtung stehen würden.
Gretchen (grient ihn schwerverliebt an): Ich würde dich jetzt auch gerne umarmen und küssen, Marc. Aber privat und beruflich sollten wir zumindest heute mal strickt voneinander trennen. Ich will schließlich als Chirurgin überzeugen. Kommst du dann endlich, Herr Oberarzt! Unsere Gäste warten.

Marc (sichtlich beeindruckt lehnt er sich noch einmal zu ihr rüber, bevor er die Türklinke schließlich herunterdrückt, noch ohne die Tür ganz zu öffnen): Oh, Frau Dr. Haase, du kannst dich schon einmal auf eine heiße Nacht gefasst machen. Wir haben so einiges nachzuholen.
Gretchen (grient ihn zuckersüß u. ziemlich verschlagen an): Mhm, ich weiß. Aber schade, schade, dass wir das wohl verschieben werden müssen. Vielleicht hätte ich dir vorhin schon sagen sollen, dass mir Mehdi heute Morgen beim Vorsorgetermin ein absolutes Kontaktsportartenverbot für die nächste Zeit auferlegt hat.
Marc (seine Kinnlade klappt fassungslos herunter u. er lässt die Türklinke wieder los, um sich suchend nach seinem Verräterkumpel umzublicken): Was? Sag mal, hat der den Arsch offen? Davon war nie die Rede. Du bist doch fit. Schwanger, ja, aber nicht krank oder sonst irgendwie eingeschränkt.
Gretchen (versucht, ganz besonders ernst u. betroffen auszuschauen, aber kann ihr Lachen nicht lange verbergen): Touché, mein lieber Marc! Das war für das Murmelinchen.
Marc (sein Mund geht noch einen Tick weiter auf): Du hast mich verarscht? Na, warte, du freche Göre! Das kriegst du so was von wieder, Haasenzahn. Kontaktsportverbot, ich fasse es nicht.
Gretchen (streicht ihrem empörten Freund verführerisch über den angespannten Oberkörper u. drängt ihn wieder Richtung Tür): Aber nicht jetzt, wir wollen doch professionell bleiben, Herr Doktor. Komm, lass uns endlich zu den anderen gehen, bevor sie sich noch fragen, was wir hier so lange machen.

Marc schüttelte nur, um Kontenance bemüht, seinen Kopf, als er das freche Früchtchen unsanft durch die Terrassentür schupste, die er mit Schwung geöffnet hatte, und dann in Richtung der zusammengestellten Tische schob, wo Dr. Haase, von ihrem stolzen Vater vorgestellt, nun ehrfurchtsvoll im fast perfekten Schulenglisch die amerikanische Delegation begrüßte und alle mit ihrer herzlichen Art und ihrem niedlichen Akzent sofort ins Herz schloss. Alles natürlich akribisch beobachtet von einer nachdenklichen und überfürsorglichen Haasenmutter in der Cafeteria, die unüberhörbar aufseufzte und damit das Interesse einer ganz bestimmten Person weckte, die sich nun ungefragt direkt auf den Platz setzte, der eben noch von Gretchens properem Hinterteil besetzt worden war, und hungrig die noch immer reichlich beladenen Teller begutachtete.

Jochen: Was ist denn, Mama? Alles okay mit dir? Du guckst so leidend. Hast du wieder eine Waschmaschine nicht voll gekriegt? Ich kann dir gerne mal wieder eine Ladung Dreckwäsche vorbeibringen, wenn du willst? Die Maschine in Gordons WG funktioniert eh nicht richtig.
Bärbel (noch immer in Gedanken überhört sie die spitze Bemerkung ihres frechen Sohnes): Hach... schau sie dir an! Immer ihrem eigenen Kopf nach. Sie ist so schnell erwachsen geworden.
Jochen (folgt skeptisch ihrem Blick u. rollt mit den Augen, als er seine Schwester unter dem Sonnenschirm herzlich auflachen u. sich dann anhimmelnd an Marcs Seite schmiegen sieht): Äh... Mama, Gretchen ist jetzt einunddreißig. Es wird höchste Zeit, dass sie sich von euch, von dir, abnabelt, bevor es noch peinlicher wird. Oder ist es gerade das? Weil sie sich in nichts mehr reinreden lässt? Was hast du diesmal vorgeschlagen? Ging es wieder darum, dass du dem Meier einen Ring, ihn zu knechten, aufdrängen willst? Mama, wann kapierst du endlich, dass man im 21. Jahrhundert nicht mehr unbedingt verheiratet sein muss, nur weil man was Kleines, oder in dem konkreten Fall eher Riesenhaftes, in die Welt setzt?
Bärbel (schaut ihn mit Nachdruck an): Ach, rede doch nicht so ein dummes Zeug, Jochen!
Jochen (verschränkt wissend seine Arme vor seiner Brust u. lehnt sich gemütlich auf seinem Stuhl zurück): Mama, ich weiß, dass es dir schwerfällt, sie ziehen zu lassen, gerade weil sie es euch in den letzten Jahren nicht gerade leicht gemacht hat mit ihren vielen Griffen ins Klo, aber...
Bärbel (tadelt ihn für seine unangemessene Wortwahl): Jochen!
Jochen (das juckt ihn aber nicht die Bohne u. er gibt weiter seine Schlaumeiermeinung preis): ...aber du musst sie endlich loslassen. Sie hat sich freigekämpft. Als Ärztin und als, naja, Frau eben. Sie weiß jetzt endlich, was sie will. Sie lebt ihr eigenes Leben. Überraschend stressfrei. Sie hat sich erfolgreich fortgepflanzt. Sie lebt endlich eine Beziehung, die länger als nur zwei Wochen dauert und es erstaunt einen manchmal schon, wie es der Meier überhaupt mit ihr auf Dauer aushält. Wahrscheinlich weil er wirklich schrecklich verknallt in sie ist. Er kennt ihre Macken ja auch schon lange genug und guckt mit einem Augenzwinkern darüber hinweg. Sie lebt genau das Leben, was sie sich immer erträumt hat, wenn sie mal wieder für Stunden über ihrem Tagebuch gehangen hat, wofür ich sie immer aufgezogen habe, weil ich noch weniger daran geglaubt habe wie du und Papa. Sie ist unübersehbar glücklich. Das habt ihr euch doch immer für sie gewünscht.
Bärbel (wird merklich melancholisch): Natürlich.
Jochen (nickt zufrieden u. beugt sich neugierig über den Teller, der vor seiner Nase steht u. so verführerisch duftet, dass ihm bereits das Wasser im Mund zusammenläuft): Siehst du! Sie geht endlich nicht mehr den bequemeren Weg und seitdem klappt es ja auch mit den Fettnäpfchen, also, ich meine ohne Fettnäpfchen. Marc und sie kriegen das Kind schon gewuppt. Also, die Kinder. Mach dir nicht so viele Sorgen und misch dich bitte nicht so oft ein! Sie ist erwachsen. Und sie ist Ärztin, also, eine richtig gute. Sie wird wissen, was zu tun ist.

Bärbel (immer noch in ihrer Mutterehre gekränkt, nagt sie nachdenklich an einem grünen Paprikastäbchen): Aber sie könnte doch wenigstens meine Hilfe annehmen. Ich glaube, sie ahnt noch gar nicht, was da wirklich alles auf sie zukommen wird.
Jochen (lacht u. schaut kurz rüber zur Terrasse, wo seine Schwester in eine angeregte Unterhaltung mit ihren amerikanischen Chirurgenkollegen vertieft ist): Du, angesichts ihres monströsen Bauchvolumens wird sie schon eine gewisse Vorahnung haben.
Bärbel (funkelt ihn tadelnd von der Seite an): Keine Beleidigungen auf Kosten deiner Schwester, Jochen! Sie sieht sehr, sehr hübsch aus in ihrem Zustand.
Jochen (rollt genervt mit den Augen u. kann sich kaum noch zusammenreißen, nicht endlich beim Essen zuzuschlagen): Hab ich doch gar nicht. Und siehe es doch mal so, Mama, jetzt lässt du sie erst einmal von der Leine und wenn es dann wirklich ernst wird, dann wird sie schon auf kurz oder lang zu dir kommen. Das ist so sicher wie die Uhrzeit der „Tagesschau“. Und dann bist du natürlich für sie, Marc und die Krümelbande da und verteilst deine subtilen Hinweise, für die sie dir unendlich dankbar sein werden.
Bärbel (mustert ihn erst nachdenklich, dann misstrauisch): Was ist mit dir passiert, mein Junge? Bist du plötzlich auch erwachsen geworden, ohne dass wir es gemerkt haben? So weise kenne ich dich gar nicht.
Jochen (zieht sich beleidigt zurück u. widmet sich schließlich dem Essen auf den Tellern vor seiner Nase): Mama, echt, ey! Du, sag mal, denkst du, die Raupe Nimmersatt kommt noch mal zurück, um das hier alles aufzufuttern, oder kann ich endlich zulangen, bevor es noch ganz kalt wird? Ich bin etwas klamm bei Kasse. Und seitdem sie hier in der Kantine die Preise angezogen haben, da...
Bärbel (hebt vorwurfsvoll ihre Hand): Also ich muss doch sehr bitten, Jochen!
Jochen (grinst zufrieden über das ganze Gesicht u. langt zu): Danke! Du sagst ja auch immer, man solle Essen nicht stehen lassen. Bei uns zuhause mussten wir immer aufessen, bevor wir spielen gehen durften. Deshalb ist Gretchen ja auch ihren Babyspeck nicht losgeworden, bis sie zwanzig war.
Bärbel (schüttelt ungläubig den Kopf, während sie ihren fressgierigen Jungen beim Mittagessen beobachtet): Also wirklich... Vielleicht habe ich mich doch geirrt.
Jochen (mit vollem Mund): Hm?

Er ist und bleibt ein schrecklicher Kindskopf.

Bärbel (schüttelt ertappt den Kopf u. klemmt sich eine Haarsträhne hinters Ohr): Nichts! Iss, mein Junge! Du bist ganz dünn.
Jochen (schluckt den Bissen hastig herunter, weil ihm gerade etwas eingefallen ist): Du... ähm... wenn dir langweilig ist, dann...
Bärbel (regt sich gleich wieder künstlich auf): Wieso denkt eigentlich jeder, dass das der Fall wäre?
Jochen (kann sein freches Mundwerk einfach nicht halten): Äh... vielleicht weil ich diesen gequälten Blick seit fünfundzwanzig Jahren kenne.
Bärbel (rümpft empört ihre Nasenspitze): Sehr witzig!
Jochen (grinst u. kostet ihren verstörten Blick genüsslich aus): Stimmt! Also, was ich eigentlich sagen wollte. Falls du etwas deiner kostbaren Zeit erübrigen könntest, Mama, dann könntest du doch heute Nachmittag Celinchen aus der Krippe abholen? Chantal und ich wären dir wirklich unendlich dankbar. Wir bräuchten echt mal wieder etwas Zeit nur für uns.

...schlug der verschlagene Haase-Sprössling mit breiter Grinsemiene vor und erreichte damit genau das, was er hatte erzielen wollen. Das bis eben noch sehr verknitterte Gesicht seiner eingeschnappten Mutter erhellte sich augenblicklich und ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie sprang unvermittelt auf und zog Jochen, der eigentlich noch aufessen wollte, in eine dicke Mutter-Sohn-Umarmung, die er nur widerwillig über sich ergehen ließ. Seine Kollegen würden ihn jetzt bestimmt wieder als Muttersöhnchen abstempeln, falls sie das gesehen hatten. Also, hieß es, so schnell wie möglich Land zu gewinnen. - „Du räumst doch für mich ab, oder?“, deutete der Schelm auf die mittlerweile leer geräumten Teller auf dem Tisch. Und ehe Bärbel darauf reagieren konnte, war ihr frecher Sohnemann bereits schon aus der Cafeteria verschwunden. Mit dem Handy am Ohr. - „Also, wirklich, was ist uns eigentlich bei seiner Erziehung schief gelaufen, dass er denkt, ich würde ihm immer alles hinterher räumen? Tzz...“ - Kopfschüttelnd schaute sie ihrem Nachwuchs hinterher, bis sie plötzlich seitlich von jemandem umarmt wurde und in ein goldenes Lockenmeer eingetaucht wurde, das ihr nur allzu bekannt war.

Gretchen: Er ist von euch viel zu verhätschelt worden. Der Vor-, aber auch der Nachteil von Nachzüglerkindern. Das werde ich mit meinen Kindern mal anders machen. Also, hauptsächlich Marc, denke ich. Du weißt ja, wie er sein kann. Hihi!
Bärbel (hat ihr gar nicht richtig zugehört u. blickt ihrer Tochter verwundert in das strahlende Ozeanmeer): Hm? Gretchen? Hast du was vergessen?
Gretchen (lächelt ihre sichtlich tüddelige Mutter liebevoll an u. drückt ihre Hand): Ja, mit dir einen schönen Mutter-Tochter-Nachmittag zu verbringen. Der ist längst überfällig.
Bärbel (schaut zu der Menschentraube auf der Terrasse, die fröhlich an den Sonnenschirm überdeckten Tischen miteinander schwatzt u. ein Büffet einnimmt): Aber ich dachte, du wolltest zum Vortrag deines Freundes?
Gretchen: Ja, schon, da bin ich auch definitiv aktiv mit dabei. Aber Marc und Papa haben den Zeitplan noch mal spontan komplett umgekrempelt. Um den Amerikanern entgegenzukommen. Es gibt noch so einiges organisatorisch zu klären. Und wir wollen die Lehr-OPs ja auch unbedingt unter realen Notfallbedingungen durchführen. Die Kollegen aus Seattle sind gerade erst vor wenigen Stunden in Berlin angekommen und wollen auch erst einmal ins Hotel, um sich zu akklimatisieren, und dann später vielleicht noch die Stadt ein bisschen anschauen, bevor es dann heißt, business as usual. Morgen Vormittag geht es dann so richtig mit dem Programm los. Und so habe ich jetzt schon frei und möchte den Tag gerne mit dir ausklingen lassen. Du hast vorhin so unglücklich ausgeschaut. Aber vielleicht habe ich mich auch blöd ausgedrückt. Entschuldige. Du weißt doch, dass ich dir jederzeit für Rat und Tat sehr dankbar bin.
Bärbel (lächelt ihre schwangere Tochter überglücklich an): Ja, ich weiß doch, meine Große. Aber da gibt es jetzt ein kleines Problem. Ich habe nämlich mittlerweile schon eine neue Verabredung.
Gretchen (überrascht): Ach? Etwa mit dem Faulpelz? Das wäre ja mal ganz was Neues, dass Jochen freiwillig Zeit mit dir verbringt.
Bärbel (schmunzelnd schmiegt sie sich an Gretchens Seite): Nein, mit meinem Enkelchen N°1. Ich hole Celine nachher von der Kita ab.
Gretchen (nickt wissend): Hey! Na, das ist doch prima. Dann können wir ja heute schon einmal einen Testlauf starten.
Bärbel (schaut leicht verstört auf): Einen Testlauf?
Gretchen (grinst haaselike): Na, du weißt schon. Wir zwei zusammen mit Baby.
Bärbel: Ein Baby, das schon aus dem Gröbsten raus ist, ist nicht das gleiche wie zwei Neugeborene auf einmal.
Gretchen: Ach, papperlapapp! Ich schiebe nur so gerne einen Kinderwagen vor mich her. Du weißt doch, wenn Sabine uns hier im EKH besucht, dann übernehme ich doch Anton auch immer so gerne. Ich mach nur schnell die Übergabe mit meiner Kollegin und ziehe mich dann um. Bis gleich! Ich freu mich.

Durch den Babybauch etwas umständlich umarmte das Häschen nun seine überrumpelte Mutter und hüpfte anschließend fröhlich und beschwingt aus der Cafeteria, an deren Eingang es noch kurz ein Schwätzchen mit seinem besten Freund und dessen Lebensgefährtin hielt, die diesen wiederum ungeduldig in den Speisesaal zog. Bärbel guckte ihrer gutgelaunten Tochter nur kopfschüttelnd hinterher, lächelte dabei aber wohlwollend, weil es unübersehbar war, wie glücklich ihr Gretchen momentan doch war. Sie musste sich tatsächlich keine Sorgen um sie machen. Frau Haase wollte gerade die Teller ihrer Kinder abräumen, da kam ihr der freundliche Frauenarzt zuvor und nahm ihr hilfsbereit das voll bepackte Tablett ab, um es anschließend mit der Leichtigkeit eines Balance-Künstlers wegzubringen.

Mehdi: Frau Haase, ich übernehme, wenn wir dafür den Tisch übernehmen dürften. Es ist ganz schön viel los hier heute Mittag.
Bärbel (himmelt ihn dankbar an): Oh, Dr. Kaan, vielen Dank! Das liegt wohl daran, dass alle ziemlich neugierig auf die Delegation aus Amerika sind.
Gabi (lässt sich mühevoll auf einen der freien Stühle fallen, nachdem Mehdi ihn ihr gentlemanlike hingehalten hat, u. schnauft durch): Also ich nicht.
Bärbel (schaut irritiert auf die schwangere Kollegin herab, die genervt auf ihrem Handy herumtippt, ohne sie weiter zu beachten, u. verabschiedet sich schließlich): Ja, ähm... Wir wären dann auch soweit. Ich muss dann auch wieder. Meinen Omapflichten nachkommen.
Mehdi (nickt ihr wissend zu): Dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen dabei, Frau Haase.
Gabi (guckt spöttisch zu ihm hoch, nachdem die Frau des Professors gegangen ist): Schleimer!
Mehdi (funkelt sie vielsagend an): Maus, ich wollte nur nett sein.
Gabi (erwidert etwas zickig): So nett, dass du jetzt nicht mehr nur die Mütterfraktion, sondern auch noch die Großmütter in dich verliebt machst.
Mehdi (schlingt von hinten seine Arme um ihre Schultern u. schmiegt seine Wange gegen ihre, während er auf ihr Handy herunterschaut, das sie nun unsanft auf den Tisch knallt): Ich wusste gar nicht, dass ich so eine eindrucksvolle Wirkung auf Frauen habe.
Gabi (blitzt ihn geladen von der Seite an): Haha! Als ob du das nicht ganz genau wüsstest, Mister Casanova. Die Harmlosen sind immer die Schlimmsten.
Mehdi (leicht beunruhigt angesichts ihrer aufgeladenen Stimmung): Hoho! Dass ich ein stilles Wasser sein soll, hat mir auch noch niemand gesagt. Und wer hat meiner Schönen so die Laune verhagelt? Also, ich bin mir keiner Schuld bewusst, aber ich lade sie gerne auf mich, wenn es sein muss.
Gabi (lässt sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen, das aber nicht ihre Augen erreicht): Immer noch Schleimer!
Mehdi (zieht neben ihr einen Stuhl heran u. sieht das Zicklein eindringlich an): Hey, was ist los, Bella?

Gabi (seufzt ernüchtert auf): Nichts! Bis auf das Übliche, was du heute noch mal drei multiplizieren kannst, weil alle mittlerweile durchdrehen, nur weil hier ein paar ultrawichtige Koryphäen des Fachs herumstiefeln und mit Weihrauch wedeln, woran alle, und ein paar Spezies ganz besonders, schnüffeln wollen.
Mehdi (kann über diesen Vergleich nur schmunzeln, aber ahnt, worauf sie hinaus will): Hat Marc wieder irgendeinen Spruch gerissen, dass du nicht mit dem nötigen Ernst die Anmeldung betreust? Du weißt, dass er das nicht ernst meint. Soll ich ihn mir noch mal vorknöpfen?
Gabi (lehnt sich mit verschränkten Armen zurück u. fokussiert mit abschätzigen Blicken das Grüppchen auf der Dachterrasse im Hintergrund): Gerne! Aber das würde am Ende doch auch nichts bringen. Den roten Teppich rollen sie trotzdem aus und ich muss aufpassen, dass keiner über die Kante stolpert und sich ein blaues Auge holt. Hey, ich bin auch nur ein Mensch. Ich bin ja wohl nicht dafür verantwortlich, dass der Zeitplan nicht hinhaut und die noch mal alles anders haben wollen. Zwecks unter realen Bedingungen und so weiter. Dann hätte das Arschloch eben besser planen oder sich nicht von der Planschkuh ablenken lassen sollen.
Mehdi (nimmt einen tadelnden Tonfall an): Gabi!
Gabi (wirft wild gestikulierend ihre Hände in die Luft, bevor sie diese dann an ihrem Babybauch andockt u. dort entlang streichelt): Ja, ist doch wahr!
Mehdi (mustert sie misstrauisch von der Seite, während er sich eine ihrer Hände schnappt u. liebevoll tätschelt): Und wo liegt der Hund wirklich begraben?
Gabi (blickt prompt zum Panoramafenster rüber u. muss lachen): Leider sieht er noch immer sehr lebendig aus.
Mehdi (folgt schmunzelnd ihrem Blick, bis er sie wieder mit ernster Miene ansieht): Das meine ich nicht. Bis eben warst du nämlich noch supergut gelaunt und hast dich von der Euphorie anstecken lassen, die hier durch unsere altehrwürdigen Gänge weht. Ich habe das ja auf diesen wirklich sehr gut aussehenden Chirurgen Dr. Avery geschoben, aber...
Gabi (löst sich von seiner Hand u. boxt ihm einmal leicht in den Oberarm u. widmet sich dann wieder ausgiebig ihrer Babymurmel, die sich deutlich unter ihrem Krankenschwesterkittel hervorwölbt): Haha! Du weißt genauso gut wie ich, dass mich das alles hier herzlich wenig interessiert. Mein Interessenspektrum hat sich dank dem hier nämlich weit in andere Richtungen verschoben. Und ich hab eh gleich Schluss. Von dem her ist es mir schnuppe, was noch alles schief läuft und womit sie die drei Amis noch beeindrucken wollen. Hauptsache, ich rutsche nicht auf Meiers Schleimspur aus, die ist nämlich echt gefährlich glitschig.

Mehdi (sieht ihr eindringlich in die Augen): Genau deswegen verstehe ich nicht, wieso du auf einmal dein schönes Lächeln verloren hast.
Gabi (lässt sich kurz zu eben diesem Lächeln hinreißen u. guckt dann wieder frustriert auf ihr Handy auf dem Tisch): Das... Ach... Ich hab mich einfach darauf gefreut, mit meinen Mädels einen schönen Nachmittag beim Babyshopping zu verbringen. Ich hab dir und Lilly doch das Prospekt gezeigt. Es gibt nur noch in dieser Woche den Rabatt auf diese wirklich niedliche Babybettwäsche mit den Marienkäfern drauf. Dann könnte Lilly nämlich doch die Marienkäfersticker für die Verzierung der Kinderzimmertapete nehmen und nicht die übrig gebliebenen Schmetterlinge aus Gretchens Babyzimmer. Die sind nämlich echt schrecklich kitschig. Und vielleicht gibt es ja in dem Laden auch noch mehr. Ich hab extra mein Sparbuch geplündert. Und jetzt hat die erste schon abgesagt. Chanti hat ein Sexdate mit Jochen. Das hat sie mir echt so geschrieben. Weißt du, ich liebe ja ihre Offenheit, aber es gibt Dinge, die will ich mir wirklich nicht vorstellen müssen. Wäh! Da gruselt es einen echt. Und da ich weiß, dass auf meine Schwester auch kein Verlass ist, stehe ich am Ende ganz bestimmt alleine da. Und alleine fahre ich auf gar keinen Fall in die Innenstadt. Da hat es mich nämlich letzte Woche schon vor Hitze fast atomisiert. Das mache ich nicht noch mal mit. Nur damit du’s weißt, das nächste Kind bekommen wir definitiv im Winter.
Mehdi (hat ihr irritiert, aber auch hingerissen zugehört u. zieht sie nun lachend in seine starken Arme): Okay!
Gabi (als sie realisiert, was sie da eben von sich gegeben hat, rudert sie hastig zurück): Also... falls ich noch eins will. Das... weiß ich jetzt noch nicht... so genau. Das... mache ich davon abhängig, wie schlimm die Geburt wird. Und daran will ich jetzt auch noch nicht denken müssen. Ich ärgere mich nur so über Chantal. Vielleicht ist sie doch noch mehr Teeny, als ich dachte. Ich sollte mir besser mehr Freunde in meinem Alter suchen.
Mehdi (zeigt sich verständnisvoll): Ach, Süße, das tut mir leid. Aber Chantal hat das bestimmt nicht böse gemeint.
Gabi (schmiegt sich gefrustet in seine Arme): Sie nicht, aber der Rammler bestimmt schon.
Mehdi (verzieht seine Lippen zu einem schiefen Lachen): Äh... ja, das Bild verstört mich dann auch ein wenig.
Gabi (löst sich von ihm, um ihn besser ansehen zu können): Siehst du! Ich verstehe eh nicht, was sie immer noch an dem Wischlappen findet. Die sind echt schon ein halbes Jahr zusammen, inklusive der kurzen Trennungsphase, wo sie endlich einmal für fünf Minuten ihr achtzehnjähriges Hirn eingeschaltet hat. Krass!

Mehdi (nutzt diese Überleitung gekonnt für seine Zwecke aus, um gewitzt zu kontern): Und was findest du an mir?
Gabi (funkelt ihn Wimpern klimpernd an u. lässt ihre Hände über ihren Babybauch gleiten): Netter Ablenkungsversuch, mein Lieber, aber funktioniert nicht. Vor allem nicht, weil unsere Erbse gerade Tohuwabohu veranstaltet. Das macht mich total kirre. Ich kann überhaupt nicht richtig denken.
Mehdi (seine Augen leuchten vor Glück auf u. er legt seine Hände nun ebenfalls an ihre runde Murmel): Darf ich?
Gabi (schließt genießend die Augen): Ich verstehe das nicht, bei mir dreht sie immer total durch und wenn du kommst mit deinen riesigen Pranken, die da komplett drum herum passen, wird sie gleich wieder ruhig.
Mehdi (schmunzelt geheimnisvoll): Sie?
Gabi (blickt ihn vielsagend an): Mehdi!
Mehdi (sein Schmunzeln wird immer breiter): Weil unsere Erbse eben spürt, wenn die Mama aufgewühlt ist.
Gabi (sieht ihm direkt in die sanftmütigen Rehaugen): Also soll ich mich entspannen?
Mehdi: Definitiv. Zumindest insofern, dass Dr. Meier dich nicht wieder damit aufziehen kann.
Gabi (verschränkt beleidigt ihre Arme vor ihrer Brust): Haha!
Mehdi (während seine eine Hand weiterhin auf ihrem Babybauch ruht, legt er die andere sanft an ihre leicht gerötete Wange): Und wenn ich könnte, mein Herz, dann würde ich heute Nachmittag gerne für deine Freundinnen einspringen und mit dir in das Babywunderland eintauchen, aber leider lässt sich der Elternabend im Gymnasium nicht verschieben. Wir treffen uns schließlich zum ersten Mal und es gibt eine Menge zu besprechen.
Gabi (verzieht ihre Lippen zu einem leichten Schmollmund): Na, toll, du datest deine Ex und ich muss mich alleine im Babyladen zurückhalten, ihn nicht gleich komplett leer zu kaufen.
Mehdi (lacht u. drückt ihr spontan einen Schmatzer auf die verführerischen Schmolllippen): Kein Date! Oder findest du, es wäre ein Date, wenn man mit dreiundzwanzig anderen Elternpaaren, die alle mindestens ebenso nervös und hysterisch sind, weil ihre Kinder im Herbst auf die weiterführende Schule kommen, in einem engen unklimatisierten Klassenzimmer eingesperrt wird?
Gabi (grient ihn dann doch schadenfroh von der Seite an): Nein!
Mehdi: Eben! Und warte doch erst einmal ab, was Tina sagt. Sie hat dich bestimmt nicht vergessen. Also, nach dem letzten Mal wird sie es bestimmt nicht noch mal tun.

Gabi (guckt auf ihr Telefon, auf dem eben eine Nachricht aufgeploppt ist): Schon geschehen. ... Oje!
Mehdi (reckt ihr neugierig seine Nasenspitze entgegen): Was?
Gabi (hält ihm augenrollend die Textnachricht vor die Nase): Sie freut sich schon tierisch auf unseren Mädelsnachmittag. Sie hat nämlich eine Bombennachricht für mich im Gepäck. Sie holt mich nachher hier direkt vor der Klinik ab.
Mehdi (wundert sich über ihre verhaltene Reaktion): Okay? Das klingt doch positiv?
Gabi (reißt abrupt ihre Augen noch weiter auf u. gerät in eine leichte Hysterie): Positiv? Oh Gott, wenn sie von diesem zwielichtigen Typen schwanger geworden sein sollte, mit dem sie ihren mittlerweile Ex-Freund betrogen hat, den ich wirklich gerne hatte, weil er ihr mit ihren tausend Flausen gut getan hat, dann bring ich sie um und ich werde es nicht als Unfall aussehen lassen.
Mehdi (versucht, sie vorsichtig zu beruhigen): Interpretierst du da nicht ein bisschen viel hinein, Gabi?
Gabi (geht sofort hoch wie eine Rakete, was auch von den angrenzende Tischen bemerkt wird): Bitte? Ich übertreibe nicht. Mehdi, als Tina das letzte Mal eine Bombennachricht für mich hatte, da hatte sie gerade ihre Ausbildung geschmissen, die zwei Monate später beendet gewesen wäre, um Sängerin-Schrägstrich-Tänzerin-Schrägstrich-It-Girl zu werden.
Mehdi (darauf weiß selbst er nicht, was er erwidern soll): Oh!
Gabi (funkelt ihn höhnisch an, bis ihr plötzlich noch etwas einfällt, das sie blass werden lässt): Ja, oh! Da bist selbst du sprachlos. Wenn ich mich über meine kleine Schwester aufrege, dann hat das immer einen Grund und... Oh nein! Oder das ist wieder einer ihrer unglücklichen Versuche, mich mit Mama zu versöhnen. Meinst du, sie bringt sie gleich mit? Ist sie die Bombe? Ey, wehe sie hat ihr gesagt, dass ich schwanger bin, dann rede ich nie wieder ein Wort mit ihr! Ich entscheide, wann, und ob überhaupt, ich es ihr sage.
Mehdi (verständnisvoll): Selbst wenn, Bella, du weißt, dass es Teil ihres Zwölf-Schritte-Plans ist, während ihres klinischen Entzugs auf ihre Angehörigen zuzugehen.
Gabi (sieht ihn ernst an): Und wenn ich nicht will? Ich weiß nicht, ob ich sie wieder in meinem Leben haben will. Oder in dem von unserer Erbse. Und ich kann und will mich nicht von euch emotional unter Druck setzen lassen. Ich sag das Treffen einfach ab. Das wird mir echt zu viel heute.
Mehdi (legt seine Hand beruhigend über ihre, die nach dem Smartphone greifen will): Hey, ich verstehe dich und ich werde dich garantiert nicht zu irgendetwas drängen, was du nicht willst. Und Tina hat das auch längst kapiert. Sei bitte nicht böse auf sie, zumindest nicht solange du nicht weißt, was sie dir heute sagen möchte. Vielleicht ist es wirklich etwas Positives?
Gabi (legt ihre Hand an Mehdis Wange u. sieht ihm verliebt in die Augen): Was? Dass sie nach hunderttausend Versuchen endlich einen Schallplattenvertrag hat oder dass doch nur wieder alles Schall und Rauch ist? Du bist ein unverbesserlicher Träumer, mein Schatz. Aber wenn wir noch länger hier sitzen und ich rieche das leckere Essen, ohne dass ich etwas davon abhaben kann, dann könnte ich eventuell doch noch austicken und das willst du nicht erleben.

Mehdi (lässt sich lachend zu einem innigen Kuss hinreißen): Oh, dann wird es höchste Zeit, dass ich etwas dagegen unternehme. Was wünscht sich die junge Dame denn?
Gabi (blitzt ihn augenzwinkernd an): Alles.
Mehdi (zwinkert vielsagend zurück): Alles? Mhm, das hört sich viel versprechend an. Und ich hätte da sogar noch einen Vorschlag für das Dessert.
Gabi (flirtet schmunzelnd zurück): Darauf komme ich gerne zurück, Bärchen, aber vorher müssen wir die Erbse endlich ruhig stellen. Sonst muss ich jetzt leider die Blumendeko aufessen.
Mehdi (steht lachend von seinem Platz auf u. beugt sich noch einmal für einen Kuss zu seiner Liebsten herab): Du weißt schon, dass unser Kind schon lange nicht mehr die Größe einer Erbse hat, oder? Wir sind jetzt in den Dimensionen einer Wassermelone angelangt. Honigmelone, ich wollte Honigmelone sagen.
Gabi (blitzt ihn mit feurig aufleuchtenden dunkelgrünen Augen an): Klugscheißer! Wir haben uns zwar darauf geeinigt, es nicht wissen zu wollen, mit wem wir es denn nun wirklich zu tun haben, aber einen Arbeitstitel brauchen wir schon und ich finde Erbse irgendwie total niedlich.
Mehdi: Du bist niedlich.
Gabi: Nein, ich bin hungrig!

Mehdi nickte seiner heißhungrigen Freundin wissend zu und ließ sie für den Moment allein am Tisch in der Mitte der Cafeteria zurück, um sich in die lange Schlange an der Essensausgabe einzureihen. Während er warten musste, bis seine Kollegen vor ihm bedient wurden, schweifte sein Blick umher durch die reichlich mit Weißkittelträgern gefüllte Kantine. Er bemerkte die kichernden Lernschwestern am Eingang, die tuschelnd den attraktiven Arzt aus Amerika beobachteten und keine Sekunde aus den Augen ließen, der sich auf der Dachterrasse angeregt mit Dr. Meier unterhielt. Er musterte die beiden sehr kompetent wirkenden Kolleginnen, die den Chirurgen aus Seattle begleitet hatten und zusammen mit Dr. Rössel, Meier senior und Prof. Haase an einem gemeinsamen Tisch saßen und entdeckte dann an einem Tisch am Fenster Dr. Stier und Dr. Hassmann, die mit finsterer Miene immer wieder verstohlen und imaginäre Rauchsalven abfeuernd auf die Dachterrasse schaute. Mehdi ahnte, was gerade in seiner ehrgeizigen Kollegin vorging, hatte er doch erst heute Morgen beim Routinetermin mit ihr zu tun gehabt. Und er hatte recht damit. Sehr zum Leidwesen von Dr. Stier, der sich im Gegensatz zu Dr. Kaan die frustrierten Meckertiraden der hochschwangeren Oberärztin aus nächster Nähe anhören musste.

Maria: Ich hätte es tun sollen. Ja, genau, anscheinend geht es nicht anders. Familienbande zählen hier einfach mehr als wirkliche Kompetenz. Guck dir doch an, was für eine Schleimspur der Meier hinterlässt! Ein Wunder, dass darauf noch keiner über das Dachgeländer geflutscht ist. Der hat mittlerweile so einen Stein im Brett vom alten Haasen. Kein Wunder, dass man da komplett übersehen wird, obwohl man überhaupt nicht mehr zu übersehen ist.
Cedric (beruhigend schaut er sie an): Steigerst du dich da nicht gerade in etwas hinein? Außerdem hat man dich nicht übergangen. Du warst doch bei der offiziellen Begrüßung der Kollegen vom Seattle Grey Sloan Memorial an vorderster Front mit dabei.
Maria (blitzt zickig zurück): Weil du mich vorgestellt hast. Soweit ist es schon gekommen.
Cedric: Äh... was soll das denn bitteschön heißen?
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme u. guckt durch ihr Gegenüber hindurch auf die Dachterrasse): Ich hätte es einfach tun sollen. Er hat zwar nicht viel zu sagen hier, noch nicht, wie ich befürchte, aber wenn’s der Karriere hilft, einen Fuß in die Tür seines Vaters zu bekommen, bitte, dann hätte ich es getan. Ich komme ja eh irgendwann in das Alter, wo Toyboys ein ganz nützliches Accessoire werden. Ich hätte mir den kleinen Haasen einfach schnappen sollen, als es noch die Gelegenheit dazu gab.
Cedric: Bitte was?

Der irritierte Neurochirurg hätte sich beinahe an seiner Fleischplatte verschluckt, als seine gereizte Freundin nach ihrer Meckerrede endlich die finale Pointe gesetzt hatte. Auf erschreckend trockene und auch irgendwie überzeugende Art und Weise. Dementsprechend bedient schaute Cedric Stier auch gerade aus der Wäsche, während Maria Hassmann auch noch den letzten Rest ihres armen Schnitzels mit dem Messer tötete, das mindestens genauso scharf war wie ihre Zunge.

Maria: Ja, jetzt guck nicht so! Es ist doch wahr. Ohne Beziehungen kommst du doch in diesem Laden hier niemals dahin, wohin man hin will. Weißt du, ich habe es hingenommen, dass der Professor nach seiner Ankündigung, im kommenden Jahr in Pension gehen zu wollen, mich und Meier mit großem Vergnügen gegeneinander ausgespielt hat. Weil das bedeutet hat, dass er uns auf einer Ebene sieht. Was beim Meier eigentlich noch zu beweisen gilt. Aber egal, ich fand’s gut, dass einmal nicht die Genderfrage gestellt wurde, wie es auf dieser Position meistens immer noch üblich ist, und ich habe es genossen, ihm immer wieder aufs Neue eins reinwürgen zu dürfen.
Cedric (spöttisch): Wer würde das nicht?
Maria (funkelt ihn an): Ich habe ebenso ein Recht auf die Nachfolge von Prof. Haase wie er.
Cedric (stimmt ihr zu u. schiebt sich genüsslich ein Stück Fleisch in den Mund): Selbstverständlich.
Maria (hält plötzlich inne u. sieht ihn scharf von der Seite an): Habe ich da irgendeinen ironischen Unterton herausgehört?
Cedric (schluckt schnell herunter, um sich anschließend provozierend mit einem Arm auf ihrer Stuhllehne zurückzulehnen): Ich würde es nicht wagen.
Maria (mustert ihn immer noch argwöhnisch): Ich hab dich im Auge, Stier. Ich weiß ganz genau, worauf du auf Dauer hinauswillst, mein Lieber. Das funktioniert vielleicht im Haase-Meier-Klan, aber ganz bestimmt nicht auf unserer Beziehungsebene. Lass dir das gesagt sein!
Cedric (rollt leicht genervt mit den Augen u. zieht seinen Arm wieder zurück): Kommt jetzt, nachdem du mit Meier fertig geworden bist, wieder die alte Leier, ich würde dir etwas wegnehmen wollen?
Maria (regt sich gleich wieder künstlich auf): Ihr Chirurgen seid doch alle gleich.
Cedric (nimmt sie direkt hoch): Das beinhaltet dich übrigens auch, Baby.
Maria (funkelt den Klugscheißer finster an u. deutet dann auf ihren Babybauch, den sie mit beiden Händen zur Beruhigung festhält): Halt die Klappe, Rick! Und wenn ihr denkt, dass ich mit euch bereits fertig bin, nur weil sich hier drin ein nerviges kleines Ding eingenistet hat, dann habt ihr euch geschnitten. Die junge Lady scheint denselben ausdruckstarken Charakter zu haben wie ich, so wie sie gerade auf Krawall gebürstet ist.
Cedric (lächelt die tobende Schwangere hingerissen an u. versucht, seine Hand ebenfalls an ihrem eindrucksvollen Babybauch anzudocken): Ich weiß, Liebes. Emanzenprinzessinnen müssen zusammenhalten.
Maria (schmettert seine aufdringliche Hand sofort wieder weg): Hände weg, wenn du sie je wieder chirurgisch gebrauchen möchtest! Du weißt, was ich von Zuneigungsbekundungen wie diesen hier im Krankenhaus halte.
Cedric (überspitzt nörgelnd): Sie untergraben deine Autorität als Frau im Haifischbecken.
Maria (blitzt den dreisten Sprücheklopfer böse an): Ey, nicht in diesem Ton, Freundchen! Den Spott kannst du dir mal schön von deinen schmierigen Lippen putzen! Das ist mein voller Ernst. Ich will diesen Job. Ich hab ihn mir verdient. Und nur weil ich jetzt plötzlich eine Großfamilie habe, heißt das nicht, dass ich keine Ambitionen mehr hätte.

Cedric (schafft es dann doch, zur Beruhigung ihre Hand zu schnappen u. nicht mehr loszulassen): Ich weiß. Und der Professor weiß das auch. Das ist doch auch das Besondere an seiner Familienpolitik, die jeden hier im Haus mit einschließt und nicht nur Gretchen, Pfleger Jochen und seinen Liebling Meier.
Maria (schnauft frustriert auf u. lässt sich sogar kurz die Hand streicheln): Ja, schön wär’s. Warum lässt er mich dann nicht auch an der ganzen Chose mitwirken? Diese Bailey und Dr. Torres sollen auch sehen, dass es hier in Deutschland auch Oberärztinnen von ihrem Kaliber gibt, die Kinder und Karriere wuppen.
Cedric (spielt mit ihren Fingerspitzen u. schaut ihr dabei tief in die wild aufblitzenden Augen): Ich sag’s nur ungern, weil du’s nur ungern hören möchtest. Denn dein Lagerkoller ist wirklich nicht zu übersehen und zu überhören. Dabei bist du gerade mal wie lange zu Hause? Zwei Wochen! Aber das Zauberwort lautet Mutterschutz.
Maria (zieht ihre Hand wieder weg): Der Mutterschutz kann mich mal. Der dient doch auch nur wieder der Unterdrückung berufstätiger Mütter mit Karriereambitionen.
Cedric (beugt sich in hörbare Nähe zu ihrem Bauch heran): Hoho! Das meint sie aber nicht so. Sie hat dich lieb. Je grantiger sie wird, umso lieber hat sie einen. Weißt du, mein Schatz, dein Papa spricht da aus Erfahrung.
Maria (fuchtelt bedrohlich mit ihrem Zeigefinger vor seiner Grinsevisage herum): Wenn ich mich noch bewegen könnte, wie ich wollte, dann würdest du diesen Tisch hier jetzt nicht mehr lebend verlassen, mein Lieber.
Cedric (kommt ihr noch näher u. zwinkert ihr zweideutig zu): Hm, mir würden noch ganz andere Dinge einfallen, die ich mit dir in diesem Zustand gerne anstellen würde. Aber was hat dein guter Freund, der Frauenversteher für Arme, heute Morgen gesagt, um uns zu ärgern? Kontaktsportarten jegliche Art im achten Monat sind...
Maria (fährt ihm prompt über den Mund u. wirft mit imaginären Blitzen nach dem dreisten Kerl): Ich bring dich um.
Cedric (lehnt sich dann doch vorsichtshalber wieder etwas zurück, was nicht heißt, dass er sich auch verbal zurückhalten würde): Aber Darling, doch nicht unter Zeugen! Was sollen denn die Amerikaner dann von uns denken? Du wolltest die Chirurginnen doch mit deinem Scharfsinn und deiner Kompetenz überzeugen und nicht mit deiner Schlagfähigkeit. Übrigens eine deiner wunderbaren Eigenarten, die ich sehr vermisse, seitdem wir unsere Akrobatik auf ein Minimum runterschrauben mussten.
Maria (verschränkt eingeschnappt ihre Arme vor ihrer Brust): Ich hasse dich.

Cedric (wirft ihr eine Kusshand zu u. grinst dann vergnügt über das ganze Gesicht): Ich dich auch, Mary. Hey, wenn dir zuhause die Decke auf den Kopf fällt, dann suche dir doch eine Beschäftigung. Wir sind immer noch nicht mit dem Auspacken fertig. Und die Gestaltung der Inneneinrichtung sagt dir doch auch noch nicht wirklich zu.
Maria (blitzt ihn an u. deutet mit dem Zeigefinger auf ihn): Stier, ich sag’s dir gerne noch mal zum Mitschreiben für ganz besonders begriffsstutzige Vollidioten, ich bin nicht dein Hausmütterchen, das dir die dreckigen Unterhosen stopft und dir jeden Abend eine verdammte warme Mahlzeit vor die Nase setzt, wenn du dann endlich mal nach Hause kommst. Das kannst du verdammt noch mal auch alleine. Du hast zwei Hände. Die sind nicht nur zum Operieren gut.
Cedric (hebt eben jene talentierte Chirurgenhände in Unschuldspose hoch): Ja, okay, ich wollte ja nur...
Maria (fällt ihm wieder aufgebracht ins Wort): Ja, ja, ihr wolltet nur. Ihr wisst ja immer alles besser, was gut für uns wäre. Du, Meier, Mehdi und ja, auch der Professor seid mir die Schlimmsten. Aber ihr müsst nicht einen Traktor aus einem Scheunentor pressen, das so groß ist wie ein Briefkastenschlitz, und dabei noch möglichst hübsch aussehen. Ihr bekommt sogar noch Applaus für eure Tapferkeit, nachdem ihr im Kreißsaal umgekippt seid.
Cedric (versucht, nicht die Augen zu verdrehen u. tut es dann doch, was gefährlich werden könnte, Marias Blick nach zu urteilen): Und kommt da noch mehr oder hast du dich langsam abgeregt? Nur damit ich mich auf die nächste Salve schon einmal einstellen und mich hinter der Blumendeko und dem Salzstreuer rechtzeitig verstecken kann.
Maria: Verdrehe du nur noch einmal die Augen und dann...
Cedric (schaut sie herausfordernd an): Und dann?
Maria (tut es ihm gleich): Dann, mein Freund, kannst du dich schon einmal seelisch und moralisch darauf einstellen, dass Mehdis Kontaktsportartenverbot nach der Geburt unserer Tochter auf unbestimmte Zeit verlängert werden wird.
Cedric (muss dann doch kurz schlucken, bevor er mit verschlagenem Grinsen zurückschlägt): Schneidest du dir damit nicht auch ins eigene Fleisch?
Maria (beugt sich verführerisch zu ihm rüber, um ihn, bevor sie endgültig zuschlägt, in Sicherheit zu wiegen): Hm, überschätzt du dich und deine durchaus durchschnittlichen Fähigkeiten nicht ein wenig?
Cedric (spöttisch): Durchaus durchschnittlich?
Maria (lehnt sich auf ihrem Stuhl wieder zurück u. blickt herausfordernd zu ihm rüber): Wie du weißt, Herr Doktor, hat Frau auch überaus andere Möglichkeiten, sich Vergnügen zu verschaffen, wenn ihr danach ist.
Cedric (schluckt schon wieder schwer u. muss sich über seinen angespannten Brustkorb streichen): Das meinst du nicht ernst, oder?
Maria (genießt ihren Triumph in vollen Zügen): Ich bin eine Frau. Wir meinen es in der Regel immer ernst. Ich würde es also nicht herausfordern, Schatz.

Cedric (räuspert sich, nachdem er sich wieder einigermaßen gefangen hat): Ich glaube, wir sollten dir wirklich schnell eine neue Beschäftigung suchen.
Maria (zwinkert ihm vielsagend zu u. will aufstehen): Hab ich schon. Ich werde jetzt mal nach meinen Patienten schauen.
Cedric (hält sie entschieden auf u. an ihrer Hand fest): Veto! Nichts da! Du weißt, was passiert, wenn der Professor dich noch einmal auf meiner Station erwischt?
Maria (funkelt ihn an): Veto! Meine Station!
Cedric (hält sie weiterhin fest): Nein, diesmal liegst du falsch, Maria. Laut Vertrag ist das aktuell allein meine Station und auf der hast du momentan absolutes Besuchs- und Arbeitsverbot.
Maria (als er sie endlich loslässt, wirft sie den Spielball gekonnt wieder zurück): Schneidest du dir damit nicht ins eigene Fleisch? Keine kleinen Besuche mehr in der Mittagspause, um dem hart arbeitenden Neurochirurgen ein bisschen Ablenkung zu verschaffen?
Cedric (grinst, aber bleibt ernst): Gut gekontert, Darling, aber bei diesem Thema werde ich hart bleiben und das ist diesmal nicht zweideutig gemeint. Keine Sonderbehandlung für schlaue, sexy, schwangere Chirurgengöttinnen.
Maria (lässt sich frustriert an ihre Sitzlehne zurückfallen): Schleimer! Aber jetzt auch mal ernsthaft, ich drehe noch durch zuhause mit dem ganzen Babygedöns, Sarahs quietschnerviger Vorfreude und deine Tochter fremdelt auch gerade und hängt sich nur noch an ihre große Schwester, die, wie du weißt, auch nur Dummheiten im Kopf hat, die du ihr eingeredet hast. Ich muss endlich wieder geistig gefördert werden, sonst bekomme ich auch noch einen Schreikrampf.
Cedric (kleinlaut): Hattest du den nicht gerade?
Maria (ihr genervter Blick verfinstert sich auf bedrohliche Art u. Weise): Ganz dünnes Eis, Rick, ganz dünnes Eis!
Cedric (lacht): Ich dachte, du arbeitest an deiner Habilitation. Du warst doch die letzten Tage gut drin.
Maria: Die Grundkapitel stehen ja auch. Nur fehlen mir die Ergebnisse. Deshalb will ich ja auch zu meinen Patienten.
Cedric: Du kriegst von mir alle Fakten, die du brauchst. Schnellere Heilung mittels direkter Gedankenübertragung gibt es leider noch nicht.
Maria: Hast du dann auch eine Zeitmaschine, mit der man in die Zukunft gucken kann? Mann, warum hab ich mich auch auf eine Langzeitstudie eingelassen? Die Hirnschrittmacher, die ich eingesetzt habe, bringen frühestens in ein paar Monaten vergleichbare Ergebnisse. Eigentlich ja erst in ein bis fünf Jahren, damit die Parkinsonstudie wirklich den Wert bekommt, den sie verdient hat
Cedric (will der gefrusteten Neurochirurgin Mut machen): Wird sie.
Maria (kann Lob von seiner Seite her nicht wirklich verknusen): Bis dahin hat der Meier seine halbgare Habilitation längst in trockenen Tüchern und sitzt seinen überheblichen Hintern auf dem Chefsessel seines Schwiegervaters platt.
Cedric (schaut kurz hinter sich durch das Panoramafenster auf die Dachterrasse, wo gerade allgemeine Aufbruchstimmung herrscht): Kann sein, muss aber nicht. Du hast einen entscheidenden Faktor X nämlich nicht betrachtet, Frau Dr. Hassmann.
Maria (versteht nicht gleich, worauf er hinaus will): Hm? Dass ich doch besser Alzheimer und nicht Parkinson als Thema meiner Arbeit hätte aufgreifen sollen? Mann, du bist doch auch Neurologe. Du weißt ganz genau, dass die Erfolgsaussichten dahingehend leider erschreckend miserabel sind.
Cedric (grinst in seiner bekannt liebenswürdigen überheblichen Art): Nein. Aber schon vergessen, Marc bekommt Zwillinge vor seine selbstgerechte Nase gesetzt. Noch sieht er es locker, ich hab dir ja erzählt, was wir neulich Nacht gemacht haben. Ich hab ihn gewinnen lassen. Für das gute Gefühl, weißt du. Damit es auch mal für länger gut zwischen uns läuft. Aber er hat keine Ahnung, was das am Ende wirklich bedeuten wird. Lass uns erst einmal beobachten, wie er mit der Prioritätenverschiebung umgehen wird.
Maria: Mhm, du weißt, wie man eine Frau so richtig heiß macht, Dr. Stier.

...frohlockte die sexy Oberärztin plötzlich, nachdem sie Cedrics Argumentationskette in eine nähere Betrachtung gezogen hatte, und zog ihren Besserwissermann am Kragen seines weißen Kittels zu einem heißen Kuss heran, der beinahe entartet wäre, wenn sich Dr. Hassmann nicht gerade noch rechtzeitig zurückgehalten hätte. Die Ärztedelegation marschierte nämlich gerade an ihrem Tisch vorbei. Während Dr. Meier nur abschätzig dreinblickte, nickte der Professor seiner besten Oberärztin wohlwollend zu. Maria erwiderte dies und stand nun ebenfalls von ihrem Platz auf, was von Cedric irritiert aufgenommen wurde, der ihr jedoch wegen eines Engeproblems in seiner Hose nicht gleich folgen konnte.

Cedric: Was hast du vor?
Maria: Tja, die Show scheint vorbei zu sein. Dann kann ich mich auch wieder auf den Heimweg machen. Den Weg hierher hätte ich mir eh sparen können, wenn ich gewusst hätte, dass Neurogott Shepherd gar nicht erst mit anreist.
Cedric (das Piepsen seines Piepers lenkt ihn unfreiwillig ab): Warte! Ich bring dich. Ich hab noch ein bisschen Zeit. ... Oh, nein, hab ich nicht mehr. Mist! Die erwarten mich zu einer Konsultation in der Notaufnahme.
Maria (bleibt mit verschränkten Armen vor seinem Stuhl stehen u. blickt abschätzig auf ihn herab): Sag mal, wieso glaubt ihr Männer eigentlich immer, dass wir so was nicht auch alleine können, hm? Den einen Kilometer bis zum Haus schaffe ich wirklich auch alleine.
Cedric (will sich nicht schon wieder streiten u. versucht es auf die liebevolle u. fürsorgliche Art): Baby, ich will doch nur sichergehen, dass du heil zuhause ankommst. Wir kommen langsam in das Zeitfenster, wo es jeder Zeit losgehen könnte. Dr. Kaan war da heute Morgen sehr deutlich. Er ist nur zu höflich und gerade zu sehr mit seiner eigenen schwangeren Freundin beschäftigt, als dass er dich noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen würde, dass du in nächster Zeit mehr liegen solltest
Maria (gibt sich völlig unbeeindruckt, auch wenn sie genau weiß, dass er recht hat, weshalb sie schützend ihre Hände über ihren Babybauch hält): Übertreibst du es nicht ein bisschen mit deiner Fürsorge? Das ist doch gar nicht deine Art. Und ich bin sehr wohl fähig, auf die Zeichen meines Körpers zu hören, und ich muss jetzt einfach ein paar Schritte tun. Okay?
Cedric: Ich lieb dich eben. Dagegen bin ich machtlos. Aber pass auf dich auf, ja! Ich versuche, heute zeitig hier rauszukommen. Dann nehme ich dir die Kinder ab und du kannst noch ein bisschen schreiben und forschen, wonach dir eben der Sinn ist, hm. Bis dann!

Und mit einem kurzen bittersüßen Kuss auf ihre verwirrt verzogenen Lippen verabschiedete sich der verliebte Neurochirurg von seiner Liebsten, die ihm mit einem leicht weichen Gefühl in ihren Knien und einer merklichen Herz-Arrhythmie hinterher starrte, bis er schließlich seinen Knackarsch aus der Cafeteria verabschiedet hatte. Die vertraute monotone Stimme, die sie plötzlich unbeholfen von der Seite ansprach, nahm sie deshalb gar nicht richtig wahr, weil Cedrics Worte ihr noch immer albern in den Ohren nachsummten. - „Ich lieb dich eben.“ - Das Erschreckende ist, ich tue es auch. Wie konnte das bloß passieren?

Sabine: Anton und ich könnten Sie doch nach Hause begleiten, Frau Doktor? Wir wollten uns ja eigentlich die Amerikaner mal ansehen, aber jetzt haben wir sie wohl gerade verpasst, hat die Gabi gesagt. Und sie und der Herr Dr. Kaan mussten auch gerade los, ihr Dessert nachholen. Komisch, dabei haben sie sich gar nicht in die Essensschlange eingereiht. Aber wer weiß? Also, wir hätten jetzt Zeit für unseren täglichen Mittagsspaziergang am See.

Lorelei Offline

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14.08.2016 10:04
#1574 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Juhu, mein liebes allerliebstes Tagebuch,

von wegen ich schreibe dir gleich wieder. Ich bin so eine treulose Tomate (und genauso rund! Hihi!). Schon wieder sind einige Wochen ins Land gezogen und von der Zeit ist fast nichts mehr übrig geblieben. Eigentlich ein spannendes Phänomen, das man mal näher untersuchen sollte. Aber ich kann mich gerade noch so beherrschen. Sonst zeigt mir Marc noch den Vogel. Er hat schließlich schon genug mit mir und meinen Verrücktheiten zu tun, die mit jedem Tag mehr werden, genauso wie mein Bauch jeden Tag mehr, also runder wird. Ich wiederhole mal nicht die Gemeinheit, die er mir neulich charmant wie immer aufs Nutellabrot geschmiert hat. Von wegen, irgendwo würde Masse weggenommen, um sie mir dann woanders wieder hinzupflanzen. GRR! Dieser Blödi! Und das soll ein studierter Mediziner sein? Das reicht doch nicht einmal für die Vorschule. Selbst Sarah Hassmann wäre demnach älter als er. Pah! Aber ich rege mich nicht über meinen Marcischnuckiputzi auf. Erstens, überspielt der werdende Papa damit doch auch nur seine eigene Nervosität und Unsicherheit, die, O-Ton Marc Meier, natürlich non-existent sind und die ich ihm erst einmal nachweisen müsste, tzz, und zweitens, kostet mich das nur unnötig Energie, die ich nicht habe, weil ich sie schon anderweitig aufgebraucht habe. Du weißt schon, das mit der Masseverteilung und so. Hihi! Und wie könnte ich je auf Marc böse sein. Du weißt doch, wie furchtbar lieb ich ihn habe. Er ist ja ansonsten auch sehr, sehr lieb zu mir, wenn nicht gerade der Schalk mit ihm durchgeht, und er nimmt mir so viel ab, ohne dass ich ihn fragen muss und obwohl er ja selber an der Obergrenze rotiert, seitdem die Kollegen aus Seattle da sind. Er ist mein Held. Mehr denn je.

Aber darüber wollte ich gar nicht mit dir sprechen, liebes Tagebuch, nachdem ich dich endlich wieder aus den Untiefen meiner Handtasche hervorgeholt und entstaubt habe. Denn das ganze Medizinerlatein, mit dem wir gerade hochwissenschaftlich um uns werfen, würde dich nur wieder langweilen. Und ich würde gar nicht mehr aus dem Schwärmen herauskommen. Die Vorträge und OPs waren nämlich so toll und lehrreich. Ich habe ungefähr ein Drittel davon mitgemacht neben meinen üblichen Aufgaben und, naja, wenn man nur halbtags da ist, ist eben einfach nicht mehr so viel zu schaffen. Sonst würde ich nämlich ebenfalls an der Obergrenze rotieren und hätte neben der Schwesternschaft, allen voran vertreten von unserer - Vorsicht Ironie - liebreizenden Oberschwester, die schon genervt genug davon ist, dass durch den Ärzteaustausch die ganze Routine im EKH über den Haufen geworfen worden ist und sie und ihre Kolleginnen dadurch das Doppelte des Üblichen zu tun haben, gleich mit vier Männern riesigen Ärger an der Backe. Meinem Oberarzt, meinem Gynäkologen, meinem Bruder, den mein Papa beauftragt hat, mir unauffällig nicht von der Seite zu weichen und sofort Alarm zu schlagen, sobald ich auch nur eine Minute meine Arbeitszeit überschritten habe, und eben jenem meinen überfürsorglichen Chef. Als ob ich das nicht merken würde. Jochen und unauffällig. Haha! Der Witz des Jahrhunderts. Aber ich habe meine Männer trotz alledem sehr, sehr lieb und ich habe ja trotzdem auch sehr viel gelernt und bin zufrieden.

Ach was, zufrieden, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts, um meinen aktuellen Gemütszustand zu beschreiben. Dafür müssten erst neue Wörter erfunden werden. Denn ich könnte momentan die ganze Welt umarmen, so glücklich und happy bin ich. Und damit wären wir auch endlich beim Thema angelangt. Was für ein vollkommen verrückter und unerwarteter Tag! Wahnsinn! Ist das irre! Juhuuuuu!!! Yeaaaahhh!!! Trommelwirbel und Lamettaregen bitteschön! Du fragst dich bestimmt, wieso ich gerade so ausflippe, als würde es meine Lieblingsschokisorte im Sonderangebot geben. Gut, dann halte dich fest!

DAS BABY IST DAAAAA!!! Hach... Wie schön!

Oh, ich freue mich so. Gleichzeitig könnte ich heulen wie ein Schlosshund, weil ich so glücklich und erleichtert bin, dass alles gut gegangen ist. Sorry, falls du jetzt die eine oder andere Glücksträne abbekommst. Ich kann’s nicht verhindern. Du kennst mich ja. In emotionalen Ausnahmezuständen bin ich einfach nicht zu bremsen. Wenn ich könnte, würde ich jetzt sogar ein kleines Freudentänzchen aufführen. Mich sieht ja keiner. Hihi! Aber ich bin so kaputt vom Tag, dass ich mich heute ganz gewiss nicht noch einmal vom Fleck rühren werde. Höchstens meinen kleinen Zeh bewege ich noch. Und naja, meine flinken Fingerchen, die über deine Papierseiten tanzen. Irgendwie muss ich ja die ganzen Emotionen loswerden. Sonst müsste ich jetzt auf der Stelle laut losschreien. Und das wäre wiederum extrem kontraproduktiv, wenn man bedenkt, wo ich gerade bin. Herrje, ich drehe noch durch. Was für ein Tag!

Aber bevor du dich jetzt wunderst, was mit mir los ist, und du dich beunruhigt fragst, ob ich denn jetzt komplett durcheinander bin, weil ich offensichtlich das Zählen verlernt und lediglich den Singular verwendet habe, dann lass dir ruhig gesagt sein, liebes Tagebuch, bei mir ist noch alles da, wo es sein sollte. Sprich, gut behütet in meiner gemütlichen Zweizimmerwohnung, die sich Gebärmutter nennt. Hihi! Meine Zwillinge sind gerade eingeschlafen und ich kann endlich zur Ruhe kommen. Ich glaube, sie haben meine Aufregung auch gespürt und deshalb in den letzten Stunden so ein Rambazamba veranstaltet. Fast so wie Sarah und Sissi, die süßen Mäuse, die gerade in meiner Obhut sind und die ich erst nach einigem guten Zureden und Bestechungsversuchen endlich in die Koje gekriegt habe. Da ist eine komplizierte OP, die auch noch auf Englisch geführt wird, die reinste Erholungsübung dagegen. Aber ich habe es geschafft. Yeah! Und diesen kleinen Erfolg feiere ich jetzt auch gerade auf meine Weise.

Für die beiden - die Kleine bekommt zum Glück noch nicht so viel mit - muss das ja auch ein aufregender Tag gewesen sein. Sie standen so unter Strom. Verständlicherweise. Für sie hat das alles ja auch eine endlose Ewigkeit gedauert. Für mich übrigens auch. Wenn man bedenkt, wann Cedric mich aus dem OP entführt und das ganze Chaos angefangen hat, das auch meinen Schatz total aus dem Konzept gebracht hat. Schließlich war das jetzt das zweite Mal innerhalb von drei Wochen, dass Dr. Hassmann ihren großen Auftritt hingelegt hat, nachdem sie neulich schon einmal mit vorzeitigen Wehen ins EKH eingeliefert worden ist. Ein Glück, dass Sabine bei ihr gewesen ist und geistesgegenwärtig gleich die ganze Maschinerie in Gang gesetzt hat. Trotz heftiger Hassmannscher Gegenwehr. Aber für mich wäre das auch der schlimmste aller Albträume, wochenlang im Krankenhaus liegen zu müssen, ohne etwas tun zu können, außer zu warten. Aber Mehdi, Sabine und ich, und Sarahmaus natürlich, haben uns ganz lieb gekümmert, damit sie sich nicht allzu sehr langweilt und ihre schlechte Laune an den Schwestern auslässt, die dann wiederum ihre miese Laune an uns Ärzten abgearbeitet hätten. Hoffentlich bekommt Cedric nicht heraus, dass ich immer mit meiner Oberärztin außer Dienst die Patientenmappen durchgegangen bin. Aber Hauptsache, die Ablenkung hat geholfen, sich zu entspannen und die Dinge hinzunehmen, wie sie nun mal sind. Es war falscher Alarm, ja, aber trotzdem hat Mehdi sie erst vor drei Tagen wieder nach Hause entlassen. Mit den üblichen Auflagen. Du kennst ihn ja. Seine Schützlinge sind ihm heilig. Und sie hat sich auch daran gehalten. Der Schock war wohl wirklich heilsam. Sabine, Anton und ich haben sie gestern zuhause besucht und da sah es überhaupt noch nicht danach aus, dass es jetzt wirklich bald ernst werden würde. Tja, Maria liebt nun mal den großen Auftritt und den hat sie heute auch bekommen, auch wenn sie bestimmt gerne in anderer Hinsicht im Mittelpunkt gestanden hätte. Heute mit Marc im OP zum Beispiel. Und nicht mit heruntergelassener Hose im Kreißsaal.

Ich will nicht wissen, was unsere amerikanischen Kollegen gedacht haben, als der halbe OP-Saal plötzlich in akute Hysterie verfallen ist. Gut, dass ich noch nicht mit dem Skalpell angesetzt hatte, als Dr. Stier unerwartet hereingestürmt kam und das nicht, weil er den neurochirurgischen Teil des Eingriffs übernehmen wollte. Das hätte auch ins Auge gehen können. Obwohl, in dem konkreten Fall wohl eher ins Fleisch. Uuuhhh! Das war jetzt makaber. Marc wäre stolz auf mich. Ähm... Jedenfalls war mein Oberarzt nicht gerade begeistert, er war eher besorgt, dass ich wegmusste, aber die gute Seite an ihm, sein riesengroßes Herz, hat dann schnell verstanden, dass es nun mal nicht anders ging. Tja, mein hypnotischer Bettelblick, der sogar OP-Kittel durchdringen kann, funktioniert eben nicht nur bei meinem Vater hervorragend.

Ich habe mir meinen letzten Arbeitstag vor der Babypause zwar auch ganz anders vorgestellt und hatte noch mal eine große Duftmarke setzen wollen, anstatt plötzlich für zwei kleine Kinder da sein zu müssen, die ganz verstört waren, weil die Mama mit Blaulicht ins Krankenhaus gemusst hatte. Aber in der Schnelle der Zeit war nun mal kein anderer qualifizierter Babysitter verfügbar. Marias Eltern sind noch auf Kreuzfahrt, weil keiner aus der Familie damit gerechnet hat, dass es schon so früh losgehen würde. Dasselbe gilt auch für Cedrics Schwester, die auf irgendeiner Messe unterwegs ist. Und unsere Allseitswaffe und Glücksbringerin Sabine Gummersbach ist mit ihrer Familie momentan auch nicht da. Sie besuchen seit heute für eine Woche Günnis Familie draußen auf dem Bauernhof in Brandenburg. Und hier in der Klinik sind alle Mitarbeiter ziemlich eingespannt, weil parallel zu den Lehreinheiten mit den Amerikanern auch gerade ziemlich viel in Berlin passiert. Es ist wie verhext. Die Notaufnahme steht nicht still. Und das ist einfach kein Ort für Kinder, selbst wenn Sarah einen riesigen Forschungsdrang hat und erschreckend genau Bescheid weiß, was mit ihrer Mutter gerade passiert.

Es war ja auch nicht abzusehen, wie lange die Geburt letztlich dauern würde. Obwohl, so lange, das habe ich jetzt auch nicht erwartet und ich muss mir ehrlich eingestehen, dass mir schon ein bisschen Bange geworden ist. Du weißt schon, dieses Kopfkino, wo ich mit ihr die Plätze tausche und Marc am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht, weil ich ihn so fies anschreie und herunterputze, weil er mir diesen Salat eingebrockt hat, weil wir viel zu viel gepunktpunktpunkt haben, und dann seine preisgekrönte Chirurgenhand zu Tode quetsche und ihm damit die Karriere ruiniere... Oje! Reden wir lieber nicht weiter darüber. Sonst kriege ich doch noch echten Bammel vor meinem großen Tag, der zum Glück noch ein paar Wochen hin ist. Jedenfalls habe ich mir dann die beiden Mädchen geschnappt. Wir haben uns ein Eis in der Kantine geholt und sind raus auf den Spielplatz hinter dem EKH und haben den Bauarbeitern zugeguckt, die gegenüber an der Klinikerweiterung herumwerkeln. Der Rohbau ist schon richtig stattlich geworden. Ich kann es kaum erwarten, dort drin arbeiten zu dürfen, wenn die hypermoderne neue Chirurgie endlich fertig ist. Ich glaube, das fällt dann sogar in den Zeitraum, wenn ich nach meiner Elternzeit hier wieder einsteige. Oje, jetzt werde ich doch wehmütig. Das wollte ich doch nicht. Gut, schnell weitererzählen, bevor ich doch noch anfange zu weinen.

Als es dann immer später geworden ist und ich mich noch mal mit Sarahs hypernervösen und am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehenden Papa abgesprochen habe, sind wir dann am späten Nachmittag am See entlang nach Hause spaziert. Also zu ihrem neuen Haus. Sarah hat mir mit großer Begeisterung jede Ecke gezeigt, die ihr an ihrem neuen Zuhause am besten gefällt. Vor allem das nigelnagelneue Außengehege für ihr Zwergkaninchen, das jetzt zwei Meerschweinchen als Gesellen bekommen hat. Das war anstrengend, kann ich dir sagen. Ich bin ihr mit meinem elefantösen Entenwatschelgang kaum hinterhergekommen. Selbst Sissi hat mich überholt und das muss schon was heißen. Dabei kann die Zuckermaus doch erst seit ein paar Monaten laufen. Aber die Ablenkung hat geholfen, damit die süße Motte einmal aufgehört hat, nicht mehr aller fünf Minuten angeflattert zu kommen, um zu fragen, ob denn das Baby endlich da sei. Ich habe, so gut es eben mit meinen beschränkten Möglichkeiten ging, versucht, die beiden Mädchen zu beschäftigen. Wir haben gemalt, gesungen und gelacht und dann auch zusammen gegessen. Aber die Zwei wollten partout nicht müde werden. Sie waren so aufgekratzt. Die Große hat die Kleine immer wieder angestachelt. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, dann wären sie vermutlich so lange aufgeblieben, bis ihr Geschwisterchen endlich auf der Welt ist.

Dann würden wir vermutlich jetzt noch immer hier draußen sitzen. Im Dunkeln. Ich habe den Schalter für die Außenbeleuchtung nämlich nicht gefunden, um draußen auf der Terrasse in der gemütlichen Sitzecke Tagebuch schreiben zu können. Und so sitze ich jetzt hier an der offenen Terrassentür in Marias bequemem Schaukelstuhl, aus dem ich vermutlich ohne Hilfe nicht mehr herauskommen werde, und genieße die Stille über dem See und die klare Luft dieser lauen Sommernacht. Herrlich! Die Grillen zirpen. Glühwürmchen tanzen über die frisch gemähte Wiese. Irgendwo schreit eine einsame Eule ihr Nachtlied. Ich liebe es. Ich bin draußen in der Natur, aber immer noch mitten in Berlin, fast noch in Sichtweite des Elisabethkrankenhauses, wo heute neues Leben geboren worden ist. Wie sie wohl aussieht, Marias und Cedrics Tochter? Ich bin so gespannt.

Huch! Was war das? Ich glaube, ich habe gerade draußen ein Geräusch gehört. Mist! Mist! Mist! Ich hätte die Tür längst schließen sollen und jetzt komme ich nicht aus diesem blöden Sessel hoch. Hilfe! Was ist, wenn hier Einbrecher herumschnüffeln? Man ist hier schließlich schon weit draußen. Der nächste Nachbar ist bestimmt so fünfhundert Meter entfernt. Ich kenne nicht mal die Kombination für die Alarmanlage. Cedric hat doch eine installiert, oder? Aber was nützt mir das jetzt, wenn ich nicht weiß, wie sie funktioniert. Was mache ich denn jetzt? Wo ist mein Handy? Ich muss Marc anrufen. Oder gleich Nadja? Sie hat doch heute Nachtschicht im Polizeirevier. Och menno! Mein Telefon ist in meiner Handtasche und die hängt am Bettpfosten von Sarahs Prinzessinnenbett. Wenn ich sie jetzt wecken würde, wäre meine ganze Arbeit von vorhin für die Katz. Ich bin komplett aufgeschmissen. Und vielleicht sollte ich auch endlich mal aufhören, dir zu schreiben, und versuchen, hier endlich hoch zu kommen, um uns zu retten. Hiiiilfe!


Doch ehe die ängstliche Schwangere weiter in akute Panik verfallen konnte, ging über der holzvertäfelten Terrasse das durch den Bewegungsmelder aktivierte Licht an und Gretchen, deren Herz ihr gerade in die Hose gerutscht war, konnte an der hölzernen Treppe, die zur Veranda hoch führte, einen Schatten erkennen, der ihr nur allzu bekannt war. Der Mond spiegelte sich nicht nur auf dem See wider, sondern auch in seinen funkelgrünen Augen, die die verschreckte Blondine sofort gefangen hielten. Schnell hatte der unverschämte Herumschleicher mit wenigen Schritten die Holzveranda überquert und stand nun mit seinem bekannt markanten verschmitzten Grübchenlächeln direkt vor ihr lässig in der Tür. Er zögerte nicht lange, beugte sich über die Rückenlehne des Schaukelstuhls und gab seiner Liebsten kopfüber einen innigen Begrüßungskuss auf den süßen Erdbeermund. Als die Überrumpelte nicht recht mitmachen wollte, löste sich der Frechdachs wieder von ihr und griente sein sauer dreinblickendes Mädchen auf die gewohnt charmante Meiersche Art von der Seite an, auf die man eigentlich nicht lange böse sein konnte.

Marc: Na, in die Hose gepisst?
Gretchen (schlägt ihm mit ihrem Tagebuch empört auf den Arm): Mann, Marc, man schleicht sich nicht mitten in der Nacht um fremde Häuser und erschreckt wehrlose Frauen.
Marc (lacht amüsiert auf u. streicht sich über den malträtierten Oberarm): Wirklich wehrlos siehst du mir aber nicht aus, Haasenzahn. Du hättest mich immer noch überrollen können.
Gretchen (ihr ist überhaupt nicht zum Spaßen zumute): Haha, du Spaßvogel! Provoziere mich nicht, sonst mache ich es vielleicht doch noch irgendwann. Marc, ich hatte wirklich Angst im ersten Moment.
Marc (das schlechte Gewissen nagt dann doch ein klitzekleines Bisschen an ihm): Sorry! Ich bin extra hinten herum, weil ich vorne nicht klingeln wollte.
Gretchen: Dann wären die Kinder wach geworden.
Marc (zwinkert ihr schlaumeierisch zu): Eben!
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr immer noch schnell schlagendes Herz): Danke! Lieb, dass du mitgedacht hast.
Marc (rollt sich einen Hocker heran u. setzt sich neben Gretchens Schaukelstuhl mit Blick auf die Veranda, wo das Licht, bis auf das vom Mond, mittlerweile wieder ausgegangen ist): Tue ich doch immer.
Gretchen (murmelt skeptisch): Naja.
Marc (überhört die leise Kritik wohlwissendlich): Wie ist es denn gelaufen?
Gretchen (lächelt u. schaut ihm verliebt in die neugierigen Augen): Müsste ich dich das nicht zuerst fragen? War Dr. Bailey sehr verstört wegen dem ganzen Durcheinander, das wir ausgelöst haben? Cedric hat sich einfach nicht anders zu helfen gewusst.
Marc (grient spöttisch): Ein Beweis mehr, dass er nichts, aber auch gar nichts, auf die Reihe kriegt, der alte Halunke.
Gretchen (sieht ihn tadelnd von der Seite an): Marc! Er kann ja wohl am wenigsten dafür, dass bei Maria die Fruchtblase geplatzt ist und sie unbedingt auf mich bestanden hat, um die Kinder gut versorgt zu wissen.
Marc (zuckt lässig mit den Schultern u. lehnt sich gegen Gretchens Armlehne, um ihre Hand zu schnappen u. nun halten zu können): Die Amis haben das ziemlich locker gesehen. Sie haben sich sogar richtig heimisch gefühlt, haben sie gemeint, weil bei denen auf Station wohl auch immer alles ziemlich chaotisch abläuft, was mir aber bei meinem Aufenthalt in Seattle überhaupt nicht aufgefallen ist. Muss ich mir merken. Fürs nächste Mal bessere Tarnung organisieren! Aber was soll man erwarten, wenn mir die Oberschwester ausgerechnet Gabi an den Empfang setzt. Die denken doch eh alle schon längst, bei uns werden mehr Kinder geboren, als tatsächlich OPs durchgeführt, womit wir auch schon wieder beim Thema wären. Als ihr raus seid, war die Stimmung richtig ausgelassen. Du hättest mal hören sollen, unter welchen Umständen Bailey ihren kleinen Scheißer rausgepresst hat. Oder die Torres. Mir wären beinahe zwei OP-Schwestern weggekippt, als die das so lockerflockig nebenher während der OP erzählt haben, die übrigens super gelaufen ist.
Gretchen (wird ganz blass): Oh!

Marc (blickt ihr forschend in die Augen): Bist du enttäuscht?
Gretchen (versteht nicht gleich, worauf er hinaus will): Weswegen? Weil ich die Episode, die Horrorgeburten betrifft, verpasst habe? Dann bin ich doch froh darüber. Das mit Maria hat mich schon verunsichert genug.
Marc (streicht ihr mitfühlend über die Wange u. behält seine Hand an Ort u. Stelle, während die andere instinktiv den Weg zu ihrer Babymurmel sucht, um zu schauen, ob die Kleinen noch wach sind): Nein, wegen dem Eingriff. Stier, der Arsch, hat dich um deinen letzten großen Einsatz vor der Babypause gebracht. Da wird er sich schon so einiges überlegen müssen, um das wiedergutzumachen. Schließlich wirst du jetzt für sehr lange Zeit kein Skalpell mehr zwischen die Finger bekommen.
Gretchen (lehnt ihren Kopf in Marcs warme Handfläche u. genießt lächelnd seine Bauchstreichler): Marc, operieren ist wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht gleich, nur weil man mal für ein Jahr aussetzt. Klar, bin ich ein bisschen wehmütig und ich hätte gerne noch die neuen Kniffs und Tricks ausprobiert, die die OP-Dauer um fast die Hälfte der üblichen Zeit reduzieren. Aber, es ist schon okay. Du weißt doch, dass ich das gerne gemacht habe. Für meine Freundin. Hast du schon was von Maria gehört?
Marc (nickt u. wird nachdenklich): Die ist ziemlich fertig. Nach fast zwanzig Stunden auch kein Wunder.
Gretchen (schaut ihn mit betroffener Miene an): Oh, die Arme! Und das Baby? Das kleine Wunder hat viel zu früh die Welt erobert.
Marc (versucht, ihr auf seine Weise die Sorgen zu nehmen): Naja, viel zu erobern gab es da ja nicht. Ein Wunder, dass die Kleine nicht freiwillig zurückgekrabbelt ist, nachdem sie die zwei Pappnasen gesehen hat. Aber Mehdi meint, es ist alles okay. Ein Winzling mit einem starken Fußtritt und einer starken Stimme. Aber die wird sie brauchen bei den Eltern. Man hat die Hassmann über die halbe Station brüllen hören und die Sprüche, die sie dem Drecksack entgegengepfeffert hat, waren echt teilweise nicht jugendfrei und mir fehlte das Vokabular, um sie Dr. Avery zu übersetzen. Ich glaube, der überlegt sich jetzt noch dreimal, ob er mit seiner Frau auch nachlegen wird. Wenn man nicht gewusst hätte, dass man auf der Geburtenstation ist, hätte man glauben können, hier wird gerade eine Teufelsaustreibung durchgeführt.
Gretchen (boxt ihm empört in die Seite): Maaarc, also wirklich!
Marc: Haasenzahn, mach dir nicht unnötig einen Kopf! Es ist wirklich alles in Ordnung. Ein paar Tage Schneewittchen spielen und sich von schockverliebten Säuglingsschwestern rundum verwöhnen lassen und dann wird die Mini-Hassmännin Stier schon den letzten Nerv rauben, wie es ihr ihre Mutter auch schon vorgemacht hat. Er hat es verdient.

Marc grinste Gretchen aufmunternd an, aber so recht wollte der Schalk nicht überspringen. Irgendetwas war anders. Die tiefe Sorgenfalte auf Marcs Stirn, die eigentlich immer nur dann auftauchte, wenn sie mal wieder Mist gebaut hatte, und die gedankenverlorenen Augen lenkten zu sehr ab und passten nicht ins Bild. Gretchen griff nach Marcs Händen und zog sie zu sich an den Babybauch heran und lächelte ihn dabei liebevoll an, was von ihrem Partner auch erwidert wurde. Mit einem langen gefühlvollen Kuss. Doch als sich die beiden Verliebten wieder voneinander lösten, war der nachdenkliche Gesichtsausdruck von Marc immer noch da und auch auf Gretchens Stirn zeichnete sich eine kleine kaum sichtbare Sorgenfalte ab.

Gretchen: Was hast du, Marc?
Marc (sieht sie unwirsch an u. wiegelt hastig ab): Nichts. Nur ein langer anstrengender Tag. In zwei Stunden bin ich exakt vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Du übrigens auch. Wieso schläfst du eigentlich noch nicht? Es ist scheißespät. Du und die zwei hier gehört längst ins Bett.
Gretchen: Du weißt doch, ich kann in fremden Betten einfach nicht richtig schlafen und ehe ich mich hin und her wälze, was auch nicht richtig geht, und dich neben mir vermisse, da...
Marc (fällt ihr grinsend ins Wort): Eine richtige Prinzessin auf der Erbse.
Gretchen (funkelt ihn für diese Frechheit böse an, muss dann aber auch darüber lachen): Außerdem muss ich eh aller zwei Stunden auf die Toilette. Und ich will wachsam sein. Nicht nur weil nachts unheimliche Männer um das Holzhaus schleichen und wehrlose Frauen einfach so küssen.
Marc (setzt daraufhin gleich noch einen weiteren Kuss nach): Hoho!
Gretchen (kichert u. klärt ihn schließlich auf): Die Mädchen sind heute sehr unruhig, weißt du.
Marc (nickt wissend): Haben sie dir auf der Nase herumgetanzt? Ich hab’s befürchtet.
Gretchen (lächelt leicht gequält, aber auch mit einem gewissen fröhlichen Funkeln in den blauen Augen): So ungefähr. Sarah hat eine Energie, kann ich dir sagen. Damit könnte sie halb Berlin für Wochen beleuchten. Sie kann überhaupt nicht stillsitzen. Ständig fängt sie etwas Neues an, dann bricht sie mittendrin ab, um wieder etwas anderes zu machen, bei dem man natürlich den gleichen Enthusiasmus an den Tag legen muss. Und aller halben Stunde kommt die süße Maus mit ihren Kulleraugen auf einen zu und fragt mit herzerweichender Stimme, ob das Baby denn endlich da ist. Mir sind bald die Erklärungen ausgegangen. Und wenn sie einen dann mit diesem enttäuschten Welpenblick ansieht, möchte man sie am liebsten in den Arm nehmen und mit ihr mit weinen, was aber total kontraproduktiv wäre, weil man ja die Starke, die Erwachsene, bleiben muss.

Marc (schaut sich wütend in dem Stier-Hassmannschen Haus um): Ich könnte dem Idioten echt den Hals umdrehen, dass er ausgerechnet dir die Gören aufgehalst hat. Ist er so liebesblind wegen seiner Hassi, dass er nicht im Entferntesten mitbekommen hat, dass du im Vergleich zu seiner Frau gerade die doppelte Portion Gepäck mit dir rumschleppst, obwohl du noch nicht einmal ansatzweise so weit bist wie sie? Das hätte sich doch auch anders lösen können.
Gretchen (dankt ihrem Grummel lächelnd für seine Fürsorge): Ach was, wir hatten doch Spaß miteinander und es war doch auch eine gute Übung für mich.
Marc (ist nicht richtig überzeugt): Was? Zwei auf einen Streich, hm? Das lässt sich doch gar nicht richtig vergleichen.
Gretchen (grient Marc so hinreißend an, dass er sie gleich wieder küssen muss): Doch! Aber ich gebe zu, das ins Bett bringen war echt eine Qual. Sarah wollte partout auf das Baby warten und hat einen Sitzstreik erster Klasse auf dem Sofa veranstaltet. Dabei war sie schon längst so müde, dass ihr immer wieder die Augen zugefallen sind. Sie ist ja auch wie ein Wirbelwind durch den Garten getobt. Und Sissi ist ihr total süß hinterher gestolpert mit ihren kleinen wackeligen Beinchen. Als ich sie dann wenigstens so weit hatte, dass sie in ihr Zimmer gegangen ist, wurde sie aber immer unruhiger und leiser und hat schließlich angefangen zu weinen, was wiederum ihre kleine Schwester, die ich schon im Bett hatte, so beunruhigt hat, dass sie auch nicht mehr mit dem Sirenengesang aufgehört hat. Cedric hat mich ja vorgewarnt, dass sie fremdelt, auch bei Maria, und sehr auf ihn fokussiert ist, aber dass sie mich dann gar nicht mehr sie anfassen lässt, hat mich wirklich ein bisschen überfordert. Gleichzeitig habe ich Sarah gut zugeredet, dass sie sich keine Sorgen um ihre Mama machen muss. Eine Geburt dauert eben manchmal länger.
Marc (fährt sich unruhig über seinen angespannten Brustkorb): So lange?
Gretchen: Gut, ja, meine Argumentation stand auf sehr wackeligen Füßen, aber sie war erst einmal wieder ruhig und hat sich um ihre weinende Schwester gekümmert, die sofort verstummt und eingeschlafen ist, als sie bei ihrer großen Schwester mit im Bett lag. Mir sind echt tausend Steine vom Herzen gefallen, kann ich dir sagen. Wir haben dann noch gesungen.
Marc (überrascht): Gesungen? Du?
Gretchen (blitzt ihn beleidigt an): Hab ich da leise Kritik herausgehört?
Marc (grinst spöttisch): Nö! Überhaupt nicht!
Gretchen (streckt ihm frech die Zunge heraus): Lügner! Das war ein Schlaflied, das Sarah der Kleinen immer vorsingt. Ein Ritual, das bei ihr immer funktioniert, sagt sie. Und dann habe ich der Großen auf ihren Wunsch hin noch eine Geschichte erzählt. Deine Vampirgeschichte, die liebt sie nämlich. Und dann war endlich Ende Gelände und seitdem sitze ich hier. Also, ich muss sagen, ich bin echt stolz auf mich. Wenn ich das hinbekomme, dann krieg ich das mit den beiden hier auch ganz bestimmt super gewuppt.
Marc (lächelt verträumt): Bestimmt!

Bedächtig stricht Gretchen über ihre große Babymurmel und strahlte Marc dabei voller Liebe und ansteckender Zuversicht an. Er folgte ihrem Blick und legte ebenfalls seine Hand sanft an ihren Bauch, während sein Kopf vor Müdigkeit langsam auf ihren Schoß sank. Liebevoll strich Gretchen ihrem Liebsten durch die zerzausten Haare. Ein kleiner Seufzer entwich ihm dabei, der auch von seiner aufmerksamen Freundin wahrgenommen wurde. Sie musterte Marc ganz genau, der schrecklich müde und erschöpft aussah, und folgte instinktiv ihrer Vorahnung von vorhin.

Gretchen: Schau mich mal an, Marc!
Marc (öffnet langsam seine Augen wieder u. guckt irritiert zu ihr hoch): Hm?
Gretchen: Was ist los mit dir, Schatz? Du hast doch was. Das sehe ich dir doch an. Das ist nicht nur der doppelte Stress auf Arbeit, oder?
Marc (richtet sich langsam wieder auf u. fährt sich nervös über den Nacken): Ich... Ach was, ich... weiß doch auch nicht. ... Läuft das wirklich so ab?
Gretchen (schaut ihn verwirrt mit ihren großen wunderschönen himmelblauen Augen an): Was? Kindererziehung?
Marc (schließt die Augen für einen kurzen Moment wieder u. schüttelt den Kopf): Quatsch, nein! Dass man sich beinahe zwanzig Stunden oder länger abmühen muss, bis man endlich sein Kind in den Armen halten darf?
Gretchen (blickt ihn erstaunt an): Das beschäftigt dich? Marc, du bist doch auch Mediziner und du kennst Mehdis Kreißsaalgeschichten. Jede Geburt verläuft anders. Das muss grundsätzlich nichts bedeuten. Auch wenn ich Maria und ihrem Kind einen unaufgeregteren und vor allem weniger anstrengenden Start ins Leben gewünscht hätte. Sie hat doch in der Vergangenheit schon genug durchstehen müssen. Das ewige Hin und Her mit Cedric, bis sie ihm endlich ihr Herz geöffnet hat. Ihr Magengeschwür und ihr daher rührender Zusammenbruch mit anschließender Not-OP und wochenlangem Kuraufenthalt. Ihre ständige Angst um das Baby und um den Erhalt ihres Status Quo als Chefin der Neuro. Und dann natürlich die Aufregung neulich, als wir das schon einmal alles durchstehen mussten.
Marc (wird wieder sichtlich unruhiger): Also, wenn das echt so läuft, dann, dann... vielleicht solltest du doch noch mal mit Mehdi wegen einem Kaiserschnitt reden?

Marc war von seinem Hocker aufgesprungen, um im nächsten Moment fahrig im Hassmann-Stierschen Wohnzimmer auf- und abzutigern. Bis er plötzlich wieder vor dem Schaukelstuhl stehen blieb, aus dem heraus Gretchen ihn mit verwunderter Miene beobachtet hatte, und seine überrumpelte Freundin mit eindringlichem Blick ansah, nein, regelrecht anflehte. Gretchen war sichtlich überrumpelt von seinem Vorschlag, der vollkommen konträr zu ihren Plänen war, die er doch eigentlich schon abgesegnet hatte.

Gretchen: Marc, ich wünsche mir eine natürliche Geburt. Ich will nicht halbsediert auf dem OP-Tisch liegen und nicht mitbekommen, was um mich herum passiert. Ich will hautnah miterleben, wie unsere beiden Glückssterne auf die Welt kommen und unsere Herzen im Sturm erobern. Das weißt du. Außerdem ist ein Kaiserschnitt in meinem Fall doch überhaupt nicht medizinisch notwendig. Frag Mehdi! Er hat es dir doch ganz genau erklärt und er wird uns ganz genau darauf vorbereiten.
Marc (fährt sich durch die Haare u. tigert erneut los, bis er vor dem Kaminsims zum Stehen kommt, auf dem aufgereiht Familienfotos stehen, die er wieder etwas ruhiger betrachtet): Ja, schon, aber im Gegensatz zur Hassmann bestehen bei dir doch ganz andere Vorzeichen. Du bekommst Zwillinge. Das ist eine ganz andere Hausnummer, die jede Routine wie auch immer sprengt.
Gretchen (sieht ihn eindringlich an, um ihm die Sorge zu nehmen, die ihm deutlich ins Gesicht geschrieben steht): Ich weiß, Marc. Dessen bin ich mir mehr als bewusst. Und falls du dich nicht erinnerst - du leugnest ja gerne, dass er auch ein richtiger Arzt ist -, Mehdi ist Spezialist auf dem Gebiet von Mehrlingsgeburten. Zwillinge sind für ihn Routine. Seine Patientinnen kommen teilweise sogar aus anderen Bundesländern hierher, weil sie unbedingt von ihm betreut werden wollen. Und du vertraust ihm doch auch.

Ja, schon, aber... Gott, ich weiß doch auch nicht.

Marc (dreht sich wieder zu seiner zuversichtlichen Freundin um u. kommt langsam auf sie zu): Ein Kaiserschnitt ist einfach die sichere Option in deinem Fall. Ich hab die Statistiken studiert. Die Risiken sind...
Gretchen (beendet auf ihre ansteckend motivierende Art u. Weise Marcs Satz): Die Risiken sind überschaubar, ja, aber das gilt auch für eine natürliche Geburt. Und ich habe die Statistiken auch gelesen. Vor allem diejenigen, die besagen, dass Kinder, die auf natürlichem Wege geboren worden sind, später ein stärkeres Immunsystem haben werden. Ich will nicht aufgeschnitten werden, Marc.
Marc (hockt sich vor ihren Schaukelstuhl hin u. legt seine Hände auf ihre Knie u. sieht dann bedrückt zu ihr hoch): Du hast ja mit allem auch recht, aber ich will dir doch nur ersparen, dass du auch so leiden musst.
Gretchen (hängt gebannt an seinen besorgten Augen u. legt ihre Hände liebevoll über seine): Ist es das? Denkst du, du hältst es nicht aus, wenn ich stundenlang unter Schmerzen... Fühlst du dich hilflos, weil du mir nicht direkt helfen kannst? Aber du hilfst mir doch schon, indem du da bist.
Marc (schüttelt überfordert den Kopf): Gretchen,...
Gretchen (legt beide Hände um sein Gesicht u. sieht ihm tief bewegt in die Augen, die sie scheu wie ein Reh anstarren): Marc, ich bin taffer, als ich vielleicht aussehe. Ich weiß, dass eine Geburt kein Kindergeburtstag ist. Also doch, schon, aber auf eine andere Art und Weise. Ich weiß genau, was du gerade denkst. Aber hey, ich habe weder einen Stromschlag erlitten, noch werde ich von einem geheimnisvollen Virus niedergerafft oder mit einer Waffe bedroht. Es ist alles okay. Ich bin bloß schwanger. Der schönste Zustand der Welt. Und eine Geburt ist die natürlichste Sache der Welt. Und ja, natürlich habe ich auch Angst. Wobei, Angst vielleicht das falsche Wort ist. Es ist eher eine innere Aufgewühltheit, weil ich zwar theoretisch weiß, was passieren wird, aber andererseits auch überhaupt keine Vorstellung davon habe, wie es dann wirklich sein wird und was für Gefühle und Anstrengungen da auf mich zukommen werden. Aber eins weiß ich auf jeden Fall, dass ich es will. Ich will das miterleben, unbedingt, und das musst du bitte auch respektieren. Wenn du denkst, du kannst das nicht aushalten, dann... dann musst du mich nicht unbedingt begleiten. Ich würde das verstehen, Marc.
Marc (prescht sofort nach vorn): Das steht überhaupt nicht zur Option.
Gretchen (lächelt beruhigt u. streichelt seine Wange, bevor sie ihn wieder loslässt): Gut, dann freue ich mich. Also lege bitte das Stirnrunzeln ab und bleib optimistisch, ja! Weißt du, wieso ich so sicher bin?
Marc (versucht, vergeblich zu Wort zu kommen): Haasenzahn,...?
Gretchen: Lass mich bitte ausreden, Marc! Ich bin mir ganz, ganz sicher, dass ich das schaffen werde. Weil ich Vertrauen habe. In mich. In dich. In euch. Ich bin sicher, weil du bei mir sein wirst. Und Mehdi. Er ist unser bester Freund. Unser Ruhepol. Und er ist der beste Gynäkologe der Welt. Er würde nicht sagen, dass wir eine natürliche Geburt riskieren können, wenn es nicht wirklich so wäre. Und selbst wenn irgendetwas Unvorhergesehenes eintreten würde, dann wird er eingreifen und ich akzeptiere dann auch alles, was mit mir gemacht werden muss. Hauptsache, die Kleinen kommen gesund auf die Welt. Ich vertraue ihm. Und auch meiner Hebamme. Sie ist toll. Du solltest sie endlich kennenlernen.

Marc hatte ihr nachdenklich zugehört und schaute nun zu seiner großen Liebe hoch, die sanft durch sein Haar wuschelte und ihn voller Zuversicht anstrahlte, und seufzte leise auf. Diese Frau war einfach unfassbar. Beeindruckend. Stark. Und er, er war ein idiotischer Idiot und furchtbar feige. Was war eigentlich los mit ihm? Er kannte die Fakten und Statistiken doch genauso gut wie seine Lieblingskollegin und Freundin. Lag es daran, dass er komplett überarbeitet war und sich einfach nur mehr Zeit mit ihr alleine wünschte, bevor sie sich in wenigen Tagen, oder glücklicherweise Wochen, endgültig ins Chaos stürzen mussten so wie Stier und die Hassmann heute? Er war komplett von der Rolle und das spürte auch Gretchen, die ihn einfach nur auf ihre liebevolle Art anlächelte und schließlich zu einem gefühlvollen Kuss heranzog, der mehr als alles sagte und ihm die Hoffnung gab, dass alles schon gut gehen würde. Er musste nur endlich das ewige Kopfkino ausschalten. Was wusste er schon davon? Er hatte keinerlei Erfahrungswerte. Mal abgesehen von dem stinklangweiligen Gynkurs im ersten Semester seines Medizinstudiums, den er ständig geschwänzt hatte, weil ihn die Anatomie des weiblichen Körpers eher in anderer Hinsicht interessiert hatte. Er war erst bei einer Geburt aktiv dabei gewesen, unfreiwillig, und diese Sache im Fahrstuhl damals mit dieser nervigen, adipösen und unvorbereiteten Patientin war mehr als eine Ausnahmesituation gewesen. So etwas würde sich nicht zweimal wiederholen. Das widerlegten schon die Statistiken, die er akribisch studiert hatte und mit Mehdi durchgegangen war. Alles war gut. Er musste nur daran glauben. Und das tat er jetzt auch, als sie den Kuss langsam wieder lösten und sich nun lange und intensiv in die Augen schauten, bis Marc plötzlich kopfschüttelnd auflachte.

Marc: Ich bin ein Idiot, oder?
Gretchen: Nein, du wirst nur Vater. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Dir steht es also zu, durch den Wind zu sein.
Marc (muss nun auch über sich selbst schmunzeln): Echt?
Gretchen (grient ihn auf hinreißende Art u. Weise an): Steht dir!
Marc (stupst mit dem Finger an ihre Nasenspitze u. funkelt sie an): Hey! Nicht frech werden, ja! Ich stehe heute nicht gerade auf der Sonnenseite.
Gretchen (streichelt ihm strahlend über die Wange): Dann gebe ich dir eben ein paar Strahlen von mir ab. Die hast du dir verdient, mein liebster überarbeiteter Topchirurg. Das war heute alles ein bisschen viel auf einmal, hm. Vielleicht sollte ich Papa mal fragen, ob er dich ein paar Tage entbehren kann, jetzt wo der Austausch mit Seattle zu Ende geht.
Marc: Schon geschehen.
Gretchen (verwundert): Hm?
Marc (lächelt, aber nicht gerade glücklich): Er hat mich, nachdem wir heute Nacht endlich mit dem OP-Plan durch waren, nach Hause geschickt und gönnt mir für meine herausragenden Dienste in den letzten Tagen für den Rest der Woche etwas Freizeit.
Gretchen (strahlt ihn begeistert an): Echt? Das ist aber lieb von ihm.
Marc (grummelt): Naja, wie man’s nimmt. Er hätte nicht unbedingt vor versammelter Mannschaft einen auf rührselig machen brauchen. Von wegen, ich solle mich ab jetzt mehr um meine hochschwangere Freundin kümmern. Blablabla! Er hat innerhalb von fünf Minuten das wieder niedergerissen, was ich mir in den vergangenen Wochen hier vor Ort und drüben in Seattle mühsam aufgebaut habe. Jetzt denken die Amis doch auch nur wieder, wir stünden unter der Fuchtel unserer Väter.
Gretchen (mitfühlend): Das stimmt doch gar nicht. Papa hat es doch nur lieb gemeint. Du kennst ihn doch. Manchmal geht sein Herz eben mit ihm durch. Gerade jetzt, wo mein Termin immer näher rückt. Das war auch für ihn nicht leicht, mich gestern vorerst gehen zu lassen.
Marc (schaut sie seufzend an): Wird er je aufhören, uns wie Kinder zu behandeln?
Gretchen (grinst zauberhaft): Wenn wir selber Kinder haben. Vielleicht. Eventuell. Die Chancen stehen so fünfzig, fünfzig würde ich sagen.
Marc (lehnt seinen Kopf frustriert aufseufzend an ihre Knie u. schaut dann wieder etwas hoffnungsfroher zu ihr hoch): Na toll! Jedenfalls übernimmt jetzt erst einmal dein Dad und macht den Abschluss des Austausches perfekt. Muss ich mich wenigstens nicht um den lästigen Papierkram kümmern. Die drei Ärzte haben übrigens noch für zwei Tage verlängert und führen noch ein paar Eingriffe in der Charité durch. Dad wollte auch noch ein Stück vom Kuchen abhaben, weißt du, bevor die von seiner Verwaltung ihn noch rügen, er würde sich zu sehr bei der Konkurrenz herumtreiben. Tzz... ham die Sorgen, ey. Die sollten sich in ihrem Saftladen mal lieber freuen, dass sie ihn überhaupt haben.
Gretchen (kichert über ihren Grummel u. strahlt ihn schließlich verliebt an): Also habe ich dich jetzt echt ganze vier Tage nur für mich?

Marc sagte darauf nichts weiter. Er zwinkerte seiner Süßen nur vielsagend zu und zwängte sich schließlich zu ihr auf den Stuhl und die beiden schaukelten nun Arm in Arm gedankenverloren vor sich hin, bis der aufgewühlte Oberarzt sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Wie aus dem Nichts sprach er seine Freundin plötzlich an, die sich verträumt an ihn gekuschelt hatte und schon in Gedanken tausend Pläne gemacht hatte, was sie mit ihrem Schatz an den gemeinsamen freien Tagen alles Schönes machen könnte.

Marc: Okay!
Gretchen (blickt ihn mit großen fragenden Augen an): Okay, was?
Marc: Bevor du wieder anfängst, mich dauerzunerven wegen dem blöden Scheiß, ja, ich mache diesen bescheuerten Geburtsvorbereitungskurs mit dir mit.
Gretchen (strahlt ihn überrascht an): Echt?
Wo kommt das denn plötzlich her? Erst mauert er ewig lang. Und jetzt macht er sogar freiwillig Pause und lässt andere seinen Job machen. Nur für mich! Hach... er ist der Beste.
Marc (verdreht die Augen, weil er sich über sich selbst ärgert): Aber nur unter einer Bedingung.
Gretchen (legt ihre Hände an seinen Oberkörper u. schaut ihn gespannt an): Schieß los!
Marc: Sämtliche Peinlichkeiten werden von vornherein ausgeschlossen. Ich werde nicht bescheuert rumhecheln wie ein asthmakrankes Wildschwein oder dämliche Zuggeräusche von mir geben, als wäre ich der letzte Nerd on earth, und ich werde auch nicht auf dem Boden herumkrabbeln wie eine umgekippte Schildkröte mit Rheuma. Das bringt nämlich keinem von uns was. Keine Esoscheiße, verstanden? Ich will nur, dass man mir zeigt, wie ich dir während der zwanzig Stunden helfen kann, ohne selber durchzudrehen und Mehdi eine reinzuballern, weil er dir das antut.
Gretchen (guckt ihn ganz gerührt an): Okay!
Marc (blitzt genervt zurück): Jetzt guck nicht so!
Gretchen: Wie guck ich denn?
Marc: Als hätte ich irgendetwas Märchenprinzheldenhaftes getan.
Gretchen (schlingt ihre Arme um seinen Hals, soweit sie zumindest in ihrem Zustand kommt): Hast du aber schon irgendwie.
Marc: Ey!

Marc hob drohend seinen Arm, um weiteres an ihn gerichtetes Süßholzraspeln zu verhindern, das seinen Machofaktor endgültig in den Minusbereich drängen würde, und wollte zu einer Kitzelattacke ansetzen, um seine Drohung zu untermauern, als er aber selber das Gleichgewicht verlor, weil er vergessen hatte, dass er mit Gretchen in einem Schaukelstuhl saß, der sich gerade gefährlich nach hinten bewegte. Schnell hatte er das Gleichgewicht wieder hergestellt und schaute seinem kichernden Mädchen anschließend tief in die Augen. Sie erwiderte Marcs intensiven Blick und wusste genau, was er gerade dachte.

Gretchen: Wir schaffen das.
Marc: Wir schaffen das.
Gretchen (kann ihre Rührung nicht verbergen): Ich bin stolz auf dich.
Marc (wiegelt überfordert ab): Haasenzahn,...
Gretchen: Nein, wirklich. Und ich liebe dich dafür, dass du so bist, wie du bist.
Marc (weiß nicht, was er darauf erwidern soll): Aha! Ja, ähm... ich dich auch. Und wenn ich weiter an meiner Fürsorgepflicht arbeiten soll, dann wäre es wohl das Beste, dich endlich in die Koje zu bringen. Du und die Zwergenbande gehört definitiv schon längst in die Horizontale. Aber pronto!
Gretchen (grient ihn verliebt an): Ja, lass uns endlich schlafen gehen.
Marc (rappelt sich mühsam aus dem Sessel hoch): Boah, ich bin so müde. Ich hab nicht mal mehr Bock, hier herumzuspionieren, obwohl ich das eigentlich vorgehabt hatte. Wer weiß, wann wir die nächste Gelegenheit dazu bekommen.
Gretchen (tadelnd erhebt sie ihre Stimme): Marc!
Marc (lacht): Kommst du!
Gretchen (blickt ihn verlegen von unten herauf an): Kannst du mir bitte hoch helfen! Ich schaffe das nicht alleine.
Marc (schaut amüsiert zu ihr herab u. hält ihr schließlich gentlemanlike seine Hand hin): Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich hier nicht noch aufgekreuzt wäre?
Gretchen (streicht sich peinlich berührt über die Wange, als sie wieder sicheren Boden unter den Füßen hat): Dann hätte ich vermutlich die ganze Nacht hier drin gesessen.
Marc (seine Mundwinkel zucken verdächtig): Wieso hast du dich überhaupt da reingesetzt, wenn du gewusst hast, dass du da alleine nicht wieder herauskommst?
Gretchen (läuft augenblicklich rot an u. kaut auf ihrer Unterlippe): Sah irgendwie bequem aus.
Marc (ist völlig hingerissen von ihr u. grinst über das ganze Gesicht, als er stürmisch seine Arme von hinten um sie schlingt): Du bist süß.
Gretchen (genießt seine Nähe sehr, auch wenn es sie ärgert, dass er sich schon wieder über sie lustig macht): Schließt du bitte noch die Tür ab! Nur für den Fall, dass doch noch jemand hier herumschleicht.
Marc (taumelt mit ihr im Arm zur Terrassentür u. zieht sie leise zu u. dreht den Schlüssel herum): Ein bisschen paranoid, was?
Gretchen (funkelt ihn an): Marc, ich meine das ernst.
Marc (dockt seine heißen Lippen an ihrem verführerischen Hals an): Mhm... mir würden auch noch so einige ernste Dinge einfallen, die ich mit dir hier anstellen könnte.
Gretchen (versucht, sich von dem frechen Verführer loszureißen, aber entkommt dann doch nicht seinem aufreizenden Charme): Maaarc! Nicht hier!
Marc (fährt mit seinen heißen Lippen forsch ihren feinfühligen Hals empor, während er sie gleichzeitig zu streicheln beginnt): Wieso nicht? Die Spießerhütte hier bräuchte schon ein bisschen Aufwertung, findest du nicht?
Gretchen (ihre Augen flackern schon verdächtig, als er sich nun ausgiebig ihrem sensiblen Nackenbereich zuwendet): Marc, du bist unmöglich.
Marc (wird zunehmend frech): Und du bist noch genauso unspontan wie immer.
Gretchen (fühlt sich herausgefordert u. schnappt sich seine Hände, um ihn noch enger an sich heranzuziehen): Gar nicht! Ich bin sehr wohl spontan.
Marc (nimmt die Herausforderung grinsend an): Ach ja?
Gretchen (dreht ihren Kopf leicht zur Seite, um mit ihren Lippen verführerisch seine Wange emporzufahren): Können wir dann bitte ins Gästezimmer gehen?
Marc (lacht gegen ihren Hals u. dreht sich von der Terrassentür herum, um ihrem Wunsch nachzukommen): Wow! Ich bin wahnsinnig beeindruckt von Ihrer Spontanität und Ihrem Ideenreichtum, Frau Doktor.
Gretchen (kichert mädchenhaft u. lässt sich von dem Schelm mit geschlossenen Augen durch den Wohnbereich führen): Siehst du!
Marc (bleibt plötzlich abrupt in der Mitte des Raumes stehen u. lässt frustriert seinen Kopf auf Gretchens Schulter fallen): Das ist nicht das Einzige, was ich sehe.
Gretchen (dreht sich irritiert um eine halbe Umdrehung, um ihn besser ansehen zu können): Wie meinst du das?
Marc (schaut ihr gespielt flehend in die fragenden Augen): Nicht umdrehen, Haasenzahn!
Gretchen: Wieso? Ist etwa doch jemand hier?

...hakte Gretchen quietschend nach und ignorierte Marcs Ansage und drehte sich prompt mit Schwung herum, nur um im nächsten Moment weiche Knie zu bekommen. Marc musste sie festhalten. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Und ihrem Beschützer ging es ähnlich. Obwohl der Anblick zum Niederknien war, der sich ihm gerade im Wohnzimmer der Familie Hassmann-Stier bot.

Sarah: Bringst du uns jetzt zu meiner Mami, Onkel Marc? Wir wollen endlich das Baby sehen.

Sarah Hassmann lag nicht, wie ihre Babysitterin bis eben vermutet hatte, friedlich schlafend in ihrem Prinzessinnenbett, nein, sie hatte sich komplett angezogen und hatte sogar schon ihre Straßenkleidung an, um sofort aufbrechen zu können. Sie trug sogar einen Rucksack auf ihren Schultern, aus dem oben heraus ihr Lieblingskuscheltier hervorguckte. Mit hinreißendem Bettelblick schaute sie erwartungsvoll zwischen Marc und Gretchen hin und her, die nicht glauben konnten, dass das freche Früchtchen doch tatsächlich auch noch die kleine Schwester aus dem Bett gezerrt hatte. Gähnend stand die Kleine, auch bereits in Straßenkleidung gekleidet, wackelig neben ihrer großen Schwester und hielt sich an ihr fest und schmuste müde mit ihrer Schmusedecke, die sie hinter sich hergezogen hatte.

Marc (blickt überfordert zu Gretchen): Äh...
Gretchen (braucht einen langen Moment, um sich zu fangen): Sarah, wie stellst du dir das vor? Es ist vier Uhr morgens. Ihr gehört ins Bett.
Sarah (spielt das selbstbewusste Trotzköpfchen): Aber Mami hat gesagt, ich kann immer im Krankenhaus vorbeikommen, um sie zu besuchen, egal, wann ich mag. Sie und Papi sind da Chefs. Ich darf das also.
Marc (amüsiert sich gerade königlich): Die sind also Chefs, sücher?
Gretchen (blickt ihn scharf von der Seite an, weil er ihr so keine Hilfe ist): Marc, es geht jetzt nicht um diese Kinkerlitzchen.
Marc (zieht empört eine Augenbraue in die Höhe): Kinkerlitzchen?
Gretchen (ignoriert den empörten Oberarzt u. wendet sich Sarah zu): Hör mal, mein Schatz, es ist schon ganz doll spät. Deine Mama und dein Geschwisterchen schlafen jetzt. Sie haben nämlich einen sehr anstrengenden Tag hinter sich. Und dein Papa auch. Und du solltest jetzt auch schlafen. Guck mal, deine Schwester ist auch ganz müde und möchte zurück in ihr Bettchen. Wie hast du sie da überhaupt herausbekommen?
Sarah (guckt selbstbewusst zu ihr hoch): Das ist doch meine leichteste Übung.
Marc (schmunzelt): Ach ja? Kriegst du sie dann auch so leicht wieder ins Bett, wie du sie schon rausgeholt hast?
Sarah (nickt eifrig mit ihrem schlauen Köpfchen, aber bleibt trotzig an Ort u. Stelle stehen): Klar! Aber vorher möchte ich das Baby sehen.
Marc (lässt frustriert den Kopf hängen, aber seine plötzlich aufblitzenden Augen verraten, dass er eine Idee hat): Na, prima!
Gretchen (beugt sich leicht zu der trotzigen Dame herunter, soweit ihr Babybauch es zulässt): Liebling, das geht nicht. Das habe ich dir doch erklärt, Sarah.
Sarah (in ihren Augen beginnt es verdächtig zu schimmern): Aber ich hab mich doch so auf meine Schwester gefreut.
Gretchen (gibt ihr einen kleinen Kuss aufs Haupthaar u. drückt sie an sich): Ich weiß. Wir gehen sie morgen besuchen. Versprochen!
Sarah (schaut hoffend zu ihr hoch): Ehrlich? Noch vorm Frühstück?
Marc (lacht u. zwinkert Gretchen zu): In Anbetracht der Tatsache, dass diese hübsche junge Dame zwei hungrige Mitbewohner beherbergt, sollten wir das Frühstück besser nicht ausfallen lassen.
Sarah (kichert u. streichelt einmal frech über Gretchens große Murmel): Okidoki, Onkel Marc!
Gretchen (klopft ihrem Freund beleidigt auf den Arm u. schiebt ihm Sissi hin, ehe sie sich wieder Sarah zuwendet): Marc, das ist nicht witzig. Nimmst du bitte die Kleine und bringst sie in ihr Bett!
Sarah (zieht ungeduldig an Gretchens Rockzipfel herum): Aber vorm Kindergarten gehen wir schon hin, oder Gretchen?
Gretchen (streicht ihr liebevoll über die Wange): Das lässt sich hinkriegen, denke ich. Und nun ab ins Bett, Fräulein!
Sarah (muss immer das letzte Wort haben): Aber...
Marc (fällt ihr genauso frech ins Wort): Kein Aber, junge Lady! Wenn du in einer Minute nicht in der Koje liegst, dann kann ich dir leider etwas nicht zeigen.
Sarah (schaut genauso fragend wie Gretchen zu dem Mann rüber, der Sarahs schlafende Schwester auf dem Arm hält): Was denn?
Marc (tut besonders geheimnisvoll): Das erfährst du erst, wenn du im Bett liegst.

Ohne weitere Fragen zu stellen, rannte die Mini-Hassmännin los und flitzte in ihr Zimmer am anderen Ende des Hauses. Gretchen schaute sichtlich beeindruckt zu Marc rüber, der nur ungerührt mit den Schultern zuckte und dem überdrehten Mädchen dann mit dem Kind auf dem Arm hinterher stapfte. Die schwangere Ärztin folgte den Dreien kichernd ins Kinderzimmer und beobachtete dann gerührt von der Tür aus, wie Marc liebevoll die Einjährige in ihr Bettchen legte und zudeckte. Auch Sarah daneben war schon unter die Bettdecke geschlüpft. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Sachen auszuziehen, wobei Gretchen ihr dann schließlich half. Ordnung musste schließlich sein. Das hatte ihr ihre Mutter mantramäßig eingetrichtert. Als die beiden damit fertig waren, setzte sich Marc auf die Kante von Sarahs Prinzessinnenbett. Gespannt schaute die Fast-Siebenjährige zu ihm hoch. Er grinste nur, als er auch Gretchens neugierigen Blick im Augenwinkel bemerkte und zog dann etwas aus seiner Hosentasche. Verblüfft stellte Gretchen fest, dass es sich um sein Handy handelte. Er tippte kurz geschäftig darauf herum. Dann drehte er das Display so, dass auch Sarah darauf blicken konnte. Ihr perplexes Gesicht war zum Niederknien süß.

Sarah: Ist sie das?
Marc (blickt erst besonders ernst drein, dann kann er sich aber sein verschmitztes Lächeln nicht mehr länger verkneifen): Nein, die Krankenschwestern haben deinen Eltern ein fremdes Baby untergeschoben. Natürlich ist sie das. Darf ich vorstellen, Miss Sophie Hassmann oder Stier, wie auch immer.
Sarah (strahlt gebannt über das ganze Gesicht u. ist plötzlich gar nicht mehr so hibbelig wie zuvor): Och, ist die süß und so winzig.
Gretchen (drängelt sich ungeduldig an Marc vorbei, um auch einen Blick zu erhaschen): Du hast die ganze Zeit ein Foto von ihr in der Tasche und sagst kein Wort.
Marc (zuckt lässig mit den Schultern): Du hast nicht gefragt.
Gretchen (rollt mit den Augen): Männer!
Marc (grinst spöttisch): Außerdem hat Stier das als Rundmail rumgeschickt. Wenn du in seinem Verteiler bist, dann hast du es bestimmt auch schon seit zwei Stunden auf deinem rosaroten Ungetüm, das du Telefon schimpfst.
Gretchen (greift hektisch nach ihrer Handtasche, die am Bettpfosten hängt, u. holt ihr Handy hervor): Tatsächlich! Och, sie ist so süß. Schau mal!
Marc (lächelt verträumt, als er Gretchens Begeisterung bemerkt): Man weiß nicht, von wem sie das haben kann.
Gretchen (stupst ihn an der Schulter an): Marc!
Sarah (nimmt Marc das Handy aus der Hand u. hält es ehrfürchtig vor ihre Nase): Sie sieht aus wie ich auf meinen Babyfotos.
Marc (grinst): Tja, damit wäre dann die Verwechslungsgefahr wohl gebannt.
Sarah (schaut ihn mit großen glücklichen Augen an): Kann ich das behalten?
Marc (irritiert rutscht seine Stimme um eine Oktave höher): Mein Telefon?
Sarah: Nur zum Einschlafen! Bitte, Onkel Marc!
Marc: Aber wehe du wischst und tippst darauf herum, ja! Das ist das Telefon eines Oberarztes. Streng geheim und wichtig! Verstanden?

Eigentlich wollte er es ja nicht, denn er hatte wirklich Angst um sein kostbares Smartphone, aber er konnte der Kleinen mit ihrem Bambiblick einfach nichts abschlagen. Marc zwinkerte Sarah zu, diese lächelte nur glücklich zurück und drehte sich auf die Seite, wo sie das Handy auf ihr Kopfkissen gelegt hatte. Sie konnte ihren Blick nicht von der gerade Neugeborenen abwenden und murmelte ihr leise immer wieder etwas zu, ehe sie so tat, als würde sie sie streicheln. Gretchen war völlig hin und weg und verzaubert und lehnte sich an die Seite ihres Freundes, der mittlerweile wieder vom Bett aufgestanden war, und lächelte ihn schwerverliebt an. Er erwiderte ihren zärtlichen Blick, küsste sie und die zwei verabredeten sich, sich langsam rückwärts zurück zur Tür zu begeben.

Gretchen: Das haben wir doch noch gut hingekriegt, oder?
Marc: Hm...!
Gretchen: Du bist mein Held.

Gretchen schlang ihre Arme ungelenk um ihren persönlichen Helden und prompt folgte auch der obligatorische Prinzessinnenkuss auf Marcs Wange, um ihrem Gesagten den Ausdruck zu verleihen, den er verdient hatte. Sichtlich gerührt schaute Marc noch einmal auf das begeisterte Mädchen im Bett, dem nun doch endlich die Augen zufielen, und schaltete dann das Licht aus und zog die Tür lautlos hinter sich und Gretchen zu.

Lorelei Offline

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28.08.2016 09:29
#1575 RE: Story von Lorelei Zitat · antworten

Mit einem leisen Knarzen öffnete sich am nächsten Morgen eine der babyblauen Türen im dritten Stockwerk des Berliner Elisabethkrankenhauses, genauer gesagt in der gynäkologischen Abteilung dieses altehrwürdigen Hauses, nachdem zweimal kurz daran geklopft oder besser gesagt leise getippt worden war, und langsam schoben sich nacheinander drei Köpfe, der eine größer als der vorangegangene, durch den Türspalt, um zu schauen, ob ihr unangemeldeter Besuch zu dieser frühen Vormittagsstunde angemessen war. Denn die Zimmerbewohner hatten nicht auf ihr zaghaftes Klopfen reagiert. Aber das freundliche Lächeln auf den schmalen Lippen des frischgebackenen Familienvaters, der ertappt vom Bett aufgesprungen war, in dem er eigentlich nicht hätte liegen dürfen, wenn es nach der gestrengen Oberschwester gegangen wäre, war die Einladung, die Sarah Hassmann noch gebraucht hatte, um sich ganz in das in hellen Gelbtönen gestrichene Zimmer hineinzutrauen, nachdem sie bis eben unsicher und zitternd und auch ungewohnt still wie ein süßes unschuldiges Äffchen unabschüttelbar am Unterarm ihres Lieblingsonkels, der eigentlich gar nicht ihr richtiger Onkel war, gehangen hatte.

Wie die Orgelpfeifen hatten die drei morgendlichen Gäste, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, hintereinander in der Tür gestanden, womit sie selbst der erschöpften Wiedermama unter der gelb-weiß gestreiften Bettdecke ein kleines Lächeln abgerungen hatten, obwohl diese eigentlich anfangs hatte protestieren wollen, denn sie fühlte sich noch nicht vorzeigbar nach dem anstrengenden Marathon, der gerade erst ein paar Stunden hinter ihr lag. Aber was sollte sie machen, wenn die Sehnsucht und die Neugier nun mal größer waren als die Geduld, für die ihre zuckersüße Motte nun mal nicht gerade bekannt war. Also lockte sie das ungewohnt schüchterne Mädchen schließlich zu sich. Daraufhin hatte die Sechsjährige natürlich nichts mehr gehalten, auch kein Oberarzt, den man eigentlich wie einen Superhero anhimmelte, und sie wollte sich aufgeregt quietschend auf ihre Mami im Patientenbett stürzen, während Gretchen Haase entschuldigend lächelnd hinter ihr den Raum betrat und auffordernd zu ihrem Begleiter schaute, der nur genervt neben ihr die Augen verdrehen konnte und den lästigen Kinderwagen, den er an der anderen Hand hinter sich hergezogen hatte, vorsichtig über die Türschwelle in das Zimmer bugsierte, ohne die Kleine darin aufzuwecken, die zum Glück heute Morgen sehr pflegeleicht war, weil sie noch völlig kaputt von dem nächtlichen Ausflug mit ihrer frechen Halbschwester war, die sich nun gewohnt von ihrer besten Seite zeigte.

Sarah: Maaamiii!
Cedric: Sssht, Sarah, nicht so laut! Wir sind hier nicht alleine.

Cedric konnte seine älteste Tochter gerade noch so davon abhalten, mit einem Hechtsprung in das Krankenhausbett zu hüpfen, und legte seinen Zeigefinger demonstrativ an seine Lippen, ehe er selbigen in eine ganz bestimmte Richtung zeigte, die auch Gretchens Interesse bereits intensiv geweckt hatte, wie man an ihrem in die Höhe gereckten Lockenkopf erkennen konnte. Sofort verstummte das aufgeweckte junge Mädchen und riss ihre aufmerksamen Augen ganz weit auf. Und Sarahs Vater nutzte die Gelegenheit, um seine Große vorsichtig hochzuheben, damit sie endlich ihre so lange vermisste Mutter umarmen und neben ihr das gläserne Bettchen mit ihrer neugeborenen Schwester darin bestaunen konnte.

Sarah (krabbelt neugierig über die Bettdecke): Ist sie das?
Marc (mischt sich kleinlaut ein u. kann sich ein vergnügtes Grinsen nicht verkneifen, während er das schlafende Baby auch von weitem staunend in Augenschein nimmt): Nein, die haben euch ein anderes Kind untergeschoben.
Gretchen (stupst ihn empört an u. funkelt ihn tadelnd von der Seite an): Marc! Der Witz wird auch nicht in der Neuauflage besser.
Marc (gibt sich völlig unbeeindruckt u. lässig): Och, ich find ihn immer noch gut und irgendwie auch treffend. Bei den komplizierten Familienverhältnissen.
Maria (blitzt ihren nervtötenden Kollegen vom Bett aus leicht angesäuert an): Meier, wir sind heute aber mal wieder so witzig.
Marc (zwinkert ihr wissend zu u. wehrt den nächsten Stupser seiner Freundin gekonnt ab): Dito!
Sarah (schaut ihre Mutter mit großen Augen ungeduldig an): Mami?
Maria: Hey, mein Schatz, na komm mal her! Ich möchte dir, ihm nicht, unbedingt jemanden vorstellen. Jemanden, der unsere kleine zusammengewürfelte Familie eindrucksvoll vergrößert. Das ist Sophie, Sarah. Deine kleine Schwester.

Maria löste ihre zu kleinen Schlitzen geformten Funkelaugen von ihrem amüsiert grinsenden Chirurgenkollegen, der Cedric mittlerweile wortlos die Verantwortung über den Kinderwagen mit der eineinhalbjährigen Sissi wieder abgegeben hatte, und konzentrierte sich nun ganz auf ihre älteste Tochter, die ungeduldig auf den Knien ihrer Mutter hin und her wippte und an der Bettdecke herumzupfte, während sie ihr erwachsenes Gegenstück nahezu hypnotisch anstarrte. Maria konnte nicht anders und breitete einladend ihre Arme aus und Sarah stürzte sich schließlich giggelnd hinein. Die süße Motte würde ihre herzallerliebste Mami vermutlich auch in nächster Zeit nicht wieder loslassen wollen, wenn es nicht etwas viel, viel Großartigeres zu entdecken gäbe.

Unterdessen hatte der stolze Familienvater den Sportwagen mit seiner schlafenden mittleren Tochter auf der einen Seite des Bettes abgestellt und lief nun zur anderen Seite rüber. Nicht ohne natürlich vorher die charmante Kollegin Haase gebührend zu begrüßen und ihr uneigennützig für ihre Babysitterdienste zu danken. Mit einem kleinen Küsschen auf ihre leicht gerötete Wange, welches Dr. Meier, der gar nicht glauben konnte, was hier gerade passierte, natürlich sauer aufstoßen ließ. Besitzergreifend zog er sein Mädchen von dem Angeber sofort wieder weg und setzte zum Ameisenblick an, der jedoch ohne Wirkung blieb, denn Dr. Stier grinste nur wissend und ging stolz wie Oskar zu dem gläsernen Babywägelchen rüber, das nicht nur auf ihn eine magische Anziehungskraft ausübte.

Vorsichtig hob er die Neugeborene aus ihrem Bettchen und reichte sie an Maria weiter, die ihrem Partner liebvoll dabei zugeschaut hatte. Sanft strich die frischgebackene Mama ihrer jüngsten Tochter über die Wange und rückte ihre Decke zurecht, in der sie warm eingepackt war, und reichte das kostbare Bündel anschließend an die hibbelige Fast-Siebenjährige weiter, die plötzlich ganz mucksmäuschenstill geworden war und ihre kleine Schwester mit großen neugierigen Augen bestaunte. Alles beobachtet von einer sichtlich gerührten Gretchen Haase am Fußende des Bettes, die all ihren Groll wegen Marcs albernen Späßen sofort wieder vergessen hatte und sich nun gebannt an seine Schulter lehnte, um die Kleine nicht mehr aus den Augen zu lassen. Es war so süß, wie die beiden sich annäherten und miteinander bekannt machten. Marc berührte die Begrüßungszeremonie der beiden kleinen Mädchen zwar auch in entsprechendem Maße, aber er war cool genug, es sich nicht anmerken zu lassen. Also lächelte er Gretchen nur lässig von der Seite an, freute sich über ihren hinreißenden Anblick, aus dem ihre ganze Faszination für das Baby sprach, und zog sie noch fester in seine Arme.

Marc (flüstert Gretchen ins Ohr, das er kurz mit seiner Nasenspitze angestupst hat, nachdem er ihr sanft die langen Locken zur Seite gestrichen hat): Was es nicht alles braucht, damit die Kröte einmal ihre vorlaute Klappe hält und das Zappeln sein lässt.
Gretchen (grient ihn an, spürt seine aufrichtige Rührung u. spielt den Ball schlagfertig zurück): Ach, sprichst du von dir?
Marc (hebt bedrohlich seinen Oberarztzeigefinger u. funkelt den Frechdachs an): Vorsicht, Fräulein! Noch nehme ich auf niemanden Rücksicht.

Umso mehr Rücksicht nahm dagegen Sarah Hassmann, die gerade von ihrer Mutter gezeigt bekam, wie sie den Säugling halten sollte. Noch verkrampfte sie sich, weil sie sich nicht richtig traute, aber das sollte sich schnell legen.

Maria: Hier, du legst deine Hand unter Sophies Köpfchen und ihren Körper stützt du mit deinem anderen Arm. Als wären deine Extremitäten eine Wiege, in der du sie vorsichtig hin und her schaukelst. Das ist gar nicht schwer. Ich halte euch beide.
Sarah: Sie ist so winzig, Mami. Ich will nicht, dass irgendwas kaputtgeht.
Maria (lächelt bewegt u. legt beschützend ihren Arm um Sarahs Schulter): Da geht nichts kaputt, mein Schatz. Sie ist perfekt, so wie sie ist. Und siehst du, sie mag dich.
Sarah (strahlt zustimmend u. kuschelt sich mit ihrem kostbaren Geschenk in das weiche Kissen am hochgestellten Kopfteil des Bettes): Ja!

Gretchen: Och, ist das süß!

...murmelte Gretchen daraufhin schockverliebt in Marcs Ohr und war merklich den Tränen nahe. Und auch der taffe Chirurg lächelte unbemerkt, während er Sarahs behutsamen Umgang mit ihrer gerade erst geborenen Schwester beobachtete und analysierte. Cedric reagierte natürlich auch sehr bewegt und ließ seinen überschäumenden Gefühlen freien Lauf, die sich in Wellen über ihn hermachten und Ursache seines ansteckenden Dauergrinsen waren, das sogar seinen skeptischen Dauerrivalen sichtlich beeindruckte. Er hatte sich zu Sarah an die Bettkante gesetzt und hielt Sissi auf dem Schoß, die mittlerweile aufgewacht war und fröhlich vor sich hingluckste. - „Baba! Sasa!“ Natürlich war sie noch zu klein, um zu verstehen, was hier gerade passierte und ihre Welt veränderte. Aber umso aufmerksamer war dagegen ihre große Halbschwester Sarah, die das Baby nun ganz ohne Hilfe im Arm hielt und deshalb bärenstolz auf sich war. Nicht weniger als ihr Vater. Cedric strich ihr sanft über ihr langes Haar und war einmal mehr gebannt von dem unfassbaren Glück, das ihn und seine Familie gerade umgab. Für nichts auf der Welt würde er das hier je wieder hergeben wollen, schwor er sich feierlich und zwinkerte erst Sarah, dann Maria zu, die ihn mit zärtlichen Blicken bedachte, welche man sonst nur selten von ihr zu sehen bekam.

Cedric: Du machst das ganz prima, mein Engel.
Sarah (schaut ehrfürchtig auf ihre kleine Schwester herab u. hält ihr ihren kleinen Finger hin, der prompt umklammert wird, was sie gleich noch mehr aufwühlt): Sieht sie aus wie ich?
Maria (streicht ihr gerührt über den Kopf u. kämpft mit ihren Tränen, die sie ihrer Großen natürlich nicht zeigen möchte): Auf jeden Fall genauso hübsch und selbstbewusst.
Cedric (lächelt stolz): Das kann ich nur unterstreichen.

Marc: Ein bisschen zerknautscht würde ich eher sagen. Ganz der Vater. Na, wie fühlt man sich so als Hahn im Korb? Umgeben nur von Frauen. Das war doch immer dein Traum, ne, Stier?

...konnte sich Dr. Meier, dem der rosarote Glücksrausch ein bisschen zu Kopf gestiegen war, eine kleine Stichelei gegen seinen Lieblingserzfeind Nummer eins nicht verkneifen und bekam prompt dafür die Quittung kassiert, nämlich Gretchens Absatzabdruck, mit dem sie kraftvoll seine verwaschenen, alten, gelben Sneaker durchbohrte. Der taffe Chirurg ließ sich aber nichts anmerken. Er verlagerte sein Gewicht auf sein anderes Bein und lächelte verkrampft weiterhin in Cedrics Richtung. Aber der frischgebackene Dreifachvater hatte gar nicht mitbekommen, was sein ehemaliger Studienkollege gesagt hatte. Er war einfach nur überglücklich und erfüllt von seinem unfassbaren Familienglück, das unbedingt festgehalten werden musste. Und so wurde aus dem vorlauten Oberarzt der Chirurgie an seinem ersten freien Tag seit langem in Lichtgeschwindigkeit ein Hobbyfotograf wider Willen, nachdem der endorphinüberschüttete Neurologe ihm einfach so sein Smartphone in die Hand gedrückt hatte.

*klick* ... *klick* *klick* *klick* *klick* *klick*

Gretchen: Jetzt ist es perfekt.

...konnte Gretchen, die ihren Freund bei dessen unfreiwilligen Fotoversuchen ganz genau beobachtete, ihre grenzenlose Freude nicht für sich behalten. Marc kommentierte diesen unnützen Einwurf mit einem genervt wirkenden Augenrollen und einem sehr verwackelten Foto, das er gleich noch fünfmal wiederholte, bis es tatsächlich einigermaßen der Definition von „perfekt“ in seinem imaginären Wörterbuch glich. Eigentlich hatte er vorgehabt, jetzt, wo er das Fotohandy wieder losgeworden war, endlich die Segel zu streichen, aber er hatte seine Pläne ohne Gretchen Haase gemacht, die von dem Hassmann-Baby, das in Marcs Augen auch nicht viel anders aussah wie jedes andere stinknormale Neugeborene, einfach nicht wegzubekommen war und sich nun auch noch einen Stuhl an das Bett herangezogen hatte, um das kleine Wunder aus nächster Nähe zu bestaunen, das immer noch schlafend in den Armen von Sarah lag, die wiederum von ihrer glücksüberschütteten Mutter dauerangestrahlt wurde.

Gretchen: Ich freue mich so für euch, Maria. Ehrlich!
Maria (ungewohnt nicht kratzbürstig lächelt sie ihre jüngere Kollegin an u. schaut dann wieder auf die Schulanfängerin zu ihrer Rechten, die ihr plötzlich viel, viel größer und älter erscheint): Danke, dass du eingesprungen bist. Andere wären mit ihr in dieser Situation nicht fertig geworden.
Gretchen (wiegelt verlegen ab): Ach, gar nichts für! Für diese süße kleine Maus hier würde ich alles tun. Sie ist perfekt. Ganz so wie die Mama. Und wie geht’s dir so, Maria? Ich habe echt mitgelitten. Die ganze Zeit.

Dr. Haase kam aus dem Schwärmen und Strahlen gar nicht mehr heraus. Dr. Meier fühlte sich dagegen sichtlich unwohl, seinem Lieblingsfeind Nummer eins weiterhin im euphorischen Glücksrausch zusehen zu müssen, ohne richtig gegen ihn sticheln zu können, weil er ab sofort der ungekrönte Hahn im Korb hier im Haus war, weit abgeschlagen vor seinem Kumpel Kaan, der ja, was das Geschlecht seines baldigen Nachwuchs betraf, auch nicht die Zähne auseinander bekam. Warum wohl? Und auch Dr. Hassmann war durch den überdosierten Hormoncocktail in ihrem Körper noch emotional sehr angespannt, was sich darin äußerte, dass sie unvermittelt nach Gretchens Hand schnappte, um ihre Freundin ganz nah zu sich heranzuziehen. Sowohl mit diesem ungewöhnlichen Manöver, als auch mit dem, was dann verbal folgte, verunsicherte sie jedoch die hochschwangere Stationsärztin.

Maria: Haase, darauf willst du nicht ernsthaft eine Antwort? Guck mich an, dann weißt du, was los ist. Und du hast noch nicht gesehen, wie’s bei mir jetzt da unten rum aussieht. Ein einziges Katastrophengebiet. Eins kann ich dir sagen, meine Liebe, gib die rosa Brille beim Pförtner ab, sobald die dich mit den Füßen zuerst hier reinschieben! Und lass dir alles geben, was Mehdi in seiner Cocktailbar auf Lager hat und was medizinisch vertretbar ist! Lass dich nicht hinhalten oder zu irgendetwas überreden! Motivationsreden à la Kaan helfen nicht, wenn der Druck zu groß wird, aber der Muttermund nicht mitmacht. Dein Körper weiß, was er braucht und bis zu welcher Belastung er fähig ist. Du wirst irgendwann an den Punkt kommen, an dem du verstehst, was ich damit meine. Meiers bescheuerte Grinsevisage und seine aufmunternden Witzchen werden dir nicht weiterhelfen. Im Gegenteil! Männer! Wer auf diese sinnfreie Idee gekommen ist, sie ungehindert in den Kreißsaal zu lassen, muss vollkommen benebelt gewesen sein. Sie werden es nie verstehen. Es sei denn, du haust ihm ordentlich dahin, wo die Sonne nie scheint. Eigentlich eine hervorragende Idee so im Nachhinein. Er ist schließlich Hauptverantwortlicher für das Dilemma, in dem du dann steckst. Weil er so gerne in dir ge-... ääähhh... Egal! Aber das ist nicht annähernd ein Vergleich zu den Schmerzen, die auf dich zukommen werden. Sie liegen dann vielleicht zehn Minuten wimmernd und krümmend am Boden und rufen nach ihrer Mami, aber du bist zwanzig Stunden in diesem verdammten Raum gefangen, in dem dir aller paar Minuten Kollegen, mit denen du manchmal zu Mittag isst oder die hinter deinem Rücken über dich und deinen fetten Arsch herziehen oder du über sie, unter den Rock schauen und blickst auf dieses scheußliche Sonnenblumengemälde an der Wand gegenüber und wünschst dir die ganze Zeit nichts sehnlicher, als mit einem Mähdrescher durch dieses bescheuerte Feld zu pflügen, um den blöden Blumen, die dich verhöhnen, den Garaus zu machen. Du bist ihnen ausgeliefert. Lass dir nicht die Kontrolle abnehmen! Du bist immer noch Ärztin. Du bist wer hier im Haus. Also sei gewarnt, Haase, und verabschiede dich von deinen rosaroten Fantasievorstellungen! So wird es nicht werden. Egal, was dir andere Mütter erzählt haben, sie lügen! Es ist immer noch ein Traktor, der aus einem Schlüsselloch raus will. Und in deinem Fall eine ganze Traktorflotte. Aber nett, dass du an mich gedacht hast. Ich revanchiere mich. Eventuell. Wenn ich einen guten Tag erwischt habe und das Chaos ausbleibt, was wohl nicht der Fall sein wird, denn ich muss mich ja auch noch neben dem Baby um mein anderes Baby kümmern, das bald keins mehr sein wird, weil es in vier Wochen in die Schule kommt und eine ganz Große werden wird.

Marias unerwarteter Monolog hatte ganze Arbeit geleistet. Die Neurochirurgin lehnte sich mit einem zufriedenen Aufseufzen zurück in ihr gemütliches Kissen am Kopfende ihres Bettes. Und ihre jüngere Kollegin war einfach nur sprachlos und merklich überfordert von der Informationsflut, die ungeschönt auf sie eingeprasselt war.

Gretchen: Ähm... ja? Danke, Maria, für ähm... ja! Das war sehr... anschaulich und... Ich ähm... glaube, du brauchst noch ein bisschen Ruhe nach diesem anstrengenden... ja, ähm... Marathon. Alles Gute für euch! Wir schauen bestimmt noch mal rein die Tage. Ach, ich soll dir übrigens ganz, ganz liebe Grüße von Sabine ausrichten. Sie ist ganz aus dem Häuschen und hat schon das Geburtshoroskop eurer Kleinen analysiert. Sie hätte am liebsten gleich wieder Kehrt gemacht.
Maria (schaut in unheilvoller Vorahnung zur Tür): Oh Gott!
Gretchen: Aber der zusätzliche Stress für den Kleinen und Günni, erst von Berlin nach Göberitz, dann gleich wieder alles zusammenpacken und zurück nach Berlin düsen, wäre ein bisschen zu viel des Guten gewesen. Nächste Woche ist doch auch noch Zeit für einen Besuch.
Maria (wechselt vielsagende Blicke mit Cedric, der sie amüsiert beobachtet hat): Na, ich hoffe, bis dahin bin ich hier wieder raus.
Gretchen (nickt erst in Marias, dann in Marcs Richtung): Marc, kommst du bitte?
Marc: Boah! Endlich!

...stöhnte Marc erleichtert auf und richtete sich am Fußende des Bettes, über das er sich gelangweilt gelehnt und immer wieder verstohlen zum Baby gelinst hatte, wieder auf und legte seinen Arm um Gretchens Schulter. Etwas durcheinander schaute die werdende Mutter noch einmal auf die glückliche Familie im Bett. Mittlerweile lächelte Maria auch schon wieder aufmunternder, als hätte es ihre geflüsterte Ansprache gar nicht gegeben. Sie hatte ihre beiden Mädchen zu sich hin gezogen, während Cedric seine zappelige mittlere Tochter nach dem spaßigen Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel zurück in ihren Sportwagen setzte, um anschließend noch einmal zu dem befreundeten Paar an der Tür heranzutreten.

Cedric: Nimm ihr das nicht übel, Gretchen! Sie hatte eine komplizierte Geburt. Weißt du, all die furchtbaren Dinge, über die niemand spricht, die man in den Ratgeberbüchern lieber überliest und die einen damals davon abgehalten haben, sich im Studium auf Gynäkologie zu spezialisieren.
Gretchen (lächelt ihn an, auch wenn ihr immer noch etwas mulmig zumute ist): Ich weiß.
Maria (schaut über die Köpfe ihrer Kinder hinweg zur Tür rüber): Hey, ich kann euch hören. Und ich wollte damit lediglich verdeutlichen, dass es kein Zuckerschlecken wird. Nur damit ihr wisst, was auf euch zukommt. Quasi ein Freundschaftsdienst!

So habe ich mir unsere offizielle Freundschaftserklärung nicht unbedingt vorgestellt. Wir hätten ja auch Brüderschaft, oder in dem konkreten Fall Schwesternschaft, trinken können. Obwohl, so alkoholfrei macht das auch nicht wirklich einen Sinn. Hm... Aber irgendwie ist es auch wieder lieb, dass sie sich solche Sorgen um mich macht. Sie ist doch eine gute Freundin, auch wenn sie immer von sich weist, dass ihr Mädchenfreundschaften etwas bedeuten.

Marc (auch leicht verunsichert, als er Gretchens seltsamen Blick neben sich registriert): Okay!?
Cedric (klapst ihm aufmunternd auf die Schulter): Sobald die Endorphine nach der Geburt freigesetzt worden sind, sind die Strapazen vergessen.
Marc (schaut erst unwirsch auf die hochtoxische Hand auf seiner Schulter u. dann zu Maria rüber, die ihre Lippen zu einem wenig überzeugenden Lächeln verzieht): Sieht man ihr aber nicht an.
Gretchen (stellt sich auf ihre Seite): Marc!
Marc (zuckt mit den Schultern): Ja, was? Sie hat doch Ehrlichkeit verlangt, oder nicht? Und du sammelst doch Erfahrungsberichte. Die blumigen von deiner Mutter sind nämlich nicht gerade sehr hilfreich. Eher völlig aus der Zeit gekommen.
Gretchen (nuschelt zustimmend): Jaaa!?
Cedric (flüstert dem unbeholfenen Paar aufmunternd zu): Wenn wir ehrlich sein sollen, dann kann ich euch ja auch verraten, dass sie sehr, sehr glücklich ausgesehen hat, als die Kleine dann endlich nach zwanzig Stunden und fünfundvierzig Minuten in ihren Armen lag und sie mit ihren bezaubernden blauen Augen angeblinzelt hat, bevor sie gleich wieder alle beide erschöpft weggedöst sind.
Gretchen (ihre Augen beginnen sofort wieder zu leuchten u. sie schaut noch einmal zu der Neugeborenen rüber, die Sarah andachtsvoll im Arm hin u. her wiegt): Jetzt sehe ich es auch. Und es ist wirklich alles in Ordnung? Euer Termin lag doch eigentlich in der letzten Augustwoche.
Cedric (nickt zuversichtlich): Da wollte wohl jemand Sarahs Einschulung nicht verpassen. Sophie ist putzmunter und gesund, ein bisschen schwach vielleicht noch, aber die fehlenden Wochen wird sie schnell aufholen, hat der Kinderarzt gesagt. Also Daumen hoch! Sie ist eben eine echte Stier.
Maria (kleinlaut): Hassmann!
Cedric (rollt theatralisch mit den Augen, als er zu ihr rüberschaut): Jahaa!
Gretchen (schmunzelt über das gewohnte Hin und Her der beiden): Dann bin ich ja beruhigt. Herzlichen Glückwunsch noch mal und alles, alles Liebe und Glück dieser Welt für euren Sonnenschein,...

...der hoffentlich immer dann sein schönstes Strahlelächeln auflegen wird, wenn ihr beide droht, euch wieder in die Haare zu kriegen. Sophie hält euch hoffentlich in Balance.

Cedric (zwinkert seiner charmanten Kollegin zu): Danke! Und danke noch mal, dass du meinen beiden Prinzessinnen einen unaufgeregten Tag geschenkt hast. Ich weiß, ich bin dir was schuldig.
Marc (mit Nachdruck): Aber so was von!
Gretchen (wiegelt mit einem Lächeln u. einer lockeren Handbewegung ab): Ach, was! Ich hab das doch gerne gemacht, Cedric.
Cedric (deutet schmunzelnd mit beiden Händen auf ihren ansehnlichen Babybauch): Ich weiß. Aber ich werde mich trotzdem revanchieren, wenn die beiden da sind.
Marc (leicht beunruhigt): Äh... was soll das denn bitteschön heißen?
Cedric (amüsiert sich über Marcs Hauch von Eifersucht, der zu ihm rüberweht): Und schon setzt der Meiersche Beschützerinstinkt ein. Ich befürchte, er wird sich doch ganz gut machen.
Gretchen (grinst mit ihrem befreundeten Kollegen um die Wette): Ich weiß.

Hihi! ... Oh, oh, der Ameisenblick!

Marc (verschränkt beleidigt die Arme vor seinem Körper): Ey! Ich stehe direkt neben euch, ja.
Cedric (schaut seinem unliebsamen Kollegen ohne einen Hauch von Hohn direkt in die schmollenden Augen): Ist mir aufgefallen, ja, so breit wie du dich hier gerade machst. Pass gut auf unseren Krankenhausengel auf! Ich könnte mich eventuell dazu hinreißen lassen, sie wegzuschnappen, sobald sie hier wieder ins Geschäft mit einsteigt.
Marc (versteht ihn komplett falsch u. kommt ihm gefährlich nahe): Sag mal, geht’s noch? Deine Lebensabschnittsbevollmächtigte hat gerade einen Traktor durch ihr Schlüsselloch bugsiert und du baggerst fünf Minuten später schon an meiner Frau rum?
Maria (mischt sich spaßeshalber auch mit ein): Er kann baggern, wo, wann und an wem er will, Meier. Siehst du, Haase, das ist der Grund, warum ich dir ein gutes Narkotikum empfohlen habe. Sie verstehen’s einfach nicht. Erspar dir den zusätzlichen Stress, Gretchen! Und Meier, bevor du gleich wieder weiter austickst und meinen Mann schon wieder grundlos verprügelst wie im Flugzeug damals, der Idiot meint sein Angebot rein professionell. Außerdem wird das dann zum entsprechenden Zeitpunkt eh in meinen Bereich fallen. Ich werde meiner temporären Vertretung schon hinterher sein, damit der Herr Doktor nicht vergisst, dass er unserer hochgeschätzten Stationsärztin nach ihrer Babypause mindestens eine OP schuldet, die mindestens so lange dauern wird wie eure Zwerge auf dem Weg nach draußen.
Cedric (stimmt seiner „Chefin“ grinsend zu, ehe er sich wieder Dr. Haase zuwendet): Eine OP deiner Wahl, Gretchen.
Gretchen (ist sichtlich gerührt): Oh, danke! Mit dieser Aussicht lässt es sich doch guten Gewissens in den Mutterschutz gehen.
Marc (der Grummel hat genug gehört u. gesehen): Die Betonung liegt auf Gehen! Abmarsch, Haasenzahn! Zack, zack!
Sarah (schaut kurz von dem Baby auf, das sie keine Sekunde aus den Augen gelassen hat, u. winkt ihrem „Lieblingsonkel“ mit ihrer freien Hand zu, ehe sie sich wieder ganz auf ihre Schwester konzentriert, die sie völlig in den Bann gezogen hat): Tschüssi, Onkel Marc!
Marc: Ja, ja, auf nimmer... Bis... demnächst... dann eben! Und naja, gutes Gelingen, ne! Wenn sie nach ihr kommt, dann habt ihr ja ordentlich... naja, ihr wisst schon.

Marc hatte sich sehr zum Vergnügen seiner Freunde noch einmal unbeholfen der versammelten Familie Hassmann-Stier zugewandt. Als er jedoch in deren grinsende und vor Schalk überschäumende Gesichter schaute, hielt ihn nichts mehr in dem Krankenhauszimmer und er stürmte prompt zur Tür hinaus. Gefolgt von seiner schmunzelnden Freundin, die Sarah, Maria und dem Baby im Bett noch kurz zum Abschied zugewinkt hatte, ehe sie ebenfalls den Raum verließ. Angesichts ihres Körperumfangs und ihrer daraus geschuldeten, sehr verlangsamten Motorik fiel es der Schwangeren jedoch schwer, ihrem morgenmuffeligen Grummelkönig zu folgen, aber kurz vor dem Säuglingszimmer hatte sie ihn doch eingeholt. Denn Marc war direkt vor dem großen, mit bunten Stickern und Bildern beklebten Fenster stehen geblieben und schaute hinein auf die Kinderschar in ihren im Kreis aufgereihten Bettchen, die sein Kumpel Mehdi in den letzten Tagen betreut hatte. Ungewöhnlicherweise hatte die Babys fast die gleiche beruhigende Wirkung auf ihn wie die Hand, die sich nun sanft an seine Schulter schmiegte.

Gretchen (spricht ihn flüsternd an): Marc?
Marc (immer noch ein wenig erregt wegen eben): Ich lasse mich doch nicht von dem da verarschen, nur weil er gerade ein bisschen obenauf ist wegen seinem Scheißerinchen.
Gretchen (mit beruhigender Stimme redet sie auf ihn ein): Er hat gar nichts gemacht.
Marc (verschränkt bockig seine Arme vor seiner Brust): Kam aber so an.
Gretchen (verkneift sich ihr Schmunzeln u. lehnt ihr Kinn an die Schulter des Schmollkönigs): Weil du noch überstimuliert bist.
Marc (dreht sich dann doch zu ihr um u. schaut sie mit zusammengekniffenen Augen verständnislos an): Bitte?
Gretchen (erklärt es ihm mit einem hinreißenden Haase-Lächeln): Deine Doppelbelastung auf Arbeit und die Geburtenproblematik.
Marc (sieht sie mit großen Augen an): Ich denke, es gibt kein Problem?
Gretchen (versucht ihn zu umarmen, aber kommt wegen ihres Bauchumfangs nicht um ihn herum, u. seufzt frustriert auf): Gibt es auch nicht. Bis auf die Tatsache, dass ich dich wirklich so gerne wieder richtig umarmen möchte. Hast du dir die Kleine mal genauer angesehen? Das ist es doch, worum es geht. Das ist der Lohn oder, um es mit einer Fußballmetapher zu sagen, der Pokal, der auf dich... uns wartet.
Marc (beobachtet amüsiert u. hingerissen ihren missglückten Umarmungsversuch u. schlingt nun seinerseits schmunzelnd seine Arme um ihren voluminösen Körper u. dockt seine Hände pappfrech an ihrem Babybauch an): Was habe ich mir nur für eine weise Frau ausgesucht?
Gretchen (zwinkert ihm keck zu): Du hast sie dir nicht ausgesucht. Das war Schicksal. Außerdem hab ich dich zuerst gesehen. Auf der Schaukel auf dem Spielplatz.
Marc (hebt anerkennend seine beiden Augenbrauen an u. lässt seine Grübchen tanzen): Hoho! Aber jetzt mal ernsthaft, Haasenzahn, geht das jetzt immer so, dass nur noch das Kinderthema regieren wird? Ich bekomme so langsam Verfolgungswahn.
Gretchen (lacht): Sie haben die Regentschaft doch schon längst übernommen, mein Schatz. Hast du das jetzt erst gemerkt? Wir sind die nächsten, die Eltern werden, Marc.
Marc (lässt seinen Blick wieder zum Fenster schweifen u. wird sentimental): Eltern, hm...!?
Gretchen (schmiegt sich schwärmerisch an ihn): Hört sich doch gut an oder kriegst du jetzt doch noch kalte Füße?
Marc (klugscheißerisch): Dafür müsste man die Klimaanlage hier auf Kaans Station noch ein bisschen weiter runterdrehen. Aber Mehdi ist ja bekanntlich ein Warmduscher.
Gretchen (dreht ihren Kopf leicht in seine Richtung, um ihm besser in die vor Schalk überschäumenden Augen sehen zu können): Ich finde es eigentlich ganz angenehm hier.
Marc (dockt seine Lippen an ihrem verführerischen Hals an u. fährt langsam empor): Dito! Aber weniger Eltern und mehr das hier wäre mir dann doch lieber. Mhm... Was denkst du, wie lange müssen wir uns zusammenreißen?
Gretchen (genießt das prickelnde Gänsehautgefühl auf ihrer Haut): Mindestens bis unsere Wundersterne achtzehn sind.
Marc (löst sich abrupt von ihr u. wirbelt sie herum, um zu checken, ob sie einen Witz gemacht hat): Was?
Gretchen (grient den entsetzten Mann frech an, aber meint es ernst): Und...
Marc (verdreht frustriert die Augen): Oje, was kommt jetzt noch?
Gretchen: Du solltest dich darauf einstellen, dass Kinder immer die Kinder ihrer Eltern bleiben werden. Also von dem her...
Marc (vollendet mit einem verschmitzten Aufblitzen seiner Augen ihren Satz): ...sollten wir uns an unseren letzten gemeinsamen freien Tagen ranhalten.

Franz: Doktor Meier? ... Hab ich mich gestern nicht klar genug ausgedrückt? Ich will dich den Rest der Woche nicht mehr hier sehen. Und Kälbchen, du gehörst...

Marc hatte seine Freundin gerade zu sich herangezogen, um sie innig küssen zu wollen, als ihm Gretchens Vater direkt in die Parade fuhr, der nun mit großen Schritten chefarztmäßig auf das verliebte Pärchen vor dem Säuglingszimmer zugestürzt kam. Gefolgt von seinem königlichen Gefolge, das dem Professor mit einigem Sicherheitsabstand andächtig lauschte, dem Blickkontakt mit Dr. Meier vorsichtshalber jedoch auswich. Denn es war Zeit für die Visite.

Marc (lehnt seinen Kopf frustriert an Gretchens Schulter, ehe er den nötigen Abstand einnimmt, um von seinem Schwiegervater in spe nicht diskreditiert zu werden): So viel zum Thema Eltern. Die lauern einfach überall.
Gretchen (leidet mit ihrem Schatz mit, aber schaltet schnell in den Tochtermodus um, um ihren Vater zu bezirzen, bevor dieser noch weiter ausholen kann): Papa, wir sind quasi gar nicht hier. Und wenn, dann auch nur als Besucher, die die Besuchszeiten ignoriert haben. Aber auch das nur, weil wir zwei ungeduldige Mädchen zu ihrer Mama bringen wollten.
Marc (bringt es deutlicher auf den Punkt, ehe Gretchen noch weiter ausholt u. Romane schreibt): Hassmann hat entbunden.
Franz (der strenge, auf ihnen liegende Chefarztblick weicht einem fröhlichen, fürsorglichen Gesichtsausdruck): Na, das sind doch wunderbare Neuigkeiten. Die Familie wächst. Da werde ich mich doch gleich noch der Visite von Dr. Kaan anschließen, wenn wir hier fertig geworden sind. Schwester Gabi soll einen Blumenstrauß organisieren. Und ihr beide, ich habe euch nicht gesehen. ... Kollegen, Abmarsch! Hopp, hopp!

Franz Haase zwinkerte seiner erstaunten Tochter beschwingt zu, legte seine Hand in einer schnellen, geschmeidigen, kaum wahrnehmbaren Bewegung an ihren Babybauch und bog dann mit seinem Team um die nächste Ecke. Marc schaute seinem Schwiegervater in spe nur ungläubig hinterher.

Marc: Jetzt weiß ich, woher du das hast?
Gretchen (sichtlich verwirrt): Was?
Marc: Die Fähigkeit, mit nur wenigen Worten und Gesten überall Sonnenschein zu verbreiten, wo gerade noch dunkle Wolken vorherrschten. Ich dachte schon, der macht uns jetzt zur Schnecke. Vor allem mich, weil ich nicht aufgepasst habe, dass du dich an seine Bedingungen hältst.
Gretchen (fasst sich gerührt an ihr Herz): Och, das hast du jetzt aber echt süß gesagt.

Marc rollte nur theatralisch mit den Augen, als sich Gretchen schmachtend an ihn schmiegte, und holte prompt den eben verpassten Kuss nach. Sogar noch etwas ausgiebiger als geplant. Anschließend hakte er sich bei seiner Freundin unter, die aufgrund ihrer puddingweichen Knie leicht schwankte, und schlenderte mit ihr den Flur vor in Richtung Chirurgie. Vor seiner Bürotür blieb er jedoch noch einmal kurz stehen und schaute sein verträumtes Mädchen entschuldigend an.

Marc: Wärst du sehr böse, wenn ich hier drin noch mal schnell verschwinden würde? Ich hab heute Nacht einfach alles stehen und liegen lassen. Ich muss nur noch kurz Klarschiff machen und mich mit der Vertretung absprechen. Nicht dass die Idioten noch irgendwas übersehen, was gemacht werden muss. Danach bin ich ganz für dich da und du kannst vier Tage lang mit mir machen, was du willst.
Gretchen (geht sofort auf seinen Flirt ein u. streicht ihm verführerisch über den angespannten Brustkorb): Mhm... welch verlockendes Angebot! Aber das kommt mir gerade recht, mein lieber Marc. Ich wollte auch noch mal in mein Büro, den Goldfisch füttern und meine Sachen mitnehmen. Nicht dass meine Schwangerschaftsvertretung über meinen ganzen Kram stolpert.
Marc: Na viel passieren kann in dem kleinen Kabuff eh nicht. Einmal den Arm ausgestreckt und man hängt schon an der Wand. Nichts für Klaustrophobische. Wie kommst du da drin eigentlich zurecht? Passt du überhaupt noch da rein?

Die stolze Stationsärztin im Mutterschutz streckte ihrem sie veralbernden Oberarzt nach diesem anmaßenden Spruch die Zunge heraus und drehte sich um, um zu gehen, aber entschied sich im nächsten Moment doch anders und drückte ihrem Frechdachs noch schnell einen innigen Kuss auf die Lippen, bevor sie dann ohne Komplikationen in den Raum gegenüber huschte und die Tür hinter sich zumachte. Dr. Meier musste sich an der Türklinke zu seinem Büro festhalten, damit niemand bemerkte, dass er von dieser aufregenden Begegnung tatsächlich flatterige Knie bekommen hatte. Was war eigentlich mit ihm los heute, fragte sich der urlaubsbereite Unfallchirurg verwirrt und verschwand nun ebenfalls für kurze Zeit in seinem Sprechzimmer.

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